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FAIR FUTURE Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit Ein Report, herausgegeben vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Mit 23 Abbildungen und 7 Tabellen • Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH
Fair Future ist ein Buch aus dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, Postfach 10 04 80, D-42004 Wuppertal, Deutschland.
Projektleiter und Autoren: Wolfgang Sachs und Tilman Santarius Weitere Autoren: Dirk Aßmann, Bernd Brouns, Manfred Linz, Stephan Moll, Hermann E. Ott, Andreas Pastowski, Rudolf Petersen, Gerhard Scherhorn, Wolfgang Sterk, Nikolaus Supersberger Mitarbeit: Cecil Arndt, Raimund Bleischwitz, Stefan Bringezu, Bernhard Burdick, Min-Ku Chung, Manfred Fischedick, Peter Hennicke, Sven Huber, Wolfram Huncke, Katharina Istel, Anne Kaiser, Richard Kranz, Hans Kretschmer, Kora Kristof, Christa Liedtke, Hans-Jochen Luhmann, Anke Merziger, Elke Mohrbach, Sebastian Oberthür, Dorle Riechert
• Verlag C. H. Beck oHG, München 2005 Umschlagentwurf: wunderamt + roland angst Satz: Greiner & Reichel, Köln Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier (hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff) Printed in Germany ISBN 3 406 52788 4 www.beck.de
Inhalt
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1. Gerechtigkeit für Realisten 13 1.1 Verflochtene Welt 14 Die neue Verwundbarkeit 14 • Ebenen der Interdependenz 16 Präventive Gerechtigkeit 19 1.2 Zerklüftete Welt 20 Abstand der Nationen 21 • Ungleichheit innen 25 • Drift der Weltarmut 27 1.3 Endliche Welt 30 Was sind Grenzen? 30 • Warnzeichen der Überlastung 34 1.4 Gerechtigkeit und Grenzen 37 Dreimal ökologische Gerechtigkeit 37 • Das Dilemma der Aufholjagd 41
2. Ungleichheit im Umweltraum 45 2.1 Die Triade der Allesfresser 46 Geografische Verteilung der Ressourcen 48 • Aneignung im Nord-SüdVergleich 54 • Verteilung der Schäden 61 2.2 Ungleicher ökologischer Tausch 63 Die Triade und ihre «Kolonien» 65 • Ökologische Handelsbilanz 68 Selbsttäuschung der Wohlhabenden 72 2.3 Die Ansprüche der Aufsteiger 74 Die neuen Verbraucherländer 75 • «Global Cities» und ihr Hinterland 78 Die transnationale Verbraucherklasse 82
3. Arenen der Aneignung 89 3.1 Geopolitik: Die Hand aufs Öl 91 Politik der Einflusssphären 92 • Maximaler Förderpunkt 94 • Mehr Nachfrager, weniger Anbieter 96 • Ausstieg als Sicherheitspolitik 97 3.2 Außenhandel: Aneignung von Ackerflächen 98 Exportzwang versus Eigenversorgung 100 • Marginalisierung von Bauern und Böden 102 • Wem dient die Landflucht? 104 • Ein Zerrbild des Freihandels 106
3.3 Investitionen: Vereinnahmung von Wasser 108 Gefangenes Wasser 109 • Virtuelles Wasser 110 • Verschmutztes Wasser 112 Lukratives Wasser 113 3.4 Internationales Recht: Patente auf Pflanzen 115 Aufstieg der Biopiraterie 116 • Wessen Wissen? 118 • Interessen im Institutionenstreit 119 • Bilaterale Abkommen als Einfallstor 122
4. Leitbilder der Ressourcengerechtigkeit 125 4.1 Ethik und Entfernung 126 Interesse an Sicherheit 126 • Interesse an Selbstachtung 128 Interesse an Weltbürgerlichkeit 130 4.2 Anerkennung und Verteilung 131 Gerechtigkeit als Anerkennung 132 • Gerechtigkeit als Verteilung 134 4.3 Existenzrechte garantieren 136 Naturräume und Menschenrechte 137 • Menschenrechte, Menschenpflichten 13g 4.4 Ressourcenansprüche zurückbauen 141 Egalitarismus als Ausnahme 141 • Überleben vor Wohlstand 143 Freiheit vor Überverbrauch 144 4.5 Austausch fair gestalten 146 Abschöpfung und Wertschöpfung 147 • Von Fair Trade lernen 750 4.6 Chancen ungleich einräumen 152 Gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortlichkeiten 152 Ökologische Schulden 154
5. Gerechtigkeitsfähiger Wohlstand 157 5.1 Kontraktion und Konvergenz 158 Gleichheit – auf welchem Niveau? 159 • Wohlergehen und Ressourcenverbrauch 161 5.2 Rückbau des Hochverbrauchs 165 Im Dreischritt von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz 765 • Beispiel Energie 168 Beispiel Verkehnyi 5.3 Der Sprung nach vorn im Süden 172 Dezentrale Stromerzeugung 174 • Mobilität ohne Auto-Abhängigkeit 177 Regenerativer Landbau 180 • Finanzinstitutionen als Hilfesteller? 185
6. Verträge für Fairness und Ökologie 187 6.1 Gerechtigkeit im Treibhaus 189 Moleküle und Menschenrechte 190 Nutzungsrechte an der Atmosphäre 192 Ein Scheck pro Kopf 195 6.2 Fairness und Vielfalt 197 Souveränität als Schutz 198 • Rechte lokaler Gemeinschaften 200 6.3 Fairhandel statt Freihandel 203 Entwicklungsrechte vor Marktzugang 205 • Menschenrechte vor Marktzugang 208 Umweltrechte vor Marktzugang 215 • Denkansätze zur Neuerfindung der WTO 219 6.4 Bürgerpflichten für Unternehmen 222 Jenseits der Jahresbilanz 224 • Wie weit tragen freiwillige Standards? 227 Verantwortlich der Weltgesellschaft gegenüber 229
7. Was taugt Europa? 233 Make Law not War 233 • Kyoto – und was sonst? 236 Abschied von Marrakesch 239 • Allianzen für eine faire Zukunft 243
Anmerkungen 247 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 258 Literatur 259
Vorwort
Als vor drei Jahren eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Wuppertal Instituts mit den Vorarbeiten für dieses Buch begonnen hat, lautete die Ausgangsfrage: «Welche Globalisierung ist zukunftsfähig?» Globalisierung, so viel war klar, ist keine neue Entwicklung. Aber wie sind die aktuellen Erscheinungsformen und Trends zu erklären und zu bewerten? Globalisierung war und bleibt auch zukünftig gestaltbar, aber wo soll man ansetzen? Viel deutet daraufhin, dass die Globalisierung ökologischer Krisen und die Konflikte um strategische Rohstoffe wie Öl, Erdgas, Wasser, Edelmetalle etc. längst zur Triebkraft und zum Vorboten eines «Zeitalters der Ressourcenkriege» (Michael Klare) geworden sind. Ist daher die «Ökologievergessenheit» der Globalisierungskritiker nicht erstaunlich? Wird die Globalisierung der Ökologie nicht dringlicher, weil das dauerhafte Überschreiten von globalen Naturschranken nur um den Preis globaler Krisen und Katastrophen möglich ist? Als dieses Buch zum Druck stand, hat die Naturkatastrophe des Jahrhunderts, der Tsunami in Südostasien zum Jahreswechsel 2004/2005 Abertausenden den Tod und unsägliches Leid für Millionen Menschen gebracht. Noch nie war die «Eine Welt» in einer Schicksalsgemeinschaft so verbunden wie in diesen Tagen, als auf den Bildschirmen das Ausmaß der Katastrophe sichtbar wurde. Es war auch die größte Tourismustragödie aller Zeiten. Vielleicht hat dies im reichen Norden nicht nur die Demut vor den Naturgewalten, sondern auch die Wahrnehmung der Leiden der Armen gefördert. Denn in die Trauer um die Opfer und die spontane Spendenbereitschaft mischte sich auch die bittere Erkenntnis: Nicht die Ursache, aber das unbegreifliche Ausmaß dieses Natur-GAUs war menschgemacht. Es ist ein schwer zu ertragender Gedanke, dass es vielleicht einige Zehntausend weniger Tote gegeben hätte, wenn den Armen am Indischen Ozean ein ähnliches TsunamiFrühwarn-System zur Verfügung gestanden hätte wie den Reichen am Pazifik. Ist uns klar geworden, dass wir Reiche durch unseren überzogenen Ressourcenverbrauch zukünftig auch von Menschen gemachte Krisen in Gang setzen, deren Auswirkungen für die Armen vielleicht schleichender, aber deshalb nicht weniger grauenvoll wie ein naturgemachter Tsunami sein können? Dieses Buch spricht von Themen, die immer wieder kollektiver Verdrängung anheim fallen: globale Gerechtigkeit und das Schicksal der Biosphäre. Von den öffentlichen Finanzierungslöchern und den wegrationalisierten Jobs sind wir unmittelbar betroffen, der Klimawandel, die Armut und die Ressourcenkämpfe scheinen dagegen noch fern. Sind die globalen Heraus-
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forderungen zu groß? Dieses Buch rückt ins Licht, was jeder zwar ahnt, aber wofür niemand sich so richtig zuständig fühlt: Wie kann künftig in der Welt eine weitaus größere Zahl von Menschen ein würdiges Auskommen bei begrenzten Naturressourcen finden? Das ist das Schlüsselthema dieses Jahrhunderts. Aber es geht nicht nur um Ethik, sondern auch um unser Selbstinteresse als Bürger dieser einen Welt. Ressourcenkonflikte sind Treibstoff für kleine und große Zusammenstöße; sie setzen Dörfer und ganze Länder in Flammen. Wie sehr die jüngere Geschichte des Nahen Ostens, der Krisenregion schlechthin, mit Erdöl durchtränkt ist, braucht keine Erwähnung. Wie oft religiöse und ethnische Konflikte von Land- oder Wasserknappheit angetrieben werden, erschließt sich schnell für den genauen Betrachter. Und wie stark bevölkerungsreiche Länder wie China und bald auch Indien nach Öl und Kupfer, nach Soja und Holz jenseits ihrer Grenzen drängen, davon berichten die aktuellen Wirtschaftsnachrichten. Kurz gesagt: Ressourcenhunger macht die Welt friedlos. Ohne einen schonenden Umgang mit Naturgütern wird sich keine globale Sicherheitsordnung errichten lassen. Strategien zur Steigerung der Ressourcenproduktivität sind daher überall auch Friedenspolitik. Allerdings wäre es verfehlt, Ressourcenkonflikte nur als Sicherheitsfrage zu thematisieren. Letztendlich geht es um Recht oder Unrecht, Macht und Ohnmacht, also: um Gerechtigkeit im transnationalen Raum. Dass es gegenwärtig im Trend liegt, Umwelt- und Sicherheitsfragen zusammenzubringen, ist gefährlich. Denn wer nur von Sicherheit spricht, denkt gewöhnlich an die eigene und nicht an jene der anderen. Deshalb kommt es darauf an, die Konfliktlagen auf dem Globus nicht nur als Sicherheitsproblem, sondern auch als Ergebnis von Ungerechtigkeit zu begreifen. Nicht umsonst gehört der Spruch «Friede ist das Werk der Gerechtigkeit» von alters her zur Überlieferung politischer Weisheit. Mehr Gerechtigkeit in der Welt lässt sich aber nicht durch die Verbreitung des westlichen Wohlstandsmodells über den Globus hinweg verwirklichen. Das kostet zu viel Geld, zu viele Ressourcen und würde die Biosphäre vollends ruinieren. So steht die Entwicklung an einem Scheideweg: Entweder bleibt die Mehrheit der Welt vom Wohlstand ausgeschlossen oder das Wohlstandsmodell wird so umgestaltet, dass alle daran teilnehmen können, ohne den Planeten ungastlich zu machen. Es geht um die Wahl zwischen globaler Apartheid und globaler Demokratie. Dieses Buch nimmt Partei für eine demokratische, weltbürgerliche Ökologie. Es zeigt, dass der Übergang zu ökologischen Wohlstandsmodellen weltdemokratisch unerlässlich und überdies möglich und oft auch wirtschaftlich nützlich ist. So wird es höchste Zeit, die Produktions- und Konsummuster, welche die reichen Gesellschaften etabliert haben, ressourcen-leicht und naturverträg-
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lich zu machen. Dafür sind in den letzten dreißig Jahren eine Vielzahl wirksamer Technologien, naturnaher Verfahren, kluger Organisationsformen und qualitätsbewusster Lebensstile entwickelt worden. Einen Durchbruch freilich haben Macht und Marktzwänge bislang verhindert. Bei den ärmeren Ländern hingegen geht es um einen Start in die richtige Richtung. Und da ist China ein ambivalentes Beispiel; denn der bewunderte ökonomische Triumph Chinas ist, ökologisch gesehen, eher ein Debakel. Ein ökologisches und technologisches leapfrogging, das Überspringen ressourcenintensiver Produktionsweisen, könnte die Chance bieten, mehr Bürger, im Süden wie im Norden, Arbeit und Brot zu bringen und dennoch das Naturkapital zu kultivieren. Mit Fair Future möchte das Wuppertal Institut das Thema der globalen Ressourcengerechtigkeit in die öffentliche Aufmerksamkeit bringen. Es hat dafür eine Reihe von Untersuchungen vorgelegt, die als Papers im Internet verfügbar sind (www.wupperinst.org/globalisierung) und mit diesem Buch einen vorläufigen Abschluss finden. Mehr als zwanzig Kolleginnen und Kollegen waren für drei Jahre an der abteilungsübergreifenden Quergruppe «Welche Globalisierung ist zukunftsfähig?» beteiligt; aus dem Gesprächshumus dieser Gruppe ist dieses Buch gewachsen. Weitere Studien, wie sie u.a. etwa mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) zum Thema «Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren» laufen, sollen die Thematik weiterführen. Das erste Kapitel führt den Leser in die Problematik globaler Gerechtigkeit heute ein. Muss man die Ökologie opfern, um mehr Gerechtigkeit zu haben, oder die Gerechtigkeit opfern, um mehr Ökologie zu haben? Welche Auswege gibt es aus dieser Spannung? Im zweiten Kapitel wird dokumentiert, wer wie viel vom endlichen globalen Umweltraum in Beschlag nimmt. Wohin geht eigentlich all das Öl, all das Kupfer, all das Getreide? Beim ersten Blick auf die Geografie der globalen Stoffströme wird offenbar, dass die Industrieländer den Löwenanteil der Naturressourcen verbrauchen. Auf den zweiten Blick aber zeigt sich Bewegung: Neu aufsteigende Länder und Klassen aus dem Süden drängen mit Macht auf einen größeren Anteil. Allerdings ist die ungleiche Aneignung der Naturreichtümer kein gegebener Zustand; das dritte Kapitel geht den Mitteln der Macht nach und illustriert, wie über Geopolitik, Handelsverzerrung, Investitionskraft und Rechtssysteme die asymmetrische Verteilung der Ressourcen sichergestellt wird. Ungleichheit freilich ist nicht schon von sich aus verwerflich; wann aber schlägt sie in Ungerechtigkeit um? Das Nachdenken über Gerechtigkeit hat sich herkömmlicherweise auf die Nationalgesellschaft konzentriert. Das vierte Kapitel untersucht, was Fairness in der Weltgesellschaft heißen kann. Es fragt, was an einer unge-
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rechten Welt beunruhigend ist und umreißt vier Leitbilder transnationaler Ressourcengerechtigkeit, nämlich Menschenrechte, Teilhabegerechtigkeit, Fairhandel und Schadensausgleich. Diese Leitbilder führen im fünften Kapitel zu einer ersten Schlussfolgerung: Gerechtigkeitsfähige, weil ressourcen-leichte Wohlstandsstile zu realisieren ist der erste wichtige Beitrag zu größerer Ressourcengerechtigkeit. Es zeichnet sich ab, dass die Industrieländer (und der Norden im Süden) ihre Ressourcenansprüche nachdrücklich zurückbauen müssen, damit die Länder im Süden zulegen können. Dafür sind der Norden wie der Süden gehalten, mit einer Energie-, Verkehrs- und Agrarwende den Sprung nach vorne in eine Solarwirtschaft zu wagen. Damit weltweit andere Produktions- und Konsummuster an Boden gewinnen, bedarf es, wie das sechste Kapitel darlegt, einer Architektur globaler Kooperation. Deshalb lautet die zweite wichtige Schlussfolgerung, dass ohne eine politische Gestaltung transnationaler Märkte keine zukunftsfähige Globalisierung zu erwarten ist. Über Umweltverträge, die Organisation des Welthandels und einen Rechtsrahmen für die Aktivität transnationaler Unternehmen ist dafür zu sorgen, dass in der aufsteigenden Weltgesellschaft Prinzipien der Menschenrechte, der Fairness und der Naturverträglichkeit nicht länger hinter dem Prinzip des wirtschaftlichen Wachstums zurückgestellt werden. Genau im Projekt der zukunftsfähigen Globalisierung liegt, so behauptet das siebte Kapitel, die weltpolitische Mission Europas. Angesichts seiner glücklichen jüngeren Geschichte ist es dem alten Kontinent aufgegeben, in Allianz mit anderen Ländern, gerade auch mit Entwicklungsländern, auf der Weltbühne für Recht, Kooperation und Gemeinwohl einzutreten. Europa hat eine kosmopolitische Berufung – oder gar keine. Ein Buch kann unzeitgemäß sein, aber dennoch brisant. Wenn es gelingt, die Aufmerksamkeit der Leser für das Globale im Lokalen zu schärfen und überdies der kollektiven Verdrängung transnationaler Verantwortung entgegenzuwirken, hat sich die Mühe gelohnt. Dem Wuppertaler Team von Autoren und Mitarbeiterinnen unter der Leitung von Wolfgang Sachs und Tilman Santarius danke ich ganz herzlich für ihre Arbeit. 12. Januar 2005
Peter Hennicke Präsident des Wuppertal Instituts
1 Gerechtigkeit für Realisten Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern es kommt darauf an, auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Perikles, 500 v. Chr.
Wenn nicht alles täuscht, dann schließt sich in unseren Tagen ein Kreis, der sich vor mehr als fünfhundert Jahren geöffnet hatte. Am 3. August 1492 hatte die Große Ausfahrt begonnen. Von Palos aus, einem Hafen an der spanischen Atlantikküste, war Christoph Kolumbus mit drei Schiffen und 90 Männern aufgebrochen, um westwärts auf dem Seeweg jenen Kontinent zu erreichen, wohin lange vor ihm Marco Polo ostwärts auf dem Landweg gelangt war: Fernasien. Dem bewohnten Erdkreis den Rücken zukehrend, nahm er die unbekannte Wasserwüste in Angriff; die Aussicht auf Gold und Gottes Wohlwollen trieb ihn um den Erdball. Die Ausfahrt des Kolumbus war der Auftakt zum Ausgriff Europas auf die Welt, sie leitete – so zeigt sich im Rückblick – die Verflechtung der Welt nach dem Bilde des Westens ein. In den darauffolgenden Jahrhunderten folgten ganze Heerscharen den Spuren des Kolumbus. Missionare, Soldaten, Siedler und Kaufleute machten sich auf, um fremde Völker zu bekehren, zu unterwerfen, zu zivilisieren, zu beglücken. Den Segelschiffen folgten Frachtschiffe und Flugzeuge als Vehikel der Verflechtung und wurden ihrerseits von Telefonen, TV-Programmen und elektronischer Infrastruktur überlagert. Von Kolumbus zu CNN spannt sich ein Bogen: die Ausdehnung der euroatlantischen Zivilisation über alle fünf Kontinente. Die Große Ausfahrt von Palos war die ferne Eröffnung jenes Epochen übergreifenden Vorgangs, der am Ende des 20. Jahrhunderts «Globalisierung» genannt worden ist. Doch was seit 500 Jahren gegolten hat, gilt seit jüngstem nicht mehr. Über das Auf und Ab der Geschichte hinweg war durch all die Jahrhunderte ein Gesetz der Lastenverteilung am Werk, dessen Wirken nun aussetzt: Der Ertrag fiel gewöhnlich im Norden, das Leid aber im Süden an. Im euroatlantischen Zentrum konzentrierten sich Gewinne und Macht, während Ausbeutung und kulturelle Erosion in der Peripherie vorherrschten. Gewiss, mit Schulen, Hospitälern und Handel blieben Vorteile auch im Süden hängen, und selbst der Norden war nicht ganz gefeit gegen die Invasion unverträglicher Pflanzen oder den wirtschaftlichen Niedergang aufgrund kolonialer Verwicklungen. Doch aufs Ganze gesehen sorgte ein heimlicher Magnetismus dafür, dass sich die bitteren Folgen am einen und die positiven Ergebnisse am anderen Pol zusammenfügten. Der Norden wurde kaum je von den bitteren Folgen der Verflechtung der Welt heimgesucht. Jetzt aber macht sich ein Gezeitenwechsel bemerkbar. Seit ein, zwei Jahr-
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zehnten erreichen die widrigen Auswirkungen der Verflechtung auch den Norden. Es ist, als ob der alte Magnetismus seine Ordnungskraft verloren hätte: Die negativen Wirkungen beginnen zu vagabundieren, der Norden kann sich nicht mehr vor den schmerzhaften Verwerfungen schützen. Mit der Ökonomie begann es: Aufsteigende Schwellenländer wie Mexiko oder Malaysia, Korea oder China mausern sich zu veritablen Konkurrenten und machen den einstmals unangefochtenen Industrieländern Arbeitsplätze und Investitionen abspenstig. Beschäftigung und Wachstum – die Kernversprechen des Wohlstands – geraten unter Druck. Mit den Menschenströmen ging es weiter: Wirtschaftsemigranten und Flüchtlinge aus dem Süden und Osten der Welt drängen, halb legal, halb illegal, in die Wohlstandsfestungen der euroatlantischen Zone. Ferner lassen sich Umweltgefährdungen nicht von Grenzen abschrecken: Wenn im Süden Regenwald abgeholzt wird, die Vielfalt an Pflanzen und Tieren dahinschwindet oder der Ausstoß an Klimagasen wächst, dann wird die Biosphäre beeinträchtigt – auch zum Schaden des Nordens. Und schließlich wachsen sich hin und wieder Diktaturen unterschiedlicher Couleur zu einer militärischen Bedrohung auch für den Stärksten unter den Reichen aus. Megawaffen mitsamt Raketensystemen machen mitunter aus politischen Zwergen im Süden militärische Riesen, die selbst den gut gerüsteten Norden das Fürchten lehren können. Am Anfang stand die Große Ausfahrt des Kolumbus, am Ende steht die Rückkehr von Bedrohungen; es schließt sich der Kreis, der mit der europäischen Expansion geöffnet worden war.
1.1 Verflochtene Welt Dass aus der Integration der Welt Bedrohungen erwachsen können, ist für die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas keine Neuheit; zu oft mussten sie erleben, wie sie nach jedem Integrationsschub ärmer und abhängiger zurückblieben. Doch in diesen Jahren entdeckt der Norden seine eigene Verwundbarkeit, eine Erfahrung, die ihm bislang erspart geblieben war. Gewinne sind nicht mehr ohne Kosten zu haben; auch die Gesellschaften des Nordens sind inzwischen von den Kollateral schaden der Globalisierung betroffen. Die neue Verwundbarkeit Als ein symbolisches Datum, das in Analogie zum 8. August 1492 das Ende der Epoche der Immunität markieren könnte, bietet sich der 11. September 2001 an. Nicht, weil vorher keine Gefährdungen von außen in den euroatlantischen Schutzraum eingedrungen wären, sondern weil der Angriff auf das World Trade Center als Menetekel für die neue Verwundbarkeit ge-
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lesen werden kann. Vergrößert durch die kaum überbietbare Grausamkeit, Flugzeuge in Wolkenkratzer zu steuern, demonstrierte der Anschlag die Schutzlosigkeit der Supermacht Amerika gegenüber schwachen, aber entschlossenen Angreifern, noch dazu innerhalb der eigenen Grenzen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte, von Pearl Harbour abgesehen, sahen sich die USA von einem auswärtigen Gegner auf eigenem Territorium angegriffen. In dieser beispiellosen Kränkung ist wohl die Quelle für die Angst und die grimmige Entschlossenheit zu sehen, die in der Folgezeit die amerikanische Antwort prägte. Verstärkt wurde die Kränkung durch die Konstellation David gegen Goliath: Alle Angreifer stammten aus Arabien; die Anschläge wurden folglich von vielen Beobachtern als Attacke des Südens auf den Norden verstanden. Nun wäre es gewiss kurzschlüssig, den Terror von Manhattan als Fanal der Armen gegen die Reichen zu begreifen. Und doch wurzeln die Terroristen in einem Milieu der Ohnmacht1, das einen beträchtlichen Teil der Menschheit in einem Gefühl der Unterlegenheit, ja Erniedrigung verbindet. Es gründet in einer langen Geschichte von Demütigungen, von der arroganten Aufteilung Arabiens zwischen England und Frankreich nach dem Fall des Osmanischen Reichs über die eigene Unfähigkeit des Islam, sich in der Moderne zurecht zu finden, bis zur Dauerwunde Palästina und hat eine Kultur des Ressentiments und der Wut hervorgebracht, aus der die Terroristen Antrieb und Echo beziehen. Nicht einmal so sehr Armut oder Elend, sondern Empörung über die Machtverteilung in der Welt ist der Treibstoff des Terrorismus. An die Stelle der einseitigen Verwundbarkeit des Südens ist nunmehr die wechselseitige Verwundbarkeit aller Länder der Erde getreten. Zwar mögen die USA über die Mittel verfügen, Streitkräfte in aller Welt zu stationieren und sogar mehrere Kriege gleichzeitig zu führen; sie waren aber nicht in der Lage, ihr Land zu schützen, «weil die Interdependenz den Schwachen die Chance eröffnet, die Kräfte des Starken gegen diesen selbst zu wenden».2 So ist der 11. September auch zum Symbol für die dunklen Seiten der Globalisierung geworden, und das in einem ziemlich präzisen Sinn: Die Abschaffung der Entfernung schließt nicht nur die Wohltaten, sondern auch die Bedrohungen der Welt enger zusammen. Denn Globalisierung, das ist die zeitgenössische Erfahrung, lässt die Welt schrumpfen, liegt doch ihr Kern darin, über Verkehrs- und Kommunikationssysteme die räumliche Distanz zwischen entlegenen Orten zu verkleinern und sogar auf null zu bringen. Doch von den geschrumpften Raumverhältnissen profitiert nicht nur der Tourist, der sich zu exotischen Gestaden aufmacht, der Unternehmer, der ferne Märkte erschließt, oder der Bankkunde, der Bargeld weit von zuhause aus dem Automaten zieht, sondern eben auch der Schleuser, der Flugtickets verschafft, der Wirtschaftskriminelle, der schmutziges Geld verschiebt, oder der Terrorist, der Simultananschläge organisiert. Die Welt wird kleiner, auch
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für ihre Plagen. Die neue Verwundbarkeit der Mächtigen geht auf diese Veränderung in den Raumverhältnissen zurück. Dabei rücken Verlust- und Gewinnzonen zusammen. Die Spaltung der Welt in Arm und Reich wird zur Bedrohung, weil neuerdings die Katastrophen via Bildschirm ins Wohnzimmer eindringen, weil die Opfer vor der Haustüre stehen oder weil das wirtschaftliche Gefälle in der Welt heimische Arbeitsplätze abzieht. Kein Ozean ist weit genug, keine Mauer hoch genug, um selbst mächtige Länder gegen Wirtschaftskrisen, Epidemien, ökologische Gefahren und staatenlose Gewalt abzuschirmen. Der Zusammenschluss der Welt ist keine Einbahnstraße mehr, wie so lange in der Vergangenheit, sondern löst zunehmend einen Gegenverkehr an Gütern, Menschen und Emissionen aus, der den Norden in Unruhe versetzt. Die westliche Zivilisation ist am Anfang des 21. Jahrhunderts mit der bitteren Einsicht konfrontiert, dass ihre gewaltige Macht über die Welt und die Natur keineswegs umfassende Kontrolle einschließt; im Gegenteil, sie bringt – raumverschoben und zeitversetzt – Wirkungen hervor, die das Zentrum selbst destabilisieren können. Ebenen der Interdependenz Auch in früheren Jahrhunderten haben internationale Verflechtungen das Gesicht der Menschheit mit geprägt. Man denke an die Verbreitung südamerikanischer Pflanzen wie Kartoffel und Mais in Europa, an den Sklavenhandel im Dreieck von Afrika, England und dem karibisch-amerikanischen Raum, an die Veränderung von Genussgewohnheiten im imperialen England im Gefolge von importiertem Zucker, Kaffee und Kakao. Doch die letzten beiden Jahrzehnte haben diesen Prozess auf eine neue Höhe getrieben. In der Periode der Globalisierung hat sich die Vernetzung nicht nur räumlich ausgeweitet, sondern ist auch intensiver geworden, hat sich dabei beschleunigt und streut die mit ihr verbundenen Wirkungen weiter als früher. Die wechselseitigen Kontakte haben sich zu einer kompakten Welt verdichtet, und zwar auf drei Ebenen der Interdependenz: auf der technischen, der politischen und auf der symbolischen Ebene. Auf der technischen Ebene haben die letzten Jahrzehnte den Aufstieg des in Raum und Zeit verdichteten Globus erlebt. Wie jede Phase in der Entstehung weltweiter Verflechtung ist auch die Globalisierung von einem spezifischen Transport System getragen. Während sich die koloniale Phase auf Karavellen, die imperiale Phase auf Dampfschiffe und die Entwicklungs-Phase auf den Flugverkehr gestützt hatten, ist die Basis der Globalisierung die digitale Infrastruktur. Ohne das weltumspannende Netzwerk von Glasfaserkabeln, Mobilfunkantennen, Relaisstationen und Kommunikations-Satelliten gäbe es keinen Zusammenschluss der Welt in Echtzeit und Nulldistanz. Elektronische Datenflüsse machen geografische Distanz
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belanglos; Kilometer schrumpfen im Cyberspace zum Mausklick. Der Widerstand der Entfernung ist gebrochen, und weil auch die Kosten für Fernübertragung und Datenverarbeitung steil abgesunken sind, ist weltweite Interaktion zum täglichen Brot für die transnationale Mittelklasse geworden. Entwicklerinnen in verschiedenen Erdteilen arbeiten über Internet gleichzeitig an der Konstruktion eines neuen Autos, wie auch der Anruf eines Versandhauskunden in England von einem Call-Center in Indien beantwortet werden kann. Im beständigen, intensiven und geschwinden Fluss von Informationsbits rund um die Erde realisieren sich die Vernichtung der Entfernung und die Angleichung der Zeiten. Auf der politischen Ebene hat der Übergang zum transnationalen Globus die nationalstaatliche Organisation des gesellschaftlichen Lebens in Unruhe versetzt. Im Zuge der Globalisierung gelangte jene Ordnung an ihr Ende, die man als die «Westfälische Konstellation» bezeichnet hat.3 In der Folge des Westfälischen Friedens von 1648, der das Prinzip der territorial bezogenen Souveränität durchsetzte, war der europäische Nationalstaat entstanden. Er umfasste in seiner idealisierten Version ein Territorium, über dem sich ein Regierungssystem, eine Volkswirtschaft, eine Nation und eine Kultur wölbten. Einem Behälter gleich hielt der Nationalstaat die Gesellschaft in all ihren Aspekten in einem umgrenzten Raum zusammen. 4 Auf internationaler Ebene trat dann diese Einheit mit anderen ebensolchen Einheiten in freundschaftliche oder feindliche Beziehung. Beide Aspekte – die alleinige Zuständigkeit des Nationalstaats für die Ordnung im Inneren und seine alleinige Zuständigkeit für die Vertretung nach außen – waren in der Idee der Souveränität vereint. Doch mit der Globalisierung sind diese Behälter, obwohl die Realität diesem Konzept nie so ganz entsprochen hatte, aufgebrochen. Güter, Geld, Informationen, Bilder, Menschen strömen nunmehr über Grenzen und lassen einen transnationalen Großraum entstehen, in dem Interaktionen erfolgen, als ob die nationalstaatlichen Räume nicht existierten. Folglich fällt die frühere – allerdings nie vollständige – Integration von Ökonomie, Regierungssystem und Kultur innerhalb eines Territoriums auseinander und macht die Staaten zu einem Akteur unter anderen inmitten transnationaler Netzwerke. Unternehmen oder Nicht-Regierungs-Organisationen operieren mit geringer Rücksicht auf Grenzen jenseits der Kontrolle von Staaten. Staaten, die einst feierlich ihre Unabhängigkeit erklärten, sind heute besser beraten, ihre wechselseitige Abhängigkeit zu proklamieren. Ohne supranationale Kooperation kommt ihnen in einer transnationalen Welt nur mehr beschränkter Einfluss zu. Auf der symbolischen Ebene hingegen ist eine selbstreflexive Vorstellung vom Globus herangereift. Immer mehr Menschen ist ein Bild von der Welt zugänglich, in dem sie ihre Existenz mit dem großen Ganzen verbunden sehen. Gewiss gäbe es nur ein karges Bewusstsein von globaler Interdependenz,
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wenn nicht seit der Apollo-Mission zum Mond das Bild von der Erde als dem blauen Planeten zur Verfügung stünde. Zum ersten Mal in der Geschichte der menschlichen Wahrnehmung wurde die Erde als Ganzes sichtbar, wenn auch vermittelt durch die Fotografie.5 Das Bildhat synoptische Kraft: Es eröffnet die Zusammenschau über Meere und Kontinente hinweg und enthüllt damit weiträumige Felder von Wechselbeziehungen, die vorher der menschlichen Anschauung verborgen waren. Aus der zeitgenössischen Bilderwelt ist dieses Foto von der Erde aus dem All nicht mehr wegzudenken; es ziert Umwelt-Reports ebenso wie Fernseh-Nachrichten, T-Shirts ebenso wie Werbespots. Ohne das Bild würde kaum anschaulich, was mit der Rede von «einer Erde» oder «einer Welt» gemeint ist. Überdies erzeugt es eine Wahrnehmung, die lokales Handeln in einen globalen Rahmen stellt. Legt es sich nicht für jede nahe, dass sie selbst, bei genügend großer Auflösung, auf dem Bild zu finden wäre? Diese visuelle Überblendung von globaler und individueller Existenz ist dabei, die kognitiven und moralischen Koordinaten der Eigenwahrnehmung zu verschieben. Die Folgen einer Handlung, so legt das Bild nahe, können bis an die Grenzen der Erde reichen, und alle sind dafür verantwortlich. So kann es geschehen, dass mit einem Male Autofahren mit dem Treibhauseffekt verbunden wird und auch die Spraydose oder die Flugreise in den Geruch globaler Grenzüberschreitung geraten. Von daher lässt sich durchaus eine vorläufige Bilanz der Globalisierungsepoche ziehen. Aus einer Vielzahl von Nationalgesellschaften taucht im Umriss eine Weltgesellschaft auf. Weil Kommunikationsstränge, Arbeitsteilung und Weltbilder grenzen-los geworden sind, weil sich die wechselseitigen Abhängigkeiten auf dem Erdball potenziert haben, nimmt die Welt – langsam und beileibe nicht überall – den Charakter einer Gesellschaft an. Daher kann die Emergenz einer Weltgesellschaft als das Kennzeichen unserer Zeit gelten. Freilich ist keineswegs ausgemacht, welche Gestalt diese Weltgesellschaft haben wird. Ihre heutige Lage ist mit jener der nationalen Gesellschaften vor ein paar Jahrhunderten vergleichbar. Wie die Nationalstaaten, nachdem sie einst kleinere Einheiten wie Städte und Fürstentümer in sich aufgenommen hatten, sich dann zu Königreichen, Demokratien oder Diktaturen entwickelten, so kann auch die Weltgesellschaft, indem sie kleinere Einheiten wie transnationale Unternehmen, Staaten oder Organisationen der internationalen Zivilgesellschaft in eine neue Konstellation bringt, ganz verschiedene Gesichter annehmen. Noch ist unsicher, was ihre Ideale, wer ihre Gewinner und Verlierer und was ihre Institutionen sein werden. Das wird aus immer neuen Debatten, aus konkurrierenden Utopien und aus langwierigen Machtkämpfen hervorgehen. Namen wie Seattle, Porto Alegre oder Davos sind zu Symbolen für ein Kräftemessen zwischen unterschiedlichen Perspektiven für die Weltgesellschaft geworden. Welche Art von Globalisierung wollen wir? Das ist die Schlüsselfrage.
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Präventive Gerechtigkeit Gerechtigkeit, so hat der Kirchenvater Augustinus gesagt, ist das, was eine Gesellschaft von einer Räuberbande unterscheidet. In der Epoche der Globalisierung rückt die Welt zusammen; ob aus ihr eine Weltgesellschaft oder eine Weltwillkürherrschaft hervorgeht, entscheidet sich an der Gerechtigkeit. Im ersten Fall wird der wechselseitigen Abhängigkeit von Staaten und Völkern durch eine Ordnung transnationalen Rechts und Respekts Rechnung getragen. Im zweiten Fall wird trotz Interdependenz Stabilität durch die Vorherrschaft verschiedener Machtgruppen hergestellt. Anders ausgedrückt: Die zukünftige Gestalt der Welt hängt davon ab, ob auf lange Sicht die Stärkung des Rechts oder das Recht des Stärkeren die Oberhand behält. Nicht wenige Beobachter fürchteten im Frühjahr 2003, dass die USA mit dem völkerrechtlich nicht gedeckten Krieg gegen den Irak eine welthistorische Weichenstellung im Sinne dieser Alternative vorgenommen haben. Jedenfalls zeigt sich: Die weltweiten Verflechtungen haben einen solchen qualitativen Sprung gemacht, dass bei den internationalen Auseinandersetzungen am Beginn des 21. Jahrhunderts nichts weniger als die Ordnungsgestalt der zukünftigen Welt auf dem Spiel steht. Nun gibt es seit den Zeiten der griechischen Polis auf die Schlüsselfrage, was eine gelingende Gesellschaft ausmacht, eine bündige Antwort: In ihr herrscht Gerechtigkeit. Denn eine ungerechte Gesellschaft entspricht weder den Strebungen der Menschen, noch kann sie auf Dauer Bestand haben. Wie viel jemand von den Gütern der Gesellschaft besitzen soll, was ihm an Achtung und Rechten zukommt, das muss gerecht geregelt sein. Wie umstritten in der Geschichte die konkrete Gestalt der Gerechtigkeit auch immer war – an der Geltung des Prinzips haben doch wenige gezweifelt. Die Gerechtigkeit, so lässt sich sagen, hat für die soziale Welt die gleiche Bedeutung wie das Ökosystem für die natürliche und die Sprache für die kulturelle Welt; sie ist das Rückgrat einer dauerhaften Ordnung. Warum soll das bei der Weltgesellschaft anders sein? Die Antreiber der Globalisierung hatten wohl Einkommensgewinne, Machthoffnungen oder auch Ingenieurleistungen im Sinn, aber kaum die Gerechtigkeit. Und dennoch: Mit ihrem Erfolg haben sie eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit hervorgebracht, in der die Frage der Gerechtigkeit unausweichlich wird. Denn in einer weiten Welt stellt sich die Frage der Gerechtigkeit national, in der geschrumpften Welt jedoch transnational. Solange die Menschen sich hauptsächlich von Mächten im lokalen oder nationalen Umkreis abhängig sehen, haben sie keinen Anlass, ihre Forderungen nach Gerechtigkeit an Adressaten jenseits ihrer Gesellschaft zu richten. Ebenso haben Menschen, solange sie nur im lokalen oder nationalen Umkreis Einfluss und Macht ausüben, keinen besonderen Grund, ihr Handeln auf das Wohlergehen ferner Völker auszurichten. Entsteht freilich eine ge-
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genseitige Abhängigkeit ohne Grenzen, dann erweitert sich sowohl das Verlangen nach Gerechtigkeit wie auch die Verantwortung für Gerechtigkeit. Dann ist es kein Wunder, dass etwa die Ogoni im Niger-Delta einem englisch-holländischen Unternehmen wie Shell Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, dass die Insel Palau vom fernen Deutschland Reparationen für Ressourcenplünderung in der Kolonialzeit fordert oder dass Südländer die Öffnung der nördlichen Agrarmärkte einklagen. Und ebenfalls liegt es in der Konsequenz der Dinge, wenn der Generalsekretär der Vereinten Nationen von den reichen Ländern erwartet, sich stärker bei der Armutsbekämpfung im Süden zu engagieren. Das Ringen um Gerechtigkeit verlagert sich zu einem erheblichen Teil auf die globale Bühne. Solange ferner einseitige Abhängigkeiten auf der Welt vorherrschten, war Gerechtigkeit eine Sache für Gutmenschen. Denn die mächtigen Gesellschaften hatten kein negatives Feedback zu befürchten, wenn sie sich um Gerechtigkeit nicht kümmerten. Seit hingegen wechselseitige Abhängigkeiten an der Tagesordnung sind, ist Gerechtigkeit zu einer Sache für Realisten geworden. Denn auch die Mächtigen werden – wie der Angriff auf das World Trade Center unübersehbar zeigt – von den Leidensfolgen ihrer fernen Taten heimgesucht. Angesichts bedrohlicher Abhängigkeiten steht die Welt, wenn nicht alle Zeichen trügen, vor einer Verzweigungssituation, an der sich der Weg zu einer Gerechtigkeitsordnung oder zu einer Herrschaftsordnung gabelt. Zugespitzt formuliert: Entweder können die mächtigen Gesellschaften für präventive Kriegsführung optieren oder für präventive Gerechtigkeit. In den Jahren seit dem 11. September 2001 hat unter maßgeblicher Führung der USA die militärisch-geheimdienstliche Variante den Vorrang gehabt. Deshalb steht zu befürchten, dass jene Infrastruktur an elektronischer Überwachung, präventiver Rechtsminderung und internationaler Truppenstationierung, die als Antwort auf den Terrorismus aufgebaut worden ist, zu einem transnationalen Verteidigungsring gegen Krisen aller Art mutiert. Demgegenüber kommt es darauf an, die Idee der vorbeugenden Gerechtigkeit auszuarbeiten und mit ihr eine alternative Politik vorzubereiten. Dieses Buch versteht sich als ein Beitrag dazu.
1.2 Zerklüftete Welt Es ist erst sechs Jahrzehnte her, seit Colin Clark im Jahr 1939 zum ersten Mal für eine Reihe von Ländern Zahlen über das Nationaleinkommen zusammengestellt hatte.6 Seitdem hat sich das Bruttosozialprodukt als ein Indikator durchgesetzt, mit dessen Hilfe die olympischen Tabellen der Wirtschaftsleistung aufgestellt werden, die jeder Nation eine Position im globalen Ranking zuweisen. Diese statistische Operation hat einen unleugbaren
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Vorzug: Sie bringt eine unübersichtliche Welt in ein klares Bild. Dabei beruht sie, genau besehen, auf einem zivilisatorischen Vorurteil: Weil die Qualität einer Zivilisation an der Höhe des Nationaleinkommens erkennbar sein soll, kann ein und dieselbe Messlatte an alle Kulturen angelegt werden. Folgerichtig lassen sich Länder nach Rang skalieren und lässt sich ihr Entwicklungsgang durch Aufstieg oder Abstieg auf der Skala ausdrücken. Erst der Sieg der ökonomischen Weltsicht ermöglichte diese mittlerweile zur Konvention gewordene Klassifizierung. Erst nachdem so die Verschiedenartigkeit der Lebensweisen, sei es auf Reunion oder in Rajasthan, auf eine Hierarchie aggregierter Einkommenszahlen geschrumpft war, sprang die enorme Kluft zwischen «reichen» und «armen» Ländern ins Auge. Ungleichheit in Wirtschaftskraft ist seither, was die Welt in Champions und in Versager teilt, ebenso wie nunmehr Einkommenszuwachs als der goldene Weg zu gesellschaftlicher Blüte gilt. Dieses Weltmodell der Entwicklung, denn als das wird es verstanden, erzeugte ein monumentales historisches Versprechen – dass am Ende alle Nationen in der Lage sein werden, die Kluft zu den Reichen zu schließen und an den Früchten der wirtschaftlichen Zivilisation teilzuhaben.7 Dabei vereinte dieses Versprechen zwei tief sitzende Interessen, nämlich das Interesse des Nordens, die Wirtschaftsarena auszuweiten, mit dem Interesse des Südens, endlich Anerkennung und Gerechtigkeit zu finden. Der Norden setzte zur Expansion, der Süden zur Aufholjagd an. Binnen einiger Jahrzehnte sollte die Spaltung der Welt, jenes verhängnisvolle Erbe des Kolonialismus, gemildert, wenn nicht gar überwunden sein. Mehr Gleichheit zwischen den Nationen, dieser Erwartungshorizont hat die Geschichte zwischen Nord und Süd in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angetrieben. Abstand der Nationen Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das zeigt sich, wenn heute das Feld der Ungleichheit zwischen Nationen vermessen wird. Eine geläufige Methode, Ungleichheit in einer Gesellschaft darzustellen, stellt fest, wie weit eine gegebene Einkommensverteilung vom Zustand vollkommener Gleichheit abweicht. Im so genannten Gini-Koeffizienten wird der Grad der Ungleichheit in einer Gesellschaft gemessen, und zwar auf einer Skala, die vom Wert 0 – alle haben gleiches Einkommen – zum Wert 1 – einer hat alles Einkommen – reicht. Je höher der Koeffizient, desto ausgeprägter ist also die Polarisierung in Reich und Arm. Wenn dieses Verfahren mit Hilfe des Bruttosozialprodukts pro Kopf auf die Weltgesellschaft angewandt wird, ergibt sich die in Abbildung 1 dargestellte Entwicklung für den Zeitraum 1950 bis 1998. Am niedrigsten war die Spreizung der Ungleichheit zwischen Ländern am Beginn des Beobachtungszeitraums. Dann folgt eine Periode einer un-
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Abb. 1: Ungewichtete internationale Ungleichheit nach dem Gini-Koeffizienten (1950–1998).8 Mit dem Gini-Koeffizienten lässt sich der Grad der Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft beschreiben. Insbesondere seit der Mitte der 1980er Jahre hat die Ungleichheit zwischen den Ländern der Welt, gemessen am Verhältnis der nationalen Pro-Kopf-Einkommen zueinander, stark zugenommen.
steten leichten Zunahme, bis etwa ab 1978 der Abstand zwischen Reich und Arm stetig und kräftig wächst, insgesamt um fast 20 Prozent. Die Ursache für die fast durchgängige Steigerung der Ungleichheit ist leicht zu finden: Entgegen den Erwartungen der Südländer, ihren Rückstand endlich aufzuholen, wuchsen die reichen Länder während des ganzen halben Jahrhunderts schneller als Lateinamerika und Afrika (nicht aber Asien); für diese beiden Kontinente war eher ein Ausreißen der Reichen als ein Aufholen der Armen zu beobachten. Die Erwartung, mit der Integration in die Weltwirtschaft würden gerade die schwachen Länder im Wachstum den starken überlegen sein, hat sich also als Wunschdenken erwiesen. Übrigens lagen – wiederum entgegen einer verbreiteten Erwartung – im Zeitraum der Globalisierung ab dem Ende der 1970er Jahre für alle Weltregionen die Wachstumsraten niedriger als in den zwanzig Jahren davor.9 Im Vergleich der beiden Epochen hat – aufs Ganze gesehen – Globalisierung weniger als die Hälfte an Wachstum gebracht. Ganz besonders blieben Lateinamerika und Afrika in dieser Periode zurück; deshalb ist das Feld der Läufer in der globalen Wirtschaftsarena in der Globalisierungsperiode weiter auseinander gerissen. Um zu ermessen, was sich an Ungleichheit in der Welt herausbildet, ist ein Vergleich mit den Verhältnissen auf nationalstaatlicher Ebene auf-
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schlussreich. Dabei zeigt sich, dass die Weltgesellschaft – verstanden als eine Versammlung von Staaten – einen ähnlichen Grad an Ungleichheit besitzt wie jene Nationen, die im globalen Vergleich den höchsten Grad an innerer Ungleichheit aufweisen. So lag im Jahre 1998 der Gini-Koeffizient für die weltweite Staatengemeinschaft bei knapp o,5410, was sie von Ländern wie Italien (0,36) oder Südkorea (0,32) klar abhebt, aber fast in dieselbe Liga wie Brasilien (0,59) oder Südafrika (0,59) befördert.11 Wer die Zustände in Brasilien oder Südafrika unerträglich findet, kann auch für die Verhältnisse auf der Welt nichts übrig haben. In der krassen Aufspreizung von Macht und Privileg zwischen den Nationen manifestiert sich der Sachverhalt, dass die wirtschaftliche Spaltung der Welt eine entscheidende Hürde auf dem Weg zur Weltgesellschaft ist. Allerdings zeigt der Befund nicht die ganze Wahrheit. Denn die statistische Darstellung der Ungleichheit steckt voller Fallstricke. Dass die Polarisierung zwischen reichen und armen Ländern zunimmt, ist nur ein Aspekt der Ungleichheitsdynamik in der Welt, der andere ist, dass innerhalb des polarisierten Feldes allerhand in Bewegung geraten ist. Schon der Blick auf die Ungleichheit zwischen Nationen erliegt leicht einer optischen Illusion, weil es unangemessen ist, Nationen als gleichwertige Individuen zu behandeln. So kommt bei der Berechnung des internationalen Gini-Koeffizienten nicht die Bevölkerungsgröße der jeweiligen Länder zur Geltung, mit der Folge, dass etwa die Bevölkerungsriesen China und Indien genauso wie die Bevölkerungszwerge Sri Lanka oder Nepal behandelt werden. Nun hat aber gerade China und in geringerem Maße auch Indien im Wirtschaftswachstum während der letzten beiden Jahrzehnte einen großen Sprung nach vorne getan, das chinesische Pro-Kopf-Einkommen ist in dieser Periode jährlich um 8 bis 10 Prozent und das indische um 5 bis 7 Prozent angestiegen. In der Tat, gibt man nicht Ländern gleiches Gewicht, sondern Bevölkerungen, dann verschwindet der Trend zu größerer Ungleichheit.12 Mehr noch, bei der Gewichtung des Bruttosozialproduktes nach Bevölkerungsgröße kehrt sich der Trend um: Die Ungleichheit zwischen nationalen Bevölkerungen nimmt seit etwa 1980 ab und hat in den 1990er Jahren den niedrigsten Punkt seit einem halben Jahrhundert erreicht (Abbildung 2). Eine verwirrende Folgerung stellt sich ein: Ob die globale Ungleichheit ab- oder zunimmt, hängt davon ab, welche statistische Brille man aufsetzt! Für beide Sichtweisen gibt es gute Gründe: Die ungewichteten Werte des Bruttosozialprodukts geben Auskunft über das Verhältnis zwischen Nationen, die gewichteten indes über das Verhältnis zwischen Nationalbevölkerungen. Der hoffnungsvolle Trend im letzteren Falle ist vor allem China zu verdanken: Kein Land hat einen solchen Zuwachs an Menschen und gleichzeitig eine solche Einkommenssteigerung hervorgebracht. Kein Wunder, dass sich Globalisierungsfreunde und -kritikerinnen immer wieder im Streit
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Abb. 2: Nach Bevölkerungsgröße gewichtete internationale Ungleichheit nach dem GiniKoeffizienten (1950-1998).13 Werden bei der Berechnung des Gini-Koeffizienten die Länder nach der Bevölkerungsgröße gewichtet, nimmt die internationale Ungleichheit seit den 1970er Jahren ab.
um Ungleichheit festbeißen; denn statistisch lässt sich sowohl ein negativer wie ein positiver Befund belegen. Während die Kritiker die sich öffnende Schere im Einkommen zwischen den Ländern beklagen, verweisen die Befürworterinnen darauf, dass einige hundert Millionen Bürger mit steigendem Einkommen in China und Indien bald weitere Hunderte von Millionen mit sich ziehen werden. Doch selbst wenn man die Ungleichheit zwischen Nationen im Auge behält, steht außer Frage, dass Südkorea wie Taiwan oder auch Mexiko, China oder Indien dabei sind, den Abstand zu den reichen Ländern zu verkürzen. Eine Gruppe von 10 bis 15 Schwellenländern ist voll in nachholender Entwicklung begriffen – auch wenn etwa China und Indien trotz ihres Wachstumsvorsprungs fast hundert Jahre weiter wachsen müssten, nur um das heutige Einkommensniveau der USA zu erreichen.14 Anders dagegen sieht die Lage für die große Mehrheit der Länder aus. Für Lateinamerika ist der Abstand zu den Industrieländern ein wenig, für Schwarzafrika und allgemein für die am wenigsten entwickelten Länder aber rasant angewachsen.15 Insbesondere Afrika und Teile Asiens sind weit davon entfernt aufzuholen; im Gegenteil, sie fallen stetig weiter zurück. Mit anderen Worten: Seit etwa 1970, als noch alle Länder des Südens in der Einkommenshöhe benachbart waren, haben Aufstiegs- und Abstiegsbewegungen das Feld neu
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sortiert. Innerhalb der früher relativ homogenen Gruppe der Südländer hat sich eine dramatische Polarisierung vollzogen: Die einen spurten davon, die anderen fallen zurück. So hat die Globalisierungsepoche ein janusköpfiges Ergebnis hervorgebracht: Einerseits erlebten manche Länder ihren Anschluss an die globale Wachstumswirtschaft, andererseits aber auch viele Länder ihren Ausschluss von ihr. Deshalb ist es irreführend, umstandslos von der Integration der Weltgesellschaft im Zuge der Globalisierung zu sprechen; in Wahrheit lässt sich ein Prozess der globalen Fragmentierung beobachten.16 Neben die Industrieländer, wo die Schaltstellen der Weltökonomie angesiedelt sind, treten die wirtschaftlich erstarkenden Schwellenländer, wohin Produktionszonen für Hardware und Software ausgelagert werden, während die Peripherie-Zonen die von der Weltökonomie ausgegrenzte Mehrheitswelt umfassen, und zwar sowohl ganze Länder – vor allem in Afrika, aber auch in Lateinamerika und Asien – wie auch manches Binnengebiet innerhalb der Schwellenländer. Blickt man auf die hoch gespannten Hoffnungen der Nachkriegsjahrzehnte zurück, ist jedenfalls eine Einsicht unumgänglich: Die Erwartung einer Konvergenz in der Entwicklung der Nationen ist von der Geschichte falsifiziert worden; die Welt entwickelt sich, aber in zwei entgegengesetzte Richtungen. Ungleichheit innen Mit den Augen des Statistikers gesehen hängt der Gesamtumfang an wirtschaftlicher Ungleichheit zwischen den Menschen in der Welt von zwei Bestimmungsfaktoren ab: dem Umfang an Ungleichheit zwischen Ländern und innerhalb von Ländern. Wenn, so könnte man sich in einem Gedankenspiel klar machen, alle Nationen in ihrem Einkommen gleichauf lägen, dann gäbe es zwar immer noch Ungleichheit zwischen den Personen, aber ihr Umfang würde allein von den Verteilungsstrukturen innerhalb der Länderbestimmt. Umgekehrt, wenn alle Nationen innerhalb ihrer Grenzen Einkommensgleichheit realisiert hätten, dann würde der Umfang an Ungleichheit in der Welt allein von der Ungleichheit zwischen den Ländern abhängen. Was würde es bringen, wenn alle Länder das gleiche Durchschnittseinkommen hätten? Viel, so lässt sich das Gedankenspiel weiterführen, denn die Statistiker erklären gute drei Viertel der Varianz zwischen Personen mit der Varianz zwischen Nationen.17 Der nach Bevölkerungszahl gewichtete Einkommensabstand zwischen, sagen wir, den USA und Indien ist beträchtlich größer als jener zwischen Manhattan und der Bronx beziehungsweise jener zwischen Bombays Malabar Hill und Dharavi Slum. Von daher ist eine Angleichung der Einkommen zwischen den Ländern immer noch der Königsweg zu nach dem Einkommen gerechten Weltverhältnissen. Trotzdem spielt die Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft eine wichtige Rolle, und
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zwar deshalb, weil nach wie vor im Erleben der Menschen zuvörderst die eigene Gesellschaft den Vergleichsrahmen abgibt. Offensichtlich sind manche Gesellschaften ungleicher als andere. Wer in Südafrika wohnt, ist einer weit größeren Spreizung zwischen Reich und Arm ausgesetzt als jemand, der in Südkorea zuhause ist. Aussagekräftig ist eine Dreier-Typologie, die Gesellschaften nach dem Anteil der 20 Prozent Reichsten, der 40 Prozent Mittelklasse und der 40 Prozent Ärmsten der Bevölkerung am Gesamteinkommen klassifiziert.18 Am einen Ende der Skala finden sich die extrem polarisierten Länder, wo das Verhältnis bei 60:30:10 liegt, das heißt, die 20 Prozent Reichsten beziehen etwa 60 Prozent, die Mittelklasse etwa 30 Prozent und die 40 Prozent Ärmsten etwa 10 Prozent des Gesamteinkommens. Länder wie Brasilien, Chile, Mexiko, Südafrika, Botswana, Zimbabwe, Kenia, Thailand fallen unter diese Kategorie. Am anderen Ende der Skala indessen versammeln sich die gering polarisierten Gesellschaften, wo das Verhältnis typischerweise bei 40:40:20 liegt. Dazu gehören die meisten Industrieländer mit Ausnahme der USA, aber auch Ghana, Indien, Indonesien, Taiwan, Südkorea, Ägypten. Dazwischen bewegen sich die moderat polarisierten Länder mit einem Ungleichheitsverhältnis von 50:35:15, worunter – neben den USA – die Masse der Südländer fällt, von Honduras bis Vietnam und von Peru bis Nigeria. Grob gesagt, finden sich die extrem polarisierten Länder vorwiegend in Südamerika sowie in Afrika, während die gering polarisierten Länder eher in Europa und Asien anzutreffen sind. Wendet man den Blick zurück auf die letzten Jahrzehnte, dann überrascht eher die Stabilität als der Wandel in den Einkommensverhältnissen. Wie Felsen in der Brandung haben die Ungleichheitsverhältnisse den wiederkehrenden Wellen an Entwicklung, Wachstum und Globalisierung getrotzt. Ein Abbau von Ungleichheit war die Ausnahme. Wenn sich überhaupt Veränderungen ergeben haben, dann fand eher eine Verschärfung statt. So nahm im Zeitraum 1980 bis 2000 bei einer Grundgesamtheit von 73 Ländern die Ungleichheit in 48 Ländern zu und ging in 9 Ländern zurück.19 Das heißt: Die Globalisierung der Märkte ist mit negativen wie positiven Veränderungen in den Strukturen der Ungleichheit verbunden, auch wenn weit häufiger eine Zunahme der Polarisierung zu beobachten ist. Vor allem in den Ländern des Südens war in den letzten beiden Dekaden – abgesehen von Taiwan – nirgendwo eine durchgängige Verringerung der Ungleichheit zu registrieren. In Ländern wie China, Chile, Kolumbien oder Mexiko zum Beispiel hat die Spreizung der Ungleichheit (angezeigt durch den Gini-Koeffizienten) zugenommen, während sie in Südkorea, Indonesien, Philippinen, Indien und Brasilien gleichgeblieben ist.20 Explodiert allerdings ist die Ungleichheit in den ehemals kommunistischen Ländern: In Russland, Polen, Bulgarien – nicht aber in Ungarn nach 1994 – vollzog sich in den 1990er Jahren eine rasante Aufspaltung ihrer Gesellschaften. Als
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Summe lässt sich festhalten: Wirtschaftliche Globalisierung korreliert kaum je mit dem Abbau von intranationaler Ungleichheit, sondern eher mit ihrer Vertiefung oder bestenfalls ihrer Stagnation. Schwerer zu greifen sind allerdings mentale Verschiebungen, die mit der Globalisierung von Wirtschaft und Kultur einhergehen. Es weitet sich der Horizont der Wünsche und Hoffnungen. Denn das Bewusstsein der Ungleichheit hängt wesentlich von der Referenzgruppe ab, an der jemand seine eigene Lage misst. Wird keine andere Referenzgruppe für maßgeblich gehalten, dann sehen – wie in manchen Kulturen – selbst Arme keinen Grund, sich als unterprivilegiert einzustufen. Verschiebt sich indes der Vergleichshorizont auf Referenzgruppen, die geografisch weiter entfernt wohnen oder sozial auf der Stufenleiter weit höher angesiedelt sind, dann verstärkt sich die Wahrnehmung des eigenen Defizits und löst entweder drängende Wünsche oder starke Frustrationen aus. Frühere Entwicklungstheoretiker haben diesen Schub die «Revolution der steigenden Erwartungen» genannt. Erst mit der Globalisierung kommt sie weltweit so richtig zum Durchbruch und erfasst alle Gruppen, die Masse wie die Eliten. Immer mehr Menschen vergleichen sich nicht mehr mit ihren Nachbarn, sondern mit den Besitz- und Lebensstilen entfernter Gruppen. Auch die Eliten bauen ihre Erwartungen um: Sie vergleichen sich nicht mehr mit den weniger Privilegierten im eigenen Land, sondern mit den noch Begünstigteren in reichen Ländern. Diese Expansion des Vergleichshorizonts auf allen Ebenen der sozialen Stufenleiter wirkt auf doppelte Weise. Sie wirkt als Treibstoff für Hoffnungen und Ansprüche, indem sie Menschen ermutigt, die Latte höher zu legen. Und sie wirkt als Sprengstoff, wenn die steigenden Erwartungen den begrenzten Realisierungschancen davonlaufen; das Gefühl, zu kurz zu kommen, wird dann chronisch. In welche Richtung sich diese Dynamik der Ungleichheit wendet, davon wird das Schicksal nicht weniger Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten abhängen. Drift der Weltarmut Schicksalsfragen beschwören oft harte Kontroversen herauf. Das gilt auch für die Frage: Wie entwickelt sich die Weltarmut? Wenige Fragen gehen so an den Nerv der herrschenden Weltordnung, wenige haben eine so hartnäckige Fehde in der internationalen Öffentlichkeit ausgelöst. Ganz gegenteilige Antworten sind zu hören, und es ist schwer geworden, aus dem Dickicht der unterschiedlichen Vorannahmen, Untersuchungsmethoden und Interessen heraus zu einer gewissen Klarheit zu finden. So fragt eine Broschüre des International Forum on Globalization: «Hilft die Globalisierung den Armen?»21, um mit einem selbstgewissen «Nein» zu enden. The Economist wiederum stellt breit die Frage in den Raum, wer bei der Globalisierung gewinne, um dann ebenso selbstgewiss die Antwort zu geben: die Armen.22
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Gewiss, die einen schelten die «Globalisierung» und die anderen loben sie, aber erstaunlich ist, dass zwischen den Parteien selbst der Befund zur Armut strittig bleibt. Es gibt keine Einigkeit darüber, ob die Armut in der Welt zunimmt oder abnimmt, ungeachtet der Frage, welche Rolle die Globalisierung dabei spielt.23 Also etwas vorsichtiger gefragt: Hat sich in der Globalisierungsperiode die Lage der Armen verbessert? Die Antwort ist ein vorsichtiges «Ja», gefolgt von einer Salve an «Aber». Betrachtet man die Zahl der Menschen in der Welt, die der bei der Weltbank üblichen Armutsdefinition entsprechend mit einem Jahreseinkommen von weniger als 360 US-Dollar – ein Dollar oder weniger am Tag – leben müssen, dann ist festzustellen: Von 1980 bis 2001 hat sich weltweit die Zahl der unter dieser Grenze lebenden Armen von 1481 auf 1092 Millionen, also um etwa 390 Millionen verringert.24 Angesichts der gleichzeitig gestiegenen Bevölkerungszahl ist das als enormer Erfolg anzusehen. Damit ist auch der Anteil der Armen in der Weltbevölkerung zurückgegangen: Während er im Jahre 1981 noch 40,4 Prozent ausmachte, war er im Jahre 2001 auf 21,1 Prozent gefallen.25 Setzt man ferner die Armutslinie bei zwei Dollar am Tag an, lässt sich für dieselben Jahre ein Rückgang von 66,7 Prozent auf 52,9 Prozent der Weltbevölkerung, die weniger als diese Summe haben, verzeichnen. Allerdings stützen sich diese Erfolgsmeldungen vornehmlich auf die Integration von einigen hundert Millionen Menschen in die Wachstumswirtschaft Chinas und in geringerem Maße auch Indiens. Außerhalb Chinas hat sich in dieser Periode die Zahl der extrem Armen von 840 auf 890 Millionen erhöht.26 Wenig hat sich am Anteil der Einkommensarmen in Lateinamerika verändert, angestiegen ist er in Afrika südlich der Sahara und zudem in Osteuropa und Zentralasien. Immerhin leben also außerhalb Chinas und Indiens mehr Menschen in extremer Armut als vor zwanzig Jahren – und damit wohl mehr als jemals zuvor. Trotzdem, die Weltbank und andere Protagonisten des Fortschritts sehen die Dinge im frischen Morgenlicht der wirtschaftlichen Globalisierung; ihr Optimismus, mit Marktöffnung und Wachstum auf dem richtigen Wege zu sein, wurzelt in der Erwartung, dass mit China und Indien schon ein Drittel der Weltbevölkerung in Bewegung gekommen ist und dasselbe Modell sich im Prinzip auch in anderen Regionen wiederholen lässt. Die Skeptiker indessen gießen Wasser in den Wein der Optimisten. Sie stellen schon die Definition der Armutsgrenze in Zweifel. Es sei, so sagen sie, ein Irrtum zu glauben, dass die so klassifizierten Armen in ihrem Land jeden Tag den Gegenwert von einem Dollar zur Verfügung hätten. Es handelt sich nämlich nicht um den Gegenwert nach dem Wechselkurs, sondern nach der Kaufkraft. Anders ausgedrückt, in Bangladesch oder Paraguay wird als absolut arm nur derjenige klassifiziert, dessen Lage einem Armen in den USA gleicht, der dort nur einen Dollar am Tag verdient. Das ist, schlicht gesagt, brutal arm. Dazu kommt, dass über die Methode, mit der die Kauf-
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kraftparität ermittelt wird, zu wenig Menschen in der Kategorie extremer Armut erfasst werden.27 Folglich untertreibt die Armutsgrenze von einem Dollar Kaufkraftäquivalent den Umfang der Armut. Es widerspricht überdies dem Allgemeinverstand, aus der Berechnung der Armut jede Komponente relativer Benachteiligung zugunsten der absoluten Dollargrenze zu tilgen; denn ein Ein-Dollar-Armer ist in einem Schwellenland deutlich schlechter gestellt als in einem Land mit niedrigem Gesamteinkommen. Stellt man dies in Rechnung und setzt als Armutsgrenze Ausgaben von höchstens einem Drittel des durchschnittlichen Ausgabenniveaus einer Gesellschaft an, dann erhöht sich der Anteil der extrem Armen schon um 8 bis 10 Prozent, und zwar auf 50,1 Prozent im Jahre 1981 und 28,9 Prozent im Jahre 2001.28 Die statistische Repräsentation der Armut nach den Konventionen der Weltbank unterschätzt somit das wahre Ausmaß der Armut in der Welt. Hinter hoch aggregierten Zahlenabfolgen wie dem Auf und Ab der globalen Armutsdaten können sich zudem qualitativ ganz gegensätzliche Realitäten verbergen: Neben den Aufsteigern gibt es auch Absteiger, neben dem Geldgewinn gibt es auch Wohlstandsverlust. Wenn eine Einkommensstatistik Erfolgszahlen vorstellt, verführt das zu der Annahme, dass sonst alles unverändert bleibt. Sie legt eine Bilanz vor, die nur Gewinne, aber keine Verluste enthält. Was musste einer aufgeben, der nun mehr als einen Dollar pro Tag verdient? Dabei sind die verborgenen Kosten von Einkommenswachstum auch bei den Armen keineswegs unbekannt, sie lassen sich nur nicht zu einer Kostenkurve hochrechnen. Im toten Winkel bleibt, dass Geldeinkommen gewöhnlich Männer begünstigt und Frauen schlechter stellt, dass manchmal ganze Berufskategorien wie Weber oder Fischer ihre Existenz verlieren oder dass die Ein-Dollar-Gewinner häufig in die Städte wandern und zum Lebensunterhalt nicht mehr auf ihren Clan oder unentgeltliche Naturgüter zurückgreifen können. Auch die Armutsstatistik folgt der uneingestandenen Losung: Was nicht in Geld gefasst werden kann, findet nicht statt. Deshalb führen die Globalisierungskritiker gerne qualitative, konkrete Geschichten der Verarmung gegen die Globalstatistiker ins Feld und haben Recht damit. So löst sich gewissermaßen der Widerspruch auf: Beide, Befürworter wie Skeptiker der Globalisierung, haben in ihrer je eigenen Weise Recht; sie kultivieren zwei verschiedene Seiten der Wahrheit. Die Konzentration auf die Armut lenkt den Blick leicht von der Ungleichheit ab. Beide Dimensionen fallen beileibe nicht in eins. Armut ist ein absoluter Begriff und umfasst den Kreis der Bevölkerung, der unterhalb einer definierten Schwelle lebt. Ungleichheit hingegen ist ein relativer Begriff und bezeichnet die Spreizung in der Verteilung von Einkommen. Wenn dank wirtschaftlichen Wachstums die Armut zurückgeht, ist mitnichten ausgemacht, was das für die Ungleichheit in einer Gesellschaft bedeutet. Es kommt auf die Verteilung des Zuwachses an. Dementsprechend kann ein
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Rückgang der Armut mit weniger, unveränderter oder erhöhter Ungleichheit einhergehen. Wenn Wachstumsgewinne hauptsächlich von den Oberund Mittelklassen abgeschöpft werden, dann bleibt der Rückgang der Armut hinter den vom Wachstum gegebenen Möglichkeiten zurück. Genau dies ist in den beiden Paradeländern China und Indien geschehen. Das lang gestreckte Wirtschaftswachstum hat zwar Armut abgebaut, doch zugleich Ungleichheit verstärkt.29 Es hat eine weniger elende, aber hierarchisch steilere Gesellschaft geschaffen. So wachsen in beiden Ländern die Einkommensunterschiede zwischen sozialen Klassen wie auch zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung. Darüber hinaus hat in beiden Ländern das Gefälle zwischen Regionen erheblich zugenommen. Die Kluft zwischen den östlichen Küsten- und westlichen Bergregionen in China öffnet sich ebenso wie jene zwischen den südwestlichen und nordöstlichen Staaten Indiens. Das Wachstum in China und Indien, so lässt sich im Lichte dieser Befunde sagen, hat in erster Linie die wirtschaftliche Macht bereits privilegierter Klassen und Regionen verstärkt und dann im Verlauf dieses Prozesses viele Menschen über die Armutsschwelle gehoben. Wenn also China und Indien ein Beispiel sein sollen für Armutsbekämpfung im 21. Jahrhundert, dann dürfte es um die Zukunft der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der Länder schlecht bestellt sein. Es zeichnet sich vielmehr ab, dass selbst eine «Welt ohne Armut» – so der Slogan der Weltbank – immer noch eine recht ungleiche Welt sein kann.
1.3 Endliche Welt Wenn es im 20. Jahrhundert ein Buch gegeben hat, das eine Zeitenwende markiert, dann im Jahre 1972 der Bestseller Grenzen des Wachstums.30 Mit einem Male war in den Fortschrittsglauben der Nachkriegsperiode der Verdacht eingebrochen, dass wirtschaftlichem Wachstum durch die Endlichkeit der Biosphäre Grenzen gesetzt sein könnten. Dabei verstärkten sich Wandlungen auf der Ebene der aktuellen Erfahrung wie auf jener der Mentalität und der Wissenschaft gegenseitig. Am Ende stand ein plötzlicher Sprung im gesellschaftlichen Lernprozess: Die Erde ist – im Gegensatz zu der Grundannahme des vorherrschenden Wirtschaftsdenkens – ein endliches System. Was sind Grenzen? In den ersten Jahren nach Grenzen des Wachstums wurde die Endlichkeit der Naturbasis menschlichen Wirtschaftern hauptsächlich als Endlichkeit der Ressourcenvorräte wahrgenommen. Wie schon einige Vordenker der klassischen Nationalökonomie – von Thomas Malthus über John Stuart Mill zu William S. Jevons – lenkten die Autoren von Grenzen des Wachstums die
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Aufmerksamkeit darauf, wie das Zurneigegehen mineralischer und energetischer Ressourcen sowie der Ackerfläche innerhalb einiger Jahrzehnte der Wirtschaft die Basis entziehen könnte. Anders gesagt, sie fassten die Natur als ein Lagerhaus von Produktionsmitteln auf, das sich bei fortschreitender und beschleunigter Entnahme zusehends leert. Diese Sicht der Dinge war zunächst durchschlagend, weil gerade nicht-erneuerbare Rohstoffe, wie der Name sagt, bei hoher Nachfrage irgendwann zu Ende gehen werden – es fragt sich nur: wann. Genau darum flammte in den letzten Jahrzehnten immer wieder Streit auf; denn es gibt keine festen Vorhersagen. Wann Öl- oder Erzvorräte sich erschöpfen, hängt auch von der Reaktion der Ökonomie auf sich ankündigende Knappheiten ab, selbst wenn – wie der «Vater» der ökologischen Ökonomie, Nicholas Georgescu-Roegen31, nicht müde wurde zu betonen – am langfristig entropischen Charakter der Umwandlung fossiler Bestände kein Zweifel bestehen kann. So können neue Technologien zu einem gewissen Grad Ressourcen ersetzen, steigende Preise können die Nachfrage dämpfen, wie auch eine Verlagerung zu Dienstleistungen hin den Rohstoffverbrauch pro Wertschöpfungseinheit vermindern kann. Je nach Anpassungselastizität des Wirtschaftssystems lässt sich also der Zeithorizont der Erschöpflichkeit verschieben, freilich nicht die Erschöpflichkeit eliminieren. So hat etwa die Erfindung der Agrarchemie die Vorhersagen von Malthus erschüttert oder die Entwicklung der Dienstleistungswirtschaft die düsteren Ankündigungen der Grenzen des Wachstums relativiert. Trotzdem gehen ökologische Rufer und Warner immer wieder in die Falle, den jeweils aktuellen Stand der Technik und die jeweils aktuelle Wirtschaftsstruktur mitsamt ihren Trends festzuschreiben und in die Zukunft zu projizieren. Bleibt dann der angesagte Kollaps aus, haben die ökologischen Schönsprecher, von einem erleichterten Publikum als «Öko-Optimisten» geehrt, ihrerseits Oberwasser. Vom Streit zwischen Paul Ehrlich und Julian Simon in den USA bis jüngst zu den Auseinandersetzungen in Europa um Björn Lomborg kehrte diese Debatte während der letzten Jahrzehnte in schöner Regelmäßigkeit wieder. Als Schlussfolgerung daraus lässt sich festhalten: Es ist leicht zu sagen, dass, aber schwer zu sagen, wann Grenzen erreicht werden. Mit Blick auf die Rohstoffe werden Grenzen, unterschiedlich nach Ressourcen, umso schneller erreicht, als das Wirtschaftswachstum nach Effizienzgrad und Komposition unverändert bleibt. Je elastischer aber die Wirtschaft antwortet, umso weiter schieben sich die Grenzen des Wachstums hinaus. Mit dieser Formel ließe sich gut auskommen – würde die Natur nicht weit mehr sein als nur ein Vorrat an Material für das menschliche Wirtschaften. Doch die Natur ist keineswegs nur ein Rohstofflager, sie ist eine Lebensgrundlage, und zwar die Lebensgrundlage schlechthin. Grenzen des Wachstums können also nicht nur in Sachen Ressourcenverfügbarkeit, sondern
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ebenso in Sachen Lebenserhalt auftauchen. Allzu leicht wird das leise Wirken der Natur für das Gedeihen von Menschen und Gesellschaften – einschließlich ihrer Wirtschaft – übersehen. Die Biosphäre und mit ihr die Welt umspannende Flora und Fauna sind aber nichts anderes als die relativ dünne Hülle der Erdkugel, die im Zusammenspiel von Ökosystemen und Organismen die Voraussetzung für Leben schafft. Materialien – wie Wasser oder essbare Stoffe – für Menschen oder sonstige Lebewesen zu liefern, ist dabei nur ein Teil; der andere ist der Unterhalt jener bio-geo-chemischen Zyklen, seien sie global oder lokal, die das Gewebe des Lebens stabil halten. Ob die Natur über die Photosynthese für Pflanzennahrung, über Insekten für die Bestäubung von Blüten, über Meeresströmungen für die Fruchtbarkeit von Landstrichen, oder über Luftdruck für den Transport enormer Wassermassen sorgt, immer erneuert sie, ganz unentgeltlich, die Springquellen jeder biologischen Existenz. 32 Ein Wald zum Beispiel hält Festmeter an Holz vorrätig, die als Bestandteil etwa der Papiererzeugung verkauft werden können. Ein Verlust des Waldes würde Kosten für seinen Besitzer wie für die Holzkunden verursachen; insofern schafft übermäßiger Ressourcenverbrauch ein wirtschaftliches Problem. Schon bevor jedoch finanzielle Kosten spürbar werden, beginnt der Wald die Fähigkeit einzubüßen, seinen Part in der Reproduktion des Lebensgewebes zu spielen. Weniger Wasser wird gefiltert und zurückgehalten, die Bäche werden dünner bei Trockenheit und gewaltiger bei Regen, Böden erodieren leichter, das Wild verschwindet und dann die Vögel, und für die Luft steht ein Reinigungswerk weniger zur Verfügung. Die Leben erhaltenden Dienste der Ökosysteme dünnen aus, wenn sie durch Übernutzung oder durch Schadstoffeintrag über ihre Regenerationsfähigkeit hinaus belastet werden; umkippende Seen, Überhitzung der Atmosphäre oder Niedergang der Bodenfruchtbarkeit sind andere Beispiele. Diese Art Grenzen stellen sich insbesondere bei biologischen Ressourcen ein; sie beeinträchtigen zunächst noch nicht die Wirtschaft, wohl aber die Gastlichkeit von großen und kleinen Naturräumen für die Vielfalt des Lebens – die Menschen eingeschlossen. Die Unterscheidung zwischen Grenzen bei der Ressourcenverfügbarkeit und Grenzen bei der Belastbarkeit von Ökosystemen erlaubt, im Streit zwischen den Vertretern «schwacher» und «starker» Nachhaltigkeit zu differenzieren.33 Die Ersteren meinen, dass an Naturverbrauch so lange nichts auszusetzen sei, als der Verlust in mehr technisches, menschliches oder finanzielles Kapital umgesetzt wird. Die Letzteren halten dagegen, dass es für den Ersatz von Natur durch Kapital Grenzen gibt: Man sägt den Ast, auf dem man sitzt, nur bei Strafe des Absturzes ab. In der Tat kann man in der Sicht knapp werdender Ressourcen am ehesten daran denken, dass der Verlust an Natur durch einen Gewinn an Wohlfahrt wettgemacht werden
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kann, weshalb die Rede der Umweltökonomen von der «schwachen Nachhaltigkeit» da einen gewissen Sinn macht. Doch in der Sicht knapp werdender Lebensgrundlagen ist das nicht der Fall. Für diese Art von Verlust kann kein Wohlfahrtsgewinn einen Ausgleich darstellen, weshalb hier «starke Nachhaltigkeit» gilt, das heißt, die Grenzen des Wachstums können durch keinerlei Wachstum der Grenzen ersetzt werden. Es ist also irreführend, sich Grenzen des Wachstums als eine klare Linie vorzustellen, deren Überschreitung plötzlich zur Katastrophe führen würde. Geläufig ist etwa das Bild vom Zug, der auf einen Abgrund zurast, oder jenes vom Organismus, der bei wachsender Belastung unversehens kollabiert. Beide Metaphern unterstellen, dass unerfreuliche Veränderungen schon bald und dann plötzlich auftreten, in katastrophischem Ausmaß und alle betreffend. Diese Charakteristik trifft nur auf wenige Gefahren zu, wie etwa auf das mögliche Umkippen des Golfstroms. Häufiger vollziehen sich bittere Veränderungen langsam, mit mittlerer Intensität und mit sozial ungleichen Auswirkungen. Sie verlaufen also eher linear, wie etwa das Abschmelzen der Eismasse der Alpengletscher um 60 Prozent im Verlauf der letzten 150 Jahre. Vom Verschleiß eines Gewebes zu sprechen könnte eine treffendere Metapher sein. Anfangs lösen sich nur ein paar Fäden und man merkt die Folgen noch kaum, doch zunehmend wird sowohl die Funktion wie die Schönheit des Gewebes beschädigt, bis es dann Löcher zeigt, reißt oder gar zerfällt.34 Es ist ratsam, sich das Überschreiten der Grenzen des Wachstums als eine solche Abfolge von kumulativen Prozessen des Niedergangs und dann erst von plötzlichen Momenten des Umschlags vorzustellen. Natursysteme sind in einem dauernden Wandel begriffen. Auch darum sind Grenzen schwer zu bestimmen. In der modernen Ökologie wird die Festigkeit der Gewebe des Lebens die «Resilienz von Ökosystemen» genannt, also ihre Belastbarkeit, ihre Widerstandsfähigkeit. In dieser Perspektive ist der Normalzustand von Ökosystemen, über alle Größenordnungen hinweg, nicht ein stabiles Gleichgewicht. Stattdessen sind sie in Bewegung und passen sich selbsttätig an sich verändernde Bedingungen an, vor allem an von außen kommende Störungen und Schocks. Die Resilienz von Ökosystemen liegt daher in ihrer Fähigkeit, sie zu verarbeiten, sich wieder zu erholen und zum früheren Flussgleichgewicht zurückzukehren.35 Wo ein solches bewegliches Gleichgewicht herrscht, ist es schwer, feste Grenzen der Resilienz von Ökosystemen zu bestimmen; es gibt keine eindeutigen Bruchlinien. Belastungsgrenzen der Natur sind darum besser als Korridore der Elastizität zu denken. Wenn allerdings die Störungen zu groß sind, bricht die Verarbeitungsfähigkeit zusammen, und das Ökosystem schlägt um in einen veränderten Zustand. Grenzen sind also dynamisch, nicht mit Sicherheit bestimmbar – aber trotzdem real. Die Tragekapazitäten von Ökosystemen – und erst recht die
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der Biosphäre – sind nicht statisch oder von einfachen Kausalbeziehungen geprägt. Sie sind abhängig von zwei stets in Veränderung begriffenen Bedingungen: einerseits vom Grad der Beanspruchung, der von Produktion und Konsum mitsamt der dort eingesetzten Technologien ausgeht, und andererseits von der Elastizität des Zusammenspiels zwischen a-biotischen und biotischen Faktoren in einem Ökosystem.36 Weil jedoch weder die Wirkungen menschlicher Innovation noch die Wirkungen biologischer Evolution vorausgesagt werden können, sind auch die Grenzen der Tragefähigkeit nicht mit Gewissheit bestimmbar. Sie sind aus der Natur der Dinge heraus unwissbar. Doch beseitigt die Ungewissheit des Wissens nicht die Realität der Grenzen. Gerade für sie gilt der Satz: Die Abwesenheit eines Beweises ist noch kein Beweis der Abwesenheit. Aus dieser Einsicht ergibt sich bereits eine politische Strategie im Umgang mit Umweltgrenzen: Nicht auf Beweise zu warten, sondern Vorsorge zu betreiben ist unter Bedingungen der Ungewissheit die vernünftige Strategie. Warnzeichen der Überlastung Einige Entwicklungen auf dem Globus lassen kaum einen anderen Schluss zu als den, dass die Menschheit seit ein paar Jahrzehnten angefangen hat, die Elastizität globaler Ökosysteme zu überspannen. Schon ein grober Blick auf die Bestandsgrößen bestimmter Ressourcen illustriert die Tiefe der Schleifspuren, welche die Wirtschaftstätigkeit in der Biosphäre hinterlässt. Globale Trends bei Ressourcen und Umwelt Umweltindikator
Trend
Atmosphäre
Das Weltklima hat sich in den letzten hundert Jahren um 0,6 bis 0,7 Grad Celsius erwärmt. Szenarien gehen, je nach Art der Entwicklung, von einer Zunahme der globalen Mitteltemperatur zwischen 1,4 und 5,8 Grad bis zur Jahrhundertwende aus. Der Temperaturanstieg in der nördlichen Hemisphäre war im 20. Jahrhundert größer als jemals zuvor in 1000 Jahren; die 1990er Jahre waren wahrscheinlich die wärmste Dekade des Millenniums. Zwar ist die Mitteltemperatur natürlichen Schwankungen unterworfen; aber es gibt starke Belege dafür, dass der überwiegende Teil der globalen Erwärmung in den letzten 50 Jahren durch menschliche Aktivitäten verursacht wurde.37
Feuchtgebiete
Feuchtgebiete sind äußerst bedeutsam für den Erhalt der biologischen Vielfalt und den Wasserhaushalt. Seit 1900 gingen über die Hälfte der weltweiten Feuchtgebiete verloren.38
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Biologische Vielfalt
Biologische Vielfalt ist nicht nur wichtig aufgrund des Eigenwertes der jeweiligen Art; sie ist zugleich eine Grundvoraussetzung für die Stabilität der Ökosysteme, von denen auch der Mensch abhängt. Doch sowohl im Meer wie auf dem Land hat auf der ganzen Welt der Artenverlust stark zugenommen; die Erde befindet sich gegenwärtig in der sechsten großen Aussterbensperiode ihrer Geschichte – die erste allerdings, die von einer biologischen Spezies verursacht wurde, dem homo sapiens.39 Ursachen hierfür sind Vernichtung und ökologische Beeinträchtigung von Lebensräumen, Übernutzung und Verschmutzung von Ökosystemen, Einschleppung von Arten, die andere verdrängen, sowie die globale Erwärmung.
Boden und Land
Schätzungsweise 50 Prozent der globalen Landfläche sind durch direkten menschlichen Einfluss verändert worden, mit bedeutsamen Konsequenzen für Artenvielfalt, Boden Struktur, Nährstoffkreislauf, Biologie und Klima.40 Man schätzt, dass 23 Prozent der nützlichen Landfläche eine so weitgehende Verschlechterung ihrer Qualität erfahren haben, dass ihre Produktivität zurückgeht. Ein wichtiger Faktor ist die Bodenerosion; von ihr sind aufgrund menschlicher Aktivitäten weltweit 15 Prozent des Bodens – eine Fläche größer als USA und Mexiko zusammen – betroffen.41
Wasser
Mehr als die Hälfte des zugänglichen Süßwassers wird für menschliche Zwecke genutzt, 70 Prozent davon für die Landwirtschaft, meistens zur Bewässerung.42 Riesige unterirdische Süßwasservorkommen, die sich im Laufe der Jahrtausende im Erdreich gebildet haben, werden dabei abgebaut. In den Vereinigten Staaten wird zum Beispiel das Ogallala Aquifer für die Bewässerung von Getreidefeldern derart übernutzt, dass in den nächsten 20 Jahren schätzungsweise 40 Prozent der bewässerten Flächen brach fallen können. Ähnliche Situationen existieren in Nigeria und im Nahen Osten.
Wälder
Die Waldfläche hat sich während der Menschheitsgeschichte von 6 Mrd. auf 3,9 Mrd. ha reduziert. In 29 Ländern gingen seit dem 16. Jahrhundert mehr als 90 Prozent des Waldes verloren. In den 1990er Jahren ging die Waldfläche weltweit um 4,2 Prozent zurück, hauptsächlich im Süden, wobei Aufforstung nicht berücksichtigt ist.43 Neben der Entwaldung spielt noch das Waldsterben eine Rolle. In den europäischen Wäldern waren 2001 ein Fünftel der untersuchten Baumkronen mittelstark oder stark geschädigt.44
Fischgründe
Die Übernutzung zahlreicher Fischbestände gefährdet das ökologische Gleichgewicht der küstennahen Ökosysteme und Ozeane. Nach Angaben der FAO sind derzeit mehr als ein Viertel aller Fischbestände erschöpft oder von Erschöpfung durch Überfischung bedroht. Weitere 50 Prozent werden am biologischen Limit befischt.45 Der weltweite Gesamtfischbestand hat sich nach Schätzungen zwischen Anfang der 1970er und Ende der 1990er Jahre nahezu halbiert.
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Ganz allgemein gesprochen übersteigen die Einwirkungen der von Menschen verursachten Stoffströme von ihrer Größenordnung her bereits einige der von der Natur unterhaltenen Stoffkreisläufe. Anders gesagt, die Aktivitäten der Technosphäre übertreffen bereits die Aktivitäten der Ökosphäre. Der Abdruck menschlicher Aktivitäten prägt die Veränderungen im Gesicht der Erde gleichzeitig und noch dazu mehr als natürliche Kräfte. Obendrein laufen die von Menschen verursachten Veränderungen in einer Geschwindigkeit ab, die oft weit über jenen der Natur liegt. In einer historisch beispiellosen Weise ist im 20. Jahrhundert der Druck auf die fossilen wie biotischen Bestände der Erde angewachsen.46 Ein Versuch, die Übernutzung der Biosphäre in einen einzigen globalen Indikator zu fassen, ist der «ökologische Fußabdruck».47 Jedes Land hat einen solchen Fußabdruck. Er beschreibt die Gesamtfläche, die es benötigt, um seine Infrastruktur zu errichten, Nahrung und Güter wie Dienstleistungen zu erzeugen und die Emissionen fossilen Energieverbrauchs zu absorbieren. Werden so alle Belastungen der Biosphäre – außer der Umweltverschmutzung – in eine Flächengröße umgerechnet und aufsummiert, dann lässt sich der globale ökologische Fußabdruck quantifizieren, den die Menschen auf dem Planeten hinterlassen. Auf die letzten vierzig Jahre gesehen enthüllt dieser Indikator eine dramatische Entwicklung: Zwischen 1960 und 2000 hat sich der globale ökologische Fußabdruck um 80 Prozent ver-
Abb. 3: Globaler ökologischer Fußabdruck (1961–2001).48 Der ökologische Fußabdruck der Menschheit war im Jahre 2001 zweieinhalbmal größer als im Jahre 1961. Er liegt damit jährlich um etwa 20 Prozent über der biologischen Kapazität der Erde. Diese Überforderung greift fortdauernd das Naturkapital der Erde an und ist deshalb nur für eine begrenzte Zeit möglich.
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größert. Setzt man ihn in Beziehung zur biologisch produktiven Weltfläche – ausgeschlossen also Wüsten, Eisflächen und tiefe Meere –, dann zeigt sich, dass er seit Mitte der 1970er Jahre die biologisch produktive Fläche an Größe übertrifft, derzeit um etwa 20 Prozent (Abbildung 3; vgl. auch Abbildungen 7,19 und 20).49 Mit anderen Worten, die Welt verbraucht Jahr für Jahr mehr Ressourcen, als die Natur erneuern kann. Wenn auch die Bedürfnisse anderer Lebewesen einbezogen werden, ist die Überbelastung der Biosphäre noch höher anzusetzen. Diese Berechnungen zeigen: Seit einem Vierteljahrhundert ist die globale ökologische Überdehnung zu einem Kennzeichen der Menschheitsgeschichte geworden. Unter dem Druck von steigender Bevölkerung und wachsendem Wirtschaftsvolumen beginnt die Biosphäre Merkmale der Erschöpfung und der Desorganisation zu zeigen. Wahrlich eine neue Phase der Evolution!
1.4 Gerechtigkeit und Grenzen Es war im Jahre 1928, als Mohandas Gandhi eine jener Intuitionen formulierte, die sein Denken ins 21. Jahrhundert hineinragen lassen. In einer seiner Kolumnen für Young India, das publizistische Sprachrohr der indischen Unabhängigkeitsbewegung, schrieb er: «Gott verbiete, dass Indien jemals zu einer Industrialisierung nach dem Muster des Westens schreitet. Der wirtschaftliche Imperialismus eines einzelnen winzigen Insel-Königreichs (England) hält heute die Welt in Ketten. Falls eine ganze Nation mit 300 Millionen Einwohnern auf eine ähnliche ökonomische Ausbeutung setzt, würde die Welt kahl gefressen wie durch eine Heuschreckenplage.» Fast 80 Jahre später hat diese Feststellung nichts an Relevanz verloren. Im Gegenteil, sie hat an Gewicht gewonnen, weil inzwischen nicht mehr 300, sondern 1000 Millionen zur Nachahmung Englands schreiten. Gandhi ahnte, dass die Würde Indiens nicht auf dem Wirtschaftsniveau Englands wiederhergestellt werden kann, und ebenso wenig die Würde Chinas oder Indonesiens. Eine Vervielfachung Englands würde eine Vervielfachung kolonialer Ausplünderung nach sich ziehen, und zwar so weit, dass die Lebenshülle des Planeten in Mitleidenschaft gezogen würde. Die bio-physischen Grenzen für eine Verbreitung der Industriezivilisation auf dem Planeten, die in den letzten dreißig Jahren erkennbar geworden sind, haben Gandhis Ahnung eindrucksvoll bestätigt. Dreimal ökologische Gerechtigkeit Nun ist offensichtlich, dass die Ökologie sich mit bio-physischen Grenzen beschäftigt. Was sie aber mit Gerechtigkeit zutun haben soll, liegt nicht auf
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der Hand. In welchem Sinne lässt sich Ökologie als Thema der Gerechtigkeit fassen? Immerhin kommen ja Naturschützer und Umweltwissenschaftler häufig genug ohne Nachdenken über Gerechtigkeit aus. Dennoch wächst die Einsicht dass ökologische Grenzen neuartige Fragen der Gerechtigkeit stellen. Allerdings stand bislang die Gerechtigkeit zwischen den Lebewesen und zwischen Generationen im Vordergrund, noch kaum jedoch die Gerechtigkeit zwischen Ländern oder sozialen Klassen. Als erste Form ökologischer Gerechtigkeit kann die biosphärische Gerechtigkeit gelten. Alles Lebendige ist Teil der Biosphäre. Das Leben existiert nicht verstreut, mal hier, mal dort, sondern als ein zusammenhängendes Ganzes. Alles, was kreucht undfleucht, was geht und vergeht, gleichgültig,obin Patagonien oder Brandenburg, ist miteinander verbunden in der gemeinsamen Erzeugung jener dünnen Lebenshülle, die den Planeten umspannt. Damit ist die Voraussetzung gegeben, von den Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen in Begriffen der Gerechtigkeit zu sprechen. Denn das Leben erweist sich als kommunitäre Veranstaltung; ein Gewebe vielfältiger Beziehungen konstituiert das Einzelwesen, die Anemone ebenso wie den Affenbrotbaum, den Wurm ebenso wie den Wal. Nicht anders verhält es sich mit dem Lebewesen Mensch. Auch wenn der Mensch über Sprache und Kultur verfügt, steht er der Natur nicht gegenüber. Er ist Teil der Gemeinschaft des Lebens auf der Erde. Auch für ihn ist die Natur nicht Umwelt, sondern Mitwelt.50 In einer solchen Perspektive kommen den Bäumen und den Flüssen, den Insekten und den Säugetieren, eben dem ganzen Kreis der Lebewesen, eigene Rechte zu.51 Die Rechte sind für kein Lebewesen absolut, also auch für den Menschen nicht. Menschen haben das Recht auf Nahrung, auf Kleidung, auf Lebensraum, auf Kultur. Doch daraus folgt nicht, dass sie das Recht haben, den Lebensraum anderer Lebewesen zu zerstören, etwa einen Binnensee umkippen zu lassen oder das Klima in Unordnung zu bringen. Die Besitz- und Machtansprüche der Menschen sind innerhalb der biosphärischen Gemeinschaft durch die Eigenrechte anderer Lebewesen eingeschränkt. Unter dem Gesichtspunkt biosphärischer Gerechtigkeit geht es also darum, wie der erste Absatz der Erd-Charta formuliert, zu «erkennen, dass alles, was ist, voneinander abhängig ist, und alles, was lebt, einen Wert in sich hat, unabhängig von seinem Nutzwert für die Menschen».52 Demgegenüber richtet der Begriff der inter-generationellen Gerechtigkeit die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen den gegenwärtig Lebenden und den zukünftigen Generationen. Er dehnt das Prinzip der Fairness entlang der Zeitachse aus und erweitert damit den Kreis der menschlichen Gemeinschaft. Die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen die ihrigen nicht befriedigen können – das war das Credo der Brundtland-Kommission, die den Grundstein zur Epoche der 1990er Jahre legte, als «Nachhaltige Entwicklung» in aller
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Munde war.53 Während bis dahin die Nachwelt eher als Nutznießer unverdienten, unaufhaltsamen Fortschritts gegolten hatte, wurde sie nun als dessen mögliches Opfer angesehen. Atomkraft, Klimawandel, Artenschwund, Bevölkerungsanstieg lassen sich als Beispiele für eine mögliche Kolonisierung der Zukunft durch die Gegenwart anführen. Wieweit aber haben Vorfahren das Recht, durch ihre Entscheidungen die Chancen der Nachwelt festzulegen? Die Antwort lautet: Gegenseitigkeit. Die Jetztgeborenen schulden den Nachgeborenen, was sie selbst von vorhergehenden Generationen empfangen haben. So wie von Eltern erwartet wird, dass sie ohne Entgelt an ihre Kinder weitergeben, was sie ihren eigenen Eltern verdanken, so stehen auch Generationen in der Pflicht, die Regel der Gegenseitigkeit zu beachten. Aus diesem Grund können sich die Heutigen nicht im Vollsinn als Besitzer des Naturvermögens der Erde betrachten; sie sind eher die Treuhänder eines Erbes, das ungeschmälert an die Nachfahren weiterzugeben ist, wie es ihnen selbst von ihren Vorfahren hinterlassen wurde.54 Allerdings haben beide angeführten Begriffe ökologischer Gerechtigkeit einen blinden Fleck: Die Institutionen der Menschen und ihre Beziehungen untereinander bleiben außerhalb des Blickfelds. Die menschliche Gesellschaft und ihre Binnenverhältnisse werden als eine black box behandelt. Das ist verständlich, führt man sich vor Augen, dass Umweltschützer nicht selten dazu neigen, die Wirklichkeit in zwei Sphären aufzutrennen, nämlich auf der einen Seite die Natur und auf der anderen Seite der Mensch. Beeindruckt vom Konflikt zwischen beiden, vernachlässigen sie häufig, dass «der Mensch» eine Fiktion ist. Was damit der Aufmerksamkeit entgeht, sind Fragen der Gerechtigkeit innerhalb der gegenwärtig lebenden Generationen. Innerhalb einer Generation sind dann alle Katzen grau, niemand sticht durch Reichtum oder Armut, Macht oder Ohnmacht hervor. Es ist die konzeptuelle Indifferenz gegenüber Macht- und Verteilungsfragen, die der Brundtland-Formel den Weg in Regierungskanzleien und Vorstandsetagen geebnet hat. Doch Umweltverbrauch prägt nicht nur die Beziehung der Menschen zur Natur, sondern auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Umweltveränderungen sind gewöhnlich gut für die einen und schlecht für die anderen. Wer nimmt wie viel aus der Ökosphäre und kann sich welchen Nutzen von den Naturressourcen aneignen? Wer wiederum hat welche Belastungen zu tragen und muss mit den vielfältigen Kosten von Umweltverbrauch fertig werden? Das sind die beiden Schlüsselfragen der ökologischen Gerechtigkeit zwischen den gleichzeitig Lebenden, der intra-generationellen oder Ressourcen-Gerechtigkeit. Sie stellen sich, weil Vorteile von Umweltverbrauch – etwa Besitz, Prestige, Gewinn, Macht – und Nachteile – etwa Verschmutzung, Verhässlichung, Entbehrung, Armut – gewöhnlich nicht beim selben Akteur, am selben Ort und zum selben Zeitpunkt anfal-
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len, sondern sich ungleich verteilen. Vorteile wie auch Nachteile konzentrieren sich bei jeweils unterschiedlichen sozialen Gruppen, an jeweils unterschiedlichen Orten und möglicherweise auch zu unterschiedlichen Zeiten (Kapitel 2).55 Die Muster der Ressourcenaneignung folgen vielfach den Kräftelinien von Geld und Macht. Bestimmte Gruppen, Regionen und Länder ziehen den Löwenanteil der Naturressourcen an sich. Und was Wirtschaftswissenschaftler gerne «die Externalisierung negativer Folgen» nennen, hat nicht nur ein bio-physisches, sondern auch ein soziales Profil: Der Mechanismus der Externalisierung, also die Auslagerung der Nachteile und Kosten, strukturiert Gesellschaften in Gewinner und Verlierer. Machtbeziehungen etablieren ein soziales Gefälle, das dafür sorgt, dass sich auf der einen Seite eher die Vorteile und auf der anderen Seite eher die Nachteile ansammeln. Überhaupt lässt sich Macht in diesem Zusammenhang als die Fähigkeit definieren, den Nutzen von Umweltverbrauch zu internalisieren, die Kosten jedoch zu externalisieren – in Randgebieten, bei sozial schwachen Klassen oder zu einem späteren Zeitpunkt –, während der Nutzen sich in den Zentren, bei den sozial starken Klassen und ohne Verzug einstellt. Alle drei Dimensionen ökologischer Gerechtigkeit streben danach, die Gastlichkeit der Erde zu erhalten. In jeder von ihnen geht es um die Sicherung der Existenz- und Entfaltungsrechte einer Klasse von Erdenbürgern auf dem Globus: bei der ersten Variante um jene der nicht-menschlichen Lebewesen, bei der zweiten um jene der späteren Generationen und bei der dritten um jene der benachteiligten Menschen und Länder. Wem gehören die Ölvorräte, die Flüsse, die Wälder, die Atmosphäre? Wer hat welches Recht auf die lebensdienlichen Leistungen der Biosphäre? Wie viel darf ein jeder für sein Wohlergehen nehmen, ohne den anderen ihr Recht zu beschneiden? Das sind die Gerechtigkeitsfragen der Ökologie im Allgemeinen und, wenn es um die gegenwärtige Weltgesellschaft geht, jene der Ressourcengerechtigkeit im Besonderen. Und diese Gerechtigkeitsfragen spitzen sich zu, je deutlicher bio-physische Grenzen der Naturnutzung sichtbar werden. Wo es nicht mehr möglich ist, die Naturnutzung auszuweiten, können die Existenz- und Freiheitsrechte schwächerer Menschen und Nationen nur durch eine andere Nutzung und Verteilung der Naturressourcen gewahrt bleiben. Je mehr die Grenzen der Tragefähigkeit von Ökosystemen erreicht werden, desto stärker sind die Freiheitsgrade der weniger Starken gefährdet, weil ökologische Grenzen, lange bevor sie endgültig überschritten sind, ihre sozio-ökonomischen Schatten voraus werfen. Es wird das Benzin an der Zapfsäule teurer, Wasserquellen versiegen in Trockengebieten, die Preise für Getreideimporte schnellen in die Höhe, Fischer kehren mit leeren Netzen zurück. Knappheiten machen sich über verschärfte Konkurrenz, über
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Verteuerung und rechtliche Ausgrenzung oder über Qualitätsverfall und Verlust der Naturgüter bemerkbar. Bevor noch der Umweltfrieden im ökologischen Sinne ernsthaft gestört ist, schwindet häufig schon der soziale Frieden dahin. Die Verknappung von Ressourcen und Umweltgütern wird in diesem Jahrhundert den Hintergrund für zahllose große und kleine Konflikte abgeben (Kapitel 3). Das Dilemma der Aufholjagd Mit der Erkennbarkeit bio-physischer Grenzen des herkömmlichen Wachstums ist nichts mehr wie zuvor, insbesondere im Kampf um Gerechtigkeit. Denn die unterstellte Synergie zwischen dem Verlangen nach Gerechtigkeit und der Politik wirtschaftlichen Wachstums funktioniert nicht mehr. Seit langem nämlich gehört es zum Kernbestand politischer Gewissheiten, dass Gerechtigkeit durch Wachstum geschaffen wird, und zwar national wie international, wie man umgekehrt davon ausgeht, dass der Wunsch nach mehr Gleichheit das Wachstum antreibt. Bei wirtschaftlichem Aufstieg werde sich darum – so die geläufige Auffassung – die Frage der Gerechtigkeit auf Dauer von selber lösen. Diese Ankoppelung von Gerechtigkeit an wirtschaftliches Wachstum war nach dem Zweiten Weltkrieg zum konzeptuellen Eckstein des Entwicklungszeitalters geworden. Seit jedoch die Endlichkeit der Biosphäre zu Tage tritt, also seit wenigen Jahrzehnten, steht dieser Eckstein auf schwankendem Boden. In einem begrenzten Umweltraum kann konventionelles Wachstum keine Gerechtigkeit mehr schaffen – es sei denn um den Preis einer zerrütteten Biosphäre. Im Entwicklungszeitalter wurde Gerechtigkeit verstanden als die erweiterte Teilnahme von immer mehr Menschen an einem steigenden Mehrprodukt. Der soziale Kontrakt zwischen Norden und Süden sah vor, über Wachstum und Sozialpolitik eine nachholende Entwicklung auf den Weg zu bringen, um die benachteiligten Länder und Völker zu den reichen Gesellschaften aufschließen zu lassen.56 Das war die unausgesprochene Grundlage des Systems der Vereinten Nationen und der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit. Zwei Interessen schossen da zusammen: Der Norden hoffte durch erweiterte Märkte auf Gewinnchancen und damit auf politische Stabilität, der Süden hingegen auf mehr Gleichheit und Anerkennung.57 In der Folge wurde das Verlangen der Länder des Südens nach einer fairen Welt in die an sie gerichtete Aufforderung übersetzt, ihre nationalen Ökonomien in die wachsende Weltwirtschaft zu integrieren. Daran hat sich auch im Globalisierungszeitalter, nachdem der Washington Consensus 1986 stabile Währungen zur Priorität erklärte und der sozialstaatlich orientierten Entwicklungspolitik den Garaus gemacht hatte, im Prinzip nichts geändert, im Gegenteil. Nach wie vor stellen für die offizielle Politik und die große Mehrheit der Ökonomen Wachstum und Weltmarktintegration den
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Königsweg sowohl zu mehr Gleichheit zwischen den Nationen wie auch zur Bekämpfung der Armut innerhalb der Nationen dar. Wer dem eigenen Land einen würdigen Platz im Konzert der Nationen sichern will, hat kaum eine andere Wahl, als nach wirtschaftlicher Stärke zu streben. Das ist die tief verwurzelte Erfahrung der Südländer. Quer durch die Geschichte kolonialer Übermacht mussten Nationen ihre Schwäche gegenüber den Industrieländern erkennen, ein Unterlegenheitsgefühl, das bis zum heutigen Tag die Weltgeschichte mit antreibt. Länder optieren daher für wirtschaftliche Mobilmachung nicht nur aus Lust am Reichtum, auch nicht nur aus dem Verlangen, endlich auf gleiche Augenhöhe mit den Industrieländern zu kommen, sondern ebenso aus der Furcht, dem Diktat der Mächtigeren ausgesetzt zu sein. Wachstumsversessenheit ist nicht selten eine Form der Selbstverteidigung. In der konventionellen Sicht sowohl des Südens wie auch des Nordens ist daher der Aufbau wirtschaftlicher Macht der einzig realistische Weg zu größerer Gerechtigkeit zwischen den Nationen. Darüber hinaus gilt Wachstum noch immer als Trumpfkarte, um den Kampf gegen die Armut innerhalb der Nationen zu gewinnen. In der Metapher A rising tide will lift all boats, die über so vielen Entwicklungsanstrengungen schwebt, ist diese Annahme geradezu sprichwörtlich geworden. Wie mit der Flut alle Boote steigen, auch die letzte Schaluppe und nicht nur die Luxusliner, so wirken die Kräfte des Wachstums: Sie heben das Einkommen der Reichen wie der Armen, indem sie den Pegel des Nationaleinkommens ansteigen lassen. Gelänge es dazu noch, die Einkommen der Armen überproportional ansteigen zu lassen, dann hätte Wachstum sogar das Potenzial, den erwünschten Ausgleich herzustellen. Langfristig gesehen bekommen alle mehr, von keinem werden Einbußen verlangt. Wem es gelingt, in dieser Weise die Gerechtigkeit an das Wachstum zu koppeln, kann in der Tat die harten Fragen der Gerechtigkeit an die Zukunft delegieren. Diese Neigung vereint nicht selten politisch gegensätzliche Lager – Südländer mit Nordländern, Liberale mit Keynesianern, Globalisiererinnen mit Globalisierungskritikerinnen. Die meisten von ihnen waren und sind in einer Denktradition befangen, die in das frühe 19. Jahrhundert zurückreicht. Sie gehen davon aus, dass Wachstum ein Positivsummenspiel ist. Wirtschaftswachstum sei in der Lage, der Welt fortdauernd Nützliches und Neues hinzuzufügen, und zwar weit mehr, als dabei Schäden und Verluste anfallen. Seither sind Wirtschaftswissenschaftler unterschiedlicher Couleur auf rosige Zukünfte abonniert. Der Fortschrittsoptimismus gehört damit zur Ökonomie wie der Glaube zur Theologie. Auch wenn oft strittig war, ob gewinnorientiertes Wachstum aus sich selbst die wirklich Bedürftigen erreichen könne oder ob dafür nicht auch eine gesellschaftliche Steuerung notwendig sei, so stand doch die Wachstumsidee nicht wirklich in Frage. Sie
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half den Ökonomen, Vergangenheit und Zukunft der Wirtschaft im Wesentlichen als eine Geschichte anwachsenden Reichtums zu lesen. Gerechtigkeit musste nicht zum Thema werden, da für die Vermehrung des Reichtums keine natürlichen Grenzen vorgesehen waren. Im Gegenteil, so hieß es, Umverteilung oder Selbstbeschränkung – die klassischen Forderungen der Gerechtigkeitslehre – könnten nur den Fortgang des Wachstums aufhalten und die Ankunft des Wohlstands bei den Armen verzögern. Spätestens seit die bio-physischen Grenzen erkennbar werden, hat dieses Wachstumsverständnis seine Unschuld verloren. Es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Wachstum eher einem Nullsummenspiel gleicht. Es zeichnet sich ab, wie mit ökonomischer Wertschöpfung gleichzeitig ökologische Misswertschöpfung einhergeht. Wertschöpfung speist sich zu einem nicht geringen Teil aus der unentgeltlichen Nutzung der Natur; deshalb beginnt jenseits einer nahen oder schon erreichten Schwelle mit wachsendem Technikkapital und Geldkapital das Naturkapital zu schrumpfen. Die Überbeanspruchung der Biosphäre – von der Überstrapazierung lokaler Ökosysteme ganz abgesehen – rührt von der Übergröße des Weltwirtschaftssystems her; jede Ausdehnung des Stoffverbrauchs ohne einen Rückbau anderswo beschleunigt den Niedergang der Natur. Gewiss, monetäres Wachstum ist nicht in einer unveränderlichen Relation an stoffliches Wachstum gebunden. Das gleiche Bruttosozialprodukt kann unterschiedliche Grade an Umweltbelastung verursachen. Doch an der Gesamttendenz kann kaum ein Zweifel bestehen: Mit der monetären Größe der Wirtschaft nimmt auch ihre stoffliche Größe zu, jedenfalls bis zum Übergang in eine post-industrielle Phase. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass im Industrialisierungsverlauf oft ein Formwandel der Belastung zu beobachten ist: Während anfangs lokale Luft- und Wasserverschmutzung vorherrschen, gewinnt später der Druck auf globale Ressourcenbestände (Energie und biologische Ressourcen) sowie auf globale Senken (Atmosphäre) an Gewicht. Die Schlussfolgerung aus diesen Einsichten lässt sich auch umgekehrt formulieren: So lange das Verlangen nach Gerechtigkeit an herkömmliches Wachstum gekoppelt bleibt, droht es mit der Stabilität der Biosphäre zu kollidieren. Genau darin liegt das Dilemma der gegenwärtigen Aufholjagd, besonders in Asien. Es mag umstritten sein, ob die Wachstumssprünge in China und Indien international ein Mehr an sozialem Ausgleich und national ein Weniger an Armut bringen (Kapitel 1.2), doch es ist sicher, dass sie den Verschleiß der Biosphäre vorantreiben. So schillernd die Ergebnisse des wirtschaftlichen Aufstiegs sich auf der Seite der Einkommensgerechtigkeit darstellen, so selbstzerstörerisch wirken sie auf der Seite der Umwelt. China ist, in absoluten Zahlen, mittlerweile zum zweitgrößten Emittenten von Kohlendioxid in der Welt nach den USA wie auch zum zweitgrößten Ölimpor-
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teur aufgestiegen. Noch stärker macht sich neben der Belastung globaler Ressourcensysteme der Druck auf lokale Lebensräume bemerkbar: Luftkranke Städte, schrumpfende Ackerflächen, schwindende Wasserbestände sind das Wetterleuchten einer heranziehenden Naturkrise.58 Die jährlichen wirtschaftlichen Kosten von Umweltschäden im Gefolge von Wirtschaftswachstum wurden für die 1990er Jähre immerhin auf die Größenordnung von 13 Prozent des chinesischen Inlandsprodukts geschätzt.59 Jahr für Jahr wäre dann die Einbuße an Natur größer als der Zuwachs des Wirtschaftsprodukts! Zwar sticht China durch die Größe seiner Bevölkerung hervor; aber im Prinzip sind ähnliche Tendenzen in Brasilien, Indien, Malaysia, Mexiko, Indonesien und anderen Schwellenländern am Werk. Bei Zusammensetzung und Wirkungsgrad des überlieferten Wirtschaftswachstums führt der Ausstieg aus Armut und Machtlosigkeit geradewegs zum Einstieg in Übernutzung und Überausbeutung. Es winkt mehr Einkommen, in Wirklichkeit aber doch nur ein größerer Anteil an der Raubökonomie. Es ist hohe Zeit, das Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Prüfstand zu stellen. Mehr Gerechtigkeit in dieser Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu erreichen. Eine Wirtschaftsentwicklung konventionellen Stils, die einer wachsenden Weltbevölkerung insgesamt einen westlichen Lebensstandard bescheren möchte, wird ökologisch nicht durchzuhalten sein. Die dafür benötigten Ressourcenmengen sind zu groß, zu teuer und zu zerstörerisch. Deswegen wird der Kickstart der Schwellenländer in die Industriemoderne voraussichtlich zu einer weiteren Marginalisierung der armen Länder und Zonen und damit zu globaler Apartheid führen, aber sie auch selbst gefährden. Schon heute zieht sich für Dutzende von Peripherieländern die Schlinge weiter zu, weil China mit seiner kolossalen Nachfrage die Weltmarktpreise für Getreide, Erdöl und Eisenerz nach oben drückt. Wer daher das Ziel nicht aus den Augen verlieren will, eine fairere und gerechtere Welt als heute herbeizuführen, wird jene Produktions- und Konsummuster überprüfen, an die sich gegenwärtig die Wohlstandshoffnungen heften (Kapitel 5). Deshalb heißt Eintreten für globale Gerechtigkeit in einer ökologischen Perspektive nicht weniger, als das Wohlstandsmodell der Industriemoderne neu zu erfinden. Seit dem Altertum ist unstrittig, dass Gerechtigkeit die Eindämmung des Machtgebrauchs erfordert. Seit dem Auftauchen bio-physischer Grenzen verlangt Gerechtigkeit überdies die Eindämmung des Naturgebrauchs. Gerechtigkeit und Grenze müssen zusammen gedacht werden. In der Ökologie geht es nicht nur um die Natur, sondern eben damit um die Chancen eines gedeihlichen Zusammenlebens auf dem Globus. Eine Weltbürgergesellschaft ist nur auf der Basis ressourcen-leichter Wohlstandsstile vorstellbar. Wie sonst sollte es möglich sein, um 2050 rund neun Milliarden Menschen Gastfreundschaft auf der Welt zubieten?
2 Ungleichheit im Umweltraum Wahr aber bleibt, dass die größten Ungerechtigkeiten von denen ausgehen, die das Übermaß verfolgen, nicht von denen, welche die Not treibt. Man wird ja nicht Tyrann, um nicht zu frieren. Aristoteles, 329 v. Chr.
Im Allgemeinen wird das Weltbild von Umweltschützern durch eine Polarität geprägt. Sie trennen dann die Welt in zwei Sphären auf: hier der Mensch und dort die Natur, hier die Anthroposphäre und dort die Biosphäre. Dabei nehmen sie den Menschen als räuberische Spezies wahr, die ihre ökologische Nische gesprengt hat und mit ihren Aktivitäten zunehmend alle anderen Lebewesen und Ökosysteme belastet – damit aber auch sich selbst der Gefährdung aussetzt. Im Denken nicht weniger Ökologen rührt somit das drohende Verhängnis daher, dass der Mensch und sein Wirtschaftssystem die Tragefähigkeit des Natursystems überfordert. Nur – den Menschen gibt es nur in der Abstraktion. Gewiss, jeder Mensch benötigt ein Mindestmaß an Natur, um seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Dieser Austausch mit der Natur geschieht bio-physikalisch gesehen zunächst über die erste Haut, die menschliche Körperoberfläche, und ist eng mit dem menschlichen Stoffwechsel verbunden: Atmung und Transpiration, Nahrungsaufnahme und Wärmeabstrahlung, sowie stoffliche Ausscheidungen. Auf dieser elementaren Ebene beträgt der stoffliche Umsatz rund 800 kg pro Mensch und Jahr.1 Aber bereits sehr früh in ihrer Geschichte, als Jäger und Sammler, hatten Menschen sich eine Art zweite Haut zugelegt, in der Form von Bekleidung, Hütten oder Waffen. Auch heute wird diese Form des Stoffwechsels noch von einigen Volksgruppen in entlegenen Gebieten gelebt. Hinzu kam bald eine weitere Hülle, die Bauernkulturen umgibt. Hier umfasst das Wirtschaftssystem Ackerböden, domestizierte Pflanzen und Tiere, die Nahrung und Rohstoffe erzeugen. Aus Stein, Erz und sonstigen Materialien entstehen Gerätschaften und Häuser. Vielleicht gut die Hälfte der Menschheit folgt derzeit diesem Typus von Naturverbrauch, der entsprechende Stoffwechsel eines indischen Dorfes liegt im Jahr in der Gegend von durchschnittlich 2 bis 5 Tonnen pro Person.2 Eine vierte Hülle, jene der industriellen Zivilisation, umspannt weit mehr als die lokale Ebene und umfasst vor allem Einrichtungen, die von Organisationen auf unterschiedlichen Systemebenen betrieben werden: Hochhäuser, Stahlwerke, Supermärkte, Schwimmbäder, Flughäfen, Panzerfahrzeuge. Bei industriellen Gesellschaften liegt heute der Metabolismus (ohne Wasser und Luft) bei etwa 40 bis 70 Tonnen pro Kopf und Jahr3 und damit um eine Zehnerpotenz über dem biologisch unerlässlichen Niveau. Hinter den Großkategorien «Mensch» und «Wirtschaftssystem» verber-
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gen sich also sehr unterschiedliche Realitäten. Die unterschiedlichen Kulturen, Klassen und Produktionsweisen nehmen in einem ganz ungleichen Ausmaß die Biosphäre für ihr Überleben und für ihre Großtaten in Anspruch. Höchst ungleich ist der globale Umweltraum zwischen den Gesellschaften der Welt aufgeteilt, jenes Vermögen an Naturgütern, das der Menschheit durch das lebensdienliche Wirken der Biosphäre zur Verfügung gestellt wird. Obgleich diese Biosphäre allen gleich und niemandem im Besonderen gehört, wird sie von Regionen, Klassen und Nationen asymmetrisch genutzt. So ist die Weltgesellschaft weit davon entfernt, allen Erdenbürgern den gleichen Zugang zu den Naturgütern des Planeten zu gewähren. In diesem Kapitel versuchen wir, uns ein Bild von der Verteilung natürlicher Ressourcen auf dem Globus und von ihrer Aneignung durch die Menschen zu machen. Wer nimmt wie viel vom globalen Umweltraum in Beschlag? Zunächst stellen wir die ungleiche Ressourcenverteilung zwischen den Nationen dar und gehen dann der Asymmetrie in den Handelsbeziehungen zwischen Europa, auf das wir uns vor allem beziehen, und der Welt nach. Im weiteren Fortgang ändern wir den Fokus und nehmen die Ungleichheiten zwischen den sozialen Schichten innerhalb der Gesellschaften in den Blick, um daran zu zeigen, dass die Ressourcen verbrauchenden Klassen aller Länder soviel miteinander gemeinsam haben, dass sie als eine transnationale Mittel- und Oberklasse betrachtet werden können.
2.1 Die Triade der Allesfresser Zu den Vereinten Nationen (UN) gehören 191 Staaten, zur Triade, von der zu sprechen sein wird, zählen Nordamerika, die Europäische Union und Japan. In den Vereinten Nationen haben alle Staaten Sitz und Stimme. Dem Völkerrecht gelten sie als gleichwertige Einheiten. In Flächengröße, Einwohnerzahl und wirtschaftlicher Macht jedoch sind sie extrem unterschiedlich. Um über sie Aussagen zu treffen – etwa über die Verteilung von natürlichen Ressourcen –, müssen sie in Gruppen zusammengefasst werden, die für die gesuchte Wechselbeziehung aussagekräftig sind. Dabei ist die grobe Einteilung der Staaten in Erste, Zweite und Dritte Welt, wie sie noch in Zeiten des Kalten Krieges üblich war, schon seit langem hinfällig. Auch die traditionelle Einteilung in Industrie- und Entwicklungsländer ist zu grobmaschig. Sie verdeckt vor allem die enormen Differenzen, die sich in den letzten zwanzig Jahren zwischen den Entwicklungsländern herausgebildet haben und sich von Jahr zu Jahr vertiefen. Zwar kann die Einkommenshöhe eines Landes, meistens pro Kopf der Bevölkerung berechnet, immer noch als der treffendste Indikator für den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung gelten; aber gerade für die Entwicklungsländer sind dabei deutliche Abstufungen angezeigt. Da
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die Daten sammelnden Agenturen wie die Weltbank, die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) oder die Welthandelsorganisation (WTO) mit unterschiedlichen Klassifikationen operieren, haben wir die länderspezifischen Daten in einer eigenen Einteilung der Ländergruppen zusammengefasst. Auf einer ersten Ebene werden Industrieländer von Entwicklungsländern unterschieden, auf einer zweiten die Letzteren untereinander differenziert. Bei ihnen ergeben sich fünf Untergruppen. Verwendete Ländergruppierungen4 Industrieländer
Andorra, Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Färöer-Inseln, Finnland, Frankreich, Gibraltar, Griechenland, Grönland, Großbritannien, Irland, Island, Israel, Italien, Japan, Kanada, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, Monaco, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, San Marino, Schweden, Schweiz, Spanien, St. Pierre und Miquelon, Vereingte Staaten von Amerika
Entwicklungsländer mit hohem Einkommen
Aruba, Bahamas, Barbados, Bermuda, Brunei, Cayman Islands, Französisch Polynesien, Guam, Hong Kong, Katar, Kuwait, Macau, Neukaledonien, Niederländische Antillen, Nördliche Marianen, Singapur, Slowenien, US Virgin Islands, Vereinigte Arabische Emirate, Zypern
Entwicklungsländer mit oberem mittlerem Einkommen
Antigua und Barbuda, Argentinien*, Bahrain, Botsuana, Brasilien*, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Estland, Gabun, Grenada, Rep. Korea*, Kroatien, Libanon, Libyen, Malaysien*, Mauritius, Mexiko*, Oman, Palau, Panama, Polen*, Puerto Rico, Samoa, Saudi-Arabien*, Seychellen, Slowakei, St. Kittis und Nevis, St.Lucia, Süd-Afrika*, Trinidad und Tobago, Tschechische Republik, Türkei*, Ungarn, Uruguay, Venezuela*
Entwicklungsländer mit unterem mittlerem Einkommen
Ägypten, Albanien, Algerien, Äquatorialguinea, Belize, Bolivien, Bosnien-Herzegovina, Bulgarien, Dominikanische Republik, Dschibuti, Ecuador, El Salvador, Fidschi, Guatemala, Guyana, Honduras, Irak, Iran*, Jamaika, Jordanien, Jugoslawien, Kap Verde, Kasachstan, Kiribati, Kolumbien*, Kuba, Lettland, Litauen, Malediven, Marokko, Marshallinseln, Mazedonien, Mikronesien, Namibia, Papua Neu Guinea, Paraguay, Peru, Philippinen*, Rumänien, Russland*, Samoa, Sri Lanka, St. Vincent und Grenadinen, Surinam, Swasiland, Syrien, Thailand*, Tongo, Tunesien, Turkmenistan, Vanuatu, Volksrepublik China*, Weißrussland, Westbank
Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen
Afghanistan, Angola, Armenien, Aserbaidschan, Äthiopien, Bangladesch, Benin, Bhutan, Burkina Faso, Burundi, Elfenbeinküste, Eritrea, Gambia, Georgien, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Haiti, Indien*, Indonesien*, Jemen, Kambodscha, Kamerun, Kenia, Kirgisistan, Komoren, Dem. Rep. Kongo, Rep. Kongo, Dem. VR Korea, Laos, Lesotho, * 20 sogenannte «Neue Verbraucherländer» nach Meyers/Kent 2004, siehe Kapitel 2.3
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Ungleichheit im Umweltraum Liberia, Madagaskar, Malawi, Mali, Mauretanien, Moldau, Mongolei, Mosambik, Myanmar, Nepal, Nicaragua, Niger, Nigeria, Osttimor, Pakistan*, Ruanda, Salomonen, Sambia, Sao Tome und Principe, Senegal, Sierra Leone, Simbabwe, Somalia, Sudan, Tadschikistan, Tansania, Togo, Tschad, Uganda, Ukraine*, Usbekistan, Vietnam, Zentralafrikanische Rep.
Sonstige
Anguilla, British Virgin Islands, Cocos Islands, Cook Islands, Falkland, Gaza-Streifen, Guadeloupe, Guyana, Martinique, Montserrat, Nauru, Niue, Norfolk Islands, Reunion, St. Helena, Taiwan, Rep. China, Tokelau, Turks und Caicos Islands, Tuvalu, Wallis und Futuna
Geografische Verteilung der Ressourcen Je nach geologischen und klimatischen Gegebenheiten sind Ressourcen schon von Natur her ungleich über den Erdball verteilt. Auch unterliegen sie unterschiedlichen Veränderungsraten in der Zeit. Sie hängen ab von der Frequenz bio-geo-chemischer Stoffkreisläufe, also der Zeit, die eine stoffliche Ressource benötigt, um den natürlichen Zyklus von Werden und Vergehen zu durchlaufen.5 Die Unterscheidung zwischen «erneuerbar» und «nichterneuerbar» beruht auf diesen bio-geo-chemischen Umlaufzeiten. Die in der Erdkruste vorkommenden nicht-erneuerbaren Rohstoffe, zum Beispiel Minerale, Erdöl, Metalle, haben die längsten geologischen Umlaufzeiten in Bereichen von Millionen von Jahren und kommen in ausreichend konzentrierter Form oftmals nur punktuell vor. Die Stoffkreisläufe der Biosphäre wiederum laufen im Bereich von • 10 Jahren ab. Es handelt sich um Stoffe, die in Lebewesen eingebaut sind. Aus den Kreisläufen der Biosphäre entstehen dann in wiederum längeren Zeiträumen nachwachsende Rohstoffe wie beispielsweise Wälder. Die kürzesten Stoffumlauf Zeiten im Bereich von • 1 Jahr schließlich finden über die Atmosphäre statt: elementarer Sauerstoff und Stickstoff, Wasser und Kohlendioxid. Durch Photosynthese und Atmung werden sie von den Organismen der Biosphäre verstoffwechselt. Tabelle 1: Globale Flächenverfügbarkeit und Nutzung (1999)6
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Definition natürlicher Ressourcen7 Nicht erneuerbare Rohstoffe
Fossile Energieträger, Metallerze und andere Minerale, etwa Gips oder Porzellanerde, sind in dem Sinne nicht erneuerbar, als sich ihre Vorkommen nicht innerhalb menschlicher Zeitmaßstäbe regenerieren können. Ihre Vorkommen sind begrenzt und nehmen aufgrund menschlicher Aktivitäten ab.
Erneuerbare Rohstoffe
Biomasse erneuert sich grundsätzlich innerhalb menschlicher Zeitmaßstäbe. Sie umfasst schnell erneuerbare Ressourcen wie landwirtschaftliche Nutzpflanzen und langsam nachwachsende Ressourcen wie Holz. Diese als Rohstoffe genutzten biologischen Ressourcen können sich jedoch bei Übernutzung erschöpfen.
Artenvielfalt
Artenvielfalt, auch Biodiversität genannt, umfasst die «Vielfalt des Lebens», bezeichnet sowohl den Grad des Artenreichtums in einem bestimmten Ökosystem als auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Population. Artenvielfalt ist eine der Grundvoraussetzungen für die Stabilität der weltweiten Ökosysteme, die durch das weltweite Artensterben gefährdet wird.
Umweltmedien wie Luft, Wasser und Boden
Diese Ressourcen dienen zur Erhaltung des Lebens und zur Erzeugung biologischer Ressourcen. Bei ihnen ist es die nachlassende Qualität, die Anlass zur Besorgnis gibt. Die Gesamtmenge an Luft und Wasser auf der Erde ändert sich nicht innerhalb menschlicher Zeitmaßstäbe, aber aufgrund von Verschmutzung sind sie oftmals in schlechtem Zustand.
Strömende Ressourcen wie geothermische oder Solarenergie
Diese Ressourcen können sich nicht erschöpfen, für ihre Nutzung sind aber andere Ressourcen erforderlich. Beispielsweise sind Energie, Materialien und Raum nötig, um Windturbinen oder Solarzellen zu bauen.
Fläche
Es ist offensichtlich, dass für die Produktion oder Erhaltung aller oben erwähnten Ressourcen physischer Raum erforderlich ist. Beispiele sind Landnutzung für menschliche Ansiedlungen, Infrastruktur, Industrie, Mineralgewinnung, Land- und Forstwirtschaft.
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Erneuerbare Ressourcen haben vergleichsweise kurze Umlaufzeiten, ihre Verteilung ist dynamischer und kann sich in menschlichen Zeiträumen merklich verändern. Ihre Verteilung und Verfügbarkeit ist an Größe und Qualität der Landflächen gebunden – das gilt zumindest für den Großteil der vom Menschen genutzten Biomasse aus Land- und Forstwirtschaft. Die Landoberfläche der Erde beträgt rund 13 Milliarden ha. Die oben genannten Industrieländer belegen rund ein Viertel dieser Landfläche (Tabelle 1). Das ist verhältnismäßig viel im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil von rund 15 Prozent. Denn zu ihnen zählen große Länder mit geringen Bevölkerungsdichten (USA, Kanada, Australien), freilich auch Länder mit sehr hohen Bevölkerungsdichten (Westeuropa, Japan). Allerdings ist die Flächenverteilung nicht gleichzusetzen mit der Möglichkeit, erneuerbare Rohstoffe zu gewinnen. Wüsten und Steppen sind weniger oder überhaupt nicht nutzbar Rund 30 Prozent (ca. 4 Milliarden ha) der Landoberfläche sind Waldflächen und somit zumindest potenziell auch als Quelle für nachwachsende Rohstoffe anzusehen. Überdurchschnittlich viele Waldflächen finden sich in den gemäßigten Breitenzonen (Nordosteuropa, Nordamerika) und in der äquatorialen Zone Südamerikas. So werden nur knapp zwei Fünftel (5 Milliarden ha) der weltweit verfügbaren Landoberfläche landwirtschaftlich genutzt. Davon ist der überwiegende Teil Weideland – 3,5 Milliarden ha. Lediglich 1,5 Milliarden ha werden weltweit für den Ackerbau genutzt. In den dicht bevölkerten Industrieländern (Japan und Europäische Union) dagegen wird die landwirtschaftliche Fläche überwiegend für den Ackerbau und zum kleineren Teil als Weidefläche genutzt. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche ist nicht beliebig vermehrbar. Weltweit hat sie sich in den letzten 40 Jahren um ca. 10 Prozent erhöhen lassen. Gleichzeitig hat sich die Bevölkerung verdoppelt, sodass in der Folge die Pro-Kopf-Verfügbarkeit von 1,46 auf 0,82 ha pro Kopf gesunken ist.8 Dafür ist die landwirtschaftliche Produktivität, das heißt der Ernteertrag pro Hektar, auf das Zweifache gewachsen. Gleichwohl gibt es deutliche regionale Unterschiede. Südasien beispielsweise kann aufgrund seines starken Bevölkerungswachstums und seiner begrenzten Naturräume nur über 0,17 ha pro Kopf verfügen. Hinzu kommt, dass die Erntemenge pro Hektar in den Industrieländern fast 30 Prozent höher ist als in den Entwicklungsländern. In der Europäischen Union liegt sie sogar doppelt so hoch, ist freilich auch mit höherem Aufwand an Maschinen, Energie und auch höheren Umweltbelastungen durch Überdüngung und Pestizid-Einsatz verbunden. Ohne die durch künstlichen Dünger gesteigerten Erträge würde die Weltbevölkerung bei gleicher Art der Nachfrage etwa 30 Prozent hochwertige Anbaufläche zusätzlich benötigen.9 Insgesamt gesehen sind also die Industrieländer, allen voran Kanada und die USA, sowohl mit landwirtschaftlichen wie auch mit Waldflächen
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Abb. 4: Nachgewiesene Reserven fossiler Energierohstoffe (1998).10 Die Industrieländer verfügen über rund 40 Prozent der globalen Reserven an Kohle, doch nur über gut 5 Prozent der Erdöl- und 8 Prozent der Erdgasreserven. Ein guter Teil der Erdölreserven findet sich in Entwicklungsländern mit oberem mittlerem Einkommen, der überwiegende Teil der Erdgasreserven in Entwicklungsländern mit unterem mittlerem Einkommen.
weitaus besser ausgestattet als die Entwicklungsländer. Deren Potenzial an biotischen Ressourcen ist beträchtlich geringer, und dies bei höherer Bevölkerungsdichte. Mit einer Ausnahme allerdings, der biologischen Vielfalt. Von den 25 hot spots an biologischer Vielfalt, also Gebieten außerordentlicher biologischer Produktivität und überreichen Vorkommens an Pflanzen- und Tierarten, finden sich 21 in Entwicklungsländern, etwa im Amazonas oder am Kap Afrikas. Da biologische Vielfalt eine Ressource für die gentechnische Industrie darstellt, kann diese ungleiche Verteilung zugunsten des Südens politisch und ökonomisch relevant werden. Mineralische Rohstoffe haben geologisch lange Umlaufzeiten. Sie sind wesentlich punktförmiger auf der Erdoberfläche verteilt. Coltan zum Beispiel – ein Tantal-Erz, das zur Herstellung von elektronischen Geräten wie Handys, Digitalkameras und Computern benötigt wird – kommt überwiegend in Zentralafrika vor. Die Vorkommen von Platin – ebenfalls ein wichtiger Rohstoff für die Hightech-Industrie des Nordens – begrenzen sich auf
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Tabelle 2: Ökonomische Reserven ausgewählter mineralischer Rohstoffe (2004)11
wenige Abbaugebiete insbesondere in Südafrika und Sibirien. Die größten Erdölvorkommen befinden sich räumlich konzentriert im Mittleren Osten und im Gebiet um das Kaspische Meer. In Tabelle 2 sind die ökonomischen Reserven für eine Reihe wichtiger nicht-erneuerbarer Ressourcen zusammengestellt. Dabei sind ökonomische Reserven definiert als jener Teil des ermittelten Ressourcenbestands, der zum Zeitpunkt der Erhebung wirtschaftlich sinnvoll gefördert werden kann. Ökonomische Reserven können sich also verändern, weil ihre Menge von den Rohstoffpreisen und dem Stand der Fördertechnologien abhängt. Je höher also die Rohstoffpreise, desto höher die ökonomische Reserve, da dann auch schwerer zugängliche Lagerstätten wirtschaftlich extrahiert werden können. Die ökonomischen Reserven in den Industrieländern unterscheiden sich für die einzelnen mineralischen Rohstoffe. Chrom kommt dort überhaupt nicht vor. Für Zinn, Phosphat und Mangan liegen weniger als 10 Prozent der ökonomischen Reserven in den entwickelten Industrieländern. Bei Bauxit,
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Kupfer, Eisenerz liegen die ökonomischen Reserven des Nordens bei einem Fünftel oder niedriger. Bei Nickel, Blei, Zink, Gold sind sie hingegen reicher. Bei den Reserven für Energierohstoffe ergibt sich ein ähnliches Bild (Abbildung 4). Die nachgewiesenen Reserven an Erdöl – dem zurzeit wichtigsten Energierohstoff – liegen zum überwiegenden Teil in den Entwicklungsländern. Nur rund 5 Prozent der weltweiten Erdölreserven befinden sich in den Industrieländern. Ähnlich asymmetrisch verhält es sich bei Erdgas, wo sie nur über rund 8 Prozent der weltweiten Reserven verfügen. Im Fall der Kohle wiederum kehrt sich das Verhältnis um: Hier verfügen die Industrieländer über verhältnismäßig hohe Reserven. Aufs Ganze gesehen verfügt also der Norden über vergleichsweise weniger Reserven an nicht-erneuerbaren Rohstoffen. Ihr Hauptanteil ist in den Ländern des Südens zu finden. Jedoch stellen eine ganze Reihe dieser Ressourcen bis heute wichtige Antriebsmittel und Rohmaterialien für die industrielle Wirtschaftsweise dar; daher verbrauchen die Industrieländer des Nordens einen weit überproportionalen Anteil. Aus diesem Wider-
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Tabelle 3: Produktion und Verbrauch metallischer Rohstoffe in ausgewählten Ländern (2001)12
spruch zwischen Besitz und Bedarf rühren jene geo-strategischen Konfliktlagen, die seit mehr als hundert Jahren immer wieder die Welt in Atem halten (Kapitel 3). Aneignung im Nord-Süd-Vergleich Die Menge und die Art der natürlichen Ressourcen, die ein Land für sich in Anspruch nimmt, hängen nur zum Teil von der naturgegebenen Ressourcenausstattung ab. Die meisten Länder – manche mehr, manche weniger – importieren zusätzlich Natur von jenseits ihrer Grenzen, etwa in Form von Erdöl oder Nahrungsmitteln. Seit Jahrhunderten werden Naturgüter durch den internationalen Handel über den Erdball verteilt. Dabei folgen diese Ströme im Allgemeinen den Gravitationslinien ökonomischer und politischer Macht; die Kontrolle über die Bewegung wertvoller und wichtiger Stoffe ist seit alters eine Grundlage wirtschaftlicher Überlegenheit. So wird
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es möglich, dass bestimmte Nationengruppen von bestimmten Ressourcen weit mehr verbrauchen können, als sie selbst besitzen; der Handel wird zum Motor der ungleichen Aneignung. Bei einer Reihe von Mineralen springt ein Nord-Süd-Gefälle unmittelbar ins Auge. In keiner der reichen Volkswirtschaften der Triade wird zum Beispiel Bauxit gewonnen – der Rohstoff zur Herstellung von Primär-Aluminium. Der Großteil der natürlichen Bauxitvorkommen befindet sich in Entwicklungsländern Süd- und Mittelamerikas (Jamaika, Brasilien), die zum Teil erheblich von Bauxitexporten abhängig sind, zum Beispiel Jamaika zu 55 Prozent. Aber mehr als die Hälfte des weltweiten Primär-Aluminiums wird in der Triade verbraucht, insbesondere für Fahrzeugbau, Verpackungen, Maschinenbau und Hochbau. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt in den Vereinigten Staaten rund fünfmal höher als im Weltdurchschnitt und fast 20 Mal höher als in Afrika.
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Abb. 5: Verbrauch fossiler Energierohstoffe (1999).13 Rund 50 Prozent des globalen Öl- und Gasverbrauchs entfallen auf die Industrieländer, bei Kohle liegt ihr Anteil bei gut einem Drittel. Die Gruppe der Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen, in der am meisten Länder versammelt sind, verbucht den zweithöchsten Verbrauch fossiler Energieträger.
Auch bei anderen Metallen (Tabelle 3) übersteigt der Verbrauch der Triade die eigenen Vorkommen. So werden in den USA und in der Europäischen Union lediglich 8 Prozent der weltweiten Eisenerze gefördert – rund 1 Milliarde Tonnen jährlich, und auch Japan verfügt über keine nennenswerten Vorkommen. Die Triade verbraucht aber 42 Prozent der weltweiten Stahlproduktion, eine Japanerin etwa 30 Mal soviel wie eine Afrikanerin. Zwei Drittel des Nickels, ein wichtiger Rohstoff zur Veredelung von Stahl, werden in der Triade verbraucht, obwohl sie nur über 2 Prozent der Vorräte verfügt. Blei ist ein wichtiger Rohstoff für die Automobilindustrie. Auch hier verbraucht diese Ländergruppe weit mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Mengen, ein Amerikaner etwa 12 Mal soviel wie ein Chinese. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den fossilen Energieträgern (Abbildung 5). Von Öl und Gas verbrauchen die Industrieländer gut die Hälfte. Bei Kohle liegt der Anteil des Nordens etwas geringer. Damit entfallen etwa 50 Prozent des gesamten fossilen Energieverbrauchs der Welt auf die Indus-
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Abb. 6: Energieverbrauch und CO2-Emissionen (2000).14 Alle Entwicklungsländer zusammen verbrauchen bereits mehr Primärenergie und erzeugen mehr CO2-Emissionen als die Gruppe der Industrieländer. Die Entwicklungsländer mit hohem Einkommen emittieren pro Kopf gleichviel wie die Industrieländer; die pro-Kopf-Emissionen der anderen drei Gruppen der Entwicklungsländer sind bedeutend niedriger.
trieländer. Die andere Hälfte verteilt sich auf die Entwicklungsländer. Da allerdings das Bevölkerungsverhältnis zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern 15:85 beträgt, entstehen gravierende Disparitäten beim Pro-Kopf Vergleich: In den Industrieländern beträgt der fossile Energieverbrauch im Durchschnitt 4,5 Tonnen Erdöleinheiten pro Kopf und Jahr, in den Entwicklungsländern lediglich 0,8 Tonnen. Die Aneignung fossiler Energierohstoffe ist damit in den Industrieländern um einen Faktor 5 bis 6 höher als in den Entwicklungsländern. Dort ist der Verbrauch sehr gespreizt. In einer kleinen Gruppe mit hohem Einkommen und Entwicklungsstand, unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, liegt er mit 4,6 Tonnen sogar etwas höher als in den Industrieländern. Am anderen Ende der Skala liegt die bevölkerungsreiche Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika. Sie verbrauchen lediglich 0,3 Tonnen Erdöleinheiten pro Kopf und Jahr, 14 Mal weniger als die Industrieländer. Bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehen CO2-Emissionen. Die weltweiten von Menschen verursachten CO2-Emissionen betrugen im
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Tabelle 4: Produktion und Verbrauch von pflanzlichen und tierischen Produkten (1999)15
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Jahre 2001 rund 23,7 Milliarden Tonnen, etwa 3,9 Tonnen CO2 pro Kopf. Die Klimaforscher weisen auf die Notwendigkeit hin, diese jährliche Emissionsmenge spätestens bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zu halbieren, um den bereits geschehenden Klimawandel in erträglichen Grenzen zu halten.16 Fast die Hälfte (49 Prozent) der weltweiten CO2-Emissionen gehen auf das Konto der Industrieländer (Abbildung 6). Wiederum werden ähnliche Ungleichheiten erkennbar wie beim Energieverbrauch. Mit rund 12,6 Tonnen liegt der CO2-Ausstoß pro Kopf in den Industrieländern um einen Faktor 5 bis 6 höher als in den Entwicklungsländern. Dort sind es 2,3 Tonnen, aber wiederum mit einem starken Gefälle: je ärmer, desto weniger CO2-Ausstoß. Die Zahlen reichen von 0,9 Tonnen in den ärmsten Ländern bis zu rund 4,5 Tonnen CO2 pro Kopf in den Ländern mit oberem mittlerem Einkommen. Auch innerhalb der Gruppe der Industrieländer findet sich ein breites Spektrum: von rund 5,5 in Malta und Schweden bis zu 20 Tonnen CO2 pro Kopf in den Vereinigten Staaten. Das ist über 200 Mal mehr als in einigen zentralafrikanischen Ländern. In den letzten 30 Jahren haben freilich die südlichen Länder sowohl im Energieverbrauch als auch bei den CO2-Emissionen aufgeholt. Noch Anfang der 1970er Jahre betrug der Anteil des Nordens an beidem rund 60 Prozent. Jetzt wachsen gerade die CO2-Emissionen im Süden deutlich schneller, zuletzt um 1,2 Prozent im Jahr, während es in den Industrieländern 0,1 Prozent sind. Bei Nahrungsgütern ist die Situation, aufs Ganze gesehen, ausgeglichener. In Tabelle 4 wird für eine Reihe wichtiger Agrarerzeugnisse die Produktion dem inländischen Verbrauch gegenüber gestellt. Für Wurzelfrüchte, Zuckerpflanzen und Gemüse entspricht der Verbrauch in den Industrieländern ungefähr der dortigen Produktion. Auch entspricht der globale Verbrauchsanteil dieser Produkte in etwa der Bevölkerung in den Industrieländern. Bei anderen Produktgruppen liegt der globale Verbrauchsanteil der Industrieländer über ihrem Bevölkerungsanteil – kann aber durch eigene Produktion gedeckt werden (Ölfrüchte, Fleisch). In einigen Fällen liegt die Erzeugung in den Industrieländern sogar über dem inländischen Verbrauch (Getreide, Milch). Fisch und Früchte hingegen importieren die Industrieländer zu einem beträchtlichen Teil aus den Entwicklungsländern. Noch deutlichere Disparitäten ergeben sich bei Kaffee und Kakaobohnen, welche zu fast zwei Dritteln im Norden konsumiert, aber ausschließlich im Süden produziert werden. Dies verdeutlicht, dass sich der Norden trotz seiner allgemein besseren Ausstattung mit landwirtschaftlichen Flächen zusätzliche Flächen in den südlichen Ländern aneignet.
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Verteilung der Schäden Nicht nur Ressourcen und Emissionen sind zwischen Norden und Süden ungleich verteilt, sondern auch die Folgeschäden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die bitteren Auswirkungen des Klimawandels die Länder und Menschen am ersten und am heftigsten treffen, die am wenigsten zu ihm beitragen. Denn anders, als der Film The Day After Tomorrow glauben macht, werden die Veränderungen wahrscheinlich nicht schlagartig und katastrophal eintreten, sondern unsichtbar und heimtückisch beginnen. Und sie werden nicht so sehr Nordamerika und Europa, vielmehr Länder der südlichen Hemisphäre in Mitleidenschaft ziehen. Die großen Deltagebiete in China, Vietnam, Nigeria und besonders in Bangladesch, kleine Inselstaaten in der Südsee, trockene und halbtrockene Gebiete quer über den Globus – sie alle sind doppelte Verlierer: einmal, weil sie weniger Ressourcen haben, die sie in Wohlstand umwandeln können; und zum zweiten, weil vor allem sie die Folgekosten des Klimawandels, wie Dürre, Stürme, Wassermangel, das Ansteigen des Meeresspiegels und den Rückgang der Ernten, zu tragen haben. Weit davon entfernt, lediglich ein Naturschutzthema zu sein, wird Klimawandel die unsichtbare Hand hinter landwirtschaftlichem Niedergang, sozialer Erosion und Vertreibung aus der Heimat werden. Denn wenn die Erdatmosphäre sich erwärmt, wird die Natur instabil. Unversehens ist kein Verlass mehr auf Regen, Grundwasserspiegel, Temperatur, Wind oder Jahreszeiten, alles Faktoren, die seit urdenklichen Zeiten für die Gastlichkeit der Lebensräume von Pflanzen, Tieren und nicht weniger von Menschen gesorgt haben. Veränderungen in Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden Veränderungen in der Vegetation, der Artenvielfalt, der Bodenfruchtbarkeit und der Wasservorkommen auslösen. Zudem ist zu erwarten, dass die Umwelt ungesünder wird. Ernten werden eher von Ungeziefer befallen, Menschen werden an Malaria und Denguefieber erkranken oder sich mit Infekten anstecken.17 Forschungen sagen, dass bei einem globalen Temperaturanstieg um 2 Grad, der bei ungebremsten Emissionen zu erwarten ist, im Jahre 2050 25 Millionen Menschen von Überflutung der Küsten bedroht sind, zwischen 180 und 250 Millionen von Malaria und zwischen 200 und 300 Millionen von Wasserknappheit.18 Nach Einschätzung der meisten Wissenschaftler werden sich die Folgen des Klimawandels auf die Nahrungsmittelproduktion in den Entwicklungsländern besonders schwerwiegend auswirken.19 Neben allmählichen Veränderungen in Temperatur und Feuchtigkeit sind es vor allem extreme Wetterereignisse, welche die Nahrungsmittelproduktion direkt beeinträchtigen. Im Gegensatz dazu mag die Landwirtschaft in mittleren und hohen Breiten, also in den Industrieländern, von einer Erwärmung der globalen Mitteltemperatur zum Teil noch profitieren. Modellrechnungen legen nahe,
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dass zwar die globale Produktion bis zu einem Anstieg von 2˚C oder sogar 3˚C nicht gefährdet wäre, dass aber die globalen Disparitäten zwischen den Klimazonen zunehmen, sodass noch einmal die Industrieländer zu Gewinnern und die Entwicklungsländer zu Verlierern werden. Auch die wirtschaftlichen Schäden im Gefolge steigender Meeresspiegel treffen nach Modellberechnungen des Zwischenstaatlichen Gremiums zum Klimawandel (IPCC)20 ebenfalls Entwicklungsländer härter. Die globale Wasserkrise infolge des Klimawandels wird die Situation in den jetzt schon wasserarmen Regionen verschärfen – bereits heute haben 1,1 Milliarden Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser. Das Fazit: Es sind vor allem anderen die physische Unverletztheit der Armen und die Integrität ihrer Lebensräume, welche die Wohlhabenden durch die exzessive Verbrennung fossiler Energieträger untergraben. Das bisher Dargestellte lässt sich in einem plastischen Bild zusammenfassen, dem ökologischen Fußabdruck (Kapitel 1.3).21 Der ökologische Fußabdruck der Menschheit betrug 1999 etwa 13,5 Milliarden ha. Demgegenüber beträgt aber die global verfügbare Biokapazität lediglich 11,4 Milliarden ha; das heißt, zurzeit wird die Erde bereits zu rund 20 Prozent übernutzt. Im Nord-Süd-Vergleich zeigen sich die folgenden Verhältnisse: Von den insgesamt 13,5 Milliarden ha, die den globalen ökologischen Fußabdruck der Menschheit ausmachen, entfallen 42 Prozent auf die Industrieländer – das sind pro Kopf etwa 6,5 ha (Abbildung 7). Die Entwicklungsländer nehmen etwa 58 Prozent des globalen Umweltraumes in Anspruch – pro Kopf sind das aber nur 1,5 ha. Ihrer Bevölkerungszahl nach dürften die Industrieländer nur etwa 30 Prozent der verfügbaren Biokapazität in Anspruch nehmen –
Abb. 7: Ökologischer Fußabdruck pro Kopf (2001).22 Der durchschnittliche Fußabdruck der Industrieländer ist pro Kopf knapp dreimal so groß wie der durchschnittliche Fußabdruck weltweit, der bei 2,2 Hektar pro Kopf liegt. Selbst die Entwicklungsländer mit oberem mittlerem Einkommen hinterlassen pro Person einen größeren Abdruck als der Weltdurchschnitt, während die größte Ländergruppe, die Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen, pro Kopf weniger als die Hälfte des Weltdurchschnitts belegen.
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tatsächlich beanspruchen sie 2,5 Milliarden ha zusätzlich. Da die Gesamtheit der Entwicklungsländer in etwa die ihnen zustehende Biokapazität beansprucht, geht die Überbeanspruchung ganz zu Lasten der Industrieländer.23 Obwohl sich die Ungleichheiten zwischen Norden und Süden in den letzten Jahrzehnten nur wenig abgeflacht haben, wird das nicht so bleiben. Insbesondere der Rohstoffhunger der Schwellenländer, allen voran China, wird dafür sorgen, dass die Pro-Kopf-Verbräuche der südlichen Länder sich denen im Norden annähern werden. Dieses Aufholen des Südens hat aber weit reichende Konsequenzen im begrenzten Umweltraum. Nach realistischen Schätzungen werden im Jahre 2050 auf der Erde knapp neun Milliarden Menschen leben.24 Würden sie alle so viele Rohstoffe verbrauchen wie der durchschnittliche Bürger der Europäischen Union, müsste die Menschheit rund 450 Milliarden Tonnen Materialien im Jahr verbrauchen.25 Das wäre das Vielfache von dem, was heute an Ressourcen verbraucht wird.26 Voraussichtlich würden die Umweltprobleme in etwa demselben Maße ansteigen. Die Folgerung daraus ist klar: Weder die Industrieländer noch die Entwicklungsländer können ihre Fußabdrücke nach ihren Wünschen vergrößern. Damit aber die gegenwärtig Benachteiligten die Chance zu einer ökologisch verträglichen Entwicklung erhalten, müssen die, die bisher ihre Ressourcenansprüche durchgesetzt haben, ihren Anteil auf das ihnen zustehende Maß zurückführen. Davon wird in Kapitel 5 zu sprechen sein.
2.2 Ungleicher ökologischer Tausch Jener Epochenschub, der mit dem Begriff «Globalisierung» angezeigt wird, hat mehr als nur ein Gesicht. Er umfasst den Aufstieg internationaler Fernsehstationen, etwa CNN, ebenso wie die beschleunigte Ausbreitung von Epidemien, zum Beispiel SARS und AIDS, die Verdichtung des globalen Flugverkehrs ebenso wie die Vorherrschaft der englischen Sprache. Doch sein bekanntestes Gesicht ist die Allgegenwart des Weltmarkts. Ihren statistischen Ausdruck findet die wachsende wirtschaftliche Verflechtung auf dem Globus darin, dass der weltweite Warenexport deutlich schneller ansteigt als das weltweite Bruttosozialprodukt. Ein immer größerer Teil der erzeugten Rohstoffe, Waren und Dienstleistungen überschreitet nationale Grenzen. Allerdings hat der Welthandel heute immer weniger mit dem klassischen Warenaustausch zwischen Nationen zu tun; immer häufiger handelt es sich stattdessen um den Transport von Erzeugnissen zwischen den verschiedenen Orten eines Grenzen überschreitenden Produktionsnetzwerks, oft innerhalb des gleichen Konzerns. Im wachsenden Volumen
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Abb. 8: Wachstum von Welthandel und ßruttoinlandspropdukt (1950-2002).27 Das Volumen des Welthandels steigt schneller als die Weltwirtschaft wächst. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt hat sich in den vergangenen 50 Jahren um den Faktor 7 erhöht, während der Welthandel um den Faktor 22 angestiegen ist.
des Handels spiegelt sich die ökonomische Entgrenzung28 von Produktion, Vermarktung und Finanzierung. Ab Mitte des letzten Jahrhunderts haben die weltweiten Handelsverflechtungen rasant zugenommen (Abbildung 8). Während sich das weltweite Sozialprodukt seit 1950 in etwa versiebenfachte, stieg das weltweite Warenexportvolumen (ohne Dienstleistungen) um den Faktor 22! Besonders steil ist der Anstieg in den 1990er Jahren. Seit 1990 hat sich das Welthandelsvolumen nochmals verdoppelt, während die Weltwirtschaft (nur) um 30 Prozent wuchs. Das kennzeichnet diese Dekade eindeutig als Zeitalter der beschleunigten Globalisierung.29 Ein Großteil des Welthandels schließt Grenzen überschreitende Stoffströme ein; denn die Waren bestehen aus Materialien, seien es Tonnen an Rohöl, fein modellierte Plastikgehäuse oder leichtverderbliche Blumen. Außer bei Informations-, Kommunikations- und Finanzdienstleistungen ist wirtschaftlicher Austausch immer auch physischer Austausch. Im Folgenden wenden wir uns den physischen Strömen zu, die mit internationalem Handel verbunden sind, und zwar sowohl ihrer Zusammensetzung und ih-
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rem Volumen als auch ihrer geografischen Richtung. Baut vermehrter Austausch die Ungleichheiten in der Ressourcennutzung zwischen Nationen ab oder spitzt er sie zu? Wir werden uns dieser Frage vor allem aus der Perspektive Europas zuwenden und dabei auf ausführlichere Arbeiten des Wuppertal Instituts zurückgreifen.30 Die Triade und ihre «Kolonien» Rund die Hälfte des weltweiten Handels spielt sich innerhalb der Triade Europäische Union – Nordamerika – Japan ab. Von einer Globalisierung des Handels im Vollsinn des Wortes kann also nicht die Rede sein; beim überwiegenden Anteil des Welthandels – gemessen in US-Dollar – handelt es sich um Handelsverflechtungen zwischen diesen drei Wirtschaftsregionen. Unterscheidet man freilich zwischen verarbeiteten Waren einerseits und Rohstoffen andererseits, so ergeben sich bezeichnende Unterschiede in den Verflechtungsmustern. Tabelle 5 zeigt den Welthandel mit verarbeiteten Waren nach kontinental-geografischen Regionen. Rund die Hälfte der verarbeiteten Exportwaren wird interkontinental ausgetauscht. Die andere Hälfte wird innerhalb der jeweiligen Großregion gehandelt. In Westeuropa verbleiben zum Beispiel zwei Drittel der Exporte in den jeweiligen Nachbarländern. Darüber hinaus zeigt sich: Überwiegend handeln die Großregionen der Triade unter sich. Die größten interkontinentalen Handelsströme fließen zwischen Asien und Nordamerika, Asien und Westeuropa sowie zwischen Westeuropa und Nordamerika. Asien spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle im Welthandel mit verarbeiteten Waren, vor allem gilt das für Japan, China und die so genannten Tigerstaaten (Hongkong, Singapur, Südkorea, Taiwan, Vietnam, Malaysia, Thailand, Indonesien). Afrika nimmt am Handel mit verarbeiteten Waren so gut wie nicht teil.
Tabelle 5: Welthandel mit verarbeiteten Waren nach Regionen (2002)31
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Tabelle 6: Welthandel mit landwirtschaftlichen und Bergbauerzeugnissen nach Regionen (2002)32
Tabelle 6 zeigt den Welthandel mit Rohstoffen, genauer mit landwirtschaftlichen und Bergbauerzeugnissen. Der Geldwert der gehandelten Güter – wieder in US-Dollar gemessen – ist hier wesentlich geringer als bei den verarbeiteten Waren. In Tonnen übertreffen die Rohstoffe jedoch die verarbeiteten Waren. Auch bei den Rohstoffen ist der Handel innerhalb der jeweiligen Großregionen zum Teil beträchtlich. Innerhalb Westeuropas ist der Rohstoffhandel ausgeprägt im Bereich der Energie (Öl aus Norwegen und dem Vereinigten Königreich) und der Agrarerzeugnisse. Innerhalb Asiens wiederum spielt Australien eine herausragende Rolle als Rohstofflieferant für Japan und China. Zwischen den Kontinenten freilich erscheint eine andere Konfiguration. Die Triade handelt unter sich sehr wenig mit Rohstoffen. Hingegen fließen die größten Rohstoffströme vom Mittleren Osten nach Asien, von Latein- nach Nordamerika, von Afrika nach Westeuropa und von Zentral/Osteuropa nach Westeuropa. Dabei tritt ein deutliches Muster zu Tage: Die Triade-Regionen beziehen Rohstoffe aus ihrem jeweiligen Hinterland, fast ließe sich sagen aus ihren «Kolonien», da es sich bei den Lieferregionen überwiegend um Entwicklungsländer und für Westeuropa sogar tatsächlich um frühere Kolonien handelt. In seinem Fall ist das insbesondere Afrika, für Nordamerika ist es Lateinamerika, und für Asien ist es der Mittlere Osten. Japan, ein rohstoffarmes Land, bezieht seine Energierohstoffe fast ausschließlich über Importe. Nordamerika führt ebenfalls Energierohstoffe in beträchtlichem Umfang aus Lateinamerika ein, ebenso Agrarrohstoffe. Auch die Europäische Union bezieht Agrarrohstoffe aus den Entwicklungsländern des Südens. Mit diesen Agrarimporten belegen die Industrieländer wertvolle landwirtschaftliche Flächen in den Ländern des Südens. Insgesamt belegt die Europäische Union (EU 15) mit dem Import von Agrarrohstoffen und -produkten Flächen von etwa 43 Millionen ha.33 Zum Vergleich:
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In der Europäischen Union selbst werden rund 85 Millionen ha ackerbaulich und weitere 56 Millionen ha als dauerhafte Weidefläche genutzt. Rund 80 Prozent der ausländischen Flächenbelegungen der EU-Agrarimporte liegen in Entwicklungsländern, überwiegend für Soja, Sojaprodukte und Kaffee. Rund 6 Millionen ha (16 Prozent) der ausländischen Flächenbelegungen der europäischen Agrarimporte liegen in Afrika – insbesondere bedingt durch den Import von Kakao. Größere Flächenbelegungen geschehen auch für Futtermittel (Maniok), Naturkautschuk sowie pflanzliche Öle und Fette – vor allem Palm- und Kokosöl. Der hohe Anteil der Futtermittel an den Importen in die Europäische Union zeigt, dass der Konsum von tierischen Produkten einen Großteil der ausländischen Flächenbelegungen verursacht, und zwar indirekt, indem Futtermittel für die heimische Fleischproduktion importiert werden. Die Welthandelsströme folgen also im Großen und Ganzen folgendem Muster: Zwischen den Reichen geschieht der Austausch hochwertiger Waren, zwischen den Armen und den Reichen der Austausch von Waren geringeren Geldwertes, und zwischen den Armen findet kaum ein Austausch statt. Die Länder der Triade handeln überwiegend mit verarbeiteten Waren höherer Wertschöpfungsstufen. Im Geldwert macht dieser Handel mit veredelten Produkten rund drei Viertel des gesamten Welthandels aus, wobei sich in den Schwellenländern schwerindustrielle Verarbeitungsstufen ansiedeln. Aber die Ausgangstoffe dieses Veredelungsprozesses, die Rohstoffe, stammen zu einem großen Teil aus Entwicklungsländern. In ihrem ökonomischen Wert machen sie einen kleinen Anteil am gesamten Welthandel aus, nicht allerdings in ihrem Stoffvolumen. Am Beispiel des Außenhandels der Europäischen Union lässt sich das Ungleichgewicht zwischen Warenströmen und Wertströmen gut illustrieren. Drei Viertel der gesamten Importe in die Europäische Union – in Tonnen gemessen – sind Rohstoffe, wovon der größte Teil aus Entwicklungsländern stammt. Im Geldwert machen die Rohstoffimporte jedoch nur weniger als 20 Prozent aus. Ein typisches Beispiel ist die Metall verarbeitende Industrie mit ihren Veredelungsstufen. In Europa (EU 25 und Norwegen, Schweiz, Bulgarien, Rumänien, Türkei) selbst werden lediglich 2,5 Prozent der weltweiten Eisenerze gefördert.34 Aber es verbraucht zwischen 25 und 30 Prozent der verarbeiteten Produkte Eisen und Stahl. So wird das Eisenerz zu einem günstigen Preis importiert, zu Stahl verarbeitet, der wiederum in hochwertigen Maschinen und Fahrzeugen Verwendung findet, die dann Exportgüter der Hochtechnologie-Wirtschaft werden. Die Absatzmärkte dieser Produkte liegen überwiegend in den Industrieländern, wenn auch die Schwellenländer als Abnehmer an Bedeutung gewinnen. Der Wohlstand der Industrieländer gründet daher zu einem guten Teil in Veredelungsschleifen. Die letzten Stufen der Wertschöpfung, die auf Verar-
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beitung, Innovation und Symbolproduktion beruhen, sind das Reservat der spätindustriellen Volkswirtschaften und der hohen Qualifikationen der in ihrer Wirtschaft tätigen Facharbeiter, Ingenieure und Manager. Höherwertige Verarbeitung führt wirtschaftliche Koppeleffekte mit sich, die sich wiederum auf die gesamte Wirtschaftsstruktur förderlich auswirken. Das alles fehlt den Ländern an der Peripherie. Sie liefern die Rohstoffe; aber von diesem Handel gehen im Erzeugerland keine positiven Verstärkereffekte aus, eher verbleiben ihnen die Nachteile. Rohstoff-Ökonomien, wenn sie auf niedriger Verarbeitungsstufe verharren, erfordern wenige Qualifikationen und regen auch kaum zu einer Differenzierung der Wirtschaftsstruktur an. Sie werden faktisch in wirtschaftlicher Unterentwicklung festgehalten. Ökologische Handelsbilanz Selten nur noch stinkt und lärmt es in der spätindustriellen Wirtschaft, und Fördertürme und Hochöfen sind nahezu aus der Landschaft verschwunden. Aber auch wo Internet und Design dominieren, kommt eine Volkswirtschaft nicht ohne Rohstoffe aus. Rohstoffgewinnung und -verarbeitung einschließlich der damit verbundenen Umweltlastenjiaben sich nur aus der europäischen Wahrnehmung verabschiedet. Jene Mobilisierung der Natur, ohne die auch keine Datenströme fließen, geht immer mehr in geografisch weit entfernten Gebieten vor sich. Diesen Ausfall der Sinneswahrnehmung kann der so anschauliche Indikator ökologischer Rucksack ausgleichen. Er bezeichnet den Gesamtumfang an Ressourcenverbrauch, der – oft genug unerkannt – in jedes Erzeugnis eingegangen ist, und stellt ihn in Gewichtsgrößen dar. Schon jeder Rohstoff, dann jedes Produkt und auch jede Dienstleistung, schleppen einen solchen ökologischen Rucksack mit sich herum. Dabei kommt der größere Teil des Stoffstroms niemals in Form von Gegenständen in Umlauf, sondern bleibt irgendwo entlang des Lebenszyklus eines Produktes als Abraum oder Abfall zurück. Um Zugang zu mineralischen Rohstoffen zu gewinnen, müssen ja bisweilen ganze Berge aufgeschnitten und Wasserläufe umgeleitet werden, wie auch der Anbau von Getreide oder Baumwolle beträchtliche Bodenerosion mit sich bringt. Der ökologische Rucksack eines Produktes oder einer Dienstleistung enthält also alle Ressourcen, die benötigt wurden, um eine Einheit des jeweiligen Produktes herzustellen, zu nutzen und zu entsorgen – abzüglich des Eigengewichtes des jeweiligen Produktes. Er wird in Tonnen angegeben und jeweils pro Tonne Werkstoff oder Produkt gemessen.35 Der ökologische Rucksack von einer Tonne primärem Aluminium beträgt etwa 7 bis 8 Tonnen, der von einer Tonne Kupfer rund 500 Tonnen, und der von einer Tonne Gold sogar über 500 000 Tonnen.36 Mit der Stoffstrom-Analyse steht eine Methodik zur Verfügung, die es erlaubt, auch den Ressourcenaufwand von Wirtschaftsräumen, also von ganzen Volkswirtschaften, zu beziffern. Mit ihm lässt sich auch ermitteln, wo
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diese Ressourcenaufwendungen tatsächlich stattfinden.37 Dazu ist der Indikator Globaler Materialaufwand entwickelt worden. Mit ihm werden alle primären Stoffentnahmen aus der Natur (ohne Wasser und Luft) aufsummiert, die von einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres beansprucht werden. Auch er wird in Tonnen oder Tonnen pro Kopf gemessen und setzt sich zusammen aus inländisch entnommenen und aus importierten Stoffen. Bei den Importen unterscheidet er überdies zwischen dem Eigengewicht der Importe und ihrem ökologischen Rucksack. Im Folgenden untersuchen wir den Außenhandel der Europäischen Union anhand dieses Indikators. In den vergangenen Jahren sind die globalen Ressourcenaufwendungen der Europäischen Union auf hohem Niveau konstant geblieben. Seit etwa Mitte der 1980er Jahre liegt der globale Materialaufwand der Europäischen Union bei etwa 50 Tonnen pro Kopf und Jahr. Jedoch haben sich die darin enthaltenen Importe mitsamt ihrer ökologischen Rucksäcke von rund 15 auf 20 Tonnen pro Kopf erhöht.38 Verantwortlich für diesen Anstieg sind vor allem Erze, mineralische Brennstoffe, Metallprodukte und Produkte wie Glass, Keramik und Edelsteine. Diese vier Gütergruppen sind ohnehin für den größten Teil der ökologischen Rucksäcke der Importe verantwortlich.39 Gut die Hälfte von ihnen stammt aus den Entwicklungsländern. Im Gegenzug haben sich die Ressourcen-Entnahmen in Europa verringert. So sind in den vergangenen Jahrzehnten in Europa zahlreiche Bergwerke geschlossen worden. Entweder waren die Lagerstätten erschöpft oder unwirtschaftlich geworden. Damit haben sich auch die Umweltbelastungen in Europa verringert, während sie durch die Importe nach Europa in anderen Regionen steigen. Die Umweltkosten haben sich also nur verlagert. Zugleich sind die ökologischen Rucksäcke der Importe in die EU höher geworden. Das Verhältnis zwischen dem Eigengewicht eines Produktes und seinem ökologischen Rucksack hat sich verschlechtert. Im Durchschnitt beträgt heute der ökologische Rucksack das fünffache Gewicht des importierten Gutes.40 Eine Tonne Import hinterlässt also durchschnittlich 5 Tonnen an Bergbauabfällen, Emissionen und Erosion im exportierenden Land. Dieses Verhältnis hat sich in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdoppelt, bei importierten Erzen sogar von 4 auf 16 Tonnen. Bei den Importen aus Entwicklungsländern – die ja überwiegend aus Rohstoffen bestehen – hat sich der ökologische Rucksack ebenfalls deutlich erhöht während die Importmengen weitgehend konstant geblieben sind (Abbildung 9). Ein solcher Befund deutet daraufhin, dass die Gewinnung dieser Rohstoffe immer aufwendiger wird, mehr Bergbauabfälle entstehen und mehr Energie aufgewendet werden muss. Die Analysen der ökologischen Rucksäcke der Importe in die EU machen deutlich, dass Umweltbelastungen im Zusammenhang mit Rohstoffgewinnungen zunehmend aus der EU ausgelagert werden.
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Abb. 9: Ökologische Rucksäcke an den Importen aus Entwicklungsländern in die EU (1976– 2000).41 Die Importe aus den Entwicklungsländern in die Europäische Union (EU 15) liegen seit Jahren nahezu konstant bei rund 500 Millionen Tonnen pro Jahr. Die ökologischen Rucksäcke der Importe sind demgegenüber seit Mitte der 1980er stark angestiegen und mittlerweile sechsmal größer als die Importe selbst.
Aufs Ganze gesehen sind die Material- und Energieumsätze und damit die ökologischen Belastungen in den einfachen industriellen Verarbeitungsstufen höher als bei den Veredelungsstufen am Ende der Wertschöpfungskette. Beim Bergbau werden große Mengen an Abraummaterial und Wasser unter hohem Energieeinsatz umgesetzt. Kupfer und Gold werden mit Hilfe großer Mengen hoch toxischer Substanzen gewonnen. Auch biotische Rohstoffe werden in konventioneller Landwirtschaft mit hohen Umweltkosten erzeugt, etwa durch Überdüngung der Gewässer, klimaschädliche Methanemissionen bei der Tierproduktion, Belastung des Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln und so weiter. Auch die Verarbeitungsstufe vom Rohstoff zum Grund- und Werkstoff ist energie- und umweltintensiv. Erst die Produktionsprozesse am Ende der Wertschöpfungskette sind relativ sauber. Deutsche Autofabriken etwa sind so sauber, dass man sprichwörtlich vom Boden essen könnte. Im Hinblick auf Schadstoffemissionen (Luft, Wasser, Schwermetalle) hat eine Studie für die Weltbank die folgenden zehn Gütergruppen als beson-
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ders belastend für die Umwelt eingestuft: Eisen und Stahl, Nicht-EisenMetalle, Chemikalien, mineralische Brennstoffe, mineralische nicht-metallische Erzeugnisse, Zellstoff und Papierwaren aus Gummi, Leder und Metall.42 Der Anteil der die Umwelt besonders belastenden Güter an den Importen in die Europäische Union hat in den letzten 25 Jahren erheblich zugenommen und erreicht inzwischen rund 70 Prozent. Dabei ist eine deutliche Verschiebung zu Gunsten der aufstrebenden Entwicklungsländer zu beobachten während die ärmeren Entwicklungsländer an Bedeutung verlieren. Produktionen im Bereich der Grundstoffindustrien und Textilwirtschaft, die durch Lärm, Abfall, Gefahrstoffe und Landschaftsverbrauch besondere Belastungen darstellen, entstehen offenbar zunehmend in den aufstrebenden Entwicklungsländern insbesondere Osteuropas. Dabei handelt es sich teilweise um Produktionsauslagerungen aus der EU. Die Europäische Union importiert nicht nur die Umwelt belastende Rohstoffe und Waren, sie exportiert ihrerseits Stoffe in alle Welt, vor allem in Form veredelter Güter. Stoff-Importe und Stoff-Exporte lassen sich vergleichen; ihr Verhältnis drückt sich in der ökologischen Handelsbilanz aus. Dabei wird die ökologische Handelsbilanz in Tonnengrößen geführt, nicht in Geldgrößen wie die Außenwirtschaftsbilanz. Ein ökologisch ungleicher Tausch liegt dann vor, wenn Europa auf Dauer ein höheres Volumen an Energien, Stoffen und – indirekt – Flächen importiert als es selber exportiert.43 Um den Außenhandel der EU ökologisch zu bilanzieren, kann man auf den oben eingeführten Parametern ökologische Rucksäcke und besonders belastende Güter aufbauen. Die Außenhandelsbilanz der Europäischen Union war in den letzten Jahrzehnten im Großen und Ganzen monetär ausgeglichen. Physisch betrachtet ist der Außenhandel hingegen unausgeglichen. Importen in Höhe von insgesamt 1400 Millionen Tonnen stehen rund 400 Millionen Tonnen Exporte gegenüber. Die Differenz erklärt sich aus dem Unterschied zwischen geringer und höher verarbeiteten Gütern. Europa importiert überwiegend billige Güter niedriger Verarbeitungsstufen zum durchschnittlichen Wert von 0,70 Euro/kg, exportiert aber höherwertige Güter mit einem durchschnittlichen Wert von 2,20 Euro/kg. Diese Ungleichheit hat seit langem zu jenem unfairen Tausch zwischen Norden und Süden geführt, der ein Strukturmerkmal des Welthandels geworden ist (Kapitel 3.2, 4.5, 6.3). Auch die ökologischen Rucksäcke der Importe, also die in den Erzeugerländern entstehenden Belastungen, in die Europäische Union übersteigen die der Exporte deutlich. Sie betrugen im Jahre 2000 rund 7,2 Milliarden Tonnen, jene der Exporte nur 2,3 Milliarden Tonnen. Das ergibt einen Import-Überschuß von rund 5 Milliarden Tonnen, pro Bürger der EU immerhin rund 14 Tonnen. Europa belastet also die Herkunftsländer ökologisch erheblich stärker als sich selbst.
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Abb. 10: Importüberschuss besonders belastender Gütergruppen und ökologischer Rucksäcke an den Importen der EU (1976–2000).44 Im Außenhandel der Europäischen Union (EU 15) hat der Überschuss von Importen besonders belastender («umweltintensiver») Gütergruppen gegenüber den Exporten seit Mitte der 1990er Jahre zugenommen. Auch der Importüberschuss der ökologischen Rucksäcke ist im Außenhandel der EU seitdem deutlich angestiegen.
Bei der Bilanz der Güter, die die Umwelt in den Herkunftsländern besonders belasten, ergibt sich ein ähnliches Bild. Den Importen von rund 1000 Millionen Tonnen standen im Jahre 2000 Exporte in Höhe von rund 240 Millionen Tonnen gegenüber. Auch dies zeigt einen ökologisch ungleichen Tausch an. Er hat insbesondere in den 1990er Jahren zugenommen, korreliert also zeitlich mit den allgemeinen Globalisierungstendenzen (Abbildung 10). Selbsttäuschung der Wohlhabenden Mit der Ausweitung transnationaler Wirtschaftsbeziehungen ändert sich die Verteilung der Umweltbelastungen im geografischen Raum. Die Schwellenländer im Süden und in Osteuropa haben zunehmend einen höheren Anteil an Umweltbelastungen zu tragen. Definiert man Macht im ökologischen Sinne als die Fähigkeit, Umweltvorteile zu internalisieren und Umweltkosten zu externalisieren, lässt sich diese Entwicklung als Machtgefälle zwischen nördlichen und südlichen Ökonomien begreifen. Im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung ist es den reichen Ländern gelungen, eine
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größere geografische Distanz zwischen die Orte zu legen, wo die Wohlstandsvorteile, und jene anderen, wo die Umweltbelastungen anfallen. Auch wenn die primären Gründe dafür in niedrigeren Löhnen und geringeren Abgabelasten liegen mögen, heißt das Ergebnis: Die die Umwelt belastenden Stufen in einer internationalen Produktionskette sind eher in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen angesiedelt, die sauberen Stufen vorrangig in den Industriestaaten. In der Grundstoffindustrie, der Metallverarbeitung und der chemischen Industrie geht der Anteil der Industrieländer langsam zurück, während jener der Südländer wächst.45 In der Aluminiumindustrie findet sich die Stufe der Extraktion, der Bauxitabbau, neben Australien VOT allem in Guyana, Brasilien, Jamaika, Guinea. Auf der Stufe der Verarbeitung sind in den 1980er Jahren die Aluminiumschmelzen mehr und mehr aus dem Norden in Länder wie Brasilien, Venezuela, Indonesien oder Bahrein gewandert. Und die belastungsarme Stufe der Material- und Anwendungsforschung schließlich ist nach wie vor in den reichen Ländern lokalisiert.46 Wenn also Industrieländer mit überlegener Geste auf ihre manchmal relativ günstigen Umweltdaten verweisen, sitzen sie dem rich country illusion effect, der Selbsttäuschung wohlhabender Länder, auf.47 Was lokal aufatmen lässt, stellt sich global als Trugschluss heraus. In ein Schema gebracht, lässt sich von einer mehrstufigen Verteilung ökologischer Belastungen auf dem Globus sprechen. An der Spitze der Leiter stehen die spät-industriellen Ökonomien, in denen die augenscheinlichen Umweltbelastungen zurückgehen, während die Importe, welche die Herkunftsländer belasten, ebenso ansteigen wie die Emissionen von Kohlendioxid und damit ihr Export in die globale Atmosphäre. Sauberkeit wird weitgehend erreicht über die Verlagerung der Lasten. Zu ihnen zählen eine Reihe von Ölstaaten, die in großem Maßstab hochwertige Energieressourcen extrahieren und mit den Erlösen industrielle Wirtschaftsstrukturen mitsamt ihren Verlagerungsleistungen aufbauen. Auf halber Höhe finden sich dann die Volkswirtschaften der Schwellenländer, welche die schwerindustrielle Fertigung übernehmen und dabei mit der klassischen Verschmutzung von Wasser, Luft, Boden – und Menschen zu kämpfen haben. Selbstvergiftung ist für sie der Preis für einen höheren Anteil an der Wertschöpfung, die auch über eine Versorgung des Nordens mit Industriegütern erzielt wird. Ganz unten stehen schließlich die Rohstoffökonomien der ärmeren Länder- oder der ärmeren Regionen innerhalb von Schwellenländern –, in denen die große Mehrheit der Menschen lebt. Sie liefern metallische und vor allem agrarische Rohstoffe an die Schwellen- und Wohlstandsländer und haben als Folge Abraum, Entwaldung, Erosion und Wassermangel zu tragen. Das trifft insbesondere Naturvölker und jene Gruppen von Kleinbauern, die ihren Lebensunterhalt direkt von der Natur beziehen.
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2.3 Die Ansprüche der Aufsteiger Die Unterscheidung zwischen Norden und Süden – jene Grobgliederung der Welt, auf die auch dieses Buch nicht verzichten kann – führt bei genauerem Hinsehen in die Irre. Gewiss, bis in die 1980er Jahre hinein machte es Sinn, die Welt als bipolar wahrzunehmen, gegliedert in Industrieländer und Entwicklungsländer, reiche Länder und arme Länder. Doch spätestens seit dem Zerfall des kommunistischen Blocks hat diese Unterscheidung an Trennschärfe verloren und verwischt obendrein tiefere Konfliktlinien. Zum einen erfasst sie nicht mehr die Realität, weil sich mit der Vorherrschaft der transnationalen Ökonomie insbesondere das Lager der Entwicklungsländer tiefgreifend verändert. Es ist größer geworden, denn ex-kommunistische Staaten wie Kasachstan, Georgien, aber auch Russland, Ukraine, China, müssen von ihrer nationalen Wirtschaftsleistung her dort eingereiht werden. Und es ist kleiner geworden; denn 15 bis 20 Länder haben in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten Wachstumsraten erzielt, die sie von der Mehrzahl der Entwicklungsländer rasch entfernen und als Schwellenländer in mehr oder weniger kräftigen Sprüngen zu den Industrieländern aufschließen lassen. So verbergen sich hinter der Rubrik «Süden» Länder mit unterschiedlichsten Interessen und Erfahrungen; oder was sollen schon etwa Singapur und Mali miteinander gemeinsam haben? Zum anderen kann eine Gegenüberstellung von Ländergruppen nur noch bedingt die entscheidende Trennungslinie darstellen, welche die heutige Welt durchzieht. Die Rede von Norden und Süden verwischt, dass die soziale Kluft innerhalb von Ländern ebenso gravierend sein kann wie die Kluft zwischen Ländern. Vieles deutet darauf hin, dass nur immer Teile eines Landes vom Sog des Weltmarkts erfasst werden, dass also eine Trennlinie zwischen den globalisierten Reichen einerseits und den lokalisierten Armen andererseits jedes einzelne Land durchzieht, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Proportionen. Wie wirken sich diese Verschiebungen zwischen den Ländern und in ihnen auf die Aneignung der Ressourcen aus? Sind die Schwellenländer dabei, im Ressourcenverbrauch mit den Industrieländern gleichzuziehen? Oder handelt es sich womöglich gar nicht um Länder, die expansiv ihre Ansprüche an den globalen Umweltraum voran tragen, sondern in erster Linie um den transnationalen Wirtschaftskomplex, der sich in all diese Länder hinein ausdehnt? Es ist ja nicht zweifelhaft, dass sich den alt eingesessenen Hochverbrauchern weitere Länder und Klassen in einer neuen Allianz von «Allesfressern» zugesellen. In den Ballungsräumen des Südens leben inzwischen Hunderte Millionen von Menschen der Mittel- und Oberklassen, die in Kaufkraft und Konsum verhalten den vergleichbaren Schichten im Norden nahe rücken oder auch schon in nichts mehr nachstehen.
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Die neuen Verbraucherländer Allen Schwellenländern ist gemeinsam, dass sie mit raschen, teilweise sogar stürmischen Schritten einen größeren Anteil an der globalen Wirtschaftstätigkeit erobern. In den letzten 10 bis 20 Jahren konnten sie mit Wachstumsraten aufwarten, die jene der Industrieländer und erst recht die der ärmeren Entwicklungsländer weit übertroffen haben. Auf verschiedene Weise konnten sie günstige Positionen in der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung besetzen: Einige bieten sich als Energielieferanten an (etwa SaudiArabien, Venezuela oder Russland), andere als Exporteure von Hard- und Software (etwa Thailand, China, Indien) und wieder andere als stattliche Absatzmärkte (Brasilien, China, Argentinien). Als neue Verbraucherländer sollen im Folgenden Schwellenländer angesprochen werden, die mehr als 20 Millionen Einwohner zählen, weil sie damit über eine Größe verfügen, die den Aufstieg ihrer Verbraucher global bedeutsam werden lässt.48 Als neue Verbraucherländer gelten nach Myers und Kent (2004) folgende 20 Länder: Argentinien, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Iran, Kolumbien, Malaysia, Mexiko, Pakistan, Philippinen, Polen, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Thailand, Türkei, Ukraine, Venezuela. Unter ihnen nimmt China eine herausgehobene Stellung ein. Das Land, das mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung beherbergt, treibt von sich aus alle Verbrauch sziffern in die Höhe. In diesen Ländern nimmt mit steigendem wirtschaftlichen Wohlstand, in unterschiedlichem Ausmaß zwar, doch klar in der Tendenz, der Verbrauch an Energie, Material und Fläche zu. Wirtschaftlicher Erfolg intensiviert die Ansprüche an die natürliche Umwelt. Eben weil im Rahmen des vorherrschenden Wirtschaftsmodells Einkommensgewinne zu einem nicht geringen Teil in der Fähigkeit gründen, unbezahlte Naturwerte in ertragsträchtige Warenwerte umzuwandeln, schnellt die Nachfrage nach Ressourcen in die Höhe. Zieht man den Verbrauch von Primärenergie heran, der als Leitindikator für umweltintensive Produktions- und Konsummuster dienen kann, so ergibt sich ein erster Eindruck vom wachsenden Ressourcenhunger der neuen Verbraucherländer (Abbildung 11). Zwar führen beim absoluten Energieverbrauch nach wie vor die Industrieländer, doch wird ihnen diese Position zunehmend von den neuen Verbraucherländern streitig gemacht – die freilich auch mehr Einwohner haben. Sieht man vom Bruch in der Zeitreihe ab, der durch Umstellungen in der Statistik nach der Auflösung der Sowjetunion entstanden ist, so zeigt sich deutlich, wie die neuen Verbraucherländer seit den 1970er im absoluten Energieverbrauch zur Gruppe der Industrieländer aufschließen. Gleichzeitig entfernen sich die Aufsteiger von der großen Mehrheit der Entwicklungsländer, deren Energieverbrauch zwar langsam steigt, aber auf vergleichsweise niedrigem Niveau verbleibt.
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Abb. 11: Absoluter Verbrauch an Energie in den neuen Verbraucherländern (1972–2000).49 In den 70er Jahren war der Energieverbrauch der neuen Verbraucherländer noch auf mittlerem Niveau zwischen den Industrie- und anderen Entwicklungsländern. Inzwischen ist ihr absoluter Energieverbrauch ähnlich hoch wie bei den Industrieländern. Allerdings muss bedacht werden, dass die neuen Verbraucherländer weit mehr Einwohner haben als die Industrieländer.
Beträchtlicher Umweltverzehr ist auch mit der Verbreitung bestimmter Konsumgüter wie Autos oder Fernsehgeräte verbunden (Abbildungen 12 und 13). Vergleicht man ihre Verbreitung über die letzten Jahrzehnte, entsteht ein ähnliches Bild, doch mit charakteristischen Unterschieden. Seit Ende der 1980er Jahre hat die Verbreitung von Autos wie von Fernsehgeräten in den neuen Verbraucherländern zuerst allmählich, dann aber stärker zugenommen, wobei Fernsehgeräte sich viel schneller verbreiten, weil sie auch bei geringerer Kaufkraft erschwinglich sind. Immerhin hat diese Dynamik dazu geführt, dass die neuen Verbraucherländer – bei größerer Bevölkerung – bereits die Industrieländer in der Anzahl der Fernsehgeräte überholt haben. Nicht wenige Prognosen legen nahe, dass dasselbe in 15 bis 20 Jahren für die Automobile gelten wird. Konsumgewohnheiten werden nicht nur von der Einkommensentwicklung bestimmt. Auch geografische, ökonomische oder kulturelle Gegebenheiten haben Einfluss und können bei ähnlichen Einkommen eine Variationsbreite von Konsumstilen hervorbringen. So besteht zwar ein starker
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Abb. 12: Zahl der registrierten Pkw in den neuen Verbraucherländern (1960–2004).50 Der Zuwachs des Pkw-Besitzes in den neuen Verbraucherländern erfolgt im Vergleich langsamer als der Anstieg des Energieverbrauchs und der Besitz von Fernsehern. Obwohl die neuen Verbraucherländer weit mehr Einwohner zählen, befindet sich der überwiegende Anteil der Pkw noch immer in den Industrieländern.
Zusammenhang zwischen der Zunahme des Einkommens und der Zunahme des Pkw-Besitzes;51 aber Städte mit vergleichbaren Pro-Kopf-Einkommen weisen doch deutliche Unterschiede in den Fahrleistungen auf, und zwar abhängig davon, wie räumlich zerstreut und funktional getrennt sie angelegt sind.52 Solche Möglichkeiten, ihre Entwicklung selbst zu gestalten, werden die Schwellenländer nutzen müssen, wenn sie den Gefahren einer bloß nachholenden Entwicklung entgehen wollen. Aus der Erfahrung der Industrieländer ist hinlänglich bekannt, wie wirtschaftliche Entwicklung zu Sichtweisen, Gewohnheiten und Alltagsroutinen führt, die sich als Sperrklinken in den Köpfen festsetzen und Richtungsänderungen erheblich erschweren. Gleiches gilt für die großen, den Konsum unterstützenden Infrastrukturen, ohne die weder Fernsehgeräte noch Autos jemals funktionieren können. Fernseher laufen nicht ohne Kraftwerke und Autos nicht ohne Straßennetze, beide Infrastrukturen stellen Investitionsgüter von sehr langer Lebensdauer dar. In ihnen gerinnen gewissermaßen die Entscheidungen der
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Abb. 13: Zahl der Fernsehgeräte in den neuen Verbraucherländern (1974–2000).53 Die neuen Verbraucherländer verfügen seit Anfang der 1990er Jahre insgesamt über mehr Fernsehgeräte als die entwickelten Industrieländer, während sie Anfang der 1980er Jahre kaum mehr Fernsehgeräte besaßen als alle sonstigen Entwicklungsländer.
Gegenwart in Beton und Stahl, möglicherweise zum Nachteil späterer Generationen. Es wäre darum eine kluge Strategie, wenn Schwellenländer sich Optionen erhielten, die den Menschen auch ohne einen ressourcen-intensiven Lebensstil ein befriedigendes Leben sichern (Kapitel 5). «Global Cities» und ihr Hinterland Bei aller Aufmerksamkeit für den Aufstieg der Schwellenländer, und darunter besonders von China und Indien, kann nicht verborgen bleiben, dass ein Wirtschaftsaufschwung kaum jemals das ganze Land und die ganze Bevölkerung erfasst. In der Regel konzentriert er sich auf zentrale Stadtregionen und mehr oder weniger ausgedehnte Industriezonen. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Systems. Unter den Bedingungen transnationaler Arbeitsteilung nehmen nicht Länder am globalen Wettbewerb teil und auch nicht ihre Bevölkerung als Ganze, sondern nur bestimmte Orte und Zonen mit einem Teil der Bevölkerung, und auch das nur solange es die Wettbewerbsbedingungen erlauben.54 Denn die erwünschte Arbeitsteilung hat sich weit über nationale Grenzen hinaus aufgefächert und verbindet über die Erde
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verstreute Orte miteinander. Ungezählte Produktionsketten durchziehen kreuz und quer den globalen Raum. Transport- und Kommunikationstechnik erlauben es, auch räumlich weit gespannte Produktionsnetzwerke zu koordinieren und zu kontrollieren. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Erfolg der Schwellenländer nicht als Aufschwung von Nationen lesen, sondern als Aufschwung von Regionalräumen oder gar nur einzelnen Orten, die für globale Investoren günstige Merkmale aufweisen. Die Wachstumsregionen sind so in erster Linie als Knotenpunkte globaler Produktionsnetze und nicht als Vorreiter einer Volkswirtschaft zu betrachten. Dass Shanghai und Shenzhen in China oder Bombay und Bangalore in Indien liegen, ist in dieser Perspektive eher zweitrangig; sie sind in ihren florierenden Teilen vor allem Standorte für Grenzen übergreifende Prozesse der Kapitalbildung. Die Globalisierung von Wirtschaftstätigkeiten führt also nicht zu einer geografisch gleichmäßigen Ausdehnung des Wirtschaftswachstums im globalen Raum, sondern zu zugespitzten Ungleichheiten und Unterschieden zwischen Regionen und Standorten.55 Manche Regionen werden herausgehoben, andere fallen zurück, manche Orte boomen, andere stehen vor dem Abbruch. Es vertiefen sich regionale und ebenso soziale Gegensätze, weil nebeneinander liegende Gebiete zur gleichen Zeit ganz unterschiedliche Funktionen für die transnationalen Produktionsketten spielen können. Nimmt man eine globale Vogelflugperspektive ein, so lassen sich in diesem Sinne drei Klassen von Gebieten unterscheiden, in denen sich jeweils unterschiedliche Funktionen innerhalb globaler Produktionsnetze räumlich ausprägen: die globalen Orte, das globalisierte Hinterland und die ausgegrenzte Restwelt.56 In global cities wie Tokio, Hongkong, New York, London, laufen die Kommandostränge zusammen; dort sind Finanzinstitute, Konzernleitungen, Kommunikationsindustrien und Forschungszentren in großer Dichte angesiedelt. Als globalisiertes Hinterland können hingegen die Räume der weltweit vernetzten Dienstleistungs- und Güterproduktion angesehen werden, also Softwarehäuser, Fabriken für Massengüter, Zonen der Rohstoffgewinnung und Tourismusgebiete. Beispiele sind Städte wie Bangalore, Johannesburg oder Neapel und Regionen wie die chinesische Südostküste oder Mauritius. Auch die Sonderwirtschaftszonen sind zu nennen, steuerfreie Exklaven, von denen es mehr als 500 in über 70 Ländern gibt.57 Und die ausgegrenzte Restwelt schließlich ist der Lebensraum der für den Weltmarkt weitgehend randständigen, wenn nicht überflüssigen Mehrheit der Weltbevölkerung. Diese Gebiete Teichen von den Ghettos Nordamerikas und den favelas in Brasilien über den afrikanischen Kontinent zu den Dörfern Indiens oder Indonesiens. Sicherlich können Orte und Regionen von einer zur anderen Ebene auf- oder absteigen, und vielerorts dreht sich darum ein
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Abb. 14: Lage der nach Zahl der Passagiere 150 größten Flughäfen (2000).58 Die am meisten genutzten Flughäfen für den Personen-Luftverkehr liegen in Nordamerika und Europa; auch Asien beherbergt einen guten Anteil der 150 größten Flughäfen der Welt. Afrika besitzt dagegen lediglich zwei davon, Lateinamerika sechs.
heftiger Wettkampf. Doch bleibt bestehen, dass die Globalisierung wirtschaftlich gesehen keine Angleichung, sondern eine Hierarchisierung des globalen Raumes hervorbringt. Diese Hierarchisierung spiegelt sich in den internationalen Verkehrsund Transportströmen wider. Schließlich kommt dem physischen Verkehr von Personen und Gütern trotz der zunehmenden Bedeutung der Telekommunikation für viele internationale Austauschprozesse eine tragende Rolle zu. Vor allem der Luftverkehr, sowohl für Personen wie für Fracht, wirkt als Transmissionsriemen einer global arbeitsteiligen Wirtschaft. So konzentriert sich die geografische Verteilung des Personen-Luftverkehrs deutlich auf die oben beschriebenen Ballungsgebiete. Wie Abbildung 14 zeigt, befinden sich die 150 nach der Zahl der Passagiere größten Flughäfen zum weit überwiegenden Teil in der nördlichen Hemisphäre, gerade mal sechs in Südamerika, zwei auf dem afrikanischen Kontinent sowie lediglich einer im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Stellt man in Rechnung, dass die zugrunde liegenden Daten durch Reisende aus Ländern mit hohem Einkommen in Länder mit geringerem Einkommen verzerrt sind, so tritt deutlich hervor, wie die Verteilung des Luftverkehrs die Hierarchisierung des globalen Raumes wiedergibt. Herausgehoben ist die Ebene der an der Globalisierung beteiligten Orte und
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Regionen. Auf einer zweiten Ebene liegen ebenfalls Flughäfen über den Globus verstreut, aber mit weit geringerer Dichte und Passagierzahl. Auf einer dritten Ebene, zu der die ausgedehntesten Landflächen des Erdballs gehören, sind überhaupt keine größeren Flughäfen anzutreffen. Entsprechend gehen Schätzungen davon aus, dass überhaupt nur ein Anteil zwischen i59 und 5 Prozent60 der Weltbevölkerung bis jetzt jemals ein Flugzeug bestiegen hat. Hoch beschleunigte Interaktion spielt sich also weit überwiegend zwischen wenigen Gebieten ab; obwohl über die Welt verstreut, stehen die Weltmetropolen in engem Kontakt. Dass zwischen 1975 und 1999 die Personenkilometer in der zivilen Luftfahrt um insgesamt 278 Prozent zugenommen haben,61 unterstreicht, wie sich dieses Kontaktnetz gerade in der Periode der Globalisierung verdichtet hat. Ein noch deutlicheres Bild der Hierarchisierung vermittelt die geografische Verteilung der größten Frachtflughäfen (Abbildung 15). Der Transport von Gütern durch die Luft, und zwar gerade von hochwertigen Gütern wie Maschinen- oder Computerteilen, ist für globale Produktionsnetzwerke unerlässlich, sonst würde der Nutzen von Standortvorteilen durch Zeitverzögerungen und Transportgefährdungen wieder zunichte gemacht. So ist zu erklären, dass die zivile Luftfracht, in Tonnenkilometern gemessen, zwischen 1975 und 1999 um 449 Prozent angestiegen ist.
Abb. 15: Lage der nach der Luftfracht-Tonnage 150 größten Flughäfen (2000).62 Die meisten der 150 größten Frachtflughäfen befinden sich in Nordamerika, Europa und Asien. Im Unterschied zum Personen-Luftverkehr sind Ostasien und Südamerika stärker ans Verkehrsnetz angeschlossen.
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Allerdings ist für die Luftfracht eine etwas stärkere geografische Durchmischung festzustellen. Zwar bleibt Afrika auch in diesem Fall außen vor, aber Südamerika ist schon besser und Ostasien deutlich stärker ans Netz des Luftfrachtverkehrs angeschlossen. Damit ist eine größere Anzahl von Regionen in transnationale Produktionsverbünde integriert. Die Verteilung der Flughäfen zeigt so die Ausbreitung internationaler Produktionsnetzwerke mit ihren räumlich separierten und teilweise weit voneinander entfernten Standorten. Die ausgebaute Infrastruktur der globalen Produktionsnetze kostet Ressourcen und belastet die Umwelt. Wenn die Verkehrsnachfrage weiterhin um jährlich 2,1 Prozent wächst, wie die Internationale Energieagentur schätzt, dann liegt dieser Anstieg höher als in allen anderen Verbrauchssektoren. Damit wird der Verkehr in den nächsten beiden Jahrzehnten die Industrie als wichtigsten Verbraucher von Endenergie überholen.63 Der globale Personenluftverkehr wächst gar mit einer Rate von rund 6 Prozent pro Jahr, was durch die Anschläge des 11. September nur zeitweilig gebremst worden ist. Bereits für das Jahr 1992 wurde der Beitrag des weltweiten Luftverkehrs auf das Klima auf 3,5 Prozent der gesamten vom Menschen beeinflussten Klimaänderungen geschätzt. Dabei ist ein erheblicher Teil der Klimawirkungen von anderen Bestandteilen im Abgas verursacht als dem Kohlendioxid. Die Wirkungen von unter anderem Stickoxiden, Kondensstreifen oder Zirruswolken sind ebenso wie die atmosphärischen Vorgänge in zehn Kilometern Reiseflughöhe nur teilweise erforscht. Gemessen am Treibstoffverbrauch und dem Kohlendioxid gehen Schätzungen von einer zwei- bis vierfach erhöhten Klimawirkung des Luftverkehrs gegenüber deiri bodennahen Verkehr aus.64 Angesichts der immensen Wachstumspotenziale könnte der Luftverkehr zukünftig beträchtlich höhere Anteile an den gesamten Klimawirkungen verursachen und damit die Anstrengungen anderer Sektoren zur Begrenzung der Klimawirkungen zunichte machen. Überdies verlangt Lufttransport mehr als nur Antriebsstoffe: Fluggeräte kosten Metalle, Flughäfen brauchen Flächen und Bauwerke Stahl und Zement. Die Expansion des internationalen Luftverkehrs wird mit einer massiven Übernutzung von Naturressourcen erkauft. Der wirtschaftliche Gewinn einzelner Weltregionen hängt daran, dass sich das internationale Verkehrssystem einen unverhältnismäßig hohen Anteil der globalen Ressourcen aneignen kann. Die transnationale Verbraucherklasse Statistiken verzerren bisweilen die Wahrheit – nicht weil sie lügen, sondern weil sie Kategorien anbieten, die das wirkliche Leben nur aus einer bestimmten Perspektive erfassen. Dies gilt für einen guten Teil der Statistik der Vereinten Nationen. Die Tabellen der Weltbank beispielsweise bereiten
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die Welt im Allgemeinen über länderbezogene Datensätze auf; gleichgültig, ob Sozialprodukt oder Energieverbrauch, die Angaben sind auf die Nation bezogen. Das ist nicht erstaunlich, da die Vereinten Nationen sich stark auf die statistischen Ämter ihrer Mitgliedsländer stützen müssen. Dieser methodische Nationalismus in der statistischen Konstruktion der globalen Wirklichkeit ist aber ein Hindernis für die Erfassung dessen, was die Globalisierung ausmacht: die Emergenz transnationaler Sozialräume wie grenzüberschreitender Unternehmen, Wissensnetze oder Konsumkulturen. So unterliegt auch die Rede von den neuen Verbraucherländern einer eingeschränkten Sicht: Aussagen über länderspezifische Ressourcen-Verbräuche verdecken, dass nicht die ganze Bevölkerung an ihnen gleichen Nutzen hat, sondern oftmals nur eine mehr oder weniger schmale Minderheit. Einleuchtend und auch gut belegt ist schon für Industrieländer der Zusammenhang zwischen Haushaltseinkommen und Energieverbrauch. Ähnlich verhält es sich in Entwicklungs- und Schwellenländern. Was dort freilich die besser Gestellten von den Habenichtsen trennt, ist oft schon die Art des Energiekonsums. Die Reichen stützen sich auf ganz andere Energieträger als die Armen. Diese sammeln Reisig, Äste oder trockenen Dung, nur in Stadtgebieten haben sie gelegentlich Zugang zu Petroleum oder Elektrizität. Ganz anders die Wohlhabenden: Sie nutzen Treibstoffe und Elektrizität. So lassen sich die verschiedenen Energieträger auf einer Energieleiter anordnen, je nach der Einkommensstufe von Haushalten.65 Für den Nutzungszweck Kochen zum Beispiel finden sich auf den unteren Stufen der Leiter Holz, Dung und sonstige Biomasse, auf der mittleren Stufe Holzkohle, Kohle und Kerosin, und auf den höheren Stufen Strom, Flüssiggas und Benzin. Die Energieleiter korrespondiert mit der sozialen Schichtung in vielen Ländern des Südens. Hauptsächlich aber bildet sich die Klassenschichtung in den Mengen verbrauchter Energie ab. Aus Pakistan und Indien liegen Daten vor, die zeigen, dass die Mittelklasse etwa drei- bis viermal und die Oberklasse vier- bis fünfmal soviel Elektrizität verbraucht wie die Unterklasse, soweit diese damit ausgestattet ist.66 Schärfer treten die Differenzen beim Transport zutage. Weil Personen der Unterklasse sich zu Fuß und mit dem Bus bewegen, verbrauchen jene, die mit ihren eigenen Autos fahren, über zehnmal soviel Energie. Ein ähnlicher Befund ergibt sich beim Vergleich der privaten Konsum-Ausgaben in Indien: Die oberen 10 Prozent der Bevölkerung in der Stadt tätigen pro Kopf jährlich fast zehnmal so hohe Ausgaben wie die unteren 50 Prozent auf dem Land. Überhaupt geben Stadtbewohner quer durch alle sozialen Schichten dreimal soviel Geld für Energie, dreimal soviel für Transportdienstleistungen, mehr als zweimal soviel für Verbrauchsgüter und Kleidung, aber nur weniger als zweimal soviel für Ernährung aus.67 In zahlreichen Ländern Afrikas und Südamerikas, wo steilere Klassen-
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hierarchien bestehen als in Südasien, fallen die landesinternen Differenzen zwischen Klassen und Regionen noch größer aus. Summarisch gesehen nutzen Angehörige der oberen Mittelklasse in Südasien so viel Energie wie Gleichgestellte in vielen Industrieländern. Die Ungleichverteilung im Energieverbrauch, wie sie auf Weltebene zwischen Industrie- und Entwicklungsländern besteht, wiederholt sich in vergleichbarer Spreizung in den Entwicklungsländern selbst zwischen der Verbraucherklasse und der Mehrheit der Bevölkerung. Dennoch liegt der Verbrauchsdurchschnitt der oberen Mittelklasse in den Entwicklungsländern im Allgemeinen niedriger als in den Industrieländern. Neben dem privaten Verbrauch muss man im Norden auch noch öffentliche Dienstleistungen und Sozialsysteme in Anschlag bringen, während im Süden auch der Reiche mit dem Rest der Bevölkerung eine eher karge Infrastruktur teilen muss.68 Jedenfalls ist gerade in den Schwellenländern eine mehr oder weniger große Verbraucherklasse in der Lage, sich einen weitaus größeren Anteil der Naturressourcen zu sichern als die Mehrheit der Bevölkerung. Es fallen schließlich auch dem flüchtigen Besucher in den Metropolen des Südens die Quartiere des Wohlstands ins Auge: glitzernde Bürotürme, Einkaufsgalerien mit ihren Luxusboutiquen, abgeschirmte Wohnviertel mit Villen in manikürten Gärten, vom Strom der Mitsubishi und Mercedes entlang der Zugkarren und fliegenden Händler ganz zu schweigen. Sandton in Johannesburg, Alphaville in São Paulo, Ksour in Marrakesch oder Sukhumvit in Bangkok sind Inseln des Reichtums inmitten eines Meeres an einfachen Häusern und ärmlichen Hütten. Die räumliche Fragmentierung der Städte macht die soziale Polarisierung anschaulich; sie demonstriert, wie sehr sich die tonangebenden Klassen in ihrem Lebensstil von den gewöhnlichen Bürgern entfernt haben. Wie groß ist die Verbraucherklasse in den einzelnen Ländern? Das entscheidet sich an der Abgrenzung der gesuchten Gruppe. Wird die Schwelle tief angesetzt, nimmt die Verbraucherklasse statistisch an Umfang zu, weil sie dann die untere Mittelklasse einschließt, also alle, welche die ersten Schritte zu einem ressourcen-intensiven Konsum gemacht haben, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Setzt man die Schwelle höher an, wird die Verbraucherklasse statistisch kleiner und umfasst nur die einigermaßen kaufkräftigen Schichten. Sie wiederum sind in ihrem Konsumstil der unteren Mittelklasse in Industrieländern vergleichbar. Den ersten Weg haben Norman Myers und Jennifer Kent beschritten.69 Sie setzen ein Pro-Kopf-Einkommen von 2500 US-Dollar im Jahr an, wobei sie die Kaufkraft des Geldes im jeweiligen Land berücksichtigen. Oberhalb dieser Einkommensschwelle können Menschen sich über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinaus Schritt für Schritt einem Lebensstil annähern, wie sie ihn bei ihren Vorbildern im Norden kennengelernt haben. Den
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Berechnungen von Myers und Kent zufolge gibt es weltweit 1059 Millionen neue Verbraucher. Der Befund ändert sich, wenn man die Verbraucherklasse enger definiert und als Einkommensschwelle auf 7000 US-Dollar (in Kaufkraftparität) pro Kopf im Jahr ansetzt. Immerhin entspricht diese Summe grob gemessen der offiziellen Armutsgrenze in Westeuropa, sodass damit die transnationale Verbraucherklasse als eine Gruppe umschrieben werden kann, die wenigstens über ein Einkommen der unteren Mittelklasse Westeuropas verfügt. Mit diesem Vorgehen hat Matthew Bentley 816 Millionen neue Verbraucher errechnet.70 Sie gesellen sich zu den 912 Millionen etablierten Verbrauchern in den Industrieländern, die allerdings im Durchschnitt über ein um ein Mehrfaches höheres Einkommen verfügen. Spannt man ein weites Netz und definiert die Verbraucherklasse auf dieser Kaufkraftebene, dann umfasste sie schon im Jahr 2000 gut 1,7 Milliarden Menschen, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung.71 Abbildung 16 zeigt eine Zusammenstellung der Länder mit der größten Zahl (neuer) Verbraucher bei der Einkommensschwelle von 7000 US-Dol-
Abb. 16: Zahl und Bevölkerungsanteil der (neuen) Verbraucher in 25 Ländern (2000).72 53 Prozent aller globalen Verbraucher leben in Industrieländern, 47 Prozent sind «neue Verbraucher» in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Rund ein Drittel der globalen Verbraucherklasse befindet sich in den drei Ländern USA, China und Indien.
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lar.73 Allein auf China und Indien entfällt ein Anteil von mehr als 20 Prozent der globalen Verbraucherklasse. Mit zusammengerechnet 362 Millionen Menschen ist die Verbraucherklasse dieser beiden Länder größer als jene in ganz Westeuropa, allerdings bei beträchtlich niedrigerem Durchschnittseinkommen. Die Anteile der Verbraucherklasse an der Bevölkerung liegen beispielsweise in China bei 19 Prozent, in Brasilien bei 33 und in Russland bei 43 Prozent.74 Hält man sich vor Augen, dass ihr Anteil in Westeuropa 89 Prozent beträgt, braucht es nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, welches Wachstumspotenzial hier zumindest den Zahlen nach vorliegt. Und gleichzeitig wird deutlich, wie in Zeiten der Globalisierung auch im Norden mehr als jeder Zehnte vom Wohlstand der transnationalen Verbraucherklasse ausgeschlossen ist. Die transnationale Verbraucherklasse ist also, ganz grob gesehen, etwa zur Hälfte im Süden wie im Norden beheimatet. Ihr gehören jene Gruppen an, die sich trotz unterschiedlicher Hautfarbe in ihrem Lebensstil überall gleichen: Sie leben immer weniger landestypisch, sondern werden in Leitbildern und Verhalten den gleich gelagerten Klassen in anderen Nationen ähnlich. Die Anwaltfamilie in Caracas hat in vieler Hinsicht mehr mit einer Unternehmerfamilie in Beijing gemein als jede von ihnen mit ihren Landsleuten in den Berggebieten. Mit anderen Worten: Sie sind nicht «venezolanisch» oder «chinesisch», vielmehr die örtlichen Repräsentanten einer transnationalen Verbraucherklasse. Sie shoppen in ähnlichen Einkaufscenters, kaufen High-Tech-Elektronik, sehen ähnliche Filme und TV-Serien, verwandeln sich hin und wieder in Touristen und verfügen über das entscheidende Medium der Angleichung: Geld. Sie sind Teil eines transnationalen Wirtschaftskomplexes, der seine Absatzmärkte mittlerweile in globalem Maßstab entwickelt. Es ist Nokia, das sie überall mit Mobiltelefonen versorgt, und Toyota mit Autos, Sony mit Fernsehern, Siemens mit Kühlschränken, Burger King mit Schnell-Imbiss und Time-Warner mit Videos. Werbung und Kredite bahnen den Weg. Angebot und Nachfrage verstärken dabei einander: Es sind einerseits vor allem transnationale Unternehmen, die konsumintensive Lebensstile in den Markt drücken, und es sind andererseits die zu Geld gekommenen Menschen, die auf einen höheren Lebensstandard brennen. In der Folge läuft beides darauf hinaus, dass diese Expansion das Gewicht enorm verstärkt, mit dem die Weltwirtschaft auf der Biosphäre lastet. Drei Klassen von Verbrauchsgütern sind es vor allem, die Energie-, Material- und Flächenverbrauch der Verbraucherklasse in die Höhe treiben: Fleischverbrauch, Elektrogeräte und Autos.75 Fleischproduktion aus Tiermast erfordert in der Regel Getreide, und Getreide erfordert Ackerfläche und Wasser. Allein von 1990 bis 2000 nahm die Menge des an Vieh verfütterten Getreides in China um 31 Prozent, in Malaysia um 52 und in Indonesien um 63 Prozent zu.76 Der Wasserverbrauch für die Bewässerung der bei
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der Tiermast eingesetzten Getreidesorten zehrt an den Oberfläch enge wässern und am Grundwasser; um eine Tonne Getreide zu produzieren, sind bis zu 1000 Tonnen Wasser und für eine Tonne Rindfleisch wiederum 16 000 Tonnen Wasser erforderlich.77 Nicht selten richtet sich, wenn Ackerfläche und Wasser knapp werden, die Nachfrage nach Getreide auf den Weltmarkt und treibt zum Schaden der ärmeren Länder die Nahrungspreise hoch; immerhin haben die neuen Verbraucherländer bei den weltweiten Getreideimporten bereits einen Anteil von fast 40 Prozent erreicht. Weiter: Die ganze Palette der Elektrogeräte – vom Kühlschrank zur Klimaanlage, von der Waschmaschine zum Fernseher, von der Mikrowelle zum Computer – lässt den Verbrauch an Strom steigen, normalerweise erzeugt mit fossilen Brennstoffen. Im Jahre 2002 hatten schon 1,12 Milliarden Haushalte, in denen etwa drei Viertel der Weltbevölkerung leben, mindestens einen Fernsehapparat.78 Von ihnen können sich 31 Prozent mittels Kabelanschluss in den globalen Kreislauf fabrizierter Bilder einklinken und so die Güter kennen lernen, die sie erstreben. Und schließlich das Auto. Betrug die Zahl der Personenwagen in den neuen Verbraucherländern 1990 noch 62 Millionen, so stieg sie bis 2000 auf 117 Millionen und erreichte damit einen Anteil von 21 Prozent an der globalen Flotte. Wenn sich die Wachstumsraten der 1990er Jahre fortsetzen, dürfte sich die Autozahl bis 2010 noch einmal fast verdoppeln. Kein Wunder, dass so ziemlich alle Städte mit der höchsten Luftverschmutzung in der Welt in den Schwellenländern liegen, die mittlerweile auch für zwei Fünftel der globalen CO 2-Emissionen verantwortlich sind. Es zeigt sich: Im Ressourcenverzehr verbreitet sich die Lebensweise des Nordens über die Erde, und dessen Filialen im Süden konkurrieren inzwischen mit ihren Vorbildern um den globalen Umweltraum.
3 Arenen der Aneignung Die Macht des Menschen über die Natur erweist sich als eine Macht, die einige Menschen über andere ausüben, mit der Natur als ihr Instrument. C. S. Lewis, 1947
Der transnationalen Verbraucherklasse fliegen die Ressourcen der Erde nicht einfach zu. Meistens liegen die Orte des Verbrauchs und die Orte der Verfügbarkeit weit auseinander, teils liegen Kontinente, teils nur Provinzen dazwischen. Wie geschieht es, dass die transnationalen Verbraucher in der Lage sind, sich den Löwenanteil der Ressourcen anzueignen? Der Name jener Schwerkraft, die dafür sorgt, dass Ressourcen sich von nah und fern auf die Hochverbraucher hin in Bewegung setzen, ist jedermann vertraut: Es ist die Macht. Dabei hat die Macht kein einziges Gesicht, sondern viele Gesichter, sie entspringt nicht einem willkürlichen Akt, sondern ist eingelassen in den normalen Gang der Dinge. Kraft ihres Wirkens nehmen Flotten an Öltankern sicheren Kurs auf die Industrieländer, finden Tee, Reis, Soja und Kaffee aus armen Ländern ihren Weg in die Supermärkte der reichen Länder oder füllen sich die Schwimmbecken bei den gut Situierten selbst in Zeiten der Wasserknappheit. So tritt die Macht des transnationalen Wirtschaftskomplexes über Kraftfelder in Aktion, die ungezählte Entscheidungen in einer Weise durchziehen, dass am Ende ein Viertel der Weltbevölkerung aus überproportional vielen und wertvollen Naturressourcen ihren Nutzen schlagen kann. Dabei wirkt die Macht durch den Einsatz ganz unterschiedlicher Mittel. Sie sind größtenteils alte Bekannte aus der Geschichte, wie der Gebrauch militärischer Gewalt, das leise Werk des Welthandels oder die kanalisierende Wirkung von Infrastrukturen. Die Macht kann auch – wie in Beispielen dieses Kapitels – durch eher neuartige Mittel wie völkerrechtliche Abkommen Schützenhilfe bekommen. Ohne den Einsatz offener oder subtiler Mittel der Macht sind Ressourcen schwer zu bekommen; denn sie sind oft weder frei zugänglich noch unerschöpflich verfügbar. Erstens befinden sich nur wenige Ressourcen in einem Niemandsland, sondern im Lebensraum von Menschen, die oft originäre Ansprüche geltend machen. Ob Erdgas oder Wasser, Ackerland oder genetisches Material, vielfach müssen Ressourcen erst aus dem Besitz der Einwohner in jenen der Ressourcen-Industrien überführt werden. Zweitens treten meist konkurrierende Nachfrager auf den Plan, die dieselben Ressourcen in ihre Kontrolle bringen wollen. Staaten stehen gegen Staaten, Städte stehen gegen Landgebiete, Konzerne gegen Konzerne, amerikanische gegen europäische Verbraucherinnen, und zudem wächst auch die Zahl der Menschen im Verhältnis zu den natürlichen
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Ressourcen. Und drittens gibt es Ressourcen nicht mehr im Überfluss, sondern aus den meisten Gaben der Natur sind mittlerweile knappe Güter geworden. Deshalb verschärft sich nicht selten die Konkurrenz um Ressourcen; wenn Ölvorkommen zur Neige gehen oder wenn die Böden in ihrer Fruchtbarkeit verfallen, ist Rivalität unter den Interessenten angesagt. Aus diesem Grund treten oft soziale Konflikte auf, lange bevor noch eine Ressource ökologisch am Ende ist. Oder anders ausgedrückt: Ressourcengrenzen werfen ihre Schatten voraus und heizen soziale Auseinandersetzungen an. Ökologische Grenzen, weit davon entfernt, nur bio-physische Sachverhalte zu sein, sind oft die Ursache sozialer Konflikte. In den verschiedenen Arenen der Aneignung – der Geopolitik, dem Handel, den Investitionen, dem Völkerrecht – sind daher Konflikte, laute und leise, an der Tagesordnung. Über die Kraftfelder der Macht versuchen die transnationalen Verbraucherund Unternehmen die Oberhand zubehalten. Doch entwickeln sich auch Gegenkräfte, der Sieg der Stärkeren ist keineswegs sicher, und das Resultat ist selten eindeutig. Ressourcenaneignung ist deshalb ein konfliktträchtiger Prozess, der immer wieder in die weitere Gesellschaft ausstrahlt. Der Streit um Ressourcen verbindet sich häufig mit Konflikten politischer oder ethnischer Natur; Ressourcenungerechtigkeit erweist sich etwa regelmäßig als die Hintergrundursache für Konflikte, bei denen es vordergründig um Religion oder Stammesfehde geht. Ohne einen Blick aufs Öl lässt sich weder der Krisenschauplatz im Nahen Osten verstehen noch der Bürgerkrieg im Sudan. Und ohne die Verschlechterung und Verknappung von Böden in Betracht zu ziehen, erschließt sich weder dje Lage von Flüchtlingen in Pakistan noch der Völkermord in Ruanda. Sei es auf internationaler oder subnationaler Ebene, in jedem Fall tragen, wenn legitime Formen der Konfliktregelung fehlen, Ressourcenkonflikte zur sozialen Destabilisierung bei. Es ist daher absehbar, dass bei weiterer Zuspitzung der Ressourcensituation vielerorts Konfliktpotenziale heranwachsen, die insgesamt gesehen die Welt entzündlicher machen. Im Folgenden werden vier Schauplätze für Ressourcenkonflikte näher betrachtet. Beispielhaft treten dabei vier Muster der Aneignung zutage. Beim Anspruch auf Erdöl werden angesichts der Knappheit der Ressource geopolitische Strategien eingesetzt, um einen steten Fluss von den Quellen zu den Konsumenten zu sichern. Die Zufuhr von landwirtschaftlichen Gütern in die transnationalen Zentren wiederum wird über das Kraftfeld des globalen Marktes garantiert, welcher die Länder des Südens veranlasst, ihre Agrarproduktion auf den Export auszurichten. Der Fluss des Wassers wird vorwiegend über Investitionen in Stau-, Kanal- und Leitungssysteme gesteuert, die das Gemeinschaftsgut Wasser sammeln und schließlich einseitigen Industrie- sowie konsumdienlichen Zwecken zuführen. Und am Schluss des Kapitels stehen völkerrechtliche Rechtswerke im Mittelpunkt,
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die über die Vergabe von Patenten auf Pflanzen einerseits Unternehmen die lukrative Nutzung genetischen Materials sichern, andererseits aber Ärmere an der unentgeltlichen Nutzung der Pflanzen hindern.
3.1 Geopolitik: Die Hand aufs Öl Wenn von der Aneignung von Ressourcen die Rede ist, denkt man heute zu allererst ans Öl. Erdöl ist gegenwärtig die wichtigste globale Ressource. Öl ist wichtiger als Gold es je war. Alle zivilisationsrelevanten Strukturen sind auf das «schwarze Gold» ausgerichtet. Ohne Öl würde das industriewirtschaftliche System zusammenbrechen: Industrie und Arbeitsplätze basieren in weiten Teilen auf der Nutzung oder Verarbeitung von Rohöl; Verkehr und Mobilität – zu Wasser, zu Lande und in der Luft – sind hauptsächlich auf raffinierte Ölprodukte angewiesen;1 und ebenso sind es Plastik, Medikamente, Dünger, Baustoffe, Farben, Textilien und vieles mehr. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts wuchs die Abhängigkeit vom Öl immer mehr; es avancierte zu einer politisch, ökonomisch, ja sogar kulturell unersetzlichen Ressource. Öl prägt wie kein anderer Stoff die Lebensstile in aller Welt. Und das bedeutet: Sein strategischer Wert potenziert seinen wirtschaftlichen Wert. Der sichere Zugang zum Öl ist seit langem ein zentraler Faktor geopolitischer Strategien. Staaten richten ihre internationale Wirtschafts-, Außenund Militärpolitik darauf aus, politischen Einfluss auf wichtige Ressourcen in anderen Ländern und Kontinenten zu gewinnen. So ist erkennbar, dass es den USA und ihren Verbündeten mit ihrem Eingreifen nicht nur um die Befreiung des Staates Kuwait, den Sturz der Diktatur im Irak oder die Auflösung des Terrornetzwerks AI Kaida ging und geht, sondern immer auch um die Ölreserven im Mittleren Osten. Denn so wichtig Öl den Industriestaaten auch geworden ist, so wenig hatten und haben sie oftmals auf ihren eigenen Territorien davon verfügbar (Kapitel 2.1). Darum hat der Zugang zu Ölquellen in anderen Regionen für sie eine hohe Priorität – eine so hohe, dass ihre Anstrengungen zur Kontrolle von Ölquellen in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Male zu massiven Konflikten und Kriegen führten. Bei der Sicherung des Zugangs zu Öl kamen in der Hauptsache diejenigen Staaten zum Zuge, die bereits eine starke Stellung im internationalen Kontext innehatten: die Staaten Nordamerikas und Europas sowie Japan und der australische Kontinent, kurz: die heutigen Industrieländer. Die ungleichen Verhältnisse in der Nutzung des Erdöls wurden mit Hilfe geopolitischer Strategien ausgebaut und zementiert.
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Politik der Einflusssphären Die USA sind im Mittleren Osten schon lange über ihren Verbündeten Saudi-Arabien präsent. Die gegenseitigen Beziehungen beider Staaten datieren zurück bis ins Jahr 1945, in dem Präsident Roosevelt mit dem damaligen saudischen König Abd al-Aziz Ibn Saud eine folgenreiche Vereinbarung traf: Die USA boten militärischen Schutz und erhielten im Gegenzug Zugangsrechte zu den saudischen Ölquellen. Seither sind die USA der wichtigste Handelspartner des Landes. Der staatliche Ölkonzern ARAMCO war ursprünglich ein saudi-arabisch-amerikanisches Unternehmen. Im Wettlauf um Handelsbeziehungen waren die USA schneller als alle anderen und konnten sich so ihren Nachschub an Öl und ihren Einfluss auf den Weltölmarkt auf lange Sicht sichern. 1991, während des Golfkriegs gegen die Annektierung Kuwaits durch den Irak, ließ Saudi-Arabien sogar erstmals die Stationierung von US-amerikanischen Soldaten auf seinem Territorium zu. Im Gegenzug konnte die Operation «Wüstensturm» zur «Befreiung» auch des kuwaitischen Öls durchgeführt werden. Aus amerikanischer Sicht sprechen wichtige Gründe für ihre Präsenz in Saudi-Arabien: Der Staat fördert über 9 Millionen Barrel Öl täglich und ist somit der weltgrößte Ölproduzent – gefolgt von Russland und den USA.2 Gewänne eine den USA feindlich gesinnte Macht Einfluss auf die saudischen Ölquellen, ließen sich die USA und mit ihr die gesamte ölabhängige Welt unter Druck setzen. Außerdem verfügte Saudi-Arabien lange Jahre über freie Produktionskapazitäten, die beim Ausfall anderer Ölproduzenten kurzfristig genutzt werden konnten, um die erwünschte Ölmenge am Markt zu sichern.3 Damit hatte Saudi-Arabien – und indirekt auch die USA – das wichtigste Instrument in den Händen, auf Ölmenge und Ölpreis stabilisierend einzuwirken. Die Attentate des 11. September 2001, die auch mit Kontakten und Geld aus Saudi-Arabien vorbereitet wurden, haben die Situation drastisch verändert. Saudi-Arabien gilt den USA nunmehr als unzuverlässiger Partner. Vor diesem Hintergrund erscheint der jüngste Irakkrieg in einem anderen Licht. Denn die Kernfrage für die amerikanische Geopolitik um Öl lautet heute: Wie können die USA ihren Einfluss in der Region behaupten und sich gleichzeitig aus der Abhängigkeit von Saudi-Arabien lösen? Während im Mittleren Osten die geopolitischen Betätigungsfelder abgesteckt sind, ist das Ringen um Erdöl im kaspischen Raum in vollem Gange. Russland zeigte in den ersten Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion wenig Interesse an Zentralasien, da innere Probleme und auch mangelnde finanzielle Mittel seinem politischen und wirtschaftlichen Einfluss dort im Wege standen. Die USA hingegen unterstützten bereits Anfang der 1990er Jahre die zentralasiatischen Staaten in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen und investierten gleichzeitig in die Ölindustrie.4 Die politisch unsichere
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Lage des kaspischen Raumes birgt großes Krisenpotenzial. Die USA antworten darauf mit einem verstärkten politischen und militärischen Engagement. In den letzten Jahren wurden in Usbekistan etwa 1000 Soldaten zu humanitären Zwecken stationiert; seit dem Beginn des «Kampfes gegen den Terrorismus» befindet sich in Afghanistan ein massives, auch internationales Truppenaufgebot; und auch in Kirgisien leisten inzwischen amerikanische Soldaten Dienst. Bereits 1997 zogen US-Spezialeinheiten mit kasachischen Soldaten ins Manöver.5 Nicht nur die USA haben es verstanden, Militär und Wirtschaft im Rahmen geopolitischer Energieversorgung miteinander zu verbinden. Auch die NATO schreibt in ihrem aktuellen Strategiekonzept: «Sicherheitsinteressen des Bündnisses können von anderen Risiken umfassenderer Natur berührt werden, einschließlich ... der Unterbrechung des Zufuhrs lebenswichtiger Ressourcen.»6 Und bereits im November 1990, noch vor Beginn des zweiten Golfkriegs, rechtfertigte der damalige Generalsekretär Manfred Wörner ein Eingreifen der NATO nicht nur mit der Befreiung Kuwaits, sondern auch mit der Sicherung des Nachschubs an Öl.7 Solche militärischen Drohgebärden sind als eine universelle Einschüchterung all derer zu verstehen, die mit dem Gedanken spielen könnten, der NATO oder einem ihrer Mitglieder zentrale Energieressourcen vorzuenthalten. Inzwischen wird kein Hehl mehr daraus gemacht, dass auch demokratische Staaten zu militärischen Mitteln greifen, um ihre Energieversorgung zu sichern – und damit ein System zu verteidigen, das sich selbst in solche Abhängigkeit gebracht hat. Krieg oder militärische Drohungen sind nicht das einzige Mittel, um sich Vorteile beim Zugang zu Öl zu sichern. Der Weltmarkt für Öl ist alles andere als ein freier Markt, auf dem sich Preise und Mengen nach dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage entwickeln. Große Ölproduzenten wie das Kartell der Organisation der Erdöl exportierenden Staaten (OPEC) bemühen sich, den Markt zu steuern. Die Möglichkeit der Kunden, sich unter den Anbietern den für sie günstigsten auszusuchen, ist begrenzt durch Förderkapazitäten und politische Einflussfaktoren, und auch durch die Unentbehrlichkeit des Erdöls: Für den kurzfristigen Bedarf muss fast jeder Preis bezahlt werden, da es keine Alternativen gibt. Wie sich die Unentbehrlichkeit der Ressource Öl auswirken kann, zeigte die erste Ölkrise Ende 1973. Nach einem Lieferboykott der arabischen Ölförderstaaten als Antwort auf den Jom-Kippur-Krieg vervierfachte sich der Preis innerhalb kürzester Zeit. Dabei wurde die Förder- und Exportmenge lediglich um fünf Prozent gesenkt. Die Folge war eine weltweite Stagnation der Wirtschaft, die beispielsweise in Deutschland 1974 zu einem NullWachstum und im Jahr darauf sogar zu einem Rückgang des Bruttosozialprodukts um ein Prozent führte.8
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Staaten, die Öl importieren, haben daher ein besonderes Interesse, auf das Marktgeschehen einzuwirken, also Angebot und Preis des Öls nicht dem freien Kräftespiel des Markts zu überlassen. Zwei Ziele bestimmen die geopolitischen Strategien: Sicherung des Nachschubs und Sicherung des Preises auf niedrigem Niveau. Besonders ärmeren Staaten des Südens oder Industriestaaten wie etwa Japan, bei denen sich auf dem eigenen Territorium überhaupt kein Öl finden lässt, ist an einem möglichst niedrigen Ölpreis gelegen. In den USA ist die Interessenlage komplexer. Auch sie sind als weltgrößter Verbraucher an einem niedrigen Preis interessiert, jedoch existiert in den USA selbst eine ausgedehnte Ölindustrie. Damit stehen sie in einem ständigen Konflikt: Gesamtwirtschaftlich ist ein niedriger Ölpreis vorteilhaft. Doch um die heimische Ölindustrie nicht zu ruinieren, darf er nicht zu niedrig sein, da im Vergleich zum Mittleren Osten nordamerikanisches Öl sehr teuer zu produzieren ist. Auch Produzentenländer wie Saudi-Arabien, dessen vorrangige Exportgüter Öl und Gas sind, sind an einem niedrigen bis mittleren Ölpreis interessiert. Die Erklärung dafür lautet: Viele der Öl exportierenden Staaten investierten so viel Geld im Ausland in Form von Unternehmensbeteiligungen und anderen Finanzanlagen, dass eine weltweite Wirtschaftsrezession aufgrund eines hohen Ölpreises ihnen empfindliche Einbußen bescheren würde. Billiges Öl ist also nicht nur im Interesse der vom Import abhängigen Staaten, auch die Öl produzierenden Länder möchten Turbulenzen der Weltwirtschaft vermeiden. Außerdem macht ein hoher Ölpreis langfristig alternative Energiequellen auch finanziell attraktiv. Damit könnte die Nachfrage nach Öl dauerhaft sinken. Vorausschauende Investitionen in die Entwicklung erneuerbarer Energien wären eine zukunftsfähigere Alternative zu der imperialistischen Strategie, den Zugriff auf die Ölquellen der Welt mit militärischen Mitteln zu sichern. Aber dem kurzfristigen Denken derer, die an der Aufrechterhaltung der im letzten halben Jahrhundert entstandenen Strukturen interessiert sind, ist diese Alternative nicht zugänglich. Sie müssten ja selbst dazu beitragen, die Strukturen zu ersetzen, in die sie investiert haben und aus denen sie bisher noch Gewinn ziehen. Maximaler Förderpunkt Ihre hohe geopolitische Bedeutung erlangt die Ressource Öl nicht nur, weil sie heute noch die Grundenergie der Weltwirtschaft ist, sondern auch und gerade, weil sie schon bald knapp werden wird. Bis vor wenigen Jahrzehnten konnten sich die Öl-Explorateure noch über stark wachsende Reserven freuen und verlautbaren, die Menge neu gefundener Ölfelder übersteige die jährliche Fördermenge. Dieses Verhältnis hat sich seit Beginn der 1980er Jahre umgekehrt. Die jährliche Förderung ist inzwischen bedeutend größer
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als die Menge der Neufunde. Für jedes neu entdeckte Barrel Rohöl werden etwa vier Barrel entnommen.9 Geht es um die Verfügbarkeit von Öl, wird meist über die absoluten Ölreserven und deren Reichweite diskutiert. Was aber sagen solche Zahlen aus? Im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Öl nur wenig. Aussagefähig ist erst der Abgleich mit heutigen und zukünftigen Produktionskapazitäten. Die Produktionskapazität gibt das Maß an, wie viel Öl pro Zeiteinheit gefördert werden kann. Die Ausbeutung eines Ölfeldes folgt in ihrem Verlauf einer Glockenkurve: Die Förderquote steigt anfangs stark an und erreicht etwa bei der Hälfte des maximal förderbaren Öls ihren Höhepunkt. Anschließend folgt eine Rückgangsphase, in der die Fördermenge infolge des geringer werdenden Druckes immer mehr abnimmt. Durch Anwendung unterstützender Maßnahmen lässt sich dieser Befund nur leicht verzögern – und schon gar nicht umkehren. Irgendwann kommt so wenig Öl aus dem Feld, dass sich eine weitere Förderung nicht mehr lohnt. Der Förderstopp tritt also vor der völligen Erschöpfung des Feldes ein. Bezogen auf alle Ölfelder weltweit gibt es also einen Punkt der maximalen Förderung, den so genannten Depletion Mid Point, nach dem die Produktionsrate unweigerlich absinkt. Über den Zeitpunkt dieser global maximalen Ölförderung wird heftig gestritten. Das Problem dabei ist, dass die Auswertung der vorliegenden Statistiken meist interessengeleitet erfolgt: Während die Repräsentanten börsennotierter Ölkonzerne verkünden, dass der Maximalpunkt niemals erreicht wird10, verweisen Zweckoptimisten wie die Energieinformationsbehörde (EIA) des US-amerikanischen Energieministeriums oder die internationale Energieagentur (IEA) in Paris diesen maximalen Förderpunkt in einen sehr breiten Zeitkorridor, der wenig Aussagen zulässt.11 Eine Datierung des maximalen Förderpunkts auf ein bestimmtes Jahr erscheint auch kaum möglich, eine deutliche Eingrenzung ist jedoch vertretbar. Wägt man die verschiedenen Faktoren ab, dann kommt man zu dem Schluss, dass der Punkt der maximalen Ölfördermenge wohl im Zeitraum zwischen 2008 und 2015 erreicht werden wird.12 Vor diesem Hintergrund bekommen die geopolitischen Strategien zur Sicherung des Nachschubs und eines stabilen Ölpreises eine noch einmal steigende Bedeutung. So geht es den Kriegführenden im Irak nicht nur um Reserven für die mittlere Zukunft, sondern bereits um die Abwehr einer befürchteten Krise der Weltwirtschaft in naher Zeit. Nachdem der Punkt der maximalen Ölfördermenge erreicht ist, werden die Ölpreise schnell ansteigen und möglicherweise einen Teufelskreis in Gang setzen, wie bereits bei den Ölkrisen der 1970er Jahre – nur dass diesmal kein Ende der Verknappung in Sicht ist. Wenn die Produktionsmenge nicht mehr mit dem Anstieg der Nachfrage Schritt halten kann, gehen alle Länder, und zumal die vom Ölimport abhängigen, einer Wirtschaftskrise entgegen.
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Die Diskussion auf der Basis von absoluten Reserven ist also verfehlt. Aber sie ist gewollt. Sie verfolgt einen klaren psychologischen Effekt. Wenn es heißt, das Öl reiche noch für vierzig Jahre oder länger, so ist damit gesagt: Wir sprechen über ein Problem in der Zukunft. Und wie in der Vergangenheit, so wird es auch in der Zukunft neue Fördertechnologien geben, welche die Reichweite wieder um einen gehörigen Zeitraum verlängern. Die Diskussion soll also von der sich zuspitzenden Frage der Verfügbarkeit ablenken und auch vom Risiko sprunghafter Preiserhöhungen. Mehr Nachfrager, weniger Anbieter Die gerade beschriebene Krise kündigt sich zu einer Zeit an, in der weltweit der Öldurst stetig wächst. Alle Prognosen sagen einen dramatisch ansteigenden Ölverbrauch voraus.13 Denn nahezu alle Länder der Welt setzen auf eine wirtschaftliche Entwicklung, die nur mit einem wachsenden Verbrauch fossiler Energieträger zu erreichen ist. Über die alteingesessenen Industrieländer hinaus schwillt seit einiger Zeit die Nachfrage nach Öl besonders in den neuen Verbraucherländern an (Kapitel 2.3), allen voran in China, Indien und Brasilien. Ihr Bedarf an Erdöl – bisher unverzichtbar als Rohstoff und als Antriebsmittel – steigt rapide an, und sie treten auf dem Weltmarkt als neue Nachfrager auf. Besonders die Schwellenländer Asiens, wo insgesamt nur relativ geringe Gas- und Ölvorkommen liegen, sind dabei, in die Konkurrenz ums Öl einzusteigen. China hat gegenwärtig bereits die Position des weltweit zweitgrößten Importeurs an Öl erreicht, und selbst ein Land wie Malaysia, das heute noch Netto-Exporteur ist, wird sich binnen eines Jahrzehnts zum Netto-Importeur wandeln. Weil gleichzeitig die Industrieländer weit davon entfernt sind, ihren Verbrauch an Öl nennenswert zurückzuschrauben, ja ihn sogar in vielen Fällen wachsen lassen, wird die Lage eng. Die aufsteigenden Länder pochen auf ihre Ansprüche, die Altnutzer wollen von ihnen nicht lassen, und gleichzeitig schwinden die Vorkommen: ein Bilderbuchszenario für die Rivalitätskämpfe der nächsten Jahrzehnte. Darüber hinaus ist die Ölförderung dabei, sich auf immer weniger Lieferanten zu konzentrieren. Gegenwärtig operiert auf dem internationalen Ölmarkt noch eine größere Zahl von Ölproduzenten. Sie setzt sich aus einer bunt gemischten Schar von Staaten und Konzernen zusammen. Aus den OPEC-Staaten stammen etwa 30 Prozent des Angebots; Nordamerika trägt knapp 20 Prozent zur Versorgung bei, und Afrika, Südamerika, Asien, die frühere Sowjetunion und Europa jeweils rund 10 Prozent.14 In den letzten dreißig Jahren haben sich jedoch die relativen Anteile stark verschoben. Auch ausgelöst durch die Ölkrisen der 1970er Jahre haben die westlichen Industrieländer enorme Anstrengungen unternommen, die Abhängigkeit von den OPEC-Staaten zu reduzieren. Diese Ausweitung der eigenen Förde-
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rung hatte jedoch ihren Preis. Einige wichtige Förderländer haben ihr Produktionsmaximum bereits vor Jahren hinter sich gelassen: Die USA hatten es schon 1970 erreicht; heute pumpen sie nur noch 60 Prozent der damaligen Menge aus dem Boden. Russland schaffte 2003 nur noch etwa 70 Prozent des Maximalwertes von 1988. Norwegen, Mexiko und Venezuela gelangten in den vergangenen fünf Jahren an den maximalen Förderpunkt.15 In Zukunft werden immer mehr Produzenten ihren Förderhöhepunkt erreichen und danach die Ölförderung reduzieren müssen. Das Feld der Ölproduzenten wird kleiner, und wenige große werden überleben. Wenn sie sich untereinander absprechen, wird es eine freie Wahl des Anbieters und ein freies Spiel der Marktkräfte noch weniger geben als heute. Ausstieg als Sicherheitspolitik Eine kurzfristige Betrachtung könnte zu dem Schluss führen, die beschriebene Politik des billigen Öls habe allen genutzt, den Industrieländern wie den Ölexporteuren. Gerade die armen Länder des Südens, denen kaum Alternativen zur Verfügung stehen, konnten doch vom billigen Öl profitieren. Diese Deutung lässt freilich außer Acht, dass durch den niedrigen Preis des Öls und die Sicherung des konstanten Nachschubs überall eine Infrastruktur aufgebaut worden ist, die ganz von dieser einen Ressource abhängt. Das ging so lange gut, wie es genügend billiges Öl für alle gab. Nun jedoch, da der Kuchen kleiner wird, der Hunger aber größer und die Anzahl der Gäste zunimmt, öffnet sich ein dauerhaftes Konfliktfeld. In den Kriegen am Golf, in Afghanistan, aber auch durch die Spannungen im kaspischen Raum oder im Tschetschenien-Krieg wirft der große Streit der Zukunft schon seine Schatten voraus. Denn jetzt geht es darum, dass die mächtigen Staaten ihre Ölversorgung mit imperialistischen Mitteln sichern, was für die weniger mächtigen nur bedeuten kann, dass sie ebenfalls mit gewaltsamen Aktionen antworten, um nicht in noch größere Abhängigkeit zu geraten. Den höchsten Preis werden die armen Länder bezahlen. Wie Analysen der internationalen Energieagentur zeigen, führen allein die reinen Primäreffekte eines Ölpreisanstiegs von 15 auf 25 US-Dollar pro Barrel schon in den Industrieländern zu einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums um 0,4 Prozent, während er Öl importierende Entwicklungsländer ungleich härter trifft: Die asiatischen Entwicklungsländer büßen 0,8 Prozent ein, die Länder südlich der Sahara sogar 3,0 Prozent.16 Die Staatsverschuldung dieser Länder wird wachsen, wie es bereits während der Ölkrise 1973 zu beobachten war, und für große Teile der Bevölkerung wird fossile Energie kaum noch erschwinglich sein. Damit wird das Wirtschaftswachstum blockiert – schon heute fehlt in zahlreichen Staaten Afrikas das Benzin, bleiben Nutzfahrzeuge einfach stehen. Und glaubt man den Einschätzungen, die gegenüber einem Ölpreis von langer Zeit zwischen 10 und 20 US-Dollar einen
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Anstieg auf zukünftig über 50 US-Dollar pro Barrel vermuten, der obendrein von extremen Preisspitzen begleitet wird, dann wird deutlich, dass diese Probleme bloß erste Kostproben sind.17 Wahrlich schlechte Aussichten für die Armen: Es ist wahrscheinlich, dass die weniger kaufkräftigen Länder durch die Preisentwicklung bei Öl weiter in die wirtschaftliche Apartheid gestoßen werden. Die Ungleichheit in der Welt wird sich vergrößern, statt sich zu verkleinern. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass in möglichen Ressourcenkriegen sich nicht nur Arme und Reiche, sondern auch die Reichen einander gegenüberstehen. So werden weit vor den ökologischen Grenzen die sozialen Grenzen der Nutzung fossiler Energieträger sichtbar. Die Endlichkeit von Öl wird zum Destabilisierungsfaktor, lange bevor das letzte Barrel aus der Erde gepumpt ist. Die «Grenzen des Wachstums» kehren als geo-politische Konflikte wieder. Vor diesem Hintergrund ist es kaum übertrieben zu sagen, dass die konventionelle, auf fossile Energieträger gestützte Wirtschaftsentwicklung zu einem Großrisiko für die Sicherheit in der Welt geworden ist. Damit dreht sich eine lang gehegte Selbstverständlichkeit aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts um: Entwicklung fördert nicht den Frieden sondern führt – solange sie auf Öl, Gas oder Kohle basiert – in die Friedlosigkeit. Deshalb dienen Strategien zur effizienten Nutzung fossiler Brennstoffe und zum Umstieg auf regenerative Energien (Kapitel 5) nicht nur dem Schutz der Biosphäre, sondern auch der Vorbeugung gegen steigende Armut, Konflikte und Kriege. Strategien der Ressourcenproduktivität sind damit ein unverzichtbarer Teil globaler Friedenspolitik geworden.
3.2 Außenhandel: Aneignung von Ackerflächen Nicht nur Öl, auch landwirtschaftliche Fläche ist mittlerweile eine global begehrte Ressource. Fläche wird nicht exportiert, aber sie wird mit Exportgütern bestellt. Denn wirtschaftliche Globalisierung bedeutet zu allererst, die Produktion nicht mehr auf den lokalen oder nationalen Markt, sondern auf den Weltmarkt auszurichten. Über den Fernhandel wird landwirtschaftliche Fläche – eigentlich unabdingbar ortsgebunden – de facto zur global umkämpften, begrenzten Ressource: Weite und dünn besiedelte Landflächen hier stehen für die Bedürfnisse bevölkerungsreicher Regionen dort zur Verfügung, und kaufkräftige Konsumenten an allen Orten können über Agrarimporte auf die Nutzung von Flächen zugreifen, die auf der entgegengesetzten Seite des Globus liegen. Allein die Europäische Union (EU 15) nimmt durch ihren Import von Agrarrohstoffen und -produkten in den Herkunftsländern dieser Güter eine Fläche von 43 Millionen ha in Anspruch, was mehr als einem Fünftel ihres Territoriums entspricht (Kapitel 2.2).
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Wo früher Reis oder Mais für den Eigenbedarf und den einheimischen Markt angebaut wurde, wachsen heute häufig exotische Früchte für die fernen Konsumenten. Bis zu 50 Prozent der nutzbaren Fläche auf der philippinischen Insel Mindanao beispielsweise werden heute von ausländischen Firmen kontrolliert: von Monokulturen für Ananas und Bananen der Konzerne Del Monte und Dole über Kaffeeplantagen von Nestle, Holzschlagkonzessionen für japanische Firmen und die britisch-malayischen Ölpalmenplantagen von Guthrie bis hin zur Kokosproduktion für Henkel und Mars. Kleinbauern wurden über die Jahre verdrängt, oft genug mit alles andere als höflichen Methoden. Und wer sein Stück Land an die Konzerne verpachtete, stellte fest, dass Pachtzins und eventueller Lohn für die Arbeit in den Konservenfabriken nicht für den Lebensunterhalt ausreichten. Gewöhnlich nicht ins Kalkül gezogene Möglichkeiten der Überlebenssicherung waren mit der Verpachtung weggefallen: der Anbau von Nahrung für den eigenen Bedarf, oder Tierhaltung sowie Jagd und Fischfang auf eigenem Grund. Ferner laugt die Ananas den Boden aus, eine Rückkehr zu Reis und Mais ist nurmehr schwer möglich.18 So kommt es, dass die Erzeugung landwirtschaftlicher Güter für den Export in vielen Ländern, vor allem im Süden, mit der Erzeugung für den Eigenbedarf konkurriert. Dies hat zu einer höchst widersprüchlichen Entwicklung geführt: Obwohl große Teile der eigenen Bevölkerung an Unterernährung leiden, betreiben viele Länder des Südens eine stark ausgeweitete Exportlandwirtschaft, die häufig mit einem auf ein Produkt konzentrierten und mit starkem Ressourcenverbrauch verbundenen Landbau einhergeht.19 Viele Länder des Südens sind nicht mehr in der Lage, ihre Binnennachfrage nach Grundnahrungsmitteln durch die eigene Produktion zu decken – etwa den Bedarf an Getreide, die mit Abstand wichtigste Nahrungsgrundlage weltweit. Schon Mitte der 1970er Jahre haben alle Entwicklungsländer zusammen 4 Prozent weniger Getreide produziert, als sie benötigten; Ende der 1990er Jahre waren es bereits 9, und für 2030 wird gar eine Lücke von 14 Prozent prognostiziert.20 Die Länder des Südens werden also zunehmend von Nahrungsmittelimporten abhängig. Gleichzeitig verarmen große Teile ihrer Bevölkerungen, wandern aus dem ländlichen Raum in überfüllte Städte und bringen somit eine gefährliche Polarisierung von Arm und Reich, von Stadt und Land hervor. Warum aber spezialisieren sich zahlreiche Länder auf Exportgüter, was ihnen die eigene Versorgung erschwert? Warum forcieren ausgerechnet Länder des Südens, in denen das größte Bevölkerungswachstum stattfindet, eine Wirtschaftsstruktur, die immer wieder Verdrängung und Verarmung zur Folge hat? Meist sind sie zum Erwerb von Devisen gezwungen, um ihre Auslandsschulden abzutragen. Solange sie relativ billige Rohstoffe exportieren und relativ teure Industriegüter importieren müssen, können
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sie – wenn überhaupt – nur mit Mühe ausreichende Einnahmen erwirtschaften, um über die Zinszahlung hinaus ihre Schulden zu tilgen. Einmal in der Schuldenfalle gefangen, haben sie kaum eine andere Wahl, als ihre eigene Bevölkerung zugunsten der Konsumenten in fernen, finanzstarken Ländern zu benachteiligen. Und auch ohne Überschuldung werden viele Südländer in die Ausweitung des Exportsektors gedrängt, weil sie den kontinuierlichen Wertverlust ihrer Güter auf dem Weltmarkt kompensieren müssen. Die Industrieländer erschweren es ihnen, ihre Austauschrelationen zu verbessern; deshalb bleibt den Südländern oft keine andere Wahl, als für höhere Exporte zu optieren. Exportzwang versus Eigenversorgung Schon in der Kolonialzeit verfolgten die Staaten des Nordens eine Politik, die den Süden auf die Produktion agrarischer Güter und die Extraktion von Rohstoffen festlegte und sie gleichzeitig am Aufbau von veredelten Gütern oder Fertigprodukten hinderte. Bengalen beispielsweise war vor der Kolonialisierung Indiens ein wirtschaftlich selbstständiges Land mit landwirtschaftlichen Überschüssen und einer reichhaltigen Produktion von Baumwolle, Seide und Musselin in hoher Qualität. Doch die britischen Kolonisatoren «stutzten das wirtschaftlich autarke Land auf die Rolle eines Lieferanten für koloniale Bedürfnisse zurück». Sie errichteten in großer Zahl Jute- und Papierfabriken sowie Baumwollspinnereien, unterbanden aber «alle Industrien, die nicht in ihr Konzept passten, etwa Eisen- oder Stahlverarbeitung, erst recht den Maschinenbau».21 Dieses Interesse, die eigene Wirtschaft vor der Konkurrenz der Indus-trie aus dem Süden zu schützen, findet heute in der Außenhandelspolitik der Staaten des Nordens seine Weiterführung. Mit ihr versuchen sie in vielen Wirtschaftssektoren immer noch sicherzustellen, dass ihr eigener Vorsprung nicht gefährdet wird und die Staaten des Südens als Agrargüterund Rohstofflieferanten zur Verfügung stehen. Einerseits erschweren sie den Import industrieller Güter, um die heimischen Unternehmen vor einer billiger produzierenden Konkurrenz aus dem Süden zu schützen (Kapitel 6.3). Die Länder des Südens werden dadurch gezwungen, eher unverarbeitete, niedrigpreisige Produkte – Rohstoffe und Agrargüter – zu liefern und verarbeitete, eher hochpreisige Industrieprodukte vom Norden zu kaufen. Andererseits fördern die wohlhabenden Länder ihre eigene landwirtschaftliche Produktion mit Subventionen und exportieren ihre überschüssigen Agrargüter zu derart verbilligten Preisen, dass die Staaten des Südens für ihre Agrarprodukte aus traditionellem, arbeitsintensivem Landbau keine kostendeckenden Preise mehr erzielen können, also auf kapitalintensive Methoden des industriellen Landbaus angewiesen sind. Die Kombination der beiden Strategien wirkt sich auf die Länder des Sü-
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dens besonders nachteilig aus. Denn die Schere zwischen ihren Einnahmen aus niedrigpreisigen Rohprodukten und ihren Ausgaben für die hochpreisigen Fertigprodukte der Industrieländer geht schon durch den Einfluss des technischen Fortschritts, der den Wert der Fertigprodukte steigert, immer weiter auseinander. Hinzu kommt die unlautere Konkurrenz industrieller Exportländer, die ihre Produkte durch staatliche Subventionen verbilligen. Kostete im August 1995 ein kg Baumwolle noch 2,50 US-Dollar, so waren es im Januar 2002 nur noch 0,84 US-Dollar, der Rekordtiefstand seit 30 Jahren. Das Einkommen vieler Baumwollproduzenten, die keine Subventionen erhielten, verringerte sich auf ein Drittel, und die Exporteinnahmen der produzierenden Länder im Süden wurden gravierend reduziert.22 Insgesamt sind die Südländer gezwungen, immer größere Mengen an Agrarprodukten zu exportieren, um für den Erlös eine gleich bleibende Menge an Industrieprodukten einführen zu können. Dadurch, dass alle vermehrt produzieren, sinkt aber auch der Preis, da die Nachfrage sich kaum verändert. «Eine Lokomotive aus der Schweiz, die 1980 noch 12 910 Sack Kaffee kostete, musste 1990 bereits mit 45 800 Sack Kaffee bezahlt werden.»23 Insgesamt sanken zwischen 1980 und 2000 die Weltmarktpreise 18 wichtiger Agrargüter im Durchschnitt um 25 Prozent, mit einer Preiseinbuße bei Baumwolle um 47 Prozent, bei Kaffee um 64, bei Reis um 60,8, bei Kakao um 71,1 und bei Zucker um 76,6 Prozent.24 Als Folge hat sich in zahlreichen Ländern des Südens die Handelsbilanz verschlechtert, mit nunmehr 64 Staaten, die eine negative Bilanz aufweisen und mit einer chronischen Not an Devisen zu kämpfen haben.25 Und wiederum bewirkt die hohe Verschuldung vor allem der ärmeren Länder weiterhin eine starke Exportabhängigkeit. Da die Länder des Südens immer größere Mengen an Agrarprodukten exportieren müssen, gehen sie zu industriellen Methoden kapital- und chemieintensiver Landbewirtschaftung über und widmen ihr einen großen Anteil ihrer Wirtschaftsflächen. Die Produktion von Agrargütern ist aber flächenintensiver als die von Fertigprodukten. Darum beanspruchen die Industrieländer für ihre Importe mehr Fläche in Peripherieländern, als sie diesen für die exportierten Güter zur Verfügung stellen (Kapitel 2.2). Diese Fläche steht für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung nicht zur Verfügung. Die wichtigsten Exportgüter Tansanias zum Beispiel sind Kaffee, Baumwolle und Cashew-Nüsse; außerdem ist Tansania einer der weltgrößten Erzeuger von Gewürznelken. Der Eigenanbau von Mais, Hirse, Reis und Hülsenfrüchten reicht bei schlechten Ernten nicht mehr zur Eigenversorgung aus; Nahrungsmittel müssen dann importiert werden. Tansania war denn auch im Jahr 2004 – trotz 3 Milliarden US-Dollar Schuldenerlaß drei Jahre zuvor – wieder mit 6,6 Milliarden US-Dollar verschuldet.26 So scheint der Schluss berechtigt, dass die Industrieländer ihre Außenhandelspolitik zu einem wirksamen Instrument entwickelt haben, den
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Ländern des Südens mehr abzunehmen, als sie ihnen zurückgeben. In den Ländern des Nordens erhöht die Aneignung billiger Rohstoffe das Produktionspotenzial und die billigen Importe an Nahrung und Kleidung unmittelbar die Kaufkraft. Beides vermehrt das verfügbare Sach- und Geldvermögen über das Maß hinaus, das ohne die Aneignung erreicht würde. Von der Bereicherung profitieren Konsumenten und Produzenten gleichermaßen, in besonderem Maß aber, wie noch zu zeigen ist, das mobile Kapital. Die korrespondierende Verarmung in den Ländern des Südens wirkt sich auf ihre Gesamtwirtschaft entgegengesetzt aus; aber der Verarmungseffekt trifft auch hier nicht alle Gruppen der Gesellschaft gleich, sondern einige härter und manche besonders hart. Deren Produktionsgrundlagen und Lebensbedingungen verschlechtern sich derart, dass sie an den Erwerbs- und Artikulationschancen ihrer Gesellschaft kaum mehr teilhaben, also marginalisiert werden. Marginalisierung von Bauern und Böden Der Begriff der Marginalisierung bezieht sich zunächst auf Arbeitskräfte, die auf Dauer von der Teilhabe an Wohlstand und sozialer Wertschätzung ausgeschlossen und in diesem Sinn an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.27 In den Ländern des Südens beruhen Einkommen und Lebensgestaltung oft für die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Zugang zu natürlichen Ressourcen. Deshalb geht nicht selten die Marginalisierung der Natur der Marginalisierung der von ihr lebenden Menschen voraus. Wo man die Natur ausschließlich als Produktionsfaktor betrachtet, wird sie vernachlässigt, sobald ihre Ertragskraft zu gering geworden ist. Das ist bei der exportorientierten Landwirtschaft der Fall, denn sie folgt dem Prinzip der industriellen Fertigung. Sie kommt mit wenigen Arbeitskräften aus, und sie bewirtschaftet nur die ergiebigen Böden, lässt also die ertragsschwächeren Flächen aus, die vorher ebenfalls bewirtschaftet wurden, nun aber als marginale – also an oder jenseits der Rentabilitätsgrenze befindliche – Böden betrachtet und ausgegrenzt werden. In der Baumwollproduktion zum Beispiel werden die Böden durch Vergiftung und Versalzung geschädigt. Ein großer Teil der weltweit verwendeten Pflanzenschutzmittel (Pestizide, Entlaubungsmittel, Wachstumsregulatoren) wird auf Baumwollfeldern versprüht. Baumwolle gedeiht gut auf trockenen Böden mit künstlicher Bewässerung. Dafür werden pro Jahr 200 bis 1500 Liter Wasser pro Quadratmeter und 3600 bis 26 900 m3 Wasser pro Tonne Baumwolle eingesetzt; für die Produktion eines T-Shirts werden daher bis zu 20 000 Liter Wasser verbraucht. Durch die regelmäßigen Wassergaben wird die obere Bodenschicht allmählich mit den im Wasser enthaltenen Salzen angereichert. In den Ländern der russischen Föderation, aber auch in Ländern des Südens haben Versalzung und Vergiftung schon
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große Flächen für eine landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar gemacht. So verschlechtern sich die Böden in ihrer Qualität, nicht selten bis hin zur Verwüstung. Insgesamt betrachtet gehen Felder, Weiden, Wälder, Seen zugrunde, weil der Sinn dafür verloren gegangen ist, wie man die Produktionsweise der Natur so kultiviert, dass sie zugleich der Erzeugung von Gütern wie der eigenen Erhaltung dient. Vielfach ist die Marginalisierung der Natur eine Folge der Exportorientierung der landwirtschaftlichen Produktion. Sie lässt sich nämlich von den industriellen Produktionsverfahren des Nordens und den dortigen Absatzchancen leiten, statt für den heimischen Bedarf mit Methoden zu produzieren, die an die heimischen Boden- und Klimaverhältnisse angepasst sind, und nur die dabei entstehenden Überschüsse zu exportieren. «Es klingt paradox, aber die Bemühungen, der Hungersnot durch eine Intensivierung der industriell effizienten Landwirtschaft zu begegnen, vergrößern die Dimensionen der Katastrophe, indem sie die Nutzung marginaler Böden vernachlässigen. Der Hunger wird sich ausbreiten, bis der Trend zur kapitalintensiven Produktion von Nahrungsmitteln für die Reichen durch die Armen durch eine neue Form der arbeitsintensiven regionalen Agrarautonomie ersetzt ist.»28 So besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Exportorientierung, der Vernachlässigung der Natur und der Verdrängung der Arbeit. Wenn Unternehmen des Nordens in die industrielle Landwirtschaft im Süden investieren, sparen sie Kosten, einmal für die Instandhaltung der Umwelt, denn dort gelten meist niedrigere Standards; aber auch durch geringere Löhne und Sozialabgaben. Die den Ländern im Süden aufgenötigte Exportorientierung verursacht dort also Umweltbelastungen und Armut, die sich in den Gesellschaften des Nordens nicht mehr rechtfertigen lassen. Die Exportwirtschaft kann nur wenige der vorher in der Subsistenzwirtschaft Tätigen aufnehmen. Das ist anders, wenn eine Volkswirtschaft im Großen und Ganzen geschlossen ist, wohl Güteraustausch betreibt, aber Arbeit und Kapital im Lande behält. Dann gibt es zwar temporäre Arbeitslosigkeit; aber der Arbeit sparende technische Fortschritt schafft eine Verbilligung der bisherigen Produkte und einen Anstoß zur Herstellung neuer Güter. Diese werden mit den freigewordenen Arbeitskräften hergestellt und mit der gestiegenen inländischen Kaufkraft nachgefragt. Eine solche Binnenmarktorientierung haben die Industriestaaten bis ins 20. Jahrhundert hinein praktiziert. Im Zuge der Globalisierung droht sie auch im Norden durch Exportorientierung abgelöst zu werden. Diese bewirkt, dass der technische Fortschritt Arbeitskräfte freisetzt, ohne die Produkte im Inland zu verbilligen. Wenn Produkte billiger werden, erhöht das die inländische Kaufkraft nicht, weil sie im Ausland verkauft werden. Auch Gewinne aus den Exporten werden nicht in die Produktion neuer Güter für den inländi-
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schen Markt investiert; denn auf ihm fehlt die Nachfrage, und das Ausland wehrt den Import von Industriegütern ab.29 In Europa, wo die industrielle Entwicklung bereits vor Jahrhunderten einsetzte, traten nach und nach landwirtschaftliche und handwerkliche Unternehmen kleiner oder mittlerer Reichweite an die Seite der Eigenversorgungswirtschaft und zum Teil an deren Stelle. Sie waren es in erster Linie, welche die aus der Eigenversorgung ausscheidenden Arbeitskräfte aufgenommen haben. In den Südländern dagegen droht heute die Gefahr, dass die kleinen und mittleren Unternehmen gar nicht erst entstehen. Der Entwicklungsprozess geht so schnell vor sich, dass an die Stelle der Eigenversorgungswirtschaft vielfach gleich der Großgrundbesitz tritt, allerdings ohne sie adäquat zu ersetzen; denn er ist nicht ihr Substitut, sondern ihr Gegensatz, so wie die exportorientierte Landwirtschaft das Gegenteil des regional angepassten Landbaus ist; sie tritt zwar an dessen Stelle, erfüllt aber seine Aufgaben nicht. Denn die großen Konzerne verfolgen ja exportorientierte Strategien. Auf diese Weise wird die herkömmliche Eigenversorgung ersatzlos verdrängt. Menschen verlieren ihre Arbeit und damit ihre Lebensmöglichkeiten und drängen in die Städte. An dieser Entwicklung sind freilich nicht nur die Eigentümerinnen von landwirtschaftlichem oder industriellem oder Finanzkapital interessiert, sondern auch die städtischen Beamten, Angestellten und Freiberufler. Ländliches und nur begrenzt monetäres Wirtschaften wird von ihnen oft als veraltet und unnütz betrachtet, ja sogar verachtet. Die Elite in Ländern des Südens, oft an den Universitäten der Industrieländer geschult, ist besonders anfällig für die Geringschätzung allen kleinräumigen, nicht-monetären und nicht-industriellen Wirtschaftens. Als Anfang der 1970er Jahre in Nigeria der Erdölboom einsetzte, waren es nicht nur reiche Stadtbewohner, die sich über ihre halbnackten Landsleute in den Dörfern lustig machten, «sondern auch solche, die nur in ärmlichen Mietskasernen wohnten und außer einem weißen Hemd vielleicht gerade eine Armbanduhr besaßen. Selbst Slumbewohner, die oft in größerem Schmutz hausten als zuvor im Kral, zeigten sich noch stolz darauf, das Strohdach mit einem Wellblechdach vertauscht zu haben und für einen Hungerlohn eine Garage zu bewachen, statt hungernd ein Feld zu bearbeiten. Sie alle, ob reich oder arm, gaben den Bauern auch noch seelisch den Anstoß, das Dorfleben als minderwertig zu empfinden.»30 Wem dient die Landflucht? Die Verdrängung der Eigenversorgungswirtschaft und die Dominanz der industriellen Produktion gibt es überall; aber in den Ländern des Südens haben sie zu einer selbstzerstörerischen Polarisierung im Raum geführt. Zu einem guten Teil sind diese Entwicklungen auch für die Migration in die
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Städte verantwortlich. Allerdings lässt nicht die Armut schlechthin die Menschen wandern oder die Aussicht auf ein besseres Einkommen in den Reichtumszonen, sondern ebenso sehr die Auflösung des sozialen Gewebes, welches bislang ihre Existenz gehalten hatte. Wenn ein Land zum Abwanderungsland wird, ist es zuvor zum Hinterland degradiert worden.31 Erst die Unterordnung eines Gebietes unter fremde Kräfte schafft jenes Ungleichgewicht, das zu Entwurzelung und Abwanderung führt. Damit werden die ländlichen Räume mehr und mehr von Bewohnern entleert. Die Städte dagegen platzen aus den Nähten, werden unregierbar und zu gefährlichen Zeitbomben. «Auf der Liste der zehn bevölkerungsreichsten Städte der Welt werden im Jahr 2020 vermutlich neun Städte der Länder des Südens stehen, davon allein drei aus Indien ... Es wird erwartet, dass Bombay bis 2020 auf den ersten Platz vorrücken wird mit dann 28,5 statt heute 18 Millionen Einwohnern, Lagos wird dann Platz drei einnehmen.»32 Von den Bewohnerinnen der Megastädte wird der größte Teil in den Slums leben – heute bereits weltweit 1 Milliarde Menschen. Freilich kann man die Migration nicht nur als Folge, sondern auch als Instrument der Expansion des großen Kapitals sehen. Diese Auffassung ist vor allem von Saskia Sassen33 formuliert worden. Sie besteht aus drei Aussagen: Erstens verstärkt die Wanderungsbewegung aus den ländlichen Gebieten in die Städte den Druck auf die städtische Arbeiterschaft; denn zu den Freisetzungen durch Digitalisierung von Arbeitsprozessen tritt die Konkurrenz der zugewanderten Arbeitskräfte um die gering bezahlten Arbeitsplätze. Zweitens bildet die gering entlohnte Arbeit den Sockel, auf dem die Tätigkeit der globalen Unternehmen beruht. Auch im virtuellen Raum operierende Unternehmen sind auf räumliche Stützpunkte angewiesen, und auch die Informationsindustrien benötigen eine physische Infrastruktur, die sich in strategischen Knotenpunkten mit einer Konzentration technischer Einrichtungen zusammenballt. Daraus resultiert drittens die wachsende Bedeutung der global cities als Knotenpunkte. Diese wird vielfach übersehen, denn die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Mobilität des Finanzkapitals, der hoch qualifizierten Arbeitskräfte, des Wissens und der Produkte; das ortsgebundene Kapital und die ortsgebundene Arbeit aber bleiben unbeachtet. Das lenkt die Aufmerksamkeit davon ab, dass die Ertragskraft der globalen Unternehmen zu einem guten Teil auf dem Sockel der gering entlohnten Arbeit beruht und diese durch die unsichtbare, unbezahlte Subsistenzarbeit der Frauen ermöglicht wird. So muss selbst die informelle Wirtschaft zur Polarisierung beitragen; denn die Bezieher der oberen Einkommen profitieren davon, dass sie im Umfeld der Konzernniederlassungen die billigen Produkte und Dienste nachfragen können. Die wachsende Anwesenheit von Immigranten und namentlich Frauen in den großen Städten oder den «Sonderwirtschafts-
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zonen» der Länder des Südens hat mit der Entstehung eines neuen, großteils weiblichen Proletariats den Sockel an gering entlohnter Arbeit geschaffen, auf den die global operierenden Unternehmen gegründet sind. Dies wäre nicht möglich, wenn die Migration nicht ein riesiges Reservoir von Interessenten für unterbewertete Tätigkeiten geschaffen hätte und unterhielte. Die Ursache der Migration aber liegt nicht so sehr in der Attraktivität der Städte als in der Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Regionen, aus denen die Migranten kommen. Diese hängt mit der Exportorientierung zusammen. Ein Zerrbild des Freihandels Im Übrigen können auch die kaufkräftigen Länder, die Zielgebiete der Agrarexporte, Leidtragende der Exportorientierung werden. Denn die Einfuhr von Produkten, die in einer anderen Region in identischer Qualität, aber mit geringeren Kosten hergestellt werden, bringt oft enorme soziale Kosten mit sich.34 Sie kann einen Verdrängungshandel35 auslösen, der einheimische Produkte und Arbeitsstätten durch die Einfuhr gleichartiger Produkte aus Billigproduktion aus dem Feld schlägt. Japan etwa hat bereits vor Jahrzehnten die amerikanische Produktion von Videogeräten und Kameras, Fernsehgeräten und Stereoanlagen verdrängt, da es diese Produkte imitierte und dann billiger herstellte. Die Verlagerung der Produktion nach Japan hatte zur Folge, dass die USA schon 1980 aus Japan Güter im Wert von 33 Milliarden US-Dollar bezogen, zur gleichen Zeit aber nur Produkte im Wert von 21 Milliarden US-Dollar nach Japan verkauften. Das mit diesem Verlust an Umsätzen verbundene Sterben ganzer Industriezweige hatte mehrere hunderttausend Arbeitsplätze gekostet.36 Wer kann bei solchen Aussichten an der Exportorientierung interessiert sein? Um das zu beantworten, muss man fragen, wem sie nützt. Exportorientierung ist ohne Zweifel im Interesse der politisch und ökonomisch mächtigsten Schicht, des Finanzkapitals. Der inländische Markt ist weitgehend gesättigt, hohe Renditen sind dort nicht zu erwarten. Eine Ausweitung des Exports dagegen erschließt neue Märkte und verspricht höhere Umsätze und Gewinne, die in einer Wirtschaft der Überkapazitäten sonst kaum noch erreichbar sind. So kann die Exportorientierung im Interesse der transnationalen Unternehmen und des weltweit operierenden Finanzkapitals liegen, auch wenn dadurch die binnenmarktorientierten kleinen und mittleren Unternehmen verdrängt werden. Denn bei ihnen sind für das Finanzkapital keine Gewinne zu holen. Die Vormachtstellung des Finanzkapitals beruht heute darauf, dass es die mobilen Produktionsfaktoren – das mobile Kapital, die mobile, wissensbasierte und hochspezialisierte Arbeit und die mobile und standardisierte Transformation von Natur – an einem Punkt zusammenführt, um weltweit
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die absolut niedrigsten Kosten zu nutzen. Dadurch verdrängen sie das ortsgebundene Kapital. Dieses hat früher durch Nutzung der komparativen Kostenvorteile der jeweiligen Standorte den Wohlstand der Nationen gemehrt – gemäß David Ricardos Lehre, dass alle Länder profitieren, wenn sie sich auf die Produkte spezialisieren, für die sie im Vergleich zu anderen einen Kostenvorteil haben, und die übrigen Produkte von anderen kaufen. Ihr gemeinsames Sozialprodukt ist dann größer, als wenn jedes Land alle gebrauchten Güter selbst herstellt. Das funktioniert nach Daly37 aber nur, wenn Arbeit, Kapital und Natur im Lande bleiben, sodass nur die Güter getauscht werden, und wenn die Handel treibenden Länder in etwa den gleichen Entwicklungsstand haben. Es funktioniert dann nicht, wenn Kapital und Arbeit an beliebige Standorte versetzt werden können und wenn Natur in Gestalt externalisierter Umweltkosten transferiert werden kann; denn dann lassen sich alle Kostenvorteile an einem Standort vereinigen. Die Standorte, an denen dies heute geschieht, sind die global cities. In ihnen werden die Interessenunterschiede zwischen den transnationalen Unternehmen und den überlieferten Regional- und Eigenversorgungswirtschaften ausgetragen – meist zu Lasten der Letzteren. Eine mögliche Strategie für einen Ausweg aus dieser Problemlage ist allerdings noch älter, sie findet sich schon bei Aristoteles.38 Seine Unterscheidung zwischen der Produktion für den eigenen Bedarf («Ökonomie») und der Produktion für Handel und Gewinn («Chrematistik») enthält laut Polanyi den wohl prophetischsten Hinweis, der jemals im Bereich der Sozialwissenschaften gegeben wurde. Es ist der Hinweis, dass die regionale Binnenversorgung nicht der Produktion für den Export untergeordnet werden dürfe. «Aristoteles beharrt darauf, dass der Sinn des Wirtschaftens die Produktion für den Gebrauch und nicht die Produktion für den Gewinn ist. Aber eine zusätzliche Produktion für den Export, meint er, müsse die Selbstversorgung nicht gefährden, sofern die zum Verkauf bestimmten Produkte im Rahmen der Selbstversorgung ohnehin erzeugt würden, wie Getreide oder Vieh; der Verkauf von Überschüssen müsse daher die Grundlage der Volkswirtschaft nicht zerstören.»39 Im Umkehrschluss heißt das: Eine exportorientierte Produktion, welche die Selbstversorgung gefährdet, wird die Grundlagen der regionalen oder nationalen Wirtschaft untergraben. Genau das geschieht durch die industrie- und agrarpolitischen Strategien, mit denen die Industrieländer allerdings die Idee des Freihandels zum Zerrbild machen.
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3.3 Investitionen: Vereinnahmung von Wasser Nirgends werden Konflikte um Ressourcen ihrem Namen so gerecht wie im Fall von Wasser. Denn der Begriff «Ressource» leitet sich aus dem lateinischen Wort «surgere», «hervorquellen», ab. Er ist als Metapher für Leben zu verstehen.40 Und bei Konflikten um Wasser geht es unmittelbar um Leben – und Überleben. Rund 20 Prozent aller Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, und gar 40 Prozent der Weltbevölkerung leiden an Wasserknappheit. Schätzungen zufolge werden im Jahre 2050 im schlimmsten Fall 7 Milliarden Menschen, im besten Fall 2 Milliarden Menschen an Wasserknappheit leiden.41 Auf den ersten Blick mag Süßwasser noch keine globale Ressource sein. Zwar werden zunehmend Ansprüche wasserarmer Weltregionen auf wasserreiche laut, und bereits heute wird Wasser mittels Tankern, Pipelines oder Flaschen zwischen Staaten gehandelt; dennoch spielen direkte Wassertransfers internationalen Ausmaßes bislang eine untergeordnete Rolle. Indirekt allerdings findet global ein beträchtlicher Zugriff auf lokale Wasser-Ressourcen statt: etwa durch den Export von Gütern, zu deren Erzeugung Wasser vonnöten ist, oder durch die Verschmutzung von Wasser bei der industriellen Produktion. Auch dabei machen Unternehmen und Konsumentinnen ferner Länder eine knappe Ressource jenen streitig, die es für ihren täglichen Lebensunterhalt benötigen. Bei öffentlich ausgetragenen Konflikten um Trinkwasser stehen gegenwärtig regionale Auseinandersetzungen im Vordergrund. Sie spiegeln den Streit zwischen den regionalen Eliten und der lokalen Bevölkerung wider. Immer spielen dabei Investitionen in konkrete Projekte eine Rolle, die erst die Strukturen hervorbringen, um Wasser von einem Ort zur Vereinnahmung an einem anderen transferieren zu können. Durch Investitionen in Infrastrukturen wie Staudämme, Kanäle oder Pipelines wird Wasser aus den Landgebieten in die kaufkräftigen Zentren umgeleitet; durch Investitionen in die verarbeitende Industrie, die Wasser im Produktionsprozess verwendet, wird es der lokalen Bevölkerung entzogen oder verschmutzt und unbrauchbar gemacht; durch Investitionen in die exportorientierte Landwirtschaft wird Wasser in Form von Feldfrüchten zu fernen Verbraucherinnen transportiert. Den Unternehmen, welche die Investitionsprojekte ausführen, geht es in erster Linie um ihren Geschäftsgewinn. Den Regierungen, welche diese Investitionen vorantreiben, geht es um Prestigeprojekte wie auch um die Förderung der urbanen Mittel- und Oberklasse und des Wirtschaftswachstums. Obwohl solche Investitionen oft als Entwicklungsprojekte angekündigt werden, die vor allem den Armen nützen sollen, führen sie im Ergebnis häufig zu einer Verschlechterung der Lebenssituation der lokalen Bevölkerung.
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Durchweg weisen die Konflikte um Wasser gemeinsame Merkmale auf. Es geht darum, eine lebenswichtige Ressource und die von ihr abhängigen Ökosysteme gegen die Nutzungsansprüche nicht-ansässiger Akteure zu verteidigen. Nicht so sehr aus Motiven des Naturschutzes, sondern weil die jeweiligen Naturräume – die Feuchtlandschaften, die Flüsse, ihre Täler und ihre Deltas – Lebensraum für eine menschliche Gemeinschaft bieten. Quellen, Seen und Flüsse sind ja auch ein integraler Teil jener Kulturräume, die eine Verbindung zu den Vorvätern wie zur Götterwelt herstellen. Schwerwiegende Eingriffe in diese Naturräume haben daher nie nur ökologische, sondern immer auch soziale Bedeutung. Aus der Bedrohung der Gemeinschaft erwächst der ökologische Widerstand, «der Umweltschutz der Armen»,42 der die eigenen Lebensrechte gegenüber den fern lebenden Anwärtern der transnationalen Verbraucherklasse verteidigt. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht immer die Frage: Wem gehört dieses Wasser? Und: Haben wir ein Existenzrecht dort, wo wir hingehören? Gefangenes Wasser Konflikte und Proteste gegen den Zugriff auf Wasser zeigen sich am deutlichsten beim Bau von Staudämmen. Die Umformung der Natur nimmt hier besonders dramatische Formen an. Talsperren, teils riesigen Ausmaßes, fangen Wasser regelrecht ein, verändern Flussläufe, versenken Täler und zerstören bestehende Ökosysteme. Bis 1949 sind ungefähr 5000 große Staudämme gebaut worden, drei Viertel davon in Industrieländern; am Ende des Jahrhunderts gab es schon 45 000 Staudämme in der Welt, zwei Drittel davon in Ländern des Südens.43 Sie wurden hauptsächlich gebaut, um die industrielle Landwirtschaft zu bewässern, aber auch, um Strom zu erzeugen und Trinkwasser für Städte zu sammeln. An erster Stelle der dadurch ausgelösten Konflikte steht die Verdrängung von Familien und Dorfgemeinschaften. Allein zwischen 1986 und 1993 mussten schätzungsweise 4 Millionen Menschen den Dämmen weichen. Die von der Weltkommission für Dämme (WCD) zusammengeführten Fallstudien zeigen: Die negativen Auswirkungen treffen vor allem Subsistenzbauern, indigene Gruppen, ethnische Minoritäten und vor allem die Frauen unter ihnen, während die positiven Auswirkungen in erster Linie Stadtbewohnern, Großlandwirten und Industriebetrieben zugute kommen.44 Über die Ressource Wasser werden Gewinner und Verlierer aussortiert. Besonders die Konflikte um Staudammprojekte in China entfachten eine öffentliche Diskussion. In China ist Wasser ein knappes Gut; denn China besitzt nur 6 Prozent des weltweit verfügbaren Süßwassers, aber mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung. Das größte Problem stellt dabei die Verteilung von Wasser und Bevölkerung dar: Mehr als drei Viertel der Wasserressourcen befinden sich im Jangtse oder südlich davon, während rund 400
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Arenen der Aneignung
der 600 großen Städte im Norden unter Wasserknappheit leiden. Daher plant die chinesische Regierung eine Reihe gigantischer Projekte, um mittels Kanälen und Pipelines Wasser aus den ländlichen Gebieten im Süden in die Ballungsräume im Norden umzuleiten.45 Neben den schwer abschätzbaren ökologischen Folgen solcher Umleitungsprojekte erfordern sie massive Umsiedlungen, wie beispielsweise beim Dreischluchten-Staudamm. Nach offiziellen Angaben sollen für seinen Bau 1,13 Millionen Menschen umgesiedelt worden sein; kritische Stimmen sprechen gar von bis zu 1,9 Millionen. Die Versprechen, Land und Arbeitstätten bereitzustellen, wurden oft nicht eingehalten. Falls neues Land angeboten wurde, war es häufig von schlechterer Qualität als das zuvor besessene. Angebotene Kompensationsleistungen wurden nicht in voller Höhe ausgezahlt. Von der Umsiedlung Betroffene mussten mitunter neue Wohnstätten kaufen, die viel teurer waren als die erhaltenen Kompensationen. Da entgegen den Planungen die Ansiedlung der heimatlos gewordenen Menschen aufgrund zu großer Bodenerosionen nicht in der Dreischluchtenregion möglich war, zwang die Regierung ca. 125 000 Menschen, sich in entfernter liegenden Regionen anzusiedeln. Diese Menschen haben neben allen anderen Problemen noch mit einer Eingewöhnung in eine