Ren Dhark® Der Bitwar‐Zyklus Band 11
Vorstoß in den Hyperraum Herausgegeben von HAJO F. BREUER Scan: Puckelz K‐Leser: CC Layout: Puckelz
! Ein Universum Release, nur für den internen Gebrauch !
HJB®
Vorstoß in den Hyperraum von CONRAD SHEPHERD (Kapitel 1 bis 5) UWE HELMUT GRAVE (Kapitel 6 bis 11) JO ZYBELL (Kapitel 12 bis 16) ACHIM MEHNERT (Kapitel 17 bis 21) und HAJO F. BREUER (Exposé)
1. Auflage HJB Verlag & Shop KG Postfach 22 01 22 56544 Neuwied Bestellungen und Abonnements: 0 26 31 ‐ 35 48 32 Fax: 0 26 31 ‐ 35 61 02 E‐Mail:
[email protected] www.ren‐dhark.de © REN DHARK: Brand Erben Herausgeber: Hajo F. Breuer Titelbild: Ralph Voltz Druck und Bindung: Oldenbourg © 2006 HJB Verlag REN DHARK und HJB sind eingetragene Warenzeichen Alle Rechte vorbehalten ISBN 3‐937355‐14‐6
Der Bitwar-Zyklus Eric Santini und seine Mitstreiter stranden auf einer Dschungelwelt – und kommen dem größten Geheimnis der Grakos auf die Spur. Angesichts der Erkenntnisse, die sie heim nach Terra bringen, bleibt Ren Dhark nichts anderes mehr übrig, als den Vorstoß in den Hyperraum zu wagen… Uwe Helmut Grave, Achim Mehnert, Conrad Shepherd und Jo Zybell schrieben einen SF-Roman nach dem Expose von Hajo F. Breuer. Diese Buchausgabe präsentiert die Saga über das Leben des Sternenabenteurers Ren Dhark: eine Science Fiction-Serie, genau wie sie sein muß! Erstveröffentlichung
Vorwort Der Kosmos von REN DHARK, dessen Grundstein in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der unvergessene Kurt Brand legte, ist komplexer, als man auf den ersten Blick glauben könnte. Alte, eigentlich schon besiegt geglaubte und ad acta gelegte Figuren wie die Grakos tauchen plötzlich wieder auf und setzen der Menschheit mehr zu als je zuvor. Und die Salter, die einst auf Grund der bekannten Umstände als Notlösung für das Rätsel der Myste‐ rious präsentiert werden mußten, waren von ihrer Konzeption her ganz anders angelegt und sollten eine wichtige Rolle als Macht im Hintergrund spielen. Nun kann Ren Dhark langsam ein wenig verzweifeln, denn immer wenn er auf Salter trifft, sterben die ihm quasi unter den Händen weg. Aber ich habe so den Eindruck, als gäbe es noch mehr Spuren dieses Volkes im Universum zu entdecken als die, auf welche der Commander der POINT OF bisher gestoßen ist… Bevor ich hier zuviel verrate, erlaube ich mir, Ihre geschätzte Aufmerksamkeit auf unsere Paperback‐Reihe STERNEN‐ DSCHUNGEL GALAXIS zu richten. Wenn Sie dieses Buch in Hän‐ den halten, sind die Bände zehn bis zwölf erschienen, die zweite Staffel ist abgeschlossen. Die Reaktionen der Leser auf das neue Abenteuer, das in der Zeit der drei Jahre zwischen Drakhon‐ und Bitwar‐Zyklus spielt, waren teilweise euphorisch. Die Handlung konzentriert sich voll und ganz auf Ren Dhark – der plötzlich am eigenen Leib erfahren muß, wie man sich in der Rolle des Außerir‐ dischen fühlt. Neugierig geworden? Na hoffentlich! Kommen wir zurück zu dem vorliegenden Buch, in dem ein Halbraumgleiter der Nogk eine wichtige Rolle spielt. Ein solches Schiff tauchte erstmals in dem Kurzroman »Havarie im Hyperraum« auf, der extra für das erste REN DHARK‐Hörbuch geschrieben wurde und als Bonus‐CD der limitierten Ausgabe beiliegt, die ex‐
klusiv nur über den HJB‐Shop zu beziehen ist. Sie sehen also, es lohnt sich immer, HJB‐Kunde zu sein oder zu werden! Garantiert ebenfalls lohnend ist die Lektüre des folgenden Ro‐ mans. Lehnen Sie sich entspannt in Ihrem Lesesessel zurück und machen sich bereit für den Vorstoß in den Hyperraum… Giesenkirchen, im März 2006 Hajo F. Breuer
Prolog Anfang des Jahres 2063 scheint das Ende der Menschheit – oder zumin‐ dest das Ende ihres Heimatplaneten Terra und des Sonnensystems – unausweichlich. Ein bisher unbekanntes Volk offenbar intelligenter Roboter hat terranische Kolonien angegriffen und unprovoziert einen Krieg mit Terra vom Zaun gebrochen. Stärkste Waffe der Roboter, die sich selbst »das Volk« nennen und alle Lebewesen abschätzig als »Biomüll« bezeichnen, sind modifizierte Ge‐ schütze der Worgun: Die Energie eines herkömmlichen Nadelstrahlers wird auf wenige Nanometer konzentriert und erreicht somit eine Kraft, die sogar in der Lage ist, Raumschiffshüllen aus Unitall einzudrücken! Doch diese »Kompri‐Nadel« genannte Waffe ist harmlos im Vergleich zu dem, was die Roboter sonst noch zustande bringen! Mit einer bislang völlig unbekannten Technik ist es ihnen gelungen, die Sonne zum Untergang zu verdammen! Von einer heimlich im Nachbar‐ system Proxima Centauri errichteten Station aus haben sie es offenbar ge‐ schafft, ein winziges Schwarzes Loch im Zentrum unserer Sonne zu pla‐ zieren. Gegenstück ist ein kleines Weißes Loch im Inneren von Proxima Centauri. Und so fließt immer mehr Masse aus unserer Sonne ab und läßt den einst trüben Nachbarstern regelrecht aufblühen, während Sol immer mehr an Kraft verliert. Der Winter, der im November 2062 anbricht, könnte der letzte sein, den die Erde erlebt – der ewige. Und als wäre das nicht schon genug, fliegen die Roboter einen Großangriff auf Terra. Der kann erst im letzten Augenblick abgewehrt werden, nicht zuletzt dank der tatkräftigen Unterstützung durch neuartige Kampfraum‐ schiffe des Planeten Eden, auf dem sich der Großindustrielle Terence Wallis selbständig gemacht hat. Eden verbündet sich mit der Erde, um die weitere Manipulation der Sonne zu verhindern und eingetretene Schäden möglichst rückgängig zu machen. Bei einem koordinierten Großangriff auf das System Proxima Centauri kann
die Station zur Sonnenmanipulation vernichtet werden. Doch es ist schon zu spät: Der Prozeß hat sich verselbständigt. Immer mehr Energie fließt aus der Sonne ab, die bald nur noch ein verlöschender Stern sein wird… Die Verantwortlichen der Erde wissen nach wie vor nicht, weshalb die Roboter Terra überhaupt den Krieg erklärt haben. Also wird ein Stoß‐ truppunternehmen aus Soldaten der Schwarzen Garde und einigen Cyborgs in Marsch gesetzt, um Eins, den Heimatplaneten des »Volkes«, zu erkun‐ den. Dabei stößt man auf das »Heiligtum« der Maschinen, in dem man wider Erwarten nicht nur einige Grakos findet, sondern auch eine riesige Halle, in der mehrere tausend Salter in Tanks mit Nährflüssigkeit schlafen! Nur einer von ihnen übersteht den Befreiungsversuch lange genug, um Ren Dhark zu berichten, daß es diese Salter waren, die die intelligenten Roboter erschufen – nur um von ihnen versklavt zu werden… Etwa zur gleichen Zeit wird auf Grah der terranische Major Eric Santini damit betraut, das Verschwinden zweier geschlechtsreifer Gordo zu unter‐ suchen. Er beginnt seine Arbeit in ihrem Haus – und gerät in eine Falle renegater Grakos…
1. Für Eric Santini schien die Zeit stillzustehen, angehalten von dem Schatten des Grako, der als letzter die Halle betreten hatte und des‐ sen insektoider Körper hinter dem wabernden Hyperfeld allenfalls nur zu erahnen war. Deutlich zu sehen jedoch war die charakteristi‐ sche Mündung eines Schwarzstrahlers, die aus dem Halbraumfeld herausragte und genau auf ihn zielte. Für den Major war es ein Rätsel, wie es der Grako geschafft hatte, trotz der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen mit der materie‐ auflösenden Waffe in die Halle zu gelangen. Die Strahlen aus dieser Waffe vermochten jedes bekannte Material zu vernichten und einen menschlichen Körper einfach zu verdampfen. Der Besitz von Schwarzstrahlern war den Grakos von den terrani‐ schen Besatzungsbehörden kategorisch verboten worden. Eine Falle! hämmerte es in Santini. Für drei, vier endlose Hundert‐ stelsekunden war dieser Gedanke alles, was er fassen konnte: eine Falle, deren Grund er nicht kannte. Doch jeder weitere Gedanke daran war müßig, mußte er erkennen. Noch während er dies dachte, funktionierte sein Verstand mit der gewohnten Präzision, die er in langen Jahren harten Trainings ausgebildet hatte und die ihm jetzt mit der mechanischen Gefühllosigkeit eines Suprasensors erklärte, daß er sich in akuter Lebensgefahr befand. In Santini erwachten im Bruchteil einer Sekunde schlagartig alle Verteidigungsmechanismen, über die er verfügte. Er begriff, daß er um sein Leben kämpfen mußte. Noch während sich dieser Gedanke klar in seinen Überlegungen abzeichnete, hatte er sich bereits refle‐ xartig zu Boden fallen lassen und zog schon während dieses Vor‐ ganges den brandneuen Nadelstrahler. Der schwarze Strahl aus der Mündung der Grako‐Waffe verfehlte Santini nur aufgrund seiner Reaktionsschnelligkeit und schlug statt dessen in dem hinter ihm stehenden Grako‐Hausdiener ein.
Zur selben Zeit feuerte Santini auf den Rebellen; er traf ihn voll und löste sowohl das Halbraumfeld als auch den Insektoiden auf. Die Thermoreaktionen der beiden Getroffenen erfolgten mit nur wenigen Sekundenbruchteilen Verzögerung; die Grakos vergingen in grellen Feuerbällen, die die Halle in wildes Leuchten tauchten und sich aufblähend ausbreiteten. Santini, der wußte, was kommen würde, schnellte augenblicklich zur Seite, rollte sich über die linke Schulter ab und brachte sich we‐ nige Meter weiter rechts hinter einer steinernen Bank in Deckung, ohne seine Waffe losgelassen zu haben. Die in der Halle anwesenden Hausbediensteten verfügten über keine derart antrainierten Reflexe und reagierten dementsprechend langsam auf das sich anbahnende Desaster. Drei der unbeteiligten Grakos wurden von den Auswirkungen der Thermoreaktionen erfaßt und vergingen in dem tödlichen Feuer, während die anderen auseinanderstrebten und ihrerseits Deckung suchten. Kochende Hitze und wirbelnde Dämpfe breiteten sich in Wellen durch die Halle aus; Leuchtkörper explodierten und glühten aus. Wirbelnde Schauer splitternden, zerstäubten Materials schlugen auf den Boden und lösten eine Geräuschorgie aus. Eine Alarmsirene heulte nervenzerfetzend. Santini duckte sich tiefer hinter die steinerne Massivität der Bank und zog den Kopf zwischen die Schultern, während er die Waffe umklammerte, ohne die er die Attacke des verräterischen Grako wohl nicht überlebt hätte. Einen irrwitzigen Moment lang fühlte er Dankbarkeit seiner Tante Carlotta gegenüber, die ihm diese sündhaft teure Handfeuerwaffe von Garand, Enfield, Heckler & Koch (einem Tochterunternehmen von Wallis Industries) als Weihnachtsgeschenk geschickt hatte. Sie war zwar erst am Silvestertag auf Grah angekommen, was die Ge‐ neralmajorin am To‐Richtfunk zu einigen ätzenden Äußerungen über die Zuverlässigkeit der heutigen TF‐Feldpost animierte, als sie sich ihrerseits für die Kette aus Grahlit bedankte, die ihr Eric ge‐
schickte hatte; die war rechtzeitig zum Fest dagewesen und hatte ihr Entzücken hervorgerufen. Langsam verebbten die Druckwellen der Thermoreaktionen; die erstickenden Dämpfe und der wirbelnde Qualm in der Halle wurden von automatisch anlaufenden Exhaustoren angesogen und aus dem Saal entfernt. Es schien vorbei zu sein. Santini rappelte sich auf und suchte seine Gedanken zusammen; der Überfall war so unvermittelt geschehen, daß er fast schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Er orientierte sich; in der Halle schien niemand mehr nach seinem Leben zu trachten. Von den urs‐ prünglich 13 Grakos waren nur noch neun am Leben. Gefahr drohte scheinbar keine mehr. Dennoch zögerte er zunächst, die Waffe aus der Hand zu legen. Aber schließlich steckte er sie doch in das Halfter zurück und wandte sich an den Grako, der hier die Tätigkeit eines Majordomus bekleidete. In seinem Gesicht arbeitete es. Nur mühsam seinen Zorn im Zaum haltend, hob er seine Stimme: »Kannst du mir erklären, was das sollte?« Der Grako antwortete mit einem Schwall von Klicklauten, die von Santinis Translator übersetzt wurden. Seinen Worten zufolge bedauerte er zutiefst den Attentatsversuch des Rebellen. Er konnte sich auch keinen Reim darauf machen, wie es dieser Abtrünnige geschafft hatte, mit dem Schwarzstrahler durch sämtliche Sicherheitsbarrieren zu gelangen. Schweigend hörte sich der Major die Beteuerungen des Majordo‐ mus’ an; inwieweit sie der Wahrheit entsprachen, konnte er nicht nach vollziehen. Zum einen waren der insektoiden Physiognomie keinerlei Gemütsregungen zu entnehmen, die von einem Terraner als solche interpretiert werden konnten. Zum anderen verhinderte das Halbraumfeld der Grakos jede genauere Betrachtung: Grakos waren immer nur schattenhaft zu sehen. Dennoch hatte der Major so seine Zweifel, was die für einen Insektoiden ungewöhnlich wort‐
reichen Beteuerungen des Majordomus betrafen; das Verhältnis zwischen Grakos und den Menschen war nicht gerade von über‐ schwenglicher Freundschaft geprägt. Obwohl die Gordo nach dem Ende des Grako‐Krieges nominell wieder die Regierungsgewalt in‐ nehatten, auch wenn sie dabei auf die Unterstützung der terrani‐ schen Besatzungsmacht angewiesen waren, gab es noch immer viele Grakos, die die neue Ordnung ablehnten und sich mehr oder weni‐ ger offen für einen Umsturz einsetzten. Es war eine Tatsache, daß auf vielen Wohnwelten – auch auf Grah – nach wie vor Rebellengruppen existierten, die alles daran setzten, den Terranern Schaden zuzufü‐ gen, wo sie nur konnten. Noch immer schrillten die Alarmanlagen. Durch das Hauptportal des Wohnhauses von Schattensucher und Lichtfreundin drang eine Gruppe Kampfroboter in die Halle, angeführt von einem jungen, forsch auftretenden Leutnant; der Trupp war Teil des ständig prä‐ senten Sicherheitskordons, den die terranische Militärmacht rings um das Viertel und das Haus gelegt hatte, um Übergriffe und At‐ tentatsversuche auf die Gordo zu verhindern. Der Frieden auf Grah war ein sehr fragiler; jederzeit konnten erneut Kämpfe aufflammen. »Leutnant Onsin, Sir«, meldete der junge Offizier mit markiger Stimme und salutierte, während er rasch näherkam. »Benötigen Sie Hilfe?« Santini blieb ruhig, grüßte zurück und antwortete mit leichtem Sarkasmus: »Jetzt nicht mehr, Leutnant.« »Ist Ihnen etwas zugestoßen, Sir? Sind Sie verletzt?« Endlich verstummten die Sirenen der hauseigenen Feuermeldean‐ lage. »Ich bin noch mal knapp davongekommen«, erwiderte der Major. Die Kampfroboter hatten sich so in dem saalartigen Raum verteilt, daß sie die nur schattenhaft zu erkennenden Grako voneinander isolierten. Leutnant Onsin deutete mit seiner schweren Waffe auf die Über‐ bleibsel der Thermoreaktionen; in einem Kreis von schätzungsweise
fünfzehn Metern Durchmesser war der steinerne Boden geschwärzt, waren ausgeglühte Teile der Einrichtung und die kaum noch als solche zu erkennenden Reste der Grako‐Organismen verteilt. »Was ist vorgefallen, Sir?« Von zwei Seiten näherten sich jetzt hauseigene Reinigungsroboter und begannen damit, die Spuren des Kampfes zu beseitigen. Santini schaute einen Augenblick lang zu, ehe er antwortete: »Es muß ein Rebellenkrieger gewesen sein, dem es gelungen war, einen Schwarzstrahler so geschickt zu verbergen, daß er von den Sicher‐ heitskräften nicht entdeckt wurde.« Er schüttelte den Kopf; obwohl er sich räusperte, blieb seine Stimme rauh. Die Reaktion auf das Ge‐ schehene kam erst jetzt. »Wie es aussieht, haben wir noch viel Arbeit auf Grah vor uns, ehe wirklich Frieden eintritt.« Der Leutnant nickte. »Cui bono?« brummte er. Er tastete eine Nummer in sein Armbandvipho und gab eine Entwarnung an seinen draußen wartenden Vorgesetzten durch. »Das frage ich mich auch«, erwiderte der Major. »Wem hätte es genützt, wenn es dem Attentäter gelungen wäre, mich – welch eine unschöne Vorstellung! – umzubringen?« »Das läßt sich nun leider nicht mehr nachprüfen, Sir«, behauptete der Leutnant folgerichtig. Seine Miene wurde fragend. »Falls es wirklich ein Attentat auf Sie war, vom wem hat er den Auftrag be‐ kommen?« »Auch das wird sich kaum noch nachprüfen lassen«, versetzte Santini mit den Worten des jungen Offiziers. Der Leutnant nickte zustimmend. »Wohl kaum. Sind Sie hier fertig, Sir?« Major Santini überlegte nur kurz. Jetzt die aufgeregten und viel‐ leicht auch verängstigten Grakos der niederen Ränge über unge‐ wöhnliche Vorkommnisse im Umfeld von Schattensucher und Lichtfreundin zu befragen, erachtete er für wenig sinnvoll. Selbst wenn einer der Hausbediensteten etwas wußte, würde er es sich dreimal überlegen, sein Wissen preiszugeben und dabei möglicher‐
weise zu riskieren, sich der Rache der Grako‐Rebellen auszusetzen, die die Vorgänge in diesem Haus mit Sicherheit beobachteten. »Ja«, sagte er folgerichtig, »ich bin hier fertig.« »Fanden Sie übrigens, wonach Sie suchten?« Santini schüttelte wortlos den Kopf und verließ die Halle zusam‐ men mit dem Leutnant; die Kampfroboter schlossen sich ihnen an. »Fehlt Ihnen wirklich nichts, Sir?« wandte sich Onsin erneut an ihn. »Unser Doktor könnte Sie sich ansehen, falls Sie doch eine Ver‐ letzung davongetragen haben sollten.« »Ihre Besorgnis ist zwar rührend, Leutnant, aber vollkommen überflüssig. Mir fehlt nichts. Danke trotzdem.« »Dafür nicht, Sir«, erwiderte Leutnant Onsin und trollte sich zu seiner Einheit, die den Sicherheitskordon um Schattensuchers und Lichtfreundins Haus bildete. Santini lenkte seine Schritte in Richtung des Schwebers vom Typ Nomsol‐345, mit dem er vor nicht mehr als – er warf einen Blick auf sein Chrono – vierzig Minuten nach Acht gekommen war. Das Ergebnis seiner Nachforschungen war alles andere als zufrie‐ denstellend, ganz im Gegenteil, gestand er sich ein. Allerdings mußte sein Erscheinen in Acht jemanden alarmiert haben; der An‐ schlag hatte gezielt ihm gegolten, anders waren die Ereignisse in der Halle des Gordo‐Gebäudes kaum zu interpretieren. Der graue Dunst lag unverändert über der Stadt, die feuchtheiße Luft legte sich wie eine schwere, alles unter sich erstickende Decke auf ihn. Die wenigen Meter bis zu seinem Schweber genügten, ihm den Schweiß aus allen Poren zu treiben. Erleichterung erfuhr er erst, als er schließlich in der vollklimati‐ sierten Kabine des zweisitzigen Nomsol‐345 saß und sich nicht län‐ ger mehr der mörderischen Luftfeuchtigkeit Grahs ausgesetzt sah, die im Freien ständig zwischen Werten von 90 und 100 Prozent pendelte. Das Klima auf dieser Welt war für jeden, der zum ersten‐ mal nach Grah kam, ein Schock. Das galt auch für Terraner, die aus
den Subtropen der Erde oder von Kolonialwelten mit vergleichbaren Klimazonen stammten. Obwohl er nun schon eine ganze Weile auf dieser Welt lebte und die Anpassungsphase eigentlich hinter sich gelassen haben müßte, hatte sich Santini noch immer nicht ganz mit den klimatischen Zu‐ ständen auf Grah zurechtgefunden. Kurz kontrollierte er den Spei‐ cher des Bordfunks: keine Nachricht, nur vier Unwetterwarnungen, eine davon lag genau auf seinem Weg nach Drei. Er würde ziemlich hoch steigen und vielleicht auch Umwege in Kauf nehmen müssen, um dem Schlimmsten zu entgehen. Seine Finger glitten über die Tastatur, aktivierten den bordeigenen Suprasensor und den Bordfunk. Während der Rechner die Funktionen überprüfte, nahm er Ver‐ bindung mit der Luftraumüberwachung auf, gab seine Sicherheits‐ kennung durch und wartete auf die Freigabe; der Kurs nach Drei war im Autopiloten. Die Starterlaubnis kam. Die Kontrollen zeigten Grün. Alle Systeme waren betriebsbereit. Major Santini startete den Antrieb. Der Vorplatz des domartigen Wohngebäudes der entführten Gor‐ do Schattensucher und Lichtfreundin blieb unter dem Schweber zurück, verschwand in der Tiefe. Nachdem die vorgesehene Flug‐ höhe erreicht war, übergab Santini an den Bordsuprasensor, lehnte sich entspannt in den Sitz und begann, die Ereignisse im Haus der beiden geschlechtsreifen Gordo mit seinen bisherigen Überlegungen in Einklang zu bringen. Dieser Mordanschlag auf ihn hing ursächlich mit seinen Bemü‐ hungen zusammen, die Entführung der beiden Gordo zu untersu‐ chen. War er, ohne es zu ahnen, jemandem schon zu nahegekom‐ men? Wollte man ihn deshalb für alle Fälle beseitigen? Aber wo war die Verbindung? Wer zog die Fäden? Und was konnte er dagegen tun?
Santini blickte durch die Kanzelverglasung und fühlte, wie sich in seiner Magengegend ein kleiner Knoten verhärtete. Er beschloß, sehr vorsichtig zu sein. »Vivere militare est«, knurrte er in die relative Stille der Kabine und nickte seinem Abbild in der spiegelnden Konsolenabdeckung zu. »Leben heißt kämpfen, wie der alte Philosoph Seneca sagen würde, mein Freund.« Der Schweber flog in südwestlicher Richtung über die düstere Stadtlandschaft von Acht hinweg und tangierte soeben das Zentrum mit seinen sieben aus der Masse der übrigen Gebäude herausragen‐ den gigantischen Bauwerken, die ausschließlich für die Gordo vor‐ gesehen waren. Santinis Ziel war Drei; die Stadt, die diese Bezeichnung trug und so etwas wie die Hauptstadt Grahs war, lag im Südwesten und zirka tausend Kilometer von Acht entfernt. Der Schweber würde die Strecke innerhalb von siebzig Minuten bewältigen, falls nichts Unvorhergesehenes passierte. Obwohl es nach planetarer Zeit erst früher Nachmittag war, herrschte nur eine diffuse Helligkeit unter den gewaltigen Wolken‐ bergen, die mehrere Kilometer hoch in den Himmel reichten. Unter dem Nomsol‐345 huschte der wuchernde Dschungel der Heimatwelt der Grakos hinweg. Die brütende Hitze lag wie eine triefenden Dunstglocke über der urweltlichen Landschaft. Nach etwa der Hälfte der Flugstrecke verdunkelte sich der Him‐ mel, und das Licht wechselte. Aus Südwesten näherte sich dräuend eine tiefhängende, mächtige Schlechtwetterfront, die bereits düstere Schatten über das Land warf; sie hatte den Lichtwechsel verursacht. Vermutlich würde es in Kürze zu stürmen anfangen. Die Atmosphäre durchzog sich mit schweflig gelben Streifen, und gewaltige Gewittertürme wuchsen vor dem Nomsol auf, die bis hoch in die Stratosphäre reichten. Da der Schweber nicht über eine ent‐ sprechende Druckhülle verfügte, konnte Santini nicht die Unwetter überfliegen und in die höchsten Schichten der Atmosphäre auswei‐
chen. Nicht lange danach flog er durch strömenden Regen, der mit einer solchen Gewalt niederging, daß er froh war, sich nicht im Freien aufhalten zu müssen. Fasrige Blitze zuckten in nahezu ununterbro‐ chener Folge aus der Unwetterfront hervor, die mit keiner zu ver‐ gleichen war, die Santini je auf der Erde erlebt hatte. Wieder einmal gestand er sich ein, daß Grah in jeder Hinsicht eine Extremwelt war. Die in Aufruhr geratene Natur des Planeten schüttelte ihn in seinem Sitz durch; obschon die Trägheitsdämpfer das meiste schluckten, wünschte er sich während des Höllenritts mehr als einmal, daß die Sitze in den Schwebern mit vernünftigen und vor allem effektiven mechanischen Rückhalte Vorrichtungen ausgestattet wären. Obwohl das Unwetter zunächst den Anschein erweckte, nicht en‐ den zu wollen, war es nach zwanzig Minuten vorbei und die Ge‐ witterfront durchflogen. Es wurde wieder heller, obwohl noch immer nichts von der Sonne zu sehen war. Santini ließ den Schweber etwas steigen. Voraus waren bereits die ersten Ausläufer des Vorgebirges zu sehen, eine steil aufragende Klippenfront, von einem Fluß durchschnitten, der sich dahinter mäandernd seinen Weg durch den breiten Dschungelgürtel bahnte, in dem Drei lag. Der Luftverkehr nahm zu; Formationen von patrouillierenden Schwebern zogen ihre Kreise. Sie waren Teil der Sicherheitsvorkeh‐ rungen, die die terranischen Friedenstruppen auf Gerrck III den Gordo zum Schutz ihrer noch jungen Regierung gewährten. Als Santinis Schweber sich dem äußeren Sicherheitsperimeter nä‐ herte, strahlte der Suprasensor automatisch seine Kennung ab, so daß sich der Major unbehelligt dem Zentrum nähern konnte. Die ersten Ausläufer von Drei kamen im wuchernden Dschungel in Sicht. Dahinter erstreckte sich eine riesige Stadtanlage, die den wichtigsten Raumhafen des Planeten umschloß. Auf den ersten Blick machte die Stadt einen chaotischen Eindruck
von ungeordneter Willkür, als hätte die Hand eines Riesen die Ge‐ bäude einfach so in die Gegend geworfen. Dreis systematische Ordnung erschloß sich dem Betrachter erst auf den zweiten und dritten Blick. So waren sämtliche Gebäude durch Tunnel miteinan‐ der verbunden, die teilweise in hundert Metern Tiefe verliefen. Der Sitz der Gordo‐Regierung befand sich in einem gewaltigen, terrassenförmig angelegten Bauwerk, dem Wahrzeichen Grahs, das sich wie ein Monument über die Stadtlandschaft erhob. Aber nicht nur die Regierung von Grah war darin untergebracht, auch das Zentralkommando der terranischen Friedenstruppen hatte dort sei‐ nen Sitz, seit neustem mit Generaloberst Pershing an der Spitze. Beim Gedanken daran, daß er in Kürze seinem Oberbefehlshaber gegenüberstehen würde, verfinsterte sich Santinis Miene. Seine Laune war nicht die beste, als der Schweber in die vorgeschriebene Einflugschneise einschwenkte und sich auf dem Vorplatz zum Ein‐ gang niedersenkte. * Generaloberst Pershing saß hinter seinem mit Arbeit überladenen Schreibtisch. Als Santini eintrat, schob er die Akte, in der er gelesen hatte, unter einen Stapel anderer Dokumente. Er tat es so auffällig unauffällig, daß sich der Major zu wundern begann. Täuschte er sich, oder wollte Pershing hier etwas vor ihm verbergen? Eric Santini salutierte. »Major Santini zur Stelle, Sir«, sagte er laut. Pershing musterte den drahtigen Offizier, der in Grundstellung vor seinem Schreibtisch stand, mit einem durchdringenden Blick. »Rühren, Major. Nehmen Sie Platz.« Eric Santinis Körperhaltung entspannte sich. Er ließ sich auf einem der beiden Sessel nieder, die vor Pershings Schreibtisch standen. »Ich erwarte Ihren Bericht!« Pershing erweckte den Eindruck, als wäre er verärgert über etwas, wovon Santini keine Ahnung hatte. Der Generaloberst wirkte mit seinem silbergrauen Haar und dem
massigen, etwas formlosen Körper, dem eine sorgfältig geschnei‐ derte Uniform Konturen verlieh, wie ein freundlicher, umgänglicher Mann. Doch das war Fassade. In Wirklichkeit war er weder um‐ gänglich noch freundlich, sondern ein maßloser Intrigant. Sachlich und leidenschaftslos begann Santini seine Schilderung der Vorfälle im Haus von Schattensucher und Lichtfreundin. Schweigend hörte sich Pershing Santinis knappen Bericht an, ohne eine Zwischenfrage zu stellen. Er nickte lediglich mehrmals, unge‐ duldig wie es schien, was Santinis Verwunderung erregte, der mehr und mehr den Eindruck gewann, als wisse der Generaloberst bereits alles, was er ihm hier vortrug. Für die Dauer einer halben Minute geschah nichts. Plötzlich stand Pershing auf und lief hinter seinem Schreibtisch hin und her. Dabei war der Blick seiner wasserblauen Augen unablässig auf Santini gerichtet. Schließlich blieb er abrupt stehen, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und beugte sich etwas vor. »Ich hatte eigentlich erwartet, daß Sie sich etwas diplomatischer verhalten«, sagte er ärgerlich. »Ich verstehe nicht, Sir?« wunderte sich Santini. Pershing schlug mit der Faust auf den Tisch. »In Ihrer Funktion als hochrangiger Offizier wird von Ihnen erwartet, daß Sie Ihre Taktik und Vorgehensweise der sensiblen Situation anpassen, mit der wir es hier auf Grah zu tun haben. Statt dessen tun Sie alles, um die Lage noch zu verschärfen, agierten wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Dank Ihrer Überreaktion haben vier loyale Grakos den Tod gefunden. Dabei sollten Sie nur herausfinden, was mit Ihren Gordo‐Freunden geschehen ist.« Santini schluckte die scharfe Erwiderung hinunter, die er eigentlich auf der Zunge hatte. Das Verhältnis zwischen seinem Vorgesetzten und ihm war an‐ gespannt genug. An und für sich hatte Santini erwartet, nach dem Tod von Oberst Ngona endlich den Oberbefehl über die terranischen Streitkräfte auf der Dschungelwelt Grah zu erhalten; er hatte dieses
Amt auch für eine kurze Zeitspanne kommissarisch innegehabt und damit gerechnet, es permanent zugesprochen zu bekommen. Man hatte ihn übergangen. Bereits zum wiederholten Male. Eigentlich hatte er die Beförderung zum Oberbefehlshaber auf Grah bereits nach Major Dawsons Tod erwartet. Damals hatte er noch im Rang eines Hauptmanns gestanden. Doch Oberst Ngona war ihm vor die Nase gesetzt worden, und so ging Santini leer aus. Er war kein Mitglied des Kommandostabes, sondern »durfte« wei‐ terhin die unterschiedlichsten Einsätze der Friedenstruppe auf Grah koordinieren. Ngonas Tod im Mai 2062 brachte keine Änderung des Status Quo für Eric Santini – anstatt seiner wurde Generaloberst Pershing neuer militärischer Oberbefehlshaber auf Grah. Santinis Beförderung zum Major war da nur ein kleiner Trost, immerhin versagte man ihm nicht die weitere Karriere. »Hören Sie mir überhaupt zu?« schnappte Pershing. »Sie haben meine ungeteilte Aufmerksamkeit, Sir«, erwiderte San‐ tini mit schmalen Lippen. Kein Wort darüber, daß Pershing froh war, daß der Major das At‐ tentat in Schattensuchers und Lichtfreundins Haus ohne ernsthaften Schaden an Leib und Leben überstanden hatte – und das tat weh. Pershing atmete tief ein. Er musterte Santini mit einem durch‐ dringenden Blick. »Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung vorzub‐ ringen?« »Sir«, entgegnete Eric Santini und wich dem Blick des General‐ obersten nicht aus, »mir war nicht bewußt, daß eine Entschuldigung von mir erwartet wird. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Die vorgefundene Situation machte es erforderlich, eine Entscheidung zwischen dem Tod eines Attentäters und der Rettung eines Men‐ schenlebens zu treffen. Meines Lebens, um präzise zu sein. Letzteres hatte für mich Priorität, wie Sie sich vielleicht denken können. Daß andere Grakos dabei in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist zwar bedauerlich, war aber unter den gegebenen Umständen nicht zu
vermeiden.« »Haben Sie eine Vorstellung, wie viele unschuldige Leben loyaler Grakos Sie noch hätten gefährden können?« fuhr der Generaloberst ihn an. Santini wartete einen Moment und erklärte dann mit nur mühsam unterdrücktem Zorn: »Ich stehe zu meiner Entscheidung, Sir.« Was genau wollte Pershing? Wollte er ihm einen Strick daraus drehen, daß er sich nicht hatte umbringen lassen? Das Irreale dieser Situation brachte den Major in Rage. »Nichts, aber auch gar nichts gibt uns die Gewißheit, daß uns die Grakos im Haus der beiden entführten Gordo loyal gesonnen waren. Die Tatsache, daß es einem Attentäter scheinbar problemlos gelingen konnte, von meiner An‐ kunft in Acht Kenntnis zu erlangen, läßt zumindest darauf schließen, daß er Helfer hatte, die ihn darüber informierten, daß ich mich exakt zu dem Zeitpunkt im Haus aufhalten würde…« »Das Desaster wäre weit weniger blutrünstig ausgefallen, wenn Sie eine vorschriftsmäßige Waffe getragen hätten«, unterbrach ihn der Generaloberst und wedelte mit der Hand, während er sich endlich wieder setzte. »Sir?« Santini glaubte sich verhört zu haben. »Sie haben mich schon verstanden«, sagte Pershing, und ein ver‐ kniffener Zug zeigte sich auf seinem Gesicht, dessen jovialer Ans‐ trich plötzlich wie weggewischt war. »Wie soll ich das jetzt wieder verstehen?« »Wie ich es gesagt habe. Ich habe mir Ihre Akte angesehen«, wechselte er scheinbar das Thema, »und bestätigt gefunden, was ich vermutete. Sie sind ein unverantwortlicher Draufgänger und bar jeglichen diplomatischen Fingerspitzengefühls, das hat sich hier wieder einmal bestätigt. Sie halten auch nicht viel von militärischen Vorschriften, sonst würden Sie nicht diese«, er deutete mit spitzen Fingern auf den sündhaft teuren Handnadelstrahler an Santinis Gürtel, »für den regulären Einsatz in der Terranischen Flotte nicht vorgesehene Waffe im Dienst tragen, von der ich überzeugt bin, daß
sie ursächlich für das Malheur in Acht verantwortlich zu machen ist.« »Natürlich!« erwiderte Santini, der kaum an sich halten konnte, »und ich wäre jetzt tot. Ohne diese nicht reguläre Waffe, wie Sie zu betonen nicht müde werden, säße ich jetzt nicht mehr hier vor Ih‐ nen.« »Sie ist nicht vorschriftsmäßig«, beharrte Pershing starrköpfig, »und entspricht nicht der Standardbewaffnung der Terranischen Flotte. Ganz abgesehen davon, daß Privatwaffen im Dienst nicht getragen werden dürfen.« Santini zeigte ein unbestimmtes Lächeln. »Sie irren sich, Sir«, sagte er leichthin. Generaloberst Pershing richtete sich ruckartig, seine Miene ver‐ finsterte sich zusehends. Von einem Untergebenen des Irrtums be‐ zichtigt zu werden, paßte so gar nicht in sein Weltbild. »Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Major«, warnte er. »Wol‐ len Sie mir unterstellen, ich wüßte nicht über die Vorschriften des korrekten Waffentragens Bescheid?« »Keineswegs, Sir«, gab Santini zu verstehen. »Ich bin sogar über‐ zeugt, daß Sie sich sehr gut in dieser Materie auskennen. Sie haben auch insofern recht, als das Zeugamt der Flotte vom Finanzministe‐ rium angewiesen worden ist, die neue Waffe aufgrund ihres enor‐ men Preises vorerst nicht in den Beschaffungsplan mit aufzunehmen und an die Truppe auszuliefern. Dennoch haben Sie in der entspre‐ chenden Dienstvorschrift einen kleinen Zusatz übersehen, der da lautet, daß Offiziere diese Waffe im Dienst tragen dürfen, wenn sie sich selbst eine kaufen.« »Und Sie sind dazu in der Lage, ja? Dann haben Sie eindeutig zu‐ viel Sold, Major«, giftete Pershing. »Nicht einmal ich könnte mir einen derartigen Luxus so en passant leisten.« Die Atmosphäre im Arbeitszimmer des Generaloberst wurde womöglich noch kühler, als sie es schon war, was keinesfalls der unhörbar laufenden Klimaanlage zuzuschreiben war; zwischen den
beiden hochrangigen Offizieren stimmte einfach die Chemie nicht. Santini hob die Schultern und ließ sie wieder fallen, eine Geste, die alles bedeuten konnte, von der Bejahung bis hin zur Verachtung seines Gegenübers. »Es geht Sie zwar nichts an, Sir«, sagte er grimmig, »woher ich das Geld habe. Aber wenn es das ist, was Ihnen Kopfzerbrechen bereitet – diese Waffe wurde vom Sold eines Offiziers bezahlt, der im Rang zwei Stufen über Ihnen steht, nämlich von Generalmajor Carlotta Santini, meiner Tante. Und sie war ein Weihnachtsgeschenk an mich. Vielleicht«, ein flüchtiges Lächeln erschien kurzzeitig auf Santinis Gesicht, »sollten Sie sich Ihre Verwandten besser aussuchen.« Pershing starrte Santini direkt an, dabei erweckte er den Eindruck, als wollte er den Major zum Fenster hinauswerfen. Er beließ es bei einem Schlag mit der flachen Hand auf den Schreibtisch und schnaubte angewidert etwas von »Protektion«. Santini beschloß, großzügig darüber hinwegzuhören. Das künstlich erzeugte Ticken eines auf alt getrimmten Chronos blieb für längere Zeit das einzige Geräusch im Raum. Schließlich brach Pershing das Schweigen und sagte, wieder ganz beherrscht: »Das war’s, Major. Ich erwarte umgehend informiert zu werden, sollte sich etwas über den Aufenthalt der beiden Gordo ergeben. Verstanden?« Der Stuhl scharrte über den polierten Steinboden, als Santini auf‐ stand. »Ja, Sir!« Der Major salutierte steif, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum in einer mörderischen Stimmung. * Auf dem Weg von Pershings Büro hinüber zur terranischen Ver‐ waltungszentrale, die in einem Seitenflügel des riesigen Terrassen‐ gebäudes untergebracht war, besserte sich seine Laune nur unwe‐ sentlich.
Er war keinen Schritt weitergekommen, mußte er sich eingestehen. Der Flug nach Acht hatte keinerlei Erkenntnisse über den Verbleib von Schattensucher und Lichtfreundin gebracht. Keinem war etwas aufgefallen. Niemand schien etwas gesehen zu haben, was Rückschlüsse auf die Art des Verschwindens hätte geben können. Die beiden geschlechtsreifen Gordo schienen spurlos von der Bild‐ fläche verschwunden zu sein. Dabei sollte man meinen, daß sich zehn Meter große gigantische Exemplare der Gattung Meganeura stellaris nicht einfach in Luft aufzulösen vermochten. In Luft sicher nicht, wohl aber im Weltraum. In der kurzen Zeit seiner Nachforschungen über den Verbleib der beiden Gordo hatte sich in Santini inzwischen mehr und mehr der Verdacht erhärtet, daß sich die libellenhaften Riesen – die das letzte Entwicklungsstadium der nur etwa 1,80 Meter großen und den irdi‐ schen Gottesanbeterinnen ähnelnden Grakos bildeten –, vermutlich nicht mehr auf Grah aufhielten. Ein herber Verlust, sollte es sich herausstellen, daß sie möglicherweise auch nicht mehr am Leben waren. Da nur sie für Nachwuchs zu sorgen in der Lage waren, kam jedem geschlechtsreifen Gordo eine besondere Stellung für die Zukunft der Grakos zu. Sollte seine Vermutung zutreffen und die beiden Gordo in den Raum entführt worden sein, dann hatten die Entführer dabei Spuren hinterlassen, die aufgespürt werden konnten. Gerrck III war nach dem Überfall durch die 500 kampfstarken Großraumschiffe der Ro‐ boter im Mai 2062 mit einem lückenlosen Frühwarnsystem ausges‐ tattet worden, das jede noch so winzige Energiespur unbekannter Schiffe zu entdecken in der Lage war. Santini kam an einem der riesenhaften Fenster vorbei, die einen Ausblick auf die wuchernde Natur des Dschungelplaneten gestatte‐ ten; es regnete noch immer – oder schon wieder; die Übergänge auf Gerrck III waren da fließend, im wahrsten Sinn des Wortes. Er
grinste leicht über das Wortspiel und trat mit dem Fuß nach einem imaginären Steinchen. Dann verfinsterte sich sein Gesicht wieder, als er an die zurückliegende Auseinandersetzung im Büro seines Vor‐ gesetzten dachte. Er hatte schon öfters kontroverse Diskussionen mit dem Generaloberst geführt, aber heute hatte er ihn zum erstenmal von seiner schlechtesten und ungerechtesten Seite erlebt, auch wenn er den Grund dafür nicht kannte. Er war sich jedoch sicher, daß der Besitz des Handnadelstrahlers nur ein Vorwand gewesen war, um von anderen Dingen abzulenken. Zwei Obergefreite kamen salutierend vorbei; mechanisch erwi‐ derte Santini ihre Ehrenbezeugung. Dann beschäftigte er sich wieder mit seinen Gedanken. Pershings Verhalten ihm gegenüber nahm langsam Formen an, die früher oder später auf eine offene Konfrontation hinauslaufen wür‐ den, befürchtete er. Neidete ihm der Generaloberst vielleicht seine Stellung als Mittler zwischen den Gordo und der terranischen Mili‐ tärführung? Daß er nicht gerade davon begeistert war, daß die Gordo ihn quasi übergingen und ausschließlich Santini ihr Vertrauen schenkten, mochte ihm durchaus gegen den Strich gehen. Aber war das ein Grund, ihn so zu behandeln? Helles Kunstlicht und eine Welle hektischer Betriebsamkeit emp‐ fingen ihn, als er die Flügeltür zur terranischen Verwaltungszentrale aufstieß; in dieser riesigen Registratur wurde rund um die Uhr Dienst getan. Santini sah sich rasch um; die augenblickliche Schicht bestand je zur Hälfte aus Robotern sowie aus terranischen Verwaltungsbeam‐ ten im militärischen Dienst, darunter auch weibliche Angehörige der Flotte. »Major Santini!« Hauptmann Tidwell, der verantwortliche Offizier für diese Sektion, winkte ihm quer durch den Raum zu. »Hierher!« Als Santini ihn erreicht hatte, fuhr der Offizier fort: »Ich habe Ihnen den Platz freigehalten, nachdem Sie mich informiert hatten!« »Danke.«
»Keine Ursache, Major. Wenn Sie Hilfe brauchen. Einer der Prog‐ rammierer ist frei…« »Ist nicht nötig«, unterbrach Santini den Hauptmann. »Ich habe mein eigenes Programm dabei.« »Alles klar.« Der Hauptmann zog sich zurück. Santini setzte sich in den freien Sessel vor der ihm zugewiesenen Hyperkalkulatorkonsole und tastete die Sensorfelder ein. Als das Signal »Bereit« kam, schob er den Datenträger mit seinem Suchprogramm in die Aufnahme. Dann lehnte er sich zurück, ver‐ schränkte die Arme vor der Brust und wartete. Das Programm lief selbständig; einmal aktiviert, suchte es sich die für seinen Betrieb relevanten Parameter und zeigte sie an. Es war eine langwierige Suche; Santini hatte auch nicht erwartet, daß er sofort Erfolg haben würde. Im Grunde genommen war es wie das Suchen nach der Na‐ del im Heuhaufen, nur daß dieser »Schober« wesentlich gewaltigere Dimensionen hatte und unter Umständen bis in den Hyperraum reichte. Plötzlich nahm Santini den Blick vom Schirm und hob den Kopf. Seine Geruchsnerven erfuhren eine Stimulation, die ihm vertraut vorkam… »Auch einen, Sir?« erklang in diesem Moment eine helle Stimme. Eric Santini sah in die Richtung, aus der sie kam. Eine Nachrich‐ tentechnikerin im Rang eines Oberleutnants stand am Automaten, blickte in seine Richtung und hob jetzt ostentativ einen Becher aus TF‐Beständen mit der Aufschrift »Semper Fi« in die Höhe. Erst jetzt wurde er gewahr, daß es bemerkenswert gut nach frischgebrühtem Kaffee roch. »O ja. Danke.« Er nickte nachdrücklich. »Wie hätten Sie ihn gern?« »Ohne alles…« Er versuchte aus der Entfernung ihr Namensschild zu lesen, »Oberleutnant Neil.« »Kommt sofort, Sir.« Der Kaffee war von einer Güte, die er hier, 26.000 Lichtjahre von
Terra entfernt, nicht erwartet hätte. Er genoß ihn in kleinen Schlucken, während er sich wieder dem Schirm widmete. Wie erwartet, fand sein Programm sämtliche Meldungen, die von der Routine abgewichen, aber nicht weiter verfolgt worden waren, weil es sich dabei um keine verwertbaren Daten handelte. Es war ein langwieriges Geschäft, die Spreu vom Weizen zu trennen. Santini fluchte mehr als einmal lautlos vor sich hin und war nahe daran, abzubrechen. Zum Glück tat er es nicht, denn schließlich wurde seine sture Ausdauer belohnt: Das Programm filterte einige Mel‐ dungen über »verwaschene« Ortungen heraus, die die planetare Ortungszentrale aufgefangen hatte, denen aber zu seinem Erstaunen nicht weiter nachgegangen worden war. Ein offensichtlicher Schlendrian. Santini zog eine Grimasse. Das würde sich ab sofort ändern.
2. Im Gegensatz zur Verwaltungszentrale wurde der Zutritt zur pla‐ netaren Ortungszentrale von Raumsoldaten mit geschulterten Mul‐ tikarabinern bewacht. Sie salutierten stramm, als der Major sich ihnen näherte. Santini nickte knapp und ging durch das automatisch öffnende Schott in den Saal. Kurz verhielt er seinen Schritt und ließ für einen Moment das Bild auf sich einwirken, das sich seinen Blicken bot. Die Ortungszentrale des terranischen Friedenskommandos auf Grah war bis in den letz‐ ten Winkel vollgepackt mit elektronischen Anlagen, Holoschirmen und Monitoren. Der weitläufige Raum, der schon den Grakos zur Raumüberwachung gedient hatte, war voll mit terranischem Militär, mit Robotern und auffallend vielen Grakos. Das hier war sozusagen das Gehirn Grahs – und der terranischen Streitkräfte auf dieser Welt. Hier liefen die Fäden der Macht zu‐ sammen. Von diesen Computerkonsolen aus konnten sämtliche Waffensysteme aktiviert, befehligt und eingesetzt werden. Dominiert wurde der saalartige Raum von einem riesigen Holo‐ schirm terranischer Bauart, der sich an der gegenüberliegenden Wand in vier Metern Höhe befand. In ihm drehte sich ein dreidi‐ mensionales Gradnetz gemächlich um eine imaginäre Achse. Die darin befindliche, sich in die räumliche Tiefe erstreckende isometri‐ sche Perspektive der Planetenebene des Gerrck‐Systems konnte vergrößert, gedreht, gekippt und von unten betrachtet werden. Sie wurde von unterschiedlich langen Graphen durchdrungen, an deren Endpunkten der zentrale Hyperkalkulator fortwährend Zah‐ len und Buchstabencodes generierte: Es handelte sich um Angaben über Entfernungen und räumliche Lage von Planetoiden, Asteroi‐ den, Raumschiffen, Weltraumtrümmern – und ins System eindrin‐ genden Feindschiffen, die die Tastersysteme bis hinunter zu einer
Größe von mehreren Quadratzentimetern noch darzustellen in der Lage waren. Der Aufbau war in ständiger Bewegung; auf großen Nebenschir‐ men erschienen in rascher Folge Datenzeilen, flimmerten Zahlenko‐ lonnen. Anlagen wie diese hatte Eric Santini schon jede Menge gesehen; sie waren im Grunde nichts anderes als übergroße Hyper‐kalkulatoren mit einer Vielzahl peripherer Geräte. Jede raumfahrttreibende Na‐ tion beziehungsweise Zivilisation hatte Vergleichbares. Die hier in diesem Saal hätte ebensogut in Peking oder Cent Field stehen kön‐ nen. Was sie von jenen unterschied, waren die Grako‐Mitarbeiter hinter ihren Hyperfeldern, die dem Ganzen einen düsteren, un‐ heimlichen Anstrich verliehen. »Wo finde ich den Offizier vom Dienst?« erkundigte sich Eric San‐ tini bei einem Hauptgefreiten. Der Mann deutete mit einer knappen Geste in die Mitte der Zent‐ rale. »Dort, Sir«, antwortete er. »Oberleutnant Keams.« Santini blickte in die angegebene Richtung. In der Mitte des Saales befand sich eine halbrunde Computerkon‐ sole in einer etwas erhöhten Position auf einer drehbaren Plattform, von der aus der gesamte Raum überblickt werden konnte. Hinter dem Pult ein hochlehniger Gliedersessel, in dem ein Mann in der Uniform eines Oberleutnants saß und eindeutig erregt mit einem Grako diskutierte. Santini setzte sich in Bewegung und steuerte im Slalom auf den Offizier zu. Das Geräusch zahlreicher Stimmen und die Klicklaute der Grakos, vermischt mit dem elektronischen Gewisper der Hyperkalkulatoren, begleitete ihn auf seinem Weg; der riesige Holoschirm überschüttete die Szene mit einem kalten blauen Leuchten, das die Gesichter der Terraner fahl erscheinen ließ. Santini hatte den Eindruck, sich durch eine zähe blaue Flüssigkeit zu schieben. Er schüttelte diese Anwandlung ab, ging weiter und
erreichte Kearns gerade in dem Moment, in dem der Grako sich ab wandte und ging, kaum sichtbar hinter seinem Hyperfeld. »Oberleutnant Kearns?« sagte Santini laut und herausfordernd. Der Offizier vom Dienst wandte sich ihm zu. Als er sah, daß er ei‐ nen Major vor sich hatte, stand er auf und salutierte, ein bißchen zu nachlässig, wie Santini mit einem Anflug von Verärgerung regist‐ rierte. »Zu Ihren Diensten, Sir!« sagte der Offizier, der auch eine Spur zu nachlässig gekleidet war, was Santini mit einem irritierten Zusam‐ menziehen der Brauen quittierte. »Was kann ich für Sie tun, Major?« »Ich benötige einige Auskünfte von Ihnen, Kearns.« »Sicher. Gern. Wenn es in meiner Macht steht, Sir.« »Es betrifft Ihr Aufgabengebiet«, ließ Santini kühl verlauten. »Ich bin mir also relativ sicher, daß Sie meine Fragen beantworten kön‐ nen.« »Natürlich. Worum geht es?« Eric Santini sagte es ihm, sprach ihn auf die verwaschenen Signale an und fragte abschließend: »Warum wurde denen nicht nachge‐ gangen? Haben Sie eine Erklärung dafür?« Kearns schwieg einen Moment, ehe er antwortete: »Die habe ich, Sir. Bei den von Ihnen angeführten Signalen handelt es sich eindeu‐ tig um Fehlfunktionen der Anlage, Major.« Santini machte eine ärgerliche Handbewegung, aber Kearns fuhr ungerührt fort: »Es ist, wie ich es sage. Ein Großteil der Tasteranla‐ gen stammt aus der alten Grako‐Zeit. Wir sind noch lange nicht so‐ weit, diese Altlasten«, er zeigte ein verkniffenes Lächeln, »durch unsere moderne Ausrüstung ersetzt zu haben. Dazu bedarf es schon noch einer gewissen Zeit.« »Wer sitzt an den Ortungssystemen? Doch nicht etwa…« »Doch«, bestätigte Kearns Santinis heimliche Befürchtungen. »Es handelt sich um Grakos, die von uns gründlich ausgebildet wurden. Ich verstehe ja Ihre Sorge, Sir«, sagte er rasch, als er sah, wie sich Santinis Stirn umwölkte, »aber ich kann Ihnen versichern, daß die
einheimischen Mitarbeiter loyal zur neuen Regierung und zu uns Terranern stehen. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.« »Vorsicht«, warnte Santini scharf und runzelte die Brauen. »Auf diese Weise haben schon viele ihre Hände eingebüßt und müssen sich jetzt mit Prothesen begnügen. Wurden sie überprüft?« »So gut wie es ging. Ja.« »Keine faulen Eier darunter?« Kearns zögerte einen Moment. »Nein, Sir.« »Sicher?« bohrte Santini nach. »Nun, ›faule Eier‹ nicht gerade«, räumte der Oberleutnant schließ‐ lich ein. »Aber der einheimische Ausbilder ist ein ehemaliger Del‐ ta‐Krieger aus der alten Ordnung. Seine numerische Bezeichnung lautet DK 4457.« »Lassen Sie mich raten«, sagte Santini, dem ein Gedanke wie ein kleiner Blitz durch den Kopf zuckte, »er war es, der die unklaren, verwaschenen Ortungen zu Störungen erklärte. Ist es nicht so?« Kearns sperrte die Augen auf und sah ihn ungläubig an. »Sie mei‐ nen doch nicht…?« Er ließ das Ende des Satzes offen. »Doch, genau das meine ich«, versetzte der Major düster. »Es gibt überall noch Widerstand gegen die neue Ordnung.« »Widerstand?« Der Oberleutnant wiederholte das Wort, als müsse er sich erst in Erinnerung rufen, was es bedeutete. »Das glaube ich nicht, Sir.« »Wo leben Sie denn, Mann?« schnappte Santini, der im Augenblick das Gefühl hatte, seinem Gegenüber schlichtweg an die Kehle springen zu müssen. »Auf einem anderen Planeten? Was Sie glau‐ ben, ist zweitrangig. Holen Sie mir diesen Ausbilder her, aber schleunigst, Kearns! Ich muß mit ihm reden.« Kearns wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. Aber er fügte sich, schließlich hatte er einen Major vor sich, mit dem, wie er sah, absolut nicht gut Kirschen essen war. Aus seinen Bemühungen wurde jedoch nichts. Obwohl er alle Hebel in Bewegung setzte und seine Unteroffiziere
rebellisch machte, war Grako‐Ausbilder DK 4457 nicht auffindbar. »Ich habe mich gerade eben noch mit ihm unterhalten…« Kearns’ Stimme klang flach, fast tonlos. Er sah den Major unglücklich an. »Ich verstehe das nicht!« »Aber ich um so mehr«, schnappte Santini grimmig, der langsam immer klarer sah. »Hat der Delta‐Krieger eine Klasse‐A‐Codierung erhalten, über die man ihn aufspüren kann?« Kearns Miene wurde womöglich noch unglücklicher. »Nein«, erwiderte er mit flacher Stimme. »Sonst hätte ich ihn ja schon an der Leine.« »Nein?« Santini glaubte, sich verhört zu haben. »Was läuft hier ei‐ gentlich ab?« Seine Augen schossen drohende Blitze auf den un‐ glücklichen Offizier. »Eine Klassifizierung wurde nicht für nötig erachtet«, ließ ihn Kearns wissen. »Wer hat darüber entschieden? Nein, sagen Sie nichts«, schnappte Santini, als ein gequälter Zug auf Kearns Gesicht erschien, der sich um die Beantwortung dieser Frage zu drücken schien. »Pershing natürlich, nicht wahr?« Der Oberleutnant nickte bestätigend. »Wenn Sie es sowieso schon wissen, ja. Zumindest kam die Anordnung aus seinem Stab.« »Verdammt!« versetzte Eric Santini brummig. »Jetzt wird mir ei‐ niges klarer. Nun, daran ist nichts mehr zu ändern. Wo wohnt dieser Ausbilder? Schnell, Mann!« * Über Drei riß die Wolkendecke auf und schuf einen jener seltenen Momente, in denen die Strahlen der Sonne bis zum Boden durchzu‐ dringen vermochten. »Na, wer sagt’s denn«, murmelte Santini. »Wenn Engel reisen, lacht der Himmel…« Er verstummte und schüttelte den Kopf über sich selbst. Warum ihm ausgerechnet dieser dumme Spruch in den
Sinn kam, wußte er nicht zu sagen. Vor allem stimmte er hinten und vorne nicht. Grah war alles andere als der Himmel. Und er war kein Engel. Weiß Gott nicht. Die Sonne verschwand auch schon wieder, und die Nebelschwa‐ den, die aus dem hitzedampfenden Dschungel stiegen, wurden grau und trist. Vor fünf Minuten hatte er den Regierungssitz in aller Eile verlassen und sich mit dem Gleiter auf den Weg zur Adresse des Del‐ ta‐Kriegers gemacht, um dessen Wohnung zu durchsuchen, ehe dieser eventuelle Beweise verschwinden lassen konnte. Der Wohnsitz des Delta‐Kriegers lag auf der anderen Seite des Raumhafens in einem Stadtviertel, das überwiegend Grakos beher‐ bergte; terranische Einrichtungen gab es dort eher weniger. Santini war sich bewußt, daß er sich auf gefährliches Terrain begab. Und das allein. Ohne Unterstützung. Zwar war die überwiegende Mehrzahl der Grakos der Gor‐ do‐Regierung durchaus loyal gesonnen und akzeptierte auch die Kontrollfunktion der terranischen Militärmacht auf Grah. Dennoch existierte innerhalb bestimmter Gruppierungen erheblicher Wider‐ stand gegen die neue Ordnung im Gerrck‐System; alte Systeme lie‐ ßen sich nicht von heute auf morgen umkrempeln. Für Terraner war es deshalb klug, nicht ohne Begleitung diese neuralgischen Bezirke aufzusuchen – wie er gerade im Begriff stand, es zu tun. Aber diesen Umstand konnte er mit einem Anruf im Hauptquartier zu seinen Gunsten verändern. Die Richtfunkverbindung war schnell hergestellt. Ein junger Unteroffizier der Raumflotte erschien auf dem Schirm seiner Steuerkonsole. »Was kann ich für Sie tun, Major?« fragte er sichtlich nervös, als er Santinis ansichtig wurde. »Ich brauche ein Unterstützungsteam für einen Einsatz in…« San‐
tini nannte die Koordinaten. »Und zwar sofort!« Der Leutnant zögerte unmerklich, etwas ging ihm offensichtlich gegen den Strich. Doch dann sagte er bedauernd: »Das ist unmög‐ lich, Sir. Es steht im Moment kein einziges Team zur Verfügung.« »Erzählen Sie keinen Stuß junger Mann«, polterte Santini. »Es ist so, Sir. Im Norden sind Unruhen ausgebrochen.« »Auf einmal?« wunderte sich Santini ungläubig. Der Leutnant blickte betroffen und schwieg. »Geben Sie mir auf der Stelle Pershing!« knurrte der Major, der das Gefühl bekam, auf der Stelle zu treten. Wollte da jemand, daß er mit seinen Untersuchungen über die Hintergründe der Entführung von Schattensucher und Lichtfreundin nicht vorankam? »Tut mir leid, aber Generaloberst Pershing hat im Moment wirklich alle Hände voll zu tun«, bedauerte der Leutnant erneut. »Sie wissen doch selbst, wie schnell sich die Situation auf Grah ändern kann.« Santini war klug genug, für die nächsten zehn Sekunden zu schweigen, er hätte sonst mit seiner Meinung über den General‐ oberst nicht hinter dem Berg halten können – und unter Umständen seine Karriere endgültig in den Sand gesetzt. Ohne ein weiteres Wort schaltete Santini den Richtfunk ab. Pershing schien es wirklich darauf anzulegen, ihm zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Der Gleiter näherte sich über die breite Zufahrtsstraße Hafen Drei, dem wichtigsten Raumhafen auf Grah, der von der Hauptstadt gleichen Namens weiträumig umschlossen wurde. Santini mußte ihn umfahren, um auf die andere Seite der Stadt zu gelangen. Plötzlich änderte er seinen Entschluß. Ihm war eingefallen, woher er Hilfe bekommen würde. * Die Bar war weit davon entfernt, als erstklassig zu gelten. Dazu
trug sie zu sehr den Stempel ihrer Gäste – kein hohes Militär, son‐ dern überwiegend untere Ränge und Mannschaftsdienstgrade. Es war ein Etablissement, das von den terranischen Truppen für Soldaten eingerichtet worden war. Demzufolge waren auch keine Grakos anwesend. Santini sah Tom Strange sofort. Der Hauptgefreite saß zusammen mit zwei weiteren Raumsoldaten an einem Tisch in der Ecke. Die Männer hielten sich an ihren Gläsern fest und diskutierten laut. Zu hören war trotzdem nichts. Was sie sagten, ging im allgemeinen Lärm, der in der Bar herrschte, einfach unter. Als Santini vor ihrem Tisch erschien, wollten sie aufspringen, um zu salutieren. Eine Handbewegung des Majors bannte sie auf ihre Sitzgelegenheiten. »Keine Umstände, Männer«, sagte Santini und grinste flüchtig. »Ich bin nicht Ihr Vorgesetzter, sondern nur der von Mister Strange.« »Wollen Sie sich nicht zu uns setzen, Sir?« fragte Strange. Santini lehnte ab. »Dafür ist jetzt keine Zeit. Ein andermal be‐ stimmt. Ich könnte Ihre Hilfe brauchen, Tom. Auch wenn es bedeu‐ tet, daß Sie Ihre Freizeit dafür opfern müßten.« Der Hauptgefreite blickte aufmerksam. »Ich höre, Sir. Geht es wieder gegen die Roboter?« Santini verneinte. »Diesmal nicht, Tom. Zum Glück. Folgendes…« Santini brauchte keine Minute, um Tom Strange über sein Vorha‐ ben zu informieren, und er schloß mit den Worten: »Sie werden ver‐ stehen, daß ich nur ungern allein dort hingehen möchte.« »Ich verstehe, Sir. Sie können mit mir rechnen. Allerdings«, er blickte auf seine Begleiter, »würde ich vorschlagen, wir nehmen diese beiden Burschen hier mit. Kann nicht schaden, würde ich mal behaupten. Sind erstklassige Schützen. Übrigens, der mit der ge‐ brochenen Nase ist Gefreiter Mayk, der andere Schütze Wylie.« »Wenn sie mitkommen wollen, gern. Ich kann es ihnen nicht be‐ fehlen, sie unterstehen nicht meinem Kommando.« Tom Strange winkte grinsend ab. »Major, die machen das, was ich
sage.« Er trank einen kräftigen Schluck und stellte dann das Glas mit einem harten Ruck auf die Tischplatte zurück. Aufgrund des Lärms in der Bar hob er kurz die Stimme und sagte zu seinem Kameraden gewandt: »Trinkt aus, Männer. Der Major braucht unsere Hilfe.« Draußen vor der Tür sagte Strange, während sie auf den Gleiter zuliefen: »Wir tragen allerdings nur unsere Handblaster bei uns. Ziemlich wenig Artillerie für das, was sich bei unserem Einsatz entwickeln könnte, oder, Sir?« »Dies läßt sich leicht ändern«, meinte Santini und klopfte mit der flachen Hand auf den Kofferraum seines Fahrzeugs. Dann öffnete er die Heckklappe. Mit den Worten: »Bedienen Sie sich, meine Herren!« trat er zur Seite. Als Ben Mayk die Menge von Waffen im hinteren Teil des Fahr‐ zeugs des Majors entdeckte, pfiff er überrascht durch die Zähne, enthielt sich aber eines Kommentars. Strange hingegen meinte, als er das Arsenal von Multikarabinern, Spreng‐ und Gasgranaten sah: »Sind Sie sicher, daß wir nicht doch in einen Krieg ziehen, Sir?« Der Major meinte leichthin: »Ziemlich, Tom. Ziemlich. Aber man kann ja nie wissen…« Er ließ das Ende des Satzes offen. »Ich verstehe«, griente Strange und bediente sich. Seine Kamera‐ den taten es ihm gleich; in der Bar war das Tragen von schwereren Waffen als dem obligatorischen Dienststrahler untersagt. Schütze Wylie nahm einen der Multikarabiner in die Hand und prüfte dessen Gewichts Verteilung. Die vollautomatische, elektro‐ nisch gesteuerte und mit einer Laserzieleinrichtung versehene All‐ zweckwaffe wog nicht mehr als vier Kilo und besaß eine effektive Reichweite von vierhundert Metern. Das Magazin faßte entweder hundert Schuß mannstoppende Munition oder einhundert panzerb‐ rechende Explosivgeschosse. Die Automatikwaffe verschoß außer‐ dem Blasterfeuer und war umschaltbar auf Lähmstrahlen. Unter dem Lauf war ein halbautomatischer 30‐mm‐Raketenwerfer mit einer Reichweite von dreihundert Metern angeflanscht. »Hm, nur ein Modell 08/56«, meinte er irgendwie enttäuscht.
»Schade.« »Was ist schade?« Tom Strange zog die Augenbrauen zusammen. »Leider kein GEH&K Mark 10/62.« »Den hätten Sie wohl gern, Schütze Wylie.« Santini grinste ver‐ ständnisvoll. »Mit diesem Wunsch stehen Sie nicht allein da.« Der Multikarabiner Mark 10/62 von Garand, Enfield, Heckler & Koch war die neueste Entwicklung der Waffenfabrik und ein Wun‐ derwerk in Mikrotechnik. Die Waffe war umschaltbar auf Dust‐, Nadel‐ und Strich‐Punkt‐Strahl, zusätzlich bot sie 98 Schuß hülsen‐ lose 7,62‐mm‐Patronen im Wechselmagazin und einen 5‐cm‐Raketenwerfer unter dem Hauptlauf. Die einzelnen Optionen konnten manuell über eine kleine Schaltfläche an der rechten Kol‐ benseite eingestellt werden oder auch über Helmfunk, da das System zum Kampfhelm der Raumsoldaten kompatibel war. Der integrierte Mikrorechner macht sogar Vorschläge für die jeweils bestgeeignete Munitionswahl. Die Steuerelektronik saß im Kolben, die Energie‐ versorgung hatte ihren Platz im Pistolengriff hinter dem Abzug. Die Waffe war vom Team Saam entwickelt worden, dem es gelungen war, die Baupläne der großen Strahlenwaffen der Ringraumer ex‐ trem zu verkleinern und trotzdem funktionsfähig zu halten. »Schade«, wiederholte Wylie noch einmal. »Aber nicht zu ändern«, meinte der Major. »Im Augenblick über‐ legt es sich das Oberkommando auf Terra eher zweimal, bevor es eine pro Stück 50.000 Dollar teure Waffe anschafft.« »Aber ich habe gehört, sie wäre schon ausgeliefert?« warf Mayk ein. »Ja, an Spezialeinheiten«, bestätigte Eric Santini. »Seit Januar die‐ sen Jahres gehört sie zur Standardausrüstung der Schwarzen Garde. Aber für das, was wir vorhaben, tut es die Nullacht allemal.« »Natürlich, Sir.« »Dann deckt euch mal ein. Wir müssen los!« Wenig später bog Santini von der Abzweigung auf die ursprüng‐ liche Route zurück und beschleunigte stark. Es waren ziemlich viele
Fahrzeuge unterwegs, überwiegend Militär, aber auch die merk‐ würdigen, pontonähnlichen Fortbewegungsmittel der Grakos. Über Drei begann langsam die Abenddämmerung. Der Himmel im Osten färbte sich noch grauer als sonst, und das Licht begann zu verblassen. Es würde noch eine Stunde hell bleiben, wußte Santini, der sich schon ziemlich lange auf Grah aufhielt, ehe es gänzlich Nacht werden würde. Die Silhouette von Drei veränderte sich; die Bebauung wurde en‐ ger. Ein Sonnenstrahl verirrte sich durch die dichte Bewölkung und brach sich auf den vor Nässe glänzenden Fassaden der Gebäudegi‐ ganten. Auf dem Armaturenbrett des Gleiters begann ein Signal rhyth‐ misch zu blinken. »Unser Ziel. Wir sind gleich da«, machte Santini die drei Soldaten aufmerksam. Die Männer stöpselten sich die miniaturisierten Kopfhörereinhei‐ ten ins Ohr, um im Fall, daß sie getrennt werden würden, Kontakt halten zu können, und überprüften mit raschen, routinierten Bewe‐ gungen die Waffen. Das Ziel kam in Sicht. Ein grakotypisches Wohnquartier von er‐ heblicher Größe inmitten eines Viertels identisch aussehender Ge‐ bäude. Santini brachte den Gleiter auf der dem Eingang gegenüberlie‐ genden Straßenseite zum Halten. Sie stiegen aus. »Wo befindet sich das Objekt Ihrer Nachforschungen?« erkundigte sich Tom Strange und blickte forschend die Straße hinauf und hinab. Seine beiden Kameraden hatten die Multikarabiner in den Armbeu‐ gen und standen etwas nach hinten versetzt links und rechts von Eric Santini und Strange, um freies Schußfeld zu haben – die Standard‐ prozedur bei Einsätzen dieser Art. »Der Adresse zufolge im dritten Stock«, erwiderte Santini und setzte sich über die Straße in Bewegung. »Ich vermute…« Er kam
nicht mehr dazu, seinen Satz zu vollenden. Die Explosion glich einem Vulkanausbruch. Auf den grellen Feuerball folgte im Bruchteil einer Sekunde der Stoß des Explosionsdrucks. Es gelang dem Major gerade noch, die Arme schützend vors Ge‐ sicht zu reißen. Dann fegte ihn eine unsichtbare Hand von den Fü‐ ßen. Er krachte zu Boden und rollte sich zusammen, um sowenig Ang‐ riffsfläche wie möglich zu bieten. Neben sich hörte er die Flüche der Soldaten, die von der Wucht der Explosion ebenfalls zu Boden geschleudert wurden. Dann regneten Mauerbrocken und Bruchstücke von Einrichtungsgegenständen wie Hagelschlag herab und schufen zusätzliche Gefahren. Santini lag wie betäubt auf dem Boden, für Sekunden ohne Orien‐ tierung. Dann weitere Explosionen, schwächer als die erste, die das Ge‐ bäude in seinen Grundfesten erschüttert hatte. Die typischen Ther‐ moreaktionen sterbender Grakos, erkannte Santini, der versuchte, sich aufzurichten. Für einen Moment verwandelte sich die Welt in das schwankende Deck eines vom Sturm geschüttelten Schiffes, von dem er in die Dunkelheit einer Ohnmacht abzurutschen drohte. Mit aller Kraft unterdrückte er diese Anwandlung und schüttelte sich den Druck vom Trommelfell. Seine aufgerissenen Augen sahen, wie lange Feuerzungen aus den Wohnungen rings um den ersten Explosionsort zuckten und in sich zusammenfielen, nur um sich schließlich zu einer einzigen brausenden Feuerwand zu vereinen. Erneute Thermoreaktionen, die wie eine Kettenreaktion von einem Ende des Gebäudes zum anderen liefen. Das absolute Chaos. Die Explosionen hatten alle Fenster nach draußen geblasen. Was noch von den oberen Stockwerken übrig war, brannte lichterloh. Die Straße davor war von Trümmern übersät. Aus den offenen Höhlen der Fenster leckten Feuerzungen.
Santini und die Soldaten standen inzwischen wieder auf den Bei‐ nen. Noch halb betäubt vom Lärm der Explosionen schimpfte Santi‐ ni: »Damit dürfte sich die Spur in Rauch aufgelöst haben.« »Nicht unbedingt, Sir«, antwortete Tom Strange nicht minder lautstark und deutete mit dem Lauf des Karabiners auf eine Tür am Ende des Gebäudes, rechts von ihrem Standort. »Sehen Sie da mal hin, Major!« Die schattenhafte Gestalt eines einzelnen Grakos trat aus dem noch intakten Teil des Gebäudes und entfernte sich vom Ort des Gesche‐ hens, während aus den angrenzen Wohnquartieren zahlreiche In‐ sektoiden ins Freie strömten und alle auf das halbzerstörte Haus zuliefen. Eine wogende Menge, die verborgen hinter den wabernden Hyperfeldern kaum ein einzelnes Individuum preisgab. »Männer, diesen Grako nicht aus den Augen lassen!« befahl Santini kurzerhand. »Tom, ich habe so das Gefühl, als hätten wir wieder eine Spur. Los, in den Gleiter! Wir folgen ihm.« Er drehte sich zum Gleiter um. »Mist!« entfuhr es ihm. »Sie sagen es, Major«, bekräftigte Tom Strange und schürzte die Lippen. Santinis Ausspruch hatte seine Berechtigung: Der Gleiter war nur noch Schrott. Mehrere große Mauertrümmer hatten sich ihn als Ziel auserkoren und mit Brachialgewalt demoliert; die Fahrbereitschaft würde der Liste der von Santini zerstörten und zu Bruch geflogenen Gleiter einen weiteren Minuspunkt hinzufügen. Eric trat mit einem Fluch gegen die Seitenverkleidung. »Mist!« wiederholte er mit Inbrunst. »Zurück zum Hauptquartier?« fragte Strange. »Vielleicht wäre es das klügste«, meldete sich Mayk, der mit ge‐ lassener Miene das Inferno vor ihren Augen betrachtete und dabei einen Kaugummi im Mund wälzte. Sein Kompagnon Wy‐lie enthielt sich eines Kommentars über den Vorfall. »Nichts da«, wehrte Santini scharf ab. »Wir folgen ihm wie vorge‐
sehen.« »Und wie?« »Zu Fuß natürlich. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Ich will die Spur nicht verlieren.« »Dann eben zu Fuß hinterher, wenn es denn sein muß«, entgegnete Strange lakonisch. Sie setzten sich in Bewegung, folgten der verwaschenen Gestalt des Grako, die sich in Richtung des Zentrums von Drei absetzte, hinein in jene Bezirke, in denen es so gut wie keine terranischen Einrich‐ tungen gab. Währenddessen wurde es hinter ihnen laut; Hilfskräfte und örtli‐ che Brandschützer näherten sich dem Explosionsherd. Flugfähige Löschroboter senkten sich aus dem Himmel, ausgeschickt von der Notfallzentrale des nahen Raumhafens, und begannen damit, ihre Schaumladungen zu versprühen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Terraner schon eine beträchtliche Strecke zurückgelegt. Begünstigt von der sich nähernden Dunkelheit folgten sie unauffällig dem Grako, von dem Santini annahm, daß es sich um den ehemaligen Delta‐Krieger 4457 und jetzigen Ausbilder handelte, der seinen Artgenossen technisches Wissen beizubringen suchte. Je länger sie dem Grako‐Schatten auf den Fersen waren, um so si‐ cherer wurde Santini, dem richtigen zu folgen. Obwohl er keine de‐ finitive Bestätigung für seine Vermutung hatte, sprach die ganze Art, wie der Grako sich bewegte, dafür, es mit einem »Profi« zu tun zu haben. Während des Laufens beschäftigte sich Santini mit der augenblick‐ lichen Situation auf Grah, die längst nicht so stabil war, wie man es erwartet hatte. Zwar hatten die Gordo wieder die Regierungsgewalt inne, aber dennoch waren viele Grakos nicht bereit, die neue Ordnung auch anzuerkennen. Grakos. Gordo.
Zwei Seiten einer Medaille. Einer Medaille, die fleckig geworden war. Sie jetzt wieder auf Hochglanz zu bringen war die Aufgabe der Terraner. Wie es aussah, mußte noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.
3. Wie eine Gruppe jagender Raubtiere blieben die vier Terraner dem Grako auf den Fersen. Geschickt die tiefen Schlagschatten unter den breitblättrigen Bäumen ausnützend, rückten sie etwas auf, um ihre Beute ja nicht aus den Augen zu verlieren. Sie sprachen kaum, und wenn, dann nur über die Kopfhörereinheit und im Flüsterton. Wie Verschwörer in einem machiavellischen Theaterstück ver‐ folgten sie den Grako in seinem Schattenfeld und waren selbst zu Schatten geworden. Düstere Schatten in einer düsteren Welt. Die von der Vergangenheit geprägte Grako‐Architektur wirkte im Dämmerlicht der anbrechenden Nacht alptraumhaft, unwirklich und erdrückend. Nirgends die spielerische Leichtigkeit moderner Archi‐ tektur. Alles war wuchtig, roh aus dem Stein gehauen, wirkte ir‐ gendwie unfertig und farblos. Die dominierende Farbgebung war grau. Grauschwarz die Gebäude. Graugrün der dichte Pflanzenbewuchs zwischen den Gebäuden und auf Terrassen hoch oben an den Mauern. Auf den von Vegetationsgürteln voneinander getrennten Straßen herrschte kaum Verkehr. Obwohl keinerlei Ausgangssperre herrschte, schienen sich die meisten Bewohner von Drei zu Beginn der Nachtperiode in ihre Behausungen zurückzuziehen. Dennoch war die Stadt nicht ausgestorben. Aber ein quirlendes, überschäumendes urbanes Leben, wie es in Terras Städten zu finden war, suchte man hier vergeblich. Zumin‐ dest hatte Santini noch keines entdeckt. Es konnte ja durchaus sein, daß man es auf Grah tief in den unterirdischen Tunneln und Kaver‐ nen feierte. Warum nicht? Insektoides Leben spielte sich meist unter
der Oberfläche ab – zumindest auf der Erde. Die Insektoiden von Grah waren hervorragende Nachtseher, wes‐ halb sie in ihrer düsteren Welt auch bei Dunkelheit zurechtkamen, wie Santini von seiner Arbeit her wußte. Die Straßenbeleuchtung war dementsprechend sporadisch; nur in sehr weiten Abständen waren Leuchtelemente zu finden. Die einzige künstliche Lichtquelle, die die Nacht fast zum Tage machte, befand sich hinter ihnen: der Lichtdom über dem Raumha‐ fen. Während Santini sich bei der Verfolgung von nichts ablenken ließ, beobachteten Tom Strange und seine Kameraden die schattenhaften Grakos, die unterwegs waren, voller Argwohn und Vorsicht. Zwischen den Wolken grummelte es; vereinzelt zuckten Blitze. Die ersten Anzeichen eines für Grah zum Alltag gehörenden Wolkenbruchs waren nicht mehr zu ignorieren. Dennoch kühlte es nicht ab; jede Bewegung in dem feuchtheißen Dschungelklima wurde zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Den Männern klebten die Uniformkombination am Körper. Zum Glück entlud sich das Gewitter in einiger Entfernung; dort gingen die wolkenbruchartigen Regengüsse nieder, während es bei den vier Terranern nur »normal« zu regnen begann. Binnen wenigen Sekunden waren sie bis auf die Haut durchnäßt. »Wird Zeit, daß wir ins Trockene kommen«, machte Gefreiter Wy‐ lie seinem Unmut Luft. »Ich hasse Regen. Regen am Morgen, am Mittag, am Abend und auch in der Nacht. Als Amphibie würde ich mich ja wohlfühlen. Aber so…« »Geht mir nicht anders«, versicherte Mayk und schüttelte sich os‐ tentativ. »Ich bin schon soweit, daß ich morgens vor dem Spiegel nachsehe, ob mir nicht Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen gewachsen sind.« Eric Santini zog eine Grimasse, die den anderen infolge der Dun‐ kelheit verborgen blieb, und zog das Tempo etwas an, um den Ver‐ folgten nicht aus den Augen zu verlieren. »Wo will er hin, Sir?«
murmelte Stranges Stimme in Santinis Ohr. Der Major konsultierte die Anzeigen seines mobilen Spürgerätes, das einen Lageplan von Drei mit den wichtigsten Straßen und Ge‐ bäuden enthielt, erstellt von Experten des terranischen Zentral‐ kommandos. »Ich kenne das Ziel unseres Freundes«, ließ er seine Begleiter dann wissen. »Und um welches handelt es sich, Sir?« »Um die örtliche Verwaltung.« Santinis Annahme sollte sich als zutreffend erweisen. Vor ihnen tauchte nur wenige Minuten später ein großer Komplex aus der Dunkelheit auf, der sich nicht nur durch seine Ausmaße von den umliegenden Gebäuden unterschied, sondern auch dadurch, daß er durch versteckt angebrachte Scheinwerfer fast üppig ange‐ leuchtet wurde. Der Komplex war extrem hoch und wies einen Grundriß von 800 mal 800 Metern auf. In dem Verwaltungsriesen, das wußte Santini, arbeiteten keine terranischen Mitarbeiter der Mi‐ litärverwaltung, sondern ausschließlich Grakos. Terra war nicht in der Lage, genügend Personal abzustellen, um Grah vollständig zu kontrollieren, weshalb man alles, was möglich war, von den Grakos selbst verwalten und überwachen ließ. Der Verfolgte verschwand in Innern. »Wollen doch mal sehen, was er darin zu suchen hat«, sagte Santi‐ ni. »Gehen wir ihm nach. Ich möchte zu gern in Erfahrung bringen, weshalb er dieses Feuerwerk in seinem Wohnquartier veranstaltet hat.« »Vermutlich um etwas zu vernichten, das niemand sonst in die Hände bekommen sollte«, war Mayk überzeugt, der nervös seine Finger knetete. Der bergähnliche Komplex so dicht vor ihm schien ihm Unbehagen zu bereiten. »Und dafür jagt er das Haus in die Luft und nimmt den Tod vieler seiner Artgenossen in Kauf?« Tom Strange schüttelte zweifelnd den Kopf. »Insektoides Verhalten. Das Wohl der einzelnen zählt in der Den‐
kart der Grakos wenig, wenn es gilt, ein bestimmtes Ziel zu errei‐ chen«, erklärte der Major. »Aber wir sind nicht hier, um zu disku‐ tieren. Vorwärts, Männer! Machen wir uns ein Bild.« Hinter dem kathedralenartigen Haupteingang öffnete sich eine riesige Halle, die über mehrere Etagen reichte. Im Hintergrund führten breite Stufen auf eine Galerie, über der noch weitere lagen. Neben der Treppe eine Anordnung von Antigravliftröhren. Die Halle war grakotypisch nur düster beleuchtet. Eine von Grakos be‐ setzte Eingangskontrolle stoppte den Vorwärtsdrang der Terraner zunächst. Santini trat vor die Barriere. Einer der Wächter, sicher ein ehema‐ liger Kappa‐Krieger, begrüßte ihn mit einem Schwall von Klicklau‐ ten. »Seien Sie gegrüßt, Major Santini«, übersetzte Santinis Translator die Klicklaute des Grako. »Ihr Erscheinen ist eine Ehre für uns. Was kann ich für Sie tun, Major?« Daß er den Terraner mit Rang und Namen ansprach, war nichts Ungewöhnliches. Eric Santini war mittlerweile unter der planetaren Bevölkerung eine weithin bekannte Persönlichkeit, seit er sich um das Wohlergehen der wenigen noch lebenden geschlechtsreifen Gordo verdient gemacht hatte. Santini atmete innerlich auf. Er hatte mit erheblich mehr Wider‐ stand gerechnet. Seit Ende des Grako‐Krieges herrschte zwar Frie‐ den, aber es war ein sehr brüchiger. Obwohl die rechtmäßigen Her‐ ren, die Gordo, die Regierungsgewalt wieder innehatten – unters‐ tützt von Terra –, gab es noch immer viel zu viele Grakos, die die neue Ordnung ablehnten und insgeheim auf einen Umsturz hinar‐ beiteten. »Vor wenigen Zeitabschnitten hat ein Delta‐Krieger die Halle be‐ treten. Wo ist er hin?« »Wir haben ihn registriert. Vermutlich ist er in den gesperrten Be‐ reich gegangen, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist«, er‐ hielt er bereitwillig Auskunft.
»Und wie gelangen wir dorthin?« »Wenn Sie dem Hauptkorridor folgen, können Sie ihn nicht ver‐ fehlen«, kam die Übersetzung des Translators. »Dann wollen wir das mal tun«, sagte Santini und setzte sich in Bewegung. Er ließ die Energiebarriere keinen Moment aus den Au‐ gen, die sich hinter der Eingangskontrolle quer durch die Halle ers‐ treckte, und betete, daß die automatisch sich erneuernde Sicher‐ heitscodierung in seiner Hundemarke, die ihn als Berechtigten für das Betreten von öffentlichen Gebäuden auf Grah auswies, nicht durch irgendeinen fiesen Trick außer Funktion gesetzt worden war. Energievorhänge konnten mitunter sehr tückisch auf unberechtigte Besucher reagieren, auch wenn sie niemandem ernsthaft Schaden zuzufügen imstande waren – solange sie nicht manipuliert waren, wie es im Guerillakrieg zwischen Terranern und Grakos auch schon vorgekommen war. Aber der Vorhang ließ ihn und seine Männer unbehelligt passie‐ ren. Tom Strange und seine Kameraden schienen sich mit den gleichen Gedanken getragen zu haben. Santini konnte die Erleichterung auf den angespannten Gesichtern der Männer sehen, als nichts geschah. Der Hauptkorridor durchschnitt das düstere Riesengebäude wie eine Schlucht. Er war so hoch, daß man den Eindruck bekam, er würde sich nach oben hin verjüngen. Anfänglich trafen sie noch auf einige Grakos, die unbekannten Tä‐ tigkeiten nachgingen. Doch dann wurden diese immer weniger. Schließlich waren sie allein unterwegs. »Hört ihr das auch?« fragte Mayk. »Was sollen wir hören?« antwortete Schütze Wylie und schüttelte den Kopf. Übertrieben legte er die Hand hinter das Ohr. »Es ist nichts zu hören.« Auch Santini fiel die Grabesstille auf. Keine Grakos mehr. Keine Geräusche. Die Eingangshalle war bei den schwachen Lichtverhält‐ nissen längst nicht mehr zu sehen. Leuchtplatten hoch oben an den
Wänden schufen gerade mal genug Helligkeit, daß sie vielleicht hundert Schritte weit in beide Richtungen sehen konnten. »Das ist es ja, was ich meine«, machte ihn der Gefreiter aufmerk‐ sam. »Was ist los?« Strange sah seine Kameraden fragend an. »Es ist zu still«, betonte Mayk. Er nahm seinen Multikarabiner von der Schulter und entsicherte ihn. Das metallische Klicken hallte ver‐ zerrt von den Wänden wider und erschien unnatürlich laut. »Irgend etwas stimmt hier nicht!« behauptete Wylie, ebenfalls sei‐ ne Waffe entsichernd. »Oder was meinen Sie, Sir?« Santini nickte. »Es kann nicht schaden, wenn wir vorbereitet sind«, antwortete er und entriegelte die Magnethalterung seines Nadel‐ strahlers. Mit geschärfter Aufmerksamkeit setzten sie ihren Weg fort. Der Korridor erweiterte sich vor ihnen zu einer Art Knotenpunkt, von dem aus sternförmig andere Gänge abgingen, auch in die Höhe. Santini wußte, daß es sich dabei um A‐Gravschächte handelte. Die Fortsetzung des Korridors auf der anderen Seite des Knoten‐ punktes wurde von einem Grako bewacht. Der heuschreckenartige Körper war nur undeutlich hinter seinem Schattenfeld zu sehen. Die Platte des Tisches, hinter dem er saß, emittierte fahles Licht wie das ferne Echo eines Wetterleuchtens – das Grako‐Äquivalent einer terranischen Bildschirmkonsole. Santini war vertraut damit. Mist! Der Major schürzte die Lippen. Eine Wache an dieser Stelle hieß möglicherweise Ärger, wies aber auch darauf hin, daß hier etwas zu finden war, was nicht jeder sehen sollte. Waren sie auf der richtigen Spur? Die Aufgabe des Wächters war klar: jeden abweisen, der nicht die entsprechende Befugnis vorzeigen konnte. Er ließ eine Reihe der charakteristischen Knacklaute hören, die für die Sprache der Grakos so kennzeichnend waren. Die Translatoren der Terraner übersetzten sie: »Ich bedaure, ich kann Sie nicht durchlassen«, äußerte der Grako.
»Hier beginnt der gesperrte Bereich. Sie haben keine Berechtigung, ihn zu betreten, wie ich sehe.« Vermutlich kontrollierte er seinen Monitor, obwohl das hinter dem Dunkelfeld nicht klar ersichtlich war. »So, haben wir die nicht?« »Nein.« Der Major nickte leicht über die Schulter. Strange und die anderen beiden Raumsoldaten hoben ihre Waffen. Die Mündungen zielten auf den Grako. Das Hyperfeld geriet in Bewegung. Santini wartete genau fünf Sekunden, dann fragte er: »Ist das Be‐ rechtigung genug?« Die Knacklaute des Heuschreckenartigen überschlugen sich fast; die Translatoren der Terraner machten erst gar nicht den Versuch, das Stakkato des Pförtners zu übersetzen, nur die letzten Laute machten sie vernehmbar: »… ich beuge mich der terranischen Ge‐ walt. Gehen Sie schon…« Er öffnete die Energie‐Sperre. »Danke für die herzliche Einladung«, knurrte Tom Strange an Santinis Stelle, der sich mit einem flüchtigen Lächeln an die Spitze setzte, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Hätte er es getan, hätte er gesehen, wie der Grako, kaum daß er sich unbeobachtet wähnte, über seine Konsole mit jemandem in Verbindung trat. * »Achtung! Ich glaube, da vorne ist was!« zischte Strange, der die Spitze übernommen hatte, und bedeutete den anderen mit einer Handbewegung, langsamer zu gehen. Die Stille war einem unbestimmten Geräusch gewichen, das gerade so an der Schwelle zum Hörbaren lag. Irgendwo liefen Maschinen oder Geräte. Sehr vorsichtig gingen sie weiter.
Der inzwischen sehr breit gewordene Korridor endete weiter vorne an einer zweiflügeligen Tür. Die Geräusche kamen aus dieser Rich‐ tung. Mit angespannten Sinnen näherten sie sich. Als sie die Tür erreicht hatten, hob Santini die Hand und gebot Halt. Für Sekunden empfand er jenes sonderbare Gefühl, das ihn immer vor einer sich abzeich‐ nenden Gefahr überkam. Dann überwog das Adrenalin und fegte jede Beklemmung hinweg. »Tom, auf drei«, sagte er verhalten. Seine Stimme war nur in den Kopfhörereinheiten der Soldaten zu vernehmen. Er nahm Augenkontakt mit den Männern auf; sie nickten ihre Be‐ reitschaft. »… drei!« Tom Strange stieß die Doppelflügel mit einem kräftigen Fußtritt auf – und Santini sah, was er bisher nur gespürt hatte: Sie waren da. Erwarteten die Terraner schon. Es waren vier Roboter der »Funktionsgemeinschaft« in ihren be‐ kannt vielfältigen Erscheinungsformen. Die Terraner hatten die Er‐ fahrung gemacht, daß keine Kampfmaschine des Robotervolkes der anderen glich. Stets boten alle den Anblick, als seien ihre Einzelteile von den Schrottplätzen der Galaxis zusammengeklaubt und nach einem Zufallsprinzip von einem irren Mechaniker willkürlich zu‐ sammengeschraubt worden. Auch die, die sich Santini und seinen Männern in den Weg stellten, waren sinnverwirrende Mechanismen, unglaublich bizarre Robo‐ terkonstruktionen von etwa zwei Metern Größe, die zu beschreiben den Männern die Worte und die Zeit fehlten. Vor allem letzteres, denn eine Gemeinsamkeit war doch zu erkennen: Alle Maschinen waren mit den verbotenen Schwarzstrahlern ausgestattet. Und als sie ihre vielgelenkigen Arme hoben und in Richtung der Männer aus‐ streckten, erkannten diese, daß sie in allergrößter Gefahr schwebten. »Jesus!« knurrte Strange und riß den Karabiner hoch, während er mit dem Daumen die Energieleistung des integrierten Blasters auf
höchste Intensität schaltete. »Machen die Grakos jetzt schon ge‐ meinsame Sache mit dem Feind?« Er feuerte, noch ehe der erste Roboter seine Schwarzstrahlen ver‐ schießen konnte. »Bleib mir bloß von der Pelle«, zischte Gefreiter Mayk in Richtung der Maschine, die sich merkwürdig schaukelnd auf ihn zubewegte. Wylie verlor kein Wort, sondern reagierte automatisch. Seine Waffe schickte eine Kette hell glühender Strahlen in Richtung der Roboter. Explosionsgeschosse zu verschießen, was die effektivere Methode gewesen wäre, verbot sich in dem relativ kleinen Raum von selbst. Die Männer hätten sich womöglich selbst in Gefahr gebracht; sie trugen keine gepanzerten Kampfanzüge, sondern nur die nor‐ malen Kombinationen der TF. Das Energiefeuer traf die anvisierten Mechanischen, fraß sich durch deren aufflackernde Prallschirme und bohrte sich durch die Metallhaut ins Innere. Es zischte und knallte. Funken sprühten. Der erste Roboter brach auseinander und war gleich darauf nur noch ein glühender Haufen Schrott auf dem Boden. Auch Mayk hatte sich sein Ziel ausgeguckt und schoß, was das Energiemagazin hergab. Die Roboter kamen nicht dazu, ihre Schwarzstrahler abzufeuern. Santinis Nadelstrahler erledigte den vierten der metallenen Gegner nur Sekundenbruchteile später. »Das war aber leicht«, wunderte sich Tom Strange und kontrol‐ lierte methodisch die Anzeige seiner Energieladung. »Ich bin über‐ rascht!« Mayk nickte. »Nicht nur du.« Wylie kicherte hohl. »Sicher waren sie von unserem Anblick so überwältigt, daß sie vergaßen, sich zu wehren. Was soll’s? Glück für uns.« Santinis Miene war sehr nachdenklich geworden. Entgegen ihrer sonstigen Schnelligkeit im Kampf waren diese Roboter in der Tat nicht sonderlich gefährlich gewesen.
Ob sie mit verminderter Leistung arbeiteten? Oder wurden sie nicht über einen intelligenten Großrechner ge‐ steuert wie üblich, sondern möglicherweise von einem untergeord‐ neten Grako‐Rechner, der mit der Anpassung nicht zurechtkam? Es war müßig, darüber nachzudenken. Fakt war: Sie waren außer Gefecht gesetzt. Santinis Blicke sondierten den Raum; die glühenden Überreste der Roboter verströmten einen stechenden Geruch nach verdampftem Metall und anderen gasförmigen Substanzen. Der Delta‐Krieger war nirgends zu sehen. Ihm galt eigentlich ihr Interesse. Ihm und dem, was ihn dazu be‐ wogen hatte, das Wohnhaus in die Luft zu jagen, in dem er seine Bleibe hatte. Am Ende des Raumes befand sich eine weitere Tür. Strange blickte Santini an. Der nickte, hob die Hand und bewegte sie schnell ein paarmal in Richtung des Ausgangs. Sie liefen hindurch, die Waffen im Anschlag. Sie standen wieder in einem Gang. »Das wird ja langsam langweilig«, knurrte Ben Mayk. »Quatsch keine Opern!« wurde ihm von Strange bedeutet. »Wei‐ ter!« Der Korridor war nur kurz. Mit den Karabinern im Anschlag, nach links und rechts versetzt hintereinander gehend, bewegten sie sich schnell in Richtung der Doppeltür an seinem Ende. Mayk holte Luft. »Wenn du jetzt wieder mit einem ›langweilig‹ kommst«, knurrte Tom Strange, »kriegst du einen Tritt.« »Bin ja schon ruhig. Man wird ja noch mal atmen dürfen«, räso‐ nierte der Gefreite. »Dann atme gefälligst leise…« »Schluß mit der Unterhaltung!« Santinis Stimme war nicht laut, transportierte aber einen Unterton, der die Soldaten zum Verstum‐ men brachte.
Sie erreichten den Zugang. Strange drückte vorsichtig dagegen. Die Tür rührte sich nicht. Er zog die Stirn in Falten und nestelte ein Handspürgerät aus der Brusttasche seiner Kombi. Es gegen die Tür haltend, bewegte er es langsam hin und her, während er die Anzei‐ gen beobachtete. »Sperrkreise?« »Drei«, bestätigte der Hauptgefreite Santinis Frage. »Nichts Me‐ chanisches. Elektronisches System.« »Mist, wir haben den Code nicht«, machte Santini seinem Unmut Luft. Strange sah Santini an. Ein Grinsen spielte um seinen Mund. »Ich weiß, wie man sie ausschaltet.« »Worauf warten Sie dann noch?« Strange veränderte den Fokus des Blasters an seinem Karabiner. Ein bleistiftdünner Strahl zerschmolz Schloß und Riegel. Metall begann zu fließen. »Ist offen«, behauptete er. »Wo rohe Kräfte…« Ein kurzes Räuspern des Major versiegelte seine Lippen. Strange legte die Hände flach gegen das Metall. »Bereit?« Santini sagte: »Jetzt!« Strange stemmte sich gegen die Fläche. Sie schwang so leicht auf, daß er fast gestolpert wäre. Sie drangen ein, verteilten sich links und rechts an den Wänden, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Es geschah so schnell, daß sie unbehelligt blieben. Vor ihnen lag ein Kontrollraum, ein Labor möglicherweise, strahlendhell erleuchtet. Santini erkannte geschwungene Konsolen, Tasterpulte, Schalt‐ kreisanalysatoren, Reihen von flachen Bildschirmen. Nein, berichtigte er seine erste Annahme, kein Labor. Es handelte sich um eine Sendezentrale, von der Nachrichten gesendet und
empfangen werden konnten. Sie hatten eine der illegalen konspirativen Zellen vor Augen, deren Vorhandensein zwar als gesichert galt, die aber nur sehr, sehr schwer aufzuspüren waren. Vermutlich war dies sogar ein Kommando‐ zentrum, von dem aus die Einsätze der Terroristen koordiniert wurden. Das alles registrierten die Männer nur am Rande. Ihre Aufmerk‐ samkeit wurde voll und ganz von dem in Anspruch genommen, was sich im Raum aufhielt: Grakos und Roboter. Und die taten etwas, das allgemein üblich war, wenn eine derartige Zelle enttarnt wurde: Die Schatten und die Handlungsroboter vernichteten alle verwertbaren Spuren. Santini, der sich mit der Technologie der Grakos auskannte, sah, daß die Rebellen gerade damit fertig sein mußten, die letzten Dateien in den Computern zu löschen. Ein Bildschirm nach dem anderen verlor seine Anzeigen und er‐ losch. Als die Terraner so plötzlich im Raum standen, zeigten die Grakos nur zögernd Reaktionen. Sie waren von dem Auftauchen der Solda‐ ten überrascht, offenbar hatten sie angenommen, die vier Roboter im Vorraum würden die ungebetenen Besucher aufhalten. Jetzt mußten sie sich eines Besseren belehren lassen. Was dann geschah, konnte man nur als eine konzertierte Ret‐ tungsaktion bezeichnen. Die Roboter verteilten sich so geschickt im Raum, daß sie den Grakos Schutz boten, die dabei waren zu fliehen. Eine Schattengestalt nach der anderen verschwand durch eine Öff‐ nung im Hintergrund, die offensichtlich ins Freie führte. »Laßt sie nicht entwischen, Männer!« schrie Santini wütend. »Schießt euch den Weg frei, wir müssen wenigsten einen der Schat‐ ten in unsere Gewalt bringen! Ich brauche Informationen!« Santini und Tom Strange hatten sich eine der Konsolen als De‐ ckung ausgesucht und feuerten in deren Schutz auf die Roboter. Der erste zerplatzte bereits unter den Energieschüssen aus der Waffe des
Hauptgefreiten; ein anderer wurde von dem Nadelstrahl aus Santi‐ nis Handfeuerwaffe in zwei Teile geschnitten. Jetzt feuerten die Roboter zurück. Schwarzstrahlen und Blaster‐ schüsse zischten durch den Raum, fanden jedoch kein Ziel. Wieder beschlich Santini ein merkwürdiges Gefühl: Die gefürch‐ teten Kampfmaschinen agierten, als würden sie von irgend etwas in ihren Aktionen gebremst. Tom Strange gab eine Serie von Schüssen mit geradezu unglaub‐ licher Präzision ab. Vier, fünf kleinere Detonationen sorgten für ei‐ nen ohrenbetäubenden Lärm. Metallteile flogen wie Geschosse durch die Luft, prallten mit voller Wucht gegen die Einrichtung. Mit gezielten Feuerstößen brachten Gefreiter Mayk und sein Ka‐ merad Wylie zwei weitere Roboter zur Explosion. Einer versuchte seitlich an die Terraner heranzukommen. Tom Strange sah die Gefahr, war aber mit einem neuen Angreifer be‐ schäftigt. »Achtung, Wylie!« rief er, während er schoß. »Rechts von dir!« Der hatte die Gefahr schon erkannt. Wie auf dem Schießstand legte er den Karabiner an, schrie: »Achtung! Kopf einziehen!« und ver‐ schoß zwei Explosivprojektile. Im nächsten Moment ging die Ma‐ schine hoch und zerplatzte in Fragmente. Glühende Metallteile wurden wie Geschosse durch den Raum geschleudert und fuhren krachend in die Wände. Rauch und Qualm stiegen auf. Plötzlich taten die verbliebenen Roboter etwas völlig Unerwartetes: Sie zogen sich zurück und folgten den Grakos, die bereits ins Freie geflüchtet waren. »Ihnen nach, Männer!« befahl Santini und verließ seine Deckung. Er lief auf die Tür zu – und stand plötzlich im Freien. Zumindest hatte es den Anschein. Erst Sekunden später erkannte der Major, daß es sich um den Innenhof des Gebäudekomplexes handelte, der wie ein riesiger Brunnenschacht wirkte. Unter der Lichtglocke einer Scheinwerferbatterie konnte Santini das Beiboot eines Großraumschiffes des Robotervolkes sehen. Das
seitliche Schott stand offen, die letzten Grakos enterten gerade das kleine Schiff, gefolgt von den übriggebliebenen Robotern. »Sie wollen sich absetzen, Sir!« rief Tom Strange wütend. »Wie finde ich denn das!« Santini stieß ein Knurren aus. Er hob den Nadelstrahler, hielt ihn in beiden Händen und visierte die Antriebssektion des Beibootes an. Er hatte nicht vor, den Flie‐ henden die Chance zu geben, sich aus dem Staub zu machen. Dann drückte er ab. Obwohl der pinkfarbene Strahl über‐ licht‐schnell war, hatte er etwas zu lange gewartet. In Nanosekunden baute sich vor dem Auftreffen des Nadelstrahls eine gitterartige Struktur um das Beiboot auf; das Schiff hatte seinen Karoschirm gerade noch rechtzeitig aktiviert, die Energie der Waffe verpuffte wirkungslos. Während Santini zu fluchen begann, hob das Beiboot ab, stieg ste‐ tig beschleunigend durch den kaminartigen Schacht des Innenhofs empor und verschwand mit extrem hoher Fahrt im nächtlichen Himmel. Santini verlor keine Sekunde. Über sein Armbandvipho stellte er Kontakt mit der terranischen Raumüberwachung auf Grah her, da‐ mit deren extrem starke Taster den Kurs des Beibootes aufzeichnen konnten. Es war vergebliche Mühe. Wie ihn der verantwortliche Offizier aus der Raumüberwachungszentrale informierte, konnte das Boot auf keinem Tasterschirm geortet werden. Offenbar verfügte es neben seinem Karoschirm noch über einen extrem effektiven Tarnschutz. »Das war wohl ein Schlag ins Wasser, Sir. Oder?« Tom Strange hatte sein Gesicht nach oben gereckt und starrte aus dem gewaltigen Schacht hinauf in den Nachthimmel Grahs, als er die Worte sprach. Jetzt senkte er den Kopf und blickte den Major an. Die Flutlichtanlage warf ihr kalkiges Licht in den Innenhof, und die Männer warfen lange Schlagschatten. »Das könnte man so sagen«, bestätigte Eric Santini, und seinen
Zügen war nicht zu entnehmen, welche fürchterliche Laune er hatte. Er hatte schon jetzt Pershings Gesicht vor seinem inneren Auge, wenn er ihn darüber informieren mußte, daß die ganze Aktion er‐ gebnislos verlaufen war. Er straffte seine Gestalt. »Gehen wir zurück.« »Wieder zu Fuß, Sir?« »Gibt es eine andere Möglichkeit? Mein Gleiter ist im Eimer, wie Sie wissen, Tom. Und daß mir die Fahrbereitschaft auf die Schnelle einen Ersatz schickt, wage ich zu bezweifeln. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß man mich nicht besonders mag im Hauptquartier.« »Hm, der Besitzer der Bar, in der Sie uns aufgegabelt haben, un‐ terhält auch einen Taxidienst für nicht mehr ganz fahrtüchtige Sol‐ daten. Sein Fahrer könnte in zehn Minuten hier sein.« »Worauf warten Sie dann noch, Hauptgefreiter?« gab Santini ihm zu verstehen. »Rufen Sie uns ein Taxi! Ich schaue mich inzwischen drinnen ein wenig um. Vielleicht waren sie ja nicht besonders gründlich, und ich stoße auf etwas.« »Aye, Sir«, Strange grinste, während er sein Armbandvipho an die Lippen hob. Santini ging zurück in die Rebellenzentrale, Mayk und Wylie schlossen sich ihm an. Es hatte erneut zu regnen begonnen, und sie zogen es vor, ins Trockene zu kommen. Die Überbleibsel der außer Gefecht gesetzten Kampfmaschinen des »Volkes« glimmten und dampften noch immer. »Mein Gott, was für ein Durcheinander«, sagte Ben Mayk ange‐ widert und schob mit dem Stiefel die herumliegenden Reste der Roboter zur Seite. »Stimmt«, sagte der an sich mundfaule Wylie und wuchs über sich hinaus. »Hier müßte mal aufgeräumt werden.« Dann verstummte er wieder. Santini inspizierte per Augenschein die Rechner der Grakos, die in ihrer Leistungsfähigkeit fast an terranische Hyperkalkulatoren he‐ rankamen. Auf Hinweise zu stoßen, die eventuell übersehen worden
waren, erwies sich schnell als illusorisch. Santini hatte auch nicht wirklich damit gerechnet. Der letzte fliehende Grako hatte sozusa‐ gen das ›Licht ausgeknipst‹. Das Durcheinander von technischen Geräten, mit Kabeln und Lichtleitungen zu einem Nexus verknüpft und verschaltet, war ohne jedes Quentchen Energie. Es zum Leben zu erwecken und nach übriggebliebenen und verwertbaren Daten‐ krümeln zu fahnden, würde vermutlich Wochen und eine Reihe von Spezialisten beanspruchen. Wahrscheinlicher war allerdings, daß die Regierung von Grah sich selbst darum zu kümmern gedachte. Für ihn war da nichts zu machen. Tom Strange kam von draußen herein. »Geht klar«, sagte er aufgeräumt. »Das Taxi ist unterwegs.« Der Weg zurück zur Eingangshalle gestaltete sich problemlos. Santini gab dem verantwortlichen Wächter in der Lobby zu ver‐ stehen, daß er sich am nächsten Tag mit der Gordo‐Regierung in Verbindung setzen würde, um entweder Nachtflug, Wipfelstürmer oder Donnergroll von den Vorgängen in der örtlichen Verwaltung zu unterrichten. Wenig später standen sie draußen auf den obersten Eingangsstufen des gewaltigen Gebäudes. Als der mit einer Reihe von Dachlichtern aufgemotzte Taxigleiter in die Einfahrt kurvte und schwungvoll am Treppenaufgang vor‐ fuhr, wandte sich Santini an Strange: »Sagen Sie, Tom«, begann er, während sie die Stufen hinunterliefen, »gilt Ihre Einladung noch?« Der Hauptgefreite stutzte nur einen Moment, dann sagte er: »Na‐ türlich, Sir. Wir haben ja dienstfrei, Major.« Wie selbstverständlich bezog er Mayk und Wylie mit ein. »Fein. Aber ich bezahle. Einverstanden?« »Ich habe nichts anderes erwartet, Sir«, behauptete Strange kühn. Zum erstenmal an diesem langen Tag, der noch nicht zu Ende war, lachte Santini. *
Pershings Büro war unverändert, seit Major Santini zum letzten‐ mal dort gesessen und sich die Vorhaltungen des Generalobersts hatte gefallen lassen müssen. Pershing selbst stand mit dem Rücken zu Santini vor dem hohen Bogenfenster und starrte hinaus, steif wie ein Stock und mit auf dem Rücken verschränkten Armen. Santini hatte seinen Bericht abgeliefert und den Generaloberst über die Ereignisse der vergangenen Nacht unterrichtet; das anschlie‐ ßende recht heftige Trinkgelage mit Tom Strange und dessen Ka‐ meraden in der Bar am Raumhafen unterschlug er tunlichst. Santini wartete. Er hatte ein paar Stunden geschlafen, ausgiebig geduscht, frische Wäsche und eine saubere Uniform angezogen und war danach zum Rapport bei seinem Vorgesetzten erschienen. Der schwieg noch immer. Schließlich drehte er sich um, kehrte zu seinem Schreibtisch zu‐ rück, setzte sich und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Schön«, sagte er plötzlich. »Sie hatten also keinen Erfolg.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Nein, Sir. Man war mir immer einen Schritt voraus. Ich konnte machen, was ich wollte. Ich frage mich, weshalb das so ist?« »Nun, viel haben Sie ja nicht gemacht«, wich Pershing aus, und ein leicht höhnischer Zug lag auf seinem Gesicht, »außer daß Sie wieder einmal wie die sprichwörtliche Axt im Walde gehaust haben.« Santini gab auf diesen unverblümt vorgebrachten Vorwurf keine Antwort. Er starrte auf einen imaginären Fleck hinter Pershings Kopf. Normalerweise war es schwer, ohne Kampfeinsatz oder zumindest Dienst auf einer Außenwelt die Karriereleiter emporzusteigen. San‐ tini, der sich trotz der Tatsache, daß seine Tante Carlotta an expo‐ nierter Stelle des Stabes Dienst tat, seine Karriere ohne Protektion auf die harte Art unter Einsatz seines Lebens erarbeitet hatte, konnte
Etappenhengste wie Pershing nicht ausstehen. Diese Typen waren ihm von Herzen zuwider, die, ohne je an der Waffe gedient zu ha‐ ben, von der Akademie direkt in die Verwaltung der Terranischen Flotte überwechselten und sozusagen durch dieses bequeme Schlupfloch auf Positionen gelangten, die es ihnen ermöglichten, über Leben und Tod anderer zu entscheiden. Der einfache Soldat hatte dafür einen treffenden Ausdruck: Ses‐ selfurzer! Plötzlich mußte Santini an sich halten, um nicht in Lachen aus‐ zubrechen. »Ich habe hier«, fuhr jetzt Pershing fort und schob eine Akte von links nach rechts, »eine Beschwerde des Verwaltungsrates der Gra‐ kos, die sich mit den Schäden an den öffentlichen Einrichtungen befaßt, verursacht von Ihnen und von den Männern, die Sie ohne mein Einverständnis für diese Aktion requiriert haben.« »Es befand sich eine konspirative Zelle in dem Gebäude. Sie würde sich noch immer dort befinden und ihre schmutzige Arbeit verrich‐ ten, hätten wir sie nicht auffliegen lassen, auch wenn wir sie nicht zu fassen bekamen.« »Das ist nicht bewiesen, Major.« Pershing lehnte sich zurück und rieb sein Kinn. »Wir haben nur Ihren Bericht, sonst keine weiteren Beweise, geschweige denn fundierte Erkenntnisse. Auch Ihre Mel‐ dung über ein angebliches Beiboot mit Grako‐ Rebellen an Bord, die gemeinsame Sache mit den Robotern der Funktionsgemeinschaft machen würden, entbehrt einer nachweisbaren Grundlage. Kann es nicht sein, daß Sie etwas überarbeitet sind, Major? Fühlen Sie sich mit Ihren Aufgaben überfordert?« Santini atmete tief ein und laut wieder aus. Es hatte den Anschein, als ob der Generaloberst versuchte, ihn als unglaubhaft hinzustellen. »Sir«, sagte er beherrscht, »es gibt Zeugen. Daran können Sie nichts ändern. Glaubhafte Zeugen, terranische Soldaten…« »Die einen Major, ihren Vorgesetzten noch dazu, kaum als Lügner bloßstellen würden«, winkte Pershing ab. »Fakt ist, Sie wurden mit
einer Aufgabe betraut, die Sie – so habe ich den Eindruck – nicht in der Lage sind zu bewältigen.« »Wie kann ich das, wenn mir nichts als Hindernisse in den Weg gelegt werden.« »Von wem?« »Die Antwort auf diese Frage überlasse ich Ihnen.« Pershing hob die Augenbrauen. »Versuchen Sie jetzt mir den schwarzen Peter zuzuschieben?« Er verzog den Mund. »Ein schmutziges Vorhaben, Major!« Santini knurrte: »Bei allem gebührenden Respekt, Sir, Tatsache ist, es mangelt an Unterstützung von terranischer Seite für die Sache der Gordo, und es mangelt an Kooperation für meine Arbeit.« Santini war mit jedem Wort ärgerlicher geworden, nur mühsam unterd‐ rückte er seinen Zorn. Pershing schwieg zunächst. Dann nickte er und erwiderte für San‐ tini völlig überraschend: »Ich verstehe Ihre Einstellung, Major. In gewisser Weise verstehe ich auch Sie selbst. Es muß frustrierend sein, wenn man ein – nun, ich will es mal so ausdrücken – etwas vollmundig gegebenes Versprechen nicht halten kann. Aber viel‐ leicht haben Sie ja bei Ihrem neuen Auftrag mehr Glück.« »Sir?« Santini runzelte die Stirn. Was kam jetzt? »Wollen Sie mich von dem Fall abziehen?« Pershing musterte Santini mit einem undeutbaren Blick. »Verdient hätten Sie’s, Major«, gab er unumwunden zu verstehen. »Und wenn es nach mir ginge, täten Sie längst wieder Dienst im Dschungel, glauben Sie mir.« Die beiden Männer sahen einander streitlustig an. »Welche Erfolge hatten Sie denn bislang schon zu verzeichnen?« fuhr Pershing in seiner gnadenlosen Aufzählung fort. »Niemand weiß zur Stunde, wo sich Schattensucher und Lichtfreundin aufhal‐ ten. Dennoch ist das Oberkommando der Meinung, Sie wären der richtige Mann am richtigen Ort. Darüber zu spekulieren, inwieweit Sie diese Einschätzung einem bestimmten Generalmajor zu verdan‐
ken habe, versage ich mir an dieser Stelle…« Das ist auch besser so, dachte Santini. »Wie gesagt, ich hätte Sie abgezogen. Aber leider sind mir in dieser Hinsicht die Hände gebunden. Es widerstrebt mir, es auszusprechen, Major, aber Sie bleiben nach wie vor am Ball. Außerdem tritt das Projekt Gordo‐Rettung ab sofort in eine neue Phase.« »Ich höre, Sir?« Pershing schwieg einen Moment, während Santini sich damit be‐ schäftigte, die veränderte Situation einzuschätzen. Dann endlich fuhr der Generaloberst fort: »Vor einer Woche hat uns Terra einen neuartigen Sprungpeiler geliefert, mit dem sofort verschiedene Aktivitäten unbekannter Raumschiffe im Gerrck‐System angemessen werden konnten. Die Verursacher dieser Sprünge waren allerdings nicht zu orten. Leider. Wir wissen also nichts Definitives über sie. Aber dennoch sind wir nicht ganz un‐ wissend.« Pershings Finger beschäftigten sich mit einer Nachricht, die vor ihm lag. »GSO‐Erkenntnisse deuten auf einen Zusammen‐ hang mit den Grako‐Terroristen und der Entführung der Gordo hin. Nun hat uns Terra mittlerweile ein Raumschiff mit eingebautem Sprungpeiler und einer experimentellen Transitionssteuerung gelie‐ fert, das in der Lage sein soll« – die skeptische Miene Pershings machte deutlich, daß er seine Zweifel hatte – »diese unbekannten Raumschiffe zu verfolgen. Es hat mittlerweile Grah erreicht und wartet darauf, daß Sie, Major Santini, mit Ihrem Team an Bord ge‐ hen. Sie übernehmen das Kommando über den militärischen Teil der Operation. Noch Fragen?« »Wieviel Mann habe ich für die Operation zur Verfügung, Sir?« »Zwanzig Soldaten des Raumkorps, Major. Zusätzlich wird Ihnen Hauptgefreiter Strange zugeteilt.« Wenigstens ein Lichtblick, dachte Santini. »Ist er informiert?« »Er hat seine Instruktionen bereits erhalten. Hier ist Ihr neuer Ein‐ satzbefehl, Major.« Pershing schob ihm die schmale Akte über den Tisch zu und bemühte sich, seine Befriedigung nicht zu offensich‐
tlich werden zu lassen. »Suchen Sie sich Ihre Siebensachen zusam‐ men, Major. Ich schlage vor, daß Sie sich spätestens in vier Stunden an Bord der DIGUFINOLHU einfinden. Kapitän Dschamil erwartet Sie.« Er sah Santini auffordernd an; für ihn war die Besprechung zu Ende. Santini erhob sich steif, salutierte und marschierte zur Tür. Kurz davor holte ihn Pershings Stimme ein: »Major Santini!« Santini drehte sich um. »Ich erwarte, daß Sie Ihr Bestes geben… und mehr noch: Gehen Sie intelligent vor!«
4. Die Einsatzzentrale der terranischen Expeditionsarmee befand sich in einem hallenähnlichen Raum, den man mit Trennwänden in kleinere Arbeitsbereiche aufgeteilt hatte. Viele Männer und Frauen arbeiteten an den Schreibtischen. Auf großen Platten waren Pläne der Oberfläche von Grah ausgebreitet, auf denen Kartographen der Flotte Eintragungen überprüften; jede Bewegung der vielen Ein‐ satzgruppen, die im Dschungel, in den Städten und Siedlungen von Grah unterwegs waren, wurde akribisch festgehalten. Dazwischen zahllose Computerkonsolen, Hunderte von kleinen und großen Bildschirmen. Überall herrschte die Aktivität einer großen Militär‐ maschinerie. Santini durchquerte den Saal und steuerte dessen hinteres Ende an. Dort befanden sich die Büros der einzelnen Kommandeure. Darunter auch sein Büro, das er, wie er mit einigem Fatalismus feststellte, viel zu selten von innen zu sehen bekam. »Ich habe schon von Ihrem neuen Einsatz gehört, Sir«, begrüßte ihn sein Stellvertreter, Oberleutnant Marcel Mair, als er sein Büro betrat. letzt stand er aus dem Sessel auf, den er in Santinis Abwesenheit als den seinen ansehen durfte. Santini winkte ab. »Bleiben Sie sitzen, Marcel.« Wenn sie unter sich waren, ließ Santini die militärischen Titel weg. »Ich glänze sowieso so oft durch Abwesenheit, daß ich mich bereits zu fragen beginne, wozu ich eigentlich ein Büro benötige. Können Sie mir einen triftigen Grund nennen?« »Nun, Sir, sehen Sie es mal so: Wo sollte ich mich dann hinsetzen?« Santini zeigte ein gequältes Grinsen. »Ja, ja. Des einen Frust ist des anderen Freud. Ich suche mir nur ein paar Dinge zusammen, dann bin ich schon wieder weg.« Er holte seinen Seesack aus dem Schrank und begann damit, dessen Inhalt zu kontrollieren; eine Tätigkeit, die nur kurz dauern würde. Santini legte Wert darauf, stets auf gepack‐
ten Koffern zu sitzen, wie er zu sagen pflegte. Der Oberleutnant seufzte. Es war ein Laut, der Santini aufblicken ließ. Er hielt inne. »Haben Sie was, Marcel?« »Ich wollte, ich könnte Sie begleiten, Sir«, bekannte der Offizier. »Sie erstaunen mich, junger Mann. Ich wußte nicht, daß Sie Ambi‐ tionen haben, in ein Schwarzes Loch zu fallen, von Sternenunge‐ heuern massakriert oder von Eingeborenen wilder Planeten über dem Feuer geröstet zu werden – um nur einige der zahllosen Un‐ wägbarkeiten anzuführen, die einem dort draußen«, er machte eine Handbewegung zur Decke, »widerfahren können.« Mair holte tief Luft, sein Gesicht bekam einen träumerischen Aus‐ druck. »Was gäbe ich dafür, diese Abenteuer selbst zu erleben.« Santini sah ihn an, streng, fast väterlich. Mit leichtem Kopfschüt‐ teln sagte er: »Ich würde Ihnen das ja alles gerne ermöglichen, Mar‐ cel, aber ich mußte Ihrer Mutter versprechen, Sie keinen Gefahren auszusetzen, soweit es in meiner Macht steht. Tut mir leid, daran muß ich mich halten. Ansonsten bekomme ich keine Weihnachtsge‐ schenke mehr von meiner Tante Carlotta. Aber vielleicht kommt einmal der Tag, an dem Generaloberst Pershing dieses Arrangement herausfindet und Sie mit Freude an die Front schickt.« »Vielleicht sollte ich es ihm sagen. Was meinen Sie, Sir?« »Lassen Sie’s sein. Das Leben ist kurz genug, man muß es sich nicht auch noch absichtlich kaputtmachen.« »Irgendwann«, prophezeite der Oberleutnant, »werde ich mich von dieser Abhängigkeit loslösen und ein eigenständiges Leben führen.« »Tun Sie das, Marcel«, riet Eric Santini, »aber tun Sie es nicht jetzt. Warten Sie den richtigen Zeitpunkt ab.« »Aber wann kommt der?« Der Major schloß den Magnetsaum seines Packsackes, setzte sich darauf und sah den Oberleutnant ernst an. »Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Sie werden es wissen, wenn
die Zeit dafür reif ist. So, Oberleutnant Mair«, er stand auf, jetzt wieder ganz der Vorgesetzte, »und jetzt organisieren Sie meinen Transport zum Raumhafen.« Er warf einen Blick auf sein Chrono. »Ich habe mich ganz schön verplaudert. Wird höchste Zeit, daß ich mich auf den Weg mache.« * Wie alle Militärraumhäfen war auch der von Grah ein Tohuwa‐ bohu an Geschäftigkeit. Legionen selbstfahrender Laderoboter kurvten auf ihren Antigravfeldern zwischen den Nachschubfrach‐ tern, den Ringschiffen und kleineren Kreuzern der Terranischen Flotte hin und her, beluden Schiffe oder löschten deren Ladungen. Die Versorgung einer derart großen Expeditionsarmee, wie sie auf Grah stationiert war, erforderte den Umschlag von Unmengen Nachschub. Er war fast ebenso aufwendig und umfangreich wie die merkantilen Verflechtungen der großen Handelsgesellschaften zwi‐ schen den einzelnen Systemen der erforschten Galaxis, um deren Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Neben Hafen Drei, dem wichtigsten Raumhafen auf Grah, waren inzwischen wieder mehrere kleinere, allerdings technisch nicht so gut ausgerüstete Häfen in Betrieb, die jedoch überwiegend von Ku‐ rierschiffen frequentiert wurden. Der Militärgleiter in der charakteristischen Tarnfarbgebung der Terranischen Flotte brachte Major Eric Santini zur Parkposition der DIGUFINOLHU – das Raumschiff stand ein wenig versteckt zwi‐ schen zwei Lagerhallen – und hielt unmittelbar vor der Haupt‐ schleuse. Der Fahrer, ein Offiziersanwärter, sprang hinaus, lief um den Gleiter herum bis zur Ladeluke, griff sich den Packsack des Majors und stellte ihn auf dem Beton des Startfeldes ab. Santini war inzwischen auch ausgestiegen. Er machte zwei, drei Schritte und blieb dann erschüttert stehen. Seine Stirn furchte sich,
als er das Schiff sah. »Das glaube ich jetzt nicht!« war alles, was er hervorbrachte. Seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich: Neben all den modernen Ringraumern und Modulfrachtern wirkte die DIGUFI‐ NOLHU, als hätte man sie im Rahmen einer Recyclingaktion vom Schrottplatz geholt. Sie war ein Beuteschiff aus Giant‐Beständen, das man nach deren Auflösung in die Terranische Flotte eingegliedert hatte. Alle Beuteschiffe – ehemalige Raumschiffe der Giants, die nach deren Auflösung in die terranische Flotte integriert worden waren – waren kugelförmig, angefangen vom 750‐Meter‐Bergungsraumer der Sternenklasse über die Kreuzer der Planetenklasse mit ihren 400 Metern Durchmesser, den 200‐Meter‐Jägern der Hunterklasse bis hinab zu den 50 Meter durchmessenden Sternschnuppen der Pan‐ therklasse. Bei der DIGUFINOLHU handelte es sich um eine Sternschnuppe, die ihre hydraulischen Landestützen auf den Beton des Landefeldes stemmte. Die einstmals schimmernde Metallhülle war von den Spuren vieler Atmosphärendurchflüge gezeichnet; sie hätte durchaus eine inten‐ sive Grundreinigung mit anschließender noch intensiverer Polierung vertragen. So aber machte sie einen leicht verwahrlosten Eindruck und taugte nicht viel als Aushängeschild der Terranischen Flotte. Eigentlich hätte er gewarnt sein müssen, als Generaloberst Pershing bei der Nennung des Namens so einen eigentümlichen Glanz in den Augen gehabt hatte. Jetzt sah er den Grund dafür. Pershing schien ihn tatsächlich nicht zu mögen. Irgendwann, so schwor er sich, würde er es ihm heimzahlen… »Brauchen Sie mich noch, Sir?« machte sich der Fahrer bemerkbar. Santini erwachte aus seiner Starre und gab dem Fähnrich zu ver‐ stehen, er könne losfahren. Dann war er allein.
Um ihn herum waren die Geräusche des Hafens zu hören. Durch die offene Schleuse drangen klopfende Geräusche aus dem Schiffsinnern. Ein feines Singen lag in der Luft. Santini war sicher, wenn er die Hand gegen die Schiffshülle legte, würde er die Vibra‐ tionen der schweren Maschinen und Konverter spüren. Er schüttelte erneut den Kopf, nahm seinen Seesack auf und ging auf die Rampe zu, an deren Fuß ihn zwei Männer erwarteten. Einer trug die Rangabzeichen eines Hauptmanns, der andere war ein Maat erster Klasse. Der Offizier salutierte. »Mark Welch«, sagte er, »Erster Offizier der DIGUFINOLHU. Major Santini, wenn Sie mir folgen wollen, Sie werden bereits erwartet.« »Danke«, sagte Santini und beschloß, seine Gefühle über das Schiff nicht allzu offensichtlich zur Schau zu stellen. Der Erste Offizier deutete auf Santinis Packsack. »Skyler, bringen Sie die Sachen des Majors in seine Kabine!« »Aye, Sir.« Der Maat, gebaut wie ein Ringer, nahm den Sack auf, als wäre er ein Handtäschchen, und ging ins Schiff voraus. Wenigstens scheint die Kommandostruktur zu stimmen, dachte Santini, während er hinter dem Ersten Offizier die Rampe emporstieg. Das Licht der Schleuse empfing ihn, und er nahm die dunkle Brille ab. Während der Fahrt hierher hatten sich die Unwetter verzogen, über Hafen Drei strahlte die Sonne von einem wolkenfreien Himmel, und die Hitze war kaum auszuhalten. Santini atmete auf, als er die schwache Energiebarriere durch‐ schritten hatte und ihn das klimatisierte Innere der Sternschnuppe umfing. Gleich darauf betraten sie über den zentralen A‐Gravschacht die kleine Zentrale. Der Kapitän, dessen vollständiger Name Maumun Abdul Dscha‐ mil lautete, erhob sich aus seinem Gliedersessel und wandte sich seinem Passagier zu.
»Major Santini?« fragte er. Er war ein Mann, dem man seine in‐ doasiatische Abstammung ansah. Braune Haut, schwarzes Haar; die sorgfältig rasierte Kinnpartie zeigte einen bläulichen Schimmer. Vermutlich hatte er einen sehr starken Bartwuchs. Die Uniform war tadellos gepflegt. »Kapitän Dschamil?« »So ist es.« Der Händedruck des Kapitäns umfaßte schraubstockartig Santinis Hand. Die Augen des Raumfahrers waren klar und aufmerksam. Lange Jahre der Erfahrung ließen ihn gelassen und abgeklärt er‐ scheinen. Er sagte, fast eine Spur zu förmlich: »Willkommen an Bord meines Schiffes – meinen Ersten Offizier, Stellvertreter und Naviga‐ tor, Hauptmann Welch, kennen Sie bereits. Dies«, er machte eine Handbewegung auf den links von ihm stehenden Offizier, »ist mein Zweiter Mann, Oberleutnant Hub Joly. Funk und Ortung. Meinen Dritten Offizier und Chief, Lee Pederson, lernen Sie später kennen. Im Augenblick ist er im Maschinenraum mit den Vorbereitungen für unseren Start beschäftigt…« Insgesamt hatte die DIGUFINOLHU eine Besatzungsstärke von zwölf Mann einschließlich des Kapitäns. Dann war da noch eine Frau. Leutnant Penelope dos Santos, eine 27jährige, zierlich wirkende Spezialistin für Funktechnik. Sie stand in Grundstellung vor ihm. »Leutnant Penelope dos Santos meldet sich zum Dienst, Sir!« »Stehen Sie bequem, Leutnant. Zum Dienst? Davon weiß ich nichts.« »Man hat sich im Oberkommando kurzfristig dazu entschieden, mich Ihrem Team zuzuweisen. Sicher war keine Zeit mehr, Ihnen das mitzuteilen, Sir!« »Wenn Sie das sagen. Ich kläre das bei unserer Rückkehr, Leutnant. Willkommen, jedenfalls. Freut mich, Sie dabeizuhaben.« Santini streckte die Hand aus. Sie ergriff sie; ihr Händedruck war kurz und zurückhaltend.
»Major Santini«, sagte sie, und ihre Stimme klang eine Spur he‐ rausfordernd, »die Freude ist auf meiner Seite, unter Ihrem Kom‐ mando dienen zu dürfen, dem guten Geist der Gordo.« Santini hob die Augenbrauen. »Spricht man so über mich in der Truppe?« Sie entzog ihre Hand der seinen, was ein kurzes Bedauern in ihm erzeugte. Die Anwandlung irritierte ihn etwas, da es keinen Grund dafür gab. Zumindest dachte er das, obwohl eine kleine hämische Stimme in seinem Hinterkopf ihn von etwas ganz anderem zu überzeugen suchte. »Wann immer Ihr Name erwähnt wird«, antwortete die junge Frau. Es klang ernsthaft, doch ihre dunklen Augen hatten einen spötti‐ schen Schimmer. Obwohl die Uniform der TF keiner Frau wirklich schmeichelte, saß die ihre wie maßgeschneidert und betonte ihre Körperformen. Wie ihr Anblick auf die Besatzung der Sternschnuppe wirkte, war Santini unbekannt, aber er konnte sich vorstellen, daß er in manchen Ge‐ dankengebäuden für ein gewisses Durcheinander sorgte. Er hoffte, daß er als ihr Vorgesetzter nicht allzuviel Streitereien unter den Männern schlichten mußte. »Auf Gerede sollte man nicht hören«, sagte er leichthin und setzte sein bestes Gesicht auf. »Mache ich auch nicht, Sir«, antwortete sie und hatte wieder dieses Glitzern in den Augen, während ein kurzes Lächeln um ihren Mund erschien, der, wie Santini auf eine gewisse Weise beunruhigt fest‐ stellte, ausnehmend sinnlich war. Er rief sich zur Ordnung. Dies war nicht der Augenblick, sich über die Vorzüge einer vollkommen Fremden Gedanken dieser Art zu machen. »Was macht das Einsatzteam?« wandte er sich an Dschamil. »Ha‐ ben Sie den Männern schon ihre Quartiere zugewiesen?« »Ihr Team… tja, da fragen Sie wohl besser Ihren Hauptgefreiten, Major«, antwortete der Kapitän und drehte den Kopf nach Tom
Strange, der ebenfalls in der Zentrale anwesend war und jetzt einen gequälten Gesichtsausdruck bekam. »Mister Strange?« »Leutnant dos Santos und ich sind alles, was vom Team noch übrig ist, Sir«, bekannte der Hauptgefreite und wappnete sich gegen den sich abzeichnenden Weltuntergang. »Was!?« In Santinis Stimme schwang ein drohender Unterton mit, der nichts Gutes verhieß. Und nur die anwesenden Schiffsoffiziere hinderten den Major daran, laut zu werden. »Erklären Sie!« Das tat der Hauptgefreite. Obwohl anfänglich noch 20 Soldaten des Raumkorps mit voller Bewaffnung für die Mission an Bord der Sternschnuppe vorgesehen gewesen waren, gefiel es dem terrani‐ schen Kommando auf Grah, dieses kleine Kontingent kurzfristig abzuziehen – ohne Angabe einer Begründung. Santinis Mienenspiel ließ ahnen, wie es in ihm aussah. »Zeit‐ punkt?« Es war, wie von ihm erwartet: Das Team war unmittelbar, nach‐ dem er Pershings Büro verlassen hatte, abberufen worden. Warum man allerdings dos Santos nicht mit abberief, war für Santini ein Rätsel. Pershing, immer wieder Pershing. Er war geradezu manisch dar‐ auf versessen, Santini seine Macht spüren zu lassen. Kapitän Dschamil, der nichts von der angespannten Situation zwischen dem Generaloberst und dem Major wußte, sagte: »Wir haben noch eine Stunde Zeit, ehe wir starten. Wollen Sie mit dem Oberkommando in Drei noch einmal Rücksprache halten, um die Situation zu klären?« Santini straffte seine Gestalt. »Nein«, erwiderte er mit einem dünnen, freudlosen Lächeln. »Die Situation ist eindeutig – und unveränderbar.« Dschamil sah ihn für Sekunden nachdenklich an. Dann sagte er: »Es ist Ihre Entscheidung… aber kommen Sie, Major, ich führe Sie ein wenig im Schiff herum.«
»Keine schlechte Idee, Kapitän.« Santini nickte, und seine Verstimmung schien vorerst vorbei zu sein. Mochte die DIGUFINOLHU auch äußerlich einen etwas herun‐ tergekommenen Eindruck machen – bei einem Beuteschiff ihres Al‐ ters kein Wunder –, so war sie im Innern hochmodern eingerichtet, wie der Major anerkennend feststellen konnte. Alles war auf dem neuesten Stand. Alles war blitzsauber. »Ihre Besatzung scheint kaum Freiwache zu haben«, konnte sich Santini nicht verkneifen zu sagen. »Was bringt Sie zu dieser Annahme?« »Wenn ich mich hier so umschaue, komme ich nicht umhin anzu‐ nehmen, daß sich mit Putzlappen bewaffnete Besatzungsmitglieder im pausenlosen Einsatz befinden.« »Das haben Sie schön gesagt, Major«, gestand der Kapitän. »Tat‐ sache ist jedoch, daß mein Chief zwei Roboter umprogrammiert hat, die nichts anderes tun, als sich permanent um die Sauberkeit des Schiffes zu kümmern.« »Verzeihen Sie mir meine Neugierde, Kapitän. Wie kommt Ihr Schiff eigentlich zu seinem Namen?« erkundigte sich Santini. »Kapitäne erhalten manchmal das Privileg, bei der Namensgebung eigene Wünsche äußern zu dürfen. Auf Digufinolhu, einer Insel der Malediven, wurde ich geboren. Das ist das ganze Geheimnis. So habe ich immer ein Stück Heimat bei mir, egal, wo in der Galaxis ich mich befinde. Ein Brauch übrigens, den bereits die Seefahrer übten.« Sie inspizierten weiter das Schiff, das eigentlich ein Wolf im Schafspelz war. Neben dem Sprungpeiler war es mit einer Tarnvorrichtung neus‐ ten Typs und einer experimentellen Transitionssteuerung ausgerüs‐ tet, die eine ganze Kabine mit Beschlag belegte und von der Pershing schon gesprochen hatte. »Auf welchen Parametern basiert diese Anlage, Kapitän Dscha‐
mil?« »Wie gut sind Sie in Hyperphysik bewandert, Major?« »Ich bin Soldat«, versetzte Eric Santini. »Bis auf die Grundlagen wurde mir auf der Akademie nichts beigebracht, was mich als Wis‐ senschaftler auszeichnen würde.« Dschamil wiegte den Kopf. »Das bin ich auch nicht. Ich wurde nur darauf geschult, mit der Anlage umzugehen. Ich kann ja mal versu‐ chen, Ihnen die Grundzüge dieser Transitionssteuerung nahezub‐ ringen«, meinte er und begann mit einer weitschweifigen Erklärung, von der Santini bereits nach den ersten Worten überzeugt war, daß er sie ebensowenig verstehen würde wie damals die Vorlesungen an der Akademie über Dimensionalphysik. Dennoch heuchelte er Interesse und bat insgeheim um ein Wunder, das ihn aus dieser Situation erlösen würde. Das Wunder geschah. Tom Strange erschien und meldete, daß Nachtflug vor der Sternschnuppe gelandet sei und ihn zu sprechen wünschte. »Sie scheinen sehr gefragt bei den Gordo zu sein, Major«, sagte Dschamil völlig wertfrei. »Gehen Sie. Wir werden in den kommen‐ den Tagen noch Gelegenheit genug haben, ausführlich über die Transitionssteuerung zu sprechen.« Das befürchte ich auch, dachte Santini und folgte Tom Strange nach draußen. * Santini kniff die Augen zusammen, als er die Polschleuse der DI‐ GUFINOLHU verließ und über die Rampe hinablief. Über der Be‐ tonfläche des Raumhafenareals lag eine flirrende Hitzeschicht. Grahs Zentralfeuer stand im Zenit eines vorübergehend wolkenlosen Himmels. Die parkenden Raumschiffe und die Lagergebäude warfen kurze, tiefe Schatten.
Der Major griff in die Brusttasche seiner Kombination und holte die Sonnenbrille hervor, hinter deren dunklen Gläsern er seine Au‐ gen verbarg. Nachtflug wartete in zwanzig Schritten Entfernung. Er hatte seine riesige Antigravwanne verlassen, mit der er von Drei gekommen war, und sich auf dem Boden niedergelassen. Umringt wurde er von seinem Gefolge schwerbewaffneter terranischer Soldaten, das ihn auf Schritt und Tritt begleitete, sobald er sich ins Freie begab. Die Bewachung war absolut notwendig, zu Nachtflugs eigenem Schutz, wie die jüngste Entführung von Schattensucher und Licht‐ freundin wieder einmal in aller Eindringlichkeit bewiesen hatte. Obwohl der Krieg mit den Grakos, jener einstmals gefürchteten Geißel der Galaxis, zu einem Ende gekommen war; obwohl die Gordo – in der Ontogenese der Insektoiden das letzte Entwick‐ lungsstadium darstellend – inzwischen wieder ihren angestammten Platz an der Spitze der Hierarchie eingenommen hatten, gab es leider noch immer viel zu viele Grakos, die die neue Ordnung nicht zu akzeptieren bereit waren und vehement auf eine Rückkehr zur alten Ordnung hinarbeiteten. Nachtflug war wie alle Gordo eine Riesenlibelle von filigraner Schönheit; wenn er sich bewegte, liefen irisierende Schleier des ge‐ samten Farbspektrums über seine durchscheinenden Flügelpaare. Seine Größe war es, die es ihm unmöglich machte, das Schiff zu betreten. Ein zehn Meter langes Insekt paßte nicht einfach so in ein Schiff, dessen Decks für völlig andere Nutzer konstruiert worden waren. Santini hatte den Gordo erreicht. Er blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken, während Nachtflug seine Flügel hinter sich zusammenfaltete und den mandibelbewehrten Schädel mit den rie‐ sigen Augen etwas senkte. Ich grüße dich, Eric Santini! vernahm der Major die Gedanken des Gordo in seinem Hinterkopf. Eine verbale Kommunikation war den libellenhaften Riesen nicht gegeben, statt dessen kommunizierten sie
als Semitelepathen mittels Gedankenübertragung, ohne daß sie je‐ doch in der Lage waren, die Gedanken anderer abzuhören oder gar zu beeinflussen. »Ich grüße dich ebenfalls«, erwiderte Santini laut. Es hatte sich herausgestellt, daß es durchaus genügte, wenn man seine Gedanken laut aussprach, um den für die Gordo zu empfangenden Gedan‐ kenimpuls zu erzeugen. Ich freue mich, dich wohlauf zu sehen. Wir waren sehr betroffen darüber, daß du im Haus von Schattensucher und Lichtfreundin fast zu Tode ge‐ kommen bist. »Ich danke dir für deine Worte«, erwiderte Santini und nahm zur Kenntnis, daß Nachtflug kein »Wort« über die toten Grakos geäußert hatte. »Habt ihr inzwischen herausgefunden, welchem Zweck die Rebellenzelle im Gebäude der planetaren Verwaltung diente?« Noch nicht. Aber sei versichert, daß wir mit Nachdruck an einer Aufklä‐ rung arbeiten, kam die Erwiderung Nachtflugs. Seine Impulse blieben für einen Moment aus, dann waren sie wieder in Santinis Kopf: Wir schulden dir auch dafür Dank, daß du ohne Rücksicht auf dein Leben und das deiner Gefährten versuchst, Lichtfreundin und Schattensucher zu fin‐ den. »Ich habe dir und den anderen Gordo ein Versprechen gegeben. Terraner pflegen ihre Versprechen zu halten. Zumindest ich und eine ganze Menge anderer leben nach dieser Maxime.« Wir wissen das. Und wir sind dir dankbar. Du verläßt Grah? »Nicht wirklich. Ich kehre zurück. Der Flug dient hauptsächlich dazu, herauszufinden, ob man Schattensucher und Lichtfreundin von Grah weggeschafft hat. Erkenntnisse unseres Geheimdienstes machen eine derartige Annahme wahrscheinlich.« Nachtflug hüllte sich in Schweigen, zumindest nahm Santini das an, denn es kamen keinerlei Impulse von der Riesenlibelle. Zwei Ovoid‐Ringraumer stiegen in einiger Entfernung auf und verschwanden lautlos im blauen Firmament. Der allgegenwärtige Lärm des Raumhafens war eine Geräuschkulisse, in der nahezu alle
anderen Laute ertranken. Schließlich ließen sich Nachtflugs Gedankenimpulse wieder ver‐ nehmen. Ich bin enttäuscht, machte er sich verständlich, daß man dir für diese Suche nur ein derart kleines und altes Schiff zur Verfügung stellt. Es ent‐ spricht nicht deinen Fähigkeiten. Es wird auch nicht der Bedeutung deiner Person und der Dringlichkeit der Aufgabe gerecht. Soll ich mit deinen Vorgesetzten darüber sprechen? Das läßt du besser bleiben, mein großer Freund, dachte Santini für sich. Ich habe so schon Schwierigkeiten genug mit meinem Vorgesetzten, dem es schon lange nicht mehr gefällt, daß er von euch mehr oder weniger kaum beachtet wird. Dennoch widersprach Nachtflugs Äußerung über das alte Schiff seiner Loyalität, die er als Soldat der Terranischen Flotte gegenüber empfand, weshalb er laut sagte: »Ich darf dir versichern, daß es eine besondere Geste der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der Erde und Grah darstellt, trotz der momentanen Exis‐ tenzkrise, mit der mein Volk zu kämpfen hat, ein äußerlich zwar altes, aber im Innern extrem modern ausgerüstetes Schiff abzustel‐ len. Glaube mir, es ist für die anstehenden Nachforschungen bestens geeignet.« Nachtflug raschelte mit den Flügeln; kleine farbige Lichtblitze huschten über die durchscheinende, pergamentartige Haut. Ich glaube dir, Eric Santini, und ich bitte dich um Nachsicht für meine törichte Bemerkung. Sie entsprang nur meiner tiefen Sorge um die beiden verschwundenen Gordo. Du weißt, daß wir Großes vorhaben. An allererster Stelle müssen wir die Aufzucht unserer Jungen vollkommen neu organi‐ sieren. Schließlich sollen sich die kommenden Generationen unseres Volkes ohne eine sie umgebende Hyperraumblase entwickeln und ganz normal heranwachsen, um schließlich das Stadium der Gordo zu erreichen. »Dann wird die Zeit der Schatten endgültig zu Ende sein«, sagte der Major. Ja, Eric Santini, so sehen wir unsere Zukunft, bestätigte der Gordo und fuhr fort: Unsere Zukunft hängt davon ab, daß Schattensucher und Licht‐
freundin gefunden werden. Sie sind geschlechtsreif. Sie müssen aus der Gewalt ihrer Entführer befreit werden, rechtzeitig befreit werden, bevor sie von den Grako‐Rebellen zur Eiablage gezwungen werden können. Du ver‐ stehst? Santini verstand Nachtflug, konnte dessen Sorge nachvollziehen. Da nur Gordo imstande waren, für natürlichen Nachwuchs zu sor‐ gen, kam ihnen eine ganz besondere Bedeutung für die Zukunft des neuen Geschlechts von Grakos zu. Die Gordo‐Regierung wollte endlich Nachwuchs aufziehen, der kein Schattenfeld mehr verpaßt bekam – und der dann in vielen Jahren nach der letzten Verpuppung auch keine Riesengordo mehr hervorbrachte, sondern nur normale von der Größe der jetzigen Grakos. Sollte es den Rebellen gelingen, diese noch in den Anfängen steckende Entwicklung erneut zu kip‐ pen, indem sie der Brut von Schattensucher und Lichtfreundin wie‐ der der perversen Hyperfeldbehandlung unterzogen, blieb alles beim alten. »Das alles ist meiner Regierung und mir bekannt«, sagte er, auf eine merkwürdige Art von Nachtflugs Gedankenimpulsen berührt, die eine tiefe Traurigkeit und einen Hauch von Einsamkeit vermit‐ telten, die ihn betroffen machten und seltsam anrührten. Es gab nur wenige Gordo und noch, weniger geschlechtsreife. Daraus ein neues Volk entstehen zu lassen, eine neue Ordnung aufzubauen und dabei die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden ließ die Arbeit des Sy‐ siphus in einem ganz anderen Licht erscheinen. Er fuhr fort: »Sei versichert, daß ich alles in meiner Macht stehende unternehmen werde, um die beiden wohlbehalten zurückzubrin‐ gen.« Das weiß ich, Eric Santini. Und ich danke dir dafür im Namen der neuen Ordnung – und in meinem. Nachtflug erhob sich zu seiner vollen Größe und breitete kurz seine Flügelpaare aus. Sie begannen zu schwingen, bewegten sich kurzzeitig so schnell, daß außer einem Flirren keine andere Bewe‐ gung sichtbar war. Ein Klingen und Brausen erhob sich, das einer
fernen, unwirklichen Melodie glich. Santini, der annahm, Nachtflug wollte die Strecke zurück zum Regierungssitz fliegen, hatte derglei‐ chen schon mehrmals vernommen, doch es faszinierte ihn stets aufs neue. Dann wurde das Brausen zu einem tiefen, ganz am Ende der Geräuschskala angesiedelten Brummen und erstarb. Nachtflug wandte sich trotz seiner Größe graziös um und sprang mit einem Satz seiner langen, mächtigen Hinterbeine in seine A‐Gravwanne. Gleich darauf war er mitsamt seiner Eskorte auf dem Weg zurück dorthin, woher er gekommen war. Santini stand wie festgewurzelt und verfolgte den Troß, bis er au‐ ßer Sichtweite geriet. Er fühlte sich verunsichert, von seinen Gefühlen genarrt. Er konnte sich täuschen, aber ihm war, als hätte er in Nachtflugs letzten Im‐ pulsen so etwas wie Freundschaft gespürt. Freundschaft, die dieser Gigant ihm, einem Terraner, entgegenbrachte. Absurde Vorstellung. Oder doch nicht? Merkwürdigerweise fühlte auch er sich dem Rie‐ seninsekt innerlich verbunden. Hätte ihn jemand darauf angespro‐ chen, würde er es vehement verneint haben, aber Tatsache war, daß er Nachtflug als einen Freund betrachtete. * Die Maschinen liefen an. Der Erste Offizier meldete das Schiff bei der Hafenkontrolle startbereit und bekam die Startfreigabe. Die DIGUFINOLHU hob ab, verließ Drei und durchstieß die Lufthülle von Grah. Einmal im Raum, aktivierte sie ihren brandneuen Tarn‐ schutz und stieß entlang der Planetenebene in einer Geraden bis zum Rand des Gerrck‐Systems vor. Dort ging sie in eine weite Umlauf‐ bahn um das Zentralgestirn, wobei sie den Abstand zur Welt der Grakos konstant hielt. Dann verstummten die Maschinen; die DI‐ GUFINOLHU verharrte scheinbar bewegungslos im Weltraum. Dieser Eindruck täuschte.
In Wirklichkeit bewegte sie sich mit der Geschwindigkeit durch den Raum, mit der auch Grah seine Sonne umrundete. Daß sie ihre Position nicht durch die Gezeitenkräfte der Schwerkraftfelder des Systems verlor, ihr nicht vorauseilte oder hinterherhinkte, dafür sorgte der Hyperkalkulator, der immer dann eingriff und den Kurs stabilisierte, wenn die DIGUFINOLHU von ihren Koordinaten ab‐ zudriften drohte. Die Taster von Ortung und Sprungpeiler waren nach »draußen« gerichtet, »blickten« hinein in den tiefen Raum jenseits des Gravita‐ tionsbereiches des Gerrck‐Systems. Transitionen anfliegender Schiffe endeten üblicherweise außerhalb eines Sonnensystems, weil es durch die Gravitationsfelder in seinem Innern leicht zu Unfällen kommen konnte, wenn man in ihrem Ein‐ flußbereich aus dem Hyperraum auftauchte. Ein Hyperraumsprung direkt in ein Sonnensystem hinein stellte immer ein unkalkulierbares Risiko dar; es gab nur wenige terranische Kapitäne, die dieses Wag‐ nis für Schiff und Besatzung eingingen. Falls aber mal doch, dann nur in unumgänglichen Notfällen. Sollte sich also ein Roboterschiff dem Gerrck‐System und damit Grah nähern, würde es vermutlich noch außerhalb der Systemgren‐ zen aus dem Hyperraum treten. Kapitän Dschamil ging deshalb zurecht davon aus, daß gleich welche Art von Transitionen gescha‐ hen, sie aus dieser Richtung kamen. Feindlich gesonnene Einheiten würden niemals den weiten Weg »durch« ein Sonnensystem neh‐ men, um sich von der anderen Seite ihrem Ziel zu nähern. Die Ge‐ fahr einer vorzeitigen Entdeckung mit entsprechenden Abwehr‐ reaktionen wäre um einige Potenzen höher. Die Bildschirme in der kleinen Zentrale zeigten den Weltraum in einer Rundumsicht. Tastersignale wisperten, und die Schiffssensoren belieferten die Überwachungskonsolen mit ständig sich erneuernden Informationen. Vom Halbrund des Hauptschirmes strahlten weitverstreut die Sterne dieses Sektors der Milchstraße und brannten nadelfeine Lö‐
cher in den schwarzen Samt des Weltraums. Maumun Abdul Dschamil im Kommandantensessel der kreisför‐ migen Zentrale beobachtete die Anzeigen auf seiner Konsole, um sich ein Bild über die Lage zu verschaffen. Sein braunhäutiges Ge‐ sicht, von wachen, dunklen Augen dominiert, wirkte gelassen. Im Leitstand hielten sich im Augenblick nur wenige Mitglieder der Besatzung auf. »Mister Welch!« Der Kopf des Ersten Offiziers und Navigators ruckte herum; er saß auf dem Platz des Piloten. »Kapitän?« »Status?« »Systeme sind im grünen Bereich, Sir.« Dschamil stemmte einen Fuß auf die Raste seines Kommandan‐ tensessels und wandte sich an seinen Zweiten Offizier. »Mister Joly! Etwas dort draußen zu erkennen, was Probleme be‐ reiten könnte?« »Negativ, Sir«, antwortete der Funk‐ und Ortungsoffizier von sei‐ ner backbords gelegenen Konsole. »Weit und breit keine unbekann‐ ten Signale.« Der Kapitän nickte zufrieden. »Nummer Eins, aktivieren Sie die Bordverständigung.« »Ist aktiviert, Kapitän.« Dschamil setzte sich unwillkürlich in Positur, bis er es merkte und sich wieder entspannt in seinen Sitz lehnte. »An alle«, begann er, und seine Stimme wurde in jeden Winkel der kleinen Sternschnuppe übertragen. »Wir werden hier warten, bis uns unser Sprungpeiler das Auftauchen eines oder mehrerer dieser un‐ bekannten Raumschiffe anzeigt, deren Transitionen seit einiger Zeit von dem auf Grah stationierten Sprungpeiler angemessen werden. Geschieht das, werden wir eines dieser Schiffe verfolgen und mit ihm dorthin springen, wohin es transitiert. Vielleicht finden wir auf diese Weise die Basis der Fremden. Wir werden uns auf keine
Raumgefechte einlassen, das übernimmt die Flotte, wenn sie von uns die Koordinaten erhält. Das ist ein Teil unserer Mission, die, wie ich betone, nicht ungefährlich ist, aber Aussicht auf Erfolg hat. Der zweite Teil ist die Suche nach den von Grah entführten Gordo. Diese Aufgabe führt primär Major Santini mit seinen Leuten durch. Wir unterstützen ihn natürlich in jeder erdenklichen Weise, sollte es zu Kampfhandlungen bei der Befreiung der Gordo kommen, die, wie die GSO vermutet, auf einer uns noch unbekannten Welt gefangen‐ gehalten werden. Das war’s.« Dschamil nickte Hub Joly zu, der die Phase der Bordverständigung stummschaltete. Der Kapitän stand auf, sah Eric Santini an, der auf dem Platz des Kopiloten saß, wo er am wenigsten störte, und fragte. »Was halten Sie von einer Tasse Kaffee, Major?« »Viel«, erwiderte Santini. »Wo?« »Gehen wir in die Messe. Wir beide werden hier jetzt kaum ge‐ braucht.« »Wenn Sie es sagen, Kapitän.« Er stand auf und schloß sich Dschamil an, der über die Schulter sagte: »Ich kann Ihnen dabei ein wenig mehr über unsere Einbauten erzählen.« Zum Glück hatte der vermaledeite… hmm, maledivische Kapitän keine Augen am Hinterkopf, sonst hätte er gesehen, wie Santini er‐ schrocken blickte. Es wurde dann doch nicht so schlimm, wie der Major befürchtet hatte. Dschamil ließ nur ein paar allgemeine Erklärungen vom Stapel und, beschränkte sich ansonsten darauf, Unmengen von Kaffee in sich hineinzuschütten. »Warum legen Sie sich nicht einfach eine Koffein‐Infusion, es wäre einfacher für Sie«, schlug Penelope dos Santos vor, die von Dschamil auf dem Weg zur Messe überredet worden war, sich den Männern anzuschließen. Was Santinis uneingeschränkte Zustimmung fand, ärgerlich war nur, daß ihm der Kapitän mit dieser Einladung zu‐ vorgekommen war – er hätte sie gern selbst ausgesprochen.
»Gute Idee, Leutnant. Ich spreche gleich mal mit meinem Sani‐ tätsmaat.« Er grinste, offenbar gefiel ihm ihr scharfzüngiger Humor. Aber ein Gutes hatte dos Santos’ Anwesenheit am Tisch doch: Sie war eine kompetente Zuhörerin für Dschamils enthusiastische Er‐ klärungen all der vorzüglichen neuen Vorrichtungen, die man der Sternschnuppe verpaßt hatte. Sie schien vom Fach zu sein. War sie deshalb noch kurzfristig abkommandiert worden, um ein Auge auf die Experimente zu haben? Zuzutrauen war Pershing ein solches Verhalten durchaus. Im Delegieren war er unübertroffen und sehr vorausschauend, wenn er sich einen Vorteil davon versprach, wie beispielsweise den erfolgreichen Einsatz der Transitionssteuerung, wie immer die auch funktionieren mochte. Santini blickte da nicht durch. Aber anscheinend um so mehr dos Santos. Sie war, hatte er den Eindruck, davon sogar höchst angetan – und zeigte ein bißchen zu‐ viel Interesse an dem Kapitän, wie Santini feststellte, was ihn ir‐ gendwie wurmte. Ein irrationales Gefühl und vollkommen fehl am Platz. Er verbannte es deshalb schleunigst aus seinen Gedanken.
5. Es war nicht leicht, sich in einer Sternschnuppe aus dem Weg zu gehen. Dennoch schaffte es Eric Santini, in der Zentrale der DIGU‐ FINOLHU nicht zu sehr als Hindernis zu fungieren. Eigentlich war er im täglichen Ablauf der Schiffsroutine ein Störfaktor, aber nie‐ mand ließ ihn das spüren. Die erste Nacht war vorüber; er hatte gut geschlafen. Der Koch in der Messe verstand sein Fach; das Frühstück war reichhaltig und schmackhaft, wenn es auch überwiegend aus Fertigprodukten be‐ stand. Auf Schiffen wie der Sternschnuppe gab es kaum ausreichend Kühlräume, um frische Lebensmittel zu lagern. Da ihm seine Mannschaft von Raumsoldaten abhanden gekommen war, verzichtete Santini darauf, Tom Strange oder gar dos Santos mit stupidem Dienst nach Vorschrift zu behelligen. Die DIGUFINOLHU verharrte an ihrer Position; im Schiff gab es die übliche Routine von Wache und Freiwache. Es herrschte Funk‐ stille, und ungewollt schlich sich Langeweile ein. So verstrich der zweite Tag in Ereignislosigkeit. Der Sprungpeiler registrierte noch immer keinerlei »weiche« Sig‐ nale, die das Charakteristikum der fremden Raumschiffe waren. Um die Mittagszeit des dritten Tages saß Eric Santini in der Messe und löffelte gerade seinen Nachtisch aus der Vertiefung des Tabletts. »Darf ich mich setzten, Sir?« Er blickte hoch. Sie war es. Schön wie ein Sonnenuntergang am Meer. Ihr schwarzes, kurzgeschnittenes Haar glänzte im Kunstlicht der Messe. Die hohen Backenknochen in dem schmalen Gesicht ga‐ ben ihr einen leicht exotischen Anstrich. Ihre Haut hatte eine cremefarbene Schattierung, die auf einen maurischen Einschlag hindeutete. »Ihre Sehnsucht, Leutnant, wird Sie hergebracht haben«, sagte er in einem Versuch, witzig zu wirken. »Bitte.«
»Nicht ganz, Sir«, erwiderte sie mit ihrer dunklen, weichen Stim‐ me, die sofort wieder etwas in ihm zum Klingen brachte. Sie stellte ihr Tablett ab und setzte sich ihm gegenüber. »Eigentlich war es bloß der Hunger.« »Hol mich der Teufel!« sagte Santini verblüfft. »Besser nicht, Sir«, meinte sie und lächelte. »Ich müßte ja dann den Einsatz leiten, und ich bin überhaupt nicht mit den Gordo vertraut.« »Dem könnte man abhelfen«, meinte Santini. »Wie denn?« »Vielleicht, indem ich Ihnen eine kurze Einführung in die Ge‐ schichte der Gordo gebe«, schlug er vor und schob das Tablett zur Seite, um seine Ellbogen aufzustützen. »Warum nicht?« meinte sie und spießte ein Stück Fleisch auf die Gabel, um es in den Mund zu führen. »Darf ich dabei weiteressen?« Sie durfte. »Wieviel wissen Sie eigentlich über die Grakos?« Sie strich sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem hübschen Ge‐ sicht, runzelte überlegend die Stirn und meinte dann: »Nur daß sie Sauerstoffatmer sind, schwülwarme Dschungelwelten bevorzugen und in ihrem Aussehen etwa einer zirka 1,80 Meter großen Gottes‐ anbeterin entsprechen.« »Sonst noch was?« »Ah ja, als insektoide Spezies durchleben sie eine Reihe von un‐ terschiedlichen Entwicklungsstufen – ich glaube, es sind insgesamt neun, nicht wahr?« Sie sah ihn an. Er nickte. Und zufrieden fuhr sie fort: »Bis hin zur letzten und geschlechtsreifen Form der Gordo.« »Wie ich dachte, die Standardeinführung an der Militärschule«, nickte Santini. »Ich werde Ihnen ein paar Informationen mehr ge‐ ben.« Und er begann mit einer gedrängten und sehr vereinfachten Zu‐ sammenfassung des Werdeganges eines Volkes, das neben den Nogk zu einer der ältesten Spezies in der Galaxis gehörte. Zu Beginn seiner Geschichtsschreibung entsprach das Volk der
Gordo in seiner Sozialstruktur einer Staats‐ und Gesellschaftsord‐ nung mit spezialisierten Arbeitern, Kriegern, Drohnen und Köni‐ ginnen. Auf etwa 85.000 von ihnen kam jeweils eine Königin, die für die Produktion der Eier sorgte, sowie fünf Drohnen, die allein in der Lage waren, die Königin zu befruchten. Die zahlreichen übrigen Gordo waren geschlechtslos. Nach den Überlieferungen führten die Gordo in der Frühzeit ein Dasein, das von Kultur, Philosophie und schöngeistigen Dingen wie Musik und Literatur geprägt war. Ihre Nachkommen – die im achten Entwicklungsstadium aus den Puppen schlüpfenden Grakos – ver‐ richteten für eine Zeitspanne von jeweils etwa 20 Terrajahren alle anfallenden Arbeiten, ehe sie sich danach noch einmal verpuppten, um im Endstadium zu Gordo heranzureifen. In diesem »goldenen Zeitalter« lebten die Gordo/Grakos ohne Zank und Streit zusammen auf einem einzigen Planeten und hielten ihre Bevölkerungszahl durch Vernichtung überschüssiger Eier konstant. Doch dann geschah etwas, was jedem Volk früher oder später widerfuhr: Eine technische Revolution veränderte die weitere Entwicklung nachhaltig – und endgültig. Die Gordo, von ihrer Wesensart her Denker und Philosophen, interessierten sich nur marginal für die technischen Errungenschaf‐ ten ihrer Zivilisation. Ihre Arbeiter‐ und Kriegerkaste, die Grakos, hingegen schon. Schließlich gelang es den Grakos mittels des tech‐ nischen Fortschritts, die seit Jahrtausenden funktionierende Dop‐ pelkultur zu ihren Gunsten zu verändern und die bis dahin domi‐ nierenden Gordo aus ihrer angestammten Rolle zu verdrängen. In immer kürzeren Abständen entwickelten die Grakos biotechni‐ sche Verfahren, die die Dauer ihrer Existenz in der Grako‐Form von ehemals 20 Jahren verdreifachte. Schließlich war es vor mehr als 10.000 Jahren zum Ausrottungskrieg Grakos gegen Gordo gekom‐ men. Ein Vorgang, dem die Gordo hilflos gegenüberstanden. Sie hatten nie gelernt, Kriege zu führen, und infolgedessen auch nie welche gewonnen. Ihre eigenen »Kinder« dezimierten sie brutal und
erbarmungslos. Wann immer sich Grakos für das Endstadium ver‐ puppten, um als Gordo zu schlüpfen, wurden die Puppen erbar‐ mungslos vernichtet. Grako‐Wissenschaftler hatten inzwischen die Methoden bis zur Perfektion verfeinert, wonach man erkennen konnte, ob in den Puppen eine Königin oder ein zeugungsfähiges Männchen ‐eine Drohne – heranreifte. Nur solchen Gordo gestattete man, sich zu entwickeln, und sicherte so den Fortbestand der Art. Um aber Kontrolle über sie zu haben, hielt man Königinnen und Drohnen in »Geburtsburgen« gefangen, wo sie pausenlos für Nachwuchs zu sorgen hatten… Dos Santos hatte aufgehört zu essen, obwohl sie noch nicht fertig wahr. Jetzt nahm sie wieder die Gabel in die Hand. »Und wie wurden die Grakos dann zur Geißel der Galaxis?« »Die Entwicklung der Raumfahrt trieb die Population der Grakos in ungeahnte Höhen«, fuhr Santini mit seinen Erklärungen fort. »Plötzlich war Raum genug vorhanden, um sich hemmungslos zu vermehren – was die Grakos auch taten. Ein Planetensystem nach dem anderen wurde von ihnen besiedelt, vorhandene Zivilisation einfach vernichtet oder zumindest versklavt…« Er hielt inne, als die Bordverständigung zum Leben erwachte und eine Stimme drängend sagte: »Major Santini! Bitte kommen Sie in die Zentrale. Kontakt steht bevor. Major Santini, in die Zentrale bitte…« Eric Santini stand bereits. »Essen Sie ruhig weiter«, gab er dos Santos zu verstehen, die alar‐ miert blickte. »Sie werden nicht gebraucht. Die Geschichte der Gra‐ kos erzähle ich Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt zu Ende. Einver‐ standen?« »Natürlich, Sir. Wir werden noch eine Weile zusammen sein, den‐ ke ich mal.« Sie lächelte ihn an, auf eine Weise, die seinen Mund trocken werden ließ. Himmel, dachte er und schluckte. Dann drehte er sich um und stapfte entschlossen davon.
* Auf Grah betrat zu diesem Zeitpunkt ein Mann die Raumüber‐ wachung, die auf Raumhafen Drei ein eigenes Kontrollgebäude hatte, um seinen Dienst am Sprungpeiler anzutreten. Dy Deeker durchquerte den Eingangsbereich und steuerte auf das System von Antigravröhren zu, von denen er eine betrat, nicht ohne gegen ein flaues Gefühl in der Magengegend anzukämpfen. Das Gebäude war Teil der ehemalige Raumüberwachung der alten Grako‐Regierung, und die technischen Einrichtungen waren fast unverändert übernommen worden. Zwar hatte es sich gezeigt, daß sich die Grakos, die hier ebenfalls Dienst taten (wenn auch nicht in den sensiblen Bereichen), bislang absolut loyal verhielten. Aber ir‐ gendwie hatte Deeker nicht das rechte Vertrauen zu ihnen. Er hatte während der Grako‐Kriege an vorderster Front gekämpft und war mit seinen Kameraden häufig genug in die perfiden Fallen der Gra‐ kos getappt, die auf den brutheißen Dschungelwelten unzähligen Terranern und alliierten Völkern das Leben gekostet hatten. Es wi‐ derstrebte ihm, in ihnen plötzlich Verbündete zu sehen; so schnell wurde aus einem Saulus kein Paulus. Das konnte ihm niemand er‐ zählen. Trotz seines unterschwelligen Mißtrauens geschah nichts, als er in der Liftröhre nach oben schwebte und sieben Stockwerke höher durch düstere Korridore und Räumen schritt, in denen noch immer der Geist der alten Ordnung in allen Ecken zu lauern schien. Gleich darauf betrat er den Kontrollraum. Mit einem Blick überflog er die Reihen von Bildschirmen, die so angeordnet und geschaltet waren, daß sie eine Rundumdarstellung des umgebenden Weltraums bis in eine Tiefe von hundert Lichtjah‐ ren zu bieten imstande waren. Von einem Hyperkalkulator ge‐ steuert, drehten sich Überwachungssatelliten der TF weit draußen im Raum und suchten unablässig nach verräterischen Signalen und
Impulsen. Das war die normale Arbeit der Überwachungszentrale. Es gab auch eine andere. Dy Deeker, Oberleutnant der Terranischen Flotte, Spezialist für Raumüberwachung und verantwortlich für den Nahbereich der System Verteidigung, war seit kurzem einem neuen Tätigkeitsbe‐ reich zugeordnet worden. Mit seiner Einheit oblag es ihm, den neuen Sprungpeiler zu beaufsichtigen, den Terra an Grah geliefert hatte. Er durchquerte den Raum, trat an das Kommandoschaltpult und nickte seinem Techniker zu. »War was, Fähnrich Behl?« Fred Behl schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Seit drei Tagen schweigen die Taster. Möglicherweise haben sich unsere Besucher einer anderen Region zugewandt.« »Hm«, Deeker rieb sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Wenn wir sie nur einmal zu Gesicht bekommen würden, unsere scheuen Freunde!« Sein Wunsch war verständlich, aber unerfüllbar, wie sich leider immer wieder herausstellte. Seit der neue Sprungpeiler seine Arbeit aufgenommen hatte, hatte man zwar die Aktivitäten unbekannter Raumschiffe im Gerrck‐System anmessen, aber außer den Sprüngen selbst nichts orten können. Ein frustrierender Zustand, für die Spe‐ zialisten auf Grah ebenso wie für die Armeeführung. »Aber wir haben ja jetzt einen weiteren Trumpf in der Hand«, sagte der Fähnrich, und es war nicht klar, ob seine Bemerkung ironisch oder ernsthaft gemeint war. »Sie denken an den Sprungpeiler an Bord des Schiffes, das sich seit etwa 72 Stunden in dem Raumabschnitt mit den häufigsten Aktivi‐ täten versteckt?« »Ja, Sir. Es soll mit einer extrem verbesserten Tarnvorrichtung im Experimentierzustand versehen sein.« »Ja, unter anderem«, bestätigte der Offizier. »Was noch, Sir?«
Deeker zuckte mit den Schultern. »Genaues weiß man nicht, aber bei dem Schiff soll es sich um eine eierlegende Wollmilchsau han‐ deln.« Fred Behl grinste, ließ aber seine Anzeigen und Instrumente nicht aus dem Blick. »Sie haben vielleicht Vergleiche, Sir. Ich bin erstaunt.« Der Oberleutnant brummte nur. »Naja«, meinte Hauptgefreiter Behl, der aus einem den Alpen vorgelagerten Landstrich der Erde stammte, in dem merkwürdige Bräuche an der Tagesordnung waren. »Warum nicht. Solange es sich bei dem Experimentalschiff nicht um einen Wolpertinger handelt.« Jetzt war es an Deeker, Überraschung zu zeigen. »Sie stehen mir aber in der Wahl Ihrer Vergleiche kaum nach, Fähnrich Behl. Wie finde ich denn das!« Er setzte ein dienstliches Gesicht auf. »Verzeihung, Sir«, zeigte sich Behl zerknirscht, »ist mir so rausge‐ rutscht. Ich…« Er verstummte, als ein Alarmlicht auf der Konsole vor ihm aufleuchtete. »Moment mal, da ist ein Signal!« Der Fähnrich veränderte Schärfe und Intensität der Impulse auf dem Schirm. »Ja! Ja! Komm schon. Zeig dich! Nicht prüde sein…« Er stieß ein Triumphgeheul aus, das man bei ein wenig gutem Willen auch als Jodler interpretieren konnte. »Sir! Wir haben eine neue weiche Transition! Ein Schiff der Robo‐ terzivilisation laut den Vergleichsdaten aus dem Speicher.« »Zeichnen Sie sie auf wie die anderen auch, Fähnrich, und warten wir, ob sich unser Spion vor Ort meldet. Vielleicht tut sich diesmal doch etwas.« * In der Zentrale der DIGUFINOLHU, dem Spion vor Ort, herrschte gespannte, fast mit den Händen greifbare Erwartung, als Santini den Raum betrat. Die Männer waren damit beschäftigt, die Anzeigen der Pulte und
Monitore zu überprüfen. Dschamils Nummer Zwei saß an der Sprungpeilerkonsole und ließ den Schirm nicht aus dem Blick. Er hatte die Oberlippe hochgezogen und wirkte wie ein Wolf, der kurz davor stand, seine Fänge in die Beute zu schlagen. Kapitän Dschamil winkte den Major zu sich und deutete auf den leeren Sessel neben sich. »Achtung!« ließ sich der Zweite Offizier fast übernatürlich ruhig vernehmen. »Weiche Transition in einer Lichtsekunde.« Eine für astronomische Begriffe lächerlich geringe Entfernung. »Jetzt! Frem‐ des Objekt ist materialisiert, eindeutig ein Schiff der intelligenten Roboter.« »Wie wir immer vermutet haben«, brummte Dschamil. Eric Santini kam sich vor wie im falschen Film. »Verzeihung, Kapitän«, machte er seinem Befremden Luft. »Ich sehe nichts von dem, was Sie und Ihre Männer offensichtlich erken‐ nen. Klären Sie mich auf?« Dschamil tat es. »Mister Joly, legen Sie die Anzeige auf meine Konsole«, forderte er von seinem Zweiten Offizier. »Sehen Sie auf den Schirm, Major«, bat er dann Santini, als er das Bild vor sich hatte. »Für Sie mögen das nur unverständliche Zah‐ lensymbole sein, für uns, die wir mit dem Sprungpeiler arbeiten, sind es wichtige Informationen, die wir aufgrund unserer Erfah‐ rungen – und den Informationen über diese Objekte aus unserer Datenbank – interpretieren können.« »Und visuell?« »Sein Tarnschutz ist mindestens so gut wie der unsere«, warf der Erste Offizier ein. »Zu Gesicht bekommen wir ihn erst, wenn wir uns auf Gewehrschußweite herangepirscht haben.« Santini blickte erschrocken, als er sich an Dschamil wandte. »Das haben Sie vor!?« Dschamils beredte Miene war Antwort genug.
»Sie wollen es wirklich tun«, sagte Santini fatalistisch. »Das und noch etwas mehr«, bekräftigte der Kapitän. Was dieses »mehr« war, konnte Santini allenfalls vermuten, aber er hegte den Verdacht, daß es mit der Transitionssteuerung zusam‐ menhing, von der Penelope dos Santos mindestens ebenso angetan war wie der maledivische Schiffskommandant. »Mister Welch, eine abhörsichere To‐Richtfunkverbindung mit unserer Leitstelle auf Grah. Wollen doch mal sehen, ob die das glei‐ che auf ihren Schirmen haben wie wir.« »Aye, Kapitän!« Grah bestätigte und wünschte viel Glück für die weitere Mission. »Kapitän!« Hub Jolys Stimme. »Da draußen tut sich was!« »Lassen Sie sehen, Nummer Zwo.« Joly schaltete an der Konsole. Die Anzeige des Orters zeigte nun eine Grafik, auf der die Intensi‐ tät von Energieemissionen gegen die Frequenz aufgetragen wurde, mit der das Signal ankam. Auf der x‐Achse zeigte sich eine schwache Spitze. Dann erschienen eine Reihe sanfter Pulse, die sich von links nach rechts über den Schirm bewegten. Man hätte dank der eigent‐ lich perfekten Tarnung des Roboterschiffes gar keine Anzeigen be‐ kommen, hätte der neue Sprungpeiler nicht zuvor verraten, wo ge‐ nau man suchen mußte. »Ist es das, was ich vermute, Mister Joly?« fragte Dschamil. »In der Tat, Kapitän«, bestätigte der Zweite Offizier. »Sie schicken ein vollgetarntes Beiboot in Richtung… Sekunde…« Jolys Finger glitten virtuos über die Sensortastatur der Konsole. »Grah«, sagte er dann lapidar. Kapitän Dschamil mußte nicht erst überlegen. »Nummer Eins. In‐ formieren Sie das Oberkommando und General Pershing, was da auf sie zukommt, und schicken Sie ihnen die Koordinaten des Annähe‐ rungskurses. Sie können ihnen ja vorschlagen, ein paar Ringraumer loszuschicken, um das Boot aufzubringen.« »Wollen Sie wirklich, daß ich der Raumflotte das empfehle?«
»Hm. Den letzten Satz können Sie weglassen, sonst kommt noch jemand auf den Gedanken, wir wären überheblich.« »Aye, Sir!« Mark Welch grinste und aktivierte den To‐Richtfunk. * Dank der per To‐Richtfunk übermittelten Daten konnte General‐ oberst Pershing zwei Ovoid‐Ringraumer mittels Alarmstart auf Ab‐ fangkurs schicken. Ihre Mission war aber nicht von Erfolg gekrönt. Offenbar erachtete der Zentralrechner im Roboterschiff die Aus‐ sichten auf einen Erfolg der angestrebten Maßnahmen als zu gering, brach die Exkursion ab und beorderte das Boot wieder zurück. * Als man in der DIGUFINOLHU erkannte, daß das Beiboot um‐ kehrte und wieder Kurs auf das Roboterschiff nahm, versetzte diese Maßnahme die Zentrale in hektische Aktivitäten. Jetzt, so befürchtete Santini, würde er vermutlich bald die ominöse Transitionssteuerung in Aktion erleben. Da er zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich wußte, was auf ihn zu‐ kam, blieb er relativ gelassen und ruhig und verfolgte von seinem Platz aus die Vorbereitungen zum Start aus der Perspektive eines Zuschauers. Im Maschinenraum schaltete der Chief nacheinander die Maschi‐ nen, Speicherbänke, Umformer und Spulen ein; das feine Vibrieren, das in der DIGUFINOLHU nie ganz aufhörte, veränderte seine Frequenz um ein kaum spürbares Jota. Dann übernahm Mark Welch und startete die Triebwerke von sei‐ ner Pilotenkonsole aus. Er fuhr sie im Leerlauf hoch und überprüfte ein paar Anzeigen auf seinem Pult. »Wir sind startbereit, Kapitän!« meldete er vorschriftsmäßig.
»In Ordnung, Nummer Eins. Starten Sie.« Die DIGUFINOLHU verließ ihre Position am Rande des Gerrck‐Systems, an der sie drei volle Tage ausgehalten hatte, und bewegte sich mit Schleichfahrt auf das Roboterschiff zu. »Roboter nimmt Beiboot wieder auf«, meldete Hub Joly von seinen Anzeigen. »Das Schiff beschleunigt, Sir!« informierte die Nummer Zwei den Kapitän. »Nummer Eins, bringen Sie uns ran!« Die Spannung knisterte im Schiff, sprang wie ein Elmsfeuer von einer Person auf die andere über und entlud sich in ein gelegentli‐ ches Räuspern. Maumun Abdul Dschamil hatte seinen Kommandantensitz ver‐ lassen und saß nun vor dem Kontrollpult der Transitions‐ Steuerung; das Gerät selbst hätte nicht in die Zentrale gepaßt. Ein Gerät, dessen Wirkungsweise Santini noch immer ein Buch mit sieben Siegeln war. Der Major blickte auf das unbewegliche Profil des Kapitäns. »Was genau haben Sie eigentlich vor, Kapitän Dschamil? Bislang haben Sie und Ihre Männer sich in Andeutungen gefallen. Ich frage mich ernsthaft, wie man mit einem Schiff, das nur über ein einziges Transitionstriebwerk verfügt, einen Gegner – und das sind die Ro‐ boterschiffe nun mal für uns –, der nachweislich über enorme Po‐ tentiale hinsichtlich Triebwerksleistungen, Tarnfeldern und Waffen verfügt, unerkannt verfolgen kann, ohne nicht selbst von dessen wesentlich stärkeren und damit effektiveren Ortungssystemen er‐ kannt zu werden?« »Gedulden Sie sich noch kurze Zeit, Major Santini, dann werde ich Ihnen alle Fragen beantworten – oder sie beantworten sich von selbst durch das, was Sie sehen. Im Augenblick muß ich mich ein wenig darauf konzentrieren, nicht in dieses Riesenschiff zu krachen, dem wir uns immer mehr nähern.« »Hm, wir nähern uns also dem Schiff«, sagte Santini mit leichter Verzweiflung und deklamierte: »Wohl höre ich Ihre Worte, allein
mir fehlt der Glaube.« Auf dem Hauptschirm, der die sternendurchflimmerte Kulisse des Weltraums zeigte, war in der Tat weit und breit nichts von dem ominösen Roboterschiff zu sehen, dem man laut Dschamils Worten angeblich immer näherkam. Dschamil hatte die stoische Miene des in sich selbst ruhenden Asiaten. »Etwas nicht sehen heißt nicht zwangsläufig, daß es nicht da ist. Betrachten Sie doch einfach den Hauptschirm. Wenn Ihnen die engbegrenzte Stelle auffällt, in der keine Sterne zu sehen sind und an der Sie den Eindruck haben, in ein Loch zu blicken, haben Sie unser Ziel gefunden. Dort befindet sich das Roboterschiff.« Santini fiel es wie Schuppen von den Augen. »Verdammt!« sagte er. »Wie meinen Sie das?« fragte Dschamil und zeigte ein halbes Lä‐ cheln. »Daß ich nicht von allein darauf gekommen bin.« »Niemand ist vollkommen«, war Dschamils besänftigender Kom‐ mentar. »Jeder hat seine Eigenarten, seine Schwächen, aber auch seine Stärken. Die Ihren liegen einfach auf einem anderen Gebiet, Major.« Santini war versucht zu lachen. Diesen Schuh mußte er sich an‐ ziehen. Keine Frage. Plötzlich liefen die Ereignisse rasend schnell ab. Hektisch erwachten ganze Serien von Lichtern auf den Steuerpul‐ ten, begannen rhythmisch zu flackern. Eine Folge von Warntönen erklang. Da niemand gesteigerte Furcht zeigte, blieb auch Santini gelassen, wartete ab. Und richtig, eine Kunststimme sagte: »Annäherungsalarm. Annä‐ herungsalarm…« »Schalten Sie das ab, Nummer Zwei.« »Sofort, Sir.« In der kreisförmigen Zentrale verstummten die Warnungen der
Automatik. »Wie kann das sein? Ich war der Meinung, Ortersysteme erfassen keine getarnten Objekte?« »Das trifft zu«, bestätigte der Funk‐ und Ortungsoffizier an Dschamils Stelle, »aber die Gravitationsgesetze sind deshalb nicht außer Kraft gesetzt. Was hier angeschlagen hat, war der Massetaster, der sich auf die kurze Distanz nicht mehr täuschen läßt.« Die DIGUFINOLHU jagte durch den Raum mit allem, was ihre Maschinen zu geben in der Lage waren, und flog quasi im Blindflug, nur den vom Sprungpeiler ermittelten Daten folgend, bis auf wenige Kilometer an das Roboterschiff heran. »Besteht keine Gefahr, daß wir in so großer Nähe von dem Hauptrechner entdeckt werden?« fragte Santini. »Wir sind in seinem Energieschatten sogar relativ sicher vor Ent‐ tarnung«, erläuterte Dschamil, der die Anzeigen und Instrumente seiner Transitionssteuerung nicht aus dem Blick ließ. »Solange wir im vollen Tarnschutz agieren. Entfernung, Nummer Zwei?« »Vier Kilometer, Sir.« »Haben unser Ziel fast erreicht«, bestätigte der Erste Offizier. »Jetzt müßte es eigentlich schon auf dem Hauptschirm erscheinen. Se‐ kunde, ich entkopple ihn von der Tasterphalanx und bringe ihn in den visuellen Modus… und da ist es schon!« Im Hauptschirm zeichnete sich vor dem Sternenhintergrund ein monströses Ungetüm ab. Major Eric Santini sah zum erstenmal eines der geheimnisvollen Roboterschiffe aus der Nähe und unterdrückte nur mit Mühe einen überraschten Laut. Der Kampfgigant war groß, die Datensequenz, die der Hyperkal‐ kulator in den Schirm einblendete, gab ihm einen Durchmesser von 400 Metern. Er war so kompliziert und merkwürdig geformt, daß er nur die Schöpfung einer kriegerischen Spezies sein konnte. Nichts daran war auch nur annähernd vertraut, alles wirkte ungewohnt und fremd. Es schien fast, als gehöre das Schiff nicht einmal in dieses
Universum, entstamme einem anderen Kontinuum. Es wirkte auf Santini wie eine konzeptlos zusammengefügte Anhäufung unter‐ schiedlichster Formen, ineinander verschlungener röhrenförmiger Zylinder mit warzenförmigen Ausbuchtungen, Überlappungen, Durchschneidungen, im Nichts endenden Rohren. Trotzdem oder gerade deshalb vermittelte es den Eindruck einer permanenten Be‐ drohung für jeden, der den Weg dieses Schiffes kreuzte. »Man sollte meinen, daß Maschinenintelligenz einen Sinn für Ordnung hätte«, erklang Penelope dos Santos’ Stimme; sie war in‐ zwischen in der Zentrale erschienen. Um nichts in der Welt wollte sie den Einsatz der Transitionssteuerung verpassen. Und sie fügte hin‐ zu: »Das Schiff sieht eher aus, als ob seine Einzelteile auf den Schrottplätzen von ein paar Dutzend Planeten zusammengesucht und dann einfach zusammengeschweißt worden wären.« »Der Begriff Ordnung, so wie wir ihn kennen, muß nicht bedeuten, daß er für andere Völker in gleicher Weise gilt, mögen sie nun le‐ bende Wesen oder Maschinen sein.« »Wahr gesprochen, Kapitän«, begann Santini. »Sie sind ein Philo‐ soph, will mir scheinen. Wie funktioniert denn nun Ihre Transi‐ tionssteuerung?« »Relativ simpel und doch im hohen Maß kompliziert«, erklärte Dschamil und ließ für einen Moment seine Anzeigen Anzeigen sein. »Mit dieser Erfindung lassen sich die Transitionsimpulse des Robo‐ terschiffes erfassen und zur Steuerung unseres eigenen Transitions‐ triebwerkes ausnutzen, so daß wir parallel mit dem Kampfschiff springen können…« »Dabei wird unser eigener Transitionsschock in dem viel größeren des Roboterraumers untergehen, ist es nicht so, Kapitän?« warf Pe‐ nelope dos Santos mit leuchtenden Augen ein. »Genial. Einfach ge‐ nial!« »Theoretisch ja, Leutnant.« »Wollen Sie etwa damit sagen«, wurde Eric Santini mißtrauisch, »daß das Verfahren noch nicht im praktischen Versuch getestet
wurde?« Dschamils braunes Gesicht wurde um eine Nuance dunkler, aber nicht aus Ärger, sondern er lächelte. »Sie haben es erfaßt, Major Santini«, erwiderte er und fuhr im lockeren Plauderton fort: »Dies ist ein historischer Moment, die erste praxisorientierte Erprobung der Transitionssteuerung. Und Sie haben Anteil daran! Damit können Sie später einmal vor Ihren Enkeln protzen.« »Falls ich je welche bekomme«, versetzte Santini düster. »Ich glaube nicht, daß wir dies hier überleben.« »Warum so pessimistisch, Sir?« Dos Santos lächelte ihn strahlend an. »Ich für meinen Teil glaube fest daran, daß alles glattgeht. Ich…« Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu vollenden. Der Erste Offi‐ zier sagte laut: »Sir, das Schiff erhöht seinen Energieausstoß. Es wird jeden Moment springen!« »Verstanden, Nummer Eins. Wir springen mit ihm.« Kapitän Dschamil drückte einen Schalter am Kontrollpult der Transitions‐ steuerung. Dann lehnte er sich zurück und krampfte die Hände um die Lehnen seines Sessels. Offenbar schien er nun doch etwas nervös geworden zu sein. Der Roboterraumer sprang – und die DIGUFINOLHU folgte ihm in seinem Energieschatten automatisch über eine Distanz von exakt 500 Lichtjahren. Auf dem Hauptbildschirm ließ sich dieser nur Sekundenbruchteile dauernde Vorgang lediglich an den veränderten Konstellationen der Sterne verifizieren. »Es hat funktioniert!« zeigte sich Dschamil höchst zufrieden. »Ein historischer Augenblick. Vergleichbar mit dem Moment, als der erste Mensch seinen Fuß in den Mondstaub setzte.« »Mondstaub ist gut, Kapitän«, ließ sich Hub Joly hören. »Unser Reittier macht sich eben wieder aus dem Staub.« Dschamils Augen schlossen sich fast, als er fauchte: »Nummer Zwei, ich erwarte eine vorschriftsmäßige Meldung. Was ist gesche‐ hen?«
»Das Kampfschiff ist erneut gesprungen, Sir!« In der Tat war von dem Schiff nichts mehr zu sehen. Die DIGU‐ FINOLHU war allein im Weltraum. Nur das Echo des Eintritts‐ schocks zitterte als Nachhall auf dem Monitor des Sprungpeilers. Damit hatte man nicht gerechnet. Üblicherweise legten die Robo‐ terschiffe Pausen von 20 Minuten zwischen den einzelnen Sprüngen ein, Zeit genug für die Besatzung der Sternschnuppe, den nächsten Sprung mit dem des verfolgten Schiffes zu koordinieren. »Er hat vermutlich eine Verfolgung durch die Ovoid‐Ringraumer gefürchtet, die sein Beiboot abzufangen versuchten«, sprach der Erste Offizier aus, was auch die übrigen dachten. »Das stellt uns jetzt vor ein Problem«, gab der Kapitän zu verste‐ hen und lieferte für Santini die Erklärung gleich hinterher. »Wenn er weiter als 300 Lichtjahre springt, ist er weg. Alles was darüberliegt, entzieht sich der Erfassung des Sprungpeilers.« Sie hatten Glück. Der Wiedereintritt des Roboterschiffes war vom Sprungpeiler am Rande eines Sonnensystems in 287 Lichtjahren Entfernung ange‐ messen worden, ein neuer Sprung hingegen nicht. »Vermutlich ist dieses System sein Ziel«, machte der Kapitän der DIGUFINOLHU deutlich. »Soviel zur Transitionssteuerung«, sagte Santini, »und soviel zu meiner Mission, die sich damit erledigt haben dürfte.« »Ich verstehe weder den Zusammenhang noch Ihren Pessimismus, Major«, wunderte sich Dschamil. »Wir werden uns nicht unerkannt dem System nähern können«, begann Santini mit der Erklärung seines Gedankenganges. »Selbst wenn wir die Entfernung in mehreren kleinen Transitionen zurück‐ legen, uns sozusagen ›anschleichen‹, werden die Sprünge anmeßbar sein. Wir können genausogut gleich anklopfen und mit der Tür ins Haus fallen.« »Sie sehen zu schwarz, Major«, beschwichtigte Dschamil Eric San‐ tini. »Ich werde mir etwas überlegen. Versprochen.«
Dschamil setzte sein Versprechen in die Tat um, allerdings hielt sich Santinis Begeisterung über das Ergebnis in Grenzen. Dschamil hatte das fremde System mit der Hyperortung abtasten lassen und mit den Ergebnissen einen Sprung programmiert, der direkt in der Korona des Zentralgestirns endete. »Das ist nicht Ihr Ernst, Kapitän!« ließ Santini seinem Unmut freien Lauf. »Was Sie vorhaben, ist ein Vabanquespiel. So exakt kann man keine Transition berechnen. Abweichungen von nur wenigen hun‐ dert Kilometern bringen entweder das Ende für uns oder die Ent‐ deckung. Vermutlich ersteres, verehrter Kapitän. Nicht von ungefähr transitiert man vorzugsweise außerhalb von Sonnensystemen, da es im Innern mit Leichtigkeit zu Abweichungen von mehr als 100.000 Kilometern kommen kann, aber das muß ich Ihnen ja nicht sagen. Wie groß sind dann erst die Abweichungen, wenn man mitten im Schwerkraftchaos einer Sonne herauskommt? Haben Sie das einmal bedacht?« Der Major geriet mehr und mehr in Rage, je länger er redete – was höchst ungewöhnlich war für einen meist wortkargen Mann wie ihn. Aber Dschamil ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Nach seinen Worten konnte mit der neuartigen Transitionssteuerung die Gefahr von Mißweisungen auf ein Minimum verringert werden. Santini sah ein, daß er den Kapitän nicht von seinem Vorhaben abbringen konnte, außer er würde ihn erschießen. Und das war ge‐ gen die Dienstvorschrift. »Tun Sie, was Sie offensichtlich nicht lassen können«, gab er schließlich auf, außerdem waren ihm die Argumente ausgegangen. »Ich jedenfalls werde mich in meine Kabine zurückziehen.« »Was wollen Sie denn da?« »Na was wohl«, sagte Santini mit einem dünnen Grinsen. »Mein Testament schreiben.«
6. Für mehrere Sekunden war Ren Dhark vor Schreck handlungsun‐ fähig. Der Commander hatte auf das schützende Intervallfeld ver‐ traut, das seinen Flash umgab – und dieses blinde Vertrauen ent‐ puppte sich jetzt als eine grobe Fehleinschätzung. Er hätte dem Ge‐ schützstrahl ausweichen sollen… Wie hatte ihm das nur passieren können? Ihm – der es gewohnt war, Situationen intuitiv einzuschät‐ zen und dadurch Gefahren rechtzeitig von sich und seinen Mitstrei‐ tern abzuwenden. Dhark war von schlanker Gestalt, hatte weißblonde Haare und braune Augen. Der ehemalige Commander der Planeten war heute »nur noch« der Commander des privat finanzierten Ringraumers POINT OF, dem einstigen Flaggschiff der Terranischen Flotte, das ihm von der Weltregierung aufgrund seiner Verdienste offiziell übereignet worden war. Sowohl beim Militär als auch in seinem jetzigen Bereich als unabhängiger Weltraumforscher hatte er bewie‐ sen, daß er über enorme Führungsqualitäten verfügte. Aber selbst wenn man zum Anführer geboren war, war man nicht vor Fehlern gefeit. Sein Flash – so lautete die offizielle Bezeichnung der zylin‐ derförmigen Beiboote der POINT OF – hatte fast alle technischen Funktionen eingestellt und stürzte mit deaktiviertem Intervallfeld in die Tiefe. Und nicht nur seiner, auch die drei Flash seiner Begleiter jagten funktionslos auf den schneebedeckten Erdboden zu… In einem davon saß Rens bester Freund Dan Riker. Er war vie‐ runddreißig Jahre alt, verheiratet, hatte schwarze Haare, blaue Au‐ gen, einen breiten Mund und ein vorstehendes Kinn. Der ehemalige Chef der Terranischen Flotte hatte sein Amt niedergelegt und war als Vizekommandant auf der POINT OF verblieben – dem außerge‐ wöhnlichsten Raumschiff der Milchstraße, mit dem eigenwilligsten Bordrechner des Universums. Dhark und Riker hatten schon zahl‐
reiche gemeinsame Abenteuer unbeschadet überstanden. Ob das auch diesmal wieder der Fall sein würde, war mehr als zweifelhaft, denn die Antigraverzeuger in den Flash funktionierten nur noch rudimentär. Seine Lebenspartnerin Amy Stewart kannte Ren Dhark noch nicht so lange wie seinen besten Freund. Die Siebenundzwanzigjährige war etwa sieben Jahre jünger als Ren, blond, sportlich und verhält‐ nismäßig muskulös. Als erster weiblicher Cyborg verfügte sie nicht nur über überragende körperliche Kräfte, sondern auch über eine hohe Intelligenz sowie die Gabe, komplexe Situationen intuitiv zu erfassen und richtig zu beurteilen. Ihr erklärtes Lebensziel war die Ausschaltung sämtlicher Gefahren für die Menschheit, der sie eine zweite Giant‐Invasion ersparen wollte; daher stand sie Fremdvöl‐ kern prinzipiell mißtrauisch bis feindselig gegenüber. Sie hatte beim Absturz des Flash gute Überlebenschancen, wenn sie rechtzeitig in den Phant ging und auf ihr Zweites System umschaltete. Für den fünfundvierzigjährigen Kontinuumsforscher und Inter‐ vallexperten H.C. Vandekamp – dessen Initialen für Honorius Cy‐ rano standen (was ihm selbst so peinlich war, daß er sich sogar von seinen Freunden nur mit »Ha‐Zeh« anreden ließ) – standen die Chancen weitaus schlechter. Er gehörte der wissenschaftlichen Ab‐ teilung der POINT OF an. Mit seinen vielfältigen Fähigkeiten hätte man den hageren, leicht ergrauten Mann mit der auffälligen Ha‐ kennase ebensogut in der astronomischen Abteilung oder in anderen Positionen einsetzen können. Allerdings hatte er den Ruf eines hy‐ pernervösen Cholerikers, wodurch er sich mitunter selbst Knüppel zwischen die Beine warf, weil »Schreihälse« von ihren Mitarbeitern nur bedingt ernst genommen wurden. H.C. hatte den Flug der vier Flash nach Nordkanada angeregt. Er sorgte sich um seinen Bruder I.D. seinen einzigen noch lebenden Blutsverwandten… I.D. Vandekamp war mit einer Pariserin namens Monique verhei‐ ratet, einer ehemaligen Gymnasiallehrerin, und er hatte zwei Söhne
im Alter von dreizehn und fünfzehn Jahren: Roger und Conway. Nach der Giant‐Invasion hatte der erfolgreiche Jurist den Wieder‐ aufbau der Erde für die Gründung einer eigenen Anwaltskanzlei in London genutzt. Doch Mitte 2058 – zu einer Zeit, als sich die Erde aufgrund der bedrohlichen Nähe zur Galaxis Drakhon in einer Art Weltunter‐ gangsstimmung befand, ein Ausnahmezustand, den jeder auf seine Weise zu bewältigen suchte – hatte I.D. einen schweren Fehler ge‐ macht: Er hatte sich bestechen lassen und beweiskräftige Unterlagen eines Mandanten nicht dem Gericht vorgelegt. Das war sein beruf‐ licher und gesellschaftlicher Ruin gewesen, verdientermaßen. Nach diesem herben Rückschlag hatte sich I.D. Vandekamp mit seiner Familie in die rauhe Wildnis des kanadischen Nordens zu‐ rückgezogen und von dort aus sein Geld mit internationalen, schwer durchschaubaren Handelsgeschäften verdient… Das mit diverser Technik versehene, ans weltweite Kommunika‐ tionsnetz angeschlossene Blockhaus, in dem die Vandekamps jahre‐ lang gelebt hatten, existierte nicht mehr; jemand hatte es niedergeb‐ rannt. Und die Bewohner befanden sich mit vier benzinbetriebenen, recht primitiven Motorschlitten auf der Flucht – vorausgesetzt, bei den vier dickvermummten Personen, deren Verfolgung Ren, Dan, Amy und H.C. aufgenommen hatten, handelte es sich tatsächlich um die Gesuchten. Ihre feindselige Haltung zeugte eher vom Gegenteil: Die Vermummten hatten ihre Schlitten angehalten, die Planen auf deren Hängern zurückgeschlagen und mit Strahlenkanonen unbe‐ kannter Bauart alle vier POINT OF‐Beiboote mitsamt ihren Insassen »vom Himmel geholt«. Kurz nacheinander krachten die Flash in den tiefen Schnee. Glück im Unglück: Die Schneemassen dämpften den Aufprall – und auch der zeitweise aufflackernde A‐Grav bewahrte die Insassen vor dem Schlimmsten. Selbst ohne Intervallfeld war jeder Flash ein stabiles Fluggerät, das eine Menge einstecken konnte und im Kampf besser nicht unterschätzt werden sollte…
Die Grundvoraussetzung für eine positive Kampfentscheidung war allerdings das reibungslose Funktionieren der Waffensysteme an Bord – und damit sah es in den vier Beibooten momentan mau aus. In Dharks Flash ließ sich das System nicht mehr hochfahren, die Leuchtanzeige blieb dunkel. Immerhin funktionierte der Bordfunk noch, so daß sich die vier Flashpiloten untereinander verständigen konnten. Commander Dhark erfuhr, daß keiner seiner Begleiter verletzt war. Auch in den drei anderen Booten konnte niemand die Waffen einsetzen. »Wir steigen aus und zeigen ihnen, daß wir auch ohne unsere Bordgeschütze gefährliche Gegner sind«, schlug Amy vor. »Abgelehnt«, entgegnete ihr Lebensgefährte. »Gegen Strahlenka‐ nonen, mit denen man Flash außer Gefecht setzen kann, wirst selbst du als Cyborg nicht viel ausrichten.« »Wenn mich die Vermummten nahe genug herankommen lassen, werde ich schon mit ihnen fertig«, erwiderte die Kampfexpertin entschlossen. Noch bevor Ren Dhark etwas erwidern konnte, meldete sich H.C. Vandekamp zu Wort. »Ich steige aus und zeige mich ihnen. Meine Angehörigen werden mir nichts antun.« »Und wenn es sich nicht um Ihren Bruder und seine Familie han‐ delt?« gab Dhark zu bedenken. »Bleiben Sie, wo Sie sind, verstan‐ den? – Hallo? Melden Sie sich, Vandekamp!« »Tut mir leid, der Funk ist gestört«, behauptete der Wissenschaftler und öffnete den Ausstieg. Sein ganzer Körper war in einen Thermoanzug gehüllt. Das war auch dringend nötig, denn draußen herrschten einundsechzig Grad unter Null. Einer der Vermummten richtete die Zielvorrichtung seiner Strah‐ lenkanone auf Vandekamp aus, der leichtsinnig sein schützendes Boot verließ. Im Laufschritt näherte sich H.C. den vier Unbekannten und winkte ihnen zu.
»Der Kerl muß verrückt sein«, brummelte der Mann hinter der Kanone. »Oder lebensmüde. Na schön, dann tun wir ihm halt den Gefallen und befördern ihn ins Jenseits…!« * Einem alten Sprichwort zufolge war es wenig ratsam, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, die sich am Kirschbaum zu schaffen mach‐ ten, weil die mächtigen Geschosse nicht nur die Vögel, sondern gleich den ganzen Baum zerfetzen würden. Ein Volltreffer aus der Strahlenkanone hätte H.C. Vandekamp nicht einfach so vom Leben in den Tod befördert – der hagere Forscher wäre mit mehreren hundert Stundenkilometern quer durchs gesamte Jenseits geschleu‐ dert worden…! Während er auf den Vermummten, der ihm dieses Schicksal zu‐ gedacht hatte, zulief, öffnete er den Kopfschutz seines Thermoan‐ zugs. »Nicht schießen, I‐Deh!« rief er. »Ich bin es: Ha‐Zeh!« I.D. Vandekamp hielt verblüfft inne. »Feuer einstellen!« rief er aufgeregt seiner Frau und seinen beiden Söhnen zu. »Es feuert doch gar keiner, Papa!« rief Roger, sein Jüngster, durch den leichten Schneesturm zurück. »Wir schießen doch nicht auf Onkel H.C.!« Sein zwei Jahre älterer Bruder, der fünfzehnjährige Conway, nahm ebenfalls die Hände von seiner Kanone. Monique Vandekamp zögerte noch. Scheinbar drohte ihnen keine Gefahr – es sei denn, ihr Schwager war zum Verräter geworden und wollte sie an die Regierung ausliefern. Woher wußte er überhaupt von ihrem Vorhaben? Hatte er inzwischen Kenntnis von den Auf‐ rechten erlangt? Oder war sein Auftauchen ausgerechnet zur Stunde ihres Aufbruchs nur reiner Zufall? »Finger weg von den Waffen!« ermahnte I.D. Vandekamp seine
Familie nochmals, wobei er insbesondere in Richtung seiner Frau blickte, als ob er ihre Zweifel spürte. »Es ist mein Bruder!« »Darauf werde ich keine Rücksicht nehmen, sollte er unsere Pläne gefährden«, machte Monique ihm unmißverständlich klar. Sie war eine verdammt heiße Frau, aber wenn es darauf ankam, konnte sie kalt sein wie Eis – was ihr bei der derzeitigen Witterung nicht sonderlich schwerfiel. I.D. hörte ihr nicht mehr zu. Sein Bruder traf bei ihm ein, und beide umarmten sich herzlich. Anschließend begrüßte H.C. den Rest der vandekampschen Fami‐ lie; sie waren nur ein kleines Häuflein, die letzten, die von diesem Zweig noch übrig waren. »Warum bist du hier?« fragte ihn I.D. »Und wer befindet sich in den drei anderen Flash?« »Freunde«, versicherte ihm H.C. »Wir sind gekommen, um euch von hier wegzubringen.« »Dachte ich es mir doch!« entfuhr es Monique, die plötzlich einen Paraschocker in der Hand hielt. »Er arbeitet mit der Regierung zu‐ sammen. Sie wollen uns zwangsevakuieren.« H.C. Vandekamp verschlug es fast die Sprache. »Zwangs… was? Seit wann muß man jemanden zwingen, sich aus höchster Not retten zu lassen? In Skandinavien, Alaska und Sibirien drängen sich die Bewohner massenhaft darum, von den Regierungstruppen nach Süden verbracht zu werden, damit sie nicht erfrieren. Und ihr redet allen Ernstes von Zwang?« »Wir kommen auch ohne Hilfe der Regierung nach Süden«, erwi‐ derte Conway Vandekamp. »Wir haben Freunde auf der ganzen Welt.« H.C. war ratlos, er verstand nicht so recht, was der Junge damit meinte. I.D. forderte Monique per Handzeichen auf, den Schocker zu senken. Ohne ihren Schwager aus den Augen zu lassen, kam die Frau der Aufforderung nach und steckte die Waffe weg, was gar nicht so einfach war, immerhin trug sie dicke Handschuhe.
Ren Dhark, Dan Riker und Amy Stewart verließen nun ebenfalls ihre Flash – und augenblicklich verschärfte sich die Lage wieder. Während Amy nur eine harmlose Handfeuerwaffe bei sich hatte (mehr benötigte sie als Cyborg nicht), waren Ren und Dan zusätzlich mit Karabinern und Nadelstrahlern bewaffnet. Sie wollten gewapp‐ net sein, für alle Fälle. I.D. und seine Söhne fackelten nicht lange. Sie stellten sich hinter ihre Strahlenkanonen und richteten sie auf die in Thermoanzüge gehüllten Flashpiloten aus. »Sag ihnen, sie sollen die Waffen fallen lassen!« forderte I.D. seinen Bruder auf. »Ansonsten kann ich für nichts garantieren. Wir jagen sie in die Luft, mitsamt euren Beibooten!« »Sag’s ihnen doch selber«, erwiderte H.C. grinsend. »Von mir nimmt der Commander der POINT OF keine Befehle entgegen.« I.D. machte ein verblüfftes Gesicht, was aufgrund des Schals, den er sich um die untere Kopfhälfte geschlungen hatte, nur schwer er‐ kennbar war. »Du befindest dich in Begleitung deines Chefs? Com‐ mander Dhark ist persönlich hier? Warum hast du das nicht gleich gesagt? Du weißt doch, wie sehr ich diesen Mann verehre.« H.C. nickte. »Ja, das weiß ich. Du hast oft genug betont, daß es auf der Erde inzwischen ganz anders aussehen würde, wäre er damals an der Regierungsmacht geblieben. Nach seiner Abwahl brach für dich eine Welt zusammen.« »Und nicht nur für ihn«, warf Monique ein. »Auch ich bewundere Ren Dhark für all das, was er für Terra getan hat. Ohne ihn hätten uns die Giants damals auf ewig versklavt. Oder Drakhon hätte un‐ sere gesamte Galaxis vernichtet. Daß die verblendete Menschheit Dhark als Commander der Planeten nicht mehr haben wollte, war mit ein Grund für unseren Rückzug in die kanadische Wildnis.« »Ren Dhark hat mehr oder weniger freiwillig auf das höchste Amt der Erde verzichtet«, entgegnete H.C. Vandekamp, der als Besat‐ zungsmitglied der POINT OF über diverse Insider‐Informationen verfügte. »Sein Forscherdrang stand seinen politischen Ambitionen
ständig im Wege. Und wenn er mal Zeit hatte, sich um sein Amt zu kümmern, war er meistens damit beschäftigt, gemeine Intrigen ab‐ zuwehren. Ich denke, jetzt hat er es besser getroffen.« Seine Angehörigen sagten nichts, doch sie dachten alle vier in etwa das gleiche wie das Familienoberhaupt: Dhark wäre der geeignete An‐ führer für unsere weltweite Organisation. Mit ihm an der Spitze könnten wir die verschiedenen Gruppen vereinen und diesem Planeten zu neuer Blüte verhelfen. Dann hätten die Verschwörer keine Chance gegen uns… * Bald darauf loderte in der Schnee‐ und Eiswüste ein großes La‐ gerfeuer an einem windgeschützten Platz unter Bäumen. Acht Per‐ sonen saßen um die Flammen herum und wärmten sich an ihnen: Dhark und seine Begleiter in Thermoanzügen und die Vande‐ kamp‐Familie in dicken, flauschigen Pelzen. Jeder von ihnen war schwerbewaffnet, mit Ausnahme von Amy, der die Waffen einer Frau Cyborg völlig ausreichten. Ein Außenstehender hätte diese Zusammenkunft sicherlich nicht als Familien‐ und Freundschafts‐ treffen interpretiert – sondern eher als eine Art Kriegsrat zwischen verfeindeten Parteien. Von den Gesichtern der vier Männer, zwei Frauen und zwei Ju‐ gendlichen war nicht viel zu erkennen, da sie wegen der Kälte weitgehend verhüllt waren. Somit konnte man nicht sehen, ob je‐ mand verdrießlich dreinschaute oder ob er sein Gegenüber freund‐ lich anlächelte. Dan Riker kam sich in dieser rauhen, weiten Wildnis etwas verlo‐ ren vor – wie ein Punkt irgendwo auf einer riesigen weißen Fläche. Selbst das Weltall wirkte lebendiger als diese Einöde, die dringend ein paar Farbtupfer benötigt hätte. Die drei anderen Besatzungsmitglieder der POINT OF empfanden ähnlich, allerdings hatte Ren Dhark die ganze Zeit über das Gefühl, beobachtet zu werden. Auf der Suche nach H.C.s Angehörigen hatte
man zwar einen großen Teil der Landschaft mit Infrarot abgetastet, aber bei weitem nicht die gesamte Umgebung. Es war also durchaus möglich, daß sich noch mehr Personen auf den Weg nach Süden gemacht hatten und nun aus verschiedenen Richtungen auf einen bestimmten Treffpunkt zuhielten; schließlich war man in der Gruppe sicherer als allein. I.D. Vandekamp entschuldigte sich nochmals bei allen vieren für die Strahlenschüsse auf die Flash. »Wir mußten annehmen, daß Sie von der Regierung geschickt wurden, um uns gegen unseren aus‐ drücklichen Willen von hier wegzuholen.« Dhark erinnerte sich an den Fund, den Amy am brennenden Blockhaus gemacht hatte. Die Hausbesitzer hatten eine Metallplatte mit eingraviertem Text zurückgelassen: Die terranische Regierung will ihre Bürger ebenso verraten wie ihre Heimatwelt. Aber wir lassen nicht zu, daß man uns fremden Mächten aus‐ liefert. Wir geben unsere Staatsbürgerschaft auf und bleiben auf Terra – nicht als Bürger eines Staates, sondern als aufrechte Terraner. Lebend wird uns die Regierung nicht deportieren, und sie wird sich auch nicht an unse‐ rem Besitz bereichern. Familie I.D. Vandekamp. H.C. war nach wie vor perplex. »Warum, in Dreigottesnamen, wollt ihr nicht weg von der Erde? Das allmähliche Sterben der Sonne kann nur verlangsamt, aber nicht endgültig aufgehalten werden. Früher oder später ist dieser Planet unbewohnbar.« »Alles Lüge!« wetterte sein Bruder los. »Das angebliche Sonnen‐ sterben ist nichts weiter als eine großangelegte Verschwörung der Regierung! Man will die Erde für irgendwelche finsteren Machen‐ schaften räumen.« Ren Dhark verschluckte sich fast an seiner heißen Brühe, die ihm in einem speziellen Metallbecher gereicht worden war; der Becher er‐ hitzte seinen Inhalt innerhalb einer Minute selbsttätig, sobald man Wasser oder Schnee hinzufügte. »Das können Sie unmöglich ernst meinen«, sagte Dan Riker, der nicht minder verblüfft war als sein Freund. »Von was für Machen‐
schaften sprechen Sie denn?« »Wenn wir das wüßten, hätten wir die Informationen längst öf‐ fentlich gemacht, damit sie für alle Menschen zugänglich sind«, be‐ teiligte sich Monique Vandekamp vehement an dem Gespräch. »Wir vermuten, daß fremde außerirdische Mächte darauf aus sind, sich auf unserem Planeten anzusiedeln. Vielleicht bedrohen sie die Menschheit mit einer gewaltsamen Übernahme, und unsere Anfüh‐ rer sind zu feige, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Oder aber die Regierung hat uns verraten und an die Fremden verkauft, gegen Inanspruchnahme bestimmter Privilegien nach der Machtergreifung. Natürlich kommen auch noch andere Verschwörungsmotive in Be‐ tracht…« »…die mit Sicherheit genauso konfus sind«, warf Dhark ein. »Eure Vermutungen sind blühender Unsinn! Ich konnte mich selbst davon überzeugen, daß unsere Sonne nicht mehr zu retten ist. Von einer Verschwörung kann gar keine Rede sein. Die Regierung und das Flottenoberkommando haben alles getan, was möglich war – doch letztlich müssen wir uns alle den Tatsachen beugen.« »Die Aufrechten beugen sich nichts und niemandem!« meldete sich Conway zu Wort, und sein jüngerer Bruder Roger fügte hinzu: »Wir werden die Erde nicht kampflos aufgeben. Sollen die Außerirdischen nur kommen, wir werden schon mit ihnen fertig!« »In der Vergangenheit wurde Terra des öfteren von kriegerischen Mächten bedroht«, räumte Dhark ein. »Doch momentan besteht keine akute Gefahr, glaubt mir. Selbst diejenigen, die sich an der Sonne zu schaffen gemacht hatten, haben sich inzwischen aus unse‐ rem Bereich zurückgezogen. Von Fremdvölkern, die auf die Räu‐ mung der Erde lauern, um sie selbst zu besetzen, ist mir bisher nichts bekannt. Was sollten sie auch mit einem Planeten anfangen, den sie gar nicht bewohnen können?« »Sie könnten hier beispielsweise Verteidigungsstationen einrich‐ ten, so wie wir es auf Pluto getan haben, dem Planeten der ewigen Kälte und Finsternis«, entgegnete I.D. Vandekamp. »Außerdem gibt
es im All bestimmt jede Menge Spezies, die sich solch frostigen Ge‐ gebenheiten anpassen, ja, sie vielleicht sogar als ideal empfinden, weil sie in wärmeren Regionen nicht existieren könnten.« »Das sind doch nur wilde Phantasien«, sagte Amy Stewart kopf‐ schüttelnd. »Haben Sie dafür irgendwelche Beweise?« »Wir haben was viel Besseres: einen gesunden Menschenver‐ stand«, behauptete Monique. »Über den verfügt Commander Dhark auch«, ermahnte H.C. seine Verwandten. »Habt ihr ihn nicht immer bewundert und verehrt? Denkt ihr wirklich, er käme persönlich hierher, um euch anzulü‐ gen?« Eine Weile sprach keiner ein Wort. Schweigend saßen die acht un‐ gleichen Personen um das Feuer herum. »Die Regierung könnte auch ihn getäuscht haben«, sagte I.D. Vandekamp schließlich. »Wir vertrauen dem Commander, doch möglicherweise ist er zu leichtgläubig.« »Dazu fällt mir jetzt gar nichts mehr ein«, brummelte Ren, der jede Art von Verblendung als erschreckend empfand, vor allem dann, wenn sich Fanatiker unter die Irregeleiteten mischten und zur Ge‐ walt aufriefen. »Ist diese obskure Verschwörungstheorie eigentlich auf eurem ei‐ genen Mist gewachsen?« fragte H.C. seine Angehörigen direkthe‐ raus. »Oder steckt jemand anders dahinter? Wer oder was sind diese Aufrechten überhaupt?« »Die Aufrechten sind heimatliebende Terraner, wild entschlossen, unsere Erde mit allen Mitteln gegen Angriffe jedweder Art zu ver‐ teidigen – wenn es sein muß, unter Einsatz des eigenen Lebens eines jeden einzelnen«, antwortete ihm I.D. »Es wäre ein Fehler, uns zu unterschätzen – oder uns mit anderen zweifelhaften Gruppierungen in einen Topf zu werfen.« Der Commander horchte auf. »Es gibt noch andere Gruppen?« »Wir Aufrechten haben die meisten Anhänger«, war Conway überzeugt. »Wir sind keine esoterischen Spinner wie beispielsweise
die Gäa‐Jünger.« »Gäa‐Jünger?« wiederholte Ren Dhark nachdenklich. »Wenn mich meine Halbbildung auf diesem Gebiet nicht täuscht, gibt es sie schon viele Jahrzehnte oder sogar noch länger. Sie bezeichnen die Erde als den Ursprung allen Seins, als die Urmutter sozusagen.« I.D. nickte. »In ihren Augen ist die Erde ein lebendes Wesen. Sie nennen es Gäa.« »Es sind versponnene Alternative, sonst nichts«, mokierte sich Conway. »Du irrst dich«, widersprach ihm sein Vater. »Wären die Gäa‐Jünger nichts weiter als alternativ angehauchte Esoteriker, würden sie mit Blumen im Haar den Himmel anbeten und darauf vertrauen, daß der liebe Gott sie nicht im Stich läßt. Und wenn sie dann erfroren sind, beten sie noch immer… Aber es handelt sich bei ihnen um keine passiven weinerlichen Zuschauer, sondern um zu allem entschlossene Kämpfer, die genau wie wir die Erde besetzt halten wollen, wenn auch aus anderen Gründen als die Aufrechten. Im übrigen ist ihre Anhängerschar nicht so klein, wie du annimmst, Conway. Ihre Verbindungen zum internationalen Waffenhandel sind umfangreicher als unsere.« »Ihr betreibt Waffenhandel mit ihnen?« hakte Dhark nach. »Mit den Gäa‐Jüngern – und mit verschiedenen weiteren Grup‐ pen«, bestätigte ihm I.D. Vandekamp. »Obwohl wir aus unter‐ schiedlichen Motivationen handeln, ist unser Ziel letzten Endes das gleiche: hierzubleiben und die Erde zu verteidigen. Deshalb unters‐ tützen wir uns gegenseitig. Die Strahlenkanonen, mit denen wir euch abgeschossen haben, erwarben wir von den Jüngern.« Monique Vandekamp warf einen prüfenden Blick zu den Schnee‐ mobilen. Ihr war nicht entgangen, daß sich Dan Riker ohne viel Aufhebens von seinem Platz erhoben und sich ein paar Schritte vom Feuer ent‐ fernt hatte. Sie hatte angenommen, daß er sich mal kurz in die Bü‐ sche schlagen wollte…
Als sie sah, wohin er sich wirklich begeben hatte, tastete sie nach ihrem Paraschocker. Riker stand an einem der Hänger, hatte die Plane hochgeschlagen und nahm die Strahlenkanonen näher in Au‐ genschein. * »Denk nicht mal dran, Schätzchen«, zischte Amy Stewart Monique Vandekamp an. »Laß die Waffe da, wo sie ist.« Amy hatte Monique am Handgelenk gepackt und hielt es fest. I.D. glaubte seine Frau in Gefahr und griff ebenfalls nach seiner Handfeuerwaffe. Amy registrierte seine Bewegung aus dem Au‐ genwinkel heraus und reagierte blitzschnell. Sie ließ Monique los, sprang I.D. an und drückte ihn rückwärts in den Schnee. Monique wiederum sah ihre Chance gekommen und versuchte erneut, mit ihrem dicken Handschuh den Paraschocker aus ihrer weiten Man‐ teltasche zu holen… Eine kräftige Stimme ließ sie mitten in der Bewegung erstarren. »Ich bin ein verdammt guter Schütze, Frau Vandekamp! Aus dieser Entfernung schieße ich einer Fliege das Auge aus, selbst dann, wenn mir der Schnee ins Gesicht peitscht!« Dan Riker hatte seinen Karabiner auf die Frau gerichtet. Zwar war der nicht einmal entsichert, doch das konnte sie von ihrer Position aus nicht erkennen. Conway und Roger fühlten sich verpflichtet, ins Geschehen ein‐ zugreifen, und sprangen auf. »Hinsetzen!« donnerte H.C. sie an. »Sonst versohle ich euch den Hintern, so wahr ich euer Onkel bin!« Erschrocken setzten sich die beiden wieder auf ihren Hosenboden. Sie waren halt noch halbe Kinder… Kinder, die durch die derzeitigen Lebensumstände gezwungen werden, schneller erwachsen zu werden, dachte Ren Dhark, dem die beiden in gewisser Weise leid taten. Sie würden ihren Eltern blind folgen –
wenn es sein mußte, bis in den Tod. Amy ließ von I.D. ab und nahm ebenfalls wieder ihren Platz am Feuer ein. H.C.s Bruder rappelte sich schimpfend auf. In seinen Au‐ gen funkelte der Zorn des Uneinsichtigen. »Besser, Sie beruhigen sich wieder«, riet ihm der Commander. »Amy ist Nahkampfspezialistin und könnte uns alle innerhalb von Sekunden zu Boden schicken, mich eingeschlossen.« Daß seine Lebenspartnerin ein Cyborg war, verschwieg er den Vandekamps. Schließlich brauchten sie nicht alles zu wissen. »Was sollte das eben?« fragte I.D. grantig und schaute dabei zu Amy. »Wieso haben Sie meine Frau und mich angegriffen?« »Weil Ihre Frau und Sie Riker und mich angreifen wollten«, ant‐ wortete Amy Stewart mit ruhiger Stimme. »Ich habe Ihre Absichten gleich im Keim erstickt, bevor sich das Gerangel zu einem unkont‐ rollierten Kampf mit Ungewissem Ausgang ausweiten konnte. Wehret den Anfängen!« »Ich hatte guten Grund, Mister Riker anzugreifen!« rechtfertigte sich Monique und deutete in Dans Richtung. »Er macht sich an un‐ seren Waffen zu schaffen.« Alle sahen zu Riker, der den Karabiner mit dem Lauf voran in den Schnee gesteckt hatte und mit Unschuldsmiene wieder unter die Hängerplane schaute, so als hätte es den kleinen Zwischenfall nie gegeben. »Er handelt nur auf meinen Befehl«, behauptete Ren Dhark, ob‐ wohl das gar nicht zutraf; Dan hatte sich auf eigene Faust zu den Schneemobilen begeben, um die Kanonen zu inspizieren. »Hast du schon was herausgefunden?« rief der Commander sei‐ nem Freund zu. Dan schnürte die Schutzplane zu und kam zurück ans Lagerfeuer. »Die Kanonen ähneln Pressorgeschützen«, sagte er, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte. »Allerdings sind sie wesentlich klei‐ ner.« Dhark kräuselte skeptisch die Stirn. »Transportable Pressorge‐
schütze, mit denen man Intervallfelder außer Gefecht setzen kann? Das ist unmöglich! Mir ist nicht bekannt, daß unser Militär über eine derart potente Waffe verfügt.« »Die terranische Regierung und das terranische Militär sind nicht das Nonplusultra auf dieser Welt«, spöttelte I.D. Vandekamp. »Bei den Strahlenkanonen handelt es sich in der Tat um modifizierte Pressoren. Die Gäa‐Jünger haben die eigentlich veraltete Technik weiterentwickelt, und die Aufrechten haben dann die fertigen Ka‐ nonen von ihnen erworben.« »Die Gäa‐Jünger sind in der Lage, solche Waffen zu entwickeln?« staunte Amy und blickte Conway an. »Und du bezeichnest diese Leute als esoterische Spinner? Sie sind brandgefährlich.« »Mit den Aufrechten könnten sie es niemals aufnehmen, ganz gleich, was für Waffen sie bauen«, meinte der Junge, und er war überzeugt von dem, was er sagte. Seine Mutter legte eine Hand auf seine Schulter. »Die Jünger brauchen es auch nicht mit uns aufzunehmen. Sie sind unsere Ver‐ bündeten. Wir kämpfen alle für dieselbe Sache.« Einerseits wurde Dhark das Gefühl nicht los, daß die Eltern ihre beiden Söhne einer dauerhaften »Gehirnwäsche« unterzogen. An‐ dererseits entdeckte er an den Jungen keinerlei Anzeichen von per‐ manenter Einschüchterung. Sie schienen frei von Angst zu sein, mit der gleichen Entschlußkraft wie ihr Vater und ihre Mutter. In diesem Moment wurde ihm klar, daß er es niemals schaffen würde, die Fa‐ milie zum Mitkommen zu bewegen – ganz gleich, wie sehr sie ihn verehrten. Ihre Überzeugung und ihr Zusammenhalt waren stärker als jedes seiner Argumente. * Daß Pressorstrahlen auf Intervallfelder einwirken konnten, war Ren Dhark bekannt, seit die Giants diese Schwerkraftwaffe gegen die POINT OF eingesetzt hatten. Eine energetische »Verwandtschaft«
zum Intervallum war daher sehr wahrscheinlich. Nicht bekannt war dem Commander bisher, daß es inzwischen eine modifizierte Ver‐ sion dieser gefährlichen Waffe gab, welche nicht nur die Schutzfel‐ der der Flash, sondern auch diverse andere Funktionen der zylin‐ derförmigen Beiboote außer Kraft setzte. Die Flash waren mehr als nur simple Fluggeräte – es waren flie‐ gende Waffen. Ihre Ausstattung glich weitgehend der ihres Mutter‐ schiffs. Man konnte sie vielfältig einsetzen, sowohl bei Bodenkämp‐ fen als auch bei Gefechten im All. Mit einem Flash gelangte man überall hinein, und selbst bei Nichtgebrauch der Bordwaffen ließen sich damit erhebliche Zerstörungen anrichten. Für jede Waffe wurde früher oder später eine Gegenwaffe entwi‐ ckelt, und jeder noch so stabile Schutzschirm wurde irgendwann einmal geknackt. Mit dieser Tatsache mußte sich selbst der abge‐ feimteste Militärstratege abfinden. Was Dhark allerdings ganz und gar nicht behagte, war, daß die transportable Pressorstrahlenkanone ausgerechnet von unberechenbaren Untergrundkämpfern entwickelt und gebaut worden war – und nun wie ein harmloses Kinderspiel‐ zeug an andere undurchschaubare Gruppierungen weitergereicht wurde. Amy Stewart startete einen letzten Versuch, die vier Vandekamps von ihrer Reise ins Ungewisse abzuhalten. »Wenn ihr partout auf der Erde bleiben wollt, werden wir euch nicht daran hindern. Aber laßt uns euch wenigstens dabei helfen, von hier wegzukommen. Wir könnten euch mit den Flash weiter nach Süden bringen. Das geht schneller als mit den Schneemobilen und ist viel sicherer.« »Wir haben Zeit«, erwiderte das Familienoberhaupt halsstarrig. »Und für unsere Sicherheit sorgen wir schon selbst – wir sind nicht allein.« »Im übrigen werden wir die Schneemobile noch benötigen, wenn sich der immerwährende Winter erst über den gesamten Planeten ausgebreitet hat«, sagte Monique. »Wir lassen sie nicht hier zurück.«
»Das gleiche gilt für unsere Waffen und unser restliches Gepäck«, fügte Conway Vandekamp hinzu. »Eure Beiboote sind zu klein, um alles mitzunehmen. Ich wette, ihr kriegt nicht mal einen Kegelrobo‐ ter in eine eurer fliegenden Zigarren.« »Wette verloren«, entgegnete Dan Riker. »Wir sind schon des öf‐ teren mit Kegelrobotern geflogen. Wenn man sie richtig plaziert, paßt es schon. Apropos Roboter: Habt ihr keinen dabei? Zum Schutz gegen wilde Tiere oder Plünderer‐Abschaum?« »Nur einen völlig veralteten Haushaltsroboter«, antwortete Roger Vandekamp. »Das Ding bewegt sich auf Rädern und taugt lediglich für niedere Arbeiten. Um Robbie besser transportieren zu können, haben wir ihn vor der Abfahrt auseinandergenommen.« Der Junge griente breit. »Wo wir gerade von euren Flash reden: Wie wollt ihr uns von hier wegbringen, wenn sie überhaupt nicht mehr funktio‐ nieren?« Ren ließ sich von dem Kleinen nicht ins Bockshorn jagen. »Ihr wißt, wie man sie außer Gefecht setzt – also wißt ihr auch, wie man sie wieder in Gang bringt. Stimmt’s, oder habe ich recht?« I.D. Vandekamp stand wortlos auf. Seine Frau und seine Söhne erhoben sich ebenfalls. Amy begriff, daß dies ein stummes Signal zum Aufbruch war. Die Vandekamps wollten ihre gerade erst be‐ gonnene Reise fortsetzen und wiesen ihre »uneingeladenen Besu‐ cher« unmißverständlich darauf hin, daß es für sie an der Zeit war, zu den Schiffen zurückzukehren. »Schwört uns, mich und meine Familie nicht zu verraten«, ver‐ langte I.D. »Die Regierung erfährt noch früh genug von der Existenz der Aufrechten und von unseren Plänen, auf der Erde zu bleiben.« »Laß mich raten«, bemerkte sein Bruder H.C. mißbilligend. »Soll‐ ten wir nicht zustimmen, behältst du für dich, wie wir die Flash wieder starten können, und du läßt uns hier in der Eiswüste zurück.« I.D. schüttelte den Kopf. »Ich kenne den guten Ruf der POINT OF und ihrer Besatzung. Ihr gehört zu den Besten der Besten. Intelligent, wie ihr seid, werdet ihr das Flash‐Problem bestimmt schon bald
lösen. Und selbst wenn nicht, traue ich euch durchaus zu, zu Fuß die nächste bewohnte Siedlung oder Stadt zu erreichen. Nein, es gibt effektivere Mittel, euch zum Schweigen zu bringen.« Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, dachte Ren Dhark, der in einiger Entfernung eine Bewegung im Wald wahrgenommen hatte. Er machte Amy darauf aufmerksam. Sie nickte ihm unauffällig zu. Ihren geschärften Sinnen war nicht entgangen, daß zwischen den kahlen Bäumen, versteckt hinter Schneewehen, eine Bedrohung lauerte, der sie nicht gewachsen waren…
7. Die vier Flash hatten nur leichte Treffer abbekommen, und zum Glück war nirgendwo etwas durchgebrannt, wie eine rasche Prüfung ergab. Lediglich ein paar »herausgehauene« Sicherungen mußten wieder eingeschaltet werden. Danach konnten die Beiboote prob‐ lemlos… abgeschaltet werden, und zwar komplett. »In diesem Zustand müssen Sie das Boot ungefähr zehn Minuten belassen«, erklärte I.D. Vandekamp dem Commander. »Anschlie‐ ßend leiten Sie den Neustart ein und fahren sämtliche Bordsysteme hoch. Die Intervallfelder bauen sich dann automatisch wieder auf.« Dhark gab Befehl, sämtliche technischen Maßnahmen sofort ein‐ zuleiten. I.D. und seine Familie wollten nicht bis zum Start der Flash warten. Alle vier hatten sich zum Aufbruch gerüstet und standen kurz vor der Weiterfahrt durch die frostige kanadische Wildnis. »Denken Sie an Ihr Versprechen!« ermahnte I.D. den Commander zum wiederholten Male. »Was wir Ihnen heute anvertraut haben, dürfen Sie auf gar keinen Fall an die Regierung weitergeben. Noch nicht. Die Aufrechten möchten selbst entscheiden, wann sie der Welt ihre Existenz und ihre Erkenntnisse bekanntgeben.« Dan Riker verzog spöttisch die Mundwinkel, was unter seinem Thermokopfschutz nicht zu sehen war. Welche Erkenntnisse? dachte er. Außer wilden Theorien und Spekula‐ tionen habt ihr der Welt rein gar nichts bekanntzugeben. Er hatte nicht vor, irgendwelche aufgezwungenen Versprechen einzuhalten. Der Commander der Planeten, das Militär und die Ga‐ laktische Sicherheitsorganisation mußten unbedingt von all den Verwirrten erfahren, die im Begriff waren, sich zu organisieren und sich mit Waffengewalt der Evakuierung zu widersetzen. Dan be‐ fürchtete eine Eskalation, wenn niemand rechtzeitig eingriff und die selbsternannten Untergrundkämpfer entwaffnete. »Ich halte mein Wort«, sicherte Dhark derweil I.D. Vandekamp zu.
»Und ich gebe Ihnen noch ein Versprechen.« Dan, der gerade seinen Flash besteigen wollte, horchte auf. »Ich verspreche Ihnen, daß ich mit Ihren Freunden im Wald kurzen Prozeß machen werde, sollten sie versuchen, uns am Abflug zu hindern«, fuhr Ren mit ruhiger, leicht drohender Stimme fort. »Wir halten unsere Abmachung ein – und Sie die Ihre, verstanden? An‐ dernfalls bricht hier in wenigen Minuten ein Kleinkrieg aus, und es wird viele Tote geben.« I.D. machte sich erst gar nicht die Mühe zu leugnen, daß sich unter den Bäumen Mitglieder und Anhänger der Aufrechten verbargen. Er hatte zwar selbst noch keinen von ihnen erblickt (und fragte sich, woher Ren Dhark von ihrer Anwesenheit wußte), aber er hatte ge‐ spürt, daß sie schon seit geraumer Zeit von mißtrauischen Augen beobachtet wurden. Mehrere Routen führten zum vereinbarten Treffpunkt der Aufrechten, und zwei davon lagen nicht weit ent‐ fernt. Wahrscheinlich hatte man von dort aus das Lagerfeuer gese‐ hen und sich angeschlichen. »Ich will versuchen, von unterwegs aus einige mir persönlich be‐ kannte Gruppenmitglieder per Vipho zu erreichen«, versicherte I.D. dem Commander. »Ich werde denen erklären, daß Sie keine Regie‐ rungsspione sind und ich den Flash freien Abzug gewährt habe.« »Dann rate ich Ihnen, dafür all Ihre Überzeugungskraft aufzu‐ wenden«, erwiderte Ren Dhark. »Wird auch nur eine einzige Kanone abgefeuert, schlagen wir mit sämtlichen uns zur Verfügung stehen‐ den Bordwaffen zurück!« »Sie sind nicht der Mann, der ein blutiges Massaker anrichtet«, meinte I.D. »Sagen Sie mir nicht, was für ein Mann ich bin – sondern sagen Sie Ihren Leuten, was mit ihnen geschieht, wenn sie auf diesen Mann schießen!« herrschte Dhark ihn an. Grußlos begab er sich zum Flash. Es war nicht seine Art, wie ein Elefant wüste Drohungen herauszutrompeten, doch I.D. Vandekamp mußte begreifen, wie ernst es ihm mit seinen Worten war. Nur mit
genügend Nachdruck konnte I.D. seinen Mitstreitern im Wald deut‐ lich machen, daß es gesünder für sie war, die vermeintlichen »Hä‐ scher der Regierung« friedlich abziehen zu lassen. * Die Nerven der Männer und der Frau waren zum Zerreißen ge‐ spannt, als sich die Flash vom Boden erhoben. Von I.D. und den Seinen war nichts mehr zu sehen. Nach einem kurzen rührenden Abschied von seinem Bruder hatte er sich umgehend auf den Weg gemacht und war inzwischen im Schneegestöber verschwunden. Der Wind verwischte die Spuren der Schneemobile und verstreute die erloschenen Überreste des Lagerfeuers in alle Richtungen… Von jedem Flash aus wurde der Wald genauestens beobachtet. Knapp über einhundert Menschen hielten sich dort unten auf: Männer, Frauen, Kinder. Sie hatten sich weitläufig um die Lichtung verteilt. Und sie hatten hochgefährliche Waffen! Mehrere Strahlenkanonen vom modifizierten Pressortyp wurden auf die Flash gerichtet… H.C. war zwar eine leicht aufbrausende Kämpfernatur, doch seine Erfahrungen im »Abenteueraußendienst« hielten sich in Grenzen. Er kam gern mal aus seinem Labor heraus, doch genauso gern zog er sich nach zuviel Aufregung wieder dorthin zurück. Während er die auf ihn gerichteten Waffen am Monitor nicht aus den Augen ließ, fragte er sich besorgt, ob er seine schriftlichen wissenschaftlichen Aufzeichnungen und seine Dateien mit den diversen ellenlangen Berechnungen jemals wiedersehen würde. Selbst nach den Rea‐ genzgläsern sehnte er sich in diesem Augenblick. »Tut mir leid, daß wir umsonst hierhergekommen sind«, sagte er zu den anderen über Funk, wobei er hoffte, mit einer kleinen Un‐ terhaltung seine Angst kompensieren zu können. »Ich kann sein Verhalten einfach nicht verstehen.« »Zerbrechen Sie sich später über ihn den Kopf«, erwiderte Com‐
mander Dhark. »Meine Hauptsorge gilt jetzt nicht Ihrer Familie – sondern den modifizierten Pressoren. Sie bilden ein großes Gefah‐ renpotential.« »Ich weiß, ich weiß«, entgegnete der Forscher seufzend. »Insbe‐ sondere die, mit denen man gerade auf uns zielt.« Ren Dhark hatte Befehl gegeben, im Fall eines Angriffs den ge‐ fährlichen Energiestrahlen auszuweichen – und sofort mit aller Macht zurückzuschießen. Der Commander erteilte nur ungern eine Pauschallizenz zum Töten, aber wenn dies der einzige Ausweg war, hier mit heiler Haut herauszukommen… »Verrückte mit Waffen sind wohl das Übelste, das es im Univer‐ sum gibt«, meldete sich Dan Riker zu Wort. »Trawisheim, Eylers & Co müssen umgehend etwas gegen die Aufrechten, die Gäa‐Jünger und all die anderen schießwütigen Narren unternehmen. Als ob die Erde nicht schon genug Probleme hätte!« »Vorerst ist noch gar nicht heraus, ob diese Leute für uns jemals zu einem Problem werden«, meinte Dhark. »Bisher wollen Sie nur eines: Sie möchten selbst über ihr Leben bestimmen und sich ihren Auf‐ enthaltsort frei auswählen. Ich finde, das ist ihr gutes Recht. Im üb‐ rigen habe ich mein Wort verpfändet und versprochen, sie bei der Regierung nicht anzuschwärzen.« »Du hast recht, Ren, noch bereiten uns diese Leute keine Proble‐ me«, meldete sich Amy zu Wort. »Aber willst du warten, bis es so‐ weit ist? Du selbst hast uns gerade auf die Gefährlichkeit der trans‐ portablen Strahlenkanonen hingewiesen. Solche Waffen dürfen