Cover Hans Siebe Aktion Januskopf Spionageroman Militärverlag der DDR
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Cover Hans Siebe Aktion Januskopf Spionageroman Militärverlag der DDR
«Besuch wegen Krankheit nicht möglich. Liebe Grüße – Tante Minna.» Alfred Blaschke, Inhaber einer Annoncenannahmestelle in Leipzig, starrt mißvergnügt auf das lakonisch abgefaßte Telegramm. Der verschlüsselte Text fordert ihn auf, eine Nachricht im Toten Briefkasten bei Niemegk abzuholen. Noch immer kann er sich nicht daran gewöhnen, auf diese Art und Weise ständig neue, immer riskanter werdende Aufträge zu erhalten. Dabei fing vor Monaten alles so harmlos an … In seinem Geschäft erschien ein Mann, der verblüffende Ähnlichkeit mit ihm besaß. Noch wußte Blaschke nicht, daß dieser Grindel aus Frankfurt am Main nicht zufällig nach Leipzig gekommen war. Gern nahm er die Gelegenheit wahr, mit «kleinen» Kompensationsgeschäften das große Geld zu machen, verstrickte sich jedoch allmählich immer mehr in die Fänge seiner eigenen Raffgier. Als Blaschke merkte, was dieser Grindel bezweckt, war es zu spät. Der Bundesnachrichtendienst hatte Blaschkes Rolle als Doppelgänger Grindels eiskalt ins Kalkül gezogen, um ein großangelegtes Unternehmen gegen ein militärisches Objekt der DDR zu starten, die Aktion Januskopf.
Hans Siebe
Aktion Januskopf Spionageroman
Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik
1 Der Mann lag reglos im Bett. Sein Kopf dröhnte, als wollte er zerspringen. Sein Körper war in Verbände gehüllt, und auf seiner Brust schien ein Felsen zu lasten und ihm die Lungen zusammenzupressen. Langsam hob der Mann die Lider. Grelles Weiß blendete ihn. Er schloß die Augen. Doch bald blickte er sich wieder um. Die Umgebung bekam Konturen: ein Fenster in der Wand, dahinter, im Nebenraum, ein Frauenkopf mit Schwesternhaube. In der Glasscheibe spiegelten sich hinter dem Bett die Apparate, mit denen er mittels Schläuchen und Drähten verbunden war; über einen Bildschirm huschte eine Zackenkurve, begleitet von einem stereotypen Piepton. Der Mann hob den Kopf. Es kostete Kraft, er fiel auf das Kissen zurück. Langsam ordnete sich der Gedankensturm, der ihn durchtobte. Eduard Gronau, achtundvierzig Jahre alt, Doktor jur., war Ressortleiter einer Institution, die man diskret umschrieb, wenn nicht gar verleugnete, das kam auf die Umstände an. Bruchstückhaft erinnerte er sich. Da gab es das Frühstück mit flackernden Kerzen im silbernen Leuchter, ihm gegenüber Yvonne im Neglige, seine Yvonne, die so exzentrisch und eigenwillig, aber auch so zärtlich verspielt sein konnte. Yvonne stellte keine Ansprüche. Geschenke, die ein bescheidenes Preislimit überschritten, lehnte sie ab wegen des Verdachtes, sich zu prostituieren. Ihre Boutique «Yvonne» in der Nähe des Münchener Stachus, eines der verkehrsreichsten 5
Plätze in Europa, balancierte am Abgrund des Konkurses, seit jene Kundschaft rar wurde, die nicht auf Preisetikette blicken mußte. An zwei Abenden der Woche besuchte ihn Yvonne in seinem Appartement, er ging seltener zu ihr. Das enge Gelaß hinter dem Geschäftsraum diente vor allem Büro- und Atelierzwecken. Die hohe Ladenmiete verschlang so viel vom Ertrag, daß ein separates Domizil ein Wunschtraum blieb. Eine Bewährungsprobe hatte ihre Liebe bestanden, als Yvonne erfuhr, daß das Ressort, das Gronau in München-Pullach leitete, zum Bundesnachrichtendienst gehörte. Yvonne gestand, daß ihr diese Einrichtung unheimlich war. Gronau mußte ihr versichern, daß es dort nur seriöse Mitarbeiter gab, deren Aufgabe es war, die Pullacher Zentrale mit neuen Nachrichten zu versorgen. Gronaus Zustand wechselte. Auf Phasen quälenden Grübelns folgten Stunden, in denen er vor sich hin dämmerte; seine Schmerzen wurden mit Medikamenten erträglich gehalten. Die Beruhigungsmittel erschwerten es ihm jedoch, das Gedankenchaos zu ordnen. Merkwürdig, daß er sich an länger Zurückliegendes besser erinnerte als an jene Vorgänge, die zu seinem jetzigen Zustand geführt hatten. Eigentlich wollte Gronau in den diplomatischen Dienst. Er beherrschte akzentfrei Englisch, ausreichend Französisch und sprach Russisch so, daß er sich ohne Dolmetscher verständigen konnte. Doch während seiner Referendarzeit im Bayerischen Justizministerium stellte ein früherer Regimentskamerad seines verstorbenen Vaters die Weichen. Der im Ausbau begriffene Bundesnachrichtendienst, Nachfolger der Spionageorganisation Gehlen, bot einem aufstrebenden Doktor der Jurisprudenz bessere Chancen als die ministerielle Bürokratie. Gronau starrte grübelnd auf das Fenster. Nebenan, hinter der großen Glasscheibe, saß keine Schwester mehr, die ihn beobachtete. Dort hing jetzt ein weißer Vorhang. Plötzlich erinnerte er sich: Die Türglocke hatte angeschlagen. Sie saßen gerade beim 6
Frühstück, als Bondi vor der Tür stand. Bondi wohnte im selben Hochhaus wie Gronau. Er gehörte in Pullach zu einer Sonderabteilung, geriet oftmals in gefährliche Lagen, besaß aber jenes Quentchen Glück, das notwendig war, um riskante Situationen zu überleben. Bondi stand in gebleichten Jeans, schwarzem Rollkragenpulli und schaffellgefütterter Lederjacke vor ihm, das Bürstenhaar unbedeckt. Gronau fiel ein, daß Bondi von «verdammten Muselmännern» und Rauschgifthändlern gesprochen hatte, denen er «auf der Pelle» bliebe. An den Türken war man nicht interessiert, arbeitete aber der Militärregierung in Ankara zu, die bestimmte Informationen erbeten hatte. Eine Hand wusch die andere. «Die Türken! Bondi!» flüsterte Gronau und spürte, daß er der Lösung des Rätsels näherkam. Gronau schätzte die Einsätze der Sonderabteilung nicht. Er haßte Gewalttaten, schlug aber Bondis Bitte nicht ab, ihre Dienstwagen zu tauschen, da die Türken seinen roten BMW kannten und Gronaus blauer Opel-Rekord weniger auffiel. Die Szene nahm wieder Gestalt an: Bondi hob mit spitzen Fingern die Autoschlüssel und schüttelte sie wie ein Glöckchen. Gronau wurde unruhiger. Auf seiner Stirn perlte Schweiß. Der Vorhang, der die nachfolgenden Ereignisse verhüllte, wurde transparent. Sie tauschten Schlüssel und Fahrzeugpapiere; Bondi stieß ihm kumpelhaft den Zeigefinger in die Rippen, eine idiotische und bei dem Karatekämpfer schmerzhafte Angewohnheit, raste dann mit Dreistufensprüngen die Treppe hinab. Gronau fiel ein, daß Yvonne die Kerzen auf dem Frühstückstisch löschte, als er ins Zimmer zurückkehrte. In seiner Erinnerung klaffte eine Lücke. Doch dann sah er deutlich Yvonne vor sich, die sich in der Fahrstuhlkabine an ihn lehnte. Sie trug den hellblauen Samtmantel. – Die Tiefgarage war noch stark besetzt. Wer hier wohnte, begann seinen Arbeitstag spät. «Großer Gott», murmelte Gro7
nau, von einer furchtbaren Beklemmung gefoltert. Die letzten Schleier rissen. «Großer Gott, was ist mit Yvonne?» Yvonne wollte den roten BMW fahren. Gronau war an die Fahrertür getreten und schloß sie auf. Der Schlüssel drehte sich widerwillig. Das fiel ihm auf. Er öffnete die Tür für Yvonne und lief um den Wagen herum auf die rechte Seite. Yvonne, eine perfekte Fahrerin, glitt hinter das Lenkrad und steckte den Zündschlüssel ins Schloß. Bevor sie ihn drehte, beugte sie sich rechts herüber und entriegelte die Beifahrertür. Plötzlich spürte Gronau, wie sich eisige Kälte seiner bemächtigte. Ein Schüttelfrost packte ihn. Seine Zähne schlugen aufeinander; er schloß die Augen, doch das Geschehen wiederholte sich mit deutlicher Schärfe: Er öffnete die rechte Tür und neigte sich in den Wagen hinein; Yvonnes Mantel teilte sich und entblößte ihr rechtes Bein bis übers Knie, dann drehte sie den Zündschlüssel. Die Kontrollampe hätte rot aufleuchten sollen, statt dessen erfüllte ein feuriger Ball das Wageninnere. Heiße Glut fuhr Gronau ins Gesicht und versengte seine Brauen. Ein Krachen zerriß die Stille, und, wie von einer Titanenfaust ergriffen, wurde er rückwärts geschleudert. Danach wurde es still um ihn. Gronau lag wie erstarrt im Bett. Aus seinen Augenwinkeln rannen Tränen. Es bedurfte keiner Bestätigung. Yvonne war tot! Die Bombe war unter ihrem Sitz explodiert. Die Schwester wich seiner Frage nach Yvonne aus. Vom Stationsarzt erfuhr er: Der Sprengkörper hatte Yvonne beide Unterschenkel zerrissen. Sie war verblutet, bevor Hilfe kam. Gronau war in das Spezialkrankenhaus eingeliefert worden, und in der vertrauten Pullacher Umgebung, in der Heilmannstraße, machte seine Genesung rasche Fortschritte. Schon eine Woche später schaltete sich Gronau mehr und mehr vom Krankenzimmer aus in den Dienstbetrieb ein … Der stellvertretende Ressortleiter Wiese unternahm seinen zweiten Krankenbesuch dienstlich. Statt Blumen brachte er Verschluß8
sachen mit. Wiese war von hünenhafter Figur und besaß beträchtliches Übergewicht. Nach zwanzig Dienstjahren als Offizier bei der Bundesmarine war er zum Bundesnachrichtendienst gekommen. «Bondi läßt sich nicht blicken!», sagte Gronau nach der Begrüßung, als sie sich in den knarrenden Korbsesseln gegenübersaßen. Der Blick schweifte aus dem bis auf den Boden hinabreichenden Fenster über das spätwinterliche waldige Gelände. Ein Laie vermochte kaum zu ahnen, welchen Umfang die Verwaltungsbauten, die EDV-Anlagen in Bunkern, die Labors und die Spezialwerkstätten der BND-Zentrale einnahmen. Ein Tunnel unterquerte die Heilmannstraße und verband die beiden Geländekomplexe miteinander. In Wieses meist ausdrucksloses Gesicht kam Leben. «Sie wissen es nicht?» «Was? Wovon reden Sie?» Gronau blickte fragend auf sein Gegenüber. «Sie haben noch nicht von seiner Kollision gehört?» Gronau schüttelte stumm den Kopf. Er war es gewöhnt, daß Wiese maritime Ausdrücke verwendete. An dem Tag, da in München die Bombe in dem roten BMW hochging, war Bondi zwischen Erlangen und Nürnberg mit einem amerikanischen Armeelastwagen zusammengestoßen, dessen Fahrer unter Rauschgift stand. Bondi lag mit einer Unterschenkelfraktur im Krankenhaus. «Und der Opel?», fragte Gronau ahnungsvoll. «Totalschaden», erklärte Wiese beiläufig und versuchte Gronau wieder einmal davon zu überzeugen, daß die Astrologie eine ernst zu nehmende Wissenschaft sei. Vor riskanten Unternehmungen ließ auch Bondi sein Horoskop stellen; für den Unfalltag war ihm größte Vorsicht empfohlen worden. Gronau beschlich das ungute Gefühl, daß Bondi mit dem Tausch der Dienstfahrzeuge das Schicksal hatte überlisten wollen. «Mann, Wiese, verschonen Sie mich mit dem Stuß! Wechseln wir das Thema!» 9
Wiese öffnete die Mappe. «Zuerst das Wichtigste, den Kleinkram danach», forderte Gronau. «Felix meldet aus Bardenberg: Das NVA-Gelände bekommt einen Maschendrahtzaun und wird elektronisch gesichert!» Wiese nutzte die Pause, in der Gronau nachdachte, um seine feuchte, rosig durch das spärliche weiße Haar schimmernde Kopfhaut mit einem blütenweißen Taschentuch – Wiese nannte es Sacktuch – zu betupfen. Felix gehörte zur Kategorie I der in der DDR etablierten Agenten; seine Berichte wurden in der Datenbank als zuverlässig gespeichert. Dagegen hieß es in der offizielle «Bonner Lesart», daß die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik von Resignation befallen waren, unter Versorgungsmängeln litten und darauf warteten, von der NATO befreit zu werden. «Was halten Sie von der Meldung?», fragte Gronau endlich. «Die Russen haben ein neues Radar entwickelt.» Wiese berichtete damit nichts Neues. Daß seit Jahren an dieser Entwicklung gearbeitet wurde, war bekannt. Nun schien man am Ziel zu sein, und erstaunlich fand Gronau, daß sie dieses neue System einem Verbündeten in die Hand gaben. «Die Meldung wird überprüft!», befahl er. Wiese nickte. Er hatte es bereits angeordnet, erwähnte es aber nicht. Gronau erhob sich und durchmaß sein Krankenzimmer. Es war sieben Schritte lang und fünf Schritte breit. Mehr als sein Appartement vermißte er seinen Arbeitsraum. Dort hing an der Stirnwand eine Karte des Gebietes zwischen Elbe und Oder. «Sagen Sie, Sie nannten vorhin Bardenberg. War da noch was?» Wiese blätterte in den Meldungen von Felix. In dem Städtchen wurde jetzt Industrie aufgebaut, bisher produzierte nur eine Spielzeugfabrik. Das Netz des BND, das über der Karte der DDR ausgebreitet lag, wies Lücken auf. Die Frage, weshalb in Leipzig kein Resi10
dent, ja nicht einmal ein V-Mann existierte, war Gegenstand eines Vortrages beim Ministerialdirigenten gewesen. Gronau erinnerte sich ungern an diese halbe Stunde. Der dortige VMann war an einem Herzleiden verstorben. Gronau traf der Vorwurf, nicht beizeiten für Ersatz gesorgt zu haben. Einen zweiten Felix hätte er einsetzen müssen. Der hundertfünfzig Kilometer von Leipzig entfernt wohnende «Felix» hatte eine Schlüsselstellung. Er besaß eine solide Ausbildung und arbeitete in günstiger Position. Wiese beendete seinen Rapport mit internen Tagesneuigkeiten aus der Zentrale. Er wußte, daß Gronau sie interessiert zur Kenntnis nahm. Es zahlte sich gelegentlich aus, über den Hausklatsch auf dem laufenden zu sein. «Das war’s, Herr Gronau! Darf man hoffen, daß Sie bald wieder Dienst tun werden?» Gronau musterte seinen Stellvertreter. Das breitflächige Gesicht blieb so ausdruckslos wie immer, dennoch glaubte er, daß es keine Floskel gewesen war. Der Hinweis in der Personalakte des ehemaligen Kapitäns zur See, es mangele ihm an Entscheidungsbereitschaft, stammte von Gronaus Hand. «Da ist noch eine Kleinigkeit», sagte Gronau, als Wiese Anstalten traf, sich zu erheben. «Ich habe die Zeitungen durchgesehen und …» «Die den Vorfall betreffenden Artikel sind erfaßt!», unterbrach Wiese. «Das ist klar», antwortete Gronau. Sein Sekretariat hatte die Schlagzeilen aller Artikel, die sich mit dem Vorfall beschäftigten, rot unterstrichen. Sie unterschieden sich in der Wortwahl nur entsprechend der Seriosität des jeweiligen Presseorgans: «Bombe im roten BMW» – «Anschlag auf Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes» – «Geliebte starb anstelle des vorgesehenen Opfers» – «Bombe zerriß Inhaberin der Boutique ‹Yvonne›»! Die korrekteste Meldung druckte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» auf der Innenseite des Titelblattes: «Bombenattentat auf den Leiter des Ressorts ‹Ostdeutschland› im 11
Bundesnachrichtendienst. Der Beamte wurde erheblich, seine Begleiterin tödlich verletzt!» Gronau zitierte den Wortlaut und schloß: «Ich habe an den folgenden Tagen vergeblich die Berichtigung gesucht, daß der Anschlag nicht mir gegolten hat.» Wiese hob und senkte seine massigen Schultern. Sein Gesicht blieb teilnahmslos. «Weisung vom Chef: kein Dementi!»
2 Der D-Zug 204 von Berlin über Erfurt und Gotha nach Frankfurt am Main und Basel hielt in Bebra, der ersten Bahnstation in der BRD. Zwei Herren mit schmalen Aktentaschen stiegen ein, ehe der Zug anruckte und wieder Fahrt aufnahm. Sie liefen zielstrebig den Gang entlang zum Dienstabteil und begrüßten den Zugbegleiter wie einen alten Bekannten. Der ältere Fahrgast entnahm seiner Tasche eine Zigarrenschachtel, eine gängige Sorte, und reichte sie dem Bahnbeamten, der das Präsent ohne Zieren und mit dem Gestus der Gewohnheit entgegennahm. Die Herren sanken auf die Polster nieder und stellten die gewohnten Fragen. Doch sie erfuhren von dem Beamten der Bundesbahn nichts Neues: Anfang März war der Zug nur spärlich besetzt. Die Hauptreisezeit begann im Mai. «Diesmal interessieren uns Leute von drüben», erklärte der Ältere, «die auf diesen Bahnhöfen zugestiegen sind!» Er reichte dem Zugbegleiter einen Zettel, auf dem etliche Bahnstationen in der Deutschen Demokratischen Republik notiert waren. Der Bahnbeamte las und nickte. «Sie haben Glück.» Er hatte bei Dienstantritt in Bebra einen ersten Kontrollgang unternommen und erinnerte sich eines Reisenden, dessen Fahrkarte auf einem Bahnhof gelöst worden war, der auf dem Zettel notiert war. Er nannte das Abteil. 12
Der passionierte Zigarrenraucher kerbte mit einer Spezialklinge seines Taschenmessers das Mundstück der Tabakrolle. «Wer hätte gedacht», sagte er, «daß man beinahe vierzig Jahre nach dem Krieg noch Vermißte sucht?» «Ja», bestätigte der Ältere, «es gibt noch immer … zig Tausende unaufgeklärte Schicksale!» «Ab und an gelingt es uns, ein solches Geschick aufzuhellen», assistierte ihm sein jüngerer Begleiter. «Ohne Erfolgserlebnisse wäre unsere Tätigkeit deprimierend», schloß der Ältere. Der Rentner Josef Sauer hatte unruhig vor sich hin gedöst. Die ungewohnt lange Bahnfahrt machte müde. Als ein neuer Fahrgast ins Abteil kam und sich ihm gegenüber setzte, reckte sich der alte Mann gähnend. Vielleicht komme ich mit dem ins Gespräch, dachte er. Draußen flogen winterbraune Wiesen vorüber und reizten wenig zum Betrachten. Die Bäume und Sträucher standen melancholisch kahl da und schienen zu frieren. Auf einem Telegrafenmast saß ein Bussard. Der vorbeidonnernde Zug störte ihn nicht. «Sobald einer aus dem Fenster sieht, weiß er, daß er im Westen ist», sagte Josef Sauer zu seinem Gegenüber, «so kleine Äcker gibt es bei uns nicht mehr!» «Sie kommen von drüben?», fragte der Mann. «Ja. Ich fahre zu meinem Bruder!» Der Bann war gebrochen, ein Gespräch kam zustande. Der Mann aus dem Ruhrgebiet steuerte wenig dazu bei, hörte aber interessiert zu. Die Sauers stammten aus Pommern, das jetzt polnisch war. Nach dem Krieg hatte es sie in den Süden der Republik verschlagen. Der ehemalige pommersche Landarbeiter wurde Neusiedler und später Genossenschaftsbauer; Josef zählte die Stationen seines Lebens auf. «Mein Bruder ist als Soldat im Hessischen klebengeblieben. Da gab’s einen Flugplatz, und Albert war bei der Flak. Viele 13
Heimatsoldaten unterhielten ein Bratkartoffelverhältnis, aber Albert heiratete sein Mädel mitsamt der Bäckerei auf’m Dorf!» Nun freute sich Josef auf den Bruder und aufs Schweineschlachten, auf pommersche Blutwurst, die in Gantentin keiner kannte. Ein jüngerer Herr trat ins Abteil, zeigte seinen Ausweis vom Deutschen Roten Kreuz und wandte sich an Josef Sauer. «Der Zugbegleiter sagte, daß Sie Ihre Fahrkarte in Bardenberg gelöst haben?» «Stimmt, mit ’n Personenzug bis Gotha, dann den D-Zug!» Sauer zückte seine Fahrkarte, aber der Herr winkte ab. Der Reisende aus dem Ruhrgebiet verließ das Abteil und suchte den Speisewagen auf. Der DRK-Mann setzte sich auf seinen Platz. Josef erfuhr, daß der Suchdienst um die Aufklärung von Vermißtenschicksalen bemüht war. Es ging diesmal um den Verbleib eines Mädchens, das neunzehnhundertvierundvierzig drei Jahre alt gewesen war und bei der Auflösung eines Kinderheimes Pflegeeltern in Bardenberg übergeben wurde. Josef Sauer meinte, da könnten doch besser die Behörden helfen. «Das haben wir selbstverständlich sondiert», erklärte der Herr vom Suchdienst, «aber in diesem Falle bekamen wir keine Auskunft. Der Antragsteller, der Bruder der Gesuchten, ist Flüchtling, verstehen Sie? Er hat die Zone, ’tschuldigen Sie, die DDR heimlich verlassen! Die Frau ist jetzt dreiundvierzig Jahre alt!» «Ich glaube nicht, daß die Republikflucht ein Grund ist, die Nachforschung zu behindern», sagte Sauer. «Ich würde natürlich helfen, aber wie?» «Wohnen Sie in Bardenberg, Herr …?» «Sauer! Josef Sauer! Nee, in der Stadt nicht, aber im Kreis, in Hellstett, LPG ‹Thomas Müntzer›!» Der Herr vom DRK entnahm seiner Aktentasche ein Foto und reichte es Sauer. «Eine abgelichtete Handzeichnung, auf Grund eines Kinderbildes und nach Familienfotos; so etwa könnte die Frau jetzt aussehen!» 14
Sauer blickte ratlos auf das unnatürlich wirkende Bild und kratzte seinen Schädel. Sein Gegenüber bot ihm eine Zigarre an. «Wie weit liegt denn Hellstett von Bardenberg entfernt, Herr Sauer?» «Sieben Kilometer, aber man muß über Lüsing, da werden’s dann fünfzehn!» «Das Doppelte? Das gibt es bei uns auch. Eine Baustelle?» «Nee, Sperrgebiet, wenn Sie wissen, was ich meine?» «Doch, ja, das ist kein Geheimnis. Wenn man im Transit nach Westberlin fährt, sieht man unterwegs öfter solche Schilder: Fotografieren verboten! Betreten verboten! Meist ist es militärisch. Die Russen?» «Bei uns sind keine», sagte Sauer. Der Mann vom DRK forderte seinen Widerspruch heraus. Der Mitarbeiter des Suchdienstes sprach wieder von dem Foto, und Josef glaubte, das Sperrgebiet interessiere ihn nicht. «In unserer Genossenschaft gibt es zwei Frauen, die so ähnlich aussehen.» «Das ist doch schon was! Reden Sie mit denen! Sie bekommen unsere Anschrift, paar Zeilen genügen!», erklärte Sauers Gegenüber freundlich. «Dann ist da noch die Anna Garbe», sagte Josef, «die arbeitet bei der NVA in der Küche. Was die an Abfällen heimschafft, davon füttern Garbes ’n Schwein! Doch – die Anna hat Ähnlichkeit!» «Da hat Hellstett wohl Garnison?» «Nee, man nicht, nur die Radarstation nach Bardenberg zu!» «Wegen der Sie es doppelt weit haben in die Kreisstadt! Das gibt es hier auch, gesperrtes militärisches Gelände! Aber die Einheimischen wissen, wie man trotzdem den Weg abkürzt!» Josef gab ihm recht und berichtete, daß sein Jagdkollektiv eine Sondererlaubnis bekam. «Aber damit ist es vorbei, wenn erst der Zaun steht. Die Betonpfosten werden schon gesetzt. Nee, die Anna Garbe kann es nicht sein», fiel Josef dann ein, «die hat man längst die Fünfzig hinter sich!» 15
Der junge Mann schien enttäuscht, überließ ihm eine zweite Zigarre und einen Zettel mit der Adresse, an die Josef schreiben sollte, falls er erfolgreich war. Er verabschiedete sich mit herzlichem Händedruck. In der Abteiltür stieß er mit dem Reisenden aus dem Ruhrgebiet zusammen, der mit zwei Bierbüchsen, eine war für Josef Sauer bestimmt, aus dem Speisewagen zurückkehrte. Der Zugbegleiter hatte Irmgard Teichert höflich gefragt, ob sie sich ins Dienstabteil bemühen möchte, wo sie ein Herr vom Suchdienst des Roten Kreuzes erwartete. Nun saß sie dem seriösen älteren Mann gegenüber, der seinen Ausweis zeigte und wortreich erklärte, daß ihm die Aufklärung eines Vermißtenschicksals am Herzen läge. Etwas in seiner Stimme ließ Irmgard Teichert aufhorchen. Die ehemalige Meisterin in einem Porzellanwerk war Mitglied der Konfliktkommission und jahrelang Schöffin gewesen. Sie vermochte echte und falsche Töne zu unterscheiden. Dieser Mensch macht mir falschen Leim warm, dachte sie, was will er wirklich? Die Fragen nach einem neunzehnhundertvierundvierzig verlorengegangenen dreijährigen Mädchen klangen viel zu unbestimmt und waren nicht konkret genug. Sie schienen ein Vorwand zu sein, aber wofür? Der Mitarbeiter des Suchdienstes spürte, daß ihm eine lebenserfahrene Frau gegenübersaß, die seinen Fragen geschickt auswich oder nichtssagende Antworten gab, um danach Fragen an ihn zu richten, die ihn in die Verteidigung zwangen. «Entschuldigen Sie meine Offenheit», sagte der Mann schließlich, «aber ich habe den Eindruck, daß Sie meiner Bitte, bei der Aufhellung eines Vermißtenschicksals zu helfen, ablehnend gegenüberstehen?» «Mit gleicher Offenheit frage ich Sie, was Sie wirklich von mir wollen? Die DRK-Stellen der DDR und der BRD arbeiten seit Jahrzehnten erfolgreich zusammen, wie mir bekannt ist. Sie sind auf so primitive Befragungen nicht angewiesen! Was wollen Sie denn wirklich aus mir herausholen?» Die Verbindlichkeit wich aus dem Gesicht des Mannes. Es 16
wurde abweisend kühl. «Ich weiß mir Ihr Mißtrauen zwar nicht zu erklären und bedaure es im Namen des Betroffenen. Unter diesen Umständen ist aber kein ersprießlicher Kontakt möglich. Betrachten wir das Gespräch als beendet!» Irmgard Teichert nickte und erhob sich; an der Tür des Dienstabteils wendete sie sich zurück und erklärte: «Sie erinnern mich an einen Herrn vom Meinungsforschungsinstitut, voriges Jahr war das, in Hanau! Wie dreckig es uns in der Deutschen Demokratischen Republik geht, wollte er von mir wissen! Sie sind nicht auf dem laufenden, habe ich ihm gesagt, zweieinhalb Millionen Arbeitslose haben Sie und nicht wir! Guten Tag!» Die Abteiltür krachte zu. Der positive Bescheid seines Kollegen zerstreute den Ärger des älteren Befragers nicht. Doch verschwieg er, durchschaut worden zu sein. Ein Vertreter für Haushaltsgeräte pflegte auch nie die vor der Nase zugeschlagenen Türen zu zählen, sondern die getätigten Abschlüsse.
3 Grindel ließ seinen Opel-Rekord in München zurück und nahm den Bus nach Pullach. Den Einlaß ins BND-Gelände, in der Heilmannstraße dreiunddreißig, wollte er unauffällig passieren. Seine Legende als Einkäufer der Im- und Exportfirma «Siering und Fengler» durfte er nicht gefährden. Im Warteraum der Einlaßkontrolle verweilte Grindel einige Minuten. Als Angehöriger der Frankfurter Außenstelle besaß er keinen Hausausweis. Auf dem Monitor des Offiziers vom Dienst erschienen codierte Daten und die Weisung: kann passieren! Doktor Gronau empfing Grindel in seinem Dienstzimmer. Der Frankfurter ahnte nicht, daß dies eine Auszeichnung war 17
und gewöhnlich ein Sprechzimmer benutzt wurde. Gronau trug im Gesicht noch Spuren der Bombenexplosion und benutzte seinen linken Arm unbeholfen. Doch einen Genesungsurlaub hatte er abgelehnt. Auf seinem Schreibtisch stand das Bild einer attraktiven Frau mit dunklem Pagenschnitt und schräggestellten Augen. Ein schwarzes Band bedeckte die linke obere Bildecke. Grindel erinnerte sich, daß Gronau bei einem Bombenanschlag knapp mit dem Leben davongekommen war. «Nehmen Sie Platz, Herr Grindel!», forderte Gronau nach der Begrüßung und drückte einen Knopf der Wechselsprechanlage. «Herr Grindel ist da!» Der Besucher sah sich um. Man wurde selten nach Pullach zitiert, den Kontakt zur Zentrale unterhielt der Prokurist von «Siering und Fengler». Grindel fühlte sich von Gronau gemustert. Es klopfte. Der hünenhafte Wiese trat ein. Gronau machte die Männer miteinander bekannt. Beide begnügten sich mit einem Kopfnicken. «Weshalb wir Sie hergebeten haben, Herr Grindel …» Gronau verstummte, denn eine jüngere Mitarbeiterin brachte ein Tablett mit Kaffeegeschirr herein. Hergebeten ist gut, dachte Grindel, es war ein Befehl gewesen. «Es geht um Ihren Leipziger Bericht, der einen gewissen Blaschke betrifft!», fuhr Gronau fort, nachdem die junge Frau wieder gegangen war. Grindels wachsame Haltung entspannte sich. Erleichtert lehnte er sich in den Klubsessel zurück. Gronau nahm es interessiert zur Kenntnis. Es gab anscheinend Gründe zur Besorgnis, wenn man unvermutet in die Pullacher Zentrale beordert wurde. Grindel fand erfreulich, daß Doktor Gronau um eine gelockerte Atmosphäre bemüht war. Nach einem fragenden Blick auf seinen Chef rauchte Wiese einen Zigarillo an. «Ich bitte Sie um einen umfassenden Bericht, Herr Grindel», fuhr Gronau fort und nickte dem Frankfurter ermunternd zu. «Sie meinen von Anfang an?», fragte dieser ungläubig. Das 18
Verlangen erschien ihm ungewöhnlich. Die Kontakte mit dem Leipziger waren in den Rapporten aktenkundig. Was interessierte Doktor Gronau darüber hinaus? «Von der ersten Begegnung an», bestätigte der. «Die liegt ein halbes Jahr zurück», gab Grindel zu bedenken. Doch er erinnerte sich genau, wie alles anfing. In Frankfurt war er Stammgast in einem Restaurant nahe dem Bahnhofsviertel. Manchmal setzte sich ein Einkäufer aus der Rauchwarenbranche an seinen Tisch, ein voller Anekdoten steckendes Unikum. So auch an diesem, ein paar Monate zurückliegenden Tag … «Stellen Sie sich vor, ich habe Sie vorige Woche im Leipziger Ringmessehaus getroffen!», behauptete der Einkäufer. Da Grindel die Leipziger Herbstmesse nicht besucht hatte, glaubte er, es handele sich um einen Scherz. Sein Tischnachbar versicherte aber ernsthaft, einem Doppelgänger Grindels begegnet zu sein. Blaschke hieß er und war Inhaber einer Annoncenannahme für die DEWAG-Werbung und eines Zettelaushanges in Leipzig-Gohlis. Um auch den letzten Zweifel zu zerstreuen, gab ihm der Einkäufer Blaschkes Geschäftskarte. Blaschke ließ grüßen und lud ein, ihn zu besuchen, falls Herr Grindel einmal in Leipzig zu tun hatte. Doktor Gronau blätterte in der Akte, die vor ihm auf dem Rauchtisch lag. Grindel sah, daß es seine Leipziger Rapporte waren. Gronau entnahm ein Foto. Grindel hatte es ohne Blaschkes Wissen mit einer als Feuerzeug getarnten Minox-Kamera geschossen. Gronau betrachtete das Bild. «Ihre Ähnlichkeit mit dem Leipziger ist groß. Flüchtige Bekannte werden Sie zweifellos verwechseln. Sieht man Sie aber beide nebeneinander, kann man sicherlich unterscheiden, wen man vor sich hat!» Sein Stellvertreter Wiese langte stumm nach dem Bild, erbat Grindels Personaldokument und verglich beide Fotos. Er kam zu dem Schluß, daß Grindel wie auch Blaschke sich unbeanstandet mit den Dokumenten des jeweils anderen auszuweisen vermochten. 19
Gronau und Wiese tauschten einen Blick stummer Übereinstimmung. Grindel bewertete ihn als Schlußpunkt unter eine bereits getroffene Absprache. Zweifellos betraf sie seinen neuen Einsatz. «‹Siering und Fengler› unterhalten geschäftliche Beziehungen zu den Leuna-Werken», erklärte Grindel. «Ich weiß», bestätigte Doktor Gronau, maliziös lächelnd. Die Frankfurter Firma unterhielt zu einigen RGW-Ländern Handelsbeziehungen. «Meist steige ich im Leipziger Interhotel ‹Astoria› ab», berichtete Grindel. Das wußte Gronau, der ja die Rapporte kannte. Grindel schilderte seinen ersten Besuch bei Blaschke. Vor dessen Laden befand sich eine Straßenbahnhaltestelle. Grindel hatte seinen Opel-Rekord mit dem Frankfurter Kennzeichen in einer Nebenstraße geparkt. Eine exquisite Kiste Zigarren sorgte für eine aufgeschlossene Atmosphäre. «Beschäftigt Blaschke Angestellte?», fragte Gronau. «Ja, einen jungen körperbehinderten Mann», antwortete Grindel. Das unbestimmte Gefühl, der ihm so verblüffend ähnliche Leipziger könnte vielleicht einmal von Nutzen sein, bewog Grindel damals zu einem spontanen Entschluß. Auf einem ausgehängten Zettel suchte jemand eine Quarzarmbanduhr zu kaufen. Grindel überließ Blaschke seine Quarzuhr. «Ein paar DDR-Mark extra fand ich gar nicht schlecht», gestand Grindel, verschwieg aber, daß er öfter auf seinen Reisen nebenher Geschäfte tätigte. «Blaschke kam auf den Geschmack?» Gronau wußte es aus der Akte. Grindel lachte. «Das kann man sagen! Er hat sich rasch gemausert. Aus dem kleinen Krämer, der kaum hundert Mark Tageskasse machte und der die Annoncen mit einem Finger auf seiner alten ‹Adler› tippte und in seinen Glaskästen aushängte, wurde ein Kofmich, der mit Tausenden hantiert!» Gronau nickte. Bei «Siering und Fengler» hatte man Grindels Vorschlag akzeptiert und den Schwarzhandel mit Blaschke 20
intensiviert. Der lieferte im Gegenzug Antiquitäten und wertvollen alten Schmuck. Grindel ahnte nicht, daß Gronau bereits im Frühwinter des vergangenen Jahres die Frankfurter Handelsfirma angewiesen hatte, den Leipziger stärker ins Geschäft zu bringen. Doch seit Felix aus Bardenberg gemeldet hatte, daß es in der dortigen Funktechnischen Einheit umfangreiche Veränderungen gab, dachte Gronau weiter. Grindels Schilderungen der mehr als zwei Dutzend Kontakte mit Blaschke überzeugten Gronau. Der Leipziger war längst ein Opfer seiner eigenen Habgier geworden und nicht mehr willens, sich aus der Verstrickung illegaler Geschäfte zu lösen. «Was halten Sie davon, mit Blaschke Tacheles zu reden?» «Doch, ja», erwiderte Grindel, «er ist reif. Seit vier Wochen verständigen wir uns illegal. Ich habe ihm erklärt, daß ich bei meinen Transitfahrten von und nach Westberlin Kontakt mit ihm halte, ohne die Transitstrecke zu verlassen.» «So naiv kann er nicht sein», äußerte Wiese, «um nicht längst zu wissen, woher der Wind weht.» «Kommen wir zur Sache!», forderte Doktor Gronau. Grindel maß ihn erstaunt. Seine bisher vage Vermutung, daß sein Bericht dazu diente, eine längst gefallene Entscheidung zu untermauern, verdichtete sich zur Gewißheit. «Bitte, Herr Wiese!» Gronau wandte sich an seinen Stellvertreter. Der erklärte: «Das neue Angriffsziel ist eine Funktechnische Einheit bei Bardenberg. Ihr Auftrag läuft unter dem Kennwort ‹Hügel›! Fotografieren Sie zunächst an mehreren Werktagen die vor der Dienststelle parkenden PKWs!» Grindel nickte. Der Einfall war nicht neu. Fahrzeuge, die täglich dort parkten, gehörten Offizieren oder zivilen Mitarbeitern dieser Dienststelle. Ein Rattenschwanz komplizierter Erkundungen folgte dann. Die PKW-Besitzer waren zu ermitteln und darauf auszuforschen, ob sich zu einem unter ihnen Kontakte herstellen ließen. Ein langwieriges und riskantes Unternehmen. 21
«Vor militärischen Objekten besteht meist Halteverbot», gab Grindel zu bedenken. «Außerdem fällt es auf, wenn ein westlicher PKW im Schritttempo – anders ist es nicht zu machen – vorbeifährt!» «Sehr richtig», bestätigte Gronau, «deshalb bitten Sie Blaschke, Ihnen seinen PKW zu leihen. Er besitzt doch einen …» Gronau blätterte in der Akte. «Einen weißen Moskwitsch», ergänzte Grindel. «Noch besser wäre, wenn er mir auch seinen Personalausweis borgte für den Fall, daß ich kontrolliert werde. Was halten Sie davon, Herr Doktor?» Gronau sah Grindel nachdenklich an. «Glauben Sie, daß Sie Blaschke dazu bewegen können?» Der Frankfurter schürzte spöttisch die Lippen. «Der kann gar nicht anders!» Unvermittelt beugte Gronau sich vor und klatschte seine Rechte auf den Tisch, daß Grindel erschrak. Wiese hob nur die Brauen, sein Gesicht blieb ausdruckslos. Der ungewohnte Temperamentsausbruch seines Chefs überraschte ihn dennoch. «Janus –!», sagte Gronau. «Herr Grindel – bei Bedarf werden Sie Blaschke! Sie besitzen zwei Gesichter – wie Janus!» Grindel erinnerte sich einer Kreuzworträtselweisheit: Janus war ein altrömischer Gott mit zwei Gesichtern. Die alten Römer hatten ihn als Behüter und Bewahrer von Tür und Tor verehrt. «Jawohl, Sie sind unser Januskopf!» Gronau sprang, begeistert von seinem Einfall, auf. «Also, ‹Aktion Januskopf!›», warf Wiese beiläufig hin. «Gefällt mir übrigens besser als ‹Hügel›!» «Aktion Januskopf?», wiederholte Grindel skeptisch. Doktor Gronau verkündete entschlossen: «Dabei bleiben wir!»
22
4 Die neue Minol-Tankstelle verströmte noch so intensiven Farbgeruch, daß er den Benzindunst verdrängte; acht von zwölf Tanksäulen standen mit Planen verhüllt da, als frören sie, und rotweiße, spitze Hindernishüte sperrten zwei der drei Fahrspuren. Die neue Tankeinrichtung würde bald mit Leben erfüllt sein. Ein weißer Trabant rollte an die Gemischsäule. Eine junge Frau stieg aus, hob die Motorhaube, löste den Tankverschluß und blickte unschlüssig auf den Füllschlauch. Im Aufenthaltsraum der Tankwarte sah Otto fragend auf Alfred, der ein Kreuzworträtsel löste. Otto schob die Integrallektion beiseite – Ingenieurfernstudium drittes Semester –, lief hinaus und betankte den Zweitakter. Die Fahrerin bedankte sich. Sie kenne sich mit der Selbstbedienung aus, sagte sie, fürchte aber, ihren Wildledermantel zu beschmutzen. Rita hatte den Vorgang beobachtet und fand ihre Einschätzung der Kollegen bestätigt: Otto schien hilfsbereit, Alfred, behäbig und träge, erhob sich nur, wenn ein Westfahrzeug an die Intertanksäule rollte. Obwohl Rita Wille erst seit vierzehn Tagen hier arbeitete, wusch sie das Schaufenster schon zum zweiten Male, unbekümmert darum, daß Alfred etwas von neuen Besen brummte, die gut kehren. Er wußte nicht, daß man dort, wo sie herkam, wegen der Luftverschmutzung zweimal in der Woche die Fensterscheiben säuberte. Rita hatte eine Scheidung hinter sich. Das verflixte siebente Ehejahr, sagten jene Bekannte, die nicht wußten, daß die Ehe an Erichs Alkoholsucht gescheitert war. Ab Herbst ging Evchen zur Schule; schon am zweiten Bardenberger Tag spazierten sie zu dem Neubau hin, der auf einem sanft ansteigenden Hang stand. Bardenberg lag in einem Tal, von Hügeln umgeben, an denen die Äcker emporkrochen und deren Kuppen bewaldet waren. Rita wohnte mit ihrer Tochter bei einer freundlichen alten 23
Frau, deren Haus an jener Anhöhe lag, über der auf nacktem Fels wie ein Raubvogelhorst die Bardenburg thronte. Trotz des regnerischen Spätwinterwetters war Rita am dritten Tag mit Evchen hinauf gewandert. Doch das in den Burgräumen untergebrachte Heimatmuseum war geschlossen gewesen. Vom Burgberg aus entdeckten sie, wie lang das Tal sich erstreckte, an dessen Ende Neubauten emporwuchsen. Dort entstand Neu-Bardenberg. Und ein Werk mit weiträumigen Hallen nahm Gestalt an, das Roboter herstellen sollte; dann werden hier Roboter Roboter bauen, witzelte man. Im Zentrum erkannte man das neue, zweistöckige Volkspolizei-Kreisamt und am Markt das Postamt, das in die Baulücke gestellt worden war, die die einzige im Krieg auf Bardenberg gefallene amerikanische Bombe verursacht hatte. Auf dem höchsten der Hügel sahen sie die sich bewegenden Radarantennen. Rita erinnerte sich an Alfreds Bemerkung, daß die besten Pilzstellen mit Pfifferlingen und Maronen im militärischen Sperrgebiet der Volksarmee lägen. Er hatte sich damit gebrüstet, die Verbotsschilder ignoriert und körbeweise Pilze gesammelt zu haben. Damit sei es nun vorbei, denn das Gelände habe einen Maschendrahtzaun bekommen. Rita bearbeitete die Schaufensterscheibe mit einem Lederlappen und entdeckte, daß Alfred statt auf sein Kreuzworträtsel auf ihre Brüste starrte; sie errötete ungehalten. PKWs und zwei Lastkraftwagen vom Konsum rollten an die Tanksäulen. Dann lieferte der Tankwagen Motorenöl, das in Zweihundertliterfässer abgefüllt wurde. Alfred forderte von Rita, den Wartburg zu betanken, der an die Gemischsäule fuhr. Sie fand es seltsam. Sonst betonte er, daß es dem Selbstbedienungsprinzip widerspräche, wenn man der Kundschaft das Betanken abnahm. Der Wartburgfahrer schien nicht darauf aus, seine Hände zu beschmutzen; den Pelzkragen des kognakfarbigen Ledermantels hielt Rita für echten Persianer. «Sehr nett, herzlichen Dank!», sagte er erleichtert, als sie nach dem Füllschlauch griff. Die Stimme klang angenehm. 24
Otto erklärte, das sei Doktor Schubart gewesen, der Leiter des Heimatmuseums auf der Bardenburg. Der Mittsechziger sei über den Bezirk hinaus als Historiker bekannt. Rita wunderte sich über Ottos ungewohnte Gesprächigkeit. Von den Tanksäulen aus sah sie den Tankwagen nicht. Sie ging ein paar Schritte zur Seite und bemerkte, wie Alfred ein volles Faß in die Werkstatt rollte, deren Schlüssel er nie aus der Hand gab. Rita kehrte an die Zapfsäule zurück. «Weshalb rollt Alfred zweihundert Liter Öl in die Werkstatt?» Otto wich ihrem Blick aus, und es schoß ihm rot in die Stirn. Das fand sie sympathisch. «Macht Alfred krumme Geschäfte?», fragte sie und dachte daran, daß der Tankstellenleiter seinen Lada nie an der Säule betankte. Alfred holte stets einen Kanister aus der Werkstatt. Ihre Wißbegierde schien Otto peinlich. «Frag ihn doch selbst», antwortete er. «Das tue ich auch», sagte sie. Der Tanker rollte auf die Straße. Rita sah ihm hinterher, sie kannte den Fahrer, der auch Vergaserkraftstoff und Diesel auslieferte; das Minol-Tanklager befand sich fünfzig Kilometer entfernt. «Sie hat was gemerkt», sagte Otto, als er seine Lehrbriefe zusammenräumte und in der Aktentasche verstaute. Alfred blickte von den Kassenbons auf. «Rita?», fragte er. Mit einer wegwerfenden Handbewegung fügte er hinzu: «Na und? Denkst du, wo sie herkommt, ist alles glatt gelaufen? Vorige Woche ist ein Dacia mit dreißig Liter Extra auf und davon! Wie ständen wir da, wenn wir kein Pölsterchen hätten?» Was Alfred Pölsterchen nannte, verursachte Otto Unbehagen. Er ahnte, daß sein Kollege mehr «Schmu» machte, als er zugab. Das Wort bedeutete eine Verharmlosung von Diebstahl und Betrug, das war ihm noch nie so klar gewesen wie in diesem Augenblick. Und die Sache mit dem Dacia? Otto erinnerte sich eines einzigen Falles von Tankprellerei, vor einem Jahr, in der Autobahntankstelle: Ein Westberliner Mercedes war ihnen 25
mit fünfzig Liter Diesel entwischt, ohne zu bezahlen. Plötzlich erinnerte er sich, daß Alfred allein gewesen war, daß es keinen Zeugen gab, als das mit dem Dacia passiert sein sollte. Er stutzte. Bezweifelte er denn Alfreds Darstellung? «Mich hat noch keiner angeschmiert», sagte Otto, mochte Alfred es deuten, wie er wollte. Jetzt war er froh, daß er die Zwanzigmarkscheine, die Alfred ihm als Trinkgeldanteil zugesteckt hatte, an den Fingern einer Hand herzählen konnte. Als Otto das Büro verlassen hatte, beschloß Alfred, keine Zeit zu verlieren. Rita war seit vierzehn Tagen da, lange genug, um sich einzugewöhnen. Trotz der gescheiterten Ehe würde sie wieder einen Mann haben wollen. Wie eine Nonne sah sie nicht aus – und bei der Figur! «Ich will nicht, daß du dich so abschindest», sagte er, als Rita in den Aufenthaltsraum trat. «Und ich will nicht rot werden, wenn ich meinen Lohn kriege», antwortete sie lächelnd und fügte ernsthaft hinzu: «Ich möchte etwas klären, das unsere Zusammenarbeit betrifft! Einer muß sich doch auf den anderen verlassen können!» «So ist es, Mädchen!», klang es jovial. Rita durchfuhr es siedendheiß. Sie spürte, daß er ihre Worte falsch auslegte. «Denkst du, ich habe kein Vertrauen zu dir?», fragte er. «Du bist ein Kumpel, das wußte ich gleich, als du zur Tür reinkamst! Bei mir kommst du nicht zu kurz, verlaß dich drauf!» Er langte in die Schreibtischlade, holte einen Fünfzigmarkschein heraus, legte ihn mit großartiger Geste vor sich hin und strich ihn glatt; nach sichtbarer innerer Überwindung schob er den Schein zu ihr hin. «Hier, Mädchen, als Anfang!» Rita spürte ihre Knie weich und ihre Kehle trocken werden. Er will mich kaufen, dachte sie, für fünfzig Mark kauft er mich ein, denkt er, zuerst mein Schweigen – und dann mich selbst. «Du hast recht, ich bin ein Kumpel», sagte sie leise, «aber kein Komplize! Was läuft denn hier mit dem Öl?», fragte sie mit ihr selbst fremd klingender Stimme. 26
Es hätte ihn stutzig machen sollen, doch er deutete ihre Frage als pure Neugierde. Rita war clever, wer weiß, vielleicht erfuhr er von ihr einen Dreh? «Wir kommen beide hier zurecht, genügt dir das?» «Doch, ja, ganz und gar!» Sie knüllte den Geldschein und warf ihn Alfred hin, sah sein Gesicht fassungslos werden; er starrte sie ungläubig an. Sie drehte sich um und ging hinaus. Als sie ihr Fahrrad aus dem Abstellraum holte, vertrat er ihr den Weg. «Du, Rita, was hast du vor? Du machst doch keinen Scheiß? Überhaupt, so war das nicht gemeint, hörst du? Das war die Trinkgeldkasse, nicht, was du denkst!» Seine Stimme verriet, wie besorgt er war. «Dann ist’s ja gut», sagte sie, «dann hast du ja nichts zu befürchten. Guten Abend!» Sie schob ihn beiseite und schwang sich aufs Rad.
5 Major Werner stand am Fenster seines Dienstzimmers und blickte hinab. Unten auf dem Vorplatz waren schon junge Bäumchen gepflanzt. Wo im Sommer Rasen sprießen sollte, lag noch blanker Sand. Aber allmählich sah es hier wohnlich aus, und das neue Gebäude war wesentlich besser ausgestattet als der alte Backsteinbau, in dem das Volkspolizei-Kreisamt vorher untergebracht war. Major Werner hörte ein Hüsteln. Er drehte sich um. Auf der Türschwelle zum Nebenzimmer stand Leutnant Faber. Seine Jeans beulten an den Knien, und der handgestrickte Pullover hatte naive folkloristische Motive. Faber trug das Haar streichholzlang wegen der Wirbel, die keine Frisur zuließen. Werner zwang sich ein freundliches Lächeln ab und ließ sich 27
nicht anmerken, daß er von der Erscheinung seines neuen Mitarbeiters wenig angetan war. «Wieviel wiegen Sie eigentlich, Genosse Faber?», fragte Werner. «Sechzig Kilo, Genosse Major!» Werner seufzte. Er kämpfte verbissen darum, seine hundert Kilo nicht zu überschreiten. «Was liegt an?», fragte der Major. Faber hielt ihm die Bezirkszeitung hin und tippte auf eine Annonce. «Hier bietet jemand eine Quarzarmbanduhr an. Wie es scheint, ein Westfabrikat!» «Wie teuer?» «Dreihundert Mark, aber darum geht es nicht, es ist der Wortlaut! Da heißt es: vier Funktionen nebst Weckvorrichtung!» Faber sah Werner fragend an. Der ließ sich an seinem Schreibtisch nieder. «Ich verstehe trotzdem nicht!» Leutnant Faber nickte, als habe er es erwartet, zog sich den Besucherstuhl heran und setzte sich unaufgefordert. «In meiner Leipziger Dienststelle gehörte es zu meinen Aufgaben, Zeitungsanzeigen der Rubrik ‹Verkauf › darauf zu prüfen, ob es private Angebote waren oder ob organisierter Schwarzhandel vorliegen könnte!» Werner erkannte einmal mehr, daß die Kriminalität in einer Großstadt auch Delikte aufwies, die man in einem Städtchen wie Bardenberg nicht kannte. «Der Inhaber eines Zettelaushanges, der gleichzeitig Annoncen für die DEWAG-Werbung annimmt, ein gewisser Blaschke, ist verdächtig, einen Schwarzhandel mit westlichen Industriewaren zu betreiben!» «Beweise?» «Leider keine, aber mein Gefühl sagt mir …» Faber brach ab. Meine Güte, dachte Werner, wenn er einen so ansieht wie jetzt, möchte man ihm die Nase putzen und das Haar kämmen. «Immerhin ist es das Gefühl eines ausgewachsenen Kriminalisten!», erklärte Werner lächelnd. 28
«Na gut, lassen wir mein Gefühl beiseite, Genosse Major, der Wortlaut der Anzeige genügt: vier Funktionen nebst Weckvorrichtung, so stand es auch im ‹Leipziger Volksblatt›. Zuschrift unter Chiffre. Ich habe vor, mich als Interessent zu melden!» «Meinetwegen», antwortete Werner und beschloß, die Tür zu Fabers Dienstzimmer weiterhin offenzuhalten; ein Mitarbeiter, der sich an Gefühlen orientierte und ungewöhnliche Methoden praktizierte, kam vielleicht noch auf andere verrückte Einfälle. Das Telefon läutete. Werner hob den Hörer und meldete sich. Die Verkehrsbereitschaft fragte nach dem Kennzeichen eines gestohlen gemeldeten PKWs. Der Major blätterte in den vor ihm liegenden Akten. «UP – zehn Strich zweiundvierzig», sagte Faber. Major Werner blickte ihn erstaunt an. «Wieso? Ich meine, woher …?» «Ich habe gestern den Vorgang gelesen», erklärte der Leutnant und ergänzte: «Ich habe ein ausgesprochenes Zahlengedächtnis.» Werner legte seine Rechte so auf die Zeitung, daß sie die Annonce bedeckte. «Dann wissen Sie wohl auch die Chiffre der Anzeige?» «H. S. siebzehnzwoeinunddreißig!» Werner zog die Zeitung heran und verglich. Die Zahl stimmte. Er beschloß, den Test bald zu wiederholen. Ein Kriminalist mit einem ungewöhnlichen Zahlengedächtnis, das war schon etwas. Diese Eigenschaft war das erste Positive, das er an Faber entdeckte. «Sind Sie inzwischen untergekommen?», fragte der Major. «Ja, bei einem Postsekretär. Ein hübsches Häuschen mit Garten. Es liegt etwas außerhalb Bardenbergs, fünfhundert Meter vor dem Ortsschild.» Major Werner sah nach einiger Zeit von seinem Schreibtisch auf. Der Anblick, der sich ihm bot, verblüffte ihn. Faber stand am Fenster und beobachtete mit einem Fernglas die ErnstThälmann-Straße. 29
«Observieren Sie?», spöttelte Werner. Faber reagierte weder überrascht noch erschrocken. Er setzte die Optik ab, reichte sie dem Major und fragte ihn, ob er die Bürgerin kenne, die vor dem HO-Geschäft Foto-Optik den Gehweg kehrte? Über Werner siegte die Neugier. Er schob sich neben Faber und stellte das Glas ein. «Aber ja», sagte er, «die Wenzel Karin, Verkäuferin, nettes Mädel!» «Verheiratet?», fragte Faber so beiläufig, daß es gekünstelt klang. Der Major gab ihm das Glas zurück. «Nein.» «Heute morgen um halb neun bin ich ihr wieder beim Laufen begegnet», sagte Faber. «Beim Laufen?» «Dauerlauf, jeden Morgen eine Stunde!» «Machen Sie Witze? Eine Stunde Dauerlauf?», fragte Werner ungläubig. Die Vorstellung, eine Stunde lang mit angewinkelten Armen durch die Landschaft zu traben, fand er ungeheuerlich. «Nein, kein Witz», sagte Faber, «jeden Morgen Dauerlauf zur Bardenburg ’rauf und wieder ’runter! Das muß sein, ich könnte sonst den Rennsteiglauf gar nicht durchstehen!» «Den Rennsteiglauf?» Der Major blickte seinen Mitarbeiter bewundernd an. Der Rennsteiglauf zog alle Jahre Tausende von Läufern aus allen Bezirken der Republik an, dabei wurden mindestens fünfundvierzig Kilometer zurückgelegt, «Sie haben wirklich den Rennsteiglauf mitgemacht?» «Seit drei Jahren – und immer unter den ersten fünfzig!» Faber machte kein Hehl daraus, wie stolz er darauf war. Was Sport anging, fühlte sich der Major unsicher. Er war lediglich passiver Fußballanhänger. Er wechselte lieber das Thema. «Was liegt denn heute noch an?» «Zu vierzehn Uhr habe ich den Bürger Alfred Henzke bestellt!» «Ach den», sagte Werner. Von der Minol-Direktion war Anzeige erstattet worden gegen einen diebischen Tankstellenleiter, ein Bagatellfall. Ein Wunder, daß die Kripo eingeschaltet 30
wurde. Das hätten sie disziplinarisch erledigen sollen, dachte Werner, aber bei Minol waren ungewöhnlich hohe Minusdifferenzen festgestellt worden, und das hatte die Leitung nervös gemacht. Eigentlich wollte der Major an diesem Tag den Abschnittsbevollmächtigten in Hellstett aufsuchen. Doch er änderte sein Vorhaben. Er wollte bei der Befragung Henzkes durch Faber dabeisein. Faber zog seine Lederjacke an. «Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen», warf er so selbstverständlich hin, als könnte der Major nichts dagegen einzuwenden haben. «Grüßen Sie die Wenzel Karin von mir», sagte Werner; in seinen Augenwinkeln knitterten Lachfältchen. Der Leutnant hastete die Ernst-Thälmann-Straße hinunter. Es fehlten nur fünf Minuten an dreizehn Uhr, dann schloß der Foto-Optik-Laden für zwei Stunden. Der Verkaufsstellenleiter nahm seinen Farbfilm entgegen. Faber sah enttäuscht, daß die Verkäuferin eine Vitrine dekorierte. Erich Klein war ein hagerer Mann Ende Dreißig mit dünnem weizenblondem Haar und starker Brille; seit drei Jahren geschieden, lebte er wieder bei seiner Mutter. Seiner Frau waren die beiden Kinder und die Wohnung zugesprochen worden. Anstatt den Laden zu verlassen, trat Faber zur Vitrine. «Wir sind uns heute morgen begegnet, erinnern Sie sich?» Die Verkäuferin nickte lächelnd und warf einen forschenden Blick auf Klein. Faber sah, daß der ihn mit unverhohlener Mißbilligung beobachtete. Sieh an, dachte er, der alte Knabe ist eifersüchtig. Er entdeckte in den Augen des Mädchens blanken Schalk. Karin war keine Schönheit, die Lippen waren zu prall und die Nase zu groß, doch das dunkle Haar und die großen hellblauen Augen gaben ihrem Gesicht etwas Besonderes. Als sie lächelte, entblößte sie zwei Reihen makellos weißer Zähne. «Sie sollten immer lächeln, es steht Ihnen wahnsinnig gut!» flüsterte er. Karin errötete, aber das Kompliment gefiel ihr. «Laufen Sie immer bis zur Burg ’rauf?», fragte sie. 31
«Ja, jeden Tag!» «Ich schaffe nur den halben Hang», sagte sie. Sie stand dicht vor ihm, und er sah, daß sie nur wenige Zentimeter kleiner war als er. «Wir schließen, Karin!», rief der Chef schrill. «Ja, gleich», erwiderte sie gelassen. «Im Jugendklub ist heute Disko», sagte Faber. «Ich habe Handarbeitszirkel im DFD», antwortete sie, «der geht bis neun.» Der Verkaufsstellenleiter kam heran. «Es ist schon drei Minuten nach dreizehn Uhr.» Er fragte den aufdringlichen Kunden: «Sind Sie auch neu in Bardenberg?» «Ja, so ist es», antwortete Faber. Ins VPKA zurückgekehrt, telefonierte der Leutnant mit der Kreisorganisation des Demokratischen Frauenbundes. Der Handarbeitszirkel fand in den Räumen des Veteranenklubs statt. Pünktlich um vierzehn Uhr erschien der Tankstellenleiter Alfred Henzke. Faber gab ihm die Hand und zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Der behäbige Mann setzte sich. Nach einem prüfenden Blick auf den jungen Leutnant huschte Erleichterung über sein Gesicht. Faber trat zur Zwischentür, um sie zu schließen, aber Major Werner schüttelte den Kopf, und Faber zuckte lächelnd die Schultern und wandte sich der Vernehmung zu. Faber belehrte Henzke über seine Rechte und Pflichten, erfragte die Personalien und unterrichtete ihn über den Gegenstand der Vernehmung, eine formaljuristische Notwendigkeit, da Henzke ja wußte, worum es ging. Major Werner fand an der Einleitung nichts auszusetzen, er wäre ebenso verfahren. «Herr Henzke, berichten Sie nun, was Sie gegen die Beschuldigung vorzutragen haben! Das Tonbandgerät hilft, Irrtümer zu vermeiden. Wir hören es später ab, und wenn Sie Einwände haben, werden sie protokolliert!» «Daß so ein Theater um ein paar Liter Öl gemacht wird, verstehe ich nicht!», schnaufte Henzke. 32
«Hören Sie, ein paar Liter? Es sind zweihundert Liter im Werte von siebenhundert Mark!» «Wie soll ich Ihnen das erklären? Die waren einfach über, na und?» In der Stimme des Beschuldigten schwang ein aggressiver Unterton mit. Henzke zog alle Register: Ein an seinem Schreibtisch klebender Kriminalist habe keine Ahnung, wie es im Leben zuginge und im Alltag der Produktion. Sachlich unterbrach Leutnant Faber Henzkes Tiraden. «Sie irren, Herr Henzke, wenn Sie uns für weltfremd halten. Beantworten Sie meine Frage: Wie oft befanden Sie sich in einer ähnlichen Situation, daß ‹auf unerklärliche Weise› Motorenöl im Überbestand war?» «Es war das erste Mal, wirklich!», beschwor Henzke gekränkt, als würde ihm ein Unrecht zugefügt. «Ihre Pflicht wäre gewesen, den Überbestand zu melden, damit der offensichtliche Buchungsfehler korrigiert würde.» «Na ja», Henzke krümmte sich auf seinem Stuhl wie ein Wurm, «andererseits …» Er brach ab und starrte an Faber vorbei auf einen Wandkalender. «Was meinen Sie mit ‹andererseits›?» «Sie glauben gar nicht, wie oft wir angeschmiert werden!», behauptete Henzke. «Neulich ist ein Dacia mit dreißig Liter Extra auf und davon! Fragen Sie Otto, meinen Kollegen Haube!» «Sie wollen sagen, daß das aus dem Verkauf des Überbestandes an Motorenöl erzielte Geld dazu bestimmt war, Verluste aus Tankprellerei zu begleichen?» «Genau so!», klang es erleichtert. «Für wie naiv halten Sie mich? Vor mir liegen die Aussagen Ihrer Kollegen Otto Haube und Rita Wille. Beide führen nichts an, was Sie entlastet. Ihre Kollegin Wille meint, Sie müssen schon gewußt haben, daß zweihundert Liter Öl überständig sind, da Sie ein Zweihundertliterfaß in die Werkstatt gerollt haben!» Henzke wurde zunehmend störrischer und zeigte keine Neigung nachzugeben. Er hatte begriffen, daß der Leutnant in den 33
ausgeblichenen Jeans und dem handgestrickten Pullover keinesfalls so harmlos war, wie er aussah. Für Faber stand fest, daß hier kein einmaliger Buchungsfehler vorlag. Ihm war klar, daß die neue Kollegin in eine lang andauernde Hehlerei einbezogen werden sollte, nur hatte Henzke sie falsch eingeschätzt. Major Werner war ins Zimmer getreten und schaltete sich in das Gespräch ein. «Bei der Einlassung der Bürgerin Wille, daß Hehlerei im Spiele sei, handelt es sich um eine unbewiesene Vermutung, Genosse Faber!», mahnte er. Während Werner nur «dringende Verdachtsgründe» akzeptierte, ging Faber davon aus, daß «hinreichender Tatverdacht» bestand, der sogar eine Untersuchungshaft rechtfertigte. Der Major erinnerte sich seiner eigenen Sturm- und Drangzeit und schrieb Fabers Hartnäckigkeit seinem jugendlichen Eifer zu. Der Leutnant überließ Werner nur ungern die Führung der Vernehmung, das spürte auch der Beschuldigte, dem plötzlich Tränen in den Augen standen. «Ich sehe ein, es war nicht richtig, den Überbestand zu verkaufen, ich hätte ihn melden müssen!» Henzke schneuzte ins Taschentuch. «Warten Sie draußen, Herr Henzke!», forderte Werner. Henzke erhob sich eilfertig und warf dem Major einen tränenverschleierten Blick zu. Als die Tür sich hinter dem Beschuldigten geschlossen hatte, wertete Werner die Vernehmung aus. «Der Vorgang ist sowieso kein Fall für den Staatsanwalt», begann der Major. «Übergabe an die Konfliktkommission, Genosse Leutnant!», ordnete er an. Fabers Miene verriet, daß er mit dieser Entscheidung nicht einverstanden war. Der Leutnant war anderer Meinung. «Die Bürgerin Wille hat ausgesagt, vor ihr sollte geheimgehalten werden, daß ein Zweihundertliterfaß in die Werkstatt gerollt wurde! Das spricht doch dafür, daß es sich um eine länger geübte Praxis handelte. Laut Belegen wurden achthundert 34
Liter geliefert, nach Kollegin Wille waren es aber fünf Fässer à zweihundert Liter!» «Drei Aussagen stehen dem gegenüber: die des Beschuldigten, die des Tankwartes Haube und die des Tankwagenfahrers Schiffer! Demnach sind nur vier Fässer gefüllt worden. Eins blieb leer und nahm nur den Rest auf, der beim Abfüllen durch Luftblasenbildung nicht in die genormten Fässer reingeht!» Faber rollte mit der Handfläche seinen Kugelschreiber auf dem Tisch hin und her, ein Zeichen dafür, daß er erregt war. Er widersprach Werner nicht, das verbot die Disziplin, außerdem hatte Rita Wille bei der in der Tankstelle durchgeführten Befragung eingeräumt, es sei möglich, daß eines der Fässer nur mit dem Rest gefüllt wurde. «Vermutlich ist der Tankwagenfahrer mit von der Partie!», sagte Faber. «Lieber Freund», wandte Werner sich an den Leutnant, «ich verstehe ja, ich kenne das aus meiner Anfangszeit: Als tatendurstiger junger Kriminalist neigt man dazu, in jedem Beschuldigten einen überführten Täter zu sehen! So ist es doch gar nicht! Der Bürger Henzke ist polizeilich nie in Erscheinung getreten. Seine Erklärung des Überbestandes klingt, zugegeben, nicht sehr plausibel, aber die Einlassung der Kollegin Wille beruht ebenso auf Vermutungen wie Ihr Verdacht gegen den Kraftfahrer!» «Sie sind der Erfahrenere, Genosse Major», gab Faber klein bei, «aber bei mir schwirrt es im Hinterkopf! Es gibt bei Minol ungewöhnlich hohe Minusdifferenzen. Der Direktion ist das so in die Knochen gefahren, daß man diesen Bagatellfall, der sonst innerbetrieblich geregelt worden wäre, zur Anzeige brachte!» «In der Hoffnung, daß er die Minusdifferenzen erklärt? Mensch, Faber!», ergänzte Werner ungläubig. Er klopfte begütigend Fabers Schulter, verließ das Dienstzimmer und schloß die Tür hinter sich. Lange vor einundzwanzig Uhr postierte sich Faber gegenüber dem Veteranenklub, der in einem alten Haus Bardenbergs un35
tergebracht war. Das Dach und die Fassade waren mit blauschimmernden Schieferschindeln bedeckt. Die Fenster besaßen kaum Zeitungsformat, und hinter den Vorhängen schimmerte heimeliges, gelbes Licht. Karin verließ das Haus als erste und sah ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Er hob grüßend die Hand, und wie selbstverständlich überquerte sie die Fahrbahn. «Sie haben auf mich gewartet?» Das war keine Frage, sondern eine Feststellung; Faber spürte, daß sie sich darüber freute. «Disko ist nicht drin, sagten Sie. Bleibt es dabei?» «Ja. Meiner Tante geht es nicht gut, sie hat’s mit dem Herzen. Um zehn bin ich zurück, habe ich ihr versprochen», sagte sie und hakte sich bei ihm ein. «Na fein», sagte Faber, «ich war eingeplant, sonst hätten Sie keine Stunde an den Zirkel angehängt! Wo gehen wir hin? Ins Cafe Roseneck?» «Lieber nicht! Ach was, ich sag, wie’s ist: Ich bin keine Kaffeetante, und Kuchen mag ich auch nicht. Lachen Sie mich nicht aus, ich stehe auf Bier und Knackwurst!» «Ein männlicher Geschmack, aber wen wundert’s im Zeitalter der Gleichberechtigung!» Sie liefen mit gleichlangen Schritten und im selben Rhythmus, er sah sie an, und sie blickte ihn an, und beide lächelten, und plötzlich spürte er ihre Finger auf seinem Arm deutlicher. Im «Gasthaus zur Tanne» herrschte Betrieb. Durch die hölzernen Fensterladen drang Gesang rauher Männerkehlen. An den Eingangsstufen zögerte Karin, Mädchen waren in Bardenberg rar, und die Bauarbeiter waren nicht zimperlich mit derben Komplimenten. Vielleicht gab es auch gar keinen Platz mehr? Faber ignorierte ihre Einwände. Sie traten ein und fanden auch noch zwei Plätze. Der Gesang kam aus dem Nebenraum. Dort feierten Betonwerker den Geburtstag ihres Brigadiers. Karin erzählte, daß ihr Verkaufsstellenleiter den ganzen Nachmittag über schlechte Laune gehabt hatte. Er war eifer36
süchtig, obwohl er wußte, daß er auch nach Karins aufgelöster Verlobung keine Chance besaß. «Aufgelöste Verlobung?», fragte Faber. Um sie her brandete der Gaststättenlärm. «Ein Jahr lang war ich verlobt», sagte sie. «Er hatte noch eine andere, von der ich nichts wußte. Statt Alimente zu zahlen, hat er sie lieber geheiratet!» Karins Gesicht verdüsterte sich. Die Enttäuschung schien ihr sehr wehgetan zu haben. Die Betonbauer drängten in die Gaststube und zur Theke. Die erhitzten Gesichter und holprigen Zungen verrieten, daß sie nicht mehr nüchtern waren. «Hallo, Mäuschen!», krakeelte einer mit langem, bis auf die Schulter reichendem Haar und hob Karin sein Glas entgegen. «Prost, Mädchen! Ich bin der Heiner!» «Er ist angetrunken», flüsterte Faber, «tun Sie ihm den Gefallen, dann gibt er Ruhe!» Sie sah ihn enttäuscht an und schüttelte den Kopf. «Betrunkene mag ich nicht», sagte sie so laut, daß Heiner es hörte. Der wollte sich zu ihr hindurchdrängen, doch kräftige Fäuste packten ihn und hielten ihn fest. Dann fand die Aufmerksamkeit der Gäste ein neues Ziel: Eine Wette wurde mit Handschlag besiegelt. Ein stämmiger Mann hob einen der klobigen Stühle mit geschnitzter Rückenlehne mit einer Hand an einem der hinteren Stuhlbeine an und streckte ihn seitlich. Er bekam Applaus, und etliche Nachahmer scheiterten, begleitet von schallendem Gelächter. Nur Heiner tat es dem Stämmigen gleich, packte den Stuhl und streckte ihn seitwärts; sein Gesicht verriet, welche Anstrengung es kostete. «Noch ein Bier?», fragte Faber. Karin nickte. Er stand auf und drängte sich zur Theke durch. Als er mit zwei vollen Gläsern zurückkehrte, fand er seinen Stuhl besetzt, auf dem hockte Heiner, grinste spöttisch und machte keine Miene, sich zu erheben. «Gehen wir?», fragte Karin unsicher. «Weshalb? Der Kollege steht auf und basta!» 37
In der Gaststube wurde es plötzlich still. Da braute sich etwas zusammen. Jeder der Anwesenden spürte es. «Heiner, laß den Blödsinn!», rief drohend der Brigadier, ein Hüne von zwei Metern. Zu Faber sagte er: «Keine Bange, Jungchen, den nehme ich mir vor, wenn er stänkert!» Heiner duckte sich. Mit dem Hünen legte er sich nicht an, aber er versuchte einen imponierenden Abgang. Er stand auf und wiederholte den Stuhltrick. Außer Atem rief er laut: «Mach’s nach, Bubi, dann darfst du dich setzen!» Gelächter. Karins Stirn färbte sich rot, sie fühlte sich als Anlaß der heiklen Situation. Faber zog seine Lederjacke aus und reichte sie Karin, kniete auf den Fußboden nieder, packte eines der vorderen Stuhlbeine dicht am Boden und hob den Stuhl mit einer Hand an, trotz des Übergewichtes der Rückenlehne. Er stand schwankend auf und streckte das rustikale Möbel seitwärts. Die Nackensehnen schwollen an, die Adern an seinem Hals traten heraus, das Zittern seines Armes verriet die Anstrengung. In der Gaststube war es still geworden. Leutnant Faber setzte den Stuhl ab und wischte mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn. «Mach’s nach, Bubi!», forderte er von Heiner, der ihn sprachlos anstarrte. Gelächter und Applaus beendeten die Stille. Der Langhaarige drängte zur Theke und verlangte einen doppelten Klaren. Faber zog seine Jacke an und setzte sich wieder. «Sie sind aber stark», flüsterte Karin. «Übung», erwiderte er, «genau wie das Laufen!» Er hob sein Glas, stieß an ihres und sagte leise: «Auf dein Wohl, Karin! Ich heiße Uwe!» «Auf dein Wohl, Uwe!», gab sie zurück. Der Lärm erreichte bald wieder die vorherige Lautstärke, und verstohlene Blicke galten dem schmächtigen Mann mit dem streichholzkurzen Haar, der aus Muskeln und Sehnen zu bestehen schien. Der Brigadier schob sich zu Heiner hin, nahm ihm das Schnapsglas aus der Hand und stellte es auf die Theke zurück. 38
«Der Kollege hat dich herausgefordert, du bist ihm Revanche schuldig, oder bist du ’ne Pfeife?» Heiner kam nicht umhin, der Aufforderung zu folgen, aber er hob das an einem vorderen Bein gepackte Möbel nur wenige Zentimeter vom Boden an und erntete Spott und Gelächter. «Falls Sie ’n Job suchen, bei uns können Sie anfangen!», rief der Brigadier und hob Faber sein Glas entgegen. Der gab dem Hünen Bescheid. Karin musterte ihn bewundernd. «Wo arbeitest du?» «In einer Behörde.» Er sah, daß sie die Antwort nicht befriedigte, aber sie wollte nicht aufdringlich erscheinen und schwieg. «Es ist Zeit, ich muß gehen», sagte sie. Bevor er ihr noch einige Minuten abhandelte, wurde die Gaststubentür geöffnet, und ein Volkspolizist trat herein. Seine Stimme übertönte den Lärm. Draußen stünde ein PKW unter einer finsteren Laterne, rief er. Der kaffeetrinkende Fahrer erhob sich hastig und eilte hinaus. Der Oberwachtmeister entdeckte Faber. «Guten Abend, Genosse Leutnant!» Faber erwiderte den Gruß mit zwiespältigen Gefühlen. Er legte keinen Wert darauf, als Kriminalist bekannt zu sein. Karin starrte ihn verblüfft an. «Sie sind …?» «Karin!», unterbrach er sie mahnend. «Du bist …?» «Ja, ich bin! Komm, gehen wir! Bitte zahlen!» Doch der Wirt winkte ab. Die Bauarbeiter hatten Fabers Zeche beglichen. «Auf die hast du Eindruck gemacht», sagte Karin und lächelte stolz. «Auf dich etwa nicht?», fragte er erstaunt. Sie antwortete nicht, drückte aber seinen Arm.
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6 Messetrubel beherrschte die mit Fahnen, Transparenten und Willkommensgrüßen geschmückte Stadt; die Leipziger ertrugen ihn gelassen. Das Wetter zeigte sich freundlich, Vorfrühling lag in der Luft. Zu den Erschwernissen der Messetage gehörte, daß es in den Gaststätten kaum einen freien Platz gab. Noch schwieriger war es mit Parkplätzen. Der Fahrer des weißen Moskwitsch parkte vor dem Hotel Astoria, stieg aus und verschloß das Fahrzeug. Axel Blaschke trug zum ersten Mal statt des grauen Ledermantels einen beigefarbigen Trenchcoat und eine karierte Mütze. Er durchquerte die Halle und steuerte das Restaurant an. «Ich bin mit Ihrem Kollegen Franke verabredet», erklärte er dem plazierenden Kellner an der Tür. «Ausgerechnet während der Tischzeit?», fragte der. «Sagen Sie ihm, es betrifft seine Zuschrift!» Der Servierer trat in den Vorraum und führte Blaschke hinter einen Blumentisch, der sie vor neugierigen Blicken verbarg. «Haben Sie die Uhr dabei?» «Ja, bitte!» Blaschke holte ein kleines Päckchen aus seiner Manteltasche und wickelte eine chromblitzende Quarzarmbanduhr mit schwarzem Zifferblatt aus dem Seidenpapier. Der Kellner nickte zufrieden. «Wieviel?» «Dreihundert, wie annonciert!», antwortete Blaschke und beobachtete durch die Blumen das Vestibül. Der Kellner entnahm seiner Kassiertasche das Geld, und Blaschke schob die Fünfzigmarkscheine in seinen Mantel. «Hätten Sie auch einen Taschenrechner?» «Ja, ließe sich besorgen! Vierhundert Mark!» Blaschke versprach, in einer halben Stunde wiederzukommen. Er fuhr aus dem Zentrum zurück nach Gohlis und parkte seinen Moskwitsch in der Nebenstraße, von der aus er sein Geschäft sah, das jetzt von einer Straßenbahn verdeckt wurde. Blaschke wartete, bis die Bahn weiterfuhr, und rauchte eine Zigarre an. Dann blickte er stolz auf das Schaufenster, das sei40
nen Namen trug, und auf die vor der Tür herabgelassene Jalousie. Von dreizehn bis fünfzehn Uhr blieb der Laden geschlossen. Doch für den wichtigsten Teil seines Unternehmens gab es keine Pause: An der Giebelmauer hingen sechs flache Glaskästen mit Dutzenden ausgehängten Zetteln, in die Rubriken «Ankauf», «Verkauf», «Tausch», «Wohnungen», «Heiraten» und «Verschiedenes» geordnet. Die an der Haltestelle wartenden Passanten konnten sich die Zeit vertreiben und in Ruhe die ausgehängten Annoncen studieren. Blaschke hatte seine Mutter nie dazu überreden können, den Textilhandel an den Nagel zu hängen und einen Zettelaushang zu eröffnen. Erst nach ihrem Tod, vor drei Jahren, verwirklichte er seinen Plan. Der Rat der Stadt genehmigte das Vorhaben und erteilte ihm das Gewerbe. Nach und nach kamen eine Anzeigenannahme für die DEWAG-Werbung, ein Laufmaschendienst und der Theaterkartenvorverkauf hinzu. Der frühere Sachbearbeiter der Handelsorganisation fühlte sich als erfolgreicher Geschäftsmann. Selbstbewußt schritt er über die Fahrbahn. Verwundert sah er, daß in seinem Geschäft Licht brannte; er wußte, daß er es ausgeschaltet hatte, als er mit seinem Mitarbeiter den Laden verließ. Blaschke neigte zu Mißtrauen, obwohl ihm Kurt Mulewski, den er Mulle nannte, noch nie Anlaß dazu gegeben hatte, er vertraute ihm sogar die Ladenschlüssel an. Er ginge zu Tisch, hatte er zu Mulle gesagt, und führe dann nach Halle, um einen Ölradiator zu kaufen, vor siebzehn Uhr sei er kaum zurück. Blaschkes Mißtrauen wuchs, er hastete in den Hausflur, wollte leise den Laden betreten, doch innen steckte der Schlüssel. Er lief auf den Hof und spähte durchs Fenster. Die Gardine behinderte die Sicht, aber er sah, daß Mulewski am Schreibtisch saß und Briefe öffnete. Blaschke war darauf gefaßt gewesen, den Kollegen mit einem halbwüchsigen Bengel zu überraschen, aber darauf nicht: Mulle riß Kundenbriefe auf! Flüchtig dachte Blaschke, daß Kurt Mulewski selbst annonciert haben könnte und die Zuschriften an ihn gerichtet seien. 41
Er verwarf den Gedanken wieder. Weshalb sollte er das verheimlichen? Mulewski war durch eine gekrümmte Wirbelsäule behindert und nur einen Meter fünfzig groß. Blaschke hatte seinetwegen ein zwanzig Zentimeter hohes Podest hinter dem Ladentisch anbringen lassen. Es schien ein grausamer Scherz der Natur zu sein, daß Mulle ein ausgesprochen hübsches Gesicht, gewelltes dunkles Haar und ausdrucksvolle rehbraune Augen mit seidigen Wimpern besaß. Mulle hätte bestimmt eine Freundin gefunden, aber Mädchen interessierten ihn nicht. Kurt Mulewski schlitzte im Büro wieder einen Umschlag auf und warf den Brief, ohne ihn zu lesen, zu den anderen. Blaschke trommelte wütend an die Scheibe. Mulle schlug die Gardine zurück und starrte entsetzt auf seinen Chef. «Mach auf!», schrie Blaschke und sah, daß Mulle die geöffneten Briefe zusammenraffte und in den Ofen stopfte. Der Flammenschein flackerte über sein angstverzerrtes Gesicht. Es dauerte endlos, dann wurde der Schlüssel gedreht. Blaschke stieß die Tür nach innen und stürmte an Mulle vorbei ins Hinterzimmer. «Was tust du hier? Verbrennst du Kundenbriefe, verdammter Kerl?» Mulles sanfte Augen füllten sich mit Tränen. Er brachte kein Wort über die Lippen. Ein Brief war zu Boden geflattert, Blaschke stürzte sich auf ihn. «Sehr geehrter Inserent», las er, «die angebotene Garage in Leipzig-Tekla würde ich gern kaufen und zahle die dreitausend Mark bar. Mit freundlichen Grüßen – Gustav Hänsel! P. S. Falls Sie sich für mich entscheiden, gehe ich bei gutem Bauzustand über Ihre Forderung hinaus!» Blaschke sank auf seinen Schreibtischstuhl und starrte Mulle ratlos an. «Sag mir endlich, weshalb du die Kundenpost aufmachst?» «Es ist mei-meine», stotterte der Gefragte, der mehr tot als lebendig an der Wand lehnte. «Erzähl mir keinen Mist», drohte Blaschke, «du und eine 42
Garage? Wo hast du denn das Auto dazu? Wenn du auf einen Baum kletterst, gehört dir doch auf der Erde nichts mehr!» Er riß einen ungeöffneten Brief an sich, lief in den Laden und suchte im Kundenbuch die Chiffre. «Du Schwindler! Deine Post! Paul Horstmann; Gohlis, Cöthnerstraße siebzehn! Steht das hier oder nicht?» Kurt Mulewski hatte sich gefangen. «Einen Paul Horstmann gibt es gar nicht! Ich habe die Annonce fingiert, Adresse und PA-Nummer existieren nicht!» Als Zeitungsinserent hatte Mulle eine nicht existente Garage in Tekla zum Kauf angeboten. Hundertelf Zuschriften, vor allem aus dem Neubaugebiet, waren eingetroffen. Die Hälfte hatte Mulle bereits geöffnet. Seine Ausbeute betrug drei Fünfzig- und zwei Hundertmarkscheine, die in der Hoffnung beigefügt worden waren, als erster berücksichtigt zu werden. Blaschke war sprachlos. Diese Raffinesse hätte er seinem Mitarbeiter niemals zugetraut. Er holte die restlichen Zuschriften aus dem Laden. «Du spinnst, da steckt was anderes dahinter! Wer schmeißt denn so mit Geld um sich?» Er riß einen Umschlag auf. Ein Zettel flatterte auf den Boden, zwei Worte waren fett unterstrichen: «Biete viertausend!» «Das sagst du bloß, weil du die Briefe aufmachen willst», stammelte Mulewski trotzig und half widerwillig, die übrigen Zuschriften zu öffnen. Je kleiner der Briefstapel wurde, desto schärfer wurden Blaschkes Spötteleien. Dann aber verschlug es ihm die Sprache. Ein Brief enthielt zwei Hundertmarkscheine. «Es ist nicht zu fassen», flüsterte er, «wie bist du auf die ausgebuffte Idee gekommen?» «Schreiber hat erzählt, daß er es öfter so macht, wenn er unterwegs ist. Er hat einen gefundenen Personalausweis zurechtgefummelt, mit dem weist er sich dann aus.» «Schreiber? Aus Bardenberg?» Der Vertreter der Bardenberger Spielzeugfabrik war ständig auf Reisen. Vor ein paar Monaten war Blaschke mit ihm ins Geschäft gekommen; Schreiber kannte Gott und die Welt, wie er sagte, und handelte 43
mit allem, was beweglich war und in seinem Trabant-Kombi Platz fand. «Weißt du, daß wir in Teufels Küche kommen, wenn das platzt?» «Wie soll das denn rauskommen? Da denkt doch jeder, er hat eben Pech gehabt!» «Wage das nicht noch mal, Freundchen! Denkst du, ich gehe deinetwegen in den Knast?» «Meinetwegen nicht», Mulles Stimme gewann Festigkeit, «höchstens wegen deiner krummen Geschäfte!» Blaschke starrte seinen Mitarbeiter verblüfft an. Der wußte mehr, als er ihm zugetraut hatte. Schreiber, der Quatschkopf, hatte wieder mal geprahlt, dachte er. Mulewski spürte, daß sein Chef verunsichert war, und bekam Mut. Nun war schon alles gleich. Er redete sich von der Seele, was zu sagen er sich so oft vorgenommen hatte, wenn er schlaflos lag und mit seinem Schicksal haderte. «Du hast klug reden», sagte er, «du machst Geld wie Heu, und mir gibst du fünfhundert Mark im Monat!» «Bar auf die Hand, mein lieber, bar auf die Hand! Geht es dir schlecht? Wirst du bei mir ausgenutzt? Du warst froh, aus dem Großbetrieb ’raus zu sein, wo dich mancher gehänselt hat!» «Das Geld reicht gerade fürs Notwendigste», sagte Mulewski. «Für das Geld aus den Umschlägen will ich mir eine Stereoanlage kaufen. Ich sammle doch Schallplatten, aber nicht solche Piratenproduktionen, die du unter der Hand verkauf st, diese Rock- und Punkmusik. Gib es zu, die wird von drüben eingeschmuggelt! Ich sammle Klassiker wie Jean Sibelius.» Blaschke bekam einen trockenen Mund. «Wie kommst du denn auf Piratenproduktionen?» «Denkst du, ich bin blöde? So gut ist dein Kellerversteck nicht. Die Kohlen schleppe ich ja ’rauf! Da unten liegt Zeug für … zigtausend Mark! Quarzuhren, Taschenrechner, Schallplatten …» 44
«Seit wann weißt du’s?», fragte Blaschke sachlich. «Schon lange», antwortete Mulle, «keine Angst, ich bin kein Dieb, ich nehme dir nichts weg!» Blaschke starrte grübelnd auf seinen Mitarbeiter. Mulle log nicht. Es fehlte nichts, er hätte es bemerkt. Wäre er nicht dumm, wenn er dieses Juwel an Ehrlichkeit nicht an sich bände? Blaschkes Stimme klang plötzlich gerührt: «Mensch, Mulle, warum hast du kein Vertrauen zu mir? Warum sagst du nicht, daß du unzufrieden bist? Ich hatte keine Ahnung, daß du von meinen Geschäften weißt. Sollte ich sie dir auf die Nase binden? Na siehst du! Aber jetzt wird alles anders!» Er stand auf und tat, was er noch nie getan hatte, da eine unerklärliche Scheu ihn davon abhielt, den Buckel zu berühren: Er legte einen Arm um die Schultern des kleinen Mannes und zog ihn an sich. «Mensch, Mulle, du kriegst deine Stereoanlage! Ich schenke sie dir!» Mulewski blickte ungläubig zu Blaschke auf. Tränen der Rührung rannen über seine Wangen. «Nu, nu», brummte Blaschke. Meine Güte, dachte er, und bei dem Gedanken schauderte es ihn, wenn der Kerl mich verpfiffen hätte – oder beklaut? «Zweihundert lege ich dir zu pro Monat.» Mulles Kehle war wie zugeschnürt. «Ich wollte schon aufhören und in der Brauerei als Pförtner anfangen, aber ich hänge doch so an dir, Axel!», flüsterte er. Der Gedanke, daß Mulle ihm beinahe gekündigt hätte, jagte Blaschke einen nachträglichen Schrecken ein. Er kannte seine Schwäche zu Übertreibungen, im Guten wie im Bösen. War er sparsam, übertrieb er es bis zum Geiz. Zeigte er sich großzügig, fehlte es ihm an Augenmaß. «Hin und wieder machst du auch ’n kleinen Reibach, Mulle! Alles klar?» Mulewski nickte. Das Telefon läutete. Blaschke hob den Hörer und meldete sich. Eine ihm bekannte Stimme fragte: «Hallo, bei dir alles gesund?» 45
«Alles in Ordnung», antwortete Blaschke und legte den Hörer auf. «Ich fahre nicht nach Halle», sagte er zu Mulle. Dann begann er, das mit alten Möbeln vollgestellte Büro aufzuräumen. Mulewski half ihm dabei. Aus den Zettelangeboten war ein antiker Sekretär aussortiert worden. Er zog viele Interessenten an, aber Blaschke legte die Zuschriften «auf Eis», wie er es nannte, bis er dem enttäuschten Anbieter das Möbelstück deutlich unter dessen Preisvorstellung abzuhandeln vermochte. Diese Taktik wiederholte er immer wieder erfolgreich. Alle Verkäufe wurden darauf überprüft, ob sie ein lukratives Geschäft versprachen. Mulle nahm den Kohleneimer und blickte fragend auf seinen Chef: Da er keine Miene verzog, ging er in den Flur, hob die Kellerklappe und stieg hinab. Er sah scheu auf den schmalen Spind, der den Durchbruch zum Luftschutzkeller der Nebenhausruine verdeckte. Als die Ruine vor Jahren gesprengt wurde, war eine Nische entstanden, die Blaschke als Versteck nutzte. Mulewski schaufelte den Eimer nur halb voll Braunkohlenkoks, keuchte die Stufen hinauf und schüttete den Koks in den Allesbrenner; die verbrannten Briefe waren längst zu dunkler Asche zerfallen. Und dann kam Grindel. Er trug einen hellen Trenchcoat und eine sportliche Mütze wie Blaschke. Mulle zog die Jalousie hoch, als der vermeintliche Kunde auch schon eintrat. Mulle glitt fast der Gurt aus der Hand, der Ankömmling schien ein Doppelgänger seines Chefs. Der kam nach vorn und führte den Besucher ins Büro. «Ich will nicht gestört werden, Mulle!», rief er. Der Gast hängte Mantel und Mütze an die Flurgarderobe und ließ sich in einem der beiden großväterlichen Sessel nieder; aus einem faltigen Beutel stopfte er seine Pfeife. «Kaffee oder Tee?», fragte Blaschke. «Tee, bitte englisch!» Der Wasserkessel summte bald auf der elektrischen Kochplatte; Blaschke holte eine zweibändige Briefmarkensammlung 46
aus dem Sekretär und legte sie auf den Mittelfußtisch mit dem intarsierten Schachbrett. Er hatte sie per Zettelangebot aus einer Haushaltsauflösung erstanden. Da er kein Philatelist war, ließ er sie fachmännisch begutachten. Doch statt der geschätzten dreitausend Mark zahlte er nur zweitausend dafür. «Nicht überwältigend», meinte Grindel beiläufig, «nur die Altdeutschen sind interessant! Der Preis?» «Viertausend West!», forderte Blaschke. Grindel brannte die Pfeife an und schmauchte, bevor er sich äußerte. «Um tausend zu teuer, aber ich feilsche nicht. Akzeptiert!» Verdammt, dachte Blaschke, die Altdeutschen sind wohl doch mehr wert als vermutet? Grindel hätte sonst nicht so rasch zugesagt. Fünf Riesen hätte ich verlangen sollen. «Soll ich sie einwickeln?», fragte Blaschke. «Natürlich nicht. Nächste Woche in Köckern!» Grindel riskierte nichts. Als Messebesucher unterlag er beim Passieren der Grenze der üblichen Zollkontrolle; fuhr er dagegen mit seinem PKW aus der BRD im Transit nach Westberlin, wurde er nicht kontrolliert. Sie bedienten sich meist des Koffertricks: Zur verabredeten Zeit aß Blaschke, die Ähnlichkeit mit Grindel durch eine Sonnenbrille verbergend, im Schnellimbiß der Autobahnraststätte Köckern eine Wurst mit Salat, seinen Handkoffer neben sich, Grindel stellte seinen dazu. Beide glichen sich zum Verwechseln und wurden dann einfach ausgetauscht. Blaschke brühte den Tee und stellte das Tablett vor Grindel hin. Er ließ sich dem Besucher gegenüber nieder und rührte in seinem Kaffee. Ah die vergangene Herbstmesse erinnerte er sich, als sei es erst gestern gewesen. Im Ringmessehaus hatte jemand seine Schulter geklopft und ihn mit «Hallo, Herr Grindel!» angeredet. Es kostete wiederholte Beteuerungen, daß eine Verwechslung vorläge. «Ich war damals neugierig, wie groß die Ähnlichkeit meines Doppelgängers sein mochte», erklärte Blaschke, «und gab dem Frankfurter meine Geschäftskarte!» 47
Grindel lachte. «Sie landete in der Woche darauf bei mir. Schönen Gruß von Herrn Blaschke in Leipzig. Falls Sie mal dort zu tun haben, besuchen Sie ihn! Bei mir war es mehr als Neugier!», gestand Grindel ungeschminkt. Schon nach dem ersten lukrativen Geschäft ahnte Blaschke, daß Grindel nicht nur an einem Warenaustausch interessiert war. Er beschaffte dem Frankfurter Antiquitäten, Briefmarken und Münzen und erhielt Taschenrechner, Quarzuhren und Schallplatten. Aber Grindel handelte auch mit Nachrichten. Blaschke vermutete, daß Grindel sich nur nebenher für einen Nachrichtendienst betätigte. Bei Vertretern war es branchenüblich, das Einkommen durch «Mitnehmer», gut verkäufliche Artikel fremder Firmen, aufzubessern. «Es wird Zeit, daß wir uns eine Legende zulegen», behauptete Grindel. «Ich bin dein mütterlicherseits verwandter Cousin Lutz Grindel aus Frankfurt, okay?» Blaschke nickte und spürte, daß etwas Gewichtiges auf ihn zukam. Bisher hatte er für Grindel Adressen aus der Handelsbranche besorgt, eine harmlose Gefälligkeit. Ungewöhnlich erschien nur, daß sie sich seit kurzem über einen «Toten Briefkasten» verständigten, ein Baumversteck bei einem Rastplatz nahe der Autobahnausfahrt Niemegk. «Erzähl ein bißchen von dir», forderte Grindel. Blaschke tat bescheiden. Was gab es da groß zu berichten? Ein Jahr vor Kriegsbeginn geboren, erinnerte er sich noch an brennende Häuser und daß seine Mutter schwarz gekleidet ging, als der Vater gefallen war. Der Textilkaufmann soll ein stiller, bescheidener Mensch gewesen sein. Er hatte ein Geschäft im Zentrum geführt. Bevor es von amerikanischen Brandbomben zerstört wurde, hatte es die Mutter weitergeleitet. Später eröffnete sie den kleinen Laden in Gohlis, der wie durch ein Wunder unversehrt blieb, obwohl beide Nachbarhäuser brannten. Nach der Zehnklassenschule erlernte Blaschke den Beruf des Textilkaufmannes, die Mutter wollte, daß er den Laden übernähme, der sie knapp ernährte. Als Siebenundzwanzigjäh48
riger, Mitte der sechziger Jahre, leitete Blaschke schon ein großes Textilgeschäft der Handelsorganisation. Er verschwieg, daß er durch Betrügereien ein Vermögen beiseite geschafft hatte, das sich in Nichts auflöste, als er den Schaden ersetzen mußte. Damals war er im dritten Jahr verheiratet gewesen, und seine Frau, Richterin im Kreisgericht Nord, hatte sich von ihm getrennt. Grindel sah Blaschkes düsterem Gesicht an, daß es Dinge gab, über die er nicht sprechen wollte. Durch Intrigen neidischer Kollegen sei er um seine Position gebracht worden, behauptete er, und sei dann als Sachbearbeiter in der HODirektion untergekommen. «Inzwischen hast du dich gemausert, lieber Cousin», erklärte Grindel mit ausholender Geste und schlürfte seinen Tee. Die Möbel stellten in der Tat einen erklecklichen Wert dar. Grindel zückte seine winzige Kamera, die wie ein Feuerzeug aussah, und fotografierte Seite für Seite die Briefmarkensammlung. «Es wäre schade, wenn was verlorenginge», sagte er ungerührt. Als er fertig war, holte der Frankfurter einen zur Kugel gerollten Papierstreifen aus seiner Hosentasche. «Hier, dein Kontoauszug!» Blaschke strich das Papier glatt. Das bei der Frankfurter Kommerzbank auf seinen Namen eingerichtete Konto wies einen Saldo von vierunddreißigtausendsechshundertundzehn Mark aus, den Gewinn von fünf Monaten Schwarzhandel. «Nimm’s mir nicht übel, aber so richtig freue ich mich nicht darüber. Gehört mir denn das Geld wirklich? Du bist ja sicher auch verfügungsberechtigt!» Grindel nahm Blaschke das Mißtrauen nicht übel, im Gegenteil, er stimmte sogar zu. «Eines Tages richtest du dir selbst ein Konto ein!» Blaschke starrte ihn ungläubig an. Grindel erhob sich und zog ihn vor den Wandspiegel mit dem vergoldeten Stuckrahmen; sie standen nebeneinander. «Größe einssiebzig», sagte Grindel. «Stimmt fast!» 49
«Figur athletisch!» «Stimmt auch!» «Augen blau, Gesicht oval, Haarfarbe mittelblond, Nase leicht gekrümmt, besondere Kennzeichen: keine!» «Du meinst, ich könnte an deiner Stelle …?» Er brach ab und starrte seinen Besucher ungläubig an. Grindel nickte gleichmütig. «Gewiß, weshalb nicht? Wenn man uns nicht zusammensieht, könnte man uns verwechseln. Du fährst für zwei, drei Tage nach Frankfurt und ordnest deine Finanzen. Wie stehst du mit dem Buckligen?», fragte er, als sie sich wieder gegenübersaßen. «Vertraust du ihm das Geschäft für ein paar Tage an?» «Na klar, unbedingt! Wann, meinst du, machen wir das?» «Nicht so hastig, lieber Cousin! Zuerst müßtest du etwas für mich tun!» Grindels Stimme machte Blaschke argwöhnisch. Plötzlich wußte er, daß das wirkliche Vorhaben noch gar nicht angesprochen worden war. Er bekam es bestätigt: Es sei an der Zeit, daß er qualitativ bessere Nachrichten beschaffte, forderte Grindel. Doch dazu fehlten ihm einige Voraussetzungen. Einige Tage intensive Schulung würden genügen, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Das war es! Blaschke hatte es längst geahnt. Vermutlich war Grindel ein sogenannter Reiseagent. «Ich – ich soll Agent werden?» «Mensch, Axel», Grindel kicherte, «das bist du doch längst! Stell dich nicht an! Wenn eure Staatssicherheit erfährt, was du bereits an mich geliefert hast, sind dir einige Jährchen Knast sicher!» Blaschke zündete zittrig eine Zigarre an. Etwas zu ahnen war eine Sache, mit der Tatsache konfrontiert zu sein eine andere. Plötzlich wurde er sich seiner aussichtslosen Lage bewußt. «Und wenn ich mich weigere? Ich habe keine Lust, Kopf und Kragen zu riskieren!» «In dem Fall kannst du dein Konto bei der Kommerzbank vergessen!» 50
«Das dachte ich mir! Und wenn ich drauf scheiß?» «Das wäre dumm! Dann beliefert dich auch ‹Siering und Fengler› nicht mehr, schon gar nicht zu Vorzugspreisen. Bist du dir nicht klar darüber, daß die Preise subventioniert sind, damit für dich ein Gewinn drin ist?» «Um mich anzufüttern!» «So kann man es nennen!» «Du hast mich reingelegt», klagte Blaschke düster. «Unsinn! Du kriegst den Hals nicht voll! Stell dir vor; dein Finanzamt oder wie die Stelle bei euch heißt, bekäme einen Hinweis und genaue Unterlagen, welche flotten Umsätze du in den vergangenen Monaten getätigt hast! Auf Steuerbetrug reagieren die sauer! Bei uns übrigens auch!» Als Blaschke schwieg, fuhr Grindel fort: «Du sagtest mal, daß du die Wochenenden im Sommer auf deinem Grundstück verbringst?» «Ja», bestätigte Blaschke einsilbig. Das Sommerhäuschen lag auf einer Waldparzelle im Fläming. Er hatte es von einer Tante väterlicherseits geerbt. Die war aus der Bitterfelder Gegend in die waldige Hügellandschaft gezogen, als sie sich zur Ruhe setzte. «Einige Tage reichen», erklärte Grindel, «das kommt auf deine Auffassungsgabe an, dann hast du das Kleine Einmaleins eines V-Mannes intus!» «Und wann fahre ich nach Frankfurt?», fragte Blaschke mißtrauisch. «Mal sehen, vielleicht schon zum Jahresende!», antwortete Grindel unbestimmt. «Das kommt darauf an, wie du dich bewährst. Erst die Leistung, dann die Belohnung, nicht umgekehrt!» Plötzlich haßte Blaschke das feiste Gesicht, das dem seinen ähnelte. Hilflosigkeit bemächtigte sich seiner. Er dachte daran, daß er vergessen hatte, einen Taschenrechner ins Hotel zu bringen, der Servierer wartete darauf. Doch nun bezweifelte er, daß es noch einen Sinn habe, einen Hunderter auf den anderen zu legen. Die Einsicht, daß andere über ihn verfügten und be51
stimmten, was er zu tun habe, bedrückte ihn. Und für diese anderen war er nicht mehr als eine Chiffre. «Ach ja, bevor ich es vergesse, Axel: Du hast schon morgen Gelegenheit, deine Einsatzbereitschaft zu beweisen!» «Einsatzbereitschaft?», wiederholte Blaschke voll unguter Ahnung. «Ich habe morgen einen Abstecher in die Umgebung vor. Mein Opel mit Frankfurter Kennzeichen fällt auf. Den lasse ich vorm ‹Astoria› stehen. Leih mir bitte deinen Moskwitsch!» Grindels Unverfrorenheit ließ Blaschke das Blut ins Gesicht steigen. «Soll das ein Spaß sein?», fragte er, obwohl er Grindels Ernsthaftigkeit nicht anzweifelte. «Ich spaße durchaus nicht», versicherte dieser dann auch. «Mensch, Lutz, überleg mal: Ein dummer Zufall genügt, und du kommst in eine Verkehrskontrolle. Wie stehst du dann da?» «Du hast recht, dann sähe ich alt aus. Was tut der Bundesbürger Grindel im Moskwitsch des Leipzigers Blaschke? Das wäre die Frage!» «Na eben», bestätigte Blaschke und nickte heftig. «Das Risiko vermeiden wir ganz einfach: Du borgst mir deinen Personalausweis! Dein Foto ist zehn Jahre alt!» Als Blaschke wie von einer Nadel gestochen auf seinem Stuhl emporfuhr, drückte Grindel ihn resolut auf den Sitz zurück. «Du willst mit meiner Fleppe nach Frankfurt reisen, nicht wahr? Und ich soll so lange den Blaschke markieren, nicht wahr? Einverstanden! Wieso stellst du dich dann belämmert an, wenn ich, der Sicherheit wegen, für ’n paar Stunden den Axel Blaschke spiele?» Darauf wußte Blaschke keine Antwort. Er fühlte sich ohnmächtig gegenüber Grindels Verlangen. Schließlich war er von dessen Warenlieferungen abhängig. Blaschke ahnte, daß dies erst der Anfang weiterer Forderungen war. «Keine Bange», versicherte Grindel ironisch, «deinem Schmuckstück passiert nichts. Du kriegst den Schlitten ohne Beule zurück!» 52
Wie eine Erleuchtung huschte es über Blaschkes Gesicht. Seine Stimme klang erleichtert. «Der PA allein genügt nicht, du brauchst auch meinen Führerschein. Das Foto darin ist erst zwei Jahre alt!» Grindel streckte stumm die Hand aus. Blaschke zückte seine Brieftasche und entnahm ihr das Dokument. «Mist!», murmelte der Frankfurter. Das Paßbild in Blaschkes Führerschein ließ keine Täuschung zu; dennoch erklärte er entschlossen: «Macht nichts! Es wird schon schiefgehen!»
7 Doktor Egon Schubart genoß das Frühstück, von dem sein Wohlbefinden für den ganzen Tag abhing. Die Kaffeemaschine gluckste, und der aromatische Duft erfüllte das Zimmer. Schubart saß an einem Tischchen hinter der Gardine, eine Decke über die Knie gebreitet, und beobachtete, ohne selbst gesehen zu werden. Das Fenster im zweiten Stock bot Ausblick auf den Bardenberger Marktplatz, der zu so früher Stunde verlassen dalag. Zwei Verkäuferinnen der Lebensmittel-HO trugen Milchkästen in den Laden. Schubart bestrich eine geröstete Weißbrotscheibe mit Butter, sie schmolz sogleich und wurde vom Brot aufgesogen. Vom Plattenspieler klang Verdis Nabucco-Ouvertüre. Er liebte die Melodien dieser Oper. Mit den ersten Schlückchen Kaffee, den er ohne Zucker und Sahne trank, stellte sich das erwartete wohlige Gefühl ein. Auf dem Marktplatz hielt der Bus mit bullerndem Dieselmotor. Im Rathaus gegenüber brannte Licht, dort werkelten Reinigungskräfte. Schubart blickte über seine Tasse hinweg zur Haltestelle und erschrak. Dort kam Evelin! Sie trug Jeans, eine braune 53
Lederjacke und eine weiße Baskenmütze. Dem Erkennen folgte Besorgnis, da der Busfahrer das Gepäckfach öffnete und zwei Reisetaschen herausstellte. Evelin blickte zum Fenster herauf und überquerte den Platz mit der granitenen Brunnenschale. Die Taschen verrieten, daß sie nicht nur für einen Tag kam. Der Gedanke an einen längeren Aufenthalt war Schubart unangenehm. Nun – er würde zu verhindern wissen, daß sie ungebührlich lange blieb. Es war demnach falsch gewesen, den Satz in ihrem Brief, daß sie vielleicht für einige Zeit wieder in ihr Zimmer einziehen würde, mit einem Achselzucken abzutun. Seit zwanzig Jahren verlief das Leben Doktor Egon Schubarts auf zwei verschiedenen Ebenen, die er sorgfältig voneinander trennte. Erst nach dem Tod seiner Frau verwischten sich die Grenzen und nachdem Evelin zu ihrer Tante nach Dessau übergesiedelt war. Von da an kam es vor, daß er Dinge in die Wohnung mitbrachte, die er vor anderen streng geheimhielt. Das änderte sich nur, wenn Evelin, die er als dreijähriges Kind mitgeheiratet hatte, ihn in den Ferien besuchte. Wie die Zeit verrinnt, dachte er, inzwischen war Evelin dreiundzwanzig. Schubart lief in die Diele. Die Treppenstufen knarrten. Die Glocke schlug an. Aus Gewohnheit blickte er durch das Guckloch, bevor er öffnete. Evelins Wangen waren gerötet, sie atmete heftig, denn die Taschen waren schwer. Er gab vor, erstaunt und zugleich erfreut zu sein. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und küßte ihn auf die Wange. «Tu nicht erstaunt, alter Schwindler! Du hast mich längst gesehen!» «Wahrhaftig nicht!» Schubart spielte den Gekränkten, und seine engstehenden Augen schienen noch näher zusammenzurücken. Er füllte die Kaffeemaschine noch einmal und holte Toastscheiben aus der Küche. «Bist du nicht neugierig, was mein Überfall bedeutet?», fragte sie, als sie ihm gegenübersaß. «Du sagst es mir, denke ich!» Er sah sie abwartend an. Sie 54
sollte mehr aus sich machen, dachte er. Sie besaß eine Figur, nach der Männer sich umsahen, legte aber anscheinend keinen Wert auf ihr Äußeres. Von der Dessauer Schwägerin wußte er, daß es eine Studentenliebe gegeben hatte, die jedoch die Trennung nicht überdauerte. «Ich habe abgewartet, ob es klar geht. Jetzt ist es perfekt!», sagte sie. Schubarts ungute Ahnung vertiefte sich. Auf den angenehmen Tagesbeginn fiel ein Schatten. Evelin hielt nicht länger hinter dem Berg: In dem neuen Bardenberger Werk war sie als Ingenieur für Meßelektronik angestellt worden. Jetzt half sie, ihre künftige Arbeitsstätte aufzubauen. «Du ahnst, was auf dich zukommt? Begeistert bist du wohl nicht? Daß du auf meinen Brief nicht reagiert hast, habe ich als Einverständnis gewertet. Bis ich eine Wohnung bekomme, mache ich mich im heimischen Nest breit. Ist mein Stübchen noch frei?» «Ja, gewiß», antwortete er. Mit Schrecken fiel ihm ein, daß er jetzt wieder beide Lebensebenen voneinander trennen mußte. Doch das war es nicht allein. Er war fast fünfundsechzig Jahre alt und sah den Tag näherrücken, der ihn von seiner Fessel befreite. Es war der Tag, an dem sein Schatten «Felix» starb – sich in Nichts auflöste! Mit der Stieftochter Evelin Schenk, Ingenieur für Meßelektronik in einer der modernsten Produktionsstätten, war daran nicht zu denken. Da ließ man ihn in den Sielen sterben! «Es hätte ja sein können,» Evelin blies in den heißen Kaffee, «daß du eine Hausdame einquartiert hast.» Er wehrte ab, doch ihr Einwand brachte ihn auf einen Gedanken. «Glaubst du nicht, daß es Gerede gibt? Bardenberg ist ein Klatschnest. Bei dem Witwer Doktor Schubart wohnt jetzt ein Fräulein Schenk!» «Sei nicht spießig», sie lachte, «du bist mein Stiefvater!» «Genau das meine ich!» Sie war verstimmt. «Also gut, ich bemühe mich, so rasch wie möglich die Wohnungsfrage zu klären!» 55
Ihr Stiefvater war schon ein merkwürdiger Kauz. Als Mitarbeiter des Schloßmuseums in Gohla hatte er als aussichtsreichster Kandidat für die bald neu zu besetzende Leitung gegolten. Dennoch bewarb er sich um die Direktorenstelle in dem unbedeutenden Heimatmuseum auf der Bardenburg mit deutlich geringerem Gehalt. Er brauche Bewegungsfreiheit, behauptete er, und wolle sein eigener Herr sein. «Lebt der alte Hildebrand noch?», fragte Evelin. Der ehemalige Sparkassenleiter ging auf die Achtzig zu. Als Mitglied des Kulturbundes war er Mitbegründer des Heimatmuseums gewesen. Er verkaufte noch Eintrittskarten und Souvenirs. So wie alle Tage holte Schubart das Fahrrad aus dem Schuppen. Auf seiner Fahrt durch die Stadt wurde er von vielen Menschen gegrüßt. Er war hier bekannt. In den grünen Reithosen, der gleichfarbigen Jacke und dem Jägerhut ähnelte er einem Forstmann. Zur Stadt hinaus trat Schubart kräftig in die Pedale. Von der Hellstetter Chaussee bog er ab und schlug den Weg zur Burg hinauf ein. Bis zum letzten Haus am Hang radelte er, dann stieg er ab und schob das Rad. Vorm letzten Hanghaus harkte eine Frau den winterblassen Rasen. Sie kam Schubart bekannt vor, doch das bedeutete wenig. In der kleinen Stadt begegnete jeder einmal jedem. Als Schubart das Fahrrad über die Burggrabenbrücke schob, fiel ihm ein, daß er der jungen Frau in der Tankstelle begegnet war. Sie hatte wortlos zum Füllschlauch gegriffen, als er mit seinem Wartburg an die Gemischsäule gerollt war. Schubarts Schritte dröhnten hohl im Gang des Torhauses, und die Fahrradklingel klirrte leise. Hildebrand wartete schon auf ihn und grüßte freundlich. Das Untergeschoß der Burg bestand aus Felsgestein. Die Stallungen standen leer und rochen modrig. Die beiden oberen Fachwerkgeschosse krönte ein Spitzdach aus blauem Schiefer. Vom Vestibül führten Türen in die fünf Ausstellungsräume und in Schubarts Büro. Die Fenster lagen nach Süden und 56
Westen und boten Ausblick auf das vom Rathausturm überragte Dächergewirr Bardenbergs. Wer die enge Wendeltreppe erklomm, konnte vom Söller aus auch nach Morden und Osten blicken. Dagegen blieb das obere Turmviertel von einer Bohlentür versperrt, deren Schlüssel Schubart nie aus der Hand gab. In den Museumsräumen roch es nach abgestandener Luft. Hildebrand öffnete die Fenster. Die elektrischen Nachtspeicheröfen spendeten Wärme. In einer Bauernstube konnte man Küchen-, Acker- und Erntegeräte vergangener Zeiten besichtigen und heimische Bauerntöpferei. In historischen Möbeln – von den Museumsgründern aus Bardenberger Böden und Remisen zusammengetragen – prangte Alt-Ilmenauer Porzellan und Silber. In Glasvitrinen lagen mittelalterliche Garderoben. Als besondere Sehenswürdigkeit galt eine Ausstellung mit frühem Kleineisenhandwerk. Schubart trat in sein Büro. Hildebrand respektierte das für diesen Raum geltende Tabu und betrat es nie. Hier empfing Schubart auch keine Besucher. Außer dem Lutherstuhl existierte in dem Stübchen keine Sitzgelegenheit. Schubart öffnete ein Geheimfach des Sekretärs. Er nahm eine Kleinbildkamera heraus, versah sie mit Teleobjektiv und verbarg sie unter seinem Kittel. «Ich geh mal nach oben!», rief er Hildebrand zu. Der Alte lächelte nachsichtig. Er kannte Schubarts Marotte: Es verging kein Tag, an dem der nicht das Turmstübchen erklomm, um über die Hügellandschaft zu blicken. Der alte Mann hörte, daß Schubarts Schritte die steinernen Stufen empor verhallten. Der Leiter des Heimatmuseums trat auf den Söller hinaus, schloß die Bohlentür auf, trat ein und verriegelte hinter sich. Leichtfüßig nahm er die letzten zweiundvierzig Stufen. Im Turmstübchen besaß jede Himmelsrichtung ein Fenster. Im sechzehnten Jahrhundert war es ein zugiger Ausguck gewesen. Die Fenster wurden zweihundert Jahre später eingefügt. 57
Eine Truhe und ein Hocker bildeten das einzige Mobiliar. Schubart stieg auf den Hocker, langte ins Turmgebälk, ertastete ein Fernglas und richtete das Glas auf einen Hügel mit Radarantennen. Zwei von ihnen rotierten horizontal, eine dritte schwenkte vertikal auf und ab. Schubart pfiff leise. Die vierte Antenne fehlte, sie war abgebaut worden. Die Kamera hielt die Veränderungen fotografisch fest. Der Film würde am nächsten Tag im Toten Briefkasten liegen. Das Anlaufen des Kontaktpunktes gehörte zum risikoreichsten Teil seiner geheimen Tätigkeit. Das wußte Felix vom ersten Tage an. Daran änderte auch jahrelange Gewöhnung nichts. Schubart kam nie von der Vorstellung los, daß man ihn eines Tages beobachten würde, wenn er in den Resten der im Kriege zerstörten Autobahnbrücke einen Betonbrocken anhob, um eine Aluminiumkapsel an sich zu nehmen. Meist enthielt sie einen verschlüsselten Auftrag und einen bescheidenen Geldbetrag. Sobald er seinen Wartburg auf dem nahen Rastplatz parkte, bekam er Atembeschwerden. Schubart tat den Feldstecher ins Gebälk zurück. Er trat auf den Söller hinaus und verschloß die Bohlentür. Eine Oberschulklasse verließ lärmend einen Bus. Die Mädchen und Jungen drängten schwatzend über die Burggrabenbrücke. Mittags radelte Schubart nach Hause. Ihm war es, als beträte er eine fremde Wohnung. Evelin hatte Koteletts gebraten. Der Küchendunst schlug ihm im Flur entgegen. Nein, er wollte seine Gewohnheiten nicht aufgeben. Er verzichtete auch künftig nicht auf die kultivierte Atmosphäre des Ratskellers. Evelin wollte, daß sie in der Küche aßen, er bestand aber darauf, am weiß gedeckten Tisch im Zimmer zu speisen. Sie aßen schweigsam. Schubart ließ Evelin merken, daß er sie als Eindringling empfand. «Zwei Neubaublöcke werden als Wohnheime genutzt», erklärte er beiläufig, «dort gibt es allen Komfort!» «Ich habe verstanden», sagte Evelin und schwieg fortan. Nach Tisch benutzte Schubart seinen Wartburg. Er wollte 58
nach Dienstschluß eine Fahrt unternehmen, um den Abend nicht mit seiner Stieftochter verbringen zu müssen und ihren Fragen ausgeliefert zu sein. Die Bardenberger Tankstelle war geschlossen. Ein gelbroter Minoltanker wurde entladen. Der dicke Schlauch verschwand in einer offenen Tankluke am Boden. Schubart stellte seinen PKW ab und betrat den Laden, um ein Poliermittel zu kaufen. Der Verkaufsraum war leer. Die Tür zum Büro nebenan war nur angelehnt. Dort sprachen zwei Männer. «Vor Gericht, das wäre mir lieber, kannste glauben», sagte eine weinerliche Stimme. «Zwei, drei Leute auf den Zuhörerbänken, die einen nicht mal kennen! Konfliktkommission im Klubraum! Stell dir das mal vor! Da kommen doch alle! Der ist gerammelt voll!» Schubart hielt den Atem an und neigte lauschend den Kopf. Der da sprach war der Leiter der Tankstelle. «Na und?», brummte ein Baß. Er gehörte anscheinend dem Tankwagenfahrer. Auf dem Ladentisch lag eine aufgeklappte Ledertasche, wie Kraftfahrer sie benutzen. «Hauptsache, du bleibst dabei: zweihundert Liter und keinen Tropfen mehr! Und du weißt nicht, woher der Überbestand kam, klar?», brummte der Baß. «Der Leutnant bei der Kripo, so ein junger Hüpfer, der hat’s mir nicht abgekauft. Wenn der mich noch länger in der Mache gehabt hätte … Ich weiß nicht, ob ich dann …» Die Stimme brach ab. «Sag bloß, du hättest gesungen? Weißt du, was uns dann blüht? Dann sehen wir die Sonne ’n paar Jahre im Waffelmuster!» Schubart trat behutsam zum Ladentisch. In der offenen Ledertasche lag ein Papier mit dem Firmenkopf von Minol. Es war eine Lohnabrechnung. Der Betrag interessierte Schubart nicht, wohl aber der Empfänger: Schiffer, Hubert, Gohla. Nebenan empörte sich der Wehleidige: «Für dich bestimmt ’n paar Jahre! Du hast ja nicht bloß mich beliefert! Im Lager fehlen … zigtausend Liter Motorenöl!» 59
«Bist du wahnsinnig?», polterte der andere. «Das vergiß mal ganz flink!» Schubart schlüpfte ins Freie. Keine Sekunde zu früh stand er draußen. Die beiden Männer traten in den Laden. Da ging Schubart wieder hinein und grüßte freundlich. Die Gesichter der beiden Kontrahenten waren gerötet. Schubart ließ sich von Henzke ein neues Poliermittel empfehlen. Dabei resümierte er blitzschnell: Es ging um eine Beratung der Konfliktkommission bei Minol. Dort sollte ein umfangreicher Diebstahl vertuscht werden. Der Haupttäter war zweifellos der Fahrer. Der wäre Wachs in seiner Hand, könnte er ihm einen Diebstahl nachweisen. Doktor Schubart fuhr zur Burg zurück. Vor ihm bog ein weißer Moskwitsch mit dem Kennzeichen UP 18-93 auf die Hellstetter Chaussee ein. Schubart stand noch zu sehr unter dem Eindruck des Gehörten, als daß er seiner Umgebung mehr als die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Vielleicht hätte er sonst Grindel erkannt. Der bog links vor ihm ab. Für die hundertfünfzig Kilometer von Leipzig nach Bardenberg hatte Grindel länger als vorausberechnet gebraucht. Er würde entsprechend später zurückkommen. Grindel ging sein Vorhaben routiniert an. Er befuhr die Chaussee in zügigem Tempo. Sie führte in sanfter Kurve um den bewaldeten Hügel. Auf dessen kahler Kuppe bewegten sich die Funkmeßantennen. Grindel hatte sie nur aus der Entfernung ausgemacht. Die Bäume verbargen sie jetzt. An der rechten Straßenseite zog sich ein neuer Maschendrahtzaun hin. Über Isolatoren waren stromführende Drähte gespannt. Nahebei stand ein Wachturm. Zwischen den Bäumen schimmerten die hellen Fassaden von Soldatenunterkünften. Grindel verringerte das Tempo. Neben der Wache mit dem Schlagbaum befand sich ein Parkplatz. Grindel zählte ein Dutzend PKWs unterschiedlicher Typen. In der weiträumigen Anlage war außer der Funkmeßstation sicher noch anderes stationiert, schloß der Frankfurter. Am Ende des silbrig blinkenden Maschendrahtes stand ein weiterer Wachtturm. 60
Nach etlichen Kilometern stoppte Grindel und wendete. Er ließ einige Zeit verstreichen. Obwohl er Zigaretten nicht mochte, hatte er welche gekauft, um unauffällig zu operieren. Der Zaun lag diesmal links der Fahrbahn. Grindel kurbelte die Türscheibe herab und tat, als zünde er sich mit dem Feuerzeug eine Zigarette an. Während er langsam an den parkenden Fahrzeugen vorbeirollte, betätigte er mehrmals den Auslöser der im Feuerzeug verborgenen Minox-Kamera. Die Scheibe wurde emporgekurbelt. Der weiße Moskwitsch beschleunigte sein Tempo. Angewidert zerdrückte Grindel die Zigarette im Ascher. Auf seiner Stirn perlte Schweiß, seine Hände zitterten. Die operativen Einsätze zerrten an seinen Nerven. Seine «geschäftliche» Anwesenheit in Leipzig war noch für zwei Tage vorgesehen. Blaschke ahnte nicht, daß Grindel den Moskwitsch für weitere zwei Exkursionen nach Bardenberg benötigte.
8 Wieses Büro besaß nichts von der Eleganz des Gronauschen Dienstzimmers. Die Zweckmöbel sorgten für ein sachliches Arbeitsklima. Neben einem mit Ordnern gefüllten Regal stand ein wuchtiger Panzerschrank. Doch es deutete nichts darauf hin, daß hier die Fäden einer subversiven Organisation zusammenliefen, deren gefährliche, gegen den Frieden gerichtete Aktivitäten von hier aus gesteuert wurden. Es hätte ebensogut ein Büro des bundesdeutschen Patentamtes oder einer kirchlichen Institution sein können. Der ehemalige Kapitän der Bundesmarine las die Nachricht eines V-Mannes von einem mißlungenen Sabotageanschlag so teilnahmsvoll wie einen Wetterbericht. Daß der Täter gestellt worden war und seiner Bestrafung entgegensah, berührte ihn 61
wenig. Doch da Verluste schwer zu ersetzen waren, ärgerte ihn die Panne. Es käme nicht auf spektakuläre Erfolge an, meinte Gronau. Nicht zu unterschätzen sei die Wirkung kleiner Nadelstiche. Ein wegen Getriebeschaden ausgefallener Bus zum Feierabend. Eine schadhafte Heizung im Reisezug. Ein Stromausfall wegen Transformatorbrandes. Solche Vorkommnisse schufen Verstimmungen. In einzelnen Fällen wirkten sie sich negativ auf die Arbeitsproduktivität aus. Ein Hausbote schob seinen luftbereiften Aktenwagen durch den Flur. Vor Wieses Zimmertür hielt er, klopfte an und trat ein. «Grüß Gott, Herr Kapitän!» Er legte einen großformatigen Brief vor. Wiese hörte gern seinen alten Rang. Er bedankte sich. Ohne Neugierde schlitzte er den nur mit der Zimmernummer beschrifteten Brief auf. Der Umschlag enthielt vier Fotos achtzehn mal vierundzwanzig. Wiese blätterte flüchtig. Das erste präsentierte die Antennen einer Funkmeßstelle. Die übrigen drei zeigten einen Parkplatz neben der Wache eines militärischen Objekts. Diese drei Fotos besaßen geringfügig abweichende Perspektiven. Sie waren aus einem fahrenden Auto heraus fotografiert worden. Wiese legte die Bilder aus der Hand und entnahm dem Umschlag ein mit Zahlenkolonnen bedecktes Blatt. Auf einem angehefteten Zettel befand sich der dechiffrierte Text. Wieses Miene verriet nicht, ob die Nachricht ihn beeindruckte. Er erhob sich schwerfällig, trat an den Panzerschrank, öffnete ihn und suchte einen Aktenordner heraus. Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und schlug die Akte auf. Sie enthielt neben kurzen Texten aufgeklebte Fotos von einer Funkmeßstelle. Mit einer Lupe verglich Wiese das neue Bild mit den vorhandenen. Seine Miene verriet nichts. Er drückte eine Taste des Wechselsprechgerätes. «Ja, Herr Wiese?» Doktor Gronaus Stimme klang verzerrt. «Nachricht von Felix», sagte Wiese. «Ich bin frei», erklärte Gronau. Wiese ging zu seinem Chef. Gronau betrachtete das Foto ein62
gehend. «Die Umrüstung auf das neue Gerät scheint abgeschlossen zu sein.» Wiese nickte und sagte: «Ich sehe eine Chance, in der Sache ‹Hügel› Fahrt zu machen!» «Wir haben uns auf ‹Januskopf› geeinigt, Herr Wiese! ‹Aktion Januskopf›!» «Mit Recht! Grindel hat einwandfrei als Blaschke funktioniert! Seine ersten Fotos!» Er reichte Gronau die restlichen Bilder. «In drei Tagen wissen wir, welche PKWs da ständig festmachen!» Gronau hatte sich so an Wieses maritime Ausdrucksweise gewöhnt, daß er sie nicht mehr komisch fand. «Auf welche würden Sie ansetzen wollen?» Wiese hatte die Frage erwartet. «Auf die ältesten Modelle! Den Wartburg dreihundertelf zum Beispiel!» Doktor Gronau nickte. Wieses Überlegung leuchtete ein. Wer so ein altes Fahrzeug fuhr, schwamm wohl nicht im Geld. Sicherlich, es gab drüben lange Wartezeiten für ein neues Auto. Aber wer über das erforderliche Geld verfügte, kam auch aus zweiter Hand zu einem neuwertigen Fahrzeug. Vielleicht ließ sich der Eigentümer des alten Wartburgs korrumpieren? Die Betriebsanleitung der neuen Anlage wären der «Firma», wie die Pullacher Zentrale von ihren Mitarbeitern intern genannt wurde, einen PKW Golf wert. Der Geschenkexport würde die Zuwendung möglich machen. «Sie sprachen von einer Chance, weiterzukommen?», fragte Gronau. «Ja. Felix ist per Zufall auf eine tolle Sache gestoßen. Ein Tankwagenfahrer von Minol hat anscheinend größere Mengen Motorenöl gestohlen. Wenn wir uns den an Land holen?» Wiese sah Gronau abwartend an. Der furchte nachdenklich seine Stirn. Felix war zu wertvoll, um ihn für ein so riskantes Unternehmen einzusetzen. Es genügte, wenn er Augen und Ohren offenhielt. Der Hinweis auf den diebischen Kraftfahrer bewies es. Von Felix stammte schließlich auch die Nachricht, daß das Bardenberger Robo63
terwerk seiner Vollendung entgegen ging. Was vor einem Jahr niemand voraussehen konnte, trat nun ein: Bardenberg wurde Schwerpunkt! «Wozu etablieren wir Januskopf?», erklärte Gronau. «Veranlassen Sie, daß Grindel für weitere Geschäftskontakte im mitteldeutschen Raum eingesetzt wird.» «Das habe ich vorbereitet. Es ist auch notwendig, daß Blaschke von ihm Instruktionen erhält!» «Wo?» «Der Leipziger besitzt irgendwo im Fläming einen Bungalow. Bei Wiesenburg, glaube ich.» «Machen Sie Dampf auf, Herr Wiese! Wie sagen Sie immer so treffend? Große Fahrt voraus!» «Vorläufig heizen wir erst mal die Kessel an, Herr Gronau!» In seiner bedächtigen Art unterbreitete Wiese seine Vorschläge. Die wichtigsten Figuren waren Felix in Bardenberg, der Frankfurter Grindel und der Leipziger Blaschke. Wiese versicherte, daß neben nachrichtendienstlichem Instruktionsmaterial auch ein im Hause gefertigter Personalausweis und ein Führerschein der DDR mit Grindels Foto über die Transitstrecke eingeschleust werden würden. Grindel sollte nicht nur Blaschke unterweisen, sondern auch den Tankwagenfahrer ausforschen. «Eine heikle Aufgabe», gab Gronau zu bedenken. Wiese winkte ab. «Ich habe einen Plan. Falls die Chose auf Grund läuft: Grindel agiert ja als Blaschke!» «Moment mal, Herr Wiese! Als Opferbauer – wie es im Schachspiel heißt – ist mir der Leipziger zu schade!» «Mir auch!», versicherte Wiese rasch. Er schilderte Gronau präzisiert, wie der Angriff auf das Geheimnis der neuartigen Radargeräte zu führen sei. In seinem Plan spielte bereits jener Hubert Schiffer eine Rolle, von dem noch nicht einmal gewiß war, ob er sich aktivieren ließ. «Im großen und ganzen bin ich einverstanden», versicherte Gronau. «Allerdings ist nicht zu übersehen, daß es in unserer ‹Aktion Januskopf› von Unwägbarkeiten wimmelt!» 64
Wiese hob und senkte stumm seine Schultern. Im Begriff, Gronaus Zimmer zu verlassen, wendete er sich an der Tür noch einmal zurück. «Ich habe Herrn Grindel eine Erfolgsprämie in Aussicht gestellt.» «Einverstanden, Herr Wiese!», erklärte Gronau.
9 Die Kurve zur Lüsinger Straße nahm Schreiber zu schnell. Die Reifen des hellblauen Trabant-Kombi kreischten. Fast vor jedem der Reihenhäuschen parkte ein PKW. Freitags gegen achtzehn Uhr traf man die Bewohner zu Hause an. Kehrte Schreiber von mehrtägiger Verkaufsfahrt zurück und bog in die Straße ein, wurde ihm ihre Enge stets aufs neue bewußt. Die verschiedenfarbigen Fassaden erinnerten ihn an die Bienenwagen wandernder Imker. Schreiber litt an einem angeborenen Gehfehler. Das rechte Bein war drei Zentimeter kürzer. Orthopädisches Schuhwerk glich das aber aus. Der Kopf des Vierundvierzigjährigen war mit einem spärlichen Haarkranz bedeckt. Mit der Reisetasche lief er die paar Schritte zur Haustür. Bevor er den Schlüssel hervorkramte, wurde sie geöffnet, und sein Sohn füllte den Eingang. «Hallo, Chef!», grüßte Helmut salopp. Gerade siebzehn, überragte er seinen Vater beträchtlich. «Grüß dich, Junge!», sagte Schreiber. «Sieht man dich nur noch futtern?» Helmut aß eine Leberwurstschnitte, «Dafür bin ich kein so schmales Hemd wie du, gelle?», klang es selbstbewußt. Helmut trat zur Seite. Schreiber kam im engen Flur mit Mühe an ihm vorbei. Der Tisch in der Küche war weiß gedeckt. In einer Vase standen lachsfarbige Nelken. Schreiber setzte sich seufzend und genoß es, wieder zu Hause zu sein. 65
«Essen und Lesen!», nörgelte er. Helmut zeigte sich nicht beeindruckt. Väterliche Autorität hatte Schreiber nie besessen. Das brachte sein Vertreterberuf mit sich. Die Erziehung des Jungen blieb Beate überlassen. «Sieh beim Trabi mal nach der Zündung», bat Schreiber. Helmut lernte im zweiten Jahr Autoelektriker. «Morgen», mümmelte der, «heute ist Volleyball!» «Morgen fahre ich nach Leipzig», wandte Schreiber ein. «Da wird Muttsch sich aber freuen. Die spinnt schon, daß jetzt alles anders wird. Der Mann zu Hause, wie es sich gehört! Ich muß los, tschüs!» Er schlug seinem Vater auf die Schulter und ging. «Tschüs!», erwiderte Schreiber zerstreut. Beate würde enttäuscht sein, daß er das Angebot ablehnte. Die Bardenberger Spielzeugfabrik hatte sich einem Kombinat angeschlossen und brauchte keinen Vertreter mehr. Schreiber seufzte. Zwei Jahrzehnte war er in der Republik unterwegs gewesen, hatte Tausende Bestellblöcke vollgeschrieben. Sein unstetes Leben gefiel ihm. Das Risiko reizte ihn, morgens nicht zu wissen, ob es ein erfolgreicher oder ein schlechter Tag werden würde. Die Umsatzprämie bestimmte seinen Verdienst. Er nahm die in Gohla auf seine Zeitungsannonce eingegangenen Zuschriften aus der Tasche und pfiff überrascht. Ein Brief kam aus Bardenberg. Der Interessent schrieb, daß er sich eine Quarzarmbanduhr wünsche. Schreiber zog seine Schuhe wieder an, schlüpfte in den Anorak und verließ die Wohnung. Der Trabant startete erst nach einigen Fehlzündungen. Er fuhr zur Hellstetter Chaussee und fand das Grundstück fünfhundert Meter hinter dem Ortsschild. Er stoppte an der Gartenpforte, stieg aus und drückte die Klingel. Ein Mann kam zur Pforte und wischte seine Hände an einem Lappen ab. «Guten Abend! Herr Faber?», fragte Schreiber. «’n Abend! Nein, bin ich nicht, er wohnt aber hier! Kann ich was ausrichten?» 66
Schreiber zögerte, meinte dann unschlüssig: «Eigentlich nicht. Er hat auf meine Annonce geschrieben. Ich könnte in einer Stunde noch mal vorbeikommen!» «Zwecklos, er kommt erst nach zehn. Spätdienst!» «Spätdienst?» «Volkspolizei-Kreisamt! Fragen Sie doch bei der Kripo nach Leutnant Faber!» «Ach, ach ja?», stotterte Schreiber. Sein Mund wurde trocken. «Das mach ich», sagte er, aber seine Stimme klang gepreßt. Er lüftete seinen Hut. Selbst im Sommer trug er eine Kopfbedeckung, seiner Haarblöße wegen. Er bedankte sich und stieg in seinen Trabant ein. Der Mann im grauen Kittel lief zum Haus zurück. Schreiber hockte reglos hinter dem Lenkrad. Ob der andere wohl gemerkt hatte, daß ihm der Schreck in die Glieder gefahren war? Was lag denn hier an? War das eine Falle? Aber auch ein Kriminalist hatte Wünsche. Weshalb nicht den, eine Quarzarmbanduhr zu besitzen? Es war ungeschickt gewesen, von der Annonce zu reden. Die Kripo hakte vielleicht in der Gohlaer Anzeigenannahme nach? Schreiber atmete auf. Für diesen Fall hatte er vorgesorgt. Mit einem gefundenen Personalausweis hatte er sich als Herbert Schuster, wohnhaft in Sonneberg, ausgewiesen. Sein Foto war nicht besonders geschickt hineinpraktiziert. Es hielt keiner ernsthaften Prüfung stand, reichte aber, um Anzeigenannahmen zu täuschen. Die Kaufhalle blieb freitags bis neunzehn Uhr geöffnet. Beate konnte erst eine Stunde später, nach dem Umweg zum Nachttresor der Sparkasse, zu Hause sein. Schreiber fand im Kühlschrank drei Buletten und aß sie im Zimmer vorm Fernseher. Der Abenteuerfilm interessierte ihn nicht, er schlief ein und erwachte erst, als Beate kam. Nach einer Woche Getrenntsein begrüßten sie sich zärtlich. Er gratulierte ihr, daß aus der kommissarischen eine endgültige Ernennung als Kaufhallenleiterin geworden war. «Ich bin froh, daß deine Herumreiserei aufhört», sagte sie 67
beim Abendbrot. «Du verdienst zwar weniger, aber in der Buchhaltung …» «Ich gehe nicht ins Büro», unterbrach er sie. Sie starrte ihn ungläubig an. «Hu gehst nicht …?» «Nein. Ich habe einen Aufhebungsvertrag unterschrieben!» «Das ist nicht wahr», sagte sie ratlos. «Im Büro, Beatchen, du – das ist nichts für mich. Da fällt mir die Decke auf den Kopf!» Sie blickte ihn hilflos an. «Aber – was wird denn dann?» Er trank sein Bier und goß das Glas wieder voll. «Alles schon perfekt! Nichts ändert sich, alles bleibt wie bisher! Wehrhahns stellen mich ein!» «Wehrhahns?», fragte sie ungläubig. Er wußte vorher, daß sie es nicht begreifen würde. Der kleine Familienbetrieb produzierte Souvenirpuppen: Spreewälderinnen, den Hauptmann von Köpenick und den Eckensteher Nante, das Altberliner Original. Schreiber verkaufte seit Jahren Wehrhahnsche Erzeugnisse nebenher. Beates Miene drückte Zweifel aus. Der winzige Betrieb produzierte niemals so viel, daß es lohnte, einen Reisenden zu beschäftigen. «Sie stellen mich ja auch nicht als Vertreter ein, herrgottnochmal, sondern als Puppenmacher!» «Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Du sagtest doch, es ändere sich nichts?» «Das tut es auch nicht. Ich reise wie immer. Bloß statt Spielwaren verkaufe ich mehr Mitnehmer!» Er verschwieg, daß der alte Wehrhahn nur widerwillig zugestimmt hatte, ihn einzustellen. Lohnsteuer und Versicherung zahlte Schreiber künftig aus eigener Tasche. Beate kauerte in ihrem Sessel und war ernstlich verstimmt. «Das ist ein Scheinarbeitsverhältnis!», erklärte sie sachlich. «Damit verstößt du gegen das Gesetz! Was ist das für Ware, die du verkaufst?» «Industrieerzeugnisse», wich er aus, «ich fahre morgen nach Leipzig zur Lieferfirma.» 68
«Morgen? Am Sonnabend?» Schreiber nickte und vermied es, Beate anzusehen. Blaschke hatte ihm am Telefon den Termin aufgeschwatzt, da der Bucklige dann nicht störte. «Du, Hansi, sieh mich mal an! Das ist doch nichts Krummes?» Für diesen Abend war die Stimmung zerstört. Doch Schreiber hoffte zuversichtlich, daß sich Beate mit allem abfand, sobald sie einsah, daß er nicht umzustimmen war. «Überlege dir, ob das richtig ist, was du vorhast! Ich möchte so nicht weiterleben, wenn du nur an den Wochenenden da bist!» Er starrte sie verblüfft an. So eindringlich hatte sie noch nie mit ihm geredet. Beate hatte sich verändert, seit sie für sechzig Mitarbeiter und für Hunderttausende Mark Waren verantwortlich war. Leutnant Faber verließ wie jeden Morgen kurz nach sieben Uhr in Trainingsanzug und Laufschuhen das Haus. Der Postsekretär kramte im Schuppen und trat vor die Tür. Er grüßte und fragte neugierig: «Hat der Mann sich bei Ihnen gemeldet?» «Ein Mann?», fragte Faber. «Wann? Und weshalb?» «Er sagte, Sie hätten auf seine Annonce geschrieben.» «Die H. S. siebzehnzwoeinunddreißig!» Faber blickte nachdenklich seinen Wirt an. «Was meinen Sie, weshalb verbergen sich Inserenten hinter einer Chiffre? Das interessiert mich mal!» «Nun ja», sein Hauswirt kratzte den Nacken. «Das kann verschiedene Gründe haben. Als wir unsere Angorakaninchen abschafften, die Fummelei mit der Wolle war uns über, da haben wir auch unter Chiffre annonciert. Wir wollten uns nicht die Rabatten zertreten lassen!» Faber nickte und sah prüfend zum Himmel. «Es gibt Regen! Was ich sagen wollte, hat der Mann seinen Namen genannt?» «Nein. Er kam mit einem hellblauen Trabant-Kombi. Ein Bardenberger. Ich bin ihm schon begegnet. Also ist er nicht gekommen?» 69
«Nein. Ein hellblauer Kombi? Erinnern Sie sich an das Kennzeichen?» «Natürlich nicht. Er stand ja davor. Bloß die Ziffern waren zu sehen, lauter dreien!» «Das ist doch schon was. Wie viele waren es denn?» «Drei», sagte Fabers Wirt, «drei. Strich, drei, drei!» Der Leutnant winkelte die Arme an und nahm den Gartenweg im Laufschritt. Etliche Minuten waren verplaudert, Karin wartete wohl schon. Er lief die Hellstetter Chaussee entlang. Der Wind blies ihm kalten Niesel ins Gesicht. Die Gefälligkeit seines Hauswirtes nützte ihm wenig, überlegte Faber, im Gegenteil! Der hatte den Verkäufer der Quarzarmbanduhr verprellt. Daß der ein Bardenberger war, schien einer jener Zufälle, auf die ein Kriminalist gelegentlich hofft. Von der Hellstetter Chaussee bog der Leutnant zur Bardenburg ab. Die Strecke stieg an. Faber freute sich, daß ihm seine Kondition gestattete, bis zum letzten Haus am Hang ein flottes Tempo anzuschlagen. Hier stiegen selbst trainierte Radfahrer ab. Faber verminderte das Tempo. Aus dem Haus trat eine junge Frau. Der Leutnant erkannte sie und blieb stehen. Frau Wille lief zum Schuppen, kam mit einem Fahrrad heraus und schob es zur Gartenpforte. Faber blickte sich suchend um, von Karin keine Spur; ihre Tante kränkelte wohl wieder. Frau Wille stutzte, als sie den Leutnant sah, trat näher und begrüßte ihn. «Haben Sie es eilig?», fragte er. «Ja, ich übernehme die Schicht für einen Kollegen.» «Mich interessiert, wie die Beratung der Konfliktkommission verlaufen ist. Wir haben den Beschluß noch nicht.» «Laufen Sie mit mir den Hang hinunter?», fragte Frau Wille. «Er ist mir zu steil.» Sie kam von der Vorstellung nicht los, daß die Rücktrittbremse einmal versagen könnte. Karin wartete hinter den Büschen am Hang auf Faber und sah enttäuscht, daß er die Frau begrüßte und den Weg hinab begleitete. Sicher kannte er sie länger. Sie unterdrückte den Wunsch zu rufen und sah ihm verstimmt nach. 70
«Der Klubraum war gerammelt voll», berichtete Frau Wille. «Alfred, der Henzke, meine ich, hat auf die Tränendrüse gedrückt. Den Schaden hat er schon ersetzt. Aber er arbeitet nicht mehr in der Tankstelle, sondern im Tanklager!» «Ist das denn nachteilig für ihn?» «Er bekommt keinen Kundenkontakt mehr und …» «Kein Trinkgeld», ergänzte Faber. Sie nickte. «An vier Wochenenden arbeitet er im Kinderferienlager! Henzke hat alles akzeptiert!» «Was schließen Sie daraus?» «Das möchte ich nicht sagen.» «Sie vermuten, daß hier mehr gelaufen ist. Daß auch der Tankwagenfahrer beteiligt war, dieser Schiffer!» «Ich verdächtige keinen, wenn ich es nicht beweisen kann! Ich habe Ärger genug!» «Ärger?» «Ja.» Rita Wille blieb stehen. Ihre Stimme bebte vor Empörung. «Ich bin jetzt als Leiterin eingesetzt worden. Die Kollegen denken, daß ich darauf aus war …, daß ich Henzke deshalb …» Sie brach ab und kramte nach dem Taschentuch. «Wenn Otto, Kollege Haube, wenn der nicht zu mir hielte, ich hätte schon das Handtuch geschmissen!» Sie trocknete ihre Tränen. Faber legte spontan seinen Arm um ihre Schultern und sprach auf sie ein. «Geben Sie nichts auf das Gerede der Leute. Die sind bloß neidisch. Beweisen Sie den Kollegen durch Ihre Arbeit, daß Sie auf den richtigen Platz gestellt wurden.» Sie nahmen das letzte Stück des Steilhanges. Frau Wille bedankte sich. «Eigentlich habe ich nicht am Wasser gebaut», sagte sie, «aber wenn es an die Ehre geht!» Sie schwang sich aufs Rad. Faber spürte keine Lust umzukehren und bedauerte, daß der Fotoladen sonnabends geschlossen blieb. In Blaschkes Büro war es kalt. Der elektrische Heizlüfter blies machtlos gegen die feuchte Kälte an. Schreiber saß dem Leipziger am Mittelfußtisch gegenüber 71
und nippte am Instantkaffee; als Vertreter war er jede Kaffeesorte gewöhnt. Sie tauschten Neuigkeiten aus. Schreiber erzählte Witze; ein in Rostock erfundener wurde von ihm ein paar Tage später in Suhl unter die Leute gebracht. Er servierte die Pointen unnachahmlich. Auf dem Schreibtisch war die Ware gestapelt. Schreiber erzählte eine Anekdote und überschlug dabei, wieviel Geld er hinzublättern hatte: zehn Taschenrechner ä dreihundert Mark, er bekam vierhundert pro Stück, vierundzwanzig Quarzarmbanduhren zu je zweihundertfünfzig und die im Dutzend gebündelten Schallplatten, fünf Bündel ergaben sechzig Stück ä vierzig Mark. Zusammen kam er auf elftausendvierhundert Mark. In seiner Reisetasche schleppte er eine Kassette mit. Das war unbequem, verhinderte aber, daß Beate oder Helmut erfuhren, mit welchen Summen er hantierte. Blaschke schob ihm einen Zettel hin, auf dem die Endsumme glatte zwölftausend Mark betrug. Der Leipziger hatte den Stückpreis der Schallplatten auf fünfzig Mark erhöht. Schreiber monierte. «Reden Sie kein Blech», wehrte Blaschke ab, «Mann, Schreiber, Sie machen ein Bombengeschäft!» Das stimmte. Die Platten wurden ihm das Stück für hundert Mark aus der Hand gerissen. «Dafür lohnen die Rechner nicht», nörgelte er. «Vierhundert blättert keiner mehr hin. Die Uhren gehen auch mies, seit Ruhlaer und Glashütter zu haben sind!» «Das war schon immer so», behauptete Blaschke ungerührt, «Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis! Geht eins nicht, geht das andere!» Schreiber zerrte die Kassette aus der Ledertasche, Blaschke meinte spöttisch, daß er sich hüten würde, einen Geldschrank mitzuschleppen. Der Bardenberger berichtete beiläufig, daß er seinen Vertreterjob bei der Spielwarenfabrik verloren habe, fügte aber rasch hinzu, daß er für eine andere Firma weiterhin 72
in Spielwaren reiste. Wenn Blaschke wüßte, daß er künftig von ihm abhing, beschnitt er die Verdienstspanne. Schreiber hob den Kassettendeckel und nahm gebündelte Hundertmarkscheine heraus. Zwei Päckchen à fünftausend Mark schob er Blaschke hin, vom dritten zählte er zwanzig blaue Scheine ab und warf den Rest zurück. «Wie sieht’s aus, Herr Blaschke, stocken wir die Beatscheiben auf? Ich könnte das Dreifache absetzen!» «Gut, daß Sie darauf kommen. Sie zu beschaffen ist nicht das Problem. Mein Cousin in Frankfurt am Main ist Einkäufer einer Im- und Exportfirma. Die sind aber mehr an Kompensationen interessiert: Ware gegen Ware! Sehen Sie, da liegt der Hund begraben! Schaffen Sie Ware ’ran, und wir sehen weiter!» Schreiber ließ merken, wie enttäuscht er war. «Husten Sie mal ohne Hals! Wie komme ich an Ware? Und was für Zeug? Spielzeug?» Er war auf eine Spöttelei gefaßt. «Weshalb nicht?» Blaschke blieb sachlich. «Sofern es alt genug ist! Auf altes mechanisches Spielzeug und auf Lederbalgpuppen sind Sammler wild!» Schreiber dachte an das Spielzeugmuseum der Bardenberger Fabrik. Der Gedanke war ihm noch nie gekommen, daß die dortigen Exponate Sammlerwert besaßen. «Ich dachte aber an Antiquitäten, Briefmarken, Münzen, Schmuck und Kristall wie bisher!» Wie sollte Schreiber ständig an solche Dinge herankommen? Noch schwieriger war es, diese Sachen vor Beate und Helmut zu verbergen. «Gehen Sie auf Münzauktionen. Studieren Sie Zeitungsannoncen …» «Und Ihre Zettel in den Glaskästen!», unterbrach Schreiber mit einem Anflug von Galgenhumor. «Mein Cousin deutete an, daß bald nur noch kompensiert wird», sagte Blaschke. Schreiber heuchelte sein Erschrecken nicht, es war echt. Er verstaute die Waren in seinen Taschen, trat auf die Straße hinaus und ertappte sich dabei, daß er sorgfältig prüfte, ob man 73
ihn beobachtete. Auch Blaschke blickte über die Aushänge der unteren Schaufensterhälfte hinweg nach draußen. Der Trabant-Kombi parkte in der Nebenstraße. Schreiber verstaute die Schallplatten und die Reisetasche und schob sich hinters Lenkrad. Wie hätte Blaschke wohl reagiert, dachte er, wenn er ihm gesagt hätte, daß auf die Zeitungsannonce einer von der Bardenberger Kripo geschrieben hatte? Der Leipziger würde vermutlich kalte Füße bekommen haben. Und Beate? Wie würde sie reagieren, falls sie erfuhr, welch riskante Geschäfte er tätigte? Schreiber beschloß, künftig sein Verhalten zu ändern und nicht mehr so unbekümmert auszuplaudern, was ihn bewegte. Bei den kommenden Geschäften wäre so etwas selbstmörderisch. Er fuhr weniger zuversichtlich nach Bardenberg zurück, als er von dort abgefahren war.
10 Bei seinem zweiten Rapport in Pullach bekam Grindel Doktor Gronau nicht zu sehen. Wiese empfing ihn in seinem nüchternen Dienstzimmer. Grindel saß ihm auf einem unbequemen Stuhl an seinem Schreibtisch gegenüber. «Ich brauche von Ihnen eine schriftliche Einschätzung Blaschkes», erklärte Wiese, nachdem sie einige unverbindliche Floskeln ausgetauscht hatten. «Wir führen ihn unter dem Decknamen ‹Ernst›», ergänzte er. «Okay!» Grindel nickte. Der Bericht würde positiv ausfallen. Nachdem die erste Erkundungsfahrt mit Blaschkes Moskwitsch ohne Komplikationen verlaufen war, erhob der Leipziger kaum noch Einwände, als Grindel den Wagen für die beiden folgenden Tage benötigte. Der Hinweis des Frankfurters, daß der Tank randvoll gefüllt sei, gefiel Blaschke sichtlich. Wiese blätterte in einigen großformatigen Fotos und reichte eines seinem Besucher. 74
Grindel erkannte den alten Wartburg dreihundertelf. Im Fotolabor war der Veteran als einziger der zwölf PKWs vergrößert worden. Bis auf zwei Fahrzeuge parkten dieselben Personenwagen wie am ersten auch an den folgenden zwei Tagen neben der Wache. «Wir brauchen alle erreichbaren Auskünfte über den Besitzer des Wartburgs!», forderte Wiese. «Setzen Sie Ernst ein, Herr Grindel! Der soll sich was einfallen lassen. Eine angebliche Kollision auf ’m Parkplatz oder so …» Wiese brach ab. «Sie setzen als selbstverständlich voraus, daß Blaschke», Grindel räusperte und korrigierte sich, «daß Ernst den Auftrag ausführt?» «Sie etwa nicht?», gab Wiese lakonisch zurück. Grindel zuckte die Schultern, obwohl er nicht an Blaschkes Bereitwilligkeit zweifelte. Der Leipziger hatte den Köder geschluckt, daß er in absehbarer Zeit nach Frankfurt reisen könne. Daß er vorher einiges zu leisten hatte, wußte er auch. Doch wenn er Blaschke als allzu beflissen darstellte, schmälerte er in Wieses Augen die eigene Leistung. «Sie haben Wichtigeres zu tun!», erklärte Wiese. Er kramte in einer Akte und reichte Grindel ein weiteres Foto. Das Brustbild eines Mannes erschien trotz beträchtlicher Vergrößerung gestochen scharf. Das Gesicht wirkte energisch, er schien der Typ, der genau wußte, was er wollte. Der Mann stand neben einem Tankfahrzeug mit der Aufschrift Minol. «Dieser Mann», erklärte Wiese, «heißt Hubert Schiffer. Er ist einundvierzig Jahre alt und seit vier Jahren geschieden. Eine sechzehnjährige Tochter lebt bei ihrer Mutter. Schiffer ist Kraftfahrer und fährt diesen Tankwagen von Minol. Das ist, wie Sie wissen, drüben der staatliche Kraftstoffhandel!» Wiese machte eine bedeutungsvolle Pause und schloß: «Dieser Mann ist Ihre Zielperson!» «Der –?», fragte Grindel gedehnt. Wieses Gesicht blieb so ausdruckslos wie immer. Mit sachlich klingender Stimme berichtete er: «Dieser Tankwagenfahrer besitzt am Röbelsee ein Wassergrundstück. Am Steg ist ein 75
Kajütboot vertäut und am Wochenende: Leinen los! Im Augenblick ist er dabei, seinen Bungalow am Wasser aufs feinste herzurichten! Alle Anschaffungen wurden in den letzten drei Jahren getätigt!» «Hat er im Lotto gewonnen?», fragte Grindel. «Davon ist Felix nichts bekannt», versicherte Wiese und verstummte, ärgerlich darüber, daß er den Namen genannt hatte. «Felix?», warf Grindel hin. Endlich ein Lichtblick, dachte er, mit dem Bardenberger hatte er seit Jahren Kontakt. Dann stammte das Foto wohl auch von ihm. War Felix bei der Aktion Januskopf dabei, schätzte er das Vorhaben optimistischer ein. «Dieser Schiffer hat Diebstähle großen Stils begangen», behauptete Wiese. «Alles, was er in den vergangenen Jahren an Land gezogen hat, finanzierte er damit!» «Das verstehe ich nicht», sagte Grindel, «fiel das denn niemand auf? Dieser Lebensstil?» «Anscheinend nicht. Und wo kein Kläger ist, ist kein Richter!» «Und wie macht der Mann die Kohle?», fragte Grindel. «Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe!», antwortete Wiese lakonisch. Grindel machte ein bedenkliches Gesicht. «Wie soll ich diesem cleveren Burschen denn auf die Schliche kommen?» «Nutzen Sie den Vorteil, daß Sie sich als angeblicher Bürger der DDR zwanglos bewegen können!» «Auch als DDR-Bürger ließe man mich kaum in das Tanklager ’rein», erklärte Grindel sarkastisch. «Selbst wenn! Was soll ich da eruieren? Der Diebstahl findet vermutlich mit gefälschten Lieferscheinen statt! Da sehe ich doch alt aus!» «Sie haben recht», bestätigte Wiese. Er zündete am Rest eines Zigarillos einen neuen an. «Es gibt wohl nur eine Möglichkeit, diesem Schiffer auf die Schliche zu kommen: Er muß selbst auspacken!» «Was schlagen Sie vor, Herr Wiese? Ein Verhör dritten Grades? Oder gewöhnliche Daumenschrauben?» «Dummer Snack!» Wiese zeigte sich nicht beeindruckt und holte zu einer längeren Erklärung aus. Als blutjunger Matrose 76
war er im zweiten Weltkrieg auf einem Zerstörer gefahren und bei harten Einsätzen in schwerer See tagelang nicht aus den nassen Sachen gekommen. «Damit wir als Rudergänger nicht einschliefen, kriegten wir kleine weiße Tabletten. Pervitin hieß das Zeug!» «Muntermacher?» «Das reinste Teufelszeug! Ließ die Wirkung jedoch nach, war man doppelt kaputt. Um wieder fit zu werden, brauchte man die doppelte Dosis!» Grindel wußte noch nicht, worauf Wiese hinaus wollte. Die Eigenschaften des Pervitins kannte er. Er wußte auch, daß dieses Aufputschmittel süchtig machte. «Weshalb ich das verklare?» Wiese beantwortete seine Frage selbst: «Dieses Pervitin hat eine verdammte Nebenwirkung: Es versetzt nicht nur in euphorische Stimmung. Es macht auch redselig! Und wie!» So, als handele es sich um eine Alltäglichkeit, entwickelte Wiese seine Vorstellung. Grindel sollte die Bekanntschaft des Fahrers suchen. Wiese kramte in seiner Schublade und entnahm ihr ein Glasröhrchen mit winzig kleinen weißen Tabletten. Er versicherte, daß sie sich in jeder Flüssigkeit auflösten und geschmacklos seien. Grindel schob das Röhrchen in seine Tasche. Mit diesem Hilfsmittel und Wieses Anregungen versehen hielt er es für durchaus möglich, hinter Schiffers Geheimnis zu kommen.
11 Am Montagfrüh lief Faber zeitig zur Burg hinauf, um Karin nicht zu verfehlen. Er wartete umsonst. Die Ahnung, daß dies kein Zufall war, wurde zur Gewißheit; Karin mied ihn absichtlich. Aber weshalb? Am Sonnabend war er zweimal an dem Haus vorbeigegan77
gen, in dem sie wohnte. Er hoffte vergeblich, sie zu treffen. Der Sonntag ohne Karin verstimmte ihn. Am Montagfrüh betrat Major Werner sein Dienstzimmer, da läutete Fabers Telefon. Werner ging hinüber und hob den Hörer. Die Kfz-Zulassungsstelle gab eine von Faber angeforderte Auskunft. Werner notierte, daß ein roter Wartburg ein Kennzeichen mit den Ziffern «drei. Strich, drei, drei» besaß. Das Fahrzeug gehörte der Produktionsgenossenschaft des Malerhandwerks in Bardenberg. Ein blauer Trabant-Kombi besaß andere Buchstaben, aber ebenfalls die Ziffern «drei, Strich, drei, drei». «Das ist er!», erklärte der Leutnant nach der Begrüßung, als er Werners Notiz las. Kfz-Halter war der Bürger Hans Schreiber, wohnhaft in Bardenberg, Lüsinger Straße fünfzehn. «Das ist wer?», fragte Werner. «Der Bürger, der die Quarzarmbanduhr per Annonce zum Verkauf angeboten hat! Die Chiffre H. S. siebzehnzwoeinunddreißig! Ich sagte doch, daß ich mich darauf melde!» Der Major erinnerte sich. Faber berichtete, daß der Kontakt nicht zustande gekommen war. Der Anbieter war aber bekannt, dank der Aufmerksamkeit des Postsekretärs. «Mann, Faber, was soll das? Da verkauft jemand eine Quarzarmbanduhr, nicht mal überteuert. Und was weiter?» «Vielleicht sind es ein Dutzend Uhren? Eine einzelne wird man los, ohne zu annoncieren. Da sie aus der BRD stammen, frage ich mich, wie sie bezahlt werden? Mit Mark der DDR? Deren Ausfuhr ist verboten! Mit Ware? Das wäre unstatthafte Kompensation!» «Darüber mehr zu wissen wäre nicht schlecht», sagte Werner. «Was schlagen Sie vor?» «Zunächst will ich feststellen, ob Blaschke und Schreiber miteinander in Verbindung stehen. Wenn ja, haben wir die Quelle für die westlichen Quarzarmbanduhren. Beide Annoncen könnten auch von Blaschke aufgegeben worden sein, und Schreiber besorgt den Verkauf. Damit wäre bewiesen, daß organisierter Schwarzhandel vorliegt!» 78
«Hm!» Der Major verschloß sich dieser Logik nicht. «Und wie weiter?» «Zuerst will ich feststellen, wer in der Gohlaer Anzeigenannahme das Inserat aufgegeben hat. Schreiber oder der Leipziger Blaschke. Ich brauche Schreibers Foto aus der Einwohnerkartei!» Der Major nickte und ging in sein Zimmer hinüber. Es gefiel ihm, wie zielstrebig der Leutnant die Sache verfolgte. Später überraschte er Faber, wie er vor dem leeren Schreibtisch saß und seinen Kugelschreiber hin- und herrollte. «Nervös?» Faber nickte. «Ja. Ich habe ein privates Problem, das mich nervt!» «Kann ich helfen?» «Könnte ich ’ne Stunde außer Haus …?» «Los, haun Sie ab! Und wenn Sie wiederkommen, melden Sie mir, daß das Mädel wieder spurt!» Leutnant Faber sah ihn verblüfft an und bekam rote Ohren. Er schlüpfte in seine Lederjacke und verließ das Zimmer. Karin blickte nur flüchtig auf, als er den Laden betrat. Sie senkte den Kopf rasch wieder und tat, als wäre sie in ihre Arbeit vertieft. Am Kundentisch sitzend, beschriftete sie Preisschilder. Der Verkaufsstellenleiter kam nach vorn. «Sie wünschen?» Faber winkte ab und trat zu Karin. «Ich muß dich sprechen!» «Tut mir leid, ich habe zu tun», sagte sie und vermied es, ihn anzusehen. «Das ist nicht wahr», widersprach er, «es tut dir überhaupt nicht leid!» «Ich weiß nicht, was es noch zu reden gibt!» Karins Lippen zuckten. «Sie sehen doch, daß Kollegin Wenzel arbeitet!», erklärte Klein triumphierend. Faber nickte. «Ich sehe noch mehr! Zum Beispiel, daß Sie sich freuen, wenn wir eine Meinungsverschiedenheit haben! 79
Rechnen Sie sich etwa eine Chance aus? Hier liegt nur ein Mißverständnis vor!» «Mißverständnis?», sagte Karin so leise, daß nur Faber es verstand. «Wie du deine Freundin umarmt hast, das war nicht mißzuverstehen!» Mit ihrer Beherrschung war es vorbei. Sie hielt die Tränen nicht länger zurück und sprang auf. Er vertrat ihr den Weg. Sie stieß ihn zur Seite und lief nach hinten. Er sah ihr ratlos hinterher. Karins Chef errötete und wußte nicht, ob er ihr folgen sollte. Eine Kundin betrat das Geschäft und enthob ihn der Entscheidung. Uwe Faber ignorierte Kleins empörte Blicke und folgte Karin ins Büro. Obwohl sie sich sträubte, nahm er sie in die Arme. «Hör mir zu! Du tust mir Unrecht! Du behandelst mich unfair! Ich habe außer dir nur einer einzigen Frau in Bardenberg den Arm um die Schulter gelegt. Und die brauchte Zuspruch!» Karin stemmte die Arme gegen seine Brust, vermochte aber gegen seine Kraft nichts auszurichten. Er nahm ihren Kopf in seine Hände und küßte die Tränen von ihren Wangen. Karin ließ es geschehen. «Ich habe dich verdammt gern, verstehst du? Morgen habt ihr geschlossen, nicht wahr? Ich fahre nach Gohla. Kommst du mit?» Bevor Karin ein Wort hervorbrachte, stürmte Klein herein und rief empört: «Also, ich muß schon sagen …» «Ruf mich an!», bat Faber beschwörend und ging wortlos an dem Verkaufsstellenleiter vorbei aus dem Laden. Major Werner blickte von seiner Akte auf, als Leutnant Faber auf der Schwelle stand. Der wirkte unsicher, nicht so unbekümmert wie sonst. «Ist was passiert?», fragte Werner. «Ja. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es wäre mir fatal, wenn Sie es ablehnten!» «Mann, Faber, seit wann so umständlich? Was ist los? Wo klemmt die Säge?» «Morgen müßte ich nach Gohla, zur Anzeigenannahme!» «Gohla?», wiederholte Werner. «Verstehe. In der Sache Schwarzhandel.» 80
«Kann Karin mitfahren?» «Wenn das Dienstliche an erster Stelle steht, ausnahmsweise ja.» «Prima! Danke!» Faber zog sich strahlend in sein Zimmer zurück. Es fiel ihm schwer, sich auf eine Diebstahlsache zu konzentrieren. Sobald das Telefon läutete, durchfuhr ihn freudige Erwartung. Um vierzehn Uhr dreißig klingelte es wieder. Der Leutnant hob den Hörer und meldete sich. «Holst du mich ab?», fragte Karin leise. «Na klar! Und morgen?» «Ich freue mich drauf!» «Ich auch!» Er legte den Hörer auf die Gabel zurück und lächelte. Der Trabant fuhr gegen den Wind. Schwere Regentropfen klatschten an die Frontscheibe. Die Wischer hielten mühsam die Sicht frei. Faber schaltete die Beleuchtung ein. Uwe Faber fuhr auf einen Parkplatz, um den Schauer abzuwarten. Der Motor verstummte. Es goß wie aus Kübeln. Die Karosserie dröhnte im prasselnden Regen. So abrupt, wie er begonnen hatte, versiegte der Regen; dem monotonen Rauschen folgte Stille. «Eines machen wir aus, Karin», drängte er, «nie wieder schmollen. Meinungsverschiedenheiten werden offen besprochen! Abgemacht?» Sie nickte lächelnd und befreite sich aus seinem Arm. «Du – so kommen wir nie nach Gohla!» Karin deutete aus dem Fenster. Industriebetriebe reihten sich aneinander. Hohe Schornsteine spien Rauch. Dazwischen drängten sich dreistöckige, um die Jahrhundertwende erbaute Mietshäuser. In den Vorgärten zeigten die Büsche erstes Grün. An einem Haus prangte das Schild des Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei. «Es dauert nicht lange», sagte Uwe. «Ich hole mir nur eine Auskunft!» Der Unterleutnant empfing ihn in seinem Dienstzimmer. 81
Es geht um den Bürger Hubert Schiffer!», erklärte Faber. «Liegt was gegen ihn vor?» «Nicht direkt». Faber wich aus. «Wir haben eine E-Sache an die Konfliktkommission abgegeben. In der Beratung wurde Schiffer als Zeuge gehört. Wie weit ist er zuverlässig?» «Ich dachte schon, da kommt was auf ihn zu», sagte der Unterleutnant. «Der Bürger Schiffer ist polizeilich noch nie in Erscheinung getreten.» Leutnant Faber erfuhr, daß der Abschnitt des Unterleutnants zum dichtbewohntesten Teil Gohlas zählte. Persönlich bekannt waren ihm mehr jene Bürger, mit denen es Probleme gab. «Der Bürger Schiffer fährt bei Minol einen Tanker», erklärte Faber. «Ja, richtig», bestätigte der ABV. «Hat er Probleme mit Nachbarn oder so?» «Davon ist mir nichts bekannt. Die Wochenenden verbringt er auf seiner Datsche am Röbelsee!» Faber lenkte seinen Trabant in die Brauergasse, in der Schiffer wohnte. Sie unterschied sich nicht von den anderen Straßen dieser Gegend. In einem Eckhaus gab es eine Gaststätte. Karin nahm seine Einladung an. Die Wirtin staunte, daß der Kaffee für den Mann und das Bier für das Mädchen bestellt wurde. «Ich wollte einen ehemaligen Arbeitskollegen besuchen», gab Faber vor, «habe aber seine Hausnummer vergessen. Schiffer heißt er.» «Fährt er einen Minol-Tanker?», fragte die Wirtin. Faber nickte. «Da drüben. Brauergasse vierzehn. Der Lada ist seiner! Manchem läuft das Glück hinterher», behauptete die Gastwirtin. «Schiffer hat von seinem Onkel einen Batzen Geld geerbt, dem geht’s nicht schlecht. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe!», schloß sie. Im Auto fragte Karin: «Vermute ich richtig, daß wir jetzt zum Röbelsee fahren?» 82
Faber nickte. «Stimmt. Aber vorher erledige ich noch etwas!» Die Anzeigenannahme lag im Zentrum, in einer Fußgängerzone. Eine schmalspurige Straßenbahn durchquerte sie. Nachdem sich Faber ausgewiesen hatte, führte ihn ein ältliches Fräulein in den hinteren Teil des Ladens. «Ich möchte die Chiffrekundenliste einsehen», erklärte Leutnant Faber. Die Ladeninhaberin holte den Folianten herbei. Der Leutnant überflog einige Dutzend Anschriften von Zeitungsinserenten. «Wenn Sie mir sägen, welches Inserat …?» «Moment», wich Faber aus. Nach zweimaliger Durchsicht war er so klug wie vorher. Das Kundenbuch enthielt weder den Namen Hans Schreiber aus Bardenberg, noch den von Axel Blaschke aus Leipzig. Sein Finger wanderte abermals die Zeilen entlang. Faber suchte nun die Chiffre H. S. siebzehnzwoeinunddreißig und fand sie. Der Inserent hieß nicht Schreiber, sondern Herbert Schuster, wohnhaft in Sonneberg. Der Leutnant ahnte, daß ihm eine Enttäuschung bevorstand. Oder wickelte Schreiber in Bardenberg Geschäfte für Schuster in Sonneberg ab? Faber entnahm seiner Kollegtasche vier Paßfotos von Männern zwischen vierzig und fünfzig. «Kennen Sie einen dieser Herren?», fragte er. Ohne zu zögern tippte die Ladeninhaberin auf eine Fotografie. «Aber ja! Das ist der Herr aus Sonneberg! Wie heißt er gleich?» «Sie meinen Herrn Schuster?», fragte Faber ungläubig. «Richtig! Um den geht es?», fragte sie. Faber nickte stumm. Der so identifizierte Kunde war kein anderer als der Bürger Schreiber aus Bardenberg. Der Leutnant erwog zwei Möglichkeiten. Vorausgesetzt, dem alten Fräulein war kein Fehler unterlaufen und Schreiber hatte sich wahrhaftig als Herbert Schuster aus Sonneberg ausgewiesen. Dann war ein Personalausweis gefälscht worden. Dazu brauchte man aber ein Blankodokument. Und in dem Fall gab es gar keinen Herbert Schuster in Sonneberg. Oder aber, und das klang 83
wahrscheinlicher, Schreiber war irgendwie in den Besitz von Schusters Personalausweis gelangt und hatte diesen mit seinem eigenen Foto verfälscht. Es gab nur eine Schlußfolgerung: Wer sich in dieser Weise tarnte, besaß dafür Gründe! Faber fragte nach Zuschriften für H. S. siebzehnzwoeinunddreißig. Es gab keine mehr; Herr Schuster hatte bereits telefonisch angefragt und kam nicht mehr. «Vielleicht doch», erwog Faber. Er versetzte sich in Schreibers Lage. Den mußte es schockiert haben, daß auf seine Annonce die Zuschrift eines Kriminalisten eingegangen war. Dieser könnte auf den Einfall kommen, den Inserenten zu ermitteln. Schreiber ahnte sicher nicht, daß seine Tarnung bereits durchschaut war. Aber seine Neugier wäre verständlich, erfahren zu wollen, ob die Kriminalpolizei tätig geworden war. Leutnant Faber ermahnte das alte Fräulein, seinen Besuch Herrn Schuster gegenüber weder auf telefonische noch auf persönliche Nachfrage zu erwähnen. Sie mache sich sonst einer Begünstigung Schuldig. Faber fuhr ungern so schweres Geschütz auf, wollte aber sicher sein, daß die Ladeninhaberin nicht plauderte. Anschließend fuhr Faber den Umweg zum Röbelsee. In Form einer riesigen Niere lag er eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln. In einer Ausflugsgaststätte mit bescheidenem Vorsaisonangebot aßen sie Wurst vom Grill. Nach Schiffers Datsche fragten sie vergeblich. Nach etlichen Irrfahrten gelangten sie über eine Waldstraße zu jener Bucht, deren Ufer Wochenendgrundstücke säumten. Hubert Schiffers Parzelle besaß einen neuen Maschendrahtzaun auf solidem Betonsockel, eine Einfahrt und daneben eine kleine Pforte. Im Garten täuschten Koniferengruppen eine künstliche Wildnis vor. Das Garagentor aus bernsteinfarbenen, lackierten Brettern protzte mit kunstgeschmiedeten Beschlägen. Die Datsche besaß eine Terrasse mit einem Kamin aus Feldsteinen. 84
«Hübsch!», rief Karin begeistert aus. «Ich tippe auf Künstler, Professor oder Handwerksmeister!» «Falsch», entgegnete Uwe Faber, «Kraftfahrer! Lies mal, was auf dem Messingschild steht!» «Schiffer», buchstabierte sie ungläubig. «Der Tankwagenfahrer?» «Ja, der!» Faber preßte die Lippen aufeinander. Karin ahnte, daß weitere Fragen zwecklos sein würden.
12 Kurt Mulewski schrieb gerade einen Anzeigentext, als der Eilbote kam und ein Telegramm auf den Ladentisch legte; Mulewski schob es achtlos beiseite. In dem Jahr, das er bei Blaschke arbeitete, hatte dieser nie so viele Telegramme bekommen wie jetzt. Vermutlich betrafen sie seine Geschäfte. Die Kundin bezahlte die Annonce und ging. Blaschke kam nach vorn und fand das Telegramm. «Für mich?» Mulewski nickte. Blaschke zerfetzte den Umschlag und las die Nachricht; sein Gesicht lief rot an. «Warum bringst du mir’s nicht hinter?», fuhr er seinen Mitarbeiter an, wandte sich heftig um und schlug krachend die Tür zum Büro zu. Eine gute Nachricht scheint das nicht zu sein, dachte Mulle. Ungewöhnlich fand er, daß der Chef, der sonst seine Korrespondenz achtlos herumliegen ließ, alle Telegramme in den Ofen warf, kaum daß er sie gelesen hatte. Blaschke starrte auf den in Frankfurt am Main aufgegebenen lakonischen Text: «Besuch wegen Krankheit nicht möglich. Liebe Grüße – Tante Minna!» Es war einer von einem halben Dutzend mit Grindel vereinbarter Standardtexte. Blaschke war erleichtert. Es ging nicht um ein Treffen in Köckern, bei dem sie ihre Koffer tauschten und er jedesmal fürchten mußte, daß die Manipulation ent85
deckt werden könnte. Das Telegramm verriet, daß Grindel auf einer Transitfahrt nach Westberlin eine Nachricht in dem TBK bei Niemegk deponiert hatte. Mißvergnügt dachte Blaschke daran, daß er nun das von Grindel getankte Benzin verfahren mußte. Er öffnete die Ofenklappe, warf das Telegramm hinein und sah zu, wie die Flamme das Papier fraß. Eigentlich hatte er nachmittags nach Schkeuditz fahren wollen. Dort wurde der Nachlaß einer Zahnarztwitwe versteigert. Sein Gespür sagte ihm, daß es lohnen würde. Doch die Neugierde siegte über den Erwerbssinn. Er mußte wissen, welchen Auftrag Grindel ihm erteilte. Er seufzte. Seitdem er sich mit Grindel eingelassen hatte, war er vor riskanten Weisungen nicht mehr sicher. Mulewski staunte, daß Blaschke viel zu zeitig mit dem Moskwitsch wegfuhr. Die Versteigerung fand doch erst um siebzehn Uhr statt? Ob das mit dem Telegramm zusammenhing? dachte er. Als er es auf dem Schreibtisch nicht liegen sah, öffnete er die Feuerungsklappe. Auf der Glut lag dunkle, gekrümmte Asche. Das Wortfragment ‹… gramm› war unschwer lesbar. Mit dem Schüreisen versuchte Mulewski, das verbrannte Papier herauszuheben. Doch die Asche zerfaserte wie Spinnengewebe. In Gedanken versunken fuhr Blaschke auf der Dessauer Rennstrecke nach Niemegk. Ein Regenschauer prasselte herab. Die Wischer sorgten mühsam für Sicht. Ob er die Begegnung mit Grindel, die sein Leben verändert hatte, preisen oder verwünschen sollte, wußte Blaschke nicht recht. Zufrieden war er damals gewesen, noch vor einem Jahr, als Porzellane, Münzen und Briefmarken durch seine Hände gingen und die roten Fünfzigmarkscheine und die blauen Hunderter ihn faszinierten. Heute besaßen die mit geübten Fingern gezählten Banknotenbündel etwas von der niederen Wertigkeit kleiner Münzen. Auf seinem Konto bei der Kommerzbank in Frankfurt sammelten sich andere Mark ah. Seit Grindel ihm in Aussicht gestellt hatte, nach Frankfurt reisen zu können, gewann der Gedanke an das Geld Macht 86
über ihn. Bisher war das Konto eine Fata Morgana gewesen, ein Trugbild. Jetzt träumte er am hellichten Tag davon. Und lag er nachts schlaflos, dachte er wieder an das Konto. Es gab nur einen Weg, an das Geld heranzukommen: Er mußte Grindels Weisungen befolgen. Nachdem er die Elbbrücke passiert hatte, versiegte der Regen. Blaschke schaltete die Wischer aus. Zu beiden Seiten der Autobahn dehnten sich Kiefernwälder; erste Bodenerhebungen kündigten den Fläming an. Blaschke spann seinen Gedanken weiter: Es kam nicht nur darauf an, Grindels Weisungen auszuführen. Mit Phantasie und Emsigkeit mußte er sich unentbehrlich machen. Dann kam der Zeitpunkt, da er fordern konnte. Um seinen Eifer zu bestärken, würde man ihm die Reise nach Frankfurt ermöglichen. An seiner Stelle würde Grindel in einem Urlaubsort Ferien machen. Das merkte niemand. Nur flüchtig dachte Blaschke daran, daß er im Begriff stand, Landesverrat zu begehen. Darauf drohte das Gesetz strenge Bestrafung an. Da er mit seinen Geschäften ständig gegen Gesetze verstieß, besaß er kaum noch ein Unrechtsbewußtsein. Die Autobahnausfahrt Niemegk lag hinter ihm. Er lenkte den Moskwitsch auf den nächstfolgenden Parkplatz. Die Raststelle lag verlassen da. Blaschke sah sich dennoch mißtrauisch um; vielleicht lauerten Späher hinter den Bäumen? Unter seinen Schritten knackten Zweige. Er verharrte lauschend, doch nichts rührte sich. Die Buche mit dem Versteck in Augenhöhe war ihm vertraut. Grindel hatte das Loch im Stamm geschickt mit Moos verstopft. Niemand käme darauf, daß der Baum einen Hohlraum besaß. Von der Autobahn drang auf- und abschwellender Motorenlärm herüber. Lastzüge donnerten vorbei. Die Personenwagen summten wie Insekten. Blaschke überlegte, was wohl geschähe, wenn Grindel beim TBK gesehen wurde? Man würde dann pausenlos das Versteck beobachten! Ein Knacken erschreckte 87
ihn. Klang es nicht wie ein Kameraverschluß? Sein Mund wurde trocken. Plötzlich zeterte ein Eichelhäher. Das Schackern zerriß die Stille. Blaschke hielt den Atem an. Häher waren mißtrauische Warner. Die Tiere des Waldes wußten, daß Gefahr im Verzuge war, wenn ein Häher Alarm schlug. An der Schonung entlang schnürte ein Fuchs mit am Boden schleifender Rute. Der Häher folgte ihm schackernd von Baum zu Baum. Blaschke atmete auf. Das Gezeter galt Meister Reineke. Nach einem Blick rundum entfernte Blaschke das Moos und griff in die Höhlung; seine Finger fühlten die metallische Kapsel. Sie enthielt einen gerollten Umschlag. Blaschke schraubte den Verschluß wieder zu, verwischte mit dem Taschentuch seine Fingerspuren und legte die Hülse ins Versteck zurück. Grindel hatte ihn ermahnt, diese Vorsichtsmaßnahme nie außer acht zu lassen. Langsam lief er zum Rastplatz zurück. Größer als sein Verlangen abzufahren war seine Neugier. Er riß den Umschlag auf und fand einen blauen Personalausweis der Deutschen Demokratischen Republik. Das Paßbild darin hatte ihm Grindel abgefordert. Der Ausweis wirkte vertrauenerweckend echt und verwandelte ihn in Albert Schulz, wohnhaft in Magdeburg. Der Ausweis sollte ihn bei bestimmten Aufträgen tarnen, hatte Grindel erklärt. Das Kuvert enthielt einen Führerschein auf denselben Namen und eine gefälschte Zulassung für den Moskwitsch. Das dazu passende Kennzeichen besaß er bereits. Zuletzt entnahm Blaschke einen mit Zahlen bedeckten Bogen Dünnpapier. Es schien ihm, als ginge von den Ziffern etwas Bedrohliches aus. Grindel hatte ihm den Code erklärt. Zu seiner Entschlüsselung diente der Große Duden des Bibliographischen Instituts Leipzig, Ausgabe neunzehnhundertsiebenundsiebzig. In den Laden zurückgekehrt, zog sich Blaschke gleich ins Büro zurück. Er blätterte im Personalausweis und fand darin einen gefalteten Fünfzigmarkschein. Blaschke schürzte spöttisch die Lippen. Das Geld ersetzte knapp die Unkosten und 88
entschädigte keinesfalls für den entgangenen Nachlaß der Zahnarztwitwe. Er begann die Mitteilung zu entschlüsseln, Zeilen und Buchstaben auszuzählen. Mulle unterbrach ihn mit einer belanglosen Frage. Blaschke verbarg die Zahlenkolonnen hastig unter einer Zeitung und fuhr seinen Mitarbeiter heftig an, daß er anzuklopfen habe. Verdattert registrierte Mulewski, daß Blaschke schon wieder eine Neuerung eingeführt hatte. Wußte der Kuckuck, welche Heimlichkeit er trieb. Buchstaben um Buchstaben reihte Blaschke aneinander, fügte sie zu Worten und Sätzen. Er las erstaunt die prägnante Weisung: «Erfragen Sie in der Kraftfahrzeugzulassungsstelle Gohla den Eigentümer des Wartburg dreihundertelf, Kennzeichen FN 87-12. Als Vorwand Beschädigung des eigenen PKW auf Parkplatz. Erforschen Sie umfassend Beruf und Umfeld des Eigentümers!» In dieser Nacht fand Blaschke wenig Schlaf. Die Anweisung ging ihm nicht aus dem Sinn. Welche Absicht stand dahinter? Natürlich war nicht Grindel an der Auskunft interessiert. Der Frankfurter war kaum mehr als ein Bote und Befehlsempfänger; das Sagen hatten andere. Das verriet auch die förmlich abgefaßte Weisung. Immerhin aber beschaffte Grindel die Waren. Undenkbar, daß die Quelle eines Tages versiegen könnte. Das geschah aber, wenn er die Aufträge nicht ausführte. Grindels noch weitergehende Drohungen für den Fall, daß er den Gehorsam verweigerte, blieben unvergessen. Nach einer unruhig verbrachten Nacht fuhr Blaschke am nächsten Morgen nach Gohla. In der Kfz-Zulassungsstelle herrschte lebhaftes Kommen und Gehen. Er mußte warten. Dann trug er einem Leutnant sein Anliegen vor. Der Fahrer des Wartburg habe auf dem Bahnhofsparkplatz seinen Moskwitsch gerammt. Die rechte vordere Tür sei beschädigt. In Wahrheit hatte er die Delle vier Wochen vorher selbst verursacht. «Es ist nicht üblich, derartige Auskünfte zu erteilen», erklärte der junge Offizier, «aber in diesem Falle … Ihren PA bitte!» 89
Blaschke schluckte verblüfft. «Meinen – meinen Ausweis?» Er kam nicht umhin, der Aufforderung zu folgen. Der Leutnant notierte die Personalien auf einem Formular. «Woher kennen Sie denn das Kennzeichen des Schadenverursachers?» «Eine Bekannte saß in meinem Auto. Ich war wegen Zigarren zum Mitropa-Kiosk im Bahnhof!» Meine Güte, dachte er, am Ende will er wissen, wer die Bekannte war? Der Leutnant telefonierte im Nebenzimmer, kam zurück und gab Blaschke einen Zettel. «Hoffentlich einigen Sie sich. Für Parkplatzschäden zahlt die Versicherung selten!» Blaschke bedankte sich und blickte auf das Papier. Der Besitzer des Wartburg hieß Herbert Budach und wohnte in Sinten, Am Hain sechs. Den Ortsnamen hatte Blaschke noch nie gehört. Im Autoatlas fand er ihn erst nach längerem Suchen im bezeichneten Planquadrat; es mußte ein winziger Ort sein. Die nächstgelegene Kreisstadt hieß Bardenberg. Enttäuscht sah Blaschke, daß die Fahrt dorthin ihn noch weiter von Leipzig entfernte. Sinten besaß ein Dutzend schiefergedeckter Fachwerkhäuser, die wie absichtslos an einem Hang hingestreut schienen. Blaschke fuhr langsam durch das Dorf. Drei Logiergaststätten verrieten, daß Sinten ein beliebter Urlaubsort war. Das Haus Am Hain sechs unterschied sich nicht von den anderen. Es war weiß gestrichen mit schwarzem Gebälk und hellen Gardinen hinter den Fenstern. Urlauber spazierten in der seltenen Aprilsonne; auf einer Koppel weideten Jungrinder. Blaschke kehrte im Gasthaus «Zur Tränke» ein. Die Gaststube mit der niederen Balkendecke wirkte behaglich; auf Wandbrettern standen Holzschnitzereien. An den Wänden hingen naive Ölbilder, meist heimische Landschaftsmotive. Die wenigen Gäste schienen Urlauber zu sein. In der Umgebung Sintens gab es Erholungsheime, das verrieten die Hinweisschilder auf der Straße. Der Wirt empfahl Forelle mit Kräuterbutter. Blaschke be90
stellte und versuchte ein Gespräch. Ein Bekannter habe ihm ein Urlaubsquartier bei einem gewissen Budach empfohlen. «Meinen Sie unseren Maler?», fragte der Wirt und deutete auf eines der Bilder, eine romantische Wassermühle. «Herbert Budach, Am Hain sechs!» «Das ist er. Wegen Quartier reden Sie mit seiner Tante. Darum kümmert er sich nicht.» Der Gastwirt erklärte, daß Herbert Budach kein Künstler sei und Malen als Hobby betreibe. Ein Quartier sei bei Budachs kaum zu erhoffen. In Sinten seien alle Betten ausgebucht. Nachdem er die Forelle verspeist und zum Kaffee eine Zigarre geraucht hatte, machte Blaschke sich zu Fuß auf den Weg. Er traf Budachs Tante dabei an, die Haustür abzuseifen. Auf seine Frage nach einem Zimmer winkte sie ab. Die drei Fremdenzimmer waren ein Jahr im voraus bestellt. «Ich habe es mir gedacht», Blaschke seufzte enttäuscht. «Aber was anderes: Kann ich mir mal die Bilder ansehen?» «Die Bilder?» Budachs Tante sah ihn ungläubig an und blies eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie war eine robuste Frau von sechzig oder siebzig Jahren; das faltenlose Gesicht mochte täuschen. «Ich habe in der ‹Tränke› die ‹Wassermühle› bewundert und würde gern ein Bild kaufen.» «Wirklich?» Die Frau trocknete ihre Hände an der Schürze und trat einladend zur Seite. «Kommen Sie!» Blaschke betrat den Flur. An der Wand hingen Bilder, doch eine Wassermühle war nicht darunter. «Ich glaube, im Klubhaus hängt eine Mühle», sagte die alte Frau. «Im Klubhaus?» «Mein Neffe ist Klubhausleiter. Wollen Sie warten? Er müßte bald kommen. Vielleicht bringt er die Mühle mal mit?» Blaschke Winkte ab. «Geben Sie mir die Adresse? Ich fahre hin und sehe mir das Bild an!» Die Frau schüttelte den Kopf. «Das geht nicht. Ins Kasernengelände dürfen Sie nicht rein!» 91
«Ka-kaserne?», stotterte Blaschke verblüfft. Blitzartig wurde ihm klar, weshalb der BND an Budach interessiert war. Vor dem Haus pötterte ein Zweitakter und verstummte. «Das ist er», sagte die Frau. Budach trat in den Flur, küßte seine Tante auf die Wange und blickte den Besucher fragend an. Budach war schlank und mittelgroß. Das blasse Gesicht und die Brille verrieten den Büromenschen, der selten ins Freie kommt. «Der Herr ist wegen einem Bild da!», sagte die Tante. Das blasse Gesicht rötete sich. «Ach, wirklich?» «Mein Name ist Schulz», log Blaschke und folgte der Einladung ins Wohnzimmer. Ohne Zweifel sollte der unscheinbar wirkende Klubhausleiter geködert werden. Er konnte sich ungehindert im Kasernenbereich bewegen, kannte Offiziere und Soldaten. Blaschke dachte schadenfroh, daß Grindel ihn mit irgendeinem Trick hereinlegen würde. Jeder Mensch besäße eine Schwachstelle, an der er verwundbar sei, behauptete Grindel immer. Meine Schwäche war es gewesen, in kurzer Zeit viel Geld machen zu wollen, gestand sich Blaschke ein. Vielleicht war Budach über sein Hobby beizukommen? «Ich habe in der ‹Tränke› Ihre Bilder gesehen», erzählte Blaschke. «Die ‹Wassermühle› gefällt mir. Das Motiv würde ich gern erwerben!» Budach lächelte verlegen und gab zu verstehen, daß er noch kein Bild verkauft habe. Er verschenke sie. «Ich habe nur eins für unseren Solidaritätsbasar gespendet. Hundert Mark hat es gebracht!» «Für die ‹Wassermühle› biete ich dasselbe, Herr Budach!» Blaschke war sicher, daß Grindel die Ausgabe akzeptierte. Budach tat so, als interessiere ihn das Geld nicht. Aber Blaschke durchschaute ihn und spürte, daß die hundert Mark ihn lockten. «Ich habe nächste Woche in Bardenberg zu tun», erklärte Blaschke. «Vielleicht treffen wir uns dort?» «Das wäre günstig», sagte Budach, «meine Dienststelle liegt in der Nähe.» 92
Geschickt fragend versuchte Blaschke Näheres über die Dienststelle zu erfahren, aber Budach wich ihm aus. Blaschke verabschiedete sich. Vor der Haustür stand der alte Wartburg, der viele tausend Kilometer über die Straßen gerollt sein mochte. Blaschke suchte den zweiten Gasthof auf und fand ihn geschlossen. Im dritten aber traf er auf eine geschwätzige Wirtin.
13 Grindel war häufiger Gast des Leipziger Interhotels «Astoria». Die Dame in der Rezeption kannte ihn und warf ihm einen teilnehmenden Blick zu, als er zum dritten Mal mit enttäuschter Miene die Telefonkabine verließ. Wieder hatte er vergeblich versucht, Blaschke zu erreichen. Der Zeiger der elektrischen Uhr an der Stirnwand der Halle rückte lautlos auf die zehnte Stunde. Grindel überschlug in Gedanken die Strecke zum Röbelsee. Es waren an die hundertfünfzig Kilometer. Im TBK der Brückenruine hatte die Nachricht von Felix gelegen: Schiffer golt zwei Werktage lang Überstunden ab und verbrachte die Freizeit in seiner Datsche. Grindel überlegte, ob er gelegentlich Doktor Schubart alias Felix besuchen sollte. Bei ihren Zusammenkünften hatte Schubart nie verhehlt, daß er gern mit einem Vertrauten über das sonst so ängstlich gehütete Geheimnis sprach. Grindel wartete zehn Minuten, betrat dann abermals die Telefonkabine und wählte Blaschkes Anschluß. Diesmal meldete er sich. «Grüß dich, Axel», sagte Grindel forsch, «ich brauche den Wagen!» «Tag, Lutz! Muß das sein?», klang es unfroh. Von Grindels Vorhaben schien er nicht erbaut. Der Frankfurter hatte ihm eingeschärft, niemals lange Gespräche am Telefon zu führen. 93
Sie verabredeten sich an einer Straßenbahnhaltestelle in der Georg-Schumann-Straße. Grindel nahm ein Taxi und wartete auf Blaschke. Der ließ sich Zeit. Grindel blickte immer öfter auf seine Armbanduhr. Endlich nahte der weiße Moskwitsch. Der PKW hielt. Grindel schob sich auf den Beifahrerplatz. Blaschke legte den Gang ein. «Nächste Straße rechts», forderte Grindel. Blaschke nickte stumm und fuhr in die enge Nebenstraße. «Du fährst ja wohl von hier mit der Bahn zurück», schloß Grindel wie selbstverständlich. Blaschke nickte. Mulle würde fragen, wo er den PKW gelassen habe. Er mußte die Werkstatt vorschieben. Manchmal schien es Blaschke, als würde Mulewski von Tag zu Tag neugieriger. Ahnte er, daß mehr vor ihm verborgen wurde als nur der Handel mit Westwaren? «Hast du mir nichts zu sagen?», fragte Blaschke. «Ich bin am Dienstag mit Budach verabredet!» «Ach ja, der Sintener!» Grindel tat uninteressiert. «Warte es ab. Du kriegst Bescheid. Man hat noch nicht entschieden!» Man hat noch nicht entschieden, wiederholte Blaschke in Gedanken ironisch. Grindel vermied stets, seine Institution konkret zu benennen. «Soll ich den Ölschinken kaufen, ja oder nein?» «Doch, ja!», forderte Grindel und drängte ungeduldig auf den Fahrerplatz hinüber. Blaschke stieg aus und beugte sich zu ihm hinab. «Was ist mit der Fleppe?» «Nicht notwendig», sagte Grindel, winkte gelassen ab und legte den Gurt an. «Fährst du weit? Wann kommst du zurück? Vergiß nicht zu tanken!» Grindel nickte und startete. Die Frage des Personalausweises war gelöst. Er besaß ein gefälschtes Dokument. Den Originaldaten des DDR-Bürgers Axel Blaschke war Grindels Paßfoto beigefügt worden. Das galt ebenso für den Führerschein. In Pullach hatte Wiese Gronaus Weisung, Blaschke als Austauschagenten zu etablieren, realisiert. Der Bürger Blaschke besaß nun zwei Gesichter wie Janus, der altrömische Gott. 94
Der Motor heulte auf. Die Reifen kreischten, und der Moskwitsch schoß vorwärts. Blaschke schüttelte ärgerlich den Kopf. Der Wagen wollte weniger sportlich gefahren werden. Der PKW wendete und bog in die Hauptstraße ein. Blaschke störte an Grindel dessen Geheimniskrämerei. Anfangs glaubte er, daß es eine zunehmende Vertraulichkeit geben würde, wenn ihre Beziehung sich enger gestaltete. Doch er wurde enttäuscht. Grindel schottete sich immer mehr von ihm ab. Er behauptete, das sei Prinzip jeder nachrichtendienstlichen Tätigkeit. In Blaschke wuchs der Wunsch, sich auf eigene Faust zu informieren. Es konnte nicht schaden, von Dingen zu wissen, die Grindel vor ihm geheimhielt. Am Bordstein stoppte ein Taxi. Der Fahrgast bezahlte und stieg aus. Mit drei Schritten war Blaschke am Wagen und stieg ein. «Fahren Sie! Bitte rasch!», forderte er. «Zum Bahnhof?», fragte der jüngere Fahrer verständnisinnig, startete und fuhr rasant an. «Nein. Hinter einem weißen Moskwitsch her. Aber unauffällig!», forderte Blaschke und ließ das Fahrzeug wenden. «Rechts in die Georg-Schumann-Straße, bitte!» Der Fahrer musterte seinen Fahrgast im Spiegel und fuhr schneller, als die Straßenverkehrsordnung gestattete. Blaschke äußerte die Vermutung, daß der Moskwitsch in Richtung Schkeuditz und zur Autobahn fuhr. «Kripo sind Sie wohl nicht?», fragte der Taxifahrer. «Nein. Ich will wissen, wer der Kerl ist, der sich heimlich mit meiner Tochter trifft!», behauptete Blaschke. Hinter Schkeuditz holten sie Grindel ein. Der fuhr durch die Ortschaft im vorgeschriebenen Tempo. «Da vorn ist er», sagte Blaschke, «halten Sie bitte Abstand!» «Ich mache das nicht zum ersten Mal», versicherte der Fahrer. «Meist sind es gehörnte Ehemänner, die ihrer Angetrauten hinterherkutschen.» Blaschke beobachtete schweigend seinen vorausfahrenden Moskwitsch. Grindel fuhr an der Autobahnauffahrt zum Berli95
ner Ring vorbei. Er passierte die Brücke über die Bahn hinweg und blinkte links. «Er fährt auf die Bahn in Richtung Hermsdorfer Kreuz!», erklärte der Fahrer. «Bleiben wir dran? Das kann teuer werden, Meister!» Sein Fahrgast überlegte sekundenlang, meinte dann entschlossen: «Ja, fahren Sie ihm nach!» So leicht gab Blaschke nicht auf, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er wollte wissen, wohin Grindel fuhr. Der Taxifahrer hielt weiten Abstand, achtete aber darauf, daß er den PKW nicht aus den Augen verlor. «Tut mir leid, ich muß tanken», erklärte der Taxifahrer kurz vor dem Hermsdorfer Kreuz. «Auf eine Ferntour bin ich nicht eingerichtet!» «Mist!», knurrte Blaschke enttäuscht. Seine Hoffnung, daß auch Grindel tanken würde, erfüllte sich nicht. Der bog in Richtung Eisenach ab. An der Tankstelle wartete ein Dutzend Fahrzeuge vor ihnen. Da gab Blaschke die Verfolgung auf. Mit Felix’ Skizze fand Grindel Schiffers Grundstück am Röbelsee und fuhr langsam an der Pforte vorbei. Er las den Namen auf dem protzigen Messingschild. Ein Stück entfernt hielt ein junger Bursche mit seinem Motorrad. Grindel entdeckte am Waldrand einen Parkplatz und hielt. Bevor er ausstieg, nahm er aus seiner Jackettasche ein «Miniphon». Es war eine Eigenproduktion der Elektronikwerkstätten in der Pullacher Zentrale. Das Tonbandgerät war kleiner als eine Zündholzschachtel und vermochte neunzig Minuten lang jedes bis zwanzig Meter entfernte Geräusch aufzuzeichnen. Grindel drückte auf den Knopf, und die winzigen Spulen drehten sich. Zufrieden spulte er das Band zurück und befestigte das Gerät in der Jackentasche, da das hochempfindliche Mikrofon sonst mit jedem Bewegungsgeräusch alle anderen Laute überdecken würde. Er stieg aus und verschloß das Fahrzeug. Grindel folgte ei96
nem sanft ansteigenden Fußpfad und entdeckte einen Platz am Waldrand, der Ausblick auf die Bucht des Röbelsees bot. Die Grundstücke mit den Datschen darauf genügten gehobenen Ansprüchen. Schiffers Häuschen war kleiner als die der Nachbarn. Anscheinend wurde es erweitert; neben der Terrasse mit einem aus Feldsteinen errichteten Grill stand ein Betonmischer. Da war auch Baumaterial gestapelt und mit einer Plane vor Regen geschützt. Doch der April zeigte sich an diesem Tag freundlich. Zwar jagten Wolken über den Himmel, als segelten sie um die Wette, aber immer wieder brach die Sonne hervor. Vor der Garage stand ein Lada. Aus dem Haus trat ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren. Ihm folgte ein Mann Anfang vierzig. Grindel erkannte ihn von dem Foto, das Wiese besaß. Es war Schiffer. Das Mädchen ähnelte unverkennbar dem Mann. Grindel erinnerte sich an die von Felix beschaffte Charakteristik Schiffers. Die Ehe des Tankwagenfahrers wurde vor vier Jahren geschieden. Vor drei Jahren, hatte Felix eruiert, brach bei ihm der Wohlstand aus. Schiffer hatte eine sechzehnjährige Tochter, die bei der Mutter lebte. Große Sympathie herrschte wohl nicht zwischen Vater und Tochter. Beide verließen die Terrasse und liefen heftig gestikulierend zur Grundstückspforte. Schiffer blieb stehen und hob drohend die Hand. Das Mädchen wich keinen Schritt zurück. Da ließ er die Hand wieder sinken. Grindel schien es, als stünde Schiffer auf unsicheren Beinen. Der Disput zwischen Vater und Tochter wurde heftiger. Grindel horte die Stimmen bis zum Wald herauf. Die Tochter kehrte abrupt um; er hielt sie fest, aber sie riß sich los und stürmte zur Pforte hinaus. Schiffer starrte ihr hinterher, kehrte um und lief schwankend zum Haus zurück. Seine Tochter erreichte den Jüngling mit dem Motorrad und schwang sich auf den Sozius. Beide fuhren davon. Grindel fand, daß er es gut getroffen hatte, um sein schwieriges Vorhaben anzugehen: einem Mann, der sich nach Felix’ 97
Bericht einem Komplizen gegenüber als hartgesotten erwiesen hatte, ein Geheimnis zu entlocken. Grindel tastete in der Tasche nach dem Pervitinröhrchen. Die Tabletten beruhigten ihn. Vor drei Tagen hatte er, von Neugier geplagt, eine der winzigen Pillen in seinen Kaffee getan. Wenige Minuten später hatte er zunehmende Unrast verspürt, war in eine euphorische Stimmung verfallen und hatte laute Selbstgespräche über Januskopf geführt. Ein unbezähmbarer Drang, sich mitzuteilen, schien ihn ergriffen zu haben … Gehen Sie psychologisch geschickt vor, hatte ihm Wiese geraten. Überrumpeln Sie ihn so, daß er gar nicht erst mißtrauisch wird. Wiese hatte klug reden. Doch seinen Plan, sich als Schwager Henzkes, des ehemaligen Tankstellenleiters in Bardenberg auszugeben, fand Grindel gut. Damit war er vermutlicher Mitwisser. Das war geeignet, hatte Wiese versichert, Schiffers Mißtrauen einzuschläfern. Grindel verließ seinen Beobachtungsposten und näherte sich Schiffers Grundstück. Beiläufig dachte er daran, daß seine Zielperson ein gehöriges Quantum Alkohol getrunken haben mochte. Wiese hatte erklärt, daß Alkohol die Wirkung des Pervitins sowohl aufheben als auch steigern könnte. Grindel wischte seine Bedenken beiseite und wollte auf jeden Fall zwei Tabletten verabreichen. Hob der Alkohol die Wirkung dennoch auf, hatte er eben Pech gehabt. Sollte er die Wirkung des Pervitins verdoppeln, hatte Schiffer Pech, und er mochte dann nicht in dessen Haut stecken. Das Aufputschmittel konnte aber auch zu einem tödlichen Kollaps führen. Das durfte auf keinen Fall passieren, denn ein Toter war ja nicht mehr unter Druck zu setzen. Schiffer stand auf der Terrasse und blickte dem Ankömmling fragend entgegen. Grindel schaltete das Miniphon in der Jackentasche ein und sah sich suchend um. «Was denn, ist Alfred noch nicht da? Guten Tag erst mal! Um zwei wollte er hier sein; jetzt ist es drei!» 98
«Alfred? Was denn für ’n Alfred?», fragte Schiffer schwerzüngig. «Mein Schwager, Henzke, Alfred! Ich bin Joachim, Joachim Ziegler. Du kannst aber Achim sagen, und ich sage Hubert, einverstanden?» Schiffer nickte, sank in seinen knarrenden Korbsessel und zeigte einladend auf den zweiten. Grindel setzte sich und fühlte sich mißtrauisch gemustert. Schiffer schien eine ganze Menge getrunken zu haben. Ich muß ihn an die Wand reden, dachte Grindel. «Ich bin mit meinem Trabi liegengeblieben. Dann per Anhalter hierher. Daß aber Alfred noch nicht hier ist? Hat sein Lada auch den Geist aufgegeben?» Nur gut, dachte Grindel, daß Felix gründlich recherchiert hatte. «War das deine Tochter, die an mir vorbei ist wie eine Wilde? Alfred sagte, sie wohnt bei deiner Geschiedenen?» Schiffers Miene verdüsterte sich, aber das Mißtrauen verschwand daraus. «Inge kommt immer mal. Sie will uns wieder zusammenbringen!» «Das sah nicht danach aus. Sie war richtig sauer!» «Weil ich ’n kleinen Zacken weg habe!» Schiffer führte eine imaginäre Flasche an den Mund. «Die ganze Woche über trinke ich nichts. Das hole ich dann nach, verstehst du?» Plötzlich verriet sein Gesicht Neugierde. «Was – was wollt ihr von mir, Alfred und du? Wie heißt du?» «Achim! Joachim Ziegler! Alfred hat nun die Tankstelle abgeben müssen und arbeitet wieder im Lager!» Schiffer nickte und rülpste. «Wülste ’n Bier?» «Ja, gern.» Ehe Schiffer sich erhob, sagte er rasch: «Laß nur, ich hol’s!» Schiffer ließ sich zurücksinken und sagte: «Ve-veranda!» In dem Vorbau stand ein Kasten Bier. Die Hälfte der Flaschen war leer. Auf dem Tisch stand eine Flasche klarer Schnaps, bis auf eine Neige geleert. Grindel behielt Schiffer durch die offene Tür im Auge. Auf dem Tisch lag ein Öffner für Kronenverschlüsse. Grindel öffnete zwei Bierflaschen, langte 99
die beiden griffbereiten Pervitintabletten aus seiner Hosentasche und tat sie in eine der Flaschen. Schiffers Kopf war nach vorn gesunken. Plötzlich hob er ihn wieder. «Achim?» Grindel kehrte auf die Terrasse zurück. Schiffer wollte sich erheben, da trat er zu ihm. «Ich habe Gläser gesucht», sagte er und reichte Schiffer die Bierflasche. «Gläser –!», wiederholte der verächtlich und setzte die Flasche an den Mund. Grindel trank ungern aus einer Flasche; Bier entfaltete sein Aroma erst im Glas. Aber er tat es seinem unfreiwilligen Gastgeber nach. Schiffer trank seine Flasche halb leer. «Was wollt ihr von mir, Alfred und du?» «Es geht um mich», erklärte Grindel, «schließlich kennst du mich ja nicht!» Schiffer nickte, führte die Flasche an den Mund und trank sie leer. «Ich übernehme die Tankstelle in Sassen!» Grindel nannte die nahe bei Bardenberg gelegene Tankeinrichtung und hoffte, daß Schiffer sie belieferte. Der riß verwundert die Augen auf. «Sassen? Du übernimmst Sassen? Ist nicht wahr! Atze hat nichts gesagt, daß er von Sassen wegmacht!» «Vielleicht weiß er es noch nicht», erwiderte Grindel. «Ich glaube, er kriegt was Größeres!» Er fand erstaunlich, daß Schiffer, der stark unter Alkoholeinfluß stand, ihm zu folgen vermochte. Auf Schiffers Gesicht breitete sich erneut Mißtrauen aus. «Davon hat Alfred nie was gesagt, daß er einen Schwa …, daß er einen Schwager hat bei Minol!» «Wir haben uns selten gesehen, weißt du. Ich bin gerade erst von Magdeburg hergezogen. Meine Frau hat in Bardenberg ein Häuschen geerbt!» Schiffers Wangen röteten sich. Auf seiner Stirn stand Schweiß. Auf seinem Gesicht erschien ein pfiffiger Ausdruck; 100
er grinste verständnisinnig. «So, so, geerbt hast du das Häuschen?» «Meine Frau», verbesserte Grindel und erkannte blitzartig, daß Schiffer es für eine Lüge hielt. Der glaubte, daß sein Besucher auf dieselbe Weise dazu gekommen war wie er zu seiner Datsche. Grindel grinste auch und zog mit dem Zeigefinger das rechte untere Augenlid abwärts. Es schien Schiffers Mißtrauen endgültig zu beseitigen. Schiffers Pupillen weiteten sich immer mehr. Seine Hände fuhren auf dem Tisch hin und her. «Noch ein Bier», sagte er. Grindel holte zwei Flaschen aus der Veranda und öffnete sie. «Das wäre mir unangenehm, wenn Alfred nicht kommt», erklärte er düster. «Alfred ist ’ne Pfeife!», behauptete Schiffer. «Dein Schwager ist kein Steher!» Grindel stimmte ihm zu, obwohl er nicht wußte, worauf Schiffer hinaus wollte. Mit schwerer Zunge erklärte der, daß sich erst in schweren Zeiten zeige, ob Verlaß auf einen war. «Hättest du ihm nicht die Meinung gesagt, hätte er vor der Konfliktkommission ausgepackt. Das hat er mir selbst gesagt!» Schiffer tat geschmeichelt und starrte Grindel an. «Hat er das gesagt?» «Ja, hat er! Ich bin kein Steher wie Hubert, hat er gesagt! Mit mir kriegst du solchen Ärger nicht, kannste glauben!» «Mit dir? Wieso?» Schiffers Unruhe wuchs. «Mann, Hubert, begreifst du nicht? Wenn ich an Alfreds Stelle einsteige! Ich meine, sobald ich in Sassen bin. Deshalb sind wir hier verabredet, mein Schwager und ich! Damit er uns bekannt macht!» «Auf Alfred ist kein Verlaß», wiederholte Schiffer hartnäckig. «Wie – wie heißt du?» «Achim! Joachim Ziegler! Falls wir einig würden, wär’s mir fast schon lieber, Alfred wüßte nichts davon!» Schiffer nickte heftig. «Mir auch! Also gut, erst mal zweihundert Liter, halber Preis gegen bar!» Er schob seine Rechte 101
über den Tisch. Grindel ergriff sie, und Schiffer packte kräftig zu. «Keine Mitwisser verstanden?», forderte er. Grindel nickte. «Verstanden. Und bei dir? Hängt da jemand mit drin?» «Nicht einer», versicherte sein Gegenüber. Ich muß ihn provozieren, dachte Grindel, wie komme ich sonst hinter seine Masche? Immerhin hat das Gerät eine erste Absprache aufgezeichnet. Bei dem Gedanken, das Bandgerät könnte versagt haben, bekam er feuchte Hände. «Ich muß mal für kleine Jungs, Hubert!» «Im Flur links», sagte der und wischte mit seinem Pullover das schweißnasse, gerötete Gesicht. Seine Lippen schimmerten blau. Hoffentlich macht er keinen Abgang, er sieht gar nicht gut aus, dachte Grindel, als er das Bad aufsuchte. Es hatte meergrüne Fliesen, und die Einrichtung war darauf abgestimmt. Er sah aber, daß hier selten eine weibliche Hand Ordnung schaffte. Felix hatte berichtet, daß Schiffer öfter seine Liebschaften wechselte; das sei auch der Scheidungsgrund gewesen, Grindel holte das Minigerät aus der Jackentasche. Die Spulen drehten, und ein Teil des Bandes war durchgelaufen. Er atmete erleichtert auf und zog die Spülung. Das Rauschen war auf der Terrasse zu hören. Schiffer hielt es nicht mehr im Korbsessel, er stemmte sich auf dem Tisch empor. Aus seinem Mundwinkel rann Speichel. «Mir – kann keiner – was beweisen!» Ich muß ihn zum Reden bringen, dachte Grindel. «Du hast ’ne tolle Masche», bestätigte er dem anderen. «Alfred hat mir gesagt, wie du die Kohle machst!» Kaum hatte er es ausgesprochen, da wußte Grindel, daß er einen Fehler gemacht hatte. Schiffer reagierte anders als erwartet. Er sank in den Korbsessel zurück und wechselte mehrmals die Farbe. Seine Hände bewegten sich hektisch. «Den Trick mit der Uhr kennt Alfred gar nicht!» Grindel versicherte hastig: «Von einer Uhr hat er nichts gesagt, Hubert!» 102
«Na also», klang es erleichtert. Dann brach es aus ihm heraus, ein nicht aufzuhaltender Redestrom. «Ich habe mich im Betriebswettbewerb verpflichtet, mein Fahrzeug künftig allein zu betanken! Wenn ich Motorenöl tanke … Wie heißt du?» «Das weißt du doch, Hubert! Ich heiße Achim! Was ist, wenn du Motorenöl tankst?» «Dann immer bis in die Frühstückspause!» Plötzlich bekam er Atembeschwerden und rang nach Luft. «Weshalb bis in die Frühstückspause?», fragte Grindel, besorgt, daß Schiffer etwas zustoßen könnte, bevor er seinen Trick verraten hatte. Schiffers Stimme klang heiser. «In der Frühstückspause sitzen alle Kollegen in dem einzigen Raum, in dem geraucht werden darf. Da kommt mir keiner in die Quere.» Sein Kopf sank vornüber. Grindel spürte, daß er dem Geheimnis nahe war. Doch Schiffer lallte Unverständliches. Grindel packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn, aber Schiffers Augen starrten glasig ins Leere. Grindel fluchte und ohrfeigte ihn. Das half, er kam wieder zu sich. «Was ist das für ein Trick mit der Uhr?» «Ich po … Ich pole sie um! Dann läuft sie rückwärts!» Grindel starrte Schiffer verblüfft an. Nun war alles klar. Der Tankwagenfahrer ließ die elektrische Zähluhr ein paar Hundert Liter rückwärts laufen und polte sie wieder richtig. In seinem Tanker befanden sich dann außer den an die Tankstellen auszuliefernden Mengen etliche Hundert Liter Motorenöl, die nicht auf den Lieferscheinen standen. Schiffer verfiel in Teilnahmslosigkeit. Die Wirkung der Droge schlug ins Gegenteil um. Grindel bugsierte ihn in die Veranda und legte ihn dort auf die Couch. Über seinen Erfolg vermochte er sich noch nicht zu freuen, noch war nicht sicher, ob Schiffers Kreislauf die Tortur überstand. Man muß abwarten, dachte Grindel und verließ achselzuckend das Grundstück. An der Gartenpforte blickte er sich for103
schend um. Niemand beobachtete ihn. An einem Werktag im April lagen die Gärten verlassen da. Bevor Grindel den Moskwitsch startete, spulte er das Band zurück und hörte es ab. Klar und deutlich klangen seine und Schiffers Stimme. Die Türglocke riß Evelin aus ihrer Lektüre. Sie klappte das Buch zu und erhob sich aus dem Sessel; Doktor Schubart bekam selten Besuch. Die Glocke läutete wieder. Evelin öffnete. Der Mann an der Tür sah sie erstaunt an und lüftete seine Mütze. «Guten Tag! Ich möchte zu Herrn Doktor Schubart!» «Das tut mir leid, er ist nicht da. Ich bin die Tochter!» «Fräulein Schubart?», klang es ungläubig. Offensichtlich kannte der Besucher ihren Stiefvater so gut, daß es ihn wunderte, nichts von einer Tochter zu wissen. Der Ankömmling deutete eine Verbeugung an. «Blaschke! Ihr Herr Vater und ich sind alte Bekannte!» Evelin überlegte dennoch, ob sie ihn einlassen sollte. Der Mann wirkte unsympathisch; sein feistes Gesicht lächelte zwar, doch gefiel ihr nicht, wie er sie anstarrte. «Ich kann ja später noch einmal …» Der Besucher brach ab. «Mein Vater kommt bald», sagte sie, «wenn Sie warten möchten?» Sie trat einladend zur Seite. Der Fremde schob sich in den Korridor und legte den Mantel ab. Sie bat ihn ins Zimmer und blickte bedauernd auf das Buch; statt weiterzulesen mußte sie den Gast unterhalten. «Darf ich fragen, woher Sie meinen Vater kennen?» «Aus Leipzig.» Evelin wunderte sich. Ihr Stiefvater hatte noch nie einen Bekannten in Leipzig erwähnt. Der Besucher deutete auf die Fachbücher über Elektronik, die mit Zetteln gespickt auf dem Tisch lagen. «Sie studieren?» Er schien ihren Fragen zuvorkommen zu wollen. Sie schüttelte den Kopf und erklärte, das Studium abgeschlossen zu haben. 104
«Sie sind Leipziger?», fragte Evelin. «Gewissermaßen schon.» «Das merkt man Ihrer Sprache nicht an.» «Danke für das Kompliment!», lautete die amüsierte Antwort. Der Besucher musterte das Zimmer, als sollte er ein Inventarverzeichnis anfertigen, und studierte die Bücherwand. «Ich bin Büchernarr wie Ihr Herr Vater!», versicherte er, trat ans Regal und blätterte in einem Buch. Sie grübelte, welcher Art Blaschkes Bekanntschaft mit dem sicher zwanzig Jahre älteren Stiefvater sein mochte. Das Telefon läutete. Evelin hob den Hörer. «Ich bin’s, Ev!», sagte die vertraute Stimme. «Ich habe einen Termin bei Doktor Zarge bekommen. Es wird also später!» Nicht jeder bekam bei dem Zahnarzt problemlos eine Behandlung. «Das ist dumm», sagte sie, «du hast nämlich Besuch!» «Besuch?» Täuschte sie sich, oder klang seine Stimme besorgt? «Ein Herr Blaschke aus Leipzig!» Der blätterte in einem Bildband und blickte aufmerksam herüber. «Blaschke –?», klang es gedehnt und gar nicht so, als sei ihm der Name geläufig. Der Leipziger trat neben Evelin und nahm ihr den Hörer aus der Hand. «Hallo, altes Haus! Ich bringe Grüße aus Frankfurt!» «Du –? Lutz –?», klang es aus der Membrane. «Genau, alter Junge!», polterte der Besucher. «Soll ich auf dich warten?» «Ja!», hörte Evelin. Bevor sie den Fremden hindern konnte, legte er auf. «Bitte, entschuldigen Sie mein Temperament», bat er. Grindel, der sich nun Blaschke nannte, wußte, daß er gegen alle Regeln seines Metiers verstoßen hatte. Persönliche Kontakte sollten an neutralen Orten aufgenommen werden und 105
müßten wie Zufallsbekanntschaften wirken. Als er statt von «Felix» von dessen Tochter empfangen wurde, hätte er sich davonscheren sollen. Schubart legte den Hörer auf die Gabel und starrte betroffen auf den Apparat. Grindel war noch nie nach Bardenberg gekommen. Meist hatten sie sich in einer Raststätte getroffen. Doch Gefahr schien der Besuch nicht zu signalisieren. Handelte Grindel eigenmächtig? Was bezweckte er? Wieso behauptete er Ev gegenüber, aus Leipzig zu stammen? Fragen und keine Antworten. Die Begrüßung zwischen beiden Männern verlief herzlich. «Hättest du am Telefon gesagt: ‹Hier spricht Bulli›, wäre mir klar gewesen, wer dran ist!» Schubart klopfte die Schulter seines Gastes. «Du hast recht. Wir kannten fast nur unsere Scherznamen!» Die Erklärung leuchtete Evelin ein. Sie ging in die Küche und richtete einen Imbiß her; dann verließ sie die Wohnung. Grindel und Schubart atmeten auf, als die Tür ins Schloß fiel. «Ist etwas vorgefallen?», fragte Schubart beunruhigt. «Nein, keine Sorge, Egon! Da Erfolgserlebnisse bei uns selten sind, wollte ich dir sagen, daß du in der Sache Schiffer hervorragend recherchiert hast!» «Ich habe mich nur an die Weisung gehalten!» Schubart tat bescheiden. «Worum es geht, weißt du natürlich nicht?» «Nein. Wir erfahren ja immer nur Bruchstücke einer Maßnahme!» «Die liefern wir auch nur. Aus den Mosaiksteinchen, die wir sammeln, setzt die Zentrale ein Bild zusammen!», bestätigte Grindel. Er zählte einige Details auf, verschwieg aber, daß er auf dem Weg hierher das winzige Tonband für einen Sonderkurier in der Brückenruine deponiert hatte. Grindel eröffnete dem Museumsleiter, daß Gronau beabsichtige, zwei V-Männer seiner Regie anzuvertrauen: den Leipziger Blaschke und den Tankwagenfahrer Schiffer. 106
Schubart war darüber gar nicht erfreut. Zwei Neue würden bei der künftigen Arbeit das Risiko vervielfachen. «Ist denn sicher, daß Schiffer mitmacht?», fragte Schubart. «So gut wie!», behauptete Grindel. Er klopfte dreimal von unten gegen die Tischplatte und wechselte das Thema. «Du hast nie gesagt, daß du eine Tochter hast!» «Weshalb auch. Evelin lebte vom zwölften Jahr an überwiegend bei ihrer Tante in Dessau. Sie ist nämlich meine Stieftochter!» «Deine Stieftochter?», wiederholte Grindel. «Ja. Ich habe sie nicht adoptiert. Sie heißt Evelin Schenk!» Er erwähnt mit keinem Wort, daß sie von Beruf ElektronikIngenieur ist, überlegte Grindel. Das war kein Zufall, nur ihres Berufes wegen verheimlichte der alte Fuchs die Stieftochter der Pullacher Zentrale. Schubart stand auf, trat zu einem Wandschränkchen, goß einen Schwenker halb voll Kognak und fragte: «Möchtest du?» «Geht leider nicht. Das Auto!» Schubart schüttete den Alkohol in sich hinein, füllte das Glas noch einmal und setzte sich wieder seinem Gast gegenüber. «Ich will aussteigen, verstehst du? Ich habe einen Anspruch darauf nach all den Jahren!» Worauf du Anspruch hast, das bestimmt die Zentrale, dachte Grindel. Laut sagte er: «Du hast recht, mal muß Schluß sein!» Er erhob sich. «Es wird Zeit für mich, Egon.» «Schade», erwiderte Schubart enttäuscht. «Für eine Nacht würde ich dich schon unterbringen. Wir vernichten eine gute Pulle oder auch zwei, reden über dieses und jenes … Denk an den Imbiß …» «Tut mir leid, Egon», unterbrach Grindel. «Ich wohne in Leipzig im Hotel. Es würde auffallen, wenn ich eine Nacht … Du verstehst?» Ein schwarzer Mercedes mit Frankfurter Kennzeichen fuhr auf der Transitstrecke von Westberlin kommend in Richtung BRD. Der Fahrer beachtete geflissentlich die auf den Autobahnen 107
geltende Höchstgeschwindigkeit; eine Radarkontrolle passierte er unbeanstandet. Die Autobahn führte in sanften Krümmungen durch hügelige Wälder mit dichtem Unterholz. Der Mercedes blinkte rechts, bog auf einen Rastplatz ein und hielt. Der Motor verstummte. Der Fahrer, ein Mann unbestimmbaren Alters, stieg aus. Ein Dutzend PKWs hielten hier, auch Fahrzeuge aus der BRD. Der Mercedesfahrer verschwand im Gebüsch. Der Mann spähte sichernd umher, lief durch das Gestrüpp und vermied es, auf trockene Äste zu treten. Er bewegte sich geschmeidig und zielstrebig. Vor ihm lagen die Reste einer im Krieg zerstörten Autobahnbrücke. Der Kraftfahrer verharrte, bückte sich und hob einen Betonbrocken auf. Darunter steckte im Boden eine Kapsel aus Leichtmetall, einem Zeltpflock ähnlich. Der Mann schraubte sie auf und nahm etwas heraus. Er tat die Kapsel in die Erde zurück, legte den Betonstein darauf und schlenderte lässig wieder zum Rastplatz. Dort waren Fahrzeuge hinzugekommen, andere abgefahren; er schob sich hinter das Lenkrad. In der Raststätte Hersfelder Kreuz, in der BRD, wurde der Mercedes schon erwartet. Der Kurier aus Pullach nahm den Inhalt des Toten Briefkastens, eine winzige Bandkassette, in Empfang.
14 «Machen wir uns nichts vor, meine Herren! Die Bilanz ist niederschmetternd!» Doktor Gronau musterte die Gesichter seiner um den Konferenztisch versammelten Mitarbeiter. Er las auf ihnen widerstreitende Empfindungen. Die an dem Mißerfolg direkt Beteiligten drückten Bedauern aus, andere taten ungerührt. Es gab aber auch die unverhohlene Schadenfreude jener, die 108
selbst einmal Gronaus schonungslose Kritik einstecken mußten. Die Beratung fand im kleinen Konferenzraum statt. Die mannshohe Holztäfelung, die weißen Rauhputzwände mit den Kopien alter Meister und die stuckverzierte Decke erweckten den Eindruck, man befände sich in einem mittelalterlichen Schloß. «Wir müssen also davon ausgehen, meine Herren, daß alle seit einem Jahr eingegangenen Hafenberichte aus Rostock Spielmaterial sind! Was das bedeutet, muß ich wohl nicht erläutern!» Unter seinen Mitarbeitern war nicht einer, der nicht wußte, was dieser Rückschlag bedeutete. Vor einem Jahr war es gelungen, in Kanada den Offizier eines DDR-Frachters als Informanten für den BND anzuwerben. Der Offizier mußte bald aus gesundheitlichen Gründen abmustern und wurde zum Innendienst in die Seereederei versetzt. Er lieferte seither interessante Berichte, die Einblick gaben in die Planung des Seefahrtunternehmens. «Was wir als glücklichen Umstand ansahen», fuhr Gronau fort, «stellt sich nun als Schachzug heraus. Noch ist der Schaden nicht zu übersehen, der durch falsche Schlußfolgerungen auf Grund unserer Fehlinformationen entstanden ist. Tatsache ist, daß die unter den Flaggen der RGW-Länder fahrenden Schiffe auf den Weltmeeren weiter zunehmen! Sie wissen, meine Herren, daß es nicht üblich ist, in größerem Kreise über Pannen zu referieren. Ich weiche von dieser Gepflogenheit ab, um auf die Dringlichkeit hinzuweisen, neue V-Männer intensiver als bisher auf ihre Zuverlässigkeit zu überprüfen.» Gronau schloß die Beratung mit dem eindringlichen Appell an die Wachsamkeit jedes Mitarbeiters. In dem allgemeinen Aufbruch wandte sich Gronau an seinen Stellvertreter: «Herr Wiese, bitte bleiben Sie noch einen Moment! Ich brauche ja wohl nicht zu betonen, lieber Wiese, daß meine Mahnung ganz besonders für ‹Januskopf› gilt! Was im Falle Rostock zu vertrackten Fehlschlüssen bei einigen unserer Reedereien geführt 109
hat, könnte bei ‹Januskopf› noch unangenehmer für uns werden!» «Ich verstehe», brummte Wiese. Hinter den gegen die Funkmeßstelle bei Bardenberg gerichteten Aktivitäten stand das NATO-Oberkommando in Brüssel. Der Bundesnachrichtendienst holte wieder einmal für die Amerikaner die Kastanien aus dem Feuer. «Wie weit sind Sie eigentlich mit ‹Januskopf›?», fragte Gronau. Wiese fischte ein schwarzes Notizbuch aus seiner Jackettasche. Er bediente sich eigenwilliger, an Bilderschrift erinnernde Kürzel, «Ernst alias Blaschke hat seine Bewährungsprobe bestanden», verkündete er. «Der Besitzer des ständig vor der Armee-Dienststelle bei Bardenberg parkenden Wartburg dreihundertelf mit dem Kennzeichen FN siebenundachtzig Strich zwölf gehört einem in Sinten wohnhaften Herbert Budach. Lebt in bescheidenen Verhältnissen. Seine Ehe wurde vor zwei Jahren geschieden. Die beiden Kinder und die Wohnung in Bardenberg wurden der Frau zugesprochen. Budach zahlt außer dem Unterhalt für die beiden Töchter auch noch für einen außerehelichen Sohn. Nach der Scheidung zog er zu seiner Tante nach Sinten. Seine finanziellen Möglichkeiten sind trotz eines annehmbaren Gehaltes begrenzt.» «Sind die Informationen verläßlich?», fragte Gronau. «Ernst beruft sich auf eine Gastwirtin in Sinten. Von anderer Seite sind die Auskünfte nicht bestätigt! Aber Sie wissen ja, in kleinen Orten weiß jeder von jedem alles.» Es hieß, Budach sei der einzige Verwandte seiner als geizig verschrieenen Tante. Auf die Erbschaft zu spekulieren schien müßig, denn die alte Dame erfreute sich robuster Gesundheit. Mit Interesse nahm Gronau zur Kenntnis, daß der in engen Verhältnissen lebende Budach sich als Hobbymaler betätigte. «Ernst hat sich als Interessent für eines der Bilder ausgegeben.» «Sehr gut», lobte Gronau, «und wie gedenken Sie weiter vorzugehen?» 110
«Wir ködern Budach mit seinen Bildern, bis wir ihn an der Angel haben!» «Bilder zu malen und zu verkaufen ist nicht verboten!», wandte Gronau ein. «Um den Mann erpreßbar zu machen, muß er zu Gesetzwidrigkeiten veranlaßt werden.» «Zu gegebener Zeit wird Ernst Budach gestehen, daß er weder Schulz heißt noch in Magdeburg wohnt. Er wird erklären, daß er bei einem Bezirksrat für Kultur in einem nördlichen Bezirk tätig sei und Bilder an Kulturhäuser, Institutionen und Betriebe vermittele. Eines Tages verkauft Ernst dann ein Bild in die BRD und honoriert Budach mit Westmark.» «Womit wir beim kritischen Punkt angelangt sind», erklärte Gronau skeptisch. «Ja, das wird die Nagelprobe!» Es war nicht erforderlich, weitere Details zu erörtern. Der Verlauf war immer der gleiche: Gab es handfeste Beweise dafür, daß Budach lukrative Kontakte in der BRD unterhielt, war er massiv unter Druck zu setzen. «Denken Sie daran, Herr Wiese, die Zeit läuft uns davon!» Mit dieser Mahnung entließ Gronau seinen Mitarbeiter. In sein Dienstzimmer zurückgekehrt, fand Wiese im Telefonspeicher eine hauseigene Nachricht. Er spulte das Band zurück und drückte die Abhörtaste; eine ihm vertraute Stimme teilte mit, daß das erwartete Band im Tonstudio eingetroffen sei. Wiese schob die kodierten Chips aus Kunststoff, halb so groß wie eine Spielkarte, in den dafür bestimmten Schlitz. Die Panzertür bewegte sich schmatzend. Hinter Wiese schwenkte die tresorähnliche Tür wieder zu; ein textiler Bodenbelag machte seine Schritte geräuschlos. Der Gang war so eng, daß Wieses hünenhafte Gestalt ihn ausfüllte. An den Wänden milderten Bilder den Eindruck von spartanischer Strenge. Der Gang mündete in ein Vestibül mit gepolsterten Bänken an den Wänden. Wiese trat zum Paternoster und setzte ihn mit einem 111
Knopfdruck in Bewegung; knackend glitten einige Kabinen vorbei. Wiese paßte einen günstigen Augenblick zum Einsteigen ab. Er fand dieses Beförderungsmittel unsympathisch. Es zwang ihn, sich auf das Ein- und Aussteigen zu konzentrieren, als hingen Gesundheit und Leben davon ab. Aus unerfindlichen Gründen blieb der Lift gesperrt. Die Kabine sank in die Bunkertiefe hinab. Vestibüle glitten vorüber und mit codierten Zeichen versehene Stahltüren. Obwohl Wiese seit Jahren zur «Firma» gehörte, wußte er nicht, was sie verbargen. Das Tonstudio lag in der vierten Tiefetage. Wiese drückte einen Knopf und wußte, daß drinnen auf einem Monitor sein Konterfei erschien. Das Studio verfügte über modernste Technik. Ein glatzköpfiger Mann mit einem zerknitterten Gesicht, gegen den Wiese noch größer erschien, gab ihm stumm die Hand und lief voran in seinen Arbeitsraum. «Sie dürfen von mir aus rauchen, Herr Wiese», sagte der Techniker. «Danke, Herr Schüttauf!» Wiese sank in einen Sessel und zückte sein Etui. Der weißkittelige kleine Mann überragte den Sitzenden kaum. «Die Zeit war knapp», gab der Tontechniker zu bedenken und legte ein Band ins Abspielgerät. Wiese nickte. Der Kurier, der es am Hersfelder Kreuz übernahm, hatte das Gelände in der Heilmannstraße noch nicht verlassen, da befand sich der Inhalt des TBKs schon hier unten. Schüttauf galt auf seinem Gebiet als Genie. Man sagte ihm nach, daß er einen auf Band gesprochenen Zeitungsartikel so umzumontieren verstand, daß er Geheimdienste auf die Beine brachte. Der Techniker trat ans Regiepult, eine Taste knackte, und aus dem Lautsprecher drang Grindels Stimme: «Was denn, ist Alfred noch nicht da? Guten Tag erst mal! Um zwei wollte er hier sein; jetzt ist es drei!» «Alfred? Was denn für ’n Alfred?», fragte Schiffer. 112
«Mein Schwager, Henzke, Alfred! Ich bin Joachim! Joachim Ziegler! Du kannst aber Achim sagen, und ich sage Hubert, einverstanden?» Wiese hob die Hand, und Schüttauf stoppte das Band. «Die Stimme von Ziegler über Verzerrer, geht das?» «Gewiß», antwortete der Techniker. «Der andere, war der betrunken?» «Vermutlich angeheitert», antwortete Wiese. An der Art, wie sich Grindel bei Schiffer eingeführt hatte, fand er nichts auszusetzen. Auch daß er eine Panne mit einem Trabant vorgab, klang recht plausibel. Wiese vermochte nachzuvollziehen, wie alles vonstatten gegangen war, und erriet, daß die Pause im Dialog von Grindel genutzt worden war, um eine Pervitintablette ins Bier zu tun. Sogar deren Wirkung registrierte er wenige Minuten später an Schiffers Reaktionen. Mit dieser Aufnahme war der Tankwagenfahrer geliefert! Wiese reichte Schüttauf ein mit Maschinenschrift bedecktes Blatt Papier. «Dieser Speech wird als Vorspann verklart!» Der Tontechniker überflog den Text. «Wollen Sie selbst, Herr Wiese?» Der winkte ab. Er legte keinen Wert darauf, obwohl Schüttauf seine Stimme so verzerren würde, daß seine eigene Frau sie nicht erkannte. «Also ich», sagte Schüttauf gleichmütig. Er bog das Mikrofon herab und räusperte sich. «Guten Tag, Herr Schiffer! Mein Name ist Paul! Ich freue mich, daß Sie die Weisung befolgt und die Kassette in einen Rekorder eingelegt haben! Ich bin Schriftsteller und verfasse ein Werk über die Deutsche Demokratische Republik! Der Arbeitstitel lautet: DDR intim! Mein Buch wird bisher geheime Informationen liefern. Sie werden mir helfen, solche Informationen zu beschaffen. Ich honoriere sie je nach Qualität!» Schüttauf warf Wiese einen anerkennenden Blick zu und las: «Beigefügt als Muster einer diskreten Information die von Ihnen geschilderte Methode, sich auf Kosten Minols die Ta113
schen zu füllen. Weigern Sie sich, mir bei meinen Recherchen zu helfen, sende ich das Band an das Volkspolizei-Kreisamt in Bardenberg! Obwohl das Originalband überspielt wurde, ist die moderne Kriminaltechnik in der Lage, Ihre Stimme zu identifizieren! Hören Sie nun Ihre eigene Einlassung und meinen ersten Auftrag!» Per Tontechniker sah fragend auf Wiese. Als dieser nickte, fuhr Schüttauf das Band noch einmal ab. Wiese lauschte so andächtig, als hörte er seine Lieblingsschallplatte. Schiffers Baß verstummte. Schüttauf schnitt das Band und montierte den Vorlauf. Dann ergänzte er den Text vom Blatt: Schiffer bekam den Auftrag, an einem bestimmten Tag, zu festgelegter Zeit in Bardenberg die Namen und Anschriften jener Tankstellenleiter, die ihm gestohlenes Motorenöl abgekauft hatten, in einer schadhaften Brunnenfigur zu hinterlegen. Wiese wußte, daß das Nixendenkmal in einem Park am Fuße der Bardenburg stand und von Felix beobachtet werden konnte.
15 Major Werner stand am Fenster seines Dienstzimmers. Die Hände in die Hosentaschen vergraben, blickte er auf den Vorplatz hinab. Hinter Werner saß Leutnant Faber auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch und wartete darauf, daß der Major sich äußerte. Der Leutnant konnte nicht verhindern, daß seine Gedanken abschweiften. Auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln. «Haben Sie im Lotto gewonnen?» Major Werner riß ihn aus seinen Gedanken. Faber schlug verwirrt die Augen nieder, blickte dann aber zu Werner auf und sah, daß in dessen Augenwinkeln die Lachfält114
chen knitterten, die ihn so sympathisch machten. «Doch, ja, im übertragenen Sinne ist es ein Hauptgewinn!» Meine Güte, dachte Werner, er wird tatsächlich rot; es ist nicht zu fassen, Seine anfängliche Zurückhaltung dem neuen Mitarbeiter gegenüber hatte sich längst in Zuneigung verwandelt. Dennoch sind wir ein ungleiches Gespann, dachte der Major. Einen Kaltblüter spannt man nicht mit einem Traber zusammen. Werner arbeitete bedächtig und ohne Hast; der Leutnant zügelte nur mühsam seine Ungeduld. Werner rekapitulierte noch einmal Fabers Bericht: Die Nachfrage im VPKA Sonneberg hatte ergeben, daß der Bürger Herbert Schuster nach dem Verlust seines alten Dokuments einen neuen Personalausweis erhalten hatte. Der Bardenberger Bürger Schreiber war entweder Finder oder auf andere Weise in den Besitz gelangt. Werner unterdrückte die erste Regung, Schreiber vorzuladen. Er stimmte Fabers Schlußfolgerung zu, daß jemand, der einen verfälschten Ausweis benutzte und die Gefahr, entdeckt zu werden, in Kauf nahm, schwerwiegende Gründe dafür besitzen müsse. «Was vermuten Sie, steckt dahinter?» Bevor Faber antworten konnte, läutete das Telefon. Der Major hob den Hörer ab und reichte ihn dann Faber. «Ferngespräch aus Gohla!» Die Inhaberin der Gohlaer Anzeigenannahme teilte aufgeregt mit, daß Herr Schubert aus Sonneberg sich telefonisch erkundigt habe, ob die Kriminalpolizei an seiner Annonce interessiert gewesen sei. Wie abgesprochen, hatte das alte Fräulein die Frage verneint. Der Anruf bestätigte Fabers Hypothese, soweit sie Schreiber betraf. «Ich bin sicher, Genosse Major, daß Schreiber zu einem Schieberring gehört, der westliche Industriewaren vertreibt. Erfahrungsgemäß sind es Kompensationsgeschäfte, Ware gegen Ware …» «Wobei leicht zu erraten ist», unterbrach Werner, «was von hier nach drüben verbracht wird!» 115
«Kleine, kostbare und leicht zu schmuggelnde Dinge!» «Fragen wir uns mal, was für diese Annahme spricht!» «Schreiber ist zwanzig Jahre als Vertreter der Bardenberger Spielzeugfabrik durch die Republik gereist. Die Fabrik hat sich einem Kombinat angeschlossen; nun braucht man keinen Handelsvertreter mehr. In der Buchhaltung zu arbeiten hat Schreiber abgelehnt und einen Aufhebungsvertrag unterschrieben!» Werner wanderte nachdenklich im Dienstzimmer umher. Faber fuhr fort: «Er könnte sich nicht an einen festen Arbeitsplatz gewöhnen, behauptet Schreiber. Im Widerspruch dazu ließ er sich von der Firma Wehrhahn, einem Familienbetrieb, als Puppenmacher anstellen.» «Von Wehrhahns?», wiederholte der Major erstaunt. Er kannte das bescheidene Unternehmen, das Souvenirpuppen herstellte. «Der Witz ist, daß er geäußert hat, auch künftig reisen zu wollen!» «Und womit?» «Das ist die Frage, Genosse Major!» Werner schlug seine Rechte auf Fabers Schulter. «Mann, Faber, gehen Sie mir nicht dauernd mit dem Dienstgrad auf die Nerven! Ich habe einen Namen!» «Jawohl, Genosse Werner! Ich schlage vor, Schreiber im Auge zu behalten. Ich vermute, daß er mit dem Leipziger Blaschke in Verbindung steht.» «Wegen der in beiden Fällen angewandten Anzeigenmethoden?» «Das besagt doch gar nichts.» «Im Falle Schiffer …» Major Werner gab seine Wanderung auf und setzte sich hinter den Schreibtisch. Er schüttelte den Kopf. «Es gibt keinen Fall Schiffer, ist das klar?» «Nicht ganz», widersprach der Leutnant. «Wir sollten uns dafür interessieren, wie der seinen Aufwand bestreitet! An eine Erbschaft und Schenkung glaube ich nicht.» 116
«Auch das würde noch keine Ermittlung rechtfertigen! Wo kämen wir denn hin, wollten wir uns auf Grund vager Vermutungen in private Angelegenheiten unserer Bürger einmischen?» Faber gab nicht auf. «Vielleicht wären wir weiter, hätte ich den Tankstellenleiter Henzke noch ein, zwei Stunden ausquetschen können! Der fing an, weich zu werden!» Werner sah ihn überrascht an. «Wollen Sie damit sagen, daß ich einen Fehler begangen habe? Das beweisen Sie mir mal! Ich mag keine Mitarbeiter, die mir zum Munde reden! Sie glauben also, ich habe mich von Henzke einwickeln lassen?» Faber beantwortete die Frage indirekt. «Vor der Konfliktkommission hat er ebenso erfolgreich auf die Tränendrüse gedrückt!» «Das ist verdammt deutlich», gestand der Major. Faber zählte auf, welchen Luxus Schiffer sich leistete. Da gab es den PKW! Das Grundstück am Röbelsee! Die Datsche und das Motorboot! «Das schafft er alles mit einem monatlichen Bruttolohn von zwölfhundert Mark. Von dem bezahlt er noch den Unterhalt für seine sechzehnjährige Tochter!» «Sie vermuten, Faber, daß die Minusdifferenzen bei Minol mindestens teilweise auf Schiffers Konto gehen? Weshalb hat die Leitung noch keine Anzeige erstattet?» «Weil im Rechenzentrum ein paar Computer verrückt gespielt haben. Solange ein Buchungsfehler nicht auszuschließen ist …» Faber zuckte die Schultern. «Sagen Sie, wieviel E-Sachen liegen in Ihrem Schub?» «Elf», antwortete Leutnant Faber und seufzte. «Suchen Sie die vier aufwendigsten heraus», befahl der Major. «Beim Referat ‹Gesundheit und Lebern› ist man nicht ausgelastet. Die wollen uns unterstützen!» Faber sah darin eine Aufforderung, den «Minolfall» auf seine Weise im Auge zu behalten. Zu jenen E-Sachen, die er keinesfalls aus der Hand geben würde, gehörte der Quarzuhrenfall. Es schien einer jener nicht kalkulierbaren Zufälle zu sein, 117
daß er in seiner neuen Dienststelle wahrscheinlich auf dieselbe Spur stieß. Beate Schreiber beobachtete ihren Sohn beim Mittagessen, Helmut rührte in seiner Kohlrabisuppe herum, die senkrechte Falte über der Nase, wie immer, wenn ihn ein Problem beschäftigte. «Was geht dir im Kopf herum?», fragte sie. Helmut schien unentschlossen. Sie bedrängte ihn nicht. Endlich schob er den Teller fort und stand auf. «Kommst du mal, Muttsch?» Das war keine Frage, sondern eine Aufforderung. Beate Schreiber nickte, erhob sich und folgte ihm. Helmut lief die Stiege in den Keller hinab. In der Ecke stand eine Buckeltruhe. Helmut hob den Deckel und zeigte stumm auf einen offenen Karton. Beate zählte zwölf Quarzarmbanduhren mit schwarzem Zifferblatt. Sie starrte ratlos darauf. «Westuhren», sagte Helmut. Auf seine Frage, woher der Vater die Uhren aus der BRD bekommen habe, wußte sie keine Antwort. Beate Schreiber wartete, bis Helmut wieder zur Werkstatt radelte. Dann ging sie in den Keller hinunter und nahm die Uhren an sich. Sie wußte, daß Hans nicht zimperlich war, wenn es um eine Verdienstmöglichkeit ging. In Gedanken versunken fuhr sie zur Kaufhalle zurück. Schreiber nahm die Kurve zur Lüsinger Straße wie immer zu schnell. Die Reifen kreischten. Er war unzufrieden mit dieser Verkaufsfahrt. Statt Waren im Werte von … zigtausend Mark zu bewegen, hatte er drei Dutzend Wehrhahnsche Puppen verkauft; sein Anteil wog kaum die Unkosten auf. Blaschkes Uhren gingen auch immer schlechter. Schreiber stoppte den Trabant vorm Haus. Er kramte nach dem Hausschlüssel, unsicher, ob Beate sich freute, daß er zwei Tage früher nach Hause kam. Im Flur schlüpfte er in die Hausschuhe, lief hinkend in die 118
Küche und sah enttäuscht, daß der Tisch nicht gedeckt war. Beate erwartete ihn erst übermorgen. Morgen würde er zu Blaschke fahren und Taschenrechner und Schallplatten holen. Uhren besaß er noch. Er mußte mit Blaschke reden, daß der den Preis herabsetzte. Er nahm die Geldkassette aus dem Reiselord. Die paar tausend Mark würde er auch in seiner Brieftasche unterbringen. Unzufrieden warf er den Deckel zu und trug die Kassette in den Keller, um sie in der Truhe zu verwahren. Das Schloß war nicht zugesperrt; er hob den Deckel und starrte fassungslos auf den leeren Karton. Die zwölf Uhren waren verschwunden! Schreiber wühlte in Fächern und Schüben, die Uhren fand er nicht. Er fuhr zur Kfz-Werkstatt. Aber Helmut begleitete den Meister auf einer Probefahrt. Da fuhr Schreiber zur Kaufhalle. Beate empfing ihn kühl und zeigte zur Bürotür. «Komm ’rein, setz dich!» Er blieb stehen und sagte ärgerlich: «Ein herzlicher Empfang! Hast du die Uhren?» Es klang schroffer als beabsichtigt. Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch, der nun wie eine Barriere zwischen ihnen stand. «Ja, ich habe sie in Verwahrung genommen!» «In Verwahrung?», wiederholte er erstaunt. «Ich gebe sie dir zurück, wenn du sie dorthin zurückschaffst, wo du sie herhast! Oder sind sie gestohlen?» «Bist du verrückt?», fuhr er heftig auf. «Die Uhren stammen aus der BRD! Wie kommen sie herüber?» «Denkst du, mein Lieferant bindet es mir auf die Nase? Ich bezahle sie und verdiene pro Stück fünfzig Mark. Ein normaler Handel!» «Schwarzhandel», korrigierte sie. «Reden wir abends darüber. Es geht nicht nur um die Uhren!» Er starrte sie sprachlos an. Es ging nicht allein um seine Geschäfte; Beate verkraftete nicht, daß er die Arbeit in der Buchhaltung ablehnte. 119
«Es gibt nur zwei Möglichkeiten», sagte sie. «Entweder du hältst zu Helmut und mir und bringst die Uhren zu deinem Lieferanten zurück …» «Du bist verrückt!», unterbrach er sie. «… und gibst dein Scheinarbeitsverhältnis bei Wehrhahns auf! Im neuen Werk kannst du sofort anfangen!» Schreiber krachte seine Faust auf den Schreibtisch. «Das kommt nicht in Frage!», schrie er. «Benimm dich! Die zweite Möglichkeit: Du lebst so weiter, aber ohne uns!» «Bist du übergeschnappt?» Er sah sie an, als säße ein fremder Mensch vor ihm. «Die Uhren liegen im Kleiderschrank, im mittleren Wäschefach. Sind sie heute abend nicht aus dem Haus, verständige ich die Kriminalpolizei! Entscheide dich!» «Blödsinn», knurrte er. Sie stand auf, trat ans Fenster und kehrte ihm den Rücken. Er sah, daß ihre Schultern zuckten. Er trat zu ihr und schmeichelte: «Beatchen, reden wir vernünftig! Wo soll ich denn hin?» Sie drehte sich um, und er erschrak vor dem Schmerz in ihren Augen. Er zog sie an sich. Mit ihrer Beherrschung war es vorbei. Sie umschlang seinen Nacken. «Ich will ja, daß du bleibst!», flüsterte sie. Auf seinem Gesicht breitete sich Erleichterung aus. Er wußte, sobald sie ihr Pulver verschossen hatte, wurde sie vernünftig. So war es immer gewesen. Doch es ging noch nie um den Bestand ihrer Ehe. Sie zog seinen Kopf herab und küßte ihn. «Heute abend gehen wir zu Wehrhahns, ja?» Er starrte sie verblüfft an. «Zu Wehrhahns? Wieso?» «Den Arbeitsvertrag aufheben!» «Nun fang doch nicht wieder davon an», sagte er ungeduldig. Aus ihrem Gesicht schwand die Freude. Er lenkte ein. «Also gut, ich hocke mich ein, zwei Tage jede Woche in die 120
Werkstatt. Dann ist es kein Scheinarbeitsverhältnis mehr, nicht wahr?» Sie trat einen Schritt rückwärts und fragte ungläubig: «Ist das dein Ernst?» «Aber ja», sagte er heiter, «das verspreche ich dir!» «Du begreifst nichts, gar nichts! Was wird mit den Uhren?» «Laß doch die Uhren Uhren sein! Na schön, ich schaffe sie aus dem Haus!», fügte er hastig hinzu, als er merkte, daß er sie mißverstanden hatte. Nahm sie denn ernsthaft an, daß er seinen Handel an den Nagel hängte? Beates Gesicht schien zu versteinern. Sie stieß ihn zurück. «Ich verstehe! Ein, zwei Zugeständnisse, meinst du, und sonst wie gehabt? Nein –!» Sie stürmte aus dem Büro. Er sah ihr verbittert nach. Ärger beherrschte ihn, sie falsch eingeschätzt zu haben. Sie wich kein Jota von ihrer Forderung ab, während er ihr Zugeständnisse gemacht hatte. Spürte sie denn nicht, daß sie ihm Unrecht tat? Er wollte ihr zeigen, wie ernst es ihm war, sein Leben nach seinem Willen zu gestalten. Entschlossen verließ er die Kaufhalle und stieg in seinen Trabant. Unterwegs überlegte er, wie alles zu teilen wäre, falls sie sich endgültig trennten. Im Schlafzimmer fand er die Uhren. Zusammen mit Bettwäsche und Anzügen tat er sie in einen Koffer. Wehrhahn führte den Besucher in den Büroverschlag. Schreiber wirkte fahrig. «Was nicht in Ordnung?», fragte der Alte besorgt. «Wie? Ach so, doch, ja! Das heißt, nein! Meine Frau und ich, wir trennen uns! Sie müssen mir helfen, Herr Wehrhahn! Wenn ich bis heute abend nicht das Haus räume, zeigt meine Frau das Scheinarbeitsverhältnis an!» Wehrhahn wurde blaß. «Können Sie mir nicht Ihr Sommerhäuschen als vorläufige Bleibe überlassen?» «Die Hütte hat doch weder Ofen noch Stromanschluß.» 121
Schreiber wischte den Einwurf beiseite. «Bis zum nächsten Winter ist es noch lange hin.» Seufzend streifte der alte Wehrhahn den Kittel ab. «Fahren wir am besten gleich», sagte er.
16 Blaschke begann auf Kleinigkeiten zu achten. Er registrierte Dinge, die ihm sonst nie aufgefallen waren. Neben dem Mittelfußtisch stand am Boden die prall mit Lebensmitteln gefüllte Reisetasche aus Leder. Der Reißverschluß klemmte manchmal und war nur halb geschlossen. Blaschke wußte, daß er ihn zugezogen hatte. Als Mulewski ins Büro kam, um einen Hundertmarkschein zu wechseln, deutete Blaschke auf die Tasche. «Warst du da dran?» Der Gefragte wechselte die Farbe. «Ich – ich …», stotterte er. «Du warst neugierig, was ich da ranschleppe, ja?» Mulewski nickte verdattert. «Ich hause übers Wochenende in der Datsche. Und den Montag und Dienstag hänge ich an! Wirst du die zwei Tage nicht allein fertig, dann sag’s!» Es klang ärgerlich. «Doch, ja, bestimmt», versicherte der Verwachsene. «Es ist nur, ich meine …» Er verstummte. «Was meinst du?» Stockend drückte Mulewski seine Verwunderung darüber aus, daß Blaschke für die paar Tage so viele Lebensmittel mitnahm. Blaschke verwünschte seinen Leichtsinn. Er hätte mit Mulles Neugier rechnen müssen und die Einkäufe im Auto verstauen sollen. «Ich bin eben nicht allein! Das verstehst du wohl nicht, daß ein Mann auch mal eine Frau braucht?»Es klang spöttisch. Mulewski errötete, da Blaschke auf seine Veranlagung an122
spielte. «Kannst du wechseln?», fragte er und hielt ihm den Schein hin. Blaschke zückte seine Brieftasche und tauschte den blauen Schein gegen fünf Zwanziger. Die Lebensmittel reichten für ein Dutzend Kostgänger. Deshalb erklärte Blaschke beiläufig, daß er im Frühjahr immer einen Vorrat für die kommende Saison anlegte. Bevor Mulewski in den Laden zurückkehrte, wo der Kunde auf sein Wechselgeld wartete, sagte er: «Vergiß es nicht, und schreib mir die Adresse auf, Axel!» Das fehlte noch, daß Mulle ihm nachspionierte! «Ich will nicht gestört werden, Mulle», antwortete Blaschke brummig. «Ich rufe Montag oder Dienstag mal an!» Blaschke verabschiedete sich von Mulewski und fuhr zur Garage, die zweihundert Schritte von seiner Wohnung entfernt lag. Blaschke stieg aus, öffnete das Tor und fuhr hinein. Nachdenklich blieb er hinter dem Lenkrad sitzen und grübelte. Die Entscheidung war gefallen. Er konnte nicht mehr zurück. Grindel hatte ihn in der Hand. Unter dem Spind lagen die gefälschten Kennzeichen. Blaschke hatte Grindels Weisung befolgt und die rostigen Schrauben gegen neue getauscht, die sich mühelos drehen ließen. Hastig befestigte er die gefälschten Kennzeichen HL 34-10 des Bezirkes Magdeburg, schlug seine Papiere in Zellophan ein und verbarg sie zusammen mit den echten Kennzeichen UP 18-93 unter der Bodenmatte. Grindel hatte verlangt, daß das Fahrzeug in kürzester Zeit wieder auf «echt» zu trimmen sei. Blaschke blieb noch reichlich Zeit bis zum Treff, doch mit zwei Fahrstunden mußte er rechnen. Er prägte sich die Daten in seinem gefälschten Personalausweis ein. Er war nun der vierundvierzig Jahre alte Albert Schulz, wohnhaft in Magdeburg, Halberstädter Straße neunzehn. Er besaß einen Betriebsausweis des VEB Schwermaschinenbau «Ernst Thälmann» und sollte sich als Technischer Zeichner ausgeben. 123
Er fuhr den Moskwitsch ohne Beleuchtung rückwärts aus der Garage, damit die Kennzeichen nicht zu sehen waren. Grindel hatte ihm eingeschärft, ständig an den unberechenbaren Zufall zu denken. An geringfügigen Unterlassungen waren schon gewiefte Leute gescheitert. Grindel machte kein Hehl daraus, daß die Kontakte auf den Transitstrecken zu den risikoreichsten Unternehmungen gehörten. Blaschke verschloß das Garagentor und startete den Moskwitsch. Die Beleuchtung schaltete er erst auf der Straße ein. Aus Frankfurt kommend, fuhr Grindel mit seinem OpelRekord über die Abfährt Hönebach, die vorletzte vor der Grenze, von der Autobahn. Die Tankstelle am Ortseingang war ihm vertraut; eine grelle Lampe beleuchtete das Schild: «Pannenhilfe – Abschleppdienst – Karl Knopke»! Autos verirrten sich selten hierher, um diese Abendstunde schon gar nicht. Wäre der ehemalige Feldwebel der Bundeswehr auf den Kraftstoffumsatz angewiesen, würde er kaum die Margarine aufs Brot verdienen. Grindel bog ein, rollte an den Zapfsäulen vorbei und hielt vor der Werkstatt. Knopke kam heraus und öffnete das Tor. Der Opel mit dem Frankfurter Kennzeichen fuhr hinein. Die Männer begrüßten sich. «Scheißwetter», sagte Knopke und strich über sein borstiges Haar, das sich am Wirbel lichtete. «Hoffentlich bleibt es so», meinte Grindel. «Wenn Sie was brauchen», erklärte Knopke, «dann drücken Sie da drauf. Sie wissen ja Bescheid hier bei uns!» Er zeigte auf den Klingelknopf an der Wand. «Wann kommt der Mercedes?», fragte Grindel. Knopke sah auf die Uhr. «Viertelstunde!» Bei Knopke liefen alle Unternehmungen nach einem exakten Zeitplan, wie er es von der Bundeswehr gewohnt war. Seine Weisungen bekam er von der Zentrale in Pullach, in Ausnahmefällen von einer Nebenstelle. «Also dann», sagte er, zog sich ins Büro zurück und schaltete Rockmusik ein. 124
Die Rollos vor den beiden Fenstern waren herabgelassen, die Werkstatt von draußen nicht einzusehen. Grindel holte seinen Koffer aus dem Gepäckraum des Opel und betrat die Kammer mit dem Feldbett. Es kam vor, daß ein Durchreisender hier eine Wartezeit verschlief. Er zog sich um, wechselte auch die Wäsche. Der sportliche Anzug, die Schuhe, die Socken, die Unterwäsche, alles stammte von drüben. Ein wetterfester Anorak und eine ebensolche Mütze vervollständigten seine Garderobe. Seine Münchener Kleidung tat er in den Koffer und verstaute diesen wieder im Opel. Grindel kontrollierte den Inhalt seiner Brieftasche. Der Personalausweis mit seinem Paßfoto lautete auf Joachim Ziegler – es war sein bevorzugtes Pseudonym – Riesa, Meißener Straße elf. Als Familienstand war «verheiratet» angegeben. Die Tasche enthielt einen Betriebsausweis des Reifenwerkes, zur Zeit gültige Essenmarken, die Mitgliedskarte der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, eine Kinokarte und den Reparaturschein des Dienstleistungskombinates für einen Staubsauger. Knopke kam wieder in die Werkstatt. Die Verwandlung seines Besuchers beeindruckte ihn nicht. Er legte eine WaltherPistole, Kaliber siebenfünfundsechzig, und fünf Magazine Munition auf den Tisch. Grindel kontrollierte, ob sie gefüllt waren, und quittierte den Empfang. «Retour abliefern», förderte Knopke beiläufig. Grindel widersprach ihm. Die Weisung wich diesmal von der Routine ab. Knopke akzeptierte es achselzuckend. Grindel schob ein Magazin in die Pistole und steckte die Waffe in die Innentasche seines Anoraks. Die Magazine verstaute er in den Hosentaschen. Draußen hupte es. Der Mercedes war da. Knopke öffnete das Werkstatttor, und der PKW rollte herein. Der korpulente Mann am Lenkrad wirkte wie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Begleiterin konnte die Tochter oder die Sekretärin sein, die ihren Chef auf der Geschäftsreise nach Westberlin begleitete. 125
Die Begrüßung fiel knapp aus, doch Grindel spürte, daß der Fahrer und Knopke sich kannten. Sie verstanden einander mit wenigen Worten. Um den Dicken schwebte eine Wolke Eukalyptusduft. Die hintere Sitzbank des Mercedes wurde nach wenigen Griffen herausgehoben. Knopke und der Fahrer trugen sie in einen Abstellraum und tauschten sie gegen eine andere mit dem gleichen Bezugsstoff. Der Dicke und Grindel verglichen ihre Uhren; sie differierten nur um zehn Sekunden. Im Autoatlas suchten sie den Zielpunkt. Ihre Instruktionen stimmten überein. «Der Marsch ‹Alte Kameraden› bedeutet: Wir fahren in den Kontrollbereich ein», erklärte der Dicke. «Das heißt, daß Sie möglichst nicht mehr niesen!» Grindel winkte grinsend ab. Der Fahrer tat wichtig, vielleicht machte er es zum ersten Mal? Unternehmungen dieser Art blieben Grindel nicht erspart, wenn eine Geschäftsreise sich nicht arrangieren ließ. «Liegt die Grenzkontrolle hinter uns, spielen wir die ‹Amboßpolka›! Alles klar?» «Wie lange schmore ich dann noch in dem Brillenfutteral?» fragte Grindel. «Ich könnte doch ’raus!» «Tut mir leid, eine Verkehrskontrolle – und wir gehen in die Kanne!», widersprach der Fahrer. «Transitreisenden ist es untersagt, Bürger der DDR mitzunehmen!» «Unverständlich, dieses Mißtrauen», spöttelte die Begleiterin. Grindel sah jetzt, daß sie doch nicht mehr so jung war, wie sie vorzutäuschen suchte. Beide waren unauffällig elegant gekleidet. Grindel hatte vergessen, noch eine Pfeife zu rauchen. Jetzt blieb ihm keine Zeit mehr dazu. Mißgestimmt kroch er in den Container. Es war eine schweißtreibende Prozedur, denn Grindel überschritt den vorgesehenen Leibesumfang. Drei straffe Gurte beengten ihn beim Atmen. Sie waren notwendig, denn er nahm in der aufgerichteten Rückenlehne eine rechte Seitenlage ein. Die Begleiterin warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Grindel 126
zerdrückte einen Fluch zwischen den Zähnen. Der Dicke wickelte einen grünen Bonbon aus dem Papier und schob ihn in den Mund. Um den Transport erträglich zu machen, fuhr Blaschke ihnen drei Viertel der Strecke entgegen. Aus schmerzlicher Erfahrung bestand Grindel darauf, ein Tuch um die Stirn gebunden zu bekommen. Vor Erreichen der Grenzkontrolle würde er schon in Schweiß gebadet sein. Ohne das Tuch lief der ihm in die Augen und verursachte unangenehmes Brennen. Die Zeit, bis der Mercedes rückwärts aus der Werkstatt fuhr, dünkte ihm endlos. Regen prasselte auf die Karosserie herab. Die Fahrt bis zur Grenze dauerte etwa zwanzig Minuten. Der Dicke drehte ziemlich auf, vielleicht schafften sie es schneller? Grindel wurde nicht zum ersten Mal rübergebracht, aber immer wieder befielen ihn düstere Ahnungen. Vor einer Woche hatte ein betrunkener Transitfahrer im Kontrollbereich einen Unfall verursacht. Die Abfertigung war danach für zwei Stunden unterbrochen gewesen. Aus den Reifengeräuschen versuchte Grindel zu schließen, wo sie sich befanden; er kannte die Strecke bis zum Überdruß. Der Rekorder spielte Jazzmusik. Die Begleiterin wechselte die Kassette. Grindel hörte sie unnatürlich schrill lachen. Hoffentlich besitzen die beiden auf den Vordersitzen auch gute Nerven, dachte er. Der Eukalyptusduft verbreitete sich bis in sein Versteck. Der Mercedes verringerte das Tempo und rollte langsam. Auch ohne den Militärmarsch hätte Grindel gewußt, daß sie nun auf der Zufahrt zur Kontrollstelle waren. Der PKW hielt, und der Motor verstummte. Grindel lauschte angestrengt, aber die Marschmusik war zu laut. Der Dicke wollte wohl Geräusche aus dem Container in der Rückenlehne überdecken; manchmal knarrten die Gurte. Der Motor sprang wieder an. Der PKW fuhr einige Meter und hielt abermals. Das wiederholte sich. Sie befanden sich in einer Fahrzeugschlange. Eine der vorderen Türen klappte, Schritte trippelten auf Beton; die Kofferraumklappe wurde an127
gehoben. Grindel hielt den Atem an; eine Zellophantüte knisterte. «Ich schäle dir eine Apfelsine, Heinz», sagte die Beifahrerin. «Es geht ja zügig. Nur noch sechs vor uns!» Den Hinweis nahm Grindel dankbar entgegen. Nun zählte er mit. Die beiden schienen mit allen Wassern gewaschen. Im Blickfeld der Grenzer öffneten sie den Kofferraum, um einen Beutel Apfelsinen herauszufischen. Das signalisierte, man habe nichts zu verbergen. Ob sie vier- oder fünfmal vorgerückt waren, wußte Grindel plötzlich nicht mehr. Dann wünschte jemand «Gute Fahrt». Der Motor startete, und der PKW fuhr, ohne angehalten zu haben. Grindel frohlockte. Die markante Melodie der Amboßpolka erklang. Er atmete auf. Die Reifen verrieten eine nasse Fahrbahn. Der Dicke sollte nicht so rasen. Es gab Geschwindigkeitskontrollen. «Langsamer!», brüllte Grindel, als der Recorder schwieg. Die Beifahrerin kletterte nach hinten. «Was ist?» Grindel hörte ihre Stimme nahe am Polster. «Langsamer! Radar!» Der Dicke fuhr nun weniger schnell. Dann endlich bog der Mercedes auf einen Rastplatz ein. Die Lehne wurde betätigt, Grindel lag nun auf dem Rücken und stöhnte erleichtert. Die Gurte wurden gelöst. Grindel ließ sich auf den Boden gleiten. Die Rückenlehne rastete wieder ein. Der Fahrer schob sich hinter das Lenkrad. «Noch zwanzig Kilometer», sagte er. Grindel kroch auf den Rücksitz und trocknete den Schweiß. Der Fahrer verringerte das Tempo. Der Blinker leuchtete rhythmisch. Schließlich bog der PKW auf einen Rastplatz ein. Ein Streifenwagen der Verkehrspolizei fuhr gerade auf die Autobahn. «Schwein gehabt», flüsterte die Begleiterin. Vor ihnen hielt ein BRD-Lastzug, vor diesem ein Trabant. «Das wär’s dann», sagte der Dicke. «Treffpunkt hier, wie abgemacht, in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch.» 128
Was Grindel in den vier Tagen in der DDR unternahm, interessierte den Fahrer nicht. Ein PKW rollte auf den Rastplatz. Die Scheinwerfer erhellten sekundenlang das Wageninnere. Grindel duckte sich. «Also dann», sagte er, öffnete die Tür und schlüpfte hinaus. «Toi, toi, toi!», rief ihm die Begleiterin nach. Grindel tat drei Schritte, dann schlugen die regennassen Zweige hinter ihm zusammen. Er stand still und lauschte. Die Leuchtziffern seiner Armbanduhr zeigten zweiundzwanzig Uhr sieben. Drei Minuten fehlten an der verabredeten Zeit. Der Motor des Lastzuges donnerte. Der Zwanzigtonner startete, ein Wolga stoppte, und der Trabant fuhr ab. Eine Minute später bog ein weißer Moskwitsch auf den Rastplatz ein. Grindel atmete auf und lief zu ihm hin. Doch jäh stockte sein Fuß. Blaschke war nicht allein, drei Personen saßen in dem Fahrzeug. Dann erschrak Grindel, denn der PKW besaß ein Berliner Kennzeichen. Er verwünschte seinen Eifer und zog sich in die Büsche zurück. Blaschke beobachtete die Gegenfahrbahn; er versuchte den Rastplatz auszumachen. Die entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten ihn. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte acht Minuten nach zweiundzwanzig Uhr. Auf dem Mittelstreifen glitt der erwartete Kilometerstein vorüber, danach folgte gegenüber der Rastplatz. Laut Plan lauerte Grindel dort zwischen den Sträuchern. Erst dreizehn Minuten nach zweiundzwanzig Uhr erreichte Blaschke die nächste Ausfahrt, fuhr über die Brücke und gegenüber auf die Autobahn. Sechs Minuten verspätet stoppte er am Treffpunkt hinter einem weißen Moskwitsch mit Berliner Kennzeichen. Blaschke stellte verwundert fest, daß er gar nicht aufgeregt war, nur neugierig, ob Grindel zur Stelle sein würde. An der Beifahrertür erschien ein Schatten. Die Tür wurde aufgerissen, und Grindel glitt auf den Sitz. Sein Anorak triefte vor Nässe. 129
«Von mir aus los», sagte er statt einer Begrüßung und gurtete sich an. «Na denn», erwiderte Blaschke, legte den Gang ein und ließ die Kupplung kommen. Der PKW rollte auf die Autobahn. Gegen Mitternacht erreichten sie den Fläming. Es hatte aufgehört zu regnen; manchmal lugte die halbe Mondscheibe durch dahinjagende Wolken. Blaschke versuchte mit Grindel zu reden, doch der antwortete nur einsilbig. Blaschke hätte gern gewußt, wie der Frankfurter durch die Grenzkontrolle geschmuggelt worden war. Grindel ließ die Frage unbeantwortet. «Wir fahren über Wiesenburg», sagte Blaschke. Grindel brummte Unverständliches, holte aber endlich zu einer Erklärung aus: «Ich heiße Joachim Ziegler und wohne in Riesa, Meißener Straße elf. Ist das klar? Merk dir den Namen. Ich bin Ökonom im Reifenwerk!» Blaschke fand den Wechsel der Identität unbequem; er barg die Gefahr von Verwechslungen in sich. Als erriete Grindel diese Gedanken, sagte er: «Um zu überleben, ist es wichtig, drei, vier Pseudonyme perfekt zu beherrschen. Ein entsprechendes Training gehört zu unseren Lektionen!» Er warf einen forschenden Blick seitwärts, bemerkte Blaschkes spöttisch herabgezogene Mundwinkel und fuhr mit erhobener Stimme fort: «Du bist dir hoffentlich klar darüber, daß ich nicht den halben Arsch riskiere, um dich zu amüsieren? Das schminke dir ab! Man erwartet von uns Resultate!» Wieder einmal «man», dachte Blaschke. Man wollte, man rechnete darauf, man war bereit … Das Städtchen Wiesenburg schlief; nur einige liebeshungrige Katzen streunten durch die Gassen. Blaschke schien hier so gut wie zu Hause; Grindel verfolgte aufmerksam die Strecke. Die Landstraße dritter Ordnung folgte dem Auf und Ab bewaldeter Hügel. «Die Feriensiedlung liegt an der Waldchaussee, die zum Hagelberg hinaufführt», erklärte Blaschke. Als Grindel schwieg, ergänzte er: «Der Hagelberg ist mit stolzen zweihundertundein Meter die höchste Erhebung!» 130
Der Rest der Fahrt verlief schweigsam. Auf einer Kreuzung bog Blaschke nach links ab. Der Moskwitsch rumpelte durch Schlaglöcher. Dann tauchten beiderseits der Straße Zäune mit Pforten und Einfahrten auf. Die Häuschen lagen zwischen den Kiefern versteckt. «Ich hielt meine Tante für ein bißchen verrückt», erinnerte sich Blaschke. «Hier zu kaufen! Eine halbe Stunde mit dem Fahrrad bis zum Dorf!» Die Scheinwerfer tasteten voraus. Die Straße stieg an. Vor der letzten Parzelle auf der rechten Seite hielt Blaschke. «Wir sind da!» Der Staketenzaun war reparaturbedürftig. Dahinter wuchs eine mannshohe Hecke und verwehrte den Blick auf das Anwesen. Die Torflügel der Einfahrt waren mit einer Kette und einem klobigen Vorhängeschloß gesichert. Blaschke kramte in seiner Manteltasche nach dem Schlüssel. Da stand Grindel neben ihm. «Warte, Axel!» Der Frankfurter probierte seinen nachgefertigten Schlüssel; er paßte. Er schwenkte die Torflügel nach innen, und Blaschke fuhr hinein. Grindel verschloß die Einfahrt wieder und lief den sanft ansteigenden Weg zur Garage. Er probierte auch die übrigen Schlüssel und wurde nicht enttäuscht. «Morgen früh wechselst du die Kennzeichen wieder!», forderte Grindel. Blaschke schüttelte ärgerlich den Kopf. «Na höre mal! Wozu habe ich sie dann vertauscht?» «Ist dir das nicht klar? Angenommen, jemand hätte beobachtet, daß ich zu dir eingestiegen bin und es samt dem Kennzeichen der VP gemeldet?» «Die könnten jetzt lange suchen.» Blaschke begriff, daß er noch zuwenig von dem gefährlichen Job wußte, auf den er sich eingelassen hatte. «Hier kennt man dich. Da wäre es falsch, die Tarnung zu verraten!» Das Garagentor schlug zu, sie liefen zu dem Häuschen. Über eine Veranda gelangten sie in die Diele; muffige Luft schlug 131
ihnen entgegen. «Die Peukerten hat lange nicht gelüftet!», sagte Blaschke. «Wer ist das?», fragte Grindel. «Die alte Frau wohnt in der Nähe», erklärte Blaschke, «und sieht ab und an nach dem Rechten.» «Damit ist jetzt Schluß!», forderte Grindel. Sein Gastgeber protestierte, aber Grindel machte ihm klar, daß die alte Frau zu unpassender Zeit erscheinen könnte. Das Häuschen gefiel Grindel, war aber recht klein. Im Parterre gab es ein Zimmer, die Küche, das Bad und eine Abstellkammer; eine Stiege führte nach oben zu zwei Giebelkammern mit schrägen Wänden. «Die Lage scheint hervorragend geeignet», äußerte der Frankfurter. Blaschke fragte nicht, wozu. Aber er ahnte es. Die Waldparzelle lag am höchsten und war von den anderen Grundstücken her nicht einzusehen. Dagegen konnte man die Nachbarhäuschen, soweit es die licht stehenden Kiefern gestatteten, überblicken. Vollends zufrieden war Grindel, als Blaschke erwähnte, man könne das Domizil von der anderen Seite her unbemerkt erreichen. Blaschke schraubte auch die zweite elektrische Sicherung ein, damit der Herd Strom bekam, lief in die Garage und holte die Tasche mit den Lebensmitteln. Mit wachsendem Unmut bemerkte Blaschke, daß Grindel so tat, als sei er der Hausherr. Der Frankfurter behauptete, daß ihm eine unbewohnt wirkende Behausung zuwider sei. In der Küche schälte Grindel Zwiebeln und viertelte sie, tat Schmalz in eine Pfanne und briet sie kroß. Dann lief er, die Pfanne schwenkend, durch alle Räume; danach war nichts mehr von muffiger Luft zu spüren. Es roch appetitlich und bewohnt. Blaschke begoß mit Bier und Kognak die Ankunft. Grindel brühte Tee, verschmähte aber den Kognak nicht. Obwohl es fast zwei Uhr geworden war, bestand er darauf, den Dachboden zu besichtigen. Blaschke holte eine Stehleiter aus der 132
Kammer und trug sie die Stiege hinauf. Dabei verwünschte er den verrückten Einfall. Über dem winzigen Treppenpodest vor den Giebelkammern gab es eine Bodenluke. Grindel erkletterte