William Corlett, geboren 1938, machte eine Ausbildung an der Royal Academy of Dramatic Art in London und war zunächst S...
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William Corlett, geboren 1938, machte eine Ausbildung an der Royal Academy of Dramatic Art in London und war zunächst Schauspieler, bevor er selbst erfolgreich Theaterstücke und Drehbuchtexte zu schreiben begann. Seit den 70er-Jahren veröffentlicht er Jugendromane, die vielfach ausgezeichnet wurden, und ist inzwischen auch als Autor belletristischer Romane bekannt. Seine Serie ›Das Haus des Magiers‹ hat er selbst fürs Fernsehen adaptiert.
dtv junior 70.703 Deutsche Erstausgabe In neuer Rechtschreibung 3. Auflage Oktober 2004 2002 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH 8c Co. KG, München www.dtvjunior.de © 1992 William Corlett Titel der englischen Originalausgabe: ›The Bridge in the Clouds‹, erschienen 1993 bei Red Fox, a division of Random House UK Ltd. erstmals erschienen 1992 bei The Bodley Head Children’s Books © für die deutschsprachige Ausgabe: 2002 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH 8c Co. KG, München Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen Umschlagbild: Ludvik Glazer-Naude Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten Gesetzt aus der Baskerville 11/13/14 Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany • ISBN 3-423-70714-3
Für Mary
Herbstferien im Golden Valley. Endlich kommen die Geschwister William, Mary und Alice wieder zurück nach Golden House, jenem wilden und idyllischen Ort an der walisischen Grenze, an dem Tante Phoebe und Onkel Jack leben. Und dorthin, wo auch Stephen Tyler zu Hause ist. Durch ihn konnten die Geschwister erfahren, was Magie bedeutet. Hier, in einer Umgebung voller Wälder, Moore und Geheimnisse, scheint alles denkbar und nichts unmöglich. Denn mit Vernunft lässt sich nicht erklären, wie es sein kann, plötzlich in einem Tierkörper zu stecken, so wahrzunehmen, zu fühlen und zu schmecken wie Spot, der Hund, Cinnabar, der Fuchs, und Jasper, die Eule. Schon viele Abenteuer haben William, Mary und Alice hier bestanden und lernen allmählich, mit ihren magischen Kräften umzugehen. Aber diesmal braucht der Magier ihre Hilfe in der alles entscheidenden und verzweifelten Auseinandersetzung zwischen den guten und den bösen Kräften im Golden Valley…
1 Rückkehr nach Golden House Gleich als sie zum Haus kamen, spürte Mary, dass etwas nicht stimmte. Das Haus war weiter renoviert worden und im Flügel aus dem 16. Jahrhundert fiel Licht aus ein paar Fenstern, die vorher immer dunkel gewesen waren. Außer diesen kleineren Veränderungen schien alles so zu sein wie immer. Trotzdem fühlte sie Unbehagen, als sie das Haus sah. Es dämmerte schon, als Mr. Jenkins sein Auto auf der Einfahrt zum Stehen brachte. Die Bäume stachen dunkel gegen den bewölkten Himmel ab und von den Hügeln hinter Golden Water blies ein leichter Wind. »Westwind«, stellte Mr. Jenkins fest, als er die Koffer aus dem Auto hob. »Der Winter kommt bald. Habt ihr jetzt alles? Grüßt euren Onkel und eure Tante. Ich komme nicht mit rein. Ich muss heute Abend noch zu einer Versammlung des Bauernverbandes. Und wenn ich jetzt nicht losfahre, komme ich noch zu spät. Manchmal denke ich, das ganze Leben besteht nur noch aus diesen verwünschten Versammlungen. Schön, dass ihr wieder da seid. Kommt uns doch mal besuchen, wenn ihr Zeit habt. Tschüs und macht’s gut…« Damit fuhr er in die Dunkelheit und William, Mary und Alice sahen die roten Rücklichter des Autos in einer Kurve verschwinden. Als Mary ins Haus trat, fühlte sie sich plötzlich sehr traurig, obwohl ein Feuer im Kamin brannte und aus der Küche ein köstlicher Duft nach Essen kam. »Wo seid ihr alle?«, rief Alice und lief voraus. »Hallo? Wir sind da!« Sogar Spot schien seltsam bedrückt zu sein, als er sie begrüßte, und Meg, die mit ausgebreiteten Armen hinter ihm in der Küchentür erschien, war trotz ihres freundlichen Empfangs offensichtlich nervös. »Da seid ihr ja endlich!«, sagte sie, lief geschäftig um sie herum und trocknete sich dabei die Hände an ihrer Schürze ab. »Euer Onkel kommt jeden Augenblick zurück. Phoebe musste sich leider hinlegen. Am besten stört ihr sie nicht, bis sie euch ruft. Sie fühlt sich
nicht sehr wohl…« Fröhlich plappernd bugsierte sie die Kinder zum warmen Kamin und schloss die Tür wegen der kalten Luft. Mary kam es so vor, als beobachte sie ein Theaterstück, bei dem alles glaubhaft aussehen soll, aber gleichzeitig weiß jeder, dass nichts davon wahr ist. Meg sagte, dass das Abendessen fast fertig sei, und so verzichteten die Kinder auf ihren Tee. Als sie oben in ihren Zimmern die Koffer auspackten, vertraute Mary ihre Gefühle William und Alice an. »Ich fand es schon komisch, dass Mr. Jenkins uns am Bahnhof abgeholt hat«, stimmte William zu. »Nein, das war gar nicht komisch!«, widersprach Alice. »Wenn Phoebe sich doch nicht wohl fühlt und Onkel Jack in die Stadt fahren musste! Wirklich, ihr beiden! Dauernd seht ihr überall Probleme. Ich freue mich einfach, dass ich wieder hier bin. Bis jetzt war das Schuljahr nur blöd. Ich wäre die ganze Zeit am liebsten hier gewesen.« Sie saß auf dem Boden und hatte einen Arm um Spot gelegt, der sie mit traurigen Augen ansah. »Ich bin sicher, dass irgendwas passiert ist«, sagte Mary. Sie betrachtete sich im Spiegel über der Kommode und zupfte an ihrem Pony herum. »Ist es doch, oder, Spot?«, fragte sie. Sie drehte sich um und hockte sich vor den Hund, der sie weiter schweigend anstarrte und sein ›hochmütiges‹ Gesicht aufgesetzt hatte. »Es ist doch immer schwierig, ihn zum Reden zu bringen, wenn wir gerade angekommen sind«, sagte William und setzte sich auf Marys Bett. »Erinnert ihr euch noch an das letzte Mal? Wir dachten, die Magie hätte völlig aufgehört.« »Das war nicht letztes Mal, das war in den Osterferien«, sagte Alice, »und natürlich hatte die Magie nicht aufgehört. Es lag nur an dir. Ich wusste, dass alles in Ordnung war. Das ist es immer, nicht wahr, Spot?« Sie gab dem Hund einen Kuss auf den Kopf. »Trotzdem braucht es Zeit«, beharrte William. »Es ist so, als müssten wir uns erst wieder neu an die Magie gewöhnen. Als ob wir in die richtige Stimmung kommen müssten.« »Aber da bin ich doch schon drin!«, beklagte sich Alice. »Die ganze Zeit in der Schule habe ich an nichts anderes gedacht, als wieder hier zu sein. Deshalb habe ich so schlechte Noten bekommen. Ich habe mich einfach nicht auf was anderes konzentrieren können. Es ist alles so langweilig ohne die Magie.« »Ja, ich weiß«, stimmte William zu. »Aber trotzdem müssen wir irgendwie auf eine Wellenlänge mit dem Magier kommen. Irgendwie
so was.« »Lasst euch aber nicht zu viel Zeit damit«, knurrte Spot zur Überraschung der Kinder. »Spot!«, rief Alice. »Es klappt!« Sie drückte den Hund an sich. »Ich habe dich so vermisst. Die Simpsons haben einen Welpen, die kleine Tess. Aber sie hat nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. Sie hat nur dauernd gejault und gekratzt und war nicht sehr geduldig mit mir. Ich habe es wirklich versucht. Ich habe versucht nicht mehr zu denken… und das alles… Aber es hat nichts genutzt. Sie dachte bestimmt, ich wäre total verrückt.« »Nicht alle Tiere sind wie wir«, sagte Spot verächtlich. »Du kannst nicht erwarten, dass jeder Welpe sofort mit dir redet. Wir sind es, die anders sind. Wir sind es, die sprechen.« »Wir auch«, beharrte Alice. »Wir sprechen auch mit euch.« »Tiere können die Menschen schon seit Ewigkeiten verstehen«, erklärte er. »Aber die Menschen haben sich bis jetzt nie die Mühe gemacht, uns zuzuhören. Das ist der Unterschied.« Er stand auf und im Hinauslaufen sagte er: »Ich bin gleich wieder da!«, und verschwand die Treppe hinunter. »Nein! Warte mal, Spot!« William lief hinter ihm her. »Geh nicht weg! Wir müssen furchtbar viel bereden…« »Was schreist du denn so?« Jack stand plötzlich vor ihm auf dem Treppenabsatz. »Tut mir Leid«, sagte er und folgte William in das Zimmer der Mädchen. Er war außer Atem, als wäre er die Treppe hinaufgerannt. »Ich musste in die Stadt fahren. Ich dachte, Phoebe hätte euch abgeholt – aber dieser Bazillus hat sie anscheinend doch erwischt.« Er drückte Mary an sich und hob Alice vom Boden hoch, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. »Es ist schön, euch wieder hier zu haben! Gott sei Dank war Mr. Jenkins zu Hause. Wenn Meg ihn nicht erreicht hätte, würdet ihr immer noch am Bahnhof in Druce Coven hocken!« »Wie hat sie das geschafft?«, fragte William plötzlich. »Wer hat was geschafft?«, fragte Jack und nahm William auch in den Arm. »Wie hat Meg Mr. Jenkins bitten können uns abzuholen? Wenn du schon in der Stadt warst?« »Ah! Das große Ereignis! Natürlich, ihr wisst ja gar nichts davon. Na, was sagt euch 314?« »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Onkel Jack«, sagte Alice und unterdrückte ein Gähnen. Die Reise war lang gewesen. Ma-
ry und sie waren von London gekommen und hatten in Bristol umsteigen müssen. Und als sie in Druce Coven ankamen, erfuhren sie, dass Williams Zug aus Manchester Verspätung hatte. Sie mussten fast eine halbe Stunde in Mr. Jenkins Auto auf ihn warten. Alice war hungrig und müde. Sie wollte ihr Abendessen und dann ins Bett. »Kommt schon! Denkt nach!«, sagte Jack. »314. Was ist das?« »Irgendeine Nummer«, sagte Mary und versuchte nicht allzu gelangweilt zu klingen. Sie hatte vergessen, dass Jack sie manchmal gerne wie kleine Kinder behandelte. »Und wofür ist eine Nummer gut?« »Ihr habt Telefon«, sagte William. »Brillant, William! Du hast offenbar die Intelligenz der gesamten Familie geerbt!« »Onkel Jack! Bitte!«, sagte Mary, als spräche sie mit einem einfältigen Kind. Dann fügte sie hinzu: »Das ist aber eine ziemlich kurze Nummer. Bist du sicher, dass es nicht noch mehr Zahlen gibt?« »Jede Menge!«, sagte Jack. »Es gibt ja noch die ganze Vorwahl – aber die kann ich noch nicht auswendig. Immerhin haben wir endlich Telefon. Letzte Woche wurde es angeschlossen. Und niemand hat uns seitdem angerufen – nicht eine Menschenseele! Wir sitzen da und starren das Ding an, damit es endlich klingelt… und nichts passiert!« »Das liegt vielleicht daran, weil niemand weiß, dass ihr Telefon habt«, sagte William. »Sicher«, sagte Jack lachend, »damit könnte es zu tun haben. Ach, ich freue mich, dass ihr wieder da seid! Wir haben euch wirklich vermisst.« »Wir sind aber nicht lange hier«, seufzte Alice. »Die Herbstferien sind viel zu kurz.« »Macht nichts. Eine Woche ist besser als nichts.« »Eigentlich sind es sogar zwei«, sagte Mary. »Noch besser! Also – Abendessen in fünf Minuten! Meg hat heute gekocht…« »Ist Phoebe sehr krank?«, fragte Mary. »Nein«, antwortete Jack fröhlich. Dann runzelte er die Stirn. »Es ist nur ein Bazillus, glaube ich. Sie wird im Nu wieder gesund sein, jetzt, da ihr wieder hier seid. Kommt gleich runter, wenn ihr fertig seid.« Jack ging hinaus auf den Treppenabsatz und die Kinder hörten,
wie er mit Spot sprach, als sich die beiden auf der engen Wendeltreppe aneinander vorbei drückten. Einen Augenblick später sprang der Hund ins Zimmer. Er trug etwas im Maul, das im Schein der Lampe glitzerte. »Das war knapp!«, rief er und ließ den Gegenstand vor Mary auf den Boden fallen. »Gut, dass Jack das hier nicht gesehen hat, sonst hätte er wissen wollen, woher ich es habe.« »Das Pendel!«, rief Mary und hob ein Stück pures Gold an einer dünnen Kette auf. Der Magier hatte es ihnen in den Sommerferien überlassen und sie hatten es Spot zur sicheren Verwahrung gegeben, als sie wieder zur Schule gehen mussten. »Seht mal! Es ist das Pendel des Magiers. Wo hattest du es versteckt, Spot?« »Ich verrate meine Verstecke nie!«, erwiderte Spot. »Wenn man das ein Mal tut, dann sind sie nichts mehr wert.« »Wie geht es Mr. Tyler?«, fragte William. Als er das Pendel in Marys Hand sah, spürte er ein aufgeregtes Kribbeln. »Weiß ich nicht«, gestand Spot. »Wir haben ihn nicht gesehen, seit ihr letztes Mal hier wart.« »Er wird sich bestimmt zeigen, jetzt sind wir ja wieder da«, sagte Alice. »Das hoffe ich«, grollte der Hund leise. »Wir brauchen ihn im Moment wirklich dringend. Jasper wird später zu euch kommen. Das soll ich euch von ihm sagen.« »Was ist mit Cinnabar?«, fragte William erwartungsvoll. »Weiß er, dass wir hier sind?« »Wahrscheinlich. Jasper wird die Neuigkeit schon im Wald verbreitet haben«, sagte Spot. »Aber jetzt ist keine gute Zeit für Füchse. Die Jäger treffen sich bald. Er muss vorsichtig sein!« »Was ist passiert, während wir weg waren, Spot?«, fragte Mary. »Ich habe das schreckliche Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt.« »Es sind die Menschen«, erklärte Spot. »Welche Menschen?« William war plötzlich besorgt. »Jack und Phoebe.« »Was ist mit ihnen?«, fragte Mary. »Sie mögen sich nicht mehr«, knurrte Spot, aber bevor sie noch weiter fragen konnten, schlich er mit eingeklemmtem Schwanz aus dem Zimmer.
2 Rindfleischeintopf Als die Kinder in die Küche herunterkamen, rührte Meg in einem Topf auf dem Herd und Jack breitete ein Tuch über den Tisch. »Wo ist Stephanie?«, fragte Mary, als sie das leere Laufgitter sah. »Sie ist oben bei ihrer Mutter«, antwortete Meg, ohne sich umzusehen. »Aber sie ist doch sicher noch nicht ins Bett gegangen?«, fragte Jack. »Ich habe sie vor einer halben Stunde nach oben gebracht«, erwiderte Meg. Jack runzelte die Stirn. »Nein, ich meinte Phoebe. Kommt sie nicht zum Essen herunter?« »Das weiß ich nicht. Ich bin nach oben gegangen, um nach ihr zu sehen, und da hat sie mich gebeten das Baby heraufzubringen. Das habe ich auch getan. Mehr weiß ich nicht.« »Aber wenn Stephanie jetzt schon schlafen soll, dann ist sie wieder die halbe Nacht wach und brüllt das Haus zusammen. Du weißt doch, wie sie in letzter Zeit gewesen ist.« »Sie bekommt wohl die ersten Zähne«, sagte Meg. »Babys sind ja eigentlich ein Rätsel für mich, aber ich lerne schnell!« »Ja, ich weiß, dass sie Zähne bekommt – aber trotzdem!«, fuhr Jack sie an. »Wenn sie wenigstens einen Teil der Nacht durchschlafen soll, dann ist es doch Blödsinn, sie so früh ins Bett zu stecken.« »Erzähl das Phoebe«, sagte Meg genauso hitzig wie Jack. »Ich halte mich da raus. Ich bin nicht die Mutter.« Jack seufzte und ging zur Tür. »Könnt ihr den Tisch zu Ende decken?«, fragte er die Kinder. »Ich bin gleich wieder da.« Und er warf die Tür hinter sich zu. Meg blickte bei dem Knall über ihre Schulter und ging in die Vorratskammer. Sobald sie allein waren, schnitt William eine Grimasse, als ob er seinen Schwestern sagen wollte sich besser aus allem herauszuhalten. Aber die Warnung wirkte nicht auf Alice. »Warum sind alle so böse, Meg?«, fragte sie und legte Messer und Gabeln zu jedem Platz am Tisch.
»Du musst dir deswegen keine Sorgen machen, Herzchen«, sagte Meg und trug ein Brett mit einem Brot zum Tisch. »Aber was ist mit Phoebe los?«, fragte Mary. Meg blickte sie an und zog die Augenbrauen hoch, aber sie sagte nichts. »Onkel Jack meinte, sie hätte einen Bazillus«, half William nach. »Ich hoffe, es ist nicht ansteckend«, sagte Alice und stellte Salz und Pfeffer auf den Tisch. »Ich will keinen Bazillus – nicht wenn wir nur so kurz hier sind.« »Was gibt’s zu essen, Meg?«, fragte William und kniete sich wieder vor den Schrank. »Welche Teller brauchen wir?« »Eintopf, Herzchen. Rindfleischeintopf«, antwortete Meg. Alice drehte sich mit offenem Mund herum. »Rindfleisch?«, sagte sie. »Aber wir essen hier nie Fleisch!« »Also heute Abend schon. Das hat Phoebe so geregelt.« »Aber sie ist ein Gemüseesser!«, sagte Alice entrüstet. »Gemüseesser mögen kein Fleisch.« »Ich tue nur, was man mir aufgetragen hat, Herzchen. Ich sollte das Rindfleisch aus der Vorratskammer holen und einen Eintopf damit kochen, und das habe ich getan.« »Aber – woher kommt das Fleisch?«, fragte William erstaunt. »Vom Metzger, Herzchen. Woher denn sonst?« »Du meinst, Phoebe hat es gekauft?« »Ich glaube nicht, dass sie es geschenkt bekommen hat!« »Aber das verstehe ich nicht«, rief William. »Sie kauft niemals Fleisch.« »Nein, aber jetzt hat sie es getan. Natürlich wird sie es nicht selbst essen. Sie konnte sich auch nicht dazu durchringen, es zu kochen. Das ist vielleicht der Grund, warum sie sich ins Bett gelegt hat. Allein der Gedanke, dass rohes Fleisch im Haus ist, war zu viel für sie.« »Aber wenn es sie krank macht – warum kauft sie es dann erst?«, fragte William. »Wir sind doch an ihr vegetarisches Essen gewöhnt. Wir mögen es sogar gerne.« »Das müsst ihr sie selber fragen. Es geht mich nichts an. Ich mache hier nur meine Arbeit.« Es folgte eine bedrückende Stille. Meg hatte ihnen den Rücken zugekehrt und stach mit einem Messer in die Pellkartoffeln, um zu sehen, ob sie schon gar waren. »Oje, Meg!«, seufzte Mary nach einer Weile. »Ich will dir ja nicht
auf die Nerven gehen, aber ich kann kein Fleisch mehr essen.« »Wieso kannst du das nicht?« Meg drehte sich verwundert um. Mary zog die Schultern hoch. »Mir wird schlecht davon«, antwortete sie. »Ich weiß nicht genau, warum. Mir ist jetzt schon ein bisschen komisch, wenn ich nur daran denke.« »Seit wann denn das?«, wollte Meg wissen und klang schon wieder ärgerlich. »Also eigentlich, seitdem wir hierher kommen«, sagte Mary nervös. Es sah Meg gar nicht ähnlich, so mürrisch zu sein. »In dem Fall musst du eben mit Eiern zufrieden sein. Mit Gemüse und Eiern. Überspannter Unsinn!« Damit humpelte sie zur Vorratskammer zurück. »Kann ich auch Eier haben, Meg?«, rief Alice. Sie warf Mary einen bedrückten Blick zu. »Du kannst essen, was du willst!«, fuhr Meg sie an. Dann drehte sie sich zu William um. »Und ich vermute, du möchtest dasselbe?« William schüttelte überrascht den Kopf. »Nein, ich habe nichts gegen Eintopf«, sagte er verunsichert. »Das ist aber wirklich nett von dir! Sehr entgegenkommend. Ich muss schon sagen!«, schimpfte Meg. Zum Erstaunen der Kinder warf sie den Topflappen, den sie in der Hand hielt, einfach hin und humpelte zur Tür. »Ich gehe in mein Zimmer«, sagte sie. »Dieser ganze Aufruhr! Das bin ich nicht gewöhnt!« Sie schimpfte immer noch vor sich hin, als sie aus der Küche ging. »Mist!«, rief Alice, als sie allein waren. »Was ist hier eigentlich los?«, fragte William. Mary runzelte die Stirn. »Es muss was damit zu tun haben, was Spot gesagt hat. Dass Jack und Phoebe sich nicht mehr mögen.« »Ich verstehe sowieso nicht, wie er sie überhaupt mal mögen konnte«, verkündete Alice. »Das ist nicht fair, Alice!«, sagte Mary. »Sie ist schon in Ordnung. Sogar du mochtest sie doch schließlich.« »Kann sein«, sagte Alice gleichgültig. »Aber… was ist dann hier los? Warum haben alle so schlechte Laune? Wo ist Spot? Er kann es uns sagen.« Der Hund war nicht mit ihnen in die Küche gegangen, und als sie nach ihm in der Halle suchten, war er nirgendwo zu sehen. »Meint ihr, ich soll mich bei ihr entschuldigen?«, fragte Mary, als sie wieder in die Küche kamen. Sie ging zum Herd, um sich aufzu-
wärmen. »Für was?«, fragte Alice. »Dafür, dass ich keinen Eintopf essen wollte.« »Ich werde mich nicht entschuldigen.« »Ich verstehe nicht, warum du keinen Eintopf isst, Alice«, sagte William. »Du bist keine Vegetarierin.« »Bin ich doch, wenn ich hier bin.« »Ich hoffe, sie lassen sich nicht scheiden«, bemerkte Mary und rieb die Hände über dem heißen Herd. Dann schauderte sie zusammen. »Mir ist plötzlich so kalt!« Einen Augenblick lang waren alle still und dachten darüber nach, was Mary gerade gesagt hatte. »Wie können sie sich denn scheiden lassen?«, fragte Alice. »Sie sind ja noch nicht mal verheiratet.« »Du weißt, was ich meine…«, erwiderte Mary nachdenklich. »Aber warum dieser ganze Zirkus mit dem Fleisch für uns?«, wunderte sich William. »Ach, darauf kommt es doch gar nicht an, William«, beklagte sich Mary. »Du hältst dich immer mit den unwichtigen Dingen auf.« »Es ist nur… Es passt überhaupt nicht zu Phoebe. Ich meine, auch wenn Jack und sie nicht gut miteinander auskommen, erklärt das nicht, warum sie plötzlich loszieht und Fleisch kauft. Das ist gegen ihre Grundsätze.« »Wenn sie sich trennen«, fragte Alice aus heiterem Himmel, »was passiert dann mit Golden House?« »Weiß ich nicht«, sagte William. Dann wurde er nachdenklich, als ihm die Tragweite dessen bewusst wurde, was Alice gerade gesagt hatte. »Sie würden das Haus verkaufen, nicht wahr?«, sagte Mary leise und blickte die anderen beiden an. »Nicht unbedingt«, warf Alice schnell ein. »Vielleicht würde ja einer von ihnen hier bleiben.« »Wer denn?«, fragte Mary. »Jack würde bestimmt nicht allein hier wohnen. Und Phoebe mit Sicherheit auch nicht. Sie hasst das Haus.« »Nein, tut sie nicht«, protestierte Alice. »Sie liebt es. Das hat sie mir gesagt.« »Ja gut, aber sie würde nicht ganz allein hier bleiben wollen, oder?«, sagte Mary. »Und wenn sie ginge, dann würde sie Stephanie mitnehmen. Sie bekommt wohl eher das Sorgerecht für das Kind -
Jack könnte sich ja auch gar nicht um Stephanie kümmern.« »Er hätte jedenfalls ganz schön zu tun, sie durchzufüttern, so viel steht fest!«, sagte Alice feierlich und fing fast an zu kichern. »Ach, halt die Klappe, Alice!«, fuhr William sie an. »Das hier ist ernst. Wenn sie Stephanie mitnehmen würde – was heißt das dann für den Plan des Magiers?« »Wie sollen wir das wissen?«, fragte Mary. »Er hat uns nie wirklich erklärt, was sein Plan ist.« »Aber unsere erste Aufgabe war, dabei zu helfen, dass Stephanie geboren wurde. Wir wissen auch, dass der Magier einen Erben in unserer Zeit will und dass Phoebe eine echte Tyler ist, obwohl sie jetzt Taylor heißt. So viel wissen wir«, sagte William, »aber wohin führt uns das? Was soll das alles heißen? Ich hoffe, ihr versteht es, denn für mich ist es ein völliges Rätsel.« »Wir fragen einfach den Magier.« Alice war ganz aufgeregt. »Er erklärt uns alles, wir müssen ihn bloß fragen.« »Spot sagt, er ist seit Ewigkeiten nicht hier gewesen«, sagte William bedrückt. »Und nachdem wir den Vertrag zwischen Lewis und Crawden gerettet hatten… war er auch nicht mehr zu uns gekommen. Obwohl wir ihn damals dringend gebraucht hätten. Wenn ihr darüber nachdenkt, dann haben wir ihn das letzte Mal im Tunnel hinter dem Wasserfall gesehen, und sogar da hat er uns nicht genau gesagt, was wir tun sollen.« »Das hätte er vielleicht schon getan, wenn wir ihm die richtigen Fragen gestellt hätten«, sagte Mary nachdenklich. »Das Problem ist, dass einem die wirklich wichtigen Fragen immer erst hinterher einfallen. Wie jetzt. Wir wollen ihn sehr viel fragen, weil jede Menge passiert ist, was wir verstehen müssen.« »Vielleicht ist er deshalb überhaupt durch die Zeit gereist«, sagte William. »Wir wissen, dass man die Vergangenheit nicht verändern darf, aber vielleicht kann man die Gegenwart beeinflussen, wenn man die Zukunft kennt.« »Aber wenn du die Gegenwart änderst, dann veränderst du doch auch die Zukunft«, sagte Mary. »Und wäre es nicht genauso gefährlich, die Zukunft zu verändern wie die Vergangenheit?« »Ich weiß es nicht«, gab William zu. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich habe euch doch gesagt, ich kann keine einzige Frage beantworten.« »Es gibt nur einen, der das kann«, sagte Mary, »und das ist der Magier.« Dann fügte sie bitter hinzu: »Aber er ist nie da, wenn wir
ihn brauchen.« »Also?«, fragte Alice. »Wie du am Ende der Sommerferien gesagt hast, Mary – dann müssen wir eben zu ihm gehen.« »Das haben wir doch schon alles versucht«, stöhnte William. »Wir wissen nicht, wie!« »Vielleicht hilft uns das hier«, sagte Mary und holte das Pendel des Magiers aus ihrer Hosentasche. Sie starrten nachdenklich auf das Stück Gold, das von der Kette in Marys Hand baumelte. »Wisst ihr«, sagte William bedrückt, »nach allem, was wir erlebt haben, und nach allem, was wir getan haben, fühle ich mich kein Stückchen weiter als an dem Tag, an dem wir die Stufen im Kamin entdeckt haben. Wir wissen immer noch nicht genau, warum wir all das tun mussten, was wir getan haben. Wir kennen immer noch nicht den Grund oder den Zweck… für irgendetwas.« »Außer für die Rettung der Dachse«, sagte Alice. »Damals war es klar gewesen, warum wir das tun mussten. Aber das war ja sowieso unsere Idee… Die Dachse gehörten eigentlich nicht zu Mr. Tylers Plan, oder?« »Er hat ihnen doch geholfen!«, warf Mary ein. »Aber Golden Water vor den Immobilienhaien zu retten – worum ging es da eigentlich?«, fragte William. »Ich habe seitdem so oft darüber nachgedacht, aber ich habe keinen blassen Schimmer, warum es für ihn so wichtig war. Okay, wir wollten nicht, dass die Gegend ruiniert wird – aber warum sollte ihm das etwas ausmachen? Er ist seit vierhundert Jahren tot! Ich bin sicher, dass das Land in vierhundert Jahren völlig anders aussieht – aber das heißt doch nicht, dass ich versuche etwas dagegen zu tun. Warum tut er das also?« »Weil er ein Magier ist – und du nicht«, sagte Mary. Dann fuhr sie nachdenklich fort: »Du könntest gar nichts machen, auch wenn du das wolltest. Aber er kann es. Und es muss einen Grund dafür geben – es muss einfach!« »Also ich wünschte, er würde ihn uns einfach sagen«, seufzte Alice. »Es macht mir nichts aus, mein Leben zu riskieren, aber ich wüsste schon gerne, warum.« Dann kicherte sie wieder. »Es ist so anstrengend, dauernd die Heldin zu spielen!« »Wenn Jack Golden House verkaufen würde«, sagte William, immer noch tief in Gedanken, »was würde dann wohl mit dem Land geschehen?« »Es gehört Jack sowieso nicht«, stellte Mary fest. »Es gehört
Meg.« »Meinetwegen stellt euch vor, Meg fällt tot um oder so, was passiert dann mit dem Land?« »Das hängt davon ab, wem sie es vererbt«, erklärte Mary. »Ich dachte, sie wollte es Jack vererben«, sagte Alice. »Sie hätte Four Fields uns gegeben, wenn es nicht abgebrannt wäre…« »Aber wenn Jack das Haus verkauft«, beharrte William, »was wird Meg dann mit dem Land machen? Sie könnte nirgendwo mehr leben. Sie lebt nur hier, weil sie mit Jack und Phoebe befreundet ist. Wenn sie verkaufen würden… müsste sie irgendwo anders hin. Damit sie das tun kann, braucht sie Geld, und der einzige Weg, an Geld zu kommen, wäre für sie, das Land zu verkaufen…« »Und jetzt ratet mal, wer es kaufen würde!«, sagte Mary grimmig. »Wer?«, kreischte Alice. »Was glaubst du denn, Alice?«, fragte Mary müde. »Das ist doch wohl klar.« »Der kriecherische Crawden?«, fragte Alice. »Aber dann hätten wir ja gar nichts gewonnen. Wir wären wieder genau da, wo wir angefangen haben, als diese gemeinen Männer gekommen sind, um Golden Water zu einem Vergnügungspark zu machen – oder was sie auch immer da wollten. Alles, was wir getan haben, wäre ja umsonst!« »Und Morten würde doch noch gewinnen«, sagte William. Der Name Morten hing in der Luft wie ein dunkler Schatten, aber bevor sie weiterreden konnten, kam Jack mit energischem Schritt in die Küche. »Okay!«, sagte er. »Abendessen! Phoebe fühlt sich nicht so gut, also müsst ihr bis morgen warten, damit ihr sie sehen könnt. Jetzt kümmern wir uns mal um das Essen. Dieser Eintopf ist ein Fehler, fürchte ich. Ein kleines Missverständnis…« Er holte eine Pfanne vom obersten Küchenregal. »Pellkartoffeln mit Gemüse und Spiegeleiern. Wie hört sich das an?« Mary stopfte das Pendel wieder in die Tasche und William deckte weiter den Tisch. »Alice«, rief Jack aus der Vorratskammer, »kannst du bitte Meg sagen, dass wir in fünf Minuten essen?« Jack lief geschäftig hin und her und bereitete das Abendessen vor, als wäre nichts geschehen. Und als Meg mit Alice zurückkam, schien auch sie ihre schlechte Laune, die sie den Kindern noch vor ein paar Minuten gezeigt hatte, völlig vergessen zu haben. Der Rindfleisch-
eintopf wurde nicht wieder erwähnt. Es war so, als hätte es ihn nie gegeben. Meg bot sofort an, die Eier für Jack zu braten, und er stimmte begeistert zu. »Phoebe möchte nur ein bisschen Brot mit Butter und Tee«, sagte er strahlend. »Ich bringe das Tablett nach oben, sobald das Wasser kocht…« Mary beobachtete die Betriebsamkeit und das fröhliche Geplapper mit wachsendem Argwohn. Es bedrückte sie und wieder kam ihr der Gedanke, dass alles wie ein Theaterstück wirkte. Ein Theaterstück, von Meg und Jack extra für William, Alice und sie in Szene gesetzt. Aber sie können keinen von uns täuschen, dachte sie. Und das Schlimmste ist, sie wissen, dass sie es nicht können. Nicht zum ersten Mal, seit sie wieder in Golden House waren, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. »Diesmal ist es ernst«, wisperte eine Stimme in ihrem Kopf. »Diesmal wird es am schwierigsten sein.«
3 Treffen um Mitternacht Das erste Geräusch, das Mary beim Aufwachen hörte, war der Regen. Draußen goss es in Strömen. Sie hörte, wie das Wasser über ihr auf das Dach trommelte und über die Ziegel plätscherte. Zuerst glaubte sie, dass diese Geräusche sie aus dem tiefen, behaglichen Schlaf geholt hatten, in den sie gefallen war, sobald ihr Kopf das Kissen berührt hatte. Aber da war noch ein anderes Geräusch, das jetzt wieder, leise und nachdrücklich, durch den dunklen Raum drang. Es war ein seltsames, hohes Pfeifen, eines dieser bekannten Geräusche, über die man sich aber erst klar werden muss, wenn man sie unerwartet hört. Ein Geräusch, das man gut kennt, ohne ihm einen Namen geben zu können… »Jasper!«, flüsterte Mary, als sie endlich die Eule an ihrem Rufen erkannte. Sie sprang aus dem Bett, lief zum Fenster und stieß es auf. Kalter Wind fuhr durch das Zimmer und peitschte ihr Regenschauer ins Gesicht und über die Haare, so dass sie im Nu bis auf die Haut durchnässt war. »Wo bist du?«, rief sie. »Jasper!« Der Nachtwind jaulte und stöhnte um das Haus und verschluckte ihre Rufe. »Was ist los?«, fragte eine schläfrige Stimme hinter ihr. »Mach das Fenster zu, Mary! Es ist eiskalt!« Mary zog den Kopf wieder ins Zimmer und schloss das kleine Gaubenfenster. Dann schüttelte sie das Wasser aus ihren Haaren und lief zum Treppenabsatz, um sich ein Handtuch aus dem Bad zu holen. »Es war Jasper«, erklärte sie. »Komm, Alice! Ich glaube, er braucht uns.« »Nicht jetzt!«, grummelte Alice. »Ich schlafe!« Aber natürlich war sie schon wach, und als Mary wieder aus dem Bad zurückkam, William geweckt hatte und sich mit einem Handtuch das Gesicht trocknete, zog Alice sich schon ihre Jeans an. »Wie spät ist es?«, wisperte sie. »Fast Mitternacht«, antwortete Mary und zog sich auch an. »Warum können wir das, was immer wir tun sollen, nicht morgen
früh tun?«, seufzte Alice. »Warum muss es immer mitten in der Nacht sein? Also, ich putze mir jetzt nicht noch mal die Zähne, das habe ich gerade erst gemacht. Also ehrlich! Ich war mitten in einem fantastischen Traum und… brrr, es ist so kalt hier!« »Sei still, Alice!«, flüsterte Mary und zog sich einen dicken Pullover über. »Du musst ja nicht mitkommen. Niemand zwingt dich. Geh doch wieder ins Bett, wenn du das lieber willst!« Aber Alice hatte nicht die Absicht, Mary ein Abenteuer ohne sie erleben zu lassen. Also folgte sie ihr auf den Treppenabsatz, wo William mit einer Taschenlampe in der Hand Sekunden später auch auftauchte. »Bist du sicher, dass du Jasper gehört hast?«, gähnte er. »Ziemlich sicher«, antwortete Mary. »Aber jetzt sind wir schon mal alle wach, da können wir genauso gut nach oben ins Geheimzimmer gehen. Tagsüber ist es ja jetzt noch schwieriger hinzugehen, weil Meg im Haus wohnt.« »Stimmt«, sagte William und ging zur Treppe. Dann blieb er wieder stehen. »Obwohl ich genau darüber nachgedacht habe. Wir sollten mit Meg reden. Sie weiß doch sowieso eher, was hier vor sich geht, als Jack und Phoebe – und sie kennt das Geheimzimmer schon, weil ihr Großvater Jonas Lewis immer Pläne vom Haus gezeichnet hat – und er hat auch alles darüber gewusst…« »Und sie hat gesagt, sie wird uns so gut helfen, wie sie kann. Im Sommer, als wir gegen die Crawdens gekämpft haben. Hat sie doch, oder?«, fügte Alice eifrig hinzu. »Sie weiß von dem Magier und sonst allem. Ich glaube, William hat Recht, sie verrät uns nicht. Sie ist unsere Freundin…« »Also heute Abend war sie nicht sehr freundlich«, sagte Mary zerknirscht. »Sie hatte eigentlich richtig schlechte Laune.« »Danach müssen wir sie auch fragen«, sagte William. »Wir müssen rausbekommen, was hier passiert ist, während wir nicht da waren.« »Können wir jetzt vielleicht bitte woanders weiterreden?«, bat Alice. »Ich erfriere noch auf der Treppe, und wenn es Jasper war, den Mary gehört hat, dann wartet er auf uns – und er hasst es, warten zu müssen.« Unter Jacks und Phoebes Schlafzimmertür drang Licht auf den Flur, und als sie auf Zehenspitzen über die Galerie schlichen, hörten sie Stephanie weinen. Jeden Moment konnte die Tür aufgehen und Jack oder Phoebe konnten herauskommen. Also rannten sie schnell
die Treppe herunter und auf den großen Kamin zu, in dem die Feuerscheite noch glühten. »Moment«, wisperte Alice, als sie an der Küchentür vorbeikamen. »Ich muss Spot holen. Er würde uns nie verzeihen, wenn wir ohne ihn gingen.« Kaum hatte sie die Tür geöffnet, sprang der Hund schwanzwedelnd hinaus. Er flitzte schnurstracks durch die Halle zu William und Mary in den Kamin, als hätte er auf sie gewartet. »Komm schon!«, drängte er und warf Alice einen Blick über die Schulter zu. »Es könnte sein, dass Meg hier plötzlich auftaucht. Sie wandert meistens die ganze Nacht umher.« Im Kamin roch es rauchig und süß nach Tanne und Apfelbaum. Jack hatte den Obstbaumschnitt aus dem Küchengarten und die Tannenzapfen aus dem Wald zum Anzünden des Feuers genommen und der Geruch hing immer noch in der Luft, obwohl die großen Scheite nicht mehr brannten. William führte sie über die Vorsprünge in der Wand zum steinernen Sims und hielt die Taschenlampe so, dass jeder von ihnen die Stufen sehen konnte. Dann schob er sich zur Rückseite des Kamins und verschwand hinter der vorstehenden Wand, wo die Stufen der Wendeltreppe im Kamin begannen. Mary folgte ihm, Spot und Alice dicht hinter ihr. William stieg zur Holztür hinauf und dann weiter bis zur Spitze des mittelalterlichen Turms in das Geheimzimmer unter den Dachtraufen des Hauses. Das Zimmer lag im Dunkeln. Als William die letzten Stufen für Alice mit der Taschenlampe beleuchtete, ging Mary an ihm vorbei und tastete sich vorsichtig durch das Zimmer. Sie öffnete die Läden des hinteren runden Fensters, durch das man den Küchengarten und die Hügel dahinter sehen konnte. Mitten in der Nacht waren sie jedoch in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Sie entriegelte das Fenster und stieß es auf. Sofort prasselte der Regen herein. Auf dieser Seite des Hauses war der Wind sehr viel stärker als auf der Seite, wo die Mädchen ihre Zimmer hatten. Er fuhr mit feuchten Böen in den Raum und schmetterte die Tür zur Treppe so heftig zu, dass das Getöse das ganze Haus erschütterte. »Mary!«, wisperte William. »Du weckst noch alle auf!« »Wen denn?«, fragte Mary und sah ihn an. »Niemand kann uns hier oben hören und außerdem habe ich es nicht absichtlich getan. Warum kommandierst du uns immer herum, William?« Als sich ihre Augen allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schnappte sie
nach Luft. »Was ist denn hier passiert?« William ließ den hellen Lichtstrahl der Taschenlampe langsam durch den Raum gleiten. Mörtelbrocken bedeckten den Boden und die Balken des steilen Daches waren voller Schmutz und Spinnweben. »Was für ein Dreck!«, sagte Alice. »Eigentlich ist es doch hier oben ziemlich sauber.« »Was ist hier passiert?«, fragte Mary wieder. Williams Taschenlampe fuhr über den Spiegel in der Ecke. Er ging quer durch den Raum darauf zu. »Seht euch das an!«, sagte er und beleuchtete den Spiegel mit der Taschenlampe. »Es sieht so aus, als ob ihn jemand blank poliert hätte, während der Rest des Zimmers völlig uninteressant für ihn war.« »Nicht einfach uninteressant, William. Sieh dir doch das ganze Durcheinander an!«, stellte Mary fest. »Als ob jemand absichtlich überall Schmutz verteilt hätte.« Das stimmte. Der Boden war übersät mit der Sorte Schmutz, die sich nach Jahren unter Bodenbrettern und neben Abflussrohren sammelt. Schwarzer, schmieriger Dreck, an manchen Stellen trocken wie Staub, an anderen feucht und klebrig. »Und wie das stinkt!«, fügte Alice hinzu. Da bemerkten die beiden anderen auch einen ziemlich eigenartigen Geruch, scharf und modrig. Alice zog die Nase kraus. »Widerlich!«, sagte sie. »Was ist passiert?«, sagte William zu Spot. Der Hund war mucksmäuschenstill gewesen, seit sie in das Zimmer gekommen waren. Er stand mit hängendem Kopf da, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Als William ihn jetzt ansprach, reagierte er nicht. Er schien ihn kaum gehört zu haben. Er sah so verloren und elend aus, dass Alice zu ihm lief, sich neben ihn auf den schmutzigen Boden kniete und die Arme um ihn legte. »O Spot!«, wisperte sie. »Sei nicht traurig. Wir sind ja hier. Wir kümmern uns um dich.« Der Hund setzte sich hin und sah sie bekümmert an. »Es geht um den Magier, nicht wahr?« Marys Stimme kam aus der Dunkelheit hinter ihnen. »Etwas ist mit ihm geschehen. Er ist doch nicht…?« Sie brachte es nicht über sich, das nächste Wort auszusprechen. Sie hatte solche Angst, dass ihre Befürchtung sich bestätigen könnte. Also schüttelte sie nur den Kopf und beendete den
Satz nicht. »Ist doch nicht was?« Alices Stimme klang dünn und ängstlich. »Was meinst du damit, Mary?« Mary schüttelte wieder den Kopf. Sie hätte nur mit fürchterlich zittriger Stimme sprechen können. »Du glaubst, dass er tot ist, oder?«, wisperte Alice. »Das ist es!« »Ich weiß nicht«, erwiderte Mary ruhig. »Aber irgendwas sehr Schlimmes ist passiert. Ich wusste es sofort, als wir hier ankamen. Und jetzt sieht das Zimmer hier so aus… Wo ist überhaupt Jasper?«, sagte sie fast ärgerlich. »Wir brauchen ihn.« »Ich bin hier«, rief eine klagende Stimme. Die Kinder blickten zum offenen Fenster und sahen die große Eule auf dem Kerzenleuchter sitzen und hinaus in den strömenden Regen starren. »Wir haben dich gar nicht kommen hören«, sagte William und beleuchtete den Vogel mit seiner Taschenlampe. »Nein«, sagte Jasper. »Aber jetzt bin ich hier und ihr seid hier…« Das letzte Wort endete in einem traurigen, langen Seufzer. »Ist er tot, Jasper?«, fragte William mit zitternder Stimme. »Mr. Tyler? Ich meine, ich weiß schon, dass er es in Wirklichkeit ist, aber – in seiner Zeit – ist er jetzt gestorben?« »Noch nicht, glaube ich«, antwortete der Vogel. »Wie sollen wir das wissen?«, jaulte Spot kläglich. »Ich würde es wissen«, erwiderte die Eule. »Ich würde… es spüren. Wenn der Meister… geht… dann würde ich es… sicherlich spüren. Die Wälder werden es wissen. Merula und Falco, Lutra, Cinnabar, Bawson… die große Gemeinschaft seiner Freunde, seiner Begleiter… Du, kleiner Junge, und deine Schwestern… wir werden es alle wissen… irgendwie. Aber trotzdem glaube ich, dass sein Tod sehr nahe ist… Er wird bald sterben. Ich spüre es… Ich weiß es…« Sie schwiegen, als sie die Worte der Eule langsam begriffen. Die Wirklichkeit war schrecklicher als alles, was sie sich überhaupt vorstellen konnten. Jeder von ihnen gab sich seinem eigenen Kummer hin. Sie wollten ihn nicht miteinander teilen. Es war ein persönlicher Schmerz, für jeden von ihnen. Alice klammerte sich an Spot, der sich an sie schmiegte. Die Eule starrte weiter hinaus in die Nacht. William schaltete seine Taschenlampe aus, weniger, um Batterien zu sparen, sondern weil er in der Dunkelheit Trost suchte. Nur Mary konnte einfach nicht glauben, was sie alle dachten, obwohl sie von ihrem Kummer überwältigt war.
»Wir müssen zu ihm gehen«, sagte sie fest. »Wir müssen!.« Sie spürte, wie sich ein Gefühl von Energie und Entschlossenheit in ihr ausbreitete. »Wir wissen nicht, wie«, sagte William müde. »Wir müssen gar nicht wissen, wie, William«, sagte sie mürrisch. »Wir müssen es einfach nur wollen… genug wollen. Wir können ihn nicht sterben lassen, ganz allein in diesem Haus, und wir sind nicht bei ihm. Wir müssen ihm sagen, dass alles in Ordnung ist. Wir müssen ihm sagen, dass wir ihn nie vergessen werden. Wir müssen ihm sagen, dass er – was immer auch geschieht – eine Nachfahrin hat, die von ihm wissen wird und von all den wunderbaren Dingen, die er tun konnte. Er muss erfahren, dass wir Stephanie beibringen werden die Tiere zu verstehen und all das zu lieben, was er liebte und was er uns zu lieben gelehrt hat. Ich weiß nicht, wie, William…. Aber wir werden zu ihm gehen, weil wir müssen und weil wir wollen…. Oder wenigstens ich… ich will…« Sie schluchzte laut auf, Tränen liefen ihr über die Wangen und sie zitterte so sehr, dass sie sich gegen die Dachschräge lehnen musste, um nicht zusammenzubrechen. William ging durch den dunklen Raum langsam zu ihr, tastete nach ihrer Hand und hielt sie fest. »Also, das ist es dann wohl«, sagte er und versuchte seine Stimme fröhlich klingen zu lassen. »Wenn wir zu ihm gehen wollen, Jasper, kannst du uns dabei helfen?« Er knipste die Taschenlampe wieder an und leuchtete in die Richtung des Vogels. »Helfen?«, flötete die Eule und starrte sie blinzelnd an. »Vielleicht. Vielleicht können wir zusammen erreichen, was ihr vorhabt. Ich… weiß nicht sehr viel. Aber ich kann… manchmal… verstehen. Mit meinem Verstehen und eurem Wissen könnten wir zusammen vielleicht… das Unmögliche möglich machen. Es ist einen Versuch wert. Wir müssen die Gemeinschaft der Freunde einberufen. Dieses Vorhaben braucht die Anstrengung jedes Einzelnen von uns. Ihr habt jetzt die Leitung. Ihr drei. So wollte es der Meister. Er sagte es uns, als er uns an dem geheimen Ort getroffen hat…« »Meinst du das Treffen damals am…«, begann William, aber Spot sprang auf ihn zu und zwickte ihn in die Hand. »Au! Spot!«, rief William. »Das tut weh!« »Sprich nicht über geheime Dinge, kleiner Junge«, schrie die Eule. »Niemals. Dieser Ort ist nicht mehr sicher. Kannst du es nicht riechen?« »Was ist das für ein Geruch?«, fragte Mary.
»Der Geruch nach Verfall«, erwiderte die Eule. »Der Geruch nach Gift«, knurrte Spot. »Es riecht wie Futter, das schlecht geworden ist.« »Aber woher kommt das?«, fragte Alice. »Ratten«, antwortete Jasper. »Sie sind jetzt überall«, sagte Spot. »Jack stellt Fallen auf, aber es gibt mehr, als er fangen kann. Wahrscheinlich hören sie uns jetzt gerade zu. Könnt ihr sie nicht fühlen? Sie sind in den Wänden und unter den Dachsparren.« »Hör auf! Bitte!«, sagte Alice mit dünner Stimme. »Ich will hier nicht mehr sein. Ich hasse Ratten. Sie machen mich ganz kribbelig.« »Was ist passiert?«, flüsterte Mary. »Warum sind die Ratten zurückgekommen?« »Sie haben etwas vor, aber wir wissen nicht, was«, sagte Spot. »Ich hätte diese erste Ratte töten sollen, damals an Weihnachten. Die herumgeschnüffelt hat, als das Baby geboren wurde. Ich hätte es wirklich tun sollen, aber ich habe es nicht getan.« »Ich habe das verhindert, nicht wahr?«, sagte Alice. »Ich war in dir… Ich erinnere mich an den Geruch… Ich wusste, dass du springen wolltest… aber ich hatte solche Angst!« »Naja«, sagte Spot und stupste sie mit der Nase an, »ihr Menschen seid eben nicht daran gewöhnt, wie man mit Ratten umgeht. Ein netter, kurzer Sprung, wenn sie es nicht erwarten. Das bringt es normalerweise.« »Bitte, sprich nicht mehr darüber, Spot!«, bat Mary. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie in Jasper geflogen war, und an die Maus, die sie zum Abendessen verspeisten. »Kein Wunder, dass ich Vegetarierin geworden bin«, murmelte sie schaudernd vor sich hin. »Ist Morten hier gewesen?«, unterbrach William sie. Er hatte plötzlich eine Idee. »Ich glaube, noch nicht«, antwortete Jasper. »Also, wir müssen in seine Zeit, bevor er hierher in unsere kommt«, sagte William »Warum?«, fragte Mary. »Woran denkst du, William?« »Ich bin nicht sicher, aber ich vermute, wenn er erst einmal durch die Zeit reisen kann, wird er sehr mächtig. Und wenn der Magier wirklich krank ist, kann er ihn nicht kontrollieren…« »Also meinst du, wir müssen das tun?«, fragte Mary. »Irgendwie schon«, antwortete William. Dann blickte er sich um und fügte mit lauterer Stimme hinzu: »Wenn irgendeiner von seinen
Spionen jetzt zuhört, kann er Morten ausrichten, dass wir ihn in seiner Zeit besuchen werden, bevor er es in unsere schafft!« Die Eule blinzelte. »Nun gut«, sagte Jasper. »Ich rufe die Freunde für kurz nach Sonnenaufgang zusammen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, breitete er seine Flügel aus und schwang sich hinaus in die dunkle, regennasse Nacht. »Kommt«, sagte Mary, »wir schlafen besser noch ein bisschen. Wir müssen früh aufstehen. Diesmal habe ich auch meinen Wecker dabei.« »Aber wir können doch nicht einfach so weggehen, ohne irgendwas zu sagen«, meinte Alice. »Jack und Phoebe drehen durch, wenn wir nicht zum Frühstück kommen.« »Ist nicht zu ändern«, sagte Mary. »Dies ist zu wichtig, als dass wir uns auch noch um Kleinigkeiten kümmern könnten.« Mit einem entschlossenen Kopfnicken lief sie zur Tür und die Treppe hinunter, ohne auf William und seine Taschenlampe zu warten. »Komm, Alice!«, sagte William. Er schloss das Fenster wieder und verriegelte die Läden. »Sie hat Recht. Wir sollten ruhig noch mal ins Bett gehen, hier oben können wir sowieso nichts mehr tun. Es sieht so aus, als ob Mr. Tyler seit Ewigkeiten nicht hier gewesen ist.« Dann fügte er traurig hinzu: »Fast so, als wäre er nie hier gewesen.« »Ist er aber«, sagte Alice fest. »Wir wissen, dass er hier war – und nur das ist wichtig. Wir haben ihn gesehen. Wir wissen, dass es ihn gibt. Wir kennen seine Magie. Und… und Mary hat Recht! Wenn er nicht zu uns kommen kann, gehen wir eben zu ihm, das ist alles.« Sie verließ das Zimmer hinter William, froh über das Licht der Taschenlampe auf der dunklen Wendeltreppe.
4 Die morgendliche Versammlung Als sie den Tunnel hinter dem Wasserfall erreichten, fiel gerade das erste Morgenlicht auf die fernen Hügel und der Wald trat allmählich aus der Dunkelheit der Nacht hervor. Noch im Dunkeln hatten sie sich durch die Küchentür hinausgeschlichen, dank Spot, der sie führte, und Williams Taschenlampe, hatten sie doch den schmalen Pfad entdeckt, der vom Waldweg abbog und über den Steilhang nach Golden Water führte. In der Nähe der Eibe, deren dicke Äste das Baumhaus in ihrem Innern völlig verbargen, trafen sie Bawson, den Dachs. Er eilte zur Versammlung und begrüßte sie mit einem leisen Bellen, war aber zu schüchtern und zu nervös, um sich länger mit ihnen zu unterhalten. »Eigentlich geht er jetzt schlafen«, erklärte Spot. »Viele der Lebewesen haben ein bisschen Angst, wenn es Tag wird.« »Wovor haben sie denn Angst?«, fragte Alice, ganz atemlos vom Laufen. »Meistens vor Menschen«, grollte Spot. Dann bemerkte er, wie schwer es ihr fiel, mit seinem Tempo Schritt zu halten. Er blieb stehen und starrte sie mit heraushängender Zunge und langsam wedelndem Schwanz an. Alices Herz schlug schneller. Spots große, braune Augen schienen direkt in sie hineinzublicken. Sie streckte die Hand nach ihm aus und wollte das weiche Fell auf seinem Kopf streicheln, aber sie sah nicht ihre Hand, sondern eine Vorderpfote vor sich. Diese Pfote berührte den Boden und sie und der Hund sprangen als ein Wesen das letzte Stück des steilen Weges hinauf zu dem Stück Flachland, in das die Hügel mündeten. Das stille Ufer von Golden Water glitzerte in der Ferne schwarz und glatt unter dem Nachthimmel. »O Spot!«, flüsterte sie in ihrem Kopf. »So geht es besser. Wir Menschen können einfach nicht so schnell laufen wie du…« »Stimmt!«, sagte der Hund und sie wusste, dass er sie auslachte. Mary war schon am Ufer des Sees angekommen, als sie das raue Schwatzen von Pica, der Elster, hörte. »Wo bist du?«, rief Mary und suchte den Himmel nach ihr ab.
»Hier!«, krächzte eine Stimme in ihrem Kopf und sie fühlte, wie sie sich vom Boden in die kalte Luft erhob. »Oh!«, keuchte sie völlig überrascht. »Hör zu!«, sagte die Vogelstimme. »Ich fliege!«, wisperte sie. »Hör einfach zu!«, wiederholte die Stimme. Zuerst konnte sie nicht mehr hören als das Rausehen des Windes in den Bäumen unter ihnen. Aber plötzlich wurde die Stille von jubelndem Gesang erfüllt. Wenn man Geräusche mit fließendem Wasser vergleichen könnte, dachte Mary, dann hörte sie gerade die klare Musik eines Gebirgsbaches. »Was ist das?«, wisperte sie. »Alauda, die Lerche. Während des Sommers begrüßt sie immer als Erste die Morgendämmerung. Aber so spät im Jahr singt sie eigentlich nicht mehr. Wir leben in seltsamen Zeiten!« »Es ist herrlich!«, wisperte Mary und hörte dem fröhlichen und verzaubernden Gesang zu. »Und lecker«, sagte Pica. »Was?«, rief Mary, denn sie glaubte nicht, dass sie den Vogel richtig verstanden hatte. »Eine junge Lerche ist ein netter kleiner Imbiss«, bemerkte die Elster. Dann senkte sie die Flügel und segelte langsam einen Bogen zur Mitte des Sees. Hinter ihnen erhellte das erste Licht den Himmel im Osten und immer mehr Vögel stimmten in den Morgengesang ein. William sah Cinnabar zuerst. In den Schatten zwischen den Bäumen blitzte kurz der rotbraune Schwanz des Fuchses auf. Er lief neben dem Reitweg nach Four Fields in Richtung Ende des Sees. »Cinnabar!«, wisperte William aufgeregt. Sofort blieb der Fuchs stehen. »Zu hastig und zu unvorsichtig!«, hörte William die bekannte Stimme ausrufen. »Ich bin hier!«, rief William. »Ich weiß, wo du bist«, sagte der Fuchs fast ärgerlich. »Im Moment ist nicht die beste Zeit für eine Versammlung!« »Tut mir Leid!«, sagte William, sichtlich enttäuscht, dass ihr Treffen schon gleich mit einer Streiterei begann. »Ich mag die Morgendämmerung nicht«, erklärte Cinnabar. »Nicht diese Dämmerung. Nicht in dieser Jahreszeit.« Er blickte nervös über seine Schulter. »Die Jagd beginnt bald. Wir Füchse
müssen umdenken. Der Winter mag hart sein, aber die Hunde und die Jäger sind eine größere Gefahr.« Er trottete neben William her und sein Atem dampfte in der kalten Luft. Um sie herum sangen Vögel, das Licht wurde heller, funkelte auf dem See und färbte die Wolken rosa und violett. »Was für ein hartes Leben du hast«, sagte William traurig. »Und die Dämmerung sieht so schön aus.« »Schön?«, bellte Cinnabar. »Schönheit kann man nicht essen! Wozu soll Schönheit dann gut sein? Komm mit!«, sagte er und sprang vorwärts. »Bei dieser Geschwindigkeit sind wir noch die Letzten.« Und zusammen mit William jagte er davon zum fernen Wasserfall. Die Höhle am Ende des Tunnels war überfüllt, als Cinnabar und William hineinkamen. Sie konnten Alice neben Spot stehen sehen und auf einem vorstehenden Felsen saß Mary mit Pica auf der Schulter. Alle möglichen Vogelarten klammerten sich an Felsnasen und duckten sich in Nischen. Manche von ihnen kannten die Kinder. Da waren Merula, die Amsel, und Falco, der Turmfalke… Die Schwalben und Mauersegler hatten sich schon in wärmere Länder aufgemacht. Lutra, der Otter, war mit ein paar Enten da, Kaninchen und Marder, Bawson, der Dachs, ein paar Eichhörnchen, eine Wühlmaus… sogar eine Spinne in ihrem Netz. Sie alle kehrten dem Eingang den Rücken zu und sahen Jasper an. Die Eule saß auf einem Felsvorsprung, vor ihr war ein freier Platz. »Da bist du ja endlich!«, schrie Jasper, als William hereinkam. »Nun mach schon! Komm her! Trödel nicht rum! Wir sind alle da. Du auch, Mary! Und du, Alice! Schließlich sind wir auf euer Geheiß hier!« Er flötete ungeduldig und plusterte blinzelnd seine Federn auf. »Du gehst besser hin und stellst dich zu ihm«, wisperte Cinnabar. »Er kann sehr böse werden, wenn erwarten muss.« »Aber… aber… wir haben nicht um die Versammlung gebeten!«, protestierte William. »Ihr habt jetzt die Leitung!«, schrie die Eule. »Wenn der Meister nicht hier ist, hängt alles von euch dreien ab.« »Von uns?«, sagte Mary. »Aber wir wissen doch nichts!« Die Stockente neben ihr quakte zornig. »Ich habe noch nicht gefrühstückt«, sagte sie und beäugte einen Frosch. Wahrscheinlich hätte sie sich auf ihn gestürzt, wenn der Frosch nicht die Geistesgegenwart besessen hätte, sich rasch davonzumachen. Dann stellte sich Bawson, der Dachs, auf seine Hinterbeine.
»Sagt uns, was wir tun sollen«, brummte er. »Der Meister ist so lange nicht hier gewesen, dass wir nicht wissen, ob wir noch einmal mit ihm rechnen können oder nicht. Die Wälder sind voll seltsamer Gerüchte. Mein Volk fürchtet sich davor, dass die Fänger zurückkommen…« »Die Jagd beginnt bald«, sagte Cinnabar. »Man hat mir erzählt, dass das Wasser von Golden Spring vergiftet wird. Das habe ich gehört«, sagte Lutra, der Otter, und starrte William mit glänzenden Augen an, als ob der wüsste, ob die Gerüchte stimmten oder nicht. »Man hat mir erzählt, dass die Quellen austrocknen und es kein frisches Wasser mehr gibt, wenn noch ein heißer Sommer kommt. Was passiert dann? Was passiert mit den Fischen? Und mit uns? Uns allen? Alle Lebewesen brauchen frisches Wasser. Wasser ist Leben.« Jetzt wurden immer mehr Klagen laut. Die Vögel sagten, dass sie noch nie mit so wenig Nahrung auskommen mussten wie jetzt. Ein Marder hatte gehört, dass die Bauern Gift auslegten »…an allen Hecken. Was sollen wir fressen, wenn sie das Land vergiften?«, beklagte er sich. »Ruhe!«, donnerte Jasper und versuchte die Versammlung wieder zur Ordnung zu rufen. »Du kannst uns nicht zum Schweigen bringen!«, grummelte Bawson. »Wir sind verzweifelt. Jemand muss die Leitung übernehmen. Der Meister ist ein alter Mann. Er hat viel für uns getan, ich weiß das. Ohne ihn und diese Kinder hier wäre ich tot und meine Familie auseinander gerissen. Und ohne die alte Frau, natürlich – die alte Meg. Sie ist unsere Beschützerin gewesen, aber jetzt kommt sie nicht mehr so oft… und diese Kinder gehen fort… Und der Meister… er hat uns versprochen, dass er Nachfolger hat, wenn seine Zeit kommt und er abberufen wird. Er hat uns versprochen, dass wir nicht allein und verlassen sind.« »Warum kommt er nicht?«, bellte Cinnabar. »Wo ist er? Ist er krank? Stimmt das alles? Oder hat der andere ihn jetzt doch besiegt? Das will ich wissen. Es gibt Marder und Wiesel, die das gerne hätten. Immer mehr wilde Tiere wenden sich Morten zu. Ich habe gehört, dass neue Lebewesen an die Ufer des Flusses kommen – Wesen von jenseits des Wassers, von Menschen in Gefangenschaft aufgezogen und jetzt geflohen. Böse und stark und gerissen. Sie versuchen an unser Land zu kommen. Sie haben noch nicht einmal vom Meister
gehört. Morten könnte sie schnell für sich gewinnen. Und er hätte dann hundert Mal so viel auf seiner Seite wie wir. Es wird bald Krieg geben.« »Sei still, Cinnabar!«, knurrte Spot. »Dieses Gerede macht alles nur noch schlimmer. Es sind alles bloß Gerüchte.« »Ich habe gehört, dass das Haus des Meisters voller Ratten ist«, sagte ein Kaninchen. »Oder ist das auch bloß ein Gerücht?« »Es gibt sehr viele Ratten«, gab Spot unbehaglich zu. »Aber gab es die nicht immer dort? Von deiner Sorte gab es auch sehr viele – bis zum Großen Tod.« »Oh!«, schluchzte das Kaninchen. »Und wer hat uns den Großen Tod gebracht?« »Menschen«, sagte Jasper und alle Augen blickten auf die drei Kinder. »Aber keine Menschen wie wir!«, rief Mary. »Ich weiß, was ihr mit dem Großen Tod meint. Sie haben es uns erzählt… eine tödliche Seuche… Myxomatose…« »Ein langes Wort für ein grausames Schicksal«, seufzte das Kaninchen. »Warum haben die Menschen meine Rasse bestraft? Warum? Was haben wir euch jemals getan?« »Es ist schon sehr lange her«, murmelte Mary. »Es ist sogar jetzt noch nicht vorbei«, empörte sich das Kaninchen. »Der Große Tod wird niemals ganz vorbei sein.« »Warum jagen sie mein Volk?«, fragte Cinnabar. »Warum quälen sie mein Volk?«, fragte der Dachs. Wieder fühlten die Kinder, wie durch das dämmrige Licht der Höhle alle Augen auf ihnen ruhten. »Vielleicht«, sagte William, als er die Stille nicht länger ertragen konnte, »vielleicht gibt es auf manche Fragen keine Antworten…« Ein verächtliches Grollen, Zischen, Piepsen und Schnattern lief durch die Versammlung. »Das ist keine Antwort!«, sagte Jasper von oben herab. »Das weiß ich!«, empörte sich William. »Ich wollte damit ja nur sagen… manche Dinge haben keine einfachen Antworten. Zum Beispiel… hat das Kaninchen uns nach dem Großen Tod gefragt. Aber was ist mit den Ratten in Golden House? Dürfen sie weiterleben?« »Das ist was ganz anderes!«, sagte ein Marder ungeduldig. »Wieso?«, fragte William. »Warum denn das?« »Weil die Ratten in Golden House Mortens Geschöpfe sind.«
»Und alle Kaninchen, die am Großen Tod starben, waren die Kaninchen des Meisters?«, wollte William wissen. »Willst du das sagen?« Er bekam keine Antwort. »Und überhaupt, warum darf man Mortens Geschöpfe töten, aber nicht die des Meisters? Das finde ich nicht gerecht…« »Kleiner Junge!«, unterbrach Jasper ihn schulmeisternd. »Sprich nicht über Dinge, die du nicht verstehst…« »Aber ich verstehe doch nichts von allem!«, rief William mit vor Ungeduld so lauter Stimme, dass alle um ihn herum schwiegen. »Das behaupte ich ja noch nicht mal. Ihr stellt doch ständig die Fragen. Wenn ihr es unbedingt wissen wollt – die Kaninchen wurden mit Myxomatoseviren infiziert, weil sie einfach überhand nahmen… Ich weiß…«, schnitt er den schrillen Protest des Kaninchens ab, »ich weiß, dass es schrecklich war – ich weiß, dass es falsch war… aber deshalb ist es passiert. Die Menschen haben es getan – aber nicht nur aus Böswilligkeit. Und die Ratten in Golden House – wenn sie nicht aufgehalten werden, dann werden sie auch überhand nehmen. Sie müssen getötet werden. Sogar die Jagd, Cinnabar… Ich weiß, dass sie grausam ist. Ich mag sie nicht… Aber ihr Füchse tötet die Hühner der Bauern und die Hähne und die Enten. Deshalb hassen sie euch…« »Und die Menschen?«, fragte Jasper von oben herab. »Nehmen sie nicht auch ›überhand‹, wie du es ausdrückst? Töten sie nicht auch Hühner und Enten? Gibt es ein Gesetz für Menschen und ein anderes für uns hier, William? Meinst du das?« »Nun«, entgegnete William, »habt ihr nicht gerade behauptet, dass es ein Gesetz für die Geschöpfe des Meisters und eins für Mortens Geschöpfe gibt? Es scheint euch nichts auszumachen, wenn Mortens Ratten getötet werden, oder?« Eine schreckliche, lang anhaltende Stille folgte. William ließ den Kopf hängen. Er hatte das Gefühl, alles verdorben zu haben. Er wusste, dass er die Versammlung gegen sich aufgebracht hatte. Er konnte die Enttäuschung und Feindseligkeit um sich herum spüren. Er war noch nicht mal sicher, ob sie nicht von Mary und Alice genauso ausging wie von den Tieren und Vögeln. Alice hatte der Versammlung schweigend zugehört. Jetzt streckte sie die Hand nach Spot aus. Er sah sie bekümmert an, aber er kam nicht zu ihr, um sie zu trösten. Mary, die neben ihr stand, legte einen Arm um sie. Alice fühlte, wie ihr bei dieser Anteilnahme Tränen in die Augen stiegen. Um nicht vor aller Augen zu weinen anzufangen,
drehte sie sich um und verbarg ihr Gesicht an Marys Schulter. »Vielleicht nicht«, sagte Cinnabar. »Sehe ich dich am Wochenende, kleiner Junge?« »Ja!« William nickte eifrig. Er hoffte alles wieder gutmachen zu können. »Du wirst wohl zweifellos mit den Jägern reiten?«, schnarrte der Fuchs, drehte sich mit einem Schlag seines Schwanzes um und huschte durch den Tunnel zum fernen Gebrüll des Wasserfalls. »Cinnabar!«, schrie William. »Das ist nicht fair, Cinnabar!« Verzweifelt rief er hinter dem Fuchs her. »Schlechte Zeiten für Füchse im Moment«, sagte Bawson traurig. »Schlechte Zeiten für uns alle.« Als ob seine Worte das Signal zum Aufbruch gewesen wären, hüpften und glitten, huschten und flogen sie aus der Höhle, bis nur noch Jasper, Spot und die Kinder übrig waren. »Jasper!«, bat William. »Bitte hilf mir!« »Ohhh!«, schrie die Eule klagend. »Hilf uns allen!« Ohne auf eine Antwort zu warten, breitete Jasper die Flügel aus und flog in den Tunnel. »Spot!«, sagte Mary. »Bitte verlass uns nicht auch, Spot!« »Sie sind nur wilde Tiere, weißt du«, antwortete der Hund ruhig. Dann seufzte er. »Nur? Habe ich nur gesagt? Wir Hunde sind schon so lange zahm, wir wissen schon gar nicht mehr, wer wir sind.« »Ich hab dich lieb, Spot«, sagte Alice und weinte. Der Hund sah sie forschend an. Dann schien er zu nicken und eine Entscheidung zu treffen. »Liebe«, sagte er. »Das ist es, was ihr Menschen uns gegeben habt. Wusstet ihr das? Wilde Tiere lieben nicht. Sie beschützen, sie verteidigen, sie hegen und pflegen ihre eigene Art. Aber wenn sie nicht auf Menschen treffen, lieben sie nicht.« »Aber Liebe ist doch gut?«, rief Mary. »Gut?«, sagte Spot schroff. »Ja, natürlich. Aber schwierig. Denn wenn du liebst, kannst du auch hassen. Wilde Tiere kennen auch keinen Hass. Sie jagen und töten und haben bestimmte Feinde. Aber das sind natürliche Feinde. Wenn man Liebe nicht kennt, kennt man auch keinen Hass. Oder Schmerz. Cinnabar ist jetzt verletzt, weil er einen Menschen kennen gelernt hat und der Mensch nicht so handelt, wie er es von ihm erwartet. Ihr Menschen mit eurer Liebe und eurem Hass… ihr macht das Leben sehr kompliziert.« Dann leckte Spot plötzlich über Alices Hand. Sie kniete sich so-
fort vor ihn und legte ihre Arme um ihn. Aber fast gleichzeitig schüttelte der Hund sie ab und machte mit tiefem Knurren und gesträubten Nackenhaaren einen Satz nach vorne. »Was ist jetzt los?«, rief Alice weinend. Sie glaubte fest, dass sie wieder etwas falsch gemacht hatte. »Ich weiß nicht. Etwas…« Spots Nase zuckte, als er in die Richtung einer dunklen Ecke der Höhle schnupperte. »Etwas… etwas wie Ratte.« »Eine Ratte?«, japste Alice. Sie floh in den Schutz der Wand zurück. »Und trotzdem…«, sagte Spot mit schief gelegtem Kopf, »es ist nicht Morten… Eine Ratte, aber nicht…« Ein plötzliches Zischen unterbrach ihn mitten im Satz. Alice schlug sofort die Hände über die Augen, was sie immer tat, wenn sie Angst hatte. »Wer ist sie?«, stieß Mary hervor. »Wo ist sie?«, wisperte William. »Auf den Felsen da oben«, bellte Spot, sprang vorwärts und stützte sich mit den Vorderpfoten am steil aufsteigenden Felsen ab. »Ich kann nichts erkennen.« William starrte angestrengt durch das Dämmerlicht. »Aber sie ist da, ich kann sie riechen«, brummte der Hund. »Rattengeruch, aber anders. Wer bist du?«, bellte er. »Zeig dich und sag uns, wer du bist! Du! Ratte! Wer bist du? Woher kommst du?« Einen quälenden Augenblick lang war es absolut still. Dann sprang eine geschmeidige, schwarze Gestalt aus der Dunkelheit auf sie zu. Mary schrie auf und William wich einen Schritt zurück. Das Wesen landete zu ihren Füßen in einem Lichtstrahl, der durch die Öffnung hoch oben in der Höhlendecke fiel. Sie sahen einen glatten, schwarzen Körper und einen langen, wurmartigen Schwanz. Spot blickte das Tier mit gesträubtem Fell an, aber er stürzte sich nicht darauf. Irgendwie schien er verwirrt zu sein. »Wer bist du?«, fragte er noch einmal. »Mein Name ist Rattus Rattus«, antwortete das Wesen. »Ich habe dich noch nie gesehen«, knurrte Spot. »Ich wohne nicht hier«, erwiderte die Ratte. »Woher kommst du dann?«, fragte William. »Aber William!«, rief Rattus Rattus. »Weißt du das nicht?« »Mr. Tyler?«, keuchte Mary erleichtert und hoffnungsvoll. »Naja, nicht persönlich«, antwortete die Ratte. »Aber ja, ich bin
die Ratte des Magiers.« »Ich glaube dir kein Wort«, sagte Alice, die Hände immer noch über den Augen. »Mr. Tyler hätte bestimmt keine Ratte.« »Alice!«, zischte die Ratte. »Schäm dich! Warum sollen nur die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben? Du wirst merken, dass ich euch sehr nützlich sein kann. Wirklich sehr nützlich.« »Nützlich?«, fragte Mary und war plötzlich wieder nervös. »Wie – nützlich?« »Wie könntet ihr wohl ohne mich das feindliche Lager unterwandern?«, sagte Rattus Rattus und quietschte vor Lachen.
5 Rattus Rattus Entsetztes Schweigen folgte auf die Worte der Ratte. Alice hatte immer noch die Hände über den Augen, aber sie spreizte die Finger ein wenig und konnte einen schnellen Blick auf das Tier werfen. »Hallo!«, sagte die Ratte und ihre pechschwarzen Augen glitzerten in der Dämmerung. Sie grinste Alice breit an. Alice streckte die Hand aus und zog Spot näher an sich heran. »Der Meister hat mir gesagt, dass du mutig bist, Alice. Was für eine Sorte Mut ist das jetzt?« »Ich mag keine Ratten«, wisperte sie. »Das ist nicht sehr nett von dir, oder?«, sagte die Ratte. »Und wie viele Ratten kennst du, wenn ich fragen darf? Bist du mit einer Ratte eng befreundet? Hast du schon mal mit einer zu tun gehabt? Hast du jemals in deinem kurzen Leben versucht eine Ratte kennen zu lernen? Ja? Hast du das?« Als die Ratte die letzte Frage ausspuckte, sprang sie mit zuckendem Schwanz und gebleckten Zähnen auf Alice zu. Alice stieß einen Schrei aus und versteckte sich hinter Mary. »Geh weg!«, keuchte sie. »Spot, tu doch was!« Der Hund knurrte und wich nicht von der Stelle. Er stand jetzt zwischen der Ratte und den Kindern. Die beiden Tiere maßen sich mit Blicken. »Du wärst mir nicht gewachsen, Sirius«, sagte die Ratte kalt und drohend. »Du solltest noch nicht mal denken, was du gerade denkst. Eine falsche Bewegung und ich springe dir an die Kehle. Ich bin berühmt im Zweikampf. Ich habe die Kunst auf einer portugiesischen Galeere gelernt, die gegen spanische Piraten segelte. Wenn ich kämpfe, dann gewinne ich. Ich halte nichts von euren höflichen Plänkeleien. Wenn ich kämpfe, dann töte ich.« Spot knurrte lange und tief. Aber er hatte seinen Schwanz zwischen die Beine geklemmt und wich einen Schritt zurück. »Woher sollen wir wissen, ob du überhaupt etwas mit dem Magier zu tun hast?«, fragte er. »Du könntest ein Spion sein. Du könntest Mortens Ratte sein.«
»Könnte ich«, stimmte die Ratte zu. »Deshalb bin ich ja so nützlich für euch.« »Nützlich?«, knurrte Spot. »Wie könnte eine Ratte nützlich sein?« »Vielleicht, indem sie andere Ratten glauben lässt, dass sie eine von ihnen ist?« »Was du wahrscheinlich sowieso bist«, sagte Spot. »Vielleicht sagt sie tatsächlich die Wahrheit.« William versuchte mutiger zu klingen, als er sich fühlte. »Sie weiß alle unsere Namen.« »Das ist kein Beweis«, sagte die Ratte verächtlich. »Glaubt ihr wirklich, dass Mortens Geschöpfe eure Namen nicht kennen? Sie kennen eure Namen, sie wissen, wohin ihr geht, sie beobachten euch ununterbrochen.« »Sie wissen nicht, dass wir hier sind«, sagte Spot. »Sie kennen diesen Ort nicht. Sie haben die Höhle der Träume noch nicht gefunden.« »Noch nicht, nein«, räumte die Ratte ein. »Aber sie werden es bald. Deshalb müssen wir sie zuerst angreifen. Wir müssen ihnen um eine Nasenlänge voraus sein. Deshalb bin ich hier.« »Der Magier würde nie eine Ratte benutzen«, beharrte Alice. »Der Magier würde jedes Tier oder jedes Ding benutzen, das ihm helfen kann«, sagte die Ratte. »Er benutzt sogar kleine Mädchen, die vor Tieren Angst haben, auch wenn die Tiere kaum größer sind als einer ihrer Füße.« Dabei wich sie Spot geschickt aus, sprang auf Alice zu und landete mit einem Plumps auf ihrem Fuß, wo sie sich grinsend und mit zuckendem Schwanz festhielt. »Spot!«, schrie Alice. Sie schüttelte heftig ihren Fuß, um das schreckliche Wesen loszuwerden. Sofort sträubte Spot die Nackenhaare und bellte wie wild. Mit kreischendem Gelächter sprang die Ratte fort und sauste wie der Blitz die raue Felswand bis zu einem Vorsprung hoch. »Iiiiiihhh!«, schluchzte Alice hysterisch. »Nehmt sie weg! Nehmt sie weg!« Und immer noch schluchzend und zitternd fing sie laut zu weinen an. »Es ist gut, Alice! Es ist gut! Sie ist weg!« William musste schreien, um sich über dem ganzen Lärm bemerkbar zu machen. Spot stand aufgeregt bellend unter dem Felsvorsprung. Alice weinte. Die Ratte fiepte schadenfroh. »Seid still!«, brüllte Mary. »Seid alle still, sofort!« Ihre Stimme war so laut und kam so unerwartet, dass es ihr tatsächlich gelang: Alice hielt mitten in einem neuen Schluchzer den Atem an, Spot
hörte auf zu bellen und die Ratte zischte noch einmal. Dann schwieg sie. »So ist es besser!«, sagte Mary in die Stille. »Noch mehr von solchem Krach und Mortens Spione müssen uns ja finden.« »Also glaubst du nicht mehr, dass ich ein Spion sein könnte?«, zischte die Ratte. »Das wissen wir nicht«, gab William zurück. »Aber wenn du wirklich auf unserer Seite bist, wie du behauptest, dann hast du schon eine seltsame Art, das zu zeigen.« »Es ist verwirrend, William, nicht wahr?«, wisperte die Ratte. »Der Magier hat uns ein Geschenk gegeben«, sagte Mary. »Wenn du der bist, für den du dich ausgibst, dann musst du wissen, was es ist.« »Das ist leicht«, antwortete die Ratte. »Sein Pendel. Sein goldenes Pendel.« »Das stimmt!«, japste Mary. »Aber das beweist gar nichts, Mary«, sagte die Ratte. »Schließlich hat Mortens Krähe versucht es euch wegzunehmen. Morten hat selbst gesehen, dass du, William, es hattest. Was beweist das also?« »Aber es ist verloren gegangen. Es fiel in den See.« »Ja. Und die Krähe hat gesehen, wie es passierte. Sie hätte es natürlich ihrem Meister erzählt.« »Aber die Krähe hat nicht gesehen, was danach passiert ist«, beharrte Mary. »Du hast es wiedergefunden und jetzt ist es in deiner Tasche«, gab die Ratte schlagfertig zurück. »Ach, so bringt das doch nichts!«, schluchzte Mary. »Sieht so aus, als müsstet ihr mir vertrauen«, fiepte die Ratte. »Schließlich sind Taten mehr wert als Worte.« »Was soll das heißen?«, fragte William. Die Ratte zuckte die Schultern und setzte sich auf ihre Hinterbeine. »Wenn ich euch gut diene, bin ich ein Freund. Wenn nicht, bin ich ein Feind.« »Aber dann kann es schon zu spät sein«, sagte William ärgerlich. »Dann kannst du uns schon in alle möglichen Gefahren gebracht haben… oder noch schlimmer. Wir könnten alles an Morten verlieren, wenn wir dir vertrauen.« »Du scheinst nicht viel Vertrauen in dich selbst zu haben, William. Bist du so unfähig, dass du das ganze Unternehmen durch eine
kleine Ratte gefährden lässt?« »Eine kleine Ratte!«, rief Alice. »Du bist eine schreckliche, große, fiese Ratte. Und natürlich haben wir Angst vor dir. Wir springen schließlich nicht aus dem Dunkeln Leute an und versuchen sie zu erschrecken. Wir fiepen nicht… und… und…« Vor lauter Angst und Enttäuschung fand sie keine Worte. »Geh weg…« Sie hob einen Stein auf und warf ihn mit ganzer Kraft. Er traf die Felswand knapp über dem Kopf der Ratte und polterte dann auf den Boden. Die Ratte krümmte zischend den Rücken. »Nicht, Alice!«, grollte Spot. »Reiz sie nicht!« »Spot, du musst doch wissen, ob der Magier eine Ratte hat«, sagte William. »Ich habe noch nie davon gehört«, antwortete Spot. »Aber du warst auch noch nie in der Zeit des Magiers, oder, Hund?«, zischte die Ratte. »Du meinst… du kommst von damals?«, fragte William überrascht. »Natürlich. Habe ich euch das nicht erzählt?« »Du hast nur gesagt, du wärst nicht von hier.« »Bin ich auch nicht…« »Wie geht es ihm?«, unterbrach Mary besorgt und vergaß ihre Furcht völlig. »Dem Meister geht es gar nicht gut«, erwiderte die Ratte. »Liegt er im…?« »Sterben?«, beendete die Ratte Spots Frage. »Das habe ich ihn gefragt.« »Und? Was hat er gesagt?«, wisperte Mary und fürchtete sich schon vor der möglichen Antwort. »Er sagte, dass wir alle schon zu sterben beginnen, kaum dass wir auf der Welt sind«, antwortete die Ratte. »Warum hat er dich geschickt?«, fragte William. »Weil er nicht selbst kommen kann. Diesmal nicht. Vielleicht nie mehr. Er hat mich geschickt, weil er nicht wollte, dass ihr allein seid.« »Er will, dass eine Ratte uns Gesellschaft leistet?«, sagte Alice ungläubig. »Alice! Alice, hör jetzt auf damit!«, sagte die Ratte und versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. »Ich bin Rattus Rattus. Ich bin ehrenwert. Ich bin berühmt. Ich stehe dem Meister sehr nahe und ich habe dein Verhalten überaus satt. Ich bin Rattus Rattus! Ich habe auf
dem ganzen Erdball Schlachten geschlagen. Die sieben Weltmeere habe ich bereist und die Sonne über fernen Ländern aufgehen sehen. Aber als ich den Meister traf, habe ich beschlossen bei ihm zu bleiben. Ich kenne den Ruf meiner Sippe. Seit unserer Erschaffung sind wir gesteinigt worden. Der Stein, den du geworfen hast, war nur einer in einer langen Reihe von Steinen, Alice. Obwohl ich nicht gedacht habe, dass einer der Freunde des Meisters mich so behandeln würde. Vielleicht bin ich eine Ratte, aber der Meister hat nur das Gute in mir gesehen und es gefördert. Er machte mich zu Gold.« In der Stimme der Ratte schwang Erstaunen mit. »Der Meister hat Möglichkeiten in mir gesehen, die gewöhnliche Menschen nie erkennen werden. Ich bin Rattus Rattus. Ich werde nicht aufhören die Ratte zu sein, die ich bei meiner Geburt war. Ich werde immer eine Ratte sein – genauso wie ihr immer Menschen sein werdet und Sirius immer ein Hund. Wir können unserer Gestalt nicht entkommen. Aber wenn wir die Alchimie wirken lassen, befreien wir uns von unserem unedleren Selbst und gestatten uns zu leuchten. Vielleicht bin ich eine Ratte. Vielleicht kämpfe ich wie eine Ratte und denke wie eine Ratte und sehe aus wie eine Ratte. Aber bis jetzt bin ich das einzige Gold in dieser Höhle.« Diese Worte sagte die Ratte so schlicht, dass es sich nicht nach Angeberei anhörte. Mary hatte schweigend zugesehen und zugehört. Nun blickte sie die anderen an. Sie starrten alle ernst hinauf zum Felsvorsprung, wo Rattus Rattus hockte. Jeder von ihnen bemühte sich angestrengt ihn dort oben zu erkennen und sah dabei selbst klein und verwundbar aus. Jeder von ihnen hatte einen gespannten und erwartungsvollen Ausdruck auf dem Gesicht. Alice hatte aufgehört zu weinen und William runzelte nicht mehr die Stirn, wie er das normalerweise tat, wenn er etwas verstehen wollte. Spots gesträubtes Fell war wieder glatt und er wedelte langsam mit dem Schwanz. »Wir brauchen deine Hilfe.« Mary sprach für sie alle. »Wenn du aus der Zeit des Meisters gekommen bist… kannst du uns mit dahin zurücknehmen?« »Ah!«, sagte Rattus Rattus traurig. »Der Meister hat mir schon gesagt, dass ihr das vorhabt. Aber er hält es für viel zu gefährlich, viel zu schwierig. Deshalb hat er an seiner Stelle mich geschickt. Damit ich euch hier helfe, in eurer Zeit.« »Aber wir müssen zu ihm gehen«, bat Mary die Ratte inständig. »Wir möchten ihn so gerne sehen.«
»Und er… er will euch auch sehen. Aber er hält das für die Laune eines alten Mannes. Die Eitelkeit eines alten Mannes…« »Könnten wir es schaffen?«, fragte William. »Mit deiner Hilfe?« »Zeitreisen? Ich weiß nicht«, antwortete die Ratte. »Diese Gabe kann man nicht leihen oder lernen. Es ist eine Kunst… nein, mehr als eine Kunst. Es ist in eurem Sein. Wenn ihr es genug wollt… könnt ihr es erreichen. Wenn ihr etwas aus dem richtigen Grund wollt, könnt ihr alles erreichen. Aber denkt daran… wenn ihr in unsere Zeit reist, müsst ihr auch wissen, wie ihr wieder zurückkommt.« »Aber Morten versucht hierher zu kommen«, sagte William. »Und der Magier hat uns erzählt, dass er dicht davor steht. Aber er ist selbstsüchtig und gierig und er tut es aus den falschen Gründen…« »So ist es«, zischte die Ratte. »Also wieso kann er es tun?« »Er will es genug. Er will es so sehr, dass er an kaum etwas anderes denkt. Sein Geist konzentriert sich immer auf eure Zeit. In dieser Zukunft sieht er seine Bestimmung, seine Erlösung, die Erfüllung all seiner Träume.« »Aber er ist schrecklich«, sagte Mary. »Er bringt alles Schlechte mit. Ich glaube nicht, dass er durch die Zeit reisen kann, aber wir können es auch nicht. Wie ist das möglich?« »Genauso wie gierige Leute unedles Metall in Gold verwandeln können, Mary, wenn sie wirklich hart arbeiten und mit großem Eifer ihre Begierde verfolgen…« »Dann kann das Böse gewinnen«, sagte William kopfschüttelnd. »Es scheint keinen Zweck zu haben, weiterzumachen.« »Sie machen Narrengold, William. Wie Jonas Lewis. Aber sein Fehler war nur klein im Vergleich zu dem, wovon Morten träumt. Es ist eine Sache, wenn sich ein bisschen Gold zurückverwandelt… aber stellt euch vor, ihr unternehmt eine Zeitreise aus den falschen Gründen und dann verlässt euch plötzlich die Magie.« Rattus Rattus machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. »Stellt euch vor, ihr reist in eine andere Zeit und seid nicht in der Lage, wieder zurückzukehren. Wo würdet ihr dann sein? Verloren. Verloren in der Zeit. Nirgendwo. Vergessen. Glaubt mir, hört auf mich, Zeitreisen kann man nur unternehmen, wenn man viel darüber nachdenkt. Ein Fehler, und ihr seid für immer verloren.« »Ich verstehe das nicht«, seufzte William. »Macht nichts«, sagte Rattus Rattus freundlich. »Eigentlich glau-
be ich auch nicht, dass euch so ein Schicksal treffen könnte. Jetzt müsst ihr aber zum Haus zurückgehen, bevor eure Abwesenheit von unserem Feind bemerkt wird. Ich komme zu euch in eure Zimmer oben im Turm. Die Erwachsenen – Jack und auch Phoebe Tyler –, sie brauchen Hilfe. Sie könnten alles kaputtmachen. Es gibt viel zu tun. Erwartet mich…« Und mitten im Satz verschwand er vor ihren Augen. »Genau wie Stephen Tyler«, wisperte Mary.
6 Das Gespräch mit Meg Meg war in der Küche, als sie zum Haus zurückkamen. Sie saß dicht beim offenen Herdfeuer und trank Tee. »Da seid ihr ja«, brummelte sie, als die Kinder eintraten. »Ihr hättet nicht ohne Frühstück losgehen sollen. Ihr macht mir nur Ärger.« Aber sie stand nicht auf, um ihnen etwas zu essen zu holen. Sie wirkte niedergeschlagen und abweisend. »Ist was schief gegangen, Meg?«, fragte Mary und ging zum Feuer. Ihr war jetzt kalt. Als sie von der Höhle zurückgelaufen waren, hatte sie das gar nicht gemerkt. »Schief gegangen?«, fragte Meg und sah sie verständnislos an. »Ja«, sagte Mary. »Wir sind doch nicht blöd! Es ist ganz klar, dass hier etwas passiert ist… Irgendetwas Schlimmes.« »Phoebe hat eine kleine Erkältung, das ist alles«, antwortete Meg und versuchte fröhlich zu klingen, konnte Mary aber dabei nicht in die Augen sehen. »Meg«, bat Mary und hockte sich neben sie, »bitte sag es uns. Wir wollen doch nur helfen.« »Ihr seid doch noch Kinder«, sagte Meg. »Ja, und?«, fragte William ungeduldig. »Vielleicht sind wir noch jung, aber wir haben schon ein Hirn zum Denken! Wir haben Augen im Kopf! Wir können sehen, dass hier etwas vor sich geht.« »Wenn ihr so clever seid, warum fragt ihr dann überhaupt?«, fauchte Meg. »Ach, Meg!«, rief William, gleichzeitig gekränkt und enttäuscht. »Du hast gesagt, du wolltest uns helfen.« Mary hockte immer noch neben der alten Frau und fühlte die Wärme des Feuers auf ihrem Gesicht. »Letzten Sommer, als die Crawdens dich ausbezahlen wollten. Wir haben dir damals geholfen und du hast gesagt, du würdest uns auch helfen.« »Hab ich doch, oder nicht?«, gab Meg zurück. »Ich habe euch geholfen. Ich habe nicht an sie verkauft. Das war doch, was ihr wolltet, oder nicht? Das habe ich für euch getan! Ich habe Henry und seinem Sohn das Land um Golden Water nicht verkauft, als ich es konnte.
Wenn ich ehrlich bin, wusste ich noch nicht mal, dass es mir gehörte. Aber offensichtlich gehörte es mir. Mir und meiner Familie. Die ganze Zeit!« Sie rieb nachdenklich über ihre Hand und schüttelte den Kopf. »Wie habt ihr das bloß gewusst, frage ich mich? Oder frage ich mich das wirklich?« Sie drehte sich um und sah jeden von ihnen prüfend an. Alice saß am Tisch und aß ein dickes Butterbrot, das sie sich gemacht hatte, während die anderen sprachen. William lehnte am Küchenschrank, die Hände in den Hosentaschen, und starrte auf den Boden. Mary hatte sich weiter weg von der Hitze des Herds auf den Boden gesetzt und stützte das Kinn auf die Knie. »Ich hätte nicht auf euch hören sollen«, beklagte Meg sich bitter. »Ich hätte das Land verkaufen und wegziehen können. Irgendwohin, ganz weit weg. Wenn ich Henry das Land verkauft hätte, wäre die ganze Geschichte hier vorbei, ein für alle Mal.« Jetzt war es mehr so, als spräche sie mit sich selbst. Ihre Stimme klang fern und verwirrt, als ob sie Gedanken ausspräche, die sie quälten. »Es war ein Fehler, wieder hierher zurückzukommen. Eine Lewis in Golden House! Ich hätte wissen müssen, dass das nur Kummer bringt.« Sie schauderte, als ob ihr plötzlich kalt wäre, obwohl der Herd große Hitze ausstrahlte. Dann schwieg sie wieder, und als Mary sie anblickte, sah sie, dass der alten Frau Tränen über die Wangen liefen. »O Meg!«, sagte Mary, glitt zu ihr und legte beide Arme um sie. »Nicht weinen! Bitte, nicht weinen! Es wird schon alles wieder gut, ich verspreche es dir. Irgendwie! Wir sind jetzt hier. Wir lassen nicht zu, dass alles verdorben wird…« Dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte, und sah verzweifelt über ihre Schulter zu Alice und William, damit sie ihr zu Hilfe kämen. William stellte sich auf die andere Seite neben Meg und Alice kniete sich vor sie. »Wein doch nicht!«, sagte Alice, nachdem sie einen Bissen Brot hinuntergeschluckt hatte. »Bitte, Meg!« »Erzähl uns einfach, was passiert ist«, meinte William. »Wir müssen es wirklich wissen, Meg.« Die alte Frau sah jeden von ihnen an und nickte dann mit dem Kopf. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, Herzchen«, sagte sie ruhig. Sie starrte auf die glühenden Scheite im Herd und ihre Stimme wurde immer sicherer, während sie den Kindern alles erzählte, was sie wissen wollten. »Es fing alles an, bald nachdem ihr zurück in die Schule gegangen wart – und wenn ich mich richtig besinne, nicht
sehr lange, nachdem ich hier eingezogen war. Aber zuerst schien alles sehr gut zu gehen. Ich dachte, alles würde sich zum Besten entwickeln. Mein Bein heilte sehr gut. Ich hatte immer noch Schwierigkeiten zum Dachsbau zu gehen, aber Dan, der jüngere von den Bauarbeitern, die Jack helfen, warf für mich ein Auge auf die Dachse. Seit dem Theater im Frühling haben wir keine Probleme mehr gehabt und Bob Parker, mein Freund von der Polizei, hält mich über alles auf dem Laufenden, also würde ich wissen, wenn die Fänger wieder da wären. Um euch die Wahrheit zu sagen – ich fing an mich hier richtig wohl zu fühlen. Ich wusste, dass ich Jack und Phoebe in Ruhe lassen musste. Es ist nicht einfach, wenn noch jemand im Haus lebt, erst recht nicht für eine junge Familie. Also blieb ich in meinem Zimmer, wenn ich nicht Hausarbeit erledigte – eben alles, was Phoebe ein bisschen entlastete –, waschen und bügeln, nur kochen durfte ich nicht. Aber ich habe ein paar Wände gestrichen für sie und ein paar Mal auf das Baby aufgepasst, wenn sie abends mal in die Stadt wollten. Einmal sind sie mit dieser Frau vom Museum Essen gegangen und ein anderes Mal ins Theater. Alles schien sehr gut zu gehen. Ich war nützlich für sie und für mich war es schön, nach all den einsamen Jahren ein paar Menschen um mich zu haben. Phoebe war nur nicht glücklich. Das konnte ich sehen. Es gibt Menschen, die nie richtig glücklich sind. Ich glaube, Phoebe gehört dazu. Sie grübelt. Natürlich bekommen beide auch nicht genug Schlaf. Das Baby schreit die ganze Nacht und manchmal auch noch tagsüber, wenn es bei mir ist, obwohl ich es oft für eine Weile zum Schlafen bringen kann. Es muss schwierig für sie sein. Ich könnte es nicht aushalten! Jetzt nicht mehr! Es gab eine Zeit, da wollte ich eigene Kinder… Aber jetzt…« Sie schüttelte nachdenklich den Kopf, dann zwang sie sich ihre Gedanken wieder zu konzentrieren. »Nein«, fuhr sie fort, »zwischen Phoebe und Jack herrscht dicke Luft… schon seit längerem, wie ich annehme. Aber die Ratten haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich dachte, sie wären mir hierher gefolgt. In meinem Häuschen in Four Fields hatte ich eine Rattenplage«, erinnerte sie sich schaudernd. »Ich dachte damals, ich würde nie wieder so viele auf einmal sehen. Wie man sich doch irren kann! Die Ratten haben mich aus meinem eigenen Haus vertrieben. Aber als ich das erste Mal eine hier sah«, sie nickte mit dem Kopf in Richtung Halle, »da dachte ich – was macht schon eine kleine Ratte? Wisst ihr – ich meine, das Haus ist alt und über Wasser gebaut, da hat man einfach Ratten… Also habe ich nicht weiter darüber nachgedacht.
Gypsy – ich meine euren Spot, ich denke immer noch an ihn mit dem Namen, den ich ihm damals gegeben habe – er hat das eklige Tier bald fortgejagt. Aber das nächste Mal waren schon zwei oder drei in der Halle und da begann ich mir Sorgen zu machen. Ich habe es Jack erzählt, aber er schien kaum Notiz davon zu nehmen. Dann, an diesem besonderen Morgen – es scheint gestern gewesen zu sein, aber es ist schon ein oder zwei Wochen her – ging ich den Flur hinunter…«, sie unterbrach sich und schüttelte den Kopf, als ob sie sich von ihrer Erinnerung befreien wollte. Mary konnte fühlen, wie sie zitterte. Als sie fortfuhr, brachte sie nur ein Flüstern zustande. »Da war ein ganzer Schwarm von diesen Biestern. Sie krochen alle um den Kamin in der Halle herum. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Ratten gesehen. Viel mehr als in Four Fields. Es waren… Hunderte. Ich schrie, das gebe ich gerne zu. Ich habe das ganze Haus zusammengeschrien! Jack kam aus seinem Zimmer angelaufen. Er muss sich gefragt haben, was um Himmels willen passiert war. Aber als er die Ratten sah, war er ziemlich entsetzt, das war nicht zu übersehen. Aber mir ging es genauso. Sie liefen natürlich weg, als er kam…« Sie unterbrach sich wieder stirnrunzelnd. »Aber davor… war es so, als wäre ich ihnen zufällig begegnet – hätte sie überrascht…« Die Angst ließ ihre Stimme hoch und schrill klingen. »Vor mir liefen sie nicht weg. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass sie… mich stellen wollten. Wenn ich hier allein gewesen wäre…«, ihre Stimme wurde wieder zu einem Wispern, »… dann weiß ich nicht, was geschehen wäre. Sogar als Jack kam, schienen sie ein bisschen… anmaßend, ein bisschen… selbstgefällig zu sein. Aber wenigstens vor ihm sind sie davongelaufen… sie sind tatsächlich verschwunden. Danach habe ich Jack von den Stufen im Kamin erzählt…« »Du hast es ihm erzählt?«, fragte William. »Warum?« »Ich musste es tun, Herzchen. Ich hatte keine Wahl«, sagte Meg. »Dahin sind sie doch gegangen, wisst ihr? Direkt hinauf auf den Vorsprung und dann weiter hinter die versteckte Wand – sie flossen weg wie Wasser aus einer Badewanne. Ich habe noch nie in meinem Leben so etwas gesehen…« »Ist er hinaufgegangen?« »O ja! Jack hat wirklich Mut! Er ging schnurstracks bis nach oben. Freute sich wie ein Schneekönig darüber! Er kannte den Raum, aber er hatte keine Ahnung von den Stufen. Eine echte Geheimtreppe! Aber er war nicht sehr glücklich über das, was er da oben vor-
fand.« »Was hat er denn gefunden, Meg?«, fragte Mary, während ihr ein Schauer über den Rücken lief. »So viele Ratten, Herzchen, dass der Raum von ihnen überquoll, wie er sagte. Es ist ein Wunder, dass er lebend wieder herausgekommen ist. Ich habe hier unten gewartet. Gypsy war hereingekommen, nachdem ich geschrien hatte und folgte Jack nach oben. Aber ich nicht. Ich hatte, zu viel Angst. Und ich hatte Recht damit, glaube ich. Sie kamen nur um Haaresbreite aus dem Raum heraus! Sie waren ziemlich mitgenommen, alle beide. Jack sagte, ich solle es Phoebe nicht sagen, es würde ihr nur Angst machen, er würde es ihr im richtigen Moment beibringen. Also habe ich nichts gesagt. Nicht ein Wort. Ich habe es gerne ihm überlassen. Es ist nicht so, dass wir uns nicht vertragen, sie und ich, aber ich finde sie manchmal schwierig. Wie auch immer, er hat nicht lange gewartet. Am nächsten Tag hörte ich, wie die beiden sich furchtbar stritten. Sie schrien und brüllten. Ich habe sie noch nie so miteinander umgehen hören. Sie ist immer schon ein bisschen launisch gewesen, wie ich schon sagte, aber er hat sie noch nie angebrüllt. Das tat er aber an diesem Tag – und sie gab es ihm direkt zurück! Sie waren völlig aus dem Häuschen! Es war ganz schön peinlich. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich war hier in der Küche und sie draußen in der Halle. Ich konnte gar nicht anders, ich musste sie einfach hören…« »Worum ging der Streit?«, fragte William. »Um die Ratten, Herzchen. Jack sagte, sie sollten Mr. Jenkins holen. Sie könnten Gift im Geheimzimmer auslegen… so, dass das Baby und die Hunde und Katzen nicht drankommen. Er sagte, das wäre am besten und so würde er es machen. Aber da fing sie an zu schreien! Es war, als ob die Hölle losbräche! Sie wollte nicht, dass die Ratten vergiftet würden! Sie wollte es einfach nicht. In ihrem Haus würde sie das Töten von Tieren nicht dulden. Das hat sie gesagt. Dann fing es erst so richtig an. Er meinte, es wäre genauso sein Haus wie ihres. Sie warf ihm vor, sie würde ihn nicht mehr wiedererkennen, er wäre nicht mehr der Mann, mit dem sie zusammengelebt hätte. Sie sagte ihm, wie sehr sie Golden House hasste. Sie sagte, es wäre verflucht, ein übler Ort. Er behauptete, sie wäre kindisch, sie wäre doch die Erste gewesen, die hier hätte leben wollen. Es ging immer weiter. Alles, was sich bei ihnen aufgestaut hatte, kam heraus, bitter und grausam. Ich wollte sie aufhalten, aber ich wusste nicht, wie. Ich blieb einfach hier drin. Ich hielt dem Baby die Ohren zu –
albern, ich weiß! Aber ich wollte nicht, dass sie hörte, wie ihre Mutter und ihr Vater sich ihren Hass ins Gesicht schrien. Schließlich gingen beide auseinander und knallten mit den Türen. Am nächsten Tag fuhr Jack in die Stadt und kam mit einer Ladung Rattenfallen wieder. Schreckliche Dinger! Eine Rattenfalle ist schrecklich. Aber er fürchtete, wenn er Gift auslegte, dass sie zum Sterben überall hinkriechen würden und sich dann Vögel und andere Tiere auch vergiften könnten. Er tat es gar nicht gerne, aber er dachte, er müsste es tun. Ich verstand das! Es war eine schwierige Entscheidung, aber man konnte sie ja nicht einfach in Ruhe lassen und zusehen, wie sie das Haus in Beschlag nahmen. Schließlich waren sie unheimlich viele. Na ja, er sagte Phoebe nichts davon und bat mich es auch nicht zu erzählen. Als ob ich das getan hätte! Ich wollte einfach nur, dass die Ratten hier verschwinden. Und ich gebe gerne zu, dass mir das alles sehr Angst machte. Er fragte sich sogar, ob er euch davon abhalten sollte, in den Ferien hierher zu kommen… Aber er entschied sich abzuwarten, ob die Ratten weggingen. Das kann passieren – sie wandern manchmal einfach weiter, als ob sie etwas Besseres zum Leben gefunden hätten. Inzwischen stellte Jack regelmäßig die Fallen auf. Er fing ziemlich viele und nach einer Weile sah man nichts mehr von ihnen… Es gibt noch ein paar, aber das ist nicht so schlimm, solange man sie nicht sieht. Jack fängt immer noch mal eine in der Falle – aber wenigstens gibt es keine Schwärme mehr wie vorher. Phoebe und er sind sich aber weiter sehr fremd. Es kommt mir so vor, als ob sie wüsste, was vor sich geht, aber ohne Beweise braucht sie gar nicht erst versuchen Widerstand zu leisten – und vielleicht ist sie in Wirklichkeit genauso froh darüber wie ich, dass die Ratten unter Kontrolle sind. Das habe ich jedenfalls gedacht, aber vor drei Tagen ging sie hinüber zum Schuppen, um Feuerholz für den Küchenherd zu holen – den ich angeblich hatte ausgehen lassen! Ich? Ich sagte, ich hätte nicht gewusst, dass Feuerüberwachung zu meinen Pflichten gehörte… na ja, wir sind eben manchmal wie Feuer und Wasser. Obwohl ich mich bemühe. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir gleich der Kragen platzt, gehe ich einfach woanders hin. Aber sie macht mich manchmal so wütend… Jedenfalls hat sie im Schuppen eine der Fallen mit einer toten Ratte gefunden. Sie kam wieder hier hereingestürmt. Ob ich davon gewusst hätte? Sie tobte und schimpfte auf mich. Was sollte ich da sagen? Ich sagte, wenn sie die Menge Ratten gesehen hätte, wäre sie wahrscheinlich sofort ausgezogen – ohne auch nur eine Falle aufzu-
stellen. Das war zu viel! ›Ausziehen?‹, schrie sie. ›Ausziehen? Ich würde liebend gern für immer aus diesem Haus ausziehen und so lange ich lebe nie mehr einen Fuß hineinsetzen!‹ Oder etwas in der Art. Dann stürzte sie hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Sie hat seitdem kein freundliches Wort mit mir gewechselt und jedes Gespräch, das sie mit Jack führt, scheint in einem Streit zu enden. Sie bleibt auf ihrem Zimmer und kommt nur heraus, um für sich und das Baby etwas zu essen zu holen… das heißt, bis gestern Morgen. Plötzlich schien sie bessere Laune zu haben. Sie verabredete mit Jack, dass sie euch vom Bahnhof abholen würde. Er war froh – weil er sagte, er hätte etwas in der Stadt zu tun. Ich weiß nie, was einer von den beiden vorhat. Was immer er auch erledigen musste, es muss eine plötzliche Entscheidung gewesen sein. Er hatte ganz bestimmt gesagt, dass er zum Bahnhof fahren würde… Aber egal, sie war zuckersüß. Sie würde euch holen fahren. Es wäre schön, mal wieder aus dem Haus herauszukommen… aber zuerst würde sie einkaufen gehen… Nichts war ihr zu viel… Nun, als sie wiederkam, schien die gute Laune wie weggeblasen! Sie kam zurück, nachdem Jack schon weggefahren war. Er hat jetzt ein Motorrad, hat er euch das erzählt? Schrecklich gefährliche Dinger! Sie müssen auf der Straße aneinander vorbeigefahren sein, aber wenn es so war, hat sie es mir jedenfalls nicht gesagt. Sie kam beladen mit Einkäufen vom Hof herein. Unter den Tüten war eine vom Metzger. Ich konnte es gar nicht glauben! Ich meine, um die Wahrheit zu sagen, ich habe schon ein bisschen vermisst, Fleisch zu essen, seit ich hier eingezogen bin. Aber ich habe mich damit abgefunden und ich muss zugeben, dass sie gut kocht. Aber warum knallt sie mir plötzlich aus heiterem Himmel eine Tüte mit Rindfleisch vor die Nase? ›Koch das!‹, sagt sie. ›Dies ist jetzt sowieso ein Haus des Todes, da kannst du genauso gut tote Tiere für sie kochen.‹ Euch hat sie damit gemeint. Dann lief sie weinend hinaus, hinauf in ihr Zimmer und überließ es mir, nach Stephanie zu sehen – die, muss ich hinzufügen, friedlich wie ein Engel in ihrem Bettchen schlief! Naja, ich dachte, ich lasse Phoebe einfach eine Weile in Ruhe und hoffe, dass sie sich beruhigt. Aber es wurde allmählich Zeit, euch abzuholen. Ich habe bis zur letzten Minute gewartet, aber es gab immer noch kein Zeichen von ihr… Also ging ich hinauf und klopfte an ihre Tür. Sie sagte einfach, ich solle weggehen. Sie wollte mir nicht zuhören. Sie schien gar nicht mehr zu wissen, dass ihr überhaupt erwartet wurdet. Ich glaube, sie ist verrückt geworden! Wirklich! Ich glaube, sie ist
geistesgestört! Schließlich habe ich Mr. Jenkins angerufen. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte, obwohl ich diese Apparate wirklich hasse und nicht an sie gewöhnt bin. Gott sei Dank war er zu Hause… Aber was soll aus uns allen werden? Ich weiß es nicht. Dies war schon immer ein Unglückshaus. Aber ich habe mich bis jetzt von ihm ferngehalten…« Sie schüttelte den Kopf und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen, die ihr leise die Wangen hinunterliefen. »Ich hätte nicht zurückkommen sollen«, wisperte sie. »Ist das alles mein Fehler? Ist es eine Art Fluch? Der Fluch der Familie Lewis? Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Ich wünschte, ich wäre bei meinen Dachsen geblieben. Dachse sind nicht so kompliziert.«
7 Ein Experiment Nachdem Meg geendet hatte, sprach lange Zeit niemand. Sie blieb so nahe am Herdfeuer sitzen, wie sie konnte, ohne sich zu verbrennen. »Ich werde einfach nicht warm«, murmelte sie. »Mir ist hier immer kalt.« Als ob sie sich daran erinnerte, dass die Kinder bei ihr waren, stellte sie dann ihre Tasse hin und stemmte sich aus dem Stuhl hoch. »Was denke ich mir eigentlich?«, sagte sie. »Ich sollte euch besser mal Frühstück machen…« »Nein, Meg«, unterbrach William und hielt sie an der Schulter zurück. »Bleib du sitzen. Wir machen das schon.« Draußen vor dem Fenster sah der Morgen bewölkt und grau aus. Er passte genau zur Stimmung im Haus. Als sie am Tisch saßen, kam Phoebe mit Stephanie auf dem Arm herein. Es war das erste Mal seit ihrer Ankunft, dass die Kinder die beiden sahen. Aber wegen all der Dinge, die sie erzählt bekommen hatten, waren sie in Phoebes Gegenwart schüchtern und nervös. Auch sie verhielt sich schweigsam und gezwungen ihnen gegenüber. Sie trug einen Morgenrock und sah blass und kränklich aus. Nach einer verlegenen Begrüßung standen die Kinder um Stephanie herum, froh darüber, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken konnten. Wenigstens das Baby schien sich aufrichtig darüber zu freuen, dass sie da waren. Mary nahm sie aus Phoebes Armen, und als sie sie hielt, strahlte Stephanie sie an und blubberte fröhlich – was Alice mit Kennermiene als »Luft im Bauch« bezeichnete. »Babys lachen nie«, erklärte sie. »Sie rülpsen.« Phoebe war inzwischen zur Tür zurückgegangen. Dort blieb sie zögernd stehen, unschlüssig, was sie als Nächstes tun sollte. »Wo ist Jack?«, fragte sie. »Draußen«, sagte Meg gleichgültig. Sie hatte kaum vom Feuer aufgesehen, als Phoebe die Küche betrat, und es hatte auch keine Begrüßung zwischen ihnen gegeben. »Wo?«, fragte Phoebe. »Das weiß ich nicht«, erwiderte Meg. Auf diesen kurzen Wortwechsel folgte ein weiteres verlegenes
Schweigen. William dachte schließlich, dass jemand den Anfang machen müsste, und erkundigte sich danach, wie es Phoebe ging. »Mir geht es gut«, antwortete sie. »Ich bin nur dauernd so müde. Wenn Jack nach Hause kommt, sagt ihr ihm bitte, dass ich ihn sehen möchte? Und Meg, kannst du dich eine Weile um das Baby kümmern? Ich muss versuchen ein bisschen zu schlafen…« »Natürlich«, sagte Meg, stand auf und nahm Mary das Baby ab. »Kümmere ich mich nicht immer um sie?« Sie gurrte und machte viel Aufhebens um das Kind, das ihr fröhlich glucksend antwortete und mit seiner kleinen Hand ihre Wange berührte. Ohne ein weiteres Wort ging Phoebe aus dem Raum. Mary beobachtete stirnrunzelnd, wie sie fortging. »Sie sieht so krank aus«, sagte sie, als sich die Tür geschlossen hatte. »Sie sähe um einiges besser aus, wenn sie sich was anziehen und herunterkommen würde und hier ein bisschen arbeitete«, brummte Meg. »Natürlich sieht sie krank aus, wenn sie die ganze Zeit in ihrem Zimmer hockt. Sie braucht ein bisschen frische Luft um die Nase.« Dann legte sie Stephanie in ihren Wagen, setzte sich daneben und schaukelte ihn sanft hin und her. Kurz darauf war das Baby eingeschlafen. »Armes kleines Ding! Sie ist genauso müde wie ihre Eltern. Sie wird jetzt ein Weilchen schlafen. Es tut weh, wenn Zähne wachsen. Sie kann nichts dafür, dass sie weint.« Nachdem das wenige Geschirr, das sie zum Frühstücken benutzt hatten, gespült war, schlüpften die Kinder mit der Entschuldigung aus der Küche, dass sie Hausaufgaben machen müssten. »Sie geben euch über die Ferien Hausaufgaben auf?«, fragte Meg. »Das ist ja ungerecht.« Vielleicht wusste sie, dass sie logen. Aber sie sagte nichts. Erst als die Kinder aus dem Zimmer gingen, sagte sie fest: »Hört zu, geht nicht hinauf in das Geheimzimmer. Es ist nicht mehr sicher. Versprecht ihr mir das?« Alice wollte gerade den Mund aufmachen, da kam William ihr zuvor. »Wir können nichts versprechen, Meg«, sagte er. »Das weißt du genau.« »Na gut«, brummelte Meg. »Ich habe euch auf jeden Fall gewarnt.« Sobald die drei aus der Küche waren, stießen sie Seufzer der Er-
leichterung aus. »Alles ist so düster«, sagte Alice. »Ich habe mich darauf gefreut, hier zu sein, aber jetzt…« Sie ging hinüber zum Kamin und starrte ihn an. »Es liegt bestimmt daran, dass Mr. Tyler nicht mehr kommt«, stellte sie fest. »Aber er ist schon seit Hunderten von Jahren tot!«, rief William. »Nein!«, widersprach Alice. »Er ist noch nicht tot. Ratti Ratti – oder wie immer das dumme Vieh hieß – hat uns das doch erzählt.« »Alice«, beharrte William. »Er ist jetzt seit vierhundert Jahren tot.« »Warum machen wir uns dann Sorgen, dass er sterben könnte?«, fragte sie. William runzelte die Stirn. »Naja, wenn er einmal tot ist – in seiner eigenen Zeit –, dann können wir ihn auch nicht mehr Wiedersehen.« »Warum nicht?« Alice ließ nicht locker. »Wir könnten doch einfach in eine noch frühere Zeit zurückkehren, bevor er starb.« »Ich glaube, dass unsere Zeit und seine irgendwie parallel verlaufen. Wie zwei gerade Linien.« Dann schüttelte er den Kopf. »Ich weiß es wirklich nicht…«, seufzte er. Mary hatte die ganze Zeit geschwiegen, aber plötzlich schien sie eine Entscheidung getroffen zu haben. Sie ging mit entschlossenem Gesichtsausdruck hinüber zum Kamin. »Ich gehe jetzt da hoch«, sagte sie. »Zum Geheimzimmer?«, fragte Alice. »Aber das können wir nicht! Bitte, bitte, Mary, lass uns nicht da raufgehen! Du hast doch gehört, was Meg gesagt hat, dass jetzt die Ratten da oben sind!« »Ich gehe trotzdem«, sagte ihre Schwester und verschwand im Kamin. »Warum?«, fragte William. Er schien ihr auch nicht folgen zu wollen. »Weil wir da Stephen Tyler am nächsten sind und ihn jetzt dringend nötig haben«, antwortete Mary. »Hast du keine Angst?«, flüsterte Alice. »Natürlich habe ich Angst!«, fauchte Mary ungeduldig. Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, lief sie die Wendeltreppe hinauf in die Dunkelheit. Sie ließ sich keine Zeit, über mögliche Folgen einer so übereilten Entscheidung nachzudenken. Bei Tageslicht sah der Raum noch verwüsteter aus. Mary öffnete
beide runden Fenster und ließ die frische Morgenluft herein. Dann drehte sie sich um und wartete auf die anderen beiden. »Am meisten hasse ich den Gestank«, sagte Alice, die William in das Zimmer folgte und nahe bei der Tür stehen blieb für den Fall, dass sie plötzlich fliehen musste. William ging hinüber zum Spiegel, dem einzigen Einrichtungsgegenstand, und stellte sich vor ihn. »Das Spiegelglas des Magiers«, sagte Mary und ging langsam zu ihm. »Hat er ihn nicht so genannt? Oder habe ich das gerade erfunden?« »Nein, du hast Recht«, sagte William. »Und er sagte so etwas, dass der Spiegel in seiner Zeit andersherum wäre. Konkav statt konvex.« »Heißt es konkav, wenn das Glas nach innen gewölbt ist?«, fragte Mary. »Konkav sieht aus wie eine Schüssel von innen, konvex sieht so aus wie der Spiegel jetzt, wie eine Schüssel von außen. Mr. Tyler hat gesagt, dass der Spiegel in seinem Zimmer sich selbst hin und her reflektiert… wahrscheinlich von einer Spiegelkante zur anderen. Der Spiegel reflektiert den Spiegel, der wiederum den Spiegel auch reflektiert… und so weiter.« »Wie der bei den Simpsons im Badezimmer«, sagte Alice eifrig. »Erinnerst du dich, Mary?« Dann erklärte sie William, was sie meinte. »Die Simpsons haben zwei große Spiegel in ihrem Badezimmer, die sich gegenüber hängen. Und wenn man zwischen ihnen steht, dann ist es so, als würde man einen langen Flur hinuntersehen. Die Spiegel reflektieren sich einfach gegenseitig dauernd weiter – für immer.« »Wirklich – für immer?«, fragte William. »Naja, das Bild wird immer kleiner«, versuchte sich Mary zu erinnern. »Und der Flur biegt sich irgendwie.« »Biegt sich?«, sagte William nachdenklich. »Warum sollte er das tun?« »Das weiß ich nicht«, erwiderte Mary. »Ich frage mich immer, was hinter der Biegung ist…« »Das ist es!«, rief William plötzlich. »Das ist es!« »Was ist was?« »Er biegt sich! Licht… biegt sich. Ich bin sicher, das haben sie uns in Physik erzählt. Licht… biegt sich. Und eine Reflexion ist nur ein Bild, das irgendwie durch Licht weitergetragen wird…« Er run-
zelte die Stirn. »Deshalb sieht es wie eine Biegung aus, glaube ich… Weil nichts ganz gerade ist.« Noch mehr halb vergessene Informationen strömten in seinen Kopf und er wurde ganz aufgeregt. »So wie… wenn eine Rakete ins All geschossen wird… Sie geht in Wirklichkeit nicht gerade hoch… Sie beschreibt einen Bogen… sie folgt einem riesigen Kreis…« »Würde sie dann nicht irgendwann wieder dahin zurückkommen, wo sie gestartet ist?«, fragte Mary. »Ja, aber erst Millionen oder Milliarden Jahre später…« »Wie ein Sciencefiction-Bumerang«, sagte Alice. »Das ist es!«, rief William wieder. Er war so aufgeregt, dass er am liebsten in die Luft gesprungen wäre. »Was ist was?«, rief Mary gereizt. »In Mr. Tylers Arbeitszimmer… also eigentlich in diesem Zimmer, aber in seiner Zeit, nicht in unserer… ist dieser Spiegel wie eine Glasschüssel von innen. Richtig? Das hat er uns erzählt… Dass er sich selbst hin und her reflektiert…« »›Bis zum unendlichen Nichts‹, das hat er gesagt«, erinnerte sich Mary. »Wie die Badezimmerspiegel bei unseren Freunden.« »Wohin bringt uns das jetzt?«, fragte Alice. »Zeit«, sagte William. »Ich bin sicher, es hat etwas mit Zeit zu tun. Ihr habt das doch bestimmt auch schon gehört: Wenn man Millionen von Kilometern hinaus ins All fliegt und dann zurückkommt… dann ist man nicht so gealtert, wie die Menschen auf der Erde.« »Aber das ist doch bloß eine Geschichte, William«, widersprach Alice. »Wirklich? Woher kommt dann diese Vorstellung?« »Ich weiß nicht. Da hatte wohl jemand Fantasie«, sagte Mary. »Mr. Tyler hat doch gesagt, wir sollten unsere Fantasie benutzen, nicht wahr? Also gut – dann machen wir das auch! Wir brauchen noch einen Spiegel«, fuhr William fort, in Gedanken schon zwei Schritte weiter. »Wofür?«, fragte Alice. »Wenn wir einen Spiegel gegenüber von diesem hier aufhängen und die richtige Stelle erwischen…« »Es würde nicht klappen, William«, sagte Mary. »O Mary!«, unterbrach William sie gereizt. »Jetzt mach doch nicht schon vorher alles kaputt! Wir können es doch wenigstens
versuchen…« »Nein! Warte mal! Lass mich zu Ende reden! Es würde nicht klappen, weil dieser Spiegel das Äußere der Schüssel ist… wie immer das Wort heißt?« »Konvex«, sagte William nachdenklich und verstand, worauf sie hinauswollte. »Wahrscheinlich kommt dieser Effekt mit der Biegung nur mit zwei flachen Spiegeln zustande, die sich gegenüber hängen.« »Es muss aber trotzdem einen Punkt geben, genau in der Mitte dieses Spiegels, wo er flach ist. Und wenn wir den anderen in genau den richtigen Winkel bringen, müssten die beiden flachen Oberflächen direkt gegenüber sein.« Er versank wieder in seine Gedanken. »Was wir brauchen ist ein zweiter Spiegel«, sagte er. »Gibt es irgendwo noch einen Spiegel? Einen großen?« »Es gibt einen in unserem Badezimmer«, sagte Alice. »Der ist an der Wand festgemacht.« »In unserem Schlafzimmer gibt es eine Kommode mit einem Spiegel«, sagte Mary. »Er ist aber nicht sehr groß.« »Wir brauchen aber etwas Riesiges…« William zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. »Wir versuchen es mit dem aus eurem Zimmer. Ich bin gleich wieder da!« Er rannte aus dem Zimmer und kurz darauf hörten sie ihn die Treppe hinunterpoltern. Als er weg war, herrschte düsteres, bedrücktes Schweigen im Geheimzimmer. Mary ging ans Fenster und blickte hinüber zum Küchengarten und dem bewaldeten Steilhang dahinter. Obwohl die Fensterbank sehr hoch war, konnte sie gerade noch darüber sehen. Das trübe Licht dämpfte die herbstlichen Farben der Blätter und nach dem vielen Regen der vergangenen Nacht wehte ein feuchter Wind. Nur ein paar Vögel sangen in den Bäumen und die Wolken türmten sich am Himmel wie graue Wollknäuel. Alice hatte sich hinter Mary in der Nähe der Tür auf den Boden gekauert. Sie schwiegen beide nachdenklich. Mary erinnerte sich, wie sicher sie am Ende der Sommerferien gewesen war, dass sie bei ihrem nächsten Besuch in Golden House zurück in Stephen Tylers Zeit reisen würden. Sie hatte geglaubt, dass sie es nur genug zu wollen brauchten. Aber jetzt, wo es so dringend nötig war, schien es eine unlösbare Aufgabe zu sein. Alice wünschte sich, dass ein bisschen Magie passierte, egal wie. Sie fand es zwecklos, die Dinge verstehen zu wollen, wie William
das immer versuchte. Sie wollte einfach bloß ein Abenteuer. Sie seufzte trübselig. Wir sind doch bloß ein paar Tage hier, dachte sie, und nichts geht so, wie es soll. William lief die Stufen zum Treppenabsatz hoch. Die Aufregung darüber, dass er tatsächlich mit seinen Überlegungen weiterkam, versetzte ihn in Hochstimmung. Der Spiegel im Zimmer der Mädchen war in einen rechteckigen Rahmen aus geschnitztem Holz gefaßt und stand wie ein übergroßes Foto oben auf der Kommode, von einer Stütze auf der Rückseite gehalten. Als er ihn anhob, merkte er, dass es nicht einfach sein würde, ihn für das Experiment zu benutzen, das ihm vorschwebte. Jemand müsste ihn festhalten, was hieß, dass sie nicht alle drei gleichzeitig zwischen den beiden Reflexionen sein könnten. Aber es war besser als nichts. Wenigstens würde der Spiegel ihm helfen seine Theorie auszuarbeiten. Er nahm ihn ab und rannte die Wendeltreppe zur Galerie hinunter. Gerade als er über die Haupttreppe in die Halle laufen wollte, öffnete sich plötzlich eine Tür auf der Galerie und Phoebe kam heraus. »Wohin gehst du?«, fragte sie, als sie William auf der Treppe sah. William blieb wie angewurzelt stehen. Der Spiegel war zu groß, um ihn zu verstecken, obwohl er versuchte seinen Körper zwischen ihn und Phoebe zu bringen, die sich über das Geländer gebeugt hatte und zu ihm hinunterschaute. »Was machst du mit dem Spiegel, William?« »Nichts… Ich habe ihn bloß… Ich wollte ihn für eine Minute ausleihen.« »Ausleihen?«, fragte Phoebe erstaunt. »Wofür denn, um Himmels willen?« »Nur für… ein Experiment, das ich gerade mache«, sagte er strahlend. »Ich weiß nie, was ihr Kinder gerade wieder ausheckt«, sagte Phoebe besorgt. »Wir hecken gar nichts aus«, sagte William und schüttelte unsicher den Kopf. »Es ist nur… ein kleines Experiment.« »Aber zerbrich ihn nicht«, sagte sie und ging zurück in ihr Zimmer. William wartete einen Augenblick, und als Phoebe nicht zurückkam, lief er schnell weiter die Treppe hinunter und durch die Halle. Als er in den Schutz des Kamins trat, seufzte er vor Erleichterung.
Aber wenn er noch kurz einen Blick auf die Galerie geworfen hätte, bevor er über die steinernen Vorsprünge nach oben kletterte, dann hätte er sehen können, dass Phoebe oben im Schatten der Galerie stand und ihn mit wachsendem Argwohn beobachtete. Als William im Geheimzimmer ankam, warteten die beiden Mädchen immer noch schweigend auf ihn. »Das war knapp!«, sagte er. »Ich bin Phoebe über den Weg gelaufen. Sie wollte wissen, was ich mit dem hier vorhabe.« Er hielt den Spiegel mit beiden Händen vor sich. »Was hast du gesagt?«, fragte Alice. »Ich habe ihr die Wahrheit gesagt«, antwortete William. »Ich sagte, dass ich ihn für ein Experiment brauche. Und jetzt…« Er stellte sich vor den Spiegel an der Wand und hielt den aus dem Zimmer der Mädchen hoch. Er begann ihn auszurichten, so dass die beiden Reflexionen sich perfekt gegenüberlagen. Mary und Alice beobachteten ihn fasziniert und kamen langsam näher. »So ist es nicht sehr gut«, sagte William zu sich selbst. »Man kann es kaum erkennen. Wenn eine von euch sich vielleicht dazwischen stellen könnte…« Alice stellte sich vor den Spiegel an der Wand, William stand hinter ihr. »Was kannst du sehen?«, fragte William. »Mich!«, sagte sie. »Ich kann den anderen Spiegel überhaupt nicht sehen, weil ich davor stehe.« »Ach, es hat keinen Zweck«, sagte William enttäuscht. »Lass es mich versuchen«, sagte Mary und nahm William den Spiegel ab. Sie spähte am Rahmen vorbei, um die Reflexion im Wandspiegel zu sehen. »Geh weg, Alice! Ich kann überhaupt nichts erkennen, wenn du im Weg stehst!« Sobald Alice zur Seite trat, konnte Mary sich selbst und ihren Spiegel in dem Spiegel an der Wand reflektiert sehen. Sie konzentrierte sich auf die Reflexion und sagte: »Da ist eine Art Flur, wenn man direkt in die Mitte schaut. Aber die Spiegel sind beide zu klein, damit es wirklich funktioniert.« Alice drehte sich um und sah Mary an. Dann schrie sie auf! Das Geräusch überraschte Mary und William so sehr, dass Mary fast den Spiegel fallen ließ und William herumwirbelte, weil er sofort dachte, Alice hätte eine Ratte gesehen. »Oh!«, keuchte er und starrte wie Alice in Marys Richtung. »Was? Was ist los? Was ist passiert?«, fragte Mary panisch vor Angst. »Morten!«, wisperte William.
»Wo?«, fragte Mary verzweifelt. »Im Spiegel«, sagte William. »Kann er uns sehen?«, flüsterte Alice und schaute immer weiter das Gesicht des Mannes an, der aus Marys Spiegel auf sie herunterstarrte. »Ich weiß nicht«, sagte William. Er bewegte beim Sprechen kaum die Lippen. Das Gesicht im Spiegel war so deutlich, wie eine ihrer eigenen Reflexionen gewesen wären. Der Mann hatte schulterlanges, schwarzes Haar, das an den Schläfen zurückwich, so dass der Haaransatz eine seltsame Spitze auf der Stirn bildete. Sein Gesicht war sehr bleich und seine Augen sehr dunkel. Man konnte auch noch seinen Hals und seine Schultern erkennen. Er trug ein weißes, am Hals offenes Hemd mit einem breiten, spitzenbesetzten Kragen. Er starrte angespannt zu ihnen heraus, ohne die Augen zu bewegen oder auch nur zu blinzeln. Er schien sich so sehr zu konzentrieren, dass er nichts sah, obwohl seine Augen offen waren. »Ist er das?«, wisperte Alice. William nickte, ohne auch nur einen Moment das Gesicht im Spiegel aus den Augen zu lassen. »Das ist der Mann, den ich im Sommer oben am See gesehen habe. Als die Krähe mir das Pendel abgenommen hat.« »William, ich kann das nicht viel länger festhalten«, bat Mary. Sie fing an zu zittern und ihre Finger hielten den Rahmen so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Warte noch…«, drängte William leise. »Warte noch…« Der Mann, Morten, hob eine Hand. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er ein Stück Gold an einer dünnen Kette. »Das Pendel!«, wisperte William. »Er hat das Pendel!« »Nein!«, sagte Mary mit zittriger Stimme, aber sicherer als vorher. »Er kann es nicht haben. Es ist in meiner Tasche.« »Dann muss er selbst eins besitzen«, antwortete William. »Er kann uns nicht sehen«, sagte Alice. »Ich bin mir ganz sicher.« Während sie ihn weiter beobachteten, begann das Pendel langsam hin- und herzuschwingen. Mortens Augen folgten der Bewegung, von links nach rechts, von rechts nach links. Aber plötzlich und offensichtlich, ohne dass er es beeinflusste, wurde die langsame, rhythmische Bewegung schneller. Morten beobachtete mit sichtlich wachsender Verwunderung, wie das Stück Gold sich immer schneller wie ein Propeller im Kreis drehte und dabei an der Kette von
seinen Fingern weg nach vorne schwang, bis es so schnell vor ihm kreiste, dass es nur noch wie ein Kranz aus Licht aussah, der sein erschrockenes Gesicht einrahmte. »William!«, rief Alice entsetzt. »Er kann mich jetzt sehen! Ich bin ganz sicher! Er starrt mich an!« »Was ist los?«, schrie Mary und ihre Arme begannen so heftig zu zittern, dass der Spiegel hin- und herkippte. Der Ausdruck auf dem Gesicht im Spiegel, auf Mortens Gesicht, das über vierhundert Jahre hinwegblickte, änderte sich von großer Konzentration zu völliger Überraschung, dann Schock und schließlich Entsetzen. Er öffnete seinen Mund und einen Moment später zerschnitt ein solcher Schreckensschrei die Stille im Zimmer, dass William und Alice sich unwillkürlich die Ohren zuhielten. Dann geschahen zwei Dinge so blitzartig nacheinander, dass nicht klar war, welches zuerst passierte. Das Glas des Spiegels, den Mary immer noch umklammert hielt, zersplitterte mit einem ohrenbetäubenden Krach in tausend glitzernde Teilchen und in der Tür hinter Mary erschien im selben Augenblick Phoebe mit abwehrend ausgestreckten Händen und blankem Entsetzen in den Augen. »Um Himmels willen!«, rief sie. »Was zum Teufel geht hier vor?«
8 Jacks Neuigkeiten Die Kinder mussten den ganzen Vormittag in ihren Zimmern verbringen, bis Jack kurz vor dem Mittagessen aus der Stadt zurück sein würde. Phoebe hatte ihnen verboten runterzukommen. »Als wären wir ungezogene, kleine Kinder«, schimpfte Mary und stampfte ins Bad, um sich die Haare zu kämmen, weil ihr Spiegel völlig zerbrochen war. »Sie könnte uns genausogut ohne Essen ins Bett schicken. Lächerlich! Was glaubt sie denn, wer sie ist?« »Meinst du, sie war schon mal im Geheimzimmer?«, fragte William. Er saß auf Alices Bett, die Hände in den Taschen, und starrte aus dem Fenster. »Woher soll ich das wissen?«, fauchte Alice. Sie stand immer noch unter Schock und das machte sie gereizter und übellauniger. William warf ihr einen Blick zu, aber er erwiderte nichts. Manchmal war es am klügsten, sie in Ruhe zu lassen, wenn sie eine ihrer Launen hatte, sonst bestand die Gefahr, sie noch mehr zu reizen. Die schlechte Laune hielt dann stundenlang an und konnte immer schlimmer werden, bis es in ihrer Nähe nicht mehr auszuhalten war. »Vielleicht war sie zu sauer, um etwas mitzukriegen«, meinte Mary, als sie ins Zimmer zurückkam. »Wer?«, fragte William überrascht, weil sie offenbar seine Gedanken lesen konnte. »Phoebe natürlich!«, fauchte Mary ihn an und warf sich auf ihr Bett. »Ach, Phoebe! Ich dachte, du meintest Alice!« »Also entschuldige bitte, William, aber ich bin nicht sauer«, sagte Alice. »Ich bin wütend! Wie kann sie es wagen, uns so zu behandeln? Wie kann sie es wagen? Am liebsten würde ich runtergehen und ihr sagen, was ich wirklich von ihr halte…« »Alice!«, sagte Mary gelangweilt. »Hör einfach auf.« »Tja«, meinte William und fuhr mit dem eigentlichen Thema fort. »Sie hat mit Sicherheit den zerbrochenen Spiegel mitgekriegt! Ich dachte schon, sie bekäme einen Anfall.«
»Sie hatte doch eigentlich einen«, sagte Mary mit einem Lachen. »Jetzt haltet doch beide einfach die Klappe!«, schrie Alice. »Was kümmert uns Phoebe überhaupt? Ich habe sie nie gemocht. Sie hat immer schlechte Laune. Es ist viel wichtiger, was passiert ist, bevor sie heraufkam.« »Stimmt, Alice«, sagte William. »Wir haben diesen schrecklichen Morten tatsächlich gesehen. Er hat uns aus Marys Spiegel heraus angesehen. Aber wie?« »Ich weiß nicht«, sagte William, aber seine Gedanken waren ganz woanders. »Durch die Reflexion«, sagte Mary. »Ich habe den Spiegel so gehalten, dass er den Spiegel an der Wand reflektierte. Was du also in meinem Spiegel gesehen hast, muss im Spiegel hinter dir gewesen sein.« »Aber im Spiegel an der Wand war nichts zu sehen«, widersprach Alice. Mary zuckte die Schultern. »Es ist trotzdem die einzige Erklärung. Morten muss im Arbeitszimmer des Magiers in den Spiegel geschaut haben und irgendwie hat unser Spiegel die Reflexion aufgenommen.« »Und dann hat er uns gesehen. Das ist es, was mir Angst gemacht hat«, sagte Alice leise. »Plötzlich hat er mich direkt angesehen!« »Also hat er wegen dir so geschrien!«, sagte Mary. Sie lag kichernd auf ihrem Bett. »Ich wünschte, wir wüssten, wie viel Phoebe wirklich weiß«, sagte William ruhig. Seine Sorge war verständlich. Als Phoebe sie bei ihrem Experiment überraschte, hatte sie gekocht vor Wut. Sie hatte sie so eilig aus dem Zimmer und die Wendeltreppe hinunter befördert, dass noch nicht einmal Zeit geblieben war, die Fenster wieder zu schließen. Als sie wieder in der Halle standen, hatte sie die Kinder hinauf in ihre Zimmer geschickt und angeordnet, dass sie dort warteten, bis sie gerufen würden. Sie war so zornig mit ihnen gewesen, dass keiner von ihnen es für klug gehalten hatte, ihr zu widersprechen. »Sie hat das Gesicht im Spiegel nicht sehen können«, sagte Mary. »Ich meine, ich habe es ja auch nicht sehen können, weil ich in die falsche Richtung geschaut habe, und sie kam ja hinter mir herein.« »Wovor hatte sie dann solche Angst?«, fragte William verwirrt und starrte wieder aus dem Fenster. »Das hatte sie nämlich. Du konntest ihr Gesicht nicht sehen, Mary, weil du mit dem Rücken zu
ihr standst, aber sie sah absolut entsetzt aus, als sie hereinkam. Fast so, als hätte sie ein Gespenst oder so was gesehen.« Als William das sagte, wurde Mary nachdenklich. Seine Worte hatten ein Stückchen Erinnerung wachgerufen. Es war so schwach, dass sie sich normalerweise kaum daran erinnert hätte. »Komisch«, sagte sie und setzte sich im Schneidersitz auf ihr Bett. »Was?«, fragte William. »Mir ist gerade eingefallen… Als der Spiegel in meinen Händen zersprungen ist und Phoebe hinter mir ihre Tirade losließ…« Dann schüttelte sie den Kopf. »Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet.« »Was denn?«, schrie William. Es machte ihn manchmal verrückt, dass Mary nie zur Sache kam. »Na ja… als ihr vom Spiegel zur Tür und zu Phoebe geschaut habt, da war hinter euch beiden so ein… ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll… ein…« – sie zuckte die Schultern –, »fast so was wie Nebel, eine Art Schatten.« William, der aus dem Fenster gestarrt hatte, drehte sich jetzt langsam zu seiner Schwester um. »Was?«, keuchte er. »Ein Schatten – irgendwie«, erwiderte Mary schwach. »Oder… mehr als ein Schatten… Nebel. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es hielt sich nicht lange. Es wehte… irgendwie fort.« »Wie ein Gespenst?«, wisperte Alice. Sie fror plötzlich sehr und zitterte. »Nein! Nur…« Mary runzelte die Stirn und strengte sich an genau zu erinnern, was sie gesehen hatte. »Wie ich gesagt habe… Nebel.« Sie versuchten gerade zu begreifen, was Mary ihnen beschrieb, als Jack von unten etwas rief. Sie verstummten. »Was ist los gewesen?«, fragte Jack und kam mit großen Schritten ins Zimmer. »Warum seid ihr alle hier oben?« »Phoebe hat gesagt, wir sollen hier bleiben«, sagte Alice bockig. »Genau!«, gab Jack zurück. »Aber warum? Sie wollte mir nicht erzählen, was ihr angestellt habt.« »Sie hat uns oben im Geheimzimmer gefunden«, sagte William. »Ah, ja«, sagte Jack und lehnte sich gegen die Kommode, um die drei genauer zu betrachten. »Wie lange kennt ihr die Treppe im Kamin schon?« »Ewigkeiten«, antwortete Alice mit vernichtendem Unterton. Im Moment war sie gegen jeden und sogar Jack blieb von ihrer gereiz-
ten Stimmung nicht verschont. »Ihr hättet mir schon davon erzählen können«, sagte er bekümmert. »Ich wette, ihr wisst eine Menge über dieses Haus.« »Sie war wirklich böse mit uns, Onkel Jack«, sagte Mary. »Geht es ihr wieder besser? Ich meine Phoebe. Sie sieht so… krank aus.« »Nein, es geht ihr nicht gut«, seufzte Jack. Er ging langsam zu dem kleinen Fenster, lehnte sich auf die Fensterbank und blickte hinaus. Einen Augenblick lang schwieg er, und als er zu sprechen begann, starrte er mit dem Rücken zu ihnen weiter nach draußen. »Ihr könnt es ruhig wissen. Ich war bei einem Makler in der Stadt. Ich habe Golden House zum Verkauf angeboten.« »Was?«, stieß William hervor. »Das kannst du nicht machen!« »Meinst du… du verkaufst Golden House?«, sagte Alice schockiert. »Ja! Genau das meine ich«, antwortete Jack, drehte sich um und sah sie an. »Der Typ hatte schon alle Einzelheiten über das Haus. Es ist dieselbe Firma, von der wir es damals gekauft haben. Aber er schickt am Montag jemanden heraus zu uns, der die Verbesserungen am Haus feststellen soll. Schließlich haben wir viel instand gesetzt – was den Preis erhöhen sollte…« »Aber… das kannst du nicht!«, sagte Mary genau im selben Ton wie William. »Du bist doch so gerne hier!« Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. »Ja, das bin ich«, stimmte Jack zu. »Aber vielleicht ist das selbstsüchtig von mir gedacht. Ich liebe Phoebe und Stephanie mehr als das Haus und ihr Glück liegt mir viel mehr am Herzen.« »Will die das so?«, fragte Alice. Jack runzelte die Stirn. »Wen genau meinst du mit ›die‹, Alice? Wenn du Phoebe meinst, dann ist das keine sehr höfliche Art, von ihr zu sprechen, oder? Also, sprichst du von Phoebe?«, fügte er jetzt wirklich zornig hinzu. »Tut mir Leid«, sagte Alice schmollend. »Aber Onkel Jack, du kannst doch Golden House nicht verkaufen!«, bettelte William. »Doch, das kann ich«, versicherte Jack ihm milde. »Wo wollt ihr denn hinziehen?« »Das weiß ich nicht.« »Was passiert mit dem Hotel und eurem Plan für den Erholungsort?«, fragte Mary. »Vielleicht verwirklichen wir den irgendwo anders«, sagte Jack gleichgültig.
»Aber ihr werdet nirgendwo ein Haus finden, das auch nur annähernd so schön ist wie dieses.« »Nicht, Mary!«, sagte Jack. »Ich fange noch an zu heulen, wenn du so weiterredest.« Er grinste sie aufmunternd an. »Hast du es Phoebe schon erzählt?«, fragte William. »Nein, noch nicht«, antwortete Jack. »Aber ich sage es ihr bei passender Gelegenheit.« »Onkel Jack, bitte mach das nicht. Bitte nicht!«, bat Mary inständig. »Sei nicht traurig«, sagte Jack und legte einen Arm um Marys Schultern. »Es ist doch nur ein Haus! Ein baufälliges Haus! Ich nehme an, man braucht Ewigkeiten, um es zu verkaufen. Obwohl der Makler sagte, dass er vielleicht einen Interessenten habe.« »Was geschieht mit Meg?«, fragte William, der nach jedem Strohhalm griff, mit dem er Jacks Entschluss vielleicht ändern konnte. »Sie findet schon eine andere Wohnung. Dank euch kann sie schließlich ihr ganzes Land bis zum See verkaufen!« »Aber die Crawdens werden es kaufen!«, rief William. »Und sie werden ihren Vergnügungspark bauen«, fügte Mary hinzu. »Und wenn sie das tun, werden eine Menge Leute in dieser Gegend sehr erfreut sein«, sagte Jack und ging zur Tür. »Wir haben uns nicht gerade beliebt gemacht, als wir versucht haben das zu verhindern.« »Willst du deshalb verkaufen?«, fragte William sehr enttäuscht. »Weil du dich unbeliebt gemacht hast?« »Nein, William«, erwiderte Jack und sah ihn dabei direkt an. »Ich verkaufe das Haus, weil Phoebe hier unglücklich ist und ich fürchte, dass sie mich verlässt, wenn ich es nicht tue, und mit Stephanie woanders hingeht. Ich glaube nicht, dass ein Haus das alles wert ist, wisst ihr?« »Dieses Haus schon«, sagte Mary fest, »und alles, was ihr damit vorhattet. Das war doch so gut!« »Naja«, sagte Jack mit einem traurigen Lächeln, »das ist jetzt alles vorbei. Je eher wir hier wegkommen und wieder irgendwo richtig wohnen können, desto besser für uns.« Er ging hinaus auf den Treppenabsatz. »Es ist besser für uns alle…« Dann hörten sie, wie seine Schritte die Steintreppe hinunter verschwanden. Als sie allein waren, starrten sich die Kinder ungläubig an und
sprachlose Stille herrschte im Zimmer. In ihren Köpfen überschlugen sich die Gedanken. »Das darf er nicht«, flüsterte Alice vor sich hin. »Er darf es einfach nicht!« »Aber er wird es trotzdem tun«, seufzte William. »Wir müssen ihn aufhalten«, meinte Mary. »Wie denn?«, fragte Alice. »Indem wir sie dazu bekommen, dass sie hier bleiben will«, antwortete Mary gedankenverloren. »Und wie sollen wir das wohl anstellen?«, fragte William mit Spott und Zweifel in der Stimme. »Indem wir Morten ein für alle Mal aufhalten«, erwiderte Mary, holte das Pendel des Magiers aus ihrer Hosentasche und starrte es nachdenklich an. »Morten? Du meinst, das ist Mortens Werk?« »Ich bin mir ganz sicher«, antwortete Mary. »In seiner eigenen Zeit wird er bald Herr dieses Hauses sein. Er muss sich wohl wirklich freuen, dass Mr. Tyler im Sterben liegt… Ja, wir müssen es beim Namen nennen. Er liegt im Sterben… und bald wird Morten dieses Hauses übernehmen. Wir wissen, dass das geschehen wird. Miss Prewett hat es uns gesagt und Sir Henry Crawden auch. Das ist ein Teil der Geschichte. Er kann nicht verändert werden. Morten wird der Herr hier sein und nach seinem Tod wird seine Familie diesen Ort bis zum heutigen Tag weiter beherrschen. Aber was er nicht wissen konnte ist, dass Phoebe in unserer Zeit hier lebt… Weil Phoebe auch eine Tyler ist und Stephanie die neue Generation, und weil Stephen Tyler hoffte, dass Stephanie eines Tages, wenn sie erwachsen ist, irgendwie seine Arbeit fortführt… und weiter in Golden House lebt…« »Du meinst, Stephanie wird eine Magierin?«, fragte Alice. »Das ist ein bisschen weit hergeholt, Mary«, sagte William. »Aber darum geht es doch nur, oder nicht?«, fuhr Mary sie beide aufgebracht an. »Aber es gibt heute keine Magier mehr, Mary«, spottete William. »Und überhaupt sind Magier alle Männer«, fügte Alice hinzu. »Willst du damit sagen, dass Stephanie irgendwann mal eine Hexe ist?« Bei dem Gedanken musste sie kichern. »Deshalb wollte Stephen Tyler, dass sie ein Junge wird«, sagte Mary immer noch verärgert. »Und das ist eine ziemlich sexistische Bemerkung, Alice, damit du es weißt. Wenn Männer Magier sein
können, warum sollen Frauen keine sein können? Und was heißt ›ein Magier sein‹? Was Stephen Tyler betrifft, bedeutet es nicht irgendwelche Zaubersprüche oder so…« »Aber was bedeutet es dann?«, fragte William. Als Mary seufzte und auf ihre Füße schaute, fuhr er fort: »Er hat es uns nicht gesagt, oder? Wir wissen gar nicht richtig, worum es bei all dem hier geht. Und bis wir das wissen, tappen wir weiter im Dunkeln.« »Deshalb müssen wir zu ihm gehen«, sagte Mary und starrte auf das Pendel, das von ihrer Hand hing und sanft von einer Seite zur anderen schwang. »Sehr richtig!«, bemerkte eine Stimme plötzlich, so dass sie vor Schreck zusammenfuhren. »Wer war das?«, wisperte Alice. »Ich, kleines Mädchen!«, verkündete Rattus Rattus und lief leise den Dachbalken dicht über ihren Köpfen entlang. »Oh! Du hast mich vielleicht erschreckt!«, rief Mary. »Der Schreck, den ihr allen in meiner Zeit eingejagt habt, war größer«, zischte die Ratte auf sie hinunter. »Haben wir das?«, fragte William. »Was haben wir getan?« »Nur Matthew Morten, den Assistenten des Magiers, in eure Zeit geholt.« »Was?«, rief William. »Wo ist er?« »Irgendwo im Haus, denke ich«, erwiderte Rattus Rattus. »Der Meister will euch unbedingt sehen. Jetzt ist für euch der Moment gekommen, denke ich, dass ihr selbst mal eine kleine Zeitreise unternehmt. Trefft mich morgen beim Stehenden Stein am Golden Water.« »Aber was ist mit Morten?«, rief Alice. »Ist es nicht gefährlich, wenn er hier herumwandert?« »Es ist noch komplizierter als das«, zischte die Ratte. »Es sieht so aus, als ob sein Körper immer noch in seiner Zeit ist, aber sein Geist jetzt… wandert.« »Was heißt das?«, fragte William. »Einfach, dass… sein Geist hier ist und sein Körper da. Es könnte vielleicht schwierig werden, die beiden wieder zusammenzubekommen! Der Meister wird es erklären.« »Aber sollten wir nicht sofort zu ihm gehen?«, drängte Mary. »Nein. Ich muss noch viel erledigen, bevor ich euch mit zurücknehmen kann. Trefft mich zur zweiten Stunde am Nachmittag. Seid dort! Die Dinge sind dabei, außer Kontrolle zu geraten. Wir haben
nicht viel Zeit. Bis dahin macht bitte keiner von euch weitere Experimente! Ihr seid näher am Verstehen der Dinge, als ihr wisst, und Verstehen ohne wirkliches Wissen kann eine gefährliche Waffe sein. Ihr könnt sie auf euren Gegner richten, wie man mit einer Kanone auf den Feind zielt, aber sie feuert in eure eigenen Gesichter zurück, wenn ihr nicht sehr vorsichtig seid!«
9 Geisterjagd Die Nacht war pechschwarz. Es schien kein Mond und der Wind stöhnte um das Haus. Oben in den Dachzimmern wurde das tiefe Atmen der schlafenden Kinder vom Knarren der Dachbalken begleitet. Eine Etage darunter in Jacks und Phoebes Zimmer brannte Licht. Jack ging in seinem Morgenmantel auf und ab und wiegte die leise wimmernde Stephanie in seinen Armen. Phoebe lag im großen Doppelbett und beobachtete ihn. Ihr Gesicht war verheult, aber sie weinte nicht mehr. »Ich wünschte, es wäre alles nicht passiert!«, sagte sie. »Ganz ehrlich. Jack, du kannst dieses Haus nicht verkaufen. Du hängst zu sehr daran.« »Wir können so nicht weitermachen.« »Es ist nur meine Schuld…« »Es ist niemandes Schuld. Es hat nur einfach nicht geklappt, wie wir es wollten. Hier zu leben, meine ich. Wir finden ein anderes Haus…« »Trotzdem… Ich habe das Gefühl, dass wir davonlaufen und dass das meine Schuld ist, was immer du sagst.« Mit gerunzelter Stirn schüttelte sie den Kopf, als ob sie ihren eigenen Gedanken nicht glauben könnte. »Ich habe wirklich gedacht, ich käme heim, als wir dieses Haus fanden. Ich fühlte mich hier so… ruhig und sicher. Das war natürlich ganz am Anfang. Jetzt ist es so, als ob jemand oder wahrscheinlich wohl etwas versucht mich zu vertreiben. Ich fühle mich… die ganze Zeit beobachtet. Ich fühle mich… nicht erwünscht. Als mein Vater noch lebte, hat er immer davon gesprochen, in einem Haus wie diesem zu wohnen. Es war sein Traum. Er hatte so eine Theorie, dass unsere Familie irgendwann in der Vergangenheit von Rang war… Weißt du, was ich meine? Dass wir ›wer waren‹. Papa war ein guter Mensch. Ich wünschte, du hättest ihn gekannt. Er war überzeugt davon, dass wir aus einer besonderen Familienlinie kommen! Mutter und ich haben uns oft über ihn lustig gemacht. Offenbar waren die Taylors vor Jahren kleine Gutsbesitzer irgendwo in der Nähe von Stratford. Aber unsere Familie lebte in einem Gemeinde-
eigenen Haus in Coventry. Ich möchte mal wissen, was daran so besonderes ist.« »Jeder ist etwas Besonderes, Phoebe. Häuser machen keine Leute. Leute machen Häuser.« »Ich weiß, ich weiß. Aber als wir dieses Haus gefunden haben, als wir ausgerechnet hatten, dass wir es uns… gerade so… leisten konnten«, erinnerte sie sich lächelnd, »da war ich so… aufgeregt! Ich habe tatsächlich gedacht, es wäre so eine Art Wink des Schicksals – dass wir absichtlich hierher geführt wurden! Du musst doch zugeben, dass die Art, wie wir es gefunden haben, ganz schön seltsam war.« »Du hast noch nie gut Karten lesen können!«, sagte Jack sanft. »Aber einfach aus Versehen hier anzukommen und das Haus steht sogar noch leer…! Und dann in die Stadt zu gehen und zu entdecken, dass es tatsächlich zum Verkauf steht…!« Sie schauderte und schüttelte den Kopf. »Siehst du«, wisperte Jack, »sie schläft jetzt.« Er legte Stephanie sanft auf die Seite in ihr Bettchen, zog seinen Morgenmantel aus und kletterte wieder ins Bett. Dann knipste er die Lampe aus. »Versuch ein bisschen zu schlafen«, sagte er und kuschelte sich unter die Decke. »Das brauchen wir beide. Wir sind mit unseren Nerven am Ende, weil wir kaum Schlaf bekommen.« »Jack«, wisperte Phoebes Stimme im Dunkeln. »Als ich die Kinder da oben in dem Zimmer gefunden habe… Ich weiß, dass ich da die Nerven verloren habe. Das ist noch einer von meinen Fehlern. Ich habe diese furchtbaren Zornesausbrüche… Aber ich hatte solche Angst um sie, Jack. Irgendetwas Böses ist hier…« »Deine Fantasie geht mit dir durch, das ist das Problem. Jetzt schlaf, Liebling.« Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. Draußen auf dem Flur knackte ein Dielenbrett. In der Küche darunter hob Spot seinen Kopf und spitzte die Ohren. Leise erhob er sich aus seinem Korb neben dem Herd und tapste zur Tür. Er blieb stehen, die Nase am Boden, und schnüffelte aufmerksam unter dem Türschlitz. Er konnte undeutlich einen fremden Geruch feststellen, zum Teil menschlich, zum Teil erdig. Ein saurer, bitterer Geruch. »Morten?«, knurrte er. Die Tür war zu. Er hatte das schon immer für eine lächerliche Vorsichtsmaßnahme gehalten. Wie sollte er auf das Haus und auf das Baby aufpassen, wenn ein dickes Eichenbrett zwischen ihm und dem Rest des Hauses stand? Die Hintertür dagegen machte ihm keine
Probleme. Hier konnte er den Riegel mit der Pfote hochheben. Er hatte das schon viele Male getan. Manchmal drehten die Menschen den Schlüssel um, bevor sie ins Bett gingen, aber normalerweise machten sie sich nicht die Mühe. Sie wussten, dass es jeder Eindringling zuallererst einmal mit ihm zu tun bekam. Spot entriegelte die Tür mit der Pfote und schlich hinaus in die dunkle Nacht. Sobald er im Hof war, trottete er zum Küchengarten und lief schnell auf dem mittleren Weg zum Taubenhaus. Er bellte einmal: »Jasper!«. Jasper knabberte gerade an einem delikaten Stückchen Wühlmaus hoch oben auf einem Vorsprung am Taubenhaus. Das war einer seiner liebsten Futterplätze. Als er den Hund bellen hörte, war er zuerst verärgert. Die Nacht war noch lang. Er hatte vor in die Gegend von Four Fields zu fliegen. Seit Meg ihr Haus da oben verlassen hatte, hatten Kaninchen und Mäuse den Ort in Besitz genommen. Jasper hatte die Absicht, so viel wie möglich zu fressen, bevor der Winter einbrach. Der Wind brachte schon den Geruch von Schnee mit sich und der morgendliche Tau sah immer häufiger wie Raureif aus. »Was ist?«, schrie er. »Ich weiß nicht«, grollte Spot. »Etwas… Morten. Im Haus.« »Im Haus?«, flötete die Eule klagend. »Wieder seine Ratten?« »Nein«, bellte Spot. »Stärker als das! Menschlich!« Plötzlich war Jasper hellwach. Er setzte sich gerade, zog die Schultern hoch und blinzelte mit seinen großen Augen von links nach rechts. »Menschlich?«, schrie er. »Er ist hier?« »Ich glaube schon«, grollte Spot. »Trotzdem ist es nicht sehr stark. Komisch! Hier und doch nicht hier«, knurrte er leise. »Ich verstehe das nicht und ich kann auch nicht nachsehen. Ich komme nicht ins Haus, weil die Türe zu ist.« Jasper betrachtete den dunklen Umriss des Hauses gegen den Nachthimmel jenseits der Gartenmauer. »Das runde Fenster ist offen«, murmelte er zu sich selbst. »Seltsam! Normalerweise ist es zu, wenn der Meister nicht hier ist.« »Du könntest da hineinkommen«, rief Spot. »Aber weck zuerst die Kinder! Sie sollen mir die Küchentür aufmachen.« Mary wachte mit einem Schreck auf. Ein Geräusch hatte sie mitten in einem Traum gestört, den sie sofort vergaß, als sie die Augen öffnete. Das Zimmer war dunkel. Sie hob den Kopf vom Kissen und
spähte hinüber zum Fenster. Da war es wieder! Ein seltsames, nachdrückliches Klopfen von der anderen Seite der Fensterscheibe. Dann sagte ihr ein leises Flöten, dass es Jasper war. Sie kroch aus dem Bett und lief zum Fenster. Kaum war es offen, erschien Jasper und setzte sich auf die Fensterbank. »Etwas ist passiert!«, flötete er leise. »Spot kann Morten hier im Haus riechen.« »Das wissen wir«, wisperte Mary. »Ihr wisst das?« Die Eule blinzelte missbilligend. »Rattus Rattus hat es uns erzählt.« »Er hätte es mir erzählen sollen. Warum hat er es mir nicht erzählt? Das ist gegen die Regeln. Wo ist sie jetzt – diese Ratte?« »Ich weiß nicht«, sagte Mary ziemlich schuldbewusst. »Wir dachten, er hätte es euch allen erzählt.« »Also mir hat er es ganz bestimmt nicht erzählt!«, antwortete Jasper und setzte eine überhebliche Miene auf. Er war ganz offensichtlich nicht erfreut. »Er sagte, er hätte eine Menge zu tun«, berichtete Mary. »Ohne mich? Wenn der Meister kommt, bin ich der Erste, dem das gesagt werden muss. Wer ist dieser Rattus Rattus?« »Die Ratte des Magiers«, sagte Mary. »Ja! Das hat Sirius mir erzählt. Soweit ich weiß, hat der Meister keine Ratte. Ich fresse Ratten. Und ich würde mich sehr freuen, diese Ratte kennen zu lernen. Im Übrigen halte ich die ganze Sache für hochgradig verdächtig.« »Tut mir Leid«, sagte Mary und wünschte Jasper würde sich nicht so aufregen. »Mir auch! Hat er gesagt, wie Morten hierher gekommen ist?« Mary erklärte es so kurz wie möglich. Als sie Jasper die Geschichte erzählte, fühlte sie sich furchtbar schuldig für alles, was passiert war. »Sein Geist ist hier? Nur sein Geist?« »Das hat Rattus Rattus gesagt.« »Aber sein Geist ist schon oft in seinen Geschöpfen hier gewesen.« »Aber es ist mehr wie… ein Gespenst, glaube ich«, sagte Mary. »Ein Gespenst?«, klagte Jasper. »Dann müssen wir dieses Gespenst verjagen. Ich sehe mal im Geheimzimmer nach. Die Fenster sind offen.« »Das ist unsere Schuld, fürchte ich«, sagte Mary und wollte es ge-
rade erklären, aber Jasper unterbrach sie. »Du liebe Zeit!«, sagte er. »Wenn man nicht ständig auf euch aufpasst! Weck die anderen auf und geht runter zu Sirius in die Küche. Ein Gespenst… also wirklich!«, schrie er und flog über das Dach zum runden Fenster des Geheimzimmers. Nachdem die Kinder sich angezogen hatten, gingen sie in die Küche hinunter. Sie mussten über die Galerie schleichen, aber sie hatten es doch so eilig, dass sie den blassen Schatten in der Ecke neben Jacks und Phoebes Tür nicht bemerkten. Nur Mary, die dicht an diesem Phantom vorbeiging, bevor sie die Treppe hinunterlief, schauderte kurz. Sie spürte große Kälte. Aber sie hielt es für Nachtluft und dachte in dem Augenblick nicht weiter darüber nach. Spot sprang sofort zu ihnen heraus, als sie die Tür öffneten. Er blieb mit erhobener Vorderpfote stehen und schnupperte in die Luft. Dann schwang sein Kopf in Richtung Treppe herum, und ohne die Kinder zu beachten, rannte er an ihnen vorbei und lief leise die Treppe hinauf. Im selben Augenblick kam Jasper vom Geheimzimmer herunter aus dem Kamin geflogen. Als er durch die Halle segelte, sah er die blasse, nebelhafte Erscheinung des Mannes oben auf der Galerie. »Mary!«, flötete er. Mary blickte nach oben und im selben Augenblick fühlte sie, wie sie sich vom Boden in die Luft erhob. Jetzt sah sie durch Jaspers Augen und sofort konnte sie Mortens Gestalt erkennen. »Er ist ziemlich jung«, wisperte sie und starrte auf sein erschrecktes Gesicht, das ängstlich beobachtete, wie die Eule aus dem Dunkeln auf ihn zuflog. »Aber gefährlich!«, schrie Jasper und streckte seine Krallen aus. Im letzten Moment, als die Klauen schon nach der Wange des Mannes hackten, wurde das Bild schwächer und nichts als wirbelnder Nebel und eine schreckliche Kälte, die Mary ins Herz traf, blieb zurück. »Ein Gespenst«, wisperte sie. Spot spürte die Kälte wie einen leichten Wind über seinen Rücken streichen. Er wirbelte herum und folgte dem Geruch von einem Ende der Galerie zum anderen. Als der Geruch die Tür zum ersten der beiden Räume im neueren Flügel des Hauses erreichte, verflüchtigte er sich. »Hier durch«, grummelte Spot. Alice und William hatten sich die Treppe hochgehangelt. Sie wa-
ren beide ängstlich und aufgeregt zugleich, aber sie trauten sich nicht zu nahe heran. Als Spot sie jetzt ungeduldig antrieb, lief William weiter und öffnete ihm die Tür. Jasper und Mary kamen kurz vor dem Hund an. Das Zimmer war leer. Es war vor kurzem gestrichen worden und der Farbgeruch überdeckte den seltsam erdigen Geruch des Gespenstes. »Weg!«, klagte Jasper. »Wohin?«, wisperte Mary. Spot beschnupperte die Wandvertäfelung. »Ratte!«, grollte er schlecht gelaunt. »Ich kann Ratten nicht ausstehen!« »Ich auch nicht«, sagte Alice nachdrücklich in sicherer Entfernung von der Türe aus. Die Ratte erschien einen Augenblick später oben auf dem Kaminsims. Ihr Schwanz zuckte und ihre kleinen Augen bohrten sich in die Dunkelheit. »Da!«, kreischte Jasper und flog auf sie zu. Die Ratte rettete sich mit einem Sprung auf den Boden und wich dann Spot geschickt aus, der bellend mit gespreizten Krallen und gesträubten Nackenhaaren vorsprang. Alice sah, wie die Ratte auf sie zu rannte, und schnappte nach Luft. Im selben Augenblick flog Jacks und Phoebes Tür auf der anderen Seite der Halle auf und in dem Licht, das aus dem Zimmer fiel, erschien Jacks Gestalt. »Was zur Hölle geht hier vor?«, schrie er. »Wir versuchen zu schlafen!« Stephanie begann im Zimmer lauthals zu weinen. Die Ratte lief die Treppe hinunter, Spot dicht auf ihren Fersen. Jasper segelte über das Geländer zum großen Kamin. Die drei Kinder zogen sich in das leere Zimmer zurück und ließen die Tür einen Spalt offen, so dass sie gerade noch sehen konnten, wie Jack sich über das Geländer beugte. »Was ist los?«, fragte Phoebe, die hinter ihm im Türrahmen auftauchte. »Dieser verdammte Hund ist irgendwie aus der Küche entwischt!«, erwiderte Jack. »Aber – was macht er?«, fragte Phoebe. Unten in der Halle war die Ratte durch einen Spalt in der Wandvertäfelung neben der Küchentür entkommen. Spot bellte wütend und zerkratzte den Steinboden, als wollte er ihn aufreißen.
»Sei still!«, schrie Jack. »Sei jetzt still, Spot! Was zum Teufel ist mit dir los?« »Jack!«, flüsterte Phoebe. »Du weckst die Kinder auf.« »Geh sofort in die Küche zurück«, sagte Jack, ging mit großen Schritten die Treppe hinunter und knallte die Tür auf. »Du elendes Vieh!« Mit eingeklemmtem Schwanz schlich Spot in die Küche. Oben auf der Galerie fing Phoebe an zu frieren. Sie spürte wieder diese schreckliche Kälte. Die Ratte kroch geräuschlos durch schmale Spalten zwischen Steinwänden und Fußleisten, bis sie zum Kamin kam. Dann kletterte sie rasch zum Kaminsims hinauf. Sie erreichte den Holzbalken, der den Sims trug und eilte zur hinteren Wand der Halle und durch das Gewirr von Tunneln in den Steinwänden, aus denen ihre eigene geheime Welt bestand. »Ich danke dir, meine Ratte«, wisperte Mortens Geist in ihrem Kopf. Aber seine Stimme war verzweifelt. »Ich muss irgendwie zurück«, seufzte er. Die Ratte blieb in einem dunklen Tunnel stehen und kratzte sich. Nichts leichter als das!, dachte sie. Wir tricksen einfach eins der Kinder aus. Vielleicht die Kleine. Sie reagiert am empfindlichsten auf Ratten wie mich. »Aber sie weiß nichts über Zeitreisen. Niemand weiß etwas darüber außer dem alten Mann.« »Und doch bist du hier.« »Nur teilweise. Ich habe… daran gearbeitet, die Fähigkeit zu bekommen. Und ich habe es fast geschafft. Es sind diese Kinder! Sie mischen sich in Dinge, über die sie nichts wissen.« »Sie sind die Geschöpfe des alten Mannes«, zischte die Ratte. »Sie werden bald lernen, wie man durch die Zeit reist! Und wenn sie es lernen, werden wir sie benutzen. Wir werden sie begleiten.«
10 Die erste Reise Am nächsten Tag strahlte die Sonne vom Himmel, aber ein scharfer Wind blies aus Westen. Die Kinder waren froh über ihre warmen Anoraks, als sie den steilen Hang durch den Wald zur Eibe und weiter zum Golden Water hochstiegen. Die Bäume um sie herum leuchteten in den schönsten Herbstfarben. Der Wind wehte die Blätter wie einen goldenen Regen durch die Luft und sie bedeckten in kräftigen Rot- und Brauntönen den Boden wie ein Teppich. Es tat so gut, draußen in der frischen, klaren Luft zu sein! Als die Kinder am Dachsbau vorbeigingen und die Spitzen der Eibe sehen konnten, waren sie in bester Stimmung. Sie hatten den Morgen damit verbracht, Feuerholz für den kommenden Winter zu sammeln. »Wir glauben nicht, dass wir das Haus vor dem Frühling verkaufen können«, hatte Jack ihnen gesagt, »und wenn diesmal noch so ein Winter kommt wie letztes Jahr, brauchen wir alles zum Feuern, was wir kriegen können.« Spot schien nach der ganzen Aufregung der vergangenen Nacht erschöpft zu sein und hatte sich in der Halle einen Schlafplatz gesucht. Von hier aus konnte er fast alles, was im Haus geschah, im Auge behalten. Er konnte immer noch die Ratte in der Holzvertäfelung der Wand riechen und war auf der Hut, falls das Tier zurückkam. »Noch mal entwischt er mir nicht«, brummte er vor sich hin. Phoebe war mit Stephanie auf dem Arm heruntergekommen. Obwohl sie immer noch blass und angespannt aussah, hatte sie sichtlich bessere Laune und sagte zu Meg, sie würde ein schnelles Mittagessen machen und abends ein besonderes Essen kochen, um den Besuch der Kinder zu feiern. Das Mittagessen entpuppte sich als eine köstliche Suppe mit warmem Brot aus dem Ofen, gefolgt von einem Nachtisch aus Aprikosentorte und süßer, goldgelber Vanillesoße, die perfekt zu den säuerlichen Früchten passte. Die Kinder nahmen sich zweimal von allem und Alice sagte zu
Phoebe, sie dürfe nie wieder krank sein, denn sie sei die beste Köchin der Welt, und eins der besten Dinge an Golden House sei das Essen, das sie koche. Als sie merkte, wie Meg sie ansah, wurde sie rot und sagte schnell, dass Meg bestimmt auch eine gute Köchin sei, aber Phoebe koche nun eben ganz besonders gut. Meg lachte und stimmte ihr von ganzem Herzen zu. »Ich koche die normalen Sachen, Herzchen! Nicht diesen modernen Kram. Würstchen und Kartoffelbrei kann ich am besten.« »Alices Lieblingsessen!«, sagte Phoebe lächelnd. »Nein, das stimmt nicht mehr«, meinte Alice und kratzte die letzte Vanillesoße von ihrem Teller. »Ich bin jetzt auch fast schon ein Gemüseesser.« Es war ein fröhliches Mahl. Jack und Phoebe schienen viel entspannter zu sein und Stephanie weinte nicht ein einziges Mal, sondern schlug ihren Löffel so laut auf den Tisch, dass sie alle darüber lachen mussten. Als sie fertig waren, verkündete Mary, dass sie und William und Alice spazieren gehen würden und dass sie vielleicht erst später als sonst zurückkämen. Phoebe schien ganz froh darüber zu sein, bat sie aber vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukommen, Tee und Lebkuchen würden dann schon auf sie warten. Nachdem sie ihre Anoraks und Schuhe angezogen hatten, machten sich die Kinder schnell auf den Weg. Es war schon halb zwei und sie hatten versprochen Rattus Rattus um zwei Uhr zu treffen. Sie erreichten den Stehenden Stein, als die Sonnenstrahlen gerade durch die über den Himmel jagenden Wolken brachen und die Oberfläche des Sees in glitzerndes Licht verwandelten. Der honiggelbe und kaffeebraune Laubwald auf der rechten Seeseite Richtung Four Fields bildete einen starken Kontrast zu dem dunkelgrünen Tannenwald auf der anderen Seite des Sees. In der Ferne funkelte der Wasserfall durch die Zweige der Bäume und Büsche, die auf dem Hügel bis zu dem v-förmigen Einschnitt und den höheren Bergen dahinter wuchsen. »Ist es nicht himmlisch?«, rief Mary und blickte sich um. »Ich liebe diesen Ort. Hier ist es für mich wie zu Hause.« »Aber wir sind hier nicht zu Hause!«, sagte Alice traurig. »Wenn Mama und Papa aus Afrika wiederkommen, sind wir in den Ferien in London, und wenn Onkel Jack Golden House verkauft, kommen wir nie wieder hierher.« »Vielleicht sind wir jetzt zum letzten Mal hier«, stellte William
fest. Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und kickte einen Stein den Hügel zum Wasser hinunter. Bei diesem Gedanken blickten sie sich mit neuem Eifer um, als ob sie sich alle Einzelheiten der Landschaft, die sie lieben gelernt hatten, für alle Zeiten einprägen wollten. »Ich glaube, ich kann bestimmt nicht aufhören zu weinen, wenn sie das Haus verkaufen«, sagte Alice ruhig, und obwohl das eine übertriebene Feststellung war, widersprachen ihr die beiden anderen nicht. Ihre Hochstimmung, in die sie die frische Luft und die Anstrengung versetzt hatten, verwandelte sich in Trauer und Nachdenklichkeit. William schlenderte zum Ufer und schlitterte halbherzig Kiesel über den See. Mary steckte die Hände in die Taschen und lehnte sich gegen den Stehenden Stein und Alice hockte sich erst hin und kauerte sich dann auf den Boden, die Knie bis zum Kinn gezogen. »So«, zischte eine Stimme, »da seid ihr ja alle!« Rattus Rattus saß auf seinen Hinterbeinen oben auf dem Stehenden Stein. Er war so hoch über ihnen, dass sie ihn nur aus einiger Entfernung zum Stein sehen konnten. William drehte sich als Erster um und kam vom Seeufer zurückgelaufen. Alice blickte über ihre Schulter, stand auf und stellte sich neben ihren Bruder. Nur Mary, die direkt unterhalb von Rattus Rattus stand, konnte ihn nicht sehen. »Wo ist er?«, wisperte sie. »Hier!«, sagte er, sprang hinunter und landete mit einem Plumps auf ihrer Schulter. »Igitt!«, rief Alice und schlug sich dann die Hand vor den Mund. »Tut mir Leid«, murmelte sie. Mary wagte vorsichtig einen Blick zur Seite. Die Augen der Ratte sahen geradewegs in ihre. Das Tier war so nah, dass sie fühlte, wie seine Schnurrbarthaare ihre Nase kitzelten. Sie schluckte beunruhigt. »Hallo!«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Guten Tag, Mary!«, erwiderte Rattus Rattus. Mary konnte die scharfen Krallen auf ihrer Schulter spüren. »Hast du das Pendel des Meisters mitgebracht?« »Ja«, flüsterte sie nervös. »Gut! Gib es mir bitte.« Er hielt ihr eine Pfote entgegen. Mary zögerte, denn einen Augenblick lang wusste sie nicht, was das Klügste wäre. Sie warf einen Blick auf William und Alice, als ob sie ihr bei ihrer Entscheidung helfen könnten. Ihre Erinnerungen an den Kampf um Golden Water im Sommer waren noch zu frisch, als
Mortens Krähe das Pendel gestohlen hatte und sie geglaubt hatten, es sei für immer verloren. »Mary!«, sagte Rattus Rattus gefährlich ruhig. »Wenn du mir nicht vertraust, kommen wir nie ans Ziel. Wenn du mir nicht vertraust, können wir genauso gut nach Hause gehen und dem Assistenten des Magiers die Welt überlassen. Wenn du mir nicht vertraust, werde ich sehr böse sein. Jetzt gib mir das Pendel! Schließlich ist es nicht dein Eigentum. Du hast es nur leihweise.« »Hier«, sagte Mary, ohne noch einmal William und Alice anzusehen. Sie holte das Stück Gold aus ihrer Hosentasche und hielt es an der Kette der ausgestreckten Pfote entgegen. Rattus Rattus beobachtete, wie das Pendel vor seinen Augen hinund herschwang. »So ist es besser«, sagte er. »Jetzt wissen wir, wer unsere Freunde sind! Du kannst es jetzt wieder einstecken.« »Du willst es gar nicht haben?«, fragte Mary überrascht. »Ganz sicher nicht! Wo sollte ich es denn hintun? Du hast wenigstens Taschen!« Rattus Rattus grinste. »Und jetzt fangen wir an, ja? Für eure erste Reise müsst ihr natürlich den Körper und das Bewusstsein anderer Geschöpfe ausleihen. Um den eigenen Körper zu transportieren, braucht man sehr viel Konzentration. Allerdings ist es leichter, sich vorwärts durch die Zeit zu bewegen, als zurückzugehen. Und ihr wollt ja zurück! Ihr braucht also die Körper von Geschöpfen aus der Zeit, in die ihr reisen wollt. Natürlich habt ihr mich«, sagte er und verbeugte sich formvollendet vor ihnen wie ein Gentleman. »Jetzt möchte ich euch zwei weitere sehr gute Freunde des Meisters vorstellen.« Er sprang von Marys Schulter und verschwand hinter dem Stehenden Stein. Einen Augenblick später tauchte ein Eichhörnchen aus dem Nichts auf und huschte fröhlich keckernd den Stein hinauf. »Dies«, sagte Rattus Rattus und erschien wieder schwungvoll wie ein Zauberer, der einen Trick vorführt, »dies ist Rus, das Eichhörnchen des Meisters.« Das Eichhörnchen drehte sich herum und grinste die Kinder an. Es sah ganz anders aus als die Eichhörnchen, die sie im Wald gesehen hatten. Sie waren hier alle grau, aber Rus hatte ein wunderschönes Fell in einem warmen Braunrot. Wie die Haare des Magiers!, dachte Mary. »Und jetzt«, fuhr Rattus Rattus fort, »stelle ich euch ein ganz besonderes Tier vor.« Eine große, elegante Hirschkuh trat hinter dem
stehenden Stein hervor. »Dies ist Cervus, die Hirschkuh des Meisters. Wie ihr sicher bemerkt habt, hat sie kein Geweih – weil sie weiblich ist. Der Meister liebt sie, glaube ich, mehr als alle anderen Geschöpfe des Waldes.« Cervus trug um ihren Hals ein breites Halfter aus goldenem Metall. »Das goldene Band«, erklärte Rattus Rattus mit leiser Stimme, als ob er ein Geheimnis weitergäbe, »soll die Jäger vertreiben. Wehe, wenn jemand – und sei es die Königin selbst – Cervus bei einer Jagd tötet.« »Kommt die Königin hierher?«, fragte Mary eifrig. Ihre Vorliebe für Geschichte überwand einen Moment lang alle anderen Dinge. »O ja!«, erwiderte Rattus Rattus. »Als sie noch jünger war, kam sie sehr oft. Aber jetzt nicht mehr. Es ist eine lange Reise von London hierher, und obwohl sie immer noch eine der besten Reiterinnen im Land ist, muss es schon einen guten Grund geben, damit sie heutzutage solch eine Strecke zurücklegt. Und natürlich dauert es auch viele Tage, mit einer Kutsche hierher zu kommen.« »Ich würde Elizabeth I. wirklich gerne kennen lernen«, sagte Mary. »Ich hätte eine Menge Fragen an sie.« »Eine Meinung, die von vielen ihrer Untertanen geteilt wird, vermute ich! Aber man fragt Königin Elizabeth nichts, Mary, man wartet, bis etwas kundgetan wird!«, sagte die Ratte augenzwinkernd. »Was haltet ihr jetzt von einem Wettlauf?«, wechselte er das Thema. »Wer ist zuerst am Golden House?« Noch während die Ratte sprach, drehte Mary sich um und flitzte durch das hohe Gras. Ihre winzigen Pfoten berührten kaum den Boden, als sie zum Rand der Böschung lief. Die Gräser um sie herum waren so hoch wie Bäume. Sie schlossen sich über ihrem Kopf und sperrten fast das Tageslicht aus. »Ich kenne eine Abkürzung«, wisperte Rattus Rattus in ihrem Kopf. »Wir werden lange vor den anderen da sein!« Vor ihnen sah Mary eine runde Öffnung im Hügel. Der Tunnel, in den sie liefen, war dunkel und führte steil hinab. Mary spürte, wie Erde und spitze Steine sie von allen Seiten bedrängten, als Rattus Rattus sich einen Weg durch die Dunkelheit bahnte. »Wo sind wir?«, fragte sie nervös. »Kaninchenbau«, antwortete die Ratte atemlos. »Kaninchen sind nicht meine Freunde. Zumindest halten sie mich für einen Feind.
Aber wenn wir uns beeilen, sind wir durch, bevor sie merken, dass wir hier sind.« Wohin führt der Tunnel?, dachte Mary. »Direkt durch den Hügelkamm!«, sagte Rattus Rattus triumphierend. »Armer Cervus! So abhängig von Wegen über der Erde zu sein! Unterirdische Tunnel können Entfernungen sehr effektiv verkürzen.« Die Ratte bog scharf um eine Ecke und sie kamen in einen breiteren Gang. Hier war der Boden mit Glasstückchen und Stroh bedeckt. Es roch unangenehm stark nach feuchter Erde und Wasser tropfte aus der Tunneldecke über ihnen. Hier gefällt es mir nicht, dachte Mary. Rattus Rattus blieb stehen und drehte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Durch den Halbschatten konnte Mary vor ihnen drei verschiedene Öffnungen sehen. »Das Problem mit Kaninchen ist«, beklagte sich Rattus, »dass sie ihren Bau dauernd vergrößern! Wohin jetzt? Das ist die Frage.« Mit zuckender Nase schnupperte er in jede Öffnung hinein. Aus der ersten kam ein warmer, milchiger und fast süßlicher Geruch, unangenehm, aber nicht unerträglich. »Kaninchennest«, verkündete er. Er drehte sich schnell weiter und untersuchte die zweite Öffnung. Hier roch es eindeutig nach feuchter Erde, wie eine Mischung aus Schlamm und fauligen Blättern. »Maulwurf!«, sagte Rattus angeekelt. »Maulwürfe sind schon in Ordnung, aber sie blockieren einen ganzen Durchgang, bewegen sich jämmerlich langsam und wenn man sie verärgert, haben sie scharfe Krallen und sehr schlechte Laune. Ein Maulwurf ist ein guter Verbündeter, aber nur, wenn man einen langen Feldzug plant. Maulwürfe lassen sich Zeit. Solches Verhalten finde ich sehr ärgerlich. Aber schließlich sind wir Ratten dafür bekannt, dass wir nicht trödeln!« Er wandte seine Aufmerksamkeit der dritten Öffnung zu. Mary nahm sofort den Hauch eines bekannten, aber zuerst nicht erkennbaren Geruchs wahr. Ein strenger, beißender Geruch, der sich in der Kehle festsetzte, so dass man husten musste. »Hier ist es!«, rief Rattus und rannte in den Tunnel. »Dachsgeruch! Der Gang führt zum Dachsbau, und wenn wir da einmal durch sind, haben wir die Hälfte des Hügels auf der anderen Seite hinter uns und sind auf dem Weg nach Golden House!« Mit fröhlichem und aufgeregtem Piepsen drängten sich Mary und Rattus durch die feuchte, süßlich riechende Erde und waren bald in einer weitläufigen, unterirdischen Höhle angelangt. Vor ihnen lag ein
Dachs, der fest schlief. Rattus legte eine Vorderpfote an die Schnauze und ohne einen Mucks schlichen sie auf Zehenspitzen an dem riesigen, langsam atmenden Tier vorbei. Sie waren schon fast aus dem Schlafzimmer des Dachses heraus, als eine tief grollende Stimme ziemlich nah an ihrem Ohr sagte: »Rattus Rattus, ich habe dir schon so oft gesagt, du sollst fragen, bevor du in unseren Bau kommst. Du bist vielleicht die Ratte des Meisters, aber es ist trotzdem eine Unverschämtheit…« Dann zögerte die Stimme und man hörte heftiges und prüfendes Schnüffeln. Es folgte eine feuchte Nase, die aus der Dunkelheit auftauchte und direkt in das Gesicht der Ratte stieß. »Wen hast du da bei dir?«, grollte der Dachs. »Einen Freund des Meisters, unterwegs in dringenden Geschäften!«, zischte Rattus Rattus, und bevor der Dachs Zeit hatte, weitere Fragen zu stellen, wich er der Nase aus, sprang über den Kopf und lief gewandt über den dicken, haarigen Körper. Er glitt die plumpe Hinterseite hinunter und rannte durch einen abschüssigen Tunnel zum fernen Tageslicht. »Uff!«, rief die Ratte, als sie durch einen ziemlich ausgetretenen Eingangstunnel hinaufrannten und auf der anderen Seite in das helle Tageslicht rutschten. »Das war knapp! Meles kann manchmal ganz schön empfindlich sein!« Und unter fröhlichem Lachen lief die Ratte durch die Farne und Gräser den Hügel hinunter zum Waldweg hinter Golden House. Kaum hatte die Ratte sie zum Wettlauf herausgefordert, sprang Rus, das Eichhörnchen, vom Stehenden Stein herunter und wandte sich zur Eibe auf der Spitze des Hügels. »Wer kommt mit mir?«, schrie er. »Du, kleines Mädchen, komm schon! Du willst doch gewinnen, oder nicht?« »Ja«, erwiderte Alice, »ich glaube schon!« Alles passierte so schnell, dass sie gerade noch so eben mit den Ereignissen mithalten konnte. »Armer Rattus!«, wisperte Rus in ihrem Kopf. »Er denkt, er hätte einen Vorteil, weil er sich unter der Erde auskennt! Wir werden schon sehen!« Noch während er sprach, sah Alice, wie ihre Vorderpfoten vor ihr über den Boden trappelten. Sie jagten den Hügel hinauf und liefen links an der Eibe vorbei. »Ein guter Baum!«, sagte Rus. »Manchmal geht der Meister dorthin und lebt wie einer von uns!«
»Ich war auch schon im Baumhaus«, sagte Alice außer Atem. Sie liefen so schnell, dass sie kaum sprechen konnte. »Gut! Gut! Spar deinen Atem! Wir haben noch gar nicht angefangen!«, sagte das Eichhörnchen. Sie glitten den Steilhang auf der anderen Seite der Eibe hinunter und waren bald bei dem vertrauten Dachsbau. Als sie an einem Eingang vorbeikamen, streckte ein Dachs überrascht seinen Kopf heraus. »Was ist los?«, fragte er. »Gerade ist die Ratte des Meisters durch mein Schlafzimmer gerannt! Was ist das für ein Theater?« »Keine Zeit, Meles!«, keckerte das Eichhörnchen. »Wenn Rattus schon vorbeigekommen ist, müssen wir einen Spurt hinlegen!« Und erjagte davon, den Hügel hinunter. »Albernes Ding!«, gähnte der Dachs und zog sich wieder in seinen Bau zurück. »Am helllichten Tag herumzurennen, wenn alle anständigen Tiere fest im Bett liegen!« »Wir holen ihn nie ein«, rief Alice. »Er wird schon halb da sein.« »Ja!«, stimmte Rus zu. »Aber der arme Wicht muss auf dem Boden laufen!« Und damit schoss das Eichhörnchen schnurstracks einen Baumstamm hinauf. »Ohhh!«, schrie Alice. Sie blickte hinunter und sah, wie der Boden unter ihr verschwand. »Jetzt dauert es nicht mehr lange!«, rief das Eichhörnchen. »Von hier zum Fuß des Hügels sind es nur noch ein oder zwei Sprünge!« Rus lief hinaus auf einen hohen Ast, der im Wind schaukelte und seine Blätter in alle Richtungen wirbelte. Von der äußersten Spitze des Astes, wo er nur noch aus einem Büschel vertrockneter Blätter bestand, sprang Rus zur nächsten Baumkrone. Er klammerte sich mit seinen starken Vorderfüßen an einen Zweig und schwang sich weiter von Ast zu Ast und von Baum zu Baum den Hügel hinunter. Die Bewegung war ungewöhnlich. Der Wind blies ihnen um die Ohren und ließ die Bäume schwanken. Es war, als ob sie gleichzeitig flögen und kletterten und schaukelten. Als wären sie ein Teil des Windes, als wären sie ein Herbstblatt, als wären sie nicht einfach nur ein kleines Mädchen, durch Magie mit einem Eichhörnchen zusammengefügt, sondern als wären sie durch dieselbe Magie mit dem ganzen Wald und der Luft und dem Licht, das sie umgab, verbunden. Alice wünschte sich, dass diese Reise niemals endete. Sie war so aufgeregt, so froh zu leben! »Da!«, kreischte das Eichhörnchen. »Der Waldweg. Wer ist das schnellste aller Geschöpfe des Meisters?«
»Das sind wir!«, rief Alice. »Das sind wir, Rus! Das ist das Schönste, was ich jemals erlebt habe. Ihr könnt eure Achterbahnen behalten!« Cervus sah William mit traurigen Augen an. Dann drehte sie sich seufzend um und begann, den Hügel zur Eibe hinaufzutraben. William lief ein paar Schritte hinter ihr her und spürte mit einem Ausschlagen der Hinterbeine, wie die Kraft ihres Körpers auf ihn überging. Jetzt geht es los, dachte er, als er ihre donnernden Hufe auf der harten Erde hörte. Im Nu erreichten sie die Eibe, dann bogen sie ab und galoppierten den schmalen Pfad zum Dachsbau hinunter. Vor ihnen sah William Rus, das Eichhörnchen, wie einen roten Strich in den weiter unten stehenden Bäumen verschwinden. Cervus folgte einem ausgetretenen Pfad. Es war der Weg, den die Kinder immer vom Tal hinauf zum Golden Water kletterten. Aber auf halber Strecke verließ sie den Pfad und lief wie eine Tänzerin mit zierlichen Schritten einen fast steil abfallenden Hang hinunter und weiter durch ein Birkenwäldchen. Vor ihnen versperrte ein undurchdringliches Gestrüpp aus dornigem Stechginster den Weg. Aber William spürte, wie Cervus und er sich mit zusätzlicher Energie mit den Hinterbeinen nach vorne abstießen, über die Sträucher flogen und leichtfüßig auf der anderen Seite landeten. Während der ganzen Reise sprach Cervus nicht ein Wort mit William, obwohl er mehrmals Bemerkungen machte, auf die er eine Antwort erwartet hätte. Schließlich erreichten sie das Tal und kamen auf dem Waldweg an. Vor ihnen konnten sie Rattus Rattus sehr schnell laufen sehen. Cervus beschleunigte ihre Schritte, und weil sie größer war, holte sie die Ratte bald ein. Als das Tor des Küchengartens von Golden House vor ihnen auftauchte, ließ sich Rus, das Eichhörnchen, von einem überhängenden Ast auf Cervus’ Schultern fallen. »Betrug!«, rief William. Als die Hirschkuh die Ratte eingeholt hatte, war Mary überrascht, dass Rattus nicht schneller lief, sondern seine letzte Kraft für einen komplizierten Sprung zur Seite nutzte. Ihr Körper drehte sich im Flug. Mary dachte schon, sie sprängen einen Salto, aber stattdessen landeten sie mit einem Plumps genau hinter Rus auf Cervus’ Rücken.
»Tja!«, rief Rattus Rattus. »Wettläufe sind wirklich albern!« Und als Cervus beim Tor zum Küchengarten zum Halt kam, fügte er hinzu: »Wir haben alle gewonnen!«
11 Im herbstlichen Garten Der Garten war in goldenes Sonnenlicht getaucht. Im fernen Wald krächzten Saatkrähen und entlang der Wege standen Obstbäume, an deren Zweigen hier und da immer noch Äpfel hingen. Niedrige, sauber geschnittene Buchsbaumhecken rahmten alle Beete ein, in denen Blumen mit ihren braunen und weißen Samenständen im leichten Wind nickten. In einiger Entfernung rankten spät blühende Rosen an ein paar Stangen in die Höhe, die eine Laube entlang der Gartenmauer bildeten. Sie stand in vollem Sonnenlicht gegenüber dem Taubenhaus und über der Mauer hinter ihr war gerade noch die Rückseite des Hauses zu sehen. Cervus trabte mit Rattus und Rus auf dem Rücken den Weg entlang und die Kinder sahen einen alten Mann, eingehüllt in eine dicke Felldecke, in der Laube sitzen. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, als ob er schliefe. Als sie näherkamen, erkannten sie den Magier. »Mr. Tyler!«, rief Mary erfreut. Sie ließ sich, losgelöst von Rattus, von Cervus’ Rücken gleiten und lief ein paar Schritte auf ihn zu. Ihre Stimme ließ den alten Mann mit einem erschreckten Gesichtsausdruck aufblicken. Er runzelte die Stirn und spähte angestrengt geradeaus, dann schüttelte er seinen Kopf und schloss seufzend wieder die Augen. Cervus drängte sich an Mary vorbei und ging ruhig zum Magier. Sie ließ sich zu seinen Füßen nieder und legte ihren Kopf in seinen Schoß. Rattus Rattus wühlte geschäftig in den Büschen neben dem Pfad herum und Rus sprang vom Rücken der Hirschkuh, kletterte eine der Laubenstreben hoch und setzte sich oben auf die Spitze in das warme Sonnenlicht. William und Alice waren jetzt auch wieder von ihren Tieren getrennt und gingen hinüber zu Mary, die immer noch in einiger Entfernung von der Laube stand und den Magier beobachtete. Es war, als ob sie sich alle instinktiv als Außenseiter fühlten und die Szene vor sich nicht stören wollten.
Der alte Mann streckte eine Hand aus und streichelte liebevoll den Kopf der Hirschkuh. »Wie geht es dir, meine Süße?«, murmelte er. »Meine Cervus! Meine Gute!« Die Hirschkuh stieß einen Seufzer völliger Zufriedenheit aus und streckte sich zu Füßen des alten Mannes in der Sonne aus. »Rus! Bist du das da oben?«, fragte er. »Bald ist es Zeit für deinen langen Schlaf, mein Eichhörnchen. Obwohl dein Winterschlaf kürzer sein wird als meiner, möchte ich meinen! Rattus? Was hast du mir Neues zu berichten? Was geht draußen vor, meine Ratte?« »Sie sind hier, Meister«, sagte die Ratte, die gerade genüsslich einen Regenwurm verspeiste. »Die Kinder?«, sagte der alte Mann. Er hörte sich überrascht, fast angstvoll an. »Wo?« »Wir sind hier!«, rief Alice und trat vor den Magier, so dass er sie sehen musste. Aber Stephen Tyler blickte durch sie hindurch und suchte die weiter entfernten Winkel des Gartens mit seinen Augen ab. »Er kann mich nicht sehen«, sagte Alice traurig und blickte zurück zu William und Mary. Mary folgte einer plötzlichen Eingebung, zog das Pendel aus ihrer Jeanstasche und hielt es hoch. Es glitzerte und funkelte im Sonnenlicht. Sofort schützte der Magier seine Augen, als ob er geblendet würde. Dann hielt er den Atem an und erhob sich halb von seinem Stuhl. »Meine lieben Kinder!«, sagte er erfreut. »Wir dachten, Sie kämen nie mehr zu uns«, erklärte Mary und ging auf ihn zu. Dann blieb sie stehen und sah sich um. Der Garten war sauber und gepflegt. Der Duft von Rosen mischte sich mit dem Geruch rauchiger Holzfeuer und der letzten Lavendelblüten. »Irgendwie ist alles anders«, stellte sie verwirrt fest. Sie blickte erst zu William und Alice, die mit dem Rücken zur Sonne standen und von Licht umgeben waren, und dann zu dem alten Mann, der in seinem Stuhl saß und das Gesicht in die Sonne hielt. Sie stieß einen langen Seufzer aus. »Wir sind hier, nicht wahr?«, fragte sie leise. »Ihr seid ganz sicher hier«, erwiderte der Magier lächelnd. »Ich meine, in Ihrer Zeit. Wir sind zu Ihnen zurück gekommen!« »Sagen wir, dass ihr mir näher seid, als ihr es jemals zuvor wart!« Er streckte seine Arme aus, als ob er sie und den ganzen Garten umarmen wollte. »Dies ist meine Welt, mein Garten, mein Leben.« Die letzten Worte klangen wehmütig. »Liebe Kinder, ich habe euch
so vermisst! Ich bin so verdammt altersschwach, dass ich euch nicht besuchen konnte. Obwohl ich Nachrichten über euch hatte und ihr immerzu in meinen Gedanken wart. Aber jetzt seid ihr hier! Ihr seid sehr herzlich willkommen!« »Kann er uns jetzt sehen?«, flüsterte Alice. »Minimus«, gab der alte Mann flüsternd zurück, »ich kann jeden Zentimeter von dir sehen.« Mit einem Freudenschrei rannte Alice auf ihn zu und warf ihre Arme um seinen Hals. »Wir haben Sie so vermisst!«, rief sie und küsste ihn auf die Wange. »Alice, sei vorsichtig!«, wies Mary sie zurecht. »Es geht ihm nicht gut.« Sie konnte ganz hinten im Hals einen Tränenkloß fühlen. »Mir geht es sehr gut, jetzt, da ihr alle hier seid!«, sagte der alte Mann mit festerer Stimme. »Aber ihr dürft nicht lange bleiben. In eurem jungen Alter in der Zeit zu reisen, wenngleich mit der Hilfe der Tiere, ist bemerkenswert. Aber wir sollten euch nicht zu sehr ermüden.« »Ich fühle mich überhaupt nicht müde.« Alice schnappte nach Luft. »Ich bin mit Rus gekommen, nur über die Bäume. Es war Wahnsinn. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das war.« »Rattus und ich sind durch einen Kaninchenbau gelaufen und mitten durch den Dachsbau«, sagte Mary, die ihr in nichts nachstehen wollte. »Und du, William?«, fragte Stephen Tyler. »Du bist ungewöhnlich still, mein kleiner Denker.« William zuckte mit den Schultern. Plötzlich fühlte er sich schüchtern und fehl am Platz. Er wusste nicht, warum. »Ich war mit Cervus zusammen«, sagte er. »Sie hat nicht einmal mit mir gesprochen. Ich glaube, sie wollte mich gar nicht bei sich haben.« »Meine Cervus«, sagte der alte Mann liebevoll. Sofort hob die Hirschkuh den Kopf und legte ihn wieder auf seinen Schoß. Stephen Tyler streichelte ihr Ohr. »Ich habe Cervus in einem Dickicht gefunden, als sie nur ein paar Monate alt war. Sie hatte mit angesehen, wie die Jagdhunde ihre Mutter eingekreist und die Jäger ihr die Kehle durchgeschnitten hatten. Cervus war in einem jämmerlichen Zustand. Es war schrecklich mit anzusehen. Der Rest der Herde kam zu ihr zurück und hätte sie mitgenommen, aber sie war zu verschreckt und konnte sich nicht bewegen. In den ersten Wochen trug ich das
Futter zu ihr und nach und nach fasste sie Vertrauen zu mir. Schließlich folgte sie mir hierhin. Seitdem ist sie immer bei mir gewesen. Sie ist meine treue und sehr liebe Freundin. Meine Cervus, wer wird sich um dich kümmern, wenn ich aus dieser Welt gehe?«, fragte er traurig und seufzte noch einmal. »Wir alle tun es, Meister«, piepste Rattus Rattus. »Das habt Ihr uns doch gelehrt – dass wie alle zuerst für uns und dann füreinander verantwortlich sind.« »Aber…«, fing der alte Mann an, schüttelte aber dann den Kopf, als ob er zu müde oder vielleicht zu traurig zum Sprechen wäre. »Ich kümmere mich um sie«, sagte William, lief zu der Hirschkuh und kniete sich neben sie. Er legte einen Arm um sie und sie drehte sich um und sah ihn prüfend an, wich ihm aber nicht aus. »Ihr beide gehört in verschiedene Zeiten, meine Lieben!«, sagte Stephen Tyler und legte seine andere Hand auf Williams Kopf. »Verschiedene Zeiten?«, fragte William stirnrunzelnd. »Sie meinen…« »Ja, William!«, rief Mary. »Ich habe es doch gerade gesagt!« William drehte sich um und betrachtete langsam den Garten. »Ich habe… dir nicht geglaubt«, sagte er ruhig. »Ich dachte…« Er schüttelte den Kopf. »Ich dachte, wir wüssten es, wenn es passiert.« »Es ist oben beim Stehenden Stein geschehen«, verkündete Rattus Rattus fast gereizt. Dann sprang er auf die Armlehne am Stuhl des Magiers und sah die Kinder an. »Aber wie?«, fragte William in dem verzweifelten Wunsch, alles zu verstehen. »Die Energielinie, William«, sagte der alte Mann. »Erinnerst du dich? Ich habe sie einmal erwähnt. Um den Stehenden Stein herum ist sie am stärksten. Das müsst ihr behalten. Es könnte eines Tages von größter Wichtigkeit für euch sein. Die Linie läuft schnurgerade durch die Mitte dieses Tales: vom Aussichtspunkt im Westen bis zum Aussichtspunkt im Osten. Sie führt durch den Tunnel hinter dem Wasserfall, hinunter in das Zentrum von Golden Water, durch das Baumhaus und den Taubenschlag da drüben.« Er nickte mit dem Kopf in die Richtung des Taubenhauses in der Mitte des Gartens, das lange Schatten über die Beete und Beerenstauden warf. »Wir sind auch jetzt auf der Linie«, fuhr der Magier fort. »Und sie teilt mein Haus in zwei Hälften! Deshalb habe ich die beiden runden Fenster in meinem Arbeitszimmer oben am Kamin nach vorne und hinten angebracht.
Sie sind ein Symbol dafür, dass die Erdenergie durch das Haus geht und ein Hinweis für den wandernden Pilger, der den wahren Weg sucht, damit er oder sie den Ort erkennt und weiß, dass er am richtigen Ort angekommen ist. Schließlich führt die Energielinie im Osten aus Golden Valley heraus, wo die Sonne bei der Tag- und Nachtgleiche im Herbst zuerst die Hügelkämme berührt, genau in dem Augenblick im späten September, wenn Tag und Nacht die gleiche Länge haben und Licht und Dunkelheit in vollkommenem Gleichgewicht sind.« »Der Silberne Pfad und der Goldene Pfad!«, erinnerte sich Mary. »Das ist richtig«, erwiderte Stephen Tyler begeistert. »Ihr seid gute Schüler! Und was ist ein Schüler? Ein Lernender und gleichzeitig so etwas wie die geheimnisvolle, schwarze Mitte des Auges, durch das Licht in den Verstand dringt!« Vor Freude überwältigt lachte er vergnügt. »Wir verstehen so viel auf der Welt, wenn wir nur in vollkommener Harmonie mit ihr sind – wie die Saiten einer Viola in den richtigen Harmonien gestimmt sind.« Er schüttelte den Kopf und lachte glücklich in sich hinein. Dann runzelte er die Stirn. »Jetzt habe ich den Faden verloren«, sagte er. »Worüber haben wir gesprochen?« »Sie haben uns von der Energielinie erzählt«, half William ihm weiter. »Ah ja! Die Lage der Linie. Wie ich schon sagte, sie durchschneidet den Besitz hier. Deshalb ist Golden Valley so wesentlich für meine Arbeit! Aber an dem Ort, wo die großen Vorfahren – die Menschen, die ursprünglich im Tal lebten, die Schöpfer und Träumer all dieser Harmonie – an dem Ort also, wo sie den Stehenden Stein errichteten, da ist die Energie am mächtigsten. Dort kann man eher als irgendwo anders in diesem magischen Gebiet wie über eine Brücke durch die Wolken der Zeit, von einer Schicht des Lebens in eine andere hinübergehen.« »Also – das ist der Trick?«, fragte William. »Man muss nur über die Linie gehen?« »Nein, William! Nein!«, rief der Magier. »Nicht bloß über die Linie gehen. Nein, nein! Man muss vollkommen im Einklang sein, während man auf ihr ist.« »So wie bei unserem Experiment mit den beiden Spiegeln oben im Geheimzimmer…?«, fragte William weiter in dem verzweifelten Versuch, alles richtig zu verstehen. »Als ihr das getan habt«, sagte Stephen Tyler, »seid ihr in der Tat
zufällig auf ein sehr mächtiges Symbol gestoßen. Durch die mehrfachen Spiegelungen habt ihr die gleichen Zeitschichten gesehen, über die wir gerade gesprochen haben. Und als ihr das Pendel hervorgeholt habt, war die Kraft so groß, dass der Geist des armen Morten aus der Sicherheit seines Heute in euer gefährliches Morgen gezogen wurde.« »Gefährlich?«, fragte Mary beunruhigt. »Ist unsere Zeit so gefährlich?« »Sie ist es mit Sicherheit für Morten! Er gehört nicht dorthin und ist durch Zufall dorthin verschlagen worden – oder um es weniger freundlich auszudrücken, durch eure Einmischung –, und weil er keine Ahnung hat, wie er wieder hierher zurückkehren kann, ist er in einem wirklich gefährlichen Zustand.« »Aber wir haben es doch nicht absichtlich getan!«, beteuerte Mary. »Wir wussten nicht, dass er da war… irgendwie auf der anderen Seite des Spiegels, wenn Sie verstehen, was ich meine… Wir haben versucht Sie zu erreichen, das ist alles.« »Niemand macht euch einen Vorwurf, Mary«, sagte Stephen Tyler freundlicher. »Ich erzähle euch einfach nur, was passiert ist.« »Und außerdem ist Morten ein schrecklicher Mensch!«, sagte Alice. »Er verdient, was mit ihm passiert. Er lässt Ratten erscheinen und ich hasse Ratten!« Rattus Rattus drehte seinen Kopf zu ihr und zischte und spuckte böse. »Ach, dich doch nicht«, sagte sie ärgerlich. »Du bist anders. Du bist nicht so scheußlich und gemein wie Mortens Ratten.« »Warte nur«, zischte Rattus Rattus. »Wenn die Zeit kommt, wirst du feststellen, dass ich noch viel gemeiner sein kann als Mortens sämtliche Ratten zusammengenommen! Ich bin schließlich der Inbegriff einer Ratte! Ich bin die Ratte des Meisters!« Alice lief ein Schauer über den Rücken. Sie wich einen Schritt zurück, so dass sie sich halb hinter Mary verstecken konnte. »Du glaubst, dass den armen Morten alle Schuld trifft, Minimus. Tust du das?«, fragte Stephen Tyler und sah sie prüfend an. »Ja!«, antwortete sie fest. »Er tut die ganze Zeit gemeine Dinge. Er hat Phoebe so unglücklich gemacht, dass sie Golden House verlassen will – und sie wird das Baby mitnehmen. Er hat alles verdorben.« »Unser Baby!«, rief der Magier und etwas von seiner alten Energie und seinem unberechenbaren Zorn brach wieder hervor. »Sie
nehmen uns unser Baby fort? Das darf nicht passieren! Er gehört nach Golden House!« »Sie!«, verbesserte Mary. »Nun gut, dann eben sie!«, sagte der alte Mann verdrießlich. »Sie fortnehmen? Was für ein Unsinn! Das Kind wird in Golden House bleiben und eines Tages wird sie heiraten und eigene Kinder haben und sie werden dort aufwachsen und das Blut der Tylers wird wieder durch die Adern der Bewohner fließen. Dann werden Weisheit und Verstehen und Harmonie wieder in das Tal zurückkehren. Der Silberne Pfad und der Goldene Pfad werden durch den Pilgerpfad an ihrem Ort gehalten, die Sonne und der Mond werden durch den Stab des Wissens getrennt und sich gegenseitig in vollkommener Harmonie widerspiegeln. Das ist eure Aufgabe! Das ist immer eure Aufgabe gewesen! Das Gleichgewicht wieder herzustellen und das Tal für die kommenden Zeiten zu schützen. Deshalb habe ich euch besucht und euch gefunden. Wie heißt ihr?« Er bellte ihnen diese Frage so laut entgegen, dass sie erschreckt auffuhren. »William, Mary und Alice«, erwiderte Mary nervös. »Nein, nicht diese Namen. Wie ist euer Familienname? Heißt ihr nicht Constant? Nun, dann seid auch konstant, seid beständig! Beständig und wahrhaftig! Werdet eurer Bestimmung gerecht!« Sie schwiegen alle. Die Kinder fühlten sich zurechtgewiesen, aber sie wussten nicht so genau, was sie falsch gemacht hatten. Rattus Rattus stocherte mit einer Kralle in seinen Zähnen herum. Cervus rollte sich zu Füßen des alten Mannes mit geschlossenen Augen zusammen und Rus knabberte an seinem buschigen Schwanz. »Wo ist Morten jetzt?«, fragte William nach einer Weile. »In seinem Zimmer«, antwortete der alte Mann. »Und was macht er?« »Er sitzt da. Er starrt vor sich hin. Er schüttelt den Kopf.« »Weiß er, was mit ihm passiert ist?« »Er hat nicht mehr den Verstand, es zu wissen, William. Er ist nicht bei Sinnen. Oder um es genauer zu sagen, sein Geist hat ihn verlassen!« »Geschieht das mit jemandem, der verrückt wird?«, fragte Mary. »Verrückt?« Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sind wir alle ein bisschen verrückt. Nein, Morten ist nicht verrückt, wie ihr es nennt. In gewisser Hinsicht ist er sogar vernünftiger als die meisten. Es ist nur so, dass sein Geist ihn verlassen hat und er nicht weiß, wie er ihn zurückbekommen soll.«
»Wird er dann für immer ohne ihn leben müssen?«, fragte Alice. »Für immer ist eine lange Zeit.« »Es ist nur, dass er in unserer Zeit wie ein Gespenst in Golden House herumspukt«, sagte Mary. »Und ich glaube nicht, dass das unserer Aufgabe irgendwie weiterhilft.« »Ich vermute, dass es auch Morten nicht viel weiterhilft!«, bemerkte der Magier ruhig. »Aber er ist ein böser Mensch«, beharrte Alice. »Warum müssen wir ihm helfen?« »Ihm nicht zu helfen, Minimus, hieße, ihn zu einem Leben ewiger ›Bosheit‹, wie du es nennst, zu verdammen. Seine einzige Hoffnung ist eure Hilfe.« »Aber ich will ihm nicht helfen.« »Minimus«, flüsterte Stephen Tyler und beugte sich vor. »Ihm zu helfen wird eine große Gnade für euch sein. Vergesst nie die Macht der wahren Barmherzigkeit! Barmherzigkeit ist Liebe! Es ist sehr leicht, die zu lieben, die man mag. Aber die Macht der Liebe, die gewaltige, verwandelnde Energie der Liebe entsteht, wenn es keine persönlichen Vorlieben gibt. Mit dieser Energie kannst du selbst vielleicht verwandelt werden.« »Sie meinen«, sagte William, der den Magier plötzlich verstand, »dass Morten das… wie immer Sie es nennen… das Zinn ist, der Abfall…« »Die Schlacke«, half der Magier ihm ruhig weiter. »Dass Morten die Schlacke ist, die durch die Alchimie in Gold verwandelt werden kann?« »Genau das ist es, William. Habe ich euch nicht gesagt, dass Morten wichtig für das Vorhaben ist? Es gibt kein Licht ohne Dunkelheit, kein Gold ohne Schlacke. Keiner von beiden ist besser, weder Dunkelheit noch Licht, weder Schlacke noch Gold…« »Aber er ist schlecht!« Mary schrie die Worte fast, weil sie so enttäuscht war von dem, was gesagt wurde. »Und er tut die ganze Zeit schreckliche Dinge«, fügte Alice fast gleichzeitig hinzu. »Ausgezeichnet!«, rief Stephen Tyler. »Das gibt der Umwandlung noch mehr Kraft!« »Wir wissen, was ihm bei seinem Tod passiert«, sagte Alice schnell. Es war ein letzter verzweifelter Versuch, den Magier die Dinge mit ihren Augen sehen zu lassen. »Wirklich?«, fragte der Magier ruhig mit zerfurchter Stirn.
»Er ist so schlecht, dass seine Familie ihren Namen ändern muss – von Morten zu Crawden. Und er wird hingerichtet, stimmt doch, Mary? Das hat man uns erzählt, oder?« »Das stimmt«, bestätigte Mary. »Armer Matthew Morten! Es wird schrecklich sein, wenn er vergeblich stirbt. Denn sterben wird er, und genau so, wie ihr es sagt. Eure Geschichte kann nicht geändert werden. Aber, wisst ihr, Heilige werden genauso hingerichtet wie Sünder. Mit eurer Hilfe kann er als guter Mensch sterben, was immer die Welt auch aus ihm machen wird.« »Aber er ist nicht gut!«, mischte sich jetzt auch William ein. »Sie wissen, dass er nicht gut ist.« »Gut? Oder Gold?«, fragte der alte Mann. »Mit eurer Hilfe kann er verwandelt werden.« Dann fügte er sehr viel geschäftsmäßiger hinzu: »Aber zuerst werdet ihr seinen Geist wieder hierher und in seinen Körper bringen müssen.« »Müssen wir das?«, rief William. »Aber sicher. Schließlich habt ihr sie auch getrennt, oder nicht?« »Wie denn?«, fragte William. Stephen Tyler zog die Schultern hoch und zuckte dann zusammen. »Oh, dieser verdammte Arm!«, stöhnte er. »Das habt ihr mir auch eingebrockt! Ihr und eure Dachse!« Dann lächelte er. »Wenn ihr Morten hier in seiner Zeit wieder zur Vernunft gebracht habt, dann seid ihr fast am Ziel! Der nächste Schritt wird die Herstellung von Gold sein!« »Aber wie?«, wiederholte William mit schrecklicher Unsicherheit in seiner Stimme. »Normalerweise muss man nur sehr wenig tun. Denkt daran! Ich habe oft festgestellt, dass man kein gutes Ergebnis erzielt, wenn man zu viel tut. Wenn ihr Zweifel habt, tut einfach nichts!« Wieder schwiegen alle lange. Die Sonne versank langsam hinter den Bäumen oben im Wald hinter ihnen. Je mehr sie verschwand, desto kühler wurde der Wind und das Licht im Garten verlor seinen Glanz. »Mir ist jetzt kalt«, sagte der alte Mann. »Ich muss mich drinnen ans Feuer setzen und ihr müsst in eure Zeit zurückkehren. Ich habe mich sehr gefreut euch hier zu sehen. Nächstes Mal zeige ich euch das Haus.« »Werden wir wiederkommen?«, fragte Alice.
»Das hoffe ich. Aber kommt bald. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Die Zeit ist ein Stoff von dauerhafter Art… sie hat einen Anfang und ein Ende… sie kann zu Ende gehen!« Er sah sie traurig an, dann lächelte er. »Also kommt bald wieder! Aber denkt daran, reist niemals ohne das Pendel. Ihr müsst es immer dabeihaben. Das Pendel ist wie ein Magnet. Es zieht die Energie an und bündelt sie zu einem winzigen Punkt der Kraft. Das ist sehr wichtig. Das Bündeln der Energie ist das grundlegende Geheimnis der Alchimie. Die Energie tut die Arbeit. Die Energie konzentriert den Geist und erzeugt die Magie. Das Pendel ist der Leiter, der Zauberstab der Märchen. Wenn das Pendel in den richtigen Händen ist, dann ist alles möglich.« »Woher kommt es?«, fragte William nachdenklich. »Aus der Erde meines Landes!«, erwiderte Stephen Tyler lächelnd. »Es ist das einzige Stück festen Goldes, das mir gelungen ist, welches ich auch behalten habe. Das Gold des Alchimisten ist nicht zum Weggeben gemacht. Es stellt nur einen Schritt des Weges dar. Die Reise ist das Wichtige. Aber das Pendel ist mächtig. Es ist ein großes Geschenk, das ich euch gemacht habe.« »Werden Sie es nicht selbst brauchen?«, fragte Mary, die näher kam und sich neben den alten Mann setzte. »Meine Tage des Reisens sind vorbei, Mary. Meine Zeit kommt bald. Aber seid nicht traurig. Wir werden bis dahin noch ein paar Abenteuer erleben!« Während er ihr leise über den Kopf strich, wechselte seine Stimmung und er sagte entschieden: »Rattus, du und Rus müsst mit ihnen gehen. Aber Cervus, du bleibst hier und tröstest einen alten Mann! Ich fühle mich einsam, wenn ihr alle weg seid. Du bleibst auf dieser Seite des Stehenden Steines, meine Gute, und lässt die Ratte und das Eichhörnchen weitergehen. Gut! Und jetzt fort mich euch! Es ist fast Zeit für das Abendessen!« Als die Kinder gingen, saß der Magier in der Dämmerung, und als sie sich noch einmal umdrehten, bevor sie hinter dem Taubenhaus verschwanden, sahen sie eine alte Frau in einem langen schwarzen Kleid und einer Schürze, die vom Hof aus in den Garten gehumpelt kam. »Master Tyler!«, hörten sie sie rufen. »Kommt herein! Kommt herein! Wollt Ihr Euch zu allem Überfluss auch noch Rheuma holen?«
12 Zweifel und Zerwürfnisse In der Nacht nach ihrer ersten Reise durch die Zeit schliefen die Kinder tief und fest. Sie hatten Rattus und Rus oben beim Stehenden Stein verlassen. Aber Cervus war schon verschwunden, bevor sie Zeit hatten, sich von ihr zu verabschieden, was besonders William zu kränken schien, der in ihr gereist war und sehr an ihr hing. »Wo ist Cervus?«, hatte er gefragt und sich umgeblickt, als sie alle hinter dem Stehenden Stein hervorkamen. »Sie ist nicht mit uns gekommen«, antwortete Rattus. »Der Meister hat dir das doch gesagt.« Er und Rus hatten sie auch bald verlassen. Sie hatten noch, wie Rattus erklärte, eine Menge zu tun, bevor sie sich alle wiederträfen. »Wenn diese Zeit kommt«, sagte er, »dann wird es einen großen Kampf im Golden Valley geben, wie ihn niemand je zuvor erlebt hat! Aber denkt daran: Bis ich zu euch komme, dürft ihr nichts unternehmen. Wir können nicht zwei Kapitäne auf unserem Schiff haben, also muss ich im Augenblick die Befehle geben! Keine Angst, eure Zeit wird kommen! Ruht euch bis dahin aus! Wartet! Aber unternehmt nichts!« Dann waren er und Rus durch das Unterholz in Richtung Four Fields gehuscht. Der nächste Tag war trüb, und obwohl es nicht regnete, war die Atmosphäre bedrückend. Eine Frau vom Büro des Maklers kam zu ihnen heraus, um die Einzelheiten des Hauses neu aufzunehmen. Sie verbrachte lange Zeit damit, mit Jack zusammen das Haus zu begutachten. Dann ging sie nach draußen und fotografierte es aus verschiedenen Blickwinkeln. »Schade, dass kein sonnigerer Tag ist«, sagte die Frau zu Mary, die auf der vorderen Wiese vorbeikam. Mary erwiderte nichts, war aber insgeheim froh, dass die Sonne nicht schien. Sie hoffte, dass alle Fotografien unbrauchbar waren und dass sie die Leute eher davon abschrecken würden, das Haus zu kaufen. Aber sie hatte auch den Verdacht, dass jeder, der Golden House in echt ansehen würde, es auf der Stelle mögen würde, genau wie sie, als sie es das erste Mal gesehen hatte.
Später ging die Maklerin mit Jack zu Meg, die schon in ihrem Zimmer im Flügel aus dem 16. Jahrhundert auf sie wartete. Offenbar sollte Meg ihr Land verkaufen – Golden Water und die Wälder bis zum Berg jenseits von Golden Spring, Four Fields und den ganzen Wald zwischen dem Land der Forstverwaltung im Süden und dem Stück Waldland im Norden, das Mr. Jenkins gehörte –, und zwar zur gleichen Zeit, wie Jack das Haus verkaufte. Danach würden sie das Geld dann untereinander aufteilen. Die Kinder waren in der Halle, als die Maklerin mit Jack aus Megs Zimmer zurückkam und zur Tür ging. »Für den richtigen Käufer«, sagte die Maklerin, »wird der Besitz unwiderstehlich sein. Mit dem ganzen Land dazu ist es ein ziemlich großes Anwesen. Schon einige meiner Klienten haben sich nach einem Anwesen dieser Art erkundigt. Aber wie auch immer, ich bin sicher, es wird von großem Interesse sein. Wo ist das nächste Jagdrevier, Mr. Green? Wissen Sie das? Ich denke, der Ort wäre von besonderem Interesse für eine Familie, die an Jagdsport Gefallen findet. Jagen mit einheimischen Hunden, Schießen in den eigenen Wäldern und Fischen im eigenen See! Ideal! Für die richtige Person in der Tat absolut idyllisch, würde ich sagen!« »O ja!«, schäumte William, als die Tür sich hinter ihnen schloss. »Es ist genau der richtige Ort, wo Mörder sich wohl fühlen.« »Wie können wir sie jemals aufhalten?«, stöhnte Mary. »Wir könnten das Haus in Brand setzen«, meinte Alice nachdenklich. »Ach, Alice! Bleib auf dem Boden! Was sollte das nützen?« »Na ja, mir wäre es lieber, wenn niemand hier wohnt, als solche Leute«, erwiderte Alice. »Was habt ihr Kinder heute vor?«, fragte Phoebe, die oben auf der Treppe erschien und zu ihnen herunterkam. Obwohl sie immer noch blass aussah, schien sie ruhiger zu sein, seit die Entscheidung getroffen war, das Haus zu verkaufen. »Phoebe«, bat Mary und ging zu ihr. »Bitte! Du darfst das nicht zulassen. Du kannst nicht zulassen, dass Golden House verkauft wird. Nicht nach all der Arbeit, die du und Jack hineingesteckt habt, und all den Plänen, die ihr mit dem Haus hattet. Bitte, Phoebe, bitte!« »Es ist zu groß für uns, Mary«, erwiderte Phoebe sanft, aber bestimmt. »Aber nicht, wenn ihr ein Hotel daraus macht – wie ihr das woll-
tet«, widersprach Alice. »Und wie lange wird es noch dauern, bis wir dieses berühmte Hotel eröffnen, geschweige denn zahlende Gäste anwerben können, von denen wir auch mal leben können? Es stehen immer noch jede Menge Bauarbeiten an… Wir haben noch nicht einmal damit angefangen, die Gästezimmer zu möblieren… und wir haben jetzt schon zu wenig Geld. Bald würde nichts mehr zum Leben übrig sein. Als wir das Haus gekauft haben, ahnten wir nicht, wie schwierig die finanzielle Lage sein würde. Es hat keinen Zweck. Wir können es uns nicht leisten, hierzubleiben, sogar wenn wir es wollten.« »Das ist nicht der Grund!«, explodierte Alice. »Es liegt daran, weil du nicht gerne hier bist. Es hat nichts mit Geld zu tun. Es liegt nur an dir!« »Alice!«, wies Phoebe sie mit schärferer Stimme zurecht. »Ich will nicht die Beherrschung mit dir verlieren.« »Geh doch einfach weg, Phoebe, und lass Onkel Jack hier!«, schrie Alice. »Und Stephanie. Onkel Jack hat genauso viel Recht auf sie wie du. Und sie ist gerne hier. Dies ist ihr Zuhause. Sie gehört hierhin. Aber das ist dir wohl ganz egal. Also lass sie einfach bei Onkel Jack. Sie brauchen dich hier nicht. Jack mag dieses Haus – und du zwingst ihn dazu, wegzugehen. Das ist unfair…« Sie weinte fast und konnte kaum noch sprechen. »Wenn du das Haus nicht magst – geh doch alleine weg«, schluchzte sie. »Warum musst du auch noch allen anderen das Leben schwer machen!« »Alice!«, zischte William. »Hör auf!« »Es ist mir egal! Ich hasse sie!«, schrie Alice. »Ich meine dich, Phoebe! Ich hasse dich!« Sie stieß die anderen beiseite und lief die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Während dieses Ausbruchs hatte Phoebe im hinteren Teil der Halle gestanden. Ihr Gesicht war erschreckt und schmerzverzerrt. Jetzt drehte sie sich um und lief zur Küche, ohne William oder Mary anzusehen. Als sie in der Küche war und die Türe geschlossen hatte, hätten die Kinder – wären sie da gewesen – sehen können, wie sie sich gegen die Türe lehnte und leise und bitterlich weinend die Tränen über ihr Gesicht laufen ließ. Alice tat es inzwischen Leid, was sie alles gesagt hatte, aber sie konnte nicht zu Phoebe gehen, um sich zu entschuldigen. »Ich kann nichts dafür«, sagte sie. »Eigentlich habe ich nur die Wahrheit gesagt. Ich habe sie nie gemocht.« Am Nachmittag führte sie alle das ungewohnte Klingeln des Tele-
fons in die Halle. Jack, der komplizierte Berechnungen am Küchentisch angestellt hatte, nahm eilig den Hörer ab. Seine Stimme hörte sich überrascht an, als er mit wem auch immer am anderen Ende sprach. Als er den Hörer wieder auflegte, sah er wirklich verblüfft aus. »Das war Jenny Minton, die Maklerin! Jemand kommt und sieht sich morgen das Haus an!« »So schnell?« rief Phoebe. »Das ist wunderbar, Jack!« Aber die Kinder waren über diese Neuigkeit überhaupt nicht begeistert. Am gleichen Abend, als alle ins Bett gingen, kam William herüber ins Zimmer der Mädchen. »Können wir nicht irgendwas tun?«, fragte er zum hundertsten Mal seit dem Telefonanruf. »Nein«, schüttelte Mary den Kopf. »Rattus hat uns gesagt, dass wir auf ihn warten sollen.« »Aber wo ist er? Sollten wir nicht wenigstens versuchen ihn zu finden? Er weiß doch gar nicht, was passiert ist. Wenn diese Person morgen kommt und ihr das Haus gefällt, verkauft Onkel Jack es vielleicht sofort… Und wenn Rattus kommt, ist es dann womöglich schon zu spät…« Mary und Alice hatten William noch nie so aufgeregt gesehen. Er war überhaupt nicht mehr er selbst. »Wer hat überhaupt gesagt, dass er die Befehle gibt? Ich kann mich nicht erinnern, dass Stephen Tyler ihm die Leitung anvertraut hat. Ich bin nicht sicher, ob ich dieser Ratte vertrauen soll.« »Ich weiß genau, was William meint«, sagte Alice. »Vielleicht sollten wir Spot und Jasper fragen. Sie sind schließlich unsere wirklichen Freunde. Ich war mir von Anfang an nicht sicher, ob ich mit einer Ratte zusammenarbeiten soll.« »Nein!«, beharrte Mary laut. »Wir müssen warten.« »Ach, Mary!«, fuhr William sie an. »Also, du kannst ruhig warten, wenn du willst, aber ich werde das ganz sicher nicht tun.« Damit lief er aus dem Zimmer. »Was willst du machen, Will?«, rief Alice und rannte hinter ihm her. William saß in seinem Zimmer auf dem Bett, die Stirn gerunzelt, die Hände in den Hosentaschen. »Das ist es ja. Ich weiß es eigentlich nicht«, gab er zu. »Ich gehe jetzt und hole Spot«, sagte Alice. »Er wird es uns schon sagen.« Sie lief schnell aus Williams Zimmer und die Wendeltreppe hinunter.
»Wohin ist Alice gegangen?«, fragte Mary, als sie in Williams Zimmer kam. »Sie holt Spot.« »Der kann uns auch nicht helfen.« »Warum sagst du das? Es sieht so aus, als kehrtest du allen unseren Freunden den Rücken.« »Das tue ich nicht, Will. Nur hat uns der Magier gesagt, was wir tun sollen…« »Was denn?«, rief William und seine ganze Enttäuschung und Wut kochten wieder hoch. »Nichts!«, erwiderte Mary. »Er hat uns gesagt, dass wir im Zweifelsfall gar nichts tun sollen. Rattus hat das auch gesagt.« »Na, wunderbar!«, machte sich William über sie lustig. »Während du damit beschäftigt bist, nichts zu tun, wird das Haus wahrscheinlich verkauft und Morten wird gewinnen und Phoebe wird irgendwo hingehen und Stephanie mitnehmen. So viel also zum Nichtstun, Mary! Wir verlieren alles – und wir haben noch nicht einmal versucht, es zu verhindern.« »Gut, William Constant!«, griff Mary ihn an. Sie verlor jetzt allmählich auch die Geduld. »Wenn du so schlau bist, sag mir, was wir tun sollen. Mach schon! Was schlägst du vor, wie wir Jack überzeugen sollen, das Haus nicht zu verkaufen, und Phoebe, doch hier wohnen zu bleiben, und wie wir Morten aufhalten sollen, der diesen ganzen Ärger verursacht? Bitte? Mach schon, sag es mir! Ich warte, William!« »Wir könnten das Pendel benutzen.« »Was machen wir damit?« »Weiß ich auch nicht«, gab William zu. »Ein bisschen Magie.« »Das letzte Mal, als wir ein bisschen Magie gemacht haben – wie du es nennst – ohne wirklich zu wissen, was wir tun, haben wir Morten hierher gebracht.« »Haben wir nicht. Nur seinen Geist«, gab William beleidigt zurück. »Sei doch nicht so spitzfindig! Du weißt genau, was ich meine. Na gut, wir haben also nur seinen Geist hierher gebracht, William. Aber wir haben es getan – durch unsere Einmischung, wie der Magier es genannt hat. Es war unsere Schuld – und jetzt liegt es an uns, ihn und seinen Geist wieder zusammenzubringen. Daran solltest du denken, wenn du unbedingt etwas tun willst – wie bekommen wir seinen Geist zurück? Das sollte nämlich unsere nächste Aufgabe
sein.« »Ich denke, wir müssen ihn erst einmal finden«, sagte William ruhiger. Offensichtlich dachte er wieder klarer über das Problem nach. Sie hörten beide auf zu sprechen und ein unsicheres Schweigen senkte sich über das Zimmer. Als Spot hereinkam, dicht gefolgt von Alice, saßen alle beide mit bedrückten Gesichtern auf dem Bett. »Hier sind wir!«, sagte Alice strahlend, als sie sich neben dem Hund auf den Boden plumpsen ließ und einen Arm um seinen Hals legte. »Und jetzt, Spot«, fuhr sie fort, »erwarten wir von dir, weil du zweifellos der intelligenteste Hund der Welt bist, dass du uns sagst, was wir tun sollen.« »Wobei?«, fragte Spot. Dann gähnte er und kratzte sich mit einer Hinterpfote am Ohr. »Wobei!«, explodierte William und regte sich schon wieder auf. »Ich weiß doch gar nicht, worüber ihr die ganze Zeit geredet habt, oder?«, knurrte der Hund und gähnte noch einmal. »Ich habe fest geschlafen, als Alice mich holen kam.« »Spot!«, rief Mary gereizt. »Du weißt, worüber wir reden! Jemand kommt morgen und sieht sich das Haus an. Er kauft es vielleicht sogar. Dann müssen wir alle hier weg. Wir müssen sie aufhalten…« »Ich denke, du hast gesagt, wir sollen nichts tun, Mary«, sagte William immer noch spitz und gereizt. »Ja«, griff Mary ihren Bruder wieder an. »Besser nichts, als etwas, das nicht durchdacht ist und alles schlimmer macht, so wie beim letzten Mal.« »Was meinst du, Spot?«, sagte Alice und drückte ihn fest an sich. »Ich meine«, sagte der Hund, »dass ihr nicht damit zu rechnen braucht, irgendetwas zu erreichen, wenn ihr euch dauernd streitet. Aber Mary hat Recht. Lieber nichts tun, als das Falsche tun.« »Aber was ist mit dem Richtigen?«, rief William. »Lohnt es sich nicht, das Richtige zu tun?« »Doch. Wenn du weißt, was das ist«, sagte der Hund. »Wir werden es nie wissen, wenn wir nicht versuchen es herauszufinden«, erwiderte William. »Also, wenn ihr mich fragt«, sagte Spot langsam, »dann gebe ich zu, wenn man mir nicht sagt, was ich tun soll – normalerweise tut das der Meister –, dann bin ich einfach nur ein Hund. So bin ich nun einmal.« »Das stimmt nicht«, rief Alice. »Du warst doch so tapfer, als die
Dachsfänger im Tal waren. Mr. Tyler war überhaupt nicht da, aber du hast nicht gewartet, bis er dir etwas gesagt hat.« »Da wusste ich auch schon, was zu tun war«, sagte Spot. »Woher?« »Der Meister hatte uns gesagt, dass wir euch helfen sollen. Er hat euch nicht wirklich im Stich gelassen. Das tut er nie. Und überhaupt sind die Dachse unsere Freunde. Natürlich mussten wir ihnen helfen.« »Aber meinst du wirklich, dass du nichts tust, bis man dir sagt, was du tun sollst?«, fragte William. »Bei großen Dingen, ja«, antwortete Spot. »Ich jage Kaninchen, ohne viel darüber nachzudenken. Oder so etwas in der Art. Aber bei großen Dingen warte ich lieber, bis man mir etwas sagt.« »Aber wie bekommst du es gesagt?«, fragte Mary. Der Hund betrachtete langsam alle drei Gesichter. »Das«, meinte er, »ist eine sehr gute Frage!« »Und wie lautet die Antwort?«, fragte Alice. Sogar sie fand seine Haltung allmählich ein bisschen ärgerlich. Der Hund drehte den Kopf auf eine Seite und dann auf die andere. Offenbar dachte er angestrengt nach. »Mein Herz sagt es mir«, behauptete er schließlich. »Dein Herz?«, rief William. »Ich glaube, dass Folgendes passiert, obwohl ich noch nie richtig darüber nachgedacht habe. Aber ich glaube, wenn irgendetwas getan werden muss, dann kommt der Gedanke daran aus meinem Herzen.« Der Hund gähnte wieder und strich mit einer Pfote über seine Nase. Dann nieste er und schüttelte seinen Kopf ein paar Mal. »Wenn ihr keine Fragen mehr habt«, meinte er, »sollten wir vielleicht ein bisschen schlafen. Wenn die Ratte wieder zu uns kommt, brauchen wir wahrscheinlich unsere ganze Kraft. Jasper hat gesagt, die Ratte ist überall herumgerannt und hat alle unsere Freunde besucht.« »Was?«, rief William. »Warum hast du uns das nicht gesagt?« »Ihr habt nicht danach gefragt«, grollte der Hund. »Ich habe bloß gedacht, dass überhaupt niemand etwas unternimmt«, rechtfertigte sich William. »Warum hast du das gedacht?«, wollte Spot wissen. »Ich weiß es nicht«, gestand William. »Soll ich dir sagen, warum? Weil du nur glaubst, dass etwas getan wird, wenn du selbst es tust. Stimmt doch, oder nicht? Aber auch andere Leute sind betroffen, weißt du, William?«
William seufzte und blickte auf seine Füße. »Sei nicht böse mit ihm, Spot«, sagte Mary. »Wir versuchen alle nur, das Richtige zu tun.« »Dann macht es doch so wie Alice«, meinte der Hund, »und geht schlafen!« William und Mary drehten sich um und sahen, dass Alice sich auf dem Bett hinter ihnen zusammengerollt hatte und fest schlief.
13 Ein möglicher Käufer Am folgenden Nachmittag waren die Kinder und Spot draußen auf der vorderen Wiese und spielten ein lautes und sehr heftiges Spiel, das in der Familie als »Constants Tod« bekannt war. Es war eine Mischung aus Nachlaufen und Fußball – das Ziel war, Tore zu schießen, während die Gegner versuchten einem den Ball wegzunehmen, um selbst Tore zu bekommen. Es war für jede Anzahl von Spielern geeignet, denen es nichts ausmachte, dass man ihnen ein Bein stellte, sie umwarf oder auf andere Arten misshandelte. Spot hatte das Spiel sofort gemocht und war bei weitem der beste Spieler, weil es so gut wie unmöglich war, ihm ein Bein zu stellen oder ihn umzuwerfen. Sie spielten es zum dritten Mal in diesen Herbstferien, und obwohl die Kinder eigentlich nicht in der Stimmung für Spiele waren, hatte Spot sie überzeugt, indem er ihnen klarmachte, sie würden dann wenigstens aufhören zu grübeln. Aber sein aufgeregtes Kläffen und Bellen zeigte, dass er hauptsächlich zu seinem eigenen Vergnügen spielen wollte. »Wie kannst du nur, Spot!«, sagte Alice. Sie rappelte sich wieder aus dem feuchten Gras auf und rieb über eine Schramme auf ihrem Knie. »Wir müssen uns um wichtigere Dinge Sorgen machen! Und überhaupt hat das jetzt wirklich wehgetan!« »Hat keinen Zweck, sich Sorgen zu machen«, bellte Spot. »Wozu sollen Sorgen gut sein?« Dann wich er Mary aus, die ihn abfangen wollte, und verlor den Ball an William, der von der anderen Seite kam und ein Tor schoss. »Das ist mein viertes«, jubelte er und hob den Ball auf. »Stimmt nicht, William! Es ist dein drittes!«, rief Alice, rannte zur Mitte der Wiese zurück und wartete darauf, dass er den Ball schoss. »Na gut«, gab William nach. »Obwohl ich immer noch glaube, dass das vorhin auch ein Tor war.« Er nahm einen kurzen Anlauf und schoss den Ball so, dass er in hohem Bogen über Marys und Alices Köpfe wegflog. Spot beobachtete ihn gespannt, berechnete genau, wo er landen würde, und sauste über die Wiese. Gerade als
der Ball vor ihm aufprallte, sprang er in die Luft und traf ihn mit seinem Kopf. Der Ball schoss schräg in Richtung Haus davon. Alice lief mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, wurde aber durch das Geräusch eines Autos abgelenkt, das die Auffahrt herauffuhr. »Da kommt jemand«, schrie sie und sie beobachteten alle, wie ein alter, aber glänzend polierter Rolls-Royce heranglitt. Als er nahe bei ihnen an der Eingangstür zum Stehen kam, erinnerten sie sich im gleichen Augenblick, wo und wann sie ihn schon einmal gesehen hatten. »Es ist der Wagen, in dem die Crawdens letzten Sommer nach Four Fields zu Meg und uns gekommen sind«, wisperte Mary. Die Kinder ahnten nichts Gutes und rückten Schutz suchend enger zusammen. Im gleichen Augenblick verdunkelten Wolken aus Westen den Himmel, als wollten sie die veränderte Stimmung auf der Wiese widerspiegeln, so dass der Tag auf einmal bedrohlich und gefährlich wirkte. Der Wagen wurde von einem Chauffeur gefahren. Auf dem Rücksitz saßen ein alter Mann und ein kleines Kind. Die Kinder erkannten den Mann als Sir Henry Crawden, aber das Kind – als es aus dem Wagen kletterte, sahen sie, dass es ein kleiner Junge von vielleicht sechs oder sieben Jahren war – hatten sie vorher noch nie gesehen. Sobald der Junge bemerkte, wie die Kinder ihn anstarrten, blieb er stehen und ließ mit schuldbewusstem Gesicht den Kopf hängen, als ob er bei etwas Unerlaubtem erwischt worden wäre. Hinter ihm holte der Chauffeur einen zusammengeklappten Rollstuhl vom Beifahrersitz. Er stellte ihn neben der hinteren Tür auf, nahm eine Decke von den Knien des alten Mannes und half ihm aus dem Wagen in den Rollstuhl. »Was ist los, Mark?«, rief Sir Henry dem Jungen zu. »Da sind Leute, Großvater«, antwortete der Junge. »Dann sag ihnen Guten Tag, du Stoffel!«, sagte der alte Mann und winkte den Kindern zu. »Ihr müsst meinem Enkel verzeihen! Die Leute denken, er ist unhöflich, aber in Wahrheit ist er nur schüchtern. Wir kennen uns schon, glaube ich. Du bist der junge, aufstrebende Rechtsanwalt, nicht wahr?« »Er meint dich, William«, flüsterte Alice. »Sag was!« »Wir haben uns im Sommer oben in Four Fields getroffen«, sagte William und versuchte seine Stimme fest klingen zu lassen, um seine Nervosität zu verbergen. »Ja, ja! Ich erinnere mich! Mein Sohn war ziemlich verärgert über
deine juristischen Schachzüge. Sie haben seine üblen Absichten vereitelt! Seine Pläne ruiniert! Egal. Also«, sagte er mit strahlendem Lächeln, »Golden House ist wieder zu haben! Wir hätten es nie verkaufen dürfen. Jetzt wird es mich zweifellos Geld kosten, es zurückzubekommen! Läuten Sie, Summers. Wir werden erwartet, glaube ich.« Er bewegte die Räder des Rollstuhls, so dass er herumschwenkte, und drehte den Kindern den Rücken zu. Sie beobachteten weiter schweigend, wie der Chauffeur zum Eingang ging und an der Klingel zog. Der Junge lief schnell zu seinem Großvater, drehte sich aber vorher noch einmal zu den Kindern auf der Wiese um und streckte ihnen zu ihrer Überraschung die Zunge heraus. »So ein freches Gör!«, empörte sich Mary. Alice streckte sofort ihre Zunge heraus und schnitt eine so furchtbar böse Grimasse, dass der Junge offensichtlich erschrak, seine Zunge wieder im Mund verstaute und schnell wegsah. Auf der Wiese neben ihnen knurrte Spot still vor sich hin. Gebannt warteten der Junge am Eingang und William, Mary, Alice und Spot auf der Wiese, bis sich nach einer schier endlosen Zeit die Tür öffnete und Meg herauskam. Sie war überrascht. »Du?«, fragte sie. »Guten Tag, Miss Lewis«, sagte der alte Mann mit klarer Stimme. »Wir sind hier, um das Haus zu begutachten.« »Du, Henry?«, fragte Meg. »Aber…« Sie war ganz deutlich von ihren Gefühlen überwältigt und fast sah es so aus, als wolle sie in Ohnmacht fallen. Sie musste sich an die Steinwand lehnen. »Ich höre, dass das Haus wieder zum Verkauf steht. Das ist doch richtig, oder nicht?«, fragte Sir Henry. »Doch sicher. Aber…« »Aber, Meg?«, fragte er in sanfterem Ton. »Aber nicht für mich? Willst du das sagen?« »Ich habe nie gedacht… Deine Familie hat es doch an Mr. Green verkauft. Warum um Himmels willen kaufst du es jetzt zurück?« »Stammsitz der Familie, meine Liebe! Sentimentale Bindung! Wir Crawdens gehen hier bis auf das 16. Jahrhundert zurück. Ich hoffe, dass mein Enkelsohn eines Tages der Herr von Golden House sein wird.« Meg sah den kleinen Jungen an, der mit gesenktem Kopf und den Händen in den Taschen vor ihr stand. »Du hast Enkel, Henry?«, sagte sie ruhig.
»Drei! Dies ist der jüngste. Er ist aus der zweiten Ehe meines Sohnes. Die anderen beiden, ein Mädchen und ein Junge, bekomme ich nie zu Gesicht. Ihre Mutter hat sie mitgenommen, als sie vor den Crawdens davonlief! Armes Mädchen! Ich glaube, sie hat uns für eine schwierige Familie gehalten!« Während er sprach, blickte der alte Mann Meg die ganze Zeit aufmerksam an. Seine Worte schienen nur ein Ersatz für das zu sein, was er wirklich sagen wollte. »Aber Mark hier, Mark sehe ich ziemlich oft. Seine Mutter – die zweite Frau meines Sohnes – reist sehr viel. Ich muss zugeben, dass die Zeichen nicht gut stehen! Sie ist eine Frau, die eine Fluchtmöglichkeit sucht! Während ihr Mann – mein Sohn, Marks Vater – Geschäfte macht und kaum zu Hause ist. Folglich ist Mark genauso einsam wie ich. Wir trösten uns gegenseitig. Nicht wahr, Kind?« Sir Henry strubbelte dem Jungen durchs Haar. Mark wich ihm aus und starrte weiter auf den Boden. »Du bist einsam, Henry?«, sagte Meg ohne Bitterkeit. »Du hättest mich nie abweisen dürfen«, sagte Sir Henry langsam und bedächtig. »Das ist schon eine lange Zeit her, Henry«, erwiderte Meg. »Es ist ein Zeichen des Alters, in der Vergangenheit zu leben. Ich gehe Mr. Green holen. Er kümmert sich um alles Geschäftliche.« Sie wollte gerade zurück in die Halle gehen, als der alte Mann wieder anfing zu sprechen. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich wieder in Golden House einziehe, Miss Lewis?« »Es kann mir gar nichts ausmachen, weil ich nicht mehr hier sein werde!« »Wohin wirst du gehen?« »Sehr weit weg.« »Aber mit dem Geld aus dem Verkauf könntest du das Haus in Four Fields reparieren lassen…« Meg sah ihn lächelnd an. »Wenn ich diesen Ort verlasse, Henry, gehe ich so weit von ihm weg, wie ich nur kann. Da bin ich ganz sicher. Du sagst, du bist einsam?« Jetzt begann ihre Stimme zu zittern und die Kinder, die aus der Entfernung zuhörten und beobachteten, merkten, dass sie mit den Tränen kämpfte. »Du bist einsam?« Sie betonte die Worte kopfschüttelnd. »Ich bin den größten Teil meines Lebens einsam gewesen.« Dann eilte sie mit einem »Augenblick, bitte!« zurück in die Halle. Die Kinder warfen sich einen Blick zu. Es war ihnen peinlich,
dass sie eine Szene beobachtet hatten, die sie eigentlich nichts anging. Sie war zu persönlich und zu schmerzlich. Der alte Mann an der Eingangstür war offenbar aufgewühlt von dem, was geschehen war. »Bringen Sie mich wieder zum Wagen, Summers«, hörten sie ihn sagen. »Mark, steig ein! Wir fahren!« Der Junge drehte sich um und sah die Constant-Kinder kurz an. »Wohnt ihr hier?«, rief er. »Sie sind nur zu Besuch, Mark. Steig jetzt in den Wagen!«, sagte Sir Henry. Der Chauffeur half dem alten Mann auf den Rücksitz. »Kommen sie uns auch besuchen, wenn wir hier wohnen, Großvater?«, hörten sie Mark fragen. In diesem Augenblick erschien Jack in der Eingangstür. Er hatte im Hof Holz gehackt und sah verschwitzt und zerzaust aus. »Es tut mir Leid, Sir Henry. Ich habe die Klingel nicht gehört«, sagte er und eilte zum Wagen. Summers, der Chauffeur, hatte jetzt den alten Mann auf den Sitz gehoben und legte ihm eine Decke über die Beine. »Ich werde mit jedem Angebot mithalten, das Ihnen gemacht wird, Mr. Green. Golden House kehrt in das Eigentum der Crawdens zurück! Es war ein Fehler, es jemals zu verkaufen.« »Ich verstehe… aber…« Jack war offensichtlich sehr erstaunt über diese Worte. »Aber? Sie haben ein Aber für mich? Es gibt kein Aber! Entweder steht das Haus zum Verkauf oder nicht! Wenn ja – dann werde ich es kaufen. Sie sollen wissen, dass dieses Haus meiner Familie gehört, seit Matthew Morten, mein Vorfahr, es 1590 von einem gewissen Stephen Tyler erwarb. Ich habe, denke ich, ein Vorkaufsrecht. Was ist jetzt mit Ihrem Aber?« »Ich wollte nur sagen…«, begann Jack, aber Sir Henry unterbrach ihn wieder ungeduldig. »Steht das Haus nun zum Verkauf oder nicht?«, fauchte er. »Doch«, sagte Jack mit schon leicht verärgerter Stimme, »aber…« »Aber was?«, schrie der alte Mann und verlor völlig die Fassung. »Es wird verkauft, wenn wir dazu bereit sind«, erwiderte Jack, wieder kontrolliert und gelassen. »Wir haben uns gerade erst mit dem Makler in Verbindung gesetzt. Wir haben bis jetzt noch nicht einmal einen Preis festgelegt. Wir haben keine Einzelheiten mit unserem Notar besprochen und wir müssen noch entscheiden, wohin
wir selbst ziehen wollen. Sie sind zu früh gekommen, Sir Henry.« »Nun gut, aber nehmen Sie sich nicht zu viel Zeit, ich bin ein sehr alter Mann.« »Ich werde Sie sicher auf die Liste der möglichen Käufer setzen…« »Ich bin kein möglicher Käufer. Ich werde dieses Haus haben… Verstehen Sie mich? Ich muss es haben – und ich sage Ihnen auch, warum.« Er beugte sich zum Fenster. »Dies ist kein glücklicher Ort. Aber das Unglück ist ein Vermächtnis der Crawdens. Wir können damit umgehen. Wir können damit leben. Es gehört zu uns. Vielleicht werden wir es eines Tages sogar verbreiten.« »Ich kann Ihnen da nicht zustimmen, Sir Henry«, sagte Jack fest. »Ich finde, es ist ein völlig glückliches Haus.« »Warum ziehen Sie dann aus, Junge?«, fragte Sir Henry. »Beantworten Sie mir das! Warum ziehen Sie aus?« Jack und der alte Mann starrten sich an. Aber das Gespräch war beendet. »Fahren Sie, Summers!«, rief Sir Henry. Der Wagen fuhr langsam über die kreisförmige Auffahrt davon. Sir Henry blickte starr geradeaus, aber sein Enkel Mark drehte sich um und beobachtete die drei Kinder auf der Wiese, bis er sie nicht mehr sehen konnte. »Dieser Mann!«, schnaubte Jack. »Warum musste er hierher kommen?« »Du wirst es ihm nicht verkaufen, oder?«, fragte Mary. Die Kinder gingen auf ihn zu. »Wir sind noch gar nicht bereit für Verhandlungen«, sagte Jack verärgert. »Wir haben gerade erst darüber nachgedacht, es zum Verkauf anzubieten. Ich habe keine Ahnung, woher er so schnell wusste, dass es wieder verkauft würde. Ich muss diesem Makler auf den Zahn fühlen. Wir haben noch nicht einmal einen Preis ausgemacht.« Immer noch vor sich hin schimpfend ging er wieder ins Haus. »Die Crawdens!«, stöhnte William und sprach allen aus dem Herzen. »Wir müssen sofort etwas tun«, wisperte Mary. »Ich gehe die anderen suchen«, sagte Spot und jagte um das Haus herum zum Küchengarten und weiter in Richtung Golden Water.
14 Rattus kommt zurück Megs Zimmer lag im Erdgeschoss des Flügels aus dem 16. Jahrhundert. Eines Tages, wenn die Pläne, die Jack und Phoebe für das Haus entworfen hatten, verwirklicht würden, wäre es ein Teil des HotelSpeisesaals. Bis dahin lebte Meg hier. Sie war eingezogen, nachdem das Feuer in Four Fields ihr eigenes Haus zerstört hatte. Zwei ihrer Katzen, Cindy und Flanders, lebten mit ihr in dem Zimmer. Die anderen waren bei den Hunden im Schuppen auf dem Hof, den sie alle mehr als ihr Zuhause betrachteten. Meg kam an diesem Abend nicht zum Essen, also gingen die Kinder später zu ihr. Sie saß im Dunkeln, die Vorhänge waren immer noch offen. Cindy schlief auf ihrem Schoß und Flanders hatte sich auf dem Bett zusammengerollt. Als die Kinder an die Tür klopften, bekamen sie keine Antwort, und erst nachdem sie sie geöffnet und Licht gemacht hatten, bemerkten sie Meg. »Tut uns Leid, Meg!«, sagte William. »Stören wir dich?« »Du solltest etwas essen, Meg«, schlug Mary vor. »Sollen wir dir was bringen?« Meg blickte weiter schweigend in die Ferne. Es war fast so, als hätte sie noch nicht einmal gemerkt, dass die Kinder da waren. »Phoebe hat ein Gemüsecurry gekocht«, sagte Alice. »Es war wirklich gut. Wir hatten Reis und Chutney dazu und Nüsse und Bananen waren drin…« »Meg?«, sagte Mary lauter. »Meg, bitte, sag etwas…« Die alte Frau drehte langsam ihren Kopf und sah sie an. Dann lächelte sie traurig und wehmütig. »Nun«, sagte sie, »so wird also alles enden!« Sie schüttelte den Kopf. »Wie?«, fragte Mary, eigentlich mehr, weil sie das Schweigen unterbrechen wollte. »Habt ihr es nicht gehört? Henry wird hier leben. Er wird wie sein Onkel vor ihm seine letzten Tage hier verbringen… und langsam verrückt werden. Das würde mich nicht wundern! Der einzige Unterschied wird sein, dass ich nicht oben im Baumhaus sitze und zusehe.
Hat er wirklich geglaubt, ich würde nach Four Fields zurückgehen? Was manche Männer doch für Narren sind! Ich vermute, er hat auch geglaubt, dass ich froh wäre, wenn er wieder da ist, dass ich die ganze Zeit auf ihn gewartet habe!« Sie schüttelte den Kopf und streichelte geistesabwesend die Katze auf ihrem Schoß. »Ich habe nicht auf ihn gewartet. Ich habe ihn beobachtet, wie er von unserer Tür weggegangen ist, nachdem mein Vater ihn hinausgeworfen hatte. Und ich habe ihn wieder beobachtet – ein zutiefst erschütterter Mann in Uniform – als er aus dem Krieg zurückkam und hoffte alles wieder gutzumachen.« Sie schüttelte ihren Kopf jetzt so heftig, als wollte sie versuchen die Bilder ihrer Erinnerung abzuschütteln. »Je eher dieses ganze Geschäft über die Bühne ist, desto besser. Desto eher sind wir alle von diesem Ort erlöst…« »Verkauf ihm dein Land nicht, bitte, Meg!«, drängte William sie. »Und lass Onkel Jack das Haus nicht verkaufen!« »Doch, Herzchen!«, erwiderte Meg. »Ich glaube, so ist es das Beste.« »Aber was wird aus Jack und Phoebe und dem Baby?«, rief Mary. »Wohin sollen sie gehen? Sie werden Schluss machen. Willst du das vielleicht?« »Schluss machen?«, fragte Meg bitter. »Was für hässliche Wörter ihr jungen Leute benutzt! Hässliche Wörter für hässliche Taten! Schluss machen! Dann lasst sie es doch einfach tun! Mir ist das auch passiert. Warum sollte mich das kümmern? Henry und ich… wir haben ›Schluss gemacht‹ – wenn man das tun kann, ohne jemals wirklich zuerst zusammen gewesen zu sein! Ich dachte, er würde mich lieben. Ich dachte, eines Tages würden wir heiraten und ich wäre seine Frau. Ich hoffte, dass wir Enkel haben würden, die uns im Alter trösten könnten! Aber nein! Er war nur hinter dem Land her. Die Crawdens wollten das Haus nicht ohne das Land. Ich vermute, dass es so war. Und beim ersten Anzeichen, dass das Haus und das Land wieder zusammen zum Verkauf stehen – wer kommt da wohl angelaufen? Henry!« Sie hörte sich zutiefst enttäuscht an. »Henry!« Dann drehte sie sich um und blickte die Kinder wieder direkt an. »Ich hätte ihn fast wiedergehabt!«, wisperte sie. »Ich hätte ihn einmal fast wiedergehabt. Er hätte sein Land bekommen… Oh! Ich muss aufhören daran zu denken… Ich habe das nicht alles durchgemacht, um wieder unglücklich zu sein.« Sie suchte in ihrer Jackentasche nach einem Taschentuch und putzte sich geräuschvoll die Nase. »Tut ihr mir einen Gefallen, bevor ihr am Ende der Woche wieder
wegfahrt? Ja?« »O Meg, natürlich tun wir das!«, sagte Mary und legte einen Arm um die alte Frau. »Nehmt mich mit hinauf zu meinen Dachsen«, sagte Meg mit Tränen in den Augen. »Sie waren in all den Jahren meine einzigen Freunde. Ich wünschte, dieser Mann wäre nicht zurückgekommen. Henry Crawden! Ich wünschte…« Sie war nicht zu beruhigen. Als die Kinder sie verließen, saß sie mit der Katze auf dem Schoß in ihrem Stuhl und alle Erinnerungen an ihre Vergangenheit kreisten immer wieder in ihrem Kopf. Als die Kinder hinausgingen, murmelte sie: »Macht das Licht aus, Herzchen, ja? Ich sitze lieber im Dunkeln. Hab mich nie an das elektrische Licht gewöhnen können…« Wieder draußen auf dem engen Flur wollten sie gerade in Richtung Halle gehen, als eine der Türen in der entgegengesetzten Richtung in den Angeln knarrte, so dass sie sich alle umdrehten. »Uff! Das hat mich fast zu Tode erschreckt!«, flüsterte Alice. »Komm, wir gehen zurück in die Halle, Will!«, sagte Mary. »Dieser Teil des Hauses ist so unheimlich.« »Es ist alles in Ordnung!«, antwortete William mit gespielter Tapferkeit. »Hier ist überall Licht.« »Ich weiß«, sagte Mary gleichgültig. Dann knarrte die Tür wieder. »Wieso tut sie das?«, fragte William und ging auf die Tür zu. »Hier ist kein Luftzug oder so was.« »Will!«, bat Mary. »Geht doch zurück, wenn ihr wollt«, meinte William. »Ich komme mit dir, Mary!«, sagte Alice. »Es ist die Tür, die zum Keller hinunter führt«, stellte William fest und öffnete sie. »Komisch!« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Hier ist Licht«, flüsterte er und drückte auf den Schalter an der Wand neben sich. Von weiter unten an der Treppe kam ein schwacher Schimmer, der sein Gesicht beleuchtete und Schatten auf die Flurwand hinter ihm warf. Die Mädchen sahen, wie er tief Luft holte, als ob er sich auf etwas Unerfreuliches vorbereitete. Dann blickte er zurück in die Richtung, wo sie immer noch bei Megs Tür standen. »Kommt mit mir, ja?«, sagte er und sie merkten, dass er genauso viel Angst hatte wie sie. »Wir müssen überhaupt nicht gehen«, sagte Mary. »Ich weiß«, stimmte William zu. »Nur…«
»Was?«, wisperte Mary. »Ich weiß nicht«, erwiderte William verwirrt. »Ich meine nur… Hört mal!« Er sagte es so eindringlich, dass Alice einen Schrei unterdrücken musste. »Was ist das, William?«, keuchte Mary. »Kommt schnell her!«, drängte er sie. »Mary, hast du das Pendel dabei?« Mary tastete in ihrer Hosentasche und schloss die Finger um das Stück Gold und die Kette. Neben sich spürte sie, wie Alice zitterte. Sie nahm sie beruhigend bei der Hand. »Komm mit«, flüsterte sie. »Wir gehen zurück in die Halle!« »Nein!«, jammerte Alice. »Wir bleiben besser bei ihm, sonst geht er doch nur allein.« Die beiden Mädchen bewegten sich langsam durch den Flur zu William an der offenen Tür. Vor ihnen führte eine Steintreppe hinunter in die Kellerräume. Eine einzige Glühbirne auf halbem Weg gab etwas Licht. Dahinter war wieder alles undurchdringlich dunkel. Jetzt konnten sie auch hören, was William aufmerksam gemacht hatte. Das Geräusch war so leicht wie ein Luftzug, obwohl kein Lüftchen wehte. Ein leises Schwatzen vieler Stimmen, die alle weit weg wie in einem entfernten Raum aufgeregt wisperten. »Was ist das?« Alice formte die Worte mit den Lippen, ohne einen Laut von sich zu geben. »Ich weiß nicht«, murmelte William. »Ich wünschte, ich hätte eine Taschenlampe.« Und damit ging er die ersten Stufen auf Zehenspitzen hinunter. »Wir könnten noch eine holen gehen«, zischte Mary. William wirbelte herum und legte den Finger auf die Lippen. Dann winkte er sie zu sich. Marys Finger umfassten das Pendel in ihrer Tasche fester. Dann folgte sie William mit Alice an der Hand die Treppe hinunter. Unten führte ein langer Steinflur an mehreren Türen vorbei zum Eingang in die unterirdische Krypta unterhalb der Halle von Golden House – dem ursprünglichen, mittelalterlichen Turm, um den herum das Haus gebaut worden war. Aus dieser Öffnung schien schwaches Licht auf den dunklen Gang, und als sie näher kamen, wurde das Geräusch, das William gehört hatte, deutlicher. Es hörte sich an, als hätte eine große Versammlung einen geheimen Singsang angestimmt. Und das Wort, das
einzige Wort, das die vielen Stimmen unablässig wiederholten, ließ die Kinder mit angehaltenem Atem stehen bleiben. »Morten! Morten! Morten!« »Lasst uns gehen!«, wisperte William und trat einen Schritt zurück. Im gleichen Augenblick flog eine der Türen im Gang auf. Eine Ratte rannte heraus und schwang vor ihnen herum. »Hier rein!«, befahl Rattus Rattus mit einer Stimme so leise wie ein Lufthauch, aber so gewaltig und eindringlich wie ein Schrei. Ohne zu zögern, drängten sich die Kinder in den Raum. Die Ratte folgte ihnen und lehnte mit ihrem Hinterteil die Türe an. »So!«, zischte Rattus Rattus. »Ihr kommt ja gerade recht! Und wo ihr schon da seid, könnt ihr auch gleich mitkommen!« »Wohin gehen wir?«, wisperte Alice entsetzt. »Ins feindliche Lager«, erwiderte er. »Wir müssen ihre Pläne kennen – und das scheint doch der beste Weg zu sein, sie auszukundschaften, oder nicht?« Alice schluckte heftig, gab aber keine Antwort.
15 Im feindlichen Lager Der Raum, in den sie traten, war stockdunkel. Zuerst konnten sie überhaupt nichts sehen. Aber nach und nach gewöhnten sich ihre Augen an das wenige Licht, das vom Flur durch den Türspalt fiel, und sie konnten Umrisse erkennen. Rattus stand vor ihnen auf seinen Hinterbeinen und starrte sie an. Hinter ihm war eine Maus, die ausgesprochen klein und ängstlich aussah. »Alice«, zischte Rattus, »dies ist Zitterli – wie ich sie nenne! Sie ist ein liebes, kleines Geschöpf, aber ängstlich. Stärke ihr ein bisschen den Rücken, ja?« »Ich?«, fragte Alice, überrascht, dass sie das übernehmen sollte. »Wie? Was meinst du?« »Sorg einfach dafür, dass sie nicht vor Angst schlottert, wenn du in ihr bist.« »In ihr? Ich gehe in ihr?« »Sicherlich! Du glaubst doch wohl nicht, du kannst ohne Tarnung in Mortens Lager spazieren, oder?« »Aber…«, begann Alice. Sie wollte sagen, dass sie überhaupt nicht die Absicht hatte, in Mortens Lager zu gehen, egal in welcher Verkleidung. Aber bevor sie etwas sagen konnte, sprang Zitterli, die Maus, ihr entgegen und im nächsten Moment stand Alice auf vier winzigen Pfötchen und zuckte aufgeregt mit der Nase. »Ich will überhaupt nicht dahin gehen!«, fiepte Zitterli in ihrem Kopf. »Ich auch nicht!«, versicherte Alice. »Das Problem ist«, erklärte Zitterli, »sie brauchen mich. Ich kenne jeden Zentimeter in diesem Haus und bin bei den meisten Ratten bekannt. Sie werden diese anderen Tiere nur dulden, wenn ich bei ihnen bin. Jedenfalls hat die Ratte das gesagt.« Dann müssen wir also gehen, dachte Alice niedergeschlagen. »Was hältst du von der Sache?«, piepste Zitterli. »Die Ratte scheint zu wissen, was sie tut – nur kommandiert sie uns für mein Gefühl ein bisschen zu viel herum. Aber um ehrlich zu sein, ich hätte
sowieso hier ausziehen müssen, also kann ich ebenso gut mit Rattus gehen. Die Katzen der alten Frau waren kein Problem! Es ist ein großes Haus und ich kann mit Katzen umgehen – aber Mortens Ratten!« Die Maus schauderte. »Es ist die Hölle, seit sie wieder hier sind. So viele auch noch! Und das Problem ist, wenn du nicht bei ihnen mitmachst, ist dein Leben keinen Pfifferling mehr wert! Viele meiner Freunde haben auf ihre Seite gewechselt. Aus Angst! Aus purer Angst! Wenn du nicht bei ihnen mitmachst, dann denken sie, du hättest was gegen sie – und sie lassen dich nicht mehr in Ruhe. Also stelle ich mich gut mit ihnen. Es zahlt sich nicht aus, eine Ratte zum Feind zu haben. Aber ich gehöre ganz sicher nicht zu ihnen, was immer sie auch denken. Schrecklich ungehobelte Flegel! Sie werden alles für uns verderben, weißt du? Sie vertreiben die Menschen von hier – und ohne Menschen muss man für seinen Lebensunterhalt wirklich hart arbeiten…« »Sei still, Maus! Hör auf zu piepsen!«, zischte Mary und hielt dann die Luft an, weil sie merkte, dass Rattus durch sie gesprochen hatte. »Du bist besser bei mir«, erklärte Rattus in ihrem Kopf. »Du hast das Pendel. William, da drüben ist ein Wiesel. Es heißt Mustel. Also, ich habe nicht gerade eine Schwäche für Wiesel, aber wenn es zu Reibereien kommt, können sie gut kämpfen. Mustel?« »Was kann ich tun, Euer Ehren?«, sagte das Wiesel und wand sich aus der Dunkelheit zu ihnen. »Du hast gehört, was ich sagte«, fauchte Rattus. »Du übernimmst William!« »Übernehmen, Euer Ehren?« »Ja. Hört doch alle endlich mal zu, wenn ich rede! Ihr müsst das wirklich!«, seufzte Rattus. »Ich hätte viel mehr Zeit für die Vorbereitung gebraucht! Es hat lange gedauert, sie alle anzuwerben – aber dann brauchen sie eigentlich noch mehrere Wochen Training, bevor sie wirklich reif fürs Schlachtfeld sind.« Er und Mary zuckten die Schultern. Mary fand ziemlichen Gefallen an dieser ungewohnten Autorität. »Sind das alle?«, fragte sie und spähte durch das wenige Licht auf ein halbes Dutzend Mäuse, das Wiesel und eine fast weiße Ratte. »Die Ratte habe ich wegen ihrer Farbe Albus genannt«, erklärte Rattus. »Er kennt die Fluchtwege, und weil er so hell ist, fällt er in der Menge auf. Wenn wir Schwierigkeiten bekommen, werden wir ihm folgen. Er zeigt uns den nächsten Ausgang! Also los jetzt, Willi-
am!« »Was?«, fragte William. Er fühlte sich ausgeschlossen und seine Nerven machten ihn ziemlich schreckhaft. »Ich glaube, Euer Ehren«, zischte das Wiesel, »dass wir jetzt zusammen losgehen sollen!« Und kaum hatte es zu Ende gesprochen, drehte sich William wie eine Schlange aus Fell herum, stellte sich auf seine winzigen Hinterfüße und starrte mit glitzernden Augen Rattus an. »Wir sind bereit«, piepste das Wiesel. »Ich glaube, wir auch«, wisperte Zitterli zweifelnd. »Gut!«, zischte Rattus. »Wir drei müssen jetzt zusammenbleiben. Wir tragen die Kinder des Meisters. Es darf ihnen nichts geschehen. Beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten räumen wir das Feld. Ist das klar?« »Ich würde dann sowieso nicht bleiben wollen«, versicherte Zitterli ihm. »Ich bin gar nicht so erpicht darauf, überhaupt zu gehen.« »Nein, aber wir müssen«, sagte Alice fest. Die Feigheit der Maus begann sie zu ärgern. »Ich meine, wir haben alle Angst – aber wir sollten nicht dauernd drüber reden.« »Tut mir Leid!«, seufzte Zitterli. »Ist das unsere ganze Armee?«, fragte Mary. »Um Himmels willen, nein!«, antwortete Rattus. »Rus ist oben und sammelt die Truppen. Wir können uns sehen lassen. Jasper, die Eule, und Cinnabar, der Fuchs, sind feine Kerle. Ich habe den Meister oft über sie sprechen hören. Ich wollte sie schon immer mal kennen lernen…« »Das Ganze macht dir Spaß!«, rief William. »Kann es nicht leugnen«, sagte Rattus Rattus grinsend. »Ich bin ein Kämpfer! Bin zu lange auf dem Trockenen gewesen. Liebesgedichte und Philosophie sind schon in Ordnung, aber manchmal vermisse ich Trommelwirbel und Kanonendonner. Schade, dass ihr keine Seeleute seid. Am liebsten hätte ich den Südwestwind in meinen Barthaaren und den Duft von tropischen Stränden in der Nase. Egal!« Er schüttelte seinen Kopf und Mary wunderte sich über die starken Muskeln und die große Energie in ihrem Körper. »Und jetzt«, sagte Rattus, »wenn alles nach Plan läuft und – noch wichtiger – wenn die Schwachköpfe da drin Mortens Geist dazu bringen, zur Versammlung zu kommen, dann geht es darum, Morten in Albus hineinzulocken und danach zu viert blitzartig zum Meister zurückzulaufen.«
»Du meinst…« »Warte! Warte! Warte, William! Unterbrich mich nicht, Junge! Hierfür brauchen wir ein bisschen Planung. Wir haben das Pendel, mit dem wir durch die Zeit reisen können, und wenn Morten merkt, dass wir hier sind, wird ihn das anlocken. Vergesst nicht, er ist verzweifelt. Er wollte nie in diese Patsche geraten, in der er jetzt steckt! Ich glaube, er wird sehr leicht in Albus eintreten, weil der es ihm erlaubt… aber ob er auch in Albus bleibt, wenn er entdeckt, dass er eine Ratte des Meisters ist, das ist die andere Frage. Ihr beide, Alice und William, werdet ihn vielleicht dort halten müssen…« »Aber wie?«, rief William. Rattus zuckte nachdenklich mit dem Schwanz. »Albus, was sagst du dazu?« »Das ist alles völlig neu für mich«, antwortete die weiße Ratte. »Ich habe nur ganz vage vom Meister reden hören. Die Tiere, zu denen ich gehört habe, waren jenseits solcher Hoffnung. Deshalb bin ich weggelaufen…« »Von wo?«, fragte Alice. »Ich war in einem Zirkus. Die Attraktion des Beiprogramms! Ich habe Reifentricks und ein paar Balanceakte vorgeführt. Eigentlich war es ein Kinderspiel! Ich wurde gut gefüttert. Mein Mensch war nett zu mir… aber der Ruf der Freiheit ist eben sehr stark.« »Wir wollen jetzt nicht deine Lebensgeschichte hören, Albus!«, fauchte Rattus. »Mein Mensch hat mich immer ›Weißer‹ genannt…«, sagte die Ratte. »Menschen«, erwiderte Rattus, »sind nicht sehr poetisch! Kommt jetzt, oder wir verpassen den ganzen Spaß!« »Aber was machen wir, wenn wir Mortens Geist einmal in Albus haben?«, beharrte William. »Verschwinden! Abhauen! Au revoir, mes amis!«, antwortete Rattus grinsend. »Wir müssen zum Tunnel hinter dem Wasserfall kommen. Es ist ein Ort der Kraft – und wir brauchen alle Magie, die wir kriegen können.« »Aber was machen wir, wenn Morten nicht mit uns kommen will?«, versuchte William seine Meinung durchzusetzen. »Wir werden… improvisieren«, erwiderte Rattus. »Eine der größten Geheimwaffen ist die Improvisation! Sie besiegt das Unerwartete! Zitterli, du gehst voran!« »Du liebe Zeit!«, fiepte die Maus in Alices Kopf. »Na gut, gehen
wir!« »Und ihr folgt uns nach«, sagte Rattus zu den anderen Mäusen. »Und bleibt alle zusammen! Wenn wir einmal im Lager sind, will ich nicht, dass jemand herumstreunt! Wohin, Zitterli?« »Folgt mir einfach«, antwortete die Maus. Alice und Zitterli rannten schnell zur Tür und zwängten sich hinaus auf den Flur. Dann huschten sie in Richtung Krypta über die Steinfliesen. »Jetzt wird’s ein bisschen steil«, wisperte die Maus in Alices Kopf. Sie schwenkte nach links, lief an einem Türrahmen hoch und über den Türsturz. Vor ihnen konnte Alice zwischen zwei Steinen ein großes Loch im Mörtel sehen. Sie liefen hinein und befanden sich in einem Gewirr von Tunneln, die sich durch eine so große Dunkelheit wanden, dass sogar Zitterlis scharfe Augen nichts weiter als die unmittelbare Umgebung erkennen konnten. Das Geräusch des Singsangs war völlig verschwunden und Stille und Dunkelheit engten sie nun von allen Seiten ein. Alice fühlte, wie mit jedem Schritt ihre Panik größer wurde. »Wohin gehen wir?«, wisperte sie in ihrem Kopf. »Ich nenne diesen Weg die Teufelsreise!«, erwiderte die Maus. »Ich habe allen meinen Wegen Namen gegeben. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass ich diesen nicht oft benutze! Eigentlich hatte ich ziemlichen Dusel, dass ich ihn überhaupt gefunden habe. Ich war auf dem Heimweg von einem Ausflug und bin in einem Tunnel falsch abgebogen. Das Problem ist… dass es so viele von ihnen gibt…« Zitterli drosselte das Tempo, zuckte mit der Nase und spitzte die Ohren. »Was ist los?«, wisperte Rattus, der direkt hinter ihnen war. »Ich kontrolliere was!«, piepste die Maus. »Ah!«, rief sie und lief weiter. »Könnt ihr es riechen?« Alice bekam einen feuchten, modrigen Geruch in die Nase. »Was ist das?«, jammerte sie. »Es riecht widerlich!« »Die Abflüsse«, antwortete die Maus. »Keine Angst! Den Weg gehen wir nicht. Das war der Ausflug, von dem ich zurückkam, als ich diesen Weg entdeckt habe. Normalerweise gehe ich aus einer ganz anderen Richtung zu den Abflüssen.« »Du gehst dahin?«, rief Alice. »Warum denn das?« »Warum denn das?«, wisperte Zitterli aufgeregt. »Ihr Menschen seid schon komisch. Ihr verpasst die besten Dinge des Lebens! Komm schon! Jetzt wird ernsthaft geklettert!«
Aber nicht nach oben. Es ging hinunter in einer Serie von Stufen, Schrägen und senkrechten Abstürzen. Einmal verbreiterte sich der Tunnel. Hier gab es Metallrohre, die sich kalt anfühlten. »Aber nicht, wenn das heiße Wasser hindurchfließt«, erklärte Zitterli. »Dann kann es ein bisschen brenzlig werden. Ich habe schon ein paar böse Verbrennungen durch diese Rohre bekommen. Halt dich fest!« Und damit packte sie das Rohr und ließ sich fallen. Sie glitten immer tiefer nach unten und klammerten sich dabei mit den Vorderpfoten am Rohr fest. Hinter ihnen hörte Alice Rattus fröhlich kreischen. »Wunderbar!«, rief er. »Genau wie oben in der Takelage!« Unten angekommen, mussten sie sich durch ein unangenehmes Gewirr von Rohren und losen Steinen kämpfen. Hier war die Luft sehr viel kälter, und als sie sich einen Moment ausruhten, dachte Alice, sie könnte das Geräusch von fließendem Wasser hören. »Genau unter uns fließt ein Fluss«, erklärte Zitterli. »Er versorgt den Brunnen am Haus.« »Ich weiß. Wir waren da«, wisperte Alice. »So sind wir ins Laboratorium des Magiers gekommen.« »Ihr wart da?«, fragte Zitterli. »Warum habt ihr das nicht früher gesagt? Dann hättet ihr uns führen können.« »Gehen wir dahin?«, fragte Mary, als sie und Rattus auf gleicher Höhe waren und sie den Rest des Gesprächs hören konnte. »Ja«, wisperte Zitterli. »Mortens Leute nutzen den Raum als Treffpunkt. Das tun sie schon seit Jahren, glaube ich.« »Ruhe da vorn!«, kommandierte Rattus. »Wir müssen fast da sein.« »Es gibt da hinten einen Weg durch den blanken Felsen. Eigentlich ist es einfach nur eine Spalte im Boden«, sagte Zitterli. »Sie führt in den hinteren Teil des Raumes.« »Gut. Ich gehe jetzt voran«, verkündete Rattus und er und Mary drängten sich an der Maus vorbei an die Spitze. »Albus, du als Nächster! Und Mustel, du und William bildet die Nachhut! Ihr anderen Mäuse, bleibt in einer Reihe hinter Mustel…! Und wenn wir im Raum sind, bleibt alle zusammen! Albus, wenn wir drin sind, führst du uns! Die Maus kennt den Wasserweg nicht… und das wird unser Fluchtweg sein…« »Moment mal!«, unterbrach William ihn. »Darf ich was fragen?« »Was ist denn jetzt noch?«, rief Rattus. »Nur, dass ich wissen will, ob Mustel schwimmen kann, wenn wir
den Wasserweg nehmen.« »Macht Euch keine Sorgen, Euer Ehren!«, sagte das Wiesel. »Ich schwimme wie ein Fisch, wenn ich muss. Ich klettere nicht gerne auf Bäume – aber Wasser ist überhaupt kein Problem…« Er schüttelte immer noch den Kopf, als er die Maus hinter sich witterte und sich die Lippen leckte… »Nein! Mustel, nein!«, rief William. »Wir dürfen diese Maus nicht fressen – sie ist ein Freund.« »Na gut, Euer Ehren!«, sagte das Wiesel widerwillig. »Aber Ihr solltet sie warnen – wenn wir das hier hinter uns haben, brauche ich etwas Leckeres zu fressen…« »Gut! Wenn jetzt jeder seinen Spaß hatte – können wir dann endlich weitergehen?«, fragte Rattus ärgerlich. »Je eher es vorbei ist, desto eher können wir alle was fressen.« Mary schauderte. Sie nahm sich vor sich von Rattus zu trennen, bevor er auf Futtersuche ging. Vor ihnen konnte sie die Felsspalte sehen, die Zitterli beschrieben hatte. Es war nicht mehr als eine schmale Öffnung durch die Felswand. Mit einem raschen Blick über die Schulter liefen Rattus und sie hinein. Der Weg durch die Felsspalte war lang und schwierig. Er führte immer tiefer in den Felsen. Mary konnte spüren, wie ihr Körper sich an den kalten Steinen stieß. Sie hoffte, dass Albus nicht zu groß für den Gang war und dass Alice und Zitterli keine Angst bekamen. Schließlich hielt Rattus wieder an und hob eine Pfote, damit die Kolonne der Tiere hinter ihm stehen blieb. Das Geräusch des Wassers war jetzt gedämpft, aber stattdessen hörten sie alle wieder den leisen, ununterbrochenen Singsang, den sie zuerst im Kellerflur wahrgenommen hatten. »Morten! Morten! Morten!«, wiederholten die Stimmen immer wieder. Das Geräusch kam aus dem Dunkel von irgendwo über ihnen. »Wir sind fast da!«, wisperte Rattus. »Zuerst kommt man zur Wand des Raumes«, wisperte Zitterli der Ratte ins Ohr. »Dann folgt fast sofort ein Holzbalken. Er ist irgendwann nahezu verbrannt, aber man kann noch über ihn laufen. Er führt zu einem großen, flachen Stein auf halber Höhe an der anderen Seite der Wand. Da ist man dann im Raum. Der versperrte Eingang zum Brunnenschacht ist genau gegenüber…« Rattus nickte bestätigend zu dem, was die Maus ihm einflüsterte, und winkte dann allen mit der Pfote ihm zu folgen. Er und Mary
machten sich wieder auf den Weg durch die Dunkelheit. »Morten! Morten! Morten!«, ging der Singsang weiter und wurde mit jedem Schritt lauter. Zentimeter für Zentimeter schoben sich Rattus und Mary über den Holzbalken, der Rest ihrer Truppe dicht hinter ihnen. »Morten! Morten! Morten!« Das vereinte Piepsen von hundert Ratten und anderen unbekannten Tieren schwoll an zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Plötzlich folgte das schreckliche »Ahhh!« einer aufgeregten, freudigen Begrüßung und der Singsang hörte auf. Im gleichen Augenblick trat Rattus aus der Wand auf den großen, flachen Stein, gefolgt von Zitterli, Albus, Mustel und den anderen. Der ganze dunkle, unterirdische Raum vor ihnen war angefüllt mit Ratten, Mardern, Frettchen, Wieseln, ein paar Stinktieren und sogar ein paar fremdartigen Tieren – Nerzen und Sumpfbibern. Sie alle blickten auf den flachen Stein, auf dem Rattus und die anderen erschienen waren. Da drängte sich eine große braune Ratte in die vorderen Reihen, stellte sich mit zuckenden Barthaaren auf die Hinterbeine und starrte zu ihnen hoch. »Ihr da!«, rief sie. »Was zum Teufel macht ihr da?«
16 Die Stimme im Dunkeln »Hier sind noch mehr Mitglieder der Gruppe«, zischte Rattus und trat vor. »Ich habe sie hinten in den Tunneln gefunden. Sie hatten sich verlaufen.« »Das ist absolut gegen die Regeln! Sie sind nicht durchsucht worden«, kreischte die braune Ratte. »Sie hätten durch den Tunnel im Hof kommen müssen.« »Wir kennen die Maus«, rief eine der anderen Ratten. »Du, Maus!«, brüllte die braune Ratte. »Name? Rang?« »Ich bin nur eine arme Hausmaus«, wimmerte Zitterli. »Aber wie lautet dein Name und deine Nummer?«, beharrte die braune Ratte und gab mit ihrem Kopf ruckartig ein Zeichen. Sofort sprangen mehrere große Ratten aus der Menge und umzingelten Rattus und seine Gruppe. »Mein N-n-name und meine N-n-nummer?«, stammelte Zitterli. »Ach du liebe Zeit!« Ein großer, gemein aussehender Marder drängte sich durch die Menge nach vorne zu der braunen Ratte. »Wir verschwenden Zeit!«, bellte der Marder. »Übernehmen wir jetzt das Haus oder nicht? Ich könnte meine Zeit viel nützlicher oben in den Wäldern verbringen…« »Ihr da, kommt hier runter!«, kommandierte die braune Ratte und ihre Gefolgsleute drängten die Gruppe vom Stein hinunter auf den Boden des Raumes. »Und du, Marder«, fuhr die braune Ratte fort und wandte sich drohend an das Tier, »geh zurück in die Reihe und sprich nicht mehr, bis man dich dazu auffordert! « Rattus und Albus blieben eng zusammen, aber weil Zitterli so klein war, wurde sie schnell von ihnen getrennt. Mustel, das Wiesel, drehte sich absichtlich um und versuchte zur hinteren Wand durchzukommen. »Wohin gehen wir?«, wisperte William nervös. »Ich bin nicht gerne so weit vorne, Euer Ehren!«, erwiderte Mustel. »Ganz vorne wird man immer für irgendwas ausgesucht. Ich
ziehe ein bisschen Deckung vor, ein bisschen Sicherheit.« »Aber wir sollen doch alle zusammenbleiben«, wandte William ein. »Gut! Und jetzt alle mal herhören«, rief Mortens Ratte. Sie war auf den flachen Stein gesprungen und blickte auf ihre Truppen. »Wir wissen alle, warum wir hier sind, oder nicht?« »Ja!«, rief die Menge im Chor. »Ja!«, piepste Zitterli zu Alices Überraschung. »Ja!«, zischte Mustel, so dass William zusammenfuhr. »Mortens Zeit ist fast gekommen! Bald gehören uns das Tal und das Haus! Die Menschen werden mit ihrem reizenden Abfall und ihren Abflüssen kommen! Unser Leben wird sich verändern! Es wird genug Häuser für uns alle geben. Reiche Beute! Wir werden wie unsere Brüder in der Stadt leben können! Wir werden nicht mehr die armen, vergessenen Verwandten sein!« Ich muss schon sagen, das hört sich ziemlich gut an, wenn er es so sagt!, dachte Zitterli. Ich habe natürlich geglaubt, sie vertreiben nur die jetzigen Menschen und nie dran gedacht, dass andere kommen… stattdessen. Und noch viel mehr als jetzt! Das Leben könnte ganz nett sein… »Halt die Klappe!«, unterbrach Alice die Stimme in ihrem Kopf. »Versuch in die Nähe von Rattus und der weißen Ratte zurückzugehen, Zitterli!« »Ja, ja, schon gut!«, jammerte die Maus und begann sich durch die großen Ratten um sie herum zu drängen. »Aber damit dieser große Traum auch Wirklichkeit wird«, sagte Mortens Ratte gerade und fuhr mit ihrer Kundgebung fort, »müssen wir einen letzten großen Vorstoß wagen. Nicht nur hier im Haus, sondern auch oben in den Wäldern… Ein letzter Kampf! Ein Kampf auf Leben und Tod! Seid ihr dabei?« »Ja!«, brüllte die Menge. »Werden wir siegen?« »Ja!«, riefen sie. »Wer ist euer Führer?« »Morten!« »Wen ehren und wem gehorchen wir?« »Morten!« Und dann begann der Singsang wieder. Der ganze Raum hallte davon wider. Tief und bedrohlich dröhnte der unaufhörliche Ton in der Dunkelheit: »Morten! Morten! Morten!«
»Ich denke, wir sollten bei den anderen sein, Mustel!«, wisperte William. »Morten! Morten! Morten!«, murmelte Mustel, ergriffen vom Rhythmus und der Eindringlichkeit der Worte. »Hör auf!«, befahl William. »Womit, Euer Ehren?«, fragte Mustel, erstaunt über Williams Ton. »Nur seinen Namen zu sagen bindet dich schon ein bisschen an ihn. Komm mit!«, und ohne auf Mustels Zustimmung zu warten, schlängelte William seinen langen, pelzigen Körper zurück durch die Menge auf Albus zu, der nahe bei der versperrten Türe stand und dank seines weißen Fells leicht zu erkennen war. »Wo bleibt ihr denn?«, wisperte Rattus. »Tut mir Leid!«, erwiderte William. »Nur ein bisschen Ärger mit dem Wiesel.« »Morten! Morten! Morten!«, sang Mustel in seinem Kopf. »Hör auf!«, beharrte William. »Oh! Entschuldigung, Euer Ehren! Hab ich es schon wieder gemacht? Irgendwie packt es einen…« »Wo sind die anderen Mäuse?«, fragte Mary. »Sie sind alle hier neben mir«, sagte Albus. »Aber ich hoffe, wir müssen nicht mehr zu lange warten. Sie sind nicht gerade die Tapfersten!« Das stimmte. Die Mäuse drückten sich alle neben der weißen Ratte zu einem kleinen Häuflein aneinander und zitterten so sehr, dass ihre winzigen Zähne aufeinander schlugen. »Und was jetzt?«, fragte Albus. »Wir warten«, antwortete Rattus. »Auf was?«, fragten Zitterli und Alice im Chor. »Auf den Assistenten des Meisters!« »Morten! Morten! Morten!«, ging der Singsang weiter, bis die große braune Ratte, die immer noch auf dem flachen Stein stand, die Menge plötzlich mit einer Drehung ihres Körpers zum Schweigen brachte. »Helft mir!«, wisperte eine Stimme durch den Raum. »Worum bittest du?«, fragte die braune Ratte. »Eine sichere Reise…« »Wohin willst du?«, fragte die Ratte. »Zurück in meine Zeit«, erwiderte die Stimme. »Jetzt, Mary!«, zischte Rattus. »Das Pendel!«
Mary suchte in ihrer Tasche und holte das Stück Gold heraus. Aber dabei merkte sie plötzlich, dass sie nicht länger in der schwarzen Ratte war. Sie stand alleine in dem dunklen Raum mit all den Tieren, die um sie herumkrochen. »William! Alice!«, keuchte sie. »Ihr? Hier?«, rief Mortens Stimme. »Wo ist er?«, schrie William und erschien neben Mary. »Hier krabbeln überall Ratten über meine Füße!«, brüllte Alice und streckte Hilfe suchend eine Hand nach William und Mary aus. »Ich kann das nicht haben! Ich kann nicht…« »Ihr… kleine Kinder! Ihr habt mir das angetan!«, heulte Mortens Stimme. »Dann komm mit uns!«, rief Mary, mit den Nerven fast am Ende. »Aber komm… jetzt!« Als sie das Wort sagte, hielt sie das Pendel des Magiers in die Höhe, so dass es vor ihrem Gesicht baumelte und geheimnisvoll wie von innen heraus leuchtete. »Holt das Gold!«, kreischte die Stimme. Neben Mary sprang eine Ratte in die Höhe und streifte ihre Hand. Völlig überrascht schwenkte Mary ihren Arm zur Seite. Dabei glitt ihr die Kette aus den Fingern. Alice sah den goldenen Anhänger durch die Luft kreiseln, die Kette wie einen funkelnden Schweif hinter sich herziehend. Sie streckte eine Hand aus und fing sie auf. »Du, kleines Mädchen!«, schrie die Stimme. »Ich kriege dich!« »Rattus!«, bat William. »Tu was!« Alice holte tief Luft und packte das Pendel fester, damit es ihr Mut gab, und versuchte nicht weiter an das Ungeziefer zu ihren Füßen zu denken. »Mister Morten«, sagte sie. »Es tut uns wirklich Leid, was wir getan haben… und… wir sind gekommen, um Sie nach Hause zu bringen!« »Ihr?«, schluchzte die Stimme. »Ihr wollt mich nach Hause bringen?« »Nein!«, rief Albus, die Ratte. »Ich werde das tun!« Er sprang hoch und drehte einen Salto – ein Trick, den er im Zirkus gelernt hatte. Er schnappte sich das Pendel aus Alices Hand und flitzte in die Dunkelheit. »Kommt alle mit!«, befahl Rattus. »Wir dürfen ihn jetzt nicht verlieren!« Und sehr zu ihrer Erleichterung waren William, Mary und Alice wieder in ihren Tieren und folgten flink der weißen Gestalt
von Albus. Er verschwand gerade durch ein Loch tief unten in der Steinwand, die den Eingang zum Raum versperrte. »Bringt mir das Gold!«, hörten sie Mortens Stimme schreien und dann brach die Menge hinter ihnen lautstark in böses Kreischen und Zischen aus. »Hinterher!«, fauchte die braune Ratte. »Haltet sie auf!« Das Loch in der Wand führte in bodenlose Tiefe. Überall hörte man Wasser tropfen und rauschen. Alle Tiere schlidderten und fielen die glitschigen alten Steine hinunter, bis sie, unten angekommen, von dem eiskalten Fluss mitgerissen wurden, der durch die Dunkelheit toste. »Hast du ihn?«, fragte Rattus die weiße Ratte und rang nach Atem. »Noch nicht!«, antwortete Albus. »Aber ich habe das Gold, und hinter dem ist er ja wohl her.« »Bitte, beeil dich! Sie verfolgen uns«, sagten Zitterli und Alice zusammen. »Wohin jetzt, ehrenwerter Herr?«, fragte Mustel ungewöhnlich energisch. »Den Fluss hinauf und in die Minen!«, erwiderte Albus. »Die Minen?«, fragte William. Aber für weitere Diskussionen war keine Zeit. Albus führte sie durch das eisige Wasser. Es war harte Arbeit für sie alle, denn sie mussten gegen die Strömung ankämpfen. Zitterli war bald müde und Rattus steckte seinen Schwanz in ihr Maul und zog sie und Alice weiter. Ich habe nie geglaubt, ich könnte eine Ratte mögen, dachte Alice. Aber sie mochte Rattus in diesem Moment nicht nur, sie liebte ihn aufrichtig. Sie erreichten einen Wasserfall und Albus kletterte auf ein trockenes Felsstück. Dort wartete er, um den anderen aus dem Wasser zu helfen. Zwei Mäuse fehlten. »Schade!«, rief Rattus, aber er schien sich weniger um ihr Fehlen zu sorgen, als dass seine Pläne nun nicht aufgehen könnten. »Gut! Ich brauche zwei Freiwillige – dich und dich!« Er zeigte auf zwei der übrig gebliebenen Mäuse. »Ihr bleibt hier und sorgt dafür, dass die anderen uns folgen.« »Du willst, dass sie uns folgen?«, rief Alice. »Ich will, dass der Assistent des Magiers uns folgt, ja!«, erwiderte die Ratte.
»Aber was ist mit all den anderen?«, fragte William. »Keine Zeit! Kommt schon!«, wisperte Albus, und da sahen sie schon die erste von Mortens Ratten auf sie zuschwimmen. Sie jagten weiter in die Dunkelheit. »Was für eine schreckliche Hetzerei!«, rief Zitterli. Das Geräusch fließenden Wassers schwoll zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. »Was ist das?« Mary musste schreien, damit man sie verstehen konnte. »Die Blackwater Schleuse«, brüllte Albus. »Hier kann man nicht durch, fürchte ich. Die Strömung ist viel zu stark. Niemand kann sie überleben. Hier fließt das Wasser aus Golden Water heraus…« »Ja«, sagte William. »Wir waren schon mal hier.« Alice schauderte. Das habe ich auch nicht sehr gemocht, dachte sie. »Ihr habt aber viele Abenteuer erlebt!«, meinte Zitterli. »Das haben wir wohl!«, stimmte Alice zu. »Aber ich weiß nicht, ob das die Sorte Abenteuer ist, die ich wirklich mag. Ich sehe mir lieber was im Fernsehen an… Das kann man immer abschalten, wenn es zu schrecklich ist…« »Kannst du bitte mal ein bisschen ruhig sein?«, bat Zitterli. »Ich glaube, wir müssen uns konzentrieren…« Sie kletterten jetzt eine steile Klippe hinauf. Die Dunkelheit um sie herum war so schwarz, dass sogar ihre scharfen Tieraugen sie kaum durchdringen konnten. Ihre winzigen Pfoten krallten sich an Ritzen und Spalten im Felsen fest, manchmal hingen sie kopfüber unter Felsvorsprüngen, dann wieder balancierten sie über scharfkantige Schluchten. Es ist wohl besser, dass wir nichts sehen können, dachte William. Unsere Nerven würden das nicht aushalten. Manchmal mussten sie über einen Abgrund springen, manchmal durch winzige Löcher kriechen. Dann kamen sie durch eine Reihe von breiten und hohen Gängen. »Die alten Minen«, erklärte Albus. »Sogar ich kann mich hier verlaufen.« »In welche Richtung gehen wir?«, fragte Mary. »Zum Ort der Träume«, erwiderte Rattus. »Aber ich dachte, Mortens Tiere wüssten nicht, dass es ihn gibt«, meinte William. »Deshalb gehen wir ja dahin«, antwortete Rattus. »Wie weit noch,
Albus?« »Zum Tunnel hinter dem Wasserfall?«, fragte Albus, dann blieb er mit zuckender Nase stehen. »Fast da.« »Mary«, wisperte Rattus. »Was ist?« »Jemand muss auf Mortens Geist warten.« »Was?«, fragte sie und fühlte, wie sie in Panik geriet. »Das ist meine Aufgabe«, sagte Albus. »Aber wir brauchen dich, damit du uns den Weg zum Ort der Träume zeigst«, sagte die Ratte. »Kein Problem«, sagte Albus. »Ihr seid da.« »Wo?«, fragte Rattus verwirrt. »Hier runter!«, sagte Albus und zeigte auf eine schmale Felsspalte. »Wir sind darüber?«, fragte Rattus überrascht. »Wir sind fast ganz oben auf dem Berg«, sagte Albus. »Ich warte hier.« »Du kannst das Pendel nicht behalten. Mary und ich brauchen es für die Zeitreise.« »Er wird meinen, ich hätte es immer noch«, sagte die weiße Ratte und gab Rattus das Pendel. »Aber ich kann ihn nicht lange an der Nase herumführen. Sobald ich zu euch komme… müsst ihr sofort gehen!« Dann fröstelte er. »Wird er mir wehtun, Rattus?« »Nein, mein Alter! Hab keine Angst!«, erwiderte Rattus, aber niemand wollte ihm so recht glauben. »Ihr anderen Mäuse könnt jetzt abschwirren«, fuhr er for