Und dies ist die Geschichte von Erik Hellauge, Thorgrimurs Sohn; von Gudruda der Schönen, Asmunds Tochter; von Swanhild...
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Und dies ist die Geschichte von Erik Hellauge, Thorgrimurs Sohn; von Gudruda der Schönen, Asmunds Tochter; von Swanhild der Vaterlosen, Atlis Weib; und von Ounound, genannt Skallagrim Lammschweif, dem Berserker, Eriks Knecht, die alle lebten und starben, bevor Thangbrand, Wilibalds Sohn, den Weißen Christus auf Island predigte. Vom einfachen Bauernjungen bringt es der gewitzte und tapfere Erik Hellauge binnen kurzer Zeit zum berühmtesten Wikingerführer Islands. Doch als er nach jahrelanger Abenteuerfahrt auf seine Heimatinsel zurückkehren will, um die schöne Gudruda zu freien, nimmt das Schicksal seinen Lauf: die habgierige Hexe Groa, deren eifersüchtige Tochter Swanhild und der eitle Wikingerführer Ospakar Schwarzzahn verbünden sich, um Eriks Lebensweg mit Hilfe der Schwarzen Magie und eines heimtückischen Plans abzukürzen. Zusammen mit seinem Blutsbruder Skallagrim, einem bärenstarken und trinkfesten Berserker, nimmt Erik den Kampf mit den Mächten des Schicksals auf ... Henry Rider Haggard (1856 -1925) zählte zu den größten Abenteuerschriftstellern der Weltliteratur. Er verbrachte lange Jahre seines Lebens in Afrika, studierte Rechtswissenschaften, und schrieb zahlreiche Romane, um dem tristen Büroalltag zu entfliehen.
Henry Rider Haggard
Erik der Wikinger Titel der Originalausgabe: ERIC BRIGHTEYES Aus dem Englischen übersetzt von Uwer Anton Deutsche Erstausgabe
Lektorat: Martin Compart & Ronald M. Hahn Ullstein Buch Nr. 21019 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin - Wien Umschlaggestaltung: Hansbernd Lindemann Umschlagillustration: Stiftung Preußischer Kulturbesitz Alle Rechte vorbehalten Copyright © dieser Ausgabe 1986 by Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin - Wien Printed in Germany 1986 Gesamtherstellung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3 548 21019 8
WIDMUNG An Ihre Kaiserliche Majestät Viktoria, Kaiserin von Deutschland 27. November 1889. Madame, Ihr habt mir großmütig die Auskunft erteilt, daß ein Prinz, dessen Andenken alle Menschen zu ehren haben, der Kaiser Friedrich, während der beschwerlichen Wochen, die er weit entfernt von seiner Heimat verbrachte - schwankend zwischen Hoffnung und Furcht, leidend und vom Tod versucht -, Vergnügen daran fand, meine Geschichten zu lesen; daß sie ihn »interessierten und faszinierten. Während die Welt Tag für Tag am Krankenbett des Kaiserlichen Gatten Ihrer Majestät wachte, während sich viele von uns bemühten, sich in ihrer höchsten Not angesichts des Schauspiels dieser heroischen Geduld in Mut zu üben, konnte ein unbedeutender Schriftsteller nicht wissen, daß es sein Glück gewesen war, solch einen Leidenden eine Stunde lang Leid und Schmerz vergessen zu lassen. Dieses Wissen ist einem Schriftsteller viel teurer als jedes Lob, und in tiefer Dankbarkeit wage ich es, mit der Erlaubnis Eurer Majestät, Euch die Geschichte von Erik Hellauge zu widmen. Der verstorbene Kaiser, im Herzen ein friedliebender Mensch, doch durch die Pflicht ein wahrer Soldat, hätte sich vielleicht selbst für einen Krieger aus grauer Vergangenheit interessiert, einen Helden unserer nordischen Herkunft, der seine Tage im Kampf verbrachte und dessen letztes Verlangen die Rast war. Aber es soll nicht sein; wie der blonde Erik dieser Sage, und auf noblere Art, ist er durch die Hundert Tore ins Walhalla des Ruhms geschritten.
Euch, Madame, widme ich also dieses Buch, so leicht und unwürdig es als Zeugnis meines tiefsten Respekts und Mitgefühls auch sein mag. Ich verbleibe als gehorsamster Diener Ihrer Majestät, H. RIDER HAGGARD
EINFÜHRUNG ERIK DER WIKINGER ist ein Roman, der auf den isländischen Sagas beruht. Was ist eine Saga? - Ist sie ein Märchen oder eine wahre Geschichte? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. Denn solche Sagas wie die von Burnt Njal und Grettir dem Starken haben sowohl etwas von der Wahrheit als auch von bloßer Erfindung an sich: die Historiker streiten noch über die Anteile. Und so ist die Saga gewachsen: In den frühen Tagen der isländischen Gemeinschaft - jener Aristokratenrepublik -, etwa zwischen den Jahren 900 und 1100 unserer Zeitrechnung, kam es zwischen zwei großen Familien zum Streit. Im Fall der NjalSaga zum Beispiel war dessen Ursache wahrscheinlich das üble Werk einiger Adelsfrauen. Dieser Streit führte zu einem Totschlag. Dann rief das Blut nach Blut, und augenblicklich setzte eine Blutrache ein, die erst durch den gewaltsamen Tod der Mehrheit der Schauspieler des Dramas und eine große Anzahl ihrer Anhänger ein Ende fand. Im Lauf der Fehde traten Männer von heroischer Kraft und Gesinnung an die Front und vollbrachten Taten, die des Eisernen Zeitalters, das sie hervorgebracht hatte, würdig waren. Auch Frauen halfen dabei, die Geschichte zu gestalten, jeweils nach ihren natürlichen Eigenschaften und Charakterzügen zum Guten oder zum Schlechten. Schließlich wurde die Tragödie vom Tod und der Zeit bedeckt und hinterließ nur ein paar verbeulte Wappenschilde und verwunschene Hünengräber, die von jenen erzählten, die die Hauptrollen gespielt hatten. Aber ihr Ruhm lebte im Geiste der Menschen weiter. Von Generation zu Generation wanderten Skalden durch den winterlichen Schnee, so wie Homer in seinen Tagen vielleicht über die griechischen Berge und durch die Täler gewandert ist, um wegen der Geschichte aus alter Zeit, die sie zu erzählen hatten,
an jedem Ort willkommen geheißen zu werden. Hier saßen sie Abend für Abend am Herd und vertrieben die Müdigkeit der tageslosen Dunkelheit mit Geschichten aus jener Zeit, in der die Männer ihr Leben selbst in die Hand nahmen und es für gut verbracht hielten, wenn der Nachwelt ein Lied über sie in Erinnerung blieb. Die Geschichte zu verändern war eins der größten Verbrechen: der Skalde mußte sie wiederholen, wie er sie vernommen hatte; doch zweifellos erfuhren die Sagas nach und nach eine Veränderung. Die Fakten mochten die gleichen bleiben, doch um sie herum braute sich ein Dunst aus wundersamen Geschehnissen und Legenden zusammen. Ein Beispiel von vielen: der Bericht über das Niederbrennen von Bergthorsknoll in der Njal-Saga ist nicht nur ein Stück erzählende Literatur, dessen lebendige, einfache Kraft und Einsicht (abgesehen von Homer und der Bibel) kaum anderswo erreicht wird, er entspricht auch offensichtlich der Wahrheit. Beim Lesen spüren wir, daß kein Mensch diese Geschichte erfunden haben kann, obwohl einige große Skalden sie in ihre Form gebracht haben. Daß die Erzählung wahr ist, kann der Verfasser von »Erik« bezeugen, denn er ist - mit der Sage in der Hand - an Ort und Stelle jedem Akt des Dramas gefolgt. Wer auf dem einsamen Hügel gräbt, von dem man über die Ebene und die See bis zu den Westman-Inseln blicken kann, wird vielleicht noch Spuren des Brandes finden und entdecken, was möglicherweise der schwarze Sand ist, mit dem vor etwa neunhundert Jahren Bergthora und ihre Frauen den Lehmfußboden bestreut haben, und vielleicht sogar die fettigen, zu Klümpchen geronnenen Überreste der Molke, die sie auf die Flammen schütteten, um sie auszulöschen. Er entdeckt vielleicht auch die Orte, wo Flossi sein Heer aufstellte, wo Skarphedinn singend starb, während man ihm die Beine vom Leib brannte; wo Kari von der in Flammen stehenden Ruine sprang, und das kleine Tal, in dem er zur Ruhe gebettet wurde. - Kurz gesagt, bei jedem Schritt wird die
Wahrheit der Erzählung immer offensichtlicher. Und doch hat man der Geschichte Dinge hinzugefügt (es sei denn, wir glauben, daß manche Menschen mit dem Zweiten Gesicht gesegnet sind), denn wir können die prophetische Vision nicht für wahr halten, die Runolf, Thorsteins Sohn, kam; oder die Njals, der am Vorabend des Gemetzels wie Theoklymenus in der Odyssee die ganze Tafel und das darauf liegende Fleisch als »eine einzige Masse aus geronnenem Blut« sah. So entspricht also in dem Nordischen Roman, den ich den Lesern nun anbiete, die Geschichte Eriks und seiner Taten der Wahrheit; aber Asmunds Traum, Swanhilds Zauberei, der Zwischenfall mit dem sprechenden Kopf und Eriks und Skallagrims Visionen verdanken ihren Ursprung der Phantasie nachfolgender Skaldengenerationen; und schließlich hat man dann im 15. oder 16. Jahrhundert die Geschichte mit all ihren übernatürlichen Hinzufügungen niedergeschrieben. Der menschliche Geist - und besonders der der nordischen Völker - neigt dazu, un- und außergewöhnliche Gründe für Handlungen und Tatsachen zu liefern, die ausreichend durch das Wirken der Naturgesetze geklärt sind. Swanhild hätte keinen »Schutzgeist« gebraucht, der sie in ihre bösen Pläne einführt; Erik hätte keinen Liebestrank gewollt, der zu seiner Niederlage führen sollte. Unsere allgemeine Erfahrung als die Menschen, die wir sind - im Gegensatz zu den Menschen, die zu sein wir uns rühmen -, reicht aus, um uns zu lehren, daß die Leidenschaft des einen und die menschliche Schwäche des anderen genügten, um zu diesen Ergebnissen zu führen. Die natürliche Magie, die Schönheit und inhärente Macht einer solchen Frau wie Swanhild ist viel mächtiger als alle Zaubersprüche, die die Magier erfunden, oder als jeder Dämon, den sie vielleicht zu ihrer Unterstützung beschworen haben. Doch keine Saga wäre ohne die Erfindung solcher äußerer Mächte vollständig: man hat schon immer gefühlt, daß man sie braucht, sei es, um die Taten der Helden und Heldinnen her-
vorzuheben oder um ihre Persönlichkeit mit größerer Bedeutung zu schmücken. Selbst Homer verspürte diesen Drang und zögerte nicht, nicht nur das Zweite Gesicht, sondern auch Götter und Göttinnen einzuführen und deren übernatürliche Handlungen direkten Einfluß auf die Persönlichkeiten seines Gesangs nehmen zu lassen, und zwar viel freier als in jeder nordischen Saga. Vielleicht ist noch ein Wort er Erklärung nötig über das Erscheinen von »Schutzgeistern« in Tiergestalt, das sich zum Beispiel auch in dieser Geschichte finden läßt. Wie heute die Finnen und Eskimos, glaubten damals die Isländer, daß Leidenschaften und Begierden von Zauberern sichtbare Gestalt in Geschöpfen wie Wölfen oder Ratten annahmen. Diese nannte man dann »Sendboten«, und es gibt in den Sagas viele Anspielungen auf sie. Eine andere Eigenschaft der Sagas, die man als überaus charakteristisch bezeichnen kann, ist ihre Schicksalhaftigkeit. Beim Lesen scheinen wir die Stimme des Verderbens ständig dröhnen zu hören. »Die Dinge werden geschehen, wie das Schicksal es bestimmt hat«, das ist der wichtigste Schlüsselsatz. Der nordische Geist hatte nur wenig Vertrauen in den freien Willen, noch weniger, als wir es heutzutage haben. Männer und Frauen wurden mit gewissen Charaktermerkmalen und Vorlieben geboren, die sie erhalten hatten, damit ihr Leben in vorbestimmten Wegen verlief und ihre Taten zu einem vorbestimmten Ende führten. Sie tun diese Dinge nicht aus eigenem Antrieb, obwohl ihre Begierden sie zu den Taten drängen: sie tun sie, weil sie sie tun müssen. Die Nornen, wie sie das Schicksal nennen, haben ihren Weg schon vor langer, langer Zeit bestimmt; sie bewegen sich auf ihm und müssen ihm bis zum Ende folgen. Dies war die Schlußfolgerung unserer skandinavischen Vorfahren - ein Glaube, der ihnen aufgezwungen wurde durch ihr empfindsa-
mes Erkennen der Sinnlosigkeit der menschlichen Hoffnungen und Pläne, des Schreckens und der Tragödie des Lebens, der Anmaßung ihrer Begierden, der unbeschrittenen Finsternis und des traumlosen oder traumreichen Schlafes, der auf sein Ende folgt. Obwohl die Sagas sowohl als Beispiele einer in der Welt fast einzigartigen Literatur als auch wegen ihrer lebendigen Bedeutung mitreißen, sind sie der englischsprachigen Öffentlichkeit kaum bekannt. Dies ist leicht zu erklären: es fällt schwer, die Welt des neunzehnten Jahrhunderts dazu zu bringen, sich für Menschen oder Ereignisse zu interessieren, die vor tausend Jahren lebten beziehungsweise geschahen. Darüber hinaus stellen die Sagas zweifellos einen schwierigen Lesestoff dar. Die archaische Natur des Werkes, der Brauch des nordischen Sagaerzählers, endlose Nebenhandlungen zu weben, und die Beharrlichkeit, mit der er die Herkunft und die Abenteuer der Vorfahren eines jeden unwichtigen Charakters einführt, entsprechen nicht dem Geschmack des modernen Lesers. ERIK HELLAUGE wurde daher dieser Eigentümlichkeiten beschnitten und bis zu einem gewissen Ausmaß in die Form des Romans unserer heutigen Zeit gebracht, wobei Archaismen soweit wie möglich vermieden wurden. Der Autor wäre dankbar, sollte es ihm gelungen sein, Interesse am beschwerlichen Leben unserer nordischen Vorfahren erweckt zu haben, und glücklich, sollte sein schwieriges Experiment den Sagas, den Prosaepen unserer Rasse, neue Leser bringen. Zu umfangreich, zu weitschweifig, zu detailversessen, können sie sich in der Tat nicht mit den Epen Griechenlands messen; aber mit ihren Bildern des einfachen und heroischen Lebens stehen sie hinter keiner anderen Literatur der Welt zurück, abgesehen allein von der Iliade und der Odyssee.
I WIE ASMUND DER PRIESTER DIE HEXE ÖROA FAND Es lebte ein Mann im Süden, bevor Thangbrand, Wilibalds Sohn, den Weißen Christus auf Island predigte. Er trug den Namen Erik Hellauge, Thorgrimurs Sohn, und in jenen Tagen gab es keinen, der ihm an Kraft, Schönheit und Wagemut gleichkam, denn in all diesen Belangen war er der erste. Aber er war nicht der erste, was das Glück betraf. Zwei Frauen lebten im Süden, nicht weit von jener Stelle, wo sich die Westman-Inseln aus dem Meer erheben. Gudruda die Schöne war der Name der einen, und Swanhild, genannt die Vaterlose, Groas Tochter, war die andere. Sie waren Halbschwestern, und es gab keine wie sie in jenen Tagen, denn sie waren die schönsten aller Frauen, obwohl sie nichts gemeinsam hatten bis auf ihr Blut und ihren Haß. Diese beiden schönen Frauen sahen das Licht der Welt in der gleichen Stunde. Aber Erik Hellauge war fünf Jahre älter als sie. Eriks Vater war Thorgrimur Eisenzehe. Er war ein mächtiger Mann gewesen; aber bei einem Kampf mit einem Berserker, der ihn überfiel, als er vom Weizensäen nach Hause ging, hatte er einen Fuß verloren, so daß er danach auf einem mit Eisen beschlagenen Holzbein ging. Dennoch erschlug er den Berserker, indem er auf einem Bein stand und sich gegen einen Felsen lehnte, und für diese Tat verehrten ihn die Leute sehr. Throgrimur war ein wohlhabender freier Bauer; er erzürnte nicht schnell, war gerecht und reich an Freunden. Ziemlich spät in seinem Leben nahm er sich Saevuna, Thorods Tochter, zur Frau. Sie war ihm ein gutes Weib, willensstark und mit dem Zweiten Gesicht gesegnet, und mit so langen Haaren, daß sie sich gänzlich darin einhüllen konnte. Aber diese beiden liebten einander nicht allzu sehr, und sie hatten nur ein Kind, Erik, der
geboren wurde, als Saevuna schon in die Jahre gekommen war. Gudrudas Vater war Asmund Asmundson, der Priester vom Middalhof. Er war der weiseste und der wohlhabendste aller Männer, die in jenen Tagen im Süden Islands lebten. Er besaß viele Landgüter, und auch zwei Handelsschiffe und ein Kriegslangschiff, und er hatte gegen Zinsen viel Geld verliehen. Er hatte seinen Wohlstand durch Wikingerarbeit gewonnen, indem er auf Raubzügen die englische Küste heimgesucht hatte, und von den Taten in seiner Jugend an den Küsten erzählte man sich düstere Geschichten, denn er war ein »rothändiger« Wikinger. Asmund war ein stattlicher Mann mit blauen Augen und einem langen Bart; und darüber hinaus war er sehr erfahren in Fragen der Rechtsprechung. Er liebte das Geld sehr und wurde von allen gefürchtet. Doch er hatte viele Freunde, denn mit zunehmendem Alter wurde er freundlicher. Er hatte Gudruda zur Frau genommen, die Tochter Björns, die sehr lieblich und von Natur aus freundlich war, so daß sie alle Gudruda die Sanfte nannten. Dieser Ehe waren zwei Kinder entsprungen. Björn und Gudruda die Schöne; aber Björn wuchs auf wie sein Vater in seiner Jugend, stark und hart, und begierig auf Gewinn, während Gudruda abgesehen von ihrer wunderbaren Schönheit ganz und allein nach ihrer Mutter geriet. Die Mutter Swanhilds der Vaterlosen war Groa die Hexe. Sie war eine Finnin, und man sagte ihr nach, daß das Schiff, auf dem sie segelte, bei dem Versuch, im Schutz der WestmanInseln bei einer steifen Brise aus Nordost Fahrt zu machen, auf einem Felsen zerschmetterte und alle Menschen an Bord im Netz von Ran* gefangen wurden und ertranken, abgesehen von Groa selbst, die sich mit ihren magischen Künsten rettete. Wahr ist zumindest, daß Asmund der Priester am Morgen nach dem Sturm das Ufer nach ein paar streunenden Pferden absuchte und dabei eine wunderschöne Frau fand, die einen purpurnen Umhang und einen großen Gürtel aus Gold trug, wobei sie auf einem Felsen saß, ihr schwarzes Haar kämmte und sich dabei
singend die Zeit vertrieb; und zu ihren Füßen lag, in einem Tümpel hin und her gespült, ein Toter. Er fragte, woher sie käme, und sie antwortete: »Aus dem Schwanenbad.« Danach fragte er sie, wo ihre Sippe sei. Aber sie deutete auf den Toten und sagte, das allein wäre von ihr noch übrig. »Wer war dieser Mann?« sagte Asmund der Priester. Sie lachte erneut und sang dieses Lied: Groa segelt empor vom Schwanenbad, Die Todesgötter ergreifen die Hand des Toten. Sieh, wo ihr glückloser Gatte liegt, Ein kühnerer Meereskönig schwang nie das Schwert! Asmund, behalte den Rockträger, Denn letzte Nacht riefen die Nornen, Und Groa dachte, sie erzählen von dir, Ja, von dir und ungeborenen Kindern. »Woher kennst du meinen Namen?« fragte Asmund. »Die Seemöwen riefen ihn, als das Schiff sank, deinen und andere - und man wird sie in Geschichten hören.« »Dann ist dies das beste Glück«, sprach Asmund; »aber ich glaube, du hast das Zweite Gesicht*.« »Ay«, antwortete sie, »und schön bin ich obendrein.« »Wahr genug, daß du schön bist. Was sollen wir mit dem Toten machen?« »Laß ihn in Rans Armen. So mögen alle Gatten ihre Ruhe finden.« Da man sah, daß sie eine Hexe war, wechselte man zu dieser Zeit kein Wort mehr mit ihr. Aber Asmund nahm sie mit nach Middalhof und gab ihr ein Stück Land, und sie lebte dort allein, und er zog viele Vorteile aus ihrer Weisheit. Nun geschah es, daß Gudruda die Sanfte mit einem Kind schwanger ging, und als ihre Zeit kam, schenkte sie einer Tochter das Leben - einem sehr schönen Kind mit dunklen
Augen. Am gleichen Tag brachte Groa die Hexe ein Mädchen zur Welt, und die Leute fragten sich, wer der Vater war, denn Groa hatte keinen Mann. Die Frauen munkelten, Asmund der Priester sei auch der Vater dieses Kindes; aber als er dies hörte, wurde er wütend und sagte, keine Hexe würde je ein Balg von ihm tragen, wie schön sie auch sei. Nichtsdestotrotz sagte man immer noch, das Kind sei das seine, und es stimmt, daß er es liebte, wie ein Mann sein eigen Fleisch und Blut liebt; aber von allen Dingen kann man dies am schwersten wissen. Als man Groa befragte, lachte sie düster, wie es ihre Art war, und sie sagte, sie wisse nichts davon, sie habe das Gesicht des Kindesvaters, der des Nachts aus dem Meer gestiegen sei, nie gesehen. Und aus diesem Grund hielten ihn einige für einen Zauberer oder den Geist ihres toten Mannes; andere aber sagten, Groa lüge, wie es viele Frauen bei solchen Angelegenheiten schon getan hätten. Aber von all diesem Gerede blieb nur das Kind übrig, und es bekam den Namen Swanhild. Doch nur eine Stunde, bevor das Kind Gudrudas der Sanften geboren wurde, ging Asmund von seinem Haus zum Tempel, um das heilige Feuer zu schüren, das Tag und Nacht auf dem Altar brannte. Als er das Feuer gerichtet hatte, setzte er sich auf die Querbank vor den Schrein und schlief ein, wobei er das Bild der Göttin Freyja betrachtete. Er träumte einen sehr bösen Traum. Er träumte, daß Gudruda die Sanfte eine Taube zur Welt brachte, die wunderschön anzusehen war, da all ihre Federn aus Silber waren; aber daß Groa die Hexe eine goldene Schlange zur Welt brachte. Und die Schlange und die Taube wohnten zusammen, und stets versuchte die Schlange, die Taube zu töten. Und schließlich kam ein großer weißer Schwan über den Kaltrücken-Berg geflogen, und seine Zunge war ein scharfes Schwert. Nun sah der Schwan die Taube, und sie gefiel ihm, und der Taube gefiel der Schwan; aber die Schlange richtete sich auf und zischte und wollte die Taube töten. Aber der
Schwan bedeckte sie mit seinen Schwingen und trieb die Schlange mit Hieben davon. Dann kam er, Asmund, hinaus und vertrieb den Schwan, wie der Schwan die Schlange vertrieben hatte, und er schwang sich hoch in die Luft empor und flog nach Süden, und die Schlange schwamm durchs Meer davon. Aber die Taube ließ den Kopf hängen; sie war nun blind. Dann kam ein Adler aus dem Norden und hätte die Taube geschlagen, aber sie floh schreiend stets im Kreis herum, und immer kam der Adler näher. Schließlich kam aus dem Süden der Schwan zurück; er flog schwerfällig, und um seinen Hals schlängelte sich die goldene Schlange, und mit ihr kam ein Rabe. Und er sah den Adler und trompetete laut und schüttelte die Schlange ab, so daß sie wie ein goldener Schimmer ins Meer stürzte. Dann trafen sich der Adler und der Schwan im Kampf, und der Schwan drängte den Adler hinab und besiegte ihn mit seinen Schwingen, woraufhin er zur Taube flog und sie tröstete. Aber die im Haus liefen hinaus und schössen mit Pfeilen auf den Schwan und vertrieben ihn, doch nun war er, Asmund, nicht dabei. Und wieder ließ die Taube den Kopf hängen. Wieder kam der Schwan zurück, und mit ihm der Rabe, und ein großes Heer wurde gegen sie aufgestellt, darunter alle Männer aus Asmunds Familie und Stamm, und die Männer seines Hauses und ein paar aus seiner Priesterschaft, und viele, die er dem Gesicht nach nicht kannte. Und der Schwan flog zu seinem Sohn Björn. Er ließ das Schwert seiner Zunge vorschießen und tötete ihn; dann erschlug er noch viele Männer auf diese Art. Und der Rabe, mit einem Schnabel und Klauen aus Stahl, tötete auch viele Männer, so daß Asmunds Verwandtschaft floh, und der Schwan bei der Taube lag. Aber als sie schliefen, kroch die goldene Schlange aus dem Meer und zischte etwas in die Ohren der Männer, und sie erhoben sich und folgten ihr. Sie kam zu dem Schwan und wand sich um dessen Hals. Sie biß die Taube und tötete sie.
Dann erwachten der Schwan und der Rabe, und sie kämpften, bis alle, die von Asmunds Verwandtschaft und Volk übrigblieben, tot waren. Aber die Schlange wand sich noch immer um den Hals des Schwans, und schließlich fielen Schlange und Schwan ins Meer, und weit draußen auf hoher See brannte eine Feuerflamme. Und Asmund erwachte zitternd und verließ den Tempel. Als er nun ging, lief ihm weinend eine Frau entgegen. »Spute dich, spute dich!« rief sie. »Dir wurde eine Tochter geboren, und dein Weib Gudruda liegt im Sterben!« »Ist dem so?« sagte Asmund. »Nach schlechten Träumen schlechte Nachrichten.« Nun lag in der Bettkammer der großen Halle von Middalhof Gudruda die Sanfte, und sie lag im Sterben. »Bist du da, Mann?« fragte sie. »Gerade gekommen, Weib.« »Du kommst in einer bösen Stunde, denn es ist meine letzte. Nun höre. Du nimmst das neugeborene Kind in deine Arme und küßt es, und du gießt Wasser über es und benennst es mit meinem Namen.« Dies tat Asmund. »Höre, mein Mann. Ich bin dir eine gute Frau gewesen, obwohl du nicht immer gut zu mir warst. Aber so sollst du dafür büßen: du sollst schwören, daß du es nicht aussetzt, obwohl es ein Mädchen ist. Vielmehr wirst du es pflegen und aufziehen.« »Ich schwöre es«, sagte er. »Und du sollst schwören, daß du nicht die Hexe Groa zur Frau nimmst, noch daß du etwas mit ihr zu tun haben wirst, und das zu deinem eigenen Wohl - denn wenn du es doch tust, wird sie dein Tod sein. Schwörst du?« »Ich schwöre es«, sagte er. »Es ist gut; aber, Mann, wenn du deinen Eid brichst, entweder in Worten oder im Geist der Worte, wird das Böse dich und dein ganzes Haus überkommen. Nun grüße mich zum Ab-
schied, denn ich sterbe.« Er beugte sich über sie und küßte sie, und man sagt, daß Asmund in dieser Stunde weinte, denn auf seine Art hatte er seine Frau geliebt. »Gib mir das Kind«, sagte sie, »damit es einmal an meiner Brust liegen kann.« Man gab ihr das Kind, und sie schaute in dessen dunkle Augen und sagte: »Die schönste der Frauen sollst du sein, Gudruda - so schön, wie keine andere Frau auf Island je vor dir war; und du sollst mit einer starken Liebe lieben - und du sollst verlieren - und im Verlust sollst du wiederfinden.« Nun heißt es, daß ihr Gesicht so hell wie das eines Geistes wurde, als sie diese Worte sprach, und als sie sie gesprochen hatte, fiel sie tot zurück. Und man legte sie in die Erde, aber Asmund betrauerte sie sehr. Doch als alles vorbei und geschehen war, lastete der Traum, den er geträumt hatte, schwer auf ihm. Nun war von allen Traumdeutern Groa die erfahrendste, und als Gudruda sieben volle Tage unter der Erde war, ging Asmund zu Groa - wenn auch wegen seines Eides nur zögernd. Er kam zu dem Haus und betrat es. Auf einer Liege in der Kammer lag Groa, und sie gab ihrem Kind die Brust und war sehr schön anzusehen. »Seid gegrüßt, Herr!« sagte sie. »Was wollt Ihr hier?« »Ich habe einen Traum geträumt, und du allein kannst ihn deuten.« »Das mag schon sein«, gab sie zurück. »Es ist wahr, ich habe einige Erfahrung mit Träumen. Wenigstens anhören werde ich ihn mir.« Dann breitete er ihn ihr Wort für Wort aus. »Was willst du mir geben, wenn ich deinen Traum deute?« sagte sie. »Was verlangst du? Mich deucht, ich habe dir schon viel ge-
geben.« »Ja, Herr«, und sie schaute auf das Kind an ihrer Brust. »Ich erbitte auch nur wenig: daß du dieses Kind in deinen Arm nimmst, Wasser über es gießt und ihm einen Namen gibst.« »Die Männer werden reden, wenn ich dies tue, denn es ist die Aufgabe des Vaters.« »Es bedeutet nicht viel, was die Männer sagen: Geschwätz vergeht, wie vom Winde verweht. Überdies sollst du ihnen die Lüge in des Kindes Namen geben, denn es soll Swanhild die Vaterlose heißen. Dies und nicht weniger ist mein Preis. Bezahle ihn, wenn du willst.« »Deute mir den Traum, und ich werde dem Kind einen Namen geben.« »Nein, zuerst wirst du das Kind benennen: denn dann wird ihm von deiner Hand kein Schaden drohen.« So nahm Asmund das Kind, goß Wasser über es und gab ihm den Namen. Dann sprach Groa: »Dies, Herr, ist die Deutung deines Traumes, oder aber ich gehe irre mit meiner Weisheit: Die silberne Taube ist deine Tochter Gudruda, die goldene Schlange ist meine Tochter Swanhild, und diese beiden werden einander hassen und gegeneinander ringen. Aber der Schwan ist ein mächtiger Mann, den beide lieben werden, und der doch, wenn er nicht beide liebt, beiden gehören wird. Und du wirst ihn fortschicken, aber er wird zurückkehren und Unglück über dich und dein Haus bringen, und deine Tochter wird blind vor Liebe für ihn sein. Und am Ende wird er den Adler erschlagen, einen großen Herrn aus dem Norden, der versuchen wird, deine Tochter zu heiraten, und viele andere wird er töten, mit der Hilfe dieses Raben mit dem stählernen Schnabel, der bei ihm sein wird. Aber Swanhild wird über deine Tochter Gudruda triumphieren, und dieser Mann, und die beiden, werden von ihrer Hand sterben, und die anderen ... Wer kann es schon sagen? Aber dies ist wahr - daß der mächtige Mann dein gan-
zes Geschlecht zu einem Ende bringen wird. Nun siehe, ich habe deinen Traum gedeutet.« Da wurde Asmund sehr erzürnt. »Du hast gut daran getan, mich zu überreden, diesem Bastardkind einen Namen zu geben«, sagte er. »Ansonsten hätte ich es noch in dieser Stunde getötet.« »Dies kannst du nicht mehr, Herr, denn du hast es in deinen Armen gehalten«, gab Groa lachend zurück. »Gehe lieber und setze Gudruda die Schöne auf dem Kaltrücken-Hügel aus; so wirst du dem Bösen ein Ende bereiten, denn Gudruda selbst wird die Wurzel allen Übels sein. Erfahre überdies auch noch, daß dein Traum nicht alles verrät, denn du selbst mußt auch noch eine Rolle im Schicksal spielen. Geh, setze das Kind Gudruda aus und sei beruhigt.« »Dies kann nicht sein, denn ich habe geschworen, es aufzuziehen, und zwar mit einem Eid, den ich nicht brechen kann.« »Es ist gut«, lachte Groa. »Die Dinge werden geschehen, wie das Schicksal sie vorhergesehen hat; lasse sie also geschehen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Es ist Platz für Hügelgräber auf dem Kaltrücken, und das Meer kann seine Toten verschlingen!« Und zornigen Herzens ging Asmund von dannen.
II WIE ERIK GUDRUDA IM SCHNEE DES KALTRÜCKENS SEINE LIEBE GESTAND Nun muß berücksichtigt werden, daß fünf Jahre vor dem Todestag Gudrudas der Sanften Saevuna, Thorgrimur Eisenzehes Weib, im Sumpf des Flusses Ran einem Sohn das Leben schenkte, und als sein Vater kam, um das Kind zu betrachten, rief er laut aus: »Hier haben wir ein wunderbares Balg, denn sein Haar ist gelb wie Gold, und seine Augen leuchten hell wie Sterne.« Und Thorgrimur nannte ihn Erik Hellauge. Nun liegt der Kaltrücken einen Stundenritt vom Middalhof entfernt, und es geschah im Lauf der Jahre, daß Thorgrimur zum Middalhof kam, um das Julfest zu halten und im Tempel zu beten, denn er war in der Priesterschaft von Asmund Asmundson, und den Jungen Erik mit sich brachte. Auch Groa und Swanhild waren dort, denn sie lebten nun auf Middalhof; und die drei hübschen Kinder durften in der Halle zusammen spielen, und die Leute hielten es für ein großes Vergnügen, ihnen zuzuschauen. Nun hatte Gudruda ein hölzernes Pferd und ritt darauf, während Erik das Pferd schob. Doch Swanhild stieß sie vom Pferd und rief Erik zu, kräftig zu schaukeln; doch er tröstete Gudruda und wollte nicht schieben, und daraufhin wurde Swanhild wütend und stieß hervor: »Du mußt schieben, wenn ich es will, Erik.« Da stieß er das Pferd zur Seite, und zwar mit solcher Wucht, daß Swanhild fast ins Herdfeuer gefallen wäre. Sie sprang auf, griff sich einen Feuerscheit und warf ihn nach Gudruda, deren Kleider versenkten. Die Männer lachten darüber; aber Groa, die sich von ihnen abgesondert hatte, runzelte die Stirn und stieß Hexensprüche hervor. »Warum schaust du so düster drein, Haushälterin?« fragte
Asmund, »der Junge ist hübsch und frohen Herzens.« »Ah, er ist hübsch wie kein anderes Kind, und er wird sein ganzes Leben hübsch bleiben. Dennoch wird er sich nicht gegen sein Unglück erheben können. Dies sage ich ihm voraus: Frauen werden ihm sein Ende bereiten, und er wird den Tod eines Helden sterben, aber nicht von der Hand seiner Feinde.« Und nun verstrichen die Jahre in Frieden. Groa lebte mit ihrer Tochter Swanhild auf Middalhof und war die Geliebte Asmund Asmundsons. Doch obwohl er seinen Schwur soweit vergessen hatte, wollte er sie doch niemals zur Frau nehmen. Das Hexenweib war erzürnt deswegen und schmiedete viele Pläne und Intrigen, um Asmund dazu zu bringen, sie zu heiraten. Doch er wollte es nicht, obwohl sie ihn bei allen anderen Dingen wie an einem Strick führte. Zwanzig volle Jahre waren vergangen, seit man Gudruda die Sanfte zur Ruhe gelegt hatte; und nun waren Gudruda die Schöne und Swanhild die Vaterlose erwachsene Frauen. Auch Erik war ein Mann von fünfundzwanzig Jahren, und zwar ein Mann, wie noch nie einer auf Island gelebt hatte. Denn er war stark und groß von Statur, sein Haar war gelb wie Gold, und seine grauen Augen leuchteten mit dem Glanz von Schwertern. Er war sanft und liebevoll wie eine Frau, und selbst als Junge kam seine Kraft schon der von zwei Männern gleich; und es gab keinen in der ganzen Nachbarschaft, der es beim Springen, Schwimmen oder Ringen mit Erik Hellauge aufnehmen konnte. Die Männer hielten ihn hoch in Ehren und sprachen gut von ihm, obwohl er sich bislang noch keiner großen Taten rühmen konnte, sondern zu Hause auf dem Kaltrücken lebte und sich um den Hof kümmerte, da Thorgrimur Eisenzehe, sein Vater, mittlerweile tot war. Aber die Frauen liebten ihn sehr, und das war sein Fluch - denn von allen Frauen liebte er nur eine, Gudruda die Schöne, Asmunds Tochter. Er liebte sie von Kindheit an, und zwar nur sie, bis zum Tage seines Todes, und auch sie liebte keinen außer ihn. Denn nun war Gudruda die
begehrteste aller Jungfrauen, wunderschön anzusehen und süß anzuhören. Ihr Haar war blond wie das Eriks, und sie war weiß wie der Schnee auf dem Hekla; aber ihre Augen waren groß und dunkel, und schwarze Wimpern beschatteten sie. Ansonsten war sie groß und kräftig und gut gebaut, von fröhlichem Gesicht und doch schlank, und die geistreichste aller Frauen. Swanhild war auch sehr schön; sie war schlank, feingliedrig und von dunklerem Teint. Ihre blauen Augen waren so tief wie das Meer, und ihr braunes, lockiges Haar war so üppig, daß sie sich bis zu den Knien damit bedecken konnte. Niemand wußte, was es mit ihrem Geist auf sich hatte, denn obwohl sie sich in Gesprächen offen äußerte, waren ihre Gedanken finster und geheimnisvoll. Dies war ihre Freude: die Herzen der Männer zu gewinnen und sie dann zu verspotten. Sie täuschte viele auf diese Art, denn was die Wege der Liebe betraf, war sie das listigste aller Mädchen, und sie kannte sich gut in der Kunst der Frauen aus, die Männer nicht zum Zuge kommen zu lassen. Dennoch hatte sie ein kaltes Herz und begehrte Macht und großen Reichtum, und sie studierte die Magie, in der sich ihre Mutter ebenfalls gut auskannte. Aber auch Swanhild liebte einen Mann, und das war die Fuge in ihrem Harnisch, durch die der Pfeil des Schicksals in ihr Herz drang, denn dieser Mann war Erik Hellauge, und er liebte sie nicht. Aber sie begehrte ihn so arg, daß ohne ihn die ganze Welt für sie dunkel war, und ihre Seele nichts weiter als ein Schiff, das in einer Winternacht steuerlos dahintrieb. Daher setzte sie all ihre Kraft ein, ihn für sich zu gewinnen, und belegte ihn mit Zaubereien, derer sie nicht wenige und nicht geringe kannte. Dennoch flogen sie an ihm vorbei wie der Wind, denn er träumte stets nur von Gudruda und sah keine anderen Augen als die ihren, obwohl sie noch kein Wort der Liebe untereinander gewechselt hatten. Aber Swanhild suchte in ihrem Zorn Rat bei ihrer Mutter Groa, obwohl nur wenig Zuneigung zwischen ihnen bestand;
und als sie die Geschichte des Mädchens gehört hatte, lachte Groa laut auf: »Hältst du mich für blind, Mädchen?« fragte sie. »All dies habe ich gesehen, wahrhaftig und vorausgesehen, und ich sage dir, du bist verrückt. Laß diesen Bauern Erik gehen, und ich suche dir ein schöneres Federvieh, dem du nachstellen kannst.« »Nein, das werde ich nicht tun«, sprach Swanhild; »denn ich liebe nur diesen Mann und werde ihn für mich gewinnen; und Gudruda hasse ich, und ich werde sie übertrumpfen. Gib mir deinen Rat.« Groa lachte erneut. »Die Dinge müssen so sein, wie das Schicksal es bestimmt hat. Dies ist nun mein Rat: Asmund wird einen Vorteil aus Gudrudas Schönheit ziehen wollen. Wer sie zum Weib bekommt, muß ein Mann reich an Freunden und an Geld sein; und in dieser Sache denkt Björn genauso wie sein Vater. Nun werden wir warten und die Augen offenhalten, und wenn die Gelegenheit richtig ist, werden wir Asmund und ihrem Bruder Björn Geschichten über Gudruda zutragen und schwören, daß sie ihre Sittsamkeit bei Erik überschritten hat. Darüber wird Asmund zürnen, und er wird Erik von Gudrudas Seite vertreiben. Inzwischen werde ich folgendes tun: Im Norden lebt ein Mann, der reich an allen Dingen und aufgeblasen vor Stolz ist. Er trägt den Namen Ospakar Schwarzzahn. Seine Frau ist erst vor kurzem gestorben, und er hat verkündet, daß er das schönste Mädchen Islands heiraten will. Nun beabsichtige ich, Koll den Halbgescheiten, den Leibeigenen, den Asmund mir gegeben hat, wie zufällig zu Ospakar zu schicken. Er ist ein großer Redner und sehr klug, denn bei seiner Halbgescheitheit ist er von listigerem Verstand als die meisten anderen Männer; und er wird Gudrudas Schönheit so hoch preisen, daß Ospakar hierher kommen und sie um die Ehe bitten wird; und wenn alles gutgeht, wirst du dich auf diese Art einer Rivalin entledigen, und ich mich einer, die verächtlich auf mich herabsieht. Doch wenn dieser Plan scheitern sollte, gibt es noch
zwei andere Wege, auf denen starke Füße bis zum Ende ausschreiten können; und einer dieser Wege besteht darin, daß du Erik mit deiner Schönheit für dich gewinnst, denn die ist nicht gering. Alle Männer sind schwach, und ich habe einen Trank, der das Herz so weich wie Wachs macht; aber der andere Pfad ist noch sicherer.« »Und was ist das für ein Pfad, meine Mutter?« »Er verläuft durch Blut in Dunkelheit. Neben dir liegt ein Messer, und in Gudrudas Brust schlägt ein Herz. Tote Frauen sind ungeeignet für die Liebe!« Swanhild warf den Kopf zurück und musterte das dunkle Gesicht Groas, ihrer Mutter. »Mich deucht, bei dem Preis, den es zu erringen gibt, würde ich mich nicht fürchten, diesen Pfad zu begehen, wenn es sein muß, Mutter.« »Nun sehe ich, daß du in der Tat meine Tochter bist. Das Glück gehört den Kühnen. Jedem kommt es in Ungewisser Gestalt. Einige lieben Macht, einige Reichtum und einige einen Mann. Nimm, was du liebst - bahne dir deinen Weg dorthin und nimm es, sage ich; sonst wird dein Leben nur aus Langeweile bestehen: denn welchen Nutzen hat es, Reichtum und Macht zu gewinnen, wenn du nur einen Mann liebst, oder den Mann, wenn du Gold und den höchsten Rang begehrst? Dies ist weise: die Sehnsucht deiner Jugend zu befriedigen; denn das Alter kriecht schnell heran, und dahinter liegt Dunkelheit. Wenn du daher diesen Mann begehrst, und Gudruda steht dir im Weg, dann erschlage sie, Mädchen. Mit Zauberkraft oder mit Stahl. Und nimm ihn, und in seinen Armen wirst du vergessen, daß die deinen rot sind. Aber laß uns zuerst den einfacheren Plan versuchen. - Tochter, auch ich hasse dieses stolze Mädchen, die mich als ihres Vaters Hure verachtet. Auch ich sehne mich danach, ihren blonden Kopf stumpf im Staub des Todes zu sehen, oder wenigstens diese stolzen Augen Schamestränen weinen zu sehen, weil der Mann, den sie
haßt, sie als seine Braut von dannen führt. Hätte es sie nicht gegeben, wäre ich Asmunds Frau, und wenn sie fort ist, kann ich, dies mit deiner Hilfe doch noch werden - denn er liebt dich sehr und hat auch allen Grund, dich zu lieben. Sollen wir also in dieser Angelegenheit, wenn schon in keiner anderen, Hand in Hand vorgehen und unsere fünf Sinne gegen ihre Unschuld stellen.« »So sei es«, sagte Swanhild. »Enttäusche mich nicht und fürchte nicht, daß ich dich enttäuschen werde.« Nun brach Koll der Halbgescheite zu seinem Botengang auf, und die Zeit verstrich, bis nur noch ein Monat an Weihnachten fehlte, und die Männer saßen in den Häusern, da die Jahreszeit dunkel war und viel Schnee fiel. Schließlich kam der Frost, und mit ihm ein klarer Himmel, und Gudruda unterbrach in der Halle das Spinnen und ging zur Frauenveranda. Sie sah hinaus und erkannte, daß der Schnee hart war, und es überkam sie eine große Sehnsucht nach frischer Luft, denn noch war eine Stunde Tageslicht. So warf sie sich einen Mantel um und schritt aus. Sie nahm die Straße zum Kaltrücken in den Marschen beim Fluß Ran. Aber Swanhild beobachtete sie, bis sie den Hügel überschritten hatte. Dann nahm auch sie einen Mantel und folgte diesem Pfad, denn sie beobachtete Gudruda unentwegt. Gudruda war schon seit etwa einer halben Stunde unterwegs, als sie bemerkte, daß sich die Wolken am Himmel ballten und die Luft schwer war von bald fallendem Schnee. Als ihr dies aufgefallen war, machte sie sich auf den Heimweg, und Swanhild versteckte sich, um sie passieren zu lassen. Nun fielen Schneeflocken, die so groß und weich wie Blütenblätter waren. Immer schneller kamen sie, bis die ganze Ebene ein einziges weißes Labyrinth aus Nebel war. Doch Gudruda ging unverdrossen weiter, und ihr folgte Swanhild wie ein Schatten. Und nun stellte sich auch noch Dunkelheit ein, und der Schnee fiel dick und schnell und bedeckte die Spur ihrer Schritte, und sie kam vom Weg ab, und hinter ihr folgte Swanhild, die sich nicht
zeigen wollte. Eine Stunde oder länger schritt Gudruda aus, dann rief sie laut um Hilfe, und ihre Stimme fiel schwer gegen den Schneemantel. Schließlich wurde sie müde, bekam es mit der Angst zu tun und setzte sich auf einen schrägen Felsen nieder, von dem der Schnee abgeglitten war. Nun befand sich kurz dahinter ein zweiter Felsen, und auf den setzte sich Swanhild, denn sie wollte von Gudruda nicht gesehen werden. So verging eine Weile, und Swanhilds Glieder wurden schwer wie vom Schlaf, als sich plötzlich in der Schnee erfüllten Dunkelheit etwas bewegte. Dann sprang Gudruda auf die Füße und rief. Eine Männerstimme antwortete: »Wer geht da?« »Ich, Gudruda, Asmunds Tochter.« Die Gestalt kam näher; nun konnte Swanhild das Schnauben eines Pferdes hören, und dann sprang ein Mann hinab, und dieser Mann war Erik Hellauge. »Du bist es wirklich, Gudruda!« sagte er mit einem Lachen, und seine mächtige Gestalt zeichnete sich dunkel im Schneegestöber ab. »Oh, bist du es, Erik?« antwortete sie. »Ich war nie erfreuter, dich zu sehen; denn du kommst wirklich zu einer guten Stunde. Noch eine kleine Weile, und ich hätte dich nicht mehr gesehen, denn der Todesschlaf läßt meine Augen müde werden.« »Nein, sag so etwas nicht. Du hast dich also verirrt? Nun, das habe ich auch. Ich verließ das Haus, um drei streunende Pferde zu suchen, und wurde vom Schnee überrascht. Sollen sie in Odins Ställen bleiben, denn sie haben mich zu dir geführt. Ist dir kalt, Gudruda?« »Nur ein wenig. Ja, hier auf dem Felsen ist noch Platz für dich.« So setzte er sich neben sie auf den Stein, und Swanhild kroch näher; denn nun hatte alle Müdigkeit sie verlassen. Aber der Schnee fiel immer noch in dicken Flocken. »Es kommt mir in den Sinn, daß wir beide hier sterben kön-
nen«, sagte Gudruda plötzlich. »Glaubst du das?« fragte er. »Nun, ich will dir sagen, ich könnte mir kein besseres Ende erbitten.« »Es ist ein schlechtes Ende für dich, Erik: vom Schnee erstickt zu werden, bei all den Taten, die du noch zu vollbringen hast.« »Es ist ein gutes Ende, Gudruda, an deiner Seite zu sterben, denn so werde ich glücklich sterben; aber ich trauere um dich.« »Trauere nicht um mich, Hellauge, schlimmere Dinge könnten geschehen.« Er rutschte näher an sie heran, und dann legte er den Arm um sie und zog sie an seine Brust; und sie gebot ihm keinen Einhalt. Swanhild sah es und richtete sich hinter ihnen auf, aber für eine Weile hörte sie nichts außer dem eigenen Herzschlag. »Höre, Gudruda«, sagte Erik schließlich. »Der Tod kommt immer näher, und bevor er uns ereilt, möchte ich dir etwas sagen, wenn ich sprechen darf.« . »Fahre fort«, flüsterte sie an seiner Brust. »Dies möchte ich dir dann sagen: ich liebe dich, und ich möchte mir kein besseres Schicksal erbitten, als in deinen Armen zu sterben.« »Zuerst sollst du mich in deinen sterben sehen, Erik.« »Sei sicher, wenn dem so sein sollte, werde ich nicht lange zögern. Oh, Gudruda, seit ich ein Kind war, habe ich dich mit einer großen Liebe geliebt, und nun bist du alles für mich. Besser, so zu sterben, als ohne dich zu leben. Also spreche, solange noch Zeit ist.« »Ich werde nicht vor dir verbergen, Erik, daß deine Worte süß in meinen Ohren klingen.« Und nun schluchzte Gudruda, und die Tränen quollen schnell aus ihren dunklen Augen. »Nein, weine nicht. Liebst du mich also?« »Ay, gewiß genug, Erik.« »Dann küsse mich, bevor wir sterben. Ein Mann sollte so
nicht sterben, und doch sind Männer schon auf schlimmere Art gestorben.« Und so küßten die beiden sich zum ersten Mal draußen im Schnee auf dem Kaltrücken, und dieser erste Kuß war lang und süß. Swanhild lauschte, und das Blut kochte in ihr, wie Wasser in einer heißen Quelle kocht, wenn das Feuer unter ihm zum Leben erwacht. Sie legte die Hand auf ihren Gürtel und umklammerte das Messer an ihrer Seite. Sie zog es zur Hälfte heraus und schob es dann wieder zurück. »Kälte tötet so sicher wie Stahl«, sagte sie sich. »Wenn ich sie töte, kann ich mich oder ihn nicht retten. Sollen wir in Frieden sterben, und soll der Schnee unseren Kummer bedecken.« Und wieder lauschte sie. »Ah, mein Schatz«, sagte Erik, »selbst inmitten des Todes gibt es noch Hoffnung auf Leben. Schwöre mir also, daß du mich immer lieben wirst, wie du mich jetzt liebst, falls wir durch Zufall überleben sollten.« »Ay, Erik, dies schwöre ich, und zwar gern.« »Und schwöre, mag da kommen was will, daß du nur mich heiraten wirst.« »Ich schwöre, daß ich nur dich heiraten werde, Erik, wenn du mir treu bleibst.« »Dann bin ich deiner sicher.« »Prahle nicht zu viel, Erik: Wenn du überlebst, hast du noch alle Tage vor dir, und mit der Zeit kommen Versuchungen.« Nun wirbelte der Schnee schneller und dicker hernieder, bis die beiden, die sich Brust an Brust umklammert hielten, nur noch ein weißer Hügel waren; und auch das Pferd war völlig weiß, und Swanhild war fast vom Schnee begraben. »Wohin gehen wir, wenn wir sterben, Erik?« sagte Gudruda. »In Odins Haus ist kein Platz für Jungfrauen, und wie sollen meine Füße mich ohne dich tragen?« »Nein, mein Schatz, meine Maid; Walhalla verschließt seine
Tore vor mir, einem Mann, der keine Taten aufzuweisen hat. Auf Bifrösts Regenbogenbrücke darf ich nicht reisen, denn ich darf nicht mit dem Harnisch auf der Brust und mit erhobenem Schwert sterben. Zu Hei werden wir gehen, und zwar Hand in Hand.« »Bist du sicher, Erik, daß Männer diese Gefilde finden? Um die Wahrheit zu sagen - manchmal bringe ich ihnen diesen Argwohn entgegen.« »Ich bin mir nicht so sicher, daß ich nicht auch zweifeln würde. Aber ich weiß immerhin dies: Wohin du gehst, dort werde auch ich sein, Gudruda.« »Dann sind die Dinge ja gerichtet, und die Nornen haben ihr Werk gut getan. Doch Erik, plötzlich habe ich das Zweite Gesicht, denn es überkommt mich, daß ich zwar nicht in dieser Nacht, aber dennoch in deinen Armen und an deiner Seite sterben werde. Da, ich sehe es auf dem Schnee! Ich liege schlafend neben dir, und jemand kommt mit ausgestreckten Händen. Schlaf fällt von ihnen wie ein Nebel - bei Freyja, es ist Swanhild! Oh! Es ist verschwunden.« »Es war nichts, Gudruda, nur ein Trugbild des Schnees - ein unzeitiger Traum, der vor dem Schlaf kommt. Mir wird kalt, und meine Augen werden schwer; küsse mich noch einmal.« »Es war kein Traum, Erik, und ich werde Swanhild immer Argwohn entgegenbringen, denn ich glaube, auch sie liebt dich, und sie ist schön und mein Feind«, sagte Gudruda und legte ihre schneekalten Lippen auf die seinen. »Oh, Erik, erwache! Erwache! Sieh, es hat aufgehört zu schneien.« Er stolperte auf die Füße und sah sich um. Über den Himmel flackerten die wilden Nordfeuer und warfen ihr Licht auf die Dunkelheit. »Nun scheint es mir, daß ich das Land kenne«, sagte Erik. »Sieh, dort liegen die Goldenen Fälle, wenn wir sie wegen des Schnees auch nicht hören können; und dort, draußen im Meer, erheben sich die Westman-Inseln; und dieses dunkle Ding ist
der Tempelhof, und dahinter befindet sich die Stätte. Wir sind gerettet, Gudruda, und insofern hattest du wirklich das Zweite Gesicht. Nun erhebe dich, bevor deine Glieder steif werden, und ich werde dich auf das Pferd setzen, wenn es noch laufen kann, und dich zum Middalhof hinabführen, bevor die Hexenlichter uns wieder im Stich lassen.« »So soll es sein, Erik.« Nun führte er Gudruda zum Pferd - das schnaubte und den Schnee abschüttelte, als es seinen Herrn sah, da es noch nicht erfroren war -, setzte sie auf den Sattel und legte den Arm um ihre Taille, und sie schritten langsam durch den tiefen Schnee. Und auch Swanhild kroch aus ihrem Versteck, da der brennende Zorn das Leben in ihr bewahrt hatte, und folgte ihnen. Viele Male fiel sie, und einmal wurde sie beinahe von einer Schneewehe verschluckt und schrie in ihrer Furcht laut auf. »Wer hat da gerufen?« fragte Erik und wandte sich um. »Ich dachte, ich hätte eine Stimme gehört.« »Nein«, gab Gudruda zurück, »es hat nur ein Nachtfalke geschrien.« Nun lag Swanhild still in der Verwehung, aber sie sagte leise zu sich: »Ay, ein Nachtfalke, der deine dunklen Augen ausreißen wird, meine Feindin!« Die beiden gingen weiter, und schließlich kamen sie zu dem überhöhten Weg, der am Tempel vorbei zu Asmunds Halle führte. Hier verließ Swanhild sie und gelangte, indem sie über die Torfwand zur Wiese hochstieg, um die Außengebäude herum zum westlichen Ende des Hauses, das sie dann, von niemandem bemerkt, durch die Männertür betrat. Denn alle Leute hatten sich, als sie ein Pferd kommen und eine Frau darauf sitzen sahen, vor der Halle versammelt. Doch Swanhild lief zu dem Bett, in dem sie schlief, und legte, nachdem sie den Vorhang geschlossen hatte, ihre Kleider ab, schüttelte den Schnee aus dem Haar und zog einen Unterrock aus Leinen über. Dann
ruhte sie eine Weile, da sie müde war, und ging schließlich in die Küche, um sich am Feuer zu wärmen. Mittlerweile waren Erik und Gudruda zum Haus gekommen, und dort begrüßte Asmund sie herzlich, da er sich tief im Herzen Sorgen um seine Tochter gemacht hatte und sehr froh war, sie lebendig zu sehen; wegen der Dunkelheit und des Schnees hatten die Männer gerade erst nach ihr zu suchen angefangen. Nun erzählte Gudruda ihre Geschichte, aber nicht alles, und Asmund bat Erik ins Haus. Dann fragte jemand nach Swanhild, und Erik sagte, er habe nichts von ihr gesehen. Asmund war traurig deswegen, denn er liebte Swanhild. Aber als er allen Männern auftrug, aufzubrechen und sie zu suchen, kam eine alte Frau und sagte, daß Swanhild in der Küche sei, und während das Gesindeweib noch sprach, kam sie in die Halle, in Weiß gekleidet, sehr bleich und mit leuchtenden Augen und schön anzusehen. »Wo bist du gewesen, Swanhild?« sagte Asmund. »Ich dachte schon, du wärest mit Gudruda im Schnee umgekommen, und wollte alle Männer auf die Suche schicken, während die Hexenlichter noch brennen.« »Nein, Pflegevater, ich bin im Tempel gewesen«, log sie zur Antwort. »So ist Gudruda nur knapp dem Schnee entkommen, dank diesem Hellauge dort! Ich freue mich sehr darüber, denn wir würden unsere liebe Schwester sehr vermissen.« Und sie trat zu ihr und küßte sie. Doch Gudruda sah, daß ihre Augen wie Feuer brannten, und sie fühlte, daß ihre Lippen kalt wie Eis waren, und schreckte verwundert zurück.
III WIE ASMUND ERIK ZU SEINEM JULFEST BAT Nun war es Essenszeit, und die Männer saßen beim Fleisch, während die Frauen sie bedienten. Aber während Gudruda hin und her eilte, sah sie unentwegt Erik an, und Swanhild beobachtete die beiden. Als sie mit dem Essen fertig waren, setzten die Leute sich um den Herd, und nachdem Gudruda abgeräumt hatte, kam sie zu Erik und setzte sich neben ihn, so daß sie mit ihrem Arm den seinen berühren konnte. Sie sprachen kein Wort, aber sie saßen beieinander und waren glücklich. Swanhild bemerkte es und biß sich auf die Lippe. Nun saß sie neben Asmund und dessen Sohn Björn. »Sieh, Pflegevater«, sagte sie, »dort sitzt ein hübsches Paar!« »Das kann man nicht bestreiten«, gab Asmund zurück. »Man muß viele Tage reiten, um einen anderen Mann wie Erik Hellauge zu finden, und zwischen Middalhof und der Stadt London blüht keine so schöne Maid wie Gudruda, abgesehen von dir, Swanhild. Nun, ihre Mutter hat gesagt, daß es so sein soll, und zweifelsohne hatte sie bei ihrem Tod das Zweite Gesicht.« »Nein, nenne mich nicht mit Gudruda in einem Atemzug, Pflegevater; neben diesem weißen Schwan bin ich nur eine graue Gans. Aber diese beiden werden sicher heiraten, und das wird eine gute Partie für Erik sein.« »Laß deine Zunge nicht so schnell vorauseilen«, sagte Asmund scharf. »Wer hat dir gesagt, daß Erik Gudruda haben soll?« »Niemand hat es mir verraten. Aber ehrlich gesagt, ich bin mir dessen sicher. Schließlich habe ich Augen und Ohren«, erwiderte Swanhild. »Sieh sie dir doch an; sicher tragen nur Verliebte solche Gesichter.« Nun hatte Gudruda durch Zufall das Kinn auf ihrer Hand ab-
gestützt und sah unter dem Schatten ihres Haars Erik in die Augen. »Mich dünkt, meine Schwester erstrebt höheres, als einen einfachen Bauern zu heiraten, wenn er auch so groß wie zwei andere Männer ist«, sagte Björn mit einem Schnauben. Nun war Björn eifersüchtig auf Eriks Kraft und Aussehen und mochte ihn nicht gut leiden. »Vertraue nichts, das du siehst, und wenig, das du hörst, Mädchen«, sagte Asmund und riß sich aus seinen Gedanken, »dann werden deine Vermutungen gut sein. Erik, komm her und sage uns, wie du Gudruda im Schnee gefunden hast.« »Ich sitze nicht so schlecht, daß ich nicht bleiben könnte«, flüsterte Erik leise; aber Gudruda sagte: »Geh.« So erhob er sich und erzählte seine Geschichte; aber nicht alles, denn er hatte vor, Asmund am Morgen um Gudrudas Hand zu bitten, obwohl ihm sein Herz kein Glück bei dieser Sache prophezeite und er daher nichts überstürzen wollte. »Damit hast du mir und den meinen einen guten Dienst erwiesen«, sagte Asmund kalt und musterte Eriks Gesicht mit seinen blauen Augen. »Es wäre schade, wenn meine schöne Tochter im Schnee umgekommen wäre, denn wisse dies: Ich habe vor, den Preis für ihre Ehe hoch anzusetzen, ihrer Ehre und der Ehre meines Hauses wegen, und so wäre irgendeinem reichen und edlen Mann eine große Freude verlorengegangen. Aber nehme du nun dieses Geschenk im Andenken deiner Tat, und Gudrudas Gatte wird dir an dem Tag, da er sie zu seiner Frau macht, noch einen geben.« Und mit diesen Worten zog er einen goldenen Ring von seinem Arm. Als Erik dies hörte, erzitterten seine Knie, und ihm wurde wie vor Furcht schwach ums Herz. Aber er antwortete klar und deutlich: »Dein Geschenk wäre ohne deine Worte besser gewesen, Ringgeber; aber ich bitte dich, ihn zurückzunehmen, denn ich habe nichts getan, um es mir zu verdienen, obwohl vielleicht
die Zeit kommen wird, da ich dich um ein größeres bitten werde.« »Man hat meine Geschenke noch nie zurückgewiesen«, sagte Asmund, der nun wütend wurde. »Dieser wohlhabende Bauer glaubt, das Gold habe nur einen geringen Wert. Es ist närrisch, Fische ins Meer zu werfen, mein Vater«, schnaubte Björn. »Nein, Björn, das nicht«, gab Erik zurück; »aber wie du sagtest, ich bin nur ein Bauer, und seit mein Vater, Thorgrimur Eisenzehe, starb, gingen die Dinge nicht allzu gut am Fluß Ran. Aber wenigstens bin ich ein freier Mann, und ich werde keine Geschenke nehmen, die ich nicht erwidern kann. Daher werde ich den Ring nicht nehmen.« »Wie du willst«, sagte Asmund. »Stolz ist ein gutes Pferd, wenn du klug reitest«, und er schob den Ring über seinen Arm zurück. Dann legten sich die Leute zur Ruhe; aber Swanhild suchte ihre Mutter auf und berichtete alles, was ihr zugestoßen war, und Groa lauschte interessiert. »Nun werde ich einen Plan machen«, sagte sie, »denn diese Dinge kommen uns gelegen, und Asmund ist jetzt in der richtigen Stimmung. Erik wird nicht mehr nach Middalhof kommen, bis Gudruda von dannen gegangen ist, fortgeführt von Ospakar Schwarzzahn.« »Und wie soll ich Eriks Gesicht sehen, wenn er nicht mehr hierher kommt? Denn, Mutter, ich sehne mich nach diesem Anblick.« »Das ist deine Sache, du liebeskranke Närrin. Wisse dies: wenn Erik weiterhin kommt und mit Gudruda spricht, wird dies das Ende deiner Hoffnungen sein; denn so schön du auch bist, sie ist zu schön für dich. Und so stark du auch bist, auf gewisse Weise ist sie zu stark. Du hast gehört, daß diese beiden sich lieben, und eine solche Liebe spottet über den Willen der Väter. Erik wird bekommen, was er will, oder unter den Schwer-
tern von Asmund und Björn sterben, wenn diese Männer gegen seine Kraft bestehen können. Nein, der Wolf muß vom Lamm ferngehalten werden, bis er hungrig wird. Dann soll er die Schafherde suchen und dich erblicken, denn wenn das Beste verschwunden ist, wird er das Gute verlangen.« »So sei es, Mutter. Als ich auf dem Kaltrücken hinter Gudruda zusammengekauert im Schnee hockte, hatte ich mich halbwegs dazu entschlossen, ihr Liebesgeflüster mit diesem Messer zu beenden, damit ich endlich frei von ihr gewesen wäre.« »Ja, und schnell in dein Verderben geeilt wärest, du Wildkatze. Die Götter helfen diesem Erik, wenn du ihn versuchst. Nein, warte auf deine Zeit, und wenn du zuschlagen mußt, schlage im geheimen und unbeobachtet zu. Vergiß auch nicht, daß Klugheit mächtiger ist als Kraft, daß Lügen tiefer stechen als Schwerter, und daß Zauberei gewinnt, wo Ehrlichkeit scheitern muß. Nun werde ich zu Asmund gehen, und er wird ein zorniger Mann sein, bevor der Morgen kommt.« Dann ging Groa zu der Bettstelle, wo Asmund der Priester schlief. Er saß auf dem Bett und fragte sie, weshalb sie käme. »Aus Liebe zu dir, Asmund, und zu deinem Haus, obwohl du mich schlecht behandelst, der du so großen Gewinn aus mir und meiner Voraussicht gezogen hast. Sage nun: willst du, daß diese deine Tochter, Gudruda die Schöne, die Hure dieses langbeinigen freien Bauern werden soll?« »Das liegt nicht in meinem Sinn«, sagte Asmund und strich sich über den Bart. »Weißt du, daß an diesem selbigen Tag deine weiße Gudruda im Schnee auf Eriks Schoß saß, während er sie hätschelte, wie es seinem Herzen beliebte?« »Wahrscheinlich, um sich zu wärmen. Männer träumen in der Stunde ihres Todes nicht von der Liebe. Wer hat dies gesehen?« »Swanhild, die hinter ihnen stand und sich aus Scham verborgen hielt. Daher dachte sie auch, diese beiden müßten bald
heiraten! Ah, jetzt bist du ein Narr, Asmund. Junges Blut macht sich nicht viel aus Kälte oder Tod. Bist du blind, oder siehst du nicht, daß diese beiden sich einander zuwenden wie Vögel in der Nistzeit?« »Sie könnten Schlimmeres tun«, sagte Asmund, »denn sie sind ein hübsches Paar, und mich dünkt, daß beide füreinander geschaffen wurden.« »Dann ist ja alles gut. Doch es ist schade, eine solch hübsche Maid wie einen verfaulten Köder ins Wasser geworfen zu sehen, nur um diese kleine Forelle von Bauer zu fangen. Du hast Feinde, Asmund; du bist zu wohlhabend, und es gibt viele, die dich wegen deiner Stellung und deines Reichtums hassen. Wäre es nicht klug, dieses dein Mädchen zu benutzen, um eine Wand um dich herum gegen den bösen Tag zu errichten?« »Ich bin es gewohnt, Haushälterin, eher meinem eigenen Arm als gekauften Freunden zu vertrauen. Doch sage mir, denn zumindest hast du den Vorausblick, wie soll dies geschehen? Obwohl ich heute abend hart zu ihm gesprochen habe, bin ich, wie die Dinge liegen, geneigt, Erik Hellauge Gudruda zur Frau nehmen zu lassen. Ich habe den Jungen schon immer gemocht, und er wird es weit bringen.« »Höre zu, Asmund! Sicher hast du von Ospakar Schwarzzahn gehört - dem Priester, der im Norden lebt?« »Ay, ich habe von ihm gehört, und ich kenne ihn; es gibt keinen Mann, der ihm an Häßlichkeit, Kraft, Reichtum oder Macht gleichkommt. Vor vielen Jahren segelten wir auf einem Wikingerzug zusammen, und er tat Dinge, bei denen sich mein Blut abwandte, und in jenen Tagen hatte ich nicht gerade das Herz eines Hühnchens.« »Mit der Zeit ändert sich der Charakter der Männer. Wenn ich mich nicht irre, wünscht sich dieser Ospakar mehr als alles andere, Gudruda zur Frau zu nehmen, denn nun, da er alles hat, bleibt ihm nur übrig, darum zu bitten - die schönste Frau auf Island zur Gemahlin. Bedenke, wer könnte sich, mit Ospakar
zum Schwiegersohn, dir noch entgegenstellen?« »Ich bin mir dieser Sache nicht so sicher, Groa, noch traue ich dir besonders. Wahr scheint mir zu sein, daß du irgendein Interesse am Ausgang dieser Sache hast. Dieser Ospakar ist böse und häßlich. Es wäre eine Schande, ihm Gudruda zu geben, wenn sie sich einen anderen ausgesucht hat. Weißt du, daß ich geschworen habe, sie zu lieben und zu behüten, und wie deckt sich dies mit meinem Eid? Wenn Erik auch nicht reich ist, so ist er doch von guter Abstammung und Herkunft und darüber hinaus ein Prachtkerl von Mann. Wenn er sie nimmt, wird Gutes dabei herauskommen.« »Es paßt zu dir, Asmund, stets denen zu mißtrauen, die ihre Tage damit verbringen, Pläne für dein Wohlergehen zu schmieden. Tue, was du willst: soll Erik doch deinen Schatz nehmen - für den Grafen ihren Rang geben würden -, damit du es später bereuen wirst. Aber ich sage dies: Wenn du ihn sich hier mit dieser Taube herumtreiben läßt, wird dir die Angelegenheit bald entgleiten, denn diese beiden begehren einander, und junges Blut ist heiß und kann schlecht warten, und es fällt nicht immer Schnee. So verlobe sie miteinander oder schicke ihn fort. Und nun habe ich gesprochen.« »Deine Zunge ist zu schnell. Der Mann hat sich noch nicht beweisen können, und ich werde ihm eine Gelegenheit geben. Morgen werde ich ihn von meiner Tür weisen; dann werden die Dinge geschehen, wie das Schicksal sie bestimmt hat. Und nun Friede, denn ich bin deines Geschwätzes überdrüssig, und darüber hinaus ist es falsch; denn es mangelt dir an einem - ein wenig Ehrlichkeit, um all deine Kunst zum Reifen zu bringen. Ich frage mich, welche Belohnung Ospakar dir bezahlt hat. Du zumindest hättest den Goldring heute abend niemals abgelehnt, denn du würdest viel für Gold tun.« »Und mehr für die Liebe, und am meisten für den Haß«, sagte Groa und lachte laut; und in dieser Nacht sprachen sie nicht mehr über diese Angelegenheit.
Nun stand Asmund früh am Morgen auf und ging in die Halle, um Erik zu wecken, der bei der großen Feuerstelle schlief, und ihm zu sagen, daß er unter vier Augen mit ihm sprechen müsse. Dann folgte Erik ihm aus der Halle. »Sag nun, Erik«, sprach er, als sie allein im grauen Tageslicht vor dem Haus standen, »wer hat dich gelehrt, daß Küsse an Schneetagen die Kälte fernhalten?« Nun errötete Erik bis zu seinem blonden Haar, doch er antwortete: »Wer hat dir verraten, Herr, daß ich diese Medizin versucht habe?« »Der Schnee verbirgt viel, aber es gibt Augen, die den Schnee durchdringen können. Nein, du wurdest gesehen, und dabei wollen wir es bewenden lassen. Nun wisse dies - ich mag dich gut leiden, aber Gudruda ist nicht für dich; sie steht weit über dir, der du nur ein tatenloser Bauer bist.« »Dann ist meine Liebe umsonst«, sagte Erik. »Ich sehne mich nur nach einem, und das ist Gudruda. Ich hatte vor, dich heute zu bitten, sie mir in die Ehe zu geben.« »Dann, Junge, hast du die Antwort, bevor du gefragt hast. Sei dir eines sicher: Wenn ich dich noch einmal allein bei Gudruda finde, wird dich meine Axt küssen, und nicht ihre Lippen.« »Den Beweis mußt du mir noch erbringen, Herr«, sagte Erik und wandte sich um, um sein Pferd zu suchen, als plötzlich Gudruda erschien und sich zwischen sie stellte. Und als er sie sah, schlug sein Herz schneller. »Höre, Gudruda«, sagte Erik. »Dies ist deines Vaters Wort: Wir beide dürfen nicht mehr miteinander sprechen.« »Dann ist dies ein schlimmer Befehl für uns«, sagte Gudruda und legte eine Hand auf ihre Brust. »Ob guter oder schlechter Befehl, so lautet er, Mädchen«, gab Asmund zurück. »Und du wirst ihn auch nicht mehr küssen, ob im Schnee oder im Blumenfeld.« »Nun scheine ich Swanhilds Stimme zu hören«, sagte sie. »Aber gut, solche Dinge sind schon besseren Leuten gesche-
hen, und der Wunsch des Vaters ist für eine Jungfrau, was der Wind fürs Gras ist. Doch die Sonne steht hinter einer Wolke, und eines Tages wird sie wieder scheinen. Bis dahin, Erik, lebe wohl!« »Ist es nicht dein Wille, Herr«, sagte Erik, »daß ich zu deinem Julfest kommen soll, wie du mich in diesen zehn Jahren immer eingeladen hast?« Nun wurde Asmund wütend und deutete mit der Hand auf die Goldenen Fälle, die den Hügel namens Steinberes hinabdonnerten, der hinter Middalhof lag, und höhere Wasserfälle gibt es auf ganz Island nicht. »Ein Mann kann zwei Wege vom Kaltrücken nach Middalhof nehmen, Erik: den Reitweg über den Kaltrücken oder die Goldenen Fälle hinab. Nun bitte ich dich, zu meinem Fest auf dem Weg über die Goldenen Fälle zu kommen; und wenn du diesen Weg kommst, verspreche ich dir dies: Wenn du überlebst, werde ich dich freundlich willkommen heißen, und wenn ich dich tot im großen See finde, werde ich dir deine Höllenschuhe umschnüren und dich in die Erde legen, wie es sich für einen Nachbarn gehört. Aber wenn du auf irgendeinem anderen Weg kommst, werden meine Knechte dich an meiner Tür mit ihren Schwertern erschlagen.« Und er strich sich über den Bart und lachte. Nun sprach Asmund so spöttisch, weil er es nicht für möglich hielt, daß irgend jemand den Pfad über die Goldenen Fälle nehmen könnte. Erik lächelte. »Ich nehme dich beim Wort, Herr«, sagte er. »Vielleicht werde ich beim Julfest dein Gast sein.« Aber als der Wind sich drehte, hörte Gudruda das Donnern der mächtigen Fälle. »Nein, nein«, rief sie; »es wäre dein Tod!« Doch Erik hatte sein Pferd gefunden und ritt durch den Schnee davon. Nun muß berichtet werden, daß Koll der Halbgescheite
schließlich nach beschwerlicher Reise durch den Schnee hoch im Norden den Schweinsberg erreichte. Hier hatte Ospakar Schwarzzahn seine große Halle, in der sich Tag für Tag hundert Männer zur Fleischtafel niedersetzten. Nun betrat Koll die Halle, als Ospakar beim Nachtmahl war, und betrachtete ihn mit großen Augen, denn er hatte noch nie einen so wundervollen Mann gesehen. Er war groß von Gestalt - sein Haar war schwarz, und schwarz auch der Bart, und auf seiner Unterlippe lag ein großer schwarzer Fangzahn. Seine Augen waren schmal und eng, aber seine Wangenknochen lagen weit auseinander und hoch, wie die eines Pferdes. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen, dachte Koll und hielt ihn für einen Troll. Er bekam es wegen seines Botengangs mit der Angst zu tun, denn in seiner Halbgescheitheit lag viel List - sie war der Mantel, in den er sich hüllte. Doch als Ospakar auf dem Thron saß, gekleidet in einem purpurnen Umhang mit seinem Schwert Weißfeuer auf den Knien, sah er Koll und rief mit lauter Stimme: »Wer ist dieser rote Fuchs, der in meine Erde kriecht?« Denn Koll war wirklich sehr wie ein Fuchs anzuschauen. »Mein Name ist Koll der Halbgescheite, Groas Leibeigener, Herr«, gab er zurück. »Bin ich hier willkommen?« »So soll es sein. Aber warum nennen sie dich halbgescheit?« »Weil ich mich manchmal vor der Arbeit scheue, Herr.« »Dann sind all meine Knechte deine Brüder. Sag, was führt dich hierher?« »Dies, Herr. - Unten im Süden erzählen sich die Männer, du würdest dem eine große Belohnung geben, der die schönste Jungfrau auf Island für dich entdeckt. So erbat ich von meiner Herrin, eine Reise antreten zu dürfen, um dir von ihr zu berichten.« »Dann hat man dir eine Lüge erzählt. Doch ich liebe es, von schönen Jungfrauen zu hören, und ich suche eine zur Frau zu nehmen, wenn sie nur schön genug ist. So spreche weiter, Koll der Fuchs, aber ich warne dich! Lüge mich nicht an, sonst
werde ich dir aus deinem roten Kopf prügeln, was an Gescheitem noch darin ist.« So griff Koll die Geschichte auf und lobte Gudrudas Schönheit sehr; aber sie war ja auch wirklich so schön, daß er sie trotz all seines Geredes gar nicht genug loben konnte. Er erzählte von ihren dunklen Augen und ihrer weißen Haut, vom Edelmaß ihrer Gestalt und dem Gold ihres Haars, von ihrer Klugheit und Sanftheit, bis Ospakar schließlich darauf brannte, diese Blume aller Jungfrauen zu sehen. »Bei Thor«, sagte er, »wenn das Mädchen nur halb so schön ist, wie du behauptest, Koll, dann ist das Glück ihr hold, denn sie wird die Frau Ospakars werden. Aber wenn du mir etwas vorgelogen hast, dann sieh dich vor! Sonst wird bald ein Bursche weniger auf Island leben.« Nun erhob sich ein Mann in der Halle und sagte, daß Koll die Wahrheit spreche, denn er habe Gudruda die Schöne, Asmunds Tochter, auch gesehen, und es gäbe auf ganz Island kein zweites Mädchen wie sie. »Dann werde ich dies tun«, sagte Schwarzzahn. »Morgen werde ich einen Boten nach Middalhof schicken und Asmund dem Priester sagen lassen, daß ich vorhabe, ihn zur Zeit des Julfestes zu besuchen; dann werde ich sehen, ob mir das Mädchen gefällt. Mittlerweile, Koll, nimmst du einen Platz unter den Knechten ein, und hier ist etwas für deine Mühen.« Und er nahm den purpurnen Umhang ab und warf ihn ihm zu. »Ich danke Euch, Goldverstreuer«, sagte Koll. »Es ist weise, bald nach Middalhof zu gehen, denn einer solchen Blüte wie dieser Maid mangelt es nicht an Bienen. Es gibt einen Jüngling im Süden namens Erik Hellauge, der Gudruda liebt, und sie liebt ihn auch, glaube ich, obwohl er nur ein Bauer kleinen Reichtums und erst fünfundzwanzig Jahre alt ist.« »Ho! Ho!« lachte der große Ospakar. »Und ich bin fünfundvierzig. Aber dieser Grünschnabel kommt mir besser nicht ins Gehege, sonst werden ihn die Männer Erik Hohlauge nennen!«
Nun kam Ospakars Bote nach Middalhof, und seine Worte gefielen Asmund, und er richtete bereitwillig ein großes Fest aus. Und Swanhild lächelte, aber Gudruda fürchtete sich.
IV WIE ERIK DIE GOLDENEN FÄLLE HINABKAM Nun ritt Ospakar am Tag vor dem Julfest auf dem Middalhof ein. Er war prächtig gekleidet, und mit ihm kamen seine beiden Söhne, Gizur der Gesetzesmann und Mord, vielversprechende junge Männer, und viele bewaffnete Knechte und Diener. Gudruda, die von der Frauentür aus zusah, erblickte sein Gesicht im Mondlicht und verabscheute ihn. »Was hältst du von ihm, der da kommt, um dich zur Frau zu nehmen, Stiefschwester?« fragte Swanhild, die neben ihr stand. »Mich deucht, er ist wie ein Troll. Mag er suchen, was er will, mich wird er nicht finden. Ich würde lieber im See unter den Goldenen Fällen liegen als in Ospakars Halle.« »Das muß sich noch zeigen«, sagte Swanhild. »Wenigstens ist er reich und von Adel, und der größte Mann, den ich je gesehen habe. Es würde Erik nicht gut ergehen, würden diese Arme ihn umklammern.« »Dessen bin ich mir nicht so sicher«, sagte Gudruda. »Aber es ist ja kaum wahrscheinlich, daß wir es erfahren werden.« »Kommt Erik über den Weg der Goldenen Fälle zum Fest, Gudruda?« »Nein. Kein Mann kann diesen Weg nehmen und ihn lebendig überstehen.« »Dann wird Erik sterben, denn er wird es riskieren.« Nun dachte Gudruda nach, und ein großes Feuer brannte in ihrem Herzen und strahlte aus ihren Augen. »Wenn Erik stirbt«, sagte sie, »dann liegt auf dir sein Blut, Swanhild - auf dir und deiner finsteren Mutter, denn ihr habt Pläne geschmiedet, dieses Unheil über uns zu bringen. Was habe ich dir getan, daß du mir das Böse wünschst?« Swanhild wurde weiß und blickte erzürnt drein, denn die Leidenschaft überkam sie. Sie schaute Gudruda ins Gesicht und
gab zurück: »Was du mir getan hast? Gewiß werde ich es dir sagen. Deine Schönheit hat mich Eriks Liebe beraubt.« »Es wäre besser, dich Eriks Liebe zu rühmen, wenn er sie dir gestanden hat, Swanhild.« »Du hast sie mir gestohlen, und dafür hasse ich dich, und dafür werde ich dich an Ospakar ausliefern, den du verabscheust ja, und dann werde ich Hellauge für mich gewinnen. Bin ich nicht auch schön, und kann ich nicht auch lieben, und soll ich zusehen, wie du mir meinen Liebsten wegschnappst? Bei den Göttern, niemals! Bevor es so kommt, werde ich dich tot sehen, und Erik mit dir! Aber zuerst will ich dich entehrt sehen!« »Deine Worte geziemen sich nicht für die Lippen einer Jungfrau, Swanhild! Aber sei dir in einem sicher: Ich fürchte dich nicht, und ich werde dich niemals fürchten. Und eins weiß ich ganz sicher: Ob du nun obsiegst oder ich, am Ende wirst du die größere Schande ernten, und in zukünftigen Zeiten werden die Menschen von dir voller Haß sprechen und dich übel beschimpfen. Darüber hinaus wird dich Erik niemals lieben; von Jahr zu Jahr wird sein Haß auf dich größer werden, obwohl es gut sein mag, daß du ihm den Tod bringen wirst. Und nun danke ich dir, daß du mir all deine Gedanken verraten und mir gezeigt hast, was du wirklich bist!« Und Gudruda drehte sich verächtlich um und schritt davon. Nun ging Asmund der Priester auf den Hof hinaus, um Ospakar Schwarzzahn herzlich zu begrüßen, obwohl er dessen Erscheinung nicht mochte. Und er nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Halle, die prächtig mit Wandbehängen geschmückt war, und ließ ihn an seiner Seite neben dem Thron Platz nehmen. Und Ospakars Knechte brachten gute Geschenke für Asmund, der dem Geber angemessen dankte. Nun war Essenszeit, und Gudruda kam herein, und ihr folgte Swanhild. Ospakar musterte Gudruda genau, und der starke Wunsch überkam ihn, sie zu seiner Frau zu machen. Doch sie schritt kühl an ihm vorbei und würdigte ihn keines Blickes.
»Ist dies also deine Tochter, von der ich so viel gehört habe, Asmund? Ich will dir sagen: eine schönere Frau wurde nie geboren.« Dann aßen die Männer, und Ospakar trank viel Ale, aber die ganze Zeit über starrte er Gudruda an und lauschte ihrer Stimme. Aber immer noch sagte er nicht, weshalb er gekommen war, obwohl alle von seiner Absicht wußten. Und seine beiden Söhne, Gizur und Mord, hefteten die Blicke auch auf Gudruda, denn sie hielten sie für überaus schön. Aber Gizur hielt auch Swanhild für schön. Und so verlief der Abend, bis die Zeit zum Schlafen kam. Am selben Tag brach Erik von seinem Hof am Fluß Ran auf und nahm die Straße zum Gipfel des Kaltrückens, bis er zum Steinberg kam. Nun erstreckten sich zwischen dem Kaltrücken und dem Steinberg steile Klippen gen Süden, die immer höher werden, bis man zu jenem Punkt kommt, wo der Goldene Fluß über sie fällt, unten seine Wasser teilt und nach Osten und Westen weiterfließt. Der östliche Arm trägt den Namen Ran und der westliche heißt Laxä - denn diese beiden Flüsse umschließen die reiche Ebene von Middalhof, bis sie schließlich zum Meer gelangen. Aber inmitten des Goldenen Flusses, am Rand der Klippe, ragt eine Felsmasse mit dem Namen Schafsattel hervor, die die Fluten des Wasserfalls teilt, und darüber schäumt die Gischt und schiebt sich im Winter das Eis, aber den Fluß bedeckt sie nicht. Der große Fall ist dreißig Klafter tief und wie ein Hufeisen geformt, dessen Spitzen zum Middalhof deuten. Wenn man den Schafsattel-Felsen, der den Fluß in der Mitte teilte, besteigen könnte, könnte ein kräftiger und kühner Mann etwa fünfzehn Klafter von dieser Höhe hinabklettern, ohne sich dabei auch nur die Füße naß zu machen. Nun trafen sich hier am Fuß des Schafsattel-Felsens die Doppelbögen aus Wasser und stürzten in einem Strom in den darunterliegenden grundlosen See. Aber etwa drei Klafter unter diesem Punkt, wo sich die Wasser trafen, genau dort, wo die
Biegung am tiefsten war, durchschnitt eine einzelne Klippe - so groß wie ein Trinktisch - die Gischt, und wenn ein Mann sie erreichen könnte, könnte er von ihr etwa zwölf Klafter in die Tiefe springen, geradewegs in die darunter befindliche gischtverhangene Grube, um dort entweder zu versinken oder zu schwimmen. Diese Klippe trug den Namen Wolfsfang. Nun stand Erik lange am Rand des Wasserfalls und schaute hinab, wobei er alles mit den Augen maß. Dann stieg er nach oben, wo der Fluß den Abgrund hinabstürzte, und schaute erneut, denn von diesem Ufer aus mußte er den teilenden Inselfels Schafsattel erreichen. »Kaum ein Mensch würde das Wagnis eingehen; doch ich will es versuchen«, sagte er schließlich zu sich selbst. »Wenn ich überleben sollte, wird man mich für diese Heldentat verehren, und wenn ich sterbe - nun, dann hat es ein Ende, sich über Mädchen und all die anderen Dinge den Kopf zu zerbrechen.« So ging er nach Hause und saß an diesem Abend schweigend da. Nun war seit Thorgrimur Eisenzehes Tod sein Hausweib, Saevuna, Eriks Mutter, kurzsichtig geworden, und obwohl sie von ihrem Platz an der Feuernische spähte und spähte, konnte sie das Gesicht ihres Sohnes nicht sehen. »Was fehlt dir, Erik, daß du so still dasitzt? War das Fleisch des Nachtmahls nicht nach deinem Geschmack?« »Doch, Mutter, das Fleisch war gut, wenngleich man es ein wenig länger hätte räuchern können.« »Nun sehe ich, daß du nicht du selbst bist, Sohn, denn du hattest kein Fleisch, sondern nur Stockfisch - und ich kannte noch nie einen Mann, der schon am Abend nicht mehr wußte, was er gegessen hatte, es sei denn, er war heftig erregt oder arg verliebt.« »War dem so?« sagte Hellauge. »Was bekümmert dich, Erik? - Dieses hübsche Ding dort unten?« »Ay, ein wenig, Mutter.«
»Und was mehr dann?« »Daß ich morgen die Goldenen Fälle hinabsteige und nicht weiß, wie ich vom Schafsattel-Fels zur Wolfsfang-Klippe gelangen und dabei das Leben behalten kann; und nun bitte ich dich, ermüde mich nicht mit Worten, denn mein Verstand ist träge, und ich muß ihn benutzen.« Als sie dies hörte, schrie Saevuna laut auf, warf sich vor Erik und bat ihn dringlich, sein verrücktes Unterfangen aufzugeben. Aber er wollte nicht auf sie hören, denn er faßte nur langsam einen Entschluß, doch wenn er ihn einmal gefaßt hatte, konnte nichts ihn wieder ändern. Und als sie dann erfuhr, daß er beabsichtigte, sein Leben wegzuwerfen, um seinen Blick auf Gudruda richten zu können, war sie sehr wütend. Sie verfluchte sie und all ihre Verwandten und Stammesgenossen. »Es ist wahrscheinlich genug, daß du Grund haben wirst, solche Worte zu verwenden, bevor diese Geschichte zur Gänze erzählt ist«, sagte Erik. »Dennoch, Mutter, unterlasse es, Gudruda zu verfluchen, die in keiner Weise Schuld an diesen Ereignissen hat.« »Du bist ein treuloser Sohn«, sagte Saevuna, »der du ums Leben kommen wirst, nur um mit deiner Maid sprechen zu können, und der du deine Mutter kinderlos zurücklassen wirst.« Erik erwiderte, es schiene in der Tat so, aber er habe es gelobt und müsse dieses Kraftstück nun wagen. Dann küßte er sie, und sie ging weinend zu Bett. Nun war es der Tag des Julfestes, und die Sonne schien erst eine Stunde vor Mittag. Aber nachdem Erik seine Mutter geküßt und sich von ihr verabschiedet hatte, rief er einen Knecht, Jon mit Namen, gab ihm einen Beutel aus Seehundsfell mit seinen besten Kleidungsstücken und bat ihn, nach Middalhof zu reiten und Asmund dem Priester zu sagen, daß Erik Hellauge eine Stunde nach Mittag die Goldenen Fälle hinabkommen würde, um sich zu seinem Fest zu gesellen; dann solle er zum Fuß der Goldenen Fälle gehen, um ihn dort zu erwarten. Und
der Mann ging verwundert, denn er hielt seinen Herrn für verrückt. Dann nahm Erik ein gutes Seil und einen eisenbeschlagenen Stab, und sobald das Tageslicht ausreichte, bestieg er sein Pferd, durchschritt den Fluß Ran und ritt den Kaltrücken hinauf, bis er zur Mündung der Goldenen Fälle kam. Hier blieb er eine Weile, bis er schließlich am Middalhof, tief unter sich, viele Leute den Schnee aufwirbeln sah, darunter zwei Frauen, bei denen es sich der Gestalt nach um Gudruda und Swanhild handeln konnte. Neben ihnen war ein großer Mann, den er nicht kannte. Dann zeigte er sich auf einem Vorsprung am Rand des Abgrundes und lenkte sein Pferd flußaufwärts. Die Sonne schien hell am Horizont, aber der Frost war scharf wie ein Schwert. Dennoch mußte er sich seiner Kleidung entledigen, bis er nichts mehr trug als Schaffellschuhe, Hemd und Hose. Er sprang ins Wasser. Nun strömt der Fluß hier mit großer Gewalt, und er mußte volle dreißig Klafter wirbelnden Wassers durchqueren, bevor er den Schafsattel erreicht hatte, und wehe ihm, wenn sein Fuß auf den Flußsteinen ausglitt dann mußte er mit Sicherheit über den Rand gespült werden. Erik senkte den Stab auf den steinigen Grund, legte sein Gewicht darauf und schwang sich über den Fluß, und er war so stark, daß er sich gegen ihn behaupten konnte, bis er ihn zur Hälfte durchquert hatte und das Wasser ihm bis zu den Schultern ging. Dann wurde ihm der Boden unter den Füßen fortgerissen, und er ließ den Stab treiben und schwamm um sein Leben, und zwar mit solch mächtigen Stößen, daß er nur wenig von der eisigen Kälte des Wassers spürte. Flußabwärts wurde er getrieben - nun lag der Rand des Wasserfalls nur noch drei Klafter zu seiner Linken, und schon kochte das grüne Wasser neben ihm. Ein Klafter von ihm entfernt lag die Ecke des Schafsattels. Wenn er ihn ergreifen konnte, war alles gut; wenn nicht, würde er sterben. Drei mächtige Schwimmzüge, und er hielt ihn umklammert.
Seine Füße wurden über den Rand des Falls gezerrt, aber er hielt sich voller Grimm fest, zog sich mit der Kraft seiner Arme auf den Felsen und ruhte einen Augenblick. Doch schon bald erhob er sich, weil die Kälte anfing, an ihm zu nagen, und die Leute unten wurden sich bewußt, daß er den Fluß oberhalb der Fälle durchschwömmen hatte. Sie riefen und jubelten, denn dies war eine große Tat. Nun mußte Erik sich anschicken, den Schafsattel hinabzusteigen, und dies war keine leichte Aufgabe, denn der Fels war sehr glatt und schlüpfrig vom Eis, und auf beiden Seiten donnerte und strömte das Wasser hinab und schleuderte seine blendende Gischt auf ihn, als es in die Tiefen stürzte. Er schaute hinab und betrachtete den Fels; und als er merkte, daß er es mit der Angst zu tun bekam, machte er dem Zögern ein Ende, umfaßte mit beiden Händen einen Felsvorsprung und schwang sich mehr als eine Körperlänge hinab. Nun kletterte er viele Minuten lang den Schafsattel hinab, was eine schwere Aufgabe war, denn das Dröhnen des Wassers, das ihn auf beiden Seiten wie das Holz eines Bogens einschloß, verwirrte ihn sehr, und der Fels selbst war steil und schlüpfrig. Doch er legte die ganzen fünfzehn Klafter zurück, ohne zu stürzen, obwohl er dem Absturz zweimal sehr nahe war. Die Zuschauer unten bewunderten seine Kühnheit. »Wo sich die Wasser treffen, wird es ihn zerreißen«, sagte Ospakar. »Er kann die Wolfsfang-Klippe niemals erreichen, und wenn er sich jetzt einfach abstößt und in den See springt, wird das Gewicht des Wassers ihn in die Tiefe drücken und ertränken.« »Dies ist sicher richtig«, sprach Asmund, »und ich bedaure es sehr; denn es war mein Scherz, der ihn zu diesem gefährlichen Abenteuer trieb, und wir können solch einen Mann wie Erik Hellauge nicht entbehren.« Nun wurde Swanhild weiß wie der Tod; aber Gudruda sagte: »Wenn ein großes Herz und Kraft und Geschicklichkeit überhaupt etwas bewirken können, dann wird er den Wasserfall
sicher hinabkommen.« »Du Närrin!« flüsterte Swanhild ihr ins Ohr, »wie könnte ihm das helfen? Nicht einmal ein Troll könnte in diesem Wasserkessel überleben. Erik ist tot, und du bist der Köder, der ihn in den Tod gelockt hat!« »Erspare dir deine Worte«, gab sie zurück, »denn es wird geschehen, wie die Nornen es bestimmt haben.« Nun stand Erik am Fuß des Schafsattels, und innerhalb einer Armeslänge trafen sich die mächtigen Wasser, schüttelten ihre gelben Wellen durcheinander und brodelten gewaltig, als sie in den gischtverhangenen Abgrund schössen. Er beugte sich vor und spähte durch die Gischt. Drei Klafter unter ihm teilte der Felsen Wolfsfang das Wasser, und wenn er bis dorthin kam, konnte er einfach in den darunterliegenden See springen. Nun rollte er das Seil auf, das er sich um den Leib geschlungen hatte. Er verknotete ein Ende fest an einem Felsvorsprung was schwierig war, denn seine Hände waren steif vor Kälte und steckte das andere durch seinen ledernen Gürtel. Dann schaute Erik noch einmal, und ihm wurde schwach ums Herz. Wie sollte er sich dieser kochenden Flut ausliefern, ohne zerschmettert zu werden? Aber als er schaute, wuchs ein Regenbogen aus dem Wasserspiegel, und eines seiner Enden fiel auf ihn. Das andere fiel, wie ein Schein der Götter, voll auf Gudruda, die ein wenig abseits stand und ihn vom Fuß der Goldenen Fälle aus beobachtete. »Siehst du«, sagte Asmund zu Groa, die an seiner Seite war, »die Götter errichten ihre Bifröst-Brücke zwischen diesen beiden. Wer soll sie jetzt noch voneinander fernhalten?« »Deute dieses Omen so«, gab sie zurück: »Sie werden vereint sein, aber nicht hier. Dort drüben ist eine Brücke der Geisterwelt, und siehe, die Wasser des Todes schäumen und fallen zwischen ihnen.« Auch Erik sah das Omen und hielt es für ein gutes, und alle Furcht verließ sein Herz. Überall um ihn herum donnerten die
Wasser, aber er träumte, inmitten des Getöses eine Stimme rufen zu hören: »Sei guter Hoffnung, Erik Hellauge; denn du sollst leben, um mächtigere Taten als diese zu vollbringen, und zur Belohnung wirst du Gudruda gewinnen.« So wartete er nicht länger, sondern faßte das Seil, zog mit aller Kraft daran und sprang dann zu dem Wasserbogen hinaus. Das Wasser prallte gegen ihn, und er flog davon wie ein Stein aus einer Schleuder; wieder stürzte er auf das Wasser, und wieder wurde er davongeschleudert, so daß sein Gürtel riß. Erik fühlte, wie er nachgab, und er klammerte sich heftig am Seil fest. Und siehe da, mit dem Innenschwung fiel er auf den Wolfsfang, wo nie zuvor ein Mann gestanden hatte und nie wieder ein Mann stehen wird. Erik blieb einen kurzen Moment auf dem Fels liegen, bis er wieder zu Atem gekommen war; er lauschte dem Tosen des Wassers. Dann erhob er sich auf Hände und Knie und kroch zu der Felsspitze, da er kaum stehen konnte, weil der Stein noch unter dem Stoß seines Sturzes zitterte; und als die Leute unten sahen, daß er nicht tot war, hoben sie laut ihre Stimmen, und der Lärm ihrer Rufe drang durch das Rauschen des Wassers zu ihm herüber. Nun lag zwölf Klafter unter ihm die Oberfläche des Sees; aber wegen der Gischtwolken konnte er sie nicht sehen. Dennoch mußte er springen, und zwar schnell, denn er fing an zu frieren. So erhob sich Erik plötzlich zu seiner vollen Größe, und mit einem lauten Schrei und einem mächtigen Satz sprang er von der Spitze des Wolfsfangs weit in die Luft, über die niederstürzenden Fluten hinaus, und flog mit dem Kopf voran dem Abgrund entgegen. Während seines Sturzes hielten die Männer, die ihm zusahen, den Atem an, und so gewaltig war der Ort und so tief der Sprung, daß Erik durch die Gischt nur wie ein großer weißer Stein auszumachen war, der zum Antlitz des Wasserbogens niederstürzte. Er war verschwunden. Die Zuschauer eilten zum Fuße des
Sees, denn dort mußte er, wenn überhaupt, wieder aus den Tiefen auftauchen. Swanhild konnte nicht mehr hinsehen, sondern sank zu Boden. Gudrudas Gesicht war vor Zweifel und Qual steinern. Ospakar sah es, verstand die Bedeutung, und dachte bei sich: »Nun gewähre mir Odin, daß dieser Jüngling nicht mehr auftaucht, denn die Maid liebt ihn innigst, und er ist zu sehr ein Mann, um einfach beiseite getan zu werden.« Erik fiel in den See. Er sank tief ein, und tiefer und tiefer denn das Wasser, das von so weit oben stürzt, muß fast den Grund des Bodens erreichen, bevor es wieder aufsteigen kann, und er mit ihm. Nun berührte er den Grund, aber nur sehr sanft, und fing langsam an, wieder aufzusteigen, und dabei wurde er von der Strömung getragen. Aber es dauerte noch lange, bevor er atmen konnte, und es kam ihm vor, als würden ihm die Lungen platzen. Doch er kämpfte sich hinauf und machte dabei mächtige Schwimmstöße mit den Beinen. »Erik, lebe wohl«, sagte Asmund, »er wird jetzt nicht mehr auftauchen.« Doch noch während er sprach, deutete Gudruda auf etwas, das weiß und golden unter der Oberfläche der Strömung aufleuchtete, und siehe da, es erhob sich Eriks helles Haar aus dem Wasser, und er holte tief Luft, schüttelte den Kopf wie ein Seehund und strebte, wenn auch nur langsam, den Untiefen am Fuße des Teiches entgegen. Nun fanden seine Füße Halt, doch er wurde von der heftigen Strömung umgerissen und schnitt sich an einem Stein die Stirn auf, und diese Narbe trug er bis zu seinem Tod. Wieder erhob er sich, und mit einem Satz erklomm er ohne Hilfe das Ufer und fiel auf den Schnee. Nun versammelten sich die Leute schweigend und erstaunt um ihn, denn noch nie hatten sie eine solch große Tat gesehen. Und schließlich öffnete Erik die Augen und schaute auf, und Gudrudas Blick traf den seinen, und es lag etwas darin, das ihn froh und glücklich machte, den Weg über die Goldenen Fälle gewagt zu haben.
V WIE ERIK DAS SCHWERT WEISSFEUER ERRANG Nun beugte sich Asmund der Priester hinab, und Erik sah ihn und sprach: »Du hast mich zu deinem Julfest gebeten, Herr, und über diesen schlüpfrigen Weg bin ich gekommen. Heißt du mich nun willkommen?« »Dich lieber als alle anderen«, sprach Asmund. »Du bist ein mutiger Mann, wenn auch ein tollkühner; und du hast eine Tat vollbracht, von der man sich erzählen wird, solange Skalden singen und Menschen auf Island leben.« »Mach Platz, mein Vater«, sagte Gudruda, »denn Erik blutet.« Und sie löste den Schal von ihrem Hals, legte ihn um seine verletzte Braue, zog ihren dicken Mantel aus und legte ihn auf seine Schultern, und keiner gebot ihr Einhalt. Dann führten sie ihn zur Halle, wo Erik sich ankleidete und ruhte, und er schickte den Knecht Jon zum Kaltrücken zurück und trug ihm auf, Saevuna, Eriks Mutter, auszurichten, daß er wohlauf sei. Aber er war den ganzen Tag über noch etwas schwach, und das Geräusch des Wassers dröhnte in seinen Ohren. Nun waren Ospakar und Groa nicht darüber erfreut, welchen Verlauf die Dinge genommen hatten; aber alle anderen freuten sich sehr, denn Erik war bei den Männern gut gelitten, und sie hätten getrauert, wenn das Wasser den Sieg über seine Kraft davongetragen hätte. Aber Swanhild war sehr verbittert, denn Erik würdigte sie keines einzigen Blickes. Die Stunde des Festes kam näher, und dem Brauch nach wurde es im Tempel abgehalten, und dorthin gingen alle Männer. Als sie im Hauptschiff des Hofes Platz genommen hatten,
wurde der fette Ochse hereingeführt, den man zur Opferung vorbereitet hatte, und vor den Altar gezerrt, auf dem das heilige Feuer brannte. Nun tötete Asmund der Priester ihn unter völligem Schweigen vor den Standbildern der Götter mit dem Schwert, fing sein Blut in der Blutschale auf und besprenkelte den Altar und alle Andächtigen mit den Blutruten. Dann wurde der Ochse aufgeschnitten, und die Figuren der allmächtigen Götter wurden mit dem geschmolzenen Fett gesalbt und mit sauberem Leinen wieder abgewischt. Danach wurde das Fleisch in den Kupferkesseln gebraten, die über den Feuern hingen, die man überall im Hauptschiff angezündet hatte, und das Fest begann. Nun aßen die Männer und tranken viel Ale und Met, und alle waren fröhlich. Aber Ospakar Schwarzzahn wurde nicht froh, obwohl er viel trank, denn er sah, daß Gudrudas Augen unentwegt Eriks Gesicht beobachteten und die beiden einander anlächelten. Darüber war er erzürnt, denn er wußte, daß der Köder gut und die Schnur stark sein mußte, die diesen schönen Fisch an seine Angel bringen würde. Als er dort saß, lösten seine Finger unwissentlich die Friedensschnüre seines Schwertes Weißfeuer, und er zog die Klinge halb, so daß ihre Helligkeit im Licht der Feuer aufflammte. »Du hast dort eine wunderschöne Klinge, Ospakar!« sagte Asmund, »obwohl dies kein Ort ist, sie zu ziehen. Woher stammt sie? Mich deucht, solche Schwerter werden heute nicht mehr geschmiedet.« »Ay, Asmund, wirklich eine wundersame Klinge. Es gibt keine zweite davon auf der Welt, denn die Zwerge haben sie in alten Zeiten geschmiedet, und wer sie hebt, soll unbesiegbar sein. Dies war König Odins Schwert, und es trägt den Namen Weißfeuer. Ralf der Rote nahm sie aus König Eriks Hünengrab in Norwegen, und er stritt lange mit dem Grabbewohner, bevor er es seinem Griff entwinden konnte. Aber mein Vater gewann die
Klinge und erschlug Ralf, obwohl er dies nie hätte tun können, hätte Ralf Weißfeuer gegen ihn erhoben. Doch Ralf der Rote war betrunken, als sich die Schiffe im Kampf trafen, und er kämpfte mit einer Axt, woraufhin er von meinem Vater getötet wurde. Seitdem war Weißfeuer das letzte Licht, das die Augen vieler Häuptlinge gesehen haben. Schau es dir an, Asmund.« Nun zog er das große Schwert, und die Männer waren erstaunt, als er es hob und die Klinge aufblitzte. Sein Griff war aus Gold, und blaue Steine waren darin eingelassen. Von der Griffstange bis zur Spitze maß es zweieinhalb Ellen, und die breite Klinge war so hell, daß keiner sie lange betrachten konnte, und über ihre gesamte Länge verliefen Runen. »Wahrlich eine wundervolle Waffe!« sagte Asmund. »Was bedeuten die Runen?« »Ich weiß es nicht, und auch kein anderer Mann - sie sind uralt.« »Laß sie mich ansehen«, sagte Groa, »ich kenne mich mit Runen aus.« Nun nahm sie das Schwert, hob es hoch, betrachtete die Runen und sagte: »Wahrlich, eine seltsame Schrift.« »Was bedeutet sie, Haushälterin?« fragte Asmund. »Dies, Herr, wenn meine Kenntnisse mich nicht trügen: Weißfeuer ist mein Name - Zwergenvolk schmiedete mich - Odins Schwert war ich - Eriks Schwert war ich - Eriks Schwert werde ich sein Und wo ich falle, dorthin muß er mir folgen.« Nun schaute Gudruda Erik Hellauge fragend an, und Ospakar sah es und wurde sehr wütend. »Schau nicht so, Mädchen«, sagte er, »denn es wird ein anderer Erik als dein junger Spund sein, der Weißfeuer hält, obwohl es gut sein könnte, daß dein Erik seine Schneide fühlen wird.« Nun biß sich Gudruda auf die Lippen, und Erik errötete bis zu den Augenbrauen und sprach: »Es ist nicht gut, Herr, wie eine zornige Frau Spott auszustreuen. Du bist groß und stark, und doch könnte ich es wagen, dich herauszufordern.«
»Friede, Junge! Du kannst einen Wasserfall geschickt besteigen, dies bestreite ich nicht; aber sei auf der Hut, bevor du es darauf ankommen läßt, deine Kräfte mit den meinen zu messen. Sage nun, welchen Kampf willst du mit Ospakar ausfechten?« »Ich werde mit dir auf den Holmgang gehen, im Harnisch oder ohne Rüstung, und mit der Axt oder dem Schwert gegen dich kämpfen, oder ich werde mit dir ringen, und Weißfeuer dort soll der Preis des Siegers sein.« »Nein, ich werde kein Blutvergießen hier auf Middalhof dulden«, sagte Asmund streng. »Kämpft mit den Fäusten, oder ringt, wenn ihr wollt, denn solche Belustigungen lassen wir uns gern gefallen; aber es werden keine Waffen gezogen.« Nun wurde Ospakar rasend vor Zorn und Trunkenheit - und er grinste wie ein Hund, bis die Männer den roten Gaumen hinter seinen Lippen sahen. »Du willst mit mir ringen, Jüngling - mit mir, den noch kein Mann auch nur von den Füßen gehoben hat? Gut! Ich werde dich aufs Gesicht legen und auspeitschen, und Weißfeuer wird der Preis sein - ich schwöre es beim heiligen Altarring; aber was hast du gegen das kostbare Schwert zu setzen? Deine elende Hütte und das bißchen Land sind viel zu wenig.« »Ich setze mein Leben darauf«, sagte Erik. »Wenn ich Weißfeuer verliere, soll Weißfeuer mich töten.« »Nein, das will ich nicht, und ich bin Herr in diesem Tempel hier«, sagte Asmund. »Denke dir einen anderen Preis aus, Ospakar, oder lasse ab von diesem Kampf.« Nun grub Ospakar den schwarzen Fangzahn in seine Lippe und dachte nach. Dann lachte er laut und sprach: »Hell ist Weißfeuer, und du trägst den Namen Hellauge. Nun siehe: Ich setze das große Schwert gegen dein rechtes Auge, und wenn ich den Kampf gewinne, werde ich es selbst herausreißen. Willst du diesen Kampf mit mir kämpfen? Wenn dein Herz dich im Stich läßt, laß es bleiben; aber ich werde keinen
anderen Preis gegen mein gutes Schwert akzeptieren.« »Augen und Glieder sind der Reichtum des armen Mannes«, sagte Erik. »So sei es. Ich setze mein rechtes Auge gegen das Schwert Weißfeuer, und wir werden den Kampf morgen ausfechten.« »Und morgen wirst du Erik Einauge genannt werden«, sagte Ospakar - woraufhin einige seiner Knechte lachten. Aber die meisten Männer lachten nicht, denn sie hielten dies für einen unseligen Kampf und einen schlechten Scherz. Nun ging das Fest weiter, und Asmund erhob sich von seinem Hohesitz in der Mitte des Hauptschiffs, sah zur linken Hand auf den Altar hinab und sprach die heiligen Trinksprüche. Zuerst tranken die Männer ein volles Horn auf Odin und baten um den Sieg über ihre Feinde. Dann tranken sie auf Freyr und baten um Reichtum; auf Thor, um Stärke im Kampf; auf Freyja, Göttin der Liebe (und auf sie trank Erik besonders herzlich); zum Andenken an die Toten; und zuletzt auf Bragi, den Gott aller Freuden. Als dieser Becher getrunken war, erhob sich Asmund und erkundigte sich, den Sitten entsprechend, ob niemand einen Eid schwören wolle, eine Tat zu begehen, die getan werden müsse. Eine Weile kam keine Antwort, aber dann erhob sich Erik Hellauge. »Herr«, sagte er, »ich möchte einen Eid schwören.« ; »Dann ergreife in dieser Sache das Wort«, sagte Asmund. »Es ist dies«, sprach Erik. »Auf dem Moosberg, drüben beim Hekla, lebt ein Berserker, über den niemand etwas Gutes zu sagen weiß, denn es gibt nur wenige, denen er keinen Schaden zugefügt hat. Sein Name ist Skallagrim; er ist ein mächtiger Mann und hat viel Unglück über die südlichen Lande gebracht. Er hat viele Männer getötet und noch mehr ihrer Habe beraubt, denn keiner kann gegen ihn bestehen. Doch ich schwöre dies: Wenn die Tage wieder länger werden, werde ich allein zu ihm gehen und ihn zum Kampf herausfordern. Ich werde ihn besie-
gen oder fallen.« »Dann, du gelbschöpfiger Welpe, wirst du mit einem Auge gegen einen Berserker mit zweien antreten«, grollte Ospakar. Die Männer achteten nicht auf seine Worte, sondern riefen laut, weil Skallagrim sie schon seit langem heimgesucht hatte und es keinen mehr gab, der es wagte, sich auf einen Kampf mit ihm einzulassen. Nur Gudruda sah mißtrauisch drein, denn es schien ihr, daß Erik zu schnell einen Eid leistete. Dennoch stieg er zum Altar hinauf, ergriff den heiligen Ring, setzte den Fuß auf den heiligen Stein und leistete seinen Eid, während die Festgäste applaudierten und mit ihren Bechern auf den Tisch schlugen. Und danach ging das Fest fröhlich weiter, bis alle Männer betrunken waren, außer Asmund und Erik. Nun ging Erik zur Ruhe, aber zuerst rieb er seine Glieder mit Robbenfett ein, denn er war noch wund von der Gewalt des Wassers, und sie mußten am Morgen sehr geschmeidig sein, wenn er sein Auge behalten wollte. Dann schlief er fest und erwachte gestärkt und ausgeruht, und er ging zu dem Fluß hinter dem Hof, badete und fettete sich die Glieder noch einmal ein. Ospakar jedoch schlief wegen des Ales, das er getrunken hatte, nicht gut. Als Erik nun vom Baden zurückkam, traf er in der Dunkelheit des Morgens Gudruda, die auf ihn gewartet hatte, und da keiner zu sehen war, küßte er sie mehrmals; sie aber schalt ihn wegen des Kampfes, den er mit Ospakar verabredet, und des Eides, den er geschworen hatte. »Gewiß wirst du dein Auge verlieren«, sagte sie, »denn dieser Ospakar ist ein Riese und stark wie ein Troll; auch ist er gnadenlos. Doch du bist immer noch ein mächtiger Mann, und ich werde dich mit einem Auge genauso lieben wie mit zweien. Oh, Erik, mich deucht, ich wäre gestern beinahe gestorben, als du vom Wolfsfang gesprungen bist! Das Herz schien mir in der Brust stehenzubleiben.« »Und doch habe ich sicher das Ufer erreicht, Liebste, und
dieser Kuß entlohnt mich für alles, was mir widerfahren ist. Und was Ospakar betrifft, so fürchte ich ihn - wie jeden anderen Mann - nur wenig, falls es mir gelingen sollte, nur einmal diese Arme um ihn zu legen. Und ich begehre sein Schwert wirklich sehr. Aber morgen können wir schon mit mehr Gewißheit von diesen Dingen sprechen.« Nun umarmte Gudruda ihn und erzählte ihm alles, was ihr widerfahren war. Sie berichtete auch von den Taten und Worten Swanhilds. »Sie tut mir mehr Ehre an, als mir zusteht«, sagte er, »wo mir doch gar nichts an ihr liegt, sondern nur an dir, Gudruda.« »Bist du dir dessen so sicher, Erik? Swanhild ist schön und klug.« »Ay, und böse. Wenn ich Swanhild liebe, dann sollst du Ospakar lieben.« »Das ist ein Handel«, sagte sie lachend. »Das Glück sei beim Ringen mit dir.« Und mit einem Kuß verließ sie ihn, damit sie nicht gesehen ward. Erik ging in die Halle zurück und setzte sich neben die große Feuerstelle, da alle Männer, schwer des Trankes, noch schliefen. Und kurz darauf kam Swanhild und begrüßte ihn. »Du bist begierig, Taten zu vollbringen, Erik«, sagte sie. »Gestern kamst du auf einem Weg hierher, den noch kein Mensch begangen hat, heute ringst du mit einem Riesen um dein Auge, und schon bald trittst du gegen Skallagrim an!« »Dies scheint wahr zu sein«, sagte Erik. »Nun tust du all dies für eine Frau, die einem anderen versprochen ist.« »All dies tue ich des Ruhmes willen, Swanhild. Überdies ist Gudruda keinem anderen versprochen.« »Bevor ein weiteres Julfest vergangen ist, wird Gudruda Ospakars Frau sein.« »Das werden wir noch sehen, Swanhild.« Nun schwieg Swanhild für eine Weile. Danach sprach sie:
»Du bist ein Narr, Erik - ja, trunken vor Torheit. Nur Böses wird dir aus deinem Wahnsinn entstehen. Vergiß es und pflücke das, was sich deiner Hand bietet.« Und sie schaute ihn süß an. »Man nennt dich Swanhild die Vaterlose«, gab er zurück, »doch ich glaube, daß Loki, der Gott der Arglist, dein Vater war, denn es gibt niemanden, der dir in List und Boshaftigkeit gleichkommt, und in der Schönheit nur eine. Ich kenne deine Pläne gut, und auch das Leid, das du über uns gebrachst hast. Doch jeder sucht die Ehre auf seine eigene Art; so suche du sie, wie es dir beliebt, doch finden wirst du nur Verbitterung und leere Tage, und deine Pläne werden auf dich selbst zurückfallen - ja, auch wenn sie Gudruda und mir Kummer und Tod bringen.« Swanhild lachte. »Ein Tag wird dämmern, Erik, da du, der du mich haßt, mich lieben wirst, und dies verspreche ich dir. Und noch etwas verspreche ich dir: Gudruda wird dich niemals Gatte nennen.« Aber Erik antwortete nicht, denn er fürchtete, daß er in seinem Zorn Dinge sagen würde, die besser unausgesprochen blieben. Nun erhoben sich die Männer und setzten sich an die Fleischtafel, und alle sprachen von dem Ringen, das nun kommen solle. Aber am Morgen bereute Ospakar, sich auf den Kampf eingelassen zu haben, denn wie wahr ist es, daß Ale einen zu einem anderen Menschen macht, und Männer mögen dies nicht an dem Morgen, der am gestrigen Abend noch in so weiter Ferne zu liegen schien. Er entsann sich, daß er Weißfeuer mehr schätzte als alles andere und daß Eriks Auge für ihn keinen Wert hatte, abgesehen davon, daß der Verlust des Auges Eriks Schönheit verderben würde, so daß sich Gudruda vielleicht von ihm abwandte. Es wäre sehr schlimm, wenn er den Kampf verlieren sollte - obwohl er davor keine Furcht hatte, denn man hielt ihn für den stärksten Mann von Island und den erfahrens-
ten in allen Kampfarten - und bestenfalls konnte er aus der Niederlage eines tatenlosen Mannes und dem Herausreißen seines Auges nicht einmal Ruhm gewinnen. So geschah es, daß er, als er Erik sah, mit mächtiger Stimme zu ihm sagte: »Höre mich an, Erik, du.« »Ich höre dich, Ospakar, du«, erwiderte Erik, um ihn zu verspotten, und die Leute lachten, während Ospakar wütend grinste und sagte: »Du mußt Manieren lernen, Welpe. Doch ich finde keine Ehre darin, sie dich auf diese Weise zu lehren. Letzte Nacht haben wir zuviel getrunken und einen Kampf vereinbart, und ich setzte mein großes Schwert Weißfeuer und du dein Auge. Es wäre schlimm, würde einer von uns Schwert oder Auge verlieren; was sagst du also, sollen wir es dabei belassen?« »Ay, Schwarzzahn, wenn du dich fürchtest; aber zuerst gibst du mir als verwirktes Pfand dein Schwert.« Nun wurde Ospakar sehr wütend und schrie: »Du wirst in der Tat gegen mich im Ring stehen! Ich werde dir in kurzer Zeit das Rückgrat brechen, Jüngling, und dir danach das Auge ausreißen, bevor du stirbst.« »Vielleicht geschieht es so«, gab Erik zurück, »doch große Worte machen noch keine großen Taten.« Schließlich kam das Licht, und die Knechte gingen mit Spaten hinaus und räumten den Schnee in einem Kreis von zwei Ruten Durchmesser. Sie brachten trockenen Sand und verstreuten ihn auf dem gefrorenen Boden, damit die Kämpfenden nicht ausglitten. Und sie häuften den Schnee zu einer Mauer um den Ring. Aber Groa kam zu Ospakar und sprach abseits von den anderen mit ihm. »Weißt du, Herr«, sagte sie, »daß mein Herz für diesen Kampf Böses ahnt? Erik ist ein starker Mann, und obwohl du hochgewachsen bist, glaube ich, daß du tief vor ihm fallen wirst.«
»Es wird schlimm sein, wenn mich ein unerprobter Mann besiegt«, sagte Ospakar und war sehr beunruhigt, »und es würde überdies noch schlimmer sein, das Schwert zu verlieren. Für keinen Preis würde ich es dazu kommen lassen.« »Was wirst du mir geben, Herr, wenn ich dir den Sieg bringe?« »Ich werde dir zweihundert in Silber geben.« »Stelle keine Fragen, und es gilt«, sagte Groa. Nun trat Erik hinaus, um den Boden im Ring zu begutachten, und sofort rief Groa den Leibeigenen Koll den Halbgescheiten, den sie zum Schweinsberg geschickt hatte, zu sich. »Siehst du«, sagte sie, »drüben an der Wand stehen die Ringschuhe von Erik Hellauge. Beeile dich nun, nehme Schmalz und reibe die Sohlen damit ein; dann halte sie in die Hitze des Feuers, damit das Fett einsinkt. Tu dies schnell und verstohlen, und ich werde dir zwanzig Kupfermünzen geben.« Koll grinste, tat, was man ihm aufgetragen hatte, und stellte die Schuhe genauso zurück, wie sie vorher gestanden hatten. Kaum hatte er dies getan, als Erik kam und sich für den Kampf fertigmachte, indem er sich die eingeschmierten Schuhe an die Füße band, denn er fürchtete keinen Betrug. Nun gingen alle hinaus zum Ring, und Ospakar und Erik zogen sich für den Ringkampf aus. Sie trugen beide enge Wollwämse und Hosen, und an den Füßen waren Schaffellschuhe. Sie benannten Asmund als Schiedsrichter, und sein Wort mußte für beide Gesetz sein. Erik verlangte, daß Asmund das Schwert Weißfeuer halten solle, das der Preis sei, doch Ospakar widersprach und sagte, wenn er Weißfeuer Asmund in Verwahrung gäbe, müsse Erik ihm auch sein Auge geben - und darüber stritten sie heißblütig. Nun brachte man die Sache vor Asmund, der ja Schiedsmann war, und er gab Erik recht. »Denn«, so sagte er, »wenn Erik sein Auge in meine Hand legt, kann ich es nicht mehr zurück in seinen Kopf stecken, wenn er gewinnt; aber wenn Ospakar mir das gute Schwert gibt und
obsiegt, ist es ein leichtes für mich, es ihm unbeschadet zurückzugeben.« Die Männer sagten, daß dies ein gutes Urteil sei. Dann wurden die Kampfesregeln erlassen. Ospakar und Erik mußten dreimal ringen, und zwischen jeder Runde würde es eine Pause von der Dauer geben, die ein Mann brauchte, um bis tausend zu zählen. Mit der Hand, dem Kopf, Ellbogen, Fuß oder Knie durften sie weder schlagen noch stoßen oder treten; und es durfte kein Fall gezählt werden, wenn nicht Kopf und Hüfte des Gefallenen gleichzeitig den Boden berührten. Wer zwei Stürze erlitt, galt als besiegt und hatte sein Pfand verloren. Asmund verkündete diese Regeln laut in Gegenwart von Zeugen, und Ospakar und Erik erklärten, sie würden sie als bindend anerkennen. Ospakar zog ein kleines Messer und gab es seinem Sohn Gizur zur Verwahrung. »Du wirst bald wissen, Jüngling, wie Stahl in deinem Augapfel schmeckt«, sagte er. »Wir werden bald vieles wissen«, gab Erik zurück. Nun warfen sie ihre Umhänge ab und standen im Ring. Ospakar war größer, als ein Mann es rechtens sein konnte, und seine Arme waren wie die Glieder einer Ziege mit schwarzem Haar bedeckt. Unter seinen Schultergelenken waren sie beinahe so dick wie die Schenkel eines Mädchens. Seine Beine waren auch mächtig, und die Muskeln erhoben sich in knotigen Beulen von seinem Körper. Er wirkte ganz wie ein Riese und wild wie ein Berserker, aber auch ein wenig rund um den Körper und schwerfällig in den Bewegungen. Von ihm schauten die Männer zu Erik hinüber. »Sieh da! Baidur und der Troll!« sagte Swanhild, und alle lachten, da dem in der Tat so war; denn wenn Ospakar schwarz und häßlich wie ein Troll war, so war Erik schön wie Baidur, der schönste der Götter. Er war um eine halbe Hand größer als Ospakar, und in der Brust genauso breit. Doch hatte er seine größte Kraft noch nicht erreicht, und obwohl seine Glieder gut
mit Muskeln versehen waren, wirkten sie vor denen Ospakars wie die eines Kindes. Aber er war schnell wie eine Katze und geschmeidig; sein Hals und die Arme waren weiß wie Molke, und unter seinem goldenen Haar leuchteten die hellen Augen wie Speere. Nun standen sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, die Arme ausgestreckt, und warteten auf Asmunds Wort. Er gab es, und sie umkreisten einander nun mit gesenkten Armen. Augenblicklich machte Ospakar einen Ausfall, packte Erik an der Hüfte und wollte ihn hochheben, doch es gelang ihm nicht. Dreimal versuchte er es und versagte, dann bewegte Erik den Fuß, und siehe da, er glitt auf dem sandbestreuten Boden aus. Wieder bewegte Erik sich, und wieder glitt er aus. Und er glitt ein drittes Mal aus, und bevor er sich erholen konnte, lag er voll auf dem Rücken und war rechtens geworfen. Gudruda sah es, und ihrem Herzen war traurig zumute, und die um sie herum sagten, es falle nicht schwer, sich zu denken, wie der Kampf enden würde. »Habe ich nicht gesagt«, sprach Swanhild, »daß es Erik schlecht ergehen wird, wenn Ospakar die Arme um ihn legt?« »Noch ist nicht alles vorbei«, gab Gudruda zurück. »Mich deucht, Eriks Füße glitten höchst seltsam aus; als habe er auf Eis gestanden.« Aber Erik war im Herzen sehr verletzt und konnte nichts daraus machen - denn er war ja nicht mit Kraft besiegt worden. Er saß auf dem Schnee, und Ospakar und seine Söhne verspotteten ihn. Aber Gudruda näherte sich ihm und flüsterte ihm zu, guten Mutes zu sein, denn noch könne das Glück sich ja wenden. »Mir scheint, ich wurde verhext«, sagte Erik traurig; »meine Füße haben keinen Halt auf dem Boden.« Gudruda legte die Hand vor die Augen und dachte nach. Dann sah sie schnell auf. »Ich glaube Arglist hier zu sehen«, sagte sie. »Wirf einen Blick auf deine Schuhe.«
Er gehorchte, und indem er die Schnüre löste, zog er einen Schuh von den Füßen und betrachtete die Sohle. Die Kälte des Schnees hatte das Fett erhärten lassen, und da war es, ganz weiß auf dem Leder. Nun erhob sich Erik voller Zorn. »Ich glaubte«, rief er, »ich hätte es mit Männern ehrenwerter Gesinnung zu tun und nicht mit betrügerischem Gesindel. Seht her! Es ist kein Wunder, daß ich ausgeglitten bin, denn man hat Fett auf meine Schuhe geschmiert! Bei Thor, ich werde den Mann, der dies getan hat, bis zum Kinn aufschlitzen.« Und als er dies sagte, blitzten seine Augen so schrecklich, daß das Volk vor ihm zurückwich. Asmund nahm die Schuhe und musterte sie. Dann sprach er: »Hellauge sagt die Wahrheit, wir haben einen Spitzbuben unter uns. Ospakar, kannst du dich von dieser üblen Tat freisprechen?« »Ich werde beim heiligen Ring schwören, daß ich nichts davon weiß, und wenn irgendein Mann in meinem Zug die Hand im Spiel hatte, wird er sterben«, sagte Ospakar. »Das werden auch wir schwören«, riefen seine Söhne Gizur und Mord. »Das ist eher das Werk einer Frau«, sagte Gudruda und schaute Swanhild an. »Es ist nicht mein Werk«, sprach Swanhild. »Dann geh und frage deine Mutter danach«, gab Gudruda zurück. Nun riefen alle Männer laut, daß dies von höchster Schande sei und der Kampf neu angesetzt werden müsse; nur Ospakar besann sich auf die zweihundert Silberstücke, die er Groa versprochen hatte. Er sah sich um, aber sie war nicht dort. Doch er widersprach Erik in dem Punkt, daß der Kampf neu angesetzt werden müsse. Da rief Erik in seinem Zorn, daß er den Wettstreit so stehen lassen wolle, wie er stand, da Ospakar sich von der schändlichen Tat freisprach. Die Männer hielten dies für ein verrücktes
Wort, aber Asmund sagte, es solle so sein. Doch tief in seinem Herzen schwor er sich, daß Erik kein Auge verlieren sollte, selbst dann nicht, wenn er besiegt wurde - und auch nicht, wenn man die Schwerter zog, um es ihm zu nehmen. Denn von allem schändlichen Betrug schien ihm dies der schlimmste. Nun sahen sich Ospakar und Erik wieder im Ring gegenüber, aber diesmal waren Eriks Füße nackt. Ospakar griff an, um ihn zu umklammern, aber Erik war zu schnell für ihn und sprang zur Seite. Wieder stürmte er vor, doch Erik bückte sich und griff ihn um die Taille. Nun standen sie Gesicht zu Gesicht und zerrten aneinander wie Bären, bewegten sich aber kaum. Dies ging eine ganze Zeit so, während Ospakar versuchte, Erik zu heben, ihn aber nicht von der Stelle bekam. Dann aber ließ Erik plötzlich seine Kraft spielen, und sie torkelten durch den Ring und zerrten aneinander, bis ihnen die Wamse in Fetzen vom Leib hingen und sie bis zur Hüfte fast nackt dastanden. Auf einmal schien Erik nachzugeben, und Ospakar schob den Fuß vor, um ihn zu Fall zu bringen. Aber Hellauge war wachsam. Er umfaßte den Fuß mit der linken Beinkrümmung und verlagerte sein Gewicht nach vorn auf Schwarzzahns Brust. Der ging zurück und fiel mit dem dumpfen Aufprall eines Baumes auf den Schnee, und da lag er am Boden und Erik über ihm. »Ein Sturz! Ein guter Sturz!« riefen die Männer da und waren sehr froh, denn der Kampf kam ihnen doch höchst ungleich vor. Die Ringer trennten sich schwer atmend voneinander. Gudruda warf einen Umhang über Eriks nackte Schultern. »Das war sehr gut getan, Hellauge«, sagte sie. »Der Kampf ist noch auszufechten, mein Schatz«, keuchte er, »und Ospakar ist ein starker Mann. Ich brachte ihn durch Geschicklichkeit und nicht durch Kraft zu Fall. Beim nächsten Mal muß es durch Kraft geschehen, oder gar nicht.« Nun war die Zeit des Atemschöpfens vorbei, und wieder standen sich die beiden von Angesicht zu Angesicht gegen-
über. Dreimal griff Ospakar an, und dreimal schlüpfte Erik davon, denn er wollte, daß Schwarzzahn seine Kraft vergeudete. Wieder stürmte Ospakar vor, brüllend wie ein Bär, und Feuer schien aus seinen Augen zu kommen, und sein dampfender Atem stieg empor und hing in der frostigen Luft wie der Atem eines Pferdes. Diesmal konnte Erik nicht entkommen, sondern wurde von Ospakars mächtigem Griff hochgerissen. »Nun hat es mit Erik ein Ende«, sagte Swanhild. »Noch liegt der Pfeil auf dem Boden«, gab Gudruda zurück. Schwarzzahn spielte seine Kraft aus und wirbelte im Ring herum, wobei er Erik mit sich riß. Nach hier und nach da drehte er sich, und Mal für Mal wurde Eriks Bein vom Boden gehoben, aber so, daß man ihn nicht werfen konnte. Nun standen sie fast still, während die Männer wie verrückt schrien, denn solch einen Ringkampf hatte es in den Südlanden noch nicht gegeben. Grimmig klammerten sie sich fest und zerrten an dem anderen; es war wahrlich prächtig anzusehen. Grimmig klammerten sie sich aneinander fest, und ihre Muskeln spannten sich und knackten, aber sie konnten den anderen noch immer um keinen Zoll bewegen. Ospakar bekam es mit der Angst zu tun, da er mit diesem Jüngling nicht sein Spiel treiben konnte. Schwarzer Zorn schwärte in seinem Herzen. Er kniff die Lippen zusammen und dachte sich eine List aus. Neben seinem Fuß schimmerte der nackte Fuß Eriks. Plötzlich trat er so heftig darauf, daß die Haut platzte. »Schandwerk! Schandwerk!« riefen die Leute; aber in seinem Schmerz bewegte Erik den Fuß. Und siehe, da war er unten, aber noch nicht ganz, denn er saß noch auf dem Gesäß und umklammerte Schwarzzahns Schenkel und schlang die Beine um dessen Knöchel. Nun versuchte Ospakar mit all seiner Kraft, Hellauges Kopf zu Boden zu zwingen, aber er konnte es nicht, da Erik sich an ihn klammerte wie eine Schlingpflanze an den Baum.
»Eine Niederlage für Erik«, sagte Asmund, und als er sprach, wurde Hellauge zurückgedrückt, bis sein gelbes Haar fast den Sand berührte. »Da schrien Ospakars Leute triumphierend auf, doch Gudruda rief laut: »Laß dich nicht bezwingen, Erik! Löse dich und spring beiseite.« Erik hörte sie und löste ganz plötzlich seinen Griff. Er fiel auf seine ausgestreckte Hand und stand nach einer Seitwärtsrolle und einem Satz wieder auf den Beinen. Ospakar kam auf ihn zu wie ein Stier, den man bis aufs Blut mit dem Stachelstock gereizt hatte, aber er konnte nicht mehr laut toben. Sie bekamen einander zu fassen, und diesmal hatte Erik den besseren Griff. Eine Weile kämpften sie sich durch den Ring, bis ihre Füße den gefrorenen Boden aufrissen. Dann standen sie sich wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Nun waren beide fast erschöpft; doch Schwarzzahn sammelte seine Kräfte und riß Erik von den Füßen, doch der fand wieder Halt. Rasend vor Zorn packte er ihn und drückte ihn fast zu Tode, bis das Weiße von Eriks Haut mit dunklen Blutergüssen übersät war. Ospakar wurde immer rasender, bis er schließlich in seinem Zorn die Zähne in Hellauges Schulter schlug und zubiß, daß das Blut nur so spritzte. »Schlecht geküßt, du Ratte!« keuchte Erik, und mit dem Schmerz und dem Stöhnen des Blutes gewann er seine Kraft zurück. Schnell verlagerte er seinen Griff. Nun war seine rechte Hand unter Schwarzzahns Kniekehle, und seine linke auf dessen Hohlkreuz. Zweimal hob er ihn. Zweimal verlor Ospakars mächtiger Körper den Boden unter den Füßen. - Eine dritte mächtige Anstrengung - so mächtig, daß Eriks Stirnband riß und Blut über sein Gesicht strömte - und siehe da, der große Schwarzzahn flog durch die Luft. Hoch flog er, und rücklings fiel er in die Schneebank. Dort wurde er fast bis zu den Knien begraben.
VI WIE ASMUND DER PRIESTER MIT UNNA VERLOBT WURDE Für einen Augenblick herrschte Stille, denn die ganze Gesellschaft war über die Größe der Tat wie vom Blitz getroffen. Dann jubelte und jubelte sie, und Erik kam es vor, als schliefe er, und als vernehme er den Lärm des Geschreis nur schwach, als höre er ihn wie durch Schnee. Plötzlich erwachte er und sah, wie ein Mann mit erhobener Axt auf ihn zustürmte. Es war Mord, Ospakars Sohn, der über die Niederlage seines Vaters vor Zorn raste. Erik sprang beiseite, sonst wäre der Schlag sein Verderben gewesen, und beim Sprung ballte er die Faust und setzte sie über dem Ohr heftig gegen Mords Kopf, so daß die Axt seinen Händen entglitt und er bewußtlos auf seinen Vater im Schnee fiel. Nun blitzten die Schwerter auf, und die Männer bildeten einen Kreis um Erik, um ihn zu schützen, und es wäre fast zu Blutvergießen gekommen, denn Ospakars Leute knirschten mit den Zähnen, weil ein großer Held von einem Jüngling besiegt worden war, während die Leute aus dem Süden, vom Middalhof und dem Fluß Ran, laut jubelten, denn Erik war ihren Herzen teuer. »Nieder mit den Schwertern«, rief Asmund der Priester, »und schleift euren Helden vom Schnee.« Dies taten sie dann, und Ospakar setzte sich auf und holte tief Luft; das Blut rann ihm aus Mund und Ohren, und er war übel anzusehen, denn mit dem Blut und dem Schnee und dem Zorn glich sein Gesicht dem des Kobolds vom Schweineberg. Aber Swanhild sprach Gudruda ins Ohr: »Hier«, sagte sie und sah Erik an, »haben wir beide einen Mann, der es wert ist, geliebt zu werden, Stiefschwester.« »Ay«, gab Gudruda zurück, »ein Mann, der dies mehr als
wert ist!« Nun trat Asmund näher und küßte vor allen Männern Erik Hellauge auf die Braue. »Wahrhaftig«, sagte er, »du bist ein starker Mann, Erik, und der Ruhm des Südens. Ich prophezeie dir, du wirst Taten vollbringen, die noch nie auf Island vollbracht worden sind. Man hat dir übel mitgespielt, denn ein unbekannter Spitzbube fettete dir die Schuhe ein. Jener dunkelbehaarte Ospakar dort drüben, der mächtigste aller Männer auf Island, konnte dich nicht besiegen, obwohl er wie ein Wolf seine Zähne in dich schlug und dir wie ein Feigling auf den nackten Fuß trat. Nimm dieses große Schwert, das du errungen hast, und trage es würdig.« Nun nahm Erik Schnee und wischte sich das Blut von der Braue. Dann ergriff er Weißfeuer und zog es aus der Scheide, und hoch über seinem Kopf blitzte die Kriegsklinge auf. Dreimal wirbelte er sie durch die Luft, dann sang er laut: Hinab die Goldenen Fälle Kam Erik zu deinem Fest, Asmund, Vater von Gudruda, Die er gern umarmen möcht'. Doch heute mit dem Riesen Schwarzzahn Tat er eine große Tat: Schleuderte ihn hoch in den Schnee Und gewann Weißfeu'r als Preis. Und wieder sang er: Herr, wenn du nun wirklich dankest Hellaug' ist ein würd'ger Mann, Schwöre, ihm, dem kräft'gen Freier Gibst du deiner Tochter Hand: Sie zu gewinnen, eilte er Sehr geschwind durch Frost und Gischt; Und um Weißfeu'r zu bekommen Setzte er sogar sein Äug'. Die Männer hielten dies für gut gesungen und wandten sich zu Asmund, um dessen Antwort zu hören; und sie mußten nicht
lange warten. »Erik«, sagte er, »ich werde dir dies versprechen: Wenn du weitermachst, wie du angefangen hast, werde ich Gudruda keinem anderen Mann zur Frau geben.« »Das ist eine gute Botschaft, Herr«, sagte Erik. »Dann sage ich dir noch dies: In einem Jahr werde ich dir eine volle Antwort geben, ob du dich in dieser Zeit als würdig erwiesen hast, denn es ist kein kleines Geschenk, das du erbittest; auch dürft ihr, wenn ihr wollt, euch nun die Treue schwören, denn wenn dieser Eid gebrochen wird, wird die Schande auf dich zurückfallen und nicht auf mich, und ich gebe dir meine Hand darauf.« Erik nahm die Hand, und Gudruda hörte die Worte ihres Vaters, das Glück strahlte aus ihren dunklen Augen, und ihr wurde ganz schwach vor Freude. Und nun drehte sich Erik zu ihr um, noch verschrammt und blutig vom Kampf, das große Schwert in der Hand, und er sprach: »Hast du die Worte deines Vaters gehört, Gudruda? Nun scheint's mir, daß zwischen uns beiden keine große Not besteht, den Treueeid zu leisten. Doch ich frage dich hier vor allen Männern, ob du mich liebst und bereit bist, mich zum Mann zu nehmen?« Gudruda sah ihm voll ins Gesicht und antwortete mit einer süßen, klaren Stimme, die von allen vernommen werden konnte: »Erik, ich sage nun zu dir, was ich zuvor gesagt habe; daß ich allein dich als Mann lieben werde und, wenn es meines Vaters Wunsch ist, keinen anderen heiraten werde, wenn du mir treu bleibst und mich weiter lieb hältst.« »Dies sind gute Worte«, sagte Erik. »Nun spreche diesen Eid zum Gelöbnis auf mein Schwert, das ich gewonnen habe.« Gudruda lächelte, sprach, indem sie das große Weißfeuer in die Hand nahm, die Worte noch einmal und küßte zum Gelöbnis die leuchtende Klinge. Dann nahm Erik das Kriegsschwert zurück und sprach: »Ich
schwöre, daß ich dich lieben werde, und nur dich, Gudruda die Schöne, Asmunds Tochter, die ich seit meiner Jugend begehrt habe; und wenn ich diesen meinen Eid nicht einhalte, dann ist unser Verlöbnis zu Ende und du sollst heiraten, wen du willst.« Und auch er legte die Lippen auf das Schwert, während Swanhild beobachtete, wie sie den Eid leisteten. Nun hatte sich Ospakar vom Kampf erholt, und er saß mit gesenktem Kopf im Schnee, da er sehr wohl wußte, daß die größte Schande über ihn gekommen war und er sowohl Frau als auch Schwert verloren hatte. Finsterer Zorn erfüllte sein Herz, als er zuhörte, und er sprang auf. »Ich kam hierher, Asmund«, sagte er, »um um die Hand deiner Tochter anzuhalten, und mich deucht, es wäre eine gute Partie für sie und für mich gewesen. Doch ich bin durch die Hexerei dieses Mannes in einem Ringkampf besiegt worden und habe dadurch meinen guten Ruf verloren; und nun muß ich mir auch noch anhören, wie er vor meinen Augen dieser Jungfrau versprochen wird.« »Du hast richtig gehört, Ospakar«, sagte Asmund, »und dein Werben ist schon zu Ende. Gehe dorthin zurück, woher du gekommen bist, und suche dir eine Frau in deinem eigenen Land, denn von Alter und Anblick her taugst du nicht dazu, eine solch schöne Maid zur Frau zu haben. Überdies halten wir hier im Süden nicht viel von Männern, wie reich und mächtig sie auch sein mögen, die sich nicht schämen, den Versuch zu wagen, einen Gegner mit schmutzigen Mitteln zu besiegen. Mit eigenen Augen habe ich dich auf den nackten Fuß von Erik, Thorgrimurs Sohn, treten sehen; mit eigenen Augen sah ich, daß du wie ein Wolf deinen schwarzen Fangzahn in ihn schlugst. Da kannst du noch die Wunde sehen; und was die eingefetteten Schuhe angeht, so weißt du am besten, ob deine Hand dabei im Spiel wai.« »Sie war nicht im Spiel. Wenn dies jemand getan hat, war es Groa die Hexe, deine finnische Bettgefährtin. Und was die
anderen Dinge angeht, so war ich zornig und wußte nicht, was ich tat. Aber höre, Asmund: Schlecht wird es dir und deinem Haus ergehen, denn ich werde stets dein Feind sein. Und ich werde dennoch deine Tochter heiraten. Und nun höre, auch du, Erik: Ich werde noch einen Kampf mit dir ausfechten. Dieser hier war nur ein Streit unter Knaben; aber wenn wir uns wieder begegnen - und dies wird nicht lange dauern -, werden wir das Schwert ziehen, und du wirst erfahren, wie ein Mann kämpft. Ich verspreche dir, daß ich dich töten und dir die schreiende Gudruda aus den Armen reißen werde, damit sie meine Frau wird! Ich verspreche dir, mit deinem guten Schwert Weißfeuer werde ich dir den Kopf abschlagen!« Und er hustete und hielt inne. »Du bist viel Schaum und wenig Wasser«, sagte Erik. »Wie wahr diese Versprechen sind, können wir leicht feststellen. Wenn du willst, werde ich morgen zu einem Holmgang mit dir antreten, und dort können wir ausfechten und beenden, was wir heute angefangen haben.« »Das kann ich nicht, denn du hast mein Schwert; und bis ich mit einer anderen Waffe vertraut bin, werde ich keinen Holmgang kämpfen. Doch fürchte nicht: Wir werden uns bald mit gezogenen Waffen und Harnischen auf der Brust gegenüberstehen.« »Diese Stunde kann gar nicht zu früh kommen, Schwarzzahn«, sagte Erik und ging, indem er sich auf der Ferse umdrehte, in die Halle, um sich frisch anzukleiden. Auf der Schwelle der Männertür begegnete er der Hexe Groa. »Du hast Fett auf meine Schuhe geschmiert, alte Hexe, die du bist«, sagte er. »Das ist nicht wahr, Hellauge.« »Du lügst. Aber all dies werde ich dir heimzahlen. Noch bist du nicht Asmunds Frau. Und du wirst es auch nicht werden, wenn mir in den Sinn kommt, wie ich es verhindern kann.« Groa sah ihn seltsam an. »Wenn du so sprichst, achte besser
auf das, was du ißt und trinkst«, sagte sie. »Nicht umsonst wurde ich unter den Finnen geboren; und wisse, ich habe immer noch vor, Asmund zu heiraten. Und was deine Schuhe betrifft, so wünschte ich bei den Göttern, daß es Höllenschuhe wären, die ich dir jetzt an deine toten Füße binden könnte.« »Ah! Die Katze läßt das Mausen nicht«, sagte Erik. »Aber wisse dies: Du magst mir Fett auf die Schuhe geschmiert haben - die richtige Arbeit für ein Hexenweib! -, aber du wirst sie mir niemals binden. Du bist eine Hexe und wirst das Ende aller Hexen finden; und was deine Tochter ist, das werde ich nicht sagen.« Und er schob sich an ihr vorbei und betrat die Halle. Sofort kam Asmund herbei, der Erik schon gesucht hatte, und bat ihn, zu seinem Hof am Fluß Ran aufzubrechen. Ospakars Pferde hatten sich losgerissen und streunten herum, und er mußte auf Middalhof bleiben, bis man sie gefunden hatte; aber wenn diese beiden, und das wußte Asmund genau, unter ein und demselben Dach verweilten, würde es zu Blutvergießen kommen. Erik stimmte dem zu, und als er eine Weile geruht hatte, küßte er Gudruda, nahm sich ein Pferd und ritt zum Kaltrücken zurück, wobei er das Schwert Weißfeuer mit sich nahm, und für eine Weile sah er nichts mehr von Ospakar. Als er nach Hause kam, begrüßte seine Mutter Saevuna ihn wie jemanden, der von den Toten auferstanden ist, und sie umarmte ihn. Dann erzählte er ihr alles, was sich ereignet hatte, und sie hielt es für eine wunderbare Geschichte und war betrübt, daß Thorgrimur, ihr Mann, nicht mehr lebte, um sie auch zu hören. Erik grübelte eine Zeitlang, dann ergriff er wieder das Wort. »Mutter«, sagte er, »nun ist mein Onkel Thorod von Grünberg tot, und seine Tochter, meine Base Unna, hat kein Zuhause. Sie ist eine schöne Frau und erfahren in allen Dingen. Es kommt mir in den Sinn, daß wir sie bitten sollten, hier bei uns zu wohnen.«
»Nun, ich dachte, du wärest Gudruda der Schönen versprochen«, sagte Saevuna. »Warum willst du dann Unna zu uns holen?« »Aus diesem Grund«, sagte Erik, »denn mir scheint, daß Asmund der Priester Groas müde ist und eine andere Frau nehmen würde, und ich möchte die Bande zwischen uns enger ziehen, wenn dies möglich ist.« »Groa wird es übelnehmen«, sagte Saevuna. »Die Dinge zwischen uns können nicht schlimmer werden, als sie jetzt schon sind, und daher fürchte ich Groa nicht«, gab er zurück. »Es soll sein, wie du es wünschst, mein Sohn; morgen werden wir nach Unna schicken und sie herbitten, falls sie kommen möchte.« Nun blieb Ospakar drei weitere Tage auf Middalhof, bis man seine Pferde gefunden hatte und er wieder reisen konnte, denn Erik hatte ihn übel zerschunden. Aber er wechselte kein Wort mit Gudruda und nur wenige mit Asmund. Doch er sah Swanhild, und sie bat ihn, guter Stimmung zu sein, denn er würde Gudruda doch noch bekommen. Denn nun, wo das Mädchen keine Notiz von ihm nahm, sann Ospakar nur darauf, wie er sie gewinnen konnte. Auch Björn, Asmunds Sohn, sprach Worte des Trostes zu ihm, denn er neidete Erik seinen großen Ruhm und glaubte, der Kampf mit Schwarzzahn würde gut werden. Und so ritt Ospakar schließlich mit seiner ganzen Gesellschaft zum Schweineberg; aber Gizur, sein Sohn, ließ sein Herz zurück. Denn Swanhild war inzwischen auch nicht untätig gewesen. Ihr Herz war zwar betrübt, aber sie mußte ihrer Boshaftigkeit nachgeben, und so hatte sie auf ihre Waffen als Frau gesetzt und Gizur betört, sie zu lieben. Aber sie liebte ihn überhaupt nicht, und die Laune von Asmund dem Priester war so schlecht, daß Gizur es nicht wagte, ihn um ihre Hand zu bitten. So wurde über diese Angelegenheit nicht gesprochen.
Nun kam Unna zum Kaltrücken, um bei Saevuna, Eriks Mutter, zu wohnen, und sie war eine schöne und dralle Frau. Sie war schon einmal verheiratet gewesen, aber schon im ersten Monat ihrer Ehe war ihr Mann nicht mehr vom Meer zurückgekehrt, und dies lag schon zwei Jahre zurück. Zuerst war Gudruda etwas eifersüchtig, weil Unna zum Kaltrücken gekommen war; aber Erik erklärte ihr, was er im Sinn hatte, und sie stimmte dem Plan zu, denn sie haßte und fürchtete Groa sehr und wünschte sich, sie endlich loszuwerden. Seit Groa Eriks Ringschuhe mit Fett eingeschmiert hatte, empfand Asmund tiefen Abscheu vor ihr, und er dachte oft an jene Worte, die seine Frau Gudruda die Sanfte gesprochen hatte, als sie im Sterben lag, und er bedauerte, daß er seinen Eid zum Teil gebrochen hatte. Er wollte nun zwar nichts mehr mit Groa zu tun haben, aber er konnte sie auch nicht loswerden; und Swanhild liebte er immer noch, da er nichts von ihren bösen Taten wußte. Aber Groa wurde dürr vor Boshaftigkeit und Zorn, und sie wanderte umher und blickte durchdringend mit ihren großen schwarzen Augen, und die Leute haßten sie mehr und mehr. Nun stattete Asmund dem Kaltrücken einen Besuch ab, und dort sah er Unna, und sie gefiel ihm, denn sie war eine schöne und muntere Frau. Am Ende bat er Erik um ihre Hand; worauf Hellauge froh war, aber sagte, er müsse wissen, was Unna denke. Unna wurde gefragt und sagte nicht nein, denn wenn Asmund an Jahren auch etwas vorangeschritten war, so war er doch immer noch ein kräftiger Mann, wohlhabend an Land, Gütern und Geld, das er verliehen hatte, und er hatte viele Freunde. So schworen sie sich Treue, und das Hochzeitsfest sollte im Herbst nach der Heuernte sein. Nun ritt Asmund etwas besorgt zum Middalhof zurück, denn er mußte Groa diese Botschaft überbringen und fürchtete sie und ihre Hexerei. Er fand sie, als sie allein in der Halle stand. »Wo bist du gewesen, Herr?« fragte sie.
»Auf dem Kaltrücken«, gab er zurück. »Vielleicht, um Unna, Eriks Base, zu sehen?« »Dem ist so.« »Was bedeutet Unna dir, Herr?« »So viel, daß sie nach der Heuernte meine Frau werden wird, und das ist eine schlechte Nachricht für dich, Groa.« Nun wandte sich Groa um und fuhr mit ihren dünnen Händen wild durch die Luft. Ihre Augen wölbten sich vor, Schaum stand auf ihren Lippen und in ihrem Zorn zitterte sie wie eine Birke im Wind. Sie sah so böse aus, daß Asmund ein paar Schritte zurücktrat und sagte: »Nun fällt ein Schleier von dir, und ich sehe dich, wie du bist. All diese vielen Jahre hast du einen Zauber über mich geworfen, und nun ist er fort.« »Vielleicht, Asmund Asmundson - vielleicht kennst du mich; aber ich sage dir, du wirst mich vor deiner Hochzeit mit Unna in noch schlimmerer Gestalt sehen. Ha! Habe ich die größte Schande ertragen, all diese vielen Jahre neben dir zu liegen, und soll ich jetzt einfach zusehen, wie eine junge und schöne Rivalin in allen Ehren an meine Stelle kriecht? Das werde ich nicht, solange Runen Macht haben und Bannsprüche das Böse bewirken können! Ich rufe das Verderben auf dich und die Deinen herab - ja, und auch auf Hellauge, denn er hat all dies in Gang gebracht. Der Tod hole euch alle! Soll dein Blut nicht länger mehr in sterblichen Adern auf dieser Erde fließen! Geh zu Hei hinab, Asmund, und sei vergessen!« Und sie murmelte schnell einige Runen. »Nun wurde Asmund weiß vor Zorn. »Gib dein böses Geschwätz auf«, sagte er, »oder du wirst als Hexe in den Goldfuchs-See geworfen.« »In den Goldfuchs-See? Ja, dort werde ich vielleicht liegen. Ich sehe es! Mir ist, als würde ich meinen Körper dorthin fallen sehen, wo das Wasser am heißesten kocht - doch deine Augen werden es niemals erblicken! Deine Augen sind geschlossen, und geschlossen sind Unnas Augen, denn ihr seid zuvor dahin-
geschieden! - Ich folge euch nur nach.« Und dreimal schrie Groa laut auf, warf die Arme empor und fiel dann mit Schaum vor dem Mund auf den mit Sand bestreuten Boden. »Eine böse Frau und eine Seherin!« sagte Asmund, als er das Gesinde zu ihrer Hilfe herbeirief. »Es wäre besser für mich, wenn ich ihr dunkles Gesicht nie gesehen hätte.« Nun muß berichtet werden, daß Groa zehn volle Tage ohne Bewußtsein niederlag und Swanhild sie pflegte. Dann kam sie wieder zu Sinnen und bat darum, Asmund sehen zu dürfen, und sprach so zu ihm: »Mir scheint, Herr, falls dies nicht nur eine Vision meiner Träume war, daß ich zornige und wahnsinnige Worte gegen dich gesprochen habe, bevor mich die Krankheit befiel, weil du Unna, Thorods Tochter, die Treue versprochen hast.« »Dem ist wahrlich so«, sagte Asmund. »Dann habe ich dies zu sagen, Herr: Ich flehe bescheiden um Vergebung für meine bösen Worte und bitte dich, sie aus deinem Geist zu streichen. Ein gekränktes Herz bringt gekränkte Worte über die Lippen, und du weißt sehr gut, daß ich dich, wie groß auch meine Fehler sind, immer geliebt und immer für dich gelitten habe, und mir scheint, daß du deinen Reichtum in gewisser Weise meiner Weisheit verdankst. Als meine Ohren daher vernahmen, daß du mich wirklich beiseite geschoben hattest und daß eine andere Frau kommt, um als dein Weib in allen Ehren auf Middalhof zu herrschen, vergaß meine Zunge die Höflichkeit, und ich sprach Worte, die von allen Worten meinem Geist am fernsten liegen. Denn ich weiß sehr wohl, daß ich alt werde und die Schönheit verloren habe, wegen der ich einst von dir begehrt wurde, und daß du zu mir gehalten hast. >Altes Weib<, nannte Erik Hellauge mich, und ein >altes Weib< bin ich - eine alte Hexe, mehr nicht! Nun, vergib mir, und lasse mich eingedenk all dessen, was zwischen uns gewesen ist, an meinen Platz am Herd kriechen und weiterhin über dich wachen. Ich will dir und den Deinen dienen, bis meine
Kraft erschöpft ist. Aus Rans Netz kam ich zu dir, und ich sage dir, wenn du mich vertreibst, werde ich mich niederlegen und auf deiner Schwelle sterben, und wenn du in die Jahre kommst, wird die Erinnerung daran dich gewiß betrüben.« So sprach sie und weinte viel, bis Asmunds Herz sich erbarmte und er sagte, wenn auch mit zweifelndem Verstand, es solle so sein, wie sie es wünsche. So blieb Groa auf Middalhof, erfüllte ihre Dienste und sprach kaum noch.
VII WIE ERIK GEGEN SKALLAGRIM DEN BERSERKER ANTRAT Nun betritt Atli der Gute, Graf der Orkney-Inseln, die Geschichte. Der Zufall wollte es, daß Atli im Herbst nach Island gesegelt war, um gewisse Ländereien zu ordnen, die ihm in der Erbfolge von seiner Mutter Helga zugefallen waren, die eine Isländerin war, und er westlich von Reyjanes überwintert hatte. Als der Frühling im Anzug war, wollte er nach Hause segeln, und als sein Schiff bereit war, stach er früh im Jahr in See. Aber das Schicksal wollte es, daß aus Südosten schlechtes Wetter aufzog, mit Nebel und Regen, so daß er sein Schiff im Schutz der Westman-Inseln in einer Flußmündung anlegen mußte. Nun fragte Atli, welche Leute in dieser Gegend wohnten, und als er den Namen von Asmund Asmundson dem Priester hörte, freute er sich, denn in alten Tagen waren er und Asmund zusammen auf viele Wikinger-Streifzüge gegangen. »Wir werden das Schiff hier zurücklassen«, sagte er, »bis das Wetter aufklärt, und nach Middalhof gehen, um bei Asmund zu bleiben.« So machten sie das Schiff sturmfest und ließen Männer zurück, um es zu bewachen; die anderen aber ritten mit Graf Atli nach Middalhof. Es muß von Atli gesagt werden, daß er der beste der Grafen war, die in jenen Tagen lebten, und er regierte die OrkneyInseln so gut, daß die Männer ihm einen Beinamen gegeben hatten und ihn Atli den Guten nannten. Man sagte ihm nach, er habe noch nie einen Armen von der Schwelle gewiesen, noch nie den Kopf vor einem starken Mann gebeugt, noch nie das Schwert ohne Grund gezogen und noch nie einen Frieden
abgelehnt, wenn man ihn anbot. Er war sechzig Jahre alt, aber das Alter hatte wenige Spuren auf ihm hinterlassen, sah man ab von seinem langen, weißen Bart. Er hatte scharfe Augen und war von Gestalt und Gesicht her wohlgeformt, ein großer Krieger und der stärkste aller Männer. Seine Frau war gestorben, ohne ihm Kinder zu hinterlassen, und dies hatte ihn mit Leid erfüllt; doch er hatte sich bislang noch keine andere zur Frau genommen, denn seine Wahlsprüche waren: »Die Liebe macht einen alten Mann blind«, »Wenn die Alten mit den Jungen laufen, werden beide stürzen« und »Tu graues und blondes Haar zusammen und verderbe zwei Köpfe«. Denn dieser Graf war ein Mann mit vielen weisen Sprüchen. Nun kam Atli zum Middalhof, gerade als die Männer sich zur Fleischtafel setzten und alle aufsprangen, als sie das Klappern der Waffen hörten, weil sie glaubten, Ospakar sei vielleicht zurückgekommen, wie er es versprochen hatte. Aber als Asmund Atli sah, erkannte er ihn sogleich, obwohl sie sich seit fast dreißig Jahren nicht mehr gesehen hatten. Er begrüßte ihn herzlich, setzte ihn auf den Hohesitz und verschaffte seinen Männern auf den Querbänken Platz. Atli erzählte allen seine Geschichte, und Asmund bat ihn, eine Weile auf Middalhof zu rasten, bis sich das Wetter aufgeklärt hatte. Nun sah der Graf Swanhild und hielt sie für überaus schön, und dies war sie ja auch, als sie in ihrem weißen Kleid verächtlich auf und ab schritt. Sanft wellte sich ihr lockiges Haar, und tief waren ihre dunkelblauen Augen. Ihre roten Lippen waren wie ein Bogen über dem Kinn mit dem kleinen Grübchen geschwungen, und ihre Zähne strahlten wie Perlen. »Ist diese schöne Maid deine Tochter, Asmund?« fragte Atli. »Sie heißt Swanhild die Vaterlose«, antwortete Asmund und wandte das Gesicht ab. »Nun«, sagte Atli und sah ihn scharf an, »wäre die Maid von mir, würde sie nicht länger den Namen >Vaterlose< tragen, denn nur wenige haben solch eine Tochter.«
»Sie ist schön genug«, sagte Asmund, »in allen Dingen, bis auf die Gesinnung, und das ist ein schweres Kreuz.« »Jedes Schwert hat einen Makel«, gab Atli zurück, »aber was hat ein alter Mann mit jungen Mädchen und ihrer Schönheit zu tun?« Und er seufzte. »Ich habe jüngere Männer gekannt, die als Brautwerber nicht so stattlich gewirkt hätten«, sagte Asmund, und für diesmal sprachen sie nicht länger über diese Sache. Nun hatte Swanhild etwas von dieser Unterhaltung gehört, und sie reimte sich noch mehr zusammen. Es kam ihr in den Sinn, daß es der beste Zeitvertreib sei, das Feuer in diesem alten Mann zu entfachen, um ihn dann zu verspotten und zurückzuweisen. So machte sie sich an die Aufgabe, wie es schon immer ihre Art gewesen war, und sie hatte leichtes Spiel. Denn den ganzen Tag lang bediente sie den Grafen mit niedergeschlagenen Augen und sanftem Blick, und dann sang sie ihm auf seine Bitte mit leiser, süßer Stimme vor, und dann sprach sie so gut und klug, daß Atli glaubte, nie zuvor habe die Erde ein derart weises Mädchen gesehen. Aber er hielt sich mit vielen weisen Sprüchen im Zaum, und eines Tages, als das Wetter wieder schön geworden war und sie zusammensaßen, sagte er, daß er mit dem Schiff bald zu den Orkney-Inseln aufbrechen werde. Und wie durch Zufall legte Swanhild ihre weiße Hand in die seine, sah ihm tief in die Augen und sagte mit zitternden Lippen: »Ah, geh noch nicht, Herr! - Ich bitte dich, geh noch nicht!« Und sie wandte sich um und lief davon. Aber Atli war tiefbewegt, und er sagte sich: »Nun ist ein seltsam Ding geschehen: Ein hübsches Mädchen liebt einen alten Mann; und doch, mich deucht, wer in diese Augen blickt, sieht tiefe Wasser.« Und er runzelte die Stirn und dachte nach. Aber Swanhild lachte in ihrer Kammer, bis ihr die Tränen aus eben diesen Augen liefen, denn sie sah, daß der große Fisch an der Angel hing und nun die Zeit gekommen war, mit ihm zu
spielen. Denn sie wußte nicht, daß die Vorhersehung es anders bestimmt hatte. Auch Gudruda hatte all dies gesehen und wußte es nicht zu deuten, denn sie war von ehrlicher Gesinnung und konnte nicht verstehen, wie eine Frau einen Mann lieben konnte, wie Swanhild Erik liebte, und doch solch ein Spiel mit anderen Männern aufzog, und auch noch aus freiem Willen. Denn ihr schwante nur wenig von Swanhilds Arglist und nichts von der Kälte, die ihr Herz allen außer Erik entgegenbrachte. Sie wußte auch nicht, daß dies die einzige Freude war, die Swanhild noch geblieben war: sich einen Spaß mit den Männern zu machen und sie in Trauer und Scham zu stürzen. Atli sagte sich, daß er dieses Mädchen gut beobachten müsse, bevor er auch nur ein Wort zu Asmund sagen würde, und er hielt sich für sehr listig, da er sich für jemanden, den die Liebe packte, sehr vorsichtig wähnte. So gab er auf sie acht, und Swanhild lächelte ständig, und er erzählte ihr Geschichten von Kriegführung und mutigen Taten, und sie schlug die Hände zusammen und sagte: »Ist seit Odin je wieder solch ein Mann auf der Erde gewandelt?« Und so ging es weiter, bis die Dienstmägde über den alten, verliebten Mann und die Klugheit jener, die ihn verspottete, lauthals lachten. Nun hatte Erik eines Tages auch das letzte Korn ausgesät und dachte wieder an seinen Eid, allein gegen Skallagrim den Berserker in seinem Lager auf dem Moosberg drüben beim Hekla anzutreten. Nun war dies eine schwere Aufgabe, denn allseits hielt man Skallagrim für einen so starken Mann, daß niemand allein gegen ihn antrat; und hin und wieder dachte Erik an Gudruda und seufzte, denn es war wahrscheinlich, daß sie zur Witwe wurde, bevor sie zur Frau gemacht worden war. Doch er mußte seinen Eid erfüllen, und überdies hatte Skallagrim kürzlich erfahren, daß ein Jüngling namens Erik Hellauge geschworen hatte, ihn eigenhändig zu töten, und hatte ihn
daraufhin zum Gespött gemacht. Denn Skallagrim war eines Nachts zum Kaltrücken am Fluß Ran hinabgeritten und hatte ein Lamm aus dem Pferch gestohlen. Mit dem Lamm unter dem Arm ging er zum Haus und schlug dreimal mit seine Streitaxt gegen die Tür, und dies war eher ein Donnern denn ein Klopfen. Danach sprang er auf sein Pferd, ritt ein Stück davon und wartete. Sofort kam Erik heraus, jedoch nur halb bekleidet, einen Schild in der einen und Weißfeuer in der anderen Hand. Als er sich umschaute, sah er im hellen Mondlicht einen riesigen, schwarzbärtigen Mann auf einem Pferd sitzen, der in der einen Hand eine große Axt und unter dem anderen Arm ein Lamm hielt. »Wer bist du?« rief Erik. »Man nennt mich Skallagrim, Jüngling«, gab der Mann auf dem Pferd zurück. »Viele Männer haben mich einmal gesehen, keiner wollte mich zum zweiten Mal sehen, und einige haben nie wieder etwas gesehen. Nun schallte es in meinen Ohren, daß du einen Eid geschworen hast, zum Moosberg hinaufzugehen und gegen Skallagrim den Berserker anzutreten, und ich bin hierher gekommen, um dir zu sagen, daß ich dich herzlich willkommen heiße. Siehst du« - und mit der Axt schlug er dem Lamm auf dem Sattelknopf den Schweif ab -, »von dem Fleisch deines Lamms werde ich mir eine Brühe kochen, und aus seinem Fell werde ich mir eine Weste machen. Nimm du diesen Schweif, und wenn du ihn wieder an das passende Fell gesteckt hast, wird Skallagrim einen Herrn haben.« Und er warf ihm den Schweif zu. »Warte doch, bis ich zu dir kommen kann«, rief Erik, »das wird mir einen Ritt zum Moosberg ersparen.« »Nein, nein. Kleinen Buben tut frische Bergluft gut«, sagte Skallagrim und ritt lachend davon. Erik schaute Skallagrim zu, wie er über die Kuppe verschwand, dann lachte auch er, obwohl er sehr wütend war, und ging hinein. Aber zuerst hob er den Schweif auf, und am Mor-
gen häutete er ihn. Nun war die Zeit gekommen, wo die Sache ausgefochten werden mußte. Erik verabschiedete sich von seiner Mutter Saevuna und seiner Base Unna, schnallte sich Weißfeuer um und setzte einen goldenen Helm mit Schwingen auf. Dann suchte er nach dem Harnisch, den sein Vater Thorgrimur - wie auch den Helm - jenem Berserker abgenommen hatte, mit dem er aneinandergeraten war. Es war ein gutes Stück, geschmiedet von den Walisern. Er schnallte ihn sich vor die Brust und nahm einen dicken Schild aus Stierhaut, den man mit Nägeln beschlagen hatte. Dann ritt er mit einem Knecht, dem starken Burschen namens Jon, davon. Aber die Frauen hegten die schlimmsten Befürchtungen über den Ausgang dieses Wagnisses; dennoch ließ sich Erik nicht aufhalten. Nun verläuft die Straße zum Moosberg am Middalhof entlang, und dort kam er vorbei. Atli, der an der Männertür stand, sah ihn und rief laut: »Ho! Dort kommt ein mächtiger Mann.« Swanhild schaute hinaus und sah Erik, und er war ein stattlicher Anblick in seiner Kriegsrüstung. Denn nun schien er von Woche zu Woche ansehnlicher und größer zu werden, da die volle Kraft des Mannesalters in ihm emporstieg wie der Saft im Frühlingsgras, und Gudruda war sehr stolz auf ihren Geliebten. Diese Nacht blieb Erik auf Middalhof und saß Hand in Hand mit Gudruda und sprach mit Graf Atli. Bald hatte Erik das Herz des alten Wikingers gewonnen, der große Freude in ihm, seiner Kraft und seinen Taten fand, und er wünschte sich sehr, daß die Götter ihm einen solchen Sohn geschenkt hätten. »Ich prophezeie dir dies, Hellauge«, rief er, »daß es diesem Berserker, den du suchst, schlecht ergehen wird - ja, und auch allen anderen Männern, die in die Reichweite deines großen Schwertes kommen. Aber vergiß nie, Junge: Schütze deinen Kopf mit dem Schild, schlage tief unter seinen Schild, wenn er einen trägt, und mähe ihm die Beine nieder. Denn immer, wenn
ein Berserker angreift, ist sein Schild oben.« Erik dankte ihm für seine guten Worte und bettete sich zur Ruhe. Aber bevor es hell wurde, stand er auf. Auch Gudruda erhob sich. Sie kam in die Halle und schnallte ihm eigenhändig den Harnisch um. »Dies ist eine traurige Aufgabe für mich, Erik«, seufzte sie, »denn woher soll ich wissen, daß die Hände des Berserkers dir nicht den Helm vom Kopf nehmen?« »Es wird kommen, wie es kommen soll, mein Liebling«, sagte er, »aber ich fürchte weder den Berserker noch irgendeinen anderen Mann. Wie geht es jetzt mit Swanhild?« »Ich weiß nicht. Sie macht diesem alten Grafen hübsche Augen, und er ist ihr zugeneigt, was über meine Sinne geht.« »Soviel habe ich auch schon gesehen«, sagte Erik. »Sollte er sie heiraten, wird es uns zugute kommen.« »Ay, und ihm zum Bösen; aber ich bezweifle, daß sie dies im Sinn hat.« Nun küßte Erik sie sanft und süß, und er brach auf, wobei er sie bat, am Tag nach dem morgigen wieder Ausschau nach ihm zu halten. Gudruda kämpfte tapfer gegen ihre Tränen an, bis er fort war, aber dann weinte sie doch ein wenig. Nun muß erzählt werden, daß Erik und sein Knecht Jon schnell den Steinberg und die Berge hinauf über den schwarzen Sand ritten, bis sie, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, zum Fuß des Moosbergs kamen, wobei der Hekla zu ihrer Rechten lag. Es ist ein grimmiger Berg, grau von Moos, und er steht allein auf der verlassenen Ebene; aber zwischen ihm und dem Hekla liegt gutes Grasland. »Hier ist der Fuchsbau«, sagte Erik. »Nun müssen wir ihn aufscheuchen.« Er wußte etwas von dem Pfad, über den man diese Festung vom Süden aus erklimmen konnte, und daß man ihn noch ein Stück mit dem Pferd benutzen konnte. So ritten sie weiter, bis
sie schließlich zu einer ebenen Stelle kamen, wo Wasser die schwarzen Felsen hinabrann, und hier trank Erik von dem Wasser, aß und wusch sich Gesicht und Hände. Daraufhin trug er Jon auf, die Pferde zu weiden - da hier ein wenig Gras wuchs - und auf sie zu achten, bis er zurückkehrte, da er allein zu Skallagrim hochgehen mußte. Und Jon blieb mit zweifelndem Herzen die ganze Nacht dort. Denn von allem, was geschah, sah er nur eins, und das war das Licht von Weißfeuer, wie es hoch über ihm auf der Bergkuppe aufflammte, als Hellauge den ersten Schlag gegen seinen Gegner führte. Erik stieg langsam den Berserkerpfad empor, denn er wollte nicht außer Atem kommen, und das Licht schien rötlich auf seinem goldenen Helm. Immer höher stieg er, bis er schließlich an einen dunklen, engen Paß kam, der beidseitig von hohen Felsklippen begrenzt war, so daß zwei bewaffnete Männer fünfzehn Angreifer aufhalten konnten. Er spähte in den Pfad hinab, aber er sah niemanden, obwohl er von Berserkerfüßen ausgetreten war. Er schlich den Pfad entlang und bewegte sich wie ein Sonnenstrahl .durch die Dunkelheit des Passes, da sich das Licht auf seinem Helm und Schwert sammelte, bis der Pfad plötzlich eine Biegung machte und er am Rand eines Abgrundes stand, der kein Ende zu nehmen schien. Und als er hinuntersah, konnte er einhundert Klafter unter sich Jon und die Pferde ausmachen. Nun mußte Erik stehenbleiben, denn der Pfad führte lediglich zu dem schwarzen Abgrund. Außerdem verblüffte es ihn, daß er Skallagrims Lager nicht gefunden hatte. Er kroch an den Rand und schaute sich um. Da sah er, daß die Spitze eines Felsens aus den steilen Klippen hervorragte und daß sie von Fußabdrücken ausgetreten war. »Wo Berserker schreiten, darf ein Bauer folgen«, sagte Erik und packte, indem er Weißfeuer ohne weitere Umstände wieder in die Scheide zurückschob, den überhängenden Felsen. Er ließ sich zu der Spitze unter ihm hinabsinken. Nun hing er wie ein Adler über dem tiefen Abgrund, und ihm wurde schwind-
lig. Zurück wollte er nicht, und vorwärts konnte er nicht, da sich dort nur Luft befand. Neben ihm wuchs ein Birkenbusch auf dem Vorsprung. Er griff danach, um sich zu beruhigen. Der Busch beugte sich unter seinem Griff, und dahinter sah Erik ein Loch im Fels, durch das ein Mann kriechen konnte, und in diesem Gang verliefen Fußabdrücke. »Zuerst durch die Luft wie ein Vogel, dann durch die Erde wie ein Fuchs«, sagte Erik und betrat den Gang. Indem er sich niederkauerte, bis sein Helm fast seine Knie berührte, machte er drei Schritte, und siehe da, er stand auf einer großen Felsebene, so groß, daß man ein Haus mit einer gewaltigen Halle darauf hätte errichten können. Von dem nach innen gewölbten engen Paß aus war sie nicht zu sehen. Die Ebene, die von den kahlen Felsen umsäumt wurde, verlief direkt nach Süden. Von ihr aus konnte er die Hochebene sehen - und den Pfad, auf dem er gekommen war. Und nun sah er wieder Jon und die Pferde, tief unter ihm. »Fürwahr, ein prächtiger Ort und gut ausgesucht«, sagte Erik und schaute sich um. Ein paar Schritte von ihm entfernt schwelte noch ein Torffeuer auf dem kahlen Felsboden, und daneben lagen die Knochen eines Schafes. Dahinter befand sich mitten in der überhängenden Felsklippe die Öffnung einer Höhle. »Der Wolf ist daheim, oder er war es kürzlich noch«, sagte Erik. »Nun zu seinem Schlupfwinkel.« Und mit diesen Worten ging er langsam zur Höhlenöffnung und spähte hinein. Eine Zeitlang sah er nichts, aber täuschte er sich oder hörte er ein Schnarchen? Dann schlich er hinein und sah im roten Licht der glühenden Kohlen einen großen, schwarzbärtigen Mann auf einem Schaffellager ausgestreckt liegen, und neben ihm lag eine Axt. »Nun wäre es ein leichtes, diesem Höhlenbewohner ein Ende zu bereiten«, dachte Erik. »Aber das werde ich ihm nicht antun. Nein, nicht einmal diesen Berserker werde ich im Schlaf
töten.« Daraufhin trat er vorsichtig an Skallagrims Seite. Er wollte ihn mit Weißfeuers Spitze aufwecken, als sich hinter Skallagrim ein anderer Mann aufsetzte! »Bei Thor! Mit zweien habe ich keinen Handel abgeschlossen«, sagte Erik und sprang aus der Höhle. Da kam der Berserker, der hinter Skallagrim gelegen hatte, mit einem Zornesgrunzen - wie eine Bärin, der man die Jungen geraubt hat - aus der Höhle und rannte mit gehobenem Schwert direkt auf Erik zu. Erik blieb direkt vor dem Rand der Klippe stehen. Dann setzte der Berserker zu einem Schlag an, doch Hellauge fing ihn mit dem Schild ab und holte so zielsicher und wuchtig aus, daß dem Berserker der Kopf von den Schultern flog und zu Boden fiel, während sein. Körper mit ausgestreckten Armen, die haltlos in die Luft griffen, vom Rand des Abgrunds hundert Klafter in die Tiefe stürzte. Es war das Aufblitzen des mächtigen Schlages von Weißfeuer gewesen, das Jon sah, während er in dem kleinen Tal am Berghang wartete. Aber von dem Berserker sah er nichts, denn der fiel in eine tiefe Feuerspalte und wurde nie mehr gesehen, abgesehen von einer einzigen, seltsamen Begebenheit, von der noch die Rede sein wird. Dies war der erste Mensch, den Hellauge tötete. Nun berichtet die alte Sage, daß Erik laut rief: »Keine Chance hatte der hier«, und da ereignete sich etwas gar Wundersames. Denn der Kopf auf dem Felsen öffnete die Augen und erwiderte: »Fürwahr, ich hatte keine Chance gegen dich, Erik Hellauge. Doch ich will dir dieses sagen: Wohin mein Körper fiel, dorthin wirst auch du fallen, und wo er liegt, dort wirst auch du liegen.« Nun bekam es Erik mit der Angst zu tun, denn er hielt es für eine seltsame Sache, daß ein abgetrennter Kopf noch zu ihm sprach. »Hier scheine ich es mit Trollen zu tun zu haben«, sagte er, »aber dieser hier wird wenigstens nicht mehr schlagen, auch
wenn er noch spricht«, und er schaute den Kopf an, aber der erwiderte nichts darauf. Nun hatte Skallagrim dies alles verschlafen, und das Licht wurde so düster, daß Erik die Zeit für gekommen hielt, der Sache so oder so ein Ende zu bereiten. Daher nahm er den Kopf des Getöteten, obwohl er sich davor fürchtete, ihn zu berühren, und rollte ihn schnell in die Höhle. Wobei er sagte: »Nun, da du so sprachgewandt bist, sage deinem Gefährten, daß Erik Hellauge an seine Tür klopft.« Dann folgten Geräusche, als würde sich jemand erheben, und augenblicklich stürmte Skallagrim hinaus, die Axt erhoben und in der linken Hand den Kopf seines Gefährten. Er trug nur eine Hose und Eriks Lammfell auf der Brust. »Wo ist mein Freund?« sagte er. Da sah er Erik, der sich auf Weißfeuer stützte, und sein goldener Helm leuchtete im Glanz der untergehenden Sonne. »Es scheint, du hältst etwas von ihm in der Hand, Skallagrim, und was den Rest betrifft, so suche in jener Felsspalte dort.« »Wer bist du?« brüllte Skallagrim. »An diesem hier magst du mich erkennen«, sagte Erik und warf ihm den Schweif des Lammes zu, das Skallagrim vom Kaltrücken gestohlen hatte. Nun erkannte Skallagrim ihn, und der Berserker kam in ihm zum Vorschein. Er rollte mit den Augen, Schaum floß ihm von den Lippen, er verzog den Mund zu einem Grinsen und war schrecklich anzuschauen. Erließ den Kopf fallen und stürmte, die Axt weit schwingend, auf Erik zu. Aber Hellauge war zu schnell für ihn. Es wäre nicht weise gewesen, ihn zum Schlag kommen zu lassen, denn dem, dem dieser Schlag gegolten hatte, wäre es schlecht ergangen. Aber Erik sprang vor, schrie laut auf und stieß mit Weißfeuer von unten nach oben zu. Skallagrim sah das Schwert aufblitzen und fiel beinahe auf die Knie, um seinen Kopf mit der Axt zu schützen; aber Weißfeuer traf die eiserne Hälfte der Axt und schlug sie in zwei Teile, so
daß der Axtkopf zu Boden fiel. Nun war der Berserker waffenlos, aber unverletzt, und es wäre ein leichtes gewesen, ihn beim nächsten Ansturm zu töten. Aber es kam Erik in den Sinn, daß es eine unwürdige Tat war, einen waffenlosen Gegner mit dem Schwert zu erschlagen, und es kam ihm auch in den Sinn, daß er seine nackte Kraft mit der eines Berserkers im Zorn messen wollte. So warf er Weißfeuer mit der Kühnheit seiner Jugend und Kraft beiseite und rief: »Komm, versuch mich niederzuringen, Berserker!« Und er stürmte auf Skallagrim zu. »Du bist verrückt«, rief der Berserker, und dann hatten sie einander erreicht. Sie zerrten und rissen und drückten aneinander. Ospakar war stark gewesen, aber Skallagrim übertraf mit seiner Berserkerkraft die Stärke Ospakars bei weitem, und schon bald dachte Hellauge wehmütig an das Schwert, das er beiseite geworfen hatte. Erik war stärker als die meisten anderen Männer, aber er konnte sich kaum gegen diesen Tollwütigen behaupten, und bald wußte er, daß er nur eine Chance hatte. Sie bestand darin, sich an Skallagrim festzuklammern, bis seine Berserkerwut verrauchte und er wieder ein gewöhnlicher Mensch war. Aber dies war leichter gesagt als getan. Erik konnte kämpfen, wie er wollte, er fand sich schließlich auf dem Rücken wieder, und Skallagrim war auf ihm. Aber noch immer hielt er den Berserker wie mit Eisenfesseln umklammert, und Skallagrim bekam seine Arme nicht frei, so heftig er es auch versuchte. Nun rollten sie über den Felsboden hin und her, und die Dunkelheit senkte sich schnell über sie, bis Erik plötzlich sah, daß sie dem Rand der mächtigen Felsspalte nahe kamen, in die hinabzufallen ihm der abgetrennte Kopf des Höhlenbewohners prophezeit hatte. »Dann gehen wir zusammen«, sagte Erik, aber der Berserker hörte ihn nicht. Dann hatten sie die Spalte erreicht, und wie der Zufall es wollte - oder die Nornen es bestimmt hatten -, erhob sich dort ein kleiner Felsen und verhinderte, daß sie hinabstürzten. Erik lag nun zuoberst, und Skallagrim konnte sich sträu-
ben, wie er wollte, er konnte ihn nicht wieder auf den Rücken werfen. Doch Hellauges Kraft würde auch nicht mehr sehr lange währen, denn er wurde schwach, und seine Beine rutschten langsam über die Klippe, bis sich schließlich nur noch Rippen und Schulterblätter an dem kleinen Felsen rieben. Das Licht erstarb. Erik dachte an die schöne Gudruda und bereitete sich darauf vor, ebenfalls zu sterben, als plötzlich ein letzter Sonnenstrahl auf Skallagrims verzerrtes Gesicht fiel. Und Hellauge sah, wie es sich veränderte, denn die Tollwut wich aus ihm, und im nächsten Moment war der Berserker nur noch wie ein Kind in seinen mächtigen Händen. »Halt ein!« sagte Skallagrim. »Ich erflehe Frieden.« Und er löste seinen Griff. »Nicht so schnell, Bursche«, keuchte Erik. Er schwang die Beine wieder über den Rand des Abgrundes zurück, kam auf die Füße, lief zu seinem Schwert und hob es dankbar auf. »Ich bin erschöpft!« sagte Skallagrim. »Komm, zieh mich von hier fort, oder ich falle; oder aber schlage mir den Kopf ab, wenn du willst.« »So werde ich dir nicht dienen«, sagte Erik. »Du bist ein tapferer Gegner.« Und er streckte die Hand aus und zog ihn in Sicherheit. Eine Zeitlang lag Skallagrim keuchend da, dann erhob er sich auf Hände und Knie und kroch zu der Stelle, wo sich Erik gegen den Felsen lehnte. »Herr«, sagte er, »gib mir deine Hand.« Erik streckte verwundert die Linke aus, und Skallagrim schüttelte sie. Die Rechte hatte er ihm nicht gegeben, weil er eine Arglist fürchtete und Weißfeuer damit fest umklammert hielt. »Herr«, sagte Skallagrim wieder, »von allen Menschen, die je gelebt haben, bist du der stärkste. Fünf andere Männer konnten mir in meinem Zorn nicht widerstehen, aber du hast deine Waffe beiseite gelegt und mich auf edelste Art besiegt, und das allein durch bloße Kraft. Nun höre. Du hast mir das Leben
geschenkt, und von dieser Stunde an ist es bis zum Ende das deinige. Hier schwöre ich dir Lebenstreue. Töte mich, wenn du willst, oder benutze mich, wenn du willst, aber ich glaube, es wird besser für dich sein, das letztere zu tun, denn bislang hat mich nur einer besiegt, und der bist du, und ich hege die Vermutung, daß du meine Kraft wirst brauchen können, und zwar schon bald.« »Dem mag wohl so sein, Skallagrim«, sagte Erik, »und doch bringe ich Gesetzlosen und Höhlenbewohnern nur wenig Vertrauen entgegen. Woher soll ich wissen, daß du mich, wenn ich dich zu mir nehme, nicht im Schlaf töten wirst, wie ich es mit Leichtigkeit gerade noch mit dir hätte tun können?« »Was ist das, das dort von deinem Arm rinnt?« fragte Skallagrim. »Blut«, sagte Erik. »Strecke deinen Arm aus, Herr.« Erik tat wie geheißen. Und der Berserker senkte seine Lippen auf den Kratzer, saugte Blut und sprach: »Auf dieses Blut schwöre ich dir Treue, Erik Hellauge! Mag Walhalla mich zurückweisen und Hei mich holen; mag ich wie ein Fuchs von Land zu Land gehetzt werden; mögen Trolle mich foltern und Hexenmeister des Nachts ihr Spiel mit mir treiben; mögen meine Glieder schrumpfen und mein Herz zu Wasser werden; mögen meine Feinde mich besiegen und meine Knochen auf dem Stein des Verderbens zerschmettert werden, wenn ich nur einen Deut von diesem meinem Eid abweiche, den ich geschworen habe! Ich werde deinen Rücken schützen, ich werde deine Feinde töten, dein Herd sei mein Tempel, deine Ehre meine Ehre. Ich bin dein Leibeigener, und ich werde dein Leibeigener sein, und wenn du willst, werden wir ein Leben leben und am Ende einen Tod sterben.« »Es scheint, ich wollte einen Feind suchen und habe einen Freund gefunden«, sagte Erik, »und es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich einen brauchen werde. Skallagrim, Berserker und
Gesetzloser, der du bist, ich nehme dich bei deinem Wort. Von nun an sind wir Herr und Knecht und werden Seite an Seite viele Taten vollbringen. Und zum Zeichen dafür verlängere ich deinen Namen und nenne dich Skallagrim Lammschweif. Wenn du hast, gib mir nun zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach von diesem Kampf mit dir, alter Bär.«
VIII WIE OSPAKAR SCHWARZZAHN ERIK HELLAUGE UND SKALLAGRIM LAMMSCHWEIF AUF DEN PFERDEKOPFHÖHEN FAND Nun führte Skallagrim Erik in seine Höhle und nährte das Feuer. Er gab Erik Fleisch zu essen und Ale zu trinken. Als Erik sich den Bauch vollgeschlagen hatte, sah er sich den Berserker an. Er hatte schwarzes, von grauen Streifen durchsetztes Haar, das ihm bis auf die Schultern hinabhing. Seine Nase war gekrümmt wie ein Adlerschnabel, sein Bart wild und seine eingefallenen Augen scharf wie die eines Falken. Er war etwas gebeugt und nicht übergroß, aber von mächtiger Statur, denn mit seinen Schultern mußte er durch manche Türen seitwärts schreiten. »Du bist ein großer Mann«, sagte Erik, »und es bedeutet etwas, dich besiegt zu haben. Nun sage mir, was dich zum Berserker werden ließ.« »Man hat mir schändlich mitgespielt, Herr. Vor zehn Jahren war ich im Norden ein Bauer mit bescheidenen Reichtümern. Ich hatte nur eins, woran mir lag, und das war das schönste Hausweib in jener Gegend - Thorunna mit Namen -, und ich liebte sie sehr, aber wir hatten keine Kinder. Nun lag nicht weit entfernt von meinem Hof ein Ort namens Schweineberg, und dort wohnt ein mächtiger Häuptling namens Ospakar Schwarzzahn; er ist ein böser Mann und ein starker ...« Erik fuhr bei dem Namen zusammen. Dann bat er Skallagrim, mit seiner Geschichte fortzufahren. »Nun geschah es, daß Ospakar mein Weib Thorunna sah und sie nehmen wollte, aber zuerst hörte sie nicht auf ihn. Dann versprach er ihr Reichtum und alle guten Dinge, und sie war unseres harten Lebens müde und erhörte ihn. Doch sie wollte
nicht offen zu ihm gehen, da das Schande über sie gebracht hätte, und so schmiedete sie mit Ospakar einen Plan, daß er kommen und sie wie mit Gewalt holen solle. So kam es dann auch, daß mich, als ich eines Nachts in tiefem Schlaf an Thorunnas Seite lag, da ich etwas zuviel vom Herbstale getrunken hatte, bewaffnete Männer ergriffen, fesselten und von meinem Bett zerrten. Es waren acht, und bei ihnen war Ospakar. Dann hieß Schwarzzahn Thorunna aufzustehen, sich anzukleiden und mit ihm zu kommen, um seine Maid zu sein. Sie tat so, als würde sie darüber weinen, stimmte aber bereitwillig genug zu. Dann band sie ihren Gürtel um ihr Kleid, und daran hing ein Messer. >Töte dich, mein Schatz<, rief ich, >der Tod ist besser als die Schande.< >Nicht so, mein Mann<, gab sie zurück. >Es ist wahr, daß ich nur dich liebe, doch eine Frau findet eher eine neue Liebe als ein neues Leben.< Und ich sah, wie sie durch ihre spöttischen Tränen lachte. Nun ritt Ospakar voller Eile zum Schweineberg davon, und mit ihm Thorunna, aber seine Männer blieben eine Weile und tranken mein Ale. Und als sie tranken, verspotteten sie mich, der ich vor ihnen gebunden lag, und Stück um Stück kam die Wahrheit über Ospakars und Thorunnas Treiben hervor. Ich erfuhr, daß sie dieses Spiel geplant hatte. Da wurde mein Blick finster, und ich war allein vor Scham und Verbitterung dem Tode nah. Aber plötzlich sprang etwas in meinem Herzen empor, Feuer wüteten in meinen Augen, und Stimmen in meinen Ohren forderten Kampf und Rache. Ich war zum Berserker geworden - und wie Heugebinde sprengte ich meine Fesseln. Meine Axt hing am Wandgetäfel. Ich ergriff sie, und von dem, was dann geschah, weiß ich nur, daß, als der Wahn vergangen war, acht Männer ausgestreckt vor mir lagen und der Raum voller Blut war. Dann legte ich die Toten zusammen und stapelte Trinktische über sie und Bänke, und Torf und alles andere, was brennen
würde, und schüttete Kabeljauöl auf diesen Stapel und zündete den Hof über ihnen an, so daß sich herumsprach, all diese Männer seien bei einem Trinkgelage gestorben und ich mit ihnen. Aber ich nahm den Namen Skallagrim an und schwor einen Eid gegen alle Männer, ay, und auch gegen alle Frauen, und ging zu den Leuten in den Wäldern und brachte viel Elend über sie, denn nur wenige habe ich verschont. Und ich zog weiter, bis ich zum Moosberg kam. Hier habe ich die letzten fünf Jahre verbracht und auf die Zeit gewartet, da ich Ospakar und die Hure Thorunna finden würde, und ich habe gegen viele Männer gekämpft, aber bis du gegen mich angetreten bist, konnte keiner vor meiner Stärke bestehen.« »Fürwahr, eine seltsame Geschichte«, sagte Erik, »aber höre du nun einem Fremden zu, denn es scheint tatsächlich, daß wir uns nicht durch Zufall begegnet sind.« Und er erzählte ihm von Gudruda und dem Ringkampf, und wie er Schwarzzahn besiegt hatte. Und er zeigte ihm Weißfeuer, das er aus Ospakars Hand gewonnen hatte. Skallagrim lauschte und lachte laut. »Sicher ist dies das Werk der Nornen«, sagte er. »Sieh, Herr, du und ich, wir werden noch auf diesen Ospakar treffen. Er hat mir das Weib und hätte dir die Verlobte genommen. Soll es sein! Soll es sein! Ah, wäre ich doch nur dabeigewesen und hätte den Ringkampf gesehen. - Ospakar hätte sich niemals von seinem Schneebett erhoben! Aber wir haben noch Zeit, und ich werde noch sehen, wie sein Kopf durch den Staub rollt. Du hast sein gutes Schwert, und damit wirst du Schwarzzahn den Kopf von den Schultern fegen - oder vielleicht wird es mein Los sein.« Und damit sprang Skallagrim auf, knirschte mit den Zähnen und veranstaltete einen Ringkampf mit der Luft. »Friede«, sagte Erik. »Schwarzzahn ist nicht hier. Spare deine Wut auf, bis sie ein Schwert führen und ihn treffen kann.« »Nein, nicht hier, aber auch nicht soweit entfernt, Herr. Höre:
Ich kenne diesen Ospakar. Wenn er seine Augen voller Gier auf Gudruda, Asmunds Tochter, gelegt hat, wird er nicht eine Stunde ruhen, bis er sie hat oder tot ist; und wenn er dich mit haßerfüllten Blicken bedacht hat, dann achte darauf, wohin du gehst, und mustere jeden Pfad genau, bevor du auch nur einen Fuß darauf setzt. Bald wird ein Urteil über die Sache gefällt werden, und schon in diesem Augenblick wählen Odins Walküren, wer für sie in Frage kommt.« »Dann ist es gut«, sagte Erik. »Ja, Herr, es ist gut, denn wir beide haben auch von sechs Männern wenig zu fürchten, wenn sie uns in fairem Kampf angreifen. Aber mir gefällt deine Geschichte ganz und gar nicht. Zu viele Frauen sind darin verwickelt, und Frauen stechen einen hinterrücks nieder. Ein Mann wird mit gezogenen Schwertern fertig, aber nicht mit Betrügereien und Lügen, und der Hexerei falscher Frauen. Es war eine Frau, die deine Ringkampfschuhe mit Fett eingeschmiert hat; vielleicht wird es eine Frau sein, die dir die Höllenschuhe umbindet, wenn alles geschehen ist - ay, und die sie bereit für deine Füße macht.« »Von Frauen ist wie von Männern zu sagen«, erwiderte Erik, »daß manche gut und manche böse sind.« »Ja, Herr, aber auch, daß die Bösen ihre Pläne aus Bosheit schmieden, aber die guten aus blinder Torheit. Entsage den Frauen, und du wirst glücklich leben und in Ehren sterben. Sei ihnen zugetan - aber lebe im Elend und sterbe als Ausgestoßener.« »Dein Geschwätz ist töricht«, sagte Erik. »Vögel müssen in die Luft, das Meer zum Ufer, und Männer müssen zu den Frauen. Wie die Dinge sind, so laß sie sein, denn sie werden bald scheinen, als hätte es sie nie gegeben. Ich würde lieber meinen Schatz küssen und sterben, wenn es denn sein muß, als ihn nicht zu küssen und leben, denn letzten Endes wird doch alles gleichermaßen enden, und Küsse sind süß!« »Das ist ein guter Spruch«, sagte Skallagrim, und sie fielen
nebeneinander in den Schlaf, und Erik hatte keine Furcht. Dann erwachten sie, und die Sonne stand schon hoch, denn sie waren erschöpft und ihr Schlaf schwer gewesen. Direkt neben der Höhlenöffnung befand sich ein kleiner Brunnen, in dem sich das von den Felsen rinnende Wasser sammelte, und darin wusch sich Erik. Dann zeigte Skallagrim ihm die Höhle und den großen Vorrat an Waffen, die von jenen stammten, die er getötet und beraubt hatte. »Ein wahrhaft wunderbarer Ort«, sagte Erik, »und genau richtig für einen solchen Händler, wie du es bist; aber sage mir, wie hast du ihn gefunden?« »Ich folgte dem, der vor mir hier war, und stellte ihn vor die Wahl - entweder zu gehen oder um die Festung zu kämpfen. Aber er mußte unbedingt kämpfen, und dies war sein Schicksal, denn ich tötete ihn.« »Wer war der Mann«, fragte Erik, »dessen Kopf nun dort unten liegt?« »Ein Höhlenbewohner, Herr, den ich wegen der Einsamkeit der Winterzeit bei mir aufnahm. Er war ein schlechter Mensch, denn obwohl es gut ist, von Zeit zu Zeit ein Berserker zu sein, ist es nicht gut, mit einem zu hausen, der immer ein Berserker ist. Du hast getan, was getan werden mußte, indem du ihm den Kopf abschlugst - und nun soll er seinen Körper finden.« Und er rollte ihn über den Rand des tiefen Abgrundes. »Weißt du, Skallagrim, daß dieser Kopf zu mir sprach, nachdem er des Mannes Schultern verlassen hatte. Und daß er sagte, ich würde dorthin fallen, wohin sein Körper fallen würde, und wo er liegen würde, dort würde auch ich liegen?« »Dann, Herr, wird dies wahrscheinlich dein Schicksal sein, denn dieser Mann hatte das Zweite Gesicht, und erst in der vorletzten Nacht, als wir ausritten, um Schafe zu suchen, griff er sich an den Kopf und sagte, bevor die Sonne noch einmal unterginge, würden ihn hundert Klafter Luft mit den Schultern verbinden.«
»Dem mag so sein«, gab Erik zurück. »Als ich dort unten in deinem Griff lag, dachte ich, das Schicksal sei mir schon nahe. Und nun bewaffne dich und nimm mit, was du brauchst, und laß uns von dannen eilen, denn mein Knecht, der unten wartet, wird denken, du seist zu stark für mich gewesen.« Skallagrim trat zum Rand des Abgrundes und suchte die Ebene mit seinen Falkenaugen ab. »Kein Grund zur Eile, Herr«, sagte er. »Siehe, dort reitet dein Knecht über den schwarzen Sand, und mit ihm geht dein Pferd. Sicher glaubt er, du würdest den Pfad, den du hochgestiegen bist, nicht mehr hinabkommen, und es ist nicht die Aufgabe eines Knechtes, Skallagrim in seinem Schlupfwinkel zu stellen und ihn um eine Nachricht zu bitten.« »Die Wölfe sollen diesen Narren holen!« sagte Erik erzürnt. »Er wird zum Middalhof reiten und meinen Todesgesang anstimmen, und der wird in einigen Ohren traurig klingen.« »Es ist schön, Herr«, sagte Skallagrim, »wenn gute Botschaften den schlechten auf den Fersen folgen und das Weibervolk ein paar Tränen vergießen und etwas ärmer werden kann. Ich habe Pferde in einem kleinen Tal versteckt, das ich dir zeigen werde, und auf ihnen werden wir zum Middalhof reiten - und dort mußt du Frieden für mich erbitten.« »So soll es sein«, sagte Erik. »Nun bewaffne dich, denn wenn du mich begleitest, mußt du deinem Berserkertum ein Ende machen oder es auf die Stunde des Kampfes beschränken.« »Ich will tun, was du verlangst, Herr«, sagte Skallagrim. Dann betrat er die Höhle und setzte sich einen einfachen schwarzen Eisenhelm auf die schwarzen Locken; und um die Brust legte er sich einen schwarzen Kettenharnisch. Er nahm auch den großen Axtkopf und befestigte ihn am Stiel einer anderen Axt, die unter den Waffen lag. Dann zog er eine Geldbörse und einige goldene Ringe hervor, legte alles in eine Tasche aus Otterfell und schnallte sie um. Aber die anderen Sachen schlug er in Felle ein und versteckte sie hinter einigen
Steinen, die am Ende der Höhle lagen - für den Fall, daß er noch einmal zurückkommen und sie holen würde. Dann gingen sie auf dem gleichen gefährlichen Pfad zurück, den Erik gekommen war, und Skallagrim zeigte ihm, wie man die Felsen sicher überqueren konnte. »Ein beschwerlicher Weg«, sagte Erik, als er über die tiefe Spalte stieg. »Ja, Herr, und bis zu deinem Kommen ein solcher, den nur Buschleute beschritten haben.« »Ich möchte ihn nicht mehr begehen«, sagte Erik wieder, »und doch sagte dein Diebesgenosse, daß ich hier sterben würde.« Und für eine Weile wurde ihm schwer ums Herz. Nun führte Skallagrim Lammschweif ihn über geheime Pfade zu einem reich mit Gras bewachsenen Tal, das ganz von Bergen umschlossen war, und hier standen drei Pferde auf der Weide. Als sie dann zu einem bestimmten Felsen gingen, brachte er Zaumzeug und Sättel dahinter hervor, und sie fingen die Pferde ein, bestiegen sie und ließen den Moosberg hinter sich. Nun ritten Erik und sein Gefolgsmann Skallagrim der Berserker vier Stunden lang und sahen niemanden, bis sie schließlich zum Fuße eines Berges mit dem Namen Pferdekopfhöhe kamen. Als sie ihn überquerten, fanden sie sich plötzlich in der Mitte von zwanzig Bewaffneten wieder, die gerade ihre Pferde besteigen wollten. »Jetzt haben wir Gesellschaft«, sagte Skallagrim. »Ja, und zwar schlechte«, erwiderte Erik, »denn dort unten erspähe ich Ospakar Schwarzzahn, und seine Söhne Gizur und Mord, ay, und andere. Absitzen - und Rücken an Rücken, denn sie werden uns wenig Freundlichkeit entgegenbringen.« Dann sprangen sie zu Boden und postierten sich auf eine leichte Bodenerhebung. Die Männer ritten auf sie zu. »Bald werde ich wissen, was deine Gefolgschaft wert ist«, sagte Erik.
»Fürchte dich nicht, Herr«, gab Skallagrim zurück. »Wehre du deine Angreifer ab, und ich halte dir den Rücken frei. Wir haben uns zu einer guten Stunde getroffen.« »Ob eine gute oder schlechte, es wird wahrscheinlich eine kurze sein. Doch höre: Falls du zum Berserker werden mußt, wenn die ersten Schwerthiebe blitzen, so bleibe wenigstens stehen und sei ein Berserker, wo du bist, denn wenn du auf deine Gegner zustürmst, wird mein Rücken frei sein, und man wird mich bald durchbohrt haben.« »Es soll sein, wie du es sagst, Herr.« Nun ritten die Männer um sie herum, doch zuerst erkannten sie Erik nicht wegen des goldenen Helms, der sein Gesicht im Schatten verbarg. »Wer seid ihr?« rief Ospakar. »Ich glaube, du solltest mich kennen, Schwarzzahn«, gab Erik zurück, »denn ich habe dich erst vor kurzem Hals über Kopf in den Schnee geworfen - aber das hier wirst du zumindest kennen.« Und er zog das große Schwert Weißfeuer. »Mich wirst du vielleicht auch kennen, Ospakar«, rief der Berserker. »Skallagrim nannten mich die Männer früher, Lammschweif nennt mich Erik Hellauge, aber du nanntest mich einst Ounound. Sag, Herr, welche Neuigkeiten gibt es von Thorunna?« Nun winkte Ospakar lachend mit seinem Schwert. »Ich kam hierher, um einen Gegner zu suchen, und zwei habe ich gefunden«, rief er. »Höre, Erik: Wenn du tot bist, ziehe ich nach Middalhof weiter, um dort zu brandschatzen und alle Männer zu töten. Soll ich Gudruda deinen Kopf als Andenken mitbringen? Und dich, Ounound, dich hielt ich für tot; aber da du noch lebst, sendet Thorunna, mein süßer Schatz, dir dies.« Und er schleuderte mit ganzer Kraft einen Speer auf ihn. Doch Skallagrim fing den Speer im Flug auf und schleuderte ihn zurück. Er prallte geradewegs gegen Ospakars Schild und durchtrennte ihn, ay, und auch den Harnisch und die Schulter,
die unter dem Harnisch lag, so daß Schwarzzahn kampfunfähig war und vor Schmerz und Zorn aufheulte. »Nun geh«, sagte Skallagrim, »und bitte Thorunna, den Speer herauszuziehen und das Loch mit Küssen zu heilen.« Nun rief Ospakar, sich vor Schmerz windend, seinen Männern zu, die beiden zu töten, und der Kampf fing an. Einer stürmte auf Erik zu und hieb mit der Axt auf ihn ein. Der Schlag fiel auf Eriks Schild und zerfetzte die Seite; dann streifte er den Harnisch, aber nur leicht. Zur Antwort schlug Erik tief mit Weißfeuer zurück und trennte dem Mann das Bein zwischen Knie und Schenkel durch, woraufhin er fiel und starb. Ein weiterer stürmte vor. Bevor er zuschlagen konnte, zuckte Weißfeuer hinab, und der Schild des Burschen war geborsten, woraufhin er sich entschied, den Rückzug anzutreten und an diesem Tag nicht mehr zu kämpfen. Skallagrim tötete einen Mann und verwundete einen weiteren schwer. Ein großer Unterführer mit einer roten Narbe im Gesicht stürmte gegen Hellauge an. Zweimal schlug er Finten zum Kopf, und Erik parierte sie, dann senkte er das Schwert unter den Schutz seines Schildes und holte plötzlich gegen Eriks Beine aus. Hellauge sprang hoch in die Luft und schlug dabei mit Weißfeuer zu. Augenblicklich fiel der Angreifer mit zerfetzter Schulter und Brust zu Boden. Nun tötete Skallagrim einen weiteren Angreifer und wurde zum Berserker. Er sah so wild aus, daß die Männer vor ihm zurückwichen. Zwei stürmten gegen Erik vor, einer von jeder Seite. Das Schwert des Mannes zur Rechten prallte gegen seinen Schild und durchdrang ihn, doch Hellauge riß den gespaltenen Schild so heftig vor, daß das Schwert der Hand des Angreifers entglitt. Nun hob sich das andere Schwert hoch über ihm, und das wäre Eriks Ende gewesen, doch Skallagrim schaute sich um und sah, wie es sich senkte. Er hatte keine Zeit, sich umzuwenden, doch
er warf seinen Axtstiel, der den Schwertkämpfer am Kopf traf und denselben zerschmetterte. »Das war gut gemacht«, sagte Erik, als das Schwert zu Boden fiel. »Nicht schlecht, aber es könnte noch schlimmer kommen«, grollte Skallagrim. Schließlich zogen sich alle Männer von den beiden zurück, denn sie hatten genug von Weißfeuer und der Axt des Berserkers. Ospakar saß auf dem Pferd, den Schild an seine Schulter genagelt, und fluchte laut. »Näher heran, ihr Feiglinge!« rief er. »Näher heran! Und macht sie nieder!« Aber keiner rührte sich. Da verspottete Erik sie. »Wir sind nur zwei«, sagte er, »und keiner von euch will einen Kampf mit mir wagen? Sollen wir singen können, daß zwanzig von zweien besiegt wurden?« Dies hörte Ospakars Sohn Mord, und er wurde toll vor Zorn. Er hob den Schild und stürmte vor. Doch Gizur der Gesetzesmann folgte nicht, denn Gizur war ein Feigling. Skallagrim drehte sich um, um mit Mord zu kämpfen, doch Erik sagte: »Dieser ist für mich, Gefährte.« Und er trat vor. Mord holte zu einem mächtigen Hieb aus. Eriks Schild war gebrochen und konnte ihm nicht widerstehen. Der Hieb traf voll auf den goldenen Helm und zwang Hellauge auf die Knie. Doch sofort war er wieder auf den Beinen, und die Schläge hagelten heftig und schnell. Mord war ein starker Mann, frisch und in der Kriegskunst erfahren, und Eriks Arme wurden müde, und seine Kraft ließ nach. Mord schlug wieder zu und verletzte ihn leicht an der Schulter. Erik warf den zertrümmerten Schild beiseite und packte Weißfeuer mit einem lauten Schrei mit beiden Händen. Mord machte einen Satz, stürmte dann vor und schlug zu; Erik sprang beiseite. Wieder griff er an, und siehe da, Hellauge senkte die Schwertspitze, und sie fuhr eine volle Handbreit in
Mords Rücken, und das war augenblicklich sein Ende. Nun liefen die Männer zu ihren Pferden, bestiegen sie mit großer Eile und ritten davon, wobei sie riefen, daß sie es hier mit Trollen und nicht mit Menschen zu tun hätten. Skallagrim sah es, - und die Berserkerwut überkam ihn. Mit gehobener Axt setzte er ihnen nach, wüste Beschimpfungen ausstoßend. Ein Mann, der gleiche, den er verwundet hatte, konnte sein Pferd nicht schnell genug besteigen, und als der Berserker anstürmte, lag er immer noch auf dem Rücken seines Pferdes. Die große Axt wirbelte hoch durch die Luft und senkte sich wieder, und man erzählt von diesem Schlag, daß er so mächtig war, daß Mann und Pferd tot unter ihm zusammenbrachen, beide gänzlich gespalten. Dann verließ Skallagrim der Zorn. Er ging zurück, und sie waren allein mit den Toten und Sterbenden. Erik lehnte sich auf Weißfeuer und sprach: »Trolle dich, Skallagrim Lammschweif! Trolle dich!« »Es sei, wie du willst, Herr«, gab der Berserker zurück, »aber ich habe dich nicht so schlecht bewacht, daß du fürchten mußtest, von Schlägen getroffen zu werden.« »Ich dulde keinen Mann bei mir, der mein Wort nicht achtet, Skallagrim. Was habe ich dir aufgetragen? Etwa nicht, daß du die Berserkerwut ablegen und dort stehenbleiben solltest, wo du standest? Und siehe, du hast mein Wort schnell vergessen! Nun trolle dich!« »Es ist wahr, Herr«, sagte er. »Der, der dient, muß ganz dienen.« Und Skallagrim schickte sich an, sein Pferd zu suchen. »Bleib«, sagte Erik. »Du bist ein tapferer Mann, und ich vergebe dir. Doch durchkreuze meinen Willen nicht noch einmal. Wir haben sieben Männer getötet, und Ospakar geht verwundet von dannen. Wir haben uns Ehre gemacht und sie Verlust und größte Schande. Dennoch wird mir daraus nichts Gutes erwachsen, denn Ospakar hat viele Freunde, und er wird augenblicklich eine Klage im Althing gegen mich erlassen. Und du hast das erste Blut vergossen.«
»Hätte dieser Speer nur besser getroffen«, sagte Skallagrim. »Ospakars Zeit ist noch nicht gekommen«, gab Erik zurück, »doch nun hat er etwas, was ihn immer an uns erinnern wird.«
IX WIE SWANHILD SICH MIT GUDRUDA BEFASSTE Nun harrte Jon, Eriks Leibeigener, die ganze Nacht auf dem Moosberg aus, sah aber nichts bis auf Weißfeuers Licht, als das Schwert den Kopf des Berserkers von dessen Schultern trennte. Voller Angst blieb Jon bis zur Dämmerung dort; als er sicher zu sein glaubte, daß Erik tot war, ritt er schnell und ohne Rast zum Middalhof, wo er des Abends ankam. Gudruda hielt an der Frauentür Ausschau. Sie hielt den Moosberg im Auge, um das Licht auf Eriks goldenem Helm leuchten zu sehen, und schließlich leuchtete es tatsächlich. Jedoch weiß statt rot. »Siehe«, sagte Swanhild an ihrer Seite, »Erik kommt!« »Nicht Erik, sondern sein Knecht«, gab Gudruda zurück, »um uns zu sagen, daß Erik tot ist.« Schweigend warteten sie, während Jon ihnen entgegengaloppierte. »Welche Nachricht bringst du von Hellauge?« rief Swanhild. »Du brauchst nicht erst zu fragen«, sagte Gudruda. »Sieh dir sein Gesicht an.« Nun erzählte Jon seine Geschichte, und Gudruda lauschte und hielt sich am Türpfosten fest. Aber Swanhild verfluchte den Leibeigenen als Feigling, so daß er vor ihren Blicken zurückschreckte. Gudruda wandte sich um und ging in die Halle, und ihr Gesicht war wie das des Todes. Die Männer sahen sie, und Asmund fragte, warum sie eine solch seltsame Miene trüge. Da sang Gudruda dieses Lied: Auf den Moosberg, voller Eifer, Ritt Hellaug' mit seinem Helm. Zurück vom Moosberg kam jedoch nur sein feiger Bursch herab. Nun wird seine Gudruda nie umarmt von einem
Manne; Verwitwet ist sie - voller Leid, Denn Erik nach Walhalla zog! Und damit verließ sie die Halle, ohne nach rechts oder links zu schauen. »Laßt die Maid in Ruhe«, sagte Atli der Graf. »Trauer erträgt sich am besten allein. Aber mein Herz trauert um Erik. Es wird diesem Berserker schlecht ergehen, wenn ich ihn nur in die Hand bekomme.« »Dafür werde ich sorgen, bevor der Sommer vorbei ist«, sagte Asmund, denn Eriks Tod schmerzte ihn sehr. Gudruda ging weit, und indem sie Laxä über die steinernen Treppen erklomm, stieg sie den Steinberg empor, bis sie zum Kopf der Goldenen Fälle kam, denn wie ein verwundetes Tier wollte sie in ihrer Trauer allein sein. Aber Swanhild sah sie. Sie folgte ihr und trat zu ihr, als sie dort saß und beobachtete, wie das Wasser den mächtigen Abgrund hinabdonnerte. Schließlich fiel Swanhilds Schatten auf sie, und Gudruda schaute auf. »Was willst du von mir, Swanhild?« fragte sie. »Bist du gekommen, um mich in meiner Trauer zu verspotten?« »Nein, Stiefschwester, denn dann müßte ich mein eigenes Leid verspotten. Ich komme, um meine Tränen mit den deinen zu vermischen. Siehst du, wir haben Erik geliebt, du und ich, und Erik ist tot. Laß uns unseren Haß in seinem Grab begraben, aus dem keiner ihn zurückholen kann.« Gudruda musterte sie kalt, denn in dieser Stunde war sie keiner anderen Empfindung als der Trauer um Erik fähig. »Trolle dich hinfort«, sagte sie. »Vergieße deine eigenen Tränen und laß mich in Ruhe die meinen weinen. Mit dir zusammen werde ich Erik nicht betrauern.« Swanhild runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippen. »Ich werde kein zweites Mal mit Friedensworten zu dir kommen, meine Rivalin«, sagte sie. »Erik ist tot, aber mein Haß, der aus Eriks Liebe für dich entstand, lebt weiter und wächst, und seine
Blume wird dein Tod sein, Gudruda!« »Nun, wo Hellauge tot ist, würde ich ihm gern auf seinem Weg folgen: Stoße die Tore also weit auf, wenn es dir beliebt«, gab Gudruda zurück und beachtete sie nicht mehr. Swanhild ging, aber nicht weit. Auf der anderen Seite einer Graskuppe warf sie sich zu Boden und trauerte, wie ihr hartes Herz es zuließ. Sie vergoß keine Tränen, sondern saß stumm da. Sie schaute mit leeren Augen in die Vergangenheit und in die Zukunft, und fand nichts Gutes in ihr. Aber Gudruda weinte, als sich die Bürde ihres Verlustes auf sie legte. Sie weinte schwere, stumme Tränen und rief in ihrem Herzen nach Erik, der gestorben war. Sie rief dem Tod zu, er möge zu ihr kommen und ihr den Schlaf oder Erik bringen. So saß sie da, und so trauerte sie, bis sie keiner Trauer mehr fähig war und sich der Schlaf zu ihr schlich und sie träumte. Gudruda träumte, sie sei tot und säße nahe der goldenen Tür, die sich in Odins Haus in Walhalla befindet, durch die die Krieger für immer eintreten. Dort saß sie Äonen auf Äonen, lauschte dem Donner von tausend mal zehntausend trampelnden Füßen und beobachtete die harten Gesichter der Auserwählten, als sie in Heeren hinausmarschierten, um auf den Wiesen zu kämpfen. Und als sie dort saß, kam schließlich ein Einäugiger, der eine leuchtende Rüstung trug, und sprach zu ihr. Er war wunderbar anzuschauen und alt, und sie erkannte ihn als Odin den Allvater. »Wen suchst du, Maid Gudruda?« fragte er, und die Stimme, mit der er sprach, war die des Wassers. »Ich suche Erik Hellauge«, gab sie zurück, »der vor tausend Jahren durch das Tor schritt. Die Liebe zu ihm hat mir das Herz gebrochen.« »Erik Hellauge, Thorgrimurs Sohn?« sprach Odin. »Ich kenne ihn gut; kein kühnerer Krieger ist durch Walhallas Tore geschritten, und keiner wird sich dem Kommen des grauen Wolfes Fenrir mehr entgegenstellen. Gehe weiter und lasse ihn mit
seinem Ruhm und seinem Gott zurück.« Dann, in ihrem Traum, weinte sie bitterlich und bat Odin in Freyjas Namen, daß er ihr Erik für eine kleine Weile geben möge. »Was willst du dafür geben, Maid Gudruda?« fragte Odin. »Mein Leben«, gab sie zurück. »Gut«, sagte er, »für eine Nacht soll Erik dein sein. Dann stirbst du, und laß dies der Grund deines Todes sein.« Und Odin sang dieses Lied: Töchter, die ihr den Tod bestimmt, Höret des Allvaters Wort: Wenn mein Atem die Speere trägt, Weicht Hellauge ihnen aus, Bis er einmal geschlafen hat Mit seinem Weib Gudruda Dann soll euer Ruf erschallen; Dann erst laßt Erik fallen! Und Gudruda erwachte, aber in ihren Ohren schien der mächtige Wasserfall noch immer mit Odins Stimme zu sprechen: Dann soll euer Ruferschallen; Dann erst laßt Erik fallen! Sie erwachte aus diesem weltentrückten Schlaf und blickte auf, und siehe da, vor ihr, mit zerschmettertem Schild und über und über beschmiert mit dem roten Regen des Kriegers, stand der goldbehelmte Erik. Dort stand er, groß und ansehnlich anzuschauen, und sie betrachtete ihn zitternd und erstaunt. »Bist du es wirklich, Erik, oder ist es noch mein Traum?« fragte sie. »Ich bin gewiß kein Traum«, sagte Erik. »Aber warum siehst du mich so an, Gudruda?« Sie erhob sich langsam. »Ich dachte«, sagte sie, »ich dachte, du seist tot, gestorben durch Skallagrims Hand.« Und mit einem lauten Schrei fiel sie ihm in die Arme und ließ sich
schluchzend halten. Es war ein hübscher Anblick, Gudruda die Schöne so zu sehen, ihr goldenes Haar über Eriks kampfzerrissenen Harnisch fließend, ihre dunklen Augen feucht vor Freudentränen; aber Swanhild, die sie so sah, dachte dies nicht. Sie schüttelte sich vor eifersüchtiger Wut, schlich dann davon und versteckte sich, wo sie nichts mehr sehen konnte, denn sonst hätte der Wahnsinn sie befallen. »Woher kommst du? Ah! Woher kommst du?« fragte Gudruda. »Ich hielt dich für tot, mein Geliebter; aber nun träumte ich, ich hätte Odin angefleht, und er habe dich für eine Weile verschont.« »Nun, das hat er, wenn auch nur knapp.« Und Erik erzählte ihr alles, was geschehen war, und wie er, als er mit Skallagrim ritt, der unten noch auf seinem Pferd saß, eine Frau erspäht, die auf dem Gras saß, und die Farbe ihres Mantels erkannt hatte. Dann küßte Gudruda ihn vor schierer Freude, und sie waren glücklich, beeinander zu sein - denn von allen schönen Dingen auf der Erde ist nichts schöner als das: den Geliebten, den man für tot und längst erkaltet hält, lebendig und an unserer Seite zu finden. Und so redeten sie und waren sehr glücklich; glücklich, wie es nur Junge und Verliebte sein können, bis Erik sagte, er müsse zum Middalhof, solange das Tageslicht noch anhalte, denn er könne mit dem Pferd nicht den Weg nehmen, den Gudruda nehme, sondern müsse um die Hügelkuppe herum; und überdies sei er müde und hungrig, und Skallagrim wurde des Wartens leid. »Geh!« sagte Gudruda. »Ich werde sofort dorthin eilen!« So küßte er sie und ging, und Swanhild sah den Kuß und sah ihn gehen. »Nun, Herr«, sagte Skallagrim, »hast du genug des Küssens gehabt?« »Nicht ganz«, gab Erik zurück. Eine Weile ritten sie schweigend weiter.
»Mich deucht, die Maid war sehr schön!« sagte Skallagrim. »Es gibt Frauen, die nicht so schön sind, Skallagrim.« »Einen reichen Köder für einen mächtigen Fisch!« sagte Skallagrim. »Dies sage ich dir: du kannst so sehr gegen dein Schicksal ankämpfen, wie du willst, dieses Mädchen wird dein Untergang sein, und auch der meine.« »Vorbestimmte Dinge werden geschehen«, sagte Erik, »aber wenn du eine Maid fürchtest, gibt es eine gute Medizin: Entsage meiner Gesellschaft.« »Wer war die andere?« fragte der Berserker, »die, die sich anschlich und spähte, lauschte, dann zurückschlich, das Gesicht in den Händen verbarg und mit einem grauen Wolf sprach, der wie ein Hund zu ihr kam?« »Das muß Swanhild gewesen sein«, sagte Erik, »aber ich habe sie nicht gesehen. Sie versteckt sich stets wie eine Ratte im Stroh, und was den Wolf betrifft, so muß er ihr Schutzgeist gewesen sein; denn wie ihre Mutter Groa spielt Swanhild viel mit der Hexerei. Nun werde ich zu Gudruda zurückeilen, denn mein Herz hat Argwohn geschöpft. Bleib du hier, bis ich dich hole, Lammschweif!« Und Erik wandte sich um und galoppierte zurück zum Kopf des Goldfuchs. Als Erik sie verließ, ging Gudruda noch näher heran zur Kante der mächtigen Wasserfälle und setzte sich sogar auf deren Rand. Ihre Brust war voller Freude, und dort saß sie und ließ die Pracht des Anblicks und die Größe der donnernden Geräusche in ihr Herz eintreten. Drüben schien die untergehende Sonne, über den fernen Wipfeln der Westman-Inseln schien sie zu schweben, und hier stürzte das Wasser hernieder, und über diesen Weg war Erik zu ihr gekommen. Ja, und dort auf dem Schafsattel war der Weg, den er den Goldfuchs hinab genommen hatte. Mittlerweile hatte er einen Berserker getötet und einen anderen besiegt und zu seinem Leibeigenen gemacht. Die beiden hatten ganz allein Ospakars Trupp in die Flucht geschlagen und waren in Ehren und kaum verletzt zurückge-
kommen. Gewiß hatte noch nie ein Mann wie Erik gelebt keiner war so stattlich, stark und zärtlich gewesen; und seine Liebe machte sie überaus glücklich! Sie streckte ihm, den sie noch vor einer Stunde für tot gehalten hatte, die Arme entgegen; aber er hatte überlebt und war mit Ruhm beladen zu ihr zurückgekommen. Sie segnete seinen geliebten Namen, lachte laut in ihrer Herzensfreude und rief: »Erik! Erik!« Aber Swanhild, die sich hinter ihr versteckt hielt, lachte nicht. Sie hörte Gudrudas Stimme und konnte nur vermuten, wie glücklich Gudruda war, und Eifersucht stieg in ihr empor und erfaßte sie. Sollte diese schöne Rivalin ihr etwa den Liebsten stehlen? »Grauer Wolf, Grauer Wolf, was sagst du?« Siehe, wenn Gudruda nun tot wäre, wenn sie als Leichnam in diesen kochenden Wassern trieb, würde Erik vielleicht doch noch der ihre werden; aber auch wenn er nicht der ihre werden würde, Gudruda konnte er dann niemals haben. »Grauer Wolf, Grauer Wolf, wie lautet dein Rat?« Direkt am Rand des tiefen Abgrundes saß Gudruda. Ein Stoß, und alles wäre zu Ende. Erik war fort; es gab niemanden, der es sehen würde - niemanden bis auf den Grauen Wolf; keine Zunge konnte von der Tat berichten, die hier geschehen war. Wer könnte sie zur Rechenschaft ziehen? Die Götter! Wer waren die Götter? Was waren die Götter? Waren sie nicht nur Träume? Es gab keine Götter außer den Göttern des Bösen den Göttern, die sie kannte und mit denen sie sprach. »Grauer Wolf, Grauer Wolf, was ist dein Plan?« Dort saß Gudruda und lachte im Triumph ihrer Freude; der Glanz des Sonnenuntergangs schimmerte auf ihrer Schönheit, und dort, hinter ihr, schlich Swanhild näher - schlich, wie sich ein Fuchs an seine schlafende Beute heranmacht. Nun hatte sie sie erreicht ... »Ich höre dich, Grauer Wolf! Zurück in meine Brust, Grauer
Wolf!« Sicher hatte Gudruda etwas gehört? Sie wandte halbwegs den Kopf, senkte ihn dann jedoch wieder, um laut dem Wasser zuzurufen: »Erik! Geliebter Erik! - Ah, wird es je ein Licht geben, das dem deiner Augen gleichkommt - und gibt es je eine Freude wie die deines Kusses?« Swanhild hörte diese Worte, und ihr letztes Mitleid erstarb. Haß und Zorn überwältigten sie. Sie erhob sich auf die Knie und sammelte ihre Kraft: »Suche deine Freude dann im Goldfuchs«, rief sie laut und stieß mit aller Kraft zu. Gudruda fiel einen Klafter oder mehr; mit einem Schrei klammerte sie sich dann an einen kleinen Felsvorsprung und blieb dort hängen, die Füße auf dem Abhang ruhend. Dreißig Klafter unter ihr wirbelten, strömten und rollten die Wasser des Goldenen Falls. Ein Klafter über ihr, rot im roten Abendlicht, senkte sich Swanhilds gnadenloses Gesicht. Gudruda schaute hinauf und sah sie. Blaß vor Todesangst schaute sie auf und sah das Gesicht, doch sie sagte nichts. »Laß los, meine Rivalin; laß los!« rief Swanhild. »Es wird dir niemand helfen, und keiner kann deine Geschichte erzählen. Laß los, sage ich, und suche dein Ehebett im Goldfuchs!« Aber Gudruda klammerte sich fest und blickte mit blassem Gesicht und mitleidsvollen Augen empor. »Was! Bist du so begierig, noch einen Augenblick länger zu leben?« sagte Swanhild. »Dann werde ich dich vor dir selbst retten, denn es muß schlimm sein, so zu leiden!« Und sie lief davon, um einen Felsbrocken zu suchen. Dann fand sie einen, schleppte ihn, unter seinem Gewicht schwankend, bis zum Rand des Abgrundes und spähte hinunter. Gudruda hing noch immer dort. Unter ihr klaffte der Abgrund auf, das Wasser toste in ihren Ohren, und über ihr leuchtete der rote Himmel. Sie sah Swanhild kommen und schrie auf. Erik war da, obwohl Swanhild ihn nicht hörte, denn das Geräusch der galoppierenden Hufe seines Pferdes verlor sich im
Toben des Wassers. Aber der Schrei drang an seine Ohren, er sah den vorspringenden Felsen, und alles war ihm klar. Er sprang vom Pferd, und gerade, als Swanhild den Felsbrocken werfen wollte, packte er sie am Kleid und riß sie zurück. Der Brocken fiel zur Seite und verschwand augenblicklich im Wasser. Erik schaute hinunter. Er sah Gudrudas bleiches Gesicht in der Dämmerung leuchten. Obwohl es nicht einfach war, sprang er auf den Vorsprung hinab. »Halt dich fest! Ich komme; halt dich fest!« rief er. »Ich kann nicht mehr«, keuchte Gudruda, und eine Hand glitt vom Fels. Erik umklammerte den Fels und packte sie, sich nach unten streckend, am Handgelenk. Als ihre Hand losließ, packte er sie, und sie wurde in die Höhe gezogen - ihr ganzes Gewicht an seinem Arm. Nun mußte er sie hochziehen, und das mit einer Hand, denn der Vorsprung war eng, und er wagte es nicht, den Felsen oben loszulassen. Sie schwang über den gewaltigen Abgrund und verlor die Besinnung, hing in seinem Griff wie tot. Er sammelte seine ganze Kraft und zog. Seine Füße glitten ein wenig aus, fanden dann Halt, und wieder hing Gudruda über dem Abgrund. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es hämmerte in seinen Ohren. Nun galt es - jetzt oder nie! Wieder hob er den Arm, und seine Muskeln wölbten sich und knirschten, und sie lag neben ihm auf dem engen Vorsprung! Aber noch war nicht alles getan. Der Klippenrand lag eine Manneshöhe über ihm. Dorthin mußte er sie legen, denn er konnte sie nicht zurücklassen, um Hilfe zu holen, weil sie vielleicht aufwachen und in den Abgrund rollen würde. Er ließ den Felsvorsprung los, wandte sich um, beugte sich über Gudruda und faßte ihr Kleid unter den Brüsten und über den Knien. Dann spielte Erik erneut seine Stärke aus. Er hob sie an seine Brust und ruhte. Erneut hievte er sie mit aller Kraft über
seinen Helmbusch und stemmte sie hoch, bis sie am Rand der großen Klippe lag. Fast wäre er bei dieser Anstrengung gestürzt, aber er rettete sich, indem er den Fels umklammerte, und mit einer letzten Mühe zog er sich hoch, an ihre Seite, und blieb dort liegen, keuchend wie ein müder Jagdhund. Von allen Proben seiner Kraft, die ihm je auferlegt wurden, war das Hochstemmen Gudrudas nach Eriks Bekunden die größte; denn sie war keine leichte Frau, und er konnte nur auf einem kleinen Felsvorsprung stehen und sich kaum irgendwo festhalten. Schließlich erhob sich Hellauge und musterte Gudruda im Licht der Dämmerung. Sie war noch immer ohne Besinnung. Dann blickte er sich um - Swanhild, das Hexenmädchen, war verschwunden. Da nahm er Gudruda in die Arme, und stolperte, das Pferd führend und nach Skallagrim rufend, durch die Dunkelheit. Der Berserker antwortete, und schließlich tauchte seine gewaltige Gestalt drohend in der Dämmerung auf. Mit ein paar Worten erzählte Erik ihm seine Geschichte. »Die Wege der Frauen sind böse«, sagte Skallagrim, »aber von allen Taten, die ich durch ihre Hände erfahren habe, ist dies die übelste. Es wäre nur angemessen gewesen, die Wolfshexe von der Klippe zu stoßen.« »Ay, nun ja«, sagte Erik, »aber dieses Lied muß erst noch gesungen werden.« Nun schwach heimgeleuchtet vom Licht des aufgehenden Mondes, trugen sie Gudruda den Hügel hinab, bis sie schließlich völlig erschöpft die Feuer des Middalhofs sahen.
X WIE ASMUND MIT SWANHILD SPRACH Während die Tage nun verstrichen, segelte Atli noch nicht, obwohl sein Schiff bereit war, denn der Graf hatte sich immer tiefer in Swanhilds Netzwerk verstrickt. Er rief sich viele weise Sprichwörter in Erinnerung, doch die halfen ihm nur wenig: denn wenn die Liebe wie die Sonne aufsteigt, schmilzt die Vernunft wie der Nebel dahin. So kam es schließlich dazu, daß Atli am Tage von Eriks Rückkehr zu Asmund dem Priester ging und ihn um die Hand Swanhilds der Vaterlosen bat. Asmund hörte zu und war froh, denn er wußte nur zu gut, daß die Dinge zwischen Swanhild und Gudruda nicht zum Besten standen, und es erschien ihm gut, daß das Meer die beiden trennen würde. Dennoch gebot es die Ehre, den Grafen zu warnen, daß Swanhild anders als andere Frauen war. »Du erfüllst meine Stieftochter und mein Haus mit großer Ehre, Graf«, sagte er. »Doch es schickt sich für mich, bei dieser Angelegenheit vorsichtig voranzugehen. Swanhild ist schön, und sie wird nicht ohne Mitgift von hinnen ziehen. Doch ich muß dir sagen, daß ihre Wege dunkel und geheimnisvoll sind, und ihre Launen seltsam und heftig, und ich glaube, sie wird Böses über den Mann bringen, der sie heiratet. Nun ja, ich mag dich, Atli, und wäre es nur um unserer Jugend willen, und es erscheint mir nicht richtig, daß du ein solches Mädchen heiratest, denn das Alter hat dich auf deinem Weg ereilt. Denn, wie du sagen würdest, die Jugend wird von der Jugend angezogen wie die Flut vom Ufer und fällt vom Alter zurück wie die Welle vom Felsen. Überlege also: Ist es gut, daß du sie nimmst, Atli?« »Ich habe schon im Übermaß darüber nachgedacht«, gab der Graf zurück und strich sich über den grauen Bart, »aber der
Sturm erfaßt sowohl alte wie auch neue Schiffe.« »Ay, Atli, und die neuen Schiffe fahren, wo die alten untergehen.« »Ein wahrer Rat, ein schwerer Rat, Asmund; doch ich bin entschlossen, über dieses Meer zu segeln, und wenn ich sinke nun, ich habe gutes Wetter gekannt! Große Sehnsucht hat mich erfaßt, und ich glaube, die Maid ist mir auch zugetan, und vielleicht gehen die Dinge zwischen uns auch gut. Ich habe vieles zu geben, was die Frauen lieben. Zumindest will ich es riskieren, Asmund, wenn du mir deine Zustimmung gibst, denn manchmal gewinnt der kühne Würfler den Einsatz. Ich sage nur eins: Wenn Swanhild unwillig ist, soll mein Werben ein Ende finden, denn ich möchte keine Braut, die sich vor meinen grauen Haaren schreckt.« Asmund sagte, dem solle so sein, und ihr Gespräch fand ein Ende, als auch das Licht erlosch. Nun ging Asmund hinaus, um Swanhild zu suchen, und fand sie schließlich in der Nähe des Gebäudes. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, und das war gut, denn es war nicht schön anzuschauen : ihr Antlitz war überaus wild verzerrt. »Wo bist du gewesen, Swanhild?« fragte er. »Erik Hellauge betrauern«, gab sie zur Antwort. »Es geziemt sich eher, daß Gudruda über Erik trauert denn du, denn ihr Verlust ist schwer«, sagte Asmund streng. »Was hast du mit Erik zu schaffen?« »Wenig, oder viel, oder alles - nimm es, wie du willst, Stiefvater. Doch nicht alle, um die geweint wird, sind verloren, noch wird um alle, die verloren sind, geweint.« »Ich verstehe nur wenig von deiner dunklen Rede«, sagte Asmund. »Wo ist Gudruda?« »Hoch ist sie, oder tief, schlafend oder vielleicht erwacht. Es kümmert mich nicht. Auch sie hat um Erik getrauert, und wir gingen fort, um unsere Tränen zu vermischen - nahe beieinander waren braune Locken und goldene.« Und sie lachte laut.
»Du hast wahrlich das Zweite Gesicht, du böses Kind!« sagte Asmund. »Ay, Stiefvater, das Zweite Gesicht. Aber dies ist nur das erste meines Weltentrücktseins. Hier fängt die Straße an, über die ich reisen muß, und meine Füße werden noch vor Ende der Reise rot sein.« »Laß dein dunkles Gerede sein«, sagte Asmund, »denn für mich ist es wie der Gesang des Windes, und höre mir zu: Ein gut Ding ist dir zugestoßen - ay, ein besseres, als du es verdient hast.« »Ist dem so? Nun, mich dürstet nach einer guten Botschaft. Wie sieht die deine aus, Stiefvater?« »Sie lautet: Atli der Graf bittet um deine Hand, und er ist ein mächtiger Mann, geehrt in seinem eigenen Land und von höherer Stellung, als ich sie für dich ersehnt habe.« »Ay«, gab Swanhild zurück, »so hoch wie der Schnee über den Wasserfällen, und in den Jahren gelegen, die schon lange tot sind. Nein, Stiefvater, dieser weißbärtige, kindische Greis ist kein Mann für mich. Soll ich denn mein Feuer mit seinem Frost vermischen, meine üppige Jugend mit der schleichenden Lähmung seines Alters? Niemals! Wenn Swanhild heiratet, wird sie nicht so heiraten, denn es ist besser, jungfräulich ins Grab zu gehen als zu verschrumpeln und über der Berührung des Alters zu verdorren. Nun ist Atlis Werben zerschlagen, und dies ist endgültig.« Asmund hörte zu und wurde zornig, denn die Sache erschien ihm seltsam, auch durfte ein Mädchen die Worte desjenigen, der über ihm steht, nicht zur Seite schieben. »Es ist nicht endgültig«, sagte er. »Ich dulde diese Antwort nicht von einem Mädchen, das von meiner Mildtätigkeit lebt. Ich sage dir ausdrücklich: Entweder du heiratest Atli, oder du gehst von dannen. Ich habe dich geliebt, und um dieser Liebe willen habe ich deine Boshaftigkeit ertragen, deine dunkle, verstohlene Art, deine bösen Worte. Aber du wirst nicht mehr
gegen meinen Willen verstoßen, Swanhild.« »Du würdest mich mit meiner Mutter Groa von hier vertreiben, obwohl du vielleicht doch mehr Grund hättest, mich liebzuhaben, Stiefvater. Keine Bange: Ich werde gehen - vielleicht weiter, als du glaubst.« Und wieder lachte Swanhild und trat dann an ihm vorbei in die Dunkelheit. Aber Asmund blieb stehen und schaute ihr nach. »Wahrlich«, sagte er sich in seinem Herzen, »schlechte Taten sind Pfeile, die den durchbohren, der sie verschießt. Ich habe Böses ausgesät, und nun hole ich die Ernte ein. Was meint sie mit ihrem Gerede über Gudruda und die anderen?« Als er darüber nachdachte, sah er, wie Männer und Pferde sich näherten, und ein Mann, dessen Helm im Mondschein glänzte, trug etwas auf den Armen. »Wer da?« rief er. »Erik Hellauge, Skallagrim Lammschweif und Gudruda, Asmunds Tochter«, gab eine Stimme zurück. »Wer bist du?« Da sprang Asmund der Priester vor, zutiefst froh im Herzen, denn er hätte nie geglaubt, Erik noch einmal zu sehen. »Willkommen und dreimal willkommen seist du, Erik«, rief er, »denn wisse, wir haben dich tot gewähnt.« »Ich bin dem Tod erst kürzlich nahe gekommen, Herr«, sagte Erik, denn er hatte die Stimme erkannt, »aber ich bin gesund und heil, wenn auch ein wenig müde.« »Was ist dir geschehen?« fragte Asmund, »und warum hältst du Gudruda in den Armen? Ist die Maid tot?« »Nein, sie ist nur ohnmächtig. Siehe, gerade eben rührt sie sich.« Und während er dies sagte, erwachte Gudruda erschaudernd, und mit einem leisen Schrei warf sie die Arme um Eriks Hals. Er setzte sie ab und tröstete sie, dann wandte er sich wieder Asmund zu: »Drei Dinge haben sich zugetragen«, sagte er. »Zum ersten habe ich einen Berserker getötet und einen anderen als meinen Leibeigenen gewonnen, und für ihn erbitte ich
deinen Frieden, denn er hat mir gut gedient. Zum nächsten sind wir beide Ospakar Schwarzzahn und seiner Gefolgschaft begegnet. Wir haben ihn im Kampf um unser Leben verletzt - und seinen Sohn Mord und sechs andere seiner Männer getötet.« »Das sind gute Nachrichten und schlechte«, sagte Asmund, »da Ospakar ein hohes Wergeid für diese Männer fordern und dich zum Gesetzlosen erklären lassen wird, Erik.« »Dies mag schon sein, Herr. Doch es bleibt noch genug Zeit, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nun heißt es, andere Botschaften zu überbringen. Als ich ans Ufer des Goldfuchs' kam, fand ich Gudruda, meine Verlobte, wie sie meinen Tod betrauerte, und sprach mit ihr. Danach verließ ich sie und kehrte bald wieder zu ihr zurück, da ich sah, daß sie an einem Abgrund hing und Swanhild Steine auf sie warf, um sie zu zerschmettern.« »Dies sind in der Tat Neuigkeiten«, sagte Asmund, »die mein Herz gefürchtet hat! Ist dies wahr, Gudruda?« »Es ist wahr, mein Vater«, gab Gudruda zitternd zurück. »Als ich am Rand des Goldfuchs' saß, schlich sich Swanhild von hinten an und stieß mich in den Abgrund. Dort hing ich über dem Wasser, und sie holte einen Stein, den sie auf mich werfen wollte. Dann sah ich plötzlich Eriks Gesicht, und danach hat mich das Bewußtsein verlassen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.« Nun wurde Asmund wie toll. Er raufte sich den Bart und stampfte mit dem Fuß auf. »Auch wenn sie eine Jungfrau ist«, rief er, »wegen Hexerei und Mord soll Swanhilds Rücken auf dem Stein des Verderbens gebrochen werden! Ihr Leichnam soll im See der treulosen Frauen enden - dann ist sie vom Antlitz der Erde verschwunden!« Nun sah Gudruda auf und lächelte. »Es wäre schlecht, eine solche Rache über sie zu bringen, Vater«, sagte sie, »und es würde die größte Schande über dich und unser gesamtes Haus bringen. Ich bin gerettet durch die Gnade der Götter und die
Kraft von Eriks Arm, und dies ist mein Rat: Wir wollen kein Wort von dieser Geschichte verlauten lassen, doch Swanhild soll dorthin geschickt werden, wo sie uns keinen Schaden mehr bringen kann.« »Dann müssen wir sie ins Grab schicken«, sagte Asmund und fiel in düstere Gedanken. Schließlich sprach er: »Dein Gefolgsmann soll zurücktreten, ich möchte mit euch allein sprechen.« Skallagrim ging grollend davon. »So hört nun, Erik und Gudruda: Erst vor einer Stunde hat Atli der Gute mich gebeten, ihm Swanhild zur Frau zu geben. Aber nun traf ich Swanhild hier, und ihr Antlitz war zornig. Dennoch sprach ich mit ihr, doch sie wollte nichts davon hören. Nun ist dies mein Rat: daß wir Swanhild vor die Wahl stellen, entweder als Atlis Frau von dannen zu gehen, oder ihr Urteil im Ring des Verderbens zu erwarten.« »Das wird schlimm für den Grafen sein«, sagte Erik. »Mich deucht, er ist ein zu guter Mann, als daß wir ihn so übel mitspielen sollten.« »Zuerst das Kind, dann der Freund«, gab Asmund zurück. »Nun werde ich euch etwas sagen, das ich bis zu dieser Stunde vor allen verborgen habe, denn es gerät zu meiner Schande. Diese Swanhild ist meine Tochter, und daher habe ich sie geliebt und über ihre bösen Taten hinweggesehen, und sie ist deine Halbschwester, Gudruda. Ihr seht also, in welch mißlicher Lage ich mich befinde, denn ich muß die eine Tochter gegen die andere aufwiegen.« »Weiß dein Sohn Björn davon?« fragte Eric. »Bis zu dieser Stunde weiß es niemand, abgesehen von Groa und mir.« »Und doch habe ich es schon lange befürchtet, Vater«, sagte Gudruda, »und daher habe ich auch mit Swanhild gehalten, obwohl sie mich sehr haßt und versucht hat, mir den Verlobten zu nehmen. Doch kannst du nur einen Rat annehmen, und der ist: Swanhild soll zwischen diesen beiden Dingen wählen,
obwohl es unwürdig ist, Atli zu täuschen. Und im besten Fall kann nur wenig Gutes daraus entstehen.« »Und doch muß es geschehen, denn die Ehre wird oft von schwerer Not besiegt«, sagte Asmund. »Aber zuerst müssen wir deinen Gefolgsmann schwören lassen, obwohl nur wenig Treue in der Brust eines Berserkers ist.« Nun rief Erik Skallagrim herbei und trug ihm schärfstens auf, nichts über Swanhild zu sagen, und über den Wolf, den er bei ihr gesehen hatte, und wie er Gudruda über dem Abgrund schwebend gefunden hatte. »Seid unbesorgt«, grollte der Berserker, »meine Zunge ist nun die meines Herrn. Was interessiert es mich, wenn Frauen miteinander ihre bösen Spiele treiben? Sollen sie doch ihre Hexerei betreiben, sich einander hassen und hinterrücks töten, damit das Böse in der Welt geringer wird.« »Friede!« sagte Erik. »Wenn irgend etwas davon über deine Lippen kommt, bist du nicht länger mein Knecht, und ich liefere dich den Männern deines Landes aus.« »Und ich zerspalte deinen Wolfsschädel bis zu deinen Falkenaugen«, sagte Asmund. »Aber im anderen Falle gebe ich dir Frieden und halte Schaden von dir fern, Waldbewohner, der du bist.« »Meine Hände werden meinen Kopf gegen zehn Knirpse wie dich, Priester, zu schützen wissen«, lachte der Berserker. »Es gab nur einen Mann, der mich in offenem Kampf besiegen konnte, und der steht dort. Sein Wunsch ist mir Befehl. So verschwende keine Worte und spreche keine lächerlichen Drohungen gegen größere Männer aus.« Mit diesen Worten ging er in nachlässiger Haltung zu seinem Pferd zurück. »Ein starker Mann und ein grober«, sagte Asmund und sah ihm nach. »Sein Gesichtsausdruck gefällt mir nicht.« »Dennoch ist er mächtig im Kampf«, sprach Erik. »Hätte er mir nicht vor sechs Stunden den Rücken freigehalten, hätten mir die Raben inzwischen schon die Augen ausgepickt. Daher
komme um meinetwegen mit ihm aus.« Asmund sagte, so solle es sein; dann gingen sie zum Haus. Hier legte Erik seinen Harnisch ab, wusch sich und verband seine Wunden. Dann betrat er, als sich die Männer gerade zum Nachtmahl niedersetzten, gefolgt von Skallagrim, die Axt in der Hand, die Halle. Nun hatte sich schon herumgesprochen, welch mächtige Taten er vollbracht hatte - abgesehen von der Rettung Gudrudas -, und als Hellauge kam, erhoben sich alle Männer und riefen wie mit einer Stimme, bis daß das Dach der großen Halle erzitterte: »Willkommen, Erik Hellauge, du Ruhm des Südens!« Nur Björn, Asmunds Sohn, ballte die Fäuste und schwieg, denn er haßte Erik wegen des Ruhms, den der errungen hatte. Hellauge rührte sich erst, als der Lärm erstarb. Dann sagte er: »Viel Lärm um kleine Taten, Brüder. Es ist wahr, daß ich die Moosberg-Berserker besiegte. Seht, hier ist einer.« Und er wandte sich zu Skallagrim um. »Ich würgte ihn mit meinen Armen auf der Klippe des Moosbergs, und das war schon eine Tat. Dann schwor er mir die Treue. Wir sind jetzt Blutsbrüder, und daher erbitte ich Frieden für ihn, Gefährten - selbst von jenen, denen er Übel getan oder deren Verwandte er getötet hat. Ich muß euch sagen, als wir danach Rücken an Rücken standen und die Männer Ospakar Schwarzzahns erwarteten, die uns töten wollten - ay, und auch Asmund und Gudruda verschleppen wollten, damit sie Schwarzzahns Weib würde -, da kämpfte er sehr tapfer, bis sieben von ihrer Schar steif auf den Pferdekopfhöhen lagen, von uns besiegt. Darunter auch Mord, Schwarzzahns Sohn. Und Ospakar selbst wurde von Skallagrim schwer verletzt. Daher laßt diesem Mann, der ein Berserker war, aber nun mein Leibeigener ist, um meinetwillen kein Übel geschehen; und überdies erbitte ich die Hilfe und Freundschaft aller Männer in diesem Raum bei der Anklage, die im Althing wegen dieser Toten gegen mich vorgebracht werden wird. Ich gebe hiermit zu, daß sie durch meine Hand gestorben sind und
durch die Hand Skallagrim Lammschweifs, des Berserkers.« Bei diesen Worten riefen die Männer erneut ihre Zustimmung; aber Atli der Graf sprang von dem Thron, den Asmund ihm überlassen hatte, trat zu Erik, küßte ihn, zog eine Goldkette von seinem Hals, legte sie ihm um und rief: »Du bist ein ruhmreicher Mann, Erik Hellauge! Ich dachte, die Welt hätte keinen mehr von deiner Sorte. Höre meinen Wunsch: Komm zu meiner Grafschaft auf die Orkney-Inseln und sei ein Sohn für mich, und ich werde dir alles geben, was ich habe, und wenn ich sterbe, sollst du mir in meinem Amt folgen.« Aber Erik dachte an Swanhild, die als Atlis Frau von Island ziehen mußte, und erwiderte: »Du erweist mir eine große Ehre, Graf, aber ich kann sie nicht annehmen. Die Tanne muß wachsen und fallen, wo sie gepflanzt wurde. Ich liebe Island, und ich werde hier bei meinem eigenen Volk bleiben, bis man mich vertreibt.« »Dies könnte sehr gut geschehen«, sagte Atli, »denn sei sicher, daß Ospakar und seine Verwandten die Sache mit diesen Toten nicht ruhen lassen werden. Es wird dir wohl nicht viel nützen, daß du um dein Leben gekämpft hast. Begleite mich also, und sei mein Mann.« »Ich muß dorthin folgen, wohin die Nornen mich führen«, sagte Erik und setzte sich zum Fleischmahl nieder. Skallagrim setzte sich ebenfalls auf die Querbank; aber die Männer schreckten vor ihm zurück, und er bedachte sie daraufhin mit düsteren Blicken. Schließlich trat Gudruda ein, und sie wirkte bleich und schwach. Als Erik gegessen hatte, zog er Gudruda auf seine Knie, und sie setzte sich und legte ihren blonden Kopf auf seine Brust. Aber Swanhild kam nicht in die Halle, obwohl Atli ständig ihr dunkles Gesicht und ihre schönen blauen Augen suchte, und er fragte sich besorgt, ob sein Werben vergeblich gewesen war.
Doch für den Augenblick erwähnte er Asmund gegenüber nichts davon. Nun trank Skallagrim viel Ale und warf mit wilden Blicken um sich; denn er hatte die Schwäche, sich mitunter zu betrinken. Vor ihm saßen zwei Knechte Asmunds; es waren Brüder, beide hochgewachsene Männer, die Asmunds Schafe auf den Winterweiden hüteten. Diese beiden waren auch betrunken, und sie verhöhnten Skallagrim, indem sie ihn fragten, welche Sühne er für die Mutterschafe tun wolle, die er beim letzten Julfest gestohlen habe, und wie es geschehen sei, daß er, ein Berserker, von einem Unbewaffneten besiegt worden sei. Skallagrim ertrug ihre Sticheleien für eine Weile, während er weitertrank, doch dann sprang er plötzlich auf und stürmte auf sie zu, und indem er beide mit je einer Hand an der Kehle faßte, stieß er sie zu Boden und hätte sie beinahe erwürgt. Da eilte Erik durch die Halle auf ihn zu und riß den Berserker mit aller Kraft von den beiden Männern zurück. »Das ist also deine Friedfertigkeit, du Wolf!« rief Erik. »Du bist betrunken!« »Ay«, grollte Skallagrim, »das Ale ist das Verderben vieler Männer.« »Dann achte darauf, daß es nicht zu dem deinen und meinen gerät!« sagte Erik. »Leg dich schlafen; und wisse, wenn ich dich noch einmal so sehe, sehe ich dich nie wieder an.« Aber danach verspotteten die Männer Skallagrim Lammschweif, Eriks Leibeigenen, nicht mehr.
XI WIE SWANHILD SICH VON ERIK VERABSCHIEDETE Nun geschah all dies, während Asmund tief in Gedanken versunken dasaß; aber als die Männer schließlich in den Schlaf fielen, nahm er sich eine Kerze aus Talg und ging zu dem einzelnen Bett, in dem Swanhild allein schlief. Sie lag auf dem Bett, und ihre Haarlocken fielen über ihren Körper. Sie war wach, denn das Licht leuchtete in ihren blauen Augen und auf einer bloßen Klinge, die daneben auf dem Bett lag, halb verborgen von ihrem Haar. »Was willst du, Stiefvater?« fragte sie und erhob sich auf der Liege. Asmund zog die Vorhänge zu, sah sie streng an und sagte leise: »Du bist schön für ein so verwerfliches Ding, Swanhild, denn wer hätte sich schon träumen lassen, daß dein Herz mit Kobolden und Werwölfen sprechen kann - daß deine Augen es ertragen können, einen Mord zu sehen und diese weißen Hände die Kraft haben, eine Sünde zu begehen?« Sie hob ihre wohlgeformten Arme, betrachtete sie und lachte. »Ich wünschte nur, sie wären stärker«, sagte sie. »Mögen sie verrotten in ihrer Frauenschwäche! Sonst wäre die Tat vollendet worden. So aber lastet mein Verbrechen schwer auf mir, und nichts wurde erreicht. Sag, welch Schicksal mich erwartet, Stiefvater. Der Stein des Verderbens und der See, in dem die treulosen Frauen liegen? - Ah, dann hat Gudruda wahrlich Grund zum Lachen, denn ich lebe nicht mehr, um ihr Gelächter zu hören. Siehst du« - und sie ergriff den Dolch, der an ihrer Seite lag - »an dieser scharfen Kante verläuft der Weg zu Frieden und Freiheit, und wenn es nötig ist, beschreite ich ihn auch.« »Schweig«, sagte Asmund. »Gudruda, meine Tochter, die du auf verderbte Weise zu Tode bringen wolltest, ist deine eigene
Schwester, und sie ist es auch, die Mitleid mit dir hat und um dein Leben bittet.« »Ich, die ich kein Mitleid habe, will nichts von ihrem Mitleid«, gab Swanhild zurück. »Und dies sage ich dir, der du mein Vater bist: Schande über dich, der du es nicht gewagt hast, dich zu deinem Kind zu bekennen.« »Wärst du nicht mein Kind gewesen, Swanhild, und hätte ich dich nicht insgeheim als mein Kind geliebt, dies sei dir gewiß: ich hätte dich schon längst fortgejagt, denn meine Augen haben vieles gesehen, wenn sie auch geschlossen wirkten. Aber nun hat deine Bösartigkeit meine Liebe besiegt, und ich will dein Gesicht nicht mehr sehen. Hör zu: Keiner außer denen, die sie gesehen haben, hat von deiner schändlichen Tat gehört - und deren Zungen sind versiegelt. Nun stelle ich dich vor die Wahl: Heirate Atli und geh, oder stehe im Ring des Verderbens und nimm dein Schicksal an.« »Habe ich dir nicht gesagt, Vater, daß ich das letztere niemals tun werde, wiewohl mich der Tod auf andere Art ereilen kann? Noch werde ich das erste tun. Ich bin nicht von der zahmen Art wie ihr Isländer - fremdes und wilderes Blut fließt in meinen Adern. Nie werde ich mich an einen kindischen Greis in die Ehe verkaufen lassen wie eine Schindmähre auf dem Markt. Das war meine Antwort.« »Närrin! Überlege noch einmal, denn ich nehme mein Wort nicht zurück. Heirate Atli oder stirb - durch eigene Hand, wenn du willst, das werde ich dir nicht verwehren. Doch wenn du dies fürchtest, hinein in den Ring des Verderbens.« Dann schlug Swanhild die Hände vor die Augen und schüttelte sich das lange Haar aus dem Gesicht, und Asmund dem Priester, der ihr zusah, kam sie dabei wunderschön vor. Und als sie so dasaß, kam ihr in den Sinn, daß die Ehe für ein junges Mädchen nicht das Ende des Lebens war - daß alte Ehemänner auch einmal sterben würden und daß sie Atli und seine Grafschaft beherrschen und eine reiche und angesehene Frau wer-
den konnte, wenn sie die Segel so setzte, daß der Wind sie füllte, wenn er aufkam. Oder aber, sie mußte sterben - ay, in Schande sterben. Und Gudruda mit ihrem Liebsten zurücklassen. Plötzlich schlüpfte sie vom Bett auf den Boden der Kammer, umfaßte Asmunds Knie und blickte durch das Gewirr ihres Haars auf, während die Tränen nur so aus ihren wunderschönen Augen strömten: »Ich habe gesündigt«, schluchzte sie, »ich habe schwer gegen dich und meine Schwester gesündigt. Höre: Ich war toll vor Liebe zu Erik, dem ich von Kind an zugeneigt war, und Gudruda ist schöner als ich, und sie hat ihn mir weggenommen. Am tollsten war ich in dieser Nacht, als ich die schändliche Tat beging, denn ich bekam einen bösen Rat - einen Rat, um den ich nicht gebeten hatte. Und ich danke den Göttern - falls es sie gibt -, daß Gudruda nicht durch meine Hand gestorben ist. Nun sieh, Vater, ich weise das Böse von mir und reiße Erik aus meinem Herzen.« Und sie machte eine Bewegung, als würde sie sich die Brust aufreißen. »Ich werde Atli heiraten und ihm eine gute Frau sein, und ich erbitte nur eins von Gudruda: daß sie mir vergibt, was ich ihr antun wollte, denn es geschah nicht aus freiem Willen, sondern im Wahn und auf Verlangen derer, die zu kennen meine Mutter mich gelehrt hat.« Asmund hörte ihr zu, und die Quelle seiner Liebe taute in ihm auf. »Nun hast du einen guten Rat angenommen«, sagte er, »und sei dir gewiß, solange du dich auf diese Weise verhältst, wird niemand dir ein Leid tun. Und was Gudruda betrifft, so ist sie die sanfteste aller Frauen, und es ist sehr gut möglich, daß sie dir deine Sünde vergibt. So weine nicht mehr, und gib dich nicht mehr mit der finnischen Hexerei ab. Schlaf ein, und morgen werde ich Atli dein Wort überbringen, denn sein Schiff ist zum Auslaufen bereit, und du mußt schnell unter die Haube.« Er ging hinaus und nahm die Kerze mit, doch Swanhild erhob
sich vom Boden und setzte sich auf die Bettkante. Sie starrte in die Dunkelheit und erschauerte von Zeit zu Zeit. »Ich, die ich nur eines Mannes Weib sein wollte, werde bald zu Atlis Weib gemacht«, murmelte sie, »und mich deucht, ich werde schon bald eine Witwe sein. Du wolltest mich haben, närrischer Greis - nun nimm mich und dein Schicksal! Gut, gut. Es ist besser, einen Grafen zu heiraten als in Schande verstoßen und über dem Stein des Verderbens gestreckt zu werden. Oh, ihr schwachen Arme, die ihr mich in meiner Not verlassen habt, nie mehr werde ich Vertrauen in euch setzen! Wenn ich das nächste Mal jemanden verletze, wird es mit der Zunge sein, und wenn ich beabsichtige, jemanden zu töten, wird es durch eine andere Hand geschehen. Sei verflucht, du schlechter Ratgeber der Dunkelheit, der du mich schlußendlich betrogen hast! Habe ich dich dafür angebetet und dir den Eid geschworen?« Der Morgen kam, und beim ersten Licht suchte Asmund den Grafen auf. Sein Herz war schwer wegen des Betrugs, den seine Zunge verüben mußte, und sein Gesicht war so düster wie die Winterdämmerung. »Welche Neuigkeiten bringst du, Asmund?« fragte Atli. »Frühe Neuigkeiten sind schlechte Neuigkeiten, so lautet das Sprichwort und dein Gesichtsausdruck verleiht ihm Gewicht.« »Nicht unbedingt schlechte, Graf. Swanhild wird dich zum Mann nehmen.« »Aus eigenem Willen, Asmund?« »Ay, aus freiem Willen. Doch ich habe dich vor ihrem Temperament gewarnt.« »Ihr Temperament! Wenig hängt am Temperament eines Mädchens. Einmal zur Frau gemacht, und sie wird so weich dahinschmelzen wie der Schnee, wenn der Sommer kommt. Dies sind gute Neuigkeiten, Gefährte, und mich deucht, ich werde unter ihrem Odem wieder jung. Warum bist du also so verdrossen?« »Da ist noch etwas, das ich dir über Swanhild sagen muß«,
sagte Asmund. »Man nennt sie die Vaterlose, aber wenn du die Wahrheit wissen willst - nun, hier ist sie: Sie ist meine Tochter, unehelich geboren, und ich weiß nicht, wie dir das gefallen wird.« Atli lachte laut, und die hellen Augen strahlten in seinem faltigen Gesicht. »Es gefällt mir gut, Asmund, denn dann entstammt das Mädchen einem gesunden Schlag. Der Name des Priesters vom Middalhof ist weit im Süden von Island berühmt; und nie wurde auf Island eine stattlichere Maid geboren. Ist das alles?« »Noch eins, Graf. Dies verlange ich von dir: Gib auf deine Frau acht, und halte sie zurück von der Hexerei und der Beschäftigung mit bösen Dingen und Trollen der Finsternis. Sie ist von finnischem Blut, und die Frauen der Finnen sind erfahren in derartig bösem Werk.« »Ich gebe nur wenig auf Hexenwerk, Zwerge und dergleichen«, sagte Atli. »Ich habe großen Zweifel an ihrer Macht und werde Swanhild schnell von solchen Dingen abbringen, wenn sie sie wirklich ausübt.« Dann handelten sie Swanhilds Mitgift aus, die nicht gering ausfiel. Danach suchte Asmund Erik und Gudruda und berichtete ihnen, was sich ereignet hatte. Die beiden freuten sich über die Neuigkeit, wenngleich sie auch Atli den Grafen bemitleideten. Und als Swanhild Gudruda begegnete, verhielt sie sich unterwürfig, küßte ihr die Hand und erflehte unter Tränen Vergebung für ihre böse Tat, wobei sie sagte, sie sei von Sinnen gewesen. Gudruda versagte sie ihr nicht, da sie von allen Frauen die sanfteste und vergebungsvollste war. Aber zu Erik sagte Swanhild nichts. Das Hochzeitsfest mußte am dritten Tag danach gehalten werden, da Atli an diesem Tag in See stechen würde, denn seine Leute waren des Wartens müde, und das Schiff konnte nicht mehr länger vor Anker liegen. Atli der Graf war bester Laune, und Swanhild wirkte völlig verändert, denn nun schien
sie das sanfteste aller Mädchen zu sein. Sie bewegte sich wie eine, die bald zur Frau gemacht werden würde, mit leisen Worten und niedergeschlagenem Blick durchs Haus. Doch als Skallagrim sie beobachtete, dachte er an den grauen Wolf, den er beim Goldfuchs gesehen hatte, und dies gefiel ihm gar nicht. »Ich möchte nicht in der Haut dieses alten Grafen stecken«, sagte er zu Erik, als sie zum Kaltrücken ritten. »Die Launen dieser Frau ändern sich zu schnell, und nach einer solchen Ruhe kommt gewiß ein Sturm. Sie erinnert mich jetzt an Thorunna, denn sie benahm sich ebenso, bevor sie sich Ospakar und mich der Schande und den Ketten auslieferte.« »Spreche nicht vom Raben, ehe du sein Krächzen hörst«, sagte Erik. »Er ist schon im Anflug, Herr«, gab Skallagrim zurück. Nun kam Erik zum Kaltrücken in den Marschen, und seine Mutter Saevuna und Unna, Thorods Tochter und Asmunds Verlobte, hießen ihn freudig willkommen; denn seine großen Taten, der Kampf mit Ospakar und Mords Tod hatten sich schon weit herumgesprochen. Aber Skallagrim Lammschweif sahen sie von der Seite an. Doch als sie von den Taten hörten, die er auf den Pferdekopfhöhen vollbracht hatte, hießen sie ihn deretwegen willkommen. Erik blieb zwei Nächte auf dem Kaltrücken, und am zweiten Tag ritten seine Mutter Saevuna und Unna mit ihren Dienern zum Hochzeitsfest von Swanhild der Vaterlosen. Aber Erik blieb in dieser Nacht auf dem Kaltrücken und sagte, er würde innerhalb von zwei Stunden nach Sonnenaufgang auf Middalhof sein, weil er noch mit einem Schafhirten sprechen müßte, der von den Wasserfällen käme. Saevuna und ihre Gesellschaft kamen auf dem Middalhof an und wurden zuerst von Gudruda, dann von Swanhild gefragt, warum Hellauges Ankunft sich verzögere. Sie erklärte, er würde am frühen Morgen dort sein. Am nächsten Morgen, bevor es hell wurde, schnallte Erik sich Weißfeuer um, bestieg
das Pferd und brach allein vom Kaltrücken auf, denn er wollte Skallagrim nicht mitnehmen, da er fürchtete, der Berserker könne sich auf dem Fest betrinken und Blut vergießen. Es war Swanhilds Hochzeitstag; aber sie hieß ihn ganz und gar nicht mit leichtem Herzen willkommen, denn ihre Augen hatten in dieser Nacht keinen Schlaf gefunden, obwohl sie schwer von Tränen waren. Beim ersten Licht erhob sie sich, und als sie aus dem Haus schlich, ging sie durch den schweren Tau über den Pfad, auf dem Erik kommen mußte, denn sie wollte mit ihm reden. Auch Gudruda erhob sich kurz darauf und benutzte, obwohl sie dies nicht wußte, den gleichen Pfad, denn sie wollte ihren Liebsten bei seiner Ankunft begrüßen. Nun stand etwa drei Achtelmeilen vom Haus entfernt ein Wickenschuppen, auf dessen anderer Seite Swanhild wartete. Schließlich hörte sie von der abgewandten Seite des Hanges ein Singen und das Schlagen von Pferdehufen. Dann sah sie die goldenen Schwingen von Eriks Helm im Sonnenschein aufblitzen, während er fröhlich dahinritt, und große Verbitterung erfaßte sie, daß Erik an dem Tag, da sie, die ihn doch liebte, die Frau eines anderen wurde, in solch fröhlicher Stimmung war. Schließlich stand er vor ihr. Swanhild trat aus dem Schatten des Schuppens und legte die Hand auf das Zaumzeug seines Pferdes. »Erik«, sagte sie bescheiden und gesenkten Hauptes, »Gudruda schläft noch. Kannst du also die Zeit finden, meinen Worten zu lauschen?« Er runzelte die Stirn. »Mich deucht, Swanhild«, sagte er, »es wäre besser, du würdest zu dem sprechen, der dein Herr ist.« Sie ließ das Zaumzeug aus ihren Fingern gleiten. »Ich habe meine Antwort«, sagte sie, »reite weiter.« Nun rührte sich das Mitleid in Eriks Herz, denn Swanhilds Antlitz war sehr betrübt, und er sprang vom Pferd. »Nein«, sagte er, »sprich, wenn du mir irgend etwas zu sagen hast.«
»Ich habe dir dies zu sagen, Erik: Bevor wir für immer getrennt werden, bin ich gekommen, dich um Verzeihung für meine bösen Taten zu bitten - ay, und um dir und deiner schönen Liebsten alle Freude zu wünschen.« Und sie schluchzte und weinte. »Sprich nicht mehr davon, Swanhild«, sagte er, »doch hülle mit guten Taten deine schlechten ein, die nicht gering sind; so wirst du glücklich werden.« Sie sah ihn eigentümlich an, und ihr Gesicht war blaß vor Schmerz. »Wie können wir so verschieden geschaffen sein, daß du, Erik, von Glück reden kannst, während mein Herz in Trauer erstickt? Oh, Erik, ich mache dir keine Vorwürfe, denn du hast das Böse nicht willentlich über mich gebracht; aber ich sage dir, mein Herz ist tot, so tot, wie ich gern sein würde. Sieh diese Blumen: sie riechen süß, doch für mich haben sie keinen Duft. Sieh das Licht, das vom Kaltrücken zum Meer springt, vom Meer zu den Westman-Inseln, und von den Inselfelskronen hoch in den weiten Himmel. Es ist wunderschön, nicht wahr? Und doch sage ich dir, Erik, daß in meinen Augen die heulende Winterfinsternis nun ebenso schön ist. Die Freude in mir ist tot; Musik ist nur mehr ein wirrer Klang in meinen Ohren; das Essen hat keinen Geschmack mehr auf meiner Zunge, und meine Jugend ist vergangen, ehe meine Morgendämmerung zum Tag geworden ist. Nichts bleibt mir übrig, Erik, bis auf diesen schönen Körper, den du verachtest, und die Träume, die ich aus meinen Stunden des spärlichen Schlafes bekomme, und die Schande, die eine Braut befällt, die keine Liebe kennt.« »Sag dies nicht, Swanhild«, sprach er und nahm sie bei der Hand, denn obwohl er ihre Verderbtheit verachtete, war er noch jung und hatte ein weiches Herz, und es betrübte ihn, ihre Worte zu hören und ihre Seelenpein zu sehen. Denn so ist es nun einmal mit Männern - sie lassen sich leicht vom Flehen
einer schönen Frau verleiten, die sie liebt, auch wenn sie selbst sie nicht lieben. »Ja, ich werde alles sagen, wonach der Sinn mir steht, ehe meine Lippen für immer versiegelt sind. Siehe, Erik, so fühle ich mich, und du hast mir diese Krone des Leids auf den Kopf gesetzt: Du kommst singend den Hügel herab, und ich fahre weinend übers Meer! Ich bin nicht ganz so schlecht im Herzen. Es war die Liebe zu dir, die mich in die Niederungen der Sünde führte, wie mich die Liebe zu dir auch zur Heiligkeit hätte erhöhen können. Aber wie du siehst, eheliche ich, die ich dich liebe, heute einen kindischen Greis. Ich fahre als sein Hab und Gut, als seine Braut, übers Meer, und lasse dich singend auf dem Hügel zurück, neben ihr, die meine Feindin ist. Du hast große Taten vollbracht, Erik, und noch größere wirst du vollbringen; doch nur als Echos werden sie an meine Ohren dringen. Du wirst für mich sein wie ein Toter, denn Gudruda wird dir den Harnisch binden, wenn du in den Krieg ziehst, und sie wird dir diesen Helm mit den Schwingen vom Kopfe nehmen, wenn du zurückkehrst, müde vom Kampf und siegreich.« Dann hielt Swanhild inne und rang vor Traurigkeit nach Luft. Und sie fuhr fort: »So lebe denn wohl; zweifellos ermüde ich dich, und Gudruda wartet. Nein, sieh nicht auf meine törichten Tränen; sie entstammen meinem Erbe als Frau, eine jede ist sich ihrer gewiß! Solange ich lebe, Erik, wird Morgen für Morgen der Gedanke an dich zu mir kommen, um mich zu wecken, wie die Sonne jenen schneebedeckten Gipfel weckt, und Nacht für Nacht wird die Erinnerung vergehen, wie sie am Abend aus den Tälern weicht, nur um in Träumen wieder zu dämmern. Denn dich, Erik, heirate ich heute - im Herzen bin ich deine Braut, deine und nur deine. Wann wirst du eine Frau finden, die dich so liebhat wie Swanhild, die du einst kanntest? So lebe denn wohl! Ja, diesmal sollst du meine Tränen fortküssen; danach sollen sie für immer fließen. So, Erik! Und so! Und so
nehme ich Abschied von dir.« Und dann warf sie sich an seinen Hals und sah ihn mit großen, feuchten Augen an, bis ihm sehr seltsam zumute wurde und er sie küssen mußte, wenn auch nur ihrer Liebe und zarten Schönheit willen. Und so küßte er sie, und der Zufall wollte es, daß Gudruda über den Pfad kam, um ihren Liebsten zu begrüßen, als sie sich so umarmten. Sie sah die beiden und blieb erstaunt stehen. Dann wandte sie sich ab und floh, indem sie die Hände an den Kopf preßte, schnell zu dem Schuppen zurück, wo sie wartete, wobei großer Zorn in ihrem Herzen brannte; denn es war Gudrudas Schwäche, sehr eifersüchtig zu sein. Doch Erik und Swanhild bemerkten sie nicht, schließlich trennten sie sich, und Swanhild wischte sich die Augen und huschte von dannen. Als sie an dem Schuppen vorbeikam, fand sie die wartende Gudruda. »Wo bist du gewesen, Swanhild?« fragte sie. »Mich von Hellauge verabschieden, Gudruda.« »Dann bist du töricht, denn zweifellos hat er dich abgewiesen.« »Nein, Gudruda, er hat mich angehört. Hör mir zu, Schwester. Belästige mich nicht, sage ich, denn ich gehe meine Wege und du die deinen. Du bist stark und schön, und bislang hast du mich besiegt. Aber auch ich bin schön, und wenn ich weiß, wo ich zuschlagen muß, kann auch ich eine gewisse Stärke zeigen. Bete du, daß es dazu nicht kommt, Gudruda. Nun ist Erik dein. Vielleicht ist er eines Tages mein. Dies liegt im Schoß der Nornen.« »Schöne Worte von Atlis Braut«, spottete Gudruda. »Ay, Atlis Braut, aber niemals Atlis Liebe«, sagte Swanhild und ging weiter. Nach einer Weile ritt Erik heran. Er war schamesrot und betroffen im Herzen, da er Swanhilds Schönheit anheimgefallen
war und ihre zärtlichen Worte ihn aufgetaut und verführt hatten, sie zu küssen. Dann sah er Gudruda, und bei ihrem Anblick wichen alle Gedanken an Swanhild von ihm, denn er liebte Gudruda, und nur sie allein. Er saß ab und lief zu ihr. Aber sie stand stocksteif da, die dunklen Augen blitzend, den Zorn noch im Gesicht. Dennoch hätte er sie begrüßt, wie Liebende es tun; doch sie hob die Hand und winkte ihn zurück. Furcht ergriff ihn. »Was ist, Gudruda?« fragte er zögernd. »Was ist, Erik?« gab sie ohne Zögern zurück. »Hast du Swanhild gesehen?« »Ja, ich habe Swanhild gesehen. Sie kam, um mir Lebwohl zu wünschen. Was ist dabei?« »Was dabei ist? Warum hast du dich >so! und so! und so!< von Atlis Braut verabschiedet? Ay, >so und so<, engumschlungen, die Lippen aufeinander? Warm und weich war dein Abschiedskuß für die, die mich töten wollte, Hellauge!« »Gudruda, du sprichst die Wahrheit, obwohl ich nicht weiß, wie du es gesehen hast. Denk dir nichts Böses dabei, und strafe mich nicht mit Worten, denn ihre Trauer und die Musik ihrer Worte haben mich in der Tat dahinschmelzen lassen.« »Du solltest dich schämen, so von ihr zu sprechen, wo du mich nun in den Armen hältst. Durch die Trauer und die Musik der Worte jener, die mich ermordet hätte, hast du dich verleiten lassen, Erik. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Weißt du, was ich dir eigentlich sagen wollte? Dies: >Geh von dannen und triff mich nie mehr<, denn ich habe kein Verlangen, einem Schwächling treu zu bleiben, der sich vom ersten Hauch der Verlockung einer Frau umwerfen läßt.« »Und doch glaube ich, Gudruda, ich habe einigen solcher Stürme widerstanden. Ich sage dir, wärst du an meiner Stelle gewesen, du hättest Swanhild auch nachgegeben und sie zum Abschied geküßt, denn in dieser Stunde war sie mehr als eine Frau.«
»Nein, Erik, ich bin kein schwacher Mann, um so verführt zu werden. Doch sie ist mehr als eine Frau - sie ist auch Troll, das weiß ich wohl; aber du bist nicht der Mann, Erik, so von ihr, die mich haßt, auf die Knie zu fallen. Es kommt vielleicht die Zeit, da sie mit härteren Mitteln um dich wirbt, und was willst du dann zu ihr sagen, der du so freigebig mit deinen Küssen bist?« »Ich werde ihr widerstehen, Gudruda, denn ich liebe nur dich, und das weißt du genau.« »Wahrlich weiß ich, daß du mich liebst, Erik; aber sag mir, was ist die Liebe eines Mannes wert, den schöne Augen und eine geschickte Zunge so leicht verlocken können? Ich zweifle an dir, Erik!« »Nein, zweifle nicht an mir, Gudruda. Ich liebe nur dich, aber unter ihrem Bitten wurde ich weich wie Wachs. Mein Herz stimmte nicht zu, dennoch willigte ich ein. Mehr habe ich nicht zu sagen.« Nun sah Gudruda ihn lange und unverwandt an. »Du bittest um Verzeihung, Erik«, sagte sie, »und für dieses eine Mal vergebe ich dir. Achte darauf, daß du mir keinen Grund mehr gibst, noch einmal an dir zu zweifeln, denn dann wird mir einfallen, wie du dich von Swanhild verabschiedet hast.« »Ich werde dir keinen Grund geben«, antwortete er und wollte sie umarmen; aber dies wollte sie nicht dulden, und noch viele Tage später nicht, denn sie war noch zornig auf ihn. Aber auf Swanhild war sie noch zorniger, obwohl sie nichts davon sagte. Daß Swanhild versucht hatte, sie zu ermorden, konnte Gudruda vergeben, denn es war ihr mißlungen; aber nicht, daß sie Erik verleitet hatte, sie zu küssen, denn dabei hatte sie Erfolg gehabt.
XII WIE ERIK ZUM GESETZLOSEN ERKLÄRT WURDE UND MIT DEN WIKINGERN SEGELTE Nun ging das Hochzeitsfest weiter, und Swanhild, die in Weiß gekleidet und mit Gold behangen war, saß neben Atli auf dem Thron. Er war stolz auf sie und zog sie an seine Seite, doch sie musterte ihn mit kalten, ruhigen Augen, in denen der Haß lauerte. Als das Fest vorbei war, ritt die ganze Gesellschaft zum Meeresstrand, wo des Grafen Schiff vor Anker lag. Als sie dort ankamen, küßte Swanhild Asmund, sprach eine Weile mit Groa, ihrer Mutter, und verabschiedete sich von allen Männern. Nur von Erik und Gudruda verabschiedete sie sich nicht. »Warum sagst du kein Wort zu diesen beiden?« fragte Atli, ihr Gatte. »Weil wir drei uns über kurz oder lang wiedersehen werden, Graf«, gab sie zurück, »doch Asmund, meinen Vater, und Groa, meine Mutter, werde ich nie mehr sehen.« »Das hört sich böse an, Weib«, sprach Atli. »Mir scheint, du sagst ihren Untergang voraus.« »Vielleicht! Ich werde noch eine Voraussage treffen, und zwar die über deinen Untergang: er ist zwar noch nicht gekommen, zieht jedoch herauf.« Da erinnerte sich Atli an viele weise Sprüche, aber er sagte nichts mehr, da er den Eindruck hatte, eine äußerst seltsame Frau geheiratet zu haben. Sie lichteten den Anker, setzten das Großsegel und fuhren in die Abenddämmerung davon. Doch solange Swanhild noch Land sehen konnte, stand sie neben dem Ruder und musterte mit ihren blauen Augen die immer ferner werdende Küste. Dann ging sie in den Schiffsraum und schloß sich ein. Dort blieb sie und behauptete, sie sei seekrank, bis sie schließlich
nach einer guten Reise von zwanzig Tagen die Orkney-Inseln erreichten. Doch all dies gefiel Atli gar nicht, aber er wagte es auch nicht, ein Machtwort zu ihr zu sprechen. Nun kam auf Island die Zeit, da die Männer zum Althing reiten mußten, und Erik erfuhr von vielen Klagen, die man gegen ihn vorgebracht hatte, die besagten, er habe Mord, Ospakars Sohn, und andere aus dessen Gefolgschaft, zu Tode gebracht, indem er ihnen Kopf-, Leib- oder Knochenwunden zugefügt habe. Skallagrim wurde jedoch nicht angeklagt, denn er war ja schon zum Geächteten erklärt worden. Daher mußte er sich verbergen, denn Männer suchten ihn, um ihn zu töten, und dies tat er unwillig und nur auf Eriks Bitte. Asmund vertrat Eriks Fall, denn er war der bekannteste Gesetzesmann in jenen Tagen, und als dreizehn volle Sommerwochen verstrichen waren, ritten sie zum Thing, und mit ihnen eine große Gefolgschaft von Männern aus ihrer Gegend. Nun gingen die Männer zum Lögberg hinauf, und dorthin kamen auch Ospakar, obwohl dessen Verletzung noch nicht ganz verheilt war, und all seine Gefolgsleute, und brachten durch Gizur den Gesetzesmann, Ospakars Sohn, ihre Klagen gegen Erik vor. Die Aussagen waren lang und wurden von beiden Seiten mit aller Schärfe geführt; aber am Ende erreichte Ospakar mit Hilfe seiner Freunde - und derer hatte er viele -, daß Erik drei Jahre in die Verbannung gehen mußte. Für die, die getötet worden waren, brauchte jedoch kein Wergeld an Ospakar entrichtet zu werden, und auch keine Buße für die große Wunde, die Skallagrim Lammschweif Ospakar beigebracht hatte, oder für den Tod Mords, seines Sohnes, da Erik nur gekämpft hatte, um das eigene Leben zu retten. Ospakars Partei war von dieser Urteilsfindung nur wenig erbaut, und auch Erik war nicht sehr froh, denn es gefiel ihm gar nicht, auf Raubzügen über die Meere zu segeln, während Gudruda zu Hause auf Island saß. Aber er konnte nichts an
dem Schiedsspruch ändern. Nun sprach Ospakar mit seinen Gefolgsleuten, und das Ende davon war, daß er sie aufrief, die Waffen zu ergreifen und sich selbst zu rächen. Asmund und Erik sahen dies und musterten ihr Aufgebot an Freien und Leibeigenen. Es waren insgesamt einhundertundfünf, alles kräftige Männer; aber Ospakar Schwarzzahns Schar bestand aus einhundertunddreiunddreißig Männern, und sie standen mit dem Rücken zur Rabenspalte. »Jetzt hätte ich gern, daß Skallagrim hier wäre, um mir den Rücken zu decken«, sagte Erik, »denn wenn dieser Kampf ausgefochten ist, werden nur noch wenige auf den Beinen stehen und von ihm zu berichten wissen.« »Es ist traurig«, sagte Asmund, »daß so viele Männer sterben müssen, weil ein paar andere schon tot sind.« »Sehr traurig«, sagte Erik, und nahm diesen Rat an. Er ging allein auf Ospakars Schlachtreihe zu und rief mit lauter Stimme: »Es wäre schlimm, wenn so viele Krieger wegen einer solchen Sache fallen würden. Nun hört, Gefolgsleute Ospakar Schwarzzahns! Wenn es unter euch zwei gibt, die es wagen, es im Holmgang mit meinem Schwert aufzunehmen, so stehe ich, Erik Hellauge, hier und erwarte sie. Es ist besser, daß ein Mann, oder vielleicht auch drei Männer, im Kampf fallen, als daß so viele in den Staub sinken. Was sagt ihr?« Nun riefen alle, die zugehört hatten, dies sei ein gutes und mannhaftes Angebot, auch wenn es sich zu Eriks Nachteil erweisen könne; aber Ospakar gab zurück: »Wäre meine Wunde schon verheilt, würde ich allein dir deinen goldenen Helm in Stücke schlagen, du Prahlhans; aber auch so lassen sich sicher zwei Männer finden.« »Wer ist hier der Prahlhans?« gab Erik zurück. »Er, der zweimal die Kraft dieses Arms kennengelernt hat und sich dennoch seiner Stärke brüstet, oder ich, der ich erbitte, daß zwei Mann gegen mich allein antreten? Heb dich von dannen,
Ospakar; geh nach Hause und bitte Thorunna, deine Mätresse, die du von Ounound, der nun den Namen Skallagrim Lammschweif der Berserker trägt, fortgelockt hast, deine Wunden zu pflegen, die ihr Gatte dir beigebracht hat. Sei gewiß, wir werden uns noch Auge in Auge gegenüberstehen, und dann werden Helme gespalten, schwarze oder goldene. Pflege dich! Pflege dich! Gib dein Reden auf - geh nach Hause und bitte Thorunna, dich zu pflegen; aber zuerst benenne die beiden, die im Holmgang in Oxaräs Strom gegen mich antreten.« Die Männer lachten laut, als Erik spottete, aber Ospakar knirschte vor Wut mit den Zähnen. Dennoch benannte er die beiden stärksten Männer seiner Gefolgschaft und bat sie, die Klingen mit Hellauge zu kreuzen. Die beiden waren gar nicht davon angetan; doch der Schande wegen, die sie überkommen würde, sollten sie einen Rückzieher machen, und aus Furcht vor Ospakars Zorn folgten sie schließlich seinem Wunsch. Dann gingen die Männer zum Ufer des Oxarä hinab, und von der anderen Flußseite kamen die Leute aus ihren Hütten und nahmen auf dem Hang des Allmannsfloßes Platz, da es neu für sie war, daß ein Mann im Holmgang gegen zwei kämpfen sollte. Nun setzte Erik auf die Insel über, auf der bis zum heutigen Tag Holmgänge ausgefochten werden, und ihm folgten die beiden Auserwählten, die tapfer ihre Klingen schwangen und sich dahingehend berieten, daß der eine auf sein Gesicht zielen solle, während der andere ihn von hinten anging, wie die Waldbewohner ein Lamm erlegten. Erik zog Weißfeuer, stützte sich darauf ab, und wartete auf das Zeichen zum Kampf. Die Frauen fanden ihn überaus stattlich, wie er sich in seinem Harnisch und mit dem goldenen Helm so darbot. Schließlich wurde das Zeichen gegeben, und Erik blieb nicht stehen, um sich zu verteidigen, wie die anderen es sicherlich erwartet hatten, sondern wirbelte Weißfeuer durch die Luft und stürmte mit erhobenem Schild geradewegs auf seine Gegner zu.
Die großen Burschen erblickten das Licht, das auf Weißfeuers Klinge spielte, und das in Eriks Augen, und nackter Schrecken erfaßte sie. Dann hatte er sie fast erreicht, und Weißfeuer sprang wie eine Flammenzunge vor. Da harrten sie nicht länger aus, sondern liefen in entgegengesetzte Richtungen davon, warfen sich in die Fluten und schwammen zum Flußufer. Nun erhob sich von beiden Ufern tosendes Gelächter, das immer lauter wurde, bis es in den Lavaspalten Echos warf und die Raben aus ihren Nestern vertrieb. Auch Erik hielt mit seinem Ansturm inne und lachte laut; dann kehrte er dorthin zurück, wo Asmund unbewaffnet stand, um ihm beim Holmgang zu sekundieren. »Bei solchen Helden wie diesen kann ich nur wenig Ehre erlangen«, sagte er. »Nein«, gab Asmund zurück, »du hast die größte Ehre erlangt, und sie und Ospakar eine solche Schande, daß sie sich nicht mehr tilgen läßt.« Als Schwarzzahn nun sah, was sich zugetragen hatte, wäre er beinahe erstickt und fiel vor Wut vom Pferd. Doch er hatte immer noch kein Verlangen, selbst zu kämpfen, sondern ließ seine Gefolgsleute antreten und ritt schnurstracks vom Thing nach Hause zurück. Aber die beiden, die auf sein Geheiß gegen Erik hatten kämpfen sollen, ließ er mit Knüppeln schlagen und vertreiben, und das Ende davon war, daß sie auf Island nicht mehr bleiben durften. Sie bestiegen ein Schiff, segelten nach Süden und verließen damit auch diese Geschichte. Am nächsten Tag ritten Asmund und Erik mit ihren Männern zum Middalhof zurück. Gudruda hieß Erik herzlich willkommen und küßte ihn zum ersten Mal seit Swanhilds Abreise. Überdies weinte sie bitterlich, als sie erfuhr, daß er in die Verbannung gehen sollte, während sie zu Hause bleiben mußte. »Wie sollen die Tage nur verstreichen, Erik?« sagte sie, »wenn du fort bist und ich nicht weiß, wo du bist, noch wie es dir geht, noch ob du lebst oder schon tot bist?«
»Dies kann ich wahrlich auch nicht sagen, Schatz«, gab er zurück. »Aber eins ist sicher, wo ich auch sein mag, meine Stunden werden noch langsamer verstreichen.« »Drei Jahre«, sagte sie und fuhr fort: »Drei lange, kalte Jahre, ohne dich zu sehen, und vielleicht ohne eine Botschaft von dir, bis ich womöglich erfahre, daß du in jenem Land bist, aus dem einen keine Botschaften erreichen. Oh, es wäre besser, zu sterben, als so getrennt zu werden.« »Nun, ich weiß, es wäre besser zu sterben statt zu leben, und noch besser, nie geboren worden zu sein statt zu leben und zu sterben«, gab Erik traurig zurück. »Hier, so scheint es, gibt es nur Haß und Streit, Müdigkeit und bitteren Neid, die unsere Kraft aufzehren, und schließlich, falls wir soweit kommen, leidvolles Alter und Tod. Und was danach kommt, wissen wir nicht. Wenig Gutes finden wir in unseren Händen, doch viel Böses; noch weiß ich, für welche Übeltaten uns diese Bürden auferlegt werden. Und doch müssen wir die Luft atmen, die uns um die Nase bläst, Gudruda, und nach dem Glück greifen, das uns gegeben wird, auch wenn wir es nicht unbedingt festhalten können. Im schlimmsten Fall wird alles bald vorüber sein, und andere werden stehen, wo wir gestanden haben, und sich bemühen, wie wir uns bemüht haben, und versagen, wie wir versagt haben, bis der Mensch sein Schicksal besiegt hat und die Götter ihren Zorn ablegen oder Ragnarök über sie kommt, und auch sie in den Fängen des