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Ganz herzlichen Dank, dass du dich für den Roman
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salve, mule! let’s go!
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erwärmt hast!
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Viel Spaß und gute Unterhaltung!
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Olaf W. Timmroth
http://www.besuch-von-nebenan.de/
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rig h
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[email protected]
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth
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Olaf W. Timmroth
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salve, mule! let’s go!
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Ein Roman
Copyright © 1998-2004 by Olaf W. Timmroth / Germany
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth
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I
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Die Luft war trocken, es roch nach altem Papier und
Körperausdünstungen, aber auch nach einer Spur Tod, die
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mehr und mehr nahte, sich verdichtete, aus dem Nebel trat und mich für den Bruchteil eines Augenblicks meine Blä-
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hungen vergessen und auf das entfalten dieser zaghaften Knospe hoffen ließ. Doch sie lebte nicht - und ich hörte wieder das Lachen. Ein bitteres, ein böses Lachen. Und sie
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lachten und lachten. Es nahm kein Ende. Meine Ohren
laf
dröhnten, Wut verfärbte sie purpurn.
In einer lächerlich wirkenden Pose hing ich wie ein
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dahingeworfenes, kunstvoll gefaltetes Gästehandtuch auf einem unbequemen, harten Holzstuhl und sah mit seitlich verdrehtem Kopf zu ihnen auf. Mein Hals signalisierte Schmerz, aber sonst empfand ich nichts. Speichel mit dem Geschmack erdbeersüßer Mordgier sammelte sich auf meiner Zunge und seilte sich über den rechten Mundwinkel
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zwischen meinen Oberschenkeln zum Boden ab. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich aufspringen und beide gleichzeitig erwürgen können. Den einen mit der Linken,
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den anderen mit der Rechten - und schnapp! Würgend ihr abstoßendes Hohn lachen zerquetschen. Ein für alle Mal
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die längst fällige abgestandene Luft aus ihnen lassen. Jesus, hatten die ein verdammtes Glück, dass ich
mich zurückhielt. Na ja, genau genommen war ich zwangsgehemmt und tat mich deshalb bei der Umsetzung meines
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Vorhabens etwas schwer. Kräftig genug war ich wohl, allein die Beherrschung zu verlieren, gelang mir nicht.
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In weiser Voraussicht legten mir die beiden Rohlinge Handschellen an, führten sie um ein Tischbein herum und
zerrten meinen Stuhl einen halben Meter nach hinten weg,
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so dass mein Kopf auf die Knie nickte und sich mein Hin-
tern in Windeseile auf der abgerundeten Kante des Stuhls
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haltsuchend ausbalancierte. Es drückte ein wenig quer,
möchte ich mal sagen. Vorbei mit aufrecht sitzen. Gepflegter Rundrücken war angesagt. Ganz klar, dass sie so
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ungestraft ihre Späße mit mir treiben konnten.
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Die Situation war mir nicht ganz neu, die Haltung dagegen schon. Äußerlich regte sich kein Muskel an mir, weil diese Begebenheit eben nichts grundlegend Neues offen-
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barte und meine gewöhnungsbedürftige Pose kein schmerzloses Muskelspiel zuließ.
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„Wollte er oder wollte er nicht?“ „Der Butler wollte!“
„Nein, nein, James wollte nicht!“ „Doch! Er wollte, konnte aber nicht!“ Wie spaßig! So ging es in einem fort. Ich bin beileibe kein
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Kostverächter, leihe einem anständig schmutzigen Witz gern beide Ohren, aber mein Verständnis für solcherart Humorausbrüche hat Grenzen. Wenn ich etwas wirklich nicht ausstehen kann, dann sind es zusammen-
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geschusterte, völlig deplazierte Witze ohne Pointe. Wie nennt man eigentlich den Witz eines Witzes? Staats-
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Diener? Ja, ich heiße James Wollter - na und?
Und damit auch das gleich geklärt ist: Ich bin weder Butler noch Komiker - und war es auch nie.
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Geboren wurde ich als kleines rotes, vom Ast gepurzeltes Käfigkind; war hässlich wie ein Teller Hafergrütze
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und zu allem entschlossen. Heute ist das alles anders.
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Aber der Reihe nach.
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II
Eifrige Geschäftigkeit deutete am Nachmittag dieses 26. Oktober im Stürmberger Polizeipräsidium Feierabend-
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stimmung an. Türen knallten, irgendwelche Menschen stürzten durch schmucklose Gänge; rempelten uns an,
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grummelten ohne aufzusehen und hasteten weiter durchs grelle Neonlicht in die Nächsten hinein. Merochs und sein Partner zerrten mich an einer
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Handschelle hinter sich her zur erkennungsdienstlichen Behandlung, wie sie die Schweinereien mit einer Farbe, die
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zu lösen mir erst beim siebenden Waschgang glückte, verhüllend umschrieben. Mit geübter Hand rollte Merochs die angeschwärzten Fingerkuppen meiner Hände über weißes Papier.
„Warum haben Sie sich freiwillig gestellt?“
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Fasziniert sah ich auf die Hinterlassenschaften meiner Finger und Handflächen in den schwarz geränderten Feldern. Ob man das verkaufen kann? Bestimmt. Musst nur einen finden, der sich freut und dafür löhnt, dann ist es Kunst
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und teuer.
So viele kleine Kringel zählt also ein Verbrecher. Doch ei-
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gentlich war ich ja gar kein Verbrecher, nur eine Nummer. Zwölf Kästchen mit den Kringeln einer Nummer. Nummern begehen keine Verbrechen. „Sie müssen nicht antworten. Ihre Vernehmung wird erst in Wünschen stattfinden. Wir sind nur neugierig. Es ist nun mal nicht alltäglich, dass sich einer wie Sie stellt.“
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Einer wie ich? Hohoho! Wohl Autogrammjäger? Ich unterließ es, vor den beiden meine Gründe auszubreiten.
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Wie sollten ausgerechnet zwei trieblose K 21-Bullen meine Beweggründe verstehen, war ich mir doch selbst nicht
mehr sicher, warum ich es tat und weshalb mich mein Weg
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der letzten Wochen bis zu diesem Tisch führte. Einerseits
hegte ich Zweifel, andrerseits war ich recht froh und auf ei-
im
ne eigenartig traurige Weise erleichtert.
Bei der sich anschließenden Fotosession bewerkstelligte es Merochs Juniorpartner nicht, den Film manuell
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zu transportieren. Technik zum Schmunzeln. Ich war sehr gespannt, zu sehen, wie ein Profi einen echten Harakiri hin-
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legt. Früher mal sah ich das in einem Film. War nicht sehr appetitlich. Aber hochinteressant. Eigentlich könnte er mir
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die kleine Freude machen.
Unablässig stieß mein Seppukuanwärter unflätige
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Flüche aus und zitterte mit fiebrig langen, spindeldürren Fingern um das zarte, schutzlose schwarzsilbrige Gerät, bis er beschloss, dem Japaner mit deutscher Geduldsamkeit zu begegnen. Und, siehe da, schon nach zwanzig Minuten hatte er meine drei Fotos im Kasten und befahl mir
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entnervt, zu jenem Tischchen zu gehen, an welchem ich zuvor - wie wir in Fachkreisen zu sagen pflegen - Klavier
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spielte.
Lustlos tapste ich die fünf Schritte am Kamerastän-
Co
der vorbei zum Tisch und sah mich fragend nach ihm um. „Setzn!“
Wenn du meinst. Junior kniete neben mir nieder, löste routiniert wie ein alter Bulle die Handfessel von meinem linken Handgelenk, forderte mit einem kräftigen Ruck meinen rechten Arm zum nachgeben auf, führte den blitzenden Stahl um das ange-
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knabberte linke Tischbein herum und ließ ihn wieder an meinem Handgelenk einrasten.
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Huch, mächtig verkeimt hier unten, war das Erste,
was mir nach dem unvermittelten Hechter durch den Kopf ging. Und das Zweite: Sieht so der Dank für meine Reser-
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viertheit aus? Keinen Mucks gab ich von mir, als du mit dem Japaner kämpftest. Gelangweilt sah ich zur Decke,
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tapfer hielt ich geistreiche Bemerkungen nieder und tötete den aufsteigenden, quälend drängenden Lachkrampf ab.
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Alles weitere ist bereits bekannt.
Sie drehten mir ihre Rücken zu, schaukelten sich
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hoch und ich kaute an meiner Wut. Schmerzliche dreißig Minuten vergingen, dann endlich nahte die Erlösung. Zwei Uniformierte schoben sich in den Raum als müssten sie ih-
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ren Körpern vor jeder Bewegung gut zureden. Der eine lüpfte seine Schirmmütze und wischte sich mit dem Hand-
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rücken über die trockene Stirn; der andere hielt sich die Dunstkiepe vors Gesicht und gähnte angestrengt. Danach ging alles sehr schnell. Sie wickelten mich vom Pflock - und schwups fand ich mich auf einem muffi-
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gen Zellentrakt im Keller wider. Mitten auf dem Gang saß ein Doppelpack in Grün an
einem kümmerlichen Tischchen und füllten mit heraushängender nachdenklicher Miene irgendwelche Formulare aus.
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Vielleicht verfassten sie auch Lyrik oder hakten den Speiseplan ab, so genau habe ich das aus drei Meter Abstand
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nicht erkennen können. Es erschien mir auch nicht so wichtig. Mein müder Begleiter stupste mir in die Seite und be-
fahl mit schleppendem Stimmchen, all die guten Sachen aus meinen Taschen vor den beiden Gelehrten auszubreiten. Artig kam ich seinem höflich vorgetragenem Wunsche
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nach. Ich war heilfroh, keinen Striptease hinlegen zu müs-
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sen. In ihrem Verlies zog es fürchterlich. Während einer der Protokollführer meine Habselig-
keiten, die aus einem silbernen Drehkugelschreiber, einer
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silbernen Halskette mit silbernem Wassermannanhänger,
einem silbernen Dupont-Feuerzeug, einem silbernen Ziga-
im
rettenetui, einer silbernen Handgelenkkette und einem
schwarzen Ledergürtel mit silberfarbener Schnalle bestanden, und von denen ich mich nur schweren Herzens
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trennte, lieblos in einen hundekotbraunen Karton mit dem vielsagendem Schriftzug „Erdbeer-Konfitüre“ warf, zählte
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sein Kollege meinen unermesslichen Reichtum. Bei 20,49 DM brach er ab und übertrug die Zahlen akkurat mit ruhig entworfenes Formblatt.
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geführter Schönschreibschrifthand in ein eigens dafür
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Nicht zu glauben, der andere schleuderte mein Geschmeide doch tatsächlich in einen klebrigen Marmeladentrog. Ja, und außerdem war das Ding auch noch viel zu groß. Doch ich hielt mich zurück, schlug die Zähne aufeinander und verfolgte mit geballten Fäusten in
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den Hosentaschen die Flugbahn meiner Kleinodien. Die grünen Männlein waren in der Übermacht. Nichts von alldem würde ich vor meiner Entlassung
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wieder zwischen die Finger bekommen, so der psychologisch schwergewichtige Einschüchterungsversuch des
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Schmuckweitwerfers. Die paar Tage, dachte ich, und fühlte mich schlagartig besser. Hastig warf ich Blicke über das Papier. Sie drängelten, hätten noch Wichtigeres zu tun. „Aus Gründen, die zur Schädigung von Leben und Gesundheit sowie zur Beschädigung fremder Sachen geeignet seien“, las ich und kritzelte ein halbes Dutzend
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Mal meinen Namen. Deshalb also. Natürlich sah ich nun ein, dass die Formalitäten unerlässlich waren.
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Aber ließe sich dieses zweckmäßig formulierte, dieses verspielte und zugleich kesse Sprüchlein nicht auch
als Warnhinweis an Fußbälle, Biergläser oder Automobile
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anbringen? Und weshalb, fragte ich mich weiter, beließen
sie mir ausgerechnet die Schuhbänder? Sollte ich sie darNein, nein, sie hatten Wichtigeres zu tun.
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auf hinweisen? Oder kommentarlos auf den Tisch legen?
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Auf dem Weg zur Schlafstelle, so an die sechs Meter den Flur entlang, beschlich mich im Duster der Kellerge-
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wölbe ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Ohne netten Plausch löste sich unsere heitere Männerrunde auf. Meine Konversationsbestrebungen ignorierend, bohrte einer der
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Sheriffs in der Nase. Er bohrte tief, wurde aber nicht fündig, so dass er den Meißelrhythmus intensivierte, was verständ-
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licherweise keinen Dialog mit mir zuließ. Die anderen drei taten es ihm zwar nicht nach, folgten jedoch seinen Bemühungen mit verstohlen neugierigen Blicken, so als erwarteten sie nach dem heben das aufteilen außer-
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gewöhnlich seltener Fundstücke. Blitzartig durchfuhr mich das Entsetzen. Ich hätte
wissen, daran denken müssen, dass so etwas geschehen konnte, bevor ich den wahnwitzigen Entschluss fasste,
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mich auszuliefern. Mir schauderte, meine Hände zitterten, Schweiß ergoss sich über meinen Körper und mein Magen
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wollte unbedingt noch einmal herzeigen, was ich ihm vor Stunden zuführte. Unbeweglich stand ich da, starrte hinauf in das fahle Licht der nackten, sich schamhaft in einer kleinen, quadratischen Vertiefung über der Tür versteckenden Glühlampe. Hilfesuchend umklammerten meine eiskalten Hände die Gitterstäbe, wurden feucht und glitten an ihnen
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hinab. Tränen tauchten meine Perspektive unter einen dichten Schleier. Und irgendwo - weit, sehr weit weg - sah
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ich ein sanftes weißes schimmern um ein verschwommenes dunkles Nichts. „Wie spät?“, fragte ich leise den Geologen.
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„Nach sechs“, beschied er mürrisch, schlug das Eisengit-
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ter und kurz darauf die schwere Zellentür ins Schloss. III
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Verstört warf ich den Kopf herum. Angst trocknete meine Augen. Scheppernd verhakte sich sein hässliches
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mausgraues Maul, rastete ein, verband sich mit der umlaufenden Mauer zu einem Ganzen. Kein Entrinnen. Ich fühlte mich beengt und bedroht. Auf puddingweichen Knien
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wankte ich durch den Schlund der Hoffnungslosigkeit als folge ich einem gespannten Gummiband. Was mich an-
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trieb, ich kann es nicht sagen. Oder doch: Eigentlich trieb mich nichts, ich wurde getrieben. Wieder dieses Zucken. Kalte Blitze durchfuhren alle Glieder. Mein Körper bebte, doch sah ich mich nicht um,
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als das zweite stählerne Schleusentor sein meterhohes gefräßiges Maul schloss, mich gefangen nahm, würgte und verschlang. Ich sah nach vorn und mir wurde kotzübel. Die Sonne schien, prasselte unbarmherzig auf mich
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hernieder. Ein wunderschöner Tag für ein Picknick im Grünen. Und höllisch heiß für einen Tag Anfang Februar. Ich
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schwitzte nicht. Warum wurde es nicht dunkel? Kommt wohl noch. Bitte etwas Regen, nur einen kühlenden Schauer. Wer friert, lebt. Ich fror nicht. ***
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Erst neun Monate lag das zurück. Fast auf den Tag genau. Bevor ich an diesem freundlichen Februartag durch
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das Haupttor der Jugendstrafanstalt in Ichtershausen, ei-
nem ehemaligen Kloster, das irgendwann korrigiert wurde, schiedenen volkseigenen Gefängnissen herum.
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schlenderte, drückte ich mich fünfzehn Monate in ver-
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Ichtershausen war nicht irgendein Jugendknast. Wen die Justiz des Arbeiter- und Bauernstaates hierher karrte, der war entweder Gewaltverbrecher oder Wiederholungstä-
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ter. Schon mit fünf Jahren war man dabei und durfte sich unter Mörder, Bankräuber und auch Republikflüchtlinge
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mischen; sie sogar als Freunde gewinnen, wenn man was anständiges vorzuweisen hatte.
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Während sich die Mehrheit mitten im Vollrausch der Pubertät befand, glitt ich zufällig - oder vielleicht auch nicht
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- genau an diesem Tag charmant und leichtfüßig über die vielgepriesene Schwelle zur Volljährigkeit. Doch irgendwie wollte es mir nicht so richtig feierlich ums Herz werden. Mag sein, es lag daran, dass noch fünfundvierzig Monate vor mir lagen. Kein Pappenstiel, aber mir machte das alles
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überhaupt nichts aus. Natürlich nicht! Festgenommen wurde ich übrigens auf der Herren-
toilette des Hauptbahnhofs. Drei Monate später verurteilte
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mich ein Jugendschöffengericht des Bezirksgericht Nord wegen versuchter Republikflucht zu sechzig Monaten Ju-
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gendhaft. Den Qualm verdankte ich den Aussagen zweier Klassenkameraden. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es keine x-Beliebigen, sondern wirklich dicke Schulfreunde waren. ***
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Acht Tage verbrachte ich mit Nichtstun auf der
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Zugangsabteilung während deren die Leitung knobelte, auf welche Gruppen sie uns neun Neuzugänge am zweckmä-
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ßigsten verteile.
Als ehrlicher und unaufdringlicher Junge, der ich
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nun einmal war, sagte ich ihnen, um Missverständnissen
vorzubeugen, gleich am ersten Tag, was ich von ihnen hielte und sie mich höflicherweise könnten, wenn ihnen mal
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danach sei. Da mussten sich die Herrn aber erschrocken haben, denn sie knobelten und knobelten, knobelten und
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knobelten - oder taten jedenfalls so. Reine Zeitverschwendung, denn ich wiederholte nur, was ich drei Wochen zuvor auch schon meinen Verurteilern anbot.
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Ihr Ergebnis blieb ohne Alternative und nannte sich verschärfte Einzelhaft. Eine ebenso umständliche wie blö-
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de Bezeichnung für ein simples Fingerschnippen. Zum Davonlaufen! Irgendwas oder irgendwer moderte vor sich hin. Die Luft stand - und ich mittendrin, nackt vor dem Tresen der Effektenkammer auf dem schummeri-
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gen Dachboden des zweistöckigen Häuschen nur wenige Schritte von der Zugangsabteilung über den Hof. Und plötzlich fror ich. Mir wurde kalt, richtig furchtbar kalt. So kalt, dass ich... dass mir... Oh, nein! Ich hob den Kopf,
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schlug die Backenzähne fest aufeinander und verzog mein Gesicht zu einer Miene, die ausdrücken sollte, „Wer jetzt
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Witze macht...“ Den Rest schenkte ich mir. Keiner interessierte sich für meine Gedanken. Also änderte ich die Zielrichtung und dachte ungeniert weiter. Ich schrie, oder besser, ich flehte in mich hinein: „Komm schon, komm schon.“ Er hatte sich verkrochen, so klein gemacht, dass eine halbe Walnussschale genügte, ihn unsichtbar werden
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zu lassen. „Jetzt wird nicht Verstecken gespielt. Hör auf damit! Mach mir keinen Ärger. Bitte, bitte!“ Wie beiläufig
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sah ich auf die verstreut am Boden liegenden Kleidungsstücke, die ich auf Zugang habe tragen müssen, streifte
ebenso beiläufig über die Stelle, an der ich ihn vermutete,
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doch schien es, als habe ich ihn nun erst recht einge-
schüchtert. Von Begeisterung jedenfalls keine Spur. „Tu
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mir das nicht an. Komm her, Mann!“ Nichts. Er regte sich
nicht. „Willst du wohl!“ Nichts. „Wie du willst. Fortan sollst du fahnenflüchtiger Karottenstumpf Hermann heißen“,
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knurrte ich und griff geschwind nach der Unterhose. Mit unruhigen Fingern riss ich sie vom Tresen und schlüpfte
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hinein. Schon wärmer. Sehr viel wärmer. Weniger hastig streifte ich den dünnen, ausgewaschen blauen Overall, den mir einer der drei Kammerkalfaktoren reichte, über, schnür-
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te die ausgetretenen, absatzlosen schwarzen Halbschuhe an mir fest und schob das dunkelblaue Schiffchen entspre-
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chend der Anstaltsordnung vorschriftsmäßig auf den Kopf. Nur natürlich viel lässiger.
Kaum eine Armlänge entfernt stand Oberleutnant Borrmann zu meiner Linken und betrachtete mit wissenschaftlichem Forschungsdrang seit einer viertel Stunde
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stumm seine Fingernägel.
Er und zwei Schlüsselschwinger brachten mich von
Zugang hierher. Beim überqueren des Hofes stellte sich mir Borrmann als Erzieher jener Gruppe vor, derer ich zu-
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geteilt wurde, weil nun einmal jeder Jugendliche einer
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Gruppe zugeteilt werden müsse. Meine erste Begegnung mit ihm lag einen Tag zu-
rück. Beim Zugangsgespräch im Aufenthaltsraum der Zugangsabteilung gehörte er der fünfköpfigen Kommission an. Sie saßen vor rotweißgekästelten Gardinen hinter Schultischen. Ich stand und erzählte bruchstückhaft von meiner Verurteilung. Lust hatte ich keine, fast alles stand in
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meiner Akte. Was nicht darin stand, ging sie auch nichts an. Sie fragten nach meiner Familie, wie ich so in der Schu-
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le und beim Sport gewesen sei; welche Pläne ich für die
Zeit nach meiner Entlassung habe und ob ich eine Freun-
din hätte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie wollten mich
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verarschen. Ich wurde sauer und fragte, ob ich denn we-
nigstens früher rauskäme, erzählte ich ihnen schlüpfrige
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Geschichten. Daraufhin bot mir einer „eine kräftige auf
mein großes Schandmaul an“ und Borrmann, der während der zehnminütigen Aushorche regungslos aufrecht auf sei-
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nem Stuhl saß und einen blauen Kugelschreiber, den er wie eine Zigarette zwischen den Fingern der rechten Hand hielt,
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inspizierte, fragte mich, ohne den Blick vom Studienobjekt abzuwenden, nach den Gründen, die zu meiner Festnahme
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führten.
Gründe? Welche Gründe? Sieben unscheinbar ge-
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kleidete Herren nahmen meine beiden Freunde und mich auf dem Bahnhof fest. Schleiften uns vom Pinkelbecken weg. Dabei taten wir nichts Unrechtes, standen einfach nur da, pinkelten, rauchten und amüsierten uns über anstößige Kritzeleien an den Kacheln vor uns.
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Zuerst dachte ich an Kinderräuber oder so was, brachte meine Fäuste in Position und brüllte: „Ich darf nicht mit fremden Männern mitgehen!“. Doch die Kinderräuber waren schneller, warfen sich auf mich und legten
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mir eine Acht an. Die erste Acht in meinem Leben. Und die war wirklich total echt. Gott, war ich Stolz auf das Ding. Ich
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verdrehte den Kopf, sah in die Leidensmienen meiner Freunde, hob die Hände wie zum Gruß - Hunderte kleiner Blitze schossen über meine Acht hinweg - und rief ihnen zu: „Jetzt sind wir wer!“ „Halt die Luft an!“, befahl irgendeiner hinter mir.
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Jetzt war ich mir ganz sicher, dass die Kinderräuber Abgesandte der Staatsmacht waren.
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„Seht her, sie haben Angst!“, sagte ich laut und lachte vergnügt.
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Weit nach Mitternacht, die Vernehmungen waren abgeschlossen und meine Freunde nach Hause geschickt,
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stellten sie mir meinen Hauptgewinn zu. Beide hatten un-
abhängig voneinander Protokolle unterschrieben, in denen es hieß, ich habe die Absicht geäußert, die Deutsche De-
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mokratische Republik illegal zu verlassen. Ein
gewöhnliches, sieben Zentimeter kleines Klappmesser, das
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ich immer bei mir trug, und wie es sich vermutlich in der Hosentasche jedes Sechszehnjährigen gelernten DDRBürgers finden ließ, untermauerte ihre Behauptung und
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brach mir schließlich das Genick.
Es war mir egal. Ich war hungrig und immer wieder fielen
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mir die Augen zu.
Versuchte Republikflucht unter Anwendung einer Waffe, nannten sie es. Ganz was schlimmes. Sie meinten bestimmt nicht mich.
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Meinten sie doch. Denn nun stand ich vor Borrmann und schob mit beiden flach aufgelegten Händen mein Schiffchen noch eine Idee in Richtung rechtes Ohr. Borrmann zupfte unsichtbare Fussel von seiner dunkelblauen
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Uniform und sagte: „Das haben allein Sie sich zuzuschreiben. Denken Sie mal nach. Sie machen alles nur noch
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schlimmer als es ohnehin schon ist. Kommen Sie zur Vernunft.“ Ohne es rational begründen zu können, war mir
Borrmann auf Anhieb irgendwie, na ja, sagen wir mal, jedenfalls nicht so richtig ganz sympathisch. Und doch fühlte
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ich mich von diesem schlanken Mittdreißiger angezogen. Sein babyarschglattes, urlaubsgebräuntes Gesicht allein
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konnte unmöglich diese Kraft erzeugen. Dazu wirkte es zu weich, zu anfällig. Woraus schöpfte dieser Teufel? Wurde
ich Opfer seiner aufgesetzt abweisend, desinteressiert ge-
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langweilten Art und vielleicht auch der überdeutlichen,
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jedes Wort betonenden, leisen, hinterhältigen Sprache? Quatsch nicht rum, mach die Tür auf.
„Ich bin müde“, sagte ich schnippisch, langte nach der ü-
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belriechenden, braunen Pferdedecke auf dem Tresen; klemmte das kratzige Ding unter den rechten Arm, steckte
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beide Hände in die Taschen des Overall, drückte mich am fussel-suchenden Borrmann vorbei und folgte den beiden Ober-meisterdienstgraden die Holztreppe hinunter und ügelbes Gebäude.
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ber den Hof in ein kleines, freistehendes, einstöckiges
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Ich meine natürlich ein Gartenhäuschen. Hängepetunien bepflanzte Blumenkästen suchte ich zwar vergebens, doch fiel mir im entzückend kleinen Vorraum gleich die Schreibblockgroße Glasscheibe im Mauerwerk zu meiner Rechten auf. Eine wirklich durchdachte Lösung. Öffnen ließ
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sie sich nicht, dafür aber hatten durchblickende Aufseher eine nur anderthalb Meter entfernte, ocker Farbe abstoßende Wand vor sich. Und beugten sie sich dann nach vorn und drehten den Kopf mal nach links, mal nach rechts, ka-
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men sogar noch die Eingangstür und bestimmt zwei
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Zellentüren hinzu. Locker schlenderte ich durch den Vorraum auf einen
quer verlaufenden fensterlosen Flur. Er lag im Halbdunkel. Das lustlose Glühlämpchen aus dem Vorraum brachte keine Erleuchtung. Es tat sich schwer, vielleicht wollte es auch keinen Schritt um die Ecken wagen. Ich atmete flach in kleinen Häppchen. Zunächst glaubte ich, einer der
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Schließer habe einen mächtigen Koffer abgestellt, doch hier hinten wurde aus dem Koffer die Gepäckabfertigung
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eines internationalen Flughafens. Ich dachte nicht weiter nach und atmete mehrere Male tief ein. Mein Brustkorb
blies sich auf wie ein Ballon, der, ließe man ihn gewähren,
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im nächsten Augenblick die ihm eingepresste Luft mit ho-
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hem Druck angewidert ausstieß.
Als Kinder spielten wir oft in der Kanalisation unserer Stadt. Manchmal Verstecken, meistens aber erschlugen
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wir Ratten. Übler Fäkaliengestank war mir nicht fremd, es befremdete mich nur, ihn nun auch in der Wohnung zu ha-
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ben.
Sechs pedantisch ausgerichtete dunkelbraune Zellentüren des Gebäudes.
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verteilten sich wie Pferdeboxen über die gesamte Breite „Links! Leg die Decke hintn aufn Haufn drauf!“, befahl mir
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ein übergewichtiger Schließer.
Gehorsam trabte ich die sechs Meter bis zum Ende des Gangs. Unmittelbar neben der Zelle mit der schwarzen Nummer eins auf der Tür türmten sich zwei Stapel Seegrasmatratzen auf. Der eine mit neun, der andere mit sechs
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dieser, selbst in mattem Licht gut erkennbaren, versifften Teile. Auf dem kleineren Haufen machte ich etwas aus, das ich für zwei ordentlich zusammengelegte Pferdedecken hielt. Ich nahm die Hände aus den Hosentaschen und warf
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meinen Lappen achtlos dazu. „Mach das anständig, du Sackgesicht!“
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Ich tat einfach so, als hätte ich ihn nicht gehört. Überlegte es mir aber anders, als mich sein Bummi mit voller Wucht auf dem Rücken traf und mich ein furchtbar lästiger Schmerz zusammenfahren ließ. „Los, anständig die Decke da drauf, sonst setzt’s noch was!“
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Danke für den freundlichen Hinweis. Schon überredet. Lächelnd nahm ich sie auf, legte sie ordentlich zusammen
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und zurück auf die beiden anderen.
„Geht doch. Man muss bei euch Gesindel nur etwas nachhelfen. Komm, hier geht’s rein, du Schwein!“
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Gib mir für eine Minute deinen Bummi; nur eine Minute - und ich zertrümmere dir deine aufgeschwemmte
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Visage. Mit funkelnden Augen drehte ich mich eine halbe
Drehung nach rechts, musterte das Grinsen im feisten Gesicht des Schließers, der abwartend neben der geöffneten
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Tür lauerte, und sagte: „Nach Ihnen, Herr... äh?“
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„Rein ins Loch!!!“, schrie das Ferkel mit hochrotem Kopf. Ich ging hinein als suche ich nach Beginn der Vorstellung einen Platz im Kino und zuckte zusammen, als er
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das Gitter hinter mir zuwarf und abschloss. Ich drehte mich nicht um, spannte jeden Muskel meines Körpers und zuck-
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te doch wieder zusammen, als er die beiden Riegel vor die Tür schob und den Schlüssel zwei Mal im Schloss drehte. Zelle eins war keine Zelle. Es war der wahrgewordene Albtraum, den zu träumen ich vermied. In meiner Verzweiflung trat ich wie ein ausschlagender Gaul mehr-
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fach gegen das Gitter. Mein Rücken schmerzte, und ich kämpfte mit den Tränen. „Gib Ruhe, sonst setzt’s noch mehr!“ Zum dritten Mal zuckte ich zusammen und hasste mich da-
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für.
Du bist ein Knacki in Einzelhaft. Halte dich daran! Sei gefäl-
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ligst hart und lass diese verdammt weibische Schreckhaftigkeit. Doch sein Angebot kam derart schnell und unver-
hofft, dass ich mich erschrocken umwandte und mit aufgerissenen Augen zunächst das Gitter anstarrte, bevor
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mir gewahr wurde, dass er mich durch den Spion in der Tür
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beobachtete. Mein Albtraum bestand aus vier Quadratmeter Finsternis hinter einem eigenen Zaun. So von der Art eines
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Hundezwingers - nur vielleicht nicht ganz so komfortabel. Dem eingehenden Trettest entnahm ich, dass die Einfrie-
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dung keinen Strom führte.
Der Tür gegenüber eine Fensteröffnung, bei der das Gitter nicht wie sonst bei klassischen Bauwerken diesen Typs
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üblich, auf der Außenseite, sondern innen angebracht war. Vielleicht um Unbeholfenen den Gang zu erleichtern. Nur
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einen spaltbreit ließ sich das maulwurfsgraue Milchglas kippen - nach außen. Was sich dahinter verbarg, es blieb mir verborgen. Ein außen um die Fensteröffnung ange-
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brachter, geschlossener grüngelber Drahtglaskasten mit dunklem, möglicherweise lebendig, saftig grünem Moos-
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teppich nahm mir die Kraft der Sonne, die Hoffnung des Regens und die Philosophie der Winde. Er saß wie der Deckel auf einem Einweckglas, das Großmutter weit hinten im feuchten Kellerregal vergaß. Ich sah auf dieses Loch in der Wand und fragte mich,
rig h
ob ich nicht viel zu viele Gedanken daran verschwendete, denn schließlich war ich hart, unbeugsam und überhaupt ein schlimmer Finger. Im Rücken die stumme Traurigkeit des Zaunes, der
py
wie ein Moskitonetz von der Decke zum Boden fiel und sich quer durch die Zelle von einer Wand zur anderen spannte.
Co
Womöglich ein Qualitätsprodukt des Stahlwerkes Riesa Knackischweiß vom Anfang an. Und dahinter meine Vestibül, wenn ich mal so sagen darf. Ein schönes Vestibül. Brach lag es da, erstreckte sich vom Zaun bis zur einem Meter zwanzig entfernten Tür. Nein, keine Tür. Es musste
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etwas anderes sein. Türen haben Klinken, Sargdeckel haben niemals Klinken.
oth
Wände, Decke und Fußboden in den ruhigen Farben nasser Friedhofserde. Eine schwachbrüstige Glühbirne oberhalb des Deckel, in einer Vertiefung hinter einem
mr
Schutzgitter. Das arme Dinge strengte sich an, gab ihr Bestes, und erhellte mein Daheim doch kaum mehr als es eine
im
Kerze vermochte. Irgendwann erlosch es.
Zwei in der Höhe versetzt angebrachte dunkelbraune Bretter, über Betonstützen fest in der linken Wand veran-
.T
kert, dienten als Stuhl, Hocker... was auch immer, jedenfalls zum hinsetzen und als Tisch.
W
Unmittelbar neben dem Sitz, in der Ecke links unterhalb des Fensters, ein Kübel. Kübel - das Imagemobiliar harter Jungs. Skeptisch musterte ich meinen ersten Kübel,
laf
kniete schließlich vor ihm nieder, klappte die kreisrunde, schwarze Plastiksitzfläche hoch und öffnete den darunter Metall.
tb yO
liegenden Deckel. Mausgraue Farbsplitter bröselten vom „Scheiße!“, brummte ich und warf in einem Schub von Atemnot angewidert den Kopf zurück. Abgestandene Vernehmerzimmerluft schlug mir entgegen, traf mich un-
rig h
vorbereitet und hart wie Dickerchens Bummi. Daher also das atemberaubende Bukett des Zellenhäuschens. Ich erholte mich schnell und wagte einen erneuten Vorstoß. Mein Blick fiel ins Innere. Der Eimereinsatz war leer. An seinen
py
Wänden hafteten fingerdicke schwarzbraune Ablagerungen, die mehr Bakterien beherbergten als ein
Co
Kreiskrankenhaus. „Sollte mich nicht wundern, wenn hier schon während der Kreuzzüge reingeschissen wurde“, blabberte ich mit Blick auf die leckere Kruste, welche einem Hornissennest mit gleich vielen gedeckelten und leeren Zellen nicht ganz unähnlich war.
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Ja, und dann hätte ich mich um Haaresbreite beinahe doch tes Engelsgesicht über diesen Pott halten zu müssen,
oth
noch übergeben. Allein der Gedanke, mein jugendlich zarbewahrte mich vor unkontrolliertem Aktionismus und sehr
wahrscheinlich auch vor beschleunigter Alterung, Haaraus-
mr
fall, Erblindung, Mundgeruch, Fußpilz und Impotenz.
Was mochten die beiden verstaubten Röhrchen wohl
im
führen, die sich unterm Fenster schüchtern durch mein
spartanisches Appartement schlängelten. Ich hatte da so einen heißen Verdacht, berührte sie mit den Fingerspitzen
.T
und zuckte sogleich zurück. Dann umschloss ich mit der Hand das obere Röhrchen. Lauwarm. Mein Ofen schlum-
W
merte, auch im Winter - und sogar tagsüber.
Ich setzte mich auf den kalten Betonboden, streckte die Beine lang aus, lehnte mich an meinen Ofen und begut-
laf
achtete das letzte Möbel: Ein flach an der rechten Wand angebrachtes Holzbrett. Holzbrett ist vielleicht ein ganz
tb yO
klein wenig übertrieben für die paar grob zusammengenagelten Latten. Bis auf ein paar Zentimeter auf der Zaunseite und der Fensterwand, füllte es die gesamte Breite der Wand. Ein sehr schlichter, doch um so praktischerer Wandschmuck. Ich stand auf und versuchte das Brett zu
rig h
befreien. Fehlanzeige. Wie gemein: Es hielt sich an einem Vorhängeschloss fest. Einem sehr billigen. Aber ohne Werkzeug spielte auch das nur eine eher untergeordnete
py
Rolle.
So, da wären wir also. Ich habe mich umgesehen, al-
Co
les angeschaut. Wirklich alles. Ehrlich wahr. Und, was soll ich sagen, ich bin kein bisschen beeindruckt. Tabak habe ich nicht gefunden, und auch keinen Feuerstein. Ihr könnt mich jetzt wieder abholen. Hallo, hallo, holt mich hier rauaus! Ihr wollt mich nicht rauslassen, richtig? Richtig! Wie
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ihr wollt, dann bleibe ich eben hier. Macht mir gaaaaar Scheiße, macht mir doch was aus! Verdammte
oth
nichts aus. Scheiße, ich habe keine Lust auf dieses Dreckloch. Ich
werde blöd hier drinnen. Macht den Deckel auf! Bitte! Ich
mr
ersticke doch. So wird das nichts... Dann zieht doch we-
im
nigstens gleich den Vorhang zu.
Spät am Abend, längst hatte sich mein Appartement ihr kleines schwarzes übergestreift, öffnete sich, so gegen
.T
22 Uhr, weil sich die Zeitabläufe in allen Knästen gleichen, die Tür und ein Schwall gedämpften Lichts ergoss sich ü-
W
ber mich.
„Nimm dir drei Matratzenteile und eine Decke“, sagte ein kleiner, uralter Schließer in überraschender, angenehm
laf
höflicher Tonlage und schloss dabei mit ruhiger, geübter Hand meine Zauntürchen auf.
tb yO
Kraftlos und müde ging ich an ihm vorbei, trat auf den Flur hinaus und tat, was mir aufgetragen wurde. Zwischenzeitlich entfernte Opa das Vorhängeschloss von meinem Wandschmuck, kam mir nach und knipste von außen das Licht in meiner Wohnung an.
rig h
Wieder in der Zelle, legte ich die Matratzen auf den Tischersatz, ließ das Brett herunter, breitete die drei Teile darauf aus und wartete, was als nächstes auf mich zukäme. Der zutrauliche Alte verschloss das Gitter, sah mich
py
an und sagte in väterlichem Ton: „Junge, überlege dir genau, was du tust. Es ist noch keinem gelungen. Nach
Co
einigen Wochen hat noch jeder aufgegeben. Du kannst mir glauben, ich bin schon sehr lange hier und habe schon einiges gesehen und erlebt. Gute Nacht... und denk über meine Worte nach.“
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„Nacht“, erwiderte ich leise und hoffte, der Schwätzer möge endlich den Deckel verriegeln, um mich aufs Bett werfen
oth
zu können.
Die Tür knallte ins Schloss, ein Schlüssel drehte sich
mr
mehrmals in ihm, dann ging das Licht aus. Dunkelheit - von einer Sekunde auf die andere. Und mit einem Satz lag ich
im
auf dem Brett unter der Decke.
Wovon sprach dieser versponnene Zwerg? Was ist noch keinem gelungen? Worüber soll ich nachdenken? Ja,
.T
und was tue ich denn? Was wollte mir der Alte sagen? Hält sich wohl für besonders intelligent und glaubt, deshalb in
W
Rätseln sprechen zu dürfen. Ich weiß nicht, was abgeht, und das Stück Trockenobst belegt mich. Ob er weiß, dass er eine volle Knastmacke hat? Wohl kaum.
laf
Und werde ich in ein paar Tagen ebenso delirieren? Schon möglich, aber mir total Brust. Wenn es soweit ist,
tb yO
merke ich es ohnehin nicht. Und wenn doch, dann ist es eben noch nicht weit genug. Geduld, mein Freund, was Bessres kann dir fast nicht passieren. Kaum hatte ich die Augen geschlossen und mich ei-
rig h
nem anregend schlüpfrigen Traum genähert, klirrte irgendein Nachtwächter sein schweres Schlüsselbund gegen die Zellentür, knipste das Licht an und sah durch den Spion. Instinktiv sprang ich jedes Mal von der Pritsche, be-
py
zog vor dem Fenster Stellung und machte mich voll zum Löffel. Im Halbschlaf nahm ich Ausbrüche höchster Belus-
Co
tigung wahr. Irgendwie fand ich das gar nicht lustig. Doch steckte
mir die Reaktion seit der Untersuchungshaft noch im Blut. Dort tönte allmorgendlich eine ohrenzerreißende Hupe durchs Haus. Wer das Wecksignal überhörte, konnte unmöglich noch unter den Lebenden weilen. Kurz darauf flog
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die Zellentür auf. Alle Insassen hatten stramm vor dem Fenster Aufstellung genommen und einer, in aller Regel
oth
der, der Mund und Augen aufbekam, erstattete lautstark
Meldung: „Guten Morgen, Herr Hauptwachtmeister! Zelle
Vierhundertzwölf mit drei Inhaftierten! Keine besonderen
mr
Vorkommnisse!“
Der Angebrüllte nickte selbstzufrieden, trat einen Schritt
im
zurück und ein Kalf reichte eilig das herein, was sie gerne auch als Frühstück bezeichneten.
.T
Nach zwei Tagen, oder besser Nächten, hatte ich herausgefunden, was sie mit ihren stündlichen Störmanövern
W
bezweckten. Von da ab war Schluss mit Löffel. Ich hob nur noch einen Arm oder wackelte mit einem unter der Decke hervorgestreckten Fuß, um meinem besorgten Nachtwäch-
laf
ter zu zeigen, dass ich zu Hause sei und mich bester Gesundheit erfreue. Dann schlief ich friedlich weiter - bis
tb yO
zur nächsten Runde.
Wecken war um sechs. Locker aus dem Handgelenk, ersetzten ein paar kräftige Schläge mit dem Schlüsselbund gegen die Tür das Hupsignal. Nach dem Aufschluss brachte ich Matratzen und Pferdedecke zurück auf den Flur,
rig h
klappte meinen Wandschmuck hoch, nahm den Kübeleinsatz und schlenderte zum anderen Ende des Bunkers als befände ich mich auf dem Weg zum Bäcker. In Zelle Nummer sechs leerte ich den Kübelinhalt in eine
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richtige Toilettenschüssel und drückte eine richtige Wasserspülung. Die hatten wirklich jeden Schnickschnack.
Co
Dann wusch ich mich am einzigen Waschbecken mit eisig kaltem Wasser. Übrigens einem winzigen Ding, das zudem meinem Kübel frappant ähnelte. Immer fand sich irgendwo auf dem Beckenrand eine
Ecke Kernseife. Und auch an Zahnbürsten herrschte kein Mangel. Ich wählte eine unter den fünf auf der Ablage in
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Brusthöhe über dem Waschbecken liegenden aus und schrubbte meine Zähne. Es war ein schönes Gefühl, sich sicht ließ ich an der Luft trocknen, und meine Hände
oth
etwas aussuchen, selbst bestimmen zu können. Mein Ge-
wischte ich an das Handtuch, welches Freitags gewechselt
mr
wurde.
im
Eines Morgens, ich vermute, es war der siebente
Tag, entdeckte ich auf der Ablage eine Tube Chlorodont 69. Es war ein Morgen wie jeder andere: Kein Mond, der doch sandte er einen Lichtblick.
.T
mich führte; kein Sonnenstrahl, der mich wärmte - und
W
Ein Schließer musste die Zahnpasta vergessen haben. Sofort war ich hellwach. Ich lauschte, ob sich ein Schlüssel näherte und hörte ein dumpf hämmerndes Ge-
laf
räusch - mein wild klopfendes Herz. Blitzschnell schnappte ich die Tube, drückte deren Inhalt einen fingerbreit nach
tb yO
oben, faltete den Tubenfalz zwei Mal um und bog sie solange hin und her, bis sie abbrach. Geschwind ließ ich es im Overall verschwinden, knickte das Ende der Aluminiumtube weitere zwei Mal und legte sie zurück auf die Ablage.
rig h
Arrestanten unterlagen einem strikten Sprechverbot. Obwohl mir nicht ganz klar war, welche Strafe mir drohte, umging ich dieses Verbot, da sie mir bereits alles gaben, was sie anzubieten hatten, hielt ich es dennoch ein. Aber
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nur, weil einem überzeugten Morgenmuffel wie mir nichts
Co
besseres hatte passieren können. In Gegenwart eines Schließers begrüßten wir uns mit
einem Lächeln und einer kurzen Kopfbewegung. Was selten genug geschah, denn die meiste Zeit verbrachte ich allein im Dunkel der frühen Morgenstunden. Nach der erfrischenden Morgentoilette und dem sichern des Holzbrettes mittels Vorhängeschloss, erhielt ich
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mein Frühstück - zwei Schwarzbrotscheiben mit hauchdünn aufgekratzter dunkelroter Marmelade und ein
oth
halbvolles Plastiktässchen geschmacksneutralen Tees zum runterspülen.
Abends klebte irgendwo zwischen den beiden Brotschei-
mr
ben Wurst, manchmal auch Käse. Mittags servierte man etwas warmes in einer Plastikschüssel mit Plastiklöffel.
im
Insgesamt nicht üppig, aber ausreichend.
Beim täglichen Hofgang entrann ich der Abgeschie-
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denheit und Einsamkeit meiner Tage, wenn auch nur für kurze Zeit. Sechzig Minuten lief ich vor dem Zellenhäu-
W
schen im Kreis. Jeden einzelnen Augenblick unter freiem Himmel genießend. Ich kannte weder gutes noch schlechtes Wetter, nur die Gier auf ein paar Schritte in Freiheit. Ja,
laf
in Freiheit - auch wenn es merkwürdig klingen mag. Schneller und schneller, so als verlängere sich die Zeit, lie-
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fe ich so weit wie irgend möglich. Ich drehte meine Runden, trampelte lächelnd durch Pfützen und nickte vergnügt, tippte sich einer der beiden zur Überwachung abgestellten Schließer an die Stirn. Zu anderen Gefangenen, drehten sie nun mit mir ih-
rig h
re Runden oder gingen sie nur vorüber, musste ich zwei Meter Abstand halten. Stehen bleiben, miteinander sprechen oder sich gar auf den Boden setzen führte zum
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sofortigen Abbruch des Luftschnappens. Ihren Verboten zeigte ich die Brust, denn ich liebte
diese Vorschriften. Ich wollte laufen, laufen, laufen, niemals
Co
wieder stehen bleiben. An keiner Stelle verweilen, nur eilen, weiter, weiter, vorwärts streben. Und sprechen? Worüber? Was hatte ich schon zu erzählen. Ich sah nährende Erde und ziehende Wolken. Das gehörte mir - ganz allein nur mir.
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In diesem reizvollen Fluidum verbrachte ich zwei vol-
oth
le Wochen, an deren Ende ich fest davon überzeugt war,
jeder weitere Tag triebe mich dem Tod in die Arme. Tagsüber turnte ich am Zaun, führte Selbstgespräche oder
mr
schlief auf dem kalten Boden liegend. Der Deckel öffnete
sich zu den Mahlzeiten, zum Hofgang und zur Nachtruhe.
im
Die Abstände waren groß genug, um gelegentlich auch mal meinem Klappbett etwas Bewegung zu verschaffen. Aus dem Kragen meines Overall fummelte ich den Alumi-
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niumfalz der Zahnpastatube und drückte und drehte sie einige Sekunden im Schloss. Vernahm ich sein ungeduldiKragen, bevor ich es losband.
W
ges Knacken, verbunkerte ich zunächst den Schlüssel im Ausgesprochen erholsam waren die Tagesstunden auf ihm
laf
freilich nicht. Ruhen war durchaus drin, schlafen nein. Unablässig suchte ein Ohr den Flur vor meiner Wohnung ab.
tb yO
Empfing es Geraschel, gar Klimpern, sprang ich vom Brett, klappte es hoch, ließ das sich nicht selten sträubende Schloss einschnappen und legte mich unschuldig schlafend auf den Boden.
rig h
Sieht man mal von Borrmanns Gegenwart ab, mangelte es mir an nichts. Nicht das er mir irgendwie abging. Ich hätte nur zu gern gewusst, weshalb ich in verschärfte Einzelhaft kam. Rein der Ordnung halber. Neugierig war ich
py
bestimmt nicht. Überraschenderweise besuchte er mich am vierzehnten
Co
Tag. Flankiert von zwei Schließern baute er sich vor meinem Zaun auf und fingerte desinteressiert an seinem korrekt sitzendem Plastikgezwirn. „Wie haben Ihnen die zwei Wochen gefallen?“, fragte er, an mir vorbei auf den Kübel starrend. Ich folgte seinem Blick.
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„Ich habe sie genossen, Genosse“, provozierte ich in meiner gewohnt charmanten Art.
oth
„Möchten Sie auf Gruppe?“ „Gern.“ „Noch gerner. Oder gibt’s das Wort nicht?“
mr
„Und arbeiten?“
„Also los!“, sagte Borrmann, lächelte zuvorkommend, als
im
böte er einem Mütterchen beim heruntertragen des Abfalls seine Hilfe an, und befahl seinen Lakaien: „In AbsondeHalbschuhe kehrt und verließ mich.
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rung!“, machte auf den Absätzen seiner hochglanzpolierten Ich warf den Kopf herum. Meine Augen weiteten sich, mein
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Mund war trocken und unter den Armen traten Bäche über die Ufer. Der will mich töten, war mein erster Gedanke. Ganz langsam, peu à peu.
laf
Wohl blöd geworden, das Dingsda. Ich werde nicht zulassen, dass der mich umbringt. Nicht der! Ich werde ihm die
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Brust zeigen. Ganz einfach die Brust zeigen. Aus! Basta! Von der Einzelhaft in die Absonderung. Na, wenn das nicht Ölwandwechsel bedeutet. Ohne weiteres Aufsehen klemmte ich die Pferdedecke untern Arm und folgte den beiden von Borrmann zurück-
rig h
gelassenen Schließern zur Kammer, wo mir dieselbe Ausstattung an Bekleidung, Bettwäsche, Decken, Besteck und dergleichen Notwendigkeiten, wie sie jeder andere auch erhielt, feierlich überreicht wurde.
py
Feierlich, weil mich die beiden Kalfaktoren gleichermaßen höflich und doch kumpelhaft begrüßten. Außerdem grins-
Co
ten sie unentwegt. Und daran trug nicht allein meine Frage „Trägt das der gutgekleidete Knacki dieses Jahr?“ beim überstreifen der Kleidung bei. Es waren ganz einfach nette Burschen, die, ohne dass ich darum bat oder dafür zahlte, Stapel von Wäsche nach den besterhaltensten Stücken durchwühlten. Selbst ein Offiziersstoff-Schiffchen, die nur
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von einer Handvoll Auserwählter, den durchsetzungsfähigsten und somit höhergestellten getragen wurden,
oth
steckten sie mir zu.
Nachdem ich mich in eine komplette Garnitur weißer Feinrippunterwäsche, in kratzige, dicke graue Militärso-
mr
cken, einen nagelneuen dunkelblauen Schlosseranzug und
ebenfalls neue schwarze Halbschuhe gehüllt hatte, warf ich
im
die übrigen Utensilien in den blauweißkarierten Bettbezug und diesen wie einen Sack Kartoffeln über die rechte Schulter.
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„Auf geht’s!“, verkündete ich fröhlich und lächelte meinen Bewachern aufmunternd zu. Dabei hätte ich heulen kön-
W
nen, soviel Angst hatte ich vor der Einzelhaft.
Schnurstracks führten sie mich über den Hof. Einen
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Block weiter, im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, dem einzigen Bau, in dem es Nonnen nicht getrieben haben
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konnten, weil er sicher kaum älter als dreißig, vierzig Jahre war, machten wir halt.
Vor herumstehenden, neugierig glotzenden Teenies abgeschirmt, schoben sie mich vierzehn Stufen hoch und linksseitig in einen Zellentrakt. Scheppernd schloss sich
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die schwere Stahltür hinter mir. Auch an diesem auserwählten Ort standen mir fünf Wohnungen zur Auswahl. Alle unbewohnt. Wieder so ein Geisterflur. Spontan entschied ich mich für die Kleine links hinten. Doch ausgerechnet die
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gefiel den anderen nicht. Sie pfiffen mich zurück und bedrängten mich, die mittlere gegenüber zu beziehen. Und da
Co
sie ganz und gar nicht den Eindruck machten, mit mir handeln zu wollen, gab ich eben nach. Kaum hatte sich das Brett hinter mir geschlossen,
warf ich meinen Bettbezugrucksack schwungvoll auf die Pritsche, sah mich kurz nach allen Seiten um und begab mich gierig auf Erkundungstour durch mein neues Domizil.
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Jede Ecke und jede noch so kleine Ritze nahm ich genauestens in Augenschein. Unter dem Tisch suchte ich ebenso
oth
wie unter dem Stuhl, den Fugen am Fenster und im Hohl-
raum unter dem Toilettenbecken. Im, auf, unter und hinter dem an der Wand festgeschraubten Schrank.
mr
Dann - Der Herr sei gepriesen! - am Winkelstahl unter der
Pritsche wurde ich schließlich doch fündig. Zufrieden ließ
im
ich mich auf dem Deckel der Kloschüssel nieder und entrollte das kleine Stückchen Zeitungspapier. Vorsichtig, ganz vorsichtig und immer darauf bedacht, meine Hände
.T
im toten Winkel des Spions zu halten.
Ich war lange genug im Knast, um die wichtigsten
W
ungeschriebenen Gesetze zu kennen, ohne die ein Überleben prinzipiell möglich, aber weniger aufregend gewesen wäre. Eines der Gesetze lautete: Vererbe deinem Nachfol-
laf
ger, was von dem, was du in die Absonderung oder den Arrest geschmuggelt hast, übrig ist.
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Behutsam, als handle es sich um ein Fabergéei, breitete ich den wertvollen Inhalt auf dem linken Oberschenkel aus. In meinen dankerfüllten braunen Augen bildeten sich Rinnsale der Zuversicht. Um meine Lippen spielte ein vergnügtes Lächeln. Tausendfach dankte ich meinem
rig h
Vorgänger für die zehn Millimeter lange Bleistiftmine, die kleine Glasscherbe und für den drei Millimeter großen Feuerstein. Vornehmlich aber für die Tabakbrösel, aus denen ich bestimmt fünf, vielleicht sogar sieben kräftige Lungen-
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züge holen könnte. Kurz: Ich war happy. Meinen Körper durchzuckte ein
Co
bis dahin unübertroffenes Glücksgefühl, das sich sogleich über Achselfeuchte schamlos nach außen hin mitteilte. Mir war nach tanzen und schreien. Ja, selbst einen Borrmann hätte ich in diesem Moment umarmt und womöglich sogar küssen können. Letzteres strich ich dann doch lieber wieder. Man muss ja nicht gleich übertreiben.
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Sorgsam rollte ich nach einigen Sekunden der Andacht den kleinen Schatz wieder zusammen und beförderte
oth
ihn zu meinem anderen in die Unterhose.
Zu den Glanzpunkten der Absonderung, wenn ich
mr
mal so sagen darf, gehörte neben der gelblichen Ölwand,
dass ich Bücher und Zeitungen lesen durfte. Am Schreib-
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verbot hielt Borrmann aber weiterhin fest. Seit meiner
Landung in Ichtershausen gestattete man mir nicht, Briefe zu schreiben oder zu empfangen. Desgleichen galt auch für
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den Empfang von Paketen und Besuche, ohne dass ich erfuhr, weshalb.
W
Die Bleistiftmine versetzte mich nunmehr in die vorteilhafte Lage, anderen Informationen zukommen und sogar nach draußen zu meiner Familie schmuggeln lassen
laf
zu können. Zu dumm nur, dass ich keinen kannte, den ich um diesen oder jenen Gefallen bitten konnte. Die Zeit, die
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ich auf Transport und der Zugangsabteilung verbrachte, war einfach zu kurz, um jemanden so gut kennen zu lernen, dass ich ihm rückhaltlos vertraute. Nach dem Abendessen baute ich mein Bett, legte
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meine erste eigene Zahnbürste akkurat auf die Kante des Waschbeckens und machte ein wenig Ordnung in der Zelle. Dabei zielte ein Ohr so lange in Richtung Tür, bis mir das markante Scheppern der Stahltür zurief, nunmehr unge-
py
stört zu sein. Jedenfalls für eine Stunde. Aufgeregt fummelte ich in meiner Unterhose bis ich
Co
endlich das kleine Röllchen - Nein, das andere! - zu fassen bekam. Umständlich entblätterte ich auf dem Tisch das Papier und entnahm ihm alles außer den Tabak. Dann rollte ich mit leicht zittrigen Fingern das Zeitungspapier zu einem kleinen Tütchen, stopfte mit dem Griff des Rasierapparats, den ich auf der Kammer erhielt, den bröseligen Tabak fest
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hinein und drehte mit Daumen und Zeigefinger das vorn überstehende Papier fest zusammen. Die beim aufräumen
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eingesammelten feinen Staubflocken, von denen es be-
sonders unter dem Bett reichlich abzustauben gab, legte
ich aufgehäuft auf dem Boden bereit. Anstatt einer Klinge,
mr
die mir nur unter Aufsicht eines Schließers überlassen
werden durfte, spannte ich den Feuerstein an der Außen-
im
kante des Rasierapparats so ein, dass er ein klein wenig
überstand. Dann ging es dem ultimativen Höhepunkt entgegen. Den Rasierapparat in der Linken, das Tütchen im
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Munde und die Glasscherbe in der rechten Hand - so kniete ich auf dem abgewetzten, knastkaffee-braunen, linoleum-
W
ähnlichen Bodenbelag über der fetten Wollmaus gebeugt. Einige Augenblicke hielt ich die Luft an und horchte zum Gang hinaus, zog dann die Scherbe kratzend am Feuer-
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stein entlang, horchte wieder und kratzte mit der Scherbe erneut über den Feuerstein. Ich zitterte am ganzen Leib vor
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Aufregung. Funke um Funke besprang die Wollmaus bis sie schließlich Feuer fing. Hurtig hielt ich mein Tütchen in die für zwei oder drei Sekunden hoch-schlagende Stichflamme.
Geschafft!
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Um keine verräterischen Brandspuren zu hinterlassen, schlug ich mit der flachen Hand auf mein Feuerzeug ein und fegte mit der rechten Handfläche die noch glimmenden Flusen dahin zurück, von wo ich sie aufgelesen hatte.
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Damit ich die wenigen Züge in ihrer Gänze genießen konnte, setzte ich mich auf den Stuhl und lehnte mich entspannt
Co
zurück. Aufgrund der mir zwangsverordneten Abstinenz der letzten Wochen, war dies auch dringend geboten. Ich streckte die Beine lang aus, legte den Kopf in den Nacken, sah zur Decke und lächelte zufrieden. Das Zeug verursachte mir Schwindelgefühle. Eine überaus angenehme Begleiterscheinung.
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Ah, so lässt es sich aushalten.
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Der Service stimmte, war kaum noch zu übertreffen. Jeden Morgen wurde mir mit dem Frühstück eine JUNGE WELT
gereicht. Tatsache! Nun ja, mittags hatte ich sie wieder ab-
mr
zugeben. Doch las ich bis dahin alles, einfach alles - jede
noch so unsinnige Zeile. Und davon gab es reichlich. Tau-
im
sende, möchte ich meinen. Chinesen bekriegten sich mit
Vietnamesen. Soso. Natürlich erfuhr ich nichts wirklich interessantes. Und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als
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zu der erfreulichen Erkenntnis zu gelangen, dass es für einen Knacki, abgesehen von einer noch erfolgreicheren
W
Getreideernte, unmöglich war, etwas zu verpassen. Die Nachmittage verbrachte ich über irgendeinem Buch gebeugt und trieb zwischen den Kapiteln Gymnastik.
laf
In der übrigen Zeit schlummerte ich so vor mich hin.
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Die Tage vergingen.
Nach zwei Wochen meldete sich Borrmann mit seinen beiden Lakaien zurück. Er begehrte zu wissen, ob ich meine Meinung geändert habe. Natürlich hatte ich diese nicht geändert. Warum auch? Zur Güte, und um ihm zu zeigen,
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dass ich durchaus willens war, bot ich ihm an, mir einige Tage Gesellschaft zu leisten. Natürlich war das völliger Humbug. Natürlich suchte ich ihn zu provozieren. Ich wollte ihn aus der Reserve locken,
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seinen Feindseligkeiten und Bedrohungen, die mich auch ohne Worte und Gestiken erschreckten, etwas entgegen-
Co
setzen. Bloß keine Schwäche zeigen; am Ende springen die einem ohne Vorwarnung an die Kehle. Natürlich war mir nicht klar, was ich tat. Und natürlich wusste ich nicht, worum es eigentlich ging. Borrmann, der sich zwei Schritte vor mir aufgebaut hatte, kam auf mich zu. Ohne mit der Wimper zu zucken
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bettete er seine rechte Faust in mein schutzloses Gesicht. Sie traf mich mit voller Wucht. Na, ich war ja vielleicht baff.
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Mit so manchem hatte ich gerechnet, nur nicht damit. Seine Antwort hatte mich derart übertölpelt, dass ich das Gleichgewicht verlor und rücklings aufs Bett fiel.
mr
Ein gefundenes Fressen für den Stänkerer. Auf sein Kommando hin packten mich alle drei, drehten mich auf den
im
Bauch, zerrten Arme und Beine in die Länge und fesselten sie mit Handschellen an die Ecken des Bettgestells. Ab-
scheulich, wie sie meine Hilflosigkeit ausnutzten. Einer, ich
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konnte ihn nicht erkennen, weil ein anderer meinen Kopf „Wer darf zuerst, Klaus?“ „Ich!“, sagte Borrmann.
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zur Wand gedreht festhielt, warf eine Decke über mich.
Und schon hielt einer, kurz darauf drei Bummis auf meinem
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Rücken Einzug. Die gingen wirklich stramm zur Sache. „Auaaaa!“, sagte ich langgezogen und lachte. „Auaaaa!
tb yO
Hör sofort damit auf, Klausi!“
Ich lachte laut und schluckte an den rasenden Schmerzen des einsetzenden Trommelwirbels, der, so als klebte ich an einer verdammten Hochspannungsleitung, aus meinem Körper ein dunkles, heftig krampfartig zuckendes Pferde-
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deckenbündel machte. Ein Solo für drei. Ich verstummte und biss, um nicht aufzuschreien und ihnen ein Gefühl des Erfolgs zu vermitteln, wild in den Kopfkissenbezug. Den Klausi hätte ich mir wohl besser gespart. Zu
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spät. Du weißt, mit den Zuckungen werden augenblicklich auch die Schmerzen gehen. Bitte, ich mag nicht mehr zu-
Co
cken.
„Dich biegen wir auch noch zurecht! Ich habe schon ganz andere Kaliber kleinbekommen! Lasst das Schwein liegen! Am Nachmittag zur Kammer und in Arrest mit dem! Die Tür bleibt bis dahin offen! Du bleibst hier und passt auf die Sau auf!“
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Ein furchtbar netter Mensch, mein Klausi. Aber er schrie. Ja, er brüllte tatsächlich. Ich hatte ihn herausgelockt. Und
oth
noch etwas ließ mich frohlocken: Borrmann gestand, dass er nicht weiter wusste. Üblicherweise schlägt sich das in Formulierungen wie, dass man auch schon ganz andere
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kleinbekommen habe nieder. Jedes abschreckende Mo-
ment musste zwangläufig in die Hose gehen, wenn man die runterlässt. Lasst mich zucken! Lasst mich zucken!
im
Beinkleider seiner Ausweglosigkeit so offensichtlich he-
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Als ich hörte, dass einer von ihnen einen Stuhl über die Fliesen zog und es sich auf ihm vor der offenstehenden
W
Zelle bequem macht, kam ich nicht umhin zu sagen: „Also, von zweien habe ich was verspürt. Na ja, etwas. Aber von Kleinmädchenschlag.“
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dem dritten... das war bestimmt unser Klausi mit seinem „Halt deine Fresse, sonst gibt’s was ohne Decke!“
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„Na gut. Dann bedanke ich mich ganz artig.“ „Schnauze!“
Recht hatte er insofern, als dass ihre Bummis ohne dem Schutz einer Decke weitaus schlimmere Verwüstungen auf meinem Rücken hinterlassen hätten. Aber auch mit Decke
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konnten sie ganz ordentliche Schäden an beispielsweise den Nieren verursachen. Das zärtlich Bummi genannte Schlagwerkzeug war in
py
Fachkreisen als gemeiner Totschläger bekannt. Es bestand aus drei biegsamen Teleskopgliedern an dessen vorderem
Co
Ende eine Stahlkugel eingelassen war. Dieses Gegengewicht bewirkte, dass sich bei jedem Schlag die dunkelbraun gummierten Glieder liebevoll an die jeweilige Rundung schmiegte; die Spitze mit der Kugel herumpeitschte und garantiert irgendwo am Körper einen Gruß hinterließ. Schlugen sie etwa von vorn auf die Schulter, passten sich
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die Glieder kaum spürbar den Konturen der Schulter an. Die Kugel aber schlug schmerzvoll auf dem Rücken ein.
oth
Betäubender Schmerz und Blutergüsse waren, mit etwas Glück, das Resultat dieses teuflischen Instruments, das klein und handlich wie ein Mini-Regenschirm an jedem
mr
Schließerhandgelenk baumelte.
im
Draußen auf dem Flur verkündete ein piepsendes Stimmchen, es habe Mittagessen für mich.
„Der will heute nichts“, wies ihn mein Aufpasser ab.
.T
„Doch, ich will!“, rief ich so laut es meine ungemütliche Pose erlaubte.
W
„Schnauze da drinnen! Und du hau mit dem Futter ab!“ Wie lange ich verknotet im Bett lag, vermochte ich nicht genau abzuschätzen. Es mussten Stunden - oder auch Mo-
laf
nate - gewesen sein, und ich musste dringend mal auf den Topf.
tb yO
„Wenn ich schon kein Essen bekomme, kann ich dann wenigstens aufs Klo?“
Wer so lange wie ich auf dem Bauch liegend ans Bett gefesselt ist, der entwickelt seine eigene Logik. „Nix da!“
rig h
„Ich muss pissen! Dringend!“ „Mach meinetwegen in die Hose!“, empfahl er und lachte gehässig.
Nachdem der Druck von meiner Blase gewichen war, bat
py
ich ihn, meine Wäsche wechseln zu dürfen. Irgendwie musste ich seine Anweisung falsch interpretiert haben,
Co
denn er kam zur Tür hereingestürzt, traktierte mich mit seiner Phallusprothese und schrie hysterisch: „Die alte Drecksau! Pinkelt diese Sau doch Tatsache ins Bett! Diese Drecksau!“ Und es war so schrecklich, so verdammt schmerzvoll, doch ich lachte. Ich lachte laut und handelte mir zusätzliche
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Schläge ein. Na bitte: Programm auswendig gelernt. Nahm er vielleicht an, ich lache über ihn? Wie Recht er doch hat-
oth
te. „Hauptwachtmeister!“
„Die Drecksau hat ins Bett gepinkelt“, verteidigte er klein-
mr
laut sein Tun. „Raus! Raus! Raus!“
im
Borrmann stand unmittelbar neben mir. Ich roch seine
schweißgetränkte Unterwäsche. Oder war es Rasierwasser?
.T
„Halt! Nehmen Sie ihm die Fessel ab.“
„Ich bitte darum“, murmelte ich und summte eine Melodie.
W
Ich glaube, die eines Kinderliedes.
Murrend löste er die Eisen. Ich rollte mich auf die Seite und sah hinauf zu Borrmann. Und jetzt reichts mir. Endgültig! anderen eindreschen.
laf
Morgen lasse ich mich kopieren. Dann kannst du auf den
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Zu den Schmerzen meines Rückens kamen nun noch die Druckstellen der Handschellen hinzu. Ich rieb die Gelenke meiner Hände und setzte an, die der Füße zu erreichen, doch war der Schmerz nicht auszuhalten. Mein Rücken strafte mich unbarmherzig ab, drehte oder bog ich
rig h
ihn auch nur eine Winzigkeit. „Für den Schaden, den Sie hier angerichtet haben, werden Sie aufkommen müssen. Packen Sie zusammen und gehen Sie auf Kammer duschen und umziehen. Eines verspreche
py
ich Ihnen, so wie bisher machen Sie nicht mehr lange weiter. Ich werde Ihren dummen Stolz brechen.“
Co
„Ach, und gar nicht mein Rückgrat?“ „Dein elend großes Maul auch.“ Glaubte der denn, ich bereite ihm Ungemach? Recht hat er! Ich sah ihm ins Gesicht, gähnte mit weit aufgerissenem Mund bis sich meine Augen mit Tränen füllten, schlug die
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plombierten Zähne klirrend aufeinander, sog zischend Speichel durch sie und wackelte gewichtig mit dem Kopf.
oth
„Wirklich zu dumm, dass ich nur noch etwas mehr als dreieinhalb Jahre hier sein darf“, und mein Körper schmerzte mit jedem Atemzug mehr.
mr
Stolz hatte ich ohne Zweifel. Doch mehr noch hatte
ich Angst. Ohnmächtige Angst vor dem, was Klausi aus mir
im
machen könnte. Seine Macht schien unbegrenzt. Ich war
viel zu jung, um mir ein Leben in der Psychiatrie - ganz ohne Disco, Mädchen und Bier - vorstellen zu wollen. Weit
.T
weniger freilich, im Pflegebett eines muffigen Knastkrankenhauses, gefesselt an eine Beatmungsmaschine. Eben
W
diese Angst war es, die alles mobilisierte und mir ungeahnte Kräfte des Widerstands verlieh. Vor allem dann, wenn ich mal wieder an der Richtigkeit meines handelns zweifel-
tb yO
laf
te.
IV
Wann wurde ich, was ich bin? Wie ich mich kenne, mit dem Tag meiner Geburt. Spätestens aber vor vier Jahren. Damals, ich war schlanke Vierzehn, standen zu einem
rig h
höchst unpassendem Zeitpunkt die Feierlichkeiten anlässlich der Aufnahme in die Freie Deutsche Jugend an. Kein Achtklässler wurde verschont. Natürlich auch ich nicht, weshalb ich mich selbst verschonen und ins Stadion ver-
py
drücken musste. Einem Fußballspiel von Dynamo beizuwohnen erschien mir ergreifender und zwangloser als
Co
die freiwillige Aufnahme in die FDJ. Sport hatte einen unvergleichlich höheren Stellenwert für mich als irgendwelches steifes Blauhemdentheater. Schon als Sechsjähriger begann ich aktiv Fußball zu
spielen. Und mit zwölf erfüllte sich mir ein ganz, ganz großer Traum: Als Ballholer nahm ich fortan an sämtlichen
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Dynamo-Spielen teil. Direkt am Rasen, in unmittelbarer Nähe der von mir verehrten Stars.
oth
Weder meine Klassenleiterin noch die Schulleitung
zeigten Verständnis für meinen Sport und sprachen mir ei-
nen Tadel aus. Ein herber Rückschlag für einen, der sich zu
mr
den besten der Klasse zählen durfte.
Wer suchte die Konfrontation? War ich es, der pro-
im
vozierte? Oder sie, beständig auf der Suche nach dem Erlebnis ihres unbefriedigtem Daseins? Wer weiß das
schon so genau. Jedenfalls häuften sich seither die Vor-
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kommnisse.
Einmal spazierte ich in einer rosaroten Jeans mit
W
braunen aufgesetzten Taschen zur Schule. Auf dem rechten Knie prangte ein handtellergroßes schneeweißes Zeichen. Ein Symbol, nichts als ein Symbol, welches an
laf
das heißbegehrte Sammlerobjekt Mercedes-Stern erinnerte, nur dass der mittlere Balken nach unten durchgezogen
tb yO
war. Ich glaube, es hatte irgendwas mit Frieden zu tun. Nun ja, eigentlich hatten wir ja eine dressierte weiße Taube. Eine, die keine Fensterbretter vollkleckert. Wie auch immer: das Ding kam aus dem Westen und sah gar nicht so übel aus. Von einem Foto auf der ersten Seite
rig h
unserer Zeitung sprang es mich an. Es war das einzige Bild dieser Ausgabe, und es war auch größer als sonst. Eine Menschentraube mit aufgerissenen Mündern, auf irgendeinem Platz in Westberlin, wie ich dem Text unter dem Foto
py
entnahm. Einige hielten Papierschilder mit dem Zeichen über ihre und die Köpfe der anderen. Es war wohl ein sehr
Co
wichtiges Symbol für sie. Lange betrachtete ich das Foto, bevor ich das Symbol abmalte, auf einen quadratischen weißen Bügelflicken übertrug, ausschnitt und über ein kleines Loch meiner Lieblingshose bügelte.
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Versuche meiner ausrastenden Klassenleiterin, es mit Zornesröte und unpädagogischer Gewalt abzureißen,
oth
scheiterten an meinem erbitterten Widerstand. Kurzerhand verbot sie mir, die Hose zu tragen. Wollte wohl sehen, ob und was ich darunter trug, das Ferkel. Natürlich zog ich
mr
meine Hose nicht aus. Ich trug sie weiterhin - auch in der Schule. spekt ein Stück weiter vor ihnen zurück.
im
Mit jedem Verbot, mit jeder Drohung wich mein Re-
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Auf den Gipfel hievten, oder besser, katapultierten sie mich, als des Volkes Polizei meinen Personalausweis
W
kassierte und mir stattdessen eine PM 12 in die Hand drückte. Ein kleines ordinäres Faltblättchen mit meinen persönlichen Daten und Lichtbild. Damit nicht genug: Sie
laf
machten mir auch noch zur Auflage, bei ihnen kniefällig zu werden und untertänig um Erlaubnis zu bitten, wollte ich
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die Stadt verlassen.
Zeitgleich flog ich aus meinem Fußballverein, verlor meine Stelle als Ballholer und auch die Tore der Gesellschaft für Sport und Technik, wo ich Sportschießen und Segelflug trainierte, blieben von da ab für mich verschlos-
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sen. Das saß.
Stück für Stück zerbröselte eine Welt um mich her-
um, die ich nicht mehr verstand. Geräuschlos, ohne Staub, ohne Lärm.
py
Und ich, noch nicht ganz sechzehn, verkroch mich in schummrigen Kneipen, soff vom Schulschluss bis zur Poli-
Co
zeistunde und sah illusionslos desinteressiert dabei zu. Niemand fragte nach mir. Nach einem, den es nicht gibt, lässt es sich schlecht fragen. Tja, und keine drei Monate später saß ich hinter Gittern.
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„He, bleib da! Was ist mit dem Ramsch hier?“
oth
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Kurzatmig und um mindestens zehn Jahre gealtert schob
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ich mich durch die Tür, hielt nach seinem Aufschrei inne und drehte mich bedächtig, um den Schmerz in meinen
im
Gliedern nicht wachzurütteln, nach ihm um. Er stand vor
dem Bett, sah mich mit verengten Augen an und hielt seinen Bummi wie einen Zeigestock auf den Sack gerichtet, in
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dem sich alles befand, was ich zwei Wochen zuvor mitgebracht und nun wieder im Bettbezug verstaut hatte.
W
„Na, sicher doch, erst zertrümmert ihr mir das Kreuz, so dass ich mich kaum fortbewegen kann, und dann soll ich auch noch Säcke schleppen? Vergiss es!“
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Sonderliche Lust auf Umzug hatte ich sowieso keine. „Und was wird dann damit?“ Ebene.
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Sein Ton hangelte sich auf eine zunehmend aggressivere „Nehmen Sies als Dank für die schöne Zeit“, sagte ich und fügte leise, während ich mich von ihm abwandte, hinzu: „Schlepp es selbst und mach dich zum Affen.“
rig h
„Was? !“ „Was?“
„Was hast du geschwafelt?“ „Nichts weiter. Nur, dass Sie es auch den Iwans spenden
py
können, wenn Ihnen danach ist.“ „Verschwinde! Aber hurtig!“
Co
Was leichter gesagt als getan war. Ohne den Schließer, der meinen Bettbezugsack übrigens durch den halben Knast buckelte und sich dabei anständig zum Affen machte, kam ich nicht weit - schon gar nicht zur Kammer, wo eine reinigende, eine heilende Dusche auf mich wartete.
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Die Kalfs begrüßten mich wie einen alten Bekannten mit festem Handschlag und einem Lächeln, dass ihre Freu-
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de über unser Wiedersehen akzentuierte. Oder machten sie sich lustig über mich? Nein, nein, ihre Freude war ganz bestimmt echt.
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Einer steckte mir in einem unbeobachteten Moment eine Bleistiftmine zu. Plötzlich hatte ich das Gefühl nicht
im
mehr allein zu sein. Auf eine eigentümlich zufriedene Weise fühlte ich mich heimisch. Die Jungs aus der Nachbarschaft schlossen Freundschaft mit dem Zugezogenen.
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Und als ich in meinem Bunkerloch Nummer eins eintraf, schallte es, kurz nachdem sich der Schließer verzogen
W
hatte, aus der Nebenzelle: „Scheems, bist du’s? Komm ans Fenster!“
Seither unterhielt ich mich, oftmals stundenlang, mit
laf
meinen Nachbarn ohne sie je zu Gesicht zu bekommen. Und manchmal, wenn wir uns sicher glaubten, dass kein
tb yO
Schließer durchs Gebäude schlich, sangen wir mit dröhnenden Stimmen Knastlieder. Nur leider waren die anderen Zellen viel zu selten belegt.
Von Tag zu Tag ging es mir besser. Jeder Gedanke
rig h
an Aufgabe wurde mir fremd. Ich fühlte mich und die Richtigkeit meines Handelns durch die Aufmerksamkeit der anderen bestätigt. Vormittags bekam ich nun auch in der Einzelhaft die
py
JUNGE WELT. Offenbar spekulierte Borrmann, mich durch deren Lektüre in meiner Einstellung beeinflussen zu kön-
Co
nen. Obwohl ich mir viel Zeit beim lesen ließ, verkürzte sie die Tage nur unwesentlich. So begann ich das tägliche Kreuzworträtsel auszufüllen, gab nach dem Mittagessen Napf und Zeitung zurück und wartete geduldig auf meine Zerstreuung. Das Ergebnis ihrer Auswertung präsentierten sie mir stets nach meinem Mittagsschläfchen. Fixe Jungs!
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Sie stürmten herein, zerrten mich vor die Tür und filzten meine Wohnung. Komplett, versteht sich. Gefunden haben
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sie freilich nie, wonach sie suchten. Wie auch - ich trug die
Mine im Mund unter der Zunge. Und da ich die Zeitung weiterhin erhielt, etablierte sich unser kleines Spielchen zu
mr
einem festen Bestandteil und lockerte so meine Tage auf. Ich möchte fast sagen, es ritualisierte sich und machte
im
mich geradezu süchtig. Denn nach dem Essen wartete ich
sehnsüchtig auf meinen Nachtisch - die Abwechslung. Und
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ich wurde nie enttäuscht.
Es dürfte etwa der zehnte Tag gewesen sein, als ich
W
mich durch mein Mittagessen löffelte und plötzlich stutzend inne hielt. Ja, richtig, ich bekam nun ein üppiges Mittagessen. Und, jawohl, ein warmes. Wenn auch nur lau,
laf
so gab es mir doch Momente eines warmen, hellen Gefühls der Geborgenheit - bis ich die Schüssel geleert, aufsah und
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mich kalt das eisige Dunkel traf.
Rein akustisch barg das Wort Fruggeneintopf etwas positiv rätselhaftes in sich. Doch vermutlich gibt es nichts schlimmeres als in einem dunklen Loch auf einem Holzbrett zu sitzen, einen Toilettenkübel im Rücken und übel-
rig h
riechende Futterrüben, angebaut für unsere vierbeinigen Fleischlieferanten (Was, verdammt noch mal, ist Fleisch?), in sich schaufeln zu müssen. Ich hasste dieses ekelhafte orangerote, gläsern, schlapperige Zeug, das zum Montag
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gehörte wie andernorts Fisch zum Freitag. So saß ich nun leidend über dem Futtertrog gebeugt
Co
und stellte nicht ohne Verwunderung fest, ein Päckchen von der Größe einer Zündholzschachtel auf meinem Löffelchen vorzufinden. Mit wildem Herzklopfen löste ich sein schützendes Plastikkleid und warf es in den Kübel. Dem Geheimnis des Innern ging ich erst auf den Grund, nachdem Schüssel und Zeitung abgeholt waren.
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Ich war überwältigt. Tränen der Freude standen mir in den Augen als ich las, was auf einem der zusammengefalteten
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Zigarettenpapierchen stand: „Kopf hoch! Halte durch!“.
Zwischen den Fingern hielt ich Tabak, richtige Zigarettenpapierchen, eine große Bleistiftmine; eine halbe
mr
Rasierklinge, mit der sich weitaus besser und komfortabler als mit einer Glasscherbe Funken erzeugen ließen, und ei-
im
nen fast zwei Zentimeter langen Feuerstein - das alles
schickten Unbekannte und opferten mir ein kleines Vermögen. Allein für einen Feuerstein dieser Größe musste ein
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gesamtes Monatseinkommen hingeblättert werden.
W
Ichtershausen, das, wie ich eingangs anriss, aus einem uralten Kloster hervorging, bestand zu einem erheblichen Teil aus hauchdünn verputzten Strohwänden
laf
und knarrenden Dielenböden. Zündhölzer und Feuerzeuge waren wie so vieles andere unter Androhung von Strafen
tb yO
strengstens verboten.
Natürlich galt das nicht für mich. Denn ich zeigte ihnen die Brust und rauchte wann immer mir danach war, während die armen Teufel da draußen auf das Wohlwollen der Erzieher angewiesen waren. Die hielten sich in jeder Gruppe
rig h
einen Fackelträger, der seine Schwungradelli nur auf ihr ausdrückliches Kommando hin anwerfen durfte. Etwa zur Freistunde auf dem Hof oder im Duschraum auf der Station, der Platz für fünf Duschköpfe, ebenso vielen
py
Waschbecken und zwanzig bis dreißig Schulter an Schulter
Co
schmauchenden Jugendlichen bot. Nie habe ich erfahren, wem ich dieses und alle weite-
ren Kopf-Hoch-Gaben, die ich in den folgenden Wochen immer montags aus meiner Fruggenschüssel angelte, verdankte.
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Die Zeit schritt voran, legte ein atemberaubendes Tempo vor. Schon waren wieder zwei Wochen vorüber. tung, Freistunde, Mittag, Kübel, Schläfchen, Filzung,
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Teilte ich anfangs die Tagesabschnitte in Frühstück, Zei-
Abend, Sport, schlafen ein, freute mich über jede zurückge-
mr
legte Teilstrecke, strich mit dem löschen des Lichts den
überstandenen Tag gedanklich ab und sehnte mich dem
im
letzten Frühstück entgegen, so empfand ich den nahenden
letzten Tag nunmehr als erschreckend und Borrmanns Einlage als lästig.
.T
Oder war es mit mir so weit? Verlor ich den Überblick? Sagte ich nicht noch am Morgen zu meinem Begleiter, er
W
habe sieben lange Tage jede Gelegenheit zum verschwinden ungenutzt gelassen; und die nächsten sieben Tage könne ich gut ohne ihn auskommen?
laf
Klaus war schon da, als ich einzog. Ich wusste nicht, woher er kam. Er war einfach da und breitete sich in mei-
tb yO
nem Vestibül aus. Klaus kannte sich gut aus, hielt Abstand, weil er wusste, dass mich mein Zaun hinderte, zu ihm oder auch nur in seine Nähe zu gelangen. Schamlos krabbelte er umher, kreuz und quer, strickte sich ein Zuhause und entzog sich immer wieder meinen Annäherungsversuchen. Bis
rig h
zu diesem Tag, an welchem er zu seinem letzten Wettlauf gegen mich antrat, ihn führte und im Kübel endete, der Dummkopf.
Selbst als dürres, langbeiniges Spinnentier hätte er wissen
py
müssen, dass es hier für zwei Leben zu eng, die Luft für
Co
mehr als ein Lebewesen einfach viel zu dünn war. „Wie geht’s?“, fragte Klausi, vor meinem Zaun lau-
ernd. Seine beiden Lakaien hatte er links und rechts der Tür abgestellt. „Sie sehen mich leiden. Mit welchen Annehmlichkeiten wollen Sie mich denn diesmal beglücken?“
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„Auf Gruppe?“ „Wie darf ich das verstehen?“
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„Sich in die Gemeinschaft einordnen.“
„Dann kommen Sie nächstes Mal, und ich bin weg? Gar enden Besuche verzichten.“ „Arbeiten?“
im
„Sehr gern. Aber nicht für fünf Mark im Monat.“
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nicht mehr hier? Nö! Ich kann unmöglich auf Ihre aufbau-
„Wissen Sie, was Arbeitsverweigerung ist. Im günstigsten Fall fassen Sie fünf Jahre Nachschlag ab. Was halten Sie
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davon?“
Und was hältst du davon, mir mal zu flüstern – muss willst, was ihr von mir wollt?
W
ja nicht gleich jeder mitbekommen -, was hier läuft, was du Ohne seinen höchst gelangweilt dahergesagten Worten ei-
laf
ne unmittelbare Bedrohung zu entnehmen, wurde mir doch einigermaßen mulmig in der Magengegend. Ich glaubte ihm
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kein Wort. Doch beschleunigte sich der rhythmische Schlag meines Herzens als ich an das Eiltempo meiner wenige Monate zurückliegenden Verurteilung vor dem Bezirksgericht dachte. Der Richter verdonnerte mich aufgrund an Haaren herbeigezogener Beweise. Er nannte es
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Beweise. Ich nannte es Scheiße. Auch wenn Borrmann wie zu einem Fünfjährigen
sprach, entging mir doch sein drohender Unterton nicht. Er wusste, was er sagte. Und ich wusste, dass ich weder in
py
diesem noch einem anderen Loch fünf weitere Jahre unbeschadet überstehen würde.
Co
Den Nachdenklichen mimend legte ich meinen gestreckten rechten Zeigefinger an die Unterlippe, sah Borrmann bohrend in die Augen und sagte: „Raten Sie mal, wie alt ich dann sein werde.“ Juhu! Borrmann explodierte aus dem Nichts. Speichel, cremig wie aufgeschlagenes Eiweiß, quoll aus der Dat-
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schenbräune seines Gesichts, als er schrie: „Ich werde dich hier drinnen verrecken lassen! Schafft ihn mir aus den
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Augen! Raus! In Absonderung den... das... mit dem asozialen Müll!“, und stürzte hinaus.
mr
Während der folgenden Monate besuchte mich Klausi nur noch jede vierte Woche. Immer am letzten Tag der
im
Einzelhaft. Er war wohl böse mit mir. Und ich mit ihm. Ich pfiff auf ihre dämlichen Vorschriften und zeigte ihnen bei jeder Gelegenheit die Brust. Strafe muss sein.
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Nahezu täglich brachen sie meine Minuten unter freiem Himmel ab, weil ich nicht gehorchte und, gleich einem
W
trotteligen Esel, stur im abgesteckten Kreis trottete, sondern gazellenhaft kreuz und quer über den Hof hopste und Mithäftlinge ansprach.
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- o, ganz schlimm - Zellennachbarn oder vorbeiziehende Es war mir völlig gleich, ob Schließer vor meiner Tür
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lungerten, mich beobachteten und belauschten. Munter unterhielt ich mich am Fenster weiter und rauchte gemütlich ein Zigarettchen. Und ich lachte laut und irre, wenn sie zur Tür hereinstürzten, mich ans Gitter fesselten und mit ihren Bummis traktierten, begann ich doch ihren Zorn zu verste-
rig h
hen. Ekel verhinderte das Erfolgserlebnis. Dabei gaben sie sich wirklich Mühe, wurden von Mal zu Mal schneller und trickreicher. Irgendwie schafften sie es, den Deckel geräuschlos zu öffnen. Ich staunte nicht schlecht, als sie das
py
erste Mal plötzlich mitten in meiner Wohnung standen, ohne dass ich sie klopfen und hereinkommen hörte. Sie
Co
filzten gründlich, tasteten sich jede Ritze entlang, öffneten den Kübel, um sich sogleich angewidert abzuwenden und hoben ihn nach einer Atempause in der Erwartung in die Höhe, ich sei so blöd, etwas darunter zu verstecken. Verflixt, wo bunkerte der illegale Qualmer Tabak, Feuerstein und Rasierklinge? Immer der Nase nach - unter dem
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Einsatz, meine Herrn. Nichts für Feinschmecker, so ein Kübeleinsatz, ich weiß, dafür aber sehr effizient.
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Gelegentlich klappte es doch. Dann nämlich, wenn
ich mit mir würfelte. Erwischten sie mich, rissen sie mir die drei kleinen Dinger aus den willenlosen Händen und tram-
mr
pelten wild auf ihnen herum, als hätte einer dem anderen
einen Skorpion von der Nasenspitze gepflückt und todes-
im
verachtend zu Boden geschleudert. Ich wünschte ihnen
noch viele weitere durchschlagende Erfolge und sie bedankten sich mit ein paar kräftigen Bummihieben.
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Am Abend bastelte ich neue. Ich knetete den Brotteig meines Abendessens, mischte Zigarettenasche darunter,
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modellierte aus der Kugel drei gleich große Quadrate und markierte mit dem Feuerstein die Augen. Über Nacht härtemich erneut heraus.
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ten sie aus, und schon am nächsten Morgen forderte ich
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Ja, ich lachte, wenn sie mich schlugen. Ich konnte nicht anders. Ich lachte vor Wut, Schmerz und Ohnmacht. Und ich lachte auch, weil ich zu feige war, dem Ganzen ein Ende zu setzen.
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Irgendwann an einem Samstag oder Sonntag, ich lag auf der Seite mit zur Brust gezogenen Knien im Halbschlaf am Boden, bohrte sich Wohlklang in meine von monatelanger Einzelhaft sensibilisierten Gehörgänge. Ich hob den
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Kopf und lauschte. Von fern drangen weiche Gitarrenklänge an mein Ohr. Eine Sinnestäuschung? Eine bange
Co
Ahnung beklemmte mir das Herz und trieb Schweiß auf meine Stirn. Im Knast gab es keine Radios, mithin auch keine Musik. Logisch. Wenn ich den Zusammenhang erkannte, konnte es dann soweit sein? Konnte wohl, durfte aber nicht, weil blöd sterben einfach nur blöd ist. Mit einem Satz stand ich auf beiden Beinen, sah mit aufgerissenen
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Augen zum Deckel und trocknete meine Stirn am rechten Ärmel des Overall. Die Musik hörte nicht auf. Ich umklam-
oth
merte den Zaun, trat zwei oder drei Mal gegen ihn und
hustete kräftig und laut die bösen Geister aus dem Leib.
Dann war alles vorbei und ich wusste, eine ganz gemeine
mr
Form der schleichenden Verblödung hatte ihren Einstand
gegeben. Ich atmete tief durch - und plötzlich war sie wie-
im
der da, die Hinterhältigkeit. Ausgelassen tanzte sie in
meinen Ohren, lärmte durch meinen Körper, meißelte durchs Hirn, saugte an meinem Verstand, wollte mich nicht
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ruhen lassen und schrie mich an: „James? ! Hörst du mich? !“
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„Ja!“, schrie ich und stürzte zum Fenster, „Ja, ich höre dich! Wer bist du? !“ „Sandro!“
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„Bist du die Musik? !“, fragte ich erregt und kämpfte mit den Tränen. Einer wie ich, der darf nicht weinen. Was soll-
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ten die anderen von einem denken, ist doch schließlich knüppelhart wer im Loch sitzt. „Gefällt sie dir? !“
„Spiel weiter! Bitte, spiel weiter!“ „Warum bist du schon wieder im Bunker? !“
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„Protektion!“ „Waaas? !“
„Mach Musik!“
„Roger! Halt die Ohren steif!“
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Viel mehr ist ohnehin nicht drin. Mach Musik - gib mir Licht, nur etwas Leben, lass mich hoffen, lass mich träumen; gib
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mir die Kraft, zu verstehen. Sandro spielte. Er spielte Santana. Samba pa ti oder so ähnlich hieß der Song. Sanft, zärtlich kamen die Töne zu mir herüber, streichelten mich, gaben mir Ruhe, Wärme und die Gewissheit, das in meinem Oberstübchen doch noch nicht das Chaos das Ruder übernommen hatte. Ich
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war glücklich und erleichtert, dem ganz großen Rieseln noch einmal entkommen zu sein.
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Doch wer war Sandro? Kannte ich ihn? Wahrscheinlich nicht. Sandro? Ich kenne keinen... Doch, ja, Sandro!
Ich lernte ihn auf Transport im Grotewohl-Express, einem
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für Gefangene hergerichteten Eisenbahnwagon, kennen.
Auch GeradewohlExpress genannt, weil kaum einer wuss-
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te, wo er am Ende landet, wie lange er unterwegs sein
würde und wie viele Stunden er in dem stickigen Wagon auf einem Abstellgleis unter der Sonnenglut zu leiden hat-
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te, bis man ihn endlich an einen Anschlusszug koppelte. Zu fünft saßen wir im Abteil, das zwei, allerhöchstens zweiein-
W
halb Quadratmeter maß. Sandro saß auf dem Klappsitz an der Tür, ich am vergitterten Milchglasfenster, auf der Holzbank links von ihm. Auf Zugang verbrachten wir noch ein
laf
paar Tage miteinander, dann sah und hörte ich nichts mehr von ihm.
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Ja, ich erinnere mich: Sandro Schömann, war sein Name. Der lange Blonde aus Hoyerswerda. Fortan verwöhnte mich mein Freund Sandro jedes Wochenende, das ich im Bunker verbrachte, mit seinen Gi-
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tarrenkünsten. Bisweilen sogar wochentags, wenn er am Abend von der Arbeit kam. Unglaublich, wie mich die Magie seiner Klänge beglückte, stärkte und über die Zeit halfen. Einer, der mal drei läppische Tage zwei Zellen neben
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mir verbrachte, so eine Art Gastarrestant, sagte mir, Sandro sitze an einem Fenster ganz rechts auf der zweiten Etage
Co
des gelben Hauses links schräg gegenüber. Nett von ihm. Jetzt wusste ich bescheid. Woher, glaubte dieser Volltrottel, sollte ich wissen, was sich bei meinem eingeschränkten Blickfeld irgendwo schräg links gegenüber abspielte? Außerdem war es mir Brust, wo er saß, lag oder stand - hauptsache er spielte.
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richt. Neben den beiden Subjekten, die vor wenigen
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„Anfang September tagt im Hause ein SchnellgeWochen versuchten, gewaltsam Hundezone und Mauer zu überwinden, und dabei einen Kollegen schwer verletzten,
mr
wird man auch Sie verurteilen. Sie werden Ihre fünf, die anderen, na ja, so zwischen sieben und zehn Jahre abfassen.
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Wie gefällt Ihnen das?“, fragte Borrmann mit dem Schatten
eines süffisanten Lächelns, als er Mitte Juli lockeren Fußes in mein unaufgeräumtes Absonderungsdomizil schwebte.
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Klausi, du machst mir Angst. Ich saß auf der Bettkante und sah auf seine polierten Halbschuhe.
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„Hm, schwer zu sagen. Ich ha... ha... ha... habe weder Vergleichswerte noch die entsprechenden Er... er... erfaahh... ruung... gen, um Ihre Fraaaa... ge erschöpfend bee... be-
laf
antworten zu können. Tu... tu... tut mir wirklich Leid.“ Und da passierte es: ich verlor das letzte Quäntchen Stolz.
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Ich hielt die Luft an, spannte jeden Muskel, und doch fiel es wie ein fauler Apfel von mir ab und stürzte zu Boden, direkt vor seinen beschissenen braunen rechten Schuh. Borrmann brauchte seinen Fuß nur leicht anheben und... Gespannt beobachtete ich den Huf, er bewegte sich nicht,
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stand regungslos neben dem anderen. Am liebsten wäre ich im Boden versunken - ganz tief. Doch da stand Borrmann, und auch vom Bett konnte ich mich unmöglich erheben, wollte ich zurück, was ich verlor. Es war nämlich
py
nur während der Nachtruhe erlaubt, sich im Bett aufzuhal-
Co
ten.
Wie konnte es geschehen, dass ich hilflos blöden
Wörtern nachhing? Gott, wie erniedrigend! Borrmann musste sich seinem Ziel ganz nahe sehen. Irrtum, mei Gutster! Ich bin wieder da! „Versuchen Sie es mit Vernunft“, sagte er und trat einen halben Schritt zurück.
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Das ist ja wohl das allerletzte: braune Schuhe. „Schickes Schuhwerk“, sagte ich und lachte dabei.
oth
„Kommen Sie auf Gruppe?“
„Wegen dem N... N... Nachschlag?“, ich sah zum Fenster können Sie mir auch hie... hierher bringen.“
mr
und legte eine kurze bedeutungsvolle Pause ein, „Den
Borrmann zeigte keine Regung. Äußerlich ruhig, die Hände
im
auf dem durchgedrückten Rücken und den Blick über mich hinweg zum Fenster gerichtet, sagte er: „Ich habe getan, was ich für Sie tun konnte. Ihnen ist nicht mehr zu helfen.“
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Wer sollte mir denn helfen? Und wobei überhaupt?
„Ich fang gleich an zu heu... heulen.“ Mir war wirklich da-
W
nach.
Borrmann legte eine schneidige Kehrtwendung hin, nahm seine beiden Burschen ins Schlepptau und ging ohne ein ihrer Schleimspur.
laf
weiteres Wort hinaus. Mir war, als hörte ich das Schmatzen
tb yO
Ich befand mich in einem Zustand der Niedergeschlagenheit, innerlich verwahrlost und ohne Orientierung. Noch immer saß ich auf der Bettkante und starrte auf die Stelle am Boden, an der ich abhanden gekommene Buchstaben vermutete. Mein Puls trommelte den Todesmarsch,
rig h
ich war erregt und schwitzte wie ein ängstliches Mäuslein in den Fängen einer gefräßigen Raubkatze. Ich kam mir furchtbar klein, dünn und hilflos vor. Fünf Jahre! Fünf plus fünf macht zehn. Zehn Jahre
py
sitzt keiner auf einer Arschbacke ab. Schon den Sinn der ersten fünf verstand ich nicht; wofür, verflucht, jetzt noch
Co
mal fünf? Gibt es Scheiße nur noch im Fünferpack? Besser ich gebe auf. Was aufgeben? Was tat ich denn, dass ich hier landete? Was, was, was, was? ! Und, sag, was will ich, dass ich das auf mich nehme? Völlig egal. Ganz ohne Reiz ist es ja nun auch wieder nicht. Sollte ich aufgeben? Und dann? Was erwartet mich da draußen? Der spinnt wohl. Nix
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 53 von 53 -
mit aufgeben. Aufgeben ist wie braune Schuhe tragen. Und das, mein lieber Klausi, überlasse ich dir. Alles andere
oth
kannst du dir abschminken. Dann schon lieber die Sprache verlieren. Nur blöd werden muss nicht unbedingt sein.
mr
Zur Feier des Tages ein kräftiges Zigarettchen. Dem Tatterich meiner Hände würde es ein Ende bereiten, und
im
auf dem Topf war ich auch noch nicht. Beschwingt erhob ich mich und setzte mich sogleich wieder. Dummerweise war mir der Tabak ausgegangen.
.T
Also federte ich hoch, öffnete beide Flügel des Fensters und horchte. Sehen konnte ich nichts, weil neben
W
einem robusten Gitter zusätzlich ein Metallkasten mit gelblichgrünem, drahtdurchflochtenem Glas wie ein Fensterkorb aus der Wandflucht hervortrat. Da hatte wohl
laf
jemand Bedenken, ich könne hinausfallen, gar entfliegen. Nur in den oberen Teil des etwa zwanzig Zentimeter tiefen
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Vorbaus hatte man einige Löcher gebohrt, so dass sich zuweilen eine Brise Frischluft in meine Zelle verirrte. Nach einer Stunde, oder etwas mehr, hörte ich ganz in der Nähe Stimmengemurmel. Sicher, ob es Gefangene beim Hofgang waren, war ich mir nicht, denn jedem war der
rig h
Aufenthalt in der Nähe der Absonderungszellen verboten. „He! Komm mal her!“ „Was ist?“, flüsterte jemand, der vermutlich unschuldig blinzelnd gen Himmel blickte.
py
„Sch... schieb mir eine brennende Ziiiigarette rein. Hier, zwischen Bleeeende und Wand.“ Um die Stelle zu kenn-
Co
zeichnen, schob ich ein Stückchen Papier durch den schmalen Schlitz zwischen Hausmauer und Metallkasten. „Bist du Tscheems?“ „Ja! Und jetzt mach!“ Unendliche Sekunden vergingen, bis ich, den Kopf zwischen die Stäbe geklemmt, mit ausgestrecktem Arm nach
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 54 von 54 -
dem glimmenden Stängel fingern konnte. Gierig zog ich an ihm. Genüsslich inhalierte ich den Rauch.
oth
„Brauchst du Tabak?“
„Der war gut! Geh ein paar Schritte zur Seite, m... m... mach ein Päckchen und wirf herein, was du übrig ha... hast. Pass
mr
auf, ich ma... ch jetzt den Weg frei.“
Mit beiden Händen umklammerte ich die Gitterstäbe, zog
im
mich an ihnen hoch und kauerte auf dem abschüssigen
Fensterbrett nieder. Dann ließ ich mich etwas nach hinten fallen, schob das rechte Bein durchs Gitter, winkelte es an,
.T
atmete tief durch und trat kraftvoll gegen die Drahtglasblende. Knirschen - weiter nichts. Abermals trat ich zu.
W
Heftigeres knirschen. „Sau, du! Willst du wohl“, knurrte ich. Beim dritten Mal splitterte sie und nach dem vierten Anlauf flog das widerspenstige Teil aus seiner Halterung.
laf
Der Krach des im Hof aufschlagenden und berstenden Glases war noch nicht verhallt, da schwirrte etwas an meinem
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linken Ohr vorbei ins Zelleninnere. Draußen auf dem fußballfeldgroßen Innenhof jubelten, schrieen und klatschten weit über einhundert Knackis. Hinter dem Maschendraht der Sicherheitszone an der Mauer zerrten streitsüchtige deutsche Schäferhunde kläffend an ihren Ketten und
rig h
kampflustige Alarmpfeifen mischen ihre schrillen Töne unter das Toben im Hof und forderten mich zu unverzüglichem handeln auf. Geschwind hüpfte ich vom Fensterbrett und suchte
py
mein Päckchen, dass sich inzwischen gepaart haben musste. Gleich vier verschiedenster Größe sammelte ich auf.
Co
Just in dem Augenblick als ich sie im Hohlraum unter dem Klosettbecken gebunkert hatte, öffnete sich die Zellentür. Fünf Schlüsselschwinger stürmten mit gezückten Bummis herein und packten mich. „Ist’s mal wieder soweit?“, fragte ich unschuldig.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 55 von 55 -
Doch was echte Pfeifen sind, die gehen mit lustig grimmigem Mienenspiel über so was hinweg, werfen ihr
oth
Menschenopfer kopfüber aufs Bett, fesseln es mit routinierter Hand ans Gestell, werfen eine Decke über das da, um sich den Anblick des Leids zu ersparen - und toben sich
mr
mal tüchtig aus. Ist ja sonst nichts los in der Gegend.
Bummis prasselten danieder. Ich schwieg, um sie
im
durch das stolpern über meine gepflegte Wortwahl nicht noch mehr anzuspornen. Sie beschimpften mich, rissen
Witze, und sie lachten. Doch bald schon drangen undeutli-
.T
che Fetzen zu mir unter die Pferdedecke. Draußen wurde es still. Und plötzlich spürte ich keine Schmerzen mehr. Ein
W
schönes Gefühl.
Als ich die Augen aufschlug war Stille um mich herum. Etwas verklebte meine Lippen. Ich strich mit der Zunge
laf
darüber und hob den Kopf dabei um einige Zentimeter an. Ein Blut-Speichel-Gemisch rann aus meinem Mund und
tb yO
sammelte sich zu kleinen Pfützen auf dem blauweißkarierten Kopfkissenbezug unter mir. Erschöpft, mit Tränen unbändiger Wut in den Augen, fiel mein Gesicht in eine der Lachen.
Spät am Abend, die Nacht brach bereits herein, setz-
rig h
ten drei Hausarbeiter eine neue Blende ein. Der jüngere von ihnen, ein kleiner blonder mit ernstem Gesicht, er mochte vierzehn oder fünfzehn gewesen sein, fragte mich mit fester Stimme: „Die haben dich verhauen?“
py
Wahrscheinlich einer von den Langstrafern, der seine Familie ausgerottet hat, dachte ich mir, lächelte, auch wenn
Co
es schmerzte und er darin vermutlich nur eine blutverschmierte Fratze sah, und antwortete: „Schön gesagt.“ Sein verschlossenes Kindergesicht hellte sich auf. Er lächelte zufrieden, beinahe glücklich, zog ein Päckchen Tabak aus der Hosentasche, sah kurz zur Tür und schob es dann schnell unter mein Kopfkissen.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 56 von 56 -
„Du schaffst das, Tscheems“, sagte er leise. Erlösung von den Handfesseln erfuhr ich nachdem
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die Handwerker meine Zelle verlassen hatten. Ich blieb lie-
gen auf dem Bauch, bewegte mich nicht; konnte mich nicht bewegen, weil mich jede noch so kleine Bewegung an den
mr
Misstönen der die Saiten ihrer Harfe zupfenden Engel im
im
Himmel teilhaben ließ.
Einige Tage nach der forschen Entgegnung auf mein ausuferndes Suchtverhalten wechselte ich in mein kleines
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Verlies des einsamen Dunkels. Sie hatten die Verlegung aufgeschoben bis nicht mehr der Schmerz die Koffer pack-
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te.
„Wer ist in der Eins?“, fragte jemand aus dem Fenster. „Frag nicht so blöd!“
laf
„Hört, hört, James ist nach Hause gekommen!“, blödelte ein anderer und lachte über seinen gelungenen Scherz.
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Im Vorübergehen hatte ich den kleinen Schildchen an der Wand neben den Zellentüren entnehmen können, dass der Bunker diesmal ausgebucht war. Denn nur wo ein Schildchen dran, war auch ein Arrestant drin. Um so besser, dachte ich mir, und weihte sie sogleich über mein
rig h
Vorhaben ein. Bis auf einen, der noch im Laufe des Tages auf Gruppe entlassen werden sollte, würden sich die
py
verbleibenden drei am Hungerstreik beteiligen. Ohne einen Bissen des gewohnt köstlichen Früh-
stücks angerührt zu haben, gaben wir vier es am
Co
darauffolgenden Morgen mit dem Hinweis, wir befänden uns schließlich im Hungerstreik und könnten nicht einfach mir nichts, dir nichts drauflos schlemmen, alles zurück. Als hätte einer von uns die Liebste des diensthabenden Schließers beleidigt, polterte dieser sich anbrüllend, dass es verboten und noch nie dagewesen sei, den Flur entlang.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 57 von 57 -
Und im Übrigen seien wir allesamt Meuterer und kämen umgehend vor ein Schnellgericht.
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Die Unverschämtheit unsere Forderung bestand darin, tagsüber eine und nachts zwei Decken zu bekommen.
Jedenfalls für so lange, bis die Heizungen funktionierten. mann hatte meine diesbezügliche Bitte mit der
mr
Obwohl kalendarischer Hochsommer, fröstelte uns. Borr-
nung, vor einigen Wochen abgelehnt.
im
Begründung, es verstoße gegen die Sicherheit und OrdSchon am zweiten Tag schrumpften wir um einen
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Hartgesottenen. Beim Hofgang legte er sich flach. Fiel einfach so um. Knickte ab, der Pfeifenkopf. Angeblich brachte
W
man ihn sofort auf die Krankenstation, wie uns einer der anwesenden Schließer weiß machen wollte. Der Umfaller habe nämlich einen Magendurchbruch erlitten, was auf das
laf
trinken von Wasser bei der Zahnpflege zurückzuführen sei. Soso, also Wasser bei der Zahnpflege. Warum nicht ein-
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fach Mundhygiene? So ein ausgemachter Quatsch! Auch ich trank, wenn auch kein Wasser, so doch Tee und das andere braune Zeug, das sie mit Kaffee ansprachen. Ich hielt es eher für wahrscheinlich, dass er sich zu dieser künstlerisch durchaus überzeugenden Akrobatenrolle hatte
rig h
überreden, meinetwegen auch zwingen lassen. Insgesamt ein exzellenter Schachzug. Denn zur Abendessenausgabe verweigerte man uns das Getränk. Erst nach Abbruch des Hungerstreiks, so ihr verlockendes Angebot,
py
bekämen wir wieder etwas von dem guten Gebräu. Schließlich wolle man weiteren Magendurchbrüchen vorbeugen.
Co
Wer kann bei so viel Fürsorge schon nein sagen? Na, wir drei! Am nächsten Tag: Schreck im Ensemble. Ja, mit dem
verzetteln ist das auch so eine Sache. Beim Hofgang war ich allein. Keine Spur von meinen Kollegen, mit denen ich noch am Morgen angeregt plauderte. Auch aus ihren Zellen
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verlautete kein Mucks. Das hatte was von grassierendem Bunker-Kannibalismus. Richtig unheimlich.
oth
Oder stänkerte nur Borrmann mal wieder? Wäre nicht das erste Mal, dass Klausi mit mir seinen Schabernack trieb. Hin und wieder setzte mir der Schlingel einen schrägen
mr
Vogel in die Nachbarschaft. Unaufhörlich laberte der mich
voll, wie toll es auf Gruppe sei. Das letzte Mal dauerten die-
im
se hirnerweichenden Attacken satte drei Tage.
Natürlich sagte keiner, dass ihn Klausi schickt, doch ich war mir sicher. Nur Klausi, der alte Schlawiner, konnte ein
.T
Interesse daran haben, dass ich das Handtuch warf. Womöglich vertraute er darauf, ich bekäme nicht mehr spitz,
W
was lief. Aber vergackeiern gilt nicht. Und mein Freund Sandro würde schon dafür sorgen, dass ich nicht vor ihm verblöde.
laf
Von da ab blieb alles an mir hängen. Meine Körperpflege beschränkte sich auf einen feuchten Waschlappen,
tb yO
den ich morgens und abends gereicht bekam. Zugleich auch die einzig verbliebene Möglichkeit, meinen jungen Körper mit Feuchtigkeit zu versorgen. Saugend entlockte ich ihm Tropfen des immer wichtiger werdenden Nass, rubbelte über Zähne, Gesicht, Brust und Arme und warf ihn
rig h
durch den Zaun vor die Tür. Lange, dessen war ich mir durchaus bewusst, würde ich nicht mehr die Kraft dazu haben. Gewöhnlich beantwortet der Körper Wasserknappheit mit ausklinken. Aber noch ging es. Und Klausi würde nie-
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mals zulassen, dass ich welke und versande. So was bricht nicht mit alten Gewohnheiten. An wem sollten er und seine
Co
Stiefellecker sich am Tag danach auslassen? Am Rande sei noch erwähnt, dass mir wenigstens
der Friseur erspart blieb. Aber nur der Kontaktsperre wegen. Ein Mal im Monat schnitt er mir unter Bewachung die Haare, und dienstags und donnerstags malträtierte er mich mit seinem Messer auf einem Schemel im Flur. Ohne Was-
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ser und Seife zog der Hufschmied über mich her. Wasser
oth
war ihm fremd, wie es mir fremd wurde. Unbeweglich und verschlungen wie ein verknotetes altes Handtuch lag ich am Boden als sich einige Tage - o-
mr
der waren es vielleicht doch Jahre? - später die Tür öffnete und mich ein Schließer barsch aufforderte, mich zu erhe-
im
ben und mit ihm zu kommen. Schwerfällig rappelte ich
mich auf die Knie und zog mich am Zaun hoch auf die Füße. Der Boden schwankte unter mir und ich fror Ich sah überhaupt kaum etwas.
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jämmerlich, war kraftlos und schläfrig. Ich sah ihn nicht.
W
Stumm, mit zu Boden gerichtetem Blick, folgte ich ihm. Jede Bewegung forderte Reserven. Es könnte an einem Wochentag, so um die Mittagszeit herum, gewesen sein.
laf
Ich nahm den Duft warmen essens wahr, und als wir das Dienstzimmer passierten, bemerkte ich zwei weitere Dienst.
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Schließer. Am Wochenende schob gewöhnlich nur einer Schlaff wie Hermann schlich ich über den Hof zum Haupttor. Vor dem Verwaltungsgebäude machte er, etwas später auch ich, Halt. Ich hob den Kopf ein wenig, um zu
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erkunden, weshalb wir unseren Verdauungsspaziergang unterbrachen. Im Eingang, locker an den Türrahmen gelehnt, standen zwei Meter korrekt übereinander gepackte Muskelmasse unter einer auf den Leib gemalten grünen Of-
py
fiziersuniform. Er sah mich an und machte ein Gesicht, als denke er: „Was, so sehen heute Rebellen aus? Also, zu
Co
meiner Zeit, damals das waren noch richtige Kerle.“. Plötzlich zog ein berufsmäßiges Lächeln über ihn hinweg, und ich hörte ihn aufgesetzt freundlich wie ein Oberarzt bei der Visite eines unheilbar Kranken sagen: „Da ist ja unser Rebell“, stieß sich lässig vom Türpfosten ab und gestikulierte einladend mit beiden Armen.
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Ungemein theatralisch für meinen Geschmack. Von einer Sekunde auf die andere vermisste ich mei-
oth
ne Beine. Um ein Nachgeben und tieferen Fall
vorzubeugen, folgte ich dem gelben Kurzhaar-King Kong
den Gang entlang und durch die zweite Tür auf der rechten
mr
Seite. Ich sah mich kurz um und entdeckte den Häftlingstypischen, gebrechlichen Holzstuhl, fiel dumpf auf ihn, „Setz dich!“
im
streckte die Beine weit von mir und atmete tief durch.
Ah, so einer ist das also. Über dreißig und Jugendspäße
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treiben. Ganz ein anhänglicher Greis.
Er setzte sich zwei Meter mir gegenüber hinter seinen
W
Schreibtisch, der bei mir in der Schule Lehrerpult hieß, und stellte sich als Verbindungsoffizier vor. Dieser Tiefstapler. Selbstverständlich musste es richtig Verbindungsoffizier
laf
der Stasi oder meinetwegen auch Staatssicherheit heißen. Unter den Gästen des Hauses zärtlich Vau-Nuller genannt.
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Und in anderen Gegenden vermutlich VOdST oder ähnlich einfallslos.
„Was ist los mit dir? Willst du dir dein Leben mit aller Gewalt selbst zur Hülle machen?“ Obacht - jetzt kommt die väterliche Tour.
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„Geben Sie mir etwas zu trinken“, flüsterte ich. „Natürlich. Ja. Einen Moment“, sagte King Kong überrascht.
Es dauerte keine zwei Minuten, da brachte er aus dem Ne-
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benraum hinter mir ein Zahnputzglas randvoll mit frischem prickelndem Leitungswasser. Ich bedankte mich heißer,
Co
sah einen Moment liebevoll in das Glas und trank dann in kleinen Schlucken. „Und? Gut?“ Ich fühlte mich besser, verriet es ihm aber nicht, weil ich befürchtete, er käme auf dumme Gedanken und verweigere mir weitere Lebensretter. Nur mit angesetztem Flüssig-
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keitspolster konnte ich weitere zwei oder drei Tage durchhalten.
oth
„Wollen wir jetzt miteinander reden?“
Über den Rand des Wasserglases sah ich ihm in die Augen und sagte: „Ohne Dampf, kein Kampf.“
mr
Er verzog die Mundwinkel; doch können kalte, tote Augen niemals lächeln. So hörte ich nur Töne aus seinem Mund,
im
vergleichbar mit Pferdefürzen.
„Darauf habe ich schon gewartet. Da, greif zu!“, und gen.
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schleuderte mir eine angebrochene Schachtel Karo entge-
schen Kräfte zu kontrollieren.
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Dieser ungehobelte Klotz verstand es nicht, seine herkuli„Hier sind Streichhölzer und Aschenbecher“, ergänzte er und zeigte dabei auf die Schreibtischkante vor mir.
laf
Andächtig zündete ich mir eine Karo an, schloss den Mund und inhalierte tief. Ah, da war es, jenes berauschende Ge-
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fühl als hätte ich mich längere Zeit in nur eine Richtung gedreht. Eine schwarze Filterlose, und du bist gleich ein ganz anderer Mensch.
„Können wir jetzt reden?“
„Sprechen Sie nur. Könnte ich noch etwas Wasser ha-
rig h
ben?“, und hielt ihm am ausgestreckten Arm das leere Glas entgegen.
Der Ausdruck väterlichen Hochmuts verschwand aus seinem Gesicht. „Hm.“
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Er nahm das Glas und ich lehnte mich entspannt zurück und saugte genüsslich an meiner Zigarette. Da war ich
Co
wieder. Es ging aufwärts. „Da! Na, greif schon zu!“, sagte er ungehalten und hielt mir das Glas vor die Nase. „Verbindlichsten Dank.“
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„Jetzt kommen wir aber zur Sache“, stützte sich mit beiden Händen auf die Armlehnen des abgewetzten Sessels hin-
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term Schreibtisch und sank langsam nieder.
„Wie lange willst du noch die Nahrungsaufnahme verweigern?“
mr
Der will mich aushorchen. „Ich verweigere nicht die Nahrungsaufnahme, ich kann nur einfach nichts zu mir
im
nehmen, weil ich mich doch im Hungerstreik befinde. Hungernde nehmen nun mal keine Nahrung auf.“ „Und weshalb tust du das?“
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„Weil mir kalt ist. Und dann wäre auch noch ganz interessant, weshalb ich seit Monaten im Zwinger gehalten
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werde.“
„Kalt?“, fragte er verblüfft und keineswegs gespielt. zwei Decken.“
laf
„Richtig gehört. Ich möchte am Tag eine und in der Nacht „Was, nur wegen einer Decke setzt du deine Gesundheit
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aufs Spiel? Was steckt wirklich dahinter?“ Ach, weißt du, ich habe sonst nichts, was ich noch verlieren könnte. Von mir bekommt ihr sogar das Letzte. Da kenne ich nichts.
„Etwas Wärme vielleicht?“
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„Hören Sie auf damit. Ihr Verhalten findet bereits Nachahmer. Auch wenn sie nach kurzer Zeit das Handtuch geworfen haben, verbreitet es doch Unruhe unter die Jugendlichen.“
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„Teufel auch! Schande über mich.“ „Geh mir nicht auf die Eier!“, drohte er.
Co
Was ist denn das für ein Ton hier? So kann er meinetwegen zu Hause mit seinem Mann umspringen, aber doch nicht hier. Ich stellte mein Glas ab, zündete mir eine Zigarette an und lehnte mich wieder ausgestreckt zurück.
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„Ich heiße James - und Sie können mir ohne Umschweife sagen, was Sie bedrückt. Ich verspreche, darüber nachzu-
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denken.“
„Dir... “, er holte tief Luft, sein Brustkorb nahm ein beängstigendes Ausmaß an, „dir werde ich die Flügel stutzen -
mr
und dann gibt’s kräftig Nachschlag!“
Nun krieg dich mal wieder ein und schrei hier nicht so rum.
im
Siehst doch, ich bin müde. Bring mich nach Hause. Ich ließ die Zigarette neben meinem linken Bein auf den Dielenboden fallen, trat drauf und legte mich wieder lang hin. In
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seinen blauen Augen türmten sich Eisberge auf.
Leise, so leise, dass ich mich selbst kaum verstand, sagte
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ich: „Kein halber Hahn wird mich je zu irgendetwas zwingen“, und erschrak sogleich. War ich es, dem diese Worte entglitten? Seit wann bin ich selbstmordgefährdet?
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Ruhe. Einige Sekunden herrschten völlige Stille. Er fixierte mich mit aufgerissenen Augen und schnaufte mit halboffe-
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nem Mund wie nach einem 100-m-Lauf. Plötzlich sprang er auf, sein Sessel kippte zur Seite, packte mit beiden Pranken nach der kleinen mechanischen Schreibmaschine auf dem Tischchen zu seiner Rechten, zog sie an seine aufgeblähte Angeberbrust und... tatsächlich, schleuderte die
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wehrlose Schreibhilfe als handle es sich um ein Päckchen Zigaretten in meine Richtung. Mein Reaktionsvermögen musste während der letzten Tage, Wochen, Monate fürchterlich gelitten haben. Denn was
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ablief, schnallte ich erst, als sich das Ungetüm mit schwindelerregendem Zahn wie ein Geier vom Himmel stürzte und
Co
sich knapp unterhalb des Halses in meine Brust bohrte und mich dank meiner dämlichen Sitzhaltung samt Stuhl nach hinten zu Boden riss. Ich hätte auf meinen Physiklehrer hören sollen, dann wäre mir zumindest diese Peinlichkeit erspart geblieben.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 64 von 64 -
Unsanft schlug ich mit dem Kopf auf. Ein gefundenes Fressen für das bösartige Monstrum, dass sich absichtlich
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drehte, um beim abrollen auch ja noch seine Tasten über meine linke Gesichtshälfte schleifen zu können. Autsch!
Scheppernd schlug es schnaufend auf die Dielen. Es war
mr
wohl selbst etwas überrascht.
Ja, so was aber auch. Was sind denn das für unorthodoxe
im
Sitten? Kennt man ja gar nicht. Schlägt ein wenig über die Stränge, das ungezogene Blondie.
„Tschuldigung, ist mir so aus der Hand gerutscht.“
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Selbstzufrieden grinsend kam er auf mich zu, schnappte sich den Geier und brachte ihn an seinen ursprünglichen
W
Platz zurück.
Ich lag noch außer Atem am Boden, hüstelte wie ein Asthmatiker bei der Flucht nach einem Banküberfall und tastete
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Brust und Gesicht nach Beschädigungen ab. Als er die Trophäe abgestellt und sich im Sessel zurecht-
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gerückt hatte, sagte ich keuchend: „Irre komisch, finden Sie nicht auch? Sie sollten noch etwas am Effet arbeiten“, stellte mich auf die unsicheren Beine, hob den Stuhl auf, setzte mich und zündete eine Zigarette an. „Ich habe dir kleinem Faschisten... “
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Na, nun geht’s wohl los. Jetzt wurde es selbst mir zuviel. Ich stand auf, steckte die Karos ein und ging zur Tür. „Bringen Sie mich zurück.“ Die Luft hier ist auch nicht besser als in meiner Wohnung.
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Keine Minute länger würde ich in dieser kargen Stasiabsteige bleiben. Und da kann es noch so kuschelig warm
Co
sein.
„Halt, halt! Wir sind noch nicht fertig.“ „Wir vielleicht nicht, aber ich.“ „Möchten Sie noch Wasser?“ „Ja.“ „Zigaretten?“
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„Ja.“ Scheiß Spiel. Ich setzte mich, nahm Wasser, diesmal ein
oth
größeres, ein Limo-Glas und eine weitere Schachtel Karo
entgegen. Die Karos ließ ich sofort in der anderen Tasche meines Overalls verschwinden.
mr
„Heißt Faschismus nicht Antidemokratie?“ Ich sah ihn an und trank ganz schnell mein Glas leer. „Von einem ge-
im
strauchelten Geheimen lasse ich mir doch nicht weiß
machen, wir lebten hier in einer Demokratie. Bring mich zurück!“
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„Oberleutnant Borrmann hatte Recht, du bist wirklich nur ein Haufen kümmerliche Scheiße“, sagte er sichtlich gezü-
W
gelt. „Also gut, ich bringe dich zurück. Zuvor aber sprechen wir über meinen Vorschlag. Setz dich jetzt wie„Krümelig heißt das.“ „Bitte?“
laf
der.“
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„Krümelige Scheiße. Es heißt, du bist ein Haufen krüüüümelige Scheiße.“
Godzilla verdrehte die Augen zur Decke, dann wieder zu mir, lächelte mitleidig und schüttelte den massigen Kopf als klebe daran ein gedankliches Experiment von der Art,
rig h
mir so mal nebenbei das Genick zu brechen, hartnäckig wie Kaugummi am Schuh. Ich glaube, jetzt tat ich ihm irgendwie Leid. Der Mann wäre am Theater wirklich besser aufgehoben - als Platzanweiser.
py
„In Ordnung. Setz dich!“ Ich bewegte mich nicht.
Co
„Bitte!“ Meine Brust schmerzte. Längst waren die vom Geier vererbten feinen Blutspritzer auf meiner heißen Wange getrocknet. Unentschlossen stand ich neben dem Stuhl und beobachtete den Vau-Nuller. Er saß ruhig in seinem roten Sessel, die Hände übereinander liegend auf dem
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Schreibtisch. Es sah nicht danach aus als lange er gleich nach etwas, was meine Gesundheit schädigen könnte. Also
oth
setzte ich mich.
„Sehr vernünftig. Kommen wir nun zum Wesentlichen.
Wenn Sie die Verweigerung der Nahrungsaufnahme been-
mr
den, kann ich Ihnen folgendes vorschlagen: Während der
nächsten zwei Wochen wird darüber entschieden, was mit
im
Ihnen geschieht. Es ist so gut wie sicher, dass Sie in eine Erwachsenenanstalt verlegt werden. Sagt Ihnen das zu?“
„Mir Brust. Ich brauche eine Decke“, und zündete mir eine
.T
neue Karo an.
„Mal angenommen, ich breche meinen Hungerstreik ab,
W
was ich natürlich nie tun würde, aber mal angenommen dann will ich auf Krankenstation. Sehen Sie mich an: Mein Körper ist ein einziger Pickel. Das sieht verdammt nach
laf
ärztlicher Fürsorge aus. Für die Reparatur wünsche ich zarte Frauenhände. Blond und nicht zu mager soll sie sein,
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lange Beine und griffig große...“
„Das reicht! Kann ich sonst noch was für Sie tun?“ „Einen strammen Arsch, riesige Titten, leckere...“, sagte ich mit wachsender Leidenschaft. „Schluss jetzt!“, und schlug mit der flachen Hand auf den
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Tisch.
Ich schwöre, nur aus Angst vor einem Erdbeben steckte ich zurück.
„Ich komme Ihnen entgegen und verzichte auf die Frau.
py
Aber die Decke brauche ich!“ Auf blond stehe ich sowieso nicht.
Co
„Vorschlag: Du setzt die Verweigerung der Nahrungsaufnahme für drei Tage aus und wirst, ich gebe dir mein Wort, in den nächsten drei Tagen von uns hören, wie wir weiter verfahren werden.“ „Meine Decke?“ „Genehmigt!“
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An den folgenden Tagen verwöhnten sie mich mor-
oth
gens und abends mit Weißbrot. Und mittags servierten sie
mir sogar eine Schüssel randvoll mit Vanillesoße. Alles andere, hieß es, hätte mein Körper nach den Strapazen der
mr
letzten Tage nicht verkraftet.
im
Meine Decke hatte ich erhalten, doch vom Vau-Nuller
hörte ich nichts mehr. Am Vormittag des dritten Tages nagten, sich zunehmend intensivierende, Selbstzweifel an mir.
.T
Fiebrig schlurfte ich durch meine Wohnung und schoss mich auf den Vau-Nuller, Borrmann und überhaupt alle ein.
W
„Schweine! Dreckschweine! Sauschweine! Misstschweine! Was gibt’s noch?“
„Hundeschweine!“, kam es ungefragt mit lautem, blödem sich ohne Scheu.
laf
Lachen. Mein am Morgen eingezogener Nachbar amüsierte
tb yO
„Hundeschweine! Nee, das ist albern. Die Hundeschweine nehme ich zurück! Säue! Elende Säue! Verdammte Säue!“ Und so weiter, und so weiter - bis das antiquierte Väterchen, jenes vom Abend des ersten Tages, Deckel und Zauntür öffnete. Wie jeden der letzten Tage folgte dem
rig h
Schließer ein Kalf mit meiner Schüssel leckerer Vanillesoße und wartete, dass ich sie ihm abnahm. Ihr Duft bändigte mich, machte mir Appetit. Das Fleisch ist schwach. Red nicht so einen Unsinn.
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Das hier ist Vanillesoße, kein Weib. Eben. Ich liebe Vanillesoße, und ich brauche das Päckchen! Aber du bist hart,
Co
dein Fleisch jung, gut abgeklopft und mit Streuseln verziert. Es fiel mir schwer, verdammt schwer, doch es musste sein. „Ich setze meinen Hungerstreik fort!“ „Du bist ja nicht mehr ganz bei Trost“, sagte Großvater. Und zum Kalfaktor: „Komm! Der wird langsam plemplem.“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 68 von 68 -
„Tröste, wen du willst! Mach aber das scheiß Brett dicht!“ Nahm das denn nie ein Ende? Den Tränen nahe - nur nahe,
oth
schließlich wohnte wer nebenan - sank ich zu Boden und rollte mich ein.
mr
Was tust du? Ich weiß, was ich tue. Und was? Leck
mich! Was willst du? Wer will das schon wissen. Ich. Lass
im
mich in Ruhe. Ja, was nun? Darüber denke ich nach, wenn ich darüber nachdenke.
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Ich ruhte nur kurz, spürte die Kälte noch nicht an meinem Körper nagen, als mich Klausi und zwei seiner Ge-
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treuen aufscheuchten. Die Grobiane klammerten sich an meinen Armen fest und lenkten mich wie einen aufmüpfigen Alten, der prinzipiell bei Rot die Straße quert, über den aber viel fehlte nicht.
laf
Hof. Und meine Hose war voll, quoll über. Nicht wirklich,
tb yO
Erst nachdem ich ausgiebig mit warmem Wasser geduscht und statt des stinkenden Overall in ein frisches, nicht mehr ganz weißes, bretthartes Nachthemd schlüpfte, war ich mir sicher, auf der Krankenstation angekommen zu sein. Es war ausgestanden. Vorbei. Doch reichte es nicht
rig h
zu einem Freudentanz. Möglicherweise lag die Zeit der Einzelhaft hinter mir, wie aber entkam ich dem Nachschlag? Nach über sechsmonatiger Abgeschiedenheit fiel es
py
mir keineswegs leicht, einen Zellengenossen zu akzeptieren. Auf dessen Geschwätzigkeit einzugehen schon gar
Co
nicht. So glücklich ich war, der zermürbenden Unterwelt entronnen zu sein, sosehr vermisste ich deren Ruhe, die zu durchbrechen zum einschneidenden Nervenkitzel geriet. Also nahm ich sie mir und sah über das im Bett über mir, dessen Namen ich nicht kannte und nicht kennen wollte, hinweg, schluckte irgendwelche bunten Pillen, salbte
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 69 von 69 -
mehrmals täglich meinen Body und vergrub mich ansonsten hinter einer Zeitung oder einem Buch. neunte Tag des Monats, wirbelte ein Schließer herein. „Pack dein Zeug, Wollter! Und mach hin!“
oth
Anfang September, es war, um genau zu sein, der
mr
Recht junger Spund, der Hauptwachtmeister. Ich kannte
ihn nicht, wahrscheinlich frisch. Die frischen machen im-
im
mer Hektik.
Ich lag mit einem Buch im Bett und genoss den zehnten meiner aufbauenden Tage auf Revier.
.T
„Brust!“
„Auf, auf! Mach schon! Zur Kammer!“
W
Ich federte hoch und hielt mich am Waschbecken fest, um ihm nicht in die Arme zu fallen. „Auf Kammer?“
laf
„Ja! Wirst abgeholt. Die warten schon. Mach jetzt endlich hin! Gib Gas, wir haben nicht viel Zeit.“
tb yO
Abgeholt? Sagte er, abgeholt? „Abgeholt?“
Er nickte und mir wurde übel. Mein Magen verkrampfte sich, entspannte sich, ich drehte den Kopf nach links, senkte ihn und fütterte den aufgerissenen verchromten
rig h
Schlund mit meinem halbverdauten Frühstück. War eh nicht so berauschend. Fünfzehn Minuten später standen wir vor der Tür, die
zur Kammer führte und ich fragte ihn, wer mich abhole -
py
und wohin die Reise gehe. Es war nicht übermäßig warm an diesem Tag, aber ich schwitzte wie in einem kirgisi-
Co
schen Dampfbad. Er schob einen seiner Schlüssel ins Schloss, hielt inne und sah sich prüfend um. „Das darf ich nicht.“ „Tuuu... tun Sies doch einfach.“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 70 von 70 -
„Nein, kann ich nicht tun. Melde dich oben“, sah mir in die Augen und lächelte milde, „wird schon nicht so schlimm
oth
werden. Gute Reise!“
Ohne Eile stieg ich die quietschende Holztreppe empor, meldete mich und erhielt die bereitliegende Kleidung,
mr
die ich vor ewigen Zeiten, damals auf dem Bahnhofsklo
und später bei der Aburteilung trug, über den Tresen ge-
im
schoben.
„Zieh dich um!“, sagte der kleine, weißhaarige Kammerbulle und musterte mich neugierig.
.T
„Kannst dich jetzt von Ichtershausen verabschieden. Wahrscheinlich wirst du’s nie wieder zu sehen bekom-
W
men“, fuhr er geheimnisvoll fort.
Ich stieg aus der Unterhose und warf erschrocken den Kopf hoch.
laf
„Was soll das hei... hei... heiiiißen?“
Daraufhin hielt mir der Kurze einen Vortrag über seine zahl-
tb yO
reichen, verdienstvollen, anstrengenden, aber auch schönen Jahre, die er in diesem Jugendknast verbrachte. Offenbar gab es da einige, die sesshafter waren als ihre Kundschaft. Noch nie sei einem der Jugendlichen gelungen, was mir gelang. Bestimmt sei es nicht immer einfach
rig h
für mich gewesen. Er respektiere meine Willenskraft, wenn er auch nicht befürworten kann, was ich tat. Halt dein dummes Maul! Ist doch wahr. Dieser hin-
terhältige Wicht wollte mich quälen, sonst nichts. Er faselte
py
und faselte und rückte einfach nicht raus, was mir so großartiges gelang. Dabei hätte ich so gern gewusst, was ich
Co
immer schon erreichen wollte. Wie wohltuend der bloße Akt des überziehens mei-
ner Privatkleidung. Ich fühlte mich frei und überhaupt nicht hilflos gefangen. Energiegeladen trat ich gegen die Anstaltswäsche, winkte den Kalfs zum Abschied und zwinkerte selbstbewusst dem Alten zu. Der wünschte mir
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Glück, doch ich beachtete ihn nicht weiter und folgte dem Schließer, der kam, um mich zu holen.
oth
Aufrecht gehend überquerte ich den Hof, sah mich
nach allen Seiten um, doch da war niemand, von dem ich mich hätte verabschieden können. Vielleicht aber doch,
mr
verborgen hinter einem der Fenster. Ich blieb stehen, drehte mich dem großen gelben Haus zu, hob die Arme und
im
schrie: „James wird abgeholt! Sie bringen mich weg!“
„Schnauze!“, fuhr mich der Schließer an, den Bummi in der Hand.
.T
Ich kannte dieses Schnauze, und ich kannte den Bummi zur Stimme, und ich hielt meine Schnauze. Wo er Recht
W
hat, soll ihm auch nicht widersprochen werden. Was ich sagen wollte, wurde ich los. Und die Kammerkalfs würden schon dafür sorgen, dass jeder, auch Sandro, die Neuigkeit
laf
erfährt.
Schmunzelnd folgte ich dem schmalen Rücken
tb yO
durchs Verwaltungsgebäude, bog nach ihm links ab und verließ es vor ihm.
In der Schleuse traten zwei scharfgescheitelte Herren von einem Fuß auf den anderen. Sie trugen dunkelblaue Präsent-20-Anzüge und hielten sich auch
rig h
sonst für etwas Besonderes. Während sich einer überschwänglich für was auch immer beim Schläger bedankte, wandte sich der andere an mich. „Steigen Sie bitte ein“, sagte er ohne mich anzusehen und
py
unterstrich seine Worte mit einer zuvorkommenden, widerwärtig geckenhaften Handwedelbewegung.
Co
Meine Augen folgten der unruhigen Hand und... Bitte nein! Bitte, lasst es nicht sein. Äußerlich kraftstrotzend, innerlich dem ertrinken nahe, musterte ich den fünf Schritte entfernten mausgrauen Barkas. Im Sog in die Tiefe, zwei Sekunden schwarz vor Augen, mir schlotterten die Knie, trocknete der Mund und ein
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 72 von 72 -
Koffer schlich sich davon. Gott, stank der! Der Geck richtete schnüffelnd seine Brillengläser auf mich und zog sich
oth
verunsichert zurück, als er auf meine geballte Nase und
den angwiderten Blick traf. Schon tauchte ich wieder auf.
Nein, ich hatte keine Angst. Wirklich nicht. Na ja, jedenfalls
mr
nicht mehr. Auch vor dem Tod nicht. Kindliche Neugier ließ mich beschwingten Schrittes auf das zubewegen, womit
im
der Untote von Ichtershausen davongeschlichen werden
VI
.T
sollte.
W
Der Tod fuhr in neutralen Fahrzeugen mit Aufbau und kleinen Zellen. Irgendwann löst sich die Selbstschusseinrichtung. Peng! Loch im Kopf. Der gefesselte
laf
Todeskandidat gemeuchelt. Ich wollte, durfte, konnte einfach nicht glauben, was sich in der U-Haft erzählt wurde.
tb yO
Die einen wussten die Hinrichtung im neutralen, fahrenden Fahrzeug. Weder der Verurteilte noch Fahrer oder Beifahrer ahnten von ihrer Exekutionstour. Sie hielten sich an den Fahrauftrag und eine vorgeschriebene Route. Andere wussten es nicht nur besser, sondern ganz genau.
rig h
In den Knästen von Bautzen, Bützow und Brandenburg, den drei berüchtigten Bs nämlich wurden die Delinquenten durch Genickschuss wie Schlachtvieh dahingemetzelt. Auch nicht appetitlicher. Wenn aber überhaupt etwas
py
stimmte, dann doch wohl eher das. Mit eingezogenem Kopf kletterte ich durch die auf-
Co
geschobene Seitentür in den Kleinbus und tastete mich vorn übergebeugt drei Schritte weiter ins Halbdunkel. Sechs Deckel zählte ich, je drei links und rechts des furchtbar schmalen Pfades. Einer, der mittlere gleich rechts, weit aufgerissen. Er lud mich ein, es mir in der
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sechzig mal achtzig Zentimeter großen Blechdose bequem zu machen.
oth
Als der Wagen anfuhr, rutschte ich nach vorn, mit
verdrehten Beinen unter den Blechsitz und kullerte mich so gut es ging ein. Ich bin doch nicht blöd. Was hätte ich nicht
mr
alles für den geschmeidigen Körper einer Artistin des chinesischen Staatszirkus gegeben. Mein steifes Gestell war
im
nicht auf derlei unbequeme und nicht eben schmerzlose Verrenkungen vorbereitet.
Wie in Sardinenbüchsen üblich, schwamm ich im ei-
.T
genen Saft. Vorsichtig tastete ich im Stockdunkel die Wände nach oben ab, fand aber nichts als glattes, kaltes
W
Metall. Wer weiß schon, was die für Tricks drauf haben. Womöglich kippen oder drehen die eine der Wände. Und das alles übertönende klappern der Blechdeckel gehörte
laf
natürlich zum Kalkül. So wollten sie mich mürbe machen, und vom Knall ablenken sowieso.
tb yO
Und wenn gar nichts passiert, die das blöde Vehikel einfach nur im Baggersee versenken? So ein Quatsch! Überträgt sich die Finsternis auf dein Hirn? Weiß doch jeder, dass in Baggerseen baden verboten ist. Der Wagen stoppte. Schlagartig herrschte Stille. Ich
rig h
hielt die Luft an und schmiegte mein Ohr an die Tür. Von draußen drangen Männerstimmen zu mir. Dann klickte Metall. Ich zuckte zusammen und stieß mit dem Kopf gegen die Tür. Kurzes scheppern, dann noch mal das metallene
py
Klicken von vorhin. Haben wohl auf Handarbeit umgestellt.
Co
Und noch mal. Was denn, drei gegen einen? Es wurde dunkler, bedrückend eng, unerträglich heiß
und furchtbar feucht. Was tun? Luft! Vielleicht sollte ich einfach weglaufen. Denk schneller, die Seitentür öffnet sich! Ich dachte nicht, stemmte mich hoch und setzte mich aufrecht hin. Musste ja nicht sein, dass ich mich in diesem Stadium auch noch voll zum Löffel machte.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 74 von 74 -
Der Büchsendeckel schwenkte quietschend zur Seite. Stur sah ich auf die Wand vor mir, leckte über die
oth
trockenen Lippen und blinzelte irritiert im einfallenden Licht. „Wir sind da. Steigen Sie bitte aus.“
mr
Erwarte nicht, dass ich heule. Erwarte überhaupt nichts
von mir. Ich erwarte auch nichts von dir. Geh weiter, tu so,
im
als sei ich nicht da. Steck die Gabel ein und geh fort, weit weg. Ich bleibe hier. Ist doch nett hier. Habe ein Zimmer
ganz allein für mich. Nun gut, mit Fernseher wird es etwas
.T
eng, Badewanne gibt es keine und das Klo ist vermutlich übern Hof, aber...
W
„Kommen Sie bitte.“
Ich sah ihn an. Er stand neben mir wie der kriecherische Boy aus amerikanischen Filmen. Verbeugte sich mit einem
laf
kleinen Lächeln. Nur die offene Hand vor meiner Nase verkniff er sich. Ob es sein letztes Wort war? Er nickte leicht.
tb yO
Also gut. Immerhin hat er Bitte gesagt. Er hat Bitte gesagt? Bitte - so wirklich ganz richtig Bitte? Zu mir? Lockt mich mit Nettigkeiten. Ganz schön ausgebufft. Wenn ich drauf hereinfalle und ihm den Rücken zuwende... Vielleicht sollte ich mich in aller Form bedanken. Später komme ich nicht
rig h
mehr dazu.
Ich glitt vom Sitz, verbeugte mich und schob die Fü-
ße übers Blech. Nicht umdrehen, sieh nach vorn. Du wirst nichts spüren. So was geht ganz schnell, sagten die in U-
py
Haft. Und der Boy versteht sein Handwerk. Die schicken keine Amateure. Aber ich habe keine Lust. Ich will nicht.
Co
Warum holt mich hier niemand raus? „Folgen Sie mir bitte!“ Der sagt auch Bitte. Ist ja nicht auszuhalten. Es ist vorbei. Siehst du, du hast nichts gespürt. Ich hielt beide Hände schützend vor dem grellen Licht der Sonne über die Augen und folgte ihm. Ihm, das war ein Unterleutnant. Ver-
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schwommen nahm ich vergitterte Fenster wahr. Augen, nach Knast, nicht nach Moder, Schweiß, Fäkalien und
oth
Mund und Ohren eines Gefängnisses. Doch roch es nicht Fruggen. Diesem Ort fehlte der richtige, der originale, der wahre Gestank. Es roch nicht gut, aber irgendwie ange-
mr
nehmer. Auch war es viel ruhiger. Und ein Unterleutnant,
der Bitte sagt, keinen Totschläger am Gürtel trägt und mir
im
die Türen aufschließt. Beängstigend. Jetzt geht’s ans Eingemachte.
Nichts, nichts, nichts ist vorbei. Sie legen mich ein-
.T
fach ab. Knüllen mich wie die unerfreuliche Nachricht auf der stand hier der Reißwolf?
W
dem Schmierzettel und warfen mich in den Papierkorb. OÜber eine Eisentreppe im Bauch des alten Backsteingebäudes folgte ich Bitte auf die erste Etage. Mein
laf
aufmerksamer Unterleutnant öffnete mir eine Tür und ich schlüpfte in einen von leisem Gemurmel und verhaltenem
tb yO
Gelächter angefüllten, etwa zwanzig Zellen großen Raum. Keiner der dreißig zivil gekleideten Männer nahm Notiz von mir. Sie standen in kleinen Gruppen beieinander, rauchten und unterhielten sich in lockerer, unverkrampften Atmosphäre. Ich schlenderte übers Parkett zu einem der
rig h
großen Fenster.
„Willkommen!“, begrüßte mich ein straffer Vierziger und streckte mir die Hand entgegen. Na gut, dann wurde mein Kommen eben doch bemerkt.
py
Und der Knilch hier spielt den Willkommensgrußclown. Glaubt, er kann mich auf den Arm nehmen. Heißt mich im
Co
Knast willkommen. Ganz neue Masche. Denkt wohl, ich schnalle nicht, dass die mich in einer Irrenanstalt abluden. Begrüßt man sich so in der Klapsmühle? Klar, die merken sowieso nichts. Zögerlich legte ich meine Hand in die des armen Irren. Er konnte ja nichts dafür, und beleidigen wollte ich ihn nicht.
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„Wwww... Scheiße! Wie geeeeehts denn immer so?“ Komisch, beim denken verheddere ich mich nie. Warum
oth
dann, wenn ich den Mund aufmache? So was dummes
kann sich doch nur jemand wie Klausi einfallen lassen. Ruhig und tief durchatmen! Ich hatte an mir - quasi im
mr
Selbstversuch - herausgefunden, dass ich seltener stotter-
te, sobald ich vor jedem Wort tief Luft holte und langsamer
im
sprach. Das dauerte zwar, aber ich wusste schließlich, was ich sagen will und musste mir nicht auch noch zuhören. „Noch nie habe ich mich so blendend wie heute gefühlt.“
.T
Das freute mich aber. Was habe ich gelacht. War der wirklich so oder hatte er was geschmissen? Eine raffinierte
W
Fangfrage würde ihn überführen. „Schön - und wo sind wir hier?“
„Weißt du das denn nicht? In Karl-Marx-Stadt. Bei der Sta-
laf
si.“
Der Griebs! Also, doch aufm Trip. An dieser Stelle brach
tb yO
ich die Verbindung zu meinem verwirrten Freund ab und verdrückte mich an ein anderes Fenster. Bei der Stasi. Aber na klar. Ich bin 18 und habe braunes Haar. Spione sind alt und haben weißes Haar - kennt
rig h
man doch schließlich aus dem Fernsehen. Was sollte ich also bei der Stasi? Oh, James, oh, James, du alter kleiner Staatsfeind du. Ich könnte mich mal wieder sinnlos mit
py
heißen Nudeln behängen. Beinahe zwei Stunden saß ich auf dem Fensterbrett,
sah mir die bunte Meute an, rauchte geschnorrte Zigaretten
Co
und grübelte vor mich hin. Dann öffnete sich die Tür. Im Raum wurde es schlagartig still und ein Leutnant forderte uns auf, mit ihm zu gehen. Einer nach dem anderen watschelten wir ihm bis auf die dritte Etage nach. Oben angekommen, versammelten wir uns im Halbkreis um ihn.
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Mit gesenkter Stimme, als trage er den Schimmelreiter vor, sagte er unsere Namen auf und verteilte Zellennummern.
oth
Mich traf es bummihart. Sie sperrten mich gemein-
sam mit dem Irren und einem weiteren zusammen in eine Zelle, die nur dadurch größer als meine letzte Wohnung
mr
wirkte, weil das Gitter vor der Tür fehlte. Zwei Männer und ein Irrer auf acht Quadratmeter - Toilette, Waschbecken,
im
Tischbrett und zwei Sitzbretter inklusive. Die reinsten U-
Haft-Zustände. Unter dem Fenster ein Einzelbett und längs der rechten Wand, gleich neben Lokus und Eckwasch-
.T
beckchen, ein Etagenbett. Mir fehlte an nichts.
Nachdem wir uns untereinander vorgestellt und sich
W
jeder für ein Bett entschieden hatte - den Irren schickte ich ins obere -, wollte ich es endlich wissen. „Wo sind wir hier?“ Stasiknast ist.“
laf
„Ich sagte dir doch, dass das hier der Karl-Marx-Städter
tb yO
Ja, und ich werde mich gleich sinnlos mit Erbsen berieseln. „Sag bloß, du glaubst das?“, und sah zu Michael. Er lag auf seinem Bett unter dem Fenster und sah zu mir herüber.
„Was stört dich daran, bei der Stasi in Kalle-Malle zu sein?
rig h
Sei froh, dass du hier bist.“
Ich setzte mich ans Tischbrett, griff mir das Päckchen Tabak von dem, der sowieso nichts merkte, und drehte mir eine.
py
„Ja, ich fange gleich an zu tanzen. Die haben mich verschleppt.“
Co
Michael lachte amüsiert. „Verschleppt?“ „Ja, verschleppt. So lustig ist das gar nicht. In Ichtershausen abgeholt und hier au... ausgeladen“, sagte ich gereizt. „Du bist Jugendlicher?“, fragte er erstaunt. „Ich habe noch nie gehört, dass die auch Jugendliche gehen lassen.“
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Warst wohl nie Jugendlicher? Haben dich gleich so blöd strafst du mich mit einem Irren UND einem Trottel? Ich hielt ein Streichholz an meine Zigarette.
oth
auf die Menschheit losgelassen? Herr im Himmel, warum
„Ich habe noch einen ganzen Arsch voll abzusitzen. Die
mr
werden mich bestimmt nicht entlassen“, und blies Rauch zur Decke.
im
„Vielleicht doch“, sagte der Irre, der vielleicht gar nicht irre war - oder jedenfalls nicht so richtig komplett. „Wen die hierher bringen, der hat es geschafft. Ja ja, wir haben es
.T
geschafft. In ein paar Tagen bringen sie uns in den Westen.“
W
Außer mich. Ich muss nicht in den Westen. Ich kenne da niemanden. Michael hat doch gesagt, dass er noch nie gehört habe, dass die Jugendliche gehen lassen. Ich muss
laf
aus einem anderen Grund hier sein. Sicher werden sie mich erschießen. Und euch Spinner gleich mit. Bei gutem
tb yO
Wetter und Sonnenaufgang. Der Dramatik wegen. Jungpioniere werden eifrig gestickte Wimpel schwenken. Verdammt, ich muss unbedingt meiner Familie schreiben. „Hat einer von euch Schreibzeug?“ „Wir dürfen nicht schreiben, solange wir hier sind. Aber wir
rig h
können uns ja aus dem Westen zu Hause melden. Na, die werden vielleicht Augen machen und...“ Wenn einem ein Irrer erst einmal auf den Sack geht, dann
py
richtig irre. Unmöglich ihn jetzt noch zu bremsen. Ich drückte die Kippe aus und schaltete ab. Sah und
Co
hörte nichts. Versank in meine Gedankenwelt. Was, wenn sie Recht hatten? Deportierte mich die Stasi? Setzt mich wie einen Köter am Straßenrand aus und wartet geduldig, bis mich ein vietnamesischer Kochkünstler wegfängt? Ich kannte niemanden da drüben. Zwar wusste ich von Berufsverboten und kannte aus der „Aktuellen Kamera“
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Arbeitslosigkeit, Jugendbanden, prügelnde Polizistenhor-
oth
den und korrupte Politiker. Aber die kannten mich nicht. An den folgenden Tagen übte ich mich in gedankenvollem Kopfschütteln. Nicht nur, dass sich sämtliche
mr
Gespräche um die bevorstehende Ausreise drehten, nein, die gesamte Atmosphäre war nicht geheuer. Höhere
im
Dienstgrade schlossen uns die Türen auf und zu. Es
herrschte ein höflicher und ruhiger Umgangston. Niemand scheuchte uns vom Bett, wenn wir tagsüber darauf saßen
.T
oder lagen. Und das Essen war eine Frechheit - eine Frechheit von gut. Täglich, also wirklich jeden Tag, eben Tag für
W
Tag, ohne Ausnahme, gab es frisches Obst. Kein Fallobst, oh nein! Allerliebst rotbäckige Äpfel, knackig grüne Birnen und sogar Pflaumen - schön, fest und furchtbar lecker. Wä-
laf
ren wir nicht zu dritt auf Zelle gewesen, ich hätte mich wahrscheinlich nie von dem Gedanken, in einer Todeszelle
tb yO
zu sitzen, befreien können.
Eine Woche war vergangen, als am Morgen uns Irrer geholt wurde. Und als er zu Mittag nicht mit uns am Tisch saß, wurde der ansonsten ausgeglichene Michael zum Hek-
rig h
tiker. Geschlagene zwei Stunden lief er die drei Schritte zwischen Tür und seinem Bett auf und ab - wild, schwitzend, fluchend. „Der Hund ist längst drüben. Uns haben die verarscht. Der
py
ist schon drüben. Bestimmt. Die Sau! Ganz bestimmt ist der drüben. Scheiße! Schweine! Die haben uns verarscht“,
Co
brabbelte er, sich unzählige Male wiederholend, beim verdichten der Betonschicht. Schließlich wurde er erhört, und die Tür öffnete sich. Doch nicht unser Irrer trat ein, sondern ein Kalf, der sich auf mein Bett stürzte und sich daran machte, es abzuziehen.
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„Was ist mit dem anderen los?“, fragte ich ihn, rauchend am Tisch sitzend.
oth
„Den haben die zusammen mit sieben anderen in ihren Knast zurückgeschickt“, flüsterte er. „Warum das?“
mr
„Schulden. Die haben noch Schulden. Die müssen die erst noch abbezahlen.“
im
„Danke! Und jetzt kannst du mein Bett wieder anziehen. Der Irre hat oben gelegen.“
Kaum war die Tür geschlossen, schoss Michael von
.T
seinem Bett hoch, erfasste meine Hände und tanzte vor mir auf der Stelle.
W
„Wir haben es geschafft! Geschafft, geschafft, geschafft! Wir sind durch! Komm, tanze!“, und lachte und hüpfte vor meiner Nase von einem Bein auf das andere. Befreiende
laf
Tränen auf den Wangen.
Ich blieb sitzen und kam mir ziemlich blöd vor. Ob sich der
tb yO
Irre wegräumt? Nein. Nein, ich glaubte es nicht. Seine Lebensfreude, seine Hoffnungen keimten nicht auf dem Schicksal anderer. Viele Jahre hatte er gekämpft. Er wird weiter kämpfen.
rig h
Wir hatten unser Frühstück beendet und saugten genussvoll an der Gutenmorgenzigarette, als man uns holte und mit fünfzehn anderen in eine Art Besprechungsraum brachte. Das war am zwölften Tag.
py
„Bitte nehmen Sie Platz!“, forderte uns ein Offizier auf und setzte sich an die Stirnseite des schlichten Konferenzti-
Co
sches. Ich rutschte neben Michael auf einen der um den Tisch drapierten abgewetzten roten Polsterstühle. Ein übersichtlicher, sehr kühler Raum. Bis auf Tisch und Stühle gab es kein Mobiliar zu bewundern. Auch verzichtete er auf Teppiche, Aschenbecher und Wand-schmuck. Einzig ein heller
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 81 von 81 -
rechteckiger Fleck mit dunkler, ausgefranster Flatterumrandung an der Wand zwischen den beiden Fenstern im
oth
Rücken des Offiziers. Der Fußabdruck der Ablichtung eines gerahmten, geschmacklosen Honi-Porträts, vermutete ich.
„Ich rufe Sie jetzt mit Ihrem Familiennamen, Vornamen und
mr
Geburtsdatum auf. Sie antworten bitte nur mit Ja und holen sich bei mir eine Urkunde und einen Stift ab. Unterschrei-
im
ben Sie die Urkunde bitte an Ihrem Platz.“
Obwohl ich für meinen Namen nun wirklich nichts kann, wird W grundsätzlich auf die hinteren Plätze gesetzt,
.T
müssen Ws ihre Neugier zügeln, sich gedulden.
Ich holte als Letzter das Papier. Den Kugelschreiber in der
W
feuchten Rechten und den Blick starr auf die Urkunde gerichtet, saß ich regungslos da. Vor mir lag eine „Ausbürgerungsurkunde“. Da war die Genossenschaft
laf
wohl nicht ganz zufrieden mit meinen Leistungen. „Geben Sie mir bitte die Urkunde zurück.“ merkt.
tb yO
Ich erschrak. Er stand hinter mir. Ich hatte ihn nicht be„Unterschreiben Sie aber vorher noch.“ „Und wenn nicht?“ „Wollter, richtig?“
rig h
„Absolut korrekt, nur das W ein ganz klein wenig akzentuieren.“
„Sie gehen, ob Sie nun unterschreiben oder nicht. Reine Formsache.“
py
Wenn das so ist. Ich zögerte einen Moment, kritzelte dann meinen Namen auf den schwarzen Strich und legte meine
Co
Zukunft in seine Hände. „Kuli!“ Mal wieder typisch. Denen entgeht nichts. Michael war außer sich. Wieder in der Zelle schrie er
mich an, ob ich denn total bescheuert sei.
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„Da stand, dass mir die Staatsbürgerschaft aberkannt wird!“, schrie ich zurück. „Ich bin hier geboren! Das ist
oth
mein Zuhause! Meine Eltern, meine Geschwister, meine
Freunde - alle sind hier! Und jetzt machen die mich heimatlos! Griene nicht so blöd! Freiwild ist nicht lustig! Das ist
mr
Scheiße!“ Michael reichte mir seinen Tabak.
im
„Bist du nicht. Drüben bekommst du eine Neue, eine viel
bessere. Ganz automatisch. Kannst mit mir kommen, wenn du willst. Ich werde dir helfen.“ Er schluckte schwer, sah
.T
zur Decke, dann aus dem Fenster. „Acht Jahre habe ich für diese beschissene Unterschrift in Bautzen gesessen. Acht
W
verdammte Jahre meines Lebens.“
Schon am Nachmittag holten sie uns erneut. Diesmal
laf
ging es ganz nach oben - bis unters Dach. Sanft umschmeichelten uns haftverschärfend aufre-
tb yO
gende Düfte. Hier also verbarg sich der schnieke kleine West-Laden, von dem beim Hofgang so viel gemunkelt wurde. Sie hatten Recht, es fehlte tatsächlich an nichts. Von Kaugummi über Zigaretten und Ananas in Dosen bis hin zu Zahnbürsten, Socken, Jeans und Reisetaschen fand
rig h
sich auf Tischen gestapelt von allem reichlich vorrätig. In Michaels leuchtendem Gesicht sah ich freudestrahlende Kinderaugen, die Heiligabend Papas Modelleisenbahn be-
py
staunen.
Ein Oberleutnant breitete die Modalitäten des Ein-
kaufs vor uns aus, aber kaum einer hörte ihm zu. Er
Co
gestattete uns die Wahl, alles Geld entweder in ihrem parfümierten Wandtresor zum Wechselkurs von eins zu eins auszugeben oder es den nächsten Angehörigen zu schenken. Mitnehmen oder Umtausch in D-Mark fiel aus ungenannten Gründen nicht unter die Wahlfreiheit.
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Schließlich rief er unsere Namen und verteilte Papierstreifen. Sechzehnmal irgendwas, dann Wollter. Kennt man ja.
oth
Nun wusste jeder, was er verprassen konnte.
Aus weiter Ferne rollte sie auf mich zu, kam näher
mr
und näher, verschlang mich, die schäumende Woge der Glückseligkeit. Ich hatte ein Stück Selbstständigkeit zu-
im
rückgewonnen. Einkaufen, einfach so einkaufen.
Aussuchen, was mir gefiel, vielleicht auch ein bisschen meckern - macht man doch so - und dann bezahlen und
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„Stimmt so“ sagen und nachsehen, ob die mich nicht nach altem kapitalistischem Brauch beschissen haben. Frei und
W
unabhängig. Ein Fest sollte es werden. Mein Zettelchen zeigte mir eine drei und eine null. Es waren die dreißig Mark vom Tag meiner Entführung. Entführung stand da na-
laf
türlich nicht, aber das Datum stimmte.
tb yO
Ich war an der Reihe, stand am Tresen und schlagartig nahm sie mir den Atem, die aromatisierte Freiheit. Mit rasendem Herzen orderte ich furchtbar schlimm stotternd zehn Schachteln Muratti-Zigaretten, ein BiC-Feuerzeug und drei Tafeln Sarotti-Schokolade. Trauben-Nuss, ganz klar.
rig h
Ich gebärdete mich nicht wie ein richtiger Westler. Die stottern sicher nicht. In nur zwei Minuten rauschte die Freiheit vorüber. Hätte ich auch drüber springen können. Nein, hätte ich nicht. Trotzdem, es ging viel zu schnell; dermaßen
py
schnell und unspektakulär vonstatten, dass ich für einen Moment unentschlossen in die Augen des uniformierten
Co
Krämers sah. Der hielt meinem Blick stand, vergrub die Hände in den Taschen seines ausgewaschenen blauen Kittels und blieb stumm. Gibt es sie, die Freiheit, die bleibende Freiheit? Oder ist es immer nur der Augenblick, ein Gefühl, gar nur ein Wort ohne Bedeutung, tieferen
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Sinn? Der Schließer war nicht eingesperrt, und doch lebten seine Augen nicht. Freiheit ist Scheiße ohne Lachen.
oth
„Nimm schon“, sagte Michael und stieß mich sanft in die
Seite. Unwillkürlich griff ich zu, nahm alles auf, drückte es an meine Brust und ging mit einem kleinen schüchternen
mr
Lächeln und einer Träne, die vergnüglich auf meiner Nase
im
tanzte, hinaus.
Wir lagen rauchend in den Betten und schwelgten in Gedanken, als Michael am Abend in die Stille hauchte:
.T
„Morgen geht es vielleicht schon los. Dann wären wir morbestimmt nicht schlafen.“ „Wohin gehst du?“
W
gen um diese Zeit schon im Westen. Ich kann heute
„Königsberg. Das liegt im Süden. Meine Verwandten haben
laf
da ein Haus. Ich kann bei ihnen wohnen, und bei der Armit?“
tb yO
beitssuche wollen sie mir auch helfen. Und du? Kommst du Ich stand auf, setzte mich ans Brett, drückte die MurattiKippe aus und zündete eine neue an. „Mal sehn. Andreas, du weißt schon, der, der überall, selbst im Gesicht, tätowiert ist, hat mir angeboten, mit ihm
rig h
nach Hamburg zu gehen. Der hat übrigens auch in Bautzen gesessen. Sechs Jahre. Er will bei der Handelsmarine anheuern und später einen Tätowierladen aufmachen. So was soll da erlaubt sein.“
py
„Und was machst du?“ „Keine Ahnung.“
Co
Er war nicht allein. Beim Hofgang stellte sich heraus, dass so ziemlich jeder mit der Abreise an diesem Tag rechnete. Eingekesselt von sechs Meter hohen Mauern drehte
ich meine Runden, wie jeden Tag, in der Schweinebox. Für andere war es die Schweinebucht, was nichts daran änderte, dass diese Parzellen nur unwesentlich größer als eine
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 85 von 85 -
Doppelgarage waren. Eine ohne Dach, versteht sich. Im Gehege zuckelten mit mir acht Staatsfeinde übers Kopf-
oth
steinpflaster. Ich kannte sie alle, nur einen nicht. Ich sprach ihn an, den Mann, von dem es hieß, er und seine Frau seien Spione. Mein erstes tiefschürfendes Gespräch mit einem
mr
lebendigen, so wirklich ganz echten Spion. Man, war ich aufgeregt.
im
„Kann deine Frau auch ausreisen?“, fragte ich unschuldig. „Ja. Wie ich hörte, soll es morgen losgehen. Du bist noch sehr jung. Wie alt bist du?“ „Und weshalb gehst du?“
W
„Ich weiß nicht. Ich muss gehen.“
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„Achtzehn. Aber dafür kann ich nichts.“
„Unbegreiflich“, und schüttelte seine weiße Mähne, als hätte ich Zweifel an deren Echtheit angemeldet, koppelte sich
laf
ab und schlurfte seine Runden solo.
Neben leutseligen Spionen, munkelte der Knastfunk, stan-
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den auch Ärzte und anderes hochqualifiziertes Gut auf der Transportliste.
Michael saß mit offenem Mund auf der Bettkante und starrte die Zellentür an. Draußen war es unruhiger als
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sonst. Er lauschte den undeutlichen Stimmen. Schritte wurden hörbar, näherten sich. „Es ist soweit“, quetschte er gurgelnd hervor, ließ sich nach hinten fallen und weinte.
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Das war am Nachmittag des 23. September. Im Schloss drehte sich ein Schlüssel. Michael schoss
Co
hoch.
„Baden?“, fragte ein Leutnant. Baden? Baden, baden, baden! Von Unmengen duftigem Schaum umgeben, lang machen, versinken, träumen. „Ja!“, rief ich, sprang aus dem Bett, riss ein Handtuch vom Haken, schnappte das Seifstück vom Waschbeckenrand,
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 86 von 86 -
wirbelte durch die Tür, machte kehrt, rief Michael zu: schwänglich den Gang entlang. Sieben Türen weiter stockte ich abrupt.
oth
„Komm! Baden!“, und hüpfte in freudiger Erregung über-
Jetzt werde ich aber böse. Wenn sich das nicht augenblick-
mr
lich als Entgleisung erweist, gehe ich in den Westen.
Ich betrat den Raum. Keine Wanne. Nicht eine. Noch nicht
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mal eine ganz kleine. Seit Donnerstag vorangegangener
Woche hatte sich nichts verändert. Traurig, traurig, wieder nur schaumungünstiges Hochkantbaden. Also gut, ihr habt
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es nicht anders gewollt. Das habt ihr nun davon.
Im Anschluss an die rituelle Waschung brachten sie
W
uns zur Kammer. Überziehen durften wir sie nicht, aber mit auf Zelle nehmen, unsere Zivilkleidung. Morgen, sagten sie, morgen könnten wir sie tragen. Und nicht vergessen, vor
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dem Frühstück die Bettwäsche abzuziehen. Bettwäschetausch? Klartext sprachen sie nicht. Keiner. ten?
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Bettwäschetausch ein Synonym für Ausreise in den Wes-
Die Nacht war angenehm kühl. Michael hampelte unruhig in seinem Bett herum und rauchte eine nach der
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anderen. Ich legte mich beizeiten schlafen, schlief aber nicht, versteckte mich. Was da auf mich zukam, sollte kommen. Ich werde es begrüßen, erfreut und dankbar sein und fragen, ob es in der
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fremden Welt ein Plätzchen für mich gibt. Nicht viel, nur etwas mehr als eine Zelle und keinen Knast an der Ecke
Co
und keine Uniform vor der Tür. Und vielleicht darf ich bis zum Abitur zur Schule und dann studieren. Wäre irre gut. Mit Sandro würde ich gemeinsam in eine Stadt ge-
hen. Aber Sandro sitzt in Ichtershausen. Wenn du mich hörst, Sandro, gib mir Licht auf den Weg. Spiel für mich,
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bitte. Hilf mir, mein Freund, spiel morgen nur für mich. Weißt du, ich habe eine scheiß Angst.
oth
„Nimm noch einmal die Gitarre und erzähl von deinem Leben...“, sickerte eine warme Frauenstimme plumpvertraulich durchs offene Fenster.
mr
Geht das jetzt auch hier los. Kannst aufhören, ich gebe nichts.
im
„Ist das nicht wunderschön?“, meldete Michael. „Hm.“
Ein Wunder, dass die herzkranke Bergziege noch keiner
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vom Fensterbrett geschossen hat. Winselt, als hätte sie sich im Gitter verfangen.
W
„... ich verspreche nicht zu weinen...“
Hör auf mit dem widerwärtig sentimentalen Schmalz. Ist ja nicht auszuhalten. Klingt wie dein Nachruf.
laf
Schon in U-Haft stieg ich darauf aus. Allabendlich mit dem aufziehen der Nacht jammerte eine oder einer drauflos. Und
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immer stimmten andere mit ein.
In Karl-Marx-Stadt blieb ich bis zu diesem Abend verschont. Vielleicht eine Stasitante, die mich noch mal so richtig quälen wollte. Sie sang lange - und allein. Ich zog die Decke über den Kopf und schlief irgendwann
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ein.
Draußen herrschte nächtliches, tiefes Dunkel, drin-
nen von weißem Neonlicht betupfte fiebrige Anspannung.
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Vom Frühstück ließen wir die Finger, sprachen nicht,
Co
rauchten Kette. Nach zwei Stunden tasteten sich erste Sonnenfühler
durch den Hochnebel. Vorboten, die von einem prachtwollen 24. September kündeten. Ich öffnete das Fenster und atmete tief durch. „Woran denkst du?“, fragte Michael.
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Willst mich aushorchen? „Woran schon - an nichts. Ist mir alles Brust.“ Nichts war mir Brust. Ich musste auf den Topf,
oth
konnte aber nicht, weil er ihn seit dreißig Minuten oder länger blockierte.
„Wird das da ein Fluchtversuch oder ist es einfach nur Ab-
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schiedsschmerz?“
„Ist ja gut. Reg dich nicht gleich künstlich auf. Wann die
im
uns wohl holen werden?“
„Falls du die Schüssel mitnehmen willst, lass mich vorher noch mal pinkeln.“
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„Dann sag doch was“, stellte sich und zog seine Hose hoch.
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Also, eines war mir da sofort klar: Wenn ich Mitte dreißig sein werde, wird Hermann ganz sicher erwachsen sein. „Vielleicht holen sie uns erst am Nachmittag. Oder am A-
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bend, wenn es dunkel ist.“
Ich stand vor der Toilette, mit dem Rücken zu ihm. „Sieh
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mich an. Sieht so Jesus aus?“ „Man, bist du heute gereizt.“
„Ich bin nicht gereizt! Weiß gar nicht, was das ist.“ Heule ein paar Runden, dann hältst du wenigstens dein Maul. Mit einem Mal stürmte er zur Tür. Ich erschrak und
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lenkte in jäher Bewegungsfolge den Strahl über die Wand zum Fußboden zurück ins Becken. Exzellente Körperbeherrschung mal wieder. Desinteressiert betrachtete ich die graugrüne Ölfarbe an der Wand vor mir.
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„Eh, James... James, es geht los“, hauchte er, und ich war mir ziemlich sicher, er schmiere augenblicklich bewusstlos
Co
ab.
Doch da hantierte es auch schon an der Tür. Gerade noch rechtzeitig brachte er sein Ohr und ich Hermann in Sicherheit.
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„Nehmen Sie Ihre persönliche Habe auf. Alles, was Sie bei uns erhalten haben, belassen Sie bitte im Haftraum. Folgen
oth
Sie mir!“
Ich drehte den Kopf, um Michael zu fragen, ob er auf mich warte, als er auch schon mit seinem Bündel unterm Arm
mr
davonhastete.
Meine Habe bestand aus vier Schachteln Zigaretten. Ich
im
steckte sie ein, wusch mir die Hände und betrachtete mich im Spiegel.
So also sah der Ostler aus. Präge dir diese Fresse gut ein,
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es wird das letzte Mal sein, ab morgen bist du ein Westler. Und wenn du irgendwann hierher zurückkommst, deine
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Familie, deine Freunde besuchen, werden dir die Mädchen mit seitlich heraushängender Zunge hechelnd nachlaufen, so wie sie immer den anderen aus dem Westen nachliefen.
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Ich trat hinaus und mengte mich unter die Ziehenden. Einige schlugen mir freundschaftlich auf die Schulter
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und flüsterten irgendetwas. Sie flüsterten alle, jubelten leise mit dem erlösenden Glanz der Getretenen in den Augen der grauen, feurig hoffnungsvoll strahlenden Gesichter. Ihr Sog trug mich in jenen Saal, in welchem ich zwei Wochen zuvor meinem Irren begegnete.
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Mein armer Irrer, ich drück dir die Daumen - beide, ganz fest.
Nur allmählich klangen die erhitzten Gemüter ab. Ein
Unterleutnant rief in alphabetischer Reihenfolge unsere
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Namen und reichte jedem Hiersager, begleitet von einem kurz einsetzenden, sofort wieder verebbendem begeister-
Co
ten, stummen Beifall, der selbst aus dem noch recht jungen Unterleutnant ein Lächeln kitzelte, seine Ausbürgerungsurkunde. „Hören Sie, bitte!“, bemühte er sich im neuerlich an-
schwellenden Raunen. „Während Ihrer Bewährungszeit ist
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 90 von 90 -
Ihnen jede Einreise in die Deutsche Demokratische Republik untersagt.“
oth
Wir brachen in schallendes Gelächter aus, trampelten mit den Füßen und applaudierten heftig. Dem Unterleutnant
stieg die Röte ins Gesicht. Doch entstammte sie weder sei-
mr
ner Gesinnung noch grollte er. Nein, der Kleine war ganz
einfach verlegen und zog eine Miene, die ausdrücken soll-
im
te: Ich kann doch nichts dafür, ich musste das sagen Vorschrift.
Seine köstliche Stasihumoreske bezog sich auf einen klei-
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nen gelblichbraunen Fetzen, den er uns mit der
Ausbürgerungsurkunde und einem heuchlerischen „Gute
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Reise!“ überreichte. Auf dem Entlassungsschein waren neben Datum, Name, Geburtsort und Geburtsdatum als Ort der Entlassung: „entlassen nach der BRD“, und bei mir, ei-
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ne Zeile tiefer, „... ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährung“ vermerkt. Michael erhielt ein Jahr, mein aufgeschlossener
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Spion fasste sechs Monate ab, und die meisten anderen zwei Jahre.
Nach diesem von einfachem, heiterem Charakter untermalten Akt der Verabschiedung, ging es hinunter zur Hintertür.
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Dicht gedrängt standen wir vor der offenen Tür zum KfzHof und streckten die Hälse, suchten etwas, das sich schamhaft hinter einer bedrohlich vorspringenden, Stacheldraht gekettelten Hausecke unseren sehnsüchtig
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neugierigen Blicken entzog. Es roch sehr streng. Nein, es stank. Es stank fürchterlich nach faulen Eiern. Scharfe
Co
Winde wehten aus Ost. Einige plagten sich in einem fort mit abgehenden Blähungen. Und, natürlich, ich müsste es nicht erwähnen, rief
man unsere Namen auf - alphabetisch, sowieso. Könnte ja einer abgehauen sein. Als einer der letzten durfte ich durch die Tür auf den Hof, frische Luft und ein in glattes, kaffee-
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 91 von 91 -
satzbraunes Papier eingeschlagenes Päckchen entgegenstehen und fingerte an meiner Überraschung. „Gähn Sä weidor!“, bellte die Uniform neben mir.
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nehmen. Ich nahm es mit einem dankbaren Lächeln, blieb
Bin nicht müde. „Platz!“, knurrte ich und wickelte variatives
mr
Butterbrotpapier von... oh, Blutwurst... und... oh, Griebenschmalz inzwischen weicher, frischer Schnittchen aus
im
Roggenmischbrot.
Ich verstand. Das konnte ich unmöglich annehmen. Verärgert drückte ich den rechten Daumen tief in den Teig,
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wischte ihn am Papier ab, knüllte den Batzen und formte ihn kräftig mit beiden Händen.
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„Mahlzeit!“, sagte ich und hielt ihm die Kugel vor die Brust. Er glotzte blöd wie Schmalzbrote und umklammerte es als hätschelte er seinen Einschlafteddy.
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Gleitend auf schmierigem Kopfsteinpflaster setzte ich meinen Weg über den Hof, auf welchem sie mich zwei
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Wochen zuvor aussetzten, entlang eines Dutzend Uniformen und vier Anzügen fort, bog rechts ab - und da stand er, tauchte auf aus dem Nichts, keine fünf Schritte vor mir, in praller Schönheit, der Freiheitslift wie ihn mein Irrer nannte, ohne dass er ihn je sah.
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Geblendet drückte ich die Augen zu schmalen Schlitzen, mein Atem beschleunigte sich und ich war verdammt nahe dran auf die Knie zu fallen. Kam mir bei dem Bild, kniend in Motorenöl, mit aufgerissenem Mund einen Bus anzuhim-
Co
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meln dann doch ein wenig albern vor. In unschuldig grellem Weiß ein echter Westbus mit-
ten auf dem grauen Hinterhof der Stasi. Der blanke Wahnsinn! Und sogar mit richtiger, kräftig blutroter Reklame. Kein Mensch glaubt mir das. Kein Mensch von hier. Gerade schickte ich mich an, Einzug zu halten - einen Westbus betritt man nämlich nicht, man hält Einzug -,
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 92 von 92 -
als mich einer, passend zur Stille im Totengräberkostüm, gänzlich pietätlos von rechts anmaulte: „Name? !“
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Geht schon los. Es stimmte also, die wollen einem wirklich alles andrehen. Aber nicht mit mir.
„Danke, meiner ist noch gut“, wehrte ich freundlich ab und
mr
setzte einen Fuß auf die erste Stufe des... des Westautos. „Warten Sie!“
im
„Lohnt nicht, Geld habe ich nämlich auch keines mehr.“ „Ihren Namen, bitte.“ Ach so ist das.
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Ich nannte meinen Namen, hielt Einzug und - halleluja! Überwältig hielt ich inne und blickte, nein, starrte
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schnüffelnd um mich. Gedämpfte Stimmen in einladenden Orangetönen und zartem Wohlgeruch. Aufgeregt beschnüffelte ich den Westen. Aus dem Waffenarsenal des
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Klassenfeindes? Wohl kaum, denn wer derart unverschämt gut riecht, kann unmöglich feindselig gesinnt sein.
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Bald mehr noch irritierten mich Sauberkeit und Glanz. Doch war ich verwegen genug, meine Hand auf die Griffstange zu legen. Ein schönes Gefühl: etwas kühl, aber schön.
Unter den Sohlen Teppichboden. Kein Scherz - ganz wirk-
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lich wahr! Ich stand auf Teppichboden, richtigem Teppichboden wie zuhause. Und ich überlegte, ob ich meine Schuhe ausziehen müsse. Unsicher sah ich den Gang entlang, konnte aber nicht erkennen, dass andere sie aus-
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zogen und in Socken liefen, weshalb ich meine anbehielt. Hinten, oder fast ganz hinten, fiel mir ein Kasten mit
Co
einer Holztür auf. Das allein war schon ungewöhnlich. Als ich aber genauer hinsah, erkannte ich ein kleines weißes Schildchen mit den schwarzen Lettern „WC“ an der Tür. Das ist nicht sehr nett. Auf so was falle ich doch nicht rein. Die halten uns Ostler aber für ganz schön bekloppt. War
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das der Humor des Westen? Etwas schlicht vielleicht. Habe ich noch ganz schön an mir zu arbeiten. le was auf die Straße und bleibe da dampfend liegen -
oth
Man stelle sich nur mal vor, an einer roten Ampel faljedenfalls vorübergehend. Ist das da drüben üblich, muss
mr
ich aufpassen, dass ich nicht zu nahe an den Straßenrand komme. Wenn sich Michelin darüber hermacht und es
im
schäumend nach allen Seiten perlt... Das ist nicht lustig das ist Scheiße. „James! James, hierher!“
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Ich sah über die Reihen kopfhoher Sitzlehnen hinweg und erkannte Michael, der sich mit einer Hand an die Lehne
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seines Vordermanns klammerte und mit der anderen den Westduft verteilte.
Jesus, die Leiche lebt! Warum flennst du eigentlich nicht?
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Ich denke, wir sind frei. Wenn ich frei bin, dann will ich gefälligst staunen dürfen. Ungestört, wenn dir das was sagt!
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Setz dich, flenne und lass mich in Ruhe. Da ist man schon mal frei, aber drei Minuten zum schwärmen gönnt einem keiner.
Also staunte ich schneller und setzte mich neben ihn. Warum, wusste ich nicht. Einige Minuten saß ich einfach so
rig h
da, dann stand ich auf und rutschte eine Reihe weiter hinten auf den Fensterplatz. Nach, grob geschätzt, einer Stunde steuerte der Bus
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über den Hof und aufs Tor zu. Fünfunddreißig Männer und vier Frauen hielten den Atem an. Die Frauen waren schon
Co
da, als ich den Bus bestieg. Gedämpfte Stimmung stellte sich ein. Kein Jubel,
keine Tränen - konzentriert verfolgten wir jeden sich vom Knast wegbewegenden Meter. Vielleicht zählte der eine oder andere auch mit.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 94 von 94 -
Schwer bewacht rollte die Kolonne der Grenze entgegen. Vor uns steckten zwei dunkle Limousinen die
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Holperpiste ab. In einer, hieß es, säßen Stasileute, in der
anderen ein Anwalt aus Westberlin. Auch die beiden uns folgenden Limousinen seien angemessen bestückt: Im
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Mercedes der DDR-Anwalt Vogel und in der zweiten noch ein bisschen Stasi.
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Nun sind ja Knackis immer recht gut informiert, aber woher diese Informationen stammten, wusste ich mir nur so zu erklären, dass Spione im Bus saßen. Und die, weiß man ja,
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verdienten ihr Geld bekanntlich damit, alles zu wissen. „... wir fahr’n in Puff nach Barcelona... “, blärrte es plötzlich
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von der Decke.
Erschrocken warf ich den Kopf in den Nacken. Angeber! Wie Girlanden hingen kleine Lämpchen, Schalter und Laut-
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sprecher am Gepäckkasten. Alles da, und jedem seine Dröhnung. Nur die Aschenbecher waren weiter unten.
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So plötzlich die verheißungsvolle Ankündigung über mich herfiel, so plötzlich verschwand sie auch wieder. Unser Fahrer, ein kleines, schmächtiges Männlein mit gepflegtem Scheitel von einem Ohr zum anderen, besaß jene Unverfrorenheit, die einen der vier uns begleitenden Stasi-
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gesellen auf die Pirsch lockte. Mit den Worten: „Das ist verboten!“, stürzte er sich auf den Staatsfeind und bereitete dem ungebührlichen Singsang ein jähes Ende. Wie über ein Westpäckchen machte er sich über die Kassette her,
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riss sie aus dem Recorder und warf das unschuldige Stück Plastik hasserfüllt und von Ekel geschüttelt zu Boden. Tri-
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umphierend suchte er die Blicke seiner Kollegen: Feindlichen Angreifer erlegt, zappelt nicht mehr, beantrage Sonderurlaub. Sie grinsten ermunternd, sahen in die Runde, passten auf, dass keiner von uns durchbrennt.
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Möglich, dass sie ihm gedanklich auf die Schulter klopften, alle gleichzeitig und auf dieselbe Stelle. Schön blau sollte
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sie werden, sich entzünden und abfaulen - oder besser
gleich daran verrecken. Dieser ausgerastete Unhold hatte
weder Respekt vor dem Eigentum anderer noch machte er
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vor meiner Sexualität halt. Dabei musste selbst einem Ignoranten wie ihm klar gewesen sein, dass meine Sexualität
im
während der letzten Monate beträchtlich litt. Mehr und
mehr bekam sie etwas von einem nächtlichen Wüstentrip: kalt, staubtrocken und auf sich allein gestellt. Hermann be-
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einen weiblichen Artikel.
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gann bereits unruhig herumzuturnen, benutzte ich nur
Ich kam mir vor wie auf einem Schulausflug der Klassenbesten. Keiner murrte, keiner benahm sich
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daneben. Wir forderten die Langeweile heraus und suchten den Sachverhalt zu klären, wie weit sie sich in die Ecke
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drängen ließ.
Irgendwann tauchten Wachtürme, Stacheldraht und Grenzsoldaten auf. Der Bus stoppte und unsere Aufpasser stiegen aus. Sie sprachen kein Wort. Gleichgültig sah ich ihnen nach. Alle sahen ihnen nach. Und mit jedem Schritt,
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den sie sich entfernten, lockerte die Stimmung auf, lösten sich Verkrampfungen, lächelten Augen unverhüllter. Im Schritttempo fuhr er weiter, fädelte in die äußerste
rechte Spur und hielt am Übergang, der den Militärs und
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Diplomaten vorbehalten war. „Uff!“, entschlüpfte meiner Kehle, als ich mit der linken
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Gesichtshälfte wuchtig an die Scheibe klatschte. Unerwartet und heftig fielen die Horden der rechten Sitzreihen über uns Linkssitzende her. Drei Rücksichtslose - ganz sicher Spione - drückten mich gegen die Scheibe und wichen keinen Millimeter zurück. Westglas hält das aus. Aus dem Augenwinkel sah ich vier fröhlich grinsende Soldaten.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 96 von 96 -
Richtige Amis, in Uniform und mit Kaugummi im Mund. Die ten Armen zum V gespreizt. Sie standen direkt unter
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Zeigefinger und Mittelfinger an den uns entgegengestreckmeinem Fenster und sahen hoch. Doch ich konnte mich
nicht bewegen, nicht einmal lächeln, sah einfach stur nach
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vorn. Bestimmt hielten sie mich für irgendeinen ganz schlimmen Ausdruck in ihrer Sprache.
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Bei allen anderen, also jenen, die über ihre Körper
und ihre Gefühle selbst bestimmen durften, entfachten die lustigen Farbigen jedenfalls eine Flut der Begeisterung als
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stünde Humphrey im wedelnden Trench leibhaftig da draußen. Freudengeschrei, Tränen auf beiden Seiten und
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anhaltendes Pochen gegen die Scheiben. Mein Kopf dröhnte, ich schlug um mich und entfloh den Fängen der Spione
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oder Geiselgangster oder was auch immer sie darstellten. Hinter uns lag die begleitende Geräuschkulisse holp-
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riger Panzerplatten. Geräuschlos glitten wir über den Asphalt des Westens. Nach wenigen hundert Meter verlangsamte sich die Fahrt. Unruhig sahen wir aus den Fenstern. Der Hornochse wird doch nicht etwa wenden wollen? Ein Parkplatz - unser erster Stopp, unsere erste
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Berührung der freien Welt stand unmittelbar bevor. Der Fahrer zog die Feststellbremse. Und mit dem zischen der entweichenden Luft riss sich der Bär von der Leine. Nahezu synchron sprangen wir von unseren Plätzen und
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schrieen und kreischten wild und laut durcheinander. Wirre Wortfetzen zerrannen im Jubel, stachen in die Wogen der
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Emotionen, tauchten durch, wirbelten hoch. Jeder beglückwünschte jeden; jeder umarmte jeden und jeder wünschte jedem das Beste. Tränen flossen reichlich. Schluchzend warf sich eine Frau an die Brust des Fahrers. Und Michael glotzte mich aus verheulten Augen blöd an und suchte mit tropfender Nase umständlich nach einem
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 97 von 97 -
Taschentuch in seinen Taschen, das er natürlich nicht fand, weil er keines hatte - weil keiner eines hatte.
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Und dann küsste auch noch jeder jeden - abartig feucht. Wo die das bloß herhatten?
Ich setzte mich, trocknete mein Gesicht am Hemd-
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ärmel, zündete eine Zigarette an und sah aus dem Fenster hinüber auf das sonderbare Metallding entlang dem Grün
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zwischen den Fahrbahnen.
Empfand ich Freude? Nein, ich glaube nicht. Jeden-
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falls nicht wirklich. Eher Erleichterung. Erleichterung darüber, quicklebendig dem Verderben des meuchelnden,
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knallroten Henkers entronnen zu sein. Und auch darüber, die Zeit der Gitter, der Enge, der Kälte, der Einsamkeit, der Dunkelheit und der Uniformen nunmehr in die Lade un-
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schöner Erfahrungen ablegen, um sie Schaufel für Schaufel in die Flamme der Allmählichkeit des Vergessens
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geben zu können.
Vor zwei oder drei Monaten gab mir mein großherziger Klausi den Rat, ich möchte mir bitte nicht während der Nacht die Pulsadern aufzuschlitzen, weil er keinen Nachtdienst schiebe und mir somit auch nicht zu Hilfe eilen
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könne. Ich dankte seiner Fürsorge und erwiderte, wer mit dem Leben abschließt, der bringt sich nicht um, der zieht sich zurück und schreibt ein Buch. Damals wusste ich es nicht, heute schon: Niemals werde
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ich ein Buch schreiben! Und jetzt? Jetzt schauen wir uns in der Freiheit um.
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Kopf hoch, Hermann, auch die Patina werden wir abschleifen. Vielleicht soll das Ding verhindern, dass einer wen-
det und in die andere Richtung fährt. Aber wer will schon in die andere Richtung. So viel Glück ist nicht wiederholbar.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 98 von 98 -
Ein hornbebrillter Endvierziger in Strickjacke und Häkelkrawatte kletterte die Stufen herauf. Er grüßte nicht,
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stellte sich nicht vor, schnaufte einfach nur und verfügte in unappetitlich abgehobener Sprechweise: „Behalten Sie Ihre Plätze bei und bewahren Sie die Ruhe!“
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Wir gehorchten - schlagartig.
Schon setzte sich unser Freiheitslift in Bewegung.
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Mit versteinerten Mienen nahmen wir von Strickjacke Plastiktüten mit Schokolade, belegten Brötchen, Saft und Zigaretten entgegen. Unser Fahrer schob seine Stim-
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mungskassette rein und brachte Strickjacke damit erneut außer Atem. Der hastete mit großen, rasch vorwärts-
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strebenden Schritten und, als haben sich beim verabreichen der Tüten irgendwo ein paar Schrauben gelockert, krampfartig zuckendem Haupt, triefend fiebrigen Augen,
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unruhigen Fingern und wehender Häkelei den Gang entlang nach vorn und drehte ihr bei „Puff“ den Saft ab, krallte
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sich das Mikrofon und verbiss sich darin. So erfuhren wir nun über Lautsprecher unser Reiseziel, lauschten geistreichen Ostfriesenwitzen, auf die niemand reagierte, weil sie jeder kannte, und erhielten Einblick in so essenziell Wichtiges wie: „Viele nehmen an, Bayern sei die
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waldreichste Gegend Deutschlands. Dem ist aber nicht so haha! Hessen ist das Bundesland mit dem größten Waldbestand. Na, da haben wir schon was gelernt.“ Ich kaute Brötchen, trank köstlichen Fruchtsaft aus
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einer eckigen, handtellergroßen Pappschachtel, rauchte „Camel“ nebenher und bewunderte die intakten, sauberen
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Straßen, staunte über gepflegte Gärten und all die hübschen, freundlichen Häuser. Was denn, was denn: Sie bohnern ihre Autobahn,
wirbeln mit Staubwedel durch ihre Vorgärten, legen Teppiche in Busse und trinken aus Pappschachteln? Womöglich essen sie von Papiertellern, schlürfen Suppe aus Schuh-
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 99 von 99 -
kartons... unglaublich. Da kommt einiges auf mich zu. Ich werde mich umstellen, unglaublich viel vergessen, umden-
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ken und noch viel mehr lernen müssen.
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VII
So kurz kann er sein, der Weg vom gelernten Ostler
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zum ungelernten Westler.
Als wir im Auffanglager einfuhren, zeichnete sich über Gießen die heraufziehende Nacht ab. Strickjacke
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mahnte, wie in Lagern üblich, zur Eile. Ich wusste nicht warum, eilte aber, weil alle eilten - und eilte ihnen nach in den
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Speisesaal, vor dem wir parkten.
Fünf Frauen mittleren Alters, mit Papier und Stift im Anschlag, empfingen uns. Unruhig auf der Stelle tänzelnd
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riefen sie Namen. Eine rief nach mir und ich eilte zu ihr und reichte ihr meinen Entlassungsschein. Endlich war das
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Ding weg. Doch die wollte ihn nicht, gab ihn mir zurück und gleich noch einen Stapel Papier dazu. Sie sah die Enttäuschung in meinen Augen, lächelte und legte einen Schein auf den Stoß.
„Begrüßungsgeld. Unterschreiben Sie bitte - hier“, sagte
rig h
sie und fuhr mit dem Zeigefinder die Liste nach unten. Für mich war es Westgeld. Fünfzig saubere, glatte
Deutsche Mark. Ich betrachtete den Schein von beiden Seiten, faltete ihn in der Mitte, strich zärtlich mit den
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Fingerspitzen darüber und schob ihn vorsichtig in die rechte Hosentasche. Jetzt war es kein Westgeld mehr, jetzt war
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es Geld, mein Zahlungsmittel. Ich war angekommen, war Zuhause. Und den Henker wird der Teufel holen. Sie sah wieder auf ihre Liste: „Sie werden nicht er-
wartet?“
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Ich schüttelte den Kopf und sie legte auf den Stoß einen anhänger. „Ihr Zimmer ist im Gebäude gegenüber.“
oth
Schlüssel mit einer dreistelligen Nummer auf dem Papier-
Dahin schickten sie alle von uns, die nicht abgeholt wur-
mr
den. Na ja, genau genommen waren es nur zwei.
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Unser Bus war weg, als ich vor die Tür trat. Es war
kühl und mich fröstelte. Einzelne Gepäckstücke lagen verstreut auf dem Gehweg. Michael rief nach mir. Ich
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schlenderte zu ihm auf die Straße und er stellte mich seinen Verwandten vor. Vermutlich ein Ehepaar. Sie versuchte
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sein „Herzlich Willkommen!“ mit ihrem „Herzlich Willkommen!“ zu übertonen. Die Hand reichten mir beide nicht. Ich ihnen auch nicht. Statt dieser drückte mir Michael ein Kärt-
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chen mit einer eiligst aufgekritzelten Telefonnummer in die Hand und verabschiedete sich. Ich dankte ihm noch
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schnell, ohne zu wissen, wofür, lächelte verzerrt und verzog mich in eine dunkle Hausecke auf die andere Seite der Straße.
Bestimmt ganz furchtbar aufregend, wenn man erwartet wird. Drüben auf der Straße lagen sich hundert
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Menschen oder mehr in den Armen. Stürmisch fielen sie nach unserer Ankunft übereinander her, umarmten sich herzlich, wie es schien. Nur, woher wussten sie, dass wir kommen würden? Es war mir schleierhaft. Ich trat auf die
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Glut meiner Zigarette und machte mich mit hängendem Kopf und einem fußballgroßen Klos im Hals auf die Suche
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nach meinem Zimmer. Jetzt hör aber auf! Das ist doch alles gelogen. Gelo-
gen, gelogen, gelogen! Die ganze Leidenschaft nur gespielt. Ist alles gar nicht echt. Bestimmt nicht. Die sind gekauft. Genau so wird es sein. Die haben Schauspieler gekauft, die das Theater jeden Tag irgendwo abziehen. Und
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auf mich wartete keiner, weil ich kein Geld habe. Aber dafür hätte ich sowieso kein Geld ausgegeben. Wer bin ich denn,
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dass ich Geld für dummes abtatschen und albernes abgeschlecke verschleudere.
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Mein Zimmer war schön. Ich sah mich kurz um und verließ es wieder. Unter Menschen zu kommen war noch
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schöner. Der Eingang zur Kneipe befand sich gleich links neben dem Speisesaal. Ich drückte die schwere Tür auf, entdeckte Andreas und setzte mich zu ihm.
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„Was darfs d’n sei, mei Hübschor?“, grinste mich eine stämmige Blonde erwartungsvoll an.
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Ist rutschte mich zurechte, setzte mich aufrecht hin, schwellte die Brust und sagte, wie es der Mann von Welt im Westen zu sagen pflegt: „Einen Orangenjuice, bitte.“
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„Hä?“, fragte sie und zog dabei ein Gesicht als ekelte sie etwas.
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„Einen Orangenjuice, bitte!“, wiederholte ich freundlich und lauter.
„Der will nen O-Saft!“, rief der Wirt, der hinterm Tresen Gläser spülte.
„Quatsch’s näschste Moal deitsch met mer, vorstähst!“,
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bellte sie, nahm ihren riesigen, bebenden Busen und wackelte trampelnd zum Tresen. Dämliche Kuh! Ich nahm extra kein Bier, um Westsprache zu sprechen. Und wenn du schon so schlau bist, dann ver-
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rate mir doch mal, warum ich dir nicht die Fresse poliere? Stimmt, weil ich hier zu Hause bin und sich Fett von den
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Tapeten schlecht löst. In einem Zug schüttete ich das winzige Gläschen O-Saft runter, zahlte und behielt das Trinkgeld für mich; klopfte Andreas mit der flachen Hand auf die Schulter und verschwand auf mein Zimmer.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 102 von 102 -
Was war das denn für eine Kultur, die mich in ihre Arme schloss? Gar nicht so einfach. Dazu muss man zu-
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nächst einmal wissen, dass es viele Zweige der Kultur gibt. Deshalb ist Kultur nicht gleich Kultur. Oder eben doch. Auf jeden Fall aber hat sie viele Fassetten. Eine unverständli-
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cher als die andere. Aber eigentlich auch nicht. Denn
Kultur ist immer alt und irgendwie auch neu, aber schon
im
länger da und alle nehmen daran teil. Wenn also jemand seinen Frühstückstisch nicht abräumt, hat er nach vier
Wochen eine Frühstückskultur - mitten in der Küche. Und
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wenn einer etwas ablegt, aber nicht spült, dann hat er nach ein paar Tagen eine, na ja, eben eine andere Kultur im Ba-
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dezimmer. Daneben gibt es dann auch noch Kulturkreise. Aber das ist nicht so kompliziert. Das sind moderne Lieder singende alte Menschen. So einfach ist das. Muss einem
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nur richtig erklärt werden - von kompetenter Seite, versteht
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sich. Ist wohl besser, ich schlafe jetzt. In der Früh kaufte ich mir eine Bild-Zeitung und verbrachte den Rest des Tages, wie auch den gesamten folgenden, auf ungelüfteten Fluren und in muffigen Zimmern.
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Zugegeben, der „Playboy“ reizte mich, insbesondere Hermann, schon auch. Aber ich gab nicht nach, denn ein Playboy war ich nicht, demzufolge auch nicht auf Fachzeitschriften angewiesen. Was ich dagegen wirklich brauchte,
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war Arbeit oder einen Studienplatz - und eine Wohnung.
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Eine unendlich große, helle Wohnung. Im Innenteil meldete die Bild-Zeitung auf dreieinhalb
Zeilen, dass am Vortag 39 Ostzonenflüchtlinge in die Bundesrepublik einreisten. Obwohl die Zahl übereinstimmte, meinten sie sicher nicht uns. Ich war kein Flüchtling, und aus einer Ostzone kam ich auch nicht. Was ist überhaupt
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 103 von 103 -
eine Ostzone? Vielleicht eine Art Lager, so was wie in Sibirien?
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Scheiße auch, ich bin doch kein Russki!
Mit dem Laufzettel in der Hand lief ich durchs Lager,
mr
von einem Büro zum anderen. In jedem der Kämmerchen
erwarteten mich mindestens zwei Herren. Frauen schienen verdarben sowieso nur die Atmosphäre.
im
nicht geeignet für anspruchsvolle Tätigkeiten. Und Blumen Ein Raum glich dem anderen. Im Hintergrund dudel-
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ten Kofferradios und die Herren tranken Kaffee, rauchten und stellten Fragen. Sie behandelten mich ausgesprochen
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freundlich und nachsichtig. Wohl auch, weil sie mich für ein wenig - oder etwas mehr - behämmert hielten. Gleich fünfmal beantwortete ich in fünf Räumen auf fünf verschie-
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denen Fluren nahezu identische Fragen. Im Zimmer des Verfassungsschutzes - die hießen
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wirklich so und sahen gar nicht so kräftig aus - begrüßten mich gleich vier Herren. Nachdem sie ihre Fragen gestellt und ich sie artig beantwortet hatte, legten sie mir nahe, mit der Presse nicht über meine Erlebnisse zu plaudern. Es würde sich negativ für diejenigen auswirken, sagten sie,
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die drüben auf eine Chance warteten, wie sie mir zuteil wurde.
Im siebenten und letzten Zimmer fragte man mich,
wohin, in welche Stadt, welches Bundesland ich gehen
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wolle. Ich zuckte mit den Schultern und sagte, dass ich, wenn ich es mir tatsächlich aussuchen könne, ich also
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wirklich die Wahl hätte, ich mich ganz gern in einer kleinen, ruhigen Stadt niederlassen würde. „Aber klar, du kannst dir aussuchen, wohin du gehen willst“, sagte der zu meiner Rechten und schlürfte aus einer zwei Hände großen Kaffeetasse. Das Teil war so unanständig groß, dass es locker auch als Nachttopf hätte
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 104 von 104 -
durchgehen können. Einladungen bekam der mit dieser
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Frechheit sicher nicht sehr viele. Sattsam ausgestattet mit broschierter Lebenshilfe
beendete ich meinen zweitägigen Rundgang. Die Broschü-
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ren würden mir den Umgang mit Behörden erleichtern und beim zurechtfinden in dem für mich fremden Land behilfsagt, dann wird schon etwas dran sein.
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lich sein, sagte jeder in jedem Zimmer. Und wenn es jeder
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Eine Bahnfahrkarte nach Stürmberg in der Jacke, einen sauber gefalteten, nagelneuen Hundertmarkschein in
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der Gesäßtasche und das Bündel Lebenshilfe unterm Arm so gewappnet verließ ich am Morgen des dritten Tages das Lager.
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Obwohl ich mich freute, sogar riesig freute, meine Heimat zu beschnuppern, kennen zu lernen, abverlangte
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dieser erste Schritt doch ein gehöriges Maß an Überwindung. Zu Hause schrieben sie beinahe täglich über die schlimmen Zustände im Westen. Messerstechereien, Mord und Totschlag bestimmen das Bild der Großstädte, hieß es. Ich trug die Bilder in mir und war auf der Hut vor Horden
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marodierender Jugendbanden und achtete auf messerwetzende Mafiakiller in dunklen Hauseingängen. Aber da war niemand. Und trotzdem stand mir das Wasser in der
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Hose - vor allem hinten. Im Bahnhof kreuzten mehrmals Polizisten meinen
Weg, aber, so oft ich mich auch umwandte, mir stieg kein
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hübsches Mädchen nach. Selbst hässliche legten es nicht darauf an, Hermann zu belästigen. Und blutverschmierte Junkies lungerten auch nicht herum. Dabei suchte ich, neugierig wie ich nun mal war, sogar die Toilette nach ihnen ab. Und, ich ahnte es bereits, natürlich randalierte auch im Zug kein Aas.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 105 von 105 -
Es war ja so was von gewöhnlich. So was von langweilig,
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dieser Westen. In Stürmberg meldete ich mich im Übergangswohnheim für Aussiedler und rief noch am selben Abend bei
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Michael an. Einfach so. Nur um mal zu telefonieren. Eine
andere Nummer hatte ich nicht. Gut, ich hätte auch bei der
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Telefonauskunft oder der Polizei anklingen können. Ihre
Nummern standen am Apparat. Aber worüber hätte ich mit denen sprechen sollen: „Gestatten, James Wollter. Ich bin
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neu hier und wollte mich nur mal vorstellen.“?
Schon gleich beim ersten Versuch stand die Verbindung.
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Erstaunlich, es dauerte nur Sekunden - wirklich wahr, ging ganz fix.
Michael freute sich und besuchte mich auch gleich
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am darauffolgenden Tag. Drei Stunden schlenderten wir durch die Altstadt und parlierten über die alten Zeiten, den
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unermesslichen Vorzügen, ein freier Mensch zu sein, und unsere Zukunft. Michaels Rastlosigkeit, unaufhörlicher Redefluss und der weiße Schaum in seinen Mundwinkeln, den er nach jedem Satz, selbst nach den ganz kurzen, geräuschvoll einsaugte, gingen mir mächtig auf den
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Hermann, weshalb ich ihn mehrfach an die Abfahrtszeit seines Zuges erinnerte. Wir standen auf dem Bahnsteig und schüttelten uns
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die Hände. Plötzlich faltete er sein Gesicht und fing an zu heulen. Gott, war mir das peinlich. Konnte der damit nicht
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warten, bis er im Zug saß? Oder wenigstens so lange, bis ich weit weg war? Aber nein, der plätscherte lustig drauf los. Schnell nahm ich meine Hand, steckte sie vorsichtshalber ein und sah mich nach etwas schwerem um. Aber da war nichts, nur Bänke. Die hatten sicherlich ein passables Gewicht, waren nur etwas unhandlich und dummerweise
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 106 von 106 -
am Boden befestigt. Wenn der sich meiner Schulter nähert, haue ich ab.
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Ich gab ihm ein Papiertaschentuch. Er bellte hinein wie ein getretener Straßenköter und plapperte was von Nervenzu-
sammenbruch, den er erlitt, als er in der ersten Nachte die
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deutsche Nationalhymne im Radio hörte.
Na und, sei froh, dass du ein Radio hattest. Ich gab ihm ein
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zweites Taschentuch und er erzählte den zweiten Teil seiner Anekdote, die damit endete, dass er seither auf Etsch sei und nicht mehr loskomme.
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Was dieser Flennmann da redete, war mir nur noch Brust. Was glaubte der wohl, wie sehr mich seine Weiberge-
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schichten kümmerten. Warum klopfte der Wassertreter nicht beim Pfarrer an? Ich drückte ihm die restlichen Papiertaschentücher in die feuchte Linke und sagte, ich
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müsse mal kurz pinkeln.
Auf der Höhe des uringeschwängerten Zitronendufts
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beschleunigte ich meine Schritte.
Michael bestieg den Zug, sprang davor, dahinter, darüber oder darunter, ging Unterwassersurfen oder Tiefschneetauchen - was auch immer. Es interessierte mich nicht.
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Ich sah ihn nie wieder.
Nach einer Woche Stürmberg schickte man mich in
ein Wohnheim der Arbeiterwohlfahrt nach Ramberg. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich stand vor dem Bahnhof und
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verknallte mich bis über beide Ohren in diese wahrlich
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schöne, kleine, alte Stadt. Ausgelassen, den Kopf vollgestopft mit Träumen, im
Herzen ganz große Pläne und pure Begeisterung im Bauch, folgte ich buchstabengetreu den Anweisungen meiner Lebenshilfefibeln und besuchte ein Amt nach dem anderen. Ordnung muss sein.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 107 von 107 -
Doch bald schon wurde ich in meinem geradezu sportlichem Ehrgeiz ausgebremst. Ohne Vorlage meiner
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Geburtsurkunde konnte mir kein Personalausweis ausgestellt werden. Arbeit vermittelte man mir keine, weil ich
weder Schulzeugnisse noch einen Berufsabschluss oder
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auch nur einen Personalausweis vorweisen konnte.
Beim Landratsamt beantragte ich einen C-Ausweis
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und erfuhr, dass diesen sogenannte Sowjetzonenflüchtlinge erhielten. Aber ausfertigen könne man ihn frühestens
dann, wenn ich einen Personalausweis vorlegte. Den wollte
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ich zwar, aber das andere Ding nicht mehr, weil ich kein Flüchtling war - ich wurde nämlich verbannt. Wann versteht
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das endlich mal jemand! Den Status eines ehemaligen politischen Häftlings verweigerte man mir, weil die Behörde der Meinung war, ich sei viel zu jung gewesen, um zu wis-
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sen, was ich tat. Weshalb sie mir auch keine Unterstützungen und Beihilfen nach dem Häftlingshilfege-
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setz angedeihen lassen könne. Das müsse ich schon verstehen.
Natürlich musste ich das verstehen, war doch laut genug und klang allein schon deshalb einleuchtend. Ich verstand nicht und sagte, dass ich ihre Entscheidung akzeptiere und
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zugleich aufrichtig bereue, mich der DDR zum austesten von Einzelhaftsituationen und als williges Prügelexperiment zur Verfügung gestellt zu haben. Danach schaute ich gleich mal bei einem Psychiater
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rein. Nicht, weil ich nicht wusste, was ich tat, sondern des Schönheitsfehlers meiner Sprachkunst wegen. Der nette
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Mensch hielt mich zwar nicht für unzurechnungsfähig, aber irgendetwas anderes, was dem sehr ähnelte. Ruhig und sachlich klärte mich Doktor Schlauberger in seiner unnachahmlich rücksichtsvollen Art darüber auf, dass die Ursache eines Sprachfehlers ganz sicher nicht die Haft, und entsprechend auch nicht die Einzelhaft bilde.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 108 von 108 -
Sehr wahrscheinlich stottere ich seit frühester Kindheit, habe dies nur nicht bewusst wahrgenommen.
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Das ich darauf nicht selbst kam?
Auf dem Sozialamt (das hieß wirklich so - mit sozial und so.) reichte man mir eine Liste mit mehr als zwanzig
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Adressen von Geschäften, bei denen ich beglaubigte Kostenvoranschläge für Schuhe, Socken, Unterhosen und
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andere Bekleidung einsammeln sollte. Ich beeilte mich und blätterte sie schon am nächsten Tag dem Sachbearbeiter
(der nannte sich auch wirklich so - mit Arbeiter und so.) auf
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den Schreibtisch.
Er warf noch nicht einmal einen heimlichen Blick darauf,
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langte danach, legte sie in einen hellbraunen Hefter und entnahm diesem einen Stapel Gutscheine, die er mir entgegenhielt. Ich nahm sie, sah sie flüchtig durch und
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entdeckte nicht ohne Befremden, dass sie in anderen Gewaren.
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schäften als denen von der Liste des Vortages einzulösen „Is noch was?“, fragte er.
Ich sah ihm beim Frühstück zu und fragte, ob er Arbeit für mich hätte oder etwas wisse, wo ich nachfragen könne. Er biss von seinem Frühstücksbrot, leckte über die Spitze
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des Zeigefingers und jagte drei gerade noch sichtbare Krümel, die sich heroisch auf die ihm als Unterlage dienenden Bewilligungsbescheide stürzten, sammelte sie seelenruhig auf, betrachtete die Eindringlinge mit trium-
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phierendem Augenaufschlag, steckte dann den Finger bis zum zweiten Glied in den Mund und sagte gedehnt: „Für
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Typen wie dich gibt es hier keine Arbeit.“ „Und gibt es für Typen wie mich Wohnungen hier?“ „Ändere deinen Ton“, schrie er, „sonst rufe ich die Polizei und lass dich verhaften! Geht ganz schnell!“, inspizierte sein Gelbwurstbrot und hackte die gelbbraunen Zähne hinein.
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„Kennst dich ja aus im Knast. Geh arbeiten, dann findet sich schon ein Erdloch für dich“, sagte er mit vollem Mund
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und lachte, holte Luft und verschluckte sich anständig,
krepierte aber leider nicht, würgte nur blöd und hustete übertrieben laut und arbeitsintensiv.
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Ich wartete noch ein, zwei Sekunden, weil ich die Hoffnung, ihn langsam ersticken zu sehen, nicht so schnell aufgeben
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wollte, riss mich dann schließlich doch los und machte kehrt. Auf dem Weg zur Tür glitten mir die Gutscheine durch die Finger und flatterten geräuschlos zu Boden.
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Am Ende dieser Tage war ich in der Verfassung, „Schatz, mir sind die Zigaretten ausgegangen. Ich geh mal
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schnell runter zum Automaten. Bin gleich wieder da“, zu sagen. Nun, wie jeder weiß, funktioniert der Trick leider
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nur, wenn man verheiratet ist.
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VIII
Wütend trat ich gegen das Gitter. Im Wechsel aufeinander folgend mit dem linken und rechten Fuß. Es half nichts.
Das mitten in die fensterlose Zelle gesetzte Gitter, das
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dämmrige Licht und das an der Wand hochgeschlossene Liegebrett brachten mich an den Rand des Wahnsinns. Unsicher schob ich den linken Arm durch die Gitterstäbe. Tastend arbeitete ich mich an der Wand bis zu dem kleinen,
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runden, schwarzen Knopf vor, drückte ihn und wartete. Nach einigen Minuten erschien ein Grüner.
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„Was gibt’s?“ Heftig stotternd bat ich um Feuer. Zigaretten hatten sie mir glücklicherweise belassen. „Warten Sie einen Moment, gerade kommt das Abendessen.“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 110 von 110 -
Neben Feuer erhielt ich einen mit Leitungswasser gefüllten Plastikbecher, zwei dünne, trockene Scheiben
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Schwarzbrot und eine kleine Ecke Schmelzkäse. Gierig aß ich alles auf und rauchte nebenher. Ganz allmählich legte
sich das Gefühl der Leere, welches sich in Kopf und Magen
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wie ein bösartiges Krebsgeschwür auszubreiten drohte.
Später, sehr viel später, öffneten sich Tür und Gitter
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und ich wurde aufgefordert, mein Nachtlager herzurichten.
Ich ging auf den Flur und nahm eine mit was weiß ich nicht alles befleckte Schaumstoffmatratze und eine ungeniert vor
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sich hin müffelnde Decke vom Stapel, trug beides in die Zelle und warf es auf das zwischenzeitlich herunterge-
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klappte Schlafbrett. Ausgelaugt schlief ich bald darauf ein. Am Morgen legte ich Matratze und Decke im Flur ab.
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Auf dem Rückweg reichten sie mir ein üppiges Frühstück. Ohne genauer hinzusehen, futterte ich die Scheibe
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Schwarzbrot nach Art des Hauses, also nackt wie der Bäcker sie schuf, und spülte mit einer geruchlosen und erfreulich geschmacksneutralen bräunlichen Flüssigkeit aus einem Plastikbecherchen nach. Um ein reinigendes Duschbad bettelte ich vergebens, nicht
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jedoch um Feuer.
Alsbald danach chauffierten mich zwei Uniformen im
grünweißen VW-Bus zum Stürmberger Justizpalast. Über
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eine Stunde geduldete ich mich neben einem, der die ganze Zeit blöd auf die Tür starrte, stumm unter einer Glocke aus
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schwerem Tabakqualm in der Wartezelle. Nicht sein Blick, sondern ein ganz gewöhnlicher Schlüssel öffnete schließlich die Tür. In Handfessel und Begleitung einer mir bis dahin un-
bekannten Uniform, möglicherweise die eines Garcon, betrat ich einen Gerichtssaal. Meine Augen weiteten sich,
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ob der verteufelt gutaussehenden Protokollführerin an der Stirnseite des Richtertisches: Brünett, haftverschärfend
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kurzes Röckchen, Dekolletee bis zum Bauchnabel - oder jedenfalls beinahe. Ich bemerkte Hermanns Unruhe und
verspürte im Taumel der Augenfreude einen sich plötzlich
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über die Brust ausweitenden heftigen dumpfen Schmerz.
Einen Moment lang schien es als verlöre ich das Gleichge-
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wicht, fing mich aber und plumpste auf den schlichten
Holzstuhl vor der ersten Reihe der unbesetzten Zuschauertribüne.
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Geilheit macht blind. Ich hatte die um den Schlüsselbund geballte Faust des hinterhältigen Garcon nicht
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kommen sehen. Unbeeindruckt nickte ich ihm dankend für die, zugegeben etwas unorthodoxe, Platzanweisung zu, woraufhin er sein Antlitz in Zornesröte tauchte und sich auf
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sein Stühlchen neben dem Eingang trollte, um sogleich wieder hochzuschnellen. Durch die Tür hinter dem Richter-
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tisch trat ein sehr junger Mann in pechschwarzem Leibchen mit viel zu großen Ärmeln. Ich hielt ihn für einen Angestellten, der schnell noch den Papierkorb leert und flink die Tischplatte wienert. Dass sich Richter hier zu Lande kostümieren, also darauf war ich nun wirklich nicht
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vorbereitet und blieb, meinen Brustkorb massierend, sitzen.
Ohne jede Vorrede verlas, jetzt erkannte ich ihn, der
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Haftrichter in der Tonfolge eines psychedelisch pfeifenden Wasserkessels den Haftbefehl und schloss: „Das macht
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sich aber gar nicht gut in Ihrer Biografie.“ Jetzt erhob ich mich. „Biografien sind was für Leute, die nichts zu erzählen haben.“ „Soso. Möchten Sie sich zu den Vorwürfen im Haftbefehl äußern?“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 112 von 112 -
„Ich würde gern meinen Anwalt anrufen. Er soll auch etwas von dem hier abbekommen.“
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„Soso, einen Rechtsanwalt haben Sie also. Ich kann mir
nicht vorstellen, dass sich ein Anwalt für Ihren Fall interes-
sieren lässt. Und wenn doch, sind Sie besser beraten, dass
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in Wünschen abzuklären. Ich habe Ihnen hier nur den Haft-
befehl zu eröffnen. So will es das Gesetz nun mal. Möchten
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Sie nicht vielleicht doch etwas zu den Ihnen zur Last gelegten Vorwürfen sagen?“ „Na, mal seh’n.“
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„Beginnen Sie - aber gleich. Oder lassen Sie es.“
„Ich habe keine dreitausendneunhundert Mark gestohlen.
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Nichts, rein gar nichts habe ich geklaut. Sie sagten, ich hätte eine hohe Strafe zu erwarten und deshalb sei nicht davon auszugehen, dass ich mich selbst stellen würde.
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Überzeugen Sie sich bitte selbst, ich bin hier, habe mich gestellt. Freiwillig, wenn ich das mal so anmerken darf.“
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„Sie dürfen.“
„Na, und dass mit dem Raub - Gott, wie lustig - ist sicher nur ein Gaudi.“ „Soso.“
Ich stand vor dem Stuhl und war furchtbar aufgeregt. Doch
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zeigen wollte und durfte ich es nicht. Auf gar keinem Fall sollten sie Schwachstellen für gezielte Angriffe nutzen können. Erst in diesen Minuten wurde mir das ganze Ausmaß und die Auslegung meiner Tat allmählich bewusst.
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Und diese Erkenntnis versetzte mein Herz in Schwingungen, in Schwingungen der Angst. Fest und tief bohrte ich
Co
meine Fingernägel in die feuchten Handflächen, bis der Schmerz die Angst besiegte. „Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“ „Nein. Das heißt: Warum darf ich nicht mal selbst einen Blick in den Haftbefehl werfen?“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 113 von 113 -
„Soso, einen Blick in den Haftbefehl werfen also. Fragen ein Exemplar für Sie. Ich habe hier nur eine Kopie.“ Leg die Hände aufs Pult, du Ferkel.
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Sie am Besten in Wünschen. Vielleicht haben die da noch
Er sah mich nicht an. Während der gesamten Vorstellung
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nicht. Seine Augen schlapperten ungeniert den Ausschnitt der die Aufmerksamkeit sichtlich genießenden Schreib-
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braut hoch und runter, kreuz und quer, raus und rein.
Geilen Job hast du da abgegriffen. Lässt du mich dann mal in dein Kämmerlein da hinten spitzen?
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„Soso“, sagte ich und hob die Hand zum Abschied.
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Wir waren an der grauen Stahltür, die das Gericht vom angrenzenden Knast trennte, angelangt. In der halboffenen Tür wartete ein fülliger Schließer auf mich.
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„Wie lange sind Sie hier?“, fragte Garcon freundlich. „Weiß nicht, vielleicht zwei Stunden.“
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„Im Westen, meine ich.“
„Nen Monat ungefähr“, und ging an ihm vorbei dem Schließer nach durch die Tür. „Was, kaum ein paar Tage hier und schon im Knast? War wohl nicht viel mit goldener Westen?“
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Ich warf den Kopf herum, neigte ihn leicht zur Seite und riss die Augen auf. „Gold? Wo?“ „Die in der Zone müssen überglücklich gewesen sein, als sie dich endlich los waren.“
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„Ja, und nun kannst du dir einen runterholen und dich im Kegelclub ordentlich besaufen. Das Leben meint es nicht
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gut mit dir.“ „Schleich di, Rotzer!“, und schlug die schwere Stahltür zu. „Den müssen Sie nicht weiter ernst nehmen“, bemerkte, mehr beiläufig, neben mir der Schließer. „Ist mir nicht entgangen, dass der nicht alle Schnitten im Beutel hat.“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 114 von 114 -
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IX Mir knurrte der Magen, ich war sauer und halb erfroren. Niemals hätte ich Luis drängen nachgeben dürfen.
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Hoffnung auf bessere Tage trieb mich voran.
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Doch jetzt war es zu spät. Oder vielleicht auch nicht. Die
Luis lernte ich im Wohnheim in Ramberg kennen. Die ersten Tage wohnte ich allein, doch dann bekam er das
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zweite Bett in meinem Zimmer zugeteilt. Es wurde eng, aber nicht unangenehm. Wir kamen prima miteinander aus.
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Vor zweiundzwanzig Jahren siedelten seine Eltern von Spanien nach Ramberg, erzählte er. Zehn Monate danach schlüpfte er. Luis machte mittlere Reife, eine
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Berufsausbildung zum Feinmechaniker und setzte sich sieben Monate wegen Scheckbetrugs in den Knast. Kurz
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darauf kehrten seine Eltern aus irgendwelchen familiären Gründen Deutschland den Rücken und ließen sich in Madrid nieder. Luis, zwischenzeitlich einundzwanzig, weigerte sich, ihnen zu folgen.
So kam es, dass er nach seiner Entlassung ohne
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Wohnsitz dastand und auf direktem Wege in mein Zimmer einquartiert wurde. Tagtäglich streifte ich von morgens bis abends su-
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chend nach Arbeit durch den Ort. Ich fragte im Hafen, auf Baustellen, in Kneipen, bei der Zeitung und im Kranken-
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haus. Ich fragte überall, selbst den Busfahrer, die Postfrau und die Müllmänner. Doch für einen ungelernten, der stotterte und auch noch, wie sie es nannten, Zoni sprach, für so einen sah es nicht eben gut aus. Einige lachten und äfften mich nach. Tiefer und tiefer fraß sich der Frust in meine Seele.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 115 von 115 -
Vom Sozialamt bekam ich wöchentlich vierzig Mark Taschengeld. Aber Winterschuhe gaben sie mir keine. Und
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auch keinen Wintermantel. Das hing wohl mit dem lausen-
den Affen zusammen, dessen Gutscheine ich verschmähte. Es war zwar kalt, nachts fiel das Thermometer auf nahe
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Null, aber insgesamt nicht so tragisch, denn schließlich
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bezahlten sie auch das Zimmer, in dem ich wohnen durfte.
An einem dieser frostigen Abende lag ich in meinem Bett und Luis redete unentwegt auf mich ein. Rastlos lief er
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im Zimmer auf und ab. Frierend lag ich in eine Decke gehüllt, sperrte die Lauscher weit auf und folgte seiner Bahn
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wie ein Zuschauer dem Ball eines Tennisspiels. Die Heizung funktionierte nicht. Noch nicht. Im Winter werde sie angestellt, versicherte uns der Hausmeister.
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Luis sprach davon, am übernächsten Tag einen Verwandten in Wünschen besuchen zu wollen. Der habe für
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ihn und, vorausgesetzt ich führe mit ihm, auch für mich Arbeit. Ganz sicher sogar. Denn schließlich besitze er ein spanisches Restaurant und könne immer Helfer gebrauchen.
Welch liebliche, welch erwärmende, welch kuscheli-
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gen Töne in meinen ausgekühlten Lauschern. Mir gefiel, was er sagte. Es gefiel mir sogar sehr. Spontan schloss ich mich ihm an. Ich war noch nie so richtig in einem Restaurant. Nur ein paar Mal ganz kurz, wenn ich nach Arbeit
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fragte. Da war es immer warm - und Essen... na, sowieso! Und wenn dieser Verwandte doch keine Arbeit für mich ha-
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be, na und, dann würde ich eben woanders welche finden. Wünschen, dass wusste ich, war eine riesige Stadt. Auf mich warteten unendlich viele Möglichkeiten. Nach zwei, drei oder fünf Jahren würde ich mir eine Wohnung mit großen lichtdurchfluteten warmen Räumen nehmen und, wer weiß, vielleicht sogar studieren können.
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Doch erst einmal musste Arbeit her. Ich werde sie ganz bestimmt nicht enttäuschen. Ich werde gut, viel und hart
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arbeiten.
Fast meine gesamten Ersparnisse ließ ich am Fahr-
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kartenschalter. Die Tante störte das nicht, beglotzte mich,
wie unzählige andere auch, mit Blicken, die mal wieder an
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meinem Geisteszustand zweifelten. Ich ließ sie glotzen,
nahm die Fahrkarte, brachte meinen Mund ganz nah an die te mich mit einem lauten: „Hu!“
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Membran in der Glasscheibe, die uns trennte, und bedankDas Tier fuhr zusammen, riss die Schweinsäugelein auf
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und rüsselte etwas, dass sich nach „Unverschämtheit!“ anhörte.
Das verstehe nun wer will: Da komme ich ihnen entgegen
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und verhalte mich wie sie es von mir erwarten, und was ist
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der Dank - meckern und maulen.
Es war nicht kalt an diesem Oktobertag, nein, es war saukalt. Auf dem Leib trug ich mein dünnes Hemdchen, meine ebenso dünne Stoffhose und ein kaum dickeres Jäckchen - alles Made in GDR. Und die Sohlen meiner Ma-
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de in China-Schuhe bedeckte an den Ballen eine hauchdünne Schicht Irgendwas. Aber ich fror nicht. Ich saß schlotternd neben Luis und hielt es mittlerweile für eine völlig normale Reaktion meines Körpers, der sich
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durch ungezügeltes zucken selbst zu erwärmen suchte. Im Wohnheim meldeten wir uns nicht ab. Luis mein-
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te, die werden schon merken, wenn wir nicht zum Abendessen erscheinen. Und außerdem kämen wir in ein bis zwei Tagen zurück - unser Zimmer auflösen. Vom Bahnhof fuhren wir mit der U-Bahn zu dem von Luis beschriebenen blühenden Park in unmittelbarer Nach-
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barschaft des Anwesens unseres zukünftigen Arbeitgebers. Nun ja, wenn einen Park drei Bänke, von denen zwei
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diesen Namen nicht verdienten, sieben dürre Sträucher
und eine angefressene Linde kennzeichnen, bitte schön,
dann sollte es eben ein Park, meinetwegen auch die grüne
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Lunge Wünschens sein.
Umgeben von zwei stark befahrenen Straßen weilte die
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vermutlich auf keinem Stadtplan eingezeichnete Oase der
Ruhe. Für Luis, der seit Ewigkeiten nicht in Wünschen war, die Orientierungshilfe par excellence. Eigentlich war mir
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das total Brust, ich war nur hungrig und meine steifen Glieder verlangten nach einer Unterlage.
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Eine Zigarette zwischen den aufgeplatzten Lippen und mit tief in den Taschen verbunkerten Händen stand ben Luis.
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ich, im Matsch von einem Fuß auf den anderen tretend, ne„Mach hin! Wo wohnt der Knabe?“
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Langsam drehte sich Luis um die eigene Achse. Luis späht, hieß das. Denn Luis musste ausschauen, weil er keine Adresse hatte, ihm aber sein Erinnerungsvermögen ganz sicher helfen werde. Ich hoffte, sein Vermögen überflügelt das, was ich in meinen Taschen trug, um Längen.
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„Da!“, rief mein Scout, „Ich wusste es. Da, gegenüber, auf der anderen Seite“, und peilte das Haus über seinen ausgesteckten rechten Arm und dessen Zeigefinger an. „Jetzt fällt es mir wieder ein: Blumenstraße dreiundsiebzig.“
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„Lesen kann ich auch.“ „Ist mir wirklich eingefallen. Im Erdgeschoss links.“
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„Wenn der Onkel nicht so furchtbar viel Angst hätte, dass es ihm seine kristallisierten Finger zerbröselt, würde er dir die Hammelbeine lang ziehen. Residiert der König der spanischen Küche in einer gewöhnlichen Absteige? In der Altbauwohnung eines ordinären Mehrfamilienhauses? Fiel sein hochherrschaftlicher Besitz räuberischen Flammen
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zum Opfer oder wurde es einfach nur von einer Herde angestochener Stiere niedergewalzt?“
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„Was gefällt dir an dem Haus nicht?“
„Mit dem Haus ist alles in Ordnung. Aber wo ist die dämliche Villa mit Park, von der du mir vorgeschwärmt hast?“
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„Hier ist doch der Park“, sagte er beleidigt. „Und das da sieht doch aus wie eine alte Villa, oder?“
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„Wenn du das sagst. Entschuldige, in meiner Verfassung
bringt man nicht mehr so viel Fantasie auf. Also, lass uns rübergehen.“
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Doch Luis ging allein. Er wolle seine Verwandtschaft auf „Es ist niemand da.“ „Wie darf ich das verstehen?“ „Nada in diese Casa.“
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uns vorbereiten. Nach ein paar Minuten kehrte er zurück.
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„Ich sehe selbst, dass das keine Sparkasse ist. Warum gehen wir nicht einfach zum Restaurant?“
tb yO
„Weil ich nicht mehr weiß, wo genau das war.“ „Denk nach! Streng dich an - oder schau ins Telefonbuch.“ Wieder und wieder blätterte sich Luis durch die Telefonbücher in der Zelle an der U-Bahn-Station. Fehlanzeige. Er konnte sich des Namens der Fressbude nicht vergegenwär-
rig h
tigen.
Damit war unser Schicksal besiegelt. Unter sternen-
klarem Himmel tigerte ich die Nacht durch den Park. Auf und ab, kreuz und quer, hoch und runter, rüber und nüber...
py
So was von romantisch. Nicht eine Minute ließ ich das Haus aus den Augen. Luis blieb erstaunlich gelassen. Ich
Co
weckte ihn am frühen Morgen. Es war stockfinster und hier und da eilten Menschen durch die Straße, bis unter die Nasenspitzen in warme Mäntel verpackt. Luis hatte es sich in seiner dicken Daunenjacke auf meiner Bank unter der abgefressenen Linde gemütlich gemacht. Am ganzen Leib zitternd scheuchte ich ihn hoch und zum Haus. Mir war
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 119 von 119 -
zwar nichts aufgefallen, allerdings wusste ich auch nicht, ob es einen Hintereingang gab und seine Verwandten ihre
oth
Stromrechnungen zahlten. Außerdem war ich an der Reihe, mich zu setzen. „Wolken, Gesäß und starker Regen!“
mr
„Du meinst, Himmel, Arsch und Wolkenbruch“, sagte Luis verschlafen.
im
„Ich meine, Wolken, Gesäß und starker Regen! Wer von
uns hatte denn die ganze Nacht Zeit, sich Flüche auszudenken? ! Das ist mein Fluch, kümmere du dich lieber um ber eine Zigarette hier.“
.T
deine Sippschaft! Schaff sie her! Schleunigst! Lass mir a-
W
Er schaffte sie nicht herbei. Erfolglos kehrte er zurück. Doch von nun ab wolle er halbstündlich nachsehen.
laf
Und ich? Ich saß entspannt auf meiner Bank und betrachtete das gegenüberliegende Haus. Es war nichts
tb yO
Besonderes an ihm, es war nicht einmal auffällig schön, es stand einfach nur da - und ich konnte nicht anders, kam nicht an ihm vorbei. Niemand, der sich auf meine Bank setzte, kam an ihm vorbei. Der Blick musste auf dieses Bauwerk und zwei, drei andere fallen. Ging gar nicht an-
rig h
ders. So saß ich also Stunde um Stunde und ließ mich von einer angenehm warmen Herbstsonne streicheln. Irgendwann, es dürfte um die Mittagszeit gewesen
sein, wackelte an einem Fenster auf der dritten Etage die
py
Gardine. Dann lugte ein Mütterchen hindurch, kurz darauf Väterchen, der eine Hand hob, als grüße oder drohe er je-
Co
mandem. Väterchen zog sich zurück, Mütterchen blieb. Ein paar Minuten später humpelte ein Opa breitbeinig aus dem Haus und über die Fahrbahn. Er sah nicht links, nicht rechts, kam zielstrebig auf mich zu und bezichtigte mich mit erhobener Stimme, ich wolle bei ihm einbrechen. Der hatte doch nicht alle Schnitten im Beutel.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 120 von 120 -
„Einbrechen? Bei einem Bettnässer? Na, Pfui!“ chen, das gar nicht daran dachte, seine Deutschlehrerpension mit mir zu teilen.
oth
„Kannst was af dei großa Goschn ham!“, empfahl Väter-
„Angeber! Ich habe nur darauf gewartet, dass du zu mir
mr
kommst, musst du wissen. Jetzt kann ich zu dir hoch
schleichen und mir von deiner Trockenpflaume eins mit der
im
Bratpfanne überziehen lassen. Genialer Plan, nicht wahr?“ „Und was machst dann nachher hier? ! Fensterln? !“, brummelte er.
.T
„Das frage ich dich. Du dringst ohne anzuklopfen in mein Wohnzimmer ein und hast noch nicht mal Kaffee dabei.
W
Verpiss dich, sonst gibt’s Gesichtseintopf!“
So was aber auch. Jetzt wird die Menschheit schon nervös, der Natur genießt.
laf
wenn sich wer auf eine Parkbank setzt und die Schönheiten Väterchen stiefelte davon und ich war mir ziemlich sicher,
tb yO
er würde 110 sein Leid klagen.
Luis kam von seiner Pinkelpause und fragte, was der Alte von mir wollte. Ich erzählte es ihm. „Der wird die Bullen rufen!“ „Na und?“
rig h
„Wir sind nicht irgendwo, wir sind in Wünschen. Hier wird erst eingesperrt, dann gefragt.“ Gut, dann ging letzte Nacht also auch nicht ganz spurlos an dir vorüber. Kann ich gut nachempfinden. Aber deshalb
py
musst du doch nicht gleich Deutschland mit der DDR ver-
Co
wechseln. Doch Luis tat noch viel mehr: Luis hatte nämlich ei-
nen Plan. Und dieser Plan hieß Ausweg - oder so in der Art. Ich hörte ihn an: nicht mehr, nicht weniger. Ich mühte mich nicht, Sinn oder Unsinn zu ergründen, obwohl der Unsinn zweifelsfrei auf der Hand lag. Mir war das Brust, außerdem vergrub ich meine Hände in den Hosentaschen. So was von
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 121 von 121 -
Brust, dass ich allem, was meine Lage nicht wesentlich Es war ein bisschen wie mit dem letzten Glas Bier. Du
oth
verschlechterte, sowieso zugestimmt hätte. weißt, wenn du das jetzt trinkst, würfelt es dich vom Hocker. Doch die Stimmung ist gut und der Stoff bezahlt -
mr
schütt runter, den Scheiß!
im
Nach der vierten Zigarette sattelten wir auf, ritten die
Attacke und stürmten die Festung des verschollenen Gast„Erdgeschoss links, hä?“
.T
ronom. Wie man das eben so macht.
„Ich meinte ja auch, links vom Hauseingang.“
W
Geschickt gekontert. Im Erdgeschoss befand sich lediglich eine Wohnung - die des verschollenen Paella-Papstes. „Warten wir noch einen Moment. Vielleicht hockt er auf der
laf
Schüssel, und die Sitzung zieht sich in die Länge? Oder er hat sein Hörgerät verlegt“, gab ich zu bedenken.
tb yO
Luis schüttelte den Kopf und warf sich gegen die Tür. „Erschrick ihn nicht! Vielleicht zupft er sich die Nasenhaare.“
Luis Plan, die Festung auf spanisch einzunehmen, erwies sich als wenig durchdacht. Die Wohnungstür verstand
rig h
nämlich kein Spanisch, sie verstand überhaupt kein Ausländisch, stellte sich taub und hintertrieb so unser
py
Bestreben.
Ich kann nicht sagen, worüber ich mich mehr wun-
derte: Über unsere Hartnäckigkeit, den verbissenen
Co
Widerstand der Tür oder über die Ignoranz der Hausbewohner. Vermutlich war es eine Mischung aus allem. Zunächst traten wir abwechselnd aus dem Stand un-
ter das Türschloss, dann mit Anlauf die Treppe runter. Doch mehr als einem müden Knacken war dem sturen Ding nicht zu entlocken.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 122 von 122 -
Warum funktionierte das immer im Film? Ein Tritt schwupp fliegt das Teil auf.
oth
„Wenn ich in dem Restaurant arbeiten darf, bin ich dann
ein Gastarbeiter?“, fragte ich und wischte mir Schweiß aus dem Gesicht.
mr
Luis lehnte am Geländer und lachte. „Nee, du nicht. Aber ich bin einer.“
im
„Spinner! Was arbeitest du denn? Tischler? Schlüsseldienst?“ gends. Und trotzdem bin ich einer.“
.T
Jetzt ging sein Lachen in helles Wiehern über. „Nichts. NirBist wohl in einem unbeobachteten Moment mit dem Schä-
W
del gegen das Brett gerannt. Ich ging rückwärts die Treppe hoch.
„Wenn du darauf bestehst. Das nächste Mal nehmen wir
laf
aber ein Beil mit oder wenigstens so einen Knilch, der im Vorübergehen so ein Stück Holz mit der Handkante zer-
tb yO
schmettert“, und rannte die Stufen runter, sprang mit der linken Schulter gegen die Tür, federte ab und setzte mich auf die dritte Stufe.
War es möglich, dass dieses Ding da lachte? Über mich? Über uns? Uns auslachte? Echt wahr, mir war, als
rig h
lache das Brett. Ein heimliches, abgehaktes, böses, sprödes Lachen. Hey, du, das ist nicht fair. Was wir hier machen, ist kein Spaß. Manchmal sind Dinge wie du einfach nur dafür da, dass jemand das macht, was wir
py
machen. Gib endlich nach, wir kriegen dich ja doch. Abwechselnd, später auch gemeinsam, warfen wir
Co
uns gegen das kleine Weißlackierte. Ohrenbetäubender Lärm erfüllte das Haus, donnerte die Stufen hinauf und herab, bremste, verhaarte und stob wieder davon. „Und wenn das saublöde Brett einen geheimen Zugangscode hat?“ „Geheimer Zugangscode? Was soll das sein?“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 123 von 123 -
„Na, hier hat doch irgendwie immer alles einen Code. Selbst beim öffnen einer Bonbontüte wird einem dezent die
oth
Ecke gewiesen. Ganz schön misstrauische Gemeinde, die-
se Westler. Möchte wissen, wo sich der schweine Architekt verkrochen hat“, und drückte auf den Hauslichtknopf.
mr
„Hierfür gibt es nichts geheimes, nur Schlüssel“, sagte
im
Luis ernst und nahm Anlauf.
Viele Stunden mühten wir uns, dann endlich gähnte sie, schnaufte und flog mit einem lauten Knall auf - und ich
.T
mit ihr in die Wohnung. Holz splitterte - das Türschloss polterte zu Boden.
W
„Danke!“, stöhnte Luis.
„Jederzeit, Chef“, sagte ich, fiel auf die Knie und kroch auf allen Vieren Holzstücke aufglaubend durch den Hausflur.
laf
Wie beim Kartoffeleinsatz in der Schule. Ich sammelte alles auf, rückte den Fußabstreifer zurecht
tb yO
und stutzte. War da nicht ein schleifendes, metallenes Geräusch? Ich hob ihn an und... Volltreffer! ... da lag der Zugangscode in Gestalt eines kleinen silbrigen, hämisch grinsenden Schlüssel. Selbstüberlistung war nun wirklich das Letzte, was ich an diesem Abend gebrauchen konnte.
rig h
So ließ den Fußabtreter fallen, schob ihn vor den Eingang und vergaß die Begegnung. Gleich einem Puzzle fügte ich große und kleine Teile
mit dem Schloss und der Tür wieder zu einer Einheit. Luis
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brachte eine Rolle Heftpflaster. Mit den Zähnen riss ich Streifen von ihr und klebte sie großflächig über die Bruch-
Co
stellen der Türinnenseite. Keine drei Minuten waren vergangen, als wir die Tür vorsichtig zudrückten. Das Schloss schnappte ein, das Brett hielt dicht. Einigermaßen ausgepowert machte ich eine Kehrt-
wendung und ging ins Wohnzimmer. Es war ein kleines
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 124 von 124 -
Wohnzimmer mit zwei Fenstern, Sofa, Tisch, Stereoanlage und einem Schreibtisch.
oth
„Hey, Gastarbeiter!“
„Entschuldige mal, ich wohne gewissermaßen hier.“ Luis
stand hinter dem Schreibtisch, mit dem Rücken vorm rech-
mr
ten Fenster, und las im Licht der Straßenbeleuchtung in etwas. „Der Trottel hat sein Feilofäx vergessen.“
im
„Sein was? Tabletten?“ „Terminer.“ „Kalender?“
.T
„Hm, so in der Art. Für heute hat er IAA eingetragen.“ „Und ich habe Hunger. Sein Dünnpfiff ist mir Brust.“
W
„Der ist in Frankfurt. Automobilausstellung.“
Ich ging auf ihn zu, nahm ihm den Feilodingsbumskalender erste Seite auf.
laf
in weichem, schwarzem Leder aus der Hand und schlug die „Gerhard Niedermann. Typisch spanisch.“
tb yO
„Wir sind weitläufig verwandt.“
„Furchtbar weit“, sagte ich und dachte: Der blöde Kalender ist wärmer eingepackt als ich. Dabei braucht so was das gar nicht.
Mein Magen wies mir den Weg zur Küche - einem
rig h
schmalen Schlauch. Dicht aneinandergedrängt der Kühlschrank neben dem Elektroherd und daran die Spüle voller schmutzigem Geschirr. In einer Flucht schloss sich ein schlichtes weißes Schränkchen bis zum Fenster an. An der
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Wand, in Blickhöhe über der Arbeitsfläche, ein Kalender. Eine getigerte Katze mit ihren beiden Jungen. Das Motiv
Co
vom Februar des letzten Jahres. Im Kühlschrank ein halbleeres Glas süßer Senf und im Schränkchen acht Beutel schwarzer Tee. Süßer Senf? Kotz! Gott, ist das abartig! Wahrschein-
lich aus einem Scherzartikelladen. Schon klar, ein wahrer
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 125 von 125 -
Genießer, der Herr Restaurantbesitzer. Nur ein klein wenig
oth
niederschmetternd, was er unangemeldeten Gästen bot. Zurück im Wohnzimmer legte ich mich auf den weichen Teppich und gönnte mir ein Nickerchen. Sicher, ich
mr
hätte mich auch aufs schwarze Ledersofa werfen können, doch das hatte etwas steifes, ungemütlich kaltes. Nichts
im
zum strecken und wohlfühlen. Wie das gesamte Wohnzimmer kalt und ungemütlich wirkte.
Ein Rauchglastisch vor dem Sofa auf der linken Seite
.T
des Zimmers. Gegenüber ein HiFi-Turm, ein Fernsehgerät und am Boden zwischen beidem ein Videorekorder. Bei-
W
derseits der Tür stapelten sich auf Regalbrettern Videokassetten dicht an dicht. Hinter dem Schreibtisch übereinander geworfene Zeitschriften auf dem Boden unter
laf
dem Fenster. Auf dem Schreibtisch ein rotes Telefon mit Wählscheibe und am linken Fenster ein verdorrtes Pflänz-
tb yO
chen. Ein Wartesaal eben - ganz ohne Wandschmuck und Gardinen.
Als ich die Augen aufschlug, saß Luis im Schreibtischsessel und sah fern. Die Heizung bis zum Anschlag
rig h
aufgedreht. Seine Füße ruhten auf der Tischplatte. Es war wohl ihre strenge Würze, die mich aus dem Schlaf riss. Luis zog sich bunte Bilderchen rein, sein Hirn schickte er irgendwohin auf Urlaub.
py
„Wieder fit?“
„Wie viele Tage war ich weg?“
Co
„Zwanzig Minuten, mehr nicht.“ „Hast du eine Ahnung, wo die Nugatschüssel ist?“ Luis sah mich mit halboffenem Mund blöd an. „Wenn man nicht alles selber macht“, knurrte ich, rappelte mich schwerfällig auf und ging raus.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 126 von 126 -
Ich fand sie am Ende des Korridor. Ein keines quadratisches Loch ohne Fenster. Als ich wieder ins Wohnzimmer te Luis von einem der vier Programme zum anderen.
oth
kam, stotterte das Fernsehgerät. Im Sekundentakt wechsel-
oder schmeiß ’ne Kassette rein.“
mr
„Wenn hier einer stottert, dann ich. Schalt den Krüppel ab
Luis griff wahllos ins Regal, entnahm die Kassette der wei-
im
ßen Buchhülle und schob sie in den Rekorder.
„Und was ist jetzt das?“, fragte ich nach wenigen Sekunden.
.T
„Kunst?“, antwortete er und grinste wie ein Luis.
„Ich muss mich doch sehr wundern. Kunst ist, was keiner ein Luis.“ „Ö! Wohl lebensmüde?“
W
versteht. Das da dürfte so ziemlich jeder verstehen. Selbst
laf
Ich kniete mich auf den Boden vor den Rekorder und spulte das VHS-Band einige Minuten vor. Dann noch ein Stück,
tb yO
und noch ein Stück. Wo ich es stoppte, es zeigte uns nahezu identische Szenen. Luis kniete sich neben mich und wechselte das Band. Doch auch auf dem zweiten und dritten und vierten - überall dasselbe. „Kunst, hä? Dein Häuptling ist gar kein Kneipier, er ist
rig h
Kunstkritiker.“ „Ist er nicht.“
„Ist er doch!“ „Ist er nicht!“
py
„Doch, doch, doch, doch, doch...“ „Ich kenne den Scheißtyp überhaupt nicht!“, schrie Luis
Co
los. “Er schuldet einem Onkel von mir Geld! Verdammt viel Geld! Ich soll ihm eine Lektion verpassen, mehr nicht!“ „Diese Onkels aber auch. Und der zahlt dafür?“ „Hm.“ „Fällt für mich was ab?“ Luis schwieg.
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 127 von 127 -
„Schon in Ordnung. Meine Rückfahrkarte zahlst aber du.“ „Okay!“, sagte er leise.
oth
Ungläubig starrten wir auf die Mattscheibe.
„Wie heißt Rosi mit Vornamen?“, fragte ich, weil mir nichts wirklich dummes einfiel.
mr
„Weiß nicht. Quatsch! Da gibt’s nur Roberts.“ Luis legte
den Kopf erst auf die linke, dann auf die rechte Schulter.
im
„Wie machen die das nur? So ein Kuddelmuddel... ja, leck mich doch.“
„Könnte dir so passen. Frag deinen Künstler.“
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Während der folgenden anderthalb Stunden spielte Luis schätzungsweise 100 oder mehr Kassetten an. Und von je-
W
der schlugen uns gleichartige Bildfolgen und Geräusche entgegen.
Urplötzlich sprang er auf, zündete sich mit nervösen
laf
Fingern eine Zigarette an, sagte: „Kinderpornos, Kinderpornos, Kinderpornos. Was für eine Drecksau!“, und
tb yO
wuselte vor meiner Nase herum.
„Der Umgang, den deine Verwandtschaft pflegt, ist, mit Verlaub gesagt, ganz schön abgefuckt.“ „Woher sollte ich denn wissen, dass das ein Schwanzwedler ist? !“
rig h
„Ja, woher eigentlich? Wenn du noch weißt, wo deine Zigaretten sind, dann wirf sie mir rüber.“ Er warf mir die Schachtel zu und legte das Feuerzeug auf den Tisch.
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„Ich hätte große Lust, ihm den Sack abzuschneiden. Ganz langsam. Mit einem stumpfen Messer. Einem verrosteten.“
Co
Luis lachte böse. „Die Eier kochen, schälen und ihm ins Maul stopfen. Und dann... dann... wenn diese Sau noch nicht krepiert ist, durch die Stadt jagen. Steinigen! Steinigen wäre genau das Richtige. Ich wette mit dir, der merkt sich das.“
Roman: salve, mule! let’s go! - Copyright by Olaf W. Timmroth - Seite 128 von 128 -
„Behalte dein Geld und tue verdammt noch mal nicht so, als seiest du so viel besser als er! Außerdem kann er beim
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steinigen nicht planlos durch die Gegend rennen, weil er in einen Sack gehört, wenn du es richtig machen willst, du Spinner!“
mr
„Ich ficke keine kleinen Jungs!“
„Nein, du bumst nur wehrlose Türen! Hör endlich auf mit
im
dem ekel