Klaus Kraemer Die soziale Konstitution der Umwelt
Klaus Kraemer
Die soziale Konstitution der Umwelt
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Klaus Kraemer Die soziale Konstitution der Umwelt
Klaus Kraemer
Die soziale Konstitution der Umwelt
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
. . 1. Auflage 2008 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008 Lektorat: Frank Engelhardt VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN 978-3-531-15830-3
Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhaltsverzeichnis
7
I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
II. Problemstellung: Die soziologischen Defizite II. der Nachhaltigkeitsdebatte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
1. Was ist nachhaltig? Strong vs. weak sustainability . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18
2. Soziale Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
III. Umwelt in der Umweltsoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
IV. Umwelt in der soziologischen Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
53
1. Umwelt und Handeln in der philosophischen und soziologischen Anthropologie . . 1.1 Natur und Gesellschaft – Karl Marx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 Weltoffenheit und Umweltentbindung – Arnold Gehlen . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3 Handlungsfähigkeit und Umwelttransformation – Heinrich Popitz . . . . . . . . .
56 58 63 69
2. Soziologische Theorie und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1 Soziologische Tatbestände und Umwelt – Emile Durkheim . . . . . . . . . . . . . . 2.2 Soziales Handeln und Umwelt – Max Weber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Soziales System und Umwelt – Niklas Luhmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4 Handeln als transformative Fähigkeit – Anthony Giddens I . . . . . . . . . . . . . . 2.5 Raum-zeitliche Kontextualität des Sozialen – Anthony Giddens II . . . . . . . . . . 2.6 Ein Zwischenresümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
75 75 83 91 93 100 106
3. Umwelt und Gesellschaft – Interdisziplinäre Brückenkonzepte . . . . . . . . . . . . . . . 3.1 Historisch-soziologische Theorie der „Naturzustände“ – Serge Moscovici . . . . . 3.2 Energiesystem und gesellschaftliche Entwicklung – Rolf Peter Sieferle . . . . . . . 3.3 Gesellschaftlicher Metabolismus und Kolonisierung – Marina Fischer-Kowalski 3.4 Kritische Theorie der „Gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ . . . . . . . . . . . . . 3.5 Zur soziologischen Kritik interdisziplinärer Brückenkonzepte . . . . . . . . . . . . .
108 109 115 129 139 143
V. Die soziale Konstitution von Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 1. Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
150
2. Umweltfunktionen und soziale Inwertsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
151
3. Inwertsetzung von Umwelt als sozialer Konstitutionsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . .
160
4. Die Geltungsreichweite des Sozialen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
170
6
Inhaltsverzeichnis
VI. Umwelt und Verteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 1. Globale Gefahrengemeinde? – Von der Nivellierung der Gefährdung zur Ungleichheit der Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
176
2. Umwelt und soziale Ungleichheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
179
3. Verteilungsstrukturen der Umwelt und soziologische Ungleichheitstheorie . . . . . . .
182
4. Umwelt und Eigentum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
186
5. Umwelt und Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
193
6. Umweltnutzung und Wissensasymmetrien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
195
7. Verteilungsdimensionen von Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.1 Naturräumliche Primär- und Sekundärverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.2 Soziale Verteilung von Umweltbelastungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3 Soziale Verteilung von Umweltentlastungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3.1 Soziale Verteilung von Umweltqualitätsverbesserungen . . . . . . . . . . . . . 7.3.2 Verteilung der Umweltschutzkosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.4 Soziale Verteilung von Umweltnutzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
199 199 200 204 205 206 208
8. Methodologische und methodische Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
216
VII. Umwelt als sozialer Konflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 1. Umwelt als strategischer Konflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
221
2. Umwelt als Wertkonflikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
225
3. Soziale Konflikte um Emissionsrechte und Risikobewertungen . . . . . . . . . . . . . . .
230
VIII. Umwelt und soziale Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 1. Dynamik des sozialen Wandels – Teilhabe und soziale Integration . . . . . . . . . . . . .
236
2. Materielle Kultur und soziale Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
240
3. Alltagsorganisation und soziale Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
247
4. Distinktion und soziale Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
250
5. Schlussfolgerungen: Nachhaltigkeit und soziale Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . .
254
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vorwort Das vorliegende Buch stellt die geringfügig überarbeitete Fassung meiner Habilitationsschrift dar, die im Februar 2007 vom Fachbereich Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommen wurde. Auf unterschiedlichste Weise, jede auf ihre und jeder auf seine Art, haben zum Gelingen der Arbeit die im Folgenden genannten Personen und Institutionen beigetragen. Unter den Institutionen sind zu nennen das Zentrum für Umweltforschung der Universität Münster, das Forschungsinstitut Arbeit Bildung und Partizipation an der Ruhr Universität Bochum, das Transferzentrum für angepasste Technologien in Rheine sowie das Institut für Soziologie der Universität Münster. Der Deutschen Forschungsgemeinschaft möchte ich für die Gewährung einer großzügigen Publikationsbeihilfe danken. Persönlich danken möchte ich zunächst den Gutachtern der Habilitationsschrift Hanns Wienold, Hellmuth Lange und Reinhard Kößler. Darüber hinaus haben zahlreiche Personen zum erfolgreichen Abschluss der Arbeit beigetragen, und sei es nur, dass sie einen institutionellen Rahmen boten, der mir dies ermöglichte. Zu besonderem Dank fühle ich mich an dieser Stelle den ZUFO-Direktoren Wolfgang Barz und Manfred Lange für ihre Offenheit gegenüber soziologischen Fragestellungen und Problemen verpflichtet. Klaus Dörre, Robert Tschiedel, Roland Reichwein, Rolf Eickelpasch und Uwe H. Bittlingmayer gebührt ebenfalls mein Dank. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei zahlreichen Studierenden der Universität Münster für ihr Interesse an meinen Seminaren zum Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft sowie zur soziologischen Kritik der Nachhaltigkeitsdebatte bedanken. Danken möchte ich zudem Helga Hower für die Endkorrekturen und Sebastian Nessel für die letzten Kleinarbeiten. Mein ganz besonderer Dank gilt schließlich meiner Frau Ute sowie Moritz. Als Linus das Licht der Welt erblickte, war die Arbeit bereits abgeschlossen. Münster, im Februar 2008
Klaus Kraemer
I. Einleitung
Über ein Jahrzehnt nach der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio Einleitung de Janeiro von 1992 fällt die Bilanz zum Konzept einer „nachhaltigen Entwicklung“ zwiespältig aus. Auf nationaler wie internationaler Ebene haben die Debatten zum Sustainability-Leitbild an Schwungkraft verloren. Ungeachtet zahlreicher großer Weltkonferenzen und Nachhaltigkeitsprogramme, die seither initiiert worden sind, wird immer öfter ein Unbehagen darüber artikuliert, dass der Nachhaltigkeitsbegriff im Zuge seiner Popularisierung unscharf und unverbindlich geworden ist. Vor dem Hintergrund der vagen Beschlüsse des UN-Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung (WSSD) in Johannesburg 2002 ist sogar vom „Erlahmen des RioProzesses“ (Jänicke/Jörgens 2004: 310) die Rede. Ganz offensichtlich haben sich seit der RioKonferenz die politischen Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien erheblich verändert. Weltwirtschaftliche Turbulenzen, militärische Konflikte und der internationale Kampf gegen einen neuen Typus von Terrorismus bestimmen die Agenda der politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit. In den Mittelpunkt vieler Debatten ist vor allem die sozialökonomische Problemstellung gerückt, in welcher Weise nationale Wirtschaftsund Sozialordnungen auf die Herausforderungen der Globalisierung reagieren können, während sozialökologische Fragen einer nachhaltigen Entwicklung nachgeordnet behandelt werden. Der WBGU (2005: 15ff.) konstatiert sogar, dass sich die Hoffnungen auf eine „neue Erdpolitik“ und den Beginn eines „Jahrhunderts der Umwelt“ (Weizsäcker 1992), die Anfang der 1990er Jahre noch mit großer Emphase vorgetragen worden sind, nicht erfüllt haben. Gerade im globalen Maßstab bzw. im Nord-Süd-Verhältnis sind die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Agenda 21 und anderer Konventionen in praktische Handlungsstrategien besonders offenkundig geworden. Symptomatisch ist, dass in internationalen Institutionen Nachhaltigkeitsansätze gegenüber anderen Problemfeldern an Rückhalt verloren haben. Der WBGU führt die manifesten Umsetzungsprobleme globaler Nachhaltigkeitsstrategien, die Umweltentlastung und sozioökonomische Entwicklung miteinander verzahnen sollen, vor allem auf die Fragmentierung internationaler Institutionen sowie unzureichende Finanzmittel zurück. Aber auch innerhalb der industrialisierten Gesellschaften sind die Hemmnisse zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien nicht zu übersehen. Zwar konnten beachtliche Erfolge im Bereich des konventionellen End-of-Pipe-Umweltschutzes erzielt und beispielsweise die Belastung der Luft und Oberflächengewässer mit bestimmten Schadstoffen z. T. erheblich reduziert oder der Verzicht auf ozonschädigende Substanzen durchgesetzt werden. Zugleich sind allerdings neuartige, „persistente Umweltprobleme“ (SRU 2002: 69ff.) in den Vordergrund gerückt, die jeden Nachhaltigkeitsansatz vor grundlegende Probleme stellen. Von persistenten Umweltproblemen kann immer dann gesprochen werden, wenn die ergriffenen Maßnahmen zur Problembearbeitung auch über einen längeren Zeitraum nicht zu einer Trendumkehr fortlaufend negativer Belastungsverläufe führen. Beispielhaft können die weltweit ungebremsten Emissionen von Treibhausgasen, die anhaltende Flächeninanspruchnahme, der Verlust an biologischer Diversität, die Kontamination von Böden und Grundwasser usw. angeführt werden. Genauer betrachtet stoßen Nachhaltigkeitsstrategien bei der Bearbeitung derartiger Problem-
10
Einleitung
lagen gerade deswegen schnell an Grenzen, weil diese hochgradig komplex und ihre sozialen Verursacherstrukturen horizontal ausdifferenziert sind. Wie am Beispiel der globalen Klimaproblematik veranschaulicht werden kann, sind außerdem weitreichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar, um persistente Problemlagen erfolgreich bearbeiten zu können. Da die Eindringtiefe entsprechender Maßnahmen in bestehende ökonomische und soziale Strukturen groß ist und allein schon dadurch soziale Konflikte und Probleme wahrscheinlich sind, muss auch ihre Akzeptanz als begrenzt eingeschätzt werden. Persistente Problemkonstellationen im Umweltbereich sind weithin ungelöst. Sie bilden aufgrund einer komplexen Gemengelage ökologischer und sozialer Probleme gerade auch in den hochindustrialisierten Gesellschaften eine mächtige Barriere für durchgreifende Nachhaltigkeitsstrategien. Um diese Schwierigkeiten angehen und hartnäckige, veränderungsresistente Strukturen aufbrechen zu können, ist vorgeschlagen worden, hierarchisch-etatistische Steuerungsinstrumente durch horizontale bzw. kooperative Problemlösungsstrategien zu ergänzen. Diesbezügliche Veränderungen von Akteurskonstellationen, Steuerungsformen und Handlungsebenen im Umweltbereich, die bislang – graduell – zu beobachten sind, werden unter dem Stichwort „Environmental Governance“ kontrovers diskutiert. Entweder werden die neuen Formen kooperativer Steuerung mit hohen Erwartungen verbunden oder ihre Defizite werden kritisch reflektiert (vgl. exemplarisch Jänicke/Jörgens 2004). Unabhängig davon, wie die Ausweitung des umweltbezogenen Steuerungsrepertoires im Einzelfall zu bewerten ist, so ist doch darauf zu verweisen, dass die Umsetzungsschwierigkeiten weitreichender Nachhaltigkeitsstrategien auf Problemlagen verweisen, die sich nicht in einer reinen Steuerungsproblematik komplexer gesellschaftlicher Ordnungen und Akteurskonstellationen erschöpfen. In der Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte werden allerdings Fragen nach den sozialen bzw. gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die den anvisierten „ökologischen Umbau“ in modernen Industriegesellschaften behindern oder befördern, nachrangig behandelt. Oftmals ist sogar unklar, welches Verständnis von sozialen Prozessen in der Umwelt- und Nachhaltigkeitsdebatte überhaupt vorherrscht und welche gesellschaftlichen Annahmen den unterschiedlichen Sustainablity-Ansätzen zugrunde liegen. Einerseits ist die Tendenz anzutreffen, den Beitrag des Sozialen für einen nachhaltigen Entwicklungspfad auf Anpassungsleistungen an natürliche „Erfordernisse“ zu reduzieren. Wie selbstverständlich erscheint die physische Umwelt gegeben oder außersozial, als dass sie zum Thema der Soziologie werden könnte (Naturalismus). Und wenn andererseits soziale Dimensionen oder Aspekte erörtert werden, dann zuvörderst auf der Ebene normativer Aussagen über nachhaltige und nicht-nachhaltige Entwicklungen in modernen Gesellschaften. In dieses Bild passt, dass der Soziologie üblicherweise die Aufgabe zugeschrieben wird, die Möglichkeitsbedingungen einer gelingenden gesellschaftlichen Kommunikation über Nachhaltigkeit zu klären. Trotz aller appellativen Bekenntnisse zur Inter- oder Transdisziplinärität ist auch weiterhin eine wissenschaftliche Arbeitsteilung zu konstatieren, die den Beitrag der Soziologie innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung auf die Analyse von Akzeptanz- oder Kommunikationsproblemen des Sustainability-Leitbildes beschränkt (Kulturalismus). Um die sozialen bzw. gesellschaftlichen Erfolgsaussichten und Hemmnisse nachhaltiger Entwicklungspfade auszuloten und genauer abschätzen zu können, erscheint es jedoch ratsam zu sein, das breite analytische Potential der Soziologie für die Nachhaltigkeitsforschung zu erschließen. Auffallend ist, dass in zahlreichen Sustainable-Developmentkonzepten bereits auf einer basalen Ebene unklar ist, welchen Status das Soziale überhaupt besitzt und wie das Verhältnis der sozialen Welt zur physischen Welt zu beschreiben ist.
Einleitung
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In der vorliegenden Arbeit versuche ich darzulegen, welchen Beitrag die Soziologie zur Nachhaltigkeitsproblematik leisten kann, ohne sich selbst als eigenständige wissenschaftliche Disziplin aufgeben zu müssen. Gegenüber „ganzheitlichen“ Ansätzen möchte ich am klassischen programmatischen Postulat der Soziologie, Soziales durch Soziales erklären zu wollen, festhalten und hiervon ausgehend einen originär soziologischen Zugang zur Nachhaltigkeitsproblematik konzeptionell erschließen. Das Forschungsprogramm der Soziologie ist auf das Soziale ausgerichtet. Deswegen kann es auch nicht darum gehen, ökologische Informationen oder naturwissenschaftliche Befunde in die soziologische Analyse zu integrieren und „Natur“ als zusätzlich zu erklärende Variable in die soziologische Beobachtung von Gesellschaft einzuführen. Vielmehr ist die Frage nach der sozialen Dimension der Umwelt in den Mittelpunkt der Erörterungen zu stellen. Hierbei ist die inzwischen etablierte Umweltsoziologie fruchtbar zu machen, die sich mit „sozial produzierten ökologischen Problemen und den gesellschaftlichen Reaktionen auf ökologische Probleme“ (Diekmann/Jaeger 1996: 13) befasst. Zugleich stellt sich allerdings die Frage, ob mit dieser Fokussierung ein konzeptionell breiter Zugang zur sozialen Dimension von Umwelt möglich ist. Und warum sollte das Erklärungspotential der Soziologie für die Nachhaltigkeitsforschung auf die Analyse gesellschaftlicher Folgen und Reaktionsmuster von Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitsproblemen beschränkt bleiben? Um einen breiteren Zugang zur Sozialdimension von Umwelt sozialtheoretisch zu begründen, sind auf einer basalen Ebene bereits die sozialen Praktiken der „Nutzung“ und Transformation von Umwelt bzw. Umweltbedingungen in den Blick zu nehmen, bevor mögliche soziale Folgen dieser umweltbezogenen Praktiken problematisiert werden können. Dieser Intention folgt der Aufbau der vorliegenden Untersuchung. In Kapitel II werden zunächst ausgewählte Ansätze zur Konzeptionalisierung von Nachhaltigkeit im Hinblick auf die Frage diskutiert, welchem Status das Soziale in diesen Konzepten zugeschrieben wird. Nachdem einige zentrale soziologische Probleme der Nachhaltigkeitsdebatte benannt werden, sind in Kapitel III prominente umweltsoziologische Forschungsansätze zu sichten. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit die in Kapitel II identifizierten soziologischen Probleme der Nachhaltigkeitsdebatte durch umweltsoziologische Forschungsansätze erfolgreich bearbeitet werden können. Wie zu zeigen sein wird, können die vorliegenden Ansätze der Umweltsoziologie zur Analyse der sozialen Dimension von Umwelt und Nachhaltigkeit nur bedingt überzeugen. Vor diesem Hintergrund wird in Kapitel IV der Versuch unternommen, den Status des Sozialen für die Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblematik theoretisch genauer zu klären. Zunächst werden ausgewählte Beiträge der soziologischen und philosophischen Anthropologie herangezogen, um die physische Umwelt nicht als etwas zu bestimmen, das im Sinne einer substantialistischen Entität immer schon vorgegeben ist. Bezugspunkt ist vielmehr eine materielle Umwelt, die durch soziale Praktiken beständig umgestaltet wird. Ein derartiger sozialrelativer Umweltbegriff geht von der grundlegenden anthropologischen Prämisse der „Weltoffenheit“ (Gehlen) aus, die die relative Ungebundenheit menschlicher Gesellschaften an spezifische Umweltbedingungen hervorhebt. Sodann werden die Arbeiten von Emile Durkheim, Max Weber, Niklas Luhmann und Anthony Giddens gesichtet. Im Anschluss an zentrale Grundannahmen der soziologischen Tradition wird davon ausgegangen, dass physische Zustände oder Ereignisse als außersoziale Tatbestände anzusehen sind und diese deswegen auch nicht den Untersuchungsbereichen der Soziologie zugerechnet werden können. Zugleich wird allerdings darauf insistiert, dass soziale Akteure immer schon in lokalen physischen Umwelten situiert sind, welche in modernen noch mehr als in traditionalen Gesellschaften alles andere als „natürlich“ vorzufinden sind, sondern in aller Regel durch sinnvermitteltes, praktisches Handeln plan-
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Einleitung
mäßig oder ungeplant transformiert werden. In Auseinandersetzung mit der soziologischen Handlungstheorie in der Tradition Webers und unter Rückgriff auf Giddens sozialtheoretische Überlegungen zur transformativen Fähigkeit sozialer Akteure (capability) wird ein Handlungsbegriff fruchtbar gemacht, der auf das praktische, sinnhafte Vermögen von Handelnden abstellt, in natürliche Gegebenheiten oder Ereignisabläufe einzugreifen, um einen vorgefundenen Zustand zu verändern oder einen neuen Zustand zu konstituieren. Im Lichte dieser Überlegungen zu einem umweltsoziologisch erweiterten Verständnis des Sozialen werden zum Abschluss von Kapitel III einige interdisziplinäre Brückenkonzepte erörtert, die mit dem Anspruch auftreten, „Interaktionen“ oder „Wechselbeziehungen“ zwischen sozialen und natürlichen Systemen modelltheoretisch zu beschreiben. Die zentrale Fragestellung ist hierbei, inwieweit es diesen Brückenkonzepten gelingt, soziologisch tragfähige Zugänge zur Umweltund Nachhaltigkeitsproblematik zu erschließen und die soziale Seite des „Interaktionsverhältnisses“ von Umwelt und Gesellschaft zu beschreiben. Ausgehend von der in Kapitel IV entwickelten fundamentalen Sozialität des handlungspraktischen Einwirkens auf die materielle Umwelt werden in Kapitel V die basalen gesellschaftlichen Funktionen der Umwelt erörtert. Hierbei soll aufgezeigt werden, dass es gerade aus einer soziologischen Perspektive nicht ausreicht, lediglich zwischen unterschiedlichen Funktionen der physischen Umwelt zu differenzieren und ansonsten ihre konstante, von gesellschaftlichen Parametern unbeeinflussbare Verfügbarkeit zu unterstellen. In Abgrenzung zu einer naturalistischen Bestimmung von Umweltfunktionen ist vielmehr herauszuarbeiten, dass die biophysikalische Umwelt erst durch Handlungen bzw. Praktiken sozial inwertgesetzt werden muss, um unterschiedliche gesellschaftliche Zwecke erfüllen zu können. Diese Inwertsetzung wird als sozialer Konstitutionsprozess von Umwelt theoretisch beschrieben. Die Chancen zur Inwertsetzung von Umwelt sind allerdings keineswegs sozial voraussetzungslos, sondern in besonderer Weise an spezifische Handlungskapazitäten rückgekoppelt. Deswegen wird in Kapitel VI die sozial ungleiche Verteilung dieser inwertsetzungsrelevanten Handlungskapazitäten in den Mittelpunkt der Analyse gerückt. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Beck’schen Nivellierungsthese der „globalen Gefahrengemeinde“ wird zunächst die Notwendigkeit eines ungleichheitssoziologischen Zugangs zur Umweltproblematik begründet. Hieran anschließend wird der Vorschlag Reinhard Kreckels zur Differenzierung ungleichheitsrelevanter Handlungskapazitäten fruchtbar gemacht und auf das Problem sozial asymmetrischer Musterbildungen von Umweltnutzungschancen bezogen. Den Ungleichheitsdimensionen Reichtum und Wissen kommt hierbei eine besondere Beachtung zu. Unter Rückgriff auf zentrale sozialtheoretische Kategorien von Giddens wird sodann verdeutlicht, dass ein bestimmter naturaler Zustand nur dann für spezifische soziale Zwecke transformiert bzw. inwertgesetzt werden kann, wenn die handelnden Akteure sowohl auf Regeln als auch auf (allokative und distributive) Ressourcen zugreifen können. Regeln und Ressourcen, die den jeweiligen Akteuren zur Verfügung stehen oder mobilisiert werden können, informieren über die jeweilige Handlungsfähigkeit (capability) im Umgang mit Umweltpotentialen. Aufgrund des ungleichen Zugriffs auf Regeln und der ungleichen Verteilung von Ressourcen sind auch die Chancen zur Inwertsetzung spezifischer Umweltqualitäten bzw. -potentiale asymmetrisch verteilt. Wie zu zeigen sein wird, ist dem Eigentumsbegriff eine besondere Bedeutung zuzumessen, wenn unterschiedliche, regelgeleitete Zugänge zur Inwertsetzung von Umweltpotentialen voneinander unterschieden werden sollen und zu klären ist, wie und in welcher Weise die ungleiche Verteilung umweltbezogener Inwertsetzungschancen institutionalisiert werden kann. Das Kapitel VI wird abgeschlossen, in dem unterschiedliche Verteilungsdimensionen bzw.
Einleitung
13
Objekte von Umwelt benannt und im Hinblick auf ihre ungleichheitssoziologische Relevanz bewertet werden. In Kapitel VII ist zu problematisieren, inwiefern umweltbezogene Inwertsetzungsstrategien und Nutzungspraktiken in Konflikt geraten und zu einem sozialen Problem werden können. Die Unterscheidung von Helmut Dubiel zwischen strategischen und identitären Konflikten dient hierbei als Reflexionsfolie, um in idealtypischer Absicht unterschiedliche Strukturmuster von Umweltkonflikten rekonstruieren und am Beispiel sozialer Konflikte um Emissionsrechte und Risikobewertungen diskutieren zu können. Im abschließenden Kapitel VIII der vorliegenden Untersuchung ist zu erörtern, inwieweit sich diese Konflikthaftigkeit von Umweltproblemen auf das Integrationspotential moderner Industriegesellschaften auswirken kann. In mehreren Schritten wird dieser Problemzusammenhang entfaltet: Zunächst werden einige Anmerkungen zur Dynamik des sozialen Wandels gemacht und auf das für moderne Industriegesellschaften zentrale Problem der sozialen Integration bezogen. In Abgrenzung zu impliziten oder expliziten integrationstheoretischen Vorannahmen konventioneller soziologischer Ansätze wird sodann dargelegt, dass dem Begriff der materiellen Kultur eine zentrale Bedeutung bei der Frage zukommt, inwiefern soziale Integration in modernen Gesellschaften überhaupt noch möglich ist. Der Begriff der materiellen Kultur bietet sich in einem doppelten Sinne an. Gegenüber einer starken Normativitätsannahme – etwa im Sinne Parsons’ – liegen seine Vorzüge zum einen darin begründet, dass keineswegs die Notwendigkeit oder Erreichbarkeit eines stabilen normativen Einverständnisses innerhalb einer betreffenden gesellschaftlichen Ordnung für das Gelingen sozialer Integration unterstellt werden muss. Im Einzelnen wird die besondere Bedeutung der materiellen Kultur für soziale Integrationsprozesse auf der Ebene alltagspragmatischer Handlungsroutinen als auch auf der Ebene symbolischer Verhaltensmuster begründet. Wie zu zeigen sein wird, bietet sich der Begriff der materiellen Kultur zum anderen an, um umweltsoziologische und integrationstheoretische Fragestellungen aufeinander zu beziehen. Zum Abschluss der vorliegenden Arbeit werden die integrationstheoretischen Überlegungen zur materiellen Kultur herangezogen, um die Erfolgsaussichten des Nachhaltigkeitskonzeptes gerade in den Industriegesellschaften vor dem Hintergrund eines virulenten Zielkonfliktes zwischen ökologischer Entlastung und sozialer Integration kritisch zu bewerten. Die in den vorangegangenen Kapiteln erarbeitete sozialtheoretische Perspektive auf die Umweltproblematik dient hierbei als Argumentationsrahmen, um in Abgrenzung zum verbreiteten naturalistischen Primat der Nachhaltigkeitsdebatte gesellschaftliche Gestaltungsspielräume auszuloten, die sich nicht in reinen Anpassungsleistungen an die physischen „Grenzen des Wachstums“ erschöpfen, sondern soziale Chancen zur erweiterten – nachhaltigen – Inwertsetzung von Umweltpotentialen und damit zur Entschärfung von ökologischen und sozialen Zielkonflikten eröffnen.
II. Problemstellung: Die soziologischen Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte
Die erstmalige Verwendung Problemstellung: Die soziologischen des Nachhaltigkeitsbegriffs Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte ist kaum zu datieren. Vielfach wird auf die 1713 publizierte Abhandlung Sylvicultura oeconomica – Anweisung zur wilden BaumZucht des Freiberger Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz (2000) hingewiesen, für den die dauerhafte Bereitstellung ausreichender Holzmengen für den sächsischen Silberbergbau nur dadurch gesichert werden konnte, dass in einem bestimmten Zeitraum nur so viel Holz geschlagen wird, wie durch Wiederaufforstungen und Neuanpflanzungen nachwachsen kann. Auch wenn dieser Erhaltungs- bzw. Bewirtschaftungsgrundsatz Ende des 18. Jahrhunderts in der deutschen Forstwirtschaft gesetzlich fixiert wurde, hatte er doch auf andere Wirtschaftsbereiche keinen nennenswerten Einfluss (vgl. Schanz 1996). Erst Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre wird die Ressourcenfrage zu einem bedeutsamen Thema, als Luft- und Gewässerbelastungen in den westlichen Industriegesellschaften unübersehbar geworden sind, ohne dass allerdings ausdrücklich auf den Nachhaltigkeitsbegriff Bezug genommen wird. In den 1970er Jahren ist die internationale Umweltdebatte durch eine Sichtweise gekennzeichnet, die die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung durch die Endlichkeit natürlicher Ressourcenbestände limitiert sieht. Vor allem der Bericht Limits to Growth des Club of Rome (dt. Meadows/Meadows et al. 1973) hinterließ mit der Problematisierung der Verfügbarkeit nicht-nachwachsender Ressourcenbestände ein großes Echo in Wissenschaft und Öffentlichkeit. In diesem Kontext ist aber auch die Studie Global 2000 (1981) sowie die von der International Union for the Conservation of Nature (IUNC) in Zusammenarbeit mit verschiedenen UN-Organisationen wie UNEP und UNESCO erarbeiteten World Conservation Strategy (1980) zu nennen, deren gemeinsamer Grundgedanke darin besteht, dass wirtschaftliche Entwicklung moderner Gesellschaften ohne die Erhaltung natürlicher Ressourcenbestände und ökologischer Systeme auf lange Sicht nicht realisierbar ist. Diese Fokussierung der ökologischen Frage auf die Ressourcenproblematik wird in der internationalen Umweltdebatte der 1980er Jahre kritisch hinterfragt. Vor allem sind zwei Akzentverschiebungen festzustellen. Vor dem Hintergrund der schrittweisen Implementierung energie- und ressourcensparender Produktionstechnologien und der Erschließung bislang unbekannter Rohstoffvorkommen sowie der Herausbildung „neuartiger“ Umweltprobleme wie beispielsweise der anthropogenen Klimaveränderung setzt sich allmählich eine veränderte Wahrnehmung und Beschreibung ökologischer Probleme durch. Ausdruck dieser Entwicklung ist, dass sich die Aufmerksamkeit der Krisenszenarien nicht mehr primär auf die Endlichkeit natürlicher Ressourcen (Quellenproblematik) konzentriert, sondern die Beeinträchtigung der Aufnahme- und Verarbeitungskapazitäten ökologischer Systeme (Senkenproblematik) in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird. Diese Neujustierung der Problemwahrnehmung kommt darin zum Ausdruck, dass ein weiter Begriff von „natürlichen Ressourcen“ verwendet wird, der nicht nur Bodenschätze und nachwachsende Rohstoffe, sondern komplexe ökologische Systeme und Funktionszusammenhänge ausdrücklich einschließt. Ein zweite Veränderung der internationalen Umweltdebatte ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung: Für die Umweltdebatte der 1970er Jahre
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Problemstellung: Die soziologischen Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte
ist nicht nur kennzeichnend, dass die Umweltfrage als Quellen- oder Ressourcenproblem im engeren Sinne gedeutet wird; zugleich werden bis auf wenige Ausnahmen gerade jene gesellschaftlichen und sozialen Faktoren ausgeblendet, die zur Beschreibung und Erklärung anthropogener Umweltprobleme heranzuziehen wären (vgl. zusammenfassend Redclift 1987; Harborth 1993). Diese auf Umwelt- und Ressourcenfragen im engeren Sinne beschränkte Problemwahrnehmung ist auf programmatischer Ebene spätestens von der World Commission on Environment and Development (WCED) der Vereinten Nationen, der Brundtland-Kommission, aufgebrochen worden. In ihrem Bericht von 1987 wird der Begriff „Sustainable Development“, der bereits in der World Conservation Strategy (1980) und der Studie Global 2000 (1981, Time to Act: 145 ff.) Eingang gefunden hatte, aufgegriffen und an prominenter Stelle folgendermaßen bestimmt: „Sustainable development (...) integrates economics and ecology in decision making and law kaing to protect the environment and to promote development. (...) It aims at a type of development which integrates production with resource conservation and enhancement and links both to providing an adequate livelihood base and equitable access to resources (...). Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. It contains within it two key concepts: 1. The concept of ,needs‘, in particular the essential needs of the world’s poor, to which overriding priority should be given; and 2. The idea of limitations imposed by the state of technology and social organization on the environment ability to meet present and future needs“ (WCED 1987: 37, 39, 43). Dieser Begriffsbestimmung liegen im Wesentlichen drei Gesichtspunkte zugrunde: erstens die Erkenntnis, dass eine globale Beobachtungsperspektive eingenommen werden muss, um sowohl die zentralen Probleme der Gegenwartsgesellschaften in den Blick nehmen als auch zu praktikablen und „nachhaltigen“ Lösungsansätzen kommen zu können; zweitens die Einsicht, dass globale Umweltprobleme nicht für sich allein betrachtet werden können, sondern unmittelbar mit Fragen der ökonomischen und sozialen Entwicklung zu verknüpfen sind; sowie drittens die Überzeugung, dass Gerechtigkeitsprobleme zwischen lebenden und zukünftigen Generationen (intergenerative Gerechtigkeit) als auch im Nord-SüdVergleich (intragenerative Gerechtigkeit) in grundsätzlicher Weise zu berücksichtigen sind. Die Engführung des Sustainability-Leitbildes auf ein vorrangiges Bestandschutzziel natürlicher Ressourcen wird durch die normative Ausgangsprämisse abgelöst, dass Umwelt und Entwicklung nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern sich wechselseitig bedingen. Diese integrative Perspektive zielt auf ein globales Entwicklungsmuster ab, das eine Befriedigung basaler Grundbedürfnisse (essential needs) aller Menschen weltweit ermöglichen und zugleich den überkommenden Bestand bzw. die Diversität des natürlichen Ressourcenpools auch zukünftigen Generationen erhalten soll. Wenn man dieser Argumentation folgt, dann können nationale und globale Strategien zur Entlastung der Umwelt auf Dauer nur dann erfolgversprechend sein, wenn zugleich die drängenden globalen ökonomischen und sozialen Probleme – nicht zuletzt gerade auch in sogenannten unterentwickelten Gesellschaften – bearbeitet werden. Die Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung wird deswegen auch als unverzichtbarer Bestandteil des Nachhaltigkeitskonzeptes hervorgehoben. Bei der Frage nach der Realisierung dieser angegebenen Ziele wird der technologischen und ökonomischen Modernisierung moderner Industriegesellschaften eine zweifache Bedeutung zugeschrieben: Zum einen sollen energiesparende und ressourcenschonende substitutive Technologien entwickelt und ein ökologischer Strukturwandel in den Industriegesellschaften eingeleitet werden, um der Degradation der Umwelt, die zu einem erheblichen Teil durch industrielle Tätigkeiten des Nordens
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verursacht ist, entgegenwirken zu können. Von diesen industrialisierungsinduzierten Umweltbelastungen werden zum anderen armutsinduzierte Umweltzerstörungen in den sogenannten Entwicklungsländern unterschieden. Diese armutsbedingten Übernutzungen der Umwelt können, so wird postuliert, allerdings nur dann erfolgreich eingedämmt werden, wenn Technologietransfer von Nord nach Süd gefördert, Armut und Unterentwicklung bekämpft und wirtschaftliche Potentiale in den unterentwickelten Gesellschaften stimuliert werden. Eine derartige Entwicklungsstrategie dürfe gleichwohl nicht auf eine schlichte nachholende Kopie des traditionellen Industrialisierungspfades der sog. entwickelten Gesellschaften – mit allen bekannten Umweltproblemen – hinauslaufen, sondern müsse gerade umweltbelastende Technologiestufen überspringen (leapfrogging), um gleich zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise übergehen zu können (zu wohlfahrtsbedingten Umweltschutzeffekten in Entwicklungsländern vgl. neuerdings WBGU 2005). Auf der United Nations Conference on Environment and Development (UNCED) in Rio de Janeiro von 1992 wurde diese Konzeptionalisierung von Sustainability weiter präzisiert, indem – differenziert nach Industrie- und Entwicklungsländern – Ziele, Maßnahmen und Instrumente zur Umsetzung des Leitbildes formuliert wurden. Die politische Erklärung der vielzitierten, auf der Rio-Konferenz verabschiedeten Agenda 21 umfasst eine breite Palette ökologischer Problemfelder, thematisiert zentrale sozioökonomische Aspekte der globalen Entwicklung wie wirtschaftliche Ungleichheiten, Armut, Siedlungsentwicklung, Gesundheitsschutz, Bevölkerungsdynamik und individuelles Konsumverhalten, fragt nach der Rolle sozialer Akteure in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und benennt schließlich zahlreiche finanzielle und organisatorische Rahmenbedingungen zur schrittweisen Implementierung und Umsetzung nachhaltiger Entwicklungsstrategien (Technologietransfer, Bildung und Wissenschaft, internationale Zusammenarbeit, institutioneller Wandel usw.). Wie die internationale Debatte zum Brundtland-Report und zur Agenda 21 deutlich gemacht hat, zielen die auf breite politische Zustimmungsfähigkeit ausgerichteten Kompromissformeln darauf ab, zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten, zwischen den beiden zentralen konkurrierenden Entwicklungsparadigmen der vergangenen Jahrzehnte, der Modernisierungs- und Dependenztheorie oder auch zwischen weltmarktintegrierten und subsistenzökonomischen Konzepten zu vermitteln. Im Einzelfall sind sie allerdings höchst umstritten: So sind seitdem die ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielbestimmungen einer „nachhaltigen Entwicklung“ ganz unterschiedlich gewichtet, die normativen Gerechtigkeitspostulate hinterfragt, konkurrierende Problembeschreibungen angeboten, abweichende Handlungsstrategien und Umsetzungswege aufgezeigt und die politischen Schlussfolgerungen im Hinblick auf ihre Angemessenheit und Praktikabilität kontrovers bewertet worden (vgl. exemplarisch Barbier 1989; Mármora 1990; Harborth 1993; McKenzie-Mohr/Marien 1994; Fritz/Huber/Levi 1995; Huber 1995; Enquete-Kommission 1998; Minsch/Feindt/ Meister/Schneidewind/Schulz/Tscheulin 1998; Jörissen/Kopfmüller/Brandl/Paetau 1999: 15ff.). Gleichwohl ist in den 1990er Jahren Sustainability zum vorherrschenden Leitbild der internationalen Umweltdebatte aufgestiegen. Vor allem ist die ethische Maxime einer Gleichrangigkeit der Zielfunktionen ökologische Entlastung, ökonomische Entwicklung und soziale Gerechtigkeit nicht grundsätzlich zur Disposition gestellt, sondern auf programmatischer Ebene immer wieder ihre „Versöhnung“ eingefordert worden (Nachhaltigkeitsdreieck). Im Folgenden sollen nicht die weiteren Stationen des internationalen politischen Prozesses seit der Rio-Konferenz nachgezeichnet und bewertet werden (vgl. Eisermann 2003; WBGU 2005: 2ff.). Auch geht es nicht primär darum, die normativ-programmatische Konsistenz des Nachhaltigkeits-
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leitbildes zu hinterfragen und auf diesbezügliche Ungereimtheiten und Widersprüche hinzuweisen.1 Ebenso ist das gravierende Problem der Selbststeuerbarkeit komplexer, ausdifferenzierter gesellschaftlicher Ordnungen durch normative Leitbilder auszuklammern.2 An dieser Stelle ist lediglich auf die jüngere sozialwissenschaftliche Debatte über Global bzw. Corporate Environment Governance zu verweisen, in der jenseits herkömmlicher Formen der hierarchischen Intervention neue kooperative Steuerungsinstrumente (Mehrebenen- und Mehr-Sektoren-Steuerung, Partizipation, Selbstregulierung etc.) im Feld der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik erörtert werden (vgl. Prittwitz 2000; WBGU 2001; Jänicke/Jörgens 2004; Hey/ Volkery/Zerle 2005).3 Gegenüber diesen Fragestellungen und Untersuchungsfeldern ist im Folgenden ein anderer Zugang zur sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung zu erschließen. Aus einer analytisch-soziologischen Perspektive ist zu problematisieren, welches Grundverständnis des Sozialen den unterschiedlichen Sustainable Development-Konzepten eigentlich zugrunde liegt bzw. mit welchen sozialen Implikationen die unterschiedlichen Operationalisierungen von Sustainability einhergehen (II.1) und was unter der „sozialen Dimension von Nachhaltigkeit“ zu verstehen ist bzw. wie die postulierte Gleichrangigkeit der drei Zielfunktionen in den unterschiedlichen Konzepten eingelöst wird (II.2). Auf dieser Grundlage kann in Kapitel III dann gefragt werden, wie die Soziologie im Allgemeinen und die Umweltsoziologie im Besondern auf die Herausforderungen der Nachhaltigkeitsdebatte reagiert hat.
1. Was ist nachhaltig? Strong vs. weak sustainability Um den Was ist nachhaltig? schillerndenStrong Nachhaltigkeitsbegriff vs. weak sustainability operationalisieren zu können, sind zunächst eine Reihe von Regeln der anthropogenen Ressourcennutzung konzipiert und ausgearbeitet worden. Genauer betrachtet handelt es sich hierbei um kategorische Nutzungsimperative bzw. um „ökologische Managementregeln“, die die gewünschte Richtung „nachhaltiger“ Bewirtschaftungsformen von Naturressourcen angeben sollen. Die folgenden Leitsätze eines „nachhaltigen“, globalen Stoffstrommanagements haben sich hierbei herauskristallisiert (vgl. Pearce/Turner 1990; Daly 1990; 1992a; Huber 1995: 49ff.): Erstens soll der Eintrag von Stoffen in die Umweltmedien Luft, Wasser und Boden die Aufnahme- und Regenerationsfähigkeit des ökologischen Systems nicht übersteigen (z. B. Anreicherung von Treibhausgasen in der Atmosphäre oder von säurebildenden Substanzen in Waldböden); zweitens soll die Abbau- und Verbrauchsrate erneuerbarer Ressourcen (z. B. Wälder, Fischbestände, Süßwasser, Biomasse) nicht größer sein als ihre durchschnittliche Reproduktionsrate; drittens ist die Nutzungsrate nicht-erneuerbarer Ressourcen (z. B. Flächen, Erdöl, Steinkohle, Erdgas) zu minimieren, und 1 So ist bereits die Frage der Begründbarkeit inter- und intragenerativer Gerechtigkeitsnormen zwischen unterschiedlichen Individuen, Gruppen oder „Teilsystemen“ umstritten und deswegen auch selbst zum Gegenstand des Nachhaltigkeitsdiskurses geworden. Hieraus folgt, dass die regulative Idee der Nachhaltigkeit „offen in Bezug auf den Prozeß ihrer Konkretisierung ist“ (Jörissen/Kopfmüller/Brandl/Paetau 1999: 29). 2 Die an den traditionellen Nationalstaat gebundene Idee, dass das politische System die Steuerungsinstanz für das Ganze einer Gesellschaft ausüben könne, ist bekanntermaßen seit Luhmann durch den Hinweis auf selektive Informationsverarbeitungen und Rationalitätskriterien in den unterschiedlichen Handlungsfeldern und „Teilsystemen“ relativiert worden. Dieser soziologische Standardbefund ist insbesondere von Jörissen/Kopfmüller/Brandl/ Paetau (1999: 26ff.) auf die Nachhaltigkeitsdebatte bezogen worden. 3 Vor allem Jänicke/Jörgens (2004: 324ff., Zitat: 324) insistieren darauf, dass kooperative Steuerungsmodelle der Absicherung und Flankierung durch traditionelle hierarchische Regelsteuerung bedürfen. Um die Effektivität und Effizienz der vorrangig zur Staatsentlastung eingeführten Governanceformen zu gewährleisten, ist in ihren Augen eine „gesteigerte staatliche Handlungsfähigkeit“ unabdingbar.
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zwar durch Substitution endlicher durch erneuerbare Ressourcen (z. B. Photovoltaik-Strom statt Kohle-Strom) oder durch Steigerung der Stoff- und Energieeffizienz (z. B. rationellere Energieverwendung, Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Energieproduktivität, Erhöhung der Recyclingrate); und schließlich soll viertens das Zeitmaß anthropogener Umwelteingriffe im ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß des Reaktionsvermögens ökologischer Systeme stehen. Betrachtet man diese Nachhaltigkeitsregeln genauer, dann werden unterschiedliche Vorstellungen von „Nachhaltigkeit“ sichtbar. Um die im Nachhaltigkeitsbegriff verborgenen unterschiedlichen Strategieoptionen präziser voneinander unterscheiden zu können, ist es hilfreich, auf die Unterscheidung strong und weak sustainability zurückzugreifen, der vor allem in der Debatte zwischen dem Ecological Economics-Approach und der neoklassischen Umweltökonomie eine wichtige Bedeutung zukommt (vgl. Daly 1990; Pearce/Turner 1990; Constanza 1991; Cansier 1993: 58ff.; Jansson et al. 1994; Arts 1994; Nutzinger/Radke 1995; Radke 1996; Rennings/Wiggering 1997; Bleischwitz 1998: 13ff.). Während das Prinzip der strong sustainability von einer stark naturwissenschaftlich orientierten Problembeschreibung ausgeht und auf natürliche Grenzen gesellschaftlicher Praktiken zur Nutzung von Umweltressourcen rekurriert, stellt der weak sustainability-Approach diese vermeintlich objektiven Grenzen selbst in Frage, um statt dessen die Bedingungen der Möglichkeit zu thematisieren, diese Grenzen durch den Aufbau ökonomischer und technologischer Handlungskapazitäten zu überschreiten, ohne dass dadurch zwangsläufig das globale Ökosystem kollabieren muss. Die grundlegenden Prämissen der beiden Nachhaltigkeits-Schulen sollen im Folgenden genauer betrachtet werden. Ausgangspunkt des strong sustainable-Approach ist die naturwissenschaftliche Bestimmung des ökologischen Systems, deren Funktionen im Hinblick auf die Beschreibung der relevanten Umwelt-Wirtschaft-Interaktionen erfasst werden sollen (vgl. Barbier 1989: 95ff.; Pearce/Turner 1990: 35ff.).4 Die Funktionen des ökologischen Systems stellen in diesem Ansatz das Scharnier zwischen dem ökologischen und gesellschaftlichen System dar und legen die gegenwärtigen oder potentiellen physischen Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Entwicklungen fest. Diese Funktionen konstituieren eine circular economy, die die Subsysteme Wirtschaft und Umwelt sowie die zwischen ihnen bestehenden Interdependenzen abbilden: Das Subsystem Wirtschaft besteht einerseits aus dem Produktionssektor für Konsumgüter (P), dem Konsumbereich (C), dem Recycling-Bereich (r) sowie dem gesellschaftlichen Primärzweck der Nutzenerzielung (U). Das ökologische System besteht aus dem Ressourcenpool (R), der wiederum in erneuerbare (RR = renewable resource) und nicht-erneuerbare (ER = exhaustible resource) Ressourcen unterteilt werden kann, sowie der Aufnahme von Reststoffen in natürlichen Senken (W = waste sink). Ressourcen gehen direkt als Input-Faktoren in den Produktionsprozess ein und stiften über den Konsum gesellschaftlichen Nutzen. Die dafür unverzichtbaren energetischen Potentiale werden in unmittelbar nutzbare Energie (thermische Energie wie Prozess- und Raumwärme, elektrische und kinetische Energie) umgewandelt. Bei der industriellen Verarbeitung von Stoffen zum Zwecke der Herstellung von Produkten entstehen Stoff- und Energieabfälle (z. B. CO2), die in die ökologischen Kreisläufe (z. B. CO2-Kreislauf ) abgeführt werden. Die Umwelt fungiert damit als Aufnahmemedium für diese Energie und Stoffabfälle. 4 Die naturwissenschaftlichen Annahmen der Thermodynamik, die dem strong sustainability-Approach zugrunde liegen, müssen an dieser Stelle vernachlässigt werden. Zur Rezeption der Thermodynamik in den Wirtschaftsund Sozialwissenschaften vgl. Georgescu-Roegen (1971), Altvater (1992a: 253ff.; 1992b) sowie Beckenbach/Diefenbacher (1994).
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Einerseits stiftet der Ressourcenpool einen direkten Nutzen, andererseits wird dieser selbst verringert, entweder aufgrund der Nutzung von Ressourcen als Vorprodukte oder aufgrund einer zu starken Belastung mit Reststoffen. Im Ergebnis steht somit dem direkten Nutzen ein direkter Nutzenverlust gegenüber. Bei der Beantwortung der Frage, ob produktive und konsumtive Tätigkeiten als umweltverträglich angesehen werden können oder nicht, wird in diesem Modell berücksichtigt, dass das ökologische System einen Teil der aufgenommenen Reststoffe verarbeiten kann, ohne dass elementare naturale Funktionen gestört werden. Wenn jedoch die Assimilationskapazität des ökologischen Systems überschritten wird, dann führt die Nutzung der Umwelt für gesellschaftliche Zwecke zwangsläufig dazu, dass die Funktionsfähigkeit des ökologischen Systems beeinträchtigt wird. Die Erhaltung der Funktionen des ökologischen Systems kann im Verständnis des strong sustainability-Ansatzes sichergestellt werden, wenn ökonomisches Wachstum und gesellschaftliche Entwicklung nicht die zwingenden naturalen Restriktionen überschreiten. Die notwendige Bedingung der Aufrechterhaltung der elementaren ökologischen Funktionen wird in der Konstanz des „natürlichen Kapitalstocks“ (constant natural capital) gesehen (Pearce/Barbier/Markandya 1990: 4; Pearce/Turner 1990: 43f.).5 Unter einem konstanten „natürlichen Kapitalstock“ wird ein fixer Bestand an natürlichen Ressourcen, ihre gleichbleibende Qualität sowie die Aufrechterhaltung elementarer ökologischer Systemfunktionen verstanden. Aus der naturwissenschaftlichen Bestimmung des Umweltproblems leitet der strong sustainability-Approach schließlich die noch verfügbaren ökologischen Spielräume für gesellschaftliche Entwicklungen (development) ab, die deswegen nachhaltig (sustainable) stattzufinden haben. Im Kontext der Überlegungen zur „Konstanz des Naturkapitals“ wird auf die limitierte Produktivität ökologischer Systeme verwiesen, um die Annahme relativ fixer natürlicher Grenzen der anthropogenen Umweltnutzung naturwissenschaftlich zu fundieren. Grüne Pflanzen nutzen die Sonneneinstrahlung, indem sie durch photosynthetische Prozesse energiereiche chemische Verbindungen bilden, die sog. Biomasse. Die Energiemenge, die nach Abzug des energetischen Eigenbedarfs der Pflanzen (Atmung) innerhalb eines Jahres auf einer gegebenen Fläche erzeugt wird, wird als „Nettoprimärproduktion“ (NPP) bezeichnet. Die NPP stellt mit gewissen Ausnahmen wiederum die energetische Basis aller heterotrophen Organismen, d. h. aller Tiere, Bakterien und Pilze dar. Die NPP ist somit eine der wichtigsten Größen, um den Energiefluss eines Ökosystems charakterisieren zu können. Die NPP einer Region wird im Wesentlichen von den anzutreffenden Klima- und Bodenverhältnissen bestimmt und kann durch anthropogene Eingriffe nur marginal erhöht werden. Gleichwohl wird sie von menschlichen Gesellschaften in großem Umfang und mit steigender Tendenz beansprucht. Im Kontext des strong sustainability-Approach werden anthropogene Eingriffe in den natürlichen Energiefluss von Ökosystemen (z. B. Umwandlung von Biotopen in landwirtschaftliche Nutzflächen, Ern5 Der Erhalt des „Naturkapitals“ steht unabhängig vom Wert des Kapitalstocks vor allem im Mittelpunkt des Ecological Economics-Approach (Pearce/Markandya/Barbier 1990; Pearce/Turner 1990; Constanza 1991; Daly 1992a; Beckenbach/Diefenbacher 1994; Hinterberger et al. 1995), der auf die Defizite der neoklassisch ausgerichteten Umwelt- und Ressourcenökonomie reagiert und die Einwände der naturwissenschaftlichen Ökosystemforschung aufgreift, dass wesentliche systemare Eigenschaften des Naturkomplexes nicht substituierbar sind. Der Schutz des „Naturkapitals“ bezieht sich damit auf die wichtigsten Strukturen und Funktionen ökologischer Systeme sowie auf die Ressourcenbasis. Gleichwohl verneint der Ansatz der ökologischen Ökonomie die Substituierbarkeit nicht in einem radikalen Sinne, sondern geht von einer moderaten Position aus. Vgl. hierzu weiter unten. Die Probleme des Naturkapitalbegriffs müssen an dieser Stelle vernachlässigt werden. An dieser Stelle ist lediglich anzumerken, dass der Begriff nicht geeignet ist, um die komplexen Strukturen ökologischer Systeme als auch deren Nutzungsfunktionen für menschliche Gesellschaften in ihrer ganzen Breite und Differenziertheit konzeptionell zu fassen.
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te energiereicher biologischer Substanzen) als „NPP-Aneignung“ bezeichnet; die Aneignungsrate informiert über die Differenz zwischen der Produktivität der „ursprünglichen“ Naturlandschaft und der gesellschaftlich genutzten Kulturlandschaft. Daly (1992b) und Goodland (1992) sehen in der NPP-Aneignung einen zentralen Indikator, um Umfang und Intensität der Naturnutzung durch das sozioökonomische System bestimmen zu können. Nach einschlägigen Schätzungen wird die NPP von menschlichen Gesellschaften gegenwärtig bereits zu 20 bis 40 % beansprucht (vgl. Vitousek et al. 1986). Die Richtigkeit dieser Angaben unterstellt folgt hieraus in einem hypothetischen Sinne, dass der Energiefluss naturnaher ökologischer Systeme nur noch 60 bis 80 % dessen beträgt, was aufgrund der klimatischen und Bodenbedingungen und ohne menschliche Eingriffe möglich wäre. Problemverschärfend kommt folgender Aspekt hinzu: Oftmals weisen landwirtschaftliche Nutzungsformen unter sonst gleichen Klimabedingungen eine niedrigere NPP pro m² und Jahr als die von ihr ersetzten natürlichen Biotope auf. Und bei verbauten Flächen tendiert die NPP gegen Null, da auf ihnen keine Pflanzen wachsen können. Als Folge menschlicher Tätigkeiten wird also die NPP-Aneignung einerseits gesteigert (z. B. Ernte), andererseits jedoch aufgrund einer verminderten NPP gegenüber natürlichen Systemen (Landwirtschaft, Versiegelung) verringert (vgl. Fischer-Kowalski et al. 1997: 149ff.). Obwohl die ökologischen Konsequenzen der zunehmenden NPPAneignung, z. B. auf die Biodiversität, derzeit noch unzureichend geklärt sind, wird im Kontext von strong sustainability-Ansätzen davon ausgegangen, dass die Verfügbarkeit von NPP und die Grenzen ihrer Nutzbarmachung einen unverrückbaren Rahmen für menschliche Gesellschaften darstellen. Ganz offensichtlich räumen die Vertreter des strong sustainability-Approach der Zielbestimmung „Ökologische Sicherheit“ höchste Priorität ein. Es ist ein Kennzeichen ökologischer Schädigungen, dass sie erst aus der langfristigen Akkumulation toxischer Stoffe entstehen und deswegen auch oftmals nur extrem zeitverzögert wahrgenommen werden können (Ozonabbau in der Stratosphäre, Treibhauseffekt etc.). Auch werden spezifische Schäden erst sichtbar, wenn eine akute Stress-Situation eines Ökosystems vorliegt, z. B. infolge einer starken Überlastung mit Schadstoffen. Zwar lassen sich die Emittenten noch relativ gut identifizieren und zu Verursachergruppen aggregieren, die zeit-räumliche Diffusion von Schadstoffen und die Auswirkungen der Vielzahl von eingebrachten Stoffen auf die einzelnen Ökosysteme sind aber alles andere als zufriedenstellend geklärt. Auch besteht noch weithin Unwissenheit bezüglich der Interaktionen einzelner regionaler ökologischer Subsysteme und ihrer Bedeutung für das globale Ökosystem. Aus dieser basalen Unsicherheit der naturwissenschaftlichen Umweltforschung6 ziehen die Vertreter des strong sustainability-Approach die Schlussfolgerung, dass mit jeder Verringerung des natürlichen Kapitalstocks man der kritischen Grenze der noch tolerablen Umweltnutzung näher rückt. Umtrieben von der Sorge, dass die Irreversibilität gesellschaftlicher Eingriffe in die Umwelt zum definitiven Wegfall elementarer ökologischer Funktionen führen kann, zielt die Idee des „konstanten Naturkapitalstocks“ auf eine explizit risikoaverse Strategie ab. Über die Zielbestimmung ökologischer Sicherheit hinaus ist noch auf einen weiteren Gesichtspunkt hinzuweisen, der im strong sustainability-Approach als ethischmoralische Begründung angeführt wird, die Bestände des „Naturkapitals“ ohne Einschränkung zu erhalten. Hierbei handelt es sich um die Maxime, dass – ausgehend von einem unendlichen Zeithorizont – einerseits zukünftige Generationen bezüglich Umweltqualität und Ressourcenangebot nicht schlechter als gegenwärtige Generationen gestellt werden dürfen 6 Zur Ubiquität, Persistenz, Irreversibilität und Verzögerungswirkung ökologischer Schädigungen vgl. exemplarisch WBGU (1999: 53ff.).
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(Prinzip der intergenerativen Gerechtigkeit) und andererseits vor dem Hintergrund sich verschärfender ökologischer Restriktionen ein gerechter Ausgleich der Nutzungsinteressen natürlicher Ressourcen zwischen den wohlhabenden Industriegesellschaften des Nordens und den sog. Entwicklungsländern des Südens (Prinzip der intragenerativen Gerechtigkeit) anzustreben ist. Zusammengefasst markieren im Modell der strong sustainability die natürlichen Grenzen die „Leitplanken“ jeder gesellschaftlichen Entwicklung, die in diesem Verständnis nur um den Preis der irreversiblen Störung lebensnotwendiger ökologischer Funktionen überschreitbar sind. Sie konstituieren gewissermaßen das natürliche Korsett der Gesellschaft. Deswegen, so die Annahme, sind die Grenzen des gesellschaftlichen Wachstums absolut, weshalb auch die Tragekapazität des Ökosystems als statisch konzeptionalisiert wird. Der dauerhafte Erhalt des „Naturkapitals“ ist die ultima ratio dieses Nachhaltigkeitsansatzes, wobei auch gegenwärtig ungenutzte oder nicht nutzbare Naturelemente eingeschlossen sind, also sogenannte Optionsoder Existenzwerte. Dahinter steckt die Idee der resilence (Widerstandsfähigkeit): Mit einem hohen Bestand an „Naturkapital“ steige auch die Fähigkeit eines sozialen Systems, Umweltkatastrophen aller Art zu absorbieren. Nicht selten wird sogar der „Natur“ ein vom gesellschaftlichen Wertesystem unabhängiger Eigenwert zugeschrieben und damit einer biozentrischen Ethik das Wort geredet. In jedem Fall ist die Konstanz der Naturelemente, die im Bild der „intakten Natur“ beschworen wird, das zentrale Bewertungskriterium für gesellschaftlichen Wohlstand. Bereits an dieser Stelle erscheint es angezeigt, auf grundlegende Schwachstellen dieser Konzeption hinzuweisen. Zunächst muss der strong sustainability- Approach aus naturwissenschaftlicher Perspektive als illusionär angesehen werden, da ausnahmslos jede wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktivität eine Umwandlung natürlicher Ressourcen in nicht-nutzbare Reststoffe bewirkt. Dies ist zwangsläufig mit der Nutzung von Umweltleistungen und damit mit einer Abnahme des „natürlichen Kapitalstocks“ verbunden (vgl. Kappel 1994: 72ff.). Darüber hinaus ist insbesondere bei radikalen Vertretern ein naturalistischer Fehlschluss zu beobachten, wenn sie sich von der unhinterfragten Annahme leiten lassen, dass die Interventionen menschlicher Gesellschaften in ökologische Systeme ein solches Ausmaß erreicht haben, dass die langfristige Reproduktionsfähigkeit der Natur bedroht ist. Diese in der öffentlichen Kommunikation über Umweltfragen weit verbreitete These verkennt jedoch, dass nicht „die Natur“ an sich gefährdet ist, sondern allenfalls die menschliche Zivilisation im modernen Verständnis bzw. natürliche Gegebenheiten, die von Menschen geschätzt und deswegen als schützenswert angesehen werden. Zu dieser soziologisch äußerst problematischen Naturkonzeption formuliert Renn (1996b: 82) apodiktisch: „Selbst der größte atomare Vernichtungskrieg wird es nicht schaffen, die lebende Natur, d. h. die Fortsetzung von Leben auf der Erde (in welcher Form auch immer) auszulöschen. Die Natur hat schon wesentlich schlimmere Katastrophen überlebt als die ,Dummheit‘ der Menschen. Die Menschheit wird wesentlich früher aussterben, als es ihr gelingen mag, die Natur zu zerstören.“ Überhaupt könne die Notwendigkeit eines ökologischen Umbaus weder durch einen drohenden Kollaps der Natur begründet noch aus einer den natürlichen Elementen innewohnenden Logik abgeleitet werden. Das ideelle und materielle Interesse an der Vielfalt ökologischer Systeme sowie am Erhalt vorgefundener oder veränderter Natur- und Landschaftsformen speise sich vielmehr aus „kulturell bestimmten Nutzungsansprüchen, Wertvorstellungen und ästhetischen Prinzipien“ (1996b: 81). Um angeben zu können, welcher Zustand als nachhaltig oder nicht-nachhaltig klassifiziert werden kann und welche Umweltgüter in welchem Umfang als schutzwürdig angesehen wer-
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den, sind kulturell und politisch definierte Standards unverzichtbar. Diese Standards informieren darüber, welche Umweltbedingungen in einer Gesellschaft als wünschens- und erstrebenswert angesehen werden können und welche Belastungen oder Beeinträchtigungen der Umwelt als nicht akzeptabel anzusehen sind. Der Sachverständigenrat Umwelt (vgl. SRU 1994; 1996a; 1996b) hat wiederholt darauf hingewiesen, dass einheitliche Bewertungsmaßstäbe notwendig sind, um umweltpolitische Handlungsbedarfe begründen zu können. Vor allem die Definition von Standards zur Begrenzung anthropogener Einwirkungen auf die Umwelt (Umweltstandards) und die Festlegung quantifizierbarer Umweltqualitätsziele ist für den SRU allein schon deswegen unverzichtbar, um die Belastbarkeit von Umwelt operationalisieren und genauer bestimmen zu können, wann eine als akzeptabel angesehene Belastung überschritten ist und welche Eingriffe in die Umwelt den normativ legitimierten und politisch ausgehandelten ökologischen Zielbestimmungen und Schutzniveaus unterschiedlicher Umweltgüter wie Luft, Wasser, Boden, Klima, Landschaft, Biodiversität usw. widersprechen. Der SRU räumt in diesem Zusammenhang allerdings ein, dass es weder eine allgemeine Belastbarkeit als Kenngröße oder Indikator für Ökosysteme geben kann, da die spezifische Art, Intensität und Dauer der Belastung zu berücksichtigen ist (1994: 73) noch objektive, letztgültige Bewertungsmaßstäbe über den Zustand und die Belastungsgrenzen ökologischer Systeme vorhanden sein können (1994: 89). Ganz ähnlich hat van den Daele (1996) in diesem Zusammenhang verdeutlicht, dass ökologische Gefährdungen immer nur relativ zu Umweltstandards und Umweltqualitätszielen diagnostiziert werden können, die ihrerseits nicht auf der Grundlage rein naturwissenschaftlichen Wissens bestimmt, sondern nur unter Einbeziehung unterschiedlicher sozialer Akteure und Gruppen und vor dem Hintergrund normativer Erwägungen über Risikoakzeptanzen definiert werden können. Diese relationale Sichtweise hat zur Konsequenz, dass die viel beschworene „ökologische Krise“ der modernen Gesellschaft nicht in einem drohenden Zusammenbruch der ökosystemaren Stabilität oder in physischer Selbstzerstörung zu sehen ist, sondern „lediglich“ darin, dass die moderne Gesellschaft die selbst gesetzten Umweltstandards verfehlt. Hieraus folgt, dass die aus diesen Umweltstandards abgeleiteten Schutzgüter und Schutznormen gesellschaftlich formulierte Ansprüche an eine wünschenswerte Umwelt repräsentieren, keineswegs jedoch aus objektiven ökologischen Adaptionserfordernissen abgeleitet werden können. Mit anderen Worten ist das Bezugsproblem auch nicht objektive Naturgrenzen, sondern die im umweltpolitischen Prozess verhandelten Normsetzungen, die darüber Auskunft geben, in welcher Natur eine Gesellschaft leben will. Ein derartiger relationaler Standpunkt grenzt sich schließlich von hypothetischen Katastrophenszenarien ab, für die kennzeichnend ist, dass die unterschiedlichsten Umweltprobleme zu existentiellen „Fragen von Leben und Tod hochstilisiert“ (van den Daele 1996: 429) werden. In diesem Zusammenhang sind auch die Befunde der historischen Umweltforschung (vgl. exemplarisch Herrmann 1989; Bayerl/von Borries 1997) anzuführen, die verdeutlichen, dass die soziale Wertschätzung spezifischer natürlicher Elemente (Pflanzen, Tiere, Biotope etc.) nicht immer schon gegeben ist, sondern auf kulturelle Zuschreibungspraktiken zurückverweist, die ihrerseits dem stetigen gesellschaftlichen Wandel unterworfen sind. Und aus kulturökologischer Perspektive argumentiert Glaeser (1992b) ganz ähnlich, der sich gegen die irreführende Rede von der „Krise der Natur“ und ihrer „Zerstörung“ wendet und hinter derartigen Beschreibungen nichts anderes als ein kulturelles Missverständnis vermutet, weshalb er auch dafür plädiert, nur von einer „Krise der Kultur“ zu sprechen. Für den SRU gibt die Tragekapazität der natürlichen Umwelt zwar die Grenze vor, die nicht überschritten werden darf, wenn eine dauerhafte, umweltgerechte Entwicklung möglich
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sein soll. Um Toleranzschwellen oder Belastungsgrenzen bestimmen zu können, ist es jedoch im Prozess der umweltpolitischen Zielfindung unverzichtbar, Umweltstandards zu definieren und Umweltqualitätsziele zu bestimmen, da ansonsten Nachhaltigkeitsleitbilder und die Konzepte der ökologischen Belastbarkeit oder Tragefähigkeit schnell „zur Leerformel“ (SRU 1994: 73) degenerieren können.7 Noch einen Schritt weiter geht van den Daele (1993; 1996), für den das Theorem der Tragekapazität („carrying capacity“) nur eine gewisse Orientierungsfunktion besitzt. Zwar kann in allgemeiner Hinsicht theoretisch durchaus plausibel begründet werden, dass ein exponentielles Wachstum von Umwelteingriffen früher oder später zu einer Überlastung der Ökosphäre führt und damit die Existenzgrundlagen moderner Gesellschaften gefährdet werden. Mit Blick auf den Stand der naturwissenschaftlichen Ökosystemforschung8 ist allerdings fraglich, ob präzise und quantifizierbare Aussagen über die Grenzbelastung ökologischer Systeme, über Eintrittswahrscheinlichkeiten einer irreversiblen Schädigung, über konkrete Schadensverläufe und über die zeitlichen und räumlichen Folgewirkungen von Umweltbelastungen überhaupt gemacht werden können, da es bisher nicht gelungen ist, die kritischen Grenzen ökologischer Stabilitäts- und Reproduktionsbedingungen genauer zu bestimmen, an denen die Zulässigkeit von Umwelteingriffen gemessen werden kann, noch kritische Parameter anzugeben und den Zeitpunkt der Grenzziehung zuverlässig zu prognostizieren.9 Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es für van den Daele (1996: 427) sogar zweifelhaft, ob die Bestimmung von Grenzbelastungen „überhaupt ein sinnvolles Unterfangen ist. Während ökologische Topoi wie ,Gleichgewicht‘, ,Stabilität‘ und ,Belastbarkeit‘ in der politischen Öffentlichkeit als Orientierungsmarken gehandelt werden, herrscht in der Wissenschaft konzeptionelle Konfusion. Schon die Annahme, daß die an der Kybernetik orientierten Systemkonzepte angemessene Modelle der Umwelt sind, ist umstritten. Solche Modelle unterstellen, daß die vielfältigen Lernprozesse in unserer Umwelt funktional vernetzt und zu ausbalancierten Ganzheiten integriert sind, die durch Rückkopplungen in dynamischen Gleichgewichtszuständen (Homöostasen) gehalten werden. Man kann durchaus fragen, ob es solche Ökosysteme, außer als analytische Konstrukte von Beobachtern, überhaupt gibt.“ Und weiter heißt es an gleicher Stelle: „Denkbar ist, daß die in unserer Umwelt wahrnehmbare Stabilität und Periodizität sich in vielen Bereichen weniger eingeregelten natürlichen Gleichgewichten verdankt als vielmehr der Konstanz der physischen Randbedingungen und der Langsamkeit, mit der sich einmal entstandene Konstellationen evolutionär verschieben.“ Die basalen Überlegungen des weak sustainability unterscheiden sich von denen des strong sustainability in mehrfacher Hinsicht grundlegend. Die zentrale Differenz besteht in der Zu7 Zur Vereinheitlichung von Verfahren zur Festlegung von Umweltstandards hat der SRU (1996a; 1996b) ein Mehrstufenmodell entwickelt, auf das nicht näher eingegangen werden kann. 8 In Abgrenzung zu organizistischen und mechanizistischen Modellen, die an „ganzheitliche“ Naturvorstellungen anschließen und Ökosysteme als eine Art Superorganismus mit geschlossenem Funktionssystem und eindeutiger Aufgabenverteilung seiner einzelnen Elemente beschreiben, betont die moderne Ökosystemforschung nichtlineare Dynamiken und komplexe Wirkungsmechanismen wie vielfältige Latenzeffekte (Zeitverzögerungen), Transmissionseffekte (Mobilität und Diffusion von Schadstoffen), Akkumulationseffekte (Anreicherung von Schadstoffen in Senken), synergistische Kettenreaktionen, Transformationseffekte (Um-, Abbau von Schadstoffen) sowie unvorhersehbare Kombinationseffekte. Vgl. exemplarisch Wätzold/Simonis (1997) sowie die vom WBGU (1999: 10ff. u. 58ff.) vorgeschlagene Unterscheidung unterschiedlicher Risikotypen nach Eintrittswahrscheinlichkeit, Schadensausmaß und Abschätzungssicherheit. 9 Für den WBGU (2005: 91f.) liegen „gegenwärtig“ keine umfassenden Modelle vor, um alle relevanten Parameter zur Abschätzung der Tragekapazität der Erde zu berücksichtigen. Dies gilt insbesondere auch für die naturwissenschaftliche Klima- und Klimafolgenforschung. So spricht der WBGU (2003: 1f.) von erheblichen methodischen und prognostischen Schwierigkeiten, wenn eine „Grenze“ bestimmt werden soll, ab der ein „gefährlicher Klimawandel“ eintritt.
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rückweisung eines harmonisch-holistischen Naturbildes und gipfelt in der Annahme, dass die Grenzen des Wachstums nicht statisch, sondern nur relativ zu bestimmen sind. Folgerichtig wird in diesem Modell die Tragekapazität des Ökosystems dynamisch bestimmt; sie ist nicht, wie der strong sustainability-Approach annimmt, für alle Zeiten von den naturalen Ausgangsbedingungen vorgegeben, sondern kann nur bestimmt werden, wenn zugleich die jeweiligen sozialen Strategien zur Nutzbarmachung ökologischer Systeme für gesellschaftliche Zwecke berücksichtigt werden. Da die gesellschaftlichen Nutzungspraktiken dem historischen Wandel unterworfen sind, müssen gemäß dieser Auffassung auch die natürlichen Leitplanken als wandelbar angesehen werden. D. h. die durch spezifische Umweltbedingungen vorgegebenen Grenzen gesellschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten können durch gesellschaftliche Praktiken hinausgeschoben werden, und zwar in dem Maße, in dem es gelingt, innovative Fähigkeiten in Wissenschaft und Technik, Ökonomie, Politik und Kultur zu entwickeln und zu mobilisieren (capacity building), die ein gesellschaftliches System in den Stand versetzt, bisher praktizierte Nutzungsformen von Umweltressourcen zu erweitern und bzw. oder neue Nutzungsmöglichkeiten zu erschließen. Konsequenterweise erscheint deswegen auch das für strong sustainability-Strategien charakteristische Bemühen, den gesamten Naturkapitalstock an und für sich zu erhalten, weder zwingend notwendig noch wünschenswert. Der weak sustainability-Ansatz geht in seinen fortschrittsoptimistischen Grundannahmen zwar nicht so weit, dass eine beliebige Möglichkeit der Substitution von Umweltleistungen durch Technologie, Wissen und Kapital unterstellt wird. Schließlich können nicht alle Ressourcen, Strukturen und Funktionen ökologischer Systeme unbegrenzt ersetzt werden. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die neoklassische Produktionstheorie das Gesetz von der abnehmenden Grenzrate der Substitution kennt. Dennoch trifft zu, dass das schwache Verständnis von sustainability physische Wertverluste des Naturkapitals nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern sogar begrüßt, wenn dadurch die ökonomische Wertschöpfung bzw. das gesellschaftliche Wohlfahrtsniveau gesteigert werden kann (Siebert 1978; Lind/Schuler 1998). Unschwer ist zu erkennen, dass der „Natur“ in diesem Denkmodell ausschließlich gesellschaftliche Nutzungsfunktionen zugeschrieben werden, und zwar mit der Konsequenz, dass die natürlichen Elemente nur im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit für soziale Zweckbestimmungen eine Wertschätzung erhalten (anthropozentrische Ethik). Im Gegensatz zum Modell des strong sustainability wird im aggregierten Nutzen, der aus den Elementen der Umwelt gewonnen wird, die entscheidende Größe für Wohlstand und Entwicklung gesehen, nicht aber in der Konstanz der Elemente, aus denen der Nutzen geschöpft wird. Hierbei wird der weak sustainability-Ansatz von der Erkenntnis geleitet, dass es ohnehin keinen Naturzustand geben kann, auf den man sich als den maßgeblichen, weil „natürlichen“ Urzustand beziehen könnte. Bei näherer Betrachtung wird nämlich offenkundig, dass jeder beliebige historisch-konkrete Naturzustand wiederum einen früheren Zustand hatte, der von dem einmal erreichten Zustand abweicht. Das Ausmaß der Veränderung eines ökologischen Systems hängt stets von dem Zeithorizont ab, der bei der Analyse berücksichtigt wird. Allenfalls können konkrethistorische Naturzustände ausgemacht werden, die zwar in – den von einzelnen Individuen überschaubaren – kurzen Zeiträumen als stabil erscheinen, in biologischen oder geologischen Zeiträumen aber im stetigen Fluss sind und keine unilineare Evolutionsrichtung aufweisen. Zivilisationsgeschichtlich betrachtet ist darüber hinaus zu berücksichtigen, dass natürliche Ökosysteme in großem Umfang durch „anthropogene Ökosysteme“ (Haber 1994: 13) verdrängt worden sind, und zwar in dem Maße, in dem aus dem vorgefundenen Arten-Angebot schnell wachsende, sich rasch vermehrende Arten ausgewählt und als Nutzpflanzen und -tiere gezüch-
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tet wurden. Angesichts der offenkundigen Relativität von Naturzuständen ist nicht nur der Terminus „ökologische Stabilität“ oder „natürliches Fließgleichgewicht“ problematisch, sondern darüber hinaus auch die Frage nach der Grenzbelastung natürlicher oder naturnaher Systeme nicht zufriedenstellend zu klären (vgl. Huber 1995: 71ff.). Die Modelle strong und weak sustainability unterscheiden sich ganz wesentlich durch den Grad der Substituierbarkeit natürlicher Ressourcen durch sozio-ökonomische Ressourcen. Während die Protagonisten des strong sustainability die Umwelt als zentralen limitierenden Faktor der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung ansehen und deshalb größten Wert auf die möglichst vollständige Erhaltung des Bestandes an ökologischen Ressourcen legen (Limitationalität), halten die Anhänger des weak sustainability dem entgegen, dass grundsätzlich die Möglichkeit besteht, natürliche Ressourcenbestände durch den Aufbau gesellschaftlicher Ressourcen zu substituieren, weshalb auch auf absehbare Zeit keine ernsthaften Restriktionen zu befürchten seien (Substitutionalität). Genauer formuliert bezieht sich die Annahme der Substituierbarkeit zum einen auf die Ersetzbarkeit von naturalen Stoffen im Produktionsprozess; d. h. im Zuge des technologischen Fortschritts können funktionale Substitute zum Einsatz gebracht werden, weshalb auch die Angebotsknappheit von Ressourcen überwindbar erscheint. Und zum anderen wird in diesem Modell erwartet, dass ungeachtet der Beeinträchtigung ökologischer Ressourcen Wirtschafts- respektive Wohlfahrtsleistungen in gleicher Höhe erzielbar sind, wenn ihre reduzierte Leistungsfähigkeit durch vermehrten Kapital- oder Arbeitseinsatz kompensiert wird.10 Dabei geht man von der Hypothese aus, dass zum richtigen Zeitpunkt sogenannte Backstop-Technologien verfügbar sind, um bei einer akut auftretenden Knappheit gegebene technologische und ökonomische Hemmnisse überwinden zu können. Ein nahendes Ende der Rohölvorräte würde so beispielsweise zur Entwicklung andersartiger Antriebstechnologien für Motoren zu innovativen Neuentwicklungen in anderen Anwendungsbereichen führen. Genauer formuliert bezieht sich die Annahme einer abnehmenden Bedeutung natürlicher Ressourcen als Input des ökonomischen Systems jedoch nicht nur auf die Substituierbarkeitsoption, sondern wird darüber hinaus auch mit der Erwartung einer steigenden produktiven Verwendung der ökologischen Input-Faktoren (Effizienz- bzw. Produktivitätsfortschritte) begründet. In diesem Fall würde ein verringerter natürlicher Kapitalstock nicht zu einer Einschränkung des materiellen Produktionsoutputs führen, sondern im 10 Das enge Verständnis von Sustainability wird im Kontext der neoklassischen umweltökonomischen Theorie folgendermaßen hergeleitet (vgl. exemplarisch Beckerman 1994): Der Kapitalstock wird zunächst als zentraler Indikator angesehen, um die Wohlfahrt einer Gesellschaft zu bestimmen. Dieser setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: erstens dem produzierten Kapital, zweitens dem Anteil des produzierten Kapitals, der unmittelbar der Naturnutzung oder ihrer Wiederherstellung dient sowie drittens der potentiell nutzbaren Natur, dem sogenannten „Naturkapital“, von dem man annimmt, dass sich dessen Wert in monetären Einheiten darstellen lässt. In diesem Modell bleibt nun die Wertsumme des Kapitalstocks selbst bei einer Verknappung des Naturkapitals unverändert, wenn Sachkapital in ausreichendem Umfang produziert worden ist. Man geht also von der Erwartung aus, dass eine Wertabnahme des Naturkapitals nicht das gesellschaftliche Wohlfahrtsniveau schmälert, sondern durch eine Wertsteigerung des produzierten Kapitals ausgeglichen werden kann. Unter diesen Bedingungen muss selbst eine ökonomische Wertschöpfung, die um den Preis eines verringerten Wertes des Naturkapitals realisiert wird, in Übereinstimmung mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung gesehen werden. Problematisch ist aber nicht nur die radikale Substituierbarkeitsannahme, sondern bereits die Verwendung des Begriffs des „Naturkapitals“. Im Verständnis der neoklassischen Umweltökonomie bezieht sich der Begriff nämlich primär auf Serviceleistungen bzw. Einkommen, die aus „Naturgütern“ erwirtschaftet werden, während physische Bestände unabhängig von ihrer potentiellen Nutzbarkeit weitgehend ausgeklammert werden. Vor diesem Hintergrund bestehen die Schwierigkeiten des Naturkapital-Begriffs u. a. darin, dass ökologische Strukturen und Funktionen auf Input-Faktoren gesellschaftlicher Systeme reduziert werden („Ressourcen“), die im Sinne monetärer Wertfixierungen als quantifizierbar und objektivierbar erscheinen.
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Gegenteil Produktionszuwächse in Zukunft sogar noch in dem Maße erlauben, in dem es gelingt, die Effizienz- oder Sparquote der betreffenden Ressourcen zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund wird der Motor derartiger Produktivitätssteigerungen im technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt gesehen. Selbst wenn das Prinzip der intergenerativen Gerechtigkeit als ethischer Maßstab zugrunde gelegt wird, ist eine Verringerung des Bestandes an nicht-erneuerbaren Ressourcen bis zu dem kritischen Punkt vertretbar, der den nachfolgenden Generationen die gleichen Produktionsoptionen zubilligt, die die gegenwärtige Generation hatte, bevor der technische Fortschritt realisiert wurde. Brenck (1992: 391) charakterisiert diese umweltpolitische Konzeption der weak sustainability-Variante folgendermaßen: „Die Investitionen der gegenwärtigen Generation (in den technischen Fortschritt) werden also mit Abbaurechten an nicht-erneuerbaren Ressourcen ,verzinst‘.“ Eine weitere – wenn auch vage – Option wird schließlich in dem Einsatz von Technologien zum „intelligenten“ Management von Ökosystemen gesehen, welche ein Verschieben der natürlichen Belastungsgrenzen erlauben würde. Ein derartiges Vertrauen in die Entwicklung und Bereitstellung von BackstopTechnologien ist a priori nicht völlig abwegig, sondern gründet sich auf der historischen Erfahrung, dass im Prozess der Industrialisierung neben inkrementalen Verbesserungen immer wieder entscheidende Durchbrüche in der technologischen Entwicklung erzielt worden sind, die nicht vorhersehbar bzw. antizipierbar waren. Ganz offensichtlich basiert das enge Sustainabilityverständnis auf einem technologischen Optimismus hinsichtlich ökologischer Knappheitsgrenzen und konzentriert sich überwiegend auf ökonomische Wachstumsprozesse, weil sie als Garanten erweiterter Entwicklungspotentiale künftiger Generationen erscheinen. Die problematischen Größen werden demzufolge in der Rate des technisch-ökonomischen Fortschritts und der Substitutionselastizität gesehen. Hingegen bleiben alle gesellschaftlich relevanten Voraussetzungen derartiger Entwicklungssprünge unbeachtet. Hierauf wird weiter unten zurückzukommen sein. Mit der Frage zur Bedingung der Möglichkeit von Substitutionsstrategien ist eines der grundlegenden Probleme der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung berührt: die Frage nämlich, ob und in welchem Umfang moderne Gesellschaften aufgrund ihrer ökonomischen und technologischen Leistungsfähigkeit sowie ihrer politisch-institutionellen Verfasstheit dazu in der Lage sind, regionale oder globale Knappheiten ökologischer Systeme – ungeachtet ihres natürlichen oder anthropogenen Ursprungs – durch den intensiven Einsatz sozioökonomischer und soziokultureller Handlungspotentiale zu überwinden oder zumindest zu kompensieren. Substituierbarkeit sowie Nichtsubstituierbarkeit erscheinen vor diesem Hintergrund als idealtypische Extrempositionen, die sich in einem praktischen Sinne nur bedingt eignen, um umweltpolitische Zielfunktionen zu bestimmen. In allgemein-theoretischer Hinsicht kann nämlich nicht vorab entschieden werden, ob die Substituierbarkeit naturaler Ressourcen eher hoch oder eher niedrig ist. Gleichwohl können einige gewichtige Gesichtspunkte angeführt werden, die gegen eine vollständige Substituierbarkeit sprechen: Erstens ist die Substitution natürlicher Ressourcen nur begrenzt möglich, da sozio-ökonomisches „Kapital“ und natürliches „Kapital“ nicht gleichartig sein können, sondern unterschiedliche Funktionen erfüllen. Das sozioökonomische Kapital dient in diesem Zusammenhang dazu, die Verwendung des Ressourcenpools für gesellschaftliche Zwecke zu optimieren, während natürliche Ressourcen als eigenständige Parameter innerhalb eines ökologischen Systems nicht-substituierbare regulierende oder regenerative Funktionen erfüllen. Zweitens fallen in der Regel sogenannte Kuppelprodukte und dissipative Verluste an, wenn etwa nicht-erneuerbare Ressourcen (z. B. Steinkohle, Erdgas) vernutzt werden, so dass die Aufnahmekapazität ökologischer Senken für
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Schadstoffe (CO2) verringert wird. In diesem Falle geht es also nicht nur um das Problem, ob und in welcher Weise die verbrauchten nicht-erneuerbaren Ressourcen durch Substitute ersetzt werden können, sondern auch darum, ob überhaupt die Speichervolumina der natürlichen Senken durch gezielte Eingriffe in ökologische Systeme vergrößert werden können. Sicherlich kann die Speicherkapazität ökologischer Senken nicht zeitlos bestimmt werden, sondern hängt beispielsweise von vielfältigen klimatologischen und naturräumlichen Faktoren ab. Die letztgenannte Option ist jedoch nach derzeitigem naturwissenschaftlichem Kenntnisstand nur äußerst zurückhaltend einzuschätzen, da die durch anthropogene Tätigkeiten (z. B. Landnutzungsänderungen wie Aufforstung und Wiederaufforstung degradierter Flächen) vergrößerten Speichervolumina der Senken nur mit großen Unsicherheiten abgeschätzt werden können (vgl. am CO2-Beispiel WBGU 1998b). Und drittens stehen natürliche Ressourcen und sozioökonomische Handlungspotentiale notwendigerweise in einer komplementären Beziehung zueinander: Einerseits können technologischer Fortschritt und intelligente soziale Organisationsformen die Effizienz der Nutzung regenerativer und nicht-regenerativer Ressourcen erheblich verbessern. Andererseits bilden die natürlichen Elemente die stoffliche und energetische Grundlage für wertschöpfende Produktionsprozesse. Ohne ihre Verwendung wäre die Produktion von Gütern unterschiedlicher Art nicht möglich. Mangelt es entweder an Naturressourcen in ausreichender Qualität und Quantität oder an technologischem, ökonomischen und sonstigen gesellschaftlichen Kapazitäten, dann ist es nur im begrenzten Umfang möglich, durch den Mehreinsatz des jeweils anderen Faktors den Produktionsertrag zu steigern. In jedem Fall gilt, dass jede Nutzung nicht-erneuerbarer Ressourcen zwingend den Wert des verfügbaren „Naturkapitals“ mindert. Am Beispiel der Ressource Süßwasser kann verdeutlicht werden, dass eine „moderat substitutionalistische“ als auch eine „moderat nichtsubstitutionalistische“ Position, wie sie etwa vom WGBU (1998a: 133) vertreten wird, forschungspragmatisch sinnvoll ist:11 Es ist nicht weiter erläuterungsbedürftig, dass Wasser eine unverzichtbare Ressource zur Aufrechterhaltung elementarer natürlicher Funktionen ist und darüber hinaus insbesondere für Ernährungs- oder Bewässerungszwecke nicht substituierbar ist. Gleichwohl besteht umgekehrt kein Anlass zu der Annahme, dass moderne Gesellschaften völlig unreflektiert lokalen oder regionalen Wasserknappheiten ausgeliefert sind. Soziale Akteure und Systeme verfügen über eine Vielzahl von Handlungsoptionen, um auf ökologische Knappheitsprobleme, hier: Krise der Wasserversorgung, zu reagieren. Beispielsweise kann das verfügbare Trinkwasser durch die Implementierung regulierender sozialer Institutionen sowie durch entsprechende Techniken oder Infrastrukturmaßnahmen rationeller verwendet bzw. eingespart oder aus Überschussgebieten transportiert werden; saisonale Angebotsschwankungen können durch geeignete wasserbauliche Maßnahmen ausgeglichen werden; die Wasserqualität kann durch Reinigungstechniken oder durch Umstellung der Produktpalette verbessert werden; herkömmliche Süßwasserquellen können z. B. durch Meerwasserentsalzungsanlagen ersetzt werden usw. Diese und andere Maßnahmen sind jedoch vom „Entwicklungsstand“ einer Gesellschaft abhängig, genauer: ihrem wasserspezifischen Problemlösungspotential bzw. ihrer 11 Die in der Nachhaltigkeitsdebatte vertretenen unterschiedlichen Ökonomie-Ökologie-Modellierungen hat der SRU (1997: 133) im Hinblick auf den Grad der Substituierbarkeit von natürlichem durch sozio-ökonomisches Kapital zu systematisieren versucht: Grad der Substituierbarkeit Gering bis überhaupt nicht
Gering
Hoch
Hoch bis völlig
Radikaler Ökologismus
Ökologische Ökonomie
Umweltökonomie
Radikaler Ökonomismus
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Fähigkeit, soziale Konflikte um Wasser im Sinne einer ökologisch nachhaltigen und sozial verträglichen Nutzung zu regulieren. Mit anderen Worten wird der Grad der Substituierbarkeit von der Fähigkeit sozialer Systeme zur Entwicklung innovativer Problemlösungen beeinflusst, die technisch machbar, ökonomisch rational, politisch durchsetzbar, sozial ausgewogen und kulturell akzeptiert sind. Einschränkend ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Substituierbarkeit dort an Grenzen stößt, wo elementare ökologische Systemfunktionen beeinträchtigt werden. Die Substituierungsoption ist deshalb auch nur innerhalb unhintergehbarer physischer Restriktionen möglich. Vor diesem Hintergrund bleibt es ein Defizit des schwachen Substitutionsansatzes, dass ungeklärt ist, wann Substituierbarkeit möglich ist und wann Komplementarität vorliegt. Umweltleistungen werden lediglich wie Ressourcen betrachtet, die aus ihrem naturalen Kontext selektiert werden können. Die Erkenntnisse der Ökosystemforschung verschwinden in dem Maße, in dem naturale Elemente auf der Input-Seite des gesellschaftlichen Systems auf die Funktion eines Faktoreinsatzes reduziert werden. Betrachtet man nun die weiter oben skizzierten Nachhaltigkeitsregeln vor dem Hintergrund der soeben erörterten beiden strong und weak Sustainabilitymodelle, dann ergibt sich ein alles andere als einheitliches Bild. Die ersten beiden Regeln stimmen ganz offensichtlich mit dem Postulat des strong sustainability-Approach überein, den natürlichen Kapitalstock konstant zu halten, da der Bestand an erneuerbaren Ressourcen dauerhaft gesichert und die Fähigkeit der Umweltmedien, toxische Stoffe aufzunehmen und zu kompensieren, nicht beeinträchtigt werden soll. Hingegen findet sich in der dritten Nachhaltigkeitsregel die Substitutionsprämisse des weak sustainability-Modells wieder. Die Möglichkeit, nicht-regenerative Ressourcen abzubauen und industriell zu verwenden, wird schließlich von der Kapazität eines gesellschaftlichen Systems abhängig gemacht, die betreffenden Ressourcen durch alternative Stoffe zu ersetzen oder diese durch eine rationellere Verwendung einzusparen. In jedem Fall steht das Konzept des strong sustainability bei der Formulierung der dritten Managementregel für nicht-erneuerbare Ressourcen vor einem schwierigen Problem, da zwangsläufig jede Nutzung die absoluten Bestände des nicht-regenerativen Naturkapitalstocks verringert. Wenn die Nutzung nicht-regenerativer Ressourcen eine notwendige stoffliche Bedingung für die materielle Produktion ist und diese – was kaum strittig sein kann – einen bedeutenden Beitrag zum Lebensstandard leistet, dann muss nicht nur der Grundsatz „Konstanz des natürlichen Kapitals“ verfehlt werden, sondern auch das der Analyse zugrunde liegende Wertpostulat der Chancengleichheit zukünftiger Generationen bezüglich der Nutzung nicht-regenerativer Ressourcen. Wenn man die intergenerative Gerechtigkeitsnorm in seiner ganzen Konsequenz nicht weiter problematisiert, sondern zunächst als gegeben voraussetzt, dann kann die Nutzung nicht-erneuerbarer Ressourcen (und übrigens auch die Verringerung des Bestandes an erneuerbaren Ressourcen bzw. der Beeinträchtigung der Regenerationsfähigkeit der Umweltmedien) im Modell des strong sustainability nur gerechtfertigt werden, wenn diese keinen unverzichtbaren Beitrag zum Lebensstandard späterer Generationen leisten. Die hierfür notwendigen Voraussetzungen können im Kontext des weak sustainability dadurch geschaffen werden, dass die betreffenden nicht-erneuerbaren Stoffe in dem Maße durch andere Stoffe ersetzt (Substitution) bzw. rationeller (Produktivitätssteigerung) verwendet werden, in dem sie verbraucht werden. Es zeigt sich also, dass sich das Dilemma des strong sustainability-Approach nur durch die Erwartung auflösen lässt, dass die betreffenden ökologischen Input-Faktoren durch systemeigene Leistungen des gesellschaftlichen Systems substituiert bzw. rationalisiert werden können. Wie bereits weiter oben erläutert, wird im strong sustainability-Modell jedoch die Möglichkeit der Substitution nicht-erneuerbarer Ressourcen grundsätzlich sehr zu-
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Problemstellung: Die soziologischen Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte
rückhaltend beurteilt. Hiervon weicht der Ansatz der ökologischen Ökonomie insofern ab, als eine moderate Substituierbarkeit nicht-regenerierbarer Ressourcen unterstellt wird, ohne jedoch mit den weitreichenden Vorstellungen des weak sustainability-Approach konform zu gehen. Genauer betrachtet wird die Frage, ob der Abbau nicht-regenerativer Ressourcen angesichts des Prinzips intergenerativer Gerechtigkeit legitimierbar ist, davon abhängig gemacht, ob gleichwertige Alternativen – im Hinblick auf die Erfüllung ökologischer Funktionen – geschaffen werden können. Diese Möglichkeit wird vor allem bei der Ersetzung nicht-erneuerbarer durch erneuerbare Ressourcen sowie bei der Entwicklung und Anwendung des technischen Fortschritts gesehen (vgl. Pearce/Turner 1990: 48ff.; Daly 1990: 4). Bei der Nutzung erneuerbarer Ressourcen muss jedoch die Regenerationsrate die Abbaurate übertreffen, um die verbrauchten nicht-regenerativen Ressourcen ausgleichen zu können. Die Option technologischer Fortschritt ermöglicht hingegen durchaus eine Bestandsverminderung erneuerbarer Ressourcen, solange jedenfalls die ökologischen Funktionen nicht auf Dauer und substanziell beeinträchtigt werden. Darüber hinaus müssen beim Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen die Reststoffe berücksichtigt werden, die in die Umweltmedien Luft, Wasser und Boden eingebracht werden. Und schließlich wird im technischen Fortschritt die Möglichkeit gesehen, die Reststoff-Menge auch bei gleichem oder höherem Produktionsumfang zu reduzieren und damit die Senken ökologischer Systeme zu entlasten. Aus Sicht der ökologischen Ökonomie kann somit das Problem der Konstanz des natürlichen Kapitals wie folgt bestimmt werden: Erstens ist die uneingeschränkte Aufrechterhaltung des existierenden physischen Kapitalstocks in all seinen Bestandselementen und um jeden Preis weder möglich noch erforderlich; zweitens ist Substituierbarkeit grundsätzlich zwar erstrebenswert, aber eben nur dann sinnvoll, wenn die ökologischen Funktionen des Kapitalstocks dauerhaft gesichert werden können, die für die langfristige Reproduktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Nutzung von Umweltressourcen unverzichtbar sind (s. schon Opschoor/Reijnders 1991: 7). An dieser Stelle ist bereits ein kurzes Zwischenfazit möglich. Einige grundlegende Vorzüge und Probleme der beiden Nachhaltigkeitsschulen sind weiter oben angesprochen worden, so dass ich mich im Folgenden auf einen Aspekt beschränken möchte, der im Rahmen dieser Untersuchung einen zentralen Stellenwert besitzt: die soziologisch zentrale Frage nach der sozialen bzw. gesellschaftlichen Bedingung der Möglichkeit von nachhaltigen Formen der Umweltnutzung. Vor diesem Problemhintergrund besteht das entscheidende Defizit des weak sustainability-Approach in dem Umstand, dass die soziologisch relevanten Voraussetzungen einer erfolgreichen Umsetzung von Substitutionsstrategien in den verschiedenen sozialen Subsystemen moderner Gesellschaften vernachlässigt und die Implementierung von Backstop-Technologien in den jeweiligen Handlungsfeldern deswegen auch als rein technischer oder ökonomischer Vorgang dargestellt wird. Auf der anderen Seite bleibt das Modell des strong sustainability einer ausschließlich naturwissenschaftlichen Problembeschreibung verhaftet und vermag deswegen auch nicht die sozialen Faktoren zu identifizieren, die als Bedingung der Möglichkeit anzusehen sind, die ökologische Tragekapazität gesellschaftlicher Systeme zu erweitern und neue, nachhaltige Entwicklungspfade zu eröffnen. Es ist unmittelbar evident, dass die „Grenzen des Wachstums“ nicht beliebig sind und unbegrenzt verschoben werden können. Wie weiter oben gezeigt, können die Grenzen der anthropogenen Umweltnutzung beispielsweise in der verfügbaren Nettoprimärproduktion (NPP) ökologischer Systeme gesehen werden, d. h. genauer: in der Biomasse, die im Zuge der energetischen Umwandlung der Sonnenstrahlung durch die Photosynthese erzeugt wird (vgl. Daly 1992b; Goodland 1992).
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Gleichwohl wäre es jedoch ein naturalistischer Reduktionismus, diese Grenzen, deren zweifelsfreie und überprüfbare naturwissenschaftliche Bestimmung kaum möglich ist, als naturgegebene Schranken absolut zu setzen, denen sich die gesellschaftliche Entwicklung bedingungslos anzupassen habe. In einem instruktiven Beitrag plädiert Renn (1996b: 85f.) deswegen auch dafür, sowohl ökologische als auch gesellschaftliche Parameter zu berücksichtigen, um das Problem natürlicher Grenzen und ihre Beeinflussung durch soziale Systeme in einem nicht-reduktionistischen Sinne formulieren zu können: „Während die Tragekapazität für Tiere und Pflanzen eine exogene, von ihnen selbst unbeeinflußbare Größe darstellt, kann der Mensch die für ihn geltende Tragekapazität durch die Umgestaltung der Natur in produktive Umwelt (Kulturlandschaft) beeinflußen. Die Tragekapazität der Umwelt ist zwar in ihrer absoluten Grenze von ökologischen Bedingungen bestimmt, unterhalb dieser Grenze ist sie aber von den Produktionsbedingungen abhängig. Die Tragekapazität für den Menschen ist eine Funktion der ökologischen Bedingungen und der Produktionsverhältnisse. Beide Größen müssen parallel betrachtet werden“ (Renn 1996b: 85f.). Die folgende Tabelle veranschaulicht die Relationalität der ökologischen Tragekapazität, indem sie in Beziehung zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Produktionsbedingungen gesetzt wird: Tabelle 1: Durchschnittliche Tragekapazität unter verschiedenen Produktionsbedingungen Produktionsbedingungen Jäger und Sammler Hirtenvölker
Tragekapazität pro Quadratkilometer (Menschen) 0,0007 – 0,6 0,9 – 1,6
Frühe Agrikultur (Shifting Agriculture)
2 – 100
Technisch verbesserte Agrikultur
8 – 120
Frühindustrialisierung
90 – 145
Moderne Industriegesellschaft
140 – 300
Postindustrielle Gesellschaft
?
(Renn 1996b: 86)
Die nicht unerheblichen methodischen Probleme bei der Bestimmung der Tragekapazität pro Quadratkilometer können nicht diskutiert werden. An dieser Stelle ist jedoch darauf hinzuweisen, dass ein Vergleich der unterschiedlichen Wirtschaftsformen nicht unproblematisch ist, da bereits innerhalb eines Entwicklungstypus erhebliche Bandbreiten festzustellen sind. Zu berücksichtigen sind deswegen eine Vielzahl von natürlichen und sozialen Einflussfaktoren in ihren wechselseitigen Beziehungen, um zuverlässigere Aussagen über die ökologische Tragekapazität konkreter historischer Gesellschaftssysteme machen und miteinannder vergleichen zu können. Ohne die sozialen Faktoren vernachlässigen zu wollen, kommt sicherlich in agrarischen Gesellschaften den regionalen naturräumlichen Gegebenheiten wie Bodenqualität, Niederschlagsmenge und Klima eine ganz besondere Bedeutung zu, um Unterschiede in der Tragekapazität erklären zu können. Im Falle moderner Gesellschaften sind vor allem die verschiedenen Entwicklungsstadien der Industrialisierung zu berücksichtigen sowie weitere Einflussfaktoren wie etwa Siedlungsstruktur, Wohlfahrtsniveau, Konsumpraktiken oder andere kulturell tradierte Nutzungspräferenzen von Umweltressourcen. Ungeachtet einer weiteren Differenzierung verdeutlichen jedoch bereits die obigen Berechnungen, dass die Tragekapazi-
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Problemstellung: Die soziologischen Defizite der Nachhaltigkeitsdebatte
tät mit der Entwicklung der Produktionsbedingungen gesellschaftlicher Systeme kontinuierlich gewachsen ist und sich beispielsweise gegenüber der neolithischen Epoche vertausendfacht hat. Renns Absicht ist es nicht, diese Transformationen ursächlich zu erklären und in einen umfassenden modernisierungstheoretischen Rahmen stellen zu wollen. Im Anschluss an einschlägige universalhistorische Untersuchungen zum Wandel menschlicher Energiesysteme (vgl. exemplarisch Debeir/Deléage/Hémery 1989) verweist Renn (1996b: 86f.) gleichwohl auf fünf „prometheische Innovationen“, ohne die diese epochalen Entwicklungssprünge nicht verstanden werden können: die Beherrschung des Feuers, die Erfindung der landwirtschaftlichen Arbeit, die Verwandlung fossiler in mechanische Energie, die industrielle Revolution sowie schließlich die Substitution von Materie durch Information. Die mit diesen Innovationen einhergehenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse bieten für Renn zumindest theoretisch die Möglichkeit, unterhalb der von der natürlichen Nettoprimärproduktion vorgegebenen ökologischen Schranke die Produktivität von Naturressourcen für soziale Zwecke zwar nicht beliebig, aber doch zumindest um ein Vielfaches zu steigern. Nicht zu übersehen ist hingegen, dass mit der zunehmenden Nutzung von Umwelt ein entsprechender Ressourcen- und Energieverbrauch verbunden ist. Die dadurch entstehenden ökologischen Kosten sind jedoch nicht isoliert zu betrachten, sondern können nur in Relation zu den gesellschaftlichen goods eines erweiterten Zugriffs auf Naturressourcen bewertet werden. Obwohl Renn auf der einen Seite von der Relativität der Tragekapazität ausgeht und damit die strikten Annahmen des strong sustainability-Approach zurückweist, setzt er sich auf der anderen Seite von technologischen Positionen ab, die in ihrem ungebrochenen Modernisierungsoptimismus limitierende ökologische Parameter gänzlich zu ignorieren scheinen. Nach Renn (1996b: 87) besteht das Grundproblem gegenwärtiger Gesellschaften darin, dass das exponentielle Bevölkerungswachstum sowie die Dynamik der industriellen Produktion, gemessen am Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauchs von Gütern und Dienstleistungen, die Fähigkeit sozialer Systeme übersteigen kann, kurzfristig und fortlaufend Innovationen zur Anpassung der Produktionsbedingungen an die neuen ökologischen Herausforderungen hervorzubringen. In diesem Fall wachsen die sozialen Nutzungsansprüche an die Umwelt schneller als die durch technischen Fortschritt und organisatorischen Wandel ausgelöste Erhöhung der Produktivität der Umweltnutzung. Folgt man diesen explorativen Überlegungen, dann kann die Umweltproblematik in einer gestörten Balance zwischen Nutzungsrate und Nutzungseffizienz von Umweltressourcen gesehen werden. Bei der Wiederherstellung dieser Balance misst Renn den gesellschaftlichen „Produktionsbedingungen“ insofern eine ganz herausragende Bedeutung zu, da sie die kritische Größe bei einer ökologisch optimierten Nutzung von Umweltleistungen darstellen. Auch wenn Renn darauf verzichtet, die Begriffe „Produktionsbedingungen“ und „Produktionsverhältnisse“ theoretisch genauer zu klären und die sozialen Mechanismen herauszuarbeiten, die beispielsweise eine größere Tragekapazität pro Quadratkilometer ermöglichen, so wird doch eine umweltsoziologische Forschungsperspektive eröffnet, die jenseits des Naturalismus und Kulturalismus die sozialen Rahmenbedingungen einer nachhaltigen Entwicklung in den Mittelpunkt stellt. Zwar wenden sich auch die verschiedenen Varianten der Umweltökonomie gegen eine Forschungsperspektive, die sich ausschließlich von der Vorstellung konstant gesetzter Naturschranken leiten lässt. Gleichwohl überstrapazieren sie die Möglichkeit eines „Wachstums der Grenzen“, vertrauen voller Optimismus auf die rechtzeitige Entwicklung von Backstop-Technologien und wenden sich sodann lediglich dem Problem der ökonomisch effizienten Allokation von Umweltressourcen zu. Die ökonomischen Modelle helfen jedoch nicht
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weiter, um die relevanten sozialen Hemmnisse und Erfolgsfaktoren ökonomisch effizienter und ökologisch effektiver Entwicklungspfade aufzeigen zu können.
2. Soziale Nachhaltigkeit Wie gesehen Soziale Nachhaltigkeit sind die Operationalisierungsversuche des strong und weak sustainability-Ansatzes durch ökologistische bzw. ökonomistische Vereinseitigungen gekennzeichnet. Trotz aller grundlegenden Unterschiede und Herangehensweisen ist beiden Modellen gemeinsam, dass ihnen kein tragfähiges sozialwissenschaftliches Verständnis von Gesellschaft zugrunde liegt, um hierauf aufbauend die soziale Dimension von Umwelt und nachhaltiger Entwicklung problematisieren oder die Resonanzfähigkeit sozialer Systeme auf ökologische Veränderungen in der natürlichen Umwelt in einem nicht-reduktionistischen Sinne beschreiben zu können. Strong sustainability-Ansätze leiten die Umweltproblematik strikt naturwissenschaftlich her und weisen sozialen Prozessen oder Institutionen lediglich die Funktion zu, notwendige Anpassungsleistungen an ökologische Zielbestimmungen zu erbringen, die ihrerseits absolut gesetzt (Bestandserhaltung des „natürlichen Kapitalstocks“) und zum alleinigen normativen Referenzmaßstab bei der Beurteilung gesellschaftlicher Entwicklungen herangezogen werden. Weak sustainability-Ansätze lassen demgegenüber das Soziale in Entscheidungen und Strukturen des wirtschaftlichen Systems aufgehen. Sie argumentieren insofern ökonomistisch, da die Umweltproblematik auf Fragen einer möglichst effizienten Allokation und Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen reduziert wird. Folgerichtig werden Probleme des Sozialen entweder aus „objektiven“ Krisenzuständen ökologischer Systeme (z. B. „Übernutzungen“) abgeleitet oder als Ergebnis einer ökonomisch „ineffizienten“ Verteilung begehrter natürlicher Ressourcen gedeutet. Seit der Rio-Konferenz ist in der Nachhaltigkeitsforschung wiederholt versucht worden, diese ökologischen und ökonomischen Vereinseitigungen zu überwinden und die soziale Dimension von Umwelt und Nachhaltigkeit stärker zu akzentuieren. In der bundesdeutschen Debatte kommt der zweiten Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt eine besondere Bedeutung zu, da sie in ihrem Endbericht (1998) erstmals Vorschläge zur Präzisierung eines mehrdimensionalen Nachhaltigkeitskonzeptes erarbeitet hat, das von der normativen Prämisse einer prinzipiellen Gleichrangigkeit ökologischer, ökonomischer und sozialer Zielsetzungen ausgeht. Die Enquete- Kommission konzentriert sich darauf, in Analogie zu den weiter oben diskutierten ökologischen Managementregeln, vergleichbare Regeln auch für die ökonomische und soziale Dimension von Nachhaltigkeit zu definieren, die einzuhalten oder zu erfüllen sind, um die „Funktionsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems“ sowie „soziale Stabilität und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit“ dauerhaft zu gewährleisten (Enquete-Kommission 1998: 17ff.). Die Regeln für die soziale Nachhaltigkeitsdimension haben eher aufzählenden Charakter und sind äußerst allgemein gehalten. Als Leitprinzipien werden u. a. Menschenwürde, individuelle Freiheit, „sozialer Frieden“, Solidarität und soziale Sicherheit genannt. Hieraus werden dann soziale Qualitätsziele abgeleitet: wie etwa die Sicherung eines gesellschaftlich anerkannten und verfassungsrechtlich garantierten Grundbedarfs oder die „Herstellung und Sicherung von Gesundheit, Erwerbsfähigkeit und -möglichkeit, Bildungsund Ausbildungschancen“ (1998: 40).12 Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass 12 Die Enquete-Kommission greift hierbei nicht auf Begriffe wie Grundbedürfnisse (basis needs) zurück, die in der
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die Enquete-Kommission auf den bereits weiter oben problematisierten Begriff der ökologischen „Tragekapazität“ zurückgreift und ihn auf die gesellschaftliche Sphäre überträgt: „In jüngster Zeit (...) setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß auch im Bereich ökonomischer und sozialer Ordnungen Grenzen der Belastungsfähigkeiten existieren, die bei Überanspruchung zu ähnlichen Konsequenzen (Einschränkung der Leistungsfähigkeit bis hin zum Zusammenbruch des betreffenden Systems) führen können“ (1998: 17). Aus der Sicht der Enquete-Kommission wird das Nachhaltigkeitsgebot nicht nur dann verletzt, wenn die natürlichen Lebensgrundlagen für künftige Generationen beeinträchtigt werden, sondern auch den staatlichen oder privaten Verschuldungen keine ausreichenden Zukunftsinvestitionen gegenüberstehen, die etablierten Bildungs- und Ausbildungssysteme sich nicht dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft anpassen oder die sozialen Sicherungssysteme ihre Finanzierungsgrundlage und Leistungsfähigkeit einbüßen. Dieser Vorstellung folgend werden die jeweils verfügbaren gesellschaftlichen Handlungsspielräume durch die „Belastbarkeitsgrenzen“ ökologischer, ökonomischer und sozialer Systeme oder Zusammenhänge vorgegeben. Die Schwierigkeiten bei der Bestimmung von Schwellenwerten für ökologische Funktionszusammenhänge sind bereits weiter oben angesprochen worden. Andere, aber ebenso grundlegende Probleme treten auf, wenn Aussagen über die Belastbarkeit oder „Tragekapazität“ von sozialen Systemen gemacht werden sollen. Bei ihnen ist es nämlich schwierig, wenn nicht unmöglich, sich darüber zu verständigen, worin die wesentlichen Funktionen sozialer Systeme eigentlich bestehen, welche sozialen Ressourcen erhaltenswert sind, wann eine „normale“ Funktionsstörung gegeben ist, wann nicht mehr von einem „normalen“ sozialen Wandel gesprochen werden kann und wann die Grenze zu dysfunktionalen oder pathologischen Störungen überschritten wird. Zuverlässige Aussagen sind allein schon deswegen nicht möglich, weil alle „Leistungen“ sozialer Systeme nicht einfach objektiv gegeben, sondern kontext-, deutungs- bzw. kulturabhängig sind und potentiell durch funktionale Äquivalente ersetzt werden können (vgl. Kneer 2000: 496). Auch der explizit formulierte Anspruch der Enquete-Kommission, die drei Nachhaltigkeitsdimensionen nicht isoliert zu behandeln oder additiv nebeneinander zu stellen, sondern sie in einem integrativem Sinne in Beziehung zueinander zu setzen, kann, wie schon Jörissen/Kopfmüller/Brandl/Paetau (1999: 37ff.) gezeigt haben, nicht eingelöst werden. Es bleibt nämlich unklar, wie die „Integration“ der drei Nachhaltigkeitsdimensionen eigentlich erfolgen soll, auf Grundlage welcher Bewertungskriterien die dimensionsspezifischen Zielsetzungen untereinander abgewogen werden können (vgl. hierzu Feindt 2000: 485f.) und wie „integrative Lösungen“ in praktisches Handeln in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern mit widerstreitenden Rationalitäten umzusetzen sind. Von der Enquete-Kommission werden lediglich allgemeine Aussagen über die Notwendigkeit ökonomischer Effizienzen und Innovationen, über die vorteilhafte Lenkungsfunktion der Marktsteuerung oder über die Sicherung von „Leistungspotentialen“ und die Herstellung von „sozialer Stabilität“ in modernen Gesellschaften gemacht.13 Auch wird darauf verzichtet, genauer anzugeben, inwiefern ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeitsziele überhaupt „integrierbar“ sind und sich in positiver Weise wechselseitig verstärken bzw. ob und welche Zielinternationalen Entwicklungsdebatte verwendet werden, sondern formuliert soziale Nachhaltigkeitsregeln vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Problemlagen der Bundesrepublik. 13 Die Annahme der Enquete-Kommission (1998: 51), dass der Erhalt des „sozialen Friedens“ eine notwendige Bedingung sozialer Nachhaltigkeit ist, ist keineswegs unumstritten. Dieser auch von Bizer (2000: 480f.) vertretenen konsenstheoretischen Position ist Kneer (2000: 499) mit dem Hinweis auf konflikttheoretische Überlegungen von Simmel (1992: 284ff.), Coser (1965) und Dahrendorf (1969) entgegengetreten, für die geregelte soziale Konflikte, nicht desintegrierend, sondern integrierend wirken. Vgl. hierzu Dubiel (1999).
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konflikte auftreten. Um das Problem der Integrierbarkeit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsziele erörtern zu können, wäre zunächst zu klären, wie gesellschaftliche Strukturen und Prozesse gerade auch in Abgrenzung zu natürlichen Ereignissen beschrieben werden können, welche Bedeutung der „Natur“ in sozialen Prozessen zuzuschreiben ist, ob bzw. inwiefern überhaupt von „Wechselbeziehungen“ zwischen natürlichen und sozialen Ereignissen gesprochen werden kann, wodurch sich die Dynamik moderner Gesellschaften auszeichnet, wie ihre Konfliktmuster gekennzeichnet werden können und welche Schlussfolgerungen hieraus für den Begriff der „sozialen Nachhaltigkeit“ zu ziehen sind. Nachhaltigkeitskonzepte, denen – ganz ähnlich wie das der Enquete-Kommission – ein starkes Verständnis von Integrierbarkeit bezüglich der drei Dimensionen zugrunde liegt, sind an einige Annahmen gebunden, die keineswegs selbstverständlich, sondern höchst voraussetzungsvoll sind. Selbst wenn man unterstellt, dass soziale Prozesse sowohl auf der Handlungsebene individueller Akteure als auch auf der Systemebene gesellschaftlicher Funktionsbereiche fundamentale Bezüge zur materiellen Welt aufweisen, dann ist die Schlussfolgerung noch keineswegs zwingend, dass eine reibungsarme „Integration“ von sozialer Entwicklung und ökologischen Erfordernissen möglich ist. Im Gegenteil kann auch eine (relative) Eigengesetzlichkeit des Sozialen unterstellt werden; und zwar im klassischen Sinne der Soziologie, die immer wieder darauf hingewiesen hat, dass soziale Ordnungen oder Systeme sowohl in ihrer Binnenstruktur als auch in ihrer Entwicklungsdynamik und ihren „Außenkontakten“ gänzlich anderen, weil sinn- und handlungsvermittelten „Logiken“ unterliegen als dies für technische Funktionsabläufe oder ökologische Zusammenhänge der Fall ist. Vor diesem Hintergrund ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit die in der interdisziplinären Nachhaltigkeitsdebatte verbreiteten modelltheoretischen Konzepte zur Beschreibung von „Interaktionen“ zwischen sozialen und ökologischen Systemen überhaupt hilfreich sind, um komplexe soziale Prozesse beschreiben und gesellschaftliche Reaktionsmuster auf ökologische Degradationen rekonstruieren zu können. Die Resonanzfähigkeit einer Gesellschaft auf Umweltprobleme kann jedenfalls nicht aus objektiven Gefährdungslagen abgeleitet werden. Integrationsorientierte Nachhaltigkeitsansätze überspielen nur allzu leicht die Besonderheiten sozialer Prozesse und unterstellen eine Vereinbarkeit von ökologischer Verträglichkeit und sozialer Entwicklung, die theoretisch keineswegs selbstverständlich und in zahlreichen Fällen empirisch alles andere als evident ist. Grundsätzlicher ist deswegen auch zu problematisieren, ob bzw. in welcher Weise soziale Prozesse überhaupt durch Veränderungen innerhalb der natürlichen Umwelt beeinflusst oder „irritiert“ (Luhmann) werden können.14 Jedenfalls können soziale Entwicklungsmodelle (z. B. fordistischer Massenkonsum, Individualautomobilität, Suburbanisierung), die aus einer ökologischen Perspektive problematisch erscheinen, von den sozialen Akteuren gerade deshalb als wünschenswert angesehen werden, weil sie den vorherrschenden Normen und Handlungsroutinen eines „guten Lebens“ entsprechen. Wie beispielsweise Heine/Mauz/Rosenbaum (2001: 249) in einer empirischen Untersuchung über die alltägliche Nutzung des Automobils nachweisen 14 Zahlreiche Beispiele können angeführt werden, um zu belegen, dass gesellschaftsinterne Ereignisse wie Kriege, Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrisen, ethnische und religiöse Konflikte, politische Legitimationskrisen oder soziale Exklusion und Desintegration sich in aller Regel direkter und unmittelbarer auf die Strukturen einer Gesellschaft auswirken als gesellschaftsexterne Ereignisse in der natürlichen Umwelt. Dies gilt unabhängig von der Frage, ob diese gesellschaftsexternen Ereignisse anthropogen verursacht (Bodendegradation durch landwirtschaftliche Flächenübernutzung, Treibhauseffekt durch industrielle Tätigkeiten, Wasserverunreinigungen durch Einleitung toxischer Stoffe, Überschwemmungen durch Bodenversiegelung, Rückgang der Fischpopulation durch Überfischung) oder „natürlich“ induziert sind (natürliche Klimaschwankungen, Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche).
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konnten, kann sogar eine „ökologisch falsche Lebensweise mit dem ökologisch richtigen Wissen (...) auf Dauer koexistieren“. Die Versuche zur Bestimmung dessen, was seit den 1990er Jahren als „soziale Nachhaltigkeit“ bezeichnet wird, leiden ganz überwiegend darunter, dass eine primär normativ-appellative Argumentationsebene eingenommen und ansonsten darauf verzichtet wird, den Begriff des Sozialen genauer auszuweisen, ihn in einem soziologisch-analytischem Sinne zu verwenden und dann in Beziehung zur ökologischen Problematik zu setzen. Oftmals wird der Begriff „soziale Nachhaltigkeit“ ganz unspezifisch im Sinne von „sozialer Dauerhaftigkeit“ oder „Zukunftsfähigkeit“ verwendet. Diese diffuse und zunehmend willkürliche Verwendungsweise zeigt sich vor allem in den inflationären Debatten zur „nachhaltigen Rentenformel“, zur „nachhaltigen Steuerreform“ oder zur „nachhaltigen Konsolidierung der Staatsfinanzen“ (vgl. SRU 2004b: 1). In einem spezifischeren Sinne wird der Begriff „soziale Nachhaltigkeit“ dann verwendet, wenn Aussagen über anzustrebende oder zu gewährleistende Lebensbedingungen von Individuen in einer „sustainable society“ (Heins 1998) gemacht werden (Bedürfnisbefriedigung, Sicherung von Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Geschlechtergerechtigkeit, intragenerative Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit), die moralisch-ethische Legitimität gegenwärtiger und zukünftiger Ressourcennutzungen problematisiert wird (intergenerative Gerechtigkeitsprobleme) oder die Sicherung von Akzeptanz und Zustimmung in breiten Bevölkerungsgruppen angemahnt wird, um weitreichende, ökologisch für notwendig erachtete Maßnahmen zur Entlastung der Umwelt durchsetzen zu können (Kommunikations- oder Verfahrensprobleme). Im letztgenannten Fall wird die soziale Dimension von Nachhaltigkeit auf Fragen der Sozialverträglichkeit bezogen und damit nicht gleichberechtigt neben die ökologische Dimension gestellt, sondern im Sinne einer Erfüllungsfunktion für ökologische Zielbestimmungen nachrangig behandelt. Die Einschätzung von Jörissen/Kopfmüller/Brandl/Paetau (1999: 97), dass keine überzeugende, konsistente und verallgemeinerbare Begründung von Kriterien und Zielen sozialer Nachhaltigkeit vorliegt, ist auch weiterhin zutreffend.15 Im Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist allerdings noch weitaus problematischer, dass viele Beiträge zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit sich ganz überwiegend auf normativ-programmatische Soll-Aussagen beschränken und darauf verzichten, eine analytisch-beschreibende Perspektive einzunehmen, um soziale bzw. gesellschaftliche Probleme nachhaltiger Entwicklungsstrategien zu untersuchen. Und wenn einmal eine analytisch-beschreibende Perspektive eingenommen wird, dann beschränkt sich diese nicht selten auf bestimmte Teilbereiche der modernen Gesellschaft, denen üblicherweise die Aufgabe zugeschrieben wird, den sozialen Zusammenhalt durch gemeinschaftliche oder sozialstaatliche Formen der Vergesellschaftung zu sichern.16 In 15 Trotz aller Differenzierungsbemühungen gilt dieser Befund auch für ihren eigenen Vorschlag zur Bestimmung sozialer Nachhaltigkeitsregeln. Einen Überblick über unterschiedliche Ansätze zur Operationalisierung der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit bietet Zieschank (2002). Auf den Vorschlag von Minsch/Feindt/Meister/Schneidewind/Schulz (1998) und Jörissen/Kopfmüller/Brandl/Paetau (1999), die drei Nachhaltigkeitssäulen um eine vierte – politisch-institutionelle – Dimension zu erweitern, um nicht nur Mindestanforderungen an eine nachhaltige Entwicklung („Was-Regeln“) formulieren, sondern auch Strategien und Wege zu ihrer Realisierung („Wie-Regeln“) angeben zu können, kann nicht eingegangen werden. 16 Bizer (2000) hat vorgeschlagen, Colemans Begriff des „sozialen Kapitals“ (1995: 389ff.) fruchtbar zu machen, um die Sozialdimension von Nachhaltigkeit theoretisch zu fundieren. Wenn man diese enge Bestimmung der Sozialdimension zugrunde legt, dann treten allerdings einige gravierende Probleme auf. So wendet etwa Kneer (2000: 496) ein, dass Sozialkapital eine „sehr heterogene Ressource“ ist, die kaum quantifiziert werden kann. Es bleibt nämlich im Einzelfall unklar, inwiefern durch die Bildung von Sozialkapital Prozesse nachhaltiger Entwicklung gefördert oder gehemmt werden können. Sicherlich können nicht-kodifizierte Verhaltensmuster und
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dieser doppelten Engführung auf normative Fragen einerseits und Akzeptanz- bzw. Gerechtigkeitsprobleme andererseits zeigt sich, dass die Debatte zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit unter einem erheblichen Theoriedefizit leidet. Um diese Selbstbeschränkung zu überwinden, die sozialen bzw. gesellschaftlichen Probleme von Nachhaltigkeitsstrategien in ihrer ganzen Breite benennen und Aussagen über die „Integrierbarkeit“ von ökologischen und sozialen Aspekten von Nachhaltigkeit machen zu können, ist ein möglichst breiter, soziologisch-analytischer Begriff des Sozialen zu entwickeln, der für die Umweltproblematik hinreichend sensibilisiert ist. Dieser Begriff sollte erstens geeignet sein, den sozialen Zugriff von handelnden Akteuren auf Umweltpotentiale in einem nicht-naturalistischen Sinne beschreiben zu können. Zweitens sollte er hinreichend differenziert sein, um unterschiedliche Motivlagen, Zwecksetzungen und Handlungsroutinen in den Blick zu nehmen, die den handlungsförmigen Nutzungspraktiken zugrunde liegen. Drittens sollten utilitaristische Verkürzungen vermieden werden, da die umweltbezogenen „Nutzungs“praktiken der handelnden Akteure nicht auf ökonomische Ausbeutungszwecke oder andere interessengeleitete Motive begrenzbar sind. So bedeutsam derartige Motivlagen sozialer Akteure auch immer sein mögen, so ist die analytische Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf nicht- ökonomische, wertdominierte und symbolische Praktiken im Umgang mit Umweltpotentialen zu richten. Und viertens sind in Abgrenzung zur funktionalistischen Sichtweise des Sozialen, wie sie beispielsweise auch den Überlegungen der Enquete-Kommission zur sozialen Nachhaltigkeit zugrunde liegt, gesellschaftliche Konflikte um interessen- oder wertgeleitete umweltbezogene Nutzungspraktiken in den Blick zu nehmen. Erst wenn über das „Soziale“ eine begrifflich-konzeptionelle Klärung herbeigeführt und das Verhältnis handelnder Akteure zur „natürlichen Umwelt“ bestimmt ist, können auch die sozialen Bedingungen, Kontexte und Folgen von Umweltnutzungen und Umweltveränderungen erörtert und schließlich die sozialen Probleme einer nachhaltigen Entwicklung thematisiert werden. Zuvor ist jedoch im folgenden Kapitel danach zu fragen, welchen Beitrag die umweltsoziologische Forschung bislang geleistet hat, um die Nachhaltigkeitsproblematik soziologisch erschließen und erweitern zu können.
Kooperationsbeziehungen (Aufbau von Sozialkapital) innerhalb von Fischergemeinschaften zum Schutz regionaler oder lokaler Fischbestände beitragen (Erhalt des Naturkapitals). Ganz in diesem Sinne weist der WBGU (2005: 59ff.) darauf hin, dass ein erfolgreiches Management natürlicher Ressourcen durch lokale Gemeinschaften ein Minimum an Sozialkapital benötigt. Zugleich kann aber auch „in einem Hobbyfliegerclub oder einem Syndikat zur illegalen Rodung von Naturwald erhebliches soziales Kapital gebildet werden, während der Vereinszweck auf die Zerstörung von Naturkapital hinausläuft“ (Feindt 2000: 490). Über diese Unklarheiten hinausgehend ist auf ein weiteres Problem hinzuweisen: Der Begriff des Sozialkapitals ist nämlich ungeeignet, die soziale Dimension in ihrer ganzen Breite zu operationalisieren. Colemans Begriff hebt auf reziproke Verpflichtungen (obligations) und vertrauensbasierte Erwartungen (expectations) in kopräsenten sozialen Beziehungen ab. Diese Kategorie ist allenfalls hilfreich, um gemeinschaftliche oder segmentär differenzierte Sozialsysteme in den Blick zu nehmen, während formalisierte soziale Institutionen in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften vernachlässigt bleiben (vgl. Kneer 2000).
III. Umwelt in der Umweltsoziologie
Unter dem Umwelt in der Eindruck Umweltsoziologie der aufkommenden internationalen Umweltdebatte zu den Limits to Growth (Meadows/Meadows u. a. 1973) hat sich bereits Mitte der 1970er Jahre in den USA die Environmental Sociology herausgebildet, um die soziologische Theorietradition einer grundsätzlichen Kritik zu unterziehen. Federführend für diese neue Forschungsrichtung haben sich vor allem William R. Catton und Riley E. Dunlap gegen das dominante Wachstums- und Industrialisierungsparadigma soziologischer Modernisierungstheorien gewendet, um sodann das etablierte Selbstverständnis der Soziologie, Gesellschaft als eigenständigen und unabhängigen Forschungsgegenstand in Abgrenzung zu natürlichen Systemen zu analysieren, in Zweifel zu ziehen. In dem programmatischen Aufsatz Environmental Sociology: A New Paradigm haben Catton/Dunlap (1978) den traditionellen Hauptströmungen des soziologischen Denkens vorgehalten, das Soziale – im Sinne des Soziozentrismus – in immer größerer Eigenständigkeit zu natürlichen Systemen konzipieren zu wollen. Hierin liegt für Catto/Dunlap auch die weitgehende Absenz der ökologischen Frage in der Soziologie begründet. Den grundverschiedenen Ansätzen der soziologischen Tradition wie Strukturfunktionalismus und Marxismus, Symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie oder die Konflikttheorie ist nach Catton/ Dunlap gemeinsam, dass sie allesamt aus einer basalen anthropozentrischen Blickrichtung ihre (unterschiedlichen) Forschungsgegenstände beschreiben und analysieren. Diese spezielle Blickrichtung bezeichnen Catton/Dunlap (1978) als „Human Exceptionalism Paradigm (HEP)“, das von folgenden programmatischen Setzungen ausgeht: „1. Humans are unique among the earth’s creatures, for they have culture. 2. Culture can vary almost infinitely and can change much more rapidly than biological traits. 3. Thus, many humans differences are socially induced rather than inborn, they can be socially altered, and inconvenient differences can be eliminated. 4. Thus, also, cultural accumulation means that progress can continue without limit, making all social problems ultimately soluble“ (Catton/Dunlap 1978: 42f.). Gegen das HEP ist vor allem eingewendet worden, dass eine angemessene Thematisierung ökologischer Probleme behindert wird, da in diesem Kontext gesellschaftliche Existenzbedingungen nur aus sich selbst heraus erklärt werden, während ökosystemare Abhängigkeiten menschlicher Gesellschaften vernachlässigt und folglich auch die naturalen Grenzen des Sozialen ausgeblendet bleiben. In Abgrenzung zum HEP gehen Catton/Dunlap von der normativen Prämisse aus, dass sich soziale Systeme den Gesetzen und Erhaltungsbedingungen eines allumfassenden ökologischen Systems unterzuordnen hätten, die anthropozentrische Blickrichtung der soziologischen Tradition deswegen auch überwunden werden müsse und die vorgegebenen Nutzungs- und Belastungsgrenzen der physischen Umwelt zu respektieren seien (ecological limits). Die Ursachen gesellschaftlich produzierter Umweltbelastungen, die Interaktionen zwischen Umwelt und Gesellschaft, aber auch die allgemeinen sozialen Verhältnisse (social conditions) sowie der soziale Wandel könnten erst dann in angemessener Weise soziologisch reflektiert werden, wenn der für das Fach typische ontologische Dualismus von Natur und Kultur überwunden und die menschliche Gesellschaft als Teil eines umgreifenden ökologischen Systems konzipiert werde. Mit der ökologischen Thematik – Catton/Dunlap (1978: 44) sprechen auch von der
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Umwelt in der Umweltsoziologie
„reality of ecological constraints“ – seien nicht nur grundlegende Entwicklungsprobleme moderner Gesellschaften aufgeworfen, sondern auch das wissenschaftliche Selbstverständnis der Soziologie berührt worden, gemäß des Durkheim’schen Axioms, Soziales durch Soziales erklären zu können. Vor diesem Hintergrund haben Catton/Dunlap eine grundlegende Neuausrichtung der Soziologie vorgeschlagen, die sie auf den Begriff des „New Environmental Paradigm (NEP)“ gebracht haben. Das NEP geht von folgenden Grundannahmen über die „nature of social reality“ aus: „1. Human beings are but species among the many that are interdependently involved in the biotic communities that shape our social life. 2. Intricate linkage of cause and effect and feedback in the web of nature produce many unintended consequences from purposive human action. 3. The world is finite, so there are potent physical and biological limits constraining economic growth, social progress, and other societal phenomena“ (Catton/Dunlap 1978: 45; vgl. auch Dunlap/Catton 1979b; 1994; Dunlap 1997). Ausgangspunkt des NEP bildet ganz offensichtlich ein physischer Environment-Begriff, der die natürlichen Existenzgrundlagen menschlicher Gesellschaften umschreibt, welche den zentralen Maßstab abgeben, an dem sich die soziale Evolution auszurichten hat. Mit anderen Worten werden Natur und Gesellschaft als wechselseitig aufeinander bezogen und miteinander verschränkt gedacht, wobei der Natur – aus der Sicht der Gesellschaft – zwei Schlüsselfunktionen zugeschrieben werden: zum einen stellt sie lebensnotwendige Ressourcen bereit, und zum anderen gibt sie im Sinne einer gelungenen Vergesellschaftung die normative Richtschnur des Handelns ab. Dunlap/Catton (1979a) haben in der Folgezeit den Environment-Begriff weiter zu präzisieren versucht, wobei zwischen einer natürlichen, modifizierten, erbauten und sozialen Umwelt unterschieden wird. Die natürliche Umwelt (natural environment) umfasst die gesellschaftlich nicht modifizierte physische Umwelt wie Urwälder, Ozeane oder unberührte Naturressourcen; die modifizierte Umwelt (human-altered environment) verweist auf jene Bestandteile der physischen Umwelt, die von sozialen Akteuren zweckgerichtet oder unbeabsichtigt verändert werden, in dem z. B. die Umweltmedien Luft, Wasser oder Boden mit Schadstoffen belastet, Naturlandschaften kultiviert oder Flüsse begradigt werden; die erbaute Umwelt (manmade or built environment) bezieht sich auf eine artifizielle Umwelt wie etwa Verkehrswegenetze, Siedlungs- und andere Infrastrukturen; und schließlich rekurriert die soziale Umwelt (social environment) auf Individuen, Gruppen, Organisationen, Kulturen und Gesellschaften. Die schwierigen Abgrenzungsprobleme einer derartigen Umwelttypologie, z. B. zwischen natürlicher und modifizierter, modifizierter und sozialer oder modifizierter und erbauter Umwelt, sind von Dunlap/Catton allerdings nicht genauer eruiert worden. Vielmehr scheinen sie sich an einer üblichen innersoziologischen Themen- und Aufgabenaufteilung orientiert zu haben, wenn sie festhalten, dass die erbaute Umwelt dem Untersuchungsbereich der Stadtsoziologie zuzuordnen sei, während die primäre Aufgabe der Environmental Sociology darin gesehen wird, die natürliche und modifizierte Umwelt ins Blickfeld zu rücken (vgl. 1979a: 77ff.). In ihrem programmatischen Selbstverständnis zielt die Environmental Sociology darauf ab, wechselseitige Interaktionseffekte von ökologischen und sozialen Systemen in den Mittelpunkt zu stellen (Catton/Dunlap 1978: 44). Die von Catton/Dunlap vorgeschlagene Differenzierung des Environment-Begriffs in natürliche, modifizierte, erbaute und soziale Umwelten stellt zwar ausdrücklich in Rechnung, dass soziale Einflussfaktoren bei der Analyse von Umweltbedingungen keineswegs zu unterschätzen sind und – damit zusammenhängend – Fragen nach der Modifikation und Gestaltung nicht-menschlicher Umwelten durch soziales Handeln aufgegriffen werden müssen. In eine ähnliche Richtung verweist auch die von Dunlap/
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Catton (1979) vorgenommene modellhafte Unterscheidung zwischen einer symbolischen und nicht-symbolischen Interaktionsebene von Umwelt und Gesellschaft. In diesen begrifflichen Differenzierungen bleibt jedoch „theoretisch unausgesprochen, wie die verschiedenen Einflußfaktoren konzeptuell und graduell in Wechselwirkung stehen, welche Effekte sie aufeinander haben und wie die Umwelten und Interaktionsebenen genau zueinander stehen und wie sie zu bemessen seien“ (Groß 2001: 194). Dunlap hat zwar in neueren Arbeiten (vgl. 1997: 32) die theoretisch unzureichende Fundierung der Environmental Sociology durchaus eingeräumt und einer gemäßigt konstruktivistischen Perspektive innerhalb der Umweltsoziologie eine gewisse Berechtigung zugesprochen. Gleichwohl hat er sich nicht dazu veranlasst gesehen, den Stellenwert der biophysischen Umwelt als zentrale Variable der Environmental Sociology zu relativieren, weswegen auch der Vorwurf des biologischen Determinismus des NEP letztlich nicht überzeugend entkräftet werden konnte (vgl. zusammenfassend Brand 1998b: 15ff.; Groß 2001: 191f.; Brand/Kropp 2004: 114ff.). Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die von Catton/Dunlap erhobene Forderung, die Soziologie solle ihre strikt innergesellschaftliche Perspektive aufgeben und ihr Forschungsprogramm auf der Grundlage eines „ökologischen Paradigmas“ reformulieren, um das Verhältnis von Natur und Gesellschaft untersuchen zu können, primär normativ begründet worden ist (vgl. Murphy 1995; 1997). Die Annahme einer sich stetig verschärfenden ökologischen Gefährdung moderner Gesellschaften dient hierbei als normativer Referenzpunkt, um die Dringlichkeit des Handelns anzumahnen, wobei die Richtigkeit und Angemessenheit von Entscheidungen im Hinblick auf die Frage beurteilt wird, ob die physischen und biologischen limits to growth respektiert werden oder bereits überschritten sind. Bemerkenswerterweise wird die von Catton/Dunlap eingeforderte „ganzheitliche“ Verhältnisbestimmung zwischen Natur und Gesellschaft einseitig zur Natur hin aufgelöst, während der Gesellschaftsbegriff eigentümlich unterbelichtet bleibt. Vor diesem Hintergrund sind die Überlegungen von Catton/Dunlap zum NEP auch eher als frühe provisorisch-programmatische Positionierung einer sich herausbildenden, normativ ausgerichteten Umweltsoziologie denn als elaborierte soziologische Reflexion von Gesellschaft-Umwelt-Interaktionen zu verstehen, zumal der Einfluss auf die weitere Entwicklung der Soziologie im Allgemeinen und der Umweltsoziologie im Besonderen letztlich marginal geblieben ist (vgl. Buttel 1978; 1986; 1987; Dunlap 1997). Gerade in den letzten Jahren ist die von Vertretern der Environmental Sociolgy aufgestellte Forderung nach einem fundamentalen Paradigmenwechsel in der Umweltsoziologie immer wieder zurückgewiesen worden. So hat sich etwa Conrad (1998) nachdrücklich gegen einen Paradigmenwechsel im Sinne von Catton/Dunlap ausgesprochen und die prinzipielle Gültigkeit des klassischen soziologischen Grundparadigmas als methodologisches Postulat gerade auch für umweltsoziologische Ansätze unterstrichen. In Abgrenzung zum New Environmental Paradigm von Catton/ Dunlap wird die Aufgabenstellung der Umweltsoziologie von Conrad vielmehr darin gesehen, auf etablierte soziologische Kategorien und Konzepte zurückzugreifen, um den gesellschaftlichen Umgang mit Naturressourcen und Umweltproblemen beschreiben und erklären zu können: „Als für sie [die Umweltsoziologie – K. K.] konstitutive Problemstellung kann die Frage nach der Möglichkeit und den Formen von Sozialität im Kontext (letztlich sozial definierter) ökologischer Problemlagen (ökologische Diskurse, Umweltpolitik, Umweltkonflikte, Umweltmanagement, soziale Folgewirkungen von Umweltmaßnahmen, soziale Determination von Umweltproblemen) angesehen werden“ (Conrad 1998: 45). Ungeachtet aller grundlegenden Probleme und Schwächen markieren die Arbeiten von Catton/Dunlap gleichwohl einen wichtigen Ausgangspunkt bei den Bemühungen, umweltsoziologische Fragestellungen innerhalb
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der soziologischen Forschungslandschaft zu etablieren. Vor allem haben Catton/Dunlap wichtige Anstöße geliefert, um die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin für die Analyse gesellschaftlicher Ursachen und Folgen von Umweltproblemen zu sensibilisieren und Anschluss an die – im weiteren Sinne – sozialwissenschaftliche Umweltforschung zu finden, die bis in die jüngste Zeit hinein von umweltökonomischen und umweltpolitischen Problemstellungen dominiert wird. Gegenüber der sogenannten realistischen Position von Catton/Dunlap hat sich im Feld der Umweltsoziologie in den 1990er Jahren ein einflussreicher konstruktivistischer Ansatz etabliert (vgl. Johnson/Covello 1987; Buttel/Hawkins/Power 1990; Buttel/Taylor 1993; Hannigan 1995; Bechmann/Japp 1997; Diekmann/Preisendörfer 2001: 50ff.; Brand/Kropp 2004: 117ff.), der methodologisch entscheidend von den Debatten der Wissens- und Wissenschaftssoziologie zur Realität bzw. Konstruktivität des Wissens (vgl. Lakatos/Musgrave 1970; Knorr 1981; Knorr-Cetina 1984) geprägt worden ist. Dementsprechend werden (wissenschaftliche) Aussagen über den Zustand von Natur und Gesellschaft als soziale Konstruktionen verstanden, die über diesen Konstruktionen zugrunde liegenden sozialen Normen und kulturellen Weltbilder informieren, hingegen aber keinen Anspruch auf beobachtungsunabhängige, objektive Gültigkeit erheben können. Soziale Konstruktionen von Natur sind in diesem Verständnis keineswegs beliebig, da sie an spezifische kulturelle Rahmungen und Beobachterperspektiven gebunden sind. Gleichwohl sind diese Konstruktionen kontingent in dem Sinne, da sie sich nicht aus der externen Beobachtung von Fakten oder Ereignissen ergeben, sondern aus der sozialen Geltung zugeschriebener Eigenschaften. Konsequenterweise löst sich in dieser Perspektive die Einheitsvorstellung von Natur in eine pluralistische Sichtweise auf, die die historische und gesellschaftliche Variabilität von Naturkonstruktionen beobachtbar macht. Damit wird die erkenntnistheoretische Prämisse des Realismus zurückgewiesen, dass auf der Grundlage methodischer Regeln, experimenteller Methoden und empirischer Beweisführung zumindest potentiell reale Eigenschaften der beobachteten Objekte annäherungsweise beschrieben und Gesetzmäßigkeiten aufgezeigt werden können.17 Deswegen wird auch üblicherweise der Natur- oder Umweltbegriff, der einen stofflichen Wirklichkeitsbereich umschreibt, zugunsten des Begriffs der „Naturbilder“ aufgegeben (vgl. van den Daele 1992). Diese Naturbilder werden als spezifische Verdichtungen symbolischer Kommunikationen aufgefasst, wobei ihnen oftmals die Funktion zugeschrieben wird, von der unvermeidbaren Unabgeschlossenheit des akkumulierten (Umwelt)Wissens zu entlasten, um symbolisch generalisiertes Vertrauen zu erzeugen, das Handlungsfähigkeit – nicht zuletzt auch im Umgang mit Naturressourcen – auch unter Bedingungen hoher Intransparenz herstellt und sichert. So betrachtet sind normative Naturkonstruktionen immer auch schon als Identitätsangebote zu verstehen, die den „Ungewißheitshorizont der gesellschaftlichen Risikokommunikation schließen und dies unter anderem deshalb, weil der Kontingenz wissenschaftlicher Kommunikation im Kontext ökologischen Nichtwissens immer weniger Vertrauen entgegengebracht wird“ (Bechmann/Japp 1997: 565). Die jeweiligen Konstruktionen von Natur werden hierbei auf soziokulturelle Gruppenzugehörigkeiten (Douglas/Wildavsky 1982; Thompson/Ellis/Wildavsky 1990), auf myths of nature (Schwarz/Thompson 1990), auf kulturelle Traditionsbestände (Eder 1988; Greider/ Garkovich 1994) oder etwa auf teilsystemische Codierungen (Luhmann 1986) zurückgeführt.
17 In der radikalen, solipsistischen Spielart des Konstruktivismus wird diese Prämisse mit der Überlegung auf die Spitze getrieben, dass Dinge wie Atome, Moleküle, Viren, Bakterien oder Magnetfelder nur dadurch existieren, dass sie von Wissenschaftlern sozial konstruiert wurden. Zur grundlegenden Kritik vgl. Sokal/Bricmont (1999).
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Douglas/Wildavsky haben bereits Anfang der 1980er Jahre mit ihrer Studie Risk and Culture (1982) einen von dem „New Environmental Paradigm“ grundlegend abweichenden Ansatz vorgeschlagen, der insbesondere von Thompson/Ellis/Wildavsky (1990) im Kontext einer allgemeinen anthropologischen Cultural Theory weiter ausgearbeitet worden ist. Während sich Catton/Dunlap auf physikalische und biologische Restriktionen des menschlichen Handelns konzentrieren, die Beschreibung und Analyse der Interaktionsbeziehungen von (physischer) Umwelt und Gesellschaft programmatisch ins Zentrum der Environment Sociology stellen und Umwelt schließlich als weitgehend wahrnehmungs- und bewertungsunabhängiges Faktum konzeptionalisieren, heben Douglas/Wildavsky die in menschlichen Gesellschaften zu beobachtende große soziale Variabilität von Risikowahrnehmungen und -bewertungen hervor. Angesichts der unüberschaubaren Anzahl von Risikopotentialen in modernen Gesellschaften und den unhintergehbaren Schwierigkeiten ihrer zuverlässigen Abschätzung gehen sie davon aus, dass die tatsächlichen Gefährdungen der natürlichen Umwelt von sozialen Akteuren nicht direkt erfasst werden können. Deshalb konzentrieren sich Douglas/Wildavsky auf die Analyse sozial vermittelter Risikoselektionen und Bewertungsschemata, die die individuelle Wahrnehmung und Bewältigung strukturieren. Mehr noch: Risiken werden in dieser Perspektive als soziale Konstruktionen gedeutet, die überhaupt erst kommunikativ generiert werden müssen.18 Im Gegensatz zu diskurstheoretisch bzw. wissenssoziologisch ausgerichteten Ansätzen versuchen sie jedoch nicht, die symbolische Konstruktion von Risiken im Medium öffentlicher und teilöffentlicher Diskurse nachzuzeichnen (vgl. Keller/Poferl 1998). Auch geht es nicht darum, soziale Differenzierungen in der Problematisierung von Umwelt- und Technikrisiken auf unterschiedliche berufliche Milieus zurückzuführen (Huber 1989). Demgegenüber identifizieren Douglas/Wildavsky – und im Anschluss daran Thompson/Ellis/Wildavsky – unterschiedliche soziale Organisationsformen (Markt, Hierarchie, Sekte), die die Funktion eines sozialen Filters bei der Wahrnehmung und Bewertung von Risiken einnehmen und spezifische Weltinterpretationen (cosmologies) von universeller Gültigkeit hervorbringen. Die sozialen Organisationsformen bzw. institutionellen Arrangements unterscheiden sich hinsichtlich des Ausmaßes der Einbindung des Individuums in eine soziale Gruppe (group) und des Umfangs sowie der Dichte des Netzes sozialer Regulierung und Verhaltenssteuerung (grid). Aus der Kreuztabellierung von group und grid ergeben sich vier Grundtypen sozialer Beziehungen (way of life): „individualistisch“, „hierarchisch“, „egalitär“ und „fatalistisch“. Diesen Typen können spezifische Grundannahmen über die Stabilität und Gefährdung natürlicher Systeme (nature benign, nature perverse/tolerant, nature ephemeral, nature capricious) als auch unterschiedliche Muster der Risikoattribution zugeordnet werden.19 In dieser Perspektive weisen soziale Akteure, die in 18 Vgl. demgegenüber „realistisch“ geprägte kognitionspsychologische Ansätze (exemplarisch Slovic/Fischhoff/Lichtenstein 1980; Jungermann/Slovic 1993a; 1993b), die die subjektive Wahrnehmung von Risiken erforschen, gleichwohl aber ein objektives, statistisch ausgewiesenes Risiko als Maßstab zugrunde legen. 19 Für den (markt)individualistischen Typus ist Natur ein mehr oder weniger unbegrenzter Rohstoff, der robust bzw. tolerant gegenüber menschlichen Nutzungsabsichten ist. Die unterstellte Selbstregulierungsfähigkeit des Marktes gilt als Königsweg der Problemlösung im Umgang mit Naturressourcen. Das Naturbild des hierarchischen Typus ist hingegen von der Vorstellung geprägt, dass der wissenschaftliche und technologische Fortschritt eine risikominimierende Ausbeutung natürlicher Ressourcen ermöglicht. Solange jedenfalls gesichertes Expertenwissen verfügbar ist oder neues generiert und seine fachgerechte Verwendung garantiert bzw. administrativ gesteuert werden kann, können aufkommende Umweltprobleme erfolgreich bearbeitet werden. Hiervon ist der egalitäre Typus zu unterscheiden, der die fortschreitende Vernichtung natürlicher Ressourcen durch menschliches Handeln beklagt und deswegen die Regulierung menschlicher Bedürfnisse (Reduzierung des Konsums), die Entwicklung neuer, „sanfter“ Technologien usw. propagiert, um das „Gleichgewicht“ der Natur wiederherzustellen. Der fatalistische Typus schließlich geht von der Vorstellung der unberechenbaren, schicksalhaften Natur aus, weswegen auch ihre Beeinflussung oder Kontrolle nicht möglich sei (vgl. Thompson/Ellis/Wildavsky 1990).
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kleinen Gruppen mit hoher sozialer Integration und geringer hierarchischer Struktur agieren (Sekte), eher sogenannte fundamentalistische Einstellungen zu Technik- und Umweltrisiken auf als Akteure in schwach integrierten Gruppen mit anerkannten und stabilen Führungsstrukturen (Hierarchie) (Thompson/Ellis/Wildavsky 1990). Das kulturalistisch-konstruktivistische Modell von Douglas/Wildavsky u. a. erlaubt differenziertere Einblicke in die Mechanismen der kulturellen Selektivität von Natur- und Risikowahrnehmungen und stellt damit ein wichtiges Korrektiv gegenüber dem objektivistischen und naturalistischen Reduktionismus von Catton/Dunlap dar. Gleichwohl ist auf eine Reihe von grundlegenden Problemen und offenen Fragen hinzuweisen. Zunächst ist der herausragende und universelle Stellenwert der Strukturprinzipien grid und group, der diesen von der Cultural Theory bei der Konstitution des Sozialen zugemessen wird, keineswegs selbstverständlich, sondern in besonderem Maße begründungsbedürftig (vgl. hierzu Johnson 1987; Krohn/Krücken 1993b; Alexander/Smith 1996; Milton 1996; Keller/Poferl 1998; MacNaghten/Urry 1995; 1998). Dies gilt umso mehr, da unklar bleibt, in welchem Verhältnis diese beiden Strukturprinzipien zu sozialstrukturellen und soziokulturellen Gliederungsprinzipien der sozialen Welt wie Lebenslage, Lebensstil, Soziallage oder Klassenhabitus stehen und welchen Einfluss andere Einflussfaktoren wie Bildungsbeteiligung, Sozialisationserfahrungen oder das politische Institutionengefüge auf die Herausbildung derartiger Kosmologien haben. Auch kann der Wandel von Naturbildern und Risikowahrnehmungen nicht überzeugend erklärt werden, da das grid/group-Schema letztlich eine statische Kopplung von sozialen Settings und Kosmologien unterstellt und deswegen auch Prozesse der gesellschaftlichen Differenzierung und Modernisierung nicht erfasst werden können (Keller/Poferl 1998). Diese Einwände hat Brand (1998b: 18) aufgegriffen und die Cultural Theory grundsätzlich hinterfragt: „Wie verhalten sie [die Strukturprinzipien grid/group – Anm. v. K. K.] sich zum Prinzip funktionaler Differenzierung, das beispielsweise Luhmann zum Ausgangspunkt der Analyse ökologischer Kommunikationsprozesse macht? Wie zu Bourdieus Habitustheorie, die unterschiedliche Wahrnehmungs- und Bewertungsformen der Wirklichkeit auf die ungleiche Verteilung ökonomischer, kultureller und sozialer Kapitalien zurückführt? Wie zu den diversen Lebensstilkonzepten, die ja gerade eingeführt wurden, um die zunehmende Diskrepanz von objektiver Lage und subjektivem Bewusstein zu erklären?“ Mögliche Vermittlungsansätze zwischen dem realistisch-objektivistischen Ansatz von Catton/Dunlap und dem kulturalistisch-konstruktivistischen Modell von Douglas/Wildavsky u. a. sind zunächst außer Acht zu lassen (vgl. exemplarisch Krohn/Krücken 1993a; Hannigan 1995; Bonß 1995; Renn 1996a; Dunlap 1997; Brand 1998b; Metzner 1998b; 2002). Für die hier verfolgte Problemstellung ist vielmehr hervorzuheben, dass weder der realistisch-objektivistische noch der kulturalistisch-konstruktivistische Ansatz einen systematischen Zugang zu sozialen Nutzungspraktiken von Umweltpotentialen durch handelnde Akteure ermöglicht. Wie gesehen wird das „New Environmental Paradigm“ von Catton/Dunlap als grundlegende Alternative zur soziologischen Theorietradition eingeführt, weswegen auch auf eine nicht-naturalistische Perspektive verzichtet wird, die die soziale Dimension von Umwelt in den Blickpunkt rückt, um die Gestaltung von „Natur“ nach gesellschaftlichen Strukturprinzipien und Ordnungsvorstellungen genauer analysieren zu können. Demgegenüber beschäftigt sich der Cultural Theory-Approach von Douglas/Wildavsky u. a. ausschließlich mit der Perzeption von Risiken und Umweltproblemen, die als Ausdruck sozialer Beziehungsmuster und Organisationsformen gedeutet und im Rahmen einer allgemeinen Typologie institutioneller Teilkulturen (hierarchy, individualism, egalitarism, fatalism) erklärt werden. Mit der Rekonstruktion
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unterschiedlicher Naturbilder und Einstellungen zu Umweltproblemen beschränkt sich die Cultural Theory damit auf die Ebene symbolisch-kultureller Deutungsmuster, wobei diese zudem lediglich als „Reflex“ sozialer Organisationsformen betrachtet werden. Wie Brand (1998b: 18) resümiert, verschwindet mit dieser Verengung der Analyse auf die symbolischkulturelle Dimension der ökologische Problembezug aus dem Blickfeld der konstruktivistischen Umweltsoziologie: „Die Art des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur und dessen Rückwirkungen auf die Gesellschaft spielt keine Rolle; Ausmaß, Folgen und Risiken der technischen Umformung und Substitution von Natur bleiben außer Betracht. Atomkraftwerke mögen strahlen oder nicht, ökologische Selbstzerstörung mag drohen oder nicht: die gesellschaftliche Debatte scheint aus dieser Perspektive von der realen Problematik völlig abgelöst, deshalb auch rational kaum bearbeitbar“ (Brand 1998b: 18). Die Vorzüge eines konsequent konstruktivistischen Ansatzes in der Umweltsoziologie liegen zweifelsohne darin, die soziale Bedingtheit von Naturbegriffen und Naturbildern sowie mögliche gesellschaftliche Konsequenzen und institutionelle Folgen von unterschiedlichen Natursemantiken zu thematisieren. Die naive Vorstellung von Natur als das Eigentliche, Unberührte oder immer schon Gegebene wird zugunsten einer Perspektive aufgegeben, die unterschiedliche, kulturrelative Naturvorstellungen und -mythen sichtbar macht. Dadurch kann der soziale und kulturelle Hintergrund unterschiedlicher Natursemantiken offengelegt werden, die sich als Deutungen über Idealzustände von Natur niederschlagen und sich in diversen kulturellen Topoi („französischer Garten“, „englischer Garten“, „deutscher Wald“) verdichten. Damit hat die konstruktivistische Umweltsoziologie die gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse von Naturdeutungen transparent gemacht und in ihren symbolischen Bezügen und Sinnkontexten offen gelegt. Auch kommt konstruktivistischen Ansätzen innerhalb der Risikosoziologie das Verdienst zu, die technisch-objektivistische Deutung von Umweltrisiken in Frage gestellt zu haben, deren Höhe üblicherweise als statistischer Erwartungswert, d. h. als Produkt aus der Wahrscheinlichkeit eines Schadensfalls und dem Ausmaß des Schadens ingenieurwissenschaftlich bzw. versicherungsmathematisch bestimmt wird (vgl. etwa Luhmann 1991; Bechmann 1993; Krohn/Krücken 1993b; Japp 1996; 1998). In dieser Perspektive kann jedenfalls rekonstruiert werden, dass – wie weiter unten noch genauer aufzuzeigen ist – naturwissenschaftlich prognostizierte ökologische Belastungsgrenzen und technische Grenzwertsetzungen immer soziale Konstruktionen darstellen, die normativ eingefärbt sind, politisch ausgehandelt werden und insbesondere darüber informieren, welche gesellschaftliche Entwicklung als wünschenswert und welche als nicht-wünschenswert bewertet wird bzw. in welcher Umwelt die Bürger eines Staates leben wollen. Insofern hat der Konstruktivismus innerhalb der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung auch den Blick dafür schärfen können, dass die ökologische Problematik sich nur als Problem in der Gesellschaft formulieren und auch nur dort als Problem der Gesellschaft bearbeiten lässt. Mit anderen Worten ist die ökologische Problematik eine selbstbezügliche, d. h.: eine Problematik der Gesellschaft, was im Grundsatz auch schon für die Differenzbestimmung von Gesellschaft/Umwelt gilt, die nur im gesellschaftlichen Raum und nirgendwo sonst vorgenommen werden kann (vgl. Japp/Krohn 1996; Bechmann/Japp 1997). Die Vorzüge einer konsequent konstruktivistischen Position in der Umweltsoziologie liegen – systemtheoretisch formuliert – darin begründet, dass die verbreitete natural-referentielle Problemperspektive auf Selbstreferenz umgestellt, der Selbstbezug aller gesellschaftlichen Beschreibungsmöglichkeiten herausgestrichen und auf das weite Feld ökologischer Kommunikationen bezogen werden kann. Gleichwohl müssen diese Vorzüge im Lichte der Schwierig-
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keiten bewertet werden, die mit einer derartigen Herangehensweise verbunden sind. In Abgrenzung zu realistischen Positionen sind allerdings die Probleme nicht darin zu sehen, dass konstruktivistische Konzepte, wie etwa Murphy (1995; 1997) kritisiert, eine „Sociology without Nature“ betreiben. Wenn das klassische Basisaxiom der Soziologie, Soziales nicht naturalistisch, sondern soziologisch zu erklären, nicht preisgegeben werden soll, dann ist es auch nur folgerichtig, dass im Horizont der Soziologie physikalisch-biologische Faktoren an sich lediglich als Randbedingung des Sozialen auftauchen. Der Reduktionismus konstruktivistischer Ansätze besteht vielmehr darin, dass eine freiwillige – methodologisch bzw. theorietechnisch begründete – Selbstbeschränkung des Untersuchungsgegenstands vorgenommen wird, da die soziologische Erörterung der Umweltproblematik auf Fragen der gesellschaftlichen Kommunikation über Umwelt beschränkt wird, während umweltrelevante Handlungspraktiken sowie die sozialen Bedingungen, Kontexte und Folgen von Umweltnutzungen und Umweltveränderungen ausgeklammert bleiben.20 Aus dem Blick gerät dadurch eine theoretische Perspektive, die die soziale Konstitution von Umwelt durch gesellschaftliche Praktiken thematisiert. Eine solche Perspektive schließt in gewisser Weise sowohl an realistische als auch an konstruktivistische Überlegungen an, ohne jedoch weder ein Primat der Ökologie gegenüber dem Sozialen zu postulieren noch die bio-physikalischen Umweltbedingungen und -Kontexte radikal in diskursive Aushandlungsprozesse bzw. in rekursive Verkopplungen von Kommunikationen radikal aufzulösen. Sowohl auf die Adaptions-Annahme des Realismus, dass sich menschliches Handeln an objektiv gegebene Veränderungen in der natürlichen Umwelt „anzupassen“ habe, als auch auf die konstruktivistische Zuspitzung, dass nicht Umweltprobleme als solche von soziologischer Bedeutung sind, sondern nur die Art und Weise, ob und wie gesellschaftlich darüber kommuniziert wird (vgl. Luhmann 1986: 63), wird weiter unten noch zurückzukommen sein.
20 Eine weitere Selbstbeschränkung sehen Renn (1996a: 50) und Diekmann/Preisendörfer (2001: 60) in der mangelnden gesellschaftspraktischen Relevanz von Positionen, die auf der Grundlage eines strikten konstruktivistischen Relativismus argumentieren. Nach dem Kriterium der empirischen Gültigkeit könne durchaus zwischen „Phantomrisiken“ und – nach dem Stand des Wissens – wahrscheinlichen Bedrohungen unterschieden werden. Ganz ähnlich argumentiert auch van den Daele (1996: 420), für den die Aufgabe der Umweltsoziologie darin besteht, „Gesellschaft in der Natur“ zu beobachten und nicht bloß die „Konstruktion der Natur in der Gesellschaft“. Konstruktivistische Ansätze in der Umweltsoziologie laufen ihm zufolge immer dann auf „soziologischen Idealismus“ (1996: 421) hinaus, wenn die Differenz zwischen sozialen Konstruktionen und ihren Gegenständen eingeebnet wird (ähnlich Conrad 1998: 34f.). Ohne diese Unterscheidung ist man auch nicht in der Lage, genauer zu untersuchen, welchen Beitrag soziale Prozesse zur Entstehung von Umweltbelastungen leisten, inwieweit die gesellschaftlichen Beobachtungsinstrumentarien ausreichen, um Umweltprobleme als solche wahrzunehmen und wo „strategische Interessen, strukturelle Selektivitäten und ,blinde Flecken‘ der Beobachtung dazu führen, daß die soziale Konstruktion der Probleme die Wirklichkeit der Probleme verfehlt“ (van den Daele 1996: 422). Für van den Daele steht natürlich außer Frage, dass Maßstäbe zur Identifizierung und Bewertung von Problemen nur innerhalb des Sozialen gebildet werden können, da kein gesellschaftsexterner Referenzpunkt möglich ist und deshalb auch nur mit den Mitteln, Unterscheidungen, Instrumenten und Verfahren beobachtet werden kann, die im „Repertoire der Kultur“ (1996: 421) zur Verfügung stehen. Damit ökologische Probleme jedoch nicht auf Fragen der gesellschaftlichen Wahrnehmung reduziert werden, ist es für van den Daeles forschungspragmatische Position unumgehbar, methodisch – nicht ontologisch – so zu verfahren, „als ob“ Untersuchungsgegenstände wie Natur und Gesellschaft „von außen“ beobachtet werden können. Ansonsten werden, so befürchtet van den Daele, die erkenntnistheoretischen Metaargumente des Konstruktivismus nicht nur im Feld der interdisziplinären Umweltforschung wissenschaftlich kaum anschlussfähig bleiben, sondern auch im Prozess der gesellschaftlichen Identifizierung von Problemlagen an Diagnoserelevanz einbüßen – und zwar bis zur Bedeutungslosigkeit. Dies wäre umso bedauerlicher, da einer moderaten konstruktivistischen Perspektive die wichtige Aufgabe zufällt, Transparenz und Reflexion über die unterschiedlichen gesellschaftsinternen, d. h. kulturellen bzw. teilsystemischen Konstruktionsprinzipien von Umweltrisiken herzustellen.
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Allgemein kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die ökologische Problematik von der Soziologie erst relativ spät aufgegriffen worden ist (vgl. Grundmann 1997b; Rucht 1998). Dieser Umstand ist wenig verwunderlich, da sich die Soziologie in ihrem Selbstverständnis als eigenständige akademische Disziplin seit Durkheim, Simmel und Max Weber stets von naturalistischen Erklärungsansätzen des Sozialen abgegrenzt hat. Hierauf wird in Kapitel IV noch genauer zurückzukommen sein. Die distanzierte Haltung der etablierten Soziologie gegenüber Fragestellungen zum Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft ist sicherlich, vor allem aber auch in der Bundesrepublik, durch die in den 1970er Jahren verbreitete ökologische Gesellschaftskritik verstärkt worden, die die Ökologie zur Leitdisziplin für Gesellschaftsanalysen und Politikentwürfe erklärt und gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen aus Modellen abgeleitet hat, mit denen üblicherweise Strukturen und Prozesse ökologischer Systeme beschrieben werden (vgl. Oechsle 1988; Renn 1996a; Brand 1998b: 10ff.).21 Erst Ulrich Becks Studien zur „Risikogesellschaft“ (1986; 1988; 1996a; 1996b) haben in der Bundesrepublik eine vorsichtige Öffnung der etablierten Soziologie gegenüber der ökologischen Problematik ermöglicht. Für den Beck’schen Ansatz ist kennzeichnend, dass die ökologische Frage aufs Engste mit soziologischer Zeitdiagnose verbunden wird. Genauer betrachtet wird der ökologischen Frage eine geradezu grundlegende Bedeutung für das Institutionengefüge moderner Gesellschaften zugesprochen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die These, dass die räumlich und zeitlich entgrenzten ökologischen Risiken der modernen Kern-, Chemie- und Gentechnologie gegenüber herkömmlichen sozialen Risiken wie Einkommens- und Bildungsarmut eine klassenunspezifische Verteilung von Betroffenheiten bewirken, weswegen diese auch quer zu den – an sozialen Klassenlagen orientierten – Konfliktlinien der traditionellen Industriegesellschaft um die Verteilung von wirtschaftlichem Wohlstand, Bildungschancen und sozialer Absicherung liegen.22 Aus der räumlichen, zeitlichen und sozialen Entgrenzung von Risikolagen folgt für Beck zwingend, dass die vorsorgenden Sicherheitsversprechen und die nachsorgenden Garantien des politisch-administrativen Systems, aus denen üblicherweise Rechtsansprüche auf die (monetäre) Kompensation erlittener Schäden abgeleitet werden können, immer weniger greifen. Da die modernen zivilisatorischen „Selbstgefährdungen“ die Logik des traditionellen, auf statistisch kalkulierbare Unsicherheiten bezogenen Risikokalküls sprengen, werden, so Beck, sich diese auch kausalen haftungsrechtlichen Zuschreibungen entziehen, weswegen sie letztlich nicht versicherungsfähig sind. Im Hinblick auf die Bewältigung ökologischer Problemlagen kann nach Beck deswegen auch von einem schleichenden Kontroll- und Regulierungsverlust staatlich-bürokratischer Institutionen gesprochen werden (Institutionenkrise).23 Beck konzentriert sich im Weiteren vor allem darauf, die sozialen und politischen Folgeprobleme der von ihm postulierten Institutionenkrise abzustecken sowie neue Konfliktmuster zu skizzieren, die 21 Zwar fallen die politischen Schlussfolgerungen der ökologischen Gesellschaftskritik höchst unterschiedlich aus. So ist entweder für ein rigides staatliches Ordnungsmodell optiert worden (Gruhl, Harich), um den „ökologischen Gesetzmäßigkeiten“ in Politik und Gesellschaft Geltung zu verschaffen; oder es sind unter Bezugnahme auf ökologische Systemmechanismen wie „Dezentration“ und „Selbstorganisation“ anti-etatistische Konzepte vertreten worden (Amery, Bookchin). Den unterschiedlichen Ansätzen der ökologischen Gesellschaftskritik ist jedoch gemeinsam, dass gesellschaftliche Entwicklungsprozesse mehr oder weniger in Analogie zu „Kreislaufgesetzen der Natur“, zu „natürlichen Gleichgewichtszuständen“, zu „homöostatischen Regulierungen“ oder zur Endlichkeitsvorstellung konzeptionalisiert worden sind. 22 Auf die Probleme der ökologisch begründeten Nivellierungsthese kann nicht weiter eingegangen werden. Am Beispiel der sozialen Verteilungsrelevanz des globalen Klimaschutzes ist an anderer Stelle die Beck’sche Annahme einer globalen „Gefahrengemeinde“ (1986: 58) kritisch diskutiert worden (vgl. Kraemer 1999d). 23 Auf die grundlegende Kritik der Beck’schen These der Institutionenkrise von van den Daele (1996: 431ff.) und Münch (1998a: 9ff.; 2002) kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Vgl. hierzu Kap. VIII.
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sich aus der öffentlichen Kommunikation über ökologische Selbstgefährdungen moderner Gesellschaften ergeben. Hierbei zielt Beck insbesondere darauf ab, technikwissenschaftliche Normalitätskonstruktionen und andere flankierende Legitimationsstrategien zu hinterfragen, die ökologische Gefährdungen als zu vernachlässigende „Restrisiken“ apostrophieren. Da ein ökologisches Risiko immer nur als Wahrscheinlichkeit einer Zukunftserwartung bestimmt werden kann, ein Risiko im buchstäblichen Sinne also unsichtbar ist und zudem immer davon auszugehen ist, dass nur ein begrenztes Wissen z. B. über mögliche destruktive „Nebenfolgen“ der Ausbeutung einer natürlichen Ressource vorhanden ist, rücken nach Beck symbolische Definitionskonflikte um die Bewertung des Wissens bzw. Nicht-Wissens sowie die damit verbundenen Entscheidungsprobleme in den Vordergrund. Mit dem Begriff der „reflexiven Modernisierung“ hat Beck schließlich die These eines gesellschaftlichen Strukturbruchs zu erhärten versucht (vgl. Beck/Giddens/Lash 1996; Beck/ Bonß/Lau 2001). Moderne Gegenwartsgesellschaften seien mit bisher ungeahnten ökologischen Gefährdungslagen konfrontiert, die zwar von diesen produziert werden, aber weder im herkömmlichen Sinne institutionell beherrschbar noch zurechenbar und verantwortbar sind. Angesichts der prinzipiellen Unsicherheit von Handlungen und der immensen Bedeutung nicht-intendierter, komplexer Handlungsfolgen könne nicht mehr einfach auf die für die „einfache Moderne“ noch typischen Muster der linearen Steigerung zweckrational-bürokratischer Regulierungsinstrumente zurückgegriffen werden, um ökologische Problemlagen und Risiken erfolgreich bearbeiten zu können. Vielmehr käme es darauf an, sich den selbst erzeugten „Nebenfolgen“ von Modernisierungen „reflexiv“ zu vergewissern, wobei nicht nur miteinander konkurrierende Rationalitätsmaßstäbe um die Bewertung eben dieser „Nebenfolgen“ in Rechnung zu stellen seien, sondern vor allem auch dem Wissen über Nicht-Wissen eine immer größere Bedeutung zukomme. An dieser Stelle muss darauf verzichtet werden, Becks Überlegungen zur „Risikogesellschaft“ und zum Konzept der „reflexiven Modernisierung“ genauer darzulegen und einer kritischen Würdigung zu unterziehen (vgl. hierzu etwa Görg 1999: 152ff.; Schroer 2000: 381ff.; Dörre 2002; Münch 2002). In diesem Zusammenhang ist lediglich hervorzuheben, dass Beck die traditionellen Begrifflichkeiten und Konzepte der Soziologie für wenig fruchtbar hält, um die ökologische Problematik soziologisch einzuholen. Da Becks besonderes Interesse jedoch der Ausformulierung einer ökologisch aufgeklärten soziologischen Zeitdiagnose gilt und darüber hinaus die sich aus der Risikoproblematik ergebenen Konsequenzen für das moderne, demokratische Institutionssystem in den Mittelpunkt rückt, kann es wenig verwundern, dass die gelegentlich eingestreuten Anmerkungen zur Integration der Umweltproblematik in die allgemeine soziologische Theorie wenig systematisch sind und letztlich mehr oder weniger unscharf bleiben. Zwar hat Beck bereits in der Risikogesellschaft (1986) den verbreiteten Dualismus von Gesellschaft und Natur kritisch hinterfragt und eine soziozentrische Perspektive eingenommen, um Natur in Abgrenzung zu einem naiven Naturalismus als kulturell überformte und vergesellschaftete Natur interpretieren zu können. Verwundern muss gleichwohl einerseits die Argumentation von Beck, dass die soziologische Klassik mehr oder weniger ungeeignet ist, um die ökologische Problematik soziologisch aufzuarbeiten. Andererseits verzichtet er jedoch darauf, genauer zu problematisieren, wie ein originär soziologischer Zugang zum Umweltthema theoretisch begründet werden kann, welchen eigenständigen Beitrag die Soziologie zur Modellierung und Analyse von Interaktionsmustern zwischen natürlichen und sozialen Systemen leisten kann und welchen Stellenwert hierbei realistische und konstruktivistische Ansätze in der Umweltsoziologie besitzen. Vielmehr hat sich Beck auf die Ausarbeitung einer politischen Soziologie der Risikogesellschaft konzentriert.
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Hierbei greift er zur argumentativen Unterfütterung auf einen realistischen Gefahrenobjektivismus („ökologische Gefähdungen“) zurück. Dieser Gefahrenobjektivismus gibt für Beck gewissermaßen den Hintergrund ab, um die institutionelle Selbstkonfrontation der Moderne mit den Folgeproblemen der industriellen Naturnutzung erörtern zu können. Becks besonderes Interesse gilt hierbei, soziale Konflikte um die Konstruktion und Definition ökologischer Risiken beschreiben und die Folgen für institutionelle Regulierungen abschätzen zu können (vgl. hierzu Brand 1998b: 21ff.).24 Wenn man nach der Resonanz der ökologischen Thematik in der bundesdeutschen Soziologie fragt, ist neben den Arbeiten von Ulrich Beck vor allem auch Niklas Luhmann zu erwähnen, der „ökologische Kommunikationen“ (1986) zum Gegenstand der soziologischen Analyse erklärt. Nicht aus genuin umweltsoziologischer, sondern aus systemtheoretischer Perspektive problematisiert Luhmann (vgl. auch 1996: 46ff.), dass soziale Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft oder Religion Umweltereignisse nur gemäß ihrer hochgradig selektiven Kommunikationscodes beobachten und zu systemrelevanten Informationen verarbeiten können, wobei nach Luhmann stets die Gefahr von zu wenig oder zu viel Resonanz innerhalb des jeweiligen Systems besteht. Hierbei gilt Luhmanns (1990; 1991) Interesse insbesondere dem Problem der Zurechenbarkeit bzw. Nichtzurechenbarkeit von (ökologischen) Schadenserwartungen, d. h. der Frage, ob etwa eine umweltpolitische Entscheidung – aus der Beobachtungsperspektive der Entscheider – als Risiko oder – aus der Beobachtungsperspektive der Betroffenen – als Gefahr kommuniziert wird.25 Vor allem seine Überlegungen zur Soziologie des Risikos haben in der Bundesrepublik eine Reihe von Arbeiten zu den gesellschaftstheoretischen Implikationen des Risikobegriffs angeregt (vgl. etwa Halfmann/Japp 1990; Bechmann 1993; Bonß 1995; Japp 1996). Diesen ist gemeinsam, dass dem Risikobegriff eine Schlüsselrolle bei der Analyse moderner Gesellschaften zugesprochen wird, um die mit dem Problem der Kontingenz verbundene prinzipielle Offenheit und Ungewissheit gesellschaftlicher Prozesse in den Blick nehmen zu können. In dieser Perspektive sind Entscheidungen immer schon riskant, da beispielsweise alle relevanten Entscheidungsbedingungen nur unzureichend bekannt sind und darüber hinaus die zukünftigen Folgen einer Entscheidung kaum hinreichend abgeschätzt werden können. Genauer betrachtet wird mit der Kategorie des Risikos vor allem der spezifisch moderne Modus der Deutung von und des Umgangs mit Unsicherheit beschrieben. Hierbei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass soziale Handlungsfähigkeiten nur erhalten bleiben, wenn „uncertainties“ längerfristig relationiert, normalisiert und in „Sicherheit“ umdefiniert bzw. als „Restrisiken“ abgespaltet werden. So lässt sich auch im Umweltbereich aufzeigen, dass gerade unter den Bedingungen uneindeutiger Hand24 Auch nach Renn (1996a: 39) ist Becks Konzept der Risikogesellschaft eher dem realistischen Lager zuzuordnen, während nach Diekmann/Preisendörfer (2001: 59) eine mittlere Position auf der Realismus-KonstruktivismusAchse eingenommen wird. Jedenfalls geht Beck von realen Umweltgefahren aus, die auf Basis von kausalem Wissen über biologische, chemische und physikalische Zusammenhänge bestimmt werden können. Die Frage allerdings, ob die damit verbundenen Risiken als unerheblich oder erheblich eingeschätzt werden, hängt vor allem von ideen- und interessengeleiteten Bewertungen bzw. – ökonomisch gesprochen – von Kosten-Nutzen-Abwägungen ab. Dementsprechend sind nach Beck (vgl. 1986: 30) Umweltrisiken wie Radioaktivität, Luft- und Gewässerbelastungen oder Verunreinigungen von Nahrungsmitteln „offen für soziale Definitionsprozesse“. Die „realen Risiken“ sind für Beck, so Diekmann/Preisendörfer (2001: 59), das „Rohmaterial für die weitere Verarbeitung im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess.“ 25 Der eigentliche Beitrag Luhmanns zur neueren Umweltsoziologie liegt nicht in der systemtheoeretischen Bestimmung der System/Umwelt-Differenz, sondern in der Explikation des Risikobegriffs und der Unterscheidung von Risiko und Gefahr (vgl. Görg: 1999: 136ff., bes. 147ff.). Zu den Problemen der systemtheoretischen Konzeptionalisierung des Umweltbegriffs wird in Kap. IV.2.3 genauer einzugehen sein.
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lungsbedingungen und riskanter Entscheidungsfolgen diverse Sicherheitsfiktionen – etwa in Form von Wahrscheinlichkeitsrechnungen und konventionellen Technikfolgenabschätzungen – aufgebaut werden, um überhaupt Entscheidungen treffen zu können, die als mehr oder weniger riskant wahrgenommen werden. Diese Sicherheitsfiktionen sind soziale Konstruktionen, die im Sinne des bereits von Max Weber beschriebenen Glaubens an die prinzipielle Kalkulierbarkeit und Berechenbarkeit der Wirklichkeit interpretiert werden können (vgl. Bonß 1991: 266; 1995: 95f.; Halfmann 1996a: 73f.). Ungeachtet dieser für die umweltsoziologische Debatte wichtigen risikosoziologischen Befunde ist jedoch auf eine Integration der Umweltproblematik im hier verstandenen Sinne in die allgemeine soziologische Theorie verzichtet worden. Sieht man von diesen zeitdiagnostischen und systemtheoretischen Beiträgen einmal ab, dann hat sich die umweltsoziologische Forschung in Deutschland vornehmlich auf empirische Themengebiete konzentriert, die die Perzeption von Umweltproblemen durch unterschiedliche soziokulturelle bzw. berufliche Milieus betreffen (Umweltbewusstsein). Hieran anschließend sind soziale Faktoren genauer bestimmt worden, die die individuelle Bereitschaft zur Veränderung von umweltrelevanten Konsum- und Lebensstilen beeinflussen (Umweltverhalten), um die immer wieder diagnostizierte Diskrepanz von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten erklären zu können (vgl. Diekmann/Preisendörfer 1992; Reusswig 1994; 1999; Gillwald 1995; Haan/Kuckartz 1996; Poferl/Schilling/Brand 1997; Linneweber/Kals 1999; Preisendörfer/Franzen 1996; Preisendörfer 1996; 1998; 1999; Lange 2000b; Poferl 2000; Bolscho/Michelsen 2002; Kuckartz/Grunenberg 2002; Grunenberg/Kuckartz 2003; Kuckartz 2000; 2004). Weitere wichtige Impulse sind von Untersuchungen ausgegangen, die sich mit der Resonanz ökologischer Themen in Massenmedien und Öffentlichkeit beschäftigen (vgl. exemplarisch Haan 1995; Brand/Eder/Poferl 1997). Zudem sind die Chancen und Grenzen dialogischer, partizipativer Verhandlungsverfahren zur Regulierung von Umweltkonflikten diskutiert und bewertet worden (Fietkau 1994; Weidner/Fietkau 1995; Barthe/Brand 1996; Karpe 1999; Feindt 2002). Neben diesem empirisch orientierten Forschungsstrang ist das in der internationalen Umweltdebatte breit rezipierte Leitbild Sustainable Development einer genaueren soziologischen Analyse unterzogen worden (vgl. Redclift/Benton 1994; Yearly 1996; Redclift//Woodgate 1997a; für die Bundesrepublik Huber 1995; Renn 1996b; Kraemer 1997b; Brand 1997). Die diversen Vorschläge und Konzepte zum ökologisch nachhaltigen Umbau moderner Industriegesellschaften sind vor allem im Hinblick auf ihre Sozial- und Kulturverträglichkeit diskutiert und bewertet worden. Hierbei ist das in der Sustainability-Debatte vernachlässigte Problem in den Mittelpunkt gerückt worden, wie der Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, ökologischer Entlastung und sozialer Integration gesellschaftlich entschärft werden kann. Wenn auch verspätet hat die bundesdeutsche Umweltsoziologie damit auf die internationale Diskussion zum Sustainability-Leitbild reagiert, in der vorrangig Probleme der ökologischen, ökonomischen und politischen Operationalisierbarkeit von Nachhaltigkeitsstrategien erörtert worden sind. Ungeachtet dieser wichtigen Beiträge der Umweltsoziologie zur allgemeinen Umweltforschung hat sich gleichwohl an dem allgemeinen Befund des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen (1996: 67) wenig geändert, der auf die „mangelnde Verankerung der Umweltforschung“ in den Sozialwissenschaften hingewiesen hat. Dies scheint nicht zuletzt auch damit zusammenzuhängen, dass sich die etablierte Soziologie bis in die jüngste Zeit hinein vergleichsweise schwer tut, die Wechselbeziehungen der sozialen Wirklichkeit mit ihrer materiellen Umwelt auf theoretischer Ebene zu reflektieren. In Kapitel IV wird darzulegen sein, dass ein wichtiger Grund für dieses Integrationsdefizit in der vorherr-
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schenden Konzeptionalisierung von Gesellschaft zu sehen ist, die entweder auf ein System von Kommunikationen (Luhmann), auf kommunikatives Handeln (Habermas) oder auf kulturelle Bedeutungen (Mead, Schütz) zurückgeführt wird.
IV. Umwelt in der soziologischen Theorie
Die Frageinnach Umwelt der der soziologischen Konstitution Theorie von Gesellschaft steht im Mittelpunkt der modernen soziologischen Theorie. Handlungs-, Konflikt-, kommunikations- und systemtheoretische Ansätze verfolgen hierbei ganz unterschiedliche Strategien und Zugänge. Je nach erkenntnistheoretischem Interesse und konzeptioneller Architektonik werden grundverschiedene Aspekte der Konstitutionsproblematik von Gesellschaft aufgeworfen. Bereits allen verwendeten Grundbegriffen wie Handlung und Struktur, Individuum und Gruppe, Klasse und Schicht, Konflikt und Herrschaft, System und Kommunikation ist jedoch gemeinsam, dass die Relation Umwelt-Gesellschaft – im Sinne der Vergesellschaftung von Umwelt und der Materialität von Gesellschaft – kaum hinreichend reflektiert und in die Konstitutionsproblematik eingearbeitet wird. Gerade vor dem Hintergrund der Herausbildung der Soziologie als eigenständige akademische Disziplin im Verlauf des 19. Jahrhunderts kann nachvollzogen werden, dass klassische soziologische Theorieansätze die Interaktion von Umwelt und Gesellschaft aus zunächst nachvollziehbaren Gründen ausgeklammert haben. Zwar hat die Soziologie immer schon Gesellschaft nicht in einem naturfreien Raum verortet. Gleichwohl hat sie ihren Forschungsgegenstand in Abgrenzung zu naturalistischen Strömungen zu bestimmen versucht, die beispielsweise die Variabilität des menschlichen Verhaltens mit dem Hinweis auf unterschiedliche Klimazonen oder naturräumliche Besonderheiten erklären, die Geschichte von Gesellschaften darwinistisch bzw. evolutionsbiologisch interpretieren, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf biologische Unterschiede zurückführen oder die psychischen Triebstrukturen und – neuerdings – die genetische Erbausstattung der Menschen als alles entscheidenden Erklärungsfaktor in den Mittelpunkt rücken. Die Geschichte der Soziologie im ausgehenden 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist deswegen immer auch eine Geschichte der Auseinandersetzungen mit dem Sozialdarwinismus, dem Klimadeterminismus, dem Rassismus oder der Soziobiologie gewesen. Die Zurückweisung naturalistischer Ansätze ist gerade für die Gründergeneration der Soziologie von Durkheim über Simmel bis Weber von konstitutiver Bedeutung gewesen (vgl. Grundmann 1997b). So wendet Durkheim in der Studie Über die Arbeitsteilung (1988: 323) aus dem Jahr 1893 gegen Herbert Spencer ein, dass die Strukturen der sozialen Arbeitsteilung letztlich nicht auf die Verschiedenheit der Bodenbeschaffenheit und der klimatologischen Bedingungen in unterschiedlichen geografischen Räumen zurückgeführt werden kann: „Zweifellos zeichnen die äußeren Bedingungen die Individuen, die unter ihrem Einfluß leben; insofern sie verschieden sind, differenzieren sie diese Individuen. Es handelt sich indessen darum zu erfahren, ob diese Verschiedenheit, die zweifellos nicht ohne Beziehungen zur Arbeitsteilung ist, genügt, um diese zu veranlassen. Gewiß kann man sich erklären, daß die Einwohner je nach den Eigenschaften des Bodens und den Klimabedingungen hier Weizen und dort Schafe oder Rinder erzeugen. Aber diese Funktionsunterschiede erschöpfen sich nicht immer, wie in diesen beiden Beispielen, in einfachen Nuancen. Sie sind vielmehr manchmal so ausgeprägt, daß die Individuen, zwischen denen die Arbeit geteilt wird, entsprechend viele unterschiedliche und sogar entgegengesetzte Gattungen bilden. (...) Was haben der Dichter, der in seinem Traum, und der Gelehrte, der ganz in seine Untersuchungen ver-
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sunken ist, der Arbeiter, der sein Leben damit verbringt, Nadelköpfe zu machen, der Bauer, der hinter dem Pflug geht, der Kaufmann hinter dem Ladentisch gemeinsam? Wie groß auch die Varietät der äußeren Bedingungen sein mag, sie weist nirgends Unterschiede auf, die mit derartig starken Gegensätzen vergleichbar wären, und kann diese auch kaum erklären.“ Da die Soziologie sich für die sozialen Tatbestände menschlicher Vergesellschaftungen im Sinne des Durkheim’schen Axioms interessiert, die nicht im reduktionistischen Sinne auf naturale Ereignisse und Prozesse kausal zurückgeführt werden können, muss auch jede vorschnelle Gleichsetzung von sozialen Systemen und Ökosystemen problematisch sein. Vor allem die Annahme des ökologischen Adaptionismus, gesellschaftliche Systeme hätten sich an notwendige und unabänderliche Umweltbedingungen „anzupassen“, um ihren Fortbestand dauerhaft zu sichern, ist mit dem Programm der Soziologie unvereinbar und deswegen auch zurückgewiesen worden. In Abgrenzung zu Positionen, die eine Naturkausalität unterstellen, geht das soziologische Paradigma bekanntermaßen davon aus, dass mit der „äußeren“ (stoffliche und energetische Ressourcen) und „inneren Natur“ (Physis des Menschen) lediglich die Randbedingungen von Gesellschaft bestimmt werden können, die ansonsten aber zu vernachlässigen sind, wenn sich die Soziologie ihrem eigentlichen Untersuchungsfeld, soziale Handlungen und Institutionen, Strukturen und Systeme, zuwendet (vgl. Japp/Krohn 1997). Insofern ist es auch wenig verwunderlich, dass die Umweltproblematik von den Hauptsträngen der soziologischen Theorie nicht aufgegriffen und in deren begrifflich-konzeptionellen Rahmen integriert worden ist (vgl. Rucht 1998). Auch wird schließlich nachvollziehbar, dass – wie Anthony Giddens in Konsequenzen der Moderne (1995: 17) kritisch bemerkt – die Schattenseiten der Moderne von der soziologischen Klassik nicht im Hinblick auf die Umweltproblematik erörtert worden sind. Bei genauerer Betrachtung können unterschiedliche Gründe benannt werden, um die weitgehende Absenz der Umweltproblematik in der soziologischen Tradition erklären zu können. Erstens ist für die Soziologie die Differenzbestimmung von Natur bzw. Umwelt und Gesellschaft sowie damit einhergehend die Ausgrenzung naturaler Einflussfaktoren auf soziale und gesellschaftliche Prozesse von geradezu konstitutiver Bedeutung gewesen, um insbesondere in der Phase ihrer Etablierung und Konsolidierung als eigenständige wissenschaftliche Disziplin einen fachdisziplinären Forschungsgegenstand begründen und gegenüber den Naturwissenschaften, aber auch gegenüber der Psychologie, Philosophie und Ökonomie abgrenzen zu können (vgl. Rosenmayr 1989; Scharping/Görg 1994; Murphy 1995; 1997; Grundmann 1997b; Brand 1998b). Auch wenn die Frage nach der Bestimmung des Sozialen in der Soziologie immer wieder unterschiedlich beantwortet worden ist und insofern auch unterschiedliche Kategorien und Begriffssysteme ausgewählt worden sind, um sich dem Sozialen anzunähern, so bildet die methodologische Grundregel Durkheims, Soziales nur durch Soziales zu erklären, von Simmel und Weber über Parsons bis hin zu Habermas und Luhmann den unbestrittenen Ausgangpunkt aller soziologischen Überlegungen. Darüber hinausgehend hat sich zweitens die Soziologie von Anbeginn als eine wissenschaftliche Disziplin verstanden, für deren Selbstverständnis die emphatische Idee der klassischen, industriegesellschaftlichen Moderne bestimmend war, Gesellschaft könne sich von den Schranken der Natur „emanzipieren“. Die Vorstellung einer immer besser gelingenden rationalen Beherrschung naturaler Prozesse durch Arbeit und Technik geht auf eine lange epistemologische Tradition im abendländischen Denken seit Francis Bacons Programm der wissenschaftlichen Naturbeherrschung und René Descartes’ Subjekt-Objekt-Dualismus zurück und hat im Ideenhorizont der Aufklärung und in den Fortschrittskonzepten und Geschichtsphilosophien des 19. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen,
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die in Gestalt des evolutionistischen Industrialismusparadigmas bis weit ins 20. Jahrhundert fortgeschrieben worden sind.26 Mit dem Aufkommen der ökologischen Gesellschaftskritik in den 1970er Jahren ist zwar der Versuch unternommen worden, die moderne ökologische Problematik in die Soziologie einzuführen. Wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt sind die unterschiedlichen Ansätze der Umweltsoziologie aber durch spezifische Reduktionismen gekennzeichnet, da entweder – wie im Falle des „New Environmental Paradigm“ von Catton/Dunlap – Gesellschaft letztlich aus dem Blickwinkel der Umwelt betrachtet und damit auf eine originär soziologische Perspektive verzichtet oder – wie im Falle des Konstruktivismus – die umweltsoziologische Problemstellung auf die Frage der Wahrnehmung und symbolischen Repräsentation von Umwelt beschränkt wird. Auch Becks Anliegen seit Mitte der 1980er Jahre, die Umwelt- und Risikoproblematik in die zeitdiagnostische Soziologie einzuführen, hat nicht dazu geführt, die Anschlussfähigkeit klassischer soziologischer Grundbegriffe für umweltsoziologische Fragestellungen systematisch zu überprüfen. Deswegen ist auch weiterhin der Einschätzung von Brand/ Rammert (1997: 530) zuzustimmen, dass bis in die jüngste Zeit der Umweltproblematik moderner Gesellschaften von der etablierten soziologischen Theorie kaum Beachtung geschenkt worden ist: „Zu zentralen Problemen der modernen Gesellschaft, wie den globalen Umweltgefährdungen, den Strategien des ,sustainable development‘, den Ungewissheiten naturwissenschaftlichen Wissens und den Ambivalenzen technologischer Naturgestaltung herrscht im Zentrum der soziologischen Theoriediskussion weitgehend Schweigen.“ Die Ausklammerung der Umweltproblematik aus dem soziologischen Theoriefokus ist vor allem dann als problematisch anzusehen, wenn jenseits eines überkommenen Naturalismus die Frage nach der sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden soll. Ganz ähnlich wie in den USA ist auch in Deutschland die Absenz der ökologischen Problematik in der Sozialtheorie von einigen Vertretern der Umweltsoziologie zum Anlass genommen worden, um die Erklärungskraft und Anschlussfähigkeit der soziologischen Theorie für Umweltfragestellungen grundsätzlich in Zweifel zu ziehen und einen Paradigmenwechsel einzufordern, der eine grundlegende Neuorientierung der Soziologie im Sinne einer „ganzheitlichen“ Betrachtung von Umwelt-Gesellschaft-Interaktionen ermöglicht. So wird gelegentlich eine „ökologische Soziologie“ für notwendig erachtet, wobei eine – wie auch immer differenzierte – Einheit von Natur und Gesellschaft unterstellt wird. Natur und Gesellschaft geben in diesem Verständnis einen einheitlichen Gegenstandsbereich ab, der interdisziplinär zu analysieren wäre. Die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschungsansätze gerade im Feld der Umweltwissenschaften ist unbestritten und zugleich unverzichtbar, wenn komplexe Umweltprobleme und ihre gesellschaftlichen Ursachen und Folgen untersucht werden sollen. Eine grund26 In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1985) in der Dialektik der Aufklärung in ihrer Kritik der instrumentellen Vernunft an Max Webers Rationalisierungsthese und an Georg Lukács’ Theorie der Verdinglichung anschließen, um im totalen Triumph der technisch-wissenschaftlichen Rationalität das Janusgesicht der Moderne identifizieren zu können (vgl. Habermas 1981, I: 455ff.; 1985b: 130ff.). So wird in der Dialektik der Aufklärung die moderne, technologisch rationalisierte Aneignung von Naturpotentialen als „äußerer“ Ausdruck einer „inneren“ Zivilisationskrise moderner Gesellschaften interpretiert. Der Kritischen Theorie erscheint das zweckgerichtete Verfügbarmachen von Natur gewissermaßen als eine Art „innergesellschaftliche Verlängerung der menschlichen Herrschaft über die äußere Natur“ (Honneth 1986: 63). Nach Auffassung von Horkheimer und Adorno hat sich die Herrschaft über die äußere Natur in der Herrschaft über die innere Natur des Menschen verdoppelt, die gesellschaftliche Regression begünstigt und soziale Entfremdung verstärkt. Die Naturproblematik wird von der Kritischen Theorie also nur insofern aufgegriffen, um die These einer tiefgreifenden Krise von Kultur und Gesellschaft plausibilisieren zu können.
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legende Revision der Grundannahmen der Soziologie im Sinne ihrer „Ökologisierung“ ist jedoch nicht plausibel, da weder hinreichend geklärt ist, inwieweit die soziologische Tradition nicht doch für Umweltfragestellungen fruchtbar gemacht werden könnte, noch unklar bleibt, welchen originären Beitrag die Soziologie überhaupt zu einer „ganzheitlichen“ Mensch-Umwelt-Betrachtung leisten könnte. In Abgrenzung zur vorschnellen Verabschiedung des klassischen Programms der Soziologie soll im Folgenden an der Eigenständigkeit ihres Forschungsgegenstands und ihrer methodologischen Ausrichtung festgehalten werden. Die zentrale These der folgenden Überlegungen lautet hierbei, dass das Durkheim’sche Postulat, Soziales durch Soziales erklären zu wollen, gerade nicht notwendigerweise infrage zu stellen ist, um gesellschaftliche Umweltbezüge im Horizont soziologischer Begrifflichkeiten einholen und reflektieren zu können. Wie im Einzelnen genauer zu zeigen ist, ergibt sich nämlich die Absenz der ökologischen Problematik in der soziologischen Theorie keineswegs zwingend aus ihrem Selbstverständnis, Soziales nicht naturalistisch zu erklären, sondern als Realität sui generis zu begreifen. Ganz im Gegenteil soll unter Rückgriff auf einen konzeptionell weiter angelegten Praxisbegriff ein theoretischer Zugang zu sozialen Praktiken der Umweltnutzung vorgeschlagen werden, der es erlaubt, das Verhältnis von ökologischen und sozialen Systemen auf der Seite des Gesellschaftlichen genauer bestimmen zu können, ohne auf das nach wie vor erhebliche Erkenntnispotential der soziologischen Tradition leichtfertig verzichten zu müssen. Ausgehend von der These, dass in der herkömmlichen soziologischen Theorie gesellschaftliche Umweltbezüge mehr oder weniger getilgt sind oder ihnen nur eine im Hinblick auf die Konstitution und Reproduktion von Gesellschaft marginale Bedeutung zugesprochen wird, soll an ausgewählten Beispielen der soziologischen Theorie dargelegt werden, dass der soziologische Begriffskanon in seiner herkömmlichen Verwendung zu eng gefasst ist, um einen Zugang zur sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt erschließen zu können. Gleichwohl wird hieraus nicht die Schlussfolgerung gezogen, soziologische Grundbegriffe seien per se unbrauchbar, um die ökologische Problematik sozialtheoretisch reflektieren zu können. Ganz im Gegenteil ist auszuloten, inwieweit die Begriffe der soziologischen Theorie wie soziales Handeln und soziale Strukturen für umweltsoziologische Fragestellungen fruchtbar gemacht werden können. Es kommt also darauf an, den Gegenstandsbereich der soziologischen Forschung, das Soziale, so zu fassen, dass gesellschaftliche Umweltbezüge im Rahmen der allgemeinen soziologischen Theorie berücksichtigt werden können. Nur dann können die Umweltbezüge gesellschaftlicher Systeme auch als das begriffen werden, was sie sind, nämlich als soziale Tatbestände.
1. Umwelt und Handeln in der philosophischen und soziologischen Anthropologie Die Soziologie Umwelt und Handeln hat sich in in der ihrerphilosophischen Geschichte ausdrücklich und soziologischen von jedemAnthropologie Biologismus abzugrenzen versucht, der von der Annahme ausgeht, dass menschliches Handeln angeborenen Reflexen oder Instinkten folgt. Demgegenüber hat die traditionelle Soziologie ein Forschungsprogramm entwickelt, das nicht die Frage nach der physiologischen, genetischen oder biologischen Grundausstattung menschlicher Akteure, sondern ihre Fähigkeit zu kulturell variablen Verhaltensweisen in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stellt und konsequenterweise auch menschliches Handeln als primär soziales Handeln bestimmt, welches kulturell erlernt und über soziale Institutionen tradiert – und eben nicht biologisch über den Genotyp des
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homo sapiens vererbt wird. In diesem Sinne bedeutet die Rede von der sozialen Bedingtheit des Handelns, dass Reaktionen auf Umweltreize nicht (mehr) instinktgesteuert sind, sondern ein Handelnder über eine spezifische, gesellschaftlich vermittelte Reflexions- und Lernkompetenz verfügt, die ein Verhaltensrepertoire ermöglicht, das nicht in einem strikten Sinne gattungsspezifisch determiniert ist. Zwar ist durchaus in Rechnung gestellt worden, dass die Fähigkeit des Menschen zur kulturellen und sozialen Variabilität nicht unabhängig von seinen physiologischen und genetischen Besonderheiten beschrieben werden kann. Gleichwohl werden in der Soziologie Fragen nach den sogenannten anthropologischen Konstanten üblicherweise an ein eigenes Fach, die Anthropologie, verwiesen. Zwei Varianten der Anthropologie können unterschieden werden: die biologisch orientierte und die kulturorientierte Anthropologie (zu dieser Unterscheidung vgl. im Überblick Esser 1993: 143ff.).27 Von der biologischen Anthropologie, die als besondere Variante der biologischen Evolutionstheorie aufzufassen ist und sich mit Fragen der Entstehung der Gattung des homo sapiens (Phylogenese), den Abläufen der individuellen Entwicklung menschlicher Organismen (Ontogenese) oder auch den Vorgängen bei der Vererbung der genetischen Merkmale beschäftigt, grenzen sich kulturorientierte Ansätze wie die empirisch ausgerichtete, vergleichende Kulturanthropologie und die philosophische Anthropologie ab. Während die Kulturanthropologie (vgl. die Übersicht bei Bargatzky 1989; Harris 1989; Vivelo 1995) die bemerkenswerte Variationsbreite kultureller Praktiken in schriftlosen Gesellschaften untersucht, gleichwohl aber auch universale Prinzipien des Sozialen zu benennen versucht (z. B. InzestTabu), sucht die philosophisch ausgerichtete Anthropologie (vgl. Gehlen 1962; Plessner 1975) nach grundlegenden Dispositionen des Menschen, die nicht nur als gattungsspezifische Merkmale interpretiert, sondern nicht selten auch als normative Messlatte herangezogen werden, um Prozesse des sozialen und gesellschaftlichen Wandels auf der Folie apriorischer Annahmen über das „eigentliche Wesen“ des Menschen bewerten zu können. Vor diesem Hintergrund greift die soziologische Anthropologie sowohl auf die empirisch als auch auf die philosophisch ausgerichtete Anthropologie zurück, um deren Ergebnisse unter soziologischem Blickwinkel bewerten zu können. In diesem Zusammenhang sind exemplarisch Karl Marx (1983a), Arnold Gehlen (1962; 1964; 1986) und George Herbert Mead (1978) anzuführen, denen nicht nur eine Schlüsselrolle bei der Begründung und Genese klassischer Theorietraditionen der Sozialwissenschaften wie Materialismus, Institutionalismus und Symbolischer Interaktionismus zukommt, sondern darüber hinaus zentrale anthropologische Annahmen über die Grundbedingungen menschlicher Existenz mit soziologischen Fragestellungen verbunden haben.28 Vor allem die ersten beiden anthropologisch-soziologischen Ansätzen sind in dem hier verfolgten Kontext gerade deswegen von besonderem Interesse, da sie einen ersten Zugang zu dem 27 Eine neuere Variante der biologischen Anthropologie ist die sog. Soziobiologie (Wilson 1978), die von der Grundannahme ausgeht, dass sich letztlich diejenigen Verhaltensweisen evolutionär durchsetzen, die den höchsten reproduktiven Erfolg versprechen bzw. „für die es in einer Population und deren Umwelt ein evolutionär stabiles Gleichgewicht der verschiedenen Strategien des Verhaltens gibt“ (Esser 1993: 144f.). 28 Arnold Gehlen gilt bekanntlich als einer der Begründer der philosophischen Anthropologie. Sein Werk zeichnet sich vor allem aber auch durch eine „symbiotische Verbindung“ (Schnädelbach 1986: 271) von Philosophie, Psychologie, Verhaltensforschung, Soziologie und Sozialpsychologie aus. Vgl. zu Gehlen vor allem Honneth/Joas (1980: 52ff.), zu Mead Joas (1980: Kap. 5 und 7). Allgemein zum Ansatz und zu Abgrenzungsproblemen der soziologischen Anthropologie siehe Lepenies (1971). Nach Esser (1993: 147) ist die soziologische Anthropologie „nicht zuletzt wegen der auch seit jeher engen Verbindung zur Sozial-Philosophie immer ein wenig durch ein hybrides Schwanken zwischen der strikten Beschränkung auf die Aufnahme empirischer Erkenntnisse und dem Festhalten an apriorischen Annahmen über das (,eigentliche‘) Wesen des Menschen und der darauf aufbauenden Konstruktion von Entwürfen gesellschaftlicher Ordnung gekennzeichnet gewesen.“
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theorietechnischen Problem bieten, wie das Verhältnis von Umwelt und Handeln aus soziologischer Perspektive genauer bestimmt werden kann.
1.1 Natur und Gesellschaft – Karl Marx In der umweltsoziologischen Debatte ist zuweilen übersehen worden (vgl. exemplarisch Murphy 1995; 1997), dass sich bereits Karl Marx mit der Verhältnisbestimmung von Natur und Gesellschaft beschäftigt hat. In den Frühschriften Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844 (1983c) sowie in Die deutsche Ideologie von 1845/46 (1983a) hat nämlich Marx in Auseinandersetzung mit Hegel und Ludwig Feuerbach einige anthropologische Prämissen der materialistischen Geschichtstheorie formuliert, die für sein Verständnis des Verhältnisses von Natur und gesellschaftlicher Praxis grundlegend sind. An diese frühen Grundüberlegungen hat er in ihrem Kern auch in den späteren Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie festgehalten, auch wenn gleichwohl, worauf weiter unten noch zurückzukommen sein wird, einige wichtige Akzentverschiebungen vorgenommen worden sind. Der Marx’sche Ansatz ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass menschliche Existenzweisen innerhalb eines umfassenden Naturkontextes thematisiert werden, ohne jedoch diesem einen ontologischen Status unabhängig von sozialen Praktiken zuzuschreiben. In Abgrenzung zu Hegel und dem deutschen Idealismus betont Marx die Vorrangstellung von materiell-stofflichen gegenüber geistig-ideellen Prozessen und streicht in Anlehnung an den anthropologischen Materialismus von Feuerbach die Leiblichkeit und Naturbezogenheit menschlicher Individuen („Naturwesen“) heraus. An Feuerbach kritisiert jedoch Marx, dass die Wirklichkeit nur als Objekt der Anschauung, als tote mechanisch-physikalische Dingwelt betrachtet, nicht aber unter dem Gesichtspunkt des „Subjekts“, d. h. der konkreten menschlichen Tätigkeit und der sich verändernden gesellschaftlichen Praxis problematisiert wird. Bei der Betrachtung des Menschen und der Natur sowie im Verhältnis beider Seiten zueinander könne nämlich nicht von historisch-gesellschaftlichen Prozessen abstrahiert werden. Nach Marx ist der Mensch nicht nur „Naturwesen“, sondern auch ein „für sich selbst seiendes Wesen“ (1983c: 579). Hierbei greift er die Hegel’sche Grundkonzeption eines sich selbst erzeugenden Subjektes auf, interpretiert dieses aber weder als Ausdruck eines „reinen Geistes“ noch einer Idee, sondern als materiell-praktisch tätiges Subjekt. Dieser in Auseinandersetzung mit Feuerbach und Hegel entwickelte nicht-ontologische Charakter des Marx’schen Materialismus (vgl. Schmidt 1971: 10ff.) ist also dadurch charakterisiert, dass sowohl die „äußere“ als auch die leibliche Natur menschlicher Individuen an den Ausgangspunkt der Überlegungen gestellt wird. Gegenüber Feuerbach weist Marx sodann darauf hin, dass die sinnlich wahrnehmbare Welt nicht als ein „unmittelbar von Ewigkeit her gegebenes, sich stets gleiches Ding“ interpretiert werden kann, sondern ein „Produkt der Industrie und des Gesellschaftszustandes“ ist und sich somit als ein „geschichtliches Produkt“ darstellt (alle Zitate Marx 1983a: 43). So wie Feuerbach geht auch Marx von der Priorität der „äußeren Natur“ aus, jedoch mit dem kritischen Vorbehalt, dass diese Priorität nur eine gesellschaftlich vermittelte sein kann. Die materielle Wirklichkeit wird damit nicht im Sinne eines unvermittelten Objektivismus als geschichtsfremdes Substrat verstanden, dem ein Handelnder passiv-anschauend gegenüber steht, sondern als etwas, mit dem er sich praktisch-tätig auseinander setzt. Anders formuliert ist Wirklichkeit kein bloß kontemplativ Gegebenes, sehr wohl aber eine menschlich vermittelte objektive Welt. „Der Kirschbaum ist“, schreibt Marx an gleicher Stelle (1983a: 43), „wie fast alle Obstbäume, bekanntlich erst vor wenig Jahrhunder-
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ten durch den Handel in unsre Zone verpflanzt worden und wurde deshalb erst durch diese Aktion einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Zeit der ,sinnlichen Gewißtheit‘ Feuerbachs gegeben“. Damit wird die Vorstellung von einer „letzten“, homogenen Grundoder Weltsubstanz, von einem unveränderlichen „Wesen“ der Dinge, auf die sich alles Existierende zurückführen lasse, zugunsten der Überlegung verworfen, dass die konkrete stofflichmaterielle Wirklichkeit auf spezifische Weise gesellschaftlich-historisch vermittelt bzw. geprägt ist. Die historische Entwicklung menschlicher Gesellschaften steht für Marx zunächst in der Kontinuität der natürlichen Evolution. Die erste Voraussetzung und Notwendigkeit der menschlichen Existenz sieht Marx in der materiellen Tätigkeit der Individuen, in der „Produktion des materiellen Lebens selbst“ (1983a: 28), um die Mittel zur Befriedigung basaler physischer Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung usw. aus den vorgefundenen Naturstoffen der physischen Umwelt erzeugen zu können. Menschliche Individuen sind nämlich unhintergehbar auf vitale körperliche Funktionen angewiesen, deswegen auch immer schon selbst Teil der Natur und von daher auf einen Stoffwechsel mit ihr angewiesen; und zwar nicht nur, um die individuelle Reproduktion zu sichern, sondern auch, um Prozesse der Vergesellschaftung überhaupt erst zu ermöglichen. Der Begriff des Stoffwechsels wird von Marx somit nicht nur in einem metaphorischen Sinne, sondern auch unmittelbar in einem physiologischen Sinne verwendet. Dementsprechend wird auch Natur in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1983c: 515f.) als „unorganischer Körper“ des Menschen aufgefasst, „sowohl insofern sie 1. ein unmittelbares Lebensmittel, als inwiefern 2. die Materie, der Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenstätigkeit ist“. Die materielle Produktion und Reproduktion des alltäglichen Lebens wird allerdings nicht als einfacher stofflicher „Austausch“ mit der Natur in dem Sinne verstanden, dass menschliche Individuen an spezifische Naturbestimmtheiten gebunden und ihre physische Existenz an einen einmal vorgegebenen Modus des Stoffwechsels mit der Natur gefesselt sind. Vielmehr geht Marx von tätigen, „produzierenden“ Individuen aus, die in ihrer „Praxis“ die vorgefundenen materiellen Gegebenheiten umgestalten und dadurch neue – ihren (wandelnden) Bedürfnissen gemäße – Lebensbedingungen erzeugen. Die in den Frühschriften entwickelten Grundüberlegungen zur Vermittlung des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft (vgl. hierzu auch Grundmann 1991; 1997b; Dickens 1997) hat Marx in den späteren Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie weiter entfaltet. Hierbei kommt dem Arbeitsbegriff eine herausragende Bedeutung zu. Arbeit im Sinne produktiver Tätigkeit ist nach Marx die zentrale und unablässige Existenzbedingung menschlicher Gesellschaften. Genauer betrachtet ist Arbeit zunächst eine gesellschaftlich organisierte, zweckgerichtete Tätigkeit zur Bearbeitung und Aneignung von Naturstoffen, um konkrete Gebrauchswerte für unterschiedliche soziale Zwecke herzustellen. Sie ermöglicht die Transformation von Naturpotentialen in gesellschaftliche Wertgegenständlichkeit. Indem der Mensch, so Marx, auf die vorgefundene Natur einwirkt und diese verändert, die „in ihr schlummernden Potenzen“ entwickelt und „das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit“ unterwirft, verändert er zugleich, auch „seine eigne Natur“ (alle Zitate 1983b: 192). Insofern vermittelt Arbeit nicht nur den stofflichen Austauschprozess zwischen Gesellschaft und Natur, sondern sie ist auch zentrale Bedingung der Möglichkeit der menschlichen Selbsterzeugung schlechthin. Die Aneignung von Naturpotentialien im Medium der menschlichen Arbeit ist somit immer nicht nur ein rein materieller, sondern zugleich ein zweckgerichteter und damit gesellschaftlicher Prozess. Die materielle „Produktion des Lebens“ wird von Marx (1983a: 29f.)
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folglich auch als ein „doppeltes Verhältnis“ aufgefasst, „einerseits als natürliches, andrerseits als gesellschaftliches Verhältnis – , gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichgültig unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird“.29 Diese Produktion durch Arbeit unterscheidet sich vom tierischen Stoffwechsel also dadurch, dass sie nicht auf die Beziehung Individuum – Natur reduzierbar, sondern von vornherein ein sozialer Prozess ist, der spezifische gesellschaftliche Beziehungen und institutionelle Regelungen („Verhältnisse“) umfasst. Konsequenterweise ist für Marx die Entwicklung dafür notwendiger Fähigkeiten, wie z. B. Werkzeugherstellung, sprachliche Verständigung (Bewusstsein, Kommunikation), soziale Kooperation (Arbeitsteilung), Zweck- und Zielorientierung sowie planende Reflexion des eigenen Tuns, nicht mehr als natürliche Evolution zu verstehen, sondern als soziale Entwicklung, die im Weiteren von Marx im Rahmen einer teleologisch ausgerichteten materialistischen Geschichtsphilosophie als Abfolge von unterschiedlichen Typen der gesellschaftlichen Produktionsweise interpretiert wird (vgl. hierzu kritisch Habermas 1976: 144ff.; Jaeggi/Honneth 1977). Zwar ist für Marx die natürliche Evolution des homo sapiens und seine körperliche Organisationsform die allgemeine Grundlage aller sozialen Prozesse. Darüber hinausgehende Aussagen über die spezielle soziale Organisation lassen sich auf Basis der genetischen und physiologischen Ausstattung der menschlichen Spezies allerdings nicht treffen. Für Marx ist nämlich mit dem Abschluss der Hominisation die soziale Evolution an die Stelle der natürlichen Evolution getreten. Der Naturbegriff erhält weder beim frühen noch erst recht beim späten Marx eine metaphysische Weihe und erstarrt auch nicht zu einem letzten ontologischen Prinzip. Wie schon von Alfred Schmidt (1971) detailliert herausgearbeitet worden ist, dürfen gleichwohl bei der Thematisierung von Natur im Marx’schen Werk gewichtige Akzentverschiebungen nicht übersehen werden. In den frühen Pariser Manuskripten „schimmert noch der vormärzhaft-sensualistische Naturkultus Feuerbachs durch, der auch der Heineschen Lyrik jener Zeit nicht fremd ist, wenn Marx den Menschen als das ,wirkliche, leibliche, auf der festen wohlgerundeten Erde stehende, alle Naturkräfte aus- und einatmende‘ Wesen feiert“ (Schmidt 1971: 131). Hingegen löst sich Marx in den späteren Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie von der letztlich doch abstrakten und idealisierenden Anthropologie der fragmentarisch gebliebenen und erst später veröffentlichten Pariser Manuskripte. So distanziert er sich noch weitaus konsequenter von den „Feuerbachschen Idolen ,Mensch‘ und ,Natur‘“ (Schmidt 1971: 131), indem er auf essentialistische Begriffe wie „der Mensch“ oder „die Natur“ verzichtet und an die Stelle der abstrakt bleibenden Rede von der „menschlichen Selbstentfremdung“ die materialistische Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse setzt. In den Frühschriften wird noch in emphatischen Zügen eine anzustrebende Einheit von Mensch und Natur als Höhepunkt bzw. Abschluss einer gattungsspezifischen Emanzipationsgeschichte beschworen, 29 Mit der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln und der Entstehung der modernen Lohnarbeit nimmt nach Marx der gesellschaftliche organisierte Stoffwechsel mit der Natur die Form der kapitalistischen Warenproduktion an, die auf einer doppelten Existenzform der Waren beruht: der Naturalform und der Wertform. Während sich – nach Marx (vgl. 1983b: 57, 62) – der Gebrauchswert einer Ware, der „Warenkörper“, aus den Elementen „Naturstoff“ und „Arbeit“ zusammensetzt, enthält das Wertverhältnis zwischen den Waren, der Tauschwert, „kein Atom Naturstoff“. Es ist insofern ein gesellschaftliches Verhältnis, da es nicht über materielle Eigenschaften oder stoffliche Zusammensetzungen der Waren informiert, sondern nur über das Maß der in einer Ware vergegenständlichten Arbeitstätigkeiten. Mit anderen Worten ist der Tauschwert einer Ware gegenüber dem materiellen Substrat des Warenkörpers, dem konkreten Arbeitsprodukt, völlig indifferent. Die ungelösten Probleme der Marxschen Arbeitswerttheorie sowie ihr Verhältnis zur ökonomischen Produktionskostenlehre, zur subjektiven Werttheorie der Wiener Grenznutzenschule Karl Mengers u. a. sowie zur Werttheorie Georg Simmels müssen an dieser Stelle ausgeblendet werden. Vgl. im Überblick Kraemer (1997a: 59f.).
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die als „Humanisierung der Natur“ bzw. als „Naturalisierung des Menschen“ gedeutet wird (Marx 1983c: 538).30 Hingegen ist in den späteren Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie von einer „Resurrektion der Natur“ keine Rede mehr (vgl. Schmidt 1971: 159). In Abgrenzung zu den früheren geschichtsphilosophischen Spekulationen über die „Entfremdung“ zwischen Mensch und Natur wird vielmehr eine unhintergehbare Nicht-Identität von sozialer und naturaler Sphäre unterstellt; und zwar auch unabhängig davon, ob die jeweilige gesellschaftliche Ordnung von Marx als kapitalistische oder nicht-kapitalistische, als „entfremdete“ oder „nicht-entfremdete“ beschrieben wird. Marx greift hierbei auf den naturwissenschaftlich eingefärbten Terminus „Stoffwechsel“ zurück, um das durch den Arbeitsprozess vermittelte Verhältnis von Natur und Gesellschaft auf einen weniger spekulativen Nenner zu bringen. Gleichwohl ist dieser Stoffwechsel an die vorgegebenen Naturgesetze gebunden. Marx lässt sich vor allem von der Annahme leiten, dass natürliche Prozesse nur „beherrscht“ werden können, wenn die grundsätzlich unaufhebbaren Naturgesetzlichkeiten zur Kenntnis genommen werden und man sich ihnen unterwirft. Ein Produzent kann „in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d. h. nur die Formen der Stoffe ändern“ (Marx 1983b: 57). Naturgesetze, mit denen zu rechnen ist, werden von Marx damit weder ignoriert noch verklärt und fetischisiert, sondern als Daten der sozialen Evolution angesehen. Auch wenn die unterschiedliche Akzentsetzung bei der Verwendung des Naturbegriffs im Früh- und Spätwerk nicht übersehen werden darf, so kann man gleichwohl konstatieren, dass der Marx’sche Materialismus gegen die idealistische Subjektphilosophie gewendet und mit Blick auf die „äußere“ und „innere“ (leibliche) Natur des Menschen die Vorrangstellung von materiell-stofflichen gegenüber geistigen Prozessen betont. Stets wird menschliches Handeln innerhalb eines umfassenden Naturkontextes konzeptionalisiert. Diese Vorentscheidung wird jedoch nicht, wie gezeigt, zugunsten eines ontologischen Naturalismus gewendet, also etwa im Sinne der Annahme von der Natur als einer außergesellschaftlichen Objektwelt, die dem sozialen Akteur als unverrückbare Bedingung seines Handelns gegenübersteht. Menschliche Gesellschaften, so lautet der Marx’sche Einwand gegen den anschauenden Materialismus von Feuerbach, sind nicht an fixe Naturbestimmtheiten, an einen ein für allemal vorgegebenen Stoffwechselprozess gebunden. Vielmehr verändern sie die Art und Weise des Stoffwechsels in dem Maße, wie vorgefundene stoffliche Elemente für spezifische gesellschaftliche Zwecke praktisch umgestaltet werden. Von anderen Naturkonzeptionen unterscheidet sich der Marx’sche Naturbegriff damit durch seinen relationalen, historisch-gesellschaftlichen Charakter (vgl. grundlegend Schmidt 1971 sowie Görg 1999: 43ff.). Wenn Marx von „Natur“ spricht, dann wird zugleich immer schon die Gesamtheit der ökonomischen und technischen Aneignungspraktiken vorausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist es auch nur konsequent, dass Marx nicht auf einen intrinsischen Wert der Natur rekurriert. Der radikale anthropozentrische Blickwinkel wird gerade dann besonders deutlich, wenn Natur als Moment und Objekt gesellschaftlicher Praxis thematisiert und mit dem Arbeitsbegriff ihre soziale Zweckmäßigkeit in den Mittelpunkt der Überlegungen gestellt wird. Zusammenfassend kann das Verhältnis von Natur und Gesellschaft im Marx’schen Werk durch folgende Merkmale gekennzeichnet werden. Marx wendet sich erstens in der Kritik an den verschiedenen Spielarten des Sozialdarwinismus seiner Zeit gegen die Vorstellung, Naturgesetzlichkeiten einfach auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen zu können und konsta30 „Also die Geschichte ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur“ (Marx 1983c: 538).
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tiert damit einen grundsätzlichen Unterschied zwischen gesellschaftlichen und natürlichen Entwicklungsprozessen. Gleichwohl spricht er sich zweitens gegen eine starre, einander ausschließende Entgegensetzung von Natur und Gesellschaft aus, „als ob das zwei voneinander getrennte ,Dinge‘ seien“ (1983a: 43). Schließlich geht es ihm gerade darum, das produktiv-tätige Verhältnis sozialer Akteure zur Natur, konkreter: den durch die „eigne Tat“ (1983b: 192) vermittelte, geregelte und kontrollierte Stoffwechsel nicht auszuklammern. Einerseits werden außersoziale Naturstoffe durch Arbeit transformiert, wobei zu spezifizieren ist, dass im Prozess der Industrialisierung und Technologisierung der Arbeitsprozesse man zwar immer weniger auf das vorgegebene Material angewiesen ist, sehr wohl aber auf das Potential naturaler Elemente und Wirkkräfte, die zu Produktionszwecken und nach Maßgabe des „Standes der Produktivkräfte“ (Marx) nutzbar gemacht werden. Selbst die spektakulärsten technologischen Erfindungen sind immer auf das verwiesen, was die Naturbasis der Möglichkeit nach in sich birgt. Andererseits werden Naturstoffe im Arbeitsprozess zu Produkten mit immer weiter ausdifferenzierten sozialen Gebrauchsfunktionen umgeformt. Damit wendet sich Marx dagegen, Natur und Geschichte ineinander aufgehen zu lassen als auch ihre Differenz zu verabsolutieren. In der Vorstellung von Natur und Gesellschaft als differente und zugleich wechselseitig – durch Arbeit – verschränkte Sphären der Wirklichkeit liegt eine wichtige Besonderheit des Marx’schen Materialismus begründet. Von den zuweilen nebulösen Metaphern, die in den Frühschriften verwendet werden, um dieses Verhältnis beschreiben zu können, hat sich Marx in den späteren Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie verabschiedet und dort durchgängig auf den von den Naturwissenschaften geprägten Terminus „Stoffwechsel“ zurückgegriffen, von dem er offensichtlich annahm, das dieser besser geeignet sei, um die Relation Natur/Gesellschaft begrifflich fassen zu können. Diese Marx’sche Position ist aus unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln höchst kontrovers bewertet worden. Angesichts der Debatten zur „ökologischen Krise“ in den 1970er und 1980er Jahren ist vor allem die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit sowie die Vorstellung der instrumentellen Naturbeherrschung in den Schriften von Marx grundsätzlich kritisiert worden. Hier erscheint Marx als Denker des 19. Jahrhunderts, der den weit verbreiteten Glauben an die Segnungen des technischen Fortschritts teilt und einer Metaphysik der Arbeit anhängt, die auf der optimistischen Vorstellung von einer voranschreitenden Naturbeherrschung durch die moderne Industrie gründet.31 Ganz in diesem Sinne hat etwa Immler (1985; 1989; vgl. auch Immler/Hofmeister 1998) von einer „Naturvergessenheit“ des Marx’schen Ökonomismus gesprochen und diese auf dessen Werttheorie zurückgeführt, um sodann – unter Rückgriff auf die klassische Problemstellung der Physiokraten nach dem Wert der Natur – die These von der außergesellschaftlichen „Naturproduktivität“ als Quelle ökonomischer Wertbildung zu explizieren (vgl. auch Immler/Schmied-Kowarzik 1984). Während Immler die unzureichende naturalistische Erdung des Marx’schen Ansatzes kritisiert, vertritt hingegen Eder 31 In Relativierung dieser vorherrschenden Lesart ist in jüngerer Zeit aber auch daran erinnert worden, dass Marx in einigen Passagen (vgl. 1983b: 527ff.) eine weitaus differenziertere und weniger optimistische Bewertung der industriellen Produktivkräfte vorgenommen hat. Vgl. beispielsweise Grundmann (1997b: 540), der zutreffend auf die „unverdauliche(n) Brocken“ des geschichtsphilosophischen Arbeitsbegriffs sowie der Mehrwert-, Klassenund Revolutionstheorie hinweist (vgl. hierzu auch Kraemer 2001a: 114ff.). Zugleich betont er aber: „Selbst in der Kritik wird deutlich, daß Marx weder einem naturalistischen, noch einem soziologistischen Paradigma zuzuschlagen ist. Gegenüber seinen ökologischen Kritikern zeichnet er sich durch einen bemerkenswerten Realismus aus, was die Beurteilung der zunehmenden technischen Eingriffsmöglichkeiten und der Gestaltbarkeit der Natur betrifft. Allzu oft verfallen Ökologen dem Fehlschluß, daß die zunehmende Unterwerfung der Natur unmöglich sei, weil sie politisch oder moralisch unerwünscht sei.“
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(1989: 30ff.) die entgegengesetzte Position einer naturalistischen Verkürzung bei Marx. Er wendet nämlich ein, dass eine als eigenständig gedachte kulturell-symbolische Dimension der „Vergesellschaftung von Natur“ von vornherein ausgeschlossen sei. Und vor dem Hintergrund der ökologischen Debatte in den 1970er und 1980er Jahren plädiert Schmidt (1993) in dem Vorwort der Neuausgabe seiner Studie Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx sogar dafür, zum „anschauenden Materialismus“ Feuerbachs und zu einem an Schelling angelehnten Begriff des „Naturganzen“ zurückzukehren. Gegen eine derartige Rückbesinnung auf naturalistische Positionen wendet sich Görg (1999: 45), der in Marx’ Grundposition, dass Gesellschaft nur in Auseinandersetzung mit Naturprozessen gedacht werden kann, ein wichtiges Korrektiv zu den „entmaterialisierten Grundbegriffen“ der zeitgenössischen Sozialwissenschaften sieht.32 Gleichwohl reicht es allerdings nicht aus, einfach die Begriffe Arbeit und Stoffwechsel zu verabsolutieren, um das Verhältnis von Gesellschaft und Natur beschreiben zu können. Wie Görg (1999: 60) betont, ist die Marxsche Problemstellung nämlich allein schon deswegen zu erweitern, um jene sozialen Prozesse und Institutionen in den Blick nehmen zu können, in denen die gesellschaftlichen Umweltbezüge sowohl praktisch als auch symbolisch reguliert werden.
1.2 Weltoffenheit und Umweltentbindung – Arnold Gehlen Wie gesehen thematisiert Marx die Aneignung von Natur durch zweckgerichtete Tätigkeit menschlicher Individuen nicht deswegen, um den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur beschreiben zu können, sondern um die spezifische, historisch wandelbare soziale Form oder Organisation der Aneignung von Naturpotentialen offen zulegen. Die Anthropologie Arnold Gehlens, die in den Hauptwerken Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt von 1940 (1962) und Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen von 1956 (1964) ausgearbeitet worden ist, knüpft in einem wichtigen Gesichtspunkt an die Überlegungen von Marx an, ohne dessen materialistisches Theoriekorsett zu übernehmen. Marx hebt, wie soeben skizziert, die Fähigkeit zur produktiven zweckgerichteten Handlung („materielle Tätigkeit“) menschlicher Akteure hervor. Auch Gehlen unterstreicht das „unbegrenzt variable Handlungskönnen“ (Gehlen 1962: 44) als konstitutives Element des homo sapiens. Die außerordentliche Handlungsfähigkeit wird jedoch nicht im Kontext des historischen Materialismus gedeutet, sondern vor dem Hintergrund der auf Herder (1772) und Kant (1784) zurückgehenden Annahme einer organischen Unterprivilegierung des Menschen (MängelwesenThese) begründet. Die Mängelwesen-These geht bekanntermaßen zunächst von der Vorstellung der physischen Unangepasstheit, d. h. einer unzureichenden organischen Anpassung des homo sapiens an seine physische Umwelt und – damit zusammenhängend – von einer fehlenden Spezialisierung der physiologischen Funktionen aus. Diese These wird sowohl phylogenetisch als auch ontogenetisch begründet. Als Belege werden u. a. das unterentwickelte Gebiss, das fehlende Fell, die geringe Sinnesschärfe, die nicht vorhandenen angeborenen Angriffs- und Verteidigungsorgane, die mit der frühen Geburt des menschlichen Fötus verbundene außerordentliche Hilflosigkeit in den ersten Lebensjahren und das späte Eintreten der Geschlechtsrei32 Auf die Probleme des von Görg u. a. vertretenen Konzepts der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ (vgl. auch Wehling 1989; Jahn 1990; Scharping/Görg 1994; Becker 1996; Jahn/Wehling 1998) ist weiter unten noch genauer einzugehen.
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fe genannt.33 Die fehlende Spezialisierung biologischer Funktionen, die extrem lange Hilflosigkeit sowie der „embryonische Habitus“ (1986: 47) werden aber andererseits von Gehlen als biologische Gründe dafür angeführt, dass der Mensch eine besondere Handlungsfähigkeit entwickeln kann, um die physische Mängelsituation eigenständig und produktiv zu bewältigen: „(...) die Unspezialisiertheit bedeutet ja den Mangel einer ihm natürlich angepaßten Umwelt, mit der er im biologischen Gleichgewicht lebt, und sie enthält zweitens die Notwendigkeit, die ganze exponierte, organisch hilflose und ungedeckte Verfassung durch Selbsttätigkeit durchsetzungsfähig zu machen, also in erfahrenen und kontrollierten Handlungen die physische Existenz erst zu ermöglichen“ (Gehlen 1962: 131, Hervorheb. im Original, K. K.). So gesehen kann der menschliche Akteur nicht nur als morphologisches Mängelwesen bezeichnet werden, sondern zugleich auch als „Prometheus“, da er sich eine „zweite Natur, eine künstlich bearbeitete und passend gemachte Ersatzwelt“ (1986: 48) schafft. Organische Mittellosigkeit einerseits und planende, verändernde, kulturschaffende Tätigkeit auf der anderen Seite bedingen einander: „Von einer ,Einpassung‘ des Menschen in einen dieser Gattung von Natur her zugeordneten speziellen Komplex natürlicher Lebensbedingungen, wie dies im exakten Begriff der Umwelt gedacht wird, kann gar keine Rede sein. So wie sich die tierische, organische Spezialisierung und die ihr jeweils zugeschnittene Umwelt zueinander verhalten, so muß man die Unspezialisiertheit und morphologische Hilflosigkeit des Menschen in seiner Kultursphäre sehen. Da dieses aber ein Inbegriff urwüchsiger Tatbestände ist, die der Mensch ins Lebensdienliche verändert hat, so gibt es von vorneherein gar keine natürlichen Grenzbedingungen menschlicher Lebensfähigkeit, sondern nur technische Grenzbedingungen: nicht in der Natur, sondern in den Graden der Bereicherung und Verbesserung seiner kulturschaffenden Tätigkeit, zuerst der Denkmittel und Sachmittel, liegen die Grenzen menschlicher Ausbreitung“ (Gehlen 1986: 48). Gehlen sieht also in den organischen Besonderheiten die Voraussetzungen und in den kulturellen und sozialen Leistungen die Folge dieser gattungsspezifischen Handlungsfähigkeit. Aus der unzureichenden physiologischen Spezialisierung des menschlichen Organismus und dem Abbau angeborener, instinktiver Verhaltensweisen („Instinktreduktion“) leitet Gehlen im Weiteren die außerordentliche Nichtfestgelegtheit, die Formbarkeit oder „Plastizität“ des Motivations- und Handlungssystems des homo sapiens ab, der dadurch in die Lage versetzt wird, „der Natur das abzuringen, was ihm an angeborener Sicherheit der Einpassung in die Wirklichkeit fehlt“ (Gehlen 1986: 20).34 Gehlen (1986: 69) will zeigen, dass „der Mensch in seiner gegebenen biologischen Konstitution sich innerhalb der unmittelbaren, rohen Natur erster Hand gar nicht halten könnte, daß er mithin von der Veränderung, der praktischen, realen Veränderung irgendwelcher beliebiger vorgefundener Naturtatsachen leben muß. Sein intelligentes Handeln ist in erster Linie konstruktive Veränderung der Außenwelt aus barer organischer Bedürftigkeit. So z. B. muß er sich die ihm organisch versagten Waffen erst selbst 33 Gehlen (1962: 44ff., 101ff.) stützt sich hierbei vor allem auf vergleichende Untersuchungen des Zoologen Adolf Portmann zur Sonderstellung der menschlichen Ontogenese und dessen Analyse des sog. „extra-uterinen Frühjahrs“ von Neugeborenen sowie auf die Theorie des Anatomen Louis Bolk zur allgemeinen Verzögerung oder „Retardation“ der menschlichen Entwicklung. 34 Bekanntermaßen spielt Gehlen mit dem Begriff Plastizität auf die von Max Scheler (1928) beschriebene „Weltoffenheit“ des Menschen an, um sodann zu verdeutlichen, dass Reflexen und Instinkten nur eine rudimentäre Bedeutung bei der Verhaltenssteuerung zugeschrieben werden können. Stattdessen wird Verhalten und Handeln von Gehlen zuallererst durch Eigenschaften wie Lernmöglichkeit, Entwicklungsfähigkeit und – mehr oder weniger beliebige – Kombinierbarkeit der Antriebe, durch die Möglichkeit der Hemmung, des Aufschubs und der Sublimierung der Antriebe und Motive bestimmt.
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herstellen und bearbeiten, oder wenn er in kalte Zonen vordringt, dann hängt er sich den Pelz um, der ihm nicht wächst.“ Gehlen sieht also einen gewissen Zusammenhang zwischen der diagnostizierten morphologischen Sonderstellung des Menschen und seiner Umwelt. Um dies zu verdeutlichen, schließt er an die Untersuchungen von J. v. Uexküll an, dass jede Tierpopulation über eine artspezifische Umwelt verfügt, in der sie aufgrund einer entsprechend angepassten Organausstattung erfolgreich existieren kann. Dieser konstatierte Zusammenhang von Organausstattung und Umwelt kann nach Gehlen jedoch beim Menschen nicht vorausgesetzt werden. Während beim Tier die Organspezialisierung, das Instinktrepertoire und die „Umweltfesselung“ einander entsprechen, bedingen beim Menschen Weltoffenheit und „Umweltenthebung“ einander (Gehlen 1962: 35). Im Gegensatz zu anderen höheren Säugetieren, die durch Organspezialisierungen und angeborene Instinktschemata auf je artspezifische Umwelten festgelegt sind, verfügen menschliche Akteure somit über keine gattungsspezifischen Umwelten. Vielmehr sind sie in die Lage versetzt, die unmittelbar gegebenen Umwelten zu erweitern; bzw. sie müssen neue Mittel und Techniken erfinden, um ihre individuelle und gesellschaftliche Reproduktion auf Dauer zu stellen. Die Leistung der menschlichen Kultur sieht Gehlen (vgl. grundlegend 1962) deswegen auch vor allem darin, dass aus mehr oder weniger beliebig vorgefundenen Konstellationen von Naturzuständen eine „zweite Natur“, gewissermaßen eine Ersatz-Umwelt geschaffen wird, um das Überleben zu sichern. Dies impliziert zugleich, dass menschliche Gesellschaften ihre Umwelt gewissermaßen „wechseln“ (Gehlen 1962: 81) können, wenn dies aus welchen sozialen oder nicht-sozialen Gründen auch immer notwendig oder sinnvoll erscheint.35 Damit ist für Gehlen (1962: 79f.) ein biologisch bestimmter Umweltbegriff im Sinne von Uexküll auf menschliche Gesellschaften „nicht anwendbar, denn genau an der Stelle, wo beim Tiere die ,Umwelt‘ steht, steht beim Menschen die ,zweite Natur‘ oder die Kultursphäre mit ihren eigenen, sehr besonderen Problemen und Begriffsbildungen, die von dem Umweltbegriff nicht erfaßt, sondern im Gegenteil nur verdeckt werden“. Mit anderen Worten ist der homo sapiens potentiell dazu befähigt, „unter allen denkbaren Außenumständen, im Urwald, im Sumpf, in der Wüste oder wo immer, in arktischen Zonen oder unter dem Äquator die jeweils vorhandenen Naturkonstellationen intelligent so zu bearbeiten, daß er sich halten kann“ (1986: 18). Der Auffassung des Menschen als primär „handelndes Wesen“ (1962: 23) kommt in der Anthropologie Gehlens eine ganz besondere Bedeutung zu. Die Anpassung an unterschiedliche physische Umwelten ist für Gehlen nicht länger durch biogenetische Steuerung festgelegt, sondern erfolgt durch Handlungen, die durch Weltoffenheit, Plastizität und Umweltentbundenheit gekennzeichnet sind. Handeln soll, so Gehlen (1986: 17) in ganz allgemeiner Absicht, „die auf Veränderung der Natur zum Zwecke des Menschen gerichtete Tätigkeit heißen“. Die „Bestimmung des Menschen zur Handlung“ ergibt sich für Gehlen (1962: 23) aus der weiter oben beschriebenen mangelhaften physischen Organisation: „ein physisch so verfaßtes Wesen ist nur als handelndes überlebensfähig“. An anderer Stelle wird Handlung als das „umkonstruierende Tun eines weltoffenen und konstitutionell mit bloß organischen Mitteln lebensunfähigen Wesens“ (1986: 95) definiert. Dieses „umkonstruierende Tun“ bezieht sich gleichwohl nicht nur auf die äußere Umwelt des Handelnden, sondern ebenso auf den sich selbst gestellten Handelnden: da „er sich selbst Aufgabe ist, nimmt er auch zu sich selbst Stellung und ,macht sich zu etwas‘“ (Gehlen 1962: 32). 35 Als Beispiel führt Gehlen (1962: 81) „große Wanderungen in ganz neuartigen Lebensräumen“ an; diese „erfordern dann eine Revolution der Kultur, eine völlige Umstellung der Lebenstechniken und Denkmittel, die sich bis zum Religiösen hin zu erstrecken pflegt.“
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Der Handlungsbegriff wird von Gehlen ganz bewusst in einem weiten Sinne verwendet, und zwar in der Absicht, physisch-leibliche, geistig-kognitive und expressiv-symbolische Dimensionen menschlicher Handlungen bzw. Tätigkeiten zusammen denken zu können. Gehlen (vgl. auch 1962: 12f.) wendet sich gegen den Dualismus von Morphologie und Psychologie, „Außen“ und „Innen“ und damit gegen die cartesianische Trennung von Körper und Seele, indem er versucht, die Handlung selbst in der Perspektive einer „Außen-Innen-Verschränkung“ zu interpretieren (vgl. hierzu auch Schnädelbach 1986: 270). Gehlen (1964: 8) geht nämlich von der Grundüberlegung aus, dass im Begriff der Handlung „die denkende, erkennende, wollende Seite des Menschen ebenso enthalten ist wie seine physische, aber so, daß beide uno actu als gegenseitig sich voraussetzend, als ineinander enthalten gedacht werden“. Der Handlungsbegriff wird also gewissermaßen aus dem Zusammenspiel körperlicher und psychosozialer Eigenschaften entwickelt, weswegen Handeln auch nicht auf Arbeit, instrumentelle Tätigkeit oder Kommunikation im engeren Sinne beschränkt, sondern im weitesten Sinne als kulturschaffende Tätigkeit aufgefasst wird; und das heißt: als Tätigkeit, die die (soziale) Welt überhaupt erst konstituiert und sowohl praktisch als auch symbolisch erschließt.36 Ganz in diesem Sinne wird Kultur als „handelnd veränderte Natur“ (1986: 21) definiert, genauer: als Prozess und Ergebnis der von sozialen Akteuren „arbeitend bewältigten, veränderten und verwerteten Naturbedingungen, einschließlich der bedingteren, entlasteten Fertigkeiten und Künste, die auf jener Basis erst möglich werden“ (1962: 39). Aus dem diagnostizierten Mangel an artspezifischen biologischen Anpassungskapazitäten („Instinktreduktion“), der umweltunspezifischen Organausstattung („Organprimitivismen“) sowie des konstitutionellen, über jede situative Bedürfnisbefriedigung hinaustreibenden „Antriebsüberschusses“ (vgl. etwa 1962: 57f.) leitet Gehlen schließlich die produktive Fähigkeit und Notwendigkeit ab, Techniken zu erfinden und praktisch anzuwenden. Er spricht in diesem Zusammenhang sogar nicht nur vom Prinzip des „Organersatzes“ oder der „Organentlastung“, sondern auch von der „Organüberbietung“ durch technisches Handeln: „Der Schlagstein in der Hand entlastet und überbietet zugleich im Erfolg die schlagende Faust; der Wagen, das Reittier entlasten uns von der Gehbewegung und überbieten deren Fähigkeit. Im Tragtier wird das Entlastungsprinzip handgreiflich anschaulich. Das Flugzeug wieder ersetzt uns die nicht gewachsenen Flügel und überbietet weit alle organische Flugleistung“ (1986: 94). Dieses Prinzip der Ausschaltung oder Überbietung betrifft allerdings nicht nur menschliche Organe, sondern kann zugleich auch auf das Organische schlechthin übertragen werden, da beispielsweise Werkstoffe wie Holz und Stein durch Eisen und Stahl oder Leder und natürliche Farbstoffe wie Purpur und Indigo durch synthetische Stoffe substituiert werden. Die Instinktreduktion führt Gehlen als zentralen Grund für die Unbestimmtheit des menschlichen Verhaltens an. Hieraus zieht Gehlen in seiner Institutionenlehre (vgl. grundlegend 1964) die bekannte Schlussfolgerung, dass die Stabilisierung und Regulierung des Handelns nur über soziale „Institutionen“ möglich sei. An die Stelle instinktiver, festgelegter Verhaltensabläufe treten kulturell präformierte Verhaltensmuster bzw. gesellschaftlich sanktionierte Institutionen, denen eine unverzichtbare Entlastungsfunktion bei der Verarbeitung und Strukturierung von Wahrnehmungen zugesprochen werden. Genauer formuliert hat Gehlen 36 Gehlen (1962: 15) reklamiert für sich eine „anthropo-biologische Betrachtungsweise, welche die besondere Leibesbeschaffenheit des Menschen mit der sehr komplexen und komplizierten ,Innerlichkeit‘ zusammen sehen“ kann. Und an anderer Stelle heißt es: „Die Handlungsform einer Gewohnheit als erlebter, wirklicher Verlauf kann am besten beschrieben werden, wenn man die geläufigen Trennungen von ,Subjekt‘ und ,Objekt‘, von ,physisch‘ und ,psychisch‘ gar nicht verwendet“ (Gehlen 1964: 25).
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mit dem Institutionenbegriff zuallererst „praktisches Gewohnheitsverhalten“ bzw. „habitualisiertes Handeln“ (Gehlen 1964: 23, 61) im Blick, das dem individuellen, reflexiven Zugriff entzogen ist und die Funktion eines sozialen Äquivalents für instinktreaktive Verhaltensmuster übernimmt. Institutionen entlasten von der chaotischen Fülle von Eindrücken und Reizen („Reizüberflutung“), denen der weltoffene Akteur permanent ausgesetzt wäre, würden die Wahrnehmungen der Welt symbolisch nicht sinnvoll geordnet und in ein System von fraglosen Deutungen überführt werden („Selbstwert im Dasein“). Sie bieten nach Gehlen die „Hintergrunderfüllung“, die das Individuum überhaupt erst in die Lage versetzt, zu Kulturleistungen fähig zu sein. Koordiniertes und entlastendes – und damit praktisch wirksames – Handeln wird dementsprechend überhaupt erst möglich, wenn die Selektion und Reduktion der Weltkomplexität symbolisch erfolgreich gesteuert wird. Institutionen fungieren folglich als unentbehrliche, die Instinktsteuerung ersetzende und stabilisierende soziale Rahmungen oder Filter, innerhalb derer sich die potentiell informations- und affektüberlasteten menschlichen Individuen erfolgreich orientieren können. Mehr noch: Institutionen setzen gewissermaßen an der „konstitutionelle(n) Plastizität der menschlichen Antriebe“ (Gehlen 1964: 21) an, schirmen das Individuum vor der unendlichen Variabilität potentieller Handlungsmöglichkeiten ab. Sie schaffen dadurch Verhaltenssicherheit und ermöglichen ein unhinterfragtes und stabiles, auf Dauer gestelltes Weltverständnis. Gehlen hat hierbei vor allem überpersonale, rigide Institutionen – nicht zuletzt religiös fundierte Sinnsysteme – im Blick, die dem individuellen Zugriff grundlegend entzogen sind. Wie in der einschlägigen Literatur immer wieder hervorgehoben worden ist (vgl. exemplarisch Schülein 1987: 88ff.), verweist die Institutionenlehre Gehlens auf eine bestimmte Grundannahme von sozialer Ordnung, die nur dann dauerhaft aufrechterhalten werden kann, wenn die sozialen Verhaltens- und Beziehungsmuster klar abgegrenzt, fordernd und hierarchisch strukturierend sind. Der Gehlen’sche Entlastungsbegriff rekurriert in diesem Zusammenhang auf ein stabiles, auf Dauer gestelltes Weltverständnis, das von einem permanenten Entscheidungsdruck entlastet und dadurch Kontingenzen begrenzt.37 Nahe gelegt wird sogar, dass Reflexion handlungshemmend wirkt. So gesehen sind Anschlusshandlungen lediglich als Wiederkehr von stereotypisierten, habitualisierten Gewohnheiten denkbar und nicht etwa als Folge reflexiver Entscheidungen, die von erprobten Handlungspfaden abweichen. Kritisch gegenüber dieser Konzeption ist deswegen auch eingewendet worden, dass die von Gehlen beschriebene „Weltoffenheit“ des menschlichen Handelns unter diesen rigiden Bedingungen verkümmern muss. Insbesondere die fundamentale Kontingenzerfahrung der Moderne macht offenkundig, dass soziale Handlungen immer entscheidungsabhängig sind, genauer: der Handelnde vor der Entscheidung steht, zu entscheiden, dieses zu tun oder jenes zu unterlassen. In diesem Sinne geht „Weltoffenheit“ immer zugleich auch mit der Erweiterung des Möglichkeitshorizontes einher; etwa in dem Sinne, dass ein sozialer Akteur in die Lage versetzt ist, den Zwang zu Entscheidungen nicht nur als Zumutung zu erleben, die ihn überfordert und an der er zerbricht, sondern vor allem auch als Chance, Entscheidungen überhaupt treffen zu können oder auch diese – etwa vor dem Hintergrund anderer normativer oder sonstiger Erwägungen – zu revidieren.38 37 Die Grundprämissen der Institutionenlehre sind bekanntermaßen von Gehlen in seiner harschen konservativen Kulturkritik der Moderne zeitdiagnostisch ausbuchstabiert worden. Zur grundlegenden Kritik vgl. Habermas (1985a: 42f.). 38 Ganz offensichtlich hat Gehlen den Entlastungsbegriff auf der Folie traditionaler Gesellschaftssysteme entwickelt, während Entlastungsprozesse in modernen Gesellschaften unthematisiert bleiben müssen. Der Grund hier-
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Die mit der Institutionenlehre verbundenen konzeptionellen Probleme treten in besonderer Weise hervor, wenn man sich der Frage zuwendet, welche Bedeutung sozialen Institutionen bei dem durch menschliches Handeln induzierten Wandel der Umwelt zugeschrieben werden kann. Mehr noch: Können veränderte Formen der sozialen Nutzung von Umweltqualitäten oder -ressourcen überhaupt im Rahmen der Gehlen’schen Institutionenlehre beschrieben werden? Zwar betont Gehlen explizit die Handlungsfähigkeit sozialer Akteure und beschreibt mit dem Begriff der „Umweltenthebung“ besonders eindringlich den Umstand, dass menschliche Gesellschaften unhintergehbar darauf angewiesen sind, vorgefundene Umweltbedingungen und -daten „ins Zweckdienliche“ (1986: 70) zu verändern. Gleichwohl konzentriert sich Gehlen auf die anthropologischen Bedingungen der Möglichkeit von Umweltentbindung, während darüber hinausgehende Fragestellungen nach den sozialen Voraussetzungen handlungsinduzierter Veränderungen von Umweltbedingungen ausgeklammert bleiben. Gerade vor dem Hintergrund der Institutionenlehre bleibt letztlich unklar, wie die Transformation sozialer Umweltnutzungen zu erklären ist. Das auch bei Gehlen durchaus vorhandene Spannungsverhältnis von Handeln und Institutionen wird nämlich mit der Überlegung stillgelegt, dass Institutionen in habitualisiertem, von reflexiven Praktiken abgekoppeltem Gewohnheitshandeln zur Geltung kommen. Zwar betont Gehlen (1964: 43), dass „die Habitualisierung des Verhaltens selbst produktiv ist, da sie die Entlastungschance für höhere, kombinationsreiche Motivationen herstellt und diese damit geradezu ermöglicht“. Mit der Gehlen’schen Fassung des Institutionenbegriffs wird letztlich aber eine gewisse Stabilität und Wandlungsresistenz sozialer Strukturen und Handlungsmuster unterstellt.39 Demgegenüber wäre jedoch zu problematisieren, welche Bedeutung den sozialen Institutionen beim Wandel von Umweltpraktiken zugeschrieben werden kann. Mit anderen Worten: Durch welche Mechanismen oder Institutionen sind Veränderungen von Umweltnutzungen sozial vermittelt? Gerade vor dem Hintergrund der These von der Umweltenthebung müsste das Verhältnis von Handeln und Institutionen genauer bestimmt werden. Da aber Gehlen mit dem Institutionenbegriff auf einer anthropologisch-biologisch-funktionalistischen Erklärungsebene verharrt, verzichtet er im Weiteren auch darauf, die soziale Konstitution, Reproduktion und Transformation von Umweltnutzungen für wandelnde gesellschaftliche Zwecke beschreiben oder erklären zu können. Obwohl Gehlens Anthropologie wichtige Anknüpfungspunkte bietet, um einen Handlungsbegriff zu konzeptionalisieren, der nicht von physischen Umweltkontexten abstrahiert, so bleibt letztlich doch der Ertrag für die hier verfolgte Fragestellung nach der sozialen Konstitution von Umwelt begrenzt.
für ist darin zu sehen, dass der Entlastungsbegriff bei Gehlen nicht soziologisch, sondern anthropologisch bestimmt und deswegen beispielsweise auch nicht auf die Systemebene moderner Gesellschaften übertragbar ist. Bemerkenswert ist, dass Luhmann (1968) im Kontext des Theorems der Komplexitätsreduktion auf den Entlastungsbegriff Gehlens zurückgreift, um ihn als systemischen Entlastungsbegriff zu reformulieren. In diesem Falle wird Entlastung etwa nicht im Sinne einer gelingenden normativen Integration diskutiert, sondern nur im funktional-systemtheoretischen Sinne als Bedingung der Möglichkeit von systeminterner Kontingenzsteigerung. Da der Entlastungsbegriff bei Gehlen lediglich anthropologisch hergeleitet ist, kann er auch die Ambivalenz von Entlastung in der Moderne nicht überzeugend beschreiben. Entlastung ist, so ist an dieser Stelle festzuhalten, in der Moderne eine Entlastung ohne Verpflichtungscharakter, der hingegen für den Entlastungsbegriff Gehlens konstitutiv ist. 39 Schülein (1987: 93f.) schlussfolgert: „Nachdem erst einmal die Institutionen entstanden sind, ist von Handlungen kaum noch die Rede: die Institutionen allein sind Träger historischer Entwicklung, was dann letztlich Geschichte nicht mehr zugänglich werden läßt.“
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1.3 Handlungsfähigkeit und Umwelttransformation – Heinrich Popitz Wie soeben dargelegt geht Gehlen von der Annahme aus, dass die „äußere“ morphologische Unspezialisiertheit des Menschen (Organmängel) mit einer „inneren“ Entdifferenzierung des Verhaltens (Instinktreduktion) einhergeht. Aus dieser für die Anthropologie Gehlens typischen Innen-Außen-Verschränkung wird die „exponierte und riskierte Konstitution“ (1962: 35) des homo sapiens abgeleitet. Aufgrund unzureichender biologischer Anpassungskapazitäten kann, so Gehlen, die artspezifische Reproduktion nur deswegen gesichert werden, da menschliche Akteure über die Fähigkeit zum intelligenten, planenden Handeln und damit zur zweckmäßigen Veränderung von Umständen und Umwelten verfügen. Heinrich Popitz hat in Der Aufbruch zur Artifiziellen Gesellschaft (1995) diesen anthropologisch-biologischen Funktionalismus Gehlens einer grundlegenden Kritik unterzogen, ohne jedoch dessen Schlussfolgerung von der für menschliche Gesellschaften typischen Ablösung von fixen Umweltzuständen infrage zu stellen. Im Folgenden ist genauer darzulegen, wie und in welcher Weise die These der Umweltablösung bei Popitz hergeleitet und begründet wird. Popitz’ Überlegungen zielen darauf ab, unter Rückgriff auf soziologische, biologische und technologische Fragestellungen eine Anthropologie der Technik und des technischen Handelns zu begründen. Zunächst wendet er sich gegen die biologisch abgeleitete Mängelwesenund Kompensationsthese, um sodann Gehlens Überlegungen zum Prinzip der Entlastung zurückzuweisen. Die Frage nach den Existenzbedingungen des Menschen kann nicht, so kritisiert Popitz die Anthropologie Gehlens, im Sinne eines schieren Überlebens beantwortet werden. Gehlens Annahmen basieren, wie Popitz (1995: 53) argumentiert, „auf der Unterstellung, man könne die wesentlichen anthropologischen Kennzeichen aufgrund ihrer Funktionalität für die nackte Existenzerhaltung des Menschen bestimmen“. Popitz räumt durchaus – im ökologischen Sinne – spezifische Mängel der menschlichen Organausstattung ein. Auch ist er weit davon entfernt, die relative Instinktentbundenheit in Zweifel zu ziehen, so dass er auch ausdrücklich Gehlens Schlussfolgerung von der Nichtfixierung des weltoffenen menschlichen Individuums an bestimmte Umweltbedingungen folgt. Popitz’ Kritik (1995: 54) richtet sich nicht gegen derartige Aussagen, sondern „gegen den Stellenwert, den sie im Rahmen eines anthropologisch-biologischen Funktionalismus erhalten“. Aus der Perspektive einer anthropologisch-soziologischen Analyse des technischen Handelns problematisiert Popitz (1995: 54) Gehlens Verständnis der Technik als „Organersatz“, „Organentlastung“ und „Organverstärkung“. Hierbei lässt er sich von folgender Ausgangsfrage leiten: „Kann man auf diesem Wege die Eigenart technischer Artefakte besser verstehen, als ,mängelbezogene‘ Prothesen des menschlichen Organismus?“ Gegenüber Gehlen insistiert Popitz (1995: 57) darauf, dass die morphologische Sonderstellung nicht in einem allgemeinen Organmangel begründet ist, sondern in einer spezifischen Organeignung der menschlichen Hand, die – wie am Beispiel des formenden Hantierens erläutert wird – im Zusammenspiel mit Auge und Gehirn eine Vielzahl von Objektkontakten überhaupt erst ermöglicht: „Gewiß bildet sich die Fähigkeit zum technischen Handeln erst allmählich voll aus mit der Entfaltung besonderer psychischer Kräfte (Gedächtnis, Vorstellungskraft, Sprache). Aber das Vermögen, technisch zu handeln, ist bereits angelegt in der organischen Grundausstattung des Menschen. Es ist angelegt vor allem in der menschlichen Hand, – einem technisch immens brauchbaren Organ. Technisches Handeln entwickelt sich aus einer spezifischen Organ-Eignung des Menschen, einer spezifischen in seiner Organisation angelegten Chance. Technik kompensiert nicht einen Organmangel, sondern nutzt eine Organeignung.“ Die Hand, so Popitz (1995: 58f.), ist ein „außerordentlich
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flexibel einsatzfähiges Werkzeug, das der Mensch nicht herstellen muß, es ist ihm angeboren, angewachsen an den Leib. Mit diesem natürlichen Werkzeug kann er eine Vielzahl künstlicher Werkzeuge formen und eine Vielzahl von Werkzeugformen greifen und führen“. Die physiologische Gestalt der Hand ist unspezialisiert; sie ist nicht durch grobe, kraftaufwendige Funktionen belastet, sondern sie ermöglicht eine Vielzahl besonderer Leistungen. Die Hand kann Signalfunktionen übernehmen (Zeigeorgan). Vor allem ist sie aber das zentrale Organ des Objektkontaktes. Als Modi des Objektkontaktes unterscheidet Popitz (1995: 62ff.) im Weiteren das Tasten, Greifen, Formen, Schlagen und Werfen, um fortzuführen, dass die Genese der Werkzeugtechnik zunächst auf dem „Formen- und Schlagen-Können der Hand“ (1995: 66) beruht; bzw. genauer formuliert: auf der einsichtigen, durch Erfahrung gewonnenen Fähigkeit, unterschiedliche Materialeigenschaften (z. B. Härtegrade, Elastizität) bei der Bearbeitung von Stoffen auszunutzen sowie anvisierte Ziele effektiver durch Umweghandlungen und lange Zweck-Mittel-Ketten (z. B. Herstellung von Werkzeugen zweiten und dritten Grades) zu erreichen. Die Fähigkeit, Umwelt durch technisches Handeln artifiziell zu verändern, ist für Popitz damit zuallererst in der organischen Konstitution angelegt.40 Hierbei wird technisches Handeln als ein „Agens der menschlichen Phylogenese“ (1995: 73) aufgefasst. Die Entwicklung des „vorstellungsgeleiteten“ und „explorierenden“, Sachzusammenhänge erkundenden Handelns wird im Einzelnen aus „technischen Handlungserfahrungen mit der Hand“ abgeleitet, die im Prozess der routinisierten Bearbeitung und Manipulation von Dingen sukzessive gewonnen werden. Diese technische Handlungsfähigkeit kann auch nach Popitz allerdings nur im direkten Zusammenhang mit dem von Scheler und Gehlen beschriebenen Prinzip der Weltoffenheit verstanden werden. Der menschliche Akteur agiert weltoffen, „weil er durch technisches Handeln sich die Welt öffnen kann. Er kann sich vor Kälte durch Pelze schützen, vor Trockenheit durch Bewässerung, vor Dunkelheit durch angezündetes Licht; er paßt die Formen des Pfluges der Beschaffenheit des Bodens an und damit den vorgefundenen Boden seinen Bedürfnissen. Weltoffenheit – das ist nicht die Folge einer besonderen physischen Anpassungsfähigkeit des Menschen, sondern Folge seiner Fähigkeit, das Gegebene verändernd sich passend zu machen. Daß der Mensch einen Biotop, in den er hineingeboren wurde, verlassen konnte, ist nicht das Verdienst seiner Füße, sondern seiner Hände. Die umgestaltende Kraft ist zugleich die weltöffnende Kraft der Hände“ (alle Zitate Popitz 1995: 73f.). Für Popitz ist die Entfaltung technischer Handlungspotentiale bereits in der organischen Grundausstattung, insbesondere in der menschlichen Hand angelegt. Gleichwohl steht für ihn aber auch außer Frage, dass mit der Extension moderner technischer Handlungsfähigkeiten, wie sie etwa in der Mechanisierung, Motorisierung und Computerisierung von Arbeitsabläufen zum Ausdruck kommt, zugleich die Hand im Prozess des Herstellens und Umgestaltens von Dingen ihre dominante Rolle einbüßt. Die Entwicklung technischer Handlungsfähigkeiten wird von Popitz als zentrale Möglichkeitsbedingung angesehen, die relative Ungebundenheit an fixe Umweltbedingungen kontinuierlich zu steigern und neue artifizielle Umwelten zu schaffen. So münden seine anthropologischen Überlegungen in das Konzept „fundamentaler Technologien“ (1995: 13ff., 78ff.) ein. Mit diesem Begriff beabsichtigt er, unterschiedliche historische Phasen oder Wenden der artifiziellen Umgestaltung von Natur und Gesellschaft zu beschreiben und voneinander zu un40 Vgl. auch aus paläoanthropologischer Sicht Leroi-Gourhans (1984) These der Koevolution von Organ- und Symboltechniken.
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terscheiden. Diese Technologien werden insofern als „fundamental“ beschrieben, da sie die „Entdeckungen neuer Machbarkeiten“ ermöglichen, mit denen menschliche Gesellschaften ihre „Stellung in der Objektwelt immer neu zurechtzimmern“ (1995: 8).41 Sie basieren auf einer „neuen Idee des Herstellen-Könnens“, d. h. der Entwicklung einer prinzipiell „neuen Möglichkeit der Umwandlung des Gegebenen in Verwendbares“, also darauf, dass eine neue „Ebene der Machbarkeit“ erschlossen wird, die die „Anthropo-Zentrierung der Erde“ weiter vorantreibt (1995: 13f.). Genauer betrachtet werden insgesamt sieben fundamentale Technologien voneinander unterschieden: Erstens ist die „Technologie des Werkzeugs“ (I) anzuführen, die es ermöglicht, Artefakte herzustellen, die zum wiederholten Gebrauch bestimmt sind, um kontinuierlich vorgefundene Materialien der Umwelt (zuallererst Stein, Knochen, Horn) zweckgerichtet formen bzw. bearbeiten zu können. Die „Technologie der Agrikultur“ (II) ermöglicht es zweitens, Lebensmittel selbstständig zu produzieren, indem naturale organische Prozesse selektiert und gesteigert werden (Züchtung von Kulturpflanzen, Kultivierung von Böden, Domestikation von Wildtieren). Sodann erlaubt drittens die „Technologie der Feuerbearbeitung“ (III), insbesondere die Keramik und Metallurgie (Kupfer, Bronze, Eisen), vorgefundene anorganische Stoffe (Ton, Erze) unter Einsatz fossiler Energieträger (Holzkohle, Steinkohle) thermisch so zu reinigen, zu härten und zu schmelzen, dass neue Materialien gewonnen werden, die als Werkstoffe für unterschiedlichste Zwecke weiterverarbeitet werden. Viertens führt Popitz die „Technologie des Städtebaus“ (IV) an, durch die artifiziell errichtete Umwelten entstehen, die eine räumliche Konzentration von arbeitsteiligen Aktivitäten und Siedlungsstrukturen ermöglichen. Die „Technologie der Maschine“ (V) substituiert fünftens organisch bzw. körperlich gebundene Handlungsabläufe und Arbeitstätigkeiten durch mechanische Systeme, die thermische in kinetische Energie umwandeln, um beispielsweise die Leistungen der Materialformung, der Montage oder des Transports exponentiell zu steigern. Sechstens ermöglicht die „Technologie der Chemie“ (VI), naturale Ausgangsstoffe in ihre chemischen Elemente zu zerlegen und in neuartige Stoffe mit neuartigen Eigenschaften zu transformieren, um entweder synthetische Produkte wie Chemiefasern, Kunstharze und Kunstkautschuk herzustellen und damit neue Brauchbarkeiten zu kreieren oder chemische Substanzen zu produzieren, die – wie im Falle der Agrochemie und Pharmazie – in spezifischer Weise auf pflanzliche, tierische oder menschliche Organismen einwirken. Und schließlich ermöglicht siebtens die „Technologie der Elektrizität“ (VII) den netzgebundenen Transport von Energie – unabhängig davon, ob diese aus der Verbrennung von Kohlenstoffen (Holz, Kohle, Erdgas, Erdöl), aus der Kernspaltung oder aus der Nutzung regenerativen Energiequellen wie Wind- und Wasserkraft gewonnen werden – über große Distanzen hinweg, wodurch die räumliche Bindung der industriellen Produktion an die Standorte der Energieumwandlung aufgehoben wird. Neben dieser Eignung zum passiven Transformations- und Transportmedium wird die „Technologie der Elektrizität“ auch als aktives Transformationsmedium genutzt, etwa indem sie direkt in Antriebs- und Steuerungskraft für Produktionsmaschinen, Transportvehikel und sonstige automatisierte Apparate oder in Licht und Wärme umgesetzt wird. Mit der Nutzung elektromagnetischer Wellen bzw. Sequenzen dient die „Technologie der Elektrizität“ schließlich auch dem räumlich ungebundenen, drahtlosen Transfer von Daten und Informationen. In der mikroelektronischen Informationsverarbeitung, in der „Technologie des Atomkerns“ und der „Technologie des Zellkerns“ sieht Popitz die jüngsten Ent41 Ausdrücklich vermerkt Popitz (1995: 13), dass mit dem Terminus „Technologien“ die „gesamte Logik des Produzierens gemeint ist, von der grundlegenden Produktionsidee über die Mittel und Methoden der Herstellung bis zum Typus der hergestellten Artefakte.“
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wicklungen technologischer Innovationen, die trotz ihrer noch nicht genauer absehbaren Bedeutung in das Modell einer universalhistorischen Sequenz fundamentaler Technologien eingeordnet werden. Während die fundamentale Technologie (I) sich im Zuge der menschlichen Phylogenese entwickelt, bilden sich die fundamentalen Technologien (II) bis (IV) mit der Sesshaftwerdung heraus und konstituieren nach Popitz eine „erste technologische Revolution“. Die so bezeichnete „zweite technologische Revolution“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts umfasst die fundamentalen Technologien (V) bis (VII). Allen fundamentalen Technologien ist zu Eigen, dass sie Typen technischen Handelns hervorbringen, die die Art und Weise des gesellschaftlichen Zugriffs auf Naturpotentiale und Umweltqualitäten grundlegend transformieren, neue Modi der Umwandlung des Gegebenen in gesellschaftlich Verwendbares – und dadurch neue Brauchbarkeiten und Wirklichkeiten – hervorbringen. Die Agrikultur ermöglicht beispielsweise die Produktion von tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln im Sinne einer Selektion und Steigerung natürlicher Prozesse und formt mit der großflächigen Anlage von Acker- und Weideflächen, Terrassierungen, Bewässerungssystemen usw. ganze Landschaftsstrukturen. Die grundlegende innovative Leistung der „Technologie der Feuerbearbeitung“ liegt darin begründet, dass durch den Einsatz fossiler Energiequellen nicht nur Artefakte, sondern auch anorganische Stoffe hergestellt werden können, aus denen wiederum Artefakte produziert werden: „Wie die Agrikultur die erste technische Nutzung der organischen Natur ist, so ist die Feuerbearbeitung die erste technische Nutzung der anorganischen Natur. Mit Hilfe des Feuers dringt der Mensch in die Struktur lebloser Dinge ein, in die Gegenwelt des Unlebendigen. Diese Nutzung des Feuers ist die erste technische Nutzung künstlicher Energie“ (1995: 23). Die „Technologie der Maschine“ unterscheidet sich wiederum von der „Technologie der Feuerbearbeitung“ dahingehend, dass die erzeugte Energie nicht mehr unmittelbar verwendet wird, um Materialien zu schmelzen oder zu härten, sondern um sie in mechanische Arbeit umzuwandeln. Wenn man von einigen Ausnahmen wie der Zinnlegierung des Kupfers (Bronzeherstellung) absieht, bringt auch die „Technologie der Chemie“ gegenüber der „Technologie der Feuerbearbeitung“ eine völlig neue Form der Nutzung von Naturmaterialien hervor. In diesem Falle werden nicht mehr unrein vorgefundene Rohmaterialien gereinigt, gehärtet und für die Weiterverarbeitung zubereitet, sondern gänzlich neue, in der Natur nicht vorkommende, synthetische Stoffe kreiert. So zielt die moderne Chemie von vornherein auf die Zerlegung von mineralischen, pflanzlichen und tierischen Substanzen in isolierbare Elemente und ihre Neukombination zu neuen Stoffen ab. Popitz konzentriert sich zunächst auf anthropologisch-biologische und universalhistorische Überlegungen, um sodann den soziologischen Kontext von Technologie im Allgemeinen und die sozialen Bedingtheiten und Folgen der Umformung von Umwelt durch technisch vermitteltes Handeln anzusprechen. Die sogenannten fundamentalen technologischen Innovationen werden ihm zufolge von grundlegenden sozialen Veränderungen, von „gesellschaftlichen Korrelaten“ begleitet, denen insofern universale historische Bedeutung zugeschrieben wird, da sie sich erstens systeminvariant, zweitens dauerhaft und drittens weltweit durchsetzen (vgl. 1995: 39ff.). Genauer betrachtet werden im Weiteren zwei Arten „gesellschaftlicher Korrelate“ unterschieden: zum einen soziale Innovationen auf der Ebene von Verhaltensweisen, Rollenmustern und Organisationsformen, die notwendig und unverzichtbar sind, damit eine bestimmte fundamentale Technologie sich auch tatsächlich gesellschaftsweit durchsetzen kann; und zum anderen soziale Konsequenzen, die sich aus den praktischen Anwendungserfordernissen einer neuen Produktionstechnologie – wie Popitz ausdrücklich betont – zwingend ergeben. Im Zuge fundamentaler neuer Technologien entstehen, wie es an anderer Stelle heißt (1995: 10),
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„neue Sozialstrukturen, Innovationen des Zusammenlebens, der sozialen Zugehörigkeit und soziale Verortungen (...). Technologien und Sozialstrukturen entstehen in engen Wechselwirkungen. Der gesellschaftliche Wandel ist Bedingung und Folge der neuen Technologien zugleich.“ Im Einzelnen versucht Popitz (1995: 84ff.) das einander wechselseitig erfordernde und bedingende Verhältnis von technologischen (Artefakten) und sozialen Strukturen (Institutionen) genauer darzulegen. So kann beispielsweise eine agrikulturelle Produktionsform nur gesichert werden, wenn Strukturen sozialer Kontinuität (Abstammungslinie, bäuerliche Arbeitsorganisation, Eigentumsformen, stabile Rollennormen und Vererbungsregeln, intergenerative Weitergabe von Wissen) geschaffen werden, die die soziale Bindung der Produzenten an den kultivierten Boden dauerhaft garantieren. Die Sicherung sozialer Kontinuität ist allein schon deswegen unverzichtbar, da ohne langfristige Planung und Investitionen der bäuerlichen Arbeit (Bodenbearbeitung, Erosionsschutz, Wasserbewirtschaftung, Vorratswirtschaft) der dauerhafte Produktionserfolg ausbleiben muss. Demgegenüber geht die „Technologie der Feuerbearbeitung“ notwendigerweise mit Prozessen sozialer Differenzierung (Arbeitsteilung, Rollendifferenzierung) sowie der Entwicklung spezifischer Arbeitsformen (ganztätige nichtbäuerliche Arbeit) und Wirtschaftsstrukturen (Handelsbeziehungen, Tausch- und Geldwirtschaft) einher. Mit dem Städtebau („Technologie des Städtebaus“) entstehen zudem soziale Großaggregate, die neuartige Organisationsformen, Sozialbeziehungen, Kontrollregime, Machtkonzentrationen usw. hervorbringen. Mit der Maschinisierung der industriellen Produktion („Technologie der Maschine“) setzt sich etwa ein spezifischer Zwang zur Verhaltensdisziplinierung durch; mit der Industrialisierung der Landwirtschaft (Agrochemie) und der Ausbreitung der pharmazeutischen Industrie verändert sich nicht nur die Altersstruktur, sondern es verändern sich auch die Generationsbeziehungen; und mit den neuen Möglichkeiten der Elektrizität kommt es auch zu einer Angleichung im Lebensstandard und in den Lebensstilen der Bevölkerung. Ähnlich wie bei Gehlen ist der anthropologische Erklärungsansatz von Popitz dadurch gekennzeichnet, dass ein gattungsspezifisches Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmt und daraus eine Dynamik der technologischen Evolution hergeleitet wird, die die Möglichkeiten zur Herstellung artifizieller (Um)Welten kontinuierlich erweitert. Im Gegensatz zu Gehlen wird allerdings diese umgestaltende Fähigkeit nicht aus der schieren Notwendigkeit abgeleitet, die mangelhafte biologische Organausstattung zu kompensieren, um die artspezifische Existenz zu sichern. Wie gesehen vermutet Popitz vielmehr, dass die Entfaltung außergewöhnlicher technischer Handlungskompetenzen bereits in der besonderen Organeignung der menschlichen Hand angelegt ist. So aufschlussreich diese Überlegungen zu den anthropologischen Voraussetzungen der Umweltentbundenheit auch immer sein mögen, so deutlich werden aber auch die Grenzen sichtbar, wenn der Wandel technischer Handlungskompetenzen und artifizieller Umwelten erklärt werden soll. Popitz’ Ausführungen bieten allenfalls einige grobe Anhaltspunkte, um etwa die Gestaltung von Umweltbedingungen als sozial voraussetzungsvollen Prozess beschreiben zu können. Problematisch ist jedenfalls der konsequentielle Technikdeterminismus42, der bei Popitz immer dann durchschimmert, wenn er sich dem Verhältnis von Technologien und Sozialorganisation zuwendet. Obwohl er explizit davon spricht, 42 Der konsequentielle Technikdeterminismus unterstellt, dass der technische Wandel spezifische gesellschaftliche Strukturen determiniert. Hiervon ist der genetische Technikdeterminismus zu unterscheiden, der auf der Annahme basiert, dass der technische Wandel gewissermaßen „naturwüchsig“ einer inneren Verlaufslogik folgt. Im zweiten Fall soll die Technikgenese aus sich selbst heraus erklärt werden, während im ersten Fall der soziale Wandel als Resultat des technischen Wandels erscheint. Vgl. hierzu Schulz-Schaeffer (2000: 21ff.).
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dass es sich um ein wechselseitig erforderndes und bedingendes Verhältnis handeln würde (vgl. 1995: 39), kann er dieses programmatische Postulat nicht überzeugend einlösen. Zwar verweist Popitz auf ökonomische Institutionen, Strukturen der Arbeitsteilung, Organisationsprinzipien oder beispielsweise kulturelle Orientierungen, um den technologischen Wandel nachvollziehen zu können. So unterstreicht er die Notwendigkeit und „Fortsetzungsfähigkeit“ (1995: 42) spezifischer sozialer Innovationen, um die Dauerhaftigkeit neuer technologischer Muster zu gewährleisten. Gleichwohl beschränkt er sich aber überwiegend darauf, nach den sozialen Folgen des technologischen Wandels zu fragen. Letztlich verfestigt sich deshalb auch der Eindruck, dass soziale Strukturen tendenziell als – passiv erzwungene oder aktiv vollzogene – Anpassungsleistungen einer Gesellschaft an technologische Innovationen interpretiert werden. Bezeichnenderweise heißt es, dass die „Dauerhaftigkeit der gesellschaftlichen Korrelate fundamentaler Technologien“ auf ihrer „Fortsetzungseignung durch die folgenden Technologien“ (1995: 42) beruht. Insofern ist es auch nur konsequent, dass technische Erfindungen und Revolutionen – und eben nicht soziale Strukturmuster – zur Kennzeichnung von Epochen und Gesellschaftsformen herangezogen werden. Zwar verwendet Popitz – gerade im Kontext seiner anthropologischen Grundlegung – immer wieder den Terminus „technisches Handeln“. Gleichwohl verkürzt er „Technik“ tendenziell auf die Dimension eines materiellen Aggregats oder Geschehens und lässt unter der Hand der Vorstellung Raum, dass Technik gewissermaßen eine exogene Variable darstelle, auf die sich soziale Akteure oder Systeme mittels sozialer Institutionen einzustellen hätten bzw. von der sie im Prozess der fortschreitenden Technisierung „betroffen“ seien. Solange der Rahmen dieses letztlich deterministischen Erklärungsansatzes nicht verlassen wird, muss auch die sozial höchst voraussetzungsreiche Genese und Entwicklung technologischer Potentiale zur Gestaltung gesellschaftlicher Umweltbeziehungen unklar bleiben. Da Popitz darauf verzichtet, die soziale Kontextualisierung von technischem Handeln zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu machen, fällt er auch hinter den Stand der neueren techniksoziologischen Debatte zurück, in der auf überzeugende Weise herausgearbeitet worden ist, dass hinter vermeintlich technologischen Sachzwängen sozial konstruierte Zwänge bzw. Regeln und hinter technologischen Normen sozial definierte Normen stehen. Erst wenn die technische Entwicklung als sozialer Prozess in den Blick genommen wird, können auch unterschiedliche gesellschaftliche Umgangsformen ein und derselben Technologie (soziale Variablität der Techniknutzung) sichtbar sowie Wahrscheinlichkeitsaussagen über die Pfadabhängigkeit und den Pfadwechsel bereits eingeschlagener technologischer Praktiken gemacht werden. Wie jedenfalls zahlreiche industrie- und techniksoziologische Studien aufgezeigt haben, kann beispielsweise selbst der Einsatz identischer Technologien mit unterschiedlichen sozialen Formen von Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation, Qualifikationsniveau und hierarchischer Ordnung einhergehen (vgl. exemplarisch Rammert 1993; 1998; 2000). Übertragen auf die hier zu erörternde umweltsoziologische Fragestellung folgt hieraus, dass genauer nach den spezifischen sozialen Faktoren und Dynamiken der technischen Erschließung von Umweltpotentialen gefragt werden muss. Die prinzipielle Offenheit des technischen Handelns für unterschiedliche Entwicklungspfade gesellschaftlicher Umweltnutzungen sollte jedenfalls nicht auf eine Entwicklungslinie eingeengt werden, die – wie bei Gehlen – eine fortlaufende Optimierung der Umweltentbindung durch die technische Substitution „unvollkommender“ menschlicher Körperfunktionen unterstellt. Auch ist Popitz’ Deutung der Hervorbringung artifizieller (Um)Welten als technologischer Prozess problematisch, da dieser in seinen gesellschaftlichen und sozialen Möglichkeitsbedingungen unscharf bleibt und der technologische Wandel letztlich nicht im Rahmen einer Theorie der soziokulturellen Evolution behandelt wird.
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2. Soziologische Theorie und Umwelt 2.1 Soziologische Tatbestände und Umwelt – Emile Durkheim Um die FrageTheorie Soziologische nach derund sozialen Umwelt Konstitutionsproblematik von Umwelt aufzuwerfen und zu thematisieren, wie das Problem der Differenz und Interaktion zwischen natürlichen und sozialen Systemen in der soziologischen Theorie beschrieben worden ist, erscheint es zunächst sinnvoll, die methodologischen Grundlagen der Soziologie offen zu legen, so wie sie von klassischen Vertretern des Faches entwickelt worden sind. Emile Durkheims Schrift Die Regeln der soziologischen Methode (1984) aus dem Jahre 1895 kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu, da sie als wegweisende methodische Programmschrift der frühen modernen Soziologie anzusehen ist (vgl. Aron 1971, Bd. 2; König 1976; 1984; Fenton 1984; Müller 1999). In den Regeln ist es die erklärte Absicht Durkheims, die methodischen Grundlagen der Soziologie als positive, empirisch ausgerichtete und historisch-vergleichend verfahrende wissenschaftliche Disziplin zu skizzieren und ihren Untersuchungsgegenstand, das Soziale, in Abgrenzung zu biologischen, individualpsychologischen und ökonomischen Erklärungsansätzen zu bestimmen, um ein eigenständiges Forschungsfeld der Soziologie, nämlich die Analyse der „Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart“ (1984: 100) begründen zu können. Zwar wird im Spätwerk Die elementaren Formen des religiösen Lebens (vgl. 1981: 40) eingeräumt, dass menschliche Gesellschaften keinen eigenständigen, von dem naturalen Kontext radikal abgetrennten Wirklichkeitsbereich darstellen, sondern aus der Naturgeschichte hervorgegangen sind. Ganz im Sinne fortschrittsoptimistischer Grundannahmen verlieren allerdings nach Durkheim natürliche Einflussfaktoren im Prozess der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung an Bedeutung. So besteht für ihn auch die Aufgabe der Soziologie darin, die nicht-natürlichen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Strukturen zu analysieren. In dem berühmten Durkheim’schen Diktum, soziale Phänomene durch nichts als soziale Phänomene erklären zu können, ist dieses soziologische Programm denkbar knapp zusammengefasst worden. Vor dem Hintergrund dieser epistemologischen Grundannahme und in Auseinandersetzung mit Herbert Spencer weist Durkheim naturalistische Konzepte bei der Analyse zur Erklärung sozialer Phänomene entschieden zurück. Bereits in der Studie Über soziale Arbeitsteilung (1988: 323) aus dem Jahr 1893 wendet er sich gegen klimatologische Ansätze, um die Genese und Ausdifferenzierung arbeitsteiliger Sozialstrukturen erklären zu können: „Gewiß kann man sich erklären, dass die Einwohner je nach Eigenschaften des Bodens und den Klimabedingungen hier Weizen und dort Schafe oder Rinder erzeugen. Aber diese Funktionsunterschiede erschöpfen sich nicht immer, wie in diesen beiden Beispielen, in einfachen Nuancen. Sie sind vielmehr manchmal so ausgeprägt, daß die Individuen, zwischen denen die Arbeit geteilt wird, entsprechend viele unterschiedliche und sogar entgegengesetzte Gattungen bilden. (...) Was haben der Dichter, der in seinen Traum, und der Gelehrte, der ganz in seine Untersuchungen versunken ist, der Arbeiter, der sein Leben damit verbringt, Nadelköpfe zu machen, der Bauer, der hinter dem Pflug geht, der Kaufmann hinter dem Ladentisch gemeinsam? Wie groß die Varietät der äußeren Bedingungen sein mag, sie weist nirgends Unterschiede auf, die mit derartig starken Gegensätzen vergleichbar wären, und kann diese daher auch kaum erklären.“ Und auf der Grundlage des in den Regeln ausgebreiteten methodologischen Programms diskutiert Durkheim in der 1897 erschienenen Studie Der Selbstmord (1973), die als eine der ersten Monografien der modernen empirischen Sozialforschung überhaupt gilt, den Einfluss nicht-sozialer Faktoren auf die Suizidhäufigkeit. Hierbei kann er aufzeigen, dass zwischen der
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Suizidrate und den Faktoren organische Veranlagung, psychopathische Zustände, physische Umwelt wie Klima und jahreszeitliche Temperaturen, Rassenzugehörigkeit sowie Nachahmung keine signifikanten Zusammenhänge bestehen. Die Schwankungen der Suizidrate werden vielmehr in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Kontext untersucht und auf die Integrationsfähigkeit und den sozialen Kohäsionsgrad gesellschaftlicher Strukturen, Gruppen und Institutionen (z. B. religiöse Konfessionen, Berufsgruppen, soziale Klassen, Ehe, Familie) bezogen. Für Durkheim (1973: 346) stellt im Sinne der methodologischen Prämissen der Regeln die Suizidanfälligkeit einen sozialen Tatbestand dar, der nur soziologisch erklärt werden kann, wenn die „moralische Verfassung“ einer Gesellschaft selbst bzw. die „Kollektivneigung“ des jeweiligen sozialen Milieus als abhängige Erklärungsvariable herangezogen wird. Wie gesehen ist für Durkheim die Abgrenzung der Soziologie gegenüber naturalistischen sowie psychologischen und ökonomischen Erklärungsmodellen ein konstitutives Element, um ihre Eigenständigkeit im Spektrum der modernen Wissenschaften begründen und ihren originären Forschungsgegenstand umreißen zu können. Das hieraus abgeleitete Plädoyer Durkheims, soziale Tatbestände nur durch soziale Tatbestände erklären zu wollen, sollte allerdings nicht, wie in der umweltsoziologischen Debatte seit Catton und Dunlap immer wieder geschehen, in dem Sinne interpretiert werden, dass in der soziologischen Analyse die Dimension der physischen Umwelt gänzlich ignoriert werden müsste, wenn man den methodologischen Prämissen Durkheims folgt (vgl. hierzu kritisch Rosenbaum 1998; Kraemer 2000b; Groß 2001: 38ff.). Ausgehend von Durkheims Bestimmung des Gegenstandsbereichs der Soziologie ist im Folgenden vielmehr aufzuzeigen, dass der Begriff des sozialen Tatbestands durchaus einen ersten provisorischen soziologischen Zugang zur sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt eröffnet. Zum Abschluss des ersten Kapitels der Regeln definiert Durkheim einen soziologischen Tatbestand (fait social) in einer berühmten Passage als „jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“. Nach Durkheim kann von sozialen Tatbeständen folglich immer dann gesprochen werden, sofern sie erstens dem individuellen Bewusstsein eines Akteurs „äußerlich“ sind; wenn sie zweitens, etwa in Form von externen Verhaltenserwartungen, auf seinen Willen einen sozialen bzw. moralischen Druck ausüben, auch wenn die normativen Erwartungen von dem Einzelnen individualisiert und mit einer „persönliche(n) Marke“ (1984: 100) versehen werden können; wenn sie drittens in der Gesellschaft als allgemeines Muster auftreten; und wenn sie schließlich viertens nicht im Verhalten einzelner Akteure aufgehen, sondern ein von ihnen unabhängiges Eigenleben führen (vgl. hierzu König 1976; 1984; Müller 1999). In dieser Bestimmung wird deutlich, dass das Soziale von Durkheim mehr als Summe individueller Handlungen und Gesellschaft mehr als Aggregat von Individuen, wie in der individualistischen Tradition von Thomas Hobbes und Herbert Spencer, nämlich als eigenständiger, emergenter Wirklichkeitsbereich aufgefasst wird. Im Weiteren ist genauer darzulegen, dass dieser emergente Wirklichkeitsbereich sich zwar von psychologischen, biologischen und physischen – allgemeiner: nicht-sozialen – Wirklichkeitsbereichen grundlegend unterscheidet, weswegen dieser nach Durkheim auch nur in Differenz zum materiell-physischen Kontext einer Gesellschaft, der sogenannten „Umwelt“, definiert werden kann. Gleichwohl kann hieraus nicht geschlussfolgert werden, dass Durkheim den materiellen Kontext bei der Analyse sozialer Tatbestände rigoros ausgeklammert.
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Bereits in der Arbeitsteilung (1988: 315) argumentiert Durkheim, dass die Entwicklung der Arbeitsteilung und der sozialen Differenzierung nicht nur zu einer Ausdehnung und Intensivierung sozial-moralischer Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft führt, die als „moralische Dichte“ bezeichnet wird, sondern sie geht zugleich mit einer Zunahme der „materielle(n) Dichte“ einher, die den physischen „Abstand zwischen den Individuen immer geringer“ (1988: 315) werden lässt. Genauer betrachtet zielt der Begriff „materielle Dichte“ vor allem auf den Grad der physischen Nähe zwischen Akteuren ab, die in ständigem sozialen Kontakt zueinander stehen bzw. auf die Intensität materieller Tauschbeziehungen, die sie miteinander unterhalten. Durkheim (1988: 315ff.) führt im Weiteren einige Aspekte an, um die zunehmende materielle Verdichtung moderner Gesellschaften genauer veranschaulichen zu können. Diese zeigt sich vor allem in dem Urbanisierungsgrad, in der räumlichen Konzentration der Bevölkerung in städtischen Agglomerationen, die in segmentär organisierten Gesellschaften noch unbekannt ist, in der Häufigkeit ökonomischer Tauschbeziehungen sowie in der Ausbreitung von Kommunikations- und Verkehrswegen, die die „Leerräume (...) überbrücken und verringern“ (1988: 318). Er betont zwar, dass die „moralische Dichte“ nur anwachsen kann, wenn die „materielle Dichte“ zunimmt. Gleichwohl ist seine Skepsis (1988: 315) herauszustreichen, das Verhältnis zwischen diesen beiden Einflussgrößen einseitig kausalistisch auflösen zu können: „Die moralische Dichte kann (...) nicht stärker werden, ohne daß gleichzeitig die materielle Dichte zunimmt, und diese dient dazu, um jene zu messen. Es ist im übrigen unnötig zu untersuchen, welche von den beiden die andere determiniert hat; die Feststellung genügt, dass sie untrennbar sind.“ Sicherlich hat Durkheim darauf verzichtet, diese sozial-räumlichen Wechselbeziehungen genauer zu untersuchen, in seine Theorie der sozialen Arbeitsteilung einzuarbeiten und auf die für ihn zentrale Frage nach den sozialen Möglichkeitsbedingungen einer gelingenden normativen Integration genauer zu beziehen. Schließlich ist es die erklärte Absicht, die Entwicklung von Arbeitsteilung und Spezialisierung auf „Variationen des sozialen Milieus“ (1988: 314) zurückzuführen, um entsprechend des methodologischen Programms, soziale Tatbestände (hier: Arbeitsteilung) weder durch ökonomische (Produktivitätszuwächse, Effizienzsteigerung) noch natürliche (Bodenbeschaffenheit, Klimabedingungen), sondern nur durch soziale Tatbestände („moralische Dichte“) ursächlich erklären zu können. Dessen ungeachtet deutet Durkheim jedoch zumindest an, dass das geografischräumliche und materielle Milieu, das sich in der sogenannten „materiellen Dichte“ einer Gesellschaft ausdrückt und in dem soziale Akteure handeln und kooperative Beziehungen zueinander unterhalten, nicht gänzlich außen vor gelassen werden sollte, wenn Prozesse der sozialen Arbeitsteilung und gesellschaftlichen Differenzierung untersucht werden sollen. Noch bemerkenswerter für die hier verfolgte Fragestellung nach der Integration der Umweltproblematik in die soziologische Theorie ist in diesem Zusammenhang, dass sich Durkheim (1973: 365) in der Monografie Der Selbstmord gegen die Vorstellung wendet, dass „Gesellschaft nur aus Individuen besteht. Sie umfasst auch Materielles, das eine wesentliche Rolle im Gemeinschaftsleben spielt. Die soziale Tatsache wird manchmal so sehr zur Wirklichkeit, daß sie zu einem Gegenstand der äußeren Welt wird. Zum Beispiel ist ein bestimmter Typus von Architektur eine soziale Erscheinung. Er ist einmal zum Teil in Häusern und allen möglichen anderen Gebäuden verwirklicht, die zu Realitäten mit eigner Existenz werden, unabhängig von den Individuen, sobald der Bau beendet ist. Genauso ist es mit Verkehrs- und Transportwegen, mit industriellen Einrichtungen und Maschinen oder solchen der privaten Sphäre, in denen sich das Niveau der Technik in jedem Augenblick der Geschichte, der Stand der Schriftsprache usw. dokumentiert. Das soziale Leben, das sich hier sozusagen auskristalli-
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siert und sich materieller Hilfswerkzeuge bedient, wird auf diese Weise zu einem externen Agens, und seine Wirkung auf uns kommt daher von außen. Verbindungswege, die vor unserer Zeit gebaut wurden, geben dem Ablauf unserer Tätigkeit eine bestimmte Richtung, die uns mit diesem oder jenem Land in Verbindung bringt.“ Nach Durkheim sind materielle Kontexte wie beispielsweise Handels- und Verkehrswege oder technische Artefakte insofern auch als soziale Tatbestände anzusehen und zu untersuchen, da sie das Verhalten der Individuen von außen kanalisieren, einen durchaus zwanghaften Charakter haben und darüber hinaus von allgemeiner und unabhängiger Gültigkeit sind. Ganz ähnlich spricht Durkheim bereits in den Regeln (1984: 113) von „soziologische(n) Tatbestände anatomischer oder morphologischer Ordnung“, die er als „Substrat des Kollektivlebens“ deutet. Unter derartigen soziologischen Tatbeständen wird etwa die „Verteilung der Bevölkerung über die Oberfläche des Landes, die Zahl und Beschaffenheit der Verkehrswege, die Gestaltung der Wohnstätten usw.“ subsumiert. An gleicher Stelle präzisiert Durkheim, dass diese Phänomene nur unzureichend im Rahmen einer konventionellen, auf die geografischen Gegenstände bezogene Studie untersucht werden können, sondern soziologische Relevanz insofern haben, da sie von „moralischer Natur“ (1984: 113) sind, auch wenn sie zunächst dem materiell-physischen Kontext zuzuordnen sind. Durkheims Hinweis auf die moralische Dimension von Sachkomplexen und anderen Artefakten ist von entscheidender Bedeutung. Die das Soziale umgebenden Dinge und Sachen können nicht, wie etwa Groß (2001: 47) in einer Monografie zur Geschichte der Umweltsoziologie unterstellt, allein schon deswegen als soziologische Tatbestände gekennzeichnet werden, wenn sie dem Handelnden äußerlich sind und sich ihm in Form einer Handlungsanweisung aufdrängen. Nach Durkheim sind materielle Kontexte für die Soziologie nämlich nur insofern von Bedeutung, als sie eine bestimmte Art des Handelns in Bezug auf eine spezifische normative Orientierung zum Ausdruck bringen. An gleicher Stelle präzisiert Durkheim (1984: 113): „Daß sich die Bevölkerung in den Städten zusammendrängt, anstatt sich über das Land zu verstreuen, geschieht, weil es eine Meinungsströmung und einen kollektiven Drang gibt, der den Einzelnen eine solche Konzentration auferlegt. Es steht uns ebenso wenig frei, die Form unserer Häuser zu wählen, wie die der Kleidung; die eine ist mindestens im gleichen Maße verbindlich wie die andere. Die Verkehrswege bestimmen gebieterisch die Richtung der Binnenwanderungen und des Handelns und sogar die Intensität der Wanderungen und des Handels usw.“ Diese „Arten des sozialen Daseins“, so heißt es weiter, sind „gefestigte Arten des Handelns“ (1984: 113) in objektivierter, vergegenständlichter Form. Diese Überlegung greift Durkheim an anderer Stelle nochmals auf. Im Gegensatz zu psychischen Erscheinungen können soziale Phänomene weitaus unmittelbarer „dingliche Eigenschaften“ besitzen: „Das Recht existiert in den Gesetzbüchern, die Bewegungen des täglichen Lebens werden in den Ziffern der Statistik und den Denkwürdigkeiten der Geschichte festgehalten, die Moden in den Kleidern, der Geschmack in den Kunstwerken“ (1984: 127). Um Sachkomplexe oder dingliche Artefakte als soziologische Tatbestände im Sinne Durkheims klassifizieren zu können, reicht es somit nicht aus, wenn diese lediglich äußerlichen Druck auf einen Handelnden im Sinne eines schlichten physischen Zwangs ausüben. Sonst könnten nämlich im Prinzip auch beliebige biologische oder klimatologische Ereignisse in der physischen Umwelt der Gesellschaft unter dem Begriff eines soziologisch relevanten Tatbestands subsumiert werden, sofern sie Handelnde unter Handlungsdruck setzen. Beispielsweise ist ein Orkan keine soziologisch relevante Erscheinung, auch wenn dieses natürliche Ereignis die Handlungen und Verhaltensweisen sozialer Akteure beeinflusst, da etwa Ernten vernichtet werden, Brücken einstürzen, Straßen über-
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schwemmt und sogar ganze Agglomerationen verwüstet werden. Von einem soziologischen Tatbestand kann nach Durkheim nur dann gesprochen werden, wenn ein materieller Kontext oder ein Sachereignis erstens das Produkt von Handlungen oder Verhaltensweisen ist, zweitens als Verdichtung oder Kristallisation vorgängiger Handlungen oder Verhaltensweisen das gegenwärtige Handeln beeinflusst und dem drittens ein im normativen Sinne obligatorischer, verpflichtender Charakter zugeschrieben wird. Nach Durkheim (1984: 107) bestehen soziologische Tatbestände ausschließlich „in besonderen Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die außerhalb der Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft deren sie sich ihnen aufdrängen. Mit organischen Erscheinungen sind sie nicht zu verwechseln, denn sie bestehen aus Vorstellungen und Handlungen, ebenso wenig mit psychischen Erscheinungen, deren Existenz sich im Bewußtsein des Einzelnen erschöpft“. In Durkheims Terminologie sind soziale Tatbestände als Manifestationen des sogenannten „Kollektivbewusstseins“ aufzufassen. Sie üben einen moralischen Zwangscharakter auf den Einzelnen aus, in dem sie ihn zur Einhaltung bestimmter Handlungen und Verhaltensweisen zwingen, wobei in aller Regel Momente der Zwanghaftigkeit erst im umgekehrten Fall der Nichteinhaltung oder Zuwiderhandlung erfahrbar werden. Insofern sind soziale Tatbestände durch nichts als ihre normativimperativen Besonderheiten gekennzeichnet, was Durkheim zufolge auch dann zutrifft, wenn sie, um eine Formulierung von René König in der 1961 verfassten Einleitung der deutschen Übersetzung der Regeln (1984: 61) aufzugreifen, „in der äußeren Hülle der (materiellen) Dinglichkeit auftauchen“, beispielsweise als Bestandteil der „materiellen Kultur“. Wie aufgezeigt ist Durkheim vor allem auf der Ebene der methodologischen Grundlegung der Soziologie darum bemüht, die materielle Dingwelt nur in einem ganz spezifischen Sinne zu berücksichtigen; und zwar immer dann, wenn diese als geronnene Form des normorientierten Handelns interpretiert werden kann. Das in der Einleitung zur zweiten Auflage der Regeln (1984: 93) formulierte Plädoyer, Dinge und Sachen als „integrierende Bestandteile der Gesellschaft“ zu deuten, kann nur in diesem Sinne verstanden werden. Insofern ist auch die Schlussfolgerung von Groß (2001: 48) problematisch, dass die soziologische Relevanz der materiellen Umwelt in einem allgemeinen Sinne schon bei Durkheim prototypisch begründet worden sei. Hierbei wird folgender Gesichtspunkt übersehen: Wenn von Durkheim die soziologische Relevanz von materiellen Dingen und Sachen angesprochen wird, dann – was auch Groß durchaus einräumt – vorwiegend im eingeschränkten Sinne einer bebauten Umwelt, die etwa ihren Niederschlag in der Urbanisierung und Verstädterung oder der Populationsdichte findet. Vor allem in modernen Gesellschaften ist nach Durkheim die unbearbeitete Natur keine relevante Größe, um soziale Strukturen und Prozesse beschreiben und kausal erklären zu können. Im Gegensatz zur gesellschaftlich unbearbeiteten Natur können nur ganz bestimmte Elemente der physischen Welt von soziologischem Interesse sein, nämlich solche, die nach Durkheim (1988: 414) „sozialen Ursprungs“ sind – wie beispielsweise die Kultivierung von Böden durch Ackerbauer, die Anlage von Bewässerungssystemen durch Ingenieure usw. Wie bereits weiter oben herausgearbeitet worden ist, resultiert dieses soziologische Interesse letztlich aus der „moralischen Natur“ (Durkheim) der bebauten Umwelt, ihrer Sachobjekte und technischen Artefakte. Um die Differenz zwischen Sozialem und Nicht-Sozialem auch in der sachlich-dinglichen Welt bestimmen zu können, greift Durkheim konsequenterweise auf das Normativitätskriterium zurück und verwendet den Begriff des exteroritären, verhaltendeterminierenden Zwangs ausschließlich in diesem Sinne. An dieser Stelle ist ein kurzes Fazit zu ziehen: Auch wenn es nicht Durkheims erklärte Absicht gewesen ist, einen systematischen soziologischen Zugang zur sozialen Konstitution bzw.
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Einbettung materieller Kontexte zu begründen, so finden sich doch in seinen Schriften einige Hinweise zur gegenständlichen Dimension des Sozialen, die für die Erörterung der sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt fruchtbar gemacht werden können. Zu Beginn des zweiten Kapitels der Regeln fordert Durkheim (1984: 115), die „soziologischen Tatbestände wie Dinge“ zu beschreiben. Mit dieser Formulierung, die immer wieder Ausgangspunkt von grundlegenden Kritiken gewesen ist und die ihm den Vorwurf des „Chosismus“ eingebracht hat (vgl. hierzu König 1984: 46ff.), verfolgt Durkheim keineswegs die Absicht, wie im Vorwort zur zweiten Auflage der Regeln (vgl. Durkheim 1984: 89 u. 101) ausdrücklich betont wird, soziale Phänomene als materielle Dinge zu betrachten, sie also mit diesen gleichzusetzen. Vielmehr geht es ihm darum, ein soziales Phänomen einer empirisch abgesicherten und nachprüfbaren sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen und es als objektiven Gegenstand eigener Art (sui generis) zu betrachten, um den übersubjektiven Kern der sozialen Wirklichkeit freizulegen, der – so Durkheim – ganz ähnlich wie physikalisch-chemische Kräfte auf die Handelnden einwirkt. Die soziale und die physisch-materielle Welt werden also keineswegs in eins gesetzt. Zugleich greift Durkheim auf den schillernden und zuweilen unscharfen Dingbegriff zurück, um die These von den dinglichen Dimension sozialer Tatbestände begründen zu können. Aus der genaueren Bestimmung eines sozialen Tatbestands folgt jedoch, dass Sachgegenstände bzw. materielle Kontexte nur unter ganz spezifischen Gesichtspunkten in der soziologischen Analyse berücksichtigt werden können. Deswegen differenziert er implizit auch zwischen unterschiedlichen Kategorien von materiellen Dingen. Gegenstände oder Kontexte der materiellen Wirklichkeit sind im strengen Sinne soziologisch immer dann zu vernachlässigen, wenn sie lediglich auf die handelnden Akteure als nackte physische Gewalt einwirken, ohne dass diese jemals zugleich als normativer Zwang von den Handelnden internalisiert wird. Hingegen können Durkheim zufolge materielle Kontexte dann von soziologischer Relevanz sein, wenn sie als Vergegenständlichung der sozialen Wirklichkeit und ihrer normativen Obligationen Handlungsentscheidungen und Verhaltensmuster der sozialen Akteure präjudizieren oder zumindest doch wahrscheinlicher machen; mit anderen Worten: wenn sie von den Akteuren als normative Gebote des Handelns und Verhaltens wahrgenommen werden. Die Differenz zwischen soziologisch relevanten und soziologisch nicht-relevanten Sachobjekten der materiellen Wirklichkeit besteht also darin, ob beispielsweise ihre Nutzung an spezifische soziale – und das heißt immer auch an sanktionsfähige – Erwartungshaltungen gekoppelt ist oder ob ihre Nutzung ausschließlich von physikalisch-chemisch-biologischen Rahmenbedingungen abhängt. Ganz in der Intention Durkheims formulierte bereits König (1984: 52): „Wenn etwa ein vorhandenes Werkzeug den Handelnden zu einem bestimmten Verfahren zwingt, so ist dieser Zwang deutlich unterschieden von jenem Zwang, den der Einzelne empfindet, wenn er z. B. einem im Wege liegenden Steinblock ausweicht. Im ersten Fall ist der Zwang eindeutig normativ, im zweiten ist er eine bloße physische Zwangsläufigkeit, die den Handelnden zum Ausweichen bringt. Im gleichen Sinne wirken sich auch z. B. vorhandene Verkehrswege nicht nur in der Art einer bloß physischen Erleichterung des Verkehrs aus, indem sie etwa physische Hindernisse aus dem Weg räumen, sondern vielmehr als soziale Gebote, die außerordentlich schwer zu überwinden sind, weil sie eben ein Bestandteil der moralischen Wirklichkeit sind.“ Aus der zentralen Bedeutung des Normativitätskriteriums, das für Durkheim die Unterscheidung zwischen soziologisch relevanten und soziologisch nicht-relevanten Phänomenen der materiellen Welt ermöglicht, folgt schließlich, dass andere denkbare Kriterien ausgeklammert werden, um Tatbestände oder Ereignisse in der physischen Umwelt als soziologisch bedeutsam klassifizieren zu können. Wenn man dieser Ar-
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gumentation folgt, dann sind auch jene Veränderungen der materiellen Umwelt als soziologisch irrelevant zu erklären, wenn diese lediglich dadurch gekennzeichnet sind, dass sie durch intentionales Handeln verursacht werden. Sobald sich in diesen Veränderungen jedoch ein kollektives, verhaltensverpflichtendes Wertesystem ausdrückt, müssen sie – jedenfalls nach Durkheim – als soziologisch bedeutsam angesehen werden. Die Differenz zwischen beiden Kategorien kann sicherlich nicht trennscharf bestimmt werden, da die Übergänge zwischen beiden Kategorien fließend sind. Weiter unten wird am Beispiel der Transformationen der gesellschaftlichen Naturbearbeitung sowie vor bio- und gentechnologischer Veränderungen noch genauer aufzuzeigen sein, wie problematisch Grenzbestimmungen von Natur und Gesellschaft sind und warum sie trotzdem sinnvoll und unverzichtbar sein können. Es genügt jedenfalls an dieser Stelle festzuhalten, dass bereits Durkheim eine Klasse von Phänomenen in der dinglichen-sachlichen Umwelt identifiziert hat, die gesellschaftlich „produziert“ und mit normativen Erwartungen verbunden sind; sei es in dem Sinne, dass es sich um hergestellte Artefakte oder Sachkomplexe handelt, die mit einem spezifischen symbolischen Bedeutungssinn aufgeladen werden; oder sei es in dem Sinne, dass diesen Artefakten oder Sachkomplexen spezifische Nutzungspraktiken obligatorisch zugeschrieben werden. Zumindest punktuell dehnt Durkheim damit die soziologische Analyse auf bestimmte Elemente der dinglich-sachlichen Wirklichkeit aus, ohne zugleich im Sinne des naturalistischen Reduktionismus die fundamentale Differenz zwischen sozialen und nicht-sozialen Phänomenen einzuebnen. Wie schon König bemerkte (1984: 51), kann Durkheim damit als Vorläufer einer später von Herman Schmalenbach programmatisch eingeforderten, allerdings nie ausgearbeiteten „Soziologie der Sachverhältnisse“ (1927) angesehen werden. So hatte Schmalenbach in einem kleinen Beitrag für den dritten Band des Jahrbuchs der Soziologie die bereits in den 1920er Jahren vorherrschende Selbstbeschränkung der Soziologie auf die Analyse interaktionistischer Beziehungen zwischen sozialen Akteuren mit dem Argument kritisiert, dass die Verhältnisse der Akteure zu Sachen durchaus als soziale Verhältnisse beschrieben werden können. Schmalenbach (1927: 44f.) wendet sich vor allem gegen die in der soziologischen Analyse verbreitete Reduktion von Sachobjekten auf Ergebnisse oder Voraussetzungen sozialer Verhältnisse und unterstreicht demgegenüber nachdrücklich die Relevanz einer Soziologie der Sachverhältnisse: „Welches Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt, ob es gemeinschaftshafte Verbundenheit, kühles Mittel-Zweck-Denken, oder mehr oder minder leidenschaftliches Lieben und Hassen ist, welchen Gegenständen gegenüber es das eine, das andre, das dritte ist, in welchen Schichten es so oder so oder so, wenigstens überwiegend ist: dadurch werden die geschichtlichen Zeiten und Räume nicht weniger als durch die Sozialität der Menschen untereinander charakterisiert. Die Aufstände der Handwerker und Handarbeiter gegen die ersten Maschinen, der Kleinstädter gegen die modernen Verkehrsmittel, die Einstellung auf Stadt und Land, Heimat oder Ferne und Fremde, Ruhe oder Bewegung, sind berühmte Beispiele der neueren Historie, in denen diese einer Soziologie der Sachverhältnisse zum Verständnis bedarf.“ Ungeachtet dieser wichtigen Anregungen für die soziologische Frage nach der sozialen Konstitution von Umwelt sind jedoch die Vereinseitigungen anzusprechen, die mit der Durkheim’schen Definition sozialer Tatbestände verbunden sind und die im Ergebnis den Zugang zur sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt wieder verengen. Die Möglichkeit, Objekte oder Elemente der materiellen Welt als Medium des Sozialen in die soziologische Analyse integrieren zu können, ist nämlich bei Durkheim an die Frage gekoppelt, inwieweit diese in geronnener Form ein „Kollektivbewusstsein“ (Durkheim) ausdrücken. So bedeutend die nor-
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mative Dimension des Sozialen auch immer sein mag, um den soziologischen Blick auf die dinglich-materielle Wirklichkeit richten zu können, so problematisch ist doch letztlich, dass dadurch andere, nicht-normgesteuerte umweltrelevante Handlungsroutinen vernachlässigt werden, die entweder gewohnheitsmäßig (Habitualisierung) oder situationsspezifisch (Gelegenheitsstrukturen) in den „grauen“ Alltag eingewoben sind. An dieser Stelle zeigen sich in aller Deutlichkeit die grundlegenden Probleme der Durkheim’schen Soziologie, wenn soziologisch relevante Tatbestände auf moralische Obligationen oder normative Zwänge, d. h. auf Formen des „Kollektivbewusstseins“ zurückgeführt werden. Darüber hinaus ist anzumerken, dass der in der Durkheim-Rezeption immer wieder kritisierte holistische Gesellschaftsbegriff, der sich bekanntermaßen am Organismus-Modell Spencers orientiert, ungeeignet ist, um sozial konfliktreiche Vergesellschaftungsprozesse von Umwelt soziologisch analysieren zu können. Und schließlich ist zu bedenken, dass Durkheim die in den Regeln erhobene programmatische Forderung zur soziologischen Integration der Dingwelt in den eigenen Arbeiten nie wirklich eingelöst hat.43 Abschließend ist noch auf ein anderes Problem hinzuweisen, das mit der Durkheim’schen These von der Vergegenständlichung des Sozialen durch Sachobjekte unmittelbar verbunden ist. Wie in der Kritik des Vergegenständlichungs- oder Exterioritätstheorems herausgearbeitet worden ist (vgl. aus techniksoziologischer Perspektive Schulz-Schaeffer 2000), müssen nämlich Sachen oder Objekte als ein für sich genommen außersoziales Phänomen und deswegen auch als im eigentlichen Sinne soziologisch nicht relevant angesehen werden. Soziologisch bedeutsam sind vielmehr soziale Praktiken des Umgangs mit diesen äußerlichen Sachen oder Objekten. Während Durkheim nahe legt, hergestellte Sachobjekte und bebaute Umwelten würden eine geronnene soziale Norm „verkörpern“ oder doch zumindest soziale Verhaltenserwartungen „auslösen“, ist demgegenüber davon auszugehen, dass Sachobjekte und Sachumwelten soziologisch erst dann von Interesse werden, wenn sie im Medium sozialer Handlungen und Verhaltensweisen für unterschiedliche soziale Zwecke „benutzt“ werden. Weiter unten wird genauer darzulegen sein, dass diese „Benutzung“ oder „Verwendung“ keineswegs in einem einseitig rationalistischen Sinne aufzufassen ist und auf bewusst-kalkulierende Entscheidungsmuster bzw. zweckrational-utilitaristische Handlungsmotive individueller sozialer Akteure reduziert werden kann, sondern in gleicher Weise immer auch etwa habitualisierte Handlungsroutinen und symbolisch-expressive Dimensionen des Handelns einschließt. An dieser Stelle muss es genügen, auf eine Passage in der Arbeitsteilung (1988: 168) hinzuweisen, in der es interessanterweise ausdrücklich heißt, dass Sachen „nur durch die Vermittlung von Personen“ als integrierte Elemente von Gesellschaft anzusehen seien. Übertragen auf die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Fragestellungen ist hieraus zu folgern: Weder die vorgefundene noch die anthropogen transformierte Umwelt ist an sich soziologisch bedeutsam. Wie in der soziologischen Theorie immer wieder betont worden ist, ist die physische Umwelt der Gesellschaft allenfalls als materielle Ausgangsbedingung oder als Resultat des Sozialen zu berücksichtigen. Von soziologischer Relevanz sind vielmehr sozial vermittelte Umwelthandlungen, die 43 Nicht übersehen werden sollte, dass Durkheim (1981) in Die elementaren Formen des religiösen Lebens kulturell präformierte Naturbilder in modernen Zivilisationen von denen prämoderner Gesellschaften unterschieden hat. Kulturelle und religiöse Institutionen werden hierbei als spezifische Selektionsleistungen bzw. Projektionen gedeutet, auf deren Grundlage Naturvorstellungen überhaupt erst gesellschaftlich generierbar sind. Vgl. hierzu Groß (2001: 46ff.), der Durkheims Arbeiten zur Religionssoziologie sogar als Pionierarbeiten einer protosozialkonstruktivistischen Umweltsoziologie interpretiert, auch wenn er einschränkend zu bedenken gibt, dass in Die elementaren Formen des religiösen Lebens (vgl. Durkheim 1981: 104) letztlich die Natur als objektiv gegebener Grundtatbestand der gesellschaftlichen Entwicklung angesehen wird.
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sich zu stabilen, geregelten und institutionalisierten Nutzungspraktiken von Umwelt„ressourcen“, Umwelt„gütern“ oder Umwelt„funktionen“ verdichten können. Insofern ist auch nachdrücklich dem möglichen Einwand entgegenzutreten, dass die Frage nach der sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt implizit oder explizit auf die Integration von Sachobjekten oder Umweltkontexten in den Gegenstandsbereich der Soziologie hinauslaufen würde. Dies käme dem höchst fragwürdigen Unterfangen gleich, unter dem formalen Dach der Soziologie die Analyse komplexer Umwelt-Gesellschaft-Interaktionen etablieren oder eine interdisziplinäre, sozial- und naturwissenschaftliche Fragestellungen umgreifende Umweltforschung begründen zu wollen; mit dem für die Soziologie verhängnisvollen Ergebnis, dass dadurch die originäre soziologische Fragestellung ihre Konturen verlieren und bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen würde. Insofern erscheint auch die verbreitete Kritik der etablierten Soziologie an der Intention mancher umweltsoziologischer Ansätze berechtigt, die vorgeschlagen haben, den fachdisziplinären Forschungsgegenstand um eine originäre ökologische Problematik zu erweitern. Um diesen Einwand zu entkräften, zielen die weiteren Überlegungen darauf ab, einen Zugang zu einem soziologischen Verständnis von Umweltpraktiken zu begründen; und zwar nicht deswegen, um die stofflich-materiellen Aspekte von Natur und Umwelt in den Mittelpunkt zu rücken, sondern in der Absicht, um die soziale bzw. gesellschaftliche Einbettung von Handlungen und Verhaltensweisen analysieren zu können, die einzelne Elemente und Bestandteile der Umwelt sozial inwertsetzen. Dies ist gleichwohl eine große Herausforderung, da sich üblicherweise die soziologische Theoriedebatte, ganz ihrem Selbstverständnis folgend, auf einen ganz bestimmten Bereich des Sozialen konzentriert, der die Frage nach der sozialen Vermittlung und Einbettung umweltbezogener Handlungs- und Verhaltensweisen vernachlässigt.
2.2 Soziales Handeln und Umwelt – Max Weber Das Forschungsprogramm Max Webers schließt an Durkheims Diktum an, gesellschaftliche Phänomene als eine Realität eigener Art zu begreifen, die nicht durch extra-soziale Faktoren erklärt werden können. Die Abgrenzung Webers zu naturalistischen Ansätzen trifft bereits in seiner Bestimmung des Gegenstandsbereichs der verstehenden Soziologie in aller Deutlichkeit hervor. Weber bezeichnet bekanntermaßen in dem Kapitel über „Soziologische Grundbegriffe“ in Wirtschaft und Gesellschaft (1980: 1) die Soziologie als „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“. Der Begriff „Handeln“ bezeichnet bei Weber „ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) (...), wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden“. Hingegen fasst Weber unter „sozialem Handeln“ nur solches Handeln, „welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“ Als reinsten Unterfall sozialen Handelns kennzeichnet der Begriff „soziale Beziehung“ schließlich „ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer“ (1980: 13) (alle Hervorh. v. Verf.). Nach Weber kann also von sozialem Handeln immer dann gesprochen werden, wenn einerseits das Handeln für einen Handelnden sinnvoll ist, d. h. wenn ein Handelnder mit seinem Handeln einen subjektiv gemeinten Sinn verbindet und zugleich andererseits das Handeln gemäß des gemeinten Sinns auf ein Verhalten eines Anderen bezogen ist. Aus dieser terminologischen Bestimmung des Begriffs „soziales Handeln“ ergibt sich für Weber, dass er folgende – für die hier verfolgte
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umweltsoziologische Fragestellung relevante – Fälle ausklammern muss: (1) Zunächst nennt Weber (1980: 11) „aeußeres Handeln“, das an sich zwar verstehbar ist, sich jedoch „lediglich an den Erwartungen des Verhaltens sachlicher Objekte orientiert“. Diese Kategorie von Handeln zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass keine sinnhafte Orientierung auf das erwartbare Verhalten oder Handeln anderer gegeben ist. Für Weber fällt jedes Handeln, das nicht auf einen anderen sinnhaft bezogen, sondern im Sinne eines schlichten „äußeren Tuns“ auf einen leblosen physischen Gegenstand gerichtet ist, aus der Kategorie des sozialen Handelns heraus. (2) Darüber hinaus führt Weber sinnfremde, d. h. nicht verstehbare „Vorgänge und Gegenstände“ an, wie z. B. Zustände und Veränderungen der natürlichen Umwelt (Naturkatastrophen), die „Absterbeordnung“ oder der „organische Kreislauf des Lebens“. Zwar spricht Weber diesen Vorgängen eine „erstklassige soziologische Tragweite“ zu, sofern sich menschliches Handeln an diesen Sachverhalten orientiert; sie kommen als „Anlaß, Ergebnis, Förderung oder Hemmung menschlichen Handelns“ in Betracht. Gleichwohl sind nach Weber derartige Vorgänge oder Ereignisse als sinnfremd zu charakterisieren, „soweit sie nicht in die Beziehung von ,Mittel‘ und ,Zweck‘ zum Handeln treten, sondern nur seinen Anlaß, seine Förderung oder Hemmung darstellen“. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass ein unbelebtes Artefakt wie z. B. eine „Maschine“ Weber zufolge nicht mit sinnfremden Vorgängen oder „unverstehbaren Gegebenheiten“ im oben genannten Sinne identisch ist. Eine Maschine ist nämlich, so Weber, „aus dem Sinn deutbar und verständlich, den menschliches Handeln (...) der Herstellung und Verwendung dieses Artefakts verlieh (...); ohne Zurückgreifen auf ihn bleibt sie gänzlich unverständlich. Das Verständliche daran ist also die Bezogenheit menschlichen Handelns darauf, entweder als ,Mittel‘ oder als ,Zweck‘, der oder den Handelnden vorschwebte, und woran ihr Handeln orientiert wurde. Nur in diesen Kategorien findet ein Verstehen solcher Objekte statt.“ Nach Weber sind Artefakte also gerade deswegen verstehbar, weil Handelnde sie als „Zweck“ oder „Mittel“ benutzen, Handelnde also einen Sinn mit ihnen verbinden (alle Zitate Weber 1980: § I, Ziffer 4). Am Beispiel der Maschine unterscheidet Weber damit die Gegenstände der Außenwelt in (a) nicht verstehbare oder sinnlose Naturdinge und Naturvorgänge und (b) verstehbare Artefakte, an denen sich menschliches Handeln orientiert (vgl. Linde 1972: 41). Weber erklärt wiederholt, dass weder dem „sozialen Handeln“ noch anderen menschlichen Handlungen oder Verhaltensweisen in der soziologischen Analyse a priori ein besonderes Gewicht zugeschrieben werden sollte. Auch bemerkt er immer wieder, dass es sich um eine begriffslogische Typenbildung handelt und ihre trennscharfe Unterscheidung in der sozialen Wirklichkeit kaum möglich sei. Die für die logischen Unterscheidungen herangezogenen Merkmale seien zumeist in der sozialen Wirklichkeit relativ unscharf, weshalb auch die „Grenze sinnhaften Handelns gegen ein bloß (...) reaktives, mit einem subjektiv gemeinten Sinn nicht verbundenes, Sichverhalten (...) durchaus flüssig“ ist (Weber 1980: § 1 I, Ziffer 1). Entgegen diesen Erklärungen verkehrt sich jedoch unter der Hand die terminologische Unterscheidung Webers in soziales Handeln auf der einen Seite und sonstiges menschliches, d. h. nicht-soziales Handeln und Verhalten auf der anderen Seite in eine Verengung des theoretischen Blickfeldes der verstehenden Soziologie auf jene Tatbestände, die Weber mit den Begriffen „soziales Handeln“ und „soziale Beziehung“ beschrieben hat. Alle anderen Formen des menschlichen Handelns und Verhaltens geraten, wie Linde (1972: 44) bemerkt hat, ins „heuristische Abseits“. Zu Webers Bestimmung des sozialen Handelns ist anzumerken, dass es sicherlich wenig Sinn macht, wenn man letztlich jedes Handeln als soziales Handeln auffassen würde. Dann
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würde der Begriff des sozialen Handelns analytisch unbrauchbar werden. Das Problem bei Weber besteht vielmehr darin, dass das Soziale auf Interaktionen zwischen sozialen Akteuren bezogen wird und hierbei nur jenes Handeln als soziales Handeln bezeichnet wird, das sich am „vergangenen, gegenwärtigen oder für künftig erwarteten Verhalten anderer“ (Weber 1980: 11) orientiert. Webers Kategorie des sozialen Handelns ist aber zu eng gefasst, um soziale Praktiken der Gestaltung und Veränderung materieller Umweltbedingungen in ihrer Gesamtheit begrifflich fassen zu können (vgl. bereits Teherani-Krönner 1992: 147ff.). Darüber hinaus gerät auch die Problemstellung aus dem Blickfeld, ob und inwiefern soziale Beziehungen, Konfigurationen oder Verhältnisse über materielle (Umwelt-)Kontexte vermittelt sind. Dem Weber’schen Begriff des sozialen Handelns liegt nämlich eine klassische Subjekt-Subjekt-Konstellation zugrunde. Natur tritt in diesem Modell als Objekt, eben als „Umwelt“ der Gesellschaft auf, die allenfalls in das Kalkül der Handelnden als gesellschaftsexternes Datum einzubeziehen ist. Weber fasst lediglich physisch vermitteltes Handeln eines Akteurs unter dem Begriff des sozialen Handelns, insofern der Handelnde sinnhaft auf technische Hilfsgegenstände, Werkzeuge oder andere Sachen zurückgreift, um ein bestimmtes Handlungsziel zu erreichen und sich hierbei in dem „gemeinten Sinn“ ausdrücklich auf das Verhalten anderer bezieht. An dieser Stelle ist jedoch hervorzuheben, dass jede physische Tätigkeit, etwa das Bearbeiten von Naturstoffen und die Nutzung von Umweltgütern, immer schon im Kontext kulturell erworbener Erfahrungen steht und in spezifische soziale Konstellationen eingebettet ist; und zwar ganz unabhängig davon, ob die physische Tätigkeit eines sozialen Akteurs in einem unmittelbaren Sinne sinnhaft auf das Verhalten anderer bezogen ist oder nicht. Darüber hinaus stellen Umweltbedingungen immer dann mehr als außersoziale Gegebenheiten dar, wenn die konkreten Umweltbedingungen nicht nur natürlich determiniert, sondern ebenso anthropogen beeinflusst und gesellschaftlich gestaltet sind (z. B. Kultur- und Industrielandschaften). Diese „Sozialität“ von Umweltbedingungen verweist darauf, dass den sozialen Akteuren, im Gegensatz zu biologistischen Analogien, keine passive Rolle in den Beziehungen zur physischen Umwelt zugeschrieben werden kann, sondern ihnen eine aktive Funktion bei der Gestaltung und Modifikation vorgefundener Umweltbedingungen zukommt. Mit anderen Worten rekurriert der Terminus „Sozialität“ auf die soziale Dimension der Konstitution und Transformation von Umwelt, also darauf, dass Umweltleistungen für unterschiedliche gesellschaftliche (materielle und symbolische) Zwecke bearbeitet und verändert werden. Mit Blick auf die verstehende Soziologie Webers hat bereits Linde (1982: 1) angemerkt, dass „die Kategorie des Sozialen willkürlich auf das interpersonale Handeln zwischen ego und alter und die darauf zurückführbare soziale Beziehung verengt“ wird. Aus techniksoziologischer Perspektive hat er deswegen vorgeschlagen, „Sachen“ im Sinne von technischen Artefakten als eine zentrale Grundkategorie soziologischer Analysen aufzufassen, da „Sachen“ nicht nur physische Gegenstände darstellen, sondern vor allem „soziale Verhältnisse begründende oder artikulierende Grundelemente der Vergesellschaftung sind“.44 Übertragen auf die verfolgte umweltsoziologische Fragestellung folgt hieraus, dass Prozesse der Vergesellschaftung nur dann hinreichend soziologisch erfasst werden können, wenn nicht nur – im Sinne der soziologischen Tradition – das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, sondern auch das von Gesellschaft und (physischer) Umwelt in einem integrativen Sinne in den Blick genom44 Im Gegensatz zum Weber’schen Begriff „soziales Handeln“ verweist der Begriff „soziale Verhältnisse“ auf überindividuelle Strukturmuster und nichtintendierte Handlungsfolgen, d. h. auf die Emergenzebene eines – über „Sachen“ oder „Sachkomplexe“ vermittelten – gesellschaftlichen Zusammenhangs, der sich dem Handlungs- und Entscheidungshorizont individueller Akteure entzieht.
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men wird. Umweltfunktionen und Umweltleistungen werden soziologisch gerade dann höchst relevant, wenn man nach den vielfältigen sozialen Praktiken respektive Regimen ihrer gesellschaftlichen Nutzung bzw. Nutzungsbeschränkung fragt und darüber hinaus die sozialen Folgen nichtintendierter Rückwirkungen anthropogener Umwelteingriffe auf gesellschaftliche Systeme (Rückbetroffenheit) problematisiert. Während Weber in den „Soziologischen Grundbegriffen“ die äußeren Gegebenheiten lediglich zu Anlässen, Ergebnissen, Möglichkeiten oder Hemmungen des menschlichen Handelns erklärt und sie ansonsten soziologisch nicht weiter zur Kenntnis nimmt, finden sich in den materialen Studien von Wirtschaft und Gesellschaft sowie in seiner Religionssoziologie einige wenige Hinweise, dass der physischen Umwelt weit mehr Beachtung geschenkt werden sollte, um menschliches Handeln genauer verstehen und erklären zu können. In der „Typologie der Städte“ (1980: 727ff.) stellt Weber beispielsweise ausdrücklich die siedlungsgeografische Bedeutung von Städten heraus, indem er das Untersuchungsobjekt nicht nur in sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht definiert, sondern zugleich auf naturräumliche Dimensionen hinweist. Auch in der Untersuchung Zur Psychophysik der industriellen Arbeit, in der sich Weber (1909b) den Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeitern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zuwendet, wird auf die Bedeutung der bebauten Umwelt für das Verständnis sozialer Phänomene abgehoben. In der religionssoziologischen Studie Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1988a: 17ff.) bringt Weber schließlich das Problem der Ausbeutung und Beherrschung natürlicher Ressourcen mit der Diffusion und Veralltäglichung der protestantischen Arbeitsethik in Verbindung. In einer berühmten Passage heißt es hierzu: „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-industrieller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk – nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen – , mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. (...) Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte“ (Weber 1988a: 203f.). Auf der einen Seite fordert die protestantische Ethik dazu auf, sich enthaltsam zu zeigen und den triebgesteuerten, reinen und „unbefangenen Genuß des Besitzes“ abzulehnen. Auf der anderen Seite entlastet die innerweltliche Askese den Erwerb materieller Güter „von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern (...) direkt als gottgewollt ansah“. Im Ergebnis wendet sich die moderne kapitalistische Erwerbsmentalität, deren religiösen Wurzeln im Prozess der Modernisierung absterben, gegen eine „irrationale Verwendung des Besitzes“ und fordert zu einer rastlosen, systematisch geplanten und weltlich ausgerichteten Berufsarbeit auf, um materielle Güter „für notwendige und praktisch nützliche Dinge“ (alle Zitate Weber 1988a: 190f.) zu verwenden. Man kann also im Anschluss an Weber schlussfolgern, dass physisch vermittelte Handlungen bzw. wirtschaftliche Tätigkeiten, die auf Umweltressourcen bezogen sind, immer schon in spezifische kulturelle Kontexte, hier: die moderne Erwerbsmentalität des Okzidents, eingebettet sind. In der Vorlesung Wirtschaftsgeschichte. Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte führt Weber (1958: 301f.) schließlich als „äußere Bedingung“ für den Aufstieg des Kapitalis-
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mus in Europa die geografische Struktur des Kontinents an, während in anderen Weltregionen weniger günstige naturräumliche Vorbedingungen anzutreffen waren: „In China und Indien mußten bei dem ausgesprochenen Binnenlandverkehr dieser Gebiete die ungeheuren Transportkosten die Schicht derjenigen, die in der Lage waren, im Handel Verdienste zu machen, und die Möglichkeit besaßen, auf dem Händlerkapital ein kapitalistisches Arbeitssystem aufzubauen, außerordentlich hemmen, während im Abendland der Binnenmeercharakter des Mittelmeeres und der Reichtum der Stromverbindungen eine entgegengesetzte Entwicklung begünstigte.“ Zugleich betont Weber jedoch ausdrücklich, dass die äußeren Bedingungen keineswegs überschätzt werden dürfen. „Die Kultur der Antike“, so fährt Weber an gleicher Stelle fort, „ist ausgesprochene Küstenkultur gewesen. Dort waren dank der Beschaffenheit des mittelländischen Meeres (im Gegensatz zu den chinesischen Gewässern mit ihren Taifunen) die Verkehrsmöglichkeiten sehr günstig, und doch ist damals kein Kapitalismus entstanden. Auch in der Neuzeit ist die kapitalistische Entwicklung in Florenz viel intensiver als in Genua oder Venedig. In den binnenländischen Gewerbestädten, nicht den Seehandelsstädten des Okzidents, wurde der Kapitalismus geboren.“ Deswegen sind für Weber die vorgegebenen naturräumlichen Ausgangsbedingungen alleine gar nicht ausschlaggebend für die Herausbildung des modernen Kapitalismus. Sodann hat Weber in den religionssoziologischen Studien (1988a) sowie in dem wirtschaftssoziologischen Abschnitt von Wirtschaft und Gesellschaft (1980: 31ff.) wesentliche nicht-naturräumliche, sondern soziale Bedingungen zusammengetragen, ohne die weder die Ausbreitung der rational temperierten Wirtschaftsgesinnung erklärt noch die Konsolidierung des modernen okzidentalen Kapitalismus als ökonomischer Handlungszusammenhang nachvollzogen werden kann (vgl. Kraemer 2001: 119ff.).45 Historisch betrachtet ist für Weber der moderne Kapitalismus in Europa nicht zufälligerweise, z. B. aufgrund besonders vorteilhafter klimatologischer oder geographischer Bedingungen, entstanden. Die Besonderheiten des modernen Kapitalismus sieht Weber vielmehr in einem ganz spezifischen Rationalismus der okzidentalen Kultur begründet, der die wirtschaftlichen Handlungen im Sinne einer sachlich-nüchternen Rechenhaftigkeit diszipliniert. Nach Weber zeichnet sich der moderne okzidentale Kapitalismus durch ein Höchstmaß an formaler Rationalität der Kapitalrechnung aus, die das wirtschaftliche Handeln am reinen Zweck der Rentabilität orientiert. Die dafür notwendige soziale Organisationsform ist, so Weber, der auf Kontinuität und Planmäßigkeit ausgerichtete moderne Erwerbsbetrieb, welcher Gewinne durch das „friedliche“ Ausnutzen von Marktchancen zu realisieren versucht. Die rationale Buchführung dient hierbei als Instrument der Kapitalrechnung, um betriebsökonomische Entscheidungen nüchtern kalkulieren und an den objektiven Marktdaten von Angebot und Nachfrage ausrichten zu können. Im Einzelnen sieht Weber (1980: 94f.) den rational temperierten Betriebskapitalismus an verschiedene sozioökonomische, politisch-institutionelle und soziokulturelle Voraussetzungen 45 Im Gegensatz zu Marx hat Weber in den „Soziologischen Grundkategorien des Wirtschaftens“ (1980: 31ff.) ganz bewusst auf eine umfassende Theorie zur Erklärung des modernen Kapitalismus verzichtet und sich auf eine soziologische Typisierung markanter Besonderheiten beschränkt. Im Zentrum seiner Überlegungen steht bekanntermaßen der Prozess der „okzidentalen Rationalisierung“. Gleichwohl hat dieses Weber nicht davon abgehalten, in der Vorbemerkung der Protestantismusstudie (1988a: 4) den Kapitalismus als die „schicksalsvollste(n) Macht unsres modernen Lebens“ zu kennzeichnen. Dort findet sich auch die Bemerkung, dass es Kapitalismus und kapitalistische Unternehmungen „in allen [Hervorhebung im Original, K. K.] Kulturländern der Erde gegeben“ (1988a: 6) habe, ob im alten China, in den ägyptischen Hochkulturen, in der antiken Latifundienwirtschaft, im mittelalterlichen Lehnsfeudalismus oder in neuzeitlichen Kolonialreichen. Von früheren Formen des Gewinnstrebens, welches unter Bedingungen des „Abenteurer-“ und „Kolonialkapitalismus“ irrational-spekulative bzw. gewaltsam-kriegerische Formen angenommen habe, grenzt Weber den spezifisch modernen Kapitalismus ab.
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gebunden (vgl. auch Collins 1992). Zu nennen ist erstens die formal freie und ungebundene unternehmerische Verfügungsgewalt über alle „sachlichen Beschaffungsmittel“ (Grund und Boden, Maschinen, Werkzeuge etc.) und die dazugehörige wirtschaftliche Vertragsfreiheit sowie zweitens die Institution der formal freien Arbeit, die den Einzelnen nicht nur in die rechtliche Lage versetzt, sondern ihn mangels anderer Einkommensquellen auch wirtschaftlich dazu nötigt, seine Arbeitskraft frei auf dem Markt zu verkaufen. In diesem Zusammenhang führt Weber drittens die rechtliche und buchmäßige Differenzierung von Haushalt und Betrieb bzw. Privatvermögen und Betriebskapital an. Während der Haushalt Geldmittel zum Zwecke der Bedarfsdeckung und Versorgung oder zur Anhäufung von Vermögen erwirtschaftet (materiale Rationalität der Haushaltsrechnung), sind die wirtschaftlichen Entscheidungen des Betriebes auf den alleinigen Maßstab der Rentabilität zugeschnitten, der damit zum Selbstzweck wird (formale Rationalität der Kapitalrechnung). Viertens muss eine berechenbare Rechts- und Verwaltungsordnung mit formal-legalen Regeln existieren, die für alle Wirtschaftsakteure Norm- und Rechtssicherheit schafft und insbesondere die Vertrags- und Gewerbefreiheit dauerhaft garantiert. Fünftens muss eine formal rationale, staatliche Ordnung des Geldwesens vorhanden sein, damit Geld seine Funktion als Instrument der betrieblichen Kapital- und Rentabilitätsrechnung faktisch erfüllen kann. Konsequenterweise sieht auch Weber im okzidentalen modernen Staat, der Monopolfunktionen auf den Gebieten der Gewaltanwendung, Steuereintreibung und Normsetzung ausübt, die historische Grundvoraussetzung für die Etablierung eines rational kalkulierenden Wirtschaftshandelns auf der Basis von „friedlicher“ Konkurrenz um Marktchancen. Der spezifisch okzidentale, rational disziplinierte Betriebskapitalismus konnte sich sechstens, wie Weber ausdrücklich hervorhebt, jedoch nur entfalten, da er sich – in seiner Entstehungsphase – auf eine bestimmte Wirtschaftsgesinnung, eine Wirtschaftsethik stützten konnte. Diese Wirtschaftsethik habe die Formen des rational temperierten kapitalistischen Handelns getragen und kulturell legitimiert. Dem „Geist des Kapitalismus“ hat Weber in seiner Religionssoziologie umfangreiche Untersuchungen gewidmet. Die protestantische Ethik habe, so Weber (1988a), im Unterschied zum Katholizismus die innerweltliche Berufsarbeit moralisch aufgewertet und damit zu einer Verlagerung der menschlichen Orientierung vom Jenseits zum Diesseits beigetragen. Die protestantische Ethik verlange eine Gott wohlgefällige asketische und planvolle Lebensführung, die irrationale Triebe bändige und das gesamte Leben unter den Primat der rastlosen Berufsarbeit stelle. Die Konsequenz dieser mentalen Disposition sieht Weber in der Figur des privaten Erwerbsunternehmers, der ökonomische Gewinne nicht durch einen aufwendigen, luxuriösen Lebensstil aufbraucht, sondern zum Zwecke der Kapitalakkumulation reinvestiert. So betrachtet bildet sich der Typus des privat äußerst anspruchslosen, asketischen Berufsmenschen aus, der sein Vermögen als Ausdruck seines innerweltlichen Erfolgs – und damit seines außerweltlichen Gnadenstandes betrachtet.46 Weber (1988a: 203f.) hebt ausdrücklich hervor, dass der einmal konsolidierte Kapitalismus diese ethische Fundierung nicht mehr benötigt. Im Zeichen der Säkularisierung sterben, so unterstreicht Weber, die religiösen Motive und Wurzeln ab und es setzt sich eine rein utilitaristische Diesseitigkeit durch. Die rationale Lebensführung auf Grundlage der Berufsidee erscheint damit lediglich als konstitutiver Geburtshelfer des „kapitalistischen Geistes“. In den religionssoziologischen Schriften thematisiert Weber deswegen auch nicht den Kapitalismus als ökonomisches System, sondern lediglich den „Geist des Kapitalismus“ in der Phase seiner Entstehung. Er unterscheidet damit zwischen der Genese der kapita46 Zur Kritik der Weber’schen Protestantismusthese vgl. Marshall (1982), MacKinnon (1988a; 1988b) und Lehmann (1996).
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listischen Wirtschaftsordnung, die auf wertrationale Motive angewiesen ist, und ihrer heutigen Funktionsweise (vgl. Heins 1990: 66). Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die Entwicklung der formalen Rationalität des modernen Kapitalismus bei Weber in einem engen Zusammenhang mit der durchgreifenden Rationalisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche steht, die sich wechselseitig ergänzen: der Rationalisierung und Positivierung des Rechts, der Entwicklung formal gesatzter, bürokratischer Staatsorganisationen sowie der Ausrichtung der neuzeitlichen Wissenschaften auf methodisch abgesicherte Untersuchungsverfahren und rationale Beweisführung. Entscheidend ist hierbei, dass Weber sich gegen einseitige deterministische Kausalannahmen wendet, um die ökonomische Entwicklung in ihren Interdependenzen zu sozialen, rechtlichen, politischen, wissenschaftlichen, religiösen und kulturellen Prozessen betrachten zu können. Interessanterweise führt Weber in der bereits oben zitierten Vorlesung zur Wirtschaftsgeschichte (1958) eine weitere Möglichkeitsbedingung des modernen Kapitalismus an, die ansonsten von ihm in anderen einschlägigen Abhandlungen nicht in den Blick genommen wird und auch in der Weber-Rezeption wenig Beachtung gefunden hat. Am Beispiel Englands des 18. Jahrhunderts erläutert Weber, dass die Entfaltung des modernen Kapitalismus auf die Umstellung der Energieversorgung angewiesen gewesen sei. So ist etwa die bisher übliche Eisenverhüttung mittels Holzkohlenfeuerung, die die Entwaldung weiter Regionen Englands zur Folge hatte, durch die Verkokung von Steinkohle abgelöst worden. Und mit dem massenhaften Einsatz der Dampfmaschine in der industriellen Produktion (Mechanisierung) wurden die organischen Energiequellen der menschlichen Arbeit sukzessive durch fossile Energiequellen ersetzt. Ohne die Abkehr von dem traditionellen Energiesystem, das in besonderer Weise auf die Nutzung organischer Stoffe (Holz), auf den Einsatz tierischer und menschlicher Kraftquellen sowie auf die Erschließung neuer Energiepotentiale für industrielle Zwecke (Steinkohle) angewiesen war, wäre für Weber (1958: 262f.) ein Stillstand der industriellen Entwicklung wahrscheinlich gewesen: „Zunächst hat sich durch Kohle und Eisen eine Loslösung der Technik und damit der Erwerbsmöglichkeit von den Schranken der den organischen Stoffen innewohnenden Gebundenheit vollzogen. Beide waren fortan nicht mehr von tierischer Kraft und vom Pflanzenwuchs abhängig. Auf dem Wege des Raubbaus wird fossiles Brennmaterial und mit Hilfe desselben Eisenerz zutage gefördert, und mit beider Hilfe wiederum hat man die Möglichkeit gefunden, eine Ausweitung der Produktion vorzunehmen, wie sie vorher vollkommen außerhalb des Bereiches des Denkbaren gelegen gewesen wäre. So ist das Eisen der wichtigste Faktor für die Entwicklung des Kapitalismus geworden, und wie er und Europa ohne diese Entwicklung aussehen würden, wissen wir nicht. – Das zweite ist, daß die Mechanisierung des Produktionsprozesses durch die Dampfmaschine die Produktion von den organischen Schranken der Arbeit loslöste.“ Bereits für Weber liegt es auf der Hand, dass organische Schranken der Energiegewinnung überwunden und kontinuierlich neue Energiequellen erschlossen werden müssen, um ökonomisches Wachstum dauerhaft zu generieren. Dieses ergibt sich allein schon aus dem Umstand, dass die fossilen Rohstoffvorräte keine dauerhafte Lösung des Energieproblems anbieten, da der „Raubbau an den Bodenschätzen seine zeitlichen Grenzen haben muß“ (1958: 263, Fn. 1). Allein schon aus diesem Grund können in der soziologischen Analyse die von Weber so bezeichneten „äußeren“ Gegebenheiten nicht ausgeklammert werden. Dies zeigt aber auch, so resümiert Groß (2001: 54), dass für Weber „ökologische Faktoren ihre Wirkung in erster Linie auf und durch die Struktur der jeweiligen Ökonomie auf die Gesellschaft ausüben und nicht direkt auf Menschen einwirken.“
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Wie dargelegt hat Weber weder in den Grundlegungen der verstehenden Soziologie noch in den materialen Untersuchungen gefordert, die „äußeren Anlässe“, d. h. die naturräumlichen oder energetischen Vorbedingungen sozialer Phänomene grundsätzlich außer Acht zu lassen. „Äußere“ Gegebenheiten sind, wie Weber in den „Soziologischen Grundbegriffen“ von Wirtschaft und Gesellschaft einräumt, als gesellschaftsexterne Daten in das Handlungskalkül der sozialen Akteure einzubeziehen. Darüber hinaus hat Weber in den Vorlesungen zur Wirtschaftsgeschichte die Entwicklung des modernen Kapitalismus durchaus im Rahmen natürlicher Bedingungen gesehen und am Beispiel der Energieversorgung hervorgehoben, dass in der Zeit der Industrialisierung bestimmte „äußere“ Grenzen zu überwinden waren, um die Expansion moderner kapitalistischer Wirtschaftstätigkeiten überhaupt erst zu ermöglichen. Mit der Substituierung traditioneller Energiequellen durch fossile Brennstoffe wird sogar explizit eine wichtige „äußere“ Bedingung angesprochen. Gleichwohl spricht sich Weber entschieden gegen naturalistische Erklärungsansätze aus und unterstreicht vor dem Hintergrund grundlegender Annahmen der verstehenden Soziologie, dass „äußere“ Faktoren weder auf der Mikroebene des sozialen Handelns noch auf der Makroebene gesellschaftlicher Entwicklungen in einem unmittelbaren Sinne determinierend wirken. Umweltfaktoren bestimmten bei Weber keine gesellschaftlichen Prozesse. Allerdings konstituieren sie spezifische – nicht näher erläuterte – Randbedingungen des Sozialen, die von Weber als kausal relevant angesehen, jedoch von ihm in ihren Wechselwirkungen mit sozialen Faktoren nicht genauer betrachtet werden. Zweifelsohne war es nicht Webers Absicht, die verstreuten Überlegungen in den materialen Studien zu den „äußeren“ Bedingungen von Gesellschaft zu systematisieren noch sie konzeptionell in seine Handlungstheorie einzuarbeiten, um das Verhältnis von Handeln und Umwelt begrifflich präziser bestimmen zu können. Auch kann es nicht verwundern, dass Weber etwa weder die Möglichkeit der sozialen Gestaltbarkeit „äußerer“ Grenzen problematisiert noch die Frage nach der Modifikation der „äußeren“ Grenzen von Gesellschaft erörtert hat. Aus der Retrospektive ist es nur allzu verständlich, dass erst in jüngerer Zeit – mit der immer weiter voranschreitenden Verfügbarmachung von Naturressourcen für gesellschaftliche Zwecke – die theoretisch zentrale umweltsoziologische Frage nach der Verschiebung der Grenzen von Natur und Gesellschaft aufgeworfen worden ist. Die bereits weiter oben angesprochenen Fragen nach der „Sozialität“ von Umweltbedingungen bzw. der sozialen Dimension der Konstitution und Transformation von Umwelt entziehen sich deswegen auch dem Problemhorizont der Weber’schen Soziologie, die bekanntlich die sozialen Ursprünge, Bedingungen und Folgen des okzidentalen Rationalismus in den Mittelpunkt stellte. Aus den genannten Gründen würde es aber zu weit führen, die verstreuten Überlegungen zu den „äußeren Anlässen“ des Sozialen als Beleg anzuführen, um in Webers Werk frühe umweltsoziologische Gehversuche zu erkennen.47
47 Problematisch ist die Interpretation von Groß (2001: 49ff.), der zwar auf die (verstreute) Thematisierung von Umwelt und Umweltbedingungen in Webers Werk hinweist, dies jedoch zum Beleg für die These nimmt, dass die Vernachlässigung von physischer Umwelt und Natur in der Soziologie weniger auf die Klassiker des Faches zurückzuführen sei, sondern auf die einseitigen Interpretationen der Klassiker „durch den Mainstream der Nachkriegssoziologie zusammen mit der ,Hegemonialstellung‘ von Funktionalismus und Modernisierungstheorien zur Mitte des 20. Jahrhunderts“ (Groß 2001: 15).
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2.3 Soziales System und Umwelt – Niklas Luhmann Die Absenz der ökologischen Problematik in der soziologischen Theorie findet eine besondere Zuspitzung in der Systemtheorie Niklas Luhmanns (1984; 1986), demzufolge „Umwelt“ nicht auf einen energetisch-materiellen Funktionszusammenhang rekurriert, der durch spezifische chemische, geologische und biologische Prozesse gekennzeichnet ist und in deren Kreisläufe sich soziale Systeme einzuschalten versuchen, um etwa Ressourcen für gesellschaftliche Zwecke nutzbar zu machen. Für Luhmann (1984: 242ff.) verweist der Umweltbegriff lediglich auf etwas, das außerhalb der Grenze eines Systems liegt, wobei die Grenze ein Komplexitätsgefälle zwischen einer überkomplexen Umwelt und einem Komplexität reduzierenden System markiert. Zum Verhältnis von System und Umwelt heißt es in Ökologische Kommunikation (1986: 23): „Systeme selbst definieren ihre Grenzen, sie differenzieren sich aus und konstituieren damit Umwelt als das, was jenseits ihrer Grenzen liegt. Umwelt in diesem Sinne ist dann kein eigenes System, nicht einmal eine Wirkungseinheit, sondern nur das, was als Gesamtheit externer Umstände die Beliebigkeit der Morphogenese von Systemen einschränkt und sie evolutionärer Selektion aussetzt.“ Luhmann sieht in der Umwelt zwar eine Voraussetzung für die Existenz sozialer Systeme, aber nicht im konventionellen ökologischen Sinne, sondern nur im Hinblick darauf, dass Umwelt die Funktion einer Grenzbedingung eines Systems einnimmt und dadurch Bedingung der Möglichkeit der Systemerhaltung ist. Hieraus schlussfolgert Luhmann (1984: 249), dass Umwelt ein „Negativkorrelat des Systems“ darstellt, welches das vom System Ausgeschlossene und damit „einfach ,alles andere‘“ repräsentiert. Zum besseren Verständnis der für die Systemtheorie grundlegenden System-Umwelt-Differenz ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass soziale Systeme als sinnprozessierende Kommunikationssysteme konzeptionalisiert werden, die ihre Elemente (Kommunikationen), aus denen sie bestehen, selbst definieren und reproduzieren. Dadurch ziehen sie selbstständig eine Grenze zu ihrer Umwelt und bestimmen, was zum System und was zur Umwelt gehört. Der Umwelt eines Systems kann wiederum alles zugeschrieben werden, was sich der selbstreferentiellen Operationsweise des Systems entzieht. Beispielsweise sind alle Kommunikationen des Funktionssystems Wirtschaft an der Leitunterscheidung zahlen/nicht zahlen ausgerichtet, während die Umwelt des Wirtschaftssystems alle nichtökonomischen Kommunikationen politischer, juristischer, familialer, religiöser, erzieherischer, wissenschaftlicher oder sonstiger Art umfasst. Folgerichtig gehören Kommunikationen zur Umwelt des Wirtschaftssystems, wenn sie nichts als den guten Geschmack oder die richtige Gesinnung beschwören, auf Gerechtigkeitsnormen rekurrieren oder Entscheidungen im Hinblick auf moralische Standards bewerten. Von der gesellschaftsinternen Umwelt eines Teilsystems wie des Wirtschaftssystems unterscheidet Luhmann (vgl. 1988: 36) schließlich die Umwelt der Gesellschaft, die durch all das gekennzeichnet ist, was nicht Kommunikation ist, etwa ökologische Bedingungen, aber ebenso auch Motive oder mentale Zustände von Menschen. In Abgrenzung zu ontologischen Definitionen besteht die Besonderheit des Luhmann’schen Umweltbegriffs in seiner radikalen systemrelativen Bestimmung. Umwelt ist kein materielles Substrat, kein Teil einer Gesamtrealität, keine unverwechselbare Einheit, die durch substantielle Merkmale oder Prozesse gekennzeichnet wäre. Systemrelativ ist der Umweltbegriff insofern, da jedes Subsystem der Gesellschaft aufgrund seiner selbstreferentiellen Operationsweise eine eigene Umwelt konstituiert, die sich von der Umwelt anderer Subsysteme unterscheidet. Mehr noch: Für Luhmann hat nicht nur jedes soziale System eine eigene Systemumwelt, durch die ein System erst zu dem wird, was es ist. Zugleich ist ein System immer schon Be-
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standteil der Umwelt aller anderen sozialen Systeme. In Soziale Systeme (1984: 249) heißt es: Für „die Systeme in der Umwelt des Systems ist das System selbst Teil ihrer Umwelt und insofern Gegenstand möglicher Operationen.“ Da der systemtheoretische Umweltbegriff nicht für die alle sozialen Systeme umschließende physische Umwelt reserviert ist, sondern vor allem und in erster Linie jene sozialen Ereignisse (Kommunikationen) einschließt, die innerhalb eines Systems Anschlusskommunikationen verhindern statt ermöglichen, weil sie nicht auf den jeweiligen systeminternen Kommunikationscode zugeschnitten sind, ist auch die Umwelt des Systems nie mit der Umwelt anderer Systeme identisch. Systemtheoretisch formuliert ist nämlich beispielsweise die ökonomische Kommunikation des Wirtschaftssystems für das Subsystem Religion systemeigene Umwelt, da deren Operationen nach der binären Codierung gläubig/ungläubig organisiert sind, während hingegen die religiöse Kommunikation zur Umwelt des Systems Wirtschaft gehört. Auf eine eingehende Erörterung der erkenntnis- und gesellschaftstheoretischen Implikationen einer derartigen Bestimmung des System-Umwelt-Verhältnisses muss im Folgenden verzichtet werden. An dieser Stelle kann nur darauf hingewiesen werden, dass es Luhmanns Verdienst ist (vgl. 1986), die soziologische Aufmerksamkeit auf die soziale Konstruktion von Umweltproblemen durch systemspezifische Kommunikationen gelenkt und die begrenzte Resonanz und Bearbeitungsfähigkeit ökologischer Probleme in gesellschaftlichen Teilsystemen problematisiert zu haben. Zudem wird mit der systemrelativen Bestimmung des Umweltbegriffs nicht nur eine Ontologisierung von Natur, sondern auch eine Naturalisierung von ökologischen Problemen in modernen Gesellschaften zurückgewiesen. Auf der anderen Seite liegen die Schwierigkeiten des Luhmann’schen Umweltbegriffs in der kommunikationstheoretischen Engführung des Gesellschaftsbegriffs auf Sinnprozesse begründet. Luhmann überträgt nämlich die Leitidee der sozialphänomenologischen Beobachtung von der Ebene der Psyche auf die Systemebene, woraus die Überlegung abgeleitet wird, dass Gesellschaft, wie Luhmann immer wieder betont, aus nichts anderem als aus Kommunikationen besteht. Wenn Kommunikation als basales Element der Selbstkonstitution des Systems in die Theoriekonstruktion eingeführt wird, entschwindet allerdings die materiell-stoffliche Dimension des Gesellschaftlichen aus dem soziologischen Beobachtungsradius und damit auch ein geeigneter begrifflicher Rahmen, mit dem die soziale Konstitution von Umwelt thematisiert werden könnte. Die ganze Problematik des Luhmann’schen Ansatzes zeigt sich deswegen auch in dem Stellenwert des Kommunikationsbegriffs als basale soziologische Kategorie und der daraus abgeleiteten Gleichsetzung von Kommunikation und Gesellschaft (vgl. Bühl 1987: 231). Zweifelsohne geht auch Luhmann davon aus, dass Systeme nur reproduktionsfähig sind, wenn sie in Kontakt mit der physischen Umwelt stehen, mit der sie Energie und Materie austauschen. Im Hinblick auf die Entfaltung des Systembegriffs bleibt diese Überlegung jedoch folgenlos. Allein die Differenz zur Umwelt, die nach Luhmann (1984: 265) durch „Sinngrenzen“ vermittelt ist, wird zum exklusiven Konstitutionsprinzip sozialer Systeme erklärt, die sich mittels selbstreferentieller Kommunikationsprozesse reproduzieren, während die physische Umwelt selbst für die interne Selbststeuerung des Systems eine zu vernachlässigende Größe ist. Da Kommunikation nur innerhalb, nicht aber außerhalb sozialer Systeme stattfindet, entfällt konsequenterweise auch für Luhmann die Möglichkeit, die soziologischen Implikationen der stofflich vermittelten Interaktionen von Umwelt und Gesellschaft genauer zu analysieren. In diesem Zusammenhang ist es nur folgerichtig, wenn Luhmann einen ökologisch informierten Umweltbegriff zugunsten des Begriffs der Systemumwelt ersetzt und des Weiteren ökologische Gefährdungslagen moderner Gesellschaften nicht an spezifischen Übernutzungen von Um-
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weltleistungen festmacht, sondern – wie Kluge (1991: 96) zutreffend formuliert – an einer „,falsche(n)‘ Kommunikation der Gesellschaft über ihre Umwelt“. Fassen wir an dieser Stelle den zentralen Einwand zusammen: Das differenzierungstheoretische Grundaxiom Luhmanns kann sinnvollerweise nur dann auf das Verhältnis von Gesellschaft und Ökosystem bezogen werden, wenn sich die Leitdifferenz System/Umwelt nicht in der Analyse sinnprozessierender selbstreferentieller Operationen erschöpfen würde, sondern sich mit ihr die sinnhafte Vermittlung (gesellschaftliche Ebene) nicht-sinnhafter Prozesse (materiell-energetische Ebene) reflektieren ließe. Wie aufgezeigt führt jedoch Luhmann mit der Differenz von System und Umwelt eine autonome Seinsebene der Gesellschaft ein, die sich basalen materiellen Austauschprozessen grundsätzlich zu entziehen scheint. Die Konzeptionalisierung sozialer Systeme als autopoietische, selbstreferentielle Systeme fällt damit hinter den Erkenntnisstand der Theorie „umweltoffener Systeme“ zurück, die im Anschluss an Ludwig von Bertalanffy das Außenverhältnis eines Systems mit den Begriffen Input und Output beschreiben kann.48 Der Vorteil des Input/Output-Schemas besteht nämlich darin, dass interne, systemspezifische Strukturen in den Blick genommen werden, um die gesellschaftliche Organisation des stofflichen und energetischen Durchfluss (throughput) bewerten zu können. Darüber hinaus können auch unterschiedliche systemische Regulierungsstrategien miteinander verglichen werden, die entweder auf der Input- oder auf der Output-Seite ansetzen, und zwar in der Absicht, den materiellen Durchfluss durch soziale Systeme nachhaltiger zu managen. Im Hinblick auf die in dieser Arbeit verfolgte umweltsoziologische Problemstellung ist jedenfalls die strikte Luhmann’sche Fassung der System-Umwelt-Differenz wenig fruchtbar, da sie keinen systematischen Zugang zu Fragen der sozialen Aneignung und Regulation von Umweltnutzungspraktiken ermöglicht.49
2.4 Handeln als transformative Fähigkeit – Anthony Giddens I Wie gesehen bieten die Arbeiten von Durkheim, Weber und Luhmann nur bedingt Anknüpfungspunkte für die Erörterung der sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt. Im Fol48 Eder (1988) führt die ökologische Leerstelle Luhmanns auf den Begriff der Autopoiesis zurück, der dazu verleitet, die Theorie sozialer Systeme weitgehend von Umweltfaktoren abzukoppeln. In diesem Fall wird Natur nur mehr als ein Moment der systemischen Selbstorganisation gesehen, wenn sie auf Beschreibungen reduziert wird, die „die Gesellschaft von ihr produziert. Die Frage, warum die Natur so und nicht anders beschrieben wird, bleibt allerdings offen. Die Beschreibungen der Natur werden nur danach beurteilt, ob sie funktional für die Autopoiese der Gesellschaft sind oder nicht“ (1988: 43). Ganz ähnlich bemerkt bereits Bühl (1987: 231), dass der Begriff der Autopoiesis die operative Geschlossenheit sozialer Systeme hypostasiert und wendet gegen die Übergeneralisierung der autopoietischen Perspektive ein: „Zwar ist es natürlich richtig, dass nach der Organisationsperspektive der Autopoiese alles, was als Elementareinheit im System in Erscheinung tritt, formaliter vom System bestimmt (,reproduziert‘) wird (obwohl die Elementareinheiten materialiter aus der Umwelt bzw. aus darunterstehenden Organisationsebenen entnommen sein mögen). Wenn nun aber im sozialen System auch materialiter nach eigenen Elementareinheiten gesucht wird – und diese als ,Handlungen‘, ,Ereignisse‘, ,Informationen‘ und schließlich ,Kommunikationen‘ identifiziert werden –, dann ist damit ein Formalprinzip (wenn auch mit sehr ungegenständlichen, weil total temporalisierten, Gegenständen) reifiziert worden.“ Zur Kritik an der Luhmann’schen System-Umwelt-Konzeption vgl. auch Bühl (1986). 49 Luhmanns (1986) Analyse des normativ stark aufgeladenen Ökologiediskurses bleibt von dieser Kritik ebenso unberührt wie die Annahme, dass soziale Systeme nur solche ökologischen Informationen aus der Systemumwelt in Kommunikation verwandeln und zu Entscheidungen verarbeiten können, soweit diese in den jeweiligen systemspezifischen Leitcode übersetzbar sind. Die unhintergehbare System-Umwelt-Differenz macht es gerade im hohen Maße unwahrscheinlich, dass die naturale Umwelt im Gesellschaftssystem vollständig repräsentiert werden kann.
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genden soll die Sichtung ausgewählter soziologischer Theoretiker mit der Diskussion der Arbeiten von Anthony Giddens abgeschlossen werden. Hierbei werden die Grundzüge der Giddens’schen Theorie der Strukturierung rekonstruiert, um hierauf aufbauend danach fragen zu können, inwieweit dieser Ansatz für eine umweltsoziologische Theorie der sozialen Umweltkonstitution fruchtbar gemacht werden kann. Ausgangspunkt seiner Sozialtheorie ist der in der soziologischen Tradition verbreitete Dualismus von Subjektivismus und Objektivismus. Während der hermeneutisch oder phänomenologisch ausgerichtete Subjektivismus das Handeln sozialer Akteure unter Vernachlässigung überindividueller Strukturen und Institutionen zu erklären versucht – Giddens spricht von der sogenannten „interpretativen Soziologie“ – vernachlässigt der Objektivismus in Gestalt funktionalistischer, evolutionistischer oder strukturalistischer Konzeptionen die eigenständige Dimension sozialen Handelns. Giddens’ Theorie der Strukturierung (1988a) beansprucht gegenüber diesen oppositionellen Theorietraditionen den Dualismus von Handeln und Struktur als Dualität systematisch neu zu fassen, um weder der Handlungsebene (handelndes Subjekt) noch der Strukturebene (soziales Objekt) einen kategorialen Vorzug zu geben. Erklärte Absicht ist es, das Konzept des Handelns mit dem Begriff der Struktur in Verbindung zu bringen, was gleichwohl eine grundlegende Reformulierung des Handlungs- und Strukturbegriffs erforderlich macht (vgl. hierzu Joas 1988: 17ff.; Kießling 1988; Held/Thompson 1989; Schneidewind 1998: 148ff.; Schulz-Schaeffer 2000: 146ff.). Gegenüber den Vereinseitigungen orthodoxer handlungs- und strukturtheoretischer Ansätze entwickelt Giddens deshalb das Theorem der „duality of structure“. Dieses Theorem besagt, dass „die Strukturmomente sozialer Systeme sowohl Medium wie Ergebnis der Praktiken (sind), die sich rekursiv organisieren“ (1988a: 77). Ganz in diesem Sinne wird „Struktur“ von Giddens nicht, wie etwa in der Durkheim’schen Tradition oder im Funktionalismus, als etwas definiert, das dem menschlichen Handeln „äußerlich“ ist, d. h. als Realität sui generis, die als kristallisierte Form dem sozialen Akteur buchstäblich gegenübertritt und dessen Handlungen von außen restringiert. Soziale Strukturen sind etwas nur durch das Handeln von Akteuren Entstehendes. Genauer: sie ergeben sich erst aus dem Handeln und bedingen zugleich dieses Handeln mit. Entgegen der herkömmlichen Verwendungsweise des Strukturbegriffs, der immer wieder als Gegenbegriff zu dem des Handelns verwendet wird, können für Giddens Strukturen nur in Gestalt von Praktiken sozialer Akteure soziologisch beschrieben werden. Mit anderen Worten werden Strukturen überhaupt erst im konkreten Handeln der Individuen verwirklicht bzw. exemplifiziert. Der Terminus „Dualität der Struktur“ verweist vor diesem Hintergrund auch darauf, dass Strukturen Handlungen nicht nur beschränken, sondern zugleich auch immer ermöglichen. Der von Giddens benutzte Begriff der Rekursivität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass im Handeln Strukturen hervorgebracht werden, welche auf das Handeln zurückwirken, das wiederum auf die Strukturen wirkt usw. Anders formuliert wird Struktur durch Handeln produziert, das auf Strukturen Bezug nimmt. Hierin drückt sich der rekursive Charakter sozialer Praktiken aus. Der Terminus „Dualität von Struktur“ rekurriert darauf, dass soziale Strukturen und soziale Akteure nicht äußerlich gegenüberstehen; erstere sind „chronisch in das Handeln selbst eingebettet“ (1988b: 290) und werden fortlaufend im Medium von Praktiken generiert als auch reproduziert.50 Um die Prozesshaftigkeit des rekursiven Geschehens herauszustreichen, greift Giddens auf den Begriff der „Strukturierung“ zurück, von dem er sich verspricht, die statische 50 Der Reproduktionsbegriff wird von Giddens nicht im Sinne strikter funktionalistischer Denkfiguren verwendet, sondern schließt immer, im Sinne eines dualen Charakters von Struktur als Restriktion und Ermöglichung, die Möglichkeit der Veränderung von Struktur mit ein.
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Polarität von Handlung und Struktur gleichberechtigt aufzuheben. Wie „geschieht“ jedoch die Produktion und Reproduktion von Strukturen? Wodurch wird die Vermittlung von Handlungs- und Strukturebene ermöglicht? Und vor allem: Worauf greifen die sozialen Akteure zurück, um Strukturen in ihren Praktiken zu (re)produzieren? Genauer betrachtet versteht Giddens unter Struktur „Regeln und Ressourcen, die in rekursiver Weise in die Reproduktion sozialer Systeme einbezogen sind“ (1988a: 432; vgl. auch 75ff.). Und: „Soziale Strukturen sind Regeln, nach denen Akteure in der Produktion ihres sozialen Lebens handeln und Ressourcen, auf die sie sich dabei beziehen“ (1988b: 291). Strukturen werden als „Regel-Ressourcen-Komplexe“ gedeutet, die in das institutionelle Gefüge sozialer Systeme eingelagert sind, welche ihrerseits eine „Ordnung sozialer Beziehungen über Raum und Zeit hinweg“ darstellen, „sofern diese als reproduzierte Praktiken aufgefaßt werden“ (1988a: 432). Strukturen werden also (re)produziert, indem sich Akteure in ihren Handlungen auf Regeln und Ressourcen beziehen. Entsprechend des oben erörterten Strukturbegriffs ermöglichen und beschränken Regeln und Ressourcen das Handeln der Akteure. Sie sind Bedingung und Ergebnis des Handelns. Während Regeln in das handlungspraktische Wissen der Akteure eingehen, bestimmen Ressourcen das äußere Handlungsvermögen der Akteure. Regeln als auch Ressourcen, genauer: soziale Handlungspraktiken, die auf Regeln bzw. Ressourcen zurückgreifen, leisten somit eine wesentliche Strukturierungsleistung. Das Geflecht raum-zeitlich produzierter und reproduzierter Handlungen nennt Giddens „System“. Soziale Systeme gründen nach Giddens „in den bewußt vollzogenen Handlungen situierter Akteure, die sich in den verschiedenen Handlungskontexten jeweils auf Regeln und Ressourcen beziehen“ (1988a: 77). Soziale Systeme sind allein schon aus diesem Grund nicht durch homogene Strukturierungsprinzipien gekennzeichnet und weisen deswegen, „was den Grad ihrer ,Systemhaftigkeit‘ anlangt, eine große Variationsbreite auf; bei ihnen findet sich kaum jenes Maß an interner Einheitlichkeit, wie dies für physikalische und biologische Systeme typisch ist“ (1988a: 432). Bevor der Regel- und Ressourcenbegriff erläutert werden kann, sind die Besonderheiten des Handlungsbegriffs bei Giddens hervorzuheben. Giddens’ Theorie der Strukturierung geht, wie gesehen, von der basalen Prämisse aus, dass weder das handelnde Subjekt noch das soziale Objekt kategoriale Priorität genießt, sondern vielmehr beide in rekursive Handlungen oder Praktiken konstituiert werden. Auf der einen Seite teilt Giddens mit interpretativen Ansätzen die Absicht, die Handlungsfähigkeit sozialer Akteure hervorzuheben, problematisiert zugleich aber an diesen Ansätzen die einseitige Fixierung auf Probleme der Bedeutung und Normativität und kritisiert damit einhergehend die weitgehende Ausblendung makrosoziologischer Fragestellungen. Insofern vollzieht Giddens die funktionalistische bzw. strukturalistische Kritik an der Strukturvergessenheit des Subjektivismus mit. Die strukturalistischen Bestrebungen einer „Dezentrierung des Subjekts“ beurteilt Giddens als notwendiges Korrektiv, um die Konstitution gesellschaftlicher Strukturen nicht als voraussetzungsloses Geschehen von autonom handelnden Subjekten beschreiben zu müssen. Mit der Konzeptionalisierung von Struktur nicht nur als Restriktions-, sondern zugleich auch als Möglichkeitsbedingung des menschlichen Handelns lehnt Giddens gleichwohl die radikale Eliminierung handelnder Subjekte in derartigen Konzepten ab (vgl. 1998a: 35). Vor dem Hintergrund dieser theorietechnischen Vorentscheidung werden die Besonderheiten des Handlungsbegriffs bei Giddens besonders deutlich. In Abgrenzung zu objektivistischstrukturtheoretischen Ansätzen, die Handeln auf Struktur reduzieren, wird am Handlungsbegriff und seiner zentralen Bedeutung für eine soziologische Theorie der Gesellschaft festgehalten. Um jedoch den überschießenden Voluntarismus orthodoxer handlungstheoretischer
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Konzepte zu vermeiden, wird zugleich der Handlungsbegriff vom Konzept der Intentionalität abgelöst. Handelnde sind für Giddens mehr als passive Marionetten einer undurchsichtigen Strukturobjektivität, die deren Gesetzmäßigkeiten automatisch exekutieren, aber auch weniger als eigenmächtige Baumeister oder „Schöpfer“ von Gesellschaft in einem starken emphatisch-intentionalistischem Sinne. Die Kritik an der intentionalistischen Verengung des Handlungsbegriffs läuft gleichwohl nicht darauf hinaus, Intentionen und Handlungszwecke als irrelevant zu bezeichnen. Vielmehr will Giddens (1988b: 289) verdeutlichen, dass ein Verhalten Intentionalität nicht logisch voraussetzt, um als Handeln gelten zu können: „,Selbstmord‘ setzt beispielsweise seitens des Subjekts notwendig den bestimmten Zweck voraus, sich das Leben zu nehmen. Aber nicht alles Handeln besitzt diese Struktur. Die Menschen tun viele Dinge, produzieren in und mit ihren Handlungen viele Ereignisse oder Sachverhalte, die sie gleichwohl nicht in intentionaler Weise tun.“ Individuen werden bei Giddens durchaus als vernunftbegabte, zweckgerichtet bzw. intentional handelnde Subjekte begriffen, die prinzipiell zwar wissen, was sie tun. Die Inhalte des Tuns sind den handelnden Akteuren aber immer nur in den Kategorien der Alltagssprache zugänglich und darüber hinaus ist das Wissen über die weit verzweigten Konsequenzen des Handelns gering. Im Weiteren definiert Giddens Handeln als soziale Ereignisse, bei denen „ein Individuum Akteur in dem Sinne ist, dass es in jeder Phase einer gegebenen Verhaltenssequenz anders hätte handeln können. Was immer auch geschieht, es wäre nicht geschehen, wenn das Individuum nicht eingegriffen hätte“ (1988a: 60). Dieser Handlungsbegriff enthält zwei wichtige Implikationen (vgl. hierzu auch Schulz-Schaeffer 2000: 158ff.): Erstens knüpft Giddens an die interpretative Soziologie an, indem er von der „reflexiven Form der Bewusstheit menschlicher Akteure“ (knowledgeability) ausgeht und hervorhebt, dass eine Verhaltensweise dann als Handlung klassifiziert werden kann, wenn es sich um ein absichtsvolles, zweckgerichtetes Tun handelt und der Handelnde die Gründe seines Handelns auf Nachfrage prinzipiell angeben könnte. Die von Giddens unterstellte reflexive Steuerung des Verhaltens im alltäglichen Ablauf des gesellschaftlichen Lebens durch menschliche Akteure wird auf den Begriff des „praktischen Bewusstseins“ gebracht, der für die Theorie der Strukturierung von zentraler Bedeutung ist.51 Um dem hermeneutischen Voluntarismus der interpretativen Soziologie zugleich aber aus dem Wege zu gehen, mahnt Giddens, wie soeben dargelegt, einen vorsichtigen Umgang mit Begriffen wie Zweck oder Intentionalität an: „Zweckgerichtetes Handeln ist nicht aus einem Aggregat oder einer Serie separater Intentionen, Gründe oder Motive zusammengesetzt. Es ist viel51 Reflexivität bezieht sich bei Giddens auf die Fähigkeiten des Handelnden, zu verstehen, was man tut, während man es – als Handelnder – tut. Genauer betrachtet unterscheidet Giddens zwei Formen der Bewusstheit menschlicher Akteure, nämlich „diskursives“ und „praktisches Bewusstsein“. Dem letztgenannten Begriff gilt Giddens’ ganz besondere Aufmerksamkeit (vgl. 1988a: 55ff. u. 91ff.). Er geht nämlich davon aus, dass die Alltagsakteure selbst ein Wissen von der sozialen Welt, ihren institutionellen Zusammenhängen sowie den Bedingungen ihres eigenen Handelns haben. Aber dieses „gemeinsame Wissen“ (1998a: 55) ist kein Wissen, das explizit formuliert und diskursiv erörtert werden könnte. Vielmehr nimmt es die Form eines impliziten „praktischen Bewusstseins“ an, da die Inhalte des handlungsleitenden Wissens nicht im Sinne eines theoretisch-abstrakten Wissens verbalisiert werden. Praktisches Wissen ist für Giddens eher stillschweigendes, unausgesprochen bleibendes Wissen darüber, wie sich die Akteure innerhalb der Routinen des täglichen Lebens zurechtfinden. Das praktische Bewusstsein, so Giddens (1988a: 98), bezieht sich auf „Erinnerungen, die dem Handelnden in der durée des Handelns zugänglich sind, ohne daß er jedoch sagen könnte, was er eigentlich ,weiß‘“. Im alltagspraktisch eingelebten Umgang mit sozialen Regeln und Normen, die sich zu gewohnheitsmäßigen Routinen des sozialen Handelns verdichten, kommt das praktische Bewusstsein zum Ausdruck. Zum Regelbegriff bei Giddens siehe weiter unten. Der Terminus praktisches Bewusstsein ist ethnomethodologisch und phänomenologisch inspiriert und nimmt explizit Bezug auf den Begriff des „Rezeptwissens“ bei Alfred Schütz (vgl. Giddens 1988b: 291); also darauf, was „schlicht getan wird“ (Giddens 1988a: 57), nicht darauf, was explizit gesagt wird.
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mehr sinnvoll, Reflexivität in der ständigen Steuerung des Handelns verankert zu sehen, die menschliche Wesen entwickeln und die sie von andern erwarten. Die reflexive Steuerung des Handelns hängt von seiner Rationalisierung ab, die hier mehr als Prozeß, denn als ein Zustand und als Bestandteil der Kompetenz der Handelnden verstanden wird“ (1988a: 53). Soziales Handeln ist nach Giddens stets zweckgerichtet. Da dem Handeln jedoch nicht einzelne, klar unterscheidbare Handlungen zugrunde liegen, sondern Handeln sich als „durée“, als kontinuierlicher Verhaltensstrom vollzieht, können auch gesellschaftliche Strukturen nicht auf einzelne, isolierte Sinnstrukturen intentional handelnder Subjekte zurückgeführt werden. Giddens schlägt daher vor, die Motivation der Handelnden analytisch vom Handeln und dessen intendierten und nicht-intendierten Handlungsfolgen zu unterscheiden. Die reflexive Steuerung des Handelns ist Giddens zufolge ein integraler Bestandteil des Alltagshandelns, weil Handelnde sowohl den Fluss ihrer Aktivitäten steuern als auch routinemäßig die Kontexte kontrollieren, in denen sie sich bewegen. Diese reflexive Steuerung ist jedoch weder mit dem Inhalt noch mit den Folgen der Handlung identisch. Für die in dieser Arbeit verfolgte Fragestellung nach der sozialen Konstitution von Umwelt ist besonders bedeutsam, dass der Giddens’sche Handlungsbegriff neben der Bewusstheits-Annahme zweitens auf das praktische Vermögen sozialer Akteure (capability) rekurriert, in soziale oder natürliche Gegebenheiten oder Ereignisabläufe einzugreifen, um einen vorgefundenen Zustand zu verändern oder einen neuen Zustand zu konstituieren. Hierzu heißt es (Giddens 1988b: 289): „,Handeln‘ soll sich in erster Linie beziehen nicht auf die Intentionen der beteiligten Subjekte, sondern eher auf deren praktisches Vermögen, Veränderungen in der objektiven Welt zu bewirken und auf die vom Handeln produzierte Objektivität selbst. Es geht um die von den Akteuren hervorgebrachten Geschehnisse; um solche Dinge, die sich ohne die praktische Intervention eines menschlichen Subjekts nicht ereignet hätten. Handeln ist, mit anderen Worten, nichts als das ständige Eingreifen der Menschen in die natürliche und soziale Ereigniswelt.“ Giddens thematisiert also mit dem Handlungsbegriff weniger die Absicht, die ein Individuum beim „Tun von Dingen“ verfolgt, sondern zuallererst die Kompetenz, „solche Dinge überhaupt zu tun“ (1998a: 60). Die Fähigkeit eines Akteurs, durch Handeln auf eine gegebene Wirklichkeit einzuwirken und diese für spezifische Zwecke zu beeinflussen, bezeichnet Giddens auch als Macht, zu einem vorher existierenden Zustand „einen Unterschied herzustellen“ (1988a: 66); und sei es nur dadurch, dass ein Unterschied hergestellt wird, indem ein Akteur nicht handelt; d. h.: darauf verzichtet, einen Eingriff vorzunehmen. Ganz in diesem Sinne wird Macht – etwa in der englischen Originalausgabe von Die Konstitution der Gesellschaft – als „transformative capacity“ (1984a: 15) bestimmt, also als praktisch wirksame Kompetenz bzw. Handlungsmächtigkeit sozialer Akteure zur Beeinflussung der sozialen und materiellen Welt. Mit der Bestimmung des Handelns als „gestaltende“ bzw. „transformative Fähigkeit“ (vgl. 1984b: 134f.) oder als „umgestaltendes Vermögen“ (1988a: 66) unterstellt Giddens – unter Bezugnahme auf den Marx’schen Begriff der Praxis und in soziologischer Weiterführung praxisphilosophischer Überlegungen der Budapester Schule oder von Cornelius Castoriadis (vgl. Joas 1988: 10) – eine spezifische Gestaltungskompetenz im „Tun“ von Dingen bzw. im Umgang mit ihnen, über die ein sozialer Akteur verfügt. Diese Gestaltungskompetenz setzt voraus, dass der Handelnde über spezifische Mittel verfügt oder diese zumindest selektiv mobilisieren kann, um das selbst gesteckte Ziel, eine Gegebenheit oder einen Ereignisablauf praktisch beeinflussen zu können. Auf welche Mittel kann aber ein Handelnder zurückgreifen, um einen spezifischen Ereigniszustand zu erreichen, der vorher als Ziel einer Handlung definiert
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worden ist? Als Mittel in diesem Sinne fungieren nach Giddens Regeln und Ressourcen, auf die ein sozialer Akteur Bezug nimmt. Wichtig ist, dass Regeln als auch Ressourcen in Beziehung zum Begriff der Struktur konzeptionalisiert werden. Zunächst soll der Regelbegriff (hierzu vgl. Giddens 1988a: 69ff.) genauer betrachtet werden: Giddens wendet sich zunächst gegen einen Regelbegriff, der im Sinne formalisierter Vorschriften und kodifizierter Gesetze oder auch im Sinne von Spielregeln verstanden wird, die auf einzelne konkrete Verhaltensweisen Bezug nehmen. In Anlehnung an die Vorstellung linguistischer Regeln bei Chomsky und im Anschluss an die Ethnomethodologie Garfinkels sowie an den Regelbegriff Wittgensteins fasst Giddens Regeln als methodische „Verfahrensweisen des Handelns, Aspekte der Praxis“ (1988a; 73), also gewissermaßen als soziale Techniken, die in die praktischen Aktivitäten des Alltagslebens einbezogen werden: Regeln sind typischerweise mit Praktiken verzahnt und in situative Kontexte eingebettet. Aufgrund ihrer ausschließlich kontextuellen Geltung sind Regeln deshalb auch „immer eher kodifizierte Interpretationsregeln als Regeln als solche“ (1988a: 73). Mit anderen Worten sind es nicht die Regeln an sich, sondern die jeweiligen alltäglichen Praktiken im Umgang mit Regeln, von denen wesentliche Strukturierungsleistungen ausgehen.52 Die in Alltagspraktiken verwurzelte Kompetenz der Regeldeutung bildet den eigentlichen Kern dessen, was Giddens als „Bewusstheit“ sozialer Akteure bezeichnet. Die meisten Regeln werden von den Akteuren nicht explizit oder diskursiv, sondern nur stillschweigend verstanden; und zwar in dem Sinne, dass die Akteure wissen, wie sie sich in unterschiedlichen Kontexten zurechtfinden. Neben dem Regelbegriff ist der Ressourcenbegriff für Giddens von zentraler Bedeutung, um menschliches Handeln fassen zu können. So wird ausdrücklich betont, dass Regeln nicht ohne Bezug auf Ressourcen konzeptionalisiert werden können. Giddens zufolge stellen Ressourcen „Strukturmomente“ sozialer Systeme dar, „auf die sich die bewußt handelnden Subjekte in der Produktion ihres Handelns beziehen und die sie auch reproduzieren“ (1988a: 67). Und weiter heißt es: „Ressourcen sind Medien, durch die Macht als ein Routineelement der Realisierung von Verhalten in der gesellschaftlichen Reproduktion ausgeübt wird“ (1988a: 67). So verstanden sind Ressourcen also ebenso wie Regeln diejenigen Strukturmomente sozialer Systeme, durch die Macht generiert, d. h. realisiert und reproduziert wird. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass Ressourcen nicht bereits durch ihre schlichte Existenz soziale Bedeutung erlangen, sondern immer erst dann sozial wirksam werden, wenn sie in routinisierten Praktiken verwendet, genutzt und reproduziert werden. Zwei unterschiedliche Typen von Ressourcen als Strukturmomente sozialer Systeme können nach Giddens unterschieden werden: „allokative“ und „autoritative Ressourcen“. Der Begriff allokative Ressourcen bezieht sich auf Fähigkeiten oder „Formen des Vermögens zur Umgestaltung, welche Herrschaft über Objekte, Güter oder materielle Phänomene ermöglichen“. Allokative Ressourcen leiten sich damit, wie Giddens an anderer Stelle (1988a: 429) betont, aus der „Herrschaft des Menschen über die Natur“ her, beziehen also ausdrücklich neben physischen Artefakten und materiellen Ressourcen vor allem auch die „natürliche(n) Umwelt“ ein. Der Terminus autoritative Ressourcen rekurriert ebenfalls auf Fähigkeiten oder Vermögen der sozialen Akteure 52 Die Strukturierungsleistung von Regeln bezieht sich nach Giddens auf Folgendes: Einerseits greifen soziale Akteure auf Regeln zurück, die als interpretative Schemata im alltäglichen Handeln verwendet werden, um beispielsweise sich verständigen und Situationen deuten oder um das eigene Handeln rationalisieren zu können (Sinnkonstitution). Neben diesen Interpretationsschemata implizieren Regeln Verfahrensweisen von Aushandlungsprozessen bis hin zur Kodifizierung von Normerwartungen, die spezifische Handlungspraktiken mit positiven oder negativen Sanktionen belegen (Legitimation). Zum Regelbegriff bei Giddens vgl. auch Schulz-Schaeffer (2000: 155ff.).
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zur Umgestaltung des Gegebenen; jedoch auf solche, die „Herrschaft über Personen oder Akteure generieren“ (1988a: 86). Genauer betrachtet werden unter allokativen Ressourcen erstens materielle Aspekte der Umwelt wie beispielsweise Rohmaterialien, zweitens materielle Produktions- und Reproduktionsmittel wie Produktionsinstrumente und Technologie und drittens produzierte Güter im weitesten Sinne gefasst, also Erzeugnisse, die durch das Zusammenwirken von Elementen der materiellen Umwelt und der (Re-)Produktionsmittel entstanden sind. Von allokativen „Ressourcen“ spricht Giddens allerdings immer nur dann, wenn sie in gesellschaftliche Strukturierungsprozesse einbezogen werden. Autoritative Ressourcen zielen hingegen erstens auf die „Organisation von Raum und Zeit, wie diese für soziales Handeln relevant werden (raum-zeitliche Konstitution von Wegen und Regionen)“, zweitens auf die „Produktion und Reproduktion des Körpers (Organisation und Beziehung von Menschen in gegenseitiger Gemeinschaft)“ und drittens auf die „Organisation von Lebenschancen (Konstitution von Chancen der Entwicklung und des Ausdrucks des Selbst)“ (1988a: 316). Soziale Systeme, so wird geschlussfolgert, können nur über Raum und Zeit hinweg koordiniert und aufrechterhalten werden, wenn allokative und autoritative Ressourcen in bestimmter Weise miteinander kombiniert und ihre Verteilung kontrolliert werden; mehr noch: die beiden, in spezifischer Weise aufeinander bezogenen Typen von Ressourcen bilden die „Medien der Ausdehnbarkeit von Macht“ (1988a: 316). Allokative (materielle) und autoritative (symbolische) Ressourcen werden von Giddens vor allem deshalb als Mittel der Machtgenerierung und Machtausübung gedeutet, weil er ihnen die Eigenschaft der Speicherbarkeit zuschreibt. Der Gedanke der Speicherbarkeit ist eng mit der Vorstellung verbunden, dass sich soziale Systeme über Raum und Zeit hinweg erstrecken. Giddens spricht in diesem Zusammenhang von „Raum-Zeit-Ausdehnung“.53 Die Ausdehnung sozialer Systeme in Raum und Zeit ist unmittelbar an die Möglichkeit der Speicherung allokativer Ressourcen und damit an einen erweiterten Zugriff auf Naturressourcen gebunden. Diesen Zusammenhang verdeutlicht Giddens am Beispiel der Nahrungsmittelproduktion und Vorratshaltung von Lebensmitteln. „In bäuerlichen Gesellschaften findet zumindest eine Art produktiver Technologie Verwendung, und der von der Natur gebotene Speicher wird auf verschiedene Weisen erweitert, so daß eine ,Ausdehnung‘ der sozialen Beziehungen über Raum und Zeit erleichtert wird. So werden etwa jahreszeitlich verschiedene Früchte angebaut; wo es technisch machbar ist, werden die Produkte aufbewahrt; um die langfristige Produktionskapazität der Gesellschaft zu erhalten, läßt man Felder brachliegen und vieles andere mehr. In klassengegliederten Gesellschaften kann es zu einer weiteren Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität pro Kopf kommen, doch ist dies im Vergleich mit den kleineren bäuerlichen Gemeinschaften durchaus nicht immer der Fall. Bewässerungssysteme und andere technische Innovationen regulieren und koordinieren die Produktion eher, als daß sie die Durchschnittsproduktivität erhöhen. In größeren Agrarstaaten kommt dann der Speicherung von Nahrungsmitteln und anderen verderblichen Gütern allerhöchste Bedeutung zu. Im modernen Kapitalismus besitzen Kauf und Verkauf von verarbeiteten Nahrungsmitteln denselben Rang für die Existenz der Gesellschaft wie der Austausch der ganzen Vielfalt all der anderen Waren: es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Expansion des Kapitalismus zu einer neuen Weltwirtschaft ohne die Entwicklung einer Reihe von Techniken zur Erhaltung und Aufbewahrung verderblicher Güter und ganz besonders von Nahrungsmit53 Genauer betrachtet ist „Speicherung“ im Sinne Giddens’ (1988a: 319) eine soziale Technik oder Praxis des „,Bindens‘ von Raum und Zeit, das auf der Handlungsebene die bewußte Handhabung eines Zukunftsentwurfes und die Erinnerung an eine verflossene Vergangenheit voraussetzt“.
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teln nicht möglich gewesen wäre“ (1988a: 317). Gegenüber einer verkürzenden Sichtweise hebt Giddens gleichwohl hervor, dass allokative Ressourcen nur im Zusammenhang mit der Entwicklung autoritativer Ressourcen gesellschaftlich wirksam werden. Deswegen billigt Giddens bei der Frage nach der Konstitution und des Wandels sozialer Systeme auch keinem der beiden Ressourcentypen Priorität zu: „Die Vermehrung materieller Ressourcen besitzt zweifelsohne eine grundlegende Bedeutung für die Ausdehnung der Macht, aber allokative Ressourcen lassen sich ohne die Umwandlung autoritativer Ressourcen nicht fortentwickeln, und diesen kommt als ,Hebel‘ des sozialen Wandels mindestens so viel Bedeutung zu wie jenen“ (1988a: 317). Um beim Beispiel der Vorratshaltung zu bleiben: Die Lagerung verderblicher Nahrungsmittel (allokative Ressourcen) ist nur dann sinnvoll, wenn zugleich etwa das Wissen über die Konservierungstechnologien vorhanden und geeignete soziale Organisationsformen (allokative Ressourcen) entwickelt sind. In einem ganz allgemeinen Sinne formuliert ist die „Speicherung“ autoritativer Ressourcen für die Erzeugung von Macht ebenso wichtig wie die Speicherung allokativer Ressourcen.
2.5 Raum-zeitliche Kontextualität des Sozialen – Anthony Giddens II Auf einer ganz allgemeinen Ebene bestehen die Vorteile der Theorie der Strukturierung zunächst in der Neufassung des Handlungs- und Strukturbegriffs. Während der von Giddens verwendete Handlungsbegriff die vom Subjektivismus vernachlässigten Strukturierungseffekte des sozialen Handelns akzentuiert, bezieht sich der Strukturbegriff auf die vom Objektivismus ausgeblendeten Prozesse subjektvermittelter Strukturierung. Für die hier verfolgte Fragestellung erscheint der Handlungsbegriff aber noch aus ganz anderen Gründen fruchtbar zu sein. Zwar verzichtet Giddens auf eine etwa für Weber typische begriffliche Unterscheidung zwischen Verhalten, Handeln und sozialem Handeln, indem er einen ganz allgemeinen Begriff des menschlichen Handelns im Sinne von sozialer Praxis verwendet. Auch können unterschiedliche Geltungsgründe des Handelns (z. B. wertrational vs. zweckrational, kommunikativ vs. strategisch) nicht voneinander unterschieden werden. Dies geht sicherlich zulasten einer hinreichend präzisen Bestimmung des Handlungsbegriffs (vgl. bereits Joas 1988: 19 u. 23). Die Definition des Handelns bei Giddens als transformative Fähigkeit hat jedoch gegenüber dem klassischen, auf eine Subjekt-Subjekt-Konstellation abhebenden Handlungsbegriff in der Tradition Webers den Vorteil, dass Handeln nicht ausschließlich über den subjektiv gemeinten und auf Dritte bezogenen Sinn definiert, sondern ebenso durch das Merkmal der sinnhaften Herstellung von Differenzen in der sozialen und natürlichen Umwelt charakterisiert wird. Sicherlich stellen Handelnde immer schon eine Differenz her, wenn sie einen subjektiv gemeinten und auf Dritte bezogenen Sinn verfolgen. Die Möglichkeit der Differenzherstellung geht aber über den auf Dritte bezogenen Sinn hinaus und schließt ebenso das sinnhafte Herstellen oder Verändern von Dingen in der sozialen und natürlichen Umwelt ein; und zwar unabhängig davon, ob mit dem Einwirken auf Dinge unmittelbar ein Sinn verbunden ist, der sich auf das erwartbare Verhalten oder Handeln Dritter bezieht. Während das „äußere Tun“ bei Weber, wie weiter oben aufgezeigt (vgl. Kap. IV.2.2), aus der Kategorie des sozialen Handelns und damit aus dem Beobachtungsradius der soziologischen Analyse herausfällt, da es sich nur auf das Verhalten sachlicher Objekte bezieht, weist Giddens auf die fundamentale Sozialität des handlungspraktischen Einwirkens auf die soziale und materielle Umwelt hin und bietet
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zudem ein Kategorienpaar an („allokative“ und „distributive Ressourcen“), um den gesellschaftlichen Prozess des Einwirkens begrifflich fassen zu können. Mit der Bestimmung des Handelns als einwirkendes „Tun“ wird darüber hinaus darauf insistiert, dass die Frage, „was ein Handelnder ,tut‘“, von derjenigen zu trennen ist, was dieser damit beabsichtigt (Giddens 1988a: 61). Genauer formuliert wird nicht nur problematisiert, ob ein Handelnder eine Intention verfolgt, wenn er etwas „tut“, sondern welche Folgen sein Tun hat, wobei vor allem jene Handlungsfolgen in den Blick zu nehmen sind, die ursächlich nicht beabsichtigt waren. Allgemein gilt: Unabhängig davon, ob ein Handelnder mit seinem konkreten Tun eine Absicht verfolgt oder nicht, kann er in Raum und Zeit weit entfernte Ereignisse hervorbringen, die sich der Kontrolle des unmittelbaren Handlungs- und Interaktionskontextes entziehen und nicht-intendiert sind. Diese unbeabsichtigten Handlungsfolgen können sich wiederum in systemischen Rückkopplungsprozessen als unerkannte Bedingungen weiteren Handelns darstellen. Entgegen des zuweilen geäußerten Einwands, aufgrund der starken Akteurszentrierung bei Giddens würde die Vorstellung von willentlich und bewusst auf Strukturen einwirkende Akteure überstrapaziert und damit die kaum oder gar nicht steuerbaren autopoietischen Entwicklungsdynamiken sozialer Wirklichkeiten unterschätzt, ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass Giddens (vgl. 1988a: 61ff.) sehr wohl die große Bedeutung unbeabsichtigter Handlungsfolgen und unerkannter Handlungsbedingungen herausstreicht. So wird etwa zwischen unterschiedlichen unbeabsichtigten Handlungsfolgen differenziert: Erstens wird die unbeabsichtigte Kumulation von Ereignissen angeführt, die durch eine Einzelhandlung initiiert worden ist und ohne die es nicht zu dieser Kumulation gekommen wäre. Zweitens werden unbeabsichtigte Folgen genannt, die aus einem Komplex individueller Handlungen resultieren, gewissermaßen als Folge eines Aggregates intentionaler Handlungsabläufe, wobei das schlussendliche Ergebnis von niemanden unmittelbar beabsichtigt oder gewünscht ist. In diesem Fall ist ein Handlungsergebnis „gleichsam jedermanns Tun und niemandes Tun“ (Giddens 1988a: 61). Und drittens werden unbeabsichtigte Handlungsfolgen angesprochen, die in einem nichtreflexiven Rückkopplungsprozess die Bedingungen weiteren Handelns darstellen.54 Die Anschlussfähigkeit von Giddens’ Theorie der Strukturierung für allgemeine umweltsoziologische Fragestellungen zeigt sich auch darin, dass – im Anschluss an Überlegungen von Erwing Goffman (1971a; 1971b; 1977) und die Zeitgeografie von Torsten Hägerstrand (1973; 1975) – auf die fundamentale raum-zeitliche Kontextualität menschlicher Handlungen und Institutionen insistiert wird: „Alles gesellschaftliche Leben vollzieht sich in und ist konstituiert durch Überschneidungen von Gegenwärtigem und Abwesendem im Medium von Raum und Zeit“ (1988a: 185). Die Bedeutung, die der Zeit- und Raumdimension für die Strukturierungstheorie zugesprochen wird, tritt besonders hervor, wenn Giddens das für die Soziologie zentrale Problem sozialer Ordnung aufgreift und zu reformulieren versucht. Während bekanntermaßen Talcott Parsons das klassische Ordnungsproblem im Sinne der Bedin54 Webers Analyse der Folgen der antiken Schlacht von Marathon auf die weitere Entwicklung der griechischen Kultur ist für Giddens ebenso ein typisches Beispiel für den ersten Typus nichtintendierter Handlungsfolgen wie die Ermordung des Erzherzogs Ferdinand in Sarajewo 1914 (vgl. Weber 1988). Als Beispiel für den zweiten Typus werden schleichende ethnische Segregationsprozesse angegeben, während der dritte Fall auf die soziale Reproduktion institutionalisierter Praktiken über lange Zeitperioden verweist. Zwar greift Giddens nicht auf diese Typologie zurück, um die soziale Problemstruktur anthropogener Umweltbelastungen verdeutlichen zu können. Zumindest der zweite Typus kann jedoch ohne größere Schwierigkeiten auf moderne Umweltprobleme bezogen werden. So lassen sich etwa die negativen Folgen der Emission von Treibhausgasen durch Industrie, Haushalte und Automobile unter Giddens’ zweiten Typus unbeabsichtigter Handlungsfolgen subsumieren.
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gung der Möglichkeit einer gelingenden normativen Integration zu beantworten versucht, zielt Giddens mit der Frage, wie soziale Ordnung möglich ist, darauf ab, zu klären, wie soziale Systeme sich über Zeit und Raum erstrecken, d. h. wie sie Zeit und Raum „binden“ (1988a: 235). Und in Konsequenzen der Moderne (1995: 24) wird das Problem der sozialen Ordnung als „Problem der raumzeitlichen Abstandvergrößerung“ beschrieben. Aus der Prämisse, menschliche Handlungen seien unhintergehbar zeit-räumlich kontextualisiert, folgt zunächst die Aufwertung der Körperlichkeit von Handelnden. Vor allem bei der Analyse sozialer Interaktionen unter Bedingungen physischer Kopräsenz rekurriert Giddens im Anschluss an Goffman auf die Bedeutung, die der sozialen „Positionierung“ (positioning) des Körpers, d. h. der Kontrolle des Körpers im Sinne der Steuerung von Gestik und Mimik, Körperbewegung und Haltung (vgl. 1988a: 116ff.) zukommt. In diesem Zusammenhang hebt Giddens insbesondere den leiblichen Körper als den „in Raum und Zeit verankerten Ort des handelnden Selbst“ (Giddens 1988a: 91) hervor.55 Mehr noch: Dem Körper wird sogar eine durchaus wichtige Bedeutung im Konzept der „Dualität der Struktur“ zugeschrieben, das, wie oben gezeigt, mit dem Anspruch der Verbindung von Handlungs- und Strukturkategorien entwickelt wird.56 „Alle sozialen Systeme, gleichviel wie groß oder weitgespannt sie sind, finden in den Routinen des gesellschaftlichen Alltagslebens ebenso ihren Ausdruck, wie sie diese zum Ausdruck bringen; die Körperlichkeit der menschlichen Akteure – der physische menschliche Körper – spielt als empfindendes Sensorium hier eine vermittelnde Rolle“ (Giddens 1988a: 89). Um die zeit-räumliche Kontextualität von Handlungen konzeptionell zu fassen, rekurriert Giddens aber nicht nur auf die unhintergehbare Körperlichkeit der Handelnden, sondern thematisiert auch den jeweiligen Ort oder Ortstypus als Bezugs- bzw. Interaktionsrahmen für soziale Praktiken. Orte (locales) sind für Giddens (1988a: 39) nicht einfach physisch bestimmbare Punkte im Sinne von Plätzen (places). In Orten, so bemerkt er, wird der Raum „als Bezugsrahmen für Interaktionen verfügbar gemacht, während umgekehrt diese Interaktionsrahmen für die Spezifizierung der Kontextualität des Raumes verantwortlich sind“ (1988a: 170). Im Anschluss an die Zeitgeografie Hägerstrands wird die Kategorie des Ortes zunächst als Ansammlung und Kombination von Eigenschaften der physischen Welt bestimmt, wobei technischen Artefakten eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird. Während jedoch Hägerstrand die beschränkenden Eigenschaften des Körpers in seiner Bewegung durch Raum und Zeit betont und die Restriktionen der menschlichen Bewegungs- und Kommunikationsmittel im Verhältnis zu den physischen Eigenschaften der umgebenden Welt in den Mittelpunkt rückt, hebt Giddens den „transformatorischen Charakter allen menschlichen Handelns“ (Giddens 1988a: 169) hervor. Hägerstrand unterstreicht zwar die Bedeutung von Raum und Zeit für die Erforschung des menschlichen Verhaltens. Gleichwohl löst er diese Ausgangsüberlegung einseitig auf, indem er danach fragt, inwieweit menschliches Handeln durch die Körperlichkeit 55 Das Selbst ist für Giddens (1988a: 89) natürlich keine bloße Erweiterung des physischen Organismus, sondern findet im Körper immer nur seinen „Träger“. 56 Eine systematische Analyse der sozialen Konstitution von Körperlichkeit im Sinne der Vermittlung der Handlungs- und Strukturebene bietet bekanntermaßen Bourdieus Habitustheorie (1982; 1987). Vgl. hierzu im Überblick exemplarisch Kraemer (1994a). Auf die grundlegenden Unterschiede der Sozialtheorien von Giddens und Bourdieu kann nicht eingegangen werden. An dieser Stelle soll lediglich darauf aufmerksam gemacht werden, dass Giddens’ Vorstellung von der Steuerung der Körperkontrolle durch das „praktische Bewusstsein“ keineswegs in Kontrast zu Bourdieus Habituskonzeption gesehen werden muss. Nach Bourdieu ist zwar der Habitus von allen reflexiven, diskursfähigen Bewusstseinsformen abgeschnitten. Gleichwohl taucht er aber auch nicht in die Sphäre des radikal Unbewussten ab. Der Habitus verkörpert vielmehr einen „praktischen Sinn“ (Bourdieu 1987: 107), der immer auch eine „praktische Erkenntnis“ (1989: 402) der sozialen Welt ermöglicht.
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des Handelnden und die jeweiligen außerkörperlichen physischen Kontextbedingungen eingeschränkt wird. Dem menschlichen Verhalten und Handeln werden in Raum und Zeit, so Hägerstrand, Grenzen auferlegt, die nicht überschritten werden können. Diese Zwangsmomente basieren auf fundamentalen materiellen Gegebenheiten, beispielsweise auf der Unteilbarkeit des menschlichen Körpers und der damit unmittelbar verbundenen Beschränkung der Wahrnehmungs- und Bewegungsmöglichkeiten der sozialen Akteure, auf die Begrenztheit der Lebensspanne sowie darauf, dass das „Fassungsvermögen“ von Raum und Zeit nicht unendlich ist (vgl. Hägerstrand 1975). Damit bleibt Hägerstrand letztlich auch der Annahme verhaftet, dass von einem physischen Ort Zwänge ausgehen, die die Organisation sozialer Institutionen bzw. die Routinen der alltäglichen Praxis in einem unmittelbaren Sinne determinieren. Auf eine darüber hinaus gehende Erörterung von „Orten“ oder „Regionen“ verzichtet Hägerstrand, da diese als gegeben angenommen und nicht weiter zum Gegenstand von Erklärungen gemacht werden. Auch die Theorie der Strukturierung misst den einschränkenden Aspekten des menschlichen Körpers und seiner Verortung im Kontext der materiellen Welt große Bedeutung bei. Nach Giddens haben derartige Zwänge in Raum und Zeit für den sozialen Akteur jedoch nicht nur restriktive Qualitäten (constraining). Diese sind nämlich, wie er ausdrücklich betont (1988a: 228), nicht fix und gänzlich unveränderlich vorgegeben. Materielle Zwänge ermöglichen immer zugleich auch Handlungen und eröffnen Chancen (enabling), mögen diese – aus welchen sozialen oder physischen Gründen auch immer – noch so eingeschränkt sein. Die Erfindung der elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien hat beispielsweise die „zuvor bestehenden Beziehungen zwischen Anwesenheit und dem sensorischen Medium des Körpers verändert“ (1988a: 228). Aus der Überlegung, dass der soziale Akteur in einem elementaren Sinne an die physischen Merkmale seines Körpers gebunden und darüber hinaus in ein übergreifendes materielles Milieu eingebettet ist, ergibt sich für Giddens (vgl. 1988a: 216) also keineswegs eine Vorentscheidung zugunsten einer naturalistischen Interpretation, die die soziale Welt in enger begrifflicher Nähe zu Organismen bzw. biologischen Systemen anzusiedeln versucht. Ganz in diesem Sinne wendet sich Giddens deswegen auch gegen die etwa in den Geowissenschaften verbreitete Verengung des Ortes auf physische Merkmale oder Besonderheiten und insistiert darauf, dass ein Ort erst dann zu einem Raum für soziale Handlungen oder Interaktionen wird, wenn die mit der Nutzung eines Ortes verbundenen sozialen Charakteristika offen gelegt werden.57 Beispielsweise wird ein Ort erst dann zu einem bewohnten „Haus“, wenn nicht nur bauliche Strukturen oder Einrichtungsgegenstände berücksichtigt, sondern zugleich etwa auch die ortspezifischen Interaktionsrahmungen in den Blick genommen werden. Ein „bewohntes Haus“ ist nämlich durch eine Reihe weiterer, nicht-physischer Eigenschaften charakterisiert, die sich erst aus dem „spezifischen Gebrauch im menschlichen Handeln“ (Giddens 1988a: 170) ergeben. Physische Räume sind immer auch sozial konstituiert, wenn sie für spezifische Zwecke genutzt werden, z. B. als Ort der öffentlichen oder privaten Begegnung von ego und alter, als Verkehrsfläche oder Gewerbegebiet, als Privatgrundstück oder nationales Territorium etc. Im Anschluss an Giddens’ Überlegungen zum Begriff der Regionalisierung ist an dieser Stelle hervorzuheben, dass selbst das sprichwörtliche „Niemandsland“ ein bedeutsamer Ort ist, dessen sozialer Sinn sich erst dann erschließt, wenn die mit diesem Ort verbundenen historischen und gegenwärtigen Nutzungs- bzw. Nicht-Nutzungsregeln sowie die sozial gesetzten Grenzziehungen zu anderen Orten rekonstruiert werden. Giddens 57 „Orte sorgen für einen guten Teil der ,Stabilität‘, die Institutionen zugrunde liegt, obwohl es keine eindeutige Richtung gibt, in der sie diese ,Beständigkeit‘ ,determinieren‘“ (Giddens 1988a: 170).
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betont diese soziale Konstitution von Orten vor allem deswegen, um die Aufteilung des Raumes in Zonen für unterschiedliche soziale Zwecke oder Anlässe verdeutlichen zu können. Hierin liegt wiederum die (relative) Kontingenz ihrer Nutzung oder Verwendung begründet. Orte sind, so führt Giddens (1988a: 170ff.) weiter aus, „regionalisiert“, was sich wiederum unmittelbar auf die Konstituierung sozialer Interaktionen auswirkt. Der für die Theorie der Strukturierung grundlegende Begriff der „Regionalisierung“ bezieht sich hierbei nicht auf eine schlichte Lokalisierung des Raumes im Sinne eines Territoriums, das durch Gebäude, Straßen, Wege, Flüsse oder andere geografische Besonderheiten physisch von anderen Territorien abgegrenzt ist. Regionalisierung bezeichnet vielmehr das Aufteilen von Raum und Zeit in Relation zu sozialen Praktiken. Genauer betrachtet unterscheidet Giddens zwischen der Form, der Dauer, der Spanne und dem Charakter der Regionalisierung, um die der Aufteilung von Raum und Zeit zugrunde liegenden sozialen Mechanismen aufspüren zu können. Die Form der Regionalisierung bezieht sich auf die Art und Weise der Grenzen, durch die eine Region sozial definiert ist. Die Dauer der Regionalisierung wird nicht näher erläutert, bezeichnet aber ganz offensichtlich temporäre Limitierungen räumlicher Aufteilungen. Die Spanne der Regionalisierung thematisiert die Ausdehnung und das Ausmaß von Zonen in Raum und Zeit. Und der Charakter der Regionalisierung bezieht sich schließlich auf die Art und Weise, in der die „Raum-Zeit-Organisation von Orten innerhalb umfassenderer sozialer Systeme“ (Giddens 1988a: 175) geordnet wird. Der Begriff Regionalisierung spielt vor allem darauf an, dass – vermittelt über soziale Routinen – Raum und Zeit eingehegt, d. h. für unterschiedliche soziale Zwecke strukturiert wird. Dadurch werden Orte respektive Raum-Zeit-Zonen geschaffen, die durch spezifische soziale Erwartungshaltungen, institutionalisierte Rollenanforderungen und Interaktionsrahmungen charakterisiert sind und denen unterschiedliche Aktivitäten (Arbeiten, Essen, Wohnen) zugeordnet werden, die die Akteure in ihrem Alltag verrichten. Ganz ähnlich wie Hägerstrand (1973) bezeichnet Giddens die wiederkehrende Bewegung der sozialen Akteure durch die alltäglichen Aktivitätsfelder mit ihren je spezifischen Ordnungen von Raum und Zeit auch als Raum-Zeit-Pfade. Mit dem Begriff der Regionalisierung wendet sich Giddens deshalb auch gegen die Vorstellung, Gesellschaften als homogene Gebilde mit einheitlichem Raum-Zeit-Kontinuum beschreiben zu können und betont stattdessen die räumliche und zeitliche Differenzierung sozialer Funktionsbereiche bzw. Systeme, die im Prozess der Modernisierung komplexer geworden ist. Insofern sind Giddens’ strukturierungstheoretische Prämissen zur raum-zeitlichen Kontextualität des Sozialen auch für die modernisierungstheoretischen Überlegungen in Konsequenzen der Moderne (1995) von Belang. Die Besonderheiten der Moderne und ihrer Institutionen sind nach Giddens vor allem durch eine spezifische Raum-Zeit-Ordnung gekennzeichnet, die sich von traditionalen Gesellschaftssystemen grundlegend unterscheidet. So hängt der soziale Charakter eines Ortes in der Vormoderne immer auch von der „Anwesenheits-Verfügbarkeit“ (Giddens 1998a: 175) ab. Hohe „Anwesenheits-Verfügbarkeit“ ist immer dann gegeben, wenn die Akteure in enger physischer Nähe unter Bedingungen von Kopräsenz interagieren und nur über begrenzte Optionen verfügen, sich dem Handlungskontext zu entziehen und in eine andere Region hinüber zu wechseln, um dort mit anderen Akteuren unter anderen sozialen Voraussetzungen zu interagieren: „Die Körperlichkeit des Handelnden, die Begrenzungen der Körpermobilität in den Verlaufsbahnen der durée täglicher Tätigkeit samt der physischen Eigenschaften des Raums sicherten ab, daß dies so war. Die Medien der Kommunikation waren immer mit denen des Transports identisch. Selbst bei der Benutzung schneller
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Pferde, von Schiffen, Gewaltmärschen usw. bedeutete eine weite Entfernung im Raum immer eine weite Entfernung in der Zeit. Die Mechanisierung des Transports war einer der Hauptfaktoren, die zu jenen dramatischen Formen der Konvergenz von Raum und Zeit führten (...). Aber die radikalste Trennung, die in der modernen Geschichte von Bedeutung ist (und deren Implikationen heute noch lange nicht ausgeschöpft sind), ist die durch die Entwicklung des elektronischen Fernmeldewesens vollzogene Trennung der Kommunikations- von den Transportmitteln, die immer auf irgendeine Weise die Mobilität des menschlichen Körpers vorausgesetzt hatten. Morses Erfindung des elektromagnetischen Fernschreibers markiert einen ebenso tiefen Einschnitt in der menschlichen Kulturentwicklung wie das Rad oder irgendeine andere technische Erfindung“ (Giddens 1998a: 175). Gegenüber traditionalen Gesellschaften sind moderne Raum-Zeit-Ordnungen insbesondere durch die schiere Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels (Beschleunigung in der Zeit) sowie durch die Reichweite des Wandels (Expansion im Raum) gekennzeichnet. Die außerordentliche Dynamik moderner Institutionen sowie ihre globale Ausweitung ist für Giddens (1995: 28ff.) erstens mit der „Trennung von Raum und Zeit und deren Neuverbindung in Formen, die die Einteilung des sozialen Lebens in präzise Raum-Zeit-,Zonen‘ gestatten“ sowie zweitens mit der „Trennung des Raums vom Ort“ verbunden. Mit der Trennung der Zeit vom Raum spielt Giddens auf die sozialen Folgen der neuzeitlichen Zeitrechnung durch die mechanische Uhr ab, welche die gesellschaftliche Organisation von Zeit vereinheitlicht und überhaupt erst eine temporale Standardisierung und Koordination über die Grenzen sozial-geografischer Regionen hinweg ermöglicht. Die Vereinheitlichung von Zeit durch ihre Ablösung vom Raum bewirkt zugleich eine Trennung des Raums vom Ort in dem Sinne, dass der Raum fortan „als etwas von jedem spezifischen Ort oder Gebiet ,Unabhängiges‘“ (1995: 31) aufgefasst wird. Die Trennung der Zeit vom Raum und der Dislozierung des Raumes vom Ort bringt Giddens auf den Begriff der „Entbettung“ (disembedding) sozialer Systeme. Entbettung meint, dass soziale Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen herausgehoben und über große Raum-Zeit-Distanzen reorganisiert werden (vgl. 1995: 33).58 Diese Besonderheiten der modernen Raum-Zeit-Ordnung und der für diese archetypische räumlich-zeitliche Ausdehnung sozialen Handelns können für Giddens im Rahmen differenzierungstheoretischer Ansätze, welche den Prozess der Modernisierung als Ausdifferenzierung von Funktionen konzeptionalisieren, nicht zufriedenstellend beschrieben werden. Dies betrifft vor allem auch das Problem der „raumzeitlichen Abstandsvergrößerung“ (vgl. Giddens 1995: 32) durch entbettete Institutionen, die ihrerseits auf eine Raum und Zeit übergreifende Koordinierung angewiesen sind, um eine derartige, potentiell globale Ausdehnung überhaupt zu ermöglichen. Zusammenfassend ist an dieser Stelle festzuhalten: Giddens (1988a: 226) wendet sich nachdrücklich gegen naturalistische Konzeptionen des Sozialen, die von der Annahme ausgehen, dass die soziale Welt von Kräften gelenkt wird, die mit den in der materiellen Welt wirkenden Prozessen verwandt sind. Giddens argumentiert ganz in der Tradition der Soziologie, wenn er sich entschieden gegen eine wie auch immer begründete Parallelisierung von sozialen und natürlichen Phänomenen ausspricht. Mit der systematischen Aufwertung der zeit-räumlichen Dimension des Sozialen geht Giddens gleichwohl über konventionelle sozialtheoretische Ansätze hinaus, die der physischen Welt lediglich einen Residualstatus zubilligen. Für Giddens 58 Zwei Arten von Entbettungsmechanismen unterscheidet Giddens (1995. 34ff.): erstens die Erfindung symbolischer Zeichen (insbesondere Geld) sowie zweitens die Installierung von Expertensystemen. Auf eine genauere Erörterung muss an dieser Stelle verzichtet werden.
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sind nämlich Prozesse der Strukturierung der sozialen Welt nur hinreichend zu konzeptionalisieren, wenn die Handelnden erstens als in Raum und Zeit lokalisierbare, leibhaftige Akteure verstanden werden, denen zweitens immer auch eine „sachliche Basis“ (1988b: 290) in Form materieller Ressourcen bereitsteht, um handeln zu können und tätig zu sein. Schließlich werden, wie oben dargelegt, nicht nur autoritative Ressourcen, sondern auch allokative Ressourcen als Strukturmomente sozialer Systeme interpretiert. Und diese Strukturmomente bedingen als auch ermöglichen nach Giddens praktisches Handeln in Raum und Zeit. Mit dem Merkmal der Rekursivität sozialer Handlungen will Giddens schließlich verdeutlichen, dass Handlungen nicht autopoietisch, also von den sozialen Akteuren selbst, sondern „von ihnen mit Hilfe eben jener Mittel fortwährend reproduziert werden, durch die sie sich als Akteure ausdrücken“ (1998a: 52). Zwar bietet Giddens keinen ausgearbeiteten Zugang zur konstitutionstheoretischen Frage nach dem Verhältnis von sozialer Welt und physischer Umwelt. Aber seine Vorschläge zur Reformulierung zentraler Begrifflichkeiten der soziologischen Theorie bieten ähnlich wie bei Durkheim doch einige wichtige Anknüpfungspunkte. Zu nennen ist hier im Besonderen der Handlungsbegriff, der in expliziter Abgrenzung zur sogenannten sprach- oder kommunikationstheoretischen Wende in den Sozialwissenschaften (vgl. Giddens 1988a: 36) das schiere „Tun“ sozialer Akteure aufwertet und dadurch die Veränderung gegenständlicher Dinge in der materiellen Umwelt durch sinnhafte Tätigkeiten in den Blick nehmen kann. Konsequenterweise verzichtet Giddens deswegen auch darauf, das Soziale auf die Ebene von Wahrnehmungen oder Kommunikationen zu reduzieren. Ausgehend von der These der räumlich-zeitlichen Kontextgebundenheit des Sozialen werden deshalb nicht nur Kommunikationen, sondern ebenso auch Handlungen beobachtbar, die immer dann in der materiellen Umwelt etwas bewirken (können), wenn Handelnde – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in den Fluss der Ereignisse eingreifen. Mit ihrem begrifflichen Instrumentarium bietet die Theorie der Strukturierung damit zumindest die Möglichkeit, nicht nur jene Kontextbezüge des Sozialen zu thematisieren, die traditionellerweise im Zentrum der Forschungsgegenstände der modernen Soziologie stehen, sondern auch solche, die üblicherweise der nicht-sozialen, d. h. der physischen „Umwelt“ sozialer Akteure oder Systeme zugeschrieben werden; gerade auch dann, wenn es sich hierbei um eine durch transformatorisches Handeln konstituierte, „selbstgeschaffene(n) Umwelt“ handelt (Giddens 1988a: 40).
2.6 Ein Zwischenresümee Wie die Erörterung ausgewählter Beiträge der soziologischen und philosophischen Anthropologie in Kapitel IV.1 ergeben hat, rekurriert ein soziologisch informierter Begriff von physischer Umwelt nicht auf etwas, das immer schon da gewesen ist, etwa im Sinne einer substantialistischen Entität. Bezugspunkt ist vielmehr eine materielle Umwelt, die durch soziale Praktiken beständig umgestaltet wird. Ein derartiger sozialrelativer Umweltbegriff geht von der grundlegenden anthropologischen Prämisse der „Weltoffenheit“ im Sinne Schelers oder Gehlens aus, die die relative Ungebundenheit menschlicher Gemeinschaften oder Gesellschaften an bestimmte Umweltbedingungen hervorhebt. Ob Weltoffenheit und Umweltentbindung – wie bei Gehlen – vor dem Hintergrund der Annahme einer organischen Unterprivilegierung (Mängelwesen-These) erklärt oder – wie bei Popitz – aus der technischen Handlungsfähigkeit des Menschen abgeleitet werden kann, ist im Weiteren zu vernachlässigen. Wie sodann in Ka-
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pitel IV.2. auf der Folie ausgewählter Ansätze der soziologischen Theorie herausgearbeitet wurde, ist die soziale Konstitutionsproblematik von Umwelt weder auf der Handlungs- noch auf der Systemebene von Gesellschaft grundlegend problematisiert worden. So wäre es auch sicherlich abwegig, Durkheims Studien zur methodologischen Grundlegung der modernen Soziologie als frühe Wegbereiter umweltsoziologischer Fragestellungen zu interpretieren (vgl. Kap. IV.2.1). Ebenso hat Max Weber keinerlei Veranlassung gesehen, die Umweltproblematik konzeptionell in seine Handlungstheorie einzuarbeiten (vgl. Kap. IV.2.2). So wie Durkheim ging es auch Weber zuallererst darum, das moderne soziologische Denken in strikter Abgrenzung zu naturalistischen Modellen des Sozialen zu begründen. In jüngerer Zeit hat schließlich Luhmann mit der radikalen Gleichsetzung des Sozialen mit Kommunikation und der systemtheoretischen Engführung des Umweltbegriffs auf eine Residualkategorie den Eindruck verstärkt, dass sich die Soziologie auf Fragestellungen beschränkt, die ausschließlich die soziale Konstruiertheit von Kommunikationen über Umwelt zum Gegenstand von Forschungsanstrengungen macht (vgl. Kap. IV.2.3). Entgegen der von der frühen environmental sociology vertretenen Auffassung, dass die Soziologie ihre methodologische Ausgangsprämisse, Soziales durch Soziales erklären zu können, aufgeben müsse, wenn sie einen relevanten Beitrag zum Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft beisteuern möchte (vgl. Kap. III), konnten gleichwohl einige Anknüpfungspunkte und Problemperspektiven – vor allem bei Giddens (vgl. Kap. IV.2.4 u. IV.2.5), mit Einschränkungen z. T. auch bei Durkheim und Weber – ausgemacht werden, um eigenständige theoretische Zugänge der Soziologie zur Umweltproblematik erschließen zu können. Weder die vorgefundene noch die anthropogen transformierte Umwelt ist an sich soziologisch bedeutsam. Wie seit Durkheim und Weber immer wieder betont worden ist, können physische Umweltfaktoren an sich allenfalls als materielle Ausgangsbedingung oder als Resultat des Sozialen berücksichtigt werden. Ohne das klassische Grundaxiom der Soziologie, Soziales nicht durch Natürliches, sondern nur durch Soziales erklären zu wollen, in Frage stellen zu müssen, können hingegen sozial vermittelte Umwelthandlungen bzw. Nutzungspraktiken von Umwelt von soziologischer Relevanz sein. Wie bereits weiter oben dargelegt kann vor diesem Hintergrund die Integration der modernen Umweltproblematik in die soziologische Programmatik nur dann bewerkstelligt werden, wenn das Basisaxiom der Soziologie nicht leichtfertig preisgegeben wird. Wie gesehen hat bereits Durkheim darauf insistiert, dass materielle Kontexte immer dann von soziologischer Relevanz sind, wenn sie als Vergegenständlichung sozialer Verhältnisse das Verhalten und Handeln der Akteure im Sinne normativer Obligationen beeinflussen. Und aus der Perspektive der verstehenden Soziologie hat Weber betont, dass natürliche Vorgänge nicht-soziale, weil sinnfremde Ereignisse seien, zugleich aber einschränkt, dass materielle Artefakte gerade dann verstehbar sind, wenn sich Handelnde an ihnen sinnhaft orientieren, indem sie diese etwa als Mittel einsetzen, um bestimmte soziale Zwecke zu realisieren. Während es sich allerdings bei Durkheim und Weber eher um verstreute Bemerkungen handelt, die weder systematisch ausgearbeitet noch weiter verfolgt worden sind, bietet Giddens’ Theorie der Strukturierung einige vielversprechende Bezugspunkte, um die soziale Konstitutionsproblematik von Umwelt soziologisch einzuholen. Wie in Kapitel IV.2.4 dargelegt, wird nämlich der Handlungsbegriff bei Giddens nicht – wie noch bei Weber – für die Analyse von Subjekt-Subjekt-Beziehungen reserviert, sondern ganz generell auf soziale Praktiken bezogen, die sowohl in die soziale Welt als auch in die nicht-soziale Welt (z. B. physische Umwelt) eingreifen. In Abgrenzung zu Webers klassischem, auf soziale Interaktionen zugeschnittenen Handlungsverständnis können mit der Bestimmung des Handelns als transformative Fähigkeit
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all jene Veränderungen in der sozialen und natürlichen Welt soziologisch problematisiert werden, die auf spezifische Verhaltensweisen, Handlungen oder Entscheidungen sozialer Akteure zurückführbar sind. Damit kann auch ein umweltsoziologischer Zugang zur „Sozialität“ von Umweltbedingungen erschlossen werden, wobei der Terminus „Sozialität“ auf die soziale Dimension der Konstitution, Modifikation und Transformation von Umweltbedingungen anspielt. Bevor jedoch diese Problemstellung in Kapitel V weiter fortzuführen ist, sind im Folgenden ausgewählte interdisziplinäre Brückenkonzepte zur modelltheoretischen Analyse von Interaktionen zwischen natürlichen und sozialen Systemen in den Blick zu nehmen und danach zu befragen, inwieweit sie für die soziale Konstitutionsproblematik von Umwelt fruchtbar gemacht werden können.
3. Umwelt und Gesellschaft – Interdisziplinäre Brückenkonzepte Verschiedene Umwelt und interdisziplinäre Gesellschaft – Interdisziplinäre Brückenkonzepte Brückenkonzepte sind in den letzten Jahren entwickelt worden, um Interdependenzen zwischen sozialen und ökologischen Systemen beschreiben und modellieren zu können. Keines dieser Brückenkonzepte ist auf der Grundlage eines genuin fachdisziplinären Programms entstanden, sondern mit dem Anspruch verbunden, sozialwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Fragen und Konzepte der Umweltforschung problemorientiert aufeinander zu beziehen. Entsprechend ihres Selbstverständnisses zielen diese Brückenkonzepte darauf ab, Interdependenzen zwischen ökologischen und sozialen Systemen nicht aus der Perspektive einer der beiden Seiten abzubilden, sondern sowohl von der Seite des Sozialen (Ökonomie, Politik, Kultur etc.) als auch von der Seite des Nicht-Sozialen (Stoff- und Energieflüsse, Geo-Ökologie, Klimatologie etc.) theoretisch-konzeptionelle Zugänge zur Analyse der Wechselbeziehungen zwischen natürlichen und sozialen Systemen zu erschließen. Im Folgenden werden ausgewählte Brückenkonzepte, die einen derartigen Anspruch umzusetzen versuchen, vor dem Hintergrund der Frage diskutiert, ob und in welcher Weise von ihnen wichtige Impulse zur sozialen Konstitutionsproblematik von Umwelt ausgehen. Hingegen sind jene Ansätze zu vernachlässigen, die primär oder ausschließlich naturwissenschaftlich argumentieren – wie etwa das Konzept des „Industriellen Metabolismus“ (Ayres/Simonis 1993; 1994), das sich in einem konventionellen naturwissenschaftlichen Sinne darauf beschränkt, Stoffund Energieströme zwischen gesellschaftlichen und sozialen Systemen modelltheoretisch zu beschreiben und empirisch zu quantifizieren. Aber auch das Syndrom-Konzept des WBGU (1994; 1998a; 2000; 2001: 21ff.) wird im Folgenden nicht weiter zu berücksichtigen sein. Zwar wendet sich dieser Ansatz von der klassischen naturwissenschaftlichen Umweltforschung ab und versucht im Sinne einer transsektoralen Betrachtung, sozioökonomische, soziopolitische und soziokulturelle Aspekte bei der Analyse von Trends des „globalen Wandels“ zu integrieren. So werden typische Beziehungsmuster zwischen Wirtschaft, Sozialsystem, Kultur, Bevölkerung und Biosphäre in unterschiedlichen Weltregionen identifiziert und „globale Krankheitsbilder“ an der Schnittstelle zwischen ökologischen und sozialen Systemen charakterisiert, um gesellschaftliche Handlungsoptionen und Steuerungsmöglichkeiten ausloten zu können. Trotz dieser Bemühungen um eine Integration unterschiedlicher disziplinärer Zugänge zur Umweltproblematik wird die soziale Dimension des „globalen Wandels“ lediglich auf der Ebene isolierbarer Einflussfaktoren abgebildet und darüber hinaus auf eine sozialwissenschaftlich konsistentere Analyse von Akteurs- und Konfliktkonstellationen verzichtet.
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Im Folgenden sind zunächst die Arbeiten von Serge Moscovici zu einer historisch-soziologischen Theorie der „Naturzustände“ (Kap. IV.3.1) sowie Rolf Peter Sieferles universalhistorische Reflexionen von Gesellschaft-Umwelt-Interaktionen (Kap. IV.3.2) zu sichten, die auf unterschiedlichen Wegen den Versuch unternommen haben, das Verhältnis von Gesellschaft und Natur genauer zu bestimmen. Sodann ist der Kolonisierungs-Ansatz von Fischer-Kowalski et al. (Kap. IV.3.3) sowie das Konzept der „Gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ (Kap. IV.3.4) genauer in den Blick zu nehmen, da diese für sich beanspruchen, die Beziehungen zwischen gesellschaftlichen und ökologischen Systemen in einem nicht-reduktionistischen, integrativen Sinne zu behandeln. Von besonderem Interesse wird hierbei die Frage sein, inwieweit es ihnen gelingt, sozialwissenschaftliche Konzepte fruchtbar zu machen, um die soziale Dimension von Interdependenzen zwischen gesellschaftlichen und ökologischen Systemen genauer zu fassen. Hierbei ist insbesondere die Frage aufzuwerfen, an welcher Stelle innerhalb dieser Ansätze soziale Akteure und soziale Strukturen konzeptionell situiert werden und in welcher Weise nicht nur die sozialen Folgen, sondern auch die sozialen Bedingungen von Umweltnutzungen berücksichtigt werden. In Kapitel IV.3.5. sollen schließlich die soziologischen Defizite der Brückenkonzepte zur Analyse des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft zusammengetragen und unter Rückgriff auf Überlegungen in Kap. IV.2 begründet werden, warum gerade auch im Kontext interdisziplinärer Brückenkonzepte der Beitrag der Soziologie auf klassische disziplinäre Gegenstände oder Fragestellungen beschränkt bleiben muss.
3.1 Historisch-soziologische Theorie der „Naturzustände“ – Serge Moscovici Serge Moscovici hat mit der erstmals in Frankreich 1968 erschienenen und in deutscher Übersetzung seit 1982 vorliegenden Arbeit Versuch über die menschliche Geschichte der Natur (1982) den Vorschlag gemacht, Natur nicht im Sinne der statischen Naturauffassung der klassischen Physik als zeit- und geschichtslose Gegebenheit zu begreifen, die innerhalb einer kosmologischen Ordnung etwas Unveränderliches oder Absolutes repräsentiert. Natur ist für ihn kein Zustand, der außerhalb menschlicher Tätigkeiten zu verorten ist, nichts, das einer Gesellschaft gegenübersteht. Konsequenterweise wird deswegen auch der Versuch unternommen, Natur nur im Rahmen von Kategorien zu bestimmen, die ihrerseits Resultat gesellschaftlicher Praktiken sind. Dem liegt die konzeptionelle Überlegung zugrunde, das gesellschaftliche Ordnungen niemals eine „Gegen-Natur“ repräsentieren, sondern immer nur unterschiedliche „Naturzustände“ schaffen können. Vor diesem Hintergrund führt Moscovici einen historischsoziologischen Naturbegriff ein, mit dem der Blick auf den gesellschaftlichen Wandel der „Naturzustände“ freigelegt werden soll. Dies kulminiert in der These, dass der Wandel von Gesellschaften ohne die Reorganisation ihrer materiellen Existenzgrundlagen nicht denkbar ist. Die theoretischen Folgerungen dieser These sind weitreichender, als es auf den ersten Blick erscheint: Jeder tiefgreifende Wandel gesellschaftlicher Ordnungen ist nämlich ohne die Transformation des „natürlichen Zustands als solchem“ (1982: 38) kaum denkbar, so dass nicht nur die nostalgische Vorstellung von Natur als unverändert fortbestehendem Substrat obsolet werden muss, sondern auch die gleichlautende Vorstellung von einer stabilen Natur des Menschen. Bei Moscovici heißt es hierzu (1982: 40): „Soweit wir auch die Kette unserer Abstammung zurückverfolgen, stets finden wir nur sekundäre Naturen, die einander ablösen, und niemals gelangen wir zu einer reinen, ursprünglichen Formation.“59 Hieran anschließend 59 So weist Moscovici (1982: 49) in diesem Zusammenhang auf ein verbreitetes sinnstiftendes kulturelles Muster
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schlägt Moscovici vor, auf die übliche Dichotomisierung von Natur und Gesellschaft zu verzichten, um die aktive Rolle menschlicher Gesellschaften im Umgang mit naturalen Potentialen betonen und – mehr noch – den jeweiligen Zustand der materiellen Strukturen als Ergebnis von Arbeitstätigkeiten beschreiben zu können. Damit wendet er sich gegen die Vorstellung von Gesellschaft und ihren artifiziellen Welten als etwas, das der Organisation der Materie äußerlich gegenübersteht. Arbeit, Maschinen, Technologie bringen nach Moscovici andere materielle Wirkkräfte hervor bzw. reorganisieren die bestehenden Existenzbedingungen. Sie repräsentieren eine Architektur der Elemente und Stoffe, die von vorgängigen Formen abweicht. Gesellschaft ist für Moscovici ein Teil von Natur, aber nicht im Sinne des Naturalismus, sondern im Sinne einer Produktion von „Naturzuständen“ durch menschliche Tätigkeiten. Die „menschliche Geschichte der Natur“ zeigt sich nach Moscovici schließlich in einer Abfolge unterschiedlicher „Naturzustände“. Diese Abfolge ist gleichwohl nicht als Prozess zu denken, in dem es immer besser gelingt, bereits vorhandene Naturqualitäten zu entdecken und nutzbar zu machen. Vielmehr gewinnt die jeweilige Natur spezifische Qualitäten erst im Rahmen eines gesellschaftlich geschaffenen Naturzustandes. Pointiert heißt es: „Der Mensch ist nicht ,Besitzer‘ oder ,Entdecker‘, sondern Schöpfer und Subjekt seines Naturzustandes. Seine Bestimmung ist es nicht, sich ein Universum anzueignen, das ihm fremd wäre und dem es äußerlich bliebe, sondern im Gegenteil, seine Funktion als interner Faktor und Regulator der natürlichen Realität zu erfüllen“ (1982: 27). Insofern ist für Moscovici soziale Evolution immer auch mit der Evolution naturaler Strukturen untrennbar verbunden. Erst diese relationale Bestimmung von Gesellschaft und Natur erlaubt es, so Moscovici, erstens eine substantielle Betrachtung der Natur durch eine historisch-soziologische zu ersetzen, um die unüberwindbaren Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Natur als konstantes Faktum auflösen und ihre prinzipielle Offenheit und Prozesshaftigkeit betonen zu können. Der Verzicht auf die Annahme von Natur als eines fixen Behältnisses für organische und anorganische Stoffe ermöglicht zweitens, den „Glauben an die Existenz eines Naturzustandes, der dem Menschen eigen wäre“ (1982: 48) aufzugeben. Und drittens kann die teleologische Vorstellung von der Natur als eines heranwachsenden Organismus, der einem stabilen und beständigen Endzustand zustrebt, aufgegeben werden. Damit verwirft Moscovici die Annahme, dass die Naturevolution, „gelenkt von irgendeinem vorgängig bestehendem Programm, hin zu einer Struktur führte, die allein im Einklang mit der Menschheit stünde“ (1982: 50f.). In dem Maße, in dem die menschliche Geschichte sich in die „Geschichte der Materie“ einschreibt und die produktive Naturbasis verändert, „ist es nicht nötig, dafür einen Ursprung oder ein permanentes Ziel ausfindig zu machen: Allein der Prozeß zählt. Um in der wirklichen Welt zu handeln, bedarf es durchaus nicht der Gußform einer Theodizee, die dieses Handeln auf ein vorbestimmtes und unveränderliches Ziel ausrichtete. Weder die Wissenschaften noch die Technik, welche die Bestandteile dieses Handelns bilden, sind auf eine Umwelt gerichtet, in der die Züge des absoluten Gesetzes oder der Wirksamkeit im voraus eingraviert wären“ (1982: 55). Vor diesem Hintergrund gilt Moscovicis besonderes Interesse dem historischen Wandel der Modalitäten in den Naturbezügen von Gesellschaften, genauer: der Transformation des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und ihrem jeweiligen materiellen Milieu. Ein „Naturzustand“ wird gesellschaftlich erzeugt; und er unterscheidet sich von anderen „Naturzuhin, das den jeweils vorangegangenen Naturzustand als den „ursprünglichen“ stilisiert: „Das einfache Sammeln und der Ackerbau, die Pflanzen und die Tiere galten den Ahnen als Symbole des ursprünglichen Glücks. Handwerk und Stadt markieren den Bruch mit der Natur. (...) In unserer Zeit ist die solcherart bevorzugte natürliche Ordnung jene, in der die Menschen handwerkliche Tätigkeiten ausübten und selbst noch die des beginnenden Industriezeitalters.“
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ständen“ im Hinblick auf die Modi der Umformung von Energie und Materie. So werden Fertigkeiten der Naturbearbeitung hervorgebracht und Naturstoffe erfunden oder produziert, die bisher unerkannt waren. Kurzum, ein Naturzustand zeichnet sich durch eigene Modalitäten der Verknüpfung materieller Elemente und Kräfte aus, die von den historisch darauf folgenden Naturzuständen modifiziert und rekombiniert werden. Wie bereits angedeutet ist für Moscovici (1982: 57) jeder „Naturzustand“ eine „Schöpfung der Arbeit“. Genauer betrachtet bezeichnet Arbeit „jede Fähigkeit und jedes Wissen, die den menschlichen Organismus verändern und ihn in die Lage versetzen, mittelbar oder unmittelbar auf die physischen Kräfte einzuwirken, sie zu reproduzieren oder zu entfalten.“ Dieser Arbeitsbegriff umfasst Fähigkeiten im weitesten Sinne, die geeignet sind, um einerseits einmal erworbene Kenntnisse im Umgang mit naturalen Ressourcen zu reproduzieren und weiterzugeben und andererseits diese Erkenntnisse zu erweitern und zu transzendieren, um beispielsweise „Ressourcen in neue Ressourcen“ zu verwandeln und in einen „neuartigen materiellen Kreislauf“ zu integrieren (1982: 87). Der Arbeitsbegriff ist breit angelegt und schließt sowohl routinisiertes Erfahrungswissen (Geschicklichkeit) als auch Innovationswissen (Erfindungen) und analytisch-experimentelles Verfügungswissen (wissenschaftliches Wissen) ein. Sodann unterscheidet Moscovici (1982: 86ff.) zwischen „organischen“, „mechanischen“ und „kybernetischen Naturzuständen“, die durch spezifische Arbeitsformen und Ressourcen, Umgestaltungsfähigkeiten und Erfindungstätigkeiten gekennzeichnet sind.60 Mit dem Übergang von einem zum anderen „Naturzustand“ nimmt das Differenzierungsniveau der Arbeit zu; es geraten die einmal erworbenen Fähigkeiten zur Hervorbringung des bisherigen „Naturzustandes“ außer Gebrauch bzw. werden durch differenziertere Formen des Produzierens und Reproduzierens im Umgang mit den Elementen der physikalischen Welt verdrängt. Den „organischen Naturzustand“ verortet Moscovici historisch vom Ende des Neolithikums bis zur Renaissance. Die menschlichen Tätigkeiten sind noch weitgehend in die vorgefundenen biologischen, geologischen und chemischen Stoffkreisläufe eingebunden. Die vorherrschende Arbeitsform ist die bäuerliche und handwerkliche Arbeit, die überwiegend nur auf regenerative Rohstoff- und Energiequellen zurückgreift und trotz aller Bemühungen zur Steigerung von Geschicklichkeiten im Umgang mit den Dingen letztlich nur eine begrenzte Transformation der Materie ermöglicht. Die benutzte Materie tritt als Rohmaterial in Erscheinung, das etwa im Falle des Holzes geformt (z. B. Hausbau) oder umgewandelt (Energie) wird. Die vertrauten Eigenschaften der vorgefundenen Stoffe werden für produktive Zwecke auf vielfältige Weise genutzt, d. h. ihre physischen Kräfte werden angewendet und gesteigert. Sie sind jedoch Gegebenheiten, die in den Dingen stecken und im Wesentlichen festliegen. Die handwerkliche Arbeit folgt nach Moscovici (1982: 90) noch den „Hinweisen und Vorgaben der Materie“. Es werden noch keine Stoffe und Substanzen mit bisher unbekannten Eigenschaften oder einer bisher nicht vorhandenen Kombination von Eigenschaften synthetisch geschaffen. Gleichwohl beschränkt sich dieser Arbeitstypus keineswegs auf den Abbau vorgefundener Rohstoffe oder die schlichte Konsumtion von Naturressourcen. Der Handlungshorizont erweitert sich nämlich durch ein breites Spektrum von Werkzeugen und anderen unbelebten Hilfsmitteln, in dem beispielsweise der Handwerker den Stoffen „den Stempel seines Wissens aufdrückt“ (1982: 94). Die Extension von Handlungsfähigkeiten kommt schließlich auch darin zum Ausdruck, dass die physische Umwelt großflächig umgeformt, Wälder gerodet, Sümpfe trockengelegt, Wiesen und Äcker angelegt und bewirtschaftet, Dämme und Kanäle gebaut oder Dörfer 60 Vgl. auch Hassenpflugs (1990; 1993: 96ff.) sozialökologischen Versuch, in Anlehnung an Moscovici zwischen „dyadischem“, „agricolem“ und „fabricolem Naturzustand“ zu differenzieren.
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und Städte errichtet werden. Stets bleibt jedoch die Produktivität der Arbeitsprozesse von der jeweiligen Geschicklichkeit der individuellen Arbeitskraft abhängig. Mit der Herausbildung des „mechanischen Naturzustandes“ büßt dieser handwerkliche Arbeitstypus zunächst an Bedeutung ein, um dann schließlich auf ein kulturelles Nischendasein reduziert und ansonsten eliminiert zu werden. An seine Stelle tritt der instrumentelle Arbeitstypus, dessen Besonderheit darin besteht, dass die Effektivität in der Verausgabung von Zeit und Energie zum einzig gültigen, weil quantifizierbaren Maßstab wird. Insbesondere werden körperlich gebundene Arbeitstätigkeiten durch maschinelle Abläufe substituiert, um beispielsweise Bewegungen effizienter hervorbringen, kombinieren und übertragen zu können. Im Ergebnis werden dadurch die Resultate der Arbeitstätigkeiten objektiviert, d. h. „unabhängig von den Störungen (...), die aus der Vielzahl der individuellen Begabungen und ihrer psychischen und physiologischen Veränderlichkeit herrühren“ (1982: 94). Sozialer Träger dieses „Naturzustandes“ sind nach Moscovici Mechaniker und Ingenieure, die die Rolle der Handwerker bei der Hervorbringung neuer materieller Ressourcen und Wirklichkeiten eingenommen haben. Auch die dominierende Organisationsform der Arbeit ist nicht mehr die Werkstatt, sondern die industrielle Fabrik. Moscovici beschreibt diesen Prozess auch als Trennung von Arbeitskraft und Geschicklichkeit, als Trennung von Kopf- und Handarbeit bzw. als Verlagerung von Kopfarbeit in die Konstruktion maschineller Apparaturen. Während im „organischen Naturzustand“ die unmittelbare menschliche Arbeitskraft mitsamt ihrer ganzen Geschicklichkeit und ihres Einfallsreichtums noch im Zentrum steht, wird sie unter Bedingungen des „mechanischen Naturzustandes“ buchstäblich inhaltlich entkernt, auf mehr oder weniger gleichförmige Handarbeitsfunktionen reduziert und an standardisierte Produktionsabläufe der Maschine angepasst. Dieser mechanisch-homogene Charakter der instrumentellen Arbeit prägt vor allem auch die Beziehungen zur Natur; er korrespondiert mit einer bestimmten Art und Weise, neuartige materielle Ressourcen und Komplexe zu generieren. Wenn man der Argumentation von Moscovici folgt, dann stößt dieser Naturzustand allerdings immer dann an Grenzen, wenn Umgestaltungen der Natur lediglich durch den Einsatz eines bestimmten Quantums mechanischer Arbeit und dessen Steigerung bzw. Intensivierung bewirkt werden können. Qualitativ völlig neue Strukturen in den Beziehungen von Gesellschaft und Natur können sich erst unter Bedingungen des „kybernetischen Naturzustandes“ entwickeln, der sich für Moscovici im Verlauf des 20. Jahrhunderts schemenhaft abzuzeichnen beginnt und deshalb auch nur relativ unscharf beschrieben wird. Während der „organische Naturzustand“ noch durch die äußere Formung von Naturstoffen für soziale Zwecke (z. B. Verarbeitung von Holz im Hausbau) gekennzeichnet ist, zielt der „mechanische Naturzustand“ bereits auf die direkte Umwandlung von Stoffeigenschaften (z. B. Transformation von Kohle in mechanische Antriebs- oder Bewegungsenergie). Mit der Chemisierung technischer Prozesse bzw. der synthetischen Herstellung von Stoffen aus isolierten Ausgangsmaterialien gelingt es hingegen erstmals, auf die „inneren“ Modalitäten spezifischer Stoffstrukturen zuzugreifen, um ihre Eigenschaften auf andere Stoffe zu übertragen und neue materielle Ordnungen zu generieren. So führt Moscovici die modernen Arbeitstechniken der industriellen Werkstoffkunde, der Metallverarbeitung sowie der synthetischen Chemie an, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Materie nicht mehr als naturaler Rohstoff zur Verwendung kommt, dessen Eigenschaften im Wesentlichen festliegen. Vielmehr wird die Materie entsprechend des Zwecks, dem sie dienen soll, mit Eigenschaften ausgestattet, die in der vorgefundenen Umwelt keine Entsprechung finden (z. B. Aluminium, Magnesium, Kalzium): „Aufgrund einer materiellen Analyse der Organisa-
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tionsformen von Materie werden neue Körper und Verbindungen mit allen gewünschten Eigenschaften geschaffen. Wir produzieren reine oder mit einem berechneten Verunreinigungsgrad versehene Kristalle, wir dosieren die molekularen Strukturen ganz nach den gewünschten Wirkungen. Die Eigenschaften eines materiellen Systems werden durch die eines anderen gewonnen“ (1982: 103). In diesem Zusammenhang betont Moscovici ausdrücklich, dass der „kybernetische Naturzustand“ den Möglichkeitshorizont des Gestaltbaren radikal erweitert und dadurch die Unterscheidbarkeit von Vorgefundenem und artifiziell Hervorgebrachtem, von Natur und Gesellschaft endgültig obsolet wird. Der Typus des experimentellen Wissenschaftlers bzw. Forschers als Träger der dominanten Wissensform des neuen Naturzustandes tritt an die Stelle des für den vorangegangenen Naturzustand typischen Mechanikers und Ingenieurs. Auch werden Fabriken als vorherrschende Form der Arbeitsorganisation durch Laboratorien abgelöst bzw. beide verbinden sich zu integrierten Produktionseinheiten. In dieser Konsequenz verschwindet die manuelle Geschicklichkeit der menschlichen Arbeitskraft endgültig aus den Zentren der Produktionsprozesse, da weder spezifische Stoffe durch die Verwendung von Werkzeugen geformt (organischer Naturzustand) noch maschinelle Fertigungsabläufe von Arbeitskräften unterstützt werden müssen (mechanischer Naturzustand). Stattdessen übernimmt die Arbeitskraft unter Bedingungen des „kybernetischen Naturzustandes“ zuallererst reine Regulations- und Steuerungsfunktionen, um den unmittelbareren Eingriff in materielle, physikalisch-chemisch-biologische Zusammenhänge zu organisieren und zu managen. Dafür müssen Normen definiert, ihre Einhaltung kontrolliert und das konstruierte Zusammenspiel der einzelnen Elemente berechnet werden. Moscovici (1982: 104) beschreibt diesen Arbeitstypus folgendermaßen: „Ihre wichtigsten Merkmale sind: die Beschaffung von Informationen, mit denen sich ein System von Apparaten oder beherrschbaren physikalisch-chemischen Prozessen kontrollieren läßt; die Herstellung und Sicherung der Bedingungen, die einen ungestörten Ablauf dieser Prozesse gewährleisten; die Festlegung von Normen für das Funktionieren dieser Systeme und die Korrektur der Abweichungen von diesen Normen.“ Auch wenn Moscovici Mitte der 1960er Jahren die weitere technologische Entwicklung noch nicht absehen konnte, so weisen seine Beschreibungen des „kybernetischen Naturzustandes“ jedoch einige bemerkenswerte Parallelen gegenüber den Erwartungen und Visionen auf, die mit der modernen Bio-, Gen- und Nanotechnologie verbunden werden. In seinem Versuch über die menschliche Geschichte der Natur geht Moscovici von einer Abfolge unterschiedlicher Naturzustände aus, wobei eine immer besser gelingende Substitution der manuellen Geschicklichkeit menschlicher Arbeitskraft zunächst durch maschinelle Funktionsleistungen und sodann durch komplexe technologische Systeme unterstellt wird. Im „organischen Naturzustand“ kommen Werkzeuge und andere technische Hilfsmittel zum Einsatz, um die biologischen Organfunktionen der Arbeitskraft zu verstärken. Hiervon unterscheidet sich bereits der „mechanische Naturzustand“, da die Maschine spezifische Organfunktionen der Arbeitskraft nicht nur verstärkt, sondern ersetzt. Im kybernetischen Zustand schließlich wird der Wirkungsbereich der Arbeit dramatisch gesteigert, indem, wie Moscovici (1982: 107) ausdrücklich betont, die Geschicklichkeit der Arbeitskraft zu einem „Vermögen der Materie“ wird. Hierbei geht es nicht mehr allein darum, einen spezifischen, als statisch wahrgenommenen Naturzustand zu reproduzieren, sondern neuartige selbstbezügliche Elemente und Strukturen der materiellen Wirklichkeit zu generieren. Mit der Herausbildung der modernen Naturwissenschaft als eigenständiger Produktivkraft wird es nach Moscovici (1982: 494) schließlich möglich, bei der Erfindung neuer Strukturen und Eigenschaften der Materie „eine Ratio-
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nalität einzuführen, wo zuvor nur Improvisationen und Zufall geherrscht hatten“. Damit wird mehr oder weniger unterstellt, dass erstens im Zuge der Erweiterung und Beschleunigung der „Erfindungstätigkeit“ (1982: 498) die gewünschten Naturzustände bewusst, zielstrebig und planmäßig hergestellt werden, wobei zweitens dieser Prozess des Herstellens nicht nur technisch relativ reibungslos vonstatten zu gehen scheint, sondern obendrein auch unter weitgehender Ausblendung ökonomischer Konstellationen und sozialen Konfliktlagen als sich selbst tragende Evolution beschrieben wird. Dieser von Moscovici unter dem Eindruck der 1960er Jahre geradezu euphorisch formulierte und evolutionistisch begründete Fortschrittsoptimismus ist zurückgewiesen worden (Hassenpflug 1990: 139; Oechsle 1991: 118). Dies betrifft vor allem die allzu optimistischen Erwartungen, moderne Gesellschaften könnten ihre Umweltbeziehungen im Sinne einer fortlaufend optimierenden Nutzung gestalten. Der scheinbar unbeirrbare szientistische Glaube in die Gestaltbarkeit des „kybernetischen Naturzustandes“, den übrigens Moscovici in der späteren Abhandlung Die Wiederverzauberung der Welt (1976) selbst infrage gestellt hat, wirkt nicht nur vor dem Hintergrund riskanter technologischer Optionen fast schon naiv. Insbesondere die irreduziblen Operationalisierungsprobleme bei der Abschätzung moderner Umwelteingriffe (WGBU 1999), aber auch die neueren Befunde der Technikgeneseforschung (Halfmann/Bechmann/Rammert 1995; Rammert 1993; 2000) sowie schließlich die sozialwissenschaftlichen Debatten zu den Grenzen „rationaler“ Interventionsstrategien gesellschaftlicher Akteure (Willke 1996; 1998a) und zu den Handlungs- und Entscheidungsproblemen unter Bedingungen von Nicht-Wissen (vgl.Beck/Giddens/Lash 1996; Beck/Bonß 2001) lassen erahnen, wie widersprüchlich, ungeplant und unvollkommen die gesellschaftlich induzierte Modifikation von Umweltzuständen tatsächlich vonstatten geht. Von einer vorausschauenden „Beherrschung“ der Elemente und Strukturen der materiellen Wirklichkeit im eigentlichen Sinne kann jedenfalls keineswegs gesprochen werden. Da die begriffliche Differenz zwischen Natur und Gesellschaft radikal eingeebnet und Natur auf ihre menschliche Geschichte, d. h. auf gesellschaftliche Konstitutionsleistungen reduziert wird, müssen auch übergreifende ökologische Systemprozesse systematisch ignoriert werden (vgl. hierzu Oechsle 1991: 116f.) So können Ungleichgewichtigkeiten, Fluktuationen, Elastizitäten und chaotische Entwicklungen naturaler Zusammenhänge nicht in den Blick genommen werden, was nicht zuletzt zur Konsequenz hat, dass die Frage unbeantwortet bleiben muss, ob der jeweils erreichte Naturzustand als riskant oder „umweltgefährdend“ zu bewerten ist. Aber dies kann auch nicht von einem Ansatz erwartet werden, der historisch-soziologisch argumentiert. Jedenfalls sollten die Vorteile eines strikt relationalen Naturverständnisses nicht übersehen werden. Moscovici schließt zunächst an die Erkenntnis der modernen Naturwissenschaften an, dass Natur nicht in statischen Kreislaufmodellen, sondern nur in ihrer Prozesshaftigkeit und Dynamik beschrieben werden kann (vgl. Prigogine 1979; Prigogine/Stengers 1981). Er greift allerdings nicht nur die Kritik an populären Stabilitäts- und Gleichgewichtsannahmen auf, die vor allem im ökologischen Diskurs immer wieder anzutreffen sind, sondern er erweitert diese Kritik um eine historisch-soziologische Komponente. Wie aufgezeigt kann ihm zufolge nämlich die Genese eines „Naturzustandes“ nur rekonstruiert werden, wenn die jeweiligen Modalitäten der Arbeit, die Arbeitsmittel, die Organisation der Arbeit, die sozialen Träger der jeweils vorherrschenden Wissensform sowie diese selbst analysiert werden. So treten mit dem Übergang von einem natürlichen Zustand zu einem anderen Zustand Trägergruppen (z. B. Ingenieure) auf, die gerade deswegen neuartige Handlungsbezüge zur Materie konstituieren können, weil sich ihre Sichtweisen, Fähigkeiten, Kenntnisse, Methoden usw.
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von denen vorangegangener Trägergruppen (z. B. Handwerker) signifikant unterscheiden. Insofern spricht Moscovici (1982: 497) auch davon, dass sich „der Einfluß der sozialen Faktoren (...) offen erkennbar in den natürlichen Faktoren geltend“ macht. Im Anschluss hieran und über Moscovici hinausgehend wären allerdings einige konkretere, soziologisch aufschlussreiche Fragestellungen aufzuwerfen. So wäre etwa zu erörtern, warum und vor welchem gesellschaftlichen Problemhorizont neue Trägergruppen auftreten und an welche sozialen Bedingungen die Dominanz dieser Trägergruppen gebunden ist. Des Weiteren wäre genauer zu hinterfragen, warum sich nicht konkurrierende Trägergruppen durchsetzen können, die einen anderen „Naturzustand“ anstreben. Und überhaupt: Welche sozialen Konflikte bilden sich in diesem Prozess der Genese eines neuen „Naturzustandes“ heraus und welche sozialen Institutionen „begleiten“ bzw. „moderieren“ die Ablösung der alten Trägergruppen? Da Moscovici diese und andere Fragen zur sozialen Genese eines neuen „Naturzustandes“ nicht aufwirft, drängt sich der Eindruck auf, dass soziale Faktoren mit dem jeweiligen Stand des praktischen Arbeitsvermögens in eins gesetzt werden, bestehende Naturbedingungen zu „bearbeiten“ und neue hervorzubringen, während die soziale Rahmung und Realisierung dieses Arbeitsvermögens selbst vernachlässigt wird. In dieser Konsequenz wird die Kategorie des „Naturzustandes“ auch eher im Sinne eines technologischen Verständnisses überstrapaziert, weswegen auch der Prozess der gesellschaftlichen Vermittlung der „Erfindungstätigkeiten“ von „Naturzuständen“ letztlich unklar bleiben muss. In dieses Bild passt übrigens auch, dass Moscovici gesellschaftliche Epochen der Naturbearbeitung nicht vor dem Hintergrund unterschiedlicher ökonomischer Konstellationen, politischer Herrschaftsstrukturen und sozialer Strukturmuster zu typisieren versucht, sondern ganz konventionell an den Stand der technologischen „Produktivkraftentwicklung“ rückbindet. Da kein umfassenderer, technologisch nicht verengter Begriff sozialer Praktiken entworfen wird, muss schließlich auch übersehen werden, dass „Naturzustände“ immer auch als Folie und Katalysator für symbolische Konstruktionsleistungen fungieren. Wie weiter unten genauer aufzuzeigen ist, können „Naturzustände“ nämlich auch als normativer Maßstab für eine Kritik an sozialen Zuständen („Entfremdung“) oder als negativer Referenzhorizont für gesellschaftliche Gestaltungsansprüche („Naturbeherrschung“) herangezogen werden; mit dem Ergebnis, dass sich die symbolische Dekodierung oder Rekonstruktion eines „Naturzustandes“ wiederum auf die weitere gesellschaftliche Gestaltung eines „Naturzustandes“ auswirkt.
3.2 Energiesystem und gesellschaftliche Entwicklung – Rolf Peter Sieferle Auch Rolf Peter Sieferle betont die irreversible Transformation von Umweltbedingungen durch anthropogene Eingriffe. Im Gegensatz zu Moscovici wird der Prozess der Transformation jedoch nicht als Ergebnis planmäßig gerichteter Eingriffe zum Zwecke der technischen Naturbeherrschung beschrieben, sondern als geplante und zugleich als nichtgeplante Selektion aufgefasst. Eine aktive Kontrolle des Ressourcenflusses kann im günstigsten Fall immer nur dann gelingen, wenn ein hoher Einsatz von hinreichend qualifizierter Arbeit auf Dauer auch aufrechterhalten werden kann. Und selbst dann ist eine erfolgreiche Kontrolle alles andere als gesichert, sondern stets aufs Neue durch kaum oder überhaupt nicht beeinflussbare naturale Prozesse gefährdet. Vor diesem Hintergrund plädiert Sieferle (1997a: 66) dafür, den Begriff der „Naturbeherrschung“ durch den der „Koevolution“ zu ersetzen, um das komplexe Verhältnis von sozialen und naturalen Systemen beschreiben zu können.
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Aber auch noch in einem anderen Sinne grenzt sich Sieferle von Moscovici ab. Ganz ähnlich wie die Protagonisten der internationalen Umweltdebatte zu den „Limits to Growth“ (Meadows/Meadows u. a. 1973) und die Begründer der amerikanischen Environmental Sociology (Catton/Dunlap 1978) verweist Sieferle darauf, dass die Gestaltbarkeit natürlicher Prozesse für soziale Zwecke irreduziblen physischen Restriktionen unterworfen ist. Ausgehend von der Grundprämisse, die natürlichen Grenzen der anthropogenen Umweltnutzung energetisch abzuleiten, unternimmt Sieferle in Der unterirdische Wald (1982) und Rückblick auf die Natur (1997a) den höchst ambitionierten Versuch, eine universalhistorische Skizze von Mensch-Umwelt-Interaktionen zu entwerfen. Dieses Vorhaben wird in der Absicht unternommen, in Abgrenzung zu umweltdeterministischen Begründungszusammenhängen die innerhalb der physischen Grenzen „verbleibenden“ Gestaltungskorridore für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse genauer ausloten zu können. Hierbei ist Sieferle sichtlich darum bemüht, sich von einschlägigen geschichtsteleologischen Generalisierungen abzuheben und gesellschaftliche Entwicklungen weder als gerichtete Prozesse der Verbesserung und Optimierung (Fortschrittsoptimismus) noch als unaufhaltsamen Niedergang (Zivilisationsverfall) zu deuten. Vor allem einfache modernisierungstheoretische Ansätze übersehen das Problem der begrenzten Steuerbarkeit gesellschaftlicher Umweltbeziehungen durch handelnde Akteure und blenden obendrein die systemtheoretischen Befunde zur Selbstbezüglichkeit innengesellschaftlicher Strukturbildungen aus. In programmatischer Absicht heißt es in der Einleitung von Rückblick auf die Natur (1997: 16): „Das Spiel der kulturellen Musterbildung besitzt (...) große Freiheitsgrade, wenn es auch immer von naturalen oder (energetischen) Systembedingungen eingegrenzt ist. Allerdings herrscht wenig Anlaß zu der Vermutung, diese Freiheitsspielräume könnten im Sinne einer technischen ,Machbarkeit‘ von Umweltzuständen, von Gesellschaftsstrukturen oder gar der Geschichte selbst benutzt werden. Bei dem Verhältnis von Gesellschaften zu ihrer natürlichen Umwelt handelt es sich vielmehr selbst um einen Naturprozeß, der leichter zu beobachten als zu steuern ist.“ Um diesen „Naturprozess“ genauer beschreiben zu können, richtet Sieferle den Fokus seiner umwelthistorischen und sozialökologischen Erörterungen auf die Verhältnisbestimmung von Energiesystem und Gesellschaftssystem. Hierbei sind – trotz aller Differenzen – gewisse Parallelen beispielsweise zu Herbert Spencer unverkennbar, der bereits 1876 in The Principles of Sociology (1966) im jeweils verfügbaren Energie-Surplus den Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt sah. Ganz ähnlich argumentiert Wilhelm Ostwald in der Arbeit Energetische Grundlagen der Kulturwissenschaften (1909), der die Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse auf effiziente Techniken der Energie-Konversion zurückführte. Der Kulturanthropologe Leslie White radikalisierte diese Perspektive in der Studie Energy and the Evolution of Culture (1949), indem er versuchte, die „cultural evolution“ als Produkt von Energieverfügbarkeit und technologischer Effizienz mathematisch zu berechnen. Obwohl Weber (1909a) die Übertragung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf gesellschaftliche Prozesse zurückweist, sich strikt gegen jede Analogisierung natürlicher und sozialer Prozesse ausspricht und ausdrücklich „energetische“ Kulturtheorien kritisiert, sieht er doch auch, wie in Kapitel IV.2.2 dargelegt, in der Nutzung fossiler Energieträger (Steinkohle) eine wichtige „äußere“, nicht-soziale Möglichkeitsbedingung zur Entfaltung des modernen Kapitalismus (vgl. Weber 1988a: 203; 1958: 62; ähnlich Sombart 1927: Bd. II: 1137ff. u. Bd. III: 97ff.). An diese Fragestellungen zum Verhältnis von Energiesystem und gesellschaftlicher Entwicklung (vgl. auch Cottrell 1955; Rosa/Machlis/Keating 1988) knüpft Sieferle an, wobei es ihm im Einzelnen darum geht, erstens die „äußeren“ energetischen Konstitutionsbedingungen so-
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zialer Systeme zu verdeutlichen, zweitens die sich daraus ergebenden Spielräume für Prozesse der gesellschaftlichen Selbstorganisation auszuloten und drittens die energetischen Restriktionen bzw. Grenzen sozialer Systeme zu beschreiben. Im Hintergrund verfolgt Sieferle (vgl. etwa 1982: 14) hierbei das theoretische Problem, welchen Stellenwert das energetische Paradigma bei der Analyse der Entstehungsbedingungen der Industriellen Revolution, der Entwicklung der kapitalistischen Marktökonomie oder von Modernisierungsprozessen hat und in welcher Beziehung es zu herkömmlichen sozialwissenschaftlichen Erklärungsmodellen steht. Das im Mittelpunkt der Überlegungen stehende Erkenntnisinteresse richtet sich vor allem auf limitierende und begünstigende Faktoren gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse: erstere sieht Sieferle im jeweils vorherrschenden Energiesystem, das den physischen Horizont gesellschaftlicher Strukturbildungen abgibt; letztere bezieht er auf die Fähigkeit von Gesellschaften zur kulturellen Selbstorganisation, die einen rigiden Umweltdeterminismus ausschließt. In diesem Spannungsverhältnis verortet Sieferle gesellschaftliche Entwicklungspotentiale. Der Geschichte von Energiesystemen und ihrer Bedeutung für soziale Institutionen, Produktionssysteme und Lebensformen gilt Sieferles besondere Aufmerksamkeit. Energiesysteme werden nicht als Ursache gesellschaftlicher Entwicklungen angesehen, aber eben doch als essentieller Rahmen, der nicht überschreitbar ist und deswegen den Handlungshorizont zur anthropogenen Nutzung respektive Veränderung von Umweltbedingungen festlegt. Zunächst ist genauer die Frage zu klären, was unter einem „Energiesystem“ zu verstehen ist. Und vor allem: Worin besteht der spezifisch sozialwissenschaftliche Sinn des Begriffs? Auf die thermodynamische Grundlegung61 der Argumentation von Sieferle kann nicht näher eingegangen werden. Zum besseren Verständnis ist an dieser Stelle allerdings festzuhalten: Energetisch betrachtet wird die Erde als ein offenes System beschrieben, das zur Aufrechterhaltung komplexer natürlicher Ordnungszustände auf die kontinuierliche Einstrahlung von Sonnenenergie angewiesen ist, welche zugleich wieder in den Weltraum zurückstrahlt. Allerdings ist die Rückstrahlung nicht vollständig. Aus der Differenz von Einstrahlung und Rückstrahlung speisen sich letztlich alle biogeochemischen Prozesse auf der Erde. Die Kreisläufe des Wassers, des Sauerstoffs, des Kohlenstoffs, des Stickstoffs und der Mineralstoffe können nicht von selbst in Bewegung bleiben, sondern sind auf solare Energie angewiesen. Die Photosynthese, die für die Bildung von Biomasse (Primärproduktion) verantwortlich ist und damit Leben im heutigen Sinne überhaupt erst möglich gemacht hat, wird von der Strahlungsenergie der Sonne in Gang gehalten. Sonnenenergie wird von autotrophen Organismen (grüne Pflanzen) photosynthetisch aufgenommen, in chemische Energie umgewandelt und über verschiedene Ernährungsstufen weitergegeben, und zwar von heterotrophen Organismen (v. a. Tiere) bis zu den Destruenten (Bakterien, Pilze), die energiereiche tote tierische und pflanzliche Substanz in energiearme anorganische Abbauprodukte umbauen. Während autotrophe Organismen Sonnenenergie direkt speichern, zapfen heterotrophe Organismen diesen Speicher an, indem Pflanzen und Tiere verzehrt werden. Die von allen Organismen umgesetzte Energiemenge kann innerhalb einer bestimmten Zeitspanne also nicht größer sein als die Energiemenge, die von autotrophen Organismen photosynthetisch gespeichert wird. Wie die moderne naturwissenschaftliche Ökosystemforschung gezeigt hat, sind die Energieströme linear gerichtet und nicht reversibel (vgl. Klötzli 1993: 174ff.; Kuttler 1993: 104ff.; Fränzle/Müller/Schröder 1997: Kap. IV.2). Darüber hinaus spendet die Sonne die notwendige Wärmeenergie, damit beispielsweise Wasser verdunstet oder atmosphärische Luftmassen bewegt werden können. 61 Zur Rezeption der Thermodynamik in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vgl. Georgescu-Roegen (1971) und Beckenbach/Diefenbacher (1994).
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Kurzum, Funktionsweise und Regulation von Ökosystemen können nur durch ständige Zufuhr und Umsetzung von Sonnenenergie aufrechterhalten werden. Aus naheliegenden Gründen ist auch die menschliche Population unhintergehbar in diesen Prozess des Energieumsatzes eingeschaltet. So wachsen Nahrungsmittel nur deswegen nach, weil pflanzliche Organismen einstrahlende Sonnenenergie nutzen, indem sie durch den Prozess der Photosynthese Biomasse aufbauen, welche ihrerseits pflanzenfressende Organismen mit chemischer Energie versorgen. So gesehen ist die menschliche Population auf die Zufuhr chemischer Energie in der Form tierischer und pflanzlicher Organismen angewiesen und diese wiederum auf Sonnenstrahlung als einzige energetische Quelle allen Lebens. Selbst mechanische bzw. Bewegungsenergie oder Wärmeenergie kann für menschliche Zwecke nur auf Basis konstant einstrahlender Solarenergie verfügbar gemacht werden; sei es, indem die in aktueller Biomasse (Nettoprimärproduktion) gebundene chemische Energie direkt genutzt wird, sei es, indem auf Biomasse in gespeichertem bzw. konzentriertem Zustand (fossile Energie) zurückgegriffen wird. Selbst die für menschliche Zwecke nutzbaren Wind- oder Wasserkraftpotentiale sind auf einstrahlende Sonnenenergie zurückzuführen. Vor diesem Hintergrund konzipiert Sieferle Gesellschaft zunächst in Analogie zu einem biologischen Organismus oder Ökosystem als soziales System, das in energetischer Hinsicht umweltoffen ist. Diese Umweltoffenheit ergibt sich aus dem Umstand, dass ein soziales System aus elementaren Gründen seiner Selbsterhaltung auf der „Input-Seite“ auf die stetige Zufuhr von Energie hoher Wertigkeit und auf der „Output-Seite“ auf die Abgabe von Energie niedriger Wertigkeit angewiesen ist. Unter dem Begriff „Energiesystem“ ist nun die – historisch wandelbare – Art und Weise zu verstehen, wie sich ein Gesellschaftssystem in Energieflüsse der physikalischen Umwelt, der Biosphäre, einschaltet. Der Begriff Energiesystem bezieht sich also auf die auf Dauer gestellte Praxis eines gesellschaftlichen Systems, energetische Potentiale für systemeigene Zwecke zu nutzen bzw. den Durchfluss von Energie durch das System zu organisieren und zu verbessern. Die Fähigkeit eines sozialen Systems, sich in Energieströme des Systems Erde einzuschalten und diese für spezifische Zwecke „anzuzapfen“ (Sieferle 1982: 18), setzt wiederum voraus, dass umfangreiche gesellschaftliche goods wie effiziente Arbeitsteilung, ökonomische Produktivität, Organisationsfähigkeit, kulturelle Kompetenz, technisches Know-how, Erfahrungswissen usw. vorhanden sind oder erfolgreich aufgebaut und mobilisiert werden können. Die soziale Erfindung eines neuen Energiesystems eröffnet zugleich bisher unbekannte gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Entwicklungshorizonte. Im Weiteren periodisiert Sieferle die Menschheitsgeschichte nach voneinander unterscheidbaren gesellschaftlichen Praktiken, sich in Energieflüsse des Systems Erde einzuschalten. Hierbei greift er auf den berühmten universalhistorischen Entwurf des britischen Archäologen Gordon Childe (1942) zurück, der bekanntermaßen die Menschheitsgeschichte in die Epochen Jäger- und Sammlergesellschaften, Agrargesellschaften und Industriegesellschaften unterteilt und die jeweiligen Übergänge als „neolithische“ bzw. „industrielle Revolution“ bezeichnet hat. Über Childe hinausgehend verwendet jedoch Sieferle das Phasenmodell, um den zivilisationsgeschichtlichen Wandel von Gesellschaftsformen unter dem Aspekt ihrer Umweltbeziehungen im Allgemeinen und ihres Energiesystems im Besonderen zu rekonstruieren.62 Sodann werden den universalhistorischen Epochen spezifische Formen von Energienutzungen zuge62 Auch Gellner (1990: 14ff.) greift auf Childe zurück. Im Gegensatz zu Sieferle versucht jedoch Gellner (1991: 58ff.), die Unterscheidung zwischen Agrar- und Industriegesellschaften aus der Differenz von Endo- und Exosozialisation abzuleiten.
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ordnet: Paläolithische Jäger- und Sammlergesellschaften sind durch ein „unmodelliertes Solarenergiesystem“ gekennzeichnet, während vorindustrielle Agrargesellschaften ein „modelliertes Solarenergiesystem“ hervorbringen. Moderne Industriegesellschaften sind schließlich durch ein „fossiles Energiesystem“ charakterisiert. Wesentliche Merkmale einer Epoche sind nach Sieferle erstens das spezifische Profil des Energiesystems, zweitens die daraus erwachsenden Spielräume der kulturell-gesellschaftlichen Selbstorganisation sowie drittens der spezifische sozialökologische Landschaftstyp. Bevor jedoch hierauf genauer einzugehen ist, ist darauf hinzuweisen, dass die Periodisierung nach unterschiedlichen Energiesystemen nicht deckungsgleich mit den in den Sozialwissenschaften verbreiteten Phaseneinteilungen nach Gesellschaftsformationen ist. Hierzu bemerkt Sieferle (1982: 13): „Schon das agrarische Solarenergiesystem ist mit einer Reihe unterschiedlicher gesellschaftlicher Organisationsformen vereinbar, wie z. B. mit einer kleinbäuerlichen Subsistenzwirtschaft, mit der asiatischen Produktionsweise, dem Feudalismus, dem protoindustriellen Kleingewerbe usw. Auch der Prozeß, der hier als Industrielle Revolution beschrieben wird, korreliert nicht genau mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise. Die Dynamik des Kapitalismus ist älter als das Industriesystem; sie entstand unabhängig von der Energiewende zur Kohle.“ Das Solarenergiesystem von paläolithischen Jäger- und Sammlergesellschaften wird von Sieferle (1997a: 28ff.) als unmodifiziert bezeichnet, da diese Gesellschaften energetisch vollständig auf der Nutzung aktuell einstrahlender Sonnenenergie beruhen und zudem kaum in der Lage sind, Energieflüsse aktiv zu kontrollieren und für ihre Zwecke umzulenken. Der Energiefluss ist im Wesentlichen auf den zur physischen Reproduktion unverzichtbaren Stoffwechsel beschränkt, d. h. vor allem auf Nahrungsaufnahme. So wird das gegebene Ressourcenangebot auch nicht durch erhöhten Arbeitsaufwand modifiziert bzw. vergrößert, sondern lediglich abgeschöpft (Jagen, Fischen, Sammeln). Die menschliche Muskelkraft selbst ist für einen langen Zeitraum der effektivste Energieumwandler, da keine andere Energiequelle und -technik zur Verfügung steht. Als Ausnahme ist lediglich die Entdeckung des Feuers und die daraus resultierende Option anzusehen, Holz zu verbrennen, sowie energiereiche Substanzen wie Holz, Häute, Knochen etc. für einfache Werkzeuge zu verwenden. Diese ermöglichen es, mit Hilfe des Körpers mechanische Energie produktiver zu erzeugen. Die Restriktionen des paläolithischen Energiesystems bestehen vor diesem Hintergrund darin, dass sich Siedlungsräume nur so weit ausdehnen und die Populationsdichte nur in dem Maße zunehmen kann, wie es die lokal vorfindbaren Energiepotentiale erlauben. Außerdem mussten Jäger- und Sammlergesellschaften allem Anschein nach geografisch mobile, kleine und voneinander isolierte Gruppen sein, denen es nur in Ausnahmefällen gelingen konnte, sich „stationär in einen Fluß von Ressourcen einzuschalten“ (Sieferle 1997a: 36); wenn also zum Beispiel durchziehende Tierherden bejagt werden konnten. Das ausgeprägte Mobilitätsverhalten sowie die Größe und Isoliertheit dieser Gruppen hat weitreichende Konsequenzen, da unwahrscheinlich ist, dass sich unter diesen Bedingungen weder stabile, dauerhafte Kommunkationsstrukturen noch komplexere Kulturmuster oder sogar ausdifferenziertere Sozialstrukturen herausbilden können. So macht nach Sieferle (1997a: 38) bereits diese durch „evolutionäre Trägheit“ gekennzeichnete Phase der Zivilisationsgeschichte offenkundig, dass die Entwicklungspotentiale von Gesellschaften in einem unmittelbaren Sinne an die Möglichkeiten der anthropogenen Energieumwandlung gekoppelt sind. Auch Agrargesellschaften sind auf die Nutzung aktuell einfallender Sonnenenergie beschränkt (vgl. Sieferle 1982: 33ff.; 1997: 79ff.). Im Gegensatz zu Jäger- und Sammlergesellschaften wird jedoch die Umwandlung von Solarenergie für gesellschaftliche Zwecke systema-
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tisch vorangetrieben, und zwar hauptsächlich in der Form, wie sie von pflanzlichen Organismen durch die Bildung von Biomasse chemisch gespeichert wird. Das wichtigste Element des agrarischen Solarenergiesystems ist für Sieferle deswegen die „biologische Energiekonversion“, deren Nutzung mit den Erfindungen von Ackerbau und Viehzucht unlösbar verbunden ist. Diese landwirtschaftlichen Praktiken zielen darauf ab, den Energiefluss von Ökosystemen für menschliche Zwecke gezielt umzulenken. Der primäre Zweck der vorindustriellen Landwirtschaft besteht in der Gestaltung und Kontrolle der Nahrungsgrundlage durch Produktion von (überwiegend vegetarischen) Nahrungsmitteln. Um diesen Zweck zu erfüllen und den jährlichen Nettoenergieertrag der landwirtschaftlichen Nutzflächen steigern zu können, müssen die limitierenden Faktoren des Wachstums der geeigneten Pflanzen aktiv kontrolliert werden; d. h. sie werden etwa mit Wasser, Stickstoff, Phosphor und anderen Spurenelementen versorgt, um den Wachstumsprozess zu beschleunigen. Die Produktivität der landwirtschaftlichen Flächen hängt hierbei nicht nur von den vorgefundenen naturalen Ausgangsbedingungen wie der physikalischen und chemischen Bodenbeschaffenheit, des Klimas oder den Niederschlagsmengen ab, sondern vor allem auch von den ausgewählten Anbauformen und der Qualität der bäuerlichen Feldarbeit, die ein hohes Maß an Planung, Kalkulation und Koordination erfordert. Das Ziel, auf verhältnismäßig kleiner Fläche durch intensive Bewirtschaftung regelmäßig hohe Erträge zu erzielen, erfordert einen entsprechend erhöhten Einsatz von Arbeit, Energie und Stoffen. Zudem ist ein beträchtlicher Kontrollaufwand dauerhaft unverzichtbar, da ein künstlich geschaffenes agrikoles Ökosystem sich niemals in einem Gleichgewichtszustand befindet, sondern letztlich fragil bleibt und gegenüber natürlichen Konkurrenten (Parasitenbefall) oder unerwünschten Rückzüchtungen (Hybridisierung) durch gezielte Selektionsstrategien fortlaufend zu stabilisieren ist. „Es findet ein permanenter ,Rüstungswettlauf‘ zwischen Bauern und Parasiten statt, zwischen genetischer Mutation der Schädlinge und technischen Innovationen, die darauf reagieren, wie Züchtung, Fruchtwechsel, Symbiosen, Konservierungsmethoden. Dieser Wettlauf zwischen Pflanzenschutzbestrebungen und Schädlingen ist daher nicht erst eine Folgeerscheinung der modernen Agrarchemie, sondern eine Grundeigenschaft jeder landwirtschaftlichen Produktionsweise“ (Sieferle 1997a: 65). Unter energetischen Gesichtspunkten liegt die evolutionäre Besonderheit der vorindustriellen Landwirtschaft darin begründet, dass pflanzliche Organismen manipuliert werden, um diese als „biologische Sonnenkollektoren“ zu nutzen; und zwar unter der Maßgabe, eine größere Menge chemischer Energie in Form von Biomasse zu gewinnen, als dafür chemische in mechanische Energie in Form von Arbeit umgewandelt werden muss. Sieferle (1997a: 80) formuliert hierzu: „Die für die Feldbestellung aufgewandte Arbeit von Menschen und Tieren muß sich in einem Energieertrag niederschlagen, der zumindest ausreicht, diese Menschen und Tiere zu ernähren. Auf größere Energiespeicher kann man hier nicht zurückgreifen, sondern die Energiebilanz muß innerhalb von wenigen Jahren wieder ausgeglichen sein.“ Hervorzuheben ist, dass mechanische Energie nicht nur in Form menschlicher Arbeitskraft genutzt wird. Zugleich werden „tierische Energiekonverter“ genutzt: Tiere müssen dafür eigens domestiziert werden, die die in Nahrung gebundene chemische Energie in mechanische Arbeit umsetzen. Beispielsweise werden Ochsen, aber auch Pferde als Arbeitstiere in der Landwirtschaft sowie im Überlandtransport von Gütern und Personen eingesetzt. Der dafür erforderliche Energiebedarf der Zug-, Lasten- und Reittiere kann wiederum nur befriedigt werden, wenn Weideflächen zur Beschaffung von Futtermitteln angelegt werden. Weiter argumentiert Sieferle, dass hieraus eine latente Nutzungskonkurrenz erwächst, denn die umgewidmeten Flächen konkurrieren mit dem für die Produktion menschlicher Nahrungsmittel erforderlichen
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Ackerland. Die energetischen Grundlagen des agrargesellschaftlichen Systems erschöpfen sich jedoch nicht in der Nutzung biologischer Energiekonverter. Darüber hinaus beruht das agrarische Solarenergiesystem auf der Nutzung weiterer Energieformen, die ebenfalls auf einstrahlende Sonnenenergie zurückgehen, aber nur über Umwege indirekt nutzbar gemacht werden können. Zivilisationsgeschichtlich betrachtet wird erstmalig die Möglichkeit der technisch gestützten Konversion von Solarenergie erschlossen, indem die bisher ungenutzten Potentiale der Wasser- und Windkraft anwendbar werden. Neue „technische Energiekonverter“ werden hierfür entwickelt. Die einfachste Nutzungsform von Wasserkraft ist das Floß, während die Wassermühle als technisches Artefakt zur Konversion von Strömungsenergie von Fließgewässern weitaus voraussetzungsvoller ist. Darüber hinaus werden mit dem Bau von Segelschiffen Luftbewegungen energetisch nutzbar gemacht. Die Bedeutung von Segelschiffen ist kaum zu unterschätzen, da sie das eigentliche Rückgrat des Ferntransports in agrarischen Gesellschaften bilden.63 Gegenüber dem Segelschiff ist die Windmühle von geringerer Bedeutung. Ein weiterer Baustein des agrarischen Solarenergiesystems ist schließlich die direkte Nutzung chemischer Energie zum Zwecke der Wärmegewinnung. Pflanzliche Biomasse, insbesondere Torf und Holz, wird verbrannt, um Prozesswärme für die Herstellung von Keramik, Ziegeln, Glas und Soda oder für die Metallurgie bereitzustellen. Da die technischen Wirkungsgrade bei der Verbrennung von Torf und Holz jedoch sehr niedrig sind, werden große Rohstoffmengen benötigt. Um kalorische Energie durch Verbrennung von Biomasse dauerhaft nutzen zu können, darf die Menge des Holzverbrauchs jedoch nicht größer sein als die nachwachsender Holzbestände. Mit der Entwicklung der Ackerbauwirtschaft gelingt es, die Produktivität der bäuerlichen Arbeit und den Nettoenergieertrag landwirtschaftlicher Nutzflächen zu steigern. So werden etwa Ökosysteme umgestaltet (Rodung, Entwässerung, Terrassierungen etc.) und die Populationsdichte ertragreicher Kulturpflanzen auf einer bestimmten Fläche vergrößert, um die für Ernährungszwecke verwertbare Biomasse zu erhöhen. Ungeachtet dieser Strategien zur „Monopolisierung der Biomassenproduktion“ (Sieferle 1997a: 75) bleibt der mögliche Energieumsatz jedoch durch die Gesamtproduktivität eines gegebenen Territoriums, der Anbaufläche, limitiert. Das Agrarenergiesystem ist im Wesentlichen nämlich von der nutzbaren Fläche zur Produktion von (pflanzlicher) Biomasse abhängig. Aus diesem Grunde kann auch die Gewinnung und der Verbrauch von Energie räumlich nicht entkoppelt werden. Mit dem Nettoenergieertrag landwirtschaftlicher Nutzflächen ist auch die Obergrenze der nutzbaren Energiemenge vorgegeben. Diese Flächenabhängigkeit des agrarischen Energiesystems resultiert daraus, dass eine technisch kontrollierte Konversion einer Energieform in eine andere im großen Stile noch nicht möglich ist. Hierzu erläutert Sieferle (1997a: 94): „Wenn etwa ausreichende Mengen mechanischer Energie in Gestalt des Wasserlaufs verfügbar waren, bestand doch keine Möglichkeit, diese in nutzbare Wärme zu verwandeln. Umgekehrt konnte pflanzliche Biomasse nur auf dem Umweg über animalische Konversion in mechanische Energie umgesetzt werden, und auch dann mußte sie in bestimmten Qualitäten (Getreide, Heu) vorliegen. Aus Holz 63 Vgl. bereits Cottrell (1955), der aus universalhistorischer Perspektive den Zusammenhang von gesellschaftlicher Organisation, Energiequellen und energetischem Surplus analysiert. Er nimmt hierbei u. a. die Restriktionen des Energiesystems von „low energy societies“ in den Blick, die von der Konversion von Sonnenenergie durch Pflanzen (und indirekt durch Tiere und Menschen) abhängig sind. Ihm zufolge beeinflusst das jeweils sozial verfügbare Energie-Surplus die soziale Arbeitsteilung, die Tiefe der räumlichen Differenzierung sowie die Größe und Ausdehnung sozialer Organisationen und Einheiten. Erst die Erfindung von Segelschiffen habe Raum für technischen Fortschritt geschaffen, da erhebliche und pflanzenunabhängige Energiemengen gesellschaftlich verfügbar wurden.
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konnte keine Bewegung gewonnen werden. Dies wurde erst mit der Erfindung der WärmeKraft-Maschine im frühen 18. Jahrhundert prinzipiell möglich. Technisch und ökonomisch sinnvoll wurde es sogar erst durch die Wirkungsgradverbesserungen der Dampfmaschinen im 19. Jahrhundert.“ Wenn man von der Nutzung von Wind- und Wasserkraft einmal absieht, die für das agrarische Solarenergiesystem letztlich von untergeordneter Bedeutung sind, dann ist die Umwandlung von Energieformen nur durch Biokonversion oder eine veränderte Flächennutzung möglich. Im letzteren Fall kann beispielsweise eine Waldfläche (potentielle Wärmequelle) gerodet und als Weidefläche für Nutztiere genutzt werden, um pflanzliche Biomasse in mechanische Energie umzusetzen. Die Obergrenze der nutzbaren Energiemenge hängt somit ganz wesentlich von der verfügbaren Fläche zur Produktion pflanzlicher Biomasse ab. Um etwa einen – durch Bevölkerungswachstum begünstigten – „Druck auf die Fläche“ (Sieferle 1997a: 83) abzumildern, kann diese Obergrenze allenfalls durch Annexion oder Besiedlung bislang unerschlossener Regionen erweitert werden. Der prinzipiell mögliche Im- und Export von in Biomasse fixierter Energie (Flächenäquivalente) findet jedoch in dem Umstand seine Grenzen, dass die Energieaufwendungen des Überlandtransports in Agrargesellschaften immer dann in keinem sinnvollen Verhältnis zum erwartbaren wirtschaftlichen Nettoertrag stehen, wenn ein bestimmter Entfernungsradius überschritten wird. In diesem Falle würde beispielsweise der Transport von Getreide, etwa durch Zug- oder Lastentiere, mehr chemische Energie in Form von Futter benötigen als die Ladung selbst enthält.64 Die Restriktionen des Energiesystems haben auch damit zu tun, dass die verfügbaren Energieträger nicht in konzentrierter Form vorliegen. Das agrarische Energiesystem interpretiert Sieferle somit als Nullsummenspiel, da eine Vermehrung einer Energieart (Nahrung, Wärme, Bewegung) nur zu Lasten einer anderen Energieart gehen kann. Aufgrund der Flächenabhängigkeit des agrarischen Solarenergiesystems ist Grundbesitz keine Eigentumsform unter anderen, ebenso bedeutsamen Formen, sondern die zentrale Eigentumskategorie. Mit dem Besitz von „Land“ ist in agrargesellschaftlichen Systemen üblicherweise eine privilegierte Machtstellung verbunden. So wie der Erwerb von Macht unter diesen Bedingungen an den Erwerb von Grund und Boden gebunden ist, so kann Macht auch nur ausgeübt werden, wenn man hierüber exklusiv verfügen kann: „Land war daher nicht bloß ökonomische, sondern eine eminent politische Kategorie, an die sich eine Vielzahl von Funktionen heftete: Verpflichtungen, Berechtigungen, Loyalität und Status“ (Sieferle 1997a: 112f.). Aus der Flächenabhängigkeit sowie der latenten energetischen Ineffizienz des Überlandferntransports folgen darüber hinaus die für agrargesellschaftliche Systeme archetypischen sozialräumlichen Strukturmuster, die von Sieferle (1997a: 98ff.) als dezentral, immobil, insular und deswegen nicht verallgemeinerbar charakterisiert werden. Die Tendenz zu kleinräumigen Herrschaftssystemen wird auf die flächengebundene Form der Energieumwandlung („Land“) 64 Sieferle (1997: 87) illustriert die energetischen Grenzen des Überlandtransports an einem anschaulichen Zahlenbeispiel: „Ein Mensch kann am Tag maximal etwa 40 kg Getreide über eine Entfernung von 25 km transportieren, und er konsumiert während dieser Zeit selbst etwa ein Kilogramm Getreide. Wenn man den Rückweg mitzählt und jeweils einen Tag Aufenthalt am Ursprungs- und Zielort einrechnet, so verbraucht er bei einer Entfernung von 50 km 16 %, bei 100 km 25 % der Traglast. Sollte er eine Distanz von 500 km überwinden, könnte er bereits nicht mehr selbst von dem mitgeführten Getreide ernährt werden.“ Aber auch der Überlandtransport von Getreide mit Pferd und Wagen stößt rasch an Grenzen, und zwar selbst dann, wenn geographisch bedingte Reibungswiderstände durch die Anlage von Wegen, Straßen und Brücken verringert werden: „Ein Pferd verzehrt in einer Woche eine Wagenladung Futter, das heißt, der Nettobetrag beim Futtertransport wäre bereits nach einer Woche negativ. Damit werden die energetischen Grenzen des Überlandtransports deutlich, die sich in ökonomischen Kategorien als prohibitiv hohe Kosten geltend machen.“
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zurückgeführt, die als fundamentale Barriere jeder großräumigen Homogenisierung ökonomischer, politischer und kultureller Muster interpretiert wird. Aufgrund der Flächenabhängigkeit des Solarenergiesystems tendieren Agrargesellschaften zur Ausdehnung in der Fläche. Aufgrund der permanenten Knappheit an lokal verfügbaren (energetischen) Ressourcen und der beschränkten Kommunikations- und Transportmittel ist jedoch jede Integration größerer Räume normalerweise nicht möglich bzw. kann nur militärisch-politisch erzwungen und unter Androhung von Gewaltanwendung aufrechterhalten werden. Wenn man von bestimmten Materialen wie Salz und Metalle absieht, dann sind die unterschiedlichen Regionen eines politischen Herrschaftsgebildes weitgehend autark. Insofern charakterisiert Sieferle (1997a: 113) Agrargesellschaften auch als „Archipel von Knappheitsinseln“, deren wirtschaftliche Austauschprozesse – wenn man einmal vom Überseetransport sowie von Luxusartikeln absieht – üblicherweise auf einen vergleichsweise engen Radius beschränkt sind. Diese „Knappheitsinseln“ beschreibt Sieferle (1997a: 164) zugleich als rekursiv abgeschottete „Informationsinseln“, da unter den Bedingungen des Solarenergiesystems weder Materialien noch Informationen in einem nennenswerten Umfang transregional verbreitet werden können. Symptomatisch für diese Insularität ist, dass kulturelle Integration im Sinne eines Regionen übergreifenden Austausches von Sprache und Wissen, Anschauungen und Lebensweisen auf die „Hochkultur“ der klerikalen und herrschaftlichen Eliten bzw. auf bestimmte Orte (Hafen- und Handelsstädte) beschränkt bleibt, während die „Volkskultur“ der bäuerlichen und gewerblichen Unterschichten kleinräumig strukturiert ist und sich mit dem unsteten Fluss von Erzählungen und Gerüchten bescheiden muss, der von Reisenden, Mönchen, Händlern, Soldaten, Handwerksgesellen etc. aufrechterhalten wird.65 Die lokale Lebenswelt ist gegenüber den Einflüssen von außen noch weitgehend abgeschottet, Sozialisationsprozesse an die engen generationsübergreifenden Traditionen und Gewohnheiten gekoppelt, die von Ort zu Ort unterschiedlich sind. Dadurch werden in sich geschlossene und mehr oder weniger voneinander isolierte Kommunikationsgemeinschaften von begrenztem räumlichen Radius begünstigt, die buchstäblich mit Haut und Haaren unhinterfragbare Gruppenzugehörigkeiten ausbilden und die Bildung von Ursprungsmythen generieren, die die lokale Einheit von Kultur und Natur symbolisch zum Ausdruck bringen. Sieferle (1997a: 120) zufolge sind jedoch nicht nur diese kulturellen und symbolischen Musterbildungen von Ort zu Ort höchst unterschiedlich, sondern auch die lokalen Umweltbedingungen wie Bodentypus, Mikroklima, Wasserverfügbarkeit, Bodenschätze sowie die Erreichbarkeit städtischer Märkte oder das Vorhandensein von Transportwegen. Diese „ökologische Gleichräumigkeit“ setzt der „materiellen Realisation des autonomen Kulturprozesses physische Grenzen“ (1997: 120f.). Die lokalen soziokulturellen und materiellen Sonderbedingungen konstituieren völlig unterschiedliche Landschaftstypen („Agri-Kulturlandschaften“), gewissermaßen eine bunte Vielfalt kleiner Welten, deren materielle Lebensumstände ebenso unverwechselbar sind wie deren kulturelle Stilbildungen.66
65 „Die kulturelle Integration der Eliten war gerade wegen des dezentralen Charakters der Agrargesellschaften ein wichtiges Herrschaftsinstrument der Großreiche. Während die Masse der Bevölkerung regional borniert blieb, ihre Mundarten sprach und lokalen Sitten folgte, verfügten die Eliten über einen Bildungskanon, der ihnen eine rasche Verständigung untereinander ermöglichte. Akkadisch in Assyrien, Griechisch im Hellenismus, Latein in großen Teilen des Römischen Reiches, im Europa des Mittelalters und der frühen Neuzeit, Arabisch im islamischen Raum, Sanskrit in Indien, Mandarin in China“ (Sieferle 1997: 115). 66 In Abgrenzung zu romantischen Verklärungen betont Sieferle (1997: 121) ausdrücklich, dass die Buntheit der bäuerlichen Welten sich nur dem vergleichenden Blick von Außen erschließt, während erst aus der Binnenperspektive die „Enge und Borniertheit“ dieser Lebenswelten sichtbar wird.
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Im Verlauf des europäischen Mittelalters beschleunigt sich mit den Neuerungen in der Landwirtschaft (Einführung des Räderpfluges, Dreifelderwirtschaft), des Transportwesens (Kummetgeschirr, Kompass, Kogge) und der Mühlentechnologie (Nockenwelle, Kurbel) die „Kultivierung“ und „Kolonisierung“ weiter Landstriche, wobei das Mönchtum – vor allem die Zisterzienser – den intellektuellen Kristallisationskern von technischen Innovationen bilden (vgl. exemplarisch Bayerl/Borries 1997: 11ff.). Dadurch kann jedoch nicht die Flächenabhängigkeit und Dezentralität des agrarischen Solarenergiesystems durchbrochen werden. Allgemein gilt nach Sieferle, dass die verfügbare Energiemenge auch weiterhin mit einem technischen Wirkungsgrad genutzt wird, der weit unterhalb des thermodynamisch Möglichen liegt. Gleichwohl kann der energetische Wirkungsgrad der Landnutzung durch Innovationen verbessert werden, indem die genutzte Fläche optimiert wird. Dieser Innovationsprozess wird von Sieferle als zäher, zugleich aber auf verbesserte Problembewältigung gerichteter Vorgang beschrieben, ohne dass der stationäre Zustand im energetischen Sinne überwunden werden kann. Die zentrale soziale Konfliktachse ist nach Sieferle damit im agrargesellschaftlichen System um das Problem der Energieknappheit zentriert, welches in der Flächenabhängigkeit des Energiesystems begründet ist. Dieser Konflikt wird als sozialer Konflikt um energetisch nutzbare Flächen beschrieben, der nicht durch gesellschaftliche Wachstumsstrategien entschärft werden kann, da weder die Nutzung der zur Verfügung stehenden Fläche noch die Flächenproduktivität von Biomasse (abnehmender Grenznutzen) beliebig gesteigert werden kann. Ein wachsender Flächenbedarf etwa für Acker- und Weideland kann lediglich auf Kosten von Waldflächen – und damit auf Kosten der Versorgung mit Holz – gedeckt werden. So gesehen ermöglicht zwar das Solarenergiesystem die dauerhafte Reproduktion der materiellen Grundlagen vorindustrieller Agrargesellschaften; die stationäre Obergrenze der nutzbaren Energie kann jedoch nicht aufgrund der Flächenabhängigkeit und Dezentralität des Energiesystems überschritten werden. Diese physischen Grenzen illustriert Sieferle am Beispiel der sogenannten „Energiekrise“ der frühen Neuzeit (vgl. hierzu Radkau 1983; 1986; Grabas 1995), die nicht zwingend auf eine generelle Verknappung von energetischen Ressourcen verweist, sondern auf ihre limitierte lokale Verfügbarkeit. So ist der für vorindustrielle Gesellschaften zentrale Rohstoff Holz – bereits Sombart spricht in Der moderne Kapitalismus (1927: Bd. II, 1138) vom „hölzernen“ Zeitalter – immer nur dann lokal verfügbar, wenn er mit einem energetisch vertretbaren Aufwand beschafft werden kann. Über den Landweg ist die Nutzung von Holz nur über relativ kurze Entfernungen energetisch „rentabel“, also dann, wenn der Energieaufwand des Transports geringer ist als der Ertrag (Transportladung). Hingegen ist auf dem Wasserweg (Floß und Schiff ) die Energiebilanz günstiger. Diese basalen Transportprobleme sind im Rahmen des agrarischen Solarenergiesystems jedoch nicht lösbar. Nur wenn Wasser(Flöße) oder Windkräfte (Segelschiffe) genutzt werden können, besteht auch die Möglichkeit, das Einzugsgebiet eines gewerblichen Standorts oder einer Agglomeration auch zu vergrößern, von dem Energie gewonnen werden kann. Sieferle (1982: 179) diagnostiziert deshalb auch nicht eine vorindustrielle „Energiekrise“ von allgemeinen Ausmaßen, sondern einen „transportbedingte(n) regionale(n) Energiemangel“, der darauf verweist, dass die gesellschaftlich erschließbaren energetischen Potentiale einer regional verfügbaren Fläche ausgereizt sind. Die ökonomische, soziale und technische Entwicklung stößt nach Sieferle an immanente energetische Systemgrenzen, was ihren Ausdruck in der sich verschlechternden Ernährungslage, in der rapiden Zunahme von Infektionskrankheiten, in Hungerkrisen und im Pauperismus findet (vgl. aus historischer Perspektive Abel 1972; 1978; Motanari 1993).
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Die Abkehr von der für das agrarische System charakteristischen direkten und indirekten Nutzung der einstrahlenden Sonnenenergie und der Übergang zum fossilen Energiesystem ist für Sieferle (1982: 60ff.; 1997a: 125ff.) ausdrücklich nicht Ursache, gleichwohl aber eine unverzichtbare energetische Möglichkeitsbedingung für die gesellschaftlichen Transformationen, die in den Sozialwissenschaften als Industrialisierung und Modernisierung beschrieben werden. Trotz zahlreicher Innovationen erweist sich das agrarische Solarenergiesystem aufgrund seines letztlich stationären Charakters als Hemmschuh für weitere ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen. Die energetisch bedingten Grenzen von Entwicklung können nur mithilfe eines anderen Energiesystems überschritten werden, eines Energiesystems, das auf der Erschließung der erdgeschichtlichen Lagerstätten von Sonnenenergie, der fossilen Energiequellen Kohle und später Erdöl und Erdgas basiert. Nicht zuletzt auch aufgrund der hohen Energiedichte von Kohle kann so das nutzbare Energiepotential vervielfacht und die Energieknappheit durch relativen Energieüberfluss ersetzt werden. Hinzu kommt, dass aufgrund technologischer Innovationen bei der Energieumwandlung chemische Energie erstmals in mechanische oder Bewegungsenergie umgewandelt werden kann; die dafür erforderliche technische Schlüsselinnovation ist die Verkokung und Eisenverhüttung durch Kohle sowie die Erfindung der Dampfmaschine, die die Substitution menschlicher und tierischer durch mechanische Arbeitskraft und damit eine signifikante Steigerung der Energie- und Arbeitsproduktivität ermöglicht. Diese technologische Optimierung der Energiewandlung begünstigt schließlich – unabhängig von der Verfügbarkeit von Weideflächen – eine rasche Zunahme von Transportbewegungen. Durch die systematische Nutzung fossiler Energieträger koppelt sich der Energiefluss von der aktuellen biologischen Produktivität ab, mit dem Ergebnis, dass dieser unabhängig von der verfügbaren Fläche beliebig gesteigert werden kann. Mit anderen Worten wird die energetische Flächenabhängigkeit durch die industrielle Nutzung der Kohle für energetische Zwecke überschritten. Auf der anderen Seite wird mit der Mechanisierung und Chemisierung der landwirtschaftlichen Produktion die Abhängigkeit vom fossilen Energiesystem gesteigert. Im Unterschied zur vorindustriellen Landwirtschaft ist die moderne Landwirtschaft durch einen „negativen Erntefaktor“ (Sieferle 1997a: 145) gekennzeichnet, da durch den Einsatz von Brennstoffen, Düngemitteln oder Pestiziden der Energieverbrauch jene Energiemenge deutlich übersteigt, die die in der produzierten Nahrung verfügbar ist. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass die neuen Primärenergieträger nicht mehr gleichmäßig über die Fläche verteilt sind, sondern in konzentrierter Form vorhanden sind. Anfangs vollzieht sich die Akkumulation von Kapital und die Entstehung von industriellen Ballungsräumen deshalb auch um die Zentren der Energievorkommen, später entlang der Standorte von Raffinerien, an Eisenbahnlinien, Pipelines und Fernstromnetzen. Der Transport von Primärenergie wird allerdings von überall möglich und mit der Entwicklung der Stromerzeugung und dem Bau von Stromnetzen wird das Energieversorgungssystem flexibler und der Stromtransport noch beschleunigt. Diese neuen energetischen Transformationsoptionen stellen nach Sieferle eine wichtige Möglichkeitsbedingung für Wirtschaftswachstum und steigenden Energieverbrauch dar. Weitgehend synchron mit den Steigerungsraten des Energieumsatzes gehen auch die des Umsatzes von Metallen wie Aluminium, Blei, Kupfer, Nickel, Zink und Zinn einher. Menschliche Arbeitsenergie wird schließlich durch elektronische Datenverarbeitung, computergestützte Produktion und Kommunikationstechnologien ersetzt. Diese Entwicklungen sowie die zeit-räumliche Entkopplung von Kommunikation sind ohne die Verfügbarkeit konzentrierter Energieträger und effektive Formen der Energieumwandlung nicht möglich gewesen.
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Mit der industriellen Transformation und der Herausbildung moderner Nationalstaaten wird schließlich der partikulare und insulare Charakter der Agri-Kulturlandschaft in einem doppelten Sinne überwunden. Die wechselseitige Abschottung von regionalen Volkskulturen und aristokratisch-kosmopolitischen Elitenkulturen wird durch Angleichungsprozesse aufgebrochen, die Unterschiede nivelliert. Informationsflüsse werden – gestützt durch eine Vielzahl sozialer Innovationen (Schul- und Wehrpflicht, einheitliche Hochsprache, Wahlrecht, Presse) – im nationalen Rahmen erweitert und vor dem Hintergrund eines aufkommenden Nationalismus zu einer homogenen „Nationalkultur“ stilisiert. Neben dieser kulturellen Homogenisierung von Stilpräferenzen und symbolischen Ausdrucksformen im nationalen Rahmen beschreibt Sieferle (1997a: 175ff.) die beschleunigte Mobilisierung von Stoffen und Gütern auch als ästhetische Standardisierung der Dingwelt, angefangen bei der Homogenisierung der landschaftlichen Physiognomie (z. B. Flurbereinigung, Verkehrsinfrastruktur, Siedlungsstrukturen) über die Angleichung der Baustile und Baumaterialien bis hin zur Verwendung identischer Gegenstände und Produkte des täglichen Bedarfs. Die industrielle Transformation der traditionalen, kleinräumig strukturierten Agri-Kulturlandschaft verdichtet sich in einem neuartigen, regionale naturale und soziale Sonderbedingungen nivellierenden Landschaftstypus, den Sieferle auf den Begriff der „totalen Landschaft“ (1997a: 205ff.) bringt. Charakteristisch für diesen Typus ist die räumliche, suburbanisierte Entdifferenzierung in dem Sinne, dass nicht nur die Differenz von Stadt und Land, sondern auch die von „Industriegebiet“ und „Naturraum“ eingeebnet wird. In diesem Zusammenhang betont Sieferle ausdrücklich, dass mit der Durchsetzung von Erdöl als Träger für chemische Energie die bisherigen energetischen Grenzen der Transportkapazitäten überwunden und die Grundlagen für die Massenmotorisierung gelegt werden, die die Verkürzung von Distanzen und die mühelose Überwindung von Räumen ermöglicht. Diese „materielle Homogenisierung“ (vgl. 1997a: 188) der Objektwelt ruft unterschiedliche kulturelle Gegenbewegungen wie den Denkmal- und Heimatschutz hervor, die sich jedoch auf Traditionen beziehen, die, wie zutreffend unterstrichen wird, „selbst Ausdruck komplexer materieller und kultureller Lebensformen waren und nicht ohne weiteres in Kontexte transportiert werden konnten, die nach anderen Prinzipien organisiert waren. Darin wurde ein ähnlich fundamentales Mißverständnis deutlich erkennbar wie in dem Wunsch, ein Naturschutzgebiet als ein ,natürliches Biotop‘ einzurichten“ (1997a: 184). Damit wendet sich Sieferle gegen romantisierende Naturkonzeptionen, die nur zu oft übersehen, dass bestimmte Zustände von Natur, die als schützenswert angesehen werden (Trocken- und Waldwiesen, Heiden und Moore, nichtbewaldete Feuchtgebiete), oftmals das Ergebnis einer bestimmten gesellschaftlichen Nutzungsform (z. B. agrarische Produktionsweise) sind und zu anderen Zeiten deshalb auch nur mittels permanenter Eingriffe („Naturschutz“-Arbeit) erhalten oder wieder hergestellt werden können. An dieser Stelle muss darauf verzichtet werden, den von Sieferle vorgeschlagenen umwelthistorischen Zugang zur Interaktionsproblematik von sozialen und naturalen System genauer darzulegen. Vor dem Hintergrund der in dieser Arbeit verfolgten Fragestellung ist gleichwohl zu problematisieren, inwieweit die soziale Seite des Interaktionsverhältnisses von Umwelt und Gesellschaft in angemessener Weise berücksichtigt worden ist. Weiter oben ist darauf verwiesen worden, dass Sieferle auf das Erklärungsmodell der Thermodynamik zurückgreift, um den energetischen Rahmen abmessen zu können, innerhalb dessen gesellschaftliche Entwicklungsprozesse überhaupt nur möglich erscheinen. Damit kritisiert Sieferle die aus seiner Sicht überzogenen Vorstellungen von einer schrankenlosen Modellierbarkeit der materiellen Wirklichkeit, um zugleich jedoch in Abgrenzung zu rein ökologistischen Konzepten den gesell-
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schaftlichen Handlungsraum nicht nur restriktiv, sondern auch als Ermöglichung neuer sozialer Muster beschreiben zu können. Hierbei wird auf den Begriff der „kulturellen Evolution“ zurückgegriffen (Sieferle 1997b), um die autopoietischen und emergenten Potentiale der kulturellen Entwicklung (Traditionsbildung, Innovationsgenese, soziale Objektivationen, kulturelle Variablität und „Hybridisierung“ etc.) in den Blick nehmen zu können. Für Sieferle ist die kulturelle Evolution lediglich auf ein „bestimmtes adaptives Minimum“ (1997b: 42) angewiesen; jenseits dessen kann die Stabilisierung oder Destabilisierung kultureller Muster nur noch aus der Binnenperspektive des Sozialen erklärt werden. Folgerichtig wendet er sich auch explizit gegen humanökologische Ansätze, da, so wie etwa bei Boyden (1987; 1992), die Differenz zwischen kultureller und biologischer Evolution allein schon deswegen begrifflich nicht präzise gefasst werden kann, weil kulturelle Evolution auf der Ebene des Individuums, seiner organischen Ausstattung und seiner biologisch programmierten Fähigkeiten, eine „abstract culture“ hervorzubringen, erklärt wird („human aptitude for culture“). Mit dem Hinweis auf die soziale Selbstorganisation gesellschaftlicher Prozesse wendet er sich zudem gegen die Vorstellung eines allzu strikten Umweltdeterminismus, da ansonsten übersehen wird, dass, wie weiter oben am Beispiel des vormodernen Solarenergiesystems aufgezeigt, auch innerhalb ein und desselben Energiesystems stets unterschiedliche gesellschaftliche Ordnungsmuster und Wirtschaftsformen möglich sind, wie das weite Spektrum der agrarischen Hochkulturen zwischen China und Europa, Ägypten und dem Aztekenreich verdeutlicht. Deswegen sei es auch unzulässig, die Entstehung des modernen Kapitalismus mit der Transformation des agrarischen Energiesystems und der Hinwendung zur fossilen Nutzung nichtregenerativer Energieträger (Kohle) erklären zu wollen. Insofern folgt auch Sieferle der in den Sozialwissenschaften verbreiteten Auffassung, dass die Dynamik des Kapitalismus historisch älter ist als die Industrielle Revolution und das moderne Industriesystem. Schließlich grenzt sich Sieferle auch davon ab, aus immanenten Krisentendenzen eines Energiesystems historisch-gesellschaftliche Dynamiken oder sogar Zwangsläufigkeiten ableiten zu können. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass soziale Verhaltensmuster nicht durch ein Energiesystem determiniert werden, obgleich sich die Rahmenbedingungen und Spielräume für gesellschaftliche Prozesse verändern, wenn ein bestehendes Energiesystem durch ein anderes Energiesystem abgelöst wird. Für Sieferle steht beispielsweise außer Frage, die räumlichen Mobilitätsbarrieren vormoderner Gesellschaften auf die besonderen energetischen Bedingungen des agrarischen Solarenergiesystems zurückführen zu können. In Abgrenzung gegenüber einfachen umweltadaptionistischen Ansätzen werden allerdings „weite Räume für das freie Spiel der kulturellen Musterbildung“ (1997: 121) angenommen, da ansonsten die große Vielfalt denkbarer sozialer Optionen und kultureller Verhaltensmodi bei sonst vergleichbaren lokalen Umweltbedingungen nicht erklärt werden kann: „Manches scheint beliebig, vieles grotesk, einiges gar abwegig. Ob man etwa die Toten verbrennt oder in der Erde bestattet, mag auf Knappheit von Boden oder von Holz zurückgeführt werden. Wie will man aber adaptiv erklären, daß etwa die Hindu-Kultur auf Feuerbestattung selbst unter Umständen insistiert, in denen Holz geradezu unerschwinglich teuer ist, so daß etwa die Leichen halbverbrannt in die Flüsse geworfen werden? Solche Fälle legen den Schluß nahe, daß die Kultur offenbar ein Eigenleben führt, dem von der natürlichen Umwelt relativ weite und elastische Grenzen gesetzt sind.“ Sieferle schließt damit an das sozialwissenschaftliche Grundaxiom an, dass Gesellschaften die Fähigkeit zur kulturellen Selbstorganisation besitzen, die nicht im Sinne einer gelingenden Anpassungsleistung zur Bewältigung von Umweltanforderungen interpretiert werden
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kann. Vielmehr kann das Gegenteil einer unzureichenden Resonanz von Umweltproblemen innerhalb des kulturellen Systems keineswegs ausgeschlossen werden. Solange sich die kulturelle Selbstorganisation im „freien“ Raum der Kommunikation bewegt, sind ihrer Musterbildung keinerlei physische Grenzen gesetzt. Anders verhält es sich, wenn mit sozialen Musterbildungen (Massenkonsum, Lebensstile, Mobilitätspraktiken usw.) tiefgreifende materielle Folgen (Ressourcenbedarf, Energieumsatz) verbunden sind. Wie Sieferle am Beispiel des Übergangs vom agrarischen zum fossilen Energiesystem andeutet, ist allerdings prinzipiell möglich, dass physische Entwicklungsgrenzen (energetische Flächenkapazität) durch gesellschaftliche und technologische Innovationen (Nutzung fossiler Energieträger) überschritten werden können. An ihre Stelle treten gleichwohl wiederum neue physische Entwicklungsgrenzen (Verfügbarkeit fossiler Energieträger) hervor, die nach Sieferle immer dann eine gesellschaftliche Entwicklungsgrenze markieren, wenn bestehende Musterbildungen (Industrialisierung, Modernisierung) lediglich linear fortgeschrieben werden. Vor diesem Hintergrund besteht für ihn der konstruktivistische Fehlschluss darin, wenn von der Konstruiertheit der sozialen Wirklichkeit auf die prinzipielle Konstruierbarkeit von Natur geschlossen wird. Zum einen stößt die kulturelle Selbstorganisation immer dann an physische Grenzen, wenn es nicht oder nur unzureichend gelingt, technische und physische Kompetenzen aufzubauen, die es erlauben, diese Schranken zu überwinden. Zum anderen ist zwar in Rechnung zu stellen, dass ein spezifischer Naturzustand das Produkt zweckgerichteter Handlungen sein kann. Aber Naturzustände sind in ihrer Gesamtheit „von niemanden gewollt“ (1997a: 220), was von Sieferle weniger unter Hinweis auf die Komplexitäts- und Ungewissheitsproblematik ökologischer Systeme begründet wird, sondern mit Blick auf die Vielzahl unterschiedlichster Handlungen, die auf ein und denselben Naturzustand einwirken. Am Beispiel moderner suburbanisierter Siedlungsräume illustriert er, dass die Vorstellung einer vorausschauenden, planenden Gestaltung eines Umweltzustands allein schon deswegen abwegig ist, da die auf einen spezifischen Umweltkontext einwirkenden Handlungen bzw. Handlungsmuster allesamt unterschiedlichen Rationalitätsmaßstäben folgen und konkurrierenden sozialen Zwecken (Produktion, Distribution, Konsumtion, Erholung usw.) dienen. Auffallend ist, dass zwar die Selbstorganisation binnengesellschaftlicher Prozesse programmatisch eingefordert wird, ohne allerdings diese Prozesse genauer in den Blick zu nehmen. So verzichtet Sieferle darauf, einen sozialtheoretischen Zugang zur Analyse konkreter sozialer Prozesse, Akteure, Akteurskonstellationen oder Konflikte im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Umweltproblematik zu erschließen. Auf „systemtheoretische“ Begrifflichkeiten wird nur zurückgegriffen, um sich von allzu engen adaptionistischen Modellen des Sozialen abzugrenzen. Erst recht verzichtet Sieferle auf handlungs- oder konflikttheoretische Ansätze, um die sozialen Restriktionen und Möglichkeitsbedingungen eines „nachhaltigen“ Energiesystems genauer abschätzen zu können. Diese unzureichende Beschreibung der Sozialdimension des Interaktionsverhältnisses von Umwelt und Gesellschaft tritt offen zutage, wenn Sieferle auf die bekannte sozialphilosophische Denkfigur der traditionellen Technokratiekritik zurückgreift und eine evolutionäre Eigendynamik des „industriellen Systems“ unterstellt, die, obgleich das Resultat gesellschaftlicher Aktivitäten, sich von Willens- und Entscheidungsprozessen handelnder Akteure abgekoppelt habe, weswegen sich auch dieser Prozess mit der „gleichen Gewalt eines Naturprozesses“ (1997: 183) vollziehe. In „Rückblick auf die Natur“ bemerkt er zum Problem der zeitlich nicht exakt fixierbaren, aber letztlich doch absehbaren Erschöpfung fossiler Energieträger, dass das aktuelle Energiesystem nicht auf dem erreichten Energieumwandlungsniveau dauerhaft stabilisiert werden könne und es deshalb zur „Flucht nach vorn“ genötigt sei, zu ei-
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ner „nicht abbrechenden Spirale von Erschöpfung, Substitution und Innovation“ (1997: 147). Völlig unklar bleibt jedoch, wie diese „Flucht nach vorn“ sozialwissenschaftlich auszudeuten ist, welche sozialen Faktoren die erfolgreiche Diffusion von Substitutions- und Innovationsstrategien im Umgang mit energetischen Ressourcen begünstigen oder blockieren; oder allgemeiner: an welche sozialen Rahmenbedingungen der Übergang zu einem anderen, nicht-fossilen Energiesystem gebunden ist. Lediglich werden einige aus der neueren Umweltdebatte bekannte Leitbilder wie „Entschleunigung“ des Energieumsatzes oder Entkopplung der Informationsflüsse von ihren stofflichen Trägern („Dematerialisierung“) bemüht, um die als für notwendig erachtete Entwicklungsrichtung anzudeuten. Ansonsten beschränkt sich Sieferle auf eine ökologisch gewendete Kritik der Moderne, die zuweilen an Argumentationsfiguren erinnert, die für die ältere deutsche konservative Kultur- und Technokratiekritik in der Tradition Hans Freyers (1958) kennzeichnend gewesen sind. In allzu groben Strichen wird die Moderne als instabile „Transformationsperiode“ (vgl. 1997a: 206 u. 214) charakterisiert, da keine Ordnungs- und Differenzierungsmuster ausgemacht werden könnten, die sowohl materiell bzw. energetisch als auch symbolisch eine dauerhafte gesellschaftliche Reproduktion ermöglichen. Die schiere Dynamik des gesellschaftlichen Wandels wird hierbei als einzig verbleibendes Strukturprinzip beschrieben und mit der Nichtfixiertheit moderner Institutionen auf letzte Wahrheits- oder Richtigkeitsansprüche in Verbindung gebracht: „Es gibt (...) nichts festes mehr, sondern alles ist flüchtig, vorläufig, abstrakt und bewegt sich unbekannten Horizonten entgegen. Nichts kann in diesem dynamischen Gefüge mehr Sicherheit verleihen. Es gibt keine Rückzugspositionen, keine stabilen Orte, in denen man sich den Zugriffen durch die Systeme entziehen könnte“ (1997: 200). Die Kritik an den als übermächtig beschriebenen „Systemzwängen“ und der Ausbreitung „sekundärer Verbindlichkeiten“, die als formal eindeutig, aber normativ unbestimmt beschrieben werden, endet bei Sieferle mit der fast schon resignativen Bemerkung, dass eine „Rückkehr zum kulturellen Muster der agrarischen Zivilisationen ausgeschlossen werden kann, selbst wenn es sich als erforderlich erweisen sollte, wieder auf das energetische Niveau eines (nun technisch kontrollierten) Solarenergiesystems zurückzukehren“ (1997a: 223). Die eingangs formulierte programmatische Aussage, dass die kulturelle Evolution lediglich auf ein adaptives Minimum angewiesen ist und ansonsten Variationen, Selektionen, Traditionen und Innovationen im kulturellen System nur immanent erklärt werden können, mündet somit schließlich in die These ein, dass Umwelt-Gesellschaft-Interaktionen auf der Seite des Sozialen nur als selbstlaufende, gänzlich unsteuerbare evolutionäre Prozesse verstanden werden können, deren Dynamik in Analogie zu natürlichen Systemen als „naturwüchsig“ beschrieben wird.
3.3 Gesellschaftlicher Metabolismus und Kolonisierung – Marina Fischer-Kowalski Mit den Beiträgen der Wiener Arbeitsgruppe Soziale Ökologie um Marina Fischer-Kowalski (Fischer-Kowalski 1997; Fischer-Kowalski et al. 1997; Fischer-Kowalski/Weisz 1998) ist ein koevolutionärer Ansatz (vgl. hierzu Durham 1991; Metzner 1993; Beckenbach/Diefenbacher 1994; Hinterberger 1994; Norgaard 1997; Müller/Leupelt 1998; Spangenberg 1998) vorgelegt worden. Dieser Ansatz zielt darauf ab, sowohl Selbstorganisationsprozesse als auch die wechselseitigen Bedingungszusammenhänge von natürlichen und sozialen Systemen modelltheoretisch erfassen zu können, um hierauf aufbauend sodann gesellschaftliche Umwelt- und
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Nachhaltigkeitsprobleme interdisziplinär zu analysieren. Ausgangspunkt für Fischer-Kowalski et al. ist die in der umweltsoziologischen Debatte anzutreffende Kritik des Gesellschaftsbegriffs der klassischen Sozialwissenschaften. Wie bereits in Kapitel III der vorliegenden Arbeit herausgearbeitet werden konnte, ist insbesondere der Soziologie vorgehalten worden, Gesellschaft, Ökonomie und Kultur allein aus sich selbst heraus zu beschreiben; mit der Konsequenz, dass der Umweltbegriff auf den Status einer Residualkategorie reduziert wird. Durchaus in diesem Sinne bemängeln auch Fischer-Kowalski et al., dass Umwelt in den Sozialwissenschaften seit Durkheim und Weber nur als undifferenzierter Außenraum der Gesellschaft wahrgenommen wird, weswegen auch Wechselwirkungen oder Interpenetrationszonen zwischen der gesellschaftlichen Sphäre und ihrer biophysikalischen Umwelt weder eingehender theoretisch problematisiert noch empirisch untersucht worden sind (vgl. hierzu die kritischen Ausführungen in Kap. IV.2). Gegenüber der soziologischen Tradition versuchen Fischer-Kowalski et al. einen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, der insbesondere zweierlei leisten soll: einerseits die Analyse sozialer Phänomene, die sich zu sozialen Systemen mit autopoietischen Eigenschaften verdichten und sich deshalb auch nicht im Sinne des biologischen Adaptionismus gegenüber der Umwelt und ihren Veränderungen rein reaktiv verhalten, sondern eine emergente Ordnungsebene ausbilden, deren Eigenschaften nicht aus dem außersozialen Substrat des materiellen oder energetischen Umfelds erklärt werden können; und andererseits die Beschreibung von stofflich-energetischen Interaktionen oder Wirkungszusammenhängen zwischen dem gesellschaftlichen System und seiner biophysikalischen Umwelt. Fischer-Kowalski et al. erwarten, dass auf der Basis eines Gesellschaftsbegriffs, der diese beiden Kriterien erfüllt, das „Zusammenwirken“ von sozialen Phänomen und materiellen Prozessen beschrieben werden kann, ohne den Vereinseitigungen des kulturalistischen und naturalistischen Paradigmas folgen zu müssen. Mit Sieferle wird darauf verwiesen, dass kulturelle Evolution nicht adaptiv zur biologischen Evolution, sondern nur im Sinne „autopoietischer Autonomie“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 154) konzeptionalisiert werden kann, um überhaupt die erhebliche historische Variationsbreite sozialer Musterbildungen erklären zu können. Der Wiener Arbeitskreis wendet sich gleichwohl dagegen, soziale Systeme ausschließlich als rekursive Kommunikationen zu fassen, also etwa im engen Luhmann’schen Sinne als selbstreferentielles System von einander anschließenden Kommunikationen zu interpretieren (vgl. Kap. IV.2.3). So plädieren Fischer-Kowalski et al. dafür, einen Begriff von Gesellschaft zu entwickeln, der es erlaubt, sowohl immaterielle als auch materielle Elemente zu fassen.67 Konsequenterweise wird in einem allgemeinen Sinne Gesellschaft als „Ensemble eines kulturellen Systems und der von ihm privilegierten materiellen Elemente“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 169) definiert. Folgt man dieser Begriffsbestimmung von Gesellschaft, dann besteht das zentrale theoretische Problem in der Beantwortung der Frage, welche materiellen Elemente vom kulturellen System „privilegiert“ werden und deshalb dem System Gesellschaft zuzuordnen sind bzw. wodurch sie sich von jenen Elementen der materiellen Wirklichkeit unterscheiden, die, weil sie eben nicht in einer „privilegierten“ Beziehung zum Gesellschaftssystem stehen, ausschließlich dem naturalen Wirkungszusammenhang zuzurechnen sind. Nach Fischer-Kowalski et al. (1997: 62) sind materielle Elemente oder Prozesse immer dann dem System Gesellschaft zuzuordnen, wenn sie durch „planvolle
67 Vgl. demgegenüber Sieferle (1997b: 50), der darauf insistiert, dass beispielsweise die „materielle Kultur“ nur in ihren symbolischen Komponenten dem kulturellen System zugeordnet werden kann, nicht jedoch ihre dinglich-materielle Struktur selbst (z. B. Artefakte).
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menschliche Tätigkeit (,Arbeit‘) reproduziert“ werden68: Neben der menschlichen Population selbst werden hierunter Artefakte wie Bauten, Maschinen und Gebrauchsgüter aller Art sowie tierische und teilweise pflanzliche Organismen genannt, die zu Ernährungs- oder sonstigen gesellschaftlichen Zwecken gezüchtet werden. Die Überlegungen von Fischer-Kowalski et al. gehen also davon aus, dass ein gegebenes gesellschaftliches System zu bestimmten Elementen der materiellen Welt besonders intensive Beziehungen unterhält, während zu anderen Elementen kaum oder überhaupt keine „Interaktionen“ aufgebaut werden. In dieser Perspektive kann sich das System Gesellschaft nur dann reproduzieren, wenn es in der Lage ist, relevante Parameter der naturalen Umwelt zu beeinflussen und „kulturelle Verfügungsgewalt“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 168) über bestimmte Aspekte der materiellen Umwelt zu erlangen. Das Problem, inwieweit es tatsächlich gelingen kann, durch gesellschaftliche Praktiken Verfügungsgewalt im eigentlichen Sinne erfolgreich herzustellen oder ob man lediglich von der Absicht oder Erwartung ausgehen sollte, Teile der materiellen Welt zu modifizieren – und zwar im Sinne ihrer Nutzbarmachung für gesellschaftliche Zwecke, kann an dieser Stelle nicht eingehender erörtert werden. Festzuhalten ist jedoch Folgendes: Anthropogene Eingriffe in vorgegebene Umweltbedingungen werden als Bedingung der Möglichkeit der Systemerhaltung und Systementwicklung von Gesellschaften unterschiedlichen Typs angesehen: angefangen bei der Modifizierung tierischer und pflanzlicher Organismen (Tier- und Pflanzenzüchtung) über die Veränderung ganzer Biotope (Land- und Forstwirtschaft, Städtebau und Siedlungsstruktur) bis hin zur Ausbeutung von abiotischen Rohstoffen zu Zwecken ihrer planvollen Nutzung für ökonomische oder sonstige Versorgungsansprüche. Form und Intensität dieser Eingriffe können als Ergebnisse der operativen Leistungen von Kultur und Gesellschaft – und damit als historisch wandelbar – begriffen werden. Um diese Eingriffe genauer analysieren und damit die Frage nach den Interpenetrationszonen von Umwelt und Gesellschaft im Sinne des oben formulierten Anspruchs einer doppelten Zurückweisung kulturalistischer und naturalistischer Reduktionismen beantworten zu können, werden die Begriffe „gesellschaftlicher Metabolismus“ (a) und „Kolonisierung von Natur“ (b) in systematischer Absicht eingeführt. Was ist hierunter zu verstehen? (a) Mit dem Begriff Metabolismus werden in den Naturwissenschaften biochemische Prozesse der Energie- und Stoffumwandlung beschrieben, die die biologische Reproduktion eines pflanzlichen, tierischen oder menschlichen Organismus überhaupt erst ermöglichen. Ayres (1989) und Ayres/Simonis (1993; 1994) sehen in den Stoffwechselprozessen biologischer Organismen und wirtschaftlicher Aktivitäten menschlicher Gesellschaften eine gewisse Analogie. Um die strukturellen Besonderheiten der Stoffwechselprozesse industrieller Systeme analysieren zu können, haben sie das Konzept des „Industrial Metabolism“ entwickelt, welches die Gesamtheit aller physisch-chemischen Vorgänge innerhalb eines industriellen Systems bezeichnen soll, die Stoffe und Energie durch Arbeit und Technologie zu Endprodukten und Abfallstoffen verwandeln. An dieses Konzept schließt die Wiener Arbeitsgruppe an und überträgt es vom Wirtschaftssystem als einem gesellschaftlichen Subsystem auf das Gesellschaftssystem in toto. Dementsprechend definieren Fischer-Kowalski/Weisz (1998: 155) den Begriff des „ge68 Fischer-Kowalski et al. (1997: 62f., Fn. 3) erwägen auch die Möglichkeit, die Zuordnung materieller Elemente zur gesellschaftlichen Sphäre nicht an den Arbeitsbegriff, sondern an den Eigentumsbegriff zu binden. In diesem Falle würden allerdings alle Objekte von Eigentumsrechten zur Gesellschaft „gehören“, selbst beispielsweise auch solche, die im weitesten Sinne unbearbeitet oder ungenutzt bleiben (z. B. sog. Freiflächen). Um die Definition der Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Sphäre allerdings nicht ausufern zu lassen, wird diese Möglichkeit rasch wieder verworfen.
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sellschaftlichen Metabolismus“ als umfassende „gesellschaftliche Reproduktion in ihrer materiell-energetischen Dimension“. Der Begriff „gesellschaftlicher Metabolismus“ rekurriert darauf, dass soziale Systeme nur reproduktionsfähig sind, wenn sie gegenüber ihrer Systemumwelt offen sind und Material- und Energieflüsse mit der naturalen Umwelt unterhalten. D. h., Gesellschaftssysteme greifen auf biotische und abiotische Ressourcen und energetische Potentiale der Umwelt zurück: Beispielsweise werden in industriellen Gesellschaften Stoffe selektiv aus der Umwelt extrahiert, in ihre Bestandteile zerlegt, synthetisiert und miteinander kombiniert, um einen neuen physischen Zustand mit bestimmten Stoffeigenschaften zu schaffen, der zu Produkten verarbeitet wird, welche schließlich solange konsumiert werden, bis sie vernutzt sind und als Abfall „beseitigt“, d. h. in die Geo-Öko-Sphäre abgeführt werden. Gesellschaftssysteme können somit durch ihren spezifischen Stoffwechsel bzw. Metabolismus charakterisiert werden, der ebenso wie die sozialen Strukturen und Organisationsformen dem historischen Wandel unterworfen ist. Drei Metabolismustypen unterscheiden Fischer-Kowalski/Weisz (1998: 155ff.), die die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstadien der Gesellschaft-Umwelt-Interaktionen in allgemeiner Hinsicht abbilden. Den ersten Typus bezeichnen sie als „basalen Metabolismus“, der für die Subsistenzweise von paläolithischen Jäger- und Sammlergesellschaften charakteristisch ist. Basal ist der Stoffwechsel in einem doppeltem Sinne: quantitativ betrachtet umfasst er kaum mehr als die Summe des Bedarfs an Biomasse, die für die physische Reproduktion der Mitglieder dieser Gesellschaften notwendig ist; und in qualitativer Hinsicht werden die auf einem bestimmten Territorium anzutreffenden Ressourcenangebote lediglich abgeschöpft (Jagen, Sammeln, Fischen). Darüber hinausgehende Strategien der Ressourcenkontrolle, die die zentralen Parameter des naturalen Angebots aktiv zu beeinflussen suchen, um die Nahrungsgrundlage zu verbreitern, sind hingegen in diesen Gesellschaften weithin unbekannt. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, diverse kulturelle Regelsysteme (z. B. Infantizid an neugeborenen Mädchen, Mußepräferenz) als Strategien zur Nutzungsbeschränkung von knappen naturalen Ressourcen zu interpretieren (vgl. Sahlins 1972; Harris 1991; Groh 1988), die gerade verhindern sollen, dass das vorhandene Nahrungsangebot überausgebeutet (Überjagung) wird. Da der basale Metabolismus fast ausschließlich auf der Nutzung vorgefundener, nachwachsender Biomasse beruht und die „maximal mögliche Menschendichte an die natürliche Nahrungsversorgung angepaßt sein muß“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 157), gibt es in Sammler- und Jägergesellschaften auch keine Abfallprobleme im modernen Sinne des Wortes. Den zweiten Typus kennzeichnen Fischer-Kowalski/Weisz als historische Übergangsform. Während die Nutzung der verfügbaren Energieträger (Holz) durchaus noch Ähnlichkeiten mit den Praktiken des basalen Metabolismus aufweist, nähert sich jedoch die Art und Weise, wie Stoffe bzw. Materialien für gesellschaftliche Zwecke benutzt und verarbeitet werden, dem dritten Typus, dem „erweiterten Metabolismus“, an: Der gesellschaftliche Stoffwechsel beschränkt sich nicht auf Wasser, Luft, Biomasse und Stein, sondern umfasst in zunehmendem Maße Metalle wie Bronze, Eisen, Gold und Silber, auch wenn diese quantitativ zunächst noch zu vernachlässigen sind. Der zweite Metabolismustypus kennzeichnet Agrargesellschaften, die dazu übergegangen sind, die Reproduktion z. B. ihrer Nahrungsmittel selbständig zu organisieren und aktiv zu kontrollieren, indem sie systematisch Ackerbau, Viehzucht und Vorratswirtschaft betreiben. Aufgrund der neuen landwirtschaftlichen Praktiken steigt der Bedarf an materialintensiven Artefakten und Infrastruktur (Werkzeuge, Transportgeräte, Gebäude, Befestigungen etc.) und damit der gesellschaftliche Stoffwechsel an. Der dritte Typus schließlich ist dadurch charakterisiert, dass nicht-erneuerbare Rohstoffdepots wie fossile Energieträger, Mineralien
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und Metalle im großen Stil ausgebeutet und vernutzte Materialien als Abfälle in die Umweltmedien eingebracht werden. Im Gegensatz zum Materialstoffwechsel erfolgt in energetischer Hinsicht der Übergang zum erweiterten Metabolismus erst durch die systematische Nutzung der Steinkohle als Energieträger, also historisch betrachtet in der Zeit der Industrialisierung.69 (b) Das Konzept des „gesellschaftlichen Metabolismus“ richtet den Fokus nicht einseitig auf die Schadstoffproblematik, wie dies in der Umweltforschung und -debatte lange Zeit der Fall war, sondern auf die Gesamtheit der Stoffströme, die für gesellschaftliche Zwecke umgeleitet werden. Das Metabolismuskonzept berücksichtigt in gleichem Maße Material- und Energieverbräuche (Input-Seite) und Emissionen, Abfälle, dissipative Verluste bzw. andere Einträge in die Umweltmedien (Output-Seite). Auch können Stoffe, die zunächst nicht verbraucht werden, sondern den materiellen Bestand einer Gesellschaft mehren (Gebrauchsgegenstände, Gebäude, Anlagen, Maschinen, Infrastruktur), ebenso erfasst werden wie zeit-räumliche Im- und Exporte von Stoffen zwischen verschiedenen Nationalstaaten respektive Weltregionen. Dadurch können umweltpolitisch relevante Informationen über die Ressourcenverfügbarkeit, über sektorale oder nationale Stoffnutzungsprofile (Materialbilanzen) und über ungleiche Stoffnutzungen zwischen nationalen Gesellschaftssystemen auf unterschiedlichen Aggregationsniveaus zusammengetragen werden. Schließlich können Aussagen bezüglich der Aufnahme und des Abbaus von Schadstoffen in ökologischen Systemen sowie über die räumliche Verlagerung von Umweltbelastungen formuliert werden. Aufgrund dieser und anderer Vorzüge, die an dieser Stelle vernachlässigt werden müssen, ist der Stoffstromansatz ein unverzichtbarer Baustein zur Analyse von Mensch-Umwelt-Beziehungen. Zugleich ist es jedoch für die Wiener Arbeitsgruppe nicht ausreichend, den gesellschaftlichen Umweltbezug als schlichtes InputOutput-System von Stoffströmen zu konzeptionalisieren. In den metabolischen Modellen kann, so hebt Fischer-Kowalski (in Fischer-Kowalski et al. 1997: 23) hervor, das System Gesellschaft nämlich nur als „eine Art gefräßigen Organismus“ dargestellt werden, „der seine Umgebung plündert und Ausscheidungen hinterläßt.“ So führen Fischer-Kowalski et al. den Kolonisierungsbegriff ein, um über die Analyse von ausschließlich quantitativen Input- und Outputgrößen hinauszugehen. Unter Kolonisierung wird kein stofflicher Prozess im engeren Sinne verstanden, sondern eine „Organisationsleistung“ (1997: IX) des kulturellen Systems, die darauf abzielt, „bestimmte Naturprozesse operativ (zu) steuern“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 171). Von einer erfolgreichen Organisationsleistung kann in diesem Zusammenhang immer dann gesprochen werden, wenn ein dynamisches ökologisches System durch Arbeitsleistungen von einem gegebenen in einen erwünschten Zustand überführt wird. Entscheidend ist hierbei, dass der Kolonisierungsbegriff nur für Eingriffe in den naturalen Kontext verwendet wird, die sozial intendiert sind, also einen – wie auch immer – gesellschaftlich definierten Zweck verfolgen, nicht aber für unbeabsichtigte Veränderungen der natürlichen Selektionsbedingungen oder für Nebenfolgen von Kolonisierungen wie z. B. Umweltschäden (vgl. Fischer-Kowalski et al. 1997: 141; Fischer-Kowalski/Weisz 69 Fischer-Kowalski et al. (1997: 30) haben den Versuch unternommen, die drei Metabolismustypen annäherungsweise zu quantifizieren: Der Energieinput (in Klammern Angaben zum Materialinput in Tonnen) des basalen Metabolismus wird auf einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 10 bis 20 Gigajoule (GJ) Biomasse (1 t Biomasse) beziffert. Zum Vergleich: Der Metabolismus von Agrargesellschaften hat einen Energieinput von 65 GJ, davon 50 GJ Futter und 12 GJ Holz (4 t Biomasse, darunter 2,7 t Futter und 0,8 t Holz), der erweiterte Metabolismus von Industriegesellschaften einen Energieinput von 233 GJ, darunter 125 GJ fossile Energie, 42 GJ landwirtschaftliche Biomasse und 33 GJ Holz (21,5 t, darunter 3,1 t landwirtschaftliche Biomasse, 3,3 t Holz, 9 t Schotter, Sand etc.). Bei den Zahlenangaben handelt es sich um grobe Schätzungen. Die Angaben zu Industriegesellschaften beruhen auf Daten aus Österreich um 1990.
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1998: 160f.). Genauer betrachtet besteht das strategische Ziel von Kolonisierungsarbeit darin, einige Parameter eines ökologischen Systems zu verändern, um beispielsweise den ökonomischen Ertrag der gesellschaftlichen Umweltnutzung zu steigern. Beispielsweise werden von einem unbeeinflussten Naturzustand in der Regel nur einige wenige Nahrungsmittel bereitgestellt. Die Landwirtschaft als archetypische Kolonisierungspraxis zielt deswegen darauf ab, die natürliche Produktivitätsrate von Organismen für Nahrungszwecke zu verbessern bzw. die Erträge an verwertbarer Biomasse pro Flächeneinheit zu steigern. Im Einzelnen betrachtet können kolonisierende Eingriffe in grundlegende systemökologische Abläufe wie folgt klassifiziert werden: Entweder wird der Energiefluss (Aneignung von Nettoprimärproduktion), der Wasserhaushalt (Be- und Entwässerung) oder der Chemismus (Eintrag von Nährstoffen und Pestiziden) eines Ökosystems verändert, um einen Ertrag zu realisieren, den es von selbst nicht bereitstellen könnte.70 Vor diesem Hintergrund ist Kolonisierung als soziale Praxis zu verstehen, die nicht auf schiere Ausbeutung abzielt, sondern auf dauerhafte Nutzung und Nutzungssteigerung biologischer Ressourcen durch Optimierung bzw. Manipulierung der natürlichen Wachstumsbedingungen. Der Erfolg von Kolonisierungsarbeit stellt sich jedoch nicht von selbst ein, sondern muss permanent gesichert werden, da kolonisierte Ökosysteme als wesentlich fragiler als nicht-kolonisierte Systeme anzusehen sind. Der Aufwand an Arbeit, Energie und Stoffen ist kontinuierlich fortzuführen und gegebenenfalls zu steigern, um den erwünschten kolonisierten Zustand dauerhaft zu erhalten. Auch hier bietet sich das Beispiel der Landwirtschaft an, um diesen Zusammenhang zu illustrieren: Kulturpflanzen werden gegenüber Fraßkonkurrenten und Parasiten geschützt; die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Ackerbodens werden durch geeignete Maßnahmen gesichert oder verbessert (Pflügen, Entund Bewässern, Düngung, Fruchtwechsel, Brache); der Zuchterfolg bei Nutzpflanzen und -tieren ist durch Verwilderung gefährdet, weshalb sie einzuhegen und gegenüber der Umwelt zu isolieren sind. Die Stabilisierung der durch Kolonisierung entstandenen Agrarökosysteme ist keine einfache Aufgabe, da Ökosysteme prinzipiell über die Fähigkeit zur Selbstorganisation verfügen und diese nicht einfach durch gesellschaftliche Eingriffe steuerbar und in eine bestimmte Richtung zu lenken sind. Schon allein aufgrund des Komplexitätsniveaus von Ökosystemen und der Nichtlinearität ihrer Entwicklungsdynamiken ist das verfügbare Kolonisierungswissen immer „unvollständig“. Aus diesen Gründen ist für Fischer-Kowalski et al. auch die Möglichkeit einer „totalen“ Kolonisierung abwegig. Da nur einige wenige natürliche Parameter änderbar sind und ansonsten die Reproduktionsfähigkeit der ökosystemaren Selbstorganisation überlassen bleibt, ist Kolonisierung zwangsläufig mit unhintergehbaren Risiken verbunden; und zwar etwa in dem Sinne, dass der erwünschte Ertrag von einem kolonisierten Ökosystem auf Dauer nicht mehr erbracht wird. Hierauf reagieren moderne Gesellschaften typischerweise 70 Unter dem Kolonisierungsbegriff können insbesondere auch selektive Eingriffe in die natürliche Evolution subsumiert werden. Hierunter fallen alle traditionellen Züchtungstechniken von Pflanzen und Tieren, aber auch moderne bio- und gentechnologische Verfahren. Mit der Entwicklung zellbiologischer (In-Vitro-Fertilisation, künstliche Besamung, Embryotransfer usw.) und gentechnischer Methoden wird die biologische Eindringtiefe von Kolonisierungstechniken erheblich vergrößert. Der Kolonisierungsbegriff erschöpft sich gleichwohl nicht darin, Eingriffe in biogeochemische Kreisläufe zum Zwecke der Produktion land- oder fortwirtschaftlich verwertbarer Biomasse zu beschreiben. Vielmehr sollen auch Kolonisierungspraktiken erfasst werden, die darauf abzielen, das gesellschaftliche System gegenüber natürlichen Variabilitäten abzuschirmen (z. B. wasserbauliche Maßnahmen wie Dämme und Deichanlagen), genau definierte, konstante Umweltbedingungen herzustellen (z. B. Verkehrswegebau) oder energetische Potentiale zu nutzen (Bau von Stauseen zur Energiegewinnung). Zur naturwissenschaftlich orientierten Systematisierung des Kolonisierungsbegriffs vgl. im Einzelnen Fischer-Kowalski et al. (1997: 129ff.).
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mit weiteren kolonisierenden Praktiken: So sind hochgezüchtete Nutztiere in besonderer Weise krankheitsanfällig und bekommen deshalb Antibiotika verabreicht; Kulturpflanzen werden mit Pestiziden und Herbiziden behandelt, um das Risiko von Ernteausfällen zu minimieren; erhebliche Nährstoffmengen werden auf Ackerböden ausgebracht, um den Ertrag zu steigern. Diese Kolonisierungstechniken können weitere Folgeprobleme verursachen, z. B. gesundheitliche Belastungen infolge von Rückständen in Nahrungsmitteln, Rückgang der Biodiversität durch agroindustrielle Monokulturen oder Eutrophierung der Oberflächengewässer durch eine übermäßige Verwendung von Stickstoffdünger. Die nichtintendierten Folgen kolonisierender Eingriffe erzwingen somit fortlaufend neue Problemlösungen, um die natürliche Reproduktionsfähigkeit kolonisierter Organismen bzw. Ökosysteme zu erhalten. In diesem Zusammenhang problematisieren Fischer-Kowalski/Weisz (1998: 163), dass mit dem überproportionalen Anwachsen der notwendigen Aufwendungen an Forschung und Entwicklung, Arbeit und Ausbildung, Zeit und Geld zugleich die „Grenzen gesellschaftlicher Organisationsfähigkeit“ erreicht werden können. Wenn die spezifischen Risiken halbwegs zuverlässig abgestimmt werden sollen, dann müsste der Organisationsaufwand ausgewählter Kolonisierungsstrategien in den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen monetär quantifiziert und in Beziehung zum effektiven Gesamtnutzen gesetzt werden. Da aber erhebliche methodische Probleme bei der Operationalisierbarkeit von Kolonisierungsnutzen und -kosten bestehen, wie übrigens auch Fischer-Kowalski/Weisz (1998: 165) einräumen, kann – ökonomisch gesprochen – weder die „Kolonisierungseffizienz“ zuverlässig bestimmt noch der jeweilige Grenznutzen genauer ermittelt werden. Zweifelsohne leistet der Metabolismusansatz einen wichtigen Beitrag zur Beschreibung von Umwelt-Gesellschaft-Interaktionen, da der intra- oder interregionale Durchsatz von Stoffen erfasst (Stoffstromanalyse), ihre produktive Verwendung bewertet (Material-Intensitäts-Analyse) und auf dieser Basis der Versuch unternommen werden kann, „natürliche Leitplanken“ von Stoffmanagement und Ressourcennutzung zu bestimmen (Schmidt-Bleek 1994; Bringezu 1995; Hinterberger et al. 1995). Allerdings handelt es sich hierbei um eine ausschließlich mengenmäßige Betrachtung stofflicher Austauschprozesse zwischen sozialen und naturalen Systemen, die erst mit der Einführung des Kolonisierungskonzeptes um eine qualitative Perspektive erweitert werden kann. Wie gezeigt können nämlich mit dem Kolonisierungskonzept sozial intendierte Veränderungen von Organismen (Pflanzen- und Tierzucht) und ökologischen Systemen (Landwirtschaft, Flächenumnutzungen) erfasst werden. Wenn man nun nach der Bedeutung sowohl des Metabolismus- als auch des Kolonisierungkonzepts für die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Fragestellung nach der sozialen Konstitution von Umwelt fragt, dann liegen die Vorzüge des Kolonisierungskonzepts allerdings nicht hierin begründet. Gegenüber dem naturwissenschaftlich bzw. stoffökonomisch ausgerichteten Metabolismuskonzept ist vielmehr entscheidend, dass mit dem Kolonisierungskonzept jene gesellschaftlichen „Organisationsleistungen“ in den Blick geraten, die es überhaupt erst ermöglichen, die natürlichen Reproduktionsbedingungen von pflanzlichen und tierischen Organismen bzw. Ökosystemen für gesellschaftliche Zwecke zu verändern. Auch sensibilisiert der Kolonisierungsbegriff dafür, dass die für gesellschaftliche Zwecke nutzbare Nettoprimärproduktion ökologischer Systeme durch neuartige Kolonisierungsstrategien entweder vergrößert (z. B. Züchtung ertragreicherer Sorten) oder verringert (z. B. Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit durch Übernutzung) werden kann. Aus soziologischer Perspektive kann dann die Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, dass die Tragekapazität ökologischer Systeme nicht statisch, sondern dynamisch zu konzeptionalisieren ist; und zwar nicht nur im Hinblick auf natürliche Veränderungen, sondern auch in
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Relation zur sozialen Fähigkeit eines gesellschaftlichen Systems, durch Kolonisierungspraktiken „kulturelle Verfügungsgewalt“ über naturale Ressourcen zu erlangen.71 Gemäß ihres Selbstverständnisses unternimmt die Wiener Arbeitsgruppe den Versuch, eine interdisziplinäre Forschungsperspektive zu eröffnen, die nicht nur naturwissenschaftliche Erkenntnisse über ökosystemare Wirkungen und Evolutionsprozesse, energetische Mengenflüsse und biochemische Stoffabläufe berücksichtigen, sondern auch die Integration sozialwissenschaftlicher Problemstellungen ermöglichen soll. Mit dem Kolonisierungsbegriff soll vor allem die Vorstellung zurückgewiesen werden, das Soziale könne auf symbolische Kommunikation reduziert werden, um sodann die Aufmerksamkeit auf den Grad der gesellschaftlichen Bedingtheit von Naturzuständen selbst lenken zu können. Im Weiteren werden unterschiedliche Kolonisierungsintensitäten voneinander unterschieden, um die Frage beantworten zu können, in welchem Umfang naturale Prozesse innerhalb eines kolonisierten Systems kulturell gesteuert werden (Regelungsdichte, Eindringtiefe). Es fragt sich allerdings, ob dieser Anspruch, sozialwissenschaftliche Problemstellungen integrieren zu können, überzeugend eingelöst werden kann. Es drängt sich nämlich der Eindruck auf, dass beispielsweise die soziologischen Erträge des Kolonisierungskonzeptes einstweilen noch ungewiss bleiben. So wird der Zusammenhang von Kolonisierung und gesellschaftlicher Modernisierung zwar angerissen, aber kaum hinreichend theoretisch reflektiert und empirisch erforscht. Auch bleibt weitgehend ungeklärt, wie der Prozess der kulturellen Steuerung kolonisierter Systeme im Einzelnen beschrieben werden kann. Fischer-Kowalski et al. (1997: 26) heben ausdrücklich hervor, dass sich Veränderungen der Produktions- und Lebensweise als qualitative und quantitative Sprünge in den Kolonisierungsstrategien (sowie im gesellschaftlichen Metabolismus) bemerkbar machen. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht wird auch betont, dass Kolonisierung nicht nur mit Arbeitsverausgabung verbunden ist, sondern auch „mit technologischem Wissen, mit gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen über Verfügungsrechte, zunehmend auch mit Entscheidungsprozessen über den Einsatz von Kolonisierungstechniken und nicht zuletzt mit Geld“ (Fischer-Kowalski/ Weisz 1998: 163). Unklar bleibt allerdings, in welcher Beziehung unterschiedliche Kolonisierungspraktiken zu gesellschaftlichen Organisationsformen stehen. Aus einer soziologischen Perspektive wäre deswegen auch genauer zu problematisieren: Was sind die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Möglichkeitsbedingungen und Implikationen von unterschiedlichen Kolonisierungspraktiken? Hieran schließen sich eine Reihe weiterer Fragen an: Welche gesellschaftlichen Handlungsressourcen müssen überhaupt verfügbar sein, um bestimmte Kolonisierungen anregen, praktizieren und auf etwaige nichtintendierte Kolonisierungsfolgen erfolgreich reagieren zu können? Welche gesellschaftlichen Ressourcen werden in welchem Umfang durch Kolonisierung und Kolonisierungsfolgen gebunden und inwiefern wird dadurch Richtung und Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Modernisierung beeinflusst? Welche Rolle spielen hierbei soziale Verfügungsrechte über ökologische Ressourcen? Inwiefern kann ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Metatrends (Globalisierung, Suburbanisierung, Individualisierung etc.) und Kolonisierung aufgezeigt werden? In welche Kolonisierungsrichtung wirkt der in hochindustrialisierten Gesellschaften zu beobachtende soziale Wandel? Welche sozialen Organisationsformen und kulturellen Muster begünstigen 71 Fischer-Kowalski (1997c: 206) vermutet allerdings, dass „viele“ Kolonisierungsstrategien nur kurz- und mittelfristig die durchschnittliche carrying capacity eines gegebenen Raumes erhöhen können, während langfristig eher eine drastische Herabsetzung zu erwarten sei. Vgl. hierzu auch die Überlegungen in Kap. II der vorliegenden Arbeit.
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„nachhaltige“ Kolonisierungspraktiken und welche wirken eher blockierend? Grundsätzlicher gefragt: Bietet der Kolonisierungsbegriff überhaupt die Möglichkeit, soziale Konflikte um konkurrierende Nutzungsansprüche an Umweltqualitäten beschreiben zu können? Kann der Kolonisierungsbegriff für die Analyse des sozial ungleichen Zugangs zu naturalen Ressourcen nutzbar gemacht werden? Und schließlich wäre zu fragen, ob der Prozess der sozialen Erfindung und Implementierung neuartiger Kolonisierungspraktiken (z. B. Gentechnologie) durch das politisch-administrative System steuerbar bzw. im Sinne eines demokratisch legitimierten Entscheidungsverfahrens kontrollierbar ist? Zwar finden sich bei Fischer-Kowalski et al. einige Hinweise zu den sozialen Möglichkeitsbedingungen und Erfolgsfaktoren von Kolonisierung, die sich allerdings universalhistorisch auf die Epoche des Übergangs zu agrargesellschaftlichen Systemen beziehen: „Die vielfältigen Kolonisierungsleistungen zu erbringen, setzt auf Seiten der Gesellschaft eine Reihe von Organisationsleistungen voraus. Die jeweiligen kulturellen Ausprägungen können höchst unterschiedlich sein, dennoch lassen sich wesentliche Strukturmerkmale von Gesellschaften mit dem Übergang zur Kolonisierung begründen: Seßhaftigkeit, Arbeit, Vorausschau, Planung, Innovation sind unmittelbare Erfordernisse agrarischer Lebensweise. Der Stellenwert von Arbeit und technologischer Innovation ändert sich radikal. Denn wenn die Reproduktionsbedingungen biologischer Ressourcen nicht Gegenstand gesellschaftlicher Regulation sind, kann vermehrter Arbeitseinsatz sowie technologische Innovation nur die Ausbeutung beschleunigen. Unter Kolonisierungsbedingungen kann jedoch tatsächlich der Ertrag erhöht werden. Die Bevölkerungsdichten, die Agrargesellschaften erreichen, werden durch die höhere Flächenproduktivität ermöglicht und durch die gesellschaftliche Bedeutung von Kindern als Arbeitskräften auch kulturell prämiert. Eine ganz neue Bedeutung gewinnen auch Verfügungsrechte über Natur. Dauerhafter Arbeitseinsatz leistet nur der, der Grund zur Annahme hat, auch den Ertrag lukrieren zu können“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 161). Die Frage jedoch, welche sozialen Strukturmuster oder Systemdifferenzierungen vorhanden sein müssen, damit Kolonisierungspraktiken über das in Agrargesellschaften bekannte Maß hinaus intensiviert, rationalisiert und neue erfunden werden können, bleibt nicht zuletzt deswegen weithin unthematisiert, da weiterführende Ansätze der soziologischen Theorie ausgeklammert bleiben. Dies kann kaum verwundern, da der Ansatz der Wiener Arbeitsgruppe letztlich doch die Intention verfolgt, nicht die soziale, sondern die materielle Seite des gesellschaftlichen Stoffwechsels zum zentralen Bezugspunkt sozialer Theorien machen zu wollen (vgl. explizit Fischer-Kowalski/Weisz 1997: 156). Deswegen wird auch in Abgrenzung zur soziologischen Tradition von Durkheim und Weber der Versuch unternommen, bestimmte materielle Elemente oder Prozesse nicht nur als materielle Ausgangsbedingungen oder als Resultate des Sozialen zu fassen, sondern diese selbst als Elemente bzw. Bestandteile der sozialen Sphäre unmittelbar zuzuordnen. Hierbei bleibt allerdings unklar, warum eine derartige Zuordnung überhaupt sinnvoll ist und welche Vorteile darin bestehen, wenn in Abgrenzung zur soziologischen Tradition Gesellschaft als „kulturell-materieller Zwitter“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1997: 167) beschrieben wird, also als System oder Wirkungszusammenhang, der sich sowohl aus materiellen als auch aus nicht-materiellen Elementen oder Prozessen zusammen setzt: Unbestritten ist, dass ein gesellschaftliches System nur dann reproduktionsfähig ist, wenn materielle Austauschprozesse mit der Umwelt unterhalten und bestimmte natürliche Parameter beeinflusst werden. In Abgrenzung zu adaptionistischen Ansätzen werden diese Austauschprozesse zurecht als limitierende „Minimalbedingung“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 162) sozialer Systeme angesehen und zugleich betont, dass die Reproduktionsfähigkeit gesellschaftlicher Systeme nur dann gesichert werden kann,
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wenn die Differenz System-Umwelt aufrechtzuerhalten wird. Ganz in der soziologischen Tradition stehend wird das Soziale bei Fischer-Kowalski et al. sodann als operative Leistung der Kultur beschrieben. Unstrittig ist auch, wenn bestimmte materielle Elemente oder Prozesse als kulturelle Leistungen beschrieben werden. Problematisch ist allerdings, Elemente oder Prozesse der materiellen Wirklichkeit der gesellschaftlichen Sphäre zuzuordnen, selbst wenn einschränkend betont wird, dass diese Zuordnung nur vorgenommen werden kann, wenn diese Elemente oder Prozesse durch planmäßige Arbeitsleistungen und Organisationsanstrengungen sozialer Akteure „besonders intensiv“ (Fischer-Kowalski/Weisz 1998: 171) kolonisiert werden. Mit anderen Worten fungiert der Grad der kulturellen Steuerung als zentrales Differenzierungsmerkmal, um materielle Elemente oder Prozesse der Gesellschaft oder ihrer Umwelt zuzuordnen. Folgerichtig werden auch „Kolonien“ hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen „Durchdringung“ unterschieden und entweder der Gesellschaft oder der Natur zugeordnet. Am Beispiel von Nutztieren und Nutzpflanzen wird schließlich zu begründen versucht, dass nur ein ganz bestimmter Typus von Kolonie als „Subsystem der Gesellschaft“ (KG) anzusehen ist, der wiederum vom Typus der Kolonie als „Subsystem der Natur“ (KN) (Fischer-Kowalski 1997: 135ff.) unterschieden wird. Nutztiere wie Vieh und Haustiere werden hierbei dem ersten Typus zugerechnet, da ihre Reproduktion Fischer-Kowalski et al. zufolge viel unmittelbarer von der Erbringung menschlicher Arbeitsleistungen abhängig ist als die Reproduktion von Nutzpflanzen. Hingegen werden Nutzpflanzen dem zweiten Typus zugeordnet, da ihre Reproduktion „in viel höherem Maße Naturverhältnissen überlassen ist“ (Fischer-Kowalski et al. 1997: 65). Wie Fischer-Kowalski et al. selbst einräumen, ist diese Zuordnungsstrategie mit einigen grundlegenden Schwierigkeiten verbunden, da die Grenzbestimmung von Umwelt und Gesellschaft im Allgemeinen sowie die zwischen Gesellschaft und Kolonie im Besonderen unscharf bleiben muss.72 So weisen sie am Beispiel einer Reihe von Grenzfällen darauf hin, dass es im Einzelfall kaum möglich ist, zu entscheiden, in welchem Umfang etwa ein und derselbe materielle Komplex durch naturale Prozesse und in welchem Umfang durch gesellschaftliche Arbeit gesteuert wird: „Die Grenze (...) ist zugegebenermaßen fließend. Ob aufgeschütterter Schotter etwa als Drainage dienen soll und durch Arbeit erhalten wird, oder ob er bloß ,weggeworfenes‘ Bodenmaterial darstellt, das aus einer für ein Bauwerk gegrabenen Grube gehoben wurde, ist schwer eindeutig zu entscheiden (zum Beispiel wird es zuerst einfach hingeschüttet, und dann erweist sich, daß es genutzt werden kann). (...) Auch bei den tierischen und pflanzlichen Organismen ist die Unterscheidung fließend. Während Milchkühe zum Beispiel eindeutig zur Gesellschaft zu rechnen sind, stellen die Forellen, die in einem Bach ausgesetzt und regelmäßig gefüttert werden, ebenso einen Grenzfall dar wie das Rotwild, das mittels Winterfütterung über die Runden gebracht wird. Auch bei Pflanzen ist der Übergang zwischen ,einfach irgendwo wachsen‘ und ,gepflegt werden‘ fließend. Die Unterscheidung ist desto unschärfer, je weniger das Objekt den Charakter eines Wirtschaftsgutes annimmt“ (Fischer-Kowalski et al. 1997: 63). Noch gravierender als diese begrifflichen Definitions- und Abgrenzungsprobleme fällt allerdings ins Gewicht, dass die Wiener Arbeitsgruppe in dem Bemühen, einen einheitlichen, na72 An dieser Stelle ist auf eine weitere begriffliche Unklarheit hinzuweisen. Wie gesehen werden materielle Elemente dem sozialen System insofern zugeordnet als sie durch planmäßige Arbeits- und Organisationsleistungen dauerhaft reproduzierbar sind. Hierzu ergänzend deuten Fischer-Kowalski/Weisz (1998: 171) an, dass die Zugehörigkeit materieller Elemente zu sozialen Systemen auch von kulturellen Zuschreibungsprozessen abhängt bzw. davon, ob eine bestimmte Zuschreibungsregel gesellschaftliche Anerkennung findet. Sie belassen es allerdings bei wenigen Andeutungen und verzichten auf eine eingehende Problematisierung.
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tur- und sozialwissenschaftliche Fragestellungen übergreifenden methodologischen Bezugsrahmen zur Analyse von Umwelt-Gesellschaft-Interaktionen herzustellen, auf einen soziologisch eindeutig ausgewiesenen Begriff von Gesellschaft verzichtet. Die soziale Seite des Interaktionsverhältnisses bleibt deswegen auch eigentümlich blass. Dies hat damit zu tun, dass letztlich doch kein soziologisch-relationales, sondern ein materiell-substantialistisches Verständnis von Gesellschaft vorherrscht. Gesellschaft erscheint dann als dinglich-stofflicher Behälter, der durch einen „gesellschaftlichen“ Stoffwechsel gekennzeichnet ist und sowohl „innergesellschaftliche“ Stofftransfers als auch Input- und Outputströme von der bzw. zur kolonisierten und nicht-kolonisierten Umwelt einschließt.
3.4 Kritische Theorie der „Gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ Auch das am Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) entwickelte Konzept „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ (vgl. Wehling 1989; Jahn 1990; Scharping/Görg 1994; Becker 1996; Jahn/Wehling 1998, Jörg 1998) beansprucht für sich, Interaktionen zwischen gesellschaftlichen und ökologischen Systemen in einem nicht-reduktionistischen, integrativen Sinne zu beschreiben. Die theoretisch-konzeptionellen Bemühungen zielen vor allem darauf ab, einen Zugang zu komplexen „sozial-ökologischen Krisenphänomenen“ zu finden und diese vor dem Hintergrund gesellschaftstheoretischer Fragestellungen zu analysieren. Hierbei wird explizit auf die These der zweckgerichteten „äußeren Naturbeherrschung“ der älteren Kritischen Theorie Bezug genommen (vgl. Horkheimer/Adorno 1985; Habermas 1985b: 130ff.; Honneth 1986: 43ff.). Ganz in dieser Theorietradition stehend, wird das technischinstrumentelle Verfügbarmachen der Natur kritisiert und deren „Nichtidentität“ mit gesellschaftlichen Zwecksetzungen betont (vgl. etwa Görg 1998: 62).73 Diese Herangehensweise wird mit dem Anspruch verknüpft, die übliche Abgrenzung von Natur und Gesellschaft zu überwinden, um die dynamischen Verflechtungen von gesellschaftlichen Handlungsmustern, technischen Problemlösungsstrategien und ökologischen Wirkungsketten interdisziplinär analysieren und gesellschaftlich bearbeitbar zu machen. Hierbei wird vor allem der gesellschaftliche Charakter von Umweltproblemen hervorgehoben, weswegen auch konsequenterweise eine gesellschaftstheoretische Reflexion der Umweltproblematik eingefordert wird. Die Unterscheidung zwischen einer materiellen und einer symbolisch-kulturellen Dimension des „gesellschaftlichen Naturverhältnisses“ bildet einen expliziten Ausgangspunkt dieser Konzeption. Während die materielle Dimension stofflich-energetische Ereignisse, Prozesse und Reaktionen in den Blick nimmt (z. B. Eintrag von FCKW-Stoffen in die Umwelt, Schädigung der anthroposphärischen Ozonschicht), rekurriert die symbolisch-kulturelle Dimension auf den klassischen Untersuchungsgegenstand der Soziologie, d. h. auf die soziale Welt und ihren Sinn- und Handlungsstrukturen (z. B. gesellschaftliche Wahrnehmung des „Ozonlochs“, „Klimaschutz“-Politik). In diesem Zusammenhang heben Jahn/Wehling ausdrücklich hervor, dass die Unterscheidung zwischen der materiellen und symbolischen Dimension nur im analytischen Sinne möglich ist, da in aller Regel sowohl materiellen Dingen oder Ereignissen symbolische Bedeutungen zugeschrieben werden als auch symbolische Deutungen in ma73 Eine wichtige Differenz zur klassischen Kritischen Theorie besteht allerdings darin, dass der Naturbegriff keineswegs holistisch konzeptionalisiert wird, sondern an die von den Naturwissenschaften vorgenommene Dekonstruktion von „Natur“ im Sinne einer relationalen Beschreibung von Prozessen und Elementen auf unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Skalen anschließt.
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terielle Prozesse und Praktiken eingebunden sind. Zudem kann für sie die Unterscheidung materiell/symbolisch weder mit der Differenz von Gesellschaft und Natur noch mit der Gegenüberstellung von Realität und sozialer Konstruktion gleichgesetzt werden: „Denn materielle Prozesse (Industrieproduktion, Verkehr etc.) lassen sich auch in der Gesellschaft beobachten, ebenso wie symbolische Phänomene (etwa Wahrnehmung und Kommunikation von Tieren) in der Natur existieren. Beide Pole, Natur und Gesellschaft, sind auf unterschiedliche Weise materiell und symbolisch strukturiert“ (Jahn/Wehling 1998: 84f.). Demzufolge werden „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ sowohl in einer materiellen Dimension (Stoffwechsel) als auch in der symbolischen Dimension reguliert; und zwar beispielsweise in dem Sinne, dass technische Verfahren der Industrieproduktion entwickelt und angewendet werden (materielle Dimension des Naturverhältnisses), die wiederum von (wissenschaftlichen und anderen kulturellen) Deutungen, Erklärungen und Konstruktionen von Natur abhängen (symbolische Dimension des Naturverhältnisses). Wie bereits angedeutet, sind nach Jahn/Wehling (1998: 86) beide Regulationsdimensionen des „Naturverhältnisses“ lediglich analytisch voneinander unterscheidbar, da sie sich wechselseitig beeinflussen: „Die materielle Regulierung von Naturverhältnissen wird immer stärker abhängig von wissenschaftlichen Modellierungen oder technischen Leitbildern, die aber ihrerseits keine rein normativen Ideen darstellen, sondern auch geprägt werden von den Möglichkeiten der technisch-wissenschaftlichen Naturgestaltung, die einer Gesellschaft (oder einzelnen gesellschaftlichen Gruppen) zur Verfügung stehen. So kann etwa die Idee eines Ökosystemmanagements oder globalen Umweltmanagements sich erst dann gesellschaftlich etablieren, wenn eine leistungsfähige Computertechnologie vorhanden ist.“ Damit zielt das Konzept der „Gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ vor allem darauf ab, materielle und symbolische Dimensionen in ihrem Zusammenhang zu untersuchen, um beispielsweise problematisieren zu können, inwieweit materielle Handlungsstrategien durch symbolische Problemdeutungen und kulturelle Erwartungsmuster präformiert, stabilisiert oder in Frage gestellt werden. Insofern versteht sich der Ansatz „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ auch als konzeptionelle Alternative zu der in der Umweltsoziologie verbreiteten Entgegensetzung von konstruktivistischen und realistischen Ansätzen (vgl. hierzu Kap. III). Vom Konstruktivismus werden wichtige Einsichten in Prozesse und Strategien der kommunikativen Konstruktion von Umweltproblemen übernommen, um nicht zuletzt die Bedeutung wissenschaftlicher, politisch-medialer oder kultureller Klassifikationen herausstreichen zu können. Und mit dem Realismus wird die Absenz der Umweltthematik in der Soziologie kritisiert, um die Relevanz der ökologischen Dimension für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse in Erinnerung zu rufen. Die Schwächen sowohl von konstruktivistischen als auch von realistischen Ansätzen in der Umweltsoziologie werden allerdings in der jeweils einseitigen Sichtweise gesehen, die eine Analyse der wechselseitigen Zusammenhänge zwischen materiellen und symbolischen Wirklichkeitsdimensionen nicht erlauben. Genauer betrachtet sind mit dem Konzept „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ vier Grundannahmen verbunden. Erstens werden Natur und Gesellschaft als die „aufeinander bezogenen gegensätzlichen Pole einer Differenz“ (Jahn/Wehling 1998: 83) interpretiert, die zweitens gerade auch in ihrer Unterschiedlichkeit nicht als separierbare, homogene Entitäten außerhalb eines Vermittlungsverhältnisses existieren, sondern prozesshaft miteinander verkoppelt und dynamisch vernetzt sind: „Natur kann nicht ,an sich‘, d. h. unabhängig von den jeweiligen Formen ihrer gesellschaftlichen Bearbeitung, Wahrnehmung und Symbolisierung erfahren oder erkannt werden. Sie kann daher auch nicht als (vermeintlich) externer Maßstab oder als Vorbild für gesellschaftliches Handeln begriffen werden. Doch ebenso wenig stellt Ge-
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sellschaft einen Substanzbegriff für eine von Natur unabhängige und getrennte Entität dar; sie konstituiert sich vielmehr selbst in einem Prozeß und als ein Prozeß, worin naturaler und soziale Handlungselemente miteinander verknüpft und zugleich als solche ,erzeugt‘ werden“ (Jahn/Wehling 1998: 82). Die „Verknüpfung“ der materiellen und symbolischen Dimension wird folgendermaßen beschrieben: „In verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, von unterschiedlichen Akteuren und auf unterschiedlichen Handlungsniveaus werden naturale Elemente – sei es geplant oder als nicht-intendierte Nebenfolge – in soziale Prozesse und Zusammenhänge eingebunden. Dabei kann es sich um ganze Landschaften handeln, die für wirtschaftliche Zwecke umgestaltet werden, um einzelne Stoffe und chemische Verbindungen oder auch um subatomare Elemente und Teilchen“ (Jahn/Wehling 1998: 83f.). Sodann wird drittens darauf insistiert, dass sowohl die Differenz als auch der „Zusammenhang“ bzw. das Verhältnis der materiellen und symbolischen Dimension von Gesellschaft zueinander nur historisch bestimmt werden kann. Aus der These der historischen Konstitution der Differenz und des Zusammenhangs dieser Dimensionen folgt schließlich viertens, dass unterschiedliche „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ nicht nur in unterschiedlichen gesellschaftlichen Epochen oder Systemen, sondern auch in ein und demselben Gesellschaftstypus identifiziert werden können. Mit der These von der „Pluralisierung gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ (Jahn/Wehling 1998: 84) soll die Vorstellung zurückgewiesen werden, dass Gesellschaften nur durch ein spezifisches Naturverhältnis gekennzeichnet sind. Gleichwohl gehen aber auch Jahn/Wehling (1998: 84) davon aus, dass „bestimmte Formen des materialen Umgangs mit Natur oder bestimmte kulturelle Deutungen von Natur gesellschaftlich hegemonial werden können.“ Wesentlich ist, dass sich das Konzept „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ nicht auf die ohnehin schon höchst ambitionierte Absicht konzentriert, den „Zusammenhang“ materieller und symbolischer Wirklichkeitsdimensionen theoretisch-konzeptionell zu beschreiben. Die Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Gesellschaft werden zugleich mit dem zeitdiagnostischen Anspruch verbunden, gesellschaftliche Entwicklungstrends und Problemlagen im Umgang mit Natur zu identifizieren. Diese gesellschaftskritischen Überlegungen haben sich vor allem in der These von der „Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ verdichtet, die bereits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ausformuliert worden ist. Als krisenhaft werden in einem umfassenderen Sinne die ökonomischen, politischen, soziokulturellen und wissenschaftlich-technischen Formen beschrieben, in denen Gegenwartsgesellschaften ihren Umgang mit der natürlichen Umwelt gestalten. Die natürlichen Grundlagen und Voraussetzungen der Produktions- und Lebensweise dieser Gesellschaften werden als gefährdet angesehen – und damit auch die Reproduktion, Stabilität und Entwicklungspotentiale.74 Von einer sozial-ökologischen Krisendynamik oder von einer „Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ wird immer dann gesprochen, wenn gesellschaftliche Handlungsmuster und natürliche Wirkungsketten sich zu wechselseitigen Gemengelagen aufschaukeln, die nicht-intendierte und unvorhersehbare Nebenfolgen auslösen und gerade deswegen kaum steuerbar oder kontrollierbar erscheinen. Die Nichtbewältigung von Umweltproblemen und ihr „Umschlagen“ in unkontrollierbare, katastrophische Entwicklungen bis hin zur gesellschaftlichen Selbstgefährdung wird als Möglichkeit keineswegs a priori ausgeschlossen. Diese Krisendiagnostik wendet sich damit sowohl gegen naturwissenschaftlich verengte, technikzentrierte Positionen als auch gegen optimistische modernisierungstheoretische Ansätze unterschiedlicher Provenienz, die moderne Ge74 In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass zuweilen von „Industriegesellschaften“ oder „kapitalistischen Industriegesellschaften“ die Rede ist, ohne dass bei der Beschreibung möglicher „Ursachen“ der sozial-ökologischen „Krise“ der Status dieser beiden Gesellschaftsbegriffe als auch ihr Verhältnis zueinander genauer geklärt wird.
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sellschaften mit einer Reihe von Umweltproblemen konfrontiert sehen, die prinzipiell technisch oder politisch gelöst werden können oder denen es zumindest gelingt, mit ihren ökologischen Problemen zurechtzukommen. Diese knapp skizzierte sozial-ökologische Zeitdiagnose wird schließlich mit dem Anspruch verknüpft, neue Entwicklungsperspektiven und Handlungsoptionen abzumessen, die – wenn nicht zur Überwindung, so dann doch zur produktiven Bearbeitung – der beschriebenen „Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ beitragen können. Konsequenterweise rückt deswegen auch die Frage der Regulation und Transformation gegenwärtiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse in den Mittelpunkt. Der hierbei verwendete Regulierungsbegriff ist durch die französische Regulierungstheorie von Aglietta (1997; 2000) und Lipietz (1987; 1998) beeinflusst, ohne diesen jedoch für die Analyse ökonomischer Strukturmuster und Produktionsverhältnisse reservieren zu wollen. Genauer betrachtet wird der Regulationsbegriff verwendet, um institutionelle Muster, Akteurskonstellationen, Handlungszwänge, Machtpotentiale, Konfliktlinien usw. beschreiben zu können, die den gesellschaftlichen Umgang mit Naturressourcen strukturieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Überlegung, dass „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ keineswegs immer intentional regulierbar sind, sondern oftmals – gerade auch im Hinblick auf ökologische Auswirkungen und deren Rückkopplungen auf soziale Handlungsbedingungen – das nicht-intendierte Resultat sozialer Praktiken sind, mit denen ganz andere materielle oder ideelle Interessen verfolgt worden sind. Das Konzept „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ zielt letztlich auf die Revision einer ganzen Reihe soziologischer Standardbegriffe wie „Entwicklung“, „Modernisierung“ oder „Evolution“, „weil und soweit diese orientiert waren und sind allein an der Entfaltung endogener Potentiale von Gesellschaften. Statt dessen wäre gesellschaftliche ,Entwicklung‘ in einem erweiterten Sinne zu verstehen als Transformation gesellschaftlicher Naturverhältnisse, als Herausbildung neuer Formen der Verknüpfung sozialer und natürlicher Ressourcen und neuer Muster der Regulierung der damit angestoßenen Dynamik“ (Jahn/Wehling 1998: 89). Wie bereits weiter oben angedeutet, ist mit dem Regulationsbegriff gleichwohl noch keinesfalls die Frage vorentschieden, ob und inwieweit es tatsächlich gelingt, die gesellschaftlichen Naturverhältnisse erfolgreich, d. h. in einem nichtselbstdestruktiven Sinne zu regulieren. Mit der anvisierten Integration der materiellen und symbolischen Dimension „gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ wird die höchst ambitionierte Erwartung verbunden, eine querschnittsorientierte Forschungsperspektive eröffnen zu können, die insbesondere gegenüber herkömmlichen fachdisziplinären Beschränkungen geeignet ist, die moderne Umweltproblematik in einem umfassenderen Sinne zu analysieren und natürliche Elemente und Ressourcen ebenso in den Blick genommen werden wie technologische Systeme, soziale Akteure, politische Institutionen, kulturelle Deutungsmuster, wissenschaftliche Aussagesysteme usw. Mehr noch: Dem Konzept wird in inter- und transdisziplinären Zusammenhängen sogar eine forschungsleitende Funktion im Sinne gemeinsamer, disziplinenübergreifender Problemdefinitionen zugeschrieben, um neue Forschungskooperationen zur Bearbeitung allgemein-theoretischer wie auch anwendungsbezogener Fragestellungen anzustiften.75 Zwar wird das Konzept 75 Die analytische und empirische Fruchtbarkeit des Konzepts „Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ wird von Jahn/ Wehling (1998: 90ff.) am Beispiel der Mobilitätsproblematik demonstriert. Bei der Suche nach geeigneten Strategien zur Eindämmung der negativen Umwelteffekte des räumlichen Mobilitätsverhaltens werde entweder der Stellenwert technologischer Lösungsstrategien (z. B. End-of-pipe) oder die Bedeutung des „Umweltbewusstseins“ (z. B. moralische Appelle) überschätzt. In Abgrenzung zu derartigen Verengungen der technikzentrierten Mobilitätsforschung und der normativ überfrachteten sozialwissenschaftlichen Einstellungsforschung eröffne das Konzept der „Gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ eine erweiterte analytische Perspektive, die es erlaube, Mobilitäts-
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„Gesellschaftliche Naturverhältnisse“ ausdrücklich in die Tradition der kritischen Gesellschaftstheorie gestellt. Gleichwohl wird eine methodologische und konzeptionelle Öffnung der Soziologie angestrebt, um einen interdisziplinären Zugang zur Natur-Gesellschaft-Problematik zu erschließen. Es versteht sich von selbst, dass eine problemorientierte interdisziplinäre Umweltforschung nicht auf einem soziologischen Paradigma gründen kann. Es fragt sich allerdings, welche sozialwissenschaftlich relevanten Erkenntnisse zu erwarten sind, wenn ein theoretisch-konzeptioneller Rahmen entworfen werden soll, der die „Einheit“ eines umfassenden Zusammenhangs von Natur und Gesellschaft „trotz Differenz“ (Görg 1999: 191) unterstellt. Letztlich bleibt unklar, welche methodologischen und forschungsstrategischen Konsequenzen mit dieser Einheitschiffre verbunden sind. Aus einer soziologischen Perspektive kann jedenfalls nicht hinreichend plausibel gemacht werden, warum eine „einheitliche“ Forschungsperspektive die soziale Seite der Umweltproblematik besser in den Blick nehmen könnte als ein Ansatz, der an der klassischen sozialwissenschaftlichen Differenzbestimmung von Natur und Gesellschaft nicht zuletzt auch deswegen festhält, um Verschiebungen dieser Differenzbestimmung in den Blick nehmen zu können. Wenn man von diesen Unklarheiten einmal absieht, die mit dem Einheitschiffre und der letztlich uneinlösbaren Idee einer „umfassenden“ Beschreibung von Natur-Gesellschaft-Interaktionen verbunden sind, dann sind im sozial-ökologischen Ansatz gleichwohl einige Grundannahmen angelegt, die für eine nicht-reduktionistische Analyse der sozialen Seite des Interaktionsverhältnisses unverzichtbar sind. So wird auf programmatischer Ebene darauf insistiert, das Soziale nicht, wie die konstruktivistische Umweltsoziologie nahe legt, auf symbolische Formen des Handelns zu begrenzen, sondern auch jene Handlungs- und Verhaltensaspekte einzuschließen, die gewissermaßen in „Kontakt“ zu materiellen Dimension stehen bzw. über materielle Konfigurationen vermittelt sind. Die Vermittlung der materiellen und symbolischen Dimension zeigt sich für Jahn/Wehling (1998: 84) etwa darin, dass materiellen Phänomenen eine symbolische Bedeutung zugeschrieben wird als auch symbolische Deutungen „in materielle Prozesse und Praktiken eingebunden“ sind. Vor diesem Hintergrund kritisiert Görg (1998; 1999) die kommunikationstheoretische Engführung der Sozialwissenschaften, die eine Entmaterialisierung soziologischer Grundbegriffe begünstigt hat. Diese Überlegungen sind in Kapitel V wieder aufzugreifen, wobei unter Rückgriff auf die in Kapitel IV.1 und IV.2 entfalteten Argumente genauer zu begründen ist, dass die methodologischen Prämissen der Soziologie durchaus ein tragfähiges Fundament darstellen, um zwischen sozialen Praktiken im Sinne symbolischen Handelns und sozialen Praktiken im Sinne eines praktischen Vermögens zur (Um-)Gestaltung der materiellen Welt unterscheiden zu können.
3.5 Zur soziologischen Kritik interdisziplinärer Brückenkonzepte Der Reiz der soeben diskutierten Brückenkonzepte besteht zweifelsohne darin, dass eine interdisziplinäre Forschungsperspektive eingenommen wird, um sowohl sozialwissenschaftliche als auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Befunde zusammenzutragen und in einen übergreifenden kontextuellen Rahmen zur Analyse komplexer Interaktionsbeziehungen zwischen probleme im Mikro-Makro-Spannungsfeld von sozialen Akteuren und Strukturen zu untersuchen. So könne etwa das tatsächliche Mobilitätsverhalten auf der Folie symbolischer Zuschreibungsprozesse (Auto als kulturelles Artefakt) untersucht oder der Blick auf strukturelle Kontextbedingungen gelenkt werden, um alltäglichen Mobilitätszwängen wie auch ungenutzten Mobilitätsspielräumen nachspüren zu können.
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gesellschaftlichen und natürlichen Systemen stellen zu können. Trotz der Vorteile eines derartigen konzeptionellen Zuschnitts sollte allerdings nicht übersehen werden, dass insbesondere die erörterten Ansätze von Moscovici, Sieferle und Fischer-Kowalski et al. auf einen soziologisch eindeutig ausgewiesenen Begriff von Gesellschaft verzichten. Wie aufgezeigt werden konnte, bleibt deswegen letztlich auch die Beschreibung der sozialen Seite des Interaktionsverhältnisses von Umwelt und Gesellschaft unscharf. Hieraus ist zu folgern, dass ungeachtet aller transdisziplinären Ansprüche die Soziologie kaum mehr als eine klassische fachdisziplinäre Rolle ausfüllen kann. Dies gilt natürlich vor allem dann, wenn ihr die Aufgabe zugeschrieben wird, die innergesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen anthropogener Umweltveränderungen zu untersuchen. Ein naturalistisches Verständnis von Umwelt und ihrer Auswirkungen auf soziale Zusammenhänge oder Systeme verbietet sich nicht allein aufgrund des Selbstverständnisses der Soziologie als Wissenschaft des Sozialen, sondern gerade auch in einem interdisziplinären Kontext, da die Umweltbezüge sozialer Systeme nicht auf reine Anpassungsleistungen an die „Erfordernisse“ ökologischer Systeme reduziert werden können. Aber auch etwa die von Grundmann (1997b: 542) eingeforderte konzeptionelle Umstellung des soziologischen Paradigmas, um die „Dialektik“ bzw. die hybride Struktur von natürlichen und sozialen Systemen zutreffender analysieren und „ökologische Fragen“ in den Untersuchungsgegenstand der Soziologie integrieren zu können, ist aus mehreren Gründen problematisch. Zwar ist der Kritik Grundmanns an der etablierten Soziologie zuzustimmen, die es bisher nicht vermocht hat, etwa die Rückkopplungseffekte anthropogener Umweltveränderungen auf soziale Systeme in systematischer Weise zu berücksichtigen. Auch wird in zutreffender Weise die voranschreitende Entmaterialisierung soziologischer Grundbegriffe bemängelt, was etwa in der Abkehr vom Arbeitsbegriff und der Hinwendung zum Kommunikationsbegriff und seiner Aufwertung zu einer zentralen gesellschaftstheoretischen Schlüsselkategorie zum Ausdruck kommt. Insofern ist auch Grundmanns Plädoyer zuzustimmen, die Soziologie müsse sich stärker mit der Sachdimension beschäftigen, um Umweltfragestellungen soziologisch einzuholen. Es stellt sich jedoch die Frage, wodurch sich ein soziologischer Zugang zur Sachdimension von anderen nicht-soziologischen Zugängen unterscheidet. Und grundsätzlich ist gegenüber Grundmann zu problematisieren, ob die Soziologie die klassische Konzentration auf innergesellschaftliche Prozesse und Strukturen tatsächlich aufgeben muss, um ihren (soziologischen) Beitrag zur Analyse der „Dialektik“ bzw. Interaktionsbeziehungen zwischen natürlichen und sozialen Systemen in einem interdisziplinären Forschungskontext leisten zu können. Wie bereits weiter oben dargelegt worden ist, verfügt die Soziologie über kein fachwissenschaftliches Instrumentarium, um „ökologische Probleme“ als solche überhaupt identifizieren zu können. Deswegen gilt auch für die Umweltsoziologie, dass die ökologische Problematik im engeren Sinne selbst dann nicht in ihr Forschungsprogramm integriert werden kann, wenn sie in inter- oder transdisziplinären Forschungsnetzwerken operiert. Bei der Analyse „ökologischer Probleme“ sind die Sozialwissenschaften auf den Import naturwissenschaftlichen Wissens über den Zustand und die Veränderung ökologischer Systeme unhintergehbar angewiesen. Der Beitrag der Soziologie in einem interdisziplinären Kontext kann jedoch darin bestehen, die Thematisierung ökologischer Probleme als „ökologische Probleme“ kritisch zu hinterfragen und die soziale Problem- und Konfliktstruktur ökologischer Probleme herauszuarbeiten. Es ist jedenfalls ein Fehlschluss, wenn – wie auch bei Grundmann (1997b: 543) – unterstellt wird, dass die traditionelle Vernachlässigung oder gar Ausblendung „ökologischer Fragen“ in der Soziologie mit der klassischen Konzentration der sozialwissenschaftlichen Analyse auf soziale Probleme zu tun hätte. Demgegenüber ist vielmehr zu verdeutlichen, dass im Zuge
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einer Ökologisierung der Soziologie die mit der „ökologischen Frage“ verbundenen sozialen Probleme aus dem Blickfeld geraten oder doch zumindest ökologistisch gewendet werden. Eine wichtige Aufgabe der Soziologie in einem interdisziplinären umweltwissenschaftlichen Forschungszusammenhang gründet deshalb auch darin, die sogenannte „ökologische Frage“ als Transformation bzw. Erweiterung der klassischen sozialen Frage zu problematisieren (vgl. hierzu Kap. VI). Um einen solchen fachdisziplinären Zugang zur Umweltproblematik begründen zu können, wird in dem folgenden Kapitel V ein konzeptioneller Rahmen skizziert, der die soziale Konstitutionsproblematik von Umwelt aufgreift und damit eine soziologische Erörterung der Sachdimension ermöglicht, ohne gleichwohl eine einseitige Determinationsbeziehung zwischen Gesellschaft und Natur unterstellen zu müssen. Inwieweit sich eine derartige Vorgehensweise auf die Differenzbestimmung von Umwelt und Gesellschaft auswirkt, wird weiter unten (siehe Kap. V.4) zu erörtern sein. An dieser Stelle ist lediglich zu betonen, dass es nicht darum gehen soll, das naturalistische Modell von Umwelt und Gesellschaft einseitig umzukehren, so wie es in der konstruktivistischen Umweltsoziologie üblicherweise praktiziert wird. Der Vorwurf der Soziologisierung, mit dem die hier zur Diskussion stehende Vorgehensweise konfrontiert sein könnte, erscheint in diesem Zusammenhang wenig plausibel. Bemerkenswerterweise verharren die wenigen Versuche, die Soziologie auf ein striktes ökologisches Paradigma im Sinne von Catton/Dunlap zu verpflichten, auf der programmatisch-appellativen Ebene, ohne wenigstens ansatzweise eine Theorie der Gesellschaft zu skizzieren, die die natürlichen Reproduktionsbedingungen stärker in den Mittelpunkt rückt. Dies legt nach Wolfgang van den Daele (1996: 425) den Schluss nahe, dass das ökologische Paradigma in der Umweltsoziologie „eher auf (naturwissenschaftlichen) ökologischen Reduktionismus hinauslaufen wird als auf eine neue Soziologie“. Gegenüber dem ökologischen Paradigma ist deshalb kritisch zu fragen, warum denn die klassischen Begrifflichkeiten der Soziologie wie Arbeit, Handlung oder Kommunikation über Bord zu werfen sind, wenn es doch darum gehen soll, die gesellschaftliche Seite der Interaktionen zwischen natürlichen und sozialen Systemen genauer beschreiben zu können. Wie am Beispiel globaler Umweltprobleme aufgezeigt werden kann, sind ökonomische Tätigkeiten, politische Entscheidungen, biochemische Veränderungen und physikalische Reaktionen auf komplexe Weise miteinander verbunden. Ebenso unstrittig ist allerdings, dass die Soziologie keine Erkenntnisse zu den natürlichen Folgen der industriellen Produktions- und Lebensweise auf Klima, Bodenfruchtbarkeit oder Biodiversität beisteuern kann. Insofern ist auch der sozialkonstruktivistischen Position von Bechmann/Japp (1997: 551) zuzustimmen, für die die Auswirkung anthropogener CO2-Emissionen auf den Klimahaushalt der Erde als solches kein soziologisches Thema darstellt. In Abgrenzung zur sozialkonstruktivistischen Wende in der Umweltsoziologie ist jedoch der Reduktionismus dieser Forschungsperspektive auf gesellschaftliche Kommunikationen über Natur und Umwelt („ökologische Kommunikation“) kritisch zu sehen. Gerade wenn sich die Soziologie im Feld der interdisziplinären Umweltforschung gegenüber naturalistischen Erklärungen nicht als eigenständige akademische Disziplin aufgeben will und zugleich einen relevanten und konstruktiven Beitrag zur Erforschung von Umwelt-Gesellschaft-Beziehungen leisten möchte, der über allgemeine kontruktivistische Metareflexionen zur gesellschaftlichen Beobachtbarkeit ökologischer Probleme hinausweist, dann bleibt ihr kaum etwas anderes übrig als sich auf gesellschaftliche Aspekte des Beziehungsgeflechts von Umwelt und Gesellschaft zu konzentrieren. Diese fachdisziplinäre Selbstbeschränkung auf die soziale Dimension gesellschaftlicher Umweltnutzungen erscheint umso dringlicher, da die traditionelle Soziologie diese Themenstellung weithin
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ignoriert hat und keine konzeptionellen Perspektiven aufzeigt, wie die Umweltproblematik fachintern aufgearbeitet werden könnte. Um eine erweiterte soziologische Perspektive zur Umweltthematik zu eröffnen, ist es sicherlich unabdingbar, Konzepte und Themenfelder der interdisziplinären Umweltforschung zu rezipieren. Die muss gleichwohl keineswegs dahin führen, das originäre soziologische Forschungsprogramm, die Erklärung sozialer Phänomene aus sozialen Faktoren, sowie die klassischen Instrumentarien und Methoden aufzugeben. Aufgrund der hinlänglichen Schwierigkeiten „ganzheitlicher“ Theorieansätze zur Analyse des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft plädiert Conrad (1998) deswegen auch dafür, soziale Tatbestände als genuine Entitäten zu unterstellen, anstatt sie in Form komplexer Interaktionsdynamiken und unter fallweise vielfältig variierenden (natürlichen) Randbedingungen zu beschreiben. Conrad geht in seinem Plädoyer für das Festhalten am klassischen soziologischen Grundparadigma von der Irreduzibilität des Sozialen davon aus, dass naturwissenschaftliche oder andere Erklärungen sozialer Phänomene im Rahmen der Soziologie grundsätzlich ausgeschlossen sind. Konsequenterweise wendet er sich auch dagegen, beispielsweise Umweltkonflikte aus der räumlichen Verteilung von (knappen) Süßwasserressourcen kausal zu erklären. Vielmehr sei eine „sozialwissenschaftliche Respezifizierung“ (1998: 43) derartiger Umweltkonflikte zu leisten, indem etwa unterschiedliche Handlungsoptionen und gesellschaftliche Entwicklungspfade aufgezeigt und vor dem Hintergrund veränderter sozialer Konstellationen bewertet werden. Diese Vorgehensweise erlaubt es zweifelsohne, nichtsoziale Einflussfaktoren wie Prozesse und Ereignisse in ökologischen Systemen methodologisch als Randbedingungen des Sozialen zu berücksichtigen. Insofern geht es auch nicht darum, die Bedeutsamkeit nichtsozialer Einflüsse auf soziale Prozesse zu negieren. Um allerdings naturalistischen Fehlschlüssen aus dem Weg zu gehen, muss die soziologische Erklärung notwendigerweise auf spezifisch soziale Kategorien und Konzepte abstellen. Dem traditionellen Selbstverständnis folgend sind für die Soziologie nämlich nur soziale Sachverhalte innerhalb ihres methodologischen Rahmens und unter Rückgriff auf die zur Verfügung stehenden, disziplinären Kategorien beobachtbar und beschreibbar. Um zu gewährleisten, dass die als Randbedingungen der soziologischen Analyse identifizierten natürlichen Einflussfaktoren sukzessive nicht doch wieder ausgeblendet oder auf den Status einer Residualkategorie reduziert werden, besteht nach Conrad die Aufgabe darin, sie in genuin soziologische Sachverhalte und Kategorien zu transformieren. Einzuräumen ist in diesem Zusammenhang, dass sicherlich nicht alle (physischen) Randbedingungen in soziale Variablen transformierbar sind. Eine Transformation nichtsozialer in soziale Faktoren ist immer erst dann möglich, wenn sich etwa gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster von Umweltgefährdungen herausbilden und Strategien zu ihrer Bearbeitung entwickelt werden. Umweltgefährdungen gewinnen nämlich erst durch ihre (wie auch immer verzerrte) Beobachtung an sozialer Relevanz. Damit plädiert Conrad für eine moderate Modifizierung des soziologischen Grundparadigmas, die nicht den etablierten Rahmen der klassischen soziologischen Analyse sprengt, sondern diesen für umweltsoziologische Fragestellungen erschließt, um den gesellschaftlichen Umgang mit Umweltressourcen und Umweltproblemen angemessen verstehen und erklären zu können. Aus diesen Überlegungen folgt zwingend, dass der Geltungsbereich des klassischen Grundparadigmas nicht zuletzt auch im Kontext interdisziplinärer Umweltforschung auf sozialwissenschaftlich relevante Gegenstände oder Fragestellungen beschränkt bleiben muss und eben nicht den methodologischen Rahmen für das jeweils zugrunde gelegte Gesamtmodell eines interdisziplinären umweltwissenschaftlichen Gesamtforschungsverbundes abgeben kann. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen soll im Folgenden die soziologische Frage nach der
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sozialen Konstitution von Umwelt in den Mittelpunkt gestellt werden, also danach, was üblicherweise nicht dem Gegenstandsbereich der Soziologie zugeschrieben wird, gleichwohl aber für ein umweltsoziologisch erweitertes Verständnis des Sozialen von zentraler Bedeutung ist.
V. Die soziale Konstitution von Umwelt
Im bisherigen Die soziale Konstitution Verlauf dervon Untersuchung Umwelt ist dargelegt worden, warum es unverzichtbar ist, an der methodologischen Ausgangsprämisse der Soziologie festzuhalten, Soziales durch Soziales erklären zu können, wenn ein soziologischer Zugang zur Umweltproblematik erschlossen werden soll. Weder die vorgefundene noch die anthropogen transformierte Umwelt ist an sich soziologisch bedeutsam. Wie aufgezeigt werden konnte, haben schon Durkheim (vgl. Kap. IV.2.1) und Weber (vgl. Kap. IV.2.2) argumentiert, dass in der soziologischen Analyse physische Umweltfaktoren lediglich als materielle Ausgangsbedingung oder als Resultat des Sozialen zu berücksichtigen sind. Die soziologische Thematisierung der Umweltproblematik sollte sich jedoch nicht hierin erschöpfen. Bereits bei Durkheim und Weber sind einige Problemperspektiven identifiziert worden, die für weitergehende umweltsoziologische Fragestellungen nutzbar gemacht werden können. Sodann ist in Kapitel IV.2.4 und IV.2.5 aufgezeigt worden, dass der Theorie der Strukturierung von Giddens eine besondere Bedeutung zukommt, um einen erweiterten sozialtheoretischen Zugang zur Soziologie der Umweltproblematik erschließen zu können. Hierbei hat sich Giddens’ Begriff des Handelns als transformative Fähigkeit als nützlich erwiesen, um soziale Praktiken des Einwirkens auf die Umweltbedingungen einer Gesellschaft sozialtheoretisch beschreiben zu können. Wie genauer dargelegt worden ist, liegen nämlich die Vorzüge des Handlungsbegriffs bei Giddens darin begründet, dass dieser in Abgrenzung zu Webers Kategorie des sozialen Handelns nicht für die Analyse von Subjekt-Subjekt-Beziehungen reserviert ist, sondern auf soziale Praktiken bezogen wird, die sowohl auf die soziale als auch auf die nicht-soziale, physische Welt einwirken. Vor diesem Hintergrund sind im letzten Kapitel anhand ausgewählter Beispiele die Probleme interdisziplinärer Brückenkonzepte zur Beschreibung von Umwelt-Gesellschaft-"Interaktionen" diskutiert worden. In diesem Kapitel sind die bisher angestellten Überlegungen zur sozialen Dimension von Umwelt zu systematisieren. In einem ersten Schritt ist zunächst eine vorläufige Verständigung darüber notwendig, wie und in welcher Weise der schillernde Umweltbegriff verwendet werden kann (1.). Hieran anschließend werden die gesellschaftlichen Nutzungsfunktionen von Umwelt bestimmt und problematisiert. Wie zu zeigen sein wird, kann das Inwertsetzungstheorem fruchtbar gemacht werden, um nicht nur naturalistische, sondern auch ökonomistische Engführungen bei der Frage nach der sozialen „Nutzung“ von Umweltpotentialen zu vermeiden (2.). Die Überlegungen zur gesellschaftlichen Inwertsetzung von Umwelt werden sodann im Begriff der „soziale Konstitution von Umwelt“ theoretisch verdichtet und verallgemeinert. Damit soll ein umweltsoziologischer Zugang zur „Sozialität“ von Umweltbedingungen ermöglicht werden, wobei mit dem Terminus „Sozialität“ die soziale Dimension der Modifikation und Transformation von Umweltbedingungen in den Blick zu nehmen ist. Im Einzelnen werden die Vorschläge von Thomas Luckmann und Reinhard Kreckel zur Modifikation des traditionellen soziologischen Handlungsbegriffs gesichtet und auf die Umweltproblematik bezogen. Auch wird die bereits weiter oben erörterte Bestimmung des Handelns als transformative Fähigkeit bei Giddens fruchtbar gemacht, um Veränderungen in der naturalen Welt soziologisch reflektieren zu können, die auf spezifische Verhaltensweisen, Handlungen oder Entscheidungen sozialer Akteure zurückgehen. Darüber hinaus bieten sich Giddens’
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Die soziale Konstitution von Umwelt
Überlegungen zu einer Theorie der Strukturierung an, um die soziale Konstitution von Umwelt schließlich als Ergebnis einer Wechselwirkung von Handlungen und gesellschaftlichen Strukturen beschreiben zu können (3.). Vor dem Hintergrund erweiterter Optionen zur sozialen Inwertsetzung von Naturpotentialen werden zum Abschluss des Kapitels die Probleme einer möglichst trennscharfen Differenzbestimmung von Natur und Gesellschaft diskutiert (4.).
1. Umwelt Umweltvon „der Umwelt“ gesprochen wird, sind Bedeutung und Inhalt des Begriffs oft verWenn schwommen. Der Umweltbegriff wird in sehr vielfältiger Weise verwendet und in weiter oder enger Definition benutzt. In jedem Fall meint Um-Welt im eigentlichen Sinne des Wortes zunächst ein Umschließen oder Umgebensein, ist also ohne Bezugspunkt, ohne ein Objekt nicht verständlich. Deswegen ist der Begriff nur relational zu bestimmen; er rekurriert auf eine Beziehung oder Wirkung zwischen Bezugspunkt und Umwelt. In Anlehnung an die klassische Bestimmung Jakob von Uexkülls (1909) werden in den naturwissenschaftlichen Disziplinen mit dem Begriff üblicherweise die abiotischen (physikalische und chemische Faktoren) und biotischen Umweltbedingungen bezeichnet, die auf einen Organismus oder eine Klasse von Organismen einwirken. D. h., die Umwelt eines Lebewesens ist nicht mit seiner Umgebung identisch, sondern umfasst diejenigen Bestandteile, die für die Reproduktion der jeweiligen Spezies von Bedeutung sind. Da im Prinzip jedem Lebewesen eine eigene Umwelt zugeordnet werden kann, ist der Rede von „der“ Umwelt auch nicht unproblematisch. Dennoch ist ein allgemeiner Begriff durchaus gängig, weil viele Organismen mit ähnlichen oder vergleichbaren Umweltbedingungen und -beziehungen identifiziert werden können. Genauer betrachtet zielt der naturwissenschaftliche Umweltbegriff auf ein Ökosystem ab, das ein Lebewesen oder eine Klasse von Lebewesen umgibt und sich aus der Gemeinschaft anderer Organismen (Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Tieren) sowie aus unbelebten Elementen zusammensetzt bzw. in komplexen Beziehungen zur Gruppe der „Bezugs-Lebewesen“ (Haber 1992: 3) steht. Der in der Naturwissenschaften entwickelte Umweltbegriff erweist sich für die hier verfolgte Fragestellung allerdings als zu eng, da er lediglich Zustände und Prozesse ökologischer Systeme in Relation zu einem einwirkenden Bezugsobjekt (hier: Gesellschaft) klassifizieren und beschreiben kann, während die sozialen Bedingungen, unter denen das Bezugsobjekt auf die Zustände und Prozesse ökologischer Systeme einwirkt, zwangsläufig ausgeklammert bleiben müssen. Aber auch der in der Soziologie traditionellerweise verwendete Umweltbegriff greift zu kurz, da er auf das soziale Umfeld eines Individuums, einer Gruppe, einer Organisation oder eines gesellschaftlichen Systems Bezug nimmt oder – wie etwa bei Luhmann (vgl. Kap. IV.2.3) – unspezifisch ist und auf „alles andere“ verweist; d. h. auf das, was außerhalb der Grenze eines Systems liegt, wobei die Grenze ein Komplexitätsgefälle zwischen einer überkomplexen Umwelt und einem Komplexität reduzierenden, sinnprozessierenden Kommunikationssystem markiert. Für unsere Zwecke ist es unabdingbar, Umwelt nicht substantiell, sondern nur in Relation zum Bezugsobjekt, hier: der menschlichen Gesellschaft, zu bestimmen. Wie die Erörterung ausgewählter Beiträge der soziologischen und philosophischen Anthropologie in Kapitel IV.1 ergeben hat, rekurriert ein soziologisch informierter Begriff von physischer Umwelt nicht auf etwas, das immer schon – im Sinne einer substantialistischen Entität – gegeben ist. Bezugspunkt ist vielmehr eine materielle Umwelt, die durch soziale Praktiken beständig umgestaltet
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wird. Ein derartiger sozialrelativer Umweltbegriff geht von der grundlegenden anthropologischen Prämisse der „Weltoffenheit“ (Gehlen) aus, die die relative Ungebundenheit menschlicher Gesellschaften an spezifische Umweltbedingungen hervorhebt. Um die Einwirkung des Bezugsobjekts, der Gesellschaft, auf die Umwelt nun genauer beschreiben zu können, ist zwischen einem naturräumlichen und kulturräumlichen Verständnis von Umwelt zu unterscheiden. Während die naturräumliche Umwelt die Gesteinshülle der Erde (Lithosphäre), die Atmosphäre, die Hydrosphäre (Meere, Seen) sowie die Biosphäre (Lebensraum von Tieren und Pflanzen) einschließt, die die komplexem physischen Randbedingungen einer Gesellschaft bilden, umfasst die kulturräumliche Umwelt die gesellschaftlich hervorgebrachte, „künstliche“ Objektwelt. Zum besseren Verständnis können die Elemente der kulturräumlichen Objektwelt nach folgenden Gesichtspunkten unterteilt werden (vgl. auch SRU 1987: 42): erstens anthropogen veränderte oder geschaffene, aber überwiegend aus natürlichen Elementen bestehende Ökosysteme wie Agrar- oder Forstökosysteme; zweitens hergestellte Objekte wie Produktionsanlagen, Bürokomplexe, Wohnhäuser, Gebäude sonstiger Art, Maschinen, Verkehrswege, die sich zu komplexen Technik- und Infrastruktursystemen (Mayntz 1993) oder Agglomerationen verdichten; drittens benutzte Gebrauchsgüter aller Art wie Konsumartikel, Geräte, Fahrzeuge, Einrichtungen usw.; und schließlich viertens Verbrauchsgegenstände oder -mittel wie Werk- und Hilfsstoffe. In allen Teilbereichen der kulturräumlichen Umwelt vollziehen sich Stoffwechselprozesse mit erheblicher Umweltrelevanz, die von natürlichen Stoffwechselprozessen zwar im Einzelfall nur sehr unzureichend, aber in allgemein analytischer Hinsicht unterschieden werden können. Den letztgenannten Bereichen ist gemeinsam, dass die betreffenden Güter infolge ihrer Verwendung verschlissen oder physikalisch bzw. chemisch verändert werden. Gerade unter dem Aspekt der „Nutzung“ von Umwelt durch soziale Akteure oder Systeme greift ein ausschließlich naturräumlicher Umweltbegriff zu kurz. Dieser ignoriert nämlich gerade jene gesellschaftlich produzierten oder veränderten Elemente oder Prozesse der Umwelt, auf die ein kulturräumlicher Umweltbegriff zugeschnitten ist.
2. Umweltfunktionen und soziale Inwertsetzung Im Weiteren ist ein und Umweltfunktionen Begriff soziale von Inwertsetzung Umwelt zu verwenden, der nicht auf etwas rekurriert, das im Sinne einer übergeordneten Universaltotalität immer schon da ist. Vielmehr soll mit dem Umweltbegriff sowie der Unterscheidung zwischen einer naturräumlichen und einer kulturräumlichen Dimension eine spezifische materielle Konstellation angesprochen werden, auf die soziale Praktiken in unterschiedlicher Weise einwirken. Um diesen Prozess des Einwirkens oder Beanspruchens im Hinblick auf seine soziologisch relevanten Implikationen genauer beschreiben zu können, ist es hilfreich, zunächst die basalen gesellschaftlichen „Funktionen“ der Umwelt in den Blick zu nehmen. Einen wichtigen Anknüpfungspunkt bietet hierbei die Environmental Sociology (Catton/Dunlap 1978; Dunlap/Catton 1979a; 1979b; Dunlap 1993; 1997), die unter Rückgriff auf umweltökonomische Konzepte insgesamt drei Umweltfunktionen voneinander unterscheidet, um die Nutzung der Umwelt durch menschliche Gesellschaften differenzierter beschreiben zu können. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass der von der Environmental Sociology verwendete Umweltbegriff nicht naturräumlich verengt ist, sondern in einem erweiterten Sinne kulturräumliche Umweltdimensionen einzuschließen versucht (vgl. Kap. III). Genauer formuliert können mit dem Begriff der gesellschaftlichen Umweltfunktionen spezifische „Leistungen“ identifiziert werden, die eine Gesellschaft zum Zwecke ih-
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Die soziale Konstitution von Umwelt
rer Reproduktion oder Entwicklung nutzbar macht bzw. erschließt. Worin bestehen nun diese gesellschaftlichen Umweltfunktionen und wie können sie voneinander unterschieden werden? In Anlehnung an den Vorschlag der Environmental Sociology kann zunächst zwischen der Nutzung der Umwelt als Quelle (Produktions- bzw. Konsumfunktion), als Senke (Deponiefunktion) und als Fläche (Standort-, Mobilitäts- bzw. Siedlungsfunktion) unterschieden werden.76 Die erste Umweltfunktion, die Produktions- und Konsumfunktion, dient der Versorgung sozialer Akteure oder Systeme mit Gütern und Produkten aller Art; ihre Erfüllung ist mit einer Vielzahl von Eingriffen in die Umwelt verbunden und ruft unweigerlich Veränderungen in dieser hervor. Um nämlich Güter herstellen zu können, werden in der Produktionssphäre spezifische qualitative Zustände der Materie versammelt und bearbeitet: Stoffe werden selektiv aus der belebten bzw. unbelebten Umwelt extrahiert, in ihre Bestandteile zerlegt, synthetisiert oder miteinander kombiniert, um einen neuen physischen Zustand mit bestimmten Stoffeigenschaften zu schaffen, der sich durch einen spezifischen Nutzen auszeichnet. Zur Herstellung eines Endproduktes werden jedoch nicht nur Werkstoffe wie Rohstoffe, Vorprodukte, Energie und Schmierstoffe sowie Maschinen und menschliche Arbeitsleistungen benötigt, sondern es sind darüber hinaus auf jeder Produktionsstufe immer ubiquitäre Naturpotenzen beteiligt.77 Neben dem erwünschten Endprodukt werden zugleich aus produktions- oder verfahrenstechnischen Gründen eine Vielzahl unerwünschter Nebenprodukte hergestellt, sogenannte „Kuppelprodukte“, beispielsweise Staubpartikel, Gas- und Flüssigkeitsgemische, Strahlung, Wärme und toxische Produktionsrückstände, die entweder als Emissionen in die Luft abgegeben, als Abwasser in die Kanalisation eingeleitet oder als feste Abfälle deponiert bzw. verbrannt werden. Diese unerwünschten Kuppelprodukte sind keine Randerscheinung, sondern fallen zweckbedingt unvermeidbar an; und zwar unabhängig davon, ob Naturstoffe gewonnen, angereichert oder aufbereitet, Stoffe umgewandelt oder verformt werden. Hervorzuheben ist, dass sich diese Kuppelprodukte nicht ohne Störungen oder Belastungen in die Stoffströme des Ökosystems einfügen. Aber auch in der Sphäre der Konsumtion stiftet ein Gut irgendwann keinen Nutzen mehr und der ihm zugeschriebene Gebrauchswert erlischt, 76 Vgl. auch den SRU (1987: 40ff.), der neben der Produktionsfunktion drei weitere Funktionen der Umwelt für menschliche Gesellschaften voneinander unterscheidet. Die „Trägerfunktion“ ist weitgehend identisch mit der obigen Senken- und Standortfunktion. Darüber hinaus wird die „Informationsfunktion“ sowie die „Regelungsfunktion“ eingeführt. Informationsfunktionen „beschreiben den Fluß oder Austausch von Informationen zwischen Umwelt und Menschen bzw. menschlicher Gesellschaft und anderen Lebewesen. Informationen dienen zur Orientierung, zur Wahl eines bestimmten Verhaltens zur Umwelt und vor allem zur Regelung von Bedürfnisbefriedigungen“ (1987: 41). Demgegenüber sind Regelungsfunktionen wirksam, damit elementare Prozesse und Abläufe in der Umwelt im Gleichgewicht gehalten werden oder um die Folgen von Eingriffen aufzuhalten oder auszugleichen. Zu den Regelungsfunktionen gehören einerseits Säuberungs- und Reinigungsfunktionen wie der Abbau von Abfallstoffen, die Selbstreinigung der Gewässer, die Filterwirkung der Waldökosysteme oder die Wasseraufbereitung durch natürliche Bodenpassage, andererseits die Abschirmung kosmischer Strahlung durch die stratosphärische Ozonschicht mit ihrer Schutzfunktion vor der UV-B-Strahlung, die Zurückhaltung von Wasser in der Pflanzendecke und im Boden und die Speicherung oder Neutralisierung belastender Chemikalien in den Böden. Die Regelungsfunktion kann damit als ökologische Systemfunktion interpretiert werden, die eine Sichtweise auf Umweltleistungen ermöglicht, welche über ein enges – in der Umweltökonomie vorherrschendes – ressourcenorientiertes Verständnis von „Umweltgütern“ hinausgeht. In dem hier diskutierten Kontext ist jedoch die Regelungsfunktion zu vernachlässigen, da sie keine eigenständige Funktion im Hinblick auf gesellschaftliche Nutzungsformen darstellt, sondern „lediglich“ eine (elementare) Voraussetzung zur Aufrechterhaltung der obigen Produktions-, Konsum- und Senkenfunktion ist. So können beispielsweise Nahrungsmittel dauerhaft nur produziert werden (Produktionsfunktion), wenn die Ozonschicht intakt ist, Schadstoffe im Boden abgebaut werden, sauberes Wasser zur Verfügung steht und die Fruchtbarkeit der Äcker gesichert ist (Regelungsfunktion). 77 Unter ubiquitären Naturpotenzen sind ganz allgemein und deshalb im weitesten Sinne biotische Wachstumsprozesse, chemische Reaktionen und physikalische Wirkkräfte zu subsumieren (Photosyntheseprozesse, Mikroorganismen, Humusproduktion des Bodens, Luftdruck, Temperatur, Schwerkraft, Magnetfelder etc.).
Umweltfunktionen und soziale Inwertsetzung
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wenn seine stofflichen Bestandteile verschlissen sind. Kurzum, das Gut muss „entsorgt“ werden und wandert damit auf den Müll. In diesem Zusammenhang sind aber auch die sogenannten dissipativen Verluste anzuführen, also Stoffe, die bei ihrer Verwendung in den Umweltmedien so fein verteilt werden, dass sie nicht mehr zurückgewonnen werden können. Selbst wenn es gelänge, die bei der Produktion eingesetzten Stoffe ohne relevante Abfallmengen in Konsumgüter umzuwandeln, werden bei der Nutzung selbst die in den Gütern enthaltenen Substanzen über kurz oder lang durch Verschleiß, Abrieb und Unbrauchbarwerden freigesetzt und damit unvermeidbar zu Abfall. Somit kann aus stoffökologischer Sicht verallgemeinert festgehalten werden, dass am Ende jeder produktiven und konsumtiven Tätigkeit notwendig und unvermeidbar feste, flüssige und gasförmige Abfälle produziert und angehäuft werden. Ausnahmslos alle Produkte werden nur vorübergehend als solche genutzt, bevor sie auf dem Abfall landen bzw. ihre Substanzstoffe freigesetzt werden und in die Umweltmedien der Lithosphäre, Hydrosphäre oder Atmosphäre entweichen (SRU 1991: 21ff.). Anders formuliert stellen produktive und konsumtive Tätigkeiten stoffliche Transformationen dar, nämlich Transformationen von Rohstoffen in konsumierbare Güter und Produktionsrückstände und Transformationen von konsumierbaren Gütern in Siedlungsabfälle. Vor diesem Hintergrund besteht die zweite Funktion der Umwelt für gesellschaftliche Systeme, die Deponiefunktion, darin, dass die biologischen Senken die produzierten und konsumierten Güter in Form von Abfällen, Abwasser und Abluft absorbieren. Beispielsweise nehmen terrestrische Ökosysteme (boreale und tropische Wälder, Grasländer, Savannen, Feuchtgebiete) das durch produktive oder konsumtive Tätigkeiten in der Atmosphäre freigesetzte anthropogene Treibhausgas CO2 auf und speichern es für bestimmte Zeiträume (WBGU 1998b: 14ff.). Es ist also unmittelbar evident und nicht weiter klärungsbedürftig, dass auch die Deponiefunktion üblicherweise mit Eingriffen in die Umwelt oder Veränderungen derselben verbunden ist. Die dritte Umweltfunktion, die Standortfunktion, besteht schließlich darin, dass Umwelt als Fläche für Gewerbeansiedlungen, Wohnkomplexe, Verkehrswege, Infrastruktursysteme, Erholungsgebiete usw. genutzt wird. Auch diese Form der Nutzung ist wiederum mit irreversiblen Eingriffen oder Veränderungen verbunden. Diese drei gesellschaftsbezogenen Funktionen der Umwelt können nur in allgemein analytischer Hinsicht trennscharf voneinander unterschieden werden. Wie bereits angedeutet, sind de facto die ersten beiden Funktionen komplex miteinander verbunden; so z. B., wenn Umweltmaterialien industriell verarbeitet werden und Abfälle anfallen oder wenn die verarbeiteten Stoffe im Endkonsum verbraucht werden und zu „entsorgen“ sind. Die Produktions- bzw. Konsumfunktion sowie die Deponiefunktion sind wiederum in aller Regel mit der dritten Umweltfunktion, der Standortfunktion, verflochten, da weder produziert noch entsorgt werden kann, wenn Umwelt nicht als Fläche bereitsteht, auf der Produktionsanlagen errichtet oder Mülldeponien angelegt werden können, weil sie etwa bereits für andere Zwecke (z. B. Freizeit und Erholung) genutzt wird. Es ist also davon auszugehen, dass die drei Umweltfunktionen ein mehr oder weniger intensives Beziehungsgeflecht bilden.78 Diese komplexe Verflechtung kann darüber hinaus besonders anschaulich gemacht werden, wenn man nicht nur den direkten In- und Output von Ressourcen und Abfällen im Prozess der Herstellung eines Produkts in den Blick nimmt. Zugleich sind auch die für seine Herstellung und Verwendung notwendigen Voraussetzungen der kulturräumlichen Umwelt systematisch einzubeziehen. Da78 Die aus diesem Tatbestand resultierenden sozialen Konflikte um konkurrierende Nutzungsansprüche durch die verschiedenen individuellen und kollektiven Akteure müssen zunächst ausgeklammert werden, bevor sie weiter unten (vgl. Kap. VII) genauer erörtert werden.
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mit kommen zwangsläufig eine Vielzahl anderer produktiver und konsumtiver Tätigkeiten und damit letztlich wieder Abfälle in den Blick, die zwar nicht direkt bei der Herstellung eines Gutes anfallen, aber indirekt in einem stofflichen Zusammenhang mit der Herstellung und Nutzung des betreffendes Gutes stehen. In vielen Fällen ist der Gebrauchswert eines Endproduktes nämlich nicht ausschließlich an seine unmittelbaren stofflich-funktionalen Eigenschaften gebunden, sondern kann in aller Regel nur realisiert werden, wenn Technosysteme und Infrastrukturnetze zum Zwecke der Produktnutzung vorhanden sind. Mit anderen Worten können industrielle Massengüter nur dann genutzt werden, wenn bestimmte technische, organisationelle, sozialräumliche und materielle Voraussetzungen zu ihrer Konsumtion gegeben sind. Ein Beispiel zur Illustration: Um Automobile als Fahrzeuge nutzen zu können, muss die kulturräumliche Umwelt in spezifischer Weise verändert werden: es müssen Erdmassen bewegt, Wälder gerodet, Flüsse kanalisiert, Hügel abgetragen, Mulden aufgeschüttet, Rohstoffe und Materialien mobilisiert, extrahiert und weiterverarbeitet, Tunnel gebohrt, Brücken gebaut, Straßentrassen angelegt, Flächen versiegelt, Beleuchtungs- und Ampelanlagen installiert werden. Autogerechte Infrastrukturnetze und Verkehrssysteme können wiederum nur gebaut, betrieben und instand gehalten werden, wenn spezifische Primärrohstoffe, Hilfsstoffe, Verarbeitungsmaterialien, Zwischenprodukte, Baumaschinen, Baufahrzeuge, technologische Installationen und nicht zuletzt Transportleistungen bereitgestellt werden, die ihrerseits erhebliche Mengen und Qualitäten an Stoffen und Energie benötigen. Ohne die detaillierte Stoffgeschichte des Automobils von der Herstellung über die Konsumtion bis zur Entsorgung zu verfolgen, ist also davon auszugehen, dass moderne industrielle Produkte eine lange Kette direkter und indirekter Stofftransformationen in der Produktions-, Distributions- und Konsumtionssphäre auslösen, die zugleich in die Betrachtung einzubeziehen sind. In diesem Sinne hat bereits Schmidt-Bleek (1994: 37ff.) in der Studie Wieviel Umwelt braucht der Mensch? vorgeschlagen, die umfassenden anthropogenen Stoffströme, welche durch die Herstellung, Distribution und Konsumtion eines Gutes verursacht werden, auf den ökologischen Prüfstand zu stellen. In systematischer Hinsicht sind hierunter zu subsumieren: erstens biotische und abiotische Massen, die bewegt werden, um Rohstoffe abbauen und Energie nutzbar machen zu können (Translokationen); zweitens primäre Rohstoffe und andere Ausgangsmaterialien, die zu Sekundär-, Zwischen- und Endprodukten verarbeitet werden; drittens Reststoffe und Abfälle, die während der Produktion, Konsumtion und Entsorgung eines Produktes anfallen; viertens Maschinen, Anlagen und Gebäudekomplexe, ohne die die Weiterverarbeitung der primären Stoffe und die Herstellung der Zwischen- und Endprodukte technisch unmöglich wäre; und schließlich fünftens Infrastrukturnetze und Verkehrssysteme bzw. Transportleistungen, ohne die die Rohstoffe, Zwischen- und Halbfertigprodukte nicht transportiert bzw. die Endprodukte nicht konsumiert werden könnten. Die stofflichen Effekte produktiver und konsumtiver Tätigkeiten können somit nur umfassend bewertet werden, wenn sich die Analyse nicht auf ein isoliertes Artefakt in der Sphäre der Produktion und Konsumtion beschränkt, sondern die Gesamtheit der für die Bereitstellung, Herstellung, Distribution, Konsumtion und Entsorgung einer Ware notwendigen Materialien einbezogen wird. Aus diesem Grund sind neben den Abfällen, Abwässern und Abgasen eines Produkts, die im Laufe seiner Produktion, Distribution, Konsumtion und Entsorgung anfallen (Kuppelprodukte), zugleich alle anderen stofflichen und energetischen Potentiale und Effekte zu betrachten, die nur indirekt in die