Charles Frazier
Unterwegs nach
COLD
MOUNTAIN
Roman Aus dem Englischen
von Karina Of
List
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Die Origi...
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Charles Frazier
Unterwegs nach
COLD
MOUNTAIN
Roman Aus dem Englischen
von Karina Of
List
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Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel Cold Mountain bei
The Atlantic Monthly Press, New York, USA.
Der List Verlag ist ein Unternehmen der Econ & List Verlagsgesellschaft, München ISBN 3-471-77555-2 © Charles Frazier 1997 © der deutschen Ausgabe 1998 by Paul List Verlag GmbH, München Alle Rechte vorbehalten. Printed in Germany. Satz: Franzis-Druck GmbH, München Druck und Bindung: Graphischer Großbetrieb, Pößneck Lektorat: Karen Nölle-Fischer Scan by: Crazy2001 K-leser: dago33 Februar 2003
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Es ist schwer zu glauben, dass in den friedvollen Wäldern
und lächelnden Feldern der grauenhafte,
aber stille Krieg des organischen Lebens tobt.
-Darwin, Tagebucheintrag 1839
Die Menschen fragen nach dem Weg zum Kalten Berg. Der Kalte Berg: Es führt kein direkter Weg dorthin. - Han-shan-shib
Für Katherine und Annie
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Der Schatten einer Krähe
Mit dem ersten Anflug des Morgens wurden die Fliegen munter. Inmans Augen und die lange Wunde an seinem Hals lockten sie an, und mit ihrem Flügelgeschwirr und ihrem Gekrabbel rissen sie einen Mann unbarmherziger aus dem Schlaf als ein Hof voller Hähne. So begann für ihn ein weiterer Tag im Krankensaal. Er schlug mit den Händen nach den Fliegen, um sie zu verscheuchen, und blickte über das Fußende seines Bettes hinweg zu einem geöffneten, an drei Angeln aufgehängten Fenster. Normalerweise konnte er die rote Straße mit dem Eichenbaum und der niedrigen Ziegelmauer sehen. Und dahinter die sich bis zum westlichen Horizont erstreckenden Felder und niedrigen Kiefernwälder. Das Land war so eben, dass man eine weite Sicht hatte, zumal das Krankenhaus auf der einzigen Anhöhe weit und breit errichtet worden war. Doch es war noch zu früh, um etwas erkennen zu können. Man hätte meinen können, das Fenster sei mit grauer Farbe zugestrichen. Wäre es nicht zu dunkel gewesen, hätte Inman gelesen, um die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken, denn das Buch, das er gerade las, hatte eine beruhigende Wirkung auf sein Gemüt. Am Vorabend hatte er jedoch beim Lesen, um einschlafen zu können, die letzte Kerze aus seinem eigenen Vorrat aufgebraucht, und Petroleum war so knapp, dass er die Krankenhauslampen nicht zur bloßen Zerstreuung anzünden konnte. Also stand er auf, zog sich an und setzte sich auf einen Stuhl mit Sprossenlehne, so dass er dem düsteren Saal mit den Betten und den darin liegenden Kranken den Rücken zuwandte. Abermals schlug er nach den Fliegen und blickte beim ersten dunstigen Dämmerschein aus dem Fenster, darauf
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wartend, dass die Welt draußen allmählich Gestalt annahm. Das Fenster war so hoch wie eine Tür, und er hatte sich viele Male vorgestellt, dass es sich zu einem anderen Ort hin öffnete und er nur hindurchzusteigen brauchte, um dort anzukommen. In den ersten Wochen im Krankenhaus hatte er seinen Kopf kaum bewegen können und sich allein dadurch Beschäftigung verschafft, dass er aus dem Fenster schaute und sich die alten, grünen Orte seiner Heimat in Erinnerung rief. Orte der Kindheit. Das feuchte Bachufer, an dem der Fichtenspargel wuchs. Ein im Herbst von braunschwarzen Raupen bevölkertes Wiesenstück. Der über einen Feldweg hängende Ast eines Walnußbaumes, von dem aus er seinen Vater oft beobachtet hatte, wie er in der Abenddämmerung die Kühe stallwärts trieb. Sie trotteten allabendlich unter ihm vorbei, und dann schloß er jedesmal die Augen und lauschte, wie der hohle Klang ihrer auf der Erde aufschlagenden Hufe schwächer und schwächer wurde, bis er sich in den Rufen von Laubheuschrecken und Grillenfröschen verlor. Das Fenster wollte seine Gedanken offenbar nur in die Vergangenheit lenken. Was ihm recht war, denn er hatte in das stählerne Antlitz seines Zeitalters geblickt und war von dem Anblick so erschüttert gewesen, dass er sich beim Gedanken an die Zukunft nur eine Welt vorstellen konnte, aus der alles, was er für wichtig hielt, verjagt worden oder freiwillig geflohen war. Er starrte nun schon einen ganzen Sommer lang zu dem Fenster hin, ein Sommer, der so heiß und so schwül war, dass sich die Luft Tag und Nacht anfühlte, als atmete man durch ein Spültuch, und der so feucht war, dass frische Laken unter ihm einen säuerlichen Geruch annahmen und die schlaffen Seiten des Buches auf seinem Nachttisch über Nacht von winzigen schwarzen Pilzen überzogen wurden. Inman vermutete, dass das graue Fenster nach einer so langen Befragung allmählich alles gesagt haben musste, was es zu sagen hatte. An jenem Morgen jedoch überraschte es ihn, denn es rief eine seinem Gedächtnis entfallene Erinnerung aus der Schulzeit zurück, wie er im Klassenzimmer neben einem
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ähnlich hohen Fenster saß, das einen Ausschnitt mit Weideland und niedrigen grünen Hügelketten einrahmte, die stufenförmig zum mächtigen Buckel des Cold Mountain anstiegen. Es war September. Das Gras auf der Wiese jenseits der festgetretenen Erde des Schulhofes stand hüfthoch, und die Rispen waren überreif und gelb, weil die Mahd längst überfällig war. Der Lehrer war ein rundlicher, kleiner Mann, mit kahlem Schädel und rosigem Gesicht. Er besaß nur eine einzige Garnitur Kleider aus schwarzem, verschossenem Stoff sowie ein Paar alter, übergroßer Paradestiefel, die sich an den Spitzen hochbogen und so abgetreten waren, dass die Absätze wie Keile aussahen. Er stand vorne im Klassenzimmer und wippte auf den Zehenspitzen. Er verbreitete sich den ganzen Vormittag lang über nichts als Geschichte, indem er den älteren Schülern von grandiosen, im alten England ausgetragenen Kriegen erzählte. Nachdem er eine Weile nicht zugehört und dabei an andere Dinge gedacht hatte, zog der junge Inman seinen Hut unter dem Pult hervor und hielt ihn an der Krempe fest. Mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk schleuderte er ihn aus dem Fenster, und der Hut geriet in einen Aufwind und segelte auf und davon. Weit draußen hinter dem Schulhof, am Wiesenrand, sank er hinab und blieb dort liegen, schwarz wie der Schatten einer auf dem Boden hockenden Krähe. Der Lehrer sah, was Inman getan hatte und befahl ihm, den Hut zu holen und zurückzukommen, um seine Tracht Prügel in Empfang zu nehmen. Der Mann besaß einen langen, hölzernen Bleuel, in dessen Blatt Löcher gebohrt waren und von dem er gerne Gebrauch machte. Inman wusste selbst nicht, was ihn in diesem Augenblick überkam, doch er trat zur Tür hinaus, setzte sich den Hut schief auf den Kopf und marschierte davon, ohne jemals wiederzukehren. Die Erinnerung verblasste, als das Licht vom Fenster her stärker wurde. Inmans Bettnachbar setzte sich auf und zog seine Krücken zu sich heran. Wie jeden Morgen schleppte sich der Mann zum Fenster und spuckte ein paarmal mit großer
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Anstrengung aus, bis seine verschleimten Lungen frei waren. Er zog einen Kamm durch sein schwarzes Haar, das ihm strähnig bis unters Kinn hing und ringsum auf gleiche Länge geschnitten war. Er steckte sich die langen vorderen Strähnen hinter die Ohren und setzte sich seine dunkle Brille auf, die er schon im Dämmerlicht des Morgens trug, da seine Augen offenbar selbst für einen noch so schwachen Lichtschein zu empfindlich waren. Dann schlurfte er, noch immer im Nachthemd, zu seinem Tisch hinüber und beugte sich über einen Stoß Papiere. Er sprach selten mehr als ein oder zwei Worte, und Inman hatte nicht viel mehr aus ihm herausbekommen, als dass er Balis hieß und vor dem Krieg an einem College in Chapel Hill gewesen war, um seine Griechischkenntnisse zu vervollkommnen. Von früh bis spät mühte er sich nun damit ab, uraltes Geschreibsel aus einem dicken kleinen Buch in für jedermann lesbare Schriftzeichen zu übertragen. Er saß über seinem Tisch gebeugt, das Gesicht wenige Zentimeter über seiner Arbeit, und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, um eine bequeme Haltung für sein Bein zu finden. Er hatte seinen rechten Fuß in Gold Harbour durch einen Kartätschentreffer verloren, und der Stumpf schien nicht heilen zu wollen und war knöchelaufwärts Zentimeter für Zentimeter abgefault. Mittlerweile war sein Bein stückweise bis über das Knie amputiert worden, und er roch ständig wie roher Schinken vom vergangenen Jahr. Eine Zeitlang waren nur das Kratzen von Balis' Feder und das Rascheln der Seiten beim Umblättern zu hören. Dann begannen sich andere im Saal zu rühren und zu husten, manche zu stöhnen. Schließlich wurde das Licht so hell, dass alle Konturen der lackierten Wandverkleidung deutlich hervortraten und Inman seinen Stuhl auf die beiden hinteren Beine kippen und die Fliegen an der Decke zählen konnte. Er kam auf dreiundsechzig. Als Inmans Aussicht aus dem Fenster schärfere Umrisse gewann, wurde zunächst der dunkle Stamm des Eichenbaumes, dann der stoppelige Rasen und schließlich die
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rote Straße erkennbar. Inman wartete darauf, dass der Blinde kam. Er hatte die Bewegungen und das Tun dieses Mannes den ganzen Sommer hindurch verfolgt, und nun, da er so weit genesen war, dass er wieder zu den Gehfähigen zählte, wollte er unbedingt zu dem Karren hinaus, um mit dem Mann zu reden, denn er glaubte, in ihm einen Menschen zu erkennen, der schon lange mit einer Wunde lebte. Seine eigene Wunde hatte sich Inman während der Gefechte bei Petersburg zugezogen. Als ihm seine zwei engsten Kameraden das Hemd weggerissen und sich seinen Hals besehen hatten, sagten sie ihm, in der Annahme, dass er sterben werde, feierlich Lebewohl. Wir werden uns in einer besseren Welt wiedersehen, sagten sie. Doch er hatte den Transport ins Feldlazarett überlebt, wo die Ärzte der gleichen Meinung gewesen waren wie seine Freunde. Er wurde den Sterbenden zugeteilt und zum Sterben abseits auf ein Feldbett gelegt. Doch er starb nicht. Nach zwei Tagen wurde er wegen Platzmangels in ein reguläres Krankenhaus in seinem Heimatstaat verlegt. Während des Aufenthalts im schmutzigen Feldlazarett und der langen, grausigen Zugfahrt nach Süden in einem mit Verwundeten überladenen Güterwagen war er mit seinen Freunden und den Ärzten einer Meinung gewesen. Er hatte geglaubt, er werde sterben. Beinahe die einzigen Dinge von der Fahrt, an die er sich noch erinnern konnte, waren die Hitze und der Geruch von Blut und von Kot, denn viele der Verwundeten hatten die Ruhr. Wer über genügend Kraft verfügte, stieß mit einem Gewehrkolben ein Loch in die hölzerne Seitenwand des Güterwaggons und streckte den Kopf wie in Lattenkisten gesperrtes Geflügel hinaus, um frische Luft zu bekommen. Im Krankenhaus hatten die Ärzte ihn sich angesehen und gesagt, sie könnten nicht viel tun. Er werde vielleicht davonkommen, vielleicht auch nicht. Sie gaben ihm nur einen grauen Lappen und eine kleine Schüssel, damit er sich seine Wunde reinigte. Immer wenn er in jenen ersten paar Tagen die Kraft fand, wischte er mit dem Lappen an seinem Hals herum,
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bis das Wasser in der Schüssel so rot war wie ein Truthahnkamm. Doch die Wunde hatte sich größtenteils selbst reinigen wollen. Ehe sich auf ihr eine Schorfschicht zu bilden begann, spie sie verschiedene Dinge aus. Einen Kragenknopf und ein Stück Wollkragen von dem Hemd, das er getragen hatte, als ihn die Kugel traf, einen Splitter aus weichem grauem Metall von der Größe eines Vierteldollars und, unerklärlicherweise, etwas, das beinahe aussah wie ein Pfirsichkern. Dieses Ding legte er auf den Nachttisch und betrachtete es mehrere Tage lang. Er kam zu keinem Schluß, ob es ein Teil von ihm war oder nicht. Schließlich warf er es aus dem Fenster, doch danach verfolgten ihn unruhige Träume, in denen es Wurzeln schlug und sich zu etwas Riesenhaftem entwickelte – wie Jacks Wunderbohne, deren Stengel bis in die Wolken ins Reich des Riesen hinaufgewachsen war. Mit der Zeit hatte Inmans Hals beschlossen zu verheilen. Doch während der langen Wochen, in denen er weder seinen Kopf drehen noch ein Buch hochhalten konnte, um zu lesen, hatte er dagelegen und Tag für Tag den Blinden beobachtet. Der Mann kam stets kurz nach Tagesanbruch und immer alleine an, wobei er seinen Karren nicht unbeholfener die Straße hinaufschob als ein Mensch, der sehen kann. Er baute seinen Verkaufsstand unter dem Eichenbaum auf der anderen Straßenseite auf und entfachte in einem Ring aus Steinen ein Feuer, über dem er in einem gußeisernen Topf Erdnüsse kochte. Er saß den ganzen Tag lang mit dem Rücken zur Mauer auf einem Schemel und verkaufte jenen Patienten Erdnüsse und Zeitungen, die so weit wiederhergestellt waren, dass sie laufen konnten. Wenn niemand kam, hockte er reglos wie ausgestopft da, die Hände im Schoss. In jenen Wochen hatte Inman die Welt betrachtet, als sei sie ein von dem Fenster eingerahmtes Bild. Es verstrich häufig eine lange Zeit, in der man den Ausschnitt trotz darin stattfindender Veränderungen für ein altmeisterliches Gemälde von einer Straße, einer Mauer, einem Baum, einem Karren und
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einem blinden Mann hätte halten können. Inman hatte manchmal langsam im Kopf angefangen zu zählen, um einen Anhalt zu haben, wie lange es dauerte, bis sich eine entscheidende Veränderung vollzog. Es war ein Spiel mit festen Regeln. Ein vorbeifliegender Vogel zählte nicht. Ein die Straße entlanggehender Mensch zählte. Deutliche Wetteränderungen zählten – die hervorbrechende Sonne, einsetzender Regen –, die Schatten vorbeiziehender Wolken hingegen nicht. An manchen Tagen kam er auf mehrere Tausend, ehe sich in den Bildelementen etwas Wesentliches änderte. Er war überzeugt, dass er diese Szene – Mauer, blinder Mann, Baum, Karren, Straße – sein Leben lang nicht mehr vergessen würde. Er stellte sich vor, wie er als alter Mann daran zurückdachte. Die einzelnen Elemente schienen eine bestimmte Bedeutung zu haben, doch er wusste nicht welche und glaubte auch nicht, sie jemals finden zu können. Während Inman sein Frühstück, Haferschleim mit Butter, verzehrte, hielt er den Blick auf das Fenster gerichtet, und bald schon sah er den Blinden die Straße heraufstapfen, den Rücken zum Schieben des schweren Karrens gekrümmt, während unter den rollenden Wagenrädern kleine Staubwolken aufstiegen. Als der Blinde das Feuer in Gang und die Erdnüsse zum Kochen gebracht hatte, stellte Inman seinen Teller auf der Fensterbank ab, ging hinaus und überquerte mit dem schlurfenden Gang eines alten Mannes den Rasen bis zur Straße. Der Blinde hatte kräftige, breite Schultern und Hüften, und seine Hose war in der Taille mit einem langen Ledergürtel von der Breite eines Streichriemens zusammengezurrt. Er trug keinen Hut, nicht einmal bei der Hitze, und sein kurzgeschorenes, dichtes graues Haar war drahtig wie eine Bürste zum Hanfhecheln. Er hockte mit gesenktem Kopf und scheinbar in Gedanken verloren da, doch als Inman näher kam, blickte er auf, als könnte er ihn sehen. Seine Augenlider waren jedoch tot wie Schuhleder und in runzlige Mulden eingesunken, in denen einmal die Augäpfel gewesen waren.
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— Wer hat Ihnen die Augen ausgestochen, fragte Inman, ohne einen Gruß voranzuschicken. — Niemand, sagte der Blinde, ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. Ich hatte niemals welche. Das überraschte Inman, denn in seiner Vorstellung war er davon ausgegangen, dass sie ihm bei einem grausamen und blutigen Kampf in einem bestialischen Augenblick herausgerissen worden waren. Jede abscheuliche Tat, die er in letzter Zeit mit angesehen hatte, war von Menschenhand ausgeführt worden, und so hatte er beinahe vergessen, dass es noch eine Unmenge Unglücksfälle anderer Ursache gab. — Warum hatten Sie niemals welche? fragte Inman. — Es war halt einfach so. — Ich muss schon sagen, fuhr Inman fort, Sie sind ja sehr gelassen. Insbesondere für einen Mann, von dem die meisten Menschen sagen würden, dass er sein Leben lang zu kurz gekommen ist. Der Blinde sagte: Schlimmer wäre es vielleicht gewesen, wenn mir erst ein Blick auf die Welt gewährt, dann aber wieder genommen worden wäre. — Schon möglich, sagte Inman. Aber was würden Sie in diesem Moment dafür geben, Ihre Augäpfel für zehn Minuten zurückzubekommen? Eine Menge, wette ich. Der Mann sann über die Frage nach. Er fuhr sich mit der Zunge über einen Mundwinkel und sagte: Ich würde nicht einen Cent dafür geben. Ich fürchte, es würde mich nur mit Haß erfüllen. — So war es bei mir, sagte Inman. Es gibt vieles, was ich wünschte, nie gesehen zu haben. — So habe ich das nicht gemeint. Sie sprachen von zehn Minuten. Mir ging es darum, wie es wäre, erst etwas zu besitzen und dann wieder zu verlieren. Der Blinde drehte ein viereckiges Stück Zeitungspapier zu einer Tüte, tauchte eine gelochte Schöpfkelle in den Topf und füllte die Tüte mit nassen Erdnüssen. Er reichte sie Inman und sagte: Na los, nennen Sie mir einen Augenblick, in dem Sie
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gerne blind gewesen wären. Wo anfangen? fragte sich Inman. Matvern Hill. Sharpsburg. Petersburg. Jeder einzelne dieser Orte gäbe ein vortreffliches Beispiel für Anblicke, die er sich lieber erspart hätte. Doch der Tag in Fredericksburg hatte sich besonders tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Er setzte sich, den Rücken an die Eiche gelehnt, auf den Boden, brach die nassen Erdnußschalen auf, schnippte sich das Fleisch in den Mund und erzählte dem Blinden seine Geschichte, die damit begann, wie sich an jenem Morgen der Nebel lichtete und eine riesige Armee sichtbar werden ließ, die hügelan auf eine Steinmauer zumarschierte, hinter der sich ein Hohlweg befand. Inmans Regiment erhielt den Befehl, sich den bereits hinter der Mauer postierten Männern anzuschließen, und hatte sich schnell hinter dem großen weißen Haus auf dem Gipfel von Maryes Heights formiert. Lee, Longstreet und Stuart mit seiner Hutfeder standen auf dem Rasen vor der Veranda und beobachteten, während sie sich unterhielten, abwechselnd durch einen Feldstecher das gegenüberliegende Flussufer. Longstreet hatte einen grauen Wollschal um die Schultern. Neben den beiden anderen wirkte er wie ein stämmiger Schweinetreiber. Doch nach dem, was Inman von Lees Denkweise mitbekommen hatte, würde er es allemal vorziehen, während eines Gefechts von Longstreet gedeckt zu werden. So einfältig Longstreet aussah, hatte er doch einen Instinkt dafür, Stellungen ausfindig zu machen, in denen man sich niederkauern und aus relativ sicherer Position ganze Bataillone ins Jenseits befördern konnte. Und an jenem Tag in Fredericksburg verliefen die Gefechte ganz nach der Manier, wie sie Lee nicht behagte, Longstreet sie hingegen guthieß. Nachdem sich Inmans Regiment aufgestellt hatte, stürzten die Männer über die Hügelkuppe in das vernichtende Feuer der Unionsarmee. Sie machten einmal halt, um eine Gewehrsalve abzufeuern, und rannten dann bis zu dem hinter der Steinmauer verlaufenden Hohlweg hinunter. Auf dem Weg
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dorthin wurde Inmans Handgelenk von einer Kugel gestreift, was sich anfühlte wie die Zunge einer leckenden Katze und keine ernsthafte Verletzung, sondern nur eine kleine Hautabschürfung hinterließ. Als sie den Hohlweg erreicht hatten, stellte Inman fest, dass er ideale Sicherheit bot. Die Männer, die dort bereits in Stellung waren, hatten entlang der massiven Mauer einen Graben ausgehoben, so dass sie bequem aufrecht stehen konnten und dennoch geschützt waren. Die Soldaten der Unionstruppe mussten über weites offenes Gelände hügelan auf die Mauer zumarschieren. Die Stellung war so vortrefflich, dass einer der Männer auf die Mauer sprang und den Feinden entgegenbrüllte: Kehrt um. Hört ihr? Ihr rennt ins Verderben. Als die Kugeln um ihn her zischten, sprang er zurück in den Graben hinter die Mauer und vollführte einen Freudentanz. Es war ein kalter Tag, und der morastige Feldweg war zu einem zähen Lehm gefroren. Ein paar der Männer waren barfuß. Viele trugen selbstgeschneiderte Uniformen in den stumpfen Tönen, die durch Pflanzenfarben erzeugt werden. Die Soldaten der Unionstruppen hatten sich auf dem Feld gefechtsbereit aufgestellt. Sie waren alle neu ausstaffiert mit leuchtenden, fabrikgefertigten Uniformen und nagelneuen, glänzenden Stiefeln. Als die Unionssoldaten zum Sturmangriff ansetzten, stellten die Männer hinter der Mauer das Feuer ein und verhöhnten ihre Gegner, und einer von ihnen rief: Nun kommt schon näher, ich will die Stiefel da haben. Und sie ließen die Unionisten bis auf zwanzig Schritt herankommen, ehe sie sie niederschossen. Die Männer hinter der Mauer feuerten aus so geringer Entfernung, dass einer von ihnen meinte, es sei ein Jammer, dass sie Papierpatronen hätten, denn wenn sie die einzelnen Komponenten hätten – Pulver, Kugeln und Hülsen –, könnten sie kleine ökonomische Mengen laden und somit Pulver sparen. Als Inman sich niederkauerte, um sein Gewehr zu laden, konnte er nicht nur das Gefechtfeuer hören, sondern auch den Einschlag von Kugeln in Fleisch. Ein Mann neben Inman
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vergaß vor Aufregung, vielleicht auch aus Erschöpfung, den Ladestock aus dem Gewehrlauf zu ziehen. Er feuerte ihn mit ab, und er bohrte sich einem Unionssoldaten in die Brust. Der Mann fiel nach hinten, und der aus seinem Körper ragende Ladestock vibrierte mit seinen letzten Atemzügen hin und her, wie ein ungefiederter Pfeil von einem Indianerbogen. Den ganzen Tag lang stießen die Unionisten unablässig zu Tausenden auf die Mauer vor, stiegen den Hügel hinan, um sich abschießen zu lassen. Auf dem Gelände standen verstreut drei oder vier Backsteinhäuser, und nach einer gewissen Zeit drängten sich die Unionisten in so großer Zahl hinter diesen zusammen, dass sie aussahen wie lange, blaue Häuserschatten bei Sonnenaufgang. Immer wieder wurden sie von ihren eigenen Kavalleristen hinter den Häusern hervorgetrieben, indem diese mit der flachen Seite ihrer Säbel auf sie einschlugen wie Lehrer mit einem Stock auf ihre Schüler. Dann rannten sie vornübergebeugt und mit hochgezogenen Schultern auf die Mauer zu, was auf viele Zeugen an jenem Tag so wirkte, als suchten sie sich vor einem heftigen Regen zu schützen. Die Unionssoldaten rückten immer noch an, lange nachdem den Südstaatlern das Vergnügen daran vergangen war, sie hinzumetzeln. Inman begann, sie schlicht zu hassen, wegen ihrer stumpfsinnigen Entschlossenheit, in den Tod zu marschieren. Die Schlacht verlief wie in einem Traum, in dem die Feinde zahllos und übermächtig vor einem aufmarschieren, wahrend man selbst ganz schwach ist. Und trotzdem fallen sie einer nach dem anderen, bis keiner von ihnen mehr am Leben ist. Inman hatte geschossen, bis sein rechter Arm lahm war vom Hinein und Hinaus des Ladestocks und seine Kiefer wund waren vom Abbeißen der Papierpatronenenden. Sein Gewehr war so heiß geworden, dass das Pulver manchmal schon verzischte, ehe er das Geschoss hineindrücken konnte. Gegen Abend schimmerten die Gesichter der Männer um ihn herum von den Pulverschwaden in der Luft in allen Schattierungen von Blau, so dass Inman sich an einen großen Affen mit einem
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wulstigen, buntschillernden Hintern erinnert fühlte, den er einmal in einem Wanderzirkus gesehen hatte. Sie hatten den ganzen Tag lang unter den Augen von Lee und Longstreet gekämpft. Die Männer hinter der Mauer brauchten nur ihre Köpfe nach hinten zu drehen, um die großen Männer zu sehen, die unmittelbar über ihnen droben auf dem Hügel standen und ihnen zuschauten. Die beiden Generäle brachten den Nachmittag damit zu, einander wie zwei Spaßmacher mit passenden Sprüchen zu überbieten. Longstreet sagte, seine Männer hätten in dem Hohlweg hinter der Mauer eine so vorzügliche Stellung, dass sie, ließe man sämtliche Soldaten der Potomac-Armee über das Feld marschieren, allesamt töten würden, ehe sie die Mauer erreichten. Und er sagte, dass die Unionisten den langen Nachmittag hindurch so fielen wie Regentropfen von den Dachkanten eines Hauses. Old Lee, der nicht zurückstehen wollte, gab zum besten, es sei nur gut, dass der Krieg so schrecklich sei, denn sonst würden sie noch zuviel Spaß daran finden. Wie alles andere, was Master Robert von sich gab, wiederholten die Männer dieses geistreiche Bonmot etliche Male unter sich, gaben es von Mann zu Mann weiter, als hätte der Allmächtige persönlich die Worte gesprochen. Als der Ausspruch das Mauerende erreichte, an dem Inman stand, schüttelte er nur den Kopf. Schon damals, zu Beginn des Krieges, hatte sich seine Meinung beträchtlich von der Lees unterschieden, denn ihm schien, wir wären nur allzu bereit zu kämpfen, und je abschreckender der Krieg war, um so besser. Und er hegte den Verdacht, dass Lee derjenige war, der am meisten Spaß daran hatte, und dass er, wenn es nach ihm gegangen wäre, sie geradewegs durch das Tor des Todes hindurch kommandiert hätte. Was Inman jedoch am meisten beunruhigte, war, dass Lee unverhohlen äußerte, dass er den Krieg für ein Instrument halte, mit dem man Gottes dunklen Willen erhellen könne. Lee schien zu glauben, dass der Krieg – von allen Taten, die ein Mensch vollbringen kann – an Heiligkeit nur durch Gebete
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und Bibellektüre zu übertreffen sei. Inman befürchtete, dass jemand, der so dachte, bald den Sieger bei jeder Rauferei und bei jedem Handgemenge zu Gottes ausgemachtem Liebling erklärte. Solche Gedanken hätte er bei seinen Kameraden unmöglich aussprechen können, genausowenig wie er äußern konnte, dass er nicht Soldat geworden war, um sich einem Herrn anzudienen, nicht einmal einem, der so ehrwürdig und vornehm aussah wie Lee an jenem Tag auf Maryes Heights. Am Spätnachmittag ebbte der Vormarsch der Unionsarmee ab, und die Gewehre verstummten allmählich. Tausende von Männern lagen tot und dem Tode nah auf dem abschüssigen Feld unterhalb der Mauer, und bei Einbruch der Dunkelheit hatten diejenigen, die noch laufen konnten, Leichen übereinandergestapelt, um sich einen Schutzwall zu bauen. Die ganze Nacht hindurch schimmerten am nördlichen Himmel die gespenstischen Farben des Polarlichts. Die Männer in ihrer Stellung hielten ein so seltenes Phänomen für ein Omen und wetteiferten darum, wer seine Bedeutung am klarsten in einfache Worte zu fassen vermochte. Irgendwo hinter ihnen auf der Anhöhe fing jemand auf der Fiedel die traurige Lorena-Melodie an zu spielen. Die verwundeten Unionssoldaten auf dem gefrorenen Feld seufzten und jammerten und murmelten mit aufeinandergebissenen Zähnen vor sich hin, und einige riefen laut die Namen ihrer Liebsten. Unter diesen Begleitklängen kletterten die schlecht Beschuhten aus Inmans Trupp über die Mauer, um den Toten die Stiefel auszuziehen. Obwohl seine eigenen Stiefel in gutem Zustand waren, unternahm auch Inman spätabends einen Streifzug über das Feld, nur um zu schauen, was die Anstrengungen des Tages eingebracht hatten. Die Unionisten lagen dicht an dicht, in blutigen Haufen, auf dem Boden, die Körper in jeder nur erdenklichen Weise zerfetzt. Ein neben Inman einhergehender Mann musterte das sich ihnen darbietende Bild und sagte: Wenn es nach mir ginge, würde alles, was nördlich des Potomac liegt, haargenau so aussehen wie das hier. Inmans einziger Gedanke bei der Betrachtung der
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Feinde war: Geht nach Hause. Einige der Toten hatten Zettel mit ihren Namen an ihre Kleidung geheftet, damit man wusste, wer sie gewesen waren, und der Rest war einfach namenlos. Inman sah, wie ein Mann in die Hocke ging, um einem Leichnam, der flach auf dem Rücken lag, die Stiefel auszuziehen, doch als er einen Fuß packte und daran zerrte, setzte sich der vermeintlich Tote auf und sagte etwas in einem so breiten irischen Akzent, dass das einzige, was man verstehen konnte, das Wort Scheiße war. Später, viele Stunden nach Mitternacht, schaute Inman in eines der verstreut auf dem Feld stehenden Häuser hinein. Aus einer offenen Tür an der Giebelseite drang ein Lichtschein. Drinnen saß eine alte Frau, das Haar wild zerzaust, das Gesicht von Gram verzehrt. Ein brennender Kerzenstummel stand neben ihr auf einem Tisch. Leichen vor ihrer Tür. Andere drinnen, erstarrt in der Haltung, in der sie auf allen vieren in die Zuflucht gekrochen waren. Die Frau starrte mit irrem Blick an der Türschwelle und an Inmans Gesicht vorbei, als ob sie nichts sähe. Inman ging durch das Haus, trat durch die Hintertür wieder hinaus und gewahrte einen Mann, der eine Gruppe schwer verwundeter Unionssoldaten umbrachte, indem er ihnen mit einem Hammer die Köpfe einschlug. Die Unionisten lagen in einer Reihe nebeneinander, die Köpfe alle in eine Richtung, und der Mann bewegte sich zügig die Reihe hinunter, sichtlich bemüht, mit einem Schlag pro Kopf fertig zu werden. Nicht aggressiv, sondern einfach von einem zum nächsten weitergehend wie ein Mann, der einen bestimmten Auftrag zu erledigen hat. Er pfiff dabei, kaum hörbar, die Cora-Ellen-Melodie vor sich hin. Wenn ihn einer der feinsinnigen Offiziere erwischt hätte, wäre er vielleicht erschossen worden, doch er war einfach müde und wollte sich ein paar weiterer Feinde entledigen, ohne dabei ein großes Risiko einzugehen. Inman würde nie vergessen, wie sich in dem Augenblick, da der Mann das Ende der Reihe erreicht hatte, der erste Schimmer der Morgenröte auf seinem Gesicht spiegelte.
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Der Blinde hatte Inmans Geschichte schweigend angehört. Doch als Inman geendet hatte, sagte er: Sie müssen sich davon losmachen. — Da bin ich ganz Ihrer Meinung, sagte Inman. Allerdings erzählte Inman dem Blinden nicht, dass ihm das Feld von jener Nacht, so sehr er sich auch bemühte, nicht aus dem Kopf gehen wollte und ihn statt dessen in einem immer wiederkehrenden Traum verfolgte, einem Traum, den er in seiner Zeit im Krankenhaus ständig geträumt hatte. In dem Traum leuchtete das Polarlicht, und die blutigen, verstreut umherliegenden Teile – Arme, Köpfe, Beine, Rümpfe – bewegten sich langsam aufeinander zu und setzten sich zu neuen, grausigen Körpern aus nicht passenden Teilen zusammen. Sie humpelten und taumelten und stürzten auf dem dunklen Schlachtfeld umher wie blinde Trunkenbolde auf wackligen Beinen. Sie prallten zusammen und stießen in ihrer Benommenheit die blutigen, gespaltenen Schädel aneinander. Sie fuchtelten mit ihren jeweiligen Armen in der Luft herum, und nur wenige der Händepaare sahen aus, als gehörten sie zusammen. Manche von ihnen murmelten die Namen ihrer Frauen vor sich hin. Manche wiederholten immer die gleichen Bruchstücke des gleichen Liedes. Andere standen abseits und spähten in die Dunkelheit hinein und riefen eindringlich nach ihren Hunden. Eine Gestalt, deren Wunden so entsetzlich waren, dass sie mehr einem Fleischklumpen ähnelte als einem Menschen, versuchte sich hochzurappeln, schaffte es aber nicht. Der Mann plumpste nieder und lag reglos da, nur der Kopf drehte sich hin und her. Er reckte im Liegen den Hals, blickte Inman aus toten Augen an und sagte leise seinen Namen. Immer wenn Inman diesen Traum geträumt hatte, erwachte er am Morgen in einer Stimmung, die schwärzer war als die schwärzeste Krähe. Müde von seinem Spaziergang kehrte Inman in den Krankensaal zurück. Balis saß mit seiner dunklen Brille in dem düsteren Raum und kratzte mit seinem Federkiel auf den
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Papierbögen herum. Inman stieg mit der Absicht ins Bett, den restlichen Morgen zu schlafen, doch es gelang ihm nicht, zur Ruhe zu kommen, und so nahm er sein Buch zur Hand, um zu lesen. Es handelte sich um den dritten Band von Bartrams Travels. Er hatte ihn aus einer Kiste mit Büchern gefischt, die von Damen aus der Hauptstadt gespendet worden war, denen sowohl die geistige als auch die körperliche Genesung der Patienten am Herzen lag. Das Buch war vermutlich weggegeben worden, weil der obere Buchdeckel fehlte, und Inman hatte der Symmetrie wegen den hinteren ebenfalls abgerissen, so dass jetzt nur noch der Lederrücken vorhanden war. Er bewahrte das Buch auf, indem er es zusammenrollte und mit einem Bindfaden verschnürte. Es war nicht notwendig, den Inhalt fortlaufend zu lesen, und Inman schlug einfach eine beliebige Seite auf, wie er es, seit er im Krankenhaus war, Nacht für Nacht machte, um zu lesen, bis er so ruhig geworden war, dass er einschlafen konnte. Das Treiben jenes liebenswürdigen, einsamen Wandervogels – von den Cherokee aus Hochachtung vor seinen Tornistern voller Pflanzen und der liebevollen Aufmerksamkeit, die er der wilden Flora und Fauna widmete, der Pflanzensammler ge nannt – wirkte stets beruhigend auf seine Sinne. Die Passage, der er sich an jenem Morgen zuwandte, war zu einer seiner Lieblingsstellen geworden, und der erste Satz, der ihm ins Auge sprang, war folgender: Stieg weiter bergan, bis ich den Gipfel eines hohen, felsigen Bergkammes erreichte, wo sich zwischen noch höheren Hängen vor mir eine Kluft oder eine Spalte auftat, welche ich längs eines rauhen, felsige Pfads durchquerte, dicht an dem gewundenen Ufer eines breiten schnellen Baches, der schließlich nach einer Linkskehre einen felsigen Abgrund hinabströmte und durch dunkle Gehölze und hohe Wälder davonglitt, den Feldern im Tal Ströme der Fruchtbarkeit und der Freude bringend.
Solche Bilder machten Inman glücklich, genauso wie die
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darauffolgenden Seiten, wo Bartram verzückt durch das Vale of Cowee bis tief in die Berge hinein wanderte und atemlos eine Welt aus Steilabfällen und schroffen Felsspitzen schilderte, deren blaue Hügel- und Bergketten in der Ferne immer mehr verblassten, und wo er schließlich die Namen sämtlicher Pflanzen rezitierte, die er um sich her erblickte, als zählte er die Zutaten für einen mächtigen Zaubertrank auf. Nach einer Weile merkte Inman jedoch, dass seine Gedanken von dem Buch abgeschweift waren und er sich, statt zu lesen, einfach die Landschaft seiner Heimat ausmalte. Cold Mountain mit all seinen Hügelkämmen, seinen Tälern und Wasserläufen. Pigeon River, Little East Fork, Sorrell Cove, Deep Gap, Fire Scald Ridge. Er kannte ihre Namen und murmelte sie vor sich hin wie Zauberworte und Beschwörungsformeln, mit denen man die Dinge abzuwehren versucht, die man am meisten fürchtet. Ein paar Tage später unternahm Inman einen Spaziergang vom Krankenhaus in die Stadt. Sein Hals schmerzte, als würde ein von dort bis zum Fußballen gespannter roter Strick bei jedem Schritt so straff gezogen, dass er zitterte. Seine Beine hingegen fühlten sich kräftig an, und das beunruhigte ihn. Sobald er kampftauglich war, würden sie ihn schnurstracks zurück nach Virginia verfrachten. Nichtsdestotrotz war er froh, sich solange dem Nichtstun hingeben zu können, wie es ihm gelang, den Doktoren keinen zu vitalen Eindruck zu machen. Von zu Hause war Geld eingetroffen und außerdem war ein Teil des rückständigen Soldes ausgezahlt worden, und so schlenderte er durch die Straßen, um in den Läden in den roten Backsteinhäusern mit weißen Fensterrahmen einzukaufen. Bei einem Schneider fand er einen schwarzen Gehrock aus kräftigem Wollstoff, der ihm wie angegossen passte, obwohl er nach den Maßen eines Mannes zugeschnitten worden war, der während der Fertigstellung gestorben war. Der Schneider überließ ihm das Stück zu einem günstigen Preis, und Inman zog es sich sogleich über und trat damit ins Freie, In einem Kramladen kaufte er sich eine Hose aus steifem,
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indigofarbenem Köper, ein cremefarbenes Wollhemd, zwei Paar Socken, ein Klappmesser, ein Fahrtenmesser, einen kleinen Topf, eine Tasse und sämtliche Kugelpatronen und Zündhütchen für seinen Revolver, die dort auf Lager waren. Er ließ alles miteinander in Packpapier wickeln und trug das Päckchen, einen Finger in die über Kreuz gebundene Schnur gehakt, davon. Bei einem Hutmacher erstand er einen schwarzen Schlapphut mit grauem Band und nahm, als er wieder draußen auf der Straße war, sein altes, speckiges Exemplar vom Kopf und schleuderte es zwischen die Bohnenreihen eines Gemüsegartens. Vielleicht konnten ihn die Leute für eine Vogelscheuche gebrauchen. Er setzte sich den neuen Hut auf und ging zu einem Schuhmacher, bei dem er ein Paar guter, stabiler Stiefel fand, die stramm über seinen Waden saßen. Seine abgenutzten alten ließ er verbogen und zerknautscht auf dem Boden stehen. In einer Schreibwarenhandlung kaufte er sich eine Feder mit Goldspitze, ein Tintenfaß und ein Paar Bögen Schreibpapier. Nachdem er all diese Einkäufe getätigt hatte, war er einen Stoß beinahe wertlosen Papiergeldes losgeworden, der ausgereicht hätte, um ein Feuer aus feuchtem Holz in Gang zu bringen. Erschöpft machte er bei einem Wirtshaus unweit des mit einem Kuppeldach versehenen Regierungsgebäudes halt und ließ sich an einem der unter einem Baum aufgestellten Tische nieder. Er trank eine Tasse von einem Gebräu, das der Wirt ihm als durch die Blockade geschmuggelten Kaffee verkaufte, obwohl der Satz offensichtlich zum Großteil aus Zichorie und geröstetem Maisschrot und höchstens ein paar Staubkörnchen echten Kaffeepulvers bestand. Der rostige Metalltisch schürfte an den Kanten ab, so dass Inman sich in acht nehmen musste, dass er nicht mit den Ärmeln seines neuen Rocks an das verwitterte Material kam, als er die Kaffeetasse auf die Untertasse zurückstellte. Er saß ein wenig steif da, mit geradem Rücken, die zu Fäusten geballten Hände auf den Oberschenkeln. Auf einen Beobachter, der von der Straße aus auf die im Schatten der Eiche stehenden Tische geblickt hätte,
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hätte er den Eindruck eines grimmigen Mannes gemacht, der sich in seiner schwarzen Jacke, mit dem wie ein enganliegendes Halstuch aussehenden Verband um den Hals, unwohl fühlte. Er wirkte wie ein Mann, der wahrend der langen, für eine Daguerreotypie benötigten Belichtungszeit regungslos dasitzt, ein Objekt, das völlig weggetreten war, während die Uhr tickte und die Silberplatte langsam sein Bild aufsaugte und einen Teil seiner Seele für alle Zeit fixierte. Inman musste an den Blinden denken. Er hatte ihm am Morgen eine Ausgabe des Standard abgekauft, wie er es seit einiger Zeit allmorgendlich tat. Seit Inman wusste, wie er zu seiner Blindheit gekommen war, tat ihm der Blinde leid, denn wie sollte man jemanden finden, den man für etwas hassen konnte, das einfach so war, wie es war? Was war der Preis dafür, keinen Feind zu haben? An wem konnte man Rache üben, außer an sich selbst? Inman trank den Kaffee bis zum Bodensatz aus und nahm dann seine Zeitung zur Hand, in der Hoffnung, darin etwas Fesselndes zu finden, das seine Gedanken in eine andere Richtung lenkte. Er versuchte einen Artikel zu lesen, in dem berichtet wurde, wie schlecht die Dinge vor Petersburg standen, doch er konnte sich nicht darauf konzentrieren. Außerdem wusste er bereits alles, was es zu diesem Thema zu sagen gab. Als er die dritte Seite aufschlug, stieß er auf eine Mitteilung der Regierung an Deserteure, Drückeberger und ihre Familien. Sie würden unerbittlich verfolgt werden. Ihre Namen würden auf eine Liste gesetzt, und die Bürgermiliz werde in jedem Landkreis in Alarmbereitschaft sein und Tag und Nacht Patrouillen durchführen. Dann las Inman eine am Fuß einer Seite in der Zeitungsmitte versteckte Meldung. Darin hieß es, dass Thomas und seine Cherokee-Truppen in den Bergen an der Westgrenze des Staates zahlreiche Scharmützel mit den Unionisten gehabt hätten. Sie seien beschuldigt worden, die Gegner skalpiert zu haben. Die Zeitung vertrat die Meinung, dass diese Praxis zwar barbarisch sein möge, aber als eine unmissverständliche Warnung dafür
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dienen könne, dass eine Invasion den Gegner teuer zu stehen kommen würde. Inman ließ die Zeitung sinken und stellte sich junge Cherokee-Indianer beim Skalpieren von Unionssoldaten vor. Es hatte etwas Amüsantes, wie diese bleichen Fabrikarbeiter so selbstsicher gen Süden zogen, um Land zu stehlen, und statt dessen draußen in den Wäldern ihre Kopfhaut einbüßten. Inman kannte viele Cherokee, die dem Alter nach unter Thomas' Kommando hätten kämpfen können, und er fragte sich, ob wohl auch Swimmer darunter war. Er hatte Swimmer in dem Sommer kennengelernt, als sie beide sechzehn waren. Innvan war mit der angenehmen Aufgabe betraut worden, ein paar Färsen auf die kahlen, baumlosen Höhen des Balsam Mountain zu geleiten, wo sie das letzte Gras des Sommers abweiden sollten. Er hatte ein Lastpferd, beladen mit Kochgeschirr, Pökelfleisch, Maismehl, Angelzeug, einer Schrotflinte, Decken und einer Plane aus gewachstem Segeltuch für ein Zelt mitgeführt. Er war auf Einsamkeit und Eigenständigkeit eingestellt gewesen. Doch als er die Wiesen auf der Bergkuppe erreichte, war dort eine regelrechte Party im Gange. Etwa ein Dutzend Männer aus Catalooch hatten auf dem Bergkamm seit über einer Woche ein Lager aufgeschlagen, um in der kühlen Luft des Hochlands zu faulenzen und die befreiende Entfernung von Heim und Herd zu genießen. Es war ein herrliches Fleckchen, dort oben auf der kahlen Höhe. Sie hatten eine weite Aussicht nach Osten und nach Westen, gutes Weidegras für das Vieh und nahe gelegene, fischreiche Bäche. Inman gesellte sich zu den Männern, und sie kochten mehrere Tage hintereinander üppige Mahlzeiten aus geröstetem Maisbrot und Bachsaiblingen und Wildbretragouts über einem großen Feuer, das sie Tag und Nacht kniehoch brennen ließen. Sie spülten das Essen mit allen Arten von Maisschnaps, Apfelbrand und dickflüssigem Honigwein herunter, so dass etliche von ihnen von einer Morgendämmerung bis zur nächsten betrunken darniederlagen.
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Bald darauf war eine Gruppe Cherokee-Indianer aus Cove Creek mit einer Herde magerer, scheckiger Kühe unbestimmter Rasse von der anderen Seite des Kammes her heraufgekommen. Die Indianer hatten ihr Lager ganz in der Nähe aufgeschlagen und dann hohe Kiefern gefällt und daraus Tore gebaut und Grenzlinien für ihr tückisches Ballspiel abgesteckt. Swimmer, ein sonderbarer Junge mit großen Händen und weit auseinanderstehenden Augen, war herübergekommen und hatte die Gruppe aus Catalooch eingeladen mitzuspielen, wobei er dunkel andeutete, dass es bei dem Spiel manchmal Tote gebe. Inman und ein paar andere nahmen die Herausforderung an. Sie schnitten und spalteten grüne Schößlinge, um sich daraus Schläger zu machen, die sie mit schmalen Fellstreifen und Schnürsenkeln bespannten. Die beiden Gruppen kampierten vierzehn Tage lang nebeneinander, wobei die jüngeren Männer den größten Teil des Tages mit Ballspielen verbrachten und hohe Wetten auf die Ergebnisse abschlossen. Es war ein Wettkampf ohne feste Spielzeit und mit wenigen Regeln, in dem sie einfach umherrannten und aufeinander eindroschen und mit den Schlägern wie mit Keulen herumschlugen, bis eine Mannschaft durch Treffer mit dem Ball gegen die Torpfosten eine bestimmte Punktzahl erzielt hatte. Sie spielten fast den ganzen Tag und verbrachten anschließend die halbe Nacht saufend und Geschichten erzählend am Lagerfeuer und verdrückten dazu riesige Mengen kleiner Bachsaiblinge, knusprig gebraten, mitsamt Gräten und Eingeweiden. Dort droben im Hochland blieb das Wetter die meiste Zeit klar. Es lag weniger Dunst in der Luft als anderswo, und der Blick erstreckte sich über zahllose Ketten blauer Berge, die mit zunehmender Entfernung immer blasser wurden, bis die letzten Ketten nicht mehr vom Himmel zu unterscheiden waren. Es schien, als wäre die ganze Welt aus nichts als Tälern und Gebirgszügen zusammengesetzt. In einer Spielpause hatte Swimmer seinen Blick über die Formen der Landschaft
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schweifen lassen und gesagt, er glaube, der Cold Mountain sei der höchste Berg der Welt. Inman fragte ihn, woher er das wissen wolle, und Swimmer machte eine weitausholende Geste über den Horizont bis zu dem Punkt, wo der Cold Mountain stand, und fragte: Siehst du vielleicht 'nen größeren? Am Morgen war die Luft auf der kahlen Höhe stets sehr frisch, und über den Tälern lag Nebel, so dass die Bergspitzen wie isolierte spitze blaue Inseln in einem blassen Meer daraus hervorragten. Wenn Inman erwachte, noch immer halb betrunken, stieg er in ein kleines Tal hinab, um dort mit Swimmer eine oder zwei Stunden lang zu angeln, bis sie sich auf den Rückweg machten, um das Spiel zu beginnen. Sie saßen an dem rauschenden Bergbach, Grashüpfer und Köcherfliegenlarven an den Angelhaken. Swimmer redete pausenlos und mit so leiser Stimme, dass sie mit dem Rauschen des Wassers verschmolz. Er erzählte Geschichten von Tieren, davon, wie sie so geworden waren, wie sie sind. Woher das Opossum seinen unbehaarten Schwanz hatte, das Eichhörnchen seinen buschigen Schwanz. Der Hirsch sein Geweih. Der Silberlöwe seine Reißzähne und Krallen, die Uktena ihren Giftzahn und die Fähigkeit, sich aufzurollen. Geschichten, die erklärten, wie die Welt entstanden war und wohin sie ging. Swimmer erzählte auch von Zauberformeln, die er gerade lernte, um damit erwünschte Ziele zu verwirklichen. Er erklärte, wie sich Unglück, Krankheit und Tod herbeiführen ließen, wie Böses durch Feuer vergolten werden könne, wie ein Mann, der nachts allein unterwegs war, zu schützen sei und wie man es bewerkstelligte, dass einem ein zurückzulegender Weg kurz erscheine. Eine Anzahl von Zauberformeln betraf die Seele. Swimmer kannte ein paar Methoden, mit denen man die Seele eines Feindes töten konnte, und viele Methoden, die eigene zu schützen. In seinen Zauberformeln schien die Seele ein schwaches Ding, das unablässig Angriffen ausgesetzt war, dem es ständig an Stärke mangelte und das immer in Gefahr war, im Innern des Menschen abzusterben. Für Inman war diese Vorstellung
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ungemein trostlos, hatte man ihm doch in Predigten und Kirchenliedern den Glauben beigebracht, dass die Seele unsterblich sei. Während Inman den Geschichten und Zauberformeln lauschte, die Swimmer mit einer Stimme erzählte, die beruhigend war wie das Geplätscher des Baches, behielt er die Stelle im Auge, wo seine Angelleine in die Strömung eintauchte. Wenn sie einen Sack voll Saiblinge gefangen hatten, machten sie Schluß und liefen zurück, um den restlichen Tag mit ihren Schlägern aufeinander einzudreschen, sich gegenseitig herumzustoßen und zu schubsen und Schläge einzustecken. Nach etlichen Tagen setzte schlechtes Wetter ein, und das keineswegs zu früh, denn beide Gruppen waren völlig erschöpft, verkatert und durchgeprügelt. Einige von ihnen hatten gebrochene Finger und Nasen, etliche hatten Fleischwunden davongetragen. Alle waren von den Schlägern vom Knöchel bis zur Hüfte grün und blau geschlagen. Die Männer aus Catalooch hatten an die Indianer alles verloren, was sie entbehren konnten, aber auch einige Dinge, die unentbehrlich waren – Bratpfannen und Bratentöpfe, Säcke mit Maismehl, Angelruten, Gewehre und Pistolen. Inman hatte eine ganze Kuh verloren und hatte keine Ahnung, wie er das seinem Vater beibringen sollte. Er hatte sie Stück für Stück verwettet, Punkt um Punkt. Hatte in der Hitze des Gefechts gesagt: Ich wette das Lendenstück der Färse da drüben, dass wir den nächsten Punkt machen. Oder: Alle Rippen auf der linken Seite meiner Wettkuh, dass wir gewinnen. Als sich die beiden Gruppen trennten, war Inmans Färse zwar noch immer auf den Beinen, doch mehrere Cherokee hatten Anspruch auf ihre diversen Teilstücke. Als Entschädigung und zum Andenken hatte Swimmer Inman jedoch einen schönen Schläger aus Hickoryholz geschenkt, in dessen Bespannung aus Eichhörnchenleder Fledermausschnurrhaare eingeflochten waren. Swimmer behauptete, der Schläger würde seinem Benutzer die
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Geschwindigkeit und den Listenreichtum einer Fledermaus verleihen. Und durch die Schwalben-, Falken- und Reiherfedern, mit denen er geschmückt war, erklärte Swimmer, würden sich die Charaktereigenschaften dieser Tiere – elegantes Kreisen, Aufsteigen und Niederstoßen, eiserne Beharrlichkeit – ebenfalls auf Inman übertragen. Nicht alles davon war eingetreten, aber Inman hoffte, dass Swimmer nicht unter denen war, die gegen die Unionisten kämpften, sondern in einer Hütte aus Baumrinde an einem rauschenden Bach lebte. Drinnen im Wirtshaus stimmte jemand eine Geige; Gezupfe und Probestriche drangen nach draußen, dann ein langsamer und unsicherer Versuch, die Volksweise Aura Lee zu spielen, jeweils nach ein paar Noten von unbeabsichtigten Quietschern und Heultönen unterbrochen. Doch das erbärmliche Gefiedel konnte der schönen und vertrauten Weise nichts anhaben, und Inman fand, dass sie schmerzlich jung klang, geradezu als ließe die Notenfolge des Liedes es nicht zu, sich eine düstere und verworrene und beschnittene Zukunft vorzustellen. Er führte die Kaffeetasse an den Mund, merkte, dass sie kalt und fast leer war und stellte sie wieder ab. Er starrte in sie hinein und beobachtete, wie der dunkle Satz im verbliebenen Rest Flüssigkeit versank. Die schwarzen Teilchen wirbelten durcheinander, versammelten sich zu einem Muster und setzten sich. Ihm fiel ein, dass es üblich war, aus Kaffeesatz, Teeblättern, Schweinegedärmen oder Wolkenformationen die Zukunft vorherzusagen. Als könnte ein Muster etwas Wissenswertes verraten. Er gab der Tasse einen Stoß, um den Bann zu brechen, und ließ seinen Blick über die Straße schweifen. Hinter einer Reihe junger Bäume ragte das Kapitol, das Regierungsgebäude, empor, ein beeindruckendes Bauwerk aus Steinquadern mit einem Kuppeldach. Es war nur eine Spur dunkler als die hohen Wolken, durch die die graue Scheibe der bereits nach Westen hinabsinkenden Sonne schien. In dem Dunstschleier wirkte das Kapitol unglaublich hoch, ein Bauwerk so riesig wie eine mittelalterliche Festung. Gardinen
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wehten aus den offenen Bürofenstern und flatterten im Wind. Über der Kuppel kreiste ein dunkler Ring von Geiern am austernfarbenen Himmel, deren lange fransige Federn an den stumpfen Flügelspitzen gerade noch erkennbar waren. Solange Inman sie beobachtete, schlugen die Vögel kein einziges Mal mit den Flügeln, stiegen aber dennoch stetig höher, indem sie sich von einer aufsteigenden Luftsäule tragen ließen, segelten höher und höher hinauf, bis sie nur noch kleine schwarze Striche am Himmel waren. Im Geist verglich Inman die Kreisbahnen des Geierflugs mit dem sich zu einem Muster versammelnden Kaffeesatz in seiner Tasse. Aus den zufälligen Formen, die sich bilden, wenn Dinge aufeinandertreffen, konnte jeder wahrsagen. Es war ganz einfach, Vorhersagen zu machen, wenn man von der Vorstellung ausging, dass die Zukunft unweigerlich schlechter sein würde als die Vergangenheit und dass die Zeit ein Pfad ist, der zu nichts anderem hinführt als zu einem Ort großer und ständiger Gefahr. Wenn man so etwas wie Fredericksburg als Markierung der gegenwärtigen Position nahm, durfte es nach Inmans Ansicht bei dem Tempo, in dem die Menschen voranmarschierten, nicht mehr lange dauern, bis sie sich gegenseitig roh auffraßen. Ferner glaubte Inman, dass Swimmers Zauberformeln recht hatten, wenn sie davon ausgingen, dass die Seele eines Menschen entzweigerissen werden und erlöschen konnte, während der Körper weiterlebte. Körper und Seele konnten unabhängig voneinander getötet werden. Er selbst war ein Beispiel dafür, und vielleicht gar kein seltenes, denn, es schien, als wäre seine Seele so gut wie ausgebrannt, und er konnte gleichwohl noch laufen. Wobei er sich allerdings so hohl fühlte wie der Kern eines großen Tupelobaumes. Und verunsichert. Denn seine jüngsten Erfahrungen hatten in ihm die Befürchtung geweckt, dass die bloße Existenz des HenryStutzens oder des Eprouvette-Mörsers im Handumdrehen alles Gerede über die Seele zu etwas Gestrigem machte. Seine Seele, so fürchtete er, war weggesprengt worden, so dass er
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sich den Menschen um ihn herum entfremdet hatte und einsam geworden war wie ein trauriger alter Reiher, der sinnlos am Rand eines Teiches im Schlick wacht, obwohl es dort keine Frösche gibt. Es schien ein schlechter Tausch, wenn die einzige Möglichkeit, den Tod nicht mehr zu fürchten, darin bestand, stumpf und isoliert durchs Leben zu gehen, als wäre man bereits tot, dieweil von einem selbst kaum mehr übrig war als ein Haufen alter Knochen. Während Inman grübelnd dasaß und seinem verlorenen Selbst nachtrauerte, kam ihm plötzlich eine äußerst plastische Erinnerung an eine Geschichte Swimmers vom Flussufer, die ihm sehr verlockend erschien. Swimmer hatte behauptet, dass sich jenseits des blauen Himmelsgewölbes ein von einer göttlichen Rasse bewohnter Wald befinde. Die Menschen könnten nicht dorthin gelangen und dort wohnen, doch könnte in dem Land da droben die Seele wiedergeboren werden. Swimmer beschrieb es als ein weit entferntes und unzugängliches Reich, in dessen unterste Region jedoch die dunklen Gipfel der höchsten Berge hineinragten. Manchmal gelangten Zeichen und Wunder, große wie auch kleine, von jener Welt in die unsere. Die Boten, so hatte Swimmer gesagt, seien vornehmlich Tiere. Inman hatte Swimmer darauf hingewiesen, dass er den Cold Mountain sowie den Pisgah und den Mount Sterling bis zum Gipfel erstiegen habe. Es gebe keine Berge, die viel höher seien als diese, aber er habe von ihren Gipfeln kein höheres Reich erblickt. — Hochklettern allein reicht nicht, hatte Swimmer gesagt. Inman konnte sich zwar nicht erinnern, ob Swimmer ihm gesagt hatte, was noch dazugehörte, um jenes heilsame Reich erreichen zu können, doch in ihm war plötzlich die Vorstellung geweckt, dass der Cold Mountain der Ort sei, an dem all seine zersprengten Kräfte sich wieder zusammenfinden könnten. Inman hielt sich nicht für abergläubisch, doch er glaubte an die Existenz einer uns unsichtbaren Welt. Er hielt diese mittlerweile nicht mehr für den Himmel, und er glaubte auch nicht mehr daran, dass wir
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dorthin gelangen, wenn wir sterben. Diese Lehren waren ihm ausgebrannt worden. Doch er konnte sich nicht mit einer Welt abfinden, die nur aus dem für ihn Sichtbaren bestand, vor allem, da das Sichtbare so häufig abscheulich war. Folglich hielt er an der Vorstellung einer anderen Welt, eines besseren Ortes, fest, und er glaubte, den Cold Mountain genausogut als deren Standort betrachten zu können wie jeden anderen Berg. Inman zog seinen neuen Rock aus und hängte ihn über die Stuhllehne. Dann begann er, einen Brief zu verfassen. Es war ein langer Brief, und während der Nachmittag verstrich, leerte er noch manche Tasse Kaffee und schwärzte mehrere Briefbögen auf Vorder- und Rückseite mit Tinte. Auf einmal stellte er fest, dass er Einzelheiten über den Krieg erzählte, die er eigentlich nicht hatte erzählen wollen. An einer Stelle hieß es: Die Erde war mit Blut getränkt, und wir konnten sehen, wo das Blut auf die Felsen geflossen war und wo blutige Hände an Baumstämmen Abdrücke hinterlassen hatten ...
Er hielt inne, knüllte das Geschriebene zusammen und begann auf einem neuen Blatt von vorn, so dass unter anderem folgendes zu lesen war: Ich werde auf dem einen oder anderen Wege nach Hause kommen, und ich bin mir nicht sicher, wie die Dinge zwischen uns stehen. Ich hatte eigentlich die Absicht, Dir in diesem Brief zu erzählen, was ich getan und gesehen habe, damit Du Dir vor meiner Rückkehr ein Urteil über mich bilden kannst. Doch dann merkte ich, dass man für diese Geschichte eine Seite beschreiben müsste, die so groß wäre wie der blaue Himmel, und dazu habe ich weder den Willen noch die Energie. Erinnerst Du Dich an den Abend kurz vor Weihnachten, als ich Dich in der Küche neben dem Herd auf den Schoss nahm und Du mir sagtest, Du würdest am liebsten immer dort sitzen bleiben und Deinen Kopf an meine Schulter lehnen? Inzwischen habe ich die bittere Gewißheit in meinem Herzen, dass Du Dich, wüßtest Du, was ich gesehen und getan habe,
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fürchten würdest, dergleichen noch einmal zu tun.
Inman lehnte sich zurück und ließ seinen Blick über den Rasen vor dem Kapitol schweifen. Eine Frau in einem weißen Kleid, ein kleines Päckchen in der Hand, eilte über das Gras. Eine schwarze Kutsche fuhr die Straße zwischen dem Kapitol und der roten Backsteinkirche entlang. Eine Windbö wirbelte über der Fahrbahn Staub auf, und Inman bemerkte, dass der Nachmittag bereits weit fortgeschritten war und das schräg einfallende Licht den nahenden Herbst ankündigte. Er spürte, wie die Brise durch eine Falte in seinem Verband drang und die Wunde an seinem Hals streifte, die in dem Luftzug zu schmerzen begann. Inman erhob sich, faltete den Brief zusammen und legte seine Hand an den Kragen, um die verkrustete Wunde zu betasten. Die Ärzte behaupteten, dass die Heilung jetzt schnell voranschreite, doch er hatte noch immer das Gefühl, an dieser Stelle einen Stock hineinstecken und zur anderen Seite wieder herauspressen zu können, ohne dabei auf größeren Widerstand zu stoßen als bei einem faulenden Kürbis. Beim Sprechen und beim Essen schmerzte die Wunde noch immer, manchmal auch beim Atmen. Beunruhigend waren auch die sich bei feuchter Witterung meldenden, tiefsitzenden Schmerzen von der Hüftwunde, die er sich vor Jahren in Malvern Hill zugezogen hatte. Alles in allem gaben ihm seine Verletzungen ausreichend Grund zu bezweifeln, dass er jemals wieder völlig genesen und sich wieder heil und unversehrt fühlen würde. Als er die Straße hinunterging, um den Brief aufzugeben, und auch auf dem Weg zurück zum Krankenhaus fühlten sich seine Beine allerdings erstaunlich kräftig und willig an. Als Inman den Krankensaal betrat, fiel ihm sofort auf, dass Balis nicht an seinem Tisch saß. Auch sein Bett war leer. Die dunkle Brille lag auf seinem Papierberg. Inman erkundigte sich nach ihm und erfuhr, dass Balis am Nachmittag gestorben sei, einen ruhigen Tod. Er sei grau im Gesicht gewesen und sei von seinem Tisch aufgestanden, um sich ins Bett zu legen. Er habe sich auf die Seite gedreht und zur Wand gesehen und sei
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einfach eingeschlafen. Inman ging zu den Manuskripten hinüber und blätterte darin. Am Kopf der ersten Seite stand, dreimal unterstrichen, das Wort Fragmente. Die Arbeit schien ein heilloses Durcheinander zu sein. Die Schrift war krakelig, eng und dünn. Es war mehr Durchgestrichenes und Ausschraffiertes zu sehen als Unkorrigiertes. Hin und wieder war eine ganze Zeile deutlich zu lesen, aber auch dann meistens kein ganzer Satz, sondern nur ein Bruchstück eines Satzes. Während Inman die Seiten durchblätterte, sprang ihm die folgende Äußerung ins Auge: Wir bezeichnen manche Tage als schön und andere als scheußlich, weil wir nicht merken, dass alle Tage ihrem Charakter nach identisch sind. Inman fand, er würde lieber sterben, als sich dieser Einstellung anzuschließen, und es stimmte ihn traurig, dass Balis offenbar seine letzten Tage damit vergeudet hatte, die Ergüsse eines Narren zu entziffern. Doch dann stieß er auf eine Zeile, die ihm sinnvoller schien: Die vermeintlich perfekteste Ordnung auf der Erde ist nichts als ein Haufen willkürlich zusammengefegten Kehrichts. Dem, fand Inman, konnte er zustimmen. Er begradigte den Stoß Papier, indem er die Blätter auf der Tischplatte aufstieß, und legte sie an ihren Platz zurück. Nach dem Abendessen überprüfte Inman die Gepäckstücke unter seinem Bett. Zu der bereits in seinem Tornister befindlichen Decke und der gewachsten Zeltbodenplane steckte er die Tasse, den kleinen Topf und das Fahrtenmesser. Der Brotbeutel war bereits seit längerem mit Trockenkeksen, etwas Maismehl, einem Stück gepökelten Schweinefleischs und einem kleinen Stück getrockneten Rindfleischs gefüllt, Dinge, die er dem Krankenhauspersonal abgekauft hatte. Er saß am Fenster und beobachtete, wie sich der Tag dem Ende näherte. Der Sonnenuntergang war beunruhigend. Unten am Horizont zogen sich niedrige graue Wolken zusammen, doch als die sinkende Sonne die Horizontlinie erreichte, fand sie ein Loch in den Wolken und schoss einen Lichtstrahl von
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der Farbe heißer Hickorykohlen senkrecht nach oben. Der Strahl war röhrenförmig und scharf umrandet wie ein Gewehrlauf und ragte volle fünf Minuten steil in den Himmel auf, ehe er jäh erlosch. Die Natur, so war sich Inman wohl bewusst, lenkt zuweilen die Aufmerksamkeit der Menschen auf ihre besonderen Phänomene und fordert sie auf, diese zu deuten. Dieses Zeichen wies jedoch beim besten Willen auf nichts anderes als Zwietracht, Gefahr und Leid. An diese Dinge brauchte er nicht gemahnt zu werden, und folglich tat er das Schauspiel als vergeudete Mühe ab. Er stieg ins Bett und zog die Decke hoch. Müde davon, den ganzen Tag in der Stadt herumgelaufen zu sein, las Inman nur einen kurzen Moment, ehe er einschlief, während draußen noch der Abend dämmerte. Irgendwann tief in der Nacht wachte er auf. Der Saal war schwarz, und die einzigen Geräusche waren die von atmenden, schnarchenden und sich in den Betten herumwälzenden Männern. Vom Fenster her schimmerte nur ein schwaches Licht, und Inman konnte das helle Funkeln des zum westlichen Horizont herabsinkenden Jupiter erkennen. Eine Brise wehte durch die Fenster herein, und die Papierseiten des toten Balis fingen auf dem Tisch an zu rascheln, ein paar wellten sich nach hinten und stellten sich fast senkrecht auf, so dass sie im schwachen Licht vom Fenster schimmerten wie zwergenhafte Geister, die gekommen waren, um zu spuken. Inman erhob sich und streifte sich seine neuen Kleider über. Er steckte seinen zusammengerollten Bartram zu den anderen Sachen in den Tornister, dann schnallte er sich die Gepäckstücke um, trat an das große, geöffnete Fenster hin und sah hinaus. Es herrschte die Dunkelheit des Neumonds. Nebelbänder schlängelten sich tief über der Erde, obwohl der Himmel droben klar war. Er setzte einen Fuß auf die Fensterbank und stieg aus dem Fenster.
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Die Erde unter ihren Händen
Ada saß auf der Veranda des Hauses, das nun ihr gehörte, ein tragbares Schreibpult auf dem Schoss. Sie tauchte die Spitze einer Feder in Tinte und schrieb: Dies musst Du wissen: dass ich die glückliche Beziehung zwischen uns trotz Deiner langen Abwesenheit noch immer in einem Licht sehe, das es mir unmöglich macht, jemals auch nur einen einzigen Gedanken vor Dir verheimlichen zu wollen. Lass Dich nicht von solchen Ängsten plagen. Du sollst wissen, dass ich es für unsere beiderseitige Pflicht und Schuldigkeit halte, uns einander mit vollkommener Offenheit und Ehrlichkeit mitzuteilen. Lass uns dies stets mit unverschlossenen Herzen tun.
Sie blies auf das Blatt, damit es trocknete, und überflog mit kritischem Blick, was sie geschrieben hatte. Ihr mißfiel ihre Handschrift, denn wie sehr sie sich auch bemühte, wollten ihr die schwungvollen Schnörkel und Bögen der feinen Schreibkunst einfach nicht gelingen. Die Buchstaben, die ihre Hand hartnäckig formte, waren dagegen eckig und hölzern wie Runen. Mehr noch als ihre Schrift mißfiel ihr der Tenor des Briefes. Sie knüllte das Blatt zusammen und schleuderte es in einen Buchsbaum. — Das ist bloß das übliche Gerede, und hat mit dem, was wirklich ist, nichts zu tun, sagte sie laut. Sie blickte über den Hof hinweg zum Küchengarten hin, in dem die Bohnen-, Kürbis- und Tomatenpflanzen Früchte trugen, die kaum mehr als daumengroß waren, obwohl der Höhepunkt der Wachstumsphase überschritten war. Viele
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Blätter waren bis auf die Rippen von Insekten und Würmern abgefressen. Zwischen den Beetreihen standen höher als die Gemüsepflanzen dicht an dicht Wildkräuter, deren Namen Ada nicht kannte und die zu bekämpfen sie weder die Energie noch die Lust hatte. Jenseits des mißratenen Gartens erstreckte sich das ehemalige Maisfeld, das jetzt schulterhoch mit Kermesbeerensträuchern und Sumachgewächsen zugewuchert war. Hinter den Feldern und Weiden wurden, während sich der Morgennebel auflöste, allmählich die Berge sichtbar. Ihre blass am Horizont erkennbaren Umrisse glichen eher Schattenbildern als tatsächlichen Bergen. Ada blieb sitzen und wartete darauf, dass sie eine klare Gestalt annahmen. Sie versprach sich eine tröstliche Wirkung davon, etwas sehen zu können, das so war, wie es sein sollte, denn es quälte sie, dass alles andere in ihrem Blickfeld Zeichen der Vernachlässigung trug. Seit der Beerdigung ihres Vaters hatte Ada auf dem Hof kaum eine Hand gerührt. Sie hatte wohl die Kuh gemolken, die Monroe ohne Beachtung ihres Geschlechts Waldo getauft hatte, und Ralph, das Pferd, gefüttert. Aber viel mehr hatte sie nicht getan, denn sie wusste in den meisten Fällen nicht, wie sie es hätte anstellen sollen. Die Hühner, die sich ihr Futter jetzt selbst suchen mussten, waren mager und scheu geworden. Die Hennen hatten den kleinen Hühnerstall verlassen und schliefen nun auf Bäumen und legten ihre Eier, wo immer es ihnen gerade einfiel. Ada ärgerte sich, dass sie nicht imstande waren, sich für einen Nistplatz zu entscheiden. Sie musste jeden Schlupfwinkel des Hofes nach den Eiern absuchen, deren Geschmack ihr, seit die Hennen statt Speiseresten nur noch Insekten fraßen, eigenartig vorkam. Die Ernährung war für Ada zu einem drängenden Problem geworden. Sie war ständig hungrig und hatte sich den ganzen Sommer fast ausschließlich von Milch, Spiegeleiern, Salaten und Tellern voll winziger Tomaten von den ungepflegten Stöcken ernährt, die zu dichten Büschen mit vielen Nebentrieben herangewachsen waren. Selbst zum
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Buttermachen hatte sie sich als untauglich erwiesen, denn der Rahm, den sie zu schlagen versucht hatte, war nie fester geworden als labbrige Dickmilch. Sie sehnte sich nach einer Schüssel Hühnerfleisch, nach Knödeln und Pfirsichkuchen, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie man dergleichen zustande brachte. Ada warf einen letzten Blick auf die fernen, noch immer blassen Berge, dann erhob sie sich, um auf Eiersuche zu gehen. Sie suchte das wilde Unkraut am Zaun zum Feldweg ab, bog die hohen Gräser am Fuße des Birnbaumes im Hof neben dem Haus auseinander, wühlte im Krimskrams auf der hinteren Veranda herum, tastete die staubigen Regale im Geräteschuppen ab. Sie fand nichts. Ihr fiel ein, dass sich eine rote Henne in letzter Zeit manchmal bei den großen Buchsbäumen zu beiden Seiten der Vordertreppe herumtrieb. Sie ging zu dem Busch hinüber, in den sie den Brief geworfen hatte und versuchte, das dichte Blattwerk auseinanderzubiegen und hineinzuspähen, konnte jedoch in dem Dunkel nichts erkennen. Sie wickelte sich ihre Röcke eng um die Beine und arbeitete sich auf Händen und Knien ins Innere des Buchsbaumes vor. Seine Äste kratzten beim Vorwärtskriechen über ihre Unterarme, ihr Gesicht und ihren Hals. Die Erde unter ihren Händen war ausgedörrt und mit Hühnerfedern, altem Hühnermist und den harten, vertrockneten Blättern des Busches übersät. Im Inneren befand sich eine Höhlung. Die dichten äußeren Äste waren nur eine Schale, die einen Hohlraum einer kleinen Kammer gleich umschloß. Ada setzte sich hinein und suchte den Boden und die Zweige nach Eiern ab, fand jedoch nur eine zerbrochene Schale, in deren einer gezackten Hälfte vertrocknetes, rostfarbenes Eigelb klebte. Sie machte es sich zwischen zwei Ästen bequem und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm. Die Buchsbaumlaube roch durchdringend und scharf nach Hühnern und nach Erde. Die darin herrschende Dunkelheit erinnerte sie an Kinderspiele in Höhlen, die sie gebaut hatten,
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indem sie Leintücher über Tische gehängt oder Teppiche über Wäscheleinen zu Zelten drapiert hatten. Das beste waren die Tunnel gewesen, die sie mit ihrer Cousine Lucy auf der Farm ihres Onkels tief in die Heuhäufen gegraben hatte. Ganze verregnete Nachmittage hatten sie darin gemütlich und geschützt wie die Füchse in ihrem Bau verbracht und einander Geheimnisse zugeflüstert. Mit der gleichen freudigen Erregung wie damals und mit abgeschnürtem Atem wurde ihr bewusst, dass sie jetzt ebenso versteckt war wie einst und dass keiner, der vom Hoftor zur Veranda ging, merken würde, dass sie hier drinnen war. Wenn eine der Damen ihrer Kirchengemeinde einen Pflichtbesuch machte, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, konnte sie reglos hier sitzen bleiben, während die Frau ihren Namen rief und an die Tür klopfte. Sie würde erst lange, nachdem sie den Riegel am Hoftor hatte zuklappen hören, herauskommen. Doch sie rechnete gar nicht damit, dass jemand kam. Die Besuche hatten angesichts der Gleichgültigkeit, mit der sie auf sie reagiert hatte, allmählich aufgehört. Ada blickte ein wenig enttäuscht zu dem schwach durch das Blattwerk hindurchschimmernden blassblauen Himmel auf. Sie wünschte, es würde zu regnen anfangen, damit sie sich noch geborgener fühlen könnte, während die Blätter über ihr zu rascheln begannen. Wenn sich ab und zu ein Tropfen den Weg durch die Zweige bahnte und beim Auftreffen auf der Erde einen winzigen Krater hinterließ, würde das nur um so deutlicher machen, dass es da draußen heftig regnete, während sie hier drinnen im Trockenen saß. Ada wünschte sich, diesen herrlichen Unterschlupf niemals verlassen zu müssen, denn bei dem Gedanken, wie sehr sich ihre Lage mittlerweile zugespitzt hatte, fragte sie sich, ob es wohl einen Menschen gab, der durch seine Erziehung schlechter als sie auf die Anforderungen vorbereitet worden war, die ein ungeborgenes Leben stellte. Sie war in Charleston aufgewachsen, und Monroe hatte
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darauf bestanden, dass sie eine gründlichere Schulbildung erhielt, als es für Mädchen allgemein für ratsam erachtet wurde. Sie war ihm eine kenntnisreiche Begleiterin geworden, eine lebhafte und aufmerksame Tochter. Sie war voll von Ansichten zu Kunst, Politik und Literatur und jederzeit bereit, die Vorzüge ihrer Positionen zu vertreten. Doch welcher echten Fertigkeiten konnte sie sich rühmen? Welcher Gaben? Einer recht ordentlichen Kenntnis der französischen und lateinischen Sprache. Einiger Grundkenntnisse in Griechisch. Einem passablen Geschick für feine Handarbeiten. Einer hinreichenden, wenn auch nicht herausragenden Beherrschung des Klaviers. Der Fähigkeit, Landschaften und Stilleben mit Bleistift wie in Aquarell naturgetreu wiederzugeben. Und sie war belesen. Dies waren die Fähigkeiten, mit denen sie aufwarten konnte. Keine einzige davon schien von wirklichem Nutzen angesichts der harten Realität, dass sie nun Besitzerin von annähernd dreihundert Morgen Hoch- und Tiefland war, einem Haus, einer Scheune sowie Nebengebäuden, aber nicht die geringste Ahnung hatte, was sie damit anstellen sollte. Es machte ihr Freude, Klavier zu spielen, aber nicht genügend Freude, um sich über ihre jüngste Erkenntnis hinwegzutrösten, dass sie nicht imstande war, das zwischen den Bohnenreihen wuchernde Traubenkraut zu jäten, ohne dabei die Hälfte der Bohnenpflanzen auszureißen. Es befiel sie ein leichter Groll bei dem Gedanken, dass ihr ein paar praktische Kenntnisse auf dem Gebiet der Nahrungs mittelherstellung und Essenszubereitung gegenwärtig besser zustatten kamen als die feinsinnige Kenntnis der perspektivischen Gesetze beim Malen. Ihr Vater hatte sie jedoch ihr Leben lang von ernsthafter Arbeit verschont. Soweit sie zurückdenken konnte, hatte er stets geeignete Hilfskräfte eingestellt, manchmal freigelassene Sklaven, manchmal landlose Weiße von gutem Charakter, manchmal Sklaven, deren Löhne dann direkt an ihre Besitzer gezahlt wurden. Den Großteil der sechs Jahre, die sie nun in den Bergen lebten,
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hatte Monroe einen weißen Mann und seine Frau, eine Cherokee-Mestizin, eingestellt, um die Farm zu verwalten, während Ada nicht viel mehr zu tun geblieben war, als den wöchentlichen Speiseplan aufzustellen. Folglich hatte sie ihre Zeit wie zuvor mit Lesen und Handarbeiten, mit Zeichnen und Musizieren verbringen können. Doch nun waren die Arbeitskräfte fort. Der Mann war von den Sezessionsbestrebungen nicht sonderlich begeistert gewesen und hatte sich glücklich geschätzt, dass er zu alt war, um sich in den ersten Kriegsjahren freiwillig zu melden. In diesem Frühjahr, als die Divisionen in Virginia hoffnungslos unterbesetzt gewesen waren, hatte er jedoch Angst bekommen, dass man ihn womöglich bald einziehen würde. Und kurz nach Monroes Tod hatten sich seine Frau und er dann unversehens über die Berge fortgemacht, um die Grenze zu dem von den Unionisten besetzten Territorium zu überqueren, und Ada sich selbst überlassen. Seitdem hatte sie erkennen müssen, dass sie erschreckend schlecht darauf vorbereitet war, sich selbst zu versorgen und allein auf einer Farm zu leben, die ihr Vater mehr um der Idee als um des Unterhalts willen geführt hatte. Monroe selbst hatte nie viel Interesse für die vielen eintönigen Teilbereiche der Landwirtschaft entwickelt. Er war der Ansicht gewesen, dass es unnötig sei, mehr anzupflanzen als sie an Zuckermais zum Rösten brauchten, wenn er es sich leisten konnte, Futtermais und Maismehl zu kaufen. Wenn es Schinken und Koteletts zu kaufen gab, warum sollte er sich dann mit den weniger angenehmen Teilen des Schweins abgeben? Ada hatte einmal mitbekommen, wie er seinem Lohnarbeiter auftrug, etwa ein Dutzend Schafe zu kaufen und sie zu der Milchkuh auf die Weide vor dem Hof zu stellen. Der Mann hatte Einwände erhoben und Monroe darauf hingewiesen, dass es nicht gut sei, wenn Kühe und Schafe zusammen auf einer Weide seien. Wozu wollen Sie Schafe? hatte der Mann gefragt. Wegen der Wolle? Dem Fleisch? — Wegen der Atmosphäre, hatte Monroes Antwort gelautet.
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Doch es war schwer, von Atmosphäre zu leben, und so schien der Buchsbaum fast den einzigen Schutz zu bieten, mit dem Ada in nächster Zeit rechnen konnte. Sie beschloss, den Busch nicht zu verlassen, ehe sie nicht mindestens drei überzeugende Gründe nennen konnte, warum sie das tun sollte. Nach mehreren Minuten Überlegung war ihr jedoch nur ein einziger Grund eingefallen: dass sie nicht besonders erpicht darauf war, im Bauch des Buchsbaums zu sterben. In diesem Augenblick kam die rote Henne durch das Blattwerk gestürzt, die Flügel halb geöffnet und auf der Erde schleifend. Sie hüpfte auf einen Ast neben Adas Kopf und be gann aufgeregt zu gackern. Ihr auf dem Fuße folgte der große schwarzgoldene Hahn, der Ada wegen seiner Wildheit nie ganz geheuer war. Er war darauf aus, die Henne zu begatten, blieb aber vor Überraschung, Ada an einem so unerwarteten Ort zu sehen, abrupt stehen. Er stellte seinen Kopf schief und glotzte sie aus einem glänzenden schwarzen Auge an. Er machte einen Schritt zurück und scharrte auf dem Boden. Er war so nahe, dass Ada den zwischen den Schuppen seiner gelben Beine sitzenden Schmutz erkennen konnte. Seine bernsteinfarbenen Sporne schienen lang wie Finger zu sein. Die goldene Federhaube auf Kopf und Hals plusterte und stellte sich auf, wobei sie glänzte, als wäre sie mit Makassaröl eingerieben. Er schüttelte sich, damit die Federn sich wieder glattlegten. Die schwarzgefiederten Körperpartien hatten einen blaugrünen Schimmer wie auf Wasser schwimmendes Öl. Sein gelber Schnabel ging auf und zu. Wenn er hundertfünfzig Pfund wöge, würde er mich mit Sicherheit auf der Stelle töten, dachte Ada. Sie setzte sich auf und kniete sich hin, fuchtelte mit den Händen und rief: Sch! Daraufhin stürzte sich der Hahn auf ihr Gesicht, wobei er in der Luft eine Drehung vollführte, so dass er sie mit den Spornen zuerst traf, während seine Flügel heftig flappten. Ada riss eine Hand hoch, um ihn abzuwehren, doch der Sporn ritzte sie quer über das Handgelenk. Der Vogel wurde von dem Schlag zu Boden geschleudert, rappelte sich
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wieder hoch und ging abermals auf sie los, die Flügel fächerförmig ausgebreitet. Als sie wie ein Krebs seitlich aus dem Busch herauszukrabbeln begann, stieß der Hahn mit einem Sporn nach ihr und blieb damit in den Falten ihres Rockes hängen. Wild um sich schlagend, stürzte sie unter dem Busch hervor und richtete sich auf, um davonzurennen, während der Hahn noch immer in Kniehöhe an ihrem Rock hing. Der Vogel pickte nach ihren Waden, stieß wiederholt mit dem Sporn seines freien Fußes zu und schlug mit den Flügeln nach ihr. Ada hieb mit der flachen Hand auf ihn ein, bis er von ihr abfiel, dann rannte sie zur Veranda und ins Haus. Sie sank in einen Sessel und untersuchte ihre Wunden. Ihr Handgelenk war blutverschmiert. Sie wischte das Blut ab und stellte erleichtert fest, dass sie nur eine leichte Schramme davongetragen hatte. Sie begutachtete ihren Rock, der staubig, mit Hühnerkot verschmiert und an drei Stellen eingerissen war. Sie hob ihn hoch und besah sich ihre Beine. Sie hatten einige Kratzer und Bißwunden abbekommen, aber keine davon war so tief, dass sie blutete. Ihr Gesicht und ihr Hals brannten von den Schrammen, die sie sich beim Herauskrabbeln aus dem Busch zugezogen hatte. Sie betastete ihr Haar und befand, dass es völlig verstrubbelt war. Soweit ist es also mit mir gekommen, dachte sie. Ich lebe in einer neuen Welt, in der eine harmlose Suche nach Eiern mich so zurichtet. Sie erhob sich aus dem Sessel und ging hinauf in ihr Zimmer, um sich umzukleiden. Sie füllte die auf der Marmorplatte ihres Waschtischs stehende Schüssel mit Wasser aus dem Krug und wusch sich mit einem Stück Lavendelseife und einem Waschlappen. Dann fuhr sie sich mit den Fingern durch ihr Haar, um die Buchsbaumblätter herauszuklauben, und ließ es dann einfach offen über die Schultern fallen. Sie hatte aufgehört, ihr Haar nach einer der zwei derzeit üblichen Moden zu frisieren – entweder ringsum zusammengenommen und zu zwei großen Schlaufen gefaßt, die zu beiden Seiten eines Frauenkopfes herabhingen wie Hundeohren, oder straff zurückgekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten gedreht,
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der aussah wie der gestutzte Schwanz eines Pferdes. Sie hatte es nicht mehr nötig und auch keine Geduld mehr, sich ihre Haare umständlich hochzustecken. Es war gleichgültig, ob sie aussah wie eine Meduse auf einem Exlibris, denn manchmal sah sie eine Woche oder zehn Tage lang keine einzige Menschenseele. Sie trat an ihre Kommode, um sich frische Unterkleidung herauszuholen, fand aber keine, da sie schon seit längerem nichts mehr gewaschen hatte. Sie zog sich Wäsche an, die sie ganz unten aus dem Berg schmutziger Wäsche herauszog, weil sie sich vorstellte, dass diese mit der Zeit vielleicht frischer geworden war als jene, die sie gerade ausgezogen hatte. Nachdem sie ein einigermaßen sauberes Kleid darüber gestreift hatte, fragte sie sich, wie sie die Stunden bis zur Schlafenszeit herumbringen sollte. Wann hatte sie aufgehört, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie den Tag angenehm und nutzbringend verbringen könnte, anstatt sich lediglich zu fragen, wie sie ihn herumbringen sollte? In ihr war so gut wie aller Tatendrang erloschen. Monroes persönliche Habe durchzusehen, seine Kleider und Papiere zu sichten, war das einzig Nennenswerte, was sie in den Monaten seit seinem Tod vollbracht hatte. Und selbst das hatte sie große Überwindung gekostet, denn das Zimmer ihres Vaters war ihr irgendwie unheimlich gewesen, und sie hatte es erst viele Tage nach der Beerdigung zu betreten gewagt. In dieser Zeit hatte sie indessen häufig an der Tür gestanden und hineingeblickt, so wie Menschen sich magisch vom Rand einer Klippe angezogen fühlen und hinabblicken. Das Wasser in dem Krug an seinem Waschtisch war von selbst verdunstet. Irgendwann hatte sie schließlich allen Mut zusammengenommen und war hineingegangen, hatte sich auf das Bett gesetzt und weinend die gediegenen weißen Hemden, die schwarzen Jacketts und die Hosen zur Aufbewahrung zusammengelegt. Sie hatte Monroes Papiere sortiert und beschriftet und in Schachteln verstaut, seine Predigten, seine botanischen Aufzeichnungen und seine Notizbücher. Bei jeder dieser kleinen Aufgaben war
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sie erneut von Trauer übermannt worden, und danach hatte sie tagelang eine innere Leere empfunden, bis sie schließlich einen Zustand erreicht hatte, in dem die Antwort auf die Frage: Was hast du heute zustande gebracht? unweigerlich lautete: Nichts. Ada nahm ein Buch von ihrem Nachttisch und begab sich damit in die obere Diele. Dort setzte sie sich in einen Polsterstuhl, den sie aus Monroes Schlafzimmer herausgezogen und an eine Stelle geschoben hatte, an der sie so viel wie möglich von dem durch das Dielenfenster einfallenden Licht abbekam. In den letzten drei feuchten Monaten hatte sie die meiste Zeit lesend in dem Stuhl verbracht und sich zum Schutz gegen die selbst im Juli in dem Haus herrschende Kälte in eine Decke gewickelt. Die Bücher, die sie in diesem Sommer aus den Regalen gezogen hatte, waren bunt gemischt und zufällig gewählt gewesen, vorwiegend Romane neueren Datums und alles, was ihr in Monroes Studierzimmer eben so in die Hände fiel. Triviales wie Sword and Gown von Lawrence und ähnliches. Dergleichen konnte sie lesen und einen Tag später schon vergessen haben, welchen Inhalts sie gewesen waren. Wenn sie an anspruchsvollere Lektüre geraten war, hatten die harten Schicksale der Heldinnen nur dazu geführt, dass sich ihre Schwermut noch verstärkte. Eine Zeitlang hatte ihr jedes Buch, das sie aus dem Regal zog, Furcht eingeflößt, denn sie hatten sämtlich von todunglücklichen, dunkelhaarigen Frauen gehandelt, die aufgrund irgendwelcher Verfehlungen ihr Dasein als Bestrafte., Ausgestoßene und Fremdlinge fristeten. Im Anschluß an die Lektüre von George Eliots Die Mühle am Fluß hatte sie eine kurze, aufwühlende Erzählung von Hawthorne mit einer ähnlichen Thematik gewählt. Monroe hatte sie offensichtlich nicht zu Ende gelesen, denn vom dritten Kapitel an waren die Seiten noch nicht aufgeschnitten. Ada vermutete, dass Monroe das Buch als unnötig grausam empfunden hatte, doch Ada erschien es als eine gute Vorbereitung auf ihr zukünftiges Dasein. Ganz gleich, welches
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Buch sie in die Hand nahm, die Charaktere schienen ausnahmslos ein erfüllteres Leben zu führen als sie selbst. Zunächst schätzte sie an ihrer Leseecke allein den bequemen Stuhl und das gute Licht, doch im Laufe der Monate gefiel es ihr auch, wie der Ausblick, den das Fenster ihr bot, den Alpdruck, den sie nach solch düsteren Geschichten verspürte, zu mildern vermochte, denn wenn sie von der Buchseite aufsah, schweifte ihr Blick über die Felder und Welle um Welle nebelverhangener Höhenzüge hinauf bis zum blauen Massiv des Cold Mountain. Die Aussicht von ihrem Lesestuhl konfrontierte sie mit allen Formen und Farben, die ihrer gegenwärtigen Lage entsprachen. Fast den ganzen Sommer über war die Stimmung der Landschaft düster und schwermütig gewesen. Die durch das Fenster hereinwehende feuchte Luft war geschwängert vom Geruch von Fäulnis und wucherndem Wachstum und hatte für das Auge eine ähnlich glasige Konsistenz wie das Bild, das sich bei einem Blick durch das Fernrohr in eine große Entfernung bietet. Die Feuchtigkeit in der Luft hatte auf das Sehvermögen die gleiche Auswirkung wie eine Linse schlechter Qualität – sie verzerrte, vergrößerte und verkleinerte Entfernung und Höhe, veränderte ständig die Proportionen. Ada war durch das Fenster ein Kursus über die vielfältigen Formen sichtbarer Feuchtigkeit erteilt worden – dünne Nebelschleier, dichte Talnebel, Wolkenfetzen, die wie Lappen auf den Schultern des Cold Mountain hingen, grauer Regen, der den ganzen Tag in Streifen niederging, als hingen alte Zwirnsfäden vom Himmel herab. Dieses wolkenverhangene, bucklige Land mögen zu lernen, war weitaus diffiziler, als sich etwa der Lieblichkeit Charlestons hinzugeben, wenn man in stiller Abendstunde die Battery entlang flanierte, die Insel mit Fort Sumter vor sich in der Ferne, hinter sich die weißen Villen und überall Fächerpalmen, deren Blattwerk in der Meeresbrise klackerte. Die Worte, die aus dieser schroffen Landschaft sprachen, waren nicht so gedämpft, waren rauher. Die Täler, die
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Höhenzüge und Gipfel wirkten verschlossen und unergründlich, eine ideale Gegend, um sich zu verstecken. Ada hatte auch an diesem Tag wieder ein Buch ihres Vaters vor sich liegen, eine Erzählung über das abenteuerliche Grenzerleben von Simms, einem aus Charleston stammenden Autor, mit dem Monroe persönlich bekannt gewesen und dem Ada einige Male begegnet war, wenn er von seiner Plantage am Edisto in die Stadt gekommen war. Ihre Erinnerung an Simms war durch den Brief eines Bekannten aus Charleston geweckt worden, den sie unlängst erhalten hatte und in dem er nebenbei erwähnte, wie sehr Simms unter dem kürzlichen Tod seiner Frau gelitten habe. Allein Opiate hätten ihn davor bewahrt, wahnsinnig zu werden, hatte ihr Freund geschrieben, und dieser Satz wollte Ada nicht aus dem Kopf gehen. Sie begann zu lesen, doch so spannend die Geschichte auch war, sie musste ständig ans Essen denken. Da ihre Suche nach Hühnereiern erfolglos verlaufen war, hatte sie noch immer nichts gefrühstückt, obwohl der Vormittag schon fast vergangen war. Nach wenigen Seiten steckte sie das Buch in eine Tasche ihres Kleides, ging hinunter in die Küche und durchstöberte die Speisekammer nach Zutaten, die sie in eine Mahlzeit verwandeln könnte. Sie verbrachte fast zwei Stunden damit, den Ofen anzufeuern und zu versuchen, einen Laib Weizenbrot mit Soda zum Aufgehen zu bringen, dem einzigen Treibmittel, das sie finden konnte. Das Brot, das sie schließlich aus dem Ofen zog, sah aus wie ein riesiges, auseinandergelaufenes Brötchen; die Kruste war hart und trocken, der Rest war klitschig und schmeckte nach rohem Mehl. Ada knabberte an einem Stück herum, gab es dann auf und warf den Laib in den Hof, damit die Hühner daran picken konnten. Ihr Mittagessen bestand aus einem Teller voll kleiner Tomaten und Gurken, die sie in Scheiben geschnitten, mit Essig beträufelt und mit Salz bestreut hatte. Obwohl sie ihr gut schmeckten, war sie hinterher so wenig satt, als hätte sie Luft geatmet. Ada ließ ihren schmutzigen Teller mit der benutzten Gabel
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auf dem Tisch stehen. Sie holte sich einen zusammengeknüllt auf dem Sofa liegenden Wollschal, schüttelte ihn aus und legte ihn sich um die Schultern. Dann ging sie auf die Veranda und schaute hinaus. Der Himmel war wolkenlos, aber so dunstig, dass ihr sein Blau ausgebleicht und dünn vorkam. Sie konnte den schwarzgoldenen Hahn unten bei der Scheune sehen. Er scharrte in der Erde, pickte an der Stelle herum, wo er gescharrt hatte, und stolzierte dann grimmig auf und ab. Ada ging vom Haus auf das Tor zu und trat hinaus auf den Feldweg. Er war in letzter Zeit so wenig benutzt worden, dass in der Wegmitte ein hoher Streifen aus Astern und Fuchsschwanzgras gewachsen war. Am Zaun längs des Weges standen Pflanzen mit winzigen gelben und orangefarbenen Blüten, und Ada ging hinüber, um eine davon zu berühren und zuzusehen, wie sie aufsprang und ihre Samen herausschleuderte. — Schleuderkraut, sagte sie laut – glücklich, etwas zu haben, das sie benennen konnte, auch wenn sie den Namen selbst erfunden hatte. Nachdem sie dem Weg eine Meile weit gefolgt war, ließ sie das Tal von Black Cove hinter sich und bog in die zum Fluss führende Straße ein. Im Vorbeigehen pflückte sie einen Strauß Wildblumen – alles, was ihr gerade ins Auge sprang –, Flohkraut, Engelwurz, Mädchenauge, Braunwurz. Am Fluss angekommen, schlug sie den Weg flussaufwärts ein, um zur Kirche zu gehen. Dieser führte sie die Hauptverkehrsstraße der Gemeinde entlang, die von Wagenspuren zerfurcht und von der intensiven Benutzung weit bis unter das Niveau des umgebenden Geländes abgetragen war. An tieferen Stellen hatten Pferde, Kühe und Schweine die Erde zu einem schwarzen, matschigen Morast gestampft, und dort hatten Fußgänger, die nicht bis zu den Stiefeloberkanten hatten einsinken wollen, neben der Straße Fußpfade ausgetreten. Die Bäume entlang der Straße trugen nun, gegen Ende der Saison, schwer an der grünen Last ihrer Blätter. Sie schienen des Wachstums müde, und ihre Zweige hingen tief, aber nicht von
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Wassermangel, denn der Sommer war nass gewesen, und der dunkle Fluss neben der Straße strömte tief und ruhig dahin. Eine Viertelstunde später war Ada bei der kleinen Kirche angelangt, in der Monroe Pfarrer gewesen war. Verglichen mit den prächtigen Steinkirchen in Charleston war sie architektonisch von der Primitivität einer Vogelfalle, doch ihre Proportionen – der Winkel des Giebeldachs, das Verhältnis von Länge, Breite und Höhe, die Stellung des einfachen Kirchturms – wirkten fraglos schlicht und elegant. Monroe hatte eine große Zuneigung für die Kirche entwickelt, deren strenge Geometrie gut mit seinem Hang zur Einfachheit harmonierte, den er in seinen späteren Jahre entwickelt hatte. Wenn er mit Ada vom Fluss her auf die Kirche zuging, hatte er häufig gesagt: So sieht es aus, wenn Gott zur hiesigen Bevölkerung spricht. Ada stieg die Anhöhe hinauf und ging um die Kirche herum zum Friedhof, wo sie sich vor Monroes Grab stellte. Auf der schwarzen Erde war noch kein dichter Grasteppich gewachsen. Das Grab war auch noch nicht mit einem Stein versehen, denn Ada hatte sich gegen die in dieser Gegend üblichen Grabsteine entschieden – flache Flussteine oder Eichenbretter, in die der Name und die Lebensdaten des Verstorbenen eingeritzt wurden. Statt dessen hatte sie in der Kreishauptstadt einen behauenen Granitstein bestellt, der aber noch immer nicht geliefert worden war. Sie legte die Blumen an das Kopfende des Grabes und entfernte den alten, inzwischen völlig verwelkten Strauß. Monroe war an einem Tag im Mai gestorben. Ada hatte sich am Spätnachmittag jenes Tages fertiggemacht, um mit einem Aquarellkasten und einem Bogen Papier eine Weile hinauszugehen und die gerade aufgegangenen Blüten eines Rhododendronbusches am unteren Bachlauf zu malen. Beim Verlassen des Hauses war sie bei Monroe stehengeblieben, der lesend in einem Liegestuhl mit gestreiftem Segeltuchbezug unter dem Birnbaum saß, und hatte ein paar Worte mit ihm gewechselt. Er hatte müde gewirkt und gesagt, er fühle sich so
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schlapp, dass er vermutlich über der Seite, die er gerade lese, einschlafen, werde. Er bat sie, ihn bei ihrer Rückkehr aufzuwecken, damit er nicht noch schlafe, wenn die abendliche Feuchtigkeit falle. Außerdem äußerte er noch die Befürchtung, soeben die Altersgrenze überschritten zu haben, wo er nicht mehr ohne Hilfe aus einem so niedrigen Stuhl hochkomme. Ada blieb nur eine knappe Stunde fort. Als sie über die Felder kommend den Hof betrat, sah sie Monroe ganz friedlich daliegen. Sein Mund stand offen. Sie glaubte, er schnarche, und nahm sich vor, ihn beim Abendessen damit aufzuziehen, dass er in aller Öffentlichkeit in einer so würdelosen Position dagelegen hatte. Sie ging hin, um ihn zu wecken, doch beim Näherkommen sah sie, dass seine Augen geöffnet waren und das Buch ins Gras gefallen war. Sie rannte die drei letzten Schritte und legte ihre Hand auf seine Schulter, um ihn zu schütteln, merkte jedoch sogleich, dass er tot war, denn das Fleisch unter ihrer Hand zeigte nicht die geringste Reaktion. Ada ging so schnell wie möglich Hilfe holen, nahm, teils rennend, teils gehend, die Abkürzung über den Bergkamm, die am Hof der Swangers in die Straße am Fluss mündete. Auf diesem Weg waren sie die nächsten Nachbarn. Sie gehörten der Kirchengemeinde ihres Vaters an, und Ada kannte sie seit ihren ersten Tagen in den Bergen. Atemlos und weinend erreichte sie ihr Haus. Ehe Esco Swanger seine Pferde anspannen und mit Ada auf der längeren Strecke entlang der regulären Straße zurückfahren konnte, brach von Westen her ein Regen los. Als sie Black Cove erreichten, begann es bereits zu dunkeln, und Monroe war nass wie ein Fisch und sein Gesicht mit Hartriegelblüten besät. Das Aquarell, das Ada unter dem Birnbaum fallen lassen hatte, war ein abstraktes Geschmier aus Rosa und Grün. Sie verbrachte die Nacht im Haus der Swangers, lag hellwach und mit tränenlosen Augen da und dachte lange, dass sie lieber vor Monroe gestorben wäre, obwohl sie im Grunde ihres Herzens wusste, dass die Natur eine bestimmte
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Reihenfolge bevorzugt: erst sterben die Eltern, dann die Kinder. Doch dies war eine harte, wenig tröstliche Ordnung, denn sie besagte, dass die glücklichen Überlebenden als Waisen zurückbleiben. Zwei Tage später hatte Ada ihren Vater auf der Kuppe oberhalb des Little East Fork, einem Flussarm des Pigeon River, begraben. Es war ein heiterer Morgen, und vom Cold Mountain wehte ein milder Wind herab, der alles in leichte Bewegung versetzte. Die Feuchtigkeit in der Luft war ausnahmsweise einmal gering, und alle Farben und Umrisse wirkten übernatürlich klar. Die kleine Kirche war mit den vierzig schwarzgewandeten Besuchern beinahe bis auf den letzten Platz besetzt. Der Sarg stand auf Sägeböcken vor der Kanzel, der Deckel war abgenommen. Monroes Gesicht war seit seinem Tod in sich zusammengefallen. Die an schlaffer Haut wirkende Schwerkraft hatte seine Wangen und Augenhöhlen einfallen lassen, und seine Nase wirkte spitzer und länger als zu Lebzeiten. Unter einem Lid, das einen Spalt offenstand, schimmerte das blasse Weiß des Augapfels hervor. Ada beugte sich zu dem Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Mittelganges hinüber und flüsterte ihm mit vorgehaltener Hand etwas zu. Er erhob sich, kramte in seinen Taschen nach Kleingeld und zog zwei Kupfercents hervor. Er ging nach vorne und legte je eine Münze auf Monroes Augen, denn nur das leicht geöffnete Auge zu bedecken, hätte seltsam und piratenhaft ausgesehen. Der Trauergottesdienst war improvisiert gewesen, da es in der näheren Umgebung keinen weiteren ordinierten Pfarrer ihrer Glaubensrichtung gab. Und die Pfarrer der verschiedenen lokalen Baptistengemeinden hatten eine Beteiligung verweigert, als Vergeltung dafür, dass Monroe nicht hatte an einen Gott glauben wollen, dessen Geduld und Gnade strenge Grenzen hatte. Monroe hatte in der Tat gepredigt, dass Gott keineswegs war wie wir und nicht dazu neigte, zornig auf uns herumzutrampeln, bis unser Blut spritzte und sein weißes Gewand besudelte, sondern dass er mit müder, nachsichtiger
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Geduld auf die besten wie die schlechtesten Menschen herabsah. Folglich mussten sie sich mit den Reden einiger Männer aus der Gemeinde begnügen. Einer nach dem anderen waren sie zur Kanzel geschlichen und hatten mit gesenktem Kopf dagestanden, um die Versammelten nicht direkt anblicken zu müssen, vor allem nicht Ada, die in der ersten Bankreihe auf der Frauenseite saß. Ihr Trauerkleid, das sie am Vortag in dem grünlichen Schwarz der Schuppen eines Drachenkopfes eingefärbt hatte, verströmte noch den Geruch der Pflanzenfarben. In ihrem eisigen Schmerz war ihr Gesicht so weiß wie eine freigelegte Sehne. Die Männer sprachen unbeholfen von Monroes großer Gelehrtheit und seinen vielen anderen Qualitäten. Von dem leuchtenden Licht, das er seit seiner Ankunft aus Charleston über der Gemeinde verbreitet habe. Sie sprachen von seinen kleinen guten Taten und dem klugen Rat, mit dem er stets zur Stelle gewesen sei. Esco Swanger war einer der Redner gewesen, von etwas größerer Gewandtheit als die anderen, wenn auch nicht weniger nervös. Er sprach von Ada und ihrem schrecklichen Verlust, davon, wie sehr man sie hier vermissen würde, wenn sie in ihre Heimatstadt Charleston zurückkehrte. Wenig später standen sie dann am Grab, während der Sarg von sechs Männern der Gemeinde, die ihn zuvor von der Kirche dorthin getragen hatten, an Seilen hinabgelassen wurde. Als der Sarg in der Grube lag, stimmte einer der Männer ein letztes Gebet an, pries noch einmal Monroes Vitalität, seinen unermüdlichen Dienst an der Kirche und der Gemeinde, und merkte an, mit welch beunruhigender Plötzlichkeit ihn seine Kräfte verlassen hätten und er in den ewigen Schlummer des Todes gesunken sei. Er schien in diesen schlichten Ereignissen eine Botschaft für sie alle zu sehen, eine Lehre Gottes, die daran erinnern sollte, wie unberechenbar das Leben sei. Sie hatten alle dagestanden und zugesehen, wie das Grab zugeschaufelt wurde, doch Ada hatte mittendrin ihren Kopf
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abwenden und zur Flussbiegung hinübersehen müssen, um diesen Moment durchstehen zu können. Als die Erde auf dem Grab festgestampft und aufgehäuft wurde, wandten sich alle zum Gehen. Sally Swanger hatte Ada am Ellbogen gefaßt und die Anhöhe hinuntergeleitet. — Du bleibst so lange bei uns, bis du imstande bist, deine Rückkehr nach Charleston vorzubereiten, sagte sie. Ada blieb stehen und schaute sie an: Ich habe nicht vor, in nächster Zeit nach Charleston zurückzukehren, sagte sie. — Liebe Güte, sagte Mrs. Swanger. Wohin willst du denn dann? — Nach Black Cove, sagte Ada. Ich werde hierbleiben, zumindest eine Zeitlang. Mrs. Swanger starrte sie an, dann faßte sie sich wieder: Und wie willst du das schaffen? fragte sie. — Das weiß ich noch nicht genau, sagte Ada. — Du wirst heute nicht allein in dieses große düstere Haus zurückkehren. Iß mit uns zu Mittag und bleib so lange bei uns, bis du zurückgehen magst. Ada bedankte sich für das Angebot. Sie blieb drei Tage bei den Swangers und kehrte dann in das leere Haus zurück, angstvoll und allein. Nach drei Wochen harte sich die Angst ein wenig gelegt, doch Ada empfand das nur als einen schwachen Trost, denn dieses neue Leben schien ihr lediglich ein Vorgeschmack auf ihre Zukunft als alte Frau zu sein, die in Einsamkeit versank und spürte, wie ihre Kräfte immer mehr versiegten. Ada wandte sich von dem Grab ab, ging wieder hinunter zur Straße und beschloss dann, ihre Schritte flussaufwärts zu lenken und die Abkürzung nach Black Cove zu nehmen. Diese Strecke war nicht nur kürzer, sie hatte auch den Vorteil, dass sie bei der Post vorbeiführte. Und sie würde bei den Swangers hereinschauen können, die ihr vielleicht ein Mittagessen anboten. Unterwegs begegnete sie einer alten Frau, die ein rotbraunes Schwein und zwei Truthühner vor sich her trieb und mit einer
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Weidenrute traktierte, wenn sie vom Weg abkamen. Ein Stück weiter wurde sie von einem Mann überholt. Er ging schnellen Schrittes, vornübergebeugt, und trug eine Schaufel mit einem Haufen heißer, rauchender Kohlen vor sich her. Der Mann grinste und rief ihr, ohne anzuhalten, über die Schulter zu, dass ihm sein Feuer ausgegangen und er sich welches borgen gegangen sei. Dann traf Ada auf einen Mann, der vor einem Kastanienbaum stand, von dem ein schwerer Jutesack herabhing. Drei Krähen saßen hoch oben auf einem Ast und spähten stumm hinunter. Der Mann war von großer, kräftiger Statur und drosch mit dem abgebrochenen Stiel einer Hacke auf den Sack ein, dass der Staub nur so wirbelte. Dabei beschimpfte er ihn in einer Weise, als trüge er die Hauptschuld daran, dass er nicht in Ruhe und Zufriedenheit dahinleben konnte. Man hörte dumpfe Schläge, seine Atemzüge und sein Gegrummel sowie das Scheuern seiner Füße auf dem Boden, wenn er Halt suchte, um zu einem neuen Schlag auf den Sack auszuholen. Ada musterte ihn im Vorbeigehen, blieb dann stehen und ging zurück, um ihn zu fragen, was er da tue. Die Bohnen enthülsen, sagte er. Und er ließ sie wissen, dass er jede einzelne kleine Bohne da drinnen hasse. Dass er voll Haß gepflügt und gesät habe. Voll Haß die Pflanzen an den Stangen hochgeleitet, voll Haß die Reihen gejätet und voll Haß zugesehen habe, wie die Blüten Früchte ansetzten und wie sich Schoten bildeten und füllten. Dass er beim Pflücken jede einzelne Bohne, die seine Finger berührt hatte, verflucht und in einen Weidenkorb geschleudert habe, als hinge Dreck an seinen Händen. Das Dreschen sei der einzige Teil des gesamten Prozesses, der ihm Spaß mache, mehr noch, als die Bohnen zu essen. Als Ada bei der Mühle ankam, hatte sich der Nebel noch nicht ganz gelichtet, aber ihr Tuch wurde ihr dennoch zu warm. Sie streifte es ab, rollte es zusammen und klemmte es unter den Arm. Das Mühlrad drehte sich und ergoss seine Wasserladung sprühend und spritzend in den Mühlgraben. Als Ada ihre Hand an den Türpfosten legte, vibrierte das ganze
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Gebäude von dem Kreisen des Mühlrads, der Zahnräder, der Radwelle und den Mühlsteinen. Als sie den Kopf zur Tür hineinsteckte, musste sie fast schreien, um das Gequietsche und Geächze des Räderwerks zu übertönen: Mr. Peek? rief sie. Der Raum roch nach getrocknetem Mais, nach altem Holz, herabstürzendem Wasser und bemoostem Fluder. Drinnen war es dunkel, und das spärliche, durch die zwei kleinen Fenster und die Tür dringende Licht zeichnete dünne Strahlen in die mit Maismehlstaub erfüllte Luft. Der Müller kam hinter den Mühlsteinen hervor. Er rieb sich die Hände und wirbelte damit noch mehr Staub auf. Als er in das Licht der Tür trat, gewahrte Ada, dass sein Haar, seine Augenbrauen und die Haare an seinen Armen von blassgrauem Maisstaub überzogen waren. — Kommen Sie die Post holen? fragte er. — Wenn welche da ist. Der Müller ging hinüber in die Poststube, einen winzigen, provisorisch an die Getreidemühle angebauten Raum mit einem Pultdach. Er kam mit einem Brief heraus und musterte ihn dabei auf Vorder- und Rückseite. Ada steckte ihn zwischen die Seiten ihres Buchs, des Simms, in die Tasche und setzte ihren Weg zum Hof der Swangers fort. Sie fand Esco neben der Scheune. Er stand über ein Wagenrad gebeugt und versuchte gerade, mit dem Klüpfel einen Splint hineinzutreiben, den er aus einem Robinienzweig geschnitzt hatte. Als Ada von der Straße her auf ihn zukam, richtete er sich auf, legte den Hammer beiseite und lehnte sich, das oberste Pritschenbrett mit beiden Fäusten umklammernd, vorwärts an den Wagen. Seine Hände schienen sich von ihrer Härte und vom Farbton her kaum von den Holzbrettern zu unterscheiden. Sein Hemd war durchgeschwitzt, und beim Näherkommen sog Ada seinen Geruch ein, der dem feuchten Tonguts ähnelte. Esco war groß und hager, hatte einen extrem kleinen Kopf und einen dichten Haarschopf mit strohigen, grauen Haaren, die an einem Wirbel stachelig in die Höhe standen wie die Haube einer Meise. Froh über eine Ausrede, die Arbeit niederlegen zu können,
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begleitete er Ada durch das Gatter und über den Hof zum Haus. Esco hatte am Zaun eine Stange zum Festbinden von Pferden angebracht, und die Spitzen der Holzpfähle waren von gelangweilten Pferden zu ausgefaserten Hubbein abgenagt worden. Der Hof war kahl, sauber gefegt und ohne einen einzigen Busch oder ein Blumenbeet als Verzierung. Er enthielt nichts als ein halbes Dutzend großer Eichen und einen abgedeckten Brunnen, etwas ganz Neues in dieser Gegend des fließenden Wassers, denn der Ort, den sie sich zum Leben ausgesucht hatten, hieß No Creek Cove, Tal ohne Fluss. Das große Haus war einst weiß gestrichen gewesen, doch jetzt blätterte die Farbe in handtellergroßen Fetzen ab, so dass man momentan zu Recht sagen konnte, es gleiche einer scheckigen Stute, während es in nicht allzu ferner Zeit einfach nur noch grau sein würde. Sally saß auf der Veranda und fädelte Bohnen zum Trocknen auf. An dem Verandabalken über ihr waren bereits fünf lange Schnüre mit Schoten aufgespannt. Alles an Sallys Gesicht war rundlich, ihre Haut so klar und glänzend wie eine Talgkerze und ihr ergrauendes, mit Henna gefärbtes Haar von der gleichen Farbe wie der Streifen auf dem Rücken eines Maultiers. Esco schob Ada einen Sprossenstuhl hin und ging ins Haus, um sich ebenfalls einen zu holen. Dann machte er sich daran, Bohnen entzweizubrechen. Niemand sagte etwas von Mittagessen, und Ada blickte zu dem blassen Himmel empor. Zu ihrer Enttäuschung verriet ihr die Position des hellen Flecks, wo die Sonne stand, dass der Nachmittag schon halb verstrichen war. Die Swangers mussten das Mittagessen längst hinter sich haben. Sie saßen eine Weile schweigend da, während nichts zu hören war als das Knacken der Bohnen, das Geräusch, das entstand, wenn Sally mit der Nadel den Faden durch die Schalen zog, und das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims im Haus, das klang, als klopfte jemand mit dem Fingerknöchel an eine Kiste. Esco und Sally arbeiteten gemächlich vor sich hin, von Zeit zu Zeit berührten sich ihre Hände, wenn beide
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gleichzeitig in den Bohnenkorb griffen. Ihre Bewegungen waren ruhig und bedächtig, sie gingen sanft miteinander um und faßten jede Schote an, als sei sie etwas sehr Empfindliches. Obwohl sie kein kinderloses Ehepaar waren, umgab sie noch immer ein romantischer Zauber, wie man ihn häufig bei Kinderlosen findet. Sie schienen die Phase der Verliebtheit nie richtig hinter sich gelassen zu haben. Ada empfand die beiden als ein liebevolles Ehepaar, ihr harmonisches Miteinander aber als nicht weiter bemerkenswert. Da sie ihr bisheriges Leben mit einem Witwer verbracht hatte, hatte sie keine rechte Vorstellung vom Eheleben und davon, welchen Tribut der tägliche Trott fordern mochte. Das erste Thema, dem sie sich zuwandten, war der Krieg. Die Aussichten schienen düster, nun, da die Unionstruppen an der nördlichen Grenze über die Berge gedrungen waren, und wenn man den Zeitungsberichten über den Stellungskrieg in Petersburg glauben konnte, war die Lage in Virginia verzweifelt. Weder Esco noch Sally machten sich mehr als ein vages Bild von dem Krieg, und es gab nur zwei Dinge, die sie mit Sicherheit wussten: dass sie grundsätzlich dagegen waren und dass Esco ein Alter erreicht hatte, in dem er auf dem Hof Hilfe brauchte. Aus diesen und vielen anderen Gründen wären sie froh, wenn der Krieg endlich vorbei wäre und sie ihre Söhne die Straße heraufkommen sähen. Ada erkundigte sich, ob sie irgend etwas von den Jungen gehört hätten, denn beide Söhne der Swangers waren Soldaten. Sie hatten jedoch seit vielen Monaten keine Nachricht von ihnen erhalten und wussten nicht einmal, in welchem Staat sie waren. Die Swangers waren von Anfang an gegen den Krieg und, wie viele Bewohner der Bergregion, bis vor kurzem im großen und ganzen den Unionisten wohlgesonnen gewesen. Doch inzwischen empfand Esco gegen beide Seiten Verbitterung und fürchtete sie nun, da die Truppen der Unionsstaaten eben jenseits der großen Berge im Norden aufmarschiert waren, beinahe gleichermaßen. Er mutmaßte, dass sie bald auftauchen
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würden, um nach Eßbarem zu suchen, und alles mitnehmen würden, was sie brauchen konnten, während die Einheimischen ohne einen Bissen zurückblieben. Er war kürzlich in der Kreisstadt gewesen, wo die Nachricht umgegangen war, dass Kirk und seine Blauröcke kurz hinter der Staatsgrenze bereits Raubzüge durchgeführt hätten. Sie seien im Morgengrauen über eine Familie hergefallen und hätten ihre Farm geplündert, jedes Tier gestohlen, das sie finden konnten, und alle Lebensmittel mitgenommen, die sie tragen konnten, und ehe sie abzogen, den Maisspeicher in Brand gesetzt. — Und so was will sich Befreier nennen, sagte Esco. Und unser eigener Haufen ist genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer. Teague und seine Miliz führen sich auf wie eine Räuberbande. Stellen ihre eigenen Gesetze auf, wie es ihnen gerade passt, und dabei sind sie nichts als Gesindel, das sich um den Kriegsdienst drücken will. Er habe gehört, dass die Miliz in der Mittagszeit auf dem Hof einer Familie eine Razzia durchgeführt hätte. Bei den Owenses aus der Gegend von Iron Duff. Teague habe behauptet, sie seien ausgewiesene Freunde der Nordstaatler und mutmaßliche Mitglieder der Red String Band, und sie aufgefordert, sämtliche in ihrem Besitz befindlichen Schätze herauszurücken. Zuerst nahmen sie das Haus auseinander, und dann stocherten sie mit ihren Säbeln im Hof herum, um Stellen aufzuspüren, an denen die Erde weich und frisch gegraben war. Sie schlugen erst den Mann, dann seine Frau. Dann hängten sie zwei Hühnerhunde nebeneinander auf, und als der Mann sich davon nicht beeindrucken ließ, banden sie seiner Frau die Daumen hinter dem Rücken zusammen und zogen sie an einem Seil, das sie über einen Ast geworfen hatten, in die Höhe. Zogen sie hoch, bis ihre Zehen gerade noch den Boden berührten. Doch der Mann sagte noch immer kein Wort, so dass sie seine Frau wieder abseilten und ihr einen Zaunpfahl auf die Daumen stellten, doch auch das ließ den Mann kalt. Die Kinder heulten, und die Frau lag auf dem Boden, die
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Daumen noch immer unter dem Zaunpfosten, und schrie, sie wisse, dass ihr Mann das Silberbesteck und den Rest der Goldmünzen versteckt habe, der ihnen nach den schweren Kriegszeiten noch geblieben sei. Sie wisse nicht, wo er die Sachen vergraben habe, sie wisse nur, dass er es getan habe. Sie flehte zuerst ihren Mann an, es zu verraten, dann flehte sie die Milizsoldaten um Gnade an. Als Owens sich darauf immer noch weigerte zu sprechen, bat sie die Männer, zuerst ihren Mann zu töten, damit sie wenigstens die Befriedigung hätte, zusehen zu können. Irgendwann sagte einer der Milizionäre, ein Junge namens Birch mit flachsblondem Haar, sie sollten jetzt vielleicht besser aufhören und gehen, doch Teague richtete eine Pistole auf ihn und sagte: Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich Leute wie Bill Owens und seine Frau und die Jungen zu behandeln habe. Eher gehe ich zu den Unionisten, als dass ich in einem Land bleibe, wo ich solchen Leuten nicht austeilen kann, was sie verdienen. — Am Ende, sagte Esco abschließend, töteten sie niemanden, fanden aber auch das Silber nicht. Sie verloren einfach das Interesse und machten sich davon. Die Frau verließ Owens auf der Stelle. Zog mit den Kindern in die Stadt und lebt dort bei ihrem Bruder und erzählt die Geschichte jedem, der sie hören will. Esco saß eine Weile vornübergebeugt, die Unterarme auf den Knien und die Hände locker baumelnd, auf seinem Stuhl. Er sah aus, als prüfe er den Verandaboden oder den Zustand seiner Lederstiefel. Ada wusste aus Erfahrung, dass er, wenn er draußen wäre, jetzt zwischen seine Füße spucken und danach in augenscheinlicher Faszination auf den Fleck starren würde. — Ein blödsinniger Krieg ist das, fuhr er kurz darauf fort. Der Schweiß eines jeden Mannes kostet seinen Preis. Die dicken Baumwollbarone stehlen ihn Tag für Tag, aber irgendwann werden sie sich vielleicht wünschen, sie hätten ihre verdammte Baumwolle selbst abgehackt. Ich will nichts
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weiter, als dass meine Söhne heimkommen und das Land drüben im Tal bearbeiten, während ich auf der Veranda sitze und ihnen jedesmal, wenn die Uhr die nächste halbe Stunde schlägt, zubrülle: Gut gemacht. Sally nickte und sagte: M-hm, und damit schien das Thema beendet zu sein. Sie wandten sich anderen Dingen zu, und Ada hörte interessiert zu, wie Esco und Sally alle alten Zeichen dafür aufzählten, dass der kommende Winter hart sein würde. Grauhörnchen, die fieberhaft in Hickorybäumen herumrumorten, um Nüsse zu horten. Dicke Wachsschichten auf den wilden Holzäpfeln. Breite schwarze Streifen auf Raupen. Schafgarbe, die scharf nach fallendem Schnee roch, wenn man sie zwischen den Händen zerdrückte. Weißdornsträucher, beladen mit roten, wie Blut glänzenden Mehlbeeren. — Und andere Zeichen, sagte Esco. Schlechte. Er hatte gute und böse Omen aus der ganzen Gegend zusammengetragen. Bei Catalooch habe angeblich ein Maultier ein Junges zur Welt gebracht, in Balsam sei ein Schwein mit Menschenhänden geboren worden. Ein Mann aus Cove Creek habe behauptet, ein Schaf geschlachtet zu haben, unter dessen Innereien kein Herz zu finden gewesen sei. Jäger auf dem Big Laurel hätten geschworen, eine Eule gehört zu haben, die menschliche Laute von sich gab, und obwohl sie sich nicht auf den Wortlaut einigen konnten, bestätigten sie einvernehmlich, dass jedesmal, wenn die Eule sprach, zwei Monde am Himmel zu stehen schienen. Drei Jahre hintereinander seien die Wölfe im Winter ungewöhnlich angriffslustig gewesen und habe es im Sommer eine schlechte Kornernte gegeben. Dies alles deute auf schlechte Zeiten hin. Esco meinte, dass sich nun, obwohl sie bisher im wesentlichen von der Niedertracht des Krieges verschont geblieben seien, alsbald der Pfuhl durch die unteren Risse ergießen könnte, um sie alle mit seiner stinkenden Brühe zu überschwemmen. Es entstand eine Pause, dann fragte Sally: Bist du schon zu
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einer Entscheidung gekommen, was du tun wirst? — Nein, sagte Ada. — Du bist also noch nicht entschlossen, heimzukehren? fragte Sally. — Heimkehren? fragte Ada, einen Augenblick lang verwirrt, denn sie hatte den ganzen Sommer das Gefühl gehabt, kein Heim zu haben. — Nach Charleston, sagte Sally. — Nein. Ich bin noch nicht soweit, sagte Ada. — Hast du etwas aus Charleston gehört? — Bisher nicht, antwortete Ada. Aber ich vermute, dass in dem Brief, den ich gerade bei Mr. Peek abgeholt habe, die Vermögensfragen klargestellt sein werden. Er scheint vom Rechtsanwalt meines Vaters zu sein. — Hol ihn raus und sieh nach, was drinsteht, sagte Esco. — Ich traue mich nicht. Außerdem steht wahrscheinlich sowieso nichts weiter drin, als dass ich Geld zum Leben haben werde oder nicht. Es steht gewiß nicht drin, wo ich im nächsten Jahr sein oder was ich mit mir anfangen werde. Das sind die Fragen, die mich am meisten beschäftigen. Esco rieb sich grinsend die Hände: Ich bin vermutlich der einzige Mann im ganzen Bezirk, der dir diesbezüglich weiterhelfen kann, sagte er. Es wird behauptet, man kann, wenn man sich einen Spiegel vors Gesicht hält und nach hinten in einen Brunnen sieht, unten im Wasser seine Zukunft erkennen. Folglich fand sich Ada kurz darauf rückwärts über den vermoosten Brunnenrand gebeugt in einer Haltung wieder, die weder würdevoll aussah noch bequem war – den Rücken nach hinten gekrümmt, die Hüften vorgestreckt, die Beine breit auseinander in den Boden gestemmt, um das Gleichgewicht zu halten. Sie hielt sich einen Handspiegel so schräg vor das Gesicht, dass sie die Wasseroberfläche darin einfangen konnte. Ada hatte sich auf das Brunnenschauen als eine Art Experiment zum Kennenlernen lokalen Brauchtums eingelassen, und weil sie hoffte, damit ihre düstere Stimmung
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ein wenig heben zu können. Ihre Gedanken waren lange Zeit so unverhältnismäßig trübsinnig und rückwärtsgewandt gewesen, dass sie die Gelegenheit begrüßte, dieser Tendenz ein wenig gegenzusteuern, wieder nach vorne zu schauen und an die Zukunft zu denken, obwohl sie damit rechnete, am Grund des Brunnens nichts als Wasser zu sehen. Sie verschob die Füße, um auf dem festgestampften Hofboden besseren Halt zu finden und versuchte dann, in den Spiegel zu schauen. Der weiße Himmel über ihr war mit sonnendurchstrahltem Dunst überzogen und schimmerte ebenfalls wie eine Perle oder ein silberner Spiegel. Die dunklen Eichenblätter am Brunnenrand umrahmten den Himmel wie eine Verdopplung des Holzrahmens des Spiegels, in den Ada hineinsah, um dem Spiegelbild des unergründlichen Brunnens zu entlocken, was im Leben vor ihr liegen mochte. Das wäßrig glänzende Auge des Brunnens am Grund des schwarzen Schachts war wie ein zweiter Spiegel. Er reflektierte das Leuchten des Himmels und wirkte durch die Farnwedel, die zwischen den Steinen wuchsen, hier und da zum Rand hin ausgefranst. Ada versuchte, sich auf den Handspiegel zu konzentrieren, doch der helle Himmel dahinter lenkte ihren Blick immer wieder ab. Sie war von Licht und Schatten geblendet, von der verwirrenden Verdoppelung von Reflexionen und Rahmen. Alles kam aus zu vielen Richtungen, als dass sie es hätte erfassen können. Die verschiedenen Bilder überlagerten sich, bis sie ein verzweifeltes Schwindelgefühl überkam, so dass sie befürchtete, jeden Augenblick nach hinten kippen und kopfüber in den Brunnenschacht stürzen und darin ertrinken zu müssen, während ihr letzter Blick auf den Himmel hoch droben fallen würde – ein heller Kreis inmitten des Dunkels, nicht größer als ein Vollmond. Ihr drehte sich alles, und sie tastete mit ihrer freien Hand nach dem Brunnenrand, um sich daran festzuhalten. Doch dann wurde für einen kurzen Augenblick alles ruhig, und in dem Spiegel schien sich tatsächlich ein Bild abzuzeichnen. Es
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sah aus wie ein schlechter Lichtdruck. Die Details kaum erkennbar, schwach in den Kontrasten, grobkörnig. Was sie sah, war ein Kreis aus hellem Licht, der von Blättern umsäumt war. Möglicherweise die Andeutung einer abschüssigen, durch einen Korridor aus Bäumen hindurchführenden Straße. Im Zentrum des Lichts bewegte sich die schwarze Silhouette einer Gestalt, die aussah, als laufe sie, doch das Bild war zu unscharf, um erkennen zu können, ob sie näher kam oder sich entfernte. Doch wohin sie auch unterwegs sein mochte, irgend etwas an ihrer Körperhaltung deutete auf feste Entschlossenheit hin. Soll ich ihr folgen, oder soll ich warten, dass sie näher kommt? fragte sich Ada. Dann wurde ihr erneut schwindelig. Ihre Knie wurden weich, und sie sackte zu Boden. Eine Sekunde lang drehte sich alles um sie herum. Die Ohren klingelten, und in ihrem Kopf kreiste unaufhörlich die Melodie vom Wayfaring Stranger. Sie befürchtete, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen, doch plötzlich hielt die sich drehende Welt an, und alles stand wieder still. Sie blickte zur Veranda hinüber, um festzustellen, ob jemand ihren Sturz bemerkt hatte, doch Sally und Esco waren selbstvergessen in ihre Arbeit vertieft. Ada rappelte sich hoch und ging zur Veranda. — Irgendwas gesehen? fragte Esco. — Nicht direkt, antwortete Ada. Sally warf ihr einen eindringlichen Blick zu, begann wieder, Bohnen aufzufädeln, änderte dann jedoch ihren Entschluß und sagte: Du siehst ganz blass aus. Ist dir nicht gut? Ada versuchte zuzuhören, vermochte ihre Gedanken aber nicht auf Sallys Stimme zu konzentrieren. Im Geist sah sie noch immer die schemenhafte Gestalt, und die trotzigen Verse des Liedes hallten weiter in ihren Ohren: Traveling through this world below. No toil, no sick nor danger in that fair land to which I go. Sie war sich sicher, dass die Gestalt wichtig war, konnte ihr aber kein Gesicht geben. — Hast du nun da unten im Brunnen was gesehen oder nicht? fragte Sally.
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— Ich bin mir nicht sicher, antwortete Ada. — Sie sieht ganz bleich aus, sagte Sally zu Esco. — Das ist nur so eine Geschichte, die sich die Leute erzählen, sagte Esco. Ich selbst habe immer mal wieder hineingeguckt, aber nichts gesehen. — Ja, sagte Ada. Da war nichts. Doch das Bild wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Ein Wald. Ein Weg, der durch ihn hindurchführte. Eine Lichtung. Eine gehende Gestalt. Das Gefühl, dass sie folgen sollte. Oder warten. Die Uhr ließ vier Glockenschläge ertönen, die so stumpf und unmelodiös klangen wie Hammerschläge auf das eiserne Blatt einer Breithacke. Ada erhob sich, um heimzugehen, doch Sally forderte sie auf, sich wieder hinzusetzen. Sie streckte die Hand aus und befühlte Adas Wange. — Du bist ganz kalt. Hast du heute schon etwas gegessen? fragte sie. — Ja, habe ich, sagte Ada. — Bestimmt nicht viel, möchte ich wetten, sagte Sally. Komm mal mit, ich gebe dir etwas, das du mit heimnehmen kannst. Ada folgte ihr ins Haus. Es roch nach getrockneten Kräutern und Paprikaschoten, die an quer über den Hausflur gespannten Schnüren hingen, um einmal all die Saucen und Relishes, Pickles und Chutneys, für die Sally berühmt war, zu verfeinern. Über sämtlichen Kaminen, Türrahmen und Spiegeln hingen rote Bänder, und der Endpfosten des Treppengeländers in der Diele war wie das Ladenzeichen der Friseure spiralig mit roten und weißen Streifen angemalt. In der Küche nahm Sally ein Steingutgefäß mit Brombeerkompott, dessen Öffnung mit Bienenwachs versiegelt war, aus dem Schrank. Sie reichte es Ada und sagte: Das wird gut zu deinen Brötchen schmecken, die von heute mittag übrig sind. Ada bedankte sich, ohne Sally zu gestehen, dass sie gar keine Brötchen backen konnte. Draußen auf der Veranda lud sie Esco und Sally ein, doch einmal bei ihr
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vorbeizuschauen, wenn sie mit dem Wagen in der Gegend von Black Cove seien. Dann machte sie sich auf den Weg, ihr Umschlagtuch und den Topf mit dem Eingemachten in den Armen tragend. Der alte Fußpfad über den Bergkamm nach Black Cove zweigte knapp fünfhundert Meter hinter der Farm der Swangers von der Straße ab und führte steil bergan vom Fluss fort. Er verlief zunächst durch lichte Wälder mit nachgewachsenen Eichen, Hickorynußbäumen und Pappeln, während in Kammnähe Rottannen, Hemlocktannen und auch ein paar dunkle Balsamtannen wuchsen, die ungeschlagen und von gewaltiger Höhe waren. Kreuz und quer auf dem Boden lagen umgestürzte Bäume in verschiedenen Verfallsstadien. Ada kletterte ohne Unterlass bergan und stellte nach einer Weile fest, dass sie sich im Rhythmus der Melodie des Wayfaring Stranger bewegte, die ihr noch immer leise im Kopf herumging. Die trotzigen und aufmunternden Verse machten ihr zwar Mut, doch sie wagte trotzdem kaum, geradeaus zu schauen – aus Angst, plötzlich eine dunkle Gestalt vor sich auftauchen zu sehen. Als sie den Bergkamm erreichte, legte sie eine Pause ein und ließ sich auf einer Felsnase nieder, von der aus sie das hinter ihr liegende Flusstal überblicken konnte. Sie konnte den Fluss und die Straße ausmachen, und auf der rechten Seite – ein weißer Fleck in dem vorherrschenden Grün – die kleine Kirche. Sie wandte sich um und schaute in die andere Richtung – hinauf zum Cold Mountain, der blass und grau und unnahbar dastand, und hinunter nach Black Cove. Aus dieser Entfernung wirkten ihr Haus und ihre Felder keineswegs vernachlässigt. Die Felder sahen saftig und gepflegt aus. Und drumherum ihre Wälder, ihre Hügelketten, ihr Bach. Bei dem dschungelähnlichen Wachstumstempo, das in dieser Gegend herrschte, war ihr jedoch klar, dass sie Hilfe benötigen würde, wenn sie hierbliebe; andernfalls würden die Felder und der Hof bald mit Unkraut und Gestrüpp zuwuchern, bis das Haus
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in einem Dickicht versank, das so undurchdringlich war wie das von Rosengestrüpp umrankte Schloß von Dornröschen. Da sich alle arbeitsfähigen Männer im Krieg befanden, war es jedoch fraglich, ob sie eine taugliche Hilfskraft würde finden können. Ada saß da und fuhr mit ihren Augen die ungefähre Grenzlinie ihrer Farm ab. Als sie wieder am Anfangspunkt angelangt war, erschien ihr das so abgemessene Land als eine stattliche Portion der Erde. Wie es in ihren Besitz gekommen war, war ihr noch immer ein Rätsel, auch wenn sie jeden der Schritte, der sie dorthin geführt hatte, zu benennen wusste. Sie und ihr Vater waren vor sechs Jahren in die Berge gezogen, weil sie hofften, dass die Schwindsucht, die sich langsam über Monroes Lungen ausgebreitet hatte, bis er täglich ein halbes Dutzend Taschentücher mit Blut vollhustete, sich dort zurückbilden würde. Sein Arzt in Charleston, der darauf vertraute, dass frische, kühle Luft und körperliche Bewegung ihm aufhelfen würden, hatte ihm eine bekannte Kurklinik im Hochland empfohlen – mit einem vornehmen Speisesaal und therapeutischen Thermalquellen. Monroe jedoch behagte die Vorstellung eines ruhigen, beschaulichen Ortes, an dem es von reichen Leuten mit ihren vielfältigen Gebrechen wimmelte, überhaupt nicht. Er machte statt dessen eine Kirche seiner Konfession in den Bergen ausfindig, der ein Pfarrer fehlte – mit der Begründung, dass nützliche Arbeit von größerem therapeutischem Nutzen sei als stinkendes Schwefelwasser. Sie hatten sich unverzüglich auf den Weg gemacht und waren mit dem Zug bis nach Spartanburg gefahren, der Endstation im Nordwesten des Staates. In der rauhen, unmittelbar am Gebirgsrand gelegenen Stadt hatten sie mehrere Tage in einer Unterkunft, die sich Hotel nannte, Station gemacht, bis Monroe Maultiertreiber organisieren konnte, um ihre in Kisten verpackten Habseligkeiten über den Blue Ridge in das Städtchen Cold Mountain transportieren zu lassen. In diesen Tagen erwarb Monroe eine Kutsche und ein
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Pferd und hatte dabei, wie immer, wenn er einen Kauf tätigte, großes Glück. Er stieß zufällig auf einen Mann, der gerade dabei war, die schwarze Lackschicht eines nagelneuen, wunderschönen Einspänners auf Hochglanz zu polieren. Der Mann hatte zudem einen kräftigen Wallach, einen Apfelschimmel, zu verkaufen, der gut zu der Kutsche passte. Monroe nahm beides, ohne auch nur eine Sekunde zu feilschen, und zählte das Geld aus seiner Brieftasche in die gelblichen, schwieligen Hände des Wagners. Das dauerte eine Weile, doch danach besaß Monroe eine für einen Landpfarrer höchst schnittige Equipage. Mit dieser Ausstattung reisten sie ihrem Gepäck voraus, zunächst in die kleine Stadt Brevard, in der es kein Hotel, sondern nur eine Pension gab. Von dort brachen sie im blauen Licht der Stunde vor dem Morgengrauen auf. Es war ein schöner Frühlingsmorgen, und während sie die Stadt durchquerten, meinte Monroe: Man hat mir gesagt, wir müssten so gegen Abend in Cold Mountain sein. Dem Wallach schien der Ausflug Spaß zu machen. Er schritt munter aus und zog das leichte Gespann, dessen glänzende Speichen in den zwei hohen Rädern nur so surrten, in einem atemberaubenden Tempo hinter sich her. Den ganzen sonnigen Morgen hindurch ging es bergan. Die Fahrstraße war auf beiden Seiten durch überhängende Zweige und dichtes Unterholz verengt und schlängelte sich in einer endlosen Folge von Serpentinen ein enges Tal hinauf. Von dem blauen Himmel war zwischen den dunklen Hängen nur noch ein schmaler Streifen auszumachen. Sie überquerten zweimal hintereinander einen Oberarm des French Broad River und kamen einmal so dicht an einem Wasserfall vorbei, dass die kalte Gischt ihre Gesichter nass spritzte. Ada hatte außer den felsigen Alpen noch nie Berge gesehen und wusste nicht so recht, was sie von dieser ungewohnten, urwaldartigen Landschaft halten sollte, wo in jeder Felsspalte und auf jeder Klippe eine im kargen und sandigen Tiefland unbekannte Blattpflanze sproß. Die ausladenden Kronen von
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Eichen, Kastanien und Tulpenbäumen wuchsen zu einem Baldachin zusammen, der kein Sonnenlicht mehr hindurchließ. Azaleen und Rhododendren bildeten ein Unterholz, das so dicht war wie eine Steinmauer. Ebenfalls nicht ganz geheuer waren Ada die erbärmlichen und behelfsmäßigen Straßen. Verglichen mit den breiten und sandigen Landstraßen des Tieflands waren diese tief gefurchten Wege so primitiv, dass sie eher wie das Werk von umherstreifendem Vieh wirkten als von Menschenhand gebaut. Der Fahrweg wurde mit jeder Biegung schmaler, und Ada sah es kommen, dass er bald ganz enden würde und sie beide hilflos in dieser unwegsamen und undurchdringlichen Wildnis verloren wären, die aussah wie die Urlandschaft, die emporgeschossen war, als Gott zum ersten Mal das Wort Wald ausgesprochen hatte. Monroe hingegen war für einen Mann, der noch vor kurzem Blut gespuckt hatte, in höchst ausgelassener Stimmung. Er besah sich alles so gründlich, als hätte man ihn bei Androhung der Todesstrafe angewiesen, sich jede Bodenfalte und jede Grünschattierung einzuprägen. Immer wieder erschreckte er das Pferd, indem er plötzlich anhob, aus vollem Halse Verse von Wordsworth zu deklamieren. Als sie hinter einer Kurve an einer Stelle anhielten, von der aus man in der Ferne undeutlich das Tiefland ausmachen konnte, das sie eben verlassen hatten, rief er schallend aus: Die Erde hat nichts Schöneres aufzuweisen; wie stumpf muss eine Seele sein, die einen Anblick von so ergreifender Erhabenheit zu übersehen vermag. Als sich der Himmel am späten Nachmittag mit aufgewühlten, von einem Ostwind herbeigewehten Wolken überzog, machten sie an der Stelle, wo der Pfad Wagon Road Gap passierte, in einem Hain aus schwarzen Balsamtannen halt. Von dem Paß fiel der Weg beängstigend steil ab und folgte den herabstürzenden Fluten eines tosenden Armes des Pigeon River. Vor ihnen ragte das über sechstausend Fuß hohe Massiv des Cold Mountain auf, dessen Gipfel hinter dunklen,
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mit weißen Nebelbändern durchzogenen Wolken verborgen war. Zwischen dem Paß und dem Berg erstreckte sich wildes und zerklüftetes Gelände aus Steilabhängen und Schluchten. An diesem einsamen Fleck machte Monroe abermals eine Anleihe bei seinem Lieblingsdichter und rief: Der schaurige, herrlichen Schwindel erregende Anblick des schäumenden Baches, die unbehinderten Wolken und Himmelsregionen, Aufruhr und Frieden, die Dunkelheit und das Licht – alles schien wie das Werk eines einzigen Kopfes, wie die Züge eines einzigen Gesichts, wie Blüten an einem Baum, Visionen der großen Apokalypse, wie die Bilder und Symbole der Ewigkeit, von Anfang und Ende und jetzt und immerdar. Ada hatte Monroe lachend auf die Wange geküßt und dabei gedacht: Ich würde diesem alten Mann bis nach Liberia folgen, wenn er mich darum bitten würde. Dann musterte Monroe die düsteren Wolken und zog das zusammengefaltete Wagendach aus geöltem und gewachstem Segeltuch vor, das so schwarz und eckig auf seinem Gerippe saß wie der Flügel einer Fledermaus. Es knisterte ganz neu, als er es entfaltete. Er schnalzte mit den Zügeln, und der verschwitzte Wallach trabte weiter, froh, die Schwerkraft auf seiner Seite zu haben. Bald fiel der Weg jedoch derart steil ab, dass Monroe die Bremse anziehen musste, damit der Einspänner dem Pferd nicht an die Hinterbacken fuhr. Es begann zu regnen, und dann wurde es dunkel. Es schien kein Mond, und nirgends leuchtete Laternenlicht aus einem einladenden Heim. Der Ort Cold Mountain lag zwar vor ihnen, doch sie wussten nicht, wie weit es bis dorthin noch war. Sie fuhren weiter in die Dunkelheit hinein und verließen sich darauf, dass das Pferd nicht kopfüber über einen Felsvorsprung stürzen würde. Dass nicht einmal von Zeit zu Zeit eine einsame Hütte auftauchte, ließ darauf schließen, dass sie noch immer ein ordentliches Stück vom Ort entfernt waren. Die Strecke war offensichtlich falsch eingeschätzt worden. Der Regen fiel so schräg, dass er in ihre Gesichter klatschte
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und das Kutschendach kaum Schutz bot. Das Pferd ging mit hängendem Kopf im Schritt. Sie kamen an etlichen Abzweigungen vorbei, von denen keine einzige mit einem Wegweiser markiert war. Bei jeder Weggabelung entschied sich Monroe aufs Geratewohl für einen der beiden Wege. Weit nach Mitternacht machten sie an einer dunklen, auf einer Anhöhe oberhalb der Straße und eines Flusses stehenden kleinen Kirche halt. Sie liefen durch den Regen hinein und übernachteten darin, auf Kirchenbänken ausgestreckt, in ihren durchnässten Kleidern. Am nächsten Morgen herrschte Nebel, doch sein Leuchten verriet, dass er sich rasch auflösen würde. Monroe erhob sich steif und ging ins Freie. Ada hörte ihn lachen und dann sagen: Ihr Mächte dort droben, habt abermals Dank. Sie trat zu ihm. Er stand vor der Kirche und deutete grinsend auf eine Stelle über der Tür. Sie wandte sich um und las das Schild: Kirchspiel Cold Mountain. — Wir sind allen Widrigkeiten zum Trotz zu Hause angelangt, sagte Monroe. Ada hatte diese Äußerung damals mit großer Skepsis aufgenommen. All ihre Freunde in Charleston hatten die Ansicht vertreten, dass die Bergregion ein heidnischer Teil der Schöpfung sei, dessen Unkultiviertheit auf vielfältige Weise das Feingefühl verletze; eine wilde, düstere und regenreiche Gegend, die Mann, Frau und Kind ausmergelte und so brutalisierte, dass sie ihrem Hang zu rohen Gewalttaten ohne jede Selbstbeherrschung freien Lauf ließen. Nur Männer von gehobenem Rang könnten sich mit Unterwäsche anfreunden, und die Frauen gleich welcher Gesellschaftsschicht stillten ihre kleinen Kinder, statt wie zivilisierte Menschen die Dienste einer Amme in Anspruch zu nehmen. Adas Informanten hatten behauptet, dass die Bergbewohner in ihrer Lebensweise nur eine Stufe höher entwickelt seien als die Stämme umherziehender Wilder. Als Monroe in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft gemeinsam mit ihr Mitglieder und potentielle Mitglieder seiner Gemeinde besuchte, stellte Ada fest, dass diese
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Menschen tatsächlich seltsam waren, wenn auch nicht genau auf die von ihren Charlestoner Bekannten beschriebene Weise. Sie waren bei ihren Besuchen überempfindlich und reserviert und einigermaßen undurchschaubar. Häufig benahmen sie sich so, als hätte man sie beleidigt, obwohl weder Ada noch Monroe hätten sagen können, womit. Viele Gehöfte wirkten wie Festungen. Nur die Männer kamen heraus auf die Veranda, um die beiden Besucher zu begrüßen, und manchmal wurden Monroe und Ada ins Haus gelassen, manchmal nicht. Ada fand es häufig sogar unangenehmer, hineingebeten zu werden, als verlegen draußen im Hof stehenbleiben zu müssen, denn die Häuser waren ihr unheimlich. Selbst an heiteren Tagen war es darin stockdunkel. Hatte das Haus Fensterläden, blieben sie geschlossen. Hatte es Vorhänge, blieben sie zugezogen. Sie waren von einem eigenartigen Geruch erfüllt, nicht gerade von Unsauberkeit, aber nach Gekochtem, nach Tieren und arbeitenden Menschen. Gewehre standen in den Ecken oder hingen an Haken über Kaminsimsen und Türen. Monroe redete und redete, stellte sich zunächst selbst vor, legte seine Ansichten über die Aufgaben seiner Kirche dar, erläuterte seine theologische Position und forderte die Leute auf, an seinen Gebetsversammlungen und Gottesdiensten teilzunehmen. Die Männer saßen derweil auf ihren Sprossenstühlen und glotzten ins Feuer. Viele von ihnen waren barfuß und streckten völlig ungeniert die Füße von sich. Sie verhielten sich geradezu, als wären sie allein. Sie starrten ins Feuer, ohne ein Wort zu sagen oder als Reaktion auf das, was Monroe sagte, auch nur einen Gesichtsmuskel zu verziehen. Wenn er sie mit einer direkten Frage konfrontierte, hockten sie da, sannen eine Ewigkeit darüber nach und antworteten manchmal in knappen, ausweichenden Sätzen. Meistens jedoch blickten sie ihn nur scharf an, als enthielte ihr Blick alle Auskunft, die sie zu geben gewillt waren. In den Häusern versteckten sich weitere Menschen. Ada konnte sie in den anderen Räumen rumoren hören, doch sie ließen sich nicht blicken. Sie vermutete, dass
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es sich dabei um Frauen, Kinder und alte Leute handelte. Man hatte den Eindruck, als fänden sie die Welt außerhalb ihres kleinen Tals so schrecklich, dass sie fürchteten, durch den geringsten Kontakt mit Fremden verunreinigt zu werden, und es für geraten hielten, jeden als Feind zu betrachten, der kein Blutsverwandter war. Wenn Ada und Monroe einen solchen Besuch hinter sich hatten, fuhren sie stets in rasantem Tempo davon, und während sie in ihrem Einspanner die Straße hinunter ratterten, beklagte Monroe die Ignoranz der Leute und entwickelte Strategien zu ihrer Bekämpfung. Ada nahm nur das Gesumm der Räder, die Geschwindigkeit ihres Rückzugs wahr und verspürte einen leisen Neid auf die Leute, die von allem unberührt schienen, was Monroe und sie wussten. Sie waren offenbar zu gänzlich anderen Ansichten über das Leben gekommen und lebten ausschließlich nach ihren eigenen Vorstellungen. Das größte Debakel in seiner Laufbahn als Missionar hatte Monroe später in jenem Sommer erlitten, und zwar mit Sally und Esco. Ein Gemeindemitglied namens Mies hatte Monroe erzählt, dass die Swangers unglaublich ungebildet seien. Mies zufolge konnte Esco kaum lesen. Seine Geschichtskenntnisse beschränkten sich angeblich auf Gottes erste Handlungen in der Schöpfungsgeschichte. Die Erschaffung des Lichts sei so ungefähr das letzte, wovon er Kenntnis habe. Sally Swanger, so hatte Mies behauptet, sei sogar noch unbedarfter. Sie hielten die Bibel alle beide für ein Zauberbuch und gingen damit um wie ein wahrsagender Zigeuner. Sie nähmen sie zwischen die Hände, ließen sie an einer beliebigen Stelle aufklappen, stießen blindlings mit einem Finger auf die Seite und versuchten dann, die Bedeutung des Verses, auf den der Finger zeigte, zu enträtseln. Sie faßten das Wort als Orakel auf und handelten danach, als wäre es ein direkter Befehl Gottes. Wenn Gott sagte, geht, gingen sie. Sagte er, verweilet, blieben sie. Sagte er, tötet, packte Esco das Beil und machte sich auf die Suche nach einem jungen Huhn. Ihrer Beschränktheit zum
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Trotz seien sie aber zwangsläufig wohlhabend, denn ihre Farm erstrecke sich über ein breites Stück Talboden mit so schwarzem und so fettem Boden, dass man dort Süßkartoffeln von der Länge eines Armes ernten könne, wenn man nur das Unkraut ein wenig in Schach halte. Sie würden gewiß nützliche Gemeindemitglieder abgeben, vorausgesetzt, Monroe gelänge es, sie ein wenig auf Vordermann zu bringen. Also hatte Monroe ihnen einen Besuch abgestattet, Ada an seiner Seite. Sie hatten alle in der Wohnstube gesessen, Esco vorgebeugt und die Arme auf die Knie gestützt, während Monroe versuchte, ihn in ein Gespräch über Glaubensdinge zu verwickeln. Doch Esco war nicht bereit gewesen, etwas von sich und von seinen Anschauungen preiszugeben. Monroe fand abgesehen von seiner Verehrung von Tieren, Bäumen, Felsen und dem Wetter keinerlei Anzeichen von Religiosität. Er kam zu dem Schluß, dass Esco ein alter, gestriger Kelte sein müsse, der das bisschen, was er zu denken imstande war, höchstwahrscheinlich auf Gälisch dachte. Eine solch einmalige Gelegenheit konnte sich Monroe nicht entgehen lassen, und so machte er sich daran, dem Mann die wichtigsten Inhalte der wahren Religion zu erklären. Als er auf die Heilige Dreifaltigkeit zu sprechen kam, wurde Esco munter und brummte: Drei in einem. Wie bei einem Truthahnfuß. Monroe war schließlich überzeugt, dass Esco tatsächlich noch nichts von dem zentralen Mythos seiner Kultur gehört hatte, und erzählte ihm daraufhin die Lebensgeschichte von Jesus, angefangen von der heiligen Geburt bis zu seinem blutigen Ende am Kreuz. Er ließ keine der allseits bekannten Einzelheiten aus, wobei er sich bemühte, sich einfach, aber so packend wie möglich auszudrücken. Als er geendet hatte, lehnte er sich zurück und wartete auf die Reaktion. — Und das soll vor einem Weilchen stattgefunden haben, sagten Sie? fragte Esco. — Vor zweitausend Jahren, falls Sie das als Weilchen bezeichnen möchten, sagte Monroe.
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— Na ja, das ist doch wohl eher eine lange Zeit, erwiderte Esco. Er blickte auf seine Hände, an die Stelle, wo sie von den Handgelenken herabbaumelten. Er krümmte und spreizte die Finger und beäugte sie dabei so kritisch, als überprüfe er die Beschläge eines neuen Werkzeugs. Er sann eine Weile über die Geschichte nach und sagte dann: Und dieser Bursche ist also runtergekommen, um uns zu erretten? — Ja, sagte Monroe. — Von unserer eigenen Schlechtigkeit und so weiter? — Ja. — Und trotzdem haben sie ihn so behandelt? Haben ihn festgenagelt und mit Messern verletzt und so weiter? — Ja, allerdings, sagte Monroe. — Aber Sie sagten doch, dass man sich diese Geschichte schon seit zweitausend Jahren erzählt, sagte Esco. — Beinahe. — Seit langer Zeit also. — Sehr langer Zeit. Esco grinste, als hatte er ein Rätsel gelöst, erhob sich und klopfte Monroe auf die Schutter, indem er sagte: Tja, dann bleibt uns nur die Hoffnung, dass sie nicht wahr ist. Als sie an jenem Abend wieder daheim gewesen waren, hatte Monroe Pläne gemacht, wie er es bewerkstelligen könnte, Esco die richtige Lehre nahezubringen, um ihn vor dem Heidentum zu erretten. Es kam Monroe keine Sekunde in den Sinn, dass er zum besten gehalten worden sein könnte und dass man ihm die Überzeugung, auf Unwissenheit zu treffen, bereits beim Betreten von Escos Hof so deutlich angesehen hatte, dass es zutiefst beleidigend gewesen war. Ebensowenig ahnte er natürlich, dass Esco, eine gutmütige Seele, schlichtweg Spaß daran gehabt hatte, Monroe eine ordentliche Portion der gesuchten Unwissenheit zu liefern, anstatt ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, ihn mit einer Schüssel schmutzigen Fußwaschwassers zu übergießen oder ihm das Kaliber seines Schießgewehrs zu demonstrieren, wie es andere an seiner Stelle getan hätten, wenn sie so beleidigt worden
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wären. Esco prahlte nirgendwo mit dem herum, was er getan hatte. Es schien ihn nicht einmal zu interessieren, ob Monroe in dieser Sache jemals die Wahrheit erfuhr oder nicht, dass nämlich er und seine Frau getaufte Baptisten waren. Monroe selbst war es, der diese Geschichte verbreitete, indem er sich nach den Namen weiterer so unbedarfter Leute erkundigte. Er wunderte sich nur, was die Leute an seiner Geschichte so amüsant fanden, und dass er im Laden oder auf der Straße darauf angesprochen und gebeten wurde, sie zu erzählen. Die Zuhörer warteten dann gespannt darauf, dass er Escos Schlußsatz noch einmal wiederholte, wie es die meisten Menschen bei einer gelungenen Pointe zu tun pflegen. Unterließ Monroe dies, wiederholte einer von ihnen selbst den Satz, als hielte er die Geschichte sonst für unvollständig. So ging es einige Zeit, bis Sally Mitleid mit Monroe bekam und ihm erzählte, dass man ihn auf den Arm genommen habe, aber auch, aus welchem Grund. Monroe war wegen des Schabernacks, den die ganze Gemeinde da mit ihm getrieben hatte, tagelang gedrückter Stimmung. Er hatte Zweifel, ob er in dieser Gemeinde jemals würde Fuß fassen können, bis Ada schließlich sagte: Ich finde, nachdem uns nun eine Lektion bezüglich unserer Umgangsformen erteilt worden ist, sollten wir uns dementsprechend verhalten. Danach kam alles ins Lot. Sie suchten die Swangers auf, um sich bei ihnen zu entschuldigen, freundeten sich mit ihnen an und waren regelmäßig bei ihnen zum Essen. Außerdem traten die Swangers – vielleicht zur Wiedergutmachung für Escos Streich – bald darauf aus der baptistischen Gemeinde aus und in Monroes Kirche ein. In jenem ersten Jahr gab Monroe ihr Haus in Charleston noch nicht auf, und sie wohnten in der feuchten kleinen Pfarrei am Fluss, in der es im Juli und August so scharf nach Schimmel roch, dass es in der Nase brannte. Als sich der Klimawechsel dennoch wohltuend auf Monroes Lungen
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auszuwirken schien, die Gemeinde ihn zu tolerieren begann und es zudem aussah, als würde sie ihn eines Tages auch akzeptieren, beschloss er, auf unbegrenzte Zeit zu bleiben. Er trennte sich von dem Haus in Charleston und kaufte einer Familie Black, die plötzlich auf die Idee verfallen war, nach Texas umzusiedeln, ihre Farm ab. Monroe gefiel die malerische Umgebung und die Lage des Lands, das im Talgrund offen und eben war und von dem über zwanzig Morgen gerodet und in Felder und Weiden abgeteilt worden waren. Ihm gefielen die welligen, bewaldeten Berghänge, die in einem Wechsel von Kämmen und Senken zum Cold Mountain anstiegen. Ihm schmeckte das Wasser von der Quelle, das so kalt war, dass es einem davon sogar im Sommer in den Zähnen zog, und das den sauberen, neutralen Geschmack der Steine hatte, zwischen denen es entsprang. Und ganz besonders gefiel ihm das Wohnhaus, das er dort erbauen ließ, vor allem darum, weil es seinen Glauben an eine Zukunft symbolisierte, die ihn zumindest noch für einige Jahre mit einschließen würde. Monroe zeichnete eigenhändig die Pläne für das neue Haus und überwachte den Bau. Und es erwies sich in seiner gegenwärtigen Form als gut gebaut, außen mit weißgetünchten Brettern verschalt, innen mit dunklen Holzpaneelen verkleidet, eine breite, über die gesamte Front gehende Veranda, eine am hinteren Hausteil über die ganze Länge angebaute Küche, ein großer, geräumiger Kamin im Wohnzimmer sowie – in den Bergen eine Rarität – Holzöfen in den Schlafzimmern. Das Blockhaus der Blacks stand in ein paar hundert Ruten Entfernung von dem neuen Haus an dem zum Cold Mountain ansteigenden Hang und diente später den Lohnarbeitern als Unterkunft. Als Monroe die Farm gekauft hatte, war sie voll bewirtschaftet gewesen, doch Monroe ließ bald Teilbereiche brachliegen, denn er hatte nie im Sinn gehabt, mit den Erträgen seinen gesamten Lebensbedarf zu decken. Und das war auch nicht notwendig, wenn, wie er annahm, seine Anlagen in Reis, Indigo und Baumwolle in Charleston
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weiterhin gutes Geld abwarfen. Es sah jedoch ganz so aus, als würde das Geld nicht weiterfließen, stellte Ada fest, nachdem sie die Vermessung ihres Landbesitzes von ihrem Hochsitz auf dem Kamm aus eingestellt und den Brief gelesen hatte, der in dem Buch in ihrer Tasche gesteckt hatte. Kurz nach der Beerdigung hatte sie an Monroes Freund und Rechtsanwalt in Charleston geschrieben, um ihn von dem Tod zu unterrichten und ihn um Informationen über ihre finanzielle Lage zu bitten. Der Brief war die längst überfällige Antwort. Er klang distanziert, vorsichtig. Der Anwalt schrieb wie aus großer Ferne über den Krieg, über das Embargo, die zahlreichen anderen Erscheinungen dieser harten Zeiten sowie deren Auswirkung auf Adas Einkommen, das sich de facto gegen Null reduzieren werde, zumindest bis zur erfolgreichen Beendigung des Krieges. Sollte der Krieg verloren werden, könne Ada realistisch gesehen überhaupt nichts mehr erwarten. Der Brief schloß mit dem Angebot, als Verwalter von Monroes Vermögen zu fungieren, da Ada sich verständlicherweise außerstande fühlen dürfte, diese Pflichten selbst zu übernehmen. Der Anwalt deutete vorsichtig an, dass diese Aufgabe ein Urteilsvermögen und Kenntnisse erfordere, die Adas Kompetenz überstiegen. Sie erhob sich, stopfte den Brief in die Tasche und stieg den Pfad nach Black Cove hinab. Bei dem Gedanken, dass die Gegenwart schon bedrohlich genug war und niemand wusste, welch schreckliche Dinge in der nächsten Zeit noch bevorstanden, fragte sich Ada, wo sie den Mut hernehmen sollte, nach Hoffnungsvollem Ausschau zu halten. Als sie unter den hohen Bäumen auf dem Kamm heraustrat, stellte sie fest, dass sich der Dunst aufgelöst hatte oder fortgeweht worden war. Der Himmel war klar, und der Cold Mountain schien plötzlich so nahe zu sein, dass sie das Gefühl hatte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um ihn zu berühren. Der Tag schritt voran und die Sonne neigte sich stetig tiefer. In zwei Stunden würde sie hinter den Bergen versinken, und dann
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würde die endlose Abenddämmerung des Hochlands beginnen. Ein Rothörnchen schnatterte ihr von seinem Ast hoch oben in einem Hickorybaum zu, als sie darunter hindurchging. Um sie herum prasselten Nußschalenstücke nieder. Als sie die alte Steinmauer erreichte, die die obere Weide begrenzte, blieb sie abermals stehen. Es war ein wunderschönes Fleckchen, eine ihrer liebsten Ecken auf der ganzen Farm. Die Steine waren mit Flechten und Moos bewachsen, so dass die Mauer alt wirkte, obwohl sie es gar nicht war. Einer der älteren Söhne der Blacks hatte sie offenbar in dem Versuch, das Feld von Steinen zu befreien, zu bauen begonnen, dies aber nach nur zwanzig Fuß wieder aufgegeben, denn danach wurde die Mauer von einem Zaun aus halben Stangen abgelöst. Die Mauer verlief von Norden nach Süden und war an diesem sonnigen Nachmittag an der Westseite von der Nachmittagssonne aufgewärmt worden. Unweit der Mauer stand ein Apfelbaum, ein Golden Delicious, und ein paar früh gereifte Äpfel waren in das hohe Gras gefallen. Bienen, von dem süßen Geruch verfaulender Apfel angezogen, summten im Sonnenschein. Die Mauer bot keine weite Aussicht, sondern nur einen idyllischen Blick auf den Zipfel einer Waldparzelle, ein Brombeergestrüpp und zwei mächtige Kastanienbäume. Ada empfand es als das friedvollste Fleckchen Erde, das sie je gesehen hatte. Sie ließ sich am Fuß der Mauer im Gras nieder und rollte ihr Umschlagtuch zu einem Kissen zusammen. Sie zog das Buch aus ihrer Tasche und begann ein Kapitel zu lesen, das den Titel trug: Wie Negersklaven gefangen werden und wie Negersklaven davonlaufen. Sie las und las und vergaß sich in der Erzählung über Krieg und Gesetzlosigkeit, bis sie schließlich einschlief, während die Sonne tiefer sank und die Bienen summten. Sie schlief lange und wurde dabei von einem intensiven Traum heimgesucht, in dem sie sich inmitten wartender Passagiere in einer Bahnhofshalle befand. Mitten in der Halle stand ein Glaskasten mit einem menschlichen Skelett, ähnlich
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einem Anatomiemodell, das sie einmal in einem Museum gesehen hatte. Während sie dasaß und auf den Zug wartete, füllte sich der Kasten mit einem blauen Licht, das langsam emporstieg wie die Flamme am Docht in einer Lampenglocke. Ada gewahrte mit Entsetzen, dass die Knochen sich wieder mit Fleisch überzogen, und im Laufe dieses Vorgangs wurde ihr klar, dass es sich um ihren Vater handelte, der da wiederhergestellt wurde. Die anderen Fahrgäste drängten sich entsetzt zurück an die Saalwände, doch Ada ging, obgleich sie ebenso von Angst erfüllt war, zu dem Glaskasten hin, legte ihre Hände daran und wartete. Monroe nahm jedoch nur teilweise seine alte Gestalt an. Er blieb ein belebter Leichnam, die Haut über den Knochen dünn wie Pergament. Seine Bewegungen waren langsam, aber zugleich panisch wie bei einem Menschen, der unter Wasser zappelt. Er legte den Mund an das Glas und redete tiefernst und eindringlich auf Ada ein. Sein Gebaren war wie das eines Menschen, der einem anderen etwas überaus Wichtiges mitteilen will. Doch obwohl Ada ihr Ohr an die Glaswand preßte, hörte sie nichts als unverständliches Gemurmel. Dann vernahm sie etwas wie das Aufheulen des Windes vor einem Sturm, und plötzlich war der Kasten leer. Als dann ein Zugbegleiter erschien und die Fahrgäste zum Zug rief, wurde Ada klar, dass die Zugfahrt in das Charleston der Vergangenheit führen würde und sie, wenn sie zustieg, in ihrer Mädchenzeit ankommen würde, die Uhr um zwanzig Jahre zurückgedreht. Sämtliche Fahrgäste, eine vergnügte Schar, stiegen ein, und winkten ihr lächelnd aus den Fenstern zu. Aus den Abteilen drangen Bruchstücke von Melodien. Der Zug rollte davon, und Ada stand allein auf dem Bahnsteig. Als Ada erwachte, war über ihr der Nachthimmel. Hinter der Waldparzelle im Westen versank gerade das rostfarbene Leuchtfeuer des Mars. Daran erkannte sie, dass es nach Mitternacht sein musste, denn sie hatte in ihrem Notizbuch seine Positionen in den frühen Abendstunden vermerkt. Der Halbmond stand hoch oben am Himmel. Die Nacht war
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trocken und nicht sehr kalt. Ada rollte ihr Umschlagtuch auseinander und wickelte es um ihren Körper. Sie hatte natürlich noch nie eine Nacht allein in den Wäldern verbracht, fand es aber weniger beängstigend, als sie vermutet hatte, selbst nach dem beunruhigenden Traum. Der Mond überzog Wälder und Felder mit einem zartblauen Licht. Der Cold Mountain war nur als eine schwache dunkle Form gegen den Himmel sichtbar. Bis auf den Ruf einer Virginischen Wachtel in der Ferne war kein Laut zu hören, Sie hatte nicht das Gefühl, sich schnell auf den Heimweg machen zu müssen. Ada entfernte die Wachsversiegelung von dem Brombeertopf, tauchte zwei Finger hinein und schaufelte sich die Beeren in den Mund. Das Kompott war nur wenig gesüßt und schmeckte frisch und säuerlich. Ada saß stundenlang da, beobachtete den über den Himmel wandernden Mond und aß, bis der kleine Topf leer war. Sie dachte an ihren Vater in dem Traum und an die dunkle Gestalt in dem Brunnen. Obwohl sie Monroe innig geliebt hatte, wurde ihr bewusst, dass sein Erscheinen in ihren Traumbildern sie unangenehm berührte. Sie wollte nicht, dass er sie holen kam, und sie wollte ihm auch noch nicht so bald folgen. Ada blieb so lange sitzen, dass sie beobachten konnte, wie der Morgen anbrach. Zunächst dämmerte ein schwaches graues Licht, und während es heller wurde, begannen sich die Berge herauszubilden, das Dunkel der Nacht in ihren massigen Formen bewahrend. Der an den Gipfeln hängende Nebel hob sich, verlor seine bucklige Form und löste sich in der Wärme des Morgens auf. Auf dem Gras der Weide zeichneten sich die Umrisse der Bäume ab, weil der Tau unter ihnen liegenblieb. Als Ada sich erhob, um zum Haus zu gehen, hing unter den zwei Kastanienbäumen noch der Geruch der Nacht. Im Haus holte sich Ada ihr tragbares Schreibpult und setzte sich damit in ihren Lesestuhl. Die Diele war bis auf ein paar Strahlen goldenen Morgenlichts, die auf den Tisch über ihrem Schoss fielen, in tiefe Düsternis getaucht. Das Licht wurde von den Zwischenstäben der Schiebefenster in zwei Felder geteilt,
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und die Luft, durch die es fiel, war voll schwebender Staubkörner. Ada schob ihr Blatt in eines der Lichtquadrate und schrieb einen schnellen Brief, in dem sie dem Anwalt für sein Angebot dankte, es jedoch mit der Begründung ablehnte, dass sie im Moment der Meinung sei, ihre Qualifikationen seien mehr als ausreichend, um ein Vermögen zu verwalten, das aus beinahe nichts bestand. In den Stunden ihrer Nachtwache war sie die Möglichkeiten, die ihr zur Auswahl standen, wieder und wieder durchgegangen. Es waren nur wenige. Wenn sie versuchte, ihren Besitz zu verkaufen, um nach Charleston zurückzukehren, würde sie von dem bisschen Geld, das sie in diesen schlechten Zeiten, da die Käufer rar waren, für die Farm erzielen konnte, kaum über längere Zeit hinweg leben können. Sie würde sich bald gezwungen sehen, sich Freunden von Monroe aufzudrängen, um irgendeine kaum verhüllte parasitäre Beziehung einzugehen – als Hauslehrerin, Musiklehrerin oder ähnliches. Dies oder heiraten. Aber der Gedanke, als eine verzweifelte, auf Männerfang ausgehende alte Jungfer nach Charleston zurückzukehren, war ihr entsetzlich. Sie konnte sich genau vorstellen, wie das vonstatten gehen würde. Sie würde ein Großteil des ihr zur Verfügung stehenden Geldes für angemessene Kleidung ausgeben, um sodann mit eher ältlichen und nichtsnutzigen Überbleibseln aus einer Schicht der Charlestoner Gesellschaft, die mehrere Stufen unterhalb der obersten angesiedelt war, Chancen einer Eheschließung auszuhandeln, während sich alle Männer, die ungefähr in ihrem Alter waren, im Krieg befanden. Sie sah nichts anderes voraus, als dass sie schließlich zu jemandem sagte, sie liebe ihn, während sie in Wirklichkeit meinte, dass er zufällig in einer ausgesprochenen Notzeit aufgetaucht sei. Nicht einmal unter dem gegenwärtigen Druck wollte es ihr gelingen, sich – über ein vages Gefühl erstickender Enge in der Brust hinaus – die Trauung mit so einem Menschen auszumalen. Kehrte sie unter solch demütigenden Voraussetzungen nach
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Charleston zurück, konnte sie mit wenig Verständnis, aber um so mehr vernichtenden Kommentaren rechnen, denn in den Augen vieler ihrer Bekannten hatte sie die flüchtigen Jahre des Freiens, in denen junge Damen auf den Thron ihrer Kultur gehoben wurden, töricht vergeudet, die wenigen Jahre, in denen die Männer ehrfürchtig vor ihnen knieten und die ganze Gesellschaft regen Anteil an dem Fortgang ihrer Bemühungen um baldige Eheschließungen nahm, als wäre die wichtigste moralische Kraft des Universums auf nichts anderes gerichtet. Ihr relatives Desinteresse an dem Prozeß war damals von Monroes Freunden und Bekannten als rätselhaft empfunden worden. Sie hatte wenig dazu beigetragen, diesem Eindruck entgegenzuwirken, denn in den Damensalons, in die sich die Damen nach ihren Dinnerpartys zurückzogen und wo die Vermählten und die noch Ledigen sich gegenseitig mit bissigen Kommentaren überboten, war sie geneigt gewesen zu betonen, wie sehr sie all diese Freier langweilten – deren Interessen sich auf Geschäfte, Jagen und Pferde zu beschränken schienen –, so dass sie es für geraten halte, ein Schild mit der Aufschrift Betreten für Gentlemen verboten anfertigen zu lassen und am Aufgang zu ihrer Veranda aufzuhängen. Sie konnte sich darauf verlassen, dass eine solche Äußerung eine dogmatische Antwort provozierte, entweder von Seiten einer der älteren Damen oder einer der zarten Debütantinnen, die bestrebt waren, sich bei jenen einzuschmeicheln, die meinten, dass das höchste Glück einer verheirateten Frau darin bestehe, sich in angemessener Weise dem Willen ihres Gatten zu unterwerfen. Die Ehe ist die eigentliche Lebensaufgabe der Frau, sagte gewöhnlich eine von ihnen. Worauf Ada antwortete: In der Tat. In diesem Punkt sind wir einer Meinung, zumindest, solange wir nicht näher auf die Bedeutung des drittletzten Wortes in Ihrem Satz eingehen. Sie amüsierte sich über das Schweigen, das eintrat, während alle Anwesenden rückwärts zählten, um das zur Debatte stehende Wort zu finden.
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Ein solches Verhalten führte dazu, dass so manche ihrer Bekannten zu der Ansicht gelangte, Monroe habe sie zu einer Art Monstrum herangezogen, einer Kreatur, die nicht recht für die Gesellschaft von Männern und Frauen geeignet sei. Folglich lösten Adas Reaktionen auf zwei Heiratsanträge in ihrem neunzehnten Lebensjahr auch kaum Überraschung, dafür aber beträchtliche Entrüstung aus: Sie gab den Bewerbern auf der Stelle einen Korb, und begründete dies später damit, dass sie bei ihnen ein gewisses Niveau – des Denkens, des Fühlens, der Lebensweise – vermisst habe. Und dass beide ihr Haar mit Pomade zum Glänzen zu bringen pflegten, als wollten sie damit auf eine sichtbare Weise den Mangel an funkelndem Geist ausgleichen. Den Heiratsantrag eines begüterten Mannes abzulehnen, der keine offensichtlichen Fehler besaß, hielten viele ihrer Freundinnen wenn nicht für unbegreiflich, dann zumindest für unverzeihlich, und im letzten Jahr vor ihrer Übersiedlung in die Berge hatten ihr viele Freundinnen den Rücken gekehrt, da sie ihnen zu kratzbürstig und exzentrisch war. Auch jetzt, fünf Jahre später, war es ihr ein bitterer Gedanke, nach Charleston zurückzukehren, eine Vorstellung, gegen die sich ihr Stolz auflehnte. Es gab nichts, was sie dorthin zurückzog. Mit Sicherheit keine Familie. Außer ihrer Cousine Lucy besaß sie keine näheren Verwandten. Keine gütigen Tanten oder in sie vernarrten Großeltern, die sich über ihre Rückkehr gefreut hätten. Keine Verwandten zu haben, erschien ihr auch deshalb bitter, weil die Leute ringsum in den Bergen über so weitverzweigte und so feste familiäre Bande verfügten, dass sie kaum eine Meile die Flusstraße entlangmarschieren konnten, ohne auf einen Verwandten zu treffen. Doch obwohl sie eine Außenseiterin war, schien diese Landschaft, schienen die blauen Berge sie nicht loslassen zu wollen. Wie sie es auch drehte und wendete, war der einzige Schluß, der ihr Hoffnung auf ein Leben in Selbstzufriedenheit zu eröffnen schien, folgender: Was sie um sich her sehen
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konnte, war das einzige, auf das sie zählen konnte. Die Berge und der innere Drang herauszufinden, ob sie in der hiesigen Einfachheit ein glückliches Leben zu führen imstande wäre – dies beides zusammen schien ihr die Aussicht auf ein zufriedeneres und ungebundeneres Leben zu bieten, obgleich sie sich dieses nicht einmal in den gröbsten Umrissen vorzustellen vermochte. Es war recht einfach, sich, wie Monroe es oft getan hatte, zu sagen, dass der Weg zur Zufriedenheit darin bestand, seiner Natur treu zu bleiben und ihrem Pfad zu folgen. Das, so glaubte sie, war mit Sicherheit wahr. Wenn man jedoch nicht den geringsten Anhaltspunkt hatte, wie man herausfinden sollte, was seine Natur war, betrat man schon beim ersten Aufbruch einen Weg voller Hindernisse. Aus diesem Grund saß sie an jenem Morgen am Fenster und fragte sich ernsthaft und einigermaßen ratlos, was sie als nächstes tun sollte, als sie auf einmal eine Gestalt den Weg heraufkommen sah. Während sich diese dem Haus näherte, kam Ada zu dem Schluß, dass sie nach einem Mädchen aussah, klein gewachsen, dünn wie ein Hühnerhals, bis auf ihre deutlich hervortretenden Hüftknochen, die kräftig und breit waren. Ada ging hinunter auf die Veranda, um sich dort hinzusetzen und abzuwarten, was die Person wollte. Das Mädchen kam auf die Veranda und setzte sich, ohne um Erlaubnis zu bitten, neben Ada in einen Schaukelstuhl, wo sie die Fersen auf den Streben abstellte. Sie begann zu schaukeln. Vom Körperbau her war sie stabil wie ein Ernteschlitten, mit einem tiefliegenden Schwerpunkt, aber kräftigen und zugleich zierlichen Gliedmaßen, Sie trug ein Kleid aus grobem, handgesponnenem Stoff mit einem viereckigen Ausschnitt und in dem stumpfen Blau, das durch Färben mit dem Fleisch von Traubenkrautgallen entsteht. — Die alte Lady Swanger meint, Sie brauchen Hilfe, sagte sie. Ada betrachtete das Mädchen näher. Sie war ein dunkles Ding, mit sehnigem Hals und sehnigen Armen. Flachbrüstig.
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Ihr Haar war schwarz und drahtig wie Roßhaar. Ein breiter Nasenrücken. Große dunkle Augen, praktisch ohne Pupillen, das Weiß von auffallender Klarheit. Sie trug keine Schuhe, aber ihre Füße waren sauber. Ihre Zehennägel waren matt und silbrig wie Fischschuppen. — Es stimmt, was Mrs. Swanger sagt. Ich brauche tatsächlich Hilfe, sagte Ada, aber ich brauche jemand für die harte Arbeit. Zum Pflügen, Pflanzen, Ernten, Holzhacken und dergleichen. Die Erträge der Farm sollen in Zukunft meinen Lebensbedarf decken. Ich glaube, ich brauche eine männliche Hilfskraft für diese Arbeiten. — Erstens, sagte das Mädchen, kann ich, wenn Sie ein Pferd haben, den ganzen Tag pflügen. Zweitens, hat mir die alte Lady Swanger gesagt, in was für 'ner Klemme Sie stecken. Vergessen Sie nicht, dass alle brauchbaren Männer fort sind. Das ist eine bittere Wahrheit, aber die ist meistens bitter, auch unter günstigen Bedingungen. Wie Ada bald herausfand, hieß das Mädchen Ruby, und obgleich sie nicht gerade vertrauenerweckend aussah, klang ihre Behauptung, dass sie sämtliche auf einer Farm anfallenden Arbeiten beherrschte, glaubhaft. Außerdem stellte Ada während ihrer Unterhaltung fest, dass Ruby höchst aufmunternd auf sie wirkte. Adas stärkster Eindruck war, dass sie ein gutwilliger Mensch war. Und obwohl Ruby nicht einen Tag ihres Lebens in der Schule verbracht hatte und weder lesen noch ihren Namen schreiben konnte, glaubte Ada in ihr einen Funken zu sehen, der so hell und so kräftig war, wie einer, der entsteht, wenn man Stahl und Feuerstein aneinanderschlägt. Zudem war Ruby wie Ada seit dem Tag ihrer Geburt ein mutterloses Kind. Dies war ein Punkt, in dem sie einander verstanden, in allen anderen Punkten hätten sie einander nicht fremder sein können. Sie begannen alsbald, und ein wenig zu Adas eigener Verwunderung, ein Abkommen zu treffen. Ruby sagte: Ich habe mich noch nie als Lohnarbeiterin oder Dienstmädchen verdingt, und ich habe nichts Gutes über
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solche Arbeitsverhältnisse gehört. Aber Sally sagte, Sie brauchen Hilfe, und sie hatte recht. Deshalb mein ich, wir sollten uns über ein paar Dinge einig werden. Jetzt heißt es also, über Geld zu reden, dachte Ada. Monroe hatte sich nie mit ihr besprochen, wenn er eine Hilfskraft eingestellt hatte, doch sie hatte das Gefühl, dass es normalerweise nicht die Hilfskraft war, die die Bedingungen diktierte. Sie sagte: Im Augenblick, und wahrscheinlich noch für länger, bin ich sehr knapp bei Kasse. — Ich habe nicht das Geld gemeint, sagte Ruby. Wie schon gesagt, bin ich nicht direkt auf der Suche nach einer Anstellung. Was ich sagen will, ist folgendes: Wenn ich Ihnen hier helfen soll, muss beiden von uns klar sein, dass jeder seinen eigenen Nachttopf leert. Ada musste lachen, doch dann wurde ihr klar, dass dieser Ausspruch nicht als Scherz gemeint war. Was Ruby forderte, war so etwas wie Gleichrangigkeit. Ada erschien das aus ihrer Sicht seltsam. Doch bei näherer Überlegung kam sie zu dem Schluß, dass die Forderung nur recht und billig war angesichts der Tatsache, dass niemand sonst anstand, um ihr zu helfen, und sie zudem ihr Schmutzwasser den ganzen Sommer über selbst ausgeleert hatte. Während sie die übrigen Einzelheiten besprachen, stolzierte der schwarzgoldene Hahn vor der Veranda entlang und blieb stehen, um sie zu beäugen. Er zuckte mit dem Kopf und ließ seinen roten Kamm von einer Seite zur anderen flappen. — Ich kann diesen Vogel nicht ausstehen, sagte Ada. Er ist auf mich losgegangen. Ruby sagte: Ich würde keinen Hahn halten, der auf mich losgeht. — Wie sollen wir ihn denn davonjagen? Ruby maß sie mit einem zutiefst erstaunten Blick. Sie erhob sich, stieg von der Veranda und schnappte sich den Hahn mit einer einzigen schnellen Bewegung, klemmte ihn sich unter den linken Arm und riss ihm mit der rechten Hand den Kopf ab. Er zappelte noch einen Moment in ihrem Arm, dann wurde
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er still, Ruby schleuderte den Kopf in eine am Zaun stehende Berberitze. — Er wird zäh sein, also lassen wir ihn lieber schön lange kochen, sagte Ruby. Um die Mittagszeit löste sich das Fleisch des Hahns von den Knochen, und in der dicken, gelben Brühe schwammen Teigklöße, so groß wie Katzenköpfe.
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Die Farbe der Verzweiflung
Zu einer anderen Zeit hätte die Szene vielleicht etwas Unbeschwertes gehabt. Wer die Elemente betrachtete, aus denen sie sich zusammensetzte, konnte kaum umhin, an die legendäre Freiheit der Landstraße zu denken: die Morgendämmerung, die goldene, tief über dem Horizont stehende Sonne; ein zur Linken von Rotahorn, zur Rechten von einem Weidenzaun gesäumter Feldweg; ein großer, schlanker Mann mit einem Schlapphut, der, einen Rucksack auf dem Rücken, gen Westen schritt. Doch Inman fühlte sich nach den nassen und schrecklichen Nächten, die er hinter sich hatte, vollkommen ausgebrannt. Er blieb stehen, stellte einen Fuß auf die unterste Zaunstange und ließ seinen Blick über die taufeuchten Felder schweifen. Er versuchte, den Tag mit dankbarem Herzen zu begrüßen, doch das erste, was er in dem blassen Morgenlicht deutlich wahrnahm, war eine ekelhafte braune, wabbelige Flachlandviper, die sich wie eine Kotspur vom Weg in ein dichtes Büschel Vogelmiere schlängelte. Jenseits der Felder erstreckte sich ein niedriger Wald. Nichts als minderwertiges Gesträuch. Strauchkiefern, Gelbkiefern, Virginischer Wacholder. Inman haßte dieses einheitlich hohe, verkrüppelte Kieferngestrüpp. Haßte dieses flache Land. Die rote Erde, Die schäbigen Städte. So war die gesamte Gegend, in der er gekämpft hatte, beschaffen gewesen, vom Fuß der Berge bis hin zum Meer, und es kam ihm vor, als sei hier alles, was es an Fauligem und Schäbigem gab, hingeflossen, um sich an den niedrigen Stellen zu sammeln. Ein Land des Schmutzwassers und der Jauche, die Senkgrube des Kontinents. Fürwahr ein schreckliches Sumpfloch, das er kaum noch ertragen konnte. Vom Wald drang das laute
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Gezirpe von Zikaden herüber – ein pulsierendes, schrilles Geräusch, als knirschten unzählige morsche Knochen gegeneinander. Der Lärm war so durchdringend, dass es Inman vorkam, als hörte er seinen eigenen aufgewühlten Geist in seinem Kopf vibrieren. Ein Geräusch, das nur ihn persönlich plagte, und nicht eines, das für alle Welt zu vernehmen war. Die Wunde an seinem Hals fühlte sich an, als sei sie wieder aufgeplatzt, und sie pochte im Rhythmus der Zikadenschreie. Er fuhr sich mit einem Finger unter den Verband, und obwohl er eigentlich damit rechnete, auf eine tiefe rote kiemenspaltengleiche Kerbe zu stoßen, spürte er nur einen langen, verschorften Striemen auf der Höhe seines Kragenrands. Er schätzte, dass er sich, seit er unterwegs war, nicht sonderlich weit vom Krankenhaus entfernt hatte. Wegen seines angeschlagenen Zustands hatte er langsamer laufen und häufiger Pausen einlegen müssen, als ihm recht gewesen war, und obwohl er jeweils nur einige Meilen am Stück hatte zurücklegen können, hatte ihn selbst dieses langsame Tempo große Kraft gekostet. Er war hundemüde, hatte sich zumindest leicht verlaufen und suchte noch immer nach einer Verbindung, die ihn ohne große Umwege in westliche Richtung heimwärts führte. Doch dieses Land der kleinen Gehöfte war von einem Wirrwarr sich kreuzender Wege zerschnitten, und nirgendwo stand ein Wegweiser, der einem verraten hätte, dass einer von ihnen eher nach Westen führte als ein anderer. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er weiter südlich geraten war, als er beabsichtigt hatte. Und das Wetter war die ganze Zeit über schlecht gewesen, mit kurzen, heftigen Regenschauern und plötzlichen Wolkenbrüchen mit Gewitter, sowohl tagsüber als auch nachts. Die kleinen, mit Holz verschalten Farmhäuser standen so dicht beieinander, dass die Maisfelder beinahe ineinander wuchsen und nur durch Zäune auf verschiedene Besitztümer aufgeteilt waren. Auf jeder Farm gab es zwei oder drei bösartige Hunde, die beim leisesten Geräusch losschossen, um sich lautlos und geduckt aus den
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dunklen Schatten der am Wegrand stehenden Bäume zu stürzen und mit sensenscharfen Zähnen an seinen Beinen zu reißen. In der ersten Nacht hatte er mehrere Angriffe durch Fußtritte abgewehrt, doch eine scheckige Töle hatte die Haut seiner Wade wie mit einer Lederlochzange durchbohrt. Nachdem ihm das passiert war, hatte er nach einer Waffe Ausschau gehalten und in einem Graben einen kräftigen Robinienast gefunden. Damit hatte er den nächsten Hund, der nach ihm schnappen wollte, mit einiger Anstrengung weggeprügelt, indem er mit kurzen, harten Schlägen auf ihn eingedroschen hatte, wie wenn man die Erde um einen frisch gesetzten Pfosten feststampft. Immer wieder musste er in jener und den darauffolgenden Nächten mit dumpfen Schlägen auf Hunde einschlagen, damit sie, immer noch lautlos, abzischten in die Dunkelheit. Die Hunde und die ständig lauernde Gefahr, herumschleichenden Milizionären zu begegnen, aber auch die Finsternis der wolkenverhangenen Nächte machten den Fußmarsch zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. Die Nacht, die er gerade hinter sich hatte, war die schlimmste bisher gewesen. Die Wolken waren aufgebrochen und hatten Meteore sichtbar werden lassen, die sich aus einem tiefen Himmelsloch gestürzt hatten. Sie waren auf zischenden Flugbahnen hereingeschossen und hatten ausgesehen, als kämen sie direkt auf Inman zu. Kleine, aus großer Höhe abgeschleuderte Projektile. Später war ein riesiger Feuerball aus der Dunkelheit und mit Donnergegroll langsam, aber geradewegs auf Inman zugesteuert. Ehe er ihn erreicht hatte, war er jedoch einfach erloschen wie eine zwischen speichelbenetztem Zeigefinger und Daumen ausgedrückte Kerzenflamme. Kurz darauf zischte einmal ein stumpfflügeliger Nachtvogel, vielleicht auch eine schweinsgesichtige Fledermaus, so dicht an Inmans Kopf vorbei, dass er sich hatte ducken und drei volle Schritte in gebückter Haltung gehen müssen. Dann blitzten direkt vor seiner Nase die Augenflecken auf den riesigen Flügeln eines vorüberflatternden Mondspinners auf. Er war ihm
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vorgekommen wie ein bizarres grünes Gesicht aus der Traumwelt, das plötzlich aus der Dunkelheit auf ihn zustieß, um ihm eine Botschaft zu überbringen. Inman hatte aufgeschrien und mit heftigen Schlägen, die ins Nichts gingen, um sich geschlagen. Später hatte er die Hufschläge leicht galoppierender Pferde vernommen, war auf einen Baum geklettert und hatte eine Bande Milizionäre vorbeidonnern sehen, die Männer wie ihn suchten, um sie zu fassen und durchzuprügeln und zum Militär zurückzuschleifen. Nachdem er wieder hinuntergeklettert und weitergelaufen war, glaubte er in jedem Baumstumpf die Gestalt eines Spähers in der Dunkelheit zu sehen, und einmal hatte er sogar einen struppigen Myrtenstrauch, der ausgesehen hatte wie ein dicker Mann mit großem Hut, mit dem Revolver bedroht. Als er spät nach Mitternacht einen niedrigen Bach durchquerte, hatte er einen Finger in den nassen Lehm des Ufers getaucht, sich zwei konzentrische Kreise mit einem Punkt in der Mitte auf die Rockbrust geschmiert und war weitergelaufen – als Prügelknabe der himmlischen Heere, ein Nachtwanderer, ein Flüchtling, ein Fahnenflüchtiger. Und hatte dabei gedacht: Diese Reise wird die Achse meines Lebens sein. Nachdem er diese lange Nacht hinter sich gebracht hatte, wünschte er sich jetzt nichts sehnlicher, als über den Zaun klettern und querfeldein über dieses alte Feld in den Niederwald laufen zu können. Sich zwischen den Kiefern zu verkriechen und zu schlafen. Doch nachdem er nun endlich offenes Gelände erreicht hatte, musste er sehen, dass er weiterkam, und so nahm er seinen Fuß vom Zaun und setzte seinen Marsch fort. Die Sonne stieg immer höher und wurde heiß, und die gesamte Insektenweit schien von Inmans Körperflüssigkeiten fasziniert zu sein. Stechmücken sirrten um seine Ohren und stachen ihm durch das Hemd in den Rücken. Zecken ließen sich von dem Gestrüpp am Wegesrand fallen, bohrten sich am Haaransatz und über dem Hosenbund in seine Haut und saugten sich voll, bis sie fett und prall waren. Kriebelmücken
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nahmen seine Augenflüssigkeit aufs Korn. Eine Bremse – eine dicke, schwarze, surrende Masse von der Größe seines vorderen Daumenglieds – verfolgte ihn eine Zeitlang und traktierte seinen Hals. Er versuchte sie totzuklatschen, doch so wild er auch herumzuckte und auf sich selbst einschlug, wenn das Biest sich auf ihm niederließ, um ihm Haut- und Blutstückchen herauszubeißen, er erwischte sie nicht. Die Schläge hallten in der stillen Luft wider. Aus der Ferne hätte man ihn für einen Musikus halten können, der eine neue Art zu trommeln ausprobierte, oder für einen entlaufenen Irren, der den Verstand verloren hatte und sich aus Selbsthaß mit der flachen Hand züchtigte. Er blieb stehen und pinkelte auf den Boden. Kaum war er fertig, ließen sich Morphofalter, deren Flügel in der Sonne wie blau angelaufenes Metall schillerten, zum Trinken an der Lache nieder. Sie schienen ihm viel zu prachtvoll, um Pisse zu trinken. Doch entsprachen sie scheint's der Natur dieser Gegend. Am Nachmittag gelangte er zu einer kleinen Siedlung. Er blieb am Ortsrand stehen und musterte die Szene. Es gab nur einen Laden, ein paar Häuser und einen Schuppen, vor dem ein Schmied gerade an einem Schleifstein kurbelte, um die lange Klinge einer Sense zu wetzen. Er schleift sie falsch, dachte Inman, denn er schärfte das Blatt von der Schneide weg, statt zu ihr hin, und hielt es im rechten Winkel zur Schleifscheibe, statt diagonal. Sonst war niemand auf der Straße. Inman beschloss, es zu riskieren, den weißgetünchten Laden aufzusuchen, um sich etwas Eßbares zu kaufen. Um harmlos auszusehen und keine Aufmerksamkeit zu erregen, steckte er seinen Revolver in die zusammengerollte Decke. Zwei auf der Veranda vor dem Laden sitzende Männer schauten kaum auf, als er die Treppe hinaufstieg. Einer von ihnen war ohne Kopfbedeckung, und sein Haar stand auf einer Seite struppig in die Höhe, als wäre er eben erst aus dem Bett gestiegen und wäre sich seitdem nicht einmal mit den Fingern durch die Haare gefahren. Er war ganz darin versunken, sich
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mit dem Zündkanalreiniger für einen Vorderlader den Dreck unter seinen Fingernägeln herauszupulen. Diese Tätigkeit schien ihn so sehr in Anspruch zu nehmen, dass seine Zungenspitze grau wie ein Gänsefuß aus einem Mundwinkel herausragte. Der andere Mann war in eine Zeitung vertieft. Er trug Überreste einer Uniform, doch der Schirm seines Käppis war abgerissen, so dass nur noch die Krone wie ein grauer Fes auf seinem Kopf saß. Er hatte es so extrem schief aufgesetzt, dass Inman den Eindruck hatte, der Mann wolle bewusst verwegen wirken. Hinter ihm an der Wand lehnte ein schönes, aufwendig gearbeitetes Whitworth-Gewehr mit seitlich montiertem Zielfernrohr aus Messing und vielen feinen Schrauben und Rädchen zum Einstellen der Seiten- und Höhenabweichung. Der sechskantige Gewehrlauf war mit einem Mündungspfropfen aus Ahornholz zugestöpselt, damit kein Schmutz eindringen konnte. Inman hatte bislang noch nicht viele Whitworth' gesehen. Die Gewehre wie die schwer erhältlichen und teuren Patronen aus einer gerollten Papierhülse wurden aus England importiert und waren bei Scharfschützen sehr beliebt. Mit ihrem 45er Geschoss waren sie nicht gerade ein furchteinflößendes Kaliber, auf Entfernungen von bis zu fast einer Meile jedoch erschreckend präzise. Wer das Ziel erfassen konnte und auch nur ein bisschen Treffsicherheit mitbrachte, traf mit einer Whitworth sehr genau. Inman fragte sich, wie Männer wie diese an ein so prächtiges Gewehr gekommen waren. Als er an ihnen vorbei in den Laden ging, blickten sie noch immer nicht auf. Drinnen am Kamin spielten zwei alte Männer auf einem Faßdeckel ein Spiel. Einer der beiden legte seine Hand mit gespreizten Fingern auf die runde Holzfläche. Der andere stach mit der Spitze eines Taschenmessers in die Zwischenräume der Finger. Inman sah eine Weile zu, fand aber nicht heraus, nach welchen Regeln das Spiel funktionierte oder wie man einen Punkt machte, geschweige denn, was geschehen musste, damit einer von beiden zum Sieger erklärt wurde.
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Von den mageren Vorräten, die der Laden zu bieten hatte, kaufte sich Inman fünf Pfund Maismehl, ein Stück Käse, ein wenig Zwieback sowie eine große, eingelegte Gurke und trat dann wieder auf die Veranda hinaus. Die zwei Männer waren fort, schienen aber gerade erst gegangen zu sein, denn ihre Schaukelstühle wippten noch auf und ab. Inman stieg die Treppe hinab, schlug die Richtung nach Westen ein und aß im Gehen. Vor ihm überquerten zwei schwarze Hunde die Straße, von einem Schattenfleck in den anderen. Als Inman den Ortsrand erreichte, kamen die beiden Männer, die zuvor auf der Veranda gesessen hatten, hinter der Schmiede hervor und verstellten ihm den Weg. Der Schmied nahm den Fuß von dem Pedal seines Treibrads und blickte auf. — Wo willst du hin, du Hurensohn? fragte der Mann mit dem Käppi. Inman gab keine Antwort. Er schlang die tropfende Gurke mit zwei großen Bissen hinunter und stopfte den Rest Käse mit dem Zwieback in seinen Brotbeutel. Der Zündkanalreiniger-Mann pflanzte sich seitlich neben ihm auf. Der Schmied, eine schwere Lederschürze um den Bauch und die Sense in der Hand, trat aus dem Schuppen und umrundete Inman, um ihn von der anderen Seite abzufangen. Die Männer waren eher schmächtig, selbst der Schmied, der in jeder Hinsicht für sein Handwerk ungeeignet schien. Sie sahen aus wie Tagediebe, waren möglicherweise betrunken und blickten höchst siegesgewiß drein. Wegen ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit schienen sie sich einzubilden, ihn mit der Sense als einziger Waffe überwältigen zu können. Inman wollte gerade nach hinten in seine Deckenrolle fassen, als die drei gleichzeitig auf ihn zusprangen und mit den Fäusten auf ihn einschlugen. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, sein Gepäck abzunehmen, und versuchte sich, beladen wie er war, zu verteidigen. Inman wehrte sich und wich dabei zugleich nach hinten aus. Das letzte, was er wollte, war, dass sie ihn zu Boden warfen, und so bewegte er sich rückwärts, bis sie ihn an die
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Ladenwand gedrängt hatten. Der Schmied trat einen Schritt zurück und schwang die Sense über seinem Kopf, als wollte er Holz spalten. Er hatte vermutlich vor, Inman mittendurch zu schneiden, ihn vom Schlüsselbein bis zur Leiste aufzuhacken, doch der Schlag war nicht nur ungeschickt, sondern musste schon wegen des gebogenen Sensenblatts mißlingen. Er verfehlte Inman um dreißig Zentimeter, und die Sensenspitze grub sich in die Erde. Inman riss dem Schmied die Sense aus der Hand und gebrauchte sie so, wie es gedacht war – indem er lange, weit ausholende Streiche dicht über dem Boden machte. Er zielte auf die Füße der Männer, als wollte er sie abmähen, und die Männer mussten zurückweichen, damit er ihnen nicht die Knöchel durchschnitt. Es war ihm ein vertrautes Gefühl, eine Sense in der Hand zu halten und damit zu arbeiten, auch wenn er stärker zustieß als beim Mähen von Futtergras, denn hier war er darauf aus, Knochen zu treffen. Doch obgleich er das Gerät zweckentfremdete, merkte er zu seiner Freude, dass sein Umgang mit der Sense – die Art, sie zu halten, der breitbeinige Stand, der leicht schräge Winkel des Messers zum Boden – dem altvertrauten Muster gehorchte und er sich offenbar recht geschickt dabei anstellte. Die Männer hüpften abwechselnd in die Höhe und zur Seite, um der langen Schneide auszuweichen, rotteten sich jedoch jedesmal bald wieder zusammen und kamen auf ihn zu. Inman holte nach den Schienbeinen des Schmiedes aus, doch die Klinge stieß funkensprühend gegen eine Mauer und brach vollständig ab, so dass er nur noch den Sensenstiel in der Hand hielt. Er kämpfte damit weiter, obwohl das krumme und lange Ding nicht gerade ein idealer Prügel war. Aber er erwies sich trotzdem als ein brauchbares Gerät, denn es gelang Inman schließlich, die drei in die Knie zu zwingen, so dass sie aussahen wie mitten auf der Straße hockende Katholiken beim Gebet. Doch er gab erst Ruhe, als alle drei stumm und bäuchlings auf der Erde lagen. Er schmetterte den Sensenstiel quer über die Straße in ein
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Traubenkrautgestrüpp. Kaum hatte er das getan, rollte sich der Schmied auf den Rücken und richtete sich schwankend auf, zog dann unter seiner Schürze einen kleinkalibrigen Revolver hervor und richtete ihn mit zitternder Hand auf Inman. Inman sagte: Knallkopf. Er schnappte sich die kleine Waffe, drückte sie dem Mann unterhalb eines Auges an den Kopf und begann aus schierer Verzweiflung über die Halsstarrigkeit dieser erbärmlichen Typen den Abzug durchzudrücken. Die Zündhütchen schienen jedoch feucht oder sonstwie defekt zu sein. Der Revolver klickte auf vier Kammern, und Inman gab es auf. Er zog dem Mann mit der Waffe nur eins über den Schädel, schleuderte sie dann auf das Dach eines Hauses und ging davon. Als er das Ortsende erreicht hatte, ging er in den Wald und mied alle Wege, um möglichen Verfolgern auszuweichen. Er konnte nicht mehr tun als sich den Nachmittag über im Schutz des Kiefernwaldes weiter in Richtung Westen zu bewegen, sich einen Weg durch das Gesträuch zu bahnen und hin und wieder stehenzubleiben, um zu lauschen, ob ihn jemand verfolgte. Ab und zu vermeinte er in der Ferne Stimmen zu hören, doch nur ganz schwach, und vielleicht bildete er sich das auch nur ein – so wie wenn man an einem Fluss übernachtet und die ganze Nacht Stimmen zu hören glaubt, die zu leise sind, um Genaueres zu verstehen. Da kein Hundegebell zu vernehmen war und es außerdem bald dunkel würde, glaubte Inman sich keine großen Gedanken machen zu müssen, selbst wenn es sich bei den Stimmen um die der Männer aus dem Dorf handelte. Als Richtungsweiser diente ihm die Sonne, die sich auf den westlichen Rand der Erde zubewegte und deren Licht gebrochen durch die Kiefernäste drang. Während er dahinging, fiel ihm eine der Beschwörungsformeln ein, die Swimmer ihm einmal beigebracht hatte, eine Formel von besonders großer Wirksamkeit zur Zerstörung von Leben, und ihr Wortlaut ging ihm unaufhörlich im Kopf herum. Swimmer hatte erklärt, dass
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die Formel nicht auf Englisch, sondern nur in der Sprache der Cherokee funktioniere und somit wirkungslos bleibe, wenn er sie Inman beibrachte. Doch Inman war überzeugt, dass jedes Wort eine Wirkung hatte, deshalb sagte er die Formel beim Laufen vor sich hin und richtete sie gegen die Allgemeinheit, gegen all seine Feinde. Er wiederholte die Worte wieder und wieder – so wie andere aus Angst, oder um sich Hoffnung zu machen, ein Gebet unzählige Male vor sich herleiern, bis es sich so fest in ihrem Kopf eingebrannt hat, dass sie eine Arbeit verrichten oder sogar ein Gespräch führen können, während es sich weiter in ihrem Kopf abspult. Die Worte, derer Inman sich noch entsinnen konnte, waren folgende: Hör mir zu. Dein Weg wird dich ins Land der Nacht führen. Du wirst einsam sein. Du wirst wie eine läufige Hündin sein. Du wirst in deinen hohlen Händen Hundehaufen vor dir hertragen. Während du allein auf das Land der Nacht zugehst, wirst du jaulen wie ein Hund. Du wirst mit Hundekot beschmiert sein. Er wird an dir kleben bleiben. Dein schwarzes Gedärm wird um dich her baumeln. Es wird sich beim Laufen um deine Füße wickeln. Du wirst ein unruhiges Dasein fristen. Deine Seele wird zu einem blassen Blau ausbleichen, der Farbe der Verzweiflung. Dein Geist wird schwach werden und dahinschwinden, um niemals wiederzukehren. Dein Weg führt ins Land der Nacht. Dies ist dein Weg. Es gibt keinen anderen.
Inman sprach diese Worte über eine Strecke von mehreren Meilen vor sich hin, doch er hatte den Eindruck, dass sie lediglich auf ihn selbst zurückprallten. Nach einer Weile rief ihm der Gehalt von Swimmers Worten eine Predigt Monroes ins Gedächtnis, eine Predigt, die wie alle Predigten Monroes mit Zitaten nur so gespickt gewesen war. Er hatte sie nicht etwa auf einem Bibelwort aufgebaut, sondern auf einer rätselhaften Passage von Emerson. Inman hatte eine gewisse Ähnlichkeit zu der Beschwörungsformel festgestellt, wenn er auch Swimmers Formulierung im ganzen vorzog. Die Passage,
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an die sich Inman noch erinnerte und die Monroe während der Predigt viermal in dramatischen Abständen wiederholt hatte, war folgende: Alles, was zeigt, dass Gott in mir ist, macht mich stark. Alles, was zeigt, dass Gott nicht in mir ist, macht mich zu einer Warze und zu einer Geschwulst. Es gibt keinen zwingenden Grund mehr dafür, dass ich lebe. Schon holen mich die langen Schatten des vorzeitigen Vergessens ein, und ich werde schwächer und schwächer werden. Für Inman war es die beste Predigt, die er je gehört hatte, und Monroe hatte sie an jenem Tag gehalten, an dem Inman Ada zum erstenmal sah. Inman hatte den Gottesdienst ausschließlich besucht, um Ada in Augenschein nehmen zu können. In den ersten Wochen nach ihrer Ankunft in Cold Mountain hatte Inman zwar viel über sie gehört, sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. Ihr Vater und sie verhielten sich in der Gegend, in der sie sich niedergelassen hatten, allzulange allzu unbedarft und stellten für viele Haushalte entlang der Flusstraße bald eine Quelle großer Belustigung dar. Auf der Veranda zu sitzen und Ada und Monroe zu beobachten, wie sie in ihrem Einspänner vorbeipolterten, oder Ada bei einem ihrer Spaziergänge auf der Landstraße zu begegnen, faszinierte sie mehr als jedes Theaterstück es getan hätte, und Ada löste ebenso viele Diskussionen aus wie eine neue Produktion im großen Opernhaus an der Dock Street. Alle waren sich einig, dass sie recht hübsch war, machten sich jedoch lustig über ihre Kleidung und ihre pompösen Frisuren nach der Charlestoner Mode. Wenn die Leute sie sahen, wie sie einen blühenden Bartfadenzweig in der Hand hielt, um die Farben zu bewundern, oder wie sie sich bückte, um die Zähne eines Stechapfelblatts zu berühren, behaupteten manche ernsthaft, sie sei verwirrt im Kopf, weil sie den Bartfaden nicht durch bloßes Ansehen erkenne, während sich andere grinsend fragten, ob sie vielleicht so blöde war, Stechapfelblätter zu essen. Es wurde gemunkelt, dass sie mit einem Notizbuch und einem Bleistift umherlaufe und irgend etwas lange anstarre –
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einen Vogel oder einen Strauch, ein Unkraut, den Sonnenuntergang, einen Berg –, und dann eine Weile auf dem Papier herumkritzelte, dass man meinen könnte, sie hätte ein so schlechtes Gedächtnis, dass sie das, was ihr wichtig war, womöglich vergaß, wenn sie es sich nicht notierte. Eines Sonntagmorgens kleidete sich Inman also sorgfältig an – mit einem neuen schwarzen Anzug, weißem Hemd, schwarzer Halsbinde, schwarzem Hut – und machte sich auf den Weg zur Kirche, um Ada in Augenschein zu nehmen. Das war während einer Kaltwetterperiode im Spätfrühling gewesen, als die Brombeeren blühten. Seit drei Tagen war pausenlos ein kühler Regen gefallen. Obwohl es irgendwann in der Nacht aufgehört hatte zu regnen, hatte sich die Morgensonne noch nicht durch die Wolken gebrannt, und der zwischen den Bergkämmen sichtbare Himmelsstreifen war dunkel und tief und vollkommen konturenlos. Die Straßen waren ein einziger saugender Morast, so dass Inman verspätet angekommen war und auf einer der hinteren Kirchenbänke Platz genommen hatte. Es wurde bereits ein Lied gesungen. Jemand hatte im Ofen mit feuchtem Holz Feuer gemacht. Der Rauch quoll aus dem Deckel heraus, schwebte zur Decke hoch und breitete sich an den Holzpaneelen aus, wo er dann wie eine graue Miniaturausgabe des Himmels draußen hängenblieb. Inman musste Ada an ihrem Hinterkopf ausfindig machen – was nicht schwer war, da ihr dunkles Haar zu einem dicken, kunstvollen Zopf geflochten war – eine Frisur, die erst seit kurzer Zeit Mode und in den Bergen noch vollkommen unbekannt war. Unterhalb ihres hochgesteckten Haars waren auf beiden Seiten ihres weißen Halses die zarten Muskelstränge zu sehen, mit denen ihr Kopf gehalten wurde. Dazwischen eine Mulde, eine schattige Vertiefung. Locken, die zu fein waren, um in den Zopf eingeflochten zu werden. Während die Gemeinde das Lied sang, hielt Inman den Blick unverwandt auf diese Stelle gerichtet und war bald – noch ehe er überhaupt ihr Gesicht gesehen hatte – von dem heftigen
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Verlangen erfüllt, seine zwei Fingerspitzen auf diese geheimnisvolle Stelle zu legen. Monroe leitete die Predigt mit einem Kommentar zu dem Lied ein, das sie alle soeben gesungen hatten. Der Liedtext scheine inbrünstig eine Zeit herbeizusehnen, in der sie alle in einem Ozean der Liebe schwimmen würden, sagte er. Doch wenn sie glaubten, es sei möglich, eines Tages von der gesamten Schöpfung geliebt zu werden, hätten sie das Lied mißverstanden. Das eigentlich Erforderliche sei nämlich, dass sie selbst die gesamte Schöpfung liebten. Das sei etwas weitaus Schwierigeres, und, den Mienen der hier Versammelten nach zu urteilen, einigermaßen schockierend und schmerzlich. Die weitere Predigt drehte sich um das gleiche Thema wie alle anderen Predigten, die Monroe seit seiner Ankunft in Cold Mountain gehalten hatte. Sowohl sonntags als auch mittwochs hatte er einzig über das gesprochen, was er für die zentrale Frage der Schöpfung hielt: Warum der Mensch geboren werde, um zu sterben. Das erscheine doch auf den ersten Blick widersinnig. Im Laufe der Wochen hatte Monroe versucht, diese Frage aus jeder nur erdenklichen Richtung anzugehen. Hatte die Bibel befragt. Die Ansichten der Weisen vieler Länder und aller Zeiten gesammelt. Aufschlußreiche Metaphern aus der Natur. Monroe hatte jede nur erdenkliche Stütze zu Hilfe genommen, doch stets ohne Erfolg. Nach mehreren Wochen machte das Gegrummel unter den Gottesdienstbesuchern deutlich, dass der Tod ihm mehr zu schaffen machte als ihnen. Im Gegensatz zu Monroe hielten viele von ihnen den Tod keineswegs für eine Tragödie, sondern eher für eine gute Sache. Sie freuten sich auf die Ruhe. Einige von ihnen hatten die Meinung geäußert, dass Monroe besser daran täte, sich an das zu halten, was der verstorbene Pfarrer gemacht hätte. Die Verdammung von Sündern und das Erzählen von Geschichten aus der Bibel mit unterhaltsamer Inbrunst. Von Baby Moses in seinem Binsenkorb. Dem jungen David mit seiner Steinschleuder.
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Monroe hatte diesen Rat nicht beherzigt und einem der Gemeindeältesten erklärt, dass dies nicht seine Mission sei. Diese Äußerung hatte sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Gemeinde herumgesprochen und war von den meisten so aufgefaßt worden, als zeigte der Gebrauch des Wortes Mission, dass er sie alle für rückständige Wilde halte. Viele von ihnen hatten Geld gesammelt, um Missionare zu tatsächlichen Wilden zu schicken, zu Menschen, die ihrer Vorstellung nach mit Lederhäuten unterschiedlicher trüber Färbungen bekleidet waren und in Gegenden lebten, die weitaus abgelegener und unzivilisierter waren als die ihre, so dass sie diese Bemerkung nicht ohne weiteres schlucken konnten. Um die in seiner Kirchengemeinde aufsteigenden Wogen zu glätten, hatte Monroe seine Predigt an besagtem Sonntag mit dem Satz eingeleitet, dass jeder Mann und jede Frau eine Mission habe. Das Wort bedeute nicht mehr und nicht weniger als eine Aufgabe, sagte er. Eine seiner Aufgaben sei es, sich Gedanken darüber zu machen, warum der Mensch geboren werde, um zu sterben, und er gedenke sich dieser Aufgabe mit mindestens ebensoviel Beharrlichkeit zu widmen wie ein Mann, der ein Pferd zuzureiten oder ein Feld von Steinen zu befreien habe. Und daran halte er sich. In aller Ausführlichkeit. Inman starrte während der gesamten Moralpredigt jenes Morgens auf Adas Hals und vernahm, wie Monroe viermal die Passage von Emerson über die Warzen und die Geschwulste und das Dahinschwinden wiederholte. Nach dem Gottesdienst verließen Männer und Frauen die Kirche durch ihre jeweiligen Pforten. Schlammbespritzte Pferde standen dösend in ihren Zugriemen, Pferdedecken und Gespanne bis zu den Speichen mit Matsch bespritzt. Die Stimmen der Leute weckten die Tiere, und als eine Fuchsstute ihr Fell schüttelte, klang das, als würde ein schmutziger Teppich ausgeschlagen. Der gesamte Kirchhof roch nach Schlamm, nach nassem Laub, nassen Kleidern und nassen Pferden. Die Männer stellten sich hintereinander auf, um
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Monroe die Hand zu schütteln, und danach stapften sie auf dem nassen Kirchhof umher, um mit anderen ein Schwätzchen zu halten und darüber zu spekulieren, ob der Regen nun endgültig aufgehört habe oder nur eine Pause einlege. Einige der Älteren unterhielten sich leise über Monroes eigenartige Predigt, in der gar keine Bibelstellen vorgekommen seien, und darüber, wie sehr sie seine unnachgiebige Haltung den Wünschen anderer gegenüber bewunderten. Die unverheirateten Männer standen mit ihren schlammigen Stiefeln und bespritzten Hosenaufschlägen in einer Gruppe zusammen. Ihr Gerede klang mehr nach Samstagabend als nach Sonntagmorgen, und alle schielten hin und wieder zu Ada hinüber, die am Rand des Friedhofs stand und unendlich fremd und schön und unbeholfen wirkte. Während alle anderen zum Schutz gegen die feuchte Kälte in dicker Wollkleidung steckten, trug Ada ein elfenbeinfarbenes Leinenkleid mit Spitzen an Ärmeln, Kragen und Saum. Sie schien sich bei der Auswahl ihres Kleides mehr nach dem Kalender gerichtet zu haben als nach dem Wetter. Die Arme verschränkt und die Hände an die Ellbogen geklammert, stand sie da. Die älteren Frauen gingen zu ihr hin und sprachen sie an, worauf alsbald ein peinliches Schweigen entstand, bis die Frauen sich wieder entfernten. Inman bemerkte, dass Ada jedesmal, wenn jemand auf sie zukam, einen Schritt rückwärts machte, bis sie schließlich am Grabstein eines Mannes stand, der im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte. — Wenn ich zu ihr hingehe und ihr meinen Namen sage, meinst du, sie sagt dann auch was zu mir? fragte ein Mann namens Dillard, der aus dem gleichen Grund in die Kirche gegangen war wie Inman. — Weiß ich nicht, sagte Inman. — Du wüßtest ja nicht mal, wie du's anstellen solltest, ihr den Hof zu machen, sagte Hob Mars zu Dillard. Überlass das am besten mir. Mars war von kleiner Statur und hatte einen breiten
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Brustkorb. Seine Westentasche, in der eine dicke Taschenuhr steckte, stülpte sich beutelartig aus, und eine Silberkette, an der eine verzierte Uhrtasche hing, baumelte bis zu seinem Hosenbund hinunter. Dillard sagte: Du meinst wohl, mit deinem Bohrer kann keiner mit. — Das meine ich nicht, das weiß ich, sagte Mars. Ein anderer – ein Mann von so schmächtiger Statur und mit einem so häßlichen Gesicht, dass er hier nur als Zuschauer fungierte – meinte: Ich wette hundert Dollar gegen einen halben Ingwerkuchen, dass unten in Charleston schon ein Auserwählter auf sie wartet. — So einer kann ja mal vergessen werden, sagte Hob. Wäre nicht der erste, dem das passiert. Dann starrte Hob zu Inman hin und musterte seine strenge Aufmachung: Du siehst aus wie ein Hüter des Gesetzes, sagte er. Ein Mann, der auf Freiersfüßen ist, braucht 'n bisschen Farbe. Inman befürchtete, sie würden dieses Thema so lange durchkauen, bis einer von ihnen schließlich den Mut faßte, zu Ada hinzugehen und sich zum Narren zu machen. Oder aber sie würden anfangen, sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen, bis sich zwei von ihnen ein Stück die Straße hinunter treffen und gegeneinander kämpfen mussten. Deshalb tippte er nur mit dem Finger an seine Hutkrempe, sagte: Jungs, und ging davon. Er ging geradewegs zu Sally Swanger und sagte: Wenn Sie mich bekannt machen, wäre ich bereit, einen Morgen Neuland zu roden. Sally hatte eine Haube mit einer so breiten Krempe auf dem Kopf, dass sie einen Schritt zurücktreten und den Kopf schieflegen musste, um keinen Schatten mehr vor den Augen zu haben und zu Inman aufsehen zu können. Sie grinste ihn an und strich dabei mit der Hand über eine unechte Brosche an ihrem Kragen. — Ich denke, ich brauche gar nicht erst zu fragen, mit wem,
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sagte sie. — Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, sagte Inman, indem er zu Ada hinblickte, die gerade allein dastand und, den Leuten den Rücken zukehrend, in leicht vorgebeugter Haltung mit scheinbarer Faszination die Inschrift auf dem Grabstein studierte. Der Saum ihres Kleides war von dem hohen, die Gräber bedeckenden Gras durchnässt, und das hintere Ende wies Schlammspuren auf. Mrs. Swanger packte Inman beim Ärmel seines schwarzen Rockes und zog ihn mit sanfter Gewalt über den Kirchhof zu Ada hin. Als sein Ärmel wieder frei war, hob er eine Hand, um seinen Hut abzunehmen; mit der anderen Hand fuhr er sich an den Stellen, die von dem Hut platt- und eingedrückt worden waren, rasch durch die Haare. Er strich das Haar an den Schläfen zurück und rieb sich mit der Hand von der Stirn bis zum Kinn über das Gesicht. Mrs. Swanger räusperte sich, und Ada drehte sich um. — Miss Monroe, sagte Sally Swanger mit fröhlicher Miene. Mr. Inman hat großes Interesse daran bekundet, mit Ihnen bekannt gemacht zu werden. Seine Eltern haben Sie ja bereits kennengelernt. Sie waren es, die diese Kirche hier gebaut haben, fügte sie noch erklärend hinzu, ehe sie sich entfernte. Ada sah Inman direkt ins Gesicht, und zu spät wurde ihm bewusst, dass er sich gar nicht überlegt hatte, was er sagen wollte. Noch bevor er einen Satz formulieren konnte, sagte Ada: Ja? Ihre Stimme klang leicht ungeduldig, was Inman aus einem unerfindlichen Grund amüsierte. Er blickte zur Seite, dorthin, wo der Fluss sich um den Hügel schlängelte, und versuchte krampfhaft, seine Mundwinkel unter Kontrolle zu halten. Die Blätter der Bäume und Rhododendren am Flussufer glänzten feucht und waren vom Wasser schwer. Der Fluss floß zäh und dunkel wie geschmolzenes Glas über unsichtbare Felsen und versank dann in tiefen Mulden. Inman hielt seinen Hut an der Krone fest und blickte, da er nicht wusste, was er sagen sollte, in ihn hinein, als erwarte er aus früherer Erfahrung, dass etwas
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daraus auftauche. Ada sah ihm noch einen Moment lang ins Gesicht und blickte dann ebenfalls in den Hut hinein. Inman, der befürchtete, dass er aussah wie ein vor dem Bau eines Waldmurmeltiers hockender Hund, riss sich zusammen. Er sah Ada an, die ihre Handflächen nach oben drehte und fragend eine Augenbraue hochzog. — Sie dürfen sich Ihren Hut ruhig wieder aufsetzen und etwas sagen, sagte sie. — Na ja, die Leute haben eben so viele Vermutungen über Sie angestellt, sagte Inman. — Es ist so etwas wie der Reiz des Neuen, mit mir zu sprechen, oder? — Nein. — Dann vielleicht so etwas wie eine Herausforderung. Vielleicht von der Runde Dummköpfe da drüben. — Keineswegs. — Nun, dann liefern Sie mir das passende Gleichnis. — Wie wenn man eine Kastanienkapsel aufhebt, zumindest bis jetzt. Ada lächelte und nickte. Sie hatte nicht gedacht, dass er wissen würde, was sie mit Gleichnis meinte. Dann sagte sie: Erklären Sie mir doch bitte folgendes. Vorhin hat eine Frau eine Bemerkung über das Wetter gemacht. Sie nannte es ein Wetter zum Schafetöten. Seitdem frage ich mich die ganze Zeit: Wollte sie damit ausdrücken, dass dies das geeignete Wetter sei, um Schafe zu schlachten, oder dass das Wetter so abscheulich sei, dass es die Schafe von allein umbringt, vielleicht indem sie ertrinken oder eine Lungenentzündung bekommen? — Ersteres, sagte Inman. — Aha, vielen Dank. Sie haben mir einen wertvollen Dienst erwiesen. Sie wandte sich um und ging zu ihrem Vater. Inman sah, wie sie Monroes Arm berührte und etwas zu ihm sagte, dann gingen sie zu ihrer Kutsche, kletterten hinein und fuhren die
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Straße hinunter, bis sie zwischen den mit blühenden Brombeerzweigen umwucherten Zaunreihen nicht mehr zu sehen waren. Gegen Abend hatte Inman die verkrüppelten Kiefernwälder endlich durchquert und fand sich am Ufer eines breiten, angeschwollenen Flusses wieder. Die Sonne stand nur noch ein kleines Stück über dem niedrigen Horizont am anderen Ufer, und es war so dunstig, dass alles mit einem grellen gelben Licht überzogen war. Der Regen war weiter flussaufwärts offenbar stärker gewesen und hatte den Fluss teilweise über die Ufer treten lassen. Selbst wenn Inman ein guter Schwimmer gewesen wäre, hätte er nicht hinüber schwimmen können, so stark war die Strömung und so weit waren die Ufer voneinander entfernt. In der Hoffnung, eine unbewachte Brücke oder einen Steg zu finden, folgte er einem schmalen Fußpfad, der zwischen dem trostlosen Kiefernwald zu seiner Rechten und dem jämmerlichen Fluss zu seiner Linken verlief. Es war eine scheußliche Gegend, die bis auf die Stellen, wo sich rohe Gräben tief in den roten Ton eingefressen hatten, wie plattgehobelt war. Überall nichts als struppige Kiefern. Einst hatten hochwertigere Bäume an ihrer Stelle gestanden, doch die waren vor langer Zeit gefällt worden, und das einzige, was davon noch übriggeblieben war, waren ein paar vereinzelte eßtischgroße Laubbaumstümpfe. So weit Inmans Blick reichte, war der Wald mit Giftsumachsträuchern zugewuchert. Die Pflanze rankte sich an den Kiefern hoch und kroch über ihre Aste. Die abfallenden Nadeln verfingen sich in den gewundenen efeuartigen Schlingen, ließen die Umrisse der Stämme und Aste weicher wirken und erzeugten schwere neue Formen, so dass die Bäume aussahen wie aus dem Boden gestiegene grüngraue Ungeheuer. Der Wald sah aus wie ein unangenehmer und gefährlicher Ort. Er erinnerte Inman an die Zeit der Gefechte entlang der Küste, als ihm ein Mann einmal eine winzige Pflanze gezeigt hatte. Ein merkwürdiges, haariges, in Sümpfen wachsendes
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Gebilde. Es war ein fleischfressendes Gewächs, und sie fütterten es mit kleinen, auf ein Reis gespießten Speckstücken. Wenn man die Fingerspitze an die Stelle hielt, wo der sogenannte Mund war, schnappte es nach einem. Dieser Strauchwald schien nur einen Schritt weit davon entfernt, den gleichen Trick in größerem Maßstab lernen zu wollen. Inman wollte fort, doch der Fluss vor ihm war zu breit, ein kackbraunes Hindernis auf seinem Weg. Die Flüssigkeit darin ähnelte eher Melasse, wenn sie anfängt dick zu werden, als Wasser. Er wollte sich niemals an diese erbärmliche Art von Wasserstraße gewöhnen müssen. Sie entsprach nicht einmal seiner Vorstellung von einem Fluss. Dort, wo er herkam, verband man mit dem Wort Fluss Felsen und Moos und das Rauschen weißen, mit geballter Kraft dahinschießenden Wassers. Dort, wo er herkam, gab es keinen einzigen Fluss, der zu breit war, um einen Stock hinüberzuwerfen, und das Wasser war überall so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte. Dieser breite Graben war ein Schmutzfleck in der Landschaft. Abgesehen von dem gelben, flussabwärts treibenden Schaum, der sich als schwammige Masse vor umgestürzten Baumstämmen sammelte, war der Fluss trübe und undurchsichtig wie braungestrichenes Blech. Übelriechend wie der Inhalt eines Außenklosetts. Während Inman diese Landschaft durchquerte, stieß er sich an allem, was er sah. Wie hatte er dies hier jemals für sein Land halten können, ein Land, für das es sich zu kämpfen lohnte? Er konnte es sich nur mit Dummheit erklären. Das einzige, wofür es sich zu kämpfen lohnte, schien ihm in diesem Augenblick das Recht auf ein ungestörtes Leben irgendwo am westlichen Flussarm des Pigeon River zu sein, oben auf dem Cold Mountain, in der Gegend, wo der Scapecat Branch entspringt. Er dachte an seine Heimat mit den mächtigen Hochwäldern, wo die Luft ganzjährig dünn und kühl war. Wo die Tulpenbäume so dicke Stämme hatten, dass sie an senkrecht
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gestellte Lokomotiven erinnerten. Er malte sich aus, wie er heimkam und sich oben auf dem Cold Mountain eine Hütte baute – in so großer Höhe, dass außer den im Herbst über die Wolken hinwegfliegenden Nachteulen keine Seele seinen traurigen Schrei vernehmen konnte. Wie er ein so stilles Leben führte, dass er gar keine Ohren brauchte. Und wenn Ada mit ihm ginge, bestand vielleicht Hoffnung – wenn auch in so weiter Ferne, dass er sie nicht wirklich sehen konnte –, dass sich seine Verzweiflung irgendwann so abschleifen würde, dass sie so gut wie überwunden wäre. Doch obwohl er überzeugt war, dass man sich etwas ausmalen konnte, bis es eines Tages tatsächlich wahr wurde, nahm dieser letzte Gedanke, so sehr er sich auch bemühte, keine deutliche Gestalt an. Der Hoffnungsfunke in ihm war nicht heller, als wenn jemand auf einem Berggipfel eine dünne Wachskerze angezündet hätte, nach der er aus weiter Ferne hätte versuchen müssen, seinen Weg auszurichten. Er lief weiter, und kurze Zeit später begann es zu dunkeln, und ein Stück Mond schimmerte durch die Wolkenfetzen. Er stieß auf einen am Flussufer endenden Querpfad; auf einem Schild, das jemand an dieser Stelle am Ufer aufgestellt hatte, stand: Fähre. $ 5. Bitte laut rufen. Über den Fluss war ein kräftiges, an einem dicken Pfosten befestigtes und teilweise im Wasser hängendes Seil gespannt. Es tauchte in der Nähe des anderen Ufers wieder aus dem Wasser auf und war dort ebenfalls an einem Pfosten befestigt. Ein Stück weit hinter dem Anlegeplatz erblickte Inman ein auf Pfählen, die über die Hochwassermarke reichten, errichtetes Haus. Hinter einem der Fenster brannte Licht, und aus dem Kamin stieg Rauch auf. Inman rief hinüber, und kurz darauf wurde auf der Veranda eine Gestalt sichtbar, die ihm kurz zuwinkte und dann wieder im Haus verschwand. Wenig später tauchte sie hinter dem Haus wieder auf, ein Einbaumkanu an einem Strick hinter sich her ziehend. Der Bootsführer schob es ins Wasser, kletterte hinein und paddelte in Ufernähe, wo das Wasser langsamer
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floß, gegen den Strom. Die Strömung war auch dort noch ziemlich stark, und er paddelte angestrengt und mit gekrümmtem Rücken dagegen an, dass es beinahe aussah, als wolle er einfach weiter Flussauf fahren. Kurz bevor er Inmans Blick entschwand, wendete er jedoch, richtete sich gerade auf und ließ sich mit der Strömung zurücktreiben, wobei er das Boot mit leichten, kraftsparenden Paddelbewegungen auf das Ostufer zusteuerte. Er tauchte das Paddel dabei nur leicht ins Wasser ein. Das Kanu war alt, das Holz ausgetrocknet und von der Sonne ausgebleicht, und als der Mond durch die Wolken brach, glänzten die ungehobelten, klobigen Seiten über dem dunklen Wasser wie gehämmertes Zinn. Als sich das Boot dem Ufer näherte, an dem Inman stand, erkannte er, dass es nicht von einem Fährmann gesteuert wurde, sondern von einem apfelwangigen Mädchen. Ihr dunkles Haar und die dunkle Haut ließen darauf schließen, dass sie indianisches Blut in sich hatte, dass vermutlich ein Eltern- oder Großelternteil Indianer war. Sie trug ein Kleid aus handgesponnenem Stoff, der, soweit er das in dem schwachen Licht erkennen konnte, von gelber Farbe zu sein schien. Sie hatte große, kräftige Hände, und die Muskeln ihrer Unterarme traten bei jeder Paddelbewegung hervor. Ihr schwarzes Haar hing ihr offen über die Schultern. Sie pfiff beim Näherkommen ein Lied vor sich hin. Am Ufer stieg sie barfuß aus dem Kanu in das schlammige Wasser und zog das Kanu an einem am Bug befestigten Strick hinter sich her. Inman nahm einen Fünf-Dollar-Schein aus der Tasche und reichte ihn ihr. Statt ihn zu ergreifen, blickte sie den Schein nur leicht verächtlich an. — Für fünf Dollar würde ich einem durstigen Mann nicht einmal einen Schöpflöffel voll von diesem Flusswasser geben und ihn schon gar nicht über den Fluss paddeln. — Auf dem Schild steht, dass die Fähre fünf Dollar kostet. — Sieht das hier vielleicht wie 'ne Fähre aus? — Kann man hier nun mit einer Fähre übersetzen oder nicht? — Nur, wenn Daddy da ist. Er hat ein Flachboot, das so groß
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ist, dass ein Gespann mit zwei Pferden draufpasst. Er zieht es an dem Seil da hinüber. Wenn das Wasser so hoch ist wie jetzt, geht das allerdings nicht. Er ist so lange auf die Jagd gegangen, bis der Wasserpegel wieder sinkt. Bis dahin nehme ich den Höchstpreis, den jemand zu zahlen bereit ist. Ich habe mir nämlich eine Kuhhaut gekauft, aus der ich mir einen Sattel machen lassen will. Wenn ich den habe, fange ich an, für ein Pferd zu sparen, und wenn ich das habe, werfe ich ihm den Sattel auf, kehre dem Fluss hier den Rücken und mache, dass ich wegkomme. — Wie heißt denn dieses Ding? fragte Inman. — Na, das ist doch der mächtige Cape Fear River, sagte das Mädchen. — Und was verlangst du für die Überfahrt? fragte Inman. — Fünfzig Dollar, sagte das Mädchen. — Reichen auch zwanzig in Notgeld? — Los geht's. Ehe sie in das Boot klettern konnten, sah Inman in etwa drei Meter Entfernung große ölige Blasen an die Wasseroberfläche steigen. Sie glänzten beim Zerplatzen im Mondlicht und bewegten sich ungefähr in Schrittgeschwindigkeit gegen die Strömung flussaufwärts. Die Nacht war windstill und ruhig, und außer dem Geblubber des Wassers und dem schrillen Gekreische der Insekten in den Kiefern war kein Laut zu hören. — Siehst du das da? fragte Inman. — Ja, sagte das Mädchen. — Wo kommt das her? — Schwer zu sagen, da es vom Grund des Flusses kommt. Das Wasser brach sich so gewaltig und schäumend wie von dem ausgestoßenen Atem einer ertrinkenden Kuh. Inman und das Mädchen blickten den Blasen, die sich gemächlich weiter den Fluss hinauf bewegten, nach, bis der Mond von einer vorübertreibenden Wolkenwand verdeckt wurde und sie in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen waren. — Ist vielleicht ein Wels, der da am Boden rumwühlt, um
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was Eßbares auszubuddeln, sagte das Mädchen. Die ernähren sich von Sachen, die einen Truthahngeier umbringen würden. Hab mal einen gesehen, der war so groß wie ein Eber. War tot auf eine Sandbank gespült worden. Bartfäden so lang wie Schwarznattern. Das ist genau das, was man in einem solchen Fluss vermutet hätte, dachte Inman. Ein schwabbeliges Monstrum von Fisch mit Fleisch, das so wabbelig ist wie Rückenspeck. Er dachte an den großen Unterschied zwischen einem solchen Vieh und den kleinen Saiblingen in den oberen Armen des Pigeon River, deren Wasser den Cold Mountain hinabschoss. Sie waren selten länger als eine Hand. Glänzend und fest wie Splitter von einem Silberbarren. Inman warf sein Gepäck ins Boot, ehe er selbst einstieg und sich am Bug niederließ. Das Mädchen stieg hinter ihm ein und kämpfte gegen die Strömung an, indem sie das Paddel mit starker und sicherer Hand immer nur an einer Seite eintauchte, um einen geraden Kurs zu halten. Das Geplatsche des Paddels übertönte sogar das Gekreische der Insekten. Das Mädchen paddelte von der Anlegestelle ein ordentliches Stück flussaufwärts, wobei sie abermals die schwächere Strömung in Ufernähe ausnutzte. Dann wendete sie das Boot, hörte auf zu paddeln und hielt das Paddel wie ein Ruder ins Wasser. Sie lenkte das Boot mit Hilfe der Strömung in die Mitte des Flusses. Da der Mond verdeckt war, war das jenseits der Ufer liegende Land bald nicht mehr zu erkennen, und sie trieben blind in einer Welt dahin, in der es so schwarz war wie im Bauch einer Kuh. Vom östlichen Anlegeplatz her hallten weit über das Wasser hinweg Stimmen durch die Stille. Es konnte sonstwer sein. Inman konnte sich nicht vorstellen, dass die Männer aus dem Dorf genug Initiative besaßen, um ihm bis hierher zu folgen. Dennoch wandte er sich um und flüsterte dem Mädchen zu: Es ist besser, wenn wir nicht gesehen werden. Doch im gleichen Augenblick tauchte hinter den Wolken eine Ecke des Mondes auf. Bald darauf stand er vollkommen enthüllt in
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einem kleinen ausgefransten Himmelsfenster. Die von der Sonne ausgebleichte Kanuwand leuchtete auf dem dunklen Wasser wie ein Signalfeuer. Sie hörten ein Geräusch, wie wenn Fingernägel über Kordsamt ritzen, und einen lauten Schlag. Dann knallte ein Schuss. Die Whitworth, dachte Inman. Am hinteren Ende des Kanus klaffte in Höhe des Wasserspiegels ein Loch. Braunes Wasser schoss herein – mit einem Strahl, der so gewaltig war wie der einer pissenden Kuh. Inman sah zu der Anlegestelle hinüber und erblickte im Mondlicht eine Gruppe von sechs Männern. Einige von ihnen begannen mit ihren kleinen Pistolen loszuballern, deren Reichweite jedoch zu gering war. Einer der Männer hatte sein Gewehr senkrecht gestellt und stieß mit dem Ladestock ein neues Geschoss hinab. Inman vermutete, dass die Kerle sich vorgenommen hatten, an diesem Abend zum Sport eine Art Waschbärenjagd zu veranstalten; anders konnte er es sich nicht erklären, dass sie nicht längst in das Dorf zurückgekehrt waren. Das Bootsmädchen erfaßte die Situation sofort und setzte ihr ganzes Gewicht ein, um das Boot heftig hin und her zu schaukeln, damit die Außenseiten nass und somit dunkler wurden. Inman riss eine Manschette von seinem Hemd und machte sich gerade daran, das Loch zuzustopfen, als eine weitere Kugel in Höhe der Wasserlinie in das Boot einschlug und ein handtellergroßes Stück Holz herausriss. Das Wasser schoss herein und begann bald den Boden des Bootes zu füllen. — Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns ins Wasser hinabzulassen. Inman dachte zunächst, sie meine damit, sie sollten in Richtung Ufer schwimmen. Da er aus einem Land der seichten Gewässer stammte, bezweifelte er, dass er imstande wäre, eine so weite Strecke zu bewältigen. Was sie hingegen vorschlug, war, sich ins Wasser hinabzulassen, um sich an dem Kanu
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festzuhalten und dahinter Deckung zu suchen. Inman wickelte seine Gepäckstücke in die Wachsplane und verknotete die Enden so fest wie möglich, damit die Sachen nicht nass wurden, falls das Kanu ganz unterging. Dann ließen sich das Mädchen und er gleichzeitig in den Fluss fallen, um sich von der Strömung davontragen, flussabwärts treiben zu lassen. Obgleich die Wasseroberfläche spiegelglatt war und aussah, als könnte sie nicht schneller fließen als zähflüssiger Schlamm, schoss der Fluss mit der Geschwindigkeit eines Mühlgrabens dahin. Das teilweise mit Wasser vollgelaufene Kanu trieb tief im Wasser dahin, nur der schaufelförmige Bug ragte über die Oberfläche hinaus. Inman hatte Wasser geschluckt, und er spuckte wieder und wieder aus, um seinen Mund von dem ekligen Flusswasser zu reinigen, bis er nur noch weißen Schaum herausbrachte. So ekelhaftes Wasser hatte er noch nie zuvor geschmeckt. Der Mond tauchte mal zwischen den Wolken auf und verschwand dann wieder, und jedesmal, wenn genügend Licht da war, um zielen zu können, schlugen Schüsse von der Whitworth in das Boot ein oder auf dem Wasser auf und hüpften dann stotternd über die Oberfläche. Inman und das Mädchen versuchten das fast volle Boot an das westliche Ufer zu ziehen, doch das schwere Ding schien einen eigenen Willen zu haben und gehorchte ihnen nicht. Sie gaben auf und ließen sich einfach weiter treiben, so dass nur ihre Gesichter aus dem Wasser ragten. Sie konnten nichts weiter tun, als sich weiter festzuklammern, abzuwarten, bis der Fluss eine Biegung machte, und hoffen, dass der Abend sich zu ihren Gunsten wenden würde. Aus dieser Perspektive wirkte der Fluss noch breiter als vom Ufer aus. Die gräßliche Landschaft, die beiderseits an ihnen vorüberzog, wirkte im Mondlicht geisterhaft und bedrohlich. Inman empfand sie als so widerwärtig, dass er hoffte, sie werde weder Spuren in ihm hinterlassen noch sich seinem Gedächtnis einprägen. Selbst dort im Fluss konnte er das anhaltende Gekreisch der
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Insekten im Giftsumach vernehmen. Er war nichts weiter als ein kleiner, in einer breiten, kahlen Ebene dahintreibender Kopf inmitten eines dunklen Dschungels voll giftiger Pflanzen. Er rechnete jeden Augenblick damit, den weißen, schnurrbart-besetzten Schlund des Monsterwelses aus dem Wasser auftauchen zu sehen und von ihm verschlungen zu werden. Auf dass nichts weiter von ihm übrigbliebe als der am Grunde dieses Schmutzwassertrogs liegende Fischkot. Während er weiter dahintrieb, wünschte er sich, die Welt lieben zu können, so wie sie war. Er empfand es als eine beachtliche Leistung, dies gelegentlich fertiggebracht zu haben, da es viel leichter war, das Gegenteil zu tun. Zu hassen erforderte keine größere Mühe, als sich umzublicken. Er musste sich eingestehen, dass es ein Zeichen von Schwäche war, wenn er erwartete, alles um ihn herum müsse so beschaffen sein, dass es ihm behagte. Aber bei einigen Orten, die er kannte, war das durchaus weitgehend der Fall. Cold Mountain. Scapecat Branch. Doch um dorthin zu gelangen, musste er zunächst einmal diese hundert Meter Fluss überwinden. Als sie nach einiger Zeit direkt an der Anlegestelle vorüberglitten, wurde der Mond abermals von Wolken verhüllt. Inman konnte die Männer so deutlich sprechen hören, als stünde er mitten in der Gruppe. Einer der Männer – offenbar der mit der Whitworth – sagte: Bei Tageslicht könnte ich dem Kerl mit diesem Ding die Ohren vom Kopf schießen. Es dauerte ziemlich lange, bis der Mond abermals zum Vorschein kam. Inman zog sich ein Stück an der Kanuwand hoch und spähte hinüber. Weit hinten an der Anlegestelle sah er winzige Gestalten mit den Armen fuchteln und wütend auf und ab springen. Während der Abstand immer größer wurde, fielen ihm viele Dinge ein, von denen er wünschte, sie könnten auf die gleiche Weise einfach kleiner und kleiner werden, bis sie schließlich ganz verschwunden wären. Der deutlichste Hinweis auf ihr Vorhandensein bestand aus dem gelegentlichen Aufplatschen eines Geschosses, dem nach
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einem bestimmten Abstand der Knall des langen Gewehrs folgte. Wie Donner und Blitz, dachte Inman. Er nutzte die Zeit, um die Sekunden zu zählen, die zwischen dem Aufschlag einer Kugel und dem schwachen Knall vergingen. Es wollte ihm jedoch nicht einfallen, wie man daraus die Entfernung berechnete. Und er wusste auch nicht, ob hier überhaupt das gleiche Prinzip anwendbar war. Der Fluss spülte sie schließlich um eine Biegung, und die Anlegestelle war nicht mehr zu sehen. Nun konnten sie gefahrlos auf die andere Kanuseite überwechseln, und von dort aus ließ sich das Boot in Richtung Ufer drücken, so dass sie kurze Zeit später an Land kletterten. Die eine Seite des Kanus war so zerschossen, dass es nicht mehr zu flicken war, und so ließen sie es im seichten Wasser schaukelnd zurück und gingen zu Fuß flussaufwärts. Als sie bei dem Haus angelangt waren, gab Inman dem Mädchen als Entschädigung für das alte Kanu noch ein paar Scheine dazu, und sie erklärte ihm, wie er gehen müsse, um auf die nach Westen führende Straße zu treffen. — Ein paar Meilen weiter oben gabelt sich der Fluss in den Haw und in den Deep. Der Deep ist der linke Arm, und dem müssen Sie ein Stück folgen, denn er kommt fast direkt von Westen. Inman lief weiter flussauf, bis er die Gabelung erreichte, und kletterte dann so tief in das Gestrüpp hinein, dass er vom Weg aus nicht mehr zu sehen war. Er wagte nicht, ein Feuer zu entfachen, um sich Maisbrei zu machen, und so aß er nur einen grünen Apfel, den er unterwegs vom Boden aufgelesen hatte, sowie den Käse und den Zwieback, der jetzt intensiv nach Cape Fear River schmeckte. Er scharrte mit den Füßen das Laub auf dem Waldboden zusammen, bis die Schicht dick genug war, um die Bodenfeuchte abzuhalten. Dann streckte er sich darauf aus und schlief drei Stunden. Als er erwachte, schmerzte sein Gesicht von den blauen Flecken, die er sich bei dem Kampf zugezogen hatte. Seine Hände waren von der Flucht durch den Niederwald mit von dem Giftsumach
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hervorgerufenen Blasen übersät. Als er sich über den Hals strich, merkte er an dem frischen Blut an seiner Hand, dass seine Wunde wieder aufgeplatzt war – entweder von der Anstrengung, als er sich gegen die drei Männer zur Wehr gesetzt hatte, oder weil die Schorfschicht im Fluss aufgeweicht war. Er schnallte sich seine Gepäckstücke um und machte sich wieder auf den Weg.
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Lauter ermüdende Tätigkeiten
Die Übereinkunft, zu der Ada und Ruby an jenem ersten Morgen gelangten, war folgende: Ruby würde zu Ada ins Tal ziehen und ihr beibringen, wie man eine Farm führte. Ihre Arbeit würde nur zu einem geringen Teil mit Geld bezahlt werden. Die beiden würden die meisten Mahlzeiten gemeinsam einnehmen, doch da Ruby die Vorstellung nicht benagte, mit jemand anderem zusammenzuwohnen, beschloss sie, in die alte Jagdhütte zu ziehen. Nach ihrem ersten gemeinsamen Mittagessen, das aus Hühnerfleisch und Klößen bestanden hatte, machte sich Ruby auf den Heimweg und wickelte alles, was sich mitzunehmen lohnte, in eine Decke. Sie knüpfte die Enden zusammen, hängte sich das Bündel über die Schulter und brach, ohne sich noch einmal umzusehen, nach Black Cove auf. In den ersten gemeinsamen Tagen machten die beiden Frauen eine Bestandsaufnahme der Farm, wobei sie die zu erledigenden Arbeiten in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit auflisteten. Während sie zusammen über die Farm gingen, begutachtete Ruby alles kritisch und gab dabei pausenlos Kommentare ab. Das Vordringlichste sei es, das Wintergemüse in den Boden zu bringen. Ada ging neben ihr einher und vermerkte alles in einem Notizbuch, in das sie bislang nur kurze Gedichte, Gedanken über das Leben und die wichtigsten Tagesereignisse geschrieben hatte. Jetzt kamen Einträge wie diese hinein: Sofort in Angriff nehmen: Einen Garten mit Gemüse für die kalte Zeit anlegen – Steckrüben, Zwiebeln, Kohl, Kopfsalat, Blattgemüse. Haben wir Kohlsamen vorrätig?
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Demnächst erledigen: Schadhafte Schindeln auf dem Scheunendach ersetzen; haben wir einen Schlegel und ein Spalteisen? Steinguttöpfe zum Einlegen von Bohnen und Tomaten kaufen. Kräuter für Wurmpillen für das Pferd sammeln.
Und so weiter. Unzählige Arbeiten, denn Ruby war offenbar entschlossen, jeden Quadratmeter Boden nutzbar zu machen. Da die Wiesen nicht oft genug gemäht worden seien, drohe das Gras von Wolfsmilch, Scharfgarbe und Traubenkraut verdrängt zu werden, meinte Ruby, aber es sei noch nicht zu spät, um einzugreifen. Dem alten Maisfeld habe es gutgetan, mehrere Jahre lang brachzuliegen, erklärte sie, und man könne es jetzt von Unkraut befreien. Die Nebengebäude seien ganz gut in Schuss, aber der Hühnerbestand sei zu klein. Der Gemüsekeller im Vorratsschopf sei ihrer Einschätzung nach nicht tief genug; wenn sie ihn nicht dreißig Zentimeter tiefer gruben, bestehe die Gefahr, dass darin eingelagerte Kartoffeln während einer Frostperiode erfroren. Wenn es ihnen gelänge, in Flaschenkürbishäusern entlang des Gartens eine Schwalbenkolonie anzusiedeln, würde das helfen, die Krähen zu vertreiben. Rubys Vorschläge erstreckten sich in alle Richtungen und schienen kein Ende zu nehmen. Sie gedachte die Äcker nach dem System der Dreifelderwirtschaft zu bebauen. Plante, eine kleine Kornmühle zu errichten, damit sie ihr feines und grobes Maismehl nach der ersten Maisernte – unter Nutzung der Wasserkraft des Baches – selbst mahlen könnten und ihnen die Zahlung des Zehnten an den Müller erspart bliebe. Eines Abends, kurz bevor sie sich in der Dunkelheit zu ihrer Hütte aufmachte, sagte sie noch: Wir müssen uns ein paar Perlhühner zulegen. Als Spiegeleier taugen ihre Eier zwar nicht viel, aber zum Backen sind sie nicht schlecht. Und es ist einfach nett, ein paar Perlhühner zu haben, selbst wenn man die Eier gar nicht verwendet. Außerdem sind sie in mehrfacher Hinsicht nützlich. Zum einen sind sie gute Aufpasser, und zum anderen haben sie die Schädlinge in einer Reihe
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Stangenbohnen ruckzuck weggefressen. Ihre ersten Worte am darauffolgenden Morgen waren: Hast du eigentlich freilaufende Schweine im Wald? Ada entgegnete: Nein, wir haben unseren Schinken immer gekauft. — Ein Schwein hat etliches mehr zu bieten als nur die zwei Schinken, sagte Ruby. Schweineschmalz zum Beispiel. Davon werden wir eine Menge brauchen. Obwohl Monroe mit seinem Grundbesitz in Black Cove so nachlässig umgegangen war, gab er mehr her, als Ada bewusst gewesen war. Bei einem ihrer ersten Rundgänge zeigte sich Ruby begeistert über die vielen Apfelbäume. Sie waren von der Familie Black gepflanzt und gepflegt worden und wiesen erst jetzt die ersten Zeichen mangelnder Pflege auf. Obwohl sie seit längerem nicht beschnitten worden waren, hingen sie voll mit reifenden Früchten. — Im Oktober, sagte Ruby, werden wir diese Äpfel gegen etliche andere Waren eintauschen können, und folglich im Winter wesentlich besser über die Runden kommen. Sie hielt inne und dachte eine Weile nach: Du hast nicht etwa eine Presse, oder? fragte sie. Als Ada erwiderte, dass möglicherweise irgendwo eine stehe, juchzte Ruby laut auf. — Gegen Apfelmost läßt sich beträchtlich mehr eintauschen als gegen Äpfel, sagte sie. Das einzige, was wir tun müssen, ist, ihn herzustellen. Auch von dem kleinen Tabakfeld zeigte sich Ruby angetan. Im Frühjahr hatte Monroe seinem Lohnarbeiter die Erlaubnis gegeben, sich auf einem kleinen Stück Land Tabak für den Eigenbedarf anzubauen. Obwohl sich fast den ganzen Sommer über niemand um die Pflanzen gekümmert hatte, waren sie erstaunlich groß und buschig geworden und nicht abgefressen, wenn auch das Unkraut zwischen den Reihen nur so wucherte und die Pflanzen dringend gekappt und ausgegeizt werden mussten. Ruby glaubte, dass sich die Pflanzen trotz mangelnder Pflege so gut entwickelt hatten, weil sie unter Beachtung der Mondphasen gepflanzt worden seien. Sie
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schätzte, dass sie mit etwas Glück eine kleine Ernte würden einholen können. Wenn sie die Blätter trockneten, mit Melasse saucierten und zu Priemen wickelten, könnten sie den Tabak gegen Saatgut, Salz, Treibmittel und andere Dinge eintauschen, die sie nicht selbst herstellen konnten. Die Praxis des Tauschhandels beschäftigte Adas Gedanken sehr, da sie davon keine Ahnung hatte und sich doch zugleich mit ihren Geldmitteln so plötzlich am Ende fand. Partnerschaftlich und vertrauensvoll hatte sie Ruby in allen Einzelheiten über ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse ins Bild gesetzt. Als sie Ruby darlegte, mit wie wenig Geld sie auskommen müssten, sagte Ruby: Ich habe noch nie ein größeres Geldstück in meiner Hand gehalten als einen Dollar. Ada sah bald ein, dass auch wenn sie sich wegen der fehlenden Barmittel große Sorgen machte, sie nach Rubys Meinung ohne Geld nicht viel schlechter dran waren als mit. Ruby hatte es immer nach Kräften vermieden, Dinge käuflich zu erwerben, und hegte selbst in besseren Zeiten ein tiefes Mißtrauen gegen Geld als Zahlungsmittel, insbesondere, wenn sie es mit so handfesten Dingen wie Jagen und Sammeln, Pflanzen und Ernten verglich. Rubys tiefes Mißtrauen wurde gegenwärtig noch dadurch untermauert, dass Papiergeld so sehr an Wert verloren hatte, dass man dafür kaum noch etwas kaufen konnte. Bei ihrer ersten gemeinsamen Fahrt in die Stadt hatten sie es kaum fassen können, als man ihnen fünfzehn Dollar für ein Pfund Soda abverlangt hatte, fünf Dollar für ein Heft mit Nähnadeln in drei Größen und zehn Dollar für vierundzwanzig Bogen Schreibpapier. Hätten sie es sich leisten können, hätten sie für einen Ballen Stoff fünfzig Dollar hinblättern müssen. Ruby wies Ada darauf hin, dass sie für Stoff keinen Cent auszugeben brauchten, wenn sie Schafe hätten. Sie könnten sie scheren und die Wolle kardätschen, spinnen, aufwickeln, färben und Stoffe für Kleider und Unterwäsche daraus weben. Ada argwöhnte, dass jeder einzelne dieser von Ruby so locker aufgezählten Schritte viele Tage harter Arbeit bedeutete, deren Ergebnis dann ein paar
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Meter Stoff von der Struktur groben Sackleinens wären. Geld zu haben machte alles viel einfacher. Doch selbst wenn sie welches hätten, wollten die Ladenbesitzer es gar nicht unbedingt haben, da der Wert, noch ehe sie es wieder ausgeben konnten, vermutlich schon wieder gesunken sein würde. Die Leute hatten allgemein das Gefühl, ihr Papiergeld so schnell wie möglich ausgeben zu müssen, da sonst leicht die Gefahr bestand, dass es nicht mehr wert sein würde als ein entsprechend großer Haufen Weizenspreu. Tauschhandel war somit wesentlich sicherer. Und das schien Ruby voll und ganz zu verstehen. Sie hatte den Kopf voller Ideen, wie sie diesbezüglich so viel wie möglich aus Black Cove herausholen könnte. Es dauerte nicht lange, bis Ruby einen Plan aufgestellt hatte. Sie legte ihn Ada dar, damit sie wählen konnte. Bei ihrer Besichtigungsrunde um die Farm hatte sie festgestellt, dass es dort zwei Gegenstände gab, die von Wert und zugleich transportierbar und entbehrlich waren: die Kutsche und das Klavier. Sie glaubte, gegen eins von beiden genügend Waren eintauschen zu können, um damit über den Winter zu kommen. Ada überlegte zwei Tage lang hin und her. In dieser Zeit sagte sie einmal zu Ruby: Es wäre eine Schande, den prächtigen Apfelschimmel zu einem Ackergaul zu degradieren, und Ruby sagte: Pflügen wird er ohnehin müssen, egal wofür du dich entscheidest. Er wird sein Futter genauso abarbeiten müssen wie jeder andere hier. Ada überraschte sich schließlich selbst mit ihrem Entschluß, sich von dem Klavier zu trennen. Es muss allerdings der Wahrheit halber gesagt werden, dass sie das Instrument nicht besonders gut beherrschte, und es zudem Monroe gewesen war, der sie dazu angehalten hatte, Klavier spielen zu lernen. Es war ihm daran so viel gelegen gewesen, dass er einen Lehrer eingestellt hatte, der bei ihnen im Haus gewohnt hatte. Ein kleiner Mann namens Tip Benson, der selten je eine Stellung über längere Zeit behielt, weil er es nicht unterlassen konnte, sich in seine Schützlinge zu verlieben. Ada war da
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keine Ausnahme gewesen. Sie war damals fünfzehn, und eines Nachmittags, als sie gerade eine komplizierte Passage von Bach einübte, war Benson neben der Klavierbank auf die Knie gesunken, hatte ihre Hände von der Tastatur gezogen und die Handrücken an seine Pausbacken gedrückt. Er war damals höchstens vierundzwanzig Jahre alt und recht dicklich, wobei er für seine untersetzte Figur ungewöhnlich lange Finger hatte. Er drückte seine geschürzten roten Lippen auf ihre Handrücken und küßte sie leidenschaftlich. Ein anderes Mädchen in Adas Alter hätte ihn möglicherweise eine Zeitlang zu ihrem Vorteil ausgenutzt, doch Ada entschuldigte sich auf der Stelle, begab sich schnurstracks zu Monroe und erzählte ihm, was vorgefallen war. Die Uhr hatte noch nicht sechs geschlagen, als Benson bereits seine Sachen gepackt hatte und fort war. Monroe stellte unverzüglich eine alte Jungfer als Musiklehrerin ein, deren Kleider nach Kerosin und Achselschweiß rochen. Dass Ada sich entschied, das Klavier gegen andere Dinge einzutauschen, lag zum Teil in dem Gedanken begründet, dass sie in ihrem zukünftigen Leben für die Kunst nur wenig Zeit haben würde, und dass sie das bisschen, was ihr bliebe, mit Zeichnen ausfüllen konnte. Dafür würde sie nichts weiter benötigen als einen Bleistift und Papier. Sie war sich über sämtliche Gründe im klaren, die dafür sprachen, sich von dem Klavier zu trennen. Was sie hingegen dazu bewog, die Kutsche zu behalten, hätte sie nicht zu sagen vermocht. Da war zum einen die Tatsache, dass sie Monroe gehört hatte, doch glaubte sie nicht, dass dies der ausschlaggebende Beweggrund war. Sie hatte vielmehr den Verdacht, das Entscheidende war die mit dem Gefährt verbundene Mobilität. Die in seinen großen Rädern liegende Verheißung, wenn es hart auf hart kam, einfach nur hineinklettern und davonfahren zu können. Sich wie vor ihr die Familie Black von der Einstellung leiten lassen zu können, dass man jede Last abwerfen und jedes verfehlte Leben ins Lot bringen konnte, indem man einfach die Zelte abbrach und sich
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auf den Weg machte. Als Ada ihre Entscheidung äußerte, wurde Ruby unverzüglich aktiv. Sie wusste genau, wer über mehr Vieh und Ernteprodukte verfügte, als er benötigte, und mit wem sich ein vorteilhaftes Tauschgeschäft machen ließe. In diesem Fall fiel ihre Wahl auf den alten Jones am East Fork. Sie wusste, dass seine Frau schon seit längerem mit einem Klavier liebäugelte und versuchte deshalb, so viel herauszuhandeln wie nur möglich. Jones musste als Gegenwert schließlich eine rotbunte Zuchtsau, ein Ferkel und hundert Pfund grobes Maismehl herausrücken. Außerdem meinte Ruby – in Anbetracht der Tatsache, dass Wolle in so vielerlei Hinsicht nützlich war, insbesondere bei den gegenwärtig hohen Stoffpreisen –, dass es nicht schaden könne, ein paar der kleinen Bergschafe zu besitzen, die nicht viel größer waren als ein ausgewachsener Hund mittelgroßer Rasse. Deshalb überredete sie Jones, noch ein halbes Dutzend davon dazuzugeben. Außerdem eine Fuhre Kohlköpfe. Und einen Schinken und zehn Pfund Speck von dem ersten Schwein, das er im November schlachtete. Wenige Tage später hatte Ruby die Schweine und die kleinen Schafe, unter denen auch zwei schwarze waren, nach Black Cove getrieben. Sie scheuchte sie auf die Hänge des Cold Mountain, damit sie sich den Herbst über ihr Futter selbst suchten, sich von dem mästeten, was sie finden konnten, denn das würde eine Menge sein. Ehe sie die Tiere ziehen ließ, zog sie ihr Messer heraus, stutzte ihnen als Erkennungszeichen mit zwei glatten Schnitten die linken Ohren und schlitzte sie dann an einer Stelle ein, so dass alle Tiere quiekend und blökend und mit blutüberströmten Köpfen bergwärts flohen. Eines Nachmittags kam Old Jones mit einem Wagen und einem zweiten alten Mann, um das Klavier zu holen. Die beiden standen lange im Wohnzimmer und betrachteten das Instrument. Der zweite alte Mann sagte: Ich bin nicht sicher, ob wir das Ding heben können, worauf Old Jones sagte: Wir haben es bezahlt, also muss es mit. Nach unendlichen Mühen
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hatten sie es schließlich auf den Wagen gehievt, wo sie es festzurren mussten, denn es ragte hinten ein ganzes Stück über die Ladefläche hinaus. Ada saß auf der Veranda und sah zu, wie ihr Klavier davonfuhr. Der ungefederte Wagen polterte über jede Furche und jeden Stein, so dass das Klavier zum Abschied seine eigene beängstigende und mißtönende Melodie spielte. Ada verspürte kein großes Bedauern, musste aber, während sie den Wagen davonfahren sah, an eine Gesellschaft denken, die Monroe im letzten Winter vor dem Krieg vier Tage vor Weihnachten gegeben hatte. Sämtliche Wohnzimmerstühle waren an die Wände gerückt worden, damit in der Raummitte Platz zum Tanzen war, und alle, die Klavier spielen konnten, hauten abwechselnd in die Tasten, spielten Weihnachtslieder, Walzer und sentimentale Salonweisen. Im Eßzimmer war der Tisch beladen mit kleinen Schinkenbrötchen, Kuchen, dunklem Brot, gefüllten Pasteten und einer Kanne Tee, die den Geruch von Orangen, Zimt und Nelken verströmte. Da keine Baptisten zugegen waren, verursachte die Tatsache, dass Monroe Champagner ausschenkte, nur einen kleineren Skandal. Sämtliche Petroleumlampen brannten, und die Leute bestaunten ihre Glaszylinder, deren Öffnungen geformt waren wie sich öffnende Blüten – damals etwas ganz Neues und noch nicht weit verbreitet. Sally Swanger allerdings befürchtete, dass sie explodieren könnten, fand ihr Licht außerdem zu grell und meinte, dass dünne Wachskerzen und das Licht vom Kamin ihren alten Augen besser bekämen. Gegen Abend bildeten sich Grüppchen von Gleichgesinnten, die beieinandersaßen und miteinander plauderten. Ada saß bei den Frauen, ließ ihre Blicke jedoch ständig durch das Zimmer schweifen. Sechs alte Männer zogen ihre Stühle vor den Kamin und unterhielten sich über die sich im Kongreß zusammenbrauende Krise, nippten dabei an ihren Sektflöten und hielten sie gegen das Licht, um die Perlen zu bestaunen. Esco sagte: Wenn es zu einem Kampf kommt, werden die
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Unionisten uns alle niedermetzeln. Als ihm andere in der Gruppe heftig widersprachen, blickte Esco in sein Glas und sagte: Einen Mann, der so perlenden Schnaps brannte, würde man für verrückt erklären. Auch die jungen Männer beobachtete Ada mit milder Neugier, Söhne hochgeschätzter Gemeindemitglieder. Sie saßen in einer Ecke am anderen Ende des Wohnzimmers und unterhielten sich lautstark. Die meisten von ihnen verschmähten den Champagner und nahmen nur hin und wieder halb verstohlen einen Schluck aus ihren mit Korn gefüllten Flachmännern. Hob Mars, der bei Ada kürzlich einen ziemlich erfolglosen Annäherungsversuch gemacht hatte, verkündete so laut, als waren seine Worte an den ganzen Saal gerichtet, dass er nun schon seit einer Woche Abend für Abend die Geburt des Erlösers feiere. Er brüstete sich damit, von den Gesellschaften, die so langweilig gewesen seien, dass sie schon vor dem Morgengrauen geendet hätten, heimgegangen zu sein, indem er sich mit Pistolenfeuer den Weg geleuchtet habe. Er griff nach dem Flachmann seines Sitznachbarn und nahm einen Schluck. Dann rieb er sich mit dem Handrücken über den Mund, besah sich die Hand und rieb noch einmal. Der haut mächtig rein, sagte er laut und reichte die Flasche zurück