Anna McGrail
Fräulein Einsteins Universum ROMAN
Aus dem Englischen von Margarethe van Pée
Titel der Originalausgabe...
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Anna McGrail
Fräulein Einsteins Universum ROMAN
Aus dem Englischen von Margarethe van Pée
Titel der Originalausgabe: Mrs Einstein Originalverlag: Transworld Publishers, Ltd. Ungekürzte Buchgemeinschafts-Lizenzausgabe der Bertelsmann Club GmbH, Rheda-Wiedenbrück der Bertelsmann Medien (Schweiz) AG, Zug, der Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau, Wien und der angeschlossenen Buchgemeinschaften
Copyright © 1998 by Anna McGrail Copyright © 1998 der deutschsprachigen Ausgabe by Diana Verlag AG, München und Zürich Umschlag- und Einbandgestaltung: init, Bielefeld Umschlagbilder: AKG Berlin Satz: Filmsatz Schröter GmbH, München Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm Printed in Germany 1998 Buch-Nr. 04113 7
Lieserl Einstein ist acht Jahre alt, als sie auf dem Bauernhof, wo sie aufwächst, zum letzten Mal von ihrer Mutter besucht wird. Ausgestoßen aus der Familie, schwört sie, Rache zu nehmen. Ihre Begabung für Mathematik und die Naturwissenschaften weist ihrem Zorn den Weg: Sie will ihren Vater auf seinem ureigenen Feld besiegen und vor ihm den Schlüssel zu den Geheimnissen des Universums entdecken. Lieserl nimmt Privatunterricht bei Maja Freisler. Bald treibt der Erste Weltkrieg Lieserl und ihre Lehrerin quer durch Deutschland. Trotz der Wirren der Zeit gelingt es Lieserl, sich immer tiefer in die Welt der Zahlen und Gleichungen zu versenken… Die Jahre ziehen dahin. Lieserl verfolgt mit Argusaugen das Wirken ihres Vaters. Sie liest sämtliche seiner physikalischen Artikel und forscht am Max-PlanckInstitut in Berlin. Da bricht der Zweite Weltkrieg mit all seinen Greueltaten über Lieserl und Maja herein. Sie müssen fliehen; quer durch Europa und bis nach Amerika. Hier, in Los Alamos, soll der größte Triumph der Wissenschaft auch Lieserls persönlicher Sieg über den Vater werden. Doch die Schönheit der Gleichungen verwandelt sich in den größten Schrecken der Menschheit – die Atombombe. Anna McGrail ist etwas Außergewöhnliches gelungen: Sie hat nicht nur der Geschichte unseres Jahrhunderts Leben eingehaucht, sie hat auch die großen Ideen, die dieses Jahrhundert geprägt haben – Relativitätstheorie, Quantenphysik, Kernspaltung –, zum Sprechen gebracht. Anna McGrail ist in Liverpool geboren und aufgewachsen. Sie arbeitete für die BBC. Schon für ihre ersten Prosatexte, Kurzgeschichten, erhielt sie
verschiedene Auszeichnungen. Als 1988 Einsteins Briefe an Mileva zum ersten Mal in der Öffentlichkeit bekannt wurden, begann sie mit der Arbeit an Fräulein Einsteins Universum, ihrem zweiten Roman. Anna McGrail lebt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Brighton.
Für meine Mutter und meinen Vater
Der Anfang
Die Gesetze der Naturwissenschaft unterscheiden nicht zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Was geschehen ist, was möglicherweise geschehen wird und was hätte geschehen können, macht keinen Unterschied. In der Zeit ist alles möglich. Aber alle Geschichten haben einen Anfang. Hier ist also der Anfang. In einem dunklen, dunklen Wald stand ein dunkles, dunkles Haus, und in diesem dunklen, dunklen Haus war ein dunkles, dunkles Zimmer, und in diesem dunklen, dunklen Zimmer war eine dunkle, dunkle Tochter. Lieserl.
1 Der Hof
4. Juni 1910 Jeden Morgen das langgezogene, leise Muhen der Kühe, die Schreie der Störche über dem Fluß. Draußen im Hof das Geklapper der Milchkannen. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, kam Desanka mit der kuhwarmen Milch herein, noch bevor der Frühdunst sich geklärt hatte. Ich öffnete die Augen. Heute war es anders. Es war noch dunkel, und auf dem Hof war es ruhig. Der Geruch nach Essen hatte mich aufgeweckt. Desanka briet Kartoffeln mit Zwiebeln und Speck in einer schweren eisernen Pfanne auf dem Herd. »Machst du Frühstück?« Ich schlief in einer Ecke der Küche, in einer Nische zwischen der Außenmauer und der Feuerstelle, so daß mich in Winternächten, wenn der Schnee hüfthoch lag, die heruntergebrannten Kohlen wärmten. Im Sommer hatte ich es kühl durch den Luftzug von draußen. Also mußte ich mich gar nicht bewegen, um die Frage zu stellen, sondern brauchte sie nur aus dem Schutz meiner Decke hinauszuschreien. Ich schrie nicht nur, weil Desanka ein bißchen taub war, sondern auch, weil ich dachte, ich träumte vielleicht noch und meine laute Frage würde mich aufwecken. Daß ich dachte, ich träumte vielleicht noch, lag daran, daß ich oft von einem warmen Frühstück träumte. Wenn ich die Geschichten erzählt hätte, die ich manchmal von Desanka hörte, von Prinzessinnen im Lande Phantasia, in hochgelegenen Schlössern, hätte ich diesen verwöhnten
Prinzessinnen täglich ein Frühstück mit Speck, Eiern, Zwiebeln und warmen Kartoffeln zugestanden. Ein Paradies. Auf dem Hof gab es Maisbrot und manchmal Butter, bevor der Tag anfing, und Butter auch nur, wenn ich besonders artig gewesen war. Desanka, die sich emsig am Herd zu schaffen machte, gab keine Antwort. Ich wischte mir den Schlaf aus den Augenwinkeln und schrie noch einmal. Allerdings nicht zu laut, weil ich wußte, daß Prinzessinnen das nicht taten. Und angesichts der ganzen Kocherei dachte ich, daß ich womöglich auf dem besten Weg war, adlig zu werden, wenn nicht sogar eine Prinzessin. Schließlich war es in den Geschichten immer das am meisten benachteiligte Kind, das sich am Ende als die wahre Prinzessin erwies. Desanka zog es vor, nicht zu antworten. Ich wußte, daß sie mich gehört hatte, weil sie mir mit einer Kopfbewegung bedeutete, mein warmes Bett in der gemütlichen Küchenecke zu verlassen und mich auf meine morgendliche Runde zu machen. Mittlerweile klapperte sie schwungvoll mit den Eisentöpfen, und außer dem nach Zwiebeln und Kartoffeln gab es noch andere Gerüche, andere Töpfe, andere Aufgaben, um die sie sich kümmern mußte, nicht nur um mich. Heute hatte Desanka keine Zeit für mich. Ich stand auf, schüttelte meinen Rock aus und ging hinaus, um Wasser und Eier zu holen. Als ich zurückkam, zitternd, weil der Frühdunst noch weiß über dem Hof lag und es dort in der Dunkelheit vor Sonnenaufgang noch kalt war, beschäftigte Desanka sich gerade mit der Zwiebelsuppe. Sie ließ langsam einen Klumpen Butter in einen Topf gleiten und sah zu, wie sie weiß wurde und Blasen warf. In der Waschschüssel auf dem Tisch lag eine Forelle, die Milos gestern im Fluß gefangen hatte. Ich wußte, wie Desanka Forellen am liebsten zubereitete: mit Dillsauce
und Gurkensalat. Ich stellte den Wassereimer mit einem lauten Knall auf den Fußboden. »Desanka…« Irgend etwas stimmte hier nicht. Schließlich war doch nicht Kaisers Geburtstag. »Hol mir drei Zwiebeln.« »Desanka…« »Nun mach schon.« Ich gab auf, stellte den Korb mit den Eiern auf den Tisch und ging wieder nach draußen. Desanka hatte lange Ketten von Zwiebeln und Knoblauch vors Fenster gehängt, und sie waren mit rotem Staub bedeckt. Auf dem nächsten Hof gab es zwei Schwestern, Helena, älter als ich, und Sylvja, die jünger war. Sie sagten Abzählverse auf, wenn wir auf der flachen Stelle in ihrem Hof seilsprangen und dabei roten Staub aufwirbelten: Ene mene muh, raus bist du, raus bist du noch lange nicht, sag mir erst, wie alt du bist. Ich blies die roten Staubpartikel von den Zwiebeln. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet, und ich konnte mir vorstellen, daß es irgendwann einen Riesensturm geben würde. Wie immer würden von Westen die Wolken herandräuen, die Hühner würden sich zusammenkauern und sich gegenseitig picken, und die Störche am Fluß würden still werden. Ich zog drei Zwiebeln aus dem Zopf und starrte über das Feld. Die Ebene erstreckte sich endlos. Ich hatte manchmal mit Desanka hinten auf dem Wagen gesessen und wußte, daß die Felder, grün im Sommer und weiß im Winter, immer und immer weiter gingen. Zwischendurch einmal ein Bauernhaus. Eine Kirche. Und das war es schon. Es gab keinen Grund, anzunehmen, daß es irgendwo auf der Welt anders aussah. Allerdings mußte es irgendwo anders aussehen. Das wußte ich aus Desankas Geschichten. Mitten zwischen den wahren Berichten über Prinzessinnen, die die ganze Nacht durchtanzten, verkleidete Königssöhne, Hexen, Kobolde und
Kinder, die in den Wäldern verlorengingen, gab es auch Geschichten über elegante Häuser, große Dinnerpartys und ein Bauernhaus, das auf Desankas Namen eingetragen war, so daß ihr Bruder Ferdi es nicht verkaufen konnte, um seine Spielschulden zu bezahlen. Manchmal gab es auch dunklere Geschichten darüber, daß solche Vorsichtsmaßnahmen Zeitverschwendung gewesen waren, weil Ferdi sich zu Tode getrunken und das Vermögen der Familie durchgebracht hatte – Desankas Mitgift für den Tag, an dem sie Braut werden würde. Das waren Geschichten, die mich glauben ließen, was auch Desanka offensichtlich glaubte: daß uns eines Tages wieder ein rechtmäßiges Erbe zufallen würde. Die Sonne ging auf. Ich stellte mir vor, wie Ferdi im hellen Morgen seinem Tod entgegentaumelte und dabei mit Goldmünzen um sich warf.
»Morgen.« Helena hatte Walderdbeeren gesammelt. Sie mußte früh aufgestanden sein, um zum See und zum Fluß hinunterzugehen, wo die Weiden ihre langen Äste in das einzige kühle Wasser im ganzen Umkreis tauchten. Selbst im Sommer war es so dunkel und kalt, daß es einem den Atem verschlug, wenn man hineinsprang. Dort unten wuchsen die frühesten Beeren. Der Korb mit den roten Früchten hing schwer an Helenas Arm, und sie stellte ihn seufzend ab. »Was tust du hier?« fragte ich überrascht. »Desanka hat meine Mutter darum gebeten. Sie bezahlt auch dafür. Für euren Besuch.« Ich ging in die Küche und reichte Desanka die Zwiebeln. »Wer kommt denn?« Desanka räumte eilig mein Bettzeug neben dem Kamin weg und streute angefeuchtete Teeblätter auf die Bodenfliesen.
Desanka hätte gern Radio gehört, wenn wir eines gehabt hätten. Sie hätte sich morgens gern im Rhythmus von Tanzmusik gewiegt. Big-Band-Musik. Viele Posaunen. Und an den Abenden, wenn sie Zeit hatte, las sie Liebesromane. Wenn sie nicht zuviel stopfen mußte. So aber mußte sie eben die Melodie, die sie im Kopf hatte, selbst vor sich hinsummen. »Kehr sie zusammen«, sagte sie zu mir, nahm die Zwiebeln und wies auf die Teeblätter. »Helena…« Helena kam herein und zog ihren Korb hinter sich her. »Helena, putz die Beeren.« »Mutter hat gesagt, ich soll gegen Mittag wieder zu Hause sein.« »Dann hast du noch viel Zeit.« Helena nahm sich eine Schüssel von einem hohen Regal, setzte sich auf den Boden und fing an.
Desanka erlaubte mir nie, sie Mutter zu nennen, und so war ich der einzige Mensch, den ich kannte, der keine Mutter hatte. Millie Lanic, die einmal in meiner Klasse gewesen war, hatte eine Mutter gehabt und jetzt keine mehr, weil sie auf dem Friedhof begraben war. Zuerst hatte ich deshalb viel Mitleid mit Millie, später beneidete ich sie. Aber man stelle sich vor, es wurde dann ganz schlimm, weil sie sich um die kleineren Kinder – zwei Schwestern und ein kränkelnder Bruder, der am Tod seiner Mutter im Kindbett schuld gewesen war – so sehr kümmern mußte, daß sie nicht mehr in die Schule kam. Ich vermißte sie. Sie hatte fast so gut lesen können wie ich, und in den Pausen konnte sie das Seil sehr hoch schwingen. Es hatte mich und auch Desanka überrascht, daß ich lesen gelernt hatte, denn das war damals durchaus nicht üblich. Nachdem ich es konnte, wollte Desanka mich von der MehanovicsSchule nehmen, weil sie der Meinung war, ich könnte auf dem vor Ferdi geretteten Erbe nützlichere Arbeit leisten, auch wenn
ich erst sieben Jahre alt war. Aber ich hatte mich dagegen gewehrt, vor allem, weil ich das Rechnen so sehr vermissen würde. Ich war fast Klassenbeste im Rechnen, und es war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich das Gefühl hatte, etwas halbwegs richtig gemacht zu haben. Obwohl ich ansonsten nicht sehr gern in die Schule ging, begriff sogar ich, daß es besser war, in einem Zimmer zu sitzen und die Namen der österreichischen Kaiser aufzusagen, als den ganzen Tag zu putzen und sauberzumachen wie Millie Lanic. Anders als die arme Millie Lanic wußte ich jedoch, daß ich irgendwo auf der Welt eine Mutter hatte, und auch einen Vater, wie Desanka mir von Anfang an deutlich gemacht hatte, obwohl sie über beide erstaunlich wenig Worte verlor. So hatte ich mir vorgestellt, daß es nur eine Frage der Zeit war, bevor sie kamen, um mich zu holen. Desanka hatte nichts dergleichen gesagt, aber mir schien es das einzig Logische. Warum sonst sollte sie sie erwähnen? Wenn sie nicht eines Tages zurückkämen, warum durfte ich dann nicht Desanka Mama nennen, wie alle anderen? Manchmal fragte ich mich, was für eine Katastrophe mich wohl von meinen Eltern getrennt hatte. Erdbeben, Feuer, Überschwemmungen, alles war möglich. Aber obwohl ich im Laufe der Zeit all das in fragendem Ton vorgebracht hatte, sagte Desanka nichts. Als ich sie wieder einmal bedrängte, mir irgend etwas über sie zu erzählen, Klatsch, Informationen, jede Kleinigkeit, mit der ich mir ein Bild machen konnte, hatte Desanka, die mitten in der Ernte war, die geschäftigste Zeit im Jahr, lange genug innegehalten, um zu sagen: »Dein Vater ist technischer Offizier auf dem Patentamt in Bern.« »Oh.« Sie wußte, daß mir das die Sprache verschlagen würde.
Mittags gab es Eierklöße, gefüllte Paprikaschoten, geräucherte Würste und Gewürzkuchen, Forelle mit Dill und Gurkensalat und Erdbeerpfannkuchen, die unter einem Mulltuch auf dem hölzernen Küchentisch lagen. Desanka, Helena und ich hatten nur ungefähr zehn Minuten Pause gemacht, um die Kartoffeln und den Speck zu essen, die Desanka für uns zum Frühstück gebraten hatte, aber abgesehen von dieser Unterbrechung hatten wir den ganzen Morgen durchgearbeitet. Auf dem Feuer simmerte die Zwiebelsuppe. Die pikante weiße Brühe roch allein schon köstlich und wartete nur darauf, in die frisch ausgewaschenen Keramikschüsseln gefüllt zu werden, als großartiger Auftakt zu Desankas Bankett. Ich fand, daß wir jetzt endlich das Recht hatten, zu wissen, zu wessen Ehren Helena und ich den ganzen Morgen gearbeitet hatten. »Für eine Freundin.« Desanka schniefte und sagte dann: »Eine Freundin von einem Freund. Wasch dir die Hände, Helena, bevor du nach Hause gehst.« Helena setzte ihre Haube auf und steckte die Münze ein, die Desanka ihr reichte. Bevor sie in der Mittagshitze nach Hause ging, lächelte sie mich breit an, eine Aufforderung, sofort zu ihr zu kommen und ihr alle Einzelheiten über den geheimnisvollen Besuch zu erzählen, wenn dieser wieder weg war. Ich zog eine zustimmende Grimasse. Als Helena gegangen war, wurde ich zu der Pumpe im Hof gebracht und gewaschen, geschrubbt und gekämmt. Dann saß ich, in ein Handtuch gewickelt, in der Küche, während Desanka mit einem heißen Eisen Baumwolle bügelte. »Was ist das?« fragte ich Desanka. Selbst ich konnte erkennen, daß das Kleidungsstück in ihrer Hand eher praktisch als dekorativ war, nicht die Art von Kleid, das eine Prinzessin tragen würde, obwohl der Stoff beträchtlich feiner war als der meiner anderen Kleider.
»Millie Lanics altes Sonntagskleid.« Alles, was ich an diesem Tag trug, war weiß und gestärkt und über die Maßen steif. Auf der Naht am Rücken war ein winziger brauner Fleck, wo Desanka das Eisen überhitzt hatte, und sie fluchte. »Achte darauf, daß du niemandem den Rücken zuwendest«, sagte sie, als sie mir das Kleid über den Kopf zog, »dann merkt es keiner.« Sie band mir hinten eine große runde Schleife. »Setz dich hierhin«, sagte Desanka und schickte mich auf die Holzbank am Tisch, »und rühr dich nicht. Ich gehe mich jetzt auch waschen.« Die Tür schlug zu. Sobald sie außer Sichtweite war, begann mein Körper natürlich doch an allen Gliedmaßen und an seinen geheimen Stellen auf seltsame Weise zu zucken: an den Nasenlöchern, im Nacken, in den Tiefen meiner Armhöhlen. Aber ich blieb auf der Holzbank sitzen und rührte mich nicht. Ich traute mich noch nicht einmal, mich an der am schlimmsten juckenden Stelle zu kratzen. Ich ertrug mein Leiden stoisch, weswegen, wußte ich allerdings nicht… abgesehen von Desankas Wutanfällen, wenn ich ihren Anweisungen nicht gehorchte, und einem dumpfen Gefühl, daß etwas so Wichtiges geschehen würde, daß ich es nicht wagte, eine Katastrophe heraufzubeschwören. Der Gewürzkuchen war schon auf einer Platte angerichtet, und obwohl ich Hunger hatte, traute ich mich nicht, Desankas sorgfältig arrangierte Stücke anzufassen. Also saß ich einfach da und wartete, bis Desanka wieder hereinkam und sich eine frische Schürze umband, die letzten Dillspitzen über die Forelle streute, eine letzte Prise Salz in die Suppe gab und sich dann auch neben mich auf die Bank setzte, mit ihrem Kopftuch auf dem Kopf, und ebenfalls wartete.
Ich stellte mir vor, daß das Berner Patentamt Türmchen hatte. Zinnen. Türme mit Zinnen. Eine Zugbrücke möglicherweise und einen Graben. Mein Vater, einer der Patentoffiziere, hatte die Kavallerie unter sich. Admiralspatente vielleicht, und jeden Morgen reihte er alle Patente vor sich auf, um die Orden und Verdienste zu inspizieren. Meine Mutter… Desanka war, was sie betraf, ein wenig ungenau gewesen, also konnte ich sie mir nur in einem weißen, fließenden Kleid vorstellen, wie sie in ein Taschentuch seufzte und das Feuer, das Erdbeben oder die Überschwemmung beklagte, die ihnen ihre echte Tochter, die Prinzessin, genommen hatte. Ich freute mich auf den Tag, an dem ich im Berner Patentamt wohnen würde, nicht mehr zur Schule zu gehen brauchte, weiße Kleider tragen und jeden Morgen Speck zum Frühstück essen würde.
Am frühen Nachmittag, als jeder Zentimeter meines Körpers genug gezuckt hatte, als die Holzbank am härtesten war und der pfeffrige Duft des weißen Oleanders am intensivsten, hörten wir, daß sich Pferdegetrappel näherte. »Komm«, sagte Desanka, als die Räder auf dem Weg quietschten. Sie rührte die Suppe ein letztes Mal um, dann hob sie mich von der Bank und nahm mich an der Hand. Wir traten nach draußen, in die heiße Sonne, in den roten Staub. Eine Kutsche tauchte unter dem Torbogen auf. Darin saß eine schwarzgekleidete Dame mit einem Sonnenschirm und einem Berg von Schachteln. Desanka und ich warteten wie gute Bauern darauf, daß uns die Dame zuerst grüßte, überhaupt Notiz von uns nahm, denn bis jetzt hatte sie noch nicht einmal in unsere Richtung gesehen. Sie trug ihren Kopf sehr hoch. Eine königliche Haltung. Die Kutsche blieb stehen, und endlich wandte sie sich uns zu und lächelte. »Soll ich einen Knicks machen?« flüsterte ich Desanka zu.
»Serben knicksen nicht«, sagte Desanka, also tat ich es nicht. Als die Dame jedoch aus der Kutsche stieg, lenkte Desanka ein bißchen ein. »Könnte allerdings sein, daß sie küssen.« Ich wollte gerade noch einmal nachfragen, als die Fremde aus der Kutsche sich zu mir niederbeugte und ihre Arme um mich legte, und ich ganz eingehüllt wurde in eine Wolke von dunklem Haar, feiner Stickerei und Batist. »Lieserl…« Ich war noch nie zuvor an einen Busen gedrückt worden, es gab jedoch keinen Zweifel, daß das gerade passierte. Ich stotterte irgendwas und küßte nur Stickerei, fühlte aber eine kühle Wange an meiner. Ich war so aufgeregt, daß ich dachte, meine Füße müßten sich vom Boden lösen und ich müßte in die Höhe schweben. Wieso hatte ich nicht eher gemerkt, was hier vor sich ging? Das war nicht die Königin, sie trug keine Krone. Sie mußte eine königliche Botschafterin sein, die mit der Nachricht über eine rechtmäßige Erbschaft aus der technischen Abteilung des Berner Patentamtes kam. Das Aschenputtel wurde nach Hause geholt. Warum sonst hatte Desanka sich solche Mühe gegeben? Gestärktes Kleid oder nicht, ich wurde endlich zu einer Prinzessin. »Lieserl…« Ein Schwall fremder Laute ging auf mich nieder. Ich trat zurück und blickte die dunkle Fremde verständnislos an. Nicht feindselig, ganz gewiß nicht, denn bisher hatte sie noch nichts getan, um meine Feindseligkeit zu wecken, aber doch mißtrauisch. Und außerdem, abgesehen davon, daß ich sie nicht verstand, hatte sie auch keine königliche Proklamation bei sich. »Lieserl…« Ich schüttelte den Kopf und trat noch weiter zurück. Hier stimmte etwas nicht. War die Königin unterwegs? Wo war der Patentoffizier?
»Sie kennt dich nicht, Mileva«, sagte Desanka und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Woher auch? Laß ihr Zeit.« Die Fremde nickte und wandte nun ihre volle Aufmerksamkeit Desanka zu. »Du hast recht.« Jetzt konnte ich sie verstehen, weil sie eine Sprache sprach, die ich kannte. Sie ergriff Desankas Hand, und die beiden Frauen umarmten sich, als wären sie alte Freundinnen. Desanka war vollkommen unbeeindruckt von der königlichen Haltung und dem Sonnenschirm. »Komm her, ich habe dir etwas mitgebracht.« Und ohne einen weiteren Blick auf mich zu werfen zog sie Desanka in den magischen Zirkel, den ihre magische Kutsche schuf, und begann, Geschenke auszuladen. Ich beobachtete sie und war mir nicht ganz sicher, ob ich jemals wieder Beachtung finden würde. Ich prägte mir jedes Detail ein. Jetzt, wo ich sie richtig sehen konnte, stellte ich fest, daß unsere Besucherin groß und stark war. Sie hatte ausgeprägte Wangenknochen und grobknochige Hände, dunkle Augen in einem großflächigen Gesicht mit einer breiten Stirn und einer Flut von schwarzen Haaren, die nur unvollkommen von zahlreichen Nadeln in ihrem Nacken gebändigt wurden. Sie war nicht das, was man auf den ersten Blick schön nennen würde, aber sie war attraktiv. Dunkle Augenbrauen und eine gerade Nase. Zuerst fand ich, es sei etwas Hartes in ihrem Ausdruck, aber das stimmte gar nicht. Als ich sie länger beobachtete, stellte ich fest, daß sie sich nur den Anschein gab und wollte, daß es jeder zur Kenntnis nahm. Und das will schließlich nicht jeder, der sich den Anschein gibt. Allerdings wurde ich davon abgelenkt, das besondere Aussehen der Fremden weiter in mich aufzunehmen, weil meine Augen genau wie Desankas auf ihren Bauch fielen. Er wurde sichtbar, als sie ihren Mantel auszog und sich vorbeugte, um eine kleine,
in Silberpapier eingewickelte Schachtel von dem Berg der Pakete zu nehmen. »Siebter Monat«, flüsterte Desanka mir zu, während wir lächelnd auf das angekündigte Geschenk warteten, »wenn es in der Zeit ist.« Ich wußte, was sie meinte, schließlich wuchs ich mit Kühen auf. »Schokolade«, sagte die Fremde und reichte mir die Schachtel. Ich senkte den Kopf. Da ich nicht knicksen durfte, wußte ich nicht, was ich sonst tun sollte. Es kam mir nicht in den Sinn, zu lächeln. »Kleine Mädchen mögen doch Schokolade, oder?« Sie blickte mich ermunternd an. Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte noch nie zuvor Schokolade gegessen. »Wir haben sie im Schatten aufbewahrt und auf Eis gelegt, damit sie nicht schmilzt…« Die Frau winkte ab, als sei die Schokolade nicht wichtig. Ich hielt die Silberschachtel fest in der Hand, halb verborgen hinter meinem Rock. Ich malte mir die Schätze aus, die sie enthielt, und hoffte, daß Desanka sie vergessen würde und ich sie später am Abend im geheimen, ganz für mich allein, öffnen könnte, dieses Geschenk aus dem Palast, den zinnenbewehrten Türmen des Berner Patentamtes. Desanka vergaß sie. Sie wurde selbst mit Schätzen überschüttet. Außer der Schokolade zog unser Gast Schweizer Käse und Obst unter dem Kutschensitz hervor, deutsche Würste, italienisches Weizenmehl und eine Schinkenseite. Es gab Brot und einen Korb mit Treibhauspflaumen und einige Bücher mit farbigen Zeichnungen und unverständlicher Sprache – ich kannte alle Buchstaben, aber keins der Wörter. Und sie brachte auch einen kleinen, hellhaarigen Jungen mit, ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, der erst sichtbar wurde, als
sie glücklich die letzte Schachtel überreicht hatte. Er saß wie eine Statue in der hintersten Ecke der Kutsche. Obwohl ich die Schokolade in der Silberschachtel bis jetzt noch nicht gesehen hatte und mir ein Urteil noch aufsparen mußte, hielt ich den Jungen für das Seltsamste, was mir bisher in meinem Leben untergekommen war. Alle, die Desanka und ich kannten, hatten fast schwarze Haare. Das Haar des Jungen jedoch war von einer Farbe, die mir weiß vorkam, obwohl Desanka mir später sagte, daß die richtige Bezeichnung »blond« war. Ich hielt ihn einfach für krank. Besorgt beobachtete ich, wie er aufstand und zögernd den ersten Schritt tat. »Das ist«, die Frau warf mir einen verstohlenen Blick zu, um zu sehen, wie ich reagierte, »Hans Albert. Mein Sohn.« »Guten Tag«, sagte der Junge höflich und streckte seine Hand aus. Die Augen der beiden Frauen leuchteten zustimmend auf. Das war ein Junge mit Manieren. Ein kleiner Prinz. »Szervusz, Hans Albert.« Desanka ergriff ernst die ausgestreckte Hand. Ich verbeugte mich, trotz eines finsteren Blicks von Desanka. »Wir sollten nicht länger hier in der Sonne stehenbleiben«, sagte Desanka. »Wo habe ich nur meinen Kopf? Mileva und Hans Albert, kommt doch bitte herein.« Geschäftig sammelte sie die Pakete ein. »Kommt herein. Kommt herein, bitte.« Sie scheuchte uns Menschen, den Käse, den Schinken, die Pflaumen und das Mehl aus der Hitze in die niedrige Küche. Ich riß die Augen auf: »Bitte« war ein Wort, von dem ich gar nicht wußte, daß Desanka es kannte. In der Küche war es trotz der Kocherei kühler. »Setzt euch. Setzt euch doch.« Desanka wedelte mit den Händen. Sie war ganz die Gastgeberin. Unser Gast, stellte ich fest, als ich sie beobachtete, wie sie über den gewischten Fußboden ging,
hinkte leicht. Sie war also auch nicht gesund. Was wollten alle diese Invaliden in unserer Küche? Die Besucherin setzte sich auf den Holzstuhl, den Desanka ihr zurechtrückte. Der kleine Junge setzte sich auf ihren Schoß, was in meinen Augen sein Kranksein bestätigte. Im allgemeinen Aufruhr versteckte ich die Schachtel mit der Schokolade hinter einer Kiste mit Kirschbaumfeuerholz, in der Nische, in der später mein Bett aufgeschlagen werden würde. Dann setzte ich mich auf meinen gewohnten Platz auf der Bank, obwohl Desanka mich in die Einladung nicht einbezogen hatte. »Wein«, sagte Desanka. Es war keine Frage. Der kleine Junge und ich blickten die Fremde erwartungsvoll an, und wir begannen, ihre Antwort durch eifriges Nicken unserer Köpfe schon vorwegzunehmen. »Ich glaube nicht…« Die Fremde winkte mit ihrem spitzenverzierten Arm ab, aber Desanka war stärker. Desankas Gastfreundschaft würde sich nicht von höflichen Nettigkeiten durchkreuzen lassen. Früh am Morgen hatte ich bereits mit einem Mullappen das Kristall aus Budapest auf Hochglanz poliert, die wenigen Gläser, die Desanka von den dunklen Balken ganz oben heruntergeholt hatte, wo sie vor unserem Zugriff sicher waren. Und ganz gleich, ob Wein jetzt das richtige Getränk war oder nicht, Desanka bot ihn auf jeden Fall an, damit sie das glänzende Kristall vorzeigen konnte. Desanka schenkte kalten Rotwein aus und hob ihr Glas. Es funkelte in den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen. »Mileva«, sagte sie, »wir freuen uns, daß du hier bist.« Die Frau nahm zögernd einen Schluck, wobei sie gar nicht feierlich wirkte, und danach rührte sie ihr Glas kaum noch an. Statt dessen wollte sie Tee, und Desanka stellte den Wasserkessel auf. Das ganze Essen über, bei den Eierklößen und den gefüllten Paprikaschoten, den geräucherten Würsten
und dem Gewürzkuchen, der Forelle und den Erdbeerpfannkuchen, leuchtete das Budapester Weinglas rot auf dem Tisch. Die Frau trank ihren Tee, aß ein bißchen Zwiebelsuppe und ein wenig von der Forelle und erklärte dann, sie sei satt. In ihrer empfindlichen Verfassung, sagte sie, dürfe sie ihren Magen nicht zu sehr belasten. Prinz Hans Albert und ich aßen von allem etwas. Vor allem von den Pfannkuchen und einer Art Zitronencreme, die aus der Kutsche gekommen war. Seine Gesundheit war offenbar doch robuster, als ich ihm zugetraut hatte. Während wir aßen, unterhielten sich die beiden Frauen die meiste Zeit über die Ernte und das Heumachen und ob es wohl Krieg geben würde, obwohl ich nicht wußte, wo und warum das geschehen sollte. Sie redeten von kalten Bergen und weit entfernten Orten und dann plötzlich… »All das Essen…« sagte die Fremde und wies auf den Tisch. »Es erinnert mich an zu Hause.« Und einen Augenblick lang dachte ich, sie würde in Tränen ausbrechen. »Mileva«, sagte Desanka, aber die Frau achtete gar nicht auf sie, schob ihren Teller beiseite und sagte etwas in der gleichen Sprache zu mir, die sie schon vorher benutzt hatte, die Sprache, die auch Hans Albert gesprochen hatte, und ich starrte sie an. Desanka sagte: »Warum versuchst du es immer wieder, Mileva? Du weißt doch, daß sie nur Ungarisch spricht.« »Ungarisch«, erwiderte die Frau. Sie rollte die Vokale auf ihrer Zunge, als ob sie Rübenschnitzel wären, die sie aushustete. »Das Mädchen muß Deutsch lernen, Desanka.« Desanka schnitt sich heftiger, als ich es je für möglich gehalten hätte, ein Stück Apfel ab. »Deutsch.« Sie spuckte das Wort förmlich aus. »Was ist schlecht an gutem Ungarisch?«
Unser Gast ließ sich nicht beirren. »Deutschstunden. Die Muttersprache. Die Sprache des Reiches. Wir wollen doch nicht, daß sie dumm aufwächst, oder?« Desanka rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Ich überlegte, ob der Gast wohl nach der Mehanovics-Schule fragen würde, und öffnete schon den Mund, um ihr über meine Vorliebe fürs Rechnen zu erzählen, als sie sagte: »Wir werden natürlich den Unterricht bezahlen.« Desanka legte den Apfel weg, ersparte ihm weitere Heftigkeiten. »Bezahlen? Ja?« »Einmal in der Woche. Zweimal in der Woche. Das Mädchen muß doch mit seiner Mutter reden können. Nicht wahr, Lieserl?« »Sie redet jetzt schon gut genug…« Desanka wandte den Kopf ab und beendete den Satz nicht. Die Eröffnung, daß es irgendwo eine Mutter, meine Mutter, gab, stand leuchtend im Raum. Eine Mutter in einem weißen Kleid, die eine Sprache sprach, die ich nicht verstehen konnte. »In unserer Familie«, sagte die Frau, »sprechen wir jetzt Deutsch.« Der Gedanke an meine Mutter ließ mich nicht los. Wie sollte ich mit ihr reden, wenn sie kein Ungarisch sprach? »Und später Klavierstunden. Ja.« Mileva geriet in Eifer. Sie wandte sich zu mir. »Ich habe Klavier gespielt. Ich spiele immer noch. Dein Vater spielt Geige. Er ist mit fünf in die Volksschule gekommen und hat mit sechs mit Musikstunden angefangen. Musik liegt euch wohl im Blut. Du mußt jetzt…« Sie zögerte. »Sie ist acht«, sagte Desanka. »Acht«, wiederholte die Frau. »Du könntest Geige spielen.« Ich war entzückt. Ich hatte nicht nur eine Mutter, die fremde Sprachen sprach, ich hatte auch einen Vater, der Geige spielte. Geige, die ich vielleicht eines Tages auch spielen würde.
Zuerst jedoch wollte ich die Fakten klarstellen. »Habe ich wirklich einen Papa?« »Ja.« Mileva nickte. »Natürlich.« »Ist er immer noch technischer Offizier im Berner Patentamt?« Die Frau lachte und wandte sich an Desanka. »Du hast sie nicht auf dem laufenden gehalten.« Desanka zuckte mit den Schultern. »Aber vielleicht habe ich es ja auch nicht geschrieben… Dein Vater«, sagte sie zu mir, »ist Professor in Zürich.« Anscheinend bemerkte sie meine Verwirrung. »Ein Professor ist so etwas wie ein Lehrer.« Ich war schwer enttäuscht. Der einzige Lehrer, den ich kannte, war Frau Mehanovics, und sie war nicht besonders aufregend. »Unterrichtet er Rechnen?« »Gewissermaßen. Physik. Sein Fach ist die Physik. Er hat Schriften veröffentlicht, in den Annalen der Physik. Zum Beispiel eine über die Natur des Lichts.« Die Natur des Lichts? Licht war einfach nur Licht, und mehr konnte man wohl kaum darüber sagen. »Und jetzt arbeitet er über die Schwerkraft.« Sie sah mir an, daß ich ihr nicht folgen konnte. Physik. Schwerkraft. Die Natur des Lichts. Lauter Dinge, die ich nicht kannte und die ihr ganz selbstverständlich waren. Kein Wunder, daß sie sich Sorgen darüber machte, daß ich dumm aufwuchs. »Schwerkraft«, sagte ich zu ihr, in der Hoffnung, weitere Informationen zu bekommen. »Schwerkraft«, erwiderte sie, »ist der Schlüssel zu allem. In der Theorie. Sehr komplizierte Theorien. Das macht dein Vater. Er schreibt alle seine Ideen auf Zettel.« Ich schwieg einen Augenblick lang, um mir das Bild des Patentoffiziers ins Gedächtnis zu rufen, der seine unzähligen Patente inspizierte, und versuchte, es durch das Bild meines Vaters zu ersetzen, der seine Tage damit zubrachte, äußerst
lange und komplizierte Summen auf Zettel zu schreiben. Als Bild war es vorstellbar, aber es entbehrte des Glanzes, den ich immer mit ihm verbunden hatte. Es war jedoch noch nicht alles verloren. Die Rolle meiner Mutter war noch nicht ganz klar. »Und meine Mutter?« fragte ich. »Meine Mutter auch? Schreibt sie auch Ideen auf?« »Nein, meine Süße. Deine Mutter erledigt nur die Rechenarbeiten für deinen Vater. Er hält sie für zu ungebildet, um mehr zu tun.« »Ich bin gut im Rechnen«, sagte ich. Ich dachte an die Vormittage bei den Mehanovics’, als die anderen Kinder Zahlenreihen auf ihre Schiefertafeln kratzten, sie zusammenrechneten und kleine Zahlen daneben schrieben, Verfahren, die ich nie nötig gehabt hatte. Ich brauchte die Zahlen nur anzusehen und wußte schon die richtige Antwort. Einfach nur durchs Ansehen. Frau Mehanovics lobte mich dafür, aber es war seltsam, für etwas gelobt zu werden, das mich überhaupt keine Mühe kostete, gar keine Mühe, und ich vertrieb mir die Zeit, die die anderen brauchten, um fertig zu werden, indem ich die Staubteilchen beobachtete, die in den Sonnenstrahlen tanzten, die durch das hohe Fenster am Ende des Raumes drangen. »Ich kann ganz schnell rechnen«, sagte ich. »Deine Mutter auch«, erwiderte Mileva. »Wann kommt sie zu mir?« Mileva blickte mich an und sah dann weg. »Wird sie kommen, wenn ich Deutsch spreche?« Desanka warf mir einen finsteren Blick zu. »Wenn ich Geige spiele?« Desanka stand auf und begann, den Tisch abzuräumen. »Warum geht ihr beide nicht ein bißchen nach draußen?« »Vielleicht, wenn ich Klassenbeste im Rechnen werde?« Ich versuchte, den letzten Trumpf auszuspielen.
Hans Albert rutschte vom Schoß seiner Mutter. Wir gingen. Ich schlängelte mich seitwärts hinaus, damit niemand den Brandfleck auf der Rückennaht meines Kleides sah. Wir gingen hinaus, weil wir Kinder waren. Wir wußten, wann wir nicht erwünscht waren, und wir hielten uns daran.
Die Sonne stand hoch, und nur hinter dem Schuppen gab es Schatten. Der kleine Junge wirkte sehr verloren und sehr gelangweilt. Er sah aus wie jemand, der wußte, daß er nur deshalb auf eine lange Reise mitgenommen worden war, um etwas zu beweisen. Er trug einen blauen Anzug, der genauso gestärkt war wie mein Kleid, und ein übernatürlich weißes Hemd. Seine Haare leuchteten in der Sonne. »Was stimmt mit dir nicht?« fragte ich in der Hoffnung, dem Geheimnis seiner Haare auf die Spur zu kommen. Hatte er einen Unfall gehabt? War er schon so auf die Welt gekommen? Aber er blickte mich nur verständnislos an. Ich stellte zum ersten Mal fest, daß nicht jeder auf der Welt alles verstand, was ich sagte. Ich beschloß, geduldig zu sein. Ich nahm auch an, daß er vielleicht empfindlich auf das Thema reagierte, da er ja krank war, und änderte deshalb meine Taktik. »Wir haben dort hinten ein Kaninchen im Stall«, sagte ich. »Komm mit.« Ich wies mit dem Kopf und dem Daumen in die Richtung, und er folgte mir wie ein Lamm. »Hast du Hunger?« »Nein«, erwiderte ich. »Wir bewahren es für das Weihnachtsessen auf.« »Nein«, sagte er und kramte in der Tasche seines untadeligen Anzugs. »Choko.« Und dann hielt er mir die in Silberpapier gewickelte Schachtel entgegen, die er aus der Nische in Desankas Küche hinter dem Kirschbaumholz gestohlen haben mußte, mit einer
Fingerfertigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, wenn ich den Beweis dafür jetzt nicht vor Augen gehabt hätte. Ich war beeindruckt, jedoch nicht bereit, ihm meinen Schatz kampflos zu überlassen. »Die gehört mir«, sagte ich und trat einen Schritt auf ihn zu. Ich war gut einen Kopf größer als er, und ich konnte ihn mit meinen Armen, die davon stark geworden waren, daß ich jeden Morgen Wasser trug, wahrscheinlich in weniger als einer halben Minute zu Boden ringen. Hans Albert hob seine Hand zu einer beruhigenden Geste, legte die Silberschachtel auf den Boden und griff in seine Tasche. Heraus kam das übliche Chaos von Dingen, die kleine Jungen so sammeln. Ein Stück Schnur, ein Schneckenhaus, ein Messer. Ich bewunderte ihn für die Geschicklichkeit, mit der er das alles hinter dem Rücken seiner Mutter in die Tasche seines besten Anzugs geschmuggelt hatte. Er hielt mir die Sammlung entgegen und forderte mich auf, etwas auszusuchen. Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte nichts davon. Ich wollte die Schokolade. Er hob abermals beruhigend seine Hand und wühlte weiter. Noch bevor er etwas aus der Tasche zog, wußte ich schon, daß er mir diesmal etwas ganz Besonderes zeigen würde. Er zögerte einen Augenblick lang, aber ich trat noch einen Schritt weiter vor. Da zuckte er mit den Schultern, gab auf und öffnete seine Hand, damit ich es sehen konnte. Ein Stein. Ein schwarzer Stein. Ich blickte ihn mit kaum verhüllter Verachtung an. »Nein, nein«, sagte er. »Paß auf.« Er sah sich hektisch um, hob die Schachtel auf und ging über den Hof zurück, wobei er angestrengt zu Boden sah. Plötzlich bückte er sich und blickte auf einen rostigen Nagel, der auf dem Pflaster lag. »Schau mal.«
Er legte sein Sammelsurium ab, zog mich näher heran und bewegte den schwarzen Stein auf den Nagel zu. Als er noch ein ganzes Stück entfernt war, verließ der Nagel den Boden, sprang an den Stein und blieb daran haften. Ich war fasziniert. Abwechselnd blickte ich Hans Albert und den Stein an. Dieser Junge hatte während des ganzen Essens einen magischen Stein in der Tasche gehabt. Hans Albert sah erfreut, wie ich die Augen aufriß. »Ich gebe ihn dir.« Er hielt mir den Stein, an dem immer noch der Nagel hing, auf seiner Handfläche entgegen. »Ich will aber trotzdem die Hälfte«, sagte ich, bevor ich ihn nahm, und er nickte zustimmend. Ich zeigte Hans Albert den losen Ziegel an der Rückseite der Mauer, wo ich immer meine Schätze hatte verstecken wollen, wenn ich jemals welche gehabt hätte, und er sah mir zu, wie ich den Ziegel herauszog und den Stein mit dem Nagel ganz hinten in dem dunklen Loch verstaute. Dann öffneten wir zusammen die Silberschachtel und teilten uns die Schokolade, außer Sichtweite im Schutz der Mauer, hinter dem Schuppen und dem Kaninchenstall. Ich war mir nicht ganz sicher, woraus die Substanz bestand, aber sie schmeckte unbestreitbar gut, duftete nach Zucker, und mir war klar, daß wir, was immer wir damit taten, schnell tun mußten, weil der Block bereits in der Hitze schmolz und rasch seinen zarten Schimmer verlor. Wir aßen sie in einem Stück, bis sie ganz weg war, und danach klebten unsere Hände, unsere Münder und unsere Haare, und unsere gebügelten weißen Kleider waren braun verschmiert. Ich stand auf. Mir war leicht übel. Ich war nicht sicher, ob diese neue Erfahrung meiner Verdauung so gut bekam, vor allem nicht nach den Klößen, den Puddings, den Würstchen, dem Gewürzkuchen, der Forelle, den Erdbeerpfannkuchen und
der Zwiebelsuppe. Hans Albert dachte wahrscheinlich das gleiche. Sein weißes Haar bekam einen grünlichen Schimmer. Plötzlich übergab er sich heftig über die weißen Stellen, die sein Hemd noch aufwies, über seine glänzenden Schuhe, seine sauberen Strümpfe und die Pflastersteine im Hof. Aus Solidarität und weil mich der Geruch des öligen Erbrochenen anekelte, übergab ich mich sofort ebenfalls. Hans Albert setzte sich mit dem Rücken an die Mauer und stöhnte. Ich holte einen Besen aus dem Schuppen, und Hans Albert sah mir dabei zu, wie ich den Staub vom Hof über die immer noch erkennbaren Klöße und Kirschen in einem glasigen Tümpel flüssiger Schokolade kehrte. Und dann lief ich weg, über das hintere Feld, und er lief neben mir her. Auf dem Feld gab es Soldaten und Festungen, wir hatten eigene Städte und Länder, Abenteuer und Alarm. Wir waren Kinder. Und ob wir nun die gleiche Sprache sprachen oder nicht, wir wußten, wie man spielt. Hans Albert und ich bauten einen Bauernhof. Wir entwarfen mit Wasser vom Bach und mit Erde einen Ort, an dem wir alle leben konnten: Desanka und ich in der nordöstlichen Ecke, die Tiere im Süden, ein großes Haus im Westen für Hans Albert, seine Eltern und das Kind, das bald kommen würde und bei dessen Erwähnung Hans Albert das Gesicht verzog. Wir zogen einen Kanal durch den Schlamm, befestigten seine Ufer und gossen Wasser hinein, um einen Fluß zu schaffen, an dem die Ochsen trinken konnten. Hans wollte gerade mit Brettern und alten Holzstücken eine größere Brücke über diesen Fluß bauen, als der Tag mit einem Ruf vom Haus her plötzlich für beendet erklärt wurde. Ich blickte auf. Wir waren wohl mehrere Stunden draußen gewesen. Hans Alberts Haut war leicht sonnenverbrannt, und seine Nase war rot. Die Sonne stand bereits tiefer, und die
beiden Kühe, die wir hielten, muhten. Offenbar war also die Melkzeit schon überschritten. Hans Albert war anscheinend an diese willkürlichen Einschränkungen gewöhnt und wischte sich ohne Protest an seinen kurzen Hosen den Schlamm von den Händen. Es gab nicht mehr viele saubere Stellen auf seiner Hose, aber er tat sein Bestes. »Warte noch«, sagte ich zu ihm und schubste ihn wieder zu Boden. »Wir sind noch nicht fertig.« »Hans!« Die Stimme war fern, aber drängend. »Hans Albert!« Hans Albert wischte sich noch hektischer die Hände ab. »Laß mich mal sehen.« Ich hob den Kopf über den Wall der Welt, die wir geschaffen hatten – das Bachufer vor dem Kornfeld –, und sah Desanka und Mileva auf uns zukommen, die eine entschlossenen Schrittes, die andere hinkend. Ich sagte zu Hans Albert: »Sie kommen uns holen.« »Wir sollten gehen«, sagte er. »Wenn du das sagst.« »Sie will es so.« Und bevor ich ihn daran hindern konnte, nahm er das Holzbrett, das seine Brücke sein sollte, und schmetterte es auf die Häuser, Felder und Viehweiden, die wir angelegt hatten. Und mit dem Absatz seines mit Erbrochenem verschmierten Schuhs löschte er die Existenz des letzten der Häuser aus, in denen wir alle hatten wohnen wollen. »Fertig«, sagte er. Er wirkte zufrieden. »Warum hast du das getan?« Er zuckte mit den Schultern und wedelte mit den Händen, woraus ich schloß, daß wir beim nächsten Mal die Welt größer und besser erschaffen würden. Und dann gingen wir den ärgerlichen Ausrufen entgegen, mit denen unsere einst weißen Erscheinungen begrüßt wurden.
Einen Augenblick lang standen wir verlegen vor der Kutsche. Die Frau hatte Hans Albert unter die Pumpe gehalten und sein Gesicht und seinen Hals mit einem Lappen von Desanka abgewaschen. Er war jetzt wieder einigermaßen sauber. »Sag auf Wiedersehen, Lieserl«, sagte Desanka mit ihrer warnenden Stimme. Ihre warnende Stimme bedeutete, daß ich mich an all die Manieren, die sie mir beigebracht hatte, erinnern mußte, an alle Höflichkeiten, die sie mir eingebleut hatte, alle Nettigkeiten, an denen letztendlich sie und nicht ich gemessen werden sollte. »Sag freundlich auf Wiedersehen.« Ich erinnerte mich an meine Manieren und streckte die Hand aus, obwohl ich nicht über die passenden Worte verfügte. Desanka sprang in die Bresche. »Danke, Hans, daß wir so schön gespielt haben«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Danke, Hans, daß wir so schön gespielt haben«, sagte ich, wobei ich wie sie bei den Vokalen die Stimme hob. Hans Albert, der gleichermaßen verlegen war, brachte ein »Danke, Lieserl« hervor. Er schüttelte mir höflich die ausgestreckte Hand und machte einen Diener. »Auf Wiedersehen.« »Auf Wiedersehen, Hans Albert«, wiederholte ich, wobei ich mir an den ungewohnten Lauten fast die Zunge verrenkte. Er kletterte in die Kutsche und setzte sich schweigend, weil er wußte, daß es wegen seiner Schuhe und dem Zustand seines Anzugs noch eine Strafpredigt geben würde. Mileva blieb noch eine Weile im Hof stehen. Ich stellte fest, daß sie nach Worten rang, um mir etwas zu sagen, etwas, das mir alles erklären würde, diesen Besuch, das Nichterscheinen meiner Familie, den Tag, an dem meine Eltern kommen und mich holen würden. »Lieserl…« Doch nach meinem Namen kam nichts mehr. Mir war jedoch etwas eingefallen. »Kann ich sie lesen?« sagte ich.
»Was?« »Die Schriften meines Vaters.« Sie sah mich seltsam an. »Eines Tages«, erwiderte sie. »Vielleicht.« »Sind sie auf deutsch?« »Ja.« »Über Schwerkraft?« Ich hatte nicht die leiseste Vorstellung, was Schwerkraft war. Es war einfach nur das Wort, das sie gesagt hatte. »Wenn du etwas über Schwerkraft wissen möchtest«, sagte sie, »fang mit Newton an.« »Das werde ich tun.« Einen Augenblick lang stand sie da und sah auf mich hinunter. Ich sah ihr an, daß sie mir glaubte. Gut. Das sollte sie auch. »Weißt du, Lieserl«, sagte sie, beugte sich zu mir hinab, nahm eine meiner Hände und führte sie über ihren sanft gewölbten Bauch. »Wenn du ein Junge geworden wärst… Ich denke manchmal…« Ihre Stimme versagte. Sie wußte nicht weiter, bewegte nur ihre Finger über meine. »Werde ich meinen Vater wiedersehen?« »Eines Tages.« »Und meine Mutter?« »Auch.« »Versprochen?« Die Frau drückte meine Hand. »Ich verspreche es.« Und dann ließ sie meine Hand fallen und wandte sich ab. »Sei ein braves Mädchen, Lieserl. Sei ein braves Mädchen für Desanka.« Umständlich kletterte sie in die Kutsche und setzte sich neben den blassen Jungen. Der Kutscher ergriff die Zügel. Hans Albert winkte mir feierlich zu. Mileva bewahrte ihre
königliche Haltung – einen Arm hatte sie um Hans Albert gelegt, den anderen sorgfältig auf ihrem Bauch drapiert. Sie hielt unter dem Sonnenschirm den Kopf hoch und weigerte sich standhaft, noch einmal in meine Richtung zu blicken. Ich sah sie vorsichtig an, um zu erkennen, ob sie vielleicht weinte, weil Desanka sich manchmal auch von mir abwandte, wenn sie wieder einmal der Kummer wegen Ferdi und der Goldmünzen übermannte, und Mileva weinte wirklich ein bißchen. Eine einzelne Träne funkelte in der tiefstehenden Sonne. Solange ich konnte, sah ich der Fremden und dem kleinen Jungen nach, sie schaukelten von einer Seite auf die andere, während die Kutsche über die sonnengehärteten Furchen des Feldwegs holperte. Dann war sie weg. »Wer war das, Desanka?« »Weißt du das nicht?« »Du hast es mir nicht gesagt. Und sie hat auch nichts gesagt.« Desanka zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, es läge auf der Hand. Das war deine Mutter.« Eine Welle des Entsetzens schlug über mir zusammen. Ich blickte auf meine schmierigen Hände, das fleckige Kleid, drehte mich um und sah noch einmal den Feldweg entlang, auf dem die Kutsche entschwunden war. Am liebsten wäre ich ihr hinterhergelaufen und wußte doch, daß es sinnlos war. Schließlich hatte ich ja gesehen, wie sie weggefahren war. Desanka sagte: »Ich muß die Kühe melken.« Und dann ging sie. Ich konnte nichts sagen, konnte mich nicht bewegen. Ich stand in der Spätnachmittagssonne einfach nur da. An meinen Schuhen klebte roter Staub, und ich sah lange auf den Feldweg und hoffte wider alle Vernunft, daß meine Mutter ihre Meinung ändern und zu mir zurückkommen würde.
Ich wartete und wartete, aber kein Knarren von Kutschenrädern war zu hören, kein freudiger Ruf von Stimmen, die zurückkehren. Nur das Muhen der Ochsen, das Schreien der Störche über dem Fluß. Ich schauderte, obwohl es immer noch warm war, und ging schließlich zurück zum Haus, voller unbeantworteter Fragen, weil ich sonst nichts tun konnte. Desanka war nirgendwo zu sehen, und ich konnte niemandem die Fragen stellen, die mir durch den Kopf gingen. Ich schlurfte durch die leere Küche, wo die Teller ganz ungewohnt noch auf dem Tisch standen, die Forelle und der Gurkensalat in der Schwere des frühen Abends im Öl schwammen. Aufs neue hungrig, nahm ich ein bißchen Wurst und Eierkuchen. Seit dem Unglück mit der Schokolade hatte ich nichts gegessen. Während ich aß, dachte ich über alles nach, was ich gesehen und gehört hatte, und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen. Abgesehen von der Tatsache, daß ich am Ende dieses Tages ganz bestimmt keine Prinzessin sein würde, ergab es keinen Sinn, nichts davon ergab einen Sinn. Auf dem Tisch stand noch das Glas mit Wein, das Desanka der Fremden aufgedrängt hatte und das sie nach dem ersten Schluck unberührt hatte stehenlassen. In der richtigen Annahme, daß Desanka jetzt zu nervös oder zu ärgerlich sein würde, um es zu bemerken, ergriff ich das Kristallglas und berührte es mit meiner Zunge. Auf dem feinen Budapester Rand konnte ich noch Milevas Haut schmecken, Duft und Salz meiner Mutter. Salzig wie die eine Träne, die sie für mich vergossen hatte. Ich war eine einzige Träne wert. Ich atmete den herben Duft des Weins und den salzigen Duft ihrer Haut ein, dann leckte ich am Rand des Glases entlang, nahm die letzte Spur von ihr in den Mund. Und dann trank ich. Ich ließ die Teller stehen, wo sie waren, holte meine Decken heraus und kuschelte mich in mein Bett. Ich blickte zur Decke,
die sich vor meinen Augen drehte, und wartete auf den Schlaf, obwohl es noch Stunden dauern würde, bevor es vollständig dunkel war. Ich wußte, daß ich eigentlich das Geschirr abräumen und die Reste mit Mull abdecken sollte, aber ich konnte den Anblick des Gewürzkuchens und der übriggebliebenen Erdbeerpfannkuchen nicht ertragen. Außerdem drehte sich die Welt um mich, und ich sah ihr dabei zu. Ich starrte auf das kreisende Holz der Deckenbalken, Balken, die vom Rauch der Küche geschwärzt waren, und zog mich mit meinen Fragen tief in mich selbst zurück. Ich hatte den Wein getrunken, der meiner Mutter gehörte, und sie so zu einem Teil von mir gemacht. Ich konnte sie nie wieder verlieren, weil ich nun ihren Duft und den Geschmack ihrer Träne auf meiner Zunge hatte, und dies beides würde ich auf ewig mit mir tragen.
In der Nacht, als es dunkel war, wachte ich davon auf, daß Desanka die Decke über mir festzog. Das Feuer war rötlich heruntergebrannt, und im Schein der Öllampe, die sie trug, sah sie aus wie die einzige Mutter, die ich jemals wollte oder brauchte. »War das meine echte Mutter?« fragte ich Desanka. »Ja, Kleines. Das war deine echte Mutter.« »Werde ich eines Tages bei ihr wohnen?« »So bald nicht. Vielleicht niemals.« »Warum?« »Geld.« Desanka wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Sie haben kein Geld.« Sie blickte sich in der Küche um. Der Tisch war jetzt aufgeräumt, die abgedeckten Schüsseln würden sorgfältig in der Speisekammer aufgestapelt werden. Wo immer sie
gewesen sein mochte – was ich nicht wußte und auch nicht erraten konnte –, Desanka würde nie zu Bett gehen, ohne ihr Haus aufzuräumen. Ich kuschelte mich wieder in die Kissen. Ich verstand nicht, was Geld damit zu tun haben sollte. Wir hatten auch kein Geld. Desanka sagte mir das oft. Sie sagte es jedem. Aber es steckte noch mehr dahinter. Ich wußte, daß es so war. Erwachsene hatten immer mehr als eine Entschuldigung. »Sie haben viel zu tun, deine Eltern. Deine Mutter sagt, sie haben etwas geschrieben, das sie eines Tages berühmt machen wird.« »Glaubst du das?« »Wer weiß? Deine Mutter ist eine sehr kluge Frau. Aber Mileva hat alle Hände voll zu tun, und nächsten oder übernächsten Monat kommt das neue Baby. Sie sollte in ihrem Zustand gar nicht mehr so weit reisen.« »Warum hat sie es dann getan?« Desanka seufzte. »Ich weiß nicht.« »Aber ich glaube, ich weiß es«, sagte ich. »Um auf Wiedersehen zu sagen.« Desanka stritt es nicht ab, aber sie küßte mich und zog die Decke um mich herum glatt, bevor sie ging. Ich konnte nicht mehr einschlafen. Der Rauch des Feuers und der saure Geschmack des Weins waren in meinem Mund, und obwohl Desanka mich fest eingepackt hatte, war ich ruhelos. Draußen war es immer noch warm genug, so daß ich hinausgehen konnte, also nahm ich meine Decke und ging in den Hof. Ich lief zur Mauer, zog den losen Ziegel weg und holte Hans Alberts magischen Stein heraus. Ich hielt ihn in Richtung eines Gänseblümchens, das zwischen den Pflastersteinen wuchs, aber nichts geschah. Ich schwenkte ihn einer Schnecke entgegen, aber nichts geschah. Ich hatte mir das schon gedacht. Mit Hans Alberts Abreise
hatte der Stein all seine magische Kraft verloren. Alles hatte seine magische Kraft verloren. Ich breitete meine Decke auf dem Boden aus, legte mich flach auf den Rücken und blickte in den Himmel. Die Sterne waren so weit entfernt, daß ich mir klein vorkam. War das alles, was mir blieb? Für immer verlassen, ausgeschlossen zu sein? Wenn das so war, würde ich nicht glücklich damit werden. Angesichts der Gewichtigkeit dieses unendlichen Himmels wußte ich jedoch nicht, wie ich es jemals ändern sollte. Im Dunkeln flossen endlich die Tränen, über meine Haare und über die Decke, als ob Tränen immer noch magische Kraft besaßen, als ob ich immer noch an Desankas Märchen glaubte. Doch ich wußte nun, daß ich niemals Prinzessin Lieserl sein würde. Ich würde immer das unerwünschte Kind sein, und niemand würde mich retten, damit ich meinen angestammten Platz im königlichen Palast, in den luftigen Höhen des Berner Patentamtes, einnehmen konnte. Niemals. Was meine Familie betraf, so hätte ich genausogut tot sein können. Was die Sterne anging, so hätte ich ebensogut überhaupt nicht existieren müssen. Sie würden immer weiter scheinen, endlos, oder zumindest bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Und die Planeten würden immer weiter in ihrem Orbit kreisen, ob nun mit mir oder ohne mich. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, warum eigentlich die Sterne nicht auf mich, auf uns alle fielen und uns zermalmten. Überwältigt von der Gewichtigkeit aller Dinge schloß ich die Augen. Was also war ich jetzt? Nichts. Niemandes Tochter, niemandes Freude.
Ich schlief ein, unter meiner Decke und unter der Gewichtigkeit dieses Himmels und dieser Sterne, den Geschmack meiner Mutter im Mund und Hans Alberts Stein in der Hand. Weinend, weil ich unendlich allein war.
2 Das Athen des Nordens
12. Oktober 1910 Das Geld. Das erste Geld aus Bern war angekommen, zusammen mit der Nachricht, daß ich einen neuen Bruder hätte, Eduard. Mileva hatte es, wie versprochen, für den Unterricht geschickt – Musik und Deutsch. »Mutter und Kind sind wohlauf. Alle sind wohlauf«, sagte Desanka, legte den Brief auf den Tisch und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geld zu. »Fragt sie nach mir?« »Am Ende. Sie schreibt: ›Ich hoffe, euch geht es auch allen gut.‹« »Ist das alles?« »Das ist alles.« Desanka faßte das Geld auf dem Küchentisch immer wieder an, zählte die Banknoten, die Münzen. Ich überließ sie dieser Beschäftigung und schlüpfte aus der Küche, wobei ich mir als Vorwand ein Messer in den Rockbund steckte. Ich hatte Desanka versprochen, die letzten Paprikaschoten und Zwiebeln abzuschneiden, damit wir sie einlegen konnten, aber Frau Mehanovics hatte mir – widerwillig, glaube ich, weil sie Angst hatte, ich könnte es beschädigen – ein Buch mit dem Titel Praktische Mathematik für den allgemeinen Gebrauch geliehen, und ich arbeitete es in meinem Versteck im Heuschober durch. Desanka hätte wahrscheinlich jederzeit kleine Zwiebeln der Prozentrechnung vorgezogen, und ich wußte, daß sie es mir übelnehmen würde, daß ich meine Zeit mit letzterem vergeudete, also war es eine reine
Vorsichtsmaßnahme, es für mich zu behalten. Alles, was über Zusammenzählen, Abziehen und Zinsrechnung hinausging, besaß keinen praktischen Wert, wenn man einen Bauernhof führte. Ich saß im Heuschober und vertiefte mich in Quadratwurzeln, Bruchrechnung und die italienische Methode der Dezimalrechnung. Wenn ich mich mit Mathematik beschäftigte, hatte ich mittlerweile erkannt, vergaß ich alles um mich herum. Verloren in der Welt der Zahlen, wußte ich nicht mehr, wer ich war. Ich vergaß die Zeit, Stunden, die vergingen, ich vergaß alles, was gewesen war – es blieben nur leuchtende Zahlenreihen, die sich manchmal ineinander verschlangen und drehten, sich manchmal verdoppelten und auflösten, aber ich konnte ihnen folgen, bis ich zu der richtigen Antwort gelangte. Bei Zahlen konnte ich sehen. Und was ich sah, machte mich immun der Welt gegenüber. Immun, weil ich sie sich selbst überlassen konnte. An diesem Nachmittag gelang es mir, mich für kurze Zeit zumindest soweit in irrationalen Zahlen zu verlieren, daß ich vergaß, daß ich einen neuen Bruder hatte. Immer jedoch, wenn ich die Augen vom Buch hob, drang mir diese Tatsache wieder ins Gedächtnis. Ich konnte es nicht vergessen, und ich konnte auch nicht die Tatsache vergessen, daß die erfolgreiche Ankunft von Eduard es immer weniger wahrscheinlich machte, daß ich je nach Hause geholt wurde. Zunächst einmal würde jetzt noch weniger Platz sein. Ich inspizierte meine Nägel. Recht sauber. Seit der abrupten Abreise meiner Mutter hatte ich darauf geachtet, mich einigermaßen vorzeigbar zu halten, falls sie genauso plötzlich wieder zurückkehren würde, und dann wollte ich sie nicht durch meine Erscheinung abstoßen. Es war für mich eine ständige Quelle des Kummers, daß ihre letzte Erinnerung an mich unwiderruflich mit dem Schicksal der Schokolade befleckt war.
Nach etwa einer Stunde gestand ich mir schließlich ein, daß wahrscheinlich der Frost einsetzen würde, bevor ich dazu kam, die Paprikaschoten abzuschneiden, also nahm ich mein Messer, versteckte das Buch wieder und machte mich auf den Weg zu den Pflanzen. Während ich hackte und stach, arbeitete ich am ersten einer kleinen Anzahl von Problemen, die ich in meinem Gedächtnis verstaut hatte, um sie irgendwann einmal zu untersuchen. Ich errechnete die totale Entfernung in Seemeilen, die ein Schiff auf einer Reise von vierzehndreiviertel Tagen zurücklegte, wenn es sechseinhalb Tage mit einer Geschwindigkeit von vierzehn Seemeilen pro Stunde fuhr und dann die Geschwindigkeit für die restliche Zeit um siebzehn Prozent erhöhte. Ein paar Probleme später, als ich bereits eine ordentliche Menge Paprikaschoten und Zwiebeln vor mir aufgehäuft hatte, begann ich langsam zu verstehen, warum Desanka den Schulbesuch für vergeudete Zeit hielt. Alles war so einfach. Die Grundlagen der Mathematik konnte man in einem Lidschlag begreifen und hatte dabei immer noch Zeit zum Melken und zur Gartenarbeit. Und das Beste daran war, daß man keine komplizierte Ausrüstung dafür brauchte, das meiste konnte im Kopf vor sich gehen. Manchmal brauchte ich einen Stift und ein Blatt Papier, aber überwiegend konnte ich es erledigen, während ich die Kühe molk oder im Garten arbeitete. Deswegen vergaß ich Eduard jedoch trotzdem nicht. Ich wußte nicht viel über Säuglinge, also stellte ich ihn mir als eine kleinere Ausgabe von Hans Albert vor, sauber und blond in einem strahlendweißen Anzug und mit Schnüren in der Tasche. Ich sammelte die Zwiebeln und Paprikaschoten in meine Schürze und ging zu dem Schlamm und dem Wasser am Bachufer. In meiner Tasche war Hans Alberts magischer Stein.
Ich hatte es mittlerweile herausgefunden. Metall. Das war der Schlüssel. Er zog Metall an. Einen rostigen Nagel, eine Münze. Er haftete an einer Milchkanne. Ich wußte nicht, warum, hatte aber das Gefühl, einen Teil seines Geheimnisses schon gemeistert zu haben, weil ich seine Grenzen herausgefunden hatte. Als ich so weit gekommen war, hatte ich den Stein mit in die Schule genommen, wo Frau Mehanovics mir einen Namen für ihn gegeben hatte. Ein Magnet. Sie sagte mir, was ich sähe, sei Magnetismus. Noch ein Wort. Magnetismus. Schwerkraft. Licht. Ich saß eine Weile da, drehte den Stein immer wieder in den Händen, überwältigt von der Bedeutsamkeit der Dinge. Ich wußte nichts. Schwerkraft. Licht. Ich erkannte immer noch die Ruinen der Häuser und Bauernhöfe, die Hans Albert zerstört hatte, die Orte, die er mit seinen Füßen zertrampelt hatte, Orte, wo wir alle hätten wohnen sollen. Magnetismus. Ich stellte meinen Schuh auf die Ruinen und wünschte, ich hätte gewußt, daß der kleine weiße Junge mein Bruder war. Ich hätte ihm mehr Fragen gestellt.
Fragen. In der Küche legte ich die Paprikaschoten und die Zwiebeln in eine Keramikschüssel. »Desanka…« Ich setzte meine liebste Kleinmädchenstimme ein. »Desanka, wo ist Zürich?« Wenn sie nicht zu mir kamen, konnte ich vielleicht zu ihnen gehen. »Schweiz.« Das sagte mir gar nichts. »Ist das weit weg?« »Sehr weit. Über viele Berge. Dein Name ist schweizerisch.« »Ja?«
»Oder deutsch. Ich glaube, deutsch. Ich glaube, Mileva sagte…« Sie zuckte mit den Schultern. Wieder einmal etwas, das sie nicht wußte. Für sie spielte es keine Rolle. »Was ist Physik, Desanka?« Desanka seufzte. »Sie machen irgendwelche Sachen in…« Sie schwenkte unbestimmt die Hand. »In Labors, glaube ich.« Ich seufzte. Daran war nichts Magisches. Das wußten wir beide. Konfrontiert mit der unveränderlichen Realität der Gehälter von öffentlichen Angestellten und dem, was in Labors – was immer sie auch sein mochten – vor sich gehen mochte oder nicht, hatten wir das Ende eines bedeutsamen Gesprächs erreicht.
Ich schmuggelte Praktische Mathematik für den allgemeinen Gebrauch ins Haus und schlief über dem Versuch, in meiner Kirschbaumnische Prozentsätze zu berechnen, ein. Wenn ein General zwei Siebtel seiner Männer in der Schlacht verloren hat und sechs Prozent der Überlebenden krank sind, wieviel sind dann von seinen ursprünglich 95884 Männern noch übrig? Desanka schlief ein mit dem Geld unter dem Kopfkissen.
26. August 1911 Fräulein Freisler hatte perlweiße Zähne, die fast immer von selbst lächelten; sie verzogen das listige Gesicht sogar gegen den Willen seiner Besitzerin in ein affektiertes, geselliges Lächeln. Sie strich den Stoff ihres blauen Kleides an den Hüften glatt, als sie uns die Tür öffnete, und mußte uns einfach anlächeln. »Ja?« Sie war um die zwanzig, schätzte ich, und sah mit ihrem aus der Stirn gekämmten Haar und ihrem
hochgeschlossenen Kragen wie eine Lehrerin aus. Gut. Das würde die beteiligten Parteien beruhigen. »Das Deutsche…« sagte Desanka. »Wir haben das Schild gesehen.« Sie vergaß zu erwähnen, daß ich sie darauf hingewiesen hatte. Mit dem Ochsenkarren zum Markt zu fahren war ein Unterfangen, das Desankas ganze Konzentration erforderte. Eine Stunde lang über schmale Landstraßen in die Vorstadt, wo sie Getreide und Eier verkaufen konnte. Es war eine Herausforderung. Da sie den Blick nicht von der Straße wandte, außer um ihre Ladung zu überprüfen, hatte sie keine Zeit für Frivolitäten, wie in die Fenster anderer Leute zu schauen. Ihr ging es nur darum, ihre Waren heil zum Markt zu bringen. »Kommen Sie herein.« Fräulein Freister zeigte ihre Grübchen. »Zweite Tür.« Sie rauschte mit ihrem tieftaillierten Kleid los und forderte uns auf, ihr zu folgen. Ihr blondes Haar war auf ihrem Kopf hochgetürmt und leuchtete in dem dunklen Flur wie von innen heraus. Fräulein Freister hatte zwei Zimmer in Frau Heidels Pension in Novi Sad gemietet. Sie lagen an einem Durchgang mit gebohnerten Holzdielen und waren ständig düster. Wir gingen vorsichtig über den Fußboden, und das Geld lag sicher in Desankas Tasche. Das Geld kam regelmäßig, Nachrichten jedoch nur spärlich. Jeden Monat die gleiche Summe, manchmal mit Informationsschnipseln, die Desanka mir beim Frühstück beiläufig mitteilte. »Dein Vater hat schon wieder eine Untersuchung veröffentlicht. Er arbeitet nach wie vor an der Auswirkung der Schwerkraft auf das Licht… Deine Familie ist in Prag. Mileva findet es dort nicht schön… Es geht ihnen ein bißchen besser, sagt Mileva, aber dein Vater kann nicht gut arbeiten, wenn die Jungen ständig um ihn herum sind.«
»Sagt sie auch was von mir?« Die ersten paar Male fragte ich noch, aber die Antwort auf meine Frage war immer die gleiche. Meine Mutter hoffte, es ginge uns allen gut. Da hörte ich auf zu fragen. In Praktische Mathematik für den allgemeinen Gebrauch war ich bis zur Algebra gekommen. Ich mochte sie sehr. Sie machte es nicht nur viel leichter, mit Potenzen und negativen Zahlen umzugehen, mit ihrer Hilfe konnte man überhaupt alles viel leichter handhaben. Statt großer, ausufernder Zahlenreihen konnte ich alles auf einfache Algebra-Formeln reduzieren, die viel leichter zu behalten waren. Aber Deutschstunden hatte ich immer noch nicht gehabt. Ich hatte fast ein Jahr lang unablässig auf Desanka eingeredet; um sie zu überzeugen, hatte ich sie auf das Schild im Fenster des Postamtes hingewiesen, darauf, wie preiswert der Unterricht war, wie nützlich Deutsch bei Verhandlungen mit Getreidehändlern aus dem Westen sein würde. Bei der Musik dagegen kapitulierte ich. Wenn ich Deutsch lernte, stellte ich mir vor, könnte ich auch ohne Geige auskommen. Dennoch war Desanka selbst jetzt, auf der Schwelle zu Fräulein Freislers Zimmern, immer noch nicht vollständig überzeugt. Auf dem Hof waren Hunderte von Sachen nötig… Ich wußte, sie dachte vor allem an einen Traktor. Wir hatten gerade die Zeit des Heumachens hinter uns, und ein Traktor wäre unendlich viel nützlicher gewesen, als ich es jemals sein würde. Ich haßte den ganzen Vorgang. Die Pfosten an den Ecken des Feldes sahen aus wie geschrumpfte Menschen, wenn sie mit schwarzem Klee bewachsen waren, unheimlich seltsam und lebendig. Und mit Heu bedeckt sahen alle Pfosten an den Ecken aller Felder aus wie Kreuze auf einem riesigen Friedhof, Kreuze, an die niemand jemals einen Kranz oder eine
Namenstafel legen würde. Ich verbrachte mehr Zeit damit, Trübsal zu blasen, als zu arbeiten. Desanka teilte der Lehrerin ihre Bedenken mit. »Ich weiß nicht, warum ein Mädchen in diesem Alter Deutsch lernen soll.« Obwohl ich meine ganze Überredungskunst angewendet hatte, um Desanka zu überzeugen, waren meine potentiellen linguistischen Fähigkeiten immer noch eine Feder, verglichen mit dem Gewicht einer motorisierten Dreschmaschine. Daher wandte ich mich zu Fräulein Freisler um, dieser Frau, die ich nicht kannte, und flehte sie schweigend an, meine Fürsprecherin zu werden. Ich versuchte, eine möglichst große Sehnsucht nach dem Erlernen der deutschen Sprache in meinen Gesichtsausdruck zu legen. »Natürlich muß sie Deutsch lernen«, rief Fräulein Freisler aus und riß ihre Augen weit auf. Sie tat, als könne sie es gar nicht glauben. »Es ist die Sprache des kommenden Jahrhunderts. Die Sprache der Zukunft! Bald werden alle Europäer Deutsch sprechen.« Desanka schnaubte verächtlich. Fräulein Freisler schwieg, wägte ab, erkannte die Lage der Dinge und paßte ihren Ton an. »Es ist klug von Ihnen, Madam, die Erziehung Ihrer Tochter so ernst zu nehmen. Sehr klug.« »Fräulein…« »Nennen Sie mich doch bitte Maja.« »Fräulein…« Desanka hatte es nicht mit Vornamen. Und dann stellte sie eine Frage, die mich verblüffte. »Fräulein, warum sind Sie hier?« Ich wußte nicht, was Desanka damit meinte. Für mich war alles in Novi Sad fremd. Desanka nahm mich selten dorthin mit, und der Lärm und die Geräusche, all die Leute, die sich auf den Bürgersteigen anrempelten, riefen und schrien, waren mir fremd. Damals wußte ich ja nicht, daß Fräulein Freisler
sozusagen von sich aus fremd war, eine alleinstehende Frau, nicht in ihrem Heimatland, die ihr eigenes Geld verdiente. Allerdings verblüffte nur mich die Frage, das Fräulein jedoch nicht. »Kommen Sie her«, winkte Fräulein Freisler. »Hier herüber zum Fenster. Sehen Sie.« Sie öffnete das Fenster, als ob dadurch mehr Licht hereinkäme. »Das Athen des Nordens. So haben sie es genannt.« Wir starrten auf die Gebäude, die Hitze, das Licht. »Deshalb bin ich hierhergekommen«, sagte Maja. »Die Kultur, die Kunst, die Musik…« Sie wies über die Fensterbank auf die lärmenden Straßen der Stadt. In der Ferne, hinter den Häusern, leuchteten die Kornfelder in strahlendem Gelb. Ich glaubte eine leichte Enttäuschung in Fräulein Freislers Tonfall entdeckt zu haben, dachte aber, ich hätte mich möglicherweise geirrt, da Desanka die Worte für bare Münze nahm. »Das Athen des Nordens«, sagte Desanka verträumt, »das ist es in der Tat.« Daß Fräulein Freisler die anspruchsvollen Höhen der Kultur, die in Novi Sad erreicht und verinnerlicht worden waren, anerkannte, daß sie zugab, daß das ganze habsburgische Reich nichts Gleichwertiges zu bieten hatte, gefiel Desankas slawischem Herzen. Es überzeugte sie – mehr als alles andere –, daß es für mich doch richtig war, Deutsch zu lernen. Wenn diese Frau, deren Muttersprache Deutsch war, dennoch die Wunder von Novi Sad zu schätzen wußte, dann konnte darin keine Gefahr liegen. Und außerdem konnte sie immer noch das Musikgeld für den Traktor beiseite legen. Desanka wandte sich von dem gepflegten Panorama ab und lächelte Fräulein Freisler an, sorgfältig darauf bedacht, möglichst wenig von ihren Zähnen zu zeigen, da sie es nicht mit der strahlenden Weißheit der Zähne des Fräulein
aufnehmen konnten. Aber wenn Desanka lächelte, dann lächelte sie ernsthaft. Die Vorstellung, klug zu sein, von dieser jungen Frau aus der großen Welt für klug gehalten zu werden, schmeichelte ihr. »Dann werden wir es tun«, sagte sie. »Jede halbe Stunde kostet jedoch…« sagte Fräulein Freisler und schätzte ab, was wir wert sein mochten. Aber Desanka, die zumindest in dieser Beziehung klug war, hatte das bereits vorausgesehen. Sie legte ihr Kopftuch ab und warf eine glänzende Münze auf den Tisch. Fräulein Freisler ergriff sie und hielt sie dann gegen das Licht. »In der Tat, eine kluge Frau«, sagte sie anerkennend. »Vorausblickend und doch auch der Vergangenheit zugeneigt.« »Am Ende des Jahres muß sie es sprechen können«, sagte Desanka. Sie war sich nicht ganz sicher, ob ihre Forderung berechtigt war, wußte jedoch mit ihrer Bauernschläue, daß sie etwas Greifbares für das Geld vorweisen mußte, falls Mileva jemals diesen versprochenen nächsten Besuch machte. »Es?« fragte Fräulein Freister spöttisch und hob eine Fingerspitze von der Münze. »Alles?« »Soviel wie möglich.« »Und was halten Sie für möglich?« Wenn jedoch Fräulein Freister beabsichtigt hatte, Desanka zu überlisten, sie in die Ecke zu treiben und selbst als Siegerin dazustehen, so hatte sie sich geirrt. »Genug, um ihrer Mutter sagen zu können, daß sie sie liebt«, erklärte Desanka, straffte ihre Schultern und band ihr Kopftuch wieder unter dem Kinn fest, »und um es auch so zu meinen.« Maja dachte nach und kniff nachdenklich noch einmal in den Rand der Münze, die sie zwischen ihren schimmernden weißen Scherenfingern hielt.
»Ich glaube«, erwiderte Maja, »es wäre wünschenswert, einen solchen Satz in jeder Sprache sagen zu können.« Desanka nickte. Das war praktisch das einzige, worüber sich diese beiden Frauen in ihrem ganzen Leben einig waren: der Wert der Mutterschaft. Und keine von beiden sollte jemals einem Kind das Leben schenken.
19. Juli 1912 Ich klopfte glücklich an die Tür von Frau Heidels Pension in Novi Sad. Es war Freitag, und ich entkam dem Dreschen. Die ganze Woche waren wir damit beschäftigt gewesen, und ich war erschöpft. Heute aber konnte ich fliehen. Jeden Freitag, zu einer Zeit, die sowohl Desanka paßte – die mich auf dem Weg zum Markt absetzte – als auch Fräulein Freister – die vor unserem Unterricht Zeit hatte, in die Morgenandacht zu gehen –, lernte ich deutsche Substantive und Gerundien und das Plusquamperfekt und Hunderte von Adjektiven. Ich hatte mich mit einem Eifer und einem Fleiß in die Aufgabe gestürzt, die Fräulein Freisler bereits in der ersten Stunde nicht übersehen konnte. »Du machst deine Sache sehr gut, Kleines«, erklärte das Fräulein jetzt. »Gut«, sagte ich. »Das ist wichtig.« Sie schwieg. »Warum lernst du eigentlich Deutsch?« »Wie Desanka Ihnen schon gesagt hat. Damit ich meiner Mutter sagen kann, daß ich sie liebe.« »Desanka ist also nicht deine Mutter?« Ich war mir sicher, daß Fräulein Freisler das schon seit langem vermutete. »Sie ist es zur Zeit.« »Und deine Mutter ist Deutsche?«
»Sie spricht Deutsch. In unserer Familie sprechen wir jetzt Deutsch.« »Aber du lebst nicht bei deiner Familie.« »Noch nicht. Eines Tages. Deshalb ist es so wichtig, daß ich es richtig lerne.« »Ich verstehe.« »Fräulein Freisler, wie heißt das deutsche Wort für Schwerkraft?« »Schwerkraft? Warum um Himmels willen möchtest du das denn wissen?« Schwerkraft und Licht. Das waren die einzigen beiden Anhaltspunkte, die meine Mutter mir gegeben hatte, und es war nicht viel, um damit etwas anzufangen. »Mein Vater beschäftigt sich damit. Physik. In einem Labor, glaube ich.« Fräulein Freisler dachte einen Moment lang nach. »Bist du jemals im Leseraum gewesen?« Mein verständnisloser Gesichtsausdruck war Antwort genug. »Dann komm, ich zeige ihn dir.« Der serbische Leseraum. Im Athen des Nordens, der großartigen städtischen Ansammlung von Hochkultur in der ungarischen Ebene, konnte sogar ein Kind wie ich einfach das Gebäude mit den Regalen voller Bücher betreten und sie sich ansehen. »Wo sollen wir anfangen?« Fräulein Freisler schwamm genauso wie ich. »Meine Mutter meinte«, sagte ich vorsichtig, »ich solle mit Newton anfangen.« »Dann komm«, erwiderte das Fräulein und trat an die Regale. Mit ihrer Hilfe fand ich ein Buch, das zwar nicht von Newton war und auch nicht von ihm handelte, in dem er aber von Zeit zu Zeit wenigstens erwähnt wurde. Immerhin ein Anfang.
Kaum hatte ich angefangen zu lesen, geschah etwas mit der Zeit. Das Fräulein verschwand zum Mittagessen, und erst als ich auf einmal Hunger bekam, stellte ich fest, daß ich mindestens eine Stunde über die Zeit war, zu der ich Desanka wieder auf dem Markt treffen sollte. Zögernd stellte ich das Buch zurück ins Regal. Die Sätze darin prägte ich mir fest ein, für später. Trotz der Tatsache, daß ich viele Wörter in dem Buch nicht kannte, beschloß ich, daß das keine Rolle spielte. Denn das Wenige, was ich verstanden hatte, hatte mir einen schwachen Eindruck von dem vermittelt, was Schwerkraft sein könnte. Irgend etwas sehr Großes. Und Mächtiges, das war klar. Und Unsichtbares, was mich nicht weiterbrachte. »Jeder Partikel eines Körpers wird von der Erde angezogen, und die vollständig ausgeübte Kraft stellt das Gewicht des Körpers dar.« Ich beschloß, mich darauf zu konzentrieren. Jeder Partikel eines Körpers… Ich dachte: Zuerst will ich die Schwerkraft verstehen, das Licht hebe ich mir für später auf. Ich dachte viel über Schwerkraft nach und war auf der Heimfahrt im Ochsenkarren ungewöhnlich schweigsam. Als jedoch unser Hof in Sicht kam, wurde ich ganz aufgeregt. »Hör auf, hin und her zu wackeln«, sagte Desanka. »Ich habe etwas herausgefunden«, erwiderte ich. »Was?« »Weißt du, was stärker ist, Desanka, Magnetismus oder Schwerkraft?« »Lieserl…« »Wenn wir nach Hause kommen, zeige ich es dir.« Und sie hatte kaum die Zügel angezogen, da sprang ich auch schon aus dem Wagen. »Warte hier.« »Lieserl…«
Ich lief zu der Mauer, wo ich Hans Alberts magischen Stein versteckt hatte, und achtete nicht auf Desankas Protest, daß sie noch vor Nachteinbruch das Mehl einlagern müsse. Ich zeigte ihr den Stein zusammen mit dem rostigen Nagel. »Sieh mal, Desanka, sieh mal! Paß gut auf!« Ich streckte die Hand aus und legte den Nagel auf meine Handfläche. Dann schwenkte ich den Magnet darüber, und der Nagel flog so gewissenhaft wie immer der magnetischen Kraft entgegen. »Dieser winzige Magnet gegen die ganze Erde, Desanka, und der Magnet gewinnt.« Ich war vollkommen außer mir vor Entzücken. Schwerkraft mochte groß sein, aber Magnetismus war größer. Und ich konnte ihn in meiner Hand halten. Ich fühlte die Kräfte des Universums durch mich fließen, die Schwerkraft, die mich am Boden hielt, der Magnetismus, der Metall von meiner Hand hob. Ich fühlte endlich, daß ich dabei war, alles zu verstehen. »Du kommst auf deine Mutter«, sagte Desanka.
26. Juli 1912 »Dann hat dich deine Mutter also besucht?« fragte Fräulein Freisler, nachdem ich ihr die Geschichte des Magneten erzählt hatte, und daß jedes Teilchen des Körpers von der Erde angezogen wird. »Einmal«, sagte ich. »Und du möchtest ihr sagen, daß du sie liebst?« »Ja.« Sie hatte schlechte Laune. Ich nahm an, daß der gestrige Abend weniger erfolgreich gewesen war als die anderen. Auch wenn Desanka auf die gouvernantenhafte Erscheinung
hereinfiel, ich und die meisten Männer in Novi Sad taten es nicht. Ich wußte, daß Fräulein Freisler noch andere Schilder hatte, Schilder, auf denen tatkräftigere und lukrativere Dienste angeboten wurden als das Unterrichten fremder Sprachen. Dieser Verdacht hatte sich durch beiläufige Bemerkungen nach und nach erhärtet und war schließlich zur Gewißheit geworden durch die Entdeckung einer dieser Visitenkarten zwischen den Seiten eines Deutschlehrbuchs. Ich vermutete, daß Frau Heidel aufrichtig glaubte, daß die Herren von Novi Sad ein unersättliches Bedürfnis nach dem Erlernen fremder Sprachen hatten, oder aber, daß sie Prozente bekam. Ich fragte mich, ob Fräulein Freisler hauptsächlich aus kommerziellen Gründen nach Novi Sad gekommen war, einem Ort, wo sie keiner kannte. Ich war nach wie vor nicht ganz sicher, wo sie herkam. Was immer jedoch letzte Nacht passiert sein mochte, sie ließ es jedenfalls an mir aus. »Was macht dich so sicher, daß sie dich liebt?« Ich starrte das Fräulein entsetzt an. »Sie ist von weit her gekommen, um mich zu sehen«, sagte ich. »Sie erwartete ein Kind. Sie hätte gar nicht verreisen dürfen, aber sie hat es trotzdem getan, um mich zu sehen. Nur mich. Ihre Tochter.« Das Fräulein war jedoch nicht so leicht zu überzeugen. »Wenn sie gar nicht hätte verreisen dürfen, warum ist denn dann nicht dein Vater gekommen?« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Darüber hatte ich nie nachgedacht. Es war für mich immer klar gewesen, daß meine Mutter gekommen war, weil sie mich liebte, weil… Jetzt fiel es mir wieder ein. Sie war gekommen, weil sie mir auf Wiedersehen sagen wollte. Warum hatte sie mir auf Wiedersehen sagen müssen? »Warum ist dein Vater nicht gekommen?« fragte Fräulein Freisler. »Warum nicht?«
»Weil…« Weil er gerade eine Untersuchung über die Wirkung der Schwerkraft auf das Licht geschrieben hat. Ich konnte mich nicht überwinden, das zu sagen. Als Entschuldigung klang es zu fadenscheinig, selbst in meinen Ohren. »Ich weiß nicht«, sagte ich. »Ich weiß nicht, warum. Niemand weiß es.« Als ich hinausging, schlug ich heftig die Tür hinter mir zu. Ich hatte keine Lust zum Deutschlernen, keine Lust zu irgend etwas, und in der Woche darauf weigerte ich mich, zu meinem Unterricht zu gehen. Desanka fragte nicht nach dem Grund. Vielleicht dachte sie, ich sei zu Verstand gekommen und habe endlich die Sinnlosigkeit des Unterfangens eingesehen. Ich gab ihr recht. Ich brauchte kein Deutsch, um meiner Mutter zu sagen, daß ich sie liebte. Meine Mutter würde das schon wissen. Ich konnte meine Zeit genausogut damit verbringen, Geige spielen zu lernen. In den nächsten Tagen beendete ich die Lektüre von Praktische Mathematik für den allgemeinen Gebrauch und machte mich auf die Suche nach etwas anderem, womit ich meinen Geist beschäftigen konnte. Ich konnte im Bereich vierstelliger Zahlen alles mit Leichtigkeit rechnen, konnte mit Logarithmen dividieren und multiplizieren und Gleichungen lösen, aber ich war immer noch nicht glücklich. Schließlich stellte ich fest, daß ich wohl Desanka danach fragen mußte. »Warum ist mein Vater nicht auch gekommen?« Desanka blickte von ihrer Flickarbeit auf. Im flackernden Licht des Küchenfeuers sah sie älter aus als jemals zuvor. »Dein Vater«, sagte sie und legte die Nadel für einen Moment zur Seite, »ist ein verachtenswertes Subjekt, das deine Mutter in Schande gebracht hat, bevor sie heirateten. Er hat sie
gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen und ihre eigenen Studien aufzugeben, damit sie für ihn sorgen kann.« Das Kirschbaumholz im Kamin knisterte. »Warum bleibt sie bei ihm, wenn er sie so schlecht behandelt?« Desanka seufzte, als gingen die Geheimnisse des menschlichen Herzens über ihren Verstand. »Ich nehme an, sie liebt ihn. Das sagt sie zumindest.« Ich beobachtete den Tanz der Flammen und fühlte mich taub bis in die Fingerspitzen. »Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt?« »Du hast nie danach gefragt.« Womit sich die Frage stellte, warum ich nie danach gefragt hatte. Das zumindest war mir klar. Ich hatte Angst davor gehabt, es zu erfahren. Mir fiel auf, daß sie meine erste Frage nicht beantwortet hatte, aber das brauchte sie auch nicht mehr. Ich sah jetzt selbst alles glasklar. Mein Vater war nicht mitgekommen, er hatte mich nicht einmal besucht, hatte nie nach mir gefragt, weil er sich einen Dreck darum kümmerte, ob es mich überhaupt gab. Gegenüber Schwerkraft und Licht zählte ich nichts. Bis spät in die Nacht saß ich vor dem Feuer und sah zu, wie die Scheite rot aufglühten. Irgendwann ging Desanka zu Bett und ließ mich da sitzen, ließ mich das Feuer und das Licht betrachten. Wenn ich dieses Physikbuch richtig verstanden hatte, dann war entweder alles in der Welt eine Welle, wie Magnetismus oder Schwerkraft, oder ein Körper aus winzigen Partikeln. Selbst menschliche Wesen bestanden aus Partikeln. Aber das Licht… Licht sah manchmal so aus, als sei es ein Ganzes, wie eine Welle, aber manchmal sah es aus wie winzige Funken, Millionen einzelner Teilchen, wie die Staubflocken in den
Balken, jedes mit eigener Energie und eigenem Schimmer. Was war es also, Welle oder Teilchen? Während ich in das Flackern und Fließen des Kaminfeuers blickte, kam mir in den Sinn, daß Licht wohl beides war, Welle und Teilchen. Die Müdigkeit kreiste in meinem Kopf. Benommen fragte ich mich, ob wir armen Menschen auch Wellen und Partikel waren. Konnten wir ein einziges Ding sein, was zusammenfloß, oder auf immer und ewig getrennt blieb? Ich war eine Welle, die überall hinfloß, um meine Familie zu finden, und wieder hierher zurück, und ich bestand gleichzeitig aus einzelnen Partikeln, in einer Welt, die nicht zusammengebracht werden konnte. Jetzt, im Schein des Kaminfeuers, fühlte ich sogar die winzigsten Partikel meines Körper schwach und dünn werden. Alles, dessen ich jemals sicher gewesen war, verschwand. Ich schrumpfte zu einem Nichts zusammen. Ich war noch nicht einmal mehr eine wirkliche Person. Ein Geist. Ich wurde ein Geist, der keinen Platz in der Welt hatte. Ein Geist ohne Heimat. Mein Vater hatte mich noch nie besucht. Mein Vater hatte noch nicht einmal nach mir gefragt. Mein Vater, der Vater, den ich nie gesehen hatte, hatte mich zurückgelassen an einem Ort, wo ich mein Leben lang nichts weiter sein konnte als eine Hilfskraft zur Erntezeit, als eine Kuhmelkerin, eine Pflückerin von Paprikaschoten und Zwiebeln. Niemand würde mir eine Aussteuer geben, es würde mir noch nicht einmal jemand eine gute Milchkuh kaufen, mit der ich einen eigenen Hof bewirtschaften könnte. Ich hatte keine Zukunft, überhaupt keine, und ihm war das egal. Es kümmerte ihn nicht, und er wußte nicht einmal, ob ich lebte oder starb. Nur eines blieb fest und real in diesem Meer von Nichts. Die Träne meiner Mutter. Sie hatte mich mitnehmen wollen. Das
war klar, weil sie geweint hatte. Er hatte sie veranlaßt, sich von mir zu verabschieden, weil er mich nicht haben wollte, aber sie hatte durch ihre Träne ihre Liebe zu mir verraten. Ihre einzelne schimmernde Träne. Ich dachte an meinen Vater, den Patentoffizier, beschäftigt mit seiner Wissenschaft und seinen Lösungen, ohne einen Gedanken an seine Tochter in den kalten Labors von Zürich, wo er sich nur über die dumme Schwerkraft, das nutzlose Licht Gedanken machte. Ich haßte ihn. Ich haßte ihn nicht nur für das, was er mir angetan hatte, sondern auch für das, was er meiner Mutter angetan hatte. Ich haßte ihn so sehr, daß ich fühlte, wie die Elemente in meinem Kopf wieder zusammenkamen, in neuen und anderen Formen. Ich erhob mich zu voller Größe im Licht des Kaminfeuers, fühlte die Wärme seines letzten Glühens auf meinen Armen. Ich war ich. Alle Dinge zusammen. Ich. Sie schmolzen dahin, die alte Lieserl, die Lieserl, die gehofft hatte, eine Prinzessin zu werden, der Wechselbalg, und ein neues Ich, eins, das noch keinen Namen hatte, würde sie eines Tages rächen. Ich stand rot im Schein des Kaminfeuers. Ein Geist von Licht und Feuer. Ich war Feuer, ich war Licht, und eines Tages würde die ganze Welt Feuer und Licht in endlosen Wellen sein. Ich tanzte in der Küche in dem Gedanken, daß ich Feuer war und die ganze Welt eines Tages Feuer sein würde. Ich drehte mich in diesen Träumen, bis ich schließlich merkte, daß der Raum kalt geworden war, das Feuer erloschen und ich mich wach getanzt hatte. Nur eine Person in der Welt stand zwischen mir und meinem rechtmäßigen Schicksal, meinem Platz an der Seite meiner Mutter, meiner Mutter, die mich liebte und mich nicht mitnehmen konnte. Eine Person.
Ein hassenswerter, hassenswerter Mann, und ich würde… ich würde… Was? Ich würde tun, was Geister immer tun, beschloß ich. Ich würde ihn erschrecken.
3 Der Fluß
7. März 1913 »Ich war mir nicht sicher, ob du wiederkommen würdest.« »Ich auch nicht.« »Aber du willst immer noch Deutsch lernen.« »Ja.« »Um deiner Mutter zu sagen, daß du sie liebst.« »Dazu brauche ich kein Deutsch. Das wußten Sie doch schon.« »Komm herein«, sagte Fräulein Freister und rauschte den Flur entlang. Ich folgte ihr über den gebohnerten Holzfußboden, der in den wenigen Frühlingssonnenstrahlen, die in die Pension drangen, glänzte. Alles schien zu glänzen, war voller neuer Lösungen und Versprechungen. Alles hatte den ganzen Winter hindurch geglänzt, durch den tiefsten Schnee hindurch, an Tagen, an denen der Boden wie Eisen und das Wasser im Brunnen festgefroren war. Meine Sicht der Welt als Feuer und Licht hatte in mir gebrannt, und mit dem Frühling hatte sie sich zur Tat verfestigt. »Ich wollte mit Ihnen reden«, sagte ich und legte meine Bücher auf den Tisch, »über das Vokabular.« »Das Vokabular?« fragte Fräulein Freisler. »Welche Wörter meinst du damit?« Da unser Unterricht immer am Freitag war, und Fräulein Freisler Katholikin, hatte sie mir unter anderem als erstes verschiedene Fischnamen beigebracht. So nett dieses Wissen auch war, wußte ich doch inzwischen, daß es nicht ausreichte.
Ich brauchte eine gründliche Unterweisung in der Physik und durfte keine Zeit mehr mit Heilbutt, Brasse, Forelle und Kabeljau verschwenden. Den ganzen Winter lang hatte ich über den Nachrichtenschnipseln, die Desanka mir zum Frühstück vorsetzte, und den seltsamen Sätzen in den Lehrbüchern aus der Bücherei nachgegrübelt und versucht, hinter ihren Sinn zu kommen. Womit bekämpfte man Feuer? Mit Feuer. Und womit würde man demnach Schwerkraft bekämpfen? Mit Schwerkraft. Und Licht? Man bekämpfte es mit Licht. Wenn dies die Waffen waren, die mein Vater gewählt hatte, mußte ich jedes einzelne Detail über sie wissen. Statt dessen hatte mir Fräulein Freister etwas über den Hecht und die Merkmale, an denen man erkennt, wie frisch er ist, beigebracht. Selbst wenn mein Deutsch untadelig war, so konnte ich damit keine Schlacht gewinnen. »Ich muß das deutsche Wort für Molekül kennen«, begann ich. Wir alle bestanden aus Molekülen, hatte ich entdeckt. Es waren die winzigen Partikel unserer Körper. Das Wissen, aus Molekülen zusammengesetzt zu sein, fühlte sich sehr seltsam an. »Molekül«, sagte Fräulein Freister. »Nicht so schwer.« »Und für Thermodynamik, Schwerkraft und Elektromagnetismus.« »Ah.« »Alle führenden Physikzeitschriften werden auf deutsch publiziert. Wenn ich jemals eine in die Hände bekommen kann, möchte ich sie verstehen können.« Fräulein Freister seufzte. »Deshalb willst du also jetzt Deutsch lernen? Um Physikzeitschriften zu lesen?« »Ja«, erwiderte ich. »Zum Teil. Ich möchte Physikerin werden.«
»Dazu brauchst du kein Deutsch. Du mußt einfach nur lernen. Hauptsächlich Mathematik.« »Ich habe Mathematik gelernt«, sagte ich. »Ich glaube sogar, ich habe alles an Mathematik gelernt, was es in Novi Sad gibt.« »Aber Mathematik ist doch überall in der Welt gleich!« entgegnete Fräulein Freisler. »Zum Rechnen brauchst du keine Sprachen.« »Es geht nicht nur ums Rechnen«, sagte ich. »Es geht um Ideen. Zum Beispiel: wie der Magnet funktioniert.« Das war eines der Rätsel, die ich während der langen, kalten Jahreszeit vollständig ausgeknobelt hatte. »Es gibt einen Punkt, an dem die Anziehungskraft des Magneten zu stark für ein Objekt wird. Aber was bestimmt diesen Punkt? Er verändert sich von Objekt zu Objekt, es gibt jedoch eine Grenze, über die hinaus der Magnet nicht mehr funktioniert, ganz gleich, wie klein das Objekt ist. Wer zieht die Grenze? Ist die Kraft proportional zu der Masse?« Das Fräulein zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, sagte ich, »weil ich mir über die Wörter nicht sicher bin. Ich brauche die Sprache, um sicherzugehen, daß ich verstehe.« »Ich fürchte, ich würde all das selbst in einem Dutzend Sprachen nie verstehen«, sagte Fräulein Freisler. »Du wirst wahrscheinlich Physikerin werden.« »Ich muß es werden«, erwiderte ich. »Warum?« Ich beschloß, daß es wohl am einfachsten wäre, ihr die Wahrheit zu sagen. »Aus Rache«, entgegnete ich. »Ich glaube, du bleibst besser zum Mittagessen«, sagte sie. »Außerdem habe ich heute Forelle. Das reicht für uns beide.«
Ich schickte ein stummes Dankgebet zum Himmel. Da wir meilenweit vom Meer entfernt waren, konnte etwas anderes als Süßwasserfisch für Fräulein Freislers Freitagsessen nie von bester Qualität sein. Sie sagte immer, es spiele keine Rolle, da Fisch sowieso ein Zeichen ihres Leidens sei. Desanka hatte es zwar vor mir gewußt, aber auch mir war mittlerweile klargeworden, wie seltsam Fräulein Freisler in Wirklichkeit war.
Wir stocherten in der Forelle herum. Sie war nicht besonders gut, und Fräulein Freisler meinte, was könne man schon erwarten, es sei eben ein Geschenk gewesen. »Rache. An wem will sich so ein kleines Mädchen wie du rächen?« »An meinem Vater.« Sie überlegte einen Augenblick lang, dann stand sie auf, um Wasser für den Tee aufzusetzen. »Rache genießt man am besten kalt«, sagte sie. »Und du klingst nicht besonders kalt.« »Ich glaube, Physiker sind aber so«, erwiderte ich. »Bist du deinem Vater je begegnet?« »Nein.« »Weißt du, wo er ist?« »Er ist Professor in Prag. Nein, Berlin. Nein, Zürich, glaube ich.« Die Postkarten meiner Mutter klangen immer recht vage. »Was für ein Professor?« »Theoretische Physik.« »Ah«, sagte sie. »Jetzt geht mir langsam ein Licht auf. Ich muß dich jedoch warnen, Kleines, denn in deinem Fall muß die Rache wirklich eiskalt genossen werden. Ich würde schon Jahre brauchen, um genug Deutsch für eine Diskussion über Physik zu lernen, ganz zu schweigen von dir.«
»Ich habe jahrelang Zeit«, entgegnete ich. »Ich bin ja erst elf.« »Erst?« sagte Fräulein Freisler. »Das hatte ich ganz vergessen.« »Man würde mich jetzt noch nicht auf die Universität lassen.« »Wahrscheinlich nicht. Wenn überhaupt jemals.« »Aber ich muß zur Universität oder so etwas Ähnlichem gehen, wenn ich…« »Was?« »Ich bin nicht sicher. Wenn mein Vater dann immer noch an einer Theorie über Schwerkraft und Licht arbeitet, möchte ich darin besser sein als er. Wenn er eine Theorie entwickelt hat, möchte ich die Lücken darin finden und ihm beweisen, daß er unrecht hat. Aber ganz gleich, was ich einmal tue, ich muß verstehen können, was er macht, um ihn zu bekämpfen.« »Rache«, sagte Fräulein Freisler. »Und jetzt Kämpfe. Was ist denn, wenn er an etwas ganz anderem arbeitet?« »Das kann er nicht«, entgegnete ich. »Er ist Physiker. Was gibt es da sonst noch?« »Magnetismus zum Beispiel. Das hast du mir selbst gesagt.« »Das gehört alles zum selben Bereich. Wissen Sie, wenn man anfängt, über Schwerkraft nachzudenken…« Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht anfangen, über Schwerkraft nachzudenken. Ich bekomme Kopfschmerzen davon. Sag mal, Lieserl, wann hat dich dieser Ehrgeiz eigentlich gepackt?« »Ach, Fräulein Freisler, machen Sie sich keine Gedanken darüber. Wir sollten einfach anfangen. Magnetismus. Schwerkraft. Darauf muß ich mich jetzt konzentrieren.« Ich wollte endlich loslegen. »Wie es aussieht, weiß ich bis jetzt nur, wie ich ihm einen Heilbutt anbieten müßte.«
»Damit wirst du für deine Rache nicht weit kommen«, gab sie zu. »Es sei denn, es ist ein vollkommen verdorbener Heilbutt.« »Sie machen es also?« »Weiß Desanka davon?« »Wenn Sie es ihr nicht sagen, nicht.« »Wenn ich es tue«, sagte sie, »wenn ich dich weiterbringe, dann mußt du eine konstante Schülerin sein. Ich werde ein ganzes Leben dafür brauchen…« »Es gibt nichts Konstantes«, entgegnete ich. »Das habe ich bereits gelernt.« »Aber du bist doch wirklich seine Tochter?« »Ja.« »Das wird sich nie ändern. Weißt du, es gibt Dinge auf dieser Welt, die die Physik nicht beschreiben kann.« »Können Sie etwas über ihn herausfinden?« fragte ich. »Ich glaube, das werde ich müssen«, sagte sie, »um dir das richtige Vokabular beizubringen. Ist er Schweizer?« »Deutscher.« »Wie heißt er?« Fräulein Freister holte einen Papierbogen und einen Füller aus ihrem Schreibtisch. »Albert. Albert Einstein.« Sie schrieb es mit violetter Tinte auf. »Ich habe noch nie von ihm gehört«, sagte sie. »Wahrscheinlich auch sonst noch niemand. Aber ich kenne den Freund eines Freundes in Preußen. Ich werde mein Bestes tun.«
31. Juli 1914 Als Fräulein Freister mir die Tür öffnete, sah sie glücklich aus.
»Sie sind gut gelaunt heute«, sagte ich, als sie über den gebohnerten Fußboden zu ihren gemieteten Zimmern raschelte. »Ich habe Sie singen gehört, als ich klopfte.« »Ich habe einen angenehmen Abend verbracht. Es wird Krieg geben. Das ist immer gut fürs Geschäft.« »Machen Sie sich keine Sorgen?« »Wegen des Kriegs? Nein. Er hat wahrscheinlich sogar schon angefangen. Was ändert es, wenn ich mir Sorgen mache?« Da mußte ich ihr recht geben. Sie blieb vor der zweiten Tür stehen. »Bevor wir hineingehen, muß ich dir sagen, daß wir Besuch haben.« Ich war mißtrauisch. »Wer ist es?« »Der Freund eines Freundes. Ich habe ihm von deiner Mathematik erzählt, und er sagte, er würde dich gern kennenlernen.« Ich verlangsamte meinen Schritt, um ihr zu verstehen zu geben, daß ich ihn nicht kennenlernen wollte. »Kopf hoch, Mädchen.« Fräulein Freisler packte mich an der Schulter und schob mich den Flur entlang. »Du wirst nicht weit kommen im Leben, wenn du nicht auf andere zugehst.« Nachdem sie mich ins Zimmer geschoben hatte, entspannte ich mich ein bißchen. Noch ein Lehrer. Das war deutlich zu sehen, an dem schäbigen Anzug mit den glänzenden Ellbogen und an der Art, wie er mich mit schräggelegtem Kopf anlächelte, um mir die Befangenheit zu nehmen. »Du kleines Wunderkind.« Er schüttelte mir förmlich die Hand. »Herr Grünbaum«, sagte Fräulein Freisler, »das ist Lieserl.« Statt eines Grußes gab ich eine Art Grunzen von mir, aber das schien ihn nicht zu stören. »Das kleine Mädchen, das Physikerin werden will.« »Ich habe Lehrbücher gehabt«, ergänzte ich, »aus der Leihbücherei.«
»Newton?« »Ein bißchen«, sagte ich. »Die Principia?« »Das haben sie nicht im Leseraum«, antwortete ich. »Das Fräulein sagt, du bist Mathematikerin?« »Das könnte ich vielleicht werden.« »Hier.« Er schrieb ein paar Zahlen auf ein Stückchen Papier. Neunundvierzig und neunundvierzig. Ich starrte ihn an. »Was soll ich damit machen?« fragte ich. »Sie addieren?« »Ja«, sagte er. Das war fast unter meiner Würde, aber ich tat es. »Multiplizier sie«, sagte er. Ich sagte ihm die Antwort. »Wie hast du das gemacht?« »Wissen Sie nicht, wie man das Quadrat von Zahlen um die fünfzig berechnet?« fragte ich. »Sehen Sie, man nimmt fünfzig im Quadrat – das ist zweitausendfünfhundert – und subtrahiert einhundertmal die Differenz seiner Zahl von fünfzig. In diesem Fall ist es nur eins, also zieht man hundert ab und es kommt zweitausendvierhundert heraus. Um auf die genaue Zahl zu kommen, multipliziert man die Differenz und rechnet sie hinzu. Ein mal eins ist eins. Also kommt zweitausendvierhunderteins heraus.« Ihm das zu erklären dauerte viel länger, als es zu rechnen. Als Herr Grünbaum jedoch noch einmal fragte, wie ich es gemacht hätte, konnte ich es ihm immer noch nicht klarmachen. »Genauso wie ich alle langen Additions- und Multiplikationsreihen rechne«, sagte ich. »Ich sehe einfach hin.« »Du rechnest nicht methodisch und gelangst dann zu einem Ergebnis?«
»Nein. Das würde zu lange dauern. Im allgemeinen weiß ich zuerst die Antwort, und danach rechne ich, wenn ich muß. Zuerst sehe ich es.« »Du siehst es?« »Klar und deutlich.« Wir gingen durch Quadratwurzeln, Kubikwurzeln, Logarithmen und die Hauptprinzipien der Euklidschen Geometrie, um genau festzustellen, wie weit ich sehen konnte, bis Fräulein Freisler schließlich erklärte, das Essen sei fertig. Es war ein übel aussehender Karpfen. Herr Grünbaum lächelte. »Ich besorge dir die Principia«, sagte er. Er wandte sich an Fräulein Freisler. »Ist ihr Deutsch gut genug dafür?« »Im großen und ganzen«, entgegnete Fräulein Freisler. »Sie ist eine fleißige Schülerin.« »Sie ist eine gute Mathematikerin.« Er lächelte wieder und tätschelte meinen Kopf. Ich lächelte nicht zurück. Es war kein Kompliment, es war nur die Wahrheit.
Herr Grünbaum hielt Wort, und in der darauffolgenden Woche wartete das Buch schon auf mich. Eine moderne Ausgabe, sauber gesetzt, auf deutsch. Fräulein Freisler sagte, sie habe es einmal durchgeblättert und sie wäre in der Lage, jedes Wort, mit dem ich nicht vertraut sei, zu übersetzen. Ich sollte mich aber nicht darauf verlassen, daß sie es mir auch erklären könne. Ich brauchte sie gar nicht. Ich war hingerissen. Ich tauchte in eine Welt ein, in der Schiffe mit konstanter Geschwindigkeit hintereinander hersegelten, Seeleute den Leuten an der Küste zuwinkten, Signale mit Lampen gaben, stromaufwärts und stromabwärts segelten, reichlich Federn und Kanonenkugeln fallen ließen und die Ergebnisse berechneten.
Zu Hause erregte ich immer mehr Desankas Zorn, weil ich die Hefe im Brot und den Löffel Joghurt im Eintopf vergaß. Ich lebte in dem Königreich, das die Wissenschaften uns erschließen, dem Universum, in dem die Dinge leuchten, in der Gesellschaft meines Freundes Isaac Newton, der aus der Welt einen ordentlichen und logischen Ort machte. Berechnungen, Berechnungen. Lange silberne Zahlenreihen. Berechne den Kurs hiervon, die Geschwindigkeit davon, tu es oft genug, und es könnten die Regeln dabei herauskommen, nach denen sich die Dinge in den altehrwürdigen Zeiten verhielten. Und es gab tatsächlich Regeln, die im Universum unumstößlich herrschten. Dinge, die sich bewegten, bewegten sich immer weiter. Dinge, die stillstanden, standen still, bis man sie anstieß. Auf jede Aktion gab es eine gleichartige und eine entgegengesetzte Reaktion. Alles bewegte sich in einer genau vorhersehbaren Art. Die Gesetze der Schwerkraft, des Magnetismus, der Kraft beherrschten den Apfel, der vom Baum fiel, Ebbe und Flut der Gezeiten, das Ausschlagen der Kompaßnadel. Stelle genug Berechnungen an, und möglicherweise gelangst du zum reziproken Quadratgesetz, das die Planeten an Ort und Stelle hielt. Da oben bewegten die himmlischen Mechanismen die Planeten durch den Äther. Sie bewegten sich langsam, wie ein kosmisches Uhrwerk, das Gott in Gang gesetzt hatte, zogen die Bahnen ihres zugeteilten Schicksals vor dem festen, ewigen Hintergrund der Sterne. »Details, Lieserl«, pflegte Desanka zu sagen, wenn wir wieder einmal ein geschmackloses Essen aßen, bei dem ich zum wiederholten Mal das Salz vergessen hatte, »achte auf die Details. Der Teufel steckt im Detail.« Ich wußte das, es half mir jedoch nichts beim Kochen, das nur Details enthielt, die mich nicht im mindesten interessierten.
Wenn das Universum festen Gesetzen gehorchte, dann konnte ich sie letztendlich alle herausfinden. Der Magnet in meiner Hand war der Beweis dafür. Selbst die größte, unbändigste Kraft verriet sich selbst, indem sie sich jedes Mal immer wieder gleich verhielt. Sie konnte gemessen werden, berechnet werden. Es war nur eine Frage der Zeit, erkannte ich, bis ich alle Gesetze gelernt hatte und alles verstehen konnte. Mit diesem Ehrgeiz war ich glücklicher, als ich je zuvor gewesen war. Bei Newton gab es nichts, was meine Pläne durchkreuzte. Die Gesetze der Dynamik ließen ein Ding auf einem geraden Weg sich bewegen, bis man eine Kraft darauf anwandte, und dann änderte es entweder die Richtung, die Geschwindigkeit oder beides. Deshalb würde ich, wenn ich mich gerade auf dem Pfad der Rache bewegte, natürlich eines Tages auf meinen Vater treffen. Alles hatte seinen Pfad, alles hatte sein Schicksal. Ich war meinem begegnet. Ich stellte mir vor, daß wir aufeinanderstießen wie Kanonenkugeln. Eine Explosion. Eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion. Wenn ich ihm direkt gegenüberstand, konnte er mich nicht mehr ignorieren. Ich wurde wieder zum Eiersammeln degradiert, was mir nur recht war, da ich so mehr Zeit zum Nachdenken hatte. Und Desanka schrie, weil die Hühner aufhörten zu legen. Es war ein langer Weg, den ich gehen mußte, aber mit jeder Tatsache, die ich sammelte, wuchs mein Waffenlager. Mit jeder Theorie, über die ich nachdachte, wurden die Waffen schärfer. Endlich las ich Newton, so wie meine Mutter es mir gesagt hatte, und es war genau das Richtige für mich. Und, was gleichermaßen tröstlich war, ich hatte endlich eine Erklärung dafür, warum mir die Sterne nicht auf den Kopf fielen.
26. März 1915 Maja rollte die Karte Europas vor mir auf. »Sieh dir das an«, sagte sie. Ich verbrachte immer mehr Zeit mit Maja – nach und nach hatte ich aufgehört, sie Fräulein Freister zu nennen. Während der Wintermonate, als der Schnee die Straßen unpassierbar machte und es fast unmöglich war, irgendwohin zu fahren, und ich auf dem Hof mit Desanka eingesperrt war, hatte ich sie schmerzlich vermißt. Jetzt, da der Frühling den Schnee geschmolzen hatte, war ich hungrig nach ihrer Gesellschaft. Sie habe einen erfolgreichen Winter hinter sich, sagte Maja, und zum Beweis zeigte sie mir einen Pelz. »Ozelot«, sagte sie und schlang ihn sich um den Hals. Ich kannte das Wort nicht und überlegte, ob es durch die Übersetzung wohl gelitten hatte. »Ist das nicht eine Rattenart?« fragte ich. Wir sprachen jetzt nur noch Deutsch, und ich tat es mit einer Leichtigkeit, als sei es wirklich meine Muttersprache. Dabei zog ich es vor, die Tatsache zu ignorieren, daß meine Mutter, worauf Desanka bei jeder Gelegenheit hinwies, in ihrer Kindheit und Jugend ein genauso gutes Ungarisch wie ich gesprochen hatte, und erst zu Deutsch übergegangen war, als sie in dieses dubiose Ausland zog. Und trotzdem: Wenn ich auf den Hof zurückkam, wo Desanka das Geld für die Musikstunden nicht nur in eine Reihe neuer Töpfe, sondern auch in einen Knecht, der die schweren Arbeiten wie Melken und Pflügen verrichtete, gesteckt hatte, fühlte ich mich seltsam dabei, die Sprache meiner Kindheit zu sprechen. Ich hatte inzwischen bei Maja ein sauberes Bett, da ich mit in ihrem schlief, außer wenn ich während eines dringenden fremdsprachlichen Termins auf dem Sofa schlafen mußte, und genoß den Luxus eines Kopfkissens und von Gaslicht, in
dessen Schein ich lesen konnte. Und ich brauchte meine Lehrbücher nicht zu verstecken. »Achte nicht auf all diese roten Linien«, sagte Maja und wedelte mit ihrer Hand über die Landkarte. »Das sind die zeitweiligen Staatsgrenzen.« »Gibst du mir Unterricht über den Krieg?« »Brauchst du Unterricht über den Krieg?« »Ich glaube nicht. Desanka hat mir alles darüber erzählt. Einer von Milevas alten Freunden, Karl, hat sich freiwillig gemeldet. Und der Sohn vom nächsten Hof auch. Desanka macht sich Sorgen, daß sie demnächst ihren Knecht verliert.« »Achte auch nicht auf all diese Straßen. Bis zur Erfindung des Ottomotors waren Straßen nur Feldwege, auf denen man mit der Kutsche zum Markt fahren konnte. Jetzt haben die Menschen größere Ideen, aber… Sieh dir diese dicke blaue Linie quer über die Seite an – Deutschlands Berge.« Sie wies mit dem Finger dorthin. »Hier in Ulm, wo der Fluß noch schmal ist, ist dein Vater geboren. Und hier, in der großen ungarischen Ebene, hier in Novi Sad, dem Athen des habsburgischen Reiches, ist deine Mutter geboren.« »Und ich«, antwortete ich. »Du hast deine Hausaufgaben gemacht.« »Und was verbindet die beiden Orte?« Ich las den Namen auf der Karte. »Die Donau.« »Ja, die stetig fließende Donau. Wenn du deinen Vater finden möchtest, mußt du die Donau entlangreisen.« »Mit dem Schiff?« »Manchmal, Lieserl, bist du bemerkenswert dumm.« »Gibt es keine Schiffe?« »Es gibt viele Schiffe, aber es ist Krieg. Wir sollten vielleicht den roten Linien doch eine Weile unsere Aufmerksamkeit schenken.« »Wir fahren also wirklich?«
Maja lachte. »Nein, du bist noch zu jung, es gibt noch zuviel zu tun, und Desanka braucht dich. Außerdem herrscht in den Städten Typhus.« Ich stimmte ihr in keinem Punkt außer dem letzten zu, aber ich widersprach nicht. Ich hielt mich für erwachsener, als Maja glauben mochte. Ich war nicht mehr zu jung. Ich war groß geworden. Und in einer Stadt, in der die meisten Menschen dunkel wie Zigeuner waren, war meine Haut eher gelblich – oliv, wie die meiner Mutter. Ich war eine Slawin, ich bin eine Slawin, und das sah man an meinen dunklen Haaren, der olivfarbenen Haut und den ausgeprägten Wangenknochen. Ich bin eine Slawin wie Desanka und wie meine Mutter, aber schmaler als die beiden Frauen. Mein Gesicht ist nicht breit, meine Hüften sind nicht breit und auch meine Hände nicht, deshalb hielt mich der Knecht für zerbrechlich und trug die Milchkannen, sogar ohne daß ich ihn darum bat. Und ich widersprach Maja nicht, weil es wirklich noch viel gab, an dem ich arbeiten wollte, und im Moment war der Krieg einer Reise wirklich hinderlich. Meine Hauptsorge aber galt Newton. »Habe ich dir schon erzählt«, sagte ich zu Maja, »daß Newton sich geirrt hat?« »Ha! Du hast seit Monaten behauptet, daß er alles unwiderlegbar bewiesen hat.« »Warum bleiben die Sterne an Ort und Stelle, Maja?« »Sie tun es eben einfach, oder? Ich weiß, daß es so ist. Ich sehe sie jede Nacht.« »Nach Mr. Newton sind die Sterne alle gleichmäßig im Äther über das ganze Universum hinweg verteilt, deshalb ist die Schwerkraft, die auf jeden Stern wirkt, in alle Richtungen die gleiche.« »Also?« »Also bleiben sie da, wo sie sind.«
»Klingt vernünftig.« »Für mich nicht.« Ich sah überhaupt keinen Grund, Newton in diesem Punkt zu vertrauen. Er hatte bei vielen Dingen im Universum recht, sicher, aber er war auch verrückt. Er hatte Rechenmethoden erfunden – Differential und Integral –, deren Anwendung mir bei meinen Berechnungen enorm half, und hatte sie dann die meiste Zeit seines Lebens geheimgehalten. Außerdem hatte er seine letzten Jahre damit verbracht, das Buch Daniel zu lesen, und versucht, Landkarten der Hölle zu entwerfen. Aus diesen Tatsachen schloß ich, daß er nicht immer ein zuverlässiger Führer war. Wenn Newton sich so gründlich mit dem Problem beschäftigt hätte, wie ich es tat, wäre ihm aufgefallen, daß die leichteste Abweichung einen Stern in die eine oder andere Richtung ziehen würde, und dann würden alle Sterne anfangen, sich zu bewegen. Und wenn ein Stern näher an einen anderen Stern herankäme, würde die Anziehungskraft stärker werden. Das war das reziproke Quadratgesetz. Wenn sie also erst einmal begannen, sich zu bewegen, würden sie sich immer schneller bewegen, und binnen kurzem würde das ganze Universum zusammenbrechen. Da jedoch das Universum bisher nicht zusammengebrochen war, konnte es einfach nicht sein, daß die Sterne stillstanden. Aber wenn sie nicht stillstanden, was taten sie dann? Ich hielt es durchaus für möglich, dies durch eine Reihe von Gleichungen herauszubekommen. Ich würde endlos lange Berechnungen anstellen müssen, aber das hatte mich noch nie gestört. Die leuchtenden Zahlenreihen führten letztendlich immer zu einem Ergebnis. Ich wollte nicht auf Reisen gehen, bevor ich das Ergebnis kannte.
Aber ich wußte, daß mich danach nichts mehr aufhalten würde.
13. August 1915 Obwohl Maja es abgelehnt hatte, daß wir uns sofort auf den Weg machten, verbrachte ich den Frühling und den Sommer auf dem Hof mit leichtem Herzen und half Desanka und dem Knecht dabei, den Weizen auszusäen und die Kühe zu melken. Maja hatte nicht nur zum ersten Mal davon gesprochen, daß ich meinen Vater suchen sollte – der jetzt, laut der letzten Postkarte meiner Mutter, ein führender Kopf an der physikalischen Fakultät in Berlin war –, sie hatte auch nicht nein gesagt, als ich »wir« sagte. Ich begann, die Hoffnung zu hegen, daß sie mich begleiten würde. Ich kannte jenseits der ungarischen Grenzen niemanden außer meiner Mutter und Hans Albert, und ich konnte nicht garantieren, daß einer von ihnen erfreut sein würde, mich zu sehen, wenn ich einem Donauschiff entstieg. Herr Grünbaum beschloß, uns wieder einmal zu besuchen, und er brachte gesalzenen Kabeljau und ein neues Lehrbuch mit, das er selbst erst kürzlich erworben hatte. Dieses Mal tätschelte er mir nicht den Kopf. »Kabeljau«, sagte er zu Maja, die sofort damit in die Küche ging, um Fischfrikadellen daraus zu machen. »Maxwell«, sagte er zu mir mit wohlwollendem Gesichtsausdruck. Ich blätterte das Buch durch. Vier Gleichungen. Ich hätte Herrn Grünbaum küssen können, und fast hätte ich es auch getan. Vier Gleichungen, und die ganze Welt der Elektrizität und des Magnetismus lag einem zu Füßen. Man brauchte sich bloß ein Problem auszudenken, und eine dieser vier
Gleichungen konnte es lösen. Wahrscheinlich wäre ich irgendwann auch selbst darauf gekommen, aber das Buch ersparte mir schrecklich viel Arbeit. Maxwell hatte wie ich mit dem Versuch angefangen, nur ein Ding zu erklären: In meinem Fall war es die Schwerkraft, in seinem das Verhalten von Radiowellen. Aber jede seiner Berechnungen zeigte, daß Radiowellen, wie alle anderen elektromagnetischen Wellen in dem Bereich, sich nur in einer einzigen Geschwindigkeit bewegten – der Geschwindigkeit des Lichts. »Also ist Licht letztendlich eine Welle«, sagte ich zu Herrn Grünbaum. »Das habe ich mir schon gedacht.« »Was hätte es denn deiner Meinung nach sonst sein können?« fragte er, aber ich beschloß, ihm nichts von meinem Tanz am Kamin im Hof zu erzählen, wo ich dachte, daß Licht auch aus kleinen Teilchen bestehen könnte. Bei Tageslicht kam mir diese Idee albern vor, vor allem jetzt, wo ich vier Gleichungen vor Augen hatte, die alle bewiesen, daß es eine Welle war. Und noch etwas war seltsam an den Gleichungen. Das Licht bewegte sich immer mit der gleichen Geschwindigkeit. Dort in den Gleichungen stand er, der kleine Buchstabe c, der die Lichtgeschwindigkeit bezeichnete. Licht bewegte sich immer mit der gleichen Geschwindigkeit. »Das ist seltsam«, sagte ich zu Herrn Grünbaum. »Was denn?« »Licht bewegt sich immer mit der gleichen Geschwindigkeit.« »Was ist daran seltsam?« »Nun, das erwartet man nicht gerade, oder?« Ich sah an seinem Gesichtsausdruck, daß er weder das eine noch das andere erwartet hatte. »Wenn ich Ihnen einen Ball zuwerfen würde«, sagte ich, »dann könnten Sie ihn fangen, oder?«
»Meistens«, sagte er. »Aber wenn ich auf einem Ochsenkarren fahre«, sagte ich, »wirklich schnell auf Sie zufahre, und Ihnen dann einen Ball zuwerfe, dann könnten Sie ihn wahrscheinlich nicht fangen, oder?« »Nein«, antwortete er, »dann käme er zu schnell.« »Genau«, sagte ich. »Der Ball hätte die Geschwindigkeit des Ochsenkarrens plus der Geschwindigkeit meines Wurfs. Für Sie würde es schnell aussehen, auch wenn es für mich langsam aussähe. Geschwindigkeit ist relativ. Das würden Sie erwarten, wenn ich den Ball werfe, und sich darauf einstellen, selbst wenn Sie ihn nicht fangen könnten.« »Also?« »Das ist der Punkt. Licht ist nicht so. Sehen Sie.« Ich wies auf den kleinen Buchstaben c. Er sah zwar hin, aber ich glaube nicht, daß er begriff. Er mochte ja das Lehrbuch gehabt haben, aber das bedeutete nicht, daß er ernsthaft darüber nachdachte, was darin stand. Ich versuchte, Geduld mit Herrn Grünbaum zu haben. »Wenn ich in meinem Ochsenkarren fahre und einen Lichtstrahl zu Ihnen schicke, dann hat er die Geschwindigkeit, die er immer hat. Nicht die Geschwindigkeit des Lichts plus der Geschwindigkeit des Ochsenkarrens.« Ich überlegte. »Außerdem ist die Geschwindigkeit des Ochsenkarrens unbedeutend, verglichen mit der Lichtgeschwindigkeit.« In der Tat, da die Lichtgeschwindigkeit ungefähr dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde betrug, konnte man den Ochsenkarren beinahe vergessen. Das war etwas, worauf mich Newtons Universum nicht so recht vorbereitet hatte. Licht verhielt sich nicht so wie ein Ball, der geworfen wurde. Es war eine Konstante. Immer eine Konstante. Und das war beunruhigend.
Herrn Grünbaum schien es jedoch nicht zu beunruhigen. Maja ebenfalls nicht. Sie aßen ihren gesalzenen Kabeljau und redeten über den Krieg, der jetzt voll im Gange war, und den Herr Grünbaum weit beunruhigender fand. Maja allerdings war immer noch der Meinung, daß man sich wegen des Krieges keine Sorgen zu machen brauchte. Als ich meine Bücher wegpackte, kam mir ein letzter Gedanke. »Eine Welle«, sagte ich zu Herrn Grünbaum, »muß eine Welle in etwas sein. Oder nicht?« »Vermutlich«, sagte er. »Wie eine Wasserwelle in einem Ozean.« »Dann muß Licht Wellen im Äther sein«, meinte ich. »Ja, vermutlich«, antwortete er. Er konnte mir nicht folgen. Ich wollte ihn fragen, ob ich das Lehrbuch behalten könne, aber anscheinend hatte er es bereits vergessen. Maja und er diskutierten inzwischen darüber, ob es wohl im Osten und im Westen Kämpfe geben würde, also steckte ich es zu meinen Deutschbüchern in die Tasche, und ich glaube nicht, daß er es überhaupt bemerkte. Als ich ging, dachte ich noch einmal über die Sterne nach. Ich hatte jetzt ein paar Gleichungen. Was würde ich mit ihnen anfangen?
10. April 1916 Können Menschen an zwei Orten gleichzeitig sein? Manchmal denke ich, daß ich während meiner Kindheit gleichzeitig bei Desanka auf dem Hof und bei Maja in Novi Sad aufwuchs. Bücher und Hofarbeit. Deutsch und Ungarisch. Zwei Frauen, die nicht im entferntesten mit mir verwandt waren, aber beide die besten Absichten für mich hegten, und zwischen ihnen konnte ich im Kopf in die Welt hinausgehen und über
Gleichungen nachdenken und was sie bedeuteten, und niemand konnte mir etwas anhaben. Dieser Traum dauerte bis zu jenem Morgen, an dem Desanka und ich von Geschützlärm aufwachten, entfernt zwar noch, aber unmißverständlich über dem Brüllen der Ochsen zu hören. Die Störche am Fluß flatterten auf und flogen weg, ließen ihre Eier in den Nestern zurück. Ich ließ mich von einem Ochsenkarren mitnehmen und floh, so schnell es der Karren erlaubte, zu Maja. Maja war in Tränen aufgelöst. Sie packte ihre Koffer. Der Ozelot hing ihr um den Hals und war ständig im Weg. Ich kam mir überflüssig vor. Ich saß auf dem Besucherstuhl in ihrem winzigen Salon, sah zu, wie sie ihre Habseligkeiten herumschleuderte, und wußte nicht, was ich sonst tun sollte. »Desanka sagt, das Reich bricht zusammen.« »Das Reich«, sagte Maja. »Ich spucke auf das Reich.« Interessiert setzte ich mich aufrechter hin. »Erinnere mich daran«, sagte Maja, »wenn ich jemals wieder so denke.« »An was soll ich dich erinnern?« »Daß ich Männern nie mehr Vertrauen schenke. Sie sind es nicht wert.« Ich wußte nicht, daß es einen Mann auf der Welt gegeben hatte, der so wichtig war, daß er Maja zum Weinen brachte. Mir bescherte es die Erkenntnis, daß auch ihr Leben zwischen meinen Besuchen mit den Lehrbüchern real war, daß sie nicht alles im Schwebezustand hielt, bis ich wieder vorbeikam, um über den Doppler-Effekt zu diskutieren. »Der Priester«, sagte Maja. »Der Priester hat ihm in der Kirche seinen Segen gegeben, bevor er gegangen ist. Der Gott der Schützengräben. Der Gott der Gerechten Gewehre. Zum
Schlachter geführt wie ein Tier zum Schlachthof. Wo sind deine Koffer?« »Meine Koffer?« »Du hast doch gepackt, oder nicht? Du hast doch Desanka gesagt, daß du wegfährst?« Sie blickte mich an. Ich saß unbehaglich auf dem gepolsterten Stuhl und bemerkte zum ersten Mal, daß sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war. »Ich habe gar nichts dabei«, sagte ich. »Ich wußte nicht, daß ich meine Sachen mitbringen sollte.« »Lieserl, eine Entweihung hat stattgefunden! Wahrscheinlich wird nichts, was dir je im Leben begegnet, es mit der Ignoranz und der Obszönität aufnehmen können, mit der dieser wunderbare Junge in den Tod geschickt worden ist. Ich möchte, daß du nach Hause gehst und packst. Und ich möchte kein Wort über diese verdammte Schwerkraft hören.« »Wir haben heute morgen Geschützdonner gehört«, sagte ich. Sie hatte mich so angesteckt, daß ich meine Lehrbücher unter Majas Bett hervorzog. »Wir müssen uns beeilen«, sagte Maja und klappte ihren Koffer zu.
Der Hof lag seltsam ruhig da. Der Frühlingsweizen wuchs. In der Mulde am Fluß zeigten sich die ersten grünen Früchte der frühen Sommererdbeeren. Ich hatte erwartet, daß die Hühner herumliefen, der Knecht auf dem Feld wäre. Hinten am Horizont erklang weiter das dumpfe Grollen der Geschütze. Was auch immer geschah, es ging nicht vorüber, sondern kam immer näher. Desanka erwartete uns in der niedrigen Küche. Auf einem Teller vor ihr lagen Brot und ein bißchen Butter. Sie war blaß und sah grimmig aus, aber die Küche war sauber.
»Fräulein Freisler«, sagte sie, »ich habe mich schon gefragt, wann Sie kommen.« »Es ist Zeit«, antwortete Maja. »Sie wissen, daß Sie gehen müssen.« »Ich werde nicht gehen«, erwiderte Desanka. »Das ist mein Zuhause.« »Lieserl geht weg«, sagte Maja. Sie machte eine Handbewegung zu mir hin. Ich trat auf Desankas Schlafzimmer zu, um mir einen Koffer zu holen. Noch zögerte ich, aber Desanka drehte sich um und winkte mich ebenfalls weg. Es gab eine graue Reisetasche, in die der Tunichtgut Ferdi früher einmal Goldmünzen gestopft hatte, und die nahm ich. Ich besaß nicht viel. Kleider. Eine der Decken von meinem Bett, eine Patchworkdecke, die schon lange vor meiner Ankunft im Besitz von Desankas Familie gewesen war. Nichts, was Majas Ozelot gleichkam. Maja hatte sowieso alle meine wichtigen Bücher in ihrem Koffer, und ich hatte Hans Alberts magischen Stein in der Tasche. Obwohl ich mit dem Packen fertig war, blieb ich noch unschlüssig stehen. Ich konnte hören, daß die Frauen miteinander in der Küche sprachen. Maja wollte wissen: »Was werden Sie tun?« »Hierbleiben.« »Die Kämpfe rücken näher. Wo ist Ihr Knecht?« »Weg.« Desanka schnaubte. »Weg, um seine Familie zu verteidigen.« »Es ist jetzt schon gefährlich«, sagte Maja, »aber es wird noch schlimmer werden.« »Deshalb müssen Sie sie weit von hier fortbringen. Hier hält sie nichts.« Dann war Schweigen. »Tun Sie es?« fragte Desanka schließlich leise.
»Ich nehme sie mit«, sagte Maja. »Sie wissen, daß ich das tue.« Und so, ich konnte es nur hören und war eigentlich nicht dabei, übergab Desanka mich. Ich ließ Maja mit ihrem braunen Koffer und meiner grauen Reisetasche draußen warten. »Es wird nicht lange dauern«, sagte ich zu ihr. »Warte bitte.« Ungeduldig trat sie von einem Fuß auf den anderen, aber sie wartete. In der Küche legte ich meine Arme um Desanka. »Ich muß es wissen«, sagte ich, »bevor ich gehe.« Desanka vergeudete keine Zeit. Sie wußte, daß ich eines Tages gefragt hätte, und sie war bereit. Sie setzte sich auf die Bank und legte die Hände flach auf den Tisch. Die Geschichte kam aus ihr heraus, als hätte sie sie eingeübt. »Im Frühjahr 1904«, sagte sie, »gab es eine Scharlachepidemie. Als der Schnee schmolz. Alle waren angesteckt. Die Frau von Milevas Bruder – sie lebten im Elternhaus… Die Frau von Milevas Bruder hatte einen Säugling, ein Neugeborenes. Du warst schon fast zwei Jahre alt, als du dich anstecktest. Sie glaubten nicht, daß du es überleben würdest.« »Und deshalb schafften sie mich aus dem Haus.« »Sie mußten dich aus dem Haus schaffen. Sie dachten, du würdest nicht überleben, und da war das Neugeborene… Deine Mutter war weg, mit deinem Vater. Sie waren damals natürlich schon verheiratet. Und ihre Familie zog dich groß. So war es geplant.« »Warum du? Warum haben sie mich zu dir gegeben?« Desanka zuckte mit den Schultern, als ob diese Dinge auf der Hand lägen. »Ich habe darum gebeten.« »Warum?«
»Mileva und ich… Mileva und ich kannten uns seit der Schulzeit. Sie kannte Ferdi. Sie war sehr klug, deine Mutter. Sehr klug. Wie du in der Schule. Dann ist sie weggegangen, um zu studieren… Mileva war meine Freundin, und du warst ihre Tochter. Ganz gleich, welche Fehler sie machte, ganz gleich, in welches Unglück sie sich in diesem fremden Land stürzte, mit diesem dummen Tunichtgut, sie war immer noch meine Freundin. Und du warst ein Teil von ihr. Wenn du sterben würdest, solltest du es bei mir tun.« »Aber ich starb nicht.« Sie lachte. »Nein. Du wärst beinahe gestorben, aber du warst ein starkes Mädchen. Du warst nach dem Fieber sogar noch stärker als vorher.« »Und warum hast du mich dann nicht zurückgeschickt?« Ich dachte, Desanka würde diese Frage nicht beantworten. Und dann dachte ich, wie auch immer ihre Antwort ausfallen würde – sie hatten mich nicht zurückhaben wollen, die Familie meiner Mutter hatte mich in der Zeit, in der ich stark genug wurde, um wieder laufen zu lernen, vergessen –, ich wollte sie gar nicht hören. Aber sie gab mir eine Antwort. »Ich habe ihnen nicht gesagt, daß es dir besserging.« »Niemandem?« »Nur Mileva. Sie schickte Geld, wann immer sie konnte. Und ich bat sie, der übrigen Familie zu sagen, du seist tot.« »Und das hat sie getan?« »Ja.« »Wo lebt meine Familie, Desanka?« »Auf der anderen Seite von Novi Sad. Sie haben ein großes Haus. Du hast sie manchmal in der Stadt gesehen. Deinen Onkel. Leopold Marie. Deinen Großvater. Deine Vettern und Kusinen. Du bist auf der Straße an ihnen vorbeigegangen. Sie kennen dich nicht.«
Die ganze Zeit über hatte ich so weit in die Ferne geblickt, bis ans Ende der Donau, und dabei hatte ich eine Familie hier, in Novi Sad. »Warum? Warum hast du ihnen nicht gesagt, daß ich überlebt hatte? Warum hast du mich nicht nach Hause gebracht, als es mir besserging?« Es war so einfach. »Weil ich dich inzwischen liebte, Kleines.« Wie konnte ich ihr das vorwerfen? Meine eigene Familie hatte mich ohne Bedenken weggegeben, ich war ein Unfall für sie, eine Anomalie, sie waren froh, mich nicht mehr sehen zu müssen. Zweifellos war es auch für Mileva einfacher, wenn sie nach Hause kommen und ihre Familie mit ihren legitimen Söhnen besuchen konnte, ohne daß ich dasaß und wartete wie ein peinliches Paket in der Gepäckaufbewahrung. Desanka hatte mir ein Bett in der Kirschbaumholznische gemacht und mir Geschichten von Prinzessinnen erzählt. All diese Jahre über hatte sie mich geliebt und auf den Tag gewartet, an dem ich gehen würde. Unter diesen Umständen beschloß ich, sie nicht mit meinen Racheplänen zu beunruhigen, und küßte sie einfach. »Auf Wiedersehen, Desanka.« Ich zögerte. »Wenn ich kann, komme ich zurück.« Sie wandte sich ab. »Nein, du wirst nicht zurückkommen.« Ich küßte sie noch einmal. Heftig, als wenn ich in diesen einen Kuß zehn Jahre des Dankes hineinlegen müßte.
Im Wagen bemerkte ich, daß Maja einen Ehering an der Hand trug. »Du bist noch zu jung, um ganz in Schwarz zu gehen«, sagte sie, »aber hier…«
Sie legte mir ein schwarzes Stoffband um den Oberarm und steckte es fest. »Ich wüßte nicht, daß jemand gestorben wäre«, erwiderte ich. »Darum geht es nicht«, sagte sie, »die Leute sollen denken, es sei so.« »Warum?« »Es erspart uns Fragen«, entgegnete sie, »und Unannehmlichkeiten an der Grenze.« Wir fuhren in nordwestliche Richtung. Auf allen Feldern wuchsen die Weinstöcke, die an vier bis fünf Meter hohen Pfosten festgebunden waren. Wir fuhren an unzähligen ordentlichen Reihen vorbei, die tickten wie ein Metronom. Noch nicht reif. Noch nicht reif. Sie würden reif werden. In dieser Erde wächst einfach alles, sie ist wie ein Brotkorb. Alles wuchs auf dieser sonnenverbrannten Ebene, während der Krieg das Reich hinwegfegte. Um meine Gedanken von Desanka abzulenken, um mich davon abzuhalten, zu ihr und dem sicheren Tod zurückzulaufen, hielt ich mir in Gedanken Maxwells Gleichungen vor Augen. Ich hielt sie dort wie einen Schild und gestattete mir nicht, zurückzublicken.
Hier auf der Erde waren alle Geschwindigkeiten relativ. Aber was war, wenn man seinen Blickwinkel erweiterte und das ganze Universum betrachtete? Wenn man die Geschwindigkeit des Lichts gegenüber einem grundlegenden Bezugsrahmen von absolutem Raum – dem Äther – maß, dann konnte Licht letztendlich eine Konstante sein. Seine Geschwindigkeit war einfach relativ zum Äther. Besonders interessant an den Gleichungen war jedoch meiner Meinung nach, daß es eigentlich, wenn man sie richtig betrachtete, gar keinen Äther zu geben brauchte. Die
Mathematik funktionierte auch hervorragend ohne. Eigentlich verstand ich gar nicht, wie Äther funktionieren konnte, trotz der Tatsache, daß jedes Lehrbuch, das ich gelesen hatte, seine Bedeutung immer wieder hervorhob. Er war einfach im Weg. Wenn die Erde sich durch den Äther bewegte wie ein Schwimmer im Fluß, dann mußten wir uns manchmal mit dem Fluß des Äthers bewegen und manchmal dagegen, wie beim Schwimmen gegen die Strömung. Und wenn Licht sich immer als eine Konstante relativ zum Äther bewegte, dann gäbe es manchmal Unterschiede in der Lichtgeschwindigkeit, je nachdem, ob wir uns schnell mit der Strömung oder langsam gegen sie bewegten. Ich hätte wetten können, es gab keinen Unterschied. Ich hätte wetten können, daß die Lichtgeschwindigkeit immer dieselbe war. Hier stand ich mit dem Rücken zur Wand. Bis jetzt hatte ich alles, was ich über das Universum gedacht hatte, in meinem Kopf erledigen können. Ich brauchte keine besondere Ausrüstung – einfach denken war genug. Aber um herauszufinden, ob es so aussah, als ob das Licht sich langsamer oder schneller bewegte je nach unserer Position im Äther, brauchte ich jemanden, der hinausging und nachsah. Ich würde darauf warten müssen. In der Zwischenzeit behauptete meine Mathematik, man brauche keinen Äther. Und wenn es keinen Äther gab… dann mußte das ganze Universum neu erforscht werden. Dann fiel mir ein, wie Desanka gesagt hatte, »Serben machen keinen Knicks«, und ich brach in Tränen aus.
An jeder Grenze wurden wir von Mitgefühl nur so überschwemmt.
Maja war ganz Anmut. »Meine Tochter ist sehr müde«, sagte sie. »Sie sind uns eine so große Hilfe.« Sie neigte ihren Kopf. »Ich danke Ihnen sehr. Vielen, vielen Dank.« Irgendwann mitten in der Nacht, der zweiten Nacht, der dritten Nacht, redete ein Mann in Uniform mich an. »Lieserl Marie?« Ich hob verschlafen meinen Kopf von Majas Schulter, der einzigen weichen Stelle, die ich an ihr über dem Fischbeinkorsett hatte finden können, und war so überrascht, daß ich aufstand. »Hier.« »Unterschreib das.« Und ich unterschrieb das Stück Papier, was immer es auch war, was immer es versprach, und benutzte dabei zum letzten Mal meinen Geburtsnamen. Und so verließ ich für immer das Land, in dem ich noch nicht einmal ein eigenes Bett hatte, nur ein paar Decken in der Nische zwischen der Wange des Kamins und der Außenmauer, kalt im Winter, heiß im Sommer, und ging dorthin, wohin auch immer Maja mich mitnahm.
»Wohin sollen wir fahren?« fragte sie am Bahnhof. Ich blickte zurück über die flache Ebene mit Weizen und Ochsen, und einen Augenblick lang erlaubte ich mir beinahe, mich von einem Windhauch aus dem Süden verführen zu lassen, der erfüllt war von Zitronen und Magnolien und der Weichheit reifer Pfirsiche. Aber dort war mein Vater nicht. »Nach Norden«, sagte ich. Und so kauften wir Fahrkarten und überquerten Berge und gelangten an Orte, wo die Luft kälter war. So begann unsere Zufallsreise über den Kontinent. Ich würde die erste sein, hatte ich beschlossen. Ich würde Formeln entwickeln, die seine Theorie widerlegten. Ich würde
ihn mit einer Erklärung der Rätsel des Universums schlagen, und wenn es mich umbrächte. Auf den Feldern blühten überall die Wildblumen.
4 Der Wald
26. Januar 1918 Meinen sechzehnten Geburtstag feierte ich in Wien. Überall, wo wir hinkamen, war alles rationiert oder eingeschränkt. Man bekam nichts, wenn man nicht einen hohen Preis dafür bezahlte. Trotzdem buk Maja mir einen Kuchen mit Sahne und Baiser, aus Gott weiß was für einem Schwarzmarktzucker. Ich glaube, sie hat unsere Reisen absichtlich so arrangiert, daß ich meinen Geburtstag in Wien feiern konnte, damit ich mich immer an die Sahne und den Zucker erinnern würde, vor dem Hintergrund der Prachtstraßen und Rokokogiebel der Gebäude, der Kirchen mit ihren Kuppeln und weißen Türmen. Ich hatte schon seit langem darüber nachgedacht, aber am Abend meines sechzehnten Geburtstags, nach dem Kuchen und dem Spaziergang durch die verschnörkelten Straßen, wurde mir klar, daß die Zeit selbst das Problem darstellte, wenn man erst einmal anerkannt hatte, daß Licht ein Maximum und eine Konstante war. Dann küßte Maja mich mitten auf den Mund und sagte zu mir, jetzt sei ich erwachsen.
13. Oktober 1918 Wir wohnten in muffigen Räumen unter den gestrengen Augen von Frau Goldberg, der das Haus gehörte. Sie war erfreut darüber, eine Lehrerin und deren Tochter zur Gesellschaft zu haben. Niemand vermietete damals Zimmer. In der
Nachbarschaft wohnte eine Bauersfrau, die jeden Tag kam, um weiße Rüben und Kaminholz zu verkaufen. Maja trug immer noch Schwarz, und auch ich hatte das schwarze Baumwollband noch um den Arm. Frau Goldberg bemitleidete uns sehr wegen unseres Verlusts. Mittlerweile hatten wir für Maja einen toten Ehemann namens Wolfgang erfunden. Auf der Reise hatten wir eine Photographie in einem Elfenbeinrahmen mit einem Trauerflor erstanden, die nun für jeden sichtbar auf dem gemieteten Schreibtisch stand. Ein angemessen gutaussehender, starker Mann mit entschlossenem Kinn, der in der Uniform des Kaisers eine glänzende Figur machte. Maja staubte das Bild täglich ab, was Frau Goldberg äußerst wohlwollend aufnahm. Sie war so froh, uns bei sich zu haben, daß sie sogar die Studenten der Wissenschaft, die abends treppauf und treppab liefen, in Kauf nahm. »Also, Wissenschaft war schon immer mein Thema«, sagte Maja. »Schwerkraft, Magnetismus. Sie wissen schon.« Sie durchforstete ihr Hirn nach weiteren Begriffen, die sie von mir gehört hatte. »Thermodynamik.« Frau Goldberg war mißtrauisch. »Finden Sie es nicht auch wunderbar«, fuhr Maja fort, »daß unsere jungen Männer immer noch bessere Menschen werden wollen, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse erweitern wollen, trotz der Unbilden des Krieges?« Frau Goldberg warf mir einen raschen Blick zu. Mit mir als Anstandsdame konnte ja nun wirklich nichts Unanständiges vor sich gehen. »Mit unseren Atomen und Molekülen werden wir sie besiegen! Wissenschaftlicher Eifer zeigt den wahren Geist des deutschen Volkes! Und wenn Sie selbst einmal Unterricht haben möchten«, sagte Maja, ganz durchdrungen vom
deutschen Geist, »nun, mein Motto ist, es ist nie zu spät, etwas Neues zu lernen.« Frau Goldberg zog sich zurück. Glücklicherweise gab es in der Pension, die zweimal so sauber war wie die von Frau Heidel in Novi Sad, zwei Betten im Zimmer, so daß ich zum Schlafen nie meine wachsende Sammlung von Lehrbüchern wegräumen mußte, um Maja Platz zu machen, und ich mußte auch nie in den Ausdünstungen von Majas Kunden schlafen, lediglich manchmal mucksmäuschenstill daliegen. Mucksmäuschenstill dazuliegen war ideal, um mathematisch zu arbeiten. Ich trug meine Gleichungen im Kopf herum und drehte und wendete sie bei jeder Gelegenheit. Warum konnten alle Geschwindigkeiten zusammen nie mehr als die Lichtgeschwindigkeit ergeben? Warum? Nur weil um mich herum Chaos war, hieß das noch lange nicht, daß ich aufhören mußte, Fragen zu stellen.
Ich kam nicht weiter. Ich brauchte mehr Stoff, an dem ich arbeiten konnte. Daher beschloß ich, daß ich jetzt genug Deutsch und auch die Grundlagen der Physik genügend beherrschte, um mich von Zeitschriften nicht abschrecken zu lassen. Bis wissenschaftliche Theorien weitestgehend als richtig galten, bis sie in Lehrbüchern veröffentlicht wurden, waren sie meistens schon Jahre alt. Die Welt drehte sich zu schnell für mich, als daß ich auf Bücher warten konnte. In den Zeitschriften bekam man das Rohmaterial, den Stoff, aus dem Experimente und Voraussetzungen waren. Die Hälfte davon mochte völlig falsch sein, aber… Ich war noch nie zuvor an einem Ort gewesen, wo ich an Zeitschriften hätte herankommen können, deshalb war hier endlich die ideale Gelegenheit, um genau herauszufinden, was darin stand.
Ich traf jedoch auf unerwarteten Widerstand. Die Bibliothek in Wien war zwar besser ausgerüstet als der serbische Leseraum, aber viel weniger aufgeklärt. Es gab technische Zeitschriften in einer besonderen Abteilung, aber die konnte ich nicht mitnehmen. Und an Ort und Stelle durfte ich nicht hineinsehen, weil ich a) eine Ausländerin und b) ein Mädchen war. Es war aber wichtig für mich, an diese Zeitschriften zu kommen. Ich wußte, daß die Theorien meines Vaters dort veröffentlicht wurden – das hatte meine Mutter mir ja gesagt. Wenn ich sie lesen könnte, konnte ich genau herausfinden, welche Schlußfolgerungen er über Schwerkraft und Licht gezogen hatte. Aber da ich nicht über einen unbescholtenen, ehrenhaften, männlichen Wiener Bürger verfügte, der hineingehen, alle Bände der Annalen der Physik durchsehen und mir handschriftlich etwas herauskopieren konnte, das vielleicht von einem Albert Einstein geschrieben worden war, war ich aufgeschmissen.
Frau Goldberg hatte einen Sohn, Josef, der dem nahezu sicheren Tod im Krieg entronnen war, weil er ein schwaches Herz hatte. So konnte er zu Hause bleiben und für seine Mutter sorgen. In jenen turbulenten Wochen, als täglich übriggebliebene Reserven an die Ostfront geschickt wurden, saßen Josef und seine Mutter auf glühenden Kohlen. Josef hatte eine blasse Haut mit Sommersprossen und verkaufte hinten aus einem Lastwagen Butter, Eier und Armeewodka. An den Wochenenden wanderten Josef Goldberg und ich kilometerweit zu den Hügeln und Seen der Umgebung. Der Herbst war bis jetzt mild gewesen, und wir sammelten Beeren für Marmelade und Nüsse für die Vögel, die Frau Goldberg gern fütterte. Sie saßen zwitschernd in den Bäumen rings um
den Hof und ließen sich mit Bucheckern anlocken. Am Fuß der Hügel lagen die Kiefernnadeln dick und grün wie Matten auf dem Boden und überdeckten fast die Pilze, die wie weiße Fäuste aus dem Dunkel ragten. Eines Sonntag abends liebten Josef Goldberg und ich uns auf den grünen Matten und den weißen Fäusten, nur für den Fall, daß er zur Ostfront eingezogen werden würde, oder für den Fall, daß er Stacheldraht und Senfgas gegenübertreten müßte. Wir zerdrückten in unserer Leidenschaft die Bucheckern, und die ganze Zeit über machte ich mir Sorgen, daß Maja, die zu Hause saß und stopfte, es herausfinden würde. Josef Goldberg dagegen war entzückt. »Wie alt bist du?« fragte er ein über das andere Mal. »Sechzehn. Ich bin sechzehn.« »Sechzehn.« Seine Arme und Beine ruhten schwer auf der Erde. Noch heute erinnert mich der Geruch von Kiefernnadeln an Josef Goldberg und diesen Sonntag abend am Fuße der Hügel über Wien. »Josef«, sagte ich später, als ich ein paar Pilze in meinen Schoß gesammelt hatte, um eine Ausrede für Majas diskrete Nachfragen zu haben, »könntest du mir etwas besorgen?« »Was?« »Zeitschriften.« »Natürlich.« Er war unbefangen. Er wußte, was ich wollte. Bilder. Modefotos. Die neue Kollektion von Worth. »Was für welche?« Seine blasse Haut leuchtete weiß im Dunkel des Waldes. »Die Annalen der Physik von Leipzig und so viele neue Ausgaben, wie du bekommen kannst, vom Jahrbuch der Radioaktivität und Elektronik.«
Josef Goldberg stützte sich auf seine Ellbogen, stemmte sich dann hoch und sah mich an. »Natürlich«, meinte er, nicht willens, sich von einem Mädchen unterkriegen zu lassen. »Das ist sehr nett von dir«, sagte ich und klopfte die Nadeln von meinem Rock. »Keine Ursache. Überhaupt keine Ursache.«
12. November 1918 Den ganzen Herbst lang brachte ich Maja Pilze mit und Frau Goldberg Bucheckern. Ich sagte Maja, daß ich die Pilze früh am Morgen sammelte, wenn ich im Wald spazierenging. Ich beschloß, Josef Goldberg nicht zu erwähnen. Wenn ich die Geschenke meines Schuldbewußtseins in Majas Küche brachte, war der Tau des Waldes noch feucht in ihren geheimen Lamellen. Maja wischte ihre glänzenden weißen Köpfe ab und schnitt sie sorgfältig in dünne Scheiben, braun und weiß zusammen in einem Streifen. Dann erhitzte sie ein paar Tropfen Öl in einer Pfanne, stäubte Mehl darüber, gab Milch hinzu und schüttete die Pilze in die Flüssigkeit. In kürzester Zeit wurde die weiße Milch weicher. Nicht mehr hart und kompromißlos. Sie veränderte sich. Es gab keinen bestimmten Punkt, an dem die Milch sich veränderte, sie hörte einfach auf, weiß zu sein, wurde bräunlich, wenn die Pilze in die Flüssigkeit glitten und darin herumtaumelten, während sie an den Seiten des Topfes dicker wurde und von Majas Holzlöffel sanft aufgewirbelt wurde, bis die Flüssigkeit fast überkochte, überlief und auf dem Ofen verzischte. Immer wieder sah ich ihr zu, wenn sie die Pilze in der Stille des Morgens zubereitete.
Wenn die Sahnepilze gekocht waren, aßen wir sie mit dünnen Toastscheiben. Toast, aber keine Butter. Zum Frühstück in unseren gemieteten Zimmern. Keine Butter, weil damals das Brot aus Steckrüben gemacht wurde. Das Fleisch, das Maja vom Markt mit nach Hause brachte, bestand halb aus Knochen, halb aus Knorpel. Auf dem offenen Markt war keine Milch zu bekommen – Milch mußte Josef uns besorgen. Man konnte Butter kaufen – für zwei Mark das Pfund. Unter dem Ladentisch bekam man für den zehnfachen Preis soviel, wie man wollte. Aber die meisten Leute konnten das nicht und starben vor Hunger. Alle vierzehn Tage bekamen wir ein Ei, und manchmal hätte ich es am liebsten nur angestarrt, um den Moment hinauszuzögern, in dem ich wußte, ich hatte etwas zu essen. Ich war so hungrig, daß mir die Zahlen im Kopf durcheinandergerieten. Ich konnte mich nicht auf Gleichungen oder Logarithmen konzentrieren, ich konnte nur an Eierklöße und gefüllte Paprikaschoten, geräucherte Würste und Gewürzkuchen denken. Ich vermochte mich nicht mehr mit Zeit, Licht und Schwerkraft zu befassen, meine Gedanken wanderten zu Forelle mit Dill und Gurkensalat und zu Erdbeerpfannkuchen unter einem Mulltuch auf einem hölzernen Küchentisch. Im dritten Stock war eine Zinkbadewanne mit eigenwilligen Armaturen und Eisenfüßen, die ich dienstagnachmittags benutzen durfte. Ich war so niedergeschlagen wegen der störrischen Gleichungen und dem Mangel an Erdbeerkuchen, daß ich beschloß, mich an diesem Dienstag abzulenken und ein Bad zu nehmen, während Maja auf dem Markt war. Seit Herbst, als die Temperaturen zu sinken begannen, hatte ich das nicht mehr getan. Da es im Badezimmer keine Heizung gab, wurde mir immer kälter. Ich wartete darauf, daß die Badewanne sich füllte, und als schließlich genug Wasser darin war, waren meine Füße
bereits blau angelaufen, und ich konnte sie nicht ins Wasser stecken, ohne daß ich das Gefühl hatte, sie würden gehäutet. Schließlich gab ich auf und ging, nur unwesentlich sauberer, zu Bett. Ich holte Hans Alberts magischen Stein hervor, hielt ihn in der Hand und ließ ihn seine Kunststückchen machen. Immer das gleiche. Ich mußte daran denken, daß selbst universelle Kräfte darauf reduziert werden konnten: auf kleine eingegrenzte Elemente. Manchmal ließen die Fremdsprachenstudenten, die Maja mit in die Pension brachte, eine Zeitung zurück. Ich holte mir eine alte Ausgabe. Mir war kalt und ich hatte Hunger, deshalb suchte ich nach Zerstreuung und Trost – und entdeckte so eher zufällig, daß der Krieg fast vorbei war. Und ich entdeckte noch etwas anderes. Im Laufe des Krieges war Desankas geliebter Brotkorb Ungarn unter die Räder geraten. Gegen Ende hatten wohl Fäulnis, Kälte und Durchfall alles zerstört, was die Serben und Kroaten noch heil gelassen hatten. Ich zerknüllte die Zeitung und nahm sie zum Feueranzünden. Ich wickelte mich fest in die Decken – in Frau Goldbergs und die Patchworkdecke, die ich mitgenommen hatte – und schlief ein mit dem Gedanken an Desanka, dem Gedanken an meine Familie in Novi Sad und dem Gedanken an Desanka und ihr Gewehr. Maja kam mit einem Eichhörnchen vom Markt zurück. In der Woche darauf war es eine Krähe. Während sie sorgfältig Federn und kleine Flügelteile entfernte, flehte ich sie an, keinen Sperlingseintopf zu machen, wie das andere Leute taten.
15. Dezember 1918 Der Trick, um warm zu bleiben, ist warm zu werden, bevor man nach draußen geht, und sich dann in Bewegung zu halten. Maja stand am Ölofen und zog sich Stiefel, Mantel, Übermantel, Schal, Hut und Handschuhe an, aber es gab leider nicht die Möglichkeit, sich während des stundenlangen Gottesdienstes, auf dessen Besuch sie immer noch bestand, zu bewegen. Der Winter war so bitter kalt, wie ich bisher noch keinen erlebt hatte, und auf dem Hof hatte ich viele harte Winter erlebt. Meiner Meinung nach war deshalb die einzige Methode, sich warm zu halten und Energie zu sparen, im Bett zu bleiben. Maja konnte ich jedoch von meinem weisen Entschluß nicht überzeugen. Sie ging hinaus in die Kälte, und ihr Schal flatterte hinter ihr her. Kürzlich war sie triumphierend mit einem Rezept angekommen, das Baumrinde enthielt. Ich fand es nicht sehr nahrhaft. Unsere Kleider hingen an uns wie Säcke. Im Bett konnte ich nachdenken. Und ich dachte gern nach. Warm eingewickelt in meiner Sonntagseinsamkeit einfach nur nachzudenken, während Maja zum Herrgott betete, war für mich die einzige Methode, mit der ich vergessen konnte, daß ich hungrig war wie ein Bär. Es gab wohl keinen Grund, Newton völlig fallenzulassen. Seine Beschreibung der alltäglichen Welt war nicht schlecht. Das gefiel mir, und es kam meinen Plänen entgegen. Ich kam auf meinem Weg nur langsam weiter, aber ich würde mich ganz bestimmt eines Tages an meinem Vater rächen können. Wir würden uns begegnen, wie Züge auf einem Gleis, wie Geschosse über einem Schlachtfeld. Tick, tick, tick. Man konnte das kosmische Uhrwerk beinahe hören. Nur bei Geschwindigkeiten, die der Lichtgeschwindigkeit selbst nahekamen, wurden die Berechnungen seltsam, und die
Zahlen führten nicht zu den erwarteten Ergebnissen. Und das kam daher, weil Raum und Zeit miteinander verbunden waren. Die Konstante c ist eine Geschwindigkeit. Und was ist eine Geschwindigkeit letztendlich? Sie ist ein Maß, das in Bezug zu Raum und Zeit steht. Das eine ist bedeutungslos ohne das andere. Eine Geschwindigkeit sagt dir, wie schnell sich etwas in Kilometern (Raum) über die Zeit (pro Stunde) bewegt. Raum ohne Zeit gibt es nicht, also sagte mir die Tatsache, daß die fundamentale Konstante Raum und Zeit miteinander verband, etwas Wichtiges über das Universum. Aber was? Ich wünschte, Josef Goldberg würde sich mit den Zeitschriften beeilen. Nach der Sonntagsmesse begann Maja zu husten. Am nächsten Tag Frau Goldberg ebenfalls. Es hörte gar nicht mehr auf. Da Maja so krank war, konnten wir die Miete nicht bezahlen. Ich sagte Frau Goldberg, daß Maja bald wieder gesund würde, aber Frau Goldberg, selbst eingedeckt mit Medikamenten und ans Bett gefesselt, interessierte das gar nicht. Josef interessierte es auch nicht. Jedenfalls sagte er das, als er uns Zitronensirup brachte, den er extra in Holland bestellt hatte. Bevor wir noch merkten, was los war, hatte sich die Krankheit wie ein Schleier über das ganze Land gelegt. Auf den Straßen wurde es ruhig. In Majas Kirche hatten die Leute so lange um das Ende des Krieges gebetet, daß es sie nun völlig überraschte, daß sie nun ihre Taktik ändern und statt dessen um die Gesundheit ihrer Nachbarn und Familien beten mußten. Sie konnten jedoch das, was vor sich ging, nicht ignorieren. Um uns herum starben die Menschen an der Influenza wie die Fliegen. Und trotzdem sagten die Leute, einschließlich Maja, die gegen ihren Husten ankämpfte, immer noch die gleichen alten Gebete mit den gleichen alten Worten auf.
In der Zeit, in der Maja erst nur Husten hatte, besuchte sie trotzdem die Kirche: die Christmette, die Messe am ersten Weihnachtstag, die Messe am Tag des heiligen Stefan, die Messe am Dreikönigstag. Am Ende des Gottesdienstes wurden die Lieder immer schneller, überstürzten sich in ihrem Eifer, fertig zu werden, als ob die Kirchgänger darauf brannten, zu praktischeren Pflichten überzugehen: etwas zu essen, sich warm zu halten, aus dem Dunst der ausgeniesten Keime zu kommen. Ich setzte ständig Wasser auf, brachte Maja und Frau Goldberg heißen Tee und bat Josef, er solle versuchen, etwas Hustensaft zu organisieren. Eines Abends in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr kam Josef Goldberg mit den ersten Ausgaben der Annalen der Physik. Sie waren schwer und unförmig, und er hatte große Schwierigkeiten, sie die Treppe hinaufzutragen. Manche waren zerrissen, und alle waren voller Staub. Für die anderen, sagte er, würde er noch ein wenig Zeit brauchen, und Gott allein wüßte, wie schwierig es schon gewesen sei, an diese Ausgaben heranzukommen. Wie schwierig, konnte ich an den langwierigen und unterschiedlichen Arten der erforderlichen Zahlungen sehen. Maja im Bett neben mir wachte noch nicht einmal auf, was mir klarmachte, daß sie kränker war, als sie zugab, und der Husten war anscheinend schlimmer geworden. Nachdem Josef Goldberg gegangen war, um seine Mutter in den Räumen unter uns mit Zitronensirup zu versorgen, saß ich die ganze Nacht über in meinem Bett und gab Maja mit Unterbrechungen alles, was sie wollte: kühle Tücher und warme Decken und Hustensaft, wann immer sie den Mund aufmachte. Und in dieser Nacht las ich zum ersten Mal die drei Aufsätze, die mein Vater in Band 17 im Jahr 1905 veröffentlicht hatte. Besonders einer, über »Die Elektrodynamik sich bewegender Körper«, war interessant,
und ich vermutete, daß es der sein mußte, von dem meine Mutter gesagt hatte, er würde sie berühmt machen. Er hatte sie bis jetzt noch nicht berühmt gemacht. Vielleicht, so hoffte ich, lag es daran, daß er ganz falsch war. Ich las ihn mit grimmiger Entschlossenheit. Der Aufsatz enthielt eine besondere Theorie, die endlich das Verhalten des Lichts mit den vertrauten Regeln Newtonscher Mechanik versöhnte. Ich überprüfte die Zahlen und sah, daß sie stimmten. An einem Punkt sah es so aus, als habe mein Vater eine co-variante Form der elektromagnetischen Gleichung verwandt, und ich hegte die Hoffnung, er habe sich vielleicht einfach auf unsicherem Grund befunden. Aber nein. Wie ich war er zu dem unausweichlichen Schluß gekommen, daß die Zeit selbst relativ sein müßte, wenn das Licht eine Konstante war. Das war gegen den gesunden Menschenverstand. Unter entsprechenden Umständen würde die Zeit nach diesen Gleichungen rückwärts gehen. Maja hatte eine gute Nacht gehabt. Ich sah, wie die Sonne aufging, und hatte das Gefühl, daß es noch Hoffnung gab. Kurz nach Morgengrauen kam Josef Goldberg über die Hintertreppe herauf, erzählte mir, bei seiner Mutter gäbe es keine Anzeichen der Besserung, und fragte mich, was ich täte. »Ich mache mir Gedanken darüber, ob Raum und Zeit in sich bewegenden und stillstehenden Systemen unterschiedlich sind.« »Ich habe Frühstück.« »Baumrinde?« »Butter. Eier.« Er flüsterte. »Sahne.« »Oh, gut«, erwiderte ich. »Das wird Maja zu Kräften bringen.« »Ich dachte eher an dich«, sagte er. »Ich auch«, erwiderte ich.
12. Februar 1919 Gerade als ich dachte, wir seien gut ins neue Jahr gekommen, daß Majas Husten nur noch ein Husten mit ein bißchen Fieber sei, und das Schlimmste, über das ich mir Gedanken machen mußte, die Umwandlungsgleichungen von Lorentz waren, und weil es auch Frau Goldberg besserging, da verschlechterte sich Majas Zustand. Ihre Stirn brannte im Fieber. Ihr goldenes Haar wurde glanzlos. Das Blau ihrer Augen war fast schwarz. Trotz der Kälte war sie die Nacht über heiß und schwitzte die Laken ihres Bettes durch, und die ganze Zeit zitterte sie. Wenn sie nicht so fromm wäre, sagte ich zu ihr, hätte sich ihr Husten nicht zu einer Influenza entwickelt. Ich unheilige und verwahrloste Kreatur hingegen bekam nicht einmal einen Schnupfen. Josef Goldberg auch nicht. Wir waren auffallend und verdächtig gesund. Da Maja krank war, kam kein Geld herein. Obwohl wir uns wegen der Miete keine Sorgen zu machen brauchten – Josef sagte seiner Mutter, die immer noch schwach war, daß wir für die nächsten zwei Monate im voraus bezahlt hätten, was ich in Betracht gezogen hatte, zu tun –, hatten wir doch auch nichts zu essen, wenn Josef nicht da war. Wir hatten nichts außer dem, was er mir zusteckte, noch nicht einmal Geld, um einen Spatz zu kaufen. Mittlerweile hungerten die meisten Leute. Josef hatte einen schwunghaften Handel mit schwarz hergestellten Grundnahrungsmitteln und einer patentierten Influenzamedizin aufgezogen. Die Pilze auf Toast vom vergangenen Herbst kamen mir vor wie ein Traum. Ich träumte davon. Ich träumte davon, wie Maja die cremige Flüssigkeit umrührte und wie ich den Rübentoast aß, und morgens wachte ich auf und war immer noch hungrig. Ich war schon dünn, die Knochen von Majas Handgelenken jedoch drohten zu zerbrechen, und ihre Haut war mit wunden Stellen bedeckt.
Wenn ich ihr ein Tuch auf die Stirn legte, hörte ich es in ihrer Brust rasseln. Josef kam zu Besuch, und sein Gesicht wurde aschfahl, als er die gräßlichen Atemgeräusche hörte. »Du lieber Gott«, sagte er, »das ist ja schrecklich.« »Ich weiß«, erwiderte ich. »Die Medizin hat nur aus Zucker und Wasser bestanden.« »Warum hast du sie mir dann gegeben?« »Bei meiner Mutter hat sie gewirkt«, sagte er. Abgesehen davon war Josef Goldberg ganz zuversichtlich. Die Alliiertenblockade war gut fürs Geschäft. Seine Preise wurden immer höher. Außer der Medizin brachte er mir auch noch weitere Bände der Annalen der Physik, ein paar Dosen Corned beef, die er in Frankreich von der britischen Armee erbeutet hatte, und Päckchen ausländischer Zigaretten. Ich nahm drei Dosen Corned beef und die Zigaretten, obwohl ich nicht genau wußte, was ich mit ihnen anfangen sollte, und bezahlte ihn, weil mich die Sorge um Maja nicht losließ, mit nur einer halben Stunde im Bett und einer Modeschmuckkette aus Majas braunem Koffer, bevor er nach München aufbrach, um hinter einer Käselieferung herzujagen. Ich öffnete eine Dose Corned beef und roch daran, und dann überredete ich Frau Heimlich aus dem zweiten Stock, mir eine Kartoffel im Tausch gegen eine der anderen Dosen zu geben. Ich verkaufte die Zigaretten für mehr Geld, als ich je für möglich gehalten hätte, und versteckte die Geldscheine unter meinem Kopfkissen. Dann kochte ich Frau Heimlichs Kartoffel, zermanschte sie mit dem Corned beef und schob das Ergebnis Löffel für Löffel in Majas Mund. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ernsthafte Kochversuche unternommen habe, und ich denke, recht erfolgreich, denn Maja erholte sich augenblicklich soweit, daß sie sich im Bett aufsetzte und alles ausspuckte.
Den Rest aß ich selbst, wobei ich in den Aufsätzen meines Vaters in den Annalen der Physik las. Am überraschendsten fand ich etwas, das gar nicht da war. Ich hatte erwartet, auch den Namen meiner Mutter unter den Aufsätzen zu finden, nicht nur den meines Vaters. Warum wurde sie nicht erwähnt, wenn sie doch für ihn die Berechnungen anstellte? Ich fand die Berechnungen ganz wundervoll. Präzis, elegant und ohne unnötige Komplikationen. Genau wie Mileva. Genau so, wie ich mich an sie erinnerte. Immer wieder tauchte das kleine c auf, das mir schon in Maxwells Gleichungen begegnet war: die Lichtgeschwindigkeit, nur dieses Mal mit unterschiedlichen Zahlenanordnungen. Präzisen, eleganten Anordnungen. Wenn man eine Geschwindigkeit mit einer Zeit multipliziert, bekommt man eine Länge. Wenn man zwei Stunden lang drei Kilometer pro Stunde zurücklegt, erreicht man eine Länge von sechs Kilometern. Wenn man die Dinge richtig angeht, kann man diese Längenmaße (Raum) mit den Zeitmaßen in derselben Gleichung verbinden. Einfach ausgedrückt, hatte mein Vater genau das getan. Stießen die Gleichungen jedoch an ihre Grenzen, dann zeigten sie, daß Zeit nicht das war, was wir von ihr denken. Wir sind so daran gewöhnt, uns in ihr nur in eine Richtung fortzubewegen, anders als im Raum, in dem wir uns mehr oder weniger frei bewegen können, daß es uns schwerfällt, uns unter Zeit etwas anderes als einen Richtungspfeil vorzustellen. Beim Betrachten dieser Gleichungen stellte ich fest, daß das nicht sein konnte. Raum und Zeit waren lediglich Aspekte eines einzigen Gesamten. Raumzeit. Nur was ich mit dieser Entdeckung anfangen sollte, wußte ich nicht. Ich seufzte. Ich konnte Maja nicht dazu bringen, etwas zu essen, und ich würde es wahrscheinlich in den nächsten Tagen
auch nicht schaffen, mich mit Lichtgeschwindigkeit fortzubewegen. Das Corned beef jedoch fand ich gar nicht so schlecht.
Drei Tage später kam Josef Goldberg wieder zurück und sagte mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der Perlen vor die Säue wirft: »Es heißt, in München gibt es richtige Medizin.« München war im besten Fall anderthalb Tage weit entfernt. Oder noch mehr, da Maja nicht gehen konnte. Ich wußte, daß es reine Zeitverschwendung war, die Reise anzutreten. Höchstwahrscheinlich gab es sowieso keine Medizin dort. Oder es gab welche, aber sie würde mehr kosten als das Zigarettengeld, und das war alles, was ich besaß. Oder es gab wirklich Medizin, und ich konnte sie mir auch leisten, aber sie würde nichts nützen. In jener Zeit vor der Erfindung der Antibiotika konnte man das nie sagen. Schlimmer noch, möglicherweise würde die Reise sie sogar umbringen. »Wenn du nicht bald etwas unternimmst«, sagte Josef und lauschte fachmännisch dem Rasseln in Majas Brust, »wird sie sterben.« Ich konnte nicht fahren. Ich konnte Maja nicht zurücklassen. Wahrscheinlich wäre es mir gelungen, eine widerwillige Frau Goldberg dazu zu bewegen, sich um sie zu kümmern, aber ich konnte es einfach nicht ertragen, sie zu verlassen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, sie allein zurückzulassen, da ich wußte, daß sie möglicherweise sterben würde, während ich nicht da war. Wie Desanka. Wenn Maja sterben sollte, wollte ich bei ihr sein. »Na los, Maja«, sagte ich und zerrte sie aus dem Bett, »das ist die Sache wert. Josef sagt, er fährt uns in seinem Lastwagen hin.« Ich blickte Josef streng an, und er nickte.
14. Februar 1919 Wir ratterten mit einer neuen Lieferung Corned beef, Zeitschriften und ausländischen Zigaretten auf die Münchner Vororte zu. Maja lag unter der Patchworkdecke, mit dem Kopf auf dem geheimnisvollen braunen Koffer, der sie immer begleitet hatte. Ich sagte zu ihr: »Mach dir keine Sorgen, Maja. In München gibt es Medizin. Und ich sage dir noch was: Warum sollte die Schwerkraft nur auf gleichförmige Bewegung einwirken? Nichts sonst im Universum ist gleichförmig. Das ist ein echter Makel, Maja. Es überrascht mich, daß das noch niemand sonst gesehen hat. Gleichförmige Bewegung, Maja, gleichförmige Bewegung. Schsch, jetzt, ganz ruhig.« Ich bettete ihren Kopf in meine Hände, damit sie nicht dem Holpern des Lastwagens ausgesetzt war. Es fror. Die Temperaturen lagen schon seit langem weit unter Null. Ich hatte nicht gewußt, wie sehr Kälte schmerzen kann. Meine Finger taten weh. Meine Zehen taten weh. Der Schmerz brannte und hörte gar nicht mehr auf. Ständig rieb ich Majas Nase und Kinn, damit sie keine Frostbeulen bekam. Es tat weh, sie zu berühren. Meine Zehen verwandelten sich in Eis. Josef ließ uns wegen der Kontrollstellen am Stadtrand aussteigen, daher war es nach der letzten schmerzlichen Meile mit Maja noch früh am Morgen, als wir die Wahrheit erfuhren. Die Medizin in München war Chloroform, und man gab es den Sterbenden, um ihnen das Sterben zu erleichtern.
28. März 1919 Die Kinder hatten mich durch ihr Schreien aufgeweckt. Winzige Gesichter, große, leere Augen, kleine Ärmchen, die nur noch Haut und Knochen waren, rachitische Stirnen, verkrümmte Beinchen. Sie weinten so lange, bis sie zu schwach wurden. Ich wandte mich Maja zu. Sie würde wahrscheinlich noch einen Tag am Leben bleiben. Es war nicht nur die Influenza, auch etwas anderes stimmte nicht, und zuerst fand ich nicht heraus, was es war. Es war nicht nur der Auswurf, den sie aushustete, das harte Rasseln in ihrer Brust während der Nacht, das Fieber, das sie verbrannte, und das, was sie im Halbschlaf murmelte. Das ging schon seit Tagen so, und daran war ich gewöhnt. Vielmehr war es, als sei sie von Apathie infiziert oder als flösse eine schwere Flüssigkeit durch das, was von ihren dünnen Venen übriggeblieben war, und zöge sie hinunter. Sie wollte immer noch kein Corned beef. Sie wollte auch nicht die Würstchen, die Josef Goldberg für viel Geld aus einem Depot der Alliierten in Brüssel beschafft hatte. Es war ihr egal, ob sie lebte oder starb. Ich hatte versucht, sie aufzuheitern, indem ich ihr erzählte, mit welchen Problemen ich wegen der Schwerkraft kämpfte, um eine allgemeinere Theorie von Raum und Zeit zu formulieren, eine, die weiter reichte als die spezialisierte Theorie in dem Aufsatz meines Vaters. Das Prinzip der Äquivalenz, das ich in früheren Ausgaben vom Jahrbuch der Radioaktivität und Elektronik entdeckt hatte, war mir dabei eine große Hilfe gewesen. Ich hatte Josef Goldberg unentwegt um immer noch mehr Zeitschriften gebeten, da die Ideen, die darin formuliert waren, meine
eigenen nährten, und mein Gehirn jedesmal, wenn ich die Seiten aufschlug, in neue Richtungen gelenkt wurde. »Kürzlich war noch Krieg, Lieserl«, beschied er mich kurz und bündig, »und wissenschaftliche Aufsätze sind knapp. Die Leute haben damit Feuer gemacht.« »Bitte«, flehte ich ihn an, »besorg mir, was du kannst.« »Du weißt doch, daß ich das tue«, antwortete er. Um zu beschreiben, was im Universum vor sich ging, brauchte ich die richtigen Feldgleichungen. Aber ich war fast am Ziel. Ich versuchte, Maja etwas von meiner Erregung zu vermitteln. »Es spielt keine Rolle, ob du beschleunigst oder in einem Schwerkraftfeld beschleunigt wirst. Die Dinge funktionieren auf die gleiche Weise. Sagen wir mal, du bist in einem Aufzug, und das Kabel reißt. Dann würdest du fallen, oder?« Maja murmelte etwas Unbestimmtes, zu müde, um mir zu widersprechen. »Wenn ich nun in diesem Aufzug wäre, und du in diesem Aufzug wärst, und ich würde einen Lichtstrahl zu dir hinüberschicken, während wir fallen, würde es für dich und für mich so aussehen, als ob das Licht sich in einer geraden Linie quer durch den Aufzug bewegt. Oder?« Maja stöhnte. »Aber nehmen wir einmal Josef. Sagen wir einmal, Josef wäre außerhalb des Aufzugs, irgendwo auf dem Boden und sähe uns fallen. Er würde das Licht als Bogen sehen. In der Zeit, die das Licht braucht, um von einer Seite des Aufzugs auf die andere zu kommen, hätte sich der Aufzug nach unten bewegt, und das Licht hätte sich mit ihm nach unten bewegt. Mit anderen Worten, Maja, ein Lichtstrahl wird von der Wirkung der Schwerkraft gebeugt.« Ich hielt einen Moment lang inne und dachte über die Lichtstrahlen nach. »Maja, warum ißt du kein Würstchen?«
»Ich möchte nicht.« 1919 erkannte ich ihr Verhalten nicht als das, was es war. Ich sah so etwas zum ersten Mal. Mit den Jahren würde diese Trägheit uns allen vertraut werden. Lethargie. Verzweiflung. Die Krankheit des zwanzigsten Jahrhunderts. Nachdem sie mir vertraut war, würde ich sie verachten. Zum ersten Mal jedoch, bei Maja, war sie eine unbekannte Größe. Ich fragte mich, welches Ereignis aus ihrer Vergangenheit jetzt wohl so auf ihr lasten mochte. Ich wußte nicht, wo sie herkam, nichts von ihrer Familie, ihren Eltern, ihrer Heimat, nichts von dem jungen Mann, wegen dem sie kurz geweint hatte, als er an der Ostfront den Tod gefunden hatte, nicht, warum sie mich gerettet hatte. Wir wohnten in einem Lager, das von Leuten mit einem Auftrag von Gott geführt wurde. Einmal am Tag gab es spärliche Mengen einer grauen Masse, die sie als Rübensuppe bezeichneten, grünliche Rollen und zweifelhafte Muschelpuddings. Sie legten Maja auf einen Strohsack auf dem Boden der Turnhalle, die sie übernommen hatten, und ich dachte: Das war es also. Wo immer sie auch hergekommen sein mag, hier wird sie sterben. Die Leute von Gott hatten uns mitgeteilt, der Waffenstillstand hielte und wir sollten uns alle freuen. Ich dachte: Der Krieg mag ja vorüber sein, aber Maja hat sich sowieso nie um den Krieg gekümmert, um die zeitweiligen roten Linien zwischen den Staaten, also wird das auch nichts nützen. Sie atmete kaum noch. Niemand in dieser Turnhalle überstand fünf Minuten, ohne sich zu kratzen. Bei Tag, wenn die Sonne hell schien, sahen wir gegenseitig auf unseren Köpfen nach, teilten die Haare bis auf die Kopfhaut und untersuchten Strähne für Strähne nach verräterischen Anzeichen – klebrige Nissen, die fest an den Haarwurzeln hafteten, winzige krabbelnde Tierchen. Wir durchkämmten einander sorgfältig die Haare, zerdrückten die
winzigen weißen Nissen und die schwarzen Punkte, die über die Haut liefen, zwischen den Fingerspitzen und zogen sie von jeder Strähne ab. Unter unseren Haaren blutete die Haut von den Bissen. In der Patchworkdecke, die ich aus Novi Sad mitgebracht hatte, lebte eine Flohfamilie. Und ganz gleich, wie oft ich die Decke gegen die Sonne ausschüttelte, die Insekten blieben mit ihrem angeborenen Flohkleber dort haften und quälten Maja immer weiter. Wie sehr auch ihre Vergangenheit auf ihr lasten mochte, in dieser Turnhalle war jeder Tag ein Kampf. Jeden Morgen mußte sie sich entscheiden, ob sie weiterleben wollte. Jeden Morgen schleppten die Leute von Gott einen Kessel mit einer dünnen schwarzen Flüssigkeit herbei, die sie als Kaffee bezeichneten, und jeden Morgen reihte ich mich mit zwei Metallbechern in die Schlange ein, einen für mich und einen für Maja. Und jeden Morgen, wenn sie beschlossen hatte, weiterzuleben, hob sie den Kopf, so daß sie ein wenig von der bitteren, körnigen Flüssigkeit trinken konnte, und ich war froh. Aber die ständige Wiederholung dieser Entscheidung laugte sie aus. Wenn ich nicht etwas unternahm, würde sie sie völlig überwältigen, und eines Morgens würde sie nein sagen, das Leben verweigern, uns alle verweigern. Ich hatte gesehen, wie das anderen passiert war, den Obdachlosen, den Enteigneten, den Flüchtlingen, denjenigen, die alle Verwandten verloren hatten, denjenigen, die nichts mehr auf der Welt hielt. Ich redete unablässig mit ihr, den ganzen Tag über, während mein Magen vor Hunger knurrte, meine Gliedmaßen kalt waren vom Mangel an Essen. Ich redete über Schwerkraft, über Zeit, über die beste Art, Gulasch zuzubereiten, darüber wie man das Fleisch vorher zurechtmachte, es einlegte, kleinschnitt und würzte. Ich redete von dem Gemüse, das dazugehörte, über den Wein, der am besten dazu paßte, von
der Nachspeise, die dem Ganzen folgte. Ich redete, bis der kurze Tag vorüber und es wieder Zeit für die Rübensuppe war. »Maja«, sagte ich, hielt ihre dünne Hand in meiner und legte ihr einen kühlen Lappen auf die Stirn, »was soll ich machen, wenn du gehst?« »Du wirst schon ohne mich zurechtkommen«, antwortete sie, und das Sprechen mit dem trockenen Mund bereitete ihr Schmerzen. Da war ich mir überhaupt nicht sicher. Wenn sie starb, konnte ich zwar meine Reise an der Donau entlang, den langsamen und sicheren Weg auf meinen Vater zu, fortsetzen. Ich konnte zwar Rache nehmen, mein rechtmäßiges Erbe beanspruchen – diesen Grund zum Leben hatte mir bisher niemand genommen, auch wenn ich mir noch nicht ganz sicher über alle Einzelheiten war –, aber darum ging es gar nicht. Fast jeder auf der Welt, den ich gekannt hatte, war verschwunden. Und wenn nun auch Maja wegging, dann wäre die ganze Welt einfach zu… kalt. Hart. Einsam. Und es war Maja gewesen, Maja, die mich gerettet hatte. Ich würde Maja nicht einfach kampflos aufgeben. Ich mußte mir etwas einfallen lassen, damit sie einen Grund zum Leben hatte, doch bis jetzt war mir das noch nicht gelungen. Ich ließ ihre Hand los, damit sie einschlafen konnte. Ich war sicher, sie würde nie wieder aufwachen. Da ich nichts anderes tun konnte, blieb ich lange auf und ließ meine Gedanken vollständig an den einzigen Ort wandern, an dem ich keine Schmerzen empfand: die Welt, in der die Zahlen in glänzenden Reihen leuchteten, in der ich mich verlieren konnte, indem ich ihnen bis ans Ende folgte. Ich kämpfte mit den Maxwellschen Feldgleichungen, dachte viel über Lichtstrahlen nach und kam mit einer allgemeineren Theorie der Relativität gut voran.
Objekte – alles, Planeten, Äpfel, Menschen – verzerren die Raumzeit um sich herum, so daß andere Objekte, die sich durch diese Raumzeit bewegen, abgelenkt werden, angezogen von den Kräften der Schwerkraft. Newtons Gesetze gelten immer noch – die Kraft ist umgekehrt proportional zu dem Quadrat der Entfernung. Es war eine ganz einfache Idee, aber die Gleichungen zur Beschreibung der Rahmenbedingungen waren ziemlich kompliziert, wenn ich so sagen darf. Ich brauchte fast die ganze Nacht, um alles aufzuschreiben. Für Papier und Stifte hatte Josef gesorgt. Im großen und ganzen war ich jedoch erfreut, da es so aussah, als habe ich nun alles erklärt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich damit Maja beeindrucken konnte, aber es war das Beste, was ich in so kurzer Zeit erreichen konnte. Es war sicherlich die beste Theorie, die ich bis jetzt darüber kannte, wie Schwerkraft wirklich funktionierte. Als ich fertig war, schrieb ich »Eine allgemeine Theorie für das Universum« oben auf die Seite, unterstrich die Zeile zweimal, ging ins Bett und träumte von Käse und Schokolade.
29. März 1919 Am nächsten Morgen, einem eisigen Samstag morgen, immer noch durchdringend kalt, obwohl das Jahr schon so weit fortgeschritten war, wachte ich auf und merkte, daß meine Füße empfindungslos waren. Maja lag still da, aber sie atmete noch. Ich stand auf und humpelte zum Spielplatz, in der Hoffnung, daß das Gefühl durch die Bewegung wiederkäme. Das Vogelbad auf dem Spielplatz war zu einem perfekten Oval gefroren. Nichts beeinträchtigte die Ränder der Ellipse, noch nicht einmal die flüchtigen Vogelspuren. Es war vollkommen,
perfekt. Eine vollständige Eisfläche. Ich blieb für einen Augenblick stehen und sah mir die Ränder an, die in einem unvertrauten Universum ihre Vollkommenheit beibehielten. Obwohl das, was ich in der Nacht aufgeschrieben hatte, ganz einfach war, wirklich, nichts weiter als eine Beschreibung der Schwerkraft, hing es von der Idee einer gebogenen Raumzeit ab. Wenn meine Berechnungen richtig waren, wenn man ihnen durch ihre logischen Konklusionen folgte, dann gab es die Welt nicht mehr, wie wir sie kannten. In meiner neuen Welt waren gerade Linien keineswegs gerade, und Zeit war unendlich fließend. Ich fühlte, daß das einen Sinn ergab, als Grund für eine Entscheidung jedoch, weiterleben zu wollen, war es ein bißchen dünn. Das einzige, was mir fehlte, war ein Beweis. Gleichungen waren gut auf dem Papier, aber wie würde ich jemals beweisen können, daß sie richtig waren? Mein einziger Trost war, daß wenn mein Vater sich ebenfalls an diesen Linien entlanggetastet hatte – und nach dem, was ich wußte, hatte er sogar den gleichen Punkt wie ich in seinen Berechnungen erreicht –, er es auch nicht würde beweisen können. Die Leute würden es einfach nur vertrauensvoll hinnehmen müssen. Raumzeit war gebogen, und so war es eben. Ich betrachtete das Vogelbad eine Zeitlang, diese perfekte Ellipse, und merkte nach und nach, daß ich nur einige meiner Zehen spüren konnte. Da plötzlich verdunkelte sich die Helligkeit des Tages. Oben am Himmel wurde die Sonne ausgelöscht. »Oh, nein«, sagte ich und lief hinein, um es Maja mitzuteilen. Ich rüttelte sie wach. »Nein, ich möchte diesen verfluchten Muschelpudding nicht mehr«, jammerte sie. »Und auch kein Kohlwasser. Geh weg.«
»Wach auf, Maja. Hör zu. Was hältst du von einer Sonnenfinsternis?« »Ach!« sagte sie, sank auf ihre Decken zurück und bemerkte, wie dunkel es in der Turnhalle war. »Jetzt?« »Nein«, erwiderte ich hastig, besorgt, sie könne die Dunkelheit als passendes stellares Omen dafür deuten, daß es für sie an der Zeit war, zu sterben. Ich richtete sie wieder auf. »Das ist nur eine Wolke.« »Du hast mich wegen einer Wolke geweckt?« Es begann zu regnen, die Tropfen prasselten auf das Dach der Turnhalle. Ich erklärte ihr kurz, um Zeit zu sparen, meine allgemeine Theorie für das Universum. »Ich glaube, das mußt du mir noch einmal erklären«, sagte sie. Dieses Problem würde ich immer haben. Was für mich in meinem Kopf klar und einleuchtend war, konnte nicht in einfache Worte gefaßt werden. Je mehr ich versuchte, die Dinge zu erklären, um so komplizierter machte ich sie. Trotzdem versuchte ich es noch einmal, ermutigt von der Tatsache, daß sie offenbar daran interessiert war. »Verstehst du nicht, Maja? Eine Sonnenfinsternis wäre für mich der Alles-oder-nichts-Moment.« »Warum denn, um Himmels willen?« »Wenn Licht durch eine gebogene Raumzeit verläuft«, sagte ich, »wird es gekrümmt. Was passiert nun, wenn ein Lichtstrahl von einem sehr weit entfernten Stern auf seinem Weg zu uns nahe an der Sonne vorbeiläuft?« Sie antwortete nicht. Unbeirrt fuhr ich fort: »Er wird gebogen, wenn er sich durch die Raumzeit bewegt, die von der riesigen Gravitationsmasse der Sonne verzerrt ist. Und wie kannst du nun bestimmen, ob Licht von einem entfernten Stern von der Sonne gekrümmt wird?«
»Ich gebe auf«, sagte Maja. »Es ist schwierig«, gab ich zu, »weil die Sonne prinzipiell im Weg ist. Also, was dann? Du blickst auf die Sterne hinter der Sonne, wenn das Sonnenlicht weg ist. Ganz einfach. Wenn das Sternenlicht gebogen worden ist, gibt es eine Verschiebung in ihrer augenscheinlichen Position.« »Dann mach weiter«, sagte Maja. »Lauf rasch auf den Spielplatz und sieh nach.« »Regenwolken sind nicht genug. Man braucht eine Sonnenfinsternis. Etwas wirklich Solides, das im Weg ist, wie den Mond. Vielleicht sollte ich Josef Goldberg um ein Teleskop bitten.« »Wie lange hast du Zeit?« Maja wurde munter. Da sie praktisch veranlagt war, liebte sie es, praktische Probleme zu lösen. »Wann ist die nächste Sonnenfinsternis?« »Ich weiß nicht«, sagte ich, »aber ich kann es herausfinden.«
Wenn ich die Relativitätstheorie in irgendeinem anderen Jahrhundert der Geschichte entwickelt hätte, hätte ich sicher ein paar hundert, wenn nicht sogar tausend Jahre warten müssen, bis die richtige Art Sonnenfinsternis gekommen wäre, um mir den Beweis für die Richtigkeit meiner Annahmen zu liefern. Nachdem ich jedoch die verschiedenen astronomischen Almanache konsultiert hatte, die ich bei Josef Goldberg bestellt hatte, entdeckte ich, daß die nächste Sonnenfinsternis im Mai war. Mai. Noch Wochen entfernt. Ich hatte das Gefühl, das Universum wolle mir zeigen, daß es auf meiner Seite stand. Ich denke gern, daß die Nachricht der bevorstehenden Sonnenfinsternis Maja einen guten Grund gab, weiterleben zu wollen, zumindest noch ein paar Monate, weil sie neugierig
auf das mögliche Ergebnis war. Meiner täglichen Routine jedenfalls gab es eindeutig Auftrieb. Maja dagegen behauptet, daß sie erst wirklich begann, sich besser zu fühlen, als ich ihr erzählte, daß ich das nahrhafte Corned beef gegen ihren Modeschmuck eingetauscht hatte. Ich muß zugeben, daß sie in diesem Moment richtig wach wurde und mir erklärte, wie dumm ich sei, da jeder Idiot hätte sehen können, daß die Perlen echt waren. Ich entgegnete, daß ich ihr nicht glaubte, und selbst wenn sie die Wahrheit sagte, solle sie sich nur dasitzen und streiten sehen. Selbst wenn diese Perlen echt gewesen waren, dann war der Preis nicht zu hoch. Ich umarmte sie immer wieder, meine Maja, die ins Leben zurückgekehrt war. Ich fragte mich, ob Josef Goldberg wohl gewußt hatte, daß die Perlen echt waren, und kam zu dem Schluß, daß er es wahrscheinlich gewußt hatte, da er mir nicht nur so bereitwillig die Almanache besorgt, sondern auch versprochen hatte, sich nach einem geeigneten Geschenk für Maja umzusehen. Ich wünschte dem Sohn unserer Vermieterin Glück mit seinem unverhofften Reichtum. Wenn er auf eine seiner endlosen ökonomischen Reisen ging, vermißte ich ihn.
20. April 1919 Jedesmal, wenn ich über die Situation nachdachte, in der wir uns befanden, kratzte ich mich am Kopf. Mir war entweder klamm, und in diesem Fall kratzte ich mich, weil es juckte, oder mir war heiß, und ich kratzte mich, weil ich schwitzte. Eines der Kinder hatte am Jahresanfang aufgekreischt, als es einen Floh in seiner Decke gefunden hatte. Mittlerweile gab es ganze Nester davon, und die Kinder waren daran gewöhnt, sie
zwischen Daumen und Zeigefinger zu zerquetschen, und zwar so langsam, daß die Innereien mit einem Plopp zerplatzten. Das heißt, die Kinder, die nicht an der Influenza oder an Hunger gestorben waren. Und da die meisten von ihnen ohne Mütter im Lager waren, wußten wir nie genau, wie viele es eigentlich waren. Die meisten kannten noch nicht einmal ihren Namen. Es war Zeit, weiterzuziehen. Maja war wieder kräftig genug, es ging ihr gut, sie hatte genug Rübensuppe gegessen, und ich sagte es ihr. Sie erwiderte: »Wohin sollen wir denn gehen?« Ich war mir nicht sicher. Ich war noch nicht einmal ganz sicher, wo wir eigentlich waren. »Möchtest du immer noch dem Fluß folgen?« Ich wackelte mit dem Fuß. Das war eine Angewohnheit geworden, um zu überprüfen, ob meine Füße überhaupt noch da waren, nachdem ich vier Zehen an meinem rechten Fuß verloren hatte. Sie waren erst erfroren, und dann hatte ich Brand bekommen. Die Ärzte im Lager hatten sie ohne großes Aufhebens abgeschnitten, und ich hatte zugesehen, wie sie weiß zu Boden fielen. Die Krankenschwester hatte sie in einen Eimer gekehrt. Ich vermißte sie immer noch. Maja machte eine weit ausholende Geste, mit der sie auch immer den völligen Mangel an Kunst, Kultur und Musik in Novi Sad untermalt hatte. »Es liegt ganz an dir.« Josef Goldberg hatte mir gesagt, daß es zur Zeit überall ungefähr das gleiche war. Nicht genug zu essen. Nicht genug Geld. Zuviel Krankheit und Leid. »Laß uns nach Berlin gehen«, sagte ich. »Warum?« »Mein Vater ist dort. Er war während des ganzen Krieges da, ich kann mir nicht vorstellen, daß er schon weggezogen ist.«
Maja zögerte noch. Ich entnahm ihrem Verhalten, daß sie schon einmal in Berlin gewesen war und nicht besonders gern dorthin zurückwollte. »Da sind auch viele Kommunisten«, sagte sie. Entweder deshalb, oder es lag einfach in Majas Natur, daß sie nicht gern irgendwohin zurückreiste. Erst mit Josef Goldbergs Geschenk konnte ich sie umstimmen. »Ich habe etwas für dich, Maja«, sagte ich. Sie war mißtrauisch. Sie dachte wahrscheinlich, ich brächte ihr irgend etwas Fremdländisches zum Kochen, wie Aal oder Flunder, damit sie wieder zu Kräften kam. Ich reichte ihr eine in Papier eingewickelte Schachtel. Sie wog sie in der Hand. Es fehlte nicht viel, und sie hätte sie an die Nase gehoben, um daran zu riechen, bevor sie es riskierte, einen Blick hineinzuwerfen. »Öffne sie, Maja. Es ist ein Geschenk.« Sie wickelte sie aus, griff hinein und hielt den kleinen goldenen Tiegel auf der Handfläche. Ich brauchte ihr nicht zu sagen, was es war. »Woher hast du das?« »Josef Goldberg. Unter den Trümmern.« Sie konnte die Augen nicht davon abwenden. »Da ist ein Spiegel.« »Wo?« »Innen.« Maja öffnete den winzigen Tiegel, blickte in den kleinen Spiegel im Deckel und legte ein wenig Rouge auf ihre Lippen. Sie atmete tief ein. Dann verteilte sie etwas auf ihren Wangen und sah mich an. »Mehr«, sagte ich. Sie trug mehr auf. Und noch mehr. Ihr Mund war rot wie Rosen. »Perfekt«, sagte ich.
Ich hatte auch Wimperntusche, aber damit wollte ich bis zum nächsten Tag warten, wenn wir am Straßenrand saßen, Maja fest eingeschnürt in ihr Korsett auf dem braunen Koffer und ich lässiger auf Ferdis grauer Reisetasche. Als sie dann ihre Wimpern damit färbte, konnte ich mir plötzlich vorstellen, was Maja sein würde, was Maja werden würde. Obwohl sie dünn und müde war, war meine Maja wunderschön. Und auch Maja sah dies im Spiegel meiner Augen. Sogar Josef Goldberg sah es, als er uns mit seinem Lastwagen abholte. Die Farben auf ihrer Haut verwandelten sie in jemand anderen. Josef hatte eine Lieferung Schnaps dabei, und wir gossen ein wenig in einen kleinen Zinnbecher und teilten ihn uns. »Überlebende«, sagte Maja und klimperte mit den Wimpern. »Überlebende«, sagte ich und trank, so schnell ich konnte, um warm zu werden und nicht auch mit den Wimpern zu klimpern. Josef Goldberg lachte.
29. Mai 1919 Es regnete. Wir waren vermutlich irgendwo in Nordösterreich oder Süddeutschland, nach der Höhe der Berge und der kühlen Luft zu urteilen. Über das Datum jedoch war ich mir ziemlich sicher. Maja kauerte an einem Hang unter der Patchworkdecke, mit der sie ihren Kopf und ihre Schultern warm hielt. »Glaubst du, alle beobachten die Sonne?« Ich dachte nach. »Wahrscheinlich sind im Moment Hunderte von Leuten draußen, bewaffnet mit Meßinstrumenten.« Ich starrte zu den Berghängen und erwartete fast, jeden Moment ganze Heerscharen von Astronomen zu sehen.
»Nur nicht verzweifeln«, sagte Maja. »Es ist lediglich eine Theorie, und Theorien können falsch sein. Vielleicht entwickelst du ja, wenn sie falsch ist, eine bessere.« »Oh, meine Theorie ist richtig«, erwiderte ich. Ich hatte keinen Zweifel daran, daß die Natur mir recht geben würde. »Aber wenn sie wirklich nach der Sternenverschiebung suchen, dann kann das nur eins bedeuten.« »Was?« Die Wolken lichteten sich, aber der Himmel wurde nicht heller. Mitten am Nachmittag herrschte die alles entscheidende Dunkelheit. Die Sonnenfinsternis hatte begonnen. »Er hat ihnen gesagt, sie sollen sich das ansehen. Nicht ich. Ich habe es niemandem gesagt. Wenn sie sich das ansehen, bedeutet das, er hat mich geschlagen. Das bedeutet, er bekommt den ganzen Ruhm.« Langsam und unmerklich schob sich der Mond vor die Sonne. Der letzte Streifen Helligkeit leuchtete noch für einen Moment und war dann verschwunden. Der Tag wurde grau, und Maja kuschelte sich tiefer in ihre Decke. Gemeinsam starrten wir düster auf den dunklen Himmel.
9. Oktober 1919 Als der Herbst fortschritt und es nirgendwo irgendwelche Meldungen über die Sonnenfinsternis gab, nahm ich an, daß ich davongekommen war. Wenn niemand darüber berichtete, bedeutete das, daß niemand sie sich auf die spezielle Art und Weise angesehen hatte, die notwendig war, um meine Theorie zu beweisen. Und wenn niemand sie sich auf diese spezielle Art und Weise angesehen hatte – um zu sehen, ob das Licht der Sterne gekrümmt war oder nicht –, bedeutete das weiter, daß niemand etwas darüber veröffentlicht hatte. Oder genauer,
mein Vater hatte bisher noch keinen Aufsatz über diese Theorie veröffentlicht. Also hatte ich noch Zeit. Ich konnte ihn noch schlagen. Mein rechtmäßiger Anteil am Erbe war noch nicht verloren. Ich schrieb meine allgemeine Theorie für das Universum sorgfältig ab und überprüfte dabei noch einmal die Berechnungen. Zwischendurch half ich Maja dabei, vom Markt die Kartoffelsäcke nach Hause zu schleppen, die wir brauchten, um den Winter zu überstehen. Wir waren endlich in Berlin, in einer preußischen Wohnung in der Nähe der Mohrenstraße. Zum ersten Mal war ich in derselben Stadt wie mein Vater. Die Straßen waren gerade, lang, grau und gleichförmig, voll mit ordentlichen Gebäuden. Ich wachte morgens gemütlich in meinem Bett auf, schwelgte in der ungewohnten Weichheit von Matratze und Decken und atmete tief die Luft ein, als wäre sie irgendwie anders und enthielte mehr Atome und Moleküle von Sauerstoff und Kohlendioxid, die auch mein Vater kürzlich eingeatmet hatte. Ich konnte seine Anwesenheit in den Herbstwinden beinahe riechen, ein chemischer Geruch von staubigen Papieren und gespitzten Bleistiften. Ich kam ihm näher. Und während ich atmete, schmiedete ich Pläne, wie ich mich in die KaiserWilhelm-Gesellschaft und die Universität, wo mein Vater sein Studierzimmer hatte, einschleichen würde. Als wir uns schließlich in unseren zwei Zimmern eingerichtet hatten und Maja Vorhänge genäht und Wolfgang auf den Schreibtisch gestellt hatte, sagte ich ihr, daß es für mich jetzt an der Zeit sei, ernsthafte Studien zu betreiben. »Wenn ich nicht bei einer akademischen Institution bin, wird das niemand je veröffentlichen. Niemals.« Ich schwenkte meine Papiere vor ihrer Nase hin und her. Die Gleichungen waren wirklich zauberhaft.
Maja sah sehr modern aus. Ihr Kleid hatte ein enges, tiefgezogenes Oberteil und einen weiten Rock, der schockierenderweise kurz über ihren Fesseln endete. Sie trug dieses modische Kleid sogar beim Einmachen, was sie tat, falls es auf dem Markt einmal kein frisches Gemüse mehr geben würde. Sie setzte in einem Topf Wasser auf, nahm ihr Messer und begann Karotten zu schälen. Dann sagte sie: »Was willst du studieren?« »Deskriptive und analytische Geometrie, Astrophysik, Astronomie, gnomische Projektion und Matrix. Und die Theorie des definiten Integrals.« »Ich finde, du solltest zur Sekretärinnenschule gehen«, sagte Maja und wandte sich einer weißen Rübe zu. »Was?« »Schreibmaschine schreiben lernen.« »Aber…« »Und auch Buchhaltung.« »Ja, Maja, ich weiß, daß einem solche Dinge auf der Sekretärinnenschule beigebracht werden, aber ich möchte zur Universität. Du kannst ja hingehen, wenn du willst…« »Ich kann Schreibmaschine schreiben«, erwiderte Maja, »du aber nicht.« »Ich weiß, daß ich nicht Schreibmaschine schreiben kann«, sagte ich, »aber…« »Dann mußt du es lernen«, erwiderte Maja. »Man braucht nicht maschineschreiben zu können, um Physiker zu werden«, sagte ich. »Kannst du dir deinen Lebensunterhalt verdienen?« erwiderte Maja. »Du bist siebzehn. Die meisten Mädchen in deinem Alter arbeiten. Es wäre Desanka gegenüber nicht richtig, wenn ich dir nicht beibringen würde, wie du im Leben deinen eigenen Weg gehen kannst.«
»Aber wo sollte ich denn jemals als Physikerin arbeiten, wenn ich keine Qualifikationen habe?« »Dann geh zur Sekretärinnenschule und hol dir welche.« »Ich glaube nicht, daß die physikalische Abteilung von Steno und Schreibmaschineschreiben besonders beeindruckt ist«, sagte ich. »Die einzige Alternative ist, in einem Geschäft zu arbeiten«, meinte Maja, »und in einem Geschäft bist du den ganzen Tag auf den Beinen. Wenn du Schreibmaschine schreibst…« »Ich finde dich nicht sehr fair«, sagte ich. »Ich bezahle die Gebühren für einen guten Grundkurs von meinen laufenden Einnahmen«, sagte Maja. »Wir werden ein paar Wochen sparsamer leben müssen, aber es wird schon gehen. Du kannst mir das Geld später von deinem ersten Gehalt zurückzahlen.« Das Wasser kochte. Sie goß es über die Karotten und die weißen Rüben und sah befriedigt zu, wie der Dampf aufstieg. Die beiden Hauptsorgen in Majas Leben – ihre äußere Erscheinung und der Haushalt – nahmen sie gefangen. »Das ist eine Vergeudung meiner wahren Talente«, sagte ich. »Wenn du dich jetzt einschreibst, kannst du im Juli schon Geld verdienen, und wir könnten uns Besseres zu essen leisten als gekochte Bohnen.« Indem sie so gleichzeitig der Kritik am Essen, das für den Abend vorgesehen war, vorbeugte, schloß Maja das Einmachen ab, stellte die beiden Gläser zu den anderen in die Speisekammer und machte sich daran, ihre Nägel zu feilen. Sie waren immer noch brüchig, woran man sehen konnte, wie die Influenza und die unerbittliche Kälte ihren Tribut gefordert hatten, aber sie wurden schon wieder stärker. »Du wirst Ausweispapiere brauchen«, sagte sie nachdenklich. Das stimmte. Die Papiere, die ich mal besessen hatte, waren längst verschwunden. Wahrscheinlich lagen sie noch in der
Turnhalle oder in irgendeinem Schreibtisch in irgendeinem der gemieteten Zimmer. »Du wirst dir einen neuen Namen ausdenken müssen. Einen guten deutschen Namen.« »Helga«, sagte ich mürrisch. »Helga Hansbach.« Wenn ich nicht so ärgerlich gewesen wäre, hätte ich mir vielleicht einen melodischeren Namen ausgesucht, vielleicht sogar einen, der etwas mehr nach Prinzessin klang. Ich löffelte grauen Zucker in eine Tasse und machte mir Tee. Er war weder erfrischend noch belebend, noch nicht einmal nahrhaft. Was die Nahrung anging, so konnte ich mich lediglich auf gekochte Bohnen freuen. Das ganze Leben, eine Zukunft voller gekochter Bohnen und Helga Hansbach kamen mir auf einmal nicht mehr so besonders aufregend vor. Ich beschloß, sie zu umschmeicheln. »Maja, wenn ich mich an der Sekretärinnenschule einschreibe, versprichst du mir dann etwas?« Ich stellte ihr eine Tasse mit grauem Tee hin. »Natürlich, Kleines.« »Wenn meine Relativitätstheorie richtig ist und ich meine Arbeit darüber zur Universität schicke, und sie nehmen mich auf…« Maja lachte. »Ja, ich weiß, es ist nicht sehr wahrscheinlich. Vor allem, wenn meine einzige Qualifikation in soundsoviel Wörtern pro Minute besteht. Nicht gerade eine Geschwindigkeit, die sie beeindruckt. Aber wenn ich eine Prüfung ablegen könnte, ihnen zeigen könnte, was ich kann…« »Dann…?« »Würdest du mich dann Physik studieren lassen?« Maja dachte nach. »Ja«, sagte sie. »Unter diesen beiden Bedingungen. Daß du recht hast und daß sie dich nehmen.« Ich verbrachte den ganzen Abend damit, meine Formeln zu verbessern.
Als es bereits sehr spät war, ging Maja aus. In Berlin gab es Hunderte von Orten, an denen man bis zum Morgengrauen tanzen konnte, und Maja tanzte für ihr Leben gern. Ich hatte schon lange aufgehört, mich zu fragen, wie jemand, dessen größte Befriedigung im Leben im Einmachen von Gemüsen und im Abstauben zu bestehen schien, so verrückt nach Vergnügen sein konnte. Hedonismus und Hausarbeit waren wohl nicht grundsätzlich unvereinbar, die Leute trennten sie nur für gewöhnlich. Bei Maja jedoch führten sie eine friedliche Koexistenz. Ich ging ohne sie zu Bett, und obwohl ich versuchte, wach zu bleiben, bis ich ihren Schlüssel im Schloß hörte, bekam ich es nicht mehr mit. Sie weckte mich selbst auf, als sie bei Tagesanbruch nach Hause kam. Sie zog mich an sich, drückte ihre Wange an meine, überschwemmte mich mit dem Duft von Kosmetika, Whiskey und Dämmerlicht in Tanzbars und sagte: »Eins sollst du wissen, Helga. Ich werde dich immer gehen lassen.«
7. November 1919 »Wo bist du gewesen?« Normalerweise hielt sich Maja nicht so lange auf dem Markt auf, und ich hatte begonnen, mir Sorgen zu machen. Es hatte Streiks gegeben und einmal sogar einen Aufstand. Sie hätte ja auch einen Unfall haben können, und außerdem ging definitiv einiges vor sich. Ich hatte an diesem Morgen wie gewöhnlich zur Sekretärinnenschule gehen wollen, aber in der Wilhelmstraße waren Barrikaden aufgebaut. Der ganze Verkehr war zum Erliegen gekommen. Während ich noch unschlüssig herumstand und mir überlegte, was ich tun sollte,
reichte mir jemand ein Flugblatt. »Hier, lesen Sie.« Es war von der Bürgerwehr und forderte uns alle auf, zu Hause zu bleiben. Pflichtbewußt war ich nach Hause gegangen, ganz froh darüber, daß ich den Tag nicht bei Fräulein Hirsch und ihrer infernalischen Marschmusik, zu deren Klängen ich auf die Schreibmaschine einhämmerte, verbringen mußte. »Draußen sind überall Barrikaden«, sagte Maja. »Ich weiß. Ich konnte nicht zur Schule gehen. Was ist denn eigentlich los?« »Es ist der zweite Jahrestag der Russischen Revolution.« »Oh.« Ich verlor das Interesse. »Hier.« Sie legte die Nachmittagsausgabe des Berliner Tageblatts auf den Tisch und holte einen Rotkohl, einen Weißkohl und rote Bete aus ihrer Einkaufstasche. Unter der Schlagzeile Die Zusammensetzung des Universums war mein lächelnder Vater abgebildet. In dem Artikel stand, daß das wissenschaftliche Genie Albert Einstein über Nacht unsere ganze Auffassung davon, wie das Universum funktionierte, geändert habe. Die Zusammensetzung des Universums wurde mir unter den Füßen weggezogen. »Verdammt und zugenäht«, sagte ich. Eine britische Forschungsgruppe hatte die Sonnenfinsternis vom 29. Mai beobachtet und herausgefunden, daß sich am Rand der Sonne die Sterne verschoben hatten. Das war der Beweis dafür, daß die allgemeine Relativitätstheorie meines Vaters richtig war. Er hatte sie schon vor Jahren in einer Zeitschrift veröffentlicht, die Josef Goldberg nie aus den geplünderten Bibliotheken Europas hatte besorgen können. Ich
sah auf meine ordentlichen handschriftlichen Aufzeichnungen. Sie waren jetzt wertlos. Ich hatte meine Zeit vergeudet. Mein Vater kam durch den Stacheldraht des Weltkrieges angeschlendert, hinterließ blutige Fußspuren im Schnee, das zerfallende alte Universum tropfte von seinen Händen, und die Welt lag ihm zu Füßen. Heutzutage wundern wir uns über gar nichts mehr. Nicht über die Tatsache, daß der Mond uns nicht auf den Kopf fällt. Die Tatsache, daß es Ebbe und Flut gibt. Daß die Nadel immer nach Norden zeigt. Keine dieser Tatsachen ruft Erstaunen oder Verwunderung hervor. Aber 1919 waren wir in der Stimmung, uns zu wundern. Es war, als sei mein Vater auf die Leichenberge geklettert und hätte vor der Menge triumphierend eine Gleichungsfahne geschwenkt, und die Menge hätte nur die Gleichung gesehen. Es spielte keine Rolle, daß lediglich mein Vater, Max Planck, Hendrik Lorentz, Helga Hansbach und ungefähr noch vier weitere Menschen auf der Welt Relativität wirklich verstanden. Das machte einen Teil des Reizes aus. Man brauchte nicht alles zu verstehen, um von einigen Dingen, die darüber in der Zeitung standen, fasziniert zu sein: daß Zeit relativ war, daß Uhren rückwärts gehen konnten. Die Theorie eröffnete eine hoffnungsvolle Perspektive für die Zukunft. Die Welt, an die wir uns in den letzten zwanzig Jahren gewöhnt hatten, war eher ein Alptraum als ein Traum gewesen. Die neue Theorie meines Vaters versprach, die menschliche Rasse über das dreidimensionale Elend, das wir Alltag nennen, hinauszutragen und uns am Ufer eines glitzernden Sees abzusetzen, von wo aus wir in eine vierdimensionale Zukunft segeln konnten. Er hatte den ganzen Ruhm. Ich hatte die Schlacht verloren. Ich haßte ihn mehr denn je.
Ich starrte auf das Foto unter dem Artikel: ein freundlich aussehender Mann mit einem dichten braunen Haarschopf, einer hohen Stirn wie ich, einem Schnauzbart und tiefschwarzen Augen. Er sah sehr nett und sehr freundlich aus. Niemand hätte sich vorstellen können, daß ein solcher Mann imstande gewesen war, seine Erstgeborene zu verlassen. Aber er war dazu imstande gewesen. Niemand hätte sich vorstellen können, daß dieses Genie mit dem offenen Blick einen Säugling der Gnade von Geschichte und Zufall überlassen und sich nie um sein Wohlergehen gekümmert hatte, aber genau das hatte er getan. Auf dem Foto in der Zeitung sah es so aus, als ob mein Vater sich hinter der Maske tiefen Nachdenkens voller Stolz selbst umarmte, sich auf die Schulter klopfte und sich dabei eine Feder an den Hut steckte. Ich spuckte ihn an.
In den nächsten drei Tagen nahm ich den Rat der Bürgerwehr ernst und blieb schmollend zu Hause – bis Fräulein Hirsch vorbeikam und Maja erzählte, wie erfolgreich ich Schreibmaschine schreiben lernte, und daß sie hoffte – wobei sie um die Ecke der Tür spähte –, daß ich nicht krank sei. Maja warf mir einen strengen Blick zu und sagte zu Fräulein Hirsch, ich sei bereits auf dem Wege der Besserung und käme morgen wieder zur Schule. Meine Rache glühte nicht mehr so heiß wie in Novi Sad. Bis jetzt hatte ich ihn noch nicht wirksam erschreckt, und meine Rache waren nur ein paar wertlose Zeilen auf einem Blatt Papier – eine Theorie, die niemand je lesen würde, ohne zu denken, daß ich sie von meinem Vater abgeschrieben hätte. Ich hatte geglaubt, mich auf einem gradlinigen Weg zu befinden, aber irgendwie war ich wohl, ohne es zu merken, davon
abgekommen. Ich hatte noch nicht einmal mehr die Aussicht, Physikerin zu sein, ich würde eher Stenotypistin werden. Die Tatsache, daß meine Theorie richtig gewesen war, tröstete mich wenig, weil er vor mir zu dem Ergebnis gelangt war. Die Welt blickte zu ihm als zu einem Genie auf, nicht zu mir. Nach dieser spannenden Auseinandersetzung zwischen Theorie und Beweis, dieser erfolgreich beobachteten Sonnenfinsternis, schrieben die Zeitungen in aller Welt über meinen Vater. Auch in die Sekretärinnenschule brachten die Lehrer alle möglichen Zeitungen mit. Nicht nur das Tageblatt, sondern auch die Frankfurter Zeitung und all die kleinen Blätter aus Bayern. Tag für Tag versuchte die ganze Welt, mit der Relativität zurechtzukommen, und während ich zur Musik Schreibmaschine schrieb, sah ich ihr dabei zu. Maja erzählte, auf der Straße seien Leute an ihr vorbeigegangen, die über negativ aufgeladene Elektronen geredet hätten. Sie wirkte ganz vergnügt. Ich sagte: »Ich frage mich, was sie dächten, wenn ich ihnen erklärte, daß mein Vater rein gar nichts über die Elektrodynamik des sich bewegenden Körpers, der seine uneheliche Tochter ist, weiß.« Der Unterschied zwischen hier und dort ist relativ. Der Unterschied zwischen damals und heute ist relativ. Aber der Unterschied zwischen meinem Vater und mir stagniert. Mein Vater, so hörte ich, verkaufte signierte Photographien von sich, um den hungernden Kindern in Wien zu helfen, während ich mein Steno perfektionierte. Mein Vater, der Heilige, der Wissenschaftler, hatte den Blick der Menschen von der Erde abgelenkt und auf die Sterne gerichtet. Und sie waren ihm dankbar dafür. Und obwohl ich völlig verärgert war, konnte ich es den Leuten eigentlich nicht
übelnehmen. Wir wollten zu den Sternen schauen. Wir hatten alle zu viele Leichen gesehen. Maja sagte: »Nutze deine Zeit. Dein Tag wird kommen. Es liegt noch ein ganzer Krieg vor uns.«
Ein paar Wochen später kam Josef Goldberg zu uns. Ich freute mich, ihn zu sehen. Ich brauchte Trost, und er war sehr tröstlich. Als ich in der Nacht seiner Rückkehr in meinem weichen Bett lag, den Kopf an Josefs sommersprossige weiße Schulter gelehnt, und durch das rechteckige Fenster in den Nachthimmel blickte, wurde mir klar, daß er mir, wenn er dieses Mal wegginge und nicht zurückkäme, wirklich sehr fehlen würde. Er war ein fester Halt in einer Welt, in der nichts lange gleichblieb. Ich spürte, wie er neben mir einschlief, und schlang die Arme um ihn, als ob ich ihn so für immer festhalten könnte. Ich hielt Josef in den Armen und starrte unentwegt auf die Sterne. Irgend etwas stimmte immer noch nicht ganz.
5 Die Republik
24. Dezember 1919 Die ganze Stadt war auf den Beinen. Auf der Friedrichstraße spielten Leierkästen, Straßenhändler verkauften Wunderkerzen und Lametta, über jedem Marktstand hing der Duft von Zimtplätzchen. Die Juweliergeschäfte Unter den Linden hatten alle geöffnet, die Schaufenster waren hell erleuchtet. Eis glitzerte auf den Ästen der Linden, und die Massen der Weihnachtseinkäufer schoben sich durch Wertheim und Kayser. Berlin war voller Menschen, die von irgendwo anders kamen, und daher fühlte ich mich ganz zu Hause. In den Häusern in unserer schmalen Straße schimmerten Weihnachtsbäume und Kerzen. Maja stand am Herd in dem Raum, den wir als Wohnzimmer bezeichneten, und traf die Vorbereitungen für unser Weihnachtsessen, als es anfing zu schneien. »Sieh mal«, sagte ich und wies zum Fenster. »Vollkommenheit.« »Ich mag Weihnachten«, erwiderte Maja und machte sich am Tisch zu schaffen. »Ich weiß«, sagte ich und sah ihr zu, wie sie hackte und schnitt. »Was ist das?« »Karpfen«, erwiderte Maja und schnitt säuberlich den Fischkopf ab. »Du weißt doch, daß ich Karpfen nicht ausstehen kann.« Ich sah ihn an. Sein Auge starrte mir entgegen, kalt und anklagend. »Karpfen, Karpfen, Karpfen. Mein ganzes Leben besteht aus Süßwasserfischen.«
»Karpfen am Heiligen Abend ist eine Berliner Tradition.« »Ach.« »Auch wenn sich die Zusammensetzung des Universums geändert hat«, sagte Maja, ohne sich durch meine Gereiztheit aus der Ruhe bringen zu lassen, »muß das ja nicht bedeuten, daß ich keine Traditionen mehr aufrechterhalten kann. Oder du. Ich könnte mir vorstellen, daß du doch zum Beispiel bestimmt ein Weihnachtsgeschenk haben möchtest.« Natürlich. »An manche Traditionen kann ich fest glauben«, sagte ich fromm. Ich verließ Maja, die dem Karpfen Weihnachtslieder vorsang, und sah mir mein verfrühtes Weihnachtsgeschenk von Josef an. Endlich Band 49 der Annalen der Physik, in denen mein Vater auf den Seiten 769 bis 822 die »Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie« beschrieb. Dieser Titel strahlte eine gewisse Arroganz aus. Ich fand jedoch, er war mit meinem »Eine allgemeine Theorie für das Universum« nicht zu vergleichen. Obwohl es doppelt schmerzte, den Beweis vor Augen zu haben, daß mein Vater nicht nur selbst die Theorie entwickelt, sondern sie auch vor mir veröffentlicht hatte, freute es mich doch, als ich anhand des Datums des Artikels feststellte, daß er zehn Jahre gebraucht hatte, um von der speziellen zur allgemeinen Theorie zu gelangen. Ich hatte drei Monate gebraucht. Während ich auf die Seiten blickte, dachte ich, daß er schneller ans Ziel gekommen wäre, wenn er der Geometrie mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Manche seiner Gleichungen jedoch waren ganz wunderbar, und viele – mehr als bei mir – hatten die Symmetrie dieses vertrauten c in ihrer Mitte. Ich vermutete jedoch, daß mehr in ihnen steckte, etwas, das mir noch nicht aufgefallen war, und grübelte darüber nach. Obwohl ich an jenem Abend nichts Besonderes herausfand, war ich für den Augenblick vollkommen zufrieden in der
reinen Freude, Papier und Stift zu haben und ein Problem lösen zu können. Jetzt, da ich die Gelegenheit hatte, die Relativitätsgleichungen meines Vaters näher zu betrachten, fand ich einen seltsamen Trost darin. Alles verändert sich, sangen sie. Nichts ist absolut. Das galt für alles, von den entferntesten Bereichen des Universums bis hin zu den winzigsten Teilchen. Ich hatte jetzt Namen für all diese Teilchen, da ich alles darüber gelesen hatte: Im Molekül gab es Atome, Protonen und Elektronen. Die Teilchen wurden immer winziger. Zwischen den größten und kleinsten dieser Berechnungen löste sich die Realität der Außenwelt auf. Und was übrigblieb, war nicht mehr als ein Traum. Und in einem Traum war alles möglich. Befreit von der Mechanik eines Newtonschen Universums war jeder Weg möglich, einschließlich meines eigenen. Deshalb war auch Rache immer noch möglich. Es mochte vielleicht eine Art von Rache sein, an die ich bisher noch nicht gedacht hatte, aber es würde immer noch Rache sein, vielleicht sogar eine bessere als die, die ich mir vorher ausgedacht hatte. Jetzt, wo ich darüber nachdachte, kam mir diese Rache wirklich sehr armselig vor. Einen Aufsatz veröffentlichen. War das wirklich genug? Beim nächsten Mal würde ich es besser und größer machen. Als der Karpfen schließlich in der Küche dampfte, hatte sich meine Laune soweit gebessert, daß ich einen näheren Blick auf die Zeitungen auf dem Küchentisch werfen konnte. Sie plapperten immer noch fröhlich über Raum und Zeit und den übrigen Klatsch über die Rolle meines Vaters dabei, und normalerweise stopfte ich sie direkt unter die Spüle, damit Maja ihre Karotten darauf schälen konnte. »Hör mal«, sagte ich zu Maja und wies auf das Berliner Tageblatt, »das ist ja gar nicht meine Mutter.«
»Ich habe mich schon gefragt, wann du es merkst«, erwiderte sie. Die Frau, die auf den Bildern als Albert Einsteins Frau bezeichnet wurde, war ganz sicher nicht Mileva. Diese neue Frau war blond und hatte, wie ich fand, nicht annähernd so feine Gesichtszüge wie meine Mutter, obwohl sie durchaus mütterlich aussah. »Wer ist das?« Ich ging davon aus, daß Maja es wußte. Sie las täglich Zeitung, und falls sie einmal etwas übersehen hatte, hielten ihre zahlreichen Freunde sie auf dem laufenden. »Das ist seine Kusine, Elsa.« »Ach du meine Güte.« Ich krabbelte unter die Spüle und zog alle Zeitungen hervor, die noch nicht ihre Gemüsepflicht erfüllt hatten. Auf der dritten Seite einer neueren Ausgabe der Vossischen Zeitung, die nur leicht feucht war, sah ich Elsa abermals. Stolz hatte sie den Arm um die Schultern meines Vaters gelegt. Elsa hatte zwei Töchter, Ilsa und Margot. »Sie und Albert zusammen, das ist ein ganz schönes Risiko«, sagte Maja nachdrücklich, »wo sie doch Vetter und Kusine sind.« Ich las laut aus der Zeitung vor: »Der Vater der modernen Wissenschaft ist Vater von zwei Töchtern und zwei Söhnen…« »Das geht nur auf, wenn sie dich in die Gleichung nicht mit einbeziehen«, meinte Maja. »Mach keine Witze. Das ist ernst genug.« »Und es erklärt außerdem, warum er so lange für die Theorie gebraucht hat.« Maja stach mit einer Gabel in den Karpfen und erklärte zufrieden, er sei gar. »Wie meinst du das?« »Deine Mutter hat ihm wahrscheinlich nicht mehr die Berechnungen gemacht. Gieß die Kartoffeln ab, Helga.« Ich griff nach dem Topf. »Und wo ist meine Mutter?«
»Wieder in Zürich, mit den Jungen. Sie hat deinen Vater letztes Jahr verlassen.« »Warum hast du mir nichts davon erzählt?« »Wozu?« Das Kartoffelwasser verschwand im Ausguß und vergurgelte ins Nichts. Ich gab Butter an die Kartoffeln, goß auch die allgegenwärtigen weißen Rüben ab und setzte mich an den Tisch. An meinem Platz lag, in braunes Papier eingewickelt, mein versprochenes Weihnachtsgeschenk. Es war ein Wörterbuch. »Wozu soll das gut sein?« fragte ich. »Warum hast du mir ein Wörterbuch gekauft?« Ich blickte genauer hin. »Und auch noch ein Fremdsprachenwörterbuch.« »Du hast selbst gesagt, die Hälfte aller interessanten Artikel über Relativität wären in Nature veröffentlicht. Ich finde, du solltest jetzt langsam mal Englisch lernen.« »Maja, du hast mich gerade erst gezwungen, Steno zu lernen. Ich habe genug zu tun. Und das Universum wartet nicht.« Ich legte ein paar Kartoffeln auf meinen Teller, nahm noch etwas zusätzliches Basilikum zu den Rüben, und dann erklärte ich es ihr. Seltsam an den Gleichungen war, daß sie darauf bestanden, daß die Raumzeit, in der sich unser Universum bewegt, nicht statisch sein konnte. Sie mußte sich entweder ausdehnen oder zusammenziehen. Statt zuzugeben, daß Newton recht hatte, und einzuräumen, daß die Einwirkung der Schwerkraft auf die Sterne sie nach und nach enger zueinander zog, bis sie uns buchstäblich auf den Kopf fielen, hatte mein Vater einen kleinen Begriff in die Gleichungen eingebaut – die kosmologische Konstante –, die nur dem Zweck diente, die Raumzeit ruhig zu halten. Ich schüttelte den Kopf. Eine kosmologische Konstante, um Himmels willen! Er irrte sich. Das würde er nie aufrechterhalten können.
»Du hast mir zwei Bedingungen gestellt«, sagte ich zu Maja, »wenn ich zur Universität gehen und studieren will. Zum einen, daß meine Theorie richtig war. Das war sie. Mein Vater hat es vielleicht ein bißchen anders dargestellt, aber die Ideen und Schlußfolgerungen sind genau dieselben.« »Ich weiß«, sagte Maja. »Meinen Glückwunsch. Du bist schon halb da.« »Und zum zweiten, daß sie mich aufnehmen.« »Richtig.« »Nun, und woher soll ich wissen, ob sie mich aufnehmen oder nicht, wenn ich es gar nicht erst versuche?« Sie mußte mir recht geben. »Im Juni ist eine Aufnahmeprüfung an der Universität. Ich habe noch ein paar Monate Zeit. Ich könnte in die Bibliothek gehen, wieder anfangen zu lesen und alle Winkel des Universums wirklich ausloten… Entweder dehnt es sich aus, oder es zieht sich zusammen, das eine oder das andere. Es steht jedenfalls nicht still. Mein Vater irrt sich. Wenn ich das beweisen kann, nehmen sie mich sicher auf. Du siehst also, ich habe keine Zeit, um noch eine Sprache zu lernen.« »Hm, das wird schwierig sein, zumal du ja auch noch den Grundkurs bei Fräulein Hirsch abschließen mußt.« Und trotzdem brachte mir Maja, während wir den perfekt zubereiteten Fisch aßen, das erste von zahlreichen unregelmäßigen Verben bei. Kurz vor Mitternacht, als ich endlich die vollendete Vergangenheit von to be begriffen hatte und Maja zur Kirche aufbrechen wollte, gab ich ihr, weil ich nicht mehr wach sein würde, wenn sie zurückkam, ihr Weihnachtsgeschenk: einen Block schwarze Mascara von Bourjois in Paris. Einen großen Block. Josef Goldbergs Import/Export-Geschäft lief gut. Maja machte sich damit vollendet zurecht.
7. März 1920 An einem seiner seltenen Sonntagnachmittage in Berlin machte Josef Goldberg mit mir einen Spaziergang an den Seen. Ich beschloß, ein paar Stunden lang meine Schreibmaschinenübungen, meine Forschungen über Relativität und die unregelmäßigen englischen Verben zu unterbrechen und Hand in Hand mit ihm am Ufer spazierenzugehen. Eines der besten Dinge an Josef Goldberg war, daß er zwar nicht das geringste von Relativität verstand und sicher überfordert gewesen wäre, wenn er hätte erklären müssen, was ein Molekül war, daß er mich aber darüber reden ließ, ohne mir dauernd vorzuhalten, ich solle besser Steno üben. Wir setzten uns ins Gras und blickten über das blaue Wasser. »Wenn du die Gleichungen ganz bis zum Ende verfolgst…« sagte ich. Josef sah mich erwartungsvoll an. »Ja?« Die meisten Menschen, einschließlich meines Vaters, einschließlich der ganzen Physikabteilung der Preußischen Akademie der Wissenschaften, dachten immer noch nach den Newtonschen Gesetzen: daß das Universum fest, ewig und unveränderlich sei. Die Sterne waren statisch, und der Äther floß um sie herum. Ich aber hatte inzwischen Berechnungen angestellt, um zu beweisen, daß das nicht der Fall sein konnte. »Wenn du die Gleichungen ganz bis zum Ende verfolgst, siehst du, daß das Universum letztendlich gar nicht stillstehen kann. Das würde einfach nicht funktionieren. Die Sterne müssen sich bewegen.« Josef dachte einen Moment lang nach. »In welche Richtung?«
Das war der Punkt, der mich völlig deprimierte. »Ich würde darauf wetten, mein Schatz, daß das Universum sich ausdehnt.« Ich fand dies deprimierend, weil es bedeutete, daß das Universum, wenn es sich ausdehnte, irgendwann einmal an einer Stelle zusammengeballt gewesen war, dort angefangen hatte. Wenn ich zu lange darüber nachgrübelte, was das bedeutete, kam es mir so vor, als sei jedes menschliche Streben sinnlos. Ich versuchte, Josef diese Sinnlosigkeit zu vermitteln, aber er sagte, ich solle die Dinge positiver sehen. »Wie kann ich sie positiv sehen?« »Nun, Helga, das Universum dehnt sich schließlich nicht so schnell aus, daß es plötzlich aufhört und wir morgen alle sterben, oder?« Und er brach jedes weitere Gespräch über dieses Thema ab, indem er mich bat, ihn zu heiraten.
Ich erzählte Maja an diesem Abend davon, als Josef schon wieder weg war, ohne daß ich ihm eine Antwort gegeben hatte. Maja, die sich gerade den Mantel anzog, hielt einen Augenblick inne und dachte nach. »Ich glaube, es ist Zeit«, sagte sie. »Wofür?« »Zeit für dich, zu heiraten.« »Wie soll ich denn in all den anderen Sachen, die ich zu tun habe, auch noch eine Ehe unterbringen?« Sie beäugte mich kritisch. »Ich werde den Versuch, auf die Universität zu kommen, nicht aufgeben, wenn du das meinst. Das habe ich auch Josef schon gesagt.«
»Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich habe vielmehr darüber nachgedacht, daß du eine alte Jungfer wirst, genau wie ich, wenn du noch länger wartest.« Ich lachte. Sie sah bezaubernd aus. »Du bist doch keine alte Jungfer.« »Natürlich bin ich das. Denk darüber nach.« Ich dachte, daß Maja sicher älter war als ich, weil sie das stets gewesen war, aber sie sah ganz bestimmt nicht so aus. Immer wenn ich über sie nachdachte, dachte ich nichts Bestimmtes, sondern nur, daß sie wunderschön war. »Und denk ernsthaft über Josef Goldberg nach«, sagte sie. »Du wirst nicht viele bessere Angebote bekommen.« Die Tür schlug hinter ihr zu. Ich seufzte und beschäftigte mich drei Stunden lang mit englischen Adjektiven.
30. Juni 1920 Ich hatte zwei Fragen auf dem Prüfungsbogen beantwortet: eine über die allgemeine Relativitätstheorie und die zweite über die Natur des Lichts. Bei der ersten Frage hatte ich sorgfältig darauf geachtet, nicht zu kontrovers zu sein – schließlich war dies eine konservative Institution, und außerdem wollte ich sie nicht auch mit der Vorstellung eines sich ausdehnenden Universums deprimieren. Mit den Implikationen des zweiten Themas hatte ich mich dagegen eher zu ausführlich beschäftigt. Ich hatte in aller Länge und Breite über die Natur des Lichts referiert, ohne daß man das eigentlich von mir verlangt hatte, und deswegen hatte ich für eine dritte Frage keine Zeit mehr. Anderthalb Wochen später jedoch, am letzten Tag im Juni, wurde ich zu einem Gespräch mit einem Mitglied der Abteilung der physikalischen
Wissenschaften gebeten, einem kleinen, leicht erregbaren Mann mit einem Bart. Ich nahm meine sauber mit der Hand geschriebene Abschrift von »Eine allgemeine Theorie des Universums« mit, falls ich die Chance bekäme, den Professor damit zu beeindrucken, daß meine eigenen Gleichungen ganz leicht von dem abwichen, was inzwischen schon zur Norm wurde. Nachdem er die Tatsache überwunden hatte, daß ich ein Mädchen war – ich hatte nur H. Hansbach oben auf den Prüfungsbogen geschrieben –, war der kleine, leicht erregbare Mann nur noch an einer Sache interessiert: an meiner geliebten Vorstellung, daß Licht beides sein konnte, Welle und Teilchen. Ich bedauerte, das je erwähnt zu haben. »Möchten Sie nicht lieber über Relativität sprechen?« fragte ich verzweifelt. Er wedelte mit der Hand, als gäbe es weder hier noch dort Relativität. »Licht ist elektromagnetische Strahlung, nicht wahr?« beharrte er. »Ja.« »Und alle elektromagnetische Strahlung verhält sich als Welle, nicht wahr?« »Ja.« »Licht verhält sich als Welle, nicht wahr?« »Das wissen wir seit langem«, sagte ich. Es gab alte Experimente, die das schlüssig bewiesen. Wenn man einen Stein in einen ruhigen Brunnen wirft, kann man zusehen, wie sich die Wellen von dem Stein aus ausbreiten. Wirft man zwei Kieselsteine hinein, weiß man, was passiert. Dann bekommt man keine vollkommenen Kreise mehr, die Wellen kreuzen einander, und es entsteht ein komplizierteres Muster. Wenn man mit einer Lichtquelle durch zwei Löcher in einem Brett leuchtet, entspricht das Muster, das dann auf der
Fläche dahinter erscheint, genau dem Interferenzmuster, das wir vom Brunnen her schon kennen. Leuchte mit dem Licht. Sieh auf das Muster. Also war Licht eine Welle. Keine Widerrede. »Aber…« sagte ich. »Wie sollte deshalb Licht ebenso in kleinen Teilchen daherkommen? Beweist eines der Experimente, daß Licht sich wie kleine Teilchen verhält?« Seine Stimme wurde lauter. Ich hatte recht. Ich konnte sehen, daß ich recht hatte. In meinem Kopf verhielt sich Licht die ganze Zeit über hervorragend wie kleine Teilchen. Aber wie sollte ich ihm das erklären? Ich wußte, daß der Direktor der Abteilung, Max Planck, einige Experimente gemacht hatte, die zeigten, daß Objekte Licht nur in begrenzten Mengen ausstießen oder aufnahmen, als wenn es tatsächlich in kleinen Paketen käme, die er Lichtquanten nannte. Daher fühlte ich mich auf recht sicherem Grund, als ich wenigstens diese erwähnte. »Max Planck…« sagte ich. Die Stimme des Herrn Professors erreichte neue Höhen der Wut. Ich wurde vor die Tür gewiesen, bevor ich auch nur eine Chance hatte, ihn mit der einzigen existenten Abschrift von »Eine allgemeine Theorie des Universums« zu verblüffen. Im Flur tanzte ich vor Frustration und Wut. Obwohl ich vielleicht nur ein unschuldiges Opfer innerabteilicher Querelen war, in der Falle zwischen dem Teilchenlager und dem Wellenlager, würde die Universität weder jetzt noch in Zukunft zulassen, daß ich auf ihren Korridoren herumspukte. Ich hatte meinen Vater mit den beiden einzigen Waffen bekämpfen wollen, über die ich verfügte, Schwerkraft und Licht. Die Schwerkraft war in Ordnung, aber das Licht hatte mich im Stich gelassen.
Als Josef Goldberg das nächste Mal in Berlin war, klammerte ich mich an ihn und schluchzte und schluchzte. Obwohl er nicht ganz verstand, warum ich weinte, tröstete er mich. Angesichts der Sinnlosigkeit menschlichen Strebens wurde ich getröstet, und ich versprach ihm, ihn endlich zu heiraten.
27. August 1920 »Mir wäre lieber, du würdest nicht einfach so verschwinden«, sagte ich zu Maja. »Ich mache mir Sorgen, weißt du. Außerdem hatte ich heute bei der Arbeit einen harten Tag.« Eigentlich hatte ich dort nie harte Tage. Steno und Schreibmaschineschreiben – was in der Anwaltskanzlei, in der ich eine der fünf jüngeren Stenotypistinnen war, verlangt wurde – war wirklich nicht besonders anstrengend. Am schlimmsten war die Hin- und Rückfahrt in der schaukelnden Straßenbahn, aber das brauchte Maja nicht zu wissen, und so konnte ich auf äußerste Erschöpfung pochen und jeden Abend ein warmes Abendessen erwarten, bevor wir uns den Hintergründigkeiten der englischen Grammatik widmeten. »Ich war auf einer äußerst interessanten Versammlung«, sagte sie. »Du gehst doch gar nicht zu Versammlungen.« »Ich war bei der Anti-Relativitäts-Gesellschaft«, erwiderte sie. »Es war ziemlich voll. Sie haben die Philharmonie gemietet.« »Du machst Witze«, sagte ich. »Oh, die Wissenschaft selbst ist gar nicht so schrecklich ernst«, erwiderte sie, »aber die Leute nehmen sie ernst.« »Was nehmen sie ernst?« »Die jüdische Natur der Relativität. Und davon ausgehend die suspekte Natur der Relativität.«
»Das verstehe ich«, entgegnete ich. »Der Begriff der absoluten Relativität paßt nicht besonders gut zu der deutschen Vorliebe für Ordnung, oder?« Ich blickte sie genauer an. Es war nicht nur die Mascara. Ihre Augen wirkten völlig schwarz umrandet. »Was ist das?« fragte ich. »Kol«, sagte sie. »Das ist der letzte Schrei.« Ich hatte gar nicht gemerkt, daß Josef sie ohne mein Wissen mit modischen Accessoires versorgte. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, steckte er knietief in Havannazigarren und spekulierte auf einen prächtigen Hochzeitsempfang. »Ich kann gar nicht verstehen, wie du noch Zeit für Mode hast«, meinte ich, »wo du doch auf all diese interessanten Versammlungen gehst.« »Am interessantesten war jedoch«, sagte Maja, »daß dein Vater erschien. Ich habe ihn in einer der Logen sitzen sehen.« Seit wir in Berlin waren, hatte ich die ganze Zeit über wie ein Elektron im Orbit auf meinen Vater gelauert, war aber eigentlich nie mit ihm in Berührung gekommen. Majas Unternehmung erinnerte mich daran, daß es möglich war. Schließlich war im neuen Universum alles möglich. Aber selbst unter dieser Voraussetzung waren wir uns nie begegnet. Meine Zurückhaltung war teilweise absichtlich. Ich wußte, warum ich mich zum Beispiel entschieden hatte, nicht zu seinen Vorlesungen zu gehen. Ich mußte warten, bis ich auch an der Universität war, damit ich ihm als Gleichgestellte gegenübertreten konnte. Ohne dieses Autoritätssiegel würde er mich nicht ernst nehmen, wenn ich versuchte, ihn in ein Gespräch über Physik zu verwickeln. Jede Hoffnung darauf, daß dies in der unmittelbaren Zukunft geschehen würde, war jedoch durch mein katastrophales Prüfungsgespräch im Juni in Stücke zerschlagen worden.
Obwohl ich versucht hatte, meine Enttäuschung darüber zu überwinden, daß ich meine persönlichen Empfindungen über Licht zwischen mich und meine Universitätslaufbahn hatte treten lassen, war ich immer noch zutiefst wütend. Josef sagte mir ständig, wie Maja auch, daß es vielleicht zu meinem Besten sei. Ich erwiderte gar nichts darauf. Ich war zu beschäftigt damit, mir eine neue Form von Rache auszudenken, allerdings war mir bisher noch nichts eingefallen, was auch nur annähernd Erfolg versprach. Vielleicht sollte ich trotzdem, einfach nur aus Interesse, doch einmal zu einer Vorlesung meines Vaters gehen. Um der großen Nachfrage Genüge zu tun, hielt er mindestens eine in der Woche. Ich konnte mich ganz nach hinten setzen und ihn finster anblicken. Nein, ich würde nicht gehen. Ich hatte zuviel Angst, mich zu verraten.
17. Oktober 1921 Ich war sprachlos. Ich kam von der Arbeit nach Hause, fand sie unten im Wäschekeller und wußte nicht, was ich sagen sollte. Das blonde Haar, auf das Maja immer so stolz gewesen war, mit seinen glänzenden goldenen Locken, Majas wunderschönes Haar, das ich kannte und liebte, seit ich acht Jahre alt war und in Frau Heidels Pension Deutschunterricht hatte, war verschwunden. Majas Haare waren jetzt blauschwarz und gut zwanzig Zentimeter kürzer. Sie reichten ihr nur noch bis an die Ohren, wo sie nach innen gedreht waren. Maja erklärte mir, das sei ein Bob. »Ein Bob?« »Wie findest du es?«
»Ich finde es… hübsch«, sagte ich, »nur vielleicht ein bißchen ungewöhnlich.« »Die Zeiten ändern sich«, erwiderte Maja. »Wir müssen uns mit ihnen ändern.« »Josef sagt auch, daß sich die Zeiten ändern.« Ich hatte ihn in der letzten Zeit noch seltener als sonst gesehen, da sein Geschäft blühte und wir die Hochzeit aufgeschoben hatten, bis er sich etabliert hatte. Die Mark war in den internationalen Währungen nichts wert, hatte Josef mir mitgeteilt, aber mich störte eher, daß ich mir die Straßenbahnfahrkarte immer seltener leisten konnte und häufiger zu Fuß gehen mußte. »Die Dinge geraten im ganzen Universum mehr und mehr durcheinander«, sagte ich. »Da ist das Durcheinander bei den Fahrpreisen noch das geringste.« Maja faltete gerade eine Bluse und blickte mich an, als sei ich verrückt geworden. »Das ist nicht neu«, sagte ich. »Das ist das zweite thermodynamische Gesetz. Die Menschen wissen das seit Newton.« »Das mag sein, wie es will«, erwiderte Maja, »aber es wird dadurch nicht richtiger.« »Willst du dich mit Newton anlegen?« »Newton braucht mich bloß anzusehen, um festzustellen, daß ich mein Leben damit verbringe, die Dinge ordentlicher zu machen.« »Du mußt dich von dem rein Persönlichen freimachen«, sagte ich und wies auf den Stapel gefalteter Wäsche. »Sieh es mal auf einer höheren Ebene.« »Die persönliche Ebene reicht mir aus«, sagte Maja. »Wenn eine Theorie wirklich funktioniert, funktioniert sie in der Küche genauso gut wie im Universum.« Sie zog ein Geschirrtuch unter mir hervor und ging nach oben. In der Küche roch es köstlich nach frisch gebackenem
Brot. Ich fragte mich oft, wie sie es schaffte, soviel zu kochen, ohne ihren Nagellack zu beschädigen. Ich war ihr unbeirrt gefolgt. »Denk mal an Rühreier«, sagte ich. »Wenn du ein Ei erst mal gerührt hast, kannst du es nicht mehr entrühren. Und aus einem ordentlichen Ei in einer hübschen, aufgeräumten Eierschale wird ein Chaos in der Pfanne. Zunehmende Entropie.« »Das stimmt nur«, erwiderte Maja, »wenn du kein Rührei möchtest. Wenn du jedoch ein Rührei möchtest, dann hast du ganz bestimmt die totale Ordnung im Universum gesteigert.« Da war etwas dran. »Laß mich darüber nachdenken«, sagte ich. »Wenn du schon nachdenkst«, sagte Maja, »kannst du auch gleich mal über Leiden nachdenken. Es gibt eine gute Bibliothek dort, und du hättest keine Probleme, dort zu studieren, wenn du eine Stelle gefunden hast. Oder Göttingen. Ich habe genug von Berlin.« Göttingen fand ich äußerst reizvoll. Es gab dort drei verschiedene Physikinstitute. Franck war da, und Pohl und Born. Jeder für sich ein guter Wissenschaftler und Mathematiker. Aber ich fühlte mich vom Orbit meines Vaters immer noch angezogen. »Fang von vorn an«, sagte Maja. »Entdecke eine neue Sicht aufs Universum.« »Meinem Universum geht es sehr gut, vielen Dank.« Und in der Tat, mein Universum wurde immer faszinierender. Wenn das Universum sich ausdehnte, wie ich glaubte, auch wenn ich damit allein dastand, dann müssen irgendwann einmal alle Galaxien ganz dicht beieinander gewesen sein. Wie nah mochten sie sich wohl gewesen sein? Was war passiert, als alle Galaxien, alle Sterne einander berührten? Und was war davor geschehen?
»Dann laß dir die Haare schneiden«, sagte Maja. »Ich sorge dafür, daß du dir wie ein neuer Mensch vorkommst.« »Ich bin mir keineswegs sicher, ob mir ein Bob überhaupt steht.« »Er ist modern.« »Soll das heißen, es gibt Frauen in Europa, die tatsächlich so aussehen wollen?« Maja öffnete die Backofenklappe und zog das Brot heraus. »Es gibt Hunderte von Frauen in Europa, die so aussehen wollen. Ich möchte so aussehen.« »Ich möchte nicht mal im entferntesten so aussehen.« »Vertrau mir«, sagte Maja, »du wirst es schon noch wollen.«
6. Februar 1922 Eines Abends, nicht lange nachdem ich mich in Helga Goldberg verwandelt hatte, was einen Hochzeitsempfang für Hunderte von Verwandten aus Wien zur Folge hatte, von deren Existenz ich bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte, kam Maja vorbei. Obwohl Josef und ich in zwei Zimmer an der Kirchenstraße gezogen waren – ein Zustand, an den ich mich erst noch gewöhnen mußte und dem ich auch nur unter der Bedingung zugestimmt hatte, daß Josef eine Köchin einstellte –, sah ich sie immer noch fast jeden Tag. Sie fehlte mir auch fast jeden Tag, obwohl sie sagte, daß ich ihr nicht fehlte, aber ich glaube, das sagte sie nur aus Nettigkeit. »Komm«, sagte sie und zog mich an der Hand von meiner Lektüre weg. Ich wollte nicht fort. Die Äste der Bäume waren kahl. Im Zimmer war es dank des Ölofens warm, und auf den Straßen lag Schnee. Ich ging immer noch nicht gern in die Kälte. Ich sehnte mich nach meinen Zehen. Die Lücke, wo sie gewesen waren, schmerzte im Winter immer. Kochend vor
Wut informierte ich Maja mehrmals darüber, während wir durch die schneebedeckten Straßen gingen. Da die Verfolgung meines Vaters bis in die entferntesten Bereiche des Universums so kläglich gescheitert war, hatte ich beschlossen, an den Punkt zurückzugehen, der mich zum Stolpern gebracht hatte: Licht. Obwohl ich mittlerweile ChefStenotypistin war, mußte ich jetzt, da ich verheiratet war, die Anwaltskanzlei verlassen, also hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Abgesehen von meiner Erkenntnis, daß es gebeugt werden konnte, hatte ich das letzte Mal ernsthaft über Licht nachgedacht, als ich Herrn Grünbaum in Novi Sad gefragt hatte, ob es eine Welle sei. Es verhielt sich zweifellos wie eine Welle – der kleine, leicht erregbare Mann mit dem Bart an der Universität war davon überzeugt, daß es eine Welle war –, doch die Arbeit, für die mein Vater kürzlich den Nobelpreis bekommen hatte, unterstützte die gegenteilige Auffassung. Wenn man Licht mit genügend hoher Frequenz auf eine Metallfläche prallen ließ, dann schlug es Elektronen aus den Atomen im Metall. Was konnte das anderes sein als die Absorption der Lichtteilchen, der Quanten, die das bewirkten? »Weißt du was, Maja? Ich verstehe nicht, wie es entweder/oder sein kann. Entweder ist Licht eine Welle, oder es ist Teilchen. Wenn ich die Berechnungen so mache, ist es eine Welle. Wenn ich sie auf eine andere Art mache, ist es Teilchen. Es ist beides, ich weiß das. Aber wie soll ich das beweisen?« Statt dessen zog ich langsam in Betracht, Josef Goldbergs Wunsch nachzugeben und Kinder zu bekommen. »Los jetzt«, sagte Maja und zog mir meine Wollmütze fester über die Ohren, um sie vor der Kälte zu schützen. »Vergiß die Wellen. Vergiß die Teilchen. Das hier ist wichtiger. Es ist vielleicht deine einzige Gelegenheit, deinen Vater zu sehen.«
Wir waren natürlich nicht eingeladen; wir hatten keine Eintrittskarte und konnten uns auch keine erschwindeln. Selbst Maja, mit ihrem Talent, sich irgendwo einzuschmuggeln, gab zu, daß unser Geschlecht allein schon deutlich machte, daß wir keine Physiker waren, auch wenn es uns gelungen wäre, mit weniger konventionellen Mitteln einen Platz im Vorlesungssaal zu ergattern. Nein, wir pirschten uns an, nachdem die Vorlesung vorüber war, folgten seiner Spur durch Matsch und Schnee zu dem offiziellen Empfang im physikalischen Labor und starrten durchs Fenster. Drinnen reichten sie Gläser mit Moselwein und kleine Häppchen auf Tellern. Wir waren nicht die einzigen, die hineinstarrten. Um uns herum standen ungefähr ein Dutzend seiner fanatischsten Anhänger, besessen oder verrückt genug, daß ihnen die eisige Kälte an den Füßen oder die Gefahr von Frostbeulen nichts ausmachte. Ich wußte, warum ich da war, und Maja war wegen mir da, aber zuerst war mir nicht klar, warum all die anderen es für so wichtig hielten. Relativität war immer noch modern. Mein Vater war immer noch eine Berühmtheit. Es gab Autogrammjäger und Andenkensammler und eifrige junge Männer mit eigenen Manuskripten, mit Thesen, die sie diesem herausragenden Wissenschaftler in die Hand drücken wollten. Allerdings wußte jeder, daß er sie nicht entgegennehmen würde. Alles in allem war es nicht besonders lohnend, dort zu stehen. Warum taten sie es dann also? Wahrscheinlich lag es daran, dachte ich, daß die Menschen immer noch auf den versprochenen Schlüssel zum Universum warteten. In diesem Moment ging mein Vater vorbei, keinen Meter von mir entfernt. Seine Haare erinnerten mich an die meiner Mutter, dick und schwarz, und auf den Haaren saß ein grauer Filzhut, den er zwischendurch immer wieder zurückschob, wodurch der Filz zunehmend formloser wurde. Aber er ging
rasch, selbstsicher, voller Energie. Er erinnerte mich an einen Felsen, der vorbeipoltert und dessen rauhe Kanten nur dadurch geglättet werden, daß sie sich an dem reiben, was ihnen in den Weg tritt. Er hatte braune Augen, stellte ich fest, die ich geerbt hatte, nicht die grauen meiner Mutter. Seine braunen Augen sahen mich nicht einmal an, obwohl ich fast meine Hand ausgestreckt, fast etwas gesagt hätte. Der Mann neben mir war hartnäckiger. Als der Empfang vorüber war und mein Vater zum Auto geleitet wurde, drängte er sich durch die Menge nach vorn. Er schrie etwas über eine Gleichung, über die Konsequenzen einer Gleichung, und kurzfristig erregte er damit die Aufmerksamkeit meines Vaters. »Hier«, sagte der junge Mann und schob mir dabei hastig seinen Stapel Papiere in die Hände. »Passen Sie darauf auf. Ich brauche nur das eine.« Er nahm das oberste Blatt Papier, das mit Zahlen bekritzelt war, und hielt es hoch, damit mein Vater es sehen konnte. Ich verstand nicht alles, was er sagte – er sprach mit österreichischem Akzent, und die Wörter waren lang –, aber manches bekam ich doch mit. »Energie. Masse. Ihre Arbeit beweist das. Und jetzt sehen Sie, was Sie getan haben, was möglich geworden ist.« »Völliger Blödsinn«, sagte mein Vater. »Lassen Sie mich Ihnen zeigen…« begann der junge Mann erneut. Mein Vater blickte auf die Zahlen und zerriß das Blatt Papier dann in zwei Hälften. »Sie sind ein Idiot«, sagte er. »Das Ganze ist Blödsinn.« »Ich kann beweisen…« Mein Vater zerriß das Blatt Papier noch einmal und ließ die Fetzen auf den gefrorenen Schnee fallen. »Schwachsinn. Dummes Zeug.«
»Nein«, sagte der junge Mann, sank auf die Knie und sammelte die Papierfetzen vom Eis. »Sie müssen mir zuhören…« Mein Vater stieg ins Auto, und der Fahrer ließ den Motor an. »Arroganter Bastard«, schrie der junge Mann. »Jüdischer Abschaum!« Ich kniete mich neben ihn und nahm ebenfalls ein paar Papierfetzen in die Hand. Ein bißchen elementare Mathematik, vertraute Formeln… aber es war interessant, wie der junge Mann sie angeordnet hatte. Ich hatte noch nie zuvor gesehen, daß die Dinge auch in dieser Ordnung funktionierten. »Wissen Sie, was Sie getan haben?« schrie der junge Mann, während das Auto langsam unseren Blicken entschwand. »Sie haben uns zerstört. Sie haben uns alle zerstört.« »Das sieht sehr interessant aus«, sagte ich zu dem jungen Mann, als er aufhörte zu schreien. Er hatte mich kaum bemerkt. Ich war schließlich nur ein Mädchen. »Geben Sie mir das zurück.« Wenn er netter gewesen wäre, hätte ich ihm vielleicht alle seine Papiere wiedergegeben. Die wichtigsten Schritte hatte ich mir sowieso eingeprägt. Wenn er bereit gewesen wäre, mit mir zu reden, seine Methode und sein Vorgehen mit mir zu diskutieren – und ich sehnte mich nach jemandem, mit dem ich über Methoden und Vorgehensweisen diskutieren konnte –, dann hätte ich ihm vielleicht nicht nur die unwichtigsten Papiere zurückgegeben, einschließlich des obersten, auf dem sein Name und seine Qualifikationen standen, und vielleicht hätte ich dann auch nicht die übrigen Papiere in meiner Hand auf dem Rücken versteckt und sie dann in meine Tasche gestopft.
30. August 1923 Maja war in der Küche beschäftigt. Sie hatte einen Spiegel auf das Fensterbrett gestellt, um das hellste Licht zu haben, und zupfte so eifrig ihre Augenbrauen, daß ihr Gesicht ganz rot war und sie bei jeder Berührung zusammenzuckte. Ich wußte, woher das kam. Maja hatte einen Film mit Louise Brooks gesehen und war jetzt fest entschlossen, wie ihre Zwillingsschwester auszusehen. Der Bob war nur der erste Schritt gewesen. Jetzt waren die Augenbrauen und der Lippenstift an der Reihe. Wie die meisten anderen Frauen trug ich meine Haare immer noch in Zöpfen, die um meinen Kopf gelegt waren. Maja hatte auch damit angefangen, Kleider zu tragen, die kaum ihre Knie bedeckten. »Wir müssen aus Deutschland weg«, sagte Maja. Ich war geneigt, ihr zuzustimmen. Ich hatte die Weimarer Republik gründlich satt. Abgesehen von der kleinen Opposition geisteskranker Gruppen wie der Anti-RelativitätsGesellschaft galt mein Vater als echter deutscher Held, und ich begegnete überall seinem Bild. In den Läden verkauften sie Einstein-Zigarren und Einstein-Bonbons. Jeder männliche Säugling, auf den man traf, hieß Albert. In jeder Zeitung sah man andere Schnappschüsse: mein Vater in den Vereinigten Staaten, wo er den Zionismus unterstützte, die Liga der Nationen gründete, den Pazifismus proklamierte, dem Erzbischof von Canterbury die Hand schüttelte, in Japan, wo er mit dem Kaiser anstieß. »Dein Vater wird auch nicht mehr lange in Berlin bleiben können«, sagte Maja. »Es wird zu Ausschreitungen kommen.« »Ich kann noch nicht weggehen«, erwiderte ich. »Warum?«
»Aus zwei Gründen. Zum einen: Ich habe noch nicht Rache genommen. Wenn ich die Stadt, in der mein Vater ist, verlasse, wie soll ich das dann jemals erreichen?« »Du weißt doch überhaupt noch nicht, wie du es anstellen willst, oder?« »Nein.« »Woher willst du dann wissen, ob du dich nicht genausogut aus der Ferne rächen kannst?« »Das weiß ich eben. Ich habe das Gefühl, ich sollte in seiner Nähe sein. Ein Auge auf ihn haben. Damit ich sehen kann, was er als nächstes tut.« »Du bist nie richtig in seiner Nähe gewesen, außer bei dem einen Mal, als ich dich gezwungen habe, mitzukommen. Was soll dann Entfernung für eine Rolle spielen? Vor allem, wenn wir anderswo sicherer sind.« Ich konnte es nicht erklären. Ich wollte einfach nicht ohne Ziel weggehen, ohne zu wissen, wohin ich ging und warum. Ich war nicht wie Maja, die wie ein Schmetterling von Stadt zu Stadt flatterte. »Ich werde darüber nachdenken«, versprach ich, obwohl sie wußte, daß ich es nicht tun würde. »Gibt es was zum Frühstück?« Die Köchin war zu Besuch bei ihrer Tante. »Ich habe mich schon gewundert, daß du so früh hier auftauchst. Eier. Hartgekocht. Im Topf. Wenn du Rührei haben möchtest, mach es dir selbst. Übernimm die Verantwortung für deine eigene Unordnung im Universum.« »Wenn man weit genug zurückgehen könnte«, sagte ich, nahm ein Ei aus dem Wasser und schlug es auf, »bis ganz an den Anfang des Universums, dann wüßte man alles.« »Würdest du auch wissen, warum?« fragte Maja. Ihre Lippen war jetzt nicht mehr rot. Sie zog sie in einem dunklen Pflaumenton nach, und ein herrischer Stift hatte die
Lippenbögen zu einem unnatürlichen Ausdruck von Schmerz verzogen. »Warum was?« »Warum das Universum gemacht worden ist?« »Maja, das ist überhaupt keine richtige Frage.« »Es ist aber die Frage, die mich am meisten interessiert. Nicht wann es gemacht worden ist, sondern warum.« »Und von wem?« »Das liegt doch auf der Hand.« »Für dich vielleicht.« »Und für Gott. Und das ist doch das einzige, was wirklich zählt, oder nicht?« »Ich bin nicht sicher, ob ich das jemals schlüssig berechnen kann«, antwortete ich. Maja war fertig und warf einen kritischen Blick in den Spiegel auf dem Fensterbrett. »Hast du dich mittlerweile an meine Haare gewöhnt?« Ich küßte sie. »Unter allen Damen Europas, meine Liebe, sieht wahrscheinlich keine Louise Brooks ähnlicher als du.« »Du meinst, keine sieht so gut aus wie ich?« »Du weißt, was ich meine.« Sie gab mir auch einen Kuß und hinterließ einen pflaumenfarbenen Lippenabdruck auf meiner Wange. »Ich muß weg. Was ist der zweite Grund?« »Wofür?« »Deutschland noch nicht zu verlassen.« »Josef hat gerade ein Haus gekauft.«
31. August 1923 Das Haus stand in der Oberlandstraße, und Josef hatte es einer netten Familie aus der Mittelschicht für 200 Dollar abgekauft.
Kleinigkeiten. Der Dollar war jetzt über eine Million Mark wert, und Josef hatte viele Dollars. Er bezahlte mittags die zwei Sekretärinnen, die in seinem Büro arbeiteten, und sie rannten sofort hinaus, um Lebensmittel zu kaufen oder Waren, die man eines Tages gegen Lebensmittel eintauschen konnte, bevor die Preise im Laufe des Nachmittags weiter stiegen. Im Juni kostete die Fahrt mit der Straßenbahn zu Maja 3000 Mark, Anfang August 10000 und am 20. August 100000 Mark. Nach dem Haus kaufte Josef ein Auto. Maja und Josef machten ein Vermögen. Sex und Dollars waren die gefragtesten Artikel. Auf dem Schwarzmarkt kauften wir alles für ein Butterbrot. Wir waren nicht die einzigen. Die klugen Geschäftsleute hatten alle noch ihre Läden geöffnet, während in Neukölln und Wedding altbackenes Brot und Kohlsuppe für gewaltige Preise die Besitzer wechselten. Ich kaufte für das Haus in der Oberlandstraße Teppiche, Vorhänge und Möbel von Leuten, die die Sachen praktisch verschenkten. Neben dem Erwerb von Haushaltsgegenständen hatte ich reichlich Zeit, mich weiter mit den Zeitschriften zu beschäftigen. Schwerkraft und Licht. Schwerkraft und Licht waren immer noch meine besten Waffen. Da war ich mir sicher. Wegen Schwerkraft und Licht hatte mein Vater mich im Stich gelassen, und mit Schwerkraft und Licht würde ich mich an ihm rächen. Ich verschlang die Artikel und suchte nach verborgenen Hinweisen, irgend etwas, das mir einen Weg für meine Rache aufzeigen würde. Aber als ob es das Brennglas, das Deutschland geworden war, widerspiegeln würde, geschah auch im Land der Physik etwas gleichermaßen Seltsames. Bis jetzt war mir dieses Königreich immer wunderbar vertraut gewesen. Die Seeleute, die auf Schiffen mit gleichmäßiger Geschwindigkeit aneinander vorbeifuhren, waren in den Aufsätzen in der Zeitschrift für Physik vielleicht
durch Raumfahrer ersetzt worden, die einander Botschaften zusandten und sich im freien Fall mit ihren Lampen anblinkten, aber im wesentlichen war es immer noch eine warme, ordentliche, vorhersagbare Welt. Heisenberg jedoch und auch andere veränderten all das – weit mehr, fand ich, als mein Vater es je getan hatte. Die Grundfesten der Welt wurden mehr erschüttert, als jede Relativitätstheorie das je zugelassen hatte. Die Relativität erklärte nur, wie die Schwerkraft funktionierte; diese neuen Theorien, die Quantentheorien, erklärten, wie alles andere in der materiellen Welt funktionierte. Und wenn man ihnen ganz bis auf den Grund ging, bis hin zum ganz Winzigen, auf die Ebene des Quantums, dann verhielten sich die Dinge entschieden seltsam. Elektronen verhielten sich nicht wie kleine Kanonenkugeln, die im Einklang mit Newtons Gesetzen umeinander herumhüpften. Die alten Regeln funktionierten immer noch hervorragend, wenn sich die Dinge wie Teilchen verhielten, aber wenn sie sich wie Wellen verhielten, lief alles verkehrt. Und plötzlich verhielten sich Elektronen ganz und gar wie Wellen. Das Universum lief nicht mehr im Uhrzeigersinn. Auf der Quantenebene wurde sein Verhalten völlig unvorhersehbar. Selbst wenn man dasselbe Experiment zweimal machte, indem man zum Beispiel ein einzelnes Elektron mit einem anderen einzelnen Elektron interagieren ließ, gab es keine Garantie dafür, daß die Ergebnisse des zweiten Experiments dieselben waren wie die des ersten. Eine eingebaute Unschärfe. Die Unschärferelation. Das klingt nach einer Beschreibung des Lebens, wie wir es erfahren, so wie Ereignisse den meisten von uns die meiste Zeit über vorkommen, ungewiß und unvorhersehbar. Aber in der Physik ist es sogar noch seltsamer. Wellen breiten sich ihrer Natur nach aus. Also können wir nicht an irgendeinem Punkt in der Zeit ganz sicher
sein, wo, sagen wir mal, ein Elektron ist. Wir können lediglich raten, wo es sein könnte. Manche Stellen sind wahrscheinlicher als andere, aber eine Gewißheit gibt es bei keinem. »Na und?« sagte Maja. »Wir verfügen über kein wirkliches Bild des Atoms«, sagte ich. »Und tatsächlich ist eine der Schlüsselkomponenten der Quantentheorie, daß man nicht in der Lage sein soll, sich ein Atom vorzustellen.« »Na und?« sagte Maja. »Spielt das eine Rolle? Hast du denn jemals ein Atom gesehen?« Ich mußte zugeben, daß das nicht der Fall war. Und eigentlich fiel mir auch nicht sofort irgendeine praktische Auswirkung ein, außer daß ich mir immer gern Atome vorgestellt hatte. Kleine Knäuel subatomarer Teilchen: die Protonen in der Mitte, dem Kern, und darum herum wirbelten die Elektronen in ordentlichen Kreisbahnen. Ein tröstliches Bild. Offenbar war dieses Bild jedoch bestenfalls eine Fiktion, und schlimmstenfalls eine völlige Lüge. »Ich bestehe aus Atomen«, sagte ich. »Und du auch. Findest du es denn nicht beunruhigend, daß deine Elektronen es sich jeden Moment in den Kopf setzen könnten, irgendwo anders ins Universum abzuwandern, und du wüßtest nicht einmal genau, wohin sie gegangen sind?« »Ich finde das ganze Leben beunruhigend«, sagte Maja. »Ich im Augenblick auch«, erwiderte ich. Ich suchte in der Organisation und Pflege meines Hauses Zuflucht vor dem Chaos, das die Physik darstellte, und dem Chaos, das das Leben in Berlin darstellte. Und obwohl es nicht gerade gern gesehen wurde, wenn eine verheiratete Frau arbeitete, war es doch akzeptabel, daß ich mit Josef ins Büro ging und ihm die Bücher führte. So konnte ich zumindest meinen eigenen Teil des Universums so vorhersagbar und behaglich wie möglich gestalten.
Maja zog ins Obergeschoß, wo Josef den Speicher ausgebaut hatte, was das angenehmste von allem war.
12. August 1924 Obwohl Josefs Import/Export-Geschäft das ganze Jahr 1923 über große Verluste erlitt, denke ich gern, daß wir uns selbst vor dem Ruin bewahrten, weil ich das Büro so effizient verwaltete. Es lag wirklich viel Befriedigung darin, Polstermöbel zu Tiefstpreisen zu kaufen und sich die Struktur des Atoms mit aller Macht nicht vorzustellen. Statt dessen konzentrierte ich mich darauf, die Buchhaltung in Ordnung zu halten. Auch wenn die Währungskurse eher stündlich als täglich variierten, gab es immer noch Nachfrage nach deutschen Waren, deutschen Chemikalien, deutschen Maschinenbauteilen. Man mußte nur die Mathematik unter Kontrolle halten und die Kartoffelsuppe mit genügend Wasser aufstellen. Trotz der Tatsache, daß ich die Stadt fast verlassen hätte, und trotz der Unruhe, die sich in den nächsten Jahren immer wieder breitmachte, habe ich nur gute Erinnerungen an Berlin in jener Zeit. Das Kopfsteinpflaster in der alten Innenstadt, bevor sie durch Bomben zerstört wurde. Die Kaufhäuser um den Alexanderplatz. Die schönen alten Steinhäuser. Dort konnten Maja und Josef, die wußten, wo sie suchen mußten, all das finden, daß man gerne aß: Würste, Bratkartoffeln, Hefeklöße mit heißer Vanillesauce, sogar Schweizer Schokolade. In der Straße, in der wir wohnten, gab es Holztüren mit Schnitzereien, Spiegelglas und kitschige Geländer. Die Treppe zum Haus in der Oberlandstraße glänzte hellrot. Mein Haus mit den Parkettböden und den hell gestrichenen Wänden, mein Haus, wo 1924 meine Tochter Tina geboren wurde.
Am Montag nachmittag, dem 11. August, lag ich – in der Sommerhitze mittlerweile zu schwer und zu langsam, um Josef im Büro zu helfen – auf dem Bett und las einen interessanten Artikel über Teilchen in der Zeitschrift für Physik, als ich auf einmal ganz aufgeregt wurde. Ich sah plötzlich, daß man nicht bei den Elektronen aufhören mußte, man konnte noch weiter gehen, in das Elektron, und dann… Doch was auch immer ich gesehen hatte, wurde hinweggeschwemmt von einer plötzlichen, heftigen Kontraktion, die zwanzig Stunden Wehen einleitete. Ich verzieh Maja nie, daß sie nicht da war, aber Josef war eine unerschütterliche Unterstützung. Er rief in regelmäßigen Abständen an, um sich einen Zwischenbericht von der Hebamme geben zu lassen, deren Hand ich nicht loslassen wollte, und kam sogar einmal für ein oder zwei Stunden aus dem Büro. Die Schmerzen waren stark, sie überrollten mich und zogen mir den Boden unter den Füßen weg. Sie kam in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages zur Welt, ohne einen Schrei, als ob die Anstrengungen und Wellen der Wehen ihr nichts ausgemacht hätten und sie zufrieden wäre, zu ihrer Zeit auf die Welt gekommen zu sein. Als die Hebamme auf ihrer vorgeschriebenen Frühstückspause bestand, war ich zum ersten Mal allein mit ihr. Ich lag noch in fast genau der gleichen Position wie am Tag zuvor, nur hatte ich jetzt ein Baby. Ich hatte sie gestillt und drückte sie nun in meinen Armen an mich. Sie war ein starkes Mädchen. Von Anfang an hob sie ihren Kopf gegen die herunterziehende Kraft der Schwerkraft – natürlich tun dies alle Säuglinge, aber die meisten erst, wenn sie ein paar Tage alt sind und nicht schon nach ein paar Minuten –, und ich freute mich. Mein Baby war erst eine halbe Stunde alt, jung gegenüber meinen zweiundzwanzig Jahren, und schon erprobte es die Einschränkungen und Grenzen, die
die Erde seinem Körper auferlegte. Ich drückte es an mich und lachte. Das verriet Anteilnahme, Teilnahme, Dazugehörenwollen. Ich hatte diese Eigenschaften zwar nie besessen, wußte aber, wie wertvoll sie waren. Noch mehr freute ich mich, als ich sah, wie es seinen Kopf wieder auf das Laken legte, ohne das Gesicht zu verziehen oder Anzeichen von Frustration zu zeigen. Ich fand, das war ein gutes Zeichen dafür, daß es die Beschränkungen der Erde akzeptierte. Als das Licht heller wurde, schliefen wir zusammen ein.
Mein Vater lehnte die Quantentheorie uneingeschränkt ab. Eine der wenigen Aussagen, die die Leute von ihm kennen, ist: »Gott würfelt nicht.« Im Herzen der Quantenwelt herrschte nicht nur die Idee vor, daß Ergebnisse ungewiß waren, sondern auch, daß zwei Objekte – sagen wir einmal, zwei Elektronen – einander über die bekannten Gesetze von Raum und Zeit unmittelbar beeinflussen konnten. Mein Vater leugnete jede Möglichkeit, daß dies der Fall sein könne. Er log. Ich wußte an diesem Morgen, daß er log, als ich mit Tina in ihrem puppengroßen Schlafanzug in der Armbeuge in meinem Bett einschlief. Ich hörte ihr Herz schlagen, rasch, stark, aber in einem leicht unregelmäßigen Rhythmus, fast so wie meines. Und ich wußte ganz genau, daß was immer sie tat, wo immer sie es tun würde, mich für den Rest meines Lebens betreffen würde. Es ist ein allgemein bekanntes Wunder. Objekte, die viel größer und hundertmal besser erkennbar sind als Protonen und Elektronen, beeinflussen einander jeden Tag. Das ist etwas, was wir alle wissen. Wer hat nicht schon von einer Mutter
gehört, die voller Angst auffuhr in dem Moment, als eine Kugel den Kopf ihres Sohnes durchschlug? Wer hat nicht schon Geschichten gehört von einer Tochter, die gesehen hat, daß die Uhr in dem Moment stehenblieb, als ihre Mutter starb? Zum ersten Mal seit Jahren dachte ich an Mileva. Mileva, meine eigene Mutter, die um mich geweint hatte, als sie mit Hans Albert in der Kutsche wegfuhr. Auf eine seltsame Weise verstand ich jetzt ein bißchen besser, warum sie mich bei Desanka zurückgelassen hatte. Sie konnte wegfahren, brauchte nicht zurückzublicken, weil sie wußte, daß wir immer miteinander verbunden waren, egal wie groß die Entfernung zwischen uns war, wie viele Länder und Jahre zwischen uns lagen, außerhalb der Gesetze von Raum und Zeit. Sie hatte getan, was sie für das Beste für mich hielt, deshalb ging es nicht darum, ihr zu verzeihen, denn es gab nichts zu verzeihen. Sie würde immer meine Mutter sein, so wie ich immer Tinas Mutter sein würde, und das zu wissen reichte aus. Die meisten Väter kennen dieses Band auch – wenn sie sich erlauben, es zu spüren. Mein Vater jedoch erlaubte es sich nicht. Er hatte mich weggeschickt und sich immer geweigert, das Band zu spüren, das uns hätte zusammenbringen können. Er hatte das Band durchschnitten, das Raum und Zeit hätte überdauern können. Kein Wunder, daß mein Vater die Quantenphysik ablehnte. Es lag in seinem Interesse, sie zu leugnen. Mich zu leugnen. An dem Tag, an dem ich meine neugeborene Tochter in den Armen hielt, war ich ins Große vorgestoßen. Ich hatte bis an den Rand des Universums geblickt. Und ich hatte auch begonnen, mich mit dem Kleinen zu befassen, der verschwommenen Welt von Wellen und Ungewißheit, die allen Dingen zugrunde liegt. Ich überlegte, wie man diese beiden Extreme in einem mathematischen Paket zusammenfassen könnte. Wäre das Rache genug,
Quantentheorie und Relativität zusammenzubringen und meinem Vater so zu zeigen, daß er in dem Universum, an dessen Entstehung er beteiligt war, nicht leben konnte? Ich beschloß, mich still zu verhalten und darüber nachzudenken, bis ich in mathematischen Begriffen genau beschreiben konnte, was vor sich ging. Ich hielt Tina eng an mich gedrückt, den ganzen Nachmittag, nachdem ich aufgewacht war, und den ganzen Abend und die ganze Nacht, weil ich sie nie leugnen wollte.
16. August 1924 Als Tina geboren wurde, war Maja zur Schlammkur in Franzensbad im Sudetenland. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie, wie sie erzählte, in einer Badewanne mit heißem Torf, der angeblich einen wohltätigen Effekt auf die Haut haben sollte. Als sie zurückkam, weigerte sie sich, sich mit Seife zu waschen, da die Mineralstoffe immer noch in ihre Poren eindrangen und sie sie nicht wegwaschen wollte. Ich sagte zu ihr, sie würde wohl ihre Hände waschen müssen, wenn sie Tina halten wolle, und nach einigem Aufhebens tat sie das auch. Natürlich tat sie es. Sie wollte Tina gern auf den Arm nehmen, mein erstes Baby, ein kostbares Bündel, ein absolutes Schätzchen. Maja säuselte und küßte und herzte Tina, und Tina säuselte ihrerseits und machte niedliche Laute. Maja pries entzückt die Schönheit ihrer Augen, ihre feinen Haare, ihre anmutig geformten Ohrläppchen. Ich widersprach ihr nicht. Maja mochte den Namen nicht. Josef auch nicht. Ich erklärte Josef, daß der Name doppelt passend sei. Seine Tochter trug nicht nur den Namen des großen deutschen Wissenschaftlers, der erst kürzlich den Nobelpreis verliehen
bekommen hatte, dieser Wissenschaftler hatte auch durch sein Eintreten für die zionistische Sache viel Gutes für die Juden in Deutschland getan, zu denen Tina nun gehören würde. Josef war nicht überzeugt. »Ich glaube nicht, daß das Gerede von Zionismus uns in irgendeiner Weise guttut.« Da es ungewöhnlich für ihn war, eine Meinung über irgend etwas anderes als den gegenwärtigen Zustand des Marktes zu äußern, war ich interessiert. »Warum nicht?« »Wenn zuviel über eine besondere Heimstätte für die Juden geredet wird, werden die Leute uns am Ende noch auffordern, da hinzugehen und dort zu leben.« Ich konnte seinen Standpunkt verstehen. Aber obwohl er noch ein letztes Mal aufbegehrte, daß Albertina ein viel zu gewaltiger Name für so ein winziges Baby sei, bekam ich meinen Willen. Die Abkürzung war ein Kompromiß.
9. Oktober 1924 Tina, noch keine zwei Monate alt und immer noch winzig, wollte nicht schlafen. Es war dunkel, nach Mitternacht. Ich ging mit ihr hin und her über den Parkettboden, als sei ich nur zum Gehen auf der Welt. Tina behandelte den Schlaf wie einen dunklen, tiefen See, in den sie nicht fallen wollte. Man mußte sie mit Liedern, Summen und Schaukeln einlullen. Ihre Augenlider flatterten einmal, zweimal, vielleicht auch dreioder viermal in einem letzten Versuch der Abwehr, sie krallte ihre Händchen verzweifelt in mein Haar, bevor sie völlig aufgab und das Wasser über ihr zusammenschlug. Doch wenn sie einmal schlief, dann war es ein Schlaf ohne Hoffnung auf Wiederkehr. Es herrschte völlige Stille, jede Bewegung war eingestellt. Sie atmete kaum. Jeden Morgen war es schwer, sie zurückzuholen, als wäre sie so tief in die
lichtlosen Tiefen eingesunken, daß sie sich nicht wieder hochkämpfen konnte, um zurückzukehren. Ich mußte sie rufen und küssen und zusehen, wie sie sich ruhelos hin und her drehte, ihren Kopf gegen die Schwerkraft anstemmte und gegen das Licht blinzelte. Hin und her ging ich mit ihr, dachte dabei über den Nukleus des Atoms und die Schwerkraft nach, und da, plötzlich, in jener Nacht, im Dunkeln, nach Mitternacht, während ich mit Tina im Arm über den Fußboden ging, spürte ich Finger auf meinem Arm. Es war nie