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Kriminalroman
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Man hat Nottrodt gefunden, blutüberströmt, schwerverletzt, dem...
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Kriminalroman
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Man hat Nottrodt gefunden, blutüberströmt, schwerverletzt, dem Tode nahe. Was ist geschehen mit jenem Mann, den viele seit Jahren kannten, denen er aber fremd war wie ein Wesen von einem anderen Stern? Unfall oder Mord? Die Kriminalpolizei erhellt ein Leben, das schwer war und voller Enttäuschungen, das mehr Schatten als Licht barg, doch war es so armselig, daß es nicht mehr gelebt werden wollte? Hauptmann Baltrock und seine Leute lösen durch intensive, aufopferungsvolle Arbeit einen Fall, in dem sich mehrere Verbrechen kreuzen und der die Kompliziertheit des Lebens spiegelt.
Werner Steinberg
Ein Mann namens Nottrodt
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Verlag Das Neue Berlin
Die in diesem Buch zugrunde liegende Handlung ist frei erfunden. Entstehende Ähnlichkeiten mit Personen, Orten und Begebenheiten sind unbeabsichtigt und rein zufällig.
Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten 1. Auflage • 1972 Verlag Das Neue Berlin, Berlin Lizenz-Nr.: 409-160/63/72 • ES 8 C Lektor: Sieglinde Jörn Umschlagentwurf: Erhard Grüttner Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden Scan & Ebook by *MM*
1. KAPITEL
1 Die Frau, die fernab in einem Vorort der Kreisstadt B. an einer einsamen Haltestelle auf den vorletzten Bus wartet, vermag auf ihrer Armbanduhr nicht mehr die Zeit abzulesen. Zottiger Wind springt auf, reißt Laub von den Bäumen, den Sträuchern ringsum, es strudelt um die Beine der Frau und siedelt sich in dem Wartehäuschen an, das vorn unterm vorgezogenen Dach offen ist und an den Seiten dick verglast. Die Frau fröstelt, sie tritt in den Schutz des Häuschens zurück; am Himmel braut ein Gewitter, fahl zucken Blitze auf, unaufhörlich, und der Donner klingt gefährlich wie das Geräusch berstender Knochen. Endlich taucht ein schwankender Schein auf der Straße, in den Sträuchern auf, verschwindet, taucht auf; die Frau tut ein paar Schritte vor, dann ist sie enttäuscht, nicht der Bus ist es, sondern ein Motorrad; es schießt plötzlich hervor aus der sanften Beuge, die der Weg kurz vor der Haltestelle macht, schießt, so scheint es der Frau, mit seinem grellen Zyklopenauge genau auf sie zu, so daß sie erschreckt zurückspringt, aber im gleichen Augenblick stockert der Motor, der Scheinwerfer schwankt ein paarmal haltlos hin und her, das Motorrad steht. Die Frau erkennt zwei schwarze Klumpen von Männern, die von dem Motorrad abgestiegen sind. Mühsam schieben sie das Rad ein Stück voran, dabei richtet sich der Strahl der Lampe unversehens so scharf auf die Frau, daß sie die Augen schließen muß, und plötzlich scheint 7
es ihr, als werde der Scheinwerfer absichtlich auf sie gerichtet, sie hat Angst. Sie hat Angst, weil sie sich bewußt wird, wie einsam es hier ist; kein Mensch würde etwas merken, wenn zwei Männer in Lederjacken sie beraubten und erschlügen, in den Gesträuchen würde ihr Körper verschwinden, und dem Busfahrer würde nichts auffallen, niemand vermißt eine Frau, die zufällig um diese Zeit von einem Besuch in die nahe Stadt zurückkehren will. Sie zieht sich in das Wartehäuschen zurück und preßt sich eng an die linke Glaswand. Es erleichtert sie, daß im Augenblick der stiere Schein der Lampe verschwindet: einer der beiden Männer hat sich vor das Fahrzeug gestellt und hält die Gabel mit beiden Händen gepackt, sein Leib fängt das Licht ab. Der andere macht sich an dem Motor zu schaffen, so kommt es ihr jedenfalls vor, er tritt ein paarmal den Starter, es gibt einige harte Knalle, danach ist es um so stiller; um so lauter hört sie den Donner himmelwärts heranrollen und in lautem Krachen verenden. Gleich darauf überschauert die Angst sie erneut, weil der eine nun das Gesicht dicht über dem Scheinwerfer hat, und ihr kommt es vor, als ob der Mann jetzt genau zu ihr hinstarre; am meisten aber ängstigt sie das unheimliche Aussehen des Fremden, der einen Sturzhelm weißkreidig über dem Schädel trägt und darunter eine Brille, die sogar auf die Entfernung und in der Dunkelheit aufblitzt. Die Frau fährt zusammen: Ein Windstoß strudelt eine Blätterfontäne unter das Schutzdach; sie wünscht so sehr diesen ratternden Omnibus herbei, wünscht ihn herbei wie einen rettenden Engel, aber nichts ist zu sehen, nichts ist zu hören, und wieder das Aufblitzen der unheimlichen Brille und dann der fahlbläuliche Schein des Gewitters, der die beiden Männer nebst ihrem Gefährt für Bruchteile 8
von Sekunden aus der Nacht heraushebt und gleichsam auf eine Leinwand wirft, bis der nächste Donnerschlag alles wieder mit Dunkelheit zuschüttet. Da, endlich und unerwartet: Der Motor springt an, die beiden Männer schwingen sich auf den Sattel, und zwei tiefgeduckte Teufel jagen an der Haltestelle vorbei, rasen hinweg, als wollten sie das Licht ihres Scheinwerfers einholen, und der Motorlärm ertrinkt im nächsten heranrollenden Donnerschlag. Sie sind verschwunden, über die Straße fahren die Windstöße, die Bäume und Sträucher machen starke Geräusche, weiß blitzt das Gewitter fast im Zenit. Die Frau atmet auf. 2 Auch am Morgen des 3. November fährt Joseph Pilarzyk mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle, der PGH Holzverarbeitung, Werk drei, obwohl es von seinem Häuschen nur neun Fußminuten bis dorthin sind; aber das ist eine Gewohnheit, die sich in vielen Jahren eingeschliffen hat, Pilarzyk läßt auch im Winter nicht von ihr, wenn er sich mühsam durch Eiswind und Stöberschnee voranmahlen muß. In dem dunklen, nebelüberschwemmten See der Weide links schwimmen fünf verspätete Kühe. Pilarzyk nimmt sie nicht wahr, über seinem Kopf sind ein paar dürftige Sterne gerade noch sichtbar, Pilarzyk schaut nicht hinauf. Er sieht immer nur geradeaus, blickt nicht rechts, nicht links, immer nur geradeaus in den holpernden schwachen gelblichen Lichtkegel der Fahrradlampe. Aber so ist der jetzt fünfundvierzigjährige Pilarzyk immer gewesen: nur geradeausschauend. Er stammt aus Kattowitz, sein Vater war dort Häuer; auch er arbeitete in 9
der Grube, bis er trotzdem eingezogen wurde. Nach dem Kriege machte er sich auf die Suche nach seinen Eltern, die verschwunden waren, und so geriet er nach Mühlen, dem eingemeindeten Vorort von B.; dort fand er die Eltern zwar auch nicht, aber er blieb in der Kate des Häuslers Mande hängen – weil er da Unterkunft fand, weil er arbeiten und sich nützlich machen konnte, denn Mande war als vermißt gemeldet worden, und nicht zuletzt, weil hier die damals achtzehnjährige Gundula lebte, ein blondes scheues Geschöpf. Schon zu jener Zeit entstand in groben Umrissen der Lebensplan Pilarzyks, aber davon verriet er nichts, und auch jene Gundula erfuhr lange nicht, daß sie ein bestimmender Grund für sein Bleiben in Mühlen war. Da die Häuslerarbeit nicht ausreichte, suchte Pilarzyk sich eine Beschäftigung in der PGH Holzverarbeitung, die damals noch Tischlerei Hermann hieß; er erwies sich als ein überaus zuverlässiger, gewissenhafter Mann, und als er später den Wunsch äußerte, trotz seines Alters noch eine ordentliche Lehre zu absolvieren, bekam er die Gelegenheit dazu und rechtfertigte das Vertrauen, indem er die Gesellenprüfung mit Auszeichnung ablegte. Jetzt hielt er den Zeitpunkt für gekommen, der Gundula zu erklären, daß er sie heiraten wolle, und seine nüchternen Darlegungen waren so überzeugend, daß sie ohne Zögern einwilligte; jedermann hielt das für selbstverständlich, Pilarzyk war den beiden Frauen unentbehrlich geworden – und bald galt der beständige Mann auch in seinem Betrieb als unentbehrlich, wo er sich allmählich zum Meister emporarbeitete. Als die Tischlerei Hermann in die PGH eingebracht wurde, trat Pilarzyk der LDPD bei. Wenig später wurde er stellvertretender Vorsitzender der Nationalen Front in 10
Mühlen; auch dieses Amt übte er mit der gelassenen Gewissenhaftigkeit aus, die man an dem wortkargen Mann gewohnt war; inzwischen hatte ihm seine Frau einen Knaben und zwei Mädchen geboren, und er galt als reputabler Familienvater. Im Bewußtsein, dieser Tag werde verlaufen wie jeder andere, tritt sich also Pilarzyk durch den Nebel; er kommt an der Haltestelle vorbei, und als links der Schwarze Weg abzweigt, steigt er vom Rad. Das Nachtgewitter mit dem schrecklichen Regenguß hat dieses Stück der Straße, das durch einen verwilderten Grünstreifen führt, in einen Morast verwandelt; geschickt springt Pilarzyk, das Rad führend, von trockener Stelle zu trockener Stelle, er nimmt sich vor, bald für eine Änderung zu sorgen, es ist an der Zeit. Am Staketenzaun der PGH biegt er nach rechts zum Eingangstor ab, neben dem das kleine steinerne Pförtnerhäuschen steht; er sieht das erhellte Fenster, also erwartet ihn Nottrodt, Paul, schon. Er blickt auf die Uhr, vierzehn vor sechs ist es, das befriedigt ihn; wie stets ist er der erste, und das steht ihm, dem Meister Pilarzyk, gut an. Da stutzt er: Die beiden Flügel des Tors sind mit einem Überwurf verriegelt, der während der Nacht zusätzlich mit einem Holzpflock befestigt wird; den pflegt der Wächter rechtzeitig vor Arbeitsbeginn herauszuziehen, so daß der Überwurf nur hochgehoben zu werden braucht. Heute aber ist das nicht so. Wahrscheinlich habe sich Nottrodt, Paul, in der Zeit geirrt, mutmaßt Pilarzyk, er zwängt mühsam den Pflock zurück und vermag nun erst, die beiden Flügel aufzudrücken. Pilarzyk denkt, Nottrodt sei auch für diesen Posten zu alt geworden und er werde sich wohl nach einem Ersatz umsehen müssen. 11
An seinen Stiefeln hängen Lehmklumpen, sorglich schabt Pilarzyk sie an dem eisernen Fußabtreter vor dem Pförtnerhäuschen ab, dann drückt er die Tür auf und blickt in das Zimmerchen. Es ist winzig quadratisch, mit einem Schiebefensterchen zur Toreinfahrt hin, davor ein kleiner Holztisch mit einer Bürolampe darauf, an der hinteren Wand steht ein Eisenöfchen, das – darüber wundert sich Pilarzyk – kalt ist. Auf dem Tisch liegt aufgeschlagen die Besuchskladde. Die Schreibtischlampe brennt nutzlos. Das Zimmerchen macht einen so gottverlassenen Eindruck, daß es sogar der nüchterne Pilarzyk bemerkt. Er knipst mit unwirschem Finger die Lampe aus. Vor der Tür blickt er auf die Uhr, in wenigen Minuten werden die ersten Arbeiter eintreffen; da trabt der Schäferhund plötzlich zu ihm hin und birgt, ganz ungewohnt, den Schädel an seinem Knie. Pilarzyk ist nicht der Mann, der Hunde krault, er ärgert sich, weil Nottrodt, Paul, das Tier nicht in den Zwinger gesperrt hat. Er wird mit ihm ein ernstes Wort reden müssen; der soll seine Gedanken nicht nur auf die Zigaretten richten, die er doch wieder auf dem Werkgelände verkauft, obwohl ihm das vor geraumer Zeit verboten wurde. Pilarzyk lockt den Hund in den Draht-Zwinger hinter dem Pförtnerhäuschen und wirft unwillig den Riegel vor. Wenn Nottrodt, Paul, nicht im Pförtnerhaus ist, wird er sich wohl im Umkleideraum befinden, also geht Pilarzyk mit schwerem Schritt über den schlauchartigen Hof, bis er zum letzten Gebäude gelangt, dessen Fenster sämtlich erhellt sind; also steckt Nottrodt, Paul, tatsächlich hier, denkt er, und: Er kriegt wirklich eine Abreibung! Als Pilarzyk die Tür zum Flur öffnet, irritiert ihn irgend etwas; er blickt sich forschend um, da nimmt er vor der einen Tür einen dunklen Fleck wahr, sieht aus wie 12
Blut, denkt er, scharrt mit der Stiefelspitze daran herum, aber der Fleck ist eingetrocknet; jedenfalls veranlaßt ihn das, die Tür zu öffnen, und was er nun erblickt, erschreckt ihn, ja, es kommt ihm geradezu unwirklich vor. Hinter dieser Tür ist der Waschraum, es handelt sich um eine provisorische Einrichtung: An der Wand befinden sich drei große, zementene Waschtröge und darüber Einhalb-Zoll-Hähne für kaltes und warmes Wasser; die dicken Rohre einer großen Gastherme sind quer über die Wand lustlos verlegt und mit einem mißfarbenen Ölanstrich versehen. Im Hintergrund, durch eine Bretterwand abgeteilt, sind der Abort und die zwei Pißbecken; die scharfe Würze der Desinfektionsmittel vermag den beizenden Uringeruch nicht völlig zu verdrängen. Das alles ist Pilarzyk so gewohnt, daß er es nicht mehr gewahrt; was ihn mitnimmt, ist auch nicht die längliche eingetrocknete Blutlache vor einem der Waschbecken; was ihn zusammenschauern läßt, sind zwei Kothaufen darin. Dafür weiß er keine Erklärung, das verwirrt ihn, das jagt ihm, dem besonnenen Mann, zum ersten Male seit Jahren Angst ein. Er starrt dorthin, aber er betritt den Raum nicht; instinktiv schließt er die Tür und begibt sich, jetzt in großer Hast, in den Umkleideraum. Dieser Anblick! Pilarzyk vermag sich nicht zu rühren. Vor der Ofenbank liegt Nottrodt, Paul, das Gesicht zur Erde, den einen Arm über das gestapelte Holz gekrümmt, die Hand an ein Scheit gekrallt, als wolle er sich daran festhalten; sein Haar ist mit Blut verfilzt, Blut ist über den Nacken gelaufen und hat sich am grünwollenen Pullover gestaut. Auf einmal ist Nottrodt, Paul, für Pilarzyk nicht mehr der Rentner, der bald ausgedient haben wird; er ist für ihn 13
wieder der Kumpel, mit dem er viele Jahre gemeinsam arbeitete, mit dem er in der Kneipe sein Bier trank, der gelegentlich auch den dritten Mann beim Skat machte – das ist freilich lange her, aber die Erinnerung steigt in ihm hoch; Pilarzyk hat Angst um Nottrodt, Paul, er ist schon bei ihm, kniet neben ihm nieder, faßt den Kopf behutsam, dreht den Oberkörper und bettet Nottrodt auf den Rücken und weiß nicht, ob der schon tot ist oder noch lebt; fassungslos bewegt er Nottrodts Arme auf und nieder, er erinnert sich dunkel an Wiederbelebungsversuche, aber alles scheint nutzlos zu sein, so gibt er es auf, kniet immer noch neben Nottrodt und starrt in dessen Gesicht. Dann sagt er leise: „Paule! Mensch, Paule, komm doch zu dir!“ Als hätte er nur auf diesen Zuspruch gewartet, bewegt Nottrodt, Paul, kaum merklich den Kopf und stöhnt fast unhörbar. Im gleichen Augenblick wird die Tür aufgerissen. Aufspringend schreit Pilarzyk aufgeregt: „Zurück! Zurück, Menschenskind! Keiner kommt jetzt herein!“, und er rennt hinaus, blind zwischen den Arbeitern hindurch, und dabei ruft er: „Niemand geht in den Umkleideraum! Alles draußen bleiben!“ Er stolpert in das Büro hinter dem Pförtnerhaus, poltert gegen einen Stuhl, tappt den Drücker der Tischlampe nieder, greift nach dem rotgeränderten Pappblatt NOTRUFE und wählt die Nummer des Rettungsdienstes. Immerhin vermag sich Pilarzyk so weit zu fassen, daß er seiner Stimme einen festen, befehlsgewohnten Klang geben kann, er sagt: „PGH Holzverarbeitung, Werk drei. Ein Kollege ist die Treppe heruntergestürzt und hat sich schwer verletzt! Kommen Sie sofort! Der stirbt uns unter den Händen.“ 14
Dann hängt er den Hörer auf. Das leise Klicken beendet das Gespräch, plötzlich kann Pilarzyk nichts mehr tun, plötzlich ist er ganz allein, er starrt auf den Schreibtisch, ihm ist, als dringe Nebel in den Raum und mache alles undurchsichtig. 3 Obwohl sieben Uhr bereits überschritten ist, haften über der Autobahn immer noch Nebelschleier, und in der Nähe der Chemiewerke wird das Gespinst so undurchdringlich, daß Zeitfuchs widerwillig das Tempo mindern und das Abblendlicht einschalten muß. Der Leutnant, lang und dünn über dem Steuer hängend, als vermöge er so mehr als nur den weißen Trennstreifen zu erkennen, wirft einen schnellen forschenden Blick zu dem Hauptmann hinüber; aber Baltrock, die Arme verschränkt, lehnt schräg zurück an der Tür und sieht aus, als schlafe er. Unwillkürlich denkt Zeitfuchs: Keine Zeit zum Schlafen, und er tritt so unvermittelt aufs Gaspedal, daß der Wartburg einen Satz tut und Oberleutnant Kortleben, der Kriminaltechniker, im Fond erschreckt zusammenzuckt. Zeitfuchs ist selbst erschrocken, nimmt sofort behutsam Gas weg und sieht schlechten Gewissens abermals zu Baltrock hinüber, doch der Hauptmann scheint nichts bemerkt zu haben, so daß Zeitfuchs denkt: Gesegneter Schlaf! Endlich hat der Wagen den Nebel durchdrungen, rechts und links der Autobahn dehnen sich unterm graugemaserten Himmel flach und eintönig die Felder, punktiert allein von den mächtigen Starkstrommasten, zwischen denen die Leitungen schwerbäuchig niederhängen. Jetzt rekelt sich Baltrock, und nach einiger Zeit 15
bemerkt er: „Das Licht kannst du ausmachen, Claus“, und: „Du kennst doch B.?“ Seltsame Koppelung zweier Dinge, unvermitteltes Nebeneinander; aber das ist Baltrocks Art, und auf jeden Fall weiß Zeitfuchs spätestens jetzt, daß der Hauptmann nicht schlief, sondern sich mit der Aufgabe beschäftigte, die vor ihm liegt. „Ich bin dort geboren“, erwidert Zeitfuchs und hat dabei ein Gefühl, als sei das ein Verdienst. „Das ist mir bekannt“, meint Baltrock, dehnt die Worte und schränkt ein: „Aber das heißt nicht, daß du den Ort kennst und die Menschen dort.“ „Ich denke schon“, sagt Zeitfuchs und wendet den Blick nicht mehr von der Autobahn. „Dann ist es gut.“ Mehr äußert Baltrock zunächst nicht, und Zeitfuchs wartet doch darauf, denn er möchte von dem Fall, der sie erwartet, mehr erfahren, er brennt darauf. Leutnant Zeitfuchs ist erst seit knapp sechs Monaten bei der Morduntersuchungskommission, und er wünscht sich hier ebenso hervorzutun, wie er es auf dem Sachgebiet „Leben und Gesundheit“ getan hat; dort wurde er von seinen Kameraden „der Spürhund“ genannt, und obwohl er diese Bezeichnung, kam sie ihm zu Ohren, mit einer wegwerfenden Handbewegung abzutun pflegte, war er insgeheim doch stolz darauf, denn er empfand das gutmütige Spottwort als Auszeichnung, und tatsächlich hatte er es seiner überdurchschnittlichen Ermittlungsarbeit, besonders in Selbstmordfällen, zu verdanken, daß er zur MUK versetzt wurde. Was er nicht ahnte, war, daß Baltrock an dieser Berufung nicht unschuldig war. Dem Hauptmann war eines Tages das Ergebnis aufgefallen, das Zeitfuchs in einem be16
sonders verworrenen Fall zutage gefördert hatte. Von da an beobachtete er den jungen Mann unauffällig, und er registrierte befriedigt die Hingabe, mit der der Leutnant sich seinen Aufgaben widmete – ein Aufgehen im Beruf, das dem Hauptmann erst in seinen späteren Lebensjahren zu eigen geworden war. Als bei der MUK eine Planstelle frei wurde, wies Baltrock auf Zeitfuchs hin, und er mochte dabei den geheimen Gedanken gehabt haben, daß der Leutnant in dieser Arbeit an seiner Seite reifen würde und eines Tages, wenn es soweit war, seine Stelle einnehmen könnte. Die Sache in B. nun ist die erste, bei der Zeitfuchs von Anfang an dabeisein wird, das ist ein Glücksfall, so empfindet der Leutnant es; denn möglicherweise kommt es ihm zugute, daß B. ihm von Kindheit an vertraut ist, hier ist er zur Schule gegangen, hier hat er leidenschaftlich Sport getrieben, hier ist er seiner ersten Liebe begegnet, er braucht keinen Stadtplan, mit geschlossenen Augen würde er sich in den Straßen und Gassen und Höfen und Winkeln zurechtfinden, da gibt es für niemanden, so denkt er mit leisem Triumph, ein Versteck, das er nicht aufstöbern würde … Tatsächlich ist B. mit seinen 28 000 Einwohnern leicht überschaubar. Die Kreisstadt liegt mitten im Flachland, nur sechs Kilometer von der Autobahn entfernt. Am Abzweig wird auf B. nur mit einem kleinen blauen Schild verwiesen, der Hauptverkehr fließt in entgegengesetzter Richtung zu den Chemiewerken, sie sind das Wichtigere. Immerhin kommt B. davon einiges zugute; viele Einwohner sind dort beschäftigt, und die Landstraße zur Autobahn und weiter zu den Chemiewerken ist in gutem Zustand. B. selbst verfügt nur über einen mittleren Maschinenbaubetrieb, der überaltert ist, damit ist wenig Staat zu 17
machen, und so liegt die Stadt außerhalb der Schwerpunkte des Baugeschehens, sie erweckt auch heute noch den Eindruck einer vertrödelten Kleinstadt, und außer der Modernisierung einiger Geschäfte spielt sich hier nicht viel Neues ab. So anheimelnd und vertraut das auch wirken mag – es hat seine Nachteile, und Zeitfuchs weiß darum. Wo beispielsweise sollen sich die jungen Leute die Zeit vertreiben? Das einzige Kino bietet wenig Anreiz, ein Film ist in zwei Stunden abgelaufen, was dann? Die Stadt, so meint Zeitfuchs, ist zu verschlafen. Während er den Wagen von der Autobahn behutsam herunterdreht und auf die apfelbaumbestandene Landstraße lenkt, denkt er, dies sei jetzt nebensächlich. Gleich wird rechts Kreßbergen auftauchen, der zweite eingemeindete Vorort B.s, eine Handvoll dörflicher Einfamilienhäuser. Dann folgt der Busch, ein ziemlich wirres und ungepflegtes Stückchen Wald, das im Sommer und Herbst kreuz und quer nach Pilzen durchstreift wird. Und zwischen dem Busch und dem eigentlichen Stadtrand siedeln sich Schrebergärten an, einige der Holzbüdchen sind kunstfertig in buntfarbige Winzigvillen verwandelt worden. Zeitfuchs kennt das Bild auswendig, er braucht keinen Blick darauf zu verwenden, er weiß: die schön geteerte Straße wird dicht hinter dem Ortseingang von einer Unzahl krummer, schmaler Gassen aufgefangen, sie zersplittert an den Häusern wie ein Wildbach an Felsbrocken, die Bürgersteige müssen durch wichtigtuerische Geländer geschützt werden. Der Leutnant vermutet, sie würden zum Markt fahren; dort befindet sich nicht nur das Rathaus, eingezwängt zwischen Wohnhäuser rechts und links, sondern ihm gegenüber auch das nüchterne VP-Kreisamt, das in seltsam 18
anmutendem Gegensatz steht zum Stadtcafé mit den beiden zu kleinen schmiedeeisernen Laternen am Eingang und der prächtigen Südseelandschaft an den Wänden: jadegrüne Palmenbüschel in einem waschblauen Himmel, ein Werk der ortsansässigen PGH Picasso. Indessen irrt Zeitfuchs; denn gerade noch rechtzeitig rekelt sich der Hauptmann aus seiner bequemen Haltung auf und bemerkt: „Wir fahren Richtung Mühlen, dort ist der Tatort!“ Er setzt hinzu: „PGH Holzverarbeitung, Werk drei, kennst du die, Claus?“ Der Leutnant nickt und lenkt also nicht zum Markt, sondern rechts ab; der Wagen hoppelt unwillig durch ein paar Schlaglöcher, Zeitfuchs muß die Geschwindigkeit mäßigen. Er überlegt, ob er fragen soll; er beschließt, es nicht zu tun. Es ist auch nicht notwendig, denn Baltrock sagt nachdenklich wie zu sich selbst: „Ich weiß nicht viel mehr als du. Nach der Meldung könnte es sich um ein Gewaltverbrechen handeln. Möglich wäre allerdings auch ein Unfall mit Todesfolge.“ Und er wünscht sich sehr, der Vorfall möge sich harmlos aufklären; denn daß in diesem Lande immer noch Menschen getötet werden, erbittert ihn. Ist den Räubern und Mördern nicht der Boden entzogen? Also muß es gelingen, Gewalttaten auszurotten, und er, der Leiter der MUK, verbucht jeden Fall, bei dem er sich nicht auf die Suche nach einem Täter machen muß, als einen Sieg. Also hofft er auch diesmal, daß er seinen Bericht mit dem Wort „Unfall“ abschließen könne. Außerdem verspürt er wahrhaftig keine Lust, zwei Wochen oder noch länger sich in dieser Kleinstadt aufhalten zu müssen. Er mag sich so straff geben, wie er will, er spürt die Müdigkeit in allen Gliedern, zwei Monate hat er gebraucht, bis der letzte Mord aufgeklärt 19
werden konnte, ein vertracktes, ein verschleiertes Verbrechen, und es war keineswegs nur die körperliche Anstrengung gewesen, die ihn mitnahm, es war vor allem die psychische Belastung, die ihn erschöpfte. Er hatte gehofft, einmal „normalen Dienst“ tun zu dürfen, aber was ist für einen Leiter der MUK schon „normaler Dienst“? Baltrock verspottet sich selbst, er denkt: Das, was andere Leute für anomal halten. Er denkt es ohne Erbitterung, er denkt es mit leiser Selbstironie. Die Stadtgassen rinnen wieder zusammen zur geteerten Landstraße, Zeitfuchs kann beschleunigen. Die Windschutzscheibe körnt sich mit winzigen Regentropfen, der Wischer tackt emsig. Auch das noch, denkt Baltrock, und er sagt: „Hoffentlich sind nicht alle Spuren zertrampelt.“ „Spuren“, erwidert Zeitfuchs verbissen, „die finden sich immer!“ Darauf antwortet der Hauptmann nichts. Die Straße krümmt sich in weitem Bogen. Sie führt durch Felder, in die gleichsam Tümpel von Buschwerk und Bäumen eingelassen sind, und hinter einem solchen Tümpel wird Mühlen sichtbar, allerdings nicht das frühere Dorf Mühlen, sondern eine Neubaustelle; dort entstehen fünfstöckige Blocks, einige Gebäude sind bereits fertiggestellt und bezogen, andere befinden sich noch im Rohbau, ein Kran schwenkt elegant darüber hin, schwenkt wieder zurück; diese Bauten sind ein Verdienst der Chemiewerke, hier werden Mitarbeiter mit ihren Familien angesiedelt, fern der giftigen Dunstglocke, unter der selbst die Bäume krepieren. „Dort ganz nahebei ist die PGH“, erläutert Zeitfuchs. Der Hauptmann richtet sich aufmerksam nach vorn. Er fragt: „Hier läuft eine Buslinie entlang?“ 20
„Ja“, bestätigt Zeitfuchs. Danach ist wieder Schweigen. Der Hauptmann dreht sich zu dem Kriminaltechniker um, ohne etwas zu äußern. Mit Oberleutnant Kortleben arbeitet er seit Jahren zusammen, und er schätzt ihn, den praxiserfahrenen Mann, der am Tatort voller Einfälle ist, ein findiger Kopf, dem keine Spur entgeht; Baltrock nickt ihm freundschaftlich zu, man muß ihn kennen, denkt er, man muß ihn ermuntern; er weiß, daß Kortleben für ein paar anerkennende Worte dankbar ist, weil sein Äußeres leicht dazu verführt, daß er unterschätzt, daß seine Arbeit nicht genügend gewürdigt wird: ein hagerer, ein wenig vornübergeneigter Mensch mit blasser, ungesunder Gesichtsfarbe, einer glatten Stirnglatze und einer altmodischen Nickelbrille vor den kurzsichtigen Augen. Kortleben indessen bemerkt den stummen Zuspruch überhaupt nicht, er ist mit seinem Fotoapparat beschäftigt, und wenn er sich einer Sache widmet, nimmt er ringsum nichts anderes wahr. In diesem Augenblick deutet der Leutnant mit dem Kopf nach rechts. „Dahinter steckt die PGH.“ Mißbilligend mustert Baltrock den verwüsteten Grünstreifen, den der Herbst gelichtet hat; es ist nur noch ein Gewirr von Blättern, Ästen, Stämmen auf morastigem Untergrund, durchschauert von diesem feinen Nebelregen. Gut für einen lauernden Mörder, denkt der Hauptmann widerwillig, schlecht für einen Spurensucher. Zeitfuchs bremst den Wagen und dreht das Steuer scharf ein, sie sind am Schwarzen Weg angelangt, keine Tafel nennt den Namen, der Schlamm spritzt aus den Lachen bis an die Seitenfenster, die im Nu von den Dreckpartikeln gesprenkelt werden; eine verdammt un21
gemütliche Ecke, denkt Zeitfuchs, der Wagen schaukelt sich voran, und die Karosse knallt auf die Stoßdämpfer. Wenig später hält er vor der Pforte. Der Hauptmann sieht die Menge Menschen im Hof herumstehen, und während er rasch aussteigt, murmelt er: „Da gehen sie hin – unsere Spuren!“ Doch im gleichen Augenblick ist er der Mann, der befehlsgewohnt ist, straff aufgerichtet, das Gesicht verschlossen, die Augen durchdringend, aufmerksam, abwägend. Dann steht Oberleutnant Schnurk vor ihm, den das VP-Kreisamt mit der Sicherung des Tatorts beauftragt hat; Baltrock sieht auf ihn hinunter, Schnurk ist viel kleiner als er, er ist dünn und trägt ein mißgelauntes Gesicht zur Schau, weil er an einer Magenschleimhautentzündung leidet. Der Hauptmann sagt: „Wir sehen uns zuerst die Leiche an.“ Schnurk erwidert sofort: „Eine Leiche ist ja nicht da!“ Der Hauptmann ist verblüfft – und nicht nur der Hauptmann. 4 Während der ortskundige Volkspolizist, den sich Baltrock von Schnurk als Fahrer hat abstellen lassen, wenig später den Wagen durch die Lachen peitscht, zurück auf die Landstraße und dann der Stadt zu, hält der Hauptmann die Augen geschlossen und überdenkt die Anordnungen, die er innerhalb weniger Minuten gegeben hat. Er ist nun über zwölf Jahre bei der Morduntersuchungskommission und seit mehr als acht Jahren deren Leiter, und in dieser langen Zeit und bei den unterschiedlichsten Fällen hat er gelernt, daß es ebenso wichtig ist, zurückzudenken wie voranzudenken; 22
die ersten Steine müssen richtig gelegt werden, das Fundament muß stimmen und tragen, sonst kann später das ganze Gebäude zusammenbrechen. Also überprüft er in Gedanken noch einmal alles, was er in der Raschheit des Geschehens mit beinahe automatischer Sicherheit entschieden hat. Er hatte, gefolgt von Zeitfuchs und Kortleben, der seine Geräte schleppte, kaum den Hof betreten, als sich aus der Menge der Männer und Frauen ein mächtiger Mensch löste, der mit sicheren und schweren Schritten auf ihn zukam, sich ihm in den Weg stellte und mit auffällig dröhnender Stimme sagte: „Wronski. Ich bin der Werkleiter.“ „Sehr schön“, erwiderte Baltrock flüchtig, „halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung, wir werden Sie gleich benötigen“, und ebenso flüchtig fügte er hinzu: „Ich bin Hauptmann Baltrock und leite die Ermittlungen.“ Nach alter Gewohnheit versuchte der Hauptmann sozusagen aus den Augenwinkeln, Wronski „einzufächern“, wie er es bei sich selbst nannte, das wollte ihm nicht gelingen, Wronski unterschied sich von allen Leitern ähnlicher Betriebe: Ungerührt stand er mit seiner massigen Gestalt vor Baltrock, überragte ihn um fast einen Kopf, schob ihm ungeniert seinen starken Bauch entgegen, über dem der Hosenbund straff und hochgezogen saß; dabei starrte er den Hauptmann aus seinen hellgrauen Augen an, die zwischen den überhängenden Lidern und den schweren Tränensäcken fast verschwanden; die fülligen, leicht rotgeäderten Wangen hingen schlaff herunter und gingen in das Fettpolster eines Kragens von Doppelkinn über, und fast komisch mutete es den Hauptmann an, daß in diese mächtigen Wangen ein winziger Kußmund eingebettet war, der grollende Töne von sich zu geben vermochte. 23
Die vertröstende Bemerkung Baltrocks hatte den Koloß nicht beschwichtigt; ungerührt sagte er: „Sehen Sie sich das Chaos an, die Leute stehen herum und können nicht arbeiten, und mir brennt der Plan auf den Nägeln.“ Erläuternd fügte er hinzu: „Wir machen die Einbauküchen für die Neubauten drüben …“, er wies mit dem Daumen irgendwohin über die Schulter, „die Leute warten auf die Wohnungen, es hängt mit von uns ab, wann sie einziehen können.“ Hinter sich hörte der Hauptmann die ungeduldige Stimme von Zeitfuchs: „Halten Sie uns doch bitte nicht unnötig auf!“, und er hörte ihn murmeln: „Das ist nicht unser Bier!“ Diese Bemerkung ärgerte Baltrock; natürlich, fand er, war auch das ihr Bier! Und wenn ihn das Auftreten Wronskis zuerst gestoßen hatte, so wußte er plötzlich: Das war geschauspielert! Der gab sich als Lokomotive, um alle Widerstände niederzuwalzen, und das tat er nicht nur für seinen Betriebsteil, nicht nur für den Plan, sondern weil er Zusammenhänge sah! Dieser Mann, der die Fünfzig sicherlich überschritten hatte, packte seine ganze Lebenserfahrung, seine Menschenkenntnis in die Art seines Auftretens: Diese kleinen Augen konnten zweifellos nicht nur starren – sie konnten auch verschmitzt blicken. Der Hauptmann lächelte begütigend – so, als legte er dem anderen vertraulich die Hand auf die Schulter – und sagte: „Seien Sie versichert, auch uns liegt daran, schnell fertig zu werden. Und trotz allen Ärgers: Halten Sie uns die Leute vom Halse, bis wir den Tatort freigeben, ja?“ Und da er neben dem Ziertüchlein am Jackenaufschlag das Abzeichen entdeckt hatte, fügte er hinzu: „Genosse.“ 24
Das war gut gegangen, denkt Baltrock jetzt und reibt unwillkürlich seine Stirn; in Wronski würde er einen Verbündeten haben, Verbündete waren immer gut. Ein paar Schritte weiter, so erinnert er sich, hatte er Zeitfuchs auf den Schäferhund in dem Zwinger aufmerksam gemacht und gesagt: „Stellen Sie fest, was mit dem los war!“ Ja, und dann hatten sie flüchtig den Tatort gemustert, die Blutspuren, die beiden Kothügel, das aufgerissene Spind, er hatte angeordnet, daß die Spurensuche von innen nach außen verlaufen sollte; das schien ihm angesichts der Situation das aussichtsreichste, weil, wie er vermutete, der Regenguß und die Menschen außerhalb des Gebäudes die meisten Spuren zerstört hatten; er hatte Kortleben angewiesen, die Aufnahmen zu machen, und Zeitfuchs beauftragt, soweit wie möglich zu klären, wie der verletzte Nottrodt aufgefunden worden war, und dazu den Pilarzyk zu hören; und er hatte sich entschieden, selbst zu prüfen, ob von Nottrodt noch etwas zu erfahren wäre. Über Katzenkopfpflaster hoppelt der eilige Wagen wie ein Hase, sie nehmen keine Rücksicht darauf, daß die Straße gesperrt ist, denn es kann auf Minuten, es kann auf Sekunden ankommen – und hier ist auch schon das Krankenhaus, ein türmchenverzierter dunkelroter Klinkerbau aus den neunziger Jahren. Der Fahrer tritt auf die Bremse, der Wagen verneigt sich tief; noch ehe er zurückschwingen kann, ist Baltrock aus dem Schlag geschlüpft und die steilen Stufen der Klinik hinaufgestürmt. Samtstille und antiseptischer Geruch empfangen ihn, jetzt denkt er nur noch voran, denkt nicht mehr zurück an das, was in der PGH inzwischen geschehen mag. 25
Zeitfuchs steht dort gerade mit Pilarzyk in der Tür des Umkleideraums. Er deutet auf die Ofenbank und fragt: „Von hier aus haben Sie also Nottrodt gesehen?“ „Ja“, erwidert Pilarzyk und blickt zu dem langen Leutnant auf. „Was haben Sie da gedacht?“ forscht Zeitfuchs. „Ich weiß nicht“, sagt Pilarzyk hilflos, „ich dachte nur, daß er sich verletzt haben müßte.“ „Und dann sind Sie hingelaufen?“ „Ja.“ „Sie hätten sich doch sagen müssen, daß es sich um ein Verbrechen handeln könnte; es wäre richtiger gewesen, die VP anzurufen, finden Sie nicht?“ „Ich hörte ihn stöhnen. Und da mußte ihm schnell geholfen werden.“ „Die VP hätte Ihnen schon die richtigen Anweisungen erteilt“, sagt Zeitfuchs unzufrieden. „Und was haben Sie dann getan?“ „Ich bin nach vorn gerannt und habe vom Büro aus den Rettungsdienst angerufen; die sind bald gekommen und haben Nottrodt auf einer Trage abtransportiert.“ „Da hat er noch gelebt?“ „Ja, ich glaube, da hat er wohl noch gelebt.“ Zeitfuchs würde am liebsten laut stöhnen. Im Geiste sieht er, wie die Träger sich am Tatort zu schaffen machten, ahnt, daß sie möglicherweise kostbare Spuren zerstört haben; aber er zwingt den Unwillen nieder, er sagt: „Danach haben Sie die Volkspolizei benachrichtigt?“ Pilarzyk schüttelt den Kopf. „Auf den Gedanken bin ich überhaupt nicht gekommen. Ich habe geglaubt, er ist die Treppe hinuntergefallen und hat sich dann herumge26
schleppt, ich konnte mir nur nicht erklären, wieso …“ Er schweigt, er muß an die beiden Kothügel im Waschbecken denken, aber er vermag darüber nicht zu reden. Und muß es doch, denn der Leutnant forscht unerbittlich und kühl weiter: „Haben Sie sonst nichts Auffälliges bemerkt?“ „Mir ist nur aufgefallen, daß die Verriegelung am Tor nicht gelöst war.“ „Das haben Sie schon gesagt, Herr Pilarzyk. Sonst nichts?“ „Nein.“ „Der Hund war im Zwinger?“ „Nein, der ist herumgelaufen.“ Pilarzyk wartet auf weitere Fragen; doch der Leutnant sieht nachdenklich vor sich hin, zupft an seiner Unterlippe und schweigt. Alles, so meint er, deutet zunächst darauf hin, daß es sich tatsächlich um einen Unfall gehandelt hat: das verriegelte Tor, der Hund frei auf dem Gelände … diese Tatsachen bestärken die Annahme. Daß ein Fremder eingedrungen sein könnte, erscheint wegen des streunenden Hundes unwahrscheinlich; ein mit den Örtlichkeiten Vertrauter wiederum hätte die Torverriegelung gelöst. Andererseits: Was hatte das geöffnete Spind zu bedeuten, aus dem das Hutbrett herausgenommen war? Welchen Grund sollte Nottrodt gehabt haben, so etwas zu tun? Er atmet tief auf, zupft nicht mehr an seiner Lippe und sagt eindringlich, wobei er Pilarzyk unverwandt von oben her anstarrt: „Sie sind jetzt unser wichtigster Zeuge, Herr Pilarzyk. Seien Sie sich dessen bewußt! Auf Ihr Wort kommt es an – und auf Ihre Erinnerung! Wir werden Sie später noch genauer hören, versuchen Sie in der Zwischenzeit, Ruhe zu gewinnen und sich genau an jede Einzelheit zu entsinnen, an alles, was Sie gesehen, gehört, 27
bemerkt haben. Erzählen Sie uns auch das, was Ihnen unwichtig erscheint. Ja, und noch eins: Reden Sie nicht mit anderen über die Sache, das stiftet nur Verwirrung.“ Und während er wieder hinüber zu den blutbeschmierten Holzstücken bei der Ofenbank schaut, sagt er: „Wollen wir hoffen, daß Nottrodt selbst eine Aussage machen kann, die Licht in die Sache bringt.“ Das ist der Augenblick, da endlich der Chirurg Dr. Walter im Gang des Kreiskrankenhauses auftaucht und mit wehendem weißem Mantel auf Baltrock zueilt, der auf alle Formalitäten verzichtet und hastig fragt: „Kann ich Herrn Nottrodt jetzt sprechen?“ „Nein“, erwidert der Arzt, „jetzt nicht und nie. Vor fünf Minuten Exitus!“
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2. KAPITEL
1 Als Baltrock aus der Stadt zurückkehrt, bemerkt er vor der PGH bereits den Wagen des Gerichtsmediziners Dr. Salanda; Salanda mußte also kurz nach ihm seine beiden Assistenten eingesammelt haben und aus der Bezirksstadt aufgebrochen sein. Daß Salanda anwesend ist, erleichtert Baltrock; der Arzt zieht den Tatort in die Überlegungen ein, er verengte sein Blickfeld nie allein auf den Verletzten oder Toten, und der Hauptmann weiß aus Erfahrung, daß er dadurch von dem Mediziner Hinweise über den Tathergang erhalten kann, die ihm selbst sonst leicht verborgen bleiben würden. Baltrock hatte sich in der Klinik nur kurz aufgehalten; er hatte sich zu dem Toten führen lassen, um wenigstens ein äußeres Bild zu gewinnen: Der alte Mann lag friedlich und weiß gebettet da, den Schädel mit Binden umwickelt, der Hauptmann hörte den Arzt neben sich murmeln: „Ziemlich scheußliche Verletzungen, vielleicht hätten wir ihn trotzdem durchgebracht, aber es hat zu lange gedauert, bis er gefunden wurde, der Blutverlust war erheblich, da ist der Kreislauf zusammengebrochen, er ist mir fast unter dem Messer geblieben.“ Als ihn der Hauptmann, bereits wieder auf dem Gang, nach dem Zeitpunkt fragte, zu dem die Verletzungen entstanden sein könnten, zuckte der Chirurg die Schultern. „Schwer zu sagen. Nach dem Zustand der Wunden zu urteilen, sind zweifellos ein paar Stunden vergangen, bis der Verletzte gefunden wurde, aber ob das vier oder sieben waren …“ 29
Er schwieg. Baltrock hatte sich bedankt und war zum Volkspolizei-Kreisamt gefahren; da ihm klar war, daß bei der großen Zahl der Tatortberechtigten vermutlich umfangreiche Ermittlungen notwendig sein würden, hatte er vereinbart, daß drei Kriminalisten für ihn abgestellt würden, auch eine Sekretärin, um die Protokolle aufzunehmen. Weiter hatte er einen Fährtenhund angefordert und schließlich noch um zehn Volkspolizisten gebeten, kurzfristig nur, die das umliegende Gelände nach Spuren absuchen sollten. Das alles war reibungslos verlaufen. Es war auch dafür gesorgt, daß ihm im Kreisamt ein Raum zur Verfügung stand. Salanda ist offensichtlich mit der Begutachtung des Tatorts fertig; er lehnt in der offenen Tür, die Hände in den Hosentaschen, als der Hauptmann in den Hof der PGH einbiegt, und blickt Baltrock entgegen, der, noch bevor er den Mediziner erreicht, sagt: „Tot!“ Salanda seufzt: „Sie machen mir nur Scherereien, Hauptmann – ganz abgesehen davon, daß Sie Ihre Morde ja auch endlich einmal am Tage geschehen lassen könnten und nicht immer nachts. Ich bin Langschläfer aus Passion, Sie berauben mich meiner Leidenschaft!“ Dr. Salanda scheint strahlender Laune zu sein, er windet vergnügt die auffallend langen schmalen Hände umeinander. Dabei neigt er Baltrock den zu kleinen, runden Kopf mit den weiten Gelehrtenecken schief entgegen, als wolle er begierig auf dessen Äußerungen lauschen, doch das hat nichts zu bedeuten, das weiß der Hauptmann, so steht Salanda immer da, und wenn er nicht die Hände umeinanderwindet, zieht er an seinem Ohrläppchen oder streicht über den sorglich gepflegten Menjoubart, dessen weißblonde Haare zu spärlich sind, 30
als daß sie dem Mediziner ein betont männliches oder filouhaft-jungenhaftes Aussehen verleihen könnten. Baltrock weiß, daß er auf den Ton Salandas eingehen muß, und sagt: „Sie sollten Kefir trinken, Doktor, das stärkt!“ Dann aber setzt er sofort hinzu, und damit kommt er zur Sache: „Halten Sie einen Unfall für möglich?“ „Das kann ich Ihnen endgültig erst sagen, vielleicht sagen, wenn ich den Kadaver auseinandergenommen habe“, erwidert Salanda. Baltrock ist diese Ausdrucksweise gewohnt, und er sieht sie ihm nach; er weiß, daß Salandas Berufsweg schwierig war, ihm wurde nichts geschenkt. Sein Abitur fiel in eine Zeit, als auf die soziale Herkunft besonderes Augenmerk gerichtet wurde, und Salandas Vater war Kaufmann gewesen. Deshalb konnte er zunächst nicht studieren. Ungerührt sein Ziel im Auge behaltend, legte er eine kaufmännische Lehre ab, erlangte als streitbarer FDJler mit seiner Gruppe einen Sieg gegen den Betriebsleiter, bekam einen Klecks in die Kaderakte, durfte dann doch studieren, kargte sich mit einem kleinen Stipendium durch die Jahre, verzichtete auf die vielfältigen Möglichkeiten des großen Gelds, die sich ihm später boten, sondern verlegte sich eigensinnig auf die Gerichtsmedizin, weil, wie er dem Hauptmann einmal in einer entspannten Stunde sagte, Verbrechen Schandflecke der Gesellschaft seien und er Schandflecke nicht ausstehen könne – tatsächlich, weiß der Hauptmann, gibt es Leute, die Salanda unausstehlich finden, er aber tut es nicht. Er sieht ihm sogar die saloppen Redensarten nach, die ihm selbst nicht liegen; denn, auch das weiß er, dahinter steckt mehr, steckt ein Stückchen Weltanschauung: Er könne es nicht leiden, hatte ihm Salanda damals 31
gestanden, wenn um Tote soviel Wesens gemacht würde, ihm scheine es, als wolle die Umwelt damit nur sich selbst salvieren, dem Toten nütze das wahrhaftig nichts; viel mehr hätte es ihm genützt, hätte man sich zu seinen Lebzeiten so um ihn gesorgt, wie man jetzt vorgebe, das zu tun. „Immerhin“, setzt Salanda hinzu, als er Baltrocks Enttäuschung bemerkt, „würde ich Unfall bei meinen Erwägungen nicht ausschließen. Es erscheint mir durchaus möglich, daß der Mann von der Treppe gestürzt ist und sich dabei die beiden schweren Kopfverletzungen nebst Gehirnerschütterung zugezogen hat. Er könnte dann in den Waschraum getaumelt sein, vielleicht, um das Blut abzuwaschen, vielleicht, weil er sich entleeren wollte, diesen Drang hat er ja offenbar gespürt, hat es dann aber nicht mehr bis zum Abort geschafft, der Kot könnte also durchaus von ihm stammen. Dafür spricht, daß das Waschbecken benutzt wurde, also eine Stelle, die sich rasch reinigen läßt. Gewalttäter, Einbrecher verunreinigen im Überschwang eines Siegesgefühls zwar auch häufig den Tatort, aber dann mit dem Ziel der ausgesprochenen Verschmutzung. Danach könnte dann unser Mann zu seinem Spind gewollt haben, hat es aber nicht mehr gefunden, sich in das Nebenspind verirrt, dort alles heruntergerissen, ist über die Ofenbank gestürzt und hat sich erneut verletzt, möglicherweise hat er sich noch ein paarmal aufgerappelt und dabei diese vielen Verschmierungen angerichtet. So, das wär’s!“ Salanda verzieht das Gesicht: „Und nun an die Arbeit!“ Schon eilt er durch den Hof, gefolgt von seinen beiden Assistenten, und Baltrock steht nachdenklich da, sieht zu, wie Kortleben, unterstützt von Zeitfuchs, nach Spuren sucht, und fragt hinüber: „Sind die Aufnahmen fertig?“ 32
Kortleben hält inne, nickt ihm zu. „Im Innenraum, ja. Draußen muß ich noch fotografieren. Falls ein Fluchtweg festgestellt wird, will ich auch diese Standpunkte verwenden.“ „Na ja, Fluchtweg“, sagt der Hauptmann, „noch dürfen wir Unfall nicht ausschließen. Wenn aber wirklich Mord vorliegt“, setzt er bedenklich hinzu, „können wir nur das Beste hoffen. Bei dem Regen in der Nacht und bei dem Geniesel immerfort – ich fürchte, wir werden nicht viel finden. Hast du übrigens feststellen können, ob Nottrodt vor oder nach dem Gewitter hier hereingekommen ist?“ Kortleben legt den Kopf schief und mustert durch seine Nickelbrille den Fußboden, als könne er gerade jetzt etwas davon ablesen; indessen ruft er sich nur in Erinnerung zurück, welche Untersuchungen er hier vorgenommen hat, er sagt langsam, mit seiner zu leisen Stimme: „Feuchtigkeit hat sich überall auf dem Boden gefunden, das bedeutet gar nichts, denk nur an die Krankenträger, und Fußabdrücke ließen sich nicht feststellen, auch bei schräger Beleuchtung nicht. Vielleicht findet sich an Nottrodts Kleidung noch etwas, hast du sie mitgebracht?“ Baltrock hatte sowieso wenig Hoffnung gehabt, er ist nicht enttäuscht, er sagt: „Natürlich!“ und fragt: „Was hast du überhaupt gesichert?“ Er ist darauf gefaßt, nun ein paar Minuten lang eine mit näselnder Stimme vorgetragene Aufzählung anhören zu müssen, denn Kortleben ist genau, und das ist sein Vorzug! Ein Fremder würde Kortleben vermutlich für einen Langweiler halten, der Hauptmann weiß indessen, das ist er nicht, vielmehr ist Kortleben darauf geeicht, auch den geringsten Zeichen seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden und das Unsichtbare sichtbar zu machen. Und sosehr Baltrock 33
wünscht, es möge sich um keinen Mord handeln, sowenig läßt er sich durch diese Hoffnung in der Untersuchung des Falles beirren. Kortleben fährt mit dem rechten Zeigefinger unter die Brille und reibt sich angestrengt den Augenwinkel, wobei er die blassen Brauen hochzieht. „Von der Blutlache am Fußboden bei der Ofenbank, vom Blut unterm Waschbecken habe ich Proben genommen, ebenso von den beiden Kothaufen und von einer schleimigen Flüssigkeit, bei der es sich wahrscheinlich um Erbrochenes handelt. Bei der Ofenbank lag eine blutverschmierte Tabaksdose, sie war dort nicht hingelegt worden, sondern hingefallen; die Dose und ein blutiges Holzscheit habe ich gesichert, ferner ein paar Blutstropfen vom Fensterbrett, ebenso die Blutstropfen auf den Treppenstufen und an dem Nagel, an dem er sich wohl gerissen hat, als er taumelte. Das Institut für Gerichtsmedizin muß feststellen, ob in allen Fällen Blut, Kot und Schleim vom Opfer stammen. Übrigens fanden sich nirgendwo Blutspritzer, die auf gewaltsame Einwirkung von außen hindeuten würden.“ Kortleben schiebt jetzt mit dem anderen Zeigefinger die Brille etwas hoch und reibt den linken Augenwinkel, der Hauptmann wartet geduldig. „Gegenstände …,“ überlegt der Oberleutnant, „ja, also da ist zunächst die Mütze des Opfers. Daß sie Nottrodt gehörte, hat Claus inzwischen zweifelsfrei festgestellt. Sie lag auf der Ofenbank. Es könnte sein, daß der Mann sie aufhatte, als er hereinkam. Falls Mord vorliegt, wäre immerhin möglich, daß der Täter zugeschlagen hat, als Nottrodt die Mütze noch trug. Daß kein Blut daran ist, will nicht unbedingt etwas besagen, der erste Schlag braucht nicht zu sofortiger Blutung geführt haben, und die Mütze 34
kann gleich heruntergefallen sein. Es könnten sich aber Spuren von Durchtrennungen an der Mütze finden, die auf das Tatwerkzeug schließen lassen. Ja, und dann habe ich beim Brennholz ein Taschenmesser gefunden.“ Baltrock läßt es sich geben und betrachtet es, ein kräftiges Messer mit drei Klingen und einem Korkenzieher, wie es Arbeiter häufig mit sich herumzutragen pflegen, der Griff ist mit einer Art Hirschhorn schale geschützt, und auf der einen Seite ist diese Schale durch Holz ersetzt, das sauber zurechtgeschnitzt wurde. „Wenn das nicht Nottrodt gehört“, sagt der Hauptmann und läßt das Messer auf der flachen Hand liegen, die er leicht hin und her dreht, „oder einem der Arbeiter, dann könnte es von dem Täter stammen, falls es einen gibt, und dann allerdings könnten wir dadurch einen Schritt weiterkommen.“ Er sieht Kortleben an, er fragt: „Und Fingerabdrücke?“ „Eine ganze Menge, allerdings an Stellen, wo sie vermutlich nicht vom Täter stammen, beispielsweise an den Schlössern der Spinde. Einen Teilabdruck habe ich allerdings gefunden, der mehr verspricht.“ Kortleben bewegt sich lang und dünn in den Umkleideraum, der Hauptmann folgt ihm. Von dem geöffneten Spind nimmt der Oberleutnant einen länglichen Handspiegel mit einem Bakelitrahmen und reicht ihn Baltrock, der ihn hin und her wendet und aufmerksam betrachtet; aus dem erblindeten Glas sieht ihm sein Gesicht halbzerstört entgegen. „Der Spiegel“, erläutert Kortleben, „hat offensichtlich an dem Nagel in der Tür des Spinds gehangen, und der das Spind ausgeräumt hat, nahm den Spiegel ab und schob ihn oben hinauf. Das könnte irgend jemand, das könnte Nottrodt, es könnte aber auch der Täter gewesen 35
sein, falls er sich in dem Spind zu schaffen machte. Ich kann mir noch nicht erklären, was er darin wollte, aber das wird sich wohl herausstellen. So. Und an dem Rand des Spiegels fand ich einen Teilabdruck des linken Daumens, ich habe die Spur mit Kupferoxid und schwarzer Folie abgenommen. Könnte natürlich sein, daß sie von dem Arbeiter stammt, der seine Sachen im Spind aufbewahrt, der Abdruck könnte aber auch zu jemandem gehören, der den Spiegel gelegentlich benutzte, vielleicht wurde er beim Ankleiden herumgeborgt …“ Baltrock knurrt und sieht sich noch einmal aufmerksam im Raum um; ein zweiter Wandspiegel, der unmittelbar neben dem Lichtschalter bei der Tür an einem krumm geschlagenen Nagel hängt, erfreut ihn plötzlich. „Die Leute“, sagt er, „die sich drüben gewaschen haben, werden sicherlich den dort zum Kämmen benutzen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, daß der Daumenabdruck von einem Fremden stammt, um ein paar kräftige Prozente. Erich“, er drückt freundschaftlich Kortlebens Schulter, „wenn ich dich nicht hätte und den Löffel …“ Der Oberleutnant begreift das Lob, und der Hauptmann lobt selten; verlegen reibt Kortleben seine spiegelnde Stirnglatze. Aber solchen Stimmungen pflegt Baltrock ein rasches Ende zu bereiten. „Also bist du endlich hier fertig?“ fragt er und zieht seine Hand zurück. Er wartet keine Antwort ab, sondern weist an: „Dann machst du draußen die Aufnahmen. Wronski wird froh sein, wenn ich die Räume freigebe.“ In diesem Augenblick tritt Zeitfuchs ein. „Die Genossen vom Kreisamt sind da“, meldet er, „auch der Hundeführer.“ „Also“, der Hauptmann wendet sich stracks zur Tür, „auf ein neues, meine Herren!“ 36
2 Während Baltrock am Tor steht und über das regengraue Gelände schaut, wobei er spürt, wie sich die Nässe bereits durch die Kleidung an seine Schultern und seinen Rücken saugt, hat er doch das befriedigende Gefühl, es sei ihm gelungen, eine reibungslose Maschinerie in Gang zu setzen, und dieser Daumenabdruck scheint ihm so etwas wie ein winziger Stoffetzen zu sein, der bereits zwischen die Zahnräder geraten ist; an diesem Stoffetzen könnte der Täter in seine Reichweite gezogen werden, mochte er so weit flüchten, wie er wollte, und alle Spuren hinter sich zu verwischen trachten. Falls es einen Täter gab … mit dieser Möglichkeit rechnet der Hauptmann jetzt stärker, der merkwürdige Zustand des offenen Spinds gibt ihm zu denken. Hier, an diesem Tor, hatte er vor wenigen Minuten seine Anweisungen gegeben: Unter Leitung von Zeitfuchs sollen die drei Kriminalisten, die in seiner Arbeitsgruppe tätig sein werden, den abschließenden Teil der PGH bis zum Gewässer hin durchforschen, insbesondere die Umzäunung begutachten und einen Blick in die restlichen Gebäude werfen; die zehn Volkspolizisten hatte Baltrock dem kleinen mißgelaunten Oberleutnant Schnurk unterstellt, sie suchten außerhalb der PGH nach Spuren und richteten dabei ihr Augenmerk vor allem auf den Schwarzen Weg, die angrenzenden Grundstücke und den verwilderten Grünstreifen zur Landstraße. Auf den Fährtenhund mußte Baltrock verzichten, denn der Hundeführer hatte ihn darauf hingewiesen, daß bei diesem Wetter und dem ständigen Regen das Tier keine Witterung mehr aufnehmen könnte; das hatte der Hauptmann befürchtet. 37
Vom Tor aus sieht er dann und wann die Gestalten der Männer, und die Planmäßigkeit und Ruhe, mit der sie vorgehen, befriedigt ihn. Um nichts zu übersehen, hat er Pilarzyk noch einmal zu sich bitten lassen; er mustert ihn, während er quer über den Hof sich nähert, und bildet sich ein erstes Urteil: ein ruhiger, kraftvoller, zielbewußter Mann – ein verläßlicher Freund im Guten, ein gefährlicher Gegner im Bösen. Der Hauptmann lächelt, um Vertrauen einzuflößen, und sagt: „Ich will mit Ihnen noch einmal den Weg abgehen, den Sie heute früh genommen haben. Es könnte immerhin sein, daß Sie selbst oder auch wir etwas übersehen haben.“ Baltrock schiebt die Steine mit der Fußspitze vom Tor weg und zieht die Flügel zu, schlägt die Haspe herüber und steckt erst den oberen, dann den unteren zugespitzten Holzpflock hindurch, dabei sagt er: „War das so? Das ist für Einbrecher ja geradezu verlockend, so primitiv!“ Pilarzyk erwidert knapp: „So war es!“ Der Hauptmann fragt weiter: „Wenn ein Mitarbeiter der PGH nachts hier hereinkommen wollte, oder sagen wir ruhig: eindringen, wie würde er es dann gemacht haben?“ Pilarzyk erklärt: „Na, wenn er einen Grund gehabt hätte, würde er von außen durch die Latten gegriffen und die Verschlüsse weggeschoben haben.“ „Und was verstehen Sie unter ‚einem Grund haben‘?“ Pilarzyk sieht beiseite, er sagt: „Falls er vom Betrieb aus etwas zu tun hatte. Aber das ist in der ganzen Zeit, wo ich hier bin, noch nie vorgekommen, daß einer in der Nacht etwas erledigen sollte. Könnte aber auch sein, daß irgend jemand den Nottrodt sprechen wollte, privat, meine ich.“ 38
„Und warum zum Beispiel?“ „Na, der Paul hat gelegentlich Geld verliehen.“ Danach entsteht eine Pause, der Regen geht über die beiden Männer nieder, den Hauptmann kümmert es nicht. Endlich sagt er und spielt mit dem kleinen Pflock: „Ach! Geld verliehen hat Nottrodt gelegentlich. Aber, wissen Sie, Herr Pilarzyk, ich kann mir schwer vorstellen, daß jemand um Mitternacht Geld leihen oder zurückzahlen wollte.“ Das ist nur eine halbe Frage, also beantwortet Pilarzyk sie nicht. Baltrock geht mit ihm zum Pförtnerhaus, er öffnet die Tür. „Hier brannte Licht?“ „Ja, Nottrodt war jedoch nicht da, deshalb ging ich nach hinten.“ „Warum?“ „Ich dachte mir: Gleich fängt die Schicht an, und Paul, also Nottrodt, ist vielleicht nicht rechtzeitig fertig geworden und er ist noch im Umkleideraum. Ich habe mich geärgert, weil das doch nicht in der Ordnung ist.“ Der Hauptmann fragt: „Wo war der Hund?“ „Ach, der lief hier herum. Ich habe ihn noch schnell eingesperrt.“ „Also war das Tier üblicherweise im Zwinger?“ „Nicht in der Nacht.“ Baltrock bohrt weiter: „Nun gut, da sollte ja das Gelände bewacht werden. Aber bevor die Arbeit begann, wurde er doch gewiß eingesperrt.“ „Ja.“ „Sie wunderten sich sicherlich darüber, Herr Pilarzyk. Und ebenso fiel Ihnen auf, daß das Tor verstöpselt war. Das hätte doch Ihre Aufmerksamkeit erregen müssen, haben Sie denn wirklich gar nichts beobachtet?“ 39
„Dazu war es viel zu dunkel. Und herumgerannt ist hier keiner. Und was Nottrodt betrifft, warum sollte er nicht vergessen, das Tor zu öffnen und den Hund einzusperren? Der hielt sich ja auch sonst nicht an die Vorschriften, verkaufte ruhig seine Zigaretten weiter im Betrieb, obwohl es ihm verboten war. Also habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Paul war alt, er war schon fast ein Trottel, das muß man sagen!“ „Sie mögen ihn nicht sehr, Herr Pilarzyk?“ Für diese Frage erntet der Hauptmann einen Blick, den er nicht recht zu deuten weiß – Abschätzigkeit ist darin, Mißtrauen vielleicht, was noch? Aber Pilarzyk antwortet, ohne zu zögern: „Ich habe von Paul viel gelernt, habe jahrelang mit ihm zusammen gearbeitet, Paul war hilfsbereit, ein guter Kollege, aber …“, Pilarzyk macht eine unbestimmte Handbewegung, „jetzt war er eben alt, altes Eisen, wie man so sagt. Der taugte auch zum Nachtwächter nicht, und das hätte ich heute unserm Werkleiter sagen müssen, das war einfach nicht mehr zu verantworten. Das ist jedenfalls meine Meinung.“ „Das ist also Ihre Meinung, na schön. Gehen wir weiter!“ Während der Hauptmann sorgfältig den Pfützen ausweicht, fragt er: „Ist der Hund scharf?“ „Manche haben Angst vor ihm, andere nicht“, erwidert Pilarzyk. „Würden Sie sagen, daß er einen Fremden angehen oder wenigstens verbellen würde?“ fragt Baltrock weiter und tritt nun doch in eine der Lachen. „Falls also jemand hier eingedrungen wäre, müßte das einer sein, den der Hund kennt – oder nicht?“ „Wenn er im Zwinger ist, kläfft er jeden an, der aufs Grundstück kommt, da zerreißt er sich beinahe.“ Mehr 40
äußert Pilarzyk dazu nicht. Vor dem Gebäude, in dem Nottrodt gefunden wurde, fallen dem Hauptmann Holzkloben neben dem Fallrohr auf. „Wozu liegen die hier?“ fragt er und stößt mit der Fußspitze daran. „Nottrodt“, erwidert Pilarzyk lakonisch, und auf einen fragenden Blick des Hauptmanns führt er weiter aus: „Der hat jede Menge Hartholz für sich gespalten und es mit dem Handwagen nach Hause geschleppt. Das war ihm zwar auch verboten …“ Er zuckt die Schultern. „Na gut“, beendet der Hauptmann das Gespräch, „das wär’s. Wo treffe ich Herrn Wronski?“ „Der wird wohl im Büro sein“, sagt Pilarzyk und will gehen. Da fällt Baltrock noch ein: „Übrigens … Sie sind gestern nachmittag nach Hause gegangen und heute morgen in den Betrieb gekommen. Waren Sie zwischendurch einmal hier?“ Pilarzyk antwortet: „Nein, ich war daheim.“ „Die ganze Nacht über?“ fragt Baltrock. „Selbstverständlich“, erwidert Pilarzyk sofort und wirft dem Hauptmann einen seltsamen Blick zu, den der nicht deuten kann. Damit ist das Gespräch beendet, und wenig später betritt Baltrock das Büro. Es ist ein kleiner viereckiger Raum, und das erste, was dem Hauptmann auffällt, ist der penetrante abgestandene Zigarrenrauch. Tatsächlich raucht Wronski auch jetzt eine Zigarre, das paßt zu ihm; er sitzt mit dem Rücken zur Tür an einem Schreibtisch, der neben das Fenster gerückt ist, und ihm gegenüber sitzt die Sekretärin, ein unscheinbares älteres Wesen, ein Faktotum, denkt Baltrock, eine graue Motte mit dunklem Haar, das 41
strähnig von einem Mittelscheitel aus über die Ohren nach hinten gekämmt ist und dort in einem ungewöhnlich fülligen Chignon endet. Wronski dreht sich sofort um, und als er den Hauptmann sieht, ist er mit bemerkenswerter Schnelligkeit auf den Beinen und steht dicht vor ihm, die Zigarre zwischen den gespreizten Fingern in Schulterhöhe. „Wie ist’s? Können wir an die Arbeitsplätze?“ ist das erste, was er fragt. Um dem Zigarrenrauch zu entgehen, lehnt sich Baltrock unmerklich zurück. „Noch nicht“, erwidert er, „aber ich hoffe, es wird nicht mehr lange dauern. Sie können inzwischen den Waschraum und den Umkleideraum in Ordnung bringen lassen.“ „Mein Gott“, Wronski stöhnt und faßt sich mit der Linken an die Stirn, so daß die halbgerauchte Zigarre wie ein kleines Horn absteht, „wie ich diesen Verlust wettmachen soll …“ Aber sogleich wird er aktiv und raunzt die Sekretärin an: „Veranlassen Sie das!“ Das späte Mädchen erhebt sich gehorsam, doch bevor sie das Zimmer verlassen hat, bittet Baltrock, das Gespräch unter vier Augen führen zu dürfen, und Wronski ordnet an: „Sie kommen erst wieder herein, wenn ich Sie rufe, und halten Sie mir alle Leute vom Halse!“ Während er Baltrock auf den Stuhl dirigiert, auf dem die Sekretärin gesessen hat, lächelt er mit seinem winzigen Kußmund und gesteht: „Ein zuverlässiges Wesen, mein Gedächtnis und meine rechte Hand. Sie können sich darauf verlassen, die steht nachher vor der Tür wie ein Zerberus, da kommt niemand durch.“ Selbstgefällig und wuchtig sitzt der Mann vor Baltrock, der wie nebenbei sagt: „Sie haben eine barsche Art, mit Menschen umzugehen.“ 42
„Mag so aussehen“, Wronski lehnt sich in seinem Stuhl bequem zurück, der laut aufquarrt, und schlägt den Arm über die Lehne, „aber es hat Erfolg. Außerdem wissen alle: Wenn es darauf ankommt, springt der Wronski für uns ein!“ Er saugt wieder an der Zigarre. „Mich interessiert“, der Hauptmann kommt sofort auf sein Thema, „wie Sie Nottrodt einschätzen. Was war das für ein Mensch? Welche Angewohnheiten hatte er? War er beliebt, unbeliebt? Freunde, Feinde? Mit wem pflegte er Umgang? Halten Sie es für wahrscheinlich, daß es sich um ein Unglück handelt, oder halten Sie einen Überfall für möglich? Viele Fragen, ich weiß, aber ich möchte gern ein zusammenhängendes Bild gewinnen.“ Wronski beugt sich vor und über den Schreibtisch, sein fleischiges Gesicht wird plötzlich konzentriert, er zermalmt langsam seine Zigarre in dem Aschenbecher aus rosa Preßglas. Er sieht den Hauptmann nicht an, während er spricht, seine Stimme ist nicht mehr befehlerisch, sondern leise und nachdenklich. „Ich habe natürlich versucht, mir ein Bild zu machen“, beginnt er, „ich glaube, daß es ein Unfall war. Meiner Ansicht nach war Nottrodt schon lange nicht mehr richtig bei sich. So um neunundfünfzig herum ist sein einziger Sohn republikflüchtig geworden, und seitdem ging es mit ihm bergab. Der Sohn war seine Lebensaufgabe, er hat ihn sogar studieren lassen. Plötzlich war sie ihm genommen, damit konnte er sich nicht abfinden, er sah sein Alter, und er sah es als düstere Einsamkeit. Damals fing er an, mit Zigaretten zu handeln. Vermutlich bezog er sie aus einer Kneipe, die ihren Umsatz steigern wollte, er hat sicherlich nur Pfennige daran verdient.“ „Das haben Sie untersagt?“ 43
Wronski nickt. „Ja, das haben wir, doch er fing wieder an. Vielleicht war es falsch, aber wir haben immer wieder ein Auge zugedrückt.“ Er hebt den Kopf, runzelt die Stirn hoch, streichelt das füllige Doppelkinn. „Woher sollten wir einen anderen Wächter nehmen? Und, was wichtiger ist, die Leute legten Wert darauf, daß sie bei Nottrodt kaufen konnten – der hat ihnen auch mal gestundet. Und das konnte er, denn sein Sohn schickte ihm Sachen, Perlonhemden, Westzigaretten, die er ebenfalls verkaufte. Angeblich hat er später sogar Geld verliehen, immer nur an Leute aus unserm Betrieb, da war er sicher, daß er es wiederbekam, er paßte bei den Lohnzahlungen auf.“ Der Hauptmann denkt, jetzt müsse er Wronski reden lassen, später werde er viele Fragen zu stellen haben – an ihn und andere. Der Werkleiter senkt den Kopf, er fischt seinen toten Stummel aus dem Ascher und fummelt damit herum, tupft und zieht Striche – und dabei redet er. „Soviel ich weiß, hatte er keine Freunde, keine Feinde – er hatte bestenfalls Schuldner. Er rauchte nicht, ging selten in eine Kneipe, er sparte auf sein Alter, er hatte wahrscheinlich Angst, daß es einmal nicht reichen würde. Das war krankhaft.“ Wronski blickt hoch. „Nehmen Sie nur mal diesen Tick mit dem Brennholz! Der muß ja eine ganze Scheune davon voll gehabt haben. Na, uns konnte es gleichgültig sein, es waren Abfälle, handwagenweise hat er sie hinausgezerrt, hoch gestapelt, mit Stricken verschnürt. Ein paar Zentner Briketts hätten es sicherlich auch getan.“ Er macht eine kurze Pause. „Weil er deshalb gehänselt wurde, zog er sich noch mehr in sich zurück. Ich habe ihn nie ein längeres Gespräch mit irgend jemandem führen hören, aber immer 44
murmelte er vor sich hin. Selbst wenn er Pförtnerdienst machte, habe ich ihn so angetroffen, murmelnd, den Kopf in die Hände gestützt, vor sich die Besucherkladde. Ich vermute auch, daß er sich nichts gönnte – na ja, was heißt das schon: gönnte? Er soll sich oft trockenes Brot in den Betrieb mitgebracht haben.“ Allmählich entsteht so vor Baltrock das Bild eines alten Mannes, der sich selbst vereinsamte – ein schreckliches Bild! Er hört Wronskis Stimme: „Es war zu sehen, wie er körperlich zusammenfiel. Er hatte keinen Murr mehr in den Knochen. Und so denke ich mir, daß er aus irgendeinem gottverfluchten Grunde in den ersten Stock geklettert ist, dabei abstürzte, auf den Schädel fiel – er hatte Blut verloren, war benommen, und so ist er herumgelaufen, bis er über seinen Holzscheiten zusammengebrochen ist. Und wenn man noch bedenkt, daß er dort vermutlich stundenlang gelegen hat, dann ist der Zustand verständlich, in dem ihn Pilarzyk aufgefunden hat: halbtot!“ Absichtlich stellt Baltrock jetzt eine Frage, die Wronski nicht erwartet haben kann: „Was halten Sie eigentlich von Pilarzyk?“ Der Betriebsleiter starrt ihn tatsächlich verblüfft an. Dann glimmt in seinen Äuglein Begreifen auf. Er bricht in ein leises meckerndes Gelächter aus, das zu diesem Koloß gar nicht paßt, und sagt: „Pilarzyk? Mein bestes Pferd im Stall! Neben der Dame mit dem Dutt natürlich …“, er deutet mit dem Daumen über die Schulter zur Tür, „aber verraten Sie das den beiden nicht!“ Der Hauptmann lächelt Wronski an. „Na schön, lassen wir das! Wissen Sie, wie hoch die Summen waren, die Nottrodt auslieh?“ „Von einer Schachtel Zigaretten auf Pump bis …“ „Bis …?“ 45
„Da bin ich überfragt. Ich habe mal was von achtzehnhundert Mark läuten gehört.“ „Und wer …“ Wronski läßt ihn nicht ausreden, abwehrend hebt er beide Hände. „Das weiß ich nicht! Darum habe ich mich nicht gekümmert, das war Privatsache.“ „Nun, immerhin“, wirft Baltrock ein, „eine Privatsache, die sich in der PGH abgespielt hat.“ „Mag sein“, erwidert der Betriebsleiter, „aber schließlich ist Geldverleihen nicht verboten.“ Wiederum wechselt der Hauptmann das Thema. „Ihrer Ansicht nach handelt es sich um einen Unfall. Indessen gibt es doch auch Motive für einen Überfall! Ich könnte mir denken, daß ein Gläubiger seinen Schuldner loswerden wollte, daß er sich vielleicht sagte: Der alte Mann, um den ist es nicht schade, aber mir wird er lästig, außerdem habe ich das Geld nicht … Es sind schon um winzige Summen Morde verübt worden, geschweige denn, wenn es sich um achtzehnhundert Mark handelt. Wo hatte Nottrodt denn überhaupt sein Geld aufbewahrt?“ Wronski zuckt die Schultern. „Überfragt! Wenn er es verlieh, sicherlich im Betrieb. Er kassierte hier ja auch die Schulden. Aber, Genosse, das alles sind nur Vermutungen, nageln Sie mich nicht darauf fest!“ Und als sei damit das Gespräch beendet, schiebt er sich vom Stuhl hoch, öffnet einen Schrank, hebt eine Flasche an und lächelt vertraulich zum Hauptmann hinüber. „Ein Gläschen? Bei dem Regenwetter?“ Ehe Baltrock ablehnen kann, läutet das Telefon, Wronski nimmt den Hörer ab, sagt dann: „Für Sie, Genosse!“ Baltrock horcht auf die erschöpfte Stimme, dann antwortet er: „Nein, nicht hier! Ich komme sofort zu Ihnen!“ 46
Und schon steht er auf. „Was Neues?“ fragt Wronski neugierig. „Das werden wir sehen“, erwidert der Hauptmann. Kurz darauf hört der Werkleiter das scharfe Geräusch des anfahrenden Wartburgs. 3 Erschöpfte Stimme: Dr. Salanda macht wirklich einen erschöpften Eindruck, als er Baltrock gegenübersitzt, er fährt mit der langen schmalen Rechten über die Stirn, als schmerze ihn der Kopf, er zupft nervös an dem weißblonden Menjoubärtchen, es dauert lange, ehe er zu sprechen beginnt. Baltrock wartet geduldig, er läßt dem Arzt Zeit. Sie haben sich in ein kleines Sprechzimmer zurückgezogen, die roten und blauen Stühle sind glücklicherweise bequem, die Kunststoffbespannung gibt elastisch nach, man kann sich unmerklich strecken und entspannen. Salanda fingert eine zerknitterte Zigarette aus der Westentasche, streicht sie glatt, sucht vergeblich nach Streichhölzern, der Hauptmann reicht ihm Feuer, Salanda tut einen tiefen Zug. Dann sagt er, und das klingt sachlich, als diktiere er einen Bericht: „Die unmittelbare Todesursache ist Herz- und Kreislaufversagen bei Hirnprellungen mit nicht unerheblichem Blutverlust. Die mittelbare ist nicht ganz einfach zu erläutern. Am Hinterkopf befindet sich eine schwere Wunde, die sternförmig ist; in Verbindung mit den Umgebungsvertrocknungen läßt sich ablesen, daß es sich um eine Platzwunde handelt. Sie ist so stark durchblutet, daß sie wahrscheinlich vor den anderen entstand. Für einen Schlag mit einem breitflächigen Werkzeug, beispielsweise einem Holzscheit, ist die Lage atypisch, wohl aber ist die Wunde durch ebenerdigen Sturz 47
oder Sturz aus der Höhe erklärbar. Auch die Bildungen im Bereich der rechten Stirnseite und der linken Augenbraue sprechen für Sturz. Die zwei weiteren Wunden auf der Schädeldecke könnten allerdings sowohl durch Schlag als auch durch Sturz erklärt werden, wobei dann wieder nur Sturz aus der Höhe in Frage käme; falls es sich um Schlagverletzungen handelt, muß ich einschränken, daß sie insofern atypisch sind, als sie quer liegen, das wäre ziemlich ungewöhnlich.“ Während Dr. Salanda bislang vor sich hingesehen hat, legt er jetzt den Kopf seitlich und blickt Baltrock an. Es macht nicht den Eindruck, als habe er noch etwas hinzuzufügen. Der Hauptmann fragt: „Zu welchem Schluß kommen Sie also?“ Zum ersten Male lächelt Salanda, mit einer Art von gutmütigem Spott sagt er: „Da Sie so fragen, weiß ich, daß sie andere Vermutungen haben, teurer Hauptmann, aber gegen ein objektives Ergebnis werden Sie mit Ihren kriminalistischen Konstruktionen kaum anstinken können. Sie wissen ja längst, worauf alles hinausläuft, aber da Sie es wünschen, bitte …“ Er ruckt sich zusammen, er versucht, seinem Gesicht einen förmlichen Ausdruck zu verleihen, und erklärt: „Die Obduzenten kommen zu dem Schluß, daß die Befunde in ihrer Gesamtheit durch Sturz aus der Höhe erklärbar sind. Allerdings wäre es angesichts der Kopfschwartenverletzungen verfrüht, fremdes Verschulden auszuschließen und alles mit Sturz von der Treppe und möglicherweise nachfolgenden Bodenstürzen erklären zu wollen. Freilich weist nichts zwingend auf fremdes Verschulden hin.“ Der Arzt läßt sich zurücksinken und stößt erleichtert die Luft aus. 48
Draußen vor dem Fenster trieft der Regen nieder, Tropfen schlagen lärmend auf das zinkblechverkleidete Sims. Baltrock schweigt, er hat keinerlei Grund, Salandas Ausführungen zu bezweifeln, er weiß, wie gewissenhaft der ist. Nach allem, was er gesagt hat, muß es so sein, wie auch Werkleiter Wronski vermutet: Nottrodt hat sich zu Tode gestürzt. Was spricht eigentlich dagegen? Das offene Spind? Du lieber Himmel, denkt Baltrock, ich mache mir selbst etwas vor, ich messe dem eine Bedeutung bei, die ihm nicht zukommt, dieser kauzige Nottrodt – wer weiß, was er in dem Spind vermutet und gesucht hat, vielleicht hat er es auch nur verwechselt, als er schon herumgetaumelt ist, hat das Hutbrett heruntergerissen, als er sich daran festhalten wollte … Ich könnte eigentlich froh sein, denkt er, kein neuer Mord im Bezirk, keine zusätzliche Arbeit, Heimkehr zu Muttern, und Nottrodt wird friedlich begraben und vergessen … Das Wort friedlich ist es, worum es in Wahrheit Baltrock geht; das bewegt ihn. Ein Unfall, so schwer die Folgen sein mögen, ist etwas Menschliches, ein Mord aber ist unmenschlich, so empfindet er. Und wenn in diesem Falle seine Befürchtungen nicht bestätigt werden, wenn also Salanda recht hat, dann wird er ruhig schlafen können. Doch plötzlich stutzt er: Ist er nicht dabei, vor sich selbst etwas zu vertuschen? Unwillkürlich seufzt er unbehaglich, er ertappt sich selbst bei diesem Seufzen und lächelt Salanda gezwungen an. Jetzt erst bemerkt er, daß der ihn beobachtet hat, das ist ihm unangenehm, er fragt: „Fremdes Verschulden ist also nicht gänzlich auszuschließen – wie würden Sie sich den Vorgang vorstellen?“ 49
„Wenn Sie mich so fragen“, erwidert Salanda, „kann ich Ihnen nur erwidern: Nach dem Befund war es möglich, daß Nottrodt erst die Treppe hinuntergestürzt, dann noch einmal aufs Gesicht gefallen ist, und schließlich müßte irgendwer dagestanden haben, der ihm zweimal mit dem Knüppel über den Schädel schlug. Wie sich das mit der Realität vereinbaren läßt, ist allerdings nur schwer vorstellbar.“ Der Hauptmann nickt zufrieden, eine solche Version erscheint ihm ebenfalls unwahrscheinlich. „Unsere Beurteilung ist nicht endgültig“, schränkt Dr. Salanda ein, „das Gutachten geht Ihnen noch zu, und der Staatsanwalt hat eingewilligt, daß wir die Kopfschwarte formalinfixieren und im Institut begutachten.“ Abschließend fragt Baltrock: „Und wann könnten die Verletzungen entstanden sein?“ „Schwer zu sagen“, erwidert Salanda, „mein Oberarzt Stich, der auf diese Fragen spezialisiert ist, gibt eine Zeitspanne von sechs bis acht Stunden an, die zwischen der Entstehung der Wunden und deren ärztlicher Versorgung liegen könnte.“ „Das wäre also rund gerechnet zweiundzwanzig Uhr bis Mitternacht, vielleicht auch später?“ „So ist es.“ „Ich schicke Ihnen Kortleben her“, sagt Baltrock, „damit er die Aufnahmen macht.“ Später stehen die beiden Männer in dem schmalbrüstigen dunklen Treppenflur, durch das gefächerte halbrunde Oberfenster der Eingangstür fällt nur schales Licht. Baltrock spürt das glattpolierte Holz des Handlaufs kühl und fremd, riecht wieder diesen abweisenden Duft von Desinfektionsmitteln, sieht in der Pförtnerloge das unbeteiligte helle Gesicht der Schwester – er könnte nun gehen, 50
er weiß, Salanda wartet darauf, er möchte sich entspannen, trotzdem geht Baltrock nicht, er steht nur so da, denkt eigentlich auch nicht, grübelt nicht, überlegt nicht, vermag sich nicht zu lösen, hört endlich zu seiner eigenen Überraschung seine Stimme: „Ich möchte mir Nottrodt noch einmal ansehen.“ Salanda schaut ihn merkwürdig an, er zupft an seinem Ohrläppchen, dann hebt er die Schultern, und ohne ein Wort zu erwidern, geht er voran, und der Hauptmann folgt ihm. Schatten nisten im Gang, das einzige Fenster an der Stirnseite hängt der Regen mit Perlfäden zu, endlich öffnet der Arzt eine Tür, und Baltrock sieht Nottrodt, Paul, dort liegen, er sieht nur das Gesicht: ein nacktes slawisches Antlitz mit einem buckeligen, fast kahlen Schädel, auf dem nur wenige Haare kleben, die sich nach hinten zu einem Kranz zusammenschließen, die Nase ist breit, die Ohren sind merkwürdig eingekniffen, der schmale Mund wird nicht mehr vor sich hin murmeln. Langsam und leise zieht der Arzt die Tür wieder zu und sagt: „Wer sollte das armselige Leben getötet haben …“ Während sie den düsteren Gang zurückgehen, denkt Baltrock über diesen Satz des Arztes nach, er selbst könnte ihn gesprochen haben; aber gerade das beunruhigt ihn, weil es ihn in die Gefahr bringt, andere Zeichen zu übersehen. Das drängt ihn zu sagen: „Wissen Sie, Doktor, ich zögere trotzdem, alles, außer einem Unfall, auszuschließen, auf den ja wirklich sämtliche Zeichen hindeuten. Ich darf mich damit nicht zufriedengeben. Das ist nicht kriminalistischer Eigensinn. Nichts ist mir so zuwider wie gewaltsamer Tod – sei es im Kriege oder sei es in dem Kleinkriege, den wir hier gegen das Verbrechen führen. Jedes Leben ist kostbar, es kann nie wiederholt werden. Und dann ist da noch etwas: Ich würde mir bis an 51
mein Lebensende Vorwürfe machen, hätte ich etwas übersehen und dem einen Mord folgte ein zweiter …“ Er blickt zu Salanda hinüber, er lächelt. „Und Sie sind mein Verbündeter, Doktor …“ Darauf antwortet Salanda nicht, es liegt ihm nicht, „gefühlig“ zu werden, wie er es nennt. Nur wer ihn genau kennt, würde an der Art, wie er sein Schnurrbärtchen streicht, merken, daß in ihm etwas vorgeht. Durch die schmalen Stadtgassen läßt der Hauptmann seinen Wagen trödeln, auch auf der Landstraße fährt er langsam, er sieht den Schädel des Toten vor sich, die furchtbaren Wunden … Er wird entscheiden müssen, ob die Ermittlungen fortgesetzt werden oder nicht, auf ihm lastet die Verantwortung, das empfindet er stark. Der Regen scheint nicht enden zu wollen, der Scheibenwischer vermag die Flut kaum zu bewältigen, breite Wogen werden von den Rädern beiseite gepflügt, ein klatschendes Geräusch begleitet den Wagen. Immer noch hängen an den Ästen der Obstbäume Blätter, der Wind zerrt vergebens daran, sie sind zäh und haften fest, es ist ungewöhnlich warm in diesem November. Vorsichtig lenkt Baltrock den Wagen in das Schlammbett des Schwarzen Wegs; als er sich dem Tor der PGH nähert, sieht er dort Leutnant Zeitfuchs lang und hager stehen, und wenig entfernt von ihm sind die Volkspolizisten versammelt. Die Spurensuche ist also beendet, in wenigen Sekunden wird er das Ergebnis erfahren! Als er auf die Bremse tritt, rutscht der Wagen noch ein Stück weiter und dreht sich leicht. Der Hauptmann ist mit wenigen Schritten bei Zeitfuchs. 52
„Genosse Hauptmann“, meldet der Leutnant, und es ist etwas wie Triumph in seiner Stimme, „die Durchkämmung des Grünstreifens, das Absuchen des umliegenden Geländes hat nichts ergeben. Der Zaun der PGH kurz vor dem Flußufer weist in dem seifigen grünen Belag Schabspuren auf, die nicht genau identifiziert werden können, sie könnten aber von einem menschlichen Körper herrühren, vielleicht von Schuhen beim Übersteigen der Begrenzung. An dieser Stelle haben wir auf einer Zaunlatte Erde entdeckt, und nach Meinung des Genossen Kortleben handelt es sich um die gleiche Erde wie auf der Straßenseite des Zauns. Demzufolge darf angenommen werden, daß hier jemand den Zaun überstiegen hat.“ „Sieh mal einer an!“ sagt Baltrock.
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3. KAPITEL
1 Hauptmann Baltrock sitzt im Gastraum der „Nebelkrähe“ und fühlt sich behaglich. Er ist ganz entspannt, vor ihm steht ein Glas Bier, gelegentlich nimmt er einen Schluck. Die „Nebelkrähe“ ist ein kleines Lokal, es gibt hier nur sechs Tische, viereckig, blankgescheuert, sauber. Schmiedeeiserne Leuchten mit gelben gehämmerten Glasröhren sind an der Wand angebracht, das Licht, das sie verbreiten, ist mild, ja, es hat etwas von Kerzenschein an sich. Die Theke befindet sich im Nebenraum, den man direkt von der Straße betritt, manchmal klingt das leise Klappern der Gläser herüber, das sanfte Zischen des Bierhahns, der Wirt selber bedient, er paßt hier hinein, er sieht genauso aus, wie man sich einen Wirt vorzustellen pflegt: mit breitem gerötetem Gesicht, einer rosafarbenen Glatze, untersetzt, mit einem erheblichen Bauch, der von einer weißen Schürze umhüllt ist. Es ist keiner von der geschwätzigen Sorte, er nimmt die Bestellung entgegen und verschwindet sofort wieder. Außer Baltrock sitzen nur noch vier Gäste hier, drei spielen Skat, der vierte schaut zu. Es ist ein spielerischer Skat, keiner, bei dem mit der Faust auf den Tisch geschlagen wird. Hierher verirren sich unerwünschte Gäste selten: Die „Nebelkrähe“ hockt am Rande von B. in einer Sackgasse. Sie ist in einem kleinen graugetünchten Haus untergebracht, im ersten Stock befindet sich die Wohnung des Wirtsehepaars nebst vier Hotelzimmern. Hier 54
werden Baltrock und Zeitfuchs wohnen, solange der Fall Nottrodt sie in B. festhält. Niemals wäre der Hauptmann auf dieses Lokal verfallen, er kennt B. nur von seinen dienstlichen Inspektionen; daß in dieser Sackgasse eine „Nebelkrähe“ sein könnte, die so völlig seinen Wünschen entspricht, hätte er nie vermutet, und ein wenig wundert er sich, daß Zeitfuchs ihn darauf aufmerksam gemacht hat; der Hauptmann hatte ihn scharf gemustert, als die Bezeichnung „Nebelkrähe“ gefallen war, aber es war ihm nicht gelungen, auch nur die Spur eines mokanten Lächelns in den Mundwinkeln des Leutnants zu entdecken, im Gegenteil, Zeitfuchs hatte sein dienstliches Gesicht aufgesetzt – wenn er sich jetzt daran erinnert, findet Baltrock auch das verdächtig: Wollte der Schlaks sich über ihn und eine seiner kleinen Schwächen lustig machen? Tatsächlich hatte der Leutnant diese Absicht nicht gehabt. Doch er wußte, wie anstrengend die folgende Zeit werden würde, und er gönnte dem Hauptmann, den er insgeheim bewunderte, diese Art der Entspannung, die er liebte. Daß sich der Hang zu solcherart Lokalen aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Zeit herschrieb, wußte Zeitfuchs freilich nicht, er hielt es einfach für eine lustige Schrulle. In Wahrheit war diese Neigung jedoch entstanden, als Baltrock in seiner Jugend zur See gefahren war. Er stammte aus den engen Verhältnissen einer kleinen Bergarbeiterstadt; sein Vater war Häuer gewesen, seine Mutter Landarbeiterin. Schon der Vater hatte sich mit der bedrückenden, kärglichen Enge nicht abfinden können, er revoltierte und schloß sich den Kommunisten an; nach dreiunddreißig verbreitete er Flugblätter, und drei Jahre 55
später starb er, kurz bevor eine Welle von Verhaftungen auch ihn erreicht hätte. Begreifen konnte der kleine Baltrock das alles damals natürlich nicht, wohl aber empfinden, ein empörerischer Funke begann auch in ihm zu glimmen, und das hatte zur Folge, daß er, ein ausgesprochen guter Schüler, mit den Lehrern sich überwarf, er geriet in den Ruf, ein schwarzes Schaf zu sein. Seine Mutter war es, die ihm riet, den kleinen Ort zu verlassen; das kam seinen Wünschen entgegen, er meldete sich zur Handelsmarine und blieb dabei bis zum Kriegsende – glücklich in der schärferen Brise der See, glücklich auch, nicht „das Vaterland mit der Waffe verteidigen“ zu müssen. Natürlich war es ein rauheres Leben, als es die Landratten gemeinhin führen, und Baltrock liebte es zweifellos; aber ihm war ein Hang zur Ordnung inne, er mochte das Rabaukentum nicht, das mit der Seefahrt so häufig gekoppelt ist, und damals fand er den Weg in Lokale, die der „Nebelkrähe“ glichen, die also etwas Kräftiges, aber auch etwas Solides an sich hatten. Nach fünfundvierzig war es aus mit der Seefahrt und mit weltweiten Träumen, Baltrock kehrte nach Hause zurück und schulte um, ging in eine Maurerlehre und legte die Gesellenprüfung ab. Drei Jahre später wurde er zur Volkspolizei geworben; nicht aus Begeisterung kam er diesem Wunsch nach, sondern aus einer Art Pflichtbewußtsein, und anfangs schielte er immer wieder sehnsüchtig nach seinem Maurerberuf hinüber mit der geheimen kleinen Hoffnung, eines Tages wieder den Sprung zurücktun zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht; seine Vorgesetzten schätzten ihn bald wegen seiner ruhigen, verläßlichen 56
Art, und als Baltrock, dem die schweigende Anerkennung natürlich auch guttat, merkte, daß sie ihn nicht mehr freigeben würden, machte er Schluß mit dem Gedanken an den Sprung nach rückwärts, und er tat den Sprung nach vorwärts: Er bewarb sich 1951 zur Kriminalpolizei. Hier wurde er Sachbearbeiter für Diebstähle, und ein paar Jahre später bearbeitete er bei „Leben und Gesundheit“ hauptsächlich Fälle schwerer Körperverletzung, spezialisierte sich immer mehr, nahm an einer Reihe von Schulungen teil und entflammte sich so allmählich für seinen dritten Beruf. Nachdem er die Hochschule der Miliz in Moskau absolviert hatte, ging er als Mitarbeiter zur Morduntersuchungskommission und avancierte schließlich zu deren Leiter. Die Erfolge, die er nicht nur seiner absoluten Gewissenhaftigkeit zu verdanken hatte, sondern auch einem besonderen Einfühlungsvermögen – im Laufe der Jahrzehnte hatte er in seinem wechselvollen Leben Hunderte von Menschen kennenlernen und beobachten können und auch abseitigste Regungen verstehen gelernt –, führten zu Anerkennungen und Auszeichnungen, und alles, was jetzt noch aus früheren Zeiten übriggeblieben war, war der etwas sentimentale Hang zu „Nebelkrähen“ und ein leichtes Wiegen des Ganges, das freilich nur jene zu deuten wußten, die etwas von seiner seemännischen Vergangenheit erfahren hatten. So sitzt der Hauptmann also nun hier in der „Nebelkrähe“, freut sich auf ein deftiges Abendbrot, erwartet Zeitfuchs und spinnt kein Seemannsgarn, sondern versucht sich klarzuwerden, was in diesem verworrenen Falle alles unternommen werden muß. Er beabsichtigt, noch an diesem Abend einen Untersuchungsplan zu entwerfen. Morgen früh will er in ei57
ner Arbeitsbesprechung die einzelnen Aufgaben verteilen. Kein noch so geringes Zeichen darf mißachtet, selbst aussichtslos erscheinende Begebnisse müssen weiterverfolgt werden – später, auf dem Papier, wird das so selbstverständlich, so leicht, ja sogar überpeinlich aussehen; er aber weiß um die Bürde der Verantwortung; in dieser Phase gilt es, alles zu durchgrübeln und jeden möglichen Zug zu überlegen – sonst könnte es sein, daß es niemals zu einem Schachmatt für den Täter kommt. Der Täter … noch ist sich Baltrock nicht sicher, ob es überhaupt einen gibt. Der einzige wirkliche Hinweis darauf ist ein winziges Häuflein Erde, das sich auf dem Zaun befand, und das könnte auch durch andere Umstände dahingelangt sein. Dagegen steht der vorläufige Befund Dr. Salandas, und er wiegt schwer. Baltrock nimmt wieder einen Schluck Bier, jetzt erfrischt es ihn nicht mehr so wie anfangs. Er sieht auf die Uhr, eine leise Ungeduld hat ihn ergriffen: Zeitfuchs müßte bald eintreffen, und vielleicht bringt Zeitfuchs neue Fingerzeige mit. Schon nachmittags hatte der Hauptmann den Leutnant angewiesen: „Sie müssen Nottrodts Wohnung durchsuchen. Möglicherweise finden Sie da Unterlagen über seine Geldgeschäfte. Und wenn Sie schon dort sind, hören Sie sich bei den Nachbarn um; es könnte sein, daß die wissen, mit wem der Mann Umgang hatte. Genosse Schnurk wird Sie unterstützen.“ Oberleutnant Schnurk, dünn und mißgelaunt, wußte die Bedeutung dieses Auftrages offensichtlich zu würdigen, er reckte sich noch gerader auf, als er es sonst schon zu tun pflegte, und sein hochgebürstetes Stachelhaar schien zu wachsen. 58
Zeitfuchs hingegen zupfte an der Unterlippe und erwiderte: „Genosse Hauptmann, um diese Zeit finde ich kaum jemanden vor“, er blickte auf die Armbanduhr, „der Chemiebus kommt erst in einer Stunde zurück, ich schlage vor, die Durchsuchung danach vorzunehmen.“ Baltrock hatte eingewilligt, selbstverständlich akzeptierte er die Ortskenntnisse, die Zeitfuchs besaß. Übrigens spürt der Hauptmann allmählich einen gesunden Hunger, sie hatten heute keine Zeit gefunden, Mittag zu essen, hatten ihren Appetit nur mit ein paar gummiweichen Brötchen abgespeist. In diesem Augenblick tritt Zeitfuchs in den Durchgang zur Theke, steht da, lang aufgeschossen, mühsam lächelnd, und hat eine dickgeschwollene Aktentasche unterm Arm. Baltrock gibt ihm ein Zeichen, und Zeitfuchs kommt an den Tisch und legt die Tasche auf einen Stuhl. Der Hauptmann fragt gespannt: „Ergebnisse?“ „Ich bitte um Genehmigung“, sagt Zeitfuchs langsam und verzieht einen Mundwinkel, „mir erst einmal die Hände waschen zu dürfen.“ 2 Zeitfuchs war geraume Zeit in seinem Zimmer verschwunden gewesen, und als er zurückkehrt, läßt er sich auf den Stuhl plumpsen und stößt nur ein einziges Wort hervor: „Mistig!“ Dann schweigt er und starrt Baltrock an, der aber nicht daran denkt, dem Leutnant eine Brücke für seinen Bericht zu bauen, denn diese Äußerung mißfällt ihm. Nach einer Weile sagt er gelassen: „Tja, wenn du meinst – dann will ich mir mein Abendbrot bestellen!“ Mit drei großen Schlucken trinkt er sein Glas aus, 59
stellt es mit deutlichem Ruck beiseite und pocht, innerlich doch erbost, mit seinem Ehering an den Aschenbecher. Der Hauptmann denkt, Zeitfuchs berste offenbar vor Mitteilungsbedürfnis, er werde schon von allein reden. Tatsächlich: als der Wirt, leicht vorgebeugt, neben dem Tisch steht, sagt Zeitfuchs: „Unvorstellbar, wie mistig das ist!“ Da erwidert Baltrock ungerührt und mit deutlicher Zurechtweisung: „Ich möchte nichts von Mist hören, wenn du das begreifst, ich werde jetzt essen!“ Und sofort, zum Wirt gewandt : „Kann ich ein Bauernfrühstück haben, schön fett, mit Speck, wenn möglich, und viel Zwiebeln, aber die Zwiebeln nicht scharf geröstet, sondern ganz leicht bräunlich gedünstet!“ Und während er das sagt, beginnt ihm der Mund zu wässern. „Eine Portion oder zwei?“ fragt der Wirt. „Eine Portion!“ erwidert er und lächelt Zeitfuchs maliziös an, als sei der ein Hungerkünstler. Der schluckt unbehaglich und sagt: „Also dann – mir auch! Aber ohne Speck, bitte! Ich habe keinen Pferdemagen. Und ein großes Helles!“ Sie erhalten ihr Essen wunschgemäß zubereitet. Baltrock bemerkt, wie ihm Zeitfuchs dann und wann einen prüfenden Blick hinüberschickt, aber er gibt kein Zeichen und denkt: Du wirst dich beherrschen lernen! und brennt doch darauf zu erfahren, was der Leutnant erlebt hat. Schließlich tupft er, zufrieden gesättigt und mit einem ausgesprochenen Wohlgefühl im Magen, mit der Serviette den Mund ab, lehnt sich zurück und sagt: „Schieß los!“, und nach einem Blick zu den unentwegten Skatbrüdern: „Aber leise, wenn ich bitten darf!“ 60
Der lange Leutnant neigt sich über den Tisch, zupft nachdenklich die Unterlippe und beginnt zu berichten. Zeitfuchs war also mit Oberleutnant Schnurk nach Mühlen hineingewandert; durch den Ortsteil zog sich die Straße gewunden und katzenköpfig, und die Häuser hier waren niedrig. Der dörfliche Charakter war unverkennbar, Hühner gackerten in einem Hof, ein Pumpenschwengel kreischte, eine Katze flanierte mauerstreichend mit hocherhobenem Schwanz. An der Omnibushaltestelle gabelte die einzige Nebenstraße ab. Hier stand zwischen all den kleinen Häusern ein grauer dreistöckiger Bau, die Flanken kahl, das Dach einer auf den Hinterkopf geschobenen Schirmmütze gleichend. Im ausgebauten Dachgeschoß dieses Hauses hatte Nottrodt, Paul, gehaust. Zeitfuchs läutete an der Nebentür und bat den Maurer Karl Kolping und seine Frau, als Zeugen zu fungieren. Das Ehepaar wohnte seit fünf Jahren hier und kannte Nottrodt so genau, wie man Nottrodt eben kennen konnte. Es war ein guter Griff: Sie waren die einzigen im Haus und in der Nachbarschaft, die über den Toten etwas auszusagen wußten. Schnurk blieb an der Eingangstür stehen, während Zeitfuchs im Beisein der Kolpings die Wohnung durchsuchte. Sie bestand aus einer winzigen Küche, einem kleinen Korridor und einem kombinierten Schlaf-Wohn-Zimmer. Als erstes musterte Zeitfuchs einen dunkelbraunen wackeligen Schreibschrank, er fand in den Schubladen eine Fülle von Zetteln, von denen einige offensichtlich Quittungen und primitive Schuldscheine darstellten, auf anderen waren Zahlenkolonnen aufgeführt, daneben standen 61
Notizen. Alle diese Papiere waren durchmischt mit Zigarettenstummeln und leeren Pappschachteln. Im untersten Fach entdeckte der Leutnant drei Sparbücher. Die Papiere und Sparbücher beschlagnahmte er. Weitere Gegenstände, die für die Sache von Belang sein konnten oder aus strafbaren Handlungen stammten, fand er nicht. Er durchkramte die Schublade des wackeligen Tisches, wühlte in einem Kleiderschrank, zog unter einem der beiden Betten einen Holzkasten hervor, in dem er volle Zigarettenschachteln aufstöberte. Aus allen Behältnissen, die sonst noch vorhanden waren, konnte er nur zerquetschte Stummel, verkrümmte Brotreste, alte Fünfzigpfennigstücke herauskramen. Er ekelte sich dabei, ein unsagbarer Geruch, ja Gestank nach Urin, modrigem Staub und Schimmel benahm ihm den Atem; der Leutnant, Anblicke der Vernichtung und Zersetzung wahrhaftig gewohnt, spürte ein flaues Gefühl im Magen. Als letztes öffnete er eine blauemaillierte Brotbüchse, darin war etwas aufbewahrt, das vermutlich den geheimen Schatz des Nottrodt darstellte: sauber gebündelte und mit Gummis zusammengehaltene rotgestempelte Hundertmarkscheine aus den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Während Zeitfuchs die Wohnung durchsuchte, begleiteten ihn die beiden Kolpings, und da er nicht sprach, sagten sie ebenfalls nichts; nur einmal, als sie auch im stinkenden Abort angeschimmelte Brotreste fanden, stieß die Frau ein bleiches „Mein Gott“ hervor. Und überall waren Holzkloben gestapelt, wie sie Zeitfuchs von jener Ofenbank im Betrieb kannte: grobgespaltene Hartholzkeile. Der Zimmerofen war bis an die Decke darin eingemauert, an jeder freien Stelle der Wände waren sie emporgeschichtet, das zweite Bett, einstmals das Lager der Nottrodt-Ehefrau, war damit 62
bedeckt, den Holzhaufen durchwucherten schmutzige Unterhosen, zerlöcherte Hemden, vielbenutzte Socken und Fußlappen. „Können wir das Protokoll in Ihrer Wohnung ausfertigen?“ fragte Zeitfuchs schließlich. „In der Luft hier erstickt man ja!“ Offensichtlich erleichtert, stimmten die beiden zu. Oberleutnant Schnurk bewachte immer noch die Tür, ein tapferer Zinnsoldat. Er versiegelte die Wohnung sorgfältig und folgte Zeitfuchs. Wohltuend waren die Räume, in denen die beiden Kolpings hausten, zwar nicht größer als die von Nottrodt, aber die Wände frisch tapeziert, blitzende Sauberkeit überall, frisch duftende Gardinen vor den kleinen Fenstern. Zeitfuchs bemerkte auch die vernünftigen Bequemlichkeiten, die der Hausfrau gegönnt waren: den Kühlschrank, die elektrischen Küchenmaschinen. Kolping war Maurer, auch seine Frau war berufstätig, sie arbeitete im Chemiewerk. Sie führten, vierzigjährig beide nun und seit fünfzehn Jahren verheiratet, eine geruhsame Ehe, die kinderlos geblieben war. Ihre Leidenschaft waren kleine Auslandsreisen, die sie sich eifrig zusammensparten, sie kannten Prag, Budapest, Moskau und Leningrad, sie waren zwölf Tage am bulgarischen Sonnenstrand gewesen. Anfangs hatten sie sich um eine andere, freundlichere Wohnung bemüht; aber nachdem sie hatten einsehen müssen, daß sie dieses kleine Glück nicht erreichen würden, hatten sie sich hier heimisch einzurichten gesucht. Der Leutnant sah ein paar Vasen und an der Wand einige Drucke, nach kräftigen Farben ausgewählt. Wenig später saßen sie um einen rechteckigen Tisch auf unbequemen Stühlen; ohne viel zu reden, fertigte 63
Zeitfuchs das Protokoll an, Schnurk und die beiden Kolpings unterschrieben es. „Wir sind nicht ganz sicher“, begann der Leutnant, „ob Herr Nottrodt einen Unfall hatte oder ob ein Verbrechen vorliegt. Sie sollten uns alles erzählen, was Sie über ihn wissen.“ Kolping hob ratlos die Schultern. „Wir wissen nicht viel, er war so ein Sonderling, der ging allen aus dem Wege. Wo er lief und stand, murmelte er vor sich hin, aber mit anderen Leuten hat er nicht gesprochen. Alle hatten sich abgewöhnt, ihn auch nur zu grüßen, denn er hat niemals zurückgegrüßt.“ Die Frau ergänzte: „Wenn Nottrodt in der Dunkelheit nach Hause kam – denken Sie, der hafte im Treppenflur Licht gemacht? Nein! Im Finstern tappte er hoch. Und wenn er dann unvermutet jemandem begegnete, der vielleicht gerade von oben herunterkam, ging er sofort wieder zurück, verließ das Haus, wartete auf der gegenüberliegenden Straßenseite, bis die Luft rein war. Das hat er manchmal zwei-, dreimal getan, sogar die Kinder wußten es schon und machten sich manchmal einen Spaß daraus, nacheinander hinunterzulaufen und ihn so immer wieder auf die Straße zurückzutreiben.“ „Er muß doch aber eingekauft haben, beispielsweise dabei muß es eigentlich Kontakte gegeben haben?“ „Hier nicht“, erklärte die Frau eifrig, „in unserer HO nicht! Da ist er lieber in die Stadt gefahren, aber nicht etwa mit dem Omnibus, sondern auf seiner alten Karre; er hat sich von dort alles geholt, aber in welchem Geschäft – das weiß ich nicht.“ „Meine Frau …“, sagte Kolping, „wissen Sie, er tat uns ja leid, nicht, so ein alter Mensch und so alleine; meine Frau hat ihm anfangs angeboten, für ihn mit ein64
zukaufen. Da hat er nur geknurrt und den Kopf geschüttelt, bis sie es schließlich aufgegeben hat. Ich glaube“, versuchte er nachdenklich zu erklären, „der fürchtete einfach, betrogen zu werden.“ „Oder bestohlen“, ergänzte die Frau, „er hat grundsätzlich niemanden in seine Wohnung gelassen. Wenn Licht und Gas abgelesen wurden, machte er ein Kuvert fertig, schrieb die Zählerstände auf und legte das Geld auf den Pfennig genau bei. Ja, und da haben wir das dann weitergegeben.“ „Ich kann mir trotzdem nicht vorstellen“, warf Zeitfuchs ein, „daß er Tag und Nacht immer nur im Betrieb oder in seiner Wohnung gewesen ist. Er müßte ja an sich selber erstickt sein!“ Kolping erklärte: „So alle halbe Jahre ging er mal in die Kneipe, ich habe ihn selber dort gesehen. Aber auch da sprach er mit niemandem, er bestellte sich lediglich seine Biere, zwei oder drei, und über denen konnte er sechs Stunden hocken, immer nur ins Glas starren, niemanden ansehen, kein Wort reden. Ja, so war Nottrodt. Wissen Sie, jeder hat ihn schließlich gemieden, nicht einmal die Kinder haben sich um ihn gekümmert.“ „Manchmal werden ja alte Leute eigenartig – rechthaberisch, starrsinnig“, sagte die Frau, „oft findet man dann aber eine Tierliebe, sie haben eine Katze oder einen Hund, irgendwas Lebendiges. Nottrodt hatte jedoch überhaupt nichts.“ Kolping merkte, wie bedrückend, wie erschreckend, ja wie unglaublich das Bild des Nottrodt, Paul, war, das sie da zeichneten, und mit einem kläglichen Versuch, ihm scherzend größere Glaubwürdigkeit zu verleihen, setzte er hinzu: „Er lebte wie auf dem Mond, dort hätte ihm wenigstens der Mann im Mond Gesellschaft geleistet.“ 65
Mit einemmal war das Zimmer wie gefroren, und die beiden Kolpings starrten erschrocken den Leutnant an: Mann im Mond – das war der Begriff, der den alten Nottrodt charakterisierte, in jener eisigen Einsamkeit hatte er vegetiert, hatte sich selbst entfernt in unerreichbare Weiten. Zeitfuchs atmete tief auf, auch er empfand die Beklemmung. Er zupfte die Lippe, dann sagte er und schob dabei seine Papiere zusammen und steckte sie in die Aktentasche, die er umständlich zunestelte: „Er war nicht immer der Mann im Mond. Er war ein tüchtiger Arbeiter, und er hat für seinen Sohn jedes Opfer gebracht. Daß der ihn verlassen hat, konnte er nie wiedergutmachen, auch mit noch so vielen Päckchen nicht, das hätte er wissen müssen. Wer weiß – vielleicht hätten wir Nottrodt eines Tages doch noch zurückholen können zu uns allen, es gibt keine völlig verlorenen Menschen, glaube ich. Und wenn tatsächlich ein Mörder diese Möglichkeit zerstört hat, dann …“ Er lächelte gezwungen, er stand auf, und auch Schnurk erhob sich. „Haben Sie vielen Dank. Wir wollen uns umhören, vielleicht kann uns jemand aus der Nachbarschaft doch noch Hinweise geben.“ Aber alles, was sie dann noch erfuhren, war durch die Auskünfte des Ehepaares Kolping bereits eingegrenzt; beide Kriminalisten waren schließlich davon überzeugt, daß weitere Umfragen zwecklos sein würden, und sie waren zur PGH zurückgefahren. Baltrock hat den Leutnant mit keinem Wort unterbrochen, hat ihm zugehört, leicht im Stuhle zurückgelehnt, die Fingerspitzen am Rand des Tisches. Obgleich der Leutnant jetzt schweigt, sieht Baltrock das Bild des Nottrodt immer noch vor sich, und er findet, 66
daß er richtig gewählt hat, als er Zeitfuchs zu sich holte, der eben doch an den Nutzen eines noch so dürftigen Lebens glaubt. Er sagt langsam: „Wenn Nottrodt tatsächlich getötet wurde, dann ist sein Leben vielleicht abgeschnitten worden, bevor er eine neue Chance bekam. Auf jeden Fall müssen wir dem Täter an den Hals, wenn es einen gibt – darin stimmen wir beide überein!“ Damit ist es ihm gelungen, die nachdenkliche Stimmung, die ihn gepackt hatte, abzutun, und er beugt sich vor und sagt: „Also fahren wir ins Kreisamt und sehen uns diese Papiere an!“ Ihr Arbeitszimmer ist im ersten Stock des Kreisamts untergebracht. Auf dem marmorierten Kunststein der Treppenstufen geben ihre Tritte einen seltsam dünnen Klang. Und dieses Zimmer wird also für die nächste Zeit ihr Hauptquartier sein! Der Hauptmann bleibt stehen, er sieht sich um, er nickt zufrieden: Es ist geräumig genug, um die Arbeitsbesprechungen darin abhalten zu können, die Schränke sind in genügender Weise zu sichern, ebenso die drei Schreibtische, die quergestaffelt vor den beiden schmalen Fenstern stehen. Das einzige, was ihm mißfällt, ist ein Blumentopf mit braunvertrocknetem Gestrüpp in steinharter Erde, das ehemals eine lebendige Pflanze war. Er nimmt sich vor, diesen Topf zu entfernen und durch einen anderen zu ersetzen – auch das gehört zu seinem Wohlbefinden. Zeitfuchs sitzt schon am Schreibtisch, fächert die Schubladen auf, prüft das Schreibgerät und beginnt die dickgeschwollene Aktentasche zu entleeren. Er greift mit der flachen Hand hinein und zieht dicke Schichten von 67
Papieren heraus, die wirr durcheinander- und übereinanderliegen, und zum Schluß holt er die drei Sparkassenbücher hervor, die in einer Seitentasche steckten, und während er das tut, quillt mit dem Inhalt ein übel-stockiger Geruch heraus, als hätte der Leutnant aus Nottrodts Wohnung ein Stück Luft herausgeschnitten und mitgenommen. „Wollen mal sehen …“, sagt Baltrock und greift zuerst nach den roten Sparkassenbüchern mit der verschnörkelten goldenen Aufschrift. Er sieht die Endsummen an: eine Mark dreiundsiebzig, fünfhundertsechzehn Mark vierundsiebzig, eintausenddreihundertachtundachtzig! Er blickt auf. „Wozu hat er drei Bücher gehabt, warum nicht eines? Na, vielleicht ergibt sich aus den Buchungen etwas …“ Er schiebt eines zu Zeitfuchs hinüber, und beide Männer prüfen Eintragung um Eintragung, aber weder lassen sich regelmäßige Termine feststellen, noch geben die Beträge, deren Höhe zufällig und willkürlich erscheint, irgendeinen Hinweis. „Damit können wir nichts anfangen, die sagen nichts aus“, faßt Zeitfuchs das Ergebnis zusammen, und Baltrock ergänzt: „Bleibt uns nur übrig, sie sperren zu lassen.“ Sie schieben die Bücher beiseite. Die mit Zahlen und Notizen bedeckten Zettelfetzen zu ordnen ist ein schwieriges Unterfangen, zumal die Wörter oft unleserlich sind. Die beiden Kriminalisten arbeiten schweigend, nur dann und wann schiebt einer dem andern ein Blatt hinüber mit einer stummen Frage, erntet ein klärendes Wort, ein Schulterzucken, es dauert Stunden, bis sie das Material gesichtet haben. Drei Blätter betrachten sie als das Wichtigste, sie ähneln einander, es sind offenbar Seiten, die aus einem 68
Notizbuch herausgerissen wurden. Sie sind mit Kopierstift beschrieben und stellen eine Art formloser Schuldscheine dar, die über Beträge von zehn, zweihundertfünfzig und eintausenddreihundertachtzig Mark lauten. Alle drei tragen verschiedene Unterschriften; sie sind schwer entzifferbar, und da die Kriminalisten annehmen, daß es sich um Betriebsangehörige handelt, verschieben sie die Namenfeststellung auf den nächsten Tag. Die Daten prüfen sie ebenfalls. Die größte Schuld liegt etwa zwei Monate zurück – wann der Betrag zurückgezahlt werden sollte, bleibt offen. Die Summe von zweihundertfünfzig Mark wurde vor zehn Wochen geliehen; hier ist vermerkt, daß drei Monate Ziel gewährt sind, also ist die Rückzahlung noch nicht fällig gewesen. Der unwesentlichste Betrag, zehn Mark, ist vor mehr als einem halben Jahr vorgestreckt worden, und Zeitfuchs nimmt an, die Sache, die ja eine Bagatelle darstellt, sei längst erledigt. Baltrock allerdings bezweifelt das, denn in den anderen Papieren sind diese drei Beträge, vermutlich zur Gedächtnisstütze für Nottrodt, noch einmal hingekritzelt, sie stehen offen. Nottrodt aber, so vermutet der Hauptmann, sei in dieser Hinsicht pinnig gewesen; denn die rund dreißig Namen von Schuldnern, die sich sonst noch finden, sind samt den Beträgen mit dem Vermerk „erledigt“ versehen. Diesen Darlegungen hört Zeitfuchs wirklich nur gelangweilt zu; er sagt: „Darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen, meine ich. Wegen zehn Mark erschlägt schließlich niemand seinen Gläubiger.“ Der Hauptmann sieht ihn so seltsam an, daß Zeitfuchs widerwillig einschränkt: „Na gut, ich habe auch schon Pferde kotzen sehen!“ 69
„Wir werden dem nachgehen“, sagt der Hauptmann mit einer plötzlich unangenehm unpersönlichen Stimme, „die drei Personen werden überprüft und auch ihre Alibis – dann werden wir mehr wissen. Wir sollten uns außerdem die anderen Leute ansehen, deren Namen Nottrodt vermerkt hat. Wir dürfen uns nicht darauf kaprizieren, daß nur ein aktueller Schuldner als Täter in Frage kommt; es könnte ja auch eine Person sein, die über Nottrodt gut Bescheid wußte und seine Angewohnheit kannte, zumindest zu bestimmten Zeiten Geld mit sich herumzuschleppen. Das müssen nicht unbedingt Betriebsangehörige sein. Mühlen ist ein Dorf geblieben, jeder kennt jeden, ich wette, eine nicht geringe Zahl von Menschen wußte genau, daß Nottrodt über Geld verfügte. Ich kann mir gut vorstellen, daß für die Mühlener auch die PGH kein böhmisches Dorf ist, da ist es nicht schwer, zu kombinieren. Selbstverständlich sind auch alle die in Betracht zu ziehen, die vorübergehend in dem Betrieb arbeiteten, aushilfsweise in der Tischlerei, vielleicht Elektriker, die etwas zu reparieren hatten, Chauffeure, die Waren brachten und holten, und dergleichen mehr. Der Personenkreis ist also nicht gerade klein. Schließlich muß die Straftatenvergleichskartei eingesehen und die Abteilung Innere Angelegenheiten über Strafentlassene befragt werden.“ Während der Hauptmann redet, starrt Zeitfuchs ihn unverwandt an und zupft dabei gedankenverloren die Unterlippe; ihn beherrscht ein unangenehmes Gefühl: Wozu zählt Baltrock ihm das alles auf? Schließlich ist er kein Neuling, es kommt ja geradezu einer Standpauke gleich! Aber er versagt es sich, darauf etwas zu erwidern; im Laufe der Jahre hat der Leutnant Disziplin gelernt. 70
Ja, er hatte Disziplin regelrecht lernen müssen, denn ursprünglich gehörte die Selbstzucht nicht zu seinen Eigenschaften. Vielleicht rührte das daher, daß er nicht nur ein intelligenter, sondern auch ein phantasievoller Bursche war, wie sich bereits auf der Grundschule zeigte. Und obgleich ‚das dazu führte, daß er gewissen Lehrern und Lehrerinnen widersprach, weil er sich ihnen überlegen fühlte, hatte er im Kollegium doch einen guten Ruf, da seine Leistungen den Durchschnitt überstiegen. Aus diesem Grunde wurde er, Sohn einer kinderreichen Arbeiterfamilie, dann auch auf die erweiterte Oberschule delegiert, wo er 1956 ein gutes Abitur ablegte. Seiner Neigung zur phantasiegeladenen Abenteurerei entsprach es, daß ihm der Jägerberuf vorschwebte: Er sah sich in Wäldern, sah sich Tiere beobachten, sah sich auf Jagdstreifen gehen – und das war der Grund, weshalb er Forstfacharbeiter wurde. Aber da stellte sich doch heraus, daß die Wirklichkeit nüchterner war als der Traum. Sicherlich trug dieses Erlebnis dazu bei, daß er sich freiwillig zur NVA meldete; er diente in einem Panzertruppenteil. In dieser Zeit, nun unter die harten soldatischen Regeln gestellt, klärte sich in ihm einiges, er wurde Mitglied der SED, und als er seinen Berufsweg erneut durchdachte, entschied er sich für eine Bewerbung bei der Volkspolizei. Immer noch hingen ihm dabei die Eierschalen der Jugend an; denn bei aller Klarheit, die er gewonnen zu haben glaubte, mochte er nicht mehr zurück in den Wald, der ihn enttäuscht hatte; die Jagd, die er sich dort erträumt hatte, hatte er da am wenigsten gefunden. Jetzt erhoffte er sich bei der Volkspolizei die Erfüllung dieser Wünsche, wenn es hier auch nicht um die Jagd auf Tiere, sondern auf Verbrecher ging. 71
Daraus wurde nun freilich nichts. Zunächst betätigte er sich als Verkehrsregler, später als Unfallsachbearbeiter, und das wurde eine zweite und sehr eindringliche Schulzeit, in der er lernte, sich selbst zu bezähmen, niemals vorzuprellen und die Sachlage nüchtern für sich selbst sprechen zu lassen. Seine Leistungen waren auffallend gut, er wurde zur Abteilung Kriminalpolizei versetzt, absolvierte die Fachschule des Ministeriums des Innern mit Erfolg und landete schließlich, wie auch Baltrock seinerzeit, bei „Leben und Gesundheit“. Er liebte seine Arbeit; außer der gelegentlichen Jagd bei Vollmond gab es für ihn keine anderen Hobbys, er besuchte Spezialistenschulungen, las Fachliteratur und gewöhnte sich in dieser Zeit an, nachdenklich an der Unterlippe zu zupfen; allerdings entstand damals in ihm ein untergründiges Gefühl von Überlegenheit gegenüber jenen, deren theoretisches Wissen ihm nicht so fundiert erschien; ein Gefühl, das er freilich zu unterdrücken suchte, das sich aber gelegentlich in jenen unkontrollierten Bemerkungen artikuliert, die Hauptmann Baltrock so sehr mißfallen. Jetzt aber gestattet sich der Leutnant keine solche leichtfertige Rede, er sitzt am Tisch und zupft an der Lippe und hört in stummer Aufsässigkeit Baltrock zu, bis der die Papiere auf dem Tisch zusammenschiebt und sagt: „Für morgen früh um halb sieben habe ich hier eine Arbeitsbesprechung angesetzt. Wir werden die nächsten Maßnahmen festlegen. Ich glaube nicht, daß es sehr sinnvoll ist, wenn wir beide jetzt unsere Besprechung weiterführen. Mehr Fakten haben wir im Augenblick sowieso nicht. Du wirst bis morgen früh einen Maßnahmeplan aufstellen, ich werde das gleiche tun, dann stimmen 72
wir die Pläne aufeinander ab. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß bei dieser Methode oft neue Gesichtspunkte auftauchen.“ Als sie in die „Nebelkrähe“ zurückfahren, spüren sie beide ihre Übermüdung. Trotzdem sitzt wenig später der Leutnant in dem schmalen Gästezimmer, und im kargen Schein der Nachttischlampe, die er auf den Tisch gestellt hat, liegt die Kopie des Tatortplans, liegen viele weiße Blätter; Punkt für Punkt notiert der Leutnant seine Gedanken, ändert die Reihenfolge, streicht, setzt hinzu, er arbeitet mit der Konzentration eines Mathematikers und mit der Jagdlust eines Spürhundes, er weiß, er braucht keinen Kaffee und keinen Kognak; das einzige, was er sich gestattet, sind Zigaretten, bald ist die Luft grau, Zeitfuchs sitzt vornübergebeugt, denkt nach, zupft und notiert mit seiner winzigen, gestochenen Schrift – fast sehen die Blätter aus, als seien sie bedruckt –, und er wird erst aufstehen, das Fenster weit öffnen, sich in der kalten Luft dehnen und tief ein- und ausatmen und ganz zufrieden sein, wenn es ihm gelungen ist, einen Plan fertigzustellen, der Erfolg verspricht. Der Hauptmann hingegen schreibt jetzt nichts. In seinem Zimmer brennt die Deckenlampe, er hat die Fenster weit aufgerissen, es ist stürmisch draußen, die Temperatur sinkt der Null zu, in Wogen fegt die kalte Luft herein; er spürt es nicht, er hat die Jacke abgeworfen, die Hände in die Hosentaschen gestopft und geht im Zimmer hin und her, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür; die Fakten kennt er, die Fakten sind in ihm, seine Phantasie spielt mit ihnen, baut eine Art Puzzlespiel, Steine fügen sich, fügen sich nicht, auseinander fällt das Bild, und wieder beginnt er es neu zusammenzusetzen, ordnet die 73
Puzzles anders an – und erst spätnachts wird er sich am Tisch niederlassen und mit seiner grobschlächtigen, linksfliegenden Schrift festhalten, was in seinem Gehirn bereits notiert ist. Was ihn zuinnerst stört, ist der Widerspruch zwischen dem Befund Dr. Salandas, der so stark gegen ein Verbrechen spricht, und jenem Häuflein Erde auf dem Zaun, das dafür spricht. Eines schließt das andere aus. Zwar gestattet der Hauptmann sich nicht, in dem Obduktionsergebnis eine Weiche zu sehen, über die seine Überlegungen in eine andere Richtung fahren dürfen; aber diese Weiche ist da, immer wieder stößt sie den Zug seiner Gedanken. Nur flüchtig erlaubt sich Baltrock den Seufzer, Salanda habe es gut, Salanda habe seine Pflicht getan, und damit sei der Fall für ihn ausgestanden und erledigt, ja, Salanda dürfe ruhig schlafen … 3 Entgegen dieser Annahme schläft Dr. Salanda keineswegs ruhig, er schläft überhaupt nicht. Offen gestanden ist er ausgesprochen mißmutig gegen neunzehn Uhr aus seinem Institut nach Hause zurückgekehrt. Am Rande der Bezirksstadt bewohnt er mit seiner Familie die untere Etage eines Zweifamilienhauses in einer leicht hügeligen, sehr stillen, waldbegrenzten Gegend, wo sich beiderseits der schmalen Straßen die Häuser hinter Vorgärten zurückziehen. Salanda wurde bereits zum Abendbrot erwartet, der Tisch war gedeckt, die beiden Söhne lungerten untätig und hungrig herum, die Frau empfing ihn unabsichtlich erleichtert: „Endlich kommst du!“ Dieses Endlich öffnete seinem Unmut die Tür, Salanda 74
erging sich darüber, daß er in seinem Beruf kein Achtstundenarbeiter sein könne, man brauche ja nicht auf ihn zu warten, man müsse das eben in Rechnung stellen, zum Teufel noch mal … So verlief das Abendbrot sehr still, die Söhne duckten sich, die Frau wartete geduldig ab, bis sich die Wolken verzogen haben würden, und Salanda strich wütend und appetitlos ein paar Butterbrote, benagte das zweite nur, legte es weg, knurrte: „Ich hab’ keinen Hunger!“, faltete die Serviette und verschwand mit der kargen Entschuldigung, er habe noch zu arbeiten. Tatsächlich war die Familie erleichtert. Das Arbeitszimmer war ein großer Raum mit einem geräumigen Erker, in den der Arzt einen Schreibtisch größten Ausmaßes hineingeschoben hatte. An die Platte war eine Bürolampe mit unnachsichtig scharfem Licht geklammert, die rüsselartig schwenkbar war. Die Wände des Zimmers waren von oben bis unten und ohne jede Lücke durch dunkle, braungebeizte Regale bedeckt, die voll Bücher gepreßt waren, und da nicht genügend Platz zur Verfügung stand, lagen weitere Bücher obenauf. Um diese Zeit, da Baltrock flüchtig an ihn denkt, ist Dr. Salanda bereits in seine Arbeit vertieft. Mit nachtwandlerischer Sicherheit hat er mit dem linken Zeigefinger eine ganze Reihe von Werken aus den Regalen gezogen und auf dem Schreibtisch gehäuft, er hat Stöße wissenschaftlicher Zeitschriften, uralte Jahrgänge auch, durchgeblättert und das eine und andere Heft herausgefischt und auf die rechte Seite des Schreibtisches geschoben. Das grobe Licht der Bürolampe fällt auf Salandas lange schmale Hände; mit der einen blättert er in dem Buch, liest, zögert, blättert weiter, mit der andern notiert er 75
Stichworte; er schiebt das Buch weg, zieht eine Zeitschrift zu Rate, überlegend führt er den Kugelschreiber zart an seinem weißblonden Menjoubärtchen hin und her, schreibt wieder, reibt ärgerlich das linke Ohr. Es ist ganz still im Raum. Draußen, vorm Fenster, raschelt der Wind und quirlt braunes Laub unter einen Sauerkirschbaum, der mitten vor dem Erker steht. Spätnachts, im Hause schläft schon alles, erhebt sich Salanda endlich, sein Rücken schmerzt vom gebückten Sitzen; er geht durch das Zimmer, ein mit Notizen bedecktes Blatt in der Hand. Er geht langsam, er ist nicht mehr ärgerlich, nicht mehr ungeduldig, er ist zufrieden. Neben der Tür ist auf einem kleinen Podest das Telefon angebracht. Salanda hebt den Hörer ab, er wählt, die Nummer kennt er auswendig. Den Kopf gewohnheitsmäßig auf die Schulter geneigt, lauscht er auf das Zeichen, lauscht auf die Stimme, sagt dann: „Hier Doktor Salanda. Bitte, übermitteln Sie Hauptmann Baltrock folgende Nachricht.“ Er hebt das Blatt vor die Augen, es knistert leise, er beginnt langsam, manche Sätze wiederholend, zu lesen. 4 Als Baltrock und Zeitfuchs frühmorgens ihre „Nebelkrähe“ verlassen, hat sich die Welt verändert: Kein nebelnässender Herbsttag empfängt sie, sondern ein klarer Frostmorgen. Die Dächer ringsum sind reifbehaucht, Rauhreif blüht dick an ein paar welken Grashalmen in den Gossenritzen, der Himmel ist von durchsichtigem Hellgrau, noch ist die Sonne nicht über die Häuser geglitten, aber ein fahler Mond ist in das helle Kristall geschliffen; unwillkürlich atmen beide Männer tief auf. Es ist ein Morgen, der Mut macht. 76
Obgleich das Thermometer nur zwei Grad unter Null zeigt, ist die Kälte noch so ungewohnt, daß sie die Männer durchdringt, ihr Atem weht rauchig vom Munde; aber sie fühlen sich dadurch erfrischt, nichts ist zurückgeblieben von der durchgrübelten Nacht. Im Kreisamt nehmen sie kräftig mehrere Stufen auf einmal. Das Arbeitszimmer ist ihnen jetzt schon vertraut. Baltrock will sich gerade niederlassen und rückt an seinem Stuhl, da tritt ein Hauptwachtmeister ein und überreicht ihm ein Fernschreiben. Der Hauptmann reißt es auf, er zieht das knisternde Papier auseinander und tritt nahe ans Fenster, um zu lesen. Zeitfuchs zerrt an seiner Unterlippe und wartet, und da läßt Baltrock das Blatt tatsächlich einen Moment sinken, sieht den Leutnant an und sagt: „Donnerwetter, mein Lieber, Donnerwetter! Nun höre dir das einmal an!“ Er hebt das Blatt wieder vor die Augen und beginnt stockend vorzulesen, wobei er manche Worte wiederholt, als müsse er nach deren Sinn graben. „Die Befunde im Fall Nottrodt haben mich nicht ruhig schlafen lassen. Ich habe unser Bildarchiv durchgesehen, das zahlreiche Fälle aus den dreißiger Jahren enthält. Ferner habe ich sämtliche mir zugängige Literatur nach einschlägigen Darstellungen durchsucht. Dabei bin ich auch auf Fälle von queren Durchtrennungen der Kopfschwarte gestoßen, die nicht durch Sturz entstanden. Ich werde ein solches Foto nachsenden. Die Schläge sind allerdings in selbstmörderischer Absicht beigebracht worden. Man kann aber selbstverständlich nicht ausschließen, daß auch Schläge von fremder Hand so aussehen und dementsprechend liegen können. Wenn also nach Lage der Dinge Sturz von der Treppe auszuschließen wäre, so ist unbedingt Schlag 77
anzunehmen. Der Fall zwingt hier zu besonders sorgfältiger Ermittlung. Doktor Salanda.“ Baltrock schweigt und sieht in stillem Triumph Zeitfuchs an. Dann lächelt er breit, glättet das Papier liebevoll mit der Hand, legt es sorglich in die mittlere Schublade seines Schreibtisches und sagt: „Es ist doch tröstlich, daß sich nicht nur die Kriminalisten ihre Nächte wegen so einer Sache um die Ohren schlagen!“ Alle Ungewißheit ist aus ihm geschwunden, jetzt weiß er, daß es nur eines gibt: Die Fährte zu entdecken, der Fährte zu folgen, den Täter zu stellen. Beinahe munter sagt er: „Also los! Und mit Volldampf! Das Untier, das diesen armen Menschen auf dem Gewissen hat, das müssen wir fassen!“
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4. KAPITEL
1 „Manchmal“, sagt Werkleiter Wronski, lehnt sich auf dem leise krachenden Stuhl zurück und sieht Baltrock mit seinen kleinen Augen verschmitzt und bewundernd zugleich an, „hätte ich auch nicht übel Lust, jemanden zu erschlagen. Aber ich habe mich immer dafür entschieden, ihn mit guten Worten zu überfahren.“ Schnell setzt er hinzu: „Und mit guten Taten, selbstverständlich!“ Er lacht leise grollend und meint: „Und ich danke meinem Gott, daß ich mich dafür entschieden habe, denn wenn ich so sehe, Genosse Hauptmann, welcher Apparat dann in Bewegung gerät – wer hat da eine Chance zu entkommen!“ „Kaum einer“, bestätigt Baltrock, „falls wir nichts übersehen und keinen Fehler machen.“ Er ist mit Befriedigung erfüllt, die Arbeitsbesprechung ist nach seinem Geschmack verlaufen, seine Mitarbeiter hatten den Fall durchdacht, ihre Hinweise waren knapp und nützlich, und der Plan, der entstanden war, überzeugte ihn; freilich wußte er besser als Wronski, wie groß die Maschen des Netzes waren, das auszuwerfen sie im Begriff standen, aber er war sicher, daß es das beste Netz war, das augenblicklich geknüpft werden konnte. „Ich will mich bemühen, Ihren Betrieb möglichst wenig zu behindern“, sagt er, „aber wir benötigen Ihre Unterstützung.“ „Selbstverständlich!“ betont Wronski. „Was an mir liegt …“ Er scheint zu einer breiten Erklärung ausholen zu wollen, der Hauptmann aber unterbricht ihn so, daß der Werkleiter nicht gekränkt sein kann, er sagt: „In den 79
nächsten Tagen brauchen wir hier in Ihrer PGH einen Stützpunkt. Wir müssen beispielsweise von allen, die mit dem Tatort in Berührung kamen, Fingerabdrücke anfertigen – das dient dazu, diejenigen auszuscheiden, die dort Spuren hinterlassen haben und nachweislich für die Tat nicht in Frage kommen.“ „Ja, wer kommt denn in Frage?“ Wronski lehnt sich gespannt vor. „Alle“, erwidert Baltrock gemächlich, „alle, die Geld von Nottrodt geliehen haben, aber auch alle, die vielleicht Geld benötigten! Sie kennen Ihre Leute, Genosse Wronski, Sie werden mir da Fingerzeige geben können. Wir müssen jedoch auch wissen, wer außer den Belegschaftsangehörigen Zugang zum Betrieb hatte und so die Örtlichkeiten kennenlernen konnte, Elektriker beispielsweise, die Reparaturen ausführten, Arbeiter, die zeitweise hier tätig waren, Chauffeure, die Waren brachten oder abholten …“ „War in der letzten Zeit nicht der Fall!“ Wronski sagt das bedeutungsvoll, er fühlt sich bereits wohl in seiner neuen Rolle. Baltrock erwidert nichts, er sieht dem Werkleiter zu, wie er aus der Jackentasche sein Etui hervorholt, eine Zigarre entnimmt, sie genüßlich anzündet. Erst als Wronski das Etui in die Tasche zurückgeschoben hat, sagt der Hauptmann langsam: „Genosse Wronski, was verstehen Sie unter ‚in letzter Zeit‘?“ Damit weiß der Dicke wenig anzufangen, er meint unbestimmt: „Tja, so vierzehn Tage.“ „Warum sollte nicht jemand“, sagt der Hauptmann, „der vor einem halben Jahr hier Einblick gehabt hat, als Täter in Frage kommen? Jemand, der damals kein Geld brauchte, es später aber benötigte – und da fiel ihm ein: 80
Du hast doch mal gesehen, wie dieser alte Mann immer welches mit sich herumschleppte? Nein, Genosse Wronski, wir gehen ein Jahr zurück, und ich möchte Sie bitten, als erstes die Leute zu notieren, an die Sie sich für diesen Zeitraum erinnern können.“ Er dämpft Wronskis Einwurf mit leicht erhobener Hand. „Keine Angst, wir befragen natürlich auch andere, wir wissen schon, wie schwach das Gedächtnis sein kann!“ Er macht eine kleine Pause, er sagt: „Ich hatte mir vorgestellt, daß Sie uns das Pförtnerhäuschen zur Verfügung stellen, damit die Fingerabdrücke genommen werden können. Außerdem brauchten wir noch einen Raum, in dem wir uns mit dem einen oder anderen Ihrer Mitarbeiter ungestört unterhalten können. Wäre das wohl möglich?“ Wronski hat sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt. Er sagt: „Ich glaube, Sie würden mir meinen ganzen Zementhof aufreißen, wenn Sie vermuten, daß Sie darunter etwas finden können!“ Baltrock entgegnet ernsthaft: „Davon müssen Sie überzeugt sein, Genosse Wronski! Nur wenn Sie davon überzeugt sind, werden Sie uns richtig helfen können!“ Plötzlich ist Schweigen in dem kleinen viereckigen Raum. Im Ofen knallt das Holz wie mit kleinen Schüssen, und Baltrock denkt, möglicherweise würden dort jetzt die Hartholzscheite verfeuert, die Nottrodt sich zurechtgeschlagen hatte. Des Werkleiters Stimme ist verändert, als er sagt: „Das Pförtnerhaus können Sie selbstredend benutzen, der Wächter kann sich nachts in den Umkleideräumen aufhalten. Ich gebe sofort Anweisung. Und einen ungestörten Raum … wirklich ungestört ist nur dieses Büro; aber ich muß erst ein paar Unterlagen herausnehmen, damit 81
wir weiterarbeiten können. Ich werde schon eine Notunterkunft für uns finden!“ Der Hauptmann ist überrascht, wie sehr ihm der Werkleiter entgegenkommt, er weiß: Für Wronski ist es ein wirkliches Opfer, diesen kleinen Herrschersitz zu räumen. Wenig später ist Baltrock draußen am Tor und gibt den Kriminalisten, die ihn erwarten, seine Anweisungen: Die beiden Wagen sind im Hof abzustellen; Schnurk und ein Hauptwachtmeister sollen die Neubauten, die von der PGH aus sichtbar sind, aufsuchen und sich umhören, ob dort in jener Nacht verdächtige Wahrnehmungen gemacht worden seien, und sie sollen ferner, falls die Zeit ausreicht, mit einem Boot den Fluß absuchen; den beiden anderen Kriminalisten fällt die Aufgabe zu, die Fingerabdrücke zu nehmen, sie werden von Wronski eine Liste der Betriebsangehörigen erhalten, damit niemand übersehen wird; Baltrock selbst will gemeinsam mit Zeitfuchs jene Mitarbeiter der PGH sprechen, die irgendwelche Auskünfte geben können, und der Leutnant soll außerdem die dringendsten Alibis überprüfen, da er Ortskenntnisse besitzt. Während Baltrock mit Zeitfuchs zu dem Büro zurückkehrt, fragt der Leutnant: „Wen wollen wir uns als ersten vorknöpfen?“ „Den Mann, dem das Spind neben Nottrodt gehört“, erwidert der Hauptmann, „das ist eigentlich selbstverständlich! Er kann uns vermutlich am meisten über Nottrodts Gewohnheiten sagen, er kann uns über den Spiegel Auskunft geben, vielleicht bekommen wir sogar Fingerzeige auf jene Leute, die Geld von Nottrodt geborgt haben.“ Der Werkleiter ist noch im Büro, aber das Ausräumen scheint beendet zu sein; er steht da, schiebt den dicken 82
Bauch ungeniert vor, der Kragen seines Fettpolsters von Doppelkinn wogt leise, als er mit seiner tiefen Stimme dröhnt: „Zufrieden, die Herren?“ Zeitfuchs sagt gar nichts, er steht und starrt Wronski stumm an. Baltrock hingegen nickt und bestätigt: „Zufrieden!“ Dann sagt er zu dem Leutnant: „Den Schreibmaschinentisch für die Sekretärin schieben wir am besten in eine hintere Ecke, da stört sie am wenigsten.“ „Ja“, sagt der Hauptmann unvermittelt zu Wronski, als falle ihm das jetzt erst ein, „wir haben da drei Quittungen gefunden. Können Sie uns sagen, wer die unterzeichnet hat?“ Er legt die drei herausgerissenen Notizblätter sorglich nebeneinander auf den Schreibtisch. Wronski beugt sich darüber. „Aber sicher! Genosse Hauptmann, seit Jahren kontrolliere ich die Lohnzahlungen, ich weiß Bescheid!“ Er schiebt die Zettel ein wenig höher, er erklärt: „Das ist Taschenbrecher, Harry, der ist Mitte Zwanzig, seit einem reichlichen Jahr im Betrieb.“ Er sieht auf, schüttelt den massigen Schädel. „Daß der so viel geliehen hat, wundert mich allerdings. Aber …“, und das setzt er in einem Ton hinzu, als wolle er jeden Verdacht ersticken, „ein schneller Arbeiter, vielleicht nicht ganz sorgfältig, jedoch überall einzusetzen, wo es Feuerwehraktionen gibt, ja, die haben wir manchmal noch.“ Gleich darauf lacht er leise. „Der gute Henoch! Hat also auch gepumpt!“ Und sofort ernst: „Er ist über Vierzig, hat Familie, ist angesehen, übrigens Genosse, das kann nur eine momentane Verlegenheit gewesen sein, vielleicht hatte er gerade eine Anschaffung!“ Er richtet sich hoch und meint geringschätzig: „Über den da mit den läppischen zehn Mark kann ich Ihnen gar nichts sagen. Der heißt Romeike 83
oder so ähnlich, hat ja eine miserable Schrift. Der muß zu den dreien gehören, die uns von Werk eins aus der Stadt vor einem Vierteljahr als Hilfskräfte für vierzehn Tage abgestellt wurden. Pilarzyk müßte Bescheid wissen, unter dem hat er gearbeitet.“ Er schaut erst den Hauptmann, dann Zeitfuchs an, als wolle er bestätigt bekommen, daß er seine Sache gut gemacht hat, und Baltrock sieht keinen Grund, ihn nicht zu streicheln: „Ausgezeichnet, Genosse, Sie geben uns wirklich schon ein erstes Bild.“ Doch dann schwenkt er sofort auf die Sache um: „Ach ja – wenn Sie uns den Mann hereinschicken wollten, der das ausgeleerte Spind benutzt?“ „Delitt!“ ergänzt Wronski. „Sofort, sofort!“ „Der Dicke ist mir zu eifrig!“ sagt Zeitfuchs, als Wronski den Raum verlassen hat. „Besser zu eifrig als zu verschlossen“, erwidert Baltrock und setzt sich an den Schreibtisch, der für die nächsten Tage ihm gehören wird. „Aber du ergänzt unseren Spurenplan, nicht wahr?“ Darauf erwidert der Leutnant nichts; er ärgert sich ein wenig, daß er an eine solche Selbstverständlichkeit erinnert wird. „Und nun“, sagt Baltrock, „wollen wir uns diesen Delitt mal ansehen!“ 2 Delitt, Siegfried, von seinen Arbeitskollegen Sigi genannt, macht auf die beiden Kriminalisten keinen günstigen Eindruck. Er ist vierundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und schlank, und selbst an seiner Arbeitskleidung kann man sehen, wie sehr er auf sein Äußeres hält. Das schwarze Haar trägt er gewellt bis in den Nacken, an den Wangen 84
herab laufen bestechend rasierte Koteletten, deutlicher Parfümduft geht von ihm aus. Er ist jener Typ, der sich für unwiderstehlich hält, und Baltrock zweifelt keinen Augenblick daran, daß er mit Mädchen reiche Erfahrungen hat – allerdings mit jener Sorte, die der Hauptmann nicht mag. Und er möchte wetten, daß Delitt ein schweres Motorrad fährt! Der junge Mann schweigt, nachdem er eingetreten ist, er bleibt an der Tür stehen, und in seinen großen braunen Augen – Baltrock muß gestehen, daß sie wirklich ausdrucksvoll sind – ist eine Spur Trotz und stummer Widerstand. Um so liebenswürdiger sagt der Hauptmann: „Treten Sie bitte näher, Herr Delitt, und setzen Sie sich!“ Dabei rückt er an dem Stuhl, den er an die Schmalseite des Schreibtisches gestellt hat. Zwar kommt Delitt heran, aber er bleibt stehen. „Es wird einige Zeit dauern“, sagt Baltrock, „setzen Sie sich nur.“ „Ich stehe lieber!“ erwidert Delitt und bewegt sich nicht. „Wie Sie wollen“, meint der Hauptmann nachgiebig, und er geht zur Sache über. „Sie sind Nottrodts Spindnachbar?“ „War!“ betont Delitt. „Gewiß“, bestätigt der Hauptmann, „denn Nottrodt ist erschlagen worden.“ Delitt rührt die Schultern. Baltrock fragt rasch: „Oder was meinen Sie?“ „Ich denke mir, daß er sich den Hals gebrochen hat, als er da mit seinen verdammten Holzklötzen ’rumgekrochen ist. Der war doch nicht mehr ganz bei sich!“ Das kommt sofort. 85
„Ich habe den Eindruck“, sagt Baltrock langsam, „daß Sie Nottrodt nicht so sehr mochten?“ „Nein!“ gesteht Delitt knapp. „Das ist eine eindeutige Auskunft“, erklärt der Hauptmann. „Warum konnten Sie ihn eigentlich nicht leiden?“ „Er war mir zu dreckig“, sagt Delitt frei heraus, „ein schmuddeliger Kerl, er war mir richtig ekelhaft, er stank ja vor Dreck. Und geizig! Wenn der jemandem Geld geborgt hatte, dann kroch er bei jeder Lohnzahlung hinterher, und er hatte sich die Zinsen genau ausgerechnet, immer etwas mehr, als ihm die Bank gegeben hätte.“ „Sie haben nie von ihm geliehen?“ Delitts Augen bekommen einen geradezu aufsässigen Ausdruck. „Nein! Und wenn ich trockenes Brot hätte essen müssen – von dem nicht! Aber ich brauchte Gott sei Dank kein trockenes Brot zu essen.“ „Wieviel verdienen Sie hier, Herr Delitt?“ „Über sechshundert, ohne die Prämien.“ „Nun gut“, schließt der Hauptmann dieses Kapitel ab, „können Sie mir sagen, wo und wie Nottrodt das Geld aufbewahrte, wenn er welches auslieh?“ „Kann ich“, sagt Delitt, „das habe ich ja jeden Tag gesehen. In einer abgeschabten Aktentasche, hundert Jahre alt, ehemals schwarz, zwei Schlösser, eines ging nicht zu, das schnappte nicht mehr ein – ist Ihnen damit gedient?“ Baltrock wechselt mit Zeitfuchs einen Blick, diese Aktentasche ist nicht aufgefunden worden, er sagt langsam: „Ja, Herr Delitt, damit ist uns gedient!“ Er vergewissert sich: „Die Aktentasche war also schwarz, aber alt und abgeschabt, sie hatte zwei Schlösser, eines davon war entzwei. War sonst noch etwas Besonderes daran?“ Delitt antwortet: „Nichts, aber verwechseln kann man sie nicht. Nottrodt hatte seinen Namen hineingeschrieben.“ 86
„Mit Tinte? Und wohin denn?“ „Innen auf die Klappe, zwischen die Nieten von dem Henkel. Aber womit er das geschrieben hat, das weiß ich nicht.“ Der Hauptmann nickt befriedigt, Delitt hat ihm eine ziemlich genaue Beschreibung geliefert, dafür ist er dankbar. Aber ehe er fortfahren kann zu fragen, ruckt Delitt mit dem Kopf nach rückwärts in Richtung der Sekretärin, die mitschreibt, und fragt: „Wird das alles getippt?“ „Würde Ihnen denn das etwas ausmachen?“ Das fährt dem Leutnant heraus, es ist unklug, vorschnell, aber Zeitfuchs ist von Delitts aggressivem Ton gereizt. Baltrock sieht ihn warnend an, doch es ist zu spät, Delitt sagt: „Da werde ich mal lieber vorsichtig sein.“ Der Hauptmann lenkt sofort ein: „Vorsichtig, Herr Delitt, muß man bei Aussagen immer sein, es geht möglicherweise um Mord, und eine falsche oder irrige Auskunft könnte Unschuldige belasten.“ Darauf erwidert Delitt nichts, solche Belehrungen nimmt er ungern hin, alles, was nach Belehrung riecht, mag er nicht; also beschließt der Hauptmann, das zu vermeiden. So sagt er betont sachlich: „Ich möchte nur noch etwas über Ihr Spind wissen, Herr Delitt. Wir haben es offen vorgefunden, das Hutbrett war herausgenommen und unten hineingeschoben. Können Sie eine Erklärung dafür geben?“ „Wieso ich?“ kommt sofort die Antwort. „Ich habe mein Spind in Ordnung, da war immer alles an seinem Platz!“ „Aber abgeschlossen hatten Sie es nicht!“ sagt Zeitfuchs. Delitt erwidert erregt: „Kann ich doch nicht! Ausgerechnet zu meinem Spind gibt es keinen Schlüssel! Seit 87
einem Jahr erzähle ich das dem Meister, aber da ändert sich nichts! Für andere Leute bringen wir Möbel in Ordnung, nur bei uns ist so eine Lotterei.“ „Warum bringen Sie nicht selbst ein neues Schloß an, Herr Delitt, Sie sind doch Fachmann!“ sagt der Leutnant kühl. „Ist nicht meine Sache“, antwortet Delitt. „Sicher nicht“, meint der Hauptmann und nimmt Zeitfuchs das Gespräch aus der Hand, „es spielt auch keine Rolle.“ Dieser Delitt ist ihm keineswegs mehr widerwärtig, der Widerstand, den er anfangs empfand, ist geschmolzen. Mag der junge Mann seine Haarpracht pflegen und auffällig makellose Koteletten tragen, wenn es ihm Spaß macht, denkt der Hauptmann, auf jeden Fall ist er auf Ordnung bedacht, nur für andere Leute will er diese Ordnung nicht machen; es scheint, er will niemanden aus seiner Verantwortung entlassen, und sei es bloß die läppische Verantwortung für einen fehlenden Schlüssel. „Sie sind also sicher, daß Ihr Spind eingeräumt war und das Hutbrett oben lag?“ „Habe ich gesagt“, erwidert Delitt und fügt erbost hinzu: „So unwichtig ist es nun auch nicht, daß ich das Spind nicht abschließen konnte! Jetzt fehlen nämlich mein Arbeitsmantel und die Handtücher!“ „Das ist wieder wichtig, Herr Delitt, Sie sehen, das Gespräch mit Ihnen ist wirklich bedeutungsvoll, es hilft uns weiter!“ Zum ersten Male nickt Delitt zum Zeichen seines Einverständnisses und gibt auf Baltrocks Bitte eine minutiöse Beschreibung der fehlenden Sachen. Er setzt aber gleich hinzu: „Kann ich jetzt gehen?“ 88
„Nur noch eines“, sagt der Hauptmann, „auf dem Spind wurde ein Spiegel gefunden …“ Baltrock kommt nicht dazu, auszureden, Delitt unterbricht ihn empört: „Den habe ich schon gesucht! Wo ist er denn?“ „Wir haben ihn beschlagnahmt.“ Der Hauptmann hebt beruhigend die Hand. „Sie kriegen ihn später zurück, und so wertvoll, daß wir uns deswegen erregen müßten, ist er ja auch wieder nicht.“ Widerwillig gibt Delitt zu: „Erregen will ich mich nicht …“, aber er erklärt gleich wieder aufsässig: „Für mich ist er eben wertvoll!“ „Sie haben den Spiegel nicht auf das Spind gelegt?“ „Nein! Der hing an der Innentür an einem Nagel.“ „Sind Sie sicher, daß Sie ihn vorgestern nicht vielleicht doch abgenommen haben, daß Sie es möglicherweise eilig hatten und ihn hinaufschoben?“ „Warum sollte ich ihn denn abnehmen, den Spiegel!“ wehrt sich Delitt. „Ich kämme mich immer so!“ Unwillkürlich führt der junge Mann das vor, er geht ein wenig in die Kniekehlen, als beuge er sich zu einem Spiegel nieder, er hält mit der flachen rechten Hand sorgfältig den Scheitel fest, streicht mit einem imaginären Kamm seine Wellenhaare nach rechts und stupft die Frisur liebevoll in die erwünschte vollkommene Form, und dabei sagt er: „Sie sehen, ich brauche beide Hände zum Kämmen, da kann ich keinen Spiegel halten! Und wenn ich ihn abgenommen hätte, dann hätte ich ihn auch wieder dort hingehängt, wo er hingehört, bei mir gibt es nämlich keine Schlamperei!“ Das Mir betont der junge Mann so scharf, daß der Seitenhieb auf seine PGH deutlich wird. Baltrock scheint das nicht zu bemerken, er fragt: „Wer hat den Spiegel außer Ihnen benutzt?“ 89
„Niemand“, erwidert Delitt sofort. „Sind Sie da ganz sicher? Haben Sie ihn nicht doch einmal einem Kollegen geliehen, dem Spindnachbarn vielleicht? Ich meine nun nicht gerade Nottrodt!“ „Es hängt ein Spiegel neben der Tür, und den benutzen die anderen alle. Zu mir ist keiner gekommen. Ich habe meinen Spiegel ja nur deshalb, weil sich um den großen immer so viele Kollegen herumdrücken. Kann man sich da vielleicht in Ruhe frisieren?“ Er sagt „frisieren“, nicht „kämmen“. Der Hauptmann verbirgt ein Lächeln. Eigentlich ist für ihn dieses Gespräch abgeschlossen, er ist überzeugt, daß Delitts Auskünfte handfest sind; er ist zufrieden, drei wichtige Informationen erhalten zu haben: den Hinweis auf die Aktentasche, den Vermerk über die fehlenden Kleidungsstücke und die zweifelsfreie Behauptung, der Spiegel sei nur von Delitt benutzt worden; falls also der Daumenabdruck nicht von ihm selber stammt – und das wird sich in Kürze herausstellen –, könnte er ein Signal des Täters sein. Eigentlich nur pro forma und weil es dazu gehört, fragt er: „Wo waren Sie gestern nacht?“ Auf einmal stellt sich Delitt sichtbar dumm, er fragt: „In welcher Nacht?“ „In der Nacht, als Nottrodt starb“, sagt der Hauptmann geduldig. Delitt sieht Baltrock nicht mehr an, und das macht den Hauptmann aufmerksam; aber er läßt dem jungen Mann mit den schönen Koteletten Zeit. Der zuckt schließlich die Schultern: „Darüber will ich nichts sagen. Das ist schließlich meine Sache.“ Darauf schweigt der Hauptmann, er erteilt keinen Verweis, er sagt nichts, er fragt nichts. 90
Er weiß genau, daß dieses unvermittelte Verstummen, diese Stille, die plötzlich den Raum erfüllt, Delitt mehr beunruhigen wird als ein noch so deutlicher Verweis. Delitt sieht keinen der beiden Kriminalisten an, er sucht sich den Anschein des Gleichmuts zu geben und schaut aus dem Fenster; doch vor dem Fenster ist nichts zu sehen, er kann nicht so tun, als sei er von irgend etwas gefesselt, Delitt schluckt, er räuspert sich, er sagt schließlich und trommelt dabei unhörbar mit den Fingern der Linken auf den Schreibtischrand: „Aber wenn Sie es durchaus wissen wollen, es ist ja nichts dabei, ich war bei meiner Braut.“ „Nun also“, sagt Baltrock freundlich, „damit ist die Sache aus der Welt geschafft, Herr Delitt. Sie waren die ganze Nacht dort?“ Delitt hat aufgehört zu trommeln, Delitt ist offensichtlich erleichtert, er sieht den Hauptmann wieder an, er fährt mit der Rechten vage durch die Luft. „Na ja, die ganze Nacht, so bis um fünf morgens vielleicht …“, und er setzt hastig hinzu: „Dann mußte ich nach Hause, mich für den Betrieb zurechtmachen! Und eine Runde schlafen“, fügt er mit einem zu vertraulichen Lächeln noch hinzu. Das erwidert Baltrock nicht, seine Stimme klingt geschäftsmäßig: „Nun geben Sie uns noch Name und Adresse Ihrer Verlobten, und damit ist die Sache erledigt.“ Delitt schweigt, allmählich rötet sich sein Gesicht, die Haut wirkt durch den Kontrast zu den tiefschwarzen Haaren wie angestrichen. „Nun?“ fragt der Hauptmann. „Nein“, antwortet Delitt gepreßt, „ich will nicht, daß sie in die Sache hineingezogen wird!“ 91
Vorsichtshalber dämpft Baltrock den Leutnant mit einem warnenden Blick, er spürt, wie gern der sich einmischen möchte; aber Zeitfuchs hat sehr gut begriffen, warum der Hauptmann vorhin die Befragung Delitts übernahm. Jetzt denkt er nur: Der Alte sollte mit dem verdammten Burschen schlittenfahren! Ein paar hinter die Ohren gehören dem, damit er zur Vernunft kommt! Möglicherweise denkt Baltrock ganz ähnlich, aber er verfährt anders, er sagt betont langsam: „Ich glaube, Herr Delitt, es wäre besser, wenn Sie sich jetzt setzten!“ Und siehe da: auf einmal folgt Delitt dieser unvermittelten Aufforderung, geradezu mechanisch läßt er sich auf dem Stuhl nieder. Baltrock wartet das geduldig ab, und als habe er sehr viel Zeit, sagt er zu dem Leutnant: „Werfen Sie doch bitte ein paar Scheite in den Ofen, ich fürchte, wir haben es sonst bald ganz kalt hier drinnen!“ Davon kann nicht die Rede sein, der Ofen speit geradezu Wärme, die Fensterscheiben sind längst abgetaut; trotzdem läßt der Leutnant keine Andeutung eines Widerspruchs erkennen, er gibt seine Lippe frei, erhebt sich lang, schlenkert zum Ofen hinüber, öffnet das Türchen und wirft ein paar Kloben in den kochenden Schlund. „Rein theoretisch“, beginnt der Hauptmann gelassen, „könnte man sich ja eigentlich fragen, warum nicht Sie als Täter in Frage kommen sollten? Sehen Sie einmal: Sie haben Ihr Spind neben dem von Nottrodt, Ihr Spind allein war aufgerissen, Sie wußten, daß Nottrodt Geld bei sich hatte und wo er es aufbewahrte, Sie waren mit Nottrodts Gewohnheiten vielleicht am besten vertraut, Sie haben genau gewußt, wann der Mann Dienst tat, auch der Hund kannte Sie, Herr Delitt, da hätten Sie nicht einmal zu befürchten gehabt, daß er anschlug, Sie verbellte, Lärm machte. Und schließlich geben Sie uns ein 92
Alibi, das wir nicht überprüfen sollen! Freilich, wir könnten auf Anhieb nicht sagen, warum Sie den alten Mann erschlagen haben, aber Sie selbst haben ja nachgerade deutlich betont, wie widerwärtig er Ihnen war, Sie sind offensichtlich sogar froh, daß Sie ihn los sind – und Geld kann man schließlich immer gebrauchen, nicht wahr?“ Der Hauptmann sieht Delitt voll an; der schüttelt den Kopf, aber was er sagt, ist so undeutlich, daß nur das Wort „Unsinn“ verständlich ist. Baltrock greift es sofort auf. „Unsinn – meinen Sie? Nun, ich meine es nicht! Nehmen wir nur einmal diese ominöse Braut, bei der Sie gewesen sein wollen. Wissen Sie, Herr Delitt, Sie können uns ja für dumm halten, aber für so dumm sollten Sie uns nicht halten! Ein Mann wie Sie! Der so aussieht! Das ist doch der Typ, auf den junge Damen fliegen, nicht wahr? Wenn Sie gesagt hätten: Freundin! Nun ja, das hätte ich Ihnen vielleicht abgenommen. Aber: Braut! Nein, Herr Delitt!“ Wenn Baltrock meinte, Delitt werde sich geschmeichelt fühlen, so scheint er zu irren, denn der junge Mann erwidert hartnäckig: „Es stimmt aber!“ „Auch gut!“ nimmt der Hauptmann davon Notiz. „Und Sie wollen uns den Namen nicht sagen?“ „Nein!“ „Aber Herr Delitt! Sie erschweren uns nur die Arbeit, und Ihnen nützt es nichts. Warum wollen Sie uns das also verschweigen?“ „Ich will eben nicht, daß sie in die Sache hineingezogen wird!“ „Jetzt sagen Sie selber: die Sache – und: hineingezogen! Ich fürchte, Sie sind es, der etwas damit zu tun hat! Ich fürchte, Sie haben keine Braut, die uns Ihr Alibi bestätigen würde! Das ist es!“ 93
Nun reagiert Delitt überhaupt nicht mehr, er sitzt da, nein, er hockt zusammengekauert, die schönen vollen Lippen zusammengekniffen, offenbar will er keine Auskunft mehr geben. „Falls Sie aber eine haben“, fährt Baltrock ruhig fort, „werden wir sie sehr schnell ermitteln. Wir brauchen nur Ihre Eltern zu fragen, Ihre Kollegen.“ Ein schiefes Lächeln sitzt plötzlich auf Delitts Gesicht, zu seinen Händen sagt er: „Die wissen doch nichts!“ „Was“, der Hauptmann ist zum ersten Male wirklich überrascht, „Ihre Eltern wissen nichts von Ihrer Braut?“ Delitt schüttelt verstockt den Kopf. „Und Sie bleiben wirklich dabei, uns den Namen zu verschweigen?“ Delitt nickt. „Wie Sie wollen!“ schließt da Baltrock ab. „Es kann aber für Sie unangenehm werden, denn bedenken Sie doch: Wenn Sie uns die Anschrift mitteilen, ist Ihre Unschuld vermutlich sofort festgestellt. Uns liegt nichts daran, Sie zu belasten. Wenn Sie jedoch schweigen, müssen wir ermitteln – auch, Herr Delitt, in Ihrem eigenen Interesse, damit Sie nämlich nicht in einen vielleicht falschen Verdacht geraten!“ Er macht noch einmal eine Pause, er hofft, Delitt werde sich besinnen; aber nichts erfolgt. „Dann unterzeichnen Sie das Protokoll, damit ist unser Gespräch vorerst beendigt.“ Als Delitt bereits an der Tür ist, sagt der Hauptmann: „Sie müssen sich zu unserer Verfügung halten. Sie bleiben in den nächsten Tagen in der Stadt, und wenn Sie nicht im Betrieb oder bei Ihren Eltern sind, hinterlassen Sie, wo wir Sie finden können!“ Diese Worte sind in den Rücken Delitts gesprochen, er 94
läßt sie über sich ergehen, die Hand auf der Klinke. Dann ist er verschwunden. Im Ofen kracht das Holz. „Na!“ sagt Zeitfuchs kritisch. „Na!“ Natürlich weiß Baltrock, daß der Leutnant mit diesen zwei Brocken seiner Skepsis Ausdruck gibt; indessen schweigt er zunächst und sinniert, über seine Notizen gebeugt, so lange, bis Zeitfuchs unruhig sich auf seinem Stuhle bewegt. Dann erst hebt er den Kopf und sagt bedachtsam: „Wir haben Delitt an keiner einzigen Stelle bei einer Lüge ertappt, und solange das der Fall ist, müssen wir unterstellen, daß er insgesamt die Wahrheit sagt. Wir sind schließlich dazu da, die Wahrheit zutage zu fördern – nicht nur einen Schuldigen haben wir zu überführen, sondern auch einen Unschuldigen zu entlasten. Das ist ein Grundsatz, in dem wir uns nie irremachen lassen dürfen, auch nicht durch unseren Wunsch, den Täter zu entdecken.“ Das klingt Zeitfuchs wieder zu lehrhaft, es ist nicht nach seinem Geschmack. Trotzdem muß er eingestehen, daß Baltrock im Recht ist, so nickt er schließlich und sagt mit schiefem Lächeln: „Mit mir geht eben manchmal der Jäger durch.“ Der Hauptmann lächelt zurück, er sagt: „Du schießt ja auch nicht auf Rehkitze, nicht wahr?“ Bei diesem Gedanken zuckt der Leutnant sichtlich zusammen, Baltrock weiß, daß sein Hinweis genützt hat, also tritt er das nicht breit, er sagt: „Erledigt.“ „Nur“, wendet der Leutnant ein, „ist mir unverständlich, warum Delitt über diese ominöse Braut absolut nichts sagen will.“ Baltrock zuckt die Schultern. „Dafür kann es viele Gründe geben. Hast du denn immer im Leben und vor jedem deine Karten auf den Tisch gelegt? Nein, wir können 95
Delitt damit nicht belasten, auch wenn er uns Arbeit macht, wir müssen seinen Grund herausfinden. Im übrigen haben wir durch ihn einen ganz wichtigen Hinweis bekommen, den auf die Aktentasche.“ „Also, ich bin ganz sicher“, springt Zeitfuchs sofort ein, „daß sie in Nottrodts Wohnung nicht gewesen ist. Die wäre mir aufgefallen.“ „Und hier hat sie sich auch nicht gefunden. Ich nehme an, daß Nottrodt darin sein Geld aufbewahrte und der Täter sie mitgenommen hat. Nach dieser Aktentasche müssen wir fahnden, ich halte sie für unsere bedeutsamste Spur. Stelle du über Mittag noch einmal fest, ob hier im Betrieb jemand mehr davon weiß.“ Er macht eine kurze Pause, er fragt: „Wie schätzt du den Stand jetzt ein?“ „Nicht schlecht“, erwidert Zeitfuchs, „wir haben in kurzer Zeit eine Menge Informationen erhalten. Zunächst einmal wissen wir genau, daß Nottrodt keinem Unfall erlegen ist. Weiter hat der Täter zweifellos die aus dem Spind entwendeten Kleidungsstücke benutzt, nach ihnen müssen wir also auch forschen. Dann haben wir erfahren, daß die Aktentasche fehlt. Schließlich ist da dieses Messer, das möglicherweise auch einen Hinweis auf den Täter gibt.“ Er sieht Baltrock voll an. „Ich würde vorschlagen, daß wir uns umgehend mit einem Aufruf an die Bevölkerung wenden und um ihre Mitarbeit in folgenden Punkten bitten: Wer hat in der Tatnacht verdächtige Personen in der Nähe der PGH bemerkt, wem ist sonst etwas Verdächtiges aufgefallen? Wer kann Hinweise auf den Eigentümer des Taschenmessers geben? Wer kann über den Verbleib der Aktentasche etwas aussagen? Wer hat die Handtücher und den Arbeitsmantel nach der Mordnacht gefunden oder in wessen Besitz gesehen?“ 96
Baltrock vermerkt mit Genugtuung, daß dies präzis formuliert ist. Er nickt Zeitfuchs zu. „Das werden wir tun!“ Aber er warnt noch einmal: „Und uns nicht dadurch irritieren lassen, daß uns der eine oder andere, aus welchem Grunde auch immer, verdächtig erscheint; dann werden wir geduldig nach Beweisen für Schuld und Unschuld forschen.“ Und als habe er damit schon zuviel gesagt, meint er kurz: „Und nun zu Taschenbrecher! Der nächste bitte!“ 3 Harry Taschenbrecher ist weitaus bereitwilliger, Auskunft zu geben, als Delitt. Baltrock und Zeitfuchs bemerken das schon an der Art, wie er hereinkommt: freundlich und laut grüßend, seinen Namen nennend, den Stuhl rückend, „Darf ich mich setzen?“, wenig später die Zigarettenschachtel aus der Tasche ziehend. „Ich darf doch rauchen?“ Hier nun hält es der Hauptmann für richtig, nicht mit genauen Fragen zu beginnen – Taschenbrecher hat das Bedürfnis nach Kontakten, er redet gern, also soll er das tun. Baltrock sagt: „Wir sammeln Informationen über Nottrodt. Erzählen Sie uns, was Sie von ihm wissen.“ Taschenbrecher besinnt sich nur kurz, dann stützt er den linken Ellenbogen auf den Schreibtisch und beginnt mit einem Winken der Hand: „Ja, also Paul, also Nottrodt war ja nun ein Eigenbrötler, nicht wahr, aber ich bin mit ihm immer gut ausgekommen, man mußte ihn nur zu nehmen wissen.“ Der Redefluß ist nicht einzudämmen, Neues erfahren die Kriminalisten allerdings zunächst kaum. Trotzdem unterbricht Baltrock nicht, er wird noch zeitig genug auf 97
die Schulden des Taschenbrecher zu sprechen kommen, falls der nicht selbst davon redet. Inzwischen beobachtet er das Gebaren des jungen Mannes. Auf sein Äußeres gibt der Vierundzwanzigjährige wenig. Sein Arbeitsanzug ist voller Flecken, auch der fehlende Knopf entgeht Baltrock nicht, es ist der oberste der Jacke, immer wieder muß Taschenbrecher sie zusammenraffen. Das spricht, so schlußfolgert der Hauptmann, für eine gewisse Gleichgültigkeit; auch bei der Arbeit müßte ihm das hinderlich sein. Das blonde, ein wenig strähnige Haar steht dort, wo der Scheitel sein sollte, wirbelig und stachelig ab, ganz zweifellos gibt Taschenbrecher dem Friseur keine komplizierten Anweisungen, und er hält es sicherlich für ganz überflüssig, für „Fummelei“ – dieses Wort benutzt Taschenbrecher des öfteren –, wenn der Friseur ihm zum Abschluß das Hinterhaupt spiegelt. Das Gesicht ist nicht einprägsam: das wäßrige Blau der Augen, die zu hellen Augenbrauen, die ungesundblasse Haut mit dem Dutzend Sommersprossen über der Nasenwurzel, der kleine Mund mit Lippen, deren dünnes Rosa sich wenig von der Hautfarbe abhebt – das alles verschwimmt zu einem bedeutungslosen Oval. Verstohlen sieht der Hauptmann auf die Uhr. Taschenbrecher redet jetzt schon zwanzig Minuten, und gesagt hat er gar nichts, hat nur so geplaudert und dabei immer wieder Baltrock, und Zeitfuchs angesehen, als erwarte er von ihnen zustimmende oder beifällige Bemerkungen; trotzdem hofft der Hauptmann immer noch, daß der Mann auf seine Schulden zu sprechen kommen werde. Endlich ist der Redestrom verebbt. Taschenbrecher schneuzt sich geräuschvoll und lang anhaltend, Baltrock 98
denkt: Er braucht eine Pause zum Nachdenken, er überlegt, was er uns weiter erzählen soll. Dazu will er es nicht kommen lassen, er will aber seine Fährte auch nicht zu zeitig verraten, so fragt er und schaut dabei auf einen Zettel: „Kennen Sie einen gewissen Romeike?“ Taschenbrecher sagt: „Reiner meinen Sie wohl, der aus Werk eins abgestellt war? Romeike haben wir den nie genannt. Und ob ich mich an Reiner erinnere, das war doch der, der nicht sagen konnte ‚imposant‘, sondern der dann sagte: im Po-po Sand!“ Taschenbrecher lacht schallend wie über einen herrlichen Witz, er fährt fort: „Den habe ich immer geuzt, war urkomisch, wenn der an seinen Worten fast erwürgt ist.“ „Ah ja!“ sagt der Hauptmann so, als verstünde er jetzt vieles. „Und meinen Sie, daß der Reiner bösartig war, gewalttätig, heimtückisch – manchmal findet man das ja bei körperlich Benachteiligten?“ „Der?“ sagt Taschenbrecher überzeugt. „Nein, Herr Kommissar, der nicht! Der war froh, wenn er in Ruhe gelassen wurde, der tat keiner Fliege etwas zuleide.“ „Und hat er denn“, fragt Baltrock weiter, „trotz seines Stotterns einigermaßen gut gearbeitet? Ich meine, er konnte sich doch schlecht verständlich machen.“ „Ich glaube schon“, sagt Taschenbrecher, „fragen Sie doch den Meister, Pilarzyk kann Ihnen bestimmt genau Auskunft geben.“ „Danke für den Hinweis“, erwidert der Hauptmann und tut, als notiere er sich etwas, „und wieviel, meinen Sie, hat der Reiner Romeike verdient, nur über den Daumen gepeilt?“ „Schätze, vierhundertfünfzig Eier, in der Gegend jedenfalls.“ 99
„Da stehen Sie zweifellos viel besser da?“ fragt Baltrock harmlos. „Klar“, sagt Taschenbrecher selbstbewußt, „siebenhundert sind mir sicher, mal mehr, mal weniger, auf die Prämien kommt es an, und da bin ich schnell bei der Hand.“ Jetzt ist der Augenblick gekommen, da Baltrock zugreift, er sagt rasch: „Dann hatten Sie es doch eigentlich nicht nötig, sich von Nottrodt dreizehnhundertachtzig Mark zu leihen?“ Da verstummt Taschenbrecher plötzlich, und es dauert einige Zeit, ehe er ungewohnt leise sagt: „Das wissen Sie also …“ „Ja“, bekräftigt der Hauptmann und ist zum Angriff entschlossen, „das wissen wir also! Und wir wissen sogar, daß es schon über zwei Monate her ist, seit Ihnen Nottrodt das Geld lieh, wir kennen sogar das genaue Datum.“ Er schlägt einen Schnellhefter auf, da liegt die Quittung bereit, er schiebt sie so zu Taschenbrecher hin, daß der sie lesen kann. Indessen: Taschenbrecher beachtet sie überhaupt nicht, er akzeptiert Baltrocks Behauptung auch ohne Beweis. Langsam zieht der Hauptmann die Quittung zurück und birgt sie sorgfältig in seinem Schnellhefter. Er sagt: „Soweit ist die Sache klar. Wozu brauchten Sie denn das Geld?“ Taschenbrecher atmet auf, er findet wieder Worte, zunächst kommen sie zögernd, holpernd, stolpernd, aber allmählich wird er sicherer; war er soeben ein schnappender Fisch, aufs Trockene geworfen, so plätschert er nun erneut in seinem Redefluß. Er sei, so stellt er es dar, ein Motorradfan, immer wieder habe er seine Maschinen gewechselt, für alte Mecken habe er nichts übrig, es sei nun einmal sein Hobby, und 100
vor zwei Monaten habe er sich entschlossen, eine neue, schwere MZ zu erwerben; sein Geld habe indessen nicht gereicht, er sei eben kein Geizkragen, dafür habe er noch nie was übrig gehabt, und Geld könne man ja sowieso nicht ins Grab mitnehmen, er habe da eine großzügige Hand, gern schmeiße er mal eine Runde oder auch ein paar, und man wisse ja, wie schnell ein Fünfziger vertan sei, nicht wahr? Jedenfalls habe er Kassensturz gemacht und dabei festgestellt, daß sein Geld nicht reichen würde, und so sei er an Nottrodt herangetreten … Wie? Na ja, herangetreten sei vielleicht ein bißchen hochtrabend, er habe ihn abgepaßt, als er gerade mal allein war, nach Arbeitsschluß. Nottrodt habe zuerst nicht gewollt, der Betrag sei ihm zu hoch gewesen, er habe lieber Kleckersummen verliehen, dann habe Nottrodt nach Sicherheiten gefragt, aber er habe gesagt, Paul, habe er gesagt, was willst du mehr an Sicherheiten als meine Prämien? Da habe Nottrodt schließlich ja gesagt, aber er habe zehn Prozent Zinsen gefordert, die er gleich einbehalten habe, in Wirklichkeit habe er ihm nämlich gar nicht dreizehnhundertachtzig geliehen, sondern nur zwölfhundertzweiundvierzig, und er habe sich dann das Motorrad gekauft, und schließlich sei das alles ja nicht strafbar, außer den zehn Prozent, aber wenn das unter Wucher falle, dann sei das nicht seine Hochzeit, sondern die von Nottrodt. Geduldig hört sich Baltrock die langschweifigen Ausführungen an und gewinnt dabei immer mehr den Eindruck: Taschenbrecher schaufele Sand, um etwas zu verschütten, aber was? Als Taschenbrecher schweigt und mit einem forschenden Blick unter den farblosen Brauen hervor die Wirkung seiner Worte abzumessen sucht, sagt der Hauptmann langmütig: „Was Sie mir da erzählen, ist zwar nicht ganz 101
stubenrein, aber das soll mich nicht interessieren. Zunächst wüßte ich gern, welche Rückzahlung zwischen Ihnen und Nottrodt vereinbart wurde. Erstaunlich ist nämlich, daß sich ein entsprechender Vermerk zwar auf einem anderen Schuldschein findet, auf Ihrem aber nicht.“ Taschenbrecher behauptet mit Überzeugung: „Nottrodt hatte zu mir eben Vertrauen! Der wußte, daß ich Wort halte!“ „Na!“ sagt der Hauptmann nur, und allen Zweifel, den er in dieses eine Wort hineinlegen kann, legt er hinein; er fährt fort: „Auf jeden Fall muß also eine mündliche Vereinbarung getroffen worden sein, nicht wahr?“ „Sicher“, bestätigt Taschenbrecher, nicht mehr. „Und wie lautet die?“ Und nun sagt Baltrock zum ersten Male unfreundlich: „Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen!“ Taschenbrecher lächelt unsicher, er spürt, daß diese Bemerkung ernst gemeint ist, er möchte sie gern in den Bereich des freundlichen Scherzes schieben. Es gelingt ihm nicht. Also bequemt er sich zu der Aussage: „Ich habe ihm versprochen, Raten zwischen hundertfünfzig und zweihundertfünfzig zurückzuzahlen, je nachdem, wieviel Prämie ich kriege, und weil der Betrag nicht ganz feststand, hat er das Rückzahlungsdatum nicht vermerkt.“ „Und wann wollten Sie mit der Rückzahlung beginnen?“ Die Augen weichen aus. „Ach“, behauptet er, „ich habe ihm gesagt, so Anfang des nächsten Jahres, im Januar also, ich wollte erst mal Luft haben.“ „Und damit war Nottrodt einverstanden?“ „Ja.“ 102
Der Hauptmann läßt sich Zeit, erst nach einer Pause sagt er: „Wissen Sie, Herr Taschenbrecher, ich hätte Ihnen auf den Kopf zusagen können, wie die Sache war. Ich wollte es nicht. Ich wollte wissen, ob wir Ihren Worten vertrauen können oder ob Sie lügen. Nun wissen wir, daß Sie uns belogen haben.“ Taschenbrecher ruckt sich zusammen, er begehrt auf, er beginnt sich zu wehren. Aber Baltrock läßt ihn nicht mehr zu Wort kommen. „Es mag alles stimmen, das eine indessen stimmt mit Sicherheit nicht: daß Sie erst im Januar mit der Rückzahlung beginnen sollten! Das sollten Sie nämlich bereits nach dem ersten Monat! Nottrodt hat uns das gesagt, obgleich er inzwischen tot ist. Er hat nämlich Buch geführt, zwar primitiv, aber sehr genau, und unter allen seinen Zetteln findet sich auch einer mit Ihrem Namen und der Schuldsumme. Die beiden Monatsersten, die verstrichen, seit Sie geliehen haben, sind ebenfalls vermerkt, aber dahinter finden sich jeweils nur ein Fragezeichen und ein paar Ausrufezeichen. Wollen Sie das sehen?“ Nein, Taschenbrecher will es nicht sehen, Taschenbrecher starrt mit seinen wasserhellen, ausdruckslosen Augen den Hauptmann an und sucht offensichtlich nach Reden und Ausreden, aber es will ihm nichts einfallen; dann zuckt er hilflos die Schultern und gesteht: „Ja, ich habe nicht zurückgezahlt.“ „Und warum nicht?“ fragt Baltrock. Wieder das Schulterzucken, wieder eine Pause. Was mag in diesem Schädel nur vorgehen, denkt der Hauptmann. „Herr Taschenbrecher, ich warte auf Antwort“, sagt er mit warnendem Klang, „bequemen Sie sich endlich.“ Taschenbrecher gibt auf. Er schaut den Hauptmann 103
wieder an, er sagt: „Ich habe mir gedacht, der ist alt. Der kann das sowieso nicht mitnehmen. Und der ist geizig. Ich habe mir gedacht, ich ziehe das hin, und wenn er eines Tages gestorben ist, kräht kein Hahn mehr danach.“ Er sagt es wirklich so, und der Hauptmann ist von der Kälte dieser Überlegung, dieser schamlosen Berechnung so getroffen, daß er härter, als er ursprünglich beabsichtigte, sagt: „Und er ist nicht gestorben, sondern hat Sie gemahnt, wieder und wieder. Er war geizig, sagen Sie, er wollte sein Recht, behaupte ich. Allmählich ist er Ihnen lästig geworden, er ist Ihnen auf den Wecker gefallen, würden Sie vermutlich sagen, und da haben Sie gedacht: Eines Tages stirbt der sowieso, schade ist es um ihn nicht, also beschleunige ich die Sache ein bißchen, also schlage ich ihn tot. War es nicht so, Herr Taschenbrecher?“ Unter diesen Worten duckt Taschenbrecher sich, und als Baltrock endet, noch in die letzten Worte hinein, springt er auf, alle Frechheit ist aus seinem Gesicht geflogen, er stützt sich mit den Händen auf den Tisch, beugt sich zu dem Hauptmann vor und würgt heraus: „Nein, Herr Kommissar, nein, nein! Ich habe dem Nottrodt nichts getan, wirklich und wahrhaftig nicht, ich …“ Die Stimme versagt ihm, verzweifelt schüttelt er den Kopf; auf einmal erschlafft und entmutigt, bringt er nur noch hervor: „Ach, ich …“ und dann gar nichts mehr. „Setzen Sie sich hin!“ sagt Baltrock eisig, und Taschenbrecher folgt diesem Befehl sofort. Der Hauptmann sagt: „Es gibt für uns keinen Grund, Ihnen zu glauben, Herr Taschenbrecher! Sie haben uns vorher belogen, Sie belügen uns auch jetzt.“ „Nein“, wehrt Taschenbrecher sich entsetzt, hinter seiner Stirn arbeitet es, er sagt: „Ich war in der Nacht doch gar nicht hier, ich war in der Stadt, im ‚Ewigen Lämpchen‘.“ 104
Baltrock sieht fragend den Leutnant an, der nickt und erklärt: „Das ist so ein Überbleibsel in einem Abrißhaus.“ „Ah ja!“ sagt Baltrock, er wendet sich wieder an Taschenbrecher: „Und dort wollen Sie in jener Nacht gewesen sein?“ „Ja, Herr Kommissar“, Taschenbrecher ist plötzlich betriebsam eifrig, „wir haben da geskatet. Und getrunken.“ „Und wie sind Sie nach Hause gekommen?“ fragt Baltrock. „Sie wohnen doch in Mühlen?“ „Mit meiner Maschine!“ erklärt Taschenbrecher mit einer Spur von kläglichem Stolz. „Mit dem Motorrad? Aber Sie hatten doch getrunken? Wieviel haben Sie denn getrunken?“ Taschenbrecher sagt zögernd: „Drei Biere … vielleicht. Und drei, vier Klare.“ „Und da wollen Sie mit dem Motorrad gefahren sein? Wußten Sie nicht, daß Sie sich strafbar machten? Aber lassen wir das! Wie lange waren Sie im ‚Ewigen Lämpchen‘?“ Es folgt Frage auf Frage, zwingend, knapp, zupackend – Taschenbrecher kann nicht mehr in Geschwätz flüchten, er wird gezwungen, ebenso präzise zu antworten, wie er gefragt wird; er stützt den Kopf in die Hände, die Handflächen liegen an den Schläfen, die Stirn ist vor Anstrengung quergefaltet. So bemüht er sich um eine genaue Erinnerung; denn das hat er begriffen: Nachdem er einmal bei einer Lüge ertappt wurde und vieles gegen ihn spricht, wird man alle seine Auskünfte überprüfen, und bei einer zweiten Lüge darf er sich nicht mehr ertappen lassen. Natürlich weiß der Hauptmann nicht, ob das Wahrheit ist, was er da erfährt, oder ob Taschenbrecher versucht, ein ganzes Lügengebäude hochzumauern, bei dem alle 105
Steine sicher zusammengefügt sind und das keiner Brechstange Gelegenheit gibt, es von irgendeiner Stelle aus zusammenstürzen zu lassen. Schließlich gewinnt Baltrock dieses Bild: Taschenbrecher ist nach Ende der Arbeitszeit heimgefahren. Dort hat er bis zum Abendbrot an seinem Motorrad herumgebastelt. Sofort nach dem Abendessen, etwa gegen neunzehn Uhr oder etwas später, ist er nach B. gefahren, und zwar geradewegs ins „Ewige Lämpchen“, das zu dieser Zeit schon ziemlich voll war. Mit zwei Bekannten, Thomas Dreier und Alwin Soltau, spielte er bis Mitternacht Skat. In diesen Stunden hat er das Lokal nicht verlassen. Um Mitternacht, leicht angetrunken, hat er mit den beiden Kumpanen das Lokal verlassen und sich von ihnen, die in B. wohnen, getrennt. Als er die Straße betrat, regnete es ziemlich stark. Er ist dann sofort, in erheblichem Tempo, wie er sagt, die Landstraße entlang nach Mühlen gefahren. Als er die Wohnung betrat, schliefen schon alle, und auch er legte sich sofort ins Bett. Während Baltrock das erfragt, macht Taschenbrecher zum ersten Male keine Ausflüge ins Ungewisse, sondern versucht, möglichst knapp zu antworten, so daß der Hauptmann den Eindruck gewinnt, Taschenbrecher sage die Wahrheit. Baltrock wiederholt Punkt für Punkt, langsam, so daß Taschenbrecher Zeit zum Nachdenken bleibt, und sagt dann: „Wir prüfen das nach.“ Und fügt hinzu: „Doch selbst, wenn es stimmt, Herr Taschenbrecher, ist es ein löcheriges Alibi, das wird Ihnen klar sein?“ „Herr Kommissar, ich schwöre …“ Taschenbrecher hebt die Hände. 106
„Schwören Sie nichts!“ sagt der Hauptmann. „Sagen Sie einfach die Wahrheit, Herr Taschenbrecher! Seien Sie sich klar darüber: Wir finden sie sowieso heraus, Sie brauchen sich draußen nur umzusehen, um zu erkennen, welcher Apparat in Gang gesetzt wurde, und falls Sie sich wirklich an Nottrodt vergriffen haben, ist es besser, Sie gestehen freiwillig, denn das wird Ihnen bei der Gerichtsverhandlung angerechnet! Es wäre auch möglich, daß Sie nicht die Absicht hatten, Nottrodt etwas zuleide zu tun, daß er Sie überraschte und Sie zu stark zuschlugen. Es könnte auch Körperverletzung mit Todesfolge sein, nicht Mord.“ So versucht Baltrock, dem Taschenbrecher ein Geständnis zu erleichtern, falls er eines abzulegen hat; aber Taschenbrecher bleibt dabei: „Ich war es nicht, wirklich und wahrhaftig, ich bin sofort nach Hause gefahren!“ „Nun gut! Sollte Ihnen noch etwas einfallen, das Sie mir oder dem Leutnant sagen möchten – wir sind jederzeit für Sie zu sprechen. Und jetzt unterschreiben Sie das Protokoll, dann können Sie gehen.“ Baltrock lehnt sich zurück, er sieht zu, wie Taschenbrecher sich über die Blätter des Protokolls beugt und übereifrig jede einzelne Seite abzeichnet; er folgt zwar der Aufforderung, alles genau durchzulesen, aber er tut es nur oberflächlich ; und dann erhebt er sich und sieht den Hauptmann an, er verbeugt sich mehrere Male in die stumme Ablehnung hinein und geht rückwärts zur Tür, und dort verbeugt er sich nochmals. Als er den Raum verlassen hat, sagt Zeitfuchs: „An zwei Stellen fassen wir zu, und schon haben wir zwei potentielle Täter.“ „Im Grunde ein Schlappier“, antwortet Baltrock, „aber auch solche Naturen sind zu feigen Überfällen 107
fähig, wenngleich …“ Er versinkt in Nachdenken. Er schüttelt den Kopf und sagt: „Ich mußte ihn hart anfassen, nachdem er einmal gelogen hatte, denn ich will ja verhindern, daß er es wieder tut. Und tatsächlich bleibt ein Verdacht bestehen, selbst wenn er im ‚Ewigen Lämpchen‘ war. Er hätte auf der Rückfahrt immer noch Zeit für einen Abstecher in die PGH gehabt. Nur warne ich dich vor zu großem Optimismus. Über Delitt haben wir schon gesprochen, und auch für Taschenbrecher haben wir keinerlei wirklichen Schuldbeweis.“ „Aber wir müssen seine Angaben besonders sorgfältig nachprüfen.“ „Stimmt“, sagt der Hauptmann, „das müssen wir jedoch immer.“ 4 „So“, sagt der Hauptmann, nachdem er das Protokoll gegengezeichnet hat, „ich muß Luft holen, ich möchte zur Abwechslung einen seriösen Menschen hören. Hol uns doch Pilarzyk herein, wollen sehen, welche Auskünfte er uns geben kann!“ Dann sehen sie Pilarzyk vor sich, den gediegenen, sicheren, zuverlässigen Mann, schon seine untersetzte Gestalt strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, wie er gewichtig auf dem Stuhle sitzt, die Augen blicken aufmerksam, gelegentlich fährt er mit seiner breiten Handwerkerhand über die Glatze, besonders dann, wenn er sich zu erinnern sucht. Seine Antworten sind wohlüberlegt und gemessen. Aber weder über Delitt noch über Taschenbrecher erfahren die beiden Kriminalisten Neues. Von Delitts angeblicher Braut weiß Pilarzyk nichts, er meint: „Ich kümmere mich um Privatsachen grundsätzlich nicht, das 108
geht mich nichts an, ich sehe nur, wie die Leute ihre Arbeit tun, ob sie nützlich sind, sozusagen.“ Das erscheint dem Hauptmann zwar etwas karg, aber er äußert sich nicht dazu. „Und Henoch?“ fragt er. „Was halten Sie von ihm?“ „Das Beste“, erwidert Pilarzyk. „Wenn der Betrieb sich auf jemanden verlassen kann, dann auf Henoch. Der hat noch nie krankgefeiert, der arbeitet länger, wenn es notwendig ist, und in diesem harten Jahr war es oft notwendig, dazu macht er im Ort Aufbaustunden, der ist für jeden Einsatz zu haben. Außerdem hat er noch einen Schrebergarten, Sie sollten sehen, wie tipptopp der ist, da züchtet er Rosen, er ist Leiter der Rosenzüchtersparte im Kulturbund, wir haben hier nämlich den einzigen Kulturbund in der DDR, der eine Sparte Rosenzüchter besitzt.“ Tatsächlich redet sich Pilarzyk in eine Begeisterung hinein, die nicht größer sein könnte, wenn alle diese Verdienste seine eigenen wären. Der Hauptmann sieht, wie Zeitfuchs ironisch lächelt, vor Vergnügen auf seinem Stuhl hin- und herwetzt, er hört ihn fragen: „Züchten Sie auch Rosen, Herr Pilarzyk?“ „Nein“, sagt der ernst und beinahe empört, „wir halten ein Schwein, wissen Sie!“ „Na, das ist auch ganz schön“, meint Zeitfuchs, „nahrhafter als Rosen.“ Baltrock schickt keinen strafenden Blick zu dem Leutnant hinüber, bei diesem Gespräch darf er eine harmlose Entgleisung erlauben, im Gegenteil, sie lockert die Spannung, die unwillkürlich jeder empfindet, der eine Aussage zu machen hat, das weiß der Hauptmann. Immerhin sagt er zu Pilarzyk: „So hat eben jeder sein Steckenpferd, Leutnant Zeitfuchs beispielsweise ist leidenschaftlicher Jäger, und 109
ohne daß er mir etwas erzählt hätte, weiß ich genau, daß er innerlich ganz verzweifelt ist, weil jetzt dieser Fall zwischen seine Pläne gekommen ist; wir haben Vollmond, und ich ahne, daß der Leutnant um seinen Resturlaub eingekommen wäre, um Böcke zu schießen …“ Es hat den Anschein, als wolle der Hauptmann sich weiterhin plauschend über den Abschuß von Böcken verbreiten, doch unversehens schießt er aus dieser Gemütlichkeit heraus seine nächste Frage auf Pilarzyk ab. „Wenn Henoch so arbeitsam, so fleißig ist, verdient er doch sicherlich gut. Warum leiht er sich dann wohl noch Geld, Herr Pilarzyk?“ „Geld leihen?“ fragt Pilarzyk verdutzt zurück. „Nein, das glaube ich nicht.“ „Sie müssen es aber glauben, wir haben den Beweis dafür vorliegen.“ „Ach!“ Das ist alles, was Pilarzyk hervorbringt, er macht einen hilflosen Eindruck; offensichtlich paßt das nicht zu dem Bild, das er von Henoch hat. Er sieht erst Baltrock, dann Zeitfuchs an, danach zuckt er, immer noch verwirrt, die Schultern. „Sie können uns also nicht helfen?“ fragt der Hauptmann, er wartet die Antwort nicht ab, er fährt fort: „Möglicherweise handelte es sich um eine augenblickliche Verlegenheit, es ist nur eine geringe Summe, unbeträchtlich eigentlich …“ „Seine Frau arbeitet doch auch!“ stößt Pilarzyk hervor. Baltrock weiß, daß er jetzt keine Informationen mehr erhalten wird; immerhin gewinnt die kleine Quittung, die er bisher nicht sehr ernst nahm, an Gewicht. Nun, denkt er, man wird hören, was Henoch dazu zu sagen hat. Er schaltet um. „Dann ist da noch ein gewisser Reiner Romeike“, sagt er, „der hat vor einiger Zeit zwei Wochen 110
hier gearbeitet, abgestellt von Werk eins. Können Sie uns über den etwas erzählen?“ Pilarzyk kann. Er ist über die Gesprächswendung offensichtlich erleichtert, er sagt: „Ein armer Kerl, er hat schrecklich gestottert, anfahren durfte man den nicht. Aber was man ihm auftrug, das hat er gewissenhaft erledigt. Werk eins hatte ihn zusammen mit zwei anderen abgestellt, damit wir termingemäß einen Auftrag für Einbauküchen erledigen konnten. Ja, den könnte ich jetzt wieder gebrauchen, den Romeike! Er hat in meinem Meisterbereich gearbeitet, müssen Sie wissen.“ „Er ist doch oft wegen seines Stotterns gehänselt worden – wie hat er darauf reagiert? Jähzornig?“ „Der? Der hat alles eingesteckt“, erwidert Pilarzyk, „für meinen Geschmack war er sogar zu gutmütig! Alles darf man sich schließlich nicht gefallen lassen, und ich konnte auch nicht verhindern, daß manche ihn wie ihren Laufburschen behandelt haben!“ „Wer ‚manche‘?“ fragt der Hauptmann. „War Nottrodt auch daran beteiligt?“ „Wissen Sie“, Pilarzyk spricht sehr bedächtig, „Nottrodt hatte mit keinem Streit. Er beachtete nicht, was um ihn herum vorging. Auch bevor er so eigenartig wurde, lag es nicht in seinem Wesen, jemandem wehe zu tun.“ Baltrock erinnert sich an den Bericht des Leutnants – nein, Nottrodt, der sogar auf die Straße zurücklief, wenn ihm jemand im Hause begegnete, Nottrodt, der im Hausflur kein Licht machte, wenn er die Treppen hinaufstieg, nein, Nottrodt war nicht so beschaffen gewesen, jemanden zu hänseln. „Nun gut, Herr Pilarzyk, würden Sie freundlicherweise Herrn Henoch herüberbitten? Ohne ihm etwas 111
von unserem Gespräch zu verraten?“ Er glaubt, ihm das zutrauen zu dürfen. Als Pilarzyk den Raum verlassen hat, sagt Zeitfuchs: „Auf Henoch bin ich wahrhaftig gespannt!“ Baltrock ist es ebenfalls, er fragt sich, wie ein zeitgemäßer Rosenzüchter aussehen mag, ein Mann, der einen Schrebergarten besitzt und trotzdem sofort für alles zu haben ist, was man „gesellschaftliche Arbeit“ nennt – er vermag sich kein Bild zu machen. Dann tritt Henoch ein, und der Hauptmann ist überrascht. Das ist keiner von der untersetzten Sorte, der handfest in Beeten wühlt und auf kleinen Versammlungen große Reden schwingt – irgend etwas dieser Art hatte er erwartet. Er hätte sich auch nicht gewundert, wäre so eine Art Wieselchen erschienen, ausgestattet mit blitzschnellen schwarzen Knopfäugelein und eifrigen Redegirlanden. Nein, der eintritt, ist langsam und hager, er geht gebeugt, der große Schädel ist geradezu ausgemergelt, Baltrock hat den Eindruck, als säße die Haut unmittelbar an den Knochen; in der Mitte des Schädeldachs, das rundum kahl ist, steigt eine kleine graue Haarflamme hoch, und die Hände – die Hände hängen an überlangen Gelenken weit aus den zu kurzen Ärmeln des Arbeitsmantels hervor, es sind keine griffesten Handwerkerhände, sondern schlanke, ja zarte Gebilde mit deutlich verdickten Knorpeln, die gichtig aussehen. Der Hauptmann vermutet, daß die Art, wie Henoch sich setzt, bezeichnend für ihn ist: gemessen, ohne langsam zu sein, zweckmäßig sozusagen. Baltrock entschließt sich, bei diesem Manne geradewegs auf sein Ziel loszugehen, er fragt: „Sie kannten natürlich Paul Nottrodt.“ 112
„Ja“, antwortet Henoch mit einer gequälten heiseren Flüsterstimme, „ich kannte ihn gut, und es ist mir sehr nahe gegangen. Ein furchtbares Ende, das hat er nicht verdient.“ „Wie meinen Sie das?“ fragt der Hauptmann und ärgert sich selbst über die Zweideutigkeit, die ungewollt in seinen Worten liegt. Aber Henoch bemerkt das nicht. Er erläutert und begründet, so möchte Baltrock es nennen, bedachtsam, wie es ihm eigen zu sein scheint: „Als wir noch Kinder waren, hat er in der gleichen Straße wie ich gewohnt, ich wohne heute noch dort, und obgleich er viel älter war als ich, hat er immer mit mir gespielt. Das taten die anderen nicht, ich war als Kind sehr ungeschickt und auch scheu, stand immer ein bißchen abseits. Das habe ich ihm nie vergessen.“ Henoch macht eine Pause, er sieht auf seine Hände nieder, die lang und auffällig auf seinen Schenkeln liegen. Der Hauptmann unterbricht ihn nicht, er weiß, Henoch wird weiterreden. Da beginnt die heisere Stimme wieder: „Auch später, als er von seinem Sohn verlassen war und so eigentümlich wurde, habe ich immer getan, als merkte ich das nicht. Wissen Sie, er war dann eigentlich so, wie ich als Kind gewesen war, und ich dachte mir: Vielleicht ändert sich das wieder einmal, bei mir hat es sich auch geändert. Und ich wußte ja, wie unglücklich ich damals oft gewesen bin.“ Jetzt sieht er den Hauptmann sehr ernsthaft an, er spricht weiter: „Früher war ich ein kleiner Nazi, das muß ich auch sagen, ich habe wirklich geglaubt, das war recht. Dann habe ich begriffen, wie unrecht das alles war, und später, als ich das dann wußte, bin ich in unsere Partei 113
eingetreten, weil ich dachte, daß ein Mensch dem anderen Menschen helfen muß – das war so allgemein zuerst.“ „Na schön.“ Der Hauptmann schüttelt ein merkwürdiges Gefühl der Rührung ab, das ihn bei einer Vernehmung bisher nie erfüllt hat, er sagt absichtlich kurz: „Und warum haben Sie sich von Nottrodt zweihundertfünfzig Mark geliehen?“ Henoch scheint zu zögern, doch dann sagt er einfach: „Aus Mitleid.“ Der Stuhl von Zeitfuchs scharrt ein Stückchen zurück. Baltrock beachtet das nicht, die Antwort hat ihn überrascht, er fragt betroffen, als hätte er nicht richtig verstanden: „Aus Mitleid?“ Henoch nickt. „Ich dachte mir, er soll denken, daß ich ihn brauche, so wie früher. Ich dachte mir, vielleicht kannst du ihm damit ein bißchen helfen.“ „Und Sie haben das Geld nicht benötigt?“ „Ach wo“, erwidert Henoch mit seiner leisen heiseren Stimme, „wir arbeiten beide, meine Frau und ich, und wir haben nur bescheidene Ansprüche.“ Das alles erscheint Baltrock so merkwürdig, ja unfaßbar, er fragt weiter: „Aber was haben Sie denn mit dem Geld gemacht, wenn Sie es nicht benötigten?“ „Ich habe es“, erwidert Henoch, und zum ersten Male zieht etwas wie ein Lächeln über sein knochiges Gesicht, „in unser Sparbuch gelegt, es sind fünf Fünfzigmarkscheine, und ich wollte sie ihm nach den drei Monaten genau so zurückgeben, wie ich sie bekommen hatte – plus Zinsen.“ Nachdenklich setzt er hinzu: „Ich werde jetzt gar nicht wissen, was ich damit machen soll, er hat doch hier keine Verwandten! Ja, nun liegen sie da, die Scheine, in dem 114
Sparbuch in unserer Kommode, ich habe sie gestern abend noch einmal herausgenommen und angesehen, und da mußte ich denken: Nun ist er nicht mehr, der Nottrodt, der Paul, war doch ein guter Kerl – was nützt es ihm jetzt?“
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5. KAPITEL
1 Die deutliche Froststarre der Luft, der blaßblaue gespannte Seidenhimmel, die gehämmerten Silberplättchen der Wolken … Ohne zu wissen, warum, empfindet Hauptmann Baltrock das alles als Erleichterung, da er am frühen Nachmittag das überhitzte Büro verläßt. Er bleibt vor der Tür stehen, mustert den Hof, die Gebäude, dehnt sich unmerkbar und atmet tief und ruhig. Die kalte Frische tut ihm wohl. Noch einmal überdenkt er flüchtig die Ergebnisse des Tages. Bis gegen Mittag hatte er mit Zeitfuchs Vernehmungen durchgeführt. Neues brachten sie nicht, Überraschungen blieben aus, Spuren wurden nicht deutlicher – das Bild, das sie bis dahin gewonnen hatten, erhielt ein paar Schatten und Lichter, trat plastischer hervor, änderte sich jedoch nicht. Über das Messer mit der Perlmutt- und der Holzschale bekamen sie keine Informationen; niemand bekannte sich als Besitzer, keiner wollte es bisher gesehen haben. Über den Verbleib der Handtücher und des Mantels erfuhren sie nichts. Den Spiegel mit dem unvollkommenen Daumenabdruck betreffend, wurde immer wieder betont: Niemand anderes habe ihn in der Hand gehabt als Delitt selber. Sollte sich also herausstellen, daß dies stimmte und der Abdruck nicht von dem Eigentümer stammte, sollte also der Vergleich mit den Fingerabdrücken der Betriebsangehörigen nichts anderes ergeben, dann war 116
zweifelsfrei anzunehmen, daß der Täter diese Spur verursacht hatte. Das Forschen nach der Aktentasche war ebenfalls erfolglos geblieben. Immerhin hatten sie eine sehr genaue Beschreibung erhalten: eine schwarze, abgewalkte Tasche mit zwei Metallschlössern, von denen das eine, vermutlich das linke, nicht mehr zuschnappte, so daß Nottrodt sie meistens mit einem alten Lederriemen zugeschnallt hatte. Innen, zwischen den beiden Nieten des Handgriffs, hatte Nottrodt mit Tintenstift seinen Namen eingeschrieben, aber die Schrift war verlaufen und fast unleserlich. Zur Mittagszeit hatte Baltrock seine Mitarbeiter zu einer kurzen Arbeitsbesprechung in sein Büro gebeten, auch der kleine Oberleutnant Schnurk war inzwischen von den Neubauten zurückgekehrt und nahm daran teil. Er berichtete, daß zwei der Wohnblocks bereits fertiggestellt und bezogen seien. Die anderen befänden sich in den verschiedensten Stadien des Baus. Tatsächlich sei ein Hausmeister beauftragt, in jeder Nacht zwei Kontrollgänge durchzuführen. Auch als Nottrodt überfallen wurde, habe er seine Gänge absolviert, und zwar den ersten, auf den es besonders ankomme, kurz vor Ausbruch des Gewitters. Das Gewitter habe ihn überrascht, er sei schnell wieder zurückgerannt, um nicht völlig durchnäßt zu werden. Irgend etwas Auffälliges habe er nicht wahrgenommen. Die Gebäude der PGH könne er von dort aus nicht sehen. Die genaue Zeit vermöge er nicht anzugeben, jedoch habe er gerade noch den Linienbus bemerkt, der auf der Landstraße nach B. gefahren sei. Schnurk war mit seinem Begleiter das Baugelände abgegangen, hatte aber nichts gefunden. Auch die Straftatenvergleichskartei hatte er eingesehen und sich bei der 117
Abteilung Innere Angelegenheiten wegen entlassener Strafgefangener erkundigt. Das war ebenfalls ohne brauchbares Ergebnis geblieben. Der Hauptmann legte fest, daß nach einer kurzen Mittagspause die restlichen Fingerabdrücke genommen werden sollten. Schnurk würde mit zwei Begleitern den Fluß abfahren, und Baltrock entschloß sich, an der Suche teilzunehmen. Zeitfuchs mußte noch einige Alibis überprüfen und auch den Busfahrer befragen, der zu jener Zeit an der Haltestelle in der Nähe der PGH vorbeigekommen war. Schließlich verfaßte Baltrock für die Presse den Aufruf zur Mitarbeit der Bevölkerung. Dann hatte der Hauptmann noch einmal zu der Skizze des Tatortes und zum Spurenplan gegriffen, hatte die Papiere sorgfältig verschlossen und war langsam hinausgetreten in die scharfe Luft. Und nun steht er hier draußen und empfindet plötzlich, wie verhalten auf der PGH heute alles ist, das Gefühl des Unheimlichen, das mit einem gewaltsamen Tode verbunden ist, hemmt jeden Ton, jede Bewegung. Fast unmerkbar schieben sich die Silberplättchen der Wolken am Himmel entlang, die Sonne entblößt sich von ihnen, ihre Strahlen schießen mit gleißender Gewalt auf die Erde nieder. Langsam wendet sich Baltrock ab und schlendert durch das Tor hindurch zum Flußufer hinunter an der rechten Seite des Betriebs; von der Stadt her wird das Boot kommen, mit dem das Gewässer abgesucht werden soll, er will es erwarten. Die Böschung ist wirr mit nacktem Gesträuch bewachsen und morastig, die welken Grasbüschel sind vollgesogen wie Schwämme. Vorsichtig hält sich Baltrock an Zweigen fest, während er sich hinuntertastet. In der kras118
sen Sonne leuchten die Schaumschwäne der Chemie weiß, ein beklemmender Geruchsdunst liegt über dem Fluß. Die Atempause ist vorüber, angestrengt betrachtet der Hauptmann den Fluß und die Ufer, versucht sich ein Bild zu machen, ob der Täter hier entkommen sein könnte, er verneint das, wozu sollte er diese Mühe auf sich genommen haben? Gerade will Baltrock wieder umkehren, da hört er über sich ein Geräusch, er blickt hoch. Es ist Schnurk, klein, diensteifrig und in einer Uniform, die jetzt wie stets aussieht, als habe er sie gerade erst aus der Reinigung geholt, ein penibler Mensch. Schnurk schaut mißtrauisch die Böschung hinunter, sieht auf seine blankgewichsten Schuhe, dann erst klettert er zu dem Hauptmann hinab; dabei ruft er ihm zu: „Sie müssen jeden Augenblick hier sein!“ Und in der Tat taucht wenig später stadtwärts um eine Flußbeuge ein Ruderboot auf, schiebt sich, von zwei Kriminalisten geführt, bedachtsam hin zu Baltrock und Schnurk, die hineinsteigen. Der Hauptmann weist an, vorsichtig die Ufer abzufahren, vor allen Dingen jenen Streifen, der am Ende der PGH liegt, hier auf die Stelle zu achten, wo der Lattenzaun endet, über den der Täter vermutlich geklettert ist. Dann werden sie weiter flußabwärts rudern, möglicherweise ist dort das Tatwerkzeug oder die Aktentasche angeschwemmt oder irgendeine andere Spur zu entdecken. Das geschieht. Es ist keine angenehme Aufgabe, die sie erfüllen, der üble Dunst scheint in der kalten Luft über dem Wasser festgefroren zu sein. Indessen will sich nichts zeigen, die Zeit vergeht, die Stange, mit der die Männer faulende 119
naßbraune Blätterhaufen am Flußrande anheben, fördert nur schwarzen Mulm zutage. Baltrock setzt der Fahrt ein Ende, er hält sie für aussichtslos. „Wir beide steigen hier aus, Genosse Oberleutnant, und suchen noch das Ufer bis zur PGH ab, doppelt genäht hält besser, und Sie …“, wendet er sich an die beiden anderen Kriminalisten, „Sie bringen das Boot zurück. Ich bedanke mich bei Ihnen!“ Schon ist er mit einem Sprung am Ufer, träg schwankt der Kahn, Schnurk muß zweimal ansetzen, bis er neben dem Hauptmann steht. „Schade“, sagt er, „so viele Zeit umsonst vertan!“ „Umsonst?“ fragte der Hauptmann. „Ach nein, Genosse Schnurk, ich bin froh, wenn wir wieder eine Aufgabe erfüllt haben, ob mit oder ohne Erfolg ist erst eine zweite Sache. Wenn ich am Anfang eines Falls stehe, sehe ich immer den breiten Fächer aller der unzähligen Notwendigkeiten, die getan werden müssen, das, Genosse, hat manchmal etwas Bedrückendes für mich, ich frage mich dann, wie wir es bewältigen sollen. Aber jede Möglichkeit, die wir ausschließen, schiebt den Fächer zusammen, und irgendwann ist er dann doch so schmal wie eine einzige Spur.“ Er versucht den Eindruck zu verwischen, als habe er Schnurk belehren wollen, leichthin setzt er dazu: „Na, tippeln wir los! Wir stoßen von dieser Seite auf den Schwarzen Weg, und zwar am Flußufer, wo der Täter über den Zaun gestiegen ist.“ Eine Art verworrener Trampelpfad führt hier entlang, unterbrochen von sich herauswindenden Baumwurzeln, Schlammteichen. Gelegentlich schaut der Oberleutnant betrübt auf seine Schuhe, die allen Glanz verloren haben – sie sehen aus, als habe er Rüben geerntet. 120
Später sagt Baltrock: „Sobald die Genossen mit den Fingerabdrücken der Betriebsangehörigen fertig sind, können wir sie zur daktyloskopischen Überprüfung geben. Ich möchte gern, daß Sie, Genosse Oberleutnant, dann eine Arbeitsgruppe übernehmen, die sich mit denen beschäftigt, die von außen her in den Betrieb gekommen sind; also beispielsweise mit den Arbeitern, die vom Werk eins kurzfristig nach hier abgestellt wurden – mit Ausnahme von Romeike, den nimmt sich im Augenblick schon Genosse Zeitfuchs vor. Ferner müßten alle jene besonders überprüft werden, die sich von Nottrodt Geld geborgt und es zurückgezahlt haben, gegebenenfalls auch die Alibis …“ Schnurk hört ihm aufmerksam zu, den Kopf hoch aufgereckt, die Augen wachsam. Baltrock ist überzeugt, daß Schnurk, den er für ehrgeizig hält, seine Sache gewissenhaft durchführen wird, er lächelt ihm freundlich zu. Später – der Himmel hat sein seidenes Blau längst verloren und sich grau übersponnen –, kurz vor dem Schwarzen Weg, hält Baltrock den Oberleutnant mit der ausgestreckten Hand zurück, beide verharren reglos. Dort, an der Stelle, wo der Täter vermutlich übergestiegen ist, macht sich von der Hofseite her Pilarzyk zu schaffen. Der Hauptmann versucht vergeblich zu erkennen, was er da tut, schließlich tritt er leise vor und ruft: „Hallo, Herr Pilarzyk! Was machen Sie denn da?“ Pilarzyk schrickt zusammen und tut einen Schritt zurück, während Baltrock nahe an den Zaun herangeht und sich sogar gemütlich ein wenig dagegenlehnt. „Nun?“ Pilarzyk sieht vor sich hin, hebt den Kopf, er antwortet: „Ich wollte mir die Stelle nur ansehen. Hier kann wirklich jeder übersteigen. Wir müssen Stacheldraht aufsetzen, denke ich.“ 121
„Ach so“, erwidert Baltrock, als sei ihm nun alles klar, „das gehört auch zu Ihren Aufgaben, Herr Pilarzyk? Ich dachte, das sei Sache des Werkleiters. Nun denn!“ Er nickt ihm zu, geht auf den Schwarzen Weg zurück und läuft neben Schnurk her, der den Kopf schüttelt. „Das ist doch sonderbar!“ Aber dazu äußert sich der Hauptmann nicht. Im gleichen Augenblick, da sie um die Ecke biegen, löst sich Zeitfuchs vom Tor; offenbar hat er sie dort erwartet. Der Lange kommt ihnen in großer Eile entgegen, er sagt, mit einem raschen Blick zu Schnurk: „Genosse Hauptmann, mein Wagen steht auf der Hauptstraße, ich habe jemanden mitgebracht, aber den sollen die Leute in der PGH noch nicht sehen!“ Baltrock zieht die Augenbrauen hoch, er erwidert jedoch nichts, er sagt nur schnell zu Schnurk: „Warten Sie bitte drinnen auf uns!“ und verschwindet an der Seite des Leutnants auf dem letzten Stück des Schwarzen Wegs. Nicht gleich entdeckt der Hauptmann den Wagen, Zeitfuchs hat ihn ein Stück ins Gebüsch gefahren, bis an die Seitenscheiben ist er mit Kot bespritzt. Hastig sagt Zeitfuchs: „Ich habe Delitts Braut mitgebracht, Sie werden sich wundern!“ Baltrock sagt nur: „Gut!“ Zeitfuchs weiß dieses knappe Lob zu würdigen, er reibt sich verlegen die Nasenwurzel. Dann zieht er den Schlag auf, der Hauptmann beugt sich in den Wagen, auf dem Beifahrersitz sieht er das Mädchen. Sie hat schulterlange blonde Haare, ein rundes Gesicht, eine dralle, deutliche Figur, Baltrock schätzt, daß sie Anfang Zwanzig sein müsse; er verbirgt seine Überraschung: Das Mädchen sieht so solide aus, daß er es nie für die Partnerin Delitts gehalten hätte. 122
Zeitfuchs erklärt: „Das ist Fräulein Opitz.“ Baltrock bemerkt ihren ängstlichen Blick, lächelt sie beruhigend an und sagt freundlich: „Ich bin Hauptmann Baltrock. Ich finde es sehr nett, daß Sie Herrn Zeitfuchs begleitet haben. Das wird uns sehr helfen. Ihr Verlobter, Herr Delitt, hat uns nämlich nicht verraten wollen, wer seine Braut ist; ich weiß wirklich nicht warum, Sie brauchte er doch nicht zu verbergen, ein so nettes Mädchen! Nun, das werden wir erfahren. Es stimmt doch, daß Sie seine Braut sind, Fräulein Opitz?“ Das Mädchen nickt, ihre Stimme klingt, als werde sie gleich zu weinen beginnen, so ein bißchen belegt, sie muß sich erst freiräuspern, sie sagt: „Ja, wir haben uns heimlich verlobt. Er wollte nicht, daß es jetzt schon jemand erfährt. Aber wir werden bald heiraten. Ich bekomme ein Kind von ihm!“ „Aha!“ sagt der Hauptmann. Er erfährt, daß sie neunzehn Jahre alt ist und von Beruf Verkäuferin in der HOVerkaufsstelle für Kraftfahrzeuge. Baltrock, sich bereits zurückziehend, sagt in einem Ton, als bitte er sie um eine Gefälligkeit: „Warten Sie noch ein paar Minuten hier, Fräulein Opitz. Der Leutnant wird Sie dann holen!“ Zeitfuchs kann sich, als sie der PGH zugehen, nicht enthalten zu fragen: „Na, wie habe ich das gemacht?“ Darauf erhält er keine Antwort. So fühlt sich Zeitfuchs bemüßigt weiterzureden: „Und ich habe noch eine zweite Überraschung parat, Genosse Hauptmann, das Alibi von Pilarzyk, das hat ein riesiges Loch!“
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2 Tatsächlich erfüllt Zeitfuchs ein Gefühl der Befriedigung, weil er seine Nachforschungen mit so viel Erfolg erledigen konnte. Er war zuerst zu der Bus-Halle gefahren und hatte im Fahrplan festgestellt, daß der Bus in jener Nacht um dreiundzwanzig Uhr sieben an der Haltestelle gewesen sein mußte. Der Einsatzleiter hatte allerdings erklärt, Verspätungen bis zu zehn Minuten seien keine Seltenheit. Leutnant Zeitfuchs hatte aber Glück gehabt: Wenig später konnte er den Fahrer selbst sprechen; der behauptete, damals sehr pünktlich gewesen zu sein, eine Differenz von mehr als einer Minute komme nicht in Frage, er habe besonders wegen des drohenden Gewitters auf die Einhaltung des Plans geachtet. An der Haltestelle Schwarzer Weg sei eine Frau zugestiegen, die aus dem Wartehäuschen rasch durch den Regen zum Einstieg gelaufen sei. Er kenne sie nicht, sie gehöre auch nicht zu den regelmäßigen Benutzern. Sie sei der einzige Fahrgast gewesen, der „Lumpenbus“ sei nur voll, wenn irgendwelche Veranstaltungen stattfänden. Die Frau sei mittelgroß gewesen, vielleicht dreißig, vierzig Jahre alt. Mehr könne er nicht sagen, er sei müde gewesen und habe sie nicht beachtet. Danach war Zeitfuchs zum Werk eins der PGH gefahren, um sich nach Romeike zu erkundigen. Diese Nachfrage blieb zu seiner Verblüffung jedoch erfolglos, weil Romeike am Tag vorher seine Arbeit aufgesagt hatte und nicht mehr erschienen war. Das stieß Zeitfuchs, es war auffällig, daß Romeike so kurz nach der Tat den Betrieb verlassen hatte, aber sein Meister erklärte, er hätte das schon lange erwartet: Romeike sei früher in Berlin in einer Sprachheilschule gewesen, und er habe immer in den Raum Berlin zurück gewollt. Auch Kollegen des 124
Romeike bestätigten das, und alle schilderten ihn als einen stillen und arbeitsamen Menschen, der allen Anweisungen nach Kräften nachgekommen sei. Allerdings habe er sich von jedem Umgang zurückgezogen, das wäre jedoch verständlich bei seinem schweren Stottern, es habe ihm eine Verständigung fast unmöglich gemacht. Zeitfuchs ließ sich seine Anschrift geben und fuhr dorthin. In dem dreistöckigen Haus aus den neunziger Jahren hatte Reiner Romeike im dritten Stock bei einer Frau Gössel in Untermiete gewohnt. Zeitfuchs mußte mehrere Male läuten, bis ihm geöffnet wurde. Frau Gössel, eine kleine dickliche Frau mit weißem Haar und unschuldigen Augen, begriff nur mühsam, was der Leutnant wollte, doch dann nötigte sie ihn hilfsbereit in ihre gute Stube, die gleichzeitig ihr Schlafgemach war, wie ein Holzbett mit gedrechselten Pfosten und hochaufgetürmten Federkissen verriet. Nur behutsam ließ Zeitfuchs sich auf einem dackelbeinigen Stuhl nieder. Er sagte: „Frau Gössel, ich will doch nur Herrn Romeike sprechen!“ Die schlichte Bitte löste eine Flut von Worten aus. Romeike hatte, wie die Witwe ausführte, fast zwei Jahre bei ihr gehaust. Und da ihr Mann vor über einem Jahrzehnt gestorben und die Ehe kinderlos geblieben war, habe sie in ihrer Einsamkeit ihr Herz an den jungen Mann gehängt. Er sei immer lieb, freundlich, hilfsbereit gewesen, nie habe sie zu klagen gehabt, die Kohlen hätte er aus dem Keller heraufgetragen, das Holz gespalten – als wäre es ihr eigener Sohn, so sei es ihr immer gewesen. Liebschaften hätte er nie gehabt, keine Frauenzimmer hätte er mitzubringen versucht, ein solider Mieter eben. Manchmal hätte er freilich getrunken, aber dann sei 125
er immer gleich in sein Zimmer gegangen und habe sich ausgeschlafen. Seine Miete habe er stets pünktlich beglichen, nur die letzten vier Wochen sei er rückständig gewesen, vielleicht weil er sich da ein ziemlich teures Transistorradio gekauft habe, sie hätte ihn jedoch nicht gemahnt, sie hätte gewußt, daß sie das Geld bekommen werde, und wirklich habe er es auf Heller und Pfennig bezahlt, bevor er abgereist sei. „Abgereist?“ fragte Zeitfuchs. Sie nickte. „Nach Berlin zurück, da hat er wohl von früher Freunde. Er wollte schon immer dorthin, in B. hat er sich nicht wohl gefühlt. Mir hat es furchtbar leid getan.“ Der Leutnant fragte sie nach Romeikes neuer Anschrift, aber die wußte sie nicht. Da Zeitfuchs von ihr keine sachdienlichen Auskünfte mehr erhalten konnte, ließ er sich noch das ausgeräumte Zimmer des jungen Mannes zeigen, verabschiedete sich höflich und nahm sich vor, die Sache dem Fahndungsbeauftragten des Kreisamts zu übergeben. Er wollte zuerst das, was er „die leichten Fälle“ nannte, erledigen. Deshalb fuhr er weiter zu Henochs Wohnung, dessen Frau anwesend war; sie erwies sich als eine fixe, zupackende kleine Person, rasch entschlossen, und Zeitfuchs mußte seine Verwunderung darüber verbergen, daß der knochige Henoch gerade an diese Frau geraten war. Sie hörte ihm aufmerksam zu, ging dann ihm voraus in ein zweites Zimmer, zog eine Schublade heraus, entnahm ihr ein Sparkassenbuch und reichte es dem Leutnant; der schlug es auf, sauber zusammengefaltet lagen darin die fünf Fünfzigmarkscheine. „Ja“, sagte Henochs Frau, „was Erwin sagt, stimmt.“ Sie fügte nichts hinzu, Zeitfuchs genügte es, er reichte ihr das rote Büchlein zurück und fuhr zum „Ewigen 126
Lämpchen“, einer Eckkneipe an einem großen Platz, in dessen Mitte sich eine Rasenfläche mit spielenden Kindern befand. Er stieg die vier engen Holzstufen zum Schankraum empor. Der Raum roch auch um diese Tageszeit nach abgestandenem Tabakrauch und schalem Bier, ein paar Männer saßen herum und tranken und unterhielten sich, der Wirt lehnte gelangweilt an der Theke, die überraschend sauber und blankgeputzt war. Als Zeitfuchs nach Taschenbrecher fragte, wußte der Wirt sofort Bescheid, er sagte: „Ach, der Angeber, der Krakeeler – Harry, nicht wahr?“ Zeitfuchs stützte sich mit dem rechten Ellenbogen auf die Theke, nickte, zupfte an der Lippe und blickte den Wirt unverwandt an. „Wann war er das letzte Mal hier?“ „Vorgestern“, antwortete der Wirt sofort, sah, daß einer der Männer ein Bier verlangte, füllte das Glas, wischte den Schaum ab und trug es hinüber. „Wieso wissen Sie das so genau?“ forschte der Leutnant weiter. Gleichgültig erwiderte der Wirt: „Das ist einfach zu erklären. Harry hat Skat gedroschen, und immer, wenn er zuviel getrunken hat, beginnt er Streit, das war auch vorgestern nacht so; aber während er sonst nur die Leute beschimpft, wurde er dieses Mal tätlich, er ging mit dem Bierglas auf den einen Kumpel los. Na, so was ist kein Spaß mehr, ich habe ihn also am Kragen genommen und hinausgeschmissen.“ Selbstgefällig lächelte er. „Ich war mal Bezirksmeister im Ringen, Mittelgewicht, verstehen Sie? Ist schon lange her, aber dafür reicht’s immer noch aus.“ Mit Genugtuung vermerkte er: „Er krachte draußen ordentlich auf die Bordkante.“ Unvermittelt fragte er freundlich: „Möchten Sie ein Bier?“ 127
Zeitfuchs schüttelte den Kopf, deutete mit dem Daumen rückwärts zur Tür, sagte: „Der Wagen steht draußen!“ „Na, denn!“ „Und um welche Zeit war der Krach?“ fragte der Leutnant weiter. Einige Sekunden lang dachte der Wirt nach, dann schüttelte er schwerfällig den Kopf. „Ich weiß das nicht sicher. Auf jeden Fall war es spät, zwischen elf und zwölf.“ „Überlegen Sie bitte! Es ist wichtig, daß wir das möglichst genau erfahren!“ „Das nützt mir nichts. Hier war ein derartiger Tumult, ich war froh, als ich den Burschen los war, da sieht man nicht auf die Uhr. Mir war es auch gleichgültig, der ist so abgebrüht, der Harry, wenn sie den vorne hinausschmeißen, kommt der von hinten wieder herein.“ Plötzlich wurde er aufmerksam und fragte: „Sagen Sie, ist das etwa wegen dem Mord bei der PGH draußen?“ Zeitfuchs schaute ihn unverwandt an, er fragte zurück: „Würden Sie so etwas denn dem Harry zutrauen?“ Heftig wandte sich der Wirt seinen Gläsern zu und begann sie zu spülen, und während er die nassen Gläser aufstülpte, sagte er: „Ich weiß nicht. Feige ist er. Aber so einen alten Mann niederzudonnern ist kein Kunststück. Nein, ich weiß nicht, zutrauen … vielleicht!“ „Na schön“, sagte Zeitfuchs abschließend, „nur noch eines: Als Sie den Harry hinausbesorgten – regnete es da schon, war da bereits das Gewitter im Gange?“ Der Wirt erwiderte: „Keine Ahnung!“ „Aber hören Sie! Das müssen Sie doch wissen! Wenn Sie die Tür aufgerissen haben, müssen Sie ja den Wolkenbruch gesehen haben, schräg vor Ihrer Tür steht die Laterne!“ 128
„Erstens“, sagte der Wirt langsam, „brennt die Laterne nicht, und zweitens habe ich die Tür nicht aufgerissen, ich hatte nämlich den Harry am Schlafittchen. Die Tür hat irgendwer aufgerissen, ich habe den Harry mit Schwung hinausbefördert, habe mich umgedreht und bin sofort zur Theke zurück – die Sache war für mich ausgestanden! Und wenn Sie auf das Gewitter zu sprechen kommen – mein lieber Mann! Was meinen Sie, was für ein Krach gegen Mitternacht in der Bude ist!“ Der ruhige Mann regte sich auf, als er das sagte. Der Leutnant meinte um so gelassener: „Eine gute Meinung scheinen Sie von Ihren Gästen nicht gerade zu haben!“ „Seien Sie mal immer freundlich!“ erwiderte der Wirt kurz. Zeitfuchs sah ein, daß er nicht weiterkommen würde, und verließ das „Ewige Lämpchen“. Das alles ist in dem Leutnant sozusagen griffbereit, während er jetzt langschrittig neben dem Hauptmann dem PGH-Tor zustrebt. Baltrock entscheidet: „Den Taschenbrecher heben wir uns bis zum Schluß auf. Wir müssen nur dafür sorgen, daß er nicht bei Arbeitsschluß von hier verschwindet.“ Und zu Schnurk gewandt, der sie am Tor erwartet: „Kommen Sie bitte mit, Genosse Oberleutnant.“ Dann sitzen sie wieder in dem Büro, Baltrock nestelt an seinem Kragen, so stickig ist es und heiß. Er verteilt die Rollen, er ordnet an, er gibt Schnurk einen Auftrag. „Sie achten darauf, daß Taschenbrecher, Delitt und Pilarzyk den Betrieb nicht verlassen, dafür sind Sie verantwortlich.“ Fast entschuldigend sagt er: „Und da der Genosse Leutnant die Vernehmung führen muß, weil er die Umstände am besten kennt, bringen Sie uns bitte die 129
Leute her, wie wir sie benötigen.“ Er setzt sich zurück, er sagt: „So, da wollen wir mal! Sehen wir uns noch mal den Siegfried Delitt an!“ 3 Die Unsicherheit, die Delitt erfüllt, versucht er hinter forschem Auftreten zu verbergen. Trotzig bleibt er in der Tür stehen; nachdem er sich gesetzt hat, bemüht er sich, seinen schönen braunen Augen einen frechen und aufsässigen Ausdruck zu geben. Er sagt nichts. Die beiden Kriminalisten schweigen, Zeitfuchs lehnt scheinbar gelangweilt zurück und zupft seine Unterlippe. Endlich wird es Delitt zuviel, das Schweigen häuft sich, es bedrückt ihn, er will es loswerden, er fragt, zu dem Hauptmann gewandt: „Was gibt es denn?“ Baltrock erwidert sofort: „Das wird Ihnen der Genosse Leutnant sagen.“ Schnell rafft Zeitfuchs sich aus seiner hingerekelten Haltung auf, er beugt sich vor: „Sie haben uns gesagt, daß Sie in jener Nacht bei Ihrer Verlobten waren.“ „Ja – habe ich gesagt!“ „Eben! Und Sie wollten uns den Namen Ihrer Verlobten nicht nennen.“ „Nein.“ „So, Herr Delitt, dann möchte ich Ihnen klarmachen, daß Sie unter Mordverdacht stehen. Vielleicht begreifen Sie, was das heißt! Ich sage Ihnen jetzt schon: Es wird kein Spaß für Sie, sofern Sie kein Alibi nachweisen können. Sie kannten den Tatort, und wir müssen annehmen, daß Sie der Täter sind – solange Sie Ihr Alibi nicht erhärten.“ „Ich bin nicht der einzige“, erwidert Delitt, „der in der PGH Bescheid weiß. Wenn das alles ist, was Sie vor130
bringen können … Und warum sollte ich denn so etwas getan haben?“ „Vielleicht brauchten Sie Geld. Auf jeden Fall wissen wir mehr, als Sie vermuten. Ich werde Ihnen auch sagen, was ich zu sagen habe, aber dann, wenn ich es für richtig halte! Ich frage also nochmals ausdrücklich: Waren Sie wirklich bei Ihrer Braut, wie heißt sie und wo wohnt sie?“ Delitt sieht vor sich hin, preßt die Lippen zusammen, schweigt. „Jedenfalls behaupten Sie nach wie vor, daß Sie die Nacht bei ihr zugebracht haben?“ Delitt nickt, und es dauert einige Zeit, ehe er sich ein „Ja!“ abringt. Zeitfuchs blickt kurz zu Baltrock hinüber; der Hauptmann weiß, was das bedeutet, er seufzt und nickt dem Leutnant zu, der sich nun an Schnurk wendet: „Genosse Oberleutnant, würden Sie so freundlich sein …“ Schnurk verläßt den Raum, und dann ist Stille. Immer noch knackt Holz im Ofen, während draußen der Hof sich mit nebelfeuchter Luft grau aufzufüllen beginnt. Zeitfuchs trommelt lautlos mit den Fingern an der Tischkante, er läßt Delitt nicht aus den Augen. Da öffnet sich die Tür, sacht schiebt Schnurk Monika Opitz hinein, und im gleichen Augenblick sagt Zeitfuchs schneidend: „Ihre Braut, Herr Delitt! Was sagen Sie nun? Wollen Sie uns immer noch belügen? Wollen Sie immer noch behaupten, daß Sie nachts bei ihr waren?“ Delitt achtet nicht auf den Leutnant, er starrt an ihm vorbei auf das Mädchen. Zeitfuchs mag befürchten, daß Delitt seinem Mädchen einen Augenwink gibt, jedenfalls befiehlt er scharf: „Sehen Sie mich an!“, und als Delitt gehorcht, sagt er ingrimmig: 131
„Wollen Sie diesen Unsinn weiter aufrechterhalten? Da drüben steht sie, ich habe sie geholt, ich habe sie gefragt, und sie hat klar und deutlich behauptet: ‚Nein, der Sigi ist nicht bei mir gewesen, und wo er war, das weiß ich nicht!‘ Sie ist Ihre Braut, sie hat keinen Grund zu lügen, um Sie hereinzulegen, Sie wollen heiraten, zusammen leben. Also, wie ist es, waren Sie bei Ihrer Braut oder nicht?“ „Ja!“ stößt jetzt endlich Delitt hervor. „Wirklich und wahrhaftig, ich war bei ihr, sie will es nicht sagen, das müssen Sie doch verstehen, das ist ihr unangenehm, sie …“ Zeitfuchs läßt ihn nicht ausreden: „Ich habe Fräulein Opitz gesagt, worum es geht; sie weiß, was für Sie auf dem Spiele steht, ja, halten Sie mich denn für so dumm, daß ich glaube, sie würde aus falscher Scham lügen und ihren Verlobten ins Zuchthaus schicken?“ Er ist plötzlich wieder ganz ruhig, sitzt da, wie er vormittags stundenlang gesessen hat, zurückgelehnt, seine Lippe zerrend – nur seine Augen, seine Augen sind unverwandt auf Delitt gerichtet. Und ohne sich umzuwenden, fährt er fort: „Nun sagen Sie uns noch einmal, Fräulein Opitz, wie das war, sagen Sie es auch Ihrem Freund! War Herr Delitt in jener Nacht bei Ihnen, oder war er es nicht?“ Baltrock hatte die ganze Zeit über das Mädchen angesehen, und er hatte sich gestanden, daß sie ihm gefiel. Jetzt bemerkt er, wie es in ihr kämpft, er ahnt, daß sie ihren Freund beschützen möchte, sie hat die Augen niedergeschlagen, sie blickt niemanden an, und einmal schluckt sie mühsam Speichel herunter. Doch dann, die Augen immer noch gesenkt, flüstert sie fast unhörbar: „Nein, er war wirklich nicht bei mir …“ Jetzt weint sie, ohne zu schluchzen, es sieht jammervoll aus. 132
Nun erst wendet der Leutnant sich zu ihr, nickt ihr zu, obgleich sie das gar nicht sehen kann, und sagt: „Schönen Dank, Fräulein Opitz! Der Genosse Oberleutnant wird Sie nach Hause fahren!“ In diesem Augenblick scheint Delitt wirklich zu begreifen, daß das Spiel verloren ist, er springt auf und stürzt auf das Mädchen zu, und während er zu ihr rennt, stößt er hervor: „Monika, ich war doch bei dir, erinnere …“ Weiter kommt er nicht, Zeitfuchs hat sich seitwärts vom Stuhl gelehnt und ihn mit einer Bewegung des rechten Arms abgefangen. Der Leutnant sagt: „So nicht, Freundchen! Zeugenbeeinflussung – das machen wir beide nicht! Setzen Sie sich!“ Und mit einer geschickten Bewegung von Arm und Hand zwingt er Delitt auf den Stuhl zurück. In diesen Bruchteilen von Sekunden hat Schnurk stracks und höflich die Tür geöffnet, das Mädchen hinausgeschoben, die Tür geschlossen; doch nun steht der Hauptmann auf, geht den beiden nach, erreicht sie auf dem Hof, legt dem Mädchen die breite Hand auf die Schulter und sagt zu Schnurk: „Genosse Oberleutnant, ich glaube, wir sollten Fräulein Opitz so nicht entlassen. Sie wird sicherlich wissen wollen, was aus der Geschichte wird. Warten Sie mit ihr im Wagen, Sie können ihn ja jetzt weiter vorziehen.“ „Jawohl, Genosse Hauptmann!“ erwidert Schnurk, und plötzlich ist er Baltrock ausgesprochen sympathisch, denn am Ausdruck seiner Augen hat er gemerkt, daß ihm das Mädchen auch leid tut. Als Baltrock ins überhitzte Büro zurückkehrt, bietet Sigi Delitt ein jammervolles Bild: Nicht mehr der Weiberheld ist er, der Schönling mit der wellig gelegten Frisur und den makellosen rasierten Koteletten, nein, er 133
hockt da, in sich zusammengesunken, am Schreibtisch, mit verzweifeltem Gesicht, die Haare durcheinander, als sei er mit den Händen hineingefahren. Vielleicht wird dieser Eindruck dadurch gefördert, daß Zeitfuchs die Bürolampe, die am Schreibtisch befestigt ist, angeknipst hat, sie wirft einen grellen Schein auf die Platte. Delitt aber sitzt außerhalb im doppelt grauen Dämmer. Zeitfuchs hingegen hat sich so weit zu dem andern hingebeugt, daß er ihm von unten her in die Augen sehen kann, sein Profil mit der fliehenden Stirn, der großen Nase, dem vorgeredeten Kinn ist von einer Seite angestrahlt, und Baltrock hört ihn gerade eindringlich sagen: „Ihr Alibi ist völlig zusammengebrochen, Herr Delitt! Wollen Sie nicht endlich gestehen, wo Sie waren? Wir müssen sonst annehmen, daß Sie Nottrodt niedergeschlagen haben!“ Er spricht langsam und scharf betont, und nach diesem Satz gibt es für Delitt keine Ausflucht mehr. 4 Zwanzig Minuten später tritt der Hauptmann wieder auf den Hof hinaus. Er bleibt stehen, zündet sich eine Zigarette an und inhaliert tief. Drüben am Ende des Grundstücks, nahe dem Wasser, liegt es wie auseinandergezogene graue Wollsträhnen. Die Luft ist von einer unangenehmen kalten Feuchte. Durch das geschlossene Fenster des Büros hört Baltrock das leise blecherne Geklapper der Schreibmaschine, der Rest des Protokolls wird angefertigt. In Gedanken sieht der Hauptmann vor sich die beiden aneinandergerückten Schreibtische, Zeitfuchs daran mit dem Ausdruck der Genugtuung im Gesicht, Delitt zugleich erleichtert und benommen, wie Menschen oft aussehen, die sich ein Geständnis abgerungen haben. 134
Wer ihn dauert, das ist die kleine Monika Opitz mit ihren ganzen neunzehn Jahren, diese dralle Person mit den langen blonden Haaren und dem vertrauensvollen und verschüchterten Blick, ja, die Kleine tut ihm leid. Er wirft die halbgerauchte Zigarette auf den nassen Zement und zerstört sie mit dem Fuß. Dann geht er langsam zum Tor hinaus. Schnurk sieht dem Hauptmann durch das hinuntergekurbelte Seitenfenster entgegen, Baltrock sagt: „Wenn Sie mich einen Augenblick mit Fräulein Opitz allein ließen …“ Er sitzt nun neben dem Mädchen, das ihn nicht anschaut, den Kopf gesenkt hält, die vorfallenden Haare pendeln in ihr Profil. Baltrock sagt: „Sie waren tapfer. Sie haben uns wirklich geholfen. Und nicht nur uns – auch Ihrem Freund. Wir hätten auf jeden Fall herausbekommen, daß er nicht bei Ihnen war. So aber haben Sie uns allen diese Mühe erspart und auch die Zeit, die wir hätten aufwenden müssen – und Zeit benötigen wir jedes Gramm, um den Mörder zu entdecken.“ Er hört ein leises Schluchzen, das verstummt plötzlich. Der Hauptmann versteht das, er lächelt unmerklich vor sich hin, er sagt: „Ja, Fräulein Opitz, wie es aussieht, hat Ihr Freund tatsächlich mit dem Mord nichts zu tun.“ Plötzlich stößt sie hervor: „Wo ist er dann in der Nacht gewesen?“ Sie sieht aus wie eine empörte kleine Katze, und wieder muß Baltrock lächeln. Er spielt am Lenker, er sagt: „Das, ja, das muß er Ihnen selbst sagen. Sehen Sie, Fräulein Opitz, das fällt nun nicht mehr in mein Ressort.“ Sie wendet sich ab. Baltrock überlegt, ob er es dabei belassen solle, dann entschließt er sich jedoch weiterzureden: „Er wird Ihnen selbst sagen müssen, wo er sich aufgehalten hat, und offen gestanden, ich finde es nicht 135
sehr edel. Wenn ich mir die Gründe überlege, die ihn dazu veranlaßt haben, dann sind es zwei: Einmal ist es seine Schwäche, in entscheidenden Augenblicken nicht kurz und hart nein sagen zu können, das ist eine Sache, bei der Sie ihm später in Ihrem gemeinsamen Leben werden helfen müssen; zum andern aber ist es zweifellos seine Zuneigung zu Ihnen.“ Er bemerkt ihre unmutige Bewegung, er sagt: „Ja ja, das ist schon so! Er wollte nämlich einen endgültigen Schlußstrich ziehen, er ist entschlossen, mit Ihnen zusammen zu leben. Er hat uns erzählt, und Sie wissen es ja selbst, daß er das Kind, das Sie bekommen, gewollt hat und daß er sich darauf freut.“ Bevor sie etwas erwidern kann, hat Baltrock den Schlag aufgedrückt, er möchte keine Sentimentalitäten hochkommen lassen, er winkt Schnurk heran, und bevor der eintrifft, beugt er sich noch einmal kurz zu dem Seitenfenster hinunter und sagt in den Wagen hinein: „Es wird ihm schwerfallen, Ihnen alles zu erklären. Machen Sie es ihm nicht zu schwer.“ Im Vorbeigehen sagt er zu Schnurk: „Bringen Sie die junge Frau nach Hause, und kommen Sie möglichst rasch zurück.“ Der Oberleutnant sieht ihn einen Augenblick verwundert an, dann öffnet er den Schlag. Der Hauptmann hört den Motor aufheulen. 5 Als der Hauptmann wieder eintritt, ist Zeitfuchs über die Blätter des Protokolls gebeugt. Er schiebt die Bogen beiseite, blickt gleichzeitig auf und sagt: „Ich habe den Burschen angewiesen zu warten, bis wir seine Aussage überprüft haben. Ist doch ein Haderlump!“ 136
„Na ja“, sagt Baltrock langsam, während er sich niederläßt, „Haderlump – vielleicht sollte man ihn nicht so nennen. Offen gestanden, ist er mir jetzt sympathischer, als er es anfangs gewesen war. Da hatte ich ihn für so einen leichtfertigen Lümmel gehalten, der sich nur mit Mädchen herumtreibt. Wahrscheinlich ist das auch so gewesen. Aber mit der kleinen Opitz ist es ihm jetzt ernst.“ Als er den verwunderten Blick des Leutnants bemerkt, fügt er schulterzuckend hinzu: „Sonst hätte er sich doch wohl nicht so dagegen gesperrt, uns zu sagen, wo er sich tatsächlich aufgehalten hat!“ Das hatte Delitt erst gestanden, nachdem das Mädchen den Raum verlassen hatte, und aus den stoßweise hervorgebrachten und unbeholfenen Worten und Sätzen konnte sich der Hauptmann ein Bild machen: Delitt hatte die kleine Opitz schon als Kind gekannt. Nie hatte er ihr ein besonderes Augenmerk geschenkt, und auch später war es lange Zeit eine Art flüchtiger Freundschaft geblieben. Was ihn immer wieder geärgert hatte, war, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit sagte, was sie von ihm hielt – und nach ihren Worten mußte er annehmen, daß es nicht allzuviel war. Vielleicht gerade deshalb und aus einer Art Trotz heraus versuchte er schließlich, sie zu gewinnen. Das war zu einer Zeit, da er schon eine Menge Mädchen gehabt hatte, sie liefen ihm nach, wie er sagte, und Baltrock glaubte es ihm gern. Es war für ihn schließlich eine Spielerei und eine Sache der Routine gewesen, und es bestätigte sein Selbstbewußtsein. Umgekehrt hatte er aber auch die Erfahrung machen müssen, daß diese Mädchen den Verkehr mit ihm ebenso leichtnahmen, sie genossen eine Nacht mit ihm und wandten sich anderntags einem andern zu – es war dasselbe, was auch er tat. 137
Und gerade deshalb hatte es ihn vermutlich so getroffen, daß es bei der kleinen Opitz anders war: Tatsächlich war er der erste Mann, den sie besaß, und er merkte es. Sie redeten beide nicht davon, und auch in der Folge machte das Mädchen nicht den Versuch, ihn für immer zu halten; jetzt redete sie ihm sogar in seine Liebschaften nicht mehr hinein. Aber er selbst hatte an diesen Liebschaften nicht mehr den Spaß, den er sonst daran gehabt hatte. Er begann den ständigen Wechsel langweilig und abgestanden zu finden. Was war, so fragte er sich, denn schon Besonderes daran? Für ihn war es schließlich keine Auszeichnung, wenn er wieder eine mehr besaß – er sah ja, wer alles außer ihm dieses Recht genoß. Sein Verhältnis zu der kleinen Verkäuferin blieb eigentümlich, sie entzog sich ihm, und gerade dadurch lenkte sie seine Aufmerksamkeit in immer stärkerem Maße auf sich, er beachtete und beobachtete sie mehr, als das jemals der Fall gewesen war, und allmählich ging ihm auf, daß sie Werte besaß, über die andere nicht verfügten: Zuverlässigkeit, Natürlichkeit und die Gabe, ihre ganze Umgebung samt den Menschen ruhig und sachlich zu beurteilen und an das eigene Leben nur angemessene Ansprüche zu stellen. Jetzt suchte Delitt den Umgang mit Monika Opitz, in seinem Wortschatz lautete das: Er lief ihr nach. Das kam ihn bitter an. Schließlich führte es jedoch dazu, daß sie sich zu verstehen begannen, und eines Tages sagte er ihr, daß er sie gern heiraten wolle; sie sagte, als sei das selbstverständlich, das wolle sie auch. Das war damals, als sie das Kind empfing. Aber er hatte zu jener Zeit noch eine Affäre, die er 138
nicht loswerden konnte: eine Arzttochter, ein kleines, temperamentvolles, quirliges Geschöpf mit einem unersättlichen Liebesverlangen; sie hatte sich auf ihn kapriziert, sie ließ ihn nicht los, nachdem sie ihn einmal hatte. Zweifellos war sie apart, intelligent, anziehend, aber Delitt hatte sich anders entschieden. Er wagte ihr das nicht zu sagen, und sie wußte ihn auf eine vertrackte Art immer wieder einzufangen. Es dauerte lange, bis er sich wirklich entschied, diese Verbindung abzubrechen, wenn nötig: zu zerstören. Vor der Auseinandersetzung hatte er ganz einfach Angst, da kroch aus ihm ein Stück Feigling heraus. Aber als eines Tages sein Mädchen schnupperte und sagte: „Was für ein scheußliches Parfüm benutzt du denn jetzt?“, da war es ihm endgültig klar, was er tun mußte. Jene kleine Kröte lud ihn zu einer Liebesnacht ein, und er sagte zu; es sollte die letzte Nacht sein, die er mit ihr verbringen wollte, und in diesen Stunden wollte er ausbaldowern – so albern drückte er sich aus –, wann die Gelegenheit günstig sei, ihr zu sagen, daß es aus wäre. Immerhin: Er hatte das tatsächlich fertiggebracht; es wäre scheußlich gewesen, gestand er, er wäre sich wie ein Lump vorgekommen, aber er hätte nicht nachgegeben. Früh gegen vier sei er völlig ausgelaugt heimgekommen. Und das war jene Nacht gewesen, in der Nottrodt erschlagen worden war, und wenn Delitt so standhaft gelogen hatte, so deshalb, weil er seiner Freundin nicht nachträglich von dieser erledigten Affäre berichten wollte, zumal sie schwanger war und er fürchtete, eine solche Aufregung könnte ihr schaden. Zeitfuchs sagt: „Trotzdem lasse ich ihn dahinten schmoren! Ich nehme ihn nachher aufs Kreisamt mit, und dann können wir sehen, ob sein neues Alibi stimmt!“ 139
Baltrock schüttelt den Kopf. „Aber nicht für die Kleine! Die hat es nicht verdient, lange im Ungewissen zu bleiben. Ich schicke nachher den Genossen Schnurk zu der Arztkröte, möglichst so, daß der Herr Papa dabei ist, klar?“ „Ja“, gibt der Leutnant zu, und mit Selbstüberwindung sagt er: „Ich muß von dir lernen, an den Menschen zu denken.“ Er wischt das gleich weg, er sagt: „Dann angle ich mir jetzt den Taschenbrecher – auch so ein kleiner Liebling!“ „In Ordnung“, erwidert Baltrock und ist sehr zufrieden. Taschenbrecher hat sich entschlossen, wieder den überlegenen Plauderer zu spielen; kaum hat er Platz genommen, da schießt er schon los: „Na, haben Sie sich davon überzeugt, daß ich im ‚Ewigen Lämpchen‘ war? Was soll ich denn dann noch hier?“ „Es stimmt, daß Sie dort waren“, erwidert Zeitfuchs langsam, „und was Sie hier sollen, werde ich Ihnen gleich sagen. Sie haben uns eines verschwiegen: daß Sie ein Schläger sind! Auch im ‚Ewigen Lämpchen‘ haben Sie Streit angefangen.“ „Na und“, sagt Taschenbrecher, „warum denn nicht? Wenn mich einer reizt, dann schlage ich ihm eben eine aufs Maul. Aber Sie haben mich danach nicht gefragt.“ Der Leutnant geht darauf nicht ein. „Wenn Sie einer reizt!“ sagt er. „Und Nottrodt hat Sie gereizt, der wollte nämlich sein Geld zurück haben! Und Sie waren in Fahrt, Sie hatten getrunken, Sie waren gerade so schön beim Zuschlagen, und als Sie hier vorbeikamen, sind Sie abgestiegen – das andere kennen wir!“ „Ich darf mir doch eine Zigarette anzünden?“ sagt Taschenbrecher. Er erhält keine Antwort, tut das umständlich, zieht ein paarmal und sagt: „Übrigens – was heißt 140
Schläger?“ Jetzt wird seine Stimme überredend: „Sehen Sie mal, ich bin rasch bei der Hand, wenn Sie wollen, das stimmt, aber dann winke ich dem eine, und damit hat es sich erledigt. Ich erschlage doch keinen!“ „Sie hatten in der Kneipe schon ein Bierglas bereit.“ Zeitfuchs beugt sich vor: „Sie hätten dort schon jemandem den Schädel zertrümmern können! Und Sie wollen kein richtiger Schläger sein? Junge, Junge!“ Plötzlich schaltet er um: „Wie spät war es eigentlich, als Sie vom ‚Ewigen Lämpchen‘ wegfuhren?“ „Weiß ich nicht“, erwidert Taschenbrecher und hat offenbar die Absicht, sich nun auf Kurzschweifigkeit umzustellen, „es hat geregnet wie eine Sau, außerdem war ich voll – ich habe nur gemacht, daß ich wegkam!“ „Daß Sie voll waren, wird Sie die Fahrerlaubnis kosten“, sagt Zeitfuchs beiläufig, „da rede ich noch mit der Verkehrspolizei. Das nehmen wir als Ihre Aussage mit ins Protokoll. Außerdem liegt zwar der Zeitpunkt ungefähr fest, zu dem Sie vom ‚Ewigen Lämpchen‘ abgefahren sind, aber nicht der, zu dem Sie zu Hause ankamen. Das ist das Loch in Ihrem Alibi.“ Diese Argumente scheinen Taschenbrecher einzuleuchten, plötzlich gibt er die Frechheit auf, er versichert bescheiden: „Ich war es nicht, Herr Kommissar! Ich hatte wirklich genug, mir brummte der Schädel, ich wollte nach Hause, und als ich aus der Stadt heraus auf die Landstraße bog, da kam auch noch der Bus und preschte durch eine riesige Pfütze – ich bekam eine Dusche über und über! Ach, hatte ich die Schnauze voll!“ Der Leutnant hat jetzt den Eindruck, daß Taschenbrecher nicht lügt, er überdenkt den Vorgang, er sagt unvermittelt: „Unterzeichnen Sie das Protokoll, Sie können gehen!“ 141
Dann ist Stille, eifrig liest Taschenbrecher die Seiten, nur einmal hebt er den Kopf, fragt: „Kann man das mit der Trunkenheit nicht herausnehmen?“, und als er keine Antwort erhält, zeichnet er die Seiten ab, steht auf, und bevor er die Tür schließt, sagt er: „Guten Abend!“, sehr artig und hörbar erleichtert. „Die Sache mit der Fahrerlaubnis“, sagt Zeitfuchs zu dem Hauptmann, „die hat gewirkt! Im übrigen glaube ich wirklich nicht mehr, daß er etwas mit der Sache zu tun hat. Die Begegnung mit dem Bus werden wir überprüfen, der Fahrer müßte sich eigentlich daran erinnern.“ Baltrock nickt, er ergänzt: „Wir müssen jetzt unbedingt ein Weg-Zeit-Diagramm erstellen. Wir brauchen es, wenn später noch mehr Daten dazukommen.“ Zeitfuchs sagt: „Draußen gehen sie jetzt heim.“ Unwillkürlich schaut der Hauptmann durch das Fenster; in losen Rudeln verlassen die Mitarbeiter des Betriebs das Grundstück. Während Baltrock hinauseilt, um sich im Pförtnerhaus davon zu, überzeugen, ob dort die Kriminalisten mit der Abnahme der Fingerabdrücke fertig geworden sind, während er sie anweist, am nächsten Morgen zu einer Lagebesprechung ins Kreisamt zu kommen, während er danach den ungeduldigen Werkleiter Wronski veranlaßt zu warten, bis Pilarzyks Vernehmung beendet ist, während er dann Schnurk hört, der ihn davon unterrichtet, daß die neuen Angaben Delitts tatsächlich stimmen – während der Hauptmann draußen mit allem diesem beschäftigt ist, raucht Zeitfuchs nachdenklich eine Zigarette und durchdenkt noch einmal den seltsamen Zufall, der ihn Pilarzyk bei einer unverständlichen und verdächtigen Unwahrheit entdecken ließ, diesen gediegenen Mann. 142
6 Baltrock spürt nun doch das Blei der Stunden in seinen Gliedern, als er Pilarzyk betrachtet, der neben dem Schreibtisch sitzt und keinerlei Unsicherheit verrät. Zeitfuchs hat den Schirm der Lampe so hochgerichtet, daß der Schein schräg über dem Raum und auch auf Pilarzyk liegt, so daß er jede Regung deutlich erkennen kann. Der Hauptmann atmet tief aus und beginnt: „Es tut mir leid, Herr Pilarzyk, daß wir Sie noch einmal befragen müssen. Es ist da eine Unklarheit aufgetaucht.“ Er wechselt einen raschen Blick mit Zeitfuchs. Den Blick bemerkt Pilarzyk nicht; arglos, ahnungslos, zuvorkommend antwortet er: „Wenn ich zur Aufklärung beitragen kann …“ „Sie können“, beginnt Zeitfuchs und macht danach eine so lange Pause, daß ihn Pilarzyk erstaunt ansieht. Der Leutnant läßt sich Zeit, ehe er fortfährt: „Ja … indem Sie uns beispielsweise verraten, wo Sie sich in jener Nacht wirklich aufgehalten haben! Zu Hause waren Sie nämlich nicht!“ Pilarzyk ist völlig überrascht. Zuerst scheint es, als habe er Zeitfuchs nicht ganz verstanden, dann aber, als er dessen Worte begreift, kommt in seinen Blick eine seltsame Unsicherheit, abwechselnd sieht er Baltrock und Zeitfuchs an, als könnten die ihm helfen, doch beider Gesichter sind verschlossen. Pilarzyk sagt unsicher: „Sie meinen, ich war nicht zu Hause …“ Es ist albern, wie er noch einmal fragt, wahrscheinlich empfindet er das selbst, denn er senkt die Augen, und seine Backenmuskeln arbeiten angestrengt, als kaue er an unhörbaren Sätzen. In das Schweigen hinein sagt der Leutnant: „Genau das meine ich, Herr Pilarzyk, Sie waren nicht zu Hause, 143
wie Sie uns versicherten, Sie haben uns ganz einfach belogen.“ Er setzt sofort nach: „Wo also waren Sie wirklich?“ Doch diese Frage geht an Pilarzyk vorbei, er antwortet nicht. Zeitfuchs ist sich indessen seiner Sache ganz sicher. Dem Leutnant war die Überprüfung von Pilarzyks Alibi zunächst nur als Formsache erschienen. Da der Meister in Mühlen wohnte, hatte er diese Nachforschung an den Schluß gestellt, und in der Annahme, die Sache werde sich vermutlich in wenigen Minuten erledigen, hatte er Monika Opitz solange im Wagen warten lassen. Das Haus stand in einer Seitenstraße, die besonders stark von dem ursprünglichen dörflichen Charakter des Vororts geprägt war. Langsam bog Zeitfuchs dort ein, der Wagen hoppelte über den zerfahrenen Weg und hinkte schwerfällig an den Häusern vorüber. Es waren einstöckige alte Gebäude, Blumen standen in den Fenstern und Topfgewächse, die braun- oder grüngestrichenen Läden waren zurückgeschlagen. Zeitfuchs kuppelte aus und trat auf die Bremse. Hier war Pilarzyks Haus. Gerade so hatte er es erwartet: besonders sorgfältig gepflegt, die Front frisch getüncht, die Fensterläden grün, aber mit einem gelben Strich freundlich abgesetzt. Hier lebte ein Mensch, der sein Eigentum zusammenhielt, kein Lotterbube, wahrhaftig. Zeitfuchs läutete. Nichts rührte sich. Der Leutnant trat zwei Schritte zurück und musterte alles noch einmal. Da bemerkte er, wie sich aus dem Schornstein ein dünner Rauchfaden zierlich kräuselte. Er läutete ein zweites Mal. Drinnen belferte plötzlich giftig ein Spitz, er geiferte sich an seinem eigenen Gekläff 144
hoch; dann war es, als würde der Hund irgendwo eingesperrt, und wenige Sekunden später wurde ein Fensterflügel aufgestoßen. Zeitfuchs hatte erwartet, von Pilarzyks Frau empfangen zu werden. Um so überraschter war er, als er das kecke Wesen gewahrte, das den Kopf aus dem Fenster streckte: Die pechschwarzen Haare waren bubenhaft kurz geschnitten, sie gaben zwei zierliche Ohren frei; die haben keinen Klimbim nötig, dachte Zeitfuchs begeistert; über den herausfordernden großen braunen Augen wölbten sich dunkle Brauen, die eine Spur struppig waren, Zeitfuchs spürte den geheimen Wunsch, sie mit dem Zeigefinger glattzustreichen; und der Mund! Der Leutnant mochte keine Herzkirschenmünder, er mochte keine konturlosen Breitmäuler, aber Lippen wie diese, die mochte er, Lippen, die leicht geschwungen und deutlich gezeichnet waren, adrette Lippen sozusagen und dabei doch auf eine anziehende Art schnippisch. Es fiel dem Leutnant schwer, sich seine jähe Begeisterung nicht anmerken zu lassen; eine Spur zu knapp erklärte er, daß er eine Auskunft benötige, ob er für ein paar Minuten eintreten dürfe. Das Mädchen erwiderte darauf nichts, sie starrte ihn sekundenlang überlegend an, die Musterung mußte zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen sein, sie klirrte das Fenster zu und öffnete kurz darauf die Tür. Sie gingen in das Haus, der lange Leutnant hinter dem kleinen straffen Persönchen; so hatte er Zeit, eine Art von Bestürzung zu überwinden darüber, daß zu dem Kopf ein ebenso anziehendes Geschöpf gehörte, frisch und angenehm wie eine Kirsche; sie mußte das von sich selbst wissen, der hautnahe schwarze Pullover verriet es genauso wie der großkarierte Minirock, der eigentlich, gestand 145
sich Zeitfuchs, schon kein Rock mehr zu nennen war, eher ein breites Band oder dergleichen, und sie trug ihn, wie der Leutnant meinte, völlig zu Recht; hinter ihr gehend, betrachtete er ihre Beine und dachte dann, für den Vater müßte es geradezu ein Vergnügen gewesen sein, diesen süßen Po zu versohlen, und er war sich ziemlich sicher, daß der Vater nicht selten dazu Anlaß gehabt hatte; er beneidete ihn darum. Dann saßen sie einander gegenüber, das Mädchen – wie sich herausstellte, Pilarzyks neunzehnjährige Tochter – zupfte törichterweise züchtig den Rock herunter, der sich nicht herunterzupfen ließ. Der Leutnant starrte angestrengt über den Kopf des Mädchens hinweg auf eine von Birkenzweigen umrahmte Fotografie ANDENKEN AN SUHL und sagte: „Fräulein Pilarzyk, es tut mir leid, wenn ich Sie mit einer Frage belästigen muß. Wir haben Routineuntersuchungen durchzuführen, und Ihr Vater konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann er vorgestern nach Hause gekommen ist. Es ist aber wichtig, daß wir die genaue Uhrzeit wissen, vielleicht können Sie uns helfen.“ Sie lächelte ihn an, und von diesem Augenblick an hatte er den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der sich ungern auf Winkelzüge einließ. Sie zuckte die Schultern, sie sagte: „Da haben Sie Glück. Ich weiß es genau.“ Sie schwieg. „Also dann …“, half Zeitfuchs nach. „Ja, also dann …“, wiederholte sie und sagte plötzlich: „Aber Sie werden mich nicht verraten? Mein Vater, wissen Sie, ist nämlich ziemlich unmodern, unaufgeklärt, möchte ich sagen, bei ihm ist es noch so, daß man sich abmelden möchte, wenn man abends mal ausgeht, und daß man schwört, nicht später als elf Uhr wiederzukommen 146
und so.“ Sie lachte. Sie sagte: „Schließlich bin ich nicht von vorgestern, und im übrigen passe ich auf mich auf.“ Zeitfuchs glaubte ihr das sofort. „Ich hatte so eine günstige Gelegenheit an dem Abend“, erzählte sie verschmitzt, „ich wollte nämlich tanzen gehen, ich hatte mich mit zwei Freundinnen verabredet, und ich war schon gefaßt darauf, daß es mit dem Alten, mit meinem Vater, endlose Diskussionen geben würde, wir wollten uns um halb neun treffen. Was meinen Sie, wie froh ich war, als er so gegen acht mit dem Moped verduftete!“ „Wer?“ fragte Zeitfuchs überflüssigerweise und ärgerte sich gleich über die dumme Frage. „Na, mein Vater“, antwortete sie und fügte geringschätzig hinzu: „Mutter kümmert sich sowieso nicht darum. Aber vorsichtshalber“, meinte sie, „verstehen Sie, vorsichtshalber bin ich kurz vor elf wieder hier gewesen. Und was meinen Sie: Das Haus war stockdunkel! Also, heilfroh tappt Annegret in ihr Zimmer hinauf, ich schlafe nämlich in der Dachkammer oben“, erklärte sie, „und Annegret, hundemüde, zieht sich aus, und wie sie grade ins Bett hüpfen will, was hört sie da: Es kommt jemand! Wer kommt? Vater mit dem Moped! Na, mein Zimmer war dunkel! So, wenn er sich also nicht erinnern kann: Es war kurz nach elf, aber verraten Sie mich nicht.“ Auf einmal war alles vergessen: die zierlichen Ohren, die adretten Lippen, der süße Hintern – Zeitfuchs beugte sich vor und fragte gespannt: „Sind Sie sicher?“ Sie sah ihn eigentümlich an, als käme ihr das alles plötzlich nicht mehr ganz geheuer vor; sie sagte vorsichtig: „Ja, ich bin sicher!“ Rasch fügte sie hinzu: „Warum wollen Sie das eigentlich so genau wissen?“ 147
„Ach“, der Leutnant machte eine unbestimmte Handbewegung, „wir sind nun einmal genaue Leute, verstehen Sie?“ Aber es schien ihm, als werde sie auf einmal sehr zurückhaltend, beinahe steif, er fand, es paßte nicht zu ihr. Er fragte: „Und wie spät war es tatsächlich, ich meine, nicht nur ungefähr?“ „Gegen elf“, sagte sie unbestimmt. „Sie haben vorhin gemeint: nach elf“, erinnerte er sie. „Das war so hingesagt“, erklärte sie, „es kann auch ein paar Minuten vorher gewesen sein. Ich habe kein Licht angeknipst, meine Uhr besitzt kein Leuchtzifferblatt, nicht wahr?“ Plötzlich sah sie ihn unverschämt an, sie sagte: „Ich könnte mir so eine Uhr eigentlich zum Geburtstag wünschen; wollen Sie wissen, wann ich Geburtstag habe?“ „Nein“, erwiderte er amtlich, „ich möchte nur wissen, ob Sie sich nicht doch genau erinnern, und ich möchte Ihnen sagen, daß es für Ihren Vater wichtig sein kann. Na, wie ist es?“ Sie schwieg, sie zuckte die Achseln. Zeitfuchs erhob sich langsam, er blickte vor sich hin und sagte: „Na gut, wie Sie wollen!“ Auf einmal war Frost im Zimmer. „Ihre Auskunft hat uns auch so genützt. Und wenn wir mehr wissen wollen, melden wir uns.“ Im Hinausgehen meinte er: „Ich werde nicht sagen, daß Sie tanzen waren, wenn es nicht sein muß, ich werde nur sagen, daß Sie Ihren Vater heimkommen gehört haben.“ Aber auch darauf erwiderte sie nichts mehr, und als er sich draußen umdrehte und auf Wiedersehen sagen wollte, fand er die Tür bereits geschlossen. Mit ein paar raschen Schritten war er beim Wagen, 148
fuhr an und sagte entschuldigend zu Monika Opitz: „Es hat halt etwas länger gedauert …“ Das alles ist in Zeitfuchs, als er jetzt zu Pilarzyk sagt: „Damit wir uns richtig verstehen – Sie haben Nottrodt als erster aufgefunden, Sie haben den Krankenwagen angefordert, statt die Kriminalpolizei zu verständigen, ich frage also nicht ohne Absicht, wo Sie in der Nacht eigentlich waren.“ „Nicht im Betrieb“, antwortet Pilarzyk mühsam. „Dann lassen Sie endlich die Geheimniskrämerei, Sie stehlen unsere Zeit!“ sagt Zeitfuchs energisch. „Sie wissen doch, was für Sie auf dem Spiel steht!“ Pilarzyk schweigt. Der Leutnant seufzt absichtlich hörbar, als sei ihm alles zuviel, er klappt einen Aktendeckel zu, als schließe er etwas ab, er sagt: „Wie Sie wollen! Wenn Sie uns nicht Rede und Antwort stehen, dann werden wir Sie ins Kreisamt bitten und dort weitersehen. Aber Sie sind sich hoffentlich klar darüber, daß sich so etwas wie der Wind herumspricht und daß sich jeder sagen wird: Der Pilarzyk hat doch Dreck am Stecken, sonst hätten sie ihn nicht mitgenommen! Also, wie ist’s?“ Pilarzyk, der sonst so deutlich Geradeausblickende, hebt beide Hände zur Stirn und reibt sie und hält dabei den Kopf gesenkt, und dann läßt er die Hände sinken und schüttelt wieder den Schädel. Dem Hauptmann fällt auf, daß Pilarzyk sich überhaupt nicht vergewissert, er fragt nicht nach Zeugen, er unterstellt, daß Zeitfuchs ihn nicht blufft; das eben ist Pilarzyk, der vor dem Gesetz Respekt hat, und in diesen Minuten zumindest verkörpert Zeitfuchs für ihn das Gesetz. 149
Baltrock sieht, daß der Leutnant wieder ausholt, da kommt er ihm zuvor und sagt: „Herr Pilarzyk, ich glaube, Sie brauchen Zeit, sich das zu überlegen. Schnappen Sie jetzt im Hof Luft, und überdenken Sie alles. Dann erzählen Sie uns, wie Sie sich entschieden haben – und, Herr Pilarzyk, ich kann nur unterstreichen, was der Genosse Leutnant gesagt hat: Es wird Ihnen schaden, wenn Sie sich bockbeinig stellen.“ Schwerfällig erhebt sich Pilarzyk, er steht noch einen Augenblick vorgebeugt, Baltrock empfängt einen kurzen dankbaren Blick, dann ist er draußen, der Hauptmann sieht ihn im Hof ein paar Schritte hin und her gehen. „Ich glaube“, sagt Schnurk mit vor Aufregung beinahe krähender Stimme, „jetzt hätte er geredet!“ Der Hauptmann bemerkt, daß Zeitfuchs untätig auf die Tischplatte starrt; er weiß, daß der die Unterbrechung mißbilligt, also sagt er: „Man soll Menschen nur im Notfall bedrängen. Du wirst sehen, in Kürze wird Pilarzyk von selbst die Antwort geben.“ Jetzt ist alles sehr öde. Der Ofen ist tot, die letzten Scheite sind verglüht. Die Schreibmaschine schweigt. Die Mitarbeiter der PGH sind heimgegangen, nur Pilarzyk wandert im Hof trübe hin und zurück, durch die graublauen Streifen hindurch, mit denen sich eine Dunstnacht ankündigt. Irgendwo, weiß Baltrock, sitzt Werkleiter Wronski noch über Rechnungen, er hat sich einen der oberen Umkleideräume notdürftig als Büro eingerichtet – ein hilfreicher Mann, denkt Baltrock. Er überlegt, daß Pilarzyk als Täter wohl nicht in Frage komme, aber dann erinnert er sich, daß er diesem festen Manne in jedem Falle vertraut hätte; und doch hatte er gelogen, schlichtweg gelogen. Warum sollte also nicht Böseres auf ihm lasten, wer vermag wirklich in Menschen hineinzuschauen? 150
Das treibt ihn dazu, den Raum zu verlassen; Pilarzyk sieht ihn an der Tür lehnen, er hält in seiner Wanderung inne, er schaut zu dem Hauptmann hinüber; aber er geht nicht zu ihm. Baltrock besteht nicht darauf, daß der andere den Weg so leicht finde, also kürzt er ihn ab: Er selbst nähert sich ihm. Sie stehen nebeneinander. Baltrock sagt erst nach einer Weile: „Unsere Aufgabe ist schwierig, und die Genossen im Büro haben völlig recht: Sie erschweren sie uns noch mehr! Wir müssen ganz einfach wissen, wo Sie sich in der Nacht aufgehalten haben, wir müssen Zeiten möglichst auf die Minute genau haben. Sogar, Herr Pilarzyk, wenn Sie mit dieser ganzen Geschichte hier nichts zu tun haben, ist es für uns von Bedeutung, möglicherweise könnten wir Sie in irgendeinem anderen Zusammenhang als Zeugen benötigen. Und ich finde, angesichts eines Mordes ist es wirklich ein wenig lächerlich, wie Sie sich verhalten – um kein schlimmeres Wort zu gebrauchen.“ Er setzt hinzu: „Sehen Sie, selbst wenn Sie bei einer Frau waren und Scheu haben, darüber zu sprechen, müssen Sie reden, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig.“ Es geschieht genau das, was Baltrock angenommen hatte: Pilarzyk bewegt wegwerfend die rechte Hand und sagt: „Ach, Frau …!“ Doch der Einwurf des Hauptmanns scheint gewirkt zu haben, auf einmal sieht er nicht mehr so gedrückt aus, er rafft sich zusammen, er fragt: „Darf ich mich in der Angelegenheit mit dem Werkleiter besprechen?“ Baltrock schaut ihn verwundert an, dann sagt er: „Wenn Sie das für notwendig halten, bitte.“ Er fügt hinzu: „Aber das wollen wir auf höchstens eine halbe Stunde begrenzen!“ 151
Plötzlich eilig, läuft Pilarzyk längs durch den Hof zu dem Gebäude mit den Umkleideräumen. In diesem Augenblick bremst draußen scharf ein Wagen, hastig steigt ein Oberwachtmeister aus. Richtig, der Hundeführer! geht es Baltrock durch den Kopf, und während er auf ihn zueilt, denkt er: Ich möchte nur wissen, was die Lösung von Pilarzyks Rätsel ist! 7 Baltrock sitzt im Büro, das Licht hat er gelöscht, er hockt in einem Schattennest; durch das Fenster will er beobachten, wie sich der Hund verhalten wird, den sie nun auf die Probe stellen. Den Leutnant hat der Hauptmann an die Landstraße postiert, um prüfen zu lassen, ob dort Bellgeräusche zu hören sind, Schnurk hat sich zum gleichen Zweck an den Zugang des Schwarzen Wegs begeben. Die Rolle Nottrodts hat Werkleiter Wronski übernommen, den das Tier kennt. Der Hundeführer wird den Eindringling mimen. Das Gelände ist in den Zustand versetzt, in dem es sich in jener Nacht befunden haben dürfte: Das Tor ist geschlossen, in der Wachstube brennt Licht, die Werktüren sind verriegelt, nur die Tür zum Umkleideraum steht offen. Die einzige Unstimmigkeit ist die Tatsache, daß im ersten Stock Pilarzyk sitzt und auf das nächste Gespräch wartet; aber an ihn denkt der Hauptmann in diesen Augenblicken kaum. Beleibt und fröhlichen Schrittes erscheint Wronski im Blickfeld, er kommt vom Wächterhäuschen und verschwindet hinter der Hausecke, zum Zwinger hin; gleich darauf springt erlöst der Schäferhund herüber, er beginnt zu schnuppern, offenbar sind die vielfältigen Spuren interessant, dieses Gemisch aus Vertrautem und 152
Fremdem, doch allmählich wird ihm das langweilig, er begibt sich an eine Hausecke und verrichtet jämmerlich gekrümmt seine Notdurft. Da taucht Wronski zögernd wieder auf, der Hund umkreist ihn freundlich. In diesem Augenblick nähert sich von hinten vorsichtig schleichend der Hundeführer; er steckt in einem schutzgepolstertem Overall. Der Schäferhund wittert ihn, trabt zu ihm, der stehenbleibt, hält sich in einiger Entfernung, gibt jedoch nicht Laut. Der Eindringling macht bedrohliche Bewegungen, das Tier zieht sich zurück, da geht der Oberwachtmeister genau auf ihn zu und schwingt einen Knüppel. Es sieht aus, als knurre das Tier, aber hören kann Baltrock das nicht; es greift jedoch nicht an, sondern weicht nur dem Knüppel aus, es verbellt den Mann auch nicht, Baltrock schüttelt den Kopf. Offenbar erscheint dem Hundeführer das Spiel zu läppisch. Mit schnellen Schritten begibt er sich geradenwegs zu Wronski und schauspielert einen gefährlichen Angriff. Als sogar das erfolglos bleibt, rennt Wronski in Richtung auf die Waschräume weg, der Oberwachtmeister verfolgt ihn, der Hund springt fröhlich mit, als sei das ein lustiges Spiel. So entschwinden die drei aus dem Blickfeld des Hauptmanns. Er weiß nur, daß sich dort hinten das wiederholen wird, was sich in jener Nacht abgespielt haben muß: Der Hundeführer wird sich in den Räumen verstecken, der Werkleiter wird hineingehen, begleitet von dem Tier, er wird scheinbar überfallen werden, hinstürzen – und Baltrock lauscht auf Laute, die nun bald zu hören sein müßten. Doch seine Gedanken gleiten ab, hinüber zu Pilarzyk, unwillkürlich schüttelt der Hauptmann den Kopf. Es ist 153
ihm nicht möglich, sich vorzustellen, was in dem Mann vor sich gehen mag. Er hat auch keine Ahnung, was Pilarzyk bewogen haben könnte zu lügen – denn gelogen hat er! Und was soll diese Bitte, mit dem Werkleiter reden zu dürfen? Baltrock kommt zu keinem Schluß. In diesem Augenblick tauchen Wronski, der Hundeführer und das Tier wieder auf – einträchtig gehen sie nebeneinanderher. Rasch erhebt sich der Hauptmann und verläßt den Raum. Der Oberwachtmeister ist verärgert, Baltrock hört ihn zu Wronski sagen: „Unverantwortlich! Das soll ein Wachhund sein? Wissen Sie, es gibt scharfe Hunde, es gibt lärmende Hunde – beides ist akzeptabel. Dieser hier aber, das ist kein Hund, das ist ein Idiot!“ Erst jetzt bemerkt er den Hauptmann, er rafft sich zusammen, sagt: „Genosse Hauptmann, der Versuch bleibt ergebnislos, er kann abgebrochen werden!“ Baltrock nickt, er erwidert: „Das Ergebnis ist trotzdem wichtig. Wir wissen nämlich jetzt, daß nicht unbedingt ein Betriebsangehöriger oder jemand, der den Hund kannte, der Täter gewesen sein muß. Auch jeder Fremde konnte ungehindert eindringen und angreifen!“ Er schließt ab: „Also gut! Genosse Oberwachtmeister, schicken Sie mir doch die beiden Genossen von draußen herein, wenn Sie jetzt wegfahren. Und Sie, Genosse Wronski“, wendet er sich an den Werkleiter, „kommen bitte mit Herrn Pilarzyk in das Büro.“ Damit verläßt er die beiden Männer. Im Büro knipst er die Lampe wieder an. Fast gleichzeitig mit Zeitfuchs und Schnurk erscheinen Wronski und Pilarzyk, und als wolle Wronski allem zuvorkommen, reißt er geradezu die Brauen hoch, so daß die Augen zwischen den überhängenden Lidern einen starrenden Blick 154
bekommen, macht eine große Gebärde mit der Rechten und dröhnt: „Genossen! Ich kann Sie beruhigen, Sie haben sich umsonst Sorgen gemacht, es handelt sich tatsächlich um eine reine Betriebsangelegenheit.“ Es gelingt ihm nicht, weiterzureden, die Verblüffung von Zeitfuchs über diesen unerwarteten Beginn der Verhandlung dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, dann ist er deutlich dazwischen: „Das zu entscheiden, überlassen Sie uns! Genosse Wronski, auch Sie reden nur, wenn Sie gefragt werden! Und eine reine Betriebsangelegenheit ist in gewisser Weise auch der Mord an Nottrodt, wenn Sie so wollen!“ Baltrock ist dieses Zwischenspiel unangenehm, er hat das dumpfe Gefühl, Wronski habe seinen Mitarbeiter decken wollen, er ist zufrieden, daß Zeitfuchs diesem Versuch, wenn es einer war, so rasch ein Ende gesetzt hat. Wronski wiederum sagt gekränkt: „Bitte, bitte, wie Sie wollen!“ Er begibt sich sozusagen in seine eigenen Fettmassen, er zieht sich in sich selbst zurück. „Also, Herr Pilarzyk“, beginnt Zeitfuchs, „nun erzählen Sie uns, was Sie in jener Nacht gemacht haben: wann Sie von daheim wegfuhren, wann Sie zurückkehrten, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat und wo Sie überhaupt gewesen sind.“ Als habe Pilarzyk einen Leitfaden erhalten, beginnt er brav zu berichten, es ist, als sage er eine Lektion auf, die er in der Schule gelernt hat. „Ich bin kurz nach neunzehn Uhr dreißig mit dem Moped von zu Hause weggefahren. Ich hatte vor, mich mit jemandem in der Stadt zu treffen, aber ich wußte nicht, wann er kommen würde. Ich habe auf ihn in der Gaststätte ‚Rotes Roß‘ gewartet. Er kam kurz nach zehn, und ich war froh darüber, denn ich wollte möglichst zei155
tig wieder zurück. Ich hatte den Verdacht, daß meine Tochter Annegret tanzen gehen wollte. Ich habe deshalb nur die Ware übernommen, bezahlt und in dem Rucksack, den ich mithatte, verstaut. Dann bin ich gleich wieder weggefahren, zu Hause war ich drei oder vier Minuten vor elf. Ich habe nämlich auf. die Uhr geschaut, für den Fall, daß Annegret nicht daheim gewesen wäre.“ Er schweigt. Der Leutnant schüttelt kaum merklich den Kopf, und Baltrock weiß, daß er denkt: Eine merkwürdige Geschichte, albern! Er hört ihn fragen: „Schön und gut, aber Sie haben uns immer noch nicht gesagt, zu welchem Zwecke Sie eigentlich in das ‚Rote Roß‘ wollten? Wen haben Sie dort getroffen? Und welche Ware haben Sie übernommen?“ Er fügt spöttisch hinzu: „Klingt beinahe nach Hasch!“ Pilarzyk schluckt, diese Bemerkung schmeckt ihm nicht. Er wirft einen kurzen Blick zu Wronski hinüber, aber der tut, als bemerke er das nicht, er sitzt gewichtig da, nach vorn gebeugt, die Hände auf der Schreibtischplatte gefaltet, er starrt sie unentwegt an. „Das ist ein L