Simon Rose Firlefinanz
ein Ullstein Buch »Ein zweiter Tom Sharpe«, jubelte die britische Presse nach Erscheinen des Ers...
29 downloads
601 Views
786KB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Simon Rose Firlefinanz
ein Ullstein Buch »Ein zweiter Tom Sharpe«, jubelte die britische Presse nach Erscheinen des Erstlingsromans von Simon Rose. Wie der skrupellose Vorsitzende eines Großkonzerns und sein jüngster Angestellter, Tolpatsch und Sündenbock Jeremy, von einer Katastrophe in die andere stolpern, ist in der Tat eine glänzende Satire auf alle Machenschaften des Big Business.
Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
Simon Rose Firlefinanz Roman
ein Ullstein Buch
2
ein Ullstein Buch Nr. 22619 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Titel der englischen Originalausgabe: Filthy Lucre Ins Deutsche übertragen von Ute Tanner Deutsche Erstausgabe Umschlagentwurf und Illustration: Brian Bagnall Alle Rechte vorbehalten © Simon Rose, 1990 Übersetzung © 1991 Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M – Berlin Printed in Germany 1992 Gesamtherstellung: Ebner Ulm ISBN 3 548 22619 l Februar 1992
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Rose, Simon: Firlefinanz: Roman / Simon Rose. [Ins Dt. übertr. von Ute Tanner]. – Dt. Erstausg. – Frankfurt/M; Berlin: Ullstein, 1992 (Ullstein-Buch; Nr. 22619) ISBN 3-548-22619-1 NE:GT 3
Dem Andenken von Sid Chaplin, der einem stets Mut gemacht hat.
4
Dieses Buch ist ein Roman. Namen, Figuren, Orte und Begebenheiten sind entweder der Phantasie des Autors entsprungen oder romanhaft dargestellt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Schauplätzen, lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.
5
1 Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Er war fix und fertig. In jüngeren Jahren hatte er sich leichter damit getan, hatte sogar ziemlichen Spaß daran gehabt. Jetzt, wo er älter war, schlaffte er doch merklich schneller ab. Und es war nicht nur die körperliche Erschöpfung, die ihn mitnahm, es war vor allem diese blödsinnige Monotonie. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Immer und immer wieder. Müßig überlegte er, ob sich wohl ganz grob berechnen ließe, wie oft er dieses Auf und Ab in seinem Leben schon praktiziert hatte. Er merkte, daß er nicht mehr ganz bei der Sache war, und nahm sich zusammen. Nein, mein Lieber, so geht das nicht. Er riskierte einen raschen Blick nach unten, weil er wissen wollte, was sich da tat. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Ein bißchen tiefer vielleicht. Er korrigierte seine Stellung. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Wieder blickte er nach unten, und was er dort sah, befriedigte ihn sehr. Jetzt war es bald soweit. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Ganz schön bescheuert, was er da in seinem Alter trieb. Kaum war man in der einen Richtung fertig geworden, mußte man das Ganze noch mal andersrum machen. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Gewiß, der Winter in Westafrika war wunderschön, aber lohnte das wirklich die Mühe? Zweitausend Meilen, mein lieber Scholli, das war ein ganz schöner Schlauch. Egal, wie alt man war. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Verdammt, taten die Flügel weh. Jetzt konnte er London riechen. Man roch es immer, lange bevor man es sah. Kein besonders berauschender Duft, aber wieder mal Heimat für einen Sommer, wie vorher schon viele Sommer lang. Auf und ab. Und auf und ab. Und auf und ab. Da war sein Wegweiser, der lange Lulatsch auf der Säule mit den toten Löwen drunter, überall, wie üblich, Scharen 6
dieser ordinären lärmenden Stare. Er flog weiter und nahm eine leichte Kursänderung vor. Jetzt war er bald am Ziel. Trafalgar Square war nicht der richtige Ort, um junge Mehlschwalben in die Welt zu setzen. Er bevorzugte dafür ein ruhiges Plätzchen, und da war Gilbert Square genau das richtige. Solide, zuverlässige Gebäude mit einer Fülle geräumiger Nistplätze. In der Mitte Bäume und Gras. Baumaterial in unmittelbarer Nähe reichlich vorhanden. Was wollte man mehr? Er flog tiefer und drehte eine Begrüßungsrunde um den Platz, ehe er Nummer Siebzehn ansteuerte. Er bremste scharf. Das durfte doch nicht wahr sein! Das war nicht Nummer Siebzehn. Falsche Höhe, falsche Form, falsche Farbe. Was war denn da kaputt? Ratlos hielt er sich in der Schwebe. Die richtige Stelle war es, das wußte er genau. Er erkannte die Nachbarhäuser, wunderschöne beigefarbene alte Bauten, die jede Menge behaglicher Ecken und Winkel hatten. Dieses riesige Ding da war glatt und scheußlich. Wo war sein Nistplatz geblieben? Von allen Seiten landeten die Kollegen ein. Wenn er sich nicht rasch entschied, war nichts mehr frei. Er belegte einen schmalen Vorsprung mit einem Überhang, unter dem er sich mit Mühe und Not ein Nest bauen konnte, aber zufrieden war er nicht. So ein Scheiß, dachte er vergrätzt. Ein Blick nach unten hätte ihn womöglich heiterer gestimmt; seine Mißfallensbekundung war direkt in einem menschlichen Auge gelandet. Mit dem anderen Auge bemühte sich Jeremy, das Positive zu sehen. Vielleicht war dies ein Zeichen des Himmels, ein glückliches Omen. Er war zwar kein abergläubischer Typ, aber am nächsten Morgen sollte er bei BIG, der British Industrial Group, anfangen, einem der führenden Unternehmen des Landes, das jedes Jahr eine Anzahl von Hochschulabsolventen 7
als Management Trainees aufnahm, und hatte fürchterliches Lampenfieber. Um jedwedem Mißgeschick am kommenden Morgen vorzubeugen, hatte er sich zu einer Generalprobe entschlossen. Mit einer Stoppuhr bewaffnet, war er per U-Bahn von seiner Wohnung in Sussex Gardens, Paddington, zum Russell Square gefahren. Er ließ die Stoppuhr klicken. Achtundzwanzig Minuten und fünfundfünfzig Sekunden von Tür zu Tür. Neunzehn Minuten und dreizehn Sekunden mit der U-Bahn, notierte er, neun Minuten zweiundvierzig Sekunden Fuß weg alles in allem. Er würde noch fünf Minuten für Unvorhergesehenes zugeben. Sicherheitshalber. Gerade sein Talent, so fand er, auch die unbedeutendsten Details mit ins Kalkül zu ziehen, würde ihm bald den Ruf eines vielversprechenden jungen Menschen verschaffen, eines Typs, den man im Auge behalten mußte, eines kommenden großen Mannes. Jeremy wischte sich das Glückszeichen aus dem Auge, überquerte die Straße und betrat die Grünanlage, um die neue Zentrale von British Industrial besser auf sich wirken zu lassen, wobei er an Major Peregrine vorbeikam, der lange, wenn auch letztlich vergeblich, alle Kräfte angespannt hatte, um den Bau dieses Prachtstücks zu verhindern, und eben jetzt mit seinem Hund Rommel Gassi ging. Der Major hatte, wie er bereitwillig allen erzählte, die es hören oder auch nicht hören wollten, im Zweiten Weltkrieg in Südafrika mitgeholfen, Rommel kleinzukriegen, und machte sich für eventuelle neue feindliche Übergriffe der Hunnen fit, indem er sich Dackel hielt, die sämtlich auf den Namen des Feldmarschalls hörten – oder auch nicht. Dieser Rommel war der fünfte. Major Peregrine war nur noch ein blasser Schatten seiner selbst. Seit dreißig Jahren am Gilbert Square wohnhaft, hatte er sich heftig gegen die Pläne gewehrt, ein völlig intaktes georgianisches Stadthaus abzureißen und an seiner Stelle ein vierzehnstöckiges Bürohaus hinzuklotzen. Als Vorsitzender der 8
Anlieger-Initiative hatte er für eine Petition siebentausend Unterschriften gesammelt, von denen die meisten sogar echt waren. Seine Zuversicht, daß es ihm gelingen würde, die Unversehrtheit eines Platzes zu bewahren, der wie durch ein Wunder Görings Bombern und den begehrlichen Blicken so manches Bauunternehmers entgangen war, hatte sich bestätigt. Widerstrebend hatte das Bauamt einen unterderhand als mutig und innovativ bezeichneten Antrag abgelehnt, und Gilbert Square, ein prächtiges Beispiel für das architektonische Werk von Thomas Cubitt, war gerettet. Auf dem Square war geflaggt worden, und einige der Anwohner, von denen die meisten aus Prinzip nie ein Wort miteinander wechselten, setzten sich in ihrer Begeisterung sogar auf ein Bier zusammen. Die sieghafte Hochstimmung des Majors hatte genau zwei Tage angehalten und war in dem Feuer verglüht, das in Gilbert Square Nummer Siebzehn wütete und eine leere Hülle hinterließ. Wie die Stadtplaner genüßlich erläuterten, wäre der Wiederaufbau des Hauses nach den Originalplänen mit astronomischen Kosten verbunden gewesen. Wie gut traf es sich da, daß ausgerechnet auf dem Gelände von Nummer Siebzehn der BIG-Konzern seine neue Zentrale errichten wollte. Nicht auszudenken, wenn statt dessen Nummer Fünfzehn oder Neunzehn ausgebrannt wäre! Um der zweifellos vorhandenen Einsturzgefahr und der damit verbundenen Gefahr für Leib und Leben der Anwohner zu begegnen, hatte das Bauamt entgegenkommenderweise den Bauantrag im Eilverfahren genehmigt. Nur wenige Tage später kamen die Bulldozer. Die anderen Anwohner des Square beeilten sich, Major Peregrine darauf hinzuweisen, daß er geschworen hatte, dieser verdammte Klotz werde nur über seine Leiche gebaut. Da aber die geschäftige Bautätigkeit auf Nummer Siebzehn und der Major gleichzeitig zu sehen waren, wie eine betagte Witwe bemerkte, als sie Rommel auf seinem Verdauungsspaziergang begegnete, mußte wohl das eine oder das andere eine Fata 9
Morgana sein. Mit einem wohlgezielten Schlag ihres Gehstocks konnte sie zu ihrer Zufriedenheit nachweisen, daß der Major, was immer er sonst sein mochte, jedenfalls keine optische Täuschung war. Während er sich hinkend in seine Souterrainwohnung flüchtete, überlegte Major Peregrine, daß selbst einem Mann seines Schlages doch wohl hin und wieder eine Metapher gestattet sein müßte. Genugtuung wurde ihm, als er bei der Einweihung von BIG House sein Mißfallen kundtat, indem er, für alle Beteiligten sichtbar, so lange wie möglich den Atem anhielt. Bei dem heftigen Hustenanfall, der diesem Versuch folgte, flog sein Gebiß heraus und grub sich in den Nacken eines der BIG-Manager. Es war ein Pyrrhussieg. Die Einweihungsfeier war trotzdem weitergegangen. Zum erstenmal seit Jahren erfuhr der Major die Bitternis der Niederlage. Er erfuhr auch, daß Gebisse heutzutage nicht mehr so solide gearbeitet werden wie früher. Die neuen Dritten bereiteten ihm Höllenqualen. Heute gönnte er – wie gewöhnlich – Rommel keine Pause, bis sie die Straße überquert hatten und vor der himmelhohen Scheußlichkeit standen. Nur dort durfte der Hund das Bein heben. Der Major experimentierte seit einem Vierteljahr mit Rommels Futter, und der Beton nahm in der Tat allmählich eine erfreulich widerwärtige Grünfärbung an, doch bewirkte bisher nichts, was die Verdauungsorgane des Dackels durchlief, eine Zersetzung des Materiales. Da muß etwas Stärkeres her, dachte der Major. Etwas viel Stärkeres. Er verfolgte diesen Gedanken weiter. Und noch ein Stück weiter. Zum erstenmal, seit die Bulldozer ihr Werk auf Nummer Siebzehn begonnen hatten, richtete sich der Major zu seiner vollen Größe auf. Er lächelte. »Bange machen gilt nicht, stimmt’s, Rommel? Angriff ist noch immer die beste Verteidigung. Was hoch hinaus will, muß auch wieder runter, wie?« Der Dackel gab keine Antwort. Er hatte genug Mühe sicherzustellen, daß das, was am einen Ende reinging, am 10
anderen Ende auch wieder rauskam. Energisch zog der Major den Dackel aus dem ernsthaften Geschäft der Entsorgung weg in Richtung Heimat. Jetzt galt es, Pläne zu schmieden. Auf der anderen Seite des Platzes sah Jeremy bewundernd zum BIG House hoch. Was für ein prachtvolles Bauwerk. Ganz offenbar war es die Absicht der Architekten gewesen, ein Zeichen zu setzen, mit dem die Rolle der Wirtschaft im modernen Gemeinwesen deutlich gemacht werden sollte. Die Höhe versinnbildlichte die Vormachtstellung von Handel und Wandel gegenüber allen anderen Aktivitäten der Gesellschaft. Die rohe Kraft symbolisierte wohl das überleben des Stärksten. Die Betonverkleidung sollte zweifellos zeigen, daß Fransen und Schnörkel in einem modernen, durchrationalisierten Unternehmen unangebracht waren, während die Rohre, die sich kreuz und quer über die Fassade zogen, das architektonische Äquivalent eines Händedrucks sein mochten und zeigten, daß hier alles offen und ehrlich zuging. Das dreieckige BIG-Logo war sinnig in das Gesamtkonzept integriert und zeigte das menschliche Gesicht der Firma, mit dreieckigen Fenstern in einigen Stockwerken und einer dreieckigen Vorhalle. Ein ehrliches Bauwerk, überlegte Jeremy, das dem Beschauer sehr viel über das Unternehmen verriet, das es beherbergte. Zu behaupten, Jeremy freue sich auf seine erste Stellung, wäre eine Untertreibung gewesen. Seine Bewunderung für die Firma und deren Boss, Alexander Prosser, hatte fast etwas Götzendienerisches an sich. Er verinnerlichte jedes Fitzelchen an Information über den BIG-Konzern und über Prosser, das ihm in die Hände fiel, und den Artikel aus der Zeitschrift Business, den er in der Brieftasche mit sich herumtrug, konnte er auswendig hersagen. Er murmelte ihn leise vor sich hin, wie eine Litanei, während er BIG House auf sich wirken ließ: »Es gibt Leute, die der Meinung sind, der bemerkenswerte Aufschwung der britischen Wirtschaft sei allein diesem 11
Unternehmen und insbesondere jenem Mann zuzuschreiben, der es zu dem gemacht hat, was es heute ist, Alexander Charles Prosser. Wie ein riesiger, allwissender Adler beherrscht dieser überlebensgroße, temperamentsprühende Industriekapitän von seinem Penthouse-Horst aus das gewaltige Imperium der British Industrial Group. Prossers zupackendes Geschäftsgebaren duldet keine Opposition. Was ihm im Wege steht – ob unbelebte Gegenstände oder lebendige Menschen –, wird von diesem menschlichen Dynamo glatt überrannt. Es scheint keinen Aspekt des Geschäftslebens zu geben, den Prosser nicht intuitiv zu begreifen vermöchte. Während andere Unternehmen weiterhin in langweiligtraditionellen Gleisen laufen, verfolgt BIG zahlreiche und vielfältige Aktivitäten, vom Maschinenbau der Muttergesellschaft British Iron Girders über den Freizeitbereich, die Gastronomie und das Hotelgewerbe, Zigarettenfabriken und Brauereien bis zur Anlage von Parkplätzen und zum Hausund Wohnungsbau, Maklergeschäften und dem Lebensmitteleinzelhandel. In den zehn Jahren, seit Prosser am Ruder ist, hat BIG sechzig verschiedene Unternehmen aufgekauft. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: ›Von null auf sechzig in zehn Jahren ist nicht übel, und die Beschleunigung hält noch an.‹ Kurzum, was für ein Spielchen es auch sei, zu dem man sich in der Wirtschaft zusammensetzt – wenn es Prosser interessiert, wird er kräftig mitmischen.« Jeremys Lippenbewegungen hörten auf. Die Dämmerung senkte sich auf London. Der seit acht Uhr morgens gleichbleibend hohe Geräuschpegel nahm allmählich ab. Die Vögel machten ihre Kehlen frei vom Kohlenmonoxyd und konnten sich mit ihren Stimmen wieder durchsetzen. Während Jeremy zum 13. Stockwerk hochblickte, wo, wie er wußte, Prossers Büro war, ging dort das Licht an. Demnach, dachte er ehrfurchtsvoll, sitzt der große Mann noch über seiner Arbeit. Wieviel Kraft muß in diesem Menschen stecken! 12
Jeremy trat einen Schritt zurück und direkt auf einen Penner, der hinter ihm in einem Hauseingang lag. Hätte Jeremy es fertiggebracht, sich vermöge der Levitation dreizehn Stockwerke hoch in die Lüfte zu erheben, hätte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen können, daß Alexander Prosser, Vorstandsvorsitzender und Hauptgeschäftsführer der British Industrial Group, in der Tat mit seiner Kraft noch keineswegs am Ende war. Er lag auf dem Rücken auf seiner Bürocouch, und hätte jemand durchs Fenster geschaut, hätte er sein Gesicht nicht sehen können, da es durch die nackte Rückfront einer seiner Chefassistentinnen, Lorraine Summers, verdeckt war. Rittlings auf ihrem Arbeitgeber sitzend, tat Lorraine ihre Pflicht für Großbritannien und für BIG und hielt die Erinnerung an den heiligen Georg lebendig. Ganz bei der aufrichtenden Sache aber waren beide nicht. Lorraine versuchte, während sie auf und ab nach rechts und links wippte, rasch mal auf die Uhr zu schauen, und überlegte, ob sie es noch schaffen würde, sich mit Janice am Cinecenter in der Tottenham Court Road zu treffen, wo sie sich den neuesten Burt-Reynolds-Film ansehen wollten. Prosser hingegen klopfte sich, während er abwesend Lorraines Brüste knetete, innerlich auf die Schulter. Sein Antrag auf Mitgliedschaft bei Bart’s kam morgen vor den Zulassungsausschuß. Wurde auch langsam Zeit, daß er in diesen renommierten Klub aufgenommen wurde, dessen Mitgliedschaft auf den inneren Kreis führender britischer Unternehmer begrenzt war. Stand er nicht an der Spitze des am schnellsten wachsenden britischen Konzerns, war er nicht einer der reichsten Männer des Landes, Vertrauter der Premierministerin mit ganz großen Chancen, demnächst geadelt zu werden? Warum seine Kollegen sich so lange standhaft geweigert hatten, ihn zu akzeptieren, war ihm ein Rätsel. Schön, dem einen oder anderen hatte er mal auf die Zehen treten müssen. Aber wer von den hochgestochenen alten 13
Armleuchtern, die den Klub gegründet hatten, war nicht mal einer Tussi an die Möpse gegangen oder hatte einen Konkurrenten in die Pfanne gehauen? Diese gemeine Bemerkung von Sir Jocelyn Pardoe, die prompt von der Presse aufgegriffen worden war, hatte ihm ganz schön die Tour vermasselt. Von wegen »größenwahnsinniger kleiner Prolet …« So eine Frechheit. Das würde er zurücknehmen müssen, dieser hochnäsige Aristokratenarsch, wenn er erfuhr, wem nun bald Zugang in die geheiligten Hallen seines Klubs gewährt werden würde. Zu Lorraines Verblüffung ließ Prossers Gemächte, nachdem es Zugang zu ihren geheiligten Hallen gefunden hatte, wenig Neigung erkennen, sie wieder zu verlassen. Während sie ihm, wollüstige Leidenschaft heuchelnd, ins Gesicht sah und es dabei nach Möglichkeit vermied, den kalten Fischaugen zu begegnen, überlegte sie, wieso es ausgerechnet immer die Kleinen, Fiesen, Kahlköpfigen waren, die so viel Erfolg im Leben hatten. Wenn sie der heilige Georg war, so war er entschieden der Drache mit allen Hautproblemen, an denen diese armen Tiere offenbar gelitten hatten. Sie beschleunigte ihre Aktivitäten in der Hoffnung, das Kapitel rasch abschließen zu können, um sich dem entschieden erfreulicheren Anb lick von Burt Reynolds hinzugeben. Es dauerte nicht lange, bis Lorraines Können trotz Prossers Zerstreutheit Erfolg gezeitigt hatte. Sie machte Anstalten, sich abzukoppeln. »Wo willst du denn hin?« fuhr Prosser sie an. »Ich dachte …« »Jetzt werden erst mal ein paar Briefe diktiert.« »Ja, Mr. Prosser.« Gehorsam blieb Lorraine rittlings auf ihrem Boss sitzen. An seine Arbeitsmethoden mußte man sich erst gewöhnen. Hoffentlich, dachte sie, dauert es nicht zu lange, sonst hat er Zeit, wieder zu Kräften zu kommen. Dann blieben sie womöglich, wie sie aus schmerzlicher Erfahrung wußte, die ganze Nacht im Clinch. 14
»An Harry Shepherd, Generaldirektor, Prossers AuspuffCenter«, diktierte er. »Lieber Harry, ich habe einen Brief von einem dankbaren Kunden bekommen, der seiner Freude darüber Ausdruck gibt, daß der Auspuff, den Deine Leute in seinen Wagen eingebaut haben, fast drei Jahre gehalten hat, und schmeichelhafte Vergleiche zu unserer Konkurrenz anstellt. Absatz. Was zum Teufel soll das, Harry? Diese Scheißmetallklumpen sollen nur ein Jahr halten, gerade mal so lange wie die Garantie. Wenn die alle ihren zweiten oder dritten Geburtstag erleben, sackt der Umsatz ab. Bekanntlich mische ich mich prinzipiell nicht in die Geschäftspolitik der Tochterunternehmen von BIG ein, möchte Dir aber wärmstens empfehlen, einen neuen Lieferanten zu suchen, der sich gewissenhafter an unsere Vorgaben hält, weil ich mir sonst möglicherweise einen neuen Geschäftsführer suchen muß. Sorg also dafür, daß meine Geduld nicht eines Tages zum Auspuff rausbläst, Klammer auf haha Klammer zu. Mit freundlichen Grüßen und so weiter.« Prosser steckte den Zeigefinger ins rechte Nasenloch und grub darin herum. Der Finger stieß auf etwas Interessantes, brachte es ans Tageslicht, zeigte es seinem Besitzer und schnippte es weg. Prosser überflog seine Notizen. Lorraine hielt den Stift in der Schwebe, gleich darauf flog er wieder über den Block: »An Jamieson, Brauerei Newcastle …« Der künftige Management Trainee von BIG löste sich von dem fluchenden, spuckenden Penner, wich unter tausend Entschuldigungen zurück und bezog ein paar Meter weiter erneut seinen Beobachtungsposten. Jeremy, dünn und schlaksig, hatte stets einen wachsam- gejagten Zug im Gesicht, was nicht verwunderlich war, wenn man bedenkt, daß er in seinen vierundzwanzig Lebensjahren bisher fast ständig Zielscheibe fauler Witze gewesen war. Schon mit seinem brandroten Haar konnte man ihn herrlich 15
aufziehen. Hinzu kam, daß Jeremy Seaman mit einem Nachnamen geschlagen war, der von freundlichen Zeitgenossen nur zu gern zu »Samen« verballhornt wurde. Wenn er sich nicht dumme Sprüche über Karotten oder Verkehrsampeln anhören mußte, fragte ihn mit Sicherheit einer, ob er in dieser Nacht mal wieder feuchte Träume gehabt hatte. »Lieber Bob«, diktierte Prosser seiner gefälligen Chefassistentin. »Besten Dank für Deinen Brief zu der Entscheidung des Vorstandes, 350 Stellen in Deinem Werk einzusparen. Ich kann durchaus verstehen, daß Du nicht begeistert bist, wenn die Belegschaft verkleinert und gleichzeitig das Produktionssoll erhöht wird, und habe zur Kenntnis genommen, daß Du Zitat nicht mit ansehen wirst, wie man ein Drittel der Mitarbeiter auf die Straße setzt Zitat Ende. Absatz. Ich finde es bedauerlich, daß Du uns nach so vielen Jahren wegen einer Bagatelle verlassen willst, zumal Du mit dieser nicht fristgemäßen Kündigung die Bedingungen Deines Einstellungsvertrages verletzt und dadurch keinen Anspruch auf Abfindung hast. Sicher aber wirst Du mit Deinen siebenundfünfzig Jahren keine Mühe haben, ein neues Betätigungsfeld zu finden. Mit freundlichen Grüßen. P.S. Beste Grüße an Doreen und die Kinder.« Prosser griff nach dem beharrlich piepsenden Telefon. »Verdammter Mist, was soll denn das? Hab ich nicht gesagt, daß ich nicht gestört werden will? Wer? Herrgott noch mal, worauf wartet ihr denn? Durchstellen, wird’s bald … Jack Butterley, das darf ja nicht wahr sein. Ist ja eine halbe Ewigkeit her. Wie ist es denn so bei Nostrum und in der Welt der Soft Drinks?« »Sehr viel erholsamer als bei einem Mistkäfer wie dir, Alex«, kam es gutgelaunt zurück. Der weiche Dialektanklang stand in krassem Gegensatz zu Prossers scharfem, kratzigem 16
Ton. »Und wie geht’s dir, alter Schurke?« »Danke, leidlich. Über Schwierigkeiten muß man sich eben hinwegsexen.« Prosser grinste Lorraine an. »Moment mal, ja?« Er legte die Hand über die Sprechmuschel und scheuchte sie mit einer Handbewegung aus dem Zimmer. »Morgen ist auch noch ein Tag …« Sie löste sich von ihm. Während sie nach ihren Sachen griff und sich zur Tür wandte, gab er ihr einen Klaps auf den Po, daß es nur so schallte. »Dann können wir auch gleich mit den Briefen weitermachen.« Lorraine hörte ihn grölend lachen, als sie die Tür hinter sich schloß. Sie sah auf die Uhr. Mist, der Film hatte schon angefangen. Sie ging zum Aufzug, zo g im Gehen den Reißverschluß am Rock hoch und knöpfte die Bluse zu. Scheißjob. »Wem oder was verdanke ich diese hohe Ehre?« erkundigte sich Prosser. »Du redest neuerdings ziemlich blumig daher, Alex. Was ist bloß aus deinem schönen rotzigen Nordengland-Dialekt geworden?« »Ist mir unterwegs abhanden gekommen. Wie du, Jack. Zehn Jahre ist es jetzt her, seit du abgehauen bist, und der Abschied war nicht gerade herzlich. Wenn ich mich recht erinnere, hast du mich einen grundschlechten, hartherzigen Schlotbaron genannt, der bereit wäre, seine eigene Großmutter zu verkaufen, wenn er noch was für sie kriegen könnte.« Butterleys Lachen dröhnte durch den Hörer. »Ich wette, daß du es als Kompliment aufgefaßt hast, so war es nämlich gemeint.« Dann wurde er ernst. »Kann sein, daß ich einen interessanten Vorschlag für dich habe, Alex. Wir sollten zumindest mal drüber reden.« »Also los, rede.« »Manchmal sitzen so kleine grüne Männchen in der Leitung, die mag ich nicht. Ich bin in einer Telefonzelle um die Ecke.« 17
»Na schön, komm gleich mal vorbei, eine halbe Stunde hab ich für dich. Ich sag unten Bescheid.« Prossers Nüstern weiteten sich. Die Sache reizte ihn. »Nein, warte mal, ist vielleicht besser, wenn du nicht den Haupteingang benutzt. Komm durch die Garage.« Der Major warf einen angewiderten Blick auf seine Küchenwand. Tagsüber hatte sie einen durchaus akzeptablen Gelbton. Nachts aber war sie, wie auch die Wände seines Schlaf- und Wohnzimmers, in dunkles Purpurrot getaucht. Auch daran war dieser verdammte Kasten schuld. Als wäre er nicht tagsüber schon scheußlich genug, hatte irgendein Geisteskranker die Wahnsinnsidee gehabt, ihn nachts mit einem starken purpurfarbenen Scheinwerfer anzustrahlen, der auf das Dach eines gegenüberliegenden Hauses montiert war. Das aufdringliche Violett tauchte nicht nur die Fassade von BIG House in ein geradezu anstößiges Licht, sondern wurde von dem Gebäude reflektiert und kroch noch in die verborgensten Winkel des Gilbert Square. Ein solcher Winkel war die Souterrainwohnung des Majors. Tagsüber mußte er sich auf einen Stuhl stellen und sich den Hals verrenken, um sich über die bauliche Scheußlichkeit zu ärgern. Nachts aber brauchte er sich dazu nicht mal aus seinem Sessel zu erheben. Aus dieser bequemen Stellung heraus skizzierte er Rommel, der sich vor dem Kamin ausgestreckt hatte, die Lage, so wie sie sich aus seiner Sicht darstellte. »Die Lage aus meiner Sicht ist so, daß der Bau dieser Scheußlichkeit eine effektive Kriegserklärung war. Wie Falkland. Hier liegt eine klare Gebietsverletzung vor, gegen die wir uns zur Wehr setzen müssen.« Der Major mit seinem zerklüfteten Gesicht, dem buschigen weißen Schnurrbart, Kurzhaarschnitt, hoher Stirn und einer Vorliebe für Tweed war der Inbegriff des Offiziers, wie er dem Kinogänger im Lauf der Jahre lieb und teuer geworden war. Das hatte seinen guten Grund, denn der Major verdankte seine 18
Kenntnisse des Kriegshandwerks ausschließlich der Kinoleinwand. Nach der Schule hatte er nicht bei der Army, sondern in einer Versicherung angefangen. Nicht einmal Wehrdienst hatte er geleistet; als seine Altersgenossen in die Kasernen eingerückt waren, hatte er sich gerade dringender Geschäfte halber nach Australien begeben müssen. Als er glücklich von den Antipoden zurück war, hatte er sich von einem zivilen Ronald Peregrine zu Major Ronnie Peregrine gewandelt. Die Rangbezeichnung war für ihn beruflich Gold wert – in mehr als einer Beziehung. Wenn ein potentieller Versicherungsnehmer Anstalten machte, sich in das Kleingedruckte zu vertiefen, ließ der Major eine geläufige Beschreibung all der Möglichkeiten vom Stapel, die es gibt, einen Deutschen mit einem Bajonett zu zerlegen. Um ihn zu bremsen, unterschrieben die Kunden unbesehen praktisch alles. Inzwischen war der Major pensioniert, sah aber keinen Grund, sich im Ruhestand von einem so nützlichen Titel zu trennen. Zwar ließ sich der Major unermüdlich über die Attacke aus, die man nun endlich gegen BIG House reiten müßte, aber er hatte keine Ahnung, wie das praktisch zu bewerkstelligen sei. Hätte er die Army tatsächlich mal von innen gesehen, hätte er vielleicht wenigstens noch einen alten Armeerevolver gehabt. Er fahndete in den Küchenschubladen nach einer passenden Waffe. Das Bedrohlichste, was er fand, war ein Brotmesser, das im Einsatz gegen ein vierzehnstöckiges Gebäude wohl doch recht unzulänglich war. Verdrossen machte er eine Dose Hundefutter für Rommel auf und stellte ihm den Futternapf vors Fenster. Ebenso verdrossen inspizierte Rommel den Napf und überlegte, wie sich der Inhalt wohl auf seine Verdauung auswirken mochte. Prosser erwartete Jack Butterley voller Ungeduld. Sie hatten sich ja wirklich eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen. Fast zwei Jahre hatten Butterley und er British Iron Girders geführt, obgleich der Laden damals noch dem alten Sanderson gehört 19
hatte. Verdammt guter Manager, der Butterley, überlegte Prosser, stand sich nur manchmal mit seiner Ehrpusseligkeit selbst im Wege. Und ein bißchen zu weich in der Führung der Mitarbeiter. Darum war es auch bei ihrer letzten Auseinandersetzung gegangen. Gereizt waren sie beide vorher schon gewesen. Daß der alte Sanderson scheinbar ewig zu leben gedachte und ihnen damit die Expansionspläne vermasselte, die sie so lockten, hatte sie beide genervt. Zuerst hatte die Arbeit mit Butterley echt Spaß gemacht. Prosser erinnerte sich noch, daß er ziemlich am Boden zerstört gewesen war, als sein Kollege ihm eröffnet hatte, er würde gehen. Seither hatte Butterley mehrmals die Firma gewechselt und war vor ein paar Jahren als Finanzchef bei Nostrum gelandet. Butterley war einfach zu früh gegangen. Nur vier Wochen nach seinem Ausscheiden war der alte Sanderson bei einem bedauerlichen Betriebsunfall ums Leben gekommen, so daß Prosser plötzlich Alleinherrscher über die Firma war. Der Aufbau des Großkonzerns konnte beginne n. Als sich die Aufzugtüren öffneten, ging Prosser hin und umarmte Butterley rauh, aber herzlich. Prosser, ein untersetzter Mann, hatte noch etwas von der Kraft in den Armen, die er gehabt hatte, als er in den Klubs von Byker um Geld geboxt hatte. »Sachte, Alex. Wenn so deine Begrüßung für Leute ausfällt, die du nicht leiden kannst, möchte ich nicht wissen, wie gute Bekannte deine Zuneigung überleben.« Butterley machte sich los. In den letzten zehn Jahren hatte sich sein alter Freund verändert. Er brachte zehn, zwölf Kilo mehr auf die Waage, wurde allmählich kahl und kam ihm noch kleiner vor, als er ihn in Erinnerung hatte. »Du hast dich überhaupt nicht verändert, Alex«, sagte Butterley höflich. »Na ja, ein bißchen zugelegt hast du vielleicht, und die Stirn ist ’ne Idee höher, aber ansonsten bist du ganz der alte.« Prosser runzelte die Stirn. Er war es nicht mehr gewöhnt, daß die Leute ihm gegenüber aussprachen, was sie dachten. 20
Butterley hatte schon immer eine gefährliche Kodderschnauze gehabt. »Und du, Jack, bist immer noch so schick in Schale.« Er ging voraus. Es juckte ihn, die Früchte seines Erfolgs vorzuzeigen. »Gefällt dir unser neues Haus?« »Äußerlich verströmt es genausoviel Charme und ästhetische Harmonie wie der Boss von BIG«, sagte Butterley und betrat Prossers feudales Büro. Er sah sich um. Der wuchtige Edelholzschreibtisch beherrschte den Raum, daneben stand eine Konsole mit Monitoren, auf dem spiegelnden Parkett lagen Perserteppiche, die Bilder an den Wänden waren Originale, er erkannte einen Lowry, einen Sutherland, zwei Hockneys, und … ja, tatsächlich, sogar einen Cézanne und einen Monet. »Also wirklich …« Er zögerte, Prosser sollte nicht merken, daß er neidisch war. »Gar nicht schlecht. Hier sieht’s doch wesentlich anders aus als in der zugigen Wellblechbaracke hinter der Gießerei, Alex.« »Kann man wohl sagen. Ich habe jetzt gewissermaßen eine Wohnung über dem Laden.« Prosser deutete auf eine Wendeltreppe. »Da oben sind meine Privaträume. Swimmingpool, Fitneßraum, Sauna. Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.« »Moderner Komfort, wie er im Buche steht«, sagte Butterley. »Hast ganz hübsch Karriere gemacht, alter Junge.« Daß sein früherer Kollege nicht tiefer beeindruckt war, enttäuschte Prosser. Er ließ das linke Handgelenk vorschnellen. »Ganz hübsche Karriere? Hast du ’ne Ahnung! Wie findest du die Uhr, Jack? Gelbgold. Davon gibt’s nur zwei Exemplare auf der ganzen Welt. Die andere ist in Weißgold.« Er zog die Manschette an dem anderen Handgelenk zurück, unter der eine zweite, fast identische Uhr zum Vorschein kam. »Rat mal, wieviel die kosten.« Er lachte über Butterleys verdattertes Gesicht. »Keine Ahnung.« »So über den Daumen fünfzehntausend pro Stück. Der 21
Anzug knapp tausend. Die Schuhe dreihundert. Selbst die Socken kosten zwanzig Pfund. Eine. Was ich an Klamotten anhabe, ist gut und gern seine vierzigtausend Pfund wert. Du hast schon recht, ganz hübsche Karriere in nur zehn Jahren.« »Noch immer so schlicht und bescheiden wie früher, Alex«, sagte Butterley, während er herumging und sich Prossers Ausstellungsstücke näher ansah. Dieser Raum war weniger ein Büro als eine Galerie, in der Prossers Reichtum zur Schau gestellt war. »Aber bist du auch glücklich, Alex?« »Was Blödsinnigeres konntest du wohl nicht fragen?« Typisch Butterley, dachte Prosser. Noch immer wußte man bei ihm nicht, ob er es ernst meinte oder nicht. Und noch immer war er fünf, sechs Zentimeter größer als Prosser. Alexander Prosser hatte etwas gegen Mitmenschen, die größer waren als er, und faßte folglich auf Anhieb eine Abneigung gege n die meisten neuen Bekannten. Besonders in Rage geriet er, wenn diese Klugscheißer von der Presse ihm das Adjektiv »überlebensgroß« anhängten, womit sie, wie er sehr wohl wußte, auf seine etwas zu kleine Statur anspielten. Es war nur um Nuancen besser als der dumme Spruch vom »überzeugten Junggesellen«. Butterley schwelgte in Erinnerungen. »Weißt du noch, wie wir beide uns die ersten richtigen Anzüge haben bauen lassen? Du hast dem Schneider fast den Kopf abgerissen, weil du nur die Hälfte von den Ausdrücken mitgekriegt hast, die er benutzt hat.« Prosser lachte höflich, aber es schmeckte ihm nicht, wenn man ihm die Zeiten in Erinnerung rief, als er die Rolle des Gentleman noch nicht so gut beherrschte wie heute. »Jetzt kommen die Schneider zu mir, Jack, ich hab keine Zeit mehr, zu Anproben zu laufen.« »Was machen die denn hier?« Butterley deutete auf die erstaunlich schlecht gemachten Büsten von Napoleon, Churchill und Alexander dem Großen. »Von denen laß ich mich inspirieren. Du glaubst gar nicht, 22
was man alles von großen Feldherren der Vergangenheit lernen kann. Heutzutage werden die großen Schlachten im Sitzungssaal geschlagen, nicht mehr auf dem Felde der Ehre.« Butterley sah, daß Prosser, während er herumstolzierte wie ein Gockel, die rechte Hand halb in die Jacke geschoben hatte. Mit seiner Boxernase, die ihm während seiner kurzen Karriere im Ring zweimal und bei privaten Prügeleien mindestens einmal gebrochen worden war, sah er aus wie eine ComicVersion von Napoleon und hatte erstaunliche Ähnlichkeit mit der Kaiserbüste. Wenn man genauer hinsah, konnte man auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Büsten von Churchill und Alexander erkennen. Butterley gab es einen Ruck. Die Büsten waren nicht schlecht gemacht. Sie waren bewußt so gemacht, daß diese Größen der Vergangenheit Prosser ähnlich sahen. Herrgott noch mal, was war aus dem Mann geworden? Soviel Schwulst war ja schon nicht mehr normal. Butterley trat ans Fenster. Prosser sollte nicht sehen, daß er feixte. »Phantastische Aussicht. Du bist offenbar schwindelfrei. Im Gegensatz zu dem armen alten Sanderson«, setzte er leise hinzu. »Er war nicht mehr der Jüngste«, versetzte Prosser scharf. »Ein richtiger Tattergreis. Warum er in seinem Alter allein auf die Galerie der Gießerei gegangen ist, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Hat wohl das Gleichgewicht verloren.« »Kein hübsches Ende, in die Schmelze zu fallen.« »Über eine Woche wußte keiner, wo er abgeblieben war. Inzwischen waren aus der Schmelze schon Träger für die neue Brücke über den Tyne geworden. Da haben wir dann auch den Trauergottesdienst abgehalten. Ich glaube, es war in seinem Sinne. Er hat immer gesagt, daß er Eisen in den Adern hat.« »Was für ein Glück, daß du zur Stelle warst, um in seine Fußstapfen zu treten.« »Entschuldige meine Unhöflichkeit, Jack. Setz dich doch«, sagte Prosser kühl und eifrig bemüht, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Er deutete auf eine Sitzgruppe mit 23
üppigen Polstersesseln und warf rasch einen Blick in die Runde, um sich zu vergewissern, daß keine heiklen Dokumente herumlagen, ehe er selbst Platz nahm. Er griff nach einem Ding, das aussah wie die Fernbedienung eines Fernsehers, und drückte auf einen Knopf. »Ron, Sandwiches und Bier für zwei«, sagte er in die leere Luft hinein. »Tolles Ding, Jack. Schau mal.« Er drückte auf den nächsten Knopf, und die Vorhänge schlossen sich; auf einen dritten, und die Raumbeleuchtung erlosch bis auf die Lampen über ihren Köpfen. Prosser lehnte sich behaglich zurück. »Und wie läuft es bei Nostrum? Braut ihr immer noch dieses ekelhafte Gesöff aus Löwenzahn und Klette, von dem uns immer schlecht geworden ist, als wir Kinder waren?« »Leider ja. Es ist unser verlustreichstes Produkt. Wer trinkt schon heute noch so was? Selbst anno dazumal war das Zeug eigentlich schon indiskutabel, aber wenn du die WestburySippe von ihren Produkten schwärmen hörst, würdest du das nicht für möglich halten.« Er unterbrach sich, als die Tür aufging und ein ungeschlachter Riese in weißen Boxershorts und Unterhemd mit Bier und belegten Broten auf einem Tablett hereinkam. Hätte er noch etwas mehr Haare im Gesicht gehabt, wäre er im Gorillagehege des Londoner Zoos nicht aufgefallen. Er stellte das Tablett ab, und der Tisch erbebte. Als er sich aufrichtete, reichten seine Hände fast bis zu den Knien und verstärkten so den Eindruck, daß hier endlich das lang gesuchte Bindeglied zwischen Affen und Menschen gefunden war. »Kennst du ihn noch? Ron Niblo, mein alter Boxtrainer.« Butterley stand auf und schüttelte ihm die Hand. »Jetzt ist er mein Kammerdiener und betreut mich glänzend, stimmt’s, Ron?« Ron grunzte, was man, wenn man wollte, als Bestätigung auffassen konnte. Butterley rieb sich die schmerzenden Finger und sah Ron nach, der in einem eigenartigen Schaukelgang das Zimmer 24
verließ. Vielleicht wollte er sich noch ein paar Bananen vom Baum schütteln. Über diesen Gedanken hatte er gar nicht gemerkt, daß Prosser einen weiteren Knopf seiner Trickkiste betätigt hatte. »Ich dachte, er sitzt.« »Vor zwei Jahren rausgekommen«, sagte Prosser undeutlich, den Mund voll Käse und Gewürzgurken. »Total geläutert. Daß er anderen Leuten einen Brocken Beton auf den Kopf schmeißt, wirst du nicht mehr erleben. Der Junge hat sich Witz gekauft. Läßt sich einfach nicht mehr erwischen.« Prosser lachte über sein Bonmot und spuckte Butterley das halb gekaute Essen in den Schoß. Ebenso unvermittelt, wie er angefangen hatte, hörte er auf zu lachen. »Schluß mit dem Gelaber, alter Junge. Was willst du?« Jeremy spürte, daß der morgige Tag einen Wendepunkt in seinem Leben bedeutete. Er war sich seiner Fehler wohl bewußt und bedauerte zutiefst, daß er nicht zu den Menschen gehörte, die notgedrungen nicht nur das Einstecken, sondern auch das Austeilen gelernt haben. Schlagfertigkeit war nicht seine Stärke. Jeremy hatte gelernt, jede Menge einzustecken, aber vierundzwanzig Jahre lang hatte er an seine Quälgeister nichts Stärkeres ausgeteilt als ein ängstliches Lächeln. All das würde sich jetzt ändern. Sobald er BIG House betreten hatte, würde Jeremy Seaman, der liebe Junge, auf Nimmerwiedersehen verschwinden, und an seine Stelle würde Jeremy Seaman, der ausgebuffte, skrupellose, ehrgeizige Jungmanager treten. Was Alexander Prosser geschafft hatte, das konnte auch er schaffen. Es war schlicht und einfach eine Frage der richtigen Einstellung. Von der Intelligenz her sprach nichts dagegen, daß er es mal weit bringen konnte, das wußte er selbst am besten. Immer war er ein Musterschüler gewesen, ein pusseliger Pedant, der sich vor den schier endlosen Neckereien in verbissenes Lernen gerettet hatte. Je mehr man sich über ihn lustig machte, desto 25
zielstrebiger arbeitete er. Er führte ein einsames Leben, nicht nur in der Schule, sondern auch in Cambridge, wo er zu seiner tiefen Enttäuschung festgestellt hatte, daß es unter der Elite der britischen Jugend nicht wenige Witzbolde gab, die sich als Erben Oscar Wildes zu beweisen suchten, indem sie Jeremy mit ihren geistreich sein sollenden Bemerkungen quälten. Allerdings litt er, wie er nur zu gut wußte, an extremer Schüchternheit, was zugegebenermaßen etwas problematisch war, wenn man die Rolle eines ausgebufften, skrupellosen, ehrgeizigen Jungmanagers anstrebte. Diese fast krankhafte Schüchternheit war nicht nur ein Ergebnis der ständigen Neckereien, sondern auch der Bemühungen seiner fanatisch frommen Eltern, Jeremy vor der in ihren Augen fast bodenlos schlechten wirklichen Welt zu behüten. Mehr als einmal fragte keiner der anderen Jungs Mr. oder Mrs. Seaman, ob Jeremy zum Spielen runterkommen dürfe. Sahen die Seamans ihren Sohn schon ungern mit anderen Jungen zusammen, so achteten sie strikt darauf, daß jegliche Kontakte zum anderen Geschlecht unterblieben. Junge Mädchen waren, wie seine zärtlichen Eltern nicht müde wurden, ihm zu erklären, samt und sonders Helfershelferinnen des Leibhaftigen und jederzeit bereit, ihn auf den Pfad der Unehre, Erniedrigung und Verdammnis zu führen, sobald er ihnen auch nur den kleinen Finger reichte. So einprägsam waren diese von seinen Eltern heraufbeschworenen Höllenbilder, daß Jeremy in bebender Angst vor dem anderen Geschlecht und in gänzlicher Unkenntnis der Geheimnisse der Fortpflanzung aufwuchs. In der Liebe hingegen kannte er sich aus, da konnte ihm keiner was vormachen. In Cambridge, in den weichen Polstern eines Kinosessels im Arts Cinema, verliebte er sich unsterblich in eine Frau von atemberaubender Schönheit, eine Frau von Witz und Weltklugheit, die es nicht nötig hatte, billige Scherze über Karotten zu machen. Nachdem er sie als Hauptdarstellerin in My Man Godfrey gesehen hatte, gab es für Jeremy keinen 26
Zweifel mehr daran, daß es auf der ganzen weiten Welt keine herrlichere Frau gab als Carole Lombard. Als er wenig später erfuhr, daß sie 1942 bei einem Flugzeugabsturz den Tod gefunden hatte, war er niedergeschmettert. Wochenlang hatte er einen Trauerflor am Ärmel getragen. »In meiner ersten Zeit bei Nostrum war ich richtig gut drauf, Alex. Ich sah mich als den neuen Besen, der die Spinnweben aus einem verkrusteten alten Familienunternehmen fegen würde, das eigentlich ins vorige Jahrhundert gehörte. Aber es dauerte nicht lange, bis ich kapiert hatte, daß sie im Grunde gar keinen modernen Finanzchef haben wollten, einen, der es versteht, mit Geld zu jonglieren und mehr draus zu machen. Die Familie hätte bestimmt am liebsten einen dieser alten Knasterbärte, der, den Federkiel in der Hand, den ganzen Tag auf einem hohen Stuhl vor dem Hauptbuch sitzt und sagt: ›Ja, Mr. Westbury, nein, Mr. Westbury.‹ Mich haben sie wohl nur als Feigenblatt für die Banken eingestellt. Leider besitze ich drei Prozent Nostrum- Anteile, die habe ich Trottel gekauft, als ich dort eingetreten bin. Damals ahnte ich ja noch nicht, daß du radikale Änderungen bei einer Geschäftsleitungssitzung von Nostrum einfach nicht durchkriegst – das ist, als wolltest du einen Pudding an die Wand nageln. Ehrlich, Alex, manchmal hätte ich mit Wonne David Westbury, Bruder Michael und Onkel Timothy in ihre eigenen Braukessel gestoßen. Das einzige Erfolgserlebnis hatte ich, als ich vor ein, zwei Jahren meinen ganzen Mut zusammennahm und sagte, ich würde kündigen, wenn sie nicht bereit wären, mehr Geld für Forschung und Entwicklung zu bewilligen. Wenigstens damit bin ich durchgekommen. Unser F & E-Team ist erste Sahne, Alex. Echt clevere Jungs. Aber sobald wir den Westburys ein neues Gebräu vorstellten, sahen die uns an, als hätten wir ihnen ins Gesicht gefurzt. Noch höher kann man die Nase eigentlich gar nicht tragen, ohne sich das Genick zu brechen. Ausgesprochen schattig, die Typen. Wir konnten ihnen 27
bringen, was wir wollten, sie waren einfach nicht zu bewegen, das verstaubte Rezept aus Opas Kräuterküche zu ändern, kein einziges zusätzliches Löwenzahnblättchen mehr pro Flasche durfte es sein.« »Hoffentlich bist du nicht nur gekommen, um dich bei mir auszuweinen, Jack«, sagte Prosser und riß eine Dose Bier auf. »Mein Laden hält mich nämlich ganz schön auf Trab.« »Bis zu deinem hundertsten Geburtstag schaffst du’s nie, Alex. Wenn du weiter so krampfhaft in Liebenswürdigkeit und Diplomatie machst, kriegst du demnächst deinen ersten Herzinfarkt. Keine Bange, ich stehl dir schon nicht deine kostbare Zeit. Hast du eine Vorstellung davon, wie groß der Markt für Soft Drinks ist? über drei Milliarden Pfund jährlich allein in Großbritannien. Das ist ein Haufen Heu, Alex.« »Und?« »Und wann ist das letzte wirklich bahnbrechende Produkt in dieser Branche rausgekommen? Coca-Cola ist über hundert Jahre alt, das muß man sich mal vorstellen.« »Demnach habt ihr was Neues?« »Was Neues? Einen todsicheren Renner, Alex! Wenn das Zeug entsprechend angeschoben wird, könnte es das neue Pepsi oder Coke werden. Von beidem haben die Westburys möglicherweise noch nie was läuten hören. Unser neues Kind hat ihnen jedenfalls nicht gefallen. Nach dem ersten Schluck haben sie’s ausgespuckt und gesagt, ihre Altvorderen würden sich im Grabe umdrehen.« Butterley wartete auf einen Kommentar von Prosser, der aber kämpfte gerade mit einem Sandwich. »Ich weiß, daß du heutzutage mit der Welt da draußen nicht viel zu tun hast, aber sind dir mal diese Tütchen für Kinder untergekommen, in denen ein Zeug ist, das anfängt zu zischen und zu prickeln, wenn man es sich auf die Zunge schüttet? Sogenanntes Brausepulver.« Prosser nickte. »So was Ähnliches haben wir uns ausgedacht, nur in flüssiger Form. Beim ersten Schluck geht es in deinem Mund 28
los wie ein Feuerwerk. Das Zeug könnte Tote aufwecken.« Butterley nahm einen Schluck Bier und fixierte Prossers Nase. Nichts. »Wir haben jede Menge Vitamine und Kalorien reingepackt, so daß wir behaupten können, daß es ein toller Ausgleich für den ganzen Fastfood-Scheiß ist, den die Kids heutzutage in sich reinfressen. Koffein ist auch drin, zweihundert Milligramm pro Liter, das Maximum der gesetzlich erlaubten Menge. Damit verstärkt sich nicht nur der Eindruck, daß es dich neu belebt und dir mehr Auftrieb gibt, sondern es bedeutet auch, daß Zischfit – so nennen wir das Zeug – unter Umständen so ein ganz klein bißchen abhängig machen könnte.« »Moment mal, das will ich jetzt genau wissen. Ihr habt ein Getränk erfunden, das die Leute süchtig macht?« Butterley nickte. »Jetzt scheinst du also endlich doch ein paar von deinen Skrupeln über Bord zu werfen, Jack.« »Ohne das Kokain im Originalrezept hätte Coke nie diesen Riesenerfolg eingefahren. Zischfit ist ganz bestimmt weniger schädlich als viele Dinge, mit denen die Youngster experimentieren.« Butterley betrachtete erneut Prossers Nase. Sie zuckte leicht. Er unterdrückte ein Grinsen. In dieser Beziehung hatte Alexander Charles Prosser sich zum Glück nicht geändert. Seine Nase hatte ihn schon früher unweigerlich verraten, wenn er glaubte, eine erfolgversprechende Spur zu verfolgen. Prosser hatte nie kapiert, wieso sein lange nicht so ausgebuffter Kumpel ihn immer im Poker geschlagen hatte. Der Fisch hängt an der Angel, dachte Butterley. Jetzt muß ich nur noch die Leine einholen. Ganz, ganz vorsichtig. Jeremy hatte nur eine Bewerbung losgeschickt, die unter anderem wohl auch deshalb so gut angekommen war, weil ihm sein Tutor eine äußerst schmeichelhafte Referenz geschrieben hatte. Aus lauter Angst, Jeremy könnte ihm für ein Postgraduiertenstudium erhalten bleiben, hatte er sich nicht 29
gescheut, Jeremys künftigem Arbeitgeber die unglaublichsten Märchen aufzutischen. Das Selbstbewußtsein, das Jeremy gewonnen hatte, nachdem ihm der Job bei BIG sicher war, hatte ein halbjähriger Kurs in Unternehmensführung weiter verstärkt. Zum erstenmal im Leben hatte man ihn nicht ausgelacht, sondern beneidet. Auf seine Kommilitonen warteten Jobs in tristen Metallverarbeitungsbetrieben, Supermarktketten oder Versicherungen. Jeremy hingegen hatte den Fuß bereits auf der untersten Sprosse einer Leiter, die geradewegs zu dem hellsten Stern am Firmament der britischen Geschäftswelt führte. Für die Generalprobe hatte Jeremy sich in seine neue Arbeitskluft geworfen. Im Gegensatz zu seinen Kurskollegen, die die Mode der City-Yuppies nachäfften, hatte sich Jeremy wohlweislich an der Garderobe seines Lieblingsdozenten orientiert, der schon sehr viel mehr Erfahrungen in der Welt der Wirtschaft gesammelt hatte. Er war mächtig stolz auf seine neuen Sachen, einen braunen Einreiher, das frische beigefarbene Polyesterhemd, die diskret gestreifte schokoladenbraune Krawatte und die sportlichen Wildlederschuhe, wie sie, den überzeugenden Beteuerungen des Verkäufers zufolge, die bestgekleideten Jungunternehmer heutzutage trugen. Den ganzen Tag schon hatten ihn bewundernde Blicke von Passanten gestreift. Butterley kaute nachdenklich auf seinem Sandwich herum. »Na gut, Jack«, sagte Prosser. »Jetzt laß uns mal Klartext reden. Warum erzählst du mir das alles?« »Die Holzköpfe im Verwaltungsrat von Nostrum fassen Zischfit nicht mit der Kohlenzange an. Im Grunde könnte mir das schnuppe sein, aber wer läßt sich schon gern so eine Chance entgehen? Ich kann nur dann sicher sein, daß das neue Getränk den nötigen Schub kriegt, wenn jemand wie du die Firma übernimmt und den jetzigen Vorstand rausschmeißt – mit einer Ausnahme natürlich.« 30
»Verstehe. Und was verlangst du noch – außer der Geschäftsführung von Nostrum?« »Vollständige technische und finanzielle Selbständigkeit. Keinerlei Einmischung durch dich. Einen Fünfjahresvertrag mit einem Gehalt von 150 000 Pfund pro Jahr. Ach ja, und eine klitzekleine Beteiligung, damit ich was für meine alten Tage habe. Sagen wir ein Prozent vom Umsatz …« »Ein Prozent?« entrüstete sich Prosser. »Gott, was bist du bescheiden, Jack. Aber jetzt muß ich doch mal eine neugierige Frage stellen: Was ist, wenn sich einer dieses Zeug schnappt, es analysieren läßt und dann selber produziert? Dann siehst du nämlich ganz schön alt aus.« »Ich bin zwar überzeugt davon, daß ein ehrenwerter Mann wie du so was nie täte, aber es gibt ja leider auch viele schlechte Menschen auf der Welt, und deshalb habe ich vorgebaut. Unsere Anwälte haben ein hübsches Paket geschnürt mit Patenten und Lizenzen und allem Drum und Dran.« Prosser knurrte gereizt, und Butterley fuhr genüßlich fort: »Nicht daß ich dir nicht traue, aber wenn du Nostrum kaufst, sollst du auch sicher sein, daß du Zischfit kriegst.« Der Fisch ist schon fast aus dem Wasser, dachte Butterley. Noch ein kräftiger Ruck, und ich hab’s geschafft. Ein, zwei harmlose kleine Lügen können jetzt nicht schaden. »Die Sache hat nur einen Haken. Wenn dich das Geschäft interessiert, müßtest du dich sputen. Die Familie hält da zwar ziemlich dicht, aber ich weiß aus sicherer Quelle, daß sie ein Kaufangebot bekommen hat.« »Klingt nicht gut, Jack.« Prosser griff nach seinem Glas und nahm einen kräftigen Schluck Bier. »Wenn man den Gerüchten glauben darf, handelt es sich um Sir Jocelyn Pardoe.« Butterley reagierte schnell, aber so schnell konnte er sich gar nicht bewegen, um dem Bier auszuweichen, das Prosser spuckte. Es vermischte sich mit dem klebrigen Käse und dem Gurkenmampf in seinem Schoß. Butterley ließ alles liegen, wo es war. Prossers Nase zuckte jetzt heftig, jede 31
Ablenkung wäre fatal gewesen. »Pardoe? Hat er Wind von dem neuen Drink gekriegt?« »Kann ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich meint er nur, daß er aus Nostrum mehr machen kann. Dazu gehört allerdings nicht viel, das könnte jeder Trottel. Der Laden schreit nach Rationalisierung. Und natürlich würde Nostrum ihm sowieso ganz gut in den Kram passen, er macht ja schon eine Menge auf dem Soft-Drink-Markt. Manchmal denke ich, daß ihm die Limo schon aus den Ohren rauskommen muß. Wenn er Nostrum hätte, könnte er sofort mit der Produktion von Zischfit anfangen. Ich denke aber, daß er sich bei der Familie eine Abfuhr holen wird. Hoffentlich. Ich habe verdammt hart an Zischfit gearbeitet, damit könnte Nostrum ganz groß rauskommen. Aber mir paßt es nicht, wenn ein aufgeblasenes Adelsschwein den ganzen Ruhm einstreicht. Dann schon lieber ein Proletenschwein wie du.« »Sehr schmeichelhaft, Jack.« »Aber wenn die Sache dich nicht interessiert«, sagte Butterley hinterhältig, »könnte ich natürlich selber mal bei Pardoe anklopfen. Wenn ich ihm das von Zischfit stecke, ist er mir vielleicht so dankbar, daß er meine Bedingungen schluckt. Eigentlich keine schlechte Idee, wenn ich es mir recht überlege. Daß Freundschaft und Geschäft zwei paar Stiefel sind, habe ich von dir gelernt.« »Bloß nichts übereilen, Jack! Irgendwie kommen wir beide bestimmt klar. Schließlich ist ja Nostrum nicht ICI. Wieviel ist der Laden wert? Vierzig Millionen?« »Fünfzig, aber um die Aktienmehrheit zu kriegen, müßtest du schon fünfundsechzig bieten.« Prosser dachte laut. »Und du hast drei Prozent. Wenn der Laden zu diesem Preis übernommen wird, machst du über Nacht 450 000 Pfund.« »Von irgendwas muß der Mensch ja leben, Alex.« »Laß mich das mal durchkalkulieren, damit ich weiß, woran 32
wir sind. Dürfte aber nicht allzu problematisch sein. Ach ja, und vor allem müßte ich wohl das Zeug auch mal kosten.« »Das läßt sich machen.« Butterley war ein guter Gedanke gekommen, er mußte sich ein Grinsen verkneifen. »Daß ich heute abend hergekommen bin, war riskant. Ich kann mich damit rausreden, daß ich mal einem alten Kumpel guten Tag sagen wollte, aber in Zukunft ist es wohl besser, wenn man uns nicht zusammen sieht. Ich melde mich, wenn es soweit ist, dann kannst du eine Probe abholen lassen.« »Du könntest jederzeit wieder direkt für mich arbeiten, Jack, das weißt du ja.« »Du kannst dir das vielleicht nicht so vorstellen, Alex, aber nicht jeder fühlt sich wohl bei der Vorstellung, daß das Schwert des Prosser über ihm schwebt und jeden Moment runtersausen kann.« »Du mußt deine Leute in der Furcht des Herrn halten. Eine andere Sprache verstehen diese Drecksäcke alle nicht, nur so kriegst du sie mit ihren Ärschen hoch, damit sie die eine oder andere ehrliche Schurkerei für dich bringen.« Die beiden standen auf und schüttelten sich die Hand. Prosser sah angewidert, daß Butterley eine dicke Schmiere aus Essensresten im Schoß hatte. Von Tischmanieren hatte sein alter Kumpel offenbar immer noch keine Ahnung. »Genaugenommen«, sagte Butterley, »ist das, was wir ausbrüten, ja nicht ganz hasenrein.« »Keine Angst, Jack, ich halte dicht. Vorausgesetzt, daß du nichts rausläßt.« Während Prosser ihn zum Aufzug brachte, fragte er beiläufig: »Nur interessehalber, Jack, was ist denn nun eigentlich drin in deinem Gesöff?« »Die Chemikalien, die so schön prickeln, erfährst du erst, wenn du Nostrum übernimmst. Das Getränk selbst ist ein alter Hut: Löwenzahn und Klette.« Prosser brüllte vor Lachen. Butterley betrat den Aufzug, dann drehte er sich noch einmal zu seinem früheren Kollegen um. »Wie ich sehe, spielst 33
du immer noch deine alten Spielche n, Alex.« »Wie meinst du das?« »Dein Hosenschlitz steht offen, du geiler Sack.« Unten hinkte Jeremy über den Platz, um sich BIG House aus der Nähe anzusehen. Sein Knöchel pochte. Kaum war er den wüsten Schimpfkanonaden des Penners entkommen, als ihn aus unerfindlichen Gründen ein Mann attackiert hatte, der seinen Dackel ausführte. Er hatte mit einem Stock nach ihm geschlagen und ihn drohend angefaucht. »Verfluchte Fata Morgana!« Wirklich herzerfrischend, wie man in London Neuankömmlinge willkommen hieß. Er beruhigte sich wieder, als er vor dem Eingang zu BIG House stand. Hinter dieser Tür würde er nun Tag für Tag sicher und geborgen sein. Bei seiner Annäherung setzte sich die Drehtür von selbst in Bewegung. Erschrocken wich Jeremy zurück; die Tür stand wieder still. Leichtes Unbehagen beschlich ihn. Sein Verhältnis zur Welt der Maschinen war nicht das beste. Irgendwie mochten sie ihn nicht. Wenn er in Zukunft täglich dieses Ding bewältigen mußte, war es vielleicht keine schlechte Idee, schon mal ein bißchen zu üben. Jeremy trat wieder einen Schritt vor. Die Tür begann sich zu drehen. Er trat zurück. Sie stand wieder still. Er vergewisserte sich rasch, daß er unbeobachtet war, dann lief er auf die Tür zu. Als er dicht davorstand, fing sie an sich zu drehen. Jetzt bemerkte er auch das seitlich am Eingang angebrachte Messingschild »British Industrial Group« und streichelte es zärtlich. Hier war jetzt seine Heimat. Auf einem Monitor verfolgte Mr. Bennett, Werkschutzchef der British Industrial, Jeremys Gekasper mit der Tür. Mr. Bennett war ein sehr gewissenhafter Mann. Er legte sein Exemplar von Men Only aus der Hand und beobachtete aufmerksam den Bildschirm. Der Typ vor der Tür sah harmlos aus, aber man konnte nie wissen. Mr. Bennett prägte sich sein Aussehen ein, und als er sich davon überzeugt hatte, daß 34
Jeremy eine Gefahr allenfalls für sich selbst darstellte, steckte er die Hand wieder in die Tasche und vertiefte sich in die anatomischen Einzelheiten der scharfen Avril aus Aylesbury. Das purpurne Gebäude funkelte den Major an, und der Major, der sich auf einen Stuhl in seiner Küche gestellt hatte, funkelte zurück. Der Gang durch die frische Luft hatte ihm keine neuen Erkenntnisse verschafft. Noch immer wartete er auf konstruktive Gedanken. Ein Wagen der Straßenreinigung störte den abendlichen Frieden. Er war damit beschäftigt, den Schmutz umzuverteilen und zu wässern, damit er ein, zwei Stunden an einer Stelle liegenblieb. Bei Major Peregrine regten sich die ersten Ansätze einer Idee … Auch bei Prosser im dreizehnten Stock regte sich etwas, aber das mußte jetzt warten. Vorrang hatten zunächst die Daten auf seinem Computerschirm, die ihm Informationen über Nostrum und eine aktuelle Cash- flow-Analyse für British Industrial Group lieferten. Während seine Nase durch heftiges Zucken ihr Interesse signalisierte, war auch seine linke Hand nicht untätig. Sie griff nach den restlichen belegten Broten, bohrte in der Nase herum, öffnete Bierdosen und schüttete deren Inhalt in den aufgesperrten Mund. Während Prosser sich einen Überblick über Nostrums Finanzlage verschaffte, keimte eine Idee in seinem Hirn. Was hatte Butterley gesagt? Wenn Pardoe Nostrum in die Hand bekam, konnte er praktisch sofort mit der Produktion des Wunderdrinks anfangen … Hochinteressant. Das eröffnete ganz neue Perspektiven. Prosser machte die beiden obersten Hemdenknöpfe auf und griff nach einer Dreieinhalb-Zoll-Diskette, die er an einem Kettchen um den Hals trug. Aus alter Gewohnheit blickte er sich mißtrauisch um. Als er sah, daß keine Gefahr durch unerwünschte Zuschauer drohte, nahm er die Diskette ab und 35
schob sie ins Laufwerk. Er tippte die Paßworte ein und holte sich die gewünschten Daten auf den Bildschirm. Sir Jocelyn Pardoe war also scharf auf Nostrum? Einen Jocelyn Pardoe durfte man nicht enttäuschen … Das einzige Haar in der Suppe war Jack Butterley, der ihn vor zehn Jahren so schnöde hatte sitzenlassen. Das konnte Prosser ihm nicht verzeihen, auch wenn es nach Butterleys Ausscheiden entschieden einfacher gewesen war, den bedauerlichen Unfall des alten Sanderson zu inszenieren. Butterley war ein tüchtiger Manager, aber ein Prozent Umsatzbeteiligung an einer Goldgrube wie Zischfit einfach zu verschenken, das war nicht Prossers Art. Freundschaft und Geschäft waren, wie Jack so richtig bemerkt hatte, zwei Paar Stiefel. Etwas Schriftliches über ihre Abmachung lag ja nicht vor. Butterley war eben wirklich anständiger, als gut für ihn war. Prosser nahm die Kassette, auf der er ihr Gespräch mitgeschnitten hatte, aus dem Recorder, beschriftete sie und ließ sie in der untersten Schreibtischschublade verschwinden. Man konnte nie wissen, wozu man so was noch mal brauchen konnte. »Wer hat heute abend Dienst, Ron?« erkundigte er sich über die Gegensprechanlage. »Jacqui, Boss.« »Ich komme gleich hoch, sag ihr das. So und so.« Prosser feixte. Von seinen Chefassistentinnen war ihm Jacqui in mancherlei Hinsicht die liebste. Besonders weil sie so innovativ war. Das konnte noch ein recht angenehmer Abend werden. Nach sechs Dosen Bier forderte die Natur ihr Recht. Die luxuriöse Naßzelle neben seinem Büro verschmähend, zog Prosser den Vorhang zurück, machte ein Fenster auf und sah auf die Lichter Londons hinaus. Irgendwo da draußen saßen diese arroganten Armleuchter, die nicht akzeptieren konnten, daß er jetzt ein Gentleman war, und ihr Oberarmleuchter, Sir 36
Jocelyn Scheißpardoe. Aber der würde sich noch umgucken. Prosser holte sich einen Stuhl ans Fenster und machte den Hosenschlitz auf. Unten startete Jeremy Seaman seine Stoppuhr für den Rückweg. Es wurde höchste Zeit. Obwohl keine Wolke am Himmel stand, hatte es offenbar angefangen zu regnen.
37
2 Jeremy hatte seinen ersten Tag bei British Industrial mit atemberaubender Akribie geplant. Er würde zeitig aufstehen, fünf beschauliche Minuten auf dem Klo verbringen, seine Zähne mit Bürste und Zahnseide bearbeiten, zehn Minuten in einem heißen Bad relaxen und dann in seine Sachen steigen, die ordentlich zusammengelegt am Bett seiner harrten. Dort stand auch seine kunstlederne Aktenmappe mit dem Kombinationsschloß und seinen Initialen. Sie enthielt einen Schreibblock, Bleistift und Kugelschreiber, außerdem ein Wirtschaftslexikon, zwei Sandwiches mit Lachspastete, die Sunday Times mit sämtlichen Beilagen und den immer wieder gelesenen, immer wieder zusammengefalteten Brief mit der Aufforderung, sich am 1. April um halb zehn in BIG House einzustellen. Das alles war, wie gesagt, genau geplant. Der Wecker war auf halb acht gestellt in dem durch die gestrige Rekognoszierung gewonnenen beruhigenden Wissen, daß er achtundzwanzig Minuten und fünfundfünfzig Sekunden von Tür zu Tür brauchte. Um halb acht tat Jeremys Wecker keinen Mucks. Um neun Uhr sechsundvierzig flog Jeremys Wohnungstür auf, und ein aufgeregter, ungewaschener, ungekämmter junger Mann in braunem Anzug stolperte die drei Stockwerke hinunter. Unten angekommen, raste er wieder hoch, schloß die Wohnungstür auf, schnappte sich die Aktenmappe und stürzte wieder nach unten. Erst jetzt merkte Jeremy, daß es in seiner Wohnung irgendwie komisch roch. Er würde einen Teil seines ersten Gehalts in eine Teppichreinigung investieren müssen. »Gar nicht so schlimm heute, Mr. Prosser. Vormittags besichtigen Sie die Neubausiedlung in Windsor. Harvey erwartet Sie dort. In fünf Minuten holt der Hubschrauber Sie 38
ab. Um eins sind Sie mit dem Lokalredakteur der Times im L’Escargot verabredet, das heißt, Sie dürfen nicht später als zwanzig vor eins wieder hier sein. Um Viertel vor eins steht der Wagen unten.« Sally sah auf und bemerkte, daß der Wirtschaftsboss ungeniert ihre Beine anstarrte. Dieser geile Bock dachte doch wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit immer nur an das eine. Sie schlug die Beine übereinander, so daß ihr Rock noch ein Stück höher rutschte. Das würde ihm einheizen. Unter dem Kragen und unter der Gürtellinie. Und da er in knapp fünf Minuten auf dem Dach sein mußte, konnte er gar nichts machen, sie konnte ihn gefahrlos triezen. Den Frust gönnte sie ihm. Geschah ihm recht, diesem Dreckskerl! Prosser anzumachen gehörte für Sally zu den positiven Seiten ihres Jobs. Während sie die übrigen Termine dieses Tages herbetete, legte sie die rechte Fessel aufs linke Knie und ließ ganz sacht das rechte Knie sinken, so daß immer mehr Fleisch über dem schwarzen Strumpfrand zum Vorschein kam. Zufrieden registrierte sie die gewünschte Wirkung. Prosser rutschte auf seinem Stuhl herum, nicht nur der besseren Sicht wegen, sondern auch, um das wachsende Spannungsgefühl zu lindern, das ihm dieser Anblick bereitete. »Komm her«, befahl er. »Aber Mr. Prosser!« sagte Sally mit unschuldigem Augenaufschlag. »In fünf Minuten müssen Sie auf dem Dach sein.« »Wenn du denkst, Schätzchen, daß ich da oben mit einem dicken Ständer aufkreuze, bist du schief gewickelt. Jetzt komm schon.« Mist. Sie hätte noch warten sollen. Schon bei dem Gedanken an seine widerlich plump en Hände überlief Sally eine Gänsehaut. Das Telefon läutete. Sie schnappte den Hörer. »Für Sie, Sir«, sagte sie erleichtert. »Ja, was ist?« bellte Prosser. Dann war er plötzlich wie 39
ausgewechselt, seine Stimme klang liebenswürdig, fast unterwürfig. »Meine Bewerbung für Bart’s? Hatte ich total vergessen. Natürlich, der Ausschuß tagt wohl jetzt gerade … Hat schon? Um so besser. Und was hat – … Ach so. Ja. Verstehe. Besten Dank für die Information … Sehr freundlich, daß Sie sich die Mühe gemacht haben. Ja, wir essen gelegentlich mal zusammen. Wiederhören.« Prossers Gesicht war dunkelrot angelaufen. Er stand auf und sagte sehr leise und desto bedrohlicher: »Diese Schweine. Diese dreckigen, säuischen, stinkenden Idioten. Wie konnten sie bloß … Wissen sie nicht, wer ich bin? Wetten, daß dieses intrigierende, hinterfotzige Arschloch Jocelyn Pardoe dahintersteckt?« Wütend griff er sich die Napoleonbüste und schmetterte sie an die Wand, wo sie in tausend Stücke zerbrach. Sally war ganz still stehengeblieben und machte sich möglichst unsichtbar, um seinen Zorn nicht auf sich zu lenken. Prossers Wutanfall legte sich so schnell, wie er gekommen war. »Also dann auf nach Windsor. Wo sind meine Unterlagen?« Er griff sich den Aktenkoffer und ging zur Wendeltreppe. Doch dann wandte er sich noch einmal um. »Wenn ein Jack Butterley anruft, Sally, stell ihn sofort zu mir durch. Egal, wie spät es ist oder wo ich gerade bin. Sofort durchstellen, ist das klar?« »Ja, Mr. Prosser. Selbstverständlich.« So ein Pech: Die Lust war ihm offensichtlich vergangen. Prosser stieg über den 14. Stock hinauf aufs Dach. Er sah zum Himmel auf, an dem bedrohliche Regenwolken standen. Auch das noch! Der Anblick des Hubschraubers, einer Aerospatiale Dauphin 2, die mit wirbelnden Rotorblättern bereitstand, heiterte ihn etwas auf. Noch immer fand er Helikopterfliegen ungeheuer aufregend, und diese Maschine, seine fünfte, war Prossers ganzer Stolz. Der zweimotorige Helikopter, Rufzeichen G40
BIGE, war für dreizehn Passagiere zugelassen, aber Prosser hatte ihn, wie es einem Mann seiner Stellung angemessen war, so umbauen lassen, daß er nur drei bequeme Sessel und die unentbehrliche Couch enthielt. Der scharfe Luftzug, den die Rotorblätter erzeugten, erfrischte ihn. Außer mir gibt’s nur noch drei Unternehmer in London, deren Hochhausdächer als Hubschrauberlandeplatz zugelassen sind, dachte Prosser selbstgefällig. Er zog den Kopf ein, ging mit seinem Aktenkoffer zur Maschine, winkte Buddle, dem Piloten, und stieg ein. Er schnallte sich an, holte eine CD aus dem Ständer neben sich und schob sie in den CD-Spieler ein. Der Hubschrauber erhob sich zum Senkrechtstart und legte sich im Steigen in eine westliche Kurve. Prosser drehte die Lautstärke voll auf. Ein Sousa-Marsch, gespielt von der Militärkapelle der Blues and Royals, dröhnte durch die Kabine. Er warf einen Blick auf das Label. »Der unbesiegbare Adler«. Prosser schnaubte verächtlich. Kein Mensch war unbesiegbar, nicht mal Sir Jocelyn Pardoe. Wenn man dem die Schwingen beschnitt, plumpste er zu Boden wie ein Stein. Im dreizehnten Stock fegte Sally den kaputten Napoleon zusammen und warf ihn in den Mülleimer. Hinter einer Schranktür standen reihenweise Napoleons, Alexander und Churchills. Sie griff sich einen besonders schurkisch aussehenden Bonaparte und stellte ihn bereit. Butterley? Hatte nicht Lorraine erzählt, daß gestern abend ein gewisser Butterley angerufen und daß Prosser sie weggeschickt hatte, um in Ruhe telefonieren zu können? Sie holte das Verzeichnis führender Wirtschaftskräfte aus dem Bücherregal. Da war er: »Butterley, Jack Horace. Finanzchef, Nostrum GmbH.« Sie las weiter. Als Jeremy kurz nach halb elf BIG House betrat, beseelte ihn auch nicht der leiseste Hauch jener Hochstimmung, die er sich 41
gestern abend ausgemalt hatte. Die Fahrt mit der U-Bahn war ein Alptraum gewesen. Bis zu seiner Arbeitsstelle hatte er mitnichten achtundzwanzig Minuten und fünfundfünfzig Sekunden, sondern weit länger gebraucht. Viel mehr Leute fuhren U-Bahn als am Sonntag, dafür schien es viel weniger Züge zu geben als gestern, was irgendwie unlogisch war. Jeremy kam sich in dem schlecht belüfteten U-Bahnwagen vor wie in einer Sardinenbüchse und litt sehr, zumal jemand ganz in seiner Nähe – die genaue Quelle hatte er nicht ausmachen können – starke persönliche Hygieneprobleme zu haben schien. Es roch so ähnlich wie in seiner Wohnung. Entschieden unappetitlich. Und zu allem Überfluß merkte er voller Unbehagen, daß er in der Eile vergessen hatte, aufs Klo zu gehen. Er war so aufgeregt, daß er keine Zeit hatte, sich Gedanken wegen der Drehtür zu machen, die ihn denn auch reibungslos in die Eingangshalle beförderte. Während er sich dem dreieckigen Empfangstresen näherte, bedauerte er schon heftig, daß er sich so beeilt hatte. Hätte er sich etwas mehr Zeit gelassen, wäre er nicht so ins Schwitzen geraten. Die Empfangsdame, die Nägel im Farbton Liebliche Limone gelackt, Lider im Farbton Prachtprimel prangend, telefonierte laut und ungeniert und mit einem starken East-End-Akzent. Jeremy stellte sich schwer atmend vor ihr in Positur und bemühte sich, den Eindruck eines Mannes zu erwecken, für den es sich lohnt, ein Telefongespräch zu beenden. Endlich legte sie den Hörer auf und klimperte leicht mit den falschen Wimpern. »Ja, bitte?« fragte sie gelangweilt und offenbar in der Hoffnung, er habe sich in der Tür geirrt. »Mein Name ist Seaman. Ich werde erwartet«, sagte er und drückte die Arme dicht an den Körper. Sie sah in ihre Unterlagen. »Seaman, Seaman … Ham wa nich. Vertreter, wa?« Jeremy richtete sich stolz auf. »Keineswegs. Ich trete heute den Dienst hier an. In meinem Brief steht, ich soll heute um … 42
ich soll mich heute vormittag hier melden.« Er stellte seine Aktenmappe auf den Tresen und fummelte an dem Zahlenschloß herum, bis es seinen Geburtstag anzeigte, und dann mußte er gleich wieder anfangen zu fummeln, weil ihm eingefallen war, daß er die Kombination von seinem Geburtstag auf das heutige Datum, den Anfang einer neuen Zeitrechnung, umgestellt hatte. Der Brief hatte sich in einer der vielen Beilagen der Zeitung versteckt, und bis er ihn herausgefischt hatte, hing die junge Dame schon wieder am Telefon. Er schob ihr den Brief hin, wodurch sich die Sunday Times in ihre Bestandteile auflöste. Erst als sie ihr Gespräch beendet hatte, eine langwierige Diskussion über die Frage, welche Weinbar sie und eine gewisse Tracey heute mittag mit ihrer Anwesenheit beehren sollten, schenkte sie Jeremy wieder ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm den Brief, den er ihr hinstreckte, und las ihn, wobei sich ihre zitronengelb geschminkten Lippen sacht bewegten. »Den hat Mr. Nettle unterschrieben«, stellte sie triumphierend fest. »Der Chef von Humanressourcen, der ist für Sie zuständig.« »Human- was?« »-ressourcen. Also eigentlich isses ja die Personalabteilung, nich, aber wir müssen da Humanressourcen zu sagen oder HUMA – spricht sich leichter, nicht? Weil, das is eben menschlicher, da können die sich irgendwie beziehungsmäßig viel mehr einbringen.« »Aha. Dann bringen Sie sich doch bitte mal ganz lieb ein und richten Sie Mr. Nettle aus, daß ich da bin.« »Glaub nich, daß Sie um diese Zeit Mr. Nettle erwischen.« »Vielleicht versuchen Sie’s mal. Er erwartet mich.« Sie machte ein muffiges Gesicht und hängte sich wieder ans Telefon. »Mr. Nettle ist leider noch nicht da. Nehmen Sie doch Platz, ich sag Ihnen Bescheid, wenn er kommt.« Und nach einer merklichen Pause: »Sir.« 43
»Danke.« In diesem Moment trat ein Mann in dunklem Anzug und Sonnenbrille an den Tresen und zückte einen Ausweis. »Essensgutscheine, Schätzchen.« »Schon wieder? Wir haben doch gerade eine Lieferung gekriegt.« »Weiß ich. Geht eben manchmal ’n bißchen durcheinander.« »Da müssen Sie mit HUMA reden.« Sie befestigte ein Schildchen an seinem Jackenaufschlag und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Fahren Sie am besten gleich rauf. Vierter Stock. Wenn Sie aus dem Lift kommen, links.« Die Innenarchitekten von BIG House hatten an Blumen und Blattwerk nicht gespart. Die Eingangshalle glich einem Gewächshaus, nicht nur äußerlich, sondern auch klimatisch. Damit die Pflanzen sich wohl fühlten, sorgte zusätzliche Feuchtigkeit für heimische Urwaldatmosphäre. Jeremy, noch erhitzt von seinem überstürzten Aufbruch, war bald schweißgebadet. Der dreibeinige Dreieckstuhl, auf dem er sich niedergelassen hatte, war, wie vieles in der Eingangshalle, dem Logo von BIG nachempfunden und erstaunlich unstabil. Jeremy war von dem Empfangstresen nur etwa fünf Meter entfernt, konnte ihn aber über eine Yuccapflanzung hinweg nur sehen, wenn er sich auf der Stuhlkante zur Seite lehnte. Auf diese Weise hoffte er sich bei der Empfangsdame hin und wieder in Erinnerung zu bringen. Aber nicht genug damit, daß ihm diese unbequeme Stellung großes Unbehagen bereitete – er verspürte auch ein immer dringenderes Bedürfnis, ein gewisses Örtchen aufzusuchen, dem das unablässige Plätschern eines Springbrunnens ganz in seiner Nähe zusätzlichen Nachdruck verlieh. Hunger hatte er auch, aber wahrscheinlich machte es einen schlechten Eindruck, wenn er jetzt seine belegten Brote hervorholte. Einkaufen war für den Major gewöhnlich nur eine lästige 44
Pflichtübung. Heute vormittag hatte er geradezu Spaß daran. Der Verkäufer stellte das Sieb, das er von hinten geholt hatte, zu dem Drahtschneider, der schweren Zange, dem Glasschneider, der Taschenlampe, der Stiefelwichse und den Batterien auf den Ladentisch. »Künstliche Blumen brauch ich auch noch«, sagte der Major. »Für das Sieb.« Der Ladenjüngling sperrte Mund und Nase auf. Total daneben, der alte Zausel. Aber schließlich war’s ja sein Geld. Er holte eine Handvoll Ansteckblumen. Der Major musterte sie kritisch und riß die Blütenblätter ab, so daß nur noch Stiele und Blätter übrigblieben. »Bestens, die nehm ich.« Einen anständigen Feldstecher hatte er schon. Fehlten nur noch Seesack, Kopfschutz, Arbeitsjacke und Luftgewehr. Jeremy sah sich um und stellte fest, daß mehrere ausgewachsene Bäume in der Halle standen, die, etwa 35 Meter hoch, bis in die höchsten Höhen des Atriums ragten. Er schüttelte den Kopf über das viele rausgeworfene Geld. Wie konnte man in all das Grünzeug investieren, wenn man die Pflege vernachlässigte? Die Pflanzen verströmten einen geradezu widerlichen Geruch. In der Halle herrschte ständiges Kommen und Gehen. Alle paar Minuten trafen Motorradkuriere ein, die Päckchen an der Rezeption abgaben oder abholten; die in ihren Helmen angebrachten Funkempfänger knisterten. Ob es sich bei den Boten um Schwarze oder Weiße handelte, Männlein, Weiblein oder Marsbewohner, war nicht zu erkennen. In diesem Teil des Empfangsbereichs stand ein Schreibtisch, an dem ein Wachmann saß, mit dem ersichtlich nicht gut Kirschen essen war. Dahinter führten einige Stufen zu den Paternostern. Solche Dinge hatte Jeremy bisher noch nie gesehen. In zwei Öffnungen, die in die Wand eingelassen waren, zogen an einem Endlosband Kabinen vorbei. Fasziniert 45
beobachtete Jeremy die Leute, die ein- und ausstiegen und in der linken Kabine himmelwärts entschwebten, während sie rechts in der Tiefe verschwanden. Nach einer Weile verlor selbst diese Neuheit ihren Reiz. Der Wachmann ließ ihn nicht aus den Augen, und Jeremy wurde immer unbehaglicher zumute. Die Empfangsdame, die inzwischen damit beschäftigt war, ihre Nägel mit einer frischen Lackschicht zu versehen, hatte ihm, seit sie ihn in den Urwald geschickt hatte, keinen Blick mehr gegönnt, nicht mal, als er sich etwas zu weit vorgelehnt hatte und mit seinem Dreieckstuhl krachend zu Boden gegangen war. Wie kam er eigentlich dazu, sich von einem so ungebildeten Ding, das nicht mal ordentlich Englisch sprechen konnte, seinen großen Tag verderben zu lassen? Immerhin hatte er berechtigte Aussichten, dermaleinst in die Führungsspitze des Unternehmens aufzusteigen, während sie auf ewig verdammt war, in den Niederungen des Empfangs zu vegetieren. Man müßte noch mal energisch mit ihr reden. Außerdem ließ vielleicht der Druck auf seine Blase etwas nach, wenn er sich bewegte, und er entkam diesem widerlichen Geruch. Durch die stacheligen Yuccas hindurch drängte er sich zurück zum Tresen und bemerkte dabei peinlich berührt, daß die Sunday Times, in ihre Bestandteile zerlegt, noch immer auf dem Boden herumlag. Er sammelte die fliegenden Blätter auf und drückte sie an die Brust, während er an den Tresen herantrat, wo die Empfangsdame sich gerade versonnen ihre zweieinhalb Zentimeter langen Nägel besah und überlegte, ob es richtig gewesen war, statt der Lieblichen Limone Blonde Blüten aufzutragen. Sie verabschiedete den EssensgutscheinMann mit einem munteren »Tschüs!« und reckte den Daumen hoch, während sie ihm das Schild abnahm, dann wandte sie sich widerstrebend Jeremy zu. »Ich … äh … ich wollte nur fragen, ob Mr. Nettle zufällig inzwischen zurück ist.« »Zurück von wo?« 46
»Wo immer er gewesen ist.« »Glaub nich, daß er überhaupt weg war. Da kann er ja wohl auch nich zurück sein, wie?« »Ich … äh … nein, das stimmt. Vielleicht versuchen Sie’s noch mal in seinem Büro?« Sie tat es und knallte, als sie die unerwartete Antwort hörte, unnötig heftig den Hörer auf die Gabel. »Also, inzwischen war Mr. Nettle wirklich n paar Minuten im Büro, aber jetzt isser wieder weg.« Sie beäugte Jeremy argwöhnisch, als habe sie ihn im Verdacht, mehr zu wissen als sie. Jeremy trat indessen hastig von einem Fuß auf den anderen, um den kritischen Augenblick hinauszuzögern. »Wo ist –« fragte er in seiner Herzensangst. »Mr. Nettle? Keine Ahnung. Ich könnte ihn höchstens ausrufen lassen.« »Nein, nicht Nettle«, sagte Jeremy verzweiflungsvoll. »Die Toilette.« »Belästigt dich der Typ, Charmaine?« Der Wachmann war unerwartet neben Jeremy aufgetaucht. »Er sagt, daß er heut herkommen soll, Mr. Bennett, aber auf meiner Liste isser nich.« Der Chef des Werkschutzes hatte genug gehört. Es handelte sich eindeutig um das verdächtige Subjekt, das sich gestern abend hier vor der Tür herumgedrückt hatte. Aus der Nähe wirkte der Kerl noch verdächtiger. Rotes Haar hatte Mr. Bennett noch nie leiden können. Kommunisten hatten bekanntlich meist rote Haare, obgleich manche sie sich färbten. Tarnungshalber. »Nicht auf deiner Liste, wie? Würden Sie bitte mal Ihre Aktentasche aufmachen, Sir?« »Meine Aktentasche? Warum?« Komisch, aber wenn Jeremy Leute in Uniform und mit Schirmmütze sah, kriegte er unweigerlich ein schlechtes Gewissen. »Sicherheitskontrolle, Sir. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein.« Die Sunday Times zerstob erneut in alle Winde, während 47
Jeremy mit dem Kombinationsschloß kämpfte. Er wurde allmählich nervös. Jetzt mußte er bald aufs Klo. Sehr bald. Genaugenommen unverzüglich. Endlich war die Aktenmappe offen. Mr. Bennett sah hinein. Langsam, Stück für Stück, nahm er alles heraus und untersuchte es. Erst den Schreibblock, dann die Bleistifte und Kugelschreiber, dann das Buch. Jetzt hatte er einen Plastikbehälter mit einem Deckel in der Hand, durch den etwas in Alufolie Verpacktes zu erkennen war. »Würden Sie das mal aufmachen, Sir?« Über die Schulter des Wachmanns hinweg hatte Jeremy eine Tür erspäht, auf der eine menschliche Gestalt aufgemalt war. Jetzt wurde es allerhöchste Eisenbahn. Er legte einen Spurt ein, die Blätter seiner Sunday Times als Kielwasser hinter sich herziehend. »Halt! Stehenbleiben!« rief jemand hinter ihm, aber Jeremy war inzwischen alles egal. Er riß die Tür auf. Kein Pissoir weit und breit. Er stürmte die einzige freie Kabine. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür der Nachbarkabine, jemand kreischte: »Ein Mann!« Von überall her quiekte es jetzt in den höchsten Tönen, rapide leerte sich der Raum. Jeremy nahm es gar nicht wahr. Nie war Pinkeln schöner gewesen. Erst als der Strom versiegt war, dämmerte ihm, daß er die falsche Tür erwischt hatte, aber zu seiner Überraschung war er kein bißchen verlegen. Zu groß war seine Not gewesen. Bei jeder weiteren Verzögerung hätte es eine Katastrophe gegeben. Entscheidungsfreude war ein Merkmal des aufstrebenden Jungmanagers. Allerdings wußte er nicht recht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Wenn er gleich wieder rauskam, sah ihn vielleicht jemand. Wenn er blieb, wo er war, kam vielleicht jemand rein und ertappte ihn an einem Ort, an dem er eigentlich nichts zu suchen hatte. So oder so sah er drohende Wolken am Horizont aufziehen. Ein Blick in den Spiegel gab den Ausschlag. So 48
konnte er sich unmöglich zum Dienstantritt melden. Er klemmte den Abfalleimer unter die Tür und beschloß, die Gelegenheit zu nutzen, um seinen äußeren Menschen wieder in Ordnung zu bringen. Vielleicht war inzwischen auch Nettle greifbar. Beim Händewaschen stieg Jeremy erneut der widerwärtige Geruch in die Nase, und jetzt endlich ging ihm auf, daß er möglicherweise irgendwie an seiner eigenen Person hängen könnte. Er schnüffelte an seinen Schuhsohlen. Er schnüffelte an seinen Achselhöhlen und an seinem Jackett. Er beugte sich vor und schnüffelte in seinen unteren Gefilden. Nichts. War wohl doch ein Irrtum gewesen. Er wusch sich das Gesicht. Danach fühlte er sich entschieden besser. Als er aber versuchte, sich die Haare zu kämmen, verfing sich sein Kamm in etwas Klebrigem. Das Geheimnis des großen Gestanks war gelöst. Er ließ das Waschbecken vollaufen und steckte den Kopf ins Wasser. Es ist nicht so einfach, sich an einer Handtuchrolle abzutrocknen, deren Abrollmechanismus streikt. Jeremy fuhr sich mit dem Kamm durch das triefende Haar und sah auf die Uhr. Punkt elf. Vor eineinhalb Stunden hätte er eigentlich seine Tätigkeit aufnehmen sollen. Diesmal würde er sich von dieser gelbgelackten Schnepfe nicht abwimmeln lassen. Eine Schande für die Firma, diese Prolo-Tussi! Wenn er hier mal das Sagen hatte, kamen als Empfangsdamen nur Mädchen mit mittlerer Reife in Frage. Mindestens. Jeremy schob den Abfalleimer weg und machte vorsichtig die Toilettentür einen Spaltbreit auf. Draußen tat sich offenbar nichts. Wenn er jetzt rausging und ganz locker durch die Halle schlenderte, würde kein Mensch was merken. »Keine Bewegung, Karottenkopf. Polizei! Wir sind bewaffnet.«
49
3 Jeremy gehorchte bereitwilligst. Hätten die beiden kräftig gebauten, unsympathisch wirkenden Herren im Kampfanzug mit ihren womöglich noch unsympathischer wirkenden MPs ihn ersucht, sich nackt auszuziehen und mit Chrysanthemen im Haar einen altenglischen Volkstanz aufzuführen, wäre er dieser Aufforderung unverzüglich nachgekommen. Er verstand nichts von Schußwaffen, aber selbst er erkannte, daß die MPs direkt auf ihn gerichtet waren. Einer der Männer kam zentimeterweise näher, den Blick ohne Blinzeln fest auf Jeremys Gesicht gerichtet. Jeremy hob die Hände so hoch wie möglich, womit er aber die Herren mit den Ballermännern nicht friedlicher zu stimmen vermochte. Er schloß versuchsweise die Augen. Ja, so war es schon besser. Mit geschlossenen Augen sah gewissermaßen alles viel freundlicher aus. Vielleicht hatte er nur einen besonders lebhaften Alptraum, war in Wirklichkeit noch gar nicht aufgewacht. Gleich würde der Wecker summen, er würde aufwachen, zur Toilette gehen, seine Zähne mit Bürste und Zahnseide bearbeiten, ein schönes heißes Bad nehmen, sich anziehen, seine Aktenmappe ergreifen und sich auf den Weg zur Arbeit machen, ganz so, wie er es geplant hatte. Er wurde grob herumgedreht, so daß er mit dem Gesicht zur Wand stand. Die an seiner Schläfe liegende Mündung der MP fühlte sich erstaunlich kalt an. Einer der Burschen im Kampfanzug spreizte ihm mit Hilfe seiner Stiefel die Beine und riß ihn brutal aus seinen Tagträumen. Brutal war noch milde ausgedrückt. Eine Hand wanderte über seinen ganzen Körper und drückte und bohrte an Stellen, die zu erforschen Jeremy selbst immer Hemmungen gehabt hatte. Aus einiger Entfernung röhrte eine Stimme: »Entwarnung, Jungs. Keine Bombe.« »Keine Bombe?« klang es enttäuscht hinter Jeremy. 50
»Nein. Scheint sich um belegte Brote zu handeln.« »Belegte Brote?« »So isses. Riecht nach Lachspastete … Ja, genau, Lachspastete. Schmeckt nicht schlecht, aber mit Schwarzbrot? Weißes eß ich lieber. Ich steh nicht auf diesen Vollwertscheiß.« »So ’n Mist«, sagte der Mann und drückte in seinem Frust kräftig zu. Jeremy knickte vor Schmerz ein. Offenbar noch immer leicht verärgert, trat ihm der Mann genüßlich gegen den Knöchel, wobei er zufällig eben jene Stelle erwischte, die der Major am vorigen Abend mit seinem Stock getroffen hatte. Doch Jeremy, der sich am Boden wälzte, war inzwischen alles egal. Er hatte die Augen noch immer fest geschlossen, denn er wollte gar nicht wissen, welche weiteren Scheußlichkeiten ihn erwarteten. Als er es dann endlich wagte, wieder um sich zu sehen, erblickte er eine größere Gruppe von Männern in Kampfanzügen, die sich zum Abmarsch bereitmachten. Einer hatte eine Fernbedienung in der Hand, mit der er einen grünen Kasten auf Rädern dirigierte, der aussah wie etwas aus dem Stabilbaukasten. Mit der anderen führte er Jeremys Lachsbrote zum Munde. Die weitverbreitete Ansicht, Rothaarige besäßen ein besonders aufbrausendes Temperament, hätte bei Jeremy wohl niemand bestätigt gefunden. Vierundzwanzig Jahre hatte er die Ausgeglichenheit einer zufriedenen Zuchtsau an den Tag gelegt. Doch muß man bedenken, daß er einen nervenaufreibenden Vormittag hinter sich hatte. Er war an dem wichtigsten Tag seines Lebens nicht rechtzeitig aufgewacht, war in aufgelöstem Zustand an seiner Arbeitsstelle erschienen, eine halbe Stunde von einer Person abgewimmelt worden, deren IQ gegen null ging, aus Versehen in der Damentoilette gelandet, hatte etwas Unappetitliches in seinem Haar gefunden und war von zwei Bewaffneten bedroht, von einem brutal 51
mißhandelt worden. Und jetzt aß ihm zu allem Überfluß noch jemand sein Mittagessen weg. Irgendwo in seinem Innern platzte ein Knoten. Er hinkte zum Empfang hinüber und riß dem Mann im Kampfanzug die restlichen Lachsbrote aus der Hand. »Das sind meine.« Dann wandte er sich an den Chef des Wachdienstes, der in der Nähe stand und ihn mit unverhüllter Abneigung musterte. »Und Ihnen rate ich dringend, in Zukunft über Ihrem Diensteifer nicht ganz den gesunden Menschenverstand zu vergessen.« In der Halle fanden sich nach und nach die evakuierten Mitarbeiter ein, um wieder an ihre Arbeit zu gehen. Charmaine saß wieder auf ihrem Posten am Empfang. Sie konnte es kaum erwarten, Tracey anzurufen. Das war ja noch spitzenmäßiger als damals beim Besuch von Prinzessin Anne in BIG House. Was der wohl auf dem Damenklo gemacht hatte? Sobald die Luft rein war, würde sie mal nachsehen. Aber Jeremy war noch nicht fertig. Mit tropfendem Haar stellte er sich vor den Tresen und nahm die Empfangsdame aufs Korn. »Und jetzt zu Ihnen, mein Kind. Wenn Sie weniger Zeit am Telefon verbringen würden, um mit Ihrer Freundin Tracey tiefsinnige Gespräche über den Sinn des Lebens zu führen, und dafür eifriger das täten, wofür Sie bezahlt werden, wäre das alles vielleicht gar nicht passiert. Falls Sie im Augenblick nichts Wichtigeres zu tun haben und es nicht allzuviel verlangt ist, wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie Mr. Nettle für mich auftreiben könnten. Nicht heute nachmittag, nicht morgen oder nächste Woche, sondern sofort. Unverzüglich. Tout de suite.« »Selbstverständlich, Sir. Natürlich, Sir. Entschuldigen Sie, Sir.« Doch noch ehe sie zum Hörer greifen konnte, tippte jemand Jeremy auf die Schulter. »Ich bin Nettle.« Jeremy fuhr herum. Seine Platte war noch nicht abgelaufen. »Wird auch Zeit. Wissen Sie eigentlich, wie lange ich hier 52
schon warte?« Nettle sah ihn verdutzt an. Von den Trainees, die frisch von der Uni kamen, um hier ihre Stelle anzutreten, war er servilere Töne gewöhnt. Er war ein rundlicher Mann mit spärlichem, sorgfältig über den ganzen Kopf verteiltem Haar und einem dünnen Schnurrbärtchen. Sein rundes Gesicht glänzte ölig, und dieses Adjektiv traf auch auf sein Gebaren zu. Wäre es möglich gewesen, Nettle einzuschmelzen, hätte man längere Zeit nahrhafte Mahlzeiten mit ihm bereiten können. »Tut mir wahnsinnig leid, daß ich nicht da war. Immer auf Trab, immer auf Trab. Aber was soll’s, jetzt bin ich ja hier. Das war ein Vormittag, wie?« Die Sätze quollen aus seinem Mund wie eine Kette prall gefüllter Würstchen. »Hat Charmaine sich nett um Sie gekümmert?« Er deutete auf die Empfangsdame, wartete aber die Antwort nicht ab. »Prächtig, prächtig. Haben Sie natürlich erwartet. Willkommen bei BIG!« Er packte Jeremys Hand, die noch immer die restlichen Lachsbrote umfaßt hielt, schüttelte sie herzhaft und wischte sich die Handfläche mit einem Taschentuch ab. »Jetzt kommen Sie, will Ihnen Ihr Büro zeigen.« Na endlich, dachte Jeremy. Ein Büro. Er griff nach seiner Aktenmappe. Die Lachsbrotreste, die inzwischen nicht mehr sehr appetitanregend aussahen, ließ er bei Charmaine liegen. Zu seiner Überraschung führte Nettle ihn die Treppe hinunter. »Absolut ätzender Tag, absolut ätzend«, fuhr er fort. »Siebenhundertfünfzig Leute evakuiert. Bombenalarm. Dabei waren’s nur belegte Brote. So ein Affentheater. Nicht zu glauben. Immerhin, war ’ne gute Übung. Und dann die Essensgutscheine. Ganz blöde Geschichte. Natürlich fauler Zauber«, sagte er geheimnisvoll, während er eine Tür aufmachte und vor Jeremy einen tristen Gang betrat. Die Opulenz der Eingangshalle mit ihren Grünpflanzen und dicken Teppichen schien ferne Vergangenheit. Hier war der Boden mit zerbröselten Linoleumplatten ausgelegt, die Wände 53
waren in einem jeden Schmutz gnädig tarnenden Braunton gestrichen, die Beleuchtung war trüb. Das alles wirkte wenig einnehmend. »Heute früh die Lieferung. Wie immer. Gutscheine im Wert von einem Pfund pro Tag für alle Mitarbeiter. Siebenhundertfünfzig Mitarbeiter alles in allem. Lieferung für drei Monate. Einundfünfzigtausendsiebenhundertfünfzig Pfund. Haufen Essensgutscheine. Haufen Geld. Der Bote ist kaum weg, da kommt dieser Typ und erzählt was von peinlicher Verwechslung, Druckfehler und und und. Sehr unangenehm, wirklich, müssen eingestampft werden, nehme sie am besten gleich wieder mit, sagt der Typ. Ich bin nicht da. Die Neue kennt sich nicht aus. Der Typ zieht mit den Gutscheinen ab. Ich komme zurück. Komische Geschichte, denke ich, schau mal nach, was da los ist. Gutscheine völlig in Ordnung. Rufe sofort unten an. Typ ist gerade zur Tür raus. Und dann der Bombenalarm. Der Boss wird sich freuen.« Auf halbem Wege den Gang hinunter blieb er stehen. Jeremy roch etwas, was er für die Kantine hielt und was in ihm unerfreuliche Erinnerungen an schulische Abfütterungseinrichtungen weckte. Nettles Redefluß war ungebrochen. »So, hier wären wir. Büro. Alles vom Feinsten. Licht nicht besonders. Eigentlich als Lagerraum gedacht. Muß Sie jetzt allein lassen. Komme später mal vorbei und erklär Ihnen den Laden. Damit Sie sich zurechtfinden. Muß Polizei anrufen. Einundfünfzigtausendsiebenhundertfünfzig Essenbons, Wert ein Pfund pro Stück, einfach weg. Kann sich schön die Wampe vollschlagen, der Typ.« Beim Lachen bibberte sein ganzer Körper, Fettwellen rollten auf seinem Leib auf und nieder. Einen zweiten Händedruck vermeidend – wußte man denn, was Jeremy noch an Schmierig-Wabbligem bereithielt? –, winkte er seinem neuen Management-Trainee nur kurz zu und entschwand. Das Büro war spartanisch eingerichtet: Schreibtisch mit 54
Telefon, ein Schrank und ein kleines Bücherregal, auf dem eine verdorrte Pflanze stand. Das einzige – sehr kleine – Fenster war hoch oben in der Wand angebracht und gewährte einen Ausblick auf die Füße der Passanten. Ansonsten gab es als Lichtquelle nur noch eine nervös zuckende Neonröhre an der Decke. Doch nur der schlechte Arbeiter gibt dem Werkzeug die Schuld. Jeremy sagte sich, daß er zum Arbeiten hergekommen war, und das konnte er hier ebensogut besorgen wie anderswo. Er ging zur Tür und sah erfreut, daß draußen schon ein Name stand. In großen weißen Buchstaben stand dort: »Jeffrey Simpson. Trainee.« Mr. Bennett sah Jeremy mit unverhülltem Haß nach. Diese Stimmungslage war für ihn nichts Ungewöhnliches. Mr. Bennett haßte die meisten seiner Mitmenschen. Er hatte schon früh damit angefangen, indem er seinen Haß auf seine liebevollen Eltern richtete, was diese ihm zugegebenermaßen nicht schwergemacht hatten. Später, in der Schule, erfreute er sich deshalb verständlicherweise nicht allzu großer Beliebtheit. Doch anders als Jeremy hatte sich Mr. Bennett nach seinen Erfahrungen in Kindheit und Jugend nicht in ein Schneckenhaus verkrochen, sondern nahm mit Hilfe seines Berufs Rache an der Menschheit. Er hatte lange überlegt, ob er zur Bereitschaftspolizei oder zur Verkehrsstaffel gehen sollte. Beide Bereiche boten jede Menge Gelegenheiten für rüdes und aggressives Verhalten. Zu guter Letzt ging er dann zum Zoll. Lange glückliche Jahre hatte er am Flughafen Gatwick damit verbracht, gutgelaunten Fluggästen nach vierzehn Tagen Sonnenurlaub das Lächeln auszutreiben. Seine ausgefeilten Methoden zur Demütigung von Reisenden männlichen wie weiblichen Geschlechts hatten ihm bald die Bewunderung seiner Kollegen und die Anerkennung seiner Che fs eingebracht. Nachdem dann aber seinen Vorgesetzten endlich 55
aufgegangen war, daß Mr. Bennett fünf verschiedene Touristinnen bei einer im übrigen verbotenen Leibesvisitation mit ein und demselben Päckchen Haschisch erwischt hatte, war er genötigt gewesen, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen. Als Werkschutzchef in BIG House hatte nun Mr. Bennett den Himmel auf Erden gefunden. Hier gab es keine kleinlichen Vorschriften über das, was er zu tun oder zu lassen hatte. Die Mitarbeiter von BIG waren ihm auf Gnade und Barmherzigkeit ausgeliefert – und eben dies waren Eigenschaften, die Mr. Bennett in nicht gerade reichem Maße besaß. Bei dem wöchentlichen Match seines örtlichen Rugbyclubs hatte er ausreichend Gelegenheit, unter dem Deckmantel sportlicher Betätigung seine Mit- und Gegenspieler mit Tritten, Hieben, Kratzern und Stößen zu traktieren, aber nicht einmal das gewährte ihm die gleiche innige Befriedigung wie jener Moment, als er einem langjährigen leitenden Angestellten von BIG das Betreten des Hauses hatte verwehren können, weil der seinen Firmenausweis zu Hause gelassen hatte. Die flotte flaschengrüne Uniform mit passender Schirmmütze war nur das Tüpfelchen auf dem i. Da Mr. Bennett keine Freunde besaß, gab es niemanden, der ihm nahe genug gestanden hä tte oder mutig genug gewesen wäre, ihm vorsichtig beizubringen, daß er trotz der Uniform ein widerwärtiger bierbäuchiger Fettwanst mit Schuppen war. Noch nie hatte Mr. Bennett mit so viel Gusto zum Telefon gegriffen wie heute vormittag, als er der Polizei mitgeteilt hatte, ein Mann, der sich geweigert hatte, bei der Sicherheitskontrolle ein verdächtiges Paket aus seiner Aktentasche zu entfernen, habe die Flucht ergriffen. Endlich mal ein richtiger Terrorist in BIG House! Darauf hatte Mr. Bennett schon lange gewartet. Jetzt sah er ganz schön alt aus, was er gar nicht schätzte, und daran war nur dieser rothaarige Laffe schuld. Aber er würde es ihm schon noch heimzahlen, oder er wollte nicht mehr Gordon 56
Bennett heißen. Noch immer kochend vor Wut, wies er einen seiner Untergebenen barsch an, ihn zu vertreten, und verließ das Haus, um frische Luft zu schöpfen. »Ärger?« fragte der Major, der Rommel wieder mal zu einer Urinattacke gegen den Beton von BIG House vorgeschickt hatte. Mr. Bennett kannte Herrn und Hund vo m Sehen und gelegentlichen flüchtigen Zunicken. »Kann man wohl sagen. Bombenalarm, weil so ein Hornochse ein Paket nicht aufgemacht hat Hinterher hat sich rausgestellt, daß es nur belegte Brote waren.« Normalerweise hätte der Major es weit von sich gewiesen, mit dem Feind zu fraternisieren, aber was tut man nicht alles, um an Informationen zu kommen … »Belegte Brote? Nicht zu glauben. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, sage ich immer.« Mr. Bennetts Gesicht erhellte sich. Hier war ein Mann nach seinem Herzen. »Eben! Diese Spinner rasten aus, ehe man sich’s versieht.« »Rote Agitatoren lauern überall, glauben Sie mir! Daß unsere Regierung den Gewerkschaften die Tour vermasselt hat, bedeutet noch nicht, daß die Störenfriede sich alle wieder nach Moskau getrollt haben. Im Gegenteil, die sind jetzt erst mal untergetaucht und warten ab. Möchte wirklich wissen, wofür wir im Krieg gekämpft haben.« Eine militärische Vergangenheit imponierte Mr. Bennett immer. »Armee?« »Sie sagen es. El Alamein, Tobruk und und und. Major, Siebte Panzerdivision. Abteilung Spezialeinsätze. Mehr kann ich nicht sagen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Nase und musterte Mr. Bennett von oben bis unten. Ein echter Fiesling. »Flotte Uniform. Sitzt blendend. Machen Ihrem Beruf Ehre.« Mr. Bennett schwoll die Brust vor Stolz. Sein Bierbauch schwoll mit, wodurch der Gürtel noch weiter nach unten 57
rutschte. Er zog ihn wieder hoch, aber selbst mit Gürtel war seine ausufernde Leibesfülle kaum mehr zu bändigen. »Danke, Sir. Man muß das Beste aus sich machen, sag ich immer.« Er beschloß, sich dem Major anzuvertrauen, der schien eine mitfühlende Seele zu sein. »Komisch ist es aber doch. Den Typ, der die ganze Geschichte losgetreten hat, einen mickrigen Rotschopf, hab ich schon gestern abend hier gesehen. Hat sich sehr verdächtig benommen. Und heute kommt er an, gibt sich rotzfrech als neuer Mitarbeiter aus und macht Randale.« »Ein Rotschopf? Den hab ich gestern auch gesehen, stundenlang hat er sich hier herumgedrückt. Könnte ein Infiltrator sein. Ein Spion, der Arges im Schilde führt. Schon mal was vom Marsch durch die Institutionen gehört?« »Nein.« »Damit sollten Sie sich mal beschäftigen. Daß so ein Typ heute noch kein Terrorist ist, sagt nicht, daß er es nicht irgendwann mal werden könnte. Vielleicht wartet er nur ab. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein.« »Sehen Sie, da ist er«, sagte Mr. Bennett leise. Jeremys Gesicht erschien auf Gehsteighöhe. Er hatte sich auf einen Stuhl gestellt und versuchte erfolglos, das Fenster aufzumachen. Rommel hob sein Bein und trübte Jeremy noch mehr die Sicht. »Prächtiges Tier, das Sie da haben, Major.« Ein knallgelber Rolls Royce Silver Spur rollte aus der Tiefgarage und ging vor BIG House in Stellung. »Ich verschwinde jetzt lieber, gleich kommt der Boß.« Mr. Bennett verzog sich schleunigst wieder in die Halle. Der Major ging rasch zurück zu seiner Wohnung. Er wußte, daß ein Reifenwechsel beim Rolls keine ganz unkomplizierte Angelegenheit ist. Allerdings kam es ja auch sehr selten vor, daß eine dieser Edelkarossen einen Platten hatte. Er machte sein Küchenfenster auf und suchte sich für sein neu erworbenes Luftgewehr eine feste Auflage auf dem Fensterbrett. So eine Chance durfte man sich nicht entgehen 58
lassen. Die Schlacht konnte beginnen. Er drückte ab.
59
4 »Tut mir leid, daß Sie warten mußten, Mr. Simpson.« Als Nettle zurückkam, kämpfte Jeremy noch immer mit dem Fenster. »Sehe, daß Sie sich schon eingerichtet haben. Freut mich, freut mich.« »Da muß jemand was verwechselt haben«, sagte Jeremy. Daß der Junge immer noch auf seinen Erlebnissen an diesem unglückseligen Vormittag herumritt, wurmte Nettle. »Hab doch schon gesagt, daß es mir leid tut. Mehr kann ich nicht tun. Was passiert ist, ist passiert, Mr. Simpson.« »Aber das ist es ja gerade«, ereiferte sich Jeremy und kletterte vom Stuhl. »Ich heiße nicht Simpson.« »Nicht –? Natürlich sind Sie Simpson. Steht doch an der Tür«, erklärte Nettle mit Nachdruck. »Ich weiß, was an der Tür steht, aber so heiße ich nicht. Irgend jemand muß was verwechselt haben.« »Verwechselt?« wiederholte Nettle tief gekränkt. »Ausgeschlossen. HUMA ist voll auf EDV umgestellt.« Er sah in eine Akte, die er mitgebracht hatte. »Cambridge, ja?« »Ja«, erwiderte Jeremy. »Gut. Peterhouse?« »Nein.« »Nein?« »Nein. Sidney Sussex.« »Ach so. Mathematik?« Seine Stimme klang nicht mehr ganz so markig. »Nein.« »Nein?« »Nein. Betriebswirtschaft.« »Ach«, sagte Nettle, deutlich verunsichert. Ein Fehler in seinen Unterlagen? Das gab es doch gar nicht Sein System war computerisiert und irrte sich nie. Dieser junge Mann fing an, ihm auf die Nerven zu gehen. 60
»Also nicht Jeffrey Simpson?« »Nein. Mein Name ist Jeremy Seaman.« Warum wollte das diesem Blödmann nicht in den Kopf? »Hier ist der Brief, mit dem Sie mir mitgeteilt haben, daß ich heute me ine neue Stellung antreten soll.« Nettle vertiefte sich geraume Zeit in das Schreiben. »Aber der Brief ist an Jeremy Seaman gerichtet«, sagte er schließlich. »Ja, das bin ich.« Ganz allmählich kam die Botschaft an. »Muß eine Verwechslung sein«, sagte Nettle niedergeschlagen. »Ich werde das checken. Seaman, sagten Sie?« An der Tür drehte er sich noch mal um. »Lassen Sie die Finger vom Fenster. Geht doch nicht auf. Vollklimatisiert. Nur die Fenster im dreizehnten und vierzehnten Stock lassen sich aufmachen.« Sally duckte sich. Alexander der Große flog über ihren Kopf hinweg und landete knapp neben dem Lowry an der Wand. »Wie lange dauert denn so ein Scheißreifenwechsel, verdammt noch mal! Und glaubst du, ich hätte ein Taxi gekriegt, während dieser Idiot von Fahrer da rumgemacht hat? Denkste, Puppe. Den halben Weg mußte ich laufen. Ich, Alexander Prosser, war genötigt, zu Fuß zu gehen! Als ich ankam, war dieser Arsch von der Times schon stockbesoffen. Wollte sich weglachen, witterte wohl Material für seine Klatschspalte. Dann komme ich zurück und stelle fest, daß inzwischen Bombenalarm war und ein Gauner mit fünfzigtausend Pfund Essensgutscheinen ’ne Mücke gemacht hat. Wer hat ihm die Dinger rausgegeben?« »Eine junge Mitarbeiterin, die erst letzte Woche angefangen hat. Sie konnte es nicht wissen.« »Rausschmeißen!« »Aber Mr. Prosser –« »Rausschmeißen. Und Nettle soll der ganzen Abteilung diesen Monat ein Viertel vom Gehalt abziehen. Sich selber 61
auch. Vielleicht sind sie dann in Zukunft nicht mehr ganz so leichtsinnig.« »Ja, Mr. Prosser«, sagte Sally mißbilligend. »Die können noch von Glück sagen, wenn sie mir nicht die ganze Summe zurückzahlen müssen.« Er marschierte ans Fenster und sah mit bösem Gesicht hinaus. »Kein Anruf von Butterley?« »Nein, Mr. Prosser.« Was waren das für Faxen? Wie lange brauchte der Junge für eine ganz simple Verabredung? »Hol Daniels rauf und gib ihm das hier.« Prosser riß einen Zettel mit einem Dutzend Namen von dem Block auf seinem Schreibtisch und drückte ihn Sally in die Hand. »Seine Le ute sollen die Firmen durch die Mühle drehen, wie gehabt, und zwar ein bißchen dalli. Butler soll uns die aktuellen Aktionärslisten beschaffen. Sollen diese eitlen Bankertypen sich ruhig mal den Arsch aufreißen und was tun für die astronomischen Summen, die wir ihnen in den Rachen schmeißen. Wenn was ist – ich bin mit Maggie auf dem Dach, hab mir ’ne kleine Entspannung verdient.« Sally fröstelte. Entspannung? Mit Maggie? Igitt … Sie verständigte Daniels, den Chef der Abteilung Marktanalyse. Inzwischen sah sie rasch die Liste durch. Eine der Firmen war Nostrum, auch der verhaßte Pardoe-Konzern war dabei. Interessant. Irgendwas war hier im Busch. Auf ihrem Schreibtisch ertönte ein Summer. Sie warf einen Blick auf den Monitor. Daniels stand vor der Tür. Sally drückte den Einlaßknopf. Prosser hatte einen Sicherheitstick. Nicht mal seine engsten Mitarbeiter – zu denen auch Daniels gehörte – kannten die Kombination zur Tür seines Büros. Die Abteilung Marktanalyse überwachte die Konkurrenz von BIG, prüfte ihre Stärken und Schwächen, warnte vor ihren Manövern, durchleuchtete ihre Geschäftsmethoden und fahndete nach möglichen Neuerwerbungen für den Konzern. Obgleich die Leute von der 62
Marktanalyse sich um eine möglichst diskrete und geräuschlose Tätigkeit bemühten, lief ihr Bereich bei BIG unter dem Spitznamen AST – Abteilung für Schmutzige Tricks. Nicht zufällig stand auf den Türen von Daniels und seinem Assistenten MI 6 und MI 5. Daniels, ein Mann Mitte Dreißig, früher selbständiger Wertpapiermakler, dem die Behörden nach einem lächerlichen Verstoß gegen irgendwelche albernen Vorschriften, wie er sich auszudrücken pflegte, das Leben etwas schwergemacht hatten, kleidete sich wie ein Banker der alten Schule. Hochgewachsen und distinguiert, trug er seine Sachen wie ein Model auf dem Laufsteg. Da er außerdem fest an seine unwiderstehliche Wirkung auf Frauen glaubte, konnte Sally ihn nicht ausstehen, zumal er zu den Menschen gehörte, die einem nie direkt ins Gesicht sehen können. Seine Züge waren hager, die Wangen hohl, als habe ihm jemand eine Staubsaugerdüse in den Mund gesteckt und sein Gesicht ausgesaugt. Daniels warf sich vor Sallys Schreibtisch in Positur und säuselte: »Welch schönes Bild erblick ich hier …« »Sprechen Sie von mir oder von Ihrem Spiegelbild?« »Touché. Was haben wir denn Wichtiges, daß wir es dem Büroboten nicht anvertrauen wollen?« Sally gab ihm die Liste und übermittelte Prossers Auftrag. »Ist schon eine komische Nummer, unser Boß«, sagte Daniels. »Nicht mal seinen eigenen Leuten traut er über den Weg. Immer muß er falsche Spuren legen. Meist im Verhältnis sechs zu eins. Auf der Liste stehen zwölf Firmen. In Wirklichkeit interessieren ihn also vermutlich nur zwei. Wollen wir wetten, daß ich weiß, welche es sind, Schätzchen?« »Welche denn?« fragte Sally unschuldig. »Nein, meine Schöne, nicht mal dir zuliebe würde ich den Zorn meines Herrn und Meisters auf mich ziehen. Er hat es nämlich gar nicht gern, wenn wir aus der Schule plaudern. Es sei denn, du willst dir selbst was Liebes tun und heute abend mit mir essen.« 63
»Sie wissen so gut wie ich, Mr. Daniels«, sagte Sally mit Nachruck, »daß Mr. Prosser den Mitarbeitern aus dem dreizehnten Stock streng verboten hat, mit Kollegen aus anderen Betriebsbereichen zu fraternisieren.« »Hm. Wenn du mal bei uns bescheidenen Arbeitsbienen in den unteren Gefielden die hübschen Lauscher aufstellen würdest, könntest du Haarsträubendes darüber flüstern hören, was hier oben alles abgeht.« »Ich habe Besseres zu tun, als den ganzen Tag herumzutratschen, Mr. Daniels.« Sie drückte den Türknopf. Als Daniels weg war, ging sie wieder in Prossers Büro, um nach den neuesten Feldherrnschlachten Ordnung zu schaffen. Die Alexanders wurden knapp, stellte sie fest, als sie den Schrank aufmachte. Sie mußte schleunigst nachbestellen. Der Major überprüfte seinen Seesack. Arbeitsjacke, Taschenlampe, Ersatzbatterien, Feldstecher, Drahtschneider, Sieb, künstliche Blumen, Stiefelwichse und die Sun. Alles da, alles paletti. Er machte die Wohnungstür einen Spaltbreit auf. Die Luft schien rein zu sein. Vorsichtig schlich er sich hinaus. »Na, dann wollen wir mal wieder.« Nettle war zurück. Jeremy wartete seit über einer Stunde und war am Verhungern. Die Gerüche, die aus der Kantine durch den Gang zogen, machten ihn ganz verrückt. Hoffentlich klärte sich diese verworrene Angelegenheit nun bald. Nettle war sauer. Der Rausschmiß von Mitarbeitern ließ ihn normalerweise kalt, obgleich die Neue ein ganz niedliches kleines Ding gewesen war. Aber daß er sich selbst das Gehalt kürzen sollte, ging entschieden zu weit. Er schlug die Akte auf, die er mitgebracht hatte. »Sie sagten Seaman?« »Ganz recht.« Jeremys Gesicht erhellte sich. »Aha.« Es klang fast, als habe Nettle insgeheim auf eine andere Antwort gehofft. Wieder warf er einen Blick in seine Unterlagen. »Jeremy Seaman?« 64
»Ja.« »Betriebswirtschaft?« »Ja.« »Sidney Sussex?« »Ja.« »Aha.« Heute lief aber auch alles schief. Nicht mal bis auf die Auswahlliste hatte der Typ es geschafft. Das psychologische Gutachten war, gelinde gesagt, verheerend ausgefallen. Für BIG total unbrauchbar. Wie wurde er den jetzt wieder los, ohne daß es großes Theater gab? »Ja. Natürlich. Jeremy Seaman. Eben, eben. Alles klar. War ein schlimmer Tag für Sie«, sagte er mitfühlend. »Wissen Sie was: Sie machen für heute Feierabend. Ich kläre inzwischen hier die Geschichte, und morgen fangen Sie noch mal ganz von vorn an.« Im Gezweig einer Platane in der Mitte der Grünanlage zwitscherte eine Blaumeise stillvergnügt vor sich hin. Angst mischte sich in ihr Lied, als ein großer Schatten über sie fiel. Aber da war es schon zu spät. Nur noch zweimal konnte sie ihren kurzen, schrillen Hilferuf ausstoßen, dann wurde es still. Ein kraftvoller Hieb hatte ihr den Schädel zerschmettert.
65
5 Ron Niblo, wie üblich in Unterhemd und Boxershorts, zog die Vorhänge in Prossers Schlafzimmer zurück. Als eine breite Lichtbahn über das Bett fiel, stieß Prosser einen tiefen Seufzer aus. Nicht den Seufzer, mit dem der Mensch normalerweise den Morgen begrüßt, sondern einen Laut purer Lust. Ein nicht ganz kleiner Hügel unter der Bettdecke lieferte die Erklärung für diese genüßlichen akustischen Signale. Mit Jacqui als Wecker hatte man morgens keine Mühe hochzukommen. »Ein neuer Tag steht vor der Tür«, verkündete Ron munter, während er die Zeitungen und die über Nacht eingegangenen Fax- und Telexmeldungen auf den Nachttisch legte. »Dank Jacqui ist das nicht das einzige, was steht.« Prosser lehnte sich gegen das Kopf teil. »Mit der hast du ein gutes Händchen bewiesen, Ron.« Ohne sich weiter um Jacquis fleißige Zunge zu kümmern, griff er nach der Financial Times. Es gehörte zu Rons Obliegenheiten, Prosser immer neue Chefassistentinnen zuzuführen, was keine leichte Aufgabe war. Junge Damen, die hundertachtzig Silben in der Minute stenografieren und achtzig Worte in der Minute tippen konnten, gab es genug, aber nur recht wenige verstanden es, außer mit der gewissenhaften Ausführung von Sekretariatsarbeiten ihrem Chef auch sonst liebreich zu Diensten zu sein. Jacqui war seit einem Dreivierteljahr dabei. Besser, als sich freiberuflich am Shepherd Market abzuschaffen, hatte sie gesagt. Nur daß sie unentwegt Kaugummi kaute, nervte Niblo, Prosser allerdings schien es nicht zu stören, wenn man von dem einen Riesenkrach absah, als sie vergessen hatte, für ihre morgendlichen Weckaktionen den Kaugummi rauszunehmen. Na, das war ein Theater gewesen! Bloß wegen der paar Kaugummifäden in den Schwanzhaaren hatte er sich angestellt, 66
als ob Jacqui sein Rohr verbogen hätte! Lorraine und Lucinda waren inzwischen auch erfahrene Kräfte, sie waren zwar nicht in dem Sinne Profis wie Jacqui, machten sich aber jetzt immerhin auch schon seit einem Jahr in mancherlei Beziehung für den Boss nützlich. Nur mit Sally gab es Probleme. Sie gehörte erst seit einem halben Jahr zum Team, nachdem ihre Vorgängerin so dumm gewesen war, sich ein Kind anhängen zu lassen. Zuerst sah sie ganz nach der Idealbesetzung aus. Eine Supermaus, das mußte sogar Ron zugeben, der in die andere Richtung gepolt war. üppiges kastanienbraunes Haar. Grüne Augen. Haut wie Milch und Blut. Knackige Figur. Endlos lange, bildschöne Beine. Und wie alle Girls, die Gnade vor Prossers Augen gefunden hatten, mindestens einen Kopf größer als er. Der Boss stand auf große Frauen. Gewitzt durch seine langjährige Erfahrung, hatte sich Ron gleich gedacht, daß Prosser auf Sally abfahren würde. Der Boss hatte sie tatsächlich sofort eingestellt, ohne den letzten, wichtigsten Test abzuwarten. Hätte Ron ihn nicht so gut gekannt, hätte er gesagt, daß der Mann sich verliebt hatte. Prosser behauptete, ihre hübsche Himmelfahrtsnase sei so mit das Schärfste, was er je gesehen hätte. Sie war ganz anders als die anderen Mädels, soviel stand fest. Sie dachte nicht daran zu katzbuckeln. Die anderen blieben schön bescheiden, Sally aber machte rotzige Bemerkungen und hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Mit ihren Kolleginnen konnte sie offenbar nicht viel anfangen. Die ihrerseits fanden sie arrogant und unnahbar. Selbst Lucinda, Tochter eines ziemlich hohen Tiers im Schatzministerium, eine typische Tochter aus gutem Hause mit dem obligaten Perlenkettchen, einer großen Portion Dünkelhaftigkeit und einem entsprechenden Defizit an kleinen grauen Zellen, schien einigen Respekt vor ihr zu haben. Sallys größtes Manko war es, daß sie bei außerdienstlichen Aktivitäten einfach nicht mitspielte. Vor einem Jahr hatte Prosser, ein Anhänger der freien Marktwirtschaft, auch für 67
seine Mädchen eine Konkurrenzsituation geschaffen, indem er ihnen Noten für ihre Leistungen gab und danach die Höhe der monatlichen Prämien festsetzte. Ein genialer Schachzug, behauptete er, mit dem er eine Steigerung nicht nur der Produktivität, sondern auch der Qualität erreicht habe, weil die Mädchen miteinander wetteiferten, um ihre Gehaltsschecks zu erhöhen. Der einzige Nachteil war, daß wegen des scharfen Wettbewerbs Dreierzüge jetzt wegfallen mußten, weil sie zu gefährlich geworden waren. Ron, der die monatlichen Sonderzahlungen verfolgte, stellte fest, daß bei Sally noch kein einziger Bonus eingetragen war. Da war wohl bald die Nachfolgerin fällig. Er ging in die Küche, um Prossers Frühstück zu machen. Während er einer Orange den Lebenssaft auspreßte, läutete das Telefon. Es war Jack Butterley. Ron stellte ins Schlafzimmer durch, legte aber in der Küche den Hörer nicht auf. Er war Prosser treu ergeben, hielt sich aber, schon im Hinblick auf nützliche Börsentips, gern auf dem laufenden. »Morgen, Jack. Du bist ja früh dran!« »Morgen, Alex. Kann mich nicht lange aufhalten. Wollte dir nur sagen, daß ich die Übergabe einer Probe für dich organisiert habe.« Er gab Prosser die Einzelheiten. »Ich bin ja auch sehr für Geheimhaltung, aber müssen wir hier wirklich einen James-Bond-Thriller durchziehen?« »Sicher ist sicher, Alex.« »Na schön, ich komme«, sagte Prosser. Und dank Jacquis raffinierter Zungenkünste ließ er den Worten sogleich die Tat folgen. Als Prosser aufgelegt hatte, ging ein breites Grinsen über Jack Butterleys Gesicht. Gewiß, er brauchte Prosser. Aber er hatte noch ein paar alte Rechnungen mit ihm zu begleichen, und da konnte man durchaus das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Es versprach ein recht vergnüglicher Abend zu werden. Ob Alex Prosser es auch so sehen würde, war 68
allerdings eine andere Frage. Jeremy hatte in seiner Angst, wieder zu verschlafen, die ganze Nacht keine Auge zugetan. Als sein neuer Wecker brav um halb sieben summte, war er schon eine halbe Stunde auf. Um sieben war er gewaschen und angezogen, noch vor acht war er am Gilbert Square. Vor der Zeit dazusein, dachte er, wirkt bestimmt genauso ungünstig wie Unpünktlichkeit. Er beschloß, noch eine Runde durch die Grünanlage zu machen. Der reizbare Mann mit Stock und Dackel war wieder da. Als Jeremy zur Seite trat, um ihm auszuweichen, landete er geradewegs in einem von Rommels Haufen, die dieser strategisch geschickt auf dem Rasen verteilt hatte. Jeremy schurrte mit dem Schuh ein paarmal im Gras herum, zuckelte bis neun durch die Grünanlage und las. Er las die Financial Times, er las die Inschrift auf dem Standbild des politischen Reformers John Cartwright, er las das Schild an einem Haus, das verkündete, daß dort von 1837 – 1839 Sir Roland Hill gelebt hatte, und das Schild an einer ziemlich dürftigen Blutbuche, dem zu entnehmen war, daß Präsident Nehm sie 1953 gepflanzt hatte. Er machte einen weiten Bogen um den Penner, auf den er gestern getreten war und der offenbar in dem Hauseingang gegenüber von BIG House genächtigt hatte. Endlich war es soweit, daß er seine Arbeitsstätte betreten konnte. Da er diesmal die Drehtür bewußt zur Kenntnis nahm, bekam er prompt Probleme. Wenn Tempo und Rhythmus nicht stimmten, lief hier gar nichts. Zweimal beförderte ihn das gemeine Ding wieder zurück auf die Straße. Als er glücklich in der dschungelgrünen Halle stand, traf er auf ein weiteres Hindernis, nämlich auf Mr. Bennett. »Lassen Sie nur, ich kenne mich aus. Mr. Nettle hat mir gestern mein Büro gezeigt.« »Ohne Betriebsausweis kommt hier niemand durch. Tut mir leid, aber so sind nun mal die Vorschriften«, erklärte Mr. 69
Bennett mit sadistischem Vergnügen und rammte Jeremy seinen kurzen knubbeligen Zeigefinger in die Brust. An der Rezeption nahm Charmaine, heute ganz in Rosarot – Lippenstift Feuriger Flamingo, Lidschatten Pralles Pink und Nagellack Knackiges Karmin –, Jeremys Erscheinen sehr erfreut zur Kenntnis. Sie witterte weiteren Klatsch und Tratsch, mit dem sie in der Mittagspause bei ihrer Freundin Eindruck schinden konnte. Tracey arbeitete im Schreibsaal und hatte deshalb besten Zugriff zu der Gerüchteküche der Firma, aber seit dieser Typ sich hier herumtrieb, war Charmaine ihr über. Die arme Tracey war schon stocksauer. »Mr. Nettle is noch nich im Haus«, sagte Charmaine und legte den Hörer auf, »und bei HUMA finden sie keinen Jeremy Seaman. Sie können aber gern warten«, setzte sie hilfsbereit hinzu. Jeremy, erneut in den Yuccawald verbannt, wurde scharf beobachtet, nicht nur von einer hoffnungsvollen Charmaine, sondern auch von einem argwöhnischen Mr. Bennett. In der dampfenden Hitze des BIG-Dschungels sitzend, merkte Jeremy, daß er sich im Gras offenbar nicht gründlich genug abgeputzt hatte. An seinen Schuhen hafteten noch unverkennbare Dackelkotspuren. Ob er sich wohl mal unauffällig aufs Klo verdrücken konnte? Ach nein, vielleicht lieber doch nicht … Es war fast Viertel vor zehn, als Charmaine ihm winkte. »Mr. Nettle schickt Ihnen das hier. Er ist im Augenblick anderweitig beschäftigt, kommt aber später mal bei Ihnen vorbei.« Jeremy hielt Mr. Bennett den Betriebsausweis unter die Nase und sagte lauter als nötig: »Wollen Sie heute wirklich nicht meine Aktentasche filzen?« Mr. Bennett holte tief Luft. »Das wird kaum nötig sein, Mr. Simpson.« Rache läßt sich vorzüglich auch kalt genießen. Vor dem Haus war der Schwälberich eifrig dabei, Baumaterial 70
zusammenzutragen. Andere gingen erst auf Partnersuche, aber jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man freie Wahl unter den Weibchen hat, wenn man ihnen schon ein bezugsfertiges Heim bieten kann. Nichts zieht bei den Frauen so sehr wie ein behagliches Nest. Sally ging mit Prosser die Termine durch. Er war heute bedeutend besser gelaunt, fast jovial. »Irgendwas für heute abend geplant?« fragte er. »Dinner mit Junkin, einem Ihrer zahmen Abgeordneten.« »Blasen Sie das ab. Ich hab was Wichtigeres vor. Der Wagen soll um halb acht unten sein. Und morgen früh brauch ich Roach, er soll reichlich Zeit mitbringen.« Sally machte sich eine Notiz. Roach war der Finanzchef von British Industrial, Prossers rechte Hand und einer der wenigen Leute, für die er sich Zeit nahm. Neugierig geworden, versuchte sie ihren Chef ein bißchen auszuholen. »Was ist mit Mr. Butterley? Erwarten Sie seinen Anruf noch?« »Nein. Hat sich erledigt«, kam es kurz angebunden. Demnach war sie auf der richtigen Fährte, es hatte was mit Butterley zu tun. Als Sally sein Büro verlassen hatte, dachte Prosser an den Anruf heute früh. Wollte Butterley ihn etwa verarschen? Zu so einem Spiel gehörten zwei, und er, Prosser, hatte die besseren Karten. Sally meldete sich über die Gegensprechanlage: »Ich habe mit Junkin einen anderen Termin ausgemacht, Mr. Prosser. Aber er läßt Ihnen ausrichten, daß verlautet, Sie seien auf der nächsten Liste. Sie wüßten schon, auf welcher.« Prosser drehte sich aufgeregt in seinem Sessel hin und her. Endlich! Ein Adelstitel … Sir Alexander Prosser … eine Anerkennung nicht nur seiner hervorragenden Verdienste um sein Land, sondern auch um die Parteikasse der Konservativen, in die BIG letztes Jahr hunderttausend Pfund hatte fließen 71
lassen. Es war nur recht und billig, daß man sich einem Firmenchef gegenüber erkenntlich zeigte, der so großzügig mit dem Geld der Aktionäre umsprang. Prosser kannte sich in der Vergabe der Ehrungen inzwischen recht gut aus, da er seit Jahren vergeblich auf eine solche wartete. Die nächste Liste wurde Mitte Juni bekanntgegeben, demnach müßte der Brief, der ihn über den Adelstitel unterrichtete, Anfang Mai kommen. Das waren nur noch ein paar Wochen. Das Gesicht von Sir Jocelyn Pardoe möchte ich sehen, wenn er es liest, dachte er. Der wird sich sonstwohin beißen vor Wut. Der Tag ließ sich nicht schlecht an. Gar nicht schlecht. Und wenn auch der heutige Abend erfolgreich verlief, konnte ein neues Kapitel in der ruhmreichen Geschichte von British Industrial beginnen. Der heutige Abend? Verdammt, das hätte er fast verschwitzt. Er rief Sally und erteilte ihr einen recht ungewöhnlichen Auftrag. Nettle gab sich sehr mitfühlend. Er bedauerte Jeremys mißliche Lage. Alles Menschenmögliche werde getan, beteuerte er. Offenbar vermochte der Computer die verblüffende Tatsache, daß Jeffrey Simpson in Wirklichkeit Jeremy Seaman war, ebensowenig zu begreifen wie Nettle selbst. Er möge sich bitte noch etwas gedulden. Aber Jeremy hatte allmählich genug davon, sich zu gedulden. Er wollte endlich arbeiten. Er schloß die einen zunehmend abstoßenderen Geruch verströmenden Schuhe bis zur Mittagspause im Schrank ein, stellte sein Wirtschaftslexikon ins Regal, goß den vertrockneten Efeu, las den Anstellungsvertrag des BIGKonzerns, studierte die interne Telefonliste, die er in einem Schreibtischfach gefunden hatte, dann legte er, erschöpft und um etliche Illusionen ärmer, den Kopf auf die Schreibtischplatte und schlief ein.
72
Der Major war sehr mit sich zufrieden. Die gestrige Erkundung war reibungslos verlaufen. Niemand hatte ihn angehalten, als er in seiner Arbeitsjacke, die Sun in der Hand, im städtischen Fuhrpark herumgelaufen war. Nach Anbruch der Dunkelheit hatte er sich in einem Gebüsch auf die Lauer gelegt und durch den Feldstecher das Depot beobachtet. Dank seiner raffinierten Tarnung war er unentdeckt geblieben. Erst als er wieder in seiner Wohnung war, stellte der Major fest, daß er vergessen hatte, sich umzuziehen. Er war drei Kilometer mit Stiefelwichse im Gesicht und einem mit künstlichen Blumen garnierten Sieb auf dem Kopf durch Londons Straßen gelaufen, und kein Aas hatte sich darum gekümmert. Die Ernte seiner Expedition würde er erst in ein, zwei Tagen einfahren können. Bis dahin brauchte der Major etwas, um den Kampfgeist zu stärken. Finster sinnend sah er aus dem Küchenfenster. Vor BIG House stand wieder der gelbe Rolls, der gestern einen Platten gehabt hatte. So etwas passierte äußerst selten, dem Fahrer war es in seiner Praxis vermutlich noch nie vorgekommen. Kann sein, überlegte der Major, daß er es noch nicht für nötig gehalten hat, den geplatzten Reifen reparieren zu lassen. Aber das würde sich ja gleich herausstellen. Er legte das Luftgewehr auf den Fensterrahmen und zielte.
73
6 Das Läuten des Telefons holte Jeremy aus tiefem Schlummer. »Hallo?« sagte er schlaftrunken. »Hier Sally Fluke, Chefassistentin von Mr. Prosser. Hätten Sie wohl Zeit, etwas für Mr. Prosser zu erledigen? Fahren Sie in den zwölften Stock, gehen Sie die Treppe hinauf bis zum dreizehnten und melden Sie sich über die Gegensprechanlage.« Jeremy war ganz aus dem Häuschen. Etwas erledigen? Für Mr. Prosser persönlich? Er vergewisserte sich, daß er Notizblock und Kugelschreiber zur Hand hatte, stürzte zur Toilette, pinkelte, wusch sich die Hände, rückte den Schlips zurecht und glättete das Haar. Verdammt, die Schuhe! Er raste zurück ins Büro, holte sie aus dem Schrank, stürzte wieder zum Klo und drehte beide Hähne voll auf. Dann hielt er die Schuhe mit den Sohlen nach oben unter den kräftigen Strahl. Als er sie anzog, waren sie noch ein wenig feucht, aber was zählte schon in diesem Moment diese kleine persönliche Unbequemlichkeit? Er stellte sich vor den linken Paternoster und beobachtete, wie sich erst eine, dann die nächste Kabine aus der Tiefe erhob und nach oben entschwebte. So ganz allein traute er sich da nicht hinein. Da hier unten keine weiteren Fahrgäste in Sicht waren, eilte er die Treppe hinauf ins Erdgeschoß, wo mehr Betrieb war, und sah eine Weile den Leuten beim Einsteigen zu. Im Grunde war es ganz einfach: Man mußte sich in Bewegung setzen, ehe die Kabine auf gleicher Höhe mit dem Fußboden war. Jeremy startete etwas zu früh und fiel Tracey in die Arme, Charmaines Freundin aus dem Schreibsaal, die in der ganzen Firma wegen ihrer erbarmungslosen Anmache verschrien war. »Sie gehen aber ran«, sagte sie anerkennend. Jeremy war ganz geknickt. Dachte sie etwa, das sei Absicht 74
gewesen? »Nein, nein, das ist ein Mißverständnis. Es ist nur … ich habe das noch nie gemacht.« Die Person gab ein rauhes, wieherndes Geräusch von sich, das Jeremy nach einer Schrecksekunde als Gelächter deutete. »Eine männliche Jungfrau«, johlte sie. »Find ich super, daß du gerade bei mir einsteigen willst!« Jeremy wurde krebsrot. »Nein, ich meine … das heißt … ich bin noch nie mit so einem Ding gefahren.« Er mußte ihre Sticheleien und ihr Hyänengeheul bis zum neunten Stock erdulden. »Wenn dir danach ist, mein Kleiner … da läßt sich bestimmt was machen. Bis später«, sagte sie und spitzte schmatzend die Lippen. Jeremy war so durcheinander, daß er sie nicht beim Aussteigen beobachtet hatte. Jetzt wartete er erst mal ab. Der zehnte Stock tauchte auf und versank unter ihm. Der elfte Stock tauchte auf und versank. Hier mußte er raus. Mist. Er setzte sich zu früh in Bewegung, kam nicht rechtzeitig raus und stieß sich die große Zehe. Der zwölfte und letzte Stock verschwand in der Versenkung, die Kabine entschwebte ins Dach. Jeremy bekam es mit der Angst zu tun. Ob die Kabinen beim Herunterfahren andersrum hingen? Er wappnete sich. Die Kabine klinkte sich aus der Laufschiene aus, schwenkte elegant auf die andere Seite hinüber, klinkte sich in die andere Laufschiene ein und schwebte nach unten. Vor lauter Erleichterung, daß man ihn nicht auf den Kopf gestellt hatte, verpaßte er auch auf der Abwärtsfahrt den zwölften Stock. Erst im siebenten Stock nahm er all seinen Mut zusammen und wagte den Absprung. Er würde sich doch lieber an die Treppe halten. In seinen Schuhen gluckste und gurgelte es. Vom zwölften Stock aus führte ein mit Teppichboden ausgelegtes Treppenhaus zu einer schweren Tür mit Sicherheitsschloß und Sprechanlage. Über der Tür war ein Fernsehmonitor installiert. Jeremy drückte den Knopf der Sprechanlage. »Sie müssen Mr. Simpson sein«, sagte eine geisterhafte 75
Frauenstimme. »Kommen Sie herein.« Mit einem Summton wurde die Tür entriegelt. »Nein«, sagte Jeremy gewissenhaft in den Lautsprecher. »Das war eine Verwechslung. Mein Name ist Jeremy Seaman.« Keine Antwort. Er drückte gegen die Tür. Sie rührte sich nicht. Das Summen hatte aufgehört. Er drückte wieder auf den Knopf. »Versuchen Sie’s noch einmal, Mr. Simpson«, sagte die Stimme mit leisem Spott. »Die Tür ist offen.« Jeremy trat ein. Drinnen ließ sich das wahrscheinlich leichter erklären. »Hallo. Ich bin Sally Fluke, eine von Mr. Prossers Chefassistentinnen.« »Donnerwetter!« Jeremy betrachtete staunend den opulenten Raum, und Sally betrachtete staunend ihren Besucher. Sie hatte Nettle gebeten, ihr einen Mitarbeiter zu schicken, der auf ein paar Stunden entbehrlich war. Nettle hatte seinen Auftrag offenbar sehr wörtlich genommen. Der Typ benahm sich wie ein Hinterwäldler, der zum erstenmal auf die sündige Großstadt losgelassen wird. Diese Kla motten! Wie konnte man so was bloß anziehen? Dieser grauenhafte braune Anzug und die scheußliche Krawatte, ebenfalls in diesem verdächtigen Braunton … Sie sah nach unten. Braune Wildlederschuhe – das durfte ja nicht wahr sein! Zu allem Überfluß waren sie klitschnaß. Jeremy hingegen fühlte sich am Ziel seiner Wünsche. Schon an seinem zweiten Arbeitstag stand er hier, wo sein Idol lebte und arbeitete. Über diesen Teppich war Prosser höchstpersönlich geschritten. Hätte er keine Zeugen gehabt, wäre Jeremy auf die Knie gefallen und hätte den geheiligten Boden geküßt. Er folgte Sallys Blick zu seinen Schuhen. »Naß geworden«, erläuterte er überflüssigerweise. »Aber draußen ist schönes Wetter.« »Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber darüber möchte ich 76
eigentlich nicht sprechen, es ist ein bißchen peinlich.« Er sah so jammervoll und unglücklich drein, daß Sally nur den Kopf schüttelte und ihm zulächelte. Es war die erste Freundlichkeit, die Jeremy erlebte, seit er bei BIG angefangen hatte. Er lächelte zurück. Immerhin stand er hier im dreizehnten Stock, auserwählt, eine wichtige Angelegenheit für Mr. Prosser höchstpersönlich zu erledigen. Es ging aufwärts. Erschrocken zuckte er zusammen. Sally hatte etwas zu ihm gesagt. »Wie meinten Sie?« »Ein Pennerkostüm, sagte ich. Mr. Prosser will zu einem Kostümball und möchte als Penner gehen.« Jeremy schien so niedergeschmettert von der Banalität dieser Aufgabe, daß sie ihm die Sache ein bißchen schmackhafter machte. »Er legt besonderen Wert darauf, daß eine vertrauenswürdige Person ihm das Kostüm besorgt, deshalb fiel die Wahl auf Sie.« Auch so konnte man Prossers Anweisung auslegen: »Holen Sie sich den neuesten Trainee und sagen Sie ihm, er soll sich gefälligst am Riemen reißen und verdammt noch mal zeigen, was er kann.« Prosser, der nie in den Genuß einer höheren Bildung gekommen war – wenn denn von Bildung bei ihm überhaupt die Rede sein konnte –, haßte Hochschulabsolventen aus tiefstem Herzen und kannte nichts Schöneres, als sie zu demütigen. Sally schlug das Gewissen. Der Junge war so eifrig, so dienstbeflissen. Er hatte sein Notizbuch mitgebracht und schrieb sich alles auf. »Im Branchentelefonbuch stehen etliche Kostümverleiher. Nehmen Sie notfalls ein Taxi, die Spesen können Sie hinterher abrechnen. Oder brauchen Sie einen Vorschuß?« »Nein, nein, nicht nötig«, sagte Jeremy gegen seine Überzeugung. Die Leute bei der Bank murrten schon ob des hoch überzogenen Kontos, obgleich er ihnen beteuert hatte, daß sein erstes Gehalt in Kürze eintreffen würde. Aber er wollte nicht den Eindruck erwecken, daß er knapp bei Kasse war. 77
Notfalls konnte er sich was aus dem Geldautomaten ziehen und es dann gleich wieder aufs Konto einzahlen, das merkten die bestimmt gar nicht. Sally brachte ihn zur Tür. »Wenn Sie mit dem Kostüm bis spätestens halb sechs hier sein könnten, Mr. Simpson …« »Seaman, Miss Fluke.« Sie sah ihn begreiflicherweise etwas ratlos an und machte die Tür hinter ihm zu. Irgendwas, dachte sie, ist hier faul. Prosser war kein Partygänger, er war der ungeselligste Mensch, der ihr je über den Weg gelaufen war. Und wieso nannte dieser Simpson sich so hartnäckig Seaman? Jeremy verpaßte das Erdgeschoß, fuhr in den Keller und auf der anderen Seite wieder hoch. Im dritten Stock gelang ihm schließlich der Ausstieg. Glucksend tappte er in sein Büro, holte das Branchentelefonbuch vom Regal und hängte sich ans Telefon. »Problem? Was für ein Problem?« schnauzte Prosser. Daniels bekam regelmäßig das große Fracksausen, wenn er Prosser eine schlechte Nachricht beibringen mußte. Es gibt Menschen, die der Meinung sind, es sei nichts damit gewonnen, den Träger schlechter Kunde zu bestrafen. Zu ihnen gehörte auch Prosser. Es war nichts damit gewonnen, aber er tat es häufig trotzdem, einfach, weil es Laune machte. »Sie erinnern sich bestimmt an den neuen Supermarkt in Sheffield, bei dem es Schwierigkeiten mit der Baugenehmigung gab, bloß weil dort ein altes Kino steht. Wir haben das übliche gemacht, ein bißchen geschmiert, ein paar Stadträte auf unsre Seite gebracht. Lief alles bestens. Jetzt ist offenbar so ein Spinner dort aus der Gegend an uns vorbei zum Umweltministerium gegangen. Wir haben nicht rechtzeitig Wind davon gekriegt und konnten es nicht mehr verhindern. Das Kino soll unter Denkmalschutz gestellt werden. Hervorragendes Beispiel von 78
Art-Deco-Architektur und all der Quatsch. Wenn das durchgeht, kommen wir an den Kasten nicht mehr ran.« »Und wenn wir einen unserer Linksanwälte auf den Fall loslassen?« »Zu spät. Tut mir wirklich leid.« »Sie dürfen das alles nicht so eng sehen, Godfrey. So was muß man aussitzen, dann erledigt es sich von selber. Schicken Sie mir mal die Pläne rauf, ich kümmere mich drum.« Es war zum Auswachsen! Hatten seine Leute denn gar keine eigenen Ideen? Prosser rief Niblo zu sich. Ein leises Zischen ertönte. Prosser ging zur Wand und öffnete eine Klappe, hinter der sich eine computerisierte Version der guten alten, in Warenhäusern so beliebten Rohrpost befand. Er holte die Baupläne heraus und breitete sie auf seinem Schreibtisch aus. »Da bist du ja, Ron. Hier, nimm dir mal diesen Stadtplan vor. Und dann machst du folgendes …« Jeremy bekam es mit der Angst zu tun. Von den neun KostümVerleihern, die er angerufen hatte, verfügte nur einer über ein Pennerkostüm, und das hatte er, bis er mit dem Taxi hingedüst war, schon vergeben. Es half alles nichts – er dirigierte das Taxi wieder zum Gilbert Square zurück. Auf der Fahrt hatte Jeremy die nassen Schuhe ausgezogen und trocknete seine Socken vor der Autoheizung. Der Geruch des Dackelhaufens stieg ihm immer noch in die Nase. Wo, um Himmels willen, kriegte er jetzt Pennerklamotten her? Er konnte Miss Fluke kaum sagen, Mr. Prosser möge doch lieber als Pirat oder Rittersmann gehen. Die Erleuchtung kam ihm, als sie auf den Gilbert Square einbogen. Das hätte ihm auch schon früher einfallen können … »Nein, nicht hier, auf der anderen Seite«, sagte er zu dem Fahrer. Der Taxameter zeigte fünf Pfund vierzig. Jeremy stieg aus 79
und holte seine Brieftasche hervor. Wieviel Trinkgeld gab man für so eine Fahrt? Er reichte dem Fahrer eine Zwanzigpfundnote durchs Fenster. »Ziehen Sie ab, was Sie für richtig halten«, sagte er. »Danke, Chef, verdammt anständig von Ihnen.« Der Taxifahrer gab Gas und brauste los. Jeremy sah ihm konsterniert nach. Wie sollte er den Leuten von BIG klarmachen, daß es ihn zwanzig Pfund gekostet hatte, auf die andere Seite des Gilbert Square zu kommen? Nicht mal eine Quittung hatte er sich geben lassen. Zum Glück war der Penner, auf den er am Sonntag getreten war, noch da. Er drückte eine braune Papiertüte an sich. Jeremy versuchte, sich nicht merken zu lassen, daß er einmal tief Luft holen mußte. »Entschuldigen Sie bitte.« »Der Mond ist nicht aus grünem Käse«, sagte der Penner vorwurfsvoll. »Wie?« »Nein. Die Erde ist aus grünem Käse.« Der Penner nahm einen Schluck aus der Pulle. »Die Elfen haben es mir erzählt, deshalb muß es stimmen. Haben Sie mal ’ne Plastiktüte für mich?« »Nein, ich –« »Blöder Hund. Von Fledermausscheiße kannst du blind werden.« »Tatsächlich? Ich wollte … ich dachte … Ob Sie mir wohl für einige Zeit Ihre Sachen borgen könnten?« »Hilfe, ein Sittenstrolch«, zeterte der Penner los. »Pst!« Jeremy sah sich besorgt um. »Ich meine, was verlangen Sie, wenn ich mir bis morgen Ihre Sachen leihe?« »Verlangen?« Der Blick des Penners war plötzlich nicht mehr irre, sondern berechnend- verschlagen. »Für meine Sachen?« »Ja.« »Für die Sachen, die ich auf dem Leib trage?« »Ja.« 80
»Für diese herrlichen Gewänder, die in meiner Familie von einer Generation zur nächsten vererbt werden?« »Ja.« »Diese Erbstücke? Diese unbezahlbaren Erbstücke?« »Ja, ja, sie sind wirklich sehr schön. Wieviel verlangen Sie, wenn ich sie mir für einen Tag leihe?« »Wieviel haben Sie?« »Achtzig … ich meine … ist doch egal, wieviel ich habe.« »So ein Zufall! Genau das kostet es Sie. Achtzig Pfund.« »Achtzig Pfund für diese Lumpen?« »So mögen Sie es sehen, aber für mich und ein paar tausend Flöhe sind diese Hüllen Heimat. Achtzig. Mein letztes Wort.« Jeremy sah auf die Uhr. Es war nach halb vier. Er hatte nur noch zwei Stunden Zeit, die Sachen mußten auch noch gereinigt werden. »Okay. Achtzig Pfund.« »Ihre Hand drauf!« Jeremy schauderte es bei der Vorstellung, mit diesem verkommenen Subjekt auf Tuchfühlung gehen zu müssen. »Ich verlasse mich auf Ihr Wort als … als Gentleman«, sagte er großzügig und reichte ihm vier Zwanzigpfundscheine. Der Penner zählte das Geld bedächtig und ließ es dann in den Tiefen seiner Gewänder verschwinden. »Wenn Sie mir schon nicht die Hand geben wollen«, sagte er breit grinsend, »trinken Sie wenigstens einen mit mir.« »Ich trinke nicht«, sagte Jeremy wahrheitsgemäß. »Ich bestehe darauf.« Der Tramp streckte ihm die braune Tüte entgegen. Jeremy hätte gern sein Taschentuch vorgeholt und den Flaschenhals abgewischt, aber er durfte den Mann nicht vor den Kopf stoßen. Er machte die Augen zu und nahm todesmutig einen Schluck. »Das ist ja Mineralwasser«, sagte er verdattert. »Genau, alter Junge. Perrier mit einem Spritzer Zitrone. Wir sind nicht alle dem Teufel Alkohol verfallen.« Der Penner zog 81
die Nase hoch und spuckte aufs Pflaster, haarscharf an Jeremy vorbei. »Sag mal, alter Freund und Kupferstecher, was soll ich denn anziehen, wenn ich dir meine Sachen gebe?« »Das habe ich mir noch nicht überlegt.« »Wenn ich in der Unterwäsche hier sitzen bleibe, hole ich mir den Tod. Es hilft alles nichts, mein Kleiner, du mußt mir neue Klamotten kaufen.« Der Penner stand auf und legte Jeremy einen Arm um die Schulter. »Wohin soll’s denn gehen? Oxford Street, Bond Street oder Knightsbridge?« Bond Street … Jeremy begriff endlich, was ihm die ganze Zeit an dem Penner schon so komisch vorgekommen war. Der Mann mischte zwar großzügig Slang in seine Redeweise, aber seine Aussprache war vom Feinsten. Hätte er nicht in einem Hauseingang herumgelegen, hätte man ihn für einen BBCNachrichtensprecher halten können. »Paß auf, du holst jetzt ein Taxi, und ich zieh mich in den Hauseingang zurück. Taxi muß sein, vom U-Bahn-Fahren wird mir immer schlecht. Du hältst die Tür auf, und ich spring rein, ehe mich der Taxifahrer rausschmeißen kann. Du glaubst gar nicht, wie diese Leute uns Gentlemen von der Straße diskriminieren.« Er kniff Jeremy in die Wange. »Jetzt mach kein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, Kleiner. Keep smiling! Und wenn wir schon dabei sind, sollten wir dir gleich noch ein Paar Schuhe kaufen. Wer den ganzen Tag rumläuft wie du, holt sich im Handumdrehen was weg.« Jeremy sah nach unten und erblickte seine braunen Socken. Er hatte die neuen Schuhe im Taxi stehenlassen. Ich will ja nicht boshaft sein, dachte er, aber hoffentlich sind noch ein paar Brocken Hundedreck dran. Prosser drückte den Knopf der Gegensprechanlage. »Sally, da unten ist ein Saukerl und macht Radkrallen an den Rolls.« »Ist ja unerhört, Mr. Prosser.« Sie streckte dem Lautsprecher die Zunge heraus. 82
»Ist das alles, was dir dazu einfällt? Sag diesem Miststück von Chauffeur, er kann sich nach einem neuen Brötchengeber umsehen, wenn der Wagen nicht um sieben wieder fahrbereit ist. Und er soll den Lack prüfen. Ein einziger Kratzer, und ich verklage diese Scheißtypen von der Verkehrspolizei. Und Nettle soll mir einen neuen Fahrer besorgen.« »Ja, Mr. Prosser.« Es war der fünfte Fahrer in dem halben Jahr, seit sie in der Firma war. Bei Prossers eindeutigem Auftrag war der Schiffbruch vorprogrammiert: Entweder du tust, als ob es keine Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt, oder du fliegst. Am Ende stand – so oder so – der Rausschmiß. »Sind die Klamotten schon da?« »Nein, Mr. Prosser. Bis halb sechs kommen sie aber bestimmt.« »Möchte wissen, wofür ich diesen beschissenen Trainees ihr Geld bezahle. Eine Sekunde Verspätung, und er ist draußen. Ich geh mal rauf zu Maggie, die denkt sonst, ich habe sie vergessen.« Sally verzog das Gesicht. Schon beim Gedanken an diese widerliche Maggie wurde ihr ganz schlecht. »Welcher steht mir besser, Jeremy, der graue Flanell oder der Glencheck?« Der Penner hatte darauf bestanden, sich Jeremys Namen sagen zu lassen. »Der Glencheck ist sehr hübsch«, sagte er unglücklich und sah betont auf die Uhr. »Sehr hübsch, Sebastian«, verbesserte der Penner vorwurfsvoll. »Sehr hübsch, Sebastian. Können wir das vielleicht etwas beschleunigen? Probier ihn doch an.« Es kommt vermutlich nicht alle Tage vor, daß jemand mit einem Penner ein Herrenausstattungsgeschäft betritt, um ihn neu einzukleiden. Der Verkäufer aber hatte nicht mit der Wimper gezuckt. Er bediente Sebastian weit aufmerksamer und unterwürfiger, als Jeremy das je am eigenen Leib erlebt hatte. 83
»Gute Idee. Hier, halt mal.« Er drückte Jeremy etliche schwere Tragetüten von Sainsbury in die Hand. »Inzwischen kannst du mal nach deinen Schuhen sehen. Wenn ich dir raten darf, mein Junge, kauf dir was Solides, Konventionelles. Keinen modischen Schrott. So was wie die da.« Sebastian deutete auf seine Fußbekleidung. Er verschwand in der Umkleidekabine, während Jeremy große Augen machte. Statt des abgelatschten, mit Schnur zusammengehaltenen Schuhwerks, das man füglich von einem Penner hätte erwarten können, trug Sebastian makellose, liebevoll geputzte schwarze Halbschuhe. Als Bürger ohne Wohnung war er entschieden ein ausgefallenes Exemplar. Er roch nicht. Das heißt, der Geruch, den er verströmte, war nicht scharf und widerlich wie bei einem Mann, der seit Wochen im Freien nächtigte, sondern hatte eher einen Hauch von Aftershave an sich. Jeremy warf einen raschen Blick in die Tragetüten. Wozu, um Himmels willen, brauchte ein Penner Funktelefon, eine Zoomkamera, Minikassettenrecorder und Feldstecher?
84
7 Es war fast halb sechs und somit eben jene Tageszeit, die Mr. Bennett am wenigsten schätzte, die Stunde des Gezeitenwechsels, da das Gros der Belegschaft in breitem Strom BIG House verließ. Mochte es ihm auch heftig gegen den Strich gehen, den Leuten den Zugang zu diesen heiligen Hallen zu gestatten, sah er doch ein, daß er nur so das Vergnügen haben konnte, sich ihnen in den Weg zu stellen. Daß er keinerlei Handhabe hatte, sie daran zu hindern, abends ohne Kontrolle wieder ins Freie zu gelangen, war ihm ein ständiges Ärgernis. Charmaine übersah ihn betont. Sie spielte noch die beleidigte Leberwurst wegen der blöden kleinen Sache beim Mittagessen, als er ihr im Pub unter dem Tisch mit der Hand unter den Rock gegriffen hatte. Eine echte Pißnelke, diese Charmaine. Und ihre Freundin Tracey war nicht besser. Ständig am Neinsagen, wenn sie eigentlich Ja meinten. Mr. Bennett tat, als kratze ihn das nicht im geringsten, während er mit finsterem Gesicht an seinem Tisch saß und von ruhmreichen Taten auf dem Rugbyfeld träumte. In der Realität war es allerdings so, daß sich der Ruhm von den Lewisham Leopards eher fernhielt. Es war nicht zuletzt Mr. Bennetts Aktivitäten zu ve rdanken, daß die Leopards in ganz Südostlondon berüchtigt waren. Wären sie nicht als Rugbyteam erkennbar gewesen, hätte wohl niemand gezögert, bei dieser Zusammenrottung verdächtiger Mannsbilder unverzüglich das Überfallkommando zu verständigen. Eine Mannschaft, die leichtsinnig genug war, gegen die Leopards anzutreten, merkte bald, daß Wendigkeit und Ballverstand wenig Schutz vor den ebenso häufigen wie bedauerlichen Zwischenfällen boten, die es bei diesen Begegnungen gab. Die Gegner mochten nur einen einzigen eiförmigen Ball auf dem Feld sehen, den man schnappen, treten, boxen und sonstwie mißhandeln konnte. Für 85
die Leopards hingegen gab es auf dem Spielfeld einunddreißig oder – falls der Schiri Mätzchen machte – sogar dreiunddreißig Eier. Mr. Bennett tagt räumte sich nicht nach Lewisham, sondern in den Cardiff Arms Park, zum Entscheidungsspiel um die Triple Crown. Die Partie stand unentschieden. Nur noch fünf Minuten bis zum Abpfiff. Einer der schottischen Flügelspieler war mit dem Ball losgelaufen und sprintete, die walisische Abwehr glatt überrollend, über das Feld. Nichts stand mehr zwischen ihm und einem sicheren Treffer – bis auf Bennett, den walisischen Wunderstürmer. Bennett stellte sich in Positur, bereit für den wichtigsten Angriff seiner Karriere. Es war Jeremys Pech, daß er ausgerechnet in diesem Moment im Laufschritt, Sebastians Sachen unter dem Arm, BIG House betrat. Wenn er sich sehr beeilte, schaffte er es gerade noch. Es war halb fünf geworden, bis Sebastian zu seiner Zufriedenheit neu eingekleidet war. Die Rechnung, einschließlich des Betrags für Jeremys neue Schuhe, belief sich auf fast dreihundert Pfund, und Jeremys Scheck hatte der Verkäufer schnöde zurückgewiesen. Sebastian, der Geheimnisumwitterte, rettete die Situation, indem er eine Kreditkarte zückte. Jeremy konnte nur hoffen, daß seine Bank den Scheck, den er Sebastian ausgeschrieben hatte, nicht platzen ließ. Eigentlich wäre er wohl moralisch verpflichtet gewesen, ihn auf diese Möglichkeit hinzuweisen, aber in diesem Moment hatte er nur eins im Sinn: Er mußte einen Waschsalon finden, und er mußte seinen Termin halten. Als er, die noch feuchten Sachen umklammernd, BIG House betrat, hatte er noch fünf Minuten Spielraum. Wieder verdankte er es seinem Talent, die Widrigkeiten von Drehtüren großzügig zu übersehen, daß er ohne Schwierigkeiten in die Halle gelangte. Doch dann, als Jeremy zu den Aufzügen sprintete, schien über ihm der Himmel einzustürzen. Er wurde an beiden Beinen 86
gepackt und von der Zweizentnerlast des triumphierenden Bennett zu Boden gedrückt, dem das Beifallsgebrüll einer entfesselten Menge in den Ohren gellte. Jeremys Vordringen war damit erfolgreich gestoppt, nicht aber Prossers Pennerkostüm. Das nämlich hatte sich aus Jeremys Griff gelöst und war geradewegs in eine Paterno sterkabine hineingeflogen. Als Jeremy den Kopf hob, entschwand es bereits nach oben. Er versuchte etwas zu sagen, war aber so außer Atem, daß er kaum einen Ton herausbrachte. »Wassollndas?« krächzte er. »Hast es ja mal wieder mächtig eilig, mein Junge«, sagte Mr. Bennett, der inzwischen zum Gilbert Square zurückgekehrt war, aber nicht genau wußte, wieso er, als willkommene Volksbelustigung für die BIG-Mitarbeiter, die in den Feierabend drängten, mit diesem rothaarigen Saboteur auf dem Boden lag. »Sachen«, stieß Jeremy hervor. »Prosser … braucht … was anzuziehen.« Jetzt waren es bestimmt nur noch vier Minuten. »Was anzuziehn?« wiederholte Mr. Bennett begreiflicherweise konsterniert. Inzwischen war das Pennerkostüm schon bis auf halbe Höhe von BIG House gekommen. Bennett stand auf und staubte seine geliebte Uniform ab. Diese Chance nutzte Jeremy, um sich in eine aufwärtsschwebende Kabine zu rollen, wo er auf zwei kreischende Sekretärinnen fiel. »Sag mal, das ist wohl ’ne Sucht von dir, dich auf wehrlose Frauen zu stürzen«, sagte Tracey aus dem Schreibsaal. Jeremy überhörte die Bemerkung. Er hatte Wichtigeres zu bedenken. Sebastians Sachen, schätzte er, waren sechs Kabinen über ihm. Wenn er im neunten Stock ausstieg, erwischte er sie, ehe sie wieder nach unten go ndelten. Er sprang aus der Kabine, sauste zu dem abwärts fahrenden Paternoster hinüber, schnappte sich die Sachen, sprintete die Treppe hinauf und drückte im 13. Stock den Summer. Sally betätigte den 87
Einlaßknopf, und Jeremy fiel durch die Tür. Nach einem halben Jahr bei British Industrial war Sally der Meinung gewesen, nichts Menschliches sei ihr mehr fremd. Aber als sie Jeremy mit seinem von dem Sturz in der Eingangshalle zerschundenen Gesicht und zerrissenem Hosenbein erblickte, der an der Wand lehnte und nach Luft rang, zog sie gegen ihre Gewohnheit die Augenbrauen hoch. Dann holte sie den Erste-Hilfe-Kasten und machte sich daran, ihn zu verarzten. »Schön, daß Sie pünktlich sind. Keine Probleme?« Jeremys Antwort kam stoßweise, unterbrochen nicht nur von häufigem Luftschnappen, sondern von leisen Jammerlauten, wenn der Wattebausch empfindlichere Regionen seines Gesichts berührte. »Keine … mit denen … ich nicht … fertig geworden wäre.« »Schön, die neuen Schuhe. Viel trockener als die alten.« »Hab … die alten … im Taxi … stehenlassen …« keuchte er. »So? Ja, ja, das kommt vor.« Während sie notdürftig Jeremys Gesicht säuberte, entlockte Sally ihm einen Bericht über seine Abenteuer. Er war nur zu gern bereit, sie an seinen Horrorerlebnissen teilhaben zu lassen, wobei er ihr wohlweislich einiges von Sebastians Marotten verschwieg. Beim Zuhören ertappte sich Sally zu ihrer Überraschung dabei, daß sie sich für Jeremy zu erwärmen begann. Selbstsicherheit und Überhebung gab es bei British Industrial mehr als genug. Dieser Junge schien verletzlich und hilflos zu sein und war viel zu anständig, um in den haiverseuchten Gewässern von British Industrial lange überleben zu können. Behutsam nahm sie ihm seine kostbare Last ab. Wenn sie mal wieder besonders boshaft gestimmt war, würde sie Prosser an den Abend erinnern, an dem er echte Pennerklamotten getragen hatte. Ein Jammer, daß Jeremy noch Zeit gehabt hatte, sie in die Waschmaschine zu stecken. Sie machte die Tür auf, um ihn herauszulassen. »Sie haben 88
doch bestimmt bei uns noch kein Gehalt bekommen. Haben Sie denn überhaupt noch Geld?« Jeremy schüttelte den Kopf. Er hatte sich schon darauf gefaßt gemacht, zu Fuß nach Hause zu gehen. Sally machte ihre Handtasche auf und drückte ihm, ohne sich um seine Proteste zu kümmern, zwanzig Pfund in die Hand. »Gute Nacht, Mr. Simpson.« »Seaman«, verbesserte Jeremy kläglich. In der Grünanlage machte ein Spatz zufrieden auf der von Nehm als Beitrag zu Harmonie und Weltfrieden gepflanzten Blutbuche Rast. In der letzten Minute seines allzu kurzen Lebens pickte er nach einem Würmchen, das leichtsinnigerweise just in diesem Moment an einem Ast entlangkrabbelte, verschlang es und fing an, sich die Brustfedern zu putzen. Das bequeme Stadtleben hatte das Reaktionsvermögen des Sperlings stark beeinträchtigt. Der Hieb, der ihn tötete, kam völlig überraschend und brach ihm mit erschreckender Gewalt das Genick.
89
8 Die Firma Nostrum war in einem niedrigen, langgezogenen Backsteinbau am Rande von Reading untergebracht. Zur Blütezeit der industriellen Revolution errichtet, konnte das Werk schon damals nicht als architektonisch und technisch besonders innovativ bezeichnet werden. Einmal für gut befundenen Produktionsmethoden und Arbeitsbedingungen hielt die Familie Westbury mit gleicher Unverbrüchlichkeit die Treue wie den Rezepturen ihrer Altvorderen. Abgesehen von Änderungen, die ihnen durch die verweichlichende Gesetzgebung lästiger Politiker aufgezwungen worden waren, hatten sie wenig getan, um dem Fabrikgebäude die Ähnlichkeit mit einem Arbeitshaus zu nehmen. Selbst die Viktorianer liebten den Bau nicht sehr und nannten ihn schlichtweg »Gruselgotik«. Normalerweise schob Ernie Beamish höchst ungern Nachtschicht bei Nostrum: Zwölf Stunden war man in dem zugigen Baucontainer mit der pompösen Bezeichnung »Werkschutzflügel« eingesperrt, als Gesellschaft nur die acht Schwarzweißbildschirme der Fernsehüberwachung und das Gedudel von Radio Two, als Wärmespender einen kleinen Elektroheizofen, der reichlich schwach auf der Brust war. Heute aber hatte er außerdem Janice von der Flascheninspektion, die ihm nicht nur die Zeit, sondern auch das Kältegefühl vertrieb. Vor Schichtbeginn hatte Janice mit Ernie in der Kantine gesessen und ihm beiläufig die eine oder andere Frage zu seinem Job gestellt. »Absolut das Letzte«, hatte Ernie wahrheitsgemäß erwidert, während er Eier, Würstchen, Tomate, Speck und Fritten einschaufelte, »’ne absolute Schnarchnummer.« »Gegen Abwechslung hab ich nichts«, sagte sie durchtrieben. »Ich kenn alle möglichen Nummern, aber mit Schnarchen hab ich’s noch nie gemacht. Vielleicht komm ich 90
später mal vorbei.« Kurz nach neun kreuzte sie auf. Den Overall hatte sie gegen ihre Ausgehuniform vertauscht, knallengen Pulli, Minirock und Stöckelschuhe. Ernie kannte ihren Ruf in der Firma und wunderte sich eigentlich, daß sie erst jetzt auf ihn verfallen war. Wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was seine Kumpel sich erzählten, hatte sie in dem Container der Werkschutzleute fast soviel Zeit verbracht wie er. Janice war ein sehr direkter Mensch mit wenig Sinn für die herkömmlichen Um- und Nebenwege lustvoll- liebreicher Betätigung. Sie schloß die Tür ab, pflanzte sich geradewegs auf Ernies Schoß und legte ihren Mund wie eine Haftmine auf den seinen. Ihre Zunge spielte Haschen mit der von Ernie, gewann und kam bis zu der Stelle, wo er bis zum Alter von zehn Jahren seine Mandeln gehabt hatte. Mit einer Hand zog sie ihm den Hosenschlitz auf und fing an, ihn zu massieren. »Hier haste’s wohl weniger mit dem Werkschutz«, kicherte sie, während Ernie nach Luft rang. Mit der anderen Hand zog sie ihren Schlüpfer bis zu den Fesseln herunter. Ernie hätte nichts gegen ein etwas längeres Vorspiel gehabt, aber er wurde nicht gefragt. Janice schlug die Beine über seinem Drehstuhl übereinander, so daß er nicht weg konnte, und stülpte sich über ihn. Im Hintergrund klimperte Russ Conway »Tiptoe through the Tulips«. Janice hatte bald raus, daß Ernies Spruch von der Schnarchnummer durchaus auch auf seine eigenen Darbietungen anwendbar war. Sie ließ, um ihre Aufgabe etwas kurzweiliger zu gestalten, den Drehstuhl kreisen, bis sie den Monitor sehen konnte. Die Kameras in den Werkshallen hatten ihr nichts Interessantes zu bieten. Das Fließband, an dem sie ihren Arbeitstag verbrachte, konnte ihr gestohlen bleiben. Jetzt aber bewegte sich etwas auf dem Monitor, der den Haupteingang überwachte. Ein Mann machte sich an den dort 91
aufgestellten großen Mülltonnen zu schaffen. Von ihren früheren Besuchen wußte sie, daß die Tonnen bei Pennern beliebt waren, die sich daraus mit Kartons, Papier und sonstigem Schutz und Wärme spendenden Material versorgten. Janice genoß es, aus der Geborgenheit des Werkschutzcontainers heraus diesen Bodensatz der Gesellschaft zu beobachten. Ihre eigenen Sexperimente kamen ihr vor diesem Hintergrund gleich viel aufregender und verworfener vor. Sie klammerte sich mit den Beinen fester an den Stuhl. Ernie war nicht gerade begeistert, daß Janice mitten in einer leidenschaftlichen Umarmung über seine Schulter starrte. Er drehte sich so, daß er die Bildschirme wieder im Blick hatte, wobei der Stuhl eine Windung höher kam. Doch so leicht ließ Janice sich nicht abdrängen. Sie kreiselte prompt wieder in die andere Richtung. Der Penner war offenbar wählerisch. Nichts von dem, was er in die Hand bekam, schien seinen Verstellungen so recht zu entsprechen. Kartons flogen nach rechts und nach links in die Landschaft, Papierberge und anderer Abfall landeten auf dem Boden. »Was hat er denn da, Ernie?« fragte sie. Ernie drehte den Stuhl herum. Endlich, da war es! Dieser verdammte Butterley! Der konnte was erleben, wenn er ihn in die Finger kriegte. In der Tonne am Tor, hatte er gesagt. Nur – da standen jede Menge Tonnen. Bloß gut, daß noch keine Leerung gewesen war. Sie waren sehr spät dran, das hatten sie diesem Trottel von Fahrer zu verdanken. Schon wieder ein Platter, und dann noch die gefürchtete Reifenkralle. Stunden hatte es gedauert, bis der Wagen wieder einsatzfähig war. Auf die Idee, sich Handschuhe mitzubringen, war Prosser nicht gekommen. Er durfte gar nicht daran denken, was das stinkende, klebrige Zeug war, in dem er vorhin mit bloßen 92
Händen herumgewühlt hatte. Aber jetzt war es eindeutig geschafft: Auf dem Etikett der in zerknittertes Papier eingewickelten Flasche prangten seine Initialen: ACP. Prosser wandte sich um – und fand sich einem Bürger ohne Wohnung gegenüber, dessen persönliche Duftnote eine interessante Verbindung mit den Ausdünstungen der Tonnen eingegangen war. »Gib her, Kumpel!« Ehe der große Unternehmer wußte, wie ihm geschah, hatte der Penner ihm die Flasche entrissen. Nun hätte Prosser den anderen mit Leichtigkeit plattmachen können, damit aber hätte er die Flasche und deren kostbaren Inhalt gefährdet. Er versuchte es mit einer anderen beliebten Form der Überredung. »Ich geb dir hundert Pfund dafür.« Der Penner lachte grölend und mit weit aufgerissenem Mund, wobei er Prosser etliche Zahnruinen sehen ließ und ihm seinen stinkenden Atem ins Gesicht blies, der, auf Flaschen gefüllt, zweifellos ein hervorragendes Abbeizmittel ergeben hätte. Ungläubig musterte er Prosser. »Hundert Pfund? Das is ’n Ding, Mann, verdammt noch eins, das is ’n Ding. Die Jungs machen sich in die Hosen, wenn sie das hören.« Er lachte Tränen, während er die Flasche aufschraubte und einen Schluck nahm. Empört spuckte er die Flüssigkeit Prosser ins Gesicht. »Pfui Deibel noch mal! Das ist ja Gift!« Prosser reagierte gerade noch rechtzeitig. Er warf sich zu Boden und bekam die Flasche kurz vor dem Aufschlag zu fassen. Er tastete herum, bis er den Verschluß gefunden hatte, schraubte ihn wieder auf und steckte die Flasche ein. Als er sich aufgerappelt hatte, stand der Penner noch immer vor ihm und wartete. »Ich denk, du willst mir hundert Pfund geben«, sagte er vorwurfsvoll. »Als du die Flasche hattest, war sie hundert Pfund wert«, sagte Prosser. »Jetzt hab ich sie. Damit haben sich die 93
Verhandlungen erledigt. Noch nie was von Risikoabwälzung gehört?« Der Penner stieß ihn empört zur Seite und machte sich auf die Suche nach weniger bescheuerten Gefährten. Janice verfolgte dieses kleine Drama voller Interesse, während Ernie in ihr zippelte und zappelte. Staunend erkannte sie jetzt auf dem Monitor einen Rolls Royce, der ein paar Meter hinter den Tonnen hielt. Ein livrierter Chauffeur sprang heraus, ging zur hinteren Tür und machte sie auf. Eine wohlgeformte junge Dame, anscheinend nur mit Schuhen und Ohrringen bekleidet, entstieg dem Rolls, eine Flasche Champagner unter dem Arm. Sie bedeutete dem Chauffeur, sich zu entfernen, und winkte dem Penner, der sich in Trab setzte. Janice fand das alles ungemein aufregend. Auch Ernie, der inzwischen in Fahrt gekommen war, verfolgte fasziniert die Ereignisse vor dem Werkstor. Allerdings konnte nur immer einer von ihnen auf den Bildschirm sehen, und während sie den Stuhl herumwirbeln ließen, damit jeder mal drankam, wurde auch ihre Leidenschaft ganz schön aufgemischt. Die nackte junge Dame und der Penner stiegen in den Rolls. Der Wagen fuhr an, Sekunden später bremste er scharf, die hintere Tür flog auf und der Penner auf die Straße. Der Wagen fuhr rasch rückwärts, die junge Dame stieg erneut aus, ging zurück zum Werk und begrüßte den anderen Penner mit ausgebreiteten Armen. Der Penner ging mit seiner Beute zum Fabriktor zurück, um sich ein stilles Plätzchen zu suchen. Mit seinen weniger kultivierten Bekannten mochte er diesmal nicht teilen. Es war schon sehr lange her, seit er in den Genuß echten Champagners gekommen war. Jack Butterley kam hinter dem schützenden Gebüsch hervor. Eine Kamera, die auch noch bei diesem Licht brauchbare Aufnahmen machte, kostete viel Geld, aber wenn die Bilder was geworden waren, hatte er damit die beste 94
Versicherungspolice, die sich denken ließ. Jetzt sollte Alex Prosser mal versuchen, ihn in die Pfanne zu hauen. Nachdem der Wagen verschwunden war, hatten Janice und Ernie das Interesse an den Ereignissen vor dem Werkschutzcontainer verloren und konzentrierten sich darauf, ihre eigenen Geschäfte zu einem zufriedenstellenden Abschluß zu bringen. Janice stöhnte. Die Geräusche, die aus ihrer Kehle kamen, wurden immer lauter, je wilder ihre Drehunge n wurden. Weder sie noch Ernie sahen, wie der Penner die Champagnerflasche schüttelte, weder sie noch Ernie erlebten den Augenblick mit, als der Korken aus dem Flaschenhals fuhr. Sie sahen nicht, daß er geradewegs auf die Überwachungskamera zuflog, und auc h daß der Bildschirm schwarz wurde, als der Korken die Linse zerschmetterte, nahmen sie nicht zur Kenntnis. Das ohrenbetäubende Heulen der Alarmanlage allerdings war nicht zu überhören, das just in dem Moment in den Container drang, als Janice stöhnend den Höhepunkt erreicht hatte und Ernie in ihr explodierte. Instinktiv drehte er den Stuhl herum, weil er sehen wollte, was los war. Es war eine Drehung zuviel. Der Sitz hatte seinen höchsten Punkt erreicht, schwankte noch einen Augenblick hin und her, dann krachte er zu Boden. Janice landete, wie so oft, auf dem Rücken, Mann und Stuhlsitz auf ihr. Der Sex, die Sirenen oder der Sturz – eins war zuviel für Ernies Herz und verleidete ihm das Schlagen. Janice schrie jetzt nicht mehr vor Lust, sondern vor Grauen, denn sie hatte gemerkt, daß es ein im wahrsten Sinne des Wortes totes Gewicht war, das auf ihr lastete. Sie kreischte mit den Sirenen um die Wette, so daß Radio Two mit seinem »Tie a Yellow Ribbon round the Old Oak Tree« kaum mehr zu hören war. Eine Viertelstunde später, als die Polizei den Werkschutzcontainer stürmte, kreischte Janice noch immer. 95
Wenig später kreischte sie schon wieder. Irgendwie mußte sie sich ja wohl bei den Beamten, die sie aus ihrer mißlichen Lage gerettet hatten, erkenntlich zeigen. So dauerte es denn seine Zeit, bis die beiden gefälligen Beamten sich der Videoanlage zuwenden konnten. Daß eine Alarmanlage losging, kam schließlich immer wieder mal vor, aber so was wie heute in dem Werkschutzcontainer wurde einem wahrhaftig nicht alle Tage geboten. Jetzt erst entdeckte Constable Norris das Aufzeichnungsgerät mit dem halbstündigen Endlosband und schaltete es ab. Wie er später feststellen sollte, war das einzig Interessante, was auf dem Band zu sehen war, ein Penner, der eine Flasche Champagner aufmachte. Alles, was sich vorher am Tor zugetragen hatte, war schon gelöscht. Hätte der Polizist nur eine Minute früher auf den Knopf gedrückt, hätte er noch das Bild eines davonrollenden Rolls Royce mit der Zulassungsnummer BIG 1 auf dem Band gehabt.
96
9 Es war nicht nur fast Mitternacht, sondern es war auch fast fünf Jahre her, seit der Major zum letzten Mal am Steuer eines Wagens gesessen hatte. Damals hatte er kurz hinter dem Abzweig Cobham auf der Autobahn A 3 seinen treuen Morris Minor eingebüßt. So zuverlässig der kleine Wagen gewesen war, ehe sich ihm und dem Major unverschämterweise eine Eiche in den Weg gestellt hatte – mit einem Fahrzeug der Straßenreinigung hatte er doch recht wenig Gemeinsamkeiten gehabt. Es traf sich deshalb gut, daß wenig Verkehr war, denn der Major bewegte sich etwas sprunghaft vorwärts, ja, man konnte den Eindruck gewinnen, daß er beide Fahrbahnen gleich gern benutzte. Den größten Teil der Drei-Kilometer-Strecke vom Depot zum BIG House legte der Major im ersten Gang zurück. Als er um die Ecke auf den Gilbert Square kam, entströmte Auspuff und Kühlerhaube beißender schwarzer Rauch. Es gelang ihm, den Laster vor der Garageneinfahrt von BIG House zum Stehen zu bringen. Er ließ den Motor laufen, zog sich eine schwarze Strickmütze über den Kopf und sprang von der Fahrerkabine herunter. Er löste ein Ende des Schlauchs, schob ihn durch das geschlossene Gittertor der Garage, betätigte einen seitlich am Fahrzeug angebrachten Hebel und sah, wie das Wasser aus dem Schlauch strömte. Zufrieden schwang sich der Major wieder in die Fahrerkabine, holte einen Hammer aus seinem Seesack und ließ ihn ein paarmal wuchtig auf Zündschloß und Schlüssel niedersausen. Dann sprang er herunter, machte dasselbe mit dem Wasserzulaufhebel und trat den Heimweg an. In seiner Wohnung setzte der Major den Feldstecher an die Augen. Noch immer entströmte dem Auspuff schwarzer Rauch, der Motor lief demnach weiter. Noch immer mußte er damit rechnen, daß das Fahrzeug entdeckt wurde, ehe der 97
Wassertank leer war. Der Major hob sein Luftgewehr und schoß zwei Reifen platt. Im dreizehnten Stock von BIG House schraubte Prosser die Flasche auf, goß etwas von der Flüssigkeit in ein Glas und hielt es ans Licht. Der Inhalt, trüb-dunkelbraun und mit kleinen Kohlensäurebläschen durchsetzt, wirkte völlig normal und harmlos. Hatte Butterley ihm am Ende einen Bären aufgebunden? Vielleicht war er durch den Frust bei Nostrum ausgeflippt? »Wie lange soll ich denn noch warten?« rief Lorraine ungeduldig. »Maul halten«, befahl Prosser und sog das widerlichsüßliche Aroma ein wie die Blume eines teuren Weins. »Wenn du was Nützliches machen willst, ziehst du dich schon mal aus.« Er nahm einen Schluck. Längst vergessene Erinnerungen an einen vielgeliebten Geschmack aus Kindertagen stellten sich ein. Löwenzahn und Klette. Mehr nicht. Er nahm noch einen Schluck und behielt ihn im Mund. Das Prickeln verstärkte sich, die Bläschen wurden größer, wurden riesengroß, zerplatzten und brannten ein wahres Feuerwerk in seinem Mund ab. Ein kolossales Gefühl, selbst wenn man vorgewarnt war. Ebenso unvermittelt, wie es angefangen hatte, hörte das Sprotzeln und Brausen wieder auf, und Prosser fühlte sich erstaunlich friedlich und entspannt. Er ließ die Flüssigkeit im Mund herumschwappen, aber ihre Kraft war verbraucht. Das Zeug schmeckte durchaus angenehm. Er ließ es durch die Kehle rinnen. Das Prickeln verstärkte die Wirkung. Enorm erfrischend, wie Butterley gesagt hatte. Der Drink war ein Knüller, das hatte er im Gefühl. Überrascht merkte er, daß er nach der Flasche griff, um sich noch ein Glas einzuschenken. Dann sah er Lorraine, die unter dem offenstehenden Pelzmantel nur ein rotes Spitzenkorselett trug und die Hände 98
ungeduldig in die Hüften gestemmt hatte. Seine Lust, im Fond des Rolls zweimal gestillt, stand wieder auf. Er nahm Lorraine den Pelzmantel von den Schultern und winkte sie mit einer Kopfbewegung zur Couch. Dann griff er nach dem Glas. Wenn das Getränk im Mund eine derart stupende Wirkung entfaltete, legte es möglicherweise in anderen warmen, feuchten Öffnungen ein ähnliches Verhalten an den Tag. Er fand seine Vermutung bestätigt, als Lorraine wenig später entfesselt zu quietschen begann.
99
10 »Genial, Alex, das gebe ich zu. Aber auch sehr kompliziert. Und je komplizierter etwas ist, desto mehr kann bekanntlich auch schiefgehen.« Prosser hatte seinen Plan Joe Roach vorgelegt, der wie gewöhnlich mit geschlossenen Augen zugehört und das Für und Wider gewissenhaft gegeneinander abgewogen hatte. Die Arbeitsteilung hatte sich bewährt. Prosser umriß in groben Zügen, was er erreichen wollte, während Roach, von Beruf Buchhalter, die Ideen seines Herrn und Meisters in die Praxis umsetzte und die Durchführung überwachte. Einen größeren Unterschied zwischen zwei Menschen – sowohl im Aussehen als auch im Charakter – konnte man sich kaum vorstellen. Während Prosser kühn und wagemutig war, arbeitete Roach mit kühler Berechnung. Im Gegensatz zu seinem Boss war er hager und hatte ein beflissenes Dutzendgesicht. Er war Brillenträger und blinzelte viel. Sein Kinn war immer stoppelig, nicht einem modischen Trend folgend, sondern weil er einen so starken Bartwuchs hatte, daß er sich mindestens zweimal am Tag rasieren mußte. Allerdings war er nicht größer als Prosser, der, sosehr er für langbeinige Frauen schwärmte, mit Männern von ihn überragender Größe nichts im Sinn hatte. Roach war ein treusorgender Familienvater, wie die unzähligen Fotos von Frau und Töchtern in seinem Büro belegten. Für seine Mitarbeiter hätte es solcher Beweise nicht bedurft, da seine Frau ständig in der Firma anrief. »Du hast das Zeug probiert, Joe. Du bist meiner Meinung, daß es eine große Zukunft hat. Wir brauchen Nostrum.« Erregt und ungeduldig lief Prosser im Zimmer auf und ab. »Gewiß. Aber wir können die Firma auf viel einfachere Weise an uns bringen. Nostrum ist ein ganz mickriger Laden. Den kriegen wir so!« Roach schnippte mit den Fingern. 100
»Müssen wir wirklich Pardoe da mit reinziehen?« »Dieser arrogante Lackaffe ist mir lange genug auf den Docht gegangen. Ich wünsche, daß er aus dem Verkehr gezogen wird. Und falls es schiefgeht, können wir immer noch Nostrum ganz normal aufkaufen. Selbst wenn wir zweimal oder dreimal soviel dafür zahlen müßten, wie die Firma zur Zeit wert ist, wäre das immer noch ein Schnäppchen.« »Ja, und das wäre auch völlig legal. Aber wenn wir mit deinem Plan ernst machen, Alex, ist das nicht nur am Rande der Legalität, sondern weit drüber weg. Ich habe keine Lust, mich auf Staatskosten verpflegen zu lassen, nur damit du dein Hühnchen mit Pardoe rupfen kannst.« Prosser blieb unvermittelt stehen und sah Roach scharf an. »Soll das heißen, daß du nicht mitmachst?« fragte er giftig. Moralische Bedenken war Prosser von seinen Untergebenen nicht gewöhnt, von denen aus der Führungsriege schon gar nicht. Nachdem sich jetzt Butterley wieder gemeldet hatte, war Roach, der immer zimperlicher wurde, vielleicht nicht mehr ganz so unentbehrlich, wie er sich einbildete. Gewiß, er wußte einiges über Prosser, was der nicht gern an die große Glocke hängen mochte. Andererseits waren auf der Diskette, die Prosser um den Hals trug, auch über Roach viele recht aufschlußreiche Informationen gespeichert. »Aber nein, Alex«, wehrte Roach beflissen ab. Er wußte nur zu gut, wie gefährlich es war, den Boss zu bremsen. »Ich meinte nur, daß es sich nicht lohnt, deshalb eine Haftstrafe zu riskieren.« Prosser nickte. »Natürlich nicht. Wir brauchen einen, der notfalls für uns in den Knast geht. Einen Prügelknaben, einen Sündenbock, einen, der die Sache für uns ausbadet. Guter Tip, Joe. Ich kümmere mich gleich darum. Zuerst aber werde ich Butterley bitten, mir eine aktuelle Liste aller NostrumAktionäre zu beschaffen. Dann habe ich sie schneller, als wenn ich mich an die Firma direkt wenden muß. Außerdem wittern die bei Nostrum sonst vielleicht, daß was im Busch ist.« 101
Roach schob ihm den Telegraph über den Tisch. »Schon gelesen?« Eine Meldung auf Seite drei war angestrichen. Prosser überflog die beiden Absätze mit der Überschrift: »Fahrerloser Brummi rammt denkmalgeschütztes Kino«. Er legte das Blatt aus der Hand und schnalzte mißbilligend mit der Zunge. »Unerhört! Laster mit schadhaften Bremsen dürften sie gar nicht mehr auf die Straße lassen.« »Das Kino steht auf einer Anhöhe, Alex. Wie kann ein Laster da –« Sein Funktelefon zirpte. »Hier Roach. Ja, Désirée? Wie geht’s meinem Schatz … Tut mir leid, daß Jocasta spucken mußte, Liebling, aber ich weiß wirklich nicht, wie – … In die Waschmaschine? Ist ja zum Totlachen … verzeih, Liebling, so habe ich das nicht gemeint, ich meinte –« Mit der freien Hand tippte er eine Nummer in einen der beiden Apparate auf seinem Schreibtisch ein. Der andere Apparat läutete. »Ich muß Schluß machen, Désirée, da kommt das wichtige Gespräch, auf das ich warte. Wiederhören.« Das Läuten verstummte, als er den Hörer aus der Hand legte. »Die Zentrale hat Anweisung, sie unter keinen Umständen durchzustellen. Einmal habe ich abends meine Aktentasche nicht abgeschlossen, und das gerissene Luder hat sich die Nummer meines Funktelefons geangelt. Jetzt habe ich keine Sekunde mehr Ruhe vor ihr. Ehe ist der größte Mist, Alex, laß dich da bloß nie drauf ein.« Als Prosser in sein Büro zurückkam, stand Lucinda am Fenster und sah so gebannt durch seinen Feldstecher, daß er sich unbemerkt anschleichen und sie befummeln konnte. Sie sprang hoch wie von der Tarantel gestochen. »Verdammter Idiot, da kann man sich ja zu Tode – … Ach, Sie sind’s, Mr. Prosser. Ich habe gar nicht gemerkt, daß … ich habe nur …« So schnell fiel ihr keine passende Ausrede ein. »Was gibt’s denn da so Spannendes?« Er nahm ihr den Feldstecher ab und stellte ihn scharf. Lucinda versuchte, sich unbemerkt zur Tür zu stehlen, aber Prosser schnippte mit den Fingern. »Hiergeblieben. Kannst du 102
mir verraten, warum mein Chauffeur mit einem Haartrockner in dem Rolls herumkriecht?« Es mag möglich sein, einem für sein aufbrausendes Temperament berüchtigten Wirtschaftsführer schonend beizubringen, daß unbekannte Täter viereinhalbtausend Liter Wasser in die Tiefgarage seiner Hauptverwaltung gepumpt haben. Lucinda aber verstand sich nicht auf diese Kuns t. Sie gab sich die größte Mühe, kam aber bei Prosser nicht gut an. »Gib mir mal den Napoleon rüber.« Sie reichte ihm die Büste und wich zurück. Aber sie hatte nichts zu befürchten. Er machte ein Fenster auf und wartete, bis der Fahrer sich ein paar Schritte vom Wagen entfernt hatte. Dann ließ er, unter Berücksichtigung der Windrichtung, Kaiser Napoleon Bonaparte fallen. »Scheiße!« Die Büste hatte den Fahrer um einen Meter verfehlt und war genau auf dem Dach von Prossers nagelneuem Rolls-Royce Silver Spur gelandet. Noch aus dem dreizehnten Stock und ohne Feldstecher erkannte Prosser, daß die Delle mehr als ein kleiner Schönheitsfehler war. Er drückte eine Taste seiner Gegensprechanlage. »Mr. Bennett?« Seine Stimme war von bedrohlicher Sanftmut. »Wie nett, daß Sie gerade greifbar sind. Es gibt da ein paar Kleinigkeiten, auf die ich gern Ihr Augenmerk lenken würde. Ich denke da an den falschen Alarm wegen der Bombe. Und die so rätselhaft verschwundenen Essensgutscheine im Wert von fünfzigtausend Pfund. Und vielleicht erinnern Sie sich noch, daß mein Wagen durch Reifenkrallen blockiert wurde, was mir erhebliche Unannehmlichkeiten bereitet hat, obgleich Ihre Abteilung Anweisung hat, unter Einsatz gewisser finanzieller Hilfsmittel dafür zu sorgen, daß derlei Dinge nicht passieren.« Prossers Stimme war in einem kontrollierten Crescendo, das Rossini mit Stolz erfüllt hätte, allmählich lauter geworden. Aus dem Pianissimo war er inzwischen ins Mezzoforte gewechselt. »Jetzt höre ich, daß letzte Nacht unsere Garage durch ein Fahrzeug der Straßenreinigung unter Wasser 103
gesetzt wurde – bitte unterbrechen Sie mich nicht, Mr. Bennett, es ist mir völlig gleichgültig, ob Sie Dienst hatten oder nicht. Zu allem Oberfluß hat ein Vandale das Dach meines Wagens beschädigt, während er vor Ihrer Nase stand.« Prossers Stimme hallte jetzt in kräftigstem Fortissimo. »Ich gehe davon aus, daß Sie Ihre Nase schätzen, Mr. Bennett. Falls Sie sich nicht von ihr trennen möchten, rate ich Ihnen dringend, sich verdammt noch mal Ihren Scheißarsch aufzureißen und dafür zu sorgen, daß diese Schweinereien aufhören. Ist das klar?« Er schaltete ab, ohne die Antwort abzuwarten. »Lucinda, gestern hat ein Trainee für mich was besorgt. Stell fest, wer es war. Soll in zehn Minuten antanzen. Laß dir von Nettle seine Akte raussuchen. Nein, warte, sagen wir in einer Viertelstunde. Erst kannst du noch eine Kleinigkeit für mich tun.« Jeremy hatte einen recht unerfreulichen Vormittag hinter sich. Er konnte machen, was er wollte – die Abteilung Humanressourcen oder HUMA war einfach nicht bereit, ihm zu bestätigen, daß es ihn gab. Und HUMA brauchte er zur Rückzahlung der 365 Pfund und 97 Pence – einschließlich seiner Schuhe, die er nach reiflicher Überlegung mit auf die Rechnung gesetzt hatte, da er ja seine eigenen während einer Dienstfahrt eingebüßt hatte. Zu Jeremys Überraschung hatte HUMA gegen die Summe selbst überhaupt nichts einzuwenden und war gern bereit, sie ihm zu erstatten. Das heißt – nicht ihm als Jeremy Seaman. Als Jeremy Seaman war er noch immer nicht im Computer, für HUMA gab es diesen Jeremy Seaman folglich nicht. Man war gern bereit, ihm einen Scheck auf Jeffrey Simpson auszustellen, auf dessen Namen ein Konto bei Jeremys Bank lief. Damit war er aber seinem Geld um keinen Schritt näher gekommen, denn er war nun mal nicht dieser blöde Jeffrey Simpson, wie er immer wieder beteuerte. Mit seinem Bankkonto war es sowieso ein Kreuz. Nachdem 104
er der Bank eröffnet hatte, er sei jetzt ein geschätzter Mitarbeiter der British Industrial Group und erwarte täglich, ja, stündlich sein erstes Gehalt, hatte der stellvertretende Filialleiter, Mr. Cutpurse, einen Beweis verlangt. Ein Schreiben der Firma BIG beispielsweise. HUMA hatte bereitwillig bestätigt, daß ein Jeffrey Simpson in die Dienste von BIG getreten war, was Jeremy natürlich nicht weiterbrachte. Der Teufelskreis blieb ungebrochen und Jeremy zahlungsunfähig. Er suchte noch immer vergeblich nach einem Ausweg, als das Telefon läutete und ihn erneut in den 13. Stock zitierte, diesmal vor das Angesicht des großen Zampano höchstpersönlich. Jeremy sah wohlweislich davon ab, den Paternoster zu benutzen, und ging zu Fuß nach oben. Miss Fluke war nicht zu sehen. Er konnte sich deshalb auch nicht bei ihr dafür bedanken, daß sie gestern so nett zu ihm gewesen war. Andererseits brauchte er ihr nun auch nicht zu erklären, warum er ihr die zwanzig Pfund noch nicht zurückzahlen konnte. Jacqui, die vollbusige Chefassistentin, die ihm öffnete, war auffallend muffig und kurz angebunden. Er sollte bald erfahren, daß an den durchaus nicht seltenen Tagen, da Alexander Prosser, Vorstandsvorsitzender der British Industrial Group, nicht Sonne im Herzen, im Hirn und auf der Zunge hatte, der ganze 13. Stock dafür büßen mußte. Mit vor Aufregung deutlich drückender Blase folgte Jeremy ihr zur Tür vom großen Boss. Er hätte den Weg mit geschlossenen Augen gefunden, so stark war der Duft, den sie verströmte. Jacqui öffnete ihm die Tür und machte, daß sie wegkam. Sie legte keinen gesteigerten Wert auf eine erneute Abreibung. Prosser saß hinter einem riesigen Eichenschreibtisch und spuckte am Telefon Gift und Galle. Jeremy blieb ehrfürchtig unter der Tür stehen. Er hatte Angst, einen schlechten Eindruck zu machen, weil er das Gespräch mitbekam, und summte sich eins, um darzutun, daß er überhaupt nicht hinhörte. Prossers 105
Büro war ihm von den zahllosen Presseberichten, die er in seiner Sammlung hatte, wohlvertraut. Der Blick auf London aus den beiden Panoramafenstern war atemberaubend – genauso hatte er ihn sich vorgestellt. Prosser musterte den linkischen, wenig einnehmenden jungen Mann, der sich an der Tür herumdrückte. Machte einen vielversprechenden Eindruck. Bemüht, aber naiv – so lautete das sichere Urteil des Unternehmers. Warum summte dieser Heini bloß unentwegt vor sich hin? Er sah, wie Jeremy die Gemäldesammlung betrachtete. Falls der junge Schnösel was von Kunst verstand, würde er jetzt große Augen machen. Alle Bilder trugen Namensschilder, nicht so sehr aus Angabe, sondern weil Prosser bei den meisten Künstlern gewisse Schwierigkeiten hatte, sich ihre Namen und die Namen ihrer Werke zu merken. Alles erstklassige Leute, hatten seine Berater ihm versichert. Das wollte er sich auch ausgebeten haben. Fast sechs Millionen Pfund hatte er für die gerahmten Leinwandfetzen in seinen beiden Stockwerken hingeblättert. Man mußte sich wirklich wundern: Ein paar Farbkleckse, und so ein Pinselfritze hatte mehrere hunderttausend Pfund verdient. Dafür mußte einer wie er sich monatelang die Seele aus dem Leib schuften. Immerhin – erst vor kurzem hatten Experten den Wert seiner Sammlung auf etwas über zehn Millionen Pfund veranschlagt, er konnte sich wohl nicht beklagen. Endlich legte Prosser auf. »Kannst gehen«, blaffte er. Verblüfft, aber gehorsam drehte Jeremy sich um und machte die Tür auf. »Idiot! Sie doch nic ht«, schnauzte Prosser. Jeremy drehte sich wieder um und sah eine junge Dame unter Prossers Schreibtisch hervorkrabbeln. »Hatte eine Kontaktlinse verloren«, erläuterte Lucinda matt und rückte ihre Perlenkette zurecht. Im Prinzip hatte sie nichts gegen Schwanzlutschen, das gehörte eben mit zum Job, aber 106
daß Prosser sich dazu fremde Leute ins Zimmer holte, fand sie widerwärtig. Es machte ihm einfach Spaß, sie zu demütigen. Schaudernd dachte sie daran, wie er eine Vorstandssitzung abgehalten hatte, während sie unter dem Vorstandstisch den Mund vollgenommen hatte. Der Saukerl hatte sogar gedroht, gelegentlich mal Daddy zu einem Gespräch zu bitten, während sie Zungenfee spielte. Nur zu gern hätte Lucinda Prosser den Dienst aufgekündigt, aber er hatte ihr sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß dann die Presse erfahren würde, wie sie in einer bestimmten Situation alles rausgelassen hatte, was Daddy über den Regierungshaushalt wußte, womit Prosser wieder mal ein kleines Vermögen verdient hatte. Und wenn der gemeine Hund seine Drohung wahr machte, konnte Daddy sich seine schöne Pension in den Schornstein schreiben. Daß sein Idol ihm auch noch entgegenkam, überwältigte Jeremy derart, daß er nicht merkte, wie Prossers linke Hand, während die Rechte sich ihm zum Gruß entgegenstreckte, den Reißverschluß am Hosenschlitz hochzog. »Sie sind …« Prosser hielt wartend inne. Jeremy zögerte. Hatte man ihn als Jeremy Seaman oder als Jeffrey Simpson herbeizitiert? Wenn er sich für den falschen Namen entschied, würde man ihn wegschicken, und er hatte sich die Chance verscherzt, bei dem Spitzenmanager von British Industrial mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Prosser wartete. Einer, der zu dämlich war, um seinen eigenen Namen zu behalten, war genau das, was er brauchte. Im Gegensatz zu Sally empfand Prosser keinerlei spontane Sympathie für Jeremy. Der junge Mann ließ nicht nur ernste Zweifel an seiner Intelligenz aufkommen, er besaß auch die Unverschämtheit, mindestens zwanzig Zentimeter größer zu sein als sein Vorstandsvorsitzender. »Jeremy Seaman, Sir.« Nach erheblichen Bedenken hatte er sich dafür entschieden, seinen eigenen Namen zu wählen. »Willkommen in der British Industrial Group, Jeremy«, sagte Prosser und schenkte ihm ein Lächeln, das normalerweise 107
Kabinettsministern vorbehalten blieb oder Unternehmern, deren Firmen er sich einzuverleiben gedachte. »Bitte setzen Sie sich doch, Jeremy.« Er deutete auf ein Sofa und griff nach der Personalakte. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie Jeremy nenne?« Prosser setzte sich ihm gegenüber. »Wie gefällt es Ihnen bei British Industrial, Jeremy? Entspricht alles Ihren Erwartungen?« Er machte eine Pause, aber Jeremy brachte kein Wort heraus. Wie soll man dem Vorstandsvorsitzenden einer Firma, in die man eben erst eingetreten ist, klarmache n, daß sein Personalchef ein hoffnungsloser Trottel ist? »Freut mich, freut mich. Ich habe gern zufriedene Mitarbeiter um mich. Halte nichts von der altmodischen Methode, Jeremy, eine Schranke zwischen Belegschaft und Geschäftsleitung aufzurichten. Einen großen Teil des Erfolges von BIG führe ich darauf zurück, daß bei uns der Dialog zwischen oben und unten funktioniert. Trotzdem bitte ich durchaus nicht alle Trainees zu mir herauf. Aber wie Sie diesen Auftrag gestern für mich erledigt haben, das hat mir imponiert. Hat mir unheimlich imponiert, mein Junge.« »Danke, Sir«, stieß Jeremy hervor. »Ich möchte gern etwas mehr über Sie erfahren. Erzählen Sie doch mal, was Sie bisher so gemacht haben.« Stotternd berichtete Jeremy von seiner Ausbildung, dem Hochschulabschluß, dem Kurs für Unternehmensführung. Und dann war der Bann gebrochen, und Jeremy gestand schwärmerisch, es sei schon immer sein sehnlichster Wunsch gewesen, für die British Industrial Group und deren genialen Boss zu arbeiten. Seamans welpenhafte Anhänglichkeit überzeugte Prosser davon, daß er fündig geworden war. Er unterdrückte ein Gähnen. »Was meinen Sie, Jeremy, trauen Sie sich zu, meinen Job zu machen?« »Nein, Sir. Das heißt, Sir, noch nicht, Sir. Aber ich hoffe sehr, daß ich eines Tages gut genug sein werde, um …« Er bremste erschrocken ab. 108
»Bestens. Strebsamkeit und Ehrgeiz sehe ich gern. Wirtschaftswissenschaften also … Sie wissen demnach genau Bescheid über Angebot und Nachfrage, Preiselastizität und und und?« »Ja, Sir«, sagte Jeremy beflissen. »Da wissen Sie mehr als ich. Können Sie Bilanzen lesen?« »Ja, Sir.« »Respekt. Böhmische Dörfer für mich.« »Aber –« »Wirtschaftspläne? Wissen Sie, wie man einen Wirtschaftsplan aufstellt?« fragte er tückisch. »Ja, Sir«, erwiderte Jeremy verwirrt. »Hätte keine Ahnung, wo ich da anfangen sollte. Bin mit vierzehn raus aus der Schule. Hab in meinem ganzen Leben noch keine verdammte Prüfung gemacht. Überlege mir manchmal, wo ich mit einer ordentlichen Schulbildung gelandet wäre.« Seine Ironie war an Jeremy verschwendet, der nur weise nickte. »Aber wozu brauche ich eine Ausbildung, wenn ich all diese cleveren Typen für mich arbeiten lasse, die für mich Männchen machen, sobald ich mit dem Finger schnippe? Dafür hab ich den meisten dieser Schreibtischtäter etwas voraus. Ein Gefühl hier – « Und er hämmerte mit der Faust an die Stelle, wo bei anderen Leuten das Herz sitzt, »ein Gefühl, das mir sagt, was machbar ist und was nicht. Ich kaufe und verkaufe, Jeremy. Firmen. Immobilien. Menschen. Und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Ich sage meinen Leuten, was ich haben will, und sie sorgen dafür, daß ich es kriege. Was ist denn Ihr Spezialgebiet?« »Ich habe mich viel mit Unternehmensethik beschäftigt.« »Unternehmensethik?« wiederholte Prosser verdutzt. War das denn nicht ein Widerspruch in sich? »Ja. Ein faszinierendes Thema.« In seiner Begeisterung konnte Jeremy sich kaum bremsen. »Mal angenommen, Sie haben mehrere Bewerber für eine Stelle. Alle sind gut, aber einer arbeitet für die Konkurrenz und verspricht Ihnen 109
ausführliche Informationen über den Kundenstamm, wenn Sie ihn einstellen. Was machen Sie?« »Na los, Jeremy, spucken Sie’s aus.« »Sie nehmen ihn natürlich nicht. Wenn er von seinem früheren Arbeitgeber Informationen klaut, wird er es bei Ihnen genauso machen.« »Das soll er bei mir mal versuchen, der Saukerl.« Und für so ein Studium bezahlten die Burschen auch noch teures Geld! Schön dumm, den Kerl nicht zu nehmen. Das einzig Vernünftige war, ihn einzustellen, sich die Informationen von ihm geben zu lassen und ihn dann hochkant rauszuschmeißen. »Wirklich sehr fesselnd, Jeremy. Jetzt bin ich davon überzeugt, daß Sie der Richtige für einen kleinen Auftrag sind, den ich zu vergeben habe. Ich will wissen, ob Sie das Zeug zu Höherem haben, oder ob Sie den Rest Ihres Lebens als Trainee verbringen werden. Lesen Sie Bücher?« »O ja, ich lese leidenschaftlich gern.« »Ich komme leider nicht sehr viel dazu, für mich müßte der Tag 48 Stunden haben. Nun hat mich Business gebeten, etwas über die Bücher zu schreiben, die ich zur Zeit lese, und ich will die Leute nicht enttäuschen. Wie wäre es, wenn Sie mir diesen Artikel schreiben und etwas zu den Büchern sagen würden, die ich Ihrer Meinung nach lesen würde, wenn ich Zeit dazu hätte.« »Aber natürlich, Mr. Prosser, es wäre mir eine Ehre.« Jeremy holte sein Notizbuch hervor und kritzelte eifrig. »Eben, eben, das dachte ich mir …« Der Trottel sieht aus wie ein Schäferhund, der auf den nächsten Pfiff wartet. Nur ist er eben kein Schäferhund, sondern eins der Schafe, das sich bereitwillig nicht nur zur Schur, sondern zur Schlachtbank führen läßt. »Was für Bücher soll ich denn nehmen?« »Da verlasse ich mich ganz auf Ihr Urteil, Jeremy. Schreiben Sie doch einfach über die Bücher, die Sie zur Zeit lesen, und tun Sie so, als wären Sie ich. Nur zu intellektuell 110
darf es nicht sein, die Leute sollen nicht denken, daß ich Schostakowitsch lese oder so Leute.« Jeremy kritzelte noch immer. Prosser stand auf, die Audienz war beendet. »Ende der Woche, wenn das möglich ist.« »Ende der Woche«, wiederholte Jeremy und schrieb. »Danke, Jeremy«, sagte Prosser. »Danke, Jeremy«, sagte Jeremy und schrieb. »Wiedersehen, Jeremy.« »Wieder … Ach so.« Als er aufstand, überragte er Prosser um Haupteslänge. »Entschuldigen Sie bitte, Sir, ich war so vertieft … Sie können sich ganz auf mich verlassen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir diese Chance geben.« »Eine verdiente Chance, mein Junge, davon bin ich überzeugt«, sagte Prosser und ging mit ihm zur Tür. »Jacqui bringt Sie raus. Sie wird Ihnen auch das Pennerkostüm geben.« »Ach ja, Sir, es war gar nicht so einfach, an die Sachen ranzukommen, und –« »Ich habe mich doch schon bedankt.« Prossers höfliche Fassade begann zu bröckeln. Das Nettsein – besonders seinen Mitarbeitern gegenüber – strengte ihn immer furchtbar an. »Darum geht es nicht, Sir. Ich mußte einige hundert Pfund auslegen und –« »Gehen Sie einfach zur Personalabteilung – zur Abteilung Humanressourcen, meine ich –, die erledigen das schon. Wiedersehen.« Prosser schob Jeremy energisch durch die Tür. Beschissene Akademiker, überflüssig wie ein Kropf. Der Major legte die Schere aus der Hand und bewunderte sein Werk. »Wie findest du das, Rommel? Beeindruckend, was?« Falls der Dackel eine Meinung dazu hatte, behielt er sie wohlweislich für sich. Doch der Major war hochzufrieden. Was er zustande gebracht hatte, war das, was man – wenn ihn die Erinnerung an eine kurze Tätigkeit hinter einer Bühne nicht trog – eine Lichtblende nannte. Sorgfältig rollte er das hitzebeständige Azetat mit den vier herausgeschnittenen 111
Buchstaben zusammen, steckte die Stoffbahn nebst Schere und breitem Klebeband in seinen Seesack und verließ das Haus. Wenig später stieg er die Stufen zu einem Stadthaus hinauf, das, genau wie das seine, schon längst aus zahlreichen kleinen Einzelwohnungen bestand. Die Namen an den Klingelknöpfen waren ihm sämtlich unbekannt, aber er drückte vorsichtshalber alle gleichzeitig. »Wer ist da?« ertönte eine körperlose Stimme aus der Sprechanlage. »Lieferung«, schwindelte der Major. Der Türöffner summte. Der Major stieß die Tür auf und stieg die Treppe hoch. »Jack! Nett, daß du anrufst. Ich wollte mich schon melden, aber bei mir ging’s mal wieder rund. Du weißt ja, wie das ist« Prosser hatte Butterley fünf Minuten zappeln lassen, ehe er sich dazu bequemte, das Gespräch anzunehmen. »Und ob, Alex, und ob … Was hältst du von dem Drink?« »Von dem Drink?« wiederholte Prosser unbestimmt. »Ja, richtig. Der Drink. Sehr interessant. Ich habe ein paar Leute hier probieren lassen, und sie sind ganz meiner Meinung. Zweifellos interessant. Aber ob es eine solche Sensation ist, wie du mir neulich hast weismachen wollen, ist doch recht fraglich.« »Vergiß nicht, daß ich dich in- und auswendig kenne, Alex. Hör auf, mich zu verarschen. Willst du den Laden haben oder nicht? Sonst gehe ich zu Pardoe.« Prosser lehnte sich in seinem Sessel zurück und feixte. Wenn sein Plan so lief, wie er sich das vorstellte, würde von Pardoe in Kürze kein Hund mehr ein Stück Brot nehmen. »Es ist eine heikle Entscheidung, Jack. Das Gesöff hat Möglichkeiten, durchaus. Aber garantieren kann mir die keiner, und wenn’s schiefgeht, ist Nostrum für mich nur ein Klotz am Bein.« Prosser hütete sich, Jack die Ergebnisse der Recherchen von Godfrey Daniels und seinen Leuten zu verraten. Wenn er 112
Nostrum abriß und den Grund und Boden verkaufte, bekam er mindestens so viel, wie er für die Firma wahrscheinlich würde hinblättern müssen. »Andererseits sind wir alte Freunde, und ich gebe viel auf dein Urteil. Ich denke also, wir riskieren es. Aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Es wird eine Weile dauern, bis das Projekt angeleiert ist.« »Warum die Übernahme einer kleinen Klitsche wie Nostrum so schwierig sein soll, kapiere ich zwar nicht, Alex, aber du wirst schon wissen, was du tust.« »Du könntest die Sache beschleunigen, indem du mir eine aktuelle Aktionärsliste beschaffst.« »Wird gemacht. Sonst noch was?« »Es wäre vielleicht klüger, wenn du dich in Zukunft nicht mehr von der Zentrale vermitteln läßt. Am besten rufst du mich über Funk an.« Er gab Butterley die Nummer. »Okay. Viel Glück, Alex.« »Danke, Jack. Aber mit Glück allein läßt sich kein Blumentopf gewinnen.« Jeremy ließ seinen Entwurf auf dem Schreibtisch liegen, nahm die Sachen, die Prosser ihm zurückgegeben hatte, und verließ das Haus. Er war im siebenten Himmel. Hatte nicht Mr. Prosser höchstpersönlich ihm zwei sehr verantwortungsvolle Aufgaben anvertraut, kaum daß er in dessen Unternehmen angefangen hatte? Offenbar hatte der sein Talent auf den ersten Blick erkannt. Er war kleiner, als Jeremy erwartet hatte. Genaugenommen reichte Alexander Prosser ihm nur bis zur Schulter. Aber berühmte Männer von unterdurchschnittlicher Körpergröße gab es in den Geschichtsbüchern ja in Hülle und Fülle. Strahlend schlenderte Jeremy durch die Halle. Die unbeschwerte Sorglosigkeit seines Hauptverdächtigen kam bei Mr. Bennett nicht gut an. Sein ohnehin nicht gerade sonniges Gemüt hatte sich durch Prossers Anruf noch mehr verdüstert. Irgendwann – und zwar sehr bald – würde er diesem jungen 113
Idioten das dämliche Lächeln von der Fresse polieren. Jeremy bewältigte den Weg auf die Straße ohne größere Schwierigkeiten. Offenbar hatte er den Dreh inzwischen raus. Nachdenken war hier – wie auch sonst häufig – nicht gefragt. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er auch die Paternoster meisterte. Jeremy überquerte den Platz. Sebastian beobachtete BIG House durch einen Feldstecher. Jeremy stellte sich direkt vor ihn und nahm ihm die Sicht. »Mann, haben Sie mich aber erschreckt! Hab schon gedacht, ich werd blind«, sagte Sebastian. »Ach, du bist’s nur, Jeremy. Du darfst dich nicht so an die Leute anschleichen, das gehört sich nicht.« Jeremy übergab das Kleiderbündel und sah, daß Sebastian schon wieder in Lumpen ging. »Danke, Jeremy. Du bist ein kluger Junge und ein Gentleman.« »Wo – ähem – sind denn die Sachen, die ich dir gekauft habe?« »Hab ich versilbert. Für einen anständigen Preis. Über zwanzig Pfund. Jetzt sperr mal die Ohren auf«, sagte er, Jeremys empörtes Gestotter überhörend. »Du hast mir einen Gefallen getan, und eine Hand wäscht die andere. Wenn du weißt, was gut für dich ist, läßt du dich nicht mehr da oben im dreizehnten Stock blicken.« »Woher weißt du denn, daß ich da war?« »Ich weiß mehr, als du denkst, Jeremy. Laß dir raten und halt dich fern vom dreizehnten Stock und besonders von Prosser. Der ist ungesund für dich. Alles klar?« »Nein, überhaupt nicht Was soll denn das heißen?« Ein Passant kam näher. Sebastian brach in ein wahnwitziges Gewieher aus. »Pilbeam hat die Bismarck versenkt. Eine milde Gabe für den Gynäkologen«, plärrte er und setzte leiser hinzu: »Hau ab, Jeremy. Ich muß auf meinen Ruf bedacht sein.«
114
Prosser schob die Diskette ein, suchte sich die Telefonnummer, die er brauchte, lernte sie auswendig, holte die Diskette wieder heraus und hängte sie um den Hals. Dann ging er mit seinem Funktelefon die Wendeltreppe hinauf zum Dach. Zwar wurde sein Büro regelmäßig auf Wanzen untersucht und lag so hoch, daß von den umliegenden Gebäuden aus eine Abhörmöglichkeit durch Richtfunk nicht gegeben war, aber Prosser war, wenn es um seinen Kopf ging, für größtmögliche Risikobegrenzung. Er wäre wohl nicht ganz so locker gewesen, hätte er gewußt, daß aus dem Schatten eines Torwegs auf der anderen Seite des Square ein starkes Fernglas auf ihn gerichtet war. Er tippte die Nummer ein. Eine farblose weibliche Stimme meldete sich: »Ja?« »Mr. Fallas bitte.« »Wer will ihn sprechen?« »Ein früherer Klient.« Prosser wartete. »Hier Nicholai Fallas.« Zahlreiche osteuropäische Länder und Sprachen hatten über drei Generationen hinweg ihre Spuren in seiner Stimme hinterlassen. »Ich hoffe, Sie wissen, wer ich bin, Mr. Fallas. Vielleicht erinnern Sie sich noch, daß Sie zuletzt vor acht Monaten für mich tätig waren. Es ging um eine Beteiligung, die kurz vor dem Scheitern stand.« »Gehe ich recht in der Annahme, daß es die durch mein Büro aufgedeckten Seitensprünge eines gewissen Vorstandsvorsitzenden waren, die den Ausschlag bei der Übernahme gaben?« »Ihr Gedächtnis macht Ihnen alle Ehre, Mr. Fallas«, sagte Prosser. »Ich glaube, ich habe noch nie ein so unterhaltsames Video gesehen. Heute habe ich einen neuen Auftrag für Sie. Ich brauche Informationen über das Tun und Treiben von David Westbury, Inhaber und Hauptgeschäftsführer der Getränkefirma Nostrum. Sollte sich dabei etwas über seinen Bruder Michael oder Onkel Timothy Westbury herausstellen, 115
um so besser. Hat Sir Jocelyn Pardoe schon mal mit Ihrer Agentur gearbeitet?« »Unternehmen meiner Art finden, soweit ich weiß, nicht Sir Jocelyns Billigung.« »Dann haben Sie sicher nichts dagegen, auch seinen Namen und den von Lady Amanda Pardoe auf die Liste zu setzen.« »Natürlich nicht. Aber dafür brauche ich wesentlich mehr Personal als für Ihren letzten Auftrag.« »Verstehe. Ich lasse Ihnen zwanzigtausend Pfund als Anzahlung auf Ihr Konto überweisen. Wird das genügen?« »Legen Sie Wert auf ein persönliches Gespräch?« »Ich denke, das wäre nicht klug, Mr. Fallas. Schicken Sie mir Ihre Berichte über Fax. In dringenden Fällen können Sie mich unter folgender Nummer erreichen …« Prosser arbeitete gern mit Fallas, der in einschlägigen Kreisen als der beste und – sicher nicht zufällig – auch als der skrupelloseste Ermittler in Finanzsachen galt. Wenn der Mann diesen Auftrag gut über die Bühne brachte, war direkt zu überlegen, ob man nicht Fallas’ Agentur ganz in den Konzern einbinden sollte. Prossers nächster Anruf galt einer in seinem Besitz befindlichen auffällig unauffälligen Firma auf den CaymanInseln. Den Firmensitz kannte er ebensowenig wie die beiden sogenannten Direktoren des Unternehmens. Je weiter er sie sich vom Leibe halten konnte, desto besser. Er meldete sich als »Big Boy« und gab Auftrag, zweihunderttausend NostrumAnteile zu kaufen und den Betrag von einem Schweizer Nummernkonto abbuchen zu lassen. Die Schweizer gaben sich zwar sehr eifrig, wenn es darum ging, Aktienschwindeleien aufzudecken, aber daß die Bank jemals mit den Namen des Kontoinhabers herausrücken würde, war kaum zu befürchten. Um sich gegen diese unwahrscheinliche Eventualität noch zusätzlich abzusichern, hatte Prosser mehrere Strohfirmen zwischengeschaltet (wie die russische Puppe in der Puppe, eine inzestuös in die anderen geschmiegt) und sie in führenden Finanzzentren der Welt, wie den niederländischen Antillen, 116
den Turks- und Caicos-Inseln und den Cook-Inseln, angesiedelt. Keiner Behörde würde es je gelingen, diese verschlungenen Fäden zu entwirren. Seine Freiheit war Prosser ebenso lieb wie teuer. Er gab noch zwei Kaufaufträge für Nostrum- Aktien mit ähnlichen – aber nicht den gleichen – Beträgen, abzubuchen einmal von einer Bank auf den Bermudas, zum zweiten bei einem Geldinstitut in Liberia. Beide Länder waren bekannt dafür, daß sie die gesetzliche Überwachung ihrer finanziellen Dienstleistungen eher locker betrieben. Dann gab er Anweisung, zwei Strohfirmen zu gründen, eigens zu dem Zweck, kleine Mengen von Nostrum-Aktien zu kaufen. Als Prosser fertig war, fiel ihm Maggie ein, und das Gewissen schlug ihm. Neuerdings vernachlässigte er sie. So ging das nicht weiter. Am Ende dachte sie noch, er hätte sie vergessen! Nach beendeter Mission feierte der Major die sichere Rückkehr auf die terra firma, indem er mit Rommel einen Spaziergang zu dem Feuerwehrfahrzeug machte, das er schon von seinem Aussichtspunkt in luftiger Höhe gesichtet hatte. Ganz in der Nähe stand Mr. Bennett. »Was ist denn hier kaputt?« erkundigte sich der Major. »Jemand hat letzte Nacht die Tiefgarage unter Wasser gesetzt. Viereinhalbtausend Liter Wasser aus einem Straßenfahrzeug abgelassen. Stunden haben wir gebraucht, bis wir das einigermaßen wieder im Griff hatten. Im Wagen vo m Chef stand das Wasser zwei Zentimeter hoch. Riesensauerei. Die von der Polizei haben sich halbtotgelacht. Vorher hatten sie dem Rolls schon ’ne Kralle verpaßt. Furchtbares Theater, ehe wir ihn in der Werkstatt hatten. Und wer hat jetzt den Schwarzen Peter? Dreimal dürfen Sie raten …« »Sehr bedauerlich, wirklich sehr bedauerlich. Hatten Sie letzte Nacht Dienst?« »Nein, aber ich krieg die Abreibung, wenn meine Leute 117
Nieten sind. Einer ist natürlich sofort geflogen. Sehr ärgerlich, wo wir sowieso knapp mit dem Personal sind.« »Sie sollten einen hier aus dem Viertel einstellen«, sagte der Major. »Einen, der den Laden im Auge behalten kann, auch wenn er außer Dienst ist.« Mr. Bennetts Hirn, ohnehin kein Meisterstück von Mutter Natur, war in den Rugbyjahren noch schwerfälliger geworden. Der Major machte einen neuen Anlauf. »Möglichst einen Mann mit militärischen Erfahrungen. Der Ihre Theorien über diesen Rotschopf nachempfinden kann.« Mit zögerndem Klimpern fiel der Groschen. »Sprechen Sie von sich?« »Na ja, der Jüngste bin ich ja nicht mehr, Mr. Bennett, aber wer sein Leben lang Uniform getragen hat, der sehnt sich einfach nach Ordnung und Disziplin. Wäre froh über die Chance. Was Sie brauchen, ist jemand mit soldatischen Gewohnheiten. Das ist alles Teil einer teuflischen Verschwörung, ganz klar. Außerdem kann man von meiner Wohnung aus dieses imposante Bauwerk sehen, und somit wäre ich gewissermaßen rund um die Uhr im Dienst.« »Wenn Sie nächste Woche anfangen können, ist die Sache geritzt«, sagte Mr. Bennett hocherfreut. Sie besiegelten die Abmachung mit einem markigen Handschlag, ohne von dem ebenso plötzlichen wie grausigen Ableben einer großen Amsel ganz in ihrer Nähe Notiz zu nehmen.
118
11 Für Alexander Prosser war ein Schlafzimmer ein Raum, in dem Betten zu stehen hatten. In seinem standen drei. In einer Ecke befand sich ein Feldbett, das Napoleon angeblich bei seinem Ägyptenfeldzug benutzt hatte und auf dem er behaglich zu ruhen pflegte, während nackte junge Eingeborene in der Nähe angepflockt waren, um die Insekten auf sich zu ziehen. Auf der anderen Seite stand eine balinesische Ruhebank aus dem 18. Jahrhundert, geschmückt mit kunstvoll geschnitzten Paaren, Dreiern und Quartetten, die anschaulich illustrierten, wie man es anzustellen hatte, dem Orgasmus durch zusätzliche Leistenbrüche, Muskelrisse und Bandscheibenvorfälle noch intensiveren Genuß abzugewinnen. Das Hauptbett, das fast den ganzen Raum beanspruchte, hatte dem Vernehmen nach Ludwig dem Vierzehnten gehört. Zwar bot es für seine Zeit durchaus genug Platz, doch bei einem Test mit seiner damaligen Chefassistentin hatte Prosser festgestellt, daß es für seine Bedürfnisse doch etwas eng war. Trotz der flehentlichen Bitten des Antiquitätenhändlers, durch den er an diese Liegestatt gekommen war, hatte Prosser das Bett in verschiedene Richtungen erweitern und den üppigen Baldachin so weit verstärken lassen, daß er jetzt das Gewicht einer am Kopf oder an den Füßen daran aufgehängten Person zu tragen vermochte. Im Kopfteil war Telefon, in allen vier Pfosten waren Lautsprecher eingebaut worden. Der Händler hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Prosser hatte außerdem das Bett zu einem Kabrio umbauen lassen – mit einem Betthimmel, den man nach oben hin aufziehen konnte, weil ja sonst die Spiegel an der Decke witzlos gewesen wären. Es gab auch einige an strategisch günstigen Stellen angebrachte Spiegel an der Wand, die ansonsten für Prossers ganz private Kunstsammlung reserviert war. Selbst der abgebrühteste Beamte von der Sitte wäre 119
möglicherweise angesichts dieser haarsträubenden Beispiele von Obszönität und Lasterhaftigkeit leicht aus der Fassung geraten. Eine Kollektion indischer und japanischer Holzschnitte aus dem späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert gehörte ebenso in die Sammlung wie westliche Erotika von Rowlandson, Georg Grosz, Henry Fuseli, Tom Wesselmann und zwei späte, ungemein zweideutige Picassos. Prosser lag, von Kissen gestützt, im Bett und sah drei Frauen und zwei Männern zu, die auf einer Großleinwand demonstrierten, was man mit einem SupermarktEinkaufswagen und den darin enthaltenen Lebensmitteln alles anfangen kann. Jacqui, die sich immer giftete, wenn Prosser in ihrem Beisein Porno guckte, versuchte ihm einmal mehr zu beweisen, daß es auf der Leinwand nichts gab, was eine Professionelle nicht im wirklichen Leben nachvollziehen konnte. Prosser war drauf und dran zu kapitulieren, als das Telefon läutete. Er machte eine Klappe in einem der Bettpfosten auf und griff hinein. »Was zum Teufel ist los, Ron … Hat es nicht Zeit bis morgen früh? … Gut, ich komme.« Zu seinem Ärger allerdings kam er eben nicht gleich, so daß er Jacqui abschütteln mußte. Über seinen gesenkten Ständer zog er Hose und Hemd und eilte zum Aufzug. Ron hatte gesagt, er müsse unbedingt herunterkommen, und so leicht verlor der nicht die Nerven. Jacqui lehnte sich verärgert zurück und sah auf die Leinwand. Idiotisch, diese Geschichte von den Mädels an der Supermarktkasse. Kam ihr aber irgendwie bekannt vor. Natürlich. Das mit der Gurke war ja sie. Na, da würde der kleine Mistkäfer aber Augen machen … Auf der anderen Seite vom Gilbert Square blickten Prosser, Ron Niblo und Mr. Bennett zum BIG House hoch, während ein jubilierender Major in seiner Küche saß und sie aufmerksam beobachtete. 120
»Die Zentrale kann die Anrufe nicht mehr verkraften. Das verdammte Ding ist offenbar in halb London zu sehen.« »Ich denk, mich knutscht ein Elch«, knurrte Bennett. »Sehr eindrucksvoll«, sagte Prosser. »Haben Sie als Chef des Werkschutzes – noch sind Sie’s ja – eine Erklärung dafür?« »Da hat uns wohl jemand eins auswischen wollen.« Auf ein Zeichen von Prosser packte Niblo den unglücklichen Werkschutzchef an den Armen und verdrehte sie ihm auf dem Rücken. »Was glauben Sie, was ich Ihnen auswische, wenn diese Sauerei nicht umgehend geklärt wird«, sagte Prosser sehr leise. Das violette Licht machte sein Lächeln noch bedrohlicher. »Ich lasse mir nicht gern von meinen Mitarbeitern in die Suppe spucken, stimmt’s, Ron?« Damit rammte er Bennett die rechte Faust in den Bierbauch, daß ihm der Atem wegblieb. Ein linker Nierenhaken folgte. Bennetts Zweizentnermassen sackten zu Boden. »Lassen Sie das Licht löschen. Ich will wissen, wie die Saukerle das gemacht haben. Und keine weiteren Zwischenfälle, ist das klar?« Bennett nickte kläglich. Niblo versetzte ihm im Gehen noch einen Tritt in die Rippen, dann folgte er Prosser zurück zum BIG House. Vor dem Eingang warf Prosser noch einen Blick nach oben. Der Einfall war ebenso genial wie gemein. Hoch über seinem Kopf leuchtete dank der von dem Major so liebevoll präparierten Lichtblende in violetten Riesenlettern das Wort »FICK« in dreißig Metern Höhe über der Stadt.
121
12 Die Presse jubilierte. Zwar gaben die wenigsten Blätter jemals dem bewußten Wort Raum in ihren Textspalten, sie hatten aber keine Hemmungen, es in großformatigen Fotos auf ihre Titelseiten zu klatschen. Prosser gab – ungewohnt publicityscheu – in einer kurzen Erklärung seine Meinung kund, es handele sich um das Werk antikapitalistischer Spinner, und war darüber hinaus zu keiner Äußerung zu bewegen. Jeremy, dessen Financial Times es nicht für nötig befunden hatte, ihren Lesern das höchstgelegene Graffiti der Welt zu melden, hatte Mühe, sich einen Weg durch die Halle zu bahnen, in der es von reizbaren, mit Kameras, Notizblöcken und Kassettenrecordern bewaffneten Gestalten in abgerissenen Klamotten nur so wimmelte. Was diese Leute hier wollten, interessierte ihn nicht sonderlich. Er hatte einen Auftrag von Mr. Prosser und brannte darauf, sich an die Arbeit zu setzen. Eisiger Schreck durchzuckte ihn, als er sein Büro betrat. Es war leer. Sämtliche Schriftstücke waren vom Schreibtisch verschwunden, auch das Wirtschaftslexikon. Nicht mal die verdorrte Topfpflanze war mehr da. Der Radau der Reporter war so groß, daß Charmaine sich bei Tracey kaum verständlich machen konnte. »Hunderte, sag ich dir«, schrie sie ins Telefon, während sie mit den falschen Wimpern ihrer galapagosgrün bemalten Augen klimperte und für die Reporter die sorgfältig geschminkten Lippen – Farbton Sinnliches Smaragd – aufwarf. »Die Sun, der Star, der Mirror, einfach alle. Die haben mich schon tausendmal geknipst, gut und gern. Echt hammermäßig, sag ich dir. Viel stärker als die Typen vom Bombenkommando. Einer hat mir zwei Riesen geboten, wenn er mich oben ohne fotografieren darf. Was sagste dazu? Ganz schöner Haufen 122
Kohle, wie? Was meinste, Tracey, soll ich?« Jeremy warf sich ins Getümmel und kämpfte sich zu ihr durch. Charmaine legte auf, nachdem sie versprochen hatte, heute um halb eins über einer Quiche und einem Bacardi alles rauszulassen. Da kam schon wieder dieser rothaarige Typ, der neulich schuld an dem Bombenalarm gewesen war. Vielleicht hatte er auch hier wieder seine Hand im Spiel. »Ich bin beraubt worden«, stieß Jeremy atemlos hervor. »Mein Büro. Sämtliche Unterlagen sind weg. Einfach alles.« »Is ja ätzend«, sagte Charmaine mitfühlend. »Wie war doch gleich der Name?« Jeremy gönnte weder ihr noch dem Computer die Genugtuung, wieder einmal seine Existenz zu leugnen. »Simpson«, sagte er mit Nachdruck. »Jeremy Simpson.« Sie tippte den Namen ein. »Jeremy Simpson? Ham wir nich.« »Natürlich haben Sie den. Er arbeitet schon eine Woche hier. Er hat ein Büro im Souterrain«, sagte Jeremy unsicher. Am Ende hatte Nettle ihn schon ganz aus dem Computer gelöscht? »Und jemand ist bei ihm eingebrochen. Ich meine … bei mir eingebrochen.« »Setzen Sie sich doch ’n Augenblick«, überschrie Charmaine den Lärm. »Ich seh mal zu, ob ich jemand von HUMA rankriege.« Prosser schäumte. Ausgerechnet am Tag der Vorstandssitzung mußte das passieren. Theoretisch führte bei der British Industrial Group, wie bei anderen Firmen auch, der Vorstand die Geschäfte. Nicht einmal Prosser hatte eine Möglichkeit gefunden, die Vorschrift, daß ein Vorstand hin und wieder auch mal zu tagen hat, außer Kraft zu setzen. Und so saßen denn um den Tisch herum sieben Herren, die mit Bedacht aufgrund ihrer besonderen Untüchtigkeit und Rückgratlosigkeit ausgewählt worden waren, sieben verkalkte Trittbrettfahrer, bei denen man sich darauf verlassen konnte, 123
daß sie ihm nicht dazwischenfunkten, wenn er in der Firma nach Gutdünken schaltete und waltete. Obschon es auch dem Dümmsten unter ihnen einleuchten mußte, daß sie im Grunde völlig unbedeutend waren, hatten sie alle irgendwo noch Überreste von Stolz und taten deshalb so, als seien sie unentbehrlich für die Gesamtleitung des Konzerns. Die Führung der einzelnen Konzerngruppen lag in den Händen tüchtiger Geschäftsführer, die Prosser mit einem großzügigen Gehalt bei der Stange hielt, ohne sie jemals in den Vorstand vordringen zu lassen. Heute vormittag führten alle sieben Vorständler bewegte Klage darüber, wie hart es doch sei, einem Unternehmen vorzustehen, das vom Dach seiner Zentrale aus ein sittlich höchst bedenkliches und obendrein noch weit nach London hineinleuchtendes purpurnes Zeichen gesetzt hatte. Wenn ich denke, wieviel Kohle die mit ihrem Job einfahren, dachte Prosser, müßten sie sich eigentlich von mir das Wort in den Hintern tätowieren lassen und hinterher noch danke schön sagen. Er behandelte sie nach Verdienst und Würdigkeit – wie Schuljungen, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind – und machte sie mit dem demütigenden Aufruf einer Anwesenheitsliste kirre. »Collingwood?« »Hier«, kam es gedrückt. »Armstrong.« »Hier.« »Eldon … Bourne … Akenside … Stowell … Brand.« Alle machten ein dümmlich- verlegenes Gesicht, wenn ihr Name fiel. Bei Brand, der schwerhörig war, mußte Prosser sogar mehrere Anläufe machen. Eigentlich hätte auch Roach dabeisein müssen, aber Prosser und er waren sich darüber einig, daß es völlig sinnlos war, wenn sie beide ihre Zeit mit dieser lächerlichen Farce vertrödelten. »Ehe wir zur eigentlichen Tagesordnung kommen, meine Herren, habe ich Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Wie wir 124
bei unserer letzten Sitzung besprochen haben – ohne daß wir dabei zu konkreten Ergebnissen gekommen wären –, sind die Erlöse bei British Iron Girders, unserer Gründergesellschaft und ein Grundpfeiler unseres Konzerns, bedenklich zurückgegangen, eine wirtschaftliche Erholung in diesem Bereich ist nicht abzusehen. Erfreulicherweise zeichnet sich jetzt ein Ausweg aus dieser mißlichen Lage ab. Mir liegt ein Plan vor, der die Schließung der Gießerei nach sich ziehen würde.« Er überhörte das verstörte Volksgemurmel, das sich am Vorstandstisch erhoben hatte, und fuhr fort: »Es besteht die Möglichkeit, das Gelände in einen großen Vergnügungspark umzuwandeln, dessen Leitmotiv unsere industrielle Vergangenheit wäre. Todesmutige Erkundungen der alten Zeche, Schatzsuche auf den Schlackenhaufen, eine Fahrt mit der Einschienenbahn durch eine phantastische Fabriklandschaft – so in der Art. Die Idee ist nicht nur sehr originell und innovativ, sondern auch so gewinnversprechend, daß wir sie, da werden Sie mir sicher alle zustimmen, sehr ernst nehmen müssen.« Prosser betonte das Wort »sicher«, um zu verdeut lichen, daß Abweichler bei ihm keine Chance hatten. »Bitte verteilen Sie die Unterlagen, Sally.« Sally, die links neben ihm saß, gehorchte. Sie taten ihr ehrlich leid, diese abgehalfterten Fabrikbesitzer, die dumm genug waren, ihre Unternehmen in Prossers schmierige Hände zu legen. Gewiß bereuten sie alle schon den Tag, an dem sie sich entgegen ihrer besseren Überzeugung dem schnöden Mammon verschrieben hatten. Sie sah, wie ein oder zwei auf den Notizblöcken herumkritzelten, die auf ihrem Platz lagen. Die armen Trottel ahnten natürlich nicht, daß man die Blöcke nach der Sitzung der Abteilung Marketinganalyse übergeben würde, die dem Vorstandsvorsitzenden Meldung zu machen hatte, wenn sich respektlose oder zersetzende Bemerkungen oder Zeichnungen fanden. Während seine Vorstandskollegen die Unterlagen lasen, sah sich Prosser im Sitzungsraum um, der nach seinen Ideen 125
geschmackvoll gestaltet war, mit Marmorwänden, griechischen Säulen, einem Deckengemälde, an dem weiße Wolken über einen blauen Himmel zogen, und etlichen nackten, barock gerundeten Damen an den Wänden. Seine linke Hand wanderte zu Sallys Bein. Als sie sich in Richtung Hüfte vorarbeitete, gab Sally ihr einen energischen Klaps. Aus dem Augenwinkel sah Prosser, daß Peter Akenside beim Lesen dunkelrot anlief. Und dann kam die erwartete Explosion. »Als das unmittelbar für British Iron Girders verantwortliche Vorstandsmitglied hätte ich wohl vor Ausarbeitung eines solchen Plans gefragt werden müssen.« Prosser heuchelte Bedauern. »Tut mir wirklich leid. Aber ich habe fest mit deinem Einverständnis gerechnet, deshalb dachte ich, daß es keine Rolle spielt.« »Keine Rolle? Das wird ja immer schöner! In dem Werk selbst sind sechshundert Leute beschäftigt, die Belegschaften unserer Lieferanten und Zulieferer gar nicht gerechnet. Du kannst derart schwerwiegende Entscheidungen nicht treffen, ohne dich mit mir abzusprechen.« Die anderen Vorstandsmitglieder blickten verdattert drein und bestaunten Akensides Kühnheit. Der letzte Kollege, der ernsthafte Anzeichen von Selbständigkeit zu erkennen gegeben hatte, war Hindmarsh gewesen, einst Besitzer eines gutgehenden Touristikunternehmens; von ihm munkelte man, er sei jetzt Nachtwächter in einem der BIG-Werke in Südwales. »Von dir hätte ich wirklich mehr Einsicht erwartet, Peter. Daß du an der alten Firma hängst, ist verständlich, ich habe ja selber mal dort angefangen. Aber wir können den Fortschritt nun mal nicht bremsen, und die Leute stehen ja auch nicht alle endgültig auf der Straße. Wenn in drei Jahren der Vergnügungspark fertig ist, gibt es dort Jobs in Hülle und Fülle. Wer soll denn die Eintrittskarten ausgeben, die Züge fahren, die Klos putzen?« Prosser sah seinen Kollegen Akenside vielsagend und deutlich drohend an. Doch der hatte sein Pulver noch nicht ganz verschossen. 126
»Wir reden von Facharbeitern, Alex, mit einer über Generationen erworbenen Berufserfahrung. Die kannst du nicht so einfach zu Rummelplatzangestellten machen.« »Diese Berufserfahrungen, wie du sie nennst, sind leider Schnee von gestern. Aber machbar wäre vielleicht, eine Mustergießerei einzurichten, wo die Besucher ihnen bei der Arbeit zusehen können. Ich werde es bei den Planern anregen.« Akenside war anzusehen, daß er damit unzufrieden war. »Ich hoffe sehr, daß du dich nicht zu irgendwelchen unbedachten Handlungen hinreißen läßt, Peter. Es wäre schade, nur aus Prinzipienreiterei deine Bezugsrechte zu gefährden. Wenn du natürlich unbedingt hundertfünfzigtausend Pfund zum Fenster rauswerfen willst …« »Kommen da auch Schiffschaukeln hin?« fragte Brand aus heiterem Himmel. »Fand ich immer gut, Schiffschaukeln.« Der Mann, halb taub und total vergreist, hätte von jedem anderen Vorstandsposten schon vor Jahren zurücktreten müssen. »Daß British Iron Girders im Wahlkreis der Premierministerin liegt, hast du hoffentlich nicht aus den Augen verloren, Alex.« »Was du nicht sagst.« Prosser heuchelte Überraschung. »Ja, richtig, jetzt fällt es mir auch wieder ein. Aber du willst doch wohl nicht andeuten, daß wir durch solche Rücksichten ein solides unternehmerisches Konzept gefährden würden?« »Und Wurfbuden«, brabbelte Brand. Prosser legte eine Pause ein, aber Akenside hatte sich auf seinen Sessel zurückfallen lassen. Was wollte er gegen einen Mann ausrichten, der bereit war, sich mit der Premierministerin persönlich anzulegen? Er merkte, daß seine Vorstandskollegen starr auf ihre Unterlagen blickten, um den großen Vorsitzenden nicht ansehen zu müssen. Auch Prosser hatte es gemerkt. Waschlappen, alle miteinander. »Gut, dann wollen wir mal in die Tagesordnung einsteigen.« »Am besten haben mir immer die Dampfkarussells von 127
Gavioli gefallen«, flötete Brand. Die Eingangshalle hatte trotz ihrer üppigen Ausstattung für Jeremy schon längst ihren Reiz verloren, und die Journalistenrotte war bedauernd zu dem Schluß gekommen, daß – zumindest tagsüber – hier keine Sensationen mehr zu erwarten waren, und hatte sich davongemacht. Eine fürchterliche Ahnung beschlich ihn: Vielleicht waren seine Sachen gar nicht gestohlen worden. Vielleicht war er entlassen. Er ging zum Empfang hinüber. »Erinnern Sie sich noch an mich?« Charmaine kicherte. Als ob sie den Typ je vergessen könnte! »Und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich Jeremy Seaman heiße?« »Seaman? Warum rücken Sie denn damit erst jetzt raus?? Die warten schon eine halbe Ewigkeit auf Sie. Ich laß Sie raufbringen.« Der Schwälberich flatterte im Tiefflug über den Eingang zu BIG House hinweg, um zu sehen, was sich dort tat. Die Menschen waren und blieben ihm ein Rätsel. Er hatte versucht, seinen Freunden klarzumachen, daß diese seltsamen Wesen sich Bäume in ihren Nestern hielten, aber das hatte ihm keiner abgenommen, ebensowenig wie die Sache mit dem Riesenwurm, den er bei den Zweibeinern gesehen hatte. Was seine Mitvögel von ihm dachten, kümmerte ihn nicht mehr, dazu war er zu alt, aber seine Neugier war mit zunehmendem Alter nicht geringer geworden. Der Vorstand brauchte noch eine Stunde, bis er pro forma sämtliche von Prosser getroffenen Entscheidungen gebilligt hatte. Prosser war nicht ganz bei der Sache. Er hatte andere, wichtigere Dinge im Kopf. Als er endlich Schluß machen 128
konnte, blieb er noch ein paar Minuten, um bei Sherry und Canapees höflichen Smalltalk zu machen und Akenside versöhnlich zu stimmen. Diese Weihnachtsmänner waren allesamt zu dumm, um einen Eimer Wasser umzukippen, aber sieben andere Typen, die ähnlich fügsam waren, bekam er bestimmt nicht so ohne weiteres zusammen. Ehe er in sein Büro ging, schaute er bei Roach vorbei. »Sekunde, Alex. Nein, Désirée, du kannst nicht erwarten, daß der Gasableser die Schuhe auszieht, ehe er ins Haus kommt, nur weil es regnet … Na gut, dann soll er erst ablesen und dann die Diele aufwischen … Muß Schluß machen, Schätzchen. Entschuldige, Alex. Wie ist es gelaufen?« »Pure Zeitverschwendung, wie immer. Wo steht eigentlich geschrieben, daß Vorstandsmitglieder Menschen sein müssen? Affen wären billiger und effektiver. Aber Ärger werden sie uns kaum machen. Kann sein, daß Akenside sich ein bißchen aufplustert, nachdem er sein Optionsrecht ausgeübt hat, aber mehr kommt bestimmt nicht. Hauptsache, die Belegschaft kriegt nicht vorzeitig Wind von der Sache. Möchte nicht, daß es da Zoff bei der Arbeit gibt.« »Und ich dachte, Arbeit mit Zoff ist deine Spezialität, Alex.« Roach konnte einem mit seinen Kalauern manchmal echt auf den Geist gehen. Als Prosser ins Büro kam, blinkte das Fax-Gerät. Er gab seine Codenummer ein und las die Meldungen. Alle Transaktionen waren sehr günstig ausgeführt. Er schob die Diskette in das Laufwerk seines Computers, speicherte die Daten und steckte das Fax in den Reißwolf. Für seine eigenen Bedürfnisse war vorgesorgt. Jetzt kam auch die Firma zu ihrem Recht. Er wählte den gerissensten Aktienhändler, den er kannte. »Morrie? Hier Alex.« »Was macht die Kunst, Alex? Ich hoffe, du rufst geschäftlich an?« »Ich möchte, daß du ein paar Aktien für BIG 129
zusammenkaufst. Ich will das nicht an die große Glocke hängen, deshalb müssen die Banker draußen vor bleiben, die können doch das Maul nicht halten.« »Welche Firmen?« Morrie war mit Worten ebenso sparsam wie mit dem Geld seiner Kunden, was Prosser für ihn einnahm. Er haßte die moderne Händlergeneration, diese albernen, naßforschen, überbezahlten Ignoranten. Ohne ein Riesenteam ging es bei diesen jaulenden Yuppies einfach nicht. Da konnte man ja gleich per Anzeige im Evening Standard bekanntgeben, was man vorhatte. Nein, Prosser setzte voll auf alte Hasen. »Nostrum und Pardoe Trust. Knöpf die Aktien möglichst nicht Leuten ab, die positiv zu BIG stehen. Kann sein, daß wir ihre Anteile später gut gebrauchen können.« »Bei Pardoe sehe ich keine Probleme«, sagte Morrie nach kurzer Denkpause. »Bei Nostrum ist der Markt allerdings eng. Könnte schwierig werden, größere Mengen aufzukaufen, ohne daß sich der Preis bewegt, aber ich will sehen, was sich machen läßt.« Damit legte er auf. Prosser wußte, daß Morrie nichts Eiligeres zu tun haben würde, als für sich selbst Aktien beider Firmen zu kaufen. Erst dann würde er für BIG tätig werden. Dieses Absahnen betrachtete er als Teil seines Honorars. Prosser lehnte sich zufrieden zurück. Er freute sich auf die Schlacht mit Pardoe. »Wenn du mich anpinkelst, Sir Jocelyn«, sagte er in den leeren Raum hinein, »pinkele ich zurück. Und wie!« »Wenn Sie mir bitte folgen würden, Mr. Seaman.« Die junge Frau, die gestern unter Prossers Schreibtisch gewesen war, stand plötzlich neben Jeremy. Verdutzt gehorchte er. Mit schaukelnden Hüften und schaukelnder Perlenkette führte ihn Lucinda zu den Aufzügen, verschmähte aber den Paternoster und ging statt dessen auf eine unauffällige Tür zu, die Jeremy noch nie benutzt hatte. Die Aufzugtür öffnete sich, nachdem sie eine vierstellige 130
Zahlenkombination eingetippt hatte, eine 1777, stellte Jeremy fest. »Brandywine. Woher sollen wir so was wissen, können Sie mir das mal verraten?« sagte sie rätselhaft. Da ihm darauf keine passende Antwort einfiel, fuhren sie schweigend nach oben, beide in den Anblick der Leuchtzahlen auf der Stockwerksanzeige vertieft. Bei der 13 hielt der Aufzug an. Lucinda stieg aus und ging zielstrebig den Gang hinunter. Jeremy trottete brav hinterdrein. Zu seinem Bedauern war Miss Fluke nirgends zu sehen. »Da wären wir.« Sie lächelte schmal und führte ihn in ein Büro. Es schien leer zu sein, und Jeremy wagte einen Blick in die Runde. Es war wohl kaum anzunehmen, daß man ihn nur deshalb in den 13. Stock geleitet hatte, um ihm mitzuteilen, daß er entlassen war. Der Unterschied zu seiner früheren Arbeitsstätte war frappant. Ein dicker Teppich, prachtvolle Aussicht, gute Beleuchtung, eine raffinierte Telefonanlage, zwei große neue Schreibtische, an den Wänden geschmackvolle Drucke. Beim Umhersehen entdeckte er ein paar Sachen, die ihm merkwürdig bekannt vorkamen. Außer einem Philodendron in der Ecke stand auch ein verdorrter Efeu herum, der dem in seinem früheren Zimmer sehr ähnelte. Im Bücherregal sah er nur ein einziges Buc h, ein Lexikon der Wirtschaftsbegriffe von A-Z, wie er eins hatte. Er sah genauer hin. Es war seins, er erkannte es an dem Fettfleck auf dem Rücken. Was wurde hier bloß gespielt? Als habe er die Frage laut gestellt, flog die Tür auf, und Prosser erschien auf der Bildfläche. »Jeremy! Wie geht’s, mein Junge? Kümmert man sich gut um Sie? Wie gefällt Ihnen Ihr neues Büro? Nicht übel, wie?« Jeremy erinnerte in diesem Augenblick fatal an einen Goldfisch, der mit aufgesperrtem Maul auf sein Futter wartet. Prosser tönte unbekümmert weiter. »Habe gestern einen guten Eindruck von Ihnen gewonnen. Einen ausgezeichneten 131
Eindruck. Genau der richtige Mann für meinen Artikel. Und deshalb habe ich beschlossen, Sie ständig in meiner Nähe zu behalten.« Er legte Jeremy einen Arm um die Schulter und führte ihn zum Fenster. »Es bedrückt mich, daß wir in unserem Unternehmen nicht mehr denken lassen. Wo wäre der Konzern ohne neue Ideen? Wir brauchen unsere eigene Denkfabrik. Wenn die Politiker sich so was leisten, warum sollten wir darauf verzichten? Und wer sind unsere besten Denker? Nicht irgendwelche alten Zausel, Jeremy, sondern unsere jungen, aufstrebenden Kräfte. Wir brauchen frisches Blut an der Spitze der British Industrial Group. Und so bin ich auf Sie gekommen. Ich habe mir Ihre Akte angesehen. Sehr eindrucksvoll. Sie sind mein Mann. Frischer Wind in der Führungsspitze. Sie sollen meine persönliche Denkfabrik werden, mein zweites Gehirn. Ich möchte, daß Sie hier sitzen und denken. Denken Sie lange, Jeremy, denken Sie fleißig. Bringen Sie mir neue Ideen. Sagen Sie mir, was wir richtig und was wir falsch machen. Sie sind jung. Sie sind begabt. Sie sind der neue Direktor der Denkfabrik bei British Industrial. Herzlichen Glückwunsch. Ich habe Ihnen ein paar Karten drucken lassen«, fuhr er fort und riß das Päckchen auf, das er in der Hand hielt. »Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich ein paar behalte für den Fall, daß Sie später mal ein berühmter Mann werden.« Er nahm einige Karten heraus und verstaute sie sorgfältig in seiner Brieftasche. Dann drückte er Jeremy die Hand. Ebensogut hätte er einer Flickenpuppe die Flosse schütteln können. »So, und jetzt muß ich noch ein paar Sachen erledigen, und Sie sollen sich erst mal eingewöhnen. Ich erwarte große Dinge von Ihnen, Jeremy. Große Dinge.« Jeremy wußte, daß die British Industrial als entscheidungsfreudig bekannt war, aber eine so rasche Entwicklung hätte er denn doch nicht für möglich gehalten. Er 132
sah sich die Visitenkarten an. Jeremy Seaman, Direktor der Denkfabrik, British Indus trial Group. Klang toll. Oben war das dreieckige Firmenlogo eingedruckt, darunter in erhabenen Goldbuchstaben sein Name. Sein richtiger Name. Keine Rede mehr von diesem Jeffrey-Simpson-Quatsch. Ein bißchen verwirrend war die ganze Geschichte schon. Natürlich war er jung, das war nicht zu leugnen. Und ganz unbegabt wohl auch nicht. Aber Originalität war eigentlich nie seine Stärke gewesen. Im Gegenteil, er hatte stets versucht, solche gefährlichen Tendenzen zu unterdrücken und sich statt dessen an schlüssig von anderen Leuten bewiesene, unzweifelhafte Fakten zu halten. Warum wohl hatte Mr. Prosser ausgerechnet ihn für diese Aufgabe ausersehen? Der große Wirtschaftsboss war indessen wieder in sein eigenes Büro zurückgekehrt, wo er auch Sally in ratloses Erstaunen versetzte. »Du bist nicht mehr meine Chefassistentin. Statt dessen wirst du Sekretärin bei einem vielversprechenden jungen Mann, einem gewissen Jeremy Seaman. Dürfte nicht allzu anstrengend sein.« Und nicht von allzu langer Dauer, dachte er. Prosser ging unruhig im Zimmer auf und ab. Die Trennung von Sally fiel ihm schwerer, als er gedacht hatte. Gewiß, sie hatte immer ein bißchen wider den Stachel gelockt, aber sie war eine Wucht, daran gab es nichts zu tippen. Wenn sie dieses durchtriebene Lächeln aufsetzte, wurde er immer ganz gieprig. »Es ist ein gewisses Risiko, diesen Jungen zu befördern«, fuhr er fort. »Er ist neu und noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Ich brauche eine vertrauenswürdige Person, die ihn ein bißchen im Auge behält. Ich will alles über ihn wissen. Was er macht. Wohin er geht und was er denkt. Wenn er einen fahren läßt, will ich wissen, wie’s riecht.« »Wieder mal sehr charmant formuliert.« Wenn Prosser sich einbildete, sie würde für ihn spionieren, hatte er sich geschnitten. 133
»Du weißt schon, was ich meine. Er wird Hilfe brauchen, um sich zurechtzufinden. Bleib ihm auf der Pelle. Auch ganz nah, wenn’s sein muß.« »Und die Fraternisierungsregeln?« »Scheiß auf die Fraternisierungsregeln«, sagte Prosser wütend. Warum regte sich plötzlich so etwas wie Eifersucht in ihm? Alles Quatsch, schätzungsweise war der Typ sowieso schwul. Sally war heilfroh, daß sie nicht mehr direkt für Prosser zu arbeiten brauchte, ließ es sich aber nicht anmerken. Ihr einziges Vergnügen dabei war gewesen, ihn an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen. Das Telefon auf Prossers Schreibtisch läutete. Gute Gelegenheit für eine Abschiedsvorstellung. Mit kreisenden Hüften ging Sally ganz langsam zum Schreibtisch hinüber, beugte sich vor und beglückte Prosser mit einer hinreißenden Aussicht auf ihre Hinterfront. Die Bewegung wirkte wie der rote Lappen auf den Bullen in der Arena – nur mit dem Unterschied, daß Prosser keine Zeit mit Schnauben und Scharren vergeudete, sondern beschloß, sofort zur Sache zu kommen. Er stellte sich hinter Sally, zog ihren Rock hoch, machte den Hosenschlitz auf und holte seinen Pimmel hervor. Sie sah über die Schulter und lächelte aufreizend. »Die Premierministerin«, sagte sie sanft und reichte ihm den Hörer. Ehe sie, den Rock glattstreiche nd, das Zimmer verließ, sah sie noch einmal zurück. Prosser hatte ihn noch in der Hand, aber er stand nur noch auf Halbmast. Spiel, Satz und Sieg gingen an sie. Sie machte sich auf die Suche nach Jeremy Seaman, wer immer das sein mochte. Die Premierministerin war nicht in heiterster Stimmung. »Daß meine politischen Gegner mir Tretminen legen, überrascht mich nicht, Alexander. Aber daß einer meiner treuesten 134
Anhänger mich derart enttäuscht, hätte ich nie gedacht.« »Ich bedaure unendlich«, sagte Prosser. »Was meinen Sie nur?« »Das wissen Sie ganz genau, verdammt noch mal. Ich meine dieses hirnverbrannte Vorhaben, British Iron Girders zu schließen.« Roach hatte schnell gearbeitet. »Es ist richtig, daß wir auf dieser Grundlage eine Wirtschaftlichkeitsstudie aus gearbeitet haben. Aber Sie wissen besser als jeder andere, daß es zahlreiche Diskussionsgrundlagen gibt, die nie in die Praxis umgesetzt werden.« Was für eine Frau! Prosser fand ihre Herrschsucht ungeheuer aufregend. Maggie, ihre Namensvetterin auf dem Dach, hatte er gezähmt. Warum sollte er es nicht auch bei ihr versuchen? Es war eine gewaltige Herausforderung. »Was glauben Sie, welcher Eindruck in der Öffentlichkeit entsteht, wenn einer der treuesten Freunde und Geldgeber unserer Partei in meinem Wahlkreis sechshundert Leute um ihren Arbeitsplatz bringt? Ein gefundenes Fressen für die Presse. Ich warne Sie, Alexander! Wenn Sie das durchziehen, wird nichts aus Ihrem Adelstitel.« »Wir haben bekanntlich des öfteren über die Möglichkeit eines Adelstitels miteinander gesprochen. Es gibt da direkte Wechselbeziehungen zu den großzügigen Parteispenden meines Unternehmens. Aber irgendwie wird nie was draus …« »Ich will ganz offen sein, Alexander. Ihr Name stand tatsächlich auf der Vorschlagsliste. Aber nach der Sache mit dem bewußten Wort auf dem Dach Ihres Verwaltungsgebäudes mußte ich ihn zu meinem Bedauern wieder streichen.« »Auch ich bedaure das.« Das war bestimmt gelogen, eine Ausrede, die ihr sehr gelegen kam. Er hatte ihre Ausreden satt. »Ich finde