Keine Abenteuer, bitte! Stellt Professor Selesnjow Alissa zur Bedingung, bevor sie an Bord des guten alten „Pegasus“ zu...
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Keine Abenteuer, bitte! Stellt Professor Selesnjow Alissa zur Bedingung, bevor sie an Bord des guten alten „Pegasus“ zu einer Tierfangexpedition in den Kosmos aufbrechen. Doch er sollte seine Tochter kennen! Konnte sie etwa Augen und Ohren vor den rätselhaften Vorgängen auf dem Leeren Pla neten verschließen oder sich in der Kajte verkriechen, wenn die Büsche vom Aldebaran plötzlich aus dem Lade raum ausbrechen und zum Sturmangriff auf die Raumschiff besatzung ansetzen? Und was ist mit diesem merkwürdigen Doktor Werchwowzew los, der ihnen auf allen Planeten, wo sie Station machen, über den Weg läuft? Er scheint ein recht Unfreundlicher Zeitgenosse ihres 21. Jahrhunderts zu sein. Ob er etwas mit dem Verschwinden des legendären Zweiten Kapitäns zu tun hat?
Kir Bulytschow
Das Mädchen von der
Erde
Aus dem Russischen von Aljonna Möckel
Der Kinderbuchverlag Berlin
1. Auflage 1984
DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN - DDR 1984
(für diese Ausgabe)
Verlag Detskaja literatura, Moskau 1974
Lizenz-Nr. 304-270/41/84-(20)
Gesamtherstellung Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30
LSV 7733
Für Leser von 9 Jahren an
Bestell-Nr. 611 926 0.
Inhaltsverzeichnis Das Mädchen, dem nie etwas zustößt Statt eines Vorworts
5
Ich wähle eine Nummer
6
Bronta
8
Die Tutexe
12
Der schüchterne Schuscha
16
Das Gespenst
21
Die verschwundenen Gäste
25
Unser Mann in der Vergangenheit
30
Alissas Reise
Alissa die Diebin
33
Dreiundvierzig"Hasen"
40
Kennst du die drei Kapitäne?
49
Die Quappen sind verschwunden
57
Doktor Werchowzews Ratschläge
66
Die Büsche
74
Das Geheimnis des Leeren Planeten
79
Was die Großohrigen erzählten
89
Auf der Suche nach einem Plapperschnabel
95
Wir haben den Plapperschnabel gekauft
105
Kurs zum Sternbild der Medusa
113
Eine traurige Erfindung
117
Die gelähmten Roboter
126
Die Jagd nach Lady Winter
138
Das Junge des Vogels Krok
146
Die Spiegelblumen
155
Wir schauen in dieVergangenheit
160
Der Spion
168
Wo ist das Mädchen?
173
In Gefangenschaft
181
Unterdessen aber
192
Der Dicke lügt
198
Der Gefangene in der Höhle
210
Das Ende der Reise
214
Das Mädchen,
dem nie etwas zustößt
Berichte über das Leben eines kleinen Mädchens aus dem 21. Jahrhundert, aufgeschrieben von ihrem Vater Statt eines Vorworts Morgen kommt Alissa in die Schule. Das wird ein aufregender Tag für sie. Schon seit heute früh rufen all ihre Freunde und Bekannten über Video an und gratulieren. Aber ehrlich, Alissa liegt seit drei Monaten selbst allen Leuten damit in den Ohren, plappert in einem fort von der bevorstehenden Schulzeit. Buss, der Marsianer, hat ihr einen ganz erstaunlichen Federkasten geschickt, den bisher niemand zu öffnen vermochte - weder ich noch meine Kollegen. Dabei gibt es, nebenbei erwähnt, unter ihnen zwei Doktoren der Naturwissenschaften sowie den Chefmechaniker des Zoos. Schuscha hat erklärt, er würde Alissa zur Schule begleiten. Er will herauskriegen, ob sie auch eine gute und erfahrene Lehrerin bekommt. Unwahrscheinlich viel Aufhebens jedenfalls. Als ich seinerzeit in die Schule kam, wurde nicht soviel Wind gemacht. Im Augenblick ist der Trubel ein wenig abgeflaut - Alissa ist in den Zoo gegangen, um sich von Bronta zu verabschieden. Da will ich, solange es im Haus still ist, ein paar Begebenheiten aus dem Leben Alissas und ihrer Freunde diktieren. Die Bänder schicke ich Alissas Lehrerin, damit sie erfährt, mit was für einem leichtsinnigen Mädchen sie es zu tun bekommt. Das kann ihr bei der Erziehung meiner Tochter nur nützen. Etwa bis zu ihrem dritten Lebensjahr war Alissa ein Kind wie jedes andere. Als Beweis dafür mag die erste Geschichte gelten, die ich gleich erzählen werde. Doch schon ein Jahr später, nachdem sie Bekanntschaft mit Bronta geschlossen hatte, entwickelte sie eine Neigung, immer das Gegenteil von dem zu tun, was verlangt wurde. Sie verschwand im unpassendsten Augenblick spurlos und machte ganz zufällig Entdeckungen, an denen sich die bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit die Zähne ausbissen. Sie versteht es, Nutzen aus der Sympathie zu ziehen, die ihr entgegengebracht wird, und besitzt trotzdem eine Menge echter Freunde. Wir als Eltern haben's manchmal ziemlich schwer mit ihr. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen und auf sie aufpassen: Ich arbeite im Zoo, und Alissas Mutter baut Häuser, oftmals sogar auf anderen Planeten. Ich möchte Alissas Lehrerin im vorhinein warnen - auch sie wird es gewiß nicht leicht haben. Schon deshalb wäre es gut wenn sie die Geschichten, die sich im Laufe der letzten drei Jahre mit dem Mädchen Alissa an den verschiedensten Orten der Erde und im Kosmos wirklich zutrugen, aufmerksam anhörte. Ich wähle eine Nummer Alissa schlief noch nicht. Es ging bereits auf zehn, aber sie war noch immer wach. Ich sagte:
"Schlaf jetzt Alissa, sonst..."
"Was sonst', Papa?"
"Sonst videofoniere ich mit der Baba-Jaga."
"Die Baba-Jaga, wer soll das sein?"
"Na, das sollten Kinder eigentlich wissen. Baba-Jaga Knochenbein ist eine böse alte Frau, die
kleine Kinder ißt. Ungezogene Kinder."
"Warum tut sie das?"
"Weil sie eben böse ist und Hunger hat."
"Und warum hat sie Hunger?"
"Weil es in ihrer Hütte keine Lebensmittelleitung gibt."
"Aber warum gibt es die nicht?"
,Weil ihre Hütte ganz, ganz alt ist und im tiefen Wald steht."
Alissa fand das so interessant, daß sie sich im Bett aufsetzte. "Im tiefen Wald? Da arbeitet sie
wohl im Naturschutzgebiet!"
"Schlaf jetzt Alissa!"
"Du hast versprochen, die Baba-Jaga anzurufen. Ach bitte, Papi, ruf sie an." ,Na schön, wie du
willst. Aber du wirst es bereuen."
Ich ging zum Videofon und drückte wahllos ein paar Knöpfe. Ich war überzeugt, daß die Zahlen
keine Nummer ergeben würden und die Baba-Jaga so eben "nicht zu Hause" war. Doch das
erwies sich als Trugschluß. Der Videofonschirrn wurde immer heller, und dann erfolgte ein Klicken
- der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung hatte die Empfangstaste betätigt. Noch ehe das
Bild aufgeflammt war, sagte eine schläfrige Stimme: "Botschaft des Mars am Apparat..."
"Na, wie sieht's aus, Papa, kommt sie?" rief Alissa aus dem Schlafzimmer.
"Sie ist schon im Bett", erwiderte ich ärgerlich.
"Hier die Botschaft des Mars!" wiederholte die Stimme.
Ich wandte mich wieder dem Videofon zu. Ein noch junger Marsmensch sah mich an, er hatte
grüne wimpernlose Augen.
„Entschuldigen Sie bitte, ich hab mich wohl in der Nummer geirrt."
Der Marsianer lächelte, doch er schaute nicht mich an, sondern jemanden hinter mir. Natürlich,
Alissa war aus dem Bett geklettert und stand barfuß auf dem Fußboden.
"Guten Abend", sagte sie zu dem Marsianer.
"Guten Abend, Kleine."
"Die Baba-Jaga lebt also bei Ihnen?"
Der Marsmensch sah mich fragend an.
"Alissa konnte nicht einschlafen", erklärte ich, "da wollte ich die Baba-Jaga anrufen, damit sie ein
ernsthaftes Wort mit ihr spricht. Aber ich hab die falsche Nummer gewählt."
Der Marsianer lächelte abermals. "Gute Nacht, Alissa. Du mußt fein schlafen, sonst ruft dein Papa
die Baba-Jaga."
Der Fremde verabschiedete sich von mir und schaltete ab.
"Na, wirst du jetzt endlich schlafen? Du hast doch gehört, was der Onkel vom Mars sagte."
ja, werd ich. Nimmst du mich mal auf den Mars mit?"
"Aber nur, wenn du dich anständig aufführst. Wir fliegen im Sommer."
Endlich war Alissa eingeschlafen, und ich ging wieder an die Arbeit. Ich saß bis ein Uhr nachts,
plötzlich klingelte gedämpft das Videofon. Ich drückte auf die Taste - es war der Marsianer aus der
Botschaft.
"Entschuldigen Sie bitte, wenn ich so spät störe", sagte er, "aber da Ihr Videofon nicht
abgeschaltet ist, nehme ich an, daß Sie noch wach sind."
Ja, das stimmt."
"Wir wollten Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten. Die ganze Botschaft ist auf den Beinen. Wir
haben das Videofonbuch studiert und sämtliche Enzyklopädien gewälzt, doch nirgends ein
Anhaltspunkt über die Baba-Jaga. Wer ist das bloß, und wo wohnt sie?"
Bronta Unser Moskauer Zoo erhielt eines Tages das Ei eines Brontosaurus. Chilenische Touristen hatten es nach einem Erdrutsch am Ufer des Jenissej gefunden. Das Ei war fast rund und in dem ewigen Frost ausgezeichnet erhalten geblieben Als unsere Spezialisten genauere Untersuchungen vornahmen, stellten sie fest, daß es noch ganz in Ordnung war. So wurde beschlossen, es im zooeigenen Inkubator auszubrüten.
Natürlich glaubten die wenigsten an einen Erfolg, doch schon eine Woche später zeigten Röntgenaufnahmen, daß sich der Keimling zu entwickeln begann. Kaum war diese Mitteilung über die Intervisionssender gegangen, reisten von überallher Wissenschaftler und Korrespondenten an. Obwohl wir das gesamte achtziggeschossige Hotel "Venus" in der Gorkistraße zur Verfügung stellten, fanden nicht alle Platz. Acht Paläontologen aus der Türkei übernachteten bei uns im Wohnzimmer, und zwei Korrespondentinnen von der Zeitschrift "Antarktische Frau" richteten sich in Alissas Zimmer ein. Ich selbst zog mich mit einem Journalisten aus Ekuador in die Küche zurück. Als unsere Mama abends aus Nukus anrief, wo gerade ein Stadion gebaut wird, glaubte sie an den falschen Teilnehmer geraten zu sein. Sämtliche Telesputniks der Welt sendeten Aufnahmen von dem Ei. Das Ei von vorn, das Ei von der Seite, das Ei neben Skeletten von Brontosauriern ... Der Kongreß der Kosmosphilologen, der gerade in Moskau tagte, kam in voller Besetzung zu einer Exkursion in den Zoo. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Zutritt zum Inkubator bereits untersagt, und so mußten sich die Philologen mit den Eisbären und Gottesanbeterinnen vom Mars begnugen. Am sechsundvierzigsten Tag dieses turbulenten Lebens platzte das Ei. Mein Freund Professor Yakata und ich saßen gerade neben der Glasglocke, unter der das Ei lag, und tranken Tee. Wir hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, daß dort je etwas herausklettern würde. Wir hatten nämlich, um unserein "Säugling" nicht zu schaden, auf weiteres Röntgen verzichtet. Und in Vermutungen konnten wir uns schon deshalb nicht ergehen, weil noch niemand vor uns einen Brontosaurus ausgebrütet hatte. Das Ei erzitterte jedenfalls, ruckte ein zweites Mal und . ... platzte. Durch die dicke lederartige Schale begann sich ein schwarzer, schlangenähnlicher Kopf zu arbeiten. Die automatischen Kameras fingen zu surren an. Ich wußte, daß in diesem Augenblick über der Tür des Inkubatoriums eine rote Lampe aufleuchtete. Auf dem Gelände des Zoos setzte so etwas wie Panik ein. Bereits fünf Minuten später hatten sich all jene eingefunden, die von Amts wegen hier sein mußten. Gleichzeitig kamen viele, die nicht unbedingt gebraucht wurden, doch dabeisein wollten. Es wurde sofort furchtbar heiß. Schließlich kämpfte sich ein winziger Brontosaurus ans Tageslicht. "Und wie soll er heißen, Papa?" hörte ich plötzlich eine nur allzu bekannte Stimme. "Alissa", rief ich erstaunt aus. "wie kommst du hierher!" "Ich hab mich an die Korrespondenten gehalten." "Aber Kinder dürfen hier nicht rein!" "Ich schon. Ich hab allen erzählt, daß ich deine Tochter bin, da haben sie mich durchgelassen." "Weißt du auch, daß es sich nicht gehört, verwandtschaftliche Beziehungen, für persönliche Zwecke auszunutzen?" "Aber Papa, der kleine Bronta langweilt sich vielleicht ohne Kinder, deshalb bin ich gekommen." Ich winkte resigniert ab. Ich hatte keine Minute frei, Alissa hinauszubefördern, und von den Umstehenden war niemand bereit, das für mich zu übernehmen. "Bleib hier stehen und rühr dich nicht vom Fleck", sagte ich. Dann eilte ich zur Glocke mit dem frisch geschlüpften Brontosaurus.
Den ganzen Abend sprach ich kein Wort mit Alissa. Wir hatten uns gestritten. Ich verbot ihr, sich
im Inkubator blicken zu lassen, doch sie erwiderte, sie könne in diesem Fall nicht gehorchen, da
ihr der arme Bronta leid täte. Und tatsächlich schummelte sie sich am nächsten Tag hinein,
diesmal mit einigen Kosmonauten vom Raumschiff "jupiter-8". Die Kosmonauten wurden als
Helden angesehen, und niemand vermochte ihnen eine Bitte abzuschlagen.
"Guten Morgen, Bronta", sagte Alissa, als sie bei der Glocke angelangt war.
Das Brontosaurusbaby sah sie scheel an.
"Wem gehört dieses Kind!" fragte Professor Yakata streng.
Ich hätte in den Erdboden versinken mögen.
Doch Alissa ist um eine Antwort nie verlegen. "Ich gefall Ihnen wohl nicht?" fragte sie zurück.
"Aber nein, ich bitte Sie..., ganz im Gegenteil ... Ich dachte nur, Sie hätten sich verlaufen..." Der
Professor konnte ganz und gar nicht mit kleinen Mädchen umgehen.
"Na schön", sagte Alissa, "morgen besuch ich dich wieder, Bronta, mach's bis dahin gut."
Wirklich fand sich Alissa am darauffolgenden Morgen erneut bei dem Brontosaurus ein. Und sie
kam immer wieder, fast täglich. Man hatte sich an sie gewöhnt und ließ sie widerspruchslos
passieren. Ich wusch meine Hände in Unschuld. Unser Haus steht gleich neben dem Zoo, sie braucht keine Straße zu überqueren, und Leute, die sie mit hinein nehmen, finden sich immer. Der Brontosaurus wuchs schnell heran. Nach einem Monat hatte er eine Länge von zweieinhalb Metern erreicht und wurde in einen speziell für ihn errichteten Pavillon umgesetzt. Er spazierte in seinem eingezäunten Gehege umher und kaute junge Bambustriebe sowie Bananen. Der Bambus wurde mittels Frachtraketen aus Indien herbeigeschafft, mit den Bananen versorgte uns der Sowchos "Bewässerte Felder". In einem Zementbecken inmitten des Geländes plätscherte warmes, mit Salz angereichertes Wasser, wie es der Brontosaurus liebte. Plötzlich jedoch verlor unser Schützling den Appetit. Drei Tage lang blieben Bambus und Bananen unangerührt. Am vierten Tag legte sich der Brontosaurus auf den Beckengrund, sein kleiner schwarzer Kopf ruhte auf der Plastumrandung. Es sah ganz so aus, als schickte er sich an zu sterben. Das aber konnten wir nicht zulassen, wir hatten ja nur den einen Brontosaurus. Die besten Tierärzte der Welt eilten zu Hilfe, doch umsonst. Bronta lehnte alles ab Gras, Vitamine, Apfelsinen, Milch. Alissa wußte nichts von dieser Tragödie. Ich hatte sie zur Großmutter nach Wnukowo geschickt. Doch am vierten Tag schaltete sie den Fernseher zufällig in dem Augenblick an, als es um die Verschlechterung seines Gesundheitszustandes ging. Ich weiß nicht, wie sie es schaffte, die Großmutter zu überreden, jedenfalls erschien Alissa noch am gleichen Morgen im PavilIon. "Papa", rief sie, "wie konntest du mir das verheimlichen! Wie konntest du bloß!" "Später, Alissa, ich hab jetzt keine Zeit. Ich muß zur Besprechung." Und tatsächlich tagten wir seit drei Tagen fast ununterbrochen. Alissa entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen. Gleich darauf hörte ich den erschrockenen Ausruf eines Besuchers. Ich drehte mich um und sah, daß Alissa die Umzäunung bereits überwunden hatte und quer durchs Gehege zum Brontosaurus lief. In der Hand hielt sie ein Brötchen. "Iß, Bronta", sagte sie, "die lassen dich doch glatt verhungern. Ich an deiner Stelle hätte die ewigen Bananen auch satt." Ich hatte die Barriere noch nicht erreicht, als das Unwahrscheinliche geschah. Es brachte Alissa großen Ruhm ein, ließ uns, die Biologen, aber ziemlich dumm dastehen. Der Brontosaurus hob den Kopf, sah Alissa lange an und nahm ihr vorsichtig das Brötchen aus der Hand. Leise, Papa!" Alissa drohte mir mit dem Finger, als sie sah" daß ich über die Umzäunung klettern wollte. "Bronta hat Angst vor dir." "Keine Bange", sagte Professor Yakata, "er tut ihr nichts." Daß Alissa keine Gefahr drohte, sah ich selber. Doch was würde die Großmutter zu dieser Szene sagen! Danach stritten sich die Gelehrten lange. Sie streiten sich noch heute. Die einen behaupten, Bronta habe einen Nahrungswechsel gebraucht, andere sind der Meinung, sein Vertrauen zu Alissa sei größer als zu uns. Wie dem jedoch auch sein mag - die Krise war überwunden. Inzwischen ist Bronta ganz zahm. Obwohl er in der Länge fast dreißig Meter mißt gibt es kein größeres Vergnügen für ihn, als Alissa auf seinem Rücken spazierenzutragen. Einer meiner Assistenten hat eine spezielle Leiter gebaut und wenn Alissa den Pavillon betritt, streckt Bronta seinen langen Hals nach der Ecke aus, wo das Gerät steht. Er schnappt die Leiter mit seinen dreieckigen Zähnen und legt sie geschickt an seine schwarze glänzende Flanke. Alissa klettert hinauf, und er trägt sie im Pavillon umher oder schwimmt mit ihr im Becken. Die Tutexe Als ich zu einer Konferenz auf den Mars flog, nahm ich Alissa wie versprochen mit. Der Flug verlief ohne Zwischenfälle, allerdings vertrug ich die Schwerelosigkeit schlecht und zog es deshalb vor, in meinem Sessel zu bleiben. Meine Tochter dagegen schwebte die ganze Zeit durchs Raumschiff, und einmal mußte ich sie von der Decke der Steuerzentrale herunterholen, wo sie gar
zu gern einen roten Knopf gedrückt hätte. Es handelte sich um den Auslöser für die Notbremsen. Aber die Piloten waren ihr nicht allzu böse. Auf dem Mars angelangt, besichtigten wir die Stadt, fuhren mit Touristen in die Wüste und statteten den Großen Höhlen einen Besuch ab. Danach hatt e ich keine Zeit mehr, mich um Alissa zu kümmern, und gab sie für eine Woche in ein Internat. Auf dem Mars arbeiten viele Spezialisten von uns, deshalb haben uns die Marsianer geholfen, eine riesige Kuppel als Kinderstädtchen zu errichten. Dort ist es sehr schön - sogar richtige Erdenbäume wachsen. Manchmal unternehmen die Kinder auch Ausflüge; sie streifen ihre kleinen Skaphander über und gehen in einer Reihe auf die Straße hinaus. Tatjana Petrowna, die Erzieherin, sagte, ich brauchte mich um Alissa nicht zu sorgen, und auch Alissa beruhigte mich. Wir verabschiedeten uns für eine Woche voneinander. Doch am dritten Tag verschwand Alissa. Das war ein ganz außerordentliches Vorkommnis. Seit Bestehen des Internats war noch keins der Kinder verlorengegangen, nicht einmal für zehn Minuten. Auf dem Mars abhanden zu kommen ist nämlich ein Ding der Unmöglichkeit, zumal für ein Erdenkind im Skaphander. Der erstbeste Marsianer, der ihm begegnete, würde es zurückbringen. Dazu kommen die Roboter, der Notdienst ... Nein, auf dem Mars konnte wirklich niemand verlorengehen. Alissa aber verschwand trotzdem. Sie war schon fast zwei Stunden unauffindbar, als ich von der Konferenz abberufen und mit einem Springmobil, wie sie dortzulande verkehren, ins Internat gebracht wurde. Ich sah wohl recht mitgenommen aus, denn als ich in der Kuppel erschien, verstummten die Anwesenden teilnahmsvoll. Unwahrscheinlich, wie viele Leute sich dort versammelt hatten! Sämtliche Erzieher und Roboter des Internats, etwa zehn Marsianer im Skaphander (sie müssen die Raumanzüge überstreifen, wenn sie die mit Erdenluft angefüllte Kuppel betreten), einige Sternenflieger, Archäologen, Nasarjan, der Leiter der Rettungsmannschaft, und viele andere. Wie sich herausstellte, sandte die Fernsehstation der Stadt bereits seit einer Stunde alle drei Minuten die Mitteilung aus, daß ein kleines Erdenmädchen verschwunden war. Sämtliche Videofone auf dem Mars waren auf Notruf geschaltet der Unterricht war in allen Schulen unterbrochen worden. Die Schüler durchkämmten, aufgeteilt in kleine Trupps, die Stadt und ihre Umgebung. Alissas Verschwinden war gleich bemerkt worden, als ihre Gruppe vom Spaziergang zurückkehrte. Das lag, wie gesagt, zwei Stunden zurück. Der Sauerstoff in ihrem Skaphander aber reichte nur für drei Stunden. Da ich meine Tochter kannte, erkundigte ich mich, ob auch die verstecktesten Winkel im Internat selbst und seiner näheren Umgebung abgesucht worden wären. Vielleicht hatte Alissa irgendwo eine echte Mars-Gottesanbeterin aufgespürt und beobachtete sie . . . , Ich erhielt die Antwort, daß es in der Stadt keinerlei Kellergewölbe gäbe, das Internat aber von Schülern sowie Studenten der Mars-Universität gründlich durchstöbert worden wäre. Sie kannten sich in solchen Dingen aus. Ich war wütend auf Alissa. Gewiß würde sie gleich mit der unschuldigsten Miene der Welt aus irgendeiner Ecke hervorkommen. Dabei hatte ihr Verhalten mehr Unruhe in der Stadt gestiftet als ein Sandsturm. Alle Marsianer und Erdenbewohner der Stadt hatten ihre Arbeit unterbrechen müssen, der gesamte Rettungsdienst war auf den Beinen. Allmählich machte ich mir ernstlich Sorgen. Dieses Abenteuer konnte schlecht für sie enden. Inzwischen gingen laufend Meldungen der Suchtrupps ein: "Die Schüler des zweiten Mars-Vorgymnasiums haben das Stadion durchsucht. Von Alissa keine Spur", "Die Süßwarenfabrik des Mars teilt mit daß auf ihrem Gelände kein Kind gefunden wurde"... Und wenn ihr's nun tatsächlich gelungen ist bis zur Wüste vorzudringen? überlegte ich. In der Stadt hätte man sie längst finden müssen. Doch in der Wüste ... Die Wüsten auf dem Mars waren so gut wie unerforscht dort konnte jemand so gründlich verlorengehn, daß er selbst nach zehn
Jahren nicht entdeckt wurde. Ihre Randregionen aber waren mit Hilfe der Springmobile abgesucht
worden.
"Wir haben sie!" rief plötzlich ein Marsianer in blauem Kittel nach einem Blick auf seinen
Taschenfernseher.
"Wo denn, wo ist sie! Wo hat sie gesteckt?" Die Leute in der Kuppel gerieten in Aufregung.
"In der Wüste. Zweihundert Kilometer von hier."
"Zweihundert Kilometer?"
Natürlich, dachte ich, sie kennen Alissa nicht. Bei ihr ist alles drin.
"Dem Mädchen geht es gut sie wird bald hier sein."
"Wie ist sie bloß dorthin geraten?"
"Mit der Postrakete."
"Also da war's!" sagte Tatjana Petrowna und fing an zu weinen. Sie hatte sich am meisten
gegrämt.
Alle stürzten auf sie zu, um sie zu trösten.
"Wir sind nämlich am Postamt vorbeigegangen", erklärte sie, "als gerade die automatischen
Postraketen beladen wurden. Ich hab nicht weiter drauf geachtet, wir sehn so was hundertmal am
Tag."
Als zehn Minuten später ein Flugzeug Alissa zurückbrachte, fand sich des Rätsels Losung.
,Ich bin reingeklettert", sagte Alissa, um den Brief zu holen."
"Was für einen Brief?"
"Na, den von Mama. Du hast doch gesagt, Papa, daß sie uns schreiben wird. Da wollt ich mal
nachsehn, ob er vielleicht drin ist."
"Du bist in die Rakete geklettert?!"
"Na sicher. Die Luke war offen, und dahinter lag eine Menge Briefe."
"Und was geschah dann?"
"Ich war kaum drin, da klappte die Luke zu, und die Rakete flog ab. Ich wollte sie anhalten und
hab nach dem entsprechenden Knopf gesucht. Aber es gab unheimlich viele Knöpfe, und als ich
den letzten an der Reihe gedrückt hatte, ging die Rakete runter und die Tür wieder auf. Ich
kletterte ins Freie nichts als Sand um mich her. Keine Tante Tanja, keine Kinder."
"Sie hat die Taste für die Sofortlandung betätigt!" rief der Marsianer im blauen Kittel begeistert
aus.
„Zuerst hab ich ein bißchen geweint doch dann beschloß ich, mich auf den Heimweg zu machen."
"Und woher wußtest du die Richtung?"
"Ich bin auf einen kleinen Hügel geklettert, um Ausschau zu halten. Ich konnte aber nichts
entdecken. Doch in dem Hügel war eine Tür. Ich hab sie aufgemacht dahinter befand sich ein
Zimmer. Ich bin hineingegangen und hab mich dort hingesetzt."
"Was für eine Tür?" wunderte sich der Marsianer. "In dieser Region gibt's nichts als Wüste."
"Aber wenn ich's doch sage. Dort war eine Tür und ein Zimmer. Und in dem Zimmer befand sich
ein großer Stein. Wie eine ägyptische Pyramide, nur kleiner. Erinnerst du dich, Papa, du hast mir
mal was über die ägyptische Pyramide vorgelesen.. ."
Alissas Behauptung versetzte den Marsianer im blauen Kittel und auch Nasarjan, den Leiter der
Rettungsmannschaft, in helle Aufregung.
"Das müssen die Tutexe sein!" riefen sie aus.
"Wo genau ist das Mädchen gefunden worden? Wir brauchen die Koordinaten!"
Die Hälfte der Anwesenden war auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Tatjana Petrowna
aber, die es sich nicht nehmen ließ, Alissa eigenhändig ein Essen vorzusetzen, erzählte mir, daß
auf dem Mars vor vielen tausend Jahren die geheimnisvolle Zivilisation der Tutexe existiert hatte.
Von ihr zeugten einige kleine Steinpyramiden, in der Wüste versprengt und von Sand verschüttet.
Doch weder den Marsianern noch den Erdenarchäologen war es bisher gelungen, ein einziges
größeres Bauwerk aufzuspüren. Nun aber war Alissa zufällig auf eins gestoßen.
"Da hast du ja wieder mal Glück gehabt", sagte ich. "Trotzdem. bring ich dich unverzüglich nach
Hause. Dort kannst du verlorengehen, soviel du willst. Ohne Skaphander."
"Mir ist es auch lieber, ich geh zu Hause verloren", erwiderte Alissa.
Zwei Monate später las ich in der Zeitschrift "Rund um die Welt" einen Artikel mit der Überschrift
"Neues über die Zivilisation der Tutexe". Darin wurde geschildert, daß es in der Marswüste endlich
gelungen sei, überaus wertvolle Denkmale der Tutex-Kultur zu entdecken. Gegenwärtig seien die
Gelehrten dabei, aufgefundene Inschriften zu dechiffrieren. Von besonderem Interesse sei aber
die noch vorzüglich erhaltene Abbildung eines Tutex-Vertreters auf einer der kleinen Pyramiden.
Und neben dem Artikel war ein Foto der Pyramide mit jener Abbildung veröffentlicht.
Die Zeichnung kam mir bekannt vor, und ein schrecklicher Verdacht überfiel mich.
"Alissa", fragte ich streng, "sag mir ganz ehrlich, ob du irgendwas an die Pyramide gemalt hast,
als du in der Wüste verlorengegangen warst?"
Bevor Alissa antwortete, kam sie zu mir und betrachtete aufmerksam das Foto in der Zeitschrift.
"Aber ja doch, Papa, das sollst du sein. Nur hab ich das nicht gemalt, sondern mit einem kleinen
Stein eingeritzt. Es war dort so langweilig.. ."
Der schüchterne Schuscha Alissa hat viele Tiere zu Bekannten: zwei Kätzchen; eine Gottesanbeterin vom Mars, die bei ihr unterm Bett wohnt und nachts balalaikaähnliche Laute von sich gibt; einen Igel, der es allerdings nicht lange bei uns aushielt und schon bald in den Wald zurückging; den Brontosaurus Bronta ihn besucht Alissa im Zoo; und schließlich den Hund Rex, einen klitzekleinen Dackel, der meiner Meinung nach nicht allzu reinrassig ist. Ein weiteres Tier nahm Alissa in ihre Sammlung auf, als die erste Sirius Expedition zurückgekehrt war. Den Leiter dieser Expedition, einen gewissen Poloskow, hatte Alissa auf der Maidemonstration kennengelernt. Wie sie das angestellt hat weiß ich nicht - sie hat weitreichende Verbindungen. Jedenfalls befand sie sich unter jenen Kindern, die den Kosmonauten Blumen überreichen durften. Stellt euch meine Verwunderung vor, als ich im Fernsehen plötzlich Alissa über den Platz laufen seh, mit einem Riesenstrauß hellblauer Rosen, größer als sie selbst die sie Poloskow höchstpersönlich überreichte. Poloskow nahm meine Tochter auf den Arm, sie schauten sich den Demonstrationszug
gemeinsam an und gingen auch zusammen weg. Alissa kam erst gegen Abend nach Hause, eine
große rote Tasche in der Hand.
"Wo warst du?" fragte ich.
"Die meiste Zeit im Kindergarten", antwortete sie.
"Und die wenigere Zeit?"
"Wir waren alle auf dem Roten Platz."
"Aber hinterher?"
Alissa begriff, daß ich ferngesehen hatte, und erklärte: "Ich bin gebeten worden, Blumen zu
überreichen."
"Wer hat dich gebeten?"
"Ach, ein Genosse, den du nicht kennst."
"Hör mal, Alissa, du weißt doch, was man unter körperlicher Züchtigung versteht?"
"Natürlich, das ist, wenn einer Prügel kriegt. Aber das gibts nur im Märchen."
"Ich fürchte, daß dieses Märchen bald Wirklichkeit wird. Warum drückst du dich bloß immer an
Orten rum, wo du nichts zu suchen hast!"
Alissa wollte gerade die Beleidigte spielen, da bewegte sich plötzlich die rote Tasche in ihrer
Hand.
"Was ist denn das wieder?"
"Ein Geschenk von Poloskow."
"Du hast ihn um ein Geschenk angebettelt? Na, das ist wohl das letzte!"
"Ich hab kein bißchen gebettelt. Das ist übrigens Schuscha. Ein kleiner Schuscha, ein
Schuschajunges sozusagen. Poloskow hat einige von diesen Tierchen vom Sirius mitgebracht."
Alissa holte vorsichtig ein kleines Wesen mit sechs Pfoten aus der Tasche, das Ähnlichkeit mit
einem winzigen Känguruh besaß. Das Schuschajunge hatte große Libellenaugen, die es Blitzschnell kreisen ließ, während es sich mit dem oberen Pfotenpaar an Alissas Jacke festkrallte. "Siehst du, er hat mich schon lieb", sagte Alissa. "Ich mach ihm jetzt sein Bett." Ich kannte die Geschichte mit den Schuschas. Alle waren darüber informiert doch wir Biologen am genauesten. Wir hatten bereits fünf Exemplare in unserem Zoo und erwarteten dieser Tage Nachwuchs. Poloskow und seine Expedition hatten auf einem der Planeten im System des Sirius dieses Leben entdeckt. Es handelte sich bei den freundlichen harmlosen Tieren, die keinen Schritt von der Seite der Kosmonauten wichen, um Säuger, auch wenn sie ihrem Verhalten nach an Pinguine erinnerten. Genauso neugierig waren und ständig versuchten, an die unmöglichsten Stellen zu gelangen. Bauer, Poloskows Gehilfe, mußte einmal sogar ein Schuschajunges retten, das um ein Haar in einer großen Büchse eingedickter Kondensmilch ertrunken wäre. Die Expedition brachte einen ganzen Film über die Schuschas mit, der in sämtlichen Videokinos der Erde mit Erfolg lief. Leider blieb den Kosmonauten nicht genügend Zeit stets und ständig auf diese Tiere aufzupassen. Bereits frühmorgens fanden sich die Schuschas im Lager ein und verschwanden erst bei Anbruch der Dunkelheit irgendwohin in die Berge. So entdeckte Poloskow, als sich die Expedition bereits wieder auf dem Rückflug befand, in einem der Segmente drei Schuschas, die sich offenbar im Raumschiff verirrt hatten. Zwar glaubte er zunächst einer seiner Manner hätte die drei heimlich aufs Schiff geschmuggelt doch die Verwunderung seiner Kollegen war so echt daß er seinen Verdacht bald fallenließ. Das Auftauchen der Schuschas brachte eine Menge zusätzlicher Probleme. Erstens konnten sie vielleicht eine Quelle unbekannter Krankheiten sein; zweitens würden sie womöglich den Beschleunigungsdruck nicht verkraften und zugrunde gehen; drittens wußte niemand, wovon sie sich ernährten, und so fort. Doch die Befürchtungen erwiesen sich als grundlos. Die Tiere vertrugen die Desinfizierung bestens, sie verspeisten auch gehorsam Brühe und konserviertes Obst was ihnen übrigens die ausgesprochene Feindschaft Bauers einbrachte. Er liebte Kompott über alles, mußte aber in den letzten Monaten der Expedition darauf verzichten - es wurde von den "Gästen" aufgefressen. Auf der langen Reise brachte ein Schuschaweibehen sechs Junge zur Welt so daß das Raumschiff mit einer stattlichen Anzahl dieser Tiere auf der Erde landete. Es waren nette, verständige Wesen, die niemandem außer Bauer auch nur die geringsten Ungelegenheiten bereiteten. Ich erinnere mich noch genau an den historischen Augenblick, als das Raumschiff landete. Unter den Augen der Film- und Fernsehkameras fuhr die Luke auf, doch statt der Kosmonauten stand ein merkwürdiges sechsbeiniges Tier in der Öffnung. Und hinter ihm tauchten, etwas kleiner, einige gleichgear tete auf. Ein Seufzer des Erschreckens ging um die Welt, verstummte aber, als nach den Schuschas lächelnd Poloskow zum Vorschein kam. - Er trug ein Schuschajunges auf dem Arm, das über und über mit Kondensmilch bekleckert war ... Ein Teil der Tiere gelangte in den Zoo, andere blieben bei den Kosmonauten, die inzwischen ihr Herz an sie gehängt hatten. Poloskows Schuscha aber erhielt letzten Endes Alissa. Sie hatte es Gott weiß wie geschafft, den gestrengen Poloskow zu erweichen. Der Schuscha bekam sein Domizil in einem großen Korb neben Alissas Bett. Er verlangte kein Fleisch, schlief nachts, hielt Freundschaft mit den beiden Kätzchen, fürchtete die Gottesanbeterin und maunzte leise vor sich hin, wenn Alissa ihn streichelte oder ihm von ihren Erfolgen und Sorgen erzählte. Der Schuscha wuchs schnell heran und war nach zwei Monaten bereits so groß wie Alissa. Sie gingen im Gärtchen gegenüber spazieren, und meine Tochter verzichtete darauf, ihm ein Halsband umzulegen. "Wenn er nun jemanden erschreckt", fragte ich, "oder unters Auto gerät?" "Er erschreckt niemanden. Außerdem würde ihn ein Halsband kränken, er ist nämlich sehr empfindsam."
Eines Abends konnte Alissa nicht einschlafen. Sie spielte sich auf und verlangte, ich solle ihr etwas über Doktor Aibolit vorlesen. "Ich hab keine Zeit, Kindchen", sagte ich, "muß arbeiten. Außerdem könn test du langsam selber anfangen, Bücher zu lesen." "Das ist gar kein Buch, sondern ein Mikrofilm, und da sind die Buchstaben so klein." "Du kannst den Film ja abhören, brauchst nur den Ton einzuschalten." "Es ist mir aber zu kalt zum Aufstehn." "Dann warte einen Augenblick. Ich schReibe nur zu Ende und schalte ein." "Wenn du keine Zeit hast bitte ich den Schuscha." "Das kannst du gern tun", ich lächelte. Eine Minute später hörte ich aus dem Nebenzimmer die sanfte Mikrofilmstimme: "...Und dann hatte Doktor Aibolit noch einen Hund mit Namen Awwa." War Alissa also doch aufgestanden und hatte sich zum Schalter hochgereckt. "Marsch ins Bett", rief ich, "sonst erkältest du dich!" "Ich bin doch im Bett." "Schwindeln ist häßlich. Wer soll den Mikrofilm eingeschaltet haben, wenn nicht du?" "Na, der Schuscha." Ich kann es nicht ausstehn, wenn meine Tochter flunkert, deshalb legte ich die Arbeit beiseite und ging zu ihr. Ich wollte ein ernstes Wort mit ihr reden. Der Bildschirm befand sich an der Wand. Der Schuscha hantierte vor dem Mikroprojektor, und gleich darauf sah man die unglücklichen Tiere, die sich vor der Tür des guten Doktor Aibolit drängten. "Wie hast du es geschafft, Ihn so zu dressieren?" fragte ich ehrlich überrascht. "Ich hab ihn kein bißchen dressiert. Er konnte das von allein." Der Schuscha machte verlegen Männchen. Ein betretenes Schweigen herrschte. "Nun mal ehrlich . . .", sagte ich. "Entschuldigen Sie bitte", die hohe, etwas heisere Stimme, die unvermutet ertönte, gehörte dem Schuscha. .Ich hab das wirklich allein gelernt. Ist doch nicht schwer.“ „Was sagen Sie da?" "Es ist nicht schwer", wiederholte der Schuscha. "Sie haben Alissa vorgestern das Märchen vom König der Gottesanbeterinnen gezeigt." "Darum geht es ja gar nicht. Wie haben Sie sprechen gelernt?" "Wir haben ein bißchen geübt". sagte Alissa. "Nun versteh ich überhaupt nichts mehr! Dutzende Biologen arbeiten mit den Schuschas, und kein einziges Mal hat eins der Tiere auch nur ein Wort herausgebracht. "Unser Schuscha kann sogar lesen Das kannst du doch. nicht wahr?" "Ein bißchen." "Er erzählt mir 'ne Menge interessanter Sachen", sagte Alissa. "ihre Tochter und ich sind die besten Freunde." .,Aber wieso haben Sie die ganze Zeit geschwiegen?'* "Er ist sehr schüchtern". antwortete Alissa für ihn. Der Schuscha schlug die Augen nieder. Das Gespenst Den Sommer über wohnen wir In Wnukowo. Das ist sehr bequem, weil wir mit der Einschienenbahn hinfahren können. Von der Station aus sind es nur noch fünf Minuten Fußweg bis zu unserer Datsche. Im Wald auf der anderen Seite des Weges wachsen Birkenpilze und Rotkappen, allerdings gibt es weit weniger davon als Pilzsammler. Ich fuhr vom Zoo aus direkt nach Wnukowo; statt mich zu erholen, geriet ich aber mitten in den Vororttrubel. Den Mittelpunkt bildete unser Nachbarjunge Kolja, der in ganz Wnukowo dafür bekannt war, daß er den anderen Kindern das Spielzeug wegnahm. Sogar ein Psychologe aus Leningrad war seinetwegen schon dagewesen und hatte hinterher eine Dissertation über ihn
geschrieben. Während sich der Psychologe gründlich mit dem Jungen beschäftigte, naschte Kolja
nur den ganzen Tag Konfitüre und nörgelte ständig herum. Um ihn günstig zu stimmen, brachte
ich ihm eine dreirädrige Photonenrakete aus der Stadt mit.
Neben Kolja gab es dort draußen noch seine Großmutter, die gern über Genetik sprach und einen
Roman über Mendel schrieb, außerdem Alissas Großmutter und den Jungen Jura mit seiner
Mutter Karma. Nicht zu vergessen die Drillinge aus der Nebenstraße, die immer im Chor unter
meinem Fenster sangen, und schließlich das Gespenst.
Das Gespenst wohnte irgendwo unter dem Apfelbaum und war noch nicht lange da. Außer Alissa
und Koljas Großmutter glaubte freilich niemand an seine Existenz.
Ich saß mit Alissa auf der Terrasse und wartete darauf, daß der neue Roboter aus der
Scholkowoer Fabrik den Grießbrei zubereitete. Der Roboter hatte bereits zum zweiten Mal einen
Kurzschluß, und wir schimpften tüchtig auf die Herstellerfirma. Dennoch hatten wir keine Lust. uns
selber ans Kochen zu machen. Die Großmutter aber war im Theater.
Plötzlich sagte Alissa: "Heute kommt er."
"Wer er?
"Der Gespenst."
"Gespenst ist sächlich". berichtigte ich automatisch, ohne den Roboter aus den Augen zu lassen.
"Meinetwegen", stimmte Alissa zu, "trotzdem kommt er. Und Kolja hat den Drillingen die Nüsse
weggenommen, ist das nicht gemein?"
"Ganz gemein. Aber was ist mit dem Gespenst?" "Er ist gut."
"Bei dir sind alle gut."
"Außer Kolja."
"Einverstanden, außer Kolja ... Wenn Ich dir ein feuerspeiendes Ungeheuer mitbrächte, würdest
du dich auch mit dem anfreunden."
"Wahrscheinlich. Ist das Ungeheuer lieb?"
"Darüber konnte sich bisher noch niemand mit ihm unterhalten. Das Tier stammt nämlich vom
Mars und verspritzt kochendes Gift.
"Na, da ist es bestimmt gekränkt worden. Warum habt ihr es überhaupt vom Mars
weggeschleppt?"
Darauf wußte ich nichts zu antworten - was wahr ist, muß wahr bleiben. Das Tier war wirklich nicht
gefragt worden, als man es einfing. Unterwegs dann, auf dem Raumschiff "Kaluga", hatte es den
Lieblingshund der Besatzung verspeist, was ihm die Antipathien sämtlicher Kosmonauten
einbrachte.
"Also was ist nun mit dem Gespenst?" Ich zog es vor, das Thema zu wechseln. "Wie sieht es
aus?"
"Er erscheint nur, wenn es dunkel ist."
"Natürlich. Das war schon von jeher so. Koljas Großmutter hat dir anscheinend zu viele Märchen
erzählt."
"Koljas Großmutter erzählt immer nur über die Geschichte der Genetik. Wie Mendel verfolgt wurde
und so."
"Und wie reagiert dein Gespenst auf Hahnengeschrei?“
"Na gar nicht, wieso?"
"'Weil ein richtiges Gespenst unter fürchterlichen Verwünschungen zu verschwinden hat. wenn im
Morgengrauen der Hahn kräht:
"Wegen dem Hahn muß ich nachher gleich mal fragen.“
"In Ordnung."
"Dann geh ich heut also später schlafen? Wo ich mich doch mit dein Gespenst unterhalten muß."
"Meinetwegen. Aber genug! Der Roboter hat den Brei fertig."
Alissa machte sich ans Essen und ich mich an die wissenschaftlichen Aufzeichnungen aus dem
Zoo von Gwian. An einen hochinteressanten Artikel Über die Beißwütigen. Eine Revolution auf
dem Gebiet der Zoologie. Es war gelungen, die Beißwütigen in der Gefangenschaft zu züchten.
Die Nachkommen dieser Tiere kamen dunkelgrün zur Welt, obwohl beide Eltern einen hellblauen
Panzer besaßen.
Es wurde dunkel, und Alissa sagte: "Also ich geh jetzt."
"Wohin denn?"
"Zum Gespenst. Du hast es mir doch erlaubt."
"Ich hab gedacht, das sei Spaß", erwiderte ich. "Also schön, wenn du unbedingt noch in den
Garten willst ... Aber zieh eine Jacke über, es ist kühl geworden. Und geh nicht weiter als bis zum
Apfelbaum, ist das klar?"
"Weiter brauch ich sowieso nicht, er wartet dort auf mich."
Alissa lief in den Garten, und ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Ich wollte nicht in ihre
Phantasiewelt eindringen. Sollte sie sich ruhig von Gespenstern., Zauberinnen, tapferen Rittern
und gütigen, vom blauen Märchenplaneten stammenden Riesen umgeben fühlen ... Natürlich nur
unter der Bedingung, daß sie regelmäßig aß und rechtzeitig schlafen ging.
Ich löschte das Licht auf der Veranda, um Alissa ungestört beobachten zu können. Da stand sie
auch schon unter dem alten, ausladenden Apfelbaum.
Plötzlich jedoch ... Vom Baumstamm löste sich ein bläulicher Schatten und bewegte sich auf
Alissa zu. Der Schatten schien in der Luft zu schwimmen, ohne das Gras zu berühren.
Im nächsten Augenblick hatte ich etwas Schweres in der Hand und stürmte, drei Stufen auf einmal
nehmend, die Treppe hinunter. Was sich im Garten abspielte, gefiel mir ganz und gar nicht.
Entweder trieb da jemand einen üblen Scherz, oder ... Vom "oder" allerdings hatte ich nicht die
geringste Vorstellung.
"Vorsichtig, Papa", flüsterte Alissa beschwörend, als sie meine Schritte hörte, "du verjagst ihn
doch!"
Ich schnappte Alissas Hand. Die bläuliche Silhouette vor mir löste sich in Luft auf.
"Was hast du bloß angestellt, Papa, um ein Haar hätte ich ihn gerettet!" Alissa begann, während
ich sie zur Terrasse trug, fürchterlich zu zetern.
Was war das eben unter dem Apfelbaum? überlegte ich. Eine Halluzination?
"Warum hast du das gemacht?" heulte Alissa. "Du hast doch versproeben . . ."
"Ich hab gar nichts gemacht", erwiderte ich. "Es gibt keine Gespenster."
"Aber du hast ihn selber gesehn, warum schwindelst du? Er verträgt nämlich nicht den geringsten
Lufthauch. Verstehst du denn nicht, daß man sieh ihm ganz langsam nähern muß, weil's ihn sonst
wegbläst?"
Ich wußte nicht. was ich darauf antworten sollte. Nur eins war mir klar: So bald Alissa
eingeschlafen war, würde ich mit der Laterne den Garten absuchen.
"Dabei hat er mir einen Brief für dich mitgegeben. Aber du bekommst ihn nicht."
"Was für einen Brief?"
"Du kriegst ihn nicht."
Ich bemerkte ein Stück Papier in Alissas Faust. Meine Tochter sah mich
an, ich sie, und schließlich rückte sie das Blatt doch heraus.
Auf dem Zettel hatte ich kürzlich den Ernährungsplan für die roten Krumse notiert. Ich suchte ihn
seit drei Tagen.
"Wo hast du das gefunden, Alissa?"
"Du mußt den Zettel umdrehn. Der Gespenst hatte kein Papier bei sich, deshalb hab ich ihm ein
Blatt von dir gegeben."
Auf der Rückseite stand mit fremder Handschrift auf englisch:
Sehr geehrter Professor! Ich wage es, mich an Sie zu wenden, weil ich in eine unangenehme Situation geraten bin, aus der ich mich nicht ohne fremde Hilfe befreien kann. Leider ist es mir auch nicht möglich, den Radius von einem Meter zu verlassen, dessen Zentrum Ihr Apfelbaum bildet. In meiner jämmerlichen Verfassung bin ich nur im Finstern zu sehen. Dank Ihrer Tochter, diesem zartfühlenden und mitleidigen Wesen, ist es mir endlich gelungen, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen.
Ich, Professor Kuraki, bin das Opfer eines mißglückten Experiments. Ich arbeite an Versuchen zur Teleportation, und es ist mir auch geglückt, zwei Puten sowie eine Katze von Tokio nach Paris zu schicken, wo sie von meinem Kollegen wohlbehalten in Empfang genommen wurden. Doch ausgerechnet an dem Tag, da ich den Versuch an mir selbst erproben wollte, brannten die Sicherungen im Labor durch, so daß die Energie für den Transport nicht mehr ausreichte. Ich löste mich im Raum auf, wobei sich der kompaktere Teil meines Körpers auf dem Territorium Ihrer hochgeschätzten Datsche befindet. In dieser beschämenden Verfassung vegetiere ich nun schon die zweite Woche dahin, und meine Kollegen halten mich gewiß für tot. Ich flehe Sie an, schicken Sie sofort nach Erhalt des Briefes ein Telegramm nach Tokio. Sie sollen die Sicherungen in meinem Labor reparieren, damit ich mich wieder materialisieren kann. Mit Dank im voraus! Kuraki. Ich starrte lange ins Dunkel unter dem Apfelbaum. Dann verließ ich die Terrasse und ging näher
an den Stamm heran. Ein mattblaues, kaum wahrnehmbares Leuchten schwankte vor mir. Als ich
genauer hinsah, gewahrte ich die Umrisse eines Menschen. Das "Gespenst" hob, wie mir
scheinen wollte, verzweifelt die Hände zum Himmel.
Ich verlor keine Sekunde mehr, rannte zur Bahn und videofonierte von der Station aus mit Tokio.
Die Angelegenheit nahm zehn Minuten in Anspruch.
Erst auf dem Heimweg fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, Alissa ins Bett zu bringen. Ich legte
einen Schritt zu.
Das Licht auf der Terrasse brannte noch. Alissa führte einem nicht sehr großgewachsenen,
abgemagerten Japaner ihr Herbarium und die Schmetterlingssammlung vor. Der Mann hielt eine
kleine Kasserolle in der Hand und aß andächtig, ohne den Blick von Alissas Schätzen zu wenden,
den darin befindlichen Grießbrei.
Als der Gast mich erblickte, verneigte er sich tief und sagte: "Professor Kuraki, Ihr ewiger Diener.
Sie und Ihre Tochter haben mir das Leben gerettet."
Jawohl, Papa, das ist der Gespenst, von dem ich dir erzählt habe", sagte Alissa. "Glaubst du jetzt
an Gespenster?"
Ja", antwortete ich, "jetzt glaub ich dran. Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen."
Die verschwundenen Gäste Die Vorbereitungen zum Empfang der Labuzilzen besaßen eine gewisse Feierlichkeit denn noch nie hatten Gäste von einem so fernen Stern das Sonnensystem besucht. Als erste hatte die Station auf dem Pluto die Signale der Labuzilzen aufgefangen, und schon drei Tage später stellte das Observatorium von Londel Funkkontakt mit ihnen her. Die Labuzilzen befanden sich noch weit weg, doch das Kosmodrom Scheremetjewo-4 war zu ihrem Empfang voll gerüstet. Die Mädchen von der "Roten Rose" hatten den Platz mit Blumengirlanden geschmückt und die Studenten der Hochschule für Poesie probten ein letztes Mal ihr musikalisch-literarisches Programm. Sämtliche Botschaften hatten sich Plätze auf den Tribünen reservieren lassen, und die Korrespondenten hatten gleich im Flughafenrestaurant übernachtet. Alissa hielt sich zwar in nächster Nähe des Ankunftsortes, auf der Datsche in Wnukowo auf, war jedoch mit ihrem Herbarium beschäftigt. Ihre Sammlung sollte schöner werden als die von Wanja Spitz, einem Jungen aus der ältesten Gruppe. Deshalb war meine Tochter auch nicht an den festtäglichen Vorbereitungen beteiligt. Mehr noch, sie wußte nicht mal was davon. Ich selber hatte ebenfalls nicht direkt mit dem Empfangstrubel zu tun. Meine Arbeit würde beginnen, wenn die Labuzilzen gelandet waren.
Doch die Ereignisse entwickelten sich anders als geplant. Am 8. März meldeten die Labuzilzen, daß sie die Umlaufbahn erreicht hätten. Fast zur gleichen Zeit aber kam es durch Zufall zu einem Mißgeschick. Statt des Raumschiffs der Labuzilzen peilten die Flugleitzentren den schwedischen Sputnik "Nobel-29" an, der vor zwei Jahren verlorengegangen war. Als sie den Irrtum bemerkten, war das Schiff der Labuzilzen aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden. Es setzte bereits zur Landung an, so daß die Verbindung mit ihm zeitweise unterbrochen war. Am 9. März, 6.33 Uhr, meldeten die Labuzilzen, daß sie im Gebiet 55°20' nördlicher Breite und 37°40' östlicher Länge des Erdkoordinatensystems niedergegangen wären, mit einer möglichen Abweichung von 15' - das hieß unweit von Moskau. Dann riß der Funkkontakt endgültig ab und konnte auch in der Folge von einer einzigen Ausnahme abgesehen, auf die ich noch zu sprechen komme - nicht wieder hergestellt werden. Offenbar übte die Erdenstrahlung eine verheerende Wirkung auf die Bordinstrumente der Labuzilzen aus. Kaum wurde die Landung der Gäste bekannt strömten Hunderte von Wagen und Tausende von Menschen zum angegebenen Landeort. Die Straßen waren mit Leuten verstopft die alle die Labuzilzen aufspüren wollten. Das Kosmodrom Scheremetjewo-4 lag wie ausgestorben da; kein einziger Korrespondent mehr im Flughafenrestaurant. Dafür war der Himmel über Moskau voller Hubschrauber, Spiral- und Schwingenflugzeuge, Wirbler und sonstiger Flugapparate. Es sah aus, als hingen Wolken riesiger Käfer über der Erde. Das Schiff der Labuzilzen würde entdeckt werden, selbst wenn es unter die Erdoberfläche geraten sein sollte. Trotzdem war es nicht aufzutreiben. Nicht einer der Ortsansässigen hatte beobachtet, daß ein Raumschiff niedergegangen war. Das verwunderte um so mehr, als fast alle Einwohner von Moskau und Umgebung in jenen Stunden zum Himmel geschaut hatten. Demnach mußte etwas schiefgegangen sein. Als ich gegen Abend von meiner Arbeit auf die Datsche kam, war der normale Lebensfluß desPlaneten gestört. Alle hatten Angst den Gästen könnte etwas zugestoßen sein. "Vielleicht sind sie aus Antimaterie", äußerte jemand in der Einschienen bahn, "und bei Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht?" " Ohne Explosion, ohne jede Spur? Unsinn!" "Was wissen wir schon über die Eigenschaften der Antimaterie?" "Und wer hat die Landung gefunkt?" "Vielleicht ein Witzbold." "Schöner Witzbold. Dann müßte er auch mit dem Pluto gesprochen haben." "Und wenn sie nun unsichtbar sind?" "Unsere Instrumente hätten sie trotzdem wahrgenommen." Dennoch gewann die Theorie von der Unsichtbarkeit der Gäste immer mehr Anhänger ... Ich saß auf der Veranda und dachte: Vielleicht sind sie ganz in unsrer Nähe, auf dem benachbarten Feld gelandet stehen neben ihrem Schiff, die Ärmsten, und wundern sich, weshalb die Menschen keine Notiz von ihnen nehmen. Womöglich sind sie gekränkt und fliegen wieder ab ... Ich war schon im Begriff, zu dem Feld hinüberzugehn, als ich ein paar Leute bemerkte, die aus dem Wald kamen. Sie gingen in einer Reihe und hielten sich wie bei einem Ringelspiel an den Händen gefaßt. Ich begriff, daß meine Nachbarn auf den gleichen Gedanken gekommen waren wie ich und die Gegend nach den unsichtbaren Gästen absuchten. Im gleichen Augenblick begannen sämtliche Rundfunksender der Erde eine Meldung zu übermitteln, die ein Funkamateur aus Nordaustralien aufgefangen hatte. Darin wurden die bereits bekannten Koordinaten wiederholt dann folgten die Worte: "Wir befinden uns im Wald ... Haben die erste Grupppe auf die Suche nach den Menschen ausgeschickt. Verfolgen nach wie vor Ihre Rundfunkmeldungen. Sind verwundert über das Ausbleiben eines Kontakts..." Damit war die Verbindung zu Ende. Die Version von der Unsichtbarkeit der Gäste gewann augenblicklich weitere Millionen Anhänger.
Von der Terrasse aus konnte ich sehen, wie die Reihe der Datschenbesitzer haltmachte und
danach wieder in Richtung Wald schwenkte. In diesem Moment kam Alissa auf die Terrasse, mit
einem Körbchen Walderdbeeren in der Hand.
"Wo laufen die denn alle hin?" fragte sie, ohne mich zu begrüßen.
"Wer - sie? Zunächst einmal sagt man guten Tag, wenn man seinen einzigen Väter seit dem
Morgen nicht gesehen hat."
"Seit dem Abend. Ich hab ja noch geschlafen, als du wegfuhrst. Also dann: Guten Tag, Papa. Und
was ist nun passiert?"
"Die Labuzilzen sind verlorengegangen."
,Ich kenne keine Labuzilzen."
"Niemand kennt sie bisher."
"Wie können sie dann verlorengegangen sein?"
"Sie sind zu uns auf die Erde geflogen, sind gelandet und plötzlich verschwunden." Ich merkte,
daß meine Worte unsinnig klangen. Und doch stellten sie die reine Wahrheit dar.
Alissa sah mich mißtrauisch an: "Gibt's denn so was überhaupt?"
"Eigentlich nicht. Normalerweise jedenfalls."
"Sie haben wohl das Kosmodrom nicht gefunden?"
"Sieht ganz so aus."
"Und wo sind sie verlorengegangen?"
"Irgendwo bei Moskau. Möglicherweise gar nicht weit von hier."
"Deshalb sucht man sie jetzt mit Hubschraubern und zu Fuß, ja?"
"Genau."
"Aber warum kommen sie nicht selber?"
"Wahrscheinlich warten sie darauf, daß die Menschen sie begrüßen. Immerhin sind sie das erste
Mal auf der Erde und wollen ihr Raumschiff nicht allein lassen."
Alissa schwieg. Meine Antwort schien sie zufriedengestellt zu haben. Sie ging, das Körbchen mit
den Erdbeeren nicht aus den Händen lassend, zweimal über die Terrasse und fragte dann: "Sind
sie auf dem Feld oder im Wald?"
„Im Wald."
„Woher weißt du das?"
"Sie haben es selbst gesagt. Im Radio."
„Das ist gut."
„Was ist gut?"
„Daß sie nicht auf dem Feld sind."
"Wie meinst du das?"
"Ich hatte schon Angst ich wäre ihnen begegnet!"
"Was soll das nun wieder heißen?!"
"Ach nichts weiter, war bloß Spaß."
Ich sprang von meinem Stuhl auf. Alissa dachte sich manchmal die seltsamsten Dinge aus ...
"Ich war nicht im Wald, Papa, Ehrenwort nur auf der Lichtung. Also muß ich jemand anderen
gesehen haben.".
"Los, Alissa, erzähl alles, was du weißt. Aber ohne etwas dazu zuflunkern. Hast du im Wald
eigenartige ... Leute gesehn?"
"Ich war nicht im Wald, wirklich!"
"Also gut, dann auf der Lichtung."
"Ich hab nichts Schlimmes angestellt. Und eigenartig waren sie auch nicht."
"Nun antworte endlich wie ein vernünftiger Mensch: Wen hast du wo gesehen? Quäl mich und in
mir nicht länger die ganze Menschheit!"
"Bist du denn die Menschheit?"
"Hör mal, Alissa..."
"Ist ja schon gut. Sie sind hier. Ich hab sie mitgebracht."
Ich drehte mich unwillkürlich um. Die Terrasse war leer. Außer uns beiden nur eine quirlige
Hummel.
"Ach du guckst in die ganz falsche Richtung!" Alissa seufzte, kam näher zu mir heran und sagte:
"Eigentlich wollte ich sie ja für mich behalten. Ich wußte doch nicht, daß die Menschheit sie sucht."
Sie hielt mir das Körbchen mit den Erdbeeren hin, hielt es mir dicht vor die Augen, und ich
gewahrte darin - ich wollte es zunächst selbst nicht glauben - zwei winzige Gestalten im
Skaphander. Sie waren mit Erdbeersaft beschmiert und saßen zu zweit auf einer Beere.
"Ich hab ihnen bestimmt nicht weh getan", sagte Alissa schuldbewußt. "Ich dachte, das wären
Zwerge aus dem Märchen."
Aber ich hörte schon nicht mehr, was sie sagte. Das Körbchen behutsam an mich drückend,
rannte ich zum Videofon, ich sagte mir, daß unser Gras ja der reinste Hochwald für sie sein
mußte.
So kam es zu unserer ersten Begegnung mit den Labuzilzen.
Unser Mann in der Vergangenheit Die öffentliche Erprobung der Zeitmaschine wurde im Haus der Wissenschaftler durchgeführt im Kleinen Saal. Ich holte Alissa aus dem Kindergarten ab, merkte dann aber, daß ich zu spät zu dem Versuch käme, wenn ich sie erst noch nach Hause brächte. Also ließ ich mir ihr Ehrenwort geben, sich anständig zu verhalten, und nahm sie zu dem Test mit.
Der Vertreter des Zeitinstituts, ein sehr großer, sehr glatzköpfiger Mann, stand vor der
Zeitmaschine und erläuterte ihre Beschaffenheit. Die anwesenden Gelehrten hörten aufmerksam
zu.
„Der erste Versuch", sagte der Mann, "endete, wie Sie alle wissen, mit einem Mißerfolg. Das von
uns ausgesandte Kätzchen ist im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gelandet und im Gebiet
des Tunguskaflusses explodiert was die Legende vom Tunguska-Meteoriten begründete. Doch
seither blieben uns größere Pannen erspart. Allerdings ist es uns auf Grund bestimmter
Gesetzmäßigkeiten, mit denen sich Interessenten anhand unserer Institutsbroschüre vertraut
machen können, vorerst nur möglich, Menschen bzw. Gegenstände in die siebziger Jahre des
zwanzigsten Jahrhunderts zu schicken. Ich kann Ihnen verraten, daß einige meiner Mitarbeiter
bereits dort waren - unter strikter Geheimhaltung, versteht sich - und wohlbehalten wieder
zurückgekehrt sind. Der Prozeß der Zeitwanderung selbst ist relativ unkompliziert wenn sich auch
eine mehrjährige Arbeit Hunderter von Leuten dahinter verbirgt. Im Grunde genügt es, einen
chronokinetischen Gürtel anzulegen ... Und jetzt würde ich darum bitten, daß ein Freiwilliger aus
dem Saal zu mir heraufkommt damit ich an seiner Person die Vorbereitungen zu einer Reise in die
Zeit. demonstrieren kann."
Peinliche Stille breitete sich aus. Niemand wagte es, als erster vorzutreten. Plötzlich jedoch - wie
konnte es anders sein - stand Alissa neben dem Mann und seiner Maschine. Dabei hatte sie mir
noch vor fünf Minuten geschworen, manierlich zu sein.
"Alissa", rief ich, "komm sofort zurück!"
"Keine Bange", sagte der Vertreter des Instituts, "dem Kind kann nicht das geringste passieren."
"Hörst du, Papa, mir kann nicht das geringste passieren!" plapperte Alissa fröhlich.
Im Saal wurde gelacht. Die Leute begannen sich nach dem gestrengen Vater umzudrehen. Ich tat,
als hätte ich mit all dem nichts zu tun.
Der Institutsmensch legte Alissa den Gürtel um und befestigte eine Art Kopfhörer an ihren
Schläfen.
"Das wäre bereits alles", sagte er. "Damit ist der Mensch für die Reise in die Zeit gerüstet. Er
braucht bloß die Kabine hier zu betreten - schon befindet er sich im Jahre
neunzehnhundertfünfundsiebzig."
Was redet er da bloß! schoß es mir panikartig durch den Sinn. Alissa wird unverzüglich Gebrauch
davon machen!
Und da war es auch schon passiert.
"Halt, Kleine, wo willst du hin? Bleib stehn!" rief der Vertreter des Instituts.
Doch Alissa befand sich bereits in der Kabine und löste sich vor aller Augen in Luft auf. Ein
erschrockenes Raunen ging durch den Saal.
Der Wissenschaftler, blaß geworden, versuchte wild gestikulierend des Tumults Herr zu werden.
Als er mich auf sich zustürzen sah, sagte er, dicht übers Mikrofon gebeugt, damit ihn jeder hören
konnte: "Dem Kind droht keinerlei Gefahr. In drei Minuten wird es wieder hier in diesem Saal sein.
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Apparatur absolut zuverlässig und erprobt ist! Also bitte,
beruhigen Sie sich!"
Er hatte gut reden. Ich stand neben der Maschine und dachte an das Schicksal des Kätzchens,
das zum Tunguska-Meteoriten geworden war. Einesteils glaubte ich dem Mann, andernteils
wieder nicht. Versetzt euch nur mal in meine Lage - stellt euch vor, daß euer Kind sich in einer fast
hundertjährigen Vergangenheit befindet ... Und wenn sich Alissa dort von der Maschine entfernte?
Sich verirrte?
"Könnte ich ihr nicht hinterher?" fragte ich.
"Nein. In einer Minute ... Aber so beruhigen Sie sich doch, einer von uns nimmt sie in Empfang."
"Sie haben einen Mitarbeiter dort?"
"Nun ja, ein Mitarbeiter ist es nicht direkt ... Wir haben einfach jemanden gefunden, der unsere
Probleme genau versteht; die zweite Kabine befindet sich in seiner Wohnung. Ein Bürger des
zwanzigsten Jahrhunderts - aus beruflichen Gründen kommt er immer mal zu uns in die Zukunft."
In diesem Augenblick erschien Alissa in der Kabine. Sie trug die Miene eines Menschen zur Schau, der seine Pflicht tadelsfrei erfüllt hatte. Unter dem Arm hatte sie ein dickes altertümliches Buch. " Da sehen Sie. . .", sagte der Wissenschaftler. Die Leute im Saal klatschten einmütig. "Und nun erzähl uns mal, mein Kind, was du gesehen hast", wandte sich der Institutsmensch an Alissa, ohne mich einen Schritt an sie heranzulassen. "Oh, dort ist es sehr interessant", antwortete Alissa. "R-rumms, und ich war in einem anderen Zimmer. Ein Mann saß an einem Tisch und schrieb etwas. Er fragte: Kommst wohl aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert Kleine?" Ich sagte: So wird's sein, ich hab die Jahrhunderte bloß nicht gezählt weil ich nicht besonders gut im Rechnen bin." Ich erzählte ihm dann, daß ich in den Kindergarten gehe, in die mittlere Gruppe. Der Onkel antwortete, das fände er sehr schön, doch jetzt müsse ich wieder zurück. Möchtest du mal sehen", fragte er, wie Moskau aussah, als dein Großvater noch gar nicht auf der Welt war?" Ich sagte: "Klar möchte ich das." Da zeigte er mir die Stadt. Ganz eigenartig sah sie aus und war gar nicht hoch. Ich fragte den Onkel, wie er heißt und er sagte: Arkadi. Er sei Schriftsteller und schreibe phantastische Bücher über die Zukunft. Ich glaube, er denkt sich nicht alles aus, was er schreibt denn manchmal kommen Leute aus unserer Zeit zu ihm und erzählen ihm einiges. Nur darf er das niemandem weitersagen, weil es ein strenges Geheimnis ist. Er hat mir das Buch hier geschenkt ... Na ja, und dann bin ich wieder zurückgekommen." Die Anwesenden bedachten Alissas Bericht mit stürmischem Applaus. Gleich darauf erhob sich ein angesehener Gelehrter und sagte: "Sie halten da ein Unikat in der Hand, Mädchen - die erste Ausgabe des phantastischen Romans "Flecken auf dem Mars". Wollen Sie mir das Buch nicht schenken? Sie können doch ohnehin noch nicht lesen." "Nein", sagte Alissa, denn ich werde bald lesen, lernen und brauche das Buch dann selber."
Alissas Reise Alissa die Diebin Ich hatte Alissa versprochen: "Wenn du die zweite Klasse hinter dir hast nehme ich dich zu unserer Sommerexkursion mit. Wir brechen mit dem Raumschiff Pegasus auf, um seltene Tiere für unseren Zoo zu fangen." Ich hatte ihr das bereits im Winter in Aussicht gestellt, kurz nach Neujahr, und gleichzeitig ein paar Bedingungen daran geknüpft: Sie sollte gut lernen, keine Dummheiten machen, sich nicht auf Abenteuer einlassen. Alissa hielt sich gewissenhaft an unsere Abmachungen, und nichts schien unserem Vorhaben im Wege zu stehen. Doch im Mai, einen Monat vor dem geplanten Abflug, geschah etwas, das um ein Haar alles zunichte gemacht hätte. Ich arbeitete an diesem Tag zu Hause, schrieb einen Artikel für die "Kosmozoologischen Nachrichten". Durch die geöffnete Tür meines Arbeitszimmers sah ich, daß Alissa mit finsterer Miene aus der Schule heimkehrte und ihre Tasche mit dem Tonbandgerät und den Mikrofilmen auf den Tisch' knallte. Sie lehnte auch das Mittagessen ab und nahm statt der "Tiere ferner Planeten" - dieses Buch hatte sie in den letzten Monaten zu ihrer Lieblingslektüre erkoren - die "Drei Musketiere" zur Hand. "Hast du Ärger?" fragte ich. "Keine Spur", antwortete Alissa, "wie kommst du darauf?" "Es sah so aus.
Alissa dachte einen Augenblick nach, legte das Buch beiseite und fragte: "Hast du nicht zufällig
einen Goldklumpen, Papa?"
"Wie groß muß er denn sein?"
"Na, so anderthalb Kilo."
,Nein, hab ich nicht."
"Und kleiner.
"Einen kleineren hab ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Ich hab überhaupt kein Edelmetall. Was soll
ich damit?"
"Weiß nicht . . ." sagte Alissa. "Es ist nur, weil ich unbedingt so einen Goldklumpen brauche."
Ich stand von meinem Schreibtisch auf, setzte mich zu meiner Tochter aufs Sofa und sagte: "Nun
erzähl schon, was passiert ist."
"Ach, nichts Besonderes. Ich brauch ihn eben."
"Geht's nicht ein bißchen genauer?"
Alissa seufzte tief, schaute zum Fenster hinaus und gab sich einen Ruck: "Ich bin eine Diebin,
Papa."
"Eine Diebin?!"
ja. Ich habe einen Raub begangen, und nun wird man mich wahrscheinlich aus der Schule
werfen."
"Schade", sagte ich. "Erzähl weiter. Ich hoffe, das Ganze ist nicht gar so schlimm, wie's auf. den
ersten Blick scheint."
"Na ja, es fing damit an, daß Aljoscha Naumow und ich den Riesenhecht fangen wollten. Er lebt
im Ikschinsker Stausee und frißt sämtliche Jungfische weg. Das hat uns mal ein Fischer erzählt du
kennst ihn nicht."
"Und was hat der Goldklumpen damit zu tun?" Wir brauchten ihn als Köder."
"Waas?"
"Wir haben in der Klasse darüber beraten und beschlossen, den Hecht mit einem Köder zu locken.
Einen einfachen Hecht fängt man mit einem einfachen Köder, für so einen Riesenhecht aber ist
etwas Besonderes nötig. Da kam Ljowa Swanski auf den Goldklumpen. Unser Schulmuseum
besitzt nämlich einen. Genauer gesagt, besaß. Anderthalb Kilo schwer. Ein ehemaliger Schüler
hat ihn unserem Museum zum Geschenk gemacht. Er hatte ihn vom Asteroidengürtel
mitgebracht."
"Und diesen Goldklumpen von anderthalb Kilo habt ihr gestohlen?"
"Nicht direkt Papa. Wir wollten ihn nur ausleihen. Ljowa sagte, sein Vater sei Geologe und brächte
einen neuen mit. Da wollten wir erst mal den hier für die Köder nehmen. Der Hecht würde ganz
bestimmt auf ihn anbeißen."
"Und was geschah weiter?"
"Na nichts. Die Jungs hatten auf einmal Angst, den Schrank- zu öffnen, und so losten wir. Ich
hätte das Gold ja niemals genommen, wenn das Los nicht ausgerechnet auf mich draufgefallen
wäre." "Gefallen", verbesserte ich.
"Wie bitte?"
"Das Los ist auf dich gefallen."
"Sag ich doch, das Los ist auf mich draufgefallen, und ich konnte nicht gut vor allen einen
Rückzieher machen. Zumal sich die anderen sowieso nicht entschlossen hätten, ihn da
rauszunehmen."
"Und dann?"
"Dann gingen wir zu Aljoscha Naumow, nahmen einen Laser und zersägten diesen elenden
Goldklumpen. Wir fuhren zum Ikschinsker Stausee, aber der Hecht hat unseren Köder einfach
abgebissen." Alissa: überlegte einen Augenblick und fuhr fort: "Vielleicht war's aber auch gar nicht
der Hecht. Vielleicht ist das Gold an irgendeinem Knorren hängengeblieben, schwer, wie es war.
Wir haben mächtig gesucht, aber nichts, gefunden. Sind immer abwechselnd getaucht."
"Und nun ist eure Schandtat entdeckt worden, ja?"
"Ja, aber nur, weil der Ljowa Swanski ein Betrüger ist. Er brachte eine Handvoll Diamanten von zu
Hause mit und sagte, Gold hätten sie nicht den kleinsten Krümel. Wir haben ihn wieder
zurückgeschickt mit seinen Diamanten. Was sollten wir damit! Dann kam Jelena Alexandrowna
und sagte: "Räumt mal schön das Museum auf, Kinder, ich komme nachher mit den Kleinen aus
der ersten Klasse zur Besichtigung." Solche unglücklichen Zufälle gibt's eben! Da ist die Sache
rausgekommen. Sie lief gleich zum Direktor, und wir hörten sie sagen: Hier droht Gefahr; in einem
der Kinder ist die Vergangenheit zum Durchbruch gekommen!" Wir haben nämlich an der Tür
gelauscht. Aljoscha Naumow hat sich dann zwar bereit erklärt, die ganze Schuld auf sich zu
nehmen, doch damit war ich nicht einverstanden. Wenn das Los schon mal auf mich draufgefallen
war, sollten sie auch mich bestrafen. Das ist alles."
"Das ist alles?" fragte ich erstaunt. "Du hast dich also gemeldet und gebeichtet?"
"Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen. Sie haben uns eine Frist bis morgen gestellt. Jelena
Alexandrowna sagte, wenn morgen der Goldklumpen nicht wieder zur Stelle ist wird sie ein
ernstes Wort mit uns reden. Also werden wir morgen von den Wettkämpfen gestrichen und
womöglich aus der Schule geworfen."
"Von was für Wettkämpfen?"
"Morgen findet bei uns da:s Luftblasenfliegen statt. Es geht um die Schumeisterschaft. Für unsere
Klasse aber starten ausgerechnet Aljoscha Jegowrow und ich. Schließlich kann Jegowrow nicht
allein fliegen."
"Du hast noch etwas anderes vergessen", sagte ich.
"Was denn?" fragte Alissa mit einer Stimme, die verriet daß sie sehr wohl Bescheid wußte.
"Du hast gegen unsere Abmachung verstoßen."
"ja, ich geb's zu", sagte Alissa, "aber so schlimm war's nun auch wieder
nicht."
"So, meinst du. Einen Goldklumpen von anderthalb Kilo stehlen, ihn für Köder zersägen, im
lkschinsker Stausee versenken und dann noch nicht mal melden! Ich fürchte, du wirst hierbleiben
müssen. Der Pegasus startet ohne dich."
"Was soll ich bloß tun, Papa?" fragte Alissa leise.
"Laß dir was einfallen", sagte ich und kehrte in mein Arbeitszimmer zurück, um den Artikel zu
Ende zu schreiben.
Doch ich kam nicht recht voran. So eine dumme Geschichte! Wie kleine unverständige Kinder ein
Museumsstück zersägen!
Als ich eine Stunde später nach Alissa schauen wollte, war sie nicht mehr da. Wer weiß, wo sie
stecken mochte! Da rief ich Fridmann im Mineralogisehen Museum an, den ich einst im Pamir
kennengelernt hatte.
Auf dem Bildschirm des Videofons erschien sein rundes Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart.
"Hör mal, Lenje, sagte ich. "hast du nicht zufällig irgendwo einen Goldklumpen von anderthalb Kilo
rumliegen?"
"Hab ich, sogar von fünf Kilo. Brauchst du ihn für die Arbeit?"
"Nein, für private Zwecke."
"Tja, ich weiß nicht recht", Lenja zwirbelte an seinem Bart, "die sind doch alle registriert."
"Er kann ruhig abgeschabt aussehn", sagte ich."Meine Tochter braucht ihn für die Schule."
"Alissa?"
"Ja."
"Weißt du was", sagte Fridmann, "ich geh dir den Goldklumpen. Genauer gesagt nicht dir, sondern
Alissa. Dafür wirst du mir aber gleichfalls einen Gefallen tun, einverstanden?"
"Mit Vergnügen."
"Leih mir für einen Tag euren Blaupanther." "Wen?"
"Den Blaupanther. Wir haben neuerdings Mäuse hier."
"Was denn, in eurem Steinzeug?"
"Keine Ahnung, wovon sie leben, jedenfalls haben wir welche. Sie fürchten weder die Katze, noch
nehmen sie die Mausefalle ernst. Den Anblick eines Blaupanthers aber und, vor allem seinen
Geruch können sie nicht ertragen, das ist allgemein bekannt."
Was sollte ich tun? Der Blaupanther war ein seltenes Tier und dazu sehr bissig. Ich mußte ihn
also höchstpersönlich ins Museum bringen und aufpassen, daß er niemanden angriff.
"In Ordnung", sagte ich. "Aber schick den Goldklumpen bis morgen früh her, am besten per
Pneumopost."
Ich hatte das Gespräch kaum beendet, als es an der Tür klingelte. Ich öffnete. Vor mir stand ein
blonder Bengel in der orangefarbenen Kluft eines Venusforschers. Auf dem Ärmel trug er das
Emblem der Ersterkunder des Siriussystems.
"Entschuldigen Sie", sagte der Junge, "sind Sie Alissas Vater?"
"Der bin ich."
"Guten Tag. Mein Name ist Jegowrow. Ist Alissa zu Hause?"
"Nein. Ich weiß nicht, wo sie steckt."
"Schade. Kann ich Ihnen vertrauen?"
"Ich denke schon."
"Dann möchte ich von Mann zu Mann mit Ihnen reden."
"Von Kosmonaut zu Kosmonaut gewissermaßen."
"Spotten Sie nicht", Jegowrow wurde rot. "Nicht mehr lange, dann werde ich diese Kluft mit vollem
Recht tragen."
"Daran zweifle ich nicht", erwiderte ich. "Worum geht es also?"
"Alissa und ich haben einen Wettkampf zu bestreiten, doch nun ist etwas passiert, und Alissa wird
möglicherweise gestrichen. Kurz, sie muß der Schule einen Gegenstand zurückgeben, der
verlorengegangen war. Ich wollte ihn ihr bringen, doch zu niemandem ein Wort davon, ist das
klar?"
"Klar, geheimnisvoller Unbekannter", sagte ich.
"Hier, nehmen Sie." Er reichte mir einen kleinen, ziemlich schweren Sack.
"Ist das ein Goldklumpen?" fragte ich.
"Sie wissen Bescheid?"
"Genauestens."
"Ja, es ist einer."
"Ich hoffe, er ist nicht gestohlen."
"Wo denken Sie hin! Er ist mir im Klub der Touristen gegeben worden. Also dann auf
Wiedersehen."
Ich war noch nicht in meinem Arbeitszimmer, als es erneut klingelte. Diesmal standen zwei kleine
Mädchen vor mir.
"Guten Tag", sagten sie im Chor. "Wir sind aus der ersten Klasse und woll ten was für Alissa abgeben." Sie händigten mir zwei gleich aussehende Beutel eben aus und rannten davon. In dem einen Beutel lagen vier alte Goldmün zen, offenbar aus einer Privatsammlung, in dem anderen drei Teelöff el. Die Löffel waren zwar nicht aus Gold, sondern aus Platin, doch um die beiden einzuholen, war es schon zu spät. Im Briefkasten fand sich ein weiterer Goldklumpen - ein unbekannter Freund mußte ihn eingeworfen haben. Kurz darauf kam Ljowa Swanski, er wollte mir eine kleide Schatulle mit Diamanten aufdrängen, und zu guter Letzt erschien ein Schüler aus einer höheren Klasse gleich mit drei Goldklumpen. "Ich hab als Kind Mineralien gesammelt", erklärte er. Alissa kehrte gegen Abend zurück. Schon vor der Tür aus sagte sie feierlich: "Mach dir keine Gedanken, Papa, alles ist noch mal gut gegangen. Unserer gemeinsamen Expedition steht nichts mehr im Wege." "Wieso dieser plötzliche Umschwung?" fragte ich. ,Weil ich einen Goldklumpen aufgetrieben habe." "Und wo?" Alissa wuchtete mit einiger Mühe einen Goldklumpen aus ihrer Tasche, der gut und gern sechs bis sieben Kilo wiegen mochte. "Ich war bei Poloskow", erzählte sie, "du weißt schon, bei meinem Kapitän. Als er erfuhr, worum's geht hat er alle seine Bekannten angerufen. Außerdem hat er mir ein Mittagessen gegeben, so daß ich kein bißchen hungrig bin."
In diesem Augenblick entdeckte sie die Goldklumpen und sonstigen Schätze auf dem Tisch, die
sich im Laufe des Tages in unserer Wohnung angesammelt hatten.
"Oho", rief sie aus, da wird unser Museum ja reich!"
"Hör mal, du Gauner, wenn deine Freunde nicht wären, würde ich dich um nichts in der Welt auf
die Expedition mitnehmen."
"Was haben meine Freunde damit zu tun?"
"Sie hätten schwerlich ganz Moskau nach Goldsachen für dich abgesucht wenn du so durch und
durch schlecht wärst." "Nein, Papa, durch und durch schlecht bin ich wirklich nicht, stimmte Alissa
ein wenig selbstgefällig zu.
Ich wollte schon die Stirn runzeln, doch da klickte die Empfangsanlage der Pneumopost in der
Wand. Ich öffnete die Luke und hielt das Paket mit dem Goldklumpen aus dem Mineralogischen
Museum in der Hand. Fridmann hatte sein Versprechen eingelöst.
"Und das ist von mir", sagte ich.
"Hab doch gewußt", antwortete Alissa, "daß du ebenfalls mein Freund bist."
"Sieht ganz so aus", erwiderte ich, "das ist aber kein Grund, hochnäsig zu werden."
Am nächsten Morgen mußte ich Alissa zur Schule begleiten, da das Gesamtgewicht unserer
Goldschätze achtzehn Kilogramm erreicht hatte.
Als ich ihr die Tasche am Eingang aushändigte, sagte ich: "Ich hab ja ganz die Strafe für dich
vergessen."
"Oje, was für eine Strafe?"
"Du schnappst dir am Sonntag den Blaupanther aus dem Zoo und gehst mit ihm ins
Mineralogische Museum."
"Mit dem Blaupanther ins Museum? Aber was soll der dumme Kerl denn dort?"
"Er soll die Mäuse vertreiben. Und du wirst aufpassen, daß er niemanden beißt."
"Abgemacht", sagteAlissa. "Aber zur Expedition starten wir gemeinsam, ja?"
"Abgemacht."
Dreiundvierzig Hasen" Die letzten zwei Wochen vor dem Abflug waren mit Hast Aufregung und wenigstens teilweise vermeidbaren Laufereien angefüllt. Alissa sah ich in dieser Zeit fast gar nicht. Erstens mußten sämtliche Käfige, Fallen, Ultraschallköder, Schlingen, Netze, Kraftfelder und tausend andere fürs Einfangen der Tiere erforderlichen Gerätschaften bereitgestellt überprüft zum "Pegasus" befördert und dort verstaut werden. Zweitens galt es, sich mit Medikamenten, Lebensmitteln, Filmen, Tonbändern nebst Kassetten und Zubehör, Soffittenlampen, Mikroskopen, Schmetterlingsalben, Notizbüchern, Gummistiefeln, Rechenmaschinen, Sonnenwie Regenschirmen, Limonade, Regenumhängen, Panamahüten, Eispulver, Flugmobilen und einer weiteren Million Gegenstände einzudecken, die man auf einer Exkursion brauchen konnte oder auch nicht. Drittens mußten wir, da wir unterwegs verschiedene wissenschaftliche Stützpunkte und Stationen sowie mehrere Planeten anflogen, diverses Frachtgut und Geschenkpakete mitnehmem: Apfelsinen für die Astronomen auf dem Mars, Heringskonserven für die Erkunder auf dem Kleinen Arktur, Kirschsaft, Tusche und Gummikleber für die Archäologen im System 2-BZ, Brokatkittel und Elektrokardiographen für die Bewohner des Fix-Planeten, eine Nußbaumschrankwand für einen Mann vom Planeten Samora - es war der 1. Preis beim Quiz "Kennen Sie das Sonnensystem?" -, Quittenkonfitüre (mit Vitaminen angereichert) für die Lizenzianer und eine Vielzahl von Paketen sowie kleinen Aufmerksamkeiten, die uns buchstäblich bis zur letzten Minute von Omas, Opas, Brüdern, Schwestern dieser Leute gebracht wurden, oder von Vätern, Müttern, Kindern und Enkeln eventuell von uns zu treffender Außerirdischer. Zu guter Letzt erinnerte unser "Pegasus" an die Arche Noah, an einen schwimmenden Basar, ein Selbstbedienungskaufhaus, ja an ein Warenlager. Ich magerte in diesen zwei Wochen um sechs Kilogramm ab, der Kommandant des "Pegasus", der schon erwähnte Poloskow, alterte um etwa sechs Jahre.
Da es sich beim "Pegasus" um ein kleines Raumschiff handelte, war auch die Besatzung nicht allzu groß. Wenn es um Tierexpeditionen auf der Erde und anderen Planeten geht, so stehe immer ich, Professor Selesnjow vom Moskauer Zoo, an ihrer Spitze. Daß ich Professor bin, bedeutet noch lange nicht daß ich alt grauhaarig und würdevoll aussehe. Ich hatte einfach schon als Kind sehr viel für Tiere übrig und tauschte sie nie gegen Steine, Briefmarken, Radios oder ähnlich interessante Dinge. Als ich zehn Jahre alt war, schloß ich mich dem Zirkel Junger Naturforscher beim hiesigen Zoo an, und nach Beendigung der Schule ging ich an die Universität um Biologie zu studieren. Aber auch in dieser Zeit brachte ich jeden freien Tag im Zoo oder Bilogielabor zu. Als ich das Studium hinter mir hatte, wußte ich über Tiere bereits so viel, daß ich mein erstes Buch schreiben konnte. Damals existierten ]noch keine Schnellraumschiffe, die jeden beliebigen Winkel der Galaxis anfliegen können, und damit auch so gut wie keine Kosmoszoologen. Ich wurde einer der ersten. Seither sind zwanzig Jahre vergangen, und es gibt mittlerweile sehr viele solcher Spezialisten. Ich jedoch war, wie gesagt, einer der ersten, weilte in dieser Eigenschaft auf vielen Sternen und Planeten und wurde, ohne daß ich es selbst merkte, Professor. Sobald der "Pegasus" freilich vom Boden abhebt wird Gennadi Poloskow, der allseits bekannte Kosmonaut und Raumschiffkommandant, zum wichtigsten Mann und Gebieter über uns alle. Wir kennen uns schon lange, sind uns öfters auf fernen Planeten und wissenschaftlichen Stationen begegnet. Er besucht uns auch manchmal zu Hause und ist vor allem mit Alissa befreundet. Rein äußerlich sieht man Poloskow den kühnen Raumflieger gar nicht an, und wenn er seine Kommandantenuniform ablegt, könnte man ihn für einen Erzieher im Kindergarten oder einen Bibliothekar halten. Er ist nicht sehr groß, blond, schweigsam und überhaupt zurückhaltend. Doch wenn er im Sessel auf seiner Kommandobrücke sitzt, verwandelt er sich augenblicklich: Die Stimme verändert sich, sein Gesicht nimmt Härte und Entschlossenheit an. Poloskow verliert niemals die Geistesgegenwart und ist deshalb unter seinen Kollegen sehr geachtet. Es war mir nur mit Mühe gelungen, ihn als Kommandanten für den "Pegasus" anzuheuern, denn Jack O'Coniol hatte ihm den neuen Passagierliner Erde -Fix angeboten. Hätte ich nicht Alissa ins Feld führen können - Poloskow wäre nie auf meine Bitte eingegangen. Dritter Mann in unserer Besatzung war der Mechaniker Seljony. Das war ein Recke mit gewaltigem rotem Vollbart. Er verstand sein Fach ganz ausgezeichnet und war mit Poloskow bereits an die fünfmal auf anderen Raumschiffen unterwegs gewesen. Es gibt kein größeres Vergnügen für ihn, als an einem Motor herumzubasteln oder sich im Maschinenraum zu schaffen zu machen. Im Grunde ist das ja eine lobenswerte Eigenschaft doch mitunter treibt er es zu weit. Dann ist eine wichtige Maschine oder Apparatur im entscheidenden Moment nicht einsatzbereit weil er sie gerade mal wieder in ihre Bestandteile zerlegt hat. Außerdem ist Seljony ein großer Pessimist. Er behauptet immer, "das" würde noch mal schlecht enden. Wenn wir ihn fragen, was er damit meint, sagt er unbestimmt: "Na, eben alles." Zum Beispiel hat er sich nur deshalb einen Bart wachsen lassen, weil er in einem alten Buch las, daß sich ein Kaufmann beim Rasieren geschnitten habe und daraufhin an einer Blutvergiftung gestorben sei. Obwohl nirgendwo auf der Erde ein solch gefährlie4es Rasiermesser mehr existiert und die Männer sich das Gesicht morgens statt dessen mit einer Paste einreiben, ließ er sich einen Bart stehen. Sicher ist sicher. Wenn wir auf einem unbekannten Planeten landen, rät er uns sofort, ihn wieder zu verlassen. Hier gebe es ohnehin keine Tiere, und wenn doch, wären sie für unseren Zoo uninteressant. Könnten wir aber trotzdem was mit ihnen anfangen, würden wir sie nie und nimmer heil zur Erde bringen. Und so geht das immer weiter. Inzwischen haben wir uns an Seljony und sein Brummen gewöhnt achten nicht mehr darauf. Er wiederum nimmt uns das nicht übel. Viertes Mitglied unserer Besatzung - die Geländeautomaten und den ewig kaputten Küchenroboter ausgenommen - war Alissa. Sie ist bekanntlich meine Tochter, hat die zweite Klasse beendet und stellt immerzu etwas an, freilich gingen all -ihre Abenteuer bisher glücklich aus. Alissa ist insofern ein nützliches Mitglied unserer Expedition, weil sie mit Tieren umzugehen versteht und so gut wie nichts fürchtet.
In der Nacht vor dem Start schlief ich schlecht. Mir war, als würde ständig jemand durchs Haus gehen und mit den Türen knallen. Als ich aufstand, war Alissa schon angekleidet. Man konnte meinen, sie hätte sich gar nicht erst hingelegt. Wir gingen zum Flugmobil hinüber. Wir waren fast ohne Gepäck: Ich trug nur einen schwarzen Aktenordner und Alissa ihre Umhängetasche mit den Schwimmflossen und einer Harpune für die Unterwasserjagd. Der Morgen war naßkalt und frisch. Die Meteorolog en hatten zwar versprochen, den Regen erst gegen Mittag zu geben, sich aber, wie so oft, ein wenig vertan - der Regen war schon in der Nacht niedergegangen. Die Straßen waren leer. Wir verabschiedeten uns von den Verwandten und versprachen, von jedem Planeten, den wir besuchten, einen Brief zu schreiben. Das Flugmobil hob sich gemächlich in die Luft und schwebte, die Straße überfliegend, in westlicher Richtung dem Kosmodrom zu. Ich übergab Alissa die Steuerung und vertiefte mich in die ellenlange Gepäckliste, deren Posten tausendmal durchgesehen und die bereits erheblich gekürzt worden war. Doch Poloskow hatte mir versichert, wir müßten mindestens weitere drei Tonnen Fracht rausschmeißen, sonst würden wir gar nicht erst vom Boden hochkommen. Ich hatte überhaupt nicht gemerkt, daß wir schon am Kosmodrom waren. Alissa wirkte sehr in sich gekehrt und schien unablässig an etwas Bestimmtes zu denken. Sie war so abgelenkt, daß sie das Mobil fälschlicherweise neben einem Raumschiff niedersetzte, das gerade mit Ferkeln für die Venus beladen wurde. Beim Anblick des Ungetüms, das auf sie herabschwebte, stoben die Ferkel in alle Richtungen auseinander, und die sie begleitenden Roboter stürzten hinterdrein, um sie wieder einzufangen. Der Transportleiter aber schimpfte mit mir, weil ich die Landung des Mobils einem kleinen Kind überlassen hatte. "So klein ist sie nun auch wieder nicht", rechtfertigte ich mich, sie hat die zweite Klasse beendet." "Um so schlimmer", fauchte der Mann und drückte ein gerade eingefangenes Ferkel an seine Brust. Jetzt haben wir bis zum Abend damit zu tun, die Tiere wieder zusammenzubekommen!" Ich sah Alissa vorwurfsvoll an, übernahm das Steuer und flog zu unserem weißen "Pegasus". In seinen Jugendtagen war er ein Eil-Postschiff gewesen. Später, als die Raumschiffe schneller und geräumiger wurden, baute man ihn zu einem Forschungsschiff um. Er verfügte über große Ladeluken und leistete sowohl Geologen als auch Archäologen gute Dienste. Nun sollte er von Nutzen für unseren Zoo sein. Poloskow erwartete uns schon, und kaum hatten wir uns begrüßt fragte er: "Na, habt ihr euch wegen der überschüssigen drei Tonnen was. einfallen lassen?" "Mir ist da eine Idee gekommen", sagte ich. "Schieß los!" In diesem Augenblick kam schüchtern ein Großmütterchen i m blauem Schultertuch auf uns zu und bat: "Ob Sie wohl ein kleines Päckchen für meinen Sohn auf den Aldebaran mitnehmen könnten?" "Da haben wir's", Poloskow winkte resigniert ab, "immer noch mehr!" "Es ist winzigklein", sagte das Muttchen. "Zweihundert Gramm, mehr nicht. Können Sie sich vorstellen, wie traurig er ist wenn er so gar kein Geschenk zum Geburtstag kriegt?" Das konnten wir uns tatsächlich nicht vorstellen. "Was ist denn in dem Päckchen?" fragte Poloskow, der sich, gutmütig wie er war, bereits geschlagen gab. "Ach, nichts Besonderes. Eine kleine Torte. Mein Kolja liebt Torten über alles! Und ein Stereofilm, auf dem sein Söhnchen, mein Enkel also, bei seinen ersten Gehversuchen zu sehen ist." "Bringen Sie's her", sagte Poloskow mit finsterer Miene. Ich sah mich nach Alissa um - sie war verschwunden. Die Sonne stieg über dem Kosmodrom auf, und der langgezogene Schatten des "Pegasus" reichte bis zu den Flughafengebäuden. "Paß auf", sagte ich zu Poloskow, "einen Teil der Fracht schicken wir mit dem Linienschiff zum Mond, von dort können wir leichter starten." "Hab ich mir auch schon überlegt", stimmte Poloskow zu. "Wir laden sicherheitshalber vier Tonnen ab, dann haben wir eine Reserve."
"Wo kann ich das Päckchen abgeben?" fragte das Mütterchen.
"Der Roboter am Schiffseingang nimmt's in Empfang", erwiderte Poloskow. Dann begannen wir zu
überlegen, wovon wir uns vorübergehend trennen sollten.
Aus den Augenwinkeln sah ich mich nach Alissa um und hatte auf diese Weise auch das
Muttchen mit ihrem Paket im Blick. Sie stand im Schatten des Schiffes und redete leise auf den
Laderoboter ein. Hinter der Frau aber ragte ein stark überladener Gepäckkarren auf.
"Poloskow", rief ich, "sieh mal dort!"
"O nein", seufzte der geplagte Kommandant, "das überleb ich nicht!" Mit einem Tigersprung war er
bei der Frau.
"Was ist denn das hier?" donnerte er.
"Das Päckchen", antwortete das Mütterchen betreten.
"Die kleine Torte, wie?"
ja." Die Frau hatte sich von ihrem Schrecken erholt.
"Ist ein bißchen groß geraten, nicht wahr?"
"Sie müssen schon entschuldigen, Kapitän", erwiderte das Muttehen mit plötzlich spitzer Stimme,
"aber Sie können doch nicht im Ernst wünschen, daß mein Sohn die Torte so ganz allein verzehrt.
Ohne mit seinen hundertdreißig Kollegen zu teilen! Wollen Sie das?"
"Ich will gar nichts mehr!" schrie Poloskow, der sich von allen Seiten gedrängt fühlte. "Ich bleib zu
Hause und fliege nirgendwohin, ist das klar? Ich blei-behier!"
Der Kampf mit dem Mütterchen dauerte eine halbe Stunde und endete mit einem Sieg Poloskows.
Unterdessen hatte ich mich ins Schiffsinnere begeben und die Roboter angewiesen, die
Apfelsinen und die Nußbaumgamitur wieder auszuladen.
Ich begegnete Alissa im fern gelegenen Durchgang zum Laderaum und war sehr verwundert, sie
dort anzutreffen.
"Was machst du denn hier?" fragte ich.
"Ich mach mich mit dem Schiff vertraut", sagte sie und versteckte einen Brezelkringel auf dem
Rücken.
"Geh in die Kajüte", ich eilte weiter.
Gegen zwölf waren wir mit dem Umladen endlich fertig. Alles war bereit. Poloskow und ich
überprüften ein letztes Mal das Gewicht des Frachtguts wir verfügten über eine Reserve von
zweihundert Kilogramm und konnten nun ruhigen Gewissens starten.
Poloskow beorderte über Funk den Mechaniker an Bord. Seljony nahm am Steuerpult Platz und
strich seinen roten Bart glatt. Poloskow beugte sich zum Bildschirm des Videofons hinunter und
fragte: "Alles startklar?"
Jawohl", erwiderte Seljony. "Obwohl mir das Wetter nicht sonderlich gefällt."
"Zentrale", rief Poloskow ins Mikrofon, "Pegasus erbittet Starterlaubnis."
"Einen Augenblick noch", sagte der Dispatcher, "hätten Sie nicht noch etwas Platz auf Ihrem
Schiff?"
"Nicht den geringsten", erwiderte Poloskow entschieden. "Wir nehmen keine Passagiere an Bord."
"Wenigstens fünf Mann", drängte der Dispatcher.
"Weshalb denn das? Wofür haben wir die Linienschiffe?"
"Sie sind allesamt überfüllt."
"Versteh ich nicht."
,ja, sind Sie denn nicht informiert? Auf dem Mond findet heute das entscheidende Fußballspiel
Erde - Fix statt, um den Galaxispokal."
"Aber weshalb auf dem Mond?" fragte Poloskow erstaunt, der sich nicht für Fußball interessierte
und in den Tagen vor dem Abflug überhaupt ein wenig die Verbindung zur Wirklichkeit verloren
hatte.
"Dumme Frage!" rief der Dispatcher aus. "Wie sollen denn die Fixianer unter den Bedingungen der
Erdenschwerkraft spielen! Selbst auf dem Mond haben sie's noch schwer genug."
"Demnach werden wir gewinnen", vermutete Poloskow.
"Das möchte ich stark bezweifeln. Sie haben drei Verteidiger vom Mars angeworben und dazu
Simon Braun."
"Eure Sorgen möcht ich haben", seufzte Poloskow. "Wann können wir starten ?"
"Wir werden trotzdem gewinnen", schaltete sich unvermutet Alissa ein, die unbemerkt auf die
Kommandobrücke gekommen war.
"Richtig so, Mädchen", sagte der Dispatcher erfreut. "Wollt ihr nicht doch ein paar Fans
mitnehmen? Um alle Interessenten zum Mond zu befördern, brauchte ich acht Schiffe. Weiß mir
einfach keinen Hat mehr. Dabei gibt's immer noch neue Anmeldungen..."
"Ich hab nein gesagt!" schnitt Poloskow ihm das Wort ab.
"Na schön, wie Sie wollen. Lassen Sie die Triebwerke an."
Poloskow schaltete zum Maschinenraum um. "Setz die Triebwerke in Gang, Seliony. Aber sachte,
wir wollen erst noch mal überprüfen, ob keine Überlastung vorliegt"
"Wo soll die jetzt noch herkommen?" fragte ich entrüstet. "Wir haben alles mehrmals
durchgerechnet."
Das Schiff begann, seine Kräfte sammelnd, zu vibrieren.
"Fünf-vier-drei-zwei-eins-Start", sagte der Kommandant.
Das Schiff erzitterte, hob sich aber nicht vom Boden ab.
"Was ist passiert?" fragte Poloskow.
"Was ist los bei euch?" erkundigte sich auch der Dispateher, der unseren Start beobachtete.
"Es funktioniert nicht", sagte Seljony. "Hab ja schon immer gesagt, daß es irgendwann schlecht
ausgeht."
Alissa saß angeschnallt in ihrem Sessel und sah mich nicht an.
"Wir versuchen's noch mal", sagte Poloskow.
"Wozu", erwiderte der Mechaniker, "wir, sind entschieden überlastet. Ich hab doch die
Instrumententafel vor mir."
Poloskow versuchte es trotzdem erneut, doch das Schiff stand am Boden wie angeschmiedet.
Schließlich sagte der Kapitän: "In unseren Berechnungen muß ein Fehler stecken."
"Unmöglich", entgegnete ich, "ich hab die Ergebnisse von den Computern überprüfen lassen. Wir
müßten noch zweihundert Kilo Reserve haben."
"Das verstehe, wer will."
"Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns rigoros von der Fracht zu trennen. "Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Mit welcher Luke fangen wir an?" "Mit der ersten. Dort liegen die Geschenksendungen. Wir nehmen sie auf dem Mond wieder an Bord." "Bloß nicht mit der ersten!" ließ sich plötzlich Alissa vernehmen. "Na schön", antwortete ich mechanisch, "dann fangen wir eben mit der dritten an. Dort sind die Käfige und Netze untergebracht." "Bitte auch nicht mit der dritten!" bat Alissa. "Was soll das nun wieder bedeuten?" fragte Poloskow streng, In diesem Augenblick meldete sich der Dispateher erneut. "Pegasus", sagte er, "gegen Sie liegt eine Beschwerde vor." "Was denn für eine Beschwerde?" "Moment, ich gebe ans Auskunftsbüro weiter." Auf dem Bildschirm wurde die Wartehalle sichtbar und links der Auskunftssehalter, vor dem sich viele Leute drängten. Ich entdeckte einige bekannte Gesichter darunter. Woher waren sie mir bloß vertraut? Die Frau, die dem Schalter am nächsten stand, richtete ihren Blick auf mich und sagte: "Sie sollten sich wirklich schämen! Solche Streiche zu unterstützen!" "Was für Streiche?" fragte ich verblüfft. "Ich hab zu Aljoscha gesagt: Du mit deinen fünf Dreien im vierten Quartal fliegst mir nicht auf den Mond." "Ich hab meinem Ljowa gleichfalls verboten, zu dem Spiel zu fahren", stimmte eine andere Frau ein, "er kann sich die Übertragung ebensogut im Fernsehn anschaun." "Ach, so ist das", sagte ich gedehnt. Nun erkannte ich die Leute endlich: Es waren die Eltern von Alissas Mitschülern.
"jetzt ist mir alles klar", sagte Poloskow. "Und wie viele solcher Hasen" sind an Bord?" "Ich hab nicht gedacht, daß wir gleich 'ne Überlastung kriegen", rechtfertigte sich Alissa. "Das geht doch nicht, daß sie das Spiel des Jahrhunderts verpassen! Wie sieht das aus - ich darf mir's ansehen, und sie nicht!" "Ich hab gefragt, wieviel Schwarzfahrer wir an Bord haben!" wiederholte Poloskow mit metallener Stimme. "Unsre Klasse und die zwei Parallelklassen", gestand Alissa kleinlaut. "Heut nacht, als Papa schlief, sind wir zum Kosmodrom geflogen und haben uns im Schiff versteckt." "Dann bleibst du ebenfalls hier!" sagte ich. "Wir können in unserer Expedition keine so verantwortungslosen Leute gebrauchen." "O bitte, Papa, ich werde so was nie wieder tun", bettelte Alissa. "Du mußt mich doch verstehen: Ich hab ein sehr ausgeprägtes Pflichtgefühl." "Mit deinem ausgeprägten Pflichtgefühl hätten wir uns den Hals brechen können", erwiderte Poloskow. Er sah Alissa im allgemeinen alles nach, war ihr diesmal jedoch ernstlich böse. "Komm jetzt mit, deine Schwarzfahrer rausholen", fügte er hinzu. "Wenn wir's in einer halben Stunde schaffen, kannst du an Bord bleiben. Wenn nicht, fliegen wir ohne dich." Den letzten "Hasen" hatten wir nach dreiundzwanzig Minuten ans Tageslicht befördert. Weitere sechs Minuten später standen alle Schüler tief betrübt am Raumschiff, während vom Flughafengebäude her Mütter, Väter und Omas auf sie zurannten. Dreiundvierzig solcher "Hasen" hatten wir insgesamt an Bord gehabt. Mir ist bis heute unklar, wie es Alissa gelungen war, sie alle im "Pegasus" unterzubringen, ohne daß wir auch nur einen davon bemerkten. "Gute Reise, Alissa!" rief von unten Aljoscha Naumow, als wir endlich zur Eingangsluke hochstiegen. Daß du ja unsre Mannschaft tüchtig anfeuerst auch in unserm Namen! Und komm bald wieder!" "Sport frei" rief Alissa. Und sagte dann, als wir bereits in der Luft waren und Kurs auf den Mond nahmen, zu mir. "Irgendwie ist mir das Ganze doch recht peinlich, Papa." "Mir auch", stimmte ich zu. Ich schäme mich für dich." "Aber das meine ich doch gar nicht", erwiderte Alissa. "Die Drei b ist nämlieh in voller Besetzung schon heut nacht, in Kartoffelsäcken versteckt, mit einem Frachtschiff hochgeflogen. Sie werden also im Stadion sein, unsre zweiten Klassen dagegen nicht. Ich hab das Vertrauen meiner Kameraden nicht gerechtfertigt." "Und wo habt ihr die Kartoffeln gelassen?" fragte verblüfft Poloskow. "Keine Ahnung", antwortete Alissa. Sie überlegte eine Weile und fügte dann hinzu: "Wie soll ich der Drei b bloß in die Augen sehn? So eine Schande!" Kennst du die Drei Kapitäne? Als der "Pegasus" auf dem Mond-Kosmodrom gelandet war, fragte ich meine Gefährten nach
ihren Plänen. "Wir starten morgen früh pünktlich sechs Uhr", sagte ich.
Poloskow beabsichtigte auf dem Schiff zu bleiben, um es für den Abflug fertig zu machen.
Seljony, der Mechaniker, bat um die Erlaubnis, sich das Fußballspiel anzusehen.
Alissa erklärte, sie würde gleichfalls zum Fußball gehen, wenn auch ohne jedes Vergnügen.
"Wieso das?" fragte ich.
"Hast du's etwa schon vergessen? Die ganze Drei b wird im Stadion sein, aus den zweiten
Klassen aber keiner außer mir. Und an allem bist du schuld."
"Ich?!"
"Wer sonst hat meine Leute rausgesetzt?" "Du weißt daß wir so nicht hätten starten können!
Außerdem, was sollten ihre Eltern von mir denken! Und überhaupt wenn nun was passiert wäre."
"Wo denn?" entrüstete sich Alissa. Doch wohl nicht im Sonnensystem! Ende des
einundzwanzigsten Jahrhunderts!"
Als Alissa und Seljony abgezogen waren, beschloß ich, ein letztes Täßchen Kaffee in einem
richtigen Restaurant zu mir zu nehmen, und begab mich ins "Lunochod".
Der riesige Saal war fast völlig besetzt. Ich blieb auf der Suche nach einem freien Platz in einiger Nähe des Eingangs stehen, als ich plötzlich eine mir vertraute Donnerstimme sagen hörte: ja, wen sehe ich denn da!" An einem der weiter entfernten Tische thronte mein alter Bekannter Gromoseka. Ich hatte ihn etwa fünf Jahre nicht mehr getroffen, doch fast täglich an ihn gedacht. Früher waren wir mal sehr befreundet gewesen. Unsere Bekanntschaft hatte damit begonnen, daß ich Gromoseka in den Dschungeln der Eurydike das Leben rettete. Er war von seinem Archäologentrupp abgeschlagen worden, hatte sich im Wald verirrt und wäre um ein Haar zwischen die Zähne des Kleinen Drachen geraten - eines bösartigen Wesens von sechzehn Metern Länge. Bei meinem Anblick setzte Gromoseka seine Fangarme, die er der Bequemlichkeit halber eingerollt hatte, auf dem Fußboden auf, sperrte seinen halbmetergroßen Rachen in beglücktem Lächeln auseinander, streckte mir freundschaftlich seine spitzen Krallen entgegen und stürzte mit sich steigernder Geschwindigkeit auf mich zu. Ein Tourist der noch nie einen Bewohner des Planeten Tschumaros gesehen hatte, jaulte vor Schreck auf und fiel in Ohnmacht. Doch Gromoseka nahm ihm das nicht übel. Er packte mich fest mit seinen Fangarmen und drückte mich gegen die spitzen Schuppen auf seiner Brust. "Altes Haus , brüllte er mit Löwenstimme, "ist ja eine Ewigkeit her, daß wir uns gesehn haben! Ich war schon drauf und dran, dich mal in Moskau zu besuchen, da tauchst du auf ... Ich denk, ich trau meinen Augen nicht! Was treibt dich her?" "Ich bin mit einer Expedition unterwegs", sagte ich. "Freie Suche in der Galaxis." "Wunderbar!" rief Gromoseka, ehrlich entzückt. Ich freue mich, daß es dir gelungen ist die Ränke deiner Feinde zu durchkreuzen und diese Expedition zu starten." ,Aber ich hab keine Feinde." "Mir kannst du nichts vormachen", erwiderte Gromoseka und fuchtelte mit seinen scharfen gebogenen Krallen vorwurfsvoll vor meiner Nase herum. Ich widersprach nicht länger, denn ich kannte sein argwöhnisches Wesen. "Nimm Platz!" polterte Gromoseka. "Roboter, eine Flasche grusinischen Wein für meinen besten Freund und drei Liter Baldrian für mich!" "Zu Befehl!" Der Bedienungsroboter rollte in die Küche, um die Bestellung aufzugeben. "Wie geht es dir?" erkundigte sich Gromoseka. "Was macht deine Frau? Das Töchterchen? Kann's schon laufen?" "Sie geht bereits zur Schule", antwortete ich, "hat die zweite Klasse beendet." "Phantastisch!" rief Gromoseka aus. "Wie schnell doch die Zeit verstreicht . . In diesem Augenblick mußte meinem Begleiter ein trauriger Gedanke gekommen sein, denn er begann, sensibel wie er war, ohrenbetäubend zu stöhnen. Tränen aus beißendem Rauch quollen aus seinen acht Augen. "Was hast du?" fragte ich beunruhigt. "Denk doch nur, wie schnell die Zeit vergeht!" sagte Gromoseka schluchzend. "Die Kinder wachsen heran, wir aber werden immer älter." In seiner Erregung stieß er vier gelbliche, gleichfalls heizende Rauchschwaden aus seinen Nüstern, die das ganze Restaurant einnebelten. Doch er fing sich sofort wieder und sagte laut: "Entschuldigen Sie bitte, verehrte Gäste, ich will mich bemühen, Ihnen keine weiteren Unannehmlichkeiten zu bereiten." Qualm stieg über den Tischchen hoch, die Leute fingen an zu husten, manche verließen sogar den Saal "Wir sollten auch gehen", ich rang nach Atem, "sonst stellst du noch Gott weiß was an." "Du hast recht", gab Gromoseka kleinlaut zu. Wir gingen ins Foyer, wo mein Freund ein ganzes Sofa für sich in Anspruch nahm, während ich mich bescheiden neben ihm auf einem Stuhl niederließ. Der Roboter brachte Wein und Baldrian, dazu ein Glas für mich und einen Literkrug für den Mann vom Tschumaros. "Woran arbeitest du jetzt?" fragte ich Gromoseka. "Wir wollen eine Stadt auf der Koleida ausgraben", erwiderte er. "Ich hin hier, um infrarote Detektoren zu beschaffen."
"Ist wohl interessant, eure Stadt auf der Koleida?"
Kann schon sein", sagte Gromoseka vorsichtig, denn er war furchtbar abergläubisch. Er ließ
seinen Schwanz sicherheitshalber viermal um das, rechte Auge kreisen und flüsterte:
Baskuribariparata."
"Wann fangt ihr an?"
"In etwa zwei Wochen starten wir. Vom Merkur aus. Dort haben wir unseren provisorischen
Stützpunkt".
"Ein seltsamer Flecken, den ihr euch da ausgesucht habt", sagte ich, "und ungeeignet dazu. Die
eine Hälfte des Planeten ist glühendheiß, die andere besteht aus Eiswüste."
"So seltsam nun auch wieder nicht", Gromoseka langte erneut nach dem Baldrian. "Dort haben'
wir voriges Jahr die Überreste vom Raumschiff der Mitternachtswanderer gefunden und
untersucht ... Aber ich spreche immer nur von mir! Erzähl lieber, wie deine Reiseroute aussieht."
"Das weiß ich selber noch nicht genau", sagte ich. Fürs erste wollen wir einige Stützpunkte in der
Nachbarschaft des Sonnensystems anfliegen und uns dann auf freie Suche begeben. Wir haben
ja viel Zeit - drei volle Monate. Genügend Platz auf dem Schiff ist ebenfalls."
"Wollt ihr auch auf die Eurydike?" fragte Gromoseka.
"Nein. Ein Exemplar des Kleinen Drachens haben wir im Moskauer Zoo bereits, und den Großen
konnte bisher leider noch niemand einfangen."
"Selbst wenn es dir gelingen sollte", sagte Gromoseka, "du würdest ihn mit dem "Pegasus" gar
nicht fortbringen."
Darin gab ich ihm recht. Wir hätten es schon deswegen nicht geschafft, weil ein Großer Drache
am Tag vier Tonnen Fleisch und Bananen brauchte.
Wir schwiegen eine Weile. Es ist schön, mit einem guten Freund zusammenzusitzen und nirgends
hin zu müssen. Eine ältere Touristin mit violetter, wachsblumengeschmückter Perücke näherte
sich uns und hielt Gromoseka schüchtern einen Notizblock hin. "Würden Sie so gut sein, mir
anläßlich unserer zufälligen Begegnung ein Autogramm zu geben?"
"Warum nicht", erwiderte Gromoseka und streckte seinen Krallenfühler nach dem Block aus.
Die alte Frau kniff vor Schreck die Augen zu. Ihre kleine dünne Hand begann zu zittern.
Gromoseka schlug den Notizblock auf und schrieb in schwungvollen Zügen auf eine der freien
Seiten: "Der wunderschönen jungen Erdbewohnerin in treuer Verehrung von einem Bewohner des
Nebelplaneten Tschumaros. Mond. Restaurant ,Lunochod' 3. März 2074."
gVielen Dank", flüsterte das Mütterchen und entfernte sich mit Trippelschritten.
"War's gut so?" fragte Gromoseka. "Richtig zu Herzen gehend?"
"Sehr zu Herzen gehend", stimmte ich zu. "Nur nicht ganz treffend."
"Wieso?"
"Weil es sich bei ihr um keine junge, sondern um eine alte Frau handelte."
"Oh, was für eine Schande!" Gromoseka war bestürzt. "Aber sie hatte doch Blumen auf dem Kopf.
Ich lauf ihr nach und schreib was Neues."
"Das lohnt nicht mein Lieber, du würdest sie nur erschrecken."
"Ach, schwer ist die Bürde des Ruhms", seufzte Gromoseka. "Wenn's auch angenehm berührt zu
wissen, daß man den bedeutendsten Archäologen vom Tschumaros selbst auf diesem fernen
Erdenmond kennt."
Ich wollte ihm die Illusion nicht nehmen. Allerdings hatte ich die alte Frau stark im Verdacht nie im
Leben auch nur von einem einzigen Kosmosarchäologen gehört zu haben. Sie war lediglich vom
Äußeren meines Freundes beeindruckt gewesen.
,Hör mal", sagte Gromoseka plötzlich, "mir ist eine Idee gekommen. Ich werde dir helfen."
"Wie denn das?"
"Hast du schon mal vom Planeten der Drei Kapitäne gehört?"
"Irgendwann hab ich darüber gelesen, könnte bloß nicht mehr sagen, in welchem
Zusammenhang."
"Na, wunderbar."
Gromoseka beugte sich zu mir herüber, legte seinen schweren, heißen Fangarm um meine
Schulter, richtete die glänzenden Plättchen auf seinem runden, an einen Luftballon erinnernden
Bauch und erklärte: "Im Sektor 19-4 gibt es einen kleinen unbewohnten Planeten. Früher besaß dieser Himmelskörper nicht einmal einen Namen, lediglich einen Zahlencode. Heute nennen die Kosmonauten ihn den Planeten der Drei Kapitäne. Weshalb? Weil sich dort auf einem ebenen Steinplateau drei Statuen erheben, die zu Ehren dreier Raumschiffkommandanten errichtet wurden. Es waren berühmte Wissenschaftler und kühne Männer. Der eine stammte von der Erde, der zweite vom Mars und der dritte vom Fix. Gemeinsam streiften sie durch die Sternenwelt, landeten auf Planeten, die so gut wie unzugänglich waren, und retteten Zivilisationen, denen Gefahr drohte. Sie haben als erste die Dschungel der Eurydike bezwungen, und einem gelang es sogar, einen Großen Drachen zu schießen. Sie machten den Schlupfwinkel der kosmischen Piraten ausfindig und zerschlugen sie, obwohl die Bande zahlenmäßig zehnmal so stark war wie sie. Sie waren es, die sich in die Methanatmosphäre der Golgatha wagen und den Stein der Philosophen wiederfanden, den der Konvoi unter Kursak dort verloren hatte. Sie sprengten jenen giftigen Vulkan, der die Bevölkerung eines ganzen Planeten zu vernichten drohte. Zwei Wochen hintereinander könnte man von ihren Heldentaten berichten. . .". "Jetzt fällt mir's wieder ein", unterbrach ich Gromoseka. "Natürlich hab ich von den Drei Kapitänen gehört." "Na bitte", Gromoseka leerte ein weiteres Glas Baldrian. Wir vergessen unsere Helden gar zu schnell, schämen sollten wir uns." Er schüttelte vorwurfsvoll seinen geschmeidigen Kopf und fuhr fort: "Vor einigen Jahren haben sich die Wege der drei dann getrennt, weil sich der Erste Kapitän dem Venus-Projekt verschrieb." ja, ich weiß , erwiderte ich. "Es galt, die Umlaufbahn der Venus zu verändern. Er war daran beteiligt." "So ist es. Diesen Ersten Kapitän lockten schon immer die großen Unternehmen. Als er von dem Beschluß erfuhr, die Venus ein Stück von der Sonne wegzurücken und ihre Umdrehungsgeschwindigkeit zu beeinflussen, damit sie besiedelt werden konnte, stellte er seine Kenntnisse sofort zur Verfügung. Das war sehr verdienstvoll, denn die Gelehrten hatten entschieden, die Venus zu einem gewaltigen Raumschiff zu machen. In der ganzen Galaxis aber kannte sich keiner besser in der Kosmostechnik aus als der Erste Kapitän." "Und was geschah mit seinen beiden Freunden?" fragte ich. "Es heißt der Zweite sei ums Leben gekommen, doch keiner kann sagen, wann und wo. Der Dritte Kapitän ist in die Nachbargalaxis aufgebrochen und wird in einigen Jahren zurückerwartet ... Was ich aber sagen wollte, ist daß diese Männer gewiß viele seltene und schöne Tiere bzw. Vögel gesehen haben. Zum Beispiel weiß ich genau, daß sie verschiedene Notizen und Tagebücher hinterlassen haben." "Und wo befinden sich die?" "Sie werden auf dem Planeten der Drei Kapitäne aufbewahrt. Neben dem Monument das von engagierten Zeitgenossen aus Spenden von nahezu achtzig Planeten errichtet wurde, befinden sich ein Laboratorium und eine Gedenkstätte. Dort ist Doktor Werchowzew zu Hause, der wie kein anderer in der Galaxis über die Drei Kapitäne Bescheid weiß. Du wirst es bestimmt nicht bereuen, wenn du bei ihm vorbeischaust." "Danke, Gromoseka", sagte ich. "Aber du solltest jetzt vielleicht mit dem Baldrian aufhören. Hast selber mal geklagt, daß er Herzbeschwerden verursacht." "Tja, was soll ich machen!" Gromoseka schlug die Fangarme über dem Kopf zusammen. "Du weißt ja, ich besitze drei Herzen. Auf eins wirkt sich der Baldrian schädlich aus, doch ich kriege einfach nicht heraus, auf welches." Wir tauschten uns noch eine geschlagene Stunde über alte Bekannte aus und über Abenteuer, die wir früher gemeinsam bestanden hatten. Plötzlich wurde die Tür zum Foyer aufgestoßen, und eine Vielzahl von Menschen und Außerirdischen strömte herein. Sie trugen die Fußballer der Erdenmannschaft auf den Schultern. Musik ertönte, fröhliche Ausrufe waren zu hören. Aus der Menge löste sich Alissa. "Na bitte!" rief sie, als sie mich sah. "Die drei Mann Verstärkung vom Mars haben den Fixianern nichts genützt! Drei zu eins für uns! Die nächste Begegnung findet nun auf neutralem Platz statt." "Und was ist mit der Drei b?" stichelte ich.
"Die war nicht da", erwiderte Alissa, "ich hätte sie sonst entdeckt. Wahrscheinlich haben sie die Drei b unterwegs abgefangen und zurückgeschickt. In den Kartoffelsäcken; haha! Geschieht ihnen ganz recht!" "Du bist ein schlechter Mensch, Alissa", tadelte ich. "Nein!" heulte Gromoseka entrüstet auf. "Du hast kein Recht ein wehrloses Mädchen derart zu beleidigen! Das lasse ich nicht zu!" Er umschlang Alissa mit seinen Tentakeln und hob sie zur Decke hoch. "Nein und nochmals nein! Deine Tochter ist auch meine Tochter. Ich laß es nicht zu!" "Aber ich bin doch gar nicht Ihre Tochter", sagte Alissa von ihrer Höhe herab. Sie zeigte sich nicht allzu erschrocken. Dafür war der Mechaniker Seljony, als er in diesem Moment die Halle betrat und Alissa in den Fängen eines riesigen Ungeheuers zappeln sah, um so entsetzter. Mich bemerkte er gar nicht. Er stürzte auf Gromoseka zu, wobei sein roter Bart wie ein Banner wehte, und raste voller Wucht in den runden Bauch meines Freundes. Gromoseka schnappte den Mechaniker mit den noch freien Fangarmen und setzte ihn auf den Lüster. Dann ließ er Alissa vorsichtig wieder herunter und sagte: "Ich war wohl ein bißchen hitzig?" "Ein bißchen schon", antwortete Alissa an meiner Stelle. "Setzen Sie sofort Seljony auf den Boden."
"Soll er sich künftig nicht wie ein Wilder auf Archäologen stürzen", erwiderte Gromoseka. "Er kann ruhig eine Weile oben bleiben. Ich hab nämlich ganz vergessen, daß ich noch vor Arbeitsschluß im Stützpunkt sein muß." Er zwinkerte Alissa verschmitzt zu und begab sich schwankenden Schritts in Richtung Schleusenkammer, dabei eine Woge Baldriangeruch verbreitend. Wir befreiten den Mechaniker mit Hilfe der Fußballmannschaft. Ich grollte Gromoseka ein wenig: Zwar war mein Freund ein begabter Wissenschaftler und treuer Kamerad, doch andererseits schlecht erzogen - sein Humor nahm mitunter merkwürdige Formen an. "Und wo fliegen wir als. nächstes hin?" erkundigte sich Alissa, als wir uns dem Raumschiff näherten. "Zunächst liefern wir die für den Mars und den Kleinen Arktur bestimmte Fracht ab, dann geht's geradenwegs zum Sektor 19-4, zum Planeten der Drei Kapitäne." "Sie sollen hochleben, die Drei Kapitäne", rief Alissa aus, obwohl sie bis dahin noch nie etwas von ihnen gehört hatte. Die Quappen sind verschwunden Die Erkunder auf dem Kleinen Arktur empfingen den "Pegasus" sehr feierlieh. Wir hatten kaum auf dem Metallbelag der Landefläche aufgesetzt die unter dem Gewicht des Raumschiffs ins Schwanken geriet - rötlich-fauliges Wasser spritzte dabei zwischen den Planken hoch -, als sie auch schon mit ihrem Geländemobil flink auf uns zusteuerten. Drei kräftige junge Männer stiegen aus dem Wagen. Über dem Skaphander trug jeder einen roten Kaftan. Ihnen folgten drei Kosmonautinnen in prächtigem, gleichfalls über den Raumanzug gestreiften Sarafan. Die jungen Leute brachten uns auf Tellern Brot und Salz zur Begrüßung. Als wir dann die nassen Metallplanken des Kosmodroms betraten, bekränzten sie unsere Helme mit üppigen Blumen ihres Planeten. Uns zu Ehren wurde in der engen Gemeinschaftskajüte der Erkunder ein festliches Abendessen veranstaltet. Wir wurden mit konserviertem Obst, konservierter Ente und konservierten belegten Broten bewirtet. Seljony, unser Bordmechaniker und Chefkoch, ließ sich ebenfalls nicht lumpen er bereicherte die Festtafel mit richtigen Äpfeln, richtiger Schlagsahne und, was das wichtigste war, mit richtigem Schwarzbrot. Der begehrteste Gast unter uns war Alissa, denn die Erkunder hatten ihre Kinder zu Hause auf dem Mars, der Erde, dem Ganymed gelassen - ihre Sehnsucht nach einem richtigen Kind war groß. Alissa mußte alle möglichen Fragen beantworten. Sie gab sich redliche Mühe, dümmer zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Als wir später ins Raumschiff zurückkehrten, sagte sie: "Die wollten so gern ein kleines unverständiges Ding in mir sehn, ich, konnte sie einfach nicht enttäuschen." Am nächsten Tag übergaben wir ihnen die für sie bestimmte Fracht doch dann stellte sich zu unserem Bedauern heraus, daß es mit der Jagd auf die hiesige Tierwelt nicht klappen würde: Die Zeit der Stürme hatte eingesetzt. Sämtliche Flüsse und Seen des Planeten traten über die Ufer, so daß Exkursionen so gut wie unmöglich waren. "Wenn ihr wollt fangen wir euch eine Riesenquappe", schlug der Leiter des Stützpunkts vor. "Einverstanden, das wäre wenigstens was", sagte ich. Ich hätte schon oft von den unterschiedlichsten Reptilienarten des Arktur gehört, auch von den Riesenquappen, jedoch noch nie eine zu Gesicht bekommen. Zwei Stunden später brachten die Kundschafter ein mächtiges Aquarium angeschleppt, auf dessen Grund drei metergroße Quappen dämmerten. Sie erinnerten an gigantische Salamander. Danach hievten die Männer eine Kiste mit Wasserpflanzen die Gangway hinauf. "Das ist Futter für die erste Zeit", erklärten sie. "Geben Sie acht: Die Quappen sind sehr verfressen und wachsen schnell." "Werden wir ein größeres Aquarium benötigen.?" fragte ich. "Noch besser wäre ein Bassin", erwiderte der Leiter der Station.
Unterdessen hatten seine, Kameraden einen zweiten Kasten mit Futter an Bord gebracht.
"Wachsen sie sehr schnell?" wollte ich weiter wissen.
"Ziemlich. Genaueres kann ich auch nicht sagen, wir haben noch keins dieser Tiere in
Gefangenschaft gehalten." Er lächelte geheimnisvoll und begann von anderen Dingen zu
sprechen.
"Waren Sie schon mal auf dem Planeten der Drei Kapitäne?" erkundigte ich mich.
"Nein", antwortete der Leiter, "doch besucht uns hin und wieder Doktor Werchowzew. Vor einem
Monat erst war er hier. Ich muß Ihnen gestehen: Er ist ein ziemlicher Kauz."
"Wieso das?"
"Aus mir unverständlichen Gründen will er unbedingt die technischen Skizzen des Raumschiffs
Blaue Möwe' haben."
"Was ist daran so verwunderlich?"
"Die Blaue Möwe' war das Schiff des Zweiten Kapitäns, der vor vier Jahren verschollen ist."
"Was will Werchowzew mit diesem Schiff?"
"Das ist der springende Punkt. Ich hab ihn gefragt. Er schreibt angeblich ein Buch über die
Heldentaten der Drei Kapitäne, einen dokumentarischen Roman, und kann die Arbeit daran nicht
fortsetzen, solange er den Aufbau, dieses Schiffes nicht kennt."
"Aber war denn die "Blaue Möwe" so ungewöhnlicher Art?"
Der Leiter des Stützpunkts lächelte nachsichtig, als er erwiderte: Ich seh sehon, Sie sind nicht
informiert. Die Schiffe der Drei Kapitäne waren stets Spezialkonstruktionen und wurden von ihnen
selbst noch umgebaut. Die drei kannten sich nämlich auf allen Gebieten aus. Ihre Schiffe waren
die reinsten Wunderwerke! Eingerichtet auf die unvorhergesehensten Zwischenfälle. Eins von
ihnen, die "Everest" - sie gehörte dem Ersten Kapitän -, befindet sich zur Zeit im Pariser
Kosmosmuseum."
"Warum hat Werchowzew nicht einfach beim Pariser Museum angefragt?" sagte ich verwundert.
"Weil sich alle drei Schiffe voneinander unterscheiden. Die drei waren Männer mit Charakter und
wiederholten sich nie."
"Na, lassen wir das", sagte ich. "Wir wollen Werchowzew sowieso aufsuchen. Könnten Sie uns die
Koordinaten seines Stützpunkts geben?"
"Mit Vergnügen", erwiderte der Leiter, "richten Sie ihm einen schönen Gruß von uns aus. Und
vergessen Sie nicht, die Quappen zu gegebener Zeit ins Becken umzusetzen."
Wir verabschiedeten uns von den gastfreundlichen Erkundern und flogen ab.
Bevor ich mich schlafen legte, wollte ich noch einen Blick auf die Quappen werfen. Bei näherer
Betrachtung erwies sich ihre Ähnlichkeit mit Salamandern als trügerisch. Sie waren über und über
mit harten glänzenden Schuppen bedeckt, hatten große traurige Augen mit langen Wimpern, und
ihre kurzen Schwänze gabelten sich am Ende zu zwei dichten sperrigen Quasten.
Ich beschloß, sie am nächsten Morgen ins Becken umzuquartieren - die Nacht über würde ihnen
schon nichts zustoßen. Ich warf ihnen zwei Armvoll Wasserpflanzen hin und löschte das Licht. Der
Anfang war gemacht - wir hatten die ersten Tiere für unseren Zoo an Bord.
Morgens weckte mich Alissa. "Papa", sagte sie, wach auf."
"Was ist los?" Ich schaute auf die Uhr: Es war nach der Bordzeit gerade mal sieben. Was springst
du in aller Herrgottsfrühe hier herum?"
,Ich wollte mir die Quappen ansehn, die hat doch bisher noch niemand auf der Erde zu Gesicht
bekommen."
Ja und? Mußt du deswegen deinen alten Vater wecken? Hättest lieber den Roboter einschalten
sollen. Während er das Frühstück zubereitet wären wir in aller Seelenruhe aufgestanden. .
"Du mit deinem Frühstück!" unterbrach mich Alissa ungezogen. "Ich sage dir: Steh auf und sieh dir
die Quappen an."
Etwas in ihrer. Stimme ließ mich aufhorchen. Ich sprang von meiner Pritsche hoch und rannte,
ohne mich erst anzukleiden, in den Laderaum mit dem Aquarium.
Der Anblick, der sich mir bot warf mich um. Man hielt es nicht für moglieh, aber die Tiere waren im
Laufe der Nacht fast um das Doppelte gewachsen und paßten schon nicht mehr ins Aquarium.
Ihre Schwänze ragten über den Rand und hingen beinahe bis auf den Boden herab.
"Das kann doch nicht wahr sein!" rief ich. "Wir müssen sie sofort ins Becken bringen!" Ich lief zu Seljony und weckte ihn. "Du mußt mir helfen! Die Quappen sind so groß geworden, daß ich sie allein nicht aus dem Aquarium kriege." "Ich hab's ja gleich gesagt", rief der Mechaniker aus, "dabei kommt nichts Gutes heraus! Wer hat mich bloß dazu gebracht, in einem Wanderzoo zu arbeiten!" "Das weiß ich auch nicht", erwiderte ich, "aber komm jetzt." Seljony warf sich einen Bademantel über und trottete brummend hinter mir her zum Laderaum. Als er die Quappen erblickte, krallte er seine Finger in den Bart und stöhnte: "O Himmel, morgen werden sie das ganze Schiff ausfüllen!" Zum Glück war das Becken rechtzeitig mit Wasser gefüllt worden, so daß Seljony und ich die Tiere gleich hinübertragen konnten. Sie waren gar nicht so schwer, nur sehr glitschig, sie wollten ständig wegflutschen. Als wir die dritte und letzte Quappe endlich im Bassin hatten, waren wir richtig ins Schwitzen gekommen. Das Wasserbecken auf dem "Pegasus" war nicht übermäßig groß: drei mal vier Meter in der Fläche und zwei Meter tief, doch die Quappen fanden bequem darin Platz. Sie begannen sofort, nach Nahrung suchend, umherzuschwimmen. Daß sie Hunger hatten, war auch nicht verwunderlich - diese Wesen hatten es offenbar auf den Galaxisrekord im Wachsen abgesehen. Während ich die Tiere fütterte, etwa die Hälfte der Wasserpflanzen aus der einen Kiste ging dabei drauf, erschien Aoloskow im Laderaum. Er war bereits gewaschen, rasiert und in voller Uniform. "Alissa behauptet deine Quappen sind gewachsen", sagte er grienend. "Ach wo, nicht der Rede wert", antwortete ich und gab mir den Anschein, ich sei an solche Wunder gewöhnt. Poloskow schaute ins Becken und stieß einen Ruf der Verwunderung aus. ,Aber das sind ja die reinsten Krokodile! Die können doch glatt einen Menschen verschlingen." "Keine Angst", sagte ich, "es sind Pflanzenfresser. Außerdem hätten die Erkunder uns gewarnt." Die Tiere schwammen an der Wasseroberfläche und streckten hungrig ihre Mäuler heraus. "Die wollen ja schon wieder fressen!" sagte, Seljony. Nicht mehr lange, dann machen sie sich über uns her." Gegen Mittag hatten die Quappen bereits eine Länge von zweieinhalb Metern erreicht und den Inhalt des ersten Kastens vertilgt. "Die Erkunder hätten uns ruhig ein Wort sagen können", maulte Seljony. "sie haben's gewußt, dachten aber: Die Fachleute sollen sich ruhig damit abquälen." "Das ist nicht wahr!" erwiderte Alissa empört denn unsere Gastgeber hatten ihr zum Abschied viele interessante Dinge geschenkt: ein holzgeschnitztes Modell ihres Geländemobils,, Schachfiguren aus dem Knochen eines ausgegrabenen Parallelipeds, ein kleines Papiermesser aus Glasbaumrinde und anderes mehr, alles an langen Abenden selbst gebastelt. "Na, warten wir's ab", sagte philosophisch der Mechaniker und trollte sich, um die Triebwerke zu überprüfen. Am Abend betrug die Länge der Quappen dreieinhalb Meter. Sie hatten nun einige Mühe, sich im Becken zu bewegen, und blieben deshalb hauptsächlich am Grund. Sie tauchten nur hoch, um sich ein Büschel Wasserpflanzen zu schnappen. Ich ging mit der düsteren Vorahnung schlafen, daß ich die Quappen nicht heil zur Erde bringen würde. Da hatte sich also bereits die erste Tierart als Reinfall erwiesen. Der Kosmos gab einem mitunter Rätsel auf, denen ein einfacher Erdenbiologe nicht gewachsen war. Am nächsten Morgen stand ich als erster auf. Ich überquerte den Korridor auf Zehenspitzen, eingedenk der Alpträume, die mich in der Nacht heimgesucht hatten. Ich hatte geträumt, die Quappen - nun schon länger als der "Pegasus" selbst - wären herausgeklettert, flögen neben uns durch den Kosmos und machten Anstalten, unser Schiff zu verschlucken. Ich öffnete die Tür zum Laderaum und verharrte ein paar Sekunden lang an der Schwelle, befürchtend, aus einer der Ecken könnte eine Quappe zum Vorschein kommen. Doch in der Luke herrschte Stille. Das Wasser im Becken lag unbeweglich da. Ich ging näher. Die Tiere mit einer Länge von jeweils vier Metern lagen schemenhaft und dunkel am Grund. Mir fiel
ein Stein vom Herzen. Ich nahm einen Schrubber zur Hand und rührte damit das Wasser auf.
Weshalb regten sich die Quappen nicht?
Der Schrubber berührte eins der Tiere, das leicht zur Seite glitt seine Artgenossen an die
gegenüberliegende Wand des Bassins drückend. Sie zeigten immer noch kein Lebenszeichen.
Sie sind krepiert, schoß es mir durch den Kopf. Wahrscheinlich verhungert.
"Na, wie geht's ihnen, Papa?" fragte in diesem Moment Alissa.
Ich drehte mich um. Alissa stand barfuß auf dem kalten Plastfußboden, und statt einer Antwort
sagte ich: "Zieh sofort Schuhe an, du erkältest dich."
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Poloskow trat ein. Hinter seiner Schulter tauchte der
feuerrote Bart des Mechanikers auf.
"Na, was ist?" fragten sie wie aus einem Munde.
Alissa rannte los, um Schuhe zu holen. Ich, ohne die Frage meiner Kameraden zu beantworten,
klopfte an der leblosen Quappe herum. Ihr Körper schien hohl zu sein - er ließ sich federleicht
bewegen. Die Augen des Tieres waren geschlossen.
,Sie sind tot", sagte Seljony betrübt. "Dabei haben wir uns solche Mühe mit ihnen gegeben, haben
sie gestern noch ins Becken umgesetzt! Aber ich hab's ja immer gesagt: Dabei kommt nichts
Gutes raus."
Ich drehte die Quappe mit Hilfe des Schrubbers um, was nicht allzu schwer war. Der gefleckte
Bauch des Tieres war in der Mitte auseinandergeschlitzt. Da begriffen wir, daß im Becken lediglich
die Hüllen der Tiere herumschwammen, die ihre Körperform bewahrt hatten. Der harte
Schuppenpanzer verhinderte ein Zusammenschrumpfen der Haut.
"Oho , sagte der Mechaniker und sah sich im Raum um, "sie sind ausgeschlüpft!"
"Ausgeschlüpft?" fragte Poloskow. "Und haben eine andere Form angenommen?!"
"Was weiß ich!"
"Hör mal, Professor", wandte sich der Kommandant jetzt offiziell an mich, "nach all dem zu
urteilen, hege ich die starke Befürchtung, daß sich auf meinem Schiff irgendwelche Ungeheuer
befinden, die sich bislang in den sogenannten Quappen verborgen hielten. Wo sind sie?"
Ich drehte mit dem Schrubber nun auch die übrigen Tiere auf den Rücken - sie waren gleichfalls
hohl.
"Ich hab keine Ahnung", bekannte ich ehrlich.
"War die Tür auf oder zu, als du hier reingekommen bist?"
In meinem Kopf herrschte ein einziges Durcheinander, und ich antwortete: "Ich kann mich nicht
erinnern, Poloskow. Ich glaube, sie war zu."
"Das sind Zustände!" knurrte Poloskow und strebte zum Ausgang.
"Wo willst du hin?" rief Seljony ihm nach.
"Das Schiff durchsuchen. Und dir rate ich, den Maschinenraum gründlich unter die Lupe zu
nehmen. Aber bewaffne dich. Wer weiß, was diese Quappen hervorgebracht haben. Womöglich
Drachen."
Sie gingen, doch schon wenige Minuten später kam Poloskow eilig zurück und händigte mir einen
Blaster aus. "Besser ist besser", sagte er. "Und Alissa würde ich an deiner Stelle in der Kajüte
einschließen."
"Das fehlte noch!" erwiderte Alissa. "Ich hab übrigens eine Theorie."
"Verschon mich bloß mit deinen Theorien!" sagte ich. "Und jetzt komm mit, in die Kajüte."
Alissa sträubte sich wie eine Wildkatze, dennoch gelang es uns, sie einzusperren. Dann
begannen wir mit der Durchsuchung des Schiffes.
Es ist erstaunlich, wie viele Laderäume, Segmente, Korridore und Kajüten ein verhältnismäßig
kleines Expeditionsraumschiff besitzt! Wir benötigten zu dritt, einander Deckung gebend, volle drei
Stunden, um den "Pegasus" zu durchkämmen.
Doch wir fanden nichts.
"Was soll's", sagte ich, "jetzt frühstücken wir erst mal, dann durchsuchen wir das Schiff erneut.
Irgendwo müssen die Viecher doch stecken!" "Ich möchte auch frühstücken", ließ sich Alissa
vernehmen, die unser Gespräch über Bordtelefon mitgehört hatte. "Laßt mich endlich frei."
Wir erlösten Alissa und geleiteten sie unter strengster Bewachung in die Gemeinschaftskajüte.
Bevor wir uns ans Essen machten, verriegelten wir die Tür und legten die Blasterpistolen neben
uns auf den Tisch.
"Das grenzt an ein Wunder", sagte Poloskow- und machte sich über den Grießbrei her. "Wo
mögen sie bloß stecken? Vielleicht im Reaktor? Und wenn sie nun ins Freie geklettert sind?"
"Ein scheußliches Wunder", schimpfte Seljony. "Solche Wunder mag ich
nicht. Mir haben die Quappen von Anfang an nicht gefallen. Gib mal die
Kaffeekanne rüber ."
"Ich fürchte wir werden das Rätsel nie lösen", sagte Poloskow.
Ich nickte, denn ich war der gleichen Meinung.
"Natürlich werden wir es lösen", mischte sieh Alissa ein.
"Du halt den Mund."
"Ich kann dazu aber nicht schweigen. Wenn ihr wollt, finde ich sie."
Poloskow brach in Gelächter aus; er lachte lange und herzlich. Nein so was, drei erwachsene
Männer suchen drei Stunden lang bis zum Verrücktwerden, und du willst sie im Alleingang finden."
"Ich mach mir's leichter", antwortete Alissa. "Wetten, daß ich sie finde?"
"Einverstanden", sagte Poloskow, noch immer lachend. "Um was wetten wir?"
"Um einen Wunsch", erwiderte Alissa.
"Abgemacht."
"Aber ich will sie allein suchen."
"Das kommt gar nicht in Frage", protestierte ich, "du gehst nirgendwo allein hin. Hast du
vergessen, daß sich auf dem Schiff möglicherweise gefährliche Tiere verbergen?"
Ich war ärgerlich auf die Erkunder und ihren üblen Scherz, auf mich, weil ich geschlafen und jenen
Moment verpaßt hatte, wo die Quappen ausgeschlüpft waren, auf Alissa und Poloskow, weil sie
zu einem so ernsten Zeitpunkt eine kindische Wette abschlossen.
"Gehen wir", sagte Alissa und stand vom Tisch auf.
"Zuerst trinkst du mal deinen Tee aus", antwortete ich streng.
Alissa leerte ihre Tasse und ging sicheren Schritts zum Laderaum, in dem
sich das Aquarium befand. Wir folgten ihr und kamen uns reichlich dumm vor. Weshalb nur ließen
wir uns auf diesen Unsinn ein!
Alissa schaute sich flink im Laderaum um. Dann bat sie Poloskow, die Kisten von der Wand zu
rücken. Der Kapitän gehorchte lächelnd. Danach kehrte Alissa zum Becken zurück und umrundete
es einmal. Die dunklen Hüllen der Tiere lagen nach wie vor dunkel am Grund. An der
Wasseroberfläche schwammen übriggebliebene Futterpflanzen.
"Da sind sie", sagte Alissa, "ihr könnt sie fangen. Aber vorsichtig: Sie springen."
Und dann sahen auch wir, daß auf einer der Pflanzen nebeneinander drei kleine Frösche saßen.
Das heißt, es waren keine richtigen Frösche, sondern Wesen, die ihnen sehr ähnelten. Jedes so
groß wie ein Fingerhut.
Wir fingen sie ein und setzten sie in ein Konservenglas. Ich bereute meinen Starrsinn und sagte
zu Alissa: "Wie bist du bloß darauf gekommen, Töchtereben?"
"Das fragst du mich immer wieder mal, Papa", erwiderte Alissa nicht ohne Stolz. "Dabei ist es
ganz einfach. Ihr Erwachsenen seid alles kluge Leute und denkt wie du selber oft erklärst, stets
logisch. Ich aber bin nicht so gescheit und denke einfach, wie mir's in den Sinn kommt. Deshalb
hab ich mir gesagt: Wenn das Quappen sind, müssen am Ende Frösche rauskommen.
Jungfrösehe aber sind immer kleiner als die Quappen. Ihr seid mit Pistolen durchs Schiff gepirscht
und habt nach großen Ungeheuern gesucht. Hattet sogar Angst vor ihnen. Ich dagegen saß
eingesperrt in meiner Kajüte und überlegte mir, daß man, anstatt immer in die Höhe zu schauen
und nach etwas Gewaltigem zu suchen, vielleicht mehr in die Winkel gucken und nach
klitzekleinen Fröschen Ausschau halten sollte. So hab ich sie dann eben gefunden."
"Aber warum brauchen kleine Frösche so große Hüllen?" Poloskow war noch immer verwundert.
"Darüber hab ich mir noch nicht den Kopf zerbrochen", gestand Alissa. "Bin gar nicht auf die Idee
gekommen. Hätte ich erst damit angefangen, wär mir das mit den Fröschen gewiß nie
eingefallen."
"Und was sagst du dazu, Professor?" wandte sich Poloskow an mich.
"Vorläufig gar nichts. Wir müssen die Hüllen der Tiere gründlich untersuchen. Wahrscheinlich
stellen sie eine Art Fabrik dar, wo die Nahrung in ein kompliziertes Konzentrat umgewandelt wird.
Später gehen daraus die Frösche hervor ... Vielleicht haben es große Quappen aber auch einfach
leichter, sich gegen Feinde zu verteidigen." "Und vergiß ja nicht Poloskow, daß ich einen Wunsch
frei habe", mahnte Alissa streng.
"Ich vergesse niemals etwas", erwiderte bestimmt der Kapitän.
Doktor Werchowzews Ratschläge Wir schickten Doktor Werchowzew von unterwegs einen Funkspruch: "Ankommen Freitag. Bitte abholen." Der Doktor antwortete umgehend, er wurde uns mit Freuden in Empfang nehmen und mit seinem Kosmosgleiter durch den gefährlichen Asteroidengürtel manövrieren, der den Planeten der Drei Kapitäne umgibt. Zur angegebenen Stunde brachten wir unser Raumschiff vor dem Asteroidengürtel zum Stehen. Eine dichte Ansammlung von Gesteinsbrocken verhüllte wolkengleich die Oberfläche des Planeten. Alle hatte eine eigentümliche Erregung erfaßt, glaubten wir doch, daß durch die Begegnung mit Werchowzew wichtige und interessante Ereignisse auf uns zukamen. Vielleicht sogar richtige Abenteuer. Der Kosmosgleiter des Doktors blitzte wie ein Silberpfeil zwischen den Asteroiden auf und jagte schon im nächsten Augenblick auf uns zu. "Pegasus, hören Sie mich?" ertönte im Lautsprecher eine dumpfe Stimme. "Bitte folgen Sie mir." "Ich würde zu gern wissen, was das für ein Mensch ist, sagte Alissa, die gemeinsam mit uns in ihrem kleinen, speziell für sie gefertigten Amortisationssessel auf der Kommandobrücke saß, "sicherlich ist ihm langweilig so allein auf dem Planeten." Wir gaben keine Antwort. Poloskow hatte mit der Steuerung des Schiffes zu tun, ich stand ihm als Kopilot bei, und Seljony hielt sich unten im Maschinenraum auf. Unser Schiff änderte den Kurs, umflog einen stoßzahnähnlichen Asteroiden und glitt dann gehorsam in die Tiefe. Vor uns breitete sich Wüste aus, hier und da von Schluchten zerklüftet und von Kraternarben gezeichnet. Der Silberpfeil schnellte vor uns her und wies uns den Weg. Wir gingen merklich tiefer. Nun konnten wir bereits Felsen und ausgetrocknete Flußläufe erkennen. Dann zeigte sich vor uns der dunkelgrune Fleck einer Oase, über der sich die Kuppel der Station wölbte. Der Gleiter des Doktors zog eine Kurve und ging auf einer ebenen Fläche nieder. Wir folgten seinem Beispiel. Als der "Pegasus" schließlich leicht schwankend auf seinen Landestützen stand und Poloskow sein "Alles in Ordnung" gesagt hatte, entdeckte ich zwischen dem Grün der Oase und unserem Schiff die Statuen. Auf einem hohen Sockel erhoben sich die drei in Stein gehauenen Kapitäne. Schon von weitern sah man, daß zwei von ihnen menschliche Gestalt besaßen, während der dritte ein dünner dreibeiniger Fixianer war. "Da wären wir also", sagte Alissa, "kann ich raus?" "Augenblick noch", antwortete ich. "Wir kennen weder die Beschaffenheit der Atmosphäre noch die Temperatur. Welchen Skaphander willst du da anziehn?" "Gar keinen", erwiderte Alissa und zeigte aufs Bullauge. Aus dem silbrigen Kosmosgleiter stieg ein Mann in gewöhnlichem grauen Anzug und mit grauem, ein wenig geknautschtem Hut. Er hob zur Begrüßung den Arm. Poloskow schaltete den Außenlautsprecher ein und fragte: "Kann man in eurer Atmosphäre atmen?" Der Mann mit dem Hut nickte eifrig - kommt nur, habt keine Angst! Er begrüßte uns an der Gangway. "Herzlich willkommen auf der Station", sagte er und verbeugte sich. "Es ist sehr selten, daß ich hier Gäste empfange.
Doktor Werc howzew drückte sich ein bißchen altmodisch aus, passend zu seinem Aufzug. Er mochte etwa sechzig Jahre alt sein, war klein und hager und erinnerte an ein gutes altes Mütterchen. Sein Antlitz war von feinen F`ältchen durchfurcht. Er lächelte und verzog in einem fort das Gesicht doch zwischendurch, immer wenn es sich glättete, traten weiß und breit die Falten hervor. Er hatte lange, schlanke Finger. Als er uns allen die Hand gedrückt hatte, lud er uns zu sich ein, und wir folgten ihm zu den grünen Bäumen der Oase. "Wieso ist die Atmosphäre hier sauerstoffhaltig", fragte ich, "dieser Planet stellt doch das reinste Vakuum dar." "Sie ist künstlich erzeugt", erwiderte der Doktor, "und stammt noch aus jener Zeit, da die Monumente errichtet wurden. In einigen Jahren wird hier ein großes Museum entstehen, den Helden des Kosmos gewidmet. Ausgediente Raumschiffe finden darin ihr Domizil sowie alle möglichen Sehenswürdigkeiten ferner Planeten." Werchowzew machte vor einem Steinbrocken halt, mit den in Kosmossprache eingravierten Worten: "Hier wird das Museum für Raumfahrt erbaut werden." "Da sehen Sie", fuhr Werchowzew fort. "Am Bau des Museums beteiligen sich achtzig Planeten. Fürs erste aber wurde im Zentrum des hiesigen Planeten ein gewaltiger Reaktor installiert, der aus dem Felsgestein den Sauerstoff herausfiltert. Zur Zeit ist die Luft noch nicht besonders gut doch bei Eröffnung des Museums werden wir die beste Luft der gesamten Galaxis besitzen. Unterdessen langten wir am Fuße des Monuments an. Es war ein gewaltiges Kunstwerk, etwa von der Größe eines zwanziggeschossigen Hauses. Wir blieben stehen und betrachteten mit zurückgeworfenem Kopf die Drei Kapitäne.
Der Erste Kapitän war ein junger, breitschultriger und schlanker Mann. Er hatte eine leichte
Stupsnase und breite Backenknochen. Er lächelte. Auf seiner Schulter saß ein seltsamer Vogel
mit zwei Schnäbeln und einer hübschen Krone aus Steinfedern.
Der Zweite Kapitän war ein Stück größer. Er hatte eine breite Brust, aber dünne Beine - wie alle
Leute, die auf dem Mars geboren und aufgewachsen sind. Das Gesicht des Zweiten war schmal
und herb.
Der Dritte Kapitän schließlich, ein dreibeiniger Fixianer in enganliegendem Skaphander mit
zurückgeklapptem Helm, stützte sich mit der Hand gegen den Ast eines steinernen Strauchs.
"Sie sind noch gar nicht alt", sagte Alissa.
"Du hast recht, Mädchen", antwortete Werchowzew. "Sie haben ihren Ruhm bereits in jungen
Jahren erlangt."
Wir tauchten in den Schatten der Bäume und gingen auf einer breiten Allee zur Station hinüber.
Der Stützpunkt erwies sich als ein überaus geräumiges Gebäude, das mit Kisten, Containern und
allen möglichen Gerätschaften vollgestopft war.
"Sie fangen schon an, die Exponate für das künftige Museum zu schicken", sagte halb
entschuldigend der Doktor. "Aber kommen Sie, ich bringe Sie in m eine Höhle."
"Hier sieht's aus wie auf unserm Pegäsus' zu Beginn der Reise!" rief Alissa begeistert aus.
Sie hatte recht: Beim Gang durch die Station zur Wohnstatt des Doktors wurde man an die
Situation auf unserem Schiff erinnert, als es von Frachtgütern aller Art total überladen gewesen
war. Ein kleiner Verschlag inmitten der Container, der mit Büchern und Mikrofilmen vollgepfropft
war und kaum Platz für das gleichfalls von Büchern und Tonbändern bedeckte Bett ließ, bildete
Schlaf- und Arbeitsraum des Museumsdirektors.
"Setzen Sie sich", sagte unser Gastgeber, "fühlen Sie sich wie zu Hause."
Uns allen, den Hausherrn ausgenommen, war klar, daß ein Platznehmen hier absolut unmöglich
war. Schließlich fegte Werchowzew einige Papierstöße vom Bett auf den Fußboden. Die Blätter
flogen umher, und Alissa machte sich daran, sie aufzuheben.
"Sie schreiben einen Roman?" erkundigte sich Poloskow.
"Wie kommen Sie darauf? Ach ja, natürlich, das Leben der Drei Kapitäne ist interessanter als
jeglicher Roman. Ihre Biographie ist es wert, als Beispiel für kommende Generationen
festgehalten zu werden. Nur bin ich literarisch leider völlig unbegabt."
Ich sagte mir, daß der Doktor sein Licht gewiß unter den Scheffel stellte. Schließlich war er eigens
zu den Erkundern auf den Arktur geflogen, um nach Skizzen des einen Raumschiffs zu suchen.
"Nun denn", sagte der Doktor, "womit kann ich meinen verehrten Gästen dienen?"
"Uns wurde gesagt", begann ich, "daß Sie so gut wie alles über die Drei Kapitäne wissen."
"Na ja", Werchowzew errötete vor Verlegenheit "das ist mächtig übertrieben!" Er legte seinen Hut
auf einem Bücherstapel ab; der Hut machte Anstalten hinunterzufallen, doch der Doktor fing ihn
auf und packte ihn auf den Stapel zurück.
"Die Kapitäne", fuhr ich fort, "weilten auf vielen unbekannten Planeten, wo ihnen zahlreiche
wundersame Tiere und Vögel begegnet sein müssen. Es heißt, die drei hätten Notizen und
Tagebücher hinterlassen. Wir selbst aber befinden uns auf der Suche nach solchen Tieren.
Könnten Sie uns vielleicht weiterhelfen?"
"Aha, darum geht's . . ." Werchowzew verfiel in Nachdenken. Diesen gunstigen Moment nutzte
sein Hut, um erneut herunterzurutschen und unterm Bett zu verschwinden. Tja", sagte der Doktor
schließlich, "wenn ich das eher gewußt hätte. . ."
"Vielleicht darf ich dem Doktor einen Hinweis geben?" fragte Alissa.
ja das, mein Kind", antwortete Werchowzew und wandte sich ihr zu.
"Auf der Schulter des einen Kapitäns sitzt ein Vogel mit zwei Schnäbeln
und einer Krone auf dem Kopf. Einen solchen Vogel haben wir in unserm
Zoo nicht. Möglicherweise wissen Sie Näheres über ihn?"
"Nein", erwiderte Werchowzew, "über den weiß ich rein gar nichts. Wo ist eigentlich mein Hut?"
"Unterm Bett", sagte Alissa. "Ich hol ihn gleich hervor."
,Nur keine Umstände", sagte Werchowzew und tauchte unters Bett. Jetzt schauten nur noch seine
Füße heraus. Der Doktor suchte im Dunkeln nach seiner Kopfbedeckung, raschelte mit
irgendwelchen Papieren und fuhr fort: "Die Bildhauer haben die Skulptur nach den letzten Fotos
gestaltet, die es von den Kapitänen gab. Wahrscheinlich wählten sie jene, die ihnen am besten
gefielen.'
"Vielleicht ist der Vogel ein Produkt ihrer Phantasie?" vermutete ich und beugte mich zum. Bett
hinunter.
"Nein, nein", rief Werchowzew und begann mit den Füßen zu arbeiten, "ich hab die Fotos selbst
gesehen!"
"Ist wenigstens bekannt, wo die Bilder aufgenommen wurden?"
"Der Erste Kapitän hat sich niemals von dem Vogel getrennt", antwortete Werchowzew, "erst als
er auf die Venus flog, schenkte er ihn dem Zweiten. Dieser Zweite Kapitän aber ist wie Sie wissen,
verschollen. Und damit auch der Vogel."
"So daß also nicht einmal die Heimat des Tieres bekannt ist?"
Werchowzew war endlich wieder unter dem Bett hervorgekommen. Er hielt den Hut
zusammengedrückt in der Faust und wirkte verlegen. "Entschuldigen Sie", sagte er, "ich war ein
wenig abgelenkt."
"Man weiß also nicht, wo dieser Vogel zu Hause ist?" wiederholte ich.
"N-nein", erwiderte der Doktor hastig.
"Schade", ich seufzte, "da haben wir Pech gehabt. Können Sie uns denn kein bißchen
weiterhelfen? Wir hatten so große Hoffnungen in Sie gesetzt..."
"Wieso sollte ich das nicht können?" fuhr Werchowzew gekränkt auf. "Ich bin selber weit gereist ...
Lassen Sie mich mal nachdenken."
Der Doktor grübelte etwa drei Minuten lang und sagte dann: "Ha, jetzt fällt mir's wieder ein! Auf
dem Planeten Eurydike gibt es den Kleinen und den Großen Drachen..."
"Das ist mir bekannt", sagte ich. "Einen Großen hat seinerzeit einer der Kapitäne geschossen."
"Woher wissen Sie das?" "Ich weiß es eben. Mein Freund, der Archäologe Gromoseka, hat es mir
erzählt."
"Seltsam", murmelte Werchowzew und neigte den Kopf, wobei er mich musterte, als sähe er mich
zum ersten Mal. "Dann muß ich wohl weiter nachdenken."
Er überlegte erneut eine Minute und nannte dann die marsianische Gottesanbeterin. Das war
geradezu lächerlich! Diese Tiere gab es bereits in sämtlichen zoologischen Gärten der Welt, mehr
noch, man hielt sie mittlerweile als Haustiere. Auch Alissa besaß ein solches Exemplar.
Schließlich berichtete Werchowzew von Riesenquappen des Arktur, Fliegenstechern vom Fix,
Höllenvögeln des Planeten Trull und anderen Tieren, die sämtlich in dem Buch "Lebewesen
unserer Galaxis" beschrieben werden.
"Nein", sagte ich, "mit diesen Hinweisen können wir nichts anfangen."
"Sie müssen schon entschuldigen", erwiderte Werchowzew höflich, "aber ich habe mich mein
Lebtag mit vernunftbegabten Wesen befaßt, hatte mit Tieren wenig zu tun. Trotzdem, irgendwas
müßte mir noch einfallen." Er begann wieder zu grübeln. "Wo bin ich bloß überall gewesen. .
.",'murmelte er vor sich hin. "Ah, jetzt weiß ich's wieder. Auf dem Leeren Planeten."
"Wo, bitte?"
"Auf dem Leeren Planeten. Das ist gar nicht weit von hier, im benachbarten Sternensystem."
"Aber wenn das ein leerer Planet ist, was soll es da für Tiere geben?" fragte Alissa erstaunt.
"Das weiß niemand so genau. Denn als wir an einem Montag dort ankamen, brodelte der Himmel
nur so von Vögeln. Am Dienstag dagegen war kein einziger mehr zu sehen. Dafür gab's
rudelweise Wölfe. Und Hirsche. Am Mittwoch wiederum - weder das eine noch das andere. Der
Planet war wie leergefegt."
"Vielleicht hatten die Tiere ihren Standort gewechselt?"
"Nein", sagte Werchowzew, "darum handelte sich's nicht. Wir hatten einen Erkundungsleiter mit
und waren interessiert genug, den ganzen Planeten abzufliegen. Doch nichts. Kein einziges Tier,
kein Vogel. Absolute Leere. Und wir waren nicht die einzigen, die diese Tatsache in Erstaunen
versetzte. Ich geb Ihnen mal die Koordinaten."
"Danke", sagte ich. "Bitte zeigen Sie uns jetzt aber, wenn Sie uns sonst keinen Tip mehr geben
können,- die Tagebücher der Kapitäne. Die drei haben doch gewiß viele Tiere zu Gesicht
bekommen."
" Woher wissen Sie von der Existenz der Tagebücher?" erkundigte sich Werchowzew und neigte
abermals prüfend den Kopf.
"Von meinem Freund, dem Archäologen Gromoseka."
"Noch nie von ihm gehört. Brauchen Sie die Notizen denn wirklich? Übrigens fallen mir da noch
die Scharentierchen von der Scheschinera ein. Die treten dort in Hülle und Fülle auf, Wenigstens
soviel man mir berichtet hat."
"Auch dafür vielen Dank", sagte ich, obwohl mir ein Blick in die Tagebücher der Kapitäne zehnmal
lieber gewesen wäre. Doch der Doktor wollte sie aus unerfindlichem Grund nicht herausrücken. Er
schien uns irgendwie zu mißtrauen.
"Keine Ursache", erwiderte Werchowzew.
"Und was ist nun mit den Tagebüchern?" stieß Alissa nach..
"Aber Kindchen, was habt ihr nur immer mit den Tagebüchern? Die befinden sich doch gar nicht
hier, sondern auf dem Fix. Im Archiv. Ja, ja, im Archiv." Der Doktor lebte merklich auf, so als wäre
ihm eine treffliche Ausrede eingefallen.
"Na, wie Sie meinen", sagte Alissa.
Der Doktor wurde ein wenig verlegen, zog den geknautschten Hut in die Augen und sagte leise:
"Sie könnten aber auch dem Markt von Palaputra einen Besuch abstatten."
"Das werden wir unbedingt", erwiderte ich, der ist uns ein Begriff."
"Dann werd ich Sie jetzt zu Ihrem Schiff begleiten", sagte der Doktor. Er erhob sich und führte uns
zwischen Kisten und Containern hindurch zum Ausgang der Station. Er ging mit schnellen
Schritten, so als fürchtete er, wir könnten es uns anders überlegen und noch bleiben.
Dann waren wir wieder am Denkmal angelangt und blieben stehen.
"Was ist dem Zweiten Kapitän eigentlich genau passiert?" fragte ich.
"Er ist ums Leben gekommen, das wissen Sie doch."
"Nein, uns wurde gesagt, er wäre verschollen."
Der Doktor zuckte die schmächtigen Schultern.
Ich ließ nicht locker. "Und der Erste Kapitän, könnte der nicht ausfindig gemacht werden? Er lebt
doch noch, oder?"
"Ja. Er arbeitet irgendwo im Kosmos."
"Am Venus-Projekt? Aber daran sind mehrere tausend Menschen beteiligt!"
"Sie müssen schon selber versuchen, ihn zu finden. Ich kann leider nichts für Sie tun." "Trotzdem",
sagte ich, "vielen Dank für den Empfang. Allerdings hatten wir gehofft, unsere Begegnung würde
anders verlaufen."
"Das dachte ich ebenfalls", erwiderte Werchowzew.
"Vielleicht schicken Sie uns ein Exemplar Ihres Romans, wenn er fertig ist?"
"Ich schreibe keine Romane! Kann es gar nicht! Wer setzt bloß solche Gerüchte in die Welt!"
"Ich spreche von dem Buch, auf Grund dessen Sie vor einem Monat bei den Erkundern vom
Kleinen Arktur waren. Wegen der Bauskizzen der ,Blauen Möwe'.
"Wie bitte? Was für eine Blaue Möwe'?" Werchowzew hob die Arme. "Was für Erkunder? Ich war
ein halbes Jahr nicht dort!"
"Schon gut, schon gut", sagte ich, denn ich merkte, daß der Doktor nun gänzlich aus der Fassung
zu geraten schien. "Wir wollten Ihnen nicht zu nahe treten."
"Also dann", sagte Werchowzew., "Wenn Sie wieder mal in der Nähe sind, schauen Sie ruhig
vorbei. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen. Besonders das reizende Mädchen hier." Der
Doktor streckte seine Hand aus, um Alissa über den Kopf zu streichen, doch sie trat einen Schritt
zurück, und die Hand des Mannes blieb in der Luft hängen.
Werchowzew blieb noch am Denkmal der Drei Kapitäne stehen. "Vergessen Sie nicht die
Scharentierchen auf der Scheschinera und das Rätsel um den Leeren Planeten", sagte er.
"Vielen Dank, Doktor. Wir werden's nicht vergessen."
Die Büsche Werchowzew stand noch lange vor der Silhouette der riesigen steinernen Kapitäne und winkte mit
dem Hut. Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne tauchten ihn in Glanz, und es schien,
als sei er gleichfalls eine Statue, nur kleiner als die anderen.
"A-a-ah!" Ein ferner Schrei drang zu uns herüber.
Wir drehten uns um.
Der Doktor lief, im Sand einsinkend, auf uns zu.
"Ha-a-alt!" rief er. "Das hab ich ja ganz ver-ges-sen!"
Werchowzew hatte uns eingeholt und war etwa zwei Minuten lang damit
beschäftigt, wieder zu Atem zu kommen. Er setzte mehrfach zu ein und demselben Satz an, doch
die Puste reichte nicht, ihn zu vollenden.
"Die Bü...", japste er. "Dort am Denk..."
"Bücher?" fragte Alissa, die ihm zu Hilfe kommen wollte.
"N-nein . . ., die Bü-üsche. Ich hab ganz vergessen, Ihnen davon zu erzählen."
"Was für Büsche?"
"Ich stand direkt daneben, und doch hab ich's vergessen." Werchowzew wies auf das Denkmal
des Dritten Kapitäns. Sogar aus dieser Entfernung war der üppige Busch zu Füßen des
Raumfliegers zu erkennen. Der Bildhauer hatte Zweige und Blätter sorgsam aus dem Stein herausgemeißelt. "Und ich dachte, das wär nur, damit's schön aussieht", sagte Alissa. "Ganz und gar nicht, es stellt einen der Büsche dar! Haben Sie noch nie von ihnen gehört?" "Nein, keine Ahnung." "Dann passen Sie gut auf, bloß zwei Minuten ... Als der Dritte Kapitän auf dem achten Trabanten des Aldebaran weilte, verirrte er sich in der Wüste. Er hatte weder Wasser noch Nahrung - nichts. Doch er wußte, daß er den Stützpunkt unbedingt erreichen mußte, andernfalls wäre das Raumschiff verloren gewesen. Die Besatzungsmitglieder waren allesamt vom kosmischen Fieber erfaßt, den Impfstoff aber gab es nur auf dem Stützpunkt, der verlassen und ausgestorben in den Bergen der Sierra Barrakuda lag. Und urplötzlich - der Kapitän war, schon ganz von Kräften hörte er einen fernen Gesang. Er glaubte zunächst an eine Halluzination, dennoch nahm er seine letzten Kräfte zusammen und ging in der Richtung, aus der die Töne kamen. Drei Stunden später langte er, mehr kriechend als laufend, bei den Büschen an. Diese Büsche wachsen in der Nähe kleiner Wasserreservoirs und reiben bei nahendem Sandsturm ihre Blätter aneinander, so daß eine Art Melodie entsteht. Es hört sich an, als würden sie singen. In den Bergen der Sierra Barrakuda wiesen sie dem Kapitän damals den Weg zum Wasser, gaben ihm die Möglichkeit, den fürchterlichen Sandsturm zu überstehen. Mehr noch, sie retteten acht weiteren Raumfliegern, die sonst am Kosmosfieber zugrunde gegangen,wären, das Leben. Zu Ehren dieses Ereignisses verewigte der Bildhauer im Denkmal des Dritten Kapitäns einen solchen Busch. Deshalb sollten Sie vielleicht den achten Trabanten des Aldebaran aufsuchen und in den Bergen der Sierra Barrakuda nach diesen Büschen Ausschau halten. Wie der Kapitän zu berichten wußte, öffnen sich abends große zartschimmernde Blüten an ihren Zweigen." "Danke, Doktor", sagte ich. "Wir werden versuchen, die Büsche aufzutreiben, um ein paar auf die Erde mitzunehmen." "Werden sie's denn in Töpfen überstehn?" fragte Alissa. "Ich denke schon", erwiderte Werchowzew. "Doch wenn ich ehrlich sein soll, hab ich selbst noch nie einen solchen Busch zu Gesicht bekommen. Sie sind höchst selten zu finden, lediglich an den Wasserstellen mitten in der Wüste, die das Gebirge der Sierra Barrakuda umschließt." Das Planetensystem des Aldebaran lag nicht weit weg, und so beschlossen wir, uns auf die Suche nach den Büschen zu machen. Wenn möglich, wollten wir auch ihrem Gesang lauschen. Achtzehnmal überflog unser Kosmosgleiter das besagte Territorium, und erst beim neunzehnten Anflug entdeckten wir in einer bläulich schimmernden Senke Pflanzengrün. Wir schwebten nun dicht über den Sanddünen dahin und gewahrten Buschwerk, das rund um eine Quelle gruppiert war. Die Büsche waren nicht sehr hoch, sie reichten mir etwa bis zur Gürtellinie. Sie hatten lange, an der Unterseite silbrig schimmernde Blätter und ziemlich kurze dicke Wurzeln, die sich leicht aus dem Sand ziehen ließen. Vorsichtig gruben wir fünf dieser Büsche aus, wobei wir solche mit Blüten auswählten. Dann füllten wir einen großen Kasten mit Sand und trugen unsere Trophäen zum "Pegasus" hinüber. Noch am selben Tag verließ unser Raumschiff den ausgestorbenen Himmelskörper und nahm Kurs auf fernere Ziele. Sobald der Beschleunigungsvorgang beendet war, bereitete ich die Kamera vor, in der Hoffnung, die schimmernden Blüten an den Büschen würden sich bald öffnen. Alissa ihrerseits legte Papier und Tuschfarben zurecht, um die Blumen zu malen. In diesem Augenblick vernahmen wir ein leises, melodisches Singen. "Was ist denn das", wunderte sich der Mechaniker Seljony. "Hat jemand das Tonband eingeschaltet? Ich jedenfalls war's 'nicht. Warum läßt man mir keine Ruhe." "Aber das sind unsre Büsche, die singen!" rief Alissa. "Kommt jetzt ein Sandsturm?" "Was denn noch", brummte Seljony, "seit wann gibt's im Kosmos Sandstürrne!" "Komm, Papa, wir schaun uns die Büsche mal an", forderte Alissa. Sie
rannte in den Laderaum, während ich noch einen Augenblick zurückblieb, um die Kamera
einsatzbereit zu machen.
"Ich geh auch mit", sagte Seljony, "hab noch nie singende Büs che gesehn."
Freilich hatte ich den Mechaniker im Verdacht, er wolle bloß einen Blick durchs Bullauge werfen,
um sich zu vergewissern, daß nicht tatsächlich ein Sandsturm im Anzug war.
Ich war gerade mit der Kamera fertig, als ich einen lauten Schrei hörte. Es war Alissas Stimme.
Ich ließ die Kamera im Gemeinschaftsraum zurück und rannte, so schnell ich konnte, zum
Laderaum hinunter.
"Papa", rief Alissa, "sieh doch mal!"
"Zu Hilfe!" brüllte Seljony. "Sie greifen an!"
Noch ein paar Schritte - dann war ich an der Tür zum Laderaum, wo ich mit Alissa und dem
Mechaniker zusammenprallte. Genauer gesagt stieß ich mit Seljony zusammen, der Alissa auf
den Armen hielt. Er zeigte sich mächtig erschrocken, und sein Bart wehte wie im Wind.
Dann erschienen die Büsche in der Türöffnung. Es war in der Tat ein furchterregender Anblick.
Die Pflanzen waren aus dem sandgefüllten Kasten geklettert und kamen, schwerfällig auf ihren
kurzen verkrüppelten Wurzeln daherwatschelnd, auf uns zu. Sie gingen im Halbkreis, mit
wedelnden Zweigen, die Knospen hatten sich geöffnet, und inmitten der Blätter glommen wie böse
glitzernde Augen rosafarbene Blüten.
"Zu den Waffen!" rief Seljony und reichte mir Alissa.
"Wirf die Tür zu!" sagte ich.
Doch es war bereits zu spät. Während wir uns noch bemühten, aneinander vorbeizukommen,
hatte der erste der Büsche die Tür erreicht, und wir mußten den Rückzug in den Korridor antreten.
Ein Busch nach dem anderen folgte seinem Anführer.
Seljony rannte nach einer Waffe zur Kommandobrücke und drückte sämtliche Alarmknöpfe, ich
aber griff einen an der Wand lehnenden Schrubber, urn Alissa zu beschützen. Sie verfolgte den
Angriff mit faszinierten Blicken, schaute wie ein Kaninchen auf die Schlange.
"So lauf doch endlich weg", rief ich, Lange kann ich sie nicht mehr in Schach halten!"
Die Büsche schnappten mit ihren kräftigen elastischen Zweigen nach dem Schrubber und wollten
ihn mir entreißen. Ich wich zurück.
"Halt sie auf, Papa", rief Alissa und rannte davon. Ein Glück, dachte ich, daß wenigstens Alissa in
Sicherheit ist. Meine eigene Lage dagegen blieb gefährlich. Die Büsche versuchten, mich in die
Ecke zu drängen, und mit dem Schrubber konnte ich nicht mehr viel ausrichten.
"Wozu braucht Seljony den Feuerwerfer?" hörte ich plötzlich die Stimme Poloskows im
Lautsprecher. Ist was passiert?"
"Die Büsche haben uns angegriffen", erwiderte ich, "aber gib ihm den Feuerwerfer trotzdem nicht.
Ich will versuchen, sie wieder in den Laderaum zu sperren. Sobald ich sie hinter der
Verbindungstür habe, kriegst du ein Zeichen, dann kannst du das Segment schließen."
"Bist du auch nicht in Gefahr?" erkundigte sich Poloskow.
"Nein, vorerst halte ich die Stellung."
Im gleichen Augenblick riß mir der am nächsten stehende Busch mit einem kräftigen Ruck den
Schrubber aus den Händen. Er flog in eine entfernte Ecke des Korridors, und die Büsche,
gewissermaßen ermutigt durch die Tatsache, daß ich nun unbewaffnet war, bewegten sich in
geschlossener Formation auf mich zu.
Da hörte ich plötzlich schnelle Schritte hinter mir.
"Wo willst du hin, Alissa?!" schrie ich. "Sofort zurück! Sie sind stark wie Löwen!"
Doch Alissa schlüpfte unter meinem Arm hindurch und stürzte auf die Büsche zu. Sie hielt einen
großen glänzenden Gegenstand in der Hand.
Ich wollte ihr hinterher, verlor jedoch das Gleichgewicht und fiel hin. Ich konnte noch sehen, wie
meine Tochter von den unheildrohenden Zweigen der rebellierenden Büsche umringt wurde.
"Poloskow", rief ich, "zu Hilfe!"
In diesem Augenblick verstummte der Gesang der Sträucher - er wich einem leisen Raunen und
Stöhnen.
Ich rappelte mich hoch, mir bot sich ein höchst friedliches Bild. Alissa stand inmitten der Büsche und begoß sie aus einer Gießkanne. Die Pflanzen reckten ihre Zweige, bemüht sich keinen einzigen Tropfen entgehen zu lassen; sie seufzten wohlig ... Als wir die Büsche wieder im Laderaum, den zerbrochenen Schrubber weggeräumt und den Fußboden aufgewischt hatten, fragte ich Alissa: Wie bist du bloß darauf gekommen?" "Ganz einfach, Papa. Die Büsche sind Pflanzen - also muß man sie gießen. Wie Mohrrüben. Wir aber haben sie ausgegraben, in einen Kasten gesteckt und vergessen, ihnen Wasser zu geben. Als Seljony nach mir griff, um mich vor ihnen in Sicherheit zu bringen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Zu Hause leben sie doch unmittelbar am Wasser. Und der Dritte Kapitän hat auf ihren Gesang hin den Weg dorthin gefunden. Außerdem singen sie nur, wenn sich ein Sandsturm nähert, der die Luft austrocknet und das Wasser zuschüttet. Da haben sie eben Angst sie könnten verdursten." "Warum hast du das nicht gleieh gesagt?", "Du hättest mir ja doch nicht geglaubt. Hast mit ihnen gekämpft als wären es Tiger. Dabei sind das ganz gewöhnliche Pflanzen, die gegossen werden müssen." "Na, ich weiß ja nicht - von wegen ganz gewöhnlich", brummte Seliony. "Jagen - nach Wasser durch die Korridore!" Nun war die Reihe an mir, mein Wort als Biologe zu sprechen. Diese Büsche führen lediglich ihren Kampf ums Dasein", sagte ich. "Es gibt nur wenig Wasser in der Wüste, die Quellen versiegen, und wenn sie am Leben bleiben wollen, sind sie gezwungen, den Sand nach Wasser abzusuchen." Von diesem Tag an lebten die Büsche friedlich in ihrem Kasten. Nur einer von ihnen, der kleinste und quirligste, kletterte des öfteren aus dem Sandbehälter und lauerte uns im Korridor auf. Er raschelte mit seinen kurzen Zweigen, summte vor sich hin und bettelte um Wasser. Ich bat Alissa, ihn nicht zu überfüttern - das Wasser troff ihm schon aus den Wurzeln -, doch sie hatte Mitleid mit ihm und brachte ihm bis zum Ende der Reise immer wieder mal einen Becher zusätzlich. Das wäre noch angegangen, hätte sie ihm nicht eines Tages Kompott angeboten. Seitdem gibt der kleine Busch keine Ruhe mehr. Er watschelt, feuchte Tapsen hinterlassend, durch die Flure und stupst die Vorbeigehenden mit seinen Blättern hartnäckig gegen die Beine. Er hat keinen Funken Verstand, doch Kompott liebt er abgöttisch. Das Geheimnis des Leeren Planeten "Wohin zuerst?" fragte Poloskow mit einem Blick auf die Kosmoskarte. Dort war die Route nach Palaputra eingezeichnet, wo sich ein Tiermarkt befand. Gleichzeitig hatten wir durch eine punktierte Linie den Weg zum Leeren Planeten markiert, von dem Werehowzew gesprochen hatte. "Nach Palaputra finden wir allemal", erwiderte ich, "der Leere Planet dagegen ist in keinem einzigen Kosmosführer verzeichnet. Vielleicht sollten wir zuerst zu ihm fliegen." "Aber der Doktor hat selbst gesagt, daß es dort keinerlei Tiere gibt. Bestimmt sind sie ausgestorben, und wir verlieren nur wertvolle Zeit." "Wir haben auch nicht mehr viel Treibstoff", schaltete sich Seljony ein. "Wir müssen in Palaputra tanken, auf dem Leeren Planeten wird das kaum möglich sein. Und wenn wir ohne Treibstoff dastehn, können wir ewig warten, bis mal jemand vorbeikommt." Doch wir gaben nichts auf die Worte des Mechanikers, den wir ja als Pessimisten kannten. Wir waren überzeugt, daß der Vorrat an Treibstoff reichte. er wollte nur sichergehen. "Wir sollten trotz allem einen Blick auf den Leeren Planeten werfen", entschied ich. "Immerhin scheint er voller Rätsel zu stecken, und es gibt nichts Interessanteres auf der Welt, als Geheimnissen auf die Spur zu kommen." So nahmen wir Kurs auf den Leeren Planeten. Leider stellte sich nach zwei Tagen heraus, daß Doktor Werchowzew ziemlich ungenaue Koordinaten angegeben hatte. Wir hätten bereits den Stern sehen müssen, um den dieser Planet kreiste, als vor uns nach wie vor Leere war.
Was tun? Wir beschlossen, einen weiteren Tag zu fliegen. Wenn sich dann noch immer nichts geändert hatte, würden wir umkehren. Wir hatten diesen Beschluß am Abend gefaßt, vor dem Essen. Danach begab sich Seljony in die Funkzentrale, um der Erde mitzuteilen, daß bei uns alles in Ordnung sei und der Flug normal verlaufe. Ich folgte dem Mechaniker. Ich hatte es gern, wenn er das Funkgerät einschaltete, so daß der Kosmos, sonst ausgestorben und unendlich weiträumig, plötzlich zu leben begann. Wir hörten, wie sich ferne kosmische Stützpunkte und Planeten unterhielten, fingen Funkkontakte der Raumschiffe untereinander und die Signale automatischer Bojen auf. Sie lieferten Informationen über unbewohnte Planeten und Asteroiden sowie über die Bewegungen von Meteoritenschwärmen oder Pulsaren. Während Seljony noch über seinem Funkspruch saß, drehte ich am Empfangsknopf. Plötzlich vernahm ich eine ferne Frauenstimme: "Befinde mich im Sektor 16-2, habe einen unbekannten Meteoritenschwarm registriert der sich zum System Bluk bewegt. In drei Tagen wird er die Passagiertrasse Bluk - Fix kreuzen. Bitte sämtliche Raumschiffe davon unterrichten." "Das ist doch unser Sektor", sagte ich zu Seljony. "Ich hab's gehört", erwiderte der Mechaniker. Er legte den Funkspruch beiseite und trug die Mitteilung des fremden Raumschiffs ins Bordbuch ein. "Wenn sich dieses Schiff schon in unserem Sektor befindet", schlug ich vor, "dann laß uns die Frau doch mal fragen, ob sie was über den Leeren Planeten weiß. Vielleicht sind wir vom Kurs abgekommen." Seljony erwiderte, das Schiff sei zu weit von uns entfernt und unser Funkgerät höchstwahrscheinlich zu schwach. Und überhaupt wüßte die Frau, die die Meteoritenwarnung durchgegeben hätte, ganz gewiß nichts über diesen Planeten, weil es ihn gar nicht gebe. Während er das vor sich hin brummte, machte er sich nichtsdestoweniger am Sender zu schaffen, und als das fremde Schiff unseren Ruf empfangen hatte, sagte er: "Hier spricht Raumschiff "Pegasus". Wir befinden uns in Ihrem Sektor und nehmen Kurs auf den Leeren Planeten. Können Sie uns sagen, ob die Route stimmt?" "Ich werde es überprüfen", antwortete die Frauenstimme, "geben Sie mir Ihre genauen Koordinaten." Wir stellten die Verbindung zur Kommandobrücke her, und Poloskow nannte uns die Koordinaten, die wir sogleich übermittelten. "Völlig klar", sagte kurz darauf die Frauenstimme, "zwischen Ihnen und dem Leeren Planeten befindet sich eine Wolke kosmischen Staubs, deshalb entzieht sich der Stern Ihren Blicken. Fliegen Sie getrost weiter, morgen wer den Sie die Wolke passiert haben." "Vielen Dank", sagte ich, "diese Koordinaten wurden uns nämlich auf dem Planeten der Drei Kapitäne genannt, allerdings nicht von einem Kosmonauten, sondern vom Museumsdirektor. Wir befürchteten, daß er sich geirrt haben könnte." "Doktor Werchowzew?" fragte die Frauenstimme. "Ja. Kennen Sie ihn?" "Recht gut sogar", antwortete die Frau. "Er ist ein sehr netter alter Mann. Wie schade, daß ich Ihnen nicht eher begegnet bin! Ich hab nämlich einen Brief für ihn, komme aber nicht dazu, hinzufliegen. Einfach keine Zeit. Sie schaun wohl nicht noch mal bei ihm vorbei?" "Nein", sagte ich, "wir fliegen anschließend zum Bluk weiter, in die Stadt Palaputra. Wir sind Biologen und auf der Suche nach seltenen Tieren." "Ich bin ebenfalls Biologin", sagte die Frauenstimme. "Wer weiß, vielleicht treffen wir uns bei Gelegenheit. Jetzt freilich ist keine Zeit dazu, ich hab's eilig, bin auf der Suche nach lebenden Nebeln." "Eine letzte Frage. Sie selbst waren wohl noch nicht auf dem Leeren Planeten?" "Doch, war ich. Die Meere dort wimmeln nur so von Fischen, auf dem Land jedoch gibt's kein einziges Lebewesen. Na, ich wünsch Ihnen Erfolg." Im Lautsprecher erschollen dumpfer Lärm und Explosionsgeräusche.
Sie hat die Triebwerke auf volle Kraft geschaltet", sagte Seljony, "sie ist anscheinend wirklich in Eile. Was soll denn das sein - ein lebender Nebel?" "Es gibt keinen lebenden Nebel", erwiderte ich. "Ich hab diese Frau mal auf einer Konferenz getroffen und sie von ihrem Irrtum zu überzeugen versucht. Hast du übrigens ihr Lob über Werchowzew gehört? Ein sehr netter alter Mann, behauptet sie." "Und doch traue ich ihm nicht über den Weg", brummte der Mechaniker. "Wenn er so sehr nett sein soll, warum hat er uns dann die Unwahrheit gesagt? Und das mit dem Roman - mal schreibt er einen, dann wieder nicht. Auch seine Beteuerung, er wäre noch nie auf dem Kleinen Arktur gewesen. Weshalb wollte er uns die Aufzeichnungen der Drei Kapitäne nicht zeigen?" Der Mechaniker machte sich erneut an seinen Funkspruch. Die Frau hatte recht behalten. Am nächsten Tag konnten wir in unseren Lokatoren einen kleinen Stern fixieren, um den ein einziger Planet kreiste. Allem Anschein nach handelte es sich hierbei um den Leeren Planeten. Wir landeten in der Dämmerung am Ufer eines großen Sees, am Rande einer endlosen Ebene, die gleichmäßig von gelblichem Gras bewachsen war. Ein feiner Regen fiel, unaufhörlich und eintönig. Wir standen lange an den Bullaugen - kein einziges Tier, keinerlei Vögel. Vielleicht war hier tatsächlich nichts zu holen. Alissa und der Mechaniker gingen zum See nach Wasser. Sie blieben lange fort, doch ich sorgte mich nicht weil ich sie durchs Bullauge sehen konnte. Sie waren mit irgendwas beschäftigt. Nach einer Weile kam Seljony zurück, ging jedoch nicht zur Kommandobrücke, sondern in seine Kajüte. "Suchst du was?" fragte ich über Bordfunk. Ja, eine Angel. In dem See gibt's jede Menge Fisch. Als wir einen Eimer Wasser schöpften, waren gleich drei Stück drin. Oder hast du was gegen frische Fischsuppe, Professor?" "Durchaus", sagte ich, "und euch würde ich ebenfalls nicht dazu raten. Sogar auf der Erde gibt es giftige Fische; welche von einem unbekannten Planeten zu essen ist in höchstem Maße leichtsinnig." "Ist ja gut", erwiderte der Mechaniker, "dann fangen wir eben ein paar Exemplare für deine Sammlung." Er rannte zurück ans Ufer, ich aber griff mir Alissas Regenmantel, damit sie sich nicht erkältete, und ein kleines Fischernetz. Dann ging ich gleichfalls zum See. Seliony lehnte es ab, Fisch mit dem Netz zu fangen, er sei Sportsmann, so aber sei das kein Sport. Alissa und ich dagegen holten einen ganzen Eimer voll an Land, unsere Ausbeute trugen wir zum Raumschiff. Kurz nach uns erschien auch, völlig durchnäßt, der Mechaniker, der seinen Fang in einem fischbehälter anschleppte. "Vergiß nicht, die Eingangstür hinter dir zu schließen", sagte ich und stellte den Eimer an der Luke ab. "Keine Bange", erwiderte aufgekratzt Seljony, der so gierig aufs Angeln war, daß er die ganze Nacht durchgemacht hätte, wäre es nicht zu dunkel gewesen. Am nächsten.Morgen schaute ich als erstes durchs Bullauge. Draußen schien hell die Sonne, und über unserem Schiff kreiste eine Vogelschar. "Von wegen Leerer Planet", sagte ich laut und weckte die anderen. "Von wegen Leerer Planet! Gestern haben wir jede Menge Fisch gefangen, und heute ist der Himmel voller Vögel." Ich mußte nur Alissa und Poloskow wecken, Seljony war bereits auf den Beinen. Er sortierte Angelhaken und -schnüre. "Heute geht's auf großen Fang", rief er, "mein Gefühl sagt mir, daß es hier Hechte gibt die mindestens so groß sind wie ich." "Na, dann paß mal schön auf, daß nicht einer der Hechte dich fängt." Ich ging zur Einstiegluke hinunter, um die Vögel aus der Nähe zu betrachten, und entdeckte etwas Unangenehmes: Der Mechaniker hatte - offenbar in seinem Angelfieber - vergessen, die Tür des "Pegasus" über Nacht zu schließen. Nur gut, daß kein Tier eingedrungen war. Dafür aber waren
sämtliche Fische verschwunden. Allem Anschein nach hatten die Vögel den Weg durch die Luke wie in eine Höhle gefunden und unseren gesamten Fang entwendet. "Das ist ein ernster Verstoß gegen die Kosmonautendisziplin", sagte Poloskow, als er beim Frühstück von Seljonys Nachlässigkeit erfuhr. "Aber ich selbst bin ebensowenig frei von Schuld wie du, Professor. Wir hätten die Luke kontrollieren müssen." "Es ist doch gar nichts passiert", sagte Alissa. "Seljony und ich fangen im Nu zehn Eimer voll, wenn's sein muß. Ihr habt ja keine Ahnung, wieviel Fisch es in diesem See gibt!" "Darum geht's nicht", Poloskow seufzte. "Wenn das noch mal geschieht, können wir auf der Stelle kehrtmachen. So leichtfertige Leute haben im Kosmos einfach nichts verloren." "Entschuldige, Käptn", sagte der Mechaniker. Er begriff sehr wohl, was er da angestellt hatte, war aber mit einem Bein bereits wieder am See, derart hatte ihn das Angelfieber gepackt. Ich bereitete die Vogelkescher vor und trug das Gewehr ins Freie, das mit Betäubungsnadeln schoß. Während ich meine Vorbereitungen für die Vogeljagd traf, beobachtete ich Aus den Augenwinkeln den Mechaniker. Er saß ziemlich bedrückt am Ufer, was mich wunderte. Vielleicht geht ihm die Sache von vorhin zu Herzen, dachte ich. Unvermittelt verschlechterte sich das Wetter. Starker Wind kam auf, bog das Gras nieder, vertrieb die Vögel vom Himmel. Auf dem See schlugen die Wellen hoch. Ein paar Minuten später war kein einziger Vogel mehr zu entdecken. Wo sie sich nur hingeflüchtet hatten? Seljony erhob sich und ging zum Schiff. Auch ich beschloß, meine Utensilien im "Pegasus" zu verstauen. Ich wollte abwarten, bis sich das Wetter gebessert hatte und die Vögel zurückkamen. "Na, was ist", fragte ich den Mechaniker, "kann man zum großen Fang gratulieren?" "Ach, von wegen", knurrte Seljony, "kein Stück hat angebissen." "Wieso nicht? Du hast doch selbst gesagt, der See wimmle nur so von Fisehen." "Das war gestern. Heute scheinen sie allesamt in die Tiefe verschwunden zu sein." "Tröste dich", sagte ich, "die Vögel sind auch auf und davon. Hatten wir eben beide Pech. Warten wir ab, bis das Wetter besser wird. Gehst du am Abend wieder zum See? Vielleicht beißen sie hier nur abends?" "Keine Ahnung, ich trau diesem Planeten nicht", sagte Seljony finster. "Der hat nicht von ungefähr den Beinamen "leer". Erst gibt es Fische - dann nicht mehr. Und mit den Vögeln ist's dasselbe." "Seht doch mal", rief Alissa, die neben uns gestanden und unser Gespräch mit angehört hatte, "seht mal dort, ein Hase!" Im Gras hoppelte ein kleines Tier, dem ein anderes, größeres folgte. Wir hatten sie noch nicht richtig in Augenschein genommen, da waren sie auch schon verschwunden. Nur das Gras bewegte sich im Wind. "Na bitte", sagte ich, "der Planet ist nicht leer. Es gibt hier sehr wohl Tiere." "Auch die werden verschwinden", erwiderte Seljony. "Weißt du noch, was Werchowzew gesagt hat? Obwohl ich diesem Mann auch nicht glaube." "Komm, wir schaun uns mal an, wo all die Fische hin sind", schlug ich vor. "Wir lassen den Biosucher in den See hinab und stellen ihn auf Fischpeilung ein. Sobald er was entdeckt gibt er Signal." "Wie du willst", brummte Seljony. "Aber da sind keine Fische mehr. Ich bin ein eingefleischter Angler, ich spür's, wenn ein See leer ist." Ich holte den Biosucher vom Raumschiff und ließ ihn hinunter. Das Gerät steckte in einem wasserdichten Futteral und war mit einem Motor ausgerüstet. Ich setzte die Kopfhörer auf und wartete auf ein Zeichen. Die Instrumente zeigten an, daß der Biosucher mittlerweile den Grund des Sees erreicht hatte und zur Seemitte hin glitt. Doch es erfolgte kein einziges Signal. Das Gewässer war ausgestorben. Nach einer halben Stunde stellte ich die Suche ein. Das. Gerät konnte sich unmöglich geirrt haben - es gab hier nicht das winzigste Fischehen mehr. "Hätte ich sie gestern nicht mit eigenen Händen aus dem Wasser geholt", bekannte ich, "würde ich nie und nimmer glauben, daß hier welche existiert haben. Werchowzew hatte schon recht - der Planet ist in der Tat seltsam."
"Sag ich doch", erwiderte Seljony, packte sein Angelzeug zusammen und trollte sich zum "Pegasus". "Am Horizont zeigt sich eine große Antilopenherde"; schallte es plötzlich aus dem Lautsprecher. Es war Poloskow, der von seiner erhöhten Kommandobrücke aus die Tiere gesichtet hatte. Doch ich hatte auch ohne ihn begriffen, daß die Steppe inzwischen regelrecht übervölkert war. Durchs Gras huschten Feldmäuse, eine Zieselmaus machte unweit von mir Männchen, und am Ufer des Sees trottete ein mir unbekanntes Tier dahin, das an einen kleinen Bären erinnerte. "Kein Grund zur Panik", sagte ich. "Wir machen das Geländemobil startklar und gehen auf Tierfang." Wir hatten den Wagen kaum draußen, als heftiger Regen einsetzte. Er war um ein Vielfaches stärker als der gestrige: Er brach unvermittelt über uns herein und prasselte mit Gedröhn aufs Dach des Geländemobils. Alissa und ich schlüpften behende ins Wageninnere und nahmen, ohne uns an dem Guß zu stören, Kurs auf die Steppe, in deren Tiefe die Antilopenherde weidete. Doch wir bekamen keine einzige von ihnen zu Gesicht. Auch kein anderes Tier. Als ich schließlich aus dem Mobil kletterte, um den Boden nach Feldmäusen abzusuchen, mußte ich feststellen, daß sie gleichfalls verschwunden waren. Diesmal setzte ich den Biosucher über der Ebene an. Er flog die Steppe bis zum Horizont hin ab, und als er wiederkam, war jeder Zweifel zerstreut - nicht ein einziges Tier existierte mehr auf diesem Planeten. "Und was jetzt?" fragte ich niedergeschmettert Poloskow, nachdem wir das Geländemobil wieder im Raumschiff hatten und alle zusammen in der Gemeinschaftskajüte saßen. "Der Planet ist tatsächlich leer, aber ich hab keine Lust, von hier wegzufliegen, ehe wir diesem Geheimnis auf die Spur gekommen sind." "Wir können nicht ewig hier bleiben", antwortete Poloskow. "Und wir sind nicht die ersten, die mit diesem Rätsel konfrontiert wurden. Durchaus möglich, daß das Geheimnis um den Leeren Planeten für immer ungelöst bleibt." "Schade, daß Seljony vergessen hat, die Luke zu schließen", sagte Alissa. "Dann hätten wir wenigstens die Fische." "Nun hör schon auf. Er war eben sehr durcheinander, und das ist ja auch nicht verwunderlich- Wir kommen gestern an, es regnet - der See ist voller Fische. Morgens kreisen Vögel am Himmel, dann kommt Wind auf, vertreibt die Vögel plötzlich gibt's jede Menge Tiere. . ." "Papa", sagte Allissa plötzlich, "ich kenne jetzt das Geheimnis dieses Planeten."
"Natürlich", brummte finster der Mechaniker, "wie könnte es anders sein. Niemand kennt es, nur
Sherlock Holmes, genannt Alissa, ist dahintergekommen!"
"Vorsicht, Seljony", warnte Poloskow, "ich hab schon mal eine Wette gegen Alissa verloren,
damals, als wir die Riesenquappen suchten."
"Stinunt genau", bekräftigte Alissa. "Ich denke nämlich wissenschaftlich."
"Nun erzähl schon, Töchterchen", sagte ich.
"Vielleicht sollte ich es auch nicht erzählen, sondern lieber zeigen?"
"Dann zeigst du's eben."
"Also gut. Bleibt einen Augenblick hier sitzen, ich bin gleich wieder zurück."
"Du willst raus? Aber es regnet doch!"
"Keine Angst, es geht so schnell, daß ich nicht mal naß werde. Wenn du trotzdem befürchtest, mir
könnte etwas zustoßen, brauchst du bloß durchs Bullauge zu sehn. Ich lauf nur schnell zum See."
Ich trat ans Bullauge. Ich konnte verfolgen, wie Alissa, den Regenmantel überm Kopf, zum See
lief und mit einem kleinen Eimer Wasser schöpfte. Einmal, zweimal... Da kam sie auch schon
wieder. Sie stürmte zu uns in die Kajüte und stellte das Eimerchen auf den Tisch.
"Hier", sagte sie, "schaut euch das an."
In dem Eimer schwamm gemächlich ein kleiner Fisch.
"Na so was", sagte der Mechaniker, "scheint tatsächlich so zu sein, daß sie hier bloß abends
anbeißen. Wo ist mein Angelzeug?"
"Augenblick", unterbrach ihn Alissa und steckte die Hand in den Eimer. Sie holte den Fis eh
heraus und warf ihn auf den Tisch.
"Was machst du denn da!"
"Wenn meine Vermutung stimmt. . .", begann Alissa, und da setzte auch schon vor unseren Augen die wundersame Verwandlung ein. Der Fisch zap pelte ein paarmal, schlug mit dem Schwanz - dann nahmen die Flossen die Vorm von Flügeln an, die Schuppen wurden zu Federn, und eine Minute spä ter saß ein kleiner Vogel, an seinem Federkleid zupfend und sich putzend, auf dem Tisch. Während wir noch mit offenen Mündern dasaßen und zuschauten, wie aus dem Fisch ein Vogel wurde, bewegte das Tierchen plötzlich die Flügel und schnellte hoch. Es stieß gegen die Decke der Kajüte. "So fangt ihn doch", rief ich, "er stößt sich noch zu Tode!" "Moment, Papa", sagte Alissa, "das ist noch nicht alles." Nachdem der Vogel mehrmals gegen die Decke geprallt war, fiel er wieder auf den Tisch zurück. Und es begann erneut eine Verwandlung. Diesmal verschwanden die Federn, die Flügel rollten sich ein, und vor uns saß plötzlich eine kleine Maus. Sie glitt am Tischbein hinunter und verschwand in einer Ecke. "Ist jetzt alles klar?" fragte Alissa. Sie triumphierte. Schließlich gelingt es einem nicht jeden Tag, ein Geheimnis zu lüften, vor dem so viele Biologen kapituliert haben. "Wie bist du bloß darauf gekommen?" fragte ich. "Du hast mich selbst auf die Spur gebracht. Als du davon sprachst daß gestern bei Regen Fische da waren, bei ruhigem Sonnenwetter - Vögel, und bei Wind - Vierbeiner." "Das stimmt tatsächlich", erwiderte ich. Es handelt sich hier um eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit, die für diesen Planeten freilich auch angebracht ist. Die Lebewesen nehmen jeweils die Form an, die ihnen für den Augenblick am günstigsten scheint. So können ihnen weder Wind noch Sonne noch Regen etwas anhaben. Und selbst für den Winter lassen sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach etwas einfallen." "Das können wir auf der Stelle überprüfen", schlug Alissa vor. "Wir brauchen bloß einen Fisch ins Kühlfach zu tun." Doch davon nahmen wir vorerst Abstand. Statt dessen bastelten wir einen Käfig, in dem sich ein Aquarium befand, und dann schauten wir stundenlang fasziniert zu, wie der Fisch, das Wasser verlassend, zu fliegen begann bzw. in die Ecke des Käfigs nach Futter lief. Was die Großohrigen erzählten Alle Sammler und Liebhaber wundersamer Tiere kommen, sofern sie im achten Sektor der Galaxis zu Hause sind, zum Planeten Bluk, wo nahe der Stadt Palaputra einmal wöchentlich ein Tiermarkt abgehalten wird. In der Galaxis lehen einige Milliarden Sammler. Die Tiersammler des Sonnensystems beispielsweise gehen sich an jedem ersten Sonntag des Monats auf dem Mars ein Stelldichein, auf der Hochebene am Großen Kanal. Wie man mir erzählte, soll auch im Bereich des Andromedanebels eine riesige Sammlerschar existieren. Auf einem der dortigen Planeten haben sie sogar die Macht übernommen, so viele sind es. Seitdem stellt die gesamte Industrie ausschließlich Markenalben, Pinzetten sowie Aquarien her. Bei den Sammlern vom Mar's war ich selber schon gewesen, hab ein paar seltene fliegende Fische für unseren Zoo erworben. Auf dem Bluk dagegen war ich noch nie. Palaputra, wo sich eine Menge Hotels und Lagerhallen befanden, war keine allzu große Stadt. Um ihr Kosmodrom allerdings hätte sie jede Hauptstadt beneiden können.
Der "Pegasus" hatte kaum auf dem Betonfeld aufgesetzt, als sich ihm ein Kleinbus mit Wächtern
näherte.
"Woher kommen Sie?" erkundigten sich die Männer bei Poloskow, nachdem sie vor der Gangway
gestoppt hatten.
"Von der Erde", erwiderte Poloskow.
"Wo ist das?"
"Dritter Sektor. Sonnensystem."
,Hab ich mir's doch gedacht", sagte der Hauptwächter, der große Unliebkeit mit einem Ventilator
besaß. Er hatte drei große runde Ohren, und wenn er sprach, ließ er ununterbrochen seinen Kopf
kreisen, so daß ein Luftzug erzeugt wurde. Aus diesem Grunde auch wurden die Bewohner des
Bluk in der Galaxis die Großohrigen genannt.
Die Wächter kamen an Bord und gingen in die Gemeinschaftskajüte.
"Was werden Sie verkaufen?" fragte der eine.
"Nichts", sagte ich, "wir wollten uns nur umschaun, ob es hier interessante Tiere für unseren
Moskauer Zoo gibt."
"Sie wollen also nichts anbieten?"
"Nein."
"Und Sie haben keinerlei Tiere an Bord?"
"Doch", erwiderte ich, "aber sie sind nicht zum Verkauf bestimmt."
"Ich möchte sie sehen", sagte der Wächter.
"Warum?" verwunderte sich Poloskow. "Wir sind Ihre Gäste, und Sie müssen uns vertrauen."
"Ich würde Ihnen ja glauben", sagte der Großohrige, "aber Sie kennen manche Sammler nicht. Sie
schleppen aus allen Winkeln der Galaxis das sonderbarste Getier herein, und wir haben dann die
Scherereien. Früher waren wir höflicher und führten keine Kontrollen auf den Schiffen durch,
neuerdings aber sehn wir uns dazu gezwungen. Das hat uns bittere Erfahrung gelehrt."
Und der Wächter, mächtigen Wind mit seinen Ohren machend, erzählte uns folgende betrübliche
Geschichte:
"Vor kurzem tauchte ein Händler auf dem Basar auf, der nichts weiter bei sich hatte als einen
kleinen Sack mit weißen Würmern und eine Konservenbüchse. Vogelfreunde erkannten sofort den
Wert dieser Würmer - sie waren sehr kalorienreich und würden ihren Lieblingen schmecken. So
kaufte einer der Sammler eine Büchse voll, ein zweiter, ein dritter. Der Händler schnürte den
kleinen Sack auf und schöpfte immer neue Mengen daraus. Allmählich bildete sich eine Schlange
Kauflustiger. Als zweihundertdreiundzwanzigster stand ein bekannter Sammler exotischer Vögel in
der Reihe - Krabakas vom Barakas. Er stand da, und weil er nichts anderes zu tun hatte,
beobachtete er, wie der Verkäufer die Würmer aus dem Sack holte. Weil in dem kleinen Behältnis
aber bestenfalls dreieinhalb Konservendosen voll Würmer Platz finden konnten, kam Krabakas
vom Barakas sehr bald die Erleuchtung, daß an der Sache etwas faul war. Er trat an den
Verkäufer heran und sagte: Der Sack da ist wohl bodenlos?
"Nein, Euer Hochwohlohren", unterbrach einer der jüngeren Wächter seinen Vorgesetzten, "er hat
gefragt: Wo nehmen Sie all die Würmer her?“
"Schweig", mischte sich der dritte Wächter ein. So war es nicht. Krabakas vom Barakas verlangte:
Geben Sie den Sack her, ich will ihn anschaun.
"Ruhe!" ermahnte der Hauptwächter seine Gehilfen. "Wenn ihr mich noch mal unterbrecht, beiß
ich euch die Ohren ab ... Wie dem auch sei, der Verkäufer schenkte den Worten des Sammlers
nicht die mindeste Beachtung. Möglicherweise weil Krabakas gerade mal einen Durchmesser von
einem halben Millimeter hat wenn er auch fast acht Meter lang ist. Er erinnert selber an einen
spillrigdünnen blauen Wurm. Doch Krabakas wandte sich an die übrigen Sammler in der Reihe
und verkündete: Mir gefällt dieser Händler nicht. Er kommt mir verdächtig vor!
"Entschuldigen Sie, Euer Hochwohlohren", der zweite Wächter konnte sich nicht zurückhalten,
"aber ich wage darauf aufmerksam zu machen, daß Krabakas vom Barakas den Versammelten
zurief: Haltet den Dieb!
"Du hast total den Verstand verloren!" zischte ihn der dritte Wächter an. "Krabakas sagte: Ich bin nicht weniger vernunftbegabt als Sie, Herr Händler, bitte nehmen Sie mich für voll! Und jetzt zeigen Sie mal den Sack her.“ "Schluß jetzt da möcht man ja glatt in Rente gehn!" Der Hauptwächter begann wild mit den Ohren zu rotieren. Nun brach ein Streit unter den Wächtern aus, und sie wechselten in ihre, uns völlig unverständliche Sprache über, die aus höchst gekonnten Ohrenbewegungen besteht. In der Gemeinschaftskajüte kam ein regelrechter Sturm auf, und wer weiß, wie die Sache geendet hätte, wäre nicht durch einen Windstoß die Kaffeekanne vom Tisch gefegt worden. Sie ging entzwei, und nun schämten sich die Wächter für ihr Verhalten. "Entschuldigen Sie bitte", sagte der Vorgesetzte der Großohrigen, "wir sind ein wenig in Hitze geraten." "Macht doch nichts , erwiderte ich, bemüht, ein Lächeln zu unterdrücken, und sammelte die Scherben auf. Alissa lief nach einem Lappen, um die braune Pfütze aufzuwischen. "Krabakas vom Barakas", fuhr der Hauptwähter nun fort, "unterrichtete die Anwesenden von seinem Verdacht und sie entrissen dem Händler mit vereinten Kräften das Säckchen. Tatsächlich befanden sich grade mal zwei Handvoll Würmer darin. Doch kaum hatten sie einige der Würmer ans Tageslicht befördert, begannen die sich vor aller Augen zu teilen und zu wachsen. Gleich darauf erscholl aus einem entfernten Winkel des Basars ein erschrokkener Schrei: Einer der Vogelbesitzer hatte seinen Schützlingen die Würmer in den Käfig geworfen und entdeckt daß sie sich zusehends vermehrten." "Nicht doch", widersprach der zweite Wächter ohrenkreisend, "ich erlaube mir zu bemerken, Euer Hochwohlohren . . ." Aber der Hauptwächter hörte sich die Einwände der Untergebenen nicht länger an. Er packte seine beiden Gehilfen bei den Ohren, schleppte sie aus der Kajüte, schlug die Tür hinter ihnen zu und sagte erleichtert: "So, nun kann ich in Ruhe weitererzählen." Woraufhin die Tür sofort wieder einen Spaltbreit aufging und in der Öffnung das Ohr des ungehorsamen Wächters erschien: "Ich erlaube mir.. ." "Also das sollte man nicht für möglich halten!" Der Hauptwächter preßte seinen mageren Rücken gegen die Tür und fuhr hastig fort: "Wir stellten fest, daß sich diese Würmer in der Tat mit unglaublicher Geschwindigkeit vermehrten. So schnell, daß sie sich nach zehn Minuten bereits verdreifacht, nach einer Stunde aber versechshundertfacht hatten." "Aber wovon ernährten sie sich?" Alissa war verwundert. "Von der Luft", antwortete der Wächter. "Natürlich von der Luft." "Von Sauerstoff!" rief hinter der Tür hervor der zweite Wächter. "Von Stickstoff!" schrie der dritte. Der Hauptwächter bedeckte vor Scham über seine Untergebenen das Gesicht mit den Ohren. Erst nach fünf Minuten hatte er sich soweit gefangen, daß er seinen Bericht zu Ende bringen konnte: jedenfalls war bereits drei Stunden später der ganze Markt von Palaputra einen Meter dick mit diesen Würmern bedeckt; Sammler und Händler suchten entsetzt das Weite." "Und der Würmerverkäufer?" fragte Alissa. "Der verschwand in dem Durcheinander gleichfalls." "Er flüchtete", hörte man eine Stimme hinter der Tür. "Die Würrner ergossen sich in Riesenmassen in sämtliche Richtungen und hatten gegen Abend das Stadtzentrum erreicht. Wir boten all unsere Feuerwehrautos auf; sie gingen mit Wasser und Löschschaum auf die Tiere los, waren jedoch gegen eine solche Invasion machtlos. Wir versuchten sie totzutrampeln, ihrer mit Feuer, Gift und Unkrautvernichtungsmitteln Herr zu werden - nichts half. Die Luft auf dem Planeten wurde immer knapper, und schon mußten wir Sauerstoffmasken ausgeben. Wir sandten SOS-Rufe zu allen Enden der Galaxis. Doch aus der Not gerettet hat uns schließlich der Vogelliebhaber Krabakas vom Barakas. Er ließ seine Freßkehlchen auf die Würmer los. Es sind winzige Vögelchen, dabei aber so gefräßig, daß kein anderer halbwegs geschäftstüchtiger Sammler sie halten könnte - sie würden ihn zugrunde richten ... Zu guter Letzt konnten wir uns also noch der Würmer entledigen, wobei die Freßkehlchen
freilich all unsere Ameisen, Bienen, Wespen, Käfer, Schmetterlinge, Spinnen, Hummeln und
Mistkäfer gleich mitvertilgten."
"Aber warum hat dieser Mann so gefährliche Würrner verkauft?" fragte Alissa.
"Warum schon. Er wollte ein Geschäft machen. Der Sack war ja in der Tat bodenlos."
"Nein", entgegnete Alissa, "das glaub ich nicht. Solch ein Dummkopf war er nicht. Die Sammler
hätten ja sehr schnell herausgefunden, was Sache ist"
"Natürlich war er kein Dummkopf!" rief einer der Wächter hinter der Tür hervor. "Er wollte unseren
Planeten vernichten!"
"Aber weshalb bloß?"
"Das wissen wir auch nicht", bekannte der Hauptwächter, gab die Tür frei und ließ seine beiden
Gehilfen wieder ein. "Wir haben keine Ahnung, doch kontrollieren wir seither sämtliche Schiffe, die
vom Sonnensystem kommen."
"Wieso ausgerechnet die vom Sonnensystem?"
"Das ist streng geheim", sagte der erste Wächter.
,Ach was, streng geheim", widersprach der zweite. Jener Händler stammte ganz einfach aus dem
Sonnensystem. Es war ein MENSCH."
"Wirklich seltsam", sagte ich. "Haben Sie wenigstens eine Personenbeschreibung? Wie sah er
aus?'
"Keine Ahnung. Für uns sehen alle Menschen gleich aus."
"Trotzdem, es gibt gewisse Unterscheidungsmerkmale."
"Da war auch eins", sagte der zweite Wächter.
"Schweig!" gebot ihm sein Vorgesetzter.
"Nein", erwiderte sein Untergebener, "das werde ich nicht. jener Mann hatte ein Gebilde auf dem
Kopf, mit horizontalen Feldern und einer Delle in der Mitte."
"Nun versteh ich gar nichts mehr", sagte ich, "was für eine Delle in der Mitte?"
"Zeigen Sie ihm doch mal das Foto, Euer Hochwohlohren", schlug der zweite Wächter vor,
"vielleicht können sie uns helfen."
"Nein, das geht nicht. Es ist ein Geheimfoto."
Jetzt wo ich sowieso davon gesprochen habe, können Sie's ihm auch zeigen." "Du hast nicht
einfach davon gesprochen, sondern ein Staatsgeheimnis verraten."
"Um so wichtiger, daß sie's zu sehen bekommen."
Daraufhin holte der Hauptwächter ein Bild aus der Tasche. Es war ein Amateurfoto, ziemlich
unscharf und schon etwas zerknittert, dennoch schloß sich jeder Zweifel aus: Es zeigte Doktor
Werchowzew mit einer Konservendose in der einen und einem kleinen Sack in der anderen Hand.
"Aber das ist doch unmöglich!" rief ich verwundert aus.
"Sie kennen ihn?"
ja. Er ist auf dem Planeten der Drei Kapitäne zu Hause."
"Ajajaj, wie kann auf einem so guten Planeten ein derart schlechter Mensch leben! Wann haben
Sie ihn gesehen?"
"Vor drei Tagen."
"Bei uns war er vorigen Monat. So, und nun wollen wir Ihr Schiff durchsuchen, womöglich haben
Sie gleichfalls Würmer an Bord."
"Wir haben keine Würmer an Bord."
"Er sperrt sich", raunte der zweite Wächter seinem Vorgesetzten zu, "will es nicht zugeben."
"In diesem Falle untersagen wir Ihnen, die Stadt zu betreten", entschied der Hauptwächter. "Wo ist
Ihr Telefon? Wir melden, daß Ihre gesamte Besatzung von der galaktischen Pest befallen ist und
Sie unseren Planeten freiwillig wieder verlassen. Wenn nicht, unterziehn wir Ihr Schiff einer
solchen Desinfektion, daß Sie es bedauern werden, hergekommen zu sein."
"Wir führen wirklich nichts Böses im Schilde", versuchte ich den Wächter zu besänftigen. "Und
diesen Menschen haben wir nur ein einziges Mal gesehen. Vorausgesetzt, daß er's überhaupt
war. Es gibt Leute, die sich sehr ähneln. Außerdem - warum sollte ein Doktor, ein
Museumsdirektor, mit Würmern handeln?"
"Das weiß ich nicht", sagte der Großohrige. "Wir hatten in der letzten Zeit so viel Unglück, daß wir
unseren Gästen einfach nicht mehr trauen."
"Wieso, was ist denn noch; passiert?!"
"Ach, fragen Sie bloß nicht. Jemand hat fast alle unsere Plapperschnäbel ausgerottet."
"Ihre Plapperschnähel?"
ja, genau. Es sind unsere Lieblingsvögel."
Auf der Suche nach einem Plapperschnabel Alissa und ich gingen zu Fuß zum Basar, gaben dem automatischen Geländemobil aber Anweisung, uns in zwei Stunden abzuholen. Es war ein schöner, klarer Morgen, der orangefarbene Himmel wie blankgewaschen, nur ein paar leichte grüne Wölkchen zeigten sich; der Sand unter unseren Füßen war hellblau und ganz weich. Wir erreichten die Hauptstraße der Stadt, an der sich zu beiden Seiten Hotels befanden. Sie sahen einander keineswegs ähnlich, denn jedes war für die Bewohner speziell dieses oder jenes Planeten bzw. Sternensystems errichtet worden. So gab es ein Hotel namens "Krak", das an einen Luftballon von etwa hundert Metern Durchmesser erinnerte. Unter dem Bauwerk ragten die Schwerkraftzerstreuer hervor. Dort stiegen all jene Kosmosreisenden ab, die die Schwerelosigkeit gewohnt waren und keinen eigenen Planeten besaßen. Sie lebten in Zelten auf Kometen und Meteoritenschwärmen. Dann kamen wir an dem Hotel "Herrlichess Fleckchen" vorbei. Es besaß gleichfalls Kugelgestalt, doch war es massiv gebaut und steckte zur Hälfte im Boden. Wir entdeckten die Aufschrift: "Nur für Bewohner von Methanplaneten". Aus einer nicht ganz fest geschlossenen Tür entwich zischend ein dünner Gasstrahl. Danach kam das Hotel "Bratpfanne": Seine Wände waren glutrot erhitzt man hätte sie, ungeachtet der etwa hundert Isolierschichten, unmöglich berühren können. Hier machten die Bewohner jener Sterne Station, für die ein Bad in glühendheißer Lava genauso vergnüglich war wie für unsereinen das Schwimmen in einem See an einem warmen Sommertag. Es gab Hotels, die in der Luft verankert, und solche, die in den Boden gebaut waren. Manche hatten die Tür auf dem Dach, andere wieder waren ganz ohne Fenster und Türen. Plötzlich jedoch erblickten wir ein kleines Gebäude mit Säulen, ganz gewöhnlichen Fenstern und einer normalen Tür. Es trug die Bezeichnung "Mütterchen Wolga". "Sieh mal, Papa, das ist wahrscheinlich für uns Menschen!" rief Alissa aus. Wir blieben einen Augenblick vor dem Hotel stehen, weil uns sein Anblick Freude bereitete - es war ganz so, als hätte man einen alten Bekannten getroffen. Aus dem Gebäude kam ein hochgewachsener Mann in der Uniform der Kosmoshandelsflotte. Er nickte uns zu, und wir sagten: "Guten Tag, sind Sie von der Erde?" "ja", erwiderte der Mann, "wir haben dem Planeten Bluk Sauerstoffregeneratoren gebracht. Vielleicht haben Sie schon davon gehört - denen ist was Schlimmes zugestoßen. Sie hätten fast ihre ganze Luft eingebüßt." Während ich mich mit dem Raumfahrer unterhielt, stand Alissa neben mir und betrachtete das Hotel. Plötzlich packte sie mich an der Hand: "Schau doch mal, Papa, wer dort ist!" An einem Fenster im dritten Stock stand Doktor Werchowzew und sah zu uns herunter. Als er meinem Blick begegnete, zog er sich eilig zurück. "Aber das ist unmöglich", rief ich, "er hat die Entfernung nie und nimmer so schnell bewältigen können!" "Komm, wir fragen ihn, wie er hergekommen ist", sagte Alissa. Die Eingangstür zum Hotel war aus massivem Holz geschnitzt und besaß eine vergoldete geschwungene Klinke. Die Empfangshalle war im Stil eines luxuriösen Bojarenhauses eingerichtet: überall Wandmalereien, auf denen Einhörner und schöne Jungfrauen abgebildet waren, und breite Bänke entlang der Wände. Offenbar hatten die Architekten vom Bluk die berühmte zwanzigteilige Fernsehserie"Boris Godunow" gesehen. Ich blieb inmitten dieses Bojarengemachs stehen und sagte: "Wart mal, Alissa, mir gefällt das nicht."
"Aber wieso denn?"
"So überleg doch selbst. Wir haben uns vor kurzem von Werchowzew getrennt, kommen her und
erfahren von den Wächtern, daß er um Haaresbreite den Planeten vernichtet hätte, indem er
weiße Würmer verkaufte. Nun aber finden wir ihn hier vor."
"Um so dringender müssen wir ihn fragen, was das Ganze zu bedeuten hat."
"Also gut, einverstanden." Ich trat an einen langen Tisch, hinter dem zwischen einem
ausgestopften Schwan und einem Plasttopf der Portier in weißem Kaftan stand. "Könnten Sie mir
bitte sagen, in welchem Zimmer Doktor Werchowzew wohnt?"
"Einen Augenblick" junger Mann", antwortete der Portier. legte seine Ohren auf den Rücken und
schlug ein gewaltiges Buch in Ledereinband mit Verschlüssen auf. "Werchowzew", murmelte er,
"We-ri-cho-wi-zew ...Ja. hier hab ich ihn!"
"Welche Zimmernummer hat er?"
"Achtes Gemach, dritter Stock", erwiderte der Portier. "Sind Sie Freunde von ihm?"
"Bekannte", sagte ich ausweichend.
"Verwunderlich", erwiderte der Portier, "daß ein derart böser und grobschlächtiger Gast so nett
aussehende Bekannte hat."
"Wieso", fragte ich, hat er Sie beleidigt?"
"Gehen Sie hinauf", erwiderte der Portier. "Gemach Nummer acht. Und sagen Sie dem Unhold,
daß wir uns genötigt sehen, ihn unseres geschätzten Gasthauses zu verweisen, wenn er weiterhin
Würstchen im Bett kocht und unsere Tischaufseherund Bettmeisterroboter zerbricht."
"Dabei schien mir Werchowzew so still", sagte ich zu Alissa, während wir die Treppe
emporstiegen.
Verschiedene Leute kamen uns entgegen - Lineaner, Fixianer und andere Wesen, die auf
Planeten mit erdengleichen Bedingungen lebten. Einige hatten Käfige, Aquarien, Markenalben
oder einfach nur Taschen bei sich. Sie eilten zum Basar.
Die Nummer acht befand sich am Ende eines langen Korridors, der mit vielen Perserteppichen
ausgelegt war. Wir machten vor einer Plasttür mit Eichenholzmaserung halt, und ich drückte die
Klingel.
Keine Antwort.
Ich klopfte, und die Tür öffnete sich durch eine leichte Berührung von selbst. Der kleine Raum war
möbliert und ausgeschmückt, wie man es von Abbildungen aus historischen Romanen kannte. Ein
Kristallüster war da und eine Petroleumlampe ohne Docht, ein Samowar aus Wolfram und ein
japanischer Wandschirm. Bloß Werchowzew war nicht da.
"Doktor", rief ich, "sind Sie hier?"
Wieder keine Antwort.
Alissa lief ins Zimmer und schaute hinter den Schirm. Ich sagte von der Tür her: "Komm, wir gehn
wieder, es gehört sich nicht, in ein fremdes Zimmer einzudringen."
"Gleich, Papa."
Da hörte ich hinter meinem Rücken jemanden hastig atmen. Ich drehte mich um: In der Tür stand
ein furchtbar dicker Mann in schwarzem Lederanzug. Er hatte Wulsflippen und mehrere Kinne, die
auf dem Kragen auflagen.
"Zu wem möchten Sie denn?" fragte er mit sehr hoher, sanfter, fast kindlicher Stimme. "Wir
suchen einen Bekannten."
"Entschuldigen Sie, aber ich wohne im Nebenzimmer", sagte der Dicke
"Und ich habe vor fünf Minuten gehört wie der Gast, der hier wohnt wegggangen
ist. Ich wollte es Ihnen nur mitteilen."
"Wissen Sie zufällig, wo er hin ist?"
Der Dicke strich mehrmals über seine Kinne, dachte einen Augenblick, nach und sagte: "Ich
glaube, zum Basar. Wo sollte er sonst hin?"
Wir verließen das Hotel und begaben uns ebenfalls zum Markt. SeltsamerMensch, der Doktor,
dachte ich.
Wir kamen an einem Hotel vorbei, das wie ein Aquarium gebaut war -, Wesen von einem mit
Wasser bedeckten Planeten wohnten darin -, und an einem Gasthaus, das an einen Teekessel
erinnerte. Aus der Tülle dieses Teekessels" strömte Dampf - dort waren die Kukse -vom Parasel abgestiegen. Auf ihrem Planeten herrscht starke Hitze, das Wasser ist ständig am Kochen, und seine Atmosphäre besteht aus heißem Dampf. "Aus allen Hotels strebten Gäste. Viele trugen Skaphander grundverschiedener Ausführung. Jemand kroch am Boden entlang, ein anderer schwebte über unseren Köpfen dahin. Zu unseren Füßen krabbelten Sammler, die nicht größer als eine Ameise waren, und gleich daneben schritten welche, fast so gewaltig wie ein Elefant. Je näher der Markt rückte, desto dichter wurde das Gewühl. Ich nahm Alissa an der Hand, damit sie nicht versehentlich jemanden trat oder selbst getreten wurde. Der Basar erstreckte sich über viele Kilometer und bestand aus mehreren Abteilungen. Als erstes gerieten wir an die Muschelsammler. Dann ließen, wir die Büchersammler hinter uns und bahnten uns mit Mühe einen Weg durch die überfüllte Abteilung, wo Mineralien und Edelsteine gehandelt wurden. Die Blumenreihen passierten wir ohne größere Hindernisse, nur einmal mußte ich Alissa auf die Arme nehmen, weil ihr vom Duft der Fix-Rosen beinahe schlecht geworden wäre. Doch als wir in der Sektion der Philatelisten anlangten, bat Alissa: "Wart mal einen Augenblick." Der Platz, der sich über einen Kilometer hin erstreckte, stand voller Klapptische. Es waren, wie mir ein Alteingesessener versicherte, vierzehntausenddreihundert an der Zahl. An diesen Tischen saßen zu zweit oder auch zu viert die Briefmarkensammler. Sie waren in ihre Tauschgeschäfte vertieft. Wer keinen Platz an den Tischen ergattert hatte, tauschte im Stehen oder spazierte einfach umher. Alissa kaufte eine Serie beweglicher Panoramabriefmarken mit der Abbildung von Sirius-Vögeln, eine Marke aus Montenegro aus dem Jahre 1896 und ein Album für Briefmarken vom Fix, das die Marke selbständig einordnete, sobald es sie zu fassen bekam. Danach tauschte sie die Marke aus Montenegro gegen zwei vom Planeten Seheschinera ein. "Die sind für dich, Papa", sagte sie. Die eine Marke war ganz und gar weiß, auf der anderen befand sich lediglich die winzige Aufschrift: junger Skliss beim Weiden". "Du willst doch was über den Skliss erfahren, Papa." "ja, aber hier ist gar keiner drauf!" "Der wird erst morgen zu sehen sein", erklärte plötzlich der Dicke aus dem Hotel. Er hatte uns eingeholt. "Morgen? Wieso denn?" "Auf diesen Marken erscheint die Abbildung nicht täglich, sondern nur an Tagen mit geraden Zahlen", erwiderte der Dicke. "Und was wird auf der zweiten Marke zu sehen sein?" "Gar nichts. Sie ist verbraucht." "Aber was soll ich dann damit?" "Es ist eine sehr seltene Marke. Die Bewohner von der Scheschinera schreiben nämlich höchst ungern Briefe, und so sind fast alle ihre Marken ungebraucht. Leere Marken dagegen sind äußerst rar. Ihre Tochter hat recht daran getan, sie zu erwerben." Nach diesen Worten winkte der Dicke noch einmal kurz mit der Hand und eilte im Hüpfschritt weiter. Wir hätten uns beinahe in dem Gewirr von Sektionen, Abteilungen und Unterabteilungen des Basars verirrt. Doch dann hörten wir plötzlich Vogelgezwitscher vor uns, Tiergebrüll und das Gezirp von Insekten. Wir befanden uns auf einem Platz, der von Käfigen, Aquarien, Fischbehältern und Viehställen übersät war. Es war die Abteilung für Kosmostiere. Selbst mir als erfahrenem Kosmosbiologen fiel es schwer, sich in dem Gewimmel zurechtzufinden. Waren die Tiere und Vögel von erstaunlicher Vielfalt so ihre Besitzer häufig nicht minder, weshalb ich meinen Rundgang auch mit einem großen Irrtum begann. Ich trat an einen dunkelblauen Vogel heran, der auf drei gelben Beinen von jeweils zwei Metern Höhe stand. Von einem dieser Beine führte eine Kette zu seinem Besitzer, einem mir unbekannten Kosmoswesen, das aus verschiedenfarbigen Kugeln bestand. Ich erkundigte mich, wieviel dieser prächtige Vogel kostete, als mir der Gefiederte selbst in bestem Interkosmisch antwortete: "Ich bin unverkäuflich. Aber wenn Sie wünschen, kann ich Ihnen die gesprenkelte Polykugel hier ablassen. Im übrigen bitte ich jedoch, mich nicht ein zweites Mal zu beleidigen."
Ich hatte in der Tat verwechselt wer da wen an der Kette hielt. Die Sammler und Händler um uns
her lachten, woraufhin der Vogel noch mehr
gekränkt war und mir mit seinem langen Schnabel eins auf den Kopf gab. Als ich bemerkte, daß er
zu einem neuen Hieb ansetzte, suchte ich schnell das
Weite.
"Papa", sagte Alissa plötzlich, "komm doch mal her. Sieh nur, wie interessant!"
Ich riß mich vom Anblick der Kristallkäfer los, die wir seit langem für unseren Zoo erwerben
wollten, und drehte mich zu Alissa um.
Sie stand vor einem großen leeren Aquarium. Daneben befand sich ein Stuhl, auf dem ein Zwerg
saß.
"Schau mal, Papa, was für interessante Tiere der Mann hier verkauft."
"Ich sehe nichts", gestand ich, "das Aquarium ist leer."
Der Zwerg seufzte traurig und wischte eine Träne ab. "Sie sind nicht der erste", sagte er, " den
andern geht's genauso."
"Und was haben Sie nun in Ihrem Aquarium?" fragte ich höflich. "Mikroorganismen?"
"Ach wie furchtbar!" rief das Männchen aus. "Ich werde von hier fortgehn und nie wiederkommen."
"Papa", flüsterte Alissa so laut, daß man es zehn Meter weit hören konnte, "da sind unsichtbare
fliegende Fische drin. Er hat es mir selbst gesagt."
"Unsichtbare?"
"Das Kind hat recht", sagte der Zwerg. "Es handelt sich um ganz gewöhnliche unsichtbare
Fische."
"Sehr interessant", erwiderte ich. "Und wie fangen Sie sie?"
"Mit einem Netz. Es ist gleichfalls unsichtbar. Sie fliegen und geraten in mein Netz, in dem ich sie
dann nach Hause trage."
"Könnte man mal einen solchen Fisch anfassen?" fragte ich.
"Anfassen?" wunderte sich der Zwerg. "Und wie wollen Sie ihn festhalten?"
"Na, mit den Händen."
"Das geht nicht."
"Aber warum nicht?"
"Diese fliegenden Fische sind sehr schlüpfrig. Sie glitschen weg, sobald man sie nur berührt ... Sie
glauben mir wohl nicht?"
Ich gab keine Antwort. Da winkte der Zwerg ab und rief: "Bitte sehr, machen Sie, was Sie wollen!
Fassen Sie die Fische an, lassen Sie sie von mir aus
frei! Erniedrigen und kränken Sie mich!" Das Männchen zog ein großes Tuch
vom Aquarium, schnappte meine Hand und stopfte sie in den Fischbehälter.
Nun?!" schrie er. "Haben Sie was gefangen! Kein Stück werden Sie zu fassen
kriegen!"
Meine Finger ertasteten nur Leere. Keine Spur von Fischen. "Hier ist nichts", sagte ich.
"Na bitte, da sehen Sie's", der Zwerg wandte sich tränenüberströmt an die Umstehenden. Er hat
sich davon überzeugt, daß man die Fische wegen ihrer Glitschigkeit nicht fangen kann, will es
aber nicht zugeben."
Ich tastete noch eine Weile im leeren Aquarium herum, doch kaum hatte ich die Hand draußen,
zeterte das Männchen erneut los: "Oje, jetzt hat er all meine Fische herausgelassen! Er hat sie
aufgeschreckt! Dabei hab ich ihm gesagt, daß man nicht mit der Hand im Aquarium herumfuchteln
darf. O weh, er hat mich an den Bettelstab gebracht, zugrunde gerichtet hat er mich!"
Die Umstehenden begannen in mindestens zwanzig Sprachen unzufrieden zu raunen und
bedachten mich mit vorwurfsvollen Blicken. Sogar Alissa sagte: "Warum hast du das getan,
Papa?"
"Aber so begreift doch", wandte ich mich an die Gaffer, "daß das Aquarium völlig leer war!"
"Woher sollen wir das so genau wissen?" entgegnete ein lkes-Bewohner,
der wie ein Tiger gestreift war und einen weißen Schnurrbart hatte. "Wenn
der Alte nun recht hat? Wenn seine Fische wirklich unsichtbar sind und man
sie nicht fangen kann? Wie sollen wir ihm nachweisen, daß er die Unwahrheit
gesprochen hat?" "Richtig", unterstützte ihn ein Großohriger. "Weshalb hätte er mit einem leeren Aquarium herkommen sollen." "Um es jeden Tag aufs neue zu verkaufen", erwiderte ich. Doch niemand schenkte meinen Worten Beachtung. Mir blieb nichts anderes übrig, als dem unglücklich dasitzenden Zwerg zehn angeblich seltene Fische zu bezahlen. Das Männchen hatte offensichtlich nicht damit gerechnet daß ich mich so schnell ergeben würde, und war ganz gerührt. Es bedankte sich überschwenglich und versprach, mir unbedingt einen solch unsichtbaren Fisch zu bringen, sobald er wieder einen besäße. Wir waren schon im Weggehn, da sagte er noch zu Alissa: "Wenn du gestattest, mein Kind, will ich dir ein kleines Geschenk machen." "Aber bitte", antwortete Alissa, "ich würde mich sehr freuen." "Da, nimm." Der-Zwerg begann in seiner Jackentasche zu wühlen un holte schließlich die leere Hand heraus. Er formte sie zu einer Schale, als hielte er etwas darin versteckt und streckte sie Alissa hin. "Hier", sagte er, "das ist eine Tarnkappe. Nimm sie ruhig, nur keine Scheu. Guten Leuten mache ich gern wertvolle Geschenke. Aber Vorsicht. Die Kappe ist aus so feinem Garn gewebt daß sie keinerlei Gewicht hat. Man spürt sie nicht." Alissa bedankte sich bei dem Scharlatan, tat als verstaue sie das Geschenk in ihrer Tasche, und wir setzten unseren Weg fort. Plötzlich geriet uns ein merkwürdiges Wesen vor die Füße. Es sah aus wie ein federleichter Ball auf Stelzen und reichte uns bis zu den Knien. Am seltsamsten an diesem Wesen aber war seine Farbe - grellrot mit weißen Tupfen, wie ein Fliegenpilz. "Halt ihn fest Papa", rief Alissa, "er ist jemandem davongelaufen!" "Ich denk nicht dran", sagte ich und steckte meine nunmehr leere Brieftasehe zurück in die Jacke. "Womöglich ist das kein Tier, sondern ein Sammler, der seinem Besitz hinterherläuft. Ich halt ihn fest, und er ruft die Polizei, beschwert sich, daß ich ihn beleidigt hätte, weil ich ihn nicht als Vernunftbegabten erkannte." Doch gleich darauf sahen wir, daß eine dicke zweiköpfige Schlange in glänzendem, buntschillerndem Skaphander hinter dem roten Ball her war. Hilfe", rief sie, "mein Indikator ist ausgerissen!" Der rote Ball versuchte sich hinter meinen Beinen zu verstecken, doch die Schlange streckte einen ihrer etwa hundert Füße aus, die an ihren Flanken baumelten, und griff sich den Ausreißer. Daraufhin wechselte der kleine Kerl seine Farbe blitzschnell von rot auf gelb und zog die Stelzen ein. "Entschuldigen Sie", wandte ich mich an die dicke Schlange, "was ist das für ein Tier?" "Ach, nichts Besonderes. Auf unserem Planeten gibt's davon jede Menge. Wir nennen sie Indikatoren. Sie können nicht sprechen, wechseln aber die Farbe nach ihrer jeweiligen Stimmung. Sie bringen überaus interessante Farbschattierungen hervor. Sie haben nicht zufällig ein Stück Zucker bei sich?" "Nein", sagte ich. "Schade." Die Schlange brachte von irgendwoher ein Stück Zucker zum Vorschein. Beim Anblick der Süßigkeit begannen violette Wellenlinien auf dem Ball zu tanzen. "Er freut sich", sagte die Schlange. "Hübsch, nicht wahr?" "Sehr", bestätigte ich. "Wir denken uns alle möglichen neuen Empfindungen für ihn aus, bloß um ausgefallene Farben zu erzielen. Soll ich ihm mal einen Schlag geben? Dann wird er ganz schwarz." ,Lieber nicht", sagte ich. "Aber würden Sie ihn uns für unseren Moskauer Zoo verkaufen?" "Nein", sagte der eine Schlangenkopf; der andere ließ sich schweigend nach unten hängen. "Höchstens tauschen." "Ich habe nichts zum Tauschen." "Na, und das kleine Wesen da, das Tierjunge?" sagte die Schlange und deutete gleich mit zehn ihrer Füße auf Alissa.
"Das geht nicht", sagte ich und gab mir Mühe, nicht beleidigt zu sein, hatte ich doch eben erst
selbst ein vernunftbegabtes Wesen für ein unverständiges Tier gehalten, "es ist meine Tochter."
"Pfui, wie grauenvoll!" rief die Schlange entrüstet aus. "Ich werde umgehend die Ordnungshüter
rufen. Das ist nämlich verboten!"
"Was ist verboten?" fragte ich erstaunt.
"Seine Kinder zum Kauf anzubieten. Oder sie gegen Tiere zu tauschen. Haben Sie denn nicht die
Vorschriften am Eingang zum Basar gelesen? Sie sind ein Schurke und Barbar!"
"Aber nicht doch", ich lachte. Alissa könnte mich mit dem gleichen Erfolg verkaufen wie ich sie."
"Um so schlimmer!" rief die Schlange und preßte den farbigen Ball an ihre Brust: Der Indikator war
auf einmal weiß mit roten Kreuzen auf der Mittellinie - er hatte sich offenbar erschrocken. "Eine
Tochter, die ihren eigenen Vater verkauft! Wo hat man so was schon gehört!"
"Wir haben doch gar nicht die Absicht uns gegenseitig zu verkaufen, Ehrenwort! Das ist bei uns
auf der Erde absolut nicht üblich. Wir sind einfach zusammen hergekommen, um seltene Tiere für
unseren Zoo zu erstehen."
Die Schlange dachte einen Augenblick nach und sagte: Ich weiß nicht ob ich Ihnen glauben kann.
Ich frag am besten den Indikator, er hat ein feines Gespür." Sie beugte beide Köpfe zu dem
bunten Ball hinunter und fragte: "Kann man diesen seltsamen Wesen trauen?"
Der Indikator nahm eine smaragdgrüne Farbe an.
"Eigenartig", sagte die Schlange, "er behauptet, man kann."
Sie war sofort besänftigt und fragte den Indikator in völlig verändertern Ton: "Möchtest du, daß ich
dich diesen Wesen überlasse?"
Der Indikator leuchtete golden auf wie ein Sonnenstrahl.
"Und ob er will", übersetzte die Schlange seine Gefühlsregung. "Na, dann nehmen Sie ihn schon,
eh ich mir's anders überlege. Und hier ist noch etwas, ein Nachschlagewerk: Zur Ernährung der
Indikatoren, und wie man bei ihnen zartrosa Empfindungen erzeugt“.
"Aber ich weiß nicht, was ich Ihnen dafür geben soll."
"Gar nichts", sagte die Schlange. "Schließlich habe ich Sie mit meinen Verdächtigungen gekränkt.
Nehmen Sie ihn nur, dann weiß ich, Sie haben mir verziehen, und bin bis zum Abend sehr
glücklich."
"Natürlich sind wir Ihnen in keiner Weise böse", erwiderte ich.
"Kein bißchen", bekräftigte auch Alissa.
Da schleuderte die Schlange einen Teil ihrer Füße hoch; der Indikator-Ball flog in die Luft und
genau in Alissas Arme. Er war nach wie vor goldgelb, nur daß jetzt noch, als wären sie lebendig,
hellblaue Streifen über seinen Rücken liefen.
"Er ist überaus zufrieden", sagte die Schlange und kroch eilig davon, ohne weiter auf unsere
Worte zu hören.
Der Indikator sprang von Alissas Armen und stakste auf seinen dünnen kleinen Stelzen hinter uns
her.
Wir begegneten einer ganzen Familie von Großohrigen: einem Vater, dessen Ohren gewaltiger
waren als die eines Elefanten, einer Mutter und ihren sechs Kindern. Sie trugen einen Käfig mit
einem Kanarienvogel.
"Schau mal, rief Alissa, "ist das ein Kanarienvogel?"
"Das ist doch kein Kanarienvogel", widersprach der Großohrigen-Vater streng. "Das ist ein
Paradiesvogel. Dabei wollten wir gar keinen kaufen. Wir suchten einen Plapperschnabel."
"Aber wir haben keinen gefunden", fielen wie im Chor die GroßohrigenKinder ein und erzeugten
mit ihren Ohrchen Wind. "Nicht einen einzigen gibt es mehr."
"Merkwürdig", schaltete sich nun auch die Großohrigen-Mutter ein, "noch
im vorigen Jahr war der halbe Basar voll von diesen sprechenden Vögeln, jetzt dagegen sind sie
wie ausgestorben. Wissen Sie vielleicht woran das liegen könnte?"
"Nein", sagte ich, "keine Ahnung."
"Wir wissen's auch nicht", sagte der Großohrigen-Vater. "Müssen wir uns eben Paradiesvögel
halten."
"Papa", sagte Alissa, als die Familie fort war, "wir brauchen unbedingt einen Plapperschnabel."
"Warum?" fragte ich erstaunt.
"Weil alle ihn haben wollen."
"Na schön", willigte ich ein, "machen wir uns halt auf die Suche nach ihm. "Aber vorher wallen wir
uns die Höhlen-Weberspinnen ansehn. Vielleicht bekommen wir eine zu kaufen. Unser Tierpark
wünscht sich seit langem eine solche Spinne."
Wir haben den Plapperschnabel gekauft Alissa und ich gingen den ganzen Basar ab. Wir kauften für unseren Zoo achtzehn verschiedene
Tiere und Vögel, wie sie meist noch kein Erdenmensch zu Gesicht bekommen hatte. Alissa
erkundigte sich bei jedem Händler oder Sammler: "Und wo kriegen wir einen Plapperschnabel
her?"
Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus:
"Sie haben aufgehört, Eier zu legen."
"Sie sind an einer rätselhaften Krankheit gestorben."
"Sie lassen sich nicht in Gefangenschaft halten."
"Man hat sie allesamt aufgekauft."
,Die hat's doch nie gegeben."
So oder ähnlich äußerten sich die Händler, und wir konnten uns keinen Reim machen, was nun
wirklich geschehen war. Meist hörten wir aus den Antworten heraus, daß es sich bei den
Plapperschnäbeln um ganz gewöhnliche Tiere handelte, die gern zu Hause oder in zoologischen
Gärten gehalten wurden. Doch im Laufe des letzten Jahres schienen sie plötzlich vom Erdboden
verschluckt. Es hieß, Leute seien durch die Wohnungen gegangen und hätten sie aufgekauft bzw.
einfach aus den Tiergärten gestohlen. Und in der zentralen Zuchtstation seien sie einem
seltsamen Fieber zum Opfer gefallen. Je geringer aber die Hoffnung wurde, einen solchen Vogel
ausfindig zu machen, desto mehr steigerte sich Alissas Verlangen, wenigstens einen Blick auf ihn
zu werfen.
"Was ist denn so Besonderes an diesen Vögeln?" erkundigte ich mich bei Krabakas vom Barakas,
mit dem wir soeben Bekanntschaft geschlossen hatten.
"Eigentlich nichts weiter", antwortete Krabakas höflich und ringelte seinen blauen Schwanz
zusammen, "als daß sie eben sprechen können."
"Das können Papageien auch."
"Dazu vermag ich nichts zu sagen, ich hab noch nie von Papageien gehört. Vielleicht sind es die
gleichen Vögel und heißen bei Ihnen bloß anders."
"Möglich", stimmte ich zu, obwohl ich sehr bezweifelte, daß es auf dem Planeten hier Papageien
gab. "Wo ist eigentlich die Heimat der Plapperschnäbel?"
"Das weiß ich nun wirklich nicht", erwiderte Krabakas vom Barakas. "Durchaus möglich, daß sie
auf dem Planeten der Großohrigen zu Hause sind. Ich hab mal gehört sie wären imstande, von
einem Stern zum andern zu fliegen, kehrten jedoch immer zu ihrem Heimatort zurück."
"Wir werden wohl keinen derartigen Vogel auftreiben", sagte ich zu Alissa, "laß uns gehn. Um so
mehr, als dein Indikator schon völlig ausgehungert ist."
Der Ball hörte meine Worte und färbte sich zum Zeichen der Zustimmung hellgrün.
Wir steuerten dem Ausgang zu, da hörte ich plötzlich Krabakas rufen - er hatte sich wie ein blauer
Tornado über die Käfige erhoben: "Hallo, Erdenmensch", rief er. "komm schnell her!"
Ich machte kehrt, und Krabakas, zu einem Knäuel zusammengerollt sagte: ,Sie wollten doch einen
Plapperschnabel sehn? Da haben Sie wirklich sagenhaftes Glück: Hinter meinen Käfigen verbirgt
sich ein Mann, der ein richtiges ausgewachsenes Exemplar bei sich hat."
Alissa stürzte, ohne noch weiter hinzuhören, zu den Käfigen, gefolgt vom Indikator, der vor
Ungeduld in allen Regenbogenfarben schillerte.
Hinter den Vogelkäfigen hatte sich ein Großohriger versteckt, die Lauscher ängstlich angelegt. Er
hielt einen großen weißen Vogel am Schwanz gepackt. Der Vogel besaß zwei Schnäbel und ein
goldenes Krönchen.
"Oh, Papa, erkennst du ihn?" fragte Alissa.
"Irgendwie vertraut kommt er mir schon vor."
"Vertraut", spöttelte Alissa. "Es ist der gleiche Vogel, der auf der Schulter des Ersten Kapitäns
sitzt. Du weißt schon, das Denkmal!"
Alissa hatte recht, ich erinnerte mich sofort. Natürlich, diesen und keinen anderen Vogel hatte der
Bildhauer modelliert.
"Verkaufen Sie den Plapperschnabel?" fragte ich den Großohrigen.
"Still doch!" zischte der Mann. "Oder wollen Sie mich und ihn zugrunde richten!"
"Nun greifen Sie schon zu", flüsterte Krabakas. "Ich würde ihn selber kaufen, wenn Sie ihn nicht
dringender brauchten. Vielleicht ist es der letzte seiner Art auf diesem Planeten."
"Aber warum tun alle so geheimnisvoll?" fragte ich.
,Ich weiß ja selbst nicht was los ist', erwiderte der Besitzer des Vogels. "Ich wohne weit entfernt
von der Stadt und bin nur selten hier. Der Vogel ist mir vor einigen Jahren zugeflogen. Er war
ausgehungert und verwundet. Ich hab ihn gesund gepflegt, und seither lebt er bei mir. Wie's
scheint, ist er in seinem Leben schon auf vielen Planeten gewesen, denn er kann mehrere
Sprachen. Vor einigen Tagen nun hatte ich geschäftlich in der Stadt zu tun und traf in der
Gaststätte einen alten Freund. Wir kamen ins Plaudern, und mein Bekannter erzählte mir, daß es
in der Stadt so gut wie keine Plapperschnäbel mehr gebe, jemand würde sie wegkaufen oder gar
töten. Ich erzählte ihm, daß ich selbst auch so einen Vogel besäße. Gib gut auf ihn acht, sagte da
mein Freund. In diesem Augenblick trat ein Erdenmensch an unseren Tisch und erklärte, er würde
das Tier gern erstehen . .
"Trug er einen Hut?" fragte Alissa unvermittelt.
"Ja", antwortete der Großohrige, "aber woher wissen Sie das?"
"War der Mann alt und dünn?"
"Aber ja."
,Also ist er's', stellte Alissa fest.
"Wer - er?" fragte Krabakas vom Barakas.
"Derselbe, der die Würmer verkauft hat."
"Natürlich, dieser Bösewicht, wer sonst?!" rief nun auch Krabakas.
"Augenblick, ich bin noch nicht fertig", unterbrach uns der Großohrige. "Ich lehnte es damals ab,
den Plapperschnabel, an dem ich sehr hänge, wegzugeben, und fuhr zurück nach Hause. Und
stellen Sie sich vor - in derselben Nacht hat jemand versucht, in meine Wohnung einzudringen, in
der folgenden Nacht wollte man Feuer bei mir legen. Doch der Vogel wachte auf und weckte mich.
Gestern dann entdeckte ich einen noch nicht fertiggestellten unterirdischen Tunnel zu meinem
Haus, und heute nacht warf jemand einen riesigen Stein in mein Schlafzimmer. Da begriff ich, daß
es mir an den Kragen geht wenn ich den Vogel behalte. Nehmen Sie ihn also, falls Sie keiine
Angst haben, doch für die Folgen kann ich nicht einstehen."
"Nehmen Sie ihn ruhig", riet Krabakas, "es ist ein seltenes und schönes Tier. Außerdem fliegen
Sie bald ab. Sie haben nichts zu befürchten."
"Wir kaufen ihn, ja, Papa?" bettelte Alissa und streckte schon die Hand nach dem Vogel aus.
Ich hatte mich noch nicht entschieden, da saß der Vogel bereits auf Alissas Schulter.
"Leb wohl, Freund", seufzte der Großohrige.
Ich bezahlte, und der Mann rannte schnurstracks davon, ohne erst nachzuzählen. .
"Geben Sie ihm Weißbrot zu essen", sagte Krabakas zum Abschied, "Und Milch. Auch
Hagebuttensaft hin und wieder kann nicht schaden." Mit diesen Worten rollte sich Krabakas erneut
zu einem blauen Knäuel zusammen und machte es sich auf einem Käfig mit Kanarienvögeln
bequem.
Wir begaben uns zum Ausgang. Voran schritt Alissa mit dem Plapperschnabel auf der Schulter. Zwar hatte das Tier noch kein einziges Wort von sich gegeben, doch das beunruhigte mich nicht weiter. Hinter Alissa trippelte der Indikator und wechselte nachdenklich die Farben. Danach folgte ich, an der Leine eine sehr seltene, arbeitsame, fast vernunftbegabte Höhlen-Weberspinne, die ich für wahnsinnig viel Geld erworben hatte. Die Spinne wehte einen hübschen Wollschal mit Karomuster, der schon so lang war, dass sein Ende über den Boden schleifte. Den Schluß bildete unser automatisches Geländemobil, voll beladen mit Käfigen und Aquarien: Keiner von uns hätte mehr Platz darin gefunden. Von allen Seiten drehten sich Sammler nach uns um und riefen in Dutzenden von Sprachen: "Seht mal dort, die haben einen Plapperschnabel!" "Da, ein Plapperschnabel!" "Na so was, ein richtiger Plapperschnabel!" Plötzlich neigte das Tier seinen Kopf und fing zu reden an. "Achtung. sagte es in reinstem Russisch. "Eine Landung auf diesem Planeten ist nicht möglich. Ich schwenke jetzt in die Umlaufbahn ein, und du, mein Lieber, vergiß nicht die Amortisatoren einzuschalten." Nach diesen Sätzen wechselte der Vogel übergangslos in eine unbekannte Sprache über und plapperte auf diese Weise etwa zwei Minuten lang.
"Na, das ist mir ein Papagei sagte Alissa.
Der Vogel verstummte, lauschte ihren Worten und wiederholte: "Na, das ist mir ein Papagei!", Und
dann, nach kurzem Überlegen in meinem Tonfall: "Aber warum tun alle so geheimnisvoll?" Und
nach einer weiteren Pause mit der Stimme seines früheren Besitzers: In derselben Nacht hat
jemand versucht, in meine Wohnung einzudringen. In der folgenden Nacht wollte man Feuer bei
mir legen."
"Alles klar, Alissa", sagte ich, "wir haben ausgesprochnes Glück gehabt. Das ist ein Supervogel.
Ein König unter den Papageien. Er merkt sich alles, was gesprochen wird, und das sofort."
Unterdessen begann der Vogel erneut in Russisch: "Hör zu, Zweiter, ich habe nichts, was ich dir
schenken könnte. Wenn du willst nimm meinen Plapperschnabel. Er wird dir unsere gemeinsamen
Fahrten in Erinnerung rufen, denn er speichert alles in seinem Gehirn, jedes einzelne Wort. Und
wie du ihnauf den jeweiligen Text programmieren mußt, weißt du ja."
"Danke, Erster", antwortete der Vogel sich selbst mit völlig veränderter Stimme. "Wir sehen uns ja
noch mal..."
Dann begann es in der Kehle des Vogels zu knattern und zu dröhnen, als würde in der Ferne ein
Raumschiff in den Himmel steigen.
"Verstehst du, was er sagt, Papa?" fragte Alissa.
"Ich glaub schon. Es scheinen die Stimmen der berühmten Kapitäne zu sein."
Wir gingen weiter, schlugen einen Bogen um die Abteilung der Briefmarkensammler, um mit
unserem ungewöhnlichen Gepäck nicht durch die Massen hindurch zu müssen. Unser dicker
Bekannter aus dem Hotel kam auf uns zugerannt. "Na, haben Sie gefunden, wonach Sie
suchten?" fragte er.
Ja", antwortete ich, "alles in Ordnung."
"Wir haben einen Plapperschnabel gekauft", sagte Alissa stolz. "Sie können sich nicht vorstellen,
was für interessante Dinge er zu berichten weiß."
In diesem Augenblick öffnete der Vogel erneut seine Schnäbel, schüttelte das Krönchen auf dem
Kopf und begann mit der Stimme des Ersten Kapitäns: "Du weißt sehr gut Zweiter, wie gern ich
wieder in den Kosmos möchte. Aber es hat alles seine Grenzen."
Der Dicke wandte sich zu Alissa um, erblickte den Vogel, und sein Gesicht sah plötzlich aus wie
ein flacher Eierkuchen. Die Augen aber wurden ganz weiß, sie lagen auf einmal tief in den Höhlen.
"Sie müssen mir den Vogel abtreten", sagte der Dicke.
"Weshalb?" fragte ich erstaunt.
"Es muß sein", der Dicke streckte die Hand nach dem Vogel aus.
Doch das Tier wich ihm aus und hackte ihm schmerzhaft in den Finger.
"Au!" rief der Dicke. "Elendes Mistvieh! Schon lange bin ich hinter dir her!"
"Nehmen Sie die Hand weg", sagte ich.
Der Dicke kam zur Besinnung. "Entschuldigen Sie, aber ich bin schon lange auf der Suche nach
so einem Plapperschnabel. Ich habe extra seinetwegen achtzig Lichtjahre Flug hinter mich
gebracht. Sie dürfen mir das nicht abschlagen! Ich zahle Ihnen jeden Preis."
"Ich brauche Ihr Geld nicht", sagte ich. "Bei uns auf der Erde ist das Geld im Grunde längst
abgeschafft. Wir führen nur welches bei uns, wenn wir in den Kosmos fliegen, an Orte, wo es noch
existiert."
"Ich gebe Ihnen für diesen Vogel alles, was Sie wollen! Von mir aus einen kompletten Zoo!"
,Nein", erwiderte ich entschieden. "Soweit ich das überblicke, gibt es so gut wie keine
Plapperschnäbel mehr. Bei uns im Tierpark wird er gut aufgehoben sein."
"Geben Sie ihn her", fauchte der Dicke böse, "sonst nehm ich ihn mir mit Gewalt."
"Das wagen Sie mal!"
Zwei Großohrigen-Polizisten gingen vorüber. Ich wollte sie schon zu Hilfe rufen, da war der Dicke
plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.
Wir setzten unseren Weg fort.
"Mit dem Plapperschnabel ist irgendein Geheimnis verknüpft Papa", sagte Alissa. "Gib ihn ja nicht
weg!"
"Keine Bange", beruhigte ich sie.
Wir gingen nun auf einer wenig belebten Straße; über eine nicht allzu hohe Mauer drang der Lärm vom Basar zu uns. Die Hotels von Palaputra waren bereits zu sehen, als wir plötzlich leise Schritte hinter uns vernahmen. Ich drehte mich hastig um und war baff vor Staunen. Doktor Werchowzew rannte die Straße entlang, hatte uns fast eingeholt. Sein Hut war seitlich verrutscht, der Anzug zerknittert, und er sah noch magerer aus als sonst. "Professor", keuchte er, "Ihnen droht schreckliche Gefahr. wie gut daß ich Sie noch einholen und warnen konnte!" "Was für eine Gefahr?" fragte ich. "Die Gefahr steckt in dem Vogel. Wenn Sie sich nicht augenblicklich von ihm trennen, ist Ihr Raumschiff zum Untergang verurteilt. Das steht absolut fest." "Hören Sie, Doktor", sagte ich wütend. "Ihr Verhalten ist mehr als merkwürdig. Schon auf dem Planeten der Drei Kapitäne benahmen Sie sich seltsam, als Sie angeblich nicht wußten, was das auf dem Denkmal für ein Vogel war. Dann sind Sie, wie man uns erzählte, hierher gekommen, um dem Planeten mit Hilfe der weißen Würmer sämtlichen Sauerstoff zu nehmen. Auch im Hotel haben Sie sich miserabel aufgeführt: Kochten Würstchen im Bett und machten die Roboter kaputt. Und nun verlangen Sie, daß wir Ihnen den Plapperschnabel geben ... Nein, unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie sich das mal gründlich durch den Kopf gehn. Danach besuchen Sie uns auf dem Schiff, und wir unterhalten uns in Ruhe." "Das werden Sie noch bereuen", sagte Werchowzew und steckte die Hand in die Jackentasche. Der Indikator wurde rot vor Schreck. Die Weberspinne wedelte mit dem noch unfertigen Schal vor Werchowzew herum. "Vorsicht, Papa, er hat eine Pistole!" rief Alissa. "Poloskow", sagte ich ins Mikrofon auf meiner Brust, "hier sind meine Koordinaten. Wir sind in Gefahr Und brauchen schnellstens Hilfe!" Bei diesen Worten erstarrte Werchowzew und begann zu überlegen. Zu unserem Glück erschien eine große Schar von SammIern auf der Straße, die einen widerspenstigen grünen Elefanten hinter sich herzerrten. Werchowzew setzte über einen Zaun und war verschwunden. "Ach, ist das alles nach meinem Geschmack!" rief Alissa begeistert aus. ,Das sind ja richtige Abenteuer!" "Mir dagegen schmecken solche Abenteuer, wenn ich ehrlich sein will, nicht besonders. Schließlich waren wir aufgebrochen, um Tiere für unseren Zoo zu erwerben und nicht, um uns mit Doktor Werchowzew zu schlagen." Drei Minuten später hing der Gleiter vom "Pegasus" über uns: Poloskow war uns zu Hilfe geeilt. Er flog langsam über unseren Köpfen dahin, bis wir, nunmehr ohne Hindernisse, das Raumschiff erreicht hatten. Kurs zum Sternbild der Medusa Nachdem wir alle Tiere in Käfigen untergebracht und gefüttert hatten, begab ich mich auf die Kommandobrücke. Ich schickte ein Telegramm mit folgendem Wortlaut zum Erkunderstützpunkt auf dem Kleinen Arktur: "Bitte überprüfen, wo sich Doktor Werchowzew aufhält. Habe den Verdacht, daß er nicht der ist, für den er sich ausgibt." Am Abend traf die Antwort vom Kleinen Arktur ein: "Können vorerst nichts Genaues über Doktor Werchowzews Verbleib sagen, auf dem Planeten der Drei Kapitäne befindet er sich jedenfalls nicht." "Daß er dort nicht ist, wissen wir selber", brummte Poloskow, "er ist ja hier." Wir hatten für den Plapperschnabel einen großen Käfig angefertigt und in der Gemeinschaftskajüte angebracht. Das Tier brabbelte den ganzen Tag über in den verschiedensten Sprachen, machte aber keinerlei Anstalten, einen der beiden Kapitäne nachzuahmen. Doch Poloskow glaubte Alissa und mir auch so. "Ich bin wie ihr der Meinung, daß dieser Vogel dem Ersten Kapitän gehörte", sagte er. "Beim Abschied hat er ihn dann dem Zweiten geschenkt." "Wäre es nicht möglich", fragte Alissa,
"daß Werchowzew nur deshalb Jagd auf alle Plapperschnäbel gemacht hat, weil er diesen einen
haben wollte?"
"Wozu gerade ihn?" entgegnete ich.
"Na, das ist doch klar. Wir wissen, daß der Zweite Kapitän verschollen ist ohne eine Spur zu
hinterlassen. Und auch, daß er einen Plapperschnabel besaß..."
"Natürlich", rief Seljony aus, "unsre Kleine hat recht! Der Kapitän ist verschollen, der Vogel aber
hier. Folglich weiß er, wo sich der Zweite aufhält. Und genau das will Werchowzew erfahren."
"Aber warum macht er daraus ein Geheimnis?" erwiderte ich. "Wir wären ihm doch mit Vergnügen
behilflich gewesen."
Es klopfte. Jemand wollte uns besuchen.
Ich ging zur Luke und öffnete. Vor mir stand der Dicke in dem schwarzen Lederanzug.
"Entschuldigen Sie die Störung", sagte der Dicke, "ich wollte mich für mein Benehmen auf dem
Basar entschuldigen. Ich war so versessen auf den Plapperschnabel, daß ich die Beherrschung
verlor." "Schon gut", antwortete ich, "wir nehmen's Ihnen nicht übel. Auf den Vogel allerdings
müssen Sie trotzdem verzichten."
"ja, gewiß", sagte der Dicke aufgeräumt "Sie sollten nur nicht schlecht von mir denken. Bitte tun
Sie mir die Freude und nehmen Sie das Geschenk hier an." Er hielt mir ein äußerst seltenes Tier
hin - eine Diamantenschildkröte von der Menata. Der Panzer dieser kleinen Schildkrötenart
bestand aus echten Diamanten und funkelte so, daß es den Augen weh tat.
"Nur keine Scheu", sagte der Dicke, "nehmen Sie sie ruhig. Ich habe drei von der Sorte."
Selbstverständlich hätte ich von einem so seltsamen Menschen kein Geschenk annehmen durfen,
ich hätte auf der Hut sein müssen. Doch kein Tierpark der Welt besaß eine Diamantenschildkröte!
Fünf Jahre hatten wir vergeblich Jagd auf sie gemacht, nun aber kam einer und schenkte sie uns.
"Hier", sagte der Dicke, "Sie werden doch nicht ablehnen. Auf Wiedersehen also, vielleicht
begegnen wir uns noch mal. Übrigens, man kennt mich auf hundert Planeten und nennt mich den
Fröhlichen U."
Mit diesen Worten trappte er polternd die Gangway hinunter und schlug hüpfenden Schritts die
Richtung zur Stadt Palaputra ein.
Es dunkelte bereits, beide Sonnen des Planeten gingen fast gleichzeitig unter, nur von zwei
verschiedenen Seiten des Horizonts aus. Deshalb flammten über dem Kosmodrom auch zwei
Abendröten zugleich auf, eine schöner als die andere. Und ich sagte mir, daß man nicht immer
schlecht von den Leuten denken dürfe. Dieser Dicke zum Beispiel war ein leidenschaftlicher
Zoologe, und doch hatte es ihm nicht leid getan, uns ein so seltenes Tier zu schenken.
Ich kehrte gehobener Stimmung in die Gemeinschaftskajüte zurück und führte meinen Freunden
die neue Errungenschaft vor. Die Schildkröte wanderte von Hand zu Hand; wir alle waren entzückt
von dem wundersamen Lichtspiel auf dem diamantenbestückten Panzer.
"Und wohin soll die Reise nun gehn?" fragte Poloskow nach dem Abendessen.
"Zu den Sklissen", sagte Alissa, "auf den Planeten Scheschinera."
"Einverstanden", stimmte ich zu, wir wollten sowieso dort vorbei."
In diesem Augenblick begann der Vogel, der bislang friedlich dagehockt und uns beim Teetrinken
zugeschaut hatte, erneut zu reden.
"Du willst also aufbrechen?" fragte er mit der Stimme des Ersten Kapitäns.
"ja", antwortete die Stimme des Zweiten, "ich werde ihm entgegenfliegen."
"In Ordnung, Zweiter, wenn's Schwierigkeiten gibt rufst du mich zu Hilfe."
"Wenn ich die Möglichkeit dazu habe."
"Oder du schickst den Plapperschnabel. Er wird mir alles erzählen. Ich weiß, wie ich ihn zum
Sprechen bringe. Du Mußt ihm nur die Einzelheiten eingeben."
"Na dann, bis bald."
"Bis bald."
Der Vogel verstummte.
"Nun, hast du's gehört Poloskow?" fragte Alissa.
"Natürlich hab ich's gehört, warum schreist du so", erwiderte Poloskow und begann
nachzudenken.
Der Vogel wiegte sein goldenes Krönchen - er schien zu überlegen, ob er weiterreden sollte od er
nicht. Plötzlich sagte er langsam und deutlich akzentuiert mit der Stimme des Zweiten Kapitäns:
"Halte Kurs zum Sternbild der Medusa."
Wir warteten, daß er noch etwas hinzufügen würde, doch er schloß die Augen und steckte den
Kopf unter den Flügel.
"Das heißt also, daß der Zweite Kapitän in Not geraten ist. und den Vogel nach Hilfe geschickt
hat", sagte Alissa. "Wie können wir ihn bloß dazu bringen, uns mehr zu erzählen?"
"Moment mal", schaltete ich mich ein, "wieso glaubt ihr das? Immerhin ist der Vogel nicht zur
Venus geflogen, wo der Erste Kapitän arbeitet sondern zu seinem Heimatplaneten zurückgekehrt.
Folglich hat ihn niemand geschickt. Der Zweite kann ja auch umgekommen sein. Da ist der
Plapperschnabel einfach nach Hause geflogen."
"Alles ist möglich", sagte Poloskow und erhob sich vom Tisch. Er verließ die Kajüte und kam nach
fünf Minuten wieder, eine Karte der Galaxis in der Hand. Er schob die Tassen beiseite, breitete sie
auf dem Tisch aus und zeigte mit dem Finger auf den äußersten Rand der Karte. "Hier befindet
sich, das Sternbild der Medusa", sagte er. Es ist noch völlig unerforscht und verfügt über eine
Reihe von Planeten. Ich schlage vor, hinzufliegen. Sollte der Kapitän noch am Leben sein, können
wir ihm helfen, sollte er aber tot sein, wissen wir wenigstens, wo es passiert ist."
"Er kann doch auch irgendwo unterwegs gestorben sein", entgegnete ich.
"Na, weißt du - ein erfahrener Kapitän und unterwegs umkommen!"
"Und wenn das Raumschiff explodiert ist?"
"Nur der Vogel ist am Leben geblieben, ja?"
"Passiert sein kann sonstwas." Ich verstummte. Schließlich und letzten Endes hatte unsere
Expedition festumrissene Aufgaben, und es war unbekannt, ob im Sternbild der Medusa
überhaupt irgendwelche Lebewesen existierten. Für den Hin- und Rückflug würde sämtliche Zeit
draufgehen, die uns zur Verfügung stand. Dabei besaßen wir keinerlei Anhaltspunkte außer den
paar Worten, die der Plapperschnabel von sich gegeben hatte. Und wenn nun der Kapitän zwar
dort gewesen, aber in einem ganz anderen Winkel der Galaxis ums Leben gekommen war? Ich
äußerte meine Bedenken. Doch je länger ich sprach, desto weniger glaubte ich selber daran.
Auch, merkte ich immer deutlicher, daß ich weder Poloskow noch Alissa zu überzeugen
vermochte.
,.,Also gut", sagte ich schließlich, "ein Versuch-kann nicht schaden. Aber zuerst fliegen wir zur
Scheschinera. Wir müssen herausfinden, was es mit den Sklissen auf sich hat."
"Kein Problem", erwiderte Poloskow und fuhr mit dem Finger auf der Karte entlang. "Das liegt
genau an der Strecke. Unterwegs können wir sogar noch auf anderen Planeten Station machen
und nach seltenen Tieren für unseren Zoo Ausschau halten."
"jetzt aber ins Bett", sagte ich. "Wir brechen morgen beizeiten auf. Sind alle Tiere versorgt?"
"Zu Befehl, Genosse Expeditionsleiter", sagte Alissa, der die Fütterung der Tiere oblag.
"Und wo ist die Diamantenschildkröte?"
"Sie war eben noch hier", antwortete Poloskow, "wo steckt sie bloß?"
Wir suchten eine geschlagene Stunde nach ihr, krochen in sämtliche Winkel des Raumschiffs und
fanden sie am Ende nur mit Hilfe des Indikators, der sie unmittelbar an der Ausstiegsluke
aufspürte.
"Sie wollte ausreißen", sagte der Mechaniker Seljony. "Aber ich hab euch ja gewarnt - auf diese
Schildkröte muß man aufpassen wie der Teufel."
Der Indikator nahm eine gelbe Färbung an.
Ich holte die Tafel über Farben und Empfindungen des Indikators hervor, die mir die zweiköpfige
Schlange übergeben hatte, und übersetzte: "Gelb bedeutet Mißtrauen."
"Du traust wohl der Schildkröte nicht?" fragte Seljony den Indikator. "Ich ebensowenig."
Der Indikator wurde so leuchtend gelb, daß selbst das Licht der Lampen verblaßte.
"Na schön", sagte ich, "dann sperren wir sie eben in einen Käfig."
Der Indikator behielt seine gelbe Färbung bei, nur daß jetzt schwarze Streifen über seinen Rücken
schwammen. Nach Auskunft der Tabelle bedeuteten schwarze Streifen auf gelbem Grund starke
Bedenken.
"Also gut", willigte ich ein. "Wenn du derart mißtrauisch bist sperren wir sie über Nacht in den
Safe."
Nun nahm der Indikator eine glückselige tiefgrüne Farbe an.
Eine traurige Erfindung Als sich der "Pegasus" dem Planeten Scheschinera näherte, hatten an Bord Frachtgut und
Geschenkpakete merklich abgenommen. Man konnte wieder durch die Korridore laufen, ohne auf
Schritt und Tritt über Säcke, Kisten und Container zu stolpern.
Wir hatten bereits ein Drittel der Galaxis hinter uns gebracht und Orte aufgesucht die nicht von
Linienschiffen der Erde angeflogen wurden.
Die Scheschinera lag abseits der großen Reiserouten. Ihre Tierwelt war nur spärlich entwickelt
noch vor dreihundert Jahren war der Planet kahl und unbewohnt gewesen. Doch dann kamen
Siedler vom Rosodor, schufen eine künstliche Atmosphäre, legten Gärten und Rasenflächen an.
Wir hätten keine Zeit auf eine Landung verschwendet, wäre uns nicht bereits auf dem Planeten
der Drei Kapitäne von Doktor Werchowzew erzählt worden, daß es hier eine Tierart mit der
Bezeichnung Skliss gab.
Der "Pegasus" landete in tiefer Nacht, unweit einer kleinen Stadt deren Lichter matt
herüberschimmerten. Wir gingen möglichst leise nieder, damit wir nicht die Einwohner weckten
und erschreckten: Auf diesem Planeten landeten nämlich selten Raumschiffe, und mancher
Scheschineraner hatte noch nie eins Zu Gesicht bekommen.
Das Geräusch der Triebwerke erstarb, Seljony kämmte seinen Bart und legte sich schlafen,
Poloskow blieb auf der Brücke, um Korrekturen in die veraltete Navigationskarte einzutragen,
Alissa schrieb einen Brief an die Großmutter, in der Hoffnung, ihn von der Scheschinera aus
abschicken zu können, ich aber begab