ASHES DIE ENDZEIT-SAGA VON WILLIAM W. JOHNSTONE
Band 3
Die Hölle auf Erden von William W. Johnstone
Aus dem Amerikan...
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ASHES DIE ENDZEIT-SAGA VON WILLIAM W. JOHNSTONE
Band 3
Die Hölle auf Erden von William W. Johnstone
Aus dem Amerikanischen von Kim Kerry
Zaubermond-Verlag Schwelm
1. Auflage Originaltitel: Fire in the Ashes © 1984 by William W. Johnstone © dieser Ausgabe 2002 by Zaubermond-Verlag und Festa-Verlag www.Zaubermond-Verlag.de / www.Festa-Verlag.de
Umschlaggestaltung: Günther Nawrath Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Druck und Bindung: Wiener Verlag, A-2325 Himberg Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-931407-71-3
Wir schreiben das zehnte Jahr nach der nuklear biologischen Katastrophe. Aus der Asche eines zerstörten Landes entstehen die Tri-Staates – eine freie Gesellschaft, an deren Spitze der ehemalige Schriftsteller Ben Raines steht. Doch der Traum zerplatzt, scheitert an der Eitelkeit und Machtversessenheit von Menschen, die das Land zu ihrem eigenen Vorteil unterjochen. In einem Verzweiflungsakt führt Ben Raines seine Leute in einen Guerilla-Krieg gegen die neue Regierung. Aber die Büchse der Pandora ist bereits geöffnet, und die postapokalyptische Brut verwandelt das Land in eine Hölle auf Erden…
Sie sollen zur Hölle gehen!
Antwort auf Santa Annas Kapitulationsforderung bei Alamo
PROLOG
Das Weiße Haus, Richmond, Virginia, März 1999 »Sind Sie sicher, dass Ben Raines tot ist?«, fragte Präsident Addison den Agenten. »Ja, Sir, ohne Zweifel. Er wurde von M-16-Geschossen dreimal in die Brust getroffen, und dann ist er von einem Berg gestürzt. Der Mann ist tot – kein Mensch kann so etwas überleben.« »Wo war das?« »In Montana, Sir. Er ist tot.« »Ich hab’s schon gehört. Ben Raines wurde ermordet.« Der Präsident entließ den Agenten und drehte sich in seinem Sessel zum Fenster. Wieder allein im Oval Office, gingen Addison zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Ben Raines war definitiv tot. Endgültig. Seltsam. Ich sollte irgendetwas empfinden… irgendein Gefühl des Triumphs. Aber das ist nicht der Fall. Ich war ihm begegnet, ich mochte ihn sogar einigermaßen. Ich wünschte, wir hätten irgendeine Art von Übereinkunft treffen können, weil ich nicht glaube, dass er ein Volksfeind ist. Der Präsident seufzte schwer und erhob sich aus dem bequemen Ledersessel. Er ging zum Fenster und beobachtete, wie der Regen gegen die kugelsicheren Scheiben fiel. Eine Zeit lang stand er einfach da und durchlebte ein Dutzend unterschiedlicher Gefühle. Als jemand an der Tür seines Büros klopfte, drehte er sich um. »Herein.«
Al Cody, der Direktor des FBI, kam herein und lächelte breit. »Ich kann es kaum glauben, dass der Hurensohn wirklich tot sein soll.« Al Cody zählte nicht zu den Menschen, mit denen sich der Präsident am liebsten umgab. Der Mann hatte sich massiv für ein neues Gesetz stark gemacht, das Waffenbesitz untersagte. Er hatte eine maßgebliche Rolle bei der Entwaffnung des amerikanischen Volks gespielt, und er hatte aus den Vereinigten Staaten praktisch einen Polizeistaat gemacht. Die Mehrheit der amerikanischen Bürger hasste Al Cody. Aber sie konnten ihn nicht einfach loswerden. »Ja«, sagte Aston leise seufzend. »Ich glaube, Ben Raines ist tot.« »Können wir den Kongress dazu bringen, diesen Tag zum Nationalfeiertag zu erklären?« Aston Addison sah den Mann einfach nur an. Al lief rot an, als er erkannte, dass er möglicherweise eine Bemerkung zu viel gemacht hatte. »Tut mir Leid, Sir. Aber meine Gefühle für Ben Raines reichen tiefer als Ihre. Seine Rebellen haben meinen Bruder beim Kampf um die Tri-Staaten getötet.« »Auf beiden Seiten gibt es Recht und Unrecht, Mr. Cody. Unsere Leute haben zahlreiche Frauen vergewaltigt und die Rebellen gefoltert – oder haben Sie das schon vergessen?« »Nein, Sir.« »Gibt es sonst noch etwas, Mr. Cody?« Ja, deine Vertreibung aus dem Weißen Haus, dachte der FBI-Chef wütend. Das wäre einfach wunderbar gewesen. »Nein, Sir«, sagte er dann. »Dann wäre das alles, Mr. Cody. Vielen Dank, dass Sie vorbeigeschaut haben.« Cody warf die Tür vorsätzlich mit Wucht zu, als er hinausging. »Bastard!«, sagte der Präsident.
Er sah wieder aus dem Fenster hinaus in den verregneten Nachmittag. Tot. Das Wort hallte in seinem Kopf nach. Tot. Es konnte nicht sein. »Ich glaube das einfach nicht«, sagte er laut. Und dann fügte er aus einem Grund, den nicht mal er selbst begriff, einen Satz an. »Ich hoffe, es stimmt nicht.«
ERSTER TEIL
EINS
»Sie haben Glück, Ben«, sagte Dr. Lamar Chase. »Sie haben mehr Glück als jeder andere Mensch, den ich kenne.« Aber einige der Rebellen begannen allmählich zu glauben, dass mehr als nur Glück im Spiel sei, was ihren Befehlshaber Ben Raines anging. »Ein Schlüsselbeinbruch, die angebrochenen Rippen, und eine kleine Knochenabsplitterung an der linken Schulter. Jeder andere wäre tot. Und eigentlich müssten Sie auch tot sein.« Jerre kniete neben Bens Bett nieder. »Na, alter Mann«, sagte sie grinsend. »Es wäre schön, wenn du aufhören könntest, mir immer solche Angst einzujagen.« Ben berührte ihr Gesicht und strich mit den Fingern durch ihr blondes Haar. Sein Gesicht war vor Schock und Schmerz bleich. »Ich sag’s doch immer wieder, Baby«, flüsterte er. »Ich gehe erst dann, wenn ich bereit bin.« Sie küsste ihn auf die Wange. »Und jetzt alle raus hier!«, befahlt Chase. »Der Mann braucht Ruhe, er ist schließlich nicht unsterblich.« Die seltsamen Blicke, welche die Reaktion auf seine letzte Bemerkung waren, bemerkte der Arzt nicht. Bens Rebellenkontingent hatte in der Nähe von Hell Creek Stellung bezogen, nicht weit entfernt von den südlichen Ausläufern der Fort Peck Recreation Area. Viele dieser Rebellen kannte Ben seit Jahren: Judith Sparkman, James Riverson, Ike McGowan, Bens Adoptivtochter Tina, Cecil Jefferys, Dr. Chase, der Anfang siebzig und immer noch so agil wie eine Bergziege war – und genauso streitsüchtig.
Das Zelt leerte sich und Ben schloss die Augen, während er gegen die in Wellen anstürmende Übelkeit ankämpfte, die sich mit an- und abschwellenden Schmerzen abwechselte. Die Spritze, die Chase ihm gegeben hatte, begann zu wirken und ließ Ben in einen tiefen Schlaf fallen. Im Traum rief er nach Freunden, die seit langem tot waren. Männer, die er in Südostasien gekannt hatte, Männer, mit denen er während seiner Zeit als Söldner in Afrika gekämpft hatte – jener Zeit in seinem Leben, als die Adrenalinausstöße während der Kämpfe von einem Leben als Zivilist nicht gelindert wurden. Schließlich hatte er es überwunden und war in ein normales Leben zurückgekehrt, um Schriftsteller zu werden. Er rief nach Freunden, die nach dem Bombardement von 1988 an seiner Seite geblieben waren, die für einen Traum namens Tri-Staaten gekämpft hatten und dafür gestorben waren. Für ein Land innerhalb des Landes. Es war ein Traum gewesen, der drei Staaten zusammenschweißen sollte, ein Gebiet frei von Verbrechen und Arbeitslosigkeit, ein Land, in dem die Menschen ihre Häuser nicht abschließen mussten und in dem sie den Schlüssel auf dem Zündschloss ihres Wagens stecken lassen konnten, weil niemand sie berauben wollte. Ben Raines und seine Rebellen hatten bewiesen, dass ihre Regierungsform funktionieren konnte, dass die Menschen nicht von der Bürokratie ihrer Regierung unterdrückt werden mussten. Dass Schulen funktionieren konnten, ohne dass der Oberste Gerichtshof oder andere Richter sich in die Bildung einmischten. Die Tri-Staaten funktionierten. Sie hatten funktioniert, und sie würden es wieder tun. Ben lag auf dem Feldbett und stöhnte. »Ihr bringt mir den Leichnam von Ben Raines«, wies Al Cody eine Gruppe von Agenten an. »Mich interessiert nicht, ob ihr ein
halbes Jahr oder länger braucht. Ich will nur, dass ihr mir seinen verwesten Leichnam herbringt.« »Das ist ein wildes Land da draußen, Mr. Cody«, sagte einer der Männer. »Das ist mir völlig klar.« »Und es wimmelt immer noch von Rebellen«, meinte ein anderer Agent. »Nehmt so viele Leute mit, wie ihr für nötig haltet, aber findet den verdammten Hurensohn und bringt ihn her. Ich will ihn öffentlich präsentieren. Die Leute müssen kapieren, dass in dieser Gesellschaft Recht und Ordnung herrschen. Ich lasse keine Anarchie zu.« Die Agenten verließen das Büro und telefonierten mit ihren nächsten Verwandten, um sie wissen zu lassen, dass sie einen neuen Auftrag erhalten hatten. Keiner von ihnen wusste, wann sie zurückkommen würden. Sie stiegen bei Byrd Field in eine Maschine und flogen nach Westen. Die Agenten waren gut gelaunt. Verräter zu jagen war genau das Richtige für sie. Sie waren ihrem Land treu, während Ben Raines und seine Rebellen alles nur Deserteure und Anarchisten waren. So einfach war das. Es gab nur Recht und Unrecht, Weiß und Schwarz, aber kein Grau, das dazwischen lag. Morgen um die gleiche Zeit würden alle diese Agenten bereits tot sein.
»Wir schlagen hier zu«, erklärte Colonel Hector Ramos den ihm zugeteilten Rebellen. Er zeigte auf eine Landkarte und lächelte grimmig, wie eine große Raubkatze, die dem Geruch von frischem Blut folgt. Ramos hatte 98 seine gesamte Familie durch Regierungstruppen verloren. Frau und Tochter hatte man
vergewaltigt, gefoltert und dann aufgeschlitzt, um sie wie Tiere im Dreck krepieren zu lassen. Ramos sah seine Leute an. »Unsere Informanten in Richmond berichten, dass die Agenten vor zwei Stunden abgeflogen sind. Eine ganze Maschine voll. Fünfzig Leute, alle schwer bewaffnet. Sie sollen General Raines’ Leichnam finden und nach Richmond bringen…« Eine Hand schoss hoch. »Ja, Captain Garrett?«, fragte Ramos. »Wir sollten die Piloten leben lassen, Sir«, schlug der junge Mann vor. »Ach ja?« »Ja, Sir. Wir sollten sie die Agenten zurückfliegen lassen, alle schön auf ihren Plätzen angeschnallt – und alle tot.« »Ich glaube, das wird General Raines gefallen, Captain«, sagte Ramos. »Danke. Eine wirklich gute Idee. Ich würde zu gern Codys Gesicht sehen, wenn seine Männer zurückkehren.«
So wie ihre Cousins, Onkel, Väter und Mütter vor ihnen hatten viele Bürger der Vereinigten Staaten ihre Pistolen und Gewehre verpackt und vergraben, anstatt sie auszuhändigen. Sie hatten sich zu Netzwerken aus Untergrundzellen zusammengeschlossen, und sie alle hatten nur ein Ziel: Ben Raines’ Traum am Leben zu erhalten: Amerika wieder aufzubauen – doch nicht zu dem Amerika, wie es vor den Bomben existiert hatte, sondern zu etwas viel Besserem, das den Tri-Staaten sehr ähnlich war. Und so wie ihre Vorfahren waren auch sie bereit zu sterben, wenn dadurch dieser Traum von einer Regierung nicht unterging.
»Sofort mit ihrem Arsch zurück ins Bett!«, brüllte Chase Ben an. »Grundgütiger Jesus Christus!« Ben unterdrückte den Schmerz und sagte: »Hector Ramos ist in der Leitung. Es ist eine wichtige Sache, wie die Vermittlung mir sagt. Ich unterhalte mich nur eine Minute lang, dann lege ich mich sofort wieder hin. Versprochen!« »Starrköpfiger Hurensohn!«, legte Chase nach. »Sie sollten so nicht mit dem General reden«, sagte ein junger Rebell ohne nachzudenken. »Verdammt noch mal, ich rede mit ihm so, wie ich es will!«, fauchte Chase ihn an, während Ben den Kopfhörer aufsetzte. »Schießen Sie los, Hector.« »Wie geht’s Ihnen, General?« »Ich lebe, aber fragen Sie nicht nach dem Wie!« Ramos informierte ihn über die Maschine mit den Agenten, und Ben musste lächeln, als Ramos ihm sagte, was sie vorhatten. »Der Plan dieses Captains gefällt mir, Hec. Können Sie das in die Tat umsetzen?« »Eine Leichtigkeit, General. Sie werden auf der neuen Luftwaffen-Basis bei Flagstaff landen. Meine Leute werden sie in Empfang nehmen, sobald sie ausgestiegen sind, und dann werden die Leichen postwendend zurückgeschickt.« »Was ist mit dem Personal auf der Basis?« »Reine Notbesetzung. Meine Leute haben das schon vor zwei Stunden erledigt.« Ben seufzte und vergaß einen Moment lang seine Schmerzen. »Also gut, Hec. Aber ist Ihren Leuten klar, dass es danach kein Zurück mehr gibt?« »Ja, Sir, jedem einzelnen von ihnen.« »Viel Glück, Hec.«
Ben nahm den Kopfhörer ab und reichte ihn dem Operator zurück. Der junge Mann sah ihn fragend an. »Aber jetzt ist es ein offener Krieg, General – oder?« »Ja, mein Sohn, genauso ist es.« Chase steckte den Kopf ins Zelt. »Würden Sie sich jetzt freundlicherweise wieder hinlegen?«, herrschte er Ben an.
»Ich weiß, was du denkst, Ben«, sagte Jerre zu ihm, als er wieder eine Weile im Bett lag. Er blickte sie an. »Tatsächlich?« »Du fragst dich, ob du das Richtige machst. Du denkst darüber nach, dass einige der Agenten noch Kinder waren, als die Bomben abgeworfen wurden. Sie können sich vermutlich nicht an die Zeit davor erinnern. Einige von ihnen stehen womöglich gar nicht zu dem, was Al Cody und Präsident Addison von ihnen verlangen, aber sie führen auch nur ihre Befehle aus.« »Irgendwie schaffst du es, meine Gedanken zu lesen«, sagte er schläfrig. »Warum auch nicht?« Sie lächelte. »Immerhin hast du mich gevögelt, als ich erst neunzehn war, du schmutziger alter Mann.« »Du meinst also, dass ich richtig handle, Jerre?« »Du weißt, dass du das machst, Ben.« Ihre Worte hallten noch lange nach, als der Schlaf ihn übermannte. Er dachte daran zurück, wie sie sich vor zehn Jahren begegnet waren… Es war nur ein paar Wochen, nachdem über die Welt ein nuklearer und bakteriologischer Krieg hereingebrochen war. Er hatte sie nördlich von Charlottesville, Virginia, gesehen, wie sie langsam an der Straße entlangging. Als sie den Wagen bemerkt hatte, war sie vor Schreck in einen Graben gesprungen und hatte sich dabei den Knöchel verletzt. Ben hatte ihr helfen
wollen – und plötzlich in den Lauf einer kleinen Automatikwaffe geblickt. Mit etwas Mühe überzeugte er sie dann davon, dass er ihr nichts tun wollte, und sie ließ zu, dass er sich ihren Knöchel ansah; sie befolgte sogar seinen Rat, ihn ganz in der Nähe in einem Bach zu kühlen. Sie hatte in Maryland das College besucht, als die Bomben hochgingen. Eine Woche lang war ihr schlecht gewesen, so sehr hatte sie das Erlebnis mitgenommen. Den Nachmittag über unterhielten sie sich, und schließlich fasste sie Vertrauen zu ihm. In der Nacht kam sie zu ihm ins Bett Sie roch nach Seife, nachdem sie kurz zuvor gebadet hatte. Sie waren dann tagelang durch das Land gereist, und sie hatten sich immer besser verstanden. Doch sie hatte ihm sofort gesagt, dass sie ihn verlassen würde, wenn sie den richtigen Zeitpunkt für gekommen hielt. Jetzt fand er sie noch jung und süß, aber sie würde viel schneller alt sein, als ihm lieb sein konnte. Er brachte ihr in der Zeit, die sie gemeinsam verbrachten, so viel wie möglich bei, damit sie hoffentlich auch allein überleben konnte. »Aber«, hatte er ihr gesagt, »es könnte sein, dass du wesentlich besser schießt, wenn du nicht die Augen zukneifst.« Südlich von Chapel Hill hatten sich ihre Wege getrennt. Den Abschiedsbrief, den sie ihm geschrieben hatte, besaß er noch immer. Die Agenten liefen blindlings in den tödlichen Hinterhalt auf der Luftwaffen-Basis. Als sie von Bord gingen, dachten sie sich nichts dabei, dass die Air Force Police in Jeeps sitzend auf dem Rollfeld verteilt stand. Dass fast jeder der Männer eine M-16 in der Hand hielt und großkalibrige Maschinengewehre auf den Jeeps montiert waren, war ebenfalls nicht ungewöhnlich. Die Agenten nahmen kaum Notiz davon.
Sie achteten auch nicht auf den Captain und Sergeant der Luftwaffe, die die Maschine betraten, als der letzte Agent herausgekommen war. Als der Pilot den kalten Stahl einer 45er Pistole in seinem Genick fühlte, drehte er sich nicht um, sondern hörte nur aufmerksam zu, wie jemand mit tiefer Stimme erklärte, er habe jetzt die Wahl zwischen Leben und Sterben. »Ganz ruhig bleiben, Captain«, sagte der Rebell. »Sie werden ohnehin nicht allzu lange am Boden bleiben müssen.« Der Pilot bemühte sich, die Nerven zu behalten, während schweres Gewehrfeuer den späten Nachmittag zerriss. Die Schreie der Agenten schlugen ihm auf den Magen. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, dass auch sein Co-Pilot mit einer Waffe bedroht wurde. »Ihre Frau heißt Loraine«, sagte der Rebell. »Und die Ihres Co-Piloten heißt Betty. Im Moment sind sie in Sicherheit. Wenn Sie hier irgendeine Dummheit versuchen, werden Sie sie nie wieder sehen.« Es war ein Bluff, da die Rebellen nicht die Absicht hatten, unschuldigen Menschen etwas zu Leide zu tun, aber das mussten die Piloten nicht wissen. Außerhalb der Maschine wurde weiter geschossen. »Sagen Sie uns nur, was wir machen sollen, Mister«, erwiderte der Pilot. »Wir sind Zivilpiloten, keine Soldaten.« Er sah einen der Agenten über das Rollfeld davonrennen. Ein Maschinengewehr dröhnte, und eine Reihe von blutigen Punkten entstand auf dem Rücken des Mannes, dann fiel er vornüber auf die Piste. »Während wir die Leichen in die Maschine schaffen«, sagte der Rebell, »werden Sie auftanken und zum Klo gehen, wenn Sie wollen. Dann fliegen Sie zurück nach Richmond und wahren Funkstille, bis Sie die Landeinstruktionen erhalten. Haben Sie verstanden?«
»Ja, Sir.« »Bei der Gelegenheit werden Sie dem Tower sagen, man soll Direktor Cody holen. Er soll sich mit Ihnen auf dem Flughafen treffen. Sagen Sie ihm Folgendes: General Baines lebt und ist wohlauf. Er lässt ihn mit diesem kleinen Geschenk grüßen. Die Tri-Staaten werden auferstehen. Sagen Sie, dass ab sofort ein offener Krieg an allen Fronten herrscht. Ich hoffe, Gentlemen, dass wir uns nicht wieder sehen werden. Bleiben Sie hier sitzen, bis ich Ihnen Bescheid sage.« »Jawohl, Sir.« Nach einer scheinbaren Ewigkeit wurde die Mündung der Waffe vom Genick des Piloten genommen. Auch der Co-Pilot wurde nicht länger bedroht. Beide Männer sahen sich an und mussten einen Brechreiz unterdrücken, als die blutige Fracht in die Maschine gebracht und in den Sitzen festgeschnallt wurde. »Sie können jetzt auftanken«, rief man ihnen zu. Als die Tanks voll waren, sagte der Rebell: »Ich wünsche euch noch einen schönen und sicheren Flug, Jungs.« Dann war er verschwunden. »Al Cody wird durchdrehen«, sagte der Co-Pilot, als sie mit der Maschine in die Startposition rollten. »Ach, scheiß doch auf Al Cody«, gab der Pilot schroff zurück. »Wenn ich wüsste, wie ich es anstelle, würde ich mich sofort den Rebellen anschließen.« »Und warum hast du nicht sofort gefragt, als du eben die Gelegenheit dazu hattest?« »War dir vielleicht nach einem Schwätzchen zumute, als du die Waffe im Genick hattest?« »Natürlich nicht!« »Dann flieg los und stell keine dummen Fragen.« Das Luftwaffen-Personal wurde unverletzt freigelassen – nur vier Leute hatten sich zur Gegenwehr entschlossen und lagen
nun der Länge nach in einem leeren Hangar unter einem großen weißen Laken. »Wenn ihr Leute Köpfchen habt«, sagte der Anführer der Rebelleneinheit ihnen, »dann verlasst ihr diese Basis, sobald wir gegangen sind, und werft keinen Blick zurück. Entweder steht ihr hundertprozentig auf unserer oder auf der anderen Seite. Wir halten es jetzt wie die Regierung, nur Schwarz oder Weiß, aber dazwischen kein Grau. Wenn die Regierung so kämpfen will, soll es uns auch recht sein.« »Und wie können wir uns euch anschließen?«, fragte einer der Männer. »Ihr geht einfach mit uns mit.« »Wenn’s weiter nichts ist.« Neun der Männer schlossen sich den Rebellen an, als die sich zurückzogen. Ben Raines’ Bewegung war wieder ans Laufen gekommen und wurde mit jedem Moment stärker. Fünf Stunden später stand Al Cody in Richmond in der Maschine und bebte vor Wut, während er sah, was von seinen Männern übrig geblieben war. Er verließ das Flugzeug und blieb in der Dunkelheit auf dem Rollfeld stehen. Er ballte die Fäuste und seine Stimme war vor Zorn wie erstickt: »Ich werde dich finden, Ben Raines, das schwöre ich dir. Ich werde dich finden und dich öffentlich aufknüpfen. Und es wird mir ein unglaubliches Vergnügen sein.« Cody ging von der Maschine fort. Er war ein kleiner, grauhaariger Mann, der glaubte, dass die Regierung keine Fehler mache. Er war der Ansicht, dass die Regierung Recht hatte, wenn sie ein Gesetz erließ, auch wenn 99 Prozent der Bürger sich dagegen aussprachen. Das Gesetz war nun einmal das Gesetz, und die Bürger hatten sich dem unterzuordnen, wenn sie nicht zu Kriminellen abgestempelt werden wollten.
Cody blieb auf dem Rollfeld stehen und strich sich durchs Haar. Seine kalten, ausdruckslosen blauen Augen richteten sich auf einen Agenten, der an seinem Wagen wartete. »Bringen Sie mir Ben Raines. Brechen Sie diesen Rebellen das Rückgrat. Mir ist egal, wie Sie es anstellen und wie viele Leute Sie brauchen – machen Sie’s einfach!« »Einige unserer Männer haben deswegen schon bittere Rache geschworen«, sagte der Agent und zeigte mit dem Daumen auf die Maschine. »Sie sind zu allem bereit, Sir. Sie wollen die Sympathisanten der Rebellen mit allen Mitteln aufstöbern und ihren Willen brechen.« Cody kämpfte gegen seine Empfindungen an. Er war kein Freund von Folterungen, da es gegen seine christliche Erziehung ging. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Diese Rebellen waren keine Spur besser als die Männer und Frauen der IRA… Terroristen und Mörder. »Fangen Sie damit an«, sagte Cody verbissen. »Aber Senator Carson und der Präsident…« »Wir halten das so lange wie möglich bedeckt. Wenn Meldungen an die Öffentlichkeit gelangen, dementieren wir rundweg. Präsident Addison ist ein Schwächling, Senator Carson wird allmählich alt, also machen Sie sich keine Sorgen um die beiden. Wir müssen wohl Feuer mit Feuer bekämpfen. Nehmen Sie Kontakt mit Sam Hartline auf. Er soll sich morgen mit Ihnen treffen, und dann erklären Sie ihm alles. Sagen Sie ihm, er soll seine Jungs in Bereitschaft versetzen.« »Jeb Fargo und seine Leute haben doch schon einmal versucht, Ben Raines aus dem Weg zu räumen«, machte der Agent seinen Boss aufmerksam. »Und jetzt sind sie alle tot.« »Und Kenny Parr«, erinnerte sich Cody. Er seufzte. »Es sind Terroristen, Tommy. So müssen wir diese Rebellen betrachten, als Terroristen. Wir müssen ihren Willen brechen, Tommy. Tun Sie genau das.«
»Ja, Sir«, erwiderte Tommy Levant leise. »Aber es muss mir nicht gefallen.«
Das FBI der späten neunziger Jahre hatte nichts mit der alten Organisation zur Verbrechensbekämpfung zu tun. Es war jetzt mehr eine Anti-Guerilla-Einheit, da organisiertes Verbrechen seit den Bombardements von 1988 praktisch weltweit nicht mehr existent war. Zwar befassten sich die Mitarbeiter des FBI immer noch mit Fällen von Mord und Vergewaltigung, sowie mit Verbrechen, die gegen die Regierung gerichtet waren, doch in erster Linie wurde ein Kampf gegen Ben Raines und seine Rebellen geführt. Die Mitarbeiter des neuen FBI waren längst nicht so gut ausgebildet wie früher. Die Bomben hatten nicht nur das Antlitz der Vereinigten Staaten grundlegend verändert, sondern auch tief greifende Veränderungen im Leben der überlebenden Bürger bewirkt. Fabriken und Geschäfte waren wieder eröffnet worden, es wurde wieder produziert und angeboten, aber für viele Überlebende war es nach wie vor ein Kampf. Für manche Bürger war es mit immensen Schwierigkeiten verbunden, Brot und Fleisch und Kartoffeln auf den Mittagstisch zu bringen – nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt. In den Augen vieler ließ die Regierung ihre Bürger im Stich. Ben Raines dagegen hatte aus dem Nichts und quasi über Nacht eine funktionierende Gesellschaft geschaffen, in der das Leben lebenswert war. Die Bürger fragten sich, warum ihre Regierung das nicht auch fertig brachte. Aber die Regierung reagierte nicht auf diese Fragen, jedenfalls nicht zur Zufriedenheit der Fragensteller. Wenn die Regierung ehrlich hätte antworten sollen, dann hätte sie erklären müssen, dass sie schon seit Jahren nicht mehr arbeitsfähig war. Ein Senator hatte erklärt, Ben Raines’
Regierungsform sei so simpel, dass sie schon wieder komplex war. In den Tri-Staaten arbeiteten die Menschen aus vielerlei Gründen zusammen: um Energie zu sparen, um die Regierung zu stärken, um mehr Land für den Getreideanbau bereitzustellen, um den Menschen durch Gesundheitsfürsorge, Polizei, Feuerwehr und soziale Dienste mehr Schutz zu bieten. Zum ersten Mal in ihrem Leben kümmerte man sich um die alten Menschen und respektierte sie. Sie wurden nicht in Altenheime abgeschoben und vergessen. Die Bevölkerungskonzentration in den Tri-Staaten wurde sorgfältig geplant. Menschen aller Altersgruppen wurden gemeinsam in Häusern und Apartments untergebracht. Wer alt war, noch arbeiten konnte und das auch wollte, der wurde ermutigt, es auch zu tun. Die Alten konnten so lange arbeiten, bis sie müde waren, dann konnten sie nach Hause gehen. Niemand hielt nach, ob sie am Tag eine Stunde oder acht Stunden arbeiteten. Die Erwachsenen hielten sich nicht mit einem Verhalten wie im Kindergarten auf, da sie niemandem etwas beweisen mussten. Das Wissen der älteren Bürger war groß und wertvoll. Die Jüngeren konnten von den Alten viel lernen, wenn sie nur bereit waren, ihnen zuzuhören. In den Tri-Staaten hörten sie zu. Damit dieses System funktionieren konnte, musste das Tempo gedrosselt werden. Der Druck musste verringert und das Ehrgefühl wiederhergestellt werden. Die Arbeitsmoral musste auf allen Ebenen erneuert werden. In den Tri-Staaten war das der Fall. Dort gab es niemanden, für den ein Mittagessen aus drei Martini bestand. In den Tri-Staaten arbeiteten die Manager genauso hart, sonst wurden sie ausgewiesen. Auf Dauer. Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten gab es keine Sozialhilfe, keine Lebensmittelmarken, keine Arbeitslosigkeit. An deren Stelle rückten Jobs für alle. Und alle Erwachsenen
arbeiteten. Wer glaubte, ein Job sei unter seiner Würde, oder zu faul war, der wurde zum nächsten Grenzposten gebracht und des Landes verwiesen. Wenn minderjährige Kinder im Spiel waren, wurden die ihren Eltern abgenommen und sofort von Familien in den Tri-Staaten adoptiert. Zugegeben, es war eine harte Verfahrensweise. Und sie deckte sich auch in keiner Weise mit der Verfassung der Vereinigten Staaten. Aber sie funktionierte!
ZWEI
»Al Cody wird das nicht einfach so hinnehmen«, sagte Ben zu einer Fraktion der Rebellen. Zwei Tage waren seit dem Angriff auf die FBI-Agenten vergangen. »Wir müssen handeln, und das rasch.« Dr. Chase stand am Rand der Gruppe und warf Ben einen unerfreuten Blick zu. Er murmelte irgendetwas über Bens Herkunft und ging hinaus. »Der Mann sollte im Bett liegen und ruhig sein«, brummte Chase. »Alle Einheiten sollen sich sofort in Bewegung setzen«, sagte Ben. »Sie kennen den Ablauf. Wir brechen jetzt sofort von hier auf! Räumt das Lager. Wir setzen uns zur Wyoming-Basis ab. Bewegt euch, Leute!« Jerre berührte seinen Arm. »Ben, du bist nicht kräftig genug für diese Reise. Du…« »Ich muss, Jerre. Wir müssen von hier weg. Es kann sein, dass es genügt hat, um Cody aus der Reserve zu locken. Du weißt, was unsere Geheimdienstleute berichten.« Ike McGowen fügte hinzu: »Folter, Vergewaltigung, physische Erniedrigung; das alles sind Begriffe aus dem letzten Report, den wir erhalten haben, Jerre.« Der Ex-Navy SEAL kaute nachdenklich auf einem Grashalm. »Ich kann nicht glauben, dass Präsident Addison mit alledem einverstanden ist«, sagte sie. »Er ist… verdammt, er steht doch eher links. Er hat sich in den frühen achtziger Jahren so sehr für die Menschenrechte in Südamerika eingesetzt. Sagt man jedenfalls«, meinte sie und errötete. »Ach, Kind.« Ike grinste. Der SEAL, der mit der Medal of Honor ausgezeichnet worden war, kannte Ben seit zehn Jahren.
Er war einer der Männer, die die Tri-Staaten mitgegründet hatten. Ben grinste ihn an. »Was ist denn so lustig, El Presidente?«, fragte Ike. »Ich habe gerade an den ersten Tag gedacht, als wir uns begegnet sind.« »Ist schon lange her, Partner.«
Ben war an der Küste von Florida unterwegs und hatte an seinem Autoradio gedreht, als Musik aus den Lautsprechern tönte, gefolgt von einer Stimme. Erschrocken fuhr Ben an den Straßenrand und lauschte. »Ja, Sir, Leute, es ist ein heller, schöner Tag hier in der City mit den Titties«, sagte die Stimme. »Die Temperatur liegt bei 35 Grad, und Ihr hört SEAL mit Gefühl, und Ike McGowen, der aufpasst, dass die Platten sich drehen.« Ben fuhr weiter und hielt nach einem Sendemast Ausschau, bis er ihn schließlich entdeckte. Es war der klapprigste Mast, den er je gesehen hatte. Er war behutsam an die Wand eines Hauses am Ozean gelehnt worden. Begleitet von dem Eskimohund Juno, den er adoptiert hatte, ging Ben zu dem Haus, wo sie von einem Trupp spärlich gekleideter Frauen empfangen wurden, die alle automatische Waffen trugen. Ben erfuhr, dass Ikes Radiostation den viel sagenden Sendernamen MOSE trug. Ben quartierte sich bei Ike und dessen Freundinnen ein, aber nicht nur das, sondern er verheiratete auch noch Ike und Meagan Ann Green. Die Zeremonie war nicht legal, aber es war das Beste, was man zu der Zeit machen konnte. Wie Ben herausfand, war Ike schon vor der Bombardements von ‘88 Teil der Rebellenbewegung gewesen. Er gehörte zu der Gruppe, die unter dem Kommando von Bens ehemaligem Vorgesetzten aus Vietnam stand: Bull Dean.
Ben hatte von der Rebellenbewegung gehört, als er ‘84 von einem ihrer Mitglieder angesprochen worden war. Er hatte den Mann weggeschickt. Aber später, als er durch das verwüstete Land reiste, sah er Werbetafeln, auf denen zu lesen war: BEN RAINES – NEHMEN SIE KONTAKT MIT UNS AUF. 39,2. Als er schließlich auf der Frequenz 39,2 Kontakt mit der mysteriösen Gruppe aufnahm, teilte man ihm zu seinem Erstaunen mit, dass ihm die Führung aller Rebellen übertragen worden sei. Ben lehnte das ab. Dann hatte Ike zu ihm gesagt: »Zum Teufel, General, ich werde dich nicht drängen. Sieh dir das Land an, aber deine Pflicht wird dich nach einiger Zeit einholen.« Nachdem die Gruppe in Florida sich aufgelöst hatte, ging jeder seinen eigenen Weg. Ben legte zahllose Meilen zurück, aber die Schilder waren einfach überall: BEN RAINES – NEHMEN SIE KONTAKT MIT UNS AUF. 39,2. Schließlich wurde Ben klar, dass seine »Pflicht« ihn eingeholt hatte.
»Jedes Individuum, das die Rebellen, aktiv oder passiv, unterstützt«, erklärte der Nachrichtensprecher, »wird wegen Hochverrats angeklagt. Hochrangige Quellen im Justizministerium haben unsere Reporter wissen lassen, dieser Schritt sei notwendig, damit die Rebellen nicht länger mit Waffen und Ausrüstung versorgt werden. Ben Raines, der die Rebellen anführt, gilt als der vom FBI meistgesuchte Mann des Landes. Der…« Präsident Addison schaltete den Fernseher aus und drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch. »Ja, Sir?«
»Sagen Sie dem Vizepräsidenten, dass ich ihn sehen möchte – sofort!« »Wird gemacht, Sir.« Vizepräsident Lowry war innerhalb von fünf Minuten im Oval Office. Weston Lowry konnte den Zorn in Addisons Augen sehen – der Mann gab sich keine Mühe, ihn zu verbergen. Und der Vizepräsident machte seinerseits keinen Versuch, seine Abneigung gegenüber dem Präsidenten zu verheimlichen. »Wessen Idee war es, die Bürger des Verrats zu bezichtigen, die Raines’ Sache unterstützen?«, wollte Addison wissen. »Ich glaube, von Raines’ Sache war nicht die Rede gewe…« »Gottverdammt, Sie wissen, was ich meine!« Addison schlug mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. »Was zum Teufel wollen Sie und Ihre Leute eigentlich? Einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen? Wir versuchen noch immer, uns von dem Schlag von vor elf Jahren zu erholen.« »Mr. President, wir haben den Kongress befragt. Alle bedeutenden Mitglieder…« »Mir hat aber davon niemand etwas gesagt.« Lowry ignorierte den Einwurf. »… und sie glauben, dass dieses Land nur überleben kann, wenn Ben Raines und seine Rebellen vernichtet werden. Sie…« »Die Briten haben etwas Ähnliches jahrelang in Nordirland versucht. Es hat dort nicht geklappt, und das wird es hier auch nicht.« »… glauben auch, dass diese Gefahr ernst genug ist, um den Begriff des Verrats ins Spiel zu bringen. Wenn es dazu kommen sollte, Mr. President, dann haben sie genug Stimmen, um jedes Veto zu Fall zu bringen.« Addison war so wütend, dass er zitterte und sein Gesicht rot anlief. »Lowry, ich werde eine Pressekonferenz einberufen und mich öffentlich und mit allem Nachdruck von diesem Plan distanzieren und mich dagegen aussprechen.«
»Das ist Ihr gutes Recht, Sir.« Lowry war nach wie vor völlig ruhig. »Das ist alles«, sagte Addison. »Ja, Sir.« Lowry grinste, als er das Büro verließ. Er hätte am liebsten die Tür hinter sich zugeschlagen.
Der kleine Konvoi rollte durch die Nacht, vorbei an verlassenen Häusern und menschenleeren Städten. Ben befand sich in einem Wagen in der Mitte des bewaffneten Konvois. Er schlief, und sein Kopf ruhte auf Jerres Schulter. James Riverson saß am Steuer; so wie viele der Rebellen in seinem persönlichen Kontingent kannte Ben Riverson bereits seit Jahren. »Das gefällt mir überhaupt nicht, Miss Jerre«, sagte der hünenhafte Ex-Trucker aus Missouri, dessen große Hände das Lenkrad unnormal klein erscheinen ließ. Riverson hatte seine Frau Belle bei den Kämpfen um die Tri-Staaten verloren und seine Kinder waren von Regierungstruppen getötet worden. Riverson hasste die Regierung, die über die Vereinigten Staaten herrschte, und so wie viele andere Rebellen konnte er nicht verstehen, warum die Tri-Staaten zerstört worden waren. »Was gefällt Ihnen nicht, James?« »Die Art, wie sich das alles entwickelt. Die Leute werden am Ende zwischen allen Stühlen sitzen.« »Ich weiß. Und Ben weiß es auch. Ihm gefällt es ebenfalls nicht. Er wird Flugblätter drucken lassen, um den Leuten zu raten, sich zurückzuhalten.« »Sie wissen, dass die das nicht machen werden. Die Mehrheit der Bürger versteht nicht, wie wir so schnell eine funktionierende Gesellschaft aufbauen konnten, während ihre eigenen Volksvertreter offenbar gar nichts bewerkstelligen
können. Sie reden unaufhörlich, tun aber nichts. Oder nur verdammt wenig.« »War es nicht schon immer so, James? Sie sind doch älter als ich, Sie müssen das doch wissen.« Er nickte langsam. »Ich schätze schon, Miss Jerre. Aber nach 1980 bin ich nicht mal mehr zur Wahl gegangen.« »Ich finde das sehr traurig, James.« »Das war es auch. Aber was soll’s? Die Gerichte haben das Land regiert, die Menschen konnten gar nichts machen. Jedenfalls nicht die Leute, die intelligent genug waren, um es zu merken.« Er grinste im fahlen Schein der Armaturenbrettbeleuchtung. »Tut mir Leid, Miss Jerre. Das war etwas egoistisch von mir. Jeder hat Rechte. Ich wünschte nur, sie hätten uns in den Tri-Staaten in Ruhe gelassen. Wir haben keine Menschenseele gestört. Wir waren einfach nur zufrieden.« Ben stöhnte im Schlaf. »Möchte wissen, woran der General gerade denkt«, sagte James. Er war Salina zum ersten Mal in einem Motel in Indiana am Rande der Interstate begegnet. Zuerst hatte er sie für eine Weiße gehalten, die mit einer Gruppe Schwarzer unterwegs war. Da er gerade von einem Besuch bei seinem Bruder in Chicago kam, wo sich Weiße und Schwarze alle Mühe gaben, sich gegenseitig abzuschlachten, kam ihm das etwas seltsam vor. Doch ein Mitglied der Gruppe, das Weiße hasste, hatte gesagt, Salina sei ein Zebra. »Was bedeutet das?«, hatte Ben sie später gefragt, als sie allein waren. »Halb schwarz, halb weiß. Und ja, meine Eltern waren verheiratet«, erwiderte sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass du…« »Ich bin keine Weiße«, unterbrach sie ihn lächelnd.
Zur Gruppe gehörten Männer und Frauen, die sich später Ben bei der Gründung der Tri-Staaten anschließen sollten: Cecil Jefferys und seine Frau Lila. Jake und seine Frau Nora. Clint und Jane. Und Ben und Salina sollten später heiraten. Saline war während der letzten Stunden des Überlebenskampfs hochschwanger in den Wäldern der Tri-Staaten getötet worden. So viele waren für diesen Traum gestorben.
Sam Hartline sah aus wie das Fleisch gewordene Hollywood-Stereotyp eines Söldners. 1,80 Meter groß, muskulös, braun gebrannt, dunkelbraunes Haar, das an den Schläfen ein wenig ergraut war, kalte grüne Augen, und auf der rechten Wange eine Narbe. Er sprach zu den gut hundert FBI-Agenten, die er in einem alten Hotel in der verlassenen Stadt in Virginia hatte zusammenkommen lassen. Seinen eigenen Männer musste er nichts sagen, sie kannten seine Ausführungen. »Ihr seid also die Jungs, die den Schlag anführen, dem Ben Raines zum Opfer fallen soll, wie?« Er grinste. »Und schaffen wollt ihr das, indem ihr den Willen der Zivilisten brecht, die zu ihm stehen, richtig? Gut, aber ihr solltet wissen, dass ein unempfindlicher Magen sehr nützlich sein wird.« Er grinste noch breiter. »Ich nehme an, den habt ihr. Ihr seht nicht so verweichlicht aus wie die anderen Typen, die früher zum FBI gehörten. Ihr macht einen harten Eindruck, und ihr solltet besser auch genauso hart sein.« Er trank einen Schluck Wasser und sah wieder die Männer an. »Wie geht man nun mit männlichen Gefangenen um, noch bevor das eigentliche Verhör beginnt?«, fragte er rhetorisch. »Der Mann… der Beschützer von Haus und Hof, der Starke. Die Techniken sind exakt das Gegenteil von dem, wie man mit weiblichen Gefangenen umgeht. Mit dem Mann muss man
gleich von Anfang an hart umspringen… muss seinen männlichen Stolz attackieren, seine Männlichkeit, seinen Schwanz. Man reißt einem Mann die Kleider vom Leib und lässt ihn nackt dastehen. Ein nackter Mann fühlt sich wehrlos. Er verliert einen Großteil seines arroganten Stolzes.« Er machte eine kurze Pause. »Bei einer Frau verläuft es genau umgekehrt. Gewalt wird hier erst als letztes Mittel angewendet. Man befiehlt ihr, sich auszuziehen. Damit ist ihre Würde gleich von Anfang an ausgehöhlt. Das ist sehr wichtig. Lasst sie nie durchschlafen. Weckt sie alle paar Minuten auf, damit sie sich ausmalen können, welche Foltermethoden womöglich als Nächstes auf sie warten. Schlafmangel wirkt irritierend und widerspricht der Norm.« Er deutete auf einen Mann, der neben einer geschlossenen Tür stand. »Ich möchte Ihnen jetzt ein Beispiel geben«, sagte er, woraufhin der Mann die Tür öffnete und zwei von Hartlines Leuten einen jungen Mann Ende zwanzig in den großen Saal brachten und auf eine kleine Bühne zerrten. Er war unrasiert und wirkte extrem übermüdet. »Guten Morgen, Victor«, sagte Hartline fröhlich. »Gut geschlafen?« Der Mann erwiderte nichts. »Zieh dich aus, Victor«, sagte Hartline und lächelte ihn an. »Fick dich!« Hartline lachte und gab den beiden stämmigen Männern ein Zeichen. Sie drückten den jungen Mann zu Boden und rissen ihm die Kleidung vom Leib, dann zerrten sie ihn hoch, bis er vor einem Raum voller Fremder völlig nackt auf der Bühne stand. »Wie du siehst, Victor« sagte Hartline, »bist du nur ein Baby. Ich kann mit dir alles machen, was ich will und wann ich es will. Denk immer dran, Victor. Das kann dir eine Menge Schmerz ersparen. Also Victor, wer ist der Anführer deiner Zelle?«
Victor stand da, ohne einen Ton zu sagen, während er versuchte, so würdevoll wie möglich zu wirken. »Victor, Victor«, sagte Hartline. »Warum machst du das nur? Du wirst mir doch sowieso sagen, was ich wissen will.« »Wenn Sie mich foltern wollen«, gab der junge Mann zurück, »dann fangen Sie schon an.« Hartline lachte herzhaft und ließ gleichmäßige weiße Zähne erkennen. »Ach, Victor! Ich werde dich überhaupt nicht foltern, mein Junge.« Abermals sah er zu dem Mann an der inzwischen wieder geschlossenen Tür. Zwei weitere Männer brachten eine junge Frau in den Raum, die offensichtlich mit dem jungen Mann eng verwandt war. Sie und Victor hatten das gleiche zart geschnittene Gesicht, die gleiche Hautfarbe und die gleichen blassen Augen. »Rebecca!«, rief Victor und wollte zu ihr, wurde aber von kräftigen Händen gepackt und brutal zurückgerissen. »Du Hurensohn!«, schrie er Hartline an. Der Söldner war amüsiert. »Fesselt ihn an den Stuhl da drüben. Die Hände nach hinten, die Fußgelenke an die Stuhlbeine.« Hartline sah die junge Frau an, etwas Bösartiges blitzte in seinen Augen auf. »So, meine Liebe, du darfst jetzt die Hüllen fallen lassen.« »Das werde ich nicht«, erwiderte sie und hob trotzig das Kinn. Hartline musste leise lachen. »O doch, das wirst du. Ganz sicher.« Hartline nahm einen kleinen Elektroschocker und drehte die Voltzahl hoch. Dann stellte er sich neben Victor und sah die Frau an. »Zieh dich aus.« »Nein«, flüsterte sie. Hartline drückte den Stab auf Victors Oberarm und aktivierte ihn. Der junge Mann zuckte zusammen und stieß einen Schmerzensschrei aus.
»Tu es nicht, Schwester! Ich kann das aushalten.« Hartline presste den Stab auf Victors Penis. Diesmal war der Schmerz so schlimm, dass er den Stuhl umriss und auf die Seite fiel. »Hören Sie auf«, rief Rebecca. »Tun Sie ihm nicht mehr weh, ich mache alles, was Sie wollen.« »Braves Mädchen«, sagte der Söldner. Während sich Rebecca auszog, ging der Söldner immer wieder um sie herum und machte Bemerkungen über ihre Figur – wie schlank ihre Beine, wie fest ihre Brüste seien, wie gepflegt ihr Schamhaar sei. Hartline musste lächeln, als einige der Männer begeistert pfiffen. Er strich mit den Händen über den Körper der jungen Frau, schob eine Hand zwischen ihre Schenkel und beobachtete Victor, dessen Stuhl wieder aufgestellt worden war. »Den Namen des Zellenanführers, junger Mann. Die Zeit für Spielchen ist jetzt vorüber.« »Sag ihm nichts, Victor!«, rief Rebecca. »Unser Leben bedeutet nichts. Wir können es aushalten. Wir sind für ihn nichts wert, wenn wir tot sind. Er wird uns nicht töten.« Hartline lächelte. »Gut beobachtet, meine Liebe. Sehr gut sogar. Aber manchmal ist der Tod dem Überleben vorzuziehen.« Sie lächelte nur. »Du zweifelst daran? Oh, meine Liebe, wie naiv du doch bist. Ich habe Menschen gesehen, die dem Wahnsinn nahe waren. Man hatte ihnen die ganze Haut vom Leib gezogen, aber sie lebten immer noch und bettelten darum, endlich sterben zu dürfen. Ich habe gesehen, welche Objekte man alles in den Anus eines Mannes einführen kann. Ich will hier nicht in Details gehen, aber ich kann sagen, dass es sehr interessant sein kann. Also, meine Liebe?« Die Frau spuckte ihm ins Gesicht.
»Aber, meine Liebe«, sagte Hartline und wischte sich den Speichel von der Wange. »Jetzt hast du mich aber böse gemacht.« Er sah zu Victor. »Zum letzten Mal, Victor. Wie heißt euer Anführer?« Victor schüttelte den Kopf. Hartline sah wieder die junge Frau an. »Ich werde nichts sagen«, erklärte sie. Hartline senkte den Kopf und leckte an ihrer Brustwarze, bis die Haut nass war. Dann richtete er sich auf und legte den Elektroschocker auf Rebeccas Brust. »Einer von euch wird es sagen«, verkündete er.
»Was sollen wir machen?« Senator Carson sah Präsident Addison fragend an. »Diese Nation kann einen Bürgerkrieg nicht überstehen.« »Ich weiß nicht, Bill«, sagte Aston und trommelte mit den Fingerspitzen auf seinen Schreibtisch. »Das ist eine persönliche Sache zwischen Cody und Raines. Codys Bruder wurde in den Tri-Staaten getötet. Wie viel Rückhalt habe ich wirklich, Bill?« Der alte Senator seufzte. Er war länger Mitglied des Senats als jeder andere, da er schon seit 1960 und der Zeit von Jack Kennedy dazugehörte. Er hatte viel erlebt. Während der Bombenabwürfe und noch kurz danach war er für tot gehalten worden. Tatsächlich aber hatte er in den Bergen von North Carolina Urlaub gemacht, als die ersten Gerüchte über einen drohenden Krieg aufgekommen waren. Er hatte sich entschlossen, nicht nach Washington zurückzukehren, als er erfahren hatte, dass das Militär kurz vor dem atomaren Schlagabtausch die Kontrolle über das Land an sich gerissen hatte. »Verdammt«, gab Carson schließlich zurück. »In all meinen Dienstjahren habe ich noch nie eine so drastische Verschiebung
in den Gefühlen meiner Kollegen erlebt. Ich kann ihnen nicht klar machen, dass das nicht zu einem Bürgerkrieg eskalieren darf. Sie wollen einfach nicht zuhören.« »Ich möchte wetten, dass Weston Lowry in die Sache verstrickt ist.« »Natürlich, Aston. Ich erkenne hier überall seine Handschrift. Ich habe Sie gewarnt, Aston. Ich habe Sie bedrängt, nicht diesen Bastard zu nehmen.« Aston zuckte mit den Schultern. »Ich musste irgendetwas machen, um die Jungs zu beschwichtigen, die auf Recht und Ordnung pochen«, erwiderte er. »Verdammt, Bill, das wissen Sie doch.« Er sah dem älteren Mann in die Augen. »Sie haben wirklich die nötigen Stimmen? In beiden Häusern?« »Ja.« »Es wird blutig werden?« »Ja.« »Und wer ist Sam Hartline?« »Sam Hartline ist ein gottverdammter Psychopath«, sagte Cecil Jefferys zu Ike und Ben. »Und ein Hardliner. Und ein Schwarzenhasser. Er war ‘88 und ‘89 zusammen mit Jeb Fargo in der Nähe von Chicago.«
Am Tag, bevor Ben Cecil und Salina kennen gelernt hatte, war er zu Besuch bei seinem Bruder in Chicago gewesen. Was er dort gesehen hatte, empfand er als schockierend und abstoßend zugleich, da er nicht glauben konnte, wie sehr sich sein älterer Bruder verändert hatte. Man hielt Ben an einer Straßensperre an und verwehrte ihm die Einfahrt in den Stadtteil. »Sie müssen hier bleiben und sich uns anschließen«, sagte ein Mann. »Was?«, fragte Ben.
»Wir werden diese verdammten Nigger auslöschen«, erklärte der Mann. »Ein für allemal. Dann können wir wieder eine anständige Gesellschaft aufbauen.« Ben wollte seinen Ohren nicht trauen. Man konnte Ben Raines alles mögliche vorwerfen, aber eins wusste er: dass Gut und Böse sich nicht nach der Hautfarbe richten. Er ließ den Mann weiterreden, bis er ihn zu seinem Bruder durchließ. Er konnte nicht fassen, wie sehr sich Carl Raines verändert hatte. Er stritt mit Carl, er versuchte, vernünftig mit ihm zu reden, damit der seine Familie nahm und mit Ben fortging. »Auf keinen Fall«, sagte Carl. »Ich bleibe hier und beschütze mein Haus!« »Dein Haus?«, brüllte Ben ihn an. »Verdammt, Carl, im ganzen Land stehen Millionen von Häusern leer. Du kannst dir eines aussuchen. Wenn du willst, kannst du dich in der Villa eines Gouverneurs einquartieren.« »Da haben sich garantiert schon Nigger eingenistet.« Ben versuchte, auf seinen Bruder einzureden, um ihn umzustimmen, bis eine Stimme hinter ihm ihn dazu veranlasste, den Mund zu halten. »Warum schaffst du nicht einfach deinen Arsch hier weg, du Niggerfreund?« Der Mann trug eine Nazi-Uniform, komplett mit Hakenkreuz. Jeb Fargo. Die Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hatte, wirkte feindselig. Ben reichte seinem Bruder zum Abschied nicht die Hand, sondern ging fort und bahnte sich seinen Weg durch die Menge.
»Sam war nach mir in Afrika«, sagte Ben. »Aber ich habe mitverfolgt, was sich drüben zugetragen hat. Hin und wieder haben mir ein paar Kameraden geschrieben. Ich habe von Sam
gehört, er ist ein Experte für Folterungen. Ich kann nicht glauben, dass Addison so etwas mitmacht.« »Macht er auch nicht«, sagte Cecil. »Es heißt, dass sich da in Richmond ein Machtgerangel abspielt. Lowry will das Weiße Haus für sich.« »Und auf welcher Seite steht das Militär?«, wollte Ben wissen. »Meine Truppen sind gespalten«, sagte General Rimel von der Luftwaffe zu den Vertretern der anderen Zweige. »Aber es ist kein ausgewogenes Verhältnis. Ich würde sagen, dass vielleicht, nun… ein Drittel meiner Männer aktiv gegen Raines und seine Rebellen vorgehen wird.« »Es tut mir zwar weh«, sagte General Franklin vom Marine Corps, »aber so sieht es in etwa auch bei meinen Männern aus.« »Hier auch«, meinte General Preston von der Army. »Genau«, pflichtete Admiral Calland von der Navy bei. »Also sind wir außen vor?«, fragte Rimel. »Von einigen ausgesuchten Einheiten abgesehen, würde ich Ja sagen«, meinte Franklin. »Aber rund hundert von Codys Leuten sind zu einem Treffen mit Sam Hartline gegangen, das in einer verlassenen Tennessee-Grenzstadt stattfindet.« »Hartline?«, wiederholte Preston. »Der Söldner?« »Genau der.« »Wie viele Männer hat Hartline?« »Einige tausend. Und alles erfahrene Kämpfer.« Calland dachte einen Moment lang nach. »Wie viele Leute hat Raines?« »Die Rebellen können immer nur zwischen dreitausend und viertausend Mann zusammenbekommen«, erklärte Preston. »Unsere Geheimdienstberichte besagen, dass er in jeder der vier Sektionen der Nation etwas mehr als ein Bataillon hat. Er hat General Krigel im Osten, Major Conger im Mittleren Norden, Colonel Ramos im Südwesten und General Bill Hazen im Mittleren Westen. Aber er hat an jedem gottverdammten Ort
kleine Einheiten platziert. Und wenn Cody und Hartline direkt gegen die Leute vorgehen, wird Raines einen Bürgerkrieg anzetteln.« »Außerdem wird er Guerillataktiken anwenden«, sagte Franklin. »Verdammt richtig. Raines war ein Hell-Hound, der von Adams und Dean ausgebildet wurde.« »Und er hat noch immer Ike McGowen bei sich. Ex-SEAL, der die Medal of Honor hat«, fügte Admiral Calland respektvoll an. »Nun, Gentlemen«, sagte General Rimel, »Sie wissen alle, wie ich zu einer Invasion der Tri-Staaten stehe. Ich war dagegen. Aber keiner von uns kann direkt einen Befehl des Präsidenten oder des Kongresses ignorieren, weil wir sonst Stellung beziehen.« Er breitete seine Hände aus, als wolle er fragen: ›Und jetzt, Jungs?‹ »Ich schlage vor, wir reden heimlich mit den Generälen und Admirälen vor Ort«, sagte Preston. »Nur verschlüsselt, und wenn möglich, sogar nur unter vier Augen. Wenn wir das erledigt haben, sollten wir Raines wissen lassen, wie der Stand der Dinge ist.« »Verdammt!«, fluchte General Franklin. »Allein den Gedanken daran hasse ich schon.« »Na ja«, sagte Preston und stichelte: »Wir haben dir nie einen Rosengarten versprochen.« »Oh, Jerry! Verdammt witzig«, stöhnte Franklin.
Victor sah mit an, wie der fünfte Mann seine Schwester von hinten nehmen wollte. Er versuchte, ihre Schreie nicht zu hören, aber es gelang ihm nicht. »Hört auf, hört auf«, sagte er schließlich mit schwacher Stimme. »Lasst sie in Ruhe, ich sage alles, was Sie wissen wollen.«
Der Mann hielt inne und sagte: »Wird auch Zeit. Sie ist schon völlig blutverschmiert.« »Holt einen Arzt, damit er sich um sie kümmert«, wies Hartline einen seiner Männer an. »Auf der Stelle. Die Leute sollen wissen, dass ich fair mit ihnen umgehe, wenn sie kooperieren.« Rebecca wurde aus dem Saal getragen. Hartline kniete neben Victor nieder. »Und nun, junger Mann, möchte ich gerne einen Namen hören.« Noch in der gleichen Nacht wurde eine Haustür eingetreten und ein Mann aus seinem Bett gezerrt. Man brachte ihn zu einem alten Lager der Nationalgarde in Central Virginia, das vorübergehend als Unterkunft für Sam Hartlines Leute diente. Der Mann wurde in ein Büro geschleppt und auf den Boden geworfen. Als er aufsah, stand Sam Hartline vor ihm. Der Söldner lächelte ihn an. »Mr. Samuelson«, sagte Hartline. »Sie verfügen über großes Wissen, an dem ich gerne teilhätte.« »Niemals«, erwiderte Samuelson. »Ach, Mr. Samuelson, das ist bestimmt nicht so von Ihnen gemeint.« »Doch, es ist so gemeint.« »Bevor Sie solche Erklärungen übereilt von sich geben«, sagte Hartline, »sollten Sie vielleicht erst einmal Ihre Tochter Ruth fragen. Sie müssen wissen, dass sie im Moment… na, wie soll ich es sagen, dass sie im Moment damit beschäftigt ist, meinen Männern hier im Lager die Zeit zu versüßen.« »Ich glaube Ihnen kein Wort«, sagte Samuelson. Samuelson wurde hochgerissen und durch den Flur gezerrt. Vor einer geschlossenen Tür blieb Hartline stehen und lächelte wieder. »Glauben Sie mir, Mr. Samuelson«, sagte er. »Glauben Sie mir.« Dann öffnete er die Tür.
DREI
Der Frühling ging allmählich in den frühen Sommer über. Ein seltsamer Frieden herrschte im Land, aber beide Seiten wussten, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war. Die Ruhe vor einem Bürgerkrieg. Eine Rebellen-Zelle im Osten war ausgehoben worden. Samuelson und seine Tochter Ruth wurden auf der Basis festgehalten, die Hartline für Trainingszwecke benutzte. Aus Samuelson hatte man alle brauchbaren Informationen herausgeholt, der Mann war nur ein Schatten seiner Selbst. Er war körperlich und geistig ein gebrochener Mann. Seine Tochter war mit solcher Heftigkeit missbraucht worden, dass sie sich in sich selbst zurückgezogen hatte, ohne dass ihr noch jemand helfen konnte. Sie hockte in einer Zellenecke und sang Kinderlieder. Ihre Haare hatte sie sich alle ausgerissen. Am 1. Juni 1999 wurde eine Art Militärgericht ins Leben gerufen. Es bestand aus Männern und Frauen der Soldaten, die Cody und Lowry loyal gegenüberstanden, aus Hartlines Söldnern sowie zwei äußerst verängstigten Bürger aus einer Stadt in der Nähe. Das Gericht verurteilte Samuelson und seine Tochter zum Tode durch den Strang, da sie des Hochverrats an den Vereinigten Staaten für schuldig befunden wurden. Das Verfahren dauerte zwanzig Minuten, und am nächsten Morgen wurden die beiden gehängt. In Washington saß Präsident Addison zusammen mit Senator Carson in seinem Privatzimmer. Der alte Senator aus Vermont, der üblicherweise sehr auf seine Wortwahl achtete, war ungewohnt direkt: »Die Kacke dampft, Aston.« »Und es gibt nichts, was wir unternehmen könnten.«
»Stimmt.« »Ich bin eigentlich nur ein Aushängeschild, nicht wahr, Bill?« »Wenn man es genau nimmt…ja.« »Ich spiele mit dem Gedanken, mein Amt aufzugeben.« »Machen Sie das nicht. Ich hege die Hoffnung, dass wir Sie im Weißen Haus brauchen werden, wenn meine Kollegen in ein paar Wochen oder Monaten sehen, wie blutig und überflüssig dieser Krieg ist, und sie zur Besinnung kommen – und sich gegen Cody und Lowry stellen.« Der Präsident schüttelte den Kopf. »Das wird nicht geschehen, Bill. Sie träumen. Mir sind einige Dinge jetzt viel klarer. Logan hat Lowry die ganze Zeit über gefördert, nur hat er ihn absichtlich im Hintergrund agieren lassen. Mir fallen jetzt Dinge ein, die mir damals unbedeutend vorkamen.« »So?« »Ja, ich erinnere mich an all die Male, als sich Hilton mit Lowry traf. Ich weiß, dass Dallas Valentine eine Affäre mit Logans Frau hatte… aber wenn ich zurückblicke, glaube ich, dass das auch für Lowry galt.« »Die Dame war aber ziemlich beschäftigt, was?«, bemerkte Carson mit süffisantem Tonfall. »Kann man wohl sagen. Ich erinnere mich daran, dass Lowry als der Mann im Hintergrund erwähnt wurde, als das Gehirn hinter Hilton Logan. Ja… Und Jeb Fargo hatte sich in Georgia niedergelassen, gleich außerhalb von Atlanta.« Aston lächelte. »Woher kommt Lowry, Bill?« Der alte Mann rutschte auf seinem Platz hin und her. »Georgia. Smyrna, glaube ich. Sie entdecken die Zusammenhänge, Aston.« »Ja, aber viel zu spät.« »Vielleicht nicht. Es könnte reichen, um genügend Leute in beiden Häusern zu überzeugen und um uns wieder ins Rennen zu bringen.«
»Vorausgesetzt, die stecken nicht auch mit drin.« »Das habe ich mir auch schon durch den Kopf gehen lassen.« »Mit welchem Ergebnis?« »Ich glaube, einige sind verstrickt. Aber wie viele…?« Er zuckte mit den Schultern. »Dieser Vater und seine Tochter, die heute Morgen gehängt wurden. Samuelson. Fürchterliche Sache. Möchte wissen, wie Raines darüber denkt?«
Ben war körperlich wieder hundertprozentig hergestellt. Und in diesem Moment war er zu hundert Prozent von Wut erfüllt, eiskalter Wut. Er blieb stehen und sah zu Ike. Der Ex-SEAL saß geduldig in dem Truppenzelt, eine CAR-15 quer über seinen Schoß gelegt. »Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen, alter Freund«, sagte Ben. »Das ist wahr.« Ike wartete einen Moment lang, dann sprach er weiter, da Ben nichts sagte. »Du gibst doch nicht Samuelson und seiner Tochter die Schuld?« »Oh, weiß Gott nicht! Es gibt keine Folter auf dieser Welt, der ein Mensch wirklich widerstehen könnte. Nein, ich gebe ihnen keine Schuld. Mich ärgert nur, dass es passiert ist.« »Zwölf Zellen zerschlagen, über zweihundert Personen festgenommen«, sagte Cecil. »Mir wird übel, wenn ich daran denke, was im Augenblick mit diesen Leuten passiert.« »Ich versuche, darüber nicht nachzudenken«, sagte Dr. Chase. Er sah zu Ben. »Wirst du sie rächen, Ben?« Ben ließ sich so viel Zeit mit seiner Antwort, dass Chase die Frage gerade wiederholen wollte, als Ben sagte: »Ja, das werde ich. Aber nicht so, wie man es von uns erwarten wird.« »Du wirst die Leute bewaffnen?«, wollte Cecil wissen.
»Ja, aber wir werden langsam vorgehen müssen. Ich habe die letzte Nacht so gut wie gar nicht geschlafen und mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Mein Entschluss steht fest.« Die Männer warteten darauf, dass Ben den Befehl zum Gegenschlag gab. »Ich fürchte, Cody und Hartline werden in den nächsten sechs bis zwölf Monaten von der Rebellenbewegung sehr enttäuscht sein.« Ben lächelte, als er die irritierten Gesichter der Männer um ihn herum sah. »Wir werden von Grund auf neu aufbauen. Wir werden alte Trainingslager in den Bergen und den Wüsten wieder aufmachen, wir werden horten und trainieren und uns absolut bedeckt halten, dass man glauben wird, wir würden gar nicht mehr existieren.« Ben begann erneut, rastlos auf und ab zu gehen, wie er es immer machte, wenn er intensiv nachdachte. »Von heute an in einem Jahr, Gentlemen, werden wir zuschlagen. Wir werden so hart und an so vielen Stellen gleichzeitig zuschlagen, dass Cody, Hartline und die Kongressmitglieder, die zu ihnen stehen, nicht wissen, was über sie gekommen ist. Am 2. Juni 2000 werden wir diese Regierung stürzen und die Macht dem Volk zurückgeben.« Er lächelte. »Zumindest werden wir den ersten Schritt in diese Richtung unternehmen.« Er blickte zu Ike. »Setz dich mit all unseren Commandern vor Ort in Verbindung, sie sollen alle wissen, was los ist. Die Nachricht soll verschlüsselt werden. Sag ihnen, dass es keine Racheakte und keine Vergeltungsschläge dafür gibt, dass sie Samuelson und seine Tochter gehängt und die Zellen zerschlagen haben. Erst, wenn ich den Befehl dazu gebe. Jeder Rebell, der sich dieser Anordnung widersetzt, wird vor ein Kriegsgericht gebracht und von mir persönlich erschossen. Ein Jahr, Gentlemen. Ein Jahr. Wenn die Zivilisation ihre ersten Schritte ins Jahr 2000 unternimmt, werden wir zuschlagen.« Die Besprechung war beendet.
Vor dem Zelt sagte Cecil außer Hörweite: »Ich fand, dass schon die Sache mit den Tri-Staaten eine Mammutoperation war. Aber Ben ist jetzt im Begriff, einige gewaltige Schritte zu unternehmen, Ike.« Bevor Ike etwas erwidern konnte, sagte Dr. Chase: »Tja, Jungs, eines muss ich über diesen verrückten und gottverdammten Soldaten sagen: Wenn es jemand schafft, dann er.«
Mitte des Sommers 1999 sahen sich die Überlebenden der nuklearen Bombardements von 1988 mit einer unerfreulichen Wahrheit konfrontiert: Amerika war fest im Griff eines Polizeistaates. Die gesamte Polizei stand ab sofort im Dienst des Staates, so dass Staats-, Bezirks- und Stadtgrenzen keinerlei Bedeutung mehr hatten. Das FBI wandelte sich über Nacht zu einer Organisation von beängstigenden Ausmaßen, die manchen an die Gestapo in Nazi-Deutschland erinnerte. Ein einziges Wort gegen die Regierung in Richmond, und fast umgehend drang das FBI in die Wohnung des Betreffenden ein – ohne richterliche Anordnung, ohne anzuklopfen. Das Große Auge und das Große Ohr schienen überall zu sein. Niemand wusste, wem er trauen konnte. Die Regierung bezahlte respektabel für Informationen über Bürger, die regierungsfeindlich eingestellt waren. Informanten erhielten Extra-Rationen Fleisch und Zucker, Benzin und Kleidung. Kurz nach dem weltweiten Schlagabtausch von 1988, als Hilton Logan als neuer Präsident der USA vereidigt wurde, begann die Regierung, alle Handfeuerwaffen und großkalibrigen Gewehre einzusammeln und Bürger umzusiedeln. Logan siedelte so viele wie möglich an der Ostküste an, wobei er die »heißen Gebiete« mied, in denen die
Strahlung noch immer tödlich war. Als Folge davon waren eine Vielzahl von Staaten mit einem Mal praktisch menschenleer. Genau diese Staaten wählte Ben aus, damit seine Rebellen dort neues Personal ausbildeten.
Am 1. Juli begann Ben, von Staat zu Staat zu reisen und sich mit seinen Commandern zu treffen. Es war gefährlich, aber er musste etwas unternehmen. Bis Ende August hatten seine Commander 7200 Männer und Frauen rekrutiert. Ben und seine Commander wussten, dass sich unter ihnen Spitzel der Regierung befanden, unternahmen aber solange nichts dagegen, bis diese 7200 Rekruten in kleine Trainingseinheiten aufgesplittet und auf verschiedenen Basen in den Bergen, den Wüsten, den Ebenen und den Sümpfen verteilt worden waren. Erst da wurden den Agenten und Spionen der Regierung klar, wie schwer es war, etwas zu infiltrieren, das von Ben Raines ins Leben gerufen worden war. In jeder Einheit gab es mehrere Spezialisten, die geübt waren im Umgang mit dem Lügendetektor und mit Seren, die es ermöglichten, aus jedem die Wahrheit herauszuholen, so sehr er sich auch dagegen wehren mochte. Jeder Freiwillige wurde rigoros diesen gründlichen Tests unterzogen, da nichts dem Zufall überlassen werden konnte. Entlarvte Spione wurden gehängt und anonym begraben. Die Regierung erfuhr von den Vorgängen nicht ein einziges Wort. Ben sagte seinen Rebellen, man solle die Regierung in dem Glauben lassen, dass diese Leute noch immer lebten. Dieser Zustand war für die Polizei, das FBI und Hartlines Männer frustrierend. Dass die Agenten beharrlich schwiegen, anstatt Informationen zu übermitteln, brachte Al Cody in Rage. Der Mann war so von sich eingenommen und hielt seine Leute für so gut, dass er nicht einmal die Möglichkeit in Erwägung
ziehen wollte, sie könnten entlarvt und getötet worden sein. Zumindest nicht alle vierzig. Das war einfach unmöglich. Nachdem die 72 Kompanien zu je hundert neuen Rebellen eingerichtet waren, wurde es sehr schwer, sich Bens Rebellen anzuschließen. Jeder neue Bewerber wurde zwei oder drei Wochen lang isoliert untergebracht und die ganze Zeit über strengen Tests und Befragungen unterworfen. Nach kurzer Zeit konnten die absolut Besten der Freiwilligen in die Kampfeinheiten der neuen Rebellen überwechseln. In der Hauptstadt der Nation kursierten derweil hässliche Gerüchte, das Militär wolle sich angeblich aus jeder bevorstehenden Konfrontation zwischen den Rebellen und der Polizei heraushalten. Diese Gerüchte amüsierten Präsident Addison und Senator Carson, während Vizepräsident Lowry und Direktor Cody vor Wut kochten. Am ersten Sonntag im August 1999 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Great Smoky Mountains, einem der zentralen Trainingslager von Bens Rebellen. Präsident Addison war nicht in seinem Büro und konnte keinen Kommentar abgeben, so dass sein Vize Lowry mit Cody an seiner Seite eine außerordentliche Zusammenkunft in seinem Haus bei Richmond einberief. Anwesend waren die Stabschefs: General Rimel von der Luftwaffe, General Preston von der Army, Admiral Calland von der Navy, General Franklin vom Marine Corps sowie Admiral Barstow von der Küstenwache. Lowry räusperte sich, nestelte an seiner Krawatte und strich ein paar sorgfältig gefärbte Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Gentlemen«, sagte er. »Ich habe sehr unerfreuliche Neuigkeiten gehört, die beunruhigend sind, wenn ich es harmlos ausdrücken soll. Ich habe sie im Fernsehen gehört und in der Richmond Post gelesen. Ich muss davon ausgehen, dass sie wenigstens zum Teil der Wahrheit entsprechen. Ich bin sicher
der Erste, der einräumt, dass wir ein Problem in unserer Nation haben. Aber es ist nichts, was sich nicht lösen lässt, wenn wir alle zusammenarbeiten. Die Presse macht einen schweren Fehler, Gentlemen. Sie hat angefangen, Ben Raines’ Rebellen romantisch verklärt darzustellen und sie als Freiheitskämpfer zu bezeichnen. Diese Truppe verblendeter Wahnsinniger muss gestoppt werden…« »Meinen Sie damit die Rebellen oder die Presse?«, fragte General Rimel mit ernster Miene. Lowrys Gesichtszüge waren mit einem Schlag wie versteinert, und er wollte den General gerade anbrüllen, als er sich noch rechtzeitig unter Kontrolle bekam. Er atmete tief durch und trommelte auf die Tischplatte: »General Rimel, ich glaube nicht, dass dies der richtige Zeitpunkt für lockere Bemerkungen ist, ganz egal, wie aufgesetzt und geschmacklos sie auch sind. Sie alle kennen die Einstellung des Präsidenten in diesem Punkt. So wie Pilatus hat er seine Hände in völliger Unschuld gewaschen. Aber, Gentlemen, die Mehrheit in beiden Häusern unterstützt meinen Plan, die Nationen von diesen Rebellen zu befreien. An Ihrer Stelle würde ich das nicht vergessen. Und jetzt möchte ich wissen, wie das Militär dazu steht.« »Das Militär steht auf dem gleichen Standpunkt wie immer«, sagte Admiral Calland fast beiläufig. »Bereit, jeden Eindringling zurückzuschlagen, der unsere Grenzen bedroht.« »Schön wär’s«, murmelte Preston so leise, dass nur Calland ihn hören konnte. Der Mann von der Navy unterdrückte ein Grinsen. Lowry drehte sich mit seinem Sessel so, dass er aus dem Fenster sehen konnte, während er den Männern in seinem Arbeitszimmer den Rücken zuwandte. Es regnete wieder. Ein schlechter Tag. Er seufzte. Erst nachdem er im Fernsehen davon hörte, hatte er selbst auch die Information erhalten, dass der Great Smoky Mountains National Park in Tennessee und North
Carolina geschlossen worden war. Man schätzte, dass sich rund 1500 Rebellen in dem weitläufigen Park aufhielten. Sie hatten ihn übernommen und vermint und mit Fallen versehen. Posten mit Maschinengewehren hielten sich in gut getarnten Bunkern auf, und in Tennessee und North Carolina waren bereits über hundert Opfer unter den Polizisten zu beklagen, ohne dass man sich dem Hauptgebiet auch nur im Ansatz genähert hatte. Sie wurden unentwegt attackiert, und beide Staaten baten bereits um den Einsatz der Army oder der Nationalgarde. Als Lowry Präsident Addison angerufen hatte, war Astons einzige Reaktion ein herzhafter Lacher. Lowry wusste, dass das Militär sich ihm verweigern würde, wenn er es um Hilfe bat. Die Bastarde hatten erklärt, dass sie gegen Raines keinen Finger rühren würden. Lowrys Informanten hatten ihm diese unerfreuliche Nachricht zukommen lassen. Lowry wandte sich langsam den Soldaten zu: »Diese Nation steht am Rand eines Bürgerkriegs. Und Sie erzählen mir was von Eindringlingen, die zurückgeschlagen werden sollen? Welche Eindringlinge denn? Es gibt keine Macht auf diesem Globus, die auch annähernd stark genug ist, um überhaupt einen Angriff in Erwägung zu ziehen. Jetzt hören Sie mir mal zu. Ich will, dass diese Rebellen gestoppt werden, und Sie alle hier werden diejenigen sein, die sie stoppen.« »Nein, Sir«, erklärte General Franklin sachlich. »Das werden wir nicht.« Al Cody wurde blass und kämpfte gegen den unbändigen Zorn an, der in ihm aufstieg. Er sagte nichts. Lowry lehnte sich in seinem Sessel nach hinten und sah die Männer an. Es herrschte Totenstille. Als der Vizepräsident wieder sprach, waren seine Worte fast nicht zu hören: »Würde einer von Ihnen mir das etwas näher erläutern?«
Die Männer sahen sich gegenseitig an, bis schließlich Admiral Calland eine Zigarette anzündete und sich in seinem Sessel zurücklehnte. »Darf ich ganz offen sprechen?« »Ich bitte darum, Admiral.« »Mr. Lowry, wir sind uns alle darüber im Klaren, wie es um das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Präsidenten bestellt ist. Uns ist auch klar, welcher Machtkampf im Weißen Haus abläuft. Das Militär musste ‘88 die Kontrolle über diese Nation an sich reißen – und ich hoffe bei Gott, dass wir das niemals wieder machen müssen. Und im Moment haben wir nicht die Absicht, das zu wiederholen. Aber…« Er ließ den Satz unvollendet und die unterschwellige Drohung unausgesprochen. Der Admiral tippte seine Zigarette an, die Asche fiel in den Aschenbecher auf Lowrys Schreibtisch. »Die Rebellen haben keinen Streit mit dem Militär, Mr. Lowry, und umgekehrt sieht es nicht anders aus. Wir greifen ihre Basen nicht an, auch wenn wir wissen, wo die meisten davon gelegen sind, und sie greifen unsere Basen nicht an.« »Dann stehen Sie also mit den Rebellen in Kontakt?«, fragte Cody, dem die Zornesröte ins Gesicht stieg. »Ja.« »Verräter!«, schrie der Direktor des FBI wutentbrannt. General Franklin sah den Mann an. »Wie wäre es, wenn ich Ihnen die Zähne einschlage?« Cody lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er wusste, dass der Mann dazu in der Lage war und es auch machen würde. Berufssoldaten machten ihm in gewisser Weise Angst, da er selbst wegen einer alten Sportverletzung nie gedient hatte. »Nein, Lowry«, fuhr Admiral Calland fort. »Der Konflikt besteht zwischen den Rebellen und Ihnen sowie Cody und Hartline. Und Ihrem Polizeistaat und Ihrer Macht, die an eine Diktatur grenzt…«
»So können Sie mit mir nicht reden!«, herrschte Lowry ihn an. »Und ob ich das kann«, gab der Admiral zurück. »Und jetzt setzen Sie sich wieder auf Ihren Hintern und hören mir zu! Sie haben die Polizei verstaatlicht, ohne das Volk zu fragen. Sie haben den Menschen die Waffen abgenommen. Sie haben eine Polizei ins Leben gerufen, die ihre Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Sie haben in jedem Staat Ihre Informanten und Spione eingeschleust. Sie haben bei den Menschen Verwirrung, Misstrauen und Angst geschürt, deren Steuern Ihr Gehalt ebenso finanzieren wie meines. Alles, was Sie und Cody machen – und vieles von dem, was Logan getan hat – steht in direktem Widerspruch zur Verfassung. Es dürfte Sie also gar nicht so sehr überraschen, dass die Leute zu Ben Raines stehen.« »Wer führt dieses Land, Mr. Lowry, Sie oder Addison?«, warf General Franklin ein. »Der Kongress hat Addison ins Amt geholt, aber jetzt ist man anderer Meinung als er. Er kann trotzdem das Aushängeschild bleiben.« »So viel zum Thema Demokratie.« »Wir leben in schwierigen Zeiten, Gentlemen«, sagte Cody mit beherrschter Stimme. »Aber wir sind auf dem Weg zurück zur Normalität. Ich muss Ihnen allen nicht erklären, warum wir den Menschen ihre Waffen abgenommen haben, aber vielleicht muss ich Ihr Gedächtnis auffrischen: An jeder Ecke entstanden irgendwelche Kulte und selbst geschaffene Ordnungen. Wir haben es gemacht, damit das Land nicht zerfällt…« »So ein ausgemachter Blödsinn«, fiel ihm General Franklin ins Wort. »Sie beide haben das doch nur gemacht, damit Sie wie ein Potentat dasitzen und das Volk beherrschen können, ohne fürchten zu müssen, dass die Leute Sie aus dem Amt schmeißen.« »Ich verwehre mich dagegen, General«, sagte Franklin.
»Mir ist scheißegal, wogegen Sie sich verwehren«, entgegnete der Marinesoldat. »Hören Sie uns gut zu«, er machte eine ausladende Bewegung mit der Hand, um die anderen Soldaten einzubeziehen. »Wir werden uns an keinem Bürgerkrieg beteiligen. Wir wollen nicht, dass es noch einmal so zugeht wie damals zwischen den Nord- und den Südstaatlern.« Er sah die anderen an, die alle bestätigend nickten. Lowry kochte vor Wut, schaffte es aber, nach außen hin gelassen zu wirken. »Also gut, Gentlemen. Wir werden Ben Raines und seine Rebellen vernichten. Mit Ihrer Hilfe wäre das einfacher gewesen, aber wir werden das auch so lösen. Ich danke Ihnen, dass Sie auch weiterhin unsere Grenzen vor möglichen Eindringlingen schützen. Das wäre dann alles.« Als Lowry mit Cody wieder allein war, sagte der Vizepräsident: »Besprechen Sie sich mit Senator Slate und Repräsentant Tyler. Sorgen Sie für einen Erlass, der der Presse einen Maulkorb anlegt. Nach Möglichkeit völlige Zensur. Jegliches Material soll durch unsere Leute freigegeben werden. Und noch was, Al… Löschen Sie diese Rebellen aus. Mir ist egal, wie Sie und Hartline es anstellen, aber räumen Sie sie aus dem Weg!«
VIER
Dawn Bellever trug eine weiße Levi’s und eine dazu passende Jacke, außerdem ein halbes Dutzend Kameras. Sie war eine angesehene und erfahrene Fotografin und hatte eine große Bandbreite von Aufträgen abgedeckt, seit sie sich 1988 als Jugendliche erstmals als Reporterin betätigt hatte, unmittelbar bevor das Bombeninferno über die Erde hereingebrochen war. Sie spürte jetzt schon, dass diese Demonstration in Richmond unangenehm werden würde. Sie stand ruhig in der Nähe der Polizisten und machte Fotos von den Uniformierten und von den Demonstranten. »Gebt uns unsere Waffen zurück!«, rief ein Mann. »Ihr habt kein Recht, Privateigentum an euch zu reißen!« Dawn sah sich um, da sie sehen wollte, wer der Mann war, konnte aber niemanden entdecken. Vermutlich war es nur eine Stimme aus der Menge gewesen. Viele dieser Menschen wollten nach Hause zurückkehren, zurück in ihr Heim, aus dem man sie 1989 nach dem Umsiedlungsprogramm von Präsident Logan vertrieben hatte. Andere wollten ihre Waffen zurückhaben, wieder andere forderten Arbeit, Nahrung und Kleidung. Dawn dachte darüber nach, dass das einzige Gebiet, das sich wirklich erholt hatte, die Tri-Staaten waren. Sie fragte sich, ob General Raines nicht von Anfang an auf dem richtigen Weg gewesen war. Ein Polizist, der mit seinem Knüppel einem der Demonstranten auf den Kopf schlug, brachte Dawn in die Realität zurück. Sie machte ein Foto von dem Mann, der auf die
Knie gegangen war. Aus einer klaffenden Platzwunde am Kopf lief Blut. »Passt auf die Alte mit der Kamera auf«, sagte einer der Cops. »Lasst sie nicht aus den Augen, wir müssen diesen Film kriegen.« »Von wegen«, murmelte Dawn und ging noch ein Stück näher auf die Reihe von Uniformierten zu, die sich hinter Plexiglasschilden versteckten und ihre Waffen zückten. Ihr wurde die Ironie dieser Szene bewusst, als ihr Blick auf die kleine amerikanische Flagge fiel, die auf dem rechten Ärmel jeder Uniformjacke aufgenäht war. ›Sind das nicht auch Amerikaner, auf die ihr einschlagt?‹, fragte sie tonlos. Sie machte ein paar Fotos und ging einige Schritte zurück. Sie missachtete die neuen Zensurbestimmungen, die vom Justizministerium und vom Kongress verabschiedet worden waren. Wieder wagte sie einen Vorstoß auf die Reihe der Polizisten zu, um einige Fotos zu schießen, war diesmal aber nicht schnell genug. Ein Arm schoss auf sie zu und riss ihr an ihrem langen blonden Haar. Sie stieß einen erschrockenen Schmerzensschrei aus und ließ eine Kamera fallen. Ein Cop, der in unmittelbarer Nähe stand, trat einmal mit seinem schweren Stiefel zu und zerschmetterte ihre wertvolle Ausrüstung. Im gleichen Moment hörte Dawn, dass Tränengasgranaten gezündet wurden, woraufhin sich die meisten Uniformierten in Bewegung setzten. Dawn sah den Cop, der ihre Kamera zerstört hatte, und schrie ihn an: »Du elender Bastard!« Sie sprang auf, trat nach ihm und landete mit einem ihrer sandfarbenen Stiefel einen Treffer in seinen Unterleib. Er geriet aus dem Gleichgewicht, taumelte nach vorn und stürzte zu Boden. Noch während er fiel, rutschte ihm der Helm vom Kopf, und als er auf dem Asphalt aufschlug, hörte es sich so an, als
würde man eine überreife Melone mit einem Hammer zerschlagen. Er blieb völlig reglos liegen. Dawn hörte das Getrampel von Stiefeln. Sie drehte sich um und hatte gerade noch genug Zeit, um zu sehen, wie ein anderer Cop den rechten Arm hob und ausholte, um seinen Schlagstock auf ihren Kopf niedersausen zu lassen. Dawn sank auf die Knie. Sie hob ihren blutenden Kopf und schleuderte dem Polizisten ein »Bastard!« entgegen. Tränen der Wut und des Schmerzes liefen ihr über die Wangen, dicht gefolgt von einem röten Rinnsal. Der Cop, ein stämmiger Mann mit rotem Gesicht, der gut und gerne 100 Kilo wog, grinste sie durch das Visier seines Helms an, hob den Stock, um noch einmal auf sie einzuschlagen. Dawn fiel der Länge nach zu Boden. Der Cop wandte ihr den Rücken zu und beobachtete, was sich am anderen Ende der Straße abspielte. Menschen schrien, Wolken aus Tränengas trieben umher. Dawn hörte ganz schwach die dumpfen Geräusche, wenn die Schlagstöcke auf Fleisch und Knochen trafen. Und sie hörte das bedrohliche Knurren der Polizeihunde, die sich in Kleidung und Fleisch verbissen. Niemand achtete auf die Blondine, die zu Boden gegangen war. Dawn wusste nicht, wie lange sie auf der Straße gelegen hatte, doch als sie die Augen öffnete, war alles um sie herum verschwommen. Sie wartete einen Moment, bis sie wieder klar sehen konnte. Schüsse wurden abgegeben, jemand schrie vor Schmerz auf. Sie sah sich um – ihr Blick fiel auf eine Pistole, die gleich neben dem Polizisten lag, den sie zu Fall gebracht hatte. Sie kroch ein Stück heran, bis sie die Gravur auf dem Lauf entziffern konnte. 357 Magnum. Der Cop, der sie als Zweiter angegriffen hatte, stand noch immer mit dem Rücken zu ihr und beobachtete die Straßenschlacht.
Dann lief er los und ließ sie allein zurück. Dawn nahm die Pistole an sich und stellte erstaunt fest, wie schwer sie wog. Ihr nächster Gedanke war, die Patronen aus dem Gürtel des ersten Polizisten zu holen und in ihre Jackentasche zu stecken. Ohne es zu ahnen, hatte Dawn Bellever den ersten Schritt unternommen, sich den Rebellen von Ben Raines anzuschließen. Sie hatte keine Ahnung von Waffen. Sie kniete sich hin, während noch immer Blut aus ihrer Kopfverletzung austrat. Sie drehte die Waffe um und sah in den Lauf. Jemand in ihrer Nähe eröffnete das Feuer mit einer automatischen Waffe, in der engen Straße hallten die Schüsse ohrenbetäubend nach. Menschen rannten in alle Richtungen umher. Eine Frau schrie und Dawn sah nach rechts, wo ein Cop eine junge Frau gegen eine Hauswand drückte und sie mit seinem Schlagstock traktierte. »Nein«, murmelte Dawn wie benommen. »Das werde ich nicht mit ansehen.« Etwas in ihrem Kopf arbeitete merkwürdig und beeinflusste ihre Fähigkeit zu denken. Dawn schüttelte den Kopf und hob die Pistole. Wieder sah sie in den Lauf. Sie drehte die Waffe um und hielt sie so wie die Cops im Kino, zielte auf das rechte Bein des Polizisten und drückte ab. Der Treffer zerfetzte den Kopf. Der Rückstoß warf Dawn zu Boden und betäubte ihre Hände, aber sie hielt die Magnum noch immer fest umschlossen. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie, dass die Frau, die eben noch festgehalten worden war, auf sie zu gerannt kam und die Waffe des Cops in der Hand hielt. Das Gesicht der jungen Frau war blutverschmiert, in ihren Augen brannte ein Feuer, das Dawn an Fanatismus erinnerte. »Das war der gleiche Cop, der mich letzte Woche vergewaltigt
hat«, sagte sie und deutete auf den bewusstlosen Polizei auf dem Fußweg. »Vergewaltigt?«, wiederholte Dawn ungläubig. Die junge Frau sah auf den PRESSE-Anstecker an Dawns Jacke. »Ihr habt gar keine Ahnung, was los ist, wie? Ja, vergewaltigt hat er mich. Kommen Sie, ich kann Ihnen alles erzählen, aber erst mal müssen wir von hier fort.« Sie liefen in eine Seitengasse und sprangen in einen Van. Der Fahrer gab sofort Gas, nachdem die beiden Frauen eingestiegen waren. »Wohin fahren wir?«, wollte Dawn wissen. Ein Gefühl der Übelkeit überkam sie. Sie hatte einen Mann erschossen. Schlimmer noch, sie hatte einen Polizisten erschossen. Und sie war bekannt. Dawns Gesicht war sogar sehr bekannt. So, wie der Rest ihres Körpers. Zweimal hatte sie sich für den neuen Penthouse ausgezogen. Die junge Frau wischte sich das Blut vom Gesicht. »Tennessee.« Sie sah Dawn an. »Hey, das war ein guter Treffer. Wo haben Sie so gut schießen gelernt?« »Ich hatte auf sein rechtes Bein gezielt«, sagte Dawn, dann begann sich alles um sie herum zu drehen und sie verlor das Bewusstsein.
Die Frau zog ein besorgtes Gesicht. Sie betrat Professor Mailers Büro, ohne vorher anzuklopfen, was nur selten vorkam. Steve Mailer bemerkte ihre ernste Miene und lächelte seine Sekretärin an. Sie ignorierte das sonst so ansteckende Grinsen des jungenhaft aussehenden Professors für Englische Literatur. »Im Vorzimmer warten zwei Männer«, sagte sie. »Sie sind vom FBI, oder wie auch immer sich dieser Sauhaufen heute nennt.«
»Ich war noch nie ein Fan des seligen Mr. Hoover«, meinte Steve und stand auf. »Aber wenn es stimmt, was man so alles liest, dann möchte ich wetten, dass der Mann sich im Grab herumdreht. Ich habe die… ›Herren‹ bereits erwartet, Mrs. Rommey.« Steve war schlank, nicht ganz 1,80 Meter groß, und er konnte machen, was er wollte, aber er brachte nie mehr als gut 65 Kilo auf die Waage. Er war drahtig und zäh, und er war in exzellenter körperlicher Verfassung. Er notierte eine Nummer auf einem Zettel und reichte ihn seiner Sekretärin. »Es könnte sein, dass ich gleich gehe – ohne sie.« Er sah viel sagend zur Tür. »Wenn das geschieht, möchte ich, dass Sie diese Nummer anrufen und demjenigen, der sich dort meldet, sagen, dass der Unterricht ausfällt.« Sie sah mit an, wie er eine Pistole aus einer Schreibtischschublade holte und sie gegen sein rechtes Bein drückte. »Steve«, sagte sie. »Ich kann mich noch daran erinnern, wie Sie hier angefangen haben. Sie waren immer gegen jegliche Art von Gewalt.« Steve zuckte mit den Schultern. »Die Zeiten ändern sich. Die Menschen werden erwachsener und hoffentlich auch weiser. Ich glaube, auf mich trifft das zu. Fragen Sie nicht, ob ich zu den Rebellen gehöre, Mrs. Rommey. Die Männer, die für Al Cody arbeiten, sind für ihre Foltermethoden bekannt.« »Machen Sie die verdammte Tür auf«, hörten sie plötzlich eine raue Stimme aus dem Vorzimmer. »Nehmen Sie den Hinterausgang«, sagte Steve. »Jetzt!« Mit Tränen in den Augen ging sie aus dem Zimmer. »Frei nach Shakespeare«, murmelte Steve. »Und ist es auch Wahnsinn, so hat er doch Methode.« Der Professor lächelte. »Kommt rein, ihr Dreckskerle!«, rief er und legte die Waffe an.
Nahe dem Campus der University of South Carolina sprach Lynne Hoffman in einer Privatwohnung zu einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen, die zwischen fünfzehn und sechzig Jahren alt waren. Lynne war die Anführerin dieser speziellen Zelle von gewaltlosen Rebellen. Sie glaubten zwar alle fest an die Sache, für die die Rebellen eintraten, aber sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Vorräte zu horten und zu verstecken. Niemand von ihnen trug eine Waffe. Das sollte sich in dieser Nacht ändern. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit«, erklärte Lynne der Gruppe. »Einer von den Leuten, die in Virginia mitgenommen wurden, hat dem Druck nicht mehr standhalten können und Codys Leuten von uns erzählt. Wir müssen fliehen, und wir müssen kämpfen. Wir…« Die Wohnungstür wurde aufgestoßen, ein Heer aus Polizisten und Söldnern, die Hartline unterstanden, stürmten herein. »Sie sind alle festgenommen!«, brüllte ein Mann. »Hände über den Kopf und Gesicht zur Wand. Los, los, Bewegung!« Lynne machte einen Satz auf die Hintertür zu, als jemand das Licht im Raum ausmachte. Schüsse zerfetzten die Nacht, jemand schrie auf. Lynne und zwei andere schafften es nach draußen und rannten in die Nacht. »Brennt das gottverdammte Haus nieder!«, brüllte ein Mann. In der Wüste begannen die Tiere der Nacht mit der Suche nach Nahrung. Der Falke suchte den Hasen, die Schlange eine Maus, die Maus ein Schlupfloch. Aber in dieser Nacht war noch ein anderer Jäger unterwegs: der Polizist Mike Medlow aus Modesto, der nach Judy Fowler suchte. Seit er ihren üppigen kleinen Körper während einer Campusdemonstration befühlt hatte, hatte Medlow alles daran gesetzt, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. In dieser Nacht war er ihrem alten VW in die Wüste gefolgt und hatte sie von der Straße abgedrängt. Der Rest würde schon bald Geschichte sein.
»Komm schon, Baby«, rief er. »Ich weiß, dass du zu einer von diesen Zellen gehörst, die zu Raines’ Rebellen stehen. Ich weiß das schon seit Monaten, aber habe ich ein Wort gesagt? Na, habe ich das? Das muss dir doch eine Nummer wert sein, oder etwa nicht? Wenn ich dich verpfeife, dann werden sich Hartlines Jungs Tag und Nacht an dir vergehen. Es bleibt unser kleines Geheimnis, Judy. Nur du und ich. Also, was ist, Baby?« Nur wenige Meter entfernt kauerte Judy am Boden und versuchte, ihren rasselnden Atem unter Kontrolle zu bekommen. Sie war so verängstigt gewesen, nachdem Medlow sie von der Straße gedrängt hatte, dass sie nicht daran gedacht hatte, nach der einzigen verfügbaren Waffe zu greifen: dem Wagenheber. Medlow kam näher und Judy geriet in Panik. Ihre Füße verloren auf dem Kies den Halt, und sie rutschte in ein ausgetrocknetes Flussbett. Medlow war im nächsten Moment über ihr und riss ihr die Kleidung herunter. Er schob seine Hände zwischen ihre Beine und spreizte sie, im nächsten Moment drang er tief und brutal in sie ein. Judy schrie auf, während ihre Hände im Flussbett nach etwas suchte, das sie als Waffe benutzen konnte. Dann legten sich ihre Finger um einen Stein, der die Größe eines Baseballs hatte. Sie schlug den Stein mit aller Kraft an den Kopf des Mannes und traf ihn genau über dem rechten Ohr. Er verlor augenblicklich das Bewusstsein, Blut schoss aus der Wunde und spritzte auf ihre nackte Haut. Sie schob den Körper zur Seite und drückte sich die zerrissene Kleidung an den Leib. Sie begann wegzulaufen, als sie sich daran erinnerte, was ein Sergeant der Rebellen ihr bei einem heimlichen Training gesagt hatte. Sie rief sich das Bild des Mannes ins Gedächtnis, und dann hörte sie seine Stimme: »Nehmen Sie dem Toten Waffen, Munition und Geld ab. Wir wollen einen Guerillakrieg führen, wir haben keine Zeit für
Nettigkeiten. Nehmen Sie ihm den Ausweis, das Abzeichen und alles andere ab, was wir vielleicht noch gebrauchen könnten. Und achten Sie darauf, dass Ihr Gegenüber auch wirklich tot ist.« Judy nahm Medlow alles ab, was sie gebrauchen konnte, und plünderte auch seinen Wagen. Dort entdeckte sie ein Schrotgewehr und Munition für diese Waffe und für seine Pistole. Sie kehrte zu dem Polizisten zurück, richtete seine Dienstwaffe auf ihn und drückte ab. Überall im Land spielten sich ähnliche Szenen ab, da die staatliche Polizei und Hartlines Männer zunehmend wilder und brutaler mit mutmaßlichen Sympathisanten der Rebellen umgingen.
Seit einer Woche hatte es immer wieder geregnet, die Schauer wurden nur von kurzen trockenen Perioden unterbrochen. Genauso lange war es her, dass sich Vizepräsident Lowry mit den Militärs getroffen hatte und dass diese verdammte Demonstration zu einer Straßenschlacht eskaliert war. Zwei Polizisten und Dutzende von Zivilisten waren tot. Hunderte mehr lagen im Krankenhaus, etliche hundert hatte man inhaftiert. Und die Presse war völlig aufgeregt. Einer aus ihren Reihen war nach dem Mord an einem Polizisten auf der Flucht, und eine große Zahl von Journalisten überging die Zensuranordnung der Regierung. Präsident Aston Addison tat so, als sei nichts geschehen. Er hatte eine Pressekonferenz einberufen, die Lowry sofort wieder abgesagt hatte, da er nicht zulassen konnte, dass Networks die Ansprache des Präsidenten übertrug. Addison war darüber nicht wütend geworden, sondern hatte sich völlig gelassen verhalten.
Lowry drehte sich mit seinem Sessel um und sah das Dutzend Männer und Frauen aus dem Oberhaus und dem Senat an, die um seinen Tisch versammelt waren. Ben Raines und seine Männer hatten sich in östlicher Richtung bewegt und befehligte die Rebellen im Great Smoky Mountains Park. Der Hurensohn lebte noch! Dieser Bastard! Der Vizepräsident wirkte wie ein Mann, der gerade eben dem Tod in die Augen geblickt hat und die Begegnung einfach nicht vergessen kann. Als er sprach, kamen die Worte langsam und betont aus seinem Mund: »Nachdem die Bundesstaaten Tennessee und North Carolina so viele Polizisten verloren haben, habe ich Colonel Cody gebeten, ein Bataillon aus seinen eigenen Leuten sowie aus Angehörigen der Einheiten des Militärs zusammenzustellen, die loyal zu uns stehen. Jeder Mann, der ausgewählt wurde, war kampferfahren. Fast neunhundert Männer und Frauen. Gestern kamen 83 von ihnen aus dem Parkgebiet zurück, verwundet, völlig verängstigt. Sie stammelten, dass sie Tausenden von Rebellen gegenübergestanden hätten…« »Es mag sein, dass sie etwas übertrieben haben«, gab Senator Stout zu bedenken. Lowry sah den Mann kurz an. »Halten Sie die Klappe! Aston Addison benimmt sich so, als sei gar nichts geschehen. Als hätte er im Land immer noch das Sagen. Sie alle haben ihn in sein Amt gewählt, Sie dürfen ihn jetzt wieder abwählen.« Die Repräsentantin Alice Tyler rutschte unbehaglich auf ihrem Platz hin und her. »Stimmt was nicht, Mrs. Tyler?« »Das Militär…«, begann sie, »vor allem Admiral Calland, hat uns allen gesagt, dass Präsident Addison im Amt bleiben soll.« »Hat er das?«
»Ja, Mr. Vice President«, sagte Senator Douglas mit tiefer Stimme, die fast das gleiche grollende Timbre hatte wie der Donner, der von draußen in das Büro vordrang. »Ich persönlich glaube, dass das Militär abwartet, in welche Richtung sich die Geschehnisse entwickeln.« »Ich denke, da irren Sie sich«, warf Al Cody ein. »Ich glaube, dass die Soldaten geschlossen hinter Raines und seinen Rebellen stehen.« »Das Militär ist neutral«, erwiderte Repräsentant Altamont. »Zumindest, was das Handeln bei diesem Aufstand angeht. Ich kenne natürlich nicht die Gedanken. Aber bis auf weiteres wird sich das Militär aus allen Kämpfen heraushalten.« »Sind Sie sicher?«, fragte Lowry. Er wusste, dass Altamonts Bruder General in der Luftwaffe war. »Haben Sie das aus einer Quelle in Ihrer Familie erfahren?« »Ja, was die erste Frage angeht. Kein Kommentar zur zweiten Frage.« »Schön«, sagte Lowry lächelnd und rieb sich die Hände. »Einige Soldaten haben mir das Gleiche gesagt, aber ich habe es nicht geglaubt.« Er sah zu Cody. »Sie kennen die meisten der Rebellen, stimmt’s?« »Einen sehr großen Teil.« »Sie wissen, wo sich die Angehörigen befinden?« »Auf jeden Fall.« »Setzen Sie die Familien unter Druck«, wies Lowry an. »Das könnte nach hinten losgehen«, warnte Tyler. »Damit könnte sich das gesamte Volk gegen uns stellen. Mein Gott, wir sind hier nicht in einer vorsintflutlichen Barbarei. Es muss einen anderen Weg geben.« »Machen Sie einen Vorschlag«, sagte Lowry. »Dann unterhalten wir uns darüber.« Sie hatte keinen Vorschlag, den sie unterbreiten konnte.
Lowry sah die anderen an: die Senatoren Stout, Slate, Douglas, Woodland, Carlise, Reggio; die Repräsentanten Tyler, Lee, Altamont, Terry, Clifton. Einer nach dem anderen senkte den Blick. Lowry wandte sich Cody zu. »Tun Sie’s.« Jerre begleitete Ben nicht in den Great Smokies National Park. Sie war im Lager in Wyoming geblieben. Er wusste nicht, dass sie schwanger war, und sie hatte Dr. Chase gewarnt – wenn er ein Wort darüber verlauten lassen sollte, dann würde sie jedem erzählen, dass er ein Verhältnis mit einer Frau hatte, die vierzig Jahre jünger war als er. »Das ist Erpressung!«, hatte Chase gesagt. »Eigentlich«, hatte sie lächelnd erwidert, »ist es ein Kompliment. Dass ein Mann in Ihrem Alter noch einen hochkriegt, sollte in die Geschichtsbücher eingehen.« »Seien Sie doch nicht so vulgär«, hatte er protestiert. »Vielleicht haben wir eine platonische Beziehung.« »So ein Blödsinn!« Chase musste grinsen. »Jerre… ich werde Ben nichts sagen, aber ich verstehe nicht, warum Sie von mir verlangen, dass ich den Mund halte.« »Lamar«, sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Ich liebe Ben Raines mehr als das Leben, und ich möchte sein Kind zur Welt bringen. Aber Ben liebt mich nicht. Er hat mich noch nie geliebt.« »Aber…« »Er mag mich«, räumte sie ein. »Vielleicht ist es mehr als nur Mögen. Aber geliebt hat er Salina, wenn auch nicht mit Leib und Seele. Ich glaube, er hat niemals eine Frau wirklich geliebt.« »Dann sollte er sich aber allmählich ranhalten. Er ist kein junger Spund mehr.«
Sie reagierte mit einem Schulterzucken. »Ben hat einen Traum, Lamar, und ich bin nicht sicher, ob eine Frau in diesem Traum Platz hat. Also ziehe ich mich zurück. Aber da ist noch etwas anderes, Doktor. Ich vermute, es ist Ihnen schon aufgefallen, dass… na ja, dass einige der Männer und der… Frauen… sie scheinen…« »… sie scheinen Ben als einen übermenschlichen Mann zu betrachten. Ja, das ist mir aufgefallen. Ich mag es eigentlich nicht aussprechen, aber einige von ihnen scheinen Ben für jemanden zu halten, der von einem Gott geführt wird.« »Das beunruhigt mich, Lamar.« »Es sollte uns alle beunruhigen. Weiß Ben davon?« »Nein«, erwiderte sie rasch. »Ich glaube, er würde es erst einmal nicht wahrhaben wollen. Und wenn er sieht, dass es stimmt, dann wird es ihn sicher abstoßen.« Dr. Chase legte eine Hand auf ihre Schulter. »Werden Sie sich überhaupt zur östlichen Basis begeben, Jerre?« »Nein«, antwortete sie leise. »Ich glaube, es ist das Beste, wenn sich Ben nicht auch noch Sorgen um mich machen muss, vor allem jetzt, da ich schwanger bin.« »Ihre Pläne?« »Nordkalifornien. Unsere Basis nahe der Oregon-Linie.« »Das ist das Gebiet von Dr. Canale. Ein guter Mann. Ich werde mit ihm reden, bevor Sie sich auf den Weg machen. Sie werden mir fehlen.« »Werden Sie bloß nicht sentimental«, sagte sie grinsend. »Um Himmels willen!« Sie sah sich um. »Ich frage mich nur, ob Bens Traum sich jemals erfüllen wird.«
FÜNF
Im August 1989 gehörte jeder, der in Bens Traum trat, auch dazu. Das Tri-Staaten-Gebiet wirkte wie das größte Vorratslager der Welt – und vermutlich war das auch so. Ben hatte seinen Rebellen-Suchtrupps den Befehl gegeben, alles in das Tri-Staaten-Gebiet zu bringen, was buchstäblich nicht nietund nagelfest war. Ganze Städte waren leer geräumt worden. Jede Unze Gold und Silber und jeden Edelstein hatte man aufgestöbert und mitgenommen, sodass jetzt Edelmetalle und Juwelen im Wert von mehreren Milliarden Dollar in Idaho, Wyoming und Montana lagerten. Sie würde man als Grundlage für die neue Währung nehmen. Die wenigen Überlebenden in den drei Staaten waren völlig durcheinander, da es an jeglicher Form von Organisation fehlte – etwas, dem fast alle Regierungen entgegenwirkten. Örtliche Miliz, ausgenommen solche, die unter strenger staatlicher Aufsicht stehen, konnte in den Vereinigten Staaten nicht errichtet werden, schon seit mehr als hundert Jahren nicht mehr. Die meisten Regierungen bauen auf Angst auf: Angst vor dem Finanzamt, Angst vor dem FBI, Angst vor dem Finanzministerium, vor der Polizei, vor dem Steuereintreiber – einfach Angst vor allem. Nur so kann ein riesiger bürokratischer Apparat funktionieren. Wenn die Menschen aber bewaffnet sind und sich organisiert haben, kann es passieren, dass sie sich von Richtern und Gerichten nicht länger vorschreiben lassen, wie die Steuerzahler ihr Leben gestalten sollen. Genau diese Steuerzahler sind es, die zu dem Entschluss kommen könnten, Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder aufzuknüpfen, wenn sie sich nicht schon sofort erschießen.
Dann wäre es nämlich das Volk, das der Regierung sagt, was sie zu tun und zu lassen hat. Dann hätte das Volk die Kontrolle, und daran möchte Big Brother nicht einmal denken, weil der Gedanke allein schon Angst macht.
Als alle, die dazugehören wollten, sich den Rebellen angeschlossen hatten, fragte Ikes Frau Megan Ben: »Wie wirst du deinen neuen Staat nennen, Ben?« Ben sah sie überrascht an. »Meinen Staat? Das ist nicht mein Staat. Das hier heißt Montana, Idaho, Wyoming, was sonst?« »Wer ist Gouverneur?«, wurde er gefragt. »Der Anführer… der Mann, der hier das Sagen hat?« »Den gibt es nicht«, erwiderte Ben. »Tja, Ben Raines, dann würde ich sagen, dass wir wohl eine Wahl anleiern müssen.« »Solange mich niemand nominiert«, sagte er. »Ich bin Schriftsteller, ich habe viel zu tun. Und ich bin kein Politiker.« Ben verstand nicht, warum daraufhin alle nur lächelten.
Ben betrachtete die Leichen der Regierungsagenten und der Söldner, die alle in einem Massengrab beerdigt wurden. Nachdem man ihnen die Kleidung und sämtliche Waffen abgenommen hatte, wurden die Toten in eine tiefe Grube geworfen, verscharrt – und dann vergaß man sie. Niemand hielt nach, wer in dem Massengrab lag. »Ich glaube nicht, dass wir noch ein Jahr Zeit haben werden, so wie du es gern hättest«, sagte Ike. »Vielleicht nicht, aber wir werden noch nicht in die Offensive gehen. Die neuen Leute müssen mindestens noch ein paar Monate lang ausgebildet werden. Außerdem möchte ich wissen,
was die Presse dazu zu sagen hat«, erwiderte Ben und deutete mit einer ausholenden Geste auf das Massengrab. Nicht einmal in einem Polizeistaat, der die Presse zensiert, können sich Hunderte von Männern und Frauen eine Schießerei erlauben, die in den Medien totgeschwiegen wird. Da das Militär nicht in den Kampf in den Smokies eingegriffen hatte, zählten die Journalisten zwei und zwei zusammen, und ihre Schlagzeilen brachten das zum Ausdruck: BÜRGERKRIEG ZWISCHEN DER BUNDESPOLIZEI UND DEN RAINES-REBELLEN MILITÄR MISCHT SICH NICHT EIN Damit war alles klar. Der Konflikt hatte sich zu einem offenen Krieg ausgeweitet. Lowry ließ den Kongress um die Hilfe durch die Nationalgarde und die Reservisten ersuchen. Viele Befehlshaber weigerten sich. Ben und seine Rebellen warteten und trainierten.
1. August 1999, Great Smoky Mountains Ben Raines stand da und betrachtete den erschöpften Haufen der neuen Leute. Genauer gesagt: das, was von einer ganzen Gruppe neuer Leute aus einem halben Dutzend Staaten noch übrig war. Sie waren auf dem Weg hierher angegriffen worden, und gerade einmal hundertfünfzig von ihnen hatten es lebend bis hier geschafft. Ben stand an einem Podium in einem von der Natur geschaffenen Amphitheater, das gut eine Meile vom Basislager entfernt lag. »Also gut, Leute.« Seine Stimme riss sie aus ihrer Lethargie und brachte sie dazu, ihn anzusehen. Hundertfünfzig
Augenpaare waren auf ihn gerichtet, auf die Legende, die vor ihnen stand. Knapp über 1,80 Meter groß, rund 90 Kilo schwer, graumelierte Haare, blaue Augen. Hartes Äußeres. »Willkommen im Basislager. Ihr habt jetzt einen Punkt erreicht, an dem eine Umkehr nicht mehr möglich ist. Es gibt nur noch zwei Wege, um die Rebellen zu verlassen: Wir gewinnen unseren Kampf… oder ihr sterbt. Eine andere Wahl habt ihr nicht.« Er ließ seinen Blick über die Leute schweifen. »Zu meiner Linken steht Colonel Ike McGowen, zu meiner Rechten Colonel Cecil Jefferys. Colonel McGowen ist euer Ausbilder – macht euch also schon mal auf die schwerste Zeit eures Lebens gefasst.« Er ließ seine Worte einen Moment lang wirken, dann fuhr er fort: »Und jetzt zur Sache. Ein Guerillakrieg ist eine schmutzige Angelegenheit. Einige von euch haben bereits in Vietnam gekämpft, ihr wisst aus eigener Erfahrung, was ich meine. Den anderen will ich es kurz erklären: Bei einem Guerillakrieg schlägt man brutal aus dem Hinterhalt zu und macht dann, dass man so schnell wie möglich Land gewinnt. Beim Gegner soll diese Taktik bewirken, dass er Angst bekommt, verwirrt ist, anderen misstraut und von Entsetzen erfüllt ist. Keine gewaltigen Schlachten zu Land oder auf See, keine klare Frontlinie. Guerillas tauchen überall auf, schlagen zu und verschwinden sofort. Der Feind weiß nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen, wenn sie einen Anschlag verübt haben.« Einer von den Neuen hob eine Hand. Ben nickte ihm zu. »Ihren Namen bitte.« »Steve Mailer. Wie viel Zeit werden wir haben, General?« »Wir hoffen, dass es sechs Monate sein werden. Zeit genug, um Sie mit kampferfahrenen Männern und Frauen in eine Einheit zu stecken, wenn die gebildet wird.« Ben lächelte. »Ich habe von Ihrem… Erlebnis gelesen. Sie scheinen im Umgang
mit Waffen viel Übung zu haben. Zumindest, was Pistolen angeht.« »Als ich gesehen habe, in welche Richtung sich unsere Regierung zu entwickeln begann… da habe ich mir selbst das Schießen beigebracht.« Einen Moment lang schweiften die Gedanken des schlanken jungen Mannes in die Vergangenheit ab…
Die Agenten waren in sein Büro gekommen und standen arrogant lächelnd vor ihm. »Wo ist die alte Zicke?« Steve presste die Lippen aufeinander. »Mrs. Rommey hat den Rest des Tages freigenommen. Ich nehme an, dass Sie nichts dagegen einzuwenden haben.« »Riskier hier keine große Klappe, du Lehrerschwein. Dreh dich um, Hände an die Wand, Beine auseinander.« Steve lächelte die beiden an. »Die immer stärker schwindende Individualität des Einzelnen wird eines Tages dazu führen, dass die Menschen sich Beinahe-Kretins gehorsam zu Füßen werfen. Ich habe nicht die Absicht, dazuzugehören, wenn dieser letzte Akt anbricht.« »Häh?«, machte einer der Agenten verständnislos. »Mit anderen Worten: ohne mich, ihr Dreckskerle!«, brüllte Steve. Er drehte sich um und richtete seine Pistole auf die Männer. Seine Körperhaltung hatte es verhindert, dass die zwei seine 38er hatten sehen können. Er schoss jedem der beiden zweimal in die Brust, nahm den Toten die Waffen ab und verschwand durch die Hintertür… »… hören Sie zu?« Steve bekam nur den Rest von Bens Frage mit.
»Oh. Ja, Sir. Ich musste nur an den Vorfall in meinem Büro denken.« »Das erste Mal, dass Sie einen Menschen getötet haben?«, fragte Ike. »Ja, Colonel.« »Wird nicht das letzte Mal bleiben«, sagte Ike. Eine ausgesprochen blonde Frau hob die Hand. Ben wurde bewusst, dass er die Frau schon mal gesehen hatte. Genau. Im Penthouse. Da hatte er sogar eine ganze Menge von ihr gesehen. Er kannte zwar ihren Namen, fragte dennoch: »Ihren Namen bitte?« »Bellever. Dawn Bellever.« Sie konnte nicht glauben, dass der General wirklich so alt war, wie die Leute sagten. Von seinem graumelierten Haar abgesehen hatte er etwas… etwas Jungenhaftes an sich. »Was soll den Präsidenten davon abhalten, die Luftwaffe auf den Weg zu schicken, damit sie uns hier bombardiert? « »Der Präsident ist nicht unser Feind«, sagte Ben. »Präsident Addison ist ein guter und gerechter Mann, auch wenn er sehr links steht…« Daraufhin mussten nicht nur die Neuen lachen, sondern auch Bens erfahrene Rebellen. Als wieder Ruhe eingekehrt war, sprach Dawn weiter. »Ich verstehe nicht, Sir. Wollen Sie sagen, dass die Gerüchte, die wir von der Presse hören, der Wahrheit entsprechen? Vizepräsident Lowry ist der Mann, der eigentlich die Macht hat?« »Das ist korrekt, Ms. Bellever.« Ike und Cecil sahen erst Ben, dann sich gegenseitig an. Solange sie Ben kannten, hatte er eine Dame noch nie mit Ms. angeredet. »Könnten Sie das näher erklären?«, fragte sie. »Gerne«, erwiderte Ben lächelnd.
»O verdammt«, murmelte Ike und ignorierte den Blick, den Ben ihm zuwarf. »Arme Jerre«, sagte Cecil leise. Ben sah ihn an. »Was läuft hier?«, fragte er kaum hörbar. »Eine Verschwörung?« Beide Männer sahen stur geradeaus. »Wir müssen militärische Haltung bewahren«, sagte Cecil mit ernster Miene. »Komiker«, gab Ben zurück und sah wieder zu Dawn, die einen sehr angenehmen Anblick bot. »Ja, wir haben Beweise dafür, dass Lowry derjenige war, der hinter Präsident Logan die Fäden zog. Das ist auch nicht allzu schwer zu glauben, Logan war schließlich ein völliger Idiot.« Wieder mussten die Männer lachen. »Nachdem Logan von einem Mitglied unserer Zero Squad getötet worden war – von Badger Harbin, um genau zu sein«, fuhr Ben fort, »schaffte es Lowry mit der Hilfe ausgewählter Mitglieder aus beiden Häusern des Kongresses auf den zweiten Platz und konnte die zweite Phase seines Machtspiels in die Tat umsetzen. Leider gibt es eine Reihe von Kongressabgeordneten, die sich nur um ihr eigenes Wohl kümmern und sich einen Dreck um die Bürger scheren. Meine Absicht ist die, uns von solchen so genannten ›Staatsdienern‹ ein für allemal zu befreien, wenn denjenigen, die jetzt an der Macht sind, genau diese Macht entrissen und dem Volk zurückgegeben worden ist.« »Wie wollen Sie uns von ihnen befreien, General?«, wollte Steve Mailer wissen. »Ich will sie wegen Hochverrats anklagen und dann erschießen lassen«, erwiderte Ben. »Jesus«, entglitt es einem der Neuen. Ein junger Mann trat vor und sah Ben an. Der junge Mann, der vielleicht ein- oder zweiundzwanzig war, wirkte wie jemand,
der in Armut geboren worden war und niemals den Weg von dort weg gefunden hatte. »Jimmy Brady, Sir, Tennessee. Wann beginnen wir mit der Ausbildung, Sir?« »Die hat soeben begonnen.« »Nein, Sir, ich meinte… das Töten.« Ben lächelte. »Kannst du mir das genauer erklären, Jimmy?« Jimmy spuckte eine Ladung Kautabak auf den Boden. »Hartlines Männer sind zu meinen Eltern ins Haus gekommen, nachdem sie erfahren haben, dass ich zu den Rebellen gehöre. Sie haben meine Mom vergewaltigt und verschleppt. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt oder nicht. Meine kleine Schwester Lou Ann… sie war erst elf. Sie haben sie ebenfalls vergewaltigt und dann verbluten lassen. Meinen Dad haben sie gefoltert und dann erhängt. Reicht Ihnen das als Erklärung, General?« »Ja, Jimmy, ich verstehe dich. Bist du ein guter Schütze, Jimmy?« »So gut wie jeder Mann in diesem Lager, Sir. Ich kann einem Eichhörnchen auf hundert Meter ein Auge ausschießen.« Ben sah sich um und entdeckte den Mann, den er suchte. »Sergeant, nehmen Sie diesen Mann mit und sehen Sie mal, ob er zum Scharfschützen taugt.« Das Frage-und-Antwort-Spiel zog sich noch gut eine Stunde lang hin, bis Ben Schluss machte. »Für den Rest des Tages geht ihr es gemütlich an. Besorgt euch was zu essen. Das Training beginnt morgen früh. Dann sehen wir uns wieder.« Ben kehrte zu seinem Bunker zurück und machte eine Dose Feldration auf. Er aß langsam und in Gedanken versunken. Er dachte einmal kurz an Jerre und fragte sich wieder, warum sie ihm nicht nach Osten hatte folgen wollen. Sie war in letzter Zeit schlecht gelaunt und gereizt gewesen. »Vermutlich braucht sie jemanden in ihrem Alter«, murmelte er. Er sah in ihr immer noch ein Kind, obwohl ihre erste
Begegnung mittlerweile zehn Jahre zurücklag. »Das Kind hat es weiß Gott nicht leicht gehabt.« Er legte sich auf sein Bett und schloss die Augen, keine zwei Minuten später war er eingeschlafen. »Ich bin da eigentlich eher reingeraten«, sagte ein junger Mann. Eine Gruppe Neuankömmlinge saß im Schatten zusammen. »Wie kann man da reingeraten, als Verräter abgestempelt zu werden?«, wollte ein anderer wissen. »Eine unglückliche Verkettung von Umständen«, antwortete der Mann grinsend. »Ich habe die University of Virginia besucht. Es wäre mein letztes Jahr gewesen. An einem Samstagnachmittag ging ich mit ein paar Freunden durch die Gegend. Wir hatten Spaß, wir rissen Witze. Nichts Besonderes. Und dann habe ich diesen Cop angerempelt. Weiter nichts, ich schwör’s – nur ganz leicht angerempelt. Er hat mich gepackt und gegen eine Hauswand geschleudert. Ich hatte schreckliche Angst. Dann hat er mich angeschrien, und auf einmal wurde mir klar, dass wir in Wahrheit in einem Polizeistaat leben.« Der Mann machte eine kurze Pause, um seine Gedanken zu ordnen. »Ich sah den Cop an und sagte: ›Hey, Mann, verpiss dich!‹ Er schlug mich, und ich schlug zurück. Ich hatte ihm richtig eine verpasst und er ging prompt zu Boden. Dann kamen sofort andere Cops und haben mich mitgenommen, in eine Zelle gesteckt, wo sie…«, er brach ab und schüttelte den Kopf. »Es war entsetzlich peinlich… und pervers, ihr wisst schon. Auf jeden Fall hat mir der verdammte Richter fünf Jahre aufgebrummt, weil ich den Cop geschlagen habe. Fünf Jahre. Ich konnte fliehen und habe mich dann wochenlang versteckt, bis mich eine Gruppe junger Leute gefunden und nach Memphis mitgenommen hat. Den Rest kennt ihr ja.« Die Rebellen waren fast so etwas wie ein statistischer Querschnitt Amerikas. College-Studenten und -Professoren,
Anwälte, Hausmeister, Ärzte, Trucker, Bauarbeiter, Ingenieure, Künstler, Musiker, Schriftsteller und Hunderte anderer Berufe, die man sowohl in den Reihen der Rebellen fand, die in den Kampf zogen, aber auch in den Reihen derer, die damit beschäftigt waren, Lebensmittel, Kleidung, Waffen, Munition, Verbandszeug, Stiefel, Socken, Jacken, Zelte, Decken, Schlafsäcke, Laternen, Seile, Werkzeuge und unzählige andere Dinge zu lagern und zu tarnen, die für einen Guerillakrieg erforderlich waren. Und sie wurden immer besser und besser darin, ihre wirklichen Aktivitäten vor dem wachsamen Blick von Big Brother ebenso zu verheimlichen wie vor Hartlines Söldnern und Codys Agenten. Vizepräsident Lowry war außer sich.
»Ich hatte Ihnen doch befohlen, die Familien der mutmaßlichen Sympathisanten mit den Rebellen unter Druck zu setzen«, zischte Lowry wutentbrannt. »Und es ist exakt so ins Gegenteil umgeschlagen, wie Alice Tyler vorausgesagt hat«, erwiderte Cody. »Die Leute haben sich nur noch schneller gegen die Regierung gestellt. Ich habe dem Ganzen Einhalt geboten.« »Und ich hatte Ihnen gesagt, sie sollen die Presse kontrollieren.« Cody lachte trocken. Hartline saß im Büro des Vizepräsidenten. Bislang hatte er kein Wort von sich gegeben. »Wir sind hier in Amerika, Weston«, sagte Cody. »Nicht in Südamerika. In diesem Land haben wir seit Jahrhunderten Pressefreiheit, und die kann man nicht über Nacht aus der Welt schaffen. Ich…«
»Ich kann die Presse zum Einlenken bringen«, fiel Hartline ihm leise ins Wort. »Geben Sie mir grünes Licht und eine schriftliche Erklärung, dass Sie hinter mir stehen werden, und dann sehen Sie einfach nur zu, wie ich mich an die Arbeit mache. Ich werde ihnen so schnell das Maul stopfen, das sie gar nicht mitbekommen, was überhaupt los ist.« »Und wie?«, fragte Lowry. »Auf die gleiche Tour wie in bestimmten Länder in Südamerika und Afrika Mitte der achtziger Jahre.« »Können Sie garantieren, dass Ihr Plan funktioniert?«, wollte der Vizepräsident wissen und lehnte sich interessiert nach vorn. Seine Augen leuchteten. »Werden Sie Folter einsetzen?« Ein wenig Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. Cody bemerkte das nicht, Hartline dagegen schon. Ihm war klar, dass Lowry sehr viele und sehr düstere Emotionen unterdrückte. »Ja«, erwiderte Hartline lächelnd. »Ich kann es garantieren.« »Dann legen Sie los«, wies Lowry ihn an. »Und fangen Sie hier in Richmond an. Filmen Sie es, ich will das sehen.« »Ja, Sir, wird sofort in Angriff genommen«, gab Hartline zurück.
SECHS
Die warmen Spätsommertage gingen für die Rebellen in den Great Smoky Mountains rasch vorüber. Sie standen mit Sonnenaufgang auf und trainierten bis zum Einbruch der Abenddämmerung. Die Sonne bräunte ihre Haut tiefbraun und das Training stählte sie. Zweimal am Tag wurden lange Märsche hügelaufwärts veranstaltet, die ihre Lungen strapazierten; Kniebeugen; Liegestütze; Gehen in hockender Haltung, bis man meinte, die Beinmuskeln müssten jeden Augenblick zerreißen. Es war ein brutales körperliches Training, das ihren Alltag ausmachte. Sie lernten, wie man plötzlich angriff und größtmöglichen Schaden anrichtete, und wie man mit den Mittelchen, die ein Farmer in seiner Scheune aufbewahrt, eine Bombe baut. Sie wurden darin unterrichtet, wie man sich als Bettler, Geschäftsmann oder Blumenverkäuferin tarnt. Die Reflexe wurden immer und immer wieder geschärft. Beim Nahkampftraining ließ Ike alles aus, was ihm überflüssig erschien, und ging gleich zu den tödlichen Schlägen über. Einige der Neulinge erlitten dabei Verletzungen, einer kam sogar ums Leben, aber das Training ging unerbittlich weiter. Die Berge waren erfüllt vom Lärm der Mörser, Granaten und Maschinengewehre. Bei den Schießübungen mit dem Gewehr waren Ben und Ike unnachgiebig. »Ihr müsst alle Meisterschützen werden. In vielen Fällen wird der Feind kugelsichere Westen tragen, also müsst ihr lernen, Beine, Arme oder Kopf zu treffen. Ein Treffer ins Bein oder in den Arm ist in einer Hinsicht gut. Ein Mann, der ins Bein getroffen wird, geht zu Boden und schreit. Das demoralisiert
seine Kameraden und früher oder später wird ihm jemand helfen wollen. Dann könnt ihr beide auf einmal töten.« Hartline und seine Männer betraten das NBC-Gebäude in Richmond. Sie wurden von FBI-Agenten begleitet, die einigen der Journalisten eine Anklageschrift wegen Verrats überreichen wollten, da sie sich dem Kongressbeschluss widersetzt hatten, sämtliches Material vor der Aussendung erst zur Begutachtung vorzulegen. Richmond würde das Test-Network sein. Mit seiner M-10 SMG schob Hartline den älteren Wachmann zur Seite und marschierte ins Büro der Chefetage. Er riss einen verdutzten Programmchef aus dem Sessel und verpasste ihm einen Haken, der den Mann zu Boden schickte. »Hey, Moment!«, rief ein Nachrichtensprecher, der gerade in den Raum gelaufen kam. »Das können Sie nicht machen!« Einer von Hartlines Männern schlug ihn mit dem Kolben seines AK-47 bewusstlos, noch bevor er den Schlag überhaupt kommen sah. »Wo ist der Chef von diesem Laden?«, brüllte Hartline. »Ich will ihn sofort sehen!« Eine vor Angst zitternde Sekretärin stammelte: »Es ist kein Er, sondern eine Sie… Ms. Olivier.« »Ah, umso besser«, erwiderte Hartline. »Bring sie zu mir, Schätzchen!« Bevor die Sekretärin sich rühren konnte, hörte er hinter sich eine ruhige, gefasste Stimme: »Was hat das zu bedeuten?« Hartline drehte den Kopf und sah Sabra Olivier, die ihn wütend ansah. Er betrachtete sie von oben bis unten, dann fragte er: »Bist du nicht ein bisschen jung, um hier das Sagen zu haben, Süße?« »Raus hier!«, befahl sie. Sie hatte kaum ausgesprochen, da hatte Hartline ihr bereits eine so heftige Ohrfeige verpasst, dass sie nach hinten taumelte
und sich am Türrahmen festhalten musste, um nicht den Halt zu verlieren. »Süße«, sagte er. »Du hast mir gar nichts zu befehlen. Ich sage dir, was zu tun ist, und dann machst du das. Verstehen wir uns?« »Sie sind Sam Hartline«, sagte Sabra und richtete sich auf. »Lowrys Schoßhund.« Hartline lächelte sie unverändert frostig an. Er betrachtete die Frau erneut. Sie hatte schwarzes Haar mit ein paar grauen Strähnen, schwarze Augen, die vor Zorn brannten, eine gute Figur, lange Beine. »Rufen Sie die Polizei«, sagte Sabra zu einem ihrer Angestellten. Hartline musste lachen. »Schätzchen, wir sind die Polizei.« Sabra wurde blass. Der Mann, der zu Boden gegangen war, stöhnte und richtete sich langsam auf. Er hielt sich seinen gebrochenen und anschwellenden Kiefer. »Schafft dieses Klageweib hier raus«, brummte Hartline. »Ladet ihn in der Lobby ab und sagt dem alten Kerl da unten, er soll einen Krankenwagen rufen.« Sein Blick wanderte wieder zu Ms Olivier. »Wir können es auf die sanfte oder die harte Tour machen, Lady. Liegt ganz bei dir.« »Was wollen Sie?«, erwiderte sie. »Ich will, dass du mit der Regierung zusammenarbeitest und dich nicht auf die Seite dieser Rebellen stellst. Und natürlich wollen wir vor der Ausstrahlung alle Beiträge sehen.« »Auf keinen Fall«, sagte Sabra. Hartline wusste, dass sie niemals klein beigeben würde. »Dann also auf die harte Tour«, gab er zurück. Sie wussten beide nur zu genau, wie seine Worte gemeint waren. Mit ihren Blicken hatte sie den Söldner schon längst ein Dutzend Mal getötet, aber ihr Lächeln war immer noch so
eiskalt wie seines. »Wenn Sie es so hart können, Hartline«, sagte sie provozierend. »O ja, das kann ich, Baby, das kann ich.«
Nachdem die Studenten der University von Virginia davon gehört hatten, dass die Regierung die NBC-Studios in Richmond übernommen hatte, organisierten sie einen Protestmarsch. Aber das hier waren nicht die sechziger Jahre. Die Polizei musste sich jetzt nicht mehr zurückhalten, vielmehr nutzte sie die Gelegenheit, den Protest so blutig wie möglich niederzuschlagen. Vizepräsident Lowry ordnete an, dass die Universität bis auf weiteres geschlossen wurde, aber die Studenten verbarrikadierten sich im Gebäude. Als sie schließlich mit Tränengas nach draußen getrieben wurden, rannten sie blindlings der Polizei in die Arme, die bereits auf sie wartete. Sie wurden niedergeschlagen und in Lastwagen verfrachtet, um sie auf die umliegenden Polizeiwachen zu verteilen. Viele Menschen merken erst, wie kostbar eine Verfassung ist, wenn sie außer Kraft gesetzt wird.
»Also gut«, sagte Sabra Olivier zu Hartline. »Hören Sie auf! Rufen Sie Ihre Leute zurück! Ich mache, was Sie wollen!« Die Schmerzensschreie ihrer weiblichen Angestellten hatten ihren Willen gebrochen. Hartline hatte gewusst, dass es funktionieren würde. Und dabei hatte er Sabra nicht einmal anfassen müssen. Noch nicht. Hartline nickte einem Mann zu, der an der Tür zum Büro stand. Augenblicke später verstummten die Schreie, bis nur noch leises Stöhnen zu hören war.
»Na, siehst du?« Hartline lächelte breit. »Das war doch gar nicht so schwierig, oder?« Wenn ihre Blicke hätten töten können… Sabra sah verwundert zu, wie einer der Agenten eine Minicam in ihr Büro brachte. Genauso irritierte sie Hartlines süffisantes Lächeln. »Was gibt das?«, fragte sie, da sie etwas zu ahnen begann. »Ich habe doch gesagt, dass ich kooperieren werde.« »Oh, das ist nur eine kleine Rückversicherung, Schätzchen«, erwiderte Hartline. »Man kann ja nie wissen.« »Zum Teufel mit Ihnen!«, fauchte sie. Hartline lachte dreckig, dann sah er den Agenten an, der die Kamera in den Händen hielt. »Du kannst loslegen«, sagte er und öffnete den Reißverschluss seiner Hose. »So, dann komm mal her, Sabra-Baby. Das hier ist eine Sondervorführung für Vizepräsident Lowry. Wenn du in Zukunft irgendeine Anweisung missachtest oder wenn du irgendetwas sendest, was wir nicht vorher gesehen haben, dann wird dieses Band in voller Länge in den Sechsuhrnachrichten gesendet.« »Sie sind ein elender, verdammter Hurensohn!«, fluchte sie, konnte Hartline aber nicht beeindrucken. »Zieh dich aus, Baby«, sagte er lächelnd. »Zieh dich aus und guck immer schön in die Kamera. Lowry soll schon was geboten bekommen.« Als Sabra nackt war, sah sie den Söldner wutentbrannt und erniedrigt zugleich an. Er schob seine Hose nach unten. »Und jetzt auf die Knie mit dir, Baby, und dann an die Arbeit. Du weißt ja, was du zu tun hast. Ich möchte wetten, dass du viele Schwänze lutschen musstest, um einen so wichtigen Posten zu bekommen, stimmt’s, Baby?«
Sie gehorchte ihm ohne ein Widerwort, während die Kamera alles aufnahm. Hartline lachte. »Alles ist so verdammt leicht, wenn man nur weiß, was man machen muss.«
»Ich frage mich, wie viele von uns das wirklich ernst genommen haben?«, überlegte Dawn, die mehr mit sich selbst zu reden schien. »Ich meine, bis es uns tatsächlich betroffen hat.« Es war Sonntagnachmittag in den Great Smokies, Zeit für ein wenig Ruhe und Entspannung. »Komisch, dass du so etwas sagst«, meinte eine junge Frau aus Bakers Truppe. »Hast du das wirklich nicht für möglich gehalten?« »Nein«, antwortete Dawn. »Verdammt, ich habe selbst zur Presse gehört. Ich war praktisch immun. Keiner von uns hat diese Anweisung zur Zensur ernst genommen. Aber als ich den Cop in Richmond erschoss, war mein einziger Gedanke, die Flucht zu ergreifen. Ich hatte überhaupt keinen Gedanken daran, mich irgendwem oder irgendwas anzuschließen. Das Ganze kam mir so lange wie ein böser Traum vor, bis ich sah, wie in Memphis Menschen zu Tode geprügelt wurden.« Dawn war eine der wenigen, die aus dem eigentlich sicheren Haus in Memphis lebend herausgekommen war. Sie hatte nie darüber gesprochen. »Wie schlimm war es?«, fragte einer von Bens Rebellen, der seit den Zeiten der Tri-Staaten dazu gehörte. In den Bergen war es sehr ruhig und friedlich. Eine sanfte Brise ließ das Laub an den Bäumen rascheln. Die Natur hatte schon wieder damit begonnen, eine andere Farbe anzunehmen. Zwischen den grünen Blättern ließen sich vereinzelt bereits goldgelbe Schimmer sehen. Als Dawn weitersprach, war ihre
Stimme so gedämpft, als würde ihr die Erinnerung an sich schon Schmerzen bereiten. »Ich kann mich an einen Lastwagen in Richmond erinnern«, sagte sie. »Und daran, dass mein Kopf schmerzte. Ich blutete, und meine ganze Hand schmerzte von dem Schuss, den ich aus der Pistole abgegeben hatte. Von der Fahrt nach Memphis weiß ich nicht mehr viel. Jemand sagte, Memphis sei sicher, weil es eine tote Stadt sei. Wir haben mehrmals angehalten und immer war jemand da, der mir einen neuen Kopfverband anlegte. Wir erreichten Memphis ohne Zwischenfall. Hat irgendeiner von euch die Stadt gesehen? Gott! Sie als tot zu bezeichnen ist noch eine Untertreibung. Sie ist geisterhaft. Wir wurden in einem riesigen Haus untergebracht, dann setzte man uns unter Drogen und schloss uns an einen Lügendetektor an. Wir bestanden alle den Test, bis auf eine Frau, die eine Undercover-Agentin war.« Dawn verstummte. »Was geschah mit ihr?«, fragte jemand aus der Runde. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, irgendwer brachte sie um.« Alle warteten gebannt schweigend darauf, dass sie weitersprach. »Wir hatten alle den Test bestanden und warteten darauf, mit einer anderen Gruppe zusammenzukommen, ehe man uns hierher schickte. Drei von uns waren im hinteren Teil des Hauses… es war ein anderes Haus, nicht das, in dem wir getestet worden waren. Wir waren einige Male umgezogen. Wir spielten gerade Karten.« Sie hielt wieder kurz inne. »Keiner von uns hatte damit gerechnet, dass sich Leute von Hartline und Agenten in der Stadt aufhalten würden. Aber wir wussten auch nicht, dass sie es geschafft hatten, einige der Leute zum Reden zu bringen, die sie in Tennessee geschnappt hatten. Um neun Uhr abends traten sie die Tür ein und begannen auf jeden einzuschlagen, der ihnen in
den Weg lief. Einfach so. Keine Vorwarnung, nichts, überhaupt nichts. Es war so… unwirklich. Der Typ, der mit uns Karten spielte, stieß mich und das andere Mädchen in einen Schrank, von dem aus ein schmaler Schacht auf den Speicher führte. Er ging zurück, um nach einer Waffe zu suchen. Wir beide lagen in unserem Versteck und zitterten, weil uns das, was wir hörten, so schreckliche Angst machte.« Einer der Rebellen zündete eine Zigarette an, ein anderer sah zu Boden. Niemand sagte etwas, alle warteten nur ab. »Die Agenten wussten, dass nur ein paar von uns bewaffnet waren. Die töteten sie als Erstes, dann erschlugen sie die Männer. Mit den Frauen hatten sie was anderes vor«, sagte sie düster. »Eine Frau schrie immer wieder um Hilfe, sie hörte gar nicht mehr auf. Ich glaube, ich muss hier keinem sagen, was sie mit ihnen machten. Wir konnten durch ein Loch im Boden beobachten, wie sie im Zimmer unter uns eine Frau quälten. Ich dachte immer nur: Das kann nicht wahr sein. Das ist doch Amerika, so was kann es hier nicht geben. Aber es war die Realität. Sie fotografierten und filmten alles, und einer der Männer meinte, das wäre ja noch viel besser als das, was die anderen gefilmt hätten. Großer Gott, es war so schrecklich. Wir konnten nur still daliegen und zu Gott beten – wenn es den überhaupt gibt«, fügte sie verbittert an. »Seitdem bin ich mir da nämlich nicht mehr so sicher.« Ihr Blick ruhte auf einem Punkt in weiter Ferne. »Das Ganze dauerte stundenlang. Dann verließen die Männer das Haus. Wir warteten eine Weile, ehe wir uns aus dem Versteck wagten. Wir begaben uns nach unten in das… das Blutbad. Es war unglaublich, was sie mit diesen Menschen gemacht hatten. Es war perverser als alles, was ich je gesehen hatte. Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber einige von Hartlines Leuten müssen verdammt krank sein.«
Sie schüttelte angeekelt den Kopf. »Am nächsten Tag kamen einige Trucks und holten uns ab. Wir sind auf unterschiedlichen Routen hierher gelangt, ich war in dem kleinen Konvoi, der nicht angegriffen wurde. Ich war noch völlig erschüttert, als wir in der Nacht hier ankamen.« Sie machte eine so lange Pause, dass die anderen schon glaubten, sie wolle nichts mehr sagen. Dann fügte sie plötzlich an: »So bin ich da hineingeraten.« Niemand konnte ihren Worten noch etwas anfügen.
SIEBEN
»Das sind alle?«, fragte Präsident Addison und betrachtete die Hand voll Frauen und Männer, die sich eingefunden hatten. »Nicht mehr?« »Ich fürchte ja, Aston«, sagte Senator Carson finster. »Das sind alle, denen ich absolut vertrauen kann.« Vierzehn Männer und fünf Frauen bildeten die Gruppe aus zwölf Repräsentanten und sieben Senatoren. »Das ist schlimmer, als ich gedacht hätte«, sagte der Präsident. Seine Stimme war vor Entsetzen kaum mehr als ein leises Flüstern. »Und ich war sicher, Matt würde auch dabei sein.« »Sie haben Matt geschnappt«, sagte die Repräsentantin Jean Purcell. »Sie?«, wiederholte Aston. »Cody und Hartline«, sagte Senator Stayton. »Wir haben davon erst vor gut einer Woche erfahren, Aston. Wir konnten uns nicht erklären, wie sich verantwortungsvolle Männer und Frauen über Nacht auf die andere Seite schlagen konnten. Wir wussten zwar, dass einige unserer Kollegen nicht für ihren Job geeignet waren, aber die Leute hatten sie gewählt, daran gab es nichts zu ändern. Aber wir hatten gedacht, wir kämen auf genügend Stimmen, um Sie an der Macht zu halten. Die Umfragen waren dann allerdings eine Überraschung.« »Mehr noch«, fügte die Repräsentantin Linda Benning an. »Sie waren für uns ein Schock. Dann erfuhren wir auch den Grund. Um es kurz zu machen, Mr. President, Matt wurde reingelegt… mit einem Mädchen, einem sehr jungen Mädchen. Es war wie üblich das Werk von Hartline und Cody. Alles wurde gefilmt.«
»Und… wie alt war das Mädchen?«, fragte Aston vorsichtig. Linda räusperte sich. »Elf.« »Jesus!« »Allerdings sehr reif für eine Elfjährige«, fügte sie an. »Und die anderen?«, fragte Aston. »Mehr oder weniger die gleiche Taktik. Bei einigen etwas brutaler als bei anderen. Die Frau von Senator Borne wurde vor seinen Augen vergewaltigt – in ihrem Wohnzimmer!«, sagte Senator Milton und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Seine Tochter wäre als Nächstes an der Reihe gewesen, wenn er nicht auf Lowrys Linie eingeschwenkt wäre.« Der Mann seufzte. »Es ist so unwirklich, dass man meinen sollte, das alles wäre nur ein Film, dass solche Dinge nicht im wahren Leben geschehen. Das haben wir alle gedacht. Larry Barwell kam letzte Woche zu mir, nachdem ich ihm vorgeworfen hatte, er sei ein Verräter. Er kam zu mir nach Hause und hat geheult. Sie…« »Verdammt!«, herrschte Aston den Mann an. »Hören Sie endlich auf, immer ›sie‹ zu sagen. Wer sind sie?« Milton sah ihn wütend an. »Codys Leute. Hartlines Leute. Lowrys Agenten. Gott, Aston, wir versuchen unser Bestes!« »Tut mir Leid, Frank«, sagte Aston und legte seine Hand auf den Arm des Mannes. »Wirklich. Ich wollte Sie nicht anbrüllen. Reden Sie weiter.« »Sie… diese Leute, sie haben Larry damit gedroht, sich an ihm… oh, es ist so peinlich… sich an ihm zu vergehen, wenn er nicht kooperiert. Sie verstehen, Aston?« Das Gesicht des Präsidenten war fast grau, als er sich hinsetzte. »Ja, ich verstehe. Wie haben Sie diesem Druck widerstehen können?« »Ich glaube, Lowrys Leute hatten uns nicht nötig. Sie hatten genug Stimmen zusammen und konnten auf uns verzichten«, erwiderte Repräsentant Essex. »Ich bin froh darüber, Aston. Um ehrlich zu sein, ich wüsste nicht, was ich getan hätte.«
Aston schüttelte den Kopf. »Ich kann keinem dieser Frauen und Männer vorwerfen, was sie getan haben. Unter einem solchen Druck. Naja, wenigstens haben Sie etwas Licht in die Sache gebracht.« »Aston«, Senator Poulson lehnte sich vor. »Wir sollten das Militär einschreiten lassen, um ihnen zu zeigen, dass sie zu weit gegangen sind. Es soll mit Gewalt vorgehen und Lowry mitsamt seinen Leuten rauswerfen.« Er schüttelte den Kopf. »Daran hatte ich auch schon gedacht. Ich habe mich bereits mit den Joint Chiefs unterhalten, und die haben mir sehr beunruhigende Zahlen auf den Tisch gelegt. Sie wissen, wie klein unser Militär ist. Codys FBI, Hartlines Söldner und alle Cops zusammengenommenen kommen auf dreimal so viele Leute. Die Nationalgarde ebenso wenig mitgerechnet wie die Truppenteile, die zu Lowry oder Cody stehen. Nein, ich glaube, es gibt nur eine Hoffnung.« »Und die wäre?«, wollte Senator Henson wissen. Der Präsident zögerte einen Moment lang, dann sagte er: »Ben Raines.« »Ben«, rief Ike und kam lächelnd auf ihn zu. »Ich glaube, uns ist ein Durchbruch gelungen.« »Das wird allmählich auch Zeit. Lass hören.« »Tommy Levant, Senior Agent beim FBI. Er hat genug davon, wie Cody mit seiner Behörde umgesprungen ist. Es heißt, dass er mit uns zusammenarbeiten will.« »Eine Falle?« »Ich glaube nicht, Ben. Levant ist einer von der alten Garde. Ein Hoover-Typ. Direkt, offen und ehrlich. Einer der wenigen, die noch übrig sind.« »Ich frage mich nur, ob er weiß, was er da riskiert.« Ike zuckte mit den Schultern. »Seinen Arsch.« »Das gefällt mir so an dir, Ike«, sagte Ben lachend. »Du…« Ben unterbrach seinen Satz, als Dawn an ihnen vorüberging. Ike
sah, dass die Blicke seines Freundes zwischen ihren Brüsten und dem Hüftschwung hin- und herpendelten. Er grinste, während Ben den Kopf schüttelte. »Hier spielt die Musik, El Presidente. Willst du mir sagen, was zwischen dir und Jerre läuft?« »Ich will ehrlich sein, Ike. Ich weiß es nicht. In den letzten Monaten hat es… es hat sich abgekühlt. Ich glaube, ihr wäre jemand lieber, der mehr ihrem Alter entspricht.« »Hmm«, machte Ike. »Heißt das, du stimmst mir zu oder nicht?« »Es heißt: Hmm«, gab Ike zurück. »Ben… haben wir eine Chance, das durchzuziehen?« Ben seufzte. »Eine geringe Chance.« Er kannte Ike und wusste, dass er jede Information wie in einer Falle einschloss, wenn er es für notwendig hielt, sie für sich zu behalten. »Wie viele von den 7200 neuen Leuten können wir zum Kämpfen einsetzen?« »Sechstausend«, antwortete der ehemalige Navy SEAL ohne Zögern. »Damit hätten wir etwas mehr als zehntausend Leute zur Verfügung.« Ike sah Ben an, der in Gedanken versunken zu sein schien. »Was ist los, Ben?« »Wir gehen Stadt für Stadt vor«, sagte er leise. »Es ist so einfach, dass ich gar nicht daran gedacht habe.« »Was ist einfach?« »Den Leuten ihre Nation zurückzugeben. Wir machen es Stadt für Stadt.« Er packte Ike am Arm. »Setz dich mit unseren Commandern vor Ort in Verbindung. Sie sollen in verlassene Basen eindringen und alle Waffen mitnehmen, die sie finden können. Dann sollen sie mit Schlägen gegen die Nationalgarde und Reserveeinheiten beginnen. Ich will, dass sie jede Waffe an sich reißen, die sie bekommen können. Ruf unsere Agenten an und setz sie darauf an. Sie sollen herausfinden, wo die
Regierung die Waffen lagert, die den Zivilisten abgenommen worden sind, und da sollen sie zuschlagen.« Ikes Augen leuchteten auf, als er verstand. »Wir bewaffnen das Volk – Stadt für Stadt.« »Genau, und wir fangen mit den Städten rund um die Great Smokies an.« Die beiden drehten sich um, als eine farbige junge Frau durch das Lager ging. Sie war klein und zierlich und – ohne zu chauvinistisch zu sein – verdammt gut gebaut. »Ganz ruhig, Ike«, sagte Ben grinsend. »Vergiss nicht, du bist ein Junge vom Mississippi.« »Ich möchte wetten, dass sich mein Großvater gerade im Grab herumdreht«, meinte Ike. »Gnädiger Gott, sieh dir bloß diesen Hintern an.« »Ike, du bist unmöglich!«, ermahnte Ben ihn, konnte sich aber nicht ernst halten. »Wie heißt sie?« »Carla Fisher. Gott im Himmel!« »Wie ist sie zu uns gekommen?« »Ich weiß es nicht, aber ich werde es garantiert herausfinden.«
Carla war in ein Gefängnis in South Carolina gesteckt worden, nachdem man sie des Mordes an einem Mann beschuldigt hatte, den sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Nicht einmal sein Name war ihr bekannt gewesen. Die Polizei hatte ein gutes Dutzend unterschiedlicher Methoden angewandt, um ihr ein Geständnis zu entlocken, aber sie war standhaft bei der Wahrheit geblieben. Sie wurde geschlagen, beschimpft und gedemütigt. Man unterzog sie auch der Standardmethode, mit der man Frauen zu Leibe rückte, wenn man annahm, dass sie Drogen konsumierten oder dealten. Jedenfalls war das am Anfang so gewesen. In
vielen großen Gefängnissen mussten alle Frauen diese Art von Untersuchung über sich ergehen lassen. Sie musste sich ausziehen, dann wurde sie mit einem Schlauch abgespritzt, und dann musste sie sich nach vorn beugen, während eine Polizistin in allen Körperöffnungen suchte, in denen eine Frau eine kleine Menge Drogen verstecken könnte. Es war in keinem Fall eine angenehme Sache, aber wenn die Polizistin eine sadistische Ader hatte, konnte das Ganze sehr brutal und schmerzhaft werden – und extrem entwürdigend. In vielen Fällen ging es dabei gar nicht um die Suche nach Drogen, sondern darum, den Willen einer Gefangenen zu brechen und sie zu einem Geständnis zu bewegen. Es war einfach nur eine Variation von Hartlines Taktiken. Carla verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis. Es gab keine Kaution, und das Verfahren war langwierig und extrem kostspielig. Ihre Eltern nahmen immer neue Kredite auf, um ihr die beste Verteidigung zu bieten. Schließlich wurde Carla für unschuldig befunden – nachdem die Polizei den wahren Mörder gefunden hatte. Staatsanwalt und Richter hatten nur eine beiläufige Entschuldigung für sie übrig, und zehn Tage nach ihrer Freilassung verlor ihr Vater seinen Job. Mr. und Mrs. Fisher gerieten in einen Teufelskreis, da die Kredite nicht getilgt werden konnten. Auch das Haus vermochten sie nicht länger abzubezahlen, während die Gläubiger die Schuldeneintreiber auf sie hetzten. Carlas Vater bekam keinen neuen Job, da jeder zukünftige Arbeitgeber bei der Kreditauskunft davon erfuhr, wie es um ihn bestellt war. Da er keine Arbeit fand, wusste er nicht, wie er seine Rechnungen bezahlen sollte, und er konnte sich dafür kein Geld leihen, da man ihm keinen Kredit mehr gewährte. Die Schuldeneintreiber schickten böse Schreiben, sie riefen Tag und Nacht an und bedrohten unablässig die Familie.
Fünf Monate nach dem Freispruch ihrer Tochter, die gar nicht erst hätte angeklagt werden dürfen, war nur die Gasversorgung noch nicht abgestellt worden. Carlas Eltern beschlossen, dies zu nutzen. Sie schlossen sich in der Küche ein und drehten den Gashahn auf. Langsam schliefen sie ein – und wachten nicht wieder auf. Einen Tag nach der Beerdigung ihrer Eltern holte Carla die Schrotflinte aus dem Haus ihrer Eltern, lauerte dem Staatsanwalt in dessen Garage auf, und als er nach Hause kam, schoss sie ihm viermal in die Brust und einmal ins Gesicht. Dann schloss sie sich den Rebellen an. Nichts von alledem hätte sich in Ben Raines’ Tri-Staaten ereignen können.
In den Tri-Staaten war vieles anders, einzigartig und recht experimentell. Ein Reporter, der zu Gast war, bezeichnete sie als extrem rechten Sozialismus, womit er in gewisser Weise auch Recht hatte. Doch ein anderer Reporter brachte es besser auf den Punkt: »Es ist ein Staat für alle Menschen, die hier leben möchten und die zu einem gemeinschaftlichen Leben in der Lage sind.« Wenn in den Tri-Staaten einer Familie die Rechnungen über den Kopf wuchsen, konnte sie einen staatlichen Beratungsdienst in Anspruch nehmen. Die Leute dort waren freundlich und höflich und konnten mit den Betroffenen mitfühlen. Falls ein nicht zuvor absehbarer Notfall es der Familie unmöglich machte, die Rechnungen zu begleichen, und sie sich ernsthaft bemühte, die Schulden zu bezahlen, dann wurde ihr Strom, Gas oder Wasser nicht abgestellt. Man nahm der Familie auch nicht den Wagen ab, und es wurde kein Inventar gepfändet. In den Tri-Staaten gab es keine Schuldeneintreiber. Stattdessen wurde ein Tilgungsplan ausgearbeitet.
Einer Touristengruppe erklärte Ben: »Es ist die moralische und gesetzliche Pflicht dieser Regierung, den Bürgern zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen. Wenn ein Bürger Hilfe braucht, dann braucht er die sofort, nicht erst in zwei oder drei Monaten. In den Tri-Staaten wird diese Hilfe sofort gewährt. Ohne seine Bürger kann ein Staat nicht existieren. Der Staat ist nicht da, um die Bürger zu drangsalieren.«
Innerhalb einer Woche waren alle Städte im Umkreis von fünfzig Meilen um die Great Smokies hermetisch abgeriegelt. Jeder, der über achtzehn Jahre alt war, durfte eine Waffe tragen, und die meisten wollten das auch. Mit Hilfe dieser Waffen unternahmen die Menschen zum ersten Mal seit hundert Jahren einen Versuch, ihr Leben selbst zu kontrollieren. Ein Highway-Patrolman in Tennessee hätte sich fast in die Hose gemacht, als er in eine Kleinstadt gefahren kam und sah, dass alle Erwachsenen mit schweren Waffen versorgt umherliefen. »Hey!«, rief er einer jungen Frau zu, die einen Kinderwagen schob und einen Karabiner mit 30er Kaliber über die Schulter trug. »Was zum Teufel ist denn hier los?« »Willst du was, Polizist?«, gab sie zurück. »Ähm…ja, ich… wo sind… ich meine… wo finde ich Chief Bennett und seine Leute? Die Polizeistation steht völlig leer.« »Die haben alle gekündigt.« »Gekündigt?« Der Polizist nahm mit einem Unbehagen wahr, dass sich um seinen Streifenwagen allmählich eine größere Menschenmenge einfand. Alle waren bewaffnet – sogar bestens bewaffnet. »Der Besitz von automatischen Waffen ist illegal«, sagte er routinemäßig. »Es verstößt ebenfalls gegen das Gesetz, Schrotflinten zu besitzen, die…« »Halt die Klappe!«, rief jemand.
Er hielt die Klappe. »Die Zeiten ändern sich«, sagte ein Mann. »Wenn Sie’s nicht glauben, drehen Sie den Kopf doch mal ein wenig nach links.« Er machte genau das und sah im nächsten Moment in den Lauf einer 9mm SMG. »Ich glaube es, ich glaube es«, sagte er. »Mister, würden Sie die Waffe bitte sichern?« Der Mann ließ die 9mm langsam sinken. Eine Frau meinte: »Sie sind bestimmt ein ganz anständiger Polizist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie jemals zu dem gestanden haben, was aus Richmond gekommen ist. Oder, Burt?« »Nein, Madam, ich habe nie dazu gestanden.« Burt sagte die Wahrheit. »Ich vermute, die Regierung wird Leute herschicken, die uns die Waffen abnehmen sollen, stimmt’s, Burt?« »Das wird wohl der Fall sein.« »Diesmal wird es ihnen aber nicht gelingen, Burt.« »Das glaube ich inzwischen auch, Miss Ida. Ganz bestimmt.« »Wir würden Sie nicht gerne bei diesen Leuten sehen, Burt.« »Miss Ida, Sie werden mich auch nicht bei diesen Leuten sehen. Darauf können Sie wetten.« »Burt«, sagte ein Mann. »Sie werden Ihrem Vorgesetzten erklären, dass die Leute in den Städten rund um die Berge gesetzestreue Bürger sind. Wir sind keine Gesetzesbrecher, und wir haben hier auch niemanden gelyncht. Aber jeder, der herkommt, um uns die Waffen abzunehmen, wird von uns beschossen. Das sagen Sie Ihrem Vorgesetzten, Burt, haben Sie verstanden?« »Ja, Sir.« »Sie können jetzt weiterfahren, Burt. Ach, und noch was Burt…« Der Polizist sah auf zu dem Mann.
»Sie sind hier in Sevierville immer willkommen. Wenn es hier Probleme mit dem Gesetz gibt, dann werden wir Sie rufen, damit Sie sich darum kümmern.« »Ja, Sir, es wäre mir eine Ehre, wenn ich das für Sie machen dürfte. Jederzeit. Rufen Sie einfach im Hauptquartier an, dann komme ich sofort vorbei.« »Machen Sie’s gut, Burt.« Er legte den Gang ein und verließ mit seinem Streifenwagen Sevierville.
Sabra Olivier saß in ihrem Büro und schaute sich die Sechsuhrnachrichten an. Sie bekam Magenschmerzen, als sie die nichts sagenden, zensierten Nachrichten sah. So etwas hätte sie vor Hartlines… Besuch niemals senden lassen. Die Erinnerung an seinen ersten Besuch im Sender ließ sie jetzt noch schaudern. Und auch an jeden Besuch danach, da er es nicht bei einer einmaligen Sache hatte belassen wollen. Sabra hätte sich am liebsten übergeben. Sie stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Die Nachrichten waren so nichts sagend, dass sie auf einen anderen Sender umschaltete, allerdings ohne große Wirkung. Hartline hatte mit seinen Leuten allen Sendern einen Besuch abgestattet. Sie betrachtete die Sprecherin von ABC und fragte sich, ob Hartline sie auch so unter Druck gesetzt hatte. Vermutlich ja, aber bei dem Ruf, der dieser Frau anhing, hatte er sie wahrscheinlich gar nicht so sehr zwingen müssen. Sabra setzte sich wieder hin, stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und ließ den Kopf in ihre Hände sinken. Wie konnte es bloß dazu kommen?, wunderte sie sich. Waren wir denn alle so blind, dass niemand gemerkt hatte, dass Logan eigentlich von Lowry vorgeschoben worden war?
Seufzend kam sie zu der Überzeugung, dass es so sein musste. Sie waren alle so sehr damit beschäftigt gewesen, darauf zu achten, dass niemand ihre kostbaren Rechte beschnitt, dass sie nichts von dem wahrgenommen hatten, was sich um sie herum abspielte. Und sie hatten nicht die Stimmung bemerkt, in der sich das Volk befand. Die Mehrheit des Volks… die Steuerzahler. »Wächter der Freiheit«, murmelte sie. »Aber wessen Freiheit? Unsere? Die des Volks?« Sie setzte sich auf, als ihr eine Idee durch den Kopf ging. Zweifellos eine gefährliche Idee, aber vielleicht ein Weg, um Hartline an den Eiern zu packen und ihn daran in einem halben Meter Höhe an die Wand zu nageln. Einen Moment lang genoss sie diesen imaginären Anblick, dann griff sie nach dem Telefon, zog aber gleich wieder die Hand zurück. Hartline hatte die Leitung garantiert angezapft. Sie würde darauf achten müssen, was sie sagte. »Schicken Sie Roanna zu mir«, bat sie ihre Sekretärin. Vor ihrem Büro fing sie die Reporterin ab und nahm sie am Arm, um sie zur Damentoilette zu dirigieren. Dort drehte sie den Wasserhahn auf, damit das laufende Wasser ihre Unterhaltung übertönte, so wie sie es in vielen Filmen gesehen hatte. »Du weißt alles über die Sache mit Hartline«, sagte sie. »Wie denkst du wirklich über ihn?« »Ich würde diesem Bastard am liebsten den Schwanz abschneiden und ihn in seinen Hals stecken, damit er daran erstickt«, antwortete die Reporterin ohne zu zögern. Sabra war erstaunt. So hatte sie Roanna noch nie reden gehört. »Hat er dich auch zwischengenommen?« Die Brünette verzog verächtlich den Mund. »O ja… Ihm haben meine Berichte nicht gefallen, die ich über die Söldner produziert habe. Er wollte mir etwas geben, an das ich mich noch lange erinnern würde.« Sie schnitt ein Grimasse. »So
schnell werde ich das nicht vergessen. Ich konnte drei Tage lang kaum gehen.« »Wie viele von den anderen Frauen?« »Sabra, es sind nicht nur die Frauen, mit den Männern haben sie auch ihren Spaß gehabt. Ich weiß nicht, was du vorhast. Aber sei vorsichtig. Hartline ist hochgradig gestört. Er ist ein wahrer Meister, was Folter angeht. Er hat allen Leuten bei den Networks einen Schock versetzt. Frauen und Männern. Keiner von uns kann verstehen, wieso das so schnell aus dem Ruder laufen konnte.« »Das habe ich mich auch gefragt. Ich muss jemanden in Ben Raines’ Lager einschleusen, und dabei habe ich an dich gedacht. Ich glaube, ich kann Hartline davon überzeugen, dass das eine gute Sache ist. Du machst eine Story über Raines, ich mache eine über Hartline. Ich werde ihn wie den neuen Christus darstellen. Wir senden jede Woche ein drei Minuten langes Segment, das jeweils eine verschlüsselte Botschaft an Raines enthält.« »Sabra…« »Nein! Ich glaube, wir müssen das machen. Ich trage eine Mitverantwortung für das, was in diesem Land geschehen ist. Wir sind es zum Teil mit Schuld. Hartline… besucht mich zweimal pro Woche. Ich muss seine Besuche als eine Sache hinnehmen, über die ich keine Kontrolle habe. Er meint, dass es mir Spaß macht. Er ist von sich so sehr eingenommen, dass ich darauf abzielen kann. Es ist erstaunlich, was ein Mann alles so sagt, wenn er mit einer Frau im Bett ist… Wir arbeiten einen Code aus, der Raines wissen lässt, was hier los ist und was passieren wird. Bist du mit dabei?« »Du weißt, was passiert, wenn Hartline davon Wind bekommt?« »Ja.« »Also gut«, sagte Roanna. »Ich bin dabei.«
Die Lichter auf der kleinen Landebahn griffen in den Abendhimmel. Der aus Kansas stammende Pilot Jim Slater wollte nichts weiter, als so schnell wie möglich landen und nach Hause zu seiner Frau zurückkehren. Plötzlich tauchte rechts von ihm eine Piper Club auf, die ohne Lichter flog. Über seinen Kopfhörer erhielt er im nächsten Moment eine Nachricht, die ihm einen eiskalten Schauder über den Rücken jagte. »Pass auf, Jim. Am Boden warten FBI-Agenten auf dich. Jemand hat ausgeplaudert, dass du für die Rebellen Waffen transportierst. Sie sind gegen Mittag in dein Haus eingedrungen und haben Jeanne vergewaltigt. Als sie weglaufen wollte, haben sie sie erschossen. Sie ist tot. Tut mir Leid, Jim.« Bevor Jim die Mitteilung bestätigen konnte, hatte die Piper bereits abgedreht. Jim kreiste über dem Rollfeld, ehe er zur Landung ansetzte. Nachdem die Maschine aufgesetzt hatte, fuhr er sie bis ans andere Ende des Flugplatzes, stellte den Motor ab. Er sprang hinaus und rannte durch die Dunkelheit in den Hangar. Er schlich sich zu seinem Spind und hantierte an der Rückwand, bis die falsche Wand nachgab. In einiger Entfernung machte er die Lichtkegel von Taschenlampen aus. Jemand war auf dem Weg zu ihm und hatte es offenbar eilig. Wütend über sein Ungeschick und seine Tränen, riss er eine Browning Buck Gun aus dem Versteck, lud die Magnum-Patronen und legte sich einen Patronengurt um. Dann ging er zum Fenster und wartete in der Dunkelheit. Die Agenten blieben keine zehn Meter vom Hangar entfernt stehen und begannen zu reden. Jim hörte ihnen erst zu, da er sicher sein wollte, dass er die richtigen Männer tötete.
»Dieser Hurensohn ist weg. Ich sag doch, dass ich ihn da drüben aufs Feld habe rennen sehen.« »Schade um seine Frau.« »Stimmt. Die hätte ich noch länger genießen können. Schön eng gebaut.« Jim feuerte auf die dunklen Umrisse, die von den Patronen förmlich zerfetzt wurden, ehe sie zu Boden sanken. Er begab sich zu den Männern, die grotesk verzerrt im feuchten Gras lagen. Er ignorierte das Blut und begann, Waffen, Munition, Ausweise und Geld an sich zu nehmen. Dann lief er zu ihrem Wagen. Im Kofferraum fand er eine M-16 und mehrere Sturmgewehre, packte alles zusammen und brachte es zu seinem Flugzeug. Als er hinter sich Schritte hörte, wirbelte er herum, bereit, wieder zu töten. Es war Paul Green, einer der Mechaniker. Die beiden Männer sahen sich einen Moment lang an. »Das hast du gut gemacht, Jim«, sagte Paul schließlich. »Ich habe das von Jeanne gehört… tut mir Leid.« Er sah zu Boden. »Und jetzt, Kumpel?« Die beiden Männer waren zusammen zur Schule gegangen. Jim war ehrlich zu ihm. »Ich mache mich auf den Weg nach Tennessee, zum Park. Ich kann es dir genauso gut auch sagen… ich bin seit ‘97 bei den Rebellen.« Paul reagierte mit einem Lächeln. »Verdammt, Jim, jeder in der Stadt weiß das. Kannst du Gesellschaft gebrauchen?« Jim zeigte auf seine zweimotorige Privatmaschine. »Lass uns voll tanken und dann verschwinden wir. Ich habe jetzt keinen Grund mehr, nach Hause zurückzukehren.«
ACHT
Im südwestlichen Teil des Landes begannen die Rebellen von Colonel Hector Ramos mit ihrer Suche nach Waffen in verlassenen Militärbasen. In einigen Fällen war man so geschickt darin gewesen, das Waffenarsenal zu verstecken, dass man einen Ex-Soldaten nötig hatte, um es zu entdecken. Hector wusste genau, wo er suchen musste. »Hola!«, sagte Rosita Murphy und trat in den kühlen langen Korridor, während ihr Blick über die langen Reihen aus M-16, M-60-Maschinengewehre und anderen Infanteriewaffen wanderte. Hector grinste die zierliche Frau an. »Schön zu wissen, dass Ihre Muttersprache immer noch stärker ist als das Irische in Ihnen.« Sie erwiderte das Grinsen. »Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass ich beide Sprachen lerne, Colonel. Ich nehme an, dass die hier«, sie deutete auf die Waffen, »alle nach Tennessee gehen?« »Richtig getippt«, erwiderte er und betrachtete das neue Mitglied seiner Truppe. Die kleine irisch-spanische Lady mit den grünen Augen war schon ein erlesener Anblick. »Sind Sie General Raines schon mal begegnet, Rosita?« »Nein, Sir. Aber wie ich höre, soll er ein ganzer Kerl sein.« »Das ist er auch, meine Kleine. Mucho hombre.« »Verheiratet?« Hectors Grinsen wurde noch breiter, seine Augen funkelten. »Nein.« Sie sah zu ihm auf. »Warum grinsen Sie mich so an, Colonel?« Er zuckte mit den Schultern. »No importa, Rosita.«
»Hmm«, machte sie, während sie zusah, wie ihr Commander den Abtransport der Waffen überwachte. Ohne es zu merken, hatte sie sich halb in östlicher Richtung auf Tennessee zugewandt.
General Bill Hazen, vormals der Befehlshaber der 82. Airborne, ein weiterer hochrangiger Offizier, der die Sinnlosigkeit eines Angriffs auf die Tri-Staaten eingesehen und seine Leute zurückgezogen hatte, stand in den Überresten von Fort Leonard Wood, Missouri, und leitete die Suche nach Waffen. Das Gleiche hatte er zuvor schon in Fort Riley und auf der Schilling Air Force Base gemacht. Er war nur auf wenig Widerstand gestoßen, den seine Männer rasch niedergeschlagen hatten. Viele von ihnen waren Fallschirmspringer, die den Kampfschauplatz in den Tri-Staaten zusammen mit ihm verlassen hatten – den Gedanken, dass Amerikaner gegen Amerikaner kämpfen sollte, hatten sie nicht ertragen können. Als sie die alte Basis auf den Kopf gestellt hatten, dirigierte General Hazen den Konvoi nach Osten in Richtung Tennessee.
Im Osten war General Krigel intensiv damit beschäftigt, nach Waffen suchen zu lassen. Er war der erste hochrangige Offizier gewesen, der sich geweigert hatte, gegen die Tri-Staaten zu kämpfen. Der Befehlshaber der staatlichen Truppen, Major General Paul Como, stand da und hörte Brigadier General Krigel zu, während er mit jeder Sekunde wütender wurde. »Sind die Brücken rund um das Gebiet geräumt?«, fragte Como, obwohl er genau wusste, dass dies nicht der Fall war. Krigel räusperte sich. »Nein, Sir. Die Navy SEALs haben sich geweigert, vorzumarschieren. Sie sagen, sie wollen nicht gegen
ihre Landsleute kämpfen. Einige der Leute in den Tri-Staaten sind ehemalige SEALs.« »Das interessiert mich kein bisschen! Ich habe den SEALs den Befehl gegeben, die Brücken zu räumen. Ich sollte diese Bastarde festnehmen lassen!« »Verzeihen Sie, Sir, aber ich möchte nicht derjenige sein, der das versucht.« Como ignorierte die Bemerkung und bemühte sich, seinen Zorn zu beherrschen. Er sah auf die Armbanduhr. »Also gut. Zur Hölle mit den SEALs. Die Airbornes sollen abspringen! Die sind längst überfällig! Wieso ist noch nichts passiert?« »Die Gebiete, die sich zur Landung eignen, sind noch nicht ausgewiesen.« »Was?« »Sir, die Pathfinders sind letzte Nacht auf das Territorium vorgedrungen, aber dann sind sie alle zu den Rebellen übergelaufen.« »Was?«, brüllte Como außer sich. »Sie haben sich geweigert, die Gebiete auszuweisen, Sir. Sie haben erklärt, dass sie nicht gegen ihre eigenen Leute vorgehen würden und dass jeder ein Verräter sei, der so etwas mache.« »Gottverdammt!!«, schrie Como und zeigte auf Krigel. »Sie bringen die Fallschirmspringer hoch und lassen sie abspringen. Sofort! Sie werden diesen Rangers Schützenhilfe geben.« Krigel trat kaum spürbar von einem Fuß auf den anderen. Das war der Moment, den er gefürchtet hatte. »Wir haben ein Problem, Sir. Eine große Zahl der Menschen der Tri-Staaten… sind… ähm…« »Angehörige unserer Truppen«, führte Como den Satz für ihn zu Ende. »Verstehe. Na, wunderbar. Wie viele von ihnen werden meine Befehle nicht befolgen?« Krigel sah keinen Grund, die Fakten zu beschönigen. »Rund fünfzig Prozent der Luftwaffensoldaten haben sich geweigert,
gegen die Tri-Staaten vorzugehen. Keine Rangers, keine Green Berets, keine SEALs. Rund dreißig Prozent der Marines und der normalen Infanterie widersetzen sich ebenfalls. Diese Frauen und Männer haben einhellig erklärt, sie würden für Sie gegen die Tore zur Hölle anstürmen, aber bei diesen Rebellen handelt es sich um Amerikaner, die nichts Schlimmes gemacht haben. Sie sind keine Kriminellen.« General Como war von den Zahlen nicht überrascht. Er hatte diese Operation mit General Russell während der Planungsphase durchgesprochen und fast seinen Dienst quittiert. Aber General Russell hatte ihm das ausgeredet. Como war darüber nicht glücklich, aber er war nun mal Berufssoldat und bekam seine Befehle. »General«, sagte Krigel, »das ist ein ziviles Problem, nicht unseres. Diese Menschen dort sind Amerikaner. Sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden. Sie arbeiten mit keiner fremden Macht zusammen, und sie versuchen auch nicht, die Regierung zu stürzen. Paul…«, er legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes, »… ich bekomme heute noch Magenschmerzen, wenn ich daran denke, was wir den Indianern antaten. Wir haben das zwar nicht selbst getan, aber wir hatten das Kommando über einige der Männer, die es getan haben. Es war verkehrt, und wir hätten Manns genug sein müssen, die Verantwortlichen zu erschießen.« General Como verzog das Gesicht. Das Frühstück lag ihm noch immer im Magen. Er wusste, was seinem Freund durch den Kopf ging. Krigel war sein Freund, aber ein Befehl war immer noch ein Befehl. Como drückte den Rücken durch. Als er sprach, war seine Stimme hart: »Sie sind Soldat, General Krigel, und Sie führen Ihre Befehle aus, sonst…« »Sonst was?«, gab Krigel wütend zurück, da er die Beherrschung verlor. »Verdammt, Paul, wir beginnen hier einen
neuen Bürgerkrieg. Das wissen Sie. Ja, ich bin Soldat, und sogar ein verdammt guter. Aber ich bin zuerst einmal Amerikaner. Dies ist das Land der freien Menschen, Paul, oder nicht? Zur Hölle, diese Leute in den Tri-Staaten haben vielleicht andere Vorstellungen, aber…« »Verdammt noch mal!«, brüllte Como ihn an. »Wagen Sie es nicht, mit mir zu streiten! Sie setzen sofort Ihre Leute dort ab, sonst sind es die längste Zeit Ihre Leute gewesen. Das ist ein direkter Befehl, General Krigel!« »Nein, Sir«, erwiderte Krigel völlig ruhig. »Ich werde den Befehl nicht ausführen.« Er zog seine Pistole aus dem Holster und gab sie Como. »Mir reicht’s, Paul, ich mache nicht länger mit.« Mit rotem Gesicht und vor Wut bebend betrachtete General Como die Waffe in seiner Hand, dann gab er seinem Freund eine heftige Ohrfeige. Krigel lief Blut aus dem Mundwinkel, aber er rührte sich nicht. Como wandte sich dem Sergeant Major zu, der den Wortwechsel regungslos angehört hatte. »Sergeant Major, ich will, dass dieser Mann unter Arrest gestellt wird. Wenn er sich widersetzt, greifen Sie zu allen erforderlichen Mitteln, um ihn zu bändigen. Verstanden?« Er reichte dem Mann Krigels Pistole. Der Sergeant Major packte General Krigel am Arm und nickte. Er mochte den Befehl nicht, der ihm eben erteilt worden war. Er war als junger Mann Angehöriger eines LRRP-Teams in Vietnam gewesen, und der Gedanke, dass Spezialeinheiten sich untereinander bekämpften, dass Amerikaner sich gegen Amerikaner wandten, gefiel ihm gar nicht – ganz egal, welchen Grund es dafür geben mochte. »Jawohl, Sir«, sagte der Sergeant Major, dachte aber nur: Ich will bloß General Krigel hier rausschaffen, und dann machen
wir beide uns mit noch einem Haufen Männer auf den direkten Weg zu Raines’ Rebellen. General Como wandte sich seinem Adjutant Captain Shaw zu. »Sagen Sie General Hazen, dass er jetzt das Kommando über die 82 hat. Seine Leute sollen abspringen. Wer sich weigert, wird unter Arrest gestellt. Wer sich dem widersetzt, wird erschossen. Sagen Sie General Cruger, er soll seine Soldaten über die Grenze schicken. Und zwar sofort!« Shaw nickte. Er hatte verstanden, aber er stimmte dem nicht zwangsläufig zu. Der junge Captain hatte beim Militär Karriere gemacht, und er hatte seine Befehle, so wie Raines’ Leute zweifellos auch ihre Anordnungen hatten. »Ja, Sir«, sagte er. »Wird sofort erledigt, Sir.« Dann ging er fort. General Cole musste einige Male blinzeln, weil er den Tränen nah war, und dann konnte er sie nicht mehr zurückhalten. »Gottverdammt!«, fluchte er mit erstickter Stimme. »Was für ein Elend.« »Alles in Ordnung, General?«, fragte ein Adjutant. Krigel schüttelte den Kopf, um den Nebel aus Erinnerungen abzuschütteln. Er hatte sichtlich Mühe, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Como war am zehnten Tag der Kämpfe in den Tri-Staaten getötet worden – von einem kleinen Mädchen mit einer 45er Pistole. Krigel konnte nicht anders, als die Ironie dieser Situation zu erkennen. Como hatte einige Jahre in Vietnam verbracht, immer im Einsatz, immer an der Front. Und er hatte nie auch nur einen Kratzer abbekommen. »Sir?«, hakte der Adjutant nach. »Was? O… ja, Captain, es geht mir gut«, sagte Krigel und verzog den Mund zu einem Lächeln. »Ich… ich war nur in Gedanken versunken.« »Die Tri-Staaten, Sir?«
»Ja. Sie waren auch da, nicht wahr, Van?« »Ja, Sir, acht Tage lang. Ich… habe meine Einheit am neunten Tag verlassen. Ich konnte es nicht länger ertragen. Diese Toten… die haben mich wirklich fertig gemacht.« »Und die Folterungen?« »Daran war ich nicht beteiligt, Sir, und auch keiner von meinen Leuten. Aber ich habe gesehen, was einige von den Kerlen mit Frauen gemacht haben. Ich glaube nicht, dass ich das jemals vergessen kann.« »Nein«, bestätigte Krigel. »Das werden Sie auch nicht, Van. Ich habe solche Dinge in Vietnam miterlebt, und so was vergisst man nicht. Man lernt einfach nur, damit zu leben.« »Ja, Sir. Ich hatte bloß gehofft, Sie würden sagen, dass man es eines Tages doch vergisst.« »Ich wünschte, ich könnte es«, sagte der General seufzend. »Alles aufgeladen, Van?« »Ja, Sir. Alles fertig und bereit zum Aufbruch.« »Also gut. Wir fahren in südwestlicher Richtung durch Ohio, bis wir bei Cincinnati die Interstate 75 erreicht haben. Wir folgen ihr bis fast in die Berge, und da treffen wir mit Ben zusammen.« »Sie kennen General Raines, Sir?« Mehrere Offiziere und Soldaten hatten sich um sie versammelt. »Ja, ich kenne ihn, Van. Nicht sehr gut, aber ich weiß, wer er ist.« »Was für ein Typ Mensch ist er, Sir?« Krigel dachte einen Moment lang nach. »Er war in Vietnam ein Hell-Hound. In Afrika war er dann ein paar Jahre lang als Söldner unterwegs. Nicht vom Schlag eines Hartline, sondern mehr ein Glücksritter. Ben… ist ein Träumer, ein Visionär, ein Revolutionär. Er ist ein Planer, ein Mann, der glaubt, dass jeder
gesetzestreue Bürger so viele Freiheiten wie möglich haben sollte. Ben Raines ist… ein außergewöhnlicher Mann.«
»Ben ist ein sehr komplizierter Mann«, sagte Jerre zu Dr. Canale. »Viele Leute stellen mir Fragen über ihn, aber ich weiß nie so genau, was ich antworten soll.« »Er fehlt Ihnen doch, oder?« »Ich müsste lügen, um das mit einem Nein zu beantworten.« »Tja, in den nächsten Monaten werden Sie alle Hände voll zu tun haben, Jerre. Es sind eindeutig Zwillinge.« »Ein Junge und ein Mädchen«, sagte sie lächelnd. »Ich würde nicht darauf wetten wollen«, erwiderte der Arzt grinsend. »Ich will auch nicht wetten, ich weiß es.« Dr. Canale sagte nichts. Er hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, mit Schwangeren zu diskutieren. Jerre zog sich an und dankte Dr. Canale, der ihr zuzwinkerte und ihr sagte, sie solle in ein paar Wochen wieder vorbeischauen. Als Jerre das Sprechzimmer verließ, erhob sich im Wartezimmer ein Mann, der Ende zwanzig sein mochte. Er lächelte sie an. »Wie ist es gelaufen, Jerre?« »Ich bin in großartiger Verfassung, Matt«, sagte sie breit grinsend. »Auf jeden Fall gilt das für meine Gesundheit. Allerdings beginne ich allmählich, wie eine Ente zu watscheln.« »Du bist wunderschön«, sagte er ernst. »Und du bist verrückt!«, erwiderte sie lachend, hakte sich bei ihm unter und ging mit ihm nach draußen. »Oh, Matt, ich kann dir gar nicht sagen, wie überrascht ich war, dich zu sehen. Und so froh. Man hatte mir erzählt, du seist in den letzten Tagen der Invasion der Tri-Staaten getötet worden.« Er half ihr, in einen alten VW Käfer einzusteigen. »Es war eine Zeit lang verdammt eng.« Er nahm auf dem Fahrersitz Platz und
fuhr los. »Aber ein paar von uns gelang es, über die Grenze nach Kanada zu entkommen. Dann haben wir den Befehl erhalten, in Nordkalifornien eine Basis einzurichten. Und… hier bin ich.« »Keine feste Freundin, Matt?« »Du kennst mich doch, Jerre. Du bist die Einzige, die ich jemals haben wollte.« Sie fasste ihn am Arm. »Ich wollte dir nicht weh tun, Matt. Glaub mir das bitte.« »Oh, das tue ich, Jerre. Du hast das klargestellt, gleich in der ersten Nacht, in der wir… ich meine…« »Ich weiß, was du meinst, Matt.« Sie schwiegen, bis sie in die Einfahrt eines Hauses einbogen, von dem aus man den Pazifik sehen konnte. Es lag gleich nördlich von Crescent City. Er half ihr ins Haus und hielt sie fest, damit sie sich hinsetzen konnte, merkte dabei aber nicht, dass seine übertriebene Fürsorge sie amüsierte. Sie musste unwillkürlich lachen. »Matt, ich bin nicht dem Tode nah. Ich bekomme nur zwei Kinder, weiter nichts.« »Weißt du, Jerre, so was macht mir Angst«, gab er zu. »Ich bin ein ziemlicher Feigling, wenn es um solche Dinge geht.« »Wir sind nur ein paar Meilen von der Klinik entfernt, also mach dir keine Gedanken. Du machst mich nur nervös.« Er kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hände. »Jerre…« Mit einem sanften Kuss brachte sie ihn zum Schweigen. »Sag es nicht, Matt, noch nicht. Du weißt, was ich für Ben empfinde.« »Und warum…?« »Ich musste es, Matt, ich musste es einfach. Ben hat eine Mission. Ich bin nicht sicher, ob ihm das überhaupt klar ist. Und wenn ja, ob er es zugeben würde. Aber es ist so, und ich will ihm nicht zur Last fallen. Es wäre sehr vielen Menschen gegenüber sehr unfair.« »Und ich, Jerre?« »Du weißt, was ich für dich empfinde, Matt.«
»Aber du liebst General Raines.« »Ja. Und das wird auch immer so sein, Matt. Lass uns darin auch ehrlich sein.« Er grinste sie an. »Dann werde ich einfach warten, Jerre. Ich werde mit dir warten – wenn du nichts dagegen hast.« »Ich habe nichts dagegen«, sagte sie leise. »Überhaupt nichts.«
»Wenn Sie zehn Jahre jünger wären, würde ich Ihnen den Hintern versohlen«, sagte Ben zu Dr. Chase. »So einen langen Arm haben Sie nicht«, erwiderte der Arzt über Funk. »Der reicht nicht von Tennessee nach Wyoming. Außerdem musste ich ihr versprechen, dass ich Ihnen nichts davon sage.« »Warum hat sie es getan, Lamar?« »Ich… ich weiß es wirklich nicht, Ben«, log der Arzt. »Ich schätze, sie wollte einfach etwas Zeit für sich selbst haben.« »Ich glaube, sie wollte einen netten jungen Mann finden, der in ihrem Alter ist. Zum Teufel, ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als Jerre.« Alter hat mit Liebe und Zuneigung nichts zu tun. Sie verrückter alter Soldat, dachte Chase. Aber wenn es für Sie einfacher ist, das zu glauben, dann bitte. »Kann schon sein, Ben.« »Dieser junge Mann, mit dem sie mal zusammen war… Matt irgendwas… er ist da irgendwo. Ja, das ist es, genau das. Naja, ich hoffe, sie ist glücklich. Sie hat es mehr als verdient.« Oh, Raines, Sie sind ja zweifellos ein intelligenter Mann, aber von Frauen verstehen Sie überhaupt nichts. »Dr. Canale ist ein guter Mann, Ben, der eine ordentliche Klinik führt. Jerre ist gut aufgehoben. Wir haben eine von Ramos’ Übermittlungen abgefangen, auf der gleichen verschlüsselten Frequenz. Ihr Plan gefällt mir, Ben.«
»Ich glaube, es ist der einzige Weg, Lamar. Die Leute müssen sich einmischen. Wir können nicht alles für sie erledigen. Und ich werde es auch nicht.« »Wir sind auf dem Weg und werden in wenigen Wochen mit Ramos zusammentreffen, Ben. Sie kennen den Plan, wir sehen uns am Treffpunkt.« Ben grinste. »Achten Sie auf Ihren Blutdruck, alter Mann. Es ist nicht leicht, sich um eine Frau zu kümmern, die alt genug ist, um Ihre Enkelin zu sein.« »Was? Wie…?« Ben schaltete ab und ließ Dr. Chase in ein totes Mikrofon schimpfen. Er drehte sich um, als Ike ins Funkzelt kam. Sein Stellvertreter machte ein seltsames Gesicht. »Ike.« »Ben… du erinnerst dich an diese Reporterin von NBC, die du immer erwürgen wolltest, weil sie so liberale Ansichten vertritt?« »Roanna Hickman? Ja, was ist mit ihr?« »Sie ist gerade an unserem östlichsten Außenposten aufgetaucht. Sie will eine Story über dich machen und senden.« Ben sah ihn sekundenlang an. »Ich glaube, ich werde verrückt.« »Schon möglich«, meinte Ike. »Aber das sollten wir jetzt vielleicht nicht so sehr vertiefen.«
NEUN
An die Commander aller Basen erging von den Stabschefs der Befehl, sämtliches Personal solle sich friedfertig verhalten, wenn es sich außerhalb der jeweiligen Basis aufhielt. Niemand würde sich auf eine Auseinandersetzung mit Ben Raines’ Rebellen einlassen, solange sie niemanden provozierten. Es war ein Kampf zwischen Lowry und Raines, aus dem sich alle anderen besser heraushielten. Die Nachricht wurde von Al Codys Leuten abgefangen. Cody ging direkt zu Vizepräsident Lowry, warf ihm die entschlüsselte Nachricht auf den Schreibtisch und setzte sich. »Es ist jetzt überall bekannt, Weston. Kein Herumscharwenzeln mehr.« Lowry las den Text und warf ihn dann zurück auf den Tisch. »Scheiß auf das Militär. Wir brauchen die Kerle nicht. Hartline stockt seine Truppe jeden Tag um gut hundert Mann auf. Die Geheimdienstberichte, die wir erhalten, besagen, dass Raines vor dem Ersten des Jahres keinen Zug machen wird. Bis dahin hat Hartline eine komplette Division unter seiner Kontrolle, vielleicht sogar mehr. Raines arbeitet an seiner eigenen Zerstörung mit und weiß es nicht mal. Dieser Bastard ist doch zu dämlich.« Cody schüttelte den Kopf. »Glauben Sie nicht so etwas, Weston. Raines ist sicher vieles, aber er ist nicht dumm. Er hat irgendeinen Trumpf im Ärmel.« Lowry reagierte seinerseits mit einem vehementen Kopfschütteln. »Er setzt zu sehr auf seine Leute. Schön, sie haben ein paar Siege in den Städten rund um die Berge errungen. Aber das kommt nur dadurch, dass seine Truppen so
nah sind. Lassen Sie ihn sein Spiel spielen, das verschafft uns umso mehr Zeit. Hartlines Plan funktioniert.« Lowry kicherte und schaltete den Videorecorder ein. »Das kennen Sie noch nicht, oder?« »Was ist es?« »Sabra Olivier, die Hartline einen bläst.« »Soll das ein Witz sein?« »Sehen Sie selbst.« Al Cody sah mit einem unguten Gefühl in der Magengegend auf den Bildschirm. Er war entschieden gegen diese Art von Dreck… aber er musste auch zugeben, dass ihn erregte, was er zu sehen bekam. Er blickte zu Lowry, der mit einer Hand in seinen Schritt gefasst hatte. An seinem Mundwinkel hatte sich Speichel angesammelt und seine Augen hatten einen sonderbaren Ausdruck angenommen. Cody schloss die Augen und versuchte, seine Erektion unter Kontrolle zu bekommen. Er redete sich ein, dass all diese Perversionen am Ende nur dem Wohl des Landes dienen würden. Der Zweck heiligt die Mittel, dachte er. Nicht vergessen! Der Zweck muss die Mittel heiligen. Wer hat das gesagt? Verdammt, keine Ahnung! »Komm schon, Baby«, bohrte sich Hartlines raue Stimme durch seine Gedanken. »Gleich haben wir es geschafft.« Es geschieht nur zum Wohl des Volkes, redete sich Cody abermals ein. »Oh, Sabra, Schätzchen, erzähl mir nicht, dass dich das nicht geil macht…« Das Wohl des Volkes. Raines muss gestoppt werden… »… das geht ja wie geschmiert…« … mit allen Mitteln. Und wenn dazu etwas derart… »Du zitterst doch nicht vor Kälte, Sabra Schätzchen. Du…«
… Abscheuliches nötig ist, dann muss es eben sein. Die Nation muss… »… bebst doch vor Lust, weil mein Schwanz dir so gut tut, richtig, Baby?« … überdauern. »Oh, das ist gut, Sabra.« Sie muss überdauern. »Wie würde es Ihnen gefallen, sie von hinten zu nehmen, Al?« »Was?« Cody machte seine Augen in dem Moment auf, als Lowry das Licht wieder einschaltete und den Recorder stoppte. »Sie sieht doch immer noch verdammt gut aus, nicht wahr?« »Ja«, seufzte Cody. »Das kann man wohl sagen.« Zum Wohle der Nation. »Ich kann Hartline fragen, ob er…« Cody schluckte schwer. »… Sabra herbringt. Wir können etwas Abwechslung gebrauchen. Ich mag Frauen…« Wir? Großer Gott, denkt er etwa, ich will an diesem Schmutz teilhaben? Ich… »…ab vierzig. Sie sind so reif. Und diese Titten – die Art, wie sich ihre Brustwarzen…« … will damit nichts zu tun haben! Ich bin religiös großgezogen worden. Ich… »… aufrichten. Gott, hat mich das scharf gemacht, Al. Sie und ich… ich sorge dafür, dass Hartline Ihnen die blonde Reporterin schickt, über die…« … könnte niemals etwas derart Abscheuliches machen. Ich… »… Sie mal gesagt haben, dass Sie sie sexy finden.« Lowry lachte. »Ich möchte wetten, die bläst Ihnen einen, dass Sie es nie vergessen werden, Al. Wissen Sie, Al, wir beide, wir haben schon eine Vergangenheit hinter uns, nicht wahr, alter Freund? Wir wissen, dass das amerikanische Volk kontrolliert werden
muss. So wie die Presse. Wenn man so zurückblickt, würde ich sagen, dass man die Presse schon in den sechziger Jahren stärker hätte kontrollieren und das Volk etwas schärfer hätte bewachen müssen, dann wäre diese Tragödie niemals Wirklichkeit geworden. Davon bin ich wirklich überzeugt, Al. Ja, Al, Sie wissen so wie ich, dass das alles nur aus einem Grund geschieht…« … zum Wohl des Landes. »… zum Wohl des Landes.«
»Welches Spiel spielen Sie hier, Miss Hickman?«, fragte Ben. Sie saßen unter freiem Himmel, eine angenehm kühle Brise wehte über sie hinweg. Roanna hatte gesehen, wie sich Dawn und die beiden anderen Frauen kurz umarmt und sich einige Augenblicke lang unterhalten hatten. Dawn saß nun neben ihr an dem Tisch, gegenüber von Ben, Ike und Cecil. »Kein Spiel, General«, sagte Roanna betont. »Die Zeit zum Spielen ist vorüber. Wir setzen alle unser Leben aufs Spiel, um unser Ziel zu verfolgen.« Sie informierte ihn, was Hartline gemacht hatte und immer noch machte. »Wenn das stimmt«, sagte Cecil, »und wir wollen für den Moment annehmen, dass es die Wahrheit ist, dann lässt sich Ms. Olivier auf ein sehr gefährliches Spiel ein.« »Und Sie auch«, fügte Ike an. »Sie ahnen gar nicht, wie gefährlich«, sagte Roanna bitter. »Sabras Ehemann Ed hatte gedroht, er werde sie verlassen, wenn sie sich noch einmal mit Hartline trifft. Sie konnte ihm nicht erklären, warum sie sich so verhielt, weil sie fürchtete, Hartline würde Ed foltern, bis der die Wahrheit verriet. Vorgestern hat er sie dann schließlich verlassen. Den Jungen hat er mitgenommen, die Tochter ist bei ihr geblieben. Ich
wünschte, er hätte sich genau entgegengesetzt entschieden. Sabra sagt, Hartline werfe Nancy komische Blicke zu.« »Wie alt ist die Tochter?«, fragte Ike. »Fünfzehn. Und sie kommt absolut nach ihrer Mutter. Das ist ja das Schlimme.« Ben betrachtete die Frau einen Moment lang. »Haben Sie was gegen einen Test mit dem Lügendetektor?« »Nicht im Geringsten«, erwiderte Roanna. Dann lächelte sie, und das Zynische der Reporterin verschwand aus ihren Augen. Ben fand, dass sie ausgesprochen hübsch war. »Was ist, General? Bin ich Ihnen zu links?« »Linke sind oftmals weiter von der Realität entfernt, als es mir passt«, sagte Ben, lächelte dann aber, um die Schärfe aus seinen Worten zu nehmen. »Darüber würde ich gerne mal mit Ihnen sprechen, General. Ja, genau. Das wäre doch ein guter Aufhänger für dieses Interview. Die Ansichten einen konservativen Hardliners gegen eine linke Einstellung.« »Ich bin kein konservativer Hardliner, Miss Hickman«, berichtigte Ben. »Wie könnte ich das sein, wenn ich gleichzeitig für Abtreibung, Frauenrechte, gute Lebensbedingungen für Kinder und Altersversorgung bin… und alles andere, was wir in den Tri-Staaten gemacht haben?« »Sie ließen aber auch Menschen erschießen oder hängen«, konterte sie. »Ja, das stimmt«, gab Ben kühl und zufrieden lächelnd zurück. »Und wir haben bewiesen, dass es in einer Gesellschaft keine Verbrechen geben muss.« »Wenn ich mich nicht irre, haben Sie auch einen sechzehn Jahre alten Jungen an den Galgen gebracht.« »Da irren Sie sich überhaupt nicht, Miss Hickman.«
»Ihr alle wisst, welche Einstellungen wir vertreten. Das Volk hat darüber abgestimmt, und zwar in allen drei Staaten. Seit letzten Winter haben wir immer wieder Versammlungen zu den Gesetzen abgehalten, die wir uns selbst gegeben haben«, sagte Ben. »Zweiundneunzig Prozent unserer Bürger haben sich mit unserem Rechtssystem einverstanden erklärt, die anderen sind gegangen. Und genauso wird es bleiben, sonst könnt ihr euch selbst regieren. Ich werde dann dieses Amt aufgeben, das ich sowieso nicht wollte, und mich wieder dem Schreiben widmen.« »Ben…«, sagte Dr. Chase. »Nein!« Ben war fest entschlossen. »Ich bin heute Morgen in mein Büro gekommen und fand auf meinem Tisch ein Schreiben vor, ich möge über das Todesurteil gegen diesen gottverdammten Punk in Missoula doch noch einmal nachdenken.« »Er ist sechzehn Jahre alt, Gouverneur«, sagte ein Adjutant. »Genau das ist sein Problem. Er hat einen IQ von 128. Der Seelenklempner sagt, dass er sehr gut zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Er ist körperlich und geistig absolut gesund. Er hat ein Auto gestohlen, sich betrunken, und dann ist er mit hundert Kilometern die Stunde durch die Stadt gerast. Er hat zwei alte Menschen getötet, deren einziges Verbrechen es war, die Straße überqueren zu wollen. Und das auch noch bei grüner Ampel. Ich würde es mir überlegen, wenn es ihm Leid tun würde. Aber das ist nicht der Fall. Stattdessen sagt er, die alten Leute hätten ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt, es müsse sich also niemand so aufregen. Er ist ein Dreckskerl, weiter nichts. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn ich ihn leben lasse – was ich nicht vorhabe. Wenn ihm das Leben anderer Menschen nichts bedeutet, dann sollte es ihm auch nicht so viel ausmachen, wenn ich seines beende.«
Ben sah die Männer finster an. »Also, Mr. Garrett«, sagte er zu einem Uniformierten, der am anderen Ende des Raums stand. »Übermorgen werden Sie um sechs Uhr morgens Mr. Randolph Green persönlich zum Galgen führen und sicherstellen, dass er auch wirklich tot ist. Seine Tage sind gezählt.« »Ja, Sir«, sagte Garrett. »Wird auch Zeit, dass die volle Härte unserer Gesetze zur Anwendung kommt.« Dann verließ er den Raum. »Noch irgendwelche Fragen zur Anwendung der Gesetze?«, fragte Ben. Schweigen war die einzige Antwort.
»Und Sie fanden, dass dies die einzige und gerechte Lösung war?«, fragte Roanna. »Das fand ich, und ich finde es immer noch.« »Und diese Art von Gerechtigkeit wollen Sie in der gesamten Nation zur Anwendung kommen lassen? Falls Sie über Lowry und Hartline siegen?« »Oh, wir werden siegen, Miss Hickman. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen. Darauf lautet die Antwort Nein.« »Aber in den Tri-Staaten…« »Da haben sich die Menschen dafür entschieden, mit diesen Gesetzen zu leben. Das kann nicht für alle anderen gelten. Nein, Miss, wenn die Schlacht geschlagen ist, werden meine Leute in die ehemaligen Tri-Staaten zurückkehren – oder dorthin, wo sie sich niederlassen wollen –, und dann werden wir uns alle dem Rechtssystem unterordnen, für das sich das Volk entscheiden wird. Und wir werden der Regierung, die wir dann haben werden, unsere Steuern zahlen.« Die Reporterin betrachtete den Soldaten und nickte langsam. »Sie könnten Ihre Tri-Staaten aber doch eigentlich schon jetzt
ausrufen, oder nicht? Dieser Kampf ist doch nicht wirklich erforderlich.« »Nicht wirklich, Miss Hickman. Es ist nur so, dass ich glaube, ein Volk sollte so frei wie möglich leben. Es sollte nicht in einer Diktatur leben, wie sie von Lowry, Cody und Hartline geschaffen worden ist.« »General, Sie sind nicht… Sie haben Ideale, und wohl ein gewisses Maß an Mitgefühl, über das nicht berichtet wurde, als Sie vor ein paar Jahren Ihre Grenzen öffneten.« Ben zuckte mit den Schultern. »Wissen Sie, Miss Hickman, die Medien berichten nicht immer die Wahrheit. Sie berichten, was sie für die Wahrheit halten.« Er sah zu Ike. »Ike, würdest du Miss Hickman bitte zum Lügendetektor bringen?« Roanna sah Ben an. »General, was geschieht, wenn ich den Test nicht bestehe?« »Dann werden Sie unter Hypnose befragt, die mit Hilfe von Medikamenten eingeleitet wird.« »Und wenn ich da auch versage?« Ben sah sie ernst an. »Dann werden Sie nicht wieder aufwachen, Miss Hickman.« Die Reporterin erschauderte.
»Lowry ist ganz scharf auf dich, Baby«, sagte Hartline zu Sabra. »Ich habe ihm unseren netten Film gezeigt, seitdem ist er richtig kribbelig.« Sie lagen auf den zerwühlten Laken in Hartlines Stadthaus in Richmond. Sabra hatte nicht gefragt, was mit den ursprünglichen Bewohnern des Hauses geschehen war, da sie das dumpfe Gefühl hatte, die Antwort bereits zu kennen. Sie unterdrückte ein Schaudern und zündete sich eine Zigarette an. »Und was hast du ihm gesagt?«
»Noch nichts, Baby.« Der Söldner hatte seine Finger zwischen ihren Schenkeln vergraben. Reagier schon!, ermahnte sie sich selbst. Bring es hinter dich, und mach es gut. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie ihr Ehemann Ed mit ihr schlief. Sie spürte, wie sich von ihrem Bauch aus ein warmes, wohliges Gefühl ausbreitete. »Bekomme ich Bonuspunkte, wenn ich mich vom Vizepräsidenten vögeln lasse?« Hartline lachte. »Du bist schwer in Ordnung, Baby, weißt du das? Ich irre mich nie, ich weiß immer genau, wie eine Frau ist. Bei dir wusste ich sofort, dass du dich bis ganz nach oben gevögelt hast.« Ich habe schwer dafür gearbeitet, du Hurensohn!, fluchte Sabra wortlos. »Du kannst sehr gut beobachten, Sam, aber du hast mir meine Frage nicht beantwortet.« »Natürlich bekommst du Bonuspunkte. Was denkst du denn? Hast du schon mal Lowrys Frau gesehen? Jesus, so eine alte Schachtel.« Er wechselte urplötzlich das Thema. »Sag mal, was hast du eigentlich von der süßen kleinen Roanna gehört?« »Nichts.« Blitzschnell legte er eine Hand um ihre Brust und drückte so fest zu, dass Sabra vor Schmerzen aufschrie. »Lüg mich nicht an, Baby. Ich vertraue dir nicht wirklich, noch nicht jedenfalls – aber lüg mich niemals an.« »Das war keine Lüge.« Sie rang nach Luft. »Ja, das weiß ich«, sagte Hartline und war mit einem Mal wie ein anderer Mensch. »Ich wollte dich nur daran erinnern, dass du mich niemals anlügen sollst.« Er stützte sich auf einen Ellbogen und gab ihr einen Kuss auf den Busen. Sabra wartete, bis sich der Schmerz gelegt hatte, dann sagte sie: »Hast du noch mal über meine Idee nachgedacht, einen Beitrag über dich zu drehen?«
»Ja, ich weiß nicht, ob ich das will. Außerdem glaube ich nicht, dass Roanna zurückkommt.« »O doch, sie kommt zurück.« »Vielleicht. Und vielleicht ist das alles nur Teil eines kleinen Spiels, das du dir in deinem hübschen Kopf ausgedacht hast. Wir werden sehen. Jetzt mach es mir erst mal richtig hart. Du weißt, wie ich’s gern habe.« Sabra rutschte auf dem Bett nach unten und begann, ihn mit dem Mund zu befriedigen. Ihre Brust schmerzte immer noch, aber sie musste einfach weitermachen. Zu viele Menschenleben standen auf dem Spiel. Sie hatte eine Verpflichtung. Doch hätte sie gewusst, was Hartline in genau diesem Moment über sie dachte, hätte sie vermutlich so fest zugebissen, wie sie nur konnte.
»Wie kommen wir an diese Texte von Levant?«, fragte Ben, nachdem er die erste geheime Mitteilung des FBI-Agenten gelesen hatte. »Verschlüsselte Funksprüche auf einer alten Militärfrequenz«, antwortete Cecil. »Der Mann geht ein immenses Risiko ein, so etwas zu machen. Seinen Mut muss man bewundern.« »Dann hat Lowry also alle wichtigen Senatoren und Repräsentanten eingeschüchtert.« »Vergewaltigung kann ein wirksames Mittel dafür sein«, sagte Ike. »Diese anderen«, er zeigte auf die zweite Aufstellung von Namen, »sind die, denen Präsident Addison trauen kann. Sie sind die Einzigen, die für einen von Addisons Vorschlägen stimmen würden.« »Aber es sind nicht genug, um etwas zu bewirken«, entgegnete Ben.
»Ja, Lowry ist schlau, das muss man ihm lassen. Aber diese andere Nachricht da unten, die finde ich noch viel interessanter.« Dort stand geschrieben: Lowry könnte instabil sein. Er lässt Anzeichen für leichten geistigen Verfall erkennen. Er will Hartline ansprechen, damit der ihn mit der NBC-Chefin von Richmond, Sabra Olivier, zusammenbringt. Er hat ein Video, das die Dame mit Hartline in Aktion zeigt. Er sieht es sich täglich an. Achtung! Wenn die Frau ein Spiel spielt, dann bewegt sie sich in einer Liga, der sie nicht gewachsen ist. Wenn sie mit euch zusammenarbeitet, sagt euch von ihr los. Hartline ist zwar wahnsinnig, aber brillant. Wenn er dahinter kommt, dass Olivier tatsächlich etwas plant, dann wird sie qualvoll sterben. »Wisst ihr, was mir das sagt?«, fragte Cecil. Ben und Ike blickten den schwarzen Ex-Ausbilder und nunmehrigen Rebellen an. »Der Secret Service ist über Lowry auch nicht glücklich. Levant muss einige von den Leuten auf seiner Seite haben.« »Ja.« Ike nickte langsam. »Das alles hätte er ohne Hilfe nicht herausfinden können. Oder es wäre zumindest äußerst schwierig gewesen.« Er sah Ben an, aber der schien in Gedanken versunken zu sein. »Ben?« »Vielleicht«, sagte er schließlich, »können wir das ohne großes Blutvergießen erledigen. Vielleicht können wir einen Staatsstreich wie in einer Bananenrepublik inszenieren.« »Ein Attentat?«, fragte Cecil. »Sofern im Secret Service wirklich Leute sind, die Addison loyal gegenüberstehen und das machen werden, was er ihnen sagt.« »Diese Leute sind bloß keine typischen Killer«, warf Ike ein. »Sie sind eigentlich etwas blauäugige Männer und Frauen, du verstehst?«
Ben grinste seinen Freund an. »Nicht so wie wir Hell-Hounds und SEALs, stimmt’s, Ike?« »Genau. Sie sind nicht so ausgebildet wie wir. Ich will damit nicht ihren Mut in Abrede stellen. Sie würden für die Menschen sterben, die sie beschützen sollen. Das ist ihr Berufsrisiko. Aber ein kaltblütiger Mord… Ich weiß nicht, Ben.« »Versuchen sollten wir es«, meinte Cecil. »Wenn eine Chance besteht, weiteres Blutvergießen zu verhindern… wenn wir dieses Land von Cody, Lowry und Hartline befreien können, dann sollten wir die Chance nutzen.« »Also gut. Wollen wir mal sehen, ob Levant mitspielt«, sagte Ben. »Er kann nur nein sagen. Mehr kann er nicht sagen, wenn er nicht seine eigene Haltung offenbaren will.« »Ich wünschte, wir könnten irgendwie dieser Olivier-Tochter helfen, dieser Nancy«, sagte Ike. »Fünfzehn ist kein schönes Alter, um von einem Idioten wie Hartline zum Sex gezwungen zu werden.« »Ich möchte lieber nicht darüber nachdenken«, sagte Ben, »aber ich muss zugeben, dass es mir nicht gelungen ist, seit Miss Hickman das erwähnt hat. Apropos Miss Hickman…« Ben sah auf. Die Reporterin ging neben Dawn her. Roanna war noch keine vierundzwanzig Stunden im Camp, hatte mit Erfolg den Lügendetektor hinter sich gebracht – und dann hatte sie zu Bens Erstaunen um die Befragung unter Hypnose gebeten. Sie wirkte ein wenig mitgenommen, und Dawn hatte sie am Ellbogen gepackt. »Dr. Harris sagt, sie hat gegen das Medikament angekämpft«, sagte Cecil. »Scheint so, dass es Ereignisse in ihrer Vergangenheit gab, die sie nicht wieder sehen wollte.« »Ach?« Ben sah ihn fragend an. »Hat nichts mit uns zu tun«, versicherte Cecil. »Kindheitserinnerung. Vor dem Krieg von ‘88.«
»Missbrauch?« »Ja. Von der übelsten Sorte. Als die Welt in die Luft ging, war ihre Mutter auf einer Reise nach New York unterwegs. Roanna war siebzehn, und offenbar nutzte ihr Vater diesen Moment, um sie wieder zu belästigen. Sie hat ihn mit seiner eigenen 38er erschossen. Dr. Harris sagt, dass sie unter dem Mittel zusammengebrochen ist und lange Zeit geheult hat. Er glaubt, dass sie es jetzt aber endlich verarbeitet hat – die Erinnerungen an den Mord und die Schuldgefühle. Muss schrecklich sein.« »Sie macht auf mich einen ziemlich zähen Eindruck«, sagte Ike. »Und sie benimmt sich auch so. Aber vielleicht ist das nur gespielt.« »Das ist ihre Methode, sich dagegen zu wehren«, sagte Ben, doch sein Blick ruhte nicht auf der NBC-Reporterin, sondern auf Dawn. Er musste an die Fotos im Penthouse denken, die viel gezeigt hatten. Aber er wollte gern noch mehr sehen. Jerre wurde nach und nach zu einer immer blasseren Erinnerung. Ben war froh und traurig zugleich, dass sie ihren Ex-Freund wieder gefunden hatte, und er betrachtete sein Debüt als Vater mit gemischten Gefühlen. Einen Moment lang musste er an seine letzten Augenblicke mit Salina denken… In den letzten Tagen der Tri-Staaten waren nur ein paar tausend Männer und Frauen lebend rausgekommen. Die Regierung hatte 35 Tage gebraucht, um den Traum zu vernichten, den Ben Raines und seine Anhänger geträumt hatten. Im dicht bewaldeten, bergigen Gebiet westlich und nördlich von Vista, der Hauptstadt der Tri-Staaten, hatten sich die Rebellen darauf vorbereitetet, ihre letzte Schlacht zu führen. Die meisten von ihnen waren seit Jahren zusammen gewesen. Die Kinder, die sich bei der Kompanie aufgehalten hatten, hätten längst in Sicherheit gebracht sein sollen, aber man hatte
ihnen den Weg abgeschnitten und gezwungen, zu den anderen zurückzukehren. Sie waren wieder am Punkt Alpha angelangt, und der Punkt Omega lag gleich um die Ecke und hatte auf die meisten von ihnen gewartet. Es hatte einen Ausweg gegeben, aber es war ein gewagtes Spiel. Damals hatte Ben sich mit seinen adoptierten Zwillingen Jack und Tina zusammengesetzt, um mit ihnen zu reden. »Jack, du musst ab sofort auf Salina aufpassen. Ich muss die Truppe aufteilen und ein Team anführen, das für ein Ablenkungsmanöver sorgen wird. Das wird unser einziger Ausweg sein. Mir wird nichts passieren, mein Sohn. Mach dir keine Sorgen. Ich habe immer noch einen Trumpf im Ärmel.« »Dann kommst du später zu uns zurück?«, hatte Tina gefragt, der Tränen über die Wangen liefen. »Na, sicher. Da kannst du drauf wetten.« Ben hatte Jacks Hand geschüttelt und Tina einen Kuss gegeben. »Und jetzt los, ab mit euch zu Colonel Elliot. Ich möchte mit eurer Mutter reden.« Salina hatte seine Hand ergriffen. Sie waren beide von Rauch, Schmutz und Schweiß überzogen gewesen. Ben fand, dass sie nie hübscher ausgesehen hatte, als während ihrer Schwangerschaft. Sie hatte wie eine angestaubte Walküre neben ihm gestanden und während der schlimmsten Gefechte ihre M-16 auf den Feind abgefeuert. »Viel Zeit haben wir nicht gemeinsam verbringen können, nicht wahr, Ben?« »Uns bleibt noch viel Zeit«, hatte Ben leise erwidert. Traurig hatte sie ihn angelächelt. »Den Kindern kannst du was vormachen, General, aber mir nicht.« »Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit«, hatte er bedauernd gesagt. Er hatte ihr einen Kuss gegeben, der weder Leidenschaft noch Lust ausgedrückt hatte – der Kuss eines Mannes, der sich von einer Frau verabschiedet.
Salina wollte die Hoffnung nicht aufgeben. »Gibt es noch eine Chance?« »Ich glaube kaum«, hatte er ehrlich geantwortet. Sie hatte zaghaft gelächelt und dann geweint. »Ich liebe dich, Ben Raines.« Trotz ihrer Tränen hatte sie sich bemüht, ihn anzulächeln. »Auch wenn du ein Rumtreiber bist.« »Und ich liebe dich, Salina.« Er hatte gegen seine eigenen Tränen angekämpft, weil er wollte, dass sie lächelte. »Und jetzt sieh zu, dass du deinen Hintern hier wegschaffst, Baby.« Dann mussten sie beide lachen. Ben war ihr beim Aufstehen behilflich gewesen und hatte sie einen Moment lang betrachtet, dann war er fortgegangen, um sich der Truppe anzuschließen, mit der er die Ablenkung schaffen wollte. Ohne die mindeste Vorwarnung hatte sich der Wald in ein blutiges, brutales Schlachtfeld verwandelt. Einige Fallschirmspringer waren lautlos und todbringend auf die Rebellen zugestürmt. Von einem Moment auf den anderen war der friedliche Wald zu einem Kampfschauplatz geworden. Ben hatte seine alte Thompson auf Automatik und gestellt ein halbes Dutzend Angreifer zu Fall gebracht. Hinter ihm hatte Salina aufgeschrien. Ben war herumgewirbelt und hatte gesehen, wie einer der Männer ein Bajonett in Salinas Bauch trieb. Sie hatte den Mund aufgerissen, aber vor Schmerz keinen Ton herausgebracht; ihre verkrümmten Hände waren über ihren Bauch gewandert, um an den Griff des Bajonetts zu gelangen, damit sie den Schmerz aus ihrem Magen rissen. Ben traf den Mann mit einer Kugel genau in den Kopf und fällte ihn, aber mit ihm ging auch Salina zu Boden. Ben war an ihrer Seite, während sich seine Rebellen gegen die Angreifer rigoros zur Wehr gesetzt hatten. Sie hatten keine Gefangenen gemacht.
Salina war sehr blass geworden, während das Blut aus der tiefen Wunde schoss. Sie hatte ihn mit blutverschmiertem Mund angelächelt und gesagt: »Tut mir Leid um das Baby, Schatz. Aber bei unserem Glück wäre es bestimmt ein Koalabär geworden.« Dann hatte sie die Augen geschlossen und war tot. Auf Bens Befehl hin hatten sich die Rebellen in die Wälder zurückgezogen, hatten die Verwundeten mitgenommen und die Toten zurückgelassen. Salina und das ungeborene Kind in ihrem Körper waren beide tot.
ZEHN
»Cecil, wie machen sich die neuen Leute?«, fragte Ben. »So weit ganz gut. Slater und Green kommen beide vom Militär. Luftwaffe. Judy Fowler wird es packen. Ich glaube, die Leute werden es alle schaffen, Ben. Aber wir haben bald einen Punkt erreicht, an dem sie übertrainiert sind.« »Werden sie unruhig?« »Ja, sogar eine ganze Menge von ihnen. Jimmy Brady ist mit seinem Gewehr teuflisch gut. Ike sagt, er hätte noch nie jemanden gesehen, der besser ist. Aber Dawn Bellever wird mit keiner Waffe jemals irgendeine großartige Schützin werden – ich habe sie deinem Büro zugeteilt«, fügte er ohne Pause an. »Gut«, murmelte Ben. »Ich möchte, dass nur die Besten in den Kampf ziehen, wenn es dazu kommen sollte. Der Rest soll sich um die Bereiche kümmern, die nicht direkt mit Kampfeinsätzen zu tun haben. Aber es muss ihnen klar sein, dass sie auch kämpfen müssen, wenn der Ernstfall eintritt.« Cecil sah seinen Freund an. Ben bemerkte den besorgten Blick des Mannes. »Stimmt was nicht, Cecil?« »Ich schätze, ich habe das jetzt lange genug hinausgezögert, Ben. Es ist besser, wenn du es von mir hörst, anstatt in der Gerüchteküche.« »Wir kennen uns schon lange Zeit, Cecil. Wir haben uns noch nie etwas vorgemacht.« »Ich soll das Kind beim Namen nennen, richtig, Ben?« Cecil musste lachen. »Rück schon mit der Sprache raus, Cecil. Was ist?« »Tina.«
Ben richtete sich auf. »Sie hat das Basislager verlassen.« »Hat sie einen Freund?« »Nein, Ben«, sagte Cecil behutsam. »Sie ist mit Grays Scouts losgezogen.« Ben spürte, wie sich ein Wutausbruch anbahnte, aber er atmete ein paar Mal tief durch und entspannte sich sofort. »Ich vergesse immer wieder, dass sie eine erwachsene Frau ist. Und sie versteht ihr Fach verdammt gut. Aber ich würde gerne wissen, warum ich das nicht erfahren habe!« »Du kennst die Regeln, Ben. Es werden keine Fragen gestellt.« »Wo trainieren sie?« Cecil zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, Ben. Wenn, würde ich es dir sofort sagen. Du weißt, dass Captain Gray es so will. Aber er muss sich nächste Woche melden… für den Fall, dass du etwas unternehmen möchtest.« Cecils Stimme war anzuhören, dass er von einem Eingreifen keineswegs begeistert war. Ben bemerkte es. »Ich werde mich nicht einmischen, Cecil. Es ist ihr Leben.« »Das hatte ich auch nicht erwartet.« Cecil lächelte. »Dafür kenne ich dich wohl gut genug.« Er verließ das große Zelt und ging hinüber zu seinem eigenen. Er wusste, dass Tina adoptiert war, dass Ben sie aber wie ein eigenes Kind betrachtete. Er fragte sich, wie er wohl reagieren würde, wenn sein Kind sich diesem verrückten Haufen anschließen wollte.
Grays Scouts waren in der Woche nach der Invasion durch die Rebellen und nach der konsequenten Zerstörung von Bens Traum gebildet worden. Ihre Aufgabe war es, in
Regierungsgebäude einzudringen, Sabotageakte zu begehen, im Feindesgebiet umfassende Erkundungen einzuholen – sowie alles andere, was sich Captain Dan Gray ausdenken konnte, das schmutzig, gefährlich und blutig war. Captain Gray hatte vor der Invasion die Special Forces verlassen, da er nicht als zivilisierter Mensch gegen andere zivilisierte Menschen kämpfen wollte. Und das erst recht nicht, wenn der »Feind« aus einer Gruppe von Frauen und Männern bestand, die einfach nur eine lebensfähige Gesellschaft errichten und in Frieden leben wollten. Gray hatte fünf Jahre beim britischen Special Air Service SAS verbracht und war genauso wild und draufgängerisch, wie diese Jungs es auch sein sollten. Bislang waren sie nur bei kleineren Einsätzen gegen die Militäreinheiten zum Zug gekommen, die loyal zu Lowry und Cody standen. Doch so wie Bens Rebellen in den Bergen, warteten sie noch immer auf einen richtig guten Kampf. Keiner von ihnen sollte noch lange warten, bis es dazu kam.
Colonel Hector Ramos führte den ersten Konvoi an, der die Berge erreichte. Er und seine Leute richteten sich an den westlichen Ausläufern der Great Smokies ein und patrouillierten einen Abschnitt, der sich über siebzig Meilen erstreckte, von Georgia bis südlich von Maryville, Tennessee. Sie waren durch Texas und Louisiana gereist, um dann in nordöstlicher Richtung Mississippi und einen Teil von Alabama zu durchqueren. General Bill Hazens Konvoi kam einen Tag nach Ramos an und bezog von Maryville bis Newport Stellung. Major Conger war keine drei Stunden hinter ihm. Conger setzte sein Personal – das zahlenmäßig am schwächsten ausfiel – als Scouts und Horchposten entlang der Linie Virginia ein.
General Krigel traf als Letzter ein und bezog an der Ostseite der Berge von Greenville, Tennessee, bis nach North Carolina Stellung. Die vereinten Kräfte waren nicht so beeindruckend wie eine große Armee, aber nirgends auf der Welt gab es noch große Armeen. Was es auf der Welt noch gab, litt nach wie vor an den Folgen des großen Kriegs von 1988. Daher waren zehntausend bewaffnete Männer und Frauen unter diesen Umständen ein durchaus beeindruckender Anblick. Vor allem, als sie begannen, örtliche Milizen einzurichten, alle staatlichen Polizisten zu vertreiben und die Bürger zu bewaffnen.
»Sie meinen wirklich«, fragte ein Mann aus Greenville einen Captain der Rebellen, »es ist so einfach?« »Nichts ist so einfach, wie es aussieht«, erwiderte der Rebell. »Nicht, wenn Ihnen der Mumm fehlt, die Waffe zu benutzen, die wir Ihnen gerade ausgehändigt haben. Glauben Sie bloß nicht auch nur für eine Sekunde, dass die Regierung hier nicht aufkreuzt, sobald wir abgezogen sind. Es werden ganz sicher Agenten hergeschickt. Aber wenn die sehen, dass die Menschen hier bereit sind, für ihre Überzeugung zu kämpfen und zu sterben, und dass sie entsprechend ausgebildet sind, dann werden sie sich zurückziehen. Sie haben nicht genug Leute, um gegen die ganze Nation zu kämpfen. Sie können nicht jeden ins Gefängnis stecken. Damit wären auf einen Schlag keine Arbeitskräfte mehr vorhanden, und die Regierung würde untergehen. Es ist so, wie General Black Mitte der achtziger Jahre in einem seiner Bücher geschrieben hat: Wenn sich die Menschen zu Tausenden organisieren und einfach keine Steuern mehr bezahlen würden – was will die Regierung dann tun? Millionen Menschen ins Gefängnis stecken? Wie? Wo?
Fünfzehn Polizisten in dieser Stadt hier sollen fünftausend bewaffnete Bürger festnehmen? Niemals. Es ist alles nur ein gewaltiger Bluff, und den haben wir zweihundert Jahre lang geglaubt. General Black ist nicht für die totale Anarchie, ganz im Gegenteil. Er will nur die Macht an das Volk zurückgeben. Und so wie es aussieht, geht das nur mit Waffen. Na gut. Ihr habt alle eure Waffen und ihr kennt die Treffpunkte. Der Rest liegt bei euch. Wir werden euch nicht an die Hand nehmen. Wenn ihr keine Freiheit wollt – bitte. Dann lasst sie euch eben nehmen. Aber wenn ihr die Freiheit liebt, dann lernt, wie ihr mit diesen Waffen umzugehen habt – und benutzt sie!«
»Sie glauben also, dass wir eine Chance haben, das ohne offenen Schlagabtausch durchzuziehen?«, fragte General Krigel. Der befehlshabende Offizier über Bens vier Brigaden saß in einem Zelt in Basislager Eins, fast inmitten der Great Smokies. »Ich glaube, wenn Lowry aus dem Weg ist, ist der Rest eine Kleinigkeit«, erwiderte Ben. »Was sagt Levant dazu?«, wollte Conger wissen. »Er hat auf unsere Nachricht noch nicht reagiert. Vielleicht hat er sie sofort verworfen, aber vielleicht hört er sich auch behutsam um. Ich weiß es nicht.« General Hazen stellte seinen Kaffeebecher zurück auf den Klapptisch und sagte: »Selbst wenn Levant sich dagegen aussprechen sollte, haben wir noch immer eine Option in der Hand.« Ben sah ihn an und wartete. »Grays Scouts… Ein Selbstmordkommando. Ein Team handverlesener Scouts. Wir sollten das in Erwägung ziehen.«
Nur Krigel wusste davon, dass Tina sich den Scouts angeschlossen hatte. Ben hatte mit ihm am Tag zuvor darüber gesprochen. Krigel sah Ben an, ließ sich aber nichts anmerken. »Wollen wir hoffen, dass es nicht dazu kommen muss«, sagte Ben. »Aber falls doch, dann werden wir es so machen. Also gut, unterhalten wir uns über die Truppen. Wie einsatzbereit sind sie?« »Wenn meine Leute grünes Licht bekommen, können sie augenblicklich losschlagen. Sie werden Hartlines Leuten einen Tritt in den Arsch verpassen und sind zum Mittagessen zurück«, sagte Hazen grinsend. »Ich würde sagen, die Moral der Truppe ist gut«, erwiderte Ben ironisch. »Ich habe Probleme, sie ruhig zu halten«, sagte der General. »Meine Leute sind ebenfalls bereit«, erklärte Colonel Ramos. »Diese Ruhephase ist genau das, was sie nicht nötig haben. Sie sind scharf darauf, zuzuschlagen.« »Das gilt für meine Leute auch«, sagte Conger. Krigel nickte. »Wir sind alle einsatzbereit, Ben. Wie lange sollen wir noch warten?« »Ich habe absichtlich verlauten lassen, dass wir vor dem Ersten des Jahres nicht zuschlagen werden, wahrscheinlich nicht mal vor dem Sommer 2000. Ich hatte Angst, dass viele Zivilisten davor zurückschrecken würden, sich selbst zu helfen. Die Berichte, die ich bekomme, scheinen das zu bestätigen. Ich vergesse immer wieder, dass diese Menschen Zivilisten sind, auch wenn viele von ihnen gedient haben. Hartlines Männer haben eine Kleinstadt in Ohio niedergewalzt. Sie haben sie einfach unter Beschuss genommen und anschließend alle Überlebenden umgebracht.« »Haben diese Leute denn noch nie etwas von Kampftaktiken gehört?«, polterte Hazen. »Verdammt noch mal, müssen wir denn die ganze Nation an die Hand nehmen?«
»Immer mit der Ruhe«, sagte Krigel und lachte. »Sie scheinen zu vergessen, dass wir vor dem Krieg von ‘88 über zehn Jahre lang keine Wehrpflicht mehr hatten, und das Land war alles andere als pro-militärisch…« Ben ließ seine Commander die Sache unter sich ausmachen, während seine Gedanken ihn dreißig Jahre weit in die Vergangenheit brachten, zurück zu den Worten eines der größten Guerillakämpfers, den die Welt je gesehen hatte: Colonel Bull Dean.
Sie hatten darauf gewartet, von Rocket City mit Ziel Nordvietnam abzuheben. Dort angekommen, würden sie bei 20000 Fuß aussteigen; ihre Fallschirme würden sich erst öffnen, wenn sie nicht mehr vom Radar erfasst werden konnten. »Wir verlieren diesen Krieg, Sohn«, hatte Bull gesagt. »Und daran kann keiner von uns etwas ändern. Wir können ihn nur in die Länge ziehen. Und zu Hause wird es noch schlimmer werden, viel schlimmer sogar. Die Patrioten werden eine Bauchlandung hinlegen und in die tiefsten Abgründe der Ehrlosigkeit absinken. In den Schulen gibt es keine Disziplin mehr, dafür haben die Gerichte gesorgt. Amerika wird in den nächsten zehn Jahren Prügel bekommen, vielleicht sogar noch länger, und es wird an Boden verlieren. Es wird sein Gesicht nicht länger wahren können, und der Glaube wird verloren gehen.« Einen Monat, nachdem Bull diese Worte gesprochen hatte und angeblich ums Leben gekommen war, wurde Ben verwundet und nach Hause geschickt. In ein Land, zu dem er keinen Bezug mehr hatte. Dort musste er feststellen, dass er die in Amerika herrschende Einstellung gegenüber den Vietnamveteranen nicht tolerieren konnte. Er war rastlos und ihm fehlte die Aufregung, die er hatte
zurücklassen müssen. Man hatte ihn nach Hause geschickt in ein Land voller langhaariger, ungläubiger junger Männer, die sich die amerikanische Flagge auf den Hosenboden ihrer verdreckten Jeans nähten und die durch die Straßen marschierten, um hässliche Beschimpfungen zu rufen. Das alles geschah im Namen der Freiheit – oder besser gesagt: im Namen jenes Konzepts, das sie für Freiheit hielten. Ben verbrachte zwei Jahre in Afrika und kämpfte in Dutzenden namenloser kleiner Kriege als Söldner. Dann war er zurückgekehrt und hatte zu seiner eigenen Verwunderung erkannt, dass er schreiben und davon leben konnte. Er hatte fünfzehn Jahre lang in Louisiana gelebt. Bis zum großen Krieg von 1988. Er erinnerte sich an den rätselhaften Anruf in jener Nacht. An die zwei Wörter: Bold Strike. Die Worte, die Bull Dean ihm eingetrichtert hatte, damit er sie nie vergaß. Er erinnerte sich daran, wie verwirrt er gewesen war. Er erinnerte sich an den Mann, der ihn ‘84 aufgesucht und ihm von der albernen Idee erzählt hatte, Bull Dean und Carl Adams würden noch leben und heimlich eine Guerilla-Armee rekrutieren, um die Macht an sich zu reißen. Ben hatte den Mann ausgelacht und fortgeschickt. Eine Woche, bevor ein nuklearer und bakteriologischer Krieg losbrach, hatte Ben den befehlshabenden Offizier seiner alten Einheit, der Hell-Hounds, angerufen. Sam Cooper hatte ihm gesagt, er solle sich ruhig verhalten. Dann war die Verbindung unterbrochen worden. Und fünf Tage später war die Welt hochgegangen. »… wegen dieser Hickman, Ben?« Er bekam nur den Rest von Colonel Ramos’ Frage mit. Ben riss sich zusammen, um in die Gegenwart zurückzukehren. Er durchbrach den Schleier aus Erinnerungen
an Menschen, die seit langem tot waren. Er sah auf und lächelte: »Tut mir Leid, Hec. Ich war gerade ganz woanders.« »Geht uns allen so, Ben. Auch ich muss mich manchmal mit Gewalt von meinen Erinnerungen losreißen. Erinnerungen an meine Frau, die mit mir in Huachuca stationiert war. An die Kinder…« Er ließ den Satz unvollendet, dann räusperte er sich. »Ich habe sie nie wieder gefunden. Ich glaube, es ist jetzt fünf Jahre her, dass ich alle Hoffnung aufgegeben habe.« Er schüttelte den Kopf. »Was ich wissen wollte, Ben, war, ob Sie und diese Hickman irgendeinen Code ausgearbeitet haben.« »Nein, das fällt in Cecils Zuständigkeit. Ich war noch nie für geheime Gesten und Codes. Um ehrlich zu sein, wäre es mir lieber, wenn sich diese Olivier niemals diese Sache ausgedacht hätte. Ich glaube, sie spielt da ein Spiel, das ihr Tod sein wird.« Hector nickte. »Sie wissen, dass ich zusammen mit Sam unter Hartline gedient habe, Ben?« Ben riss den Kopf hoch. »Nein, das wusste ich nicht, Hec. Wann war das?« »Neunundsiebzig. Wir waren gemeinsam in Bragg stationiert. Er war zuvor schon im Dienst und wurde wieder einberufen. Ich glaube, er war drei oder vier Jahre lang in Afrika gewesen… gleich nach Vietnam… er kam zurück in die Staaten und ging zu den Special Forces. Er wurde wegen einer Anklage auf Vergewaltigung aus der Army geworfen, die ihm aber nie nachgewiesen werden konnte. Aber wir wussten alle, dass er es gewesen war. Ein junges Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn. Er ist loco de atar. Und er ist grausam. Völlig verrückt. Diese Olivier hat zwar wirklich viel Mut, aber ich glaube nicht, dass sie eine Ahnung hat, gegen wen sie da antritt.«
»Ab Freitag«, sagte Hartline zu Cody, »will ich, dass Ihre Entschlüsselungsabteilung alle Sendungen aufnimmt, in denen ich oder Raines erwähnt werden. Gehen Sie alles Bild für Bild durch, ob sich kodierte Botschaften darin befinden.« »Spielt Olivier irgendwelche Spielchen?« »Natürlich. Das Ganze ist doch ein einziges, gottverdammtes Spiel. Einen Tag hasst sie mich so abgrundtief, dass ihre Augen aussehen wie die einer Schlange. Und am nächsten Tag lädt sie mich zu sich nach Hause ein, um mir den Schwanz zu lutschen, als hätte sie ein Eis am Stiel vor sich. Man muss kein Genie sein, um das zu durchschauen.« »Und…?« »Wir lassen sie erst mal spielen. Wenn sie irgendwelche Codes an Raines übermittelt – und ich bin sicher, dass macht sie –, dann gebe ich ihr so viele falsche Informationen, wie sie haben will. Sie soll ruhig spielen. Raines wird es ihr ohnehin nicht abkaufen. Er ist wie ein gerissener alter Wolf, der das Gift ausspuckt, bevor es in den Magen gelangen kann. Ich wünschte, ich wüsste einen Weg, wie ich diesen Hurensohn erwische.« Cody ging nicht darauf ein. Es gab viele Leute, die nach einem Weg suchten, Ben Raines zu töten. Etliche hatten es in den letzen Jahren versucht. Cody bekam allmählich das Gefühl, dass dieser Mann nicht zu töten war, und mit der Ansicht stand er nicht allein. Er hatte von anderen gehört, die glaubten, Raines sei von Gott berührt worden und werde sogar von einigen aus seinen eigenen Reihen als jemand angesehen, der sich auf einer höheren Ebene bewegte als gewöhnliche Sterbliche. Manche dieser Leute waren unter Anwendung von Folter zerbrochen und hatten den Namen Ben Raines ausgerufen. Nicht Jesus Christus. Nicht heilige Maria. Nicht Gott – sondern Ben Raines. All dies genügte, um bei einigen anderen Menschen Zweifel aufkommen zu lassen… Er sah Sam Hartline an. »Lowry will diese Olivier… sexuell.«
»Ja, ich weiß. Er kann sie so oft haben, wie er will. Ich habe das alles schon arrangiert. Sie glaubt, dass sie sich bei ihm beliebt macht, wenn sie ihn fickt. Sie ist so wie alle Bräute. Das Gehirn sitzt zwischen den Oberschenkeln. Lowry soll sie ruhig besteigen, danach schaffen wir sie aus dem Weg. Und welche wollen Sie?« »Wie bitte?« »Welche Muschi wollen Sie gern haben? Lowry möchte, dass Sie mit dabei sind, wenn er sich Sabra vornimmt.« »Ich…« Cody schüttelte den Kopf. »Ich will gar nichts, Hartline.« Der Söldner lachte. »So wird hier nicht gespielt, Cody. Was ist los mit Ihnen? Oder stehen Sie eher auf Jungs?« »Großer Gott, nein!« »Okay, dann besorge ich für Sie Little Bit.« »Wen?« »Jane Moore. Die blonde Muschi, von der Sie ein paar Mal gesprochen haben. Ich nenne sie Little Bit.« »Ich will sie nicht, Sam.« »Sie ist bestimmt gut im Bett. Verdammt, die ist doch bestimmt noch nicht mal einsfünfzig groß. Sie wissen doch, was man über solche Frauen sagt: Große Frau, kleine Muschi – kleine Frau, viel Muschi.« Hartline lachte und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Al Cody wurde übel. Er hatte jetzt eine Vorstellung davon, wie sich ein Tier in einem Käfig vorkommen musste. Oder wie ein Mann, der auf einem Tiger ritt: zu verängstigt, um sitzen zu bleiben, aber auch zu verängstigt, um abzusteigen. Er unterdrückte das Gefühl der Übelkeit und begann sich zu fragen, wie es überhaupt möglich sein konnte, dass er mit dieser kranken Kreatur etwas zu tun hatte; diese Kreatur, die wohl eher zufällig so aufrecht ging wie ein Mensch.
»Ich arrangiere das für nächste Woche«, sagte Hartline und stand auf. »Dann können Sie noch ein bisschen darüber nachdenken, ob Sie Ihr bestes Stück in dieses blonde versenken wollen.« Er fand seine Bemerkung unglaublich witzig und lachte ausgiebig. Dann fasste er sich wieder und blickte auf Cody hinab. »Entspannen Sie sich, Al. Sie tun so, als wollte Sie jemand lynchen. Hey, hier geht’s um einen erstklassigen Fick, sonst nichts!« Cody zuckte innerlich zusammen. »Das ist es nicht, Sam. Sie sind in der Welt herumgekommen, Sie haben Dinge gesehen, von denen die meisten Menschen nicht die leiseste Ahnung haben. Einer von meinen Agenten hat mir letzte Woche etwas gemeldet, das ich… na ja, sagen wir mal: sonderbar finde.« »So?« Hartline setzte sich. »Ja. Ich wollte es zuerst als Hirngespinst abtun. Die Männer waren in den Außenbezirken einer toten Stadt unterwegs…« »Wo?« »Memphis. Sie waren auf der Suche nach einer mutmaßlichen Zelle der Rebellen. Die haben sie zwar nicht gefunden, aber dafür Ratten, die so groß waren wie Hunde.« Hartline schwieg einen Moment lang. Cody rechnete damit, dass der Söldner ihn jeden Moment auslachte, und war überrascht, als der erwiderte: »Das kann ich mir gut vorstellen. Kein Mensch weiß, was diese Bomben hervorbringen können. Und was Strahlung und Bakterien in den Genen von Mensch und Tier auslösen. Mich wundert eher, dass so etwas nicht schon längst aufgetaucht ist.« »Ist das Ihr Ernst?« »Klar«, sagte er und zuckte beiläufig mit den Schultern. »Die Wissenschaftler haben doch bis heute nicht die leiseste Idee, was massive Strahlung über längere Zeit bei Menschen und Tieren auslösen könnte. In Japan wurden nach dem Bombenabwurf von 1945 Monster geboren. Ich kenne die Fotos
und die Berichte, aber die Japaner und die Amerikaner haben das alles vertuscht.« »Monster? Jesus Christus!« »Ach, kommen Sie, Cody. Ich habe in Afrika und Asien Dinge gesehen, daneben wirkt eine Ratte von der Größe eines Hundes wie eine echte Schönheit. Sagen Sie Ihren Leuten aber, dass sie vorsichtig sein sollen. Sie sollten sich nicht beißen lassen. Kein Mensch weiß, was das bewirkt.« Hartline lachte, als er Codys Gesichtsausdruck sah. Er lachte noch immer, als er dessen Büro verließ. Cody rieb sich das Gesicht. »Als wenn Ben Raines nicht schon genug wäre«, murmelte er. »Jetzt habe ich auch Monster und Riesenratten am Hals. Was kommt als nächstes?« Die Sprechanlage summte und ließ ihn erschrocken aufblicken. »Ja?« »Mr. Levant möchte Sie sprechen«, meldete seine Sekretärin. »Schicken Sie ihn rein, Sally.« Cody lehnte sich in seinem Sessel zurück. Es war gut, jemanden zu sehen, dem er vertraute, jemanden, der normal war. Tommy Levant war ein guter Mann, dem Cody völlig vertrauen konnte. Ein Spitzenagent. Ich wünschte, ich hätte mehr von Levants Art, dachte er.
ELF
»Bereitet Ihnen etwas Sorgen, General?« Ben drehte sich um, als er die Stimme hörte. Er hatte neben einem großen alten Baum gestanden und ins Nichts gestarrt, während seine Gedanken um nichts Bestimmtes gekreist waren. »Eigentlich nicht, Ms. Bellever. Ich hatte sozusagen den geistigen Leerlauf eingelegt.« »Das mache ich manchmal auch«, sagte sie und trat dichter an ihn heran. Sie trug irgendein dezentes Parfüm, das Bens Fantasie auf Touren brachte. »Oder besser gesagt, habe ich das früher auch gemacht.« »Bedauern Sie etwas, Ms. Bellever?« Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an. »Meinen Sie das ernst? Weiß Gott gibt es Dinge, die ich bedauere. Sie nicht?« »Nein«, erwiderte Ben in einem Tonfall, der klar machte, dass er die Wahrheit sagte. »Das hier ist etwas, das getan werden muss, also tun wir es.« Er lächelte sie an, eine Geste, die ihn um Jahre zu verjüngen schien. »Satchel Paige hat mal gesagt: ›Sieh dich niemals um, es könnte etwas hinter dir sein, dass dir immer näher kommt‹.« Sie lachte leise. Die Abenddämmerung warf im Park lila Schatten und tauchte die beiden ins Dämmerlicht, das den Moment intimer wirken ließ und sie beide näher zusammenzubringen schien. »Und das ist Ihre Philosophie, General?« »Naja, ich kenne schlimmere.« »Mir ist aufgefallen, dass Sie mich einige Male angeschaut haben.«
»Sie sind ja auch hübsch anzusehen«, gab Ben zu. »Ich sehe gerne schöne Frauen an.« Als er lächelte, fiel ihr auf, das seine Zähne in seinem braungebrannten Gesicht aufblitzten. »Was amüsiert Sie so, General?« »Ich glaube, Sie wissen, woran ich denke.« »Sie haben die Penthouse-Ausgabe gesehen?« »Das kann man so sagen.« Sie erwiderte sein Lächeln. »Hat Ihnen gefallen, was es da zu sehen gab?« »Warten Sie auf ein Kompliment?« »Jeder lässt sich ab und zu gerne mal ein Kompliment machen.« Er lachte auf. »Ja, Ms. Bellever. Es hat mir gefallen, was ich da gesehen habe. Sehr sogar.« Sie wartete. Ben hatte so ein Gefühl, dass er wusste, worauf sie wartete. Es war einige Monate her, als er zum letzten Mal mit einer Frau zusammen gewesen war, und Ben war ein viriler Mann. Aber er fragte sich, welche Motive diese Frau antrieben. Also wartete er ab. Nachdem eine Minute schweigend verstrichen war, sagte Dawn schließlich: »Sie sind ein sehr misstrauischer Mann, General Raines. Sind Sie immer so?« »Misstrauisch ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ehre vorsichtig.« »Ganz gleich, wie Sie über mich denken, General – und ich nehme Ihnen das auch nicht übel –, aber ich werfe mich nicht jedem Mann an den Hals.« »Ich glaube, Sie haben es auch gar nicht nötig, sich irgendwem an den Hals zu werfen.« »Wenn das ein Kompliment sein sollte, dann vielen Dank.« »Das war es.« Ein Vogel zwitscherte und durchdrang mit seinem Gesang die einsetzende Dämmerung. Irgendwo in weiter Ferne antwortete
ein anderer Vogel auf den Ruf. Das Rufen und Antworten ließ das Paar eine Weile verstummen. »Schön, dass ich nicht die Einzige bin, die heute Abend auf der Suche nach Gesellschaft ist«, sagte Dawn leise. »Ich kann Ihnen versichern, dass Sie das nicht sind.« »Sie machen es einer Dame verdammt schwer, General Raines. Wissen Sie das?« Ben erwiderte nichts. »Sie mögen es nicht, wenn Ihnen ein Mensch zu nahe steht, nicht wahr, General?« Ben musste wieder lächeln. Die Lady war nicht auf den Kopf gefallen, allerdings wäre sie dann ja auch keine so erfolgreiche Fotoreporterin geworden. Sie hatte ihn rasch durchschaut. Entweder das, oder sie hatte über Monate hinweg seine Bewegungen im Camp beobachtet. Vielleicht war er doch misstrauisch, nicht nur vorsichtig. »Ich bin kein kleiner Junge, Ms. Bellever…« »Dawn.« »Gut, Dawn. Ich bin ein Mann im mittleren Alter. Sie sind… wie alt? Noch keine dreißig.« »Sie sind nah genug dran«, sagte sie ausweichend. »Aber welche Rolle spielt das Alter… es sei denn, Sie wollen mir einen Heiratsantrag machen.« »Ich glaube nicht, dass ich das je wieder machen werde«, sagte Ben ausdruckslos. »Ihre Frau kam bei der Schlacht um die Tri-Staaten ums Leben, richtig?« »Ja. Salina. Sie und ihr ungeborenes Kind. Ich habe auch einen Adoptivsohn verloren, Jack. Meine Adoptivtochter Tina ist… in einem anderen Lager.« »Bei Grays Scouts.« Ben war einmal mehr verblüfft, wie schnell sich solche Dinge zwischen den verschiedenen Einheiten herumsprachen. Es gab
keine Geheimnisse, sondern nur Männer und Frauen, die wussten, in wessen Gegenwart sie den Mund halten mussten. »Wir werden in den nächsten Monaten eng zusammenarbeiten müssen, Dawn.« »Und?« »Halten Sie es für eine gute Idee?« »Wir sind doch beide erwachsene Menschen, oder?« Er nahm ihre Hand und ging mit ihr durch die Randbezirke des Lagers. Dawn war sehr überrascht, als Ben vor ihrem Zelt stehen blieb. »Gute Nacht, Ms. Bellever«, sagte er, beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. Bevor sie etwas erwidern konnte, war er in der Dunkelheit der Nacht verschwunden. Sie stand einen Moment lang vor ihrem Zelt, bis ihr der Humor der Situation bewusst wurde. Sie lachte, dann sagte sie: »Mist!« »Du solltest besser etwas tiefer stapeln, Schätzchen«, hörte sie die Stimme einer Frau aus dem Zelt. »Der ist tabu.« »Wer sagt das?«, fragte Dawn, ohne sich umzudrehen. »Der gesunde Menschenverstand«, gab eine andere Frauenstimme zurück. »Wenn ich den hätte«, sagte Dawn, drehte sich um und sah in die Dunkelheit des Acht-Personen-Zelts, »wäre ich dann hier?«
Die überlebenden Einwohner von Fort Wayne, Indiana, legten langsam ihre Waffen zu Boden und gingen auf Hartlines Männer zu. Die Söldner warteten am Ortseingangsschild auf dem Highway 37. Hinter der zusammengewürfelten Truppe aus Männern und Frauen stand die Stadt in Flammen. Schwarze Rauchwolken schoben sich vor die Sonne, die sich gerade über den Horizont erhoben hatte.
Ein Söldner deutete auf eine Reihe von Militärlastwagen, die am Straßenrand abgestellt waren. »Da rüber und einsteigen«, befahl er. Dann fiel ihm ein attraktives Mädchen auf. »Du nicht«, sagte er und grinste. »Du wartest im Wagen da drüben.« »Lassen Sie meine Tochter in Ruhe«, sagte ein Mann, dessen Stimme seine Erschöpfung verriet. Der Söldner sah den Vater an und grinste unverändert breit. »Okay«, rief er dann den gut fünfzig Überlebenden zu. »Ihr kommt jetzt mal alle her, ich habe euch was zu sagen.« Die Männer und Frauen versammelten sich um ihn. Manche sahen geschlagen zu Boden, unfähig, noch gegen irgendetwas anzukämpfen. Andere schauten die gut bewaffneten und durchtrainierten Söldner trotzig an. Sie waren weit davon entfernt, sich ihnen zu ergeben. »Leute«, sagte der Söldner-Captain. Seine Stimme war nicht mehr harsch und befehlend, sondern hatte einen sanfteren Tonfall angenommen. »Es fällt euch vielleicht schwer, das zu glauben, aber ich bin Amerikaner – so wie ihr. Ich wurde in Havana, Illinois, geboren. Ich will, dass das Töten ein Ende hat.« Er machte eine Geste, die alle seine Männer einschloss. »Wir alle wollen das«, fügte er an. »Dass ihr uns hasst, damit können wir leben. Wir sind Soldaten und führen einen Befehl aus. Dieser Befehl lautet, in Amerika die Ordnung wieder herzustellen.« Er zeigte auf die Rauchwolken über der Stadt. »Das war nicht nötig. Nichts von alledem war nötig. Alle eure Freunde, alle Menschen, die ihr liebt, sind umsonst gestorben.« »Sie sind für die Freiheit gestorben«, rief eine Frau dazwischen. Der Söldner lachte. »Glaubt ihr das wirklich? Wenn ja, dann hat man euch einer Gehirnwäsche unterzogen. Seht ihr nicht, dass ihr nur benutzt werdet. Ben Raines benutzt euch, weiter nichts.«
»Er wird uns alle befreien!«, rief dieselbe Frau, diesmal noch überzeugter als zuvor. »Tatsächlich?«, erwiderte der Captain und trat näher an die Reihen der Besiegten heran. »Und… wo ist er, euer Befreier? Er hat den Befehl über Tausende von Rebellen. Warum sind die nicht hier und helfen euch bei eurem Kampf? Warum waren seine Guerillakämpfer heute nicht hier? Wo waren sie gestern in Warsaw, in Marion oder Muncie? Man wirft euch den Hunden zum Fraß vor und ihr merkt das nicht mal. Raines weiß, dass ihr nicht kämpfen könnt, er weiß, dass ihr alle sterben werdet – und es kümmert ihn nicht. Er will nur Zeit schinden.« Er schüttelte traurig den Kopf und ging vor den Gefangenen auf und ab, von denen einige so erschöpft waren, dass sie drohten, auf der Stelle zusammenzubrechen. »Wie lange ist es her, dass ihr eine warme Mahlzeit hattet? Ein T-Bone-Steak? Eine gute Tasse Kaffee? Ihr könnt drauf wetten, dass es Raines und seinen Rebellen an nichts fehlt. Die haben jeden Tag drei Mahlzeiten. Denkt darüber mal nach.« Er ging zurück zu dem Mädchen, das neben seinem Wagen wartete. Wenn sie sich erst einmal gewaschen hatte, würde sie noch attraktiver sein. »Wie heißt du, Kleine?«, fragte er. »Lisa.« »Wann hast du zum letzten Mal etwas Warmes gegessen? Wann hast du zum letzten Mal saubere Kleidung getragen? In einem frisch bezogenen Bett geschlafen?« Sie schwieg. »Ich werde dir nichts tun, Lisa, ich verspreche es dir«, sagte der Söldner und lächelte sie freundlich an. »Komm schon, sag es mir.« »Das ist lange her«, antwortete sie schließlich. »Möchtest du irgendwas davon nicht gerne haben? Ich könnte wetten, dass deine Freunde das auch gerne hätten, oder?« Sie nickte langsam.
»Hör zu, ich möchte niemandem weh tun, das kannst du mir glauben.« Er setzte seine Unschuldsmiene auf. »Ich werde mich meinen Befehlen widersetzen und nicht die meisten von diesen Leuten in die Lager bringen lassen. Ich kann mich da schon rausreden. Aber ich möchte, das du Folgendes für mich erledigst. Ich möchte, dass du deine Freunde zusammenrufst…junge Menschen in deinem Alter, und mit ihnen redest. Das hier sind nicht die einzigen Überlebenden?« Ihr Zögern verriet dem Söldner, dass er Recht hatte. Er wartete, bis sie es ihm sagte. »Nein, Sir«, antwortete sie schließlich. »Mein Name ist Jake, Lisa. Du kannst Jake zu mir sagen. Also, Lisa. Ich möchte, dass du mit einigen deiner Freunde aus dieser Gruppe da zu deinen anderen Freunden in der Stadt zurückgehst und ihnen das über Ben Raines erzählst, was ich eben gesagt habe. Ich möchte, dass du mit allen zurückkommst, die dich begleiten möchten.« Ihr Blick nahm einen misstrauischen Ausdruck an. »Lisa, lass mich ausreden, bevor du meinst, ich würde dir hier war vormachen, okay?« Sie nickte. »Gut. Ich mache dir einen Vorschlag, um dir zu beweisen, dass ich es ehrlich meine. Ich werde der Einzige sein, der hier auf dich und deine Freunde wartet. Hier oder wo immer du willst, auf einem freien Platz, in einem Lager. Ich werde da sein und auf euch warten. Ich werde ein leichtes Ziel abgeben, Lisa, aber ich vertraue dir und ich hoffe, dass du mir vertraust.« Es war schon lange her, dass das Mädchen es gewagt hatte, jemandem zu vertrauen, der nicht zu ihrem direkten Umfeld gehörte. Umso erstaunter war sie, als sie merkte, dass sie ausgerechnet diesem Soldaten zu vertrauen begann. »Einverstanden«, sagte sie schließlich.
»Gut! Gut, Lisa.« Er wandte sich einem Sergeant zu, der ein Stück von ihm entfernt stand. »Sergeant Staples, bringen Sie die Überlebenden nach Decatur. Sorgen Sie dafür, dass sie gut untergebracht werden, etwas zu essen bekommen und sich jemand um die Verletzten kümmert.« »Alle, Captain?«, fragte der Sergeant so vorsichtig, dass sich nicht ein Tonfall einschlich, der auf Befehlsverweigerung schließen lassen konnte. Captain Jake Devine sah Lisa an, dann die Gruppe erschöpfter Überlebender. »Ja. Alle. Ich will, dass das Kämpfen und Töten aufhört.« Als Jake das Mädchen wieder ansah, war aus ihren Augen jegliches Misstrauen gewichen. »Danke«, sagte sie und legte eine Hand auf seinen muskulösen Unterarm. »Vertraue mir, Lisa«, sagte Jake. »Mehr verlange ich nicht von dir.« »Ich… ich glaube, das kann ich, Jake.« »Gut. Du wirst es nicht bereuen. Wo soll ich auf dich warten? Und wann?« »Am besten hier. In…«, sie blickte auf ihre Armbanduhr, »… sagen wir fünf Stunden?« »Ich werde hier sein.« Nachdem die Überlebenden in die Lastwagen geklettert waren und Lisa mit zwei Freunden gegangen war, kam einer der Söldner zu Jake. »Du Bastard«, sagte er bewundernd. »Wie schaffst du es nur, so aalglatt zu reden, Jake?« »Ich bin in der Kirche groß geworden, Tony. Es ist die Reinheit meines Lebens. Abgesehen davon – du würdest doch auch lieber vögeln anstatt zu morden.« »Auf jeden Fall.« »Gut. Wir machen es einfach weiter auf meine Tour. Hartline interessiert sich nicht dafür, wie wir unsere Aufgabe erledigen – Hauptsache, wir erledigen sie. So ist es viel leichter.«
»Das muss ich auch sagen«, stimmte der Söldner zu. »Was ist mit den Überlebenden, die wir in Marion aufgelesen haben?« »Was denn, Tony?« Jake lächelte. »Wir sind ihre Freunde. Freunde tun anderen Freunden nicht weh. Sie sorgen sich um sie. Sie achten darauf, dass sie satt werden und einen Schlafplatz haben. In zwei Wochen werden sie Ben Raines ins Gesicht spucken, Tony, darauf kannst du wetten.« »Das wird dir eine Beförderung einbringen, Jake.« »Das ist auch meine volle Absicht, Tony. Auf jeden Fall. Ach, noch was, Tony. Diese Leute, die wir aus dieser Zelle in Kokomo geholt haben?« »Ja, Sir?« »Die sind noch immer isoliert?« »Niemand weiß, dass wir sie haben.« »Sind sie gründlich verhört worden?« »Ich glaube, wir haben alles aus ihnen herausgeholt, was sie wissen.« »Gut. Wenn diese Gruppe hier sich eingelebt hat und wohl fühlt…«, er zündete eine Zigarette an, »… dann bring die anderen raus und erschieß sie.«
Dawn hatte damit gerechnet, dass der erste Arbeitstag im Büro von General Raines unangenehm werden würde, vor allem wegen der Ereignisse der vergangenen Nacht. Aber sie hatte festgestellt, dass das genaue Gegenteil der Fall gewesen war. Raines war freundlich, ließ aber keine eindeutigen Absichten durchblicken. Und er war der Boss, ohne dass er das zu sehr in den Vordergrund stellte. Er faszinierte sie. Sie hatte so viele Geschichten über ihn gehört. Er sollte so hart sein, während er ihr so sanft vorkam. Er sollte so rücksichtslos sein, doch an dem Morgen, an dem sie sich zum Dienst meldete, war er damit beschäftigt, einem Vogel
den gebrochenen Flügel zu bandagieren. Nichts von dem, was über ihn gesagt und getuschelt wurde, entsprach dem Eindruck, den er auf sie machte. »Gut geschlafen?«, fragte Ben. »Gut, General. Und Sie?« »Wie ein Baby. Sie sehen heute Morgen sehr hübsch aus, Ms. Bellever. Welchen Duft tragen Sie da?« Sie lächelte ihn an. »Seife.« »Wie bitte?« »Seife. Parfüm ist in diesem Lager Mangelware.« »Hmm«, machte Ben, dann reichte er ihr eine Liste mit den Dingen, die sie erledigen sollte, und verließ das Zelt. Als sie nach der Mittagspause zurückkam, stand auf ihrem Schreibtisch eine Flasche Shalimar.
ZWÖLF
Captain Jake Devine hatte sein Wort gehalten und wartete, an seinen Wagen gelehnt, allein auf die Rückkehr von Lisa. Von seiner M-10 war nichts zu sehen, er trug lediglich eine Pistole in seinem Gürtelholster. »Seht ihr«, sagte Lisa zu den jungen Leuten, die dicht hinter ihr gingen, und lächelte Jake an. »Ich habe euch doch gesagt, dass er hier sein wird. Und dass er allein sein wird.« »Wahrscheinlich wimmelt es in den Gräben von Agenten und Söldnern«, sagte ein junger Mann und sah sich verängstigt um. »Bestimmt wird man uns gefangen nehmen und foltern.« Jake musste lachen, als er das hörte. Er deutete mit dem Daumen auf den Rücksitz seines Wagens. »Wollt ihr eine Coke?« »Eine echte Coke?«, fragte ein Mädchen. »Wirklich eine echte Coke?« Jake lächelte und nickte. »Bedient euch ruhig. Und dann gehen wir dahin, wohin ihr wollt, um über ein paar Dinge zu reden.« »Ist das Ihr Ernst?«, wollte eine hübsche Brünette wissen. »Sie allein… mit uns? Wohin wir wollen?« »Genauso, junge Dame. Soll ich dir als Zeichen meines Vertrauens meine Waffe geben?« »Das ist doch ein Witz!« »Nein, das ist mein voller Ernst.« »Also gut«, sagte der misstrauische junge Mann. »Vielleicht meinen Sie es ja wirklich ehrlich.« »Das tue ich. Kommt schon.« Er zeigte auf den Wagen. »Essen und Trinken. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr ziemlich ausgehungert seid.«
»Sie sind ja spitze, Captain«, sagte einer der Älteren aus der Gruppe und betrachtete die Rangabzeichen auf Jakes Schulterklappen. Er war kaum älter als einundzwanzig. »Sie sind gar nicht wie die anderen Leute, die von der Regierung geschickt werden.« Jake lächelte traurig. »Einige Agenten sind… wie soll ich sagen, ein wenig übereifrig, was ihre Aufgaben angeht. Wenn es nach mir ginge, würde ich die sofort rauswerfen. Aber«, er zuckte mit den Schultern, »sie sind nicht schlimmer als die Leute von Ben Raines. Ich finde es ein ziemlich grausames Spiel von denen, fünfzig FBI-Agenten abzuschlachten und ihre Leichen in ein Flugzeug zu setzen und sie nach Hause zu ihren Familien zu bringen. Oder findet ihr das in Ordnung?« »Wenn er es getan hat«, warf ein junger Mann ein. »Oh, das hat er«, gab Jake zurück. »Ich habe Fotos von seiner… Tat. Ich kann sie euch gerne zeigen.« »Wie eklig«, rief eine junge Frau. »Darauf kann ich gut verzichten.« »Wenn du sie sehen willst, musst du es nur sagen.« »Wo sollen wir uns unterhalten?«, fragte Lisa. Jake zuckte mit den Schultern. »Wo ihr wollt.« »Kann ich vielleicht ein Sandwich haben?«, fragte ein Junge.
»Sie riechen sehr gut, Ms. Bellever«, sagte Ben, als er das Zelt betrat. »Danke für das Parfüm, General.« »Mit dem größten Vergnügen.« Sein Blick wanderte über ihren in olivgrün gekleideten Körper und nahm jede ihrer Rundungen wahr. »Ich finde, die Frauen müssen sich was mit dieser Kampfkleidung einfallen lassen.« »Recht haben Sie, Sir. Wir haben schon hier und da einen Abnäher gemacht.«
»Gut gemacht, Ms. Bellever. Machen Sie nur weiter so…« Er sah auf, als Cecil ins Zelt kam. »Schlechte Neuigkeiten, Ben.« »Und zwar?« »Hartline hat offenbar seine Taktik geändert. Wir haben die nördliche Hälfte von Indiana komplett verloren. Irgendein Söldner namens Jake Devine hat das Kommando, scheint irgendein Schwätzer zu sein.« »Captain Jake Albert Devine«, sagte Ben und lehnte sich auf seinem Stuhl nach hinten. »Ich bin ihm nie begegnet, aber ich habe Geheimdienstberichte über ihn gelesen, damals, als die Tri-Staaten noch existierten. Junge Leute lieben ihn. Du kannst drauf wetten, dass er in seinem Element ist. Er hat eine Vorliebe für Teenager-Muschis.« Cecil warf Dawn einen Blick zu und wirkte über Bens Ausdrucksweise verlegen. »Ähm… Ben«, sagte er. »Oh! Entschuldigen Sie, Ms. Bellever«, sagte Ben. »Ich werde meine Zunge hüten.« Sie lachte, als sie Cecils Gesichtsausdruck sah. »Colonel Jefferys, haben sie jemals eine betrunkene Horde Journalisten erlebt?« »Ich fürchte nicht, Ms. Bellever.« »Das sind auch keine Chorknaben, das kann ich Ihnen versichern. Soll ich lieber gehen, General, damit Sie sich mit Colonel Jefferys in Ruhe unterhalten können?« »Nein. Durch Ihren Job bei mir kommen Sie mit hochsensiblen Informationen in Berührung, und Sie werden Nachrichten entschlüsseln. Es gibt keinen Grund, warum Sie gehen sollten.« Er sah Cecil an. »Das überrascht mich nicht, Cecil. Den Leuten lag es einfach nicht, sich mit Waffen zur Wehr zu setzen. Dr. Chase hat mich davor gewarnt. Es war wohl ein Fehler von mir, den Zivilisten so viel zuzutrauen. Diese Leute wollen einfach nur ihre Arbeit machen und in Ruhe
gelassen werden. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Hast du mit Ike darüber gesprochen?« »Ich habe es ihm gegenüber erwähnt. Ich habe ihm gesagt, dass ich herkomme und dass du wahrscheinlich mit den anderen Commandern darüber reden wirst.« »Ruf sie zusammen. Wir treffen uns um Null-achthundert am Morgen. Sie sollen alle in allgemeine Alarmbereitschaft gehen. Es könnte sein, dass wir schon bald ausrücken.« Dawn fühlte, dass ihr Herz schneller zu schlagen begann. Es schien jetzt ernst zu werden. Cecil verließ das Zelt, Ben sah zu Dawn. »Angst, Ms. Bellever?« »Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde.« »Nur ein Narr hat keine Angst vor einem Gefecht, Ms. Bellever. Das ist wohl das einschneidendste und beängstigendste Gefühl, das ein menschliches Wesen verspüren kann.« »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie vor irgendetwas Angst haben, General.« »Es kommt manchmal vor, dass ein Mann die schlimmste Schlacht ungerührt miterlebt, aber dann kommt die Angst nach der Schlacht.« »Verstehe.« »Nein, das tun Sie nicht, Ms. Bellever. Aber ich fürchte, Sie werden es noch verstehen.« Als Ben aufstand, legte sie eine Hand auf seinen Arm. »General… letzte Nacht… ich… das war sehr nett gewesen.« Sein Lächeln wirkte auf sie wie eine sehr intime Berührung. »Es hat mir auch sehr gefallen, Ms. Bellever.« »Wäre es dreist von mir, wenn ich Sie frage, ob wir das wiederholen könnten?«
Er lachte. »Ach ja, die gleichberechtigten Frauen aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Möchten Sie heute mit mir zu Abend essen, Ms. Bellever?« »Das würde ich gerne, General – unter einer Bedingung.« »Und die wäre?« »Dass Sie aufhören, mich mit Ms. anzureden.« Ben lachte auf und verließ das Zelt, ohne etwas dazu zu sagen.
»Ihr seht also«, sagte Jake, »dass es wie bei Shakespeare ist: Viel Lärm um nichts. Die Regierung will nur, dass die Leute wieder ihre Arbeit aufnehmen und diese Nation wieder ans Laufen kommt. Dann kann ich vielleicht nach Illinois auf meine Farm zurückkehren.« Lisa und die anderen lachten. »Ich kann Sie mir nicht vorstellen«, sagte die Brünette, »wie Sie auf dem Feld arbeiten.« »Oh, aber es stimmt, meine Liebe«, sagte Jake mit falschem Lächeln. »Ihr könnt mir das ruhig glauben, ich bin auf einer Farm aufgewachsen.« »Warum sind Sie einer von Lowrys Söldnern geworden?«, fragte jemand. »Weil ich an die Vereinigten Staaten glaube«, erwiderte er rasch. »Ich war vor dem großen Krieg von ‘88 und auch noch ein Jahr danach Berufssoldat. Dann wurde ich verwundet und musste aus dem normalen Militärdienst ausscheiden. So kann ich aber weiter meinem Land dienen.« »Dürfen wir ganz frei reden, Captain Devine?«, wollte die Brünette wissen. »So frei, wie ihr das wollt«, erwiderte er lächelnd und augenzwinkernd. »Mich interessieren eure Ansichten und Kommentare. Alles, was uns dabei hilft, dass diese Kämpfe sich nicht wiederholen.«
»Was wollen Sie von uns?« »Ich möchte, dass ihr mitkommt in die Sammellager in Decatur und Logansport. Ich möchte, dass ihr eure Kameras mitnehmt – oder ich stelle sie euch zur Verfügung –, und ich möchte, dass ihr so viele Fotos macht, wie ihr wollt. Redet, mit wem immer ihr wollt. Ihr sollt sehen, dass es den Menschen dort an nichts mangelt und dass niemand, aber auch wirklich niemand dort gefoltert wird, auf welche Weise auch immer.« »Aber all die Gerüchte…«, begann eine junge Frau. Jake wies sie von sich. »Lügen. Nichts weiter als schmutzige Lügen aus dem Lager der Rebellen. Kommt mit, und ich werde es euch beweisen.« Die jungen Leute sahen Lisa an, die nachdrücklich nickte. Die anderen nickten bestätigend. »Großartig!« Jake strahlte vor Begeisterung. »Lisa, du fährst mit mir. Ihr anderen könnt die beiden Kombis da drüben am Straßenrand nehmen und uns nachfahren. Ihr werdet alle sehr angenehm überrascht sein.« Er konnte sein Lächeln nicht unterdrücken, als er Lisa die Tür aufhielt. Süße Titten, dachte er.
Dawn konnte ihr Lächeln nicht unterdrücken, als sie ihre Tabletts vom Messezelt zu Bens Quartier trugen. »Ich dachte, die Ranghöchsten bekämen immer was, Besseres zu essen als das Fußvolk.« »Nicht in dieser Armee«, erwiderte Ben. »Und es sollte in keiner Armee so sein.« Er lächelte sie an. »Allerdings habe ich da noch eine Flasche Wein, die dieses Essen etwas genießbarer machen wird.« »Ach ja?«
»Ja, wirklich. Ich habe sie auf dem Weg von Wyoming nach hier entdeckt. Sie werden es nicht glauben, solange sie sie nicht gesehen haben.« »Mein Gott, Ben!«, platzte sie heraus, nachdem sie die Tabletts auf dem Tisch abgestellt hatten und Ben aus seiner Truhe die Weinflasche geholt hatte. »Das ist ein Rothschild!« »1955. Ob das ein guter Jahrgang war, weiß ich nicht.« Sie stießen an und probierten einen Schluck. »Hervorragend«, sagte er. »Passt genau zu unserem SOS.« Dawn betrachtete ihren Teller, auf dem Trockenfleisch neben einem Brötchen lag. »Warum heißt es SOS?« »Das sind die Initialen«, sagte Ben lächelnd. Er wusste nur zu gut, was es hieß. »Und was bedeutet SOS?« Sie nahm einen Bissen. »Oh, das ist gut!« »Scheiße ohne Soße.« Sie ließ die Gabel fallen. »Sie machen Witze!« »Ich glaube, es heißt schon seit dem Zweiten Weltkrieg so, vermutlich sogar noch länger. Aber es schmeckt und ist heiß. Und es scheint unbedenklich zu sein.« Dawn schob ihren Teller zur Seite. »Ohne mich. Ich nehme nur den Salat und etwas Wein.« »Wein ist genug da«, sagte Ben mit vollem Mund. »Ich habe eine ganze Kiste davon.« Sie riss die Augen auf. »Eine ganze Kiste Rothschild von 1955?« »So ist es, meine Liebe.« »Das wird ein denkwürdiger Abend werden.« Ihre Augen suchten seinen Blick und hielten ihm stand. »Das hoffe ich«, sagte er ruhig. »Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte Lisa. Sie hatte zum ersten Mal seit zwei Wochen in heißem Wasser gebadet, und
Jake hatte für sie eine echte Levi’s aufgetrieben, die ihr wie angegossen passte, dazu ein Westernhemd und robuste Schuhe. »Was kannst du denn nicht glauben?« Jake nahm ihre schmale Hand und führte sie langsam zu seinem Quartier, das in dem Bereich lag, in dem die Überlebenden des Regierungsschlags gegen die Dissidenten untergebracht waren. Lisa mochte den kraftvollen Druck seiner Hand, genauso, wie es ihr gefiel, dass sich beim Gehen manchmal ihre Hüften berührten. Sie wusste, was kommen würde – was er fast sicher mit ihr vorhatte, doch der Gedanke beunruhigte sie nicht. Jake war nur ehrlich gewesen. Lisa hatte schon seit langem nicht mehr so gut gegessen… sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal ein Stück Fleisch auf dem Teller gehabt hatte. Jake hatte ihr neue Kleidung gegeben, ihre Freunde waren gut untergebracht und hatten ebenfalls zu essen bekommen. Alles in allem würde sie keinen schlechten Tauschhandel machen. So wie die meisten jungen Menschen zwischen fünfzehn und zwanzig konnte sie sich nur vage an den großen Krieg von ‘88 erinnern. Aber sie hatte nicht vergessen, dass sie seit den Bombardements immer nur um ihr Überleben gekämpft hatte. Es gab nie genug Essen, kaum warme Kleidung, nie genug Geld, um etwas Schönes zu kaufen, die ständige Angst, von herumlungernden Banden angegriffen zu werden. »Oh«, sagte Lisa. »Einfach alles, was ich in den letzten Stunden gesehen habe. Wie gut die Leute behandelt werden, das gute Essen, einfach alles. Ich… ich kann es noch immer nicht fassen, dass Ben Raines und seine Leute uns belügen. Aber jetzt sehe ich, dass es so ist. Nur… es tut so weh.« »Ich weiß, meine Liebe«, sagte er mit tiefer, tröstender Stimme. »Aber ich werde dich nicht belügen, das verspreche ich dir.«
Sie hatten sein Quartier erreicht. Lisa stand schweigend da, während er die Tür öffnete. Er sah Lisa an, die seinen Blick genauso unumwunden erwiderte. »Bist du sicher, dass ich genug zu essen und genügend schöne Kleidung haben werde?« »Das kann ich dir versprechen, Lisa.« Dann trat sie ein und er schloss hinter ihr die Tür.
Dawn hatte einen Arm um Bens Oberkörper gelegt, ihre Brüste hatte sie an ihn gedrückt. Der Herbstwind wehte kühle Luft ins Lager, und die Decke, in die sie beide gehüllt waren, fühlte sich angenehm warm an. Sie waren beide Erwachsene, die Zeit des Begrapschens und Fummelns hatten sie lange hinter sich gelassen. Es war wie eine stumme Übereinkunft gewesen, und keiner von beiden hatte besondere Eile an den Tag gelegt, um es zum Abschluss zu bringen. Zum ersten Mal war es fast perfekt gewesen, da sie sich über sexuelle Vorlieben und Abneigungen unterhalten hatten, bevor sie irgendetwas angefangen hatten. Ihr Körper war schlanker und fester gewesen als auf den Fotos in dem Magazin, aber das machte sie nur umso reifer, jedenfalls für Bens Geschmack. Ben betrachtete sie, wie sie neben ihm im Zelt lag. Sie schlief tief und fest, während er sich leise anzog und nach draußen ging. Er sah zu Ikes Zelt und machte den rötlichen Schimmer einer glimmenden Zigarre aus. Er ging hinüber und sah dabei auf seine Uhr. Zehn Uhr. »‘nabend, El Presidente«, sagte Ike. Ben konnte zwar nur die Hände des Mannes erkennen, die vom Glimmen der Zigarre schwach beleuchtet wurde, aber er wusste, dass Ike grinste.
»Für zehn Uhr ist es im Lager ungewöhnlich ruhig«, sagte Ben und hockte sich neben seinen alten Freund. »Gerüchte machen hier doch schnell die Runde. Es heißt, dass wir bald aufbrechen, und da will offenbar jeder Kräfte sparen.« Ben zündete eine Zigarette an, inhalierte und sagte dann: »Wahrscheinlich haben sie Recht.« »Ich möchte dir einen Rat geben, alter Kamerad«, sagte Ike. »Ob du ihn dir zu Herzen nimmst, bleibt dir überlassen. Ich weiß, dass es dir schwer im Magen liegt, dass Tina sich Grays Scouts angeschlossen und Hazen vorgeschlagen hat, ein Selbstmordkommando auf Lowry loszulassen. Ich habe darüber nachgedacht.« Er seufzte. »Ich glaube nicht, dass Lowry der Mann an der Spitze ist. Nicht mehr jedenfalls… wenn er es jemals war. Ich glaube nicht, dass ein Schlag gegen ihn uns irgendwie helfen wird.« »Daran hatte ich nicht gedacht. Aber es deutet doch alles darauf hin, dass Lowry das Gehirn hinter Logan ist. Wie erklärst du das?« »Gar nicht. Ich glaube, dass er das war. Aber könnte es nicht sein, dass es noch einen stillen dritten Mann gibt? Jemand, der sich nicht zeigt, der aber wirklich die Fäden in der Hand hat?« »Und wer?« »Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, ob es ihn überhaupt gibt. Es ist nur so ein Gefühl. Vermutlich jemand, von dem wir es nie erwarten würden.« Wieder seufzte er. »Aber jetzt ist das ohnehin hinfällig, nicht wahr, Ben?« »Ja. Wenigstens für den Augenblick.« »Wir brechen morgen auf?« »Genau. Wir haben versucht, die Leute zu bewaffnen, und wir haben gehofft, dass sie den Mut aufbringen würden, uns zu helfen. Das hat nicht geklappt. Und wir können nicht ewig hier bleiben.«
»Ben… wir könnten dem Problem den Rücken zuwenden. Wir könnten in die Tri-Staaten zurückkehren oder uns anderswo niederlassen.« »Ike, früher oder später werden wir kämpfen müssen. Das weißt du. Wir können das auch gleich machen und es endlich hinter uns bringen.« »Stimmt, Ben. Aber ich wollte nur auf die Möglichkeiten hingewiesen haben. Und Ms. Hickman?« »Was ist mit ihr?« »Sie begleitet uns.« »Ms. Olivier?« Ben dachte einen Moment lang nach. »Wenn wir zur Tat schreiten, müssen wir rasch und mit aller Härte handeln. Wir werden nicht viel Gelegenheit haben, den Fernseher einzuschalten. Außerdem glaube ich, dass Hartline Ms. Olivier ohnehin nur vorführt. Wir geben dieser Sache noch eine Woche. So lange werden wir brauchen, um die Pläne auszuarbeiten und aus den Bergen zu kommen.« »Und was geschieht nach einer Woche?« Ben sah ihn an. »Dann schicken wir jemanden los, der Ms. Olivier und ihre Tochter in Sicherheit bringt.« »Und wenn sie nicht gehen will?« »Ich glaube«, sagt Ben leise, »dass sie in einer Woche nur zu bereit sein wird, Richmond zu verlassen.« »Eine Vorahnung?« Ben schüttelte den Kopf. »Ich kenne Hartlines Ruf.«
DREIZEHN
Die Sergeants ließen am nächsten Morgen die Truppen aufmarschieren und schrien ihre Befehle. Die Truppen reagierten so wie die gut geölte Maschinerie, die die Aus