Lawrence Sanders
McNallys Glück
Inhaltsangabe 50.000 Dollar Lösegeld für eine entführte Katze? Für den steinreichen I...
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Lawrence Sanders
McNallys Glück
Inhaltsangabe 50.000 Dollar Lösegeld für eine entführte Katze? Für den steinreichen Immobilienhai Harry Willigan eine unbedeutende Summe, und für seine heißgeliebte Perserdame Peaches geradezu gar nichts. Archy McNally, der junge Privatdetektiv der Kanzlei McNally & Sohn beginnt diskret mit seinen Ermittlungen und stellt sehr bald fest, daß es um viel mehr geht, als um einen launischen Stubentiger. Als wenige Tage später die reiche Lydia Gillsworth, ebenfalls eine Klientin der McNallys, nach einer spirituellen Sitzung ermordet wird, muß McNally feststellen, daß ein Drohbrief an Lydia offensichtlich auf derselben Maschine getippt wurde wie der Erpresserbrief der Katzenentführer. Der Verdacht fällt auf Roderick, den exzentrischen Mann der Ermordeten, der ihr gesamtes Vermögen erbt. Aber auch ihn findet man wenige Tage später mit aufgeschnittenen Pulsadern in seiner Badewanne. McNally tappt im Dunkeln: Zwielichtige Gestalten wie das Medium Hertha Gloriana oder die Ehefrau Harry Willigans und deren Schwester stellen ihn vor schier unlösbare Rätsel. Da läuft ihm völlig unerwartet die entführte Peaches über den Weg, abgemagert zwar, aber höchst lebendig…
Genehmigte Ausgabe 2000 für Serges Medien GmbH, 50667 Köln © der Originalausgabe 1992 bei Lawrence A. Sanders Enterprises Inc. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›McNally's Luck‹ bei G.P. Putnam's Sons, New York. © der deutschsprachigen Ausgabe 1995 Wilhelm Goldmann Verlag GmbH Übersetzung: Hartmut Huff Titelfoto: PhotoDisc Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten www.serges.de Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
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ie Katze hieß Peaches. Es war eine fette Perserkatze, die widerwärtig veranlagt war. Ich weiß das genau, weil dieses elende Tier einmal sein Futter auf meine Schuhe erbrochen hat. Ich bin sicher, daß Peaches nicht unter Verdauungsstörungen litt. Ihr Gekotze war eindeutig ein feindseliger Akt. Aus irgendeinem lächerlichen Grund haßte die schlechtgelaunte Katze meine Fußbekleidung, die zufällig aus einem schicken Paar lavendelfarbener Schweinsledertreter bestand. Die waren natürlich hin. Als deshalb mein Vater erzählte, daß Peaches entführt worden sei und ein Lösegeld für sie verlangt wurde, war ich höchst erfreut und begann, an göttliche Gerechtigkeit zu glauben. Unglücklicherweise aber war der Besitzer der Katze ein Klient von McNally & Sohn, Rechtsanwalt (Vater war der Anwalt, ich war der Sohn), und von mir wurde erwartet, daß ich das ekelhafte Vieh unverletzt wiederbeschaffte. »Warum melden die das nicht der Polizei?« fragte ich. »Weil«, erklärte mein alter Herr, »in dem Erpresserbrief ganz deutlich steht, daß das Tier getötet werden wird, falls die Polizei ins Spiel gebracht wird. Sieh also zu, was du tun kannst, Archy.« Ich bin kein Anwalt, da ich in Yale von der juristischen Fakultät verwiesen wurde, sondern statt dessen einziger Mitarbeiter einer Abteilung von McNally & Sohn, die sich mit diskreten Ermittlungen befaßt. Dazu muß man wissen, daß wir einige sehr wohlhabende Einwohner der Stadt Palm Beach vertreten, und die Probleme un1
serer Klienten erfordern häufig private Ermittlungen statt Hilfe durch die Polizei. Die meisten Einwohner von Palm Beach scheuen das Licht der Öffentlichkeit, zumal dann, wenn dadurch bekannt würde, daß sie ebenso töricht und lasterhaft wie gewöhnlichere Zeitgenossen sind. Die Besitzer von Peaches waren Mr. und Mrs. Willigan, die ein Anwesen am Ocean Boulevard besaßen, etwa eine halbe Meile südlich vom Wohnhaus der McNallys entfernt. Willigan hatte ein Vermögen mit dem Kauf und der Erschließung von Bauland in Palm Beach und Umgebung gemacht. Er war auf den Bau von Häusern in der Preislage zwischen fünfzig- und hunderttausend Dollar spezialisiert. Über seine Bauweise hieß es, daß er die Gerüste erst abbauen ließ, wenn die Tapeten geklebt waren – aber das mochte eine üble Nachrede sein, die neidische Konkurrenten in die Welt gesetzt hatten. Mit dem Reichtum hatte sich das Luxusleben eingestellt: Landhaus, vier Automobile, eine Jacht, drei Diener als Personal und die weltgrößte Sammlung antiker Korkenzieher. Und der Zaster hatte ihm seine zweite Frau beschert, die vierzig Jahre jünger als er war. Die McNallys hatten gelegentlich in seinem Haus gegessen – schließlich war er ein Klient –, aber ich hielt ihn für einen primitiven Mann, der von protzigem Konsum begeistert war. Er schien zu glauben, daß das Auftischen von Belugakaviar auf Toastecken seine Überlegenheit gegenüber Nachbarn von altem Geldadel bewies, von denen viele Hering in Tomatensoße auf Salzkräckern zu servieren pflegten. Laverne, seine junge Frau, war nicht ganz so blöd. Aber sie stellte auf ihren Fingernägeln chartreusefarbenen Nagellack zur Schau. Willigan hatte von seiner ersten Frau Kinder, doch er und Laverne waren kinderlos und würden es wahrscheinlich auch bleiben, wenn man ihren häufigen öffentlichen Erklärungen zu diesem Thema Glauben schenken wollte. Sie hatten Peaches, und Harry überschüttete diesen verschrobenen Vierfüßler mit all jener Hingabe 2
und Nachsicht, die man normalerweise einem Einzelkind schenkt. Laverne tolerierte die Katze, nannte sie aber meines Wissens nie Schätzchen, wie es ihr Herrchen häufig tat. Ich verließ Vaters Büro im McNally-Gebäude und fuhr mit meinem feuerwehrroten Miata ostwärts Richtung Ozean. Kurze Zeit fühlte ich mich zutiefst gekränkt, weil meine einzigartigen Talente zur Rettung einer bösartigen Katze benutzt wurden, deren Abscheu mir gegenüber nur von meinem ihr gegenüber übertroffen wurde. Aber ich bin ein sonniger Bursche und neige dazu, überall nur das Positive zu sehen. So währte mein Grimm nicht lange. Dazu lief meine Romanze mit Consuela Garcia prächtig. Connie hatte keine beunruhigenden Anspielungen auf den heiligen Bund der Ehe gemacht – Auslöser für unsere vorangegangene Entfremdung –, und wir hatten einander geschworen, uns völlige Freiheit beim Verkehr mit anderen zuzubilligen. Ich war in Hochstimmung, weil sich der Tag absolut umwerfend gab: heiße Sonne, blanker Himmel, niedrige Luftfeuchtigkeit und eine frische Brise von der See, die so willkommen wie ein Kuß war. Ich fand, Gott hatte prächtige Arbeit geleistet, und ich dankte Ihm. Wie meine Mutter liebevoll zu sagen pflegt: Höflichkeit kann nie schaden. Das Landhaus der Willigans war eine unechte spanische Hazienda mit rotem Ziegeldach, freiliegenden Eichenbalken und einer Unmenge von Terracottatöpfen. Das Anwesen trug den Namen Casa Blanca, und wenn man auf den Messingknopf an der Eingangstür drückte, rechnete man damit, drinnen Kastagnetten klappern zu hören und daß ein mit Sombrero und Serpa bestückter Butler auftauchte. Tatsächlich aber läutete es, und der Butler, der die Tür öffnete, trug eine schwarze Alpakajacke zu weißer Segeltuchhose. Er war ein 3
Australier namens Leon Medallion. Als er für die Willigans zu arbeiten begann, mußte man ihn davon abhalten, alle Gäste mit ›Kumpel‹ anzureden. »Guten Morgen, Leon«, sagte ich. »Wie geht's Ihnen an diesem wundervollen Tag?« »Großartig, Mr. McNally«, sagte er. »Könnte nicht besser sein.« Das war ein Schock. Leon pflegte das menschliche Sein im allgemeinen und das Leben an der Gold Coast im besonderen äußerst düster zu betrachten. Mehr als einmal hatte ich ihn murmeln hören: »Florida ist zum Kotzen.« »Und was machen die Allergien?« fragte ich. Er schaute sich vorsichtig um. »Sie werden's nicht glauben«, flüsterte er heiser, »aber seit diese miese Katze weg ist, hab' ich nicht einmal geniest.« »Freut mich, das zu hören«, erwiderte ich, »aber es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß ich aus diesem Grund hier bin. Ich habe den Auftrag, Peaches zu finden.« Er stöhnte. »Bitte, Mr. McNally«, sagte er, »geben Sie sich nicht zu viel Mühe. Ich nehme an, Sie wollen die Dame des Hauses sprechen.« »Wenn sie da ist.« »Das ist sie, aber ich muß fragen, ob sie bereit ist, jemand zu empfangen.« Er ließ mich in dem gekachelten Foyer stehen und schlurfte davon. Nach wenigen Augenblicken kam er zurück. »Sie ist am Pool und möchte, daß Sie dorthin kommen«, berichtete er. »Sie sagte auch, ich soll Sie fragen, ob Sie einen Drink wollen.« Ich schaute auf meine Armbanduhr: fast halb zwölf. »Ja, Leon«, sagte ich. »Können Sie mir einen Daiquiri mixen?« »Sicher«, meinte er. »Mein Lieblingsgesöff. Reine Muttermilch.« Ich spazierte durch die lange Eingangshalle, die mit zahllosen Schwertern, Keulen, Hellebarden und einigen alten Musketen dekoriert war, deren Mündungen wie Trompetentrichter funkelten. Der 4
Gang führte zu einer geschlossenen Veranda, deren Hintertür sich zu einer Rasenfläche und dem Swimmingpool öffnete. Laverne Willigan saß neben einem Tisch unter einem Sonnenschirm auf dem Gras. Ihr Gesicht war von einem breitkrempigen Pflanzerhut beschattet. Der Bikini, den sie trug, mag zwar nicht der kleinste der Welt gewesen sein, aber für eine hungrige Motte wäre er eine ausgesprochen karge Mahlzeit gewesen. Sie hatte ihre sonnengebräunten Beine übereinandergeschlagen und wippte mit einem nackten Fuß im Takt der Musik, die aus einem Kofferradio dröhnte, das auf dem Tisch stand. Natürlich ein Rocksender. Sie hatte den Anstand, die Lautstärke herunterzudrehen, als ich näherkam, wofür ich dankbar war. Ich bin kein Liebhaber von Rockmusik. Ich bevorzuge vielmehr Klassiker wie ›I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate‹. »Hallo, Archy«, sagte Laverne fröhlich. »Holen Sie sich einen Sessel her. Haben Sie einen Drink bestellt?« »Ja«, erwiderte ich, wobei ich mich meiner pinkfarbenen, leinenen Golfmütze entledigte. Ich zog einen Regiestuhl heran und nahm ihr gegenüber Platz. »Sie sehen wirklich umwerfend aus. Tolle Bräune.« »Danke«, meinte sie. »Ich arbeite dran. Was muß ich noch tun?« Ich hoffte, daß sie darauf keine Antwort erwartete, wurde aber davor bewahrt zu entgegnen, weil Leon mit meinem Daiquiri in einem Brandyglas nahte, das problemlos eine Hyazinthenblüte gefaßt hätte. »Gütiger Himmel«, rief ich, »das muß ja ein Dreifacher sein.« »Nee«, antwortete Leon, »ist überwiegend Eis.« »Also wenn ich zu singen anfange, schicken Sie mich nach Hause. Trinken Sie nichts, Laverne?« »Sicher.« Sie hob ein Glas, das ebenso groß wie meines war, aus dem Gras neben ihrem Stuhl. »Bloody Mary, mit frischem Meerrettich zubereitet. Ich mag's gern scharf.« Sie sagte häufig derartige Dinge. Ich hatte den Eindruck, daß sie fortwährend Männer herausforderte, und wenn ein erwartungsvol5
ler Hengst glaubte, sie fahre auf ihn ab, würde sie nicht beleidigt sein. Aber ich bezweifelte, daß das je über einen intensiven Flirt hinausging. Sie hatte es zur Herrin von Casa Blanca gebracht, und ich hoffte, sie war klug genug, das zu wissen. Wir prosteten einander zu und tranken. Plötzlich registrierte ich eine Aktivität in dem Swimmingpool hinter mir und drehte mich um. Eine junge Frau in eng anliegendem schwarzen Badeanzug schlug mit fehlerlosem Kraulschlag Wellen. Braune Arme blitzten über ihrem Kopf, lange Beine bewegten sich aus den Hüften in perfektem Flattertritt, und ihr Kopf hob und senkte sich im Rhythmus mit dem Schlag ihrer Arme aus dem Wasser und wieder hinein. Ich schaute fasziniert zu, wie sie den Pool der Länge nach durchschwamm, dann eine Rollwende machte und den entgegengesetzten Weg begann. Es gab kaum Spritzer, und ihr Tempo war beeindruckend. »Wer ist denn das?« fragte ich. »Meine Schwester«, erwiderte Laverne. »Margaret Trumble. Wenn Sie wollen, können Sie sie Meg nennen, aber sagen Sie bloß nicht Maggie zu ihr, sonst ist sie imstande, Ihnen den Arm zu brechen. Sie ist sehr stark.« »Das sehe ich«, sagte ich. »Welch ein Delphin!« »Und sie joggt, hebt Gewichte, läuft Ski, steigt auf Berge. Sie bleibt bei uns, bis sie entschieden hat, was sie machen will. Im Augenblick unterrichtet sie Aerobic in Pennsylvanien, trägt sich aber mit dem Gedanken, nach Florida zu ziehen. Sie meint, hier geb's genügend Stinkreiche, so daß sie gut als persönliche Trainerin arbeiten könnte. Das liefe dann so, daß sie in die Häuser der Leute geht, sie lehrt, wie man trainiert, ihre Diätpläne aufstellt und individuelle Fitneßprogramme für sie entwickelt. Meg sagt, alle großen Film- und Fernsehstars haben private Trainer, und die ganz großen Firmenbosse auch. Sie glaubt, allein in Palm Springs könnte sie viele Kunden finden.« 6
»Wahrscheinlich könnte sie das«, sagte ich, während ich zuschaute, wie Miss Trumble durch das grünliche Wasser hin- und hersauste. »Sie scheint eine sehr disziplinierte, entschlossene junge Dame zu sein.« »Gar nicht so jung«, wandte Laverne ein. »Sie ist drei Jahre älter als ich.« »Für mich ist das dennoch jung«, meinte ich. »Aber ich wurde schon alt geboren. Jedenfalls muß es erfreulich sein, daß Sie Ihre Schwester zur Gesellschaft hier haben.« »Ja.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Drink, nahm plötzlich ihren Strohhut ab und warf ihn auf das Gras. Sie schüttelte ein paarmal den Kopf, so daß ihr langes blondes Haar frei fiel. Es war nicht chemisch gebleicht, sondern leicht gefärbt, mit einem Hauch von Rot. Ich fand es ausgesprochen attraktiv. Ihr von diesem Winzigbikini kaum verhüllter Körper war etwas anders. Es wäre nicht sehr fein gewesen, ihn als vulgär zu bezeichnen, aber es war etwas Übertriebenes an ihrem Fleisch. Es war einfach zu viel davon. »Sagen Sie, Archy«, fragte sie, wobei sie die Augen schloß, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, »glauben Sie, Sie werden Peaches zurückbekommen?« »Ich werde es versuchen. Könnten Sie mir den Erpresserbrief zeigen, den Sie erhalten haben?« »Harry hat ihn. Er bewahrt ihn im Bürosafe auf. Im Lager.« Das war wahrscheinlich korrekt, da ich wußte, daß sie ein Jahr als Empfangsdame in Harry Willigans Büro gearbeitet hatte. Dann, nachdem sie entdeckt hatte, daß der Sohn des Bosses glücklich verheiratet war, Kinder hatte und in Denver lebte, hatte sie das Zweitbeste getan: Sie hatte den Boß geheiratet. »In Ordnung«, erwiderte ich, »ich werde ihn später besuchen. Wieviel verlangen die Katznapper?« Sie öffnete die Augen und starrte mich an. »Fünfzigtausend.« 7
»Das ist eine Menge Geld für eine Katze.« »Harry wird es bezahlen, wenn er muß. Manchmal glaube ich, er liebt dieses dumme Tier mehr als mich.« »Das bezweifle ich«, widersprach ich, war mir dessen aber keineswegs sicher. »Wann ist Peaches verschwunden?« »Letzten Mittwoch. Harry war im Büro, ich war im Schönheitssalon, und Ruby Jackson – das ist unsere Haushälterin und Köchin – hatte ihren freien Tag. So waren nur Leon und Julie Blessington hier. Sie ist das Dienstmädchen.« »Wo war Ihre Schwester?« »In die Stadt gefahren, um nach einer Wohnung zu suchen. Sie will eine eigene. Jedenfalls war es gegen ein Uhr mittags, als Leon und Julie feststellten, daß Peaches verschwunden war. Sie suchten überall nach ihr, konnten sie aber nicht finden.« »Vielleicht ist sie einfach herumgestromert oder jagt Mäuse und Eidechsen.« Laverne schüttelte den Kopf. »Peaches ist eine Hauskatze. Wir lassen sie nie hinaus, weil ihr die Krallen gezogen worden sind und sie sich nicht verteidigen kann. Manchmal ging sie auf die Veranda, um frische Luft zu schnappen oder auf den Fliesen zu schlafen, aber sie ging nie hinaus. Die hintere Verandatür wird immer geschlossen gehalten.« »Verschlossen?« »Nein. Aber nachts wird die Tür, die vom Korridor zur Veranda führt, verschlossen, verriegelt und zugekettet. Wenn also jemand nachts in die Veranda eindringt, was sollte er stehlen – Aluminiummöbel?« »Aber tagsüber, wenn Peaches auf der Veranda war und sich niemand in der Nähe aufhielt, hätte jeder reinmarschieren, sie in einen Sack stecken und wegschleppen können?« »So ungefähr. Harry hat eine Stinkwut. Er schrie Leon und Julie wie ein Wahnsinniger an, aber es war wirklich nicht ihre Schuld. Sie 8
konnten diese verdammte Katze ja nicht jede Minute im Auge behalten. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, daß sie gekidnappt werden würde?« »Gekatznappt«, sagte ich. »Leon und Julie sind sicher, daß die Außentür der Veranda geschlossen war?« »Sie schwören, daß es so war.« »Keine Löcher in der Wand, durch die Peaches hätte schlüpfen können?« »Nein. Schauen Sie ruhig selbst nach.« »Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Wann traf der Erpresserbrief ein?« »Donnerstagmorgen. Leon fand ihn unter der Vordertür.« »Ich schaue ihn mir in Harrys Büro an, aber Sie können mir erzählen, was drinsteht.« Sie nahm ihren Strohhut vom Gras auf, stülpte ihn sich auf den Kopf und bog ihn vorne tief herunter, um ihre Augen zu beschatten. Sie wand sich, um eine bequemere Position auf ihrem Tuchsessel zu finden. Sie atmete tief ein und streckte sich, wobei sie ihren Rücken durchbog. Ich wünschte, sie hätte das nicht getan. »In dem Brief stand, sie hätten Peaches entführt und würden sie kerngesund gegen fünfzigtausend Dollar zurückgeben. Falls wir zur Polizei gingen, würden sie das erfahren, und wir würden Peaches lebend nie wiedersehen.« »Hat man auch mitgeteilt, wie die Zahlung geleistet werden soll?« »Nein, sie schrieben, wir würden wieder von ihnen hören.« »Sie reden dauernd im Plural. Stand in dem Brief wirklich: ›Wir haben die Katze, und Sie werden von uns hören‹?« »Genau das stand drin.« »Hat der Brief in einem Umschlag gesteckt?« »Ja. In einem einfachen weißen Umschlag.« »War er mit der Maschine oder mit der Hand geschrieben?« »Ich habe gemeint, er sei maschinengeschrieben, aber Harry hat 9
gesagt, er sei auf einem Computer getippt.« »Das ist interessant. Bekommt Peaches was Besonderes zu fressen?« »Sie frißt, was Menschen essen, wie sautierte Hühnerleber und pochierten Lachs.« »Glückliche Peaches! Na ja, im Augenblick fallen mir keine weiteren Fragen ein.« »Was werden Sie jetzt tun, Archy?« »Wahrscheinlich in Harrys Büro gehen und mal einen Blick auf diesen Erpresserbrief werfen. Er könnte –« Ich hörte auf zu sprechen und stand auf, weil ich bemerkte, daß sich Margaret Trumble vom Pool näherte. Sie trocknete ihr Haar mit einem Handtuch ab. Viel abzutrocknen gab's da nicht. Ihr Haar war blonder als das ihrer Schwester, fast silbern, und ganz kurzgeschnitten. Sie hatte ausgeprägte Wangenknochen und ein Kinn, das energisch war, ohne aggressiv zu wirken. Laverne machte uns miteinander bekannt und pries mich als ›einen meiner liebsten Freunde‹ – was völlig neu für mich war. Meg Trumbles Händedruck war fest, aber kurz. Mit kühlem Nicken gab sie ihrer Zustimmung zu meiner Anwesenheit Ausdruck – offensichtlich war das eine ungemeine Freude für sie – und begann, sich ihre nackten Arme und Beine abzutrocknen. »Wie gefällt Ihnen Südflorida, Miss Trumble?« erkundigte ich mich höflich. Sie hielt inne, um den azurblauen Himmel, den grünen Rasen, die Palmen und eine üppige Poinciana zu betrachten. »Im Augenblick ist es wunderschön.« Ihre Stimme war tief und volltönend, völlig anders als Lavernes mädchenhaftes Gepiepse. »Sie sind eine exzellente Schwimmerin«, erklärte ich. »Machen Sie bei Wettkämpfen mit?« »Nein. Damit ist kein Geld zu verdienen. Schwimmen Sie?« 10
»Man könnte das eher als Wälzen bezeichnen«, gestand ich. Sie nickte wieder, als ob Wälzen bei einem Burschen zu erwarten sei, der eine pinkfarbene, leinene Golfmütze, ein Polohemd im Krickentenchange und eine Madrashose trug. »Laverne«, sagte sie, »ich würde gerne heute nachmittag den Porsche nehmen. Kann Leon mich fahren?« Ihre Schwester schmollte. »Ich möchte, daß Leon mit dem Silberputzen beginnt. Es ist so angelaufen.« Sie wandte sich an mich. »Archy, der Porsche ist in der Werkstatt in West Palm zur Inspektion. Man hat angerufen, daß er fertig sei. Könnten Sie Meg hinfahren?« »Natürlich. Es ist mir ein Vergnügen.« »Sie sind ein guter Junge. Meg, Archy wird dich zur Werkstatt fahren, und du kannst den Porsche den ganzen Nachmittag benutzen. Wie findest du das?« »Gut«, meinte Meg Trumble, die mir gegenüber keine Dankbarkeit zum Ausdruck brachte. »Ich ziehe mich an. Es dauert nicht lange, Mr. McNally.« »Hört mal, ihr beiden«, sagte Laverne. »Genug mit diesem ›Miss Trumble‹ und ›Mr. McNally‹. Seid nett. Sagt Meg und Archy. Okay?« »Ein ausgezeichneter Vorschlag«, erwiderte ich. Die Schwester schenkte mir ein frostiges Lächeln und begab sich zum Haus. »Seien Sie nicht böse auf sie«, riet Laverne mir. »Sie verarbeitet gerade eine große Liebesaffäre, die geplatzt ist.« »Ach? Was ist passiert?« »Es hat sich herausgestellt, daß der Kerl verheiratet ist. Gehen Sie vorsichtig mit ihr um, Archy.« »So behandle ich Frauen, die Gewichte stemmen, immer«, sagte ich. »Danke für den Drink, Laverne. Rufen Sie mich bitte in meinem Büro oder zu Hause an, wenn Sie etwas von den Katznappern 11
hören. Und ich werde Sie informieren, wenn ich etwas über Peaches erfahre.« »Das ist mir ziemlich egal. Aber wenn Harry sich unglücklich fühlt, sorgt er dafür, daß auch andere nichts zu lachen haben, wenn Sie wissen, was ich meine. Also finden Sie diese lausige Katze.« Ich verabschiedete mich von ihr und stand neben dem Miata, wobei ich meine erste English Oval des Tages rauchte, als Meg Trumble aus dem Haus kam. Sie trug ein enganliegendes safrangelbes Leinenkleid, und ich sah wieder, wie schlank und muskulös sie war. Die nackten Arme und Beine waren leicht gebräunt, und sie hatte die Haltung einer attraktiven Herzogin. Ich schenkte ihr das Hundert-Watt-Lächeln, das ich als Supercharmer zu bezeichnen pflege. Mein Jumbocharmer kommt auf hundertfünfzig Watt, aber ich wollte sie nicht entnerven. »Sie sehen absolut wundervoll aus«, sagte ich. »Ich würde es begrüßen, wenn Sie nicht rauchten«, entgegnete sie. Ich hätte eine beißend-witzige Retourkutsche ablassen und diese arrogante Frau mit einem Blick vernichten können, verlor aber die berühmte McNally-Gelassenheit nicht. »Natürlich«, sagte ich, schnippte meinen Glimmstengel auf eine Zwergpalme und überlegte, warum ich mich bereit erklärt hatte, Miss Kaktus zu chauffieren. Wir fuhren auf dem Ocean Boulevard nordwärts, und als wir an dem NcNally-Heim vorbeikamen, richtete ich meinen Daumen darauf. »Meine Hütte.« Sie wandte den Kopf. »Groß.« »Ich wohne bei meinen Eltern«, erklärte ich. »Wir haben Platz genug für meine Schwester und ihre Sippe, wenn sie zu Besuch kommen. Laverne hat mir erzählt, daß Sie sich mit dem Gedanken tragen, hierher zu ziehen.« »Möglich«, meinte sie. Und darin erschöpfte sich unsere Unterhaltung. Gewöhnlich bin 12
ich ein gesprächiger Bursche und genieße das Geben und Nehmen einer lebhaften Konversation. Aber Meg Trumble schien in unkommunikativer Stimmung zu sein. Vielleicht glaubte sie, stille Wasser seien tief. Pah! Stille Wasser sind dumm. Dann waren wir in West Palm Beach und näherten uns unserem Ziel. Sie starrte geradeaus, als sie plötzlich sagte: »Tut mir leid.« Das war fürwahr ein Schock! Nicht nur, daß sie einen aus drei Worten bestehenden Satz von sich gab, sondern sie entschuldigte sich tatsächlich. Das Eismädchen hatte zu schmelzen begonnen. »Was tut Ihnen leid?« fragte ich. »Ich bin in so mieser Stimmung. Aber es gibt keinen Grund, das an Ihnen auszulassen. Bitte, verzeihen Sie mir.« Hätte ich das mit einem vergebenden Nicken akzeptiert und nichts weiter gesagt, hätte ich mir und vielen anderen Leuten eine Menge Ärger erspart. Aber ihr plötzliches Auftauen machte mich neugierig. »Hören Sie, Meg«, sagte ich, »eigentlich hatte ich vor, eine Kleinigkeit zu essen und dann in mein Büro zurückzukehren, wenn ich Sie abgesetzt habe. Aber warum essen Sie nicht zuerst mit mir und ich fahre Sie dann zur Werkstatt?« Sie zögerte, aber nicht lange. »In Ordnung.« Wir fuhren zum Pelican Club. Das ist vornehmlich eine Einrichtung zum Essen und Trinken. Ich war eines der Gründungsmitglieder. Die Drinks sind beachtlich, und das Essen ist schmackhaft und vollgepfropft mit Kalorien und Cholesterin. Der Laden war gerammelt voll, und ich winkte mehreren Freunden und Bekannten zu. Sie musterten Meg ausgiebig, die Männer ihre Beine, die Frauen ihre Frisur. Das ist der Lauf der Welt. Ich stellte sie Simon Pettibone vor, einem Farbigen, der in Personalunion Clubmanager und Barkeeper war. Seine Frau Jas (für Jasmine) war Wirtschafterin und Mutter der Höhle. Sein Sohn, Leroy, war unser Koch, und Tochter Priscilla arbeitete als Kellnerin. Diese talentierte Familie war der Hauptgrund für unseren Erfolg. 13
Wir hatten eine Warteliste von Alleinstehenden und verheirateten Paaren, die versessen darauf waren, Vollmitglieder zu werden. Priscilla führte uns zu einem Tisch im hinteren Teil des Restaurants. »Ich mag Ihr Haar«, sagte sie. »Danke«, erwiderte ich. »Ich meine nicht Sie, Dummchen«, gab Priscilla lachend zurück. »Ich rede mit der Dame. Vielleicht lass' ich mir auch so eine Frisur machen. Wollen die Herrschaften Hamburger?« »Meg?« fragte ich. »Könnte ich etwas Leichteres haben? Einen Salat vielleicht?« »Sicher doch, Süße«, sagte Priscilla. »Shrimps oder Sardinen?« »Shrimps, bitte.« »Archy?« »Hamburger mit einer Scheibe Zwiebel. Pommes Frites.« »Drinks?« »Meg?« »Haben Sie Diät-Cola?« »Bei Ihrer Figur?« rief Priscilla. »Sie sollten ein Stout trinken. Ja, wir haben kalfrei. Archy?« »Einen eiskalten Daiquiri, bitte.« »Oho, jetzt weiß ich, daß es Sommer ist.« Sie ging mit unserer Bestellung. Meg schaute sich im Restaurant um. »Komisches Lokal«, stellte sie fest. »Wirkt in gewisser Hinsicht etwas baufällig«, gab ich zu. »Wieso essen Sie keine Hamburger? Sind Sie Vegetarierin?« »Nein, aber ich esse kein rohes Fleisch.« »Wie steht's mit Alkohol?« »Nein.« »Dann müssen Sie ein heimliches Laster haben«, sagte ich leichthin. »Sammeln Sie Keksdosen oder Plastiktüten?« Sie begann plötzlich zu weinen. Es war eines der erstaunlichsten 14
Dinge, die ich je gesehen habe. Den einen Augenblick saß sie völlig gefaßt da, und im nächsten Moment strömten Tränen über ihre Wangen, eine perfekte Flut. Dann verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Ich kann mit weinenden Frauen nicht umgehen. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Ich saß hilflos da, während sie leise schluchzte. Priscilla brachte unsere Drinks, starrte erst Meg an und funkelte dann mich wütend an. Ich weiß, daß sie glaubte, ich sei die Ursache der Flut. Sie glaubte, daß Herzenbrechen mein Hobby sei. Das ist natürlich lächerlich. Ich mag ein Schürzenjäger sein, aber wenn es etwas gibt, das ich von meinem Großvater geerbt habe (er war Varietekomiker), dann das unbeugsame Gebot: »Laß sie immer lachend zurück, wenn du Lebewohl sagst.« »Meg«, meldete ich mich verlegen, »habe ich etwas Falsches gesagt?« Sie schüttelte den Kopf und betupfte ihr Gesicht mit einer Papierserviette. »Es tut mir leid«, sagte sie heiser. »Es war dumm von mir.« »Was war's?« fragte ich. »Eine böse Erinnerung?« Sie nickte und versuchte ein Lächeln. Der Versuch war lobenswert, aber er klappte nicht. »Wollen Sie darüber reden?« fragte ich. »Es ist so banal. Sie würden lachen.« »Ich lache nicht. Ich verspreche es.« Priscilla brachte unser Essen, warf Meg einen kurzen Blick zu, warf mir einen finsteren Blick zu und verließ uns wieder. Während wir aßen, erzählte Meg mir die Geschichte ihrer zerbrochenen Romanze. Sie hatte recht gehabt: Es war banal. Es war eine Starkstromaffäre mit einem gut aussehenden Schurken aus einer Nachbarstadt gewesen. Er hatte unsterbliche Liebe geschworen und ihr die Ehe versprochen. Aber er schob das Datum immer wieder hinaus: Er wollte erst sein Bankkonto aufstocken, sei15
ne Mutter war krank, sein Betrieb mußte reorganisiert werden usw. Fast zwei Jahre kam er mit Ausflüchten. Dann brachte eine Freundin Meg eine Zeitung aus der Heimatstadt ihres Liebhabers mit. Er hatte in der Staatslotterie ein beachtliches Sümmchen gewonnen. Das Foto auf der Titelseite zeigte, wie er in die Kamera grinste, den Arm um die Taille einer Frau geschlungen, die der Bildunterschrift zufolge seine Frau war. Das war's. »Ich war eine Närrin«, sagte Meg kläglich. »Ich mache ihm nicht so viel Vorwürfe wie mir – weil ich so eine Idiotin war. Ich glaube, das schmerzt am meisten, daß ich mich so leicht habe übertölpeln lassen.« »Haben Sie die Beziehung genossen?« fragte ich. Sie spielte einen Moment mit ihrem Salat, hielt den Kopf gesenkt. »O ja«, meinte sie schließlich. »Das habe ich. Ich habe ihn wirklich gemocht, und wir haben eine wundervolle Zeit zusammen verbracht. Ich bedaure nichts.« »Also bringt Sie eigentlich Ihr lädiertes Ego zum Weinen.« Sie seufzte. »Ich glaube, ich habe immer eine hohe Meinung von meiner Intelligenz gehabt. Eine zu hohe. Ich weiß es jetzt besser.« »Unsinn«, sagte ich. »Mit Intelligenz hat das überhaupt nichts zu tun. Ihre Gefühle waren einbezogen, und Sie waren zu offen, zu vertrauensvoll, und deshalb waren Sie verwundbar und wurden verletzt. Aber möchten Sie lieber eine verkrustete Zynikerin sein, die die Möglichkeit leugnet, daß Hoffnungen wahr werden können?« »Nein, so möchte ich nicht sein.« »Meg, wenn man vom Pferd abgeworfen wird, soll man schnellstens wieder aufsteigen und weiterreiten, lautet eine alte Weisheit.« »Ich glaube nicht, daß ich dazu bereit bin.« »Sie werden es sein«, versicherte ich ihr. »Sie sind zu jung, zu gesund und zu attraktiv, um liegen zu bleiben.« Wir beendeten schweigend unsere Mahlzeit. Es war schön zu be16
merken, daß sie trotz ihrer Sorge einen guten Appetit hatte: Sie leerte die wirklich gewaltige Salatschüssel. »Archy, sind Sie wirklich einer von Lavernes liebsten Freunden?« fragte sie mich, als sie fertig war. »Nicht ganz. Ihre Schwester hat einen Hang zur Übertreibung.« »Sie meinen, sie lügt?« »Natürlich nicht. Sie übertreibt nur zuweilen, um das Leben ein bißchen würziger zu machen. Das ist nichts Schlechtes. Nein, meine Beziehung zu Ihrer Schwester und Ihrem Schwager ist mehr beruflicher als privater Art.« Ich reichte ihr meine Visitenkarte und erklärte ihr, daß ich von McNally & Sohn beauftragt sei, die vermißte Katze aufzuspüren – der Grund für meinen Besuch in der Casa Blanca. Ich fragte Meg, wann sie Peaches zuletzt gesehen habe, und sie bestätigte, was Laverne mir erzählt hatte: An dem Tag, an dem die Katze verschwunden war, war sie auf Wohnungssuche gewesen. »Meg, glauben Sie, daß jemand vom Personal bei diesem Katznapping seine Hand im Spiel haben könnte?« »Das weiß ich wirklich nicht. Keiner von denen mochte Peaches. Und ich mochte sie auch nicht.« »Freut mich, das zu hören.« Ich erzählte ihr die Geschichte, wie dieses Untier sich auf meine lavendelfarbenen Schweinslederschuhe erbrochen hatte. Sie lachte und beugte sich vor, um eine Hand leicht auf meinen Arm zu legen. »Danke, daß Sie mich zum Lachen gebracht haben, Archy. Ich fürchtete schon, vergessen zu haben, wie das geht.« »Lachen ist die beste Medizin«, dozierte ich. »Sogar besser als Hühnerbrühe. Sie müssen mir versprechen, daß Sie wenigstens einmal täglich herzhaft lachen, vorzugsweise kurz vorm Schlafengehen.« »Ich werd's versuchen, Herr Doktor«, schwor sie. Zum Kaffee sagte sie ebenfalls nein. Dessert wollten wir beide nicht, und so unterschrieb ich die Rechnung, und wir gingen zu 17
dem Miata. Ich fuhr Meg zur Werkstatt, und kurz bevor sie aus dem Wagen stieg, bedankte sie sich fürs Essen. »Und dafür, daß Sie so einfühlsam zugehört haben«, setzte sie hinzu. »Ich fühle mich besser. Ich hoffe, ich sehe Sie wieder.« »Das werden Sie in der Tat.« Damit meinte ich, daß ich bei meiner Suche nach Peaches wahrscheinlich in der Casa Blanca herumschnüffeln würde. Sie aber schaute mir aufmerksam in die Augen und wiederholte: »Ich möchte Sie wiedersehen«, und dann ging sie davon. Eine Mißdeutung war unmöglich. Es schien offensichtlich, daß Meg Trumble bereit war, wieder ein Pferd zu reiten, und ich war der auserkorene Gaul. Ich wußte nicht, ob ich mich geehrt fühlen oder mißtrauisch sein sollte, erfreut oder erschreckt. Aber ich war sicher, daß ich nicht klug handeln würde. Wie bei den meisten Männern ist mein Leben oftmals ein Wettkampf zwischen Hirn und Drüsen. Ich fuhr auf dem Royal Palm Way zum McNally-Gebäude zurück, parkte in unserer Tiefgarage und winkte Herb zu, unserem Wachmann. Ich nahm den Aufzug nach oben, zu meinem winzigen Büro, und siehe da! Auf meinem Schreibtisch lag eine Telefonnotiz. Ich wurde gebeten, Consuela Garcia schnellstmöglich anzurufen. Das tat ich. »Hallo, Connie«, sagte ich. »Was gibt's?« »Wer war diese Kahle, mit der du im ›Pelican‹ zu Mittag gegessen hast?« wollte sie wissen.
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ch verbrachte mindestens fünfzehn Minuten mit dem Versuch, Connie zu beschwichtigen. Ich erklärte ihr, daß der Mittagsimbiß rein geschäftlich gewesen sei, Teil einer Ermittlung in einem Fall von Katznapping. Ich sagte, daß Margaret Trumble, Schwester von Mrs. Laverne Willigan, wertvolle Aussagen zu bieten gehabt habe und daß ich sie fern vom Tatort habe befragen müssen. »Wohnt sie bei den Willigans?« fragte Connie. »Sie ist da zu Besuch.« »Für wie lange?« »Ich habe keine Ahnung.« »Wirst du sie wiedersehen?« »Wenn meine Ermittlungen das erforderlich machen. Connie, ich bin schockiert – wirklich schockiert! – ob deines mißtrauischen Tones. Ich habe Meg erst heute morgen kennengelernt und –« »Oho«, meinte sie bitter. »Es heißt also schon Meg, nicht wahr?« »Heiliger Strohsack!« platzte ich heraus. »Laverne bestand darauf, daß ich ihre Schwester mit Meg anrede, und ich bin dem aus Höflichkeit nachgekommen. Connie, dieses Verhalten ist deiner unwürdig. Was ist eigentlich aus unserer Entscheidung geworden, eine offene Beziehung zu führen? Wir haben beide die Freiheit, uns zu treffen, mit wem wir wollen.« »Du wirst sie also wiedersehen?« »Nur, wenn es geschäftlich erforderlich ist.« »Mach bloß keine krummen Touren, Sportsfreund«, sagte sie düster. »Hüte dich. Meine Spione sind überall.« Und sie legte auf. Ich nahm ihre Warnung von wegen der ›Spione‹ keineswegs auf die leichte Schulter. Consuela Garcia war Sekretärin von Lady Cyn19
thia Horowitz, einer unserer reichsten und gesellschaftlich attraktivsten Matriarchinen. Connie kannte jeden in Palm Beach, den man kennen mußte, und viele, bei denen es sich eigentlich erübrigte. Ich hatte keinen Zweifel, daß sie imstande war, genau Buch über mein Tun und Lassen zu führen. Schließlich ist Palm Beach eine Kleinstadt, besonders außerhalb der Saison. Es war eine heikle Situation, aber es gab ja immer mehrere Möglichkeiten, einer Katze das Fell über die Ohren zu ziehen. Und dabei fiel mir ein, daß ich ja die vermißte Peaches zu suchen hatte. Ich hoffte nur, daß die Katznapper sich dieser Möglichkeit auch bewußt waren. Ich rief Harry Willigans Büro an. Eine Männerstimme meldete sich. Daß ein Empfangsherr eingestellt worden war, war wohl Lavernes Werk. Nachdem sie den Boss geheiratet hatte, wollte sie das Büro ihrer besseren Hälfte von weiteren Versuchungen frei wissen. Kluge Dame! Harry stand in dem Ruf, ein Opfer von Satyriasis zu sein. Ich sagte, wer ich sei, und bat schnellstmöglich um einen Termin für ein persönliches Gespräch mit Mr. Willigan. Der Empfangsherr war wenige Augenblicke weg und kam dann wieder ans Telefon, um zu sagen, daß mir eine Audienz von nicht mehr als einer halben Stunde gewährt werden würde, wenn ich sofort käme. Ich unterdrückte den Impuls zu schreien: »Mann, ist das stark!«, weil mir klar war, daß Sarkasmus mich nicht weiterbringen würde. Also sagte ich: »Ich bin schon unterwegs.« Willigans Büro war nur einen Block vom McNally-Gebäude entfernt. Zehn Minuten später saß ich vor dem unordentlichen Schreibtisch des Magnaten und versuchte angestrengt, meinen Ekel vor einem Mann zu verbergen, der offensichtlich glaubte, ein seidenes Cowboyhemd mit Boloschleife, ein Silberkettchen mit Namensschild und ein fünfkarätiger Ludenring seien Beweis für Persönlichkeit und Vornehmheit. 20
Er war wie ein Mahagonistumpf gebaut. Ich stellte mir vor, daß er als junger Mann ganz gut ausgesehen haben mochte, doch ein Leben voller Whisky und Rinderhochrippe hatte seinen Tribut gefordert, und jetzt war sein Gesicht eine zerknitterte Straßenkarte geplatzter Kapillaren. Die Nase hatte Farbe und Form einer großen Pflaume. »Was unternehmen Sie wegen Peaches?« schrie er mich an. Ich erklärte ruhig, daß ich kaum mit den Ermittlungen begonnen hätte, doch bereits bei ihm zu Hause gewesen sei und alle Einzelheiten über das Katznapping von seiner Frau habe. Ich beabsichtigte, wieder dorthin zu fahren, um das Personal zu befragen und das Anwesen gründlicher zu durchsuchen. »Keine Bullen!« brüllte er. »Diese Bastarde drohen, Peaches zu töten, wenn ich mich an die Bullen wende!« Ich versicherte ihm, daß ich die Polizei nicht informieren würde, und bat ihn, den Erpresserbrief sehen zu dürfen. Er hatte ihn kurz vor meiner Ankunft aus dem Safe genommen und warf ihn mir über den Schreibtisch zu. Ich fragte, wieviel Personen ihn in der Hand gehabt hätten. Die Antwort: Er, Laverne, sein Empfangsherr, Leon Medallion und vielleicht die anderen Bediensteten der Casa Blanca. Das schloß so ungefähr jede Möglichkeit aus, von diesem Brief irgendwelche brauchbaren Fingerabdrücke zu nehmen. Der Text war sauber auf einem Blatt guten Papiers gedruckt und schien tatsächlich auf einem Computer entstanden zu sein, wie Willigan seiner Frau erzählt hatte. Was mir auffiel, war der rechte Rand. Der Wortabstand war so eingestellt worden, daß alle Zeilen dieselbe Breite hatten. Etwas eigenartig für einen Erpresserbrief. Er war kurz und beinhaltete nicht mehr als das, was ich bereits erfahren hatte. Ich fragte, ob er irgendwelche weiteren Mitteilungen von den Katznappern erhalten habe, und Willigan verneinte das. Dann erkundigte ich mich, ob er einen Verdacht habe, wer die Katze geklaut haben könne. Ob er Feinde habe? 21
Er funkelte mich an. »Ich habe mehr Feinde, als Sie Freunde haben«, schrie er. »Sicher habe ich Feinde. Man kommt nicht so weit wie ich, ohne sich Feinde zu machen. Aber das sind alles harte Burschen. Die würden mir vielleicht in den Rücken schießen, aber wegen lausiger fünfzig Riesen würden die nicht meine Peaches stehlen. Das ist für die Brüder ein Taschengeld.« Mir fielen keine weiteren Fragen mehr ein, und so dankte ich Willigan dafür, daß er sich Zeit für mich genommen hatte, und erhob mich, um zu gehen. Er begleitete mich zur Tür. »Hören Sie, Archy«, sagte er, »wenn Sie Peaches gesund wiederbringen, ist 'ne anständige Summe für Sie drin.« »Danke«, erwiderte ich förmlich, »aber mein Vater zahlt mir ein angemessenes Gehalt.« »Gewiß«, meinte er und versuchte, jovial zu sein, »aber ein junger Hengst wie Sie kann immer was nebenher gebrauchen. Hab' ich recht?« Erbärmlicher Kerl. Wie Laverne diesen totalen Mangel an Takt ertragen konnte, verstand ich nicht. Aber ich vermutete, daß Bloody Marys mit frischem Meerrettich halfen. Ich spazierte zum McNally-Gebäude zurück, stieg in den Miata und fuhr nach Hause. In Gedanken wandte ich mich Meg Trumble und Laverne Willigan zu. Ich fand es erstaunlich, daß die beiden Schwestern waren. Ich konnte eine entfernte Ähnlichkeit in ihren Gesichtszügen feststellen, doch ihre Körper waren sich absolut unähnlich. Wenn sie Seite an Seite standen, Meg links, mußten sie wie die Zahl 18 aussehen. Und ihre Persönlichkeiten waren so verschieden. Laverne war eine muntere Extrovertierte, Meg mehr introspektiv, eine ernste Frau. Ich war zwar nicht von ihr auf der Stelle hingerissen, aber sie faszinierte mich. Sie war von einem Geheimnis umgeben, das mich herausforderte. Laverne hingegen war etwa so geheimnisvoll wie eine 22
gebackene Kartoffel. Ich nahm die Auffahrt zur McNally-Festung, einem großen Bauwerk im Tudorstil mit einem kupferbeschlagenen Mansardendach, das leckte. Ich parkte auf dem kiesbestreuten Wendeplatz vor unserer Garage, die drei Wagen Platz bot, und vergewisserte mich, daß ich nicht die Zufahrt zur linken Garage blockierte, in der mein Vater immer seinen großen Lexus abstellte. Auf dem mittleren Platz stand ein alter Ford Kombi mit Holzaufbau, der meistens zum Einkaufen und für den Transport der Pflanzen meiner Mutter zu Gartenausstellungen benutzt wurde. Ich fand sie in ihrem kleinen Gewächshaus, wo sie wie üblich mit ihren Begonien sprach. Ihr Vorname war Madeleine, und sie war überzeugtes Mitglied der Union verrückter Mütter. Aber sie war eine absolut großartige Frau, herzlich und liebevoll. Ich hatte ihre Hochzeitsfotos gesehen, als sie Mrs. Prescott McNally wurde, und damals war sie strahlend schön gewesen. Jetzt, wo sie auf die siebzig zuging, war sie sogar noch schöner. Ihre Brille war ihr auf die Nase gerutscht, und sie sah nicht, daß ich mich heranschlich. Ich küßte sie auf ihre samtene Wange, und sie schloß die Augen. »Ronald Colman?« fragte sie. »John Barrymore?« »Tyrone Power«, erwiderte ich. Sie tätschelte meine Wange. »Ursi backt heute abend Jakobsmuscheln. Ist das nicht nett?« »Perfekt«, sagte ich. »Ich bin in Jakobsmuschelstimmung. Bitte Vater doch, eine der Flaschen Muscadet zu öffnen, die er hamstert.« »Warum fragst du ihn nicht selbst, Archy?« »Weil er mir erzählen wird, daß ein Krug Chablis gut genug sei. Aber wenn du ihn fragst, wird er mit dem guten Stoff rausrücken. Er ist Wachs in deinen Händen.« »Tatsächlich? Seit wann?« 23
Ich küßte sie wieder und ging in meine Suite, um mich umzuziehen. ›Suite‹ ist ein hochtrabendes Wort, wenn ein kleines Wohnzimmer, ein winziges Schlafzimmer und ein Badezimmer, in dem man klaustrophobische Anfälle bekommt, beschrieben werden sollen, die im zweiten Stock liegen. Aber gegen die Miete war absolut nichts einzuwenden. Null. Und es war mein eigenes Reich. Ich hatte keinen Grund zur Klage. Ich zog meine Badehose an (schockpinkfarben), meinen Frotteemantel und Sandalen. Dann nahm ich mein Handtuch und ging zum Strand hinunter. Der Atlantik leckte praktisch an unserer Haustür. Er lag direkt auf der anderen Seite des Ocean Boulevard und schimmerte in der Spätnachmittagssonne. Die Brandung war nicht stark genug, um mich zu erschrecken. Ich versuche, täglich zwei Meilen zu schwimmen, parallel zum Ufer, etwa fünfzehn Meter weit draußen. Ich schwimme eine Meile nordwärts oder südwärts und dann zurück. Ich wälze mich nicht, wie ich Meg Trumble erzählt hatte, sondern bewege mich pflügend vorwärts. Das wirkt Wunder für den Appetit. Mein Vater legt größten Wert auf Tradition. Er ist der einzige Mann, den ich kenne, der Strapse trägt – oder Sockenhalter, wie man früher zu sagen pflegte. Eine der Zeremonien, auf denen er besteht, ist die Cocktailstunde, eine Zusammenkunft vor Tisch, die gewöhnlich dreißig Minuten währt, wobei wir Martinis schlucken, die er nach dem Originalrezept aus drei Teilen Gin und einem Teil Wermut mixt. »Gehst du heute abend aus, Archy?« fragte mein Vater bei der Familienzusammenkunft an diesem Abend. »Nein«, erwiderte ich. »Das habe ich nicht vor.« »Gut«, fuhr er fort. »Roderick Gillsworth rief heute nachmittag an und möchte um neun Uhr herkommen. Es betrifft eine Angelegenheit, über die er im Büro nicht sprechen wollte.« »Und du möchtest, daß ich dabei anwesend bin?« fragte ich etwas 24
überrascht. Der Chef kaute auf seiner Olive. »Ja«, sagte er, »Gillsworth bat ausdrücklich darum, daß du dabei bist.« »Und wie geht es Lydia?« fragte Mutter, womit sie die Gattin des Klienten meinte. Vater zog seine Brauen zusammen, aus denen sich unter Berücksichtigung der starken Behaarung ohne weiteres ein Pullover hätte fertigen lassen können. »Ich habe ihn gefragt«, meinte er, »aber der Mann gab keine direkte Antwort darauf. Sehr eigenartig. Sollen wir zum Abendessen hinuntergehen?« Die Jakobsmuscheln waren großartig, und der Geschmack wurde durch einen Muscadet verfeinert, den der Herr des Hauses zu entkorken eingewilligt hatte. Er neigt dazu, mit seinen alten Weinen etwas knickerig zu sein. Für meine Mutter ist das kein Unterschied, da sie zum Essen nur Sauterneswein trinkt – eine gräßliche Angewohnheit, von der mein Vater und ich sie nie haben abbringen können. Aber ich mag gelegentlich einen seltenen Wein, etwas, das nicht in einer Flasche mit Griff und Schraubverschluß kommt. Als Dessert servierte Ursi Olson, unsere Haushälterin und Köchin, große Scheiben einer saftigen Honigmelone mit Schnitzen frischer Limonen. Übersättigt stieg ich nach oben in meine Höhle und arbeitete ein bißchen, bevor Roderick Gillsworth eintraf. Während früherer diskreter Ermittlungen hatte ich gelernt, den Stand meiner Untersuchungen in einem Tagebuch festzuhalten. Ich neige nämlich dazu, Dinge zu vergessen, die sich als wichtig herausstellen könnten. Der Grund für meine Zerstreutheit ist der, daß mein Gehirn gewöhnlich von faszinierenden Rätseln in Anspruch genommen ist. Zum Beispiel, warum einzelne Büroklammern, die in einem kleinen Behälter aufbewahrt sind, über Nacht zu kopulieren scheinen und am Morgen untrennbar miteinander verbunden sind. Und andere Mysterien ähnlicher Natur. So kritzelte ich also Kurznotizen zu den Fällen, mit denen ich be25
faßt war. An diesem Abend begann ich ein neues Kapitel über die Entführung der böswilligen Peaches. Ich schrieb alles nieder, was ich im Lauf des Tages erfahren hatte – was nicht viel war. Ich muß auch gestehen, daß ich während meiner Arbeit als Tagebuchschreiber eine Lesebrille aufgesetzt habe: vergrößernde Gläser in schwarzer Hornfassung. In der Öffentlichkeit trage ich die natürlich nie. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, Gynäkologe zu sein. Ich legte meine vervollständigten Notizen beiseite und warf einen Blick auf meine Micky-Maus-Armbanduhr. Ich sah, daß mir noch eine Viertelstunde blieb, bevor meine Anwesenheit im Arbeitszimmer meines Vaters erforderlich war, damit ich hörte, was unserem Klienten Sorgen machte. Ich verbrachte die Zeit damit zu überlegen, was ich über Roderick Gillsworth wußte. Er war ein selbsternannter Poet. Sein erstes Buch war so unverständlich, daß die Kritiker überzeugt waren, er sei ein Genie, und wegen ihrer geradezu ekstatischen Besprechungen wurden ein halbes Tausend verkauft. Doch seine folgenden Werke verkauften sich nicht so gut, und er nahm eine Stelle als Hauspoet in einem exklusiven College der freien Künste für Frauen in New Hampshire an. Dort heiratete er eine seiner Studentinnen, Lydia Barkham. Sie war Erbin eines beträchtlichen alten Vermögens, das eine Familie aus Rhode Island angehäuft hatte. Begonnen hat dies mit der Anfertigung von Schnur, dann war man zur Herstellung von Seil übergegangen, hatte dann auf Stahlkabel umgestellt und schließlich den Betrieb an einen japanischen Großkonzern zu einem gigantischen Preis verkauft, den ein Wirtschaftskommentator mit den Worten ›teilweise Rache für Pearl Harbor‹ kommentierte. Lydia und Roderick Gillsworth zogen Ende der siebziger Jahre nach Palm Beach und kauften trotz ihres Reichtums ein relativ bescheidenes Heim an der Via Del Lago, etwa einen Block vom Strand entfernt. Sie lebten zurückgezogen, pflegten unregelmäßig Gäste einzuladen und hatten offensichtlich wenig Interesse an Tennis, Golf 26
oder Polo. Das machte sie natürlich nicht zu Parias, doch man betrachtete sie als etwas wunderlich. Den Klatschmäulern von Palm Beach zufolge führten die Gillsworths das, was im Französischen als ›mariage blanc‹ bezeichnet wird und was meine Großmutter wahrscheinlich eine ›Ehe nur dem Namen nach‹ genannt hätte. Aber dafür kann ich mich natürlich nicht verbürgen. Roderick schrieb weiterhin Gedichte. Jetzt aber wurden seine schmalen Bände privat gedruckt, kostbar in Kalbsleder gebunden und persönlichen Freunden als Weihnachtsgeschenk überreicht. Die Familie McNally besaß acht seiner Bücher. Die Seiten waren noch unaufgeschnitten. Als ich das im Erdgeschoß liegende Arbeitszimmer meines Vaters betrat, saß Gillsworth bereits in einem ledernen Ohrensessel. Ich ging zu ihm, um ihm die Hand zu schütteln, und er machte sich nicht die Mühe aufzustehen. Ich war Angestellter und zehn Jahre jünger als er, aber dennoch hielt ich das für schlechte Manieren. Mein Vater saß hinter seinem großen, lederbezogenen Schreibtisch, und ich zog einen Lehnstuhl heran und stellte ihn so, daß ich beide Männer beobachten konnte, ohne den Kopf hin und her drehen zu müssen. »Archy«, sagte mein Vater, »Mr. Gillsworth hat offensichtlich ein persönliches Problem, über das er zu sprechen wünscht. Er ist sich deiner Zuständigkeit für diskrete Ermittlungen bewußt und des Erfolges, den du bei mehreren Untersuchungen mit einem Minimum an Publicity erzielt hast.« »Keine Publicity«, warf der Dichter ein. »Darauf muß ich bestehen: absolut keine Publicity. Lydia würde mir es niemals verzeihen, wenn es bekannt wird.« Vater strich mit einem Knöchel über seinen Schnurrbart. Dieser Schnurrbart war ebenso buschig wie seine Augenbrauen, aber beträchtlich breiter. »Wir werden jede Anstrengung unternehmen, damit diese Angelegenheit vertraulich bleibt, Mr. Gillsworth. Was ge27
nau ist es?« Unser Klient atmete schwer ein. »Vor drei Wochen etwa«, begann er, »traf ein Brief in unserem Haus ein, der an meine Frau adressiert war. Ein schlichter weißer Umschlag, kein Absender. Zu der Zeit war Lydia im Norden zu Besuch bei einigen Basen. Glücklicherweise hatte sie die Anweisung hinterlassen, daß ich ihre Post öffnen und ihr alles, was mir wichtig erschien und sie unverzüglich lesen müsse, nach Rhode Island nachschicken sollte. Ich sage ›glücklicherweise‹, weil dieser spezielle Brief eine bösartige Drohung gegen Lydias Leben war. Er enthielt eine Schilderung der Art, wie sie ermordet werden soll, in so gräßlichen und widerlichen Einzelheiten, daß er offensichtlich das Werk eines kranken Verstandes war.« »Fürchterlich«, bemerkte mein Vater. »Enthielt der Brief irgendeinen Grund für die Drohung?« fragte ich. »Nur sehr vage«, sagte Gillsworth. »Darin stand, sie müsse sterben, um für das zu bezahlen, was sie tue. Genau diese Formulierung wurde benutzt: ›für das, was sie tut.‹ Natürlich ist das kompletter Wahnsinn. Lydia ist die unschuldigste aller Frauen. Ihr Verhalten ist untadelig.« »Haben Sie den Brief dabei, Mr. Gillsworth?« fragte mein Vater. Der Poet stöhnte. »Ich habe ihn vernichtet. Und auch den Umschlag, in dem er kam. Ich hoffte, es würde ein einmaliger Vorfall sein, und ich wollte nicht, daß Lydia ihn las. Deshalb verbrannte ich ihn.« Dann saßen wir schweigend da. Gillsworth hatte den Kopf abgewendet, so daß ich ihn einen Augenblick studieren konnte. Er war ein großer, magerer Mann mit einem knochigen Gesicht, aus dem eine lange Nase ragte. Er trug einen kurzärmligen Freizeitanzug aus schwarzem Leinen. Mit seinem Nasenschnabel, den langen Armen und seinen schlaffen Gesten sah er mehr wie ein Vogel als wie ein Barde aus. Ich fragte mich, was eine junge Studentin an ihm gefun28
den haben mochte, das sie dazu bewogen hatte, ihm das Eheversprechen zu geben. Aber es ist hoffnungslos, wissen zu wollen, was Ehepartner aneinander finden. Es ist besser, Ursi Olsons Philosophie zu akzeptieren. Sie zuckt nur die Schultern und sagt: »Es gibt für jeden Topf einen Deckel.« Die Stille zog sich hin, und als mein Vater die Frage nicht stellte, die gestellt werden mußte, tat ich es. »Aber Sie haben einen weiteren Brief bekommen?« wandte ich mich an Gillsworth. Er nickte, und der Blick, den er mir zuwarf, schien verwirrt, als könne er den unerklärlichen Schicksalsschlag nicht ganz begreifen, der ihn und seine Frau ereilt hatte. »Ja«, sagte er mit einer Stimme, der es an Festigkeit mangelte, »vor zwei Tagen. Lydia ist wieder zu Hause, und sie öffnete den Brief, las ihn und zeigte ihn mir. Ich fand ihn noch ekelhafter und erschreckender als den ersten. Wieder stand darin, daß sie sterben müsse für das, was sie tue, und in grauenvollen Einzelheiten wurde ihre Ermordung beschrieben. Offensichtlich das Werk eines gemeingefährlichen Irren.« »Wie hat Ihre Frau auf den Brief reagiert?« fragte mein Vater behutsam. Gillsworth rutschte unbehaglich in seinem Ohrensessel hin und her. »Meine Frau war immer schon am Okkulten und an psychischen Phänomenen interessiert. Sie glaubt an übernatürliche Kräfte, an die Existenz von Geistern, außersinnliche Wahrnehmung und derartige Dinge.« Er machte eine Pause. Ich war neugierig und fragte: »Glauben Sie auch an diese Dinge?« Er machte eine seiner schlaffen Gesten. »Ich glaube nicht, und ich bin auch nicht ungläubig. Ganz offen gesagt, interessiert mich das Übernatürliche wenig. Meine Arbeit konzentriert sich auf den Konflikt zwischen dem begrenzten Ausdruck der menschlichen Psyche und der darin verschlossenen Ur-Realität. Ich bezeichne das als göttliche Dichotomic.« Mein Vater und ich nickten nachdenklich. Was konnten wir 29
anderes tun? »Um Ihre Frage zu beantworten, Mr. McNally«, fuhr Gillsworth fort, wobei er sich an meinen Vater wandte, »meine Frau reagierte mit völliger Gelassenheit auf den Brief. Sie werden es vielleicht bemerkenswert finden – ich tue das gewiß –, aber sie hat absolut keine Furcht vor dem Tod, gleich wie schmerzhaft und entsetzlich er sein mag. Sie glaubt, Tod sei nur eine andere Form der Existenz und daß wir von einem Zustand in einen anderen übergehen, ohne Verlust, ohne Schmälerung unserer Kräfte, sondern im Gegenteil mit größerer Weisheit und stärkerer Kraft. Dieser Glaube befähigt sie, ihrem eigenen Tod mit Gleichmut entgegenzusehen. Und deshalb konnte dieser Brief sie nicht erschrecken – wenn das sein Zweck gewesen sein sollte. Aber er erschreckt mich. Das kann ich Ihnen sagen. Ich sagte Lydia, es sei vielleicht klug, wenn sie zu einem längeren Besuch nach Rhode Island zurückkehre, bis die ganze Angelegenheit aufgeklärt ist.« »Ja«, meinte Vater, »das wäre angemessen.« »Sie weigerte sich«, sagte Gillsworth. »Dann schlug ich vor, wir sollten gemeinsam eine Reise machen, vielleicht auf längere Zeit ins Ausland gehen. Aber auch das lehnte sie ab. Sie will sich nicht durch das Gerede eines Wahnsinnigen eine Änderung ihres Lebens aufzwingen lassen. Und sie besteht hartnäckig darauf, daß die Angelegenheit nicht der Polizei gemeldet wird. Sie nimmt die ganze Situation mit einer Kaltblütigkeit hin, die mich erstaunt. Ich kann das nicht so leicht nehmen. Schließlich habe ich aber ihr Einverständnis bekommen, bei Ihnen Rat suchen zu dürfen, allerdings unter der Voraussetzung, daß Sie ohne Erlaubnis nichts der Polizei oder sonst jemand von dieser widerlichen Sache erzählen.« »Darauf können Sie sich verlassen«, sagte mein Vater ernst. »Gut«, erwiderte der Dichter. »Legen Sie Wert darauf, den zweiten Brief zu sehen?« »Unbedingt.« 30
Gillsworth stand auf und zog einen weißen Umschlag aus der Außentasche seiner Jacke. Er reichte ihn meinem Vater. »Einen Augenblick, bitte«, sagte ich. »Mr. Gillsworth, ich nehme an, daß nur Sie und Ihre Gattin den Brief angefaßt haben, seit er bei Ihnen eintraf.« »Das ist richtig.« »Vater«, fuhr ich fort, »ich schlage vor, du faßt ihn vorsichtig an, vielleicht an den Ecken. Vielleicht kommt der Zeitpunkt, an dem wir uns wünschen, ihn auf Fingerabdrücke untersuchen zu können.« Er nickte und hob die Klappe des geöffneten Umschlages mit der Spitze eines stählernen Brieföffners, den er von seinem Schreibtisch nahm. Dasselbe Gerät benutzte er, um den Brief herauszuziehen und ihn auf der Schreibtischplatte zu entfalten. Er rückte den grünen Glasschirm seiner Messinglampe zurecht und begann zu lesen. Ich trat hinter ihn und schaute über seine Schulter, konnte aber nichts erkennen, da ich meine Lesebrille nicht trug. Mein Vater beendete seine sorgfältige Durchsicht und blickte zu dem Mann auf, der vor seinem Schreibtisch stand. »Sie haben nicht übertrieben, Mr. Gillsworth«, sagte er mit gepreßter Stimme. »Könntest du ihn laut vorlesen?« bat ich ihn. »Ich habe meine Brille oben gelassen.« Er las ihn mit unbewegter Stimme vor, was aber den Schock dieser Worte nicht minderte. Ich werde den Inhalt des Briefes nicht wiederholen. Die Feststellung genüge, daß er genauso widerwärtig war, wie Gillsworth gesagt hatte: eine nackte, unerträgliche Morddrohung. Mein Vater beendete die Verlesung. Der Klient und ich kehrten zu unseren Plätzen zurück. Schweigend saßen wir da, erschüttert davon, diese verabscheuungswürdigen Worte gehört zu haben. »Mr. Gillsworth«, sagte ich dann, so ernst ich konnte, »ich muß Ihnen in aller Aufrichtigkeit sagen, daß dieser Fall, so sehr ich auch 31
Ihr Vertrauen in mich zu schätzen weiß, meine Kompetenz weit übersteigt. Hier ist eine Ermittlung der hiesigen Polizei, der Ermittler der Post und möglicherweise des FBI erforderlich. Die Aussendung einer Androhung physischer Gewalt durch die Post ist ein Bundesvergehen. Der Brief sollte von Experten analysiert werden: welche Schreibmaschine benutzt wurde, das Papier, das psychologische Profil des Schreibers und so weiter. Es ist möglich, daß andere Einwohner von Palm Beach in jüngerer Zeit ähnliche Briefe erhalten haben. Der Ihre ist vielleicht eine wichtige Spur zu der Person, die dahintersteckt. Ich bitte Sie dringend, damit so schnell wie möglich zu den zuständigen Behörden zu gehen.« Mein Vater sah mich zustimmend an. »Ich bin völlig Archys Meinung«, sagte er zu Gillsworth. »Dies ist ein Fall für die Polizei.« »Nein«, sagte der Dichter steinern. »Unmöglich. Lydia hat das ausdrücklich verboten, und ich kann ihre Wünsche nicht mißachten.« Der Blick, den mein Vater mir jetzt zuwarf, war verzweifelt. Ich wußte, daß er kurz davor war, Gillsworths Bitte um Hilfe abzulehnen, auch wenn das bedeutete, einen Klienten zu verlieren. »Mr. Gillsworth«, sagte ich, wobei ich mich zu ihm vorbeugte, »wären Sie damit einverstanden, folgendes zu tun? Gestatten Sie mir, mich mit Ihrer Frau zu treffen und mit ihr zu sprechen. Lassen Sie mich versuchen, ihr klarzumachen, wie ernst mein Vater und ich diese Drohung nehmen. Vielleicht kann ich sie davon überzeugen, daß es wirklich das Beste wäre, die Behörden um Hilfe zu ersuchen.« Der Dichter starrte mich übertrieben lange an. »Also gut«, sagte er schließlich. »Ich glaube nicht, daß es auch nur die Bohne nützt, aber es ist einen Versuch wert.« »Archy kann sehr überzeugend sein«, meinte mein Vater trocken. »Können wir den Brief behalten, Mr. Gillsworth?« Der Poet nickte und erhob sich, um zu gehen. Händeschütteln 32
ringsum. Mein Vater schob den geöffneten Brief vorsichtig in eine neue Dokumentenmappe und überreichte sie mir. Dann begleitete er Roderick Gillsworth zu seinem Wagen hinaus. Ich trug die Mappe in meine Höhle hoch und schaltete die Schreibtischlampe ein. Ich setzte meine Brille auf und las den Brief. Es war wirklich schreckliches Zeug. Aber das war es nicht, was mich fassungslos machte. Ich sah, daß es gutes Briefpapier war, daß der Text auf einem Computer geschrieben worden war und daß er einen gleichmäßigen rechten Rand hatte.
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ch ging an diesem Abend in der Überzeugung zu Bett, daß der Brief an die Willigans und der an die Gillsworths auf derselben Maschine geschrieben worden waren, wenn nicht sogar von demselben Schurken. Aber was das Klauen einer verschrobenen Katze mit einer Morddrohung gegen die Frau eines Dichters zu tun hatte, das wußte ich nicht. Ich erwachte am nächsten Morgen den Kopf voller aberwitziger Gedanken und darauf erpicht, einen Tag der Detektivarbeit zu widmen, wobei ich bedauerte, keine Meerschaumpfeife und keine Jagdmütze zu besitzen. Unglücklicherweise erwachte ich auch eine Stunde zu spät, und als ich schließlich treppabwärts tappte, war mein Vater bereits mit seinem Lexus ins Büro gefahren, und Mutter und Ursi hatten den Ford genommen, um Lebensmittel zu beschaffen. Jamie Olson saß in der Küche und schlürfte einen Becher schwarzen Kaffee. 33
Wir tauschten unsere Morgengrüße, und Jamie, unser Hausmeister und Ursis Gatte, fragte, ob ich ein ›solides‹ Frühstück wolle. Jamie ist ein Siebzigjähriger mit dem Appetit eines Teenagers. Unter ›solidem‹ Frühstück versteht er vier Eier auf Bratkartoffeln, Schweinswürstchen, ein paar Scheiben Roggentoast und einen Viertelliter schwarzen Kaffee mit einem Schuß Aquavit zur Aromaverbesserung. Ich begnügte mich mit einem Glas Orangensaft, einem gebutterten Brötchen und einer Tasse seines Kaffees. »Jamie«, sagte ich, während ich ihm gegenüber am Tisch saß, »kennst du Leon Medallion, den Butler der Willigans?« »Ja.« Unser aus Schweden stammender Hausmeister war so wortkarg, daß Gary Cooper neben ihm wie eine Plaudertasche wirkt. Aber Jamie hatte ein geradezu enzyklopädisches Wissen über lokale Skandale – vergangene, gegenwärtige und solche, die sich wahrscheinlich ereignen würden. Die meisten seiner Informationen bezog er von dem Korps der dienstbaren Geister von Palm Beach, die es genossen, Klatschhäppchen über ihre Brötchengeber auszutauschen. Es war zum Teil eine Entschädigung für langweilige Stunden, die damit verbracht wurden, die Polostiefel des Herrn auf Hochglanz zu wienern oder Myladys Juwelen zu polieren. »Hast du je was Schlechtes über Leon gehört?« fragte ich. »Vielleicht, daß er dazu neigt, ein paar Schekel aus Mrs. Willigans Börse abzuzwacken, oder vielleicht Prozente von ihrem Metzger bekommt?« »Nee.« »Wie ist es mit dem Koch und dem Dienstmädchen? Auch ehrlich?« Jamie nickte. »Ich weiß, daß Harry Willigan manchmal vom rechten Weg abkommt«, fuhr ich fort. »Jeder weiß das. Was ist mit seiner Frau? Schlägt die über die Stränge?« 34
Der Hausmeister stopfte und entzündete langsam seine Pfeife, eine alte, verfärbte Bruyère, deren Holm mit Klebeband umwickelt war. »Vielleicht«, sagte er. »Ich hab' so Andeutungen gehört.« »Schön. Wenn du was Bestimmtes erfährst, sag es mir bitte. Ihre Katze ist geklaut worden.« »Ich weiß.« »Hast du irgendwas über die Gillsworths gehört, den Dichter und seine Frau?« »Sie hat das Geld«, sagte Jamie. »Das weiß ich.« »Und sie ist knauserig. Er kriegt sein Geld zugeteilt.« »Was ist mit ihrer persönlichen Lebensweise? Sucht eines oder suchen beide anderswo Entspannung?« »Hab' nichts gehört.« »Hör dich um, ja?« drängte ich. »Einfach so ganz beiläufig.« »Ja. – Der Miata könnte eine Wäsche gebrauchen. Das Salz muß runter. Werden Sie heute vormittag hier sein?« »Nein, ich muß rumfahren. Aber ich müßte am späten Nachmittag wieder zurück sein. Ich würd's begrüßen, wenn du es dann machen könntest.« »Sicher«, meinte er und nahm mit einem Nicken den Zehner, den ich ihm zugeschoben hatte. Eigentlich hätte ich das nicht tun dürfen, und mein Vater wäre außer sich vor Wut geraten, wenn er das gesehen hätte. Aber Jamie und ich betrachteten das als Trinkgeld für die Information, die er lieferte, nicht als häusliche Routinearbeit. Die Olsons wurden für die Führung des Haushalts der McNallys reichlich bezahlt. Ich fuhr südwärts zu der Hazienda der Willigans. Der Drohbrief, der Lydia Gillsworth zugeschickt worden war, hatte meiner Suche nach den Entführern von Peaches neue Dringlichkeit gegeben. Es schien mir nicht unglaublich, daß die beiden Fälle in einem Zusammenhang standen. Ich hatte erfahren, wie bizarr das Leben war. 35
Auf mein Läuten öffnete Leon Medallion die Tür, und wenn es nicht so früher Vormittag gewesen wäre, hätte ich geschworen, daß der Bursche angedröhnt war. Seine blaßblauen Augen waren trübe, und seine Begrüßung fiel so undeutlich aus, als hätte er einen Becher Feuerwasser gefrühstückt. Er mußte mein Erstaunen bemerkt haben, weil er sagte: »Ich bin nicht betrunken, Mr. McNally. Ich hab' meine Allergien wieder. Ich niese wie ein Weltmeister, und jetzt bin ich mit Antihistaminen vollgepumpt.« »Dann war es also überhaupt nicht die Katze?« »Ich denke nicht«, erwiderte er kläglich. »Aber hier gibt es soviel Schimmelarten und Pollen, daß mein Riechkolben für den Rest meines Lebens lecken wird. Haben Sie Peaches gefunden?« »Noch nicht, Leon. Darum komme ich vorbei – um mit Ihnen und dem Rest des Personals zu sprechen. Ist Mrs. Willigan zu Hause?« »Nee, die ist vor 'ner halben Stunde weggefahren.« »Und Miss Trumble?« »Die schwimmt im Pool ihre Bahnen. Die Frau ist ein richtiger Fisch. Wollen Sie mit uns allen gemeinsam reden?« »Warum nicht?« gab ich zurück. »Hat keinen Sinn, dieselben Fragen dreimal zu wiederholen.« Wir versammelten uns in der großen Küche: Leon, Ruby Jackson, die Haushälterin und Köchin, und das Dienstmädchen Julie Blessington sowie meine Wenigkeit. Ruby war eine kleine ältliche Frau, die zu zerbrechlich wirkte, um Scaloppini klopfen zu können, Julie war jünger, größer und ausgesprochen farblos. Natürlich würde Laverne keinen Dienstbolzen einstellen, der das Öl ihres Gatten entzünden konnte. Ich befragte die drei etwa zwanzig Minuten und fand nichts heraus. An dem Nachmittag, als Peaches verschwunden war, waren nur Julie und Leon im Haus gewesen. Sie schworen, daß die Hintertür 36
der Veranda sicher geschlossen gewesen sei. Es gab keine Löcher in den Wänden, durch die die Katze hätte verschwinden können. Keiner der drei hatte in letzter Zeit Fremde herumlungern sehen. Niemand hatte im Gebüsch gelauert, nichts dergleichen. Und keiner von ihnen hatte auch nur ansatzweise eine Vermutung, wer Peaches entführt haben könnte. Sie bezeugten Harry Willigans geradezu verrückte Liebe zu seinem Schoßtier und gaben durch die Blume zu verstehen, daß sie alle glücklich darüber seien, den Verlust dieser reizbaren Katze ertragen zu dürfen. Das konnte ich verstehen. Ich hatte nicht erwartet, etwas Neues zu erfahren, und so war es auch. Ich dankte ihnen für ihre Mithilfe und wanderte zu dem Rasen hinter dem Haus hinaus. Meg Trumble kraulte im Pool noch immer hin und zurück. Sie trug den glänzenden schwarzen Badeanzug, der wie gemalt aussah. Sie sah mich kommen, hielt kurz inne, um zu winken, und schwamm dann diszipliniert weiter. Ich schob einen Segeltuchsessel in den Schatten und wartete. Nach ungefähr fünf Minuten beendete sie ihr Training. Mir gefiel die Art, wie sie aus dem Pool stieg. Sie benutzte die Leiter nicht. Sie legte einfach die Hände flach auf den gekachelten Beckenrand und stemmte sich mit einem rhythmischen Stoß hinaus, wobei sie ein Bein schwang, um Halt zu finden. Es war eine Freude, das zu sehen. Sie kam über den Rasen zu mir getrottet, ihre Handflächen benutzend, um Wasser aus Haar, Gesicht und von den Armen zu streifen. »Guten Morgen, Archy«, sagte sie lächelnd. »Ist das nicht ein herrlicher Tag?« »Zum Anbeißen«, sagte ich und starrte sie bewundernd an. Sie war wirklich eine gut gebaute junge Dame. »Hätten Sie Lust, heute mit mir zu Abend zu essen?« »Was?« »Abendessen. Heute. Mit mir.« 37
»Ich weiß nicht«, erwiderte sie verwirrt. »Ich sollte nicht… Es wäre besser, wenn ich…« Ich wartete geduldig. »Kann ich selbst bezahlen?« fragte sie schließlich. »Nein, Sie dürfen nicht bezahlen. Ich lade Sie zu einem Abendessen mit mir ein. Folglich sind Sie mein Gast.« »In Ordnung«, meinte sie zaghaft. »Was soll ich anziehen?« »Etwas Legeres. Ein Flanell-Muumuu in schwarzbeigem Schottenmuster wäre hübsch.« »Sind Sie verrückt?« fragte sie. »Total«, versicherte ich ihr. »Ich hole Sie gegen sieben ab.« Ich verließ sie eilends, bevor sie es sich anders überlegte. Ich ging in das Haus und den Korridor hinunter, der mit antiken Waffen gesäumt war. Sie veranlaßten mich zu der Vorstellung, daß vielleicht jemand gerade in diesem Augenblick mit einem Krummsäbel auf Peaches losging. Die Notlage dieser Bestie begann mir langsam Sorgen zu machen. Ich ging hinaus, schloß die Eingangstür hinter mir, machte zwei Schritte auf den Miata zu und blieb stehen. Dann machte ich kehrt und läutete wieder. Schließlich tauchte der Butler auf. »Tut mir leid, Sie nochmals behelligen zu müssen, Leon«, sagte ich, »aber gerade fiel mir eine Frage ein, die ich vorhin zu stellen vergessen hatte. Wurde Peaches je zum Veterinär gebracht?« »Gewiß. Einmal im Jahr wegen der Impfungen, aber häufiger, um gebadet zu werden, und wegen der Reinigung ihrer Zähne und Ohren. Und einmal, als sie einen Bandwurm hatte.« »Wie wurde sie transportiert? Habt ihr einen Transportbehälter – eins von diesen Kofferdingen mit Luftlöchern und vielleicht mit Maschendraht an einem Ende?« »Ja, wir haben ein Transportbehältnis.« »Könnte ich mir das bitte mal ansehen?« »Ich werde es holen.« Er ging und ließ mich in der Halle stehen. 38
Ich wartete. Es mußten wenigstens zehn Minuten verstrichen sein, als er schließlich zurückkehrte. Er sah sehr verwirrt aus. »Kann das verdammte Ding nicht finden«, berichtete er. »Es wurde immer im Geräteraum aufbewahrt, aber da ist es jetzt nicht. Wahrscheinlich steht's irgendwo anders herum.« »Ganz bestimmt ist das so«, erwiderte ich, wohl wissend, daß es nicht so war. »Rufen Sie mich an, wenn Sie's finden, ja?« Ich fuhr bürowärts, ohne allzu viel über die Bedeutung des unauffindbaren Katzentransportbehälters nachzudenken, sondern vielmehr darüber, was mich veranlaßt hatte, diese Frage zu stellen. Ich habe häufig im Verlauf einer Ermittlung ganz verrückte Einfälle. Die meisten erweisen sich als Schwachsinn, aber gelegentlich führen sie zu etwas Wichtigem. Ich hatte das unheimliche Gefühl, daß diese spezielle Eingebung sich als Treffer erweisen würde. Mein Büro im McNally-Gebäude hatte die Größe und das Ambiente eines Sarges. Ich vermute, daß mein Vater mich zu dieser Besenkammer verurteilt hat, um den anderen Angestellten zu beweisen, daß es in seiner Firma keine Vetternwirtschaft gab. Aber mir auch nur ein einziges winziges Fenster zuzugestehen wäre doch kaum als Beweis für die Bevorzugung seines Sohnes zu werten gewesen, oder? Alles, was ich hatte, war der Abzugsschacht der Klimaanlage. So war es verständlich, daß ich mich selten in meinem Loch aufhielt und es vorwiegend als Nachrichtensammelstelle benutzte. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich gezwungen war, einen Geschäftsbrief zu schreiben, tippte die Privatsekretärin meines Vaters, Mrs. Trelawney, ihn und lieferte auch die dazugehörige Briefmarke. Die liebe Frau informierte mich auch, wenn mein Gehaltsscheck bereitlag. An diesem Morgen stand in der Mitte meines unberührten Schreibblocks die Nachricht, daß angerufen worden sei und ich Mrs. Lydia Gillsworth anrufen möchte. Ich entzündete und rauchte 39
meine erste Zigarette dieses Tages, während ich überlegte, was ich einer Frau sagen sollte, die eine schreckliche Vorhersage für ihr Ende erhalten hatte. Doch als ich sie anrief, hätte sie kaum liebenswürdiger und unbeschwerter sein können. Sie erkundigte sich nach meinem Gesundheitszustand und dem meiner Eltern. Sie gab ihrem Bedauern darüber Ausdruck, daß sie die McNallys nicht öfter sah. Sie sagte, sie habe eigens für meine Mutter aus Rhode Island eine kleine Wimpernbegonie mitgebracht und werde sie ihr so bald wie möglich zustellen. Ich dankte ihr. »Also, Archy«, fuhr sie fort, »Roderick sagt, Sie wollen mit mir über den albernen Brief sprechen, den ich erhalten habe.« »Bitte, wenn ich darf. Ich glaube wirklich nicht, daß dies auf die leichte Schulter genommen werden sollte.« »Viel Lärm um nichts«, meinte sie entschlossen. »Menschen, die derartige Briefe schreiben, erschöpfen all ihre Feindseligkeit im Schreiben. Sie tun nie etwas.« »Ich würde ja zu gern glauben, daß Sie recht haben, Mrs. Gillsworth«, äußerte ich. »Aber es wird doch gewiß nicht schaden, wenn ich mich ein wenig darum kümmere.« »Rod sagte, Sie meinen, daß die Polizei hinzugezogen werden sollte. Das werde ich nicht zulassen. Ich möchte nicht, daß diese Angelegenheit in der Öffentlichkeit bekannt wird und möglicherweise noch in die Boulevardpresse kommt.« Sie sprach so entschlossen, daß ich wußte, es würde vergebens sein, wenn ich sie bäte, die Behörden um Hilfe zu ersuchen. Aber ich dachte mir, daß ihre Anweisung raffiniert umgangen werden könnte. »Keine Polizei«, stimmte ich zu. »Nur eine private, ganz dezente Ermittlung.« »Also gut. Können Sie heute nachmittag um zwei Uhr kommen?« »Mit Vergnügen. Danke.« »Und ich werde noch mal einen Blick auf die Wimpernbegonie 40
werfen«, fügte sie hinzu. »Wenn sie transportfähig wirkt, können Sie sie für Ihre Mutter mitnehmen.« »Mit Freuden«, bemerkte ich tapfer. Nachdem sie aufgelegt hatte, nahm ich die Schachtel mit den English Ovals aus meiner Jacke, betrachtete sie einen Augenblick und steckte sie ungeöffnet wieder ein. Ich versuchte, mich in Enthaltsamkeit zu üben, und hatte den Punkt erreicht, wo mir der Verzicht auf eine Zigarette fast ebenso viel Befriedigung verschaffte wie eine zu rauchen. Fast – aber nicht ganz. Ich rief Sergeant Al Rogoff im Polizeipräsidium von Palm Beach an. Wir hatten bei mehreren Fällen zusammengearbeitet, gewöhnlich zu beiderseitigem Nutzen. Ich muß gestehen, daß ich zuweilen mehr Nutzen davon hatte als er. Polizeiarbeit kann ebenso langweilig wie gefährlich sein, und Langeweile wie Risiko gehören nicht zu meinen Lieblingszeitvertreiben. »Sergeant Rogoff«, meldete er sich. »Archy McNally«, erwiderte ich. »Wie war der Urlaub?« »Toll. Ich hab' eine Woche vor den Keys Grätenfisch geangelt.« »Lügner. Du hast eine Woche in Manhattan verbracht und warst jeden Abend im Ballett.« »Pst, nicht so laut. Du weißt, welche Witze die Brüder ablassen, wenn sich das herumspricht.« »Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Wie wär's mit einem gemeinsamen Lunch in einer Stunde?« »Abgelehnt«, erwiderte er prompt. »Ich könnt's zwar einrichten, aber ich werde nicht kommen.« »Al!« sagte ich schockiert. »Seit wann lehnst du ein anständiges Mittagessen ab? Ich werde die Rechnung bezahlen.« »Du wirst die Rechnung fürs Essen bezahlen«, entgegnete er, »aber jedes Mal, wenn ich mit dir essen war, zahle ich am Ende 'ne Menge mehr – beispielsweise mehr Arbeit, mehr Streß, mehr Kopfschmerzen. Nein, danke. Lös du deine Probleme selber.« 41
»Ich habe keine Probleme«, protestierte ich. »Ich arbeite an keinem Fall. Ich hatte mich nur auf ein freundschaftliches Zusammensein gefreut.« »Aber gewiß doch«, meinte er. »Ich weiß die Einladung zu schätzen, aber ich passe.« »Na schön, aber würdest du mir dann bitte wenigstens eine kleine Frage beantworten?« »Spuck's aus, dann sag' ich's dir.« »Hat das Präsidium in jüngster Zeit Klagen von Leuten bekommen, die Erpresserbriefe erhalten? Bösartiges Zeug. Morddrohungen.« »Ich hab's gewußt!« rief Al. »Ich wußte, daß du mir nie ein Essen spendierst, ohne daß ich in eine deiner beknackten Ermittlungen reingezogen werde. Wer hat den Brief bekommen?« »Das kann ich dir nicht erzählen. Der Klient will Verschwiegenheit. Und ich versuche nicht, dich reinzuziehen. Ich will einfach nur wissen, ob das Teil einer größeren Geschichte in der Gegend ist.« »Meines Wissens nicht. Ich werde aber herumfragen.« »Al, die Irren, die solchen Unrat verschicken – machen die je ihre Drohungen wahr?« »Manchmal tun sie's, und manchmal tun sie's nicht.« »Vielen Dank. Das ist eine große Hilfe.« »Wir sind stets zu Diensten«, sagte er und erwiderte dann mürrisch: »Halt mich in der Sache auf dem Laufenden, Archy. Mir gefällt das nicht.« »Mir auch nicht.« Wir legten auf. Ich fuhr zum Mittagessen nach Hause und dachte dabei, daß Al recht hatte. Früher oder später würde ich ihn reinziehen müssen. Bei den Briefen, die Willigan und Gillsworth bekommen hatten, brauchte ich professionelle Hilfe: Analyse des Papiers und des ver42
wendeten Druckers, vielleicht ein psychologisches Profil des Schreibers. Ich lachte laut bei dem Gedanken, wie Als Reaktion sein würde, wenn er erfuhr, daß ich seine Hilfe wollte, um eine entführte Katze zurückzubekommen. Meine Mutter war zu dem monatlichen Treffen ihres Gärtnerclubs gefahren. So aß ich mit Ursi und Jamie Olson in der Küche zu Mittag. Wir vertilgten eine große Platte kalten Aufschnitt, eine Schüssel mit deutschem Kartoffelsalat und dazu das wunderbare gesäuerte Roggenbrot, das Ursi einmal die Woche backt. Wir machten uns Sandwiches mit scharfem Senf darauf und tranken dazu kaltes St.-Pauli-Girl-Bier, um das Feuer zu löschen. Das war alles so befriedigend, daß ich in mein Reich hinaufging, um ein kurzes Nickerchen zu halten. Ich hatte einen verrückten Traum, in dem Peaches einen Pyjama mit Sträflingsstreifen trug. Dann verwandelte sich der Pyjama in einen engen schwarzen Badeanzug. Ich erwachte pünktlich, um mich frisch zu machen, rauchte eine Zigarette (Nummer 2) und stieg in den frisch gewaschenen Miata, um zum Haus der Gillsworths zu fahren. Ich freute mich auf meine Unterhaltung mit Lydia, die eine prächtige Frau war. Sie war etwa zehn Jahre jünger als ihre Ehemann, womit sie ungefähr mein Alter haben mußte, und einzigartig. Sie hatte einen so extremen Überbiß, daß ich einmal die gemeine Bemerkung hörte, sie sei die einzige Frau in Palm Beach, die einen Maiskolben durch einen Palisadenzaun essen könne. Doch als Kompensierung dieser Anatomie hatte sie die wundervollsten Augen im ganzen Bezirk. Es waren sogenannte Schlafzimmeraugen: riesig, tiefliegend und leuchtend. ›Umwerfend‹ ist das richtige Wort. Es war fast unmöglich, den Blick von ihnen abzuwenden. Sie hatte ferner die seltene Fähigkeit, einen glauben zu machen, sie halte einen für das faszinierendste Geschöpf auf Gottes grüner Erde. Sie hörte aufmerksam zu, sie stellte Fragen, drückte ihr Mit43
gefühl aus und bot Trost, wenn es nötig war. Ich wußte, daß die Gillsworths kein im Haus wohnendes Personal hatten, sondern eine haitianische Haushälterin beschäftigten, die dreimal die Woche dort arbeitete. Deshalb war ich nicht überrascht, als auf mein Klopfen die Dame des Hauses persönlich die Tür öffnete. Sie zog mich mit einer halben Umarmung hinein und küßte mich auf die Wange. »Kommen Sie, wir gehen auf die Terrasse. Es ist ein prächtiger Tag.« Sie ging durch das Haus voran. Es war im französischen Stil eingerichtet: alles hell, luftig, in gedämpften Farben. Frische Blumen standen im Überfluß herum, und die hohen Räume schienen im Licht der Nachmittagssonne zu schweben. Deckenventilatoren blähten hauchdünne Vorhänge, und auf dem auf Hochglanz gewachsten Parkettboden, auf dem keine Teppiche lagen, spiegelten sich die Bilder, die an den weißgetünchten Wänden hingen. Die Terrasse war klein, aber edel. Sie lag nach Westen, wurde jedoch durch eine gestreifte Markise vor dem grellen Licht der Sonne geschützt. Wir saßen an einem Tisch mit Glasplatte und tranken eisgekühlte rosa Limonade aus Gläsern, in die Rebenmotive eingraviert waren. Sie vergeudete keine Zeit mit höflichen Floskeln. »Archy«, sagte sie, »ich wünschte, Roderick hätte sich wegen dieses Briefes nicht an Ihren Vater und Sie gewandt. Es ist so beschämend.« »Beschämend? Mrs. Gillsworth, ohne eigenes Verschulden haben Sie eine sehr widerwärtige Nachricht erhalten. Ich könnte verstehen, wenn Sie besorgt wären. Aber warum sollten Sie beschämt sein?« »Weil ich so ein Tütelü zu verursachen scheine. Ist das nicht ein süßes Wort? Ich wollte es schon immer mal benutzen. Der Brief macht mir nicht zu schaffen. Das ist so ein dummes Ding. Aber ich bin aufgebracht über die Unruhe, die er verursacht. Der arme Rod war außerstande, auch nur eine Zeile zu schreiben, seit er ge44
kommen ist, und jetzt müssen Sie auch noch versuchen, den Schreiber zu finden. Und dabei bin ich mir ganz sicher, daß es Dutzende anderer, wichtigerer Dinge gibt, die Sie lieber täten. Darum bin ich so beschämt – weil ich so viel Ärger verursache.« »Erstens«, erwiderte ich, »muß ich nicht. Das mache ich freiwillig. Zweitens: Es gibt nichts, was ich lieber täte, als dieser Sache auf den Grund zu kommen. Drittens: Ihr Wohlergehen ist Ihrem Gatten und McNally und Sohn wichtig. Keiner von uns nimmt die Angelegenheit auf die leichte Schulter. Um für meinen Vater und mich zu sprechen: Wir würden unsere Pflicht vernachlässigen, wenn wir nicht jede nur mögliche Anstrengung unternähmen, den Absender zu identifizieren. Und nur Sie können uns dabei helfen.« »Ich wüßte nicht, wie ich das könnte, Archy«, sagte sie, während sie uns Limonade nachschenkte. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer mich ermorden will.« »Sind Sie jemals persönlich bedroht worden?« »Nein.« »Haben Sie in letzter Zeit mit jemand Streit gehabt?« »Nein.« »Gibt es irgendwelche Ereignisse in der Vergangenheit? Fällt Ihnen jemand ein, der einen Groll gegen Sie hegen könnte, auch wenn das schon Jahre zurückliegt?« »Nein.« »Haben Sie, wenn auch unbeabsichtigt, jemand Anlaß gegeben zu glauben, er oder sie sei durch Sie verletzt, gekränkt, beleidigt oder gar herabgesetzt worden?« »Nein.« Ich seufzte. »Mrs. Gillsworth, der Verfasser dieses abscheulichen Papiers spielt offensichtlich nicht mit offenen Karten. Bitte denken Sie scharf nach. Gibt es jemand unter Ihren Freunden oder Bekannten, von dem Sie gelegentlich oder oft den Eindruck gewonnen haben, er sei gefühlsmäßig oder geistig nicht ganz gesund?« 45
Sie blieb einen Augenblick stumm, und ich hoffte, sie werde meiner Bitte, scharf nachzudenken, Folge leisten. »Nein«, sagte sie schließlich, »ich wüßte niemand, der so ist.« »Wie steht es mit der Möglichkeit, daß es ein Ihnen Unbekannter sein könnte? Ein Verkäufer in einem Geschäft zum Beispiel. Ein Parkwächter. Ein Kellner. Haben Sie Probleme mit Menschen im öffentlichen Dienst gehabt? Irgendwelche Meinungsverschiedenheiten, gleich, wie banal? Beschwerden, die Sie eingelegt haben?« »Nein, ich kann mich an nichts Derartiges erinnern.« Ich konnte nicht glauben, daß diese Frau vorsätzlich log, aber ihr Leugnen jeder Auseinandersetzung, gleich ob mit einem Verkäufer, Kellner oder Bürokraten, fiel mir schwer zu glauben. Da die Welt so ist, wie sie ist, haben wir alle zuweilen Streitigkeiten mit denen, die dafür bezahlt werden, daß sie uns dienen. Ich bin ein friedfertiger Knabe, aber sogar ich habe zuweilen eine scharfe Tonart anschlagen müssen, was sogar soweit führte, daß ich unanständige Worte wie »Pfui!« oder »Na, na!« in den Mund genommen habe. Ich trank meine Limonade aus. Sie war etwas zu süß für meinen Geschmack. Lydia versuchte, mein Glas wieder zu füllen, doch ich schüttelte den Kopf und hielt meine Hand über das Glas. »Köstlich«, sagte ich zu ihr, »aber ich führe einen aussichtslosen Kampf gegen Kalorien. Mrs. Gillsworth, kennen Sie jemand, der Sie beneidet?« Sie war verblüfft und sah mich dann mit einem schiefen Lächeln an. »Das ist aber eine seltsame Frage, die Sie da stellen.« »Gar nicht so seltsam. Sie sind eine attraktive Frau. Jeder in Palm Beach weiß, daß Sie wohlhabend, wenn nicht sogar reich sind. Sie sind mit einem intelligenten, kreativen Mann glücklich verheiratet. Ihr Leben scheint ruhig und sorgenfrei zu sein. Sie haben ein wunderschönes Heim, und Sie kleiden sich elegant. Mir scheint, daß es viele Gründe gibt, warum man Sie beneiden könnte, so sehr, daß es krankhaft sein könnte.« 46
Das brachte sie aus der Fassung, und sie zeigte ihre Beunruhigung dadurch, daß sie plötzlich aufstand, um die Markise über der Terrasse tiefer herabzulassen, damit wir im Schatten saßen. »Wissen Sie, Archy«, antwortete sie stirnrunzelnd, »mir ist nie der Gedanke gekommen, daß ich beneidet werden könnte. Aber wenn Sie die Segnungen, die ich genieße, so aufzählen, kann ich verstehen, warum es sein könnte. Doch ich versichere Ihnen, daß ich nie jemand habe etwas sagen hören, was als Neid ausgelegt werden könnte. Oh, ich habe Komplimente wegen meiner Kleidung oder zu dem Haus bekommen, aber das waren ganz konventionelle gesellschaftliche Bemerkungen. Nichts, was auch nur eine Andeutung hätte sein können, daß der Sprecher krankhaft eifersüchtig ist.« Darauf saßen wir schweigend da. Durch all ihre negativen Antworten auf meine Fragen war ich entmutigt. Sie hatte mir nichts gegeben, nicht einen Hinweis, nicht einmal den Hauch einer Spur, die meine diskreten Ermittlungen in eine konkrete Richtung führen konnten. Sie bemerkte meine Stimmung, beugte sich vor und legte eine Hand leicht auf meinen Arm. »Es tut mir leid, Archy«, sagte sie weich. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht helfen kann. Ich glaube wirklich, Sie sollten die Sache sein lassen.« »Nein«, widersprach ich. »Das will ich nicht. Der Brief, den Sie erhalten haben, erschreckt mich, und ich muß weitermachen.« Sie schenkte mir ein Lächeln, das mich überraschte. Es war ein amüsiertes Lächeln, als ob sie meine Besorgnis schätzte, aber meine Entschlossenheit für übertrieben und ungerechtfertigt hielt. »Lassen Sie mich versuchen zu erklären, wie ich fühle«, sagte sie, »und Ihnen den Grund nennen, warum dieser Brief mich nicht entsetzt. Ich weiß nicht, ob mein Mann mit Ihnen über meinen Glauben gesprochen hat oder nicht, aber ich glaube fest, daß ein Leben nichts weiter als eine Form der Existenz ist und das, was wir Tod nennen, eine andere. Ich glaube, daß wir, wenn wir sterben, in eine andere 47
Welt gehen, die ebenso belebt ist wie diese, aber viel wundervoller, da sie von all denen bewohnt wird, die vor uns gegangen sind. Die Seele stirbt niemals. Niemals! So ist körperliche Existenz nur ein vorübergehender Zustand. Wenn wir diese aufgeben, ob freiwillig oder nicht, gelangen wir auf eine höhere spirituelle Ebene, so wie ein Schmetterling aus einem Kokon schlüpft. Ich versuche nicht, Sie zu bekehren, Archy, das tue ich wirklich nicht! Ich versuche nur zu erklären, warum der Tod keinen Schrecken für mich birgt.« Ich verzichtete darauf, sie daran zu erinnern, daß der Tod, der ihr in dem Drohbrief angekündigt worden war, Folter und Qualen für sie bedeutete. Ihr Übergang auf eine höhere spirituelle Ebene würde nicht friedlich sein. Aber ich war neugierig. »Sagen Sie, Mrs. Gillsworth, gibt es nach Ihrer Meinung viele Menschen, die Ihren Glauben teilen?« Sie lachte. »Mehr als Sie denken, das versichere ich Ihnen. Ich bezeichne sie als ›verwandte Seelen‹. Das ist ein hübscher, altmodischer Begriff, nicht wahr? O ja, es gibt viele, die so fühlen wie ich, gerade hier in Palm Beach. Das ist wirklich so. Einige von uns treffen einander häufig, um über außerkörperliche Erfahrungen zu sprechen, und versuchen, mit denen zu kommunizieren, die bereits hinübergegangen sind.« Ich wurde so aufmerksam wie ein Jagdhund auf der Pirsch. »Ach?« sagte ich, so beiläufig ich konnte. »Diese Versammlungen – das ist so etwas wie ein Club, ja? Man trifft sich in den Häusern der Mitglieder?« »Das nicht«, sagte sie, spürbar erfreut über mein Interesse. »Die Versammlungen werden von unserer Beraterin organisiert und finden in ihrem Heim statt. Mrs. Gloriana ist eine wundervolle Frau. So sensitiv.« »Das ist faszinierend. Ist sie ein Medium? Eine Seherin?« »Keine Seherin«, widersprach Lydia entschieden. »Hertha versucht nicht, die Zukunft oder Ihr Schicksal vorherzusagen. Aber ich den48
ke, man kann sie als Medium bezeichnen. Wir ziehen es allerdings vor, sie als einen Kanal anzusehen. Das ist unser Kommunikationsweg zu dem großen Danach.« Sie sprach so einfach und ernsthaft, daß ich keine Neigung verspürte zu kichern. Ich selbst bin so etwas wie ein Ungläubiger, aber ich verachte Glauben niemals. »Und das ist Mrs. Glorianas Beruf?« fragte ich. »Ich meine, sie verdient damit ihr Geld?« »O ja. Aber kommen Sie nicht auf die Idee, daß es ein Schwindel sei! Hertha ist konzessioniert und angemeldet.« »Aber sie nimmt etwas für ihre Dienste?« »Natürlich tut sie das. Und warum sollte sie das auch nicht, wo ihre Talente doch so groß sind? Aber ihre Honorare sind angemessen, und sie nimmt Kreditkarten an.« »Und diese Treffen – sind die so etwas wie Seancen?« »Nun«, meinte sie zögernd, »in gewisser Hinsicht. Aber es gibt kein Tischrücken, keine im Raum schwebenden Protoplasmatropfen oder unheimliche Geräusche. Keinen derartigen Unsinn. Wir treffen uns in einem hellerleuchteten Raum, sitzen im Kreis um einen Tisch und halten uns an den Händen. Um unsere psychische Kraft zu verstärken, wissen Sie. Dann versucht Hertha mit der anderen Welt zu kommunizieren. Ihr Kontaktmann ist ein Mayaschamane, der vor Hunderten von Jahren hinübergegangen ist. Er heißt Xatyl. Durch ihn versucht Hertha Leute zu erreichen, denen ihre Klienten Fragen stellen wollen. Manchmal sind es berühmte Persönlichkeiten, meistens aber sind es Verwandte. Ich habe viele Male mit meiner Urgroßmutter gesprochen.« »Und die Kommunikation mit den, äh, Verstorbenen findet durch Xatyl via Mrs. Gloriana statt?« »Nicht immer«, sagte Lydia scharf. »Der Kontakt schlägt ebenso oft fehl, wie er gelingt. Manchmal ist die hinübergegangene Person, mit der gesprochen werden soll, nicht erreichbar, oder das Kommunikationsband ist zu schwach, als daß es zu Ergebnissen 49
käme, weil unsere vereinte psychische Kraft an diesem bestimmten Abend einfach nicht so stark ist, daß Lydia Xatyl erreichen kann.« »Unglaublich«, bemerkte ich kopfschüttelnd, »und wirklich hinreißend. Hält Mrs. Gloriana auch private, äh, Beratungen ab?« »Natürlich. Aber sie wird Sie warnen, denn die Chancen eines erfolgreichen Kontaktes sind für einen einzelnen geringer als für eine Gruppe. Weil die psychische Kraft gewöhnlich nicht ausreicht, wissen Sie. Eine Versammlung von Gläubigen mit verketteten Händen erzeugt mehr Energie als eine Person.« Das erschien mir einleuchtend. Wenn man das originelle Gebäude akzeptierte, klang es sogar logisch. »Verraten Sie mir noch etwas, Mrs. Gillsworth«, bat ich, »und das ist bloß reine Neugier meinerseits. Hat Ihr Gatte je diese Treffen bei Mrs. Gloriana besucht?« »Oh, Rod kam drei- oder viermal mit«, antwortete sie leichthin, »aber dann entzog er sich uns. Er hat sich nie darüber lustig gemacht, verstehen Sie, aber er hat das Ganze nie rückhaltlos akzeptiert. Rods Interessen sind mehr intellektueller denn spiritueller Art. Und er fühlt sich in Gruppen nicht wohl. Er braucht Einsamkeit, um kreativ zu sein.« »Das kann ich verstehen. Er hat seine Arbeit zu tun, und es ist zudem eine sehr wichtige Arbeit.« Ich erhob mich. »Mrs. Gillsworth, ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft und die Zeit, die Sie für mich geopfert haben.« »Beabsichtigen Sie, Ihre Ermittlungen fortzusetzen?« Ich nickte. »Ich kann Ihnen keinen Erfolg versprechen, aber ich muß es versuchen.« »Ich war keine große Hilfe, nicht wahr?« »Ich bin sicher, Sie haben mir alle Informationen gegeben, die Sie mir geben konnten.« »Und Sie versprechen, sich wegen dieser lächerlichen Sache nicht an die Polizei zu wenden? Es ist wirklich bedeutungslos.« Ich erwiderte darauf nichts. 50
Sie führte mich durch das Haus zurück, blieb dann plötzlich stehen und legte eine Hand auf meinen Arm. »Warten Sie einen Augenblick, Archy. Ich muß Ihnen etwas zeigen, das ich aus Rhode Island für Rods Sammlung mitgebracht habe. Ich hab's in einem Krämerladen in der Nähe von Woonsocket gefunden.« So wie Harry Willigan antike Schraubenzieher sammelte, sammelte Roderick Gillsworth antike Spazierstöcke. Tatsächlich war Sammeln eine absolute Manie in Palm Beach, und je absurder die Sammelstücke waren, desto heftiger die Leidenschaft. Ich kannte Leute, die gläserne Aspirinflaschen, Zuckerwürfelpapier, Dietriche und Armbanduhrenzifferblätter anhäuften. Ich selbst hatte mich dem Wahnsinn hingegeben und kaufte jedes kristallene Schnapsglas, dessen ich habhaft werden konnte. Ich hatte Gillsworths Sammlung schon einmal gesehen, und er hatte Prachtexemplare darunter: Schwertstöcke, einen, in dem ein Dolch versteckt war, einen, der einen Viertelliter Whisky aufnahm, und einen, der, wenn man durch ein kleines Loch im Griff spähte, das winzige Foto einer üppigen Maid preisgab, die nichts trug außer langen schwarzen Strümpfen und einem gezierten Lächeln. Der Stock, den Lydia ihrem Mann aus Rhode Island mitgebracht hatte, war ein polierter, spitz zulaufender Eschenstock, der von einem schweren silbernen Kopf in Gestalt eines Einhorns gekrönt wurde. Es war ein wirklich eindrucksvolles Stück, wahrscheinlich an die zweihundert Jahre alt, und ich hätte zu gerne gewußt, was es gekostet hatte, aber ich fragte natürlich nicht. Ich machte Lydia ein Kompliment zu ihrer Erwerbung und dankte ihr nochmals für die Limonade. Aber so leicht sollte ich ihr nicht entkommen. Sie brachte mir die Wimpernbegonie, die sie meiner Mutter zugedacht hatte. Ich bedankte mich nochmals bei Lydia, schleppte das Ding zu dem Miata, fuhr langsam heim und dachte über alles nach, was ich soeben erfahren hatte. Mutter war noch immer abwesend, als ich zu Hause ankam. So 51
ließ ich die monströse Pflanze auf ihrer Arbeitsbank im Gewächshaus stehen. Vor der familiären Cocktailstunde blieb mir noch viel Zeit für mein Bad im Ozean. Während ich so durch die dunkle See schwamm, hatte ich eine Idee, die absolut schwachsinnig war. Was, wenn Lydia den Drohbrief selbst geschrieben und an sich geschickt hatte? Mir fielen mehrere mögliche Motive ein. Erstens: Sie wünschte sich, das Mitgefühl von Freunden zu gewinnen. Zweitens: Sie wollte Aufmerksamkeit von ihrem Mann, der offensichtlich seine Zeit vorwiegend damit verbrachte, sich von seiner Muse küssen zu lassen. Drittens: Sie sehnte sich nach ein wenig Dramatik in ihrem Leben, das hoffnungslos eintönig geworden war. Viertens: Sie selbst war nicht ganz dicht und folgte jetzt irrationalen Impulsen. Einiges sprach dafür, Lydia als Täterin zu verdächtigen, doch kam ich davon ab, als ich mich des identisch gedruckten Erpresserbriefes erinnerte, der den Willigans zugegangen war. Ich bezweifelte, daß Lydia die Willigans überhaupt kannte, und es war absurd zu glauben, sie habe sich des Diebstahls von deren Katze schuldig gemacht. Ich duschte und kleidete mich für mein Rendezvous mit Meg Trumble an. Ich trug total schwarz: Rohseidenjacke, Denimjeans, Rollkragenpullover, Socken und Schuhe. Mein Vater warf mir einen Blick zu, hob eine Braue und kommentierte: »Du siehst wie ein Schatten aus.« Wir nippten unsere Martinis, und Mutter erzählte uns, wie begeistert sie von Lydias Geschenk sei. Mein Vater fragte beiläufig, ob ich irgendwelche Fortschritte im Fall Gillsworth gemacht hätte, und ich sagte, nein, hätte ich nicht. »Und die vermißte Katze von Willigan?« fügte er hinzu. »Negativ«, sagte ich und war versucht, ihm zu erzählen, daß ich von einem Zusammenhang der beiden Fälle überzeugt sei. Doch das tat ich nicht, weil ich befürchtete, er werde mich für unzurech52
nungsfähig erklären. Wir leerten unsere Gläser, und meine Eltern gingen nach unten zum Essen. Ich ging zu meinem Miata und blieb so lange sitzen, bis ich meine dritte English Oval an diesem Tag geraucht hatte, wohl wissend, daß ich in Meg Trumbles Gesellschaft auf Nikotin zu verzichten hatte. Dann fuhr ich zum Haus der Willigans und überlegte, wohin ich Meg zum Essen entführen könnte. Es mußte ein so weit entferntes Restaurant sein, daß meine dortige Anwesenheit in Begleitung einer anderen Frau der Aufmerksamkeit von Consuela Garcias Informantenbataillon entging. Am Ende beschloß ich, nach Fort Lauderdale zu fahren.
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ch hatte Meg vorgeschlagen, sich leger zu kleiden, und das tat sie: blauseidene Bermudashorts, ein hautenges Top in der Farbe von Gischt und eine Jacke in gedämpftem Hirtenkaro, die sie wie einen Umhang um ihre Schultern gelegt hatte. »Umwerfend«, sagte ich zu ihr. »Haben Sie je Modell gestanden?« »Ich hab's einmal versucht«, entgegnete sie, »aber ich bin nicht sehr fotogen. Ich wirke sehr eckig, ja kantig. Der Fotograf sagte, ich sähe aus wie ein Stapel Schieferplatten.« »Dämlicher Fotograf«, knurrte ich. Ich hielt mich südwärts, und sie fragte, wohin wir führen. Ich erzählte ihr, daß ich ein gutes Restaurant in Fort Lauderdale kannte, und fragte, ob es sie störe, daß wir etwa eine Stunde fahren müß53
ten. »Das ist mir völlig egal«, meinte sie. »Ich bin so froh, daß ich aus dem Haus komme.« »Probleme?« »Mein Schwager. Ich kann die Art nicht ertragen, wie er Laverne behandelt. Der Mann ist wirklich ein widerlicher Bursche. Ich weiß nicht, wie meine Schwester es bei ihm aushält.« »Vielleicht liebt sie ihn.« Meg lachte. »Laverne liebt die Annehmlichkeiten, die es mit sich bringt, Mrs. Harry Willigan zu sein. Aber sie bezahlt dafür gebührend. Ich würde das nie tun. Wenn ein Mann mich so anbrüllte, wie Harry es tut, würde ich ihm eine scheuern.« »Das werde ich mir merken.« »Sollten Sie auch besser.« Ich hatte gehofft, es werde eine klare Nacht, die Luft wie Kristall und der Himmel glitzernd. Aber es sollte nicht sein. Dieser dunkle Ozean hätte mich warnen sollen. Draußen brauten sich Böen zusammen, und die Wolkendecke wurde zunehmend dichter. »Ich glaube, es wird regnen«, sagte Meg. Ihre Vorhersage war akkurat. Als wir Deerfield Beach erreichten, spritzten die ersten Regentropfen. »Wir können anhalten und das Dach draufsetzen«, schlug ich Meg vor, »und dann weiter nach Lauderdale fahren. Oder wir können uns überraschen lassen und halten beim ersten Restaurant, das wir sehen. Was darf's sein?« »Ihre Entscheidung.« So fuhren wir im offenen Miata weiter, und der Regen wurde stärker. Dann entdeckte ich bei Lighthouse Point ein mexikanisches Restaurant. »Gute Wahl«, sagte Meg. »Ich liebe Chili.« Eine wundervolle Frau! Nicht die leiseste Klage darüber, daß ihre Jacke halb durchnäßt war und ihr kurzes Haar an ihrem Schädel 54
klebte. Wir gingen lachend in das Restaurant. Es war gefüllt, was ich als gutes Omen wertete. Es gab keinen Oberkellner, der seinen Bückling machte und uns an einen Tisch führte. Deshalb beschlagnahmten wir die einzige freie Nische und rutschten hinein. Papierservietten waren in einen stählernen Serviettenspender geklemmt, und die Bestecke sahen aus wie Restbestände der Armee. Doch die Gläser waren sauber, und dazu stand eine Schale mit eingelegten Tomaten und Pilzen auf dem Tisch, dazu Tortilla-Chips, alles für umsonst, bis wir unsere Bestellung aufgegeben hatten. Die Speisekarte, mit Klebeband an die Wand geheftet, war der Wirklichkeit gewordene Traum jedes guten Essers. Die Vorspeisen und Gerichte waren in rhapsodischer Prosa beschrieben, die die Speicheldrüsen in freudige Erwartung versetzte. Wir studierten das Angebot mit kleinen Seufzern des Entzückens. Der untersetzte Kellner, der kam, um unsere Bestellung aufzunehmen, hatte eine lange weiße Schürze unter seine Achselhöhlen gebunden. »Die Spezialität des heutigen Abends«, verkündete er stolz, »ist Schweinelende, flambiert in roter Sirupsauce, und als Beilage schwarze Bohnen in einer Tortilla mit gebratener Tomatenchilisauce. Sehr gut.« »Mild?« fragte ich ihn. »Sind Sie verrückt?« erwiderte er. Aber wir verzichteten auf die Spezialität. Meg bestellte als Vorspeise ein Chili. Ihr Hauptgericht war eine Fischplatte in einer scharfen kreolischen Sauce und mit nach Knoblauch riechendem Reis. Ich entschied mich für gebackene Froschschenkel mit Pfeffersauce als Vorspeise und nahm als Hauptgericht ein gegrilltes, mariniertes Steak, mit Jack Daniels flambiert und serviert mit sautierten Pfefferschoten und Zwiebeln. Meg bat um eine Diät-Cola, und ich bestellte ein Bier. 55
Ich will gar nicht erst versuchen, den Verzehr dieses Mahles zu beschreiben. Er war von Keuchen, dem Abwischen der Stirn mit Papierservietten und dem häufigen Schlucken von Diät-Cola und Bier begleitet. Mein Magen begann zu glühen. »Gute Nachrichten«, sagte Meg, während sie an ihrem Chili arbeitete. »Ich habe eine Wohnung gefunden. Ich habe schon die Schlüssel. Morgen ziehe ich ein.« »Wundervoll! Wo?« »Riviera Beach. Es ist nur eine kleine Wohnung, und ich habe sie nur bis Oktober. Aber die Miete außerhalb der Saison ist angemessen. Ich werde nach Pennsylvania fliegen, Kleider und Sachen einpacken und dann mit meinem Toyota herfahren. Jetzt muß ich endlich nicht mehr bei meiner Schwester nassauern.« »Und Sie sind von Harry weg«, fügte ich hinzu. »Das ist das Beste daran. Ich werde Laverne natürlich noch sehen. Aber nicht in diesem Haus.« Wir sprachen über ihre Hoffnung, private Trainerin für Einwohner von Palm Beach zu werden, die ewige Jugend durch Diät und Gymnastik zu erlangen trachteten. Ich wollte ihr eine Liste von Freunden und Bekannten geben, die potentielle Klienten sein konnten. »Das wäre eine große Hilfe, Archy«, sagte sie dankbar. »Laverne hat mir bereits einige Namen genannt, aber ich brauche mehr. Wie steht's mit Ihnen?« Ich lachte. »Ich versuche, täglich zu schwimmen, wie ich Ihnen bereits erzählt habe, und ich spiele gelegentlich Tennis und Golf. Regelmäßiges Training ist nicht meine Sache. Zu träge, vermute ich. Meg, ich bin überrascht, daß Sie bereit sind, Männer als Klienten zu nehmen. Ich dachte, Sie würden Ihre Bemühungen darauf beschränken, weiblichen Speck zu vermindern.« »O nein«, sagte sie. »Es wird mir ein Vergnügen sein, Männer zu trainieren. Tatsache ist, daß Harry Willigan sich freiwillig bereit er56
klärt hat, mein erster Kunde zu sein. Aber er ist nicht daran interessiert, seine Gesundheit und seine Fitneß zu verbessern.« »Nein? Woran ist er denn interessiert?« Ich wußte die Antwort darauf, und sie fiel so aus, wie ich erwartet hatte. »An mir«, meinte Meg. Unsere Hauptgerichte kamen, und wir stürzten uns darauf. »Ich hoffe, Ihre Schwester merkt nichts von den Interessen ihres Mannes«, sagte ich. »Natürlich merkt sie das. Sie vertraut mir, aber insgeheim wird sie wahrscheinlich erleichtert sein, mich aus dem Haus zu haben.« Das amüsierte mich. »Wenn zwischen Ihnen und Harry etwas liefe, wäre das ja nicht damit zu Ende, daß Sie ausziehen. Es würde die Sache sogar erleichtern.« »Nun, da läuft aber nichts«, erwiderte sie verärgert, »und es wird auch nie so sein. Ich habe Ihnen ja gesagt, was ich von dem Mann halte.« »Ich teile Ihre Meinung«, versicherte ich ihr. »Er kann grimmig sein. Es ist erstaunlich, daß Laverne sich ihn gefallen läßt.« »Oh, sie ignoriert ihn, so gut sie kann. Und sie hat andere Interessen. Sie nimmt zum Beispiel Tennisunterricht. Und sie ist sehr aktiv in hiesigen Clubs. Sie hat an zwei oder drei Abenden die Woche Treffen. Das hilft – nur, um von diesem Schwachkopf wegzukommen. Aber genug von Laverne und Harry. Wie kommen Sie mit der Suche nach Peaches weiter?« »Überhaupt kein Fortschritt, abgesehen von einer Eigentümlichkeit, mit der ich mich eingehender befassen muß.« Ich dachte, es würde nicht schaden, ihr von dem unauffindbaren Katzentransportbehälter zu erzählen. Es würde sie überraschen, und sie würde sofort vermuten, was ich bereits annahm: Jemand aus dem Haushalt der Willigans hatte Peaches in den Behälter gesteckt und sie wegbefördert. Doch Meg hielt den Kopf gesenkt, stocherte auf der Suche nach 57
Krabben in ihrem Jambalaya und sagte nur: »Oh, ich bin sicher, daß er irgendwo im Haus auftauchen wird.« Wir beendeten unser Abendessen mit Limonensorbet. Ich bezahlte die Rechnung, und wir gingen zu dem Miata hinaus. Ich nahm eine Handvoll Papierservietten mit und wischte die Sitze einigermaßen trocken. Der Regen hatte aufgehört, die Nachtluft war frisch, und es gab sogar ein paar Sterne, die hinter den ziehenden Wolken hervorlugten. »Leckeres Essen«, sagte Meg. »Vielen Dank. Ich habe es wirklich genossen.« Die Heimfahrt war eine Freude. Wir sangen mehrere Songs neueren Datums. Meg hatte eine kehlige Altstimme, und ich fand, wir harmonierten wunderbar. Dann begann sie ihre neue Wohnung zu beschreiben. Plötzlich hielt sie inne. »Archy, möchten Sie sie gerne sehen? Es ist doch noch nicht zu spät, oder?« »Es ist überhaupt nicht spät, und ich würde sie gern sehen.« Es dauerte eine gute Stunde nach Riviera Beach, aber das Wetter wurde während der Fahrt besser. Eine salzige Brise wehte, die Palmwedel rauschten, und die See lieferte mit ihrer flüsternden Brandung einen angenehmen Hintergrund. Es wurde doch noch die reine, klare Nacht, die ich erhofft hatte. Ich wünschte, ich hätte das Gleiche von meinen Gedanken sagen können. Meg hatte ihre eigene Bude. Das war herausfordernd. Noch anregender war die Tatsache, daß sie in Riviera Beach lag, so weit von Connie Garcias Spionagering entfernt, wie ich mir nur wünschen konnte. Mein Glück schien anzudauern, und ich beschloß, es nicht zu verscherzen. Glück ist doch wirklich ein kostbares Gut, oder? Besonders in Gesellschaft einer jungen Frau, deren Schlüsselbeine mich vor Verlangen wahnsinnig machten. Ich log mutig und sagte Meg, wie reizend ich ihre Wohnung fände. In Wahrheit fand ich sie absolut uncharmant. Sie war offensichtlich möbliert vermietet. Alles darin war funktionell und so ge58
baut, daß es auch härtester Benutzung standhielt. Teppichboden und Polsterung glänzten von einem aufgesprühten Überzug, der Flecken abhalten sollte. Undefinierbare Bilder waren an die Wände geschraubt, und das Geschirr in den offenen Küchenregalen war aus weißem Kunststoff. »Natürlich ist es hier im Augenblick ein bißchen öde«, gab Meg zu. »Hier gehören ein paar persönliche Dinge hinein. Aber die Klimaanlage funktioniert gut, und es gibt sogar eine Geschirrspülmaschine. Ich kann bis Oktober hier wohnen. Ich hoffe, bis dahin etwas Besseres gefunden zu haben.« »Das werden Sie sicher«, gab ich zurück. »Ist dieses Telefon schon angeschlossen?« »Noch nicht. Das werde ich nach meiner Rückkehr machen lassen. Ich hoffe, Sie kommen mal zum Abendessen zu mir, wenn ich eingezogen bin und den Kühlschrank gefüllt habe.« »Aber gerne. Dann feiern wir Ihren Einzug.« Sie schaute mich abschätzend an. »Den könnten wir auch gleich feiern«, sagte sie unvermittelt. »Es ist ein Riesenbett.« Man ist allgemein der Auffassung, daß stark gewürzte Speisen als Aphrodisiaka wirken. Aber ich glaube nicht, daß unser Verhalten in jener Nacht auf den rauhen Laken, die an Motelbettwäsche erinnerten, auf das Chili und das Steak zurückzuführen war. Ich denke, daß Megs Inbrunst zum Teil die Folge ihrer Entschlossenheit war, schmerzliche Erinnerungen zu verdrängen, und meine Erregung fachte ihre Leidenschaft weiter an. Es war kurz nach Mitternacht, als wir von Riviera Beach aufbrachen und heimwärts fuhren. Wir hatten in ihrer Wohnung lang genug verweilt, um uns in einer wundervoll engen Duschkabine gemeinsam zu waschen, wobei wir ein Seifenscheibchen benutzten, das so dünn wie ein Kartoffelchip war. Die Handtücher hatten die Saugfähigkeit von Frischhaltefolie, aber inzwischen konnte nichts mehr unser Glück trüben. 59
Ich hielt auf der Auffahrt zum Anwesen der Willigans, zwängte mich aus dem Wagen und ging auf die andere Seite, um Megs Tür zu öffnen. Ich reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen. »Vielen Dank für einen wundervollen Abend, Miss Trumble«, sagte ich mit absolutem Pokergesicht. »Das Vergnügen Ihrer Gesellschaft beim Abendessen wurde nur von Ihrer freundlichen Gastlichkeit übertroffen.« »Vielen Dank, Mr. McNally«, erwiderte sie ebenso unbewegt. »Ich hoffe, unsere Wege werden sich wieder einmal kreuzen.« »Ein Wunsch, auf dessen Erfüllung ich nur inständig hoffen kann«, sagte ich, und dann küßten wir uns. Anhaltend. Ich fuhr in ekstatischer Stimmung heim, in dem Wissen, daß in dieser Nacht weder Schlaflosigkeit noch Alpträume meiner harrten. Und so war es auch. Ich schlief den Schlaf des Gerechten. Am nächsten Morgen erwachte ich, angesteckt von galoppierender Lebensfreude, die ich mir offensichtlich in der Nacht zuvor von meiner Begleiterin eingehandelt hatte. Beim Frühstück machte meine Mutter eine Bemerkung über meine Hochstimmung. »Hattest du eine angenehme Gesellschaft bei deinem Abendessen, Archy?« fragte sie. »Sehr.« »Connie?« »Nein. Margaret Trumble, die Schwester von Laverne Willigan. Ich glaube, ich bin verliebt.« Ich sagte zu meinem Vater, daß ich an diesem Morgen nicht mit ihm ins Büro fahren würde, wie ich es manchmal tat, sondern mit diskreten Ermittlungen beschäftigt sein würde. »Die Katze?« »Nein, der Brief an Mrs. Gillsworth.« Er nickte. »Der wichtigere. Hast du eine Spur?« »Ja. Aber das ist alles, was ich habe.« Er machte sich auf den Weg ins Büro, Mutter ging zum Gewächs60
haus, um ihren Begonien einen guten Morgen zu wünschen, und ich stieg zu meiner Höhle hinauf. Ich brachte mein Tagebuch auf den aktuellen Stand, was nicht lange dauerte, und telefonierte dann. »Consuela Garcia am Apparat.« »Connie, wie wär's mit Mittagessen heute?« »Würde ich gern, aber ich kann nicht. Ich bereite die Fete von Lady Horowitz am vierten Juli vor, und ich esse mit den Feuerwerksleuten zu Mittag.« Ihr Tonfall war erfreulich. Offensichtlich war sie nicht über meine Verabredung zum Abendessen am Vortag informiert worden. Und da wir uns auf eine offene Beziehung verständigt hatten, sah ich absolut keinen Grund, mich schuldig zu fühlen. Weshalb also fühlte ich mich dann schuldig? »Also, dann ein anderes Mal«, sagte ich unbekümmert. »Wann?« fragte sie. Meg Trumble hatte gesagt, sie habe vor, nach Rhode Island zurückzufliegen, so daß diese Romanze bis zu ihrer Rückkehr warten mußte. Es schien mir eine ideale Zeit zu sein, Connie zu versichern, daß unsere Bindung intakt geblieben sei. »Abendessen heute?« schlug ich vor. »Aber gern«, meinte sie. »Wie wär's mit mexikanischem Essen?« Einen Augenblick wankte meine Welt, dann fuhr sie fort: »Es gibt ein neues Restaurant in Lantana. Das Chili dort soll riesig sein. Sollen wir's probieren?« »Klingt gut«, sagte ich tapfer. »Soll ich dich gegen sieben abholen?« »Ich werde warten.« »Connie, noch was! Hast du je von einer Frau namens Mrs. Hertha Gloriana gehört?« »Diese Seancen-Lady? Natürlich habe ich von ihr gehört. Eine Menge Leute schwören, sie sei eine Kanone.« »Du hast nicht zufällig ihre Adresse und Telefonnummer?« 61
»Nein, aber ich denke, sie steht im Branchentelefonbuch. Unter ›psychische Beratung‹. Warum lachst du?« »Ich weiß nicht. Es scheint mir einfach seltsam, daß psychische Berater in den Gelben Seiten aufgeführt sind. Ich meine, wenn du einen Tumor hättest, würdest du dann in den Gelben Seiten nach Gehirnchirurgen schauen?« »Weißt du, Archy, du hast schon einen sehr schrägen Humor.« »Das denke ich auch«, seufzte ich. »Danke, Connie. Bis heute abend.« Ich ging nach unten ins Arbeitszimmer meines Vaters. All seine Telefonbücher steckten in ledernen Schutzhüllen. Da stand sie in den Gelben Seiten, unter der Rubrik ›psychische Berater‹. Eine zweispaltige Anzeige verkündete, daß Mrs. Hertha Gloriana konzessioniert sei, für ›Rat und Hilfe‹ sorge und alle wichtigen Kreditkarten annehme. Ich fand, daß eine persönliche Begegnung einem Anruf vorzuziehen sei, bestieg deshalb den Miata und fuhr Richtung West Palm Beach. Diese Stadt hat die siebenfache Bevölkerung von Palm Beach und ist, während dies geschrieben wird, dabei, ihr Image als arme Verwandte vom Land abzuschütteln. Mrs. Gloriana war an der Clematis Street zu finden, in einem Viertel, das jetzt von neuen Bürogebäuden, teuren Boutiquen und seltsamen Läden aller Art überschwemmt wurde. Die Worth Avenue würde es natürlich nie werden, aber was kommt da schon hin? Ich hatte mir vorgestellt, die Behausung eines Mediums ähnele einem Dracula-Schloß. Doch Mrs. Gloriana hatte eine Suite im vierten Stockwerk eines neuen Bürogebäudes aus Glas und Chrom. Darin gab es automatische Fahrstühle und teure Teppichböden. Ihr Büro war beeindruckend. Hinter dem Schreibtisch am Empfang saß ein Mann. Er blätterte müßig in einem Exemplar von ›Vanity Fair‹ und blickte nicht auf, als ich eintrat. Er war etwa in meinem Alter, gut aussehend und elegant gekleidet. Er trug einen An62
zug aus taubengrauem Flanell, der nicht von der Konfektionsstange kam. Sein Hemd hatte weiße französische Manschetten und einen Kragen, der eine zu einem Windsorknoten gebundene Krawatte aus gestrickter schwarzer Seide aufnahm. Das Hemd selbst war lavendelfarben gestreift. Mann, war das ein Dandy! Er blickte schließlich auf. »Kann ich Ihnen helfen?« fragte er einigermaßen freundlich. »Könnte ich bitte Mrs. Gloriana sprechen?« Er lächelte. »Haben Sie einen Termin?« »Bedauerlicherweise nicht.« »Mrs. Gloriana bevorzugt Termine. Macht es Ihnen etwas aus, einen zu vereinbaren?« »Besteht keine Möglichkeit, sie jetzt aufzusuchen?« Er schürzte die Lippen und schien meine Bitte ernsthaft zu überdenken. »Im Augenblick hat Mrs. Gloriana einen Klienten bei sich. Darf ich fragen, wie Sie von uns erfahren haben?« »Mrs. Lydia Gillsworth schlug vor, ich solle Mrs. Gloriana zu Rate ziehen.« Er strahlte sofort. »Mrs. Gillsworth, natürlich. Eine wundervolle Dame.« Er stand auf und trat hinter dem Schreibtisch hervor. Er war groß und schlank wie ein Fechter. Er trug, wie ich bemerkte, einen schweren Ring aus Navajosilber, der mit einem riesigen Türkis in teurer himmelblauer Schattierung besetzt war. »Ich bin Frank Gloriana«, sagte er. »Herthas Mann.« Wir schüttelten uns die Hände. Er hatte einen festen, knochigen Griff. »Archibald McNally«, stellte ich mich vor. »Erfreut, Sie kennenzulernen.« Er starrte mich einen Augenblick an. »McNally?« wiederholte er. »Die Anwaltskanzlei auf der anderen Seite des Sees?« »Das ist richtig. McNally und Sohn. Ich bin der Sohn.« Sein Lächeln war kühl. »Ich habe Gutes über Ihre Firma gehört. 63
Tatsache ist, daß ich sehr bald juristischen Rat brauche, und McNally und Sohn stehen auf meiner kleinen Liste der in Frage kommenden Anwälte ganz obenan.« »Freut mich, das zu hören. Wir haben zahlreiche Spezialabteilungen, und ich bin sicher, wir können die Dienste leisten, die Sie benötigen.« »Dessen bin ich sicher. Ihr Besuch – betrifft er einen Rechtsfall Ihres Hauses?« »O nein«, erwiderte ich hastig, »nichts dergleichen. Es ist eine persönliche Angelegenheit, und ich fürchte, Sie werden sie ziemlich albern finden.« »Sprechen Sie.« »Ein guter Freund von mir hat seine Katze verloren«, sagte ich ernst. »Verloren, verirrt oder gestohlen. Er liebt dieses Tier und ist krank vor Sorge, seit es verschwunden ist. Er hat eine Anzeige aufgegeben, aber ohne Erfolg. Mir kam der Gedanke, daß Mrs. Gloriana möglicherweise imstande ist, mir Hinweise zu geben oder Vorschläge zu machen, wo sein Schoßtier zu finden sein könnte.« »Es ist möglich«, entgegnete er sofort. »Hertha hat bemerkenswerte Erfolge darin erzielt zu erraten, wo vermißte Gegenstände oder Menschen zu finden sind. Ich glaube nicht, daß sie das je zuvor mit einem Tier versucht hat, aber ich sehe keinen Grund, warum sie das nicht könnte. Sie hat eine wirklich einzigartige und erstaunliche Gabe. Einmal half sie einem Bauunternehmer in Atlanta, seinen verschwundenen Bulldozer wiederzufinden.« »Wundervoll. Wo war er?« »In der Garage seines Vorarbeiters«, sagte Gloriana mit einem etwas sardonischen Lächeln. »Hören Sie, warum machen Sie's sich nicht hier bequem, und ich gehe hinein und sehe nach, wie lange Hertha noch braucht? Vielleicht hat sie Zeit, Sie vor ihrem nächsten Termin dranzunehmen.« »Das würde mich sehr freuen.« 64
Er verschwand durch eine Tür und schloß sie sorgfältig hinter sich. Ich machte es mir in einem Armsessel neben einem gläsernen Cocktailtisch bequem. Darauf lag eine Auswahl von Broschüren und Magazinen, die sich überwiegend mit Astrologie, Kristallen, Mystizismus und okkulten Philosophien des Fernen Ostens beschäftigten. Daneben lagen in einem Behälter Prospekte, Werbeschriften, die aussahen, als seien sie für den Postversand gedacht. Auf einem kleinen Schild stand: ›Zum Mitnehmen‹. Angeboten wurde, daß Mrs. Hertha Gloriana, eine konzessionierte Beraterin, jedem ein ›psychisches Profil‹ ausarbeite, der ihr Zeit, Datum und Ort der Geburt sowie die Namen der Eltern und Großeltern zukommen lasse und ein Foto oder einen Gegenstand aus persönlichem Besitz beifüge. Die Kosten des psychischen Profils betrugen hundert amerikanische Dollar, zahlbar im voraus. Ich steckte ein Exemplar dieses faszinierenden Angebotes in meine Jackentasche, als Frank Gloriana zurückkehrte. Er sah sofort, was ich tat. »Unser neues Projekt«, sagte er. »Was halten Sie davon?« »Darin wird nichts versprochen«, stellte ich fest. »O nein«, erwiderte er schnell, »keine Versprechen. Die Profile analysieren nur und machen Vorschläge, welche Richtung die Betreffenden einschlagen könnten, die ihr Leben vielleicht bereichert. Es ist ein ernsthafter Versuch, psychische Beratung zu geben und so Herthas außerordentliche Talente zu nutzen. Ich versichere Ihnen, daß das kein Schwindel ist.« »Das habe ich keine Sekunde gedacht.« »Wir haben gerade erst angefangen, aber die Reaktion auf Anzeigen in Zeitungen und Magazinen hat mich ermutigt, eine Direktwerbekampagne zu starten. Es gibt Adreßlisten von Leuten, die an dem interessiert sein könnten, was wir anbieten. Ich denke, es könnte sich als ein sehr erfolgreiches Unternehmen erweisen, und das ist 65
der Grund, warum ich vielleicht juristischen Rat für die Gründung einer besonderen Firma brauche, und um die nötigen Genehmigungen zu bekommen.« Er hielt inne und lachte, ein tonloses Haha. »Aber Sie sind nicht gekommen, um sich meine geschäftlichen Probleme anzuhören. Hertha steht Ihnen jetzt zur Verfügung. Folgen Sie mir bitte.« Er ging durch einen kurzen Korridor, der zu einem anderen Raum führte. Die Tür stand auf, und ich konnte sehen, daß der Raum eher wie der Audienzsaal einer Residenz eingerichtet war als wie ein Büro. Eine junge Frau – mindestens fünf Jahre jünger als Frank Gloriana, wie ich schätzte – erhob sich von einem hochlehnigen Ohrensessel, als wir eintraten. »Liebling«, sagte Frank, »dieser Herr ist Archibald McNally. Mr. McNally, meine Frau Hertha. Ich lasse Sie jetzt allein.« Und er verließ uns und schloß die Tür zum Korridor leise hinter sich. Sie schwebte auf mich zu und reichte mir eine Hand, die so weich und zart war, daß ich fürchtete, ich würde sie mit meiner kraftvollen Pranke zerquetschen. »Mrs. Gloriana«, sagte ich, »es ist mir ein Vergnügen.« Ich hatte mir ein Medium immer als ältere Frau vorgestellt, mit üppigem Busen und schweren Hüften, mit gefärbtem, gekraustem Haar, aufgepapptem Make-up und dem überwältigenden Geruch von Patchouli. In diesem Fall lag ich völlig falsch. Hertha Gloriana war ein präraffaelitischer Typ mit einem Kranz von kastanienbraunem Haar, einer Haut so weiß und glatt wie Wachs und so klassischen Gesichtszügen, daß sie eine Münze hätten zieren können. Es war etwas Ätherisches an ihrer Schönheit, etwas Sensibles und Weltabgewandtes. Sie bewegte sich mit einer trägen Leichtigkeit, und wenn sie plötzlich zur Decke emporgeschwebt wäre, wäre ich nicht die Spur überrascht gewesen. »Mr. McNally«, murmelte sie, »Frank hat mir erzählt, warum Sie hier sind. Vielleicht kann ich helfen. Vielleicht. Aber ich kann es 66
nicht versprechen. Das verstehen Sie doch, oder?« »Natürlich«, meinte ich, während ich versuchte, den exakten Farbton ihrer Augen zu bestimmen. Schneckenhausblau, entschied ich schließlich. »Ich würde einen Versuch sehr begrüßen.« »Wie heißt die Katze?« »Peaches.« »Weibchen?« »Ja.« »Welche Rasse?« »Perser, glaube ich.« »Beschreiben Sie sie bitte.« »Dick. Silbergrau mit Tigerflecken.« »Wie alt?« »Das weiß ich nicht«, gestand ich. »Vielleicht fünf Jahre.« »Anhänglich?« »Nicht bei Fremden.« Sie nickte. »Bitte, hinterlassen Sie Ihre Adresse und Telefonnummer bei meinem Gatten. Wenn ich imstande bin, etwas zu tun, wird er Kontakt mit Ihnen aufnehmen.« Offensichtlich war unser Gespräch beendet, aber sie starrte mich weiter an. Ihr Blick war so intensiv, daß ich wegschauen wollte, das aber nicht konnte. Sie kam näher, einen leichten Blumenduft ausströmend. Sie legte sanft eine Hand auf meinen Arm. »Sie sind beunruhigt«, sagte sie. »Wegen der Katze? Nun, ja. Dieser gute Freund von mir ist sehr –« »Nein«, unterbrach sie mich, »wegen einer anderen Sache.« »Nein«, erwiderte ich, wobei mir mein kurzes Lachen etwas nervös erschien. »Ich weiß von nichts, mit dem ich nicht fertig werden könnte.« Sie starrte mich weiter an. »Zwei Frauen, zwei Lieben. Das macht Ihnen Sorgen.« 67
Ich war nicht beeindruckt. Das schmeckte mir zu sehr nach einer Wahrsagerin in einer Jahrmarktsbude. Viele Männer haben Beziehungen zu mehr als einer Frau. Das ist kaum einzigartig. Mrs. Gloriana demonstrierte kein besonderes hellseherisches Talent. Sie trat zurück und lächelte, ein zaghaftes Lächeln, das sehr verletzlich wirkte. »Sorgen Sie sich nicht. Das Problem wird schließlich gelöst werden.« »Es freut mich, das zu hören.« »Aber nicht von Ihnen«, fügte sie hinzu. »Es war nett, Sie kennengelernt zu haben, Mr. McNally. Ich werde mein Bestes tun, etwas über Peaches zu erfahren.« »Vielen Dank«, sagte ich und wandte mich ab. Ich war an der Tür, als ich noch einmal zurückschaute. Ich hatte nicht gehört, daß sie sich bewegt hatte, doch sie saß wieder in ihrem hochlehnigen Ohrensessel und betrachtete mich ernst. Ich faßte einen Entschluß. »Mrs. Gloriana, Lydia Gillsworth hat mir von den Zusammenkünften erzählt, an denen sie teilnimmt, während derer Sie zuweilen imstande sind, Kontakt herzustellen zu den… zu den…« »Toten«, vollendete sie. »Ja«, sagte ich, ein bißchen schockiert durch ihre Direktheit. »Ich wollte fragen, ob ich vielleicht zu einer Ihrer Zusammenkünfte kommen dürfte. Ich finde das alles faszinierend.« Ihr Blick wankte nicht. »Bitten Sie Lydia, Sie zu unserer nächsten Sitzung mitzubringen. Sie kennt Zeit und Ort.« »Vielen Dank«, wiederholte ich und verließ sie. Ein Paar mittleren Alters saß Händchen haltend im Warteraum. Frank thronte teilnahmslos hinter dem Schreibtisch und tat nichts. »Ihre Frau sagte, sie werde mich wissen lassen, ob sie in der Lage sei zu helfen«, sagte ich zu ihm und reichte ihm meine Karte. Er warf einen Blick darauf. »Wünschen Sie die Rechnung auf Ihr Büro ausgestellt, Mr. McNally?« Ganz geschäftlich, dieser Bursche. 68
»Bitte. Und danke für Ihre Unterstützung.« Ich ging auf den Korridor hinaus. Ich hatte eine Menge Eindrücke gewonnen, die ich erst einmal sortieren mußte, aber es gab etwas, das ich zuerst tun wollte. Als ich das Büro betreten hatte, hatte Frank mich damit aufgehalten, daß er sagte, das Medium sei mit einem Klienten beschäftigt. Dann, nach einer gewissen Zeit, hatte er mir mitgeteilt, daß sie jetzt zur Verfügung stehe. Aber ich hatte keinen Klienten das Büro verlassen sehen. Das war verständlich, wenn es einen anderen Ausgang aus der Suite gab. Psychiater haben häufig eine solche Vorkehrung, um die Privatsphäre ihrer Patienten zu schützen. Bevor ich den Fahrstuhlknopf drückte, wanderte ich durch den Korridor des vierten Stocks, um nach einer weiteren Eingangstür zu der Suite der Glorianas zu suchen. Es gab keine – was wahrscheinlich bedeutete, daß Hertha keineswegs mit einem anderen Klienten beschäftigt war, als ich eintraf.
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uf dem Rückweg zum McNally-Gebäude fuhr ich bei Harry Willigans Büro vorbei. Er war in seiner üblichen widerwärtigen Stimmung, und ich überlegte, ob er seine Art von Peaches hatte oder ob die Katze ihre Ekelhaftigkeit von ihrem Herrn gelernt hatte. Er wollte wissen, welche Fortschritte ich bei der Suche nach seinem geliebten Schoßtier gemacht hätte. Sehr wenig, erzählte ich 69
ihm, aber es werde eine Hilfe für meine Ermittlungen sein, wenn er mir eine Fotokopie des Erpresserbriefes zur Verfügung stelle. »Wozu, zum Teufel?« schrie er mich an. Ich erklärte so geduldig, wie ich konnte, daß ich den Brief von einem Experten analysieren lassen wolle. Vokabular und Grammatik böten dem Spezialisten vielleicht die Chance, scharfsinnige Folgerungen zu Ausbildung, Beruf, Nationalität und sozialem Status des Schreibers zu ziehen. Das war natürlich kein völliger Blödsinn. Es gibt Analytiker, die derartige Informationen der Sprache eines Dokumentes entnehmen können. Schließlich ließ Willigan mürrisch seinen Empfangsherrn eine Fotokopie für mich anfertigen. Ich faltete sie sorgfältig und steckte sie in meine Jackentasche zu dem Prospekt, der psychische Profile feilbot. Dann ging ich, so schnell ich konnte, dieweil Willigan obszöne Drohungen von sich gab und verkündete, welche Körperteile er brechen würde, sollte er je diese Scheiß-Katznapper in die Hände bekommen. Ich glaubte ihm. In meinem Büro fand ich eine Nachricht auf meinem Schreibtisch mit der Bitte, Connie Garcia so schnell wie möglich anzurufen. »Archy«, klagte sie, »wegen heute abend – Lady Horowitz möchte, daß ich nach dem Abendessen wiederkomme und mit ihr noch einmal das Budget für die Sause am vierten Juli durchgehe.« »Ach«, sagte ich, »zu schade! Willst du unser Rendezvous verschieben?« »Nein«, sagte sie entschieden. »Ich habe dich seit Jahren nicht gesehen. Statt nach Lantana zum Chili-Essen zu fahren, nehmen wir einen Bissen im Pelican Club. Dann kannst du mich gegen halb neun wieder absetzen. Okay?« »Sicher. Aber ich vermute, das bedeutet, anschließend gibt's keine Freuden. Ich bin enttäuscht.« »Ich auch«, gestand sie. »Es ist schon so lange her, daß jedesmal 70
beim Niesen Staub aus meinen Ohren kommt.« »Dagegen müssen wir etwas unternehmen.« »Du hast doch wohl nicht mit dieser Meg Trumble rumgemacht, Archy?« fragte sie mißtrauisch. »Mit wem?« Sie seufzte. »Du weißt doch, was mit dir passiert, wenn ich herausbekomme, daß du mich betrogen hast, nicht wahr? Nun, bis heute abend.« Sie legte auf, und ich saß einige Minuten da und erinnerte mich, daß man ihr südländisches Temperament besser nicht herausforderte. Einmal während unserer ersten Liaison hatte sie mich beim Abendessen mit einer jungen Dame erwischt und mir eine Schüssel Spaghetti über den Kopf gekippt. Ich zog das Werbeblatt der Glorianas aus der Tasche und las es noch einmal. Meine erste Reaktion war, daß dieses Angebot eines Psycho-Profils ein betrügerischer Schwindel sei, um die Leichtgläubigen zu melken. Ich vermutete, die Glorianas hatten ein Einheitsprofil gedruckt, das sie all diesen Deppen zuschickten. Doch trotz meines Zynismus fiel es mir schwer zu glauben, daß Hertha Gloriana eine durchtriebene Betrügerin war. Ehemann Frank – der Manager des Geschäfts – konnte ein Trickkünstler sein, der unsaubere Dinge trieb. Aber nicht Hertha, nicht dieses weiche, verletzliche Kindchen. Ihre Augen waren zu blau. Aber es gab eine Möglichkeit, Hertha zu testen, und ich beschloß, mein Minikomplott an diesem Abend zu starten. Ich war sicher, daß Connie Garcia mitmachen würde. Während ich so über die Glorianas und das offensichtlich blühende Geschäft sinnierte, das sie betrieben, wurde mir klar, wie wenig ich über Parapsychologie wußte. Eine Menge intelligenter Leute glaubte an ASW, Präkognition und ähnliche Merkwürdigkeiten. Ich fand, daß es höchste Zeit war, mehr über das zu erfahren, woran ich ermittelte. Ich rief Lydia Gillsworth an. Inzwischen war es fast 71
Mittag. »Archy«, sagte sie nach herzlicher Begrüßung, »ich hoffe, es geht nicht um diesen dummen Brief, den ich erhalten habe.« »Überhaupt nicht«, log ich tapfer. »Dieser Anruf ist ein Geständnis und eine Bitte zugleich. Ich war so interessiert an dem, was Sie mir gestern über Hertha Gloriana erzählt haben, daß ich sie heute morgen besucht habe. Ich habe schamlos Ihren Namen gebraucht. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.« »Natürlich nicht. Ist sie nicht eine bemerkenswerte Frau?« »Das ist sie. Und wunderschön.« »Vorsicht, Archy«, sagte Lydia lachend. »Hertha ist glücklich verheiratet, und Frank trägt eine Pistole.« Das erschütterte mich. »Warum?« »Er sagt, es sei nur eine Vorsichtsmaßnahme. Manchmal haben sie mit irrationalen oder sehr gestörten Leuten zu tun.« »Das kann ich mir vorstellen. Extremisten.« »Genau. Darf ich fragen, weshalb Sie Hertha aufgesucht haben?« Ich ließ meine Geschichte von dem engen Freund ab, dessen geliebte Katze verschwunden war, und daß ich Mrs. Gloriana gebeten hatte, den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Schoßtieres festzustellen. Lydia hielt mein Anliegen keineswegs für ungewöhnlich. »Ich bin sicher, daß Hertha Ihnen helfen kann. Im Auffinden verlorener Dinge ist sie sehr gut. Sie hat Laverne Willigan gesagt, wo sie ihre Perlenohrringe finden würde.« »Und wo waren die Ohrringe?« fragte ich heiser. »In ihrer Kommodenschublade. Sie waren an einer Innenleiste hängengeblieben.« »Ich kenne Mrs. Willigan«, sagte ich so beiläufig wie möglich. »Ihr Gatte ist einer unserer Klienten. Besucht Laverne auch diese Seancen, die Mrs. Gloriana abhält?« »O ja, sie läßt nie eine Zusammenkunft aus.« 72
Ich wollte nicht weiter nachhaken. »Ich fragte Hertha, ob ich zu einer ihrer Zusammenkünfte kommen könne. Sie war einverstanden und sagte, Sie sollten mich zum nächsten Treffen mitbringen.« »Natürlich«, erwiderte sie. »Übrigens, heute abend um sieben findet eins statt.« »Ach, so ein Pech«, rief ich. »Ich habe eine Verabredung zum Abendessen, die ich unmöglich absagen kann. Aber ich bin sicher, daß ich mit Ihrer freundlichen Hilfe der nächsten Zusammenkunft beiwohnen kann. Ich würde gern mehr über Spiritismus erfahren, und ich habe mich gefragt, ob Sie Bücher über das Thema haben, die Sie mir vielleicht leihen könnten. Rückgabe garantiert. Mich fasziniert besonders die Möglichkeit, Kontakt zu denen aufzunehmen, die – äh – aus diesem Leben gegangen sind, um auf einer anderen Ebene zu existieren.« »Zu diesem Thema habe ich eine ganze Bibliothek. Sie werden die Bücher faszinierend finden, dessen bin ich sicher. Ich schlage vor, ich suche Ihnen drei oder vier heraus, die Ihnen Basisinformationen über unseren Glauben geben.« »Dafür wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar. Wann könnte ich sie abholen?« »Lassen Sie mich überlegen… Ich muß noch ein paar Einkäufe machen, aber gegen zwei Uhr werde ich zurück sein. Können Sie dann vorbeikommen?« »Gern. Ganz herzlichen Dank für Ihre Hilfe, Mrs. Gillsworth.« Ich fuhr zum Mittagessen nach Hause und stellte fest, daß ich den McNally-Herrensitz für mich allein hatte. Mutter und die Olsons waren auf eine Einkaufssafari gegangen, um unsere Speisekammer aufzustocken, doch auf dem Küchentisch lag eine Nachricht, die mich darüber informierte, daß ein Salat im Kühlschrank meiner harre. Ich trank ein Glas kalifornischen Chablis zum Salat und naschte als Nachtisch ein paar frische Erdbeeren. Dann trabte ich nach 73
oben in mein Reich, setzte meine Lesebrille auf und legte die Fotokopie des Erpresserbriefes in Sachen Peaches neben den Drohbrief, der Lydia zugeschickt worden war. Ich verglich sie sorgfältig, und meinem Laienauge schien es, als seien sie auf derselben Maschine geschrieben worden. Noch bedeutungsvoller war, daß beide Dokumente das Wort ›entsetzlich‹ enthielten. Was sollte ich anderes denken, als daß beide Briefe wahrscheinlich von ein und derselben Person geschrieben worden waren? Es war kein schlüssiger Beweis, das gebe ich zu, aber ich war mehr denn je davon überzeugt, daß das Katznapping und die Drohungen gegen Lydia irgendwie zusammenhingen. Ich begann, in mein Journal Notizen über die vormittägliche Begegnung mit Hertha und Frank Gloriana zu kritzeln, legte dann aber meinen goldenen Mont-Blanc beiseite, weil ich unfähig war, mich zu konzentrieren. Was mich durcheinanderbrachte, war Laverne Willigans offensichtliches Interesse an Spiritismus. Sie hatte auf mich immer den Eindruck gemacht, eine Frau zu sein, deren Hauptinteressen Schokoladen-Eclairs, Sonnenbäder und das Sammeln teuren Talmis waren. Es war für mich ein Schock zu erfahren, daß sie Seancen beiwohnte, um mit Geistern plaudern zu können. Offensichtlich hatte ich Laverne falsch eingeschätzt. Sie war mehr als ein Spatzenhirn mit üppigem Körper. Das veranlaßte mich darüber nachzudenken, ob ich mit meiner Meinung über die anderen Akteure in diesem Drama ähnlich falsch lag. Vielleicht verbarg sich hinter dem brüllenden Harry Willigan in Wirklichkeit ein hingebungsvoller Macraméeknüpfer, und Frank Gloriana war eifrig bemüht, das Baßlautenspiel zu erlernen. Alles, folgerte ich verdrießlich, war möglich. Aber meine miese Stimmung verflog, als ich südwärts zu meinem Treffen mit Lydia fuhr. Das war eine Frau, die keine verborgenen Leidenschaften hegte, die ohne Schuld war. Dies zu schwören, wäre ich jederzeit bereit gewesen. Sie war vollkommen und ohne Arg. 74
Was man sah, war das, was man bekam: eine offene und erfrischend reine Frau, im Frieden mit sich und der Welt ringsum. Sie hatte gerade mehrere Weidenkörbe mit getrockneten Blumen eingekauft, durch die das Wohnzimmer wie ein Bauerngarten wirkte. Sie zeigte eine so unschuldige Freude an den Hortensien, Moosbeeren und Jungfern im Grünen, daß ihr Entzücken ansteckend war. Ich bat sie um eine pinkfarbene Strohblume, die ich auch erhielt und in das Knopfloch meiner Jacke steckte. Sie hatte drei Bücher für mich bereitgelegt, die sauber in einem kleinen Einkaufsbeutel gestapelt waren. »Archy«, sagte sie, »Sie müssen mir versprechen, diese drei Bände langsam und komplett zu lesen.« »Das verspreche ich«, schwor ich. »Ihre erste Reaktion«, fuhr sie fort, »wird Gelächter sein. Sie werden sich sagen: ›Was ist das bloß für ein Unsinn!‹ Aber wenn Sie Ihren Verstand und Ihr Herz diesen neuen Gedanken öffnen – für Sie zumindest sind sie neu –, hoffe ich, daß Sie sich selbst die Frage stellen, ob sie nicht Wirklichkeit werden können. Versuchen Sie zu staunen, Archy.« »Das werde ich.« »Über Spiritismus dürfen Sie nicht logisch denken«, sagte sie ernst. »Er ist keine Philosophie, sondern ein Glaube. Versuchen Sie also nicht zu analysieren. Lassen Sie den Glauben einfach in sich dringen und warten Sie ab, ob er nicht vielleicht eine Menge Fragen beantwortet, die Sie sich immer gestellt, und Ihnen ein friedfertiges Verständnis schenkt, das Sie immer gesucht haben.« Sie war so herzlich und ehrlich, daß ich von ihr beeindruckter war als von ihren Worten. Ihre eifrigen Bemühungen bemerkend, mich auf den rechten Weg zu bringen, empfand ich große Zuneigung zu ihr. Ich dankte für die Bücher und erhob mich zum Gehen. Sie trat dicht zu mir und faßte mich bei den Schultern. Sie 75
schenkte mir ein Lächeln von unvergleichlicher Herzlichkeit. »Seien Sie gewarnt, Archy«, sagte sie fast schelmisch. »Diese Bücher werden vielleicht Ihr Leben ändern.« »Jede Veränderung wäre eine Verbesserung«, erwiderte ich, und sie lachte und küßte meine Wange. Wieder in meiner Höhle angekommen, tat ich wenig mehr, als einen flüchtigen Blick in die Bücher zu werfen, die sie mir geliehen hatte. Ich las die Einleitungen und überflog die Kapitelüberschriften. Dann legte ich die Bände beiseite. Oh, ich plante, sie irgendwann ganz zu lesen, aber ich wußte, daß das schwer sein würde. Ich ging zum Schwimmen, wohnte pflichtbewußt der familiären Cocktailstunde bei und wartete an diesem Abend um sieben Uhr an der Auffahrt von Lady Horowitz' Anwesen, nachdem ich die Haushälterin von meiner Anwesenheit in Kenntnis gesetzt hatte. Zehn Minuten später kam Consuela Garcia herausgehuscht, glitt in den Miata, und wir fuhren los. An diesem Abend trug Connie eine weiße Seidenbluse zu weißen Jeans. Ihr Kopf wurde von einem kecken Strohhut gekrönt, der mit einem kirschroten Seidenband geschmückt war. Dieser Hut hatte einmal mir gehört, und es wurmte mich noch immer, daß er ihr besser stand als mir. Alles in allem sah sie so einnehmend aus, daß ich mir wegen meiner Flirterei wieder Vorwürfe machte. Ich vermute, es muß auf ein fehlerhaftes Gen zurückzuführen sein. Als wir im Pelican Club eintrafen, war ich froh zu sehen, daß das Restaurant nicht zu voll war. Priscilla konnte uns einen Ecktisch geben. »Genau das Richtige für Turteltauben«, sagte sie und schaute mich an. »Oder sollte ich sagen, für eine Turteltaube und einen Kuckuck?« »So eine Frechheit!« rief ich. »Pris, was empfiehlt Leroy denn heute abend?« »Gelbschnapper mit Safranreis und einem Endiviensalat.« Das bestellten wir beide, und nachdem uns Drinks serviert wor76
den waren, begann ich sofort, meinen ruchlosen Plan in die Tat umzusetzen. Ich reichte Connie den Prospekt der Glorianas, mit dem psychische Profile feilgeboten wurden. Sie überflog ihn und blickte dann zu mir auf. »Ein Schwindel?« fragte sie. »Das glaube ich. Ich möchte das gerne beweisen, und du könntest mir helfen. Hast du Hertha oder Frank Gloriana je kennengelernt?« »Nee.« »Meinst du, daß die je von dir gehört haben?« »Das bezweifle ich.« »Gut. Ich möchte, daß du folgendes tust: Schreibe auf diese Werbung unter deinem Namen und gib deine Privatanschrift an. Aber mach aus dir eine völlig getürkte Frau. Verfälsche Datum und Ort deiner Geburt. Erfinde Namen von Eltern und Großeltern. Kauf billigen Schund und schick ihn als persönlichen Besitz dieser nicht existierenden Frau mit. Ich möchte sehen, wie dieses psychische Profil ausfällt, das du für eine imaginäre Person bekommst.« Connie lachte. »Du bist ein listiges Kerlchen, weißt du das? Glaubst du wirklich, die Glorianas werden die Analyse einer Phantasiefrau liefern?« »Für hundert Dollar werden sie's, darauf wette ich. Füge dem Brief einen Scheck bei. Ich sorge dafür, daß du das Geld erstattet bekommst. Machst du das?« »Natürlich. Das wird lustig. Aber warum machst du dir diese ganze Mühe, Archy?« Ich hatte einen Schwindel parat. »Ein älterer Herr ist süchtig nach diesem Mumpitz, mit dem die Glorianas hausieren gehen. Er gibt ein Vermögen für Seancen, vorgetäuschte Demonstrationen von Telepathie und Psychokinese und ähnlichen Quatsch aus. Seine erwachsenen Kinder, unsere Klienten, sind wütend, da sie schätzen, daß der alte Mann ihr Erbe vergeudet. Sie glauben, die Glorianas 77
sind Betrüger. Mein Vater beauftragte mich zu ermitteln.« Connie kaufte mir das ab. »Okay, ich werde ein psychisches Profil für eine Frau bestellen, die nicht existiert. Ah, da kommt unser Essen. Jetzt halt den Mund und laß mich essen.« Wir aßen in Rekordzeit, hockten uns kurz an die Bar, um zwei weitere Drinks zu schlürfen, und dann fuhr ich Connie zum Horowitzschen Anwesen zurück. »Tut mir leid, daß du so spät arbeiten mußt«, sagte ich. »Beim nächsten Mal wird's aber eine richtige Nacht.« »Das will ich hoffen. Archy, sag mir die Wahrheit: Bist du mir treu gewesen?« »Connie«, sagte ich ernst, »ich muß ehrlich sein. Letzte Woche habe ich beim Friseur den ›Playboy‹ durchgeblättert, und ich gestehe, daß ich Lust in meinem Herzen hatte.« Sie versuchte, nicht zu lachen, was ihr aber mißlang. »Dann sorge dafür, daß sie in deinem Herzen bleibt. Danke fürs Abendessen, Liebling.« Sie gab mir einen Kuß und rutschte aus dem Miata. Ich wartete, bis sie im Haus war, und fuhr dann heim. Als ich in unsere Auffahrt einbog, sah ich Roderick Gillsworths grauen Bentley auf dem Wendeplatz stehen. Aus den Fenstern des Arbeitszimmers meines Vaters fiel Licht, und er kam in die Halle heraus, als ich eintrat. »Archy«, sagte er, »Gillsworth ist gerade gekommen. Er bringt schlechte Nachrichten. Leiste uns bitte Gesellschaft.« Der Dichter saß in einem ledernen Clubsessel und kaute an einem Daumennagel. Der Herr des Hauses ging hinter seinen massiven Schreibtisch, und ich zog einen hochlehnigen Stuhl heran. »Heute ist wieder ein Brief gekommen«, sagte mein Vater grimmig und deutete auf ein Kanzleipapier, das auf seiner Schreibunterlage lag. »Sogar noch verabscheuungswürdiger als die anderen. Und noch furchterregender.« Seinen letzten Satz nahm ich kaum wahr. Ich fragte mich, warum 78
Lydia das nicht erwähnt hatte. Aber vielleicht hatte sie das. Ich erinnerte mich, daß sie während unseres Telefonats sagte: »Ich hoffe, es geht nicht um diesen albernen Brief, den ich bekommen habe.« Ich hatte angenommen, sie spreche von dem ersten Brief und nicht, daß sie einen neuen meinte. »Nun, Archy?« fragte mein Vater ungeduldig, und ich merkte, daß er mich etwas gefragt hatte. »Entschuldige bitte vielmals«, sagte ich. »Würdest du die Frage wiederholen?« Er starrte mich an, offensichtlich betrübt über den Schwachkopf, den er gezeugt hatte. »Ich fragte, ob du Fortschritte bei der Identifizierung des Schreibers dieser Schmierereien gemacht hast.« »Nein«, erwiderte ich und ließ es dabei bewenden. Gillsworth stöhnte. »Was sollen wir denn tun?« Ich hatte ihn noch nie so aufgelöst gesehen. Nicht nur, daß er an dem Nagel kaute – er blinzelte heftig und schien außerstande, ein eigenartiges Zittern seines Kiefers unter Kontrolle zu bekommen. »Mr. Gillsworth«, sagte ich, »ich meine wirklich, daß die Polizei hinzugezogen werden sollte. Wenn Ihre Frau das weiterhin verbietet, sollten private Leibwächter eingestellt werden. Rund um die Uhr. Das wird einiges kosten, aber ich halte das für notwendig, bis der Übeltäter gefunden worden ist.« Mein Vater fiel in einen Zustand von Halbtrance, was bedeutete, daß er angestrengt über meinen Vorschlag nachdachte, das Für und Wider abwog und alle dazwischen liegenden Möglichkeiten bedachte. »Ja«, sagte er schließlich, »ich denke, das wäre klug. Mr. Gillsworth, wir haben in der Vergangenheit mehrere Male mit einem Sicherheitsdienst zusammengearbeitet, der Leibwächter stellt. Wir haben immer festgestellt, daß sie vertrauenswürdig und zuverlässig waren. Darf ich um die Erlaubnis bitten, Leibwächter für Ihre Frau einzustellen, die sie vierundzwanzig Stunden täglich bewachen?« »O Gott, ja!« rief der Dichter. »Genau dies! Warum bin ich nicht 79
selbst darauf gekommen?« »Wo ist Mrs. Gillsworth im Augenblick?« fragte ich. »Sie ist heute abend zu einer Seance gegangen«, erwiderte er. »Sie müßte jetzt wieder zu Hause sein. Darf ich Ihr Telefon benutzen?« »Natürlich«, meinte mein Vater. Gillsworth stand auf, ging zu dem Telefon, das auf dem Schreibtisch stand, und wählte seine Nummer. Er hielt den Hörer dicht an das Ohr gepreßt. Während wir warteten, bemerkte ich, daß er schwitzte. Sein Gesicht glänzte von Schweiß. Schließlich legte er auf. »Sie ist nicht zu Hause«, sagte er mit hohler Stimme. »Kein Grund zur Beunruhigung«, versetzte mein Vater. »Vielleicht ist sie etwas länger bei der Seance geblieben. Ist sie mit ihrem eigenen Wagen gefahren?« »Ja. Sie hat einen Caprice. Ich verstehe nicht, warum sie nicht zu Hause ist. Sie verspätet sich selten.« »Vielleicht ist sie im Verkehr steckengeblieben. Versuchen Sie's in fünf oder zehn Minuten nochmal. Ich schlage vor, daß wir inzwischen alle einen Brandy trinken. Archy, schenkst du bitte ein?« Ich ging zu dem von einer Marmorplatte gekrönten Tischchen und schenkte großzügig bemessene Drinks in drei Gläser. Gillsworth leerte sein Glas mit einem Schluck zur Hälfte und keuchte. »Ja, das hilft. Danke.« »Vater«, sagte ich, »wenn du mit diesem Sicherheitsdienst wegen der Leibwächter sprichst, dann wäre es klug, denke ich, darum zu bitten, daß weibliches Personal eingesetzt wird. Ich glaube, daß Mrs. Gillsworth eher geneigt sein dürfte, die ständige Anwesenheit von Frauen als die von Männern zu akzeptieren.« »Ja, ja!« rief Gillsworth, vom Cognac angeregt. »Sie haben völlig recht. Eine prächtige Idee!« Mein Vater nickte. »Gut gedacht, Archy. Mr. Gillsworth, hätten Sie irgendwelche Einwände, wenn ein oder mehrere weibliche Leibwächter in Ihr Haus kämen? Natürlich nur vorübergehend.« 80
»Überhaupt nicht. Wir haben Gästezimmer. Ich würde die Anwesenheit einer Person begrüßen, die jede Minute, die ich nicht bei Lydia bin, über sie wacht. Darf ich noch einmal das Telefon benutzen?« »Natürlich«, erwiderte mein Vater. Gillsworth rief an, und einen Augenblick später entspannte sich sein ganzer Körper, und er lächelte. »Du bist daheim, Lydia«, sagte er herzlich. »Wohlauf und gesund? Gut. Türen und Fenster verschlossen? Freut mich, das zu hören. Ich bin bei den McNallys, Liebling, und werde in etwa fünfzehn Minuten zu Hause sein. Bis gleich.« Er legte auf und rieb sich die Hände. »Alles in Ordnung«, berichtete er. »Ich werde bei ihr bleiben, bis Ihre Leibwächter kommen. Wann, denken Sie, wird das sein?« »Wahrscheinlich morgen in aller Frühe«, erwiderte mein Vater. »Ich werde mit dem Leiter der Nachtschicht sprechen. Dann kann er bereits einen Plan erarbeiten. Ich werde darum bitten, daß man gleich morgen früh eine Leibwächterin zu Ihnen schickt. Wird das genügen?« »Ja.« Gillsworth leerte seinen Brandy. »Ich fühle mich jetzt erheblich besser. Ich werde Lydia sagen, daß ich darauf bestehe, daß die Leibwächter bleiben, bis diese entsetzlichen Dinge wieder in Ordnung gebracht sind. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. McNally – und auch Ihnen, Archy. Ich gehe jetzt besser.« »Ich begleite Sie zu Ihrem Wagen«, sagte mein Vater. »Bitte, warte hier auf mich, Archy.« Er ging mit seinem Klienten hinaus, kam zurück und nahm wieder auf seinem Thron Platz. »Leibwächter sind eine exzellente Idee«, meinte er. »Ich hoffe nur, daß Mrs. Gillsworth sich nicht weigert.« »Ich glaube nicht, daß sie das tun wird«, bemerkte ich. »Vor allem, wenn ihr erläutert wird, daß die Öffentlichkeit nichts von ihrer Anwesenheit erfährt. Aber ich meine trotzdem, daß die Polizei über die Briefe informiert werden sollte. Natürlich kann sie keine Über81
wachung rund um die Uhr stellen, ist aber vielleicht in der Lage, die Herkunft des benutzten Papiers und des benutzten Druckers festzustellen.« Mein Vater schaute mich unverwandt an. »Dann hast du also keinen Fortschritt erzielt?« »Das ist nicht ganz richtig«, gab ich zu, »aber was ich habe, ist so dürftig, daß ich es in Gillsworths Anwesenheit nicht erwähnen wollte.« Dann erzählte ich ihm von Hertha und Frank Gloriana, die Betrüger sein konnten oder auch nicht, und daß Lydia ihre Seancen besuche. Ich sagte nichts von Laverne Willigans Verbindung zu den Glorianas, und ebenso wenig erwähnte ich, daß ich glaubte, die Drohbriefe und der Erpresserbrief seien auf derselben Maschine vom selben Autor geschrieben worden. Er schaute mich etwas bestürzt an. »Du glaubst, die Glorianas sind für diese Drohbriefe verantwortlich?« »Ich weiß nicht. Aber Mrs. Gillsworth hat mir keine anderen Namen genannt. Offensichtlich ist sie davon überzeugt, daß niemand aus ihrer Umgebung – weder Verwandte, Freunde noch Bekannte – zu so etwas fähig ist. Hertha Gloriana ist also die einzige Spur, die ich habe.« »Das ist nicht viel.« »Nein«, pflichtete ich ihm bei, »das ist es nicht.« Er schenkte mir ein säuerliches Lächeln. »Schön, bleib dran«, befahl er, »und halte mich auf dem Laufenden. Aber jetzt muß ich diesen Sicherheitsmenschen anrufen.« In diesem Augenblick läutete das Telefon. »Wer zum Himmel kann das sein?« fragte er und nahm ab. »Prescott McNally«, sagte er kurz. Dann: »Was? Was? Mein Gott! Ja. Ja, natürlich. Wir werden sofort dort sein.« Er legte langsam auf und wandte sich dann mit düsterer Miene mir zu. »Lydia Gillsworth ist tot«, sagte er. »Ermordet.« 82
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ir erfuhren später, daß Roderick Gillsworth die Polizei angerufen hatte, bevor er meinen Vater anrief. Als wir schließlich das Haus des Dichters erreichten, war die Polizei bereits da, und wir durften nicht hinein. Ich war froh, als ich sah, daß Al Rogoff der ranghöchste Beamte und offensichtlich verantwortlich für die Ermittlungen war. Vater und ich setzten uns in den Lexus und warteten, so geduldig wir konnten. Ich glaube nicht, daß wir ein Dutzend Worte wechselten. Wir waren beide durch die Tragödie erschüttert. Sein Gesicht war verschlossen, und ich starrte blicklos zu dem sternenübersäten Himmel empor und hoffte, daß Lydia auf eine höhere Ebene gewechselt war. Schließlich, kurz vor Mitternacht, kam Al aus dem Haus und trottete zu dem Lexus herüber. Al spielte den netten alten Kumpel, weil er dachte, das sei seiner Karriere zuträglich. Aber ich wußte zufällig, daß er ein heimlicher Intellektueller und Ballettenthusiast war. »Mr. McNally«, sagte er zu meinem Vater, »wir wollen die Aussage von Roderick Gillsworth auf Band aufzeichnen. Er möchte, daß Sie dabei anwesend sind. Das möchte ich auch, nur um sicherzustellen, daß alles koscher ist.« »Natürlich«, erwiderte mein Vater und stieg aus dem Wagen. »Danke, daß Sie das vorgeschlagen haben.« »Al –«, setzte ich an. »Du bleibst hier, Archy«, befahl er im Amtston. »Wir haben drinnen bereits genug Gaffer.« »Ich muß dir etwas Wichtiges erzählen«, rief ich verzweifelt. »Später«, beschied er mich, und er und mein Vater gingen in das 83
Haus der Gillsworths. So saß ich eine Stunde allein da und schaute zu, wie Polizeibeamte und Techniker eines Feuerwehrwagens das Gelände mit Scheinwerfern und großen Laternen absuchten. Schließlich kam Al allein aus dem Haus, baute sich neben meinem offenen Fenster auf und schälte die Zellophanhülle von einer seiner großen Zigarren ab. »Dein Vater wird hier die Nacht verbringen«, berichtete er. »Bei Gillsworth. Er trug mir auf, dir zu sagen, daß du nach Hause fahren sollst. Er wird anrufen, wenn er abgeholt werden möchte.« Ich war schockiert. »Du meinst, Gillsworth will heute nacht in diesem Haus schlafen? Wir könnten ihn mit zu uns nehmen, oder er könnte in ein Hotel gehen.« »Dein Vater hat das vorgeschlagen, aber Gillsworth will hier bleiben. Das ist in Ordnung. Ich werde ein paar Männer auf dem Gelände lassen.« Dann schwiegen wir und schauten zu, wie eine Trage aus dem Haus gebracht wurde. Der Leichnam war mit einem schwarzen Gummi zugedeckt. Die Trage wurde in einen Krankenwagen der Polizei geschoben, die Türen zugeschlagen. Das Fahrzeug rollte langsam an, und die Sirene begann zu heulen. »Al«, sagte ich, so ruhig ich konnte, »wie ist sie getötet worden?« »Durch mehrere Schläge mit einem Spazierstock auf den Kopf. Ein schwerer Silberhaken bildet den Griff. Er hat den Schädel durchlöchert.« »Erzähl mir nicht, daß er die Form eines Einhorns hat.« Er starrte mich an. »Woher weißt du das?« »Sie hat ihn mir gezeigt. Sie brachte ihn aus dem Norden als Geschenk für ihren Mann mit. Er sammelt antike Spazierstöcke.« »Ja, ich habe seine Sammlung gesehen. Wolltest du mir das erzählen?« »Nein. Etwas anderes. Erinnerst du dich an meine Frage wegen 84
der Briefe? Lydia Gillsworth war die Person, die sie erhalten hat.« »Hurensohn«, sagte er bitter. »Warum hast du mir das nicht erzählt?« »Weil sie sich weigerte, damit zur Polizei zu gehen. Und hätten wir das getan, hättet ihr für sie eine Bewachung für vierundzwanzig Stunden abstellen können?« »Wahrscheinlich nicht«, räumte er ein. »Wo sind die Briefe jetzt?« »Zu Hause bei mir.« »Wie wär's, wenn du mich dorthin fährst und sie mir gibst? Dann kannst du mich wieder herfahren. Okay? Du hattest doch nicht vor, früh schlafen zu gehen, oder?« »Heute abend nicht. Fahren wir.« Ich fuhr, und Al saß neben mir und lutschte an seiner Zigarre. »Erzähl mir, was passiert ist«, bat ich ihn. »Ist nicht viel zu erzählen«, brummte er. »Gillsworth war bei euch im Haus, telefonierte mit seiner Frau und sagte ihr, er komme bald. Er sagt, er sei direkt nach Hause gefahren. Er fand die Eingangstür offen vor, obwohl sie ihm erzählt hatte, alle Türen und Fenster seien verschlossen. Sie lag bäuchlings im Wohnzimmer. Spuren eines heftigen Kampfes. Überall Blutspritzer. Körbe mit Blumen waren auf den Boden geworfen. Eine Standuhr umgekippt. Sie ist auf etwa zehn Minuten vor dem Zeitpunkt von Gillsworths Ankunft stehengeblieben.« »Mein Gott«, sagte ich, »er wäre ja fast Zeuge des Mordes geworden.« »Ja.« »Hat er jemand gesehen, als er vorfuhr?« »Er sagt, nein.« »Irgendwas gestohlen?« »Sieht nicht so aus. Er konnte nicht feststellen, daß was fehlt.« »Wie nimmt er's auf?« »Schwer. Er versucht, auf gefaßt zu machen, aber das haut nicht 85
hin.« »Sie war eine wundervolle Frau, Al.« »Jetzt nicht mehr«, meinte er mit dem ausdruckslosen Tonfall, den er immer dann hatte, wenn er seine Gefühle verbergen wollte. Als wir das Haus betraten, wartete Mutter im Korridor. Sie trug ein Nachthemd unter einem Flanellmorgenmantel, und ihre Füße steckten in pinkrosa Hausschuhen. Sie warf Al, der in Uniform war, einen Blick zu und stützte sich dann mit einer Hand an die Wand. »Archy«, fragte sie, »was ist los? Wo ist Vater? Ist er verletzt?« »Mit ihm ist alles in Ordnung«, sagte ich. »Er ist im Haus der Gillsworths. Mutter, tut mir leid, dir sagen zu müssen, daß Lydia tot ist.« Sie schloß die Augen und schwankte. Ich trat zu ihr und nahm ihren Arm. »Ein Autounfall?« fragte sie schwach. Ich antwortete darauf nicht. Ein Schock genügte. »Vater wird heute nacht bei Gillsworth bleiben«, fuhr ich fort. »Ich bin mit dem Sergeant hergekommen, um einige Papiere zu holen.« Sie erwiderte darauf nichts. Ihre Augen blieben geschlossen, und ich spürte, wie sie zitterte. »Mutter«, sagte ich, »es war ein schlimmer Abend, und der Sergeant und ich könnten eine Tasse schwarzen Kaffee brauchen. Würdest du uns einen machen?« Sie öffnete die Augen und richtete sich auf. »Natürlich«, sagte sie. »Ich werde gleich den Kessel aufsetzen. Möchten Sie ein Sandwich, Sergeant?« »Danke, nein«, erwiderte er freundlich. »Der Kaffee genügt mir völlig.« Mutter eilte geschäftig in die Küche, und ich führte Al in das Arbeitszimmer meines Vaters. Der Brief lag noch immer auf der Schreibtischunterlage. 86
»Da ist er«, sagte ich. »Die beiden Gillsworths haben ihn angefaßt, aber mein Vater und ich nicht. Vielleicht findest du ein paar brauchbare Fingerabdrücke darauf.« »Kaum eine Chance«, knurrte er, setzte sich hinter den Schreibtisch und begann zu lesen. »Das war der dritte Brief, den sie erhielt«, sagte ich. »Den ersten hat Gillsworth vernichtet. Der zweite ist oben in meinem Zimmer. Ich hole ihn dir.« Ein paar Augenblicke später kehrte ich mit dem zweiten Brief zurück. Die Fotokopie des Erpresserbriefes in Sachen Peaches brachte ich nicht mit. Willigan hatte uns gesagt: »Keine Polizei!« Und er zahlte schließlich die Gage. Al hatte seine dicke Zigarre angesteckt und saß zurückgelehnt im Sessel meines Vaters. Er las den zweiten Brief und warf den Umschlag auf den Schreibtisch. »Widerliches Zeug!« »Ein Geisteskranker?« fragte ich. »Vielleicht«, antwortete er. »Vielleicht versucht jemand, den Eindruck zu erwecken, ein Verrückter habe das geschrieben.« »Was wirst du mit den Briefen tun?« »Sie ans FBI-Labor schicken. Versuchen, die Herkunft der benutzten Maschine, des Papiers, der Druckfarbe und so weiter festzustellen. Die werden nachsehen, ob sie eine ähnliche Type in ihren Akten haben.« »Der rechte Rand ist glatt«, machte ich ihn aufmerksam. »Ah, das hast du bemerkt? Muß ein Computer oder eine elektrische Schreibmaschine sein. Wir werden sehen. Wie steht's mit dem Kaffee?« Als wir in die Küche traten, füllte Mutter unsere Tassen. Und sie hatte einen Teller mit Ursi Olsons Schokoladenplätzchen herausgestellt, die gute Seele. »Es ist Expreßkaffee«, sagte sie entschuldigend zu Al. »Das ist der einzige, den ich trinke«, meinte er und lächelte sie 87
an. »Danke für Ihre Mühe, Mrs. McNally.« »Das ist doch keine Mühe«, versicherte sie ihm. »Ich lasse Sie jetzt allein.« Wir setzten uns einander gegenüber an den Küchentisch, über unseren Kaffee gebeugt, und naschten Plätzchen. »Du hast den Ehemann im Verdacht, nicht wahr?« fragte ich. Der Sergeant zuckte die Schultern. »Das muß ich, Archy. Fünfundsiebzig Prozent aller Morde werden vom Ehegatten, einem Verwandten, Freund oder Bekannten begangen.« »Sie lebte noch, als er hier aufbrach, Al«, erinnerte ich ihn. »Er telefonierte mit ihr. Glaubst du, er ist heimgefahren und hat sie ermordet?« »Scheint nicht sehr wahrscheinlich zu sein«, sagte er langsam. »Aber was wirklich für ihn spricht, ist, daß keine Blutflecken an seinen Kleidungsstücken sind. Ich erzählte dir, daß der Raum wie ein Schlachthaus aussieht. Überall Blut. Der Mörder muß bespritzt worden sein. Was hatte Gillsworth an, als er hier wegfuhr?« Ich überlegte einen Augenblick. »Eine weißleinene Sportjacke, ein blaßblaues Polohemd und eine hellgraue Flanellhose.« Al nickte. »Das trug er auch, als wir hinkamen. Seine Kleidung war absolut fleckenlos. Und er hatte ganz sicher nicht genug Zeit, sich identische Kleidungsstücke anzuziehen. Zudem haben wir das Haus durchsucht. Nirgendwo blutbespritzte Kleidung.« Wir nippten unseren Kaffee und aßen weiter Plätzchen. Al steckte seine erloschene Zigarre wieder an. »Dann ist Gillsworth also außen vor?« fragte ich. »Das würde ich nicht sagen. Er ist wahrscheinlich sauber, aber ich muß den Zeitablauf überprüfen. Davon hängt eine Menge ab. Wie lange hat er gebraucht, um von hier zu seinem Haus zu fahren? Und außerdem, um wieviel Uhr hat das Opfer die Seance verlassen? Wie lange hat sie gebraucht, um nach Hause zu fahren? Es gibt eine Menge Dinge, die ich nicht weiß. Wenn ich das alles herausge88
funden habe, ist Gillsworth vielleicht außer Verdacht. Im Augenblick ist er alles, was ich habe.« »Al, du kannst mir befehlen, mich da herauszuhalten. Das Recht dazu hast du. Aber ich sage dir gleich, daß ich das nicht tun werde. Diese Frau hat mir eine Menge bedeutet. Egal, was du sagst, ich werde weiter wühlen.« »Das ist in Ordnung«, erwiderte er. »Bleib dran. Aber halte mich auf dem Laufenden – in Ordnung?« Wir tranken unseren Kaffee aus und gingen ins Arbeitszimmer, wo Al die Briefe an sich nahm. Als wir in den Korridor traten, wartete Mutter mit einer kleinen Reisetasche auf mich. »Ich habe Vaters Schlafanzug, den Morgenmantel und seine Hausschuhe eingepackt«, sagte sie. »Und sein Rasierzeug und ein frisches Hemd für morgen früh.« Al nahm die kleine Tasche und versprach, sie Vater zu geben. Dieses Mal fuhr ich den offenen Miata. Nachdem ich Als Zigarre inhaliert hatte, wollte ich frische Luft. Auf der Rückfahrt zum Haus der Gillsworths sprachen wir nicht. Aber als wir dort eintrafen und Al im Aussteigen begriffen war, hielt er kurz inne. »Archy, ich weiß, daß Roderick Gillsworth Klient deines Vaters ist. Was war mit Mrs. Gillsworth?« »Ja, sie auch.« »Ich höre, daß sie viel Geld hatte. Hat dein Vater ihr Testament aufgesetzt?« »Das weiß ich nicht, Al. Wahrscheinlich.« »Wer erbt?« »Das weiß ich auch nicht. Frag meinen Vater.« Dann fuhr ich zum letzten Mal in dieser Nacht zu unserem Haus zurück. Das Wochenende hatte schlecht begonnen, und es wurde nicht bes89
ser. Der Samstagmorgen war trübe und freudlos – genau so, wie ich mich fühlte, als ich erwachte. Mutter und Ursi hatten gefrühstückt und gingen im dritten Stock die Wäsche durch, um das Zeug auszusortieren, das Spuren von Stockflecken zeigte – in Südflorida ein ständiges Problem. Ich nahm einen Orangensaft, ein Zimthörnchen und Kaffee in der Küche, wo Jamie Olson saß. Er wickelte ein frisches Stück Klebeband um den gesprungenen Holm seiner alten Bruyère. Ich hatte ihm zu Weihnachten eine Dupont mit goldenem Band geschenkt, doch die pflegte er nur sonntags zu rauchen. »Hab' das von Mrs. Gillsworth gehört«, sagte er leise. »Sehr schlimm.« »Hat es in der Zeitung gestanden?« »Ja. Und es kam im Fernsehen.« »Jamie, wenn du was über Feinde hörst, die sie gehabt haben könnte, oder vielleicht über einen Streit mit irgendwem, dann gib mir bitte Bescheid.« »Sicher«, meinte er. »Sie haben wegen dieser Mrs. Willigan gefragt.« »Das hab' ich. Was ist mit ihr?« »Sie hat einen Kerl.« »Ach?« sagte ich und nahm einen Schluck Kaffee. »Wo hast du das gehört?« »Weiß jeder.« »Weiß man, wer's ist?« »Nee. Weiß niemand.« »Woher weiß man dann, daß sie einen Kerl hat?« Er sah mich an. »Die Frauen wissen das. Die wissen's immer.« »Das denke ich auch.« Ich seufzte. Ich verzog mich nach oben, um an meinem Tagebuch zu arbeiten. Mein Telefon läutete gegen halb elf, und ich dachte, es sei mein Vater, der mich bitten wollte, ihn abzuholen. Doch es war 90
Leon Medallion, der Butler der Willigans. »Hallo, Mr. McNally«, sagte er fröhlich. »Mieses Wetter – was?« »Ja. Was gibt's, Leon?« »Erinnern Sie sich, daß Sie mich nach diesem Katzentransportbehälter gefragt haben? Ich hab' ihn gefunden. Er war im Vorratsraum, wo er ja auch hingehört. Ich denke, ich hab' ihn übersehen, als ich das erste Mal nachgeschaut hab'.« »Wahrscheinlich war's so«, erwiderte ich. »Danke für den Anruf, Leon.« Ich legte auf. Keinen Augenblick glaubte ich, daß Medallion Peaches' Transportbehälter bei seiner ersten Suche im Vorratsraum übersehen hatte. Seinerzeit war er verschwunden gewesen. Jetzt war er wieder aufgetaucht. Rätselhaft. Ich dachte noch immer an dieser Geschichte herum, als mein Telefon wieder klingelte. Dieses Mal war es mein Vater, der verkündete, daß er bereit sei zurückzukehren. Er bat ausdrücklich darum, daß ich den Lexus nähme. Das hätte er nicht zu sagen brauchen. Ich wußte sehr gut, daß er meinte, es schade seinem Ansehen, wenn er in meinem roten Zweisitzer fuhr. Er wartete draußen, als ich das Haus der Gillsworths erreichte. Er legte die Reisetasche auf den Rücksitz und bedeutete mir, auf den Beifahrersitz zu rutschen, damit er sich hinter den Lenker klemmen konnte. »Ich werde dich zu Hause absetzen, Archy«, sagte er, »und dann ins Büro fahren. Gillsworth möchte, daß ich die Angehörigen seiner Frau informiere.« »Sollte er das nicht selbst tun?« »Das sollte er, aber er ist noch immer außerordentlich erschüttert und bat mich darum, das zu erledigen. Keine Aufgabe, die ich gerne erfülle. Außerdem möchte ich mir Lydias Testament ansehen.« »Hat Sergeant Rogoff dich darum gebeten?« »Hat er. Und Gillsworth hatte gegen eine völlige Offenlegung nichts einzuwenden. Soweit ich mich erinnere, hat sie mehrere spe91
zielle Zuwendungen Nichten, Neffen, einer Tante und ihrer Alma Mater vermacht. Doch die Masse ihres Vermögens geht an ihren Gatten.« »Viel?« fragte ich. »Ziemlich. Das alles habe ich dem Sergeant erzählt, und er fragte nach den Namen und Adressen der Bedachten. Er ist ein sehr gründlicher Mann.« »Ja, das ist er. Er möchte, daß ich meine Ermittlungen wegen dieser Drohbriefe fortsetze.« »Das sagte er. Ich möchte auch, daß du das tust, Archy. Lydia war eine feine Dame, und mir ist wichtig, daß dieses Verbrechen weder unaufgeklärt noch ihr Mörder unbestraft davonkommt.« »Mir auch, Vater. Weißt du, wo Rogoff jetzt ist?« »Er kam heute morgen ins Haus der Gillsworths. Er hatte einen Transporter dabei und lud mit Rodericks Erlaubnis die Standuhr in den Wagen und fuhr damit weg.« »Die Uhr, die während des Mordes umgekippt ist?« »Ja.« »Was zum Himmel will Al damit?« »Das sagte er nicht. Aber da wären wir. Nimm bitte die Reisetasche mit ins Haus und sag Mutter, daß ich im Büro sein werde. Ich rufe sie nachher an.« Ich befolgte seine Anweisungen, ging in sein Arbeitszimmer und benutzte sein Telefon, um das Büro der Glorianas anzurufen. Ich war mir nicht sicher, ob Medien samstags arbeiten, doch Frank Gloriana meldete sich, und ich nannte meinen Namen. »Ach, ja, Mr. McNally«, sagte er. »Wegen der vermißten Katze … Ich hatte die Absicht, mich mit Ihnen am Montag in Verbindung zu setzen.« »Dann haben Sie Neuigkeiten für mich?« »Meine Frau hat Neuigkeiten«, berichtigte er mich. »Wann könnten Sie denn vorbeischauen?« 92
»Jetzt gleich. Wenn Ihnen das recht ist.« »Lassen Sie mich eben mal in den Terminkalender schauen«, erwiderte er so aalglatt, daß ich überzeugt war, er halte mich wieder hin. »Also, ich sehe, daß uns ein sehr geschäftiger Nachmittag bevorsteht, aber wenn Sie binnen einer Stunde hier sind, bin ich sicher, daß wir Sie zwischendurch reinnehmen können.« »Ich danke Ihnen vielmals. Ich werde da sein.« Mutter wollte, daß ich zum Mittagessen blieb, aber ich hatte überhaupt keinen Appetit. Und außerdem hatte ich kürzlich bemerkt, daß der Bund meiner Hose alarmierend eng wurde. So ging ich nach oben und streifte eine silbergraue Sportjacke über mein violettes Polohemd. Dann ging ich hinaus und schwang mich in den Miata, um nach West Palm Beach zu fahren. Tatsächlich hatte ich die Glorianas nicht angerufen, um mich wegen Peaches zu erkundigen. Das Schicksal dieser elenden Katze war Kleinkram, gemessen an der Aufgabe, den Mörder von Lydia zu finden. Aber das Verschwinden der Katze würde ein guter Vorwand sein, das Medium wiederzusehen. Nicht nur, daß ich mehr über ihre Beziehung zu Lydia erfahren wollte, sondern die Frau selbst faszinierte mich. Sie war unleugbar unter den Lebenden und doch so geisterhaft wie diese Gespenster, die sie angeblich aus dem Großen Jenseits beschwor. Als ich die Suite der Glorianas betrat, war nicht die Spur von den Klienten zu sehen, die Frank während unseres Telefonats vorhergesagt hatte. Tatsächlich saß er allein in seinem Büro, durchblätterte lustlos die Seiten eines Magazins und wirkte außerordentlich gelangweilt. Er blickte auf, als ich eintrat, legte das Magazin beiseite und erhob sich, um mich zu begrüßen. Er trug einen Gabardinzweireiher von Armani und dazu eine Regimentskrawatte. Zufällig war es das Muster des Royal Glasgow Yeomanry, und ich bezweifelte, daß er diesem Regiment jemals angehört hatte. Wir schüttelten uns die Hände, und er strich über den 93
Ärmel meiner Jacke. »Hübsch«, sagte er. »Verraten Sie mir, was die gekostet hat?« Jetzt wußte ich, daß er kein Herr war. »Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Sie war ein Geschenk.« Er glaubte wohl, daß ich log, aber das war mir egal. Er nickte und ging wieder zu seinem Schreibtisch zurück. »Ich werde Hertha sagen, daß Sie da sind«, meinte er und legte die Hand aufs Telefon. Dann aber hielt er inne. »Wir haben das mit Lydia Gillsworth gehört. Eine schreckliche Geschichte.« Er drückte auf einen Knopf, sprach leise in die Muschel und legte auf. »Sie erwartet sie«, berichtete er. »Hier entlang, bitte.« Wieder führte er mich durch den Korridor zu dem Zimmer seiner Frau. Auf diesem Korridor befanden sich zwei weitere geschlossene Türen. Doch darauf stand nichts, und ich hatte keine Ahnung, was dahinter lag. Frank führte mich in das Sanktum des Mediums und zog sich zurück. Sie stand neben ihrem hochlehnigen Sessel, und als die Tür geschlossen war, kam sie zu mir geschwebt, um ihre Hände auf meine Schultern zu legen. Ich staunte, wie klein sie war: ein sehr kleiner Geist, in der Tat, und offenkundig sehr zerbrechlich. »Lydia ist hinübergegangen«, sagte sie mit ihrer gedämpften Stimme, »und Sie sind verzweifelt.« »Es war ein Schock«, stimmte ich zu. »Es fällt mir noch immer schwer, das zu akzeptieren.« Sie nickte, führte mich zu ihrem Ohrensessel und bestand darauf, daß ich mich hineinsetzte. Sie blieb vor mir stehen. Ich fand die Position etwas unbeholfen für eine Konversation, aber es schien sie nicht zu kümmern. »Hat Lydia Ihnen erzählt, wie sie über physischen Tod dachte?« fragte sie. »Ja, das hat sie.« »Dann müssen Sie glauben, daß der Geist, den wir beide kannten, 94
noch existiert. Dies ist nicht die einzige Welt, wissen Sie.« Sie sagte das mit solcher Überzeugung, daß ich ihre Aufrichtigkeit nicht bezweifeln konnte. Aber ich hielt sie für einen erstklassigen Leckerbissen. Seltsamerweise wirkte sie durch ihre Entrücktheit noch attraktiver auf mich. Ich persönlich bin ein Hedonist, war aber schon immer von weltfremden Typen gefesselt. »Mrs. Gloriana«, begann ich, doch sie hob eine Hand. »Bitte, sagen Sie Hertha. Ich fühle eine enge Verwandtschaft mit Ihnen. Darf ich Sie Archy nennen?« »Natürlich«, erwiderte ich erfreut. »Hertha, Lydia versprach mir, mich zu einer Ihrer Seancen mitzunehmen. Sie hat es sogar für gestern abend vorgeschlagen, aber ich konnte leider nicht. Vielleicht hätten sich die Dinge ganz anders entwickelt, wenn ich mitgekommen wäre.« »Nein«, widersprach sie und starrte mich an, »nichts hätte sich geändert. Machen Sie sich keine Vorwürfe.« Das hatte ich nicht getan, aber es war nett von ihr, mich zu trösten. »Ich würde noch immer gern an einer Ihrer Zusammenkünfte teilnehmen. Wäre das möglich?« Sie schwieg eine Weile, und ich fragte mich, ob ich zurückgewiesen werden würde. »Bis Oktober wird es keine weiteren Treffen geben, Archy«, sagte sie schließlich. »Viele Leute sind über den Sommer in den Norden gefahren.« Die Urlaubszeit schien ein merkwürdiger Grund für eine Pause bei der Kommunikation mit Geistern zu sein, aber ich vermutete, das Medium rechnete pro Kommunikant ab, so daß es kommerziell völlig gerechtfertigt erschien. »Veranstalten Sie auch Einzelseancen?« fragte ich. »Ließe sich das arrangieren?« Sie drehte sich um und begann auf und ab zu gehen, wobei sie 95
ihre Arme verschränkte. Sie trug ein geblümtes Kleid aus einem hauchdünnen Stoff, der wehte, während sie ging. »Vielleicht«, sagte sie. »Aber die Erfolgschancen wären erheblich vermindert. Die psychische Kraft eines Kreises von Gläubigen ist viel stärker als die eines einzelnen. Ich könnte Frank und seine Mutter bitten, uns Gesellschaft zu leisten. Wäre Ihnen das recht?« »Natürlich.« »Und haben Sie einen oder zwei Freunde, die Sie mitbringen könnten? Individuen, die dem Spiritismus gegenüber aufgeschlossen sind, selbst wenn sie noch keine wirklichen Gläubigen sind?« »Ja, ich denke, daß ich zumindest eine solche Person mitbringen könnte.« »Also gut«, sagte sie. »Ich werde eine Seance planen und Sie informieren, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind.« Sie redete, als hätte sie die Telefonkonferenz eines Großunternehmens zu terminieren. »Schön«, sagte ich. »Ich freue mich darauf. Und jetzt zu Peaches … Haben Sie Hinweise auf den Aufenthaltsort der Katze erhalten?« Sie blieb stehen und wandte sich mir zu. Doch statt des erwarteten durchdringenden Blickes schloß sie langsam die Augen. »Schwach und undeutlich«, sagte sie, und jetzt wurde ihre Flüsterstimme zu etwas, das ich nur als Singsang bezeichnen kann. »Die Katze lebt und ist gesund. Ich sehe sie in einem sehr schlichten Zimmer. Es ist ein Raum mit Bett, Kommode, kleinem Schreibtisch und einem Lehnsessel.« Sie öffnete die Augen. »Es tut mir leid, Archy, aber das ist alles, was ich habe. Ich kann nicht sehen, wo sich dieser Raum befindet. Aber wenn Sie es wünschen, werde ich es weiter versuchen.« »Bitte, tun Sie das«, drängte ich. »Ich glaube, Sie haben bisher schon viel vollbracht.« Ich erhob mich, ging zur Tür und blieb stehen. »Hertha«, sagte ich, »wenn wir unsere Seance haben – glauben 96
Sie, wir könnten Kontakt mit Lydia Gillsworth aufnehmen?« Sie schaute mich ernst an. »Es könnte möglich sein.« »Könnten wir sie nach dem Namen ihres Mörders fragen?« »Ja. Wir werden fragen.« »Danke. Lassen Sie mich bitte wissen, wann die Seance abgehalten wird.« Sie nickte und trat dann nah zu mir. Sehr nah. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte mich voll auf den Mund. Es war ein physischer Kuß, einfühlsam und erregend. Ihre Lippen waren weich und warm. So viel zu meiner Vision von ihr als Geist. Sie trat zurück und mußte meine Überraschung bemerkt haben, denn sie lächelte, öffnete die Tür und schob mich behutsam hinaus. Im Empfangsraum war niemand. Die Suite schien verlassen zu sein. Ich fuhr äußerst verwirrt nach Hause. Für gewöhnlich haben Küsse eine Bedeutung: Sie können ein Versprechen signalisieren, eine Verlockung sein, eine Leidenschaft demonstrieren. Herthas Kuß war ein Rätsel, das ich nicht lösen konnte. Es mußte bedeutungsvoll sein, aber worin seine Bedeutung lag, vermochte ich nicht zu entscheiden. Frauen werden durch meine Erscheinung nicht unbedingt abgeschreckt, aber andererseits werden sie in meiner Gegenwart auch nicht ohnmächtig oder haben den unwiderstehlichen Drang, an meinen Lippen zu hängen. Ich versuchte noch immer, das Rätsel dieses unerklärlichen Kusses zu lösen, als ich daheim ankam. Eben jetzt fuhr mein Vater seinen Lexus in die Garage. Wir gingen auf der kiesbestreuten Auffahrt auf und ab, bevor wir ins Haus traten. »Hast du etwas von Sergeant Rogoff gehört?« fragte er. »Nein, Vater. Ich denke, er ist beschäftigt.« »Hast du irgendwelche Fortschritte gemacht?« Ich war versucht zu erwidern: »Ja. Ein Medium hat mich geknutscht.« Aber ich sagte: »Nein. Nichts von Bedeutung. War Ly97
dias Testament so, wie du es in Erinnerung hattest?« Er nickte. »Roderick ist der Haupterbe – was ein Problem verursacht. Wir haben auch sein Testament aufgesetzt: ein einfaches Dokument, da sein Besitz kaum als beträchtlich zu bezeichnen ist. Das bißchen Bargeld, das er besitzt, und seine persönliche Habe hinterläßt er seiner Frau. Die Originalmanuskripte seiner Gedichte vermacht er der Kongreßbibliothek.« »Die wird hocherfreut sein.« »Sei nicht gemein, Archy. Du und ich mögen sie für Unsinn halten, aber andere betrachten sie vielleicht als Kunstwerke.« Ich sagte dazu nichts. »Das Problem«, fuhr mein Vater fort, »ist, daß Roderick jetzt ein wohlhabender Mann ist. Das bedeutet, daß er sein Testament so schnell wie möglich ändern muß. Sollte er sterben, bevor er sein neues Testament aufgesetzt hat, würde das Vermögen für Jahre unantastbar sein. Ich möchte ihn gern darauf hinweisen, wie nötig ein neues Testament ist, doch er ist im Augenblick so durcheinander, daß ich zögere, dieses Thema anzusprechen. Ich habe ihn für heute abend zu uns zum Essen eingeladen, aber er hat das abgelehnt. Er sei zu erregt, sagte er. Das ist verständlich.« »Ja«, meinte ich. »Glaubst du, daß er den letzten Willen seiner Frau kennt?« »Er war dabei, als wir die Einzelheiten mit Lydia besprochen haben. Gehen wir jetzt hinein. Unter Berücksichtigung der jüngsten Ereignisse, denke ich, sollten wir die familiäre Cocktailstunde heute für etwas früher ansetzen.« »Ein ausgezeichneter Gedanke.« Doch trotz der Drinks vor Tisch und einem ausgezeichneten Abendessen (Ente in Kirschsauce) war es ein trübseliger Abend. Die Unterhaltung verlief stockend. Der Tod unserer Nachbarin schien gutes Essen und einen ausgezeichneten Wein unmöglich zu machen. 98
Nach dem Abendessen zog ich mich in mein Nest zurück und arbeitete eine Weile an meinem Tagebuch. Dann versuchte ich, die Bücher über Spiritismus zu lesen, die Lydia mir geliehen hatte. Nicht einfach. Aber ich begann die Grundlagen des Glaubens zu verstehen. Er verspricht so eine Art Unsterblichkeit. Es war alles schrecklich ernstes Zeug, und wie ich schon bei mehr als einer Gelegenheit festgestellt habe, bin ich nicht der ernste Typ. Offen gestanden ist meine Vision von der letzten Seligkeit ein Ort, der dem Pelican Club ähnelt und in dem alle Drinks auf Kosten des Hauses gehen. So legte ich die Bücher beiseite und dachte wieder darüber nach, welches Motiv Hertha Gloriana für ihren Kuß gehabt haben mochte. Ich fand darauf keine Antwort, faßte aber den Entschluß, auf männlichere Weise zu reagieren, falls es eine Wiederholung geben sollte. Natürlich nur, um die Ermittlungen voranzubringen.
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as Bemerkenswerteste, was sich am folgenden Sonntag ereignete, war, daß ich meine Eltern zur Kirche begleitete. Ich bin kein fleißiger Kirchgänger. Tatsache ist, daß ich nicht mehr beim Gottesdienst war, seit eine dralle Chorsängerin, mit der ich ein Verhältnis hatte, einen Marineflieger geheiratet hatte und nach Pensacola gezogen war. Danach war mein Glaube geschwunden. An diesem Morgen aber saß ich in der Kirchenbank der McNallys, sang Choräle und blieb während der ganzen Predigt wach, die auf Jesu Ausspruch basierte, daß Geben seliger sei denn Nehmen. 99
Das letzte Gebet war Lydia gewidmet, einem verblichenen Mitglied der Gemeinde. Ich war froh, daß ich anwesend war und es hörte. Wir kehrten nach Hause zurück und sahen, daß an der Hintertür ein Polizeiauto parkte. Al Rogoff saß in Zivil mit den Olsons in der Küche und trank Kaffee. Er stand auf, als wir eintraten, und entschuldigte sich für seine Anwesenheit an einem Sonntag. »Es gibt etwas, worüber ich mit Ihnen reden muß«, sagte er zu meinem Vater. »Natürlich, Sergeant«, erwiderte mein Vater. »Ich schlage vor, Sie kommen ins Arbeitszimmer. Ich werde Gillsworth anrufen und fragen, welche Wünsche er hat.« Al sah mich an, bevor er meinem Vater folgte. »Wirst du noch eine Weile hier sein?« fragte er. »Ich möchte mit dir reden.« »Ich bin im dritten Stock. Komm nach oben, wenn ihr fertig seid.« Ich trabte treppaufwärts, legte mein sonntägliches Vorzeigekostüm ab und zog eine Flanellhose und ein fuchsienrotes Hemd an. Während ich noch überlegte, ob ich Zeit hätte, nach unten zu gehen, um Eiswürfel zu holen, klopfte es an die Tür. Es war das erste Mal, daß Al meine Räumlichkeiten betrat, und er schaute sich interessiert um. »Nicht schlecht.« »Das Beste daran ist die Miete.« Ich schenkte zwei Gläser Brandy ein, und Al kostete davon. Er keuchte und kniff die Augen zusammen. »Das zieht mir ja die Beläge von den Zähnen«, sagte er. Ich hatte nur wenig Sitzgelegenheiten für Besucher. So setzte sich der Sergeant in den Drehsessel hinter meinem Schreibtisch, wogegen ich eine ziemlich schäbige Ottomane heranzog. »Wie seid du und mein Vater mit Gillsworth verblieben?« »Alles klar. Er wird den Sarg nach Norden bringen lassen. Offensichtlich gibt's auf dem Friedhof in Rhode Island eine Familiengruft. Sie wird dort begraben.« 100
»Al, ich habe gehört, du hast die Standuhr vom Tatort wegholen lassen.« »Das ist richtig. Ist ein hübsches antikes Stück. Gebleichtes Pinienholz. Ich wollte feststellen, ob die Uhr funktionsfähig war, bevor sie umgekippt wurde.« »Und war sie's?« »Ja. Das sagt jedenfalls der Experte, der sie untersucht hat. Als sie umkippte, löste sich eines der Zahnräder, und die Uhr blieb stehen.« »Also ist die Zeit, die sie anzeigte, die Mordzeit?« »Wahrscheinlich.« Ich seufzte. »Du erzählst einem freiwillig aber auch nichts! Bist du jetzt endlich überzeugt davon, daß Gillsworth sauber ist?« »Er scheint's zu sein«, sagte Al widerwillig. »Mit der Zeit, die man braucht, um von hier mit normaler Geschwindigkeit zu seinem Haus zu fahren, haut's hin. Normalerweise wäre seine Frau früher von der Seance nach Hause gekommen, aber sie blieb noch eine Weile, um mit einer der Frauen zu sprechen.« »Wer hat dir das erzählt?« »Die Frau.« »Das ist, als würde man Zähne ziehen. Würdest du mir freundlicherweise den Namen der Frau nennen, Al?« »Mrs. Irma Gloriana, die Schwiegermutter des Mediums. Kennst du sie?« »Mrs. Irma Gloriana?« sagte ich vorsichtig. »Nein, dieser Dame bin ich nie begegnet. Wie ist sie?« »Eine willensstarke Vertreterin des weiblichen Geschlechts.« »Hast du das Medium kennengelernt?« »Nee. Sie und ihr Mann waren nicht zu Hause. Ich werde sie morgen besuchen, wie die anderen, die bei der Seance waren. Ich habe ihre Namen.« »Wo fand die Seance statt?« 101
»In der Wohnung der Glorianas. Ist in einem Hochhaus in der Nähe des Currie Park.« »Ein Luxustempel?« »Kaum. Ich schätze, die Kommunikation mit den lieben Verstorbenen ist nicht ein so florierendes Geschäft wie der Verkauf von Pizzas.« »Das denke ich auch. Wie bist du auf diese Mrs. Irma Gloriana gekommen?« »Gillsworth nannte mir ihren Namen. Er war mit seiner Frau auf drei oder vier Seancen und wußte, wo sie veranstaltet wurden. Nach einer Weile aber ging er nicht mehr hin. Er sagt, die ganze Idee des Spiritismus gefalle ihm einfach nicht.« »Hast du überprüft, wie lange Lydia gebraucht haben könnte, um von der Seance nach Hause zu fahren?« »Natürlich. Wenn Lydia zu dem Zeitpunkt gefahren ist, den die Schwiegermutter genannt hat, dann muß sie ungefähr zu dem Zeitpunkt zu Hause gewesen sein, als ihr Mann vom Arbeitszimmer deines Vaters aus mit ihr telefonierte.« »Dann paßt also alles zusammen, und Gillsworth ist sauber?« »Ich schätze schon«, meinte Al trübselig. »Könnte ich noch einen Schuß von dieser Batteriesäure haben?« Ich schenkte ihm ein und sagte: »Al, was beschäftigt dich? Ich bin sicher, du hast die Zeit selbst nachgeprüft. Aber du scheinst nicht überzeugt zu sein.« Er atmete schwer ein und dann wieder aus. »Was mich beschäftigt, ist die Tatsache, daß ich nur die Aussage eines Zeugen zu dem Zeitpunkt habe, als das Opfer nach Hause fuhr. Ich hätte lieber mehrere. Aber alle anderen, die bei der Seance anwesend waren, sind vorher aufgebrochen, und das Medium und ihr Mann sind zum Essen ausgegangen. Also kann nur Mrs. Irma Gloriana sagen, wann Lydia den Heimweg angetreten hat.« »Glaubst du, daß sie lügt?« 102
Er rutschte unruhig in dem Drehstuhl hin und her. »Warum sollte sie das, zum Teufel? Was für ein Motiv könnte sie haben zu lügen? Nein, wahrscheinlich sagt sie die Wahrheit. Aber jetzt zu dir. Was hast du herausgefunden?« »Nicht viel«, sagte ich ganz unschuldig. Ich hatte überlegt, wieviel ich ihm erzählen sollte. Natürlich nicht alles, weil ich sicher war, daß er mir auch nicht alles erzählte. In der Vergangenheit hatten wir bei mehreren Ermittlungen zu unser beider Nutzen zusammengearbeitet, aber ich war stets der Meinung – und Al wohl auch –, daß unser Erfolg zum Teil darauf zurückzuführen war, daß wir uns ebenso als Konkurrenten wie als Partner betrachteten. Ich glaube, wir genossen das beide. Nichts geht über eine solche Rivalität. »Al«, sagte ich ernsthaft, »ich hatte gerade eine Idee, die dir gefallen wird, wie ich glaube.« »Schieß los.« »Bis du den FBI-Bericht über diese Drohbriefe hast, sind die Seance und alle, die damit in Verbindung stehen, unsere beste Spur – richtig?« »Nicht unbedingt«, wandte er ein. »Archy, wir haben mit der Sache gerade erst angefangen. Wir müssen sämtliche Nachbarn, Freunde und Bekannte des Opfers identifizieren und befragen und feststellen, wo sie sich zum Zeitpunkt des Mordes aufgehalten haben.« »Einverstanden«, sagte ich. »Eine Menge Rennerei. Aber während du das tust, kann ich mich doch auf die Glorianas konzentrieren, oder? Ich habe folgendes überlegt. Ich will zu ihnen gehen, mich ihnen als halbgläubigen Spiritisten präsentieren und eine Seance mit dem Medium durchziehen. Damit will ich nicht sagen, daß du sie völlig ignorieren sollst, aber laß mich die Sache als interessierter Klient angehen.« Er starrte mich nachdenklich an. »Warum habe ich das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden?« »Du wirst nicht über den Tisch gezogen«, widersprach ich hitzig. 103
»Je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich es. Ich kann der Insider sein, und du gehst als Outsider heran. Die Glorianas werden nie erfahren, daß wir zusammenarbeiten. Sie werden nicht mal merken, daß wir uns kennen. Gemeinsam aber sollten wir in der Lage sein, ein komplettes Bild von dem zu bekommen, was sie treiben.« Er schwieg ziemlich lange, und ich fürchtete schon, er werde nicht mitspielen. Schließlich aber seufzte er, leerte sein Glas und stand auf. »In Ordnung«, sagte er. »Ich wüßte nicht, was das schaden könnte. Geh du auf deine Seance und versuche an das Medium heranzukommen.« »Ich werd's versuchen.« »Und du hältst mich über alles auf dem Laufenden, was du herausbekommst?« »Absolut. Und du informierst mich über die Fortschritte, die du machst?« »Ja.« Wir lächelten uns an. Nachdem er gegangen war, setzte ich mich in den Drehsessel. Ich war mit dem Plan zufrieden, den ich ausgebrütet hatte. Ich betrog Al nicht direkt, hatte aber jetzt den offiziellen Segen dafür, etwas zu tun, was ich bereits getan hatte. Ich kritzelte ein paar Notizen in mein Tagebuch und versuchte mich an alles zu erinnern, was der Sergeant mir erzählt hatte. Ein sofort offensichtlicher Widerspruch war die Tatsache, daß die Wohnung der Glorianas bescheiden war, wohingegen ihre glitzernden Büroräume in einem neuen Hochhaus auf ein profitables Unternehmen schließen ließen. Aber ihre Suite konnte natürlich Fassade sein, sagte ich mir. Während meiner beiden Besuche hatte ich keine Horden von Klienten gesehen, die sich darum rissen, psychische Beratung zu bekommen. Und trotz Franks eleganter Klamotten hielt ich ihn eher für anrüchig. 104
Das Wetter war noch immer mies. Aber diszipliniert, wie ich nun mal bin, stiefelte ich unverdrossen los, um im Ozean zu schwimmen. Überraschenderweise war die See ganz ruhig. Die Oberfläche kräuselte sich kaum. Und während ich lospaddelte, konnte ich über die bevorstehende Seance nachdenken und meine Vorgehensweise planen. Als Hertha Gloriana vorgeschlagen hatte, ich solle einen Freund mitbringen, der sich dem Kreis der Gläubigen anschlösse, um die psychischen Kräfte zu verstärken, hatte ich sofort daran gedacht, Consuela Garcia zu bitten, mich zu begleiten. Connie war ein Mädchen, das überall mitspielte, und sie würde die ganze Geschichte als ein Abenteuer betrachten, über das sie noch wochenlang plaudern konnte. Dann aber fiel mir ein, daß ich Connie gebeten hatte, auf den Prospekt der Glorianas zu antworten. Das Risiko, daß sie über ihren Namen stolperten, war zu groß, und das würde gegebenenfalls den Nachweis unmöglich machen, daß ihre Direktwerbung ein Schwindel war. Ich beschloß, Meg Trumble statt Connie zu bitten, mich zu dieser Seance zu begleiten. Ich kehrte rechtzeitig genug vom Schwimmen zurück, um mich für die familiäre Cocktailstunde umzuziehen – es war mein dritter Klamottenwechsel an diesem Tag. Während wir unseren ersten Martini schlürften, kam mein Vater mit unerwarteten Neuigkeiten. »Roderick Gillsworth möchte dich sprechen, Archy.« Ich blinzelte. »Weshalb denn das?« »Das sagte er nicht. Er schlug vor, du sollst heute nach dem Abendessen zu ihm kommen. Ich denke, es ist besser, wenn du vorher anrufst.« »In Ordnung«, meinte ich zweifelnd. »Trotzdem seltsam. Findest du das nicht?« »Schon. Aber ich möchte, daß du diese Zusammenkunft dazu 105
nutzt, dann, wenn du den Zeitpunkt für geeignet hältst, die Notwendigkeit zu erwähnen, daß er ein neues Testament aufsetzen sollte. Natürlich solltest du das nur ganz beiläufig erwähnen. Vielleicht trägt das dazu bei, daß er beginnt, über seine finanzielle Verantwortung nachzudenken.« »Ich werde tun, was ich kann. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum er mit mir reden will.« Mutter blickte auf. »Vielleicht ist er einsam«, sagte sie ruhig. Kurz nach halb neun waren wir mit unserem Abendessen fertig. Ich rief Gillsworth an, und er fragte, ob ich gegen neun kommen könne. Er hörte sich ziemlich gefaßt an. Ich sagte, ich würde da sein, und erkundigte mich, ob er vielleicht etwas brauche, das ich mitbringen könne. Zuerst dankte er mir und sagte, es gebe nichts. Dann aber, nach einer Pause, fragte er schüchtern, ob die McNallys eine Flasche Wodka entbehren könnten. Sein Vorrat sei erschöpft. Er würde das wiedergutmachen, sobald er in einen Schnapsladen komme. Ich fand an seiner Bitte nichts Ungewöhnliches, fürchtete aber, daß es meinen Vater beunruhigen könne – Schlagzeile in der Sensationspresse: ›Trauernder Gatte besäuft sich mit Anwaltsschnaps bis zur Bewußtlosigkeit.‹ So stibitzte ich einen Liter Sterling aus unserer Reserve im Vorratsraum und brachte ihn heimlich zu dem Miata, ohne erwischt zu werden. Absperrbänder waren noch immer rund um das Haus gespannt, aber Polizeiwagen waren nicht zu sehen. Gillsworth öffnete auf mein Klopfen hin persönlich und begrüßte mich mit einem matten Lächeln. Er sagte mir, er sei endlich allein, und dankte mir dafür, daß ich den Wodka mitgebracht hatte. »Haben die Reporter Sie sehr belästigt?« fragte ich, während er mich in sein Arbeitszimmer führte. (Ich war froh, daß er sich nicht für das Wohnzimmer entschieden hatte, wo die Leiche aufgefunden worden war.) 106
»Nicht allzu sehr. Ihr Vater hat sich um die meisten gekümmert, und ich habe es abgelehnt, Fernsehinterviews zu geben. Machen Sie es sich bequem, während ich Eis hole. Mögen Sie einen Mix?« »Wasser wäre schön«, sagte ich, und als er gegangen war, setzte ich mich in einen abgenutzten Lehnsessel und schaute mich interessiert um. Ich war noch nie zuvor in den heiligen Hallen eines Dichters gewesen, und es war irgendwie eine Enttäuschung: ein kleiner, mit Büchern gefüllter Raum, mit abgenutztem Schreibtisch, einem angeschlagenen Karteischrank und einem unlackierten Arbeitstisch, der mit Nachschlagewerken und einer Schreibmaschine bedeckt war. Es war eine alte Remington, nicht elektronisch und kein Computer. Ich weiß nicht, was ich im Sanktum dieses Dichters zu finden erwartet hatte – der triste Raum konnte das Büro jedes Hausbesitzers sein: Ein Loch, das zu deprimierend war, um für etwas anderes benutzt zu werden, als Drohbriefe des Finanzamtes zu beantworten. Er kam mit einem Eimer voller Eiswürfel, einer Flasche Wasser und zwei Highballgläsern zurück. Er stellte sie neben meiner Flasche Sterling auf den Tisch. »Ich bin ein schlechter Barkeeper«, gestand er. »Würden Sie Ihren selbst mixen?« »Aber gewiß.« »Das ist auch noch eine Sache«, fügte er hinzu. »Ihr ›Mr. Gillsworth‹ ist zwar nett, aber wirklich nicht nötig. Ich habe Sie immer mit Archy angesprochen. Wenn Sie mich Rod nennen, wird mein Ego nicht für alle Zeiten angeschlagen sein.« »Macht der Gewohnheit«, meinte ich. Ich mixte mir meinen Drink: ein bißchen Wodka, eine Menge Wasser. Er mixte sich seinen: eine Menge Wodka, ein bißchen Wasser. Ich nahm wieder auf dem Sessel Platz, und er ließ sich auf einen quietschenden Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch fallen. »Rod«, sagte ich, »ich habe bisher keine Gelegenheit gehabt, Ihnen mein Beileid zum Tode Ihrer Frau auszusprechen. Es war eine 107
schreckliche Tragödie, die meine Eltern und mich sehr bekümmert hat. Wir werden Lydia immer als eine gute Nachbarin und eine liebenswürdige Frau in Erinnerung behalten.« »Ja«, murmelte er. »Das war sie. Danke.« Ich nippte, aber er kippte, und ich fragte mich, ob er sich das Zeug deshalb so hineingoß, um sicher zu gehen, daß er in dieser Nacht schlafen konnte. »Das läßt meine Gedichte so bedeutungslos wirken«, sinnierte er in sein Glas starrend. »So vergeblich.« »Diese Auswirkung sollte das nicht haben«, bemerkte ich. »Gewiß könnte der tragische Tod Ihrer Frau Ihnen die Inspiration für elegische Verse geben.« »Vielleicht. Wenn die Zeit kommt. Im Augenblick ist mein Kopf bis auf Kummer völlig leer. Ich hoffe, Sie haben recht. Ich hoffe, daß ich am Ende imstande sein werde, meine Trauer zum Ausdruck zu bringen und, indem ich darüber schreibe, meinen Schmerz zu vertreiben und eine gewisse Gelassenheit wiederzugewinnen.« Er nahm einen weiteren tiefen Schluck von seinem Drink und sackte auf seinem Stuhl zusammen. Seine Augen waren gerötet, als habe er geweint, und sein ganzes Gesicht wirkte eingefallen. »Archy«, sagte er, »es ist doch richtig, daß Sie wegen der Drohbriefe weiter ermitteln?« »Ja.« »Werden Sie mit Sergeant Rogoff zusammenarbeiten?« Ich nickte. »Was halten Sie von ihm? Ist er der richtige Mann?« »Mehr als das«, sagte ich. »Al ist ein ausgesprochen erfahrener und talentierter Polizeibeamter.« Gillsworth gab ein kleines Geräusch von sich, das wohl ein Lachen sein sollte. »Ich glaube, er verdächtigt mich.« »Das ist sein Job, Rod«, erklärte ich. »Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen. Der Sergeant muß jeden verdächtigen, der mit 108
Mrs. Gillsworth zu tun hatte, bis der Aufenthaltsort jeder Person zu dem Zeitpunkt, als das Verbrechen begangen wurde, definitiv festgestellt worden ist.« »Nun, mein Aufenthaltsort ist festgestellt worden. Ich war bei Ihnen und Ihrem Vater.« »Das weiß Rogoff«, sagte ich so beruhigend, wie ich konnte. »Aber er kann nichts als selbstverständlich hinnehmen. Jedes Alibi muß überprüft werden.« Er trank sein Glas aus und schenkte sich einen weiteren Drink ein, ebenso wuchtig wie den vorhergehenden. »Was mich am meisten ärgert«, fuhr er fort, »ist, daß er mir keinerlei Informationen geben will. Ich fragte ihn, was getan worden ist, um den Wahnsinnigen zu finden, der meine Frau ermordet hat, und er murmelte: ›Wir arbeiten daran.‹ Ich betrachte das nicht als ausreichend.« »Ich bezweifle, daß es in diesem Stadium etwas gibt, das Ihnen mitzuteilen wäre. Und selbst wenn Fortschritte gemacht werden, ist die Polizei mit deren Preisgabe sehr vorsichtig. Sie will nicht riskieren, falsche Hoffnungen zu wecken, und sie ist sehr vorsichtig mit der Nennung einer verdächtigen Person, solange seine oder ihre Schuld nicht bewiesen werden kann.« Gillsworth schüttelte den Kopf. »Es bringt mich um den Verstand. Jetzt muß ich Lydias Sarg nach Norden zu der Beerdigung begleiten. Ihre Familie wird sicher fragen, was getan worden ist, um den Mörder zu finden, und alles, was ich ihr erzählen kann, ist, daß die Polizei daran arbeitet.« »Ich weiß, daß das frustrierend ist«, sagte ich mitfühlend. »Es ist schwer, geduldig zu sein, aber Sie dürfen nicht vergessen, daß die Polizei sich erst seit achtundvierzig Stunden mit dem Fall beschäftigt.« »Was glauben Sie, wie lange es dauern wird, ihn zu lösen?« »Rod, es gibt absolut keine Möglichkeit, das vorherzusagen. Es können Tage, Wochen, aber auch Monate oder gar Jahre sein.« 109
Er stöhnte. »Bei der Aufklärung eines Mordes gibt es keine gesetzliche Befristung der Ermittlungszeit. Die Polizei wird dranbleiben, solange es erforderlich ist – und ich werde das auch.« »Danke dafür. Ich sehe, Ihr Glas ist leer. Bitte, bedienen Sie sich.« Während ich das tat, sagte er: »Archy, werden Sie mit Rogoff Informationen tauschen?« »Das hoffe ich.« »Wenn ich im Norden auf Lydias Beerdigung bin, darf ich Sie anrufen, um zu erfahren, ob irgendwelche Fortschritte gemacht worden sind? Ich will Rogoff nicht anrufen. Er wird mir nichts erzählen.« »Natürlich können Sie mich anrufen«, erwiderte ich. Ich wollte hinzufügen, daß ich natürlich außerstande war, etwas ohne Rogoffs Erlaubnis preiszugeben. Doch Gillsworths Widerwillen gegen Al schien offensichtlich, und da ich diesen Widerwillen nicht verschärfen wollte, sagte ich nichts weiter. »Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie mich auf dem Laufenden halten könnten.« »Wie lange werden Sie fort sein, Rod?« »Zwei oder drei Tage. Archy, bevor Sie heute abend gehen, möchte ich Ihnen gern einen Satz Hausschlüssel geben. Wären Sie so freundlich, hier ein- oder zweimal nach dem Rechten zu sehen, während ich weg bin?« »Aber natürlich.« »Danke. Unsere Putzfrau, Marita, hat zwei Wochen frei bekommen. Sie wird also nicht da sein. Und ich habe auch einen Satz Schlüssel der Polizei gegeben. Ich weiß nicht, warum sie die haben wollte, aber der Sergeant knurrte irgendwas von Sicherheit. O Gott, ist das alles ein Durcheinander!« »Rod, ich belaste Sie nur ungern, doch mein Vater bat mich, Ihnen gegenüber etwas zur Sprache zu bringen. Es ist wichtig, daß Sie 110
ein neues Testament aufsetzen. Unglücklicherweise haben die Umstände sich geändert, und Ihr gegenwärtiges Testament ist einfach unzulänglich.« Sein Kopf flog hoch, als hätte ich ihn geschlagen. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht damit gekränkt, daß ich das erwähnt habe«, sagte ich hastig. »Nein, nein. Das ist schon in Ordnung. Ich war einfach schockiert, weil ich nicht selbst auf den Gedanken gekommen bin. Ihr Vater hat recht. Wie Sie wahrscheinlich wissen, hat Lydia eine beträchtliche Summe Geld geerbt, und ich nehme an, daß ich das jetzt bekomme. Welch widerliche Weise, reich zu werden!« »Es war ihr Wille«, erinnerte ich ihn. »Ich weiß, aber trotzdem… Gut denn, Sie können Ihrem Vater sagen, daß ich darüber nachdenken werde, und wenn ich von der Beerdigung zurückgekommen bin, werde ich mich mit ihm zusammensetzen.« »Gut. Ein Testament ist etwas, das man nicht hinauszögern sollte.« Er schaute mich mit einem verqueren Lächeln an. »Ein Eingeständnis der eigenen Sterblichkeit, das ist ein Testament doch, oder?« »Ich denke schon. Aber für einen Mann in Ihrer Position ist es eine Notwendigkeit.« Er schenkte sich mit zitternder Hand einen weiteren Drink ein. Ich fragte mich, wie viele dieser Bomben er noch schlucken konnte, ohne aufs Gesicht zu fallen. Ich wollte ihn warnen, aber es ging mich nichts an. Er muß geahnt haben, was ich dachte, weil er albern grinste und sagte: »Ich werde heute nacht schlafen.« »Das werden Sie.« »Wissen Sie, das sind die ersten Drinks, die ich seit Lydias Tod genommen habe. Ich brauche Frieden, selbst wenn er aus einer Flasche kommt und sogar wenn er nur vorübergehend ist. Können Sie 111
das verstehen?« »Natürlich. Solange Sie nicht die Absicht haben, das Haus heute abend zu verlassen.« »Keine Absicht«, murmelte er. Seine Stimme begann undeutlich zu werden. »Wirklich keine Absicht.« »Das ist klug.« Ich leerte mein Glas und stand auf. Ich hatte nicht den Wunsch, Zeuge des Zusammenbruchs dieses schmerzerfüllten Mannes zu werden. »Wenn Sie mir Ihre Hausschlüssel geben, mache ich mich auf den Weg.« Er kramte in der oberen Schublade seines Schreibtisches und reichte mir schließlich drei Schlüssel, die an einer riesigen Büroklammer hingen. »Vordertür, Hintertür und Garage.« »Ich werde nach dem Rechten sehen, während Sie fort sind«, versprach ich. »Und kann ich meinem Vater erzählen, daß Sie ihn nach Ihrer Rückkehr wegen eines neuen Testamentes zu Rate ziehen werden?« »Ja«, sagte er. »Neues Testament. Ich werde darüber nachdenken.« Er wankte nicht, als er mich zur Eingangstür begleitete, doch er bewegte sich sehr langsam und stützte sich einmal mit einer Hand an der Wand ab. Am Eingang wandte er mir sein Gesicht zu. Ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. »Archy«, rief er, »mögen Sie mich? Tun Sie das?« »Natürlich mag ich Sie.« Er ergriff meine Hand und umfing sie fest mit seinen beiden Händen. »Guter Mann«, sagte er mit schwerer Zunge. »Guter Mann.« Draußen wartete ich, bis ich hörte, daß sich ein Schlüssel im Schloß drehte und die Kette eingehängt worden war. Dann atmete ich die kühle Nachtluft tief ein und fuhr nach Hause. Ich stellte den Miata in der Garage ab und sah Licht im Arbeitszimmer meines Vaters. Die Tür war offen, was ich als Einladung zum Eintreten wertete. Er saß in dem ledernen Clubsessel und hatte ein Glas Port neben sich stehen. Er las einen der Bände seiner le112
dergebundenen Dickens-Gesamtausgabe. Das Buch war schwer, und ich vermutete, daß es ›Dombey und Sohn‹ war. Er las sich wacker durch das ganze Œuvre von Dickens, und ich bewunderte seine Beharrlichkeit. Er blickte auf, als ich eintrat. »Archy, warst du bei Gillsworth?« »Ja. Er gab mir einen Satz Hausschlüssel und bat mich, ein- oder zweimal nach dem Rechten zu sehen, während er im Norden auf der Beerdigung ist.« Ich wartete darauf, daß er mich aufforderte, Platz zu nehmen, aber das tat er nicht. »Hast du ihn auf das Testament angesprochen?« »Das habe ich. Er sagte, er wolle darüber nachdenken und dich nach seiner Rückkehr aufsuchen.« »Ich denke, das ist das Beste, worauf zu hoffen ist. In welchem Zustand ist er?« »Als ich ihn verließ, war er halb abgefüllt und trank noch immer.« Eine von Vaters Augenbrauen wölbte sich. »Das ist untypisch für Gillsworth. Ich habe ihn nie unbeherrscht erlebt.« Er wandte sich wieder seinem Dickens zu. Ich erklomm die Treppe zu meinen Räumen und dachte darüber nach, was für ein kompromißloser Mann mein Vater war. Und wie ich nur zu gut wußte, war sein Biß schlimmer als sein Bellen. Ich zog mich aus, duschte und schrubbte meine Beißerchen. Dann zog ich einen seidenen Morgenmantel an, den ich unlängst in einer Männerboutique an der Worth Avenue erstanden hatte. Er trug ein Design von vielfarbigen Papageien, die vor einem Dschungelhintergrund herumtobten. Einer dieser verrückten Vögel hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Roderick Gillsworth. Ich bedachte mich mit einem bescheidenen Marc und entzündete eine English Oval – meine erste Zigarette an diesem Tag! Ich setzte mich in den gepolsterten Drehsessel, legte meine nackten Füße auf den Schreibtisch und grübelte darüber, warum der Dichter mich ge113
fragt hatte, ob ich ihn möge. Seine Frage war ebenso verwirrend wie Hertha Glorianas Kuß. Gillsworth suchte Bestätigung. Aber wofür – und warum von mir? Ich konnte nur daraus schließen, daß er durch den Tod seiner Frau so sehr getroffen war, daß er einfach versucht hatte, in Kontakt mit einem anderen menschlichen Wesen zu kommen. Zufällig war ich zur Stelle gewesen. Als der Dichter gefragt hatte: »Mögen Sie mich?«, hatte ich automatisch geantwortet: »Natürlich mag ich Sie.« Das war die höfliche und angemessene Reaktion auf die intime Frage eines Mannes, der offensichtlich litt und moralische Unterstützung brauchte. Und ich hatte sie pflichtbewußt gegeben. Doch um die Wahrheit zu sagen, ich mochte ihn nicht. Ich empfand einfach überhaupt nichts für ihn. Das war mein Geheimnis und somit kaum etwas, das ich ihm enthüllen würde. Ich grübelte noch immer über die Seltsamkeiten der menschlichen Natur, als mein Telefon klingelte. Inzwischen war es fast Mitternacht geworden, und ein Anruf um diese Stunde war nicht dazu geeignet, meine Stimmung zu heben. Mein erster Gedanke war: Wer ist jetzt gestorben? »Hallo?« fragte ich argwöhnisch. »Archy?« Eine Frauenstimme, die ich nicht sofort identifizieren konnte. »Ja. Mit wem spreche ich?« »Mit Meg Trumble!« »Meg! Wie geht's dir?« »Sehr gut, danke. Ich hab' dich doch nicht aufgeweckt, oder?« »Natürlich nicht. Ist ja noch früh am Abend.« »Ich hätte ja früher angerufen, aber ich dachte, du bist unterwegs. Ich hoffe, du hast dich anständig benommen. Morgen früh fahre ich los. Und ich meine wirklich früh. Ich müßte am Dienstag in Florida sein.« »Ich kann's gar nicht erwarten«, erwiderte ich. »Hör zu, wenn du 114
pünktlich eintriffst, ruf mich an. Dann essen wir beide zu Abend. Nach all der Fahrerei wirst du eine Entspannung nötig haben.« »Ich hoffte, daß du das sagen würdest. Ich werde nicht mal Laverne sagen, wann ich mit meiner Ankunft rechne, aber ich rufe dich an, sobald ich da bin. Wir sehen uns am Dienstagabend.« »Gut«, bekräftigte ich. Sie legte auf. Es war unglaublich, was dieser Telefonanruf stimmungsmäßig bei mir bewirkte. Ich war augenblicklich davon überzeugt, daß ich Peaches retten, den Mörder von Lydia Gillsworth finden und mindestens fünf Pfund abnehmen würde.
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ch glaube nicht, daß ich schon meine Vernarrtheit in Hüte erwähnt habe. Ich liebe Hüte. Ein hutloser Mann ist nur halb angezogen. Als ich die juristische Fakultät von Yale besuchte, trug ich Mützen aus Schweinsleder und Tweed, Federhüte, Bowler, Homburger und einmal, in einem Anflug von Wahnsinn, einen Fez. Doch all diese Kopfbedeckungen waren für Südflorida reichlich schwer. Als ich nach Palm Beach zurückkehrte, bevorzugte ich deshalb Seemannsstrohhüte und einen wundervollen Pflanzersombrero mit einer fünfzehn Zentimeter breiten Krempe. Unlängst hatte ich an eine Hutmanufaktur in Danbury, Conn., geschrieben und drei Leinenbarette in weiß, flohbraun und smaragdgrün bestellt. Sie trafen am Montagmorgen ein, und ich war höchst erfreut. Sie waren so weich, daß man sie zusammenrollen und in 115
eine Hüfttasche stecken konnte. Ich ging zu einem verspäteten Frühstück nach unten und hatte mein neues flohbraunes Barett aufgesetzt. Glücklicherweise war mein Vater schon ins Büro gefahren, so daß ich nicht sein ungläubiges Starren über mich ergehen lassen mußte. Mutter warf mir einen Blick zu, lachte erfreut und klatschte in die Hände. »Archy, dieses Barett paßt zu dir!« Ich war so dankbar für ihre Reaktion, daß ich die Kopfbedeckung trug, während ich frischen Grapefruitsaft, drei Scheiben von Ursi Olsons wundervollem französischen Toast mit Aprikosenmarmelade und eine Tasse schwarzen Kaffee frühstückte. Als ich meine zweite Tasse leerte, bemerkte meine Mutter beiläufig: »Übrigens, Archy, Harry Willigan hat angerufen, kurz bevor du herunterkamst. Er möchte, daß du ihn so bald wie möglich anrufst. Er hörte sich an, als habe er schreckliche Laune.« Geliebte Mutter! Sie sorgte dafür, daß ich ein nahrhaftes Frühstück zu mir genommen hatte, bevor sie mir die schlechten Neuigkeiten verkündete. Ich ging in Vaters Arbeitszimmer und rief im Haus der Willigans an. Julie Blessington, das Dienstmädchen, meldete sich am Telefon. Ich meldete mich und bat, den Herrn sprechen zu dürfen. In Windeseile war unser unwirscher Klient am Apparat und begann mich anzubrüllen. Er schnaubte und schrie so laut, daß es schwer war, die Ursache seines verbitterten Ausbruchs zu verstehen. Schließlich begriff ich, daß an diesem Morgen ein zweiter Erpresserbrief gefunden worden war, den jemand unter die Eingangstür des Williganschen Hauses geschoben hatte. »Wann wurde er gefunden?« fragte ich. »Das sagte ich Ihnen bereits – heute morgen.« »Wie früh heute morgen?« »Sehr früh. Als Ruby Jackson herunterkam, um Frühstück zu machen.« 116
»Glauben Sie, er wurde letzte Nacht vorbeigebracht?« »Woher soll ich das wissen? Sie sind doch der Detektiv, oder?« »Ein glatter weißer Umschlag?« »Ja, genau wie vorher.« »Wer aus Ihrem Haus hat ihn angefaßt?« »Ruby hat den Umschlag angefaßt. Ich habe den Umschlag und den Brief darin angefaßt.« »Sorgen Sie dafür, daß ihn kein anderer berührt, Mr. Willigan. Was steht in dem Brief?« »Peaches jammert viel. Sie fehlt mir so.« »O je. Was sonst?« »Sie wollen, daß ich fünfzigtausend Dollar bereithalte. Gebrauchte Scheine, nicht markiert, nicht fortlaufend numeriert, kleine Scheine, keine über hundert.« »Gibt es Anweisungen für die Übergabe?« »Nee. Ich soll nur das Geld bereithalten. Sie werden mir sagen, wann und wo ich es ihnen geben soll.« »Ich komme besser zu Ihnen und hole den Brief. Werden Sie da sein?« »Nein, ich werde nicht da sein«, sagte er verärgert. »Ich habe eine Besprechung, zu der ich ohnehin schon zu spät komme. Ich werde den Brief bei Laverne hinterlegen. Sie bekommen ihn von ihr.« »Sagen Sie ihr bitte, daß sie ihn nicht anfassen soll.« »Schon gut, schon gut«, meinte er wütend. »Ich werd's ihr sagen. Hören Sie, Archy, Sie müssen bei dieser Geschichte härter arbeiten. Soweit ich sehen kann, schlagen Sie nur Ihre Zeit tot.« »Nicht ganz. Ich habe eine sehr wichtige Spur, über die ich aber nicht am Telefon reden kann.« »Ach ja? Hoffentlich ist was dran, denn sonst engagiere ich einen professionellen Privatdetektiv. Wenn ich von Ihnen keine Ergebnisse bekomme, werde ich vielleicht sogar McNally und Sohn die Betreuung meiner Geschäfte entziehen.« 117
Und mit dieser nackten Drohung knallte er den Hörer auf die Gabel, bevor ich eine Chance hatte, überhaupt zu antworten. Die Antwort, die ich parat hatte, hätte meinen Vater schockiert. Er glaubt, daß eine freundliche Antwort jede Wut wandelt. Aber manchmal ist es besser, etwas gepfefferter zu reagieren. Ich ging nach oben, um mein flohbraunes Barett gegen das weiße zu tauschen, da ich fürchtete, das flohbraune beiße sich mit dem feuerwehrroten Miata. Dann fuhr ich zum Anwesen der Willigans. Mein Ärger verebbte, als ich bemerkte, daß die Sonne strahlend schien. Ein prachtvoller Tag! Die Tür der Williganschen Hazienda wurde von Leon Medallion geöffnet. Sein Gesichtsausdruck war verdrießlich, die Augen verquollen von irgendeiner Allergie, die ihn an diesem Morgen heimgesucht hatte. »Ein weiterer Erpresserbrief, Leon«, sagte ich. Er nickte düster. »Der Alte war in einer schrecklichen Stimmung. Wenn er anfängt, so herumzubrüllen, verschwinde ich. Er kann gemein sein.« »Ich soll den Brief bei Mrs. Willigan abholen. Ist sie hier?« »Draußen am Pool. Sie finden ja dahin, oder? Ich poliere noch das Silber, versuche, den Beschlag herunterzukriegen. Dieses Klima ist der reine Mord für Silber, Messing und Kupfer.« »Vielleicht sollten wir alle auf Plastik umstellen«, schlug ich vor. Er strahlte. »Wäre 'ne tolle Sache, Kumpel.« Laverne lag bäuchlings auf einer Polsterliege, die sie in die Sonne gezogen hatte. Sie trug einen Schnürbikini und hob den Kopf, als ich herantrat. Es war klug von ihr, ihn nicht weiter zu heben, da sie ihren BH ausgehakt hatte. »Hallo, Archy«, sagte sie fröhlich. »Ich mag Ihre Schottenmütze.« »Barett«, berichtigte ich. »Aber danke. Ich hoffe, Sie benutzen Sonnencreme.« »Babyöl.« 118
»Sie werden braten. Darf ich mir einen Stuhl nehmen?« »Sicher. Und wenn Sie ein lieber Junge sind, dürfen Sie mir den Rücken einölen.« Sie war also schon wieder beim Thema, und ich kam zu dem Urteil, daß sie eine Dame war, die es genoß anzumachen. »Ein neuer Brief von den Katznappern«, fuhr ich fort. »Das stimmt. Harry sagte, ich solle ihn Ihnen geben. Er liegt auf dem Tischchen im Korridor. Man verlangt von ihm, daß er das Geld bereithält.« »Das habe ich gehört. Ich vermute, daß der nächste Brief Anweisungen für die Übergabe enthält.« »Archy, haben Sie eine Ahnung, wer Peaches entführt haben könnte?« »Ich habe ein paar schwache Spuren, aber nichts Gewisses. Laverne, ich habe eine phantastische Idee, die ich gerne bei Ihnen ausprobieren möchte. Wissen Sie, was ein Sensitiver ist?« Ihr Gesicht war halb in dem Polster vergraben, so daß ich ihre Reaktion nicht beobachten konnte. »Sicher«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Das ist jemand, der das zweite Gesicht haben soll. Solche Leute behaupten, sie könnten die Zukunft vorhersagen und ähnliche Dinge.« »Sie können auch vermißte Personen oder Gegenstände finden. Ich will Kontakt zu einem hiesigen Sensitiven aufnehmen. Vielleicht hat er oder sie eine Vision, wo Peaches jetzt ist.« Laverne hob den Kopf und starrte mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht zu deuten vermochte. »Das ist die verrückteste Idee, die ich je gehört habe«, meinte sie. »Sie glauben doch nicht etwa an diesen Voodoozauber?« »Ich glaube nicht, aber ich bin auch kein Ungläubiger. Es ist aber einen Versuch wert. Meinen Sie nicht?« »Nein, das meine ich nicht«, sagte sie auf eine Art, die mir übermäßig heftig erschien. »Es ist beknackt. Tun Sie's nicht, Archy. 119
Wenn Harry rausbekommt, daß Sie sich an jemand gewandt haben, der aus Kaffeesatz liest oder was die sonst machen, dann wird er Sie und Ihren Vater feuern.« »Ich schätze, Sie haben recht. Wie ich sagte, es war nur so eine plötzliche Idee. Ich vergesse sie wohl besser.« »Das ist klug«, erwiderte sie. »Übrigens, ich habe was von Meg gehört. Sie kommt diese Woche zurück. Sie hat jetzt ihre eigene Wohnung in Riviera Beach. Werden Sie froh sein, sie wiederzusehen, Archy?« »Natürlich. Sie ist eine sehr attraktive Frau.« Ihr Kopf ruckte wieder hoch, und diesmal lächelte sie mich an. »Ich denke, Sie sollten sich in der Richtung einen Ruck geben. Ich glaube, Meg ist bereit.« Ich war erfreut zu erfahren, daß Meg Laverne nicht alles erzählte. »Laverne«, rief ich, als sei ich schockiert, »sie ist Ihre Schwester!« »Deshalb möchte ich ja, daß sie ihren Spaß bekommt. Geben Sie ihr eine Chance, mein Lieber. Muß ja nichts Ernstes sein. Nur zur Entspannung.« »Ich weiß nicht«, sagte ich zweifelnd. »Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt Augen für mich hat. Ich könnte mich aufs Glatteis begeben.« »Versuchen Sie's«, drängte Laverne. »Ihr würde das wahnsinnig gut tun. Sie ist ja ziemlich mager, aber vergessen Sie nicht: Das süßeste Fleisch sitzt immer dicht am Knochen!« Ja, genau das sagte sie. Gab es eine vulgärere Frau in Palm Beach? Falls es sie geben sollte, war ich ihr noch nicht begegnet und hatte auch nicht das Verlangen danach. »Ich werde darüber nachdenken«, erwiderte ich und erhob mich. »Ich nehme jetzt wohl besser diesen Brief an mich und sehe, ob er uns hilft, die Katznapper zu finden.« »Und Sie vergessen diesen Quatsch – einen Sensitiven aufzusuchen?« 120
»Ich hab's schon vergessen«, versicherte ich ihr. »Bleiben Sie nicht zu lange in der Sonne, sonst fangen Sie noch an, sich zu pellen.« Ich fand den zweiten Erpresserbrief auf dem Tischchen im Korridor. Ich faßte ihn vorsichtig an den Ecken an und schob ihn in meine Jackentasche. Da niemand zu sehen war, ging ich allein hinaus und fuhr heimwärts. Dabei lächelte ich über Lavernes abschließende Bemerkung und überlegte, warum sie es für nötig hielt, ihre Bekanntschaft mit den Glorianas zu verheimlichen. Zu Hause begab ich mich unverzüglich in meine Räumlichkeiten, setzte mich an meinen Schreibtisch und bestückte mich mit meiner Lesebrille. Ich entfaltete den zweiten Erpresserbrief vorsichtig und untersuchte ihn. Er schien in derselben Schrift wie der erste und die Schreiben, die Lydia Gillsworth erhalten hatte, gedruckt zu sein. Der rechte Rand war bündig. Farbe und Papier schienen bei allen Briefen identisch zu sein. Die Nachricht selbst war so, wie Harry Willigan gesagt hatte. Ich war über die beiläufige Bemerkung amüsiert, daß Peaches bei guter Gesundheit sei, aber laut schreie. Dies war eindeutig in der Absicht geschrieben, das Herz des Katzenbesitzers zu erweichen, der zwar die Persönlichkeit eines Drachen hatte, offensichtlich aber von Liebe zu seinem widerlichen Schoßtier troff. Ich legte den zweiten Brief zu meiner Fotokopie des ersten, schob beide in einen Umschlag und machte mich wieder auf den Weg. Dieses Mal ließ ich mein neues Barett daheim, nahm aber meine Lesebrille mit. Bevor ich ging, rief ich Mrs. Trelawney an, die Privatsekretärin meines Vaters. Ich erzählte ihr, daß ich auf dem Weg ins Büro sei, und fragte sie, ob sie den Boss dazu überreden könne, mir mindestens fünfzehn Minuten seines peinlich genau terminierten Tagesablaufs zu gewähren. Ich wartete, während sie nachforschte. Sie kam wieder ans Telefon, um mir zu berichten, daß er sich großmütig herabgelassen habe, meiner Bitte zu entsprechen, falls ich pünktlich 121
um halb zwölf einträfe. »Ich bin schon unterwegs«, versprach ich. Das McNally-Gebäude am Royal Palm Way ist ein ödes Bauwerk aus Glas und Chrom – so modern, daß ich davon Zahnschmerzen bekomme. Doch es ist unleugbar beeindruckend – was der Grund dafür war, daß mein Vater dem Entwurf des Architekten zustimmte, wenn er auch den Nachbau eines Herrenhauses in georgianischem Stil – durchgehend mit Eiche getäfelt – bevorzugt hätte. Die Hauptattraktion seines Büros war ein gewaltiger Rolldeckelschreibtisch – ein Original, keine Reproduktion –, der sechsunddreißig Fächer und vier verborgene Kämmerchen (von denen ich wußte) enthielt. Mein Vater stand vor diesem prächtigen antiken Stück, als ich eintrat, und sah selbst wie ein prächtiges altes Stück aus. Er schaute mich finster an, und ich war froh, daß ich das Leinenbarett zu Hause gelassen hatte. »Und das hätte nicht warten können?« wollte er wissen. »Nein«, sagte ich. »Nach meiner Beurteilung ist dies eine Angelegenheit, die keinerlei Aufschub duldet. Harry Willigan hat einen zweiten Erpresserbrief von den Katznappern bekommen.« »Das weiß ich«, erwiderte er gereizt. »Willigan hat mich heute morgen angerufen. Er war wie üblich in abscheulicher Laune.« »Aber ich glaube nicht, daß du die beiden Briefe gesehen hast. Ich habe sie mitgebracht. Der erste ist eine Fotokopie, der zweite ist das Original. Bitte, sieh sie dir an, Vater.« Ich breitete sie auf dem Schreibtisch aus. Noch immer stehend, beugte er sich über sie, um sie zu untersuchen. Er brauchte nicht lange, bis er es merkte, richtete sich auf, starrte mich an. »Sie scheinen den Drohbriefen ähnlich zu sein, die die verstorbene Lydia Gillsworth erhalten hat«, sagte er steinern. »Mehr als ähnlich. Es ist dieselbe Schrifttype. Der gleiche rechte 122
Rand und das gleiche Papier.« Er holte tief Luft und steckte seine Hände in die Hosentaschen. »Wo sind die Briefe an Lydia Gillsworth jetzt?« »Sergeant Rogoff hat sie. Er hat sie zur Analyse an das FBI-Labor geschickt.« »Weiß er etwas von diesen Briefen?« »Meines Wissens nicht. Ich habe ihm nichts über das Verschwinden von Peaches erzählt.« Die Hände noch immer in den Taschen, begann er langsam durch das Büro zu laufen. »Ich sehe das Problem«, sagte er. »Der Klient hat uns ausdrücklich untersagt, die Polizei von dem Katznapping zu informieren.« »Und wir sind verpflichtet, die Wünsche unserer Klienten zu achten und ihre Anweisungen zu befolgen«, fügte ich hinzu. »Aber indem wir das tun, behindern wir damit nicht die Aufklärung eines Mordfalles? Das natürlich unter der Voraussetzung, daß all diese Briefe mit demselben Computer oder derselben elektrischen Schreibmaschine erstellt wurden, was ich glaube.« Er blieb stehen und schaute mich an. »Und du glaubst auch, daß sie alle von ein und derselben Person aufgesetzt wurden?« »Ich halte das für sehr wahrscheinlich.« »Mir gefällt das nicht, Archy. Mir gefällt das überhaupt nicht. Als Mitglied des Gerichts habe ich nichts dafür übrig, in eine Position gebracht zu werden, in der ich gerechterweise wegen Unterschlagung von Beweismaterial angeklagt werde.« »Möglicherweise entscheidendem Beweismaterial«, sagte ich. Er nahm eine Hand aus der Tasche und begann an seinem dicken Schnurrbart zu zupfen, ein sicheres Zeichen seiner Beunruhigung. Wenn er sanftmütig ist, streicht er darüber. »Darf ich einen Vorschlag machen, Vater?« »Du darfst.« »Ich meine, die Pflicht überwiegt in diesem Fall moralische Erwä123
gungen. Ich glaube, daß die Polizei über die Briefe an Willigan informiert werden muß. Vielleicht haben sie mit dem Mord an Lydia Gillsworth nichts zu tun, aber das Risiko können wir nicht eingehen. Erlaube, daß ich sie Sergeant Rogoff zeige. Ich werde ihm klarmachen, wie wichtig absolute Diskretion seinerseits ist. Er ist ein kluger Mann und ganz gewiß kein Schwätzer. Ich denke, wir können mit Bestimmtheit davon ausgehen, daß Willigan nie erfahren wird, daß wir der Polizei von dem Katznapping erzählt haben.« »Ich mache mir nicht so sehr wegen Willigan Sorgen, sondern wegen der Katznapper. Wenn die erfahren, daß die Polizei informiert ist, ist es durchaus möglich, daß sie ihre Drohung wahr machen und Peaches töten. Und dann könnte unser streitsüchtiger Klient Klage gegen McNally und Sohn erheben. Es wäre schwierig, unsere Verhaltensweise zu verteidigen: ein klarer Verstoß gegen vereinbarte Vertraulichkeit.« Darauf schwiegen wir beide und überdachten alle möglichen Auswirkungen des Problems. Natürlich hatte nicht ich die Entscheidung zu treffen. Es war mein Vater, der unter Beschuß geraten konnte, und es wäre anmaßend von mir gewesen, ihn zu einem bestimmten Verhalten zu drängen. Er brauchte mehrere Minuten intensiven Nachdenkens, bevor er sich entschied. »Also gut«, sagte er. »Zeige Sergeant Rogoff die Briefe an Willigan, erkläre die Umstände des Katznapping und versuche ihm zu verdeutlichen, daß die Zukunft von Peaches von seiner Umsicht abhängt.« Er hielt inne und lächelte schief. »Ganz zu schweigen von der Zukunft von McNally und Sohn.« »Ich werde ihn überzeugen«, versicherte ich, während ich die Briefe auflas. »Ich glaube, du hast die richtige Entscheidung getroffen, Vater.« »Danke, Archy. Ich bin glücklich, daß du sie billigst.« Ich wollte durchs Vorzimmer hinausgehen, als Mrs. Trelawney mich an ihren Schreibtisch winkte. Die Sekretärin meines Vaters 124
ist einer der Menschen, die ich am liebsten mag, eine bezaubernde alte Frau mit einer schlechtsitzenden Grauhaarperücke und einer Schwäche für schmutzige Witze. »Was ist los mit Ihnen, Junge?« fragte sie anklagend. »Sie treffen sich mit verheirateten Frauen, höre ich. Warum war ich nicht die erste auf Ihrer Liste?« »Das tue ich nicht«, versicherte ich ihr, »aber wenn ich's täte, würden Sie gewiß die erste, letzte und einzige sein. Aber, meine Liebe, könnten Sie mir verraten, wovon Sie eigentlich reden?« Sie schaute auf eine Notiz, die sie gerade auf einen Block gekritzelt hatte. »Während Sie bei Ihrem Vater waren, kam ein Anruf für Sie von einer Mrs. Irma Gloriana, die Sie persönlich zu sprechen wünschte. Ihrer Stimme nach zu urteilen, würde ich sie in die Kategorie ›ein gewisses Alter‹ einordnen. Sie besteht darauf, daß Sie sie sofort anrufen. Was geht hier vor, Archy?« »Eine rein geschäftliche Beziehung«, sagte ich hochmütig. »Die Dame ist zufällig meine Akupunkteurin.« Mrs. Trelawney lachte und reichte mir die Telefonnotiz. Ich hatte beabsichtigt, Al in dem Augenblick anzurufen, sobald ich in meinem Büro war, doch der Anruf von Mrs. Irma Gloriana schien mir wichtiger. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, der wie Sperrmüll der Heilsarmee aussieht, und wählte die Telefonnummer, die die Schwiegermutter des Mediums Mrs. Trelawney gegeben hatte. Es war nicht, wie ich bemerkte, die Nummer des Büros der Glorianas an der Clematis Street. »Hier bei Glorianas«, sagte eine Frau scharf. Eine tiefe Stimme, sehr kräftig, mit einem rauhen Timbre. »Hier Archibald McNally. Spreche ich mit Mrs. Irma Gloriana?« »Sie sind Mr. McNally?« Ihre Stimme war jetzt eine Spur weicher, nicht ganz so gebieterisch. »Danke, daß Sie so prompt auf meinen Anruf reagieren. Hertha hat mich darüber informiert, daß Sie eine Seance arrangiert haben möchten.« »Das stimmt. So wie ich das verstanden habe, sollen Hertha, ihr 125
Gatte, Sie, ich und ein Freund, der mich begleitet, dabei sein.« »Mr. McNally, ich ziehe es vor, neue Klienten persönlich kennenzulernen, bevor ich Pläne mache. Sie müssen wissen, daß vielen Menschen, die sich an uns wenden, mit Herthas einzigartigen Talenten einfach nicht geholfen werden kann. Das erspart uns viel Zeit – und potentiellen Klienten natürlich auch viel Geld. Können wir also ein Gespräch führen, in dessen Verlauf ich Ihnen exakt beschreibe, was bei unseren Seancen geschieht, was wir zu erreichen hoffen und was wir nicht tun können? Ich muß wissen, was Sie sich davon erhoffen. Ich nehme an, daß Sie wegen dieses Vorgesprächs nicht beleidigt sind, Mr. McNally.« »Überhaupt nicht. Ich kann durchaus verstehen, warum –« »Wissen Sie«, unterbrach sie mich, »manchmal treten Leute an uns heran, die Unmögliches erwarten oder die die blanke Neugier zu uns treibt, die gar kein echtes Interesse daran haben, die Segnungen des Spiritismus zu teilen.« »Das scheint eine –« »Und dann gibt es welche, die nur kommen, um zu spotten«, fuhr sie düster fort. »Meine Schwiegertochter ist viel zu sensibel, um sich mit arrogantem Unglauben auseinanderzusetzen.« »Ich versichere Ihnen, daß –« »Wann kann ich Sie erwarten, Mr. McNally?« wollte sie wissen. Mir hatte es die Sprache verschlagen. »Und Sie werden alle Anweisungen befolgen!« hörte ich, und ich fragte mich, welche Konsequenzen es haben mochte, wenn ich es nicht tat. »Ich kann sofort zu Ihnen kommen, Mrs. Gloriana«, sagte ich. »Ich könnte in einer halben Stunde bei Ihnen sein.« »Das wird genügen. Schreiben Sie sich bitte die folgende Adresse auf. Zudem möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Rauchen in unserem Heim nicht gestattet ist.« So notierte ich mir ihre Adresse, legte auf und entzündete sofort eine Zigarette. Ich rauchte sie völlig auf, bevor ich mich in das 126
Wagnis der Begegnung mit dieser Furie stürzte. Auf der Fahrt über die Brücke nach West Palm Beach versuchte ich, einen Sinn in dem zu finden, was Mrs. Irma Gloriana mir erzählt hatte. Ihr Beharren auf Vorgesprächen mit potentiellen Klienten erschien mir verdächtig. Warum sollten das Medium und ihr Gefolge die Motive potentieller Kunden in Frage stellen? Ihr Vermögen, den geforderten Tarif zu bezahlen, schien mir die einzig nötige Voraussetzung zu sein. Dann aber wurde mir klar, daß hinter diesem Wahnsinn Methode stecken mochte. Mrs. Gloriana wollte wissen, was ich mit dieser Seance zu erreichen hoffte. Das Gebäude, in dem sich die Wohnung der Glorianas befand, strahlte eine Spur verblichener Eleganz aus, doch ich hätte gewettet, daß es in den Korridoren nach Essen roch und die Teppichböden durchgetreten waren. Ich hätte die Wette gewonnen. Die Matrone, die die Tür von Wohnung 1102 öffnete, war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: groß, breit in den Hüften, aber mehr muskulös als dick. An ihr war eine gewisse Massigkeit. Ein großer Kopf saß aufrecht auf einem stämmigen Hals. Eindeutig eine dominante Frau. Worauf ich aber nicht vorbereitet war, war ihre Sinnlichkeit, die ich als so unverhüllt empfand, daß man sie fast riechen konnte. Diese wurde, wie ich fand, durch ihre tiefen Augen, die vollen roten Lippen, das glänzende schwarze Haar, das sich wie ein Knäuel von Schlangen um ihren Kopf wand, den üppigen Busen und eine gewisse Lockerheit ihrer Bewegungen nahegelegt. Es war leicht, sich auszumalen, daß sie unter ihrem Hängekleid, einem Gewand aus geblümtem Nylon, nackt war. Sie schüttelte fest meine Hand und ließ mich auf einem Lehnsessel Platz nehmen, der mit verschlissenem Brokat bezogen war. Sie fragte mich, ob ich einen Eistee wolle. Ich sagte, daß ich mich darüber sehr freuen würde. Und nachdem sie verschwunden war, hat127
te ich Gelegenheit, die Wohnung zu inspizieren, oder zumindest das Wohnzimmer, in das ich gebeten worden war. Es war ein trister Raum. Dunkle Farben, monströse Möbel. Es fiel mir schwer zu glauben, daß dies das Daheim der direkten Irma, des schmucken Frank und der zerbrechlichen Hertha war. Es gab nichts, was Luxus verriet oder auch nur Komfort. Sie waren ehrgeizige Menschen. Die Wohnung mußte ein vorübergehendes Domizil sein, das sie ertrugen, bis sie etwas Besseres fanden. Mrs. Gloriana kam mit einem Eistee zurück, setzte sich in die Mitte einer roten Couch und sah mich an. Sie vergeudete keine Zeit mit großen Vorreden. »Sie sind an Spiritismus interessiert, Mr. McNally?« fragte sie. Ich nahm einen Schluck von meinem Tee. Er schmeckte nach einem Hauch Minze und war recht gut. »Ich lese darüber, so viel ich kann.« »Ach? Und was lesen Sie?« Ich erwähnte die Titel der Bücher, die Lydia Gillsworth mir geliehen hatte. »Sehr gut«, sagte Mrs. Gloriana billigend. »Aber Ihnen muß klar sein, daß dies nur Einführungen sind. Wahrer Glaube muß aus dem Herzen und aus der Seele kommen.« Doch sie verzichtete darauf, mich zu bekehren. »Hertha hat mir erzählt, Sie hätten sie um ihre Hilfe gebeten, da Sie eine vermißte Katze finden wollen.« »Die Katze eines Freundes.« »Sie kann Ihnen vielleicht helfen. Meine Schwiegertochter hat erstaunliche psychische Kräfte. Und wollen Sie während der Seance Fragen nach der Katze stellen?« »Nein, etwas anderes. Ich hoffe eine Botschaft von Lydia Gillsworth zu erhalten. Ich bin sicher, Sie kennen sie und haben gehört, was ihr zugestoßen ist.« Ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. »Natürlich kannte ich Lydia. Eine sensible Seele. An dem Abend, als sie getötet wurde, 128
hat sie eine Zusammenkunft besucht. Ein brutaler, sinnloser Tod.« »Glauben Sie, daß Hertha imstande sein könnte, Kontakt mit dem Geist von Lydia Gillsworth aufzunehmen?« »Diese Möglichkeit besteht immer«, erwiderte sie, fügte dann aber nachdrücklich hinzu: »Aber natürlich können wir keine Garantien geben. Wollen Sie Lydia nach der Identität ihres Mörders fragen?« »Ja, genau das war meine Absicht.« »Einen Versuch ist es wert«, meinte sie nachdenklich. »In der Vergangenheit hat Hertha bei vielen polizeilichen Ermittlungen geholfen. Mit einigem Erfolg, wie ich hinzufügen darf. Unser übliches Honorar für eine Seance beträgt fünfhundert Dollar, Mr. McNally. Doch das wird für gewöhnlich von mehreren Teilnehmern geteilt. Da nur Sie und Ihr Freund anwesend sind, wird ein Honorar von zweihundert Dollar gerechter sein. Ist das angemessen?« »Aber total«, versicherte ich. »Und nehmen Sie Kreditkarten?« »O ja. Dieser Freund, der Sie begleitet – ist das ein Mann oder eine Frau?« »Eine Frau.« »Könnten Sie mir bitte ihren Namen nennen? Ich interessiere mich sehr für Numerologie, und ich genieße es, Namen in ihre numerischen Äquivalente umzuwandeln und daraus psychische Profile zu entwickeln.« »Sie heißt Meg Trumble.« »Kommt sie aus dieser Gegend?« »Sie ist gerade hergezogen.« »So viele fliehen aus dem Norden, nicht wahr?« Sollte sie erwartet haben, daß ich ihr Meg Trumbles Heimatstadt verraten würde, mußte sie enttäuscht sein. Ich nickte nur. »Mein Sohn sagte mir, daß Sie für eine Anwaltskanzlei arbeiten, Mr. McNally.« »Ja, für McNally und Sohn. Mein Vater ist der Anwalt.« »Aber Sie sind keiner?« 129
»Bedauerlicherweise nicht«, gestand ich, unfähig, den Blick von ihrem nackten Hals abzuwenden, dessen Haut so makellos und zart erschien, daß er einfach darauf wartete, von einem Kuß gestreift zu werden. »Und was machen Sie bei McNally und Sohn?« »Überwiegend Recherche. Gewöhnlich sehr stumpfsinniger Kram.« Ich trank meinen Eistee aus, aber sie fragte nicht, ob sie mir nachschenken dürfe. Sie schien zu überlegen. Ihre schimmernden Augen waren halb geschlossen. »Kannten Sie Lydia Gillsworth lange?« fragte sie. »Mehrere Jahre. Sie und ihr Gatte waren Klienten. Und außerdem Nachbarn.« »Ich habe Roderick Gillsworth kennengelernt. Er besuchte mit seiner Frau einige unserer Seancen. Mit seiner verstorbenen Frau, sollte ich sagen. Ich hielt ihn für einen sehr intelligenten und kreativen Mann. Ein Dichter.« »Ja, ich weiß.« »Er war so freundlich, mir handsignierte Ausgaben seiner Gedichte zu schenken. Haben Sie seine Werke gelesen, Mr. McNally?« »Einiges«, sagte ich vorsichtig. »Was halten Sie von seiner Poesie?« »Oh, sehr zerebral.« »Das ist sie«, erwiderte sie mit ihrer schwingenden, tiefen Stimme. »Aber ich glaube, er ist mehr als intellektuell. Ich spüre in seinen Gedichten einen wilden, primitiven Geist, der darum ringt, sich zu befreien.« »Sie mögen recht haben«, meinte ich diplomatisch, wobei ich dachte, noch nie einen solchen Blödsinn gehört zu haben. Roderick Gillsworth ein wilder, primitiver Geist? Dann bin ich Graf Dracula! Sie erhob sich und streckte sich. »Ich werde versuchen, Ihre Seance gegen Ende dieser Woche zu arrangieren, Mr. McNally. Ich 130
werde Ihnen mindestens einen Tag vorher Bescheid geben. Wird das genügen?« »Natürlich. Ich spreche vielleicht vorher mit Ihrer Schwiegertochter noch darüber. Möglicherweise ist sie in der Lage, zusätzliche Informationen über Peaches zu bekommen.« »Peaches?« »Die vermißte Katze.« Unerwartet lächelte sie. Ein schelmisches Lächeln, das sie jünger wirken ließ. Und attraktiver. Ich zögere, das Adjektiv ›verführerisch‹ zu gebrauchen, um eine Frau zu beschreiben, aber für Mrs. Gloriana fällt mir nichts Passenderes ein. Ich will damit nicht andeuten, daß sie sich absichtlich so lockend verhielt, aber ich konnte nicht glauben, daß sie sich ihres körperlichen Charmes total unbewußt war. Doch vielleicht war es so. Jedenfalls strahlte sie eine starke Sexualität aus, die unmöglich zu übersehen war. »Peaches«, wiederholte sie. »Ein zauberhafter Name. Ist die Katze bezaubernd?« »Die Katze ist entsetzlich.« Sie lachte laut. »Aber mein Freund liebt sie.« »Liebe«, sagte sie plötzlich ernst. »Das ist ein so unerklärliches Gefühl, nicht wahr, Mr. McNally?« »Das ist es in der Tat«, bekräftigte ich. Ihr Händedruck beim Abschied war weich und warm, völlig anders als der harte, kühle Handschlag, mit dem sie mich begrüßt hatte. Ich fuhr zum Büro zurück und versuchte meine Eindrücke von Mrs. Irma Gloriana zu sortieren. Ich hielt sie für eine sehr ernste Frau, deren Widersprüchlichkeiten ich nicht sofort durchschaute. Ich hatte das Gefühl, daß sie eine Rolle spielte, hatte aber keine Ahnung, nach welchem Drehbuch. 131
Das erste, was ich nach meiner Rückkehr ins McNally-Gebäude tat, war, Al anzurufen. Er war nicht da, und so hinterließ ich meinen Namen und meine Telefonnummer und bat um schnellstmöglichen Rückruf. Dann stapfte ich über die Hintertreppe zu unserer im zweiten Stock gelegenen Immobilienabteilung. Diese berät Klienten beim Erwerb und Verkauf von Bürogebäuden und Bauland, bei Verträgen für Privathäuser, bei der Beschaffung von Hypotheken und Ähnlichem. Leiterin der Abteilung war Mrs. Evelyn Sharif, eine herzliche Dame, die mit einem Libanesen verheiratet war, der an der Worth Avenue Orientteppiche verkaufte. Da Evelyn wegen ihrer Schwangerschaft abwesend war (sie erwartete Zwillinge!), sprach ich mit ihrem Assistenten Timothy Hogan, einem Iren, der italienische Anzüge, englische Hemden, französische Krawatten und spanische Schuhe trug. Der Mann war die wandelnden Vereinten Nationen. Ich erklärte Tim, was ich brauchte: alles, was er über das Büro der Glorianas an der Clematis Street und ihre Wohnung in der Nähe des Currie Park herausbekommen könne. Das umfaßte auch Miete, Mietdauer, Betriebskosten, Kaufpreis der Wohnung, wenn sie ihnen tatsächlich gehörte und sie nicht nur Mieter waren. »Und du bist sicher, daß du nicht auch den Namen ihres Zahnarztes wissen willst?« fragte Hogan. »Ich weiß, daß es eine Menge Arbeit ist, Tim, aber versuche, was du kannst, ja?« »Was springt für mich dabei raus?« »Ich werde dem alten Herrn nicht erzählen, daß du während der Geschäftszeit irische Lotterielose verhökerst.« »So etwas nennt man Druck ausüben.« »Ach, wirklich? Nun, tu dein Bestes, Tim.« Als ich wieder in meinem Privatschrank war, telefonierte ich eifrig und rief etliche Kontaktleute bei Banken, in Maklerfirmen und in Agenturen an, die die Kreditwürdigkeit von Kunden überprüften. 132
Die meisten Leute, bei denen ich's läuten ließ, waren Mitglieder des Pelican Club, und der einzige Preis, den ich für das Wissen zu zahlen hatte, wie es finanziell um die Glorianas stand, war das Versprechen, ein Abendessen im Pelican zu spendieren. Am späten Nachmittag war ich schließlich mit meinen Telefonaten durch, und ein gedämpftes Knurren aus der Unterrippengegend erinnerte mich daran, daß meine einzige Nahrungsmittelaufnahme an diesem Tag außer dem Frühstück nur eine Tasse Eistee und eine Zigarette gewesen war. Ich war auf dem Weg aus der Tür, um im nächstgelegenen Atzplatz einzukehren, als ein klagendes Telefon mich wieder zurück an den Schreibtisch brachte. Es war Al. »Ich rufe vom Flughafen an«, sagte er. »Ich habe mich gerade mit dem Revier in Verbindung gesetzt, und man sagte mir, du habest angerufen.« »Was machst du am Flughafen?« fragte ich. »Ich wollte mich vergewissern, ob Roderick Gillsworth seinen Flug antritt. Er bringt den Sarg in den Norden.« »Und ist er weg?« »Ja, er ist abgeflogen. Ich bin ein bißchen kribblig, ihn einfach fliegen zu lassen, aber er schwört, daß er in ein paar Tagen wieder zurück sei. Hoffentlich ist er das, sonst sehe ich nämlich wie ein erstklassiger Dämlack aus, weil ich ihn habe laufen lassen.« »Al, erzähl mir nicht, daß du ihn noch immer verdächtigst.« »Nein, aber er ist doch ein wichtiger Zeuge.« »In welchem Zustand war er?« »Ich vermute, daß er mit einem Kater fertig zu werden versuchte.« »Richtig vermutet! Als ich ihn gestern abend verließ, schüttete er Schnaps in solchen Mengen in sich hinein, als stünde jeden Augenblick die Prohibition bevor. Al, ich muß mit dir sprechen.« »Genau das tun wir zur Zeit.« Ich seufzte. »Du willst, daß ich ins Einzelne gehe? Also gut. Es ist außerordentlich dringend, daß ich mich mit dir treffe, da es gewisse 133
Briefe gibt, die ich dir zeigen möchte. Und diese Briefe sind möglicherweise von Wichtigkeit für unsere derzeitigen Mordermittlungen. Nun, wie ist das?« »Welche Briefe?« fragte er. »Al«, erwiderte ich, »du bringst mich noch mal um.« »Mit Freuden«, sagte er.
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l erzählte mir, er wolle zu dem Haus von Gillsworth fahren, um sich zu vergewissern, daß der Dichter abgeschlossen habe, als er verreiste. Ich sagte, ich käme in einer Stunde. »Laß dir Zeit«, meinte er. »Ich werde eine Weile dort bleiben.« Ich fand diese Bemerkung recht seltsam, gab dazu aber keinen Kommentar ab. Ich nahm den Umschlag mit den Briefen an Willigan und fuhr mit dem Fahrstuhl in unsere Tiefgarage hinunter. Ich winkte dem Wachmann zu und bestieg den Miata, um nach Hause zu kutschieren. Dort war niemand, und so eilte ich in die Küche und machte mir ein dickes Sandwich, Salami auf Roggenbrot, so dick mit scharfem Senf bestrichen, daß es mir die Tränen in die Augen trieb. Ich kühlte das Feuer mit einer gekühlten Dose alkoholfreiem Bier und stieg dann nach oben, um die Hausschlüssel von Gillsworth zu holen, für den Fall, daß ich vor Al eintraf. Aber als ich dort ankam, stand ein Polizeiwagen in der Auffahrt, und die Eingangstür des Hauses war offen. Ich ging hinein und rief: »Al?« 134
»Hier bin ich«, schrie er, und ich fand ihn in einem blumengemusterten Armsessel in dem Wohnzimmer, wo Lydia ermordet worden war. Er hatte seine Mütze nicht abgenommen und rauchte eine seiner dicken Zigarren. »Nun laß mal diese schwachsinnigen Briefe sehen, von denen du gesprochen hast.« Ich warf ihm den Umschlag zu. »Fotokopie vom ersten, den Harry Willigan bekam. Der zweite ist das Original. Sei vorsichtig damit. Da könnten Fingerabdrücke drauf sein.« Er las langsam beide Briefe, während ich mich auf eine Korbcouch setzte und mir eine English Oval ansteckte. Dann schaute er zu mir auf. »Das gleiche Papier. Sieht aus, als sei's die gleiche Farbe, die gleiche Schriftart und sogar der gleiche nach rechts ausgeschlossene Rand.« »Das stimmt. Der Grund, warum ich dir die nicht vorher gezeigt habe, ist, daß der Klient es verboten hat. Du kennst Willigan?« »Den kenne ich«, sagte er grimmig. »Ein Arsch ohnegleichen.« »Ich pflichte dir bei«, meinte ich. »Und wenn er je herausbekommt, daß ich dir von dem Katznapping erzählt habe, wird er wahrscheinlich McNally und Sohn wegen Amtsvergehens verklagen. Al, würdest du das bitte absolut vertraulich behandeln und für dich behalten? Mein Vater weiß, daß ich dir die Briefe zeige. Es war seine Entscheidung. Alles, worum wir als Gegenleistung bitten, ist deine Diskretion.« »Sicher«, sagte er. »Darin bin ich gut. Was hast du bisher unternommen, um diese verdammte Katze zu finden?« »Nicht sehr viel. Aber was soll ich tun – ganz Palm Beach nach Peaches' Scheiße absuchen?« Der Sergeant grinste mich an. »Du könntest über die Worth Avenue flanieren, mit den Fingern schnippen und rufen: ›Komm, Muschi, Muschi, Muschi.‹ Was meinst du, was das für einen Menschenauflauf gäbe!« 135
»Eins habe ich getan – und du wirst wahrscheinlich darüber lachen. Ich bin zu Hertha Gloriana gegangen, dieser Sensitiven, und bat sie, Peaches zu lokalisieren.« Aber er lachte nicht. »Gar nicht so dumm«, bemerkte er. »Bullen scheuen es, das zuzugeben, aber Psychologen und Medien werden öfter um Hilfe gebeten, als du glaubst, vor allem in Fällen, wo Personen vermißt werden. Was hat sie gesagt?« Ich wiederholte Herthas Beschreibung des Raumes, in dem sie Peaches gefangen gesehen hatte. »Sie konnte mir keinen eindeutigen Ort nennen, aber sie sagte, sie versucht's weiter. Al, glaubst du, daß diese Erpresserbriefe irgend etwas mit dem Mord an Lydia Gillsworth zu tun haben?« »Eindeutig. Es gibt zu viele Ähnlichkeiten bei den Briefen, als daß es Zufall sein könnte. Ich werde sie ans FBI schicken und um einen Vergleich bitten. Ich vermute, daß sie auf demselben Drucker ausgedruckt wurden.« »Und was machen wir jetzt?« »Bis wir den FBI-Bericht haben, nichts. Wenn Willigan Anweisungen wegen der Übergabe der Fünfzigtausend bekommt, laß es mich wissen. Dann werden wir versuchen, eine Falle zu stellen. Ich frage mich, ob's irgendwo in diesem Haus was zu trinken