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I Christian Streffer Carl Friedrich Gethmann Klaus Heinloth Klaus Rumpff Andreas Witt Ethische Probleme einer langfristigen globalen Energieversorgung
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Studien zu Wissenschaft und Ethik
Im Auftrag des
Instituts für Wissenschaft und Ethik herausgegeben von
Matthias Lutz-Bachmann und Dieter Sturma Band 2
Walter de Gruyter · Berlin · New York
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Christian Streffer Carl Friedrich Gethmann Klaus Heinloth Klaus Rumpff Andreas Witt
Ethische Probleme einer langfristigen globalen Energieversorgung
Walter de Gruyter · Berlin · New York
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Ü Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ASNI-Norm über Haltbarkeit erfüllt
ISBN 13: 978-3-11-018431-0 ISBN 10: 3-11-018431-1 Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
© Copyright 2005 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin Satz: Dörlemann Satz, Lemförde Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
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Vorwort Die Geschichte der Energieversorgung hat die Menschheitsgeschichte entscheidend geprägt. Die Entdeckung und Nutzbarmachung des Feuers mit ihrer mythologischen Verklärung der prometheischen Gabe bei den Griechen, die Entwicklung sowie Nutzung der Wasser- und Windkraft über Jahrtausende, die Entwicklung der Dampfmaschine ebenso wie die Nutzbarmachung der Elektrizität sind Marksteine, die die Entwicklung der Menschheit hinsichtlich ihrer Zahl und Lebensqualität entscheidend beeinflusst haben. Eine möglichst optimale Nutzung der Energiequellen durch technologische Gestaltung hat daher den menschlichen Geist immer wieder gefordert und zu Hochleistungen angespornt. Kriegerische Auseinandersetzungen sind häufig wegen der Energiequellen geführt worden. Gerade in jüngster Zeit erleben wir, in welcher Weise der Zugang zur Energie und die Ausbeutung, heute vor allem Öl und Gas, die Weltwirtschaft bewegt. Mit weiterhin wachsender Weltbevölkerung und dem Verlangen nach Verbesserung des weltweiten Lebensstandards wird dieser Druck noch zunehmen. Die Energieversorgung kann und darf nicht mehr nur regional gesehen werden, die globale Sicht ist notwendig, dieses gilt vor allem auch wegen der damit verbundenen Wirkungen auf die Umwelt des Menschen, auf die Erde insgesamt und auf die sie umgebende Atmosphäre. Die Entwicklung und Nutzung von Energietechnologien hat auch und wohl zum ersten Mal in dieser ausgeprägten Weise deutlich gemacht, dass Grenzen erreicht werden, an denen erhebliche Besorgnisse in der Bevölkerung aufkommen, die weiteren Entwicklungen Einhalt gebieten. Sehr sorgfältige Überlegungen in wissenschaftlich-technologischer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht sowie in unseren demokratisch verfassten Staaten Prozesse der Kommunikation sind notwendig. So ergeben sich gerade bei der Energieversorgung neben der technologischen Machbarkeit vielfältige ethische, soziologische und ökonomische sowie rechtliche Fragen, die eine interdisziplinäre Behandlung der anstehenden Probleme herausfordern. Dieser Aufgabe haben sich die Autoren des vorliegenden Bandes, eine Projektgruppe des „Instituts für Wissenschaft und Ethik an den Universitäten Bonn und Essen“, angenommen. In vielfachen Diskussionsrunden sind die verschiedenen Problemkreise erörtert und anhand von Textentwürfen besprochen worden. Es werden in dem Band die heute genutzten Energiequellen mit ihren zeitlichen Reichweiten und die technischen Möglichkeiten ihrer Nutzung dargestellt. In sehr umfassender Weise werden die regenerativen Energiequellen mit ihrem heutigen und möglichen zukünftigem Einsatz besprochen. Ferner werden auch Optionen, die noch
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Vorwort
in der Zukunft liegen, behandelt. Schließlich wird eine Bewertung der Energieoptionen unter den oben angesprochenen Gesichtspunkten vorgenommen. Diese Arbeiten sind durch finanzielle Mittel von dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ermöglicht worden. Für diese Unterstützung danken die Autoren sehr. Essen im Juni 2005
Christian Streffer Institut für Wissenschaft und Ethik e.V.
Inhaltsverzeichnis
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Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2. Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen 2.1 Die regulative Idee der Nachhaltigkeit und die Unverzichtbarkeit von Kriterien . . . . . . . . 2.2 Entfaltung der Kriterien . . . . . . . . . . . . 2.2.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . . . 2.2.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . . . . 2.2.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . . . . 2.2.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . . . . 2.2.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . . . .
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Inhaltsverzeichnis
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3. Darstellung der verschiedenen Energieoptionen . . . . 3.1 Fossile Energieträger . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.0 Reserven, Ressourcen und Reichweiten . . . 3.1.1 Erdöl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2 Erdgas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.3 Kohle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.4 Umweltprobleme der Verbrennung fossiler Brennstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Kernenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Physikalische Grundlagen . . . . . . . . . . 3.2.2 Technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.3 Die langen Schatten des Krieges . . . . . . . 3.2.4 Märkte und Prognosen . . . . . . . . . . . . 3.2.5 Neue Reaktorgenerationen . . . . . . . . . . 3.2.6 Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.7 Reichweite der Kernbrennstoffe . . . . . . . 3.2.8 Umweltprobleme durch die Kernenergie . . 3.3 Kernfusionsenergie – eine Option für die Zukunft!? 3.3.1 Natürliche Kernfusionsprozesse in der Sonne 3.3.2 Technisch induzierte Kernfusionsprozesse . . 3.3.3 Erfolge und Misserfolge auf dem Weg zur Kernfusionsenergie . . . . . . . . . . . . . . 3.4 Erneuerbare Energien . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.2 Sonnenlicht . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhaltsverzeichnis
3.4.3 Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.4 Exkurs: Technische und wirtschaftliche Grenzen der Einspeiseleistung aus schwankenden Energiequellen . 3.4.5 Wasserkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.6 Energie der Gezeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.7 Energie der Meereswellen . . . . . . . . . . . . . . 3.4.8 Biomasse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.9 Geothermische Energie . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4.10 Erneuerbare Energien – Märkte und Prognosen . . . 3.5 Weltraumgestützte Solarkraftwerke . . . . . . . . . . . . . 3.5.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.2 Technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.3 Das geplante japanische Pilotkraftwerk . . . . . . . 3.5.4 Kosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5.5 Ökologie und Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6 Steigerung der Energieeffizienz („Energiesparen“) . . . . . 3.6.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6.2 Verringerung von Energieverlusten . . . . . . . . . . 3.6.3 Verringerung des End- und Nutzenergiebedarfs . . . 3.6.4 Energieeffizienz und Wirtschaftswachstum . . . . . 3.6.5 Bescheidenerer Lebensstil . . . . . . . . . . . . . . 4. Beurteilung der verschiedenen Energieoptionen 4.1 Fossile Energieträger . . . . . . . . . . . . . 4.1.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . . 4.1.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . . . 4.1.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . . . 4.1.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . . . 4.1.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . . . 4.2 Kernenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . . 4.2.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . . . 4.2.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . . . 4.2.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . . . 4.2.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . . . 4.3 Kernfusionsenergie . . . . . . . . . . . . . . 4.3.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . . 4.3.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . . . 4.3.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . . . 4.3.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . . . 4.3.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . . . 4.4 Erneuerbare Energien . . . . . . . . . . . . 4.4.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . .
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Inhaltsverzeichnis
4.5
4.6
4.7 4.8 4.9
4.4.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . 4.4.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . 4.4.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . 4.4.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . Weltraumgestützte Solarkraftwerke . . . 4.5.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . 4.5.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . 4.5.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . 4.5.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . 4.5.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . Steigerung der Energieeffizienz . . . . . 4.6.1 Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . 4.6.2 Langfristigkeit . . . . . . . . . . . 4.6.3 Umweltverträglichkeit . . . . . . 4.6.4 Sozialverträglichkeit . . . . . . . 4.6.5 Verteilungsgerechtigkeit . . . . . Zielkonflikte und Gewichtungskriterien Abwägung der Energieoptionen . . . . . 4.8.1 Heute verfügbare Optionen . . . 4.8.2 Zukünftige Energieoptionen . . . Pragmatische Schlussfolgerungen . . . .
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Größenangaben und Einheiten für Energie . . . . . . . . . . . . . . 336 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 Namen- und Sachwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361
X
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.
1
Einleitung
Der Mensch benötigt für sein Überleben Energie u.a. in Form von Nahrung, Wärme und Licht. Ohne diese Energieformen ist kein menschenwürdiges Leben möglich; ihre dauerhafte Verfügbarkeit ist eine Grundvoraussetzung für das menschliche Leben im Rahmen höherer Gesellschaftsformen. Von daher spielte Energie bei der Entstehung und Entwicklung menschlicher Gesellschaften stets eine Schlüsselrolle. Daher wird die Beherrschung des Feuers und damit die Verfügbarmachung einer neuen Energiequelle als Indikator für den Beginn der menschlichen Kultur angesehen. Die Herrschaft über das Feuer änderte das Leben des Menschen umfassend: Durch die Erzeugung von Wärme verringerte sich seine Abhängigkeit von den Unbillen der Witterung und die Möglichkeit Nahrung zu kochen revolutionierte seine Ernährungsgewohnheiten. Der griechische Mythos macht diese Erfahrung anschaulich: Es ist der Gott Prometheus, der dem Menschen das Feuer bringt und ihm damit zugleich ein Machtmittel an die Hand gibt, das ihn den Tieren überlegen und den Göttern ähnlich macht. Jahrtausendelang blieb die Wirtschaft des Menschen hauptsächlich auf die Nutzung traditioneller Biomasse wie Holz, Stroh und Tierdung beschränkt. Bereits in den frühen Hochkulturen trat neben die traditionelle Biomasse-Nutzung jedoch auch die Energiegewinnung aus Wind- und Wasserkraft unter Zuhilfenahme von aufwendigen technischen Geräten. Das Aufblühen der städtischen Kultur und die Wiederbelebung des Fernhandels im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts beruhte nicht zuletzt auf einer verbesserten technischen Nutzung der Wind- und Wasserkraft. Trotz dieser Erfolge blieb mechanische Energie in der Hauptsache weiterhin an menschliche Arbeitskraft gebunden, und ausreichende Verfügbarkeit über diese Energieform bedeutete im Kontext vormoderner Gesellschaften meist Leibeigenschaft oder Sklaverei. Die jahrtausendelange Abhängigkeit der menschlichen Wirtschaft von erneuerbaren Energiequellen änderte sich erst mit der Förderung von fossilen Rohstoffen am Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Die Dampfmaschine, verbunden mit der industriellen Massenförderung von Kohle, bildete das Rückgrat dieser Revolution und drängte die Bedeutung physischer menschlicher Arbeitskraft zunehmend zurück. Damit leistete die Dampfmaschine einen objektiven Beitrag zur Überwindung von Leibeigenschaft und Sklaverei. Die Nutzung fossiler Brennstoffe in Wärmekraftmaschinen machte in den Industrieländern Energiedienstleistungen aller Art in einem bis dahin nie bekanntem Ausmaß verfügbar und führte zu einem – verglichen mit
2
Einleitung
vormodernen Zeiten – hohen Wohlstand. Neben der zuverlässigen Verfügbarkeit von Wärme und Licht wurde nun erstmals auch breiten Bevölkerungsschichten räumliche Mobilität in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß möglich. Die Erfindung des Generators durch Siemens Ende des 19. Jahrhunderts und der Beginn der großindustriellen Erzeugung elektrischer Energie verlieh der Entwicklung einen weiteren Schub, indem sie die technische Voraussetzung dafür schuf, Energie ununterbrochen auch für private Haushalte bereitstellen zu können. Nach zaghaften Anfängen in den Ballungszentren der Industrieländer trat die Elektrifizierung einen weltweiten Siegeszug an; eine Entwicklung, die angesichts der Tatsache, daß rund zwei Milliarden Menschen immer noch keinen Zugang zum öffentlichen Stromnetz haben, noch längst nicht abgeschlossen ist. Wie die Erfahrung vieler Schwellenländer zeigt, ist die Bereitstellung von ausreichender und bezahlbarer Energie für die Menschen in den Entwicklungsländern zugleich ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Hunger, Armut und Umweltzerstörung. Genügend Energie zu erzeugen, um heute sechs, bald wahrscheinlich schon zehn Milliarden Menschen auf der Erde zumindest ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ist daher eines der zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts. In den Industrieländern stehen heute praktisch in jedem Wohn- und Arbeitsraum elektrische Anschlüsse zur Verfügung. Sie ermöglichen so die Abfrage von Energiedienstleistungen an jedem Ort und zu jeder Zeit in nahezu beliebiger Höhe. Dem modernen Menschen ist die Allgegenwart von leicht verfügbarer und preiswerter Energie so selbstverständlich geworden, dass ihm die dahinter verborgene ungeheure technische Logistik nur noch selten bewusst wird. Vielen Menschen fehlt daher ein Gefühl für die Abhängigkeit ihrer Energieversorgung von begrenzten Ressourcen. Trotz der Erfindung des Generators und der Erschließung der Kernenergie als neuer Primärenergiequelle Mitte des 20. Jahrhunderts sind fossile Brennstoffe bis heute die mit Abstand dominierende Primärenergiequelle. Die Wärmekraftmaschinen des Industriezeitalters sind in ihrer Mehrzahl „Carbonivoren“ geblieben, d. h. eine Art Kohlenstoffresser, die ihre Energie aus fossiler Pflanzennahrung beziehen. Im Gegensatz zur Nahrungsbasis der tierischen Pflanzenfresser „ernähren“ die Wärmekraftmaschinen sich jedoch von einer nicht erneuerbaren Ressource. Die Begrenztheit der fossilen Rohstoffreserven, die von den modernen Industriegesellschaften oft verdrängt wird, erzwingt langfristig eine ähnlich einschneidende Umstrukturierung der Energiesysteme, wie sie zuletzt zu Beginn der industriellen Revolution stattgefunden hat, und sie wird möglicherweise ähnlich einschneidende ökonomische und soziale Folgen mit sich bringen. Aber nicht nur die faktische Begrenztheit der fossilen Ressourcen ist es,
Einleitung
3
die längerfristig eine Ablösung der fossilen Brennstoffe als Primärenergiequelle unausweichlich macht, auch die mit dem Abbau und der Verbrennung von fossilen Brennstoffen einhergehenden Umwelt- und Klimaprobleme haben ein in der Kultuzrgeschichte bislang nie gekanntes Ausmaß erreicht. Auf der Suche nach der fossilen Nahrung für seine Wärmekraftmaschinen ist der Mensch selbst in die abgelegensten Räume des Planeten vorgedrungen, hat dabei die Landschaft massiv verändert und teilweise schwer geschädigt. Für den Tagebergbau von Stein- und Braunkohle sind ganze Landstriche in den USA, Australien und Deutschland in verwüstete Landschaften verwandelt worden, die heute mühselig rekultiviert werden müssen, und selbst an so unwirtlichen Orten wie dem Nigerdelta und den arktischen Regionen Sibiriens wird Öl und Gas gefördert, oft ohne Rücksicht auf die natürlichen Ökosysteme und die dort lebende indigene Bevölkerung. Schadstoffemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe bedeuten eine Belastung der menschlichen Gesundheit, führen zu Immissionsschäden an Pflanzen und zu globalen Umweltveränderungen. Die seit Beginn der Industriealisierung steigende Freisetzung ehemals fossil gebundenen Kohlenstoffs hat zudem den natürlichen Kohlenstoffkreislauf der Biosphäre aus dem Gleichgewicht gebracht und zu einem Anstieg des Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre um rund ein Drittel geführt. Da Kohlendioxid neben Methan und anderen Gasen als Treibhausgas wirkt, stimmen Klimatologen weitgehend darin überein, dass noch in diesem Jahrhundert die weltweite Durchschnittstemperatur abhängig von der weiteren Emission von Treibhausgasen um ein bis vier Grad ansteigen wird, mit bislang unklaren Folgen für das weltweite Klima und die natürliche Vegetationsdecke der Erde. Auch die nichtfossilen Energien, d. h. die Kernenergie und die erneuerbaren Energien haben problematische Umweltfolgen mit sich gebracht. Beim Abbau von Uran sind in vielen Teilen der Welt, so z. B. in den USA, Kasachstan und der ehemaligen DDR radioaktive Nuklide freigesetzt und teilweise auch in die Nahrungskette eingetragen worden. Zudem fällt beim Betrieb von Kernkraftwerken radioaktiver Müll an, für den bislang weltweit kein Endlager existiert und der teilweise in nicht optimal geschützten Zwischenlagern deponiert wird. Bei den erneuerbaren Energien hat vor allem eine nicht nachhaltige Nutzung traditioneller Biomasse in vielen Entwicklungsländern, insbesondere aber in Afrika und Indien, zu einem ausgesprochenem Raubbau an den natürlichen Ökosystemen geführt. Große Staudämme wie der Assuan Staudamm in Ägypten haben einen bedeutenden Beitrag zur Elektrifizierung der Dritten Welt geleistet, zugleich aber auch massive Einschnitte in die natürliche Flussökologie mit allen damit verbundenen Folgeproblemen bewirkt. Die Gewinnung und
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Einleitung
Bereitstellung von für das menschliche Überleben notwendige Energie beginnt also paradoxerweise eben dieses Leben zu gefährden. Eine umweltverträgliche Energieversorgung, die allen Menschen ausreichend Nutzenergie bereitstellt, ist daher eine Schlüsselfrage des menschlichen Überlebens im 21. Jahrhundert. Neben der Versorgungssicherheit haben in den letzten Jahren Fragen der Umweltverträglichkeit von Energiesystemen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Trotz oder gerade wegen der unerwünschten ökologischen Nebenfolgen von Energiesystemen herrscht sowohl weltweit als auch in Deutschland kein Konsens über die zukünftigen einzuschlagenden Pfade der Energiegewinnung: Sollen die mit Blick auf die Versorgungssicherheit zuverlässigen fossilen Energiesysteme – wenn auch unter erhöhten Umweltauflagen – weiterbetrieben werden, solange dies die Ressourcenbasis erlaubt, oder sollten sie bereits mittelfristig durch alternative Energiequellen ersetzt werden? Welcher der beiden alternativen Primärenergiequellen – erneuerbare Energien oder Kernenergie – wäre im Falle einer notwendigen Umstrukturierung der Energiewirtschaft der Vorzug zu geben? Sollten beide Pfade gleichberechtigt verfolgt werden oder sollte auf die nukleare Energieoption wegen ihres Gefahren- und Missbrauchspotenzials womöglich gänzlich verzichtet werden? Werden neuartige Technologien, wie die Fusionsenergie oder weltraumgestützte Solarkraftwerke schon bald eine umweltfreundliche Lösung der Energiefrage bringen? Dies sind die zentralen Fragen im Hinblick auf die zukünftige globale Energiepolitik. Hinsichtlich der möglichen Alternativen herrscht kein Konsens. Die im Hinblick auf eine großtechnische Nutzung ausgereifteste Alternative zu den fossil dominierten Energiesystemen, nämlich die Kernenergie, ist seit ihrer Einführung Gegenstand hitziger Kontroversen und trifft in vielen Ländern auf Akzeptanzprobleme. Gerade in der Bundesrepublik Deutschland hat die Auseinandersetzung um die Kernenergie in der Vergangenheit – wie etwa um die ehemals geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf – nachgerade bürgerkriegsähnliche Zustände angenommen. Um keine andere Technologie, die moderne Reproduktionsmedizin und die Gentechnik vielleicht ausgenommen, wurde und wird ähnlich leidenschaftlich gestritten. In der Frage der Kernenergienutzung besteht sowohl innergesellschaftlich als auch international kein politischer Konsens. In drei Ländern Europas, nämlich Österreich (1979), Italien (1987) und Schweden (1980), hat sich die Bevölkerung in der Vergangenheit in Volksentscheiden gegen die Nutzung der Kernenergie ausgesprochen. Vor dem Hintergrund fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz haben mittlerweile fünf von acht EU-Staaten mit Kernkraftwerken, darunter auch Deutschland, einen Atomausstieg beschlossen oder zumindest angekündigt. Andere europäische Länder, darunter insbesondere Frankreich, halten hingegen an der
Einleitung
5
Kernenergie fest und das Parlament des EU-Neumitglieds Finnland hat im Frühjahr 2002 sogar für den Neubau eines Kraftwerks votiert. Außerhalb Europas ist die Kernenergie weiterhin eine bedeutende energiepolitische Option. Besonders die energiehungrigen Schwellenländer Ost- und Südostasiens, insbesondere China und Indien, streben einen raschen Ausbau ihrer bereits bestehenden Kraftwerkskapazitäten an, bzw. haben, wie Indonesien, Nordkorea und Vietnam einen Einstieg in diese Technologie angekündigt. Erschwert wird der Streit um die energiepolitische Zukunft vor allem dadurch, dass sich in der Energiefrage zahlreiche soziale, ökonomische und ökologische Probleme überschneiden, die nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. Einzelne Umweltkatastrophen oder steigende Energiepreise führen regelmäßig dazu, dass in der öffentlichen Wahrnehmung jeweils ökologische oder ökonomische Probleme der Energiefrage im Vordergrund stehen, was aber eine langfristig angelegte Energiepolitik erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Neben solchen Verzerrungen in der öffentlichen Wahrnehmung sind es jedoch nicht zuletzt genuin ethische Probleme, die einen rationalen gesellschaftlichen Konsens in der Energiefrage blockieren. An erster Stelle zu nennen sind hier die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, Probleme der Verteilungsgerechtigkeit und der Risikobeurteilung. Angehörige technischer Berufe neigen verständlicherweise dazu, nach ausschließlich technischen Lösungen der Energiefrage zu suchen und reagieren oftmals irritiert, wenn in der Öffentlichkeit eine stärkere Berücksichtigung der mit Energiesystemen verbundenen ethischen Probleme eingefordert wird. Umgekehrt hat sich die in den Sozial- und Geisteswissenschaften geführte Debatte um die Vertretbarkeit von Energiesystemen oftmals auf rein qualitative Aspekte der betrachteten Systeme konzentriert und dabei nur unzureichend die naturwissenschaftlich-technischen Rahmenbedingungen und die quantitativen Probleme berücksichtigt. Schließlich wird die öffentliche Debatte über Probleme der Langzeitverantwortung und Risikoakzeptanz oftmals emotional und dazu noch auf der Basis nicht explizit gemachter weltanschaulicher Voreinstellungen geführt, was die Skepsis der technisch und naturwissenschaftlich orientierten Diskursteilnehmer gegenüber solchen Argumenten nur noch verstärkt. Die durch Presse, Funk und Fernsehen vermittelte Debatte hat – ähnlich wie in der Bioethik-Diskussion – zu dem irreführenden Eindruck geführt, dass im Gegensatz zu den technischen Problemen die Beurteilung ethischer Probleme letztlich eine rein subjektive Angelegenheit, ja womöglich reine Geschmacksfrage ist. An dieser Stelle kann die philosophische Ethik mit ihrem Anspruch auf rationale Konfliktbewältigung in ethischen Fragen einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Energiefrage leisten.
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Einleitung
Vor dem Hintergrund dieser Vorüberlegungen wird eine Arbeit über die ethischen Probleme der Energiefrage daher vor allem zwei Dinge leisten müssen: Einerseits wird sie möglichst alle relevanten Aspekte der betrachteten Energiesysteme berücksichtigen müssen, andererseits sollte sie einen Beitrag zu einem rationalen Umgang mit den ethischen Problemen leisten. Schon in der von Platon überlieferten Fassung des Mythos erweist sich die bloße Fertigkeit des Umgangs mit dem Feuer jedoch als außerordentlich problematisch.1 Die stark emotionale und oftmals von persönlichen Angriffen begleitete Debatte über Energietechnologien hat den Diskurs in der Bundesrepublik sehr schwierig gemacht. Angesichts der Bedeutung der weltweiten Energieversorgung für die weitere Entwicklung der Menschheit und bei dieser Diskussionslage stellt sich für die Wissenschaften die Aufgabe, die naturwissenschaftlichen, technischen und ethischen Fragen in einem alle wichtigen Gesichtspunkte umfassenden Sachstandsbericht sowie weitere Aspekte zusammenzufassen und einen Bewertungsrahmen für eine rationale Beurteilung der Energieoptionen zu liefern. Dieser Versuch wird im Folgenden unternommen. Es werden ferner auf der Basis der Analysen Vorschläge gemacht, welche Wege für die Energieversorgung in den nächsten Jahrzehnten gegangen werden sollten.
1
Protagoras 321 a – 323 d.
Die regulative Idee der Nachhaltigkeit und die Unverzichtbarkeit von Kriterien
2.
Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
2.1
Die regulative Idee der Nachhaltigkeit und die Unverzichtbarkeit von Kriterien
7
Das Leitbild der Nachhaltigkeit dominiert spätestens seit der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 auch die energiepolitische Debatte, nachdem es zuvor vor allem die Umwelt- und Entwicklungspolitik geprägt hatte. Es erscheint in einer Arbeit über ethische Probleme der Energieversorgung daher unausweichlich zumindest einige Vorüberlegungen über die Tragfähigkeit der Nachhaltigkeitsidee anzustellen. Die klassische Form der Nachhaltigkeitsidee wurde im 18. Jahrhundert in der preußischen Staatsforstverwaltung entwickelt.1 Angesichts eines ständig wachsenden Bedarfs an Nutz- und Brennholz, der die natürliche Regenerationskraft der Wälder zu überfordern drohte, forderte ihr Leiter, Georg Ludwig Hartig, „Nachhaltigkeit“ in der Bewirtschaftung der Staatsforste ein: „Es lässt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion muss daher die Waldungen des Staates ohne Zeitverlust taxieren lassen und sie zwar so hoch als möglich, doch so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet“ (Hervorhebung durch die Verfasser).2 Bereits in der Formulierung von Hartig werden eine möglichst effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen in der Gegenwart und die Berücksichtigung der Interessen zukünftiger Generationen als gleichrangige Ziele genannt, zwischen denen ein vernünftiger Ausgleich gefunden werden muss. Die Nutzung natürlicher Ressourcen durch gegenwärtige Gene1
2
Zur Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeitsidee und aktuellen Kontroversen um ihre Deutung vgl. Jörissen / Kopfmüller / Brandl / Paetau: Ein integratives Konzept nachhaltiger Entwicklung, hrsg. vom FZ Karlsruhe, Karlsruhe 1999 [=FZKA 6393], S. 11–35; Steger et al.: Nachhaltige Entwicklung und Innovation im Energiebereich, Berlin 2002, S. 9–38; H. Diefenbacher: Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zum Verhältnis von Ethik und Ökonomie, Darmstadt 2001, S. 58–72; J. R. Engel: Sustainable Development, in: Encyclopedia of Bioethics, ed. by T. R. Warren, New York 1995, S. 2456 ff. Georg Ludwig Hartig: „Anweisungen zur Taxation der Forste zur Bestimmung des Holzertrags der Wälder“, Berlin 1795, zitiert nach Spektrum der Wissenschaft, März 2002, S. 102.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
rationen, so könnte die Maxime modern formuliert lauten, findet dort ihre Grenze, wo zukünftige Generationen um ihre Chance auf eine gleichwertige Nutzung gebracht werden. Dieses Verständnis von Nachhaltigkeit liegt auch der mittlerweile als klassisch geltenden Definition der Brundtland-Kommission (Report of the World Commission on Environment and Development) von 1987 zugrunde: „Humanity has the ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“ (Hervorhebung durch die Verfasser).3 In ihrer Kernbedeutung ist Nachhaltigkeit also eine moralische Maxime ohne konkrete inhaltliche Vorgaben. Auf welche Weise sichergestellt wird, dass auch zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse adäquat befriedigen können, bleibt zumindest in der Brundtland-Definition offen. Die Nachhaltigkeitsmaxime der preußischen Staatsforstverwaltung hat einen materialen Inhalt, insofern sie konkret auf die Erhaltung der natürlichen Holzressourcen in den Wäldern zielt, sie stammt jedoch aus einer vorindustriellen Zeit, in der Holz fast den gesamten Energiebedarf des Landes decken musste, und somit – anders als heute – noch keine alternativen Energieoptionen zur Verfügung standen. Nachhaltigkeit muss daher heute vor dem Hintergrund alternativer Energieoptionen immer wieder neu bestimmt werden. Ein bestimmtes Energiesystem ist immer nur ein mehr oder weniger adäquates Mittel zur Erreichung der in der Nachhaltigkeitsidee formulierten Zielvorstellung. Seine Adäquatheit muss vor dem Hintergrund neuer Technologien und/oder neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse immer wieder von neuem überprüft werden. Die Nachhaltigkeitsidee in ihrer „klassischen“ Form ähnelt damit anderen regulativen Ideen, wie denen der Freiheit oder Gerechtigkeit.4 Auch diese sind auf die Zukunft ausgerichtet und definieren keinen konkreten Zustand, in dem das Ideal als ein für alle Mal verwirklicht gelten könnte. Im Gegensatz zu zentralen ethischen Begriffen wie „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ besteht für den Terminus der Nachhaltigkeit jedoch noch keine philosophische Auslegungstradition und auch in den Wirtschaftswissenschaften ist sein terminologischer Gebrauch unscharf. In der Konkretisierung der Forderung nach ausreichender Bedürfnisbefriedigung heutiger Menschen bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Be3 4
United Nations (Hrsg.): Report of the World Commission on environment and development, A/42/427, UN 1987, S. 24. Vgl. dazu vor allem H.G. Nutzinger: Nachhaltigkeit und Innovation: Zwei begriffliche Ebenen und eine doppelte Restriktionsanalyse, in: Steger (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung und Innovation im Energiebereich, Graue Reihe Nr. 28, Bad-Neuenahr-Ahrweiler 2001, S. 32–42.
Die regulative Idee der Nachhaltigkeit und die Unverzichtbarkeit von Kriterien
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dürfnisse zukünftiger Generationen ist der Nachhaltigkeitsbegriff in der aktuellen Debatte vor allem durch einen Zielkonflikt zwischen der Forderung nach Wohlstand für möglichst viele Menschen und dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf zukünftige Generationen gekennzeichnet.5 Hinsichtlich der Gewichtung dieser beiden Ziele lassen sich vor allem zwei Nachhaltigkeitsinterpretationen unterscheiden. Eine „starke“ Interpretation der Nachhaltigkeit fordert eine Orientierung an der Belastbarkeit von Ökosystemen und einen absoluten Vorrang von Umweltschutzzielen während eine „schwache“ Deutung eine Gleichberechtigung von umweltund entwicklungspolitischen Zielen sieht.6 Als wichtige „schwache“ Deutung hat sich in Anlehnung an den Brundtland-Bericht das Drei-Dimensionen-Konzept der Nachhaltigkeit etabliert, in dem die drei Dimensionen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt als gleichberechtigt angesehen werden.7 Die verschiedenen, heute diskutierten Nachhaltigkeitsinterpretationen unterscheiden sich vor allem darin, welcher Dimension jeweils größere Bedeutung beigemessen wird. In diesem Zusammenhang ist strittig, ob, und wenn ja in welchem Umfang eine Substitution knapper natürlicher Ressourcen durch gesellschaftliches Kapital möglich und gerechtfertigt ist.8 Als Ergebnis dieser Vorüberlegungen bleibt festzuhalten, dass der Begriff der Nachhaltigkeit in seiner ursprünglichen Bedeutung eine allgemeine moralische Maxime enthält – nämlich die Bedürfnisse zukünftiger Generationen beim Handeln in der Gegenwart angemessen zu berücksichtigen – während heute unter diesem Oberbegriff inhaltlich divergierende wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Ziele zusammengefasst werden. Ersteres Verständnis von Nachhaltigkeit ist für eine Beurteilung von Energiesystemen zu allgemein gefasst, letzteres verlangt eine differenzierte Analyse nach wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten, mit anderen Worten: Kriterien.
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vgl. zu diesem Zielkonflikt J. R. Engel: Sustainable Development, in: Encyclopedia of Bioethics, ed. by Warren T.R., New York 1995, S. 2456ff. ebd.; vgl. dazu auch Diefenbacher 2001, S. 66 ff.; sowie A. Leist: Ökologische Ethik II: Gerechtigkeit, Ökonomie, Politik, in: Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik, Stuttgart 1996, S. 434/435. Es wird Hr. T. Petrovic an dieser Stelle für die in vielen Gesprächen gewonnenen wertvollen Anregungen zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte gedankt. Leist 1996, S. 437; Diefenbacher 2001, S. 70.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
2.2
Entfaltung der Kriterien
Die meisten Differenzen in der Beurteilung von Energiesystemen resultieren aus der verschiedenartigen Gewichtung einzelner Teilaspekte eines Systems. Für eine ausgewogene Bewertung ist jedoch eine möglichst vollständige Berücksichtigung aller relevanten Faktoren nötig. Zugleich darf jedoch die Anzahl der Kriterien bei der Beurteilung von Energiesystemen nicht zu groß werden, wenn die Komplexität der Untersuchung auf ein vertretbares Maß beschränkt bleiben soll. Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen können zweckmäßig aus menschlichen Bedürfnissen abgeleitet werden. Dieser Ansatz lässt sich im Kontext der Energiefrage nicht nur pragmatisch rechtfertigen, sondern entspricht auch grundlegenden ethischen Einsichten. Vor allem der philosophische Diskurs um neo-aristotelische Ethikansätze hat deutlich gemacht, dass eine Ethik ohne eine gehaltvolle Theorie der menschlichen Bedürfnisse nicht zur Rechtfertigung gehaltvoller praktischer Orientierungen kommen kann.9 Die Plausibilität von Bedürfnistheorien wird dabei immer davon abhängen, wie elementar die betrachteten Bedürfnisse tatsächlich sind. Im Kontext der Energiefrage geraten zunächst zwei Klassen von Bedürfnissen in den Blick: Menschen haben elementare Bedürfnisse nach Nutzenergie in Form von Wärme und Licht (und darüber hinaus gehobene Bedürfnisse nach Mobilität und Kommunikation). Zudem hängt auch die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln auf das engste mit der Verfügbarkeit von Nutzenergie zusammen.10 Menschen sind zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Nahrung, sauberer Luft und Trinkwasser auf intakte Ökosysteme angewiesen.
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Von Energiesystemen muss daher zunächst gefordert werden, dass sie preiswert ausreichend Nutzenergie zur Verfügung stellen, ohne längerfristig die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens auf der Erde zu gefährden. 9
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Vgl. zu den neoaristotelischen Ansätzen exemplarisch M. Nussbaum, A. Sen (Hrsg.): The quality of life, Oxford 1993; M. Nussbaum: Für eine aristotelische Sozialdemokratie, in: Philosophie und Politik VI, hrsg. von J. Nida-Rümelin und W. Thierse, Essen 2002, S. 17–40. Die Landwirtschaft ist zwar kein Teil der Energiewirtschaft hängt aber auf das engste mit ihr zusammen. Zum einen entstehen Nahrungsmittel aus der photosynthetischen Leistung von Pflanzen, die alternativ auch als Energierohstoff genutzt werden könnten, zum anderen ist die Landwirtschaft in weiten Teilen der Welt mittlerweile sehr energieintensiv. Aus beiden Gründen besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln und der Verfügbarkeit von Energie.
Entfaltung der Kriterien
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Sie sollten daher ein elementares Maß an Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit garantieren. Diese beiden Kriterien, auf der Basis elementarer menschlicher Bedürfnisse gewonnen, sind notwendige, jedoch noch keine hinreichenden Bedingungen für die Beurteilung von Energiesystemen. Alle Aktivitäten der Energiegewinnung- und Bereitstellung sind mit Eingriffen in die soziale Sphäre verbunden, die von Wertvorstellungen und Normen geprägt wird, und daher haben Energiesysteme immer auch ethische Implikationen. In einem erweiterten Sinne können auch allgemein geteilte Wertvorstellungen als menschliche Bedürfnisse rekonstruiert werden. So haben Menschen ein Bedürfnis nach dem Wohlergehen ihrer Nachkommen, nach Gerechtigkeit und der Anerkennung elementarer Grundrechte. Daraus lassen sich drei Kriterien ableiten, denen Energiesysteme genügen sollten, nämlich die drei Kriterien der Langfristigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Sozialverträglichkeit. Diese Prinzipien genießen zwar weitgehend gesellschaftliche Anerkennung, sind jedoch in vielen entscheidenden Details umstritten. Dies betrifft insbesondere Umfang und Reichweite der Langzeitverantwortung und im Bereich der Verteilungsgerechtigkeit Form und Inhalt einer fairen Chancen-Risiken-Verteilung. Obwohl auch letztere Kriterien im weitesten Sinne aus menschlichen Bedürfnissen abgeleitet werden können, beruhen sie doch auf Bedürfnissen, die anders als die Bedürfnisse nach Nutzenergie und Nahrung keine anthropologischen Konstanten darstellen. Sie bedürfen daher einer genaueren normativen Begründung. Es wird weiter unten versucht werden, diese im Zusammenhang mit der Entfaltung der einzelnen Kriterien zu leisten. Auch wenn die hier vorgeschlagenen Kriterien in einigen Bereichen Überschneidungen aufweisen, also nicht strikt disjunkt sind, wird es aus pragmatischen Gründen im Kontext der Energiefrage als sinnvoll erachtet diese fünf Bereiche zu unterscheiden.
2.2.1 Wirtschaftlichkeit Unter Wirtschaftlichkeit wird hier verstanden, dass Energiesysteme zuverlässig ausreichend Nutzenergie11 zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung stellen sollten. 11
Es wird bewusst der Begriff der Nutzenergie verwendet, weil Menschen Energie in Form von Arbeit, Wärme oder Licht nachfragen, nicht jedoch eine bestimmte Primär- oder Sekundärenergiequelle. In diesem Sinne spielt es auch keine Rolle, ob zusätzliche Nutzen-
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
Zuverlässig soll bedeuten, dass die Nutzenergie dem Verbraucher jederzeit und zu möglichst stabilen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden kann, ausreichend, dass die bereitgestellte Nutzenergie zur Deckung des Bedarfs ausreicht und wettbewerbsfähig, dass dies zu konkurrenzfähigen Preisen geschieht. Um wirtschaftlich zu sein muss ein Energiesystem daher sowohl Versorgungssicherheit als auch Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten. Es sind im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit eines Energiesystems jeweils drei Fragen zu klären: Wie zuverlässig, in welcher Menge und zu welchen Kosten kann Nutzenergie zur Verfügung gestellt werden? In modernen Industriegesellschaften besteht ein hoher Bedarf an nachfragegerechten, permanent verfügbaren Energiedienstleistungen. Die permanente Verfügbarkeit von preiswerter Energie genießt lebensweltlich eine hohe Wertschätzung. Dies wird meistens jedoch erst deutlich, wenn Störungen in der Versorgung auftreten. Verbraucher reagieren in der Regel sehr verärgert über zeitweilige Stromausfälle oder sonstige Unterbrechungen der Energieversorgung. In Deutschland sind die Gas- und Elektrizitätsversorger zudem durch § 1 des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) gesetzlich auf die Sicherstellung der Versorgungssicherheit verpflichtet, wozu auch die Deckung eines zeitweilig auftretenden Spitzenbedarfs gehört.12 Im Kommentar zum EnWG heißt es dazu, unter Versorgungssicherheit sei die „stets ausreichende und ununterbrochene Befriedigung der Nachfrage nach Energie zu verstehen“ 13. Aus der Forderung nach einer ausreichenden und ununterbrochenen Befriedigung der Nachfrage folgt, dass Energiesysteme sowohl über das Potenzial verfügen müssen, die Nachfrage zu befriedigen, als auch über eine genügend hohe Verfügbarkeit. Die beiden Aspekte der ausreichenden Bedarfsdeckung und technischen Verfügbarkeit sollen im folgenden getrennt beleuchtet werden. Die Beantwortung der Frage nach einer „ausreichenden“ Energiebereitstellung erfordert zunächst eine Unterscheidung zwischen Bedürfnissen, Bedarf und Nachfrage.14 Bedürfnisse sind der Wunsch nach der Überwindung eines Mangels. Es gibt Grundbedürfnisse, im Hinblick auf Nutzenergie
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ergie gegebenenfalls auch durch eine Steigerung der Energieeffizienz verfügbar gemacht wird. Vgl Energiewirtschaftsgesetz 1998, erläutert von Böwing et al., Frankfurt a.M. 1999, S. 41. Ebd., S. 41. Die hier vorgenommenen Begriffsdefinitionen folgen der 15. Auflg. des Gabler Wirtschafts-Lexikons, Stichworte „Bedarf “, „Bedürfnis“ und „Nachfrage“.
Entfaltung der Kriterien
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etwa die nach Nahrung, Wärme und Licht, die im Wesentlichen bei allen Menschen gleich sind. Außer diesen im Folgenden als elementar bezeichneten Bedürfnissen existieren jedoch auch unbestimmte und individuell durchaus verschiedene Bedürfnisse nach Gütern und Dienstleistungen, die das Leben angenehmer machen. Diese konkretisieren sich erst durch ein real vorhandenes Angebot. Konkretisierte Bedürfnisse nach knappen Gütern, zu denen hier auch die elementaren gerechnet werden, werden im folgenden als Bedarf bezeichnet. Ob der jeweilige Bedarf gedeckt werden kann, hängt wiederum von der Kaufkraft der Wirtschaftssubjekte ab. Nur wenn diese auch über eine reale Kaufkraft verfügen, kann von einer Nachfrage im engeren Sinne gesprochen werden. In rein marktwirtschaftlicher Perspektive mag es genügen, wenn ein Energiesystem ausreichend Nutzenergie zur Deckung der Nachfrage bereitstellt. Eine solche Deckung der Nachfrage als alleiniger Maßstab bleibt jedoch in verschiedener Hinsicht defizitär. Zum einen wird die Nachfrage hauptsächlich über den Preis bestimmt. Liegt dieser sehr hoch, können die schwächeren Marktteilnehmer mangels Kaufkraft ihren Bedarf nicht decken. Die Nachfrage gibt den wirklichen Energiebedarf also möglicherweise nur unzureichend wieder. Zum anderen ist die hohe Nachfrage nach Energiedienstleistungen, insbesondere in den Industrieländern, ihrerseits zunehmend Gegenstand der Kritik geworden. Beide Probleme stehen außerhalb des Kontextes rein ökonomischer Erwägungen, verdienen im Rahmen ethischer Überlegungen aber eine nähere Betrachtung. Energiebedarf der Entwicklungsländer Für die meisten Entwicklungsländer gilt, dass sie ihren Energiebedarf, insbesondere an Elektrizität und Treibstoffen, derzeit in Ermangelung von Kapital nicht in ausreichendem Umfang befriedigen können. Dass ein Teil der Menschen in den Entwicklungsländern nicht über genügend Nutzenergie verfügt, um ein menschwürdiges Leben führen zu können, ist ein fortdauernder Missstand, der zudem gegen soziale Menschenrechte verstößt, wie sie z. B. in der UN-Menschenrechtskonvention von 1948 formuliert wurden. Zudem spielt die Verfügbarkeit von gehobenen Energiedienstleistungen durch Elektrizität und Treibstoffe eine Schlüsselrolle in der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder. Im Sinne einer Förderung des weltweiten Wohlstands und der Entwicklung der Weltwirtschaft besteht auch seitens der Industrieländer ein starkes Interesse an einer ausreichenden Energiebereitstellung in Entwicklungsländern. Die Regierungen der Ent-
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
wicklungs- und der Industrieländer stehen daher vor der gemeinsamen Aufgabe kurzfristig die Bereitstellung ausreichender und preiswerter elementarer Nutzenergie, mittel- und langfristig aber den Aufbau einer leistungsfähigen Energieinfrastruktur zur Deckung des gehobenen Bedarfs anzustreben. Mit Blick auf das Kriterium der Wirtschaftlichkeit bedeutet dies, dass Energiesysteme nicht nur kurzfristig auf die Deckung der faktisch auf den Weltmärkten bestehenden Nachfrage ausgerichtet sein sollten, sondern langfristig auch einen Beitrag zur Deckung des wachsenden Energiebedarfs der Menschheit leisten können müssen. Energiebedarf der Industriegesellschaften Theoretisch sind dem Bedarf nach Energiedienstleistungen keine Grenzen gesetzt und daher gilt auch für die Energiewirtschaft das volkswirtschaftliche Prinzip „Sättigung tritt nie ein“. Der Energiebedarf und der damit verbundene Lebensstil westlicher Industriegesellschaften ist in der Gegenwart jedoch seinerseits Gegenstand der Kritik geworden. Exemplarisch kritisiert etwa Meyer-Abich, dass der hohe Energiebedarf in Industrieländern oft überhaupt erst durch ein entsprechendes Angebot und Werbung künstlich erzeugt werde.15 So sei die Nachfrage nach individueller Mobilität keineswegs zwingend.16 Alternativ könnte der Bedarf nach Mobilität auch durch öffentliche Verkehrsmittel gedeckt werden bzw. durch die Verringerung von Distanzen und die Beseitigung von Verkehrsursachen vollständig substituiert werden. Die Lebensstilkritik und die Frage, inwieweit „Energiesparen“ eine realistische Option im Rahmen der Energiefrage ist, wird weiter unten noch einmal aufgegriffen werden (vgl. 3.6.5). Für den Moment sollen lediglich einige vorläufige Überlegungen hinsichtlich der Frage angestellt werden, ob der empirisch vorfindbare Bedarf auch außerhalb des ökonomischen Kontextes als gerechtfertigt gelten kann. Im Sinne der oben skizzierten elementaren Bedürfnisse dürfte zunächst unstrittig sein, dass weltweit ein Bedarf an überlebensnotwendiger Nutzenergie in Form von Nahrung, Wärme und Licht für derzeit sechs Milliarden Menschen besteht. Der weltweite Bedarf an Nutzenergie geht jedoch weit über den zum bloßen Überleben notwendigen Anteil hinaus und dieser zusätzliche Bedarf ist Gegenstand der Kritik. Betrachten wir dazu zunächst den Charakter und Umfang dieses gehobenen Energiebedarfs. 15
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Vgl. dazu exemplarisch K.M. Meyer-Abich: Kritik und Bildung der Bedürfnisse. Aussichten auf Veränderungen der Nachfrage- und Bedarfsstruktur, in ders.: Was braucht der Mensch um glücklich zu sein, München 1979, S. 58–77. Ebd., S. 62 ff.
Entfaltung der Kriterien
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In den entwickelten westlichen Industriegesellschaften sind gehobene Energiedienstleistungen längst Teil des täglichen Lebens geworden. So hat der Umfang harter körperlicher Arbeit durch den Einsatz von Maschinen in Industrie und Landwirtschaft in allen entwickelten Ländern stark abgenommen. Der Einsatz von elektrischen Geräten hat auch die Arbeit im Haushalt wesentlich erleichtert. Mobilität – früher ein Privileg der Reichen – ist für jedermann erschwinglich geworden, und niemand mehr ist gezwungen, lange Strecken zu Fuß zurückzulegen. Auch den Unbillen der Witterung sind Menschen in Industrieländern weniger ausgesetzt als früher. Jederzeit beheizte Räume sind längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Die nächtliche Beleuchtung der Städte mit elektrischem Licht hat zusätzliche Sicherheit gebracht. Insgesamt hat die permanente und bedarfsgerechte Verfügbarkeit von Nutzenergie das Leben in den Industrieländern angenehmer gemacht und zusammen mit der verbesserten medizinischen Versorgung in erheblichem Maße zu einem Anstieg der Lebenserwartung beigetragen. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass die Verfügbarmachung von preiswerter Nutzenergie in der Politik der meisten Entwicklungsländer eine Schlüsselrolle spielt. Die aktuellen Erfahrungen mit Schwellenländern in Asien, wie z. B. Indien und China, entkräften auch die in der Vergangenheit oft vorgebrachte Kritik, der energieintensive Lebensstil westlicher Industrieländer sei lediglich Ausfluss einer ökologisch zerstörerischen anthropozentrischen Weltsicht der westlichen Tradition.17 Vielmehr zeigt sich, dass auch in diesen alten asiatischen Kulturen mit wachsendem Wohlstand die Nachfrage nach Nutzenergie des gehobenen Bedarfs steigt. Daraus kann geschlossen werden, dass der Energieverbrauch in erster Linie eine Frage des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes und nicht des Kulturkreises ist. Von daher ist es sinnvoll davon auszugehen, dass der allgemein verbreitete Wunsch nach einem Mehr an Energiedienstleistungen auf einem natürlichen Streben des Menschen nach zusätzlichen Annehmlichkeiten beruht. Dieses natürliche Streben sollte bei allen Betrachtungen über den Energiebedarf in Rechnung gestellt werden. Gegen diese natürliche Neigung könnte eingewandt werden, dass es gute Gründe gibt, sie aus rationalen Erwägungen zu unterdrücken. Für dieses Beweisziel muss jedoch gezeigt werden, dass die negativen Folgen des energieintensiven Lebensstils, etwa in Form von Umweltschä17
vgl. zu dieser Diskussion exemplarisch H. Kessler: Problemaufriß: Das Natur- und Selbstverständnis der Moderne und das Problem eines ökologischen Weltethos, in: ders.: Ökologisches Weltethos im Dialog der Kulturen und Religionen, Darmstadt 1996, S. 1–32.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
den, die unmittelbaren Vorteile in Form eines Anstiegs an Lebensqualität und Lebenserwartung übersteigen. Alle Appelle, einen bescheideneren Lebensstil um seiner selbst willen zu führen, sind hingegen angesichts der unmittelbaren und sehr konkret erfahrbaren Vorteile von Nutzenergie aller Wahrscheinlichkeit nach zum Scheitern verurteilt. Die Erhöhung von Lebensqualität und Lebenserwartung sind Zwecke, die sich rational rechtfertigen lassen. Daher kann auch die Bereitstellung von jederzeit verfügbarer Nutzenergie des gehobenen Bedarfs als ein geeignetes Mittel zur Erreichung dieser Zwecke gerechtfertigt werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich jeder Bedarf an gehobenen Energiedienstleistungen im Sinne der obigen Zwecke gleichermaßen zwingend rechtfertigen lässt: Ob Energiedienstleistungen wie individuelle Mobilität und mobile Kommunikation die Lebensqualität erhöhen, mag individuell unterschiedlich beurteilt werden. In diesem Sinne mag eine Bedürfniskritik im Sinne Meyer-Abichs durchaus möglich erscheinen. Zweifel bestehen jedoch hinsichtlich ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit. Politische Programme, die Menschen davon überzeugen wollen, dass ihre geäußerten Bedürfnisse nicht ihre eigentlichen seien, haben oft eine antiemanzipatorische Tendenz.18 Aufgrund dieser negativen Erfahrungen sollte in pluralistischen Gesellschaften die Entscheidung darüber, welche Energiedienstleistungen die Lebensqualität erhöhen, den handelnden Wirtschaftssubjekten selbst überlassen bleiben. Immerhin bleibt erwägenswert, ob Menschen durch Erziehung und Aufklärung nicht zu einem bewussteren Umgang mit Energie angeleitet werden können.19 Unabhängig von Fragen der Bedürfniskritik ist es sinnvoll eine Internalisierung der negativen Folgen der Energieerzeugung und Bereitstellung in den Marktpreis anzustreben, was zur Zeit sicherlich noch nicht vollständig der Fall ist, damit Energiepreise die „wahren“ Kosten widerspiegeln.20 In welchem Umfang Energiedienstleistungen wie mobile Kommunikation, Kunstschnee und Fernreisen unter der Voraussetzung internalisierter externer Kosten nachgefragt werden, sollte jedoch dem Kaufverhalten der Verbraucher überlassen bleiben.
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Vgl. zu dieser Diskussion D. Birnbacher: Was wir wollen, was wir brauchen und was wir wollen dürfen, in: K.-M. Meyer-Abich 1979, S. 34 ff. Meyer-Abich 1979, S. 74 ff. Vgl. zur Diskussion um die externen Kosten exemplarisch: VDEW (Hrsg.): Externe Kosten der Stromerzeugung. Stand der Diskussion; erstellt von Friedrich / Greßmann / Krewitt / Mayrhofer – IER, Frankfurt a. M. 1996, S. 15 ff.; sowie W. Krewitt: Externe Kosten der Stromerzeugung, in: E. Rebhan (Hrsg.): Energiehandbuch. Gewinnung und Nutzung von Energie, Berlin 2002, S. 987 ff.
Entfaltung der Kriterien
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Neben der Lebensqualität spricht ein weiteres Argument gegen eine generelle Infragestellung des Energiebedarfs. Für die Erhaltung bestimmter Energiedienstleistungen, wie z. B. individueller Mobilität, werden in der lebensweltlichen Praxis von den Verbrauchern erhebliche Anstrengungen unternommen. Umgekehrt kann daraus geschlossen werden, welche Wertschätzung sie genießen und was für ein gesellschaftliches Konfliktpotenzial entsteht, wenn Ansprüche auf gehobene Energiedienstleistungen grundsätzlich in Frage gestellt werden. In politischer Hinsicht ist daher in Rechnung zu stellen, dass die Infragestellung von bestehenden Ansprüchen, sobald sie allgemeinverbindlich erhoben wird, gesellschaftliche Kosten in Form von Konflikten generiert. Diese Problematik existiert selbst dann, wenn die Kritik an bestimmten Formen der Energiedienstleistung im Einzelfall rational gerechtfertigt sein mag.21 Die Tatsache, dass alle Gesellschaften ein Interesse daran haben, Zahl und Ausmaß innergesellschaftlicher Konflikte zu begrenzen, spricht dafür, den Energiebedarf als solchen zumindest nicht a priori in Frage zu stellen, sondern zunächst zu prüfen, ob er im Rahmen der bestehenden technischen Möglichkeiten umweltverträglich befriedigt werden kann. Als Ergebnis dieser Überlegungen über den Bedarf an Energiedienstleistungen in Industrieländern kann daher festgehalten werden, dass für den faktischen Bedarf als Referenzrahmen zwei wichtige außerökonomische Argumente sprechen: Zum einen ist die Verfügbarkeit preiswerter Nutzenergie des gehobenen Bedarfs eine wichtige Voraussetzung für eine höhere Lebensqualität und Lebenserwartung, zum anderen birgt ihre Infragestellung, sobald sie allgemeinverbindlich erhoben wird, ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial. Wie der Kommentar zum deutschen Energiewirtschaftgesetz (EnWG) hervorhebt, soll die Befriedigung der Nachfrage nicht nur „ausreichend“, sondern auch „ununterbrochen“ erfolgen. Mögliche Unterbrechungen der Energieversorgung können sowohl technische als auch politische Ursachen haben. Es ist daher sinnvoll, eine technische und politische Versorgungssicherheit zu unterscheiden. Das technische Problem besteht darin, ein Energiesystem so einzurichten, dass es zumindest prinzipiell die gewünschte Nutzenergie nachfragegerecht rund um die Uhr zur Verfügung stellen kann. Bei Energierohstoffen ist die ununterbrochene Verfügbarkeit vor allem durch politische Einflüsse gefährdet. Da diese Rohstoffe oft extrem un21
Hier liegt ein analoger Fall wie in der Risikoakzeptanzproblematik vor, wo die Nichtakzeptanz von Risiken auch dann eine gesellschaftspolitische Realität darstellt, wenn sich die Risikowahrnehmung rational im Einzelfall nicht rechtfertigen lässt.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
gleichmäßig über den Globus verteilt sind und teilweise in Krisenregionen liegen, können politische Faktoren zu einer Unterbrechung von Förderung und/oder Transport führen. Dies hat eine Verknappung des betreffenden Rohstoffs auf dem Weltmarkt und steigende Preise zur Folge. Ein totaler Ausfall eines Energierohstoffs ist bisher nie eingetreten, kurzfristig steigende Preise können aber zu erheblichen volkswirtschaftlichen Belastungen führen. Den jüngsten Rezessionen der Weltwirtschaft Anfang der 70er und 80er des 20. Jahrhunderts gingen Steigerungen des Ölpreises voraus. Probleme der politischen Versorgungssicherheit ergeben sich jedoch nur für Energierohstoffe, die sehr einseitig in einer bestimmten Region konzentriert sind. Zwischen der technischen und politischen Versorgungssicherheit besteht kein direkter Zusammenhang. Während die technische Versorgungssicherheit vor allem das „jederzeit“ der Energiebereitstellung verbürgt, garantiert die politische Versorgungssicherheit eine höhere Preisstabilität. Bei der Beurteilung von Energiesystemen ist daher jeweils sehr genau zwischen diesen beiden Formen der Versorgungssicherheit zu unterscheiden. In einer Marktwirtschaft werden Waren und Dienstleistungen unter den Bedingungen des Wettbewerbs produziert und angeboten. Dies hat zur Folge, dass sich längerfristig nur diejenigen auf dem Markt behaupten können, die ihre Güter und Dienstleistungen zu möglichst niedrigen Kosten herstellen und zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Dieselben Bedingungen gelten im Prinzip auch in der Energiewirtschaft, wo verschiedene Energiesysteme auf der Basis verschiedener Primärenergieträger in der Bereitstellung von Nutzenergie miteinander in Konkurrenz stehen. Ohne staatliche Eingriffe ergeben sich für die Energieversorger lediglich auf betriebswirtschaftlichen Kalkulationen basierende Strom- und Wärmegestehungskosten, bzw. im Fall von Treibstoffen Kosten für Förderung, Aufbereitung und Distribution. Der Staat greift im Idealfall nur dort regelnd ein, wo übergeordnete, gesellschaftliche Interessen berührt sind. Diese liegen zum Beispiel dort vor, wo die Versorgungssicherheit gefährdet ist oder Umweltschäden entstehen. In solchen Fällen bemüht sich der Staat um die Schaffung eines geeigneten ordnungspolitischen Rahmens, durch den die Erreichung dieser Zwecke sichergestellt wird. Neben Fragen des Umweltschutzes haben gerade im Bereich der Energiewirtschaft von jeher Probleme der Versorgungssicherheit eine große Rolle gespielt, weshalb viele Staaten den Abbau heimischer Energierohstoffe subventionieren oder durch hohe Schutzzölle gegen Importe schützen. Der deutsche Steinkohleabbau etwa ist schon seit Jahrzehnten auf internationalen Märkten nicht mehr wettbewerbsfähig, wird jedoch aus Gründen der Versorgungssicherheit durch direkte staatliche Zuwendungen
Entfaltung der Kriterien
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erhalten. Beispiele aus anderen Ländern ließen sich beliebig ergänzen. In den letzten Jahren haben zahlreiche Staaten vor dem Hintergrund knapper Ressourcen an Energierohstoffen und aus umweltpolitischen Motiven Gesetze zur Förderung neuer erneuerbarer Energien wie Windkraft und Fotovoltaik erlassen und so Märkte für diese Energiesysteme geschaffen. Gerade der Energiemarkt ist vor diesem Hintergrund durch ein undurchsichtiges Dickicht unterschiedlichster umweltrechtlicher Bestimmungen sowie direkte und indirekte staatliche Beihilfen zahlreichen Wettbewerbsverzerrungen ausgesetzt.22 Ob ein Energiesystem unabhängig von diesem komplizierten ordnungsrechtlichen Rahmen und/oder direkten staatlichen Subventionen wettbewerbsfähig ist, können selbst Energiewirtschaftsexperten oft nicht sicher beurteilen. Aus diesen Vorüberlegungen ergibt sich, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht nur durch betriebswirtschaftliche Kalkulationen, sondern hauptsächlich durch den jeweils nationalen ordnungsrechtlichen Rahmen definiert wird, was direkte Vergleiche sehr erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Für einen unmittelbaren Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit sollen im Rahmen dieser Studie daher zunächst die rein betriebswirtschaftlichen Erzeugungskosten für Strom, Wärme und Treibstoffe herangezogen werden. Zudem sollen auch der Energieerntefaktor und die Effizienz der Ressourcennutzung als Teil der Wettbewerbsfähigkeit aufgefasst werden. Externe Kosten in Form von Umweltbelastungen sollen hingegen im Zusammenhang mit der Wettbewerbsfähigkeit unberücksichtigt bleiben. Diese können besser unter dem Kriterium der Umweltverträglichkeit anhand der direkten Folgewirkungen diskutiert werden. Als Gesamtfazit der Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit bleibt festzuhalten, dass erst verschiedene Aspekte der Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam ein hinreichend differenziertes Bild eines Energiesystems ergeben.
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Angesichts einer zunehmenden Liberalisierung des europäischen Energiemarktes hat das Problem direkter und indirekter Subventionen für bestimmte Energiequellen im Rahmen nationaler Energiepolitiken an Brisanz gewonnen. Vor diesem Hintergrund hat die EUKommission einen Arbeitsstab eingerichtet, der einen Überblick über die zahlreichen direkten und indirekten staatlichen Beihilfen der EU-Staaten erstellen soll. Ein erster vorläufiger Bericht liegt mittlerweile vor: European Comission (Hrsg.): „Inventory of public aid granted to different energy sources“ (SEC 1275, 22. 11. 02).
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2.2.2 Langfristigkeit In der Diskussion um die regulative Idee der Nachhaltigkeit wurde deutlich, dass sie in ihrer klassischen Formulierung die Maxime beinhaltet, natürliche Ressourcen so zu nutzen, dass auch zukünftige Generationen noch einen gleichwertigen Nutzen aus ihnen ziehen können. Letztlich handelt es sich also um eine ethisch motivierte Norm, die in ihrem Kern auf Langfristigkeit zielt und ihren Geltungsanspruch aus der Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen ableitet. Sowohl im alltagspraktischen Verständnis, als auch in philosophisch-ethischer Perspektive ist jedoch durchaus unklar, ob tatsächlich eine Langzeitverantwortung gegenüber zukünftigen Generationen besteht. Bevor das Kriterium der Langfristigkeit eingeführt wird, sollen daher zunächst einige Fragen im Kontext des Problems der Langzeitverantwortung untersucht werden. Zunächst ist zu prüfen, ob heute lebende Menschen verpflichtet sind, die Interessen zukünftiger Generationen zu berücksichtigen. Erst wenn diese Frage bejaht wird, wäre zu klären, wie diese gegenüber den Interessen heutiger Menschen zu gewichten sind und ob wir hinsichtlich der Interessen zukünftiger Generationen überhaupt über begründetes Wissen verfügen. Die zeitlichen Fernfolgen menschlichen Handelns haben sich durch die Technik dramatisch erweitert. Eine Ethik, die auch die Interessen zukünftiger Generationen in ihre Reflexionen einbezieht, erscheint vor diesem Hintergrund dringender geboten denn je. Dem steht das paradoxe Phänomen entgegen, dass das Bewusstsein des modernen Menschen generationsübergreifenden Projekten eher feindlich gegenübersteht. Die zunehmende Individualisierung hat in der Moderne das Problem der bei allen Menschen ohnehin vorhandenen Gegenwartspräferenz insofern verschärft, als sich die egoistischen Gruppeninteressen der Vergangenheit, die zumindest eine Berücksichtigung zukünftiger Interessen der eigenen Gruppe garantiert haben, zusätzlich auf individuelle Interessen verengt haben und diese ragen meist nicht über die eigene Lebenszeit hinaus. Zudem ist es schwierig, die Interessen zukünftiger Generationen in liberale Ethiken, in deren Mittelpunkt die Präferenzen heute lebender Individuen stehen, zu integrieren. Hans Jonas hat daraus in seinem „Prinzip Verantwortung“ den Schluss gezogen, dass die traditionellen Ethiken den neuartigen Herausforderungen technischen Handelns nicht mehr gewachsen seien und daher durch eine „Zukunftsethik“ ergänzt werden müssen.23 23
H. Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt a. M. 1979, vgl. hier zur These der Neuartigkeit insbesondere S. 26 ff. und zur Forderung nach einer Zukunftsethik S. 61 ff.
Entfaltung der Kriterien
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Doch diese Schlussfolgerung ist möglicherweise voreilig. Vor jeder Forderung nach einer „neuen Ethik“ sollte immer zunächst die Prüfung stehen, ob die neuen Probleme im Rahmen der bewährten Ethiken nicht gelöst werden können. Die europäische Tradition des ethischen Universalismus hat besonders seit Beginn der Aufklärung dazu geführt, dass zunehmend mehr Menschen als moralisch autonome Subjekte mit gleichberechtigten Interessen anerkannt worden sind; hier ist insbesondere an die gesellschaftliche Stellung von Frauen oder ethnischer und religiöser Minderheiten zu denken. Dem modernen, aufgeklärten Verständnis nach müssen alle von Handlungen potenziell Betroffenen die Chance haben, ihre Interessen in einen diskursiven Prozess gleichberechtigt einzubringen. Diese Tendenz hat in der Folge zur Aufhebung von Doppelstandards geführt, in dem Sinne, dass heute bei politischen Entscheidungen nicht mehr akzeptiert wird, wenn die Interessen einiger Menschen unter Berufung auf ihren sozialen Status, ihre Rasse oder Religion übergangen werden. Ähnlich wie Rasse oder Geschlecht ist auch die Abfolge in der Zeit ein rein zufälliges Attribut und insofern müssen vor dem Hintergrund eines aufgeklärten ethischen Universalismus auch zukünftige Generationen als moralisch kompetente Subjekte anerkannt werden, denen gegenüber mögliche Verpflichtungen bestehen. Die Ausdehnung des Kreises der moralisch Berechtigten auf zukünftige Generationen wirft nun aber im Gegensatz zu den zuvor genannten Gruppen neuartige Probleme auf. Die Angehörigen zukünftiger Generationen können ihre Interessen im diskursiven Prozess der Gegenwart nicht geltend machen, da sie noch nicht existieren. Zum anderen ist fraglich, wie weit in die Zukunft hinein die Verantwortung für künftige Generationen reichen soll. Betrachten wir zunächst das erste Problem. Auch unter heute lebenden Menschen können nicht alle moralisch kompetenten Subjekte ihre Interessen im diskursiven Prozess der Gegenwart geltend machen. Dazu gehören etwa Kinder, psychisch Kranke oder Komatöse. Ihre Interessen müssen dementsprechend stellvertretend von Angehörigen oder Betreuern geltend gemacht werden. Analog dazu wäre denkbar, dass die Interessen zukünftiger Generationen durch eigens dazu bestellte Vertreter im Diskurs der Gegenwart wahrgenommen werden müssen.24 Alternativ wäre auch denkbar, dass alle heute Lebenden, die an weit in die Zukunft reichenden Planungen beteiligt sind, sich im Sinne der „Antizipation einer unbefristeten Diskursgemeinschaft“ 25 darauf verpflichten, die Interessen zukünftiger Generationen 24
25
Vgl. dazu C.F. Gethmann: Langzeitverantwortung als ethisches Problem im Umweltstaat, in: ders. / Kloepfer / Nutzinger: Langzeitverantwortung im Umweltstaat, Bonn 1993, S. 8 ff. ebd., S. 12.
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zu berücksichtigen (was glücklicherweise oft schon geübte Praxis ist). Es schließt sich unmittelbar die Frage an, wie die antizipierten Interessen zukünftiger Generationen sowohl untereinander als auch gegen die Interessen heute Lebender zu gewichten sind. Dazu ist zunächst begrifflich zu klären, was unter zukünftigen Generationen verstanden werden soll. In der traditionellen Ethik spielen von jeher Konflikte zwischen gleichzeitig lebenden Generationen eine Rolle. Vereinfacht lassen sich diese gleichzeitig lebenden Generationen so rekonstruieren, dass ein Mensch ungefähr dann stirbt, wenn seine Urenkel geboren werden. Es leben dann also durchschnittlich immer drei Generationen zusammen, also Großeltern, Eltern und Kinder.26 Zwischen diesen gleichzeitig lebenden Generationen bestehen ohnehin gesellschaftlich und rechtlich normierte Verpflichtungen. Umstritten sind hingegen vor allem Art und Umfang der Verantwortungsbeziehung zwischen nicht gleichzeitig lebenden Generationen. Die erste „zukünftige“ Generation, der gegenüber strittige Verpflichtungen bestehen, wäre aus Sicht heute handelnder Menschen, der Generation „n“ demnach die Generation der Urgroßenkel, d. h. die Generation n + 3. Mit Blick auf diese zukünftigen Generationen im Sinne n > 3 stellen sich nun drei Fragen: Erstens, wie die Interessen zukünftiger Generationen gegenüber denen heute lebender Menschen zu gewichten sind, zweitens wie die Interessen verschiedener zukünftiger Generationen untereinander zu gewichten sind und drittens, ob die Verpflichtungen womöglich irgendwo in der Zukunft enden. Im Rahmen einer universalistischen Ethik müssten die Interessen zukünftiger Generationen strenggenommen in gleicher Weise gewichtet werden, wie die Interessen heute lebender Menschen. In diesem Punkt stößt das Modell jedoch offensichtlich an seine Grenzen, da bei einer gleichen Gewichtung die geringe Zahl der heute lebenden Menschen gegenüber der zu vermutenden ungeheuer großen Zahl künftiger Generationen kaum noch ins Gewicht fiele. Eine solche Gewichtung ist offensichtlich kontraintuitiv. Sie ist aber auch theoretisch unbefriedigend, weil zukünftige Generationen von Handlungen heutiger Menschen in unterschiedlich starkem Maße betroffen sind. Dabei gilt im allgemeinen, dass die Intensität und der Umfang der Fernfolgen mit wachsendem zeitlichem Abstand abnehmen, ohne dass sich ein Punkt angeben ließe, wo keine Fernfolgen mehr nachweisbar sind.27 26 27
Zur Unterscheidung der verschiedenen Generationsbegriffe vgl. D. Birnbacher: Verantwortung für zukünftige Generationen, Stuttgart 1988, S. 23 ff. Im Hinblick auf den anthropogenen Treibhauseffekt und die Endlagerung radioaktiver Brennelemente wird die lebensweltliche Erfahrung einer abnehmenden Intensität von
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Um sinnvoll von Verantwortung sprechen zu können, müssen Fernfolgen Akteuren nicht nur kausal zuschreibbar, sie müssen vom jeweiligen wissenschaftlichen Kenntnisstand der Gegenwart aus zumindest auch mit einiger Wahrscheinlichkeit absehbar sein. Die Zuverlässigkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen über das Eintreffen erwünschter wie unerwünschter Folgen nimmt aber immer weiter ab, je weiter sie sich in die Zukunft hinein erstrecken. Sowohl im Hinblick auf die mit zeitlichem Abstand abnehmende Intensität und den Umfang von Fernfolgen als auch die abnehmende Zuverlässigkeit von Prognosen, ist es daher gerechtfertigt, von mit wachsendem zeitlichen Abstand graduell abnehmenden Verbindlichkeiten gegenüber zukünftigen Generationen auszugehen. Da sich andererseits auch kein Zeitpunkt in der Zukunft angeben lässt, an dem nachweislich keine Fernfolgen mehr vorliegen, gibt es auch keinen Punkt in der Zukunft, an dem die Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen vollständig erlischt.28 Zur Beschreibung dieser abnehmenden Zukunftsverpflichtung hat sich das aus den Wirtschaftswissenschaften entlehnte Modell der Diskontierung eingebürgert. Die Anwendung des aus dem Bereich der Zinswirtschaft stammenden Diskontierungsmodells (im Sinne einer negativen Verzinsung) auf Verpflichtungen, führt jedoch zu der moralisch inakzeptablen Schlussfolgerung, Verpflichtungen gegenüber autonomen Subjekten könnten beliebig diskontiert werden. Die Diskontierung von Zukunftsverpflichtungen ist daher sowohl in der Philosophie als auch in den Wirtschaftswissenschaften Gegenstand der Kritik.29 Zusätzliche Verwirrung entsteht dadurch, dass das Diskontierungsmodell je nach Kontext auf sehr unterschiedliche Inhalte angewendet wird. So kritisiert Birnbacher: „Zeitpräferenz, Zins und Unsicherheit sind allerdings drei so verschiedene Dinge, dass es eher nur Verwirrung stiftet, sie durch dasselbe formale Instrument zu repräsentieren“.30 Von philosophischer Seite ist vor allem eingewandt worden, dass eine Diskontierung, die es erlaubt, die Interessen gegenwärtiger Menschen höher zu gewichten als die zukünftig lebender, in Wirklichkeit nur unsere moralisch fragwürdige Gegenwartspräferenz reflektiert und damit nicht dem Anspruch einer universalistischen Ethik genügt. Dieser Vorwurf wäre stichhaltig, wenn Diskontierung von Zukunftsverantwortung ausschließlich
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Fernfolgen teilweise in Frage gestellt. Unsere Kenntnis über das wahrscheinliche zeitliche Auftreten und den Umfang von Fernfolgen ist zweifellos oft beschränkt. Unsicherheit hinsichtlich der Intensität von Fernfolgen herrscht jedoch nur in mittelfristigen Zeithorizonten. In Zeithorizonten von mehreren zehntausend Jahren ist eine abnehmende Intensität von Fernfolgen nach wie vor ein heuristisch vernünftiger Ansatz. Vgl. auch Gethmann 1993, S. 14. Ein summarischer Überblick der Kritik bei Birnbacher 1988, S. 87 ff. ebd., S, 90
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unter Berufung auf den zeitlichen Abstand legitimiert würde. Wie oben dargelegt, liegt das Hauptargument für die Diskontierung jedoch in der mit zeitlichem Abstand abnehmenden Intensität von Fernfolgen bei gleichzeitig wachsender Unsicherheit von Zukunftsprognosen.31 Zur Überwindung der aus dem Diskontierungsmodell entspringenden und mit der Idee des ethischen Universalismus nur schwer zu vereinbarenden Konsequenzen, werden verschiedene Lösungsstrategien diskutiert. Leist schlägt zur Überwindung des Dilemmas vor, zwischen „intergenerationeller Neutralität“ und „perspektivischer Gleichheit“ zu differenzieren.32 Auch im Falle einer Diskontierung, so argumentiert Leist, werde das Gleichheitsgebot nicht verletzt, solange alle Generationen Anspruch auf die gleiche Diskontierungsrate haben. Eine gleichbleibende Diskontierungsrate genügt den Anforderungen „intergenerationeller Neutralität“. Von einer gleich hohen Diskontierungsrate zu unterscheiden ist nach Leist hingegen die Forderung nach einer gleich starken Gewichtung der Interessen aller Generationen, die er als „perspektivische Gleichheit“ bezeichnet. Nur diese erfordere eine Diskontierungsrate gleich Null. Die ethischen Paradoxien, die bei der Anwendung des Diskontierungsmodells auf Probleme der Langzeitverantwortung auftreten, entstehen nach Gethmann hingegen dadurch, dass nicht klar genug zwischen einer Diskontierung von Verpflichtungen und der Gradierung von Verbindlichkeiten unterschieden wird.33 Während Verpflichtungen bestehen oder nicht bestehen, ist es, abhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen, legitim die aus Verpflichtungen resultierenden Verbindlichkeiten zu gradieren. Auf diese Weise werden sowohl die ethischen Dilemmata vermieden, die sich aus einer Diskontierung von Verpflichtungen ergeben, als auch diejenigen, die eine Ablehnung jeder Gradierung mit sich bringt. Die Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen werden in diesem Rekonstruktionsvorschlag nämlich uneingeschränkt anerkannt (d. h. nicht diskontiert), hinsichtlich ihrer Verbindlichkeit aber gradiert. Wenngleich also gute Gründe für eine Gradierung von Verbindlichkeiten, d. h. eine Diskontierung des Nutzens und Schadens zukünftiger Generationen sprechen, müssen irreversible Schädigungen vom Gradierungsmodell explizit ausgenommen werden.
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Zur ethischen Relevanz der Unsicherheit von Prognosen vgl. C.F. Gethmann / G. Kamp: Gradierung und Diskontierung bei der Langzeitverpflichtung, in: Birnbacher / Brudermüller (Hrsg.): Zukunftsverantwortung und Generationensolidarität, Würzburg 2001, S. 148; zur Diskussion im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte, vgl. Steger et al. 2002, S. XXII. vgl. zu dieser Unterscheidung A. Leist: Ökologische Ethik II: Gerechtigkeit, Ökonomie, Politik, in: Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik, Stuttgart 1996, S. 424 ff. Gethmann / Kamp 2001, S. 137–153.
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Irreversible Schäden wären dabei solche Schäden, die sich in einem Zeithorizont von mehreren Generationen mit menschlichen Mitteln nicht rückgängig machen lassen und bei denen auch keine Hoffnung besteht, dass sie sich von selbst zurückbilden werden.34 Zukünftige Generationen können für die aus irreversiblen Schäden resultierenden schlechteren Lebensbedingungen auch durch eine gleichbleibend hohe Diskontierungsrate nicht kompensiert werden, weil eine derartig hohe Diskontierungsrate die dann ohnehin schlechten Umweltbedingungen in der Zukunft noch weiter verschlechtern würde. Zum anderen unterwerfen irreversible Schäden zukünftige Generationen einem „intergenerationellen Oktroi“ 35, insofern sie mit einem nachteiligen Weltzustand konfrontiert werden, an dem sie nichts mehr ändern können. Der Grad der Irreversibilität von Umweltschäden kann jedoch unterschiedlich stark sein. Während etwa die Akkumulation von anthropogenen Treibhausgasen in der Atmosphäre zumindest theoretisch reversibel ist (z. B. durch Wiederaufforstungsmaßnahmen), gibt es Prozesse wie das Artensterben, die sich prinzipiell nicht rückgängig machen lassen. Andere Vorgänge, wie der Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen in der Gegenwart, sind zwar ebenfalls stark irreversibel, im Prinzip besteht jedoch die Möglichkeit zukünftige Generationen für den Nutzenverlust durch neue Energietechnologien zu kompensieren. Stark irreversible Schädigungen mit Nutzenverlusten, für die sich zudem keine Kompensation abzeichnet, sind hingegen ethisch inakzeptabel.36 Nach den Vorüberlegungen über Art und Umfang der Langzeitverantwortung soll nun – immer mit Blick auf die Energiefrage – die Frage nach den möglichen Interessen zukünftiger Generationen erörtert werden. Da sich die Berücksichtigung der Interessen zukünftiger Generationen als gerechtfertigt erwiesen hat, stellt sich unmittelbar die Frage, worin diese denn bestehen. Während Zukunftsskeptizisten bezweifeln, dass wir überhaupt irgendwelche Kenntnisse über ihre Interessen haben können, unterstellen Utopisten, diese nicht nur schon heute genau zu kennen, sondern auch über das Programm für die Herstellung einer optimalen Zukunft zu verfügen.37 Einige Skeptizisten folgern wiederum aus der Tatsache, dass wir über die Präferenzen zukünftiger Generationen nichts sicher wissen kön-
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Vgl. zur Diskussion um verschiedene Grade der Irreversibilität Birnbacher 1998, S. 70 ff. ebd., S. 76. Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass bereits der ältesten Formulierung der Nachhaltigkeitsidee zumindest implizit die Vermeidung irreversibler Schädigungen zugrunde liegt, insofern die Nutzung der Holzressourcen der Staatsforste dort ihre Grenze findet, wo die Existenz der Wälder als Bedingung der Möglichkeit zukünftiger Holznutzung gefährdet ist. Vgl. zu diesem Problemkomplex Birnbacher 1988, S. 165 ff.
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nen, dass sie im Handeln der Gegenwart auch nicht berücksichtigt werden brauchen. Die folgenden Überlegungen sollen zeigen, dass im Kontext der Energiefrage auch ohne den Rückgriff auf utopische Weltentwürfe Grund zu erkenntnistheoretischem Optimismus hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Prognosen über die Bedürfnisse zukünftiger Generationen besteht. Zunächst basiert die Abhängigkeit des Menschen von Energie auf Naturgesetzen und es kann daher sicher davon ausgegangen werden, dass auch zukünftige Generationen ein Minimum an Energie u. a. in Form von Nahrung, Wärme und Licht zum Leben benötigen werden.38 Wie weit der Bedarf zukünftiger Generationen an Nutzenergie über das bloß lebensnotwendige Maß hinausgehen wird, können wir allerdings nicht sicher wissen. Denkbar ist, dass zukünftige Generationen einen bescheidenen Lebensstil vorziehen und damit auch weniger Energie als heute lebende Menschen benötigen werden. Aufgrund bisheriger Erfahrungen kann diese Möglichkeit jedoch nicht als wahrscheinlich gelten. Da das menschliche Streben nach einem möglichst angenehmen Leben aller Wahrscheinlichkeit nach eine anthropologische Konstante ist und Energiedienstleistungen aller Art für die Lebensqualität eine Schlüsselfunktion haben, muss es als wahrscheinlicher gelten, dass auch der Energiebedarf zukünftiger Generationen weit über das rein zum Überleben notwendige Maß hinausgehen wird. Künftige Generationen werden daher voraussichtlich genau soviel Energiedienstleistungen nachfragen wie heute lebende Menschen, möglicherweise sogar mehr. Vor diesem Hintergrund sollte zukünftigen Generationen zumindest die Option auf gehobene Energiedienstleistungen offen gehalten werden. Weiterhin ist menschliches Leben von natürlichen Ressourcen in Form von Nahrung, Trinkwasser und sauberer Luft abhängig. Die Verfügbarkeit dieser Ressourcen setzt wiederum intakte Ökosysteme voraus. Es kann daher auch kein vernünftiger Zweifel daran bestehen, dass zukünftige Generationen ein Interesse an einem langfristigen Erhalt der natürlichen Biosphäre haben. Die vorangegangen Überlegungen haben gezeigt, dass eine ethische Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen besteht und dass über 38
Radikale erkenntnistheoretische Entwürfe, die auf das Induktionsproblem verweisen, demnach auch Naturgesetze „nur“ auf Erfahrungswerten basieren und somit theoretisch für die Zukunft nicht vorausgesetzt werden können, bleiben hier unberücksichtigt. Eine Veränderung der Naturgesetze ist eine bloße Möglichkeit ohne jede vernünftige Wahrscheinlichkeit. Nur in diesem erkenntnistheoretisch radikalen Skeptizismus kann auch die Zukunft als radikal offen verstanden werden, in einer erkenntnisimmanenten Perspektive, die hier als vernünftige Grundannahme favorisiert wird, gibt es jedoch nur eine deutlich eingeschränkte Zahl zukünftiger Weltzustände, über die sich zudem Aussagen hinsichtlich ihres Eintretens machen lassen, vgl. dazu auch Birnbacher 1988, S. 165 ff.
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ihre Interessen gut begründete Annahmen existieren. Auf der Basis dieser Annahmen lassen sich folgende Grundsätzen formulieren,: (1) Zukünftigen Generationen sollte eine leistungsfähige Energieinfrastruktur auf der Basis von langfristig verfügbaren Primärenergiequellen hinterlassen werden, die es ihnen zumindest prinzipiell erlaubt, ihre Bedürfnisse nach Nutzenergie in der gleichen Weise zu befriedigen wie heute lebende Menschen. (2) Schwerwiegende negative Umweltfolgen von Energiesystemen dürfen keinen stark irreversiblen Charakter haben. Insbesondere dürfen die natürlichen Voraussetzungen des Lebens allgemein und des menschlichen Lebens im besonderen auf der Erde nicht gefährdet werden. Als langfristig verfügbare Primärenergiequellen sollen solche Energiequellen gelten, die voraussichtlich auch noch zukünftigen Generationen, d. h. Generationen der Kategorie n > 3, zur Verfügung stehen werden, d. h. auch noch in mehr als 120 Jahren. Die Nutzung kurz- und mittelfristig verfügbarer nicht erneuerbarer Primärenergiequellen durch heute lebende Menschen lässt sich rechtfertigen, wenn die Energieinfrastruktur sukzessive auf die Basis langfristig verfügbarer Primärenergiequellen umgestellt wird.
2.2.3 Umweltverträglichkeit Menschen benötigen für ihr Überleben fruchtbare Böden zum Anbau von Nahrung, saubere Luft und Trinkwasser. Die Verfügbarkeit dieser natürlichen Ressourcen hängt wiederum von intakten Ökosystemen ab. Diese sind also nach wie vor eine Voraussetzung für menschliches Leben auf der Erde. Nach § 4, Absatz 2 des Energiewirtschaftsgesetzes liegt Umweltverträglichkeit vor, wenn „die Energieversorgung den Erfordernissen eines rationellen und sparsamen Umgangs mit Energie genügt, eine schonende und dauerhafte Nutzung von Ressourcen gewährleistet ist und die Umwelt möglichst wenig belastet wird.“ Besondere Aufmerksamkeit und Schutz verdienen vor allem jene Teile der Biosphäre, die für das Überleben der menschlichen Spezies funktional notwendig sind: x x x x
Die Atmosphäre (saubere Luft), Sauberes Wasser, Landwirtschaftliche Nutzflächen, Stabile Klima- und Vegetationszonen (als Voraussetzung für den weltweiten Anbau von Kulturpflanzen).
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Eine Schlüsselrolle für die Reinhaltung der Luft, die Gewinnung von Trinkwasser und die Stabilität der Klimazonen kommt beim Schutz dieser überlebensnotwendigen Teilsysteme dem Erhalt der großen Ökosysteme zu, d. h. insbesondere dem der großen Wälder und Meere. Weiterhin ist die weltweite Artenvielfalt zumindest auch durch die Ausweitung von Energiesystemen, insbesondere durch massive Eingriffe in die Landschaft, bedroht. Im Gegensatz zu den vorher genannten Teilsystemen erscheint die natürliche Artenvielfalt für den Menschen nicht unmittelbar überlebensnotwendig. Für den Erhalt der Artenvielfalt sprechen aber ihre Bedeutung für die Stabilität der Ökosysteme, ihre Rolle als potenzielle genetische und pharmazeutische Ressource, sowie nicht zuletzt ästhetische Erwägungen. Ein wichtiger Indikator für die Umweltverträglichkeit ist daher auch der Erhalt einer möglichst großen Artenvielfalt. Von Energiesystemen gehen zudem unmittelbare Gesundheitsrisiken für Menschen in Form von Schadstoffemissionen und technischen Großunfällen aus. Insbesondere durch Großunfälle können Menschen geschädigt werden, ohne dass dabei Umweltschäden im engeren Sinne entstehen. Gesundheitsrisiken für Menschen sollen im Rahmen dieser Studie jedoch generell unter dem Aspekt der Umweltverträglichkeit behandelt werden. Über das bloße Überleben hinaus schätzen Menschen die Natur auch als Erholungsraum und wegen ihrer Schönheit. Vor diesem Hintergrund sollten Eingriffe in ein Landschaftsbild auch auf ästhetische Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Mit Blick auf den unterschiedlichen Schweregrad der Umweltbeeinträchtigungen, wird vorgeschlagen, die Beurteilung der Umweltverträglichkeit eines Energiesystems nach folgenden, in ihrer Priorität abgestuften, Normen vorzunehmen: 1. Durch technisches Handeln verursachte Eingriffe in die gesamte Biosphäre oder einzelne Ökosysteme dürfen keine irreversiblen Schäden hervorrufen, die die natürlichen Überlebensgrundlagen der Menschheit gefährden. 2. Durch Energiesysteme hervorgerufene Gesundheitsrisiken für Menschen müssen in einem vertretbaren Verhältnis zum Nutzen der Energiebereitstellung stehen. 3. Die mit Energiesystemen verbundenen Landschaftseingriffe sollten auf ästhetische Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Ästhetische Beeinträchtigungen sind jeweils gegen den Nutzen der Energiebereitstellung abzuwägen.
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2.2.4 Sozialverträglichkeit Menschen leben in Gemeinschaften und haben daher ein Interesse an einem Fortbestand verlässlicher sozialer Institutionen und der Geltung individueller Grundrechte. Energiesysteme verändern auf vielfältige Weise menschliche Gesellschaften und ihre Implementierung ohne Rücksicht auf soziale Aspekte kann unbeabsichtigte negative gesellschaftliche Folgewirkungen haben. Auch wenn gewisse negative Folgewirkungen möglicherweise unvermeidlich sind und gegen vielfältige positive Folgewirkungen aus der Bereitstellung von Nutzenergie abgewogen werden müssen, so sollten Energiesysteme doch so sozialverträglich wie möglich gestaltet werden. Angesichts der unbezweifelbaren positiven Wirkungen ausreichender Energieversorgung haben Probleme der Sozialverträglichkeit lange Zeit keine Rolle in der Energiedebatte gespielt. Dies hat sich im Zusammenhang mit dem wachsenden Umweltbewusstsein seit Anfang der sechziger Jahre und der nachlassenden Akzeptanz in der Bevölkerung für verschiedene großindustrielle Projekte der Energiebereitstellung, darunter hauptsächlich die Kernenergie, geändert. Vor diesem Hintergrund hat der Naturphilosoph Meyer-Abich in den siebziger Jahren Sozialverträglichkeit als Kriterium in den energiepolitischen Diskurs eingeführt.39 Sein Verständnis von Sozialverträglichkeit hat sich an soziologisch geprägten Modellen der Risikoakzeptanz sowie dem gesellschaftspolitischen Leitbild eines alternativen Lebensstils orientiert.40 Wegen der starken Prägung die der Begriff „Sozialverträglichkeit“ durch die partizipative Technikfolgenabschätzung erhalten hat, erscheint es unumgänglich, die von Meyer-Abich und anderen in der Folgezeit durchgeführten Sozialverträglichkeitskonzepte zumindest kurz zu diskutieren. In der von Meyer-Abich, Schefold und Weizsäcker in den achtziger Jahren herausgegebenen Studienreihe zur „Sozialverträglichkeit von Energiesystemen“ sollten die verschiedenen Energieoptionen im Hinblick auf ihre „Verträglichkeit mit der gesellschaftlichen Ordnung und Entwicklung“ un39
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Erstmalig in: K. M. Meyer-Abich: Gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen des Energiesektors, in: Zukunft Energie – Trends und Alternativen. Schriftenreihe des Instituts für Zukunftsforschung Bd. 54, Berlin 1976; ders.: Soziale Verträglichkeit – ein Kriterium zur Beurteilung alternativer Energieversorgungssysteme, in: Evangelische Theologie 1, Januar / Februar 1979, S. 447–462; ders.: Die Menschheit und das Feuer. Zur Sozialverträglichkeit der Energieversorgung seit Prometheus, in: Scheidewege, Heft 2. Jahrgang 9, 1979, S. 474–462. Vgl. dazu vor allem: Meyer-Abich / Schefold: Wie möchten wir in Zukunft leben. Der „harte“ und der „sanfte“ Weg, München 1981, S. 23 ff. und 105 ff. [= Die Sozialverträglichkeit von Energiesystemen Bd. 1]; sowie dieselben: Die Grenzen der Atomwirtschaft, München 1986, S. 78 ff [= Bd. 8].
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tersucht werden.41 Damit lassen sich diese Studien dem Bereich der partizipativen Technikfolgenabschätzung zuordnen, die ihren normativen Maßstab für die Bewertung von Technik aus in der Gesellschaft faktisch vorfindbaren Wertüberzeugungen ableiten.42 Im Zentrum der Sozialverträglichkeitsstudien standen dabei hauptsächlich die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen einer verstärkten Kernenergienutzung. Ihre Ausdehnung, so etwa die Befürchtung des Juristen Rossnagel in Band 3 der Reihe, beinhalte wegen ihrer Sicherheitsrisiken eine gefährliche Tendenz zur Verstärkung obrigkeitlicher Strukturen bis hin zur Entstehung eines Polizeistaates.43 Bei aller Berechtigung des Hinweises auf sicherheitspolitische Risiken der Kernenergie, die an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, erscheint aus heutiger Sicht die Stoßrichtung des Projektes „Sozialverträglichkeit“ zu einseitig und dies in einem doppelten Sinne: Einmal fokussierte es einseitig auf Fragen der Sozialverträglichkeit einer bestimmten Primärenergiequelle, nämlich die Kernenergie, und zum anderen innerhalb dieser Technologie wiederum einseitig nur auf die technischen und sozialen Risiken, d. h. mögliche mit der Energieerzeugung verbundene unerwünschte Nebenfolgen. Durch diese Fokussierung geriet der eigentliche Zweck der Kernenergienutzung, nämlich die sichere und ausreichende Bereitstellung von elektrischer Energie, an den Rand der Betrachtung. Als besonders problematisch erscheint rückblickend, dass im Rahmen des Projektes Sozialverträglichkeit auch über normative gesellschaftspolitische Leitbilder definiert worden ist.44 Hinter diesem Konzept hat die Vorstellung gestanden, dass mit der Option für ein bestimmtes Energiesystem zugleich auch eine Vorentscheidung über die Wahl eines bestimmten Lebens- und Wirtschaftsstils getroffen werde. Dabei wurde dem Sonnenenergiepfad S ein ganzheitlicher, „sanfter“ und postmaterialistischer Lebensstil, der Kernenergievariante K hingegen ein technikzentrierter „harter“ und konsumorientierter Lebensstil zugeordnet.45 Da die Wirtschaftlichkeit der beiden Energiepfade im Rahmen der Studie als gleichwertig beurteilt worden ist,46 haben Meyer-Abich und
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Meyer-Abich / Schefold 1981, S. 98; zur forschungspolitischen Einordnung der Studie vgl. B. Schefold: Ausstieg oder Ausbau?, in: D. Schmitt: Handbuch Energie, Pfullingen 1990, S. 143–155. Vgl. C.F. Gethmann, A. Grunwald: Technikfolgenabschätzung: Konzeptionen im Überblick, Graue Reihe Nr. 1, Bad Neuenahr-Ahrweiler 1996, S. 19. vgl. dazu vor allem Bd. 3 der Reihe zur Sozialverträglichkeit von Energiesystemen von A. Rossnagel: Bedroht die Kernenergie unsere Freiheit, 2. Auflg. München 1983, eine gegenteilige Position bei: H. Hoffmann: Rechtsfragen der atomaren Entsorgung, Stuttgart 1981. Meyer Abich / Schefold 1986, S. 78 ff., besonders S. 90 ff. ebd.; vgl. dies. München 1981, S. 23 ff. Meyer-Abich / Schefold 1986, S. 97–122.
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Schefold versichert, es sei ein Klischee, dass man mit der Sonnenenergie „nicht nur einfacher leben könne, sondern dies auch müsse“ 47. Der entscheidende Vorteil der Sonnenvariante liege jedoch in der Chance „die Technik kulturell einzubetten und sie dem Lebensstil nachzuordnen“, während im Energiesystem K „eine solche lebensstilorientierte Variante“ eben nicht bestehe, „weil es hier um ein reichliches und möglichst billiges Energieangebot geht“ 48 Das gesamte Projekt beruht somit auf zwei problematischen und systematisch nicht näher begründeten Grundannahmen, zum einen dass mit der Option für eine bestimmte Primärenergiequelle zugleich eine Festlegung auf einen bestimmten Lebensstil erfolgt, zum anderen die klare Präferenz der Autoren für einen bestimmten, nämlich alternativen Lebensstil. Zunächst ist fraglich, ob die Option für eine bestimmte Primärenergiequelle sowohl den Einzelnen als auch die ganze Gesellschaft tatsächlich zugleich auf einen bestimmten Lebensstil festlegt. Diese These ist weder a priori einsichtig, noch ist sie empirisch belegt. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern ein einseitig auf der Kernenergie als Primärenergiequelle aufbauendes Elektrizitätssystem, wie es z. B. in Frankreich existiert, Menschen daran hindert einen ganzheitlichen und bescheidenen Lebensstil zu führen, sofern sie dies wünschen. Umgekehrt dürfte unstrittig sein, dass bei unwirtschaftlichen Energieoptionen in jedem Fall ein Zusammenhang zwischen Energieoption und Lebensstil besteht, allerdings ein negativer: In einer Gesellschaft, in der Energie extrem knapp ist, besteht für das Gros der Bevölkerung faktisch keine Option auf einen konsumorientierten Lebensstil. Die Fixierung der genannten Studien auf die politischen Risiken eines „möglichst billigen Energieangebots“ haben die ebenfalls erheblichen Risiken einer verringerten Versorgungssicherheit zu Unrecht in den Hintergrund treten lassen.49 Die zweite problematische Vorannahme des Projektes ist die teils implizit teils explizit gemachte Präferenz der Autoren für einen alternativen Lebensstil im Sinne eines normativen gesellschaftlichen Leitbildes. Pro-
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ebd., S. 90. ebd. In Band 1 der Reihe vermerkt Meyer-Abich beiläufig: „Inzwischen heißt es auch in der entgegengesetzten Richtung, das Leben mit den Alternativen werde ebenfalls keine reine Freude sein, und insbesondere die (…) favorisierte Nutzung der Energiequelle Energieeinsparung werden einen dirigistischen Kalorienstaat hervorbringen, in dem z. B. Blockwarte darauf Acht haben, dass nur ja niemand zuviel heizt. Das in beiden Fällen [gemeint sind die Kernenergie und Sonnenenergie] angesprochene Problem ist dasselbe [nämlich die Festlegung auf einen bestimmten Lebensstil durch die Wahl der Energiequelle] (…)“ (Meyer-Abich / Schefold 1981, S. 97, Einfügungen durch die Autoren).
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
blematisch an gesellschaftlichen Leitbildern ist vor allem ihre fehlende Verallgemeinerungsfähigkeit. Während die im Rahmen des Projektes von Rossnagel eingeführte Verfassungsverträglichkeit noch auf einen allgemein anerkannten Ordnungsrahmen verweist, um so einen breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen50, ist die verschiedentlich von Schefold und Meyer-Abich vorgetragene Option für einen „sanft“ genannten bescheidenen Lebens- und Wirtschaftsstil nicht verallgemeinerbar. Moderne Gesellschaften sind durch einen Pluralismus von Lebensentwürfen und das Fehlen verbindlicher Vorstellungen von einem „guten Leben“ gekennzeichnet und dies insbesondere auch in Fragen des Konsums. Der moderne Staat verzichtet im Rahmen einer Konfliktvermeidungsstrategie auf verbindliche Vorgaben für die individuelle Lebensgestaltung. So können Bürger im Rahmen ihrer Kaufkraft selbst über ihren Lebensund Konsumstil entscheiden. Das Kriterium der Sozialverträglichkeit muss diesem Pluralismus Rechnung tragen, wenn es verallgemeinerungsfähig sein soll. Es kann nicht Aufgabe einer Sozialverträglichkeitsstudie sein, ein bestimmtes Konsumverhalten als moralisch verbindlich auszuzeichnen. Eine jüngere Form der partizipativen Technikfolgenabschätzung sind die an der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg unter Leitung von Ortwin Renn praktizierten Bürgerforen. Dort wurden Ende der neunziger Jahre durch Heinz-Ulrich Nennen und Georg Hörning mehrere Workshops mit nach Alter, Beruf und Werthaltung heterogen zusammengesetzten Bürgergruppen abgehalten, um so Einsichten in die Akzeptanz bestimmter Energietechnologien und möglicher CO2-Reduktionsstrategien gewinnen zu können.51 Anders als bei reinen Meinungsumfragen werden die Bürger in solchen Foren vor ihrem Votum durch Vertreter unterschiedlicher Fachgebiete und verschiedener forschungspolitischer Standpunkte intensiv über den zu bewertenden Gegenstand informiert. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass alle Teilnehmer über einen möglichst gleichen Informationsstand verfügen. Zum anderen können sich die Teilnehmer, da sich die Bürgerforen über einen Zeitraum mehrerer Tag erstrecken, in Kleingruppen intensiv über die anstehenden Themen austauschen und so ein höheres Reflexionsniveau erreichen. Wegen dieser Rahmenbedingungen glaubt Hörning, „dass die Ergebnisse der Bürgerforen trotz der relativ geringen Teilnehmerzahl und ihrer nicht repräsentativen Zusammensetzung valide Empfehlungen geben kön-
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vgl. Rossnagel 1981. Vgl. H.U. Nennen: Zur Bewertung potenzieller Technikfolgen im Diskurs ‚Energie und Ethik‘, in: H.U. Nennen / G. Hörning (Hrsg.): Energie und Ethik. Leitbilder im philosophischen Diskurs, Frankfurt a. M. 1999, S. 19–43.
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nen, für Lösungswege, die mit Zustimmung rechnen dürfen oder gar begrüßt würden“.52 Ähnlich wie Meyer-Abich gehen auch Nennen und Hörning in ihrer Studie von einem engen Zusammenhang zwischen Energietechnologien und Lebensstilen aus, weshalb den Bürgern im Rahmen der Bürgerforen verschiedene „Energiepfade“ zur Abstimmung vorgelegt wurden. Im Gegensatz zu den vorher skizzierten Sozialverträglichkeitsstudien vermeidet das Abstimmungsmodell allerdings den Fehler einer Parteinahme zugunsten eines bestimmten Lebensstils. Den anwesenden Bürgern wurden vier denkbare CO2-Reduktionsszenarien A,B,C und D zur Abstimmung vorgelegt. Von diesen Szenarien erreicht das Szenario A, das „business as usual“ vorsieht, keine nennenswerte CO2-Reduktion, während die Szenarien B,C und D eine 45 % Reduktion bis zum Jahr 2020 erreichen. Während Szenario B unter Einschluss der Kernenergie ausschließlich auf technische Lösungen setzt, sind bei Szenario C „begrenzte Abstriche bei den Konsumansprüchen gerechtfertigt“ und Szenario D erfordert sogar eine „betont ökologisch orientierte Lebensweise“.53 In den Bürgerforen votierte eine absolute Mehrheit der Beteiligten für das Szenario C also eine CO2-Reduktionsstrategie der begrenzten Konsumabstriche und langfristigem Ausstieg aus der Kernenergie. Trotz der beschriebenen Vorteile dieses Modells gegenüber Meinungsumfragen, ist hinsichtlich der Aussagekraft von Voten in Bürgerforen Skepsis angebracht. Es ist durchaus fraglich, ob Bürger, die im Rahmen eines Forums unverbindlich für Konsumabstriche votieren, auch in der Praxis dazu bereit sind. Insofern in Bürgerforen Rahmenbedingungen gegeben sind, die „Diskurse zur Überprüfung von Geltungsansprüchen“ 54 ermöglichen, erreichen sie allerdings ein weitaus höheres Maß an Rationalität, als sie durch die bloße Erfragung von Meinungen erreicht werden kann. Die Zusammenschau einiger Sozialverträglichkeitsstudien hat gezeigt, dass die Verknüpfung von Fragen der Sozialverträglichkeit mit solchen des Lebensstils schwierige geltungslogische und methodologische Probleme aufwirft und daher möglichst vermieden werden sollte. Wenn das Kriterium der Sozialverträglichkeit verallgemeinerungsfähig sein soll, dürfen die verschiedenen Lebensstile nicht bewertet werden. Umgekehrt kann aus der Neutralitätsthese abgeleitet werden, dass die Option für ein Energiesystem Menschen in der Wahl ihrer Lebensentwürfe möglichst nicht einschränken sollte.
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Hörning ebd., S. 288. Ebd., S. 12. Ebd., S. 289.
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Im Gegensatz zu den vorher diskutierten Studien, die eine Einschränkung von Lebensentwürfen durch die Option für eine bestimmte Primärenergiequelle postulieren, wird hier die Auffassung vertreten, dass mögliche Einschränkungen in erster Linie von der Wirtschaftlichkeit eines Energiesystems abhängen. Zwischen wirtschaftlichen und unwirtschaftlichen Energiesystemen besteht eine offenkundig unsymmetrische Beziehung: Energiesysteme, die eine möglichst preiswerte und sichere Energiebereitstellung garantieren, legen niemanden in seinem Lebensstil fest, steigende Energiepreise ziehen jedoch steigende Lebenshaltungskosten nach sich und erzwingen somit zwangläufig Konsumbeschränkungen. Eine sozialverträgliche Energieversorgung muss in erster Linie eine sichere und preiswerte Versorgung mit Nutzenergie gewährleisten. Von daher kann die Frage nach der Sozialverträglichkeit von Energiesystemen nicht getrennt von der Frage nach ihrer Wirtschaftlichkeit, insbesondere ihrer Versorgungssicherheit, diskutiert werden. Aufgabe der Politik sollte es daher vor allem sein, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine ausreichende Versorgungssicherheit zu schaffen, auf deren Grundlage individuelle Lebensstile überhaupt erst entfaltet werden können. Die Sicherstellung der Versorgungssicherheit im Energiebereich sollte ein zentrales Element jeder staatlichen Wohlfahrtspolitik sein. Weiterhin hat der Staat die Aufgabe, die Einhaltung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Standards bei der Implementierung und Ausweitung von Energiesystemen zu garantieren und so individuelle Freiheitsrechte zu schützen. Sozialverträglichkeit wird also durch die Schaffung eines ordnungspolitischen Rahmens für die Energiewirtschaft hergestellt, nicht jedoch durch die Option für bestimmte Primärenergiequellen oder Lebensstile. Die beiden Säulen eines sozialverträglichen Ordnungsrahmens sollten dabei Wohlfahrt und Rechtsstaatlichkeit sein. Worin die Aufgabe des Staates als Garantiemacht jeweils besteht, soll im Folgenden kurz entfaltet werden. Eine sichere und preiswerte Energieversorgung bildet die Grundvoraussetzung einer jeden modernen Wirtschaft und damit zugleich für den Wohlstand einer Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass alle modernen Staaten bemüht sind, einen ordnungspolitischen Rahmen für eine hohe Versorgungssicherheit zu schaffen. Darüber hinaus beinhaltet die allgemeinverbindlich erhobene Forderung nach Verzicht auf Energiedienstleistungen ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial, das durchaus mit dem Konfliktpotenzial fehlender Risikoakzeptanz verglichen werden kann. Da die Bedeutung der Versorgungssicherheit und ausreichenden Befriedigung der Nachfrage bereits unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit diskutiert worden sind (vgl. 1.2.1.1), können die damit zusammenhängenden Fragen hier unerörtert bleiben.
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Die Diskussion verschiedener Studien hat gezeigt, dass die Frage nach der Sozialverträglichkeit von Energiesystemen aus methodischen Gründen nicht mit Fragen nach dem guten Leben vermengt werden sollte. Andererseits ist auch klar, dass Sozialverträglichkeit nicht völlig losgelöst von einem normativen Rahmen verstanden werden kann. Als ein solcher normativer Rahmen bieten sich die freiheitlichen Grundrechte der westlichen Verfassungstradition an.55 Einerseits tendiert die Entwicklung des liberalen westlichen Verfassungsstaates seit seinen Anfängen dahin, dass der Staat seinen Bürgern keine inhaltlichen Vorgaben hinsichtlich der individuellen Lebensgestaltung macht. Andererseits hat sich aber, angefangen mit der „bill of rights“, auch die Überzeugung durchgesetzt, dass der Staat allen Bürgern ein Recht auf individuelle Freiheitsrechte als Voraussetzung für individuelle Autonomie garantieren sollte. Die liberalen Freiheitsrechte sind im weiteren historischen Verlauf um soziale Rechte, wie das auf Arbeit oder die staatliche Garantie eines minimalen Lebensstandards, ausgedehnt worden. Der in der westlichen Verfassungstradition verankerte Grundrechtskatalog hat 1948 auch Eingang in die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ gefunden und ist von fast allen UN-Mitgliedsstaaten ratifiziert worden. Die darin zum Ausdruck kommenden Normen können daher als ein weltweiter ethischer Minimalkonsens aufgefasst werden, auch wenn einige Unterzeichnerstaaten Menschenrechte in der Praxis nicht respektieren. Die in der Menschenrechtsdeklaration genannten Grundrechte formulieren keine allgemeinverbindlichen Normen guten Lebens, sind aber zugleich spezifisch genug, einen allgemeinen Rahmen für Sozialverträglichkeit zu definieren. Folgende Grundrechtsartikel der UN-Menschenrechtsdeklaration von 1948 sind im Hinblick auf Energiesysteme besonders relevant 56: – Artikel 3: Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. – Artikel 17: (…) Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden. – Artikel 19: Jedermann hat das Recht auf Freiheit der Meinung und Meinungsäußerung. – Artikel 23: Jedermann hat das Recht auf (…) angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen (…) das Recht auf gerechte und günstige
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Dieser Weg wurde z. T. auch bereits im Rahmen des oben diskutierten Sozialverträglichkeitsprojektes diskutiert, vgl. Meyer-Abich / Schefold 1986, S. 78 ff. Zitiert nach: Menschenrechte in der Welt. Konventionen, Erklärungen, Perspektiven, hrsg. vom Auswärtigen Amt, 7. Auflg. Bonn 1989.
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Entlohnung (…) das Recht zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden (…) – Artikel 25 Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard (…) Die hier zitierten Grundrechte sollten der modernen Menschenrechtsidee folgend in allen Ländern und allen gesellschaftlichen Teilbereichen universelle Geltung genießen. Ihre Einhaltung für den Bereich der Energiewirtschaft noch einmal gesondert einzufordern, mag vor diesem Hintergrund überflüssig erscheinen. Dabei ist jedoch zweierlei zu bedenken. Zum einen ist in weiten Teilen der Welt die Anerkennung von Menschenrechtsstandards keine geübte Praxis, zum anderen ist gerade der Energiesektor wegen seiner oft massiven Eingriffe in die Lebensbedingungen einzelner Menschen und ganzer Völker besonders konfliktträchtig und damit anfällig für Menschenrechtsverstöße.57 Die Forderung nach der Einhaltung von Menschenrechtsstandards im Energiesektor ist also keineswegs trivial. Auf dieser Grundlage lassen sich im Hinblick auf die Sozialverträglichkeit von Energiesystemen folgende Praxisnormen formulieren: x
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Menschen dürfen durch Energiesysteme nicht in ihrem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verletzt werden. Dies betrifft alle Stufen der Energiebereitstellung, von der Gewinnung von Energierohstoffen, über die Energieerzeugung und den Transport von Energie. Unvermeidliche Risiken im Zusammenhang mit der Erzeugung und – Bereitstellung von Energie müssen so niedrig wie möglich gehalten und gegen den Nutzen abgewogen werden. Menschen, die im Zusammenhang mit Energiegewinnung, z. B. beim Bau von Großstaudämmen oder durch Braunkohletagebau, umgesiedelt werden und ihr immobiles Eigentum verlieren, müssen für den Verlust angemessen entschädigt werden. Die Interessen solcher potenziell von Zwangsumsiedlungen betroffener Menschen sind sehr sorgfältig gegen den gesamtgesellschaftlichen Nutzen und mögliche Alternativen der Energieerzeugung abzuwägen. Bei umstrittenen Projekten im Bereich der Energieversorgung müssen alle faktisch oder potenziell Betroffenen das Recht haben, ihre Interessen in den politischen Diskurs einzubringen. Vgl. exemplarisch die Zusammenstellung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ über Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Gewinnung von Erdöl: Dokumentation schmutziges Öl, Pogrom – bedrohte Völker, Nr. 210, Heft 3 2001 [online unter www.gfbv.de Stand 2/2003].
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Diese drei Normen basieren auf liberalen Freiheitsrechten, die vor allem staatliche Eingriffe in die individuelle Sphäre regeln. Sie werden um soziale Normen auf Grundlage der Artikel 23 und 25 ergänzt: x
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Keine der im Energiesektor arbeitenden Personen sollte unzumutbaren Risiken oder entwürdigenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt werden. Die Beschäftigten haben ein Recht auf Information über eventuelle Gesundheitsrisiken, die aus ihrer Tätigkeit entspringen. Sie müssen ihnen freiwillig zustimmen und gegebenenfalls durch höhere Löhne oder andere Vergünstigungen für diese Risiken kompensiert werden. Dies setzt das Recht auf gewerkschaftliche Organisation voraus. Die Energiesysteme eines Landes sollten so beschaffen sein, dass allen Menschen genügend Energie für ein menschenwürdiges Leben bereitgestellt werden kann. Daher sollte allen Menschen ein Zugang zu kommerzieller Energie gewährt werden.
Zweifellos sind die hier aufgeführten Grundrechte in der Praxis demokratischer Staaten bereits verwirklicht. Die Durchführung eines großindustriellen Projektes, bei der Menschen durch den Staat entschädigungslos enteignet oder in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt würden, ist hier praktisch undenkbar (auch wenn in der Rechtspraxis in Einzelfällen bisweilen Verstöße auftreten mögen). Einhaltung von Menschenrechtsstandards im Energiesektor Besonders in Entwicklungsländern ist der Energiesektor wegen einer oft nur schwach entwickelten Rechtsstaatlichkeit anfällig für Menschenrechtsverstöße. Die Verantwortung für diese Verstöße liegt zweifellos primär bei den nationalen Regierungen. Gerade im Energiesektor haben demokratische Staaten jedoch die Möglichkeit über international operierende Energiekonzerne und Banken Einfluss auf die Einhaltung von Menschenrechtsstandards zu nehmen. In der Vergangenheit ist es insbesondere im Erdöl- und Erdgassektor regelmäßig zu Konflikten zwischen westlichen Konzernen und lokal ansässigen ethnischen Minderheiten gekommen. Die Struktur dieser Konflikte ist in allen Fällen ähnlich. In der Regel lassen sich internationale Konzerne in Verkennung der oftmals nur schwach ausgeprägten Rechtsstaatlichkeit dieser Länder Förderkonzessionen durch die jeweiligen Regierungen erteilen. Die vor Ort durch die Förderung unmittelbar betroffenen lokalen Bevölkerungsgruppen haben jedoch meistens keine Chance an den vorausgehenden Entscheidungsprozessen zu partizipieren und fühlen sich daher auch nicht an die Verträge gebunden.
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Die Folge sind dann oftmals gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Firmenmitarbeitern und Einheimischen. Wegen weit verbreiteter politischer Korruption partizipieren die lokalen Bevölkerungsgruppen zudem oft nicht an den Gewinnen der Rohstoffförderung, so dass ungerechte Chancen-Risiken-Verteilungen entstehen. Konflikte zwischen Energiekonzernen und ethnischen Gruppen treten aber auch in Staaten mit einer starken Binnenkolonisation wie Brasilien oder Russland auf. In Sibirien etwa ist durch die Aktivitäten der Erdgasindustrie der Lebensraum des Nomadenvolks der Nenzen noch zu Sowjetzeiten weitgehend zerstört worden, ohne dass diese an den Gewinnen aus der Erdgasförderung beteiligt worden wären.58 Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Konflikte haben unter der Federführung von „Brot für die Welt“ die Hilfswerke der Kirchen in Europa zusammen mit internationalen Menschenrechts- und Umweltorganisationen im Herbst 2000 unter dem Titel „Prinzipien für die Durchführung von Konzernaktivitäten in der Erdöl- und Erdgasindustrie unter besonderer Berücksichtigung von ökologisch und sozial sensiblen Gebieten“ einen Vorschlag für einen Verhaltenskodex der Erdöl- und Erdgasindustrie unterbreitet.59 Dieser Kodex sieht insbesondere eine intensive Beteiligung aller betroffenen Gruppen im Rahmen von Explorationsvorhaben vor. Anerkannte Verhaltenskodizes könnten die Basis für freiwillige standesethische Verpflichtungen international operierender Energiekonzerne bilden und einen wichtigen Beitrag zu einer Stärkung der Menschenrechtssituation im Energiesektor leisten. Ein anderes potenziell konfliktträchtiges Feld im Energiesektor sind Großstaudämme. Bei der Errichtung von Großstaudämmen ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Menschenrechtsverstößen gekommen. Nach Schätzungen der Weltkommission für Staudämme wurden im 20. Jahrhundert zwischen 40 bis 80 Millionen Menschen im Rahmen von Staudammprojekten umgesiedelt oder vertrieben.60 Die Weltkommission für Staudämme unter Leitung von Professor Asmal wurde 1998 von der UNO eingerichtet, um vergangene Projekte auf ihren Nutzen hin zu bewerten und Verfahrensrichtlinien für den Bau zu-
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Vgl. C. G. Hohenthal: Die Zivilisation stemmt sich gegen die Wildnis. Fast am Ende der Welt: Sibirien und das Erdgas, FAZ 1. 4. 89. Principles for the conduct of company operations within the oil and gas industry with particular emphasis on ecologically and socially sensitive areas, a discussion paper, hrsg. von Brot für die Welt, August 2000. Weltkommission für Staudämme (Hrsg.): Staudämme und Entwicklung: ein neuer Rahmen zur Entscheidungsfindung, Bericht der Weltkommission für Staudämme. Ein Überblick – 16. 11. 2000, S. 4; unter www.dams.org [Stand Mai 2003].
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künftiger Großstaudämme 61 festzulegen. Diese Kommission hat in ihrem im November 2000 vorgelegten vorläufigen Abschlussbericht erstmals einen umfassenden Kriterienkatalog und Verfahrensrichtlinien für die Vorgehensweise beim Bau von Großstaudämmen vorgelegt.62 Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie ist, dass in der Vergangenheit der weitaus größte Teil der Menschen, die vom Bau von Großstaudämmen betroffen gewesen sind, nicht gleichberechtigt in den Entscheidungsprozeß einbezogen worden sind. Diese Menschen sind Risiken ausgesetzt worden, die ihre Lebensqualität verringert haben, ohne dass sie gleichberechtigt an den Chancen partizipieren konnten. Die Weltkommission empfiehlt daher im Hinblick auf den Bau zukünftiger Staudämme einen „Rechte und Risiken“ Ansatz, in dessen Rahmen die Menschenrechte der Betroffenen gewahrt werden (Rechte) und zugleich eine möglichst faire Chancen-Risiko-Verteilung angestrebt wird (Risiken).63 Wie schwierig die Einbindung Betroffener in der Praxis oft ist, zeigt der aktuelle Konflikt um den geplanten Epupa-Damm an der Grenze zwischen Namibia und Angola, der den Lebensraum des auf vorstaatlichem Niveau lebenden Hirtenvolkes der Himba bedroht.64 Auch das Beispiel der Großstaudämme verdeutlicht, wie schnell energiewirtschaftliche Ziele mit rechtsstaatlichen Standards in Konflikt geraten können. Vor der Einführung oder Ausweitung eines Energiesystems sollte im konkreten Einzelfall daher jeweils sehr genau geprüft werden, ob alle faktisch oder potenziell Betroffenen eine Chance haben, ihre Interessen im politischen Diskurs geltend zu machen. Menschenrechtsverletzungen sind in der Vergangenheit sowohl im Zusammenhang mit der Förderung von Öl-, Gas- oder Uranreserven aufgetreten, wie beim Bau von Großstaudämmen. Es sind also nicht die Primärenergiequellen, sondern politische Rahmenbedingungen, d. h. in erster Linie die jeweilige Menschenrechtssituation vor Ort, die darüber entscheiden, ob die Nutzung einer Energiequelle sozialverträglich verläuft. Der Bau eines Großstaudamms, der in einem demokratischen Land unter Wahrung von Rechtsstandards abläuft, kann in einem anderen Land von schweren Menschenrechtsverletzungen begleitet sein. Das hier vorgetragene Verständnis von Sozialverträglichkeit unterscheidet sich damit dezidiert von einem Essentialismus, der Sozialverträglich-
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Nach der Definition der UN-Staudammkommission handelt es sich um einen Großstaudamm, wenn der Damm eine Höhe von 15 m oder mehr erreicht und sein Speichervolumen 3 Millionen Kubikmeter überschreitet. ebd. ebd., S. 19. C. Ezzell: Die Himba und der große Damm, in: Spektrum der Wissenschaft, 04/2002, S. 74–83.
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keit als eine intrinsische Eigenschaft von Energiesystemen auffasst. In diesem essentialistischen Verständnis sind fossile und nukleare Energiesysteme per se weniger sozialverträglich als solche auf der Basis von erneuerbaren Energien; eine Vorstellung, die schon durch die Wahl der Attribute „hart“ und „sanft“ evoziert wird.65 Probleme der Risikoakzeptanz Energiesysteme beinhalten großindustrielle Projekte der Energieerzeugung, der Aufbereitung und Distribution, die oft mit erheblichem Flächenverbrauch und unterschiedlichen technischen Risikozumutungen für große Bevölkerungsgruppen verbunden sein können. Solche großindustriellen Projekte stoßen in vielen westlichen Industriegesellschaften zunehmend auf Ablehnung in der Bevölkerung. Fehlende Akzeptanz birgt ein erhebliches gesellschaftliches Konfliktpotenzial und kann bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen führen, durch die Großprojekte vollständig blockiert werden.66 Konflikte stellen volkswirtschaftliche Kosten dar, die das Gemeinwesen belasten. Daher sollte jede Gesellschaft ein verständliches Interesse haben, Zahl und Umfang von Konfliktfeldern möglichst gering zu halten. Auch wenn in der Bevölkerung vorhandene Ängste vor als riskant wahrgenommenen Technologien rational oft nicht begründet sind, so stellen sie doch bei der Planung und Durchführung großindustrieller Projekte eine ernst zu nehmende Größe dar. In der Frage der Akzeptanzproblematik ist zunächst die wichtige Unterscheidung zu treffen, ob die Ablehnung bestimmter Formen der Energieerzeugung nur von lokal betroffenen Gruppen ausgeht, denen bestimmte Nachteile zugemutet werden, oder von breiten Bevölkerungskreisen geteilt wird. In modernen Wohlfahrtsstaaten existiert eine weitverbreitete Haltung, die Leistungen gesellschaftlicher Institutionen mit großer Selbstverständlichkeit in Anspruch zu nehmen, ohne zu den Kosten beizutragen, bzw. gegebenenfalls auch Risiken in Kauf zu nehmen. So besteht ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens über die Notwendigkeit einer zuverlässigen und preisgünstigen Energieversorgung, die sichere Verwahrung von psychisch kranken Straftätern und ein effizientes Verkehrssystem.
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vgl. den Untertitel „Der ‚harte‘ und der ‚sanfte‘ Weg“ bei Meyer-Abich / Schefold 1981. Einen Überblick über die die teilweise militanten Auseinandersetzungen um die Kernenergie in Deutschland bietet: A. Ohme-Reinicke: Moderne Maschinenstürmer. Zum Technikverständnis sozialer Bewegungen seit 1968, Frankfurt a.M. 2000, S. 147 ff.
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Dennoch stoßen Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente, forensische Kliniken und der Bau von Autobahnen in der Regel auf den erbitterten Widerstand betroffener Anwohner, sobald konkrete Standortvorschläge in die Öffentlichkeit gelangen. Solange die Notwendigkeit der genannten Zwecke auch durch die Anwohner bejaht wird, ist diese weitverbreitete „Nicht-in-meinem-Hinterhof-Mentalität“ nicht verallgemeinerbar und damit inkonsistent. Die Mentalität der betroffenen Anwohner, die sich meist in Bürgerinitiativen zusammenschließen, ist entgegen ihrem Selbstverständnis paradoxerweise sogar unpolitisch, weil sie häufig ihre partikularen Privatinteressen über Belange der Allgemeinheit stellen. Symptomatisch für diese Haltung ist das Ergebnis einer im Auftrag des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd / BMU) durchgeführten Umfrage. Demnach halten 53 % der befragten Bundesbürger die Errichtung eines Endlagers für dringlich, zugleich würden aber 80,6 % die Umsetzung eines Endlagers in ihrer eigenen Region ablehnen.67 Bestimmte Projekte, wie etwa die Zerstörung eines Dorfes durch den Braunkohletagebau, werden wegen des Verlustes nur schwer kompensierbarer Werte wie Geborgenheit niemals die Zustimmung der betroffenen Menschen finden. Bei bestimmten größeren Eingriffen, die mit erheblichen Nachteilen für die Betroffenen verbunden sind, scheint es daher wenig aussichtsreich, eine vollständige Zustimmung aller betroffenen Individuen zur Voraussetzung ihrer Legitimität zu machen. Ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen würde handlungsunfähig, wenn es nicht mehr in der Lage ist, gesamtgesellschaftliche gegen partikulare Interessen durchzusetzen. Betroffene Anwohner können in demokratischen Staaten ihre Interessen im öffentlichen Diskurs geltend machen und alle rechtsstaatlichen Mittel zur Verhinderung eines bestimmten Projektes ausschöpfen. Aus alledem folgt, dass die Zustimmung von Anwohnern zu technischen Großprojekten kein alleiniges Kriterium für die Gesamtbeurteilung ihrer Sozialverträglichkeit sein kann, einmal weil solche Akzeptanzprobleme auch bei nichttechnischen Einrichtungen auftreten, deren Notwendigkeit unstrittig ist – man denke z. B. an forensische Kliniken – zum anderen, weil die Ablehnung betroffener Anwohner sich mittlerweile gegen fast alle Formen und Stufen der Energiegewinnung und -Bereitstellung richtet. Im Bereich der Energieerzeugung richten sich Bürgerinitiativen heute nicht nur gegen Landschaftsverbrauch durch Braunkohletagebaue, Bergsenkungen durch Untertagebergbau oder die Risiken von Kernkraftwerken, sondern neuerdings verstärkt auch gegen „neue“ erneuerbare Energien wie Windparks sowie Müll- und Klärschlammverbrennungsanlagen. Allein 67
Vgl. „Endlager gesucht“, in: Energieperspektiven 1/2003; ähnlich Ergebnisse finden sich auch in der EU-Umfrage zu Endlagern: EU (Hrsg.): Europeans and radioactive waste, report by INRA (Europe), Brüssel 1999 [11/00452/99], S. 55–72.
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in Deutschland existieren im Jahre 2002 rund 500 Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen, neuerdings auch gegen Offshore-Windparks vor der deutschen Küste. Die einzelnen Initiativen, von denen jede einzelne für sich die Verfolgung rationaler Ziele beansprucht, führen sich in der Summe selbst ad absurdum, da sich die Proteste gegen Energiesysteme auf der Basis fossiler, nuklearer und erneuerbarer Energien richten. Technische Risiken stoßen in der Gegenwart zunehmend auf Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung. Der Einsatz einiger Technologien – prominente Beispiele sind die Kerntechnik, die Großchemie und die Gentechnik – werden unabhängig von der direkten persönlichen Betroffenheit durch konkrete Vorhaben in breiten Bevölkerungskreisen abgelehnt. Im Mittelpunkt dieser Ablehnung steht meist die Befürchtung, dass von diesen Technologien neuartige und unkalkulierbare Risiken ausgehen, von denen potenziell jeder betroffen sein kann. Die im Zusammenhang mit der Einführung neuer Technologien vorhandenen Ängste sind lange Zeit politisch nicht ernst genommen worden, was zu massiven gesellschaftlichen Konflikten geführt hat. So wurden bei der Einführung der Kernenergie die Sicherheitsstandards in der Regel durch Ingenieure und Verwaltungsbeamte anhand von bewährten technischen Normen festgelegt. Die mit dieser Technologie verbundenen Risiken im Normalbetrieb, nach Störfällen und großen Unfällen wurden dabei mit Wahrscheinlichkeiten belegt, die in der breiten Öffentlichkeit oftmals auf Unverständnis stießen. Die Folge waren massive Akzeptanzschwierigkeiten. Bei der Festlegung dieser technischen Sicherheitsstandards und Risikowerte wurde nicht bedacht, dass technische Normen allein einer Gesellschaft nicht den schwierigen Diskurs um die Frage ersetzen können, welches Risiko sie in Relation zu einem gegebenen Nutzen in Kauf zu nehmen bereit ist.68 Auf diese Frage kann die Technik qua technischer Normung allein keine Antwort geben. Sie vermag allerdings eine empirisch und wissenschaftlich fundierte Aussage über die Größe von Risiken zu treffen, und damit eine rationale Grundlage für den gesellschaftlichen Diskurs zu schaffen. Die massiven Akzeptanzprobleme der Kernenergie haben dazu geführt, dass die bis in die siebziger Jahre hinein von den Ingenieurwissenschaften dominierte Risikoforschung in weiten Teilen durch eine soziologische abgelöst worden ist. Der Risikobegriff der Soziologie orientiert sich dabei vor allem an empirisch vorfindbaren Risikowahrnehmungen in der Bevölkerung und einer soziologischen Rekonstruktion von Technik als gesellschaftlichem Teilbe68
Vgl. dazu ausführlich D. Birnbacher: Ethik und Heuchelei in der Risikodebatte, in: FZ Jülich et al. (Hrsg.): Ethik und Heuchelei, Bonn 2000, 156–177.
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reich. Als charakteristisch für dieses neue Risikoverständnis können die Arbeiten des Soziologen Ulrich Beck gelten. In seinem Werk „Risikogesellschaft“ kommt Beck zu dem Schluss, dass postmoderne Gesellschaften durch großtechnische Risiken mit einer sozial ungleichen Chancen-RisikoVerteilung und einer diffusen Risikozumutung charakterisiert sind.69 Der rationale Risikobegriff der Technik beruht demnach selbst bloß auf Konvention und dient letztlich nur der Rechtfertigung technokratisch dominierter Gesellschaftssysteme: „Gefahren werden zu Risiken kleingerechnet, wegverglichen und als unwahrscheinliche ‚Restrisiken‘ rechtlich und wissenschaftlich normalisiert, wodurch Proteste zu Ausbrüchen von ‚Irrationalität‘ stigmatisiert werden. Wer Grenzwerte hochsetzt, macht per Verwaltungsakt aus schwarz weiß, aus Gefahr Normalität.“ 70 Die dauerhafte Risikozumutung durch großtechnische Anlagen, die sich zudem der Kontrolle des Einzelnen entziehen, führt nach Beck dazu, dass der moderne Mensch großtechnischen Risiken letztlich mit derselben Hilflosigkeit gegenübersteht, mit der vormoderne Menschen Naturkatastrophen begegnet sind.71 Die soziologische Kritik am rationalen Risikobegriff der Ingenieurwissenschaften und ihre Hinwendung zur empirisch vorfindbaren Risikoakzeptanz in der Bevölkerung hat jedoch ihrerseits eine Reihe von Folgeproblemen nach sich gezogen. Das schwerwiegendste Problem, das eine auf dem soziologischen Risikoverständnis aufbauende partizipative Technikfolgenabschätzung aufwirft, besteht darin, dass die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung starken Verzerrungen unterliegt.72 Empirische Studien zur Risikowahrnehmung zeigen regelmäßig, dass die Risiken technischer Großunfälle, wie z. B. Flugzeugabstürze, im Bewusstsein der meisten Menschen vollkommen überrepräsentiert sind, während alltägliche Risiken, wie sie vom Rauchen oder Autofahren ausgehen, systematisch unterschätzt werden. Die Verzerrungen, denen die individuelle menschliche Risikowahrnehmung unterliegt, sind bei allen Menschen erstaunlich ähnlich73:
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73
U. Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M. 1986, insbesondere S. 25–111. U. Beck: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit, Frankfurt a.M. 1988, S. 104. Vgl. ebd., S. 115 ff., insbesondere S. 121. Vgl. z. B. die frühe Studie von B. Fischhoff, P. Slovic, S. Lichtenstein: How safe is safe enough? A psychometric study of attitudes towards technological risks and benefits, in: Policy Sciences 9 (1978), S. 127–152. Angaben nach Streffer et al.: Umweltstandards. Heidelberg 2000, S. 322ff.; sowie J. NidaRümelin: Orientierung in Situationen des Risikos und der Unsicherheit – entscheidungstheoretische und ethische Aspekte, in: Nennen / Hörning (Hrsg.) 1999, S. 54.
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Neuartige Risiken werden als bedrohlicher eingestuft als etablierte. Das mögliche Schadensausmaß ist im Bewusstsein stärker präsent als die Eintrittswahrscheinlichkeit. Räumlich oder zeitlich entfernt auftretende Folgen werden unabhängig von ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit als weniger bedrohlich wahrgenommen. Risiken, die freiwillig in Kauf genommen werden, oder auf die der handelnde, betroffene Mensch Einfluss zu haben glaubt, werden stärker akzeptiert als solche, denen man unfreiwillig ausgesetzt wird.
Auch innerhalb einzelner Risikokategorien bleibt die Wahrnehmung inkohärent: Wird nach der durchschnittlichen Kilometerzahl gefragt, nach der es beim PKW-Fahren zu einem tödlichen Unfall kommt, wird das Risiko um mehrere Größenordnungen überschätzt. Obwohl das Risiko, mit einem PKW tödlich zu verunglücken, maßlos überschätzt wird, nehmen die meisten der Befragten ganz selbstverständlich mit ihrem PKW am Straßenverkehr teil.74 Letzteres Beispiel zeigt, dass nicht nur zwischen der messbaren Risikorealität und der Risikowahrnehmung eine Differenz besteht, sondern zudem auch zwischen der verbal bekundeten Risikoeinschätzung von Individuen und derjenigen, die sich im praktischen Alltagshandeln offenbart (revealed preference).75 Die erstaunliche Folgenlosigkeit der Risikowahrnehmung für die Alltagspraxis spiegelt sich auch in der Wahrnehmung kollektiver Umweltrisiken. So hat eine repräsentative Befragung der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg ergeben, dass eine Mehrheit der Befragten von rund 50 % den Klimawandel noch vor BSE, Atomkraftwerken und anderen zivilisatorischen Gefahren für das Risiko mit dem größten Katastrophenpotenzial hält.76 Dennoch bezeichnen nur rund ein Fünftel der Befragten das Risiko als inakzeptabel oder fühlen sich persönlich bedroht. Und nur eine kleine Minderheit von 11 % fühlt sich für den Treibhauseffekt mitverantwortlich, während die Mehrheit die Verantwortung bei Industrie und Staat verortet (jeweils 28 %). Aus diesen Ergebnissen müsste der paradoxe Schluss gezogen werden, dass zwischen dem Katastrophenpotenzial und seiner subjektiv bekundeten Akzeptabilität keinerlei Zusammenhang besteht. In Wirklichkeit ist es im Falle des Treibhauseffektes nur der zeitverzögerte Eintritt der erwarteten Schäden, der das Risiko aus Sicht der Befragten als akzeptabel erschei-
74 75 76
Nida-Rümelin 1999, S. 52/53. Ebd., S. 52. M. Zwick: Der globale Klimawandel in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, in TA-Informationen 4/2001, S. 26–31.
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nen lässt.77 Die Risikowahrnehmung unterliegt hier der oben bereits genannten Verzerrung, räumlich und zeitlich entfernt liegende Risiken unabhängig von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß zu unterschätzen. Ein weiterer Grund für die Abweichungen zwischen technisch-rationalen und sozial-subjektiven Risikoeinschätzungen liegt darin, dass sich subjektive Risikowahrnehmungen neben dem Schadensausmaß auch stark an möglichen sozialen Folgen und Implikationen von Risiken orientieren.78 Dazu gehört vor allem auch die Frage nach einer fairen Verteilung von Chancen und Risiken.79 Differenzen zwischen der subjektiven und rationalen Risikobeurteilung entstehen also auch dadurch, dass normative Vorstellungen in die subjektive Risikowahrnehmung einfließen. Subjektive Risikowahrnehmungen sind daher nicht einfach irrational, vielmehr muss nach der Rationalität der in die Beurteilung einfließenden normativen Wertvorstellungen gefragt werden. Die Forderung nach einer fairen Verteilung von Chancen und Risiken ist sicherlich ein berechtigtes Anliegen, das im Rahmen der vorliegenden Studie unter dem Kriterium der Verteilungsgerechtigkeit ausführlich diskutiert wird (vgl. 2.2.5). Vor dem Hintergrund einer durch zahlreiche Verzerrungen gekennzeichneten subjektiven Risikowahrnehmung sind verschiedene philosophische Lösungsvorschläge zum Umgang mit Risiken unterbreitet worden. Ein Ansatz orientiert sich an der im Alltagshandeln offenbarten Risikoeinschätzung (revealed preference). So hat Gethmann von den Individuen im Hinblick auf ihre praktisch und verbal bekundeten Risikoeinschätzungen „pragmatische Konsistenz“ eingefordert. Das Prinzip der „pragmatischen Konsistenz“ besagt, dass Individuen Risikotypen, die sie in lebensweltlichen Handlungskontexten im Hinblick auf einen bestimmten Nutzen akzeptieren, bei vergleichbarem Nutzen auch in einem anderen Kontext in Kauf nehmen sollten.80 Nach Gethmann suggeriert der Begriff der Akzeptanz die falsche Vorstellung, Individuen könnten sich gegenüber Risiken absolut verhalten, in dem Sinne, dass sie ausschließlich eine Wahl zwischen verschieden großen
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So auch die Deutung der Befunde durch die Autoren, ebd., S. 30. Streffer et al., 2000, S. 322. Ebd., S. 334 ff. C.F. Gethmann: Handeln unter Risiko. Probleme der Verteilungsgerechtigkeit, in: Essener Unikate 4/5 1994, S. 20–29; ders.: Ethische Probleme der Verteilungsgerechtigkeit im Umweltstaat, in: Verteilungsgerechtigkeit im Umweltstaat, Bonn 1995, S. 18 ff. Der Versuch die „revealed“ und nicht die „expressed preference“ zur Beurteilung der Akzeptabilität von Risiken heranzuziehen, wurde bereits 1969 durch Starr gemacht, vgl. Fischhoff et al. 1978, S. 128.
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Risiken träfen. Wenn dem so wäre, würden Menschen zwischen möglichen Risikooptionen immer die kleinste wählen. Das entspricht jedoch nicht der lebensweltlichen Praxis. In Wirklichkeit werden nämlich niemals Risiken sondern immer Handlungen gewählt, mit denen bestimmte Zwecke verfolgt werden. Handlungen können neben den intendierten auch unerwünschte Nebenfolgen haben. Das mögliche Eintreffen unerwünschter Nebenfolgen, also das Risiko, ist jedoch offensichtlich nicht der intendierte Zweck einer Handlung. Ob bestimmte mit einer Handlung verbundene Risiken als vertretbar gelten können, kann folglich immer nur im Hinblick auf die intendierten Folgen, d. h. die Zwecke diskutiert werden. Im Hinblick auf einen großen Nutzen können auch hohe Risiken rational gerechtfertigt sein, während sie im Hinblick auf einen kleinen Nutzen als zu groß erscheinen. Gethmann hat daher vorgeschlagen, anstelle des missverständlichen Begriffes Risikoakzeptanz generell von der „Inkaufnahme“ bzw. „Nicht-Inkaufnahme“ von Risiken zu sprechen, da diese Terminologie stärker auf die Tatsache verweist, dass Handlungen vernünftiger Personen auf Zwecke und nicht auf Risiken zielen.81 Das Prinzip der pragmatischen Konsistenz setzt voraus, dass es möglich ist, Handlungsoptionen und Risiken miteinander zu vergleichen. Zwar sind gegen Risikovergleiche bisweilen Inkommensurabilitätseinwände geltend gemacht worden, in pragmatischen Kontexten sind solche Vergleiche jedoch unverzichtbar. Gewichtiger erscheint der gegen die pragmatische Konsistenz vorgebrachte Einwand, dass die in Betracht stehenden Situationen vergleichbar sein müssen. So ist es keinesfalls zwingend, dass eine Person, die in der Freizeit einer riskanten Sportart nachgeht, sich aus Gründen der Kohärenz auch auf eine risikofreudige Geldanlagestrategie festlegen muss.82 Die Plausibilität der Forderung nach pragmatischer Konsistenz wird daher im konkreten Einzelfall von der Vergleichbarkeit der betrachteten Risikokontexte abhängen. Dem Vorschlag, die lebensweltlich bekundete Risikoeinstellung von Individuen zur Grundlage der Akzeptabilitätsbeurteilung von Risiken zu machen, steht das Konzept einer informierten Zustimmung aller potenziell von technischen Risiken betroffenen Individuen gegenüber. So vertritt etwa die amerikanische Technikphilosophin Shrader-Frechette die Auffassung, dass Individuen keine technischen Risiken zugemutet werden 81 82
C.F. Gethmann: Zumutbarkeit und Inkaufnahme von Risiken, in: Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 4 Berlin 1999, S. 283–291. Vgl. zu dieser Kritik am Prinzip der pragmatischen Konsistenz, Birnbacher 2000, S. 167; Streffer et al., S. 321.
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dürfen, die sie nicht verstehen und denen sie nicht freiwillig zugestimmt haben.83 Im Kontext kollektiver technischer Risiken erscheint dieses in der biomedizinischen Ethik bewährte Prinzip des „informed consent“ jedoch undurchführbar: Während ein Patient zu Recht allein über die Zumutbarkeit einer riskanten Operation entscheiden kann, ist technisches Handeln immer mehr oder weniger unvermeidlich mit Zumutungen an einen diffusen Adressatenkreis verbunden.84 Da unfreiwillige Risikozumutungen in modernen Industriegesellschaften unvermeidlich sind, sollte sich nach Gethmann der gesellschaftliche Diskurs darauf konzentrieren, ob die mit dem technischen Handeln angestrebten Zwecke das Risiko rechtfertigen oder nicht.85 Unter dem Eindruck einer technischen Katastrophe aber auch durch veränderliche Energiepreise kann sich die Zustimmung oder Ablehnung für ein Energiesystem schon in relativ kurzer Zeit ändern. Dazu zwei Beispiele: 1. 1980 beschloss eine Mehrheit der schwedischen Bevölkerung im Rahmen eines Referendums, noch ganz unter dem Eindruck des erst kurz zurückliegenden Reaktorunfalls im amerikanischen Three-Mile-Island bei Harrisburg stehend, die Abschaltung aller Kernkraftwerke bis 2010. In Ermangelung wirtschaftlicher Alternativen, – in Schweden werden 44 % der Stromerzeugung durch Kernenergie gedeckt –, wurden lange Zeit keine ernsthaften Schritte unternommen, den Ausstiegsbeschluss umzusetzen. Als im November 1999, also fast zwei Jahrzehnte nach dem Ausstiegsbeschluss, der erste Block des Kernkraftwerks Barsebaeck 1 stillgelegt wurde, war die öffentliche Meinung wieder eine andere: In einer jüngst von der Europäische Union (EU) veröffentlichten Studie über die Haltung der EU-Bürger zu Fragen der atomaren Endlagerung fand die Kernenergie in Schweden – unter der Voraussetzung sicherer Endlager – eine Zustimmung von über 70 Prozent.86 83 84
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K. Shrader-Frechette: Risk, in: Routlegde Encyclopedia of philosophy, S. 331 ff.; dies. ebd.: Risk assessment, S. 334 ff. vgl. zur Risikozumutung im medizinischen Kontext auch C.F. Gethmann: Zur Problematik des Begriffs der Zumutbarkeit, in: ders., Honnefelder, Schwemmer, Siep (Hrsg.): Die „Natürlichkeit“ der Natur und die Zumutbarkeit von Risiken, Reihe A, Bd. 1, Bonn 2001, S. 55–63. Vgl. Gethmann 1999, S. 289/290. EU (Hrsg.): Europeans and radioactive waste, Eurobarometer 56.2, report by INRA (Europe), Brüssel 19. 4. 02, S. 45 Table IX.4; der Frage, ob die Kernenergie unter der Voraussetzung einer sicheren Endlagerung eine Option bleiben sollte, stimmten 47,3 % der Schweden stark und 26,3 % tendenziell zu.
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2. Windenergie genießt in Deutschland wegen ihrer Umweltfreundlichkeit traditionell hervorragende Akzeptanzwerte. Ihr Image hat sich jedoch deutlich verschlechtert seit Stromerzeugung aus Windenergie mit rund 10 000 MW installierter Leistung eine neue Größenordnung erreicht hat. Seither häufen sich die Klagen von Anwohnern über Lärmbelästigung, Diskoeffekte und Eingriffe in das Landschaftsbild.87 Mittlerweile existieren in Deutschland rund 500 Bürgerinitiativen gegen den Bau von Windkraftanlagen. Die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz der Windenergie ist in Deutschland nach wie vor sehr hoch, allerdings könnte ein weiterer ungebremster Ausbau des Windstromanteils vor dem Hintergrund steigender durchschnittlicher Stromgestehungskosten im deutschen Kraftwerkspark auch einen gesamtgesellschaftlichen Stimmungsumschwung herbeiführen. Diese beiden Beispiele illustrieren, dass Akzeptanzlagen aufgrund vielfältiger Einflüsse dauernden Veränderungen unterliegen. Hinzu tritt, dass die Meinungen von Menschen sehr stark durch vorherrschende Stimmungslagen beeinflusst werden. Die Bedingungen, unter denen sich Überzeugungen ausbilden, entsprechen nur wenig dem Ideal des autonomen Individuums, das seine Überzeugungen allein aufgrund von rational überprüfbaren Argumenten ausbildet und diese im öffentlichen Diskurs argumentativ vertritt. In Wirklichkeit orientieren sich sehr viele Menschen in ihren Meinungen an vorherrschenden Stimmungen und zeigen wenig Neigung, eine Mindermeinung offensiv zu vertreten. Noelle-Neumann, die Leiterin des Allensbacher Instituts für Meinungsforschung, hat diesen Mechanismus als „Schweigespirale“ charakterisiert: Fühlen sich Menschen in Übereinstimmung mit dem öffentlichen Meinungsbild, sind sie viel eher bereit, ihre Meinung auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. Wenn sie das Gefühl haben in der Minderheit zu sein, werden sie hingegen vorsichtiger und schweigsamer, was in der Öffentlichkeit den Eindruck von der Schwäche dieser Position verstärkt und die Bereitschaft anderer Menschen, sich zu dieser öffentlich zu bekennen, weiter verringert. Die Kernenergiedebatte in Deutschland hat in dieser Hinsicht zwei wichtige Wendungen erlebt: Wurde die Kernenergie 1977 von einer Zwei-Drittel-Mehrheit in der Bevölkerung befürwortet, so kehrten sich die Mehrheitsverhältnisse bis 1988 vollständig zugunsten der Gegner um.88 Dieser Stimmungsumschwung beruhte nicht zuletzt auf der erstaunlichen Bereitschaft der Kernkraftgegner, ihre ursprüngliche Mindermei87 88
Eine Sammlung typischer Einwände bei: M. Keller: Angriff der Mühlenmonster, in: Die Woche 1. 8. 1997, S. 26. Darstellung hier und im folgenden nach Noelle-Neumann: Heuchelei, Gesprächskultur und Schweigespirale, in: FZ Jülich et al. ebd., S. 178–184.
Entfaltung der Kriterien
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nung auch in der Öffentlichkeit offensiv zu vertreten.89 Gegner wie Befürworter der Kernenergie hatten aufgrund dieser Haltung bereits in den siebziger Jahren den Eindruck, die Mehrheit der Bevölkerung lehne diese Technologie ab. Obwohl seit Ende der achtziger Jahre die Argumente bei Befürwortern wie Gegnern im wesentlichen gleich geblieben sind, haben sich die Gewichte in den 90er Jahren wieder zugunsten der Befürworter verschoben, so dass sich heute Befürworter wie Gegner in gleich großen Lagern gegenüberstehen. Noelle-Neumann wertet dies als Indiz dafür, dass sich sowohl der erstaunlich schnelle Stimmungsumschwung gegen die Kernenergie als auch die langsame Rückbewegung in den 90er Jahren in der Hauptsache auf eine veränderte Stimmungslage und nicht auf neue Argumente zurückführen lassen. Wie sich das Meinungsklima auch auf den wissenschaftlichen Diskurs auswirken kann, hat Noelle-Neumann anhand der „Buh-Frage“ gezeigt. Dabei werden Interviewpartner befragt, welcher Redner, der bei einem kontroversen Thema eine bestimmte Position vertreten hat, durch das Publikum wahrscheinlich ausgebuht worden ist. Als diese Frage 1989 erstmals im Zusammenhang mit der Kernenergiedebatte gestellt wurde, glaubten 72 Prozent der Befragten, dass der Redner, der sich für die Kernenergie aussprach, ausgebuht wurde.90 Die Buh-Frage skizziert ein Meinungsklima, bei dem auch ein Wissenschaftler wenig motiviert ist, sich öffentlich zugunsten einer umstrittenen Technologie zu äußern. Diese und andere empirische Befunde der Allensbacher Meinungsforscher deuten darauf hin, dass die Zustimmung oder Ablehnung, die eine Technologie in der öffentlichen Debatte erfährt, in einem hohen Maße durch veränderliche Stimmungen beeinflusst wird. Dass die öffentliche Wahrnehmung und Medienberichterstattung bei umstrittenen Technologien starken Wandlungen unterliegt, belegen auch Untersuchungen aus dem Bereich der Biotechnologie.91 Neben der Risikoproblematik sollte in der Diskussion um die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz von Energietechnologien nicht übersehen werden, dass auch Energiepreise Akzeptanzbedingungen unterliegen. Nach einer aktuellen Allensbachumfrage von 2003 etwa lehnen 60 % der Bundesbürger höhere Energiepreise zur Förderung erneuerbarer Energie
89
90 91
Die Kernkraftgegner zeigten damit ein Verhalten, dass sich im Rahmen der Schweigespirale nicht erklären lässt. Offensichtlich berücksichtigt das von Noelle-Neumann vorgestellte Modell zu wenig den Faktor der persönlichen Motivation. Ebd., S. 181. Vgl. B. Schneider / L. Harden: Biotechnologie als interdisziplinäres Studienfach – Volkswirte, Chemiker und Medienwissenschaftler entdecken Gemeinsamkeiten, in: Heiden / Burschel / Erg (Hrsg.): Biotechnologie als interdisziplinäre Herausforderung, Heidelberg 2001, S. 144 ff.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
ab.92 Die Akzeptanzproblematik im Energiesektor erweist sich bei näherer Betrachtung also als Risiko-Kosten-Zweigestirn mit instabilem Schwerkraftfeld. Instabil ist dieses Zweigestirn insofern, als es auf schwankenden Stimmungslagen beruht, bei denen einmal die Risiken, ein anderes mal die Energiepreise die Akzeptanzlagen dominieren. Problematisch an den fluktuierenden Akzeptanzlagen ist vor allem, dass auf dieser Grundlage keine langfristig orientierte Energiepolitik möglich ist.93 Als Fazit der Überlegungen zu gesamtgesellschaftlichen Akzeptanzproblemen von Technologien kann festgehalten werden, dass es zwar Aufgabe der Politik und nicht der Technik ist, festzustellen, welche Risiken der Gesellschaft relativ zu einem gegebenen Nutzen zugemutet werden dürfen, dass andererseits die subjektiven Risikowahrnehmungen in der Bevölkerung zu vielen Verzerrungen und Schwankungen unterliegen, als dass sie im Sinne normativer Akzeptabilität die Grundlage einer rationalen Technikfolgenbeurteilung bilden könnten.94 Vor dem Hintergrund einer durch Verzerrungen geprägten öffentlichen Risikowahrnehmung erscheint es fraglich, in welchem Maße Akzeptanzlagen bei der Beurteilung von Energietechnologien berücksichtigt werden sollten. Andererseits ist die Risikowahrnehmung durch real vorhandene Ängste geprägt, die für viele Betroffene mit einem Verlust an Lebensqualität, z. T. sogar mit dem Auftreten psychosomatischer Erkrankungen verbunden sind.95 Die sich in empirischen Studien äußernden Akzeptanzhaltungen verdienen also ernst genommen zu werden, müssen jedoch wegen der beschriebenen Verzerrungen in ihrem Geltungsanspruch relativiert werden. Im Rahmen der vorliegenden Studie wird daher ein Mittelweg vorgeschlagen: Im Hinblick auf das hohe Konfliktpotenzial, das technische Risiken aufwerfen, sollte ein Energiesystem möglichst hohe Zustimmung in der Bevölkerung finden. Akzeptanzlagen enthalten für sich allein genommen jedoch noch keine normative Aussage über die Akzeptabilität einer Technologie.
92 93
94
95
vgl. Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.): Bewertung der Struktur der Energieversorgung. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, Allensbach 2003, S. 24. Zur Bedeutung eines stabilen Konsenses für die Energiepolitik, vgl. R. von BenningsenFoerder: Umwelt und Energie – Kennzeichen des künftigen Fortschritts, in: D. Schmitt (Hrsg.): Handbuch Energie, Pfullingen 1990, S. 420–431. Zur Kritik an den Modellen der partizipativen Technikfolgenabschätzung vgl. A. Grunwald (Hrsg.): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Konzepte und methodische Grundlagen, Heidelberg 1999, S. 23–25. Vgl. Zum Auftreten psychosomatischer Erkrankungen, Streffer et al., 2000, S. 332 ff.
Entfaltung der Kriterien
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2.2.5 Verteilungsgerechtigkeit Ein ethisches Hauptproblem moderner Technologien besteht darin, dass Nutznießer und gefährdete Personen technischen Handelns oftmals nicht identisch sind. Insbesondere im Bereich der Energiewirtschaft führt technisches Handeln neben der erwünschten Folge, nämlich der zuverlässigen Bereitstellung von Nutzenergie aller Art, zu räumlich und auch zeitlich weit entfernt liegenden unerwünschten Nebenfolgen. Von diesen unerwünschten Nebenfolgen sind aber oftmals Menschen betroffen, die selbst keinen Vorteil aus der Energiebereitstellung ziehen können. Das Eintreffen unerwünschter Nebenfolgen, über das sich in der Regel nur Wahrscheinlichkeitsaussagen treffen lassen, wird im Folgenden als Risiko bezeichnet. Eine Ungleichverteilung von Chancen und Risiken wird nicht nur von den Betroffenen selbst als ungerecht empfunden, sondern widerspricht auch grundlegenden moralischen Intuitionen und anerkannten Normen. Wie eine gerechte Verteilung von Chancen und Risiken auf kollektiver Ebene aussehen könnte, ist jedoch ein philosophisch nicht befriedigend gelöstes Problem. Eine naheliegende Strategie läge darin, eine arithmetische Gleichverteilung von Chancen und Risiken zu fordern.96 Diese Strategie führt jedoch sowohl zu praktischen als auch theoretischen Schwierigkeiten. Zum einen lässt sich eine strenge Gleichverteilung unter empirischen Bedingungen nicht realisieren, zum anderen ist sie auch in philosophischer Hinsicht unbefriedigend, weil Individuen durch wirtschaftliche Leistungen unterschiedliche Rechte auf Chancen erwerben und verschiedene Bedürfnisse haben. Gleiches gilt auf staatlicher Ebene. Zum einen erwerben wirtschaftlich starke Länder durch ihre Leistungen zumindest prima facie einen höheren Anspruch auf Nutzenergie, zum anderen hängt der Energiebedarf eines Landes stark von naturräumlichen Faktoren ab. Eine Gleichverteilung der Chancen, d. h. der weltweit erwirtschafteten Energiedienstleistungen, würde also weder auf die Leistungen noch die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nehmen. Die durch den klassischen ökonomischen Liberalismus geforderte „Verteilung nach Verdienst“ ist sicherlich ökonomisch effizient, moralisch jedoch unbefriedigend, da Bedürfnisse und Anstrengungen der Individuen nicht berücksichtigt werden. Eine Verteilung, die sich allein auf Marktmechanismen stützt, kann im Falle der Energiewirtschaft bestenfalls eine gerechte Verteilung von Energiedienstleistungen gewährleisten, sie liefert jedoch keine Antwort auf eine gerechte Verteilung von Risiken. Aus öko96
Unterscheidung der Verteilungsstrategien hier und im Folgenden nach C.F. Gethmann: Ethische Probleme der Verteilungsgerechtigkeit im Umweltstaat, in: ders. / Kloepfer / Reinert: Verteilungsgerechtigkeit im Umweltstaat, Bonn 1995, S. 9 ff.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
nomischer Sicht läge es nahe, dass unerwünschte Nebenfolgen nach dem Verursacherprinzip entschädigt werden müssten. Dem steht jedoch entgegen, dass die Kausalketten oft unklar und viele Schäden, wie sie durch kombinierte Expositionen entstehen, kumulativ sind, so dass sie keinem einzelnen Verursacher kausal zugeschrieben werden können.97 So werden Immissionsschäden an Pflanzen und Gebäuden, wie sie z. B. durch Abgase aus dem Kraftfahrzeugverkehr entstehen, in der Praxis durch die Allgemeinheit getragen. Solange die von unerwünschten Nebenfolgen betroffenen Personen zugleich auch Nutznießer der intendierten Energiedienstleistungen sind, wirft eine solche Verteilung keine besonderen moralischen Probleme auf. Moralisch fragwürdig wird sie jedoch, wenn zeitlich und räumlich entfernt lebende Menschen betroffen sind, die in keiner Weise am Nutzen partizipieren. Besondere Probleme wirft in dieser Hinsicht der durch die Emission von Treibhausgasen hervorgerufene anthropogene Treibhauseffekt auf, der für alle Länder unabhängig von ihrem Anteil an den Treibhausgasemissionen Risiken birgt. Die liberale Ökonomie bietet offensichtlich kein schlüssiges Konzept, wie eine faire Chancen-Risiken Verteilung zu denken ist. Auch die in der sozialistischen Denktradition favorisierte „Verteilung nach Bedürfnis“ liefert ebenfalls nur eine Antwort auf die Frage nach der richtigen Verteilung von Nutzenergie, nicht jedoch nach der von Risiken. Die frühere Praxis realsozialistischer Staaten, allen Bevölkerungsgruppen Energie zu Niedrigstpreisen zur Verfügung zu stellen, hat die Risiken der Energiebereitstellung eher noch erhöht denn verringert. Die Verteilungsregel „Verteilung nach Bedürfnis“ bietet für sich genommen also ebenfalls keine Gewähr für eine faire Verteilung von Chancen und Risiken. Gleiches gilt für utilitaristische Ethikkonzeptionen, die eine Maximierung des gesamtgesellschaftlichen Nutzens anstreben. Zumindest in der klassisch utilitaristischen Ethik ist die Nutzenmaximierung auch mit sehr ungleichen Verteilungen gesellschaftlicher Güter vereinbar. Analog lassen sich in ihrem Rahmen auch Zustände denken, die mit einer beliebig starken Ungleichverteilung von Chancen und Risiken einhergehen, solange nur der Gesamtnutzen sehr hoch ist. Solche Verteilungen widersprechen etablierten gesellschaftlichen Gerechtigkeitsvorstellungen und sind auch theoretisch unbefriedigend. Vor dem Hintergrund der Defizite utilitaristischer Theorien haben verpflichtungsethische Gerechtigkeitskonzeptionen wieder stärkeres Interesse gefunden. Eine besonders einflussreiche und differenzierte verpflichtungsethische Gerechtigkeitskonzeption hat John Rawls mit seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ vorgelegt. Aufbauend auf der klassischen Vertragstheorie und verpflichtungsethischen Ansätzen
97
Streffer et al. 2000.
Entfaltung der Kriterien
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Kants hat Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit ein formales Begründungsverfahren entwickelt, dass keiner materialen Voraussetzungen bedarf. Wegen seiner hohen Verallgemeinerungsfähigkeit erscheint dieses vertragstheoretische Argument in besonderem Masse geeignet, als rationales Begründungsverfahren einer Chancen-Risiken-Verteilung im Energiesektor zu dienen. Im Folgenden soll daher das Rawlsche Vertragsargument zunächst in seinen wesentlichen Elementen entfaltet und in einem zweiten Schritt für die besonderen Bedingungen einer Verteilung von Chancen und Risiken in der Energiewirtschaft weiterentwickelt werden. Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit hat dem von Hobbes entwickelten vertragstheoretischen Argument, das durch empiristische Missverständnisse lange Zeit nur noch ein Schattendasein in der philosophischen Debatte gefristet hat, im philosophischen Diskurs zu neuer Geltung verholfen. Anders als im klassischen Kontraktualismus geht es Rawls jedoch nicht um die Rechtfertigung politischer Herrschaft, sondern um eine prinzipientheoretische Grundlegung sozialer und politischer Gerechtigkeit. Ziel der Rawlschen Theorie ist es, Verteilungsregeln zu entwickeln, denen von rationalen Eigeninteressen geleitete Individuen im Rahmen einer Verfassungswahl unter ganz bestimmten Randbedingungen zustimmen können. Genau wie seine kontraktualistischen Vorgänger beruft Rawls sich zur Entwicklung seines Arguments also auf die rationalen Eigeninteressen von Individuen und nicht auf moralische Prinzipien. Der Kern des Vertragssituationsarguments bei Rawls besteht in der Überlegung, dass die Verfassungswahl dann, und nur dann, rational und fair ablaufen kann, wenn die Wahl nicht durch nicht verallgemeinerungsfähige Partikularinteressen verzerrt wird. Die Grundsätze der Gerechtigkeit müssen hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ (veil of ignorance) festgelegt werden, hinter dem die Individuen nicht wissen, welche soziale Stellung sie in der Gesellschaft haben, oder welche natürlichen Fähigkeiten und Charakterdispositionen sie besitzen.98 Der „Schleier des Nichtwissens“ gewährleistet zweierlei: Zum einen führt er zu Verteilungsregeln, die weitgehend mit unseren Gerechtigkeitsintuitionen übereinstimmen, zum anderen ermöglicht erst die Abwesenheit widerstreitender Interessen den Individuen im Rahmen der fiktiven Vertragssituation einen für jedermann zustimmungsfähigen Konsens zu finden.99 Der „Schleier des Nichtwissens“ zwingt die Individuen die Verfassungswahl an rationalen und verallgemeinerungsfähigen 98 99
Vgl. J. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1979 [engl. Originalausgabe Harvard 1971], S. 159 ff. Vgl. dazu W. Kersting: Die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags, Darmstadt 1994, S. 269 ff.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
Prinzipien zu orientierten. Eine Besonderheit der Rawlschen Vertragstheorie ist, dass er den „Schleier des Nichtwissens“ ausdrücklich als moralisches Element einführt. Rawls ist sich stärker als seine Vorgänger der Tatsache bewusst, dass die Wahl der Randbedingungen die Vertragswahl weitgehend präjudiziert, diese aus dem Argument selbst aber nicht abgeleitet werden können. Dass man versuchen sollte, verschiedene Weltzustände jenseits individueller Interessen zu beurteilen, ist mithin eine genuin moralische Forderung. Im Gegensatz zu den Klassikern wie Hobbes, die den Naturzustand als empirische Tatsache aufzufassen scheinen, bemüht Rawls sich daher um eine außervertragliche Begründung für die Vertragssituation. Dabei versucht er die Randbedingungen der Vertragssituation in ein kohärenztheoretisches Begründungsargument einzubetten, auf dessen Einzelheiten hier nicht näher eingegangen werden kann.100 Dieses Argument besagt im Wesentlichen, dass die Vertragsbedingungen mit moralischen Alltagsüberzeugungen kohärent sein müssen, wenn das Vertragsargument zu moralisch akzeptablen Urteilen führen soll. Nach Rawls werden sich die Individuen hinter dem Schleier des Nichtwissens vor allem auf zwei in ihrer Priorität gestufte Prinzipien einigen: Zum einen werden die Individuen ein gleiches Recht auf ein System gleicher Grundfreiheiten einfordern, das mit den Grundfreiheiten der Anderen verträglich ist, zum anderen werden sie fordern, dass wirtschaftliche oder sonstige Ungleichheiten dadurch gerechtfertigt werden müssen, dass sie jedermann einen Vorteil bringen.101 Rawls geht also nicht davon aus, dass rationale Individuen in Unkenntnis ihrer sozialen Lage zwingend für ein möglichst hohes Maß wirtschaftlicher Gleichheit votieren werden. Wenn eine Ungleichverteilung allen zum Vorteil gereicht, etwa in dem Sinne, dass alle von einem höheren Wohlstand profitieren, ist es auch hinter dem Schleier des Nichtwissens durchaus rational, Ungleichverteilungen in Kauf zu nehmen. Wenn etwa die Motivation für das wirtschaftliche Handeln von Menschen hauptsächlich im Gewinnstreben liegt, ist es vernünftig, Einkommensunterschiede zu akzeptieren, da nur so ausreichende Leistungsanreize für eine hohe wirtschaftliche Produktivität gesetzt werden. Das einzige Motiv, das Menschen daran hindern könnte, diese rationale Option abzulehnen, ist Sozialneid, aber diese irrationale Motivation ist durch den Schleier des Nichtwissens ausgeschlossen. „Ungerechtigkeit“, so folgert Rawls, „besteht demnach einfach in Ungleichheiten, die nicht jedermann Nutzen bringen.“ 102 Im Konfliktfall genießt zwischen den beiden Prinzipien das erstere Vorrang, d. h. „dass Verletzungen der vom ersten Grundsatz geschützten gleichen Grund100 101 102
vgl. dazu Kersting 1994, S. 284 ff. Rawls 1979, S. 81 und 336ff. ebd., S. 83.
Entfaltung der Kriterien
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freiheiten nicht durch größere gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vorteile gerechtfertigt oder ausgeglichen werden können.“ 103 Nach Rawls sollte anstelle eines utilitaristischen Maximierungsprinzips die Maximin-Regel Anwendung finden, nach der bei Entscheidungen unter Unsicherheit von den ungünstigsten Kombinationen auszugehen ist, d. h. im Moment der Verfassungswahl sollte jeder Wähler die Möglichkeit in Betracht ziehen, die schlechteste soziale Position zugewiesen zu bekommen. Der Verfassungswähler wird daher nach Rawls immer bestrebt sein, die Stellung der am schlechtesten Gestellten möglichst erträglich zu gestalten. Letztere Strategie, die davon ausgeht, den ungünstigsten Fall zum Maßstab der Handlungsweise zu machen, ist von vielen Interpreten kritisiert worden: Sie setze bereits eine psychische Disposition im Sinne einer risikoaversen Haltung voraus, über die die Individuen in der Vertragssituation wegen fehlender Charaktereigenschaften ja gar nicht verfügen.104 Dem muss jedoch entgegengehalten werden, dass der Urzustand bei Rawls so konzipiert ist, dass die Individuen hinter dem Schleier des Nichtwissens nicht einmal Wahrscheinlichkeitsangaben über die empirische Beschaffenheit der Gesellschaft treffen können. Unter der Bedingung extremer Unsicherheit versagt hingegen jede rationale Risikostrategie und es könnte jenseits emotionaler Risikodispositionen rational sein, die Stellung der am schlechtesten Gestellten möglichst hoch anzusetzen.105 Das von Rawls entwickelte Vertragsargument eignet sich auch zur rationalen Beurteilung der Frage, ob eine gegebene Chancen-Risiko-Verteilung als gerecht bezeichnet werden kann. Konflikte um Chancen-Risiko-Verteilungen im Bereich der Energiewirtschaft sind oft emotional aufgeladen und werden durch individuelle Interessen verzerrt. Auch für diese Konflikte bietet es sich an, sie im Kontext des vertragstheoretischen Gedankenexperiments zu betrachten. Analog zur Verfassungswahl der Rawlschen Vertragssituation soll eine Gruppe von Individuen (im Folgenden als Energieoptionsentscheider bezeichnet) eine Wahl zwischen verschiedenen Energieoptionen hinter einem Schleier des Nichtwissens fällen. Der Schleier des Nichtwissens bedeutet im Kontext der Energiefrage, dass die Individuen weder wissen, welchen sozialen Status sie haben, noch an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt sie leben werden. Diese Bestimmung soll verhindern, dass die Wahl der Energieoption durch nicht verallgemeinerungsfähige egoistische Interessen verzerrt wird. 103 104 105
ebd., S. 82. Kersting 1994, S. 282. Vgl. zur Diskussion um die Rationalität der risikoaversen Strategie unter Bedingungen der Unsicherheit, D. Hübner: Entscheidung und Geschichte, Rationale Prinzipien, narrative Strukturen und ein Streit in der ökologischen Ethik, Freiburg 2001, S. 187–329.
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Kriterien für die Beurteilung von Energiesystemen
Da Energieoptionen sowohl räumlich als auch zeitlich weitreichende Folgen haben, müssen die rationalen Individuen nicht nur die Mitglieder einer fiktiv zu schaffenden Gesellschaft, sondern die gesamte heutige und zukünftige Menschheit repräsentieren. Unter diesen Randbedingungen werden die Energieoptionsentscheider zu ähnlichen Prinzipien gelangen wie die Verfassungswähler. Vernünftigerweise werden auch die Energieoptionsentscheider dafür votieren, dass eine Ungleichverteilung von Chancen und Risiken zulässig ist, wenn sie allen Mitgliedern einer Gesellschaft Vorteile bringt. Ungleichheiten, von denen nur bestimmte Gruppen profitieren, werden hingegen nicht zustimmungsfähig sein. Die Energieoptionsentscheider werden im Rahmen der gerechtfertigten Ungleichverteilung nicht unbedingt für das Maximin-Prinzip plädieren, nach dem die am schlechtesten Gestellten möglichst gut gestellt werden müssen. Sie werden jedoch mit Sicherheit für bestimmte Untergrenzen der Chancen-Risiken-Verteilung plädieren, d. h. dafür, dass auch die am schlechtesten Gestellten, denen hohe Risiken bei minimalen Chancen zugemutet werden, ein menschenwürdiges Leben führen können. Menschenunwürdige Lebensbedingungen Einzelner können auch durch einen wie immer gearteten gesellschaftlichen Gesamtnutzen nicht gerechtfertigt werden. Mit Blick auf die Energieoptionen werden sich die Entscheider also auf zwei Prinzipien einigen: x
x
Ungleichheiten in der Chancen-Risiken-Verteilung der Energieerzeugung müssen durch einen gesamtgesellschaftlichen Vorteil gerechtfertigt werden. Im Grenzfall umfasst die Gesellschaft die gesamte heutige und zukünftige Menschheit. Die in der Chancen-Risiken-Verteilung am schlechtesten Gestellten müssen zumindest ein menschenwürdiges Leben führen können.
Im Anschluss an diese Überlegungen wird vorgeschlagen, Energieoptionen mit einer typischen Verteilung von Chancen und Risiken dann als gerecht zu beurteilen, wenn Individuen mit aufgeklärtem Eigeninteresse ihnen hinter einem Schleier des Nichtwissens zustimmen können.
Fossile Energieträger
3.
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
3.1
Fossile Energieträger
57
Fossile Brennstoffe sind mit einem Anteil an der kommerziellen Primärenergie von knapp 90 Prozent die mit Abstand bedeutendsten Primärenergieträger der Welt. Derzeit (2000) wird der weltweite Bedarf an Primärenergie in Höhe von etwa 400 EJ zu 40 Prozent aus Erdöl, 22 Prozent aus Erdgas und 26 Prozent aus Kohle
x x x
gedeckt.1 Große Energieagenturen, wie die der OECD zugeordnete International Energy Agency (IEA) gehen davon aus, dass diese Zusammensetzung in den nächsten zwanzig Jahren im wesentlichen gleich bleiben wird.2
3.1.0 Reserven, Ressourcen und Reichweiten Es ist allgemein üblich die vorhandenen Vorkommen an Erdöl und Erdgas, die gemeinsam auch als Kohlenwasserstoffe bezeichnet werden, in Reserven und Ressourcen zu unterteilen3: Reserven sind demnach der Teil der Gesamtressourcen, der mit großer Genauigkeit erfasst worden ist und mit dem derzeitigen technischen Möglichkeiten wirtschaftlich gewinnbar ist.
x x
Diese sehr konservative Definition der Reserven erklärt sich aus ihrer Herkunft aus der Wirtschaft. Sie wurde von der amerikanischen Security und Exchange Commission (SEC) festgelegt, die ihre Kunden vor unrentablen Investitionen schützen wollte.4 1 2 3
4
Zahlen nach Internationale Energie Agentur (Hrsg.): Weltenergieausblick 2000. Zusammenfassung, Paris 2001, 8 ff. Ebd. S. 7. vgl. zu dieser Unterscheidung Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) (Hrsg.): Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 1998, BGR 1999, S. V; im folgenden als BGR 1999 zitiert. vgl. Esso Energieprognose 2001, S 1.
58
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Die stark an Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Kriterien erklären auch das für den Laien paradoxe Phänomen des Reservenwachstums bei den Erdöl- und Erdgasvorräten, denn neue technische Innovationen und steigende Ölpreise haben in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass unrentable Vorkommen in die Gruppe der Reserven aufstiegen. Typische Beispiele dafür sind das Nordseeöl und die kanadischen Ölsande, die erst durch steigende Preise während der Ölkrisen vor allem der siebziger Jahre abbauwürdig und somit als Reserven eingestuft wurden. Die Höhe der Reserven hängt also letztlich vom Marktpreis ab und ist zusammen mit diesem Schwankungen unterworfen. Wie das Beispiel des Nordseeöls zeigt, erhöhen sich bei steigenden Preisen paradoxerweise die Schätzungen für die Reserven. Erfahrungen mit der Ausbeutung längst erschlossener Erdölfelder haben zudem gezeigt, dass die konservative Definition, nur die Vorkommen als Reserven einzustufen, die mit großer Genauigkeit erfasst worden sind, in aller Regel zu einer Unterschätzung ihres Gesamtpotenzials geführt haben, so dass heute in geologischen Schätzungen über das Gesamtpotenzial bereits erschlossener Felder ein Reservenwachstum als Erfahrungswert fest einkalkuliert wird.5 Ressourcen sind gegenüber den Reserven der Teil der Gesamtressourcen, der nachgewiesen, aber derzeit nicht wirtschaftlich gewinnbar oder der nicht nachgewiesen, aber in dem betreffenden Gebiet aus geologischen Gründen erwartet werden kann („yet to find“)
x x
Die weltweiten Kohlevorkommen werden durch die BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) unterteilt in6 „bauwürdige ausbringbare Reserven“, die zu konkurrenzfähigen Preisen abgebaut werden können und „übrige In situ-Ressourcen“ die mit heute verfügbarer Technologie, allerdings derzeit nicht wirtschaftlich abgebaut werden können.
x
x
Auch die Kohlevorkommen werden daher im folgenden in Anlehnung an die vereinheitlichte BGR-Terminologie einfach in Reserven und Ressourcen unterteilt. Reserven und Ressourcen bilden zusammen die Gesamtres-
5 6
Vgl. dazu: USGS (Hrsg.): Reserve Growth Effects on Estimates of Oil an Natural Gas Resources, FS-119-00 USGS 2000. BGR 1999, S. VI; vgl. auch W. Stahl: Die weltweiten Reserven an Energierohstoffen: Mangel oder Überfluß?, BGR 1998, S. 7, unter: www.bgr.de [Stand: Oktober 2001]; seit 1997 existiert eine neue UN-Rahmenklassifikation für Steinkohle diese ist differenzierter und unterteilt nach geologischem und bergtechnischem Untersuchungsstand sowie Abbauwürdigkeit, vgl. dazu BGR 1999 S. 227 ff.
Fossile Energieträger
59
Abb. 3.1: Das Konzept der Statischen Reichweite
sourcen eines Energierohstoffs. Während die Schätzungen der Reserven dem Einfluss des Marktpreises unterliegen, beruhen die Schätzungen über die Gesamtressourcen ausschließlich auf geologischen Daten. Von den Gesamtressourcen zu unterscheiden ist das hauptsächlich geologisch interessante Gesamtpotenzial einer Ressource, die Estimated Ultimate Recovery [EUR], die den Umfang einer Ressource vor Eingriff des Menschen zusammenfasst. Für Erdöl wird die EUR derzeit auf 350 Mrd. t geschätzt, von denen etwa ein Drittel bereits verbraucht sind, für Erdgas auf 440 Billionen m3, von denen erst 13 Prozent verbraucht sind.7 Die statische Reichweite wird aus dem Quotienten der derzeitigen Reserven und der letzten Jahresförderung eines fossilen Brennstoffs ermittelt.8 Die statische Reichweite gibt also an, wie lange die Reserven eines fossilen Brennstoffes bei gleichbleibender Förderhöhe ausreichen würden. Bei der statischen Reichweite handelt es sich folglich um eine Momentaufnahme in einem dynamischen Geschehen, das durch
7
8
Zahlen nach H. Rempel: Geht die Kohlenwasserstoff-Ära zu Ende?, Vortrag am 23. 5. 2000 auf einer DGMK/BGR Veranstaltung in Hannover gehalten, BGR 2000, S. 5, unter: www.bgr.de [Stand: November 2001]. ebd.
60
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.2: Statische Reichweite der Energierohstoffe für das Jahr 1998 [nach BGR 1999]
neue Techniken und die Entdeckung neuer Vorkommen, Veränderungen in der jährlichen Fördermenge und den Marktpreis
x x x
ständigen Veränderungen unterworfen ist. „Statisch“ ist der Wert also nur insofern, als er eine fixe Größe für den Zeitpunkt x angibt. Bislang haben sich die errechneten Reichweiten für Erdöl und Erdgas wegen der konservativen Definition der Reserven immer als zu kurz erwiesen. So beliefen sich die bestätigten Reserven für Erdöl 1940 auf 6 Milliarden Tonnen, was damals einer Reichweite von 21 Jahren entsprach. 1960 waren die Reserven auf 41 Milliarden Tonnen angestiegen, weshalb auch die Reichweite trotz eines stark gestiegenen weltweiten Ölbedarfs auf 38 Jahre anstieg und 1998 betrugen die bestätigten Reserven 140 Milliarden Tonnen bei einer Reichweite von 40 Jahren.9 Die von der (BGR) in Hannover ermittelte statische Reichweite der fossilen Reserven für das Jahr 1998 beträgt für 10 Erdöl 42 Jahre, Erdgas 65 Jahre, Steinkohle 160 Jahre und Braunkohle 200 Jahre.
x x x x
9 10
Esso-Energieprognose 2001, S 2. Zahlen nach BGR 1999.
Fossile Energieträger
61
Unter Berücksichtigung der verbleibenden Ressourcen, also der Gesamtressourcen, ergeben sich Reichweiten von x x x x
63 Jahren für konventionelles Erdöl, 160 Jahren für konventionelles Erdgas, 220 Jahre für Steinkohle 11 und 230 Jahre für Braunkohle.
Die Werte, die die BGR für die statische Reichweite des Erdöls angibt, werden in der Esso-Energieprognose 2001 als zu konservativ kritisiert, insbesondere weil das Potenzial der nicht-konventionellen Vorkommen in dieser Reichweite nicht berücksichtigt werde.12 Dieser Vorwurf trifft jedoch nicht zu, da die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe die nicht-konventionellen Vorkommen sehr wohl berücksichtigt, diese jedoch gesondert ausweist.13 Das Vorgehen der BGR, die nicht-konventionellen Vorkommen von den konventionellen zu unterscheiden, ist durchaus gerechtfertigt, da nicht-konventionelle Erdölvorkommen aus nicht-flüssigen Ölsanden und Ölschiefern bestehen, die weder vom Standpunkt des Experten noch aus der Sicht des Laien mit flüssigem „Erdöl“ gleichgesetzt werden können. Diese Ölschiefer und Ölsande werden der Esso-Prognose zufolge bald durch technische Innovationen und steigende Preise eine größere Rolle auf dem Welterdölmarkt spielen.14 Die Schwellenpreise für den Abbau von Ölsanden liegen derzeit je nach Lager bei 20–50 US-$ und für Ölschiefer bei mehr als 60 US-$ pro Barrel.15 Derzeit ist Kanada das einzige Land der Welt, das aufgrund besonders günstiger Abbaubedingungen Ölsande wirtschaftlich, d. h. zu Kosten von 10 $ pro Barrel, fördern kann (zum Vergleich: die Förderkosten für arabisches Erdöl liegen heute bei rund 2 $/Barrel und die für Nordseeöl bei 9 $/Barrel).16 Deshalb hat Esso die kanadischen Ölsande in Höhe von 24 Milliarden Tonnen in der Esso-Prognose 2003 erstmals in den Rang von Reserven heraufgestuft.17 Andererseits hat sich die Ölschieferoption in der Vergangenheit als unrealistisch erwiesen.18 11
12 13 14 15 16 17 18
In der neuesten Auflage der BGR-Studie von 2003 sind die statischen Reichweiten der Kohleressourcen dramatisch nach oben korrigiert worden, nämlich auf 1425 Jahre für Steinkohle und 1264 für Braunkohle, vgl. BMWi (Hrsg.): Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen – Zusammenfassung – Dokumentation Nr. 519, BMWi 2002, S. 29. Esso-Energieprognose 2001, S 2ff. vgl. Stahl, 1998, S. 10 ff. Esso-Energieprognose 2001, S 3. vgl. dazu Stahl, 1998, S. 10 ff. vgl. BGR 1999, S. 95 ff. Oeldorado 2003, S. 1. vgl. zu den Erfahrungen der letzten Ölkrise D. Yergin: Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht, Frankfurt a.M. 1991, S. 763.
62
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abhängig von bestimmten Schwellenpreisen könnten auch andere nicht-konventionelle Ölvorkommen in den nächsten Jahren in den Rang von Reserven aufsteigen. Gleiches gilt für nicht-konventionelles Erdgas, das aus Flözgas, Aquifergas und Gashydraten besteht, die unter jetzigen Marktbedingungen ebenfalls nicht wirtschaftlich förderbar sind, aber in Zukunft verstärkt als Energierohstoffe genutzt werden könnten. Unter Berücksichtigung dieser nicht-konventionellen Vorkommen kommt die Esso-Energieprognose daher für die Reserven auf wesentlich höhere Reichweiten, nämlich von x x
260 Jahren für Erdöl und 190 Jahren für Erdgas.
Unter Berücksichtigung eines weltweit steigenden Verbrauchs errechnet Esso für das Jahr 2020 statische Reichweiten von 185 Jahren für Erdöl und 115 Jahren für die Gasvorräte. Die riesigen Größen der konventionellen Erdöl- und Erdgasressourcen sowie der nicht-konventionellen Vorkommen sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Gewinnung erheblich höhere Kosten verursachen wird als die der jetzigen konventionellen Reserven. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich die Förderung nichtkonventioneller Erdölreserven erst rechnen wird, wenn sich der Weltmarktpreis dauerhaft deutlich über 20 $ pro Barrel stabilisiert, was aktuell eingetreten ist, für einige nichtkonventionelle Vorkommen sind sogar Schwellenpreise von über 50 $ pro Barrel erforderlich. Insbesondere hinsichtlich der nicht-konventionellen Ressourcen gilt, dass für ihren Abbau teilweise Schwellenpreise existieren, die nicht nur jetzt sondern auch in Zukunft als prohibitiv hoch angesehen werden müssen, zudem ist der Abbau nichtkonventionellen Erdöls mit größeren Umweltbelastungen verbunden. Zur Illustration des Sachverhalts, dass sich nicht alle überhaupt vorhandenen fossilen Ressourcen wirtschaftlich gewinnen lassen, können auch Erfahrungen aus dem Ruhrbergbau hilfreich sein. Während in der Frühindustrialisierung in der Gegend südlich der Ruhr Steinkohle noch mit geringem technischen Aufwand gewonnen werden konnte, ist in der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts Kohle bereits in mehreren hundert Meter Tiefe geschürft worden. Im Zuge der Erschöpfung der leicht gewinnbaren Reserven im südlichen Ruhrgebiet und der damit verbundenen Nordwanderung des Bergbaus verlagert sich ihre Gewinnung in immer tiefere Schichten und ist dadurch technisch immer aufwändiger und teurer geworden. Der Abbau der Ruhrkohle bei heute 1000 bis 1500 Metern Tiefe ist technisch aufwändig und so kostenintensiv, dass er international nicht mehr konkurrenzfähig ist, weshalb die Einstufung der deutschen Steinkohleressourcen als Reserven umstritten ist.
Fossile Energieträger
63
Neben der Frage der Wirtschaftlichkeit wird oft übersehen, dass unabhängig vom Marktpreis die Gewinnung fossiler Ressourcen durch den Energie-Erntefaktor begrenzt wird. Die Gewinnung von immer schwerer zugänglichen Ressourcen erfordert nämlich einen zunehmend höheren Energieaufwand, der das Verhältnis vom Energieeinsatz zum Energiegehalt des geförderten Rohstoffs immer ungünstiger ausfallen lässt. Stiege etwa der Energieaufwand im deutschen Bergbau um den Faktor 10, so schrumpfte der Energie-Erntefaktor auf 1, d. h. dass für die Förderung einer Tonne Steinkohle genauso viel Energie verbraucht würde, wie aus dieser Tonne gewonnen werden könnte.19 Analog dazu gibt es auch eine wirtschaftliche Untergrenze für die Ausbeutung von Erdölund Erdgasfeldern: Deren Energiegehalt muss mindestens die für Exploration und Förderung eingesetzte Energie amortisieren. Trotz der Bedeutung fossiler Energiereserven gibt es bislang wenige Studien über die Höhe des Energie-Erntefaktors bei der Gewinnung verschiedener fossiler Rohstoffe. Eine umfangreiche Fallstudie über den Energie-Erntefaktor einer bereits erschöpften fossilen Reserve liegt derzeit nur über die bereits erschöpften Erdölfelder des Gifhorner Troges vor.20 Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass das Potenzial der fossilen Gesamtressourcen gigantisch ist, dass jedoch der Abbau des jetzt als Ressourcen klassifizierten Anteils höhere Kosten verursachen wird als der der Reserven und dass unabhängig vom Marktpreis ein Teil der Ressourcen aufgrund eines zu niedrigen Energie-Erntefaktors weder jetzt noch in Zukunft abbauwürdig sein wird. Im Folgenden soll das Potenzial der drei wichtigsten fossilen Primärenergieträger Öl, Gas und Kohle näher beleuchtet werden.
3.1.1 Erdöl Erdöl ist derzeit mit 40 Prozent am Weltenergieverbrauch der mit Abstand bedeutendste Primärenergieträger. In Deutschland sind im Jahr 2000 127,3 Millionen Tonnen Erdöl verbraucht worden, davon etwa die Hälfte für Kraftstoffe, knapp ein Drittel als Heizöl; der Rest ist auf die Nutzung zur Herstellung von MHHHineralölprodukten wie Flüssiggas, Schmierstoffe, Bitumen und Wachse entfallen.21 19 20
21
Beispiel nach Heinloth 1983, S. 36/37. J. Teuber, M. Hofmann, M. Kosinowski, H. Sattler, K. Schumacher: Der kumulierte Energieaufwand für die Erdölgewinnung am Beispiel ausgewählter Felder des Gifhorner Troges, in: DGMK Tagungsbericht 9901, Hamburg 1999, S. 31–40. Esso Energieprognose 2001, S. 2. Zur internationalen Verteilung vgl. International Energy Outlook 2001, S. 29.
64
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Zur Zeit sind weltweit unstrittige Reserven in Höhe von 150 Mrd. Tonnen bei einer Reichweite von 40 Jahren bekannt. Daneben existieren Ressourcen in einer Höhe von 76 Milliarden Tonnen sowie noch größere Vorkommen an nicht-konventionellem Erdöl. Als nicht-konventionelles Erdöl gilt nicht fließfähiges Erdöl, also Schweröl, Ölsande und Ölschiefer. Einen Überblick über die Gesamtressourcen an konventionellem und nichtkonventionellem Erdöl bietet Abb. 3.3.
Abb. 3.3: Gesamtressource an Erdöl [BGR 1999]
Wie aus dem Diagramm hervorgeht, übersteigen die Ressourcen an nichtkonventionellem Erdöl die an konventionellem um ein Vielfaches. Es wurde bereits erwähnt, dass die Esso-Energieprognose davon ausgeht, dass nicht-konventionelle Vorkommen, wie Ölschiefer und Ölsande auf dem Welterdölmarkt in Konkurrenz zu konventionellem Erdöl schon bald eine größere Rolle spielen werden. Die nicht-konventionellen Ressourcen sollen bei der folgenden Betrachtung jedoch zunächst ausgeklammert werden, da sie kein Erdöl im engeren Sinne darstellen. Aus den bekannten Förderverlaufskurven für bereits weitgehend erschöpfte Erdölregionen lassen sich auch wahrscheinliche Szenarien für die weltweite Erdölförderung ableiten. Exemplarisch sei hier die Förderkurve der deutschen Erdölproduktion aufgeführt.22 22
Angaben nach P. Kehrer: Das Erdöl im 21. Jahrhundert – Mangel oder Überfluß?, Vortrag im Ölmuseum Wietze, 10. März 2000, unter www.bgr.de [Stand: Oktober 2001].
Fossile Energieträger
65
Abb. 3.4: Weltweite Erdölproduktion 1930–2050. Nach Udall und Andrews, 1999, und Hiller, 1999, Quelle: BGR
Typischerweise zeigen solche Kurven eine asymmetrische Glockenkurve mit einem steilen Anstieg bis zu einem bestimmten Höhepunkt der jährlichen Förderung und einem darauf folgenden zunächst steilen Abstieg der dann in ein langsameres Abgleiten übergeht. Der „Wendepunkt“, von dem an die jährliche Förderquote kontinuierlich abnimmt, wird als „Depletion mid point“ bezeichnet (Abb. 3.4). Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe prognostiziert, dass der Depletion mid point für die weltweiten Erdölreserven zwischen 2010 und 2020 überschritten und die Fördermenge von diesem Zeitpunkt an sukzessive abnehmen wird.23 Dieser Bestimmung des Depletion mid point wird seitens der großen Ölgesellschaften widersprochen. So heißt es etwa in der Esso-Energieprognose 2001: „Der befürchtete Produktionsrückgang in Vorkommen, die bereits ausgebeutet werden, wird durch die Dynamik der zu erwartenden und bereits erzielten technologischen Verbesserungen und des gewaltigen Umfangs der noch unerschlossenen Kohlenwasserstoff-Ressourcen weit in die Zukunft hinausgeschoben. So ist zum Beispiel die Förderung in der Nordsee vom prognostizierten Ende 2000 auf mindestens 2020 verlängert worden.“ 24
23 24
Rempel, 2000, S. 3 ff. Esso-Energieprognose, 2001, S. 4.
66
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Folgende Beispiele führt die Esso-Energieprognose 2001 für technische Innovationen an, die eine Herausschiebung des Depletion-mid-points für die Erdöl- und Erdgasvorräte wahrscheinlich erscheinen lassen 25: x
x
3-D Seismik ermöglicht heute eine verbesserte Ortung von Ölvorkommen. Dieses Verfahren erlaubt Ortung und Förderung öl- und gasführender Schichten in der Horizontalen. In Zukunft sollen Erdöllagerstätten unter dem Meeresboden in Tiefwasserbereichen bis zu 3000 m erschlossen werden.26 So erreicht die Hoover-Diana Plattform im Golf von Mexiko heute bereits eine Tiefe von 1500 Metern.
Trotz der genannten Faktoren, die eine zeitliche Verschiebung des Depletion-mid-point nach hinten wahrscheinlich erscheinen lassen, bleibt jedoch festzuhalten, dass in Fachkreisen kaum ein Zweifel daran besteht, dass sich die vorhandenen Ressourcen an konventionellem Erdöl noch in diesem Jahrhundert erschöpfen werden. Die BGR hat zu diesem Zweck einige der wichtigsten Prognosen vergleichend zusammengestellt (Abb. 3.5): Mit Ausnahme der Prognosen von Campbell 1997 27, der von einer früheren, und Odell 1998, der von einer weitaus späteren Erschöpfung ausgeht, stimmen alle Prognosen darin überein, dass der Depletion-mid-point im ersten Quartal des 21. Jahrhunderts überschritten werden wird und bis zum Ende des 21. Jahrhunderts die Erdölvorkommen weitgehend erschöpft sein werden. Die Differenzen in der Ermittlung des Depletion-mid-points ergeben sich vor allem aus der Berücksichtigung (Odell 1998), bzw. Nicht-Berücksichtigung (Campbell 1997) nicht-konventioneller Erdölressourcen.28 Der Hauptgrund, warum eine Mehrzahl der Geologen ein Überschreiten des globalen Depletion-mid-point innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte als unausweichlich ansieht, liegt darin, dass die letzten spektakulären Neufunde in den 60er Jahren gemacht wurden, als die großen Erdölvorkommen in Alaska und der Nordsee entdeckt worden sind. Diese Neufunde haben damals zudem die Abhängigkeit der OECD-Staaten von der OPEC verringert. Das ergiebigste Jahr ist 1962 gewesen, als das Volumen der damaligen Neufunde dem fünffachen der Jahresförderung entsprochen hat. Die Volumina der heutigen jährlichen Neufunde erreichen
25 26 27 28
ebd. vgl. dazu auch A.-Y. Huc: Erdöl unter der Tiefsee, in: Spektrum der Wissenschaft, 02/2004, S. 76–84. C. Campbell, J. H. Laherrère: The end of cheap oil, in: Scientific American, 03/1998, S. 78–83. Vgl. dazu auch die Kontroverse zwischen Hatfield und Houthakker, in: Nature, Vol. 388, 14. 8. 97, S. 618.
Fossile Energieträger
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nach Berechnungen der BGR im Schnitt aber nur noch 25 % der heutigen Jahresförderung.29 Wegen der rückläufigen Anzahl und Ergiebigkeit der weltweiten Neufunde prognostiziert auch der amerikanische Geologe und Hubbert-Schüler Deffeyes ein baldiges Überschreiten des Depletion-mid-points.30 Der Geophysiker M. King Hubbert hat 1956 das Überschreiten des Höhepunkts der amerikanischen Ölförderung (ihm zu Ehren auch „Hubberts Peak“ genannt) – gegen den damaligen Trend – bereits für Anfang der siebziger Jahre prognostiziert und mit dieser Prognose recht behalten. Ein ent-
Abb. 3.5 Auswahl verschiedener Prognosen für die Erdölförderung (konventionell und nicht-konventionell), Quelle: BGR
29
30
BMWi (Hrsg.): Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen – Zusammenfassung – Dokumentation Nr. 465, BMWi 1999, S. 18 [im Folgenden als BGR 1999 Zusammenfassung zitiert]; vgl. auch Stahl, S. 8. K. S. Deffeyes: Hubbert’s peak. The impending world oil shortage, Princeton 2001.
68
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
scheidendes Merkmal der Methode, die Hubbert in den fünfziger Jahren für die Bestimmung des amerikanischen Depletion-mid-points eingesetzt hat, und die auch den heutigen Prognosen zugrunde liegt, liegt darin, dass er bei der Berechnung des Depletion-mid-points der amerikanischen Erdölförderung, die Erdölproduktion in erster Linie in Relation zur Anzahl und Ergiebigkeit der jährlich neu entdeckten Ölfelder setzt. Da die größten amerikanischen Ölfelder in den 30er Jahren entdeckt worden sind, Anzahl und Ergiebigkeit der neu entdeckten Quellen jedoch seit 1940 zurückgegangen ist, ist Hubbert zu dem Schluss gekommen, dass die amerikanische Erdölförderung ab Anfang der siebziger Jahre rückläufig sein müsse. Als Hubbert dieses Ergebnis 1956 vorgestellt hat, ist seine Prognose sehr umstritten gewesen. Der Depletion-midpoint beim amerikanischen Erdöl ist 1970 überschritten worden.31 Das Jahr 1970 markiert eine Zäsur in der Geschichte der Erdölwirtschaft, denn von diesem Zeitpunkt an haben die amerikanischen Erdölfelder das strategisch wichtige Potenzial verloren im Notfall zusätzliche Förderkapazitäten mobilisieren und damit zusammenhängend den weltweiten Erdölpreis beeinflussen zu können.32 Dieses Potenzial liegt heute bei den arabischen Ölfeldern. Bezogen auf die weltweiten Förderkapazitäten stellt sich die Situation nach Deffeyes heute ähnlich dar. Wie sowohl die jahrzehntelange Explorationserfahrung in den USA als auch Wahrscheinlichkeitsberechnungen zeigen, werden die größten und ergiebigsten Ölfelder in der Explorationsphase zuerst entdeckt.33 Dieselben statistischen Methoden zeigen, dass die bereits bekannten hundert größten Ölfelder der Welt aller Wahrscheinlichkeit nach bereits die Hälfte der weltweiten konventionellen Ölressourcen enthalten.34 Dies bedeutet, dass spektakuläre Neufunde sehr großer Felder für die Zukunft sehr unwahrscheinlich sind und der größte Teil der insgesamt vorhandenen Ressourcen schon entdeckt worden ist. Nach Berechnungen von Deffeyes hat das prozentuale Reservenwachstum durch Neufunde bis 1983 immer deutlich über den jährlichen Wachstumsraten des weltweiten Ölverbrauchs gelegen.35 Da seit Beginn der achtziger Jahre das Reservenwachstum durch Neufunde rückläufig ist, sieht Deffeyes ein Überschreiten des Depletion-mid-
31 32 33 34 35
Die Originalkurve 1991, S. 3. ebd., S. 5; vgl. auch Yergin ebd., S. 712 ff. vgl. dazu Deffeyes ebd. Kapitel 6 passim. ebd., S. 120. Deffeyes 2001, S. 157. Unberücksichtigt bleibt in dieser Berechnung ein nach Ansicht von Deffeyes mehr scheinbares Reservenwachstum der achtziger Jahren, als die OPEC die Förderquoten ihrer Mitgliedsländer an die Reserven koppelte, woraufhin viele OPEC-Staaten die Schätzungen über den Umfang ihrer Reserven deutlich nach oben korrigierten; vgl. zu diesem scheinbaren Wachstum auch Campbell 1998, S. 83.
Fossile Energieträger
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points bei der Förderung konventionellen Öls in den nächsten Jahren als unausweichlich an. Ob die sich abzeichnende Verknappung des wichtigsten Primärenergieträgers wirtschaftlich und sozial verträglich verlaufen wird, hängt von mehreren Faktoren ab, insbesondere vom Tempo, mit dem die Verknappung eintreten wird, und der Zeit, die den Volkswirtschaften damit für die Umstrukturierung ihrer Energiesysteme bleibt. Optimisten, wie Kehrer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, der sich selbst als Realist einstuft, gehen davon aus, dass die Erschöpfung der Erdölreserven allmählich und ohne größere Störungen der Weltwirtschaft ablaufen wird: „Ein die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft hemmender Mangel ist gleichwohl ebenfalls nicht zu befürchten, da bedingt durch den längerfristigen allmählichen Förderabfall und zu erwartender technologischer Fortschritte ausreichend Zeit für einen Umstieg auf reichlich vorhandene andere fossile Energieträger wie Kohle und Erdgas bzw. erneuerbare Energiequellen wie Sonne, Wind und Geothermie bleibt.“ 36 Der weltweite Erdölverbrauch ist zwischen 1970 und 2001 von 46,8 Millionen auf 75,2 Millionen Barrel pro Tag gewachsen. Die Energy Information Adminstration (EIA), die für die US-amerikanische Regierung einen der größten Weltenergieberichte erstellt, geht davon aus, dass der weltweite Verbrauch bis 2020 weiter auf 119,6 Millionen Barrel pro Tag ansteigen wird.37 Der größte Teil des Wachstums wird dabei voraussichtlich auf die Schwellenländer Süd- und Ostasiens entfallen (Abb. 3.6). Schon heute ist der Anteil des asiatisch-pazifischen Raumes am Ölverbrauch größer als der Europas. In Japan und den asiatischen Schwellenländern (ohne China) stieg der tägliche Ölverbrauch 1999 gegenüber dem Vorjahr um 200000 Barrel und 2000 noch einmal um 400000. Die EIA prognostiziert, dass alleine der Verbrauch Chinas und Indiens bis 2020 auf 16 Millionen Barrel pro Tag anwachsen wird.38 Zwar entfällt heute noch der größte Teil des Erdölverbrauchs auf OECD-Länder, aber der Abstand wird sich nach Prognosen der EIA im Verlauf der nächsten zwei Jahrzehnte immer mehr verringern und schließlich werden die Entwicklungs- und Schwellenländer um 2020 in ihrem absoluten Erdölverbrauch zu den Industrieländern aufschließen.39 Insbesondere die wachsende Volkswirtschaft Chinas zeigt einen dramatisch
36 37 38 39
Kehrer 2000. EIA (Hrsg.): International Energy Outlook 2001, S. 27 ff. Ebd. S. 28. Ebd., vgl. auch Fig. 25.
70
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.6 Ölverbrauch in Süd- und Ostasien [EIA-Referenzprognose 2001]
wachsenden Verbrauch an Erdöl. Hat dieser 1991 noch 117,9 Millionen Tonnen betragen, so hat er sich bis zum Jahr 2000 auf 230 Millionen Tonnen verdoppelt, womit China Deutschland von Rang drei der größten Erdölkonsumenten verdrängt hat.40 Bis 2020 wird für China ein Anwachsen auf jährlich bis zu 500 Millionen Tonnen prognostiziert. Falls der Depletion-mid-point der globalen Förderung, wie oben diskutiert vor 2020 überschritten werden sollte, werden die EIA-Prognosen, die hauptsächlich auf ökonomischen Trendextrapolationen beruhen, wegen steigender Ölpreise nicht realisiert werden können.41 Man muss nicht sogleich apokalyptische Szenarien von Weltwirtschaftskrisen und Rohstoffkriegen an die Wand malen, um zu erkennen, dass die Verknappung der Erdölreserven ein sehr ernstes politisches Problem ist. Verschärft wird dieses Problem durch den Umstand, dass zwei Drittel der weltweiten Erdölreserven im politisch instabilen Nahen Osten konzentriert sind. Insgesamt konzentrieren sich innerhalb eines Gebietes, das sich vom Nahen Osten über den Kaukasus bis nach Westsibirien erstreckt, 70 Prozent der bekannten Welterdölreserven und 65 Prozent der Welterdgasreserven, weshalb diese Region auch als „strategische Ellipse“ bezeichnet wird.42 40 41 42
Zahlen nach BP statistical review of world energy 2002, S. 9. vgl. zur Kritik an den Trendextrapolationen der EIA Campbell, S. 80. H. Rempel, 2000, S. 4.
Fossile Energieträger
71
Tab. 3.1
Erdölreserven [Stand: 2000]
Erdölförderung [Stand: 2000]
Europa
2584
323,9
GUS
7754
394,5
Afrika
9997
360,7
Nordamerika
3568
477
Naher Osten
92 776
1111,7
Südamerika
17 094
519,9
Süd-Ostasien
5931 In Millionen
374 Tonnen
2000 hat die Erdölproduktion der OECD-Länder 800 Millionen Tonnen und die der arabischen OPEC-Staaten 1,1 Milliarden betragen; sie sind also in ihrer Größenordnung durchaus vergleichbar.43 Wie die Tabelle 3.1 zeigt, ist die Relation der Erdölförderung zu den vorhandenen Reserven für Europa und die USA aber äußerst ungünstig. Nach der oben getroffenen Definition der statischen Reichweite beträgt diese daher für die europäischen und amerikanischen Felder nur noch einige Jahre, während die Erdölfelder im Nahen Osten bei gleichbleibender Förderhöhe noch auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben können. Die wichtigsten Energieagenturen gehen aufgrund dieser Situation übereinstimmend davon aus, dass der Anteil des Erdöls aus dem Nahen Osten am Weltmarkt in den nächsten Jahren stark ansteigen wird. So prognostiziert etwa der im Auftrag der Europäischen Kommission erstellte „European Energy Outlook to 2020“, dass der Anteil des Öls aus der Golfregion an der weltweiten Produktion bis 2020 von 26 auf 40 Prozent steigen wird.44 Viele OECD-Staaten versuchen einer wachsenden Abhängigkeit von den arabischen OPEC-Staaten, wie sie bereits während der ersten Erdölkrise einmal bestanden hat, durch eine stärkere Diversifizierung ihrer Erdöllieferanten zu begegnen. So haben sich die USA in den letzten Jahren verstärkt in Westafrika engagiert. Während China sich vor allem um die Erschließung der Erdöl- und Erdgasvorkommen in Zentralasien bemüht 45, decken Europa und Japan einen wachsenden Anteil ihres Erdölbedarfs aus 43 44 45
Stahl 1998, S. 7. European Energy Outlook to 2020, hrsg. von Energy in Europe im Auftrag der Europäischen Kommission, Luxemburg 1999, S. 27. K. Bradsher: China struggles to cut reliance on mideast oil, in: New York Times, 3. 8. 2002.
72
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.7 Gesicherte Erdölreserven nach Regionen: gesamt: 143 Mrd. t [BP 2002]
Abb. 3.8 Statische Reichweite der weltweiten Erdölreserven [Stand 2000 nach Oeldorado 2001]
Fossile Energieträger
73
Russland.46 Sofern keine spektakulären Neufunde außerhalb des Nahen Ostens gemacht werden, ist die Diversifizierungsstrategie längerfristig jedoch zum Scheitern verurteilt. Die Abneigung der Industriestaaten gegen die wachsende Abhängigkeit von Ölimporten aus dem Nahen Osten ist historisch verständlich. In der Vergangenheit haben kriegerische und politische Ereignisse in dieser Region wiederholt zu erheblichen Unterbrechungen der Erdölförderung geführt. Die wichtigsten Förderunterbrechungen sind entstanden durch den arabisch-israelischen Krieg 1973 (2,6 Mio. b/Tag) und das auf den Krieg folgende Öl-Embargo der arabischen OPEC-Staaten gegen den Westen, die iranische Revolution 1979 (3,5 Mio. b/Tag) und die Okkupation Kuwaits durch den Irak 1991 (4,6 Mio. b/Tag).47 Insbesondere die beiden Erdölkrisen nach dem arabisch-israelischen Krieg 1973 und der iranischen Revolution 1979 führten in vielen Industriestaaten zu wirtschaftlicher Rezession. Aufgrund der Verteilung der Reserven ist davon auszugehen, dass der Nahe Osten wegen des wachsenden Energiehungers der Welt in den nächsten Jahrzehnten noch stärker als bisher im Brennpunkt der Weltpolitik stehen wird. Wegen der hohen Konzentration an Energierohstoffen überschneiden sich innerhalb der strategischen Ellipse die wirtschaftlichen und politischen Interessensphären der großen Industrienationen und Wirtschaftsblöcke: eine gefährliche Konstellation für den Weltfrieden.
3.1.2 Erdgas Erdgas hat einen Anteil von 22 Prozent am weltweiten Primärenergieverbrauch und liegt damit hinter Erdöl und Kohle an dritter Stelle. In Deutschland wurden im Jahr 2000 98,4 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht und damit doppelt so viel wie noch vor zwanzig Jahren.48 Von den 98,4 Milliarden entfielen 48,1 Milliarden auf Haushalte und Kleinverbraucher, 29,3 Milliarden auf die Industrie einschließlich der Petrochemie, 12,8 Milliarden auf Kraftwerke und 12 Milliarden auf Fernwärme, Kokereien und Sonstige. Nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit ist der Anteil des Erdgases am Primärenergieverbrauch gestiegen und wird nach übereinstimmender Ansicht führender Energieagenturen voraussichtlich weiter wachsen, vor allem weil Erdgas wegen der günstigen Wirkungs46 47 48
J. Brooke: Koizumi visits energy-rich russian region, seeking oil, in: New York Times, 13. 1. 2003. vgl. EIA (Hrsg.): Global oil supply disruptions since 1951, unter: http://www.eia.doe.gov/ security/distable.html [Stand: November 2002]. Zahlen nach Öldorado 2001, S. 5.
74
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.9 Gesamtressourcen an Erdgas [BGR 1999]
grade und geringen Investitionskosten von Gas- und Dampfkraftwerken (GuD) verstärkt im Bereich der Stromerzeugung eingesetzt wird.49 Traditionell wird Erdgas jedoch nach wie vor hauptsächlich zur Erzeugung von Heizwärme für private Verbraucher genutzt. Zur Zeit sind weltweit unstrittige Reserven in Höhe von 153 Billionen m3 bei einer derzeitigen Reichweite von 65 Jahren bekannt. Den Reserven stehen Ressourcen in einer Höhe von 226 Billionen m3 gegenüber (Abb. 3.9, Tab. 3.2). Tab. 3.2
[nach BGR 1999]
Reserven
Ressourcen 226 Bill. m3
Konventionelles Erdgas
153 Bill.
Nicht-konventionelles Erdgas
3 Bill. m3
3237 Bill. m3
Gashydrate
0
1540 Bill. m3
Kohle-Flözgas
2 Bill m3
85 Bill. m3
Dichte Speicher
1 Bill. m3
113 Bill. m3
Aquifere
0 Bill. m3
1500 Bill. m3
Gesamt
159 Bill. m3
3463 Bill. m3
49
Vgl. European Energy Outlook to 2020, S. 25.
m3
Fossile Energieträger
75
Wie aus der Tabelle hervorgeht übersteigen die Ressourcen an nicht-konventionellem Erdgas, die vor allem aus Gashydraten und Aquiferen bestehen, die konventionellen Vorkommen sogar um eine ganze Größenordnung. Nicht-konventionelles Erdgas ist unter heutigen Bedingungen jedoch ganz überwiegend nicht förderungswürdig, weshalb derzeit auch (fast) keine nicht-konventionellen Reserven existieren. Eine Veranschaulichung der Mengenverhältnisse bietet das Diagramm (Abb. 3.9, Tab. 3.2). Wegen des riesigen Potenzials der Gashydrate, von denen zugleich ungewiss ist, ob sie sich jemals wirtschaftlich gewinnen lassen werden, sollen diese weiter unten gesondert abgehandelt werden. Im Folgenden wird die Fördersituation für die konventionellen Erdgasvorkommen beleuchtet. Vom Gesamtpotenzial der weltweiten konventionellen Erdgasreserven sind schätzungsweise 15 Prozent bereits gefördert. Damit stellt sich die Situation beim Erdgas wesentlich günstiger dar als beim Erdöl, von dem bereits 35 Prozent des Gesamtpotenzials [EUR] verbraucht sind. Selbst bei einem von heute an jährlich weltweit um 3 % steigenden Erdgasverbrauch wird nach Prognosen der BGR ein Förderstand wie beim Erdöl erst gegen 2025 erreicht werden.50 Die Erdgasförderung wird ihren Depletion-midpoint daher in jedem Falle wesentlich später überschreiten als die der Erdölförderung. Ein vom BGR erstellter Vergleich unterschiedlicher Prognosen zeigt, dass eine Mehrheit der Autoren von einem Überschreiten des Depletion-mid-point bei Erdgas für die Zeit um 2050 ausgeht, mit einem für die Erdgasförderung typischen, weniger steil abfallendem Förderrückgang nach Überschreiten dieses Punktes.51 Derzeit (2000) werden von der weltweiten Erdgasförderung in Höhe von 2400 Milliarden Kubikmeter etwa 400 Milliarden über lange Distanzen (2000 bis 4000 km) exportiert, davon etwa zwei Drittel über Pipelines und ein Drittel als Flüssiggas.52 Aufgrund der weitgehenden Abhängigkeit des Erdgastransports von Pipelines kann Erdgas nicht weltweit vermarktet werden. Derzeit existieren auf der Welt drei große Erdgasmärkte: x x x
50
51 52
der europäische, der nordamerikanische und der ostasiatische. Rempel, H.: Erdgas im 21. Jahrhundert, Vortrag gehalten auf der Frühjahrstagung 2001 des Fachbereiches Aufsuchung und Gewinnung DGMK, am 26. 4. 2001, BGR 2001, unter: www.bgr.de [Stand: 2001]. ebd., S. 8. R. Gohfrani / C. Marx: Natural Gas: Exploitation Technologies, in: Heinloth (Hrsg.): Landolf-Börnstein VIII 3 A: Energy Technology (Fossil), Berlin 2002.
76
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Der europäische Erdgasmarkt ist der bei weitem bedeutendste. Zur Zeit kann die Europäische Union noch zwei Drittel ihres Bedarfs aus eigenen Reserven decken. Wichtigste Erdgasproduzenten in der EU sind Großbritannien, Norwegen und die Niederlande, allerdings ist die Reichweite der westeuropäischen Reserven sehr begrenzt. In Zukunft wird daher nach übereinstimmenden Prognosen der Anteil Russlands, das über die größten Erdgasreserven der Welt verfügt (Abb. 3.10), am europäischen Erdgasmarkt wachsen. Für den nordamerikanischen Markt sehen die Prognosen weniger günstig aus, da sich die nordamerikanischen Erdgasreserven ihrer Erschöpfung nähern und Erdgas wegen seiner geringeren Energiedichte nicht so wirtschaftlich wie Erdöl über größere Entfernungen transportiert werden kann.53 Nach Erschöpfung der nordamerikanischen Vorkommen könnte für die Versorgung Nordamerikas längerfristig der Erdgastransport in Form von Flüssiggas (LNG), der derzeit nur eine untergeordnete Rolle im Erdgashandel spielt, an Bedeutung gewinnen. Allerdings würden die Erdgaspreise in Nordamerika durch die Transportkosten deutlich höher liegen als in Europa.
Abb. 3.10 Länder mit Erdgasreserven > 1 Bill. m3
53
Rempel 2001, S. 5.
Fossile Energieträger
77
Zum jetzigen Zeitpunkt ist völlig unklar, ob sich der Schiffstransport von Flüssigerdgas nach Nordamerika wirtschaftlich rechnen wird. Im ostasiatischen Raum erschweren riesige Distanzen heute schon den Transport von Erdgas und führen zu hohen Preisen. Die weltweite Verteilung der Erdgasreserven ist nicht ganz so einseitig wie die des Erdöls, allerdings lagern auch hier in der nach Norden erweiterten strategischen Ellipse 65 Prozent der Welterdgasreserven (Abb. 3.10). Über die mit Abstand größten Erdgasreserven der Welt verfügen die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und der Nahe Osten. Da die Erdgasförderung im Nahen Osten zur Zeit auf einem sehr niedrigen Niveau verläuft, ist die Reichweite der dortigen Reserven wesentlich höher als die der GUSStaaten (siehe Abb. 3.11; Abb. 3.12). Als Fazit kann festgehalten werden, dass der Depletion-mid-point beim Erdgas um einige Jahrzehnte zeitversetzt zum Erdöl überschritten werden wird, nämlich um 2050. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Erdgas Erdöl als wichtigster Primärenergieträger im Verlauf des 21. Jahrhunderts ablösen wird. Zugleich ist jedoch auch deutlich geworden, dass das Potenzial der konventionellen Erdgasreserven nicht groß genug ist, um das Erdöl längerfristig ersetzen zu können. Es besteht lediglich die begründete Hoffnung, dass die wachsende Erdgasproduktion den Förderabfall beim Erdöl im 21. Jahrhundert mittelfristig ausgleichen und so schwere Störungen der Weltwirtschaft verhindern kann. Über ein Potenzial, das deutlich über das 21. Jahrhundert hinauswiese, verfügt das Erdgas hingegen nicht. Anders verhält es sich möglicherweise mit den nicht-konventionellen Erdgasvorkommen,
Abb. 3.11 Verteilung der weltweiten Erdgasreserven [nach Exxon / Oeldorado 2001]
78
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.12 Reichweite der weltweiten Erdgasreserven [nach Exxon / Oeldorado 2001]
die die konventionellen, wie oben gezeigt, um eine ganze Größenordnung übersteigen. Im Gegensatz zu den nicht-konventionellen Erdölreserven ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar, ob die nicht-konventionellen Erdgasressourcen jemals zu wirtschaftlichen und ökologisch verträglichen Bedingungen gefördert werden können. Nach Schätzungen der BGR existieren weltweit 3237 Billionen Kubikmeter an nicht-konventionellen Erdgasressourcen, von denen der größte Teil auf Aquifere und Gashydrate entfällt (jeweils rund 1500 Billionen Kubikmeter). Damit übersteigen die nicht-konventionellen Ressourcen die Gesamtressourcen an konventionellem Erdgas um etwa das Zehnfache. Nicht-konventionelles Erdgas besteht aus x x
x x
Flözgas, Aquifergas (Gase aus Kohlenwasserstoffvorkommen, die mit Grundwasserleitern in Verbindung stehen), Erdgas in dichten Speichergesteinen und Gashydraten.
Es gibt seriöse Schätzungen, nach denen allein in unterseeischen Gashydratvorkommen mehr als doppelt soviel Kohlenstoff gespeichert ist, wie in allen bisher bekannten fossilen Reserven zusammengenommen.54 Auch 54
USGS (Hrsg.): Natural Gas Hydrates – Vast Resource, Uncertain future, FS-021-01, USGS 2001.
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Abb. 3.13 Mengenanteile von organischem Kohlenstoff einzelner Reservoirs auf der Erde, nach Kvenvolden. Quelle: Geomar
die deutsche Forschungsgruppe Geomar schätzt die in Gashydraten gebundene Kohlenstoffmenge auf 10 000 Gigatonnen Kohlenstoff, womit sie größer wäre als alle sonstigen in lebenden und fossilen Reservoirs gebundenen Kohlenstoffanteile. Trotz dieser riesigen Vorkommen existieren derzeit nur kleine Gewinnungsanlagen in Japan und Sibirien, mit denen diese nichtkonventionellen Vorkommen nutzbar gemacht werden können. Der Grund für die fehlende Nutzung liegt darin, dass diese Vorkommen extrem unzugänglich und technisch aufwendig in der Förderung sind. Im Folgenden soll zunächst das Potenzial der Gashydrate näher diskutiert werden, die erst aufgrund jüngster Forschungen größere Beachtung gefunden haben. Gashydrate sind nicht-stöchiometrische Verbindungen, bei denen Wassermoleküle Gasmoleküle wie in einem Käfig einschließen. Solche Verbindungen entstehen jedoch nur unter hohem Druck und bei sehr niedrigen
80
Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Temperaturen. Gashydrate, 1810 durch den englischen Chemiker Humphrey Davy eher zufällig entdeckt, haben lange Zeit lediglich als chemische Kuriosität gegolten. In den 70 er Jahren des 20. Jahrhunderts postulierten russische Wissenschaftler jedoch größere Vorkommen von Methanhydraten auf dem Meeresboden. In den 80 er Jahren führten russische und amerikanische Forschungsexpeditionen mit Hilfe von Tiefseebohrungen den Nachweis ihrer Existenz. Doch erst dem deutschen Forschungsschiff Sonne gelang es im Sommer 1996 mit Hilfe eines videogesteuerten Greifers vor der Küste von Oregon in 780 Meter Wassertiefe mehrere Zentner dieser seltsamen Substanz an Bord des Schiffes zu hieven.55 Wenn das gefrorene Gashydrat an die Oberfläche kommt erwärmt es sich und setzt Methangas (CH4) frei. Methan ist an der Luft brennbar, weshalb das aus dem Eis austretende Gas unmittelbar entzündet werden kann: Es scheint als brenne das Eis selbst. Der Methangehalt des Eises ist erheblich: Aus einem Kubikzentimeter Methanhydrat werden beim Schmelzen bis zu 164 Kubikzentimeter Methan freigesetzt. Das Methan im Ozean stammt aus dem fermentativen Abbau organischer Komponenten und der bakteriellen CO2-Reduktion. Unter hohen Drücken und niedrigen Temperaturen, wie sie in der Tiefsee herrschen, wird das Methan schließlich in Gashydraten eingeschlossen. Da an Kontinentalrändern durch hohe Planktonaktivität die größten organischen Stoffmengen anfallen, die durch weiteren Stoffwechsel Methan freisetzen, finden sich hier auch die größten Gashydratvorkommen der Welt. Derzeit sind Gashydratvorkommen an 80 Stellen der Welt durch den Einsatz seismischer Reflektoren nachgewiesen. Große Vorkommen sind im Rahmen des „Ocean-Drilling Program“ an den Kontinentalhängen vor Peru, Chile, am Blake-Rücken und vor Nord-Carolina gefunden worden.56 Als ein besonders ertragreiches Gebiet haben Mitarbeiter des deutschen Forschungsprojektes Geomar in der Cascadia-Subduktionszone vor Oregon ausgemacht. Neben Deutschland verfügen zur Zeit auch Japan, die USA und Indien über nationale Programme zur Erforschung der weltweiten Gashydratvorkommen. Die Stabilität der Gashydrate hängt gleichermaßen von den beiden Parametern Druck und Temperatur ab. Gashydrate sind daher einerseits in sehr kalten Meeren in relativ geringen Tiefen von einigen hundert Metern stabil, andererseits auch in warmen Meeren in Tiefen von weit über 1000 Metern. Ähnliche Bedingungen herrschen in Permafrostböden bei mehr als 700 Meter Tiefe: Auch dort werden Gashydrate vermutet. Aus diesem Befund ergibt sich, dass eine mögliche Gewinnung der Gashydrate als Ener-
55 56
G. Bohrmann, J. Greinert, E. Lausch, E. Suess: Brennendes Eis. Methanhydrat am Meeresgrund, in: Spektrum der Wissenschaft, 06/1999, S. 62 ff. Informationen zum Thema Gashydrate, unter: www.gashydrate.de [Stand: März 2002].
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gierohstoff offshore am ehesten in sehr kalten Meeren möglich ist oder an Land bei extrem dicken Permafrostböden. Im Gegensatz zu den deutschen Forschern, die sich im Wesentlichen mit Grundlagenforschung begnügten haben, haben die US-Forscher sofort eine mögliche Nutzung dieser Vorkommen ins Auge gefasst. Der U.S.Geological Survey (USGS), der in etwa das amerikanische Pendant zur BGR darstellt, erforscht eine mögliche Gewinnung von Gashydraten an zwei Stellen an der Küste von Alaska. Zur Zeit werden drei Techniken diskutiert 57: x
x
x
Die Hydratvorkommen könnten durch warmes Wasser erhitzt und so das Methan freigesetzt werden. Durch Injektion eines Inhibitors wie Glycol oder Methanol könnte die Hydratstabilität herabgesetzt werden. Eine technische induzierte Herabsetzung des Druckes könnte die Methanfreisetzung einleiten.
Nach Ansicht der USGS wäre erstere Option technisch durchführbar, aber zu kostspielig, die zweite Option hingegen technisch extrem aufwendig und unter ökologischen Gesichtspunkten besonders bedenklich, weshalb drittens ein technisch induzierter Druckabfall als vielversprechendste Variante angesehen wird. Ein schwerwiegendes Problem besteht jedoch darin, dass die meisten Gashydratvorkommen auf nahezu undurchlässigen Sedimenten auflagern, weshalb eine Förderung des frei werdenden Gases über ein Bohrloch wenig aussichtsreich erscheint. Poröse Sedimente finden sich zumindest im Golf von Mexiko und vor der Ostküste Indiens, weshalb hier nach Ansicht der USGS die größten Chancen für eine mögliche zukünftige Förderung bestehen. Das deutsche Forschungsteam des GeomarProjektes warnt jedoch, dass die Installation von Pipelines an Kontinentalhängen die Hänge destabilisieren und Tsunamis (plötzlich auftretende Riesenwellen) auslösen könnte.58 Damit wäre auch schon eine der größten Sorgen angesprochen, die mit den Gashydratvorkommen verbunden werden. Aus geologischen Vermessungen der norwegischen Küste weiß man, dass in der Vergangenheit Gasfreisetzungen aus Gashydratvorkommen zum Abrutschen ganzer Kontinentalhänge geführt haben, die nach aller Wahrscheinlichkeit riesige Tsunamis auslösten.59 Der Abbau von Gashydraten könnte zu einem Abrutschen der Hänge und unkontrollierten Freisetzung von Methan in die Atmosphäre führen. Das freiwerdende Methan, das ein viel stärkeres Treib-
57 58 59
USGS FS-021-01. Bohrmann et al, 1999. nach www.gashydrate.de.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
hausgas ist als Kohlendioxid, würde in einem sich selbst verstärkenden Prozess zu einer weiteren Erwärmung der Atmosphäre beitragen und das Auftauen weiterer Gashydratvorkommen beschleunigen. Ein umweltverträglicher Abbau der Gashydratvorkommen setzt also voraus, dass es dabei nicht zu einer unkontrollierten Freisetzung von Methan in die Atmosphäre kommt. Die Verbrennung des Methans selbst ist allerdings relativ umweltfreundlich, da dabei pro Energieeinheit weniger CO2 frei wird als bei der Verbrennung von Kohle oder Öl. Es kann daher für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden, dass bei Vorliegen entsprechender technischer Voraussetzungen Methan aus Gashydraten doch einmal eine wirtschaftliche und ökologisch vertretbare Alternative als Primärenergie darstellen könnte. Angesichts der riesigen Ressourcen, die auf dem Meeresgrund und unter Permafrostböden lagern, sind Gashydrate eine ernstzunehmend Option für die zukünftige Energieversorgung. Während des Verkohlungsprozesses wird ein stark methanhaltiges Gas frei, das sich zwischen den Flözen einlagert, im Folgenden als Flözgas bezeichnet.60 Dieses Gas wurde von Bergleuten vor allem als Grubengas gefürchtet und von Bergbauingenieuren als Herausforderung an die Sicherheitstechnik verstanden. Erst in jüngster Zeit gerät Flözgas als Ressource in den Blick. Die BGR schätzt die weltweiten Ressourcen an Kohle-Flözgas auf 85 Bill. Kubikmeter, nach Schätzungen der USGS könnten es sogar 214 Bill. m3 sein.61 Wegen seiner großen inneren Oberfläche kann Kohle sechs bis sieben mal soviel Gas speichern wie vergleichbare Felsvolumina. Der Anteil des Gases nimmt mit der Reinheit der Kohle und der Fördertiefe zu. Um gezielt Flözgas aus Kohlen gewinnen zu können, muss sein Partialdruck gesenkt werden, was im Allgemeinen durch die Zufuhr von Wasser bewerkstelligt wird, das zu diesem Zweck Salz enthalten muss. Nicht zuletzt Bedenken gegen die mögliche Einleitung von Salzwasser in das Grundwasser haben dazu geführt, dass diese Form der Gasgewinnung nur selten genutzt wird. Daher wird das beim Abbau von Kohle freiwerdende Methan im Allgemeinen abgesaugt und über die Luftabfuhr der Bergwerke an die Atmosphäre abgegeben. Die weltweiten Methanemissionen aus Bergwerken sind erheblich, sie belaufen sich nach Schätzungen auf jährlich rund 26 Milliarden Kubikmeter.62 Nur eine Milliarde Kubikmeter wird derzeit energetisch 60 61 62
Flözgas hat einen Methananteil von 90–95 %, Grubengas aus aktiven Bergwerken einen Anteil von 25–60 % und Grubengas aus stillgelegten Bergwerken 60–80 %. BGR 1999 Zusammenfassung, S. 7; USGS: Coalbeded Methane – An untapped energy ressource and environmental concern, FS-019-097, USGS 1997. Landesinitiative Zukunftsenergien NRW (Hrsg.): Grubengas – ein Energieträger in NRW, Düsseldorf 2002, S. 37.
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genutzt. Um die Abgabe dieses hochwirksamen Treibhausgases zu reduzieren, hat die US-amerikanische Regierung ein Programm ins Leben gerufen, das die technischen Voraussetzungen dafür klären soll, wie die Methanvorkommen verstärkt genutzt werden können, ohne dass grundwasserführende Schichten belastet werden. Dazu sollen auch Bergwerken in China, Polen und der Tschechischen Republik technische Unterstützung zukommen.63 In Deutschland wird insbesondere im Ruhrgebiet schon seit längerem aus Steinkohlebergwerken abgesaugtes Grubengas für die Feuerung von Blockheizkraftwerken (BHKW) gewonnen. So existiert in Gelsenkirchen bereits seit 1989 ein Heizkraftwerk mit einer Leistung von 32,2 MW, das zu 80 % mit Grubengas aus den Bergwerken Ewald, Schlägel&Eisen und Hugo gespeist wird.64 Das weltweit erste Blockheizkraftwerk, das Grubengas aus einer stillgelegten Zeche nutzt, wurde 1997 auf dem ehemaligen Zechengelände von Mont Cenis in Herne eingerichtet.65 Durch staatliche Förderung wurden bis Ende 2002 in Nordrhein-Westfalen im Bereich des stillgelegten Bergbaus 44 BHKW mit einer Leistung von 52 MWth in Betrieb genommen. Zwar sind BHKW auf der Basis von Grubengas meistens nur sehr klein und daher selten wirtschaftlich, aber sie leisten einen erheblichen Beitrag zur Reduzierung des Treibhausgases Methan. Allein durch die 44 BHKW im Bereich des stillgelegten Bergbaus wurden 2002 in NRW 1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent vermieden.66 Eine weltweit verstärkte Nutzung der Methanressourcen aus Kohleflözen würde daher nicht nur eine zusätzliche Energieressource erschließen, sondern auch einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Erdgas verbrennt bei genügend hohen Temperaturen nahezu vollständig, weshalb verglichen mit der Verbrennung von Kohle verhältnismäßig wenig Schadstoffe und CO2 freigesetzt werden. Moderne Gas- und Dampfkraftwerke erreichen zudem die höchsten Wirkungsgrade aller Wärmekraftwerke (vgl. 3.6.2). Die Schadstoffemissionen moderner Gaskraftwerke liegen von allen fossilen Kraftwerkstypen am niedrigsten und unterschreiten – mit Ausnahme der CO2-Emissionen – sogar die indirekten Emissionen, die bei der Fotovoltaik-Nutzung entstehen (Abb. 3.14).67 Der Beitrag der Erdgasnutzung zum anthropogenen Treibhauseffekt ist jedoch möglicherweise deutlich höher, als die niedrigen CO2-Emissionen aus der Verbrennung dies ver63 64 65 66 67
USGS 1997. Grubengas 2002, S. 25. Ebd., S. 26. ebd., S. 33. Zahlen nach W. Krewitt: Externe Kosten der Stromerzeugung, in: E. Rebhan (Hrsg.): Energiehandbuch, Berlin 2002, S. 999.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.14 Kohlendioxidemissionen verschiedener Energiesysteme einschließlich vor- und nachgelagerter Prozesse [nach Krewitt 2002]
muten lassen. Typisches Erdgas besteht zu über 90 % aus Methan, das ein 20–30 mal höheres Treibhauspotenzial als CO2 hat.68 Sofern Erdgas durch unsachgemäße Handhabung bei Förderung und Transport freigesetzt wird, entstehen daher erhebliche indirekte Methanemissionen aus vorgelagerten Prozessstufen. Die Umweltverträglichkeit von Erdgas hängt daher hauptsächlich von sachgemäßer Behandlung in den vorgelagerten Prozessstufen ab.
3.1.3 Kohle Kohle hat mit einer Jahresförderung von derzeit (2000) 3,3 Mrd. t einen Anteil von 26 Prozent am weltweiten Primärenergieverbrauch. Am Beginn des Industriezeitalters war Kohle in allen Bereichen der mit Abstand wichtigste Primärenergieträger. Kohle war der Motor des Industriezeitalters, der Dampfeisenbahnen antrieb und Eisen zum Schmelzen brachte. Mit der Erfindung des Otto- und Dieselmotors am Ende des 19. Jahrhunderts und der zunehmenden Elektrifizierung der Industriegesellschaften am Anfang des 20. Jahrhunderts begann der relative Anteil der Kohle am Primärenergieverbrauch zu sinken. 68
Das relative Treibhauspotenzial von Methan wird nach dem jüngsten IPCC-Bericht in einem Zeitraum von 20 Jahren auf 62 und in einem Zeitraum von 100 Jahren auf 23 geschätzt, vgl. IPCC 2001, WG I, S. 47.
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Abb. 3.15 Gesamtressourcen an fossilen Energierohstoffen [BGR 1999]
Mitte der sechziger Jahre ist Kohle als wichtigster Primärenergieträger durch das Erdöl abgelöst worden. In einigen Ländern, wie China und Indien, ist Steinkohle jedoch bis heute der wichtigste Primärenergieträger geblieben. Der absolute Verbrauch an Steinkohle ist zudem bis in die Gegenwart kontinuierlich angestiegen. Während Kohle in den Bereichen Verkehr und Heizwärme nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, ist sie weltweit bis heute noch vor Kern- und Wasserkraft der wichtigste Primärenergieträger der Elektrizitätswirtschaft und wird dies nach Prognosen der IEA mittelfristig auch noch bleiben.69 Weltweit beträgt der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung etwa 38 Prozent, gefolgt von der Wasserkraft (19 %) und der Kernenergie (17 %). Der Anteil der Kohle am Primärenergieverbrauch der Welt wird nach Prognosen der EIA, dem jahrzehntelangen Trend folgend, weiter sinken.70 Mit weltweit gesicherten Reserven in Höhe von 558 Mrd. t SKE (16 349 EJ) hat Kohle von allen fossilen Energieträgern die mit Abstand größte Reichweite (rund 200 Jahre) (Abb. 3.15).71 Die derzeit nicht wirtschaftlich abbau69 70 71
IEA (Hrsg.): Weltenergieausblick 2000. Zusammenfassung, S. 91 ff. International Energy Outlook 2001, S. 67. Die Unterscheidung in Hartkohle und Weichbraunkohle ist vor allem im Hinblick auf den Handel wichtig, weil Hartkohlen mit einem Energieinhalt über 16 500 KJ/kg weniger transportkosten-empfindlich sind und daher weltweit gehandelt werden können.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.16 Abhängigkeit Deutschlands vom Import fossiler Energierohstoffe in 2001 angegeben in Energieeinheiten [nach Schiffer 2002]
baren aber sicher nachgewiesenen Reserven – im Folgenden als Ressourcen bezeichnet – sind noch einmal um eine ganze Größenordnung höher. Einen Eindruck von der Größenordnung der Gesamtressourcen an Kohle verglichen mit den Erdöl und Erdgasressourcen vermittelt das Diagramm (Abb. 3.15). Lediglich die Ressourcen an nicht-konventionellen Kohlenwasserstoffen, worunter vor allem die oben diskutierten Vorkommen an nicht-konventionellem Erdgas in Form von Gashydraten fallen, sind in ihrer Größenordnung mit den Ressourcen an Kohle vergleichbar. In wirtschaftlicher Hinsicht sind die Kohleressourcen jedoch wesentlich interessanter, da sie mit heute verfügbaren technischen Mitteln abgebaut und ohne weiteres in das System der bestehenden Energiewirtschaft integriert werden könnten, was insbesondere für Gashydratvorkommen nicht zutrifft. Hinsichtlich ihres potenziellen wirtschaftlichen Nutzens können diese Ressourcen daher nur sehr bedingt mit der Bedeutung der Kohleressourcen verglichen werden. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass Kohle aufgrund der wesentlich größeren Reichweite der Ressourcen längerfristig gute Chancen hat, Erdöl und Erdgas wieder als wichtigster Primärenergieträger abzulösen. Im Gegensatz zu den konventionellen Kohlenwasserstoffen sind die Kohlevorkommen der Welt relativ gleichmäßig über den Globus verteilt. Allerdings sollte die über viele Kontinente verstreute Verteilung der Res-
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sourcen nicht darüber hinwegtäuschen, dass in nur 14 Ländern der Welt 90 Prozent der Reserven konzentriert sind.72 Die drei größten Förderländer der Welt sind heute (1997) China (953 Millionen t SKE), die USA (825 Millionen t SKE) und Indien (213 Millionen t SKE).73 Im eklatanten Unterschied zu den internationalen Erdöl- und Erdgasmärkten, wo die größten Förderländer auch die größten Exporteure sind, verbrauchen diese Länder ihre Förderung fast vollständig selbst. Größte Exporteure sind Australien mit einer Förderung von 209 Millionen Tonnen, von denen 68 Prozent in den Export gehen und Südafrika mit einer Förderung von 172 Millionen Tonnen, von denen 37 Prozent in den Export gehen (1997). Noch vor knapp 30 Jahren gab es überhaupt keinen „eigentlichen“ Weltmarkt an Kohle. Von einer Jahresförderung von 2,2 Milliarden Tonnen Kohle gingen damals nur 5 Prozent in den Export.74 Diese Situation hat sich mittlerweile grundlegend geändert, da Westeuropa, das lange Zeit zu den größten Steinkohleproduzenten der Welt gehörte, mittlerweile die Hälfte seines Kohlebedarfs durch Import decken muss.75 Aufgrund der skizzierten Situation gibt es nach wie vor weltweit nur zwei große Steinkohlemärkte, nämlich den süd- und ostasiatischen, in dem 50 % des Weltkohlehandels abgewickelt werden, und den europäischen, auf den 33 % entfallen.76 Die europäische Steinkohleförderung ist international wegen technisch aufwändiger geologischer Abbaubedingungen und hoher Sozialstandards für das Arbeitspersonal schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Kosten für eine Tonne Steinkohle liegen in der Europäischen Union derzeit bei etwa 150 US-$ pro Tonne, während die Weltmarktpreise bei etwa 40 $/t liegen.77 Allein in Deutschland wurden seit 1980 100 Milliarden 3 an Subventionen zur Erhaltung des Steinkohlebergbaus aufgewendet.78 Auch diese massiven Subventionen konnten nicht verhindern, dass in der Bundesrepublik Deutschland 2001 erstmals mehr Steinkohle importiert als gefördert wurde. Angesichts der erheblichen Kosten ist in vielen EU-Ländern in den letzten Jahren zunehmend Kritik an der staatlichen Subventionierung 72 73 74 75 76 77 78
BGR 1999 (Zusammenfassung), S. 21. Zahlen ebd. RWE (Hrsg.): Unternehmenslandschaft im Wandel. Chancen und Risiken der künftigen Weltenergieversorgung 2000, Essen 2000, S. 52. Europäische Kommission (Hrsg.): Gemeinschaftliche Einfuhren von Steinkohle aus Drittländern zur Verwendung in Kraftwerken im Jahre 1999, Brüssel 2000. BGR 1999 Zusammenfassung, S. 21. European Communities (Hrsg.): Green Paper. Towards a European Strategy for the security of energy supply, Luxemburg 2001, S. 20; im Folgenden als „Green Paper“ zitiert. Zahlen nach BMU (Hrsg.): Hintergrundpapier: Abbau der Steinkohlesubventionen – Ergebnisse von Modellrechnungen, Berlin 2003.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.17 Kohleverbrauchsprognose für die Entwicklungsländer Süd- und Ostasiens [EIA-Referenzprognose 2001]
der Steinkohleförderung laut geworden. Portugal, Belgien und Frankreich haben mittlerweile die Einstellung ihrer Steinkohleförderung beschlossen, während Deutschland und Spanien ihre Förderung durch weitreichende Umstrukturierungen zumindest mittelfristig erhalten wollen und Großbritannien die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Kohle auch um den Preis eines schmerzhaften Zechensterbens anstrebt.79 Andererseits reicht das Volumen des heutigen Steinkohlewelthandels nicht aus, um den Gesamtbedarf Westeuropas zu decken. Zudem ist in der Zukunft mit einer weiter wachsenden Nachfrage aus Südostasien zu rechnen. Die EIA prognostiziert, dass der Kohleverbrauch Chinas und Indiens sich in den nächsten zwanzig Jahren voraussichtlich verdoppeln wird (Abb. 3.17).80 Allein auf China werden dann 40 Prozent des weltweiten Kohleverbrauchs entfallen. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission in ihrem Grünbuch „Towards a European strategy for the security of energy supply“ ihrer Besorgnis über die wachsende Abhängigkeit Europas vom Import von Energierohstoffen Ausdruck gegeben, die nun auch im Bereich der Steinkohle immer größer wird.81 In der Europäischen Union wird daher die 79 80 81
Green Paper 2001. International Energy Outlook 2001, S. 70. Green Paper, 2001, S. 23 ff.
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Abb. 3.18 Länder mit weltweit größten Kohlereserven [BGR 1999]
Erhaltung eines kleinen Primärenergiesockels auf der Basis von Steinkohle in Höhe von etwa 15 Prozent angestrebt.82 Diese Zielsetzung ist ökonomisch durchaus umstritten, weil im Gegensatz zum Erdöl die Steinkohleimporte der EU aus politisch stabilen Förderländern wie den USA, Südafrika und Australien stammen, zwischen denen im Gegensatz zur OPEC auch kein Kartell besteht. Über die mit Abstand größten Kohlereserven der Welt verfügen die USA, gefolgt von China, Australien und Indien (Abb. 3.18). Die Kohlereserven der USA sind größer als die der drei nächstgrößten Kohlenationen, nämlich Chinas, Australiens und Indiens zusammengenommen.83 Damit verfügen die USA im Bereich der Steinkohle über eine Stellung, die sich fast mit der des Nahen Ostens im Bereich des Erdöls vergleichen lässt. Trotzdem mussten in den USA unter dem Wettbewerbdruck der Deregulierung des Strommarktes in den letzten zehn Jahren die Hälfte der Kohleminen schließen.84 In den USA selbst wird mehr als die Hälfte des Stroms aus Kohle erzeugt.85 Seit in den USA im Anschluss an das Clean Air Act Amendment (CAAA) ein Emissionshandel für Schwefeldioxid ein82 83
84 85
L. Schmitz: Beitrag der Steinkohle zur nachhaltigen Energieversorgung, Essen 2001 unter: www.rag.de [Stand: Oktober 2001]. Diese Zahlenangaben nach BGR 1999, Zusammenfassung, S. 21. Nach den Angaben der amerikanischen Energy Information Administration (EIA) ist die Verteilung der weltweiten Kohlereserven weniger einseitig, demnach verfügen die USA und Länder der ehemaligen Sowjetunion über ungefähr gleich große Reserven, vgl. International Energy Outlook 2001, S. 70. USGS (Hrsg.): Forces Shaping Future U.S. Coal production and use, FS-158-00, USGS 2000. USGS (Hrsg.): The U.S. Geological Survey National Coal Resource Assessment, FS-020-01, USGS 2001.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
gerichtet worden ist – im Übrigen der erste Emissionsmarkt der Welt – spielt neben dem Energiegehalt der Kohle zunehmend auch ihr Schwefelanteil eine Rolle bei der Einschätzung ihres Marktwertes.
3.1.4 Umweltprobleme der Verbrennung fossiler Brennstoffe Die Freisetzung von Verbrennungsprodukten aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe geht mit einer Reihe wichtiger Umweltbeeinträchtigungen einher. Deren wichtigste sind Gesundheitsschäden durch Luftschadstoffe, Immissionsschäden an Pflanzen und der anthropogene Treibhauseffekt. Gesundheitsschäden durch Schadstoffemissionen Bei der Verbrennung fossiler oder organischer Brennstoffe entstehen Schadstoffe, die zumindest potenziell gesundheitsschädlich sein können, darunter insbesondere Schwefeldioxid (SO2), Stickoxide (NOx), Ozon (O3) sowie Stäube unterschiedlichster Partikelgröße. Die gesundheitlichen Gefahren, die von diesen Schadstoffen ausgehen, blieben lange Zeit unbeachtet oder wurden unterschätzt. Eine Veränderung der Wahrnehmung brachte vor allem der „große London-Smog“. Im Dezember 1952 versank London für mehrere Tage unter einer dichten Dunstglocke aus Rauch und Staub. Die hohe Luftverschmutzung führte besonders für atemwegsgeschädigte und ältere Menschen zu Schädigungen. Zehntausende von Menschen mussten wegen Atemwegsbeschwerden in Krankenhäuser aufgenommen werden, die schon bald überfüllt waren. Im Verlauf der mehrtätigen Smogperiode starben etwa 4000 Menschen, nach neueren Schätzungen könnten es sogar 12 000 gewesen sein.86 Im Anschluss an den großen London-Smog wurden die ersten epidemiologischen Untersuchungen über Gesundheitsgefährdungen durch Luftschadstoffe durchgeführt, aufgrund derer eine Reihe von westlichen Industrieländern erstmals gesetzliche Grenzwerte für bestimmte Schadstoffe erließ. Überblick über die Ergebnisse epidemiologischer Studien Setzten die ersten epidemiologischen Untersuchungen noch bei Einzelereignissen, wie kurzfristigen Smog-Perioden an, so verlagerte sich das Gewicht in den folgenden Jahrzehnten zunehmend auf Langzeituntersuchun-
86
Historic smog death toll rises, BBC-News, 5. 12. 2002.
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gen.87 US-amerikanische Kohortenstudien, deren Untersuchungszeitraum sich von den späten 70er bis in die 80er Jahre hinein erstreckte, ergaben, dass die Belastung durch Stäube, die als Folge unvollständiger Verbrennungsprozesse entstehen – als Indikator dienten inhalierbare Schwebstäube mit einem Partikeldurchmesser unter 10 µm (nach ihrer englischen Bezeichnung PM10 abgekürzt [PM] = particulate matter) – zu einem Anstieg von Atemwegserkrankungen führt, der sich in einem signifikaten Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung äußert. Eine der umfangreichsten zu Problemen der Luftverschmutzung durchgeführten Studien ist die europäische APHEA (Air pollution and health: a European approach) – Studie. Die erweiterte APHEA-2 Studie erfasste Mitte der neunziger Jahre über einen Zeitraum von 5 Jahren 43 Millionen Menschen in 29 europäischen Städten. Im Rahmen der Studie wurde ein Anstieg der allgemeinen Sterberate in der Bevölkerung von 0,6 % für eine Zunahme der PM10 – Konzentration von jeweils 10 µg/m3 ermittelt.88 Sie bestätigte damit die Ergebnisse einer älteren und ähnlich umfangreichen Studie aus den USA (NMMAPS 1987–1994). Diese hatte für dieselben Konzentrationsstufen von PM10 einen Anstieg der allgemeinen Sterberate von 0,5 % ermittelt. Insgesamt wiesen die genannten Studien die Toxizität von PM10 und Ozon (O3) nach. Für andere Stoffe wie Stickstoffdioxid (NO2) wurde ein solcher Nachweis jedoch nicht erbracht. Über die gesundheitlichen Auswirkungen von Stickstoffdioxid ist bis heute wenig bekannt. Versuche an Tiermodellen deuten jedoch darauf hin, dass hohe NO2-Konzentrationen zu einer Schädigung der peripheren Atemwege führen können.89 Die gesetzlichen Grenzwerte der zulässigen Jahresbelastung mit Luftschadstoffen liegen in der EU derzeit bei 40 µg/m3 für Stickstoffdioxid (USA: 100) und 40 µg/m3 für PM10 (USA: 50).90 Krebsrisiko durch Feinstäube (PM2,5) Zu den strittigen Fragen der Gesundheitsbelastung durch Abgase gehört, ob einige Typen von Stäuben gefährlicher als andere sind. Jüngste Studien, die u. a. von der US-Umweltbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass von Feinstäuben (PM < 2,5 µm) und ultrafeinen Partikeln (PM < 0,1 µm), 87 88 89 90
Übersicht hier und im folgenden nach: B. Brunekreef, St. T. Holgate: Air pollution and health (Review), in: The Lancet, Vol. 360, 10/2002, S. 1231–1242. ebd., 1235. ebd., 1236. ebd., 1237.
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wie sie durch unvollständige Verbrennung in Ofenheizungen, insbesondere aber als Verbrennungsprodukte von Dieselmotoren im Straßenverkehr auftreten, die größten Gefahren ausgehen, da diese wegen ihres geringen Durchmessers leicht von der Lunge in das Blut diffundieren.91 Eine jüngst von der American Cancer Society vorgelegte Langzeitstudie über die Wirkung von Feinstäuben hat den Verdacht, dass von Feinstäuben ein signifikantes Krebsrisiko ausgeht, erhärtet. Die Studie der Forschergruppe um Pope (2002) verglich in einem Zeitraum von 1982 bis 1998 die individuellen Risikodaten und Todesursachen von 500000 Personen mit Daten über die Luftverschmutzung an ihren jeweiligen Wohnorten in verschiedenen Ballungszentren der USA.92 Durch die sehr genaue Erhebung individueller Risikofaktoren, wie Übergewicht oder Rauchen, konnten diese Krebsursachen im Rahmen der Studie gut quantifiziert und mit dem Anteil des Krebsrisikos durch Luftschadstoffe verglichen werden. Es gelang den Forschern zu zeigen, dass ein Anstieg der Feinstaubkonzentration (PM2,5) um jeweils 10 µg/m3 mit einem Anstieg der allgemeinen Sterberate von 4 % korreliert ist. Bei der Ursachen-Spezifischen Sterberate für Herz- Kreislauferkrankungen und Lungenkrebs fanden die Forscher eine Zunahme um 6 bzw. 8 %. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das zusätzliche Krebsrisiko, das von Feinstäuben ausgeht, größer ist als das der Schwebstäube vom Typ PM10. Allerdings war die Konzentration von Feinstäuben im Untersuchungszeitraum in den USA stark rückläufig. Nach Einschätzung der Forschergruppe entspricht das zusätzliche Krebsrisiko durch Feinstäube heute in stärker belasteten Gebieten der USA in etwa dem Risiko, das von Passivrauchen oder leichtem Übergewicht ausgeht, es liegt jedoch eine ganze Größenordnung niedriger als das von Gewohnheitsrauchern. Belastung von Menschen mit Atemwegserkrankungen Wie schon der große London-Smog gezeigt hatte, bei dem besonders viele Menschen mit Atemwegserkrankungen gestorben sind, werden Menschen mit solchen Erkrankungen durch hohe Schadstoffkonzentrationen natur-
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Vgl. US Environmental Protection Agency (EPA): Health and environmental effects of particulate matter, Fact Sheet, 17. 7. 97, unter: www.epa.gov [Stand Dezember 2002], vgl. dazu auch H. Schuh: Tod vom Allerfeinsten, in: Die ZEIT 35/2001. C.A. Pope, R. T. Burnett, M. J. Thun, E. E. Calle, D. Krewski, K. Ito, G. D. Thurston: Lung Cancer, Cardiopulmonary Mortality, and long-term exposure to fine particulate air pollution, in: Journal of the American Medical Association (JAMA), Vol. 287, No. 9, 03/2002, S. 1132–1141.
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gemäß stärker belastet als gesunde. Untersuchungen über die spezifischen Belastungen dieser Gruppe führten zu widersprüchlichen Ergebnissen. Während in der europäischen PEACE (Pollution effects on asthmatic children in Europe) – Studie kein Zusammenhang zwischen der Rußkonzentration und akuten Beschwerden bei an Atemwegserkrankungen leidenden Kindern gefunden wurde 93, deuten die Ergebnisse einer jüngeren niederländischen Studie in eine entgegengesetzte Richtung.94 Die Gruppe um Boezen (1999) konnte im Rahmen einer dreijährigen Langzeituntersuchung an 632 an Atemwegserkrankungen leidenden niederländischen Kindern in ländlichen und städtischen Regionen zeigen, dass ein Anstieg der Schadstoffkonzentration in der Luft bei diesen Kindern auch mit einem signifikanten Anstieg von akuten Atemwegssymptomen korreliert ist. Existieren für Gesundheitsbelastungen aus Luftschadstoffen Schwellenwerte? Trotz umfangreicher Langzeitstudien sind eine Reihe wichtiger Fragen im Zusammenhang mit Schadstoffbelastungen bis heute ungeklärt geblieben, insbesondere die Frage, ob für einige Schadstoffe Schwellenwerte existieren. So wird z.B. für Schädigungen des Herz-Kreislaufsystems ein PM10-Schwellenwert von 50 µg/m3 diskutiert. Für Ozon könnte ein solcher Schwellenwert unterhalb von 100 µg/m3 existieren.95 Schwierigkeiten bereitet nach wie vor auch die Einschätzung kombinierter Expositionen auf die menschliche Gesundheit, d. h. die gleichzeitige Wirkung verschiedener Luftschadstoffe. Kombinierte Expositionen können sich in ihrer Wirkung auf die Gesundheit sowohl addieren als auch gegenseitig verstärken oder abschwächen.96
93 94
95 96
Brunekreef et al., S 1235. H. M. Boezen, S. C. van der Zee, D. S. Postma, J. M. Vonk, J. Gerritsen, G. Hoek, B. Brunekreef, B. Rijcken, J. P. Schouten: Effects of ambient air pollution on upper an lower respiratory symptoms and peak expiratory flow in children, in: The Lancet, Vol. 353, 13. 3. 1999, S. 874–878. Brunekreef et al., S. 1237. Zur allgemeinen Problematik kombinierter Expositionen vgl. Streffer et. al: Umweltstandards. Kombinierte Expositionen und ihre Auswirkungen auf den Menschen und seine Umwelt [= Bd. 5 Wissenschaftsethik und Technikfolgenbeurteilung], Heidelberg 2000.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Positive Gesundheitseffekte durch staatliche Eingriffe: Interventionsstudien Trotz vieler Unklarheiten im Detail bieten die genannten Studien eine ausreichende Evidenz für einen negativen Einfluss der Konzentration von Luftschadstoffen auf die Zahl der Atemwegs- und Herzerkrankungen. Dass Maßnahmen zur Luftreinhaltung positive Gesundheitseffekte haben, bestätigen zwei jüngere Interventionsstudien aus Irland und Hong-Kong, in denen in Langzeituntersuchungen die gesundheitlichen Auswirkungen von gesetzlichen Maßnahmen zur Luftreinhaltung beobachtet wurden: x
x
Irischen Forschern gelang es zu zeigen 97, dass in Dublin die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Atemwegs- und Herzerkrankungen bis 1996 um 15,5 bzw. 10,3 Prozent zurückging, nachdem 1990 die Verbrennung von Kohle in häuslichen Herden und Öfen gesetzlich untersagt worden war. Die Rußkonzentration der Luft in Dublin ist im selben Zeitraum um siebzig und die Schwefeldioxidkonzentration um dreißig Prozent zurückgegangen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Interventionstudie aus Hong Kong, wo 1990 ein Grenzwert für den zulässigen maximalen Gewichtsanteil von Schwefel in Erdöl in Höhe von 0,5 % festgesetzt wurde.98 Durch die gesetzliche Festlegung ging die durchschnittliche SO2-Konzentration der Luft in den nächsten Jahren um 80 % zurück. Parallel dazu sank in Hong Kong die Sterblichkeitsrate bei Lungen- und Atemwegserkrankungen um 3,9 % und die bei Herz- und Gefäßerkrankungen um 2 %. Besonders signifikant war jedoch der Rückgang der saisonal bedingten traditionell höheren Sterberate im Herbst, die bei Atemwegserkrankungen von 20,3 auf 5,3 Prozent zurückging.
Schätzungen der heutigen Gesundheitsbelastungen durch Luftschadstoffe in Industrieländern In allen westlichen Industrieländern hat die gesundheitliche Belastung durch Schadstoffemissionen durch die Festlegung von Grenzwerten und technischen Umweltstandards stark abgenommen. In der Bundesrepublik 97
98
L. Clancy, P. Goodmann, H. Sinclair, D. Dockery: Effect on air-pollution control on death rates in Dublin, Ireland: an intervention study, in: Lancet Vol. 360, 19. 10. 2002, S. 1210–14. A. Hedley / C. Wong / T. Thach / S. Ma / T. Lam / H. Anderson: Cadiorespiratory and all-cause mortality after restrictions on sulphur content of fuel in Hong Kong: an intervention study, in: The Lancet, Vol. 360, 23. 11. 2002, S. 1646–1652.
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Deutschland ging die Gesamtemission an Stäuben zwischen 1970 und 1996 um 84,2 % zurück, die Emission von Schwefeldioxid um 76 % und die von Stickoxiden um 31,1 %.99 Trotz dieser Erfolge sind die verbleibenden Belastungen nach Einschätzung vieler Umweltmediziner nach wie vor erheblich. So ermittelte eine jüngere Studie der Forschergruppe um Künzli im Auftrag der WHO auf der Basis von aktuellen Messwerten und gestützt auf die in früheren Studien ermittelten Dosis-Wirkungsbeziehungen von Schweb- und Feinstäuben die Zahl der vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung in Frankreich, Österreich und der Schweiz auf jährlich mindestens 40 000.100 Dabei stammt nach Angaben der Forscher mehr als die Hälfte der Luftschadstoffe aus dem Straßenverkehr. Die aus der Luftbelastung resultierenden Kosten für das Gesundheitssystem belaufen sich nach Schätzungen der Gruppe auf immerhin 1,6 % des BIP der drei Länder. Sie lägen damit höher als die Gesundheitskosten durch Verkehrsunfälle. Einschränkend zu Schätzungen wie denen von Künzli ist anzumerken, dass sie auf Vorannahmen beruhen, die nicht von allen Epidemiologen geteilt werden.101 Zu diesen Vorannahmen gehört, dass x
x
die gemessenen Noxen tatsächlich ursächlich für die beobachteten Gesundheitsschäden sind und eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung ohne Schwellenwert vorliegt.
Sollten Schwellenwerte existieren, würden sie zu einer systematischen Überschätzung der gesundheitlichen Beeinträchtigung durch Schadstoffemissionen führen. Luftverschmutzung in Entwicklungsländern Bei der Beurteilung gesundheitlicher Beeinträchtigungen durch Schadstoffemissionen ist im globalen Kontext zu bedenken, dass sich die Erfolge zur Luftreinhaltung weitestgehend auf westliche Industrieländer beschrän99 100
101
Zahlen nach: M. Jänicke, Ph. Kunig, M. Stitzel: Umweltpolitik, Bonn 2000, S. 43. N. Künzli, R. Kaiser, S. Medina, M. Studnicka, O. Chanel, P. Fillinger, M. Herry, F. Horak, P. Quenel, J. Schneider, R. Seethaler. J.-C. Vergnaud, H. Somme: Public health impact of outdoor and traffic related air pollution: a European assessment, in: The Lancet, Vol. 356, 2. 9. 2000. vgl. zu diesem Problemkreis Brunekreef 2002, S. 1239.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
ken. In vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks und der Dritten Welt ist die Schadstoffbelastung nach wie vor extrem hoch. Schätzungen zu Folge sterben weltweit jährlich 2,7–3 Millionen Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung, davon 90 % in Entwicklungsländern.102 Etwa 1,1 Milliarden Menschen erleiden jährlich gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Luftverschmutzung im außerhäuslichen Bereich und 2,5 Milliarden durch innerhäusliche Luftverschmutzung. Alleine in Indien sterben nach vorsichtigen Schätzungen jährlich 400 000– 780 000 Menschen an den Folgen innerhäuslicher Luftverschmutzung.103 In Südasien ist auch die außerhäusliche Luftverschmutzung in den letzten Jahrzehnten dramatisch angestiegen. Kalkutta, Dehli, Mumbai, Karachi und Dhaka gehören zu den Städten mit den weltweit höchsten Luftschadstoffbelastungen. In Dehli etwa stiegen die SO2-Konzentrationen der Luft zwischen 1989 und 1996 um 109 % und die Stickoxidemissionen um 82 %.104 Auch die Schweb- und Feinstaubkonzentrationen indischer Städte sind sehr hoch. So liegen die durchschnittlichen jährlichen PM10-Konzentration in Kalkutta bei 360 µg/m3 und in Neu-Dehli bei 270 µg/m3.105 In allen 23 Millionenstädten Indiens überschreitet die Luftverschmutzung die von der WHO empfohlenen Grenzwerte.106 Auch in China sind 98 % der städtischen Bevölkerung Luftschadstoffkonzentrationen ausgesetzt, die oberhalb der WHO-Empfehlungen liegen.107 Durch die steigende Verbrennung traditioneller Biomasse und fossiler Brennstoffe hat sich zudem seit einigen Jahren über den Schwellenländern Süd- und Südostasiens ein Dunstschleier mit einer Ausdehnung von 10 Millionen km2 gebildet, der erstmals im Rahmen des Indian Ocean Experiment (INDOEX) genauer untersucht wurde.108 Die hohe Konzentration von Aerosolen, aus denen der Dunstschleier besteht, beeinträchtigt die Gesundheit der dort lebenden Bevölkerung 109 und führt durch eine Verringerung der direkten Sonneneinstrahlung zu – bislang allerdings noch geringen – Ernteausfällen bei Reis und Zuckerrohr.110 Aufgrund der skizzierten schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Luftverschmutzung, geht die WHO davon aus, dass eine aktive 102 103 104 105 106 107 108 109 110
Zahlen hier und im folgenden nach UNEP (Hrsg): The asian brown cloud: Climate and other environmental impacts, UNEP 2002, S. 43. Ebd., S. 44, Tabelle 9.3. ebd., S. 12. Ebd., S. 46. Ebd., S. 44. Ebd. Ebd. S. 14 ff. K. Ahmad: Pollution cloud over south Asia is increasing ill health, in: The Lancet, Vol. 360, 17. 8. 2002, S. 594. Zum Problemkomplex der landwirtschaftlichen Auswirkungen vgl. UNEP 2002, S. 38 ff.
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Klimapolitik, neben der Klimaprävention, auch einen unmittelbaren Nutzen für die Gesundheit der jeweils regional ansässigen Bevölkerungen hätte.111 Nach Schätzungen einer internationalen Arbeitsgruppe von Forschern des World Resources Institute (WRI), der WHO und der US-Umweltbehörde EPA über den Zusammenhang zwischen „Öffentlicher Gesundheit und der Verbrennung fossiler Brennstoffe“ könnten durch eine aktive CO2-Emissionsreduktionspolitik gegenüber einem Business as usual (BAU)-Szenario weltweit jährlich bis zu 700 000 vorzeitige Todesfälle vermieden werden.112 Immissionsschäden an Pflanzen Pflanzen sind der schädlichen Wirkung von Schadstoffemissionen in Form von Schwefeldioxid (SO2), Ozon (O3), Stickoxiden (NOx) und Stäuben besonders stark ausgesetzt, da sie standortgebunden sind und über eine sehr große Atmungsoberfläche im Austausch mit der Umgebungsluft stehen. Im Gegensatz zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen wurden Pflanzenschäden durch Schadstoffimmissionen schon im 19. Jahrhundert erkannt. Insbesondere die Wirkungen von Schwefeldioxid wurden schon damals als „Rauchschäden“ beschrieben und erforscht. Die Schäden blieben wegen ihrer geringen Reichweite in dieser Zeit jedoch meistens noch lokal begrenzt. Zu großflächigen Schädigungen der Vegetation kam es in Mitteleuropa vor allem seit Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts durch den verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken mit Großschornsteinen, durch die Schadstoffemissionen auch in weit entfernt liegende Gebiete getragen wurden. Die größten beobachteten Schäden traten dabei im Erzgebirge auf, wo Mitte der 80er Jahre 60000 ha Wald zerstört und weitere 200000 ha schwer geschädigt waren.113 Ursache waren hier vor allem Schwefeldioxidemissionen aus Braunkohlekraftwerken auf dem Gebiet der früheren Tschechoslowakei. Aber auch in Westeuropa wuchs die Sensibilität für das Problem großflächiger Vegetationsschäden durch Schadstoffemissionen. In Deutschland wurde die Debatte um diese Vegetationsschäden vor allem durch den Begriff „Waldsterben“ bekannt. Auch wenn unter dem Schlagwort „Wald111 112
113
WHO: Combating climate change has immediate health benefits, Press release Euro 16/00, Kopenhagen, 2000. A. MacGartland et al.: Short-term improvements in public health from globalclimate policies on fossil-fuel combustion: an interim report, in: The Lancet, Vol. 350, 8. 11. 1997, S. 1341–1349. Zahlen nach Streffer et al., 2000, S. 274.
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sterben“ ein sehr komplexes Bündel von Ursachen vereinfacht zusammengefasst wurde, so führte die Debatte um den Zustand der Wälder doch immerhin zu einer verstärkten Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die mit Schadstoffemissionen verbundenen Umweltschäden. Aufgrund der z.T. erheblichen Schäden für die Forst- und Landwirtschaft, aber auch aufgrund der oben skizzierten gesundheitsschädlichen Auswirkungen wurde die Emission von Schadstoffen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe durch eine Reihe von gesetzlichen Maßnahmen seit Mitte der 80er Jahre dramatisch zurückgedrängt. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählte der Einbau von Entschwefelungsanlagen in Kohlekraftwerken. Wirkung der einzelnen Schadstoffimmissionen Bei der Beurteilung von Immissionsschäden hat es sich als nützlich erwiesen, zwischen der kritischen Konzentration von Schadstoffen in der Luft (Critical Levels) und kritischen Deposition von Schadstoffen aus der Luft am Boden (Critical loads) zu unterscheiden.114 Pflanzenschäden sind durch die experimentelle Exposition mit Luftschadstoffen sowohl für einzelne Schadstoffe als auch für Mischimmissionen gut erforscht. Dabei hat sich herausgestellt, dass Pflanzen erst oberhalb einer Schwelle negative Reaktionen auf Schadstoffimmissionen zeigen, wobei die Wirkung mit der Konzentration exponentiell zunimmt.115 Stickstoffhaltige Luftverunreinigungen Pflanzen sind einer Reihe stickstoffhaltiger Luftverunreinigungen ausgesetzt, die hauptsächlich aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, zum Teil auch aus der Landwirtschaft stammen. Deren Wichtigste sind Stickoxide, wie Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2), sowie sonstige stickstoffhaltige Verbindungen, wie Ammoniak (NH3) und Ammonium (NH4+). Stickoxide, deren Hauptquelle heute der Straßenverkehr ist, bewirken eine Versauerung des Bodens, haben andererseits aber oft auch eine wachstumsstimulierende Wirkung als Dünger (Eutrophierung).116 Wie Untersuchungen an mitteleuropäischen Wäldern und Bäumen in Ballungszentren gezeigt haben, wirken die hohen N-Depositionen aus dem Stra114 115 116
ebd., 262. ebd., 261. ebd., 264; vgl. dazu auch H. Mohr: Waldschäden in Mitteleuropa – Wo liegen die Ursachen?, in: G. Wilke (Hrsg.): Horizonte, Stuttgart 1993, S. 44.
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ßenverkehr und der Landwirtschaft wachstumsstimulierend.117 Die starke Düngung durch stickstoffhaltige Verbindungen aus der Luft führt jedoch auch zu einem verstärkten Bedarf an Wasser und Kationen. Dort wo diese ausreichend vorhanden sind, wirkt sich die Düngung günstig aus.118 Der zusätzliche Wasserbedarf kann im Zusammenhang mit einem Einwachsen der Wurzeln in den nährstoffreichen, aber wasserlosen Unterboden jedoch auch zu Trockenstresssymptomen führen.119 Im Allgemeinen wirken sich die hohen N-Depositionen daher ungünstig aus. Untersuchungen an den europäischen Wäldern haben ergeben, dass eine schwach positive Korrelation zwischen der Zunahme von regionalen Stickoxidkonzentrationen und der Abnahme der Kronendichte besteht.120 Als „Critical level“ für Stickoxidbelastungen hat sich eine Jahresmittelwert von 30 µg/m3 etabliert.121 Die Bestimmung der Critical loads ist hingegen sehr viel schwieriger, da verschiedene Ökosysteme sehr unterschiedlich auf den Eintrag von Stickstoff reagieren. Besonders gefährdet sind hier nährstoffarme Magerrasen und Moore, die durch den Stickstoffeintrag künstlich gedüngt werden und so zerstört werden können. „Critical loads“ werden daher für stickstoffhaltige Verbindungen abhängig von der Art des Ökosystems bestimmt.122 Während der kritische Grenzwert für Moore schon bei 3–5 kg N/ha/a liegt, wird für die meisten Waldtypen der „Critical load“ mit 5–20 kg N/ha/a angesetzt.123 Ozon Ozon (O3) entsteht vor allem im Sommer durch photochemische Reaktionen von Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen. Der wichtigste Emittent dieser Vorläuferprodukte ist der KFZ-Verkehr.124 Ozon ist wahrscheinlich die wichtigste pflanzenschädliche Verunreinigungskomponente, da es die . . Tendenz hat, hochreaktive Radikale (OH O 2) zu bilden, die eine phytotoxische Wirkung auf Pflanzen haben. Der Gehalt an Ozon hat sich in der 117
118 119 120 121 122 123 124
H. Briggs: Trees grow larger in Big Apple. Pollution in New York City is having an unexpected effect on trees, in: BBC News, 9. 7. 2003; H. Schuh: Den Kranken geht es prächtig. Die Bäume in Europa wachsen immer schneller, dank düngender Schadstoffe aus der Luft, in: Die Zeit, 02/2003. Mohr 1993, S. 53. Vgl. Mohr 1993, S. 51. UNECE / ECE: The condition of forests in Europe. 2002 executive report, Brüssel 2002, S. 16. Streffer et al. 2000, 263. ebd., 265 ebd., S. 266/267; vgl. auch Mohr ebd., S. 49, der von einem Wert von 5–12 kg N/ha/a ausgeht. L. Steubing: Immissionsökologie, in: Steubing / Buchwald / Braun: Natur- und Umweltschutz, Jena 1995, S. 341.
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Troposphäre der nördlichen Hemisphäre seit Beginn der Industrialisierung verdoppelt bis verdreifacht.125 Dies ist ein sehr bedenklicher Befund, da Ozon über ein extrem hohes Treibhauspotenzial verfügt.126 Es gibt Schätzungen, nach denen eine Reduktion der Ozonbelastung in den USA um 40 % bei den 8 wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen zu Gewinnen in Höhe von 3 Milliarden US-Dollar führen könnte.127 Aufgrund umfangreicher Studien ist bekannt, dass die Summation von Ozondosen oberhalb definierter Konzentrationen (AOT = Accumulated over threshold) den quantitativen Zusammenhang zwischen Langzeitbelastung und Wirkung am besten beschreibt.128 Als Schwellenwert wird dabei ein Stundenmittelwert von 40 ppb angenommen. Auf dieser Grundlage wurde für die Vegetationsperiode in der Landwirtschaft ein AOT-Wert von 3000 ppb h festgelegt.129 Aufgrund der längeren Vegetationsperiode liegt der Wert für Forstpflanzen bei 10 000 ppb h. Wie empirische Untersuchungen gezeigt haben, führt das AOT 40Konzept bei landwirtschaftlichen Kulturen allerdings zu einer systematischen Überschätzung der Ertragseinbußen durch hohe Ozonkonzentrationen. Dies liegt vor allem daran, dass bei hohen Temperaturen, niedriger Luftfeuchtigkeit und hohen Ozonkonzentrationen im Sommer die Pflanzen ihre Spaltöffnungen schließen, weshalb auch die aufgenommene Schadstoffmenge sinkt. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Ozonkonzentrationen zwischen 50 und 90 ppb h daher ein besonders hohes phytotoxisches Potenzial besitzen, während es oberhalb von 90 ppb h paradoxerweise sinkt. Unter Berücksichtigung der Depositionsgeschwindigkeit müssen die AOT40-Werte wahrscheinlich nach oben korrigiert werden.130 Schwefeldioxid Schwefeldioxid, ist als pflanzenschädlicher Luftschadstoff am längsten bekannt. Bereits 1853 beschrieb der Chemiker Julius Adolph Stöckhardt vom Institut für Rauchschadensforschung in Tharandt Waldschäden durch Schwefeldioxid.131 Diese heute als „klassisch“ bezeichneten Schäden blieben in der Vergangenheit jedoch regional begrenzt. Gegen Ende der 70er 125 126 127 128 129 130 131
Streffer et al, 2000, S. 267. ebd., S. 254, Tab. 2.5.1. ebd., S. 268. ebd., S. 269. ebd., S. 271. ebd., S. 271. BfVEL (Hrsg.): Bericht über den Zustand des Waldes 2002, Bonn 2002, S. 4; im Folgenden als Waldzustandsbericht 2002 zitiert.
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Jahre des 20. Jahrhunderts traten solche Schäden jedoch großflächig und fernab von Industrieanlagen auf: Die „Hochschornsteinpolitik“ hatte zu einer großräumigen Verfrachtung und Verteilung der Luftverunreinigungen geführt. Durch die Transmission in der Luft verbindet sich Schwefeldioxid in Gegenwart von Sonnenlicht und Luftfeuchtigkeit nach rund 10 km Entfernung zu schwefeliger Säure (H2SO3) und Schwefelsäure (H2 SO4).132 Dort, wo die Schwefelsäure durch Regen ausgewaschen wird, versauert der Boden. Die Bodenversauerung hat folgende weit reichende Folgen für die betroffene Vegetation133: x x x
Verringerte Wasserversickerung und Grundwasserbildung, Störungen im Wasserhaushalt von Boden und Pflanze, Erhöhte Anfälligkeit der Bäume gegen Frostschädlinge.
In Mitteleuropa wurden, wie eingangs erwähnt, besonders durch sauren Regen in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einige zehntausend Hektar Wald zerstört.134 An einigen Standorten im Erzgebirge wurden in den achtziger Jahren SO2-Immissionswerte von über 120 µg/m3 ( Jahresmittel) bzw. über 350 µg/m3 (im höchsten Monatsmittel) gemessen.135 Durch die Ausrüstung der Kohlekraftwerke mit effizienten Entschwefelungsanlagen konnten die Schwefeldioxidemissionen in den letzten zwei Jahrzehnten massiv reduziert werden. Allein zwischen 1990 und 2000 gingen die jährlichen Schwefeldioxidemissionen in Deutschland von 5,32 Millionen auf 0,8 Millionen Tonnen zurück.136 Der zulässige Halbjahresmittelwert der SO2-Belastung von Forstökosystemen im Winterhalbjahr wird heute mit dem niedrigen Wert von 15 µg/m3 festgesetzt.137 Da in der Vergangenheit die Schwefeldioxideinträge in den Waldboden oberhalb der Critical Loads lagen und dort akkumuliert sind, verläuft der Erholungsprozess der deutschen Wälder nur langsam: Zwischen 1991 und 1995 ist der Anteil der Bäume mit deutlichen Schäden von 30 auf 23 Prozent zurückgegangen, in den letzten acht Jahren ist jedoch keine signifikante Verbesserung mehr beobachtet worden.138
132 133 134 135 136 137 138
Vgl. dazu L. Steubing: Immissionsökologie, in: Steubing / Buchwald / Braun 1995, S. 329. Streffer et al., 2000, S. 275. ebd., S. 274. Mohr 1993., S. 45. Waldzustandsbericht 2002, S. 68. Streffer et al., 2000, S. 277. Waldzustandsbericht 2002, S. 10/11.
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Mischimmissionen Ein besonders schwieriges und wissenschaftlich auch noch nicht völlig ausgeleuchtetes Feld sind Mischimmissionen. Prinzipiell können Mischimmissionen dazu führen, dass Schäden sich addieren (additiv), verstärken (überadditiv) oder sich im Ausnahmefall sogar gegenseitig abschwächen (subadditiv). Erste Untersuchungen über die Wirkung von Mischimmissionen wurden 1966 von Menser und Heggestad durchgeführt. Sie konnten zeigen, dass bei einer Exposition von Tabakpflanzen mit bestimmten Schwefeldioxid- und Ozonkonzentrationen stärkere Schäden auftraten, als aus der bloßen Addition der bereits bekannten Einzelschäden zu vermuten war.139 Sie bezeichneten diesen Effekt daher als überadditiv. Spätere Versuche mit diesen beiden Schadstoffen bestätigten diesen Befund. Experimente mit Mischemissionen haben insgesamt folgenden Befund ergeben140: Kombinierte Expositionen aus SO2 / O3, sowie NO2 / SO2 und O3 / NO2 zeigen bei vielen Pflanzenarten in hohen Konzentrationen überadditive (synergistische) Wirkungen, ebenso Kombinationen aus allen drei Noxen.141 Allerdings treten diese überadditiven Wirkungen bei niedrigen Konzentrationen, wie sie heute vorherrschen, bis auf Ausnahmen nicht auf. Wahrscheinlich haben in der Vergangenheit aber insbesondere die hohen Schwefeldioxid- und Stickoxidemissionen in Kombination eine überadditive Wirkung gehabt. In niedrigen Konzentrationen verhalten sich die meisten Effekte jedoch wie unabhängige Kombinationen.142 Im Folgenden sollen zur Illustration zwei Beispiele für fortbestehende Immissionsschäden an Pflanzen diskutiert werden, nämlich Waldschäden in Deutschland und Europa und Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen in Süd- und Südostasien. Waldschäden in Deutschland und Europa Es ist im Zusammenhang mit dem Rückgang der Schwefeldioxidemissionen bereits darauf hingewiesen worden, dass der Zustand der Wälder trotz erfolgreicher Maßnahmen bei der Luftreinhaltung nach wie vor unbefriedigend ist. Nach dem Waldzustandsbericht (2002) zeigen in Deutschland immer noch 21 Prozent der Waldfläche deutliche Nadel- /
139 140 141 142
Streffer et al., 2000, S. 280. ebd. S. 280–301. ebd., S. 281 Tab. 2.5.–9; S. 284 Tab. 2.5–10; S. 290 Tab. 2.5–12. ebd., S. 291.
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Blattverluste (deutliche Schäden) und 44 % weisen schwache Schäden auf.143 Als Ursachen sehen die Autoren des Waldzustandsberichts, dass die Immissionen aus eutrophierenden Luftverunreinigungen, darunter in erster Linie Stickoxide, nach wie vor hoch sind, und dass die Schwefel- und Stickstoffeinträge der Vergangenheit zu einer langfristigen Veränderung der Waldböden geführt haben, die sich noch heute negativ bemerkbar macht.144 Auch die übrigen Wälder in Europa erholen sich nur langsam, teilweise hat sich sich ihr Zustand in den letzten Jahren sogar verschlechtert. Aufgrund der in ganz Europa in den 80er Jahren verstärkt auftretenden neuartigen Waldschäden ist 1985 das internationale kooperative Programm zur Beobachtung der Waldschäden aus Luftverschmutzung (ICP-Forests) unter Leitung der UN-Economic Commission for Europe (UNECE) ins Leben gerufen worden, das seit 1986 auch durch die EU gefördert wird. Im Rahmen dieses Programms ist ein ganz Europa erfassendes Netzwerk von 6000 Untersuchungsstandorten mit Parzellen von 16 km × 16 km Durchmesser aufgebaut, an denen regelmäßig der Kronenzustand der Bäume überprüft wird.145 Im Verlauf der Langzeituntersuchungen haben die Forscher zwischen 1986 und 1995 eine kontinuierliche Verschlechterung des Waldzustandes festgestellt. Nach einer merklichen Erholung Mitte der 90er Jahre hat sich der Zustand der europäischen Wälder in den letzten Jahren – wenngleich deutlich verlangsamt – weiter verschlechtert.146 Demnach weisen in Europa 22,4 Prozent aller Bäume deutliche Schäden auf oder sind tot (1,6 %), während immerhin 44 % schwach geschädigt sind.147 Einen signifikanten Rückgang der Kronendichte beobachteten die ICP-Forscher zwischen 1994 und 2001 vor allem in Portugal, dem Baltikum an der dalmatinischen Küste und Rumänien. Aber auch in wirtschaftlich stärker entwickelten Regionen wie Nordrhein-Westfalen und Finnland wurde eine Verschlechterung des Waldzustandes beobachtet. Demgegenüber haben sich die Wälder in Polen aufgrund eines Rückgangs der Schadstoffemissionen im selben Zeitraum deutlich erholt. Insgesamt ist der Anteil der Standorte, an denen eine Verschlechterung des Baumzustandes beobachtet mit 565 etwas höher als der, an denen Verbesserungen registriert worden sind (500 Standorte). 143 144 145 146 147
Waldzustandsbericht 2002, S. 10. Ebd., S. 1. UNECE / EC (Hrsg.): The condition of Forests in Europe. 2002 Executive Report, Brüssel 2002, S. 10. ebd., S. 12. ebd.
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Die wichtigsten Ursachen für den Rückgang der Kronendichte sind Trockenheit, Befall mit Schadinsekten und Schwefeldioxidimmissionen.148 Erstmals wurden in der jüngsten Erhebung auch der Eintrag von Nitraten (NO3 und NH4+) und Säure (Summe aus SO4 und Stickoxiden) untersucht.149 Dazu wurden an 230 ausgewählten Standorten die Critical loads gemessen. Der durchschnittliche Eintrag von Nitraten lag in den europäischen Wäldern zwischen 1995 und 1999 bei durchschnittlich 19 kg / ha/a.150 Da durch die früheren Immissionen bereits hohe Stickstoffkonzentrationen im Boden akkumuliert sind, schätzen die ICP-Forest-Forscher die tolerierbare Depositionsmenge für den Durchschnitt der europäischen Wälder jedoch auf nur 8 kg / ha/a.151 Dieser Wert wurde an 92 % der untersuchten Standorte überschritten.152 Besonders hohe Depositionsmengen wurden für Deutschland und die Beneluxstaaten ermittelt.153 Der Eintrag an Säure in Form von Stickoxiden und Sulfaten liegt an den untersuchten Standorten bei durchschnittlich 2100 molc / ha/a. Damit wird der Critical load von durchschnittlich 3469 molc / ha/a an den meisten Standorten deutlich unterschritten.154 Trotzdem liegen bei immerhin einem Drittel der untersuchten Standorte die Säuredepositionen über den empfohlenen Grenzwerten, dies hauptsächlich, weil einige Baumarten empfindlicher auf Säureeinträge reagieren. Der Kurzüberblick über den Zustand der Wälder in Deutschland und Europa verdeutlicht zweierlei: zum einen, dass die hohen Schadstoffimmissionen der Vergangenheit langfristige Schäden an den Waldböden verursacht haben, zum anderen, dass insbesondere die Stickstoffeinträge in die europäischen Wälder nach wie vor hoch sind. Ernteverluste durch Aerosole in Süd- und Südostasien Wie das Indian-Ocean-Experiment (INDOEX) gezeigt hat, hat sich durch die verstärkte Verbrennung von Biomasse und fossilen Brennstoffen über Süd- und Südostasien in den letzten Jahren ein riesiger brauner Dunstschleier aus Aerosolen gebildet, der als „Asian brown cloud“ bezeichnet wird. Dieser Dunstschleier setzt sich aus Sulfaten, organischen Verbindungen, Ruß, Mineralstaub, Ammonium und Flugasche zusam-
148 149 150 151 152 153 154
ebd., S. 16. Nomenklatur ebd. ebd., S. 20. ebd., S. 23. ebd. ebd., S. 23. ebd., S. 25.
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men.155 Der Dunstsschleier ist mittlerweile so dicht, dass er die direkte Sonneneinstrahlung in dieser Region reduziert. Wie das Indian Ocean Experiment gezeigt hat, variiert die optische Tiefe der Aerosole (aerosol optical depth) im Bereich des sichtbaren Lichts zwischen 0,05 bei 20 ° südlicher Breite und 0,4–0,7 bei 15 ° nördlicher Breite; besonders dicht ist der Dunstschleier also über dem indischen Subkontinent.156 Der Dunstschleier schädigt die südostasiatische Landwirtschaft durch eine verringerte direkte Sonneneinstrahlung, weniger Niederschläge (die Aerosole regen die Bildung kleinerer Tröpfchen mit verringertem Radius an), die Deposition von Aerosolen auf Blättern und die Bildung von saurem Regen.157 Wie Computersimulationen für verschiedene Kulturpflanzen zeigen, führt die durch den Dunst um je nach Region zwischen 10 bis 30 % verringerte Globalstrahlung am Boden wahrscheinlich bereits heute zu einer verminderten Photosyntheseleistung und damit zu einem Rückgang der Ernteerträge. Nach diesen Simulationen betragen die derzeitigen Ernteverluste bei Getreide zwar nur 1–2 %, bei Reis jedoch bereits 6–10 %.158 Gleichzeitig zeigen die Simulationen jedoch auch, dass ein nicht-linearer Ernterückgang erst bei einer Verringerung der Globalstrahlung von durchschnittlich mehr als 20 Prozent zu befürchten ist. Im Falle einer weiter steigenden Luftverschmutzung in dieser Region könnte dieser Wert jedoch überschritten werden. Treibhauseffekt Durch die Sonne werden der Erde im globalen Mittel ständig 342 W pro m2 Erdoberfläche an solarer Strahlungsenergie zugeführt, von denen 31 % durch Wolken und die äußeren Schichten der Atmosphäre sofort wieder in den Weltraum reflektiert werden.159 Die verbleibenden 235 Wm–2 erwärmen die Atmosphäre und die Oberfläche der Erde. Die einfallende kurzwellige solare Strahlung wird von der Erde in Form langwelliger Infrarotstrahlung in Höhe von 235 Wm–2 wieder in den Weltraum emittiert, die globale Strahlungsbilanz ist also ausgeglichen. Gäbe es nicht den 155 156 157 158 159
UNEP: The asian brown cloud: Climate and other environmental impacts, UNEP / CCCC 2002, S. 12 ff., besonders S. 19. ebd., S. 21. ebd., S. 38. ebd. S. 39–40. Darstellung nach IPCC (Hrsg.): Climate Change 2001: The scientific basis (Bd. 1), contribution of Working Group I to the third assessment report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ed. by J.T. Houghton, Y. Ding, D.J. Griggs, M. Noguer, P.J. van Linden, X. Dai, K. Maskell, C.A. Johnson, Cambridge 2001 [zitiert als IPCC 2001].
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
natürlichen Treibhauseffekt, wäre es unter diesen Bedingungen auf der Erdoberfläche unerträglich kalt: Die globale Durchschnittstemperatur an der Oberfläche betrüge nur – 19 °C. Durch die Anwesenheit von Treibhausgasen in den unteren Schichten der Atmosphäre wird jedoch ein großer Teil der Infrarotstrahlung reflektiert, wodurch die Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche auf + 14 °C angehoben wird. Dieser natürliche Treibhauseffekt ist die Voraussetzung für höheres Leben auf der Erde. Treibhausgase Die wichtigsten Spurengase, die durch die Reflexion von Infrarotstrahlung zum Treibhauseffekt beitragen sind Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O) und troposphärisches Ozon (O3). Seit Beginn der industriellen Revolution hat die Konzentration dieser Spurengase in der Atmosphäre deutlich zugenommen. a) Kohlendioxid (CO2 ) Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stieg seit 1750 um 31 % von 280 auf heute 367 ppm an.160 Sie erreicht damit nach neuesten Forschungen den höchsten Stand der letzten 420000 Jahre, wahrscheinlich sogar der letzten 20 Millionen Jahre.161 Während der letzten zwanzig Jahre hat die CO2-Konzentration der Atmosphäre um jährlich 1,5 ppm zugenommen, entsprechend einem Anstieg von 0,4 % pro Jahr. Etwa drei Viertel der anthropogenen CO2-Emissionen gehen auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurück, der Rest entfällt auf veränderte Landnutzung, darunter insbesondere den Rückgang der Wälder durch Brandrodung. Zur Zeit nehmen die Ozeane und Wälder noch schätzungsweise etwa die Hälfte der anthropogenen CO2-Emissionen auf. b) Methan (CH4 ) Die Methan-Konzentration der Atmosphäre ist seit 1750 um 151 % auf 1060 ppb angestiegen.162 Die heutige Methan-Konzentration ist die höchste der letzten 420000 Jahre. Etwa die Hälfte der weltweiten Methanemissionen sind anthropogenen Ursprungs. Die wichtigsten anthropogenen Methanquellen sind die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Viehwirtschaft, der Reisanbau und Mülldeponien.
160 161 162
Zahlen nach IPCC 2001, S. 39. IPCC 2001, S. 2. IPCC 2001, S. 7.
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c) Distickstoffoxid ( N2O) Die atmosphärische Konzentration an Distickstoffoxid (N2O) hat seit 1750 um 17 % auf 46 ppb zugenommen.163 Die heutige Konzentration wurde während der letzten tausend Jahre nicht überschritten. Etwa ein Drittel der N2O-Emissionen ist anthropogenen Ursprungs. Die wichtigsten Quellen sind Landböden, die Viehwirtschaft und die chemische Industrie. d) halogenierte Kohlenwasserstoffe Die Emissionen halogenierter Kohlenwasserstoffe sind besonders durch den Einsatz von FCKW als Kühlmittel über mehrere Jahrzehnte hin stark angestiegen. Die jährlichen Emissionen an Fluorkohlenwasserstoffen (z. B. CFCl3, CF2Cl3), sind jedoch vor dem Hintergrund einer abnehmenden Ozonschicht seit dem Protokoll von Montreal erheblich reduziert worden.164 Einige Substitutkomponenten (z. B. CHF2Cl, CF3CH2F) sind dagegen in den letzten Jahren gestiegen. Halogenierte Kohlenwasserstoffe verfügen über besonders hohe Treibhauspotenziale. e) Ozon (O3 ) Die Wirkung von Ozon auf die globale Strahlungsbilanz ist widersprüchlich, da Ozon den Treibhauseffekt je nach dem Ort des Vorkommens in der Atmosphäre verstärken oder abschwächen kann. Die Abnahme stratosphärischen Ozons zwischen 1979 und 2000 bewirkte nach Schätzungen des IPCC eine Verringerung der Wärmestrahlung in Höhe von – 0,15 Wm–2.165 Der Anstieg des troposhärischen Ozons hat hingegen mit + 0,35 Wm–2 zum Treibhauseffekt beigetragen. Störung der natürlichen Strahlungsbilanz durch anthropogene Treibhausgasemissionen Die Zunahme von Treibhausgasen in der Atmosphäre verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt, indem den unteren Schichten der Atmosphäre mehr zusätzliche Energie in Form von reflektierter Infrarotstrahlung zugeführt wird. Die Strahlungsbilanzstörung 166 durch anthropogene Treibhausgasemissionen wird durch den Intergovernmental Panel 163 164 165 166
ebd. ebd. IPCC 2001, S. 7. Die Strahlungsbilanzstörung (engl. radiative forcing) gibt an, wie viel zusätzliche Strahlungsenergie der Erde durch natürliche und anthropogene Störungen zu- bzw. abgeführt wird. Die Strahlungsbilanzstörung wird in Wm–2 angegeben. Die Verwendung der deutschen Terminologie erfolgt nach WBGU (Hrsg.): Welt im Wandel: Wege zur Lösung globaler Umweltprobleme. Jahresgutachten 1995, Berlin 1996.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
Abb. 3.19 Anteil verschiedener Gase am anthropogenen Treibhauseffekt (ohne troposphärisches Ozon) [nach IPCC 2001]
on Climatic Change (IPCC) auf derzeit insgesamt 2,43 Wm–2 geschätzt. Davon entfallen auf CO2 1,46 Wm–2, auf CH4 0,48 Wm–2, auf halogenierte Kohlenwasserstoffe 0,34 Wm–2 und auf N2O 0,15 Wm–2. Rund 60 % der anthropogenen Strahlungsbilanzstörung entfallen also auf CO2 (Abb. 3.19). Neben der Konzentration in der Atmosphäre spielt auch das Treibhauspotenzial eines Gases eine wichtige Rolle. Das Treibhauspotenzial von CO2 ist definitionsgemäß eins. Gemessen am Treibhauspotenzial von CO2 und innerhalb einer Verweildauer von 20 Jahren haben Methan (62), Distickstoffoxid (275) und Fluorkohlenwasserstoffe (40–9400) wesentlich höhere Treibhauspotenziale.167 Neben der Erhöhung der Konzentration von Treibhausgasen gibt es eine Reihe weiterer natürlicher und anthropogener Faktoren, die die globale Strahlungsbilanz beeinflussen. Zu den Faktoren mit widersprüchlichen Wirkungen zählen Aerosole, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe und Biomasse frei werden. Einerseits führen Aerosole zu einer Verringerung der direkten Sonneneinstrahlung und bewirken daher eine Abkühlung der Atmosphäre (die Abkühlung durch Sulfate und organische Verbindungen wird global mit starken regionalen Ab-
167
Zahlen nach IPCC 2001, S. 47.
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Abb. 3.20 Veränderungen in der mittleren globalen Strahlungsbilanz im Jahr 2000 gegenüber der vorindustriellen Zeit in Watt/Quadratmeter [verändert nach IPCC 2001]
weichungen auf – 0,4 Wm–2 geschätzt 168), andererseits absorbieren einige dunkle Aerosole wie Ruß Wärmestrahlung und erhöhen daher die Wärmestrahlung (+ 0,2 Wm–2). Durch Verränderungen in der weltweiten Landnutzung, insbesondere durch den Rückgang der Wälder, wird von den Landflächen mehr solare Strahlung reflektiert, was wahrscheinlich zu einer Verringerung in der Strahlungsbilanz der Erde geführt hat (– 0,2 Wm–2 +/– 0,2 Wm–2). Auch Veränderungen in der Aktivität der Sonne haben die Strahlungsbilanz der letzten 200 Jahre beeinflusst. Die Strahlungsbilanzstörung durch verstärkte Sonnenaktivität wird für die Zeit seit 1750 auf 0,3 Wm–2 (+/– 0,2 Wm–2) geschätzt.169 Unter Berücksichtigung natürlicher und anthropogener Faktoren resultiert eine Strahlungsbilanzstörung in Höhe von + 2,13 Wm–2, die zum größten Teil auf die Emission anthropogener Treibhausgase zurückzuführen ist (Abb. 3.20). Obwohl auch natürliche Störfaktoren eine Rolle spielen, kann kaum mehr ein Zweifel daran bestehen, dass der im 20. Jahrhundert beobachtete Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 0,6 °C hauptsächlich auf die Emission anthropogener Treib168 169
Ebd., S. 9. Ebd.
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Darstellung der verschiedenen Energieoptionen
hausgase zurückzuführen ist.170 Einige wissenschaftliche Untersuchungen, die die natürlichen Schwankungen der Sonnenaktivität als Hauptfaktor der globalen Erwärmung postuliert haben, haben sich mittlerweile als nicht haltbar herausgestellt.171 Computersimulationen des Klimas der letzten 140 Jahre ergeben die besten Übereinstimmungen mit den beobachteten Werten, wenn natürliche und anthropogene Störungen der globalen Strahlungsbilanz kombiniert werden.172 Der dritte Assessment Report des IPCC „Climate Change 2001“, eine internationale Gemeinschaftsarbeit von mehr als 500 führenden Klimaforschern sieht daher „new and stronger evidence that most of the observed warming observed over the last 50 years is attributable to human activities“.173 Gegenüber dem ersten und zweiten Assessment Report des IPCC ist damit ein deutlich höheres Maß an Sicherheit hinsichtlich der Existenz eines anthropogenen Treibhauseffektes erreicht, dem sich auch andere wissenschaftliche Institutionen wie die US-amerikanische National Academy of Science (NAS) anschließen.174 Die wichtigsten im Verlauf des 20. Jahrhunderts beobachteten klimatischen Veränderungen werden durch das IPCC wie folgt zusammengefasst 175: x
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x
x
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x
170 171 172 173 174 175 176
Die durchschnittliche globale Temperatur der Erdoberfläche ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts um 0,6 °C (+/– 0,2 °C) gestiegen. Es ist sehr wahrscheinlich176, dass die 90er Jahre das wärmste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts waren. Der Temperaturanstieg im 20. Jahrhundert ist wahrscheinlich der stärkste während der letzten 1000 Jahre gewesen. Die weltweite Schneebedeckung hat seit den späten 60er Jahren sehr wahrscheinlich um 10 % abgenommen. Es ist ein weltweiter Rückgang von Berggletschern in nichtpolaren Bergregionen beobachtet worden. Die sommerliche Ausdehnung der arktischen Eisdecke hat seit den 50er Jahren sehr wahrscheinlich um 10 bis 15 % abgenommen. Auch die vgl. dazu L. R. Kump: Reducing uncertainty about carbon dioxide as a climate driver, in: Nature, Vol. 419, 09/2002, S. 188–190. vgl. dazu exemplarisch S. Rahmstorf: Flotte Kurven, dünne Daten, in: Die Zeit, 35/2002. IPCC 2001, S. 11/12. ebd., S. ix. Vgl. zur Haltung der NAS A. C. Revkin: Global Warming: All that hot air must be having an effect, in: New York Times, 12. 1. 2003. Daten nach: IPCC 2001, S. 2 ff. Im IPCC „Summary for Policymakers“ sind den Wahrscheinlichkeitsbegriffen feste Wahrscheinlichkeitswerte zugeordnet worden: so gut wie sicher (99 %), sehr wahrscheinlich (90–99 %), wahrscheinlich (66–90 %), mittlere Wahrscheinlichkeit (33–66 %), unwahrscheinlich (10–33 %), sehr unwahrscheinlich (1–10 %), außerordentlich unwahrscheinlich (weniger als 1 % Chance), 2001, S. 2.
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durchschnittliche Dicke der arktischen Eisdecke im Spätsommer und Frühherbst hat sich wahrscheinlich bereits um 40 % verringert. Während des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel um 20–30 cm angestiegen. Die Niederschläge in den mittleren und hohen Breiten der nördlichen Hemisphäre haben im Verlauf des 20. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich um 0,5–1 % pro Jahrzehnt zugenommen.
Stabilisiert sich die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre von selbst? Es gibt eine Reihe natürlicher Mechanismen, die einem CO2-Anstieg in der Atmosphäre entgegenwirken, dazu gehört vor allem die verstärkte Fotosyntheseleistung von Pflanzen und die Aufnahme von CO2 in den Ozeanen. Wie oben bereits erwähnt, entziehen Ozeane und Wälder der Atmosphäre derzeit jährlich etwa die Hälfte der weltweiten anthropogenen CO2-Emissionen. Wie groß die Kapazität dieser natürlichen „Puffer“ ist, ist jedoch unklar. Höhere CO2-Konzentration wirken im Allgemeinen stimulierend auf das Pflanzenwachstum, so dass zu erwarten steht, dass die weltweite Vegetation heute mehr CO2 in Form von Biomasse bindet als in vorindustrieller Zeit.177 Dass diese Vermut