Jessica Rydill
Der gläserne Berg
Kristallwelt 2
Inhaltsangabe Annat, die Tochter des Schamanen Yuda, traut ihren Aug...
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Jessica Rydill
Der gläserne Berg
Kristallwelt 2
Inhaltsangabe Annat, die Tochter des Schamanen Yuda, traut ihren Augen nicht: Krähenschwärme, die Spione des tot geglaubten Erben von Ademar, sammeln sich über der Stadt. Sie prophezeien Unheil, und als ein wirrer Brief ihres Bruders Malchik eintrifft, wird aus der Ahnung Gewissheit. Zhan Sarl, der dunkle Erbe, ist zurück aus der Hölle der Toten, zwar nur für wenige Tage, doch ein Ritual soll ihn unsterblich machen. Eilig macht sich Annat zusammen mit Yuste, der Zwillingsschwester ihres Vaters, auf den Weg zu Malchik, doch sie kommen zu spät: Ihr Bruder ist bereits spurlos verschwunden. Ein magisches Bild bringt sie auf seine Fährte, doch auch Annat geht Zhan Sarl in die Falle. Die Geschwister sind nun zusammen in einem gläsernen Berg gefangen, während die dunkle Armee das Land überrennt. Nur Yuste gibt die Kinder nicht auf. Sie versucht, ihre einst verlorenen magischen Kräfte zurückzurufen, und begibt sich mit einigen Freunden auf die gefährliche Suche…
Autorin Die Britin Jessica Rydill hat am King's College in London und in Cambridge studiert und arbeitet als Anwältin. Ihre zahlreichen Reisen in alle Teile der Welt haben sie zu ihrem Fantasy-Zyklus ›Kristallwelt‹ inspiriert.
Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel ›The Glass Mountain‹ 2002 bei Orbit/Little, Brown and Company, London. Der Blanvalet Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.
1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung 1/2005 Copyright © der Originalausgabe 2002 by Jessica Rydill Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2005 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustrationen: Agt. Schlück/Crabb Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Titelnummer: 24265 Redaktion: Waltraud Horbas V. B. • Herstellung: Heidrun Nawrot Printed in Germany ISBN 3-442-24265-7 www.blanvalet-verlag.de Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
Für meine Schwester Sarah
Prolog
A
ußerhalb der Burgmauern regnete es, als wollte es nie wieder aufhören. Der Fremde stand am Fenster des Zimmers und starrte mit düsterem Gesicht hinaus auf die vom Wind gepeitschte Parklandschaft. Seit ihn seine Reise in dieses verfluchte Land geführt hatte, schien es unablässig zu regnen; und wenn es nicht nass war, blies der Wind mit wahnsinnigen Böen, in denen eine Schärfe verborgen war, die am Gehirn zerrte. Vor seinem geistigen Auge öffneten sich goldene Steppen unter einem azurblauen Himmel wie die Emailmalerei auf einem Eikon. Er konnte es nicht glauben, dass er den Hof von Staryetz verlassen hatte, um eine Stellung in diesem verlassenen Loch anzunehmen, wo der Tod wie Staub über den abgedeckten Möbeln lag und in den Alkoven brütete. Neben ihm auf dem Parkettboden standen die zwei Koffer, welche all die Meilen von Sklava hierher mit ihm gereist waren, und seine Papiere – Reisepässe und ein Empfehlungsschreiben – lagen zusammengefaltet in einer Brieftasche, die über seinem Rücken baumelte. Für diese Reise hatte er die Verkleidung eines Mönches gewählt, und mit zynischem Blick betrachtete er die schwarze Robe, den widerspenstigen Bart und die ungepflegten Locken, die beim Blick in den Spiegel sein Gesicht verdeckten. Nur der gelbe Ton seiner Augen, die ihm aus dem Spiegel entgegenblitzten, erinnerten ihn an seine wahre Natur. Der große Magus Kaschai, welcher der Unsterbliche genannt wurde, hätte sich nie zu einer solchen Maskierung herabgelassen; doch Semyon wusste, dass er selbst nicht un1
sterblich war … noch nicht. Die Tür des Zimmers öffnete sich mit einem Knarren, und ein Page mit einem bedauernswerten Husten kündigte seinen Herrn an: den Doyen von Ademar, den Herrn des Waldes, Seigneur der Länder zwischen Yonar und Axar. Semyon kämpfte damit, sein Lächeln zu unterdrücken, während er der langen Vorstellungsrede lauschte. War er nicht ein Untertan des mächtigen Staryetz von ganz Sklava, der keinen anderen Titel brauchte? Und die Person, die den Raum betrat, steigerte seine Heiterkeit nur noch. Einen Augenblick lang fragte er sich, ob er vor einem lebenden Leichnam stand: einem alten Mann mit einer gespenstisch weißen Gesichtsfarbe, stocksteif wie ein Skelett, der sich auf seinen Gehstab stützte, als ob dieser ein Eisengestell wäre, das seine Knochen aufrecht hielt. Semyon verneigte sich. »Seid gegrüßt, Semyon von Kyev«, sagte der alte Mann mit einer Stimme wie knarrende Türangeln. Semyon kam näher, um sich über den entgegengestreckten Ring zu beugen, als wäre der Doyen ein Biskopa oder ein Patriarch. Er bemerkte, wie der stahlblaue Blick des alten Mannes auf ihm ruhte; die Augen waren alles, was in dem nutzlosen Kadaver noch lebte. »Bringt Ihr mir Grüße von meinem Cousin, dem edlen Staryetz?«, fragte der Doyen. Semyon wagte nicht zu sprechen, aus Angst, er würde in Gelächter ausbrechen. In der Tat mochten Könige und Kaiser den Staryetz aus Höflichkeit ›Cousin‹ nennen, doch es war absurd, dass dieser unbedeutende Herrscher in der dunklen Ecke eines zerschlagenen Reiches sich eine derartige Vertraulichkeit anmaßte. Er griff in seine Tasche und zog das Empfehlungsschreiben heraus, das der Staryetz seinem Sekretär diktiert hatte, vor Monaten, wie es schien. Der Herr des Reiches Sklava konnte kaum seinen eigenen Namen schreiben, doch er war verschlagen und gerissen wie jeder hochgeborene Boyar. Der Doyen nahm den Brief in seine vogelartigen Klauen, brach 2
das Wachssiegel und las. Semyon wartete und sah, wie sich die Lippen des alten Mannes bewegten. Der Brief selbst war eine reine Formalität, in der der Doyen gebeten wurde, dem Überbringer Vertrauen zu schenken, ihn wie einen der eigenen Untertanen zu behandeln und so weiter und so weiter. Es war Semyon, der die Anweisungen des Staryetz bis zum letzten Buchstaben in seinem Gedächtnis bewahrte. Er beobachtete, wie der alte Mann mit hungrigen Augen las, begierig darauf, zum Herzstück der Angelegenheit vorzustoßen – und das Blut zu schmecken. Schließlich faltete der Doyen den Brief zusammen und hob die Augen. Er schien aus der Höhe seiner Verachtung auf Semyon hinabzublicken, als ob er sich fragte, welch armselige Gestalt der Staryetz ausgewählt hatte, um seine Neuigkeiten zu überbringen. »Hier steht, Ihr wäret ein mächtiger Magus, der größte am Hofe«, sagte er. Jedes Wort klang wie ein Knarren, das voller Zweifel steckte. Semyon verbeugte sich. »Habt Ihr auch eine Zunge im Mund?«, fragte der Doyen scharf. »Es gefällt meinem Herrn, mich so zu bezeichnen, Mon Seigneur«, sagte Semyon und ließ die fremden Worte von der Zunge rollen. »Wie ich höre, beherrscht Ihr ein wenig Franj«, sagte der Doyen. Auf seinen Stock gestützt, humpelte er zum Stuhl, der das einzige Möbelstück im Raum war. Er ließ sich nieder und drückte den Brief gegen sein Knie. Sein Umhang war prächtig, doch sein wollener Mantel war sorgfältig ausgebessert und geflickt. »Ich beherrsche auch die magischen Künste«, sagte Semyon und warf einen Blick zu den Koffern, um sicherzugehen, dass der Page sie nicht angerührt hatte. »Tatsächlich ist das der Grund, warum Euch mein Cousin hierher geschickt hat«, sagte der Doyen und schaute in die Ecke des Zimmers. »Er weiß um meinen lang gehegten Plan, Neustria wieder aufleben zu lassen, unser großes, verlorenes Königreich. Er schrieb mir 3
viele Briefe, um mir seine Unterstützung zuzusichern. Und ich vertraue darauf, dass er mir nicht einen Quacksalber geschickt hat oder das Abziehbild eines Geisterbeschwörers, von dem er denkt, dass er einen greisen, altersschwachen Mann zufrieden stellt.« Semyon genoss die darauf folgende Pause und zog das Schweigen in die Länge. »Tut meinem Herrn kein Unrecht, Gospodin«, sagte er und verwendete einen Titel, von dem nur er wusste, dass er dem Rang des Doyen nicht zustand. »Ich werde all Euren Vorhaben gerecht werden, selbst den Ehrfurcht einflößenden Aufgaben, mit denen Ihr mich zu beehren gedenkt.« »Auf jeden Fall verfügt Ihr über einen höfischen Zungenschlag, trotz Eures armseligen Anscheins«, sagte der Doyen mit einem dünnlippigen Lächeln. Er wandte sich dem Pagen zu, der die letzten Minuten in dem vergeblichen Bemühen verbracht hatte, sein Husten zu unterdrücken, und sagte: »Lass uns allein.« Als der Junge verschwunden war, sprach der Doyen nicht sofort, sondern verbrachte einige Momente damit, Semyon eingehend zu betrachten, als versuchte er, ihn aus der Ruhe zu bringen. Doch Semyon, der das Lächeln seines eigenen Herrn kannte, welches unendliche Belohnung oder drohende Exekution bedeuten konnte, ließ sich vom gestrengen Blick eines alten Soldaten nicht beeindrucken. Er wartete mit bescheiden zu Boden gerichteten Augen, während der greise Mann seine schäbige und geflickte Kleidung und die Knoten in seinem Haar und in seinem Bart begutachtete. »Welche Nachricht schickt Euer Herr mir?«, fragte der Doyen schließlich. Semyon entschied, dass es an der Zeit für eine feierliche Rede wäre. Er starrte an die Decke und verkündete: »Wisset, dass mein Herr, der mächtige Staryetz von Sklava, Eurer Bitte Gehör geschenkt hat und Euer edles Vorhaben gutheißt. Er wird Euch alle Hilfe« – außer Geld – »zukommen lassen, um die Länder, die einst als Neustria bekannt waren, zurückzuerobern. Und er hat mich ge4
schickt, Semyon, den Magus, um meine Macht Euch zu Füßen zu legen und mich Eurem Willen zu beugen. Vor allem in der geheimen Angelegenheit, die Euren Sohn betrifft.« »Mein Sohn«, wiederholte der Doyen, und seine Stimme hätte auch ein Widerhall in den Hügeln sein können. Semyon warf einen kurzen Blick auf sein Gesicht und bemerkte ohne Mitleid den verlorenen Ausdruck, der sich in den Zügen des alten Mannes abzeichnete und sie mit der Witterung des Alters und der Trauer überzog. Er wartete in scheinbarem Respekt darauf, dass der Moment vorüberging, und fühlte sich überrumpelt, als der blaue Blick den seinen traf. Zum ersten Mal wallte wieder süße Furcht in ihm auf, und er spürte die Freude, einem gefürchteten Herrscher zu Diensten zu sein. »Könnt Ihr ihn mir zurückbringen?«, fragte der Doyen. »Seid Ihr derjenige?« Semyon verbeugte sich mit der Hand auf seiner Brust und fühlte den heiligen Wahn der Macht. Macht war ein Bonbon, das den Großen vorbehalten war, doch ihm machte es Freude, in deren Schatten zu dienen. »In der Tat, Knyaz, ich bin derjenige«, sagte er und verwendete die Bezeichnung für ›Fürst‹, wie er es schon zuvor hätte tun sollen. Der Doyen bemerkte dies. »Ihr ehrt mich mit Euren ausländischen Titeln«, sagte er scharf. »Ich bitte Euch, nennt mich Mon Seigneur, wie es unter meinen Vasallen üblich ist. Diese fremden Begriffe behagen mir nicht.« Befehlend in einem Augenblick, im nächsten gereizt. Semyon betrachtete seinen neuen Herrn von der Seite. Der Doyen mochte ein unbedeutender Fürst sein im Vergleich zu der Größe des Staryetz, doch er beherrschte alle Kniffe des absolutistischen Herrschers – die Marotten, die Gemütsschwankungen, die Eitelkeiten. Ein Diener musste diese Launen kennen, um dem Willen seines Herrn gerecht zu werden. Nur dies würde ihn in seiner Gunst steigen lassen und seine Macht vergrößern. Semyon verfügte über Magie, mit der 5
er sich wie ein Taschenspieler vergnügen konnte, doch der Geruch zeitweiliger Macht war eine stärkere Droge – und über allem stand die Macht, seinen Herrn auf geschickte Art und Weise zu manipulieren. Er hatte eine herausragende Stellung am Hof in Kyev, weil er so viel mehr vermochte, als nur seinen gewählten Lehnsherrn zu umschmeicheln. Sollte Kaschai denken, er sei allmächtig! Die, die klug waren, wussten, dass neue Zeiten angebrochen waren, in denen Magie alleine nicht ausreichte, um zu herrschen. »Mon Seigneur«, sagte er. »Ich weiß, wie ich Euren Sohn von den Toten auferstehen lassen kann. Ihn wieder ins Leben zurückholen kann, nicht als Geist oder als wandelnden Leichnam.« Der Doyen starrte ihn an. Sein Atem ging schnell. »Ich habe so oft von diesem Tag geträumt, seit ich ihn verloren habe, und davon, diese Worte zu hören«, sagte er. »Nun scheint es wie ein neuer Traum, dass Ihr vor mir steht und mir sagt, was ich mehr als alles in der Welt zu hören wünsche. Ich fürchte mich davor zu erwachen.« »Seid ohne Sorge!«, sagte Semyon, wandte sich um und ging, um einen seiner Koffer zu holen. »Hier trage ich die Mittel, um ihn zu erwecken. In dieser unscheinbaren Kiste befindet sich eine Welt, die nur auf meinen Befehl wartet. Mit ihrer Macht werde ich den Tod in Leben verwandeln und Tränen in Frohlocken.« Er hielt inne und fragte sich, wie viel er in diesem ersten Gespräch preisgeben sollte. Es lockte ihn immer, seinen Kunden die Wirkungsweise der Magie zu erklären; sie stellten unablässig plumpe Fragen, und der Doyen war nicht besser als der Rest. »Ihr sagt mir, Ihr tragt eine ganze Welt in dieser ledernen Hülle?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ihr verlangt großes Vertrauen von mir.« Semyon bezwang sein ungeduldiges Verlangen, den Koffer zu öffnen und dem alten Narren den Inhalt zu zeigen. »Wahrlich unterliegt diese Welt meinem Befehl«, sagte er mit vorgetäuschter Be6
scheidenheit. »Ich kann mir ihre Lebenskraft zunutze machen und sie dazu verwenden, die Seele Eures Sohnes zu beschwören und sie erneut an sterbliches Fleisch zu binden. Aber Ihr müsst wissen, Mon Seigneur, dass dies dunkelste Magie bedeutet. Ich werde andere Elemente benötigen, um Euren Sohn in seinem neuen Körper zu halten.« »Ihr sprecht in Rätseln, Magus«, sagte der Doyen. »Sagt mir, was Ihr braucht.« Semyon konnte sehen, dass es keinen Sinn haben würde, zu versuchen, seinen Herrn mit hochtrabenden Worten zu verwirren. Wie der Staryetz die Aura des Okkulten bevorzugte, obgleich er schlau genug war, durch den Zierrat zu schauen, verlangte der Doyen nach klaren Worten und verständlichen Erklärungen. Semyon war nicht sehr angetan von dem Gedanken, das Vergnügen der Verschleierung aufgeben zu müssen. »Mon Seigneur, ich kann Euren Sohn zum Leben erwecken, doch nur für kurze Zeit, nur für neunzig Tage. Um ihn in dieser irdischen Welt zu halten, brauche ich mehr Kräfte, als ich bei mir führe.« »Sprecht weiter«, sagte der Doyen matt. »Ich nehme an, Ihr müsst bestimmte Rituale vollführen und die Bewegungen der Sterne und der Planeten beobachten.« »Die Sterne bestimmen nicht unsere Geschicke«, sagte Semyon nach einer Pause, die den dramatischen Effekt steigern sollte. Der alte Mann musste verstehen, dass die Magie mehr als bloße Worte verlangte; sie schrie nach Ausschmückung, brennenden Pechpfannen und wirbelndem Weihrauch. Einen Augenblick lang genoss er den Schock, den seine nächsten Worte hervorrufen würden. »Ich brauche zwei menschliche Seelen und das Herz eines dreifachmächtigen Schamanen.« Zu seiner Enttäuschung betrachtete ihn der Doyen mit unbewegtem Gesicht. »Zwei menschliche Seelen und das Herz eines … Scha7
manen«, sagte er. »Und es wird ein Leichtes für Euch sein, dies zu beschaffen?« Der alte Fuchs machte sich über ihn lustig! Semyon spürte, wie der Ärger seine Wangen rötete. Er wandte sich ab und versuchte, seine Wut zu bezwingen. Wie konnte dieser unbedeutende Landgutsherr es wagen, sein Handwerk gering zu schätzen? »Ich bin ein Seelenräuber«, sagte er und starrte durch den Regen hinaus in die grüne Parklandschaft. »Gebt mir zwei sterbliche Wesen, und ich werde sie wie Korn enthülsen. Doch das Herz eines Schamanen – das ist nicht so einfach. Nur wenige verdienen die Bezeichnung dreifachmächtig. Ich weiß von keinem im Imperium Sklava, vom Westen bis zum entfernten Osten. Und ich bin der Mann, der den Namen eines jeden Schamanen im Lande kennt, mögen sie unbedeutend oder mächtig sein.« Hinter ihm sagte die Stimme des Doyen sanft: »Ich habe von diesen Schamanen gehört. Und ein Schamane tötete meinen Sohn.« Semyon hielt es für das Beste, nicht zu enthüllen, dass er selbst ein Schamane war, sogar ein dreifachmächtiger. Es gab auch keine Veranlassung, Kaschai den Unsterblichen zu erwähnen, der zu verschlagen war, als dass er sein Herz in seinem Körper behalten würde. Er bemerkte, wie sehr er hoffte, der Doyen würde die Aufgabe als unlösbar bezeichnen und ihn entlassen. »Dann befinden sie sich hier, in diesem … Land Neustria«, sagte er und wandte sich wieder um. Der Doyen hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht, der Semyon beunruhigte, auch wenn er vorsichtig genug war, dies nicht zu zeigen. Er erinnerte ihn an die tierische Fratze eines Hundes, bevor er zum Angriff überging. »Sagt mir, was macht einen dreifachmächtigen Schamanen aus, Magus?«, fragte er. »Es könnte sein, dass ich weiß, wo ein solcher zu finden ist.« Semyon überlegte rasch. »Mon Seigneur, sie verfügen über alle drei Kräfte eines Schamanen«, sagte er. »Sie können heilen, sie 8
können töten und sie können über ihre Welt hinausreisen. Und wenn sie sterben…«, er machte eine beklommene Pause, »ist es nicht sicher, dass sie wirklich tot sind«, fügte er hinzu und bemerkte, wie schwach seine Worte klangen. Der Doyen starrte ins Leere. »Wie seltsam es ist, dass ein solcher Eurem Zweck dienlich sein sollte«, sagte er. »Ich habe so lange von Rache geträumt, dass der Geschmack bitter geworden ist und an meinen Eingeweiden reißt. Ich weiß nicht, wo er sich aufhält, außer, dass er hier in Neustria ist… Die Tatsache, dass er am Leben ist, verhöhnt mich mit jedem Atemzug. Er hat meinen Sohn geschlachtet, und er lebt noch immer.« »Ihr habt jemanden im Sinn«, sagte Semyon und wunderte sich zum ersten Mal über die Schamanen in Neustria. Er hatte sich vorgestellt, dass es nur wenige, schwache gäbe, denn sonst hätte das Land inzwischen die abgespaltenen Gebiete unter der Führung eines mächtigen Herrschers gesammelt. Er hätte nie gedacht, dass es hier einen geben würde, auf den die Beschreibung des Dreifachmagischen zutreffen könnte, wodurch plötzlich das Risiko entstand, dass sein Vorhaben – jedenfalls der magische Teil – gelingen könnte. »Nehmt sein Herz und bringt es mir«, sagte der Doyen. »Sein Herz und die Seelen seiner Nachkommen. Es sind zwei. Dies allein wird meine bittere Trauer lindern und meinem Geist endlich Frieden schenken. Ich will keine anderen. Ich kann Euch ihre Namen nennen, und wenn Ihr mir meinen Sohn gebracht habt, Magus, werdet Ihr sie finden und sie benutzen, um sein Leben zu heilen.« »Es muss viele geben, deren Seelen ich verwenden könnte«, sagte Semyon hastig. »Warum gebt Ihr mir den Auftrag, zwei zu finden, die gut versteckt sein könnten?« »Ich will keine anderen«, wiederholte der Doyen. Semyon unterdrückte ein Seufzen. Seine Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr schwand dahin wie Rauch in der Luft. »Sagt mir ihre Namen, Mon Seigneur, und ich werde meine Arbeit begin9
nen«, sagte er. »Der Mann, den Ihr sucht, heißt Yuda Vasilyevich. Ich will sein Herz und die Seelen seiner Kinder.«
10
Kapitel 1
D
ie zwei Mädchen standen Seite an Seite auf dem Tisch, der ihnen als Streitwagen diente, während sie in Persepolis Einzug hielten. Annat schwang eine Reitgerte, die sie mit einem scharfen Geräusch über den Köpfen ihrer Gefangenen schnalzen ließ, die auf dem Boden kauerten, die Sommerkleider staubbedeckt und die Unterröcke durcheinander. Neben ihr befand sich Eugenie, die Hände geziert vor dem Körper gefaltet, obgleich ihre Wangen vor Aufregung leuchteten. Als Königin Zenokrate war sie mit einem Diadem geschmückt, welches eilig aus einem Stahldraht gedreht worden war. Ihre porzellangleiche Schönheit bildete einen hübschen Kontrast zu Annats dunkler Wildheit; sie trug ein Taftkleid aus mehreren Lagen, das von eingewebten rosafarbenen und roten Pfingstrosen übersät war und eine Spitzeneinfassung aus Musselin im Ausschnitt hatte, die züchtig ihre Schultern und ihr Dekolleté bedeckte. Eine Ahnung von weißen Unterhosen blitzte unter der Fülle von Unterröcken hervor, die von einem Reifrock gestützt wurden, welcher den Überrock bauschte. Neben ihr, in Schwarz gehüllt, wie es das Gesetz vorschrieb, stand Annat mit gespreizten Beinen. Obgleich sie sittsam von bestickten Unterhosen bedeckt waren, war ihr Rock unmittelbar unter den Knien gekürzt worden, und das Schultertuch, welches das Oberteil ihres Kleides schmückte, war verrutscht. Strähnen dunklen Haares waren aus ihrem glatten Nackenknoten entwichen, und sie war ein Bild der Zerzausung, das Mademoiselle de Clignancourt zur Verzweiflung brachte, als sie die Tür zum Musikzimmer aufstieß, um zu sehen, wer dort einen solchen Lärm verursachte. Die Lehrerin klatschte scharf in die Hände. »Les jeunes filles! Annat! Mademoiselle de Bouget! Kommen Sie auf der Stelle herunter!« Die beiden jungen Frauen starrten sie an. Eugenies hübscher
Mund rundete sich zu einem entsetzten O, doch die Lehrerin sah, dass sich Annats dunkle Augenbrauen zu einem aufsässigen Runzeln zusammenzogen. »Auf der Stelle, sage ich! Was hat diese entwürdigende Vorstellung zu bedeuten? Agnes und Therèse, Sie dürfen sich erheben. Nun denn, wer ist hierfür verantwortlich? Ich warte!« Annat sprang vom Tisch, wobei sie nur noch mehr von ihren Unterhosen entblößte. Sie wandte sich um und reichte Eugenie galant, wie es sich für einen Mann geziemt hätte – kaum jedoch für ein junges Mädchen von siebzehn Jahren –, ihre Hand, damit die Prinzessin herabsteigen konnte. Mademoiselle de Clignancourt beobachtete das Geschehen mit zusammengekniffenen Lippen. Wann immer das Mädchen von den sechs Monaten zurückkehrte, die sie mit ihrem Vater verbrachte, machte sie nichts als Ärger! Und der Ärger schien nach jedem Besuch größer zu werden. »Nun«, sagte sie kühl, »ich warte auf eine Erklärung.« Die vier Mädchen schauten sie an. Agnes und Therèse, die eindeutig die Unterworfenen gewesen waren, versuchten unauffällig, den Staub von ihren Röcken zu klopfen. Annat starrte sie an und hielt die zarten Finger der Prinzessin de Bouget umklammert. Mademoiselle brauchte kaum zu fragen, wer verantwortlich zu machen war; es war das Vasilyevich-Mädchen mit ihren gewohnten Unarten, während die Prinzessin sie unterstützte, denn Eugenie war nur zu offenkundig in die kleine Piratin vernarrt. Gegen ihren Willen spürte Mademoiselle einen Anflug von Belustigung über diese Unvereinbarkeit. Die de Bougets waren eine alte Familie der Doxoi, die ihren Stammbaum bis zurück in die Zeit des Imperiums verfolgen konnten; die Vasilyevichs waren Emporkömmlinge, Wanderer aus Sklava, die gerade seit einer Generation in Neustria siedelten. Was Eugenies Mutter, Madame la Princesse de Bouget sagen würde, wenn sie von dieser unpassenden Verbindung erführe, wusste der Himmel allein. »Wir haben nur eine Szene aus Timur der Lahme geprobt, Mademoiselle«, sagte Annat. Es lag weder Furcht noch Reue in diesen
dunklen Augen, nur Trotz. Viele der Mädchen in der Schule hatten eine dunkle Gesichtsfarbe und schwarze Augen, doch nur die Wanderer waren von dieser elfenbeinhaften Blässe, die sich auch unter dem Sommerhimmel kaum tönte. »Ich verstehe«, sagte Mademoiselle, die sich nicht von einem solchen Fratz einschüchtern ließ, auch dann nicht, wenn dieser über unheimliche Fähigkeiten verfügte. Annat blickte zu Boden. »Sie beide, Agnes und Therèse, gehen zurück in Ihre Klasse. Mit Ihnen beschäftige ich mich später. Sie beide jedoch, Mesdemoiselles Vasilyevich und de Bouget, Sie warten vor dem Zimmer der Schulleiterin auf mich. Und ich werde diese Gerte an mich nehmen!« Arm in Arm eilten Annat und Eugenie über den Teppichboden den Gang hinunter zu den Räumen der Schulleiterin. Eugenie hatte vergessen, ihre Krone abzusetzen, und es war Annat, die sie anhielt und eilig das Drahtdiadem aus den haselnussbraunen Löckchen der Prinzessin zerrte. »Glaubst du, sie werden uns verhauen, Anne?«, fragte Eugenie mit einer Mischung aus Neugier und Furcht. Annat prustete die Luft aus den Wangen. »Puh! Non«, sagte sie. »Sie verhauen nie die Oberschüler. Und sie könnten dich sowieso nicht verhauen, Mademoiselle la Princesse. Denk doch nur an den Scandale!« Eugenie lachte hinter vorgehaltener Hand und Annat sehnte sich danach, ihre weichen Lippen zu küssen. Sie packte die Prinzessin an der Hüfte und zog sie zu sich heran, wie sie es ihren Vater mit Frauen hatte tun sehen. Eugenie sträubte sich ein bisschen und legte ihre Hand auf Annats Mund. »Sicher kommt gleich jemand vorbei.« Lächelnd ließ Annat sie los. Gefühlsbetonte Freundschaften unter den Schülern waren keine Seltenheit, doch sie wusste, dass ihre Gefühle für Eugenie darüber hinausgingen. Die krapproten Lippen, die azurblauen Augen, diese verborgenen, sanft knospenden Brüste … Sie glaubte jedoch nicht, dass ihr Verlangen die Billigung der Schulleiterin finden würde.
»Ich will dich küssen, Eugenie de Bouget«, sagte sie, dann brachen beide in Gelächter aus und umarmten einander, ehe sie weitereilten, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Das Zimmer der Schulleiterin war weiß gestrichen. Die Fenster wurden von schweren Vorhängen aus Jacquard gesäumt, in die rote und gelbe Granatäpfel gewoben waren. Das Rad der Doxoi hing an einer Wand, doch das war der einzige Hinweis auf eine religiöse Hierarchie in der Schule. Die anderen getäfelten Wände wurden von goldgerahmten Landkarten geziert, und eine große Kugel des Orbis Terrarum stand nahe dem Fenster. Es gab einen Schreibtisch und einen Stuhl, auf dem die Schulleiterin saß. Sie trug ein Kleid aus schiefergrauem Damaststoff, eine Uhr, die an ihre Brust geheftet war, und einen Spitzenkragen, der sich um ihren Hals kräuselte. Ihr Gesicht unter dem Puder war glatt, so glatt, dass sich Annat fragte, ob sie jemals lächelte oder die Stirn runzelte. »Mademoiselle de Clignancourt berichtete mir …«, sie hielt inne, als ob sie die Gelegenheit für einen Seufzer schaffen wollte, »von Ihren letzten Unternehmungen, Mademoiselle Vasilyevich.« Die beiden jungen Frauen standen nebeneinander vor dem Schreibtisch. Mademoiselle de Clignancourt selbst saß auf ihrem Stuhl mit spindeldürren Beinen, die Rockschöße ihres blauen Kleides breiteten sich in schweren, üppigen Falten aus. In einer Hand hielt sie die Peitsche. »Madame, wir haben geprobt …«, setzte Annat an. »Seien Sie still! Es interessiert mich nicht, welchen Anstrich Sie Ihren Untaten zu geben versuchen. Alles, was ich weiß, ist, dass wieder einmal Sie als Anführerin in einem Schauspiel ausgemacht worden sind, in dem ein ausgelassenes Verhalten an den Tag gelegt wurde, das sich für junge Damen dieser Anstalt nicht geziemt.« »Aber, Madame …«, begann Eugenie. »Mademoiselle de Bouget, man sollte meinen, dass jemand Ihres Ranges und Ihrer Herkunft es besser gewusst hätte, als sich in diese Tiefen sinken zu lassen. Oder sich von Mademoiselle Vasilyevich anstiften zu lassen, vor deren Einfluss Sie gewarnt worden sind.
Doch als eine Ausführende, nicht jedoch eine Anführerin in diesem Unternehmen, fällt Ihre Bestrafung geringer aus. Ihre Privilegien für diese Woche sind gestrichen, und Sie werden die Stunde Ihrer freien Verfügung damit zubringen, Passagen aus dem Livre de Bon Conseil abzuschreiben. Sie können gehen.« Annat spürte Eugenie seufzen. Eine Züchtigung wäre vorzuziehen gewesen, denn so wurde ihnen ihrer beider Gesellschaft verwehrt, und jede von ihnen wusste, wie öde die Patentrezepte des Livre de Bon Conseil waren. Sie hätte gerne die Hand ihrer Freundin berührt, doch ihr war bewusst, dass der Blick von Madame auf ihnen beiden ruhte, und sie blieb alleine stehen, während Eugenie mit einem Rascheln ihrer Unterröcke zur Tür trottete. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, konzentrierte Madame ihr Augenmerk auf Annat. »Nun zu Ihnen, Mademoiselle Vasilyevich, was soll ich mit Ihnen tun? Der Himmel weiß, dass ich genug unter Ihren Missetaten gelitten habe. Muss ich noch einmal erwähnen, dass es nur aus Gefälligkeit Ihrer Tante gegenüber war, einer der angesehensten Professeurs in der Stadt, dass ich Ihrer Aufnahme zugestimmt habe? Sie verfügen über Privilegien, von denen die meisten meiner Schülerinnen nur träumen können: Ihnen wird die Anwesenheitspflicht während des gesamten Winterschuljahres und der Hälfte des Frühlings erlassen, sodass Sie bei Ihrem Vater bleiben können; Sie sind für die Nachmittagsstunden und die abendliche Studierzeit entschuldigt, um die Shkola besuchen zu können, und aus Respekt vor Ihrer Tante habe ich zugelassen, dass Sie Kleidung auf eine absonderliche Art und Weise abändern, die man kaum noch als züchtig bezeichnen kann. Dessen ungeachtet haben Sie während der letzten zwei Jahre meine Freundlichkeit missbraucht und meine Regeln missachtet. Sie sind viele Male verwarnt worden, und doch stelle ich erneut fest, dass Sie Ihren Einfluss ausnutzen, um andere Mädchen auf die falsche Bahn zu lenken, vor allem die Prinzessin de Bouget, der gegenüber Sie eine höchst ungesunde Zuneigung zeigen. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen?«
Annats Gefühle brandeten in ihrer Brust auf, heiß und bohrend. Sie begann einen Redeschwall in erbostem Franj und spuckte alle Enttäuschung aus, die sich seit ihrer Rückkehr in Madame Mireilles Anstalt für Junge Damen angestaut hatte. »Aber das sind dumme Regeln, Madame! Wie kann ich für ein Stück proben, wenn es nicht gestattet ist zu spielen? Und warum gehört es sich nicht für uns, auf einem Tisch zu stehen? Niemand hat uns gesehen, mit Ausnahme von Madame de Clignancourt, und für sie gab es keine Veranlassung, entsetzt zu sein …« »Genug«, herrschte die Schulleiterin sie mit kalter Stimme an. »Ich sehe, wie stets, dass Sie keinerlei Reue zeigen. Ich habe keine andere Wahl, als Sie nach Hause zu schicken, bis ich entschieden habe, ob ich Sie der Anstalt verweise oder nicht. Ich werde Ihrer Tante schreiben.« Sie senkte den Blick, als ob es nichts weiter zu sagen gäbe. Annat war einen Augenblick lang verstummt und starrte sie unglücklich an. Sie hätte sich nie träumen lassen, dass die Schulleiterin einen Verweis in Betracht ziehen könnte. Sie machte einen Schritt nach vorne und begann: »Aber Madame, Sie können mich doch nicht verweisen! Ich muss hierher kommen, um die Künste und die Naturwissenschaften zu lernen, die sie in der Shkola nicht unterrichten …« »Daran hätten Sie vielleicht denken sollen, bevor Sie sich in Ihre nächste Unbesonnenheit stürzten«, sagte Madame und blickte zu ihr auf. »Bitte bestrafen Sie mich, Madame! Ich werde alles tun. Ich könnte Strafarbeiten schreiben oder das Livre de Bon Conseil lesen, oder Sie könnten mich schlagen …« »Eine Oberschülerin? Das wäre höchst unschicklich. Sie können gehen, Mademoiselle Vasilyevich. Die Unterredung ist beendet.« Annat öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Madame hatte wieder den Blick gesenkt und ihren Füller ergriffen. Mademoiselle de Clignancourt war aufgestanden und sah Annat mit einer Spur von Bedauern an, denn sie mochte den Geist des Mädchens,
auch wenn sie ihr Verhalten missbilligte. Annat schluckte den plötzlichen Drang, weinen zu müssen, hinunter, machte einen raschen Knicks und floh aus dem Raum. Sie wäre gerne hinauf in die Schlafsäle und in die tröstenden Arme von Eugenie gerannt, doch sie wollte ihre Freundin nicht noch weiter in Schwierigkeiten bringen. Stattdessen lief sie mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf über den Marmorboden, der vom Büro der Schulleiterin zu den Treppen führte, und schlurfte hinab in die Eingangshalle, wo ihr Umhang an seinem Haken hing. Sie würde nicht geradewegs nach Hause zu Tante Yuste gehen, sondern einfach früher in die Shkola. Auch wenn der Unterricht erst nach dem Mittagessen beginnen würde, wären vielleicht schon einige ihrer Freunde dort – oder sie könnte in der Bibliothek Zuflucht suchen, um sich weiter mit ihrer momentanen Aufgabe zu beschäftigen. Da war dieser Gedichtband des anglischen Poeten Xelle, den Eugenie ihr geschenkt hatte und der nun die Tasche ihres Umhangs ausbeulte. Annat nahm das schmale Buch heraus und blickte hinunter auf die fremden Buchstaben. Die Anglitskuyi verwendeten die gleiche Schrift wie die Franj, doch ihr Ton unterschied sich stark. Xelle hatte an die Freiheit geglaubt, was auch der Grund dafür war, dass Eugenie seine Gedichte als Geschenk für Annat ausgewählt hatte. Auf den Innenseiten hatte sie einige eigene Strophen festgehalten und das Geschenk ihrer ›geliebten Freundin‹ gewidmet. Annat drückte das Buch in ihrer Handfläche und fragte sich, ob Eugenie die gleichen leidenschaftlichen und körperlichen Gefühle für sie hegte, wie es umgekehrt der Fall war. Nun, wo sie von der Schule verwiesen werden könnte, würde sie es vielleicht nie herausfinden; es war höchst unwahrscheinlich, dass sie die Prinzessin de Bouget jemals außerhalb der Akademie treffen würde. Sie schloss die Augen und spürte ein Brennen in ihrer Nase und hinter ihren Lidern. Es wäre beschämend, wenn sie jemand entdeckte, wie sie hier in der Garderobe stand und weinte. Um von der Akademie zur Shkola zu gelangen, würde Annat die
Straßenbahn benutzen müssen. Draußen erwartete sie ein Frühlingstag und ein von Grau durchzogener blauer Himmel, der ihr Herz leichter werden ließ. Die Straßen des eleganten Viertels, in dem sich die Akademie befand, summten vom Verkehr. Ein Gendarme in steifer Uniform aus blauem Sergestoff mit einer weißen Feder an seiner Mütze ritt vorüber und salutierte vor Annat, als er ihren Weg kreuzte. Auf der anderen Straßenseite befand sich eine Boulangerie, vor der eine kleine Menschenschlange auf einen neuen Schwung frischer Brotlaibe wartete, und daneben eine Boucherie Chevaline, über deren Fenster der abscheuliche Gipskopf eines Pferdes wieherte. Vor der Tür trottete ein Klepper vorüber, der in der Tat aussah, als stehe er kurz davor, als Pferdefleisch zu enden. Er war zwischen die Deichselarme eines kleinen Wagens eingespannt, der mit den Erträgen einer Farm aus dem Vorwerk der Stadt beladen war. Als Annat die Straße überquerte, stieg ihr der stechende Zitrusgeruch in die Nase, der von den Haufen unförmiger Zitronen und kleiner, wilder Orangen aufstieg, welche an den Südküsten wuchsen. Wie sehr sich die Stadt verändert hatte, seit sie vor vier Jahren als Kind hierher gekommen war! Als der neue Stadtrat gewählt worden war, wurde die alte Kleiderordnung des Königreichs von Neustria durchgesetzt. Frauen mussten ihre Beine bedecken, verheiratete Frauen auch ihr Haar; Männer durften nicht kurzärmlig herumlaufen, und die Angesehenen der Gesellschaft trugen Hüte. Masalyar, die Stadt, die einst so frei war, dass sie fast gesetzlos gewirkt hatte, war zu einem dunklen, ernsten Ort geworden. Kein Wunder, dass sich ihr Vater entschlossen hatte, die Stadt so schnell wie möglich wieder zu verlassen, nachdem er Annat zurück zu ihrer Tante gebracht hatte! Sie seufzte, als sie die Straße in Richtung der Straßenbahnhaltestelle hinunterlief. Die neuen Regeln bedeuteten keine große Veränderung für sie, denn in der Stadt ihrer Kindheit, in Sankt Eglis, war es nicht viel anders gewesen. Immerhin verfolgte in der Stadt niemand die Wanderer oder schien auch nur von dem Schwarz Notiz zu nehmen, das sie zu tragen gezwungen waren.
Doch die Veränderungen schienen Annat Unheil verkündend, als seien sie der Beginn von etwas anderem, weit weniger Harmlosem. Um diese Zeit am Morgen wartete niemand sonst an der Haltestelle der Straßenbahn. Zunächst holte Annat das Buch mit den Gedichten von Xelle heraus und versuchte zu lesen, doch ihr Kopf war zu voll, als dass sie sich auf die fremden Worte hätte konzentrieren können. Sie steckte den Band weg und beobachtete das Treiben auf der Straße, nahm jedoch kaum wahr, was sich vor ihr abspielte. Eine Gruppe Nonnen mit ihren weißen Schleiern und ihrer blauen Tracht, die an Seevögel erinnerte, strömte in Zweierreihen vorüber; eine elegante Citoyenne, bekleidet mit einem bunt karierten Kleid und ärmellosem Oberteil, die Röcke steif von den vielen Unterröcken, fegte vorbei; Fahrräder holperten über das Kopfsteinpflaster und die Bahnschienen, und gepflegte Pferde, deren Fell auf Hochglanz poliert war, schritten anmutig die Straße entlang, während ihre Reiter hoch über den Fußgängern thronten. Annat war eine einsame Wanderin, unbeachtet, eine schattenhafte Gestalt, die mit dem Rücken zu den Geländern des Jardin des Plantes stand. Wie die meisten der anderen Frauen auf der Straße trug Annat einen Kiepenhut. Ihrer war aus glattem Stroh gefertigt und schützte ihr Gesicht vor dem Frühlingswind. Sie sah hinauf in den Himmel über den hohen Dächern der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite, um den weißen Wolken dabei zuzusehen, wie sie vom Meer aus landeinwärts eilten. Hier, mitten in Masalyar, war es schwer zu glauben, dass sie sich einst auf eine Reise begeben hatte, die nicht nur seltsam, sondern schier unglaublich war: eine Reise über die Grenzen der bekannten Welt hinaus. In der Shkola unterrichtete der Lehrer Sival sie gerade in der Theorie solcher Reisen, und häufig wandte er sich an Annat, um sie nach ihren Erfahrungen zu fragen. Es war seltsam, im Schneidersitz auf dem Fußboden des warmen Klassenzimmers zu sitzen und von den Eisländern zu berichten, die sie besucht hatte. Es war wie ein Traum, der für jemand anderen wahr geworden war, für eine andere Annat. Das Kind von vor vier Jahren schien sich sehr von der jungen Frau zu unterscheiden, die
heute an der Straßenbahnhaltestelle wartete. Doch keiner der anderen Schüler in der Shkola – obgleich alles Schamanen wie sie selber – hatte solch eine Reise unternommen oder würde auch nur den Versuch wagen, bis sie vollständig ausgebildet waren. Nach diesen Unterrichtsstunden begegneten sie Annat mit einem Anflug von Ehrfurcht; doch außerdem wussten sie alle von ihrem Vater, Yuda Vasilyevich, einem der mächtigsten Magier in Masalyar. Annat verschränkte die Arme unter ihrem Umhang. Sie wünschte sich, sie wäre jetzt bei ihrem Vater und würde mit ihm in die Stadt Yonar weit im Norden reisen. Doch sie musste sechs Monate im Jahr bei ihrer Tante in Masalyar leben und lernen, ausgerechnet in den Frühlings- und Sommermonaten, wenn es doch so wunderbar wäre, mit Tate auf den Zügen mitzufahren und ihn als Lehrling zu begleiten … Stattdessen lebte sie nur im Herbst und im Winter bei ihm, und in dieser Zeit kehrte er zumeist in die Stadt zurück, wo er in einem kleinen Haus draußen in der Nähe der Sümpfe lebte. Die Kabane … Die beste Zeit dort brach an, wenn zur Wintersonnenwende ihr Bruder von der Universität heimkam und Tante Yuste und Sival die Shkola verließen, um bei ihnen zu wohnen. Neun Tage lang feierten sie gemeinsam das Kerzenfest, und der Schnee schnitt sie vom Rest der Welt ab. Eine Bewegung über ihrem Kopf schreckte Annat aus ihren Träumen auf und zog ihren Blick auf sich. Im gleichen Augenblick, in dem sie das Läuten der näher kommenden Bahn hörte, sah sie einen Vogelschwarm über den Dächern kreisen, vielleicht Tauben oder Stare. Doch diese Vögel waren als schwere, schwarze Schatten vor dem Himmel auszumachen; ihre krummen Flügel schlugen langsam, während sie dort oben als dunkle Masse ihre Kreise zogen. Krähen. Annats Herz begann rascher zu schlagen, als es sollte, und sie beeilte sich, in die Straßenbahn zu kommen, als sei sie auf der Flucht vor einem Alptraum. Erst als sie auf einem Holzsitz niedergesunken war und die brummende Bahn in raschem Tempo die Haltestelle hinter sich ließ, drehte sie den Kopf, um aus dem Fens-
ter in den Himmel blicken zu können. Dort waren sie, auf Erkundungsflug über den Straßen von Masalyar, genauso, wie sie sie vier Jahre zuvor gesehen hatte, als sie eine andere, weit entfernte Stadt auskundschafteten.
Kapitel 2
A
nnat war es noch kaum gelungen, ihre Panik in den Griff zu bekommen, als sie ihre Haltestelle erreichte und unweit der Shkola ausstieg, die sich in der Nähe des Bahnhofs und der Hafenanlagen befand. Ihr erster Impuls war, ihren Lehrer zu fragen, was das zu bedeuten habe, doch er wusste nicht mehr von ihrer Vergangenheit, als sie ihm erzählt hatte. Ihr Vater wäre derjenige, dem sie alles berichten müsste, doch er war weit weg, außerhalb der Reichweite ihrer Gedanken. Sie eilte die Stufen hinauf ins Gebäude, löste die Bänder, die ihre Haube unter ihrem Kinn festhielten, und ließ sie nach hinten auf ihre Schultern gleiten. Einen Moment lang stand sie zögernd auf dem Fußboden aus schwarzen und weißen Fliesen und blickte die große Treppe empor, die zu den Räumen führte, die sie mit ihrer Tante und Sival teilte. Zwei Sorgen rangen in ihrem Inneren miteinander: Hatte Madame Mireille den Brief per Boten an ihre Tante geschickt, und hatte Yuste ihn bereits gelesen? Die Schatten der Krähen schienen ihre frühere Angst zu umkreisen und sie mit den Mustern ihrer schwarzen Schwingen zu verhöhnen. Sie stieß die Flügeltür auf und betrat die eigentliche Shkola. Der vertraute Duft von Kava, Tabak und der Geruch von verbranntem Toast, der von ungeschickter Magie herrührte, wehte ihr entgegen. Die Atmosphäre unterschied sich so stark von der sterilen Welt der Akademie mit dem schwachen Hauch von Möbelpolitur und getrocknetem Lavendel. Der Duft der Gewürze des Abendessens, wel-
ches in den Küchen unten vorbereitet wurde, hing in der Luft, und Annat wurde der Mund wässrig. Murmelnde Stimmen aus den Klassenräumen zu beiden Seiten des Ganges drangen ihr entgegen, als sie ihn hinuntereilte. Sie war auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum der Schüler in der unteren Ebene, der gemeinsam mit dem Speisesaal und den Küchen die untere Etage bildete. Zu ihrer Enttäuschung fand sie den Gemeinschaftsraum verlassen vor. Die morgendlichen Unterrichtsstunden waren noch nicht beendet, und noch war niemand für die Nachmittagskurse eingetroffen. Die meisten der älteren Schüler besuchten entweder wie Annat eine andere Ausbildungsstätte oder die École am Morgen, oder sie arbeiteten, um ihren Teil für den Unterricht dazuzuverdienen. Annat legte ihren Umhang ab, sank in einen der samtbezogenen Sessel, die im Gemeinschaftsraum verteilt waren, und legte ihre Füße mit den Pantoffeln auf einen der niedrigen Tische. Von oben war ein lauter, erstickter Knall zu hören, und sie unterdrückte ein Lächeln. Die jüngeren Schüler lernten, wie sie ihre Kräfte kontrollieren konnten, und am Anfang des Schuljahres gab es immer wieder Unfälle. Bislang hatte noch niemand das Gebäude in Brand gesteckt, doch einige der Klassenräume trugen die Narben von Schülern, die ihre Kampffertigkeiten noch nicht in den Griff bekommen hatten. Oft waren sie mit versengtem Haar oder Augenbrauen beim Essen zu sehen, manchmal auch mit frisch verbundenen Verbrennungen, die von ihrer eigenen Macht herrührten, an den Händen. Annat selbst besuchte zwei Kurse: ›Heilen für Fortgeschrittene‹ und ›Reisen‹. Durch die Zeit, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte, war sie in der Lage gewesen, viele der Grundlagen-Studien zu überspringen, doch sowohl ihr Vater als auch Sival hatten darauf bestanden, dass sie den Heilen-Kurs die gesamten fünf Jahre lang besuchte. Annat empfand die Unterweisungen in der Heilkunst als harte Arbeit und häufig langweilig, doch sie freute sich auf ihre wöchentlichen Reise-Kurse, in denen sich Sival manchmal ablenken ließ. Dann erzählte er von seinen eigenen Reisen oder ließ sich zur
Levitation überreden. Sival selbst war kein Schamane, doch aus Ind hatte er gewisse Fertigkeiten der Saddhus und der Heiligen Männer seines Landes mitgebracht. Die jungen Schamanen, die er unterrichtete, waren von seiner Magie fasziniert, denn sie hatte nichts mit ihrem eigenen Erbe zu tun. Die Tür schwang auf und Dani trat mit Ordnern in den Armen ein. Wie Annat war er ein Wanderer, der einzige weitere in ihrer Klasse, doch er stammte aus einem viel strengeren Haus. Er trug einen schwarzen Hut, seitliche lange Locken oder Peyes und den Ansatz eines braunen Bartes. Er war groß für einen Wanderer oder einen Schamanen; steif setzte er sich Annat gegenüber in einen Sessel und grüßte sie, ohne sie direkt anzuschauen: »Gelobt sei der Eine in Zyon.« »Der Eine und nur ein Einziger«, antwortete Annat. »Hi Dani. Wie geht es deiner Mame?« Dani legte die Ordner auf den Boden zu seinen Füßen und ließ den Blick auf ihnen ruhen. »Es geht ihr gut, danke, Natka«, sagte er. Trotz seines unnahbaren Auftretens war Dani Annats Freund, doch das Gesetz der Wanderer verbot es ihm, eine Frau unmittelbar anzublicken. Annat lächelte insgeheim in sich hinein und fragte sich, ob das Gesetz der Wanderer jemals ihren Vater davon abgehalten hatte, Frauen anzusehen – von ihrem Bruder ganz abgesehen. Doch weder Yuda noch Malchik waren besonders willkommen im Beit, dem Haus des Lernens, wo sich die Wanderer von Masalyar zum Gebet versammelten. Sie mochte Dani, weil er sich ungeachtet des zweifelhaften Status ihrer Familie in der Gemeinde mit ihr angefreundet hatte. »Hast du den Aufsatz von Rashim Edra Ben Shammi gelesen, den ich dir gegeben habe?«, fuhr er fort, lehnte sich gemütlich in seinem Sessel zurück und starrte verlegen auf seinen Schoß. In einem fort gab er Annat Auszüge aus dem Zahav, dem Buch der Lehren und Kommentare der Wanderer, zu lesen. Da sie weder ein Mann noch eine Gelehrte war, schien das seltsam, und Annat vermutete, dass Dani sie etwas lieber mochte, als er eigentlich sollte. Sie glaub-
te, dass er ihr verstohlene Blicke zuwarf, wenn sie im Klassenzimmer saßen. »Ich habe versucht, ihn zu lesen«, sagte sie, entschlossen, ehrlich zu ihm zu sein. »Doch ich habe so viel Zeit für die theoretischen Texte gebraucht, die uns der Lehrer für heute zum Vorbereiten aufgegeben hat.« Der Gedanke an den Reiseunterricht brachte ihr die Krähen wieder ins Gedächtnis, die sie heute Morgen gesehen hatte. »Dani«, fuhr sie fort, »ist dir irgendetwas Seltsames in der Stadt aufgefallen?« Dani schüttelte bedächtig den Kopf. »Ich weiß nicht. Nichts Besonderes. Doch letzte Nacht habe ich eine kleine Reiseübung versucht, wie Sival es geraten hat. Ich habe einige Aufzeichnungen gemacht, als ich zurückkam.« Annat beugte sich neugierig in ihrem Sessel vor und Dani lehnte sich in seinem zurück. Dank ihrer Reise vor einigen Jahren war sie von solchen Übungen entschuldigt; die heutige Stunde wäre die erste, an der sie von Anfang bis zum Ende teilnehmen durfte. »Was hast du gesehen?« Sie fing einen raschen Blick aus seinen braunen Augen auf. Recht zögernd begann er zu senden, was er Annat gegenüber häufig vermied, aus wohl den gleichen Gründen, aus denen er ihren Blick mied. – Ich bin deinem Vater begegnet. – Meinem Vater? Annat schrie ihre Gedanken und sah, wie Dani zurückschrak. Es kam noch immer vor, dass sie vergaß, wie laut ihre Gedanken sein konnten; es war keine Hilfe, dass sie die Gedanken anderer Schamanen als Geschriebenes wahrnahm, wohingegen sie ihre Gedanken zu hören schienen. – Woher weißt du, dass er es war? – Der mächtigste Schamane in Masalyar – ich konnte ihn kaum verfehlen. Außerdem sagte er – Dani hielt inne – »Wer zur H … bist du denn?« Annat bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und lachte. Dies war so typisch für ihren Vater, dass es niemand sonst gewesen sein konnte. Kein Schamane würde einen anderen auf diese Weise grüßen,
wenn sie sich beim Reisen in der Schamanenwelt begegneten. Formelle Höflichkeit und behutsamer Austausch von Grußworten wurde erwartet. Sival hatte ihnen erklärt, dass sie andere Reisende auf ihren ersten Erkundungen treffen könnten und dass sie sich stets entschuldigen und zurückziehen sollten. Ein ausgebildeter Schamane in ernsthaften Angelegenheiten würde nicht gestört werden wollen. – Was hast du zu ihm gesagt?, fragte sie. – Was sollte ich schon sagen? Dani zog die Augenbrauen gen Himmel. – Ich habe mich entschuldigt, dass ich ihn gestört habe. Darauf sagte er mir, ich solle bleiben und erklären, was ich treibe. – Wo warst du? Was hast du denn getan? Dani schüttelte den Kopf. – Ich wünschte, ich wüsste es. Ich habe alles so gemacht, wie Sival es uns geraten hat. Ich habe mich in einen Trancezustand versetzt, habe mir ein Schamanentor gesucht und bin eingetreten. Es schien nicht sehr interessant. Nur wie einer der transdimensionalen Übergänge, die wie ein Durchgang voller Kisten wirken. Als ich deinen Vater traf, schaute er gerade in eine dieser Kisten. – Aber Sival hat uns doch gesagt, dass sich niemals etwas in diesen Kisten befindet! – Ich glaube, das ist eines der Dinge, über die sie uns nichts beibringen. Sie wollen nicht, dass wir uns einmischen. Vielleicht denken sie, wir könnten der Dinge im Inneren nicht Herr werden. – Hat dir Tate verraten, wonach er suchte? – Er sagte, er versuche, einen abtrünnigen Schamanen zu finden. Er sagte: »Es ist ein abtrünniger Schamane aus Sklava verloren gegangen. Ich kann ihn riechen, aber ich kann diesen B … nicht finden.« »Ein abtrünniger Schamane aus Sklava!«, sagte Annat aufgeregt. »Aber Tate ist Hunderte von Meilen weit weg, in Yonar. Er hat mir nie etwas davon berichtet.« »Ich schätze, außerhalb dieser Welt spielen Entfernungen keine Rolle«, sagte Dani, dem es unangenehm war, sein Wissen zu zeigen. »Ich glaube, dass er es war, der mich dorthin gebracht hat. Er öff-
nete eine Kiste, auf der mein Name stand.« »Dani Magidovich«, sagte Annat und unterdrückte ein Kichern. »Vielleicht glaubte er, du bist der abtrünnige Schamane.« Die Glocke läutete, um den Beginn des Nachmittagsunterrichts anzuzeigen. Dani bückte sich, um seine Ordner aufzuheben. Annat mühte sich aus ihrem Sessel und schüttelte ihre Röcke aus. »Ich meine, du solltest es dem Lehrer erzählen«, sagte sie. »Ich muss ihn nach dem Unterricht sprechen. Ich habe Krähen gesehen, die über Masalyar kreisen.« »Krähen?«, fragte Dani und warf ihr unwillkürlich einen überraschten Blick zu. Annat fühlte eine unerwartete Schüchternheit, als sie ihm erzählen wollte, was sie wusste. »Komm schon, wir wollen doch nicht zu spät kommen«, sagte sie und eilte zur Tür. »Ich erkläre es dir nach der Schule!« Die Klassenräume in der Shkola waren ganz anders als die steifen Zimmer in der Akademie. Dort saßen die Schüler in Reihen hinter hölzernen Pulten, blickten zur Tafel und nannten ihre Lehrerinnen Madame oder Mam'selle. Die Fußböden bestanden aus Parkettholz, das auf Hochglanz poliert war, und die hohen Fenster hatten schmiedeeiserne Gitter – elegant geschwungen, doch trotzdem Gitterstäbe. In Sivals Klassenzimmer gab es keine Stühle, sondern ein Sammelsurium an gemütlichen Kissen, die über den Teppich verstreut lagen. Im Frühling und im Sommer standen die Fenster offen, um die Geräusche der Straße hereinzulassen, und die Wände waren mit einer stattlichen Reihe von Bildern und Schriften behängt, von denen einige von Sivals gestochener Schreibschrift bedeckt waren, andere die Schrift seiner Muttersprache zeigten, Khafji, die Sprache der Ind. Es gab unbeholfene, lebendige Zeichnungen von Basaren in Ind voller Menschen und Tiere, die ihm von den Kindern seiner Neffen in der Heimat geschickt worden waren; zarte Malereien, in denen blaugesichtige Götter verhüllten Mädchen ihre Liebe antrugen; und viele herausgerissene Fetzen aus Papier oder Pappe, die aus Paketen mit dem Bestimmungsort Masalyar stammten, welche einst Güter wie
Trauben, Orangen, Tabak, Kava, Leder, Kohle oder Zucker beherbergt hatten. Sival berichtete jeder neuen Klasse, wie diese Bruchstücke einer fremden Kultur ihn mit ihren unvertrauten Buchstaben und stilisierten Bildern in den Bann geschlagen hatten. Besonders angetan hatten es ihm die Papiertüten der hundert Jahre alten Confiserie Chez Celimene mit ihrem Bild einer altmodischen Dame, die einen Sonnenschirm trug, und wenn sie mit der Zeit verblichen, hängte er neue an. Sival erwartete sie, als sie in den Raum strömten. Er saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und trug sein übliches Gewand, eine Tunika und eine Dhoti, mit einer kleinen Kappe, die fein säuberlich auf seinem beinahe kahlen Kopf saß. Seine Haut war dunkel wie Tabak, an etlichen Stellen zeigten sich noch dunklere Altersflecken, und er hatte sich viele Falten in die Haut gelächelt. Sie nannten ihn Lehrer, manchmal auch Guru-ji, und er sprach sie in akzentfreiem Franj mit mes enfants – meine Kinder – an. Er wartete, bis sie alle ihre Lieblingsplätze gefunden und es sich zwischen den Kissen gemütlich gemacht hatten. Für einige der Frauen war das alles andere als einfach, denn die neuen Kleiderregeln der Stadt zwangen sie dazu, ihre Beine bis zu den Knöcheln zu bedecken; manche waren wie Annat dazu übergegangen, knielange Röcke über Pantalons zu tragen, um so ein wenig Bewegungsfreiheit wiederzugewinnen. Die Angepassteren oder Modebewussteren mussten ihre schweren Röcke und Unterröcke so zurechtziehen, dass sie dort zwischen den dicken Satinvolants ihrer Kleider wenigstens wie über den Fußboden verstreute Blüten von Pfingstrosen aussahen. Einige der Jungen hatten es in ihren steifen Anzügen aus Sergestoff kaum bequemer, und besonders Dani konnte nicht stillsitzen, sondern suchte fortwährend nach einer angenehmeren Sitzposition. Sival sah ihnen ergeben zu, und als er sicher war, dass sie ihre Plätze gefunden hatten, hob er in seiner weichen, gedämpften Stimme zu sprechen an. Es hatte den Anschein, dass er ihnen eine Geschichte erzählen wollte. »Heute, mes enfants, werden wir uns über das Reisen unterhalten«,
sagte er. »Ich hoffe, dass ihr nach und nach damit begonnen habt, eure eigenen Reisen zu unternehmen, und ein wenig über die Galaxie der Schamanenwelt gelernt habt, die diese unsere äußere Welt umgibt.« Er hielt inne und lächelte wegen dieser bildhaften Schilderung in sich hinein. »Doch bevor ihr auf die Große Reise geht und euch frei zwischen den Sternen bewegt, müsst ihr lernen, wie ihr euch selbst schützen könnt, wenn ihr allein unterwegs seid. Zelie, bitte fahre fort im Kapitel Zehn von Sorgay, Seite dreihundertvier.« Es gab ein allgemeines kurzes Seufzen, als die Schüler den dicken Band zur Hand nahmen und ihn auf ihren Schößen öffneten. Annat war froh, dass sie letzte Woche daran gedacht hatte, sich die Seite zu markieren. Sie wünschte, Sival hätte sie an Zelies Stelle zu lesen gebeten, denn das Mädchen hatte eine einschläfernde Singsangstimme, was es noch schwerer machte, den langen Sätzen zu folgen. Sie war versucht, mit ihrer Freundin Pashmir zu senden, doch sie wusste, dass Sival es merken würde; er unterrichtete schon so lange Schamanen, dass er alle ihre Tricks kannte. Sie warf Dani einen Blick zu, dachte an sein Zusammentreffen mit ihrem Vater und sah ihm zu, wie er sich mit einem Bleistift am Rand Notizen machte. »Annat«, sagte Sival plötzlich, »was glaubst du, meint Sorgay, wenn er vom ›dunklen, tiefen Weg‹ spricht?« Es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. Ohne aufzublicken antwortete Annat: »Ich habe nicht zugehört, Guru-ji.« »Dann teile deine Gedanken mit«, sagte Sival freundlich. Manchmal, wenn er Grund hatte, böse zu sein, konnte dies eine Strafe sein, doch gewöhnlich war er wirklich daran interessiert zu wissen, was seine Schüler ablenkte. »Dani hat mir erzählt, dass er meinen Vater auf seiner Reise getroffen hat«, sagte Annat. Zwei der jüngeren Mädchen kicherten, und Sival seufzte auf. »Ich verstehe. Yuda kann also sogar dann noch meinen Unter-
richt stören, wenn er gar nicht selbst hier ist«, sagte er. »Ich weiß, dass es nicht leicht ist, Sorgay zu folgen, mon enfant, doch du musst mit seinen Worten vertraut sein. Hast du letzte Nacht den Text bearbeitet?« Annat nickte. »Dann kannst du mir den dunklen, tiefen Weg erklären.« Annat zögerte, versuchte ihre Gedanken zu ordnen und setzte an. »Einige Pfade liegen zu Tage und führen in Welten hinter den Sternen. Andere führen nach innen, in Welten unterhalb der Erde in Schattenorte.« »Sehr gut. Aber warum ist das wichtig, Pashmir?« Das sulimitische Mädchen blickte unter ihren langen Wimpern zu Sival auf und sagte: »Die inneren Welten sind die gefährlicheren.« Sival nickte, als habe sie ihm gerade etwas Neues verraten. »Wenn ihr auf eine Reise geht, mes enfants, müsst ihr lernen, wie ihr eine Spur hinterlasst, damit andere euch folgen und zurückbringen können, falls ihr verloren geht.« Annat dachte an ihre eigene Reise, während der sie zusammen mit ihrem Vater die unterirdische Welt betreten hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er eine Spur gelegt hatte. Sie zögerte, ihren Gedanken laut auszusprechen, obgleich sie fürchtete, dass einige der anderen Schüler ihn bereits erlauscht hatten; sie mussten mittlerweile die Nase voll davon haben, von ihren Abenteuern zu hören. Pashmir sprach ihn für sie aus. »Ich habe gehört«, sagte sie vorsichtig und fing ein rasches Lächeln von Annat auf, »dass sich die großen Schamanen nicht immer die Mühe machen, eine Spur zu legen.« »Das ist wahr«, sagte Sival. »Iskander von Xeryx weigerte sich, jemanden in die Gefahr zu führen. Andere hatten vertrauenswürdige Begleiter mitgenommen«, fügte er hinzu und beantwortete damit Annats Gedanken. »Doch ein junger Schamane, ein einzelner Schamane, sollte immer eine Spur legen. Und ich werde euch heute beibringen, wie das geht. Ihr könnt den Sorgay jetzt beiseite legen«, sagte er lächelnd, denn er hatte ihr Stöhnen gehört.
Während der nächsten Stunde war Annats Aufmerksamkeit gebannt. Zunächst erzählte ihnen Sival Geschichten von berühmten Reisen und umriss dabei mit seinen Händen Bilder in der Luft. Dann bat er sie, sich in Trancezustand zu versetzen, einer einfachen Vorbedingung für die meisten Reisen, und von dort aus eine Spur zu legen. Wenn ihnen etwas misslang, fanden sie den Klassenraum mit den Ergebnissen ihrer Bemühungen übersät. Zelie hatte es fertig gebracht, den größten Teil von Sivals Papiertütensammlung aufzuwirbeln und sie als lange Spur von Papierfetzen zu verstreuen. Pashmir hatte einen kleinen Dschinn heraufbeschworen, ein mürrisches Wesen mit gelben Augen, das sich zu sprechen weigerte und schließlich in einer Rauchwolke verschwand. Dani hatte Buchstaben in Ebreu zustande gebracht, die in der Luft tanzten, und Annat hatte zu ihrer aller Unbehagen eine schattenhafte Schar von schwarzflügligen Vögeln herbeigerufen. Einige andere hatten bewirkt, dass sich Gegenstände wie Bleistifte, Radiergummis und Kreide materialisierten, und bei einem Jungen war es gar ein trauriges, teigiges Ektoplasma. Der Rest hatte überhaupt nichts zutage befördert. »Nicht schlecht für den ersten Versuch«, sagte Sival, als jemand das Ektoplasma aufwischte und es in dem Tuch in den Papierkorb fallen ließ. Die anderen Materialisationen verblassten. »Es ist jedoch wichtig, eine Spur zu hinterlassen, die die anderen auch verstehen. Ich will, dass ihr das zu Hause übt. Bitte versucht, kein Ektoplasma heraufzubeschwören; das hinterlässt Spuren auf dem Teppich.« »Warum habe ich Krähen gerufen?«, fragte Annat. »Ich weiß es nicht«, sagte Sival. »Ich habe die Papierspur von Zelie erwartet – ja, du kannst die Reste aufheben und sie wieder an die Wand hängen –, und auch Dani und Pashmir haben beide Dinge beschworen, mit denen ich gerechnet habe, weil sie zu ihren Mythen und zu ihrer Religion gehören. Ich habe eigentlich gehofft, dass du mir einen Zug zeigen würdest, Annat, denn schließlich hast du deine unterirdische Reise in diesem ungewöhnlichen Gefährt be-
stritten. Krähen sind unerwartet.« »Ich habe sie heute Morgen über die Stadt fliegen sehen«, sagte Annat, der plötzlich kalt war. Sival blickte sie ohne ein Lächeln an. »Wir werden nach dem Unterricht sprechen«, sagte er. »Doch nun, mes enfants, müssen wir uns wieder unserem Sorgay zuwenden, um zu lesen, was er über Spuren zu sagen hat. Ich glaube, ihr könntet das spannend finden.« Yuste Vasilyevich saß alleine in dem frühlingshaften Zwielicht, das ihr Büro in der Shkola durchflutete. Eine Öllampe, deren kugeliger Körper an ein Glühwürmchen erinnerte, spendete ihr nicht genügend Licht, um die beiden geöffneten Briefe lesen zu können, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen, doch sie wusste bereits, was in beiden von ihnen stehen würde. Eine Welle dumpfer Gefühle brandete in ihr auf, und sie dachte, wie so oft in solchen Zeiten, an das Meer in der Nähe ihrer alten Heimat Sankt Eglis, welches so ruhig schien und sich doch als tödlich erweisen konnte. Sie wusste, dass Annat ihr aus dem Weg ging. Das Mädchen war bestimmt schon vom Nachmittagsunterricht zurück, denn die Stunden waren bereits lange beendet. Yuste war sich sicher, dass Annat mit ihren Freunden im Gemeinschaftsraum herumtrödelte, um den Moment hinauszuzögern, in dem sie sich dem Ärger mit Madame Mireille würde stellen müssen. Yuste setzte ihre goldgeränderte Brille ab und legte sie vorsichtig auf den Schreibtisch. Sie musste sie nur zum Lesen tragen. Sie massierte ihre Schläfen mit den Fingerspitzen und wünschte sich, es würde nicht immer so sein müssen – dieser einzige, lange Kampf. Jedes Jahr, wenn Annat von den Monaten mit Yuda zurückkehrte, wurde es etwas schwieriger, sie im Zaum zu halten. Und dieses Jahr war am schlimmsten gewesen. Es waren erst wenige Wochen seit Beginn des Schuljahres vergangen, und schon drohte Madame Mireille damit, das Mädchen von der Akademie zu verweisen! Yuste hätte lachen müssen, wenn sie nicht zu erschöpft gewesen wäre.
Sie fragte sich, ob sie Yuda benachrichtigen sollte. Als Zwillinge teilten sie eine Macht, über die kein anderer Schamane zu verfügen schien, und es war die einzige Fähigkeit, die Yuste noch geblieben war. Sie konnte in ihren Gedanken nach ihrem Bruder rufen, wenn er auch weit entfernt war, und er konnte ihr antworten. Es war nicht wie senden, diese lautlose Sprache, die die Schamanen untereinander benutzten, die jedoch keine Entfernung überbrücken konnte. Yuste dachte an Yuda und sah, wie sich die lebendigen, pulsierenden Muster seines Geistes auf ihren Lidern abzeichneten. Doch was sollte sie ihm sagen? Dass sie sich wegen Annat sorgte? Dass Malchik ihr einen Brief geschickt hatte? Yuste öffnete die Augen und legte ihre rechte Hand auf das dünne Papier des zweiten Briefes, als ob sie ihn mit den Fingerspitzen lesen könnte. Wenigstens Yuda würde verstehen, was sein Sohn geschrieben hatte. Die ungleichmäßige schwarze Handschrift, die angefangenen, unvollendeten Sätze, alles schien ihr auf einen verwirrten Geist hinzuweisen. Sie hatte schon so viele Briefe von ihrem Neffen erhalten, voller Neuigkeiten über sein Leben an der Universität, und diese waren immer sorgfältig geschrieben gewesen. Und nun das! Die Tür öffnete sich und Sival trat ein; den Arm hatte er um Annats Schultern gelegt. Yuste ließ den Brief aus ihrer Hand auf den Schreibtisch gleiten und blickte wortlos zu ihrer Nichte und dem Lehrer auf. Sivals hohe Stirn war in Falten gelegt. »Annat hat dir etwas zu sagen, meine Liebe …« Yuste blickte in das blasse Gesicht ihrer Nichte. Ohne Zweifel glaubte Annat, sie würde der Schelte entgehen, wenn sie Sival mitbrachte, um für sie zu sprechen. »Ich habe einen Brief von Madame Mireille bekommen, heute Nachmittag, per Bote ausgetragen. Sie will wissen, ob es einen Grund gibt, warum sie dich nicht von der Akademie verweisen sollte.« »Es ist so gemein!« Annat trat einen Schritt nach vorne. »Alles, was ich getan habe, war, eine Szene aus unserem Stück zu proben,
und diese Hexe de Clignancourt musste mich melden.« »Annat, du weißt, warum ich dich dorthin geschickt habe. Es ist eine der wenigen liberalen Akademien in Masalyar. Wenigstens wird sie nicht von Nonnen geführt, und sie verlangen nicht von dir, dass du nähst. Oder Anstandsregeln einübst. Du weißt, dass es von ihrer Seite aus ein Entgegenkommen ist, eine Wanderin aufzunehmen …« »Ist das meine Schuld?«, unterbrach Annat. »Diese Regeln sind falsch. Das sagst du selbst!« Sival unterbrach sie, indem er seine dunklen Hände mit den weichen, hellen Innenflächen hob. »Das ist nicht der Grund, warum ich mit Annat hierher gekommen bin, Yuste.« »Was gibt es denn noch?« Yuste stützte ihren Kopf in die Hand. »Was hat sie denn noch angestellt?« »Nichts.« Sival setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, und Annat kauerte sich neben ihn. Er hatte noch nie viel von Stühlen gehalten. »Du weißt, dass wir im Moment das Reisen durchnehmen.« Yuste brachte ein Lächeln zustande. »Und ich sagte, Annat habe bereits genügend Reisen für ein ganzes Leben unternommen.« Sival warf Annat, die verdrießlich schaute, einen Blick zu und sagte: »Annat verliert die Geduld mit der Theorie, weil sie so viel Praxis hatte.« »Ich verstehe noch immer nicht, warum wir eine Spur hinterlassen sollen. Yuda hat mir davon nichts erzählt«, sagte Annat schmollend. »Das liegt daran, dass er davon ausgeht, dass wir dir das beibringen«, sagte Yuste. »Ein paar alte, verstaubte Professeurs, während er es so scheinen lässt, als ob es leicht wie Magie wäre.« Sival faltete die Hände. »Es passt nicht zu dir, Yuste, so verbittert zu reden.« »Sie spricht von nichts anderem als von Yuda. Er lässt ihr alles durchgehen, und ich bin die schreckliche alte Frau, die ihr etwas Disziplin beibringen muss.«
Sival strich sich mit der Hand über die Stirn und durch sein schütteres Haar. »Annat hat heute etwas gesehen, das sie beunruhigt. Einen Schatten aus der Vergangenheit.« »Die Krähen fliegen über Masalyar«, sagte Annat, hob den Blick und sah Yuste direkt in die Augen. Yustes Hand griff krampfhaft nach Malchiks Brief. Sie riss ihn hoch, beugte sich vor und hielt ihn drängend ihrer Nichte entgegen. »Lies das, Natka«, sagte sie. »Sag mir, was das zu bedeuten hat.« Annat griff nach dem hauchdünnen Papier, und Sival fragte: »Sagt dir das irgendetwas, Yuste, dieses Gerede von Krähen?« Yuste starrte den Lehrer an und sehnte sich schmerzlich nach der lang verlorenen Fähigkeit des Sendens, welche so viele schwerfällige Worte überflüssig gemacht hätte. »Ich weiß es nicht, Guru-ji«, sagte sie. »Aber Malchik schreibt von kaum etwas anderem.« Nachdem Annat einige Zeilen überflogen hatte, hob sie die Augenbrauen und sagte schlicht: »Malchik ist in Gefahr.« Yuste suchte den seltsamen, klaren Blick, den das Mädchen, wie so vieles andere, von ihrem Vater geerbt hatte. Wie stets überkam sie ein Gefühl des Verlustes, denn sie wusste, dass sie einmal in der Lage gewesen war, die Gedanken unter der Oberfläche zu erraten. Als Annat ein Kind war, war es Yuste manchmal gelungen, ihre Gedanken mitzuhören, obgleich sie nicht in der Lage war zu antworten; doch Annat hatte inzwischen die Fähigkeit erworben, sie zu verbergen. »Erzähl uns von den Krähen«, sagte Sival, während die beiden Frauen sich anstarrten. Annat streckte ihm Malchiks Brief entgegen. »Ademar hat sich wieder erhoben«, sagte sie. »Er marschiert in Richtung Süden. Ich habe seine Spione über Masalyar gesehen, und Malchik entdeckte sie in Axar.« »Aber, Ademar – war das nicht der Name eines unbedeutenden Kriegsherrn im Norden?«, fragte Yuste. »Er hatte versucht, die Eisenbahner daran zu hindern, einen Tunnel unter dem Wald hindurch anzulegen. Man brachte ihn zur Strecke, und nur kurze Zeit später wurde die Arbeit beendet. Die Eisenbahner hätten niemals Abgesandte nach Yonar geschickt, wenn sie geglaubt hätten, dass in
ihrem Rücken noch irgendein Schrecken lauern würde.« Ihre anderen Zweifel brauchte sie nicht auszusprechen; sicher würde es Yuda wissen, und sicher hätte er eine Nachricht in die Stadt gesandt, wenn einer der Nordherren einen Angriff planen würde! »Ademar hat sich wieder erhoben«, wiederholte Annat. »Wir müssen zu Malchik reisen.« Yuste blickte sie an, die Hände im Schoß verkrampft. Sie war bestürzt, verärgert und verängstigt. Sie wollte ihre Nichte an den Schultern packen und aus ihrer Unergründlichkeit aufrütteln. Sie raufte sich die Haare, womit sie den säuberlichen Knoten in Unordnung brachte, und hörte ihre eigene Stimme, heiser und schrill, die rief: »Annat, würdest du bitte erklären, was du meinst? Weder Sival noch ich haben Zeit, Rätsel zu lösen. Was haben Ademar und seine Krähen mit dir und Malchik zu tun?« Sie merkte sofort, dass sie die augenscheinliche Ruhe ihrer Nichte falsch interpretiert hatte. Annat schien in sich zusammenzusinken. »Begreifst du denn nicht?«, flüsterte sie. »Nicht nur wir sind in Gefahr. Es ist die Stadt. Der Süden. Alles.« »Ich bin krank vor Sorge um Malchik«, sagte Yuste. »Ich habe noch nie zuvor einen solchen Brief von ihm erhalten. Ich dachte, er würde den Verstand verlieren. Nun sagst du mir, dass es die Krähen wirklich gibt und dass die Bedrohung wächst. Was kann ich tun? Ich bin keine Schamanin, und dein Vater ist Hunderte von Meilen entfernt.« Annat richtete sich wieder auf. »Wir können nicht auf Yuda warten«, sagte sie. »Du und ich werden uns auf den Weg nach Axar machen, und zwar so schnell wie möglich. Nur wir beide. Wir können den Nachtzug nehmen.« »Annat, ich finde, bevor du irgendwohin verschwindest, solltest du vernünftig erklären, was das alles zu bedeuten hat«, sagte Sival. »Du magst wissen, was vor euch liegt, aber Yuste ist dein Vormund, und sie braucht etwas mehr als die Bruchstücke, die du ihr bislang hingeworfen hast. Warum ist der Herr von Ademar jetzt eine Bedrohung für Malchik? Der junge Mann schien sehr gequält.«
Annat schlug die Augen nieder. »Ich bin nicht sicher, warum Malchik so verängstigt ist. Aber er wusste immer mehr von Ademar als ich. Yuda tötete den Sohn und Erben des alten Mannes, Zhan Sarl. Und es war Sarl, der gewöhnlich die Krähen rief. Wie können sie wieder da sein, wenn er doch tot ist? Ich finde keine Antwort darauf. Keine zufrieden stellende Antwort.« Yuste sah Sival an, fand jedoch keinen Trost in seinen Zügen. »Natka«, sagte sie und benutzte die Koseform des Namens ihrer Nichte, »das hat schon vor Jahren ein Ende gehabt. Yuda hat es zum Abschluss gebracht, und du hast ihm dabei geholfen. Ich habe die Geschichten von eurer Reise in die unterirdische Welt gehört. Doch in diesen Teilen gibt es schon lange Frieden. Es braucht mehr als einen Schwarm Krähen, um mich davon zu überzeugen, dass sich etwas geändert hat.« Annat starrte sie ernst an. »Du hast Malchiks Brief gesehen«, sagte sie. »Er ist nicht verrückt. Er hat die Zeichen erblickt, und er weiß, was vor sich geht. Wir müssen gehen, bevor es zu spät ist.« »Ich denke, Annat hat Recht«, sagte Sival. Noch ehe Yuste protestieren konnte, fuhr er fort: »Doch ich finde nicht, dass ihr zwei heute Nacht abreisen solltet. Ihr werdet jemanden brauchen, der euch unterstützt. Wie du selbst gesagt hast, Yuste, verfügst du über keine Mächte mehr, und Annat braucht jemanden, der sie führt. Während Yudas Abwesenheit solltest du die Hilfe eines anderen Schamanen in Anspruch nehmen. Ich glaube, du solltest dich an Boris Grebenshikov wenden.« »Sival, ich hoffe, dies ist keiner deiner Scherze«, sagte Yuste, die kerzengerade aufgerichtet saß. »Wer in Zyons Namen ist Boris Grebenshikov? Er muss ein weißer Sklav sein, wenn er einen solchen Namen trägt, und die mögen unser Volk nicht besonders.« »Boris Andreyevich ist ein Detektiv. Er besuchte einige Jahre vor Yuda die Shkola, und dein Bruder kennt ihn. Sie erkennen einander an und respektieren sich, auch wenn ihr … Ansatz ein anderer ist. Boris hat es immer vorgezogen, seine Macht nicht einzusetzen, wenn es sich vermeiden ließ.«
»Oh, du meine Güte, du meinst doch nicht etwa den Kahlen Boris?«, rief Yuste. »Natürlich habe ich von ihm gehört. Ich wage zu behaupten, dass er nicht viel mit Yuda gemeinsam hat, auch wenn ich gehört habe, er bewege sich gelegentlich außerhalb des Gesetzes. Nun ja, ich nehme an, dass wir das alle schon getan haben«, fügte sie hinzu und warf einen Seitenblick auf Annats gekürzten Rock. »Aber warum sollte er uns helfen?« »Weil ich ihn dafür bezahlen werde, Yuste«, sagte Sival. »Keine Diskussion, bitte. Ich nehme ernst, was uns Annat gesagt hat, ihre Ängste und diesen Brief. Ich denke, es geht um die Sicherheit von Masalyar selbst und die dahinter liegenden Länder. Nur aus diesem Grund glaube ich, dass Boris Grebenshikov euch helfen wird. Ich werde mich heute Nacht mit ihm in Verbindung setzen.«
Kapitel 3
D
ie Büroräume Grebenshikov und Stromnak (Verstorben) befanden sich im vierten Stock eines Gebäudes in einem Viertel, das weder Annat noch Yuste häufig aufsuchten. Es lag weiter vom Hafen entfernt als die Shkola in einem Stadtteil, der dem Namen nach angesehen war, jedoch einen heruntergekommenen Eindruck machte. In den unteren Etagen war das marmorne Mauerwerk glatt und eben, doch weiter oben, über den Oberleitungen der Straßenbahn, war die Gipsfassade abgebröckelt und legte den rau behauenen Stein darunter offen. Tauben sammelten sich auf Fenstersimsen, und ihre Federn und ihr Dreck verklumpten die Netze, die die Vögel eigentlich hätten abhalten sollen. Eine dünne Schicht gelbbraunen Rußes hatte die Fenster beinahe völlig überzogen, sodass sie das Tageslicht mit einem schmutzigen Stich hindurchließen, wodurch es wie Abwaschwasser aussah.
Als sie und Yuste auf zwei fadenscheinigen Sesseln im Wartezimmer Platz genommen hatten, begann Annat sich zu fragen, was es mit Stromnak auf sich hatte und woran er gestorben war. Yuste hockte neben ihr, angespannt und schweigsam, und umklammerte ihr mächtiges, ledernes Retikül, das sie auf den Knien balancierte. Annat fand ihre Tante nachlässig gekleidet in ihrem braunen Samtkostüm mit dem Zeichen der Wanderer am Ärmel und ihrer Haube, die sie so weit nach vorne gezogen hatte, dass ihr Gesicht überschattet war. Annat würde eher für alle Zeiten in Schwarz herumlaufen als mit der Schmach zu leben, das Zeichen der Wanderer zu tragen. Sie konnte nicht verstehen, warum Yuste dies auf sich nahm, nur damit sie die Möglichkeit hatte, Braun oder Grau zu tragen. Annat hatte keine Handtasche bei sich, und ihre Haube war, wie stets, ihre Schultern hinuntergerutscht. Sie vertrieb sich die Zeit damit, die Sekretärin zu beobachten, die am anderen Ende des Raums hinter ihrem Schreibtisch saß und in unablässigem Missklang die Tasten ihrer Schreibmaschine klappern ließ. Die Frau hatte ein strahlendes kleines Gesicht wie ein Vogel und angemalte Lippen, die sie häufig schürzte. Sie trug ein Kostüm aus weichem, blauem Sergestoff, welches bis zum Hals zugeknöpft und von einem modischen, grauroten Karomuster durchzogen war. Sie zeigte weder an Annat noch an Yuste irgendwelches Interesse und unterbrach ihre Arbeit nur, um Nachrichten in Zylindern zu verstauen, welche sie in die Rohrpost steckte und die daraufhin mit einem schwachen Ploppen in Richtung der Decke verschwanden. Die Tür zum Büro wurde aufgestoßen, und ein kleiner, stämmiger Mann steckte seinen Kopf heraus. Die Spitze seines Kopfes war ohne Haar, doch zwei Furchen voll Grau und Braun wuchsen hartnäckig über seinen Ohren, als ob er sich für eine exzentrische Tonsur entschieden hätte. »Missis Vasilyevich?«, fragte er mit ausdrucksloser Stimme. Während sich Yuste erhob, bemerkte Annat, dass Grebenshikov graue Hosen, ein weißes Hemd und Hosenträger, doch kein Jackett trug. Er hatte weder eine Krawatte noch eine Fliege umgebunden, und
unter seiner Weste zeigte sich der offene Kragen seines Hemdes. Yuste streckte ihm ihre behandschuhte Hand entgegen. »Guten Morgen, Boris Andreyevich«, sprach sie ihn in Sklav an. Annat war verblüfft, als Grebenshikov die dargebotene Hand ergriff und einen trockenen Kuss darauf hauchte. Er trat zur Seite und ließ Yuste eintreten; Annat nickte er zu, als sie folgte. Er vermied ihren Blick, ebenso wie es Dani getan hatte. Er war ein Schamane, doch nicht mächtig genug, um das zu verbergen. Seine Gedanken waren abgeschirmt, aber seine Macht umgab ihn mit einem kupfernen Schimmer. Annat wusste sofort, dass sie mächtiger war als er, doch sie hatte in der Shkola gelernt, nicht mit ihrer Überlegenheit zu protzen. Ein solches Verhalten zeugte von schlechten Manieren und war außerdem unklug. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass Grebenshikov sie ebenso abschätzen und bemerken würde, dass Yuste bis auf wenige Spuren ihre Macht vollständig eingebüßt hatte. In dem Büro waren schmuddelige Jalousien heruntergelassen worden, um das morgendliche Sonnenlicht auszuschließen. Grebenshikov setzte sich mit dem Rücken zum Fenster hinter einen Schreibtisch, der wie ein monumentaler Steinsockel aufragte. Auf seiner Oberfläche befanden sich ein mit Tintenflecken und Kritzeleien überzogenes Löschblatt, ein Tintenfass aus Zink, ein Stifthalter und eine Waffe. Mit einem peinlich berührten Gemurmel hob Grebenshikov die Pistole auf, bevor Annat Zeit hatte, sie zu untersuchen, und ließ sie in einen ledernen Halfter gleiten, den er über der Schulter trug, sodass ihm die Waffe unter der Achselhöhle saß. Ein Schamane mit einer Waffe! Annat kannte viele kämpfende Schamanen, doch nur wenige ließen sich dazu herab, sich zu bewaffnen. Es musste bedeuten, dass Grebenshikov wenig Vertrauen in seine Fähigkeiten hatte. Zwei Sessel waren vor den Schreibtisch gerückt, und Annat ließ sich in einen davon sinken, zog ihre Füße in den Halbschuhen hoch und erntete daraufhin einen missbilligenden Blick von Yuste, die kerzengerade und steif auf der Kante des
durchgesessenen Kissens saß. Die Sessel waren mit verblasstem, durchgescheuertem Leder gepolstert, und sie stanken nach Tabak. Boris Grebenshikov lehnte sich in seinem Sessel zurück und musterte die beiden Frauen. Dann beugte er sich vor, zog eine Schreibtischschublade auf und nahm eine Zigarre heraus. Er knipste das Ende ab, steckte sie in den Mund und zündete sie mit einem Streichholz an. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er. »Ich weiß, dass es als schlechte Manieren gilt, in der Anwesenheit von Damen zu rauchen, doch ich habe das Gefühl, dass es mir beim Nachdenken hilft.« »Es gibt keinen Grund, Umstände zu machen, Boris Andreyevich«, sagte Yuste. »Du weißt, dass wir keine Damen sind. Wir sind Wanderer und Schamanen wie du. Sicher weißt du, dass ich einmal eine Schamanin war.« Boris stützte sich auf den Schreibtisch und streifte die Asche von der Spitze seiner Zigarre. Er blickte Yuste direkt an. Seine Augen waren grau. Sein Gesicht hatte eine leicht gebräunte Färbung, die die Wintermonate nicht gänzlich hatten verblassen lassen können, hohe Wangenknochen und eine gewisse Breite, als ob er Halek als Vorfahren gehabt hätte. »Nimm dieses verdammte Zeichen ab, Frau«, sagte er. Yuste sah erschrocken aus, öffnete ihren Mund, als ob sie etwas erwidern wolle, und löste dann die Anstecknadel der Wanderer vom Ärmel. Boris schien sich zu entspannen. Er blies den Rauch hoch in die Luft und ließ sich in seinem Sessel zurücksinken. »Prakhash Sival hat mir letzte Nacht eine Nachricht geschickt«, sagte er. »Wenn ich richtig verstanden habe, dann wollt ihr meine Dienste in Anspruch nehmen, damit ich euch nach Axar begleite.« »Hat er dir erzählt, was unser Anliegen ist?«, fragte Yuste, während sie ihr Abzeichen in ihrem Retikül verstaute. Boris lächelte rund um die Zigarre. »Er sagte, es handele sich um eine Angelegenheit der städtischen Sicherheit«, sagte er.
»Das wissen wir noch nicht mit Gewissheit«, antwortete Yuste. »Was wir jedoch wissen, ist, dass mein Neffe in Schwierigkeiten steckt. Er ist ein Student an der Universität von Axar, doch wie meine Nichte Annat war er in der Vergangenheit in Händel der Schamanen verstrickt.« »Die Sache mit Gard Ademar, um genau zu sein«, sagte Boris und zog die Augenbrauen hoch. »Du weißt davon?«, fragte Yuste. »Ich habe damals den Bericht deines Bruders gelesen. Ich bin gerne auf dem Laufenden, was meine Freunde so treiben.« Annat brauchte keinen besonderen Sinn für Ironie, um die Untertöne zu hören. Anders als ihr Vater stand Boris Grebenshikov nicht in dem Ruf, einer der mächtigsten Schamanen der Stadt zu sein. Tatsächlich hatte sie bei all dem Klatsch und Tratsch der Schamanen, der in der Shkola kursierte, niemals etwas über ihn gehört. Yuste winkte mit der Hand. »Dann hast du mehr getan als ich, Boris Andreyevich. Ich habe seine Berichte nie gelesen. Aber ich bin auch weder eine Angestellte der Eisenbahn noch eine ihrer Agenten.« Sie hielt inne. »Du bist einer ihrer Agenten, nicht wahr?« Boris zog an seiner Zigarre. »Warum sollte die Gewerkschaft jemanden wie mich beauftragen?«, antwortete er und ließ die Frage wie Rauch durch die Luft gleiten. »Ich weiß es nicht«, sagte Yuste. »Selbst nach den fünf Jahren, die wir in der Stadt leben, gibt es noch immer Dinge, die ich herausfinde. Den größten Teil dieser Zeit habe ich ein Haus mit Sival geteilt, und noch immer durchschaue ich seine Verbindung zu den Eisenbahnern nicht völlig. Ich weiß nur, dass es ihm offenkundig gelungen ist, in bemerkenswert kurzer Zeit einen Termin für uns bei dir abzumachen. Wer sind wir denn schon?« »Yuste und Annat Vasilyevich«, sagte Boris. »Davon abgesehen weiß ich, dass Sival keine Zeit mit Nebensächlichkeiten verschwenden würde. Es mag sein, dass diese Schwierigkeiten nur deinen Neffen betreffen, aber auch dann könnte es sein, dass uns das alle was angeht.«
Er öffnete seinen Schreibtisch und zog einen Stapel Papiere heraus. Zuoberst befand sich eine bedruckte Seite mit der bunten Abbildung eines Wappenschilds. Als er es Yuste entgegenstreckte, rückte Annat näher, um einen Blick darauf zu werfen. Es zeigte einen Schild mit rotem Grund und vier schwarzen Krähenköpfen. Ein Helm mit einem hoch aufragenden Federbusch krönte den Schild, der von zwei weißen Hirschen getragen wurde. Eine Spruchrolle am Ende der Seite trug die Worte ›Seigneurs Sorel D'Ademar‹. Annats Augen trafen unwillkürlich Boris' grauen Blick. »Ich habe einige Nachforschungen angestellt«, sagte er. Annat fragte sich, ob sich der Versuch lohnen würde, sich mit ihm durch Senden auszutauschen, doch sie wusste inzwischen, dass es auf Höflichkeit zu achten galt. »Wann?«, fragte sie. »Letzte Nacht.« »Glaubst du, dass diese Leute etwas damit zu tun haben?«, fragte Yuste und studierte den Schild. »Ich denke, das ist wahrscheinlich, aber ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen. Was zählt ist, dass ich mich entschieden habe, euren Fall zu übernehmen. Ich komme mit euch nach Axar und sehe zu, dass wir in Erfahrung bringen, ob irgendetwas hinter den Befürchtungen deines Neffen steckt.« »Und hinter meinen.« »Das ist etwas mehr als ein Zufall«, bekräftigte Boris. »Wann wollt ihr den Zug nehmen?« »Annat und ich haben gepackt und sind bereit!«, sagte Yuste und reichte ihm das Blatt zurück. »Ich werde mit euch kommen«, sagte Boris, erhob sich von seinem Sessel und streckte sich. Er zog sein Jackett über, knöpfte es zu und ging zu einem Schrank hinüber, der in der holzvertäfelten Wand versteckt war. Er nahm einen langen Mantel heraus, einen weichen Filzhut und eine Reisetasche. Yuste erhob sich, und Annat tat es ihr gleich, während sie Boris dabei zusah, wie er den Trenchcoat anzog und den Hut aufsetzte. Noch immer rauchte er seine
Zigarre. »Der nächste Zug nach Axar geht kurz nach Mittag«, sagte er. »Wenn ich die Damen solange zum Essen ausführen dürfte«, fügte er hinzu und zwinkerte Annat schelmisch hinter Yustes Rücken zu. Es waren erst einige Wochen vergangen, seitdem Yuste auf dem Gare Sankt Karl gewesen war, um ihren Bruder zu verabschieden und Annat in Empfang zu nehmen. Das war eine so andere Situation gewesen, fast festlich, und die meisten der Eisenbahner waren gekommen, um den Abgesandten nach Yonar gute Fahrt zu wünschen. Die Botschaft stand für den nächsten Schritt in dem großen Plan, die Eisenbahn weiter Richtung Norden auszudehnen, und alle wollten daran teilhaben. Die hohen Hallen des Bahnhofs waren mit roten und gelben Fahnen behängt worden, eine Blechblaskapelle spielte, und jemand hatte das polierte Metall der Lok mit weißen Bändern geschmückt. Heute zeigte der Bahnhof sein tristes, gewöhnliches Selbst und war erfüllt von Lärm, Dampf und Ruß. Reisende und Bummler bevölkerten die Bahnhofshalle, und Angehörige der Eisenbahn, strahlend in ihren roten Uniformen, schlenderten zwischen ihnen umher. Die meisten der Züge, die an den Puffern standen, waren nur für Reiseziele in kürzerer Entfernung vorgesehen. Der Schwarze Zug, der den ganzen Weg bis zum nördlichen Ende fahren sollte, war bereits ausgelaufen, und die Dächer seiner Waggons waren voller Wachen gewesen. Züge, die nicht weiter als bis nach Axar fuhren, brauchten keine solche schwerbewaffnete Begleitung, und es war üblich, dass lediglich zwei der Zugbegleiter Waffen trugen; sie würden außer Sicht der Reisenden im Dienstwagen bleiben. Während Yuste gemeinsam mit Annat und Grebenshikov auf die Tafel schaute, um herauszufinden, von welchem Bahnsteig ihr Zug abfahren würde, fühlte sie sich von ungebetenen Gefühlen heimgesucht. Vor drei Wochen hatte sie ihre besten Kleidungsstücke getragen, ein taubengraues Kleid mit einem weißen Schultertuch und ei-
ner Haube, die mit altrosa Bändern geschmückt war. Innerhalb des Bahnhofes versuchte niemand, dem Gesetz von Neustria Geltung zu verschaffen, und die Eisenbahner waren schnell dabei, Informanten und Spitzel hinauszuwerfen, die in der Halle herumlungerten, um die Unvorsichtigen zu melden. Yuste war auf eines der Trittbretter geklettert, um ihren Bruder zu küssen, und er hatte mit einem Lächeln in ihre Augen geblickt, einem Lächeln, das noch immer die Macht hatte, ihr einen Schauer über den Rücken zu jagen. Hinter ihm stand sein Geliebter, Shaka, an den Reglern und hielt seine dicken Arme über der Brust verschränkt. Es war so anders gewesen als die heutige verstohlene und angstbeladene Reise. Yuste hatte noch nie allein den Zug aus Masalyar hinaus genommen; sie eilte voran, eine Hand auf ihre schlichte Haube gepresst und mit der anderen ihre Röcke aus dem Unrat hebend, während ihre Tasche an ihrem Arm baumelte. Annat trug ihre beiden leichten Übernachtungstaschen. Yuste dachte an ihren Bruder, die Person, die sie am meisten in der Welt liebte – und hasste. Lag es an ihm, dass sie nie geheiratet hatte und treu an dem Bund ihrer Jugendzeit festhielt, der sie längst entwachsen war? Oder lag es schlicht daran, dass ihr schicksalhafter Kampf als Heranwachsende sie ebenso unfruchtbar wie machtlos zurückgelassen hatte? Ihr Bruder mochte so viele Kerben in seinem Bettpfosten haben, dass er sie kaum mehr zählen konnte, doch sie hatte keine einzige. Nachdem er seine junge Frau und die Kinder verlassen hatte, war es Yuste gewesen, die sich um Annat und Malchik gekümmert hatte, als sich ihre Mutter mehr und mehr im Wahnsinn verlor. Als Yuste krank wurde, hatten die Rebjata ihr Zuhause verlassen, um bei ihrem Vater zu leben, und das darauf folgende Jahr war eine chaotische Zeit gewesen. Die Ärzte und Schamanen, die ihre Gebärmutter entfernten, schienen die meisten ihrer Innereien entfernt zu haben, und sie war nur langsam genesen, während sie im Jardin des Plantes in einem Rollstuhl saß und lediglich Sival ihr Gesellschaft leistete. Sie hatte sich manchmal gefragt, ob etwas zwischen ihnen aufflammen würde, ein rascher Blitz der Lie-
be, doch im Laufe der Monate hatte sie begriffen, dass sie ihn als Lehrer idealisierte und ihn wie einen Vater respektierte. Es war nicht nur der Altersunterschied; die jugendliche Leidenschaft, die sie für den jungen Mann gehegt hatte, welcher kam, um sie und Yuda zu unterrichten, war über die Jahre verblasst und hatte sie ihren Frieden mit diesem guten Freund schließen lassen, mit dem sie nun niemals mehr als Zuneigung verbinden würde. Als sie fast genesen war, war ihr Bruder von seiner seltsamen Reise zurückgekehrt. Seitdem, so hatte es den Anschein, war sie immerfort beschäftigt gewesen, hatte in der Shkola gearbeitet und sechs Monate im Jahr für Annat gesorgt. Manchmal hatte sie sich danach gesehnt, die alte Verbundenheit mit ihrem Bruder aufleben zu lassen, doch die Verletzungen, die er ihr zugefügt hatte, lagen wie eine unbeantwortete Frage zwischen ihnen. Was konnte sie ihm noch vorwerfen, wo sie doch wusste, was er sich selbst für Vorwürfe machte? Sie fragte sich, ob er manchmal die Anklage in den Tiefen ihres Geistes lesen konnte, auch wenn sie sich ihrer nicht bewusst war. Sie war nicht verbittert, doch sie konnte das Wissen nicht abschütteln, dass sie noch eine Schamanin wäre, wenn er nicht gewesen wäre, und dass sie vielleicht in der Lage sein würde, Kinder zu empfangen und zu gebären. Denn wer wäre schließlich an einer alten Jungfer ohne Gebärmutter interessiert? Sie hoffte, dass Annat ihre Gedanken nicht hören konnte. Während des ganzen Lebens ihrer Nichte war Annat die Tochter gewesen, die Yuste nicht selbst bekommen konnte. Annats Mutter hatte sie nur wenige Wochen nach ihrer Geburt verstoßen, und es war Yuste gewesen, die das Kind dreizehn Jahre lang genährt und aufgezogen hatte, bis der Krebs kam. Als Annat nach der Zeit, die sie mit ihrem Vater verbracht hatte, zurückkam, schien es, als ob sich ein Abgrund zwischen ihr und Yuste aufgetan hatte. Annat hatte Yuste als ein Kind verlassen und kehrte fast schon als junge Frau zu ihr zurück. Seitdem schien sich der Abstand zwischen ihnen zu vergrößern. Annat konnte mit ihrem Vater senden, was zwischen ihr und Yuste nicht möglich war; eine Verbindung war zwischen ihnen gewachsen, die aus den Gefah-
ren herrührte, die sie geteilt hatten. Yuste hatte mit einem Gefühl der Hilflosigkeit zugesehen, wie ihre Nichte, ihr Kind, sich noch weiter von ihr entfernte und sich näher ihrem charismatischen Vater anschloss, dem sie in so vieler Hinsicht ähnelte. »Kann ich Ihnen mit den Taschen behilflich sein, Missis Vasilyevich?« Yuste blinzelte. Ein Gepäckträger mit einem Kofferwagen war näher gekommen und tippte sich an die Mütze. Als sie sein breites Grinsen sah, erkannte sie ihn; sie kannte viele der Bahnhofsbediensteten vom Sehen oder dem Namen nach. »Schönen Nachmittag, Mister Drazic«, sagte sie und erwiderte das Lächeln. »Wir haben nicht viel bei uns, aber ich wäre sehr dankbar, wenn Sie uns helfen könnten.« Während Annat die zwei Taschen auf den Kofferwagen hievte und Grebenshikov rasch seinen eigenen dazustellte, fragte Drazic: »Reisen Sie Ihrem Bruder nach, Missis? Oder ist es nur ein kurzer Ausflug an die Küste?« »Wir fahren nach Axar, um meinen Neffen zu besuchen«, sagte Yuste, als sie sich auf den Weg den Bahnsteig entlang machten. Ein Gepäckträger, der sie durch die Menge leitete, war so willkommen wie ein Bollwerk. »Er studiert dort an der Universität.« »Es ist gut, Studierte in der Familie zu haben«, sagte der Gepäckträger. »Wir hoffen, dass mein Enkel nach seinem Baccalauréat zur Universität gehen kann.« »Und wie geht es Missis Drazic?«, fragte Yuste, die ihm folgte, während er den Gepäckwagen geschickt durch die wirbelnden Füße und Räder steuerte, die ihnen den Weg versperrten. »Der geht's gut, danke, Missis. Im Sommer fahre ich zu ihr auf die Farm. Wir haben ein Stückchen Land draußen in den unbewohnten Gebieten gekauft, in der Nähe von Valens.« »Besser Sie als ich«, sagte Yuste und bereute es sofort. »Es tut mir Leid, Mister«, fügte sie rasch hinzu. »Ich habe zu lange auf dem Land gelebt. Ich bin jetzt eine Städterin.«
»Ich schätze, die Stadt ist ein bisschen besser für Wanderer, trotz der neuen Gesetze«, sagte Drazic nachdenklich. »Wenigstens weiß man, woran man ist.« Yuste seufzte. »Das ist wohl richtig, Mister«, sagte sie. »Aber das sind keine neuen Gesetze. Wir mussten sie jahrelang außerhalb der Stadt beachten. Es ist der neue Rat, der sie auch hier eingeführt hat.« Drazic beugte sich vertraulich vor. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wer dahinter steckt«, sagte er und warf einen Blick über seine Schulter. »Seit die Hafenarbeiter die Mehrheit im Stadtrat haben, ist nichts mehr, wie es mal war. Wir spüren es hier, das kann ich Ihnen sagen. Sogar die Front muss sich in Acht nehmen.« Die Front war der von den Eisenbahnern gewählte Führer, eine der mächtigsten Personen in Masalyar. Yuste bemerkte, wie sie Drazic mit einem Gefühl der Komplizenschaft anblickte. Auch wenn die meisten Eisenbahner wandererfreundlich waren, war sie immer darauf bedacht gewesen, das nicht vorauszusetzen. »Ich weiß nicht, warum sich das geändert hat«, sagte sie. »Jahrelang hatte es Toleranz gegeben, doch plötzlich beginnen die Franj, gegen Außenseiter zu hetzen. Nicht nur gegen Wanderer, sondern auch gegen Sklavs, Moreans, Kadegins und Sulimits.« »Zum Teil ist das richtig«, sagte Drazic und sah sie mit einer Spur von Traurigkeit von oben nach unten an. »Doch meiner Meinung nach ist das eher eine religiöse Angelegenheit. Alle Doxoi zusammen. Ein wahrer Glaube. Was immer es ist, es hat die Dinge zum Schlechten gewendet«, fügte er hinzu und warf einen Blick auf die Anstecknadel der Wanderer, die Yuste wieder an ihrem Ärmel befestigt hatte, kaum dass sie Grebenshikovs Büro verlassen hatten. Sie machten in der Nähe der Zugspitze Halt, kurz hinter der Lok und dem Wassertank, neben einem Waggon, in dem noch freie Abteile waren. »Ist es hier recht?«, fragte Drazic. »Ein bisschen rußig für manchen Geschmack.« Yuste kicherte. »Mein Bruder würde erwarten, dass ich auf dem Dach mitfahre, trotz der Unterröcke und all dem«, sagte sie. »Von
hier ab kommen Annat und ich allein mit den Taschen zurecht.« Trotz ihrer Proteste bestand Drazic darauf, ihnen die Taschen ins Abteil zu tragen und sie in dem Gepäcknetz über ihren Köpfen zu verstauen. Yuste wusste, dass er entsetzt wäre, wenn sie ihm ein Trinkgeld anbieten würde, und fühlte sich etwas unbehaglich, als Grebenshikov es stattdessen tat. »Keine Sorge«, sagte dieser, als er ihr Gesicht sah, während er sich durch die enge Abteiltür drängte. »Ich habe mit der Gewerkschaft nichts zu tun. Er hat es von mir bekommen.« »Aber es ist erniedrigend«, sagte Annat und ließ sich am Fenster nieder. Yuste setzte sich auf die Lederbank gegenüber. »Annat«, sagte sie mit einem warnenden Blick. Boris Grebenshikov antwortete nicht sofort. Er zog seinen Mantel aus, faltete ihn und legte ihn ins Gepäcknetz über ihnen, wobei er seinen Hut zualleroberst unterbrachte. Dann nahm er neben Yuste Platz. Einige Augenblicke lang sah er Annat an, bevor er erwiderte: »Er wird es nicht als Erniedrigung empfinden, wenn es von mir kommt. Er hätte verletzt sein können, wenn deine Tante versucht hätte, ihn zu bezahlen. Doch ich bin ein Niemand, ein Reisender, keiner der Eisenbahner.« »Woher weißt du das alles?«, fragte Annat und starrte ihn an. Yuste war versucht, sie noch einmal zu ermahnen, doch sie wusste, wie sinnlos das sein würde. Trotz ihrer Zeit an der Akademie hatte Annat keinerlei Sinn für Anstand entwickelt. Sie war so schroff wie je. Grebenshikov lehnte sich auf seinem Sitz zurück und streckte seine kurzen Beine aus. »Ich habe es mir zum Beruf gemacht, Dinge zu wissen, Missis«, erklärte er. »Wenn man, so wie ich es tue, in der Stadt arbeiten will, muss man alle Arten von Menschen und ihre Besonderheiten kennen. Und wie man es vermeidet, sie zu verletzen«, fügte er hinzu und warf Yuste einen Blick zu, die ihre Augen niederschlug und lächelte. Auch Annat lehnte sich in ihrem Sitz zurück. »Ich bin noch nie vorher im Innern mitgefahren«, sagte sie. »Ich war immer zusammen mit Tate oben oder bin im Führerstand ge-
wesen.« »Ich glaube kaum, dass irgendjemand auf dem Dach dieses Zuges fährt«, sagte Yuste. »Vor allem, weil er zu schnell fährt. Es gibt nur einen Halt zwischen hier und Axar. Es ist nicht wie beim Schwarzen Zug.« Annat blickte aus dem Fenster auf den Bahnsteig, wo weitere Reisende gerade einstiegen. »Ich wünschte, ich hätte nach Yonar fahren können«, sagte sie wehmütig. »Noch nie war jemand so weit nördlich.« »Das ist der Grund, warum dich Yuda nicht mitgenommen hat, Natka«, sagte Yuste. »Er weiß, dass du erst deine Ausbildung abschließen musst. Der Himmel weiß, dass du keine weiteren Fehltage gebrauchen kannst. Aber auf diese Weise habe ich wenigstens Gelegenheit zu entscheiden, was ich Madame Mireille schreiben soll.« Annat blickte Yuste stirnrunzelnd an. »Ich will dort nicht fort, Yuste«, sagte sie. »Ich habe dort Freundinnen. Sogar unter den Doxoi.« »Ich werde Madame schreiben«, sagte Yuste. »Und ich weiß, dass ihre Regeln dumm und kleinlich sind. Aber wenn du sie nicht beachtest, kannst du dort nicht zur Schule gehen.« Annat griff in ihren Umhang und zog den Gedichtband von Xelle heraus. »Eugenie hat ihn mir geschenkt«, sagte sie und hielt ihn empor, reichte ihn Yuste jedoch nicht hinüber. »Mademoiselle de Bouget?« Yuste zog die Augenbrauen hoch. »Du musst etwas finden, das du ihr zurückschenken kannst. Du solltest nicht in ihrer Schuld stehen.« »So ist es nicht!«, schrie Annat. Yuste atmete tief durch und bekämpfte ihren eigenen Ärger. »Wir sind arme Wanderer, Annat«, sagte sie. »Es wäre nicht richtig, wenn du Geschenke annehmen und sie nicht erwidern würdest. Auch wenn es Eugenie nicht wichtig ist – ich bin mir sicher, dass sie großzügig ist –, könnten andere schlecht über dich reden.« Annat senkte den Kopf und errötete, während sie auf das Buch in ihrem Schoß blickte. Yuste, die sie beobachtete, fragte sich plötz-
lich, ob vielleicht mehr als das Offenkundige dahinter steckte. Gewöhnlich wäre Annat ebenso stolz wie sie. Doch dieses Geschenk der doxoianischen Prinzessin – war es vielleicht ein Liebespfand? Yuste entschied sich, nicht weiter in ihre Nichte zu dringen. »Ich habe von Xelle gehört, aber ich kann die Sprache nicht lesen«, sagte sie sanft. »Wir lernen sie«, sagte Annat und starrte noch immer auf ihren Schoß. »Das ist auch der Grund, warum ich eine Szene aus Timur der Lahme geprobt habe.« »Das musste ich in der Schule lesen«, sagte Boris unvermittelt. »Ich fand das spannender als Lyrik.« Annat blickte auf und ihre Augen leuchteten plötzlich. »Ich liebe die Szene, in der er in Persepolis einzieht, in einem Streitwagen, der von den gefangenen Königen von Tyre und Nineveh gezogen wird«, sagte sie. Es ruckelte. Der Zug fuhr aus dem Bahnhof aus. Mit einem Gefühl der Panik ums Herz sah Yuste den Bahnsteig vorüberziehen, ein Szenario von Männern mit Zylindern oder samtenen Renaissancebérets und Frauen, die wie Puppenhälften aus ihren schweren Röcken herausragten. »Wir fahren los«, murmelte sie, doch Boris hatte begonnen, Zeilen aus dem Stück zu rezitieren. »Heda, ihr verwöhnten Weibsbilder von Asea Wie denn, könnt ihr zwanzig Meilen am Tag fahren, Und einen so stolzen Streitwagen unter euch haben, Und einen Lenker, so großartig wie Tamburlaine?« Annat fuhr fort: »Ist es nicht erhebend und prächtig, ein König zu sein Und im Triumph in Persepolis einzuziehen?« Boris kicherte. »Das ist alles, woran ich mich erinnere«, sagte er. »Es scheint, als ob du das ganze Stück auswendig gelernt hättest.« »Ich werde Timur spielen«, sagte Annat und blickte dann ebenfalls aus dem Fenster. »Falls mich Madame Mireille wieder aufnimmt.«
Fünf Stunden später lief der Zug in Axar ein. Annat spähte aus dem Fenster, denn sie wollte schauen, ob sie etwas aus der Stadt wieder erkennen würde, die sie zuletzt vor fünf Jahren besucht hatte. Damals war die Abenddämmerung schon hereingebrochen, und sie war gemeinsam mit ihrem Vater und den Wachen auf dem Zugdach gefahren. Es schien seltsam, behaglich in einem Abteil zu sitzen und heißen Chai aus einer Flasche, die Yuste mitgebracht hatte, zu nippen und Brötchen und bittere Orangen zu knabbern. Sie spürte Trauer, wenn sie an jene wilden, unsicheren Tage dachte, als sie in eine neue Welt gereist war. Abgesehen von der gestrigen Angst, die sich, wenn sie es genau betrachtete, auf nichts Düstereres als einen Vogelschwarm richtete, könnte sie nun auch mit Yuste reisen, nur um Malchik an seiner Universität zu besuchen. Lediglich die Anwesenheit von Boris Grebenshikov war seltsam, aber dieser schien so ruhig und unauffällig, dass es schwer war, in seiner Gegenwart irgendwelche Vorahnungen zu haben. Er mochte ein Schamane und ein Detektiv sein, doch es war offensichtlich, dass es für ihn nur ein weiterer Job war, und zwar einer, der ihn weder mit Begeisterung noch mit Bestürzung erfüllte. Sie passierten den Turm der Kathedrale, des Doms der Doxoi, und Annat fragte sich, ob sie dieses Mal die Möglichkeit haben würde, einen Blick hineinzuwerfen. Die Tempel in Masalyar waren übersät von überladenen, unmäßigen Verzierungen, Bildern von Heiligen und Märtyrern mit Puppengesichtern und Wandgemälden, die Szenen aus der Heiligen Schrift zeigten. Annat erinnerte sich noch immer an ihr Erstaunen, als sie begriff, dass die Doxoi nicht den Einen verehrten, sondern die Muttergöttin und den Gottessohn gemeinsam. Man sagte, dass die beiden als ewige Begleiter im Himmelreich herrschten. Annat hatte Eugenie in allen Einzelheiten darüber befragt; es war das erste Mal, dass sie eine Freundin gefunden hatte, die eine strenggläubige Doxoi war, und die beiden Mädchen hatten die Lehren ihrer jeweiligen Glaubensrichtungen mit Neugierde und einigem Gelächter verglichen. Die hohen, lohfarbenen Turmspitzen wurden golden unter der
Berührung der untergehenden Sonne, die sich in den vergoldeten Rädern auf der Spitze eines jeden Turmes brach. Auf den höchsten der Türme hatten die Baumeister des alten Imperiums den krähenden Hahn gesetzt, der Neustria symbolisierte, das sogar über der Kirche stand. »Weißt du, die Tempel in Sklava haben eine andere Form«, sagte Boris zu Annat. »Wie können sie denn anders als so aussehen?« »Die Kuppeln sind wie eine Zwiebel geformt und vergoldet oder mit mosaikartigen Ziegeln besetzt, sodass sie im Sonnenlicht glänzen. In Kyev, wo ich geboren bin, erhebt sich ein ganzer Wald von ihnen auf dem Dach von Sankt Vladimir.« »Meine Großmutter stammte aus Kyev«, sagte Annat verträumt. »Und mein Großvater kam aus Ades.« »Hört mal«, sagte Yuste. »Es wird Zeit, dass wir uns zum Aussteigen fertig machen.« Boris setzte sich in seinem Sitz zurück und warf einen Blick auf das Einwickelpapier, die Orangenschalen und die leeren Becher, die sie im Abteil verstreut hatten. »Dann sollten wir uns besser beeilen«, sagte er. Als sie aus dem Zug ausstiegen, blinzelte Annat in dem grellen Bahnhofslicht, das die Dämmerung draußen dunkler erscheinen ließ. Sie waren auf einem anderen Gleis eingelaufen als dem, auf dem der Schwarze Zug gehalten hatte. Sie, Boris und Yuste trugen je einen Koffer. Die Menschenmenge in Axar schien ernsthafter und vornehmer und bewegte sich von dem Zug aus in Richtung der Halle und der dorischen Säulen des Bahnhofseingangs. Sie war einerseits aufgeregt bei dem Gedanken daran, Malchik wieder zu sehen, andererseits aber auch etwas wehmütig, weil ihre Reise hier zu Ende war, kaum dass sie begonnen hatte. Sie warf Yuste einen Blick zu, deren Gesicht blass vor Müdigkeit war, und fragte sich, wie ihre Tante damit zufrieden sein konnte, niemals aus Masalyar herauszukommen, Jahr für Jahr. Wenn es nach Annat gegangen wäre, dann hätte sie die Sommermonate damit verbracht, mit Yuda herumzu-
reisen, und wäre den Winter über zu Hause bei Yuste geblieben, um in den kalten Monaten Unterricht zu haben. Der Gedanke an die Schule rief ihr das Bild von Eugenie in Erinnerung, und Annat fühlte einen scharfen, unerwarteten Schmerz, wie einen Stich in ihrer Seite. Es durfte nicht zu viel Zeit vergehen, ehe sie die Prinzessin von Bouget wieder sehen würde; Madame Mireille musste sie einfach wieder aufnehmen, denn Annat würde ihr alles versprechen. Sie standen nebeneinander an der Treppe draußen vor dem Bahnhof. Ein weiter, kopfsteingepflasterter Platz trennte das Gebäude von der Stadt, und Reihen von Gaslaternen waren entzündet und gaben ein kampfergrünes Licht ab. Der westliche Himmel hatte die Farbe von Wein und Aprikosen, verblasste jedoch langsam in grünliches Dämmerlicht. Einige Mietkutschen waren bis zum Fuße der Treppe gezogen worden, doch die anderen Reisenden machten sich zu Fuß auf den Weg über das Kopfsteinpflaster in Richtung einer breiten Straße, deren Lichter sich in den Abend schraubten. »Vielleicht sollten wir eine hübsche Kutsche nehmen, die uns zur Universität bringt«, sagte Yuste und blickte ängstlich auf die kleinen, schwarzen Droschken. »Das ist nicht nötig«, sagte Boris. »Es ist nur ein kurzer Weg und der Abend ist mild. Ich werde deine Tasche tragen, Madame«, fügte er mit einem kurzen Lächeln hinzu. »In diesem Fall …«, antwortete Yuste, erwiderte das Lächeln und reichte ihm ihren Koffer. Sie machten sich auf den Weg die Treppe hinunter, und Annat, die ihre Reisetasche auf den Armen transportierte, wünschte sich, sie hätte einen Rucksack mitgenommen. Sie lief ihnen etwas voraus und folgte den lockenden Lichtern der Hauptstraße. Kurz flackerte ein Schuldgefühl in ihr auf, als sie bemerkte, wie froh sie darüber war, dass nur Yuste auf sie Acht gab. Yuda hätte voller Selbstvertrauen die Führung übernommen, doch hier war es Annat, die voranging, während ihr die anderen folgten. Sie blickte von einer Seite zur anderen, die hohen Häuser mit den verschlossenen Fensterläden empor, und erhaschte hier und dort einen Lichtschein, der durch die Ritzen fiel oder ein verziertes Gitter-
fenster schimmern ließ, oder eine groteske Fratze, die eine Eingangstür krönte. Die staubige Straße führte zu einer Kreuzung, einem Carrefour, und Annat hielt an, denn sie wusste, dass sie ohne Anweisungen von Boris nicht weiter konnte. In der Mitte erhob sich ein dunkler Springbrunnen, und aus den Mündern von Delphinen sprudelte Wasser, das im Niederregnen das Licht einfing. Große Laternen standen an jeder Ecke und warfen zusammenlaufende Strahlen rauchiger Helligkeit in den Himmel. Annat sah zu der Stelle empor, hoch über dem Springbrunnen, an dem sich die Lichtsäulen trafen, und hielt den Atem an. Wo sich die Lichtstrahlen kreuzten, zeichnete sich darüber ein dunkler Schatten ab, und von ihrem Standpunkt aus schien er eine klar umrissene Gestalt anzunehmen: Es war der Schatten einer Krähe. Annat wirbelte herum, um Yuste und Boris anzusehen, und fragte sich, ob sie ebenfalls etwas bemerkt hatten, doch sie waren in ein Gespräch versunken. Als sie sich wieder umwandte, war der Schatten noch immer da, klar und unheilvoll, als ob jemand ihr eine Warnung hinterlassen hätte. In ihrem Herzen wusste sie, dass die Bedrohung von Ademar sich ausbreitete: Sie hatte die Ausläufer in Masalyar gesehen, doch hier hatte sie sich bereits verankert. Ein Einfall stand bevor, der ihre gesamte Welt bedrohen würde. Sie war froh, als sie sich in den schützenden Mauern der Universität wiederfand. Ihre Umrisse waren ebenso leicht zu erkennen wie die eines Domes: Spitze Türme erhoben sich vom Scheitelpunkt der Dächer, jeder war dicht mit Farnbüscheln besetzt; Wasserspeier hingen tief über der Straße und bedrohten die Vorübergehenden mit ihren Mündern, und der schwarze Rumpf des Uhrenturmes überschattete den Mond. Den Eingang bildete ein doppeltoriger Durchbruch in der Mauer, und Boris näherte sich als Erster, um mit dem bronzenen Türklopfer an das Holz zu pochen. Das Geräusch klang wie ein Pistolenschuss, und Yuste zuckte zusammen. »Diese Orte haben Regeln, was Frauen betrifft«, sagte Boris vertraulich, während sie warteten. »Ich übernehme besser das Reden.«
»Ich bin die Tante des Jungen, um Zyons willen!«, sagte Yuste. »Vertrau mir«, sagte Boris. Eine kleine Luke, die in die massive Holztür eingelassen war, öffnete sich, und ein Mann blickte heraus. Er trug einen schwarzen Umhang über seinem Anzug und eine Melone, was einen wenig stimmigen Eindruck hinterließ. Boris nahm seinen eigenen Hut ab und sagte in akzentfreiem Franj: »Guten Abend. Wir würden gerne den Studenten Malchik Vasilyevich besuchen. Mein Name ist Grebenshikov, und dies sind seine Tante und seine Schwester.« Der Portier warf Annat und Yuste einen missbilligenden Blick zu. »Es ist üblich, vorher zu schreiben und um eine Besuchserlaubnis zu bitten«, sagte er. Yuste trat nach vorn und fixierte ihn mit ihrem braunen Blick. »Dies ist ein Notfall«, sagte sie. »Mein Neffe ist in Schwierigkeiten. Es war keine Zeit zu schreiben.« »Ich habe nichts von irgendwelchen Schwierigkeiten gehört«, sagte der Mann. »Ich habe einen Brief von Malchik erhalten«, sagte Yuste. »Aber ich wüsste nicht, warum ich ihn Ihnen zeigen sollte. Ich bin seine Tante und ich bestehe darauf, hereingelassen zu werden. Wenn Sie mir nicht glauben, wären Sie dann so freundlich, mich zu den Räumlichkeiten des Rektors zu führen?« Annat fühlte eher, als dass sie es hörte, wie Boris zurückschreckte. Er streckte seine Hand aus, als wolle er Yuste davon abhalten, sich auf den Portier zu stürzen, und sagte: »Die Damen hatten eine lange Reise und sind müde. Vielleicht wäre es besser, wenn wir diese Unterhaltung drinnen weiterführten.« »Ich will nicht, dass jemand eine Szene macht«, sagte der Portier, und es war offensichtlich, dass er glaubte, Yuste hätte genau das vor. Boris packte Yuste am Arm, wenn auch mit sanfter Hand; Annat konnte sehen, wie ihre Tante versuchte, sich dem Griff wieder zu entwinden, ohne dass es jemand bemerkte. »Wir haben nicht vor, eine Szene zu machen, wie Sie es ausdrücken«, sagte er. »Aber es ist spät, wir haben nicht zu Abend geges-
sen und wir wären froh über eine Möglichkeit, uns hinzusetzen.« »Dann kommen Sie besser herein«, sagte der Portier und öffnete die Tür. Boris geleitete erst Yuste über die Schwelle, dann Annat; sie glaubte, dass er in sich hineinlachte. Als sie eingetreten waren, stellten sie fest, dass sie sich im Eingangsbereich neben der Portiersloge befanden und auf massiven Steinplatten standen. Weiter hinten öffnete sich ein kühler, dunkler Hof mit einigen vereinzelten Fenstern, die von innen erleuchtet waren. Der Portier nutzte die Gelegenheit, sie alle im Licht, das aus den Fenstern des Pförtnerhauses drang, eingehend zu betrachten. »Wanderer«, sagte er, als wäre dies ein Vorwurf. »Sie können nicht hier wohnen; Frauen ist es nicht erlaubt, auf dem Boden der Universität zu übernachten.« Bevor Yuste etwas sagen konnte, erwiderte Boris: »Ich nehme an, dass es hier in der Nähe Quartiere gibt, in denen weibliche Angehörige nächtigen können?« »Die beiden können es bei Madame Charbon versuchen«, sagte der Portier grimmig. »Aber Sie werden hier bleiben müssen. Sie nimmt keine unverheirateten Männer auf.« Boris wandte sich zu Yuste. Bevor er sprach, seufzte er. »Es scheint, als ob wir uns trennen müssten …«, setzte er an, doch sie ließ ihn nicht ausreden. »Mach dir keine Gedanken. Werde ich meinen Neffen heute Abend noch sehen oder nicht?« Der Portier sah sie aus seinen kleinen, farblosen Augen an. Sein Mund war von einem Netz bitterer Linien umgeben, als ob er noch niemals gelächelt hätte. Yuste starrte zurück, und ihre Finger umklammerten ihre Handtasche. Es war der Portier, der zuerst einlenkte. »Sie finden ihn auf der anderen Seite des Hofes, die Treppe zu den Studenten hoch«, sagte er. »Zweiter Stock. Ihre Namen stehen über der Tür.« »Ich gehe davon aus, dass wir unsere Taschen hier lassen können!«, sagte Boris. Der Portier warf ihm einen Blick zu, als wollte er
Einwände erheben, doch er schien den Willen verloren zu haben, weitere Widrigkeiten zu erfinden. »Wenn Sie nicht von mir erwarten, auf sie Acht zu geben«, antwortete er. Yuste hastete nach draußen auf den Hof, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, und Boris und Annat gingen ihr nach. »Deine Tante ist eine starke Frau, Missis«, sagte er. Annat dachte nicht nach, ehe sie antwortete: »Mit solchem Kram muss sie die ganze Zeit klarkommen.« Boris antwortete nicht, doch sie fühlte, wie er sie mit der Eindringlichkeit eines Schamanen beobachtete. Mit der angelernten Aufmerksamkeit, die alle Schamanen an den Tag legten, wenn sie auf einen Fremden ihres eigenen Schlages trafen. Annat wusste – und in dieser Hinsicht war sie altmodisch –, dass man von ihr als junger, weiblicher Schamanin nicht erwartete, den ersten Schritt zu tun, um Boris zum Senden aufzufordern. Selbst ihr Vater beachtete diese Höflichkeitsformen, die sich herausgebildet hatten, um Schamanen untereinander zu schützen. Sie würde warten müssen, bis Boris Grebenshikov ihr einen Gedanken schickte, und in Anbetracht ihres Alters und Geschlechts war es wahrscheinlich, dass er sich Zeit lassen würde, sogar noch mehr als ein Frummer wie Dani. Wenn sie keine Schamanen wären, hätte sie solche Zurückhaltung verärgert, doch sie hatte bereits einige Erfahrungen damit gemacht, was ein feindlicher Geist anrichten konnte. Sie fühlte sich beruhigt, weil Boris Grebenshikov keine Eile an den Tag legte, damit zu beginnen, ihre Gedanken zu teilen. Sie trafen auf Yuste, die vor der Tür zu einer schwach erleuchteten Treppe wartete. Als sie sie näher kommen hörte, wirbelte sie herum und fragte: »Ist das die Richtige?« »Mir scheint es so«, sagte Boris. Nach einem kleinen Zögern fügte er hinzu: »Willst du, dass ich vorgehe? Der alte Kerl sagte, dass Malchik im zweiten Stock wohne.« »Danke für deine Freundlichkeit, Boris Andreyevich, aber ich werde vorangehen«, sagte Yuste. »Ich habe von Malchik nichts zu be-
fürchten.« Sie eilte durch die Tür und begann, die Holztreppe emporzusteigen; ihre Röcke raschelten um sie herum. Selbst in solchen unhandlichen Kleidungsstücken konnte sie sich noch immer rasch und anmutig bewegen. Annat und Boris folgten ihr, und zusammen verursachten ihre Füße einen großen Lärm, als sie die Holzstufen erklommen. Gemeinsam machten sie auf dem zweiten Absatz Halt, wo zwei Türen einander gegenüberlagen. Über der Tür zu ihrer Linken befand sich ein sauberes Schild, auf dem in flüssiger Handschrift Malchiks Name zu lesen war. Yuste holte Luft, machte einen Schritt nach vorne und klopfte fest an die Tür. Alle drei standen in törichtem Schweigen beieinander und warteten auf das Geräusch von Schritten, das Rattern von Riegeln und das Öffnen der Tür. Stattdessen hörten sie eine Stille, die langsam in das Murmeln des Gebäudes überging, in das Füßescharren über ihnen, das entfernte Zuschlagen von Türen, Stimmen, die riefen und lachten. Nach einer Weile sagte Boris Grebenshikov: »Sieht aus, als wäre er nicht da.« »Er kann nicht ausgegangen sein«, sagte Yuste. Noch einmal pochte sie mit den Fingerknöcheln an die Tür, und das Holz hallte nach wie bei einer hohlen Kiste. Annat sah das Stirnrunzeln auf dem Gesicht ihrer Tante. »Er muss drin sein«, sagte Yuste. Mit erhobener Stimme rief sie: »Malchik! Hier ist Tante Yuste. Mach die Tür auf!« Boris versenkte die Hände in den Taschen seines Mantels. »Studenten gehen aus«, sagte er. »Hältst du mich für eine Närrin, Boris Andreyevich?«, fragte Yuste. »Du hast doch den Brief gesehen. Ich glaube nicht, dass Malchik ausgeht, um sich zu amüsieren.« Hinter ihnen gab es ein Geräusch, und die gegenüberliegende Tür wurde aufgestoßen. Der junge Mann, der heraustrat, war groß und dunkelhaarig, doch es war seine Kleidung, die zuerst Annats Aufmerksamkeit auf sich zog. Er trug eine dunkelgrüne, samtene Jacke, Kniebundhosen über Seidenstrümpfen, ein sehr steifes Halstuch und ein samtenes Barett. Einen Moment lang war sie von diesem
Anblick so verblüfft, dass sie den Mann in der Kleidung nicht erkannte, bis er einen Schritt auf sie zu machte, die Hände in einer unsicheren Geste ausgestreckt. »Annat, bist du das?«, fragte er. Es war die Stimme, die die Erinnerung in Annat wachrief. Vier Jahre hatten ihm eine größere Selbstsicherheit verliehen, und er war weit entfernt von dem blassen, ängstlichen Jugendlichen, den sie gekannt hatte, wie sie sofort im schwachen Schein des Kerzenlichts sehen konnte. »Cluny!«, schrie sie und warf sich ihm entgegen, die Arme um seinen Hals geschlungen. Cluny umarmte sie heftig und hob sie von den Füßen. »Ich bin so froh, dich zu sehen!«, schluchzte sie erstickt an seiner Schulter. Als er sie absetzte, näherte sich Yuste, die Stirn in tiefen Falten. Auch wenn sie nicht an schickliches Verhalten glaubte, so wollte sie doch, dass Annat die Regeln in der Öffentlichkeit beachtete. »Annat. Wer ist dieser junge Mann?«, sagte sie. Annat grinste Cluny an. Nichts konnte diesen Augenblick der reinen Freude trüben. »Tante, dies ist Cluny Sorel d'Ademar«, sagte sie und war sich der Wirkung ihrer Worte wohl bewusst. »Er hat mir das Leben gerettet.«
Kapitel 4
A
nnat schämte sich ein wenig, als sie sah, wie ihre Tante bei der Nennung von Clunys Namen bleich wurde. »Ademar!«, rief sie. »Meinst du damit, dass er von den Ademars abstammt?« »Er ist der uneheliche Sohn des Doyen. Aber er hat uns alle gerettet. Er half uns zu fliehen. Und ich hatte befürchtet, sie könnten ihm etwas angetan haben.« Annat bemerkte, dass sie Clunys Hand
in ihrer eigenen hielt. Sie blickte zu ihm auf und lächelte. »Wenn Cluny nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt tot.« »Vielleicht kann uns dann … dieser junge Mann auch berichten, wo sich Malchik befindet. Und was es mit diesen Krähen-Geschichten auf sich hat«, sagte Yuste. Ihr Gesicht sah abgespannt und müde aus, als habe ein Radiergummi alle Farbe entfernt. Boris schien dies früher aufzufallen als den anderen und er trat hinter sie und ergriff ihren Arm. Dieses Mal schüttelte ihn Yuste nicht ab. »Monsieur«, sagte Boris mit einem schwachen Lächeln, »diese Damen hatten eine lange Reise und haben eine Art Schock erlitten. Der Portier war nicht sehr einladend. Gibt es hier eine Möglichkeit, wo sich Madame Vasilyevich hinsetzen könnte?« Cluny löste seine Hand aus Annats. »Aber natürlich! Wie nachlässig von mir«, sagte er mit ehrlicher Bestürzung. »Ihr müsst mir in meine Räume folgen. Ich nehme an, eure Taschen befinden sich noch immer in der Pförtnerloge. Ich werde meinen Burschen bitten, sich darum zu kümmern, dass sie hochgeschickt werden.« Boris räusperte sich. »Der Portier teilte uns mit, dass es Damen nicht erlaubt sei, innerhalb des Colleges zu nächtigen«, sagte er. Cluny lachte. »Das sagt er immer. Er glaubt, alle Frauen seien Handlangerinnen des Teufels. Es gibt nichts, was Tanten und Schwestern davon abhalten könnte, über Nacht zu bleiben. Außerdem werden alle Arten von Frauen hier eingeschmuggelt, und nicht alle davon können als Damen bezeichnet werden.« Yuste brachte genügend Kraft auf, um zu erwidern: »Ich habe nie darum gebeten, als Dame angeredet zu werden. Ich bin eine Wanderin und Frau ist als Bezeichnung gut genug für mich.« »Ich glaube genauso wenig, dass Clement besonders angetan von Wanderinnen ist«, sagte Cluny mitleidig. »Aber sogar der Rektor fürchtet sich vor ihm. Ihr seid herzlich eingeladen, hier die Nacht zu verbringen.« »Aber wo ist Malchik?«, fragte Yuste. Der junge Mann sah unbehaglich drein. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er. »Aber wir können darüber reden, wenn ihr es euch
gemütlich gemacht habt und Planchet euch etwas Kava bereitet hat – oder Chai, wenn ihr das vorzieht.« »Was meinen Sie damit, Sie sind sich nicht sicher?«, fragte Yuste. Boris unterbrach sie. »Lass uns tun, was Monsieur d'Ademar vorschlägt, Missis«, sagte er. »Ich selbst nehme sehr gerne einen Kava. Oder etwas Stärkeres, wenn Sie haben«, fügte er hinzu. Hinter dem schweren Vorhang vor dem Eingang war Clunys Wohnzimmer behaglich eingerichtet und unerwartet aufgeräumt. Es gab eine samtgepolsterte Chaiselongue, eine Reihe von ledernen Sesseln und einen bauchigen, überladenen Diwan, auf dem sich Kissen und Polster türmten. Annat bemerkte die Staffelei, die neben den Fenstern mit den geschlossenen Läden stand und auf der sich eine Leinwand befand. An der gegenüberliegenden Wand gab es zwei holzvertäfelte Türen, von denen Cluny eine öffnete, um nach seinem Diener zu rufen. Während Boris Yuste zu der Chaiselongue geleitete, ging Annat zu dem jungen Mann hinüber, weil sie neugierig war, was sich hinter der Innentür befand. Doch sie war nicht rasch genug; ein kleiner Mann mit eisengrauem Haar und der Haltung eines Soldaten trat heraus. Er trug ein weißes Hemd, eine schwarze Weste mit einer schwarzen Krawatte und einen Stehkragen; seine Hose war aus dem gleichen dunklen Sergestoff gefertigt. Er warf Annat einen misstrauischen Blick zu. »Planchet«, sagte Cluny ohne jede Spur von Herablassung. »Ich habe Gäste. Alte Freunde. Wärst du wohl so freundlich, uns etwas Kava zuzubereiten? Und ich glaube, der Gentleman trinkt ein Glas Whisky.« »Sehr wohl, Messire«, sagte der Mann. Annat fragte sich, ob er ebenfalls aus der Burg Ademar stammte und ob er ein Verbündeter Clunys war oder jemand, den der Doyen geschickt hatte, um seinen Bastardsohn zu bespitzeln. Als er wieder in dem Innenraum verschwunden war, wandte sich Cluny zu Annat um und sagte: »Planchet ist ein alter Gefolgsmann der Familie. Aber er ist mein Diener und nicht der meines Vaters. Er hat sich um mich gekümmert, seit
ich ein kleiner Junge und meinem Kindermädchen entwachsen war. Und er stand immer auf meiner Seite.« Annat antwortete ihm mit einem Lächeln. »Du bist gewachsen«, bemerkte Cluny und errötete. »Wie geht es deinem Vater?« Ihr Lächeln erstarb. »Du weißt, dass er … Sarl getötet hat.« »Natürlich.« Cluny wich ihrem Blick nicht aus. »Ich fürchte, dass es das Beste war. Das sollte ich natürlich nicht sagen. Und es hat meinen Vater zerstört. Aber ich glaube kaum, dass er mich hätte gehen lassen, wenn dies nicht geschehen wäre.« »Es tut mir … Leid«, sagte Annat. »Das muss es nicht. Merkwürdige Zeiten, nicht wahr? Sieh uns heute an. Setz dich. Du musst auch müde sein.« »Bin ich nicht«, sagte Annat. »Haben sie dich nicht dafür bestraft, dass du uns geholfen hast?« Während sie sich in Bewegung setzten, um sich wieder zu den anderen zu gesellen, antwortete Cluny: »In dem darauf folgenden Chaos nach dem Tod meines Bruders haben sie es nie herausgefunden. Ansonsten glaube ich auch nicht, dass ich noch am Leben wäre, um dir davon zu berichten.« Er lächelte kurz und freudlos. »Du weißt, dass mein Vater kein Mann der Vergebung ist.« Annat überlief ein kurzer Schauer. Wie könnte sie den Doyen von Ademar vergessen, der sie dazu verurteilt hatte, auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen? Sie berührte Clunys Handgelenk und sagte so leise, dass die anderen es nicht hören konnten: »Ich habe die Krähen wieder gesehen, Cluny. Sie sind zurück.« »Ich weiß«, antwortete er und tätschelte ihre Hand. »Dein Bruder spricht von wenig anderem. Das Problem ist, Annat, dass er verschwunden ist.« Sie blickte ihn eine Weile an. »Bist du sicher?« »Ich habe ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Gestern habe ich dem Direktor davon berichtet.« Er warf Yuste und Boris einen Blick zu, denn ihm wurde bewusst, dass sie ihm inzwischen zuhörten. »Ich meine, ein Tag schien noch nicht so sonderbar,
doch als ich gestern Morgen in sein Zimmer ging … Nichts war angetastet, er hatte seine Taschen nicht gepackt und auch keine Wäsche zum Wechseln mitgenommen. Er war einfach nicht mehr dort. Es tut mir Leid«, fügte er hinzu, als Yuste ihre Augen mit der Hand bedeckte. »Es sieht Malchik so gar nicht ähnlich, einfach ohne ein Wort zu irgendjemandem fortzugehen«, sagte sie. »Er war immer ein so verantwortungsvoller Junge – wenn auch sorglos, manchmal. Waren Sie sein Freund?« Cluny setzte sich auf den Diwan auf der gegenüberliegenden Seite, und Annat kauerte sich in einem der Ledersessel zusammen. »Ja, wir waren Freunde«, sagte er. »Ich glaube fest, er hätte es mir erzählt, wenn er irgendwohin gewollt hätte. Da bin ich mir sicher.« »Aber er war verwirrt und in Aufruhr.« »Nun ja, er war in Panik wegen der Krähen. Es waren mehr als nur ein paar Krähen. Ich glaube, Sie werden mir zustimmen, dass es ungewöhnlich ist, Krähen in einer solch riesigen Anzahl zu sehen. Es erinnerte mich daran, dass es den Anschein gehabt hatte, mein Bruder könne über sie gebieten. Ich denke, Sie werden wissen, dass sich die Krähen in dem Wappen unseres Hauses befinden?« Boris nickte. »Nun ja, Malchik schien zu glauben, dass sie ein Omen sind. Eine Warnung.« Er hielt wiederum inne und blickte auf seine Hände. »Nicht sehr wahrscheinlich, wie Sie zugeben werden«, sagte Boris und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Cluny blickte von ihm zu Yuste und zurück. »Ich glaube inzwischen sagen zu können, dass ich Malchik recht gut kenne«, bemerkte er. »Auch wenn ich erst zu Beginn des letzten Semesters hierher kam, ist es doch so, als ob wir uns schon unser ganzes Leben lang kennen würden. Und er ist sensibel gegenüber Dingen, die andere Leute nicht wahrnehmen. Er ist kein wirklicher … Schamane, doch er bekommt Dinge mit. Ich habe ihn noch nie so verängstigt gesehen.« »Er schreibt mir häufig, doch er hat noch nie Ihren Namen er-
wähnt«, sagte Yuste. »Es sei denn, Sie sind derjenige, den er seinen Bon Copain nennt.« »Damit dürfte ich gemeint sein«, sagte Cluny und sah verlegen aus. »Ich nehme an, er wollte, dass Sie mich kennen lernen, bevor er Ihnen verrät, wer ich bin. Les Ademars waren nicht sehr freundlich Ihrer Familie gegenüber. Was noch untertrieben ist«, fügte er hinzu und knetete seine Hände, eine Geste, die Annat an ihren Bruder erinnerte. »Aber wohin könnte Malchik gegangen sein?«, fragte Yuste. »War er geistig verwirrt? Er schickte mir einen Brief, der beinahe von Wahnsinn zu zeugen schien.« »Er hatte furchtbare Angst«, sagte Cluny. »Das Seltsame ist, dass er sich wieder beruhigt zu haben schien. Wir saßen bis spät nachts zusammen, tranken und besprachen, was zu tun sei. Am nächsten Morgen war er verschwunden. Ich glaube, wenn ich von dem Brief gewusst hätte, hätte ich ihm geraten, ihn zu zerreißen und eine etwas … weniger farbenprächtige Schilderung abzuschicken. Aber mehr weiß ich nicht. Ich schätze, es wäre besser, wenn ich Sie zum Direktor des Colleges bringe.« Während er sprach, war Planchet mit einem Zinntablett zurückgekehrt, auf dem sich zwei zierliche Kava-Becher und zwei Gläser Whisky befanden. Yuste nahm ihren Kava und sagte: »Ich würde gerne zuerst Malchiks Räume sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum er weggelaufen sein sollte. Es sei denn, jemand hat ihn entführt.« »Es gab keinerlei Anzeichen eines Kampfes. Und ich bin mir sicher, dass Planchet oder ich etwas gehört hätten«, sagte Cluny. »Es scheint eher, als wäre er mitten in der Nacht aufgestanden und hinausgegangen. Nur dass es keine Möglichkeit gab, wo er hätte hingehen können. Die Tore des Colleges sind ab zehn Uhr geschlossen, und Malchik ist nicht der Typ, der hinausgeklettert wäre. Nicht aus einem Fenster im zweiten Stock.« »Wurde das College durchsucht?«, fragte Yuste und nippte an ihrem Kava. Annat spähte in ihre Tasse und war erstaunt über die
Dunkelheit des Getränks darin. Offenbar hatte Planchet es stark zubereitet. Cluny nickte. »Der Direktor hat es gestern in der Halle bekannt gegeben«, sagte er. »Sie haben überall nachgesehen, sogar in den Kellern.« »Überall?«, fragte Boris und hob die Augenbrauen. »Ich gebe zu, dass es wohl einige Plätze gibt, an denen sich jemand verstecken könnte«, sagte Cluny. »Der Direktor kennt nicht alle, aber wir – die Studenten – haben sorgfältig überprüft, ob er sich irgendwo dort verbirgt.« »Aber es muss doch Wege hinein und hinaus aus dem College geben, die nicht durch das Tor führen. Sie sind Studenten. Erzählen Sie mir nicht, dass Sie zu viel Ehrfurcht vor Clement haben, um nicht hin und wieder auszubrechen«, sagte Boris. »Natürlich«, antwortete Cluny. »Aber diese Wege verlangen die Art von Kletterei, die Malchik nicht bewältigen kann. Glauben Sie mir, er hat es versucht. Das College ist wie eine Festung gebaut, und die meisten Fluchtwege führen über das Dach. Davon wird ihm schwindelig.« »Ich glaube, Sie sollten uns jetzt besser seine Räume zeigen«, sagte Boris. »Haben Sie sie offen oder verschlossen vorgefunden?« »Sie waren offen«, sagte Cluny. »Aber Malchik verschließt seine Tür nur, wenn er ausgeht. Das machen wir alle so. Es sei denn, wir wollen ungestört bleiben«, fügte er hinzu und blickte zu Boden. Boris erhob sich und schüttete seinen Whisky hinunter. Dann zog er seinen Mantel aus und setzte seinen Hut ab. »Ist es sicher, sie hier zu lassen?«, fragte er. »Völlig sicher«, antwortete Cluny. Er stand auf, lächelte und setzte ebenfalls seinen Hut ab. »Es tut gut, weniger förmlich zu sein«, sagte er mit seinem schüchternen Charme. »Ich werde jetzt Planchet schicken, um Ihre Taschen aus der Pförtnerloge zu holen.« Er ging zur Chaiselongue hinüber und bot Yuste seinen Arm an. »Geht es Ihnen wieder gut genug, um uns zu begleiten, Madame?« Yuste legte ihre Hand auf sein Handgelenk, lächelte und vermoch-
te es mit ein wenig Hilfe, sich von der Couch zu erheben. »Ich bin nicht so schwach, wie es den Anschein hat, Cluny«, sagte sie. »Bitte nenn mich Yuste. Ich bin es nicht gewohnt, dass mich Leute mit Madame ansprechen – vom Bäcker mal abgesehen. Aber wenn du mir ein Brot verkaufen möchtest …« »Das wohl nicht«, sagte Cluny strahlend. »Ich werde mich glücklich schätzen, dich Yuste nennen zu dürfen, Madame – wenn ich daran denke«, fügte er eilig hinzu. Mit Boris an der Spitze schritten sie über den Treppenabsatz, Yuste auf Clunys Arm gestützt. Annat folgte ihnen und versuchte, ihre besonderen Sinne heraufzubeschwören. Wie Malchik war sie sensibel gegenüber allem Sonderbaren, doch im Moment konnte sie nichts spüren. Boris zögerte auf der Türschwelle und untersuchte die Tür sorgfältig, wobei er seine Finger an den Rändern entlanglaufen ließ. Als er sie schließlich öffnete, wiederholte er die Prozedur mit der Innentür, während die anderen abwarteten, bis er fertig war. »Ich suche nach Fäden, Haaren, Kleidungsfetzen«, sagte er. Der Raum dahinter war das Spiegelbild zu Clunys Zimmer, was den Schnitt anbelangte, doch er war weitaus spärlicher eingerichtet. Ein Ledersessel unter dem Fenster sah aus, als sei er von Cluny ausgeborgt worden. Daneben standen ein geschmackvoller Schreibtisch aus schlichtem Holz, auf dem sich Papier und Bücher türmten, und ein Stuhl mit geschwungener Rückenlehne. In der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch, der von einem Sammelsurium an billigen Stühlen umgeben war und auf dem ein Teller mit einem halb verzehrten, schimmelnden Croissant stand. Einige Hinweise auf Malchiks Wanderer-Glauben waren über den Tisch verstreut – ein Kerzenhalter mit zur Hälfte niedergebrannten Kerzen vom letzten Königstag, ein angelaufenes, silbernes Gewürzkästchen von zu Hause und ein sorgfältig gefalteter Gebetsschal. Ein Leinentuch bedeckte den Boden, der mit zusammengeknüllten Papierbällen übersät war, und eine Hose baumelte von einem der Stühle hinab. »Herrscht hier immer ein solches Durcheinander?«, fragte Yuste Cluny.
»Ich fürchte schon. Malchik hat keinen Diener, der sich um ihn kümmert, wie es bei mir der Fall ist. Planchet hat ihm angeboten, ihm zu helfen, doch das wollte er nicht annehmen. Die Aufwärter kommen natürlich jeden Tag, um die Betten zu machen und unsere Wäsche abzuholen.« Annat betrachtete die Bilder, die an die Wand geheftet waren. Natürlich gab es die Mizrach an der Seite, die nach Osten weisen musste, um Malchik zu zeigen, wohin er das Gesicht zu wenden hatte, wenn er seine Gebete sprach. Die übrigen waren sorgfältig gefärbte Drucke, von denen einer eine völlig nackte Frauengestalt zeigte. Eines von Clunys seltsamen Bildern hing über dem Kamin und war leicht zu erkennen, weil es aussah, als ob er versucht hätte, ein Eikon anzufertigen, eine eindimensionale Studie ohne Perspektive und mit stilisierten Bäumen. Im Hintergrund erhob sich ein Berg drohend über grünen Feldern, auf denen seltsame Tiere grasten. »Cluny, was ist das?«, fragte sie. Cluny gesellte sich zu ihr und betrachtete seine eigene Arbeit. »Interessant, nicht wahr?«, sagte er. »Ich habe eigentlich gehofft, dass du mir sagen könntest, was es zu bedeuten hat. Malchik hatte lebendige Träume, und dieser hat einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Deshalb habe ich versucht, ihn zu malen. Ich bin kein Kunststudent«, fügte er eilig hinzu. »Ich studiere Geisteswissenschaften, genau wie Malchik.« »Er hat mir gegenüber niemals etwas in der Art erwähnt«, sagte Annat. »Es ist ein wunderschönes Bild.« »Danke«, sagte Cluny und blickte zu Boden. »Seit ich im Museum war und wirkliche Maler gesehen habe, finde ich meine Arbeit recht altmodisch. Aber ich beherrsche keinen anderen Stil.« Boris durchquerte den Raum, faltete einen der Papierbälle auseinander und las. Yuste stand mit der Hand auf der Klinke vor der Tür zum Innenzimmer. »Ist dies Malchiks Schlafzimmer?«, fragte sie. »Er schläft dort«, sagte Cluny. »Der andere Raum wird als Vorratsraum benutzt – von uns beiden, denn Planchet bewohnt mein
anderes Zimmer.« Yuste drückte die Klinke und betrat den inneren Raum, der nicht erleuchtet war. Es schien, als seien alle Quartiere der Studenten mit Strom versorgt, auch wenn Clunys Räume von Öllampen erleuchtet worden waren. Yuste drehte an dem Schalter an der Wand, und in der Mitte ging eine einzelne Glühlampe an, die von der Decke baumelte. Dies musste bedeuten, dass das College einen eigenen, dampfangetriebenen Generator besaß, überlegte Annat; solche Dinge waren ungewöhnlich außerhalb der wohlhabenderen Gebiete von Masalyar. Sie blinzelte in dem seltsamen, künstlichen Licht und folgte Yuste, als sie sich dem Bett näherte. Die beiden Quadratischen Kopfkissen zeigten keine Abdrücke, und die Laken waren sorgfältig unter der Matratze festgesteckt. Die Vorhänge waren zurückgezogen, und es war keine Spur von der Unordnung im äußeren Zimmer zu bemerken. Ein kleiner Ankleidetisch stand neben dem Fenster, auf dem sich ein Wasserkrug, eine Schale und ein Rasiermesser befanden; Yuste öffnete die Tür zu dem großen Schrank und blickte hinein auf die ordentlichen Reihen von Hemden, gestärkten Kragen und sorgfältig gebügelten Hosen. Auf dem Boden des Schrankes waren Schuhpaare aufgereiht, und in einer Vielzahl von Schubladen waren Socken und Unterhosen verstaut. Yuste schloss die Tür, seufzte und betrachtete ihr Bild in dem großen Spiegel, der an der Außentür angebracht war. Sie löste die Bänder ihrer Haube und nestelte an ihrem Haar herum, während Annat neben ihr stand und ihren eigenen Widerschein in dem unfreundlichen Licht der nackten Glühlampe ansah. Yuste wandte sich mit einem Lächeln zu ihr um, das die Furchen ihrer Müdigkeit zum Vorschein brachte. Mit sanfter Hand berührte sie Annats Wange. »Du musst dir keine Sorgen wegen deines Aussehens machen, Natka«, sagte sie. Annat schämte sich. Yuste hatte ihre Gedanken gehört, und während sie sich Sorgen wegen Malchiks Verschwinden machen sollte, hatte sie ihr eigenes Aussehen betrachtet.
»Es tut mir Leid, Tante«, sagte sie. Sie war inzwischen etwas größer als ihre Tante geworden. Yustes Lächeln verbreiterte sich. »Sag mir, dass ich nicht so verwelkt bin, wie ich aussehe«, sagte sie. »Wenn dies die Macht der Elektrizität ist, dann bin ich zufrieden mit Kerzen und Öl.« »Ich muss wissen, wo er ist«, sagte Annat. Bevor Yuste antworten konnte, steckte Cluny seinen Kopf durch die Tür. »Ich hätte erwähnen sollen, dass wir Malchiks Pyjama zusammengefaltet unter seinem Kopfkissen gefunden haben«, sagte er. »Als er wegging, muss er die gleiche Kleidung getragen haben wie am Morgen.« »Wenigstens ist er nicht geschlafwandelt«, sagte Yuste und schob sich an Annat vorbei, die noch immer ihr Spiegelbild betrachtete. »Hat Boris irgendetwas gefunden?« »Nur die Seiten eines Essays«, sagte Cluny. »Er untersucht gerade die Löschblätter.« Sie kehrten in das äußere Zimmer zurück und ließen Annat allein. Sie setzte sich auf die Bettkante und starrte vor sich hin. Etwas, das ihr Vater ihr gesagt hatte, hallte in ihrem Kopf wider. Schamanen können wählen, wen immer sie wollen. Oh, wie sie es vermisste, den Trost, den das Senden ihr bereitete. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie es geliebt hätte, ihre Gedanken mit Yuste zu teilen und eine Antwort zu bekommen. Das Höchste, auf das sie hoffen konnte, war, dass ihre Tante hören konnte, was sie dachte, oder dass Annat ihr etwas im Vertrauen senden konnte. In Momenten wie diesen schienen laut ausgesprochene Worte so schwerfällig, und selbst ihre beste Freundin, die Frau, die sie als Liebhaberin begehrte, vermochte Annats Gedanken ebenso wenig zu teilen, wie sie fliegen konnte. Aus irgendeinem Grund dachte sie an Clunys Gesicht; seine dunklen Augen waren auch dann noch melancholisch, wenn er lächelte. Er war der einzige Dunkle in seiner Familie; die übrigen, Sarl, Huldis, Casildis – sogar der Doyen –, waren blond und hatten helle Augen. Sie schauderte. Was, wenn Sarl irgendwie von den To-
ten zurückgekommen wäre? Der Gedanke daran, dass er dort draußen sein könnte und nach ihr suchte … Dies ließ die harten Schatten, die das tanzende Licht warf, weitaus bedrohlicher erscheinen als die weichere Dunkelheit von Kerzen. Auch Malchik war verängstigt gewesen; verängstigt und einsam in seinem Zimmer, wie er, genau wie sie nun, auf dem Bett gesessen hatte, nachdem sich Cluny zur Nacht zurückgezogen hatte, als plötzlich etwas geschehen war – nur was? Annat dachte an Yuda, und dieser Gedanke spendete ihr Trost, obgleich ihr Vater Meilen entfernt war. Selbst in Yonar mochte er seine Gedanken nach Süden wenden. Wenn nur Yuste noch immer die gleichen Fähigkeiten wie ihr Zwillingsbruder hätte, wie es einst der Fall gewesen war; doch hier war Annat die mächtigste Schamanin, stärker sogar als Boris Grebenshikov. Stark mochte sie sein, doch Boris wusste sicher ebenso gut wie sie, wie unerfahren sie war. Wie Yuda würde er wissen, nach welchen Zeichen er suchen müsste, welche Spuren Malchik hinterlassen haben könnte, wenn man ihn in diesem Raum allein ließ. Sie schloss ihre Augen. Der Spiegel würde die Erinnerung an das bewahren, was er gesehen hatte, wie in das Glas gebrannte Schatten. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, wie man einen Spiegel befragte, doch er hatte sie auch davor gewarnt, dies in seiner Abwesenheit zu tun. Yuda sprach nur selten eine Warnung aus, doch wenn er dies tat, dann musste man sie befolgen. Annat starrte zurück in den Widerschein ihrer eigenen dunklen Pupillen. Sie war hier und Yuda nicht. Sie bezweifelte, dass Boris Grebenshikov über solche Macht verfügte. Er war ein einfacher Schamane, einer, der nur wenige der dunkleren Mächte nutzen konnte. Wenn dies getan werden müsste, dann würde sie es selber vollbringen müssen. Sie stand auf und ging zurück in den äußeren Raum, wo die anderen das Löschpapier untersuchten. Boris hielt es hoch in das Licht, um die Spuren sehen zu können, die Malchiks Feder in die Oberfläche gedrückt hatte. Doch sie brauchte nicht seine Fähigkeiten, um die Umrisse der Krähen zu erkennen, die in schwarzer Tin-
te auf die Oberseite des Papiers gekritzelt worden waren. Wenn sie doch bloß so mit Malchik verbunden wäre wie Yuste mit Yuda. Alles, was sie sagen konnte, war, dass ihr Bruder am Leben war, genauso, wie sie die schwache Flamme der Anwesenheit ihrer Tante spüren konnte und das entfernte Glühen ihres Vaters. Cluny kam zu ihr herüber, seine Brauen waren gefurcht. »Das ist wirklich verwirrend«, sagte er. »Es ist, als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.« »Dann glaubst du nicht, dass er in eines deiner Bilder verschwunden ist?«, neckte ihn Annat. »Sie haben hier keine Macht.« Er lächelte besorgt. »Oh, ich verstehe, ein Witz. Fast wünschte ich, es wäre so. Doch dann würden wir ihn sehen, wie er uns anstarrt, wie ein Fisch aus einem Aquarium heraus.« »Hat er nichts gesagt über … den Spiegel in seinem Zimmer?« Cluny schüttelte den Kopf. »Spiegel sind eine seltsame Sache«, sagte er. »Ich erinnere mich daran, als mein Bruder – Sarl – starb, wurden sie alle schwarz, jeder einzelne. Als ob jemand sie von innen angemalt hätte. Nachdem mein Bruder begraben worden war, zerschlug mein Vater sie.« »Das muss sehr beängstigend gewesen sein«, sagte Annat. »Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, außer mit Malchik. Er hat meinen Vater recht gut kennen gelernt in der kurzen Zeit, in der er in der Burg gefangen gehalten worden war. Ich glaube, mein Vater hatte ihn ins Herz geschlossen. Bis er floh und sich den Reihen unserer Feinde anschloss. Zu denen auch du gehörst, nebenbei gesagt«, fügte er mit einem freudlosen Lachen hinzu. Annat legte die Hand auf seinen Ärmelaufschlag. »Sinnt dein Vater noch immer auf Rache?«, fragte sie. »Oh, ja. Es kümmert ihn nicht, dass du dabei geholfen hast, eine verlorene Tochter zu ihm zurückzubringen. Alles, woran er sich erinnert, ist Sarls Tod. Ich möchte nicht daran denken, welches Leben meine Schwester – Huldis – dort führt. Sie kann nicht weg, wie
ich es konnte. Und ich werde nicht zurückkehren«, fügte er hinzu und presste seinen Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Boris ließ das Löschblatt sinken und warf ihnen einen gereizten Blick zu. »Könntet ihr das ein anderes Mal besprechen? Ich versuche, mich zu konzentrieren.« »Oh, bitte entschuldigen Sie«, sagte Cluny und lächelte Annat zu, die die Schelte weniger leicht nahm. »Das, worüber wir sprechen, könnte wichtig sein, Mister Grebenshikov«, sagte sie. Boris seufzte. »Das bezweifle ich nicht. Aber ich versuche herauszufinden, inwieweit das Gekritzel auf dem Löschblatt wichtig ist und was davon sich auf De Naturae von Iolcas bezieht, eine Materie, die deinem Bruder einige Schwierigkeiten bereitet zu haben scheint. Ich brauche Graphitpulver. Hat Ihr Diener schon unsere Taschen nach oben gebracht?« »Bei der Mutter, ich habe vergessen, ihn darum zu bitten«, sagte Cluny. »Entschuldigen Sie bitte!« Nachdem Planchet losgeschickt worden und mit ihrem Gepäck zurückgekehrt war, konnte Boris das Graphitpulver aus der Werkzeugtasche in seinem Reisegepäck hervorholen. Er verteilte es über das Löschblatt, schüttelte es von einer Seite zur anderen und blies die Überbleibsel fort. Der feine Staub hatte sich in den Spuren, die Malchiks Stift hinterlassen hatte, abgesetzt, und nun war es möglich zu erkennen, was er geschrieben hatte. Cluny lugte über Boris' Schulter und sagte: »Das ist unser Aufsatz aus der letzten Woche. Aber ich kann auch einige Krähen erkennen.« »Es sieht aus wie ein Teil des Briefes, den er mir geschrieben hat«, sagte Yuste. »Gibt es dort etwas, das du nicht wieder erkennst, Missis?«, fragte Boris sie. Yuste brütete über dem Papier. Ihre Fingerspitzen glitten über die halb verborgenen Linien, die von Malchiks Brief zurückgeblieben waren. Als sie am Ende der Löschpapierseite angekommen war, hielt sie inne. »An diesen Satz erinnere ich mich nicht«, sagte sie. »Aber der
Brief war sehr wirr. Ich werde ihn aus meinem Retikül holen, um ihn zu vergleichen.« Während Yuste davoneilte, kniete sich Annat neben den Schreibtisch, um die Zeilen, die Yuste gemeint hatte, zu untersuchen. »Hast du seinen Brief auch gelesen?«, fragte Boris. Und dann plötzlich fing Annat das schwache Flüstern eines Gedankens auf, als ob jemand vorsichtig nahe an ihrem Ohr gesprochen hätte. Senden? Annat bemerkte, dass sie lächelte. Sie musste einige Anstrengung unternehmen, um ihren Gedanken Gestalt zu verleihen und sie ihm zu senden; eine leichte Unbeholfenheit, die das Senden mit einem Fremden stets begleitete. – Nicht eingehender. Aber Yuste hat Recht. Hier ist etwas anders. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll. »Die Roma wissen etwas. Am Fuße der Rue des Salines, Place Vergey, Ruelle Amboise …«, wiederholte Boris. »Ich kann den Rest nicht lesen. Das scheinen Wegbeschreibungen zu sein. Aber wer oder was sind die Roma?« »Ah«, sagte Cluny. »Die Roma.« Sie wandten sich zu ihm um und warteten darauf, dass er fortfuhr. Cluny knetete seine Hände, als ob er die Fingerknöchel massieren würde, und er schien mit dem zu hadern, was er zu sagen hatte. »Was ist das Problem?«, fragte Boris. »Wir … Studenten … sollten die Roma nicht aufsuchen«, sagte Cluny. »Sie sind Tziganes. Fahrende Zigeuner. Sie haben gewisse Dinge gemeinsam mit den Wanderern. Den zweiten Fluch von Megalmayar …« »Nicht noch mehr von diesem doxoianischen Unsinn!«, stieß Yuste aus, die mitgehört hatte, als sie mit ihrer Tasche zurückkam. »Das ist eher ein Teil der doxoianischen Legende, als dass es zu den Gesetzen der Kirche gehört«, sagte Cluny. »Die Kirche sagt, dass die Mutter nur einen Fluch ausgestoßen hat, nämlich den gegen die Wanderer. Doch die Geschichte von ihrem zweiten Fluch
könnte sich entwickelt haben, um die nomadische Natur der Tziganes zu erklären, die …« »Herrjeh noch mal, ist das eine Vorlesung?«, fragte Boris. Cluny sah so niedergeschlagen aus, dass Annat hin- und hergerissen war zwischen dem Drang zu lachen und dem Wunsch, ihn gegen ihre Unterbrechungen zu verteidigen. »Warum hat sich Malchik für die Roma interessiert, Cluny?«, fragte sie. Er warf ihr ein kurzes, dankbares Lächeln zu und sagte: »Malchik mochte die Tziganes, weil er ein Wanderer ist und auch, weil er die Musik der Roma liebt. Er hatte damit begonnen, sie heimlich zu besuchen.« »Ich verstehe. Also können wir daraus schließen, dass Malchik von den Zigeunern entführt worden ist?«, fragte Boris. Yuste wedelte mit dem Brief in seine Richtung. »Was ist los mit dir, Boris Andreyevich? Es könnte erklären, wohin Malchik gegangen ist. Vielleicht gibt es sogar eine harmlose Erklärung.« »Die Zigeuner stehlen keine jungen Männer, Zhidova«, sagte Boris und verschränkte seine Arme. Annat starrte ihn an und konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte, während Yuste dunkelrot anlief. »Was? Was habe ich gesagt?« »Wie kannst du es wagen, mich so zu nennen! Als ob es ganz harmlos wäre«, sagte Yuste. Boris sah sie mit einem verwirrten Ausdruck an und kratzte sich hinter dem Ohr. »Du musst wissen, ich würde nicht …«, setzte er an. »Würdest du meinen Bruder so bezeichnen?« Er hob seine Hand in einer Geste von Besorgnis und Abwehr. »Du weißt, dass ich es nicht als Beleidigung meinte, Yuste. Falls du mich überhaupt kennst.« »Was ist los?«, fragte Cluny Annat. »Er hat sie Youpin genannt. Einen Jud«, flüsterte sie. »Es ist offensichtlich, dass du mich überhaupt nicht kennst, Boris Grebenshikov!«, sagte Yuste und knallte den dünnen Brief auf den
Schreibtisch neben das Löschpapier. Boris richtete sich auf und sah sie nachdenklich an. »Es tut mir Leid, Yuste«, sagte er. »Ich wollte dich nicht verletzen.« Mit misstrauischem Blick schaute Yuste ihm in die Augen, als ob sie ihn verdächtigte, sie – wie liebevoll auch immer – auszulachen. Doch sein Gesicht war ernst. »Vielleicht sollten wir besser vergessen, dass es gesagt worden ist. Doch als ein weißer Sklav solltest du genau wissen, was diese Bezeichnungen für uns bedeuten. Für uns Wanderer.« »Dafür also hältst du mich, ja? Für einen weißen Sklav?«, fragte Boris und wandte ihr den Rücken zu, um das Löschpapier und die schwarzen Flecken darauf zu untersuchen. »Das ist es, was du bist, Boris Grebenshikov. Bitte, ich muss mich hinsetzen. Ich bekomme Kopfschmerzen, glaube ich.« »Ich denke«, schaltete sich Cluny vorsichtig ein, »es wäre besser, wenn wir morgen früh weiter machen würden. Vielleicht könnten wir dann die Adresse, die Malchik zurückgelassen hat, näher in Augenschein nehmen und womöglich die Roma selbst aufsuchen. Ich habe Planchet gebeten, die Vorkehrungen für die Nacht in meinen Räumen zu treffen. Die Damen können in dem äußeren Zimmer nächtigen, und Sie, Monsieur Grebenshikov, können mein Bett haben. Ich werde mir den Raum mit Planchet teilen.« »Sehr freundlich«, sagte Yuste, die sich auf einem der Stühle niedergelassen hatte, welche rings um den Tisch standen. »Es ist nicht nötig, dass Sie auf Ihr Bett verzichten«, sagte Boris. »Ich kann auf dem Fußboden schlafen.« »Ich bestehe darauf«, sagte Cluny. »Ich werde versuchen, Sie morgens nicht zu stören, wenn ich zu meinem Dauerlauf aufbreche. Planchet hat etwas Wasser für die Toilette der Damen erhitzt und alles vorbereitet.« Er hielt inne, als Yuste und Annat in Gelächter ausbrachen. »Verzeih uns, Cluny«, sagte Yuste. »Du musst uns für grobschlächtige Barbaren halten, aber wir machen keine Toilette. Wir wa-
schen uns, wir bürsten unser Haar und machen uns zum Schlafengehen fertig. Und wir sprechen unsere Abendgebete«, fügte sie hinzu. »Ja, Malchik hat mir ein wenig davon berichtet«, sagte Cluny. »All diese Segenssprüche oder Baruchot, die ihr sprechen müsst. Ich muss sagen, wir Doxoi haben ein leichteres Leben.« Yuste warf dem schweigenden Detektiv einen Blick zu. »Boris Grebenshikov, ich möchte Frieden mit dir schließen«, sagte sie sanft. »Nein, nein. Es war mein Fehler«, sagte Boris und sein Gesicht entspannte sich nicht zu einem Lächeln. Yuste nickte leicht mit dem Kopf, raffte ihre Unterröcke zusammen und machte sich auf den Weg zurück zu Clunys Räumen. Annat zögerte ein wenig und sah von Cluny zu Boris; der eine hatte ein düsteres Gesicht, der andere lächelte nervös. »Ich – äh – fürchte, wir sind einander nicht vorgestellt worden«, sagte Cluny und streckte zögernd eine Hand aus. Boris blickte ihr überrascht entgegen, nahm sie dann jedoch und schüttelte sie herzlich. »Mein Name ist Grebenshikov«, sagte er. »Annats Tante hat mich beauftragt, ihr bei der Lösung von Malchiks Fall zu helfen. Auch wenn es schwerer sein könnte, als wir zuerst angenommen hatten.« »Ich hoffe, du verzeihst mir meine Frage«, sagte Cluny und blickte zu Annat hinüber, als ob er ihre Unterstützung suchte. »Aber was ist ein weißer Sklav? Ich weiß, dass Annat und ihre Familie Wanderer sind, doch seit ich nach Axar gekommen bin, scheint es mir so viele andere Nuancen und Rassen zu geben, von denen ich noch nie gehört habe.« »Ich bin wie du, Mister«, sagte Boris mit einem harten Zug um den Mund. »Ich komme aus einer reinen Familie der Doxoi ohne eine Spur der Verschmutzung durch das Blut von Wanderern oder Dunklen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Yuste es nett gemeint hat. Es herrscht wenig Freundlichkeit zwischen ihren Leuten und meinen.«
»Aber du bist nicht so, oder doch?«, fragte Cluny. »Du glaubst nicht an so etwas wie Verschmutzung.« Boris wandte sich ab. »Was ich glaube, spielt keine Rolle. Ich muss meine Zunge im Zaum halten.« Annat machte einen Schritt auf ihn zu. Sie wollte nicht laut sprechen, wie sehr auch immer sie Cluny vertrauen mochte. – Ich weiß, du hast es nicht so gemeint, dachte sie. – Aber Yuste – Sie brach ab, denn sie war sogar in ihrem Geist außer Stande, ihre Gedanken in Worte zu fassen. – Yuste ist schwierig, Yuste kann unfair sein, Yuste ist stolz. Es blieb zu viel ungesagt. »Wie dem auch sei«, sagte Boris laut. »Zeit fürs Bett«, sagte Cluny fröhlich und ergriff Annats Hand, als ob dies die natürlichste Sache der Welt wäre. Sie ließ sich von ihm aus dem Zimmer führen und überlegte, wie es wäre, ihn auf den Mund zu küssen. Wäre es ebenso süß und berauschend wie bei Eugenie? Gemeinsam machten sie auf dem Treppenabsatz Halt und Cluny sah zu ihr hinunter, als ob auch er ihre Gedanken lesen könnte. »Du hast keine Ahnung, wie gut es tut, dich wieder zu sehen«, sagte er. »Wenn wir diese Geschichte mit Malchik hinter uns gebracht haben, haben du und ich uns so viel zu erzählen.« Annat lächelte zu ihm empor. Er legte ihr seine Hände auf die Schultern und sagte: »Du bist viel hübscher als vor vier Jahren. Und viel hübscher als dein Vater.« Annat lachte, denn sie genoss das Kompliment und die Anspielung auf die Ähnlichkeit mit ihrem Vater, dessen beeindruckende Erscheinung berüchtigt war. Cluny errötete und fügte hinzu: »Wie du weißt, bin ich es nicht gewöhnt, mit Mädchen zu sprechen. Natürlich hätte mich mein Vater gerne mit einer Erbin verheiratet, und das ist ein weiterer Grund dafür, warum ich so schnell wie möglich fortging. Dein Bruder hingegen ist eine Art Frauenheld. Besonders was ältere Damen angeht.« Annat verbarg ihr Lächeln hinter der Hand. »Malchik?« Cluny nickte. »Ich glaube, du solltest gut überlegen, ob du diese
Information mit deiner Tante teilen willst«, sagte er. »Ich hoffe, wir finden ihn bald, Cluny. Ich denke – ich habe das Gefühl –, dass er in Gefahr ist.« »Bei der Mutter, das hoffe ich auch. Ich habe mich gefragt, ob meine Anwesenheit die Dinge verschlimmert hat, dafür gesorgt hat, dass die Dinge ihren Lauf nehmen. Ademar wirft lange Schatten«, sagte er, nahm ihre Hand und presste sie zwischen seinen eigenen. Annat wartete, bis sie sich sicher war, dass Yuste schlief. Die Lichter im äußeren Raum waren gelöscht worden, doch ein Lichtschein fiel noch immer unter Planchets Tür hindurch, und sie konnte hören, wie er und Cluny sich mit leisen Stimmen unterhielten. Das Zimmer, das Boris bewohnte, war dunkel. Sie hatte es sich auf der Chaiselongue bequem gemacht und Yuste die Gelegenheit gegeben, sich auf dem Sofa einzurichten, das sich in ein Bett verwandeln ließ. Nun setzte sie sich in der Dunkelheit auf, dankbar darüber, dass ihre Nachtsicht es ihr ermöglichte, im blauen Schattenlicht etwas erkennen zu können, und zog ihr Nachthemd aus. Mit einer Gänsehaut beeilte sie sich, sich in der Kälte anzukleiden, und kämpfte mit den Falten des raschelnden Unterrocks, den selbst sie unter ihrem verkürzten Rock tragen musste. Sie hatte festgestellt, dass Frauen immer länger als Männer zum Anziehen brauchten, auch wenn die förmliche Kleidung, die Cluny wählte, ohne Zweifel einige Sorgfalt und Vorbereitung erforderte; doch Männer wie Boris oder Yuda konnten in Minutenschnelle fertig sein. Sie hielt halb nackt in der Dunkelheit inne und spähte zu Boris' Tür. So seltsam es auch schien, sie glaubte eine Spur von Zuneigung gehört zu haben in der Art, wie er Yuste ›Zhidova‹ nannte. Und Yuste war niemand, der leicht Zuneigung auf sich zog. Sie blieb sitzen, lauschte den gleichmäßigen Atemzügen ihrer Tante und empfand eine Spur von Traurigkeit darüber, dass sie einander so fremd geworden waren. Sie vertiefte dieses Gefühl nicht weiter, denn selbst jetzt, im Schlaf, mochte Yuste fühlen, was sie tat, und aufwachen, um sie da-
von abzuhalten. Anstatt ihre Stiefel anzuziehen, schlüpfte sie in die weichen Lederschuhe, die sie in Innenräumen benutzte. Ihr war klar, dass sie auch einen Umhang über ihr Nachtzeug hätte streifen können, doch sie hatte das Gefühl, dass sich richtig anzukleiden dem Anlegen einer Rüstung gleichkam, um sich vor dem zu schützen, was sie möglicherweise von dem Spiegel erfahren würde. Als sie fertig war, erhob sie sich nicht sofort von der Chaiselongue, sondern wartete ab und betrachtete die schmale Gestalt ihrer Tante, die, abgesehen von den schwachen Regungen ihrer Atmung, bewegungslos unter ihren Decken lag. In der blauen Dunkelheit umgab Yuste noch immer die schwache Aura einer Schamanin, ein Nachhall der Kräfte, die ihr Bruder ausgelöscht hatte. Annat, die nur selten über ihre Tante nachdachte oder ihre eigenen Gefühle hinterfragte, konnte sich nicht vorstellen, wie jemand einen solchen Verlust verwinden konnte. Sie dachte daran, Yustes graubraunes Haar zu streicheln (obgleich sie seine Farbe in der Dunkelheit nicht erkennen konnte), das gelöst auf dem Kopfkissen lag. Einen Augenblick lang sehnte sie sich danach, sich neben ihre Tante unter die Decken zu kuscheln, wie sie es getan hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. In jenen Zeiten, nachdem ihre leibliche Mutter gestorben war, gab es während der Nacht so viel zu fürchten: die Monster der Möbel, die seltsamen Traumgebilde und Gesichter, die sie nicht kannte, die ihr aber aus den Schatten entgegenstarrten. Nun war Annat selbst eine Nachtgestalt geworden. Dunkelheit alleine reichte nicht aus, um ihr Angst einzuflößen. Wenn die Finsternis mächtige und magische Kräfte verbergen konnte, dann konnte auch sie ungesehen herumstreifen, und ihre Augen glühten wie die einer Katze. Sie stand auf, wandte sich von der schlafenden Yuste ab und bewegte sich leise über den Parkettboden in Richtung des Türvorhangs. Ihre Macht war wie etwas, das sie zwischen ihren Händen führte, doch es war auch ein Feuerstrang, der in ihren Adern und Nerven pochte. Sie legte ihre Hände auf den Stoff der Innentür, dann zog sie den Vorhang beiseite und öffnete rasch die
äußere Tür. Sie schlüpfte durch den Spalt und zog leise die Tür hinter sich zu, wobei sie darauf achtete, dass das Schloss nicht zuschnappte. Ein gedämpftes Licht empfing sie auf dem Treppenabsatz, und kühle Luft, die nach holzfeuergeschwängertem Nebel roch, wehte von der offenen Tür im Untergeschoss herein. Annat zögerte einen Augenblick und ließ ihre Schamanensinne erwachen, während sie den Geruch und die Stille der Nacht in sich aufsog. Malchiks Zimmer war noch immer unverschlossen; leichtfüßig betrat sie es und drehte am Schalter, um das elektrische Licht anzuschalten. Alles war so, wie sie es verlassen hatten: Das Löschpapier lag an der Seite auf Malchiks Schreibtisch und trug noch eine Schicht des Graphitpulvers; die Seiten von Malchiks fortgeworfenem Aufsatz, welche Boris sorgfältig geglättet hatte, lagen auf dem Tisch. Annat durchquerte den Raum und fühlte die Wärme der Anwesenheit ihres Bruders, als ob er gerade in diesem Augenblick erst aus dem Zimmer gegangen wäre. Ihre Hand glitt über seinen zusammengefalteten Gebetsschal, als sie vorbeiging, und sie machte Halt, um sich Clunys Gemälde anzusehen, das in seinem Rahmen glühte. Irgendwie war es ein wenig unheimlich, das verlassene Schlafzimmer zu betreten. Sie setzte sich aufs Bett, dem Spiegel gegenüber, und umklammerte das Deckbett mit beiden Händen. Der Spiegel zeigte hartnäckig ihr eigenes Bild, das in dem fahlen Licht der einzelnen Glühbirne fleckig wirkte. Annat spürte ihr Herz klopfen und wusste, dass sie Angst hatte. Sie wartete, machte tiefe Atemzüge und versuchte sich an das zu erinnern, was ihr Yuda über das Befragen von Spiegeln beigebracht hatte. Nachdem einige Minuten verstrichen waren, stand sie schließlich auf und ging zum Spiegel hinüber. Als sie näher kam, erschien es ihr in der Vorstellung, dass ihr Bild wanderte und zerfiel, als ob sich das Quecksilber verflüssigt hätte oder zu Wasser geworden wäre. Sie legte ihre Hände auf die kalte Oberfläche des Glases und schloss die Augen. Der Zeitpunkt war gekommen, hineinzuspringen in die träumende Dunkelheit ihres Schamanengeistes. Wie ein Taucher am Abgrund holte sie tief Luft
und sprang.
Kapitel 5
Y
uste erwachte nicht lange nach Tagesanbruch mit einem steifen Nacken und trockenem Mund. Sie schlug die Decken zurück und erhob sich aus dem Bett, denn sie erinnerte sich an die Wasserkaraffe, die Planchet neben das Fenster gestellt hatte, damit sie kühl blieb. Auf den ersten Blick sah sie, dass die Chaiselongue leer und zu ordentlich war, als dass jemand darin geschlafen haben konnte. Sie fluchte leise in Sklav und benutzte dabei Wörter, bei denen Annat sehr erstaunt gewesen wäre, dass sie sie kannte. Dann riss sie die Tür auf und stürmte hinaus auf den Treppenabsatz. Der Steinboden war kalt unter ihren nackten Fußsohlen, und der eisige Atem des Morgens wehte durch die geöffnete Tür von unten herauf. Wohin war Annat verschwunden? War sie in die Nacht hinausgegangen, um etwas zu tun, das Yuste nur erahnen konnte? Yuste holte Luft und rief den Namen ihrer Nichte. Der Klang ihrer Stimme hallte im Treppenhaus. Sie verspürte eher Zorn als Furcht, doch es war die Furcht, die den Zorn anstachelte. Ihr fielen so zahlreiche Gefahren in viel zu kurzer Zeit ein. Sie erinnerte sich selbst daran, dass Annat nicht in erster Linie ein verletzbares Mädchen von siebzehn Jahren war. Annat verfügte über Fähigkeiten, die einen normalen Angreifer zu Asche verbrennen würden. Sicher war das Kind aufgebrochen, um nach Malchik zu suchen. Annat hatte bestimmt gedacht, dass sie es besser als die anderen wüsste, besser als ihre dumme alte Tante und ein Detektiv mit eingeschränkten Fähigkeiten. Möglicherweise war sie in die Dunkelheit hinausgegangen, um die Gegend zu durchforsten und so nach Malchik zu suchen oder in Schamanenwelten aufzubrechen.
Yuste überlief ein Schauer. Ihre Glieder mochten schmerzen, doch sie war nicht mehr so müde, wie sie es gestern gewesen war. Verdammt, sie war doch erst vierzig Jahre alt! Und hier stand sie mit steifen Knochen und Sehnen wie eine alte Frau und zitterte in der Kälte des Frühlingsmorgens. Kein Wunder, dass Annat sie verachtete, wenn sie sich auf Boris stützen und Clunys Höflichkeiten hinnehmen musste wie eine zarte, empfindliche Blume. Sie ging zurück in den Innenraum und stellte fest, dass ihr Schrei die anderen aufgeweckt hatte. Planchet war gerade aus der Tür zu seinem Zimmer getreten, vollständig angekleidet, und Boris Grebenshikov kam ihr in diesem Moment in seinem seidenen Morgenmantel entgegen, der zwischen den Aufschlägen einen Blick auf das dunkle Haar auf seiner Brust freigab; von Cluny fehlte noch jede Spur. Yuste fiel ein, dass sie nicht mehr als ihr Nachtgewand trug, griff eilig nach einem Schal, der am Fußende ihres Bettes lag, und schlang ihn sich um die Schultern. »Guten Morgen, Boris Andreyevich; Monsieur Planchet«, sagte sie und versuchte, ihre Verlegenheit zu überspielen. »Wo ist Annat?«, fragte Boris und kam zu ihr herüber. »Wünscht Madame etwas Kava?«, fragte Planchet mit seiner würdevollen, weichen Stimme. »Ja, danke sehr, Monsieur«, sagte Yuste, die nicht an die Anwesenheit von Dienstboten gewöhnt war. Sie sah, wie der Mann eine knappe Verbeugung machte und sich in sein Quartier zurückzog; dann antwortete sie Boris: »Sie ist fort. Ihr Bett ist unbenutzt.« »Mist«, sagte Boris und nestelte mit der Hand an dem Kragen seines Morgenmantels herum. »Ich habe noch nicht in Malchiks Zimmer nachgesehen«, sagte Yuste. Sie seufzte. Da waren sie wieder: Zorn und Furcht. Sie blickte in Boris' unrasiertes Gesicht. Er sah zerknittert aus; ganz offensichtlich gehörte auch er nicht zu denen, die ein frühmorgendliches Aufwachen mochten. Ein Seufzer schüttelte ihre dünne Gestalt. »Sie könnte überall sein.« »Ich bezweifle, dass sie das College verlassen hat«, erwiderte Boris.
»Denk daran, dass Clement die Tür bewacht und Annat keinen Weg nach draußen kennen konnte, es sei denn, Cluny hätte ihr einen gezeigt. Sie kann nicht weit gekommen sein.« Yuste hörte ihm nicht richtig zu, obgleich sie die Bedeutung seiner Worte erfasste. »Ich weiß, dass sie mächtig ist«, sagte sie. »Aber das birgt nur noch größere Gefahr. Und sie kann sorglos sein. Sie ist wie Yuda; sie liebt den Geruch der Gefahr.« »Anders als wir«, entgegnete Boris gequält. Sie sah ihn fest an. »Ich war nicht lange genug eine Schamanin, um das zu erfahren«, sagte sie. »Aber wie dem auch sei, Annat ist noch jung, und sie ist eine Frau. Zu jung, um wirkliche Gefahr zu kennen und zu wissen, wie man ihrer Herr wird. Yuda kann ihr beibringen, wie sie ihre Kräfte einsetzen soll, aber er kann nicht ihre Sinne schärfen. Auch dann nicht, wenn er es noch so sehr versucht hätte – was ich bezweifle.« »Ich wette, er hat sich darum bemüht«, sagte Boris. »Man versucht das bei jungen Schamanen, vor allem, wenn es deine Rebjata sind. Lass uns in Malchiks Zimmer nachsehen.« Als sie den Treppenabsatz überquerten, entfuhr es Yuste: »Du scheinst Yuda besser zu kennen, als ich dachte.« »Wir haben einige Aufträge gemeinsam erledigt. Eisenbahnangelegenheiten«, sagte er abwehrend. »Er kannte mich, als Stromnak noch … lebte.« »Stromnak?«, fragte Yuste verständnislos, ehe sie sich daran erinnerte, wo sie den Namen gesehen hatte. »Oh – deine Partnerin.« »Das ist richtig«, sagte Boris und betrat Malchiks leeres Zimmer. »Meine tote Partnerin.« Das elektrische Licht war angeschaltet und noch nicht durch das Morgenlicht abgedämpft, welches durch die Fenster, deren Läden nicht geschlossen worden waren, hereinfiel. Yuste untersuchte den Raum und sah auf einen Blick zwei Dinge. Die Tür zu Malchiks Schlafzimmer stand offen, und das Licht war eingeschaltet; außerdem zeigte ein nacktes Stück Wand den Ort, an dem Clunys Bild gehangen hatte. Boris stand vor ihr, durchquerte mit langen Schrit-
ten den Raum und stieß die Tür zum Schlafzimmer auf. Offensichtlich war der Raum leer; die Bettdecke sah zerdrückt aus, an der Stelle, wo Annat – falls es Annat gewesen war – gesessen hatte, und Clunys Bild lag mit zerbrochenem Glas auf dem Boden. Es gab keine weiteren Anzeichen von Gewalt oder einem Kampf. Boris beugte sich hinab, um das zerschlagene Bild aufzuheben. Yuste hörte ihn nach Luft schnappen, und dann sah auch sie etwas wie Rauchschwaden oder eine Spinnwebe, das zwischen dem Bild und der Oberfläche des Spiegels zu hängen schien. Als Boris das Bild an seine Brust drückte, riss der Faden nicht ab, schien sich jedoch zu verlängern; er schien in dem Spiegel zu verschwinden wie eine Angelschnur in einem klaren Teich. Auf Zehenspitzen näherte sich Yuste dem Detektiv, bis sie ihn fast berühren konnte, und als sie das tat, erblickten ihre Augen etwas, das auf den Boden gekritzelt war: drei Wörter in kyrillischer Schrift, dem Alphabet der Sklavs: Berg, Fluss, Wald. Sie blickte hoch, sah Boris an und hatte das Gefühl, dass ihr eigenes Gesicht nackt und aller Künstlichkeit und ihres würdevollen Ausdrucks beraubt sei. »Heilige Mutter«, sagte er. »Sie ist durch den Spiegel gegangen!« »Zyon«, stieß Yuste flüsternd aus. Sie ließ sich auf das Bett sinken, wo Annat gesessen hatte, und zog ihren Schal enger um sich. Es gab wenig Zweifel, dass Boris Recht hatte: Irgendwie hatte Annat den Spiegel betreten und ihnen eine Spur hinterlassen, um ihnen zu zeigen, wohin sie gegangen war. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte sie Boris. »›Berg, Fluss, Wald‹?« »Es beschreibt das Bild«, sagte er und drehte es so herum, dass sie das Gemälde hinter dem zerborstenen Glas sehen konnte. »Aber die Mutter allein weiß, was das bedeuten soll.« Er reichte ihr den Rahmen; der Spinnwebfaden klebte noch immer daran. Dann näherte er sich mit ausgestreckten Händen dem Spiegel. »Ich habe nicht die Fähigkeit«, sagte er zu sich selbst. Yuste sah ihm zu, wie er die Hände auf die Oberfläche legte und seine Stirn dagegen lehnte. Sie wartete und spürte mit ihren verkümmerten
Sinnen den Fluss seiner Macht. Ihre Gedanken rasten und überschlugen sich, als sie Mutmaßungen und Befürchtungen anstellte, was Annat zugestoßen sein könnte. Boris machte einen Schritt zurück und ließ seine Hände sinken. »Das ist gar nicht gut«, sagte er. »Jemand hat hier ein Schamanentor geöffnet, aber es ist wieder versiegelt worden. Und ich kann nicht sagen, wohin es führt. Sieh!« Er hielt das Ende des Fadens in die Höhe und brach ab. Yuste drückte das zerbrochene Bild gegen ihre Brust. »Wir können ihr nicht in den Spiegel folgen«, sagte sie. »Aber die Spur könnte uns noch immer etwas verraten.« Boris setzte sich neben sie auf das Bett und stützte den Kopf in die Hände. »Der Junge muss den gleichen Weg genommen haben«, sagte er. »Bei der Mutter, ich hoffe, er hat es getan, oder wir haben zwei Rebjata verloren.« »Annat hat uns eine Nachricht hinterlassen und dieses Bild«, sagte Yuste. »Frau, du wirst wohl zugeben, dass das nicht gerade viel ist.« »Annat weiß, wie man eine Spur legt«, beharrte sie. »Sie wird uns zu ihr führen.« »Du scheinst sehr zuversichtlich«, sagte Boris. »Wir wissen nicht, was das alles bedeutet. Es ist ein Rätsel.« Yuste besah sich genauer, was auf dem Bild dargestellt war. »Denk nach, Boris Andreyevich. Jemand anders muss das Schamanentor versiegelt haben. Annat hätte das nicht getan. Sie wollte, dass es offen bleibt, damit wir ihr folgen können. Also haben andere diesen Spiegel benutzt. Sie haben ihn verwendet, um sie in die Falle zu locken. Und ich glaube sehr wohl, dass Malchik den gleichen Weg genommen hat.« Boris sprang auf. Er betrachtete seinen eigenen und Yustes Widerschein in dem unschuldigen Spiegel. Noch einmal näherte er sich dem Glas und legte seine Hände darauf. Er schien die Oberfläche zu befühlen und ließ seine Handflächen darüber gleiten, als ob er nach Sprüngen suchte. Als er seine Hände über das Glas be-
wegte, hinterließen sie für kurze Zeit feuchte Spuren, die den gespiegelten Raum gegenüber verzerrten. »Es ist wahr«, sagte er dumpf. »Das Mädchen war hier. Und ich kann die Spuren von jemand anderem fühlen – viel schwächer. Das muss der Junge sein. Sonst ist da nichts, nichts, was mir verraten könnte, wohin sie gegangen sind. Aber sie sind hier gewesen.« »Boris Andreyevich«, sagte Yuste, »ich habe keine Fähigkeit, die uns darüber Auskunft geben könnte. Ich bin völlig nutzlos.« Er wirbelte zu ihr herum. »Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte den Spiegel gestern untersuchen müssen.« »Warum?«, fragte sie mit einem schwachen Lächeln. »Es kommt nicht häufig vor, dass Leute in Spiegeln verschwinden.« »Deine Nichte hat daran gedacht«, sagte er mit rauer Stimme. »Das spielt jetzt keine Rolle«, sagte sie. »Oder glaubst du, dass es für mich wichtig ist? Hinterher sind wir alle schlauer! Du und ich müssen mit den Fähigkeiten arbeiten, über die wir verfügen.« Boris setzte sich wieder neben sie aufs Bett. »Lass mich das Bild sehen«, sagte er. Yuste reichte es ihm, und er betastete den Rest der Spinnwebe, der noch immer wie eine Nabelschnur an der Leinwand hing. »Ich schwöre dir, wenn ich die Fähigkeit dazu hätte, könnte ich dies hier lesen«, sagte er. »Was meinst du, Boris?« »Der Faden mag abgerissen sein, doch das Mädchen hat die Muster ihrer Reise in jede der Fasern eingewoben. Immer und immer wieder. Was wir brauchen, ist jemand, der sie entschlüsseln kann.« Yuste betrachtete ihren Begleiter. Er konnte nicht viel älter als sie selber sein, doch sein glatter Kahlkopf verlieh ihm die Würde eines Mannes in mittlerem Alter – was irreführend war, wie sie inzwischen festzustellen begann. Klein und stämmig, wie er war, erinnerte er sie an die Männer, denen sie sich am meisten verbunden fühlte, an ihren Bruder und Sival. Doch er hatte die Ausstrahlung eines Mannes, der Verwirrung und Verlust erlitten hatte und der mit all seiner männlichen Intelligenz gegen diese Verwirrung ankämpfte. »Wir müssen bei Cluny ansetzen«, sagte er. »Es ist sein Bild, und
er muss wissen, was es abbildet.« Doch als Cluny aufgewacht war, konnte er ihnen auch nicht mehr sagen, als er Annat bereits anvertraut hatte: Er hatte das Bild für Malchik nach der Schilderung seiner wiederkehrenden Träume gemalt. Sie entfernten das zerbrochene Glas aus dem Rahmen und legten das Bild auf den Tisch in Clunys Zimmer. Als sie alle gewaschen und angekleidet waren, versammelten sie sich ringsherum, um es noch einmal genau zu betrachten. Cluny kniete sich auf den Fußboden, um es zu untersuchen und mit vorsichtigen Fingern die Überreste des Fadens zu berühren. »Es sieht einfach aus wie eine Spinnwebe«, sagte er. »Und du meinst, dass Schamanen so etwas tun können? Den anderen etwas zurücklassen, damit sie ihm folgen können, so wie bei einer Schnitzeljagd?« Yuste nickte. »Unser Problem ist, dass Annats Spur für uns zu einfallsreich ist, als dass wir sie deuten können«, sagte sie. »Das Mädchen hat eine viel zu hohe Meinung von unserem Können. Oder sie war, was wahrscheinlicher ist, in großer Eile.« Cluny stand auf, seine Augen glänzten vor Eifer und morgendlichem Schwung. »Ich denke noch immer, dass wir den Roma einen Besuch abstatten sollten«, sagte er. »Selbst wenn Malchik in den Spiegel gezogen worden sein sollte, könnten sie in der Lage sein, uns zu sagen, was das Bild darstellt. Sie reisen überall hin. Und es sind Schamanen unter ihnen, die möglicherweise in dem Faden lesen können.« »Ich schätze, der Versuch lohnt sich«, sagte Boris. »Im Moment wissen wir nicht, wo wir anfangen sollen.« »Cluny hat Recht«, sagte Yuste. »Die Szene in dem Bild ist sehr markant. Es kann nicht viele Orte geben, wo man einen Berg allein in der Mitte einer Ebene stehen sehen kann.« Cluny warf einen Blick zu dem Bild herüber und hielt inne, um es sich genau zu besehen. »Jetzt, wo du es sagst, ist es wirklich bemerkenswert«, sagte er. »Man sieht normalerweise einen Gebirgszug und nicht einen einzelnen Gipfel. Es sei denn, es ist ein Vulkan«,
ergänzte er. »Ich habe noch nie einen Vulkan gesehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er so aussieht. Ich hatte angenommen, da es ein Traumbild ist, würde es der Art von Berg ähneln, die Kinder zeichnen. Aber Malchik hatte recht konkrete Angaben gemacht.« »Ein Berg, der sich in der Mitte einer Ebene erhebt«, sagte Boris. »Ich habe noch nie von etwas Derartigem in Neustria gehört. Vielleicht liegt er im Norden.« »Man sollte meinen, dass die Leute damit prahlen würden«, sagte Cluny mit einem nervösen Lachen. »Ich denke, man könnte erwarten, schon einmal davon gehört zu haben. Jeder kennt das LepasGebirge mit seinen berühmten Gipfeln vom Hörensagen.« »Ich habe von dem Gebirge gehört. Aber nichts über die berühmten Gipfel«, fuhr ihn Boris an. Cluny wusste sofort, was er erwidern musste, um jedwede Peinlichkeit zu überspielen. »Die Heimat meiner Familie liegt viel näher an den Bergen als Masalyar«, sagte er und lächelte Boris an. »Manchmal können wir sie sogar am östlichen Horizont erahnen, wenn die Sicht klar ist. Ich schätze, das Wichtigste ist, dass es dort keine einzeln stehenden Erhebungen gibt.« Yuste sah, dass Boris dagegen ankämpfte, sich von Clunys guten Manieren einwickeln zu lassen. Sie lächelte in sich hinein und war kurzzeitig von ihren Sorgen abgelenkt. Aber wenn Annat und Malchik über die Grenzen von Neustria hinausgebracht worden waren, wo konnten sie dann sein? Es mochte viele Länder auf der Erde geben, die einen solchen Gipfel aufweisen konnten, und es war nicht möglich, dass die Roma alle kannten. »Cluny«, sagte sie und legte ihre Hand auf sein Handgelenk, um ihn davon abzubringen, Boris weiterhin beschwichtigen zu wollen. »Du sagtest selbst, dass das Bild einen Traum darstellt. Ist es möglich, dass dies ein Teil des Lepas-Gebirges ist?« »Alles wäre so viel einfacher, wenn das der Fall wäre«, sagte Cluny und sah ihr mit einer Spur von Traurigkeit tief in die Augen. »Aber Malchik hat mir mit Sicherheit gesagt, dass der Hügel ganz alleine
in der Mitte einer Ebene stehe. Er sagte, er glänze in der Sonne – wie Glas.« Yuste zog ihre Hand zurück und nahm ihr schweres Retikül vom Sofa. »Ich will die Roma sehen. Jetzt sofort«, sagte sie. »Hast du dir Malchiks Anweisungen notiert, Boris Andreyevich?« Bevor dieser antworten konnte, warf Cluny ein: »Ich habe Planchet gebeten, mit uns zu kommen. Er ist – er war – ein Soldat, und ich glaube, es könnte uns nicht schaden, wenn er uns begleitet. Er kann auch die Verpflegung tragen.« »Gütiger Himmel, Kind, das ist kein Picknick!«, sagte Yuste, gleichermaßen belustigt wie verärgert. »Nun – wenn ich erklären dürfte – ich denke, es könnte von guten Manieren zeugen, Nahrungsgeschenke zu den Roma mitzunehmen. Sie sind sehr gastfreundlich, doch sie sind ebenfalls ziemlich arm. Ich denke, einige Flaschen aus den Collegekellern wären genau das Richtige.« Yuste wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. In vielerlei Hinsicht erinnerte sie Cluny an Malchik, obgleich sie bezweifelte, dass ihr Neffe über ebenso viel Charme verfügte. »Das ist eine ausgezeichnete Idee, Cluny«, sagte sie. »Komm, Boris. Du kümmerst dich um das Bild, ich kümmere mich um mich selbst!« Boris hatte die Anweisungen von Malchiks Schmierzettel in seinem Notizbuch festgehalten, und mit Cluny an der Spitze machten sie sich auf den Weg in die Stadt; Planchet bildete mit einem geflochtenen Weidenkorb das Schlusslicht. Yuste dachte unwillkürlich, wie absurd sie aussehen mussten; tatsächlich hatten sie den Anschein einer sorglosen Gruppe, die zu einem Picknick am Fluss aufbrach, und da es ein schöner Tag war, waren sie nicht allein: Trauben von Studenten, wie Krähen in ihrer schwarzen Kleidung, schienen mit dem gleichen Ziel unterwegs zu sein. Yuste wünschte, sie hätte nicht an Krähen gedacht. Sie blickte hinauf in den blauen Himmel, doch an diesem Morgen waren keine Beobachter auf dem Plan.
An einer Straßenecke machten sie Halt, während Cluny sich mit Boris über die Richtung verständigte. Yuste lehnte im Schatten gegen eine Hauswand, und Planchet wartete gleichmütig in einiger Entfernung. Sie hätte gerne mit ihm gesprochen, aber er schien sich abzusondern, als ob er Vertraulichkeiten nicht schätzte. Sein langes, schlichtes Gesicht war verwittert und dunkel wie Leder; sie fragte sich, ob er daran gewöhnt war, im Hause zu dienen, wie er es im Moment tat. Während Cluny sie durch eine enge Gasse zwischen zwei hohen Häuserreihen führte, deren Wände mit safrangelber Farbe getüncht waren, ließ sie sich zurückfallen, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Sie redete ihn in Franj an. »Ein angenehmer Tag, nicht wahr, Monsieur Planchet?«, sagte sie. Planchet sah sie an, als ob sie verrückt geworden wäre. »Ich würde es nicht gerade angenehm nennen, wenn Angehörige im Laufe der Nacht verschwinden, Madame«, antwortete er. Er hatte Recht, und Yuste fühlte mit einem Schlag die Dummheit ihres leichten Plaudertons. Sie spürte ebenfalls die Zurückweisung, doch sie war entschlossen, nicht aufzugeben. »Ist es wahr, dass Sie aus der Burg von Ademar stammen, Monsieur?«, fragte sie. Planchet sah sie nicht an. »Ich habe Monsieur le Bâtard gedient, seit er entwöhnt wurde«, sagte er. »Ich bin sein Leibdiener. Aber es gibt keinerlei Veranlassung, mich mit seltsamen Namen anzusprechen, Madame. Ich bin Planchet.« »Dann solltest du mich auch nicht Madame nennen, Planchet, denn ich entstamme keinem Adelsgeschlecht. Ich bin eine Wanderin und wir führen in der Gesellschaft keine Titel.« Planchet blickte unbeirrt geradeaus, sein Gesicht war ausdruckslos. »Mein alter Herr, der Doyen von Ademar, hat Wanderer verbrannt«, sagte er. »Aber Seigneur Cluny ist nun mein einziger Herr.« Yuste war sich nicht sicher, was sie von dieser Aussage halten sollte, aber sie fühlte sich ein wenig ermutigt davon, so barsch die Erwiderung auch gekommen war. Daher sagte sie unwillkürlich: »Was für ein Glück für uns, dass niemand in Masalyar davon spricht, Wanderer zu verbrennen. Sie haben die alten Luxusgesetze wieder
eingeführt, und wir müssen sie beachten.« »Wir alle leben unter dem Gesetz Neustrias«, sagte Planchet, und Yuste vermutete, dass sie nicht mehr aus ihm herausbekommen würde. Mit einer kleinen Verbeugung machte sie sich auf den Weg, um sich zu Boris und Cluny zu gesellen, die sich wieder einmal am Ende der Straße besprachen. »Das war die Ruelle Amboise«, sagte Cluny gerade. »Ich bin ziemlich sicher, dass es in dieser Richtung zur Source Vergey geht. Es ist nur ein kurzer Weg von den Grasniederungen am Fluss aus.« »Das alles scheint mir ein bisschen übertrieben, wenn Malchik einfach nur zum Fluss hätte gehen wollen«, sagte Boris. »Oh, er wäre einfach geradewegs zur Brücke gegangen«, sagte Cluny. Yuste war klar, dass Boris ihn nervös machte. »Es gibt einen Pfad, der von hier aus direkt zu den Anlegeplätzen führt. Der Pfad zur Source Vergey ist auf der anderen Seite des Ufers.« »Und du meinst, wir werden die Roma an der Source Vergey antreffen?« Cluny nickte mehrmals eifrig. »Der Stadtrat verbietet ihnen, ihr Lager in den Flussniederungen aufzuschlagen. Und ich breche die Regeln des Colleges, wenn ich sie besuchen will. Genauso wie Malchik.« »Wenn ich mich nicht irre, dann hat Malchik jetzt ganz andere Sorgen als die Collegeregeln«, bemerkte Boris und hob die Augenbrauen. »Beachte ihn nicht, Cluny«, sagte Yuste. »Führ uns zu den Anlegeplätzen. Wenn es Schwierigkeiten gibt, werden Boris Andreyevich und ich ein gutes Wort für dich einlegen.« Cluny lächelte ihr dankbar zu und schritt auf dem offenen Steinweg entlang, der die Ruelle Amboise kreuzte. Aus dem Weg wurde ein breitgetretener Schlammpfad, der zwischen einigen zusammengefallenen Gebäuden entlangführte, doch dem Rauch nach zu urteilen, der aus den Schornsteinen aufstieg, waren die Häuser nicht verlassen. Wäsche hing zum Trocknen in den Büschen der überwu-
cherten Gärten, und Yuste hörte das Gegacker von Hühnern, als sie an den Vorgärten einbogen. Sie raffte ihren Rock, damit er nicht im Schmutz schleifte, und sann wie so häufig darüber nach, dass sie Annats freizügigeren Kleidungsstil hätte übernehmen sollen. Mit Unterröcken und ihren sonstigen Röcken ausstaffiert, fühlte sie sich wie ein Schlachtschiff. Cluny eilte den gewundenen Pfad entlang; vor ihnen erspähte Yuste das blaue Band des Flusses. Plötzlich ertönte vom Hof her ein mächtiger Lärm, denn die Hennen begannen zu gackern und zu gurren, als ob ein Fuchs zwischen ihnen wüten würde. Yuste blieb stehen und fühlte einen kalten Schatten auf ihr Herz drücken. Am Himmel war eine Verdunkelung zu sehen, die nicht die Gestalt der vorüberziehenden Wolke hatte, sondern die aus einer Vielzahl dunkler Flügel und schriller, im Gleichklang kreischender Stimmen bestand. Kaum dass Annat den Spiegel betreten hatte, hörte sie ein Geräusch wie eine zuschlagende Tür hinter sich. Sie versuchte sich umzudrehen, doch sie fand sich von Dunkelheit umgeben wieder, vorwärts getrieben, gezogen von einer Kraft, die mächtiger war als ein Magnet. Sie konnte nichts erkennen, und die einzige Empfindung war die von Geschwindigkeit. Sie schlug die Arme vors Gesicht, als wolle sie sich vor einem Aufprall schützen, denn es war beängstigend, durch eine Leere zu wirbeln, ohne auch nur das Gefühl von Wind im Gesicht zu spüren, der sie trösten könnte. Keine der Reisen, die sie in die Schamanenwelt unternommen hatte, hatte so begonnen; es war, als ob ein mächtiger Wille sie gepackt hatte und sie nun einem unbekannten Ziel entgegenzerrte. Annat kämpfte darum, ihre eigenen Fähigkeiten einsetzen zu können, doch sie schienen in ihr eingefroren zu sein wie winzige Funken, die sie zu keinem Feuer schüren konnte. Dann durchschnitt sie ein Gefühl der Panik wie ein Messer, denn sie verlor jedes Gespür für sich selbst. Ihr Körper schien seine Begrenzungen zu spren-
gen, und Teile der Dunkelheit durchdrangen sie, als ob sie in Fragmente zerfiel. Nur die nassen Tränen auf ihrem Gesicht sagten ihr, dass sie noch immer eins war, eine Gestalt, die von der Leere begrenzt wurde. Sie presste die Hände auf ihr Gesicht, um die Nässe zu spüren, und leckte an ihren Fingerspitzen, um das Salz zu schmecken. Das Salz des Meeres, das Grab ihrer Mutter, sein brennender Geschmack auf ihrer Zunge brachte ihr ihren Mut zurück. Sie breitete die Arme aus und umhüllte sich selbst mit ihnen, um wie ein Vogel durch den Schatten zu gleiten. Wenn sie fliegen könnte, wäre sie nicht länger ein Opfer, das gegen seinen Willen durch die vorbeirasende Stille befördert werden konnte. Die Macht schnellte wie ein Gummiband, das bis an seine Grenzen gespannt war, zurück, und Annat wurde nach vorne geschleudert, bis sie der Länge nach zu Boden fiel. Ihre Hände federten den Sturz ab, als sie auf glattem Stein aufschlug, und sie blieb atemlos liegen, wo sie hingefallen war. Einige Augenblicke lang war sie zu durchgerüttelt, als dass sie sich aufrichten konnte; ein klingelndes Geräusch toste in ihren Ohren, das langsam verging und in Gelächter überging. Ihr Haar hatte sich gelöst, und nachdem sie sich mit schmerzenden Knochen aufgesetzt hatte, strich sie es sich ungeduldig aus dem Gesicht. Sie befand sich in einem runden Raum, glatt wie eine Muschel und schwarz wie Onyx. Ihr gegenüber stand ein mannshoher Spiegel mit einem vergoldeten Gipsrahmen; daneben war die dunkle Gestalt eines untersetzten Mannes zu erkennen, der sie mit einem verächtlichen Lächeln beobachtete. Annat setzte sich auf die Fersen und rieb ihre Handflächen an ihrem Rock. Sie hielt es nicht für klug, ihre Kräfte einzusetzen; falls ihr Gegenüber ein Schamane war, verfügte er über weitaus stärkere Kräfte als alle, von denen sie wusste. Seine Haut war dunkel und golden, seine Augen von einem satten Braun, sein Gesicht wurde von einem Bart und langem, strähnigem Haar eingerahmt. Ein Gesicht wie das eines Eikons, prächtig wie die emaillierten Mosaike der Mönchsheiligen in einem Tempel der Doxoi; doch sein Lächeln
passte nicht zur nüchternen Würde derer Gesichtszüge. »Zdrasvuytye, Gospodina!«, begrüßte er sie in Sklav. Sie erkannte den einheimischen Akzent, der sich leicht von ihrem eigenen unterschied. Annat erhob sich langsam und richtete ihre Röcke. Er war ein Schamane, da war sie sich sicher, doch etwas Seltsames lag in der Signatur seiner Macht. Er hatte nicht versucht, es vor ihr zu verbergen; es schien seltsam verzerrt, wie ein Licht, das von einem Prisma eingefangen und gebrochen wird. Er war zweifellos mächtig, doch mit keiner außergewöhnlichen Stärke ausgestattet, die die Macht erklären könnte, welche sie hierher gezogen hatte. »Wer sind Sie, Mister?«, fragte sie, während sie ihren Körper anspannte. Sie war sich nicht sicher, ob ihre eigenen Mächte auf ihre Anrufung hören würden. Sie bog die Finger und spürte den schwachen, erstickten Funken in ihrem Inneren. Dieser Mann hatte ihre Fähigkeiten beschnitten, ihre inneren Feuer zum Erlöschen gebracht. Er durfte nicht wissen, dass sie Angst hatte. Er hatte sein Kinn in die Hand gestützt und sah sie an. »Du musst Annat Vasilyevich sein«, sagte er. Sie behielt ihre Gefühle wohlverborgen in ihrer Faust. Sie musste ihn daran hindern, in ihr zu lesen, ihre Gedanken und Gefühle herauszuschaben und sie wie Fleischstückchen zu untersuchen. Er wollte ein Spiel spielen, bei dem er die Regeln vorgab. »Sie haben mich hierher gebracht, Mister«, sagte sie. »Sie wissen, warum.« »Ich habe dich hierher gebracht, damit du deinem Bruder Gesellschaft leisten kannst, kleine Schamanin. Ich brauche ein Paar.« Noch vor gar nicht langer Zeit hätte Annat den Namen ihres Bruders herausgeschrien und verlangt, dass sie augenblicklich zu ihm geführt würde. Der Wunsch danach stieg in ihr auf, doch die Lehren ihres Vaters halfen ihr dabei, ihn zu zügeln. »Ich habe ihn im Spiegel gesehen«, sagte sie. »Er rief nach mir, damit ich ihm zu Hilfe komme.« »Ich dachte, das würde dich hierher bringen«, sagte der Schamane. »Ich hatte ihn den Spiegel finden lassen. Unschuldig, wie er ist,
tat er genau das, was ich wollte.« Annat verschränkte die Arme vor der Brust. »Das scheint viel Aufwand zu sein, um zwei Rebjata zu fassen«, sagte sie. »Ihr Wunsch, uns in Ihre Macht zu bringen, scheint sehr dringlich gewesen zu sein.« »So siehst du dich selbst? Als ein Kind?«, fragte er. »Ich sehe eine Frau und eine mächtige Schamanin. Wenngleich natürlich keine meiner Klasse. Du hast Glück, denn mein Herr sucht das Herz eines mächtigen Schamanen. Deines wäre nicht stark genug.« »Das Herz eines mächtigen Schamanen. Wofür benötigt er es?« »Er will es, aber ich brauche es. Ich habe die … Ingredienzien für ein großes magisches Werk zusammengetragen. Folge mir, ich will, dass du jemanden triffst.« Er versuchte nicht, ihr seinen Willen aufzuzwingen, doch Annat wusste, dass es unklug wäre, Widerstand zu leisten. Sie folgte ihm in den Raum hinter dem Spiegel, wo ein sorgfältig behauener Tunnel, glatt wie das Loch eines Regenwurms, aus dem runden Raum in einen anderen, helleren führte. Immer wieder blickte er über seine Schulter, um sich zu vergewissern, dass sie ihm folgte, und seine Augen blitzten vor kaltem Vergnügen. Das Glitzern der neuen Kammer überraschte sie. Ihre Kristallwände fingen das Licht ein und streuten es. Es fiel durch ein Loch in der Decke hinein, einem unregelmäßigen Luftschacht, der in den Fels gehauen war. Regenbogen krümmten sich, schimmerten auf dem Fußboden und malten Farbbänder auf dessen bleigrauer Oberfläche. Einen Augenblick lang war sie von dem Strahlen geblendet, von den Schwertern und Speeren aus Licht, die sich überschnitten und kreuzten und die Schatten zerteilten. Er wandte sich zu ihr um wie ein Magier, der ein Band farbenprächtiger Tücher hervorzieht. »Dies ist das Kristallzimmer«, sagte er, und sie hörte, wie ihr Bruder ihren Namen rief. Sie legte die Hand über die Augen und sah zwei Gestalten im Schatten, auf welche Lichtstreifen fielen. Dann trat Malchik aus dem Farbreigen heraus und drückte sie an sich. Die Kraft der Umarmung überraschte sie; ihr Gesicht war gegen
den Kordstoff an seiner Brust gepresst, und sie breitete ebenfalls die Arme aus, um ihn zu umschlingen. Der altbekannte Geruch seiner Kleidung, die Stärke in seinem Kragen, der bittersüße Duft seines Rasierwassers – das alles ließ sie mit einem vertrauten Gefühl ihren Bruder spüren, der gleichzeitig schwächer und stärker als sie war. »Rührend«, ertönte die Stimme des Fremden, hell und trocken. Als Malchik sie losließ, sah sie sein blasses Gesicht mit den zwei Tage alten weichen Stoppeln, die er als Bart bezeichnete. Wenn er doch nur senden könnte; es gab so vieles, was er ihr bereits hätte mitteilen können! Seine braunen Augen hinter den Gläsern betrachteten sie besorgt. Er ließ seine Hand auf ihrer Schulter ruhen, drehte sich zu dem Fremden um und sagte: »Sag uns lieber, was du willst. Nun, wo du uns beide hast.« »Deine Schwester will doch sicher einen alten Freund begrüßen«, sagte der Schamane und schob eine zweite Gestalt aus dem Spiel von Licht und Schatten hervor. Als sich Malchiks Griff an ihrer Schulter verstärkte, versuchte Annat, sich gegen ein plötzliches Schwindelgefühl zu wappnen. Benommen und voller Übelkeit weigerte sie sich zu glauben, dass der Mann derjenige war, der er zu sein schien. Sie lehnte sich gegen ihren Bruder und spürte, wie ihre Sinne von dem meerkalten Blick überschwemmt wurden, der sie über Eis und Tod hinweg suchte, um sie zu verwunden. Er war noch immer groß, doch seine breite Gestalt schien in sich zusammengesunken zu sein. Sein Gesicht hatte die Blässe verfaulenden Fisches, und seine Augen mit dem gelblichen Stich waren tief in ihre Höhlen gesunken. Er sah nicht wie ein toter Mann aus, sondern wie einer, der zu lange unter der Erdoberfläche gefangen gehalten worden war, wohin nie ein Sonnenstrahl drang. »Erkennst du mich nicht wieder, Annat?«, fragte er mit einer seltsamen, heiseren Stimme, die so lange nicht benutzt worden war, dass sie rostig klang. »Sarl«, sagte sie. Ihn mit seinem Namen anzusprechen schien nicht auszureichen. Obgleich sie ihn vor vier Jahren hatte sterben
sehen, stand er nun vor ihr, nicht als ein verfallender Leichnam, sondern als irgendetwas Lebendiges. Sie holte tief Luft, weniger aus Furcht, sondern vielmehr, weil ihre Sinne Anstoß an diesem unnatürlichen Geschehen nahmen und weil sie angewidert davon waren. Nun war ihr klar, warum die ganze Welt aus den Angeln gehoben zu sein schien, seitdem sie die Krähen gesehen hatte, die über Masalyar kreisten. Sie bildeten den äußeren Rand von Sarls Schatten, dem Schatten von Ademar, der wie der Zeiger einer Sonnenuhr über den Süden fiel. »Ich habe ihn ins Leben zurückgeholt«, sagte der andere mit seiner entsetzlichen, selbstgefälligen Stimme. »Er lebt, doch nur für neunzig Tage. Um ihn über der Erde zu halten, bedarf es zweier Seelen und des Herzens eines mächtigen Schamanen.« »Du willst unsere Seelen«, sagte Annat sanft. Sie empfand keinen großen Zorn oder auch nur angemessene Furcht. Ihr Geist arbeitete, getrieben von Gedanken, wie ihnen eine Flucht gelingen könnte. »Eure Seelen sind ausdrücklich von meinem Auftraggeber benannt worden. Ihr braucht nicht zu befürchten, dass ich sie jetzt sofort benötige. Das Herz und die Seelen müssen zusammen genommen werden, und bedauerlicherweise befindet sich das Herz noch nicht in meinem Besitz. Ein Mangel, den ich sehr bald behoben haben werde.« »Du solltest dein Versprechen besser halten, Magus«, sagte Sarl. »Oder dein eigenes Herz wird dem Zwecke dienlich sein.« Der Mann tat so, als habe er diese Worte nicht gehört. »Mein Auftraggeber, der Doyen von Ademar, hat mir klare Anweisungen gegeben«, fuhr er fort. »Ich muss nach dem mächtigsten Schamanen von Neustria suchen. Und nach eurem Vater, Yuda Vasilyevich. Der Zufall will, dass die beiden ein und derselbe sind.« Und wieder schluckte Annat ihren Schrei des Protestes und des Widerstandes hinunter. Sie blickte zu Malchik empor, und der Blick aus seinen braunen Augen umschmeichelte sie wie Honig. Auch er war stärker geworden, seit sie gemeinsam durch ein Schamanenland gereist waren.
»Ich glaube nicht, dass mein Vater eine so leichte Beute sein wird«, sagte er. Der Magus zuckte die Achseln. »Ob es leicht ist oder schwer, ich werde ihn in jedem Fall fassen«, sagte er. »Und ihr werdet hier auf meine Rückkehr warten. Ich habe für all eure Bedürfnisse gesorgt – nur nicht für die, die eure Flucht betreffen. Ihr werdet feststellen, dass ihr diesen Berg nicht verlassen könnt. Es ist leicht, hierher zu gelangen, doch viel schwerer, wieder zu verschwinden.« Es gab nichts, was sie darauf hätten erwidern können. Sie sahen ihn an, der Magus machte mit seiner Hand auf der Brust eine Verbeugung in ihre Richtung – dieses Mal ohne ein Lächeln – und bedeutete Sarl, ihm aus dem Raum zu folgen. Weder Malchik noch Annat machten den Versuch, sie daran zu hindern, doch sie wandten sich um, damit sie ihnen zusehen konnten, wie sie den Gang betraten, der zu dem Raum mit dem Spiegel führte. Als Sarl an ihnen vorüberging, warf er ihnen ein freudloses Lächeln zu, das die meisten seiner Zähne und seinen gelblichen Gaumen entblößte. Er hatte einen schlurfenden Gang, an den sie sich nicht erinnerten, als ob er nicht genügend Kraft hätte, seine große Gestalt aufrecht zu halten. Auf seine Art war das beängstigender als seine frühere Stärke, denn sie weckte ein gewisses Mitleid mit ihm. Sie beobachteten die große, gebeugte Gestalt, wie sie dem Magus außer Sichtweite folgte, und als sie verschwunden waren, wurde Annat von einem kleinen Schauer überfallen. Die Dinge liefen nicht gerade so, wie sie Semyon geplant hatte. Es stimmte, er hatte den Erben des alten Mannes von den Toten zurückgeholt und die beiden Wanderer mit einer Leichtigkeit gefangen, die ihn selbst überraschte. Die Spiegel funktionierten zu seiner Zufriedenheit und machten es ihm möglich zu reisen, ohne den ermüdenden Bedarf an Pferden, und ohne lange Strecken zurücklegen zu müssen. Er hatte Großtaten vollbracht, die ihm, wenn er erstmal an den Hof des Staryetz zurückgekehrt war, Ruhm und Reichtum
einbringen würden. Alles, was er begehrte. Er hatte Pläne und Intrigen geschmiedet, doch das Einzige, womit er nicht gerechnet hatte, war der Charakter des Erben selbst. Er konnte das geräuschvolle Atmen Sarls in der nahen Dunkelheit des Spiegels hören. Als Semyon ihn hatte auferstehen lassen, hatte er Dankbarkeit erwartet oder wenigstens einen Charakter wie den des Doyens, welcher von frommem Wahn verblendet war. Sarl jedenfalls hatte ihm schnell deutlich gemacht, dass er weder naiv noch fügsam war. Obgleich sein Körper nicht mehr über die gleiche Stärke wie zu Lebzeiten verfügte, waren sein Geist und seine Schamanenfähigkeiten scharf und mächtig, und er hatte sofort bemerkt, was Semyon verbergen musste, nämlich, dass sein eigenes Herz gute Dienste erweisen würde, um die Magie zu vollbringen, welche Sarls Anwesenheit in der Welt sichern würde. Er wusste das und schien es zu genießen, Semyon daran zu erinnern, als müsse er den mächtigen Magus, der ihm sein Leben zurückgegeben hatte, mit dessen eigener Sterblichkeit beschämen. Semyon schirmte seine Gedanken sorgfältig ab und knirschte mit den Zähnen. Dieser halbtote Sprössling eines niederen Herrschers würde ihn nicht bedrohen! Seine Fähigkeiten konnten in nur einem Augenblick das Lächeln aus dem Gesicht dieses Emporkömmlings peitschen, den Körper wieder zu Staub werden lassen und die Seele in die Hölle schicken. Er hatte darum gerungen, seinen Geist Sarl nicht zu offenbaren, und hatte so versucht, sich mit dem verborgenen Wissen um die Kräfte, die er beherrschte, zu trösten. Er hatte bei den rohen Drohungen gelächelt und gelacht, doch das Beschämende war, dass sie ihn nervös machten. Er konnte nicht glauben, dass Sarl diese Worte nur ausstoßen, sie jedoch nicht in die Tat umsetzen würde. Sie traten aus dem Spiegel heraus in das kühle, durch den Fensterflügel gefilterte Licht der Burg. Unwillkürlich seufzte Semyon und entspannte sich, als ob er eine Prüfung bestanden hätte. Er eilte durch den Raum, um sich davon zu überzeugen, dass sich niemand an seinen Koffern zu schaffen gemacht hatte. Er war nicht so tö-
richt, sie in Sarlss Gegenwart zu öffnen, denn es war besser, den Anschein des Geheimnisvollen zu wahren, doch als er sie berührte, konnte er ihre Inhalte spüren, die reglos darauf warteten, dass er sie wieder freisetzte. Er kehrte Sarl nicht lange den Rücken zu. Etwas zu rasch schnellte er empor, nur um festzustellen, dass der Erbe aus den grün gefärbten Fenstern auf die Welt hinunterstarrte, auf die er erst vor kurzem zurückgekehrt war. »Hast du bei all deinen Reisen jemals der Hölle einen Besuch abgestattet, Magus?«, fragte er ruhig. Semyon mochte diese Art von Fragen nicht. Etwas zu bestreiten wäre ein Eingeständnis der Grenzen seiner Macht, doch es wäre eine Schwäche zu lügen. »Die Lebenden betreten die Hölle nicht. Nicht einmal solche wie ich«, sagte er und ließ sich beim Regal mit den Koffern rechts und links von sich auf dem Stuhl nieder. »Du lügst«, sagte Sarl und drehte sich geschmeidig um. Er hatte seine Selbstsicherheit nicht verloren, auch wenn seine Glieder nicht immer seinem Befehl gehorchten. »Ich habe Schamanen in der Hölle gesehen.« Die Neugier gewann die Oberhand über Semyons Bedürfnis, seine Unwissenheit zu verstecken. Er verspürte eine Art Hunger danach, von der schlimmsten aller Welten zu hören. Er hatte geglaubt, sie sei ein Mythos oder ein Ort, den Schamanen auf keinem Weg, der ihm bekannt war, betreten konnten. »Erzähl mir davon«, sagte er und beugte sich vor. »Warum sollte ich dir deine Wünsche erfüllen? Im Übrigen ist es verboten, darüber zu sprechen«, sagte Sarl und lächelte, als er geendet hatte. Semyon reizte es, dieses Lächeln wegzublasen, das ihn mit seinem überlegenen Wissen verhöhnte. Er konnte zwischen den Welten reisen, er hatte eine solche Welt sogar in seinem Besitz, doch er konnte die Geheimnisse des Todes nicht enthüllen. »Viele Männer schwören, dass es einen solchen Ort gar nicht gibt. Und kein Paradies«, sagte er. Er fühlte sich wie ein Junge, ein kleiner Bursche, der von einem älteren gehänselt wurde. Er erinnerte
sich an die brennenden Demütigungen unter Kaschai, der Unkenntnis und Erfolg gleichermaßen verhöhnte. Sarl legte seine Hand auf die Fensterscheibe. »Ich kann nicht fürs Paradies sprechen. Aber ich sah die Hölle«, sagte er und spähte in die Ferne, als ob sich vor seinen Augen ein Raum aufgetan hätte. »Aber ich habe dich zurückgebracht«, sagte Semyon und hätte sich auf die Zunge beißen können, als er den flehenden Ton in seiner Stimme hörte. Sarl verschränkte die Arme vor seiner Brust. »Ich hoffe, mein Vater bezahlt dich gut«, sagte er gefühllos. »Meine Belohnung wird sich nicht in Münzen berechnen lassen«, sagte Semyon und versuchte, die Echtheit seiner Worte auch zu spüren. »Jeder Mann hat seinen Preis«, sagte Sarl. »Es muss kein Geld sein. Aber gib nicht vor, meinem Vater aus Liebe zu dienen, du, ein Fremder.« »Ich gehorche meinem Herrn, dem Staryetz, der mir befohlen hat, deinem Vater in dieser großen Angelegenheit zu helfen.« Sarl wandte sich wieder zum Fenster um, als würden ihn diese Beteuerungen nicht interessieren. »Die große Angelegenheit meines Vaters«, sagte er. »Er marschiert in Richtung Süden, und ich bin nicht dort, um wie ein Mann an seiner Seite zu reiten.« »Deine Zeit ist begrenzt«, sagte Semyon und hoffte, dass Sarl nicht bemerken würde, wie viel Freude ihm diese Worte machten. »Wir müssen diesen Vasilyevich finden und ihn zum Berg bringen. Dann, wenn alles vollbracht ist, wirst du davonreiten, um dich deinem Vater und seinen Kriegern anzuschließen, und meine Arbeit wird vollbracht sein.« »Vasilyevich«, sagte Sarl und ließ das Wort über seine Zunge rollen, wie es Semyon getan hatte. »Er war mir ausgeliefert. Ich hatte ihn abgeschlachtet, doch er hat überlebt, während meine Knochen unter der Erde vermoderten.« »Dann wirst du jetzt Rache nehmen!«, sagte Semyon. »Genau, wie es dein Vater wünscht. Du wirst ihn sterben sehen, und sein Herz
wird dir dein Leben zurückgeben.« »Du begreifst nichts, Magus. Er ist meine Hölle«, sagte Sarl. Semyon konnte nicht verstehen, wie sein Versprechen dieses Monster, das er aus der Erde geholt und dem er mit Zaubersprüchen wieder Leben eingehaucht hatte, nicht zufrieden stellen konnte. Die feuchte Muttererde hatte den Leichnam freigegeben, und er hatte die Seele über Welten und Zeit hinweg herbeigerufen, um sie zusammenzustricken, damit so etwas wie ein Mann entstehe. Ein Schamane, der seine innersten Gedanken vor Semyon verbergen und der sogar die Tatsache verstecken konnte, dass er ein Schamane war. Semyon hatte von solchen Kreaturen gehört, doch als er Sarl erweckt hatte, war ihm nicht bewusst gewesen, dass er so jemanden ins Leben bringen würde. Die Stille, die Abwesenheit von Macht, summte wie eine Tretmühle und ging ihm auf die Nerven. Nicht einmal der grolle Kaschai konnte seine Macht vor seinen Untergebenen verbergen – aber er hätte es auch nicht versucht. »Deine animalischen Sinne sind schwach, Gospodin. Wenigstens kannst du die Freuden des Fleisches spüren, die dir so lange vorenthalten waren.« »Sie bereiten mir keine Freuden«, sagte Sarl. »Essen ist Staub und Wein ist Spülwasser. Ich verspüre nicht die Lust eines lebenden Mannes. Mein Körper ist eine Schale, und mein Herz ist verrottet. Wenn du dein Versprechen nicht hältst, Magus, werde ich dir das deinige herausreißen und mir zwei Seelen nach meinem Geschmack suchen, die meinem Wunsch dienlich sind.« Ein plötzliches Pochen an der Tür ließ Semyon zusammenfahren. Er war sich sicher, dass Sarl es bemerkt haben musste. Er schwitzte und spürte, wie seine Hände zitterten. Nichts und niemand hatte jemals solch jämmerliche Furcht in ihm hervorgebracht. Mit hoher, angespannter Stimme hieß er den Besucher eintreten; die Tür öffnete sich, und Sarls jüngere Schwester Huldis tauchte auf. Semyon entspannte sich und sank wie ein nasser Sack in sich zusammen. Groß und schlank geisterte die junge Frau durch das Schloss wie der Schatten einer Birke. Nur selten sprach sie oder hob den Blick,
doch bei ihrem Anblick spürte Semyon, wie sein Glied auf angenehme Weise zum Leben erwachte. Wie immer lagen Lust und Tod nahe beieinander. Es reizte ihn, seine Hand unter die Röcke dieses langen, züchtigen Kleides gleiten zu lassen und die glatten Oberschenkel zu liebkosen. Er leckte sich die Lippen, als ob sich ihm ein üppiges Mahl nach langem Darben präsentierte, und nannte ihren Namen. »Mon Seigneur«, sagte Huldis. Silbriges Haar kräuselte sich um ihren Kopf und flutete ihren Rücken hinab. Semyon hatte die Farbe ihrer Augen nicht wirklich sehen können, doch er nahm an, dass sie blau waren, eine Farbe, die selten in der Natur vorkam und deshalb umso wertvoller war. Einen Augenblick lang hatte er Sarl beinahe vergessen. Der Erbe schritt durch den Raum, um seine Schwester zu begrüßen, die dagegen ankämpfte, vor seiner Berührung zurückzuschrecken. »Jean«, sagte sie mit farbloser Stimme. »Du bist zurück.« Sarl streckte die Arme aus, als wolle er sie an sich ziehen, doch seine Hände berührten sie nicht. Semyon fragte sich, ob dieses Mädchen seine Schwäche war, etwas, das er später gegen ihn verwenden konnte. »Gibt es eine Nachricht von meinem Vater?«, fragte Sarl. Der Ton, als er mit seiner Schwester sprach, unterschied sich völlig von jenem, mit dem er Semyon anredete. Die Gewalt und die kalte Gleichgültigkeit waren zurückgedrängt, als befürchte er, die zerbrechliche Gestalt zu verletzen. Semyon bemerkte ihren flackernden Blick, als sie hinauf in das Gesicht ihres Bruders blickte und sich darum bemühte, nicht vor ihm zu erschaudern. Es war wenig überraschend, dass die halbtote Kreatur, die den Platz eines lebenden Mannes eingenommen hatte, sie abstieß. Semyon bewunderte das Zartgefühl, mit dem sie ihre Empfindungen zu verbergen versuchte. Sie war anspruchsvoll, und er würde es genießen, wenn sie vor ihm zurückwich, weil er sie am Arm packte, um ihr die rauen Geheimnisse der Lust beizubringen. Er stützte sich
auf eine Stuhllehne und beobachtete Bruder und Schwester. »Er hat Mont Eldemar eingenommen, und er marschiert Richtung Süden«, sagte sie und konnte Sarls Blick nicht standhalten. »Lass mich mit dir kommen, Sarl. Es ängstigt mich, allein zurückzubleiben. Es gibt zu viele Geister hier.« Sarl berührte ihr Gesicht, umhüllte es mit einer Zärtlichkeit, die Semyon unwillkürlich schaudern ließ. »Aber kannst du es ertragen, mit diesem Geist zu reisen, Huldis?«, fragte er. Sie versuchte, ihn anzulächeln. Ihr Mund verformte sich zu einem Lächeln, doch es war schief und verzerrt von anderen Gefühlen. »Ich will dir helfen, Jean. Ich will dich wieder ganz sehen, so wie du einmal warst.« »Du weißt, was zu tun ist, damit ich wieder ganz bin?«, fragte er. »Das weiß ich.« »Es wird drei Leben kosten«, sagte Sarl. »Die Leben von Menschen, die dabei geholfen haben, dich zu uns zurückzubringen, Huldis. Mein Vater mag dies vergessen haben, aber ich kann das nicht. Er hat sie ausgewählt. Es war nicht ich.« »Er will Rache für deinen Tod«, sagte Huldis. »Das verwirrt mich«, sagte Sarl. »Wozu braucht er Rache, wenn er mich an seiner Seite haben wird, in Körper und Seele? Ein Mann hat mich im Kampf geschlagen. Ich hätte sein Leben ebenfalls beendet. In dieser Hinsicht nehmen wir uns beide nichts.« »Unser Vater hat darunter gelitten, dich verloren zu haben. Er hat oft mit mir darüber gesprochen, seitdem ich hierher kam. Er glaubt, dass Gerechtigkeit bedeutet, etwas in doppeltem Maße zu vergelten.« Semyon räusperte sich. Er hatte das Gefühl, lange genug dieser anrührenden Szene beigewohnt zu haben. Er wollte, dass sie sich rasch auf den Weg nach Yonar und mit den Gefangenen wieder zurück machten. Es belustigte ihn, dass Sarl offenbar Schwierigkeiten damit zu haben schien, den Mann zu töten, der ihn zerstört hatte. Der Gedanke, dass Sarl irgendwelche Skrupel haben könnte, war an sich unterhaltsam.
»Nimm das Mädchen mit, Gospodin«, sagte er. »Wir werden nicht lange brauchen.« Sarl wandte langsam seinen Kopf um und warf ihm aus seinen rot geränderten Augen einen entsetzlichen Blick zu. »Ich habe das Gespräch mit meiner Schwester noch nicht beendet, Magus«, sagte er. »Übe dich in Geduld, oder ich werde dir auch noch deine Zunge herausschneiden.« Mit einiger Überwindung legte Huldis eine ihrer langen Hände auf den Ärmelaufschlag ihres Bruders. »Es gibt keinen Grund, so harsch zu sprechen, Jean. Dieser Mann ist ein ehrenwerter Gast unseres Vaters und ein Gesandter.« Sarls Blick, der noch immer auf Semyon ruhte, zeigte unmissverständlich, was er über ihn dachte, doch er sagte laut: »Du musst mir vergeben, Huldis. Auch die Reise durch die Hölle hat meine Umgangsformen nicht vollendet. Wir sollten den Magus bei seiner Aufgabe begleiten, was mir ein Bedürfnis ist, jedoch wenig Freude in mir hervorruft.« Konnten Tote lügen? Semyon fragte sich das unwillkürlich. Er wusste nicht, ob er glauben sollte, dass Sarl seiner Schwester gegenüber ehrliche Zuneigung hegte, oder eher, dass er sie nutzte, um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Sarl versuchte nicht einmal, vor Semyon seinen Hunger nach einem neuen Leben zu verbergen, ungeachtet des Preises, den dies bedeutete; trotzdem hielt er daran fest zu betonen, dass er Vasilyevich, der ihn getötet hatte, nicht hasste. Die Schlichtheit dieser ausländischen Adligen war dem Magus fremd, der an die Unterschwelligkeiten und verborgenen Messer des Hofes in Sklava gewöhnt war. Dort war der Schein alles und das Vorgeben von Dingen wichtiger als die dahinter liegende Wahrheit. Jeder Höfling bildete sich etwas auf seine Künstlichkeit ein, denn ansonsten würde er rasch seines Standes beraubt und sich als schlichter Boyar wiederfinden. Semyon konnte sich einfach nicht vorstellen, wie der Staryetz dieses offene Sprechen des Doyen und seines Sohnes vergelten würde, es sei denn, er fände es amüsant. Vielleicht würde er mit seiner verschlagenen Seele eine verborgene
Untergründigkeit erahnen, die Semyon nicht zu entdecken vermochte. Wenigstens hatte er sich wieder etwas gesammelt. Einen Moment lang hatte er vor der Verachtung und dem Hass in diesen hellen Augen gezittert. Er hatte vergessen, wer er war und worüber er gebieten konnte. Er konnte nicht länger erwarten, diese Provinzler mit der Brillanz seiner Magie blenden zu können, doch es könnte ihm immer noch gelingen, Sarl daran zu erinnern, dass er ein nicht zu verachtender Gegner war. Nun, wo er begonnen hatte, die Schwäche des Erben zu erkunden, sammelte er das Wissen an, welches er später zu seinem Vorteil würde nutzen können. »Der Spiegel wartet auf uns. Mit seiner Hilfe sollten wir Yonar in wenigen Augenblicken erreichen; eine Reise, die uns sonst viele Tage kosten würde.« »Wie ist das möglich, Magus?«, fragte Huldis, und einen Moment lang fing er ein Flackern von etwas Unvertrautem in ihrem Blick auf, als könne sie eine Gefühlsregung nicht wirklich verbergen, doch er hatte keine Ahnung, was das für eine sein mochte. »Ich kann durch den Spiegel gehen und durch den dahinter liegenden Raum reisen, um uns sicher aus einem anderen Spiegel in Yonar herauszubringen. Ich habe bereits hindurchgeblickt, um die Spiegel in der Stadt zu prüfen, und habe einen gefunden, der unseren Bedürfnissen genügt. Falls jemand das Unglück hat, uns zu stören, wird er umkommen.« Er streckte seine Hand aus und fragte sich, ob er es wagen sollte, ihr seinen Willen aufzuzwingen, sodass sie sie ergriff. Jedoch nicht in Sarls Gegenwart, entschied er, ließ aber seinen Blick auf ihrem Gesicht ruhen, bis sie wegsah. Er musste sie an seine Flamme ziehen, diese zarte Motte – oder war sie eine Biene, die vom Honig angezogen wurde? Er hatte jede Menge Frauen gehabt, von Prinzessinnen bis zu Spülmädchen, auch wenn wenig Kraft genügte, um Letztere gefügig zu machen. Er wusste, dass er ihnen Vergnügen bereitete, auch wenn sie schrien und ihre Tugendhaftigkeit verteidigten. Doch er wollte seine Lust auf diese perfekte Blume nicht durch
einen Zauber beschmutzen. Er würde auf sie einwirken, bis sie aus freien Stücken zu ihm kam.
Kapitel 6
H
inter dem Fluss führte ein ausgetretener Pfad durch die Flussniederung zu einigen flachen Hügeln, die von Wäldchen gesäumt waren. Auf beiden Seiten des Weges waren die Felder von schlangenköpfigen Kaiserkronen übersät, deren kleine Blüten in der Entfernung zu einer lilafarbenen Decke verschmolzen. Yuste liebte diese seltenen Blumen, und sie in einem solchen Überfluss zu sehen, wäre ihr normalerweise Anlass genug, herumzutrödeln und die Muster zu betrachten, die sie auf dem morastigen Boden bildeten; doch über ihren Köpfen am Himmel zeigte sich ein anderes Muster, das durch die Bewegung von Krähen hervorgebracht wurde, die dort kreisten und im Takt hinabstießen wie Stare vor dem Sonnenuntergang. Doch statt der tschilpenden Stimmen der Stare erhoben diese größeren Gesellen ein seelenloses Gekrächze, bei dem ein Vogel zum Echo des anderen wurde. Sie schienen ziellos zu fliegen, doch ihre Anwesenheit hing bedeutungsschwer über Yuste. Jeder in der Gruppe hatte die Erscheinung bemerkt. Cluny und Planchet hatten sich leise besprochen und zum Himmel emporgeblickt, und Boris hatte sie am Ärmel berührt und gefragt: »Sind sie das?« Nun eilten sie weiter, denn sie sehnten sich danach, die Deckung zu erreichen, die die Bäume bieten würden, auch wenn Yuste bezweifelte, dass die Krähen ausgesandt worden waren, um sie zu beobachten. Ihre Anwesenheit war eine Botschaft; eine, deren Bedeutung sie noch nicht entschlüsseln konnte. Sie versuchte, ihre Gedanken auf die Roma zu konzentrieren. Manche mochten zwar sagen, dass sie mit den Wanderern verwandt
waren, doch tatsächlich hatten die beiden Gruppen nur wenige Berührungspunkte. Die Roma lebten auf der Straße und reisten in ihren Wagenkolonnen. Für einige Tage oder Wochen ließen sie sich außerhalb der Städte nieder, waren jedoch selten willkommen. Das Exil der Wanderer war von anderer Art; sie waren in den Städten und Dörfern ansässig und lebten als Fremde unter ihren Nachbarn. In allen Ländern des alten Imperiums war Doxa die Staatsreligion, und die Wanderer waren ungeladene Gäste. Yuste fiel kein Land ein, in dem sie unter ihrem richtigen Namen, Ya-udi, bekannt waren und ohne Beschränkungen leben konnten. Und doch wurden sie – anders als die Roma – nur selten verfolgt, aus ihren Häusern gejagt oder getötet. Sie wussten, dass sie nicht sicher waren, doch die Bedrohung wurde zurückgehalten und hinter dem falschen Lächeln des alltäglichen Lebens verborgen. Die Roma mussten jeden Tag mit Anfeindungen klarkommen, mit Worten, die zu Schlägen wurden, und mit der Feindseligkeit der Bürgervorsteher. All diese Dinge machten sie misstrauisch gegenüber Fremden, und Yuste sah keinen Grund, warum sie sie selbst oder ihre Freunde willkommen heißen sollten. Sie näherten sich dem Waldrand. Große, ausgebreitete Pavillons aus dunkelgrünen Blättern hingen reglos und luden sie ein, in ihre Schatten und in die Stille einzutreten. Cluny blieb im Sonnenlicht stehen, an der Stelle, wo sich der Weg zwischen die Baumstämme zu schlängeln begann. Als sie sich zu ihm gesellte, flüsterte er: »Ich glaube, wir sollten von nun an näher beieinander bleiben. Sie werden uns beobachten, weißt du.« Yuste folgte ihm vom Feld in das plötzliche, kühle Dämmerlicht hinein. Über ihr schirmten schwebende Baldachine den Himmel ab, filterten das Sonnenlicht und ließen nur wenige Strahlen bis zum Erdboden durchdringen. Sie konnte Boris hinter sich gehen und mit schweren Schritten auf Zweige und tote Blätter treten hören; doch Planchet war beinahe geräuschlos, und sie musste sich umdrehen, um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Boris rauchte eine seiner Zigarren, und der
stechende Geruch schien sowohl tröstlich wie fehl am Platze. Yuste beobachtete Cluny, der sich leicht und mit sicherem Fuß seinen Weg durch die Bäume bahnte, und dachte, dass sie und Boris städtische Eindringlinge waren, die durch den Wald trampelten, als sei er eine Straße in Masalyar. Sie fragte sich, ob es Boris bewusst war, was für einen Lärm er verursachte, oder ob er gerade seine tieferen Sinne verwendete, um den Wald nach Gefahren abzusuchen. Sie konnte nicht umhin zu denken, dass ihr Bruder lautlos und wachsam gegenüber beiden Arten von Gefahr gewesen wäre, und verfluchte sich selbst dafür, dass sie die beiden Männer miteinander verglich. Immerhin behandelte sie Boris nicht wie eine Niete, weil ihre Macht so schwach war. Yuda hätte alle Verantwortung auf sich geladen und ihr das Gefühl gegeben, hilflos und nutzlos zu sein. Einige Spuren ihrer Schamanensinne waren ihr geblieben, und sie konnte, wenn sie sich konzentrierte, Dinge wahrnehmen, die Cluny, mit all seinen waidmännischen Fähigkeiten, nicht bemerkte. »Guter Gedanke, Madame Vasilyevich«, knurrte Boris. Yuste schnappte nach Luft. Noch nie hatte jemand ihre Gedanken mithören können, von Yuda abgesehen. Sie hatte geglaubt, sie sei zu der gleichen inneren Stille verdammt wie diejenigen, die über keine dieser Fähigkeiten verfügten. Abgesehen von den Spuren der Gedanken und Empfindungen, die sie in Annat fühlen konnte, war sie allein gewesen, mit keiner Gesellschaft als der Stimme ihres Zwillings. Und er war so selten in ihrer Nähe und so häufig unwillig, irgendetwas mit ihr zu teilen. Sie ließ sich zurückfallen, um neben Boris zu laufen. »Das ist nicht möglich, Boris Andreyevich. Niemand kann meine Gedanken hören.« »Ich habe es gerade getan. Vielleicht bist du ja doch nicht so versehrt, wie du immer geglaubt hast.« »Boris, ich war dreizehn. Das ist…«, sie zögerte, »siebenundzwanzig Jahre her. Seit ich nach Masalyar gekommen bin, habe ich immer viel mit Schamanen zu tun gehabt. Keiner von ihnen hat je
meine Gedanken vernommen.« »Vielleicht haben sie nicht zugehört«, sagte Boris und lächelte. Yuste konnte nicht anders. Sie musste laut lachen und zog sich so einen aufgeschreckten und gar tadelnden Blick von Cluny zu. »Denkst du, die ganze Zeit …?« »Sie müssen geglaubt haben, dass sie dich nicht hören können. Und die meisten Schamanen sind so laut. Es ist so leicht für sie, Gedanken zu senden, sie müssen erst lernen, wie sie still sein können. Ich kann mich noch an den Klassenraum in der Shkola erinnern. Niemand sprach etwas laut aus – aber es war ein Höllenlärm!« »Glaubst du, ich kann deine Gedanken hören?« Boris sah sie an. Sie konnte sagen, was er dachte, bevor er antwortete, doch dazu bedurfte es keiner Magie. »Wir müssen es ausprobieren«, sagte er schließlich. »Nicht hier. Unser Anführer sieht ungeduldig aus.« Sie eilten Cluny hinterher, während ihnen Planchet geduldig mit dem Gepäck folgte. Der Weg führte zur Spitze einer kleinen Anhöhe empor und gabelte sich auf der anderen Seite der Kuppe. »Nach Source Vergey geht es in diese Richtung«, sagte Cluny und wies auf den Pfad linker Hand. »Der andere Weg führt zum Wasserfall.« »Klingt angenehm«, sagte Boris und lächelte rund um seine Zigarre über die Verwirrung des jungen Mannes. Cluny seufzte. »Ich nehme an, dass unsere Ankunft sie nicht überraschen wird«, sagte er. »Du scheinst diesen Weg sehr gut zu kennen«, sagte Yuste und hob die Augenbrauen. »Wenn man bedenkt, dass es verboten ist, die Roma zu besuchen.« »Ich … nun … ja, ich mag Malchik ein oder zwei Mal begleitet haben«, sagte Cluny, der errötet war. »Was hältst du von den Krähen, hmm?«, fragte Boris und rieb seine Handflächen gegeneinander. Cluny zuckte leicht mit den Schultern. Er sah nicht froh aus. »Sie haben etwas mit Ademar zu tun. Und mit meinem Bruder«,
sagte er. »Dieser Bruder von dir – kein netter Mann, wie ich gehört habe? Nicht die Art von Person, die man willkommen heißen würde, wenn sie von den Toten zurückkehren sollte.« Cluny teilte Boris' Humor nicht. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Ich kann darüber keine Scherze machen. Das kannst du nicht verstehen, bis du meinen Vater kennen gelernt hast oder die Burg besucht hast. Es herrschen andere Zeiten. Dunklere.« Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging den Pfad entlang, wobei er ein Stück eines Astes abbrach und Blätter abzupfte, als sei er ein kleiner Junge. Yuste und Boris folgten ihm langsamer und blickten auf seine hängenden Schultern und den gesenkten Kopf. »Ich glaube kaum, dass wir wissen, worauf wir uns eingelassen haben, Boris«, sagte Yuste. Auch sie griff nach einem Blatt und zwirbelte es zwischen ihren Fingern. »Du und ich haben uns kaum aus Masalyar herausgewagt. Wir haben lediglich die Geschichten über das Leben in den wilden Ländern gehört.« »Du hast Recht, Missis«, sagte Boris. »Ich bin ein Städter. Ich bin nie auf der eisernen Straße gereist oder übers Meer gelangt. Die Verbrechen, die ich verfolge, sind Verbrechen der Stadt. Sicher, sie brauchen einen Schamanen, um sie aufzuklären, und die Schandtaten können dunkel genug sein – aber so ein Zeug mit Krähen und Burgen gibt es dort nicht.« Sie lächelte zu ihm empor. »Ich weiß«, sagte sie. »Ich habe im Gemeinschaftsraum gesessen und der Unterhaltung der anderen gelauscht. Ich bin eine sehr gute Zuhörerin. Selbst die kleine Annat hat Reisen unternommen, von denen ich nur träumen kann …« Sie brach ab und verfiel in Schweigen. Boris klopfte ihr auf die Schulter. »Wir sind auf dem Weg, sie wiederzufinden«, sagte er. »Vasilyevich und Grebenshikov. Sie waren ein Clownspaar, aber sie haben ihre Sache gut gemacht.« Yuste musste lachen, doch es gelang ihr, das Geräusch so zu dämpfen, dass Cluny bei Laune blieb. »Ich sollte nicht lachen«, sagte sie reumütig. »Aber manchmal muss man einfach, das verstehst
du doch, oder, Boris Andreyevich? Ich kann es kaum glauben, dass sie fort ist. Und bei Malchik geht es mir genauso. Es scheint so … unwahrscheinlich, dass ein Spiegel sie verschluckt hat.« »Ich nehme an, wir sind am Rande dieser Welt«, sagte Boris. »Die Welt, von der wir andere haben sprechen hören, die wir jedoch nie selbst besucht haben.« Cluny drehte sich zu ihnen um und presste einen Finger auf die Lippen. Als er das tat, bemerkte Yuste, dass sie sich einer Lichtung näherten, die von sogar noch größeren Bäumen überschattet wurde. Sie konnte das Geräusch von Wasser hören und roch Holzrauch in der reglosen Luft. In dem Augenblick, als sie die Lichtung betraten, brach ein ohrenbetäubendes Gekläffe los. Hunde kamen auf sie zugesprungen, kleine Terrier mit kurzen Beinen und räudigem Fell, dünne, halb verhungerte Hunde, bei denen die Rippen hervorstachen, und große Halbwölfe, die ihre gelben Zähne fletschten. Ihnen folgte ein Haufen Kinder, die lachten und nach den Hunden pfiffen, wobei jedoch unklar blieb, ob sie sie zurückrufen oder sie anstacheln wollten. Cluny, der sich an vorderster Stelle befand, blieb stocksteif stehen, und der erste Hund erreichte ihn, machte Halt, um an seinen Beinen zu schnuppern, knurrte und wedelte mit dem Schwanz. Als der Rest der Meute näher kam, legte Cluny seine Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Die Hunde blieben, einige bellten, andere kreisten um seine Füße, während die Kinder höhnten und lachten. Yuste hatte Angst vor Hunden und interessierte sich deshalb mehr für die Kinder. Einige waren nackt, vor allem die kleineren, aber die meisten trugen Lumpen, Fetzen von weitergegebenen Kleidungsstücken, die so fadenscheinig und zerrissen waren, dass sie alle Farbe eingebüßt hatten und kaum mehr wie Bekleidung aussahen. Die nackte Haut, die darunter zum Vorschein kam, war braun und dick mit Schmutz bedeckt, verschmiert und streifig vom Spielen im Wasser. Keines der Kinder trug Schuhe, und ihre Augen sahen glänzend und wild aus, als wären sie schon seit langer Zeit nicht mehr richtig
satt geworden. Als Cluny einige Worte in einer unbekannten Sprache schrie, fingen sie an zu kichern und ihn nachzumachen. »Gadjo dilo!«, kreischten sie. Cluny gab den Versuch auf, in ihrer Sprache zu sprechen, und rief ihnen in Franj zu: »Wir wollen zu Mutter Zari!« Die Hunde schienen das Interesse verloren zu haben und trollten sich, wobei sie miteinander balgten oder in der Erde scharrten. Die Kinder kamen näher, und Yuste fand ihr Starren beunruhigend. Sie waren zu dunkel für Wanderer, doch irgendetwas an ihnen rief bei ihr eine Art Erinnerung wach. Sie trat aus Clunys Schatten und ging auf sie zu. Einige lachten und tschilpten wie Stare, während andere auf sie wiesen und unverständliche Worte ausstießen. »Devi Rom«, hörte sie, und »Romani rasa …« Dann kam ein Mädchen zu ihr und streckte ihre gewölbte Hand aus in der uralten Geste der Bettler. Aber sie sagte: »Ya-udi.« Yuste durchfuhr eisige Bestürzung, als sie die Worte hörte. Sie hatten sie erkannt, und das kaum an ihrer Kleidung. Sie fragte sich, ob etwas dran war an dem alten Band zwischen den Wanderern und den Roma. Sie sah das kleine Mädchen an, dessen Kopf vor Läusen schier lebte, und spürte eine Mischung aus Abscheu und Mitleid. Das kleine Mädchen hielt unablässig die Hand hin und bat in einer Singsangstimme um Geld. »Ich denke, wir gehen besser in das Lager«, sagte Cluny. »Diese hier sind zu klein, um uns eine große Hilfe zu sein.« Er setzte sich in Bewegung, und die anderen folgten ihm, während die Kinder um sie herum tanzten, an ihrer Kleidung zupften, ihre bettelnden Hände in die Höhe reckten und Worte riefen, die verletzend oder freundlich hätten sein können. Die Wagen standen nahe der Quelle beieinander; ihre Deichseln waren leer, es gab keine Spur von Pferden. Ein großes Lagerfeuer brannte in der Mitte, und ein rauchgeschwärzter Kupferkessel hing an einem metallenen Haken. Hier und dort waren Abfallhaufen verstreut, fast schon Müllberge, mit einer wachsamen Wolke von Fliegen. Stechende Gerüche stiegen Yuste in die Nase und verdrängten
die kühle Luft des Waldes; der Rauch des Holzfeuers war stark und bitter, und ein Hauch von Fäkalien wehte in ihm mit. Als sie sich den Wagen näherten, traten Frauen heraus. Sie waren weniger zerlumpt als ihre Kinder, und eine Liebe zu kräftigen Farben zeigte sich in ihren Kleidern, sei es in Schals, Röcken oder Schultertüchern. Einige waren jung, andere durch Sonne, Schmutz und den Mangel an Zähnen zu einem unbestimmten Alter verwittert. Sie bedachten ihre Besucher mit neugierigen Blicken, von denen Yuste nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob sie feindselig waren. Cluny ging voran. Er näherte sich einem Wagen auf der linken Seite, der das charakteristische Tonnendach aufwies, eine Tür in der Form eines Schlüsselloches und einen abgeblätterten blauen Anstrich hatte. Oben auf der Treppe stand eine junge Frau, etwas jünger noch als Annat, deren Kleidung ihre kecke Gestalt vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihr Mund war verdrossen, als sie ihn ansah, und mit einem kühnen Rot beschmiert, das auch auf ihren Wangen prangte. Cluny verbeugte sich und lüftete seinen Hut. »Mademoiselle Flora«, sagte er. »Wir sind gekommen, um mit Mutter Zari zu sprechen.« Die junge Frau starrte ihn an und kaute auf ihrer Lippe, während sie sich die Hände an ihrer Schürze abtrocknete. »Dich kenne ich, Gadjo, aber wer sind diese anderen?«, fragte sie. »Freunde von Malchik und seine Tante«, sagte Cluny sofort. Das Mädchen zuckte leicht mit den Schultern, drehte sich um, verschwand zurück in der Dunkelheit des Wagens und ließ die anderen draußen stehen und warten. »Wer ist Mutter Zari?«, flüsterte Yuste. Cluny blickte über die Lichtung hinweg zu den anderen Frauen, die noch immer in den Eingangstüren zu ihren Wagen standen und sie beobachteten. »Sie ist die Anführerin des Clans«, sagte er. »Wir müssen ihr Vertrauen gewinnen, wenn wir uns irgendeine Form der Hilfe von diesen Roma erhoffen.«
Das Warten schien sich hinzuziehen. Yuste empfand die verschiedenen Gerüche hartnäckig, fast überwältigend, und das Surren der Fliegen in der Stille lenkte sie ab. Schließlich kehrte das Mädchen zurück und sagte ohne ein Lächeln auf den Lippen: »Mutter Zari will euch jetzt sehen.« Sie machte einen Schritt zur Seite, sodass sie an ihr vorbei mussten, wenn sie den Wagen betreten wollten. Cluny ging als Erster und verbeugte sich wieder, ehe er sich an ihr vorbeidrückte. Yuste folgte und saugte den Duft und den Geruch von klarem Schweiß auf, bevor sie sich selbst im dunklen Inneren wiederfand. Es gab keine Lichter oder Kerzen, nur das Tageslicht, das durch die Spitzenvorhänge an jedem Fenster einfallen konnte. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, bemerkte Yuste, dass das Wageninnere ebenso sauber und aufgeräumt war, wie der Lagerplatz schmutzig und vernachlässigt schien. Im hinteren Ende war ein großes Bett in die Wand eingelassen und von schweren, bestickten Vorhängen gesäumt; die Wände waren mit gemalten Blättern und Blumen in vielen Farben geschmückt, vor allem in Blau und Rot; und ein schmaler Tisch stand neben einem Fenster zur Linken, bedeckt mit einem Leinentischtuch, auf dem sich eine silberne Teekanne, Porzellantassen und eine seltsam anmutende Figur drängten. Unwillkürlich fühlte sich Yuste an die alte Puppe erinnert, die Annat mit auf ihre Reise in den Norden genommen hatte, die Puppe, die sie zerbrochen hatte; diese hier hatte die gleichen steifen, bemalten Holzglieder, ein Kleid aus roter Seide und einen dichten Schopf brauner Haare. Eine Frau saß auf der anderen Seite des Tisches. Die Sonne hatte tiefe Linien in ihr Gesicht gegraben, und ihre Augen lagen wie glatte Kieselsteine tief in ihren Höhlen. Ihre große Gestalt war formlos, denn sie war in ein Häkeltuch gehüllt, und ein rotes Kopftuch bedeckte ihr Haar. Sie war in mittlerem Alter, nicht so greis wie die alten Weiber, die Yuste draußen gesehen hatte, und beim Lächeln entblößte sie eine Reihe weißer Zähne, von denen einer ganz vorne mit Gold überkront war. »Seid willkommen, Freunde von Malchik«, sagte sie heiser mit einer Stimme, die nach Tabakrauch klang. »Wer von euch ist seine
Tante?« Yuste machte einen Schritt vor und streckte ihre Hand aus; Mutter Zari umfasste sie mit ihren eigenen beiden, wobei ihre weichen Runzeln und die schweren Ringe an Yustes Haut drückten. »Setz dich«, sagte sie, und Yuste ließ sich auf den kleinen Stuhl am anderen Ende des Tisches nieder. Der Atem der Frau roch nach Nelken. »Setzt euch ebenfalls, Männer«, fügte Zari hinzu. Cluny trat vor und setzte an: »Wir haben euch Geschenke mitgebracht aus …«, doch sie unterbrach ihn. »Geschenke können warten«, sagte sie. Sie wandte sich mit einem Lächeln wieder an Yuste. »Eine kleine Wanderin«, sagte sie und tätschelte Yustes Hand in ihrer eigenen. »Unsere alten Verwandten.« Yuste blickte auf die Puppe. Sie fühlte sich seltsam, benommen von den Gerüchen, den warmen Händen, die ihre hielten, und ein Schwindel erregendes Gefühl von vergangenen Zeiten durchströmte sie. »Ist es wahr, dass die Roma mit den Wanderern verwandt sind?«, hörte sie sich selbst fragen. Zari holte tief und rasselnd Atem. »Megalmayar, die große Königin, die große Mutter, hat uns beide verflucht«, sagte sie. »Sie legte einen Fluch auf die Wanderer, weil sie ihren Sohn verraten haben. So sagte sie. Und sie verfluchte die Mütter der Roma, weil sie ihr nicht gehorcht haben, nachdem ihr Sohn auferstanden war. Sie verbannte sie aus Zyon und sie kamen über das Meer nach Masalyar, bevor es diesen Namen trug. Sie war eine wütende Frau, die Mutter.« Und sie stieß ein kurzes Gelächter aus, das wie Hundegekläff klang. Yuste lächelte. »Die Leute sagen, es sei nur eine Legende.« Zari zuckte mit den Schultern. »Was wissen die Leute schon?«, sagte sie. »Ein Fluch ist mächtig, sogar dann, wenn es ein ungerechter Fluch ist. Die Wanderer leben in der Verbannung, und die Roma wandern unablässig, mit keinem Land und keiner Stadt als Heimat. Du trägst das Abzeichen der Wanderer, meine Schwester.« Und sie berührte das Stoffstück, das an den Ärmel von Yustes Jacke geheftet war.
»Kam Malchik hierher?«, fragte Yuste. »Viele Male. Er liebte unsere Musik. Er war gar nicht so übel, für einen Gadjo.« Damit warf sie Yuste ein freches Zahnlückenlächeln zu. Yuste bemerkte, wie sie sich für die Frau zu erwärmen begann. »Malchik ist verloren«, hörte sie sich sagen. »Er ist uns genommen worden, durch … Zauberei …« Sie zögerte bei dem Wort. »Und meine Toch… meine Nichte, Annat, ist ihm nachgegangen. Sie ist eine Schamanin, und sie hat uns eine Spur zurückgelassen.« »Warum solltest du das Mutter Zari erzählen, einer Fremden?«, fragte Zari, deren Lächeln erloschen war. Yuste bemerkte, wie ihr die Worte aus dem Mund strömten. »Ihr – die Roma – habt Schamanen unter euch. Und ihr reist weite Strecken. Wir glaubten, ihr könntet in der Lage sein, uns zu sagen, was die Spur zu bedeuten hat. Wir können sie nicht deuten.« »Zeig sie mir«, sagte Mutter Zari. Yuste öffnete ihr Retikül und nahm das zerbrochene Bild mit dem daran befestigten Faden heraus. »Erkennst du die Szene in diesem Bild?«, fragte sie. »Weißt du, wo das sein könnte?« Zari nahm ihr das Bild aus der Hand und betrachtete es genauer. Sie betastete den Faden mit den Fingern. »Ich bin keine Schamanin«, sagte sie. »Und ich kenne diesen Berg nicht. Doch ich bin mein ganzes Leben durch Franj gereist, den großen Fluss entlang, landauf, landab. Es gibt einige wenige in unserem Clan, die von außerhalb kommen, von der östlichen Seite des Lepas-Gebirges. Einer von denen ist Andras. Wenn die Männer vom Pferdehandel zurück sind, werde ich ihn rufen.« Sie legte das Gemälde mit der Bildseite nach oben auf den Tisch. »Während wir warten, könnt ihr bei mir sitzen bleiben«, sagte sie, »und mit uns speisen. Es kommt nicht oft vor, dass Gadji zu den Roma kommen. Teilt unseren Trank. Andras wird kommen.« In der Kristallkammer waren sie den Elementen ausgesetzt, und An-
nat erhaschte einen flüchtigen Geruch, der mit der kalten Luft von außen hereinwehte. Es war der süße, frische Geruch von Grasland. Sie setzte sich auf den Stuhl, den Sarl gerade freigegeben hatte, und ihr Bruder ließ sich neben ihr nieder. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er seltsame Kleidung trug: Hosen aus sandfarbenem Kord, eine rote Weste, ein weißes Hemd mit hohem Kragen und eine Krawatte. Seine derben Straßenschuhe waren blitzblank poliert, sodass sie glänzten. Annat blinzelte und bemerkte inmitten ihrer Verzweiflung, dass sie noch nie zuvor einen Wanderermann so gekleidet gesehen hatte; allein die Farben verstießen gegen jede Regel. Sie entschied sich jedoch, ihn später danach zu fragen. »Weißt du, wo wir sind, Malchku?«, fragte sie. »Er – Semyon – hat es als, ›den Berg‹ bezeichnet.« »Ich habe es im Spiegel gesehen. Es sah seltsam aus – nicht wie Stein.« »Ich war die meiste Zeit über allein. Das war auch der Grund, warum ich versucht habe, dich durch den Spiegel zu rufen. Ich war ganz schön dumm, findest du nicht?« »Ich glaube kaum, dass du viel anderes hättest tun können.« »Jemand – oder etwas – versorgt mich mit Essen. Ich schätze, das hätte mich stutzig machen sollen, doch ich hätte nie gedacht, dass er uns beide will.« »Nun ja«, sagte Annat und bediente sich mit einer Hand voll Reis und Fisch. »Es hilft uns nicht weiter, hier zu sitzen und darüber zu grübeln, wem man die Schuld geben kann. Wir müssen versuchen zu fliehen. Und wenn uns das nicht gelingt, dann müssen wir einen Weg finden, wie wir den Magus davon abhalten können, unsere Seelen zu stehlen. Und zumindest müssen wir ihn aufhalten, bis Hilfe kommt. Wir müssen ihn davon abbringen, seine Magie anzuwenden und aus Sarl einen lebendigen Mann zu machen.« »Niemand weiß, wo wir sind, Natka. Ich glaube nicht, dass jemand kommen wird, um uns zu retten.« Annat lächelte ihn mit vollen Backen an. Als sie aufgekaut hatte, antwortete sie: »Ich habe eine Spur gelegt, als ich durch den Spie-
gel gegangen bin. Keine sehr gute, doch ich glaube, sie könnte Yuste zu uns führen. Ich verwendete das Bild des Berges, das Cluny für dich gemalt hat.« Malchik verschränkte die Arme vor der Brust. »Natka, wir wissen nicht, wo dieser Berg liegt. Und genauso wenig wird es Yuste wissen.« Annat pickte mit den Fingerspitzen einige Körner des klebrigen Reises auf. »Das macht nichts. Die Spur sollte sie zu uns führen. Aber wir können uns darüber keine Gedanken machen. Wir müssen es Yuste überlassen.« »Ich schätze, alles ist besser, als hier herumzusitzen und darauf zu warten, wie ein Paar Gänse gerupft zu werden. Ich muss sagen, Natka, ich bin froh, dass du durch den Spiegel gekommen bist. Es war schlimm genug, hier allein zu sein, bis dann dieser Mann Sarl brachte. Du hast ihn ja gesehen.« Annat wischte sich den Mund mit der Hand ab, nur um kurz darauf festzustellen, dass neben jedem Teller Servietten lagen. Leinenservietten, sorgfältig gebügelt und zusammengelegt. Ein Wasserkrug mit drei silbernen Bechern stand in der Mitte des Tisches. Sorgfältig achtete sie darauf, nach einem zu greifen, der noch nicht berührt worden war; sie wollte aus keinem trinken, den Sarl benutzt hatte. »Ich wünschte, es würde einen Weg geben, Yuda zu warnen«, sagte sie. »Er könnte es schaffen, eine Nachricht in die Stadt zu bringen. Er könnte sie aufhalten.« »Er ist in Yonar, nicht wahr? Es wird eine Weile dauern, bis sie bei ihm sind.« »Nicht, wenn sie die Spiegel nehmen.« Sie schwiegen beide. Für sie war es nicht so beängstigend, sich an einem derartig seltsamen Ort und unter diesen Umständen wieder zu finden, wie es für jemanden gewesen wäre, der ihre vorangegangenen Erfahrungen nicht gemacht hatte. Sie waren gemeinsam durch das Reich von La Souterraine gereist und hatten dem Zorn einer todbringenden Göttin ins Auge gesehen. Doch es war eben diese
Erfahrung, die es ihnen ermöglichte zu begreifen, welcher Gefahr sie nun gegenüberstanden. Die Angst nagte eher an ihrem Geist denn an ihrem Herzen. Malchik trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »Erst als Cluny an das College kam, begriff ich, dass der Doyen noch immer auf Rache sann. Und dann kamen die Krähen …« »Ich hatte geglaubt, nachdem Huldis zu ihm zurückgekehrt war, hätte sich sein Groll gegen uns gelegt. Das haben wir alle gedacht…« »Außer Yuda«, sagte Malchik und beendete so ihren Satz. Annat erhob sich. »Ich will los, Malchku. Ich muss mich bewegen. Ich will hier nicht sitzen, wenn sie zurückkommen.« Er sah zu ihr auf und blinzelte ins Sonnenlicht. »Wo fangen wir an?«, sagte er. Sie fand es merkwürdig und ein wenig entmutigend, dass er von ihr erwartete, die Führung zu übernehmen, obwohl er der Ältere war. Obgleich Malchik Spuren von schamanischen Fähigkeiten besaß, bewirkten diese doch nichts anderes, als ihn an seine Verletzlichkeit zu erinnern. Wenn er auf Magie traf, war er verloren und wandte sich Hilfe suchend an Annat oder seinen Vater. Sie verschränkte die Arme. »Warum gehen wir nicht zurück in das Zimmer mit dem Spiegel? Wenn es keinen anderen Weg von hier aus gibt, dann sind wir in der Tat gefangen.« Gehorsam folgte ihr Malchik wie ein Hund auf den Fersen seines Besitzers. Seine Anwesenheit, die durch den Klang seiner Schritte hinter ihr bestätigt wurde, war beruhigend, und Annat fand, dass sie Trost gebrauchen konnte. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Sarls Gesicht zurück und zu dem Wissen, dass er losgezogen war, um ihren Vater zu finden. Sie fürchtete sich auch davor, dass sie die andere Kammer versiegelt vorfinden würden, mit keinem anderen Weg nach draußen als dem, den der Spiegel darstellte. Semyon würde dafür gesorgt haben, dass sie nicht durch ihn entkommen konnten. Das runde Zimmer war warm, fast stickig, und Annat gefielen die Spuren nicht, die sie von Sarls Anwesenheit und dem kalten Her-
zen des Magus noch spüren konnte. Sie umkreiste den Spiegel, dessen Oberfläche schwarz war und kein Bild zurückwarf. Als Annat das Glas berührte, merkte sie, dass es lauwarm war. Abgesehen von der Öffnung, aus der sie hinausgetreten waren, waren die Wände der Kammer glatt wie das Innere einer ausgehöhlten Melone. Annat legte eine Hand auf den Rahmen des Spiegels und wandte sich um, um Malchik anzuschauen. Etwas war sonderbar an seinem Gesichtsausdruck, eine verborgene Wachsamkeit, als wäre er mit ihr nicht im Reinen. Annat wollte ihn deswegen fragen, doch sie wusste, dass es warten musste. »Malchik?«, fragte sie, und er fuhr zusammen, als sei er aus der weiten Ferne einer Tagträumerei aufgeschreckt. »Sieht aus, als würden wir festsitzen«, sagte er seltsam gefühllos. Annat machte einen Schritt weg von dem Spiegel und ging zur Felswand hinüber, um dort die Fingerspitzen über die Oberfläche gleiten zu lassen. Obwohl der Stein undurchsichtig war, hatte er eine Tiefe, als ob er aus trübem Kristall bestehen würde. Langsam schritt sie die Kammer ab und ließ ihre Hand über die Wand gleiten. Es war, als ob sie nach einem Puls oder einem Herzschlag suchte; nach allem, was ihr sagen würde, dass die Kammer nicht versiegelt und leblos war. »Was tust du?«, fragte Malchik und bewegte sich rastlos. Ein Schamane würde seine Frage sanft wie Wassertropfen in ihre Gedanken fallen lassen. Sie fand es seltsam, die Stimme ihres Bruders zu hören. Sie hatte ihn nie etwas senden hören, und sie fragte sich, wie es klingen würde. Manchmal schienen laut ausgesprochene Worte so sperrig, verglichen mit der Geschmeidigkeit, die das Senden ermöglichte. Sie hielt inne und lächelte ihn an. »Ich hatte gehofft, es würde hier eine verborgene Tür geben«, sagte sie. Malchik, der sich gegen den steinernen Seitenrand des Eingangs lehnte, schüttelte den Kopf. »Die Kristallkammer scheint mir vielversprechender«, sagte er. »Von dort kommt immer das Essen.« Mit einem Gefühl der Sinnlosigkeit folgte ihm Annat zurück in
den blendenden Raum mit seinem verlockenden Geruch von frischer Luft. Alle Wände waren von einer dicken Kristallschicht umgeben, die aus dem Stein geborsten zu sein schien. Sie ließ ihre Hand über die scharfen Kanten gleiten und sah mit ihrem inneren Auge die kristalline Struktur, die tief in das Herz des Berges reichte. Semyon hatte ein Gefängnis ausgewählt, das den stärksten Schamanen ausschalten würde. Sie zwang sich zu langsamen Bewegungen, um jede Spalte vom Boden bis hinauf zur höchsten Stelle, die sie eben noch erreichen konnte, genau zu untersuchen. Malchik folgte ihr mit lustlosem Schritt, sein Kinn war tief auf die Brust gesunken. Immer mal wieder blickte Annat zum Tisch mit den leeren Stühlen und den Essenstellern. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Semyon und Sarl zurückkehren und Yuda als Gefangenen bei sich führen würden. Es gab einen Hoffnungsschimmer. Yonar war eine große Stadt, und vielleicht würden sie Yuda nicht sofort finden. Und wenn sie ihn gefunden hätten, verfügte ihr Vater immer noch über Fähigkeiten, die denen Semyons gleichkamen. Er konnte Mächte nutzen, die sie nicht kannte. Er wäre schwieriger zu fassen als ein gewöhnlicher Schamane oder jemand, der so unerfahren war wie sie. Und er war gerissen. Wenn er wusste, wie die Lage aussah, könnte es sein, dass er sich einfangen ließ, um einen Weg zu finden, Malchik und sie selbst zu befreien. Annat schloss die Augen. Sie konzentrierte sich nicht richtig. Irgendwo hier musste eine Tür sein, eine Pforte, die den Weg zu den tieferen Ebenen des Berges öffnete. In diesem Raum befanden sie sich in der Bergspitze, und sie konnte spüren, wie sich die Tunnel nach unten wanden. Der Gipfel war von lang gestreckten, wie von Regenwürmern gegrabenen Höhlengängen durchzogen, die sich von der Spitze bis zum Grundgestein des Berges erstreckten. Einer von ihnen musste zu diesem Horst emporführen, von dem aus Semyon sein Gebiet überschauen konnte. Annat ließ sich gegen die kristalline Wand sinken und drückte sich gegen die scharfen Erhebungen, als ob sie mit der Oberfläche verschmelzen könnte. Sie waren kühl
und reglos und zogen sie ins Vertrauen. Hunderte und Aberhunderte von Jahren waren in ihren Strukturen verwahrt, in diesem aus Stein entstandenen Glas. »Annat?«, fragte ihr Bruder. »Sei still, Malchku«, rief sie aus den Tiefen ihrer Trance. Ihr bewusster Geist lag wie eine Gelenkscheibe über dem tiefen Wasser, in das sie hinabsank. Sie würde eins werden mit dem Berg, mit all seinen Steinen, die keine Liebe empfanden für den Magus, der ihr Herr und Meister war. Annat sank bis zum Grund, wo die dunklen Felsadern mit der Erde verschmolzen und sich wieder erhoben wie versteinerte Wellen aus einem tosenden Meer. Ihr Kopf schmerzte, und ihr Mund war trocken. Sie fragte sich, ob sie sich in Stein verwandeln und zu einer Kristallfigur werden würde, die an der Wand, gegen die sie lehnte, festwachsen würde. Etwas brauste zu ihr heran, und es war wie ein Schlag ins Gesicht. Da war ein Hohlraum, eine Ausbuchtung im Gestein, ganz in der Nähe; ein Schacht, der sich unter ihren Füßen wand und sie mit seiner Leere verhöhnte. Sie gelangte wieder an die Oberfläche, schnappte nach Luft und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. »Kann ich jetzt sprechen?«, fragte Malchik. »Was ist?«, erwiderte sie. Ihre Augenlider waren traumverloren und schwer. Sie fühlte sich ein wenig betrunken und wandte ihm ihr Gesicht zu, dann lehnte sie sich wieder zurück gegen die unebene Wand. Malchik sah so besorgt aus, dass sie lächeln musste. »Es gibt hier einen Weg ganz in der Nähe. Aber er führt geradewegs nach unten.« »Du weißt, wie ich zu großen Höhen stehe«, sagte Malchik. Annat versteifte sich und rieb ihre Hände gegeneinander. »Lass ihn uns erst einmal finden«, sagte sie. Dieses Mal suchte sie die Oberfläche der Wand ab, bis sie den Eingang zu dem Schacht entdeckte. Sie betastete das Kristallgestein mit einer erotischen Anspannung, als ob es sich um Eugenies Haut handelte. Schließlich fand sie eine Erhebung, die zu gleichmäßig
war, einen Glasknauf, der sich unter ihren Händen drehte. Sie schreckte zurück, als ein Teil der Wand zurückschwang und etwas enthüllte, das wie ein kleiner Schrank aussah, an dem sich Spiegel aneinander reihten. Doch es gab einen Aufwind, der ihr Gesicht liebkoste, und sie erriet sofort, was sich vor ihr befand. Sie brach in befreites, fröhliches Gelächter aus. »Malchik, es ist ein Aufzug. Du musst dir keine Sorgen wegen der Höhe machen.« »Was meinst du damit?« Sein Gesicht zeigte tiefe Verwirrung. »Ein Fahrstuhl. Im Berg. Wie die in der Stadt, in dem Gebäude der Eisenbahngewerkschaft.« Malchik kam zu ihr herüber und betrachtete den von Spiegeln übersäten Schrank mit langsamer Bedächtigkeit. Von unten konnten sie das Mahlen des dampfangetriebenen Gestells hören. »Also setzt Semyon nicht nur auf Magie«, meinte er mit hochgezogenen Augenbrauen. »Es würde viel Magie binden, einen Aufzug anzutreiben«, sagte sie. Sie machte einen mutigen Schritt in den Schrank hinein und blieb, das Gesicht ihrem Bruder zugewandt, lächelnd stehen. »Komm schon.« »Wir wissen nicht, wohin er führt«, sagte Malchik. »Nach unten«, antwortete sie und streckte ihm ihre Arme entgegen. Sie packte ihn fest am Arm und zog ihn an sich. Kaum dass er die Schwelle überschritten hatte, schloss sich die massive Tür hinter ihnen, und sie waren in dem Glühwürmchenlicht der Naphthalampen, die in den Boden eingelassen waren, gefangen. Malchik griff seinerseits nach Annats Arm. »Ich habe Angst, Annat«, sagte er. Sie blickte ihm ins Gesicht und wünschte, sie könnte ihm ihre von Eifer und Aufregung erfüllten Gedanken senden, doch stattdessen spürte sie eine kurze Erschütterung, als die Fahrstuhlkabine mit einem Ruck nach unten in das Herz des Berges rumpelte.
Semyon tauchte nach Luft schnappend aus dem Spiegel auf, als wäre er kurz vor dem Ertrinken gewesen. Ein Blick hatte ihm verraten, dass der dahinter liegende Raum verlassen war. Er stolperte über den Gipsrahmen und fand sich in einer Kammer mit weiß getünchten Wänden wieder und einem hölzernen Bett, über dem das Zeichen des Rades hing. Semyon bückte sich, umfasste seine Knie unterhalb seines Umhanges und holte mehrmals tief Luft. Sarl trat aus dem dunklen Glas, als kehrte er gerade von einer Landp