Glenn Kleier
Jesa Der letzte Tag
Inhaltsangabe In der israelischen Wüste wird ein geheimes Forschungslabor zerstört. ...
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Glenn Kleier
Jesa Der letzte Tag
Inhaltsangabe In der israelischen Wüste wird ein geheimes Forschungslabor zerstört. Den rauchenden Überresten entsteigt eine junge Frau. Sie spricht fließend alle Sprachen der Welt und beginnt zu predigen: denn sie ist Jesa, die Tochter Gottes! Der Vatikan streitet ihren Anspruch ab. Doch religiöse Hysterie und blanke Furcht breiten sich wie eine Feuersbrunst aus. Wird Jesa die Menschheit retten – oder ist sie die Vorbotin des Jüngsten Gerichts?
Die amerikanische Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel The Last Day bei Warner Bross, Inc., New York.
Dieser Titel erschien im Knaur Taschenbuch Verlag bereits unter der Bandnummer 61028.
Besuchen Sie uns im Internet: www.knaur.de
Vollständige Taschenbuch-Neuausgabe Dezember 2004 Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München Copyright © 1997 by Glenn Kleier Copyright © 1998 der deutschsprachigen Ausgabe bei Lichtenberg Verlag GmbH, München Alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Umschlagabbildung: Zefa, Düsseldorf; Photonica Satz: Ventura Publisher im Verlag Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 3-426-62866-X 453 Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
Allen, die jemals unter der unbegreiflichen Gewalt von Dogmatismus, Frömmigkeit und Selbstgerechtigkeit zu leiden hatten
1 WNN-FERNSEHSTUDIOS, TIMES SQUARE, NEW YORK, 16 UHR 38, FREITAG, 24. DEZEMBER 1999 »Jesus Christus!« »Mehr oder weniger.« Die beiden gutangezogenen Männer saßen allein in einem Schnittraum des Fernsehsenders World News Network. Auf einem großen Monitor lief, noch ohne Ton, eine Serie bizarrer Szenen ab. Vom Bildschirm lächelte das riesengroße Gesicht eines Mannes im mittleren Alter, dessen Blick fiebrig glänzte. Er hatte einen ungepflegten Bart und trug ein zerschlissenes Gewand. Das lange strähnige Haar war mit Blut verklebt, das unter dem rostigen Stacheldrahtkranz auf seinem Kopf hervorquoll. Als die Kamera zurückfuhr, sah man ein schweres Holzkreuz, das er über der Schulter trug. Hinter ihm stand auf einem Straßenschild ›Via Dolorosa‹. Eine Schrifteinblendung am unteren Bildrand wies den Mann als ›Douglas Bandy aus San Jose, Kalifornien, früher Börsenmakler‹aus. Einer der beiden Männer nickte zufrieden. Als nächstes erschien eine junge, fünfköpfige Familie auf dem großen Monitor. Ebenfalls in zerschlissenen Kleidern saß sie auf dem abgetretenen Steinpflaster eines altertümlichen Marktplatzes. Die Familie streckte jedem Passanten und schließlich auch der Kamera bittend die Hände entgegen. Der Text dazu lautete: ›Familie Etiennne Dubois aus Orléans, Frank1
reich‹. Schnitt. Dann zeigte die Kamera im Weitwinkel eine breite Straße, die mit Autos, Bussen und von Tieren gezogenen Karren verstopft war. In der Ferne zeichnete sich die verschwommene Skyline von Jerusalem ab. »Und an dieser Stelle kommt dann das historische Material«, erklärte der eine Mann in gepflegtem britischem Akzent. Sogleich erschienen auf dem Monitor Passagen, in denen die Kamera über einen schönen, kunstvoll gestickten Wandteppich glitt. Als der Blick langsam über die ganze Länge des Wandbehangs wanderte, bot sich ihnen eine Geschichte in epischer Breite. ›Die großen Pilgerfahrten des zu Ende gehenden Jahrtausends, im Jahr 999 nach Christus‹, hieß es im Text am unteren Bildrand. Die Sequenz begann mit wohlhabenden mittelalterlichen Familien Europas, die ihre Güter an die Armen verschenkten und sich ins Heilige Land aufmachten. Auf der Pilgerfahrt erlitten die Reisenden bald schreckliche Nöte. Der Teppich schilderte in lebhaften Szenen, wie die Pilger zu Opfern räuberischer Überfälle, Ausplünderungen, Vergewaltigungen, Gefangennahme und Mord wurden. Hatten einige das Glück, die Fahrt zu überleben, sah man sie bei der Ankunft im verbotenen moslemischen Jerusalem bettelarm, hilflos, verzweifelt und dem Hunger überlassen wieder. »Nächste Woche machen wir den Ton dazu«, sagte der Engländer, »und dann ist es fertig.« »Ausgezeichnet«, sagte der andere anerkennend. »Ich glaube, daß dein Special zum Vorabend des Millenniums ein riesiger Erfolg wird. Die Sendung verkauft sich weltweit schon ziemlich gut.« »Hast du je daran gezweifelt?« fragte der Engländer mit geheuchelter Überraschung. Sein Kollege schnaubte und lachte kurz auf. »Ich sag' dir nur, Nigel, als du damals diese Idee vorgeschlagen hast, hielten dich viele von uns hier in den Staaten für verrückt. Also, ich meine, extra 2
Nachrichtenteams zusammenzustellen, sie zu horrenden Kosten überall in der Welt herumzuschicken, um einem Haufen religiöser Fanatiker nachzujagen! Ehrlich – ich hab' gedacht, die Firma würde damit baden gehen. Aber du hast wieder mal dein Geschick dafür bewiesen, wie man Nachrichten macht. Du hast es geschafft, aus dieser verrückten Hysterie um die Jahrtausendwende eine beachtliche internationale Story zu machen.« »Offen gestanden«, gab Nigel zu, »entspricht sie meinen Erwartungen nicht ganz.« »Was soll das heißen?« protestierte sein Kollege. »Die Voraussetzungen könnten doch gar nicht besser sein! Deine Berichte über die religiöse Bewegung zum Beginn des Jahrtausends im letzten halben Jahr, die zunehmende Fanatisierung im Heiligen Land, in Rom und in Salt Lake City. Die ganzen überspannten Spekulationen, was geschehen wird, wenn der Zeiger der Weltenuhr ins Jahr 2000 hinübertickt. Die Fernsehzuschauer können gar nicht genug davon bekommen! Du warst den anderen Nachrichtensendern um Lichtjahre voraus, Nigel. Du hast den nötigen Weitblick gehabt.« Der Engländer war nicht so überzeugt und wiegte langsam den Kopf. »Die Story hat einfach keine Substanz. Diese Eiferer sind ja vielleicht ganz unterhaltsam, aber nicht unbedingt überzeugend. Sie kommen beim Zuschauer wahrscheinlich eher als komische Spinner an. Ich hatte gehofft, daß wir doch noch auf etwas Zündenderes stoßen würden.« »Was zum Beispiel?« fragte sein Mitarbeiter. »Wenn es uns doch nur gelungen wäre, eine der großen Religionen zu gewinnen. Ein erstklassiges, besorgniserregendes Statement vom Papst wäre schön gewesen. Oder vielleicht die Entdeckung von neuen, unheilverkündenden Schriftrollen am Toten Meer. Unserem Bericht fehlt etwas Dramatisches, Schockierendes. Etwas, das dem Abend ein bißchen mehr … Wirkung verschafft.« 3
2 MOUNT RAMON OBSERVATORIUM, WÜSTE NEGEV, SÜDISRAEL, 23 UHR 57, FREITAG, 24. DEZEMBER 1999 Noch zu dieser späten Stunde arbeiteten vier japanische Astronomen an zahlreichen infraroten Monitoren, Spektroskopen und optischen Instrumenten und starrten von der offenen Plattform des einzigen Himmelsobservatoriums in Israel in den Nachthimmel. Die Männer von der Universität Kyoto hielten sich als Ehrengäste des israelischen Wissenschaftsministeriums hier auf. Sie waren alle wegen der Kälte dick vermummt. Hier in der südlichen Wüste Israels herrschten wegen des Breitengrads und der Trockenheit der Atmosphäre ideale Bedingungen für die Beobachtung des Asteroidengürtels der Gemini, den die Erde am Ende des Jahrtausends passierte. Die Astronomen hatten schon Hunderte von Meteoriten gesichtet. »Bei dieser großen Aktivität sollte man doch denken, daß der eine oder andere den Fall übersteht«, sagte ein Kollege auf japanisch in die Runde. »Ja«, antwortete ein anderer. »Es wäre schon aufregend, ein frisches Exemplar zu bekommen.« Tatsächlich existierten am Fuße des Berges Ramon mehrere alte Meteoritenkrater, die einzigen Zeugnisse dieser Art im Nahen Osten; wie überdimensionale Narben zogen sie sich meilenweit über den großen Grabenbruch des Negevtals hin. Aber hier unten auf der Erde gab es nichts, was die Wissenschaftler interessierte. Ihre Augen waren fest auf das Firmament geheftet. Ganz unerwartet bemerkte der Dienstälteste der Forschergruppe 4
auf seinem Instrument einen Meteor, der viel heller und größer als seine Vorgänger war. Mit zitternden Lippen erhob er sich langsam vom Stuhl, um sich mit bloßem Auge von der Erscheinung zu überzeugen. Als er sicher war, rief er voller Begeisterung: »Gentlemen, ich glaube, wir haben hier einen Einschlag!« Zusammen mit seinen Kollegen starrte er fasziniert auf den Lichtschein, der schnell an Größe und Intensität zunahm. Er stürzte von einem Punkt aus, der im Osten etwa dreißig Grad über dem Horizont lag, in einer niedrigen Flugbahn direkt auf sie zu. Die jüngeren Männer starrten ganz gebannt darauf, bis sie sich plötzlich der Gefahr bewußt wurden; dann verließen sie schleunigst ihre Plätze, um zweifelhafte Deckung unter einem Tisch zu suchen. Der Chefastronom jedoch blieb standhaft und beobachtete eifrig jede Einzelheit, als das Objekt direkt über sie hinwegraste. Bei seinem Flug über den Negev warf der Feuerball sein Licht auf eine Kette zerklüfteter Berge und weitläufiger Wüstentäler. Sein greller Schweif trieb die Herden verblüffter Nomaden auseinander, erschreckte ein älteres Beduinenpaar auf einem Eselskarren und weckte zahlreiche Pilger auf, die anläßlich der Jahrtausendwende zur Heiligen Stadt Jerusalem unterwegs waren, um dort den Beginn des Jahres 2000 zu feiern. Auch der israelischen Luftwaffe entging der Meteor nicht. Gleichzeitig mit der ersten Sichtung wurde sein Bild auf dem Radarschirm eines israelischen Militärflugplatzes an der Südseite des Berges eingefangen. »Verdammt noch mal!« rief ein verdutzter Wachsoldat beunruhigt, als er durch einen auffälligen Lichtpunkt auf seinem Bildschirm aufgeschreckt wurde. Die anderen Wachen waren sofort zur Stelle, besahen sich das Objekt mit angestrengt zusammengekniffenen Augen und konnten nicht glauben, daß es aus der Richtung des anscheinend friedlichen Staates Jordanien kam. »Code D, feindlich«, meldete ein Radarbeobachter. Aber da er 5
noch nie so etwas gesehen hatte, konnte er es nicht identifizieren. »Zu klein für ein Flugzeug«, beschloß er, »zu schnell für eine Cruise Missile, zu niedrig für eine Scud-Rakete.« Der Wachoffizier versuchte verzweifelt, die genaue Herkunft und Richtung des Eindringlings zu bestimmen, rief die höchste Alarmstufe aus, schickte Flugzeuge los und aktivierte Scharen von SuperPatriot-Raketen. Aber es war zu spät, das Objekt abzufangen. Es war schon über der Grenze und verlor schnell an Höhe.
3 NEGEV FORSCHUNGSINSTITUT, WÜSTE NEGEV, SÜDISRAEL, 23 UHR 59, FREITAG, 24. DEZEMBER 1999 Der eindrucksvolle Bau mit seinen scharfen Konturen aus Stahl und Glas erhob sich ungerührt aus dem verwitterten Felsen und dem roten Sand einer entlegenen Wüstenschlucht. Er lag direkt in der Flugbahn des Meteors. Wie um dem Besucher den Weg zu weisen, vereinigten sich die zwei Flügel des Komplexes zu einem großen V. Wo sie zusammentrafen, wölbte sich eine riesige geodätische Kuppel, deren undurchsichtige, braun getönte und nur nach außen reflektierende Glasflächen das Bild des heranfliegenden Feuerballs vielfach widerspiegelten. ›Israelisches Negev Forschungsinstitut‹ stand in großen Lettern auf hebräisch und englisch über der Anlage. Jahrelang hatten die Israelis behauptet, es sei ein Labor für Biotechnik, aber es war ein offe6
nes Geheimnis, daß das Zentrum dem israelischen Verteidigungsministerium angeschlossen war, und bei den Nachbarländern und dem amerikanischen Geheimdienst galt es als eine wichtige Einrichtung der militärischen Forschung und Entwicklung. Rundherum eingezäunt und von Motorradpatrouillen bewacht, brummte das Institut förmlich vor Aktivität. Unter der Kuppel lag ein mehrstöckiges Labor von einmaliger Komplexität. Es bestand aus sieben Ebenen, die alle an einem zentralen tragenden Schacht aufgehängt waren. Die einzelnen Etagen reichten nicht ganz bis an die Wände der Kuppel heran und gewährten einen freien Blick auf das Panorama des Nachthimmels. Dem Institut standen Scharen von Technikern zur Verfügung, die ein großes, übereinandergeschichtetes Netz von Cybersystemen instand hielten. Umfangreiche Anordnungen elektronischer Geräte im obersten Stockwerk waren mit Datenbanken des darunterliegenden verbunden, die ihrerseits durch endlos gewundene Leitungen mit den unteren Ebenen in Verbindung standen. Durch diese wiederum flossen klare Flüssigkeiten in einen immer weiter abfallenden Unterbau aus Prozessoren, Filtern, Hilfssystemen und komplizierten Bionetzwerken. Schließlich erreichte dieses verfeinerte alchemistische System das Erdgeschoß und traf dort auf seinen alleinigen Empfänger: einen regungslosen und nackten menschlichen Körper, der in einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit in einem transparenten, aber verschlossenen Behälter schwamm. Die bewegungslose Gestalt lag auf der Seite, zusammengekauert wie ein Embryo, die Beine angezogen, und die Arme an die Brust gedrückt. Aber der Körper war wesentlich größer als ein Fötus. Es war ein erwachsenes weibliches Wesen von zierlichem Körperbau. Der Körper schwebte blaß und leicht unter sanften Strahlern, von verschiedenen Monitoren und Wissenschaftlern überwacht. Der Kopf war von einem Helm umschlossen, aus dem medusengleich 7
Elektroden und spiralenförmige Drähte austraten. Diese Verbindungen führten zu einer Durchlaßöffnung an der Rückseite des Tanks und weiter nach oben, wo sie sich verzweigten und an verschiedene Systeme angeschlossen waren. Eine dickere Röhre von der Stärke eines Gartenschlauchs lief vom Leib des Körpers nach oben, trat aus dem Gefäß aus und verschwand in einem Gewirr von Kabeln und Schläuchen an der Decke. Seitlich von dieser Gestalt befanden sich, abgesondert wie vergessene Prototypen, zwei gleich aussehende weibliche Gestalten in ähnlichen lebenspendenden Wannen. Auch ihre Köpfe steckten unter Helmen, die jedoch nur an einige der Leitungen nach oben angeschlossen waren. Beide hatten jedoch ebenfalls Nabelschläuche, die mit dem gesamten Ernährungsnetzwerk verbunden waren. Auf der anderen Seite des im Mittelpunkt stehenden Wesens richteten die Wissenschaftler ihr Augenmerk auf Monitore, die holographische, dreidimensionale Bilder eines menschlichen Gehirns zeigten. In dem Gehirn konnte man deutlich dreizehn nicht organische Implantate unterscheiden. Die dünnen, quadratischen Kristallplättchen, weniger als einen Millimeter groß, waren tief in beide Gehirnhälften eingelassen. Aus jedem dieser kleinen Plättchen ging ein winziges Büschel mikroskopisch feiner Fasern hervor, die zu feinen Fäden gebündelt waren. Die Fäden zogen sich durch das Gehirn bis unter die Kopfhaut, wo sie an einem zentralen Sammelpunkt in einem größeren, am Hinterkopf befestigten Plättchen zusammenliefen. Hier trat ein einzelner, gewundener Draht aus der Kopfhaut und dem Helm aus und führte zu verschiedenen Sensoren und Monitoren. Neben den Monitoren standen weitere Displays, unter anderem mit EEG-Messungen, die wild auf und ab zuckende Werte registrierten. »Mein Gott, seht euch das an!« Ein begeisterter Mann sammelte seine Untergebenen um sich, um den Fortschritt ihrer Arbeit zu bewundern. »Dies ist ein historischer Augenblick, Ladies und Gentle8
men«, krähte er und nutzte die allgemeine Euphorie dazu, eine attraktive Assistentin, die neben ihm stand, an sich zu drücken. »Wir sind dabei, eine Seite aus dem Buch Genesis zu stehlen!« Die schlummernde Gestalt im Hauptgefäß zuckte manchmal, was aussah wie die Schreckreflexe eines Kleinkindes. Ein gebrechlicher, weißhaariger Herr in einem Laborkittel stand darübergebeugt und beobachtete sie genau. Das Glas der Wanne spiegelte sein besorgtes Stirnrunzeln. »Was habe ich getan!« stieß er leise und vorwurfsvoll hervor. »Gott, vergib mir, was ich getan habe!« Unmittelbar bevor der Feuerball einschlug, gab es einen seltsamen Moment, in dem alle Anwesenden gleichermaßen die Gegenwart einer verhängnisvollen Macht fühlten; sie stellten ihre Tätigkeit ein, waren alle plötzlich wie gebannt und unfähig, das herannahende Schauspiel ihres Untergangs zu begreifen. Obwohl das Objekt sich im Fallen immer weiter auflöste und auf der Wüstenfläche heiße Brocken verstreute, hatte seine Kernmasse noch eine beträchtliche Größe, als es in die gewölbte Kuppel des Komplexes krachte. Es bohrte sich durch brummende Schichten von Cybersystemen und drang tief in die pulsierenden Leitungen und die elektronischen Nervenknoten ein. Für einen kurzen Augenblick schien der gesamte Komplex den Atem anzuhalten. Dann zerbarst der obere Teil der Kuppel wie in einer gewaltigen weißen Napalmwolke. Die vier oberen Ebenen und alle Personen, die sich dort aufhielten, verdampften sofort. Während verspätete FliegeralarmSirenen in der Ferne erklangen, begann dicker schwarzer Rauch von einer Reihe kleinerer Explosionen in den unteren Etagen aufzusteigen. Wie durch ein Wunder blieb der Teil des Baus, der die menschlichen Gestalten enthielt, für einen Augenblick noch unversehrt. Der weißhaarige Mann versuchte in den beißenden Dämpfen verzweifelt, die eingeschlossenen Wesen zu befreien, taumelte gegen eines 9
der Gefäße und brach zusammen. Auf den plötzlichen Ausfall der lebenserhaltenden Systeme reagierten die Wesen in ihren Behältern mit krampfartigen Zuckungen. Vor allem das Geschöpf im Zentrum wurde hektisch, kämpfte ungeschickt mit seinem Helm und trat gegen die Seitenwände der Wanne. Als Reaktion auf eine intensivere Zuführung von Strom kam es zu einer Art epileptischen Anfalls. Es krümmte den Rücken und sprengte die Seiten der Wanne mit einem kräftigen Stoß seiner Beine. Außerhalb dieser Hölle herrschte das Chaos. Die Sicherheitspatrouillen blieben in einiger Entfernung von der Umzäunung stehen und konnten nichts tun, als dem Ablauf des schrecklichen Schauspiels zuzusehen. Durch das klagende Tremolo der Sirenen hörte man von oben die ersten Abwehrjets, die jedoch zu spät kamen und nur noch große, sinnlose Kreise über der zerstörten Anlage fliegen konnten. Durch eine berstende Wand des Gebäudes wurde eine zuckende weibliche Gestalt hinausgeschleudert und landete auf der Erde. Mit dünnen weißen Armen fing sie den Stoß ab und schlang sie dann schnell wieder schützend um ihren nackten Körper. Das Wesen lag ausgestreckt im Staub. Allein und von den Dämpfen und der Hitze weitergetrieben, begann es verzweifelt, sich an die Erde zu klammern und ruckartig vorwärts zu bewegen. Kaum hatte die Gestalt den Gefahrenbereich hinter sich, gaben die Überreste der Anlage nach, und eine letzte Explosion riß den noch sichtbaren Teil des Komplexes in Stücke und schleuderte das tödlich erschrockene Wesen über den Wüstenboden. Die übel zugerichtete Gestalt erholte sich jedoch schnell und nahm sofort ihre ziellose Bewegung wieder auf. Offenbar ohne zu wissen, in welche Richtung sie fliehen sollte, wand sie sich unbemerkt durch das große Tor und weiter hinaus in die Nacht. 10
4 BEN-GURION-APPARTEMENTS, JERUSALEM, ISRAEL, 13 UHR 5, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Das Klingeln des Telefons weckte Jonathan Feldman aus seinem letzten wirklich ruhigen Schlaf. Mit einer Hand fischte er nach dem Hörer, mit der anderen nach seiner Stahlrandbrille und stieß dabei versehentlich eine gestern nur halb aufgegessene Portion Frühstücksflocken vom unordentlichen Nachttisch. Er knipste das Licht an, kniff die kurzsichtigen Augen zusammen und sah auf Cornflakes und Milch hinunter, die nun in seinen Nikes schwappten. Unter lauten Flüchen klemmte Feldman das Telefon zwischen Ohr und Schulter und versuchte, die Brille aufzusetzen. »Was?« krächzte er und goß die Frühstücksflocken aus dem Schuh wieder in die Schüssel. »Jon, komm sofort hier rüber. Jordanien hat eine Militäranlage im Negev beschossen!« Es war die vertraute, wenn auch ungewöhnlich aufgeregte Stimme Breck Hunters, sein Kameramann. Mit ihm arbeitete Feldman als Korrespondent bei World News Network im Nahen Osten zusammen. »Was?« »Ungefähr vor einer Stunde. Ich sehe den Feuerschein am Himmel sogar von hier.« »Die Jordanier?« 11
»So hört man's jedenfalls im Militärfunk«, erklärte Hunter. »Los, da müssen wir hin.« Mit seinen dreißig Jahren relativ jung, hatte der knappe Stil von Feldmans Berichten und seine entwaffnende Geistesgegenwart vor der Kamera schon auf den oberen Etagen von World News Network Aufmerksamkeit erregt. Das hatte dazu beigetragen, daß ihn die Leitung des Senders mit dieser Aufgabe hier, seinem ersten Auslandsjob, betraut hatte. Feldman schob seine Brille zurecht, rieb sich die blaßgrauen Augen mit dem noch etwas verschwommenen Blick und begann sich aufzuraffen. »Okay. Sieh zu, daß du die Genehmigung bekommst. Ich hol' dich in fünf Minuten ab.« Als er auf die Uhr sah, war er wirklich froh, daß er die langweilige Weihnachtsparty bei WNN früher verlassen hatte. Aber den Empfang in der amerikanischen Botschaft heute abend, von dem er sich einiges mehr erhofft hatte, konnte er jetzt, so dachte er, vermutlich in den Wind schreiben. Sein journalistischer Instinkt erwachte. Warum Jordanien? fragte er sich. Warum sollte ein schlecht bewaffneter, gemäßigter arabischer Staat, Krieg mit einer Militärmacht wie Israel riskieren? Er schob die Papiere auf seinem Schreibtisch zur Seite, um nach seinem Schlüssel zu suchen. Wäre ein Überraschungsangriff auf die Wasserwerke von Ha'ayin nicht viel wirksamer? Mein Gott, schließlich ist das hier ein jüdischer Staat. Als er die Turnschuhe anzog, fluchte er nur kurz über das feuchte Gefühl, schnappte sich seine Lederjacke vom Stuhl und stürzte aus der Tür. Wieder einmal war er froh, daß er in seinen Kleidern geschlafen hatte. Obwohl er erst seit ein paar Monaten hier im Einsatz war, fand der Reporter sich in Jerusalem schon ganz gut zurecht. Er trat in seinem gemieteten Landrover kräftig aufs Gas und raste von seiner Stadtwohnung aus Richtung Süden. Staub wirbelte in dichten Wolken von den Straßen auf. Die Auswirkung einer schweren Dürre, die 12
schon lange vor seiner Ankunft eingesetzt hatte. Wie die Nacht diese merkwürdige Stadt verwandelte, faszinierte ihn immer wieder. Die hell glänzenden Lichter verfälschten Jerusalems uraltes Stadtbild und verdeckten seinen wahren Charakter. Dem flüchtigen Auge schien es, als werfe die künstliche Beleuchtung Schatten und verwandle die Heilige Stadt in eine ausgeglichene, blühende Metropole. Aber Feldman wußte, daß die Wirklichkeit leider anders aussah. Unter dem Dunstschleier von Jerusalem lag die Geburtsstätte dreier sehr stolzer Religionen mit ihrer endlos blutigen Geschichte. Juden, Christen und Moslems lebten nur widerwillig in abgesonderten Stadtteilen nebeneinander, erfüllt von ständigem Mißtrauen und Spannungen. In ewigen Streit verstrickt, dessen Anfänge in die Zeit vor den Kreuzzügen zurückreichte, wetteiferten sie in einem allseitigen ideologischen Machtkampf um die Herrschaft über die Heiligtümer der Stadt. Trotz politischer Differenzen und Animositäten waren die drei Religionen einander überraschend ähnlich. Schließlich waren sie alle von dem gleichen Gott ausgegangen, und alle bezogen sich auf einen gemeinsamen Vater: Abraham, den großen Patriarchen. Die drei Religionen waren im Staub der Jerusalemer Vergangenheit untrennbar miteinander verbunden, und doch schienen sie nicht miteinander leben zu können. Als Feldman seinen Wagen durch die schmalen Gassen des Stadtkerns manövrierte, mußte er sich vorsehen, um eine göttliche Begegnung ganz anderer Art zu vermeiden. Jetzt, da der Kalender sich langsam, aber unaufhaltsam dem Jahr 2000 näherte, war Jerusalem voll von Tausenden von Besuchern, die anläßlich der Jahrtausendwende gekommen waren und sich Millennarier nannten. Die Gruppe setzte sich aus Hunderten von seltsamen Sekten zusammen, und die Millennarier belasteten die unduldsame Stadt noch zusätzlich mit ihren eigenen, merkwürdigen Spielarten von religiösem Fanatismus. 13
Als Feldman sich Hunters Wohnblock am Stadtrand näherte, hatte er endlich einen freien Blick auf den Horizont. In südlicher Richtung konnte er einen roten Schein ausmachen und nahm an, daß er von der Katastrophe im Negev herrührte. Er schüttelte ein plötzliches Gefühl, dies schon einmal gesehen zu haben, ab und fuhr in den Hof, wo Hunter ihn mit Videokamera und Reisetasche erwartete. Hunter war überdurchschnittlich groß und kräftig gebaut und trug einen militärischen Overall, der noch aus jenen Tagen stammte, als er begeistert über den Golfkrieg berichtet hatte. Als angesehener, abgebrühter Fernsehjournalist sah er die Welt durch aufmerksame blaue Augen. Noch bevor der Rover zum Stehen kam, warf Hunter sein Gepäck auf den Rücksitz, glitt neben seinen Kollegen in den Wagen und schlug mit der flachen Hand zweimal laut auf das Armaturenbrett. Sie brausten dem glühenden Himmel entgegen. »Was hast du noch erfahren?« fragte Feldman. »Nicht mehr, als ich dir schon erzählt habe«, antwortete der Kameramann. »Sieht nach einer einmaligen Attacke aus. Bis jetzt kein weiterer Treffer mehr.« »Weißt du sicher, daß er von Jordanien ausging?« »Nein. Aber der Geheimdienst sieht es so.« Jonathan Feldman, der ›Wortschmied‹ des Zwei-Mann-Teams, war von schlaksiger Statur, hatte klare Gesichtszüge, eine lange, gerade Nase und leuchtend graue Augen, die unter seinem ungekämmten dunklen Haar jungenhaft hervorsahen. Hunter war etwas älter, ein eher rauher Typ mit sonnengebleichtem Haar und einer von Wind und Wetter gegerbten Haut. Ihr lockerer Umgang unterstrich die enge Freundschaft, die im vergangenen Jahr während ihrer Arbeit in der WNN-Crew vor Ort zwischen ihnen entstanden war. Sie hatten schon bei der Berichterstattung über einige der Jahrtausendwendebewegungen, die überall 14
in den Vereinigten Staaten im Kommen waren, eng zusammengearbeitet. Wie beiden Reportern bald klar wurde, hatten viele dieser Millennium-Sekten, die geduldig dem neuen Jahrtausend entgegensahen, schon seit Jahrzehnten in Amerika und überall auf der Welt existiert, aber die meisten waren erst in den letzten Jahren entstanden. Die Mehrzahl dieser Millenniumskulte waren religiös geprägt, von den erbaulichen, die das 21. Jahrhundert als den Anfang eines Heiligen Reiches Christi sahen, bis zu den Untergangspropheten, die ständig Armageddon und das Ende der Welt im Munde führten. Manche Gruppen waren weltlich, andere metaphysisch ausgerichtet. Wieder andere hatten nur soziale und politische Ziele. Viele hatten sich bis jetzt noch nicht erklärt, fanden aber, die Jahrtausendwende sei ein guter Anlaß, sich aus der Gesellschaft auszuklinken und das Leben vielleicht ein letztes Mal noch hemmungslos zu genießen. Aber alle hatten sie ihre jeweils eigene Millenniumsphilosophie, und mehr als 297 verschiedene Millenniumsorganisationen waren zur Zeit im Internet aufgelistet. Hunter und Feldman war schon bald klargeworden, wie diese Aktivitäten zur Jahrtausendwende enden würden. Aus diesem Grunde hatten sie darum gebeten, bei der Berichterstattung über Israel mitarbeiten zu dürfen, und sich so den Posten bei WNN in Jerusalem verschafft. Es war der richtige Schritt zur richtigen Zeit gewesen. Mit jedem weiteren Tag wuchs die Anzahl dieser Sekten in der ganzen Welt, und es war klar, daß sie schließlich im Heiligen Land aufeinandertreffen würden. Während sich die meisten Pilger um Jerusalem herum versammelten, hatten auch andere berühmte biblische Orte wie Nazareth, Bethlehem, der Berg Sinai und Megiddo ihre Endzeitbesucher.
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5 IN DER WÜSTE NEGEV, SÜDISRAEL, 1 UHR 20, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Drei aufgeregte japanische Astronomen jagten durch die Wüste und verfolgten den gefallenen Stern. Ihren vierten Kollegen hatten sie zurückgelassen, damit er ihre Experimente zu Ende brachte. Aber an ihn verschwendeten sie jetzt keinen Gedanken mehr. Von ihrem Aussichtspunkt auf dem Berg hatten die Männer zu ihrem Schrecken deutlich den Einschlag des Meteoriten in das Forschungsinstitut gesehen. Sie machten sich sofort in ihrem Wagen auf den Weg und fuhren über den zerklüfteten Graben der Talsohle; das weithin sichtbare orangefarbene Glühen wies ihnen wie ein Leuchtfeuer die Richtung. Unterwegs bekamen sie eine regelrechte Lightshow zu sehen. Meteoritenschauer, Militärjets und Hubschrauber durchkreuzten den Nachthimmel. Aber kaum einen halben Kilometer vor ihrem Ziel trat völlig unvermutet ein dünner, bärtiger Beduine in einem Kapuzengewand in ihr Scheinwerferlicht und bedeutete ihnen verzweifelt, anzuhalten. Es gelang ihnen gerade noch, ihm auszuweichen, wobei der Wagen außer Kontrolle geriet, sich zweimal um seine eigene Achse drehte und schließlich in einer Staubwolke zum Stehen kam. Der Nomade, anscheinend unbeeindruckt davon, daß er gerade noch einmal davongekommen war, redete in aufgeregtem Arabisch auf sie ein und zeigte abwechselnd auf die Flammen der zerstörten Anlage in der Ferne und auf einen Graben in der Nähe. Die Astronomen nahmen an, der Beduine habe ein Stück des Meteoriten gefunden. Doch als sie ihm in die angegebene Richtung 16
folgten, hielten sie plötzlich schockiert inne. Im Licht ihrer kreisenden Taschenlampen sahen sie eine Nomadenfrau über eine regungslose menschliche Gestalt gebeugt, die nackt und wie ein Embryo zusammengekrümmt auf der Seite lag.
6 SÜDLICH VON JERUSALEM, ISRAEL, 1 UHR 42, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Obwohl das Forschungsinstitut nur etwa fünfundsiebzig Kilometer südlich von Jerusalem lag, war die Fahrt dorthin aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse ziemlich mühsam. Dank Feldmans aggressiver Fahrweise brachten sie den ersten Abschnitt der Strecke dennoch relativ schnell hinter sich. »Spielst du immer noch mit dem Gedanken, bei WNN aufzuhören, wenn das alles erst mal vorbei ist?« Hunter griff ein eigentlich schon lange abgehaktes Thema wieder auf. Feldman lächelte, schaute ihn an und zog eine Augenbraue hoch. »Von Aufhören kann hier und jetzt wohl kaum die Rede sein. Mein Vertrag endet, wenn die Millenniumsgeschichte vorbei ist.« Hunter schüttelte den Kopf, er wußte Bescheid. »Mist, Bollinger hat mir gesagt, er hätte dich gebeten, zu unserem Team für Sonderaufgaben an der Ostküste zu stoßen. Zeit zum Feiern, Mann! Da könnten wir in New York mal zusammen die Sau rauslassen!« »Verlockend«, sagte Feldman und lachte über die Begeisterung seines Freundes, »aber die Gelegenheit in Washington kann ich 17
nicht sausenlassen – eine einmalige Chance, über die Präsidentenwahl zu berichten! Ein Angebot, richtig ernsthafte Arbeit zu leisten! WNN ist mir einfach zu verrückt. Du weißt doch, daß ich im Grunde genommen viel zu konservativ für diese Art der Boulevard-Berichterstattung bin.« Hunter zuckte seine breiten Schultern. »Ich find's eben furchtbar schade, wenn unser gutes Team auseinandergeht. Es hat Spaß gemacht.« Feldman nickte zustimmend. »Ja, Breck, war schön mit dir zu arbeiten. Du und die ganze Bande werden mir fehlen. Eigentlich kann ich's kaum glauben, daß ich bald meinen letzten Tag habe.« Als sie auf den gewundenen Straßen in südlicher Richtung fuhren, wurde das Gelände immer rauher, die Vegetation immer spärlicher. In der frischen, klaren Nachtluft konnten die Reporter die ersten zerklüfteten Ausläufer des Negev erkennen, massive Sandsteinformationen aus der Urzeit, zu immer höheren Platten übereinandergeschoben. Bald mußten sie die Straße bei einer kleinen Kibbuzstadt verlassen, die auf der Karte ›Dehmoena‹, auf dem Straßenschild aber ›Dimona‹ hieß. So etwas war in diesem Land ohne einheitliche Rechtschreibregeln nicht unüblich. Hunter und Feldman waren an diese Ungereimtheiten gewöhnt, aber abgesehen davon zeigte ihnen das Fanal der lodernden Flammen, daß sie hier richtig waren. Da die Überreste der Anlage von drei Seiten vor Einblicken geschützt in einer Schlucht lagen, deren Rückseite geschlossen und etwas abgesunken war, konnte man sie praktisch unmöglich von einer anderen Seite als direkt von Osten her sehen. Und wenn man nicht auf einer Anhöhe stand, brachte auch dieser Blickwinkel kaum etwas. Besonders weil das allgegenwärtige israelische Militär sicherstellte, daß die Schaulustigen gehörigen Abstand hielten. Die zwei Journalisten waren nicht überrascht, daß die Katastrophe mehr als hundert pilgernde Millennarier angezogen hatte. 18
»Scheiße, von hier draußen kriegen wir nichts«, sagte Hunter wütend und beobachtete, wie die Israelis die Neugierigen weit vom vorderen Eingangstor fernhielten. »Nein«, bestätigte Feldman. »Und die Miliz, wird die Medien niemals durchlassen.« Hunter sprach aus Erfahrung. »Besonders wenn es sich hier um eine geheime militärische Einrichtung handelt«, fügte Feldman hinzu. »Aber probieren müssen wir es trotzdem.« Hunter nickte zustimmend. »Du kannst ja mal sehen, ob du von den Zuschauern hier was erfährst, und ich überprüfe inzwischen die Geräte. Dann fahren wir zum vorderen Tor und reden mit dem Kommandeur.« Eine Gruppe von ungefähr zwanzig Männern und Frauen erweckte den Anschein, als seien sie schon eine ganze Weile da. Neben ihrem alten, in verblaßtem Blau gestrichenen Schulbus kochten sie in einem rußigen Topf auf einem Campingkocher Kaffee. Feldman ging zu ihnen hin und stellte sich einem stoppelbärtigen Mann in abgetragenen Jeans und Sandalen vor, der mit einer alten Armeedecke um die Schultern auf dem Boden saß. Trotz seines ungepflegten Aussehens lächelte der Mann entgegenkommend und antwortete in ausgezeichnetem Englisch mit deutschem Akzent. »Friedrich Vilhausen aus Hamburg«, sagte er. »Tourist oder Pilger?« Feldman begann mit seiner Standardeinleitung, die er bei den Millennariern immer verwendete. »Wir sind Wachleute des Dominion«, erklärte Vilhausen, »einer der größten neuen Orden in Europa.« Feldman hatte nie von ihnen gehört. »Wir waren in Tanger und ziehen jetzt nach Jerusalem, um für die Zeit der Ankunft zu unserer Hauptgruppe zu stoßen. Wir sind alle aufgerufen, ihm den Weg zu bereiten und für sein Ziel …« »Sorry, Friedrich …«, Feldman hatte kein Interesse daran, schon 19
wieder von der Wiederkunft des Herrn zu hören, »im Moment möchte ich nur mehr über diesen Luftangriff hier erfahren. Habt ihr gesehen, wie es passiert ist?« »Luftangriff?« Der Deutsche war verblüfft. »Das war kein Luftangriff! Das war der Hammer Gottes, das erste Zeichen!« Feldman nickte nur und war schon dabei, sich zu entfernen. »Kein Luftangriff«, beteuerte der Millennarier. »Wir sehen es am Himmel, im Osten, heller feuriger Stern, macht die ganze Wüste hell. Und dann trifft er das Labor des Bösen. Wahrhaftig, Mann!« Eine Rakete, dachte Feldman bei sich. Wahrscheinlich eine Cruise Missile. Wie haben die Jordanier nur so etwas in die Hände bekommen? »Okay, danke. Und, äh, alles Gute für die Ankunft des Herrn und so weiter.« Feldman war kein besonders zynischer Mensch, zumindest nicht so zynisch wie Hunter. Aber die vergangenen drei Monate mit ihrem verkünderischen Getue hatten ihn etwas abgestumpft. Jetzt, da er einer ergiebigeren Story auf der Spur war, wollte er sie sich nicht durch diesen religiösen Quatsch vermasseln lassen. Mit einem letzten Blick auf die Wachleute des Dominion wandte er sich zum Gehen. Sie waren sich alle so ähnlich, diese Millennarier. Und doch jede Variante wieder anders. Diese Gruppe schien wenigstens etwas gesetzter zu sein als die meisten anderen. Von den über dreißig Sekten, über die er berichtet hatte, gefielen ihm die Prediger von Hölle und Verdammnis am wenigsten. Untergangspropheten, Eiferer, die Feldman nicht ganz normal und ziemlich schaurig fand. Obwohl sie gemeinhin zu den Millennariern gezählt wurden, war es Feldman klar, daß diese militanten Untergangsvisionäre keine Millennarier im eigentlichen Sinne waren. Genaugenommen, so hatte Feldman im Laufe seiner Recherchen herausgefunden, gehörten zu den echten Millennariern nur die zwei Sekten, die den Text der Offenbarung des Neuen Testaments, Kapitel zwanzig, wörtlich 20
nahmen. Jene Schrift, die besagt, daß Christus im Fleisch wiederkehren werde, um den Satan zu überwältigen und tausend Jahre lang in Frieden, Harmonie und Glück auf Erden zu herrschen. Diese echten Millennarier gliederten sich in Untergruppen: die postmillennarischen Idealisten, die glaubten, Christus werde durch seine Kirche am Jüngsten Tag Frieden auf Erden bringen, und die prämillennarischen Pessimisten, die glaubten, Frieden könne nur durch eine Entscheidungsschlacht zwischen den Mächten Christi und des Satans erreicht werden. Obwohl die Untergangspropheten oder ›Apokalyptiker‹, wie sie eigentlich hießen, sich auch an das Buch der Offenbarung hielten, sahen sie die Jahrtausendwende eher als ein Ende, weniger als einen Neuanfang an. Ihre Vision sah die Vernichtung der Erde voraus, bei der alle, die nicht wortwörtlich an ihre engstirnigen Auslegungen glaubten, elend im Höllenfeuer zugrunde gehen würden. Die Gläubigen andererseits würden im Fleisch auferstehen und von Christus selbst im Triumphzug in den Himmel geleitet werden. Natürlich waren das Verallgemeinerungen, denn tatsächlich existierte ein breites Spektrum an verschiedenen Ideologien. Feldman hatte herausgefunden, daß es viele feine Unterschiede bei all den eschatologischen Auslegungen gab, die sich mit dem Ende der Welt und der Wiederkunft des Herrn befaßten. Er überließ die Wachleute des Dominion ihren Vorbereitungen auf die Jahrtausendwende und ging zum Rover zurück, wo Hunter einen neuen Akku in die Videokamera einlegte. »Was sie da gesehen haben, als das Forschungszentrum getroffen wurde, hört sich entweder wie die gerechte Hand Gottes oder eine Tomahawk-Cruise-Rakete an«, berichtete Feldman. Hunter lächelte dünn und brummte vor sich hin. »Also«, schlug Feldman vor, »was meinst du, probieren wir's einfach mal ganz direkt, oder?« Und sie gingen los, um am Haupttor mit dem verantwortlichen Offizier zu reden. 21
»Sieht nicht so aus, als würden sie außer Militärpersonal irgend jemanden durchlassen«, sagte Feldman, als sie näher kamen und er die Schar von Schaulustigen im Eingangsbereich sah. Als die Reporter sich einen Weg zum vorderen Teil der Menge bahnten, bemerkten sie einen Wachsoldaten der Israeli Defense Force, kurz IDF, der einen Millennarier hinter der improvisierten Absperrung hervorzog. Der Unglückliche war unbemerkt an die Umzäunung herangekrochen und hatte heimlich durch den Maschendraht einen Schnappschuß von dem Inferno gemacht. Ein Foto vom Zaun aus brachte zwar wegen der hohen Böschungen, die das Institut umgaben, kaum etwas, trotzdem nahm der hartnäckige Wachsoldat dem Mann die Kamera ab und zertrümmerte sie mit dem Kolben seines Gewehrs, bevor er den Eindringling unsanft aus dem abgesperrten Bereich hinauswarf. Vorsichtig nahm Hunter die Videokamera von der Schulter, und die zwei Journalisten mischten sich wieder unauffällig unter die Menge. Sie beschlossen, sich auf einen Hügel zurückzuziehen und auszuprobieren, ob von dort aus eine Teleobjektiv-Aufnahme möglich war. Ohne Erfolg. Der Standort des Komplexes war sehr geschickt gewählt. Es gab einfach keinen Punkt in der ganzen Gegend, der ihnen einen Blick auf die Überreste des Gebäudes ermöglicht hätte. Die beiden wollten gerade aufgeben, als Hunter durch den Sucher seiner Videokamera einen kleinen Konvoi von Fahrzeugen bemerkte, der sich auf einer der Zubringerstraßen näherte. Als er noch näher heranzoomte, konnte er im orangefarbenen Lichtschein der Trümmer sechs breite, jeepähnliche Fahrzeuge und zwei Landrover unterscheiden, die noch mehr israelische Miliz und technisches Hilfspersonal herbeibrachten. »Jon, ich hab' 'ne Idee!« rief Hunter, ohne die Kolonne aus den Augen zu lassen, und schubste Feldman unwillkürlich auf ihren Wagen zu. 22
»W … was ist los?« ärgerte sich Feldman und stolperte, weil er mit diesem Richtungswechsel nicht gerechnet hatte. »Ich fahre, und du machst einfach genau, was ich dir sage …« Als sich die Soldaten des Sonderkommandos zwischen den herumstehenden Zuschauern durchkämpften, bemerkten sie in dem aufgewirbelten Staub den zusätzlichen Landrover nicht, der sich ihnen geschickt anschloß. Hunter schlüpfte während der Fahrt in seine Desert-Storm-Jacke und hätte dabei fast einen unvorsichtigen Millennarier angefahren. Fluchend zog der Kameramann eine GI-Mütze aus dem Beutel, setzte sie Feldman auf den Kopf und drückte ihm ein Klemmbrett mit ein paar Papieren in die Hand. »Also«, sagte er, »wenn wir zum Tor kommen, sieh zu, daß du total cool und offiziell aussiehst. Ich werd' an der Wache vorbeisausen, und wenn's Probleme gibt, wedelst du einfach mit dem Klemmbrett und rufst ihm auf hebräisch ›Rettungstrupp!‹ zu. Kapiert?« Feldman grinste und nickte. »Klar, bloß ich kann kein Hebräisch.« »Was soll das heißen, du kannst nicht Hebräisch?« rief Hunter. »Du bist doch Halbjude, oder? Ich hab's dich sogar schon sprechen hören!« »Ich kann nur 'n paar jiddische Schimpfwörter.« »Dann sag's eben auf englisch, um Himmels willen. Es gibt ja genug eingewanderte jüdische Berater hier. Dann sollen sie eben denken, wir sind ein jüdisch-amerikanisches Rettungsteam.« Die Wagen vor ihnen fuhren jetzt langsamer. Darauf bedacht, die neugierigen Zivilisten fernzuhalten, schauten die Wachen sich jedes Fahrzeug an, bevor sie es schnell durchwinkten. Feldman auf der Beifahrerseite war näher am Wachhäuschen. Er war nicht gerade optimistisch gestimmt und wollte hier draußen mitten in der Wüste auf keinen Fall aufgehalten oder festgenommen werden, noch dazu am Weihnachtstag, der eigentlich beschaulich sein sollte. 23
Hunter bremste, so daß Feldman direkt auf der Höhe des Wachpostens war. Feldman sah mit ernster Miene vor sich hin und hielt die Papiere hoch. Als der Wachposten mit zusammengekniffenen Augen die nichtssagenden Formulare ansah, gab Hunter Gas, der Wachsoldat öffnete den Mund, um zu protestieren, Feldman rief »Rettungstrupp!«, und sie brausten davon. »Sieh dich nicht um«, warnte Hunter und sah noch im Rückspiegel, wie der verstörte Wachsoldat ihnen nachblickte. Wenn Hunter genauso überrascht war wie Feldman, daß es so leicht geklappt hatte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Feldman grinste vor sich hin. Wenn er sich auch lieber an die Regeln hielt, schätzte er doch Hunters dreisten, aber wirksamen Stil. Jetzt konnten sie sich dem Ursprung der schwarzen Rauchschwaden nähern, die vor ihnen auftauchten. »Fahr den Weg da hoch, den Hügel rauf.« Feldman zeigte nach oben. »Wollen wir uns das doch mal ansehen.« Als er den Rover eine Anhöhe innerhalb des Geländes hochfuhr, konnten sie endlich einen genauen Blick auf das ganze Ausmaß der Katastrophe werfen. Es war eine Zerstörung von gewaltigen Dimensionen. Israelische Einrichtungen in der Wüste waren meistens einfach ausgestattet und beschränkten sich auf das Notwendigste. Aber diese Anlage hatte eine beeindruckende Größe besessen. Die in VForm zusammenlaufenden Flügel des Laboratoriums waren, abgesehen von den zerborstenen Fenstern, noch intakt. Von der riesigen Kuppel aber war nur ein nacktes Stahlgerippe übriggeblieben, das noch rauchte. Feldman wandte sich um und sah, wie Hunter schon mit der Videokamera über die Szene schwenkte. »Hier können wir schnell drehen«, schlug Hunter vor und zeigte auf die Stelle, wo Feldman sich vor den Trümmern aufstellen sollte, während er schon zu filmen anfing. »Ich will wenigstens ein paar Hintergrundaufnahmen gemacht haben, bevor uns jemand be24
merkt.« Als er fertig war, nahm er die Kassette aus der Kamera und schob sie unter den Vordersitz des Landrovers. Gerade als Hunter das zweite Band eingelegt hatte, wurden sie entdeckt. Ein Jeep mit Soldaten kam den Hügel hoch und stellte sie zur Rede. Die Reporter wurden eineinhalb Stunden lang mit vorgehaltener Pistole festgehalten und zwischen ratlosen Offizieren hin und her gereicht, während man immer wieder ihre Presseausweise überprüfte. Als die Israelis endlich überzeugt waren, daß sie nur lästige Reporter vor sich hatten, beschlagnahmten sie, was sie für das einzige Video hielten, schleusten die Reporter in ihrem Rover aus dem Gelände hinaus und wiesen ihnen einen Platz an, der ein ganzes Stück jenseits des Zaunes lag. »Kein Problem«, grinste Hunter, als sie außer Reichweite der Wachen waren. »Wir drehen unsere Sequenz einfach hier draußen mit dem Feuer im Hintergrund, und die Cutter können dann das Material dazwischenschneiden, das wir versteckt haben.« Vorsichtig schlichen sie wieder so nah wie möglich an die Umzäunung heran, Hunter schaltete Kamera und Lichter ein und filmte Feldman, der sich, von Rauch und Flammen eingerahmt, in Position stellte. »Jon Feldman für WNN, wir berichten vom Negev Forschungsinstitut in Südisrael, wo heute früh, am Weihnachtsmorgen, durch einen überraschenden Raketenangriff ein Gebäude zerstört wurde, das als geheime militärische Forschungseinrichtung galt.« Sie gaben ihr Band rechtzeitig zum Überspieltermin um zwölf Uhr mittags im Jerusalemer Büro von WNN ab. Und da es sonst nicht besonders viele Nachrichten gab, erschien Feldman zerzaust und unrasiert, aber dennoch gutaussehend mit seinem fast schüchtern vorgetragenen Bericht überall auf dem Erdball zum Weihnachtsdinner im Fernsehen.
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7 VATIKAN, ROM, ITALIEN, 4 UHR 37, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Es war kein guter Tag für Papst Nikolaus VI. gewesen. Müde und allein mit seinen Gedanken, war der Heilige Vater schon eine Weile vor Mitternacht aufgestanden, aus dem Schlaf gerissen von einem erschreckenden Alptraum, in dem es um Feuer, Tod und Zerstörung gegangen war. Er wachte mit starkem Sodbrennen auf. Stirnrunzelnd zog der väterlich wirkende, grauhaarige Pontifex die Vorhänge vor seinem Balkonfenster zur Seite, um wieder auf die Massen hinunterzusehen, die sich auf dem riesigen Petersplatz versammelten. Er war sicher, daß die Schar der Gläubigen, die gekommen war, um seinen Weihnachtssegen zu empfangen, wegen des unablässigen Regens kleiner geworden war. Leider wurde auf diese Weise der Anteil der merkwürdigen millennarischen Sekten, die nun schon seit Wochen den Vatikan zu ihrem ganz besonderen Pilgerziel auserkoren hatten, unverhältnismäßig groß. Die rückläufige Anzahl von Gläubigen war eine besorgniserregende Entwicklung. Nikolaus hatte sich an diesem hohen Feiertag auf das zahlreiche Erscheinen seiner Anhänger verlassen, um die Aufmerksamkeit von den Millennariern abzulenken und ihre Provokation durch Fahnen und Gesänge vom Ende der Welt und der Wiederkunft des Herrn abzuschwächen. Tatsächlich hatten die Medien die sogenannten Millennarier von Rom noch zu dieser Belagerung des Vatikan ermutigt, denn sie gewährten ihnen, was sie sich vor allem wünschten: weltweite Beachtung. Eine Nachrichtensendung versuchte die andere zu übertref26
fen, indem sie die absonderlichsten und ketzerischsten Gestalten aufspürten. So wurden durch die Medien die befremdlichsten Elemente der millennarischen Randgruppen in Europa nach Rom gezogen. Obwohl Jerusalem ein größerer und wichtigerer Sammelpunkt der millennarischen Aktivitäten war, gefielen die Annehmlichkeiten Roms den meisten Reportern besser. Das hieß, daß die Millennarier von Rom vergleichsweise leicht Kontakt zu einer großen Zahl von Reportern hatten. Und da Nikolaus der prominenteste religiöse Führer der Welt war, hatten die Medien zu seinem Kummer dieses törichte und störende Chaos bis direkt vor seine Tür getragen. Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, hatte der Pontifex nur zögernd eine Reise in den Nahen Osten abgesagt, wo er eine aufsehenerregende Versammlung mit jüdischen und moslemischen Würdenträgern abhalten wollte. Was noch schlimmer war, er hatte die Bekanntmachung seines Dekrets zur Jahrtausendwende verschieben müssen, eine Verdammung des Materialismus, die er sich zum Ziel seines neuen Papsttums gesetzt hatte. Dieses mit aller Dringlichkeit vorbereitete kirchliche Dokument, mit dem Nikolaus eine heilige Pflicht erfüllen und ein vielversprechenderes neues Jahrtausend einleiten wollte, sollte am 1. Januar bekanntgegeben werden. Jetzt mußte er für seine Botschaft ein günstigeres Klima abwarten. Man konnte diese Situation überhaupt nur hinnehmen, weil der Papst und seine Kardinäle überzeugt waren, daß diese religiöse Hysterie nur von kurzer Dauer sein würde. Genau wie damals im Jahr 999. Am 1. Januar würde diese Millennarierpest, diese Heuschreckenplage der Jahrtausendwende, sich von allein auflösen. Der leidgeprüfte Pontifex konnte das neue Jahr kaum erwarten.
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8 BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA, TEL AVIV, ISRAEL, 21 UHR 13, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Die amerikanische Botschaft in Tel Aviv war ein eindrucksvolles Regierungsgebäude im klassischen Stil, getragen von sechs großen Säulen, zu denen breite Sandsteinstufen hinaufführten. Ein Mann in makelloser Uniform nahm mit leichtem Widerwillen Feldmans Rover in Empfang, der vor Schmutz und Sand nur so starrte, was Feldman überhaupt nicht aufzufallen schien. Als die beiden Reporter mit angemessener, aber in ihrem Fall ganz unabsichtlicher Verspätung eintraten, erwarteten sie bereits Lobeshymnen. Da sie die Abendnachrichten von WNN verschlafen hatten, wußten sie nicht, daß ihr Bericht über das Institut im Negev als Aufmacher gelaufen war. Ihr erster großer Knüller. Feldman und Hunter gingen durch das prachtvolle Treppenhaus in den großen Saal hinauf, herzlich begrüßt von vertrauten Kollegen, aber auch umgeben von unbekannten Gesichtern, die ihnen zu ihrem Erfolg gratulierten. Die Weihnachtsfeier in der amerikanischen Botschaft war ein Fest, das ursprünglich als Anerkennung für die christlichen Konsulatsmitglieder und Angestellten gedacht war, die die Festtage im jüdischen Staat verbringen mußten. Aber allmählich wurden auch israelische Politiker und Würdenträger dazu eingeladen, zusammen mit viel Prominenz aus den Medien und der Wirtschaft. Ein Treffen der Elite. Sogar für den findigen und hartnäckigen Hunter war es nicht leicht gewesen, zwei Einladungen zu ergattern. Feldman war nicht gekommen, um sein Heimweh zu vertreiben. 28
Auch nicht wegen der vorzüglichen Küche oder der neuen Kontakte. Nur die Aussicht, attraktive, alleinstehende junge Frauen zu treffen, die hier angeblich erwartet wurden, machte für Feldman und Hunter den Reiz der Veranstaltung aus. Und zur Genugtuung der Reporter erwies sich dieser Büroklatsch tatsächlich als zutreffend. Die elegantesten und schönsten Frauen, die sie seit ihrer Ankunft in diesem Land getroffen hatten, waren unter den Hunderten ausgewählter Gäste. Hunter und Feldman zwinkerten sich begeistert zu. »Ein wahres Junggesellenparadies«, witzelte Hunter und ließ erfreuten Auges seine Blicke schweifen. Als er eine verlockende Beute entdeckt hatte, steuerte er munter darauf zu und ließ Feldman einfach stehen. Feldman grinste und schüttelte den Kopf, ein bißchen neidisch, als er sah, wie schnell sich sein Freund in der Menge zurechtfand. Für Hunter war das alles viel einfacher. Feldmans Liebesleben im Nahen Osten war bis jetzt alles andere als befriedigend gewesen. Teilweise wegen des hektischen Lebensstils; denn ständig passierte etwas, das in die Nachrichten mußte, und der ständige Zeitdruck durch den Redaktionsschluß ließ kaum Platz für gesellige Kontakte oder Bekanntschaften mit etwas mehr Tiefgang. Aber hauptsächlich kam es einfach daher, daß er viel wählerischer als Hunter war. Als er aus Amerika abreiste, ließ er dort weder Frau noch Freundin zurück. Nicht weil es keine Kandidatinnen gegeben hätte; sein offenes, angenehmes Gesicht, sein umgängliches Wesen und sein liebenswerter Witz hatten ihm bei den Frauen immer genug Interesse gesichert. Aber er hatte eine störrische Scheu vor ernsten Bindungen, eine Einstellung, die darauf zurückging, daß er in noch ziemlich jungen Jahren hatte miterleben müssen, wie die stürmische Ehe seiner Eltern in die Brüche gegangen war. Folglich hatte er es, obwohl er die Gesellschaft intelligenter und attraktiver Frauen sehr genoß, immer vermieden, sich auf längere 29
Beziehungen einzulassen. Bevor er zulassen konnte, daß mehr aus einer Bekanntschaft wurde, war er schon wieder verschwunden. Nicht um böswillig oder absichtlich zu verletzen, sondern um sich selbst zu schützen. Heute abend war Feldman bereit, diesen sinnlosen Kreislauf von neuem zu beginnen. Eigentlich standen seine Chancen an diesem Abend gar nicht schlecht, jetzt, da er plötzlich berühmt geworden war, obwohl er sich in dieser Rolle nicht recht wohl fühlte. Der Angriff auf das Institut im Negev war natürlich das Thema Nummer eins, und der junge Reporter stand hoch im Kurs. Es gab jede Menge Spekulationen und Gerüchte, daß die Anlage ein geheimer Militärkomplex gewesen sei, der nichts Gutes ahnen ließ, und daß dort seltsame und ausgefallene Forschungen betrieben worden seien. Jedermann wollte mehr dazu wissen, und niemand wollte glauben, daß Feldman alles, was er wußte, auch berichtet hatte. Aber er war jetzt mehr an einer ganz besonderen Recherche in eigener Sache interessiert. Ein kurzer, prüfender Blick in die Runde gab keine Auskunft darüber, ob eine interessante junge Frau, die er einmal flüchtig in Israel kennengelernt hatte, anwesend war. Es bestand nur eine vage Möglichkeit. Er vermutete, daß sie Journalistik studierte. Die faszinierende Person war Feldman vor einem Monat während eines Gastvortrags an der Universität in Tel Aviv aufgefallen. Während der Fragerunde nach dem Vortrag hatte Feldman einen kurzen, aber lebhaften Schlagabtausch mit einer attraktiven Frau geführt, die dunkle Augen und einen leicht französisch gefärbten Akzent hatte. Es lief auf eine Meinungsverschiedenheit darüber hinaus, wie stark die persönliche Ansicht eines Reporters vernünftigerweise in einem Bericht erkennbar sein sollte. Ihrer Meinung nach war im Westen die ›von Männern dominierte Riege‹ der Journalisten so besessen von dem Willen zur Objektivität, daß sie jede subjektive Äußerung aus ihren Reportagen verbannten. Sie hatte sich dafür ausgesprochen, daß Journalisten sich 30
nicht scheuen sollten, bei Berichten über brisante Themen moralisch Stellung zu beziehen, und daß sie bei der Unterstützung von positiven politischen und sozialen Zielen eine aktivere Rolle spielen sollten. Feldman hatte mit dem Standardsatz geantwortet, daß Tatsachen für sich sprechen müßten und daß es die Aufgabe eines Reporters sei, zu berichten, nicht zu interpretieren. Ohne es zu wollen, ließ er dann der temperamentvollen jungen Frau das letzte Wort, als sie eine lässige Bemerkung darüber machte, daß ›die ganze Seilschaft der Journalisten zusammengenommen nicht genug Testosteron und Mumm‹ besäße, um sich zu irgendeinem beliebigen Thema ›eine wirklich klare und unerschütterliche Meinung zu bilden‹. Aber die Art und Weise, wie sie das vorbrachte, hatte nichts Giftiges an sich gehabt, eher eine gar nicht so versteckte Koketterie, die ihn völlig aus dem Konzept brachte und von seinem Gedankengang ablenkte. In der kurzen Pause, bevor er sich sammeln konnte, ging das Gelächter im Publikum in Beifall über; der Professor, der den Vorsitz hatte, dankte ihm kurz und bündig, und seine Gegenspielerin verlor sich in der auseinanderströmenden Menge. Feldman empfand nicht so sehr Verlegenheit wegen der Geringschätzung seiner Männlichkeit vor hundert Studenten und Professoren. Nein, es verwirrte ihn, auf welch nonchalante Weise diese freimütige junge Frau seine Journalistenehre angegriffen hatte. Für Feldman bedeutete das eine viel persönlichere Herausforderung. Während er jetzt mit einem Auge nach seiner geheimnisvollen Gegnerin Ausschau hielt, sonnte er sich im Rampenlicht der Öffentlichkeit, denn er wußte nur allzu gut, daß dies von kurzer Dauer sein würde. Erneute Gespräche über den Angriff. Weitere Gerüchte darüber, wozu die Anlage im Negev wirklich gedient hatte. Äußerungen dazu, wer den Raketenangriff zu verantworten hatte und wie die Israeli Defense Force, die nie eine Aggression unbeantwortet ließe, Vergeltung üben könnte. Und so weiter. 31
Es gab nur eine Person, die diesen außergewöhnlichen Tag noch hätte krönen können, und plötzlich tauchte sie auf. Bevor Feldman die Sicht verstellt wurde, erblickte er seine Traumfrau für einen ganz kurzen Moment. Im anschließenden Empfangsraum sah er sie reden und lachen. Noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine andere Frisur. Statt der Fülle lang herabfallender Locken hatte sie jetzt ein rabenschwarzes Gewirr von kurzen Löckchen. Aber die Augen und der wunderschöne Olivton ihrer Haut ließen keinen Irrtum zu. Bevor sie wieder in der Menge verschwand, nahm er anerkennend ihre schlanke und elegant gekleidete Figur wahr. Ungeduldig bahnte er sich einen Weg in ihre Richtung. Doch bis er den Raum erreicht hatte, war sie schon wieder verschwunden und ein ungewohntes Gefühl leichter Panik ergriff ihn. Nach kurzer Suche fand er sie im Flur in angeregter Unterhaltung mit einem affektierten, eingebildeten türkischen Geschäftsmann wieder. Der Reporter stellte sich so hin, daß sie ihn bemerken mußte, aber sie war ins Gespräch vertieft. Feldman wartete geduldig während einer belanglosen Unterhaltung mit anderen Reportern, und als er fühlte, daß der Moment gekommen war, löste er sich genau im richtigen Augenblick, um Blicke mit ›Miss Mystery‹ auszutauschen zu können. Er wußte genau, wie er die Sache anpacken würde. Mit gespieltem Zorn, die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen zusammengepreßt, kniff er ein Auge zu, während er die andere Augenbraue hochzog und dann anklagend auf sie deutete: »Sie schon wieder!« sagte er, sah sie mit strenger Miene und aufgerissenen Augen an, in denen sich das Wiedererkennen spiegelte, und hielt die Pose einen Augenblick – dann ließ er ein entwaffnendes Grinsen auf seinem Gesicht erscheinen. Sie erwiderte strahlend und voller Selbstbewußtsein sein Lächeln, ging auf ihn zu und streckte ihm zum Gruß ihre schlanke Hand entgegen. Mit diesem Signal entließ sie den Türken, der sich enttäuscht 32
davonmachte. Feldman ergriff ihren Ellbogen und ihre glatten, kühlen Finger und zog sie zu sich heran; die Geste machte klar, daß er ihr etwas Persönliches zu sagen hatte. Sie sträubte sich nicht. Um gegen das Stimmengewirr um sie herum anzukommen, führte Feldman seine Lippen an ihr Ohr. Er flüsterte: »Ich habe gerade meinen Testosteronvorrat aufgetankt, Sie müssen also jetzt nett zu mir sein.« Sie lachte einvernehmlich, entschuldigte sich aber nicht, sondern stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr: »Nach dem heutigen Tag nehme ich an, daß Ihr Ego auch aufgetankt ist!« Wieder war nichts Bissiges an ihrer Bemerkung. Ihr scherzhafter Ton mit dem Anflug eines französischen Akzents bezauberte ihn. Er glaubte, daß es wirklich nur eine scherzhafte Bemerkung war. Als er merkte, daß er ihren Arm immer noch mit beiden Händen festhielt, ließ er sie verlegen los. Aber sie schien nicht darauf zu achten und wich nicht zurück. »Wie heißen Sie?« fragte er. »Anke Heuriskein.« »Und Sie studieren an der Universität in Tel Aviv?« »Ich bin dabei, über internationales Recht zu promovieren.« »Jura? Ich dachte, Sie studieren Journalismus.« »Nein. Journalismus war in den ersten Semestern mein Hauptfach. Es hat Spaß gemacht, aber es hat keine rechte Zukunft.« Sie sagte das ganz nüchtern, und Feldman wußte nicht, ob sie es diesmal ernst meinte. Sie sah ihm das wohl an, denn sie lächelte ihm von der Seite zu und stieß ihn mit ihrem Zeigefinger in die Rippen. Sie hatte wirklich ein Talent dafür, ihn zu überrumpeln, und er nahm sich vor, in Zukunft besser auf der Hut zu sein. Auch beschloß er, den Spieß einmal umzudrehen, was ja nicht unfair wäre. »Also«, sagte sie neckend, »glauben Sie immer noch, daß Journa33
listen nur Berichte verfassen und ohne persönliche Anteilnahme die Ereignisse festhalten sollten?« »Sie meinen wohl, ob ich immer noch ein Verfechter der unparteiischen, unvoreingenommenen, fairen und freimütigen Berichterstattung bin?« Er hielt diese Antwort seit einem Monat bereit. »Nein. Aber denken Sie nicht, ein Journalist sollte ein soziales Gewissen haben? Sollte Verantwortung für die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Story übernehmen?« »Ich glaube nicht, daß es der Auftrag eines Reporters ist, Berichte zu beeinflussen, Ereignisse einseitig darzustellen oder Nachrichten zu machen, wenn das Ihre Frage war«, antwortete er beharrlich. »Die Aufgabe eines Berichterstatters ist das Berichten. Klar und einfach.« »Aber die Dinge liegen nicht immer so klar und einfach, oder?« sagte sie sanft und wandte mit einem vielsagenden Blick die Augen von ihm ab. Feldman war hingerissen. Er lockerte seine zerknitterte Krawatte, um es sich etwas bequemer zu machen. Seine Konzentration wurde durch Hunter gestört, der wieder auftauchte und sich von der anderen Seite des Raumes einen Weg zu ihm bahnte. Feldman sah Hunters ernste Miene und seufzte hörbar. Hunter beugte sich zu Anke hinüber und zeigte mit dem Daumen auf Feldman. »Sorry, daß ich störe, aber der berühmte junge Mann hier wird im Studio gebraucht.« Er drehte sich um und bekam Feldman am rechten Arm zu fassen. »Ich hab' gerade einen Anruf von der Zentrale bekommen. Die Geschichte fängt jetzt erst richtig an.« Feldman biß sich auf die Lippe, nickte, wandte sich Anke zu und sah den belustigten Blick auf ihrem schönen Gesicht. Feldman fragte zögernd: »Kann ich …« »Ich bin oft weg«, unterbrach sie ihn, »soll ich Sie anrufen?« Sie nahm ein kleines schwarzes Notizbuch aus ihrer Tasche, um Feldmans Telefonnummer zu notieren. 34
Widerwillig folgte Feldman seinem Kollegen und mußte tatenlos zusehen, wie alsbald ein anderer seinen Platz einnahm.
9 WNN-STUDIO JERUSALEM, ISRAEL, 23 UHR 56, SAMSTAG, 25. DEZEMBER 1999 Als Hunter und Feldman in die WNN-Zentrale zurückkamen, herrschte in den engen Büros überall nervöse Geschäftigkeit. Arnold Bollinger, der Regionalleiter der Nachrichtenabteilung, bemerkte die zwei Reporter sofort und nahm sie zur Seite. Bollinger, Mitte Fünfzig, war ein ernster Mann, ein Schwarzer mit einem hervorragenden Instinkt für Nachrichten; er war stämmig, kräftig gebaut und eher klein, sein Haar schon leicht ergraut. Sein Gesicht mit den großen grauen Augen war offen und ehrlich. Obwohl Feldman und Hunter für Bollingers Begriffe ein wenig zu unbekümmert und undiszipliniert sein mochten, schätzte er doch ihre Arbeitsweise, die überzeugende Ergebnisse brachte. Hunter hatte nicht ohne Grund den Ruf, waghalsig zu sein. Feldman hatte einen stabilisierenden Einfluß auf ihn, auch wenn er sich allzu leicht vom Weg abbringen ließ. Aber jetzt war Bollinger geradezu euphorisch wegen ihres Berichts über den Angriff auf die Anlage in der Wüste und nur allzu gewillt, sie mit einer großen Nachrichtenstory, die offenbar noch einiges versprach, vorpreschen zu lassen. »Wir haben ein paar interessante Reaktionen bekommen, Jungs«, 35
erklärte er und gab Feldman eine Auswahl von Meldungen. »Besonders diese hier.« Er nahm eine Seite heraus und zeigte auf zwei Namen. »Dr. Kiyu Ornato … und Dr. Isotu Hirasuma?« Feldman versuchte, die Notiz zu lesen. »Japaner?« »Zwei Astronomen aus Japan, die draußen in dem großen Observatorium im Negev irgendeine Studie machen«, sagte Bollinger. »Wir haben sie überprüft, sie sind sauber. Gute Referenzen. Sie haben eure Sendung gesehen und warten schon eine Weile, um euch zu treffen. Behaupten, sie seien Augenzeugen und wollen nur mit euch sprechen.« »Eigentlich würde ich gern jemanden finden, der im Innern des Forschungsinstituts war«, murmelte Feldman vor sich hin, »um herauszufinden, was es dort überhaupt so Wichtiges gab, daß die Jordanier dafür einen Krieg riskieren würden. Irgend etwas Neues dazu, Arnie?« Bollinger schüttelte den Kopf. »Nicht einmal die amerikanischen Geheimdienstkreise wissen Näheres. Zumindest behaupten sie das. Das einzige, was man bis jetzt weiß, ist, daß es ein biotechnisches Labor war. Und die Israelis behaupten zwar, es seien die Jordanier gewesen, aber das Außenministerium hat das nicht bestätigt.« Hunter schloß sich den Überlegungen an. »Na ja, die Jordanier, oder wer auch immer, waren bestimmt nicht darauf aus, 'ne neue Zuchtkarotte zu bombardieren. Muß doch 'ne militärische Einrichtung zur Entwicklung von chemischen oder biologischen Waffen gewesen sein.« Hinter ihnen mischte sich eine spöttische Stimme ein. »Ja, und ihr Jungs wart da draußen und seid in dem verseuchten Trümmerhaufen rumgestapft, ungeschützt und dem Gift ausgesetzt.« Es war Cissy McFarland, die Projektkoordinatorin von WNN, die die Unterhaltung zufällig mitbekommen hatte. Sie hatte immer einen kleinen überfälligen Vergeltungsschlag gegen die beiden Reporter parat. 36
›Sassy‹, was so viel wie ›frech‹ bedeutet, hatte Hunter sie oft gerufen. Cissy, sehr selbstbewußt für eine Dreiundzwanzigjährige, war eine von Bollingers Schützlingen. Sie war hochintelligent, was ihr ein ›summa cum laude‹ eingebracht hatte, und sah einer vielversprechenden Laufbahn bei WNN entgegen. Als Witz gemeint, lenkte ihre Bemerkung über die Verseuchung das Gespräch doch in eine unbehagliche Richtung. »Nicht ganz schutzlos ausgesetzt«, sagte Hunter, als sie vorbeifegte, ohne ihn zu beachten. »Na sicher, ihr seid doch zwei blöde Nachrichtenhengste«, warf sie ihnen über die Schulter zu, als sie mit wehendem rotblondem Haar und wiegenden Hüften um die Ecke bog und sie mit gespielter Verachtung stehenließ. Hunter grinste, Feldman schien nachdenklich. »Na gut, Arnie«, sagte Feldman, beendete die Besprechung und ging mit Hunter zu ihrem eigenen Büro. »Reden wir also mit den Augenzeugen, bevor wir nach diesem verrückten Tag Feierabend machen!« Feldman wollte nur eine kurze Pause einlegen, um sein Jackett auszuziehen, einmal tief durchzuatmen und sich an seinen Schreibtisch zu setzen. Aber die zwei Japaner, die ihn schon erwarteten, gaben keine Ruhe. Sie kannten Feldman vom Sehen, drängten Hunter vor lauter Eile zur Seite und fingen unter Verbeugungen an, dem Fernsehreporter etwas vorzuschwatzen und ihn mit einem unverständlichen Wortschwall zu überschütten. Nur mit einigen Schwierigkeiten gelang es Feldman, ihre Identität herauszufinden: Es waren Kiyu Omato, ein etablierter Professor an der Universität Kyoto, und sein Assistent, Isotu Hirasuma. Der Professor konnte sich fast nicht mehr beherrschen. »Nicht Rakete!« erklärte er Feldman mit starkem Akzent. »Meteorit!« Feldman schloß für einen Moment die Augen und ließ das Kinn vor Enttäuschung auf die Brust sinken. Er hatte neue, aufklärende 37
Einblicke zu dem Angriff erwartet. Er blickte auf und sah zuerst Hunter und dann wieder die zwei Astronomen an, die beklommen seine Antwort abwarteten. »Vielen Dank, meine Herren, ich weiß Ihre Meinung als Fachleute zu schätzen, aber ich glaube, niemand, am wenigsten die Israelis, werden Ihnen die Meteoritentheorie abnehmen.« »Nicht Theorie.« Auf dem ernsten Gesicht zeichnete sich Besorgnis, wenn nicht sogar heftige Erregung ab. Der Professor zog ein weißes Taschentuch aus der Hosentasche und wickelte es auf, um einen geschwärzten, formlosen Steinbrocken herauszunehmen, der etwas größer als ein Tennisball war. »Meteorit!« sagte er wieder und schob Feldman den Gegenstand hin, während sein Assistent vehement zustimmend nickte und sein eigenes Taschentuch hochhielt. »Kein Angriff – Unfall! Jetzt kein Krieg!« Und dann zog der zweite Astronom ebenfalls eine Tasche hervor, die mit weiteren Bruchstücken gefüllt war, und erklärte, in viel klarerem Englisch: »Vier Leute, wir haben gesehen Meteorit von Observatorium. Wir selbst mit unsere Augen haben beobachtet Meteorit, der trifft Labor. Auf dem Weg dort, wo Aufprall war, wir haben gefunden Mensch, der überlebt in der Wüste.« Feldman riß die Augen auf. Hunter sah von einem der Steinbrocken auf, den er betrachtet hatte. »Ein Überlebender?« fragten sie wie aus einem Mund. »Ja. Junge Frau vom Labor in Wüste.« Hunter und Feldman hatten schon entschieden, daß sie den jüngeren Astronomen, der sein Oxfordenglisch besser beherrschte, als Kandidaten für ein Interview vorzogen. Feldman packte ein Mikrophon aus, und Hunter schaltete seine Kamera an. Hirasuma räusperte sich und fing noch einmal von vorne an. »Wir drei sind weggegangen von Observatorium, wir sind Meteor gefolgt. Aber außen vor Laborgelände, wir haben getroffen Leute aus Wüste …« 38
»Beduinen?« riet Hunter. »Älterer Mann und Frau … mit Überlebender, verletzt.« »Sie haben also tatsächlich gesehen, daß der Meteor das Zentrum getroffen hat?« Feldman ging ihren Bericht noch einmal durch, um ihre Aussagen zu überprüfen. »Ja.« »Wie weit waren Sie davon entfernt?« »Vielleicht fünfzehn Kilometer, aber sehr klare Nacht: Wir haben durch Fernglas gesehen große Explosion und fahren hin mit Auto.« »Erzählen Sie mir mehr über diese Überlebende«, bat Feldman. »Sie war junge Frau. Vielleicht zwanzig Jahre alt.« »Sie viel blutet und in Schock«, warf der ältere Mann ein. »Kleider weggerrissen. Sie riecht wie Rauch. Sie nicht spricht, nicht geht, macht nur schreckliche Ton. Augen sehen nicht richtig.« »Was haben Sie mit ihr gemacht?« wollte Feldman wissen. »Wir haben gegeben Erste Hilfe«, sagte Hirasuma. »Mann und Frau uns nicht lassen zu Klinik bringen. Wir haben geholfen auf Wagen legen und zudecken mit Decke. Wir haben Mann und Frau Erste-Hilfe-Kasten gegeben und Essen und Geld. Sie weggegangen und wir haben gesucht Stücke von Meteorit.« »Wir Sie sehen im Fernsehen«, fügte Ornato hinzu, »dann wir wissen, wir müssen sagen, was passiert.« »Dr. Ornato ist Spezialist«, versicherte der jüngere Astronom. »Er macht kein Fehler. Meteorit, nicht Rakete. Kein Krieg!« »Denken Sie, daß Sie die Stelle wiederfinden würden, an der Sie die Überlebende entdeckt haben?« fragte Feldman. »Ja«, antworteten beide Männer. Feldman und Hunter ließen sich Adressen und Telefonnummern geben, dankten den Wissenschaftlern und versprachen, sich am nächsten Tag mit ihnen in Verbindung zu setzen. Anscheinend nicht sicher, ob sie die Reporter überzeugt hatten, blieben die beiden Astronomen zögernd stehen. »Sie sagen ganze 39
Welt?« sah sich der Professor noch einmal veranlaßt zu fragen. »Wir werden sehen«, antwortete Feldman, ohne sich festzulegen, schüttelte ihnen die Hand und erwiderte ihre Verbeugungen, als sie sich entfernten. Er behielt seine Gedanken für sich, bis die Astronomen weg waren, dann wandte er sich mit skeptischer Miene seinem Kollegen zu. »Was meinst du?« Hunter, der mit leerem Blick in die Ferne gestarrt hatte und jetzt einen Gesteinsbrocken in die Luft warf, zuckte die breiten Schultern und antwortete lässig: »Ich meine, wir können daraus 'nen tollen Folgebericht machen. Zu gerne würd' ich ja mal ihre Überlebende ausfragen … irgend jemand, der weiß, was in der Anlage vor sich ging.«
10 IDF-KOMMANDOZENTRALE, SÜDLICHER NEGEV, 1 UHR 37, SONNTAG, 26. DEZEMBER 1999 In der Kommandozentrale der israelischen Streitkräfte, die ungefähr fünfundvierzig Kilometer südlich von dem zerstörten Laboratorium in der Wüste Negev lag, war das aufgeschreckte IDF-Oberkommando zusammengekommen, um sich über den Vorfall informieren zu lassen. Stabschef General Mosha Zerim, ein distinguierter Mann von vierundsechzig Jahren mit aufrechten Schultern, hatte nachdenklich und schweigend zugehört, bis der letzte Offizier seinen 40
Bericht beendet hatte. Der General ließ dann alle bis auf eine Handvoll seiner engsten Berater gehen, lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. »Gentlemen«, begann er, »ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie ernst die Lage ist. Verteidigungsminister Tamin ist sehr aufgebracht. Wenn der Premierminister oder die Knesset herausfinden, was passiert ist, wird uns das die Köpfe kosten. Uns allen!« Nach einer langen Pause fragte er einen Kollegen: »Ben, jetzt, nachdem du die Berichte gehört hast, was, glaubst du, hat die Explosion verursacht?« Brigadegeneral Benjamin Roth sah von seinem Notizblock auf und seufzte laut. »Es muß ein Angriff gewesen sein, Mosha.« »Aber es gibt doch keinen Beweis dafür, Ben«, argumentierte der Befehlshaber des Geheimdienstes, David Lazzlo, ein mittelgroßer, gepflegter Mann mittleren Alters, dessen kurzes, ordentlich gekämmtes Haar leicht ergraut war. »Es gibt keine Sprengstoffspuren. Keine Bruchstücke von Geschoßmänteln, weder von Raketen noch Bomben. Unsere Aufklärungssysteme und die amerikanischen Überwachungssatelliten können keinen Abschuß bestätigen, kein Flugzeug in der Umgebung. Nichts.« »Wir haben Radaraufzeichnungen nach dem Abschuß«, warf ein ranghöherer General, Alleza Goene, ein. »Die Rakete wurde wahrscheinlich von einem Bomber aus ferngezündet. Und jetzt kann man noch nicht wissen, ob es Spuren der Bombe gibt. Außerdem war die Zerstörung so total, daß vielleicht alle Spuren vernichtet sind. Mein Gott, fast die ganze Anlage hat sich praktisch in nichts aufgelöst!« Goene, ein Veteran und Held des SiebenundsechzigerKrieges, war ein großer, kraftvoller Mann von siebenundfünfzig Jahren, der einschüchternd wirkte. Die Ungeduld über die vorsichtigen Einschätzungen der anderen war seinem geröteten Gesicht abzulesen. Lazzlo schien unzufrieden mit dieser Beurteilung. »Wie können 41
wir uns dann aber die große Konzentration von natürlichen Eisenerzrückständen erklären?« fragte er. Nachdem er den größten Teil des Tages die Untersuchungen in den Trümmern überwacht hatte, sprach er sich unerschütterlich gegen einen Vergeltungsschlag aus. »Ich gebe zu, es klingt unglaublich, aber wir können die Möglichkeit, daß ein Meteorit eingeschlagen hat, nicht ausschließen. Es gibt Anhaltspunkte, die dafür sprechen. Wir haben eine Zeit lebhafter Meteoritenschauer.« »Es gibt einfach zu viele ›geschickt‹ zusammentreffende Zufälle!« erwiderte Goene. »Seit Monaten kommen von Syrien und dem Iran offizielle Anfragen zum Zweck der Anlage. Sogar die USA finden die Ziele, die wir dort verfolgen, verdächtig. Und die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Treffers, eines so perfekt geplanten und zielsicheren Einschlags, daß er zu hundert Prozent genau die Mitte der Einrichtung während der abschließenden Phase der Arbeiten trifft, ist kaum vorstellbar! Und dann die Flugbahn dieses ›Meteoriten‹, die viel zu flach war, und der Flug, der viel zu lange dauerte, um ohne Antrieb auszukommen, wie Sie behaupten.« »Goene hat recht, außer in einem Detail«, schloß Roth. »Wir sind nicht von einer Rakete angegriffen worden, sondern von einer Superkanone, an deren Entwicklung der Irak vor dem Golfkrieg arbeitete. Nehmen wir an, die Jordanier hätten entdeckt, was in dem Zentrum los war, und hätten die Meteoritenschauer als Tarnung benutzt und von einer versteckten Superkanone aus ein Eisenerzprojektil abgeschossen. Eine Kanone würde das Fehlen eines Selbstabschußsystems erklären. Und die Jordanier hätten das unwahrscheinliche, aber vertretbare Argument, ein Meteorit sei eingeschlagen.« »Alles sehr überzeugend, Gentlemen«, entgegnete David Lazzlo, »nur daß dieses Projektil beim Aufprall ein geschätztes Gewicht von mehr als einer Vierteltonne gehabt haben müßte. Welche technischen Möglichkeiten gibt es, einen Gegenstand dieser Größenordnung ohne eigenen Antrieb über dreißig Kilometer hinweg auf eine 42
solche Flugbahn zu katapultieren?« »Eine Technik, die nicht weniger unglaublich ist als das, was wir geschaffen und was wir in diesem Labor verloren haben!« schnauzte der wütende Goene mit überzeugender Logik zurück und brachte Lazzlo zum Schweigen. Nachdem er zur Beruhigung der erhitzten Gemüter einen Moment verstreichen ließ, gab der Vorsitzende, General Zerim, sein Urteil ab. »Ungern muß ich Ben und Alleza recht geben. Die Meteoritentheorie ist einfach nicht glaubhaft. Ob es uns gefällt oder nicht, wir werden die Position des Verteidigungsministers Tamin unterstützen müssen. Der offizielle Standpunkt der Streitkräfte und das vorläufige Ergebnis unserer Ermittlungen ist, daß es ein unprovozierter Angriff war. Wir werden die Untersuchungen fortsetzen, die Verursacher ermitteln und dann einen angemessenen Gegenschlag durchführen. Unsere Streitkräfte werden bis auf weiteres in voller Alarmbereitschaft stehen.«
11 IN DEN TRÜMMERN DES ISRAELISCHEN NEGEV FORSCHUNGSINSTITUTS, WÜSTE NEGEV, SÜDISRAEL, 9 UHR 46, 26. DEZEMBER 1999 Mit Bollingers Zustimmung waren Feldman und Hunter am nächsten Morgen in die Wüste zurückgekehrt, um die japanischen Augenzeugen zu treffen. Im Tageslicht gab es außerhalb der Umzäunung auch nur das zu sehen, was in der Nacht schon zu ahnen ge43
wesen war. Die meisten Millennarier waren verschwunden, aber das israelische Militär war so zugeknöpft und unnachgiebig wie zuvor. Andere Fernsehanstalten und Berichterstatter waren jetzt ebenfalls zur Stelle. Auch die Morgenzeitungen hatten dem, was Feldman und Hunter gemeldet hatten, nichts hinzuzufügen. Wie zuvor lautete der offizielle Kommentar der israelischen Streitkräfte, daß eine feindliche Rakete eingeschlagen und bis jetzt niemand die Verantwortung dafür übernommen habe. »Und dieser verflixte Verteidigungsminister Shaul Tamin wird, wenn es um israelische Sicherheitsinteressen geht, nie eine Pressekonferenz abhalten«, beklagte sich Hunter laut bei Feldman. Als sie die japanischen Wissenschaftler heranfahren sahen, warf der Kameramann seine Zeitung auf den Rücksitz und stieg aus dem Rover, um ihnen entgegenzugehen. »Für unseren Folgebericht brauchen wir mehr als einen zweiten Aufguß. Mal sehen, was unsere Freunde uns hier zeigen können.« Diesmal waren alle vier Astronomen gekommen. Sie bildeten schnell eine Wagenkolonne, bevor die anderen Nachrichtenteams ihnen auf die Spur kamen, und fuhren Richtung Osten in die Wüste hinein. Nach weniger als fünfzehn Minuten hatten die Japaner den Graben gefunden, wo sie behaupteten, die Überlebende entdeckt zu haben. Weggeworfene Verpackungen von Binden und Mull, zertrampeltes Gebüsch, Reifenspuren, Abdrücke von einem Karren und Fußspuren im kiesbedeckten Sand bestätigten ihre Schilderung. Aber kein Anzeichen von der Überlebenden oder den Beduinen. Eine einstündige, ausgiebige Suchaktion förderte nichts als ein paar Pilgergruppen und ungefähr zwanzig Kilo Meteoritenfragmente – jedenfalls betrachteten die Astronomen sie als solche – zutage. »Das Ehepaar, das die Überlebende mitgenommen hat, ist wahrscheinlich unterwegs zur großen Straße nach Jerusalem«, vermutete 44
Hunter und teilte den Japanern mit, daß sie die Suche abbrechen wollten. Unsicher, ob ihre Beweise Feldman und Hunter überzeugt hatten, blieben die Wissenschaftler immer noch mißtrauisch. »Jetzt Sie im Fernsehen sagen Wahrheit?« bat der Professor noch einmal. »Sie haben uns sehr geholfen«, sagte ihnen Feldman. »Wir werden es ernsthaft in Erwägung ziehen.« Die Astronomen dankten ihnen überschwenglich und machten sich auf, um noch mehr Bruchstücke zu suchen. Nachdem sie gegangen waren, schlug Hunter vor: »Wie wäre es, wenn wir zu den Trümmern zurückgingen und die Kamera für unseren Folgebericht am selben Ort aufstellen wie vorher?« »Gut«, sagte Feldman, »nur weiß ich nicht recht, wie wir das angehen sollen. Du glaubst doch die Geschichte von dem Meteor nicht, oder?« »Quatsch, natürlich nicht, aber ich finde, es fällt uns für die Folgesendung direkt wie vom Himmel in den Schoß. Die Jesusleute werden heute bei diesen Nachrichten ihren großen Tag haben.« Feldman überzeugte das nicht. »Ich hab' Probleme damit, Breck. Das ist doch National Inquirer-Niveau. Wenn wir den Schrott über den Meteoriten rausbringen, bestätigen wir damit doch die Weltuntergangssekten. Da können wir gleich Gideons Trompete blasen.« »Aber es ist ja nicht so, daß wir die Story erfinden, Jon«, argumentierte Hunter. »Diese Astrologen sind keine Millennarier, Mann, sie sind professionelle Wissenschaftler! Und Augenzeugen obendrein. Bollinger hat sie sich doch genau angesehen. Wir bringen nur ihre Expertenmeinung!« »Astronomen«, verbesserte ihn Feldman, fand aber den Versprecher interessant. »Ich weiß nicht, Breck, wir müssen hier wirklich mit Verantwortung handeln.« Hunter schüttelte den Kopf. »Okay, paß auf. Jetzt legen wir mal los und machen zwei Bänder, eins davon als Meteoritenversion. 45
Dann, wenn wir zurückkommen, lassen wir die Gesteinsproben des Meteors untersuchen. Wenn sie sich als frisch erweisen, nehmen wir die Story. Oder wenigstens lassen wir Bollinger entscheiden. Das ist doch fair, oder? Verdammt noch mal, und wenn sie echt sind? Wir könnten einen Krieg verhindern!« Feldman zuckte mit den Achseln. »Herrgott, ich find's eben furchtbar, wenn wir die einzige brisante Meldung, die wir seit drei Monaten haben, behandeln, als wären wir bei der Boulevardpresse.« Er stand im Sitz des Rovers auf, streckte sich und sah hinaus auf den Rauch, der aus den immer noch schwelenden Trümmern abzog. »Ich will wissen, was da drüben los ist. Ich will die Frau finden, die überlebt hat.«
12 IDF-MILITÄRSTÜTZPUNKT DAYAN, JERUSALEM, ISRAEL, 10 UHR, SONNTAG, 26. DEZEMBER 1999 General Goene saß allein in seinem Dienstzimmer. Ein Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen düsteren Gedanken. Ein Adjutant kam herein und meldete, WNN habe eine neue Entwicklung im Zusammenhang mit dem Negev Institut gemeldet. Fluchend entließ Goene den Assistenten mit einer gereizten Handbewegung und griff nach der Fernbedienung. Auf seinem Fernseher erschien ein dunkelhaariger, sauber rasierter junger Mann. Er stand vor dem Haupttor der zerstörten Anlage in der Wüste Negev und hatte einen großen 46
schwarzen Gesteinsbrocken in der Hand, während dicker schwarzer Rauch in dichten Schwaden hinter ihm in den Himmel stieg. »…Berichte, die durch zwei unabhängige Experten erhärtet werden«, sagte der Mann, während auf dem Bildschirm die Gesichter eines Geologen von der Universität Tel Aviv und eines fernöstlich aussehenden Wissenschaftlers eingeblendet wurden. »Was gestern noch aussah wie ein Angriff auf das israelische Forschungszentrum, ist vielleicht in Wirklichkeit das Ergebnis einer Naturkatastrophe, der Einschlag eines großen Meteoriten.« Als der Bericht zu den Interviews mit den beiden Fachleuten überging, die ihre Behauptungen mit großen Proben von geschwärztem Eisenerz untermauerten, machte der General ein finsteres Gesicht. »Bei ihrer Suche nach diesen Bruchstücken des Meteoriten«, fuhr der Reporter fort, »stieß das Astronomenteam möglicherweise auf die einzige Überlebende der Katastrophe. Eine dunkelhaarige junge Frau Anfang Zwanzig, eher klein und zierlich, die schwere Verletzungen hatte. Sie steht möglicherweise unter Schock. Sie wurde zuletzt gestern am frühen Morgen am Unfallort gesehen, wo ein Beduinenpaar sich ihrer annahm.« Laut fluchend knallte Goene die Fernbedienung auf seinen Schreibtisch und griff zum Telefonhörer. »Verbinden Sie mich mit Lazzlo!« schrie er ins Telefon und starrte auf die nächste Nachrichtenmeldung, ohne sie wahrzunehmen. Eine Minute später ertönte die Stimme des Kommandeurs des Geheimdienstes über den Lautsprecher des Telefons. Goene ignorierte Lazzlos Gruß. »Ich nehme an, Sie haben die Nachrichten gesehen?« schäumte der General. »Sie haben Ihren Mist mit dem Meteor mitbekommen, und jetzt reden sie von einer Überlebenden. Eine verstörte, neurotische Frau. Wer weiß, was sie alles ausplaudern wird! Wie weit sind wir mit der Identifizierung der Leichen? Wenn es jemanden gibt, der überlebt hat, will ich wissen, wer es ist, verdammt noch mal. Und zwar sofort.« 47
13 WNN-STUDIO JERUSALEM, ISRAEL, 9 UHR 17, MONTAG, 27. DEZEMBER 1999 »Da habt ihr einen Nerv getroffen, Jungs!« Bollinger gratulierte Hunter und Feldman bei der Redaktionssitzung. »Die israelischen Streitkräfte sind ganz aufgeregt wegen eures Meteoritenberichts! Und das Ding mit der Überlebenden? Es abzustreiten ist so schwer, daß es einfach wahr sein muß!« Sie hatten ihren Chef noch nie so begeistert erlebt. »Wir haben gerade ein offizielles Telegramm von Verteidigungsminister Shaul Tamin höchstpersönlich bekommen«, brüstete sich Bollinger. »Und er verlangt einen sofortigen Rückzieher. Tamin will der Regierung vorliegende Zahlen veröffentlichen, nach denen die Wahrscheinlichkeit, daß ein Objekt aus dem Weltraum ihre Anlage trifft, geringer als eins zu sechs Milliarden ist. Er droht mit Vergeltungsmaßnahmen gegen Jordanien. Und Jordanien wirft den Israelis Selbstsabotage vor, um die Friedensverhandlungen scheitern zu lassen.« »Hört man etwas vom amerikanischen Geheimdienst über die Ursache der Explosion?« fragte Cissy. »Nein, nichts«, antwortete Bollinger. »Bis jetzt haben sie keine bessere Erklärung gefunden als den Meteoriten. Niemand hat die Verantwortung dafür übernommen. Sogar die Hisbollah und Hamas erklären diesmal, nicht beteiligt zu sein.« »Ich dachte, vielleicht interessiert euch das«, bot Feldman ein weiteres Informationshäppchen an. »Ich habe ein Fax von Dr. Ornato 48
und seinen Kollegen bekommen. Sie beschweren sich darüber, daß der IDF versucht, ihnen ihre Visa zu entziehen.« »Ich werde unsere Kontakte zur Knesset nutzen und sehen, was ich tun kann«, schlug Bollinger vor und sah sorgenvoll drein. »Aber die gute Nachricht ist«, und hier strahlte der Studiochef wieder, »daß die Einschaltquoten von WNN rasant ansteigen. Unsere Zuschauerzahlen klettern, und wir bekommen zusätzliche Mittel und personelle Verstärkung für unsere Recherchen.« Obwohl die Entwicklung der Dinge ihn mit Genugtuung erfüllte, konnte Feldman doch die weltweiten Auswirkungen der Meteoritengeschichte nicht übersehen. Das Jahrtausendwendefieber nahm zu. Aber außerdem vollzog sich in der kollektiven Psyche der auf das neue Jahrtausend Wartenden auch eine andere, weniger offen zutage tretende Veränderung. Die Sorglosigkeit, mit der man vorher überall dem Neujahr entgegengesehen hatte, wich einer ernüchternden Erkenntnis. Plötzlich war das Versprechen, für manche der Fluch des neuen Jahrtausends, greifbar geworden. Und in Jerusalem gab es jetzt jeden Abend größere Versammlungen, die immer länger dauerten und bei denen die Stimmung von den lodernden Lagerfeuern ebenso wie von feurigen Reden angeheizt wurde. Schnell näherte sich der Letzte Tag für die Millennarier. Und die Welt sah zu.
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14 NATIONALE KIRCHE DES UNIVERSALEN KÖNIGREICHS, DALLAS, TEXAS, USA, 22 UHR 30, MITTWOCH, 29. DEZEMBER 1999 Right Reverend Solomon T. Brady war wütend auf WNN. Er hatte den Rang eines Bischofs und war Doktor der Theologie, ein kleiner, gedrungener, rotgesichtiger Mann mit einer perfekten Pompadourfrisur, die die weißen Haare sorgfältig über der Stirn auftürmte. Er verabscheute die sensationslüsterne Aufmerksamkeit, die die Medien den grotesken Millennariern so großzügig zuteil werden ließen, während seine rechtmäßige Kirche Tausende von Dollars pro Minute für die erforderliche Sendezeit bezahlen mußte. Genauer gesagt, er war verärgert über die wachsende Anziehungskraft, die das millennarische Gedankengut auf seine eigene Herde ausübte. Brady wußte sehr wohl, daß seine Anhänger für die Apokalypse anfällig waren. Obwohl seine eigene Botschaft sich ebenfalls die Ängste vor dem Jüngsten Gericht zunutze machte, war er nicht so opportunistisch oder plump, daß er das Thema nur ausschlachtete, weil die Jahrtausendwende bevorstand. Und auch nicht so kurzsichtig. Während die Millennarier jetzt ihre große Zeit haben mochten, würde das Ende doch sehr schnell für sie kommen. Reverend Bradys verlorene Schafe würden schon bald – spätestens am Neujahrstag – in den Schoß ihrer Gemeinde zurückkehren und treuer und großzügiger sein denn je. Schließlich würden sie akzeptieren, was er schon immer so beharrlich gepredigt hatte: daß die Umwälzung zu einer Zeit kommen würde, die kein Sterblicher voraussagen konnte. Genauso wie Christus es verkündet 50
hatte. Doch in der Zwischenzeit erlebte der Reverend die schwierigste Periode seiner Amtszeit. Seine Kirche, die einst knapp achthunderttausend Seelen umfaßt hatte, war in letzter Zeit beträchtlich geschrumpft. Und die heutige Nachricht machte es noch schlimmer. Reverend Brady ahnte es bereits, als er von seinem breiten Mahagonischreibtisch aufsah und den Leiter der Buchhaltung vor sich hatte, der auf irritierende Weise von einem Fuß auf den anderen trat. Der Buchhalter war so unauffällig wie ein Bestattungsunternehmer in Bradys Büro erschienen, um zögernd einen Bericht über die aktuellen Spendenzahlen des Universalen Königreichs vorzulegen. Reverend Brady blätterte ungeduldig die letzten Seiten durch und entdeckte, daß die Einnahmen im Vergleich zur vorigen Woche um weitere sieben Prozent gefallen waren. Ärgerlich schob er das Dokument beiseite und fegte dabei einen Aschenbecher vom Tisch, der die Aufschrift 1998 Universales Königreich trug und neunundzwanzig Dollar wert war. Der Aschenbecher knallte auf den Marmorboden, wo er zerschellte. Wortlos wandte sich Brady zum Fenster und sah mit finsterem Blick auf den weit unter ihm liegenden, geschäftigen Campus hinunter.
15 ÖLBERG, JERUSALEM, ISRAEL, 17 UHR 30, FREITAG, 31. DEZEMBER 1999 Der Ölberg war die höchste Erhebung in Jerusalem. Sein Gipfel er51
hob sich etwa vierhundert Meter über die Stadt, und an seinem Fuß lag der heilige Garten Gethsemane, wo Christus zum letzten Mal vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung gebetet hatte. Zwischen Gethsemane und dem Goldenen Tor der Stadt zog sich ein tiefes, schmales Tal hin, das Kidrontal, ein großer jüdischer Friedhof. Die jüdische Tradition besagte, daß der Messias am Tag des Jüngsten Gerichts über den Ölberg nach Jerusalem käme, um die Toten, die im Kidrontal begraben liegen, um sich zu scharen und die Altstadt von Jerusalem durch das Goldene Tor zu betreten. Diesen Prophezeiungen zum Trotz hatten die Araber jedoch das Tor vor vielen Jahrhunderten mit Steinen zugemauert. Der Nachmittag des großen Tages war gekommen. Hunter, Feldman, Cissy und ein komplettes WNN-Team hatten ihre Geräte in einer Wohnung im zweiten Stock eines Hauses aufgebaut, das am oberen Teil des Berges lag. Glücklicherweise war es ihnen gelungen, diesen Standort als provisorische Zentrale zu bekommen, denn in der Gegend gab es nur wenige Wohnhäuser und gewerbliche Gebäude. Die meisten Bauten auf dem dünnbesiedelten Berg waren religiöse Stätten, die zwischen Pinien, Olivenbäumen und vereinzeltem Gestrüpp verstreut lagen. Es gab heilige Schreine, Gräber, Kirchen, Tempel und mehrere Ruinen, die aus verschiedenen Epochen von der Zeit König Davids bis zu den Kreuzzügen und den Templerorden stammten. WNN hatte für diese Nacht eine ganze Wohnung gemietet und eine exorbitante Summe gezahlt, um die Bewohner auszuquartieren. Vom Balkon der Wohnung aus hatte man eine gute Aussicht auf den höchsten Punkt des Berges, den imposanten Turm der Himmelfahrtskapelle, der nur fünfzig Meter entfernt lag. Genau an dieser Stelle, so glaubten die Christen, war Jesus triumphierend in den Himmel emporgestiegen. Daher meinten die meisten Millennarier, Christus müsse logischerweise hier auch wieder herabsteigen. Vom Vorplatz der Himmelfahrtskapelle strömten die versammel52
ten Menschenmassen den Abhang hinunter zum Vorgarten des Hauses, in dem sich die WNN-Zentrale befand, und von dort durch das Kidrontal bis ganz hinunter zu den alten Toren der Stadt. Unter der Menge war auch eine beträchtliche Anzahl von Moslems; nicht nur Christen und Juden glaubten an die endzeitliche Bedeutung des Berges. Auch der Islam sah voraus, daß das Jüngste Gericht sich an dieser Stelle vollziehen werde. »Nicht gerade Times Square, hm?« meinte Hunter scherzhaft, als er seine Videokamera auf die Menge richtete. »Nein«, antwortete Feldman, »eher Endstation Apokalypse.« Den Tag über hatten Feldman und seine Kollegen sich unter die Pilger gemischt und über Satellit freimütige Interviews mit den Millennariern für die begierigen Zuschauer in der ganzen Welt gesendet. Jetzt, da die Menge beängstigend dicht wurde, hatte Feldman beschlossen, sich zurückzuziehen und sich auf den ›absoluten Höhepunkt‹ des Abends vorzubereiten. Schon vor dem Geschenk des Himmels für WNN, dem Unglück in der Wüste Negev, hatte der Sender seine Zuschauer in aller Welt stetig mit Informationen versorgt, um geschickt die Spannung auf diesen Tag hin aufzubauen. Und für heute abend hatten die Direktoren von WNN ein Spezialprogramm zusammengestellt. Die Berichte sollten auf geschickte Weise mit dem Zeitverlauf in den verschiedenen Zeitzonen koordiniert werden. Sollte die Mitternacht in Jerusalem ohne weitere Ereignisse verlaufen, würde WNN eine Liveschaltung nach Rom bringen und dort über die Ereignisse am Vorabend des ausgehenden Jahrtausends berichten. Sollte auch Rom vom Jüngsten Gericht verschont bleiben, würde man nach New York schalten und weiter nach Salt Lake City. Die Zeitunterschiede würden WNN ein wechselndes, weltweites Fernsehpublikum zur besten Sendezeit sichern. All dies hatte dazu beigetragen, daß Feldman ein reichlich mulmiges Gefühl bei der Sache hatte. Die Aussicht, live das möglicher53
weise größte Publikum der Geschichte zu haben, hatte etwas Einschüchterndes. Diese überraschende Ehre war ihm plötzlich am Morgen zugefallen, als der Sprecher, der für die Sendung vorgesehen und gestern aus New York eingeflogen worden war, eine Grippe bekam. Ob es nun eine Ehre war oder nicht, Feldman war ziemlich sicher, daß sich heute nacht nichts Apokalyptisches ereignen würde, und er würde dann mit der Tatsache fertig werden müssen, der Verkünder der enttäuschendsten Vorstellung aller Zeiten zu sein. Was für ein Abschied an seinem letzten offiziellen Tag bei WNN! »Schlimmer als der Reinfall mit den Hitlertagebüchern!« bemerkte Hunter taktlos. Aber, so hatte man sich bei WNN ausgerechnet, auch das Ausmaß der unvermeidlichen Enttäuschung wäre schon eine Nachricht wert. Es würde jede Menge Rückzieher geben, Millennarier, die Ausreden suchen müßten. Und dessenungeachtet konnte Feldman sich damit trösten, daß er kurz darauf nach Washington gehen und ein ganz neues Leben in der wirklich bedeutenden Welt der Berichterstattung über amerikanische Politik beginnen würde. Draußen wurde es langsam Abend. Als er über den Balkon der provisorischen WNN-Zentrale auf den Berghang und das uralte Land der Israeliten blickte, ließ sich Feldman von dem Schauspiel hinreißen, wie schnell die Umrisse dieser kargen, von der Trockenheit geplagten Landschaft im rosa und violetten Zwielicht zart und weich wurden. Wenn es je eine Nacht gab, die sich für ein religiöses Erlebnis eignete, dann war es diese. Aber nicht für die Vernichtung der Welt, eher für einen stillen Besuch der göttlichen Macht auf Erden. Außer einigen Wolken, die sich in weiter Ferne im Südwesten zusammenballten, war der Himmel klar, sternenübersät und ruhig. Es war friedlich; nur die Millennarier sangen, beteten im Chor und predigten, um ihre Position bei Gott zu festigen. Feldman zog einen Pullover an und ging mit einer Tasse schwarzem Kaffee auf den 54
Balkon zurück. Drinnen neckten sich Hunter und Cissy, die mit den Vorbereitungen fertig waren, und Bollinger sprach mit der amerikanischen Zentrale, während der Rest des Teams hinunterging, um Pause zu machen. Als er gähnte und sich streckte, schien es ihm, als ob jemand seinen Namen rief. Schon wieder. Der Ruf kam von irgendwo da unten. Er lehnte sich über die Balkonbrüstung, suchte die Menge ab und sah endlich ein zweites Mal in das verführerische Gesicht von Anke Heuriskein. »Störe ich Sie bei der letzten Meditation?« rief sie herauf. »Warten Sie da, ich komme gleich runter!« rief er zurück. Und schon war er weg. Er hatte seine Kaffeetasse so hastig auf das Geländer gestellt, daß sie über den Rand auf einen mit einem Turban bedeckten Mann schwappte, der fast zahnlos war. Das bedauernswerte Opfer suchte mit schwarzen, zornigen Augen den plötzlich unerklärlich leeren Balkon über sich ab und fluchte kräftig in einer hart klingenden nahöstlichen Sprache. Feldman freute sich über sein Glück. Anke hatte sich zwar seine Telefonnummer bei der Party in der Botschaft aufgeschrieben, aber danach hatte er nichts mehr von ihr gehört. Ungeduldig hatte er ihre Nummer im Telefonbuch von Tel Aviv und in der Telefonliste der Universität gesucht, beides ohne Erfolg. Schließlich war es ihm mit Hilfe eines befreundeten Professors gelungen, die Nummer herauszufinden, um dann von der Ansage eines Anrufbeantworters begrüßt zu werden. Er hatte drei Nachrichten hinterlassen: Er bat sie, ihn anzurufen, lud sie zum Essen ein und wollte sich mit ihr an diesem Abend bei der Abschlußübertragung treffen, da der letzte Abend des Jahrtausends auch sein letzter Arbeitstag bei WNN war und er bald in die Staaten abfliegen würde. Seine letzte Einladung lag einige Tage zurück, und er hatte immer noch nichts gehört. Und er hatte wirklich geglaubt, er habe einen guten ersten Eindruck gemacht. Er hatte doch gefühlt, daß es zwischen ihnen gefunkt hatte. 55
Seine Füße hüpften nicht so unbeschwert wie sein Herz, denn er stolperte über zahlreiche Menschen, die auf den Treppenstufen saßen, und wäre fast böse gestürzt. Unerschrocken kämpfte er sich zum Platz vor dem Haus durch und befürchtete, er könne sie in der Menge verlieren. Aber sie war da, wartete auf ihn und lächelte ihm zu. Mit dem Arm um ihre Schultern bahnte er sich einen Weg zurück und schirmte sie von der wogenden Menschenmenge ab. Nachdem sie sich wieder durch das dichtbevölkerte Treppenhaus gezwängt hatten, erreichten sie endlich das improvisierte WNN-Studio, und er verbannte Krach und Tumult nach draußen, indem er die Tür schloß. Als er sich ihr zuwandte, glühten seine Augen vor Entzücken. »Ich dachte, Sie hätten meine Nachrichten nicht bekommen«, sagte er, von der Anstrengung immer noch außer Atem. »Hab' ich auch nicht, bis gestern«, erklärte Anke. »Ich lebe in Jerusalem, wissen Sie, ich war die ganze Woche hier.« Das war ein gutes Zeichen, fand Feldman. Sie hatte ihn nicht links liegengelassen. »Es ist so schön, Sie wiederzusehen, Anke. Sie sehen toll aus!« Und es stimmte. Ihr Haar war jetzt nach hinten gebunden und mit einer einfachen Spange hochgesteckt. Offensichtlich trug sie kein Make-up und hatte es auch nicht nötig. Es faszinierte Feldman, daß sie jedesmal, wenn er sie traf, so anders aussah und doch so hinreißend dieselbe war. Ihre Schönheit war so schillernd, daß sie sich mit den üblichen Kategorien gar nicht fassen ließ. Heute abend trug sie ein zwangloseres, mädchenhafteres Benehmen zur Schau. Als er ihr Gesicht betrachtete, sah er eine Frische, fast eine Unschuld, die ihm das Gefühl gab, sie schon länger zu kennen, als es tatsächlich der Fall war. »Sie leben also hier in Jerusalem?« hakte Feldman noch einmal nach. »Wo?« »Im nördlichen Teil, aber ich habe eine Wohnung in Tel Aviv 56
und bin dort, wenn ich Vorlesungen habe.« Ein ziemlich kostspieliges Unterfangen, vermutete Feldman. »Wie haben Sie mich hier in der Menge gefunden?« »Als ich Ihre Nachricht abhörte«, und sie lachte dabei – offensichtlich fand sie Feldmans etwas ungeschickte Einladungen amüsant –, »habe ich versucht, Sie in Ihrem Büro zu erreichen, und man hat mir dort gesagt, Sie seien den ganzen Tag weg. Ihre Kollegen waren so nett, mir zu sagen, wo Sie sich aufhalten.« Über Feldmans Schulter war die übermütige Stimme von Breck Hunter zu hören: »Aha, Anke, Sie haben also beschlossen, die letzten Stunden des Planeten mit uns zu verbringen?« Anke sah an Feldman vorbei und lächelte. »Klar. Bei euch gibt's die besten Plätze.« »Und mit Verpflegung«, fügte Cissy McFarland hinzu, die eine volle Papiertüte hielt und gleich vorgestellt wurde. Sie lud den neuen Gast ein, ihnen bei einem koscheren Sandwichdinner Gesellschaft zu leisten. Als sie ins Eßzimmer gingen, um sich dem Rest des Teams anzuschließen, stieß sie Feldman in die Seite und flüsterte ihm zu: »Sie ist ja zauberhaft. Wo bist du ihr nur begegnet?« Feldman zuckte nur lässig mit den Schultern und lächelte ganz maliziös. Bei Bagels und belegten Broten und dank Hunters und Cissys ungebremster Neugier konnte Feldman einige Lücken in seinem Wissen über seine neue Bekanntschaft füllen. »Erzählen Sie uns doch ein bißchen von sich«, schlug Cissy vor. »Ja«, mischte sich der grinsende Hunter ein, »die Standardinfos, Sie wissen ja: Alter, Gewicht, Maße.« Cissy knurrte den dreisten Kameramann an. »Die erste Frage kann ich euch beantworten«, lachte Anke und schien nicht beleidigt zu sein. »Siebenundzwanzig.« »Und sind Sie verheiratet, verlobt oder anderweitig vergeben?« fuhr Hunter unbeirrt fort. »Jetzt laß mal gut sein!« protestierte Feldman. 57
»Weder noch«, antwortete Anke mit einem gutmütigen Lachen. Cissy kam ihr zu Hilfe. »Woher sind Sie ursprünglich, Anke? Habe ich recht, daß Sie einen französischen Akzent haben?« »Ich bin aus Paris«, sagte sie. »Meine Mutter ist Französin, mein Vater Amerikaner.« »Und wie kamen Sie nach Israel?« Hunter ließ einfach nicht locker. »Ich habe 1997 eine Assistentenstelle an der Universität in Tel Aviv bekommen. Ich arbeite an meiner Doktorarbeit.« Hunter warf einen verstohlenen Seitenblick auf Feldman. »Also, Anke«, faßte er zusammen, »wir haben festgestellt, daß Sie gut aussehen, eine interessante Persönlichkeit und Intelligenz besitzen … wahrscheinlich auch Geld? Aber was ich nicht verstehe«, und er zeigte mit seinem Kaffeelöffel auf Feldman, »ist, was Sie an diesem unterernährten, schlechtbezahlten Nachrichtenclown finden!« Bollinger und die anderen im Team brachen in Gelächter aus. Anke nickte leicht, machte einen Schmollmund, um ein Lächeln zu verbergen, und sah den verlegenen Mann neben sich an. »Na ja«, scherzte sie, »ich denke, daß er ein vielversprechender Reporter sein könnte, wenn er nur ein wenig soziales Gewissen zeigen würde.« Sie hielt inne, als sie Feldmans widersprechende Miene bemerkte. »Aber andererseits«, und dabei schaute sie ihm tief in die Augen, »hat er diesen ausgezeichneten Bericht über den Meteoriten gemacht, der das Institut im Negev zerstört hat. Also das war lobenswerter Journalismus. Wer weiß, Mr. Feldman«, sie lächelte ihn bewundernd an, »vielleicht haben Sie einen Krieg verhindert.« Der Zeitpunkt und die Aufrichtigkeit ihres Kompliments kamen für ihn völlig überraschend. Er fühlte, wie sein Gesicht heiß wurde. »Okay«, mischte sich Cissy wieder ein, »ich glaube, unser Gast hat für einen Nachmittag genug von unseren cleveren Interviewtricks über sich ergehen lassen.« Sie wandte sich mit entschuldigender Miene an Anke: »Sie werden Hunters unterentwickelte Um58
gangsformen entschuldigen müssen. Er hat die entscheidenden Jahre seines Lebens in Einzelhaft in einem Heim für unverheiratete Väter verbracht, und er kennt es einfach nicht anders.« Anke lachte. »Jetzt verstehe ich, warum Mr. Hunter hinter der Kamera und nicht davor arbeitet.« Der Kommentar entfesselte einen zustimmenden Chor von Bemerkungen, die sich alle gegen Hunter richteten. Er steckte die Quittung mit einem breiten Grinsen weg. Als sie mit dem Essen fertig waren, hatte Bollinger eine letzte Frage an Anke. Er wollte wissen, ob sie sich große Sorgen darüber mache, daß die Welt in drei Stunden und fünfunddreißig Minuten enden könnte. Sie antwortete, daß sie nicht besorgt sei. Aber draußen auf dem Berg sah es ganz anders aus. Der immer lauter werdende Lärm lockte Feldman und seine Kollegen auf den Balkon, von wo aus sie beobachten konnten, wie sich immer seltsamere Dinge abspielten. Die wachsende Spannung und die Enge hatten anscheinend die Anhänger einiger gegnerischer Sekten in eine offene Konfrontation getrieben. Höfliche Meinungsverschiedenheiten über theologische Fragen eskalierten allmählich zu einem Wettstreit. Die Leute schrien sich an, und es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. In einer Schlacht der Selbstgerechten traten Eiferer gegen Eiferer an. »Seht mal dort, ich glaube, dem lieben Gott würde dieser Kampfstil gefallen.« Feldman zeigte spöttisch auf einen Halbkreis von Streithälsen. Ein Verteidiger des Glaubens nahm gerade Anlauf, um einen zusammengelegten Klappstuhl auf dem Kopf eines anderen zu zertrümmern. »Ja, Schädel einschlagen für Christus«, schnaubte Hunter, und Anke sah beide Reporter mißbilligend an. »Oh, hier drüben!« schrie Hunter. »Wo ist das Fernglas?« Zu ihrer Rechten hatte eine kleine Gruppe von Männern und Frauen ihre Kleider ausgezogen, und sie tanzten zum jämmerlichen Spiel einer Panflöte um ein offenes Feuer. 59
»Ja«, begann Hunter in einer schlechten W.C. Fields-Imitation, »nackt vor dem Herrn!« Die israelische Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Unruhestifter diskret herauszuholen, ohne die Situation zu verschärfen. Mehr als ein Millennarier würde heute nacht die Verzückung hinter Gittern erleben. Als ein süßlicher Geruch von Marihuana zum Balkon heraufzog, klatschte Bollinger in die Hände und rief: »Okay, Leute, laßt uns das mal aufnehmen, ja?« Die Crew, die von dem Treiben ganz hingerissen war, kam plötzlich zu sich und beeilte sich, die Geräte aufzubauen, während Hunter ihnen schon weit voraus war und mit einem Teleobjektiv die Nackten heranzuzoomen begann. Als Feldman seinen Blick über die chaotische Versammlung schweifen ließ, hatte er ein besseres Gefühl, was das Ereignis dieses Abends betraf, und er fand, daß es vielleicht doch sensationell genug für die Nachrichten war. »Nun, Anke, das dürfte eine Silvesterparty geben, wie Sie noch keine erlebt haben!« Sie sah mit einem ironischen Lächeln auf die Menge hinunter und schüttelte ungläubig den Kopf.
16 ÖLBERG, JERUSALEM, ISRAEL, 22 UHR, FREITAG, 31. DEZEMBER 1999 Punkt 22 Uhr Jerusalemer Zeit begann bei WNN International live aus New York die Sondersendung Millennium III. Als Hunter sich und sein Kamerateam auf das unmittelbar bevorstehende Signal für 60
die Liveschaltung vorbereitete, gingen Anke und Feldman zu einem der Monitore, die im Zimmer neben dem Balkon standen. Das WNN International-Nachrichtenteam in New York fing mit einer kurzen Übersicht über den aktuellen Stand der Millennariersaga an und stellte mit ausgewählten Meldungen die weltweite Verbreitung des Phänomens dar. Als nächstes brachten sie einen Bericht über die historischen Wurzeln der Bewegung. Um halb elf Jerusalemer Zeit wandte sich die Sendung der Verbreitung der millennarischen Gruppen in den USA und im Ausland von den frühen neunziger Jahren bis zur Gegenwart zu. Feldman registrierte mit besonderem Interesse einen Beitrag über eine der älteren millennarischen Glaubensgemeinschaften, die Bibel- und Traktatgesellschaft ›Der Wachtturm‹. Sie nannten sich auch Zeugen Jehovas und waren bekannt für ihre leidenschaftliche Bekehrungsarbeit an der Haustür. Für diese besondere Untergruppe der Millennarier schien heute abend einiges auf dem Spiel zu stehen. Ihr wichtigstes Glaubensdogma beinhaltete die Voraussage der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft des Herrn. Diese Prophezeiung baute auf komplizierten Berechnungen biblischer Daten auf, die von ihrem Gründer Charles Taze Russell in den Jahren um 1870 angestellt worden waren. In Anlehnung an eine bestimmte Textstelle im Matthäusevangelium hatte er vorausgesagt und verkündet, daß die Generation der Zeugen Jehovas, die im Jahr 1914 oder vorher geboren worden waren, ›nicht dahingehen‹ würden vor Anbruch des Jüngsten Tages. Die Jüngsten dieser Generation waren jetzt Ende Achtzig, und die Jahrtausendwende war zu einer Nagelprobe für ihren Glauben und ihr Leben geworden. In der Tat war das geistliche Oberhaupt und der Leiter des amtierenden Rates, Joshua Milbourne, Jahrgang 1914, nicht bei guter Gesundheit und hatte ein ernstzunehmendes Herzleiden. So oder so stand für sechs Millionen Anhänger dieser religiösen Vereinigung das Ende bevor. 61
Der WNN-Bericht enthielt auch ein Interview am Bett des leidenden Joshua Milbourne, der die Fernsehsendung in seinem privaten Einzelzimmer einer Klinik verfolgte. Während des Interviews erwähnte Milbourne, daß er mehrere Zeugen als Abgesandte zum Ölberg geschickt habe. Sie hielten sich dort in seinem Namen auf, um sicherzustellen, daß Milbourne einer der ›durch die Bibel bestimmten 144.000‹ sein würde, einer der wenigen Auserwählten, die im Himmel als ›Könige und Priester‹ über die neue Nation Gottes auf Erden regieren würden. Bollinger schickte sofort zwei Leute seines Teams los, um nach Milbournes Delegierten zu suchen. Das Interview mit Joshua Milbourne war besonders beachtenswert, weil der alte Zeuge Jehovas einer der wenigen etablierten Kirchenführer war, die offiziell erklärten, der Jüngste Tag werde um zwölf Uhr in dieser Nacht in Jerusalem anbrechen. WNN wollte einen Reporter an seinem Bett stationieren und im weiteren Verlauf der Sendung zu einem ›Reue-und-Buße-Teil‹ noch einmal zu ihm zurückschalten. Die Zeit verging schnell, und Bollinger gab Feldman bald das Zeichen, seinen Platz auf dem Balkon einzunehmen und sich für die Livesendung bereitzuhalten. Ein rotes Licht fing an zu blinken, und es wurde um Ruhe gebeten. Feldman, der draußen in der Nachtluft der Heiligen Stadt den dunklen Himmel, die Feuer und die Kerzen der aufgewühlten, versammelten Menschenmenge überblickte, gab vor der Kamera eine eindrucksvolle Erscheinung ab. Sein schmales, jungenhaftes Gesicht war von der Erregung leicht gerötet, sein Äußeres wirkte durch ein offenes sportliches Hemd und eine dunkle Strickjacke lässig und männlich. Im ersten Teil der Sendung, als er die merkwürdige Szene unter dem Balkon vorstellte und die Kamera darüberschwenken ließ, um das Chaos und die Nervosität der wimmelnden Massen einzufangen, hielt er seinen Kommentar kurz. 62
Feldmans Sendezeit war schnell vorbei, und das Signal für die Liveschaltung wurde an WNN International zurückgegeben, um von dort einen vergleichenden Blick auf Rom, New York City und Salt Lake City zu werfen. Als das rote Licht ausging, entspannte sich das Team, und Feldman kam vom Balkon herein, wo ihn Applaus erwartete. Der Wind frischte etwas auf, und die Wolken, die Feldman vorher bemerkt hatte, brauten sich offenbar zu einem Gewitter zusammen. Das Unwetter war zu weit weg, um die Übertragung zu stören, aber vielleicht kam noch genug Wind auf, um dem Ganzen einen dramatischen Touch zu verleihen. Hunter sollte auf Feldmans Empfehlung hin den letzten Teil der Sendung mit einer Nahaufnahme des Gewitters beginnen. Blitze zuckten in der Ferne, die Feldman wirkungsvoll als Metaphern einsetzen konnte. Als die Uhr 23:45 zeigte, nahm Feldman wieder seinen Platz auf dem Balkon ein, Bollinger gab das Zeichen, die Kamera auf das Gewitter zu richten, und Feldman lächelte Anke kurz zu, die sein Lächeln erwiderte. »Ein Gewitter zieht heute abend auf über diesem alten Heiligen Land«, begann Feldman, während die Kamera von den drohenden Wolken auf den jungen Reporter schwenkte. »Wie Sie die letzten Monate über miterlebt haben, geht eine große spirituelle Bewegung in Erwartung des neuen Jahrtausends, von dem uns jetzt nur noch wenige Minuten trennen, um den ganzen Erdball. In dieser Gegend hier sind etwa zwei Millionen Menschen versammelt, die fest daran glauben, daß wir in weniger als fünfzehn Minuten das dramatische Ende oder aber einen neuen Anfang unserer jetzigen Welt erleben werden.« Die Kamera zoomte zurück, schwenkte nach rechts und brachte eine reizlose Frau mittleren Alters ins Bild. »Unter diesen Menschen«, fuhr Feldman fort, »ist Alissa Bateman aus Trenton, New Jersey. Mrs. Bateman ist Mitglied einer religiösen 63
Sekte, die glaubt, mit dem Erzengel Gabriel in Verbindung zu stehen. Sie sehen in ihm den spirituellen Vorboten, der das Jüngste Gericht um Mitternacht mit einem Stoß in seine goldene Trompete ankündigen wird.« Bollinger schnitt zu einer anderen Kameraperspektive, damit die kleinere Frau zusammen mit dem hochgewachsenen Feldman besser ins Bild kam. Das sich im Hintergrund zusammenballende Gewitter gab der Stimmung eine perfekte, dramatische Note. »Mrs. Bateman, Sie sind Tausende von Meilen gereist, um heute abend hier zu sein. Können Sie unserem Publikum sagen, was Sie bisher gemacht haben und warum Sie hier sind?« »Ja. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder, Bill und Tommy, und mein Mann Frank mußte heute natürlich wegen der Kinder und seiner Arbeit zu Haus bleiben.« Mrs. Bateman schwatzte noch kurz über ihren eigenen Boten des Geistes, und Feldman brachte das Gespräch schnell zu Ende, um der Sendung nicht zu viel an Spannung zu nehmen. Zwischen den Gästen wechselte Bollinger zu anderen Kameras über, die die Massen beobachteten. Nun, da der letzte Moment nahte, benahmen sich die Menschen zunehmend irrational. Der aufkommende Wind übte eine beunruhigende Wirkung aus. Die meisten knieten nieder, beteten, weinten, sangen, einige wurden ohnmächtig. Der Streit und die Feindseligkeiten hatten ein Ende gefunden. Bollinger sah auf die Uhr. Noch zwölf Minuten. Er gab dem nächsten Gast das Signal. Es handelte sich um einen großen, hageren jungen Mann mit rasiertem Schädel, der in schwarze Gewänder gehüllt war. Er sah fast wie ein Mönch aus, nur hingen an seinen Ohrläppchen umgekehrte Kruzifixe, und seine Augenlider waren so tätowiert, daß sie wie offene Augen aussahen. Typisch Sodom und Gomorrha, dachte Feldman. Es fiel ihm schwer, diesem Kerl gegenüber ernst zu bleiben, aber das Publikum würde es goutieren. 64
»Und das ist Mr. Astarte. Ist das richtig ausgesprochen?« »Einfach ›Astarte‹«, antwortete der Mann salbungsvoll. »Ja, ich bin vom Zweiten Reich.« »Und was erwartet das Zweite Reich hier heute nacht, Mr. Astarte?« »Nur ›Astarte‹«, beharrte er. »Wir sind hier zur Ablösung des Reichs, zum Beginn der neuen Zeit, in welcher sich der natürliche Kreislauf vollziehen und Lord Luzifer auf seinen Thron steigen wird, um die nächsten zweitausend Jahre zu herrschen.« »Und wird dieser Wechsel friedlich vor sich gehen?« wollte Feldman wissen. »Oder werden wir hier Armageddon gegenüberstehen?« »Das wissen wir noch nicht«, teilte Astarte der Welt mit. »Wir müssen auf Widerstand vorbereitet sein, aber Luzifer kommt durch göttliches Recht in sein Reich, und nichts kann ihn aufhalten. Wenn wir kämpfen müssen, um ihn bei seiner Ankunft zu schützen, dann soll es eben so sein!« Da ertönte ein mächtiges Donnergrollen von dem fernen Gewitter, das Feldman sofort für seine Zwecke nutzte. »Wann wird denn dieser Wechsel stattfinden, Mr. Astarte?« Das ›Mr.‹ war absichtlich, und Astarte schien gereizt. Er antwortete jedoch geduldig. »Es wird natürlich um Mitternacht geschehen, und die Zeichen, wie Sie sehen«, er machte eine Kopfbewegung zum Gewitter hin, »künden uns schon davon. Wir kennen die Art und Weise der Ablösung noch nicht.« »Schön, wir danken Ihnen für Ihre kostbare Zeit und lassen Sie nun rechtzeitig zu diesem Wechsel zu Ihrer Gruppe zurückkehren.« Astarte hielt die geschlossenen Augen in die Kamera, machte eine gekünstelte Verbeugung und ging. Kein Zweifel, dachte Feldman bei sich, dieser letzte Gast würde die Christen allemal so lange fesseln, bis sie sicher sein konnten, daß das Gute über das Böse triumphierte. Wieder Aufnahmen von der Menge. »Nur noch fünf Minuten bis 65
zum Beginn des neuen Jahrtausends«, verkündete Feldman. Der Wind war ein wenig stärker geworden, und Feldman bemerkte, daß die Wolkenbank leider isoliert und noch viel zu weit weg schien, als daß sie ein Melodrama mit Feuer und Schwefel illuminieren konnte. In Feldmans Kopfhörer erklang Bollingers atemlose Stimme. »Jon, wir haben hier einen dieser Delegierten von den Zeugen Jehovas. Er hat unsere Sendung auf einem tragbaren Fernseher mitverfolgt und ist extra hergekommen. Wir bringen ihn dir, halte dich bereit.« Hinter den hellen Kamerascheinwerfern, die ihn blendeten, konnte Feldman die Gestalt eines kleinen Mannes mit ungekämmtem Haar ausmachen, der zu ihm geführt wurde. Ohne eine Pause entstehen zu lassen, erzählte Feldman den Zuschauern, daß es WNN gelungen sei, einen der bereits erwähnten Zeugen Jehovas zu finden, und der Delegierte wurde auf den Balkon geleitet. »Wie ist Ihr Name, Sir?« fragte Feldman. Der kleine bärtige, ernst dreinschauende Mann, der Feldman an eine Miniatur von Rasputin erinnerte, blinzelte zu dem Reporter empor und sagte mit überraschend tiefer Stimme: »Ich bin John Jacob Maloney vom amtierenden Rat der Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft und offizieller Delegierter bei der Wiederkunft des Herrn!« »Mr. Maloney, ich habe gehört, Sie sind hier im Namen von Joshua Milbourne und vertreten die Zeugen Jehovas. Können Sie unseren Zuschauern genau sagen, was wir Ihrem Glauben zufolge heute nacht erleben werden?« Maloney trat energisch auf die Kamera zu und sah mit dem fiebrigen Blick des überzeugten Fanatikers direkt in die Linse. »Die Stunde ist gekommen, o ihr Kleingläubigen! Das Gericht Gottes ist da, und es ist zu spät, euch zu retten. Ihr wolltet nicht hören, ihr wolltet nicht büßen, ihr wolltet nicht den Weg des Herrn bereiten. Und jetzt ist die Hand des Herrn über euch. Dies ist der Letzte 66
Tag!« Seine Augen traten hervor, und seine Hände fuchtelten wild über seinem Kopf herum. »In abgrundtiefer Verlassenheit werdet ihr geschlagen und gebrandmarkt und für immer in die Tiefen der Hölle verdammt werden! Lob sei dem Namen des Herrn! O Herr, in deinem glorreichen Namen …« Die letzten Worte stieß Maloney derart frenetisch hervor, daß er aus Versehen auf die Linse der Kamera spuckte, was das Produktionsteam zwang, zu einer Profilaufnahme überzugehen. Daß man ihn sah, wie er in eine leblose Maschine wetterte, nahm seinen Äußerungen ihre Schärfe und ließ den ganzen Auftritt ziemlich lächerlich erscheinen. Feldman bekam die Situation wieder unter Kontrolle und legte seine Hand beruhigend auf die Schulter des Untergangspropheten. Der kleine Mann schaute sich verwirrt um und suchte nach einer laufenden Kamera. »Danke, Mr. Maloney, es wäre schön, wenn Sie später zu einem weiteren Kommentar zu unserer Verfügung stehen könnten.« Maloney wurde, immer noch schimpfend und Drohungen ausstoßend, vom Balkon geführt. Das Produktionsteam konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen. Genau diese Überspanntheit war es, die die New Yorker Zentrale sehen wollte. Feldman nahm wieder seinen Platz in der Mitte des Balkons ein und begann den Countdown der letzten sechzig Sekunden bis zum Anbruch des neuen Jahrtausends. Als die Kamera und die Suchscheinwerfer über die beklemmende Szene schwenkten, überlegte Feldman, was für eine gefühlvolle Geste es gewesen wäre, ›Auld Lang Syne‹, das traditionelle Abschiedslied, über die Lautsprecher zu spielen. Alle hätten heute abend bestimmt ein bißchen Vergeben und Vergebung gut gebrauchen können. Aber ihm war klar, daß die düstere Gesellschaft, die hier versammelt war, Humor nicht zu schätzen wußte. Die Menge fing an mitzuzählen. Und plötzlich fiel Feldman ein, 67
daß er jetzt, weniger als fünfundzwanzig Sekunden vor Mitternacht, da sämtliche Kameras und das ganze Team mit der Menschenmenge beschäftigt waren, die perfekte Gelegenheit hätte, einen Kuß von Anke zu stehlen. Beim Glockenschlag zum Beginn des neuen Jahrtausends, eine unvergleichlich romantische Situation! Wenn die Uhren Mitternacht schlügen und die Kameras die Reaktionen der Menge beobachteten, würde Feldman die Gelegenheit haben, zur Abwechslung einmal sie zu überrumpeln. Er nahm sein Ansteckmikrophon vom Revers und ging langsam auf sie zu. Anke merkte es nicht, sie hatte die Augen neugierig auf die Welt da draußen gerichtet. Das war der heilige Augenblick. Wie auf ein Signal legte sich der Wind. Zum ersten Mal, seit sie zusammengekommen waren, hielt die Masse der unbezähmbaren Millennarier den Atem an. Die ganze Welt hielt den Atem an. Und über ganz Judäa lag ein tiefes, feierliches Schweigen, das Schlag Mitternacht in einem Donnerschlag in der Ferne gipfelte. Zugleich läuteten die Glocken der Himmelfahrtskapelle zusammen mit einem Dutzend anderer Kirchenglocken überall in der Heiligen Stadt das 21. Jahrhundert ein. Feldman war vermutlich der einzige Mensch, dessen Gedanken ganz woanders waren. Das war sein persönlicher, geheiligter Augenblick. Als er auf Anke zuging, wurde ihm bewußt, wie schön sie wirklich war. So frisch. So arglos. Es mußten wohl die Gefühle dieses Augenblicks sein, aber Feldman fühlte sich benommen im Kopf. Haltlos. Er verlor das Gleichgewicht. Anke und der gesamten Crew um ihn herum ging es ebenso. Die ganze Wohnung fing an zu zittern und heftig zu schwanken. Kameras und Scheinwerfer hüpften auf ihren Stativen, drehten sich und kippten um. Die Lichter erloschen, und die Menschenmengen auf den Bergen stießen panische Schreie aus. Feldman ergriff eine Angst, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. 68
17 BROOKFOREST, RACINE, WISCONSIN, USA, 16 UHR, FREITAG, 31. DEZEMBER 1999 Auf der anderen Hälfte des Erdballs, in der ruhigen, verschlafenen Kleinstadt Brookforest, war es noch später Nachmittag. Es schneite leicht, und eine dünne, aber geschlossene Schneedecke hatte die malerische Gegend mit ihren amerikanischen Mittelklassehäuschen weiß überzogen. Die Straßenlaternen brannten schon, ebenso die Lichter der Krippen in den Vorgärten und die Weihnachtsbeleuchtung der hohen Tannenbäume. Plötzlich durchbrachen Schreie aus allen Häusern die winterliche Stille. Aus einem Haus stürzte eine Frau mittleren Alters, die voller Panik kreischte, gefolgt von ihrem erschrockenen, jaulenden Hund. Michelle Martin hatte den Fehler begangen, von ihrer nachmittäglichen Oprah-Winfrey-Talkshow auf die vielfach angekündigte Nachtwache zur Jahrtausendwende von WNN umzuschalten. Und jetzt war die siebenundvierzigjährige Mutter von zwei Kindern, statt die erwartete festliche Neujahrssendung genießen zu können, von der größten Angst ihres Lebens gepackt worden. Mrs. Martin waren ihre Hausschuhe und der Schnee völlig gleichgültig, als sie in die Sackgasse hinausfloh und auf ihre ebenso verzweifelten Nachbarn traf. »Gott helfe uns allen!« jammerte eine junge Mutter und preßte ihr kleines Kind an die Brust. »Das ist der Todesengel!« schrie Mr. Krazinski, ein älterer Rentner. »Das ist die ägyptische Plage!« Ein vor Angst fast hysterischer Bewohner stellte angsterfüllt fest: »Ja! Genau wie im Film Die Zehn Gebote! Der Todesengel kommt 69
über das Land und bringt um Mitternacht das Gericht mit sich! Wir haben noch acht Stunden, bis er uns erreicht!« Michelle Martin wurde weißer als der Schnee und fiel zu Boden. Weinend und zähneknirschend fanden sich etwa zwanzig Leute zusammen und bildeten mitten auf der Straße einen Gebetskreis. In Schneematsch, Salz und Asche kniend riefen sie Gott um Gnade an.
18 ÖLBERG, JERUSALEM, ISRAEL, 0 UHR 2, SAMSTAG, 1. JANUAR 2000 Feldman verlor jede Orientierung, hatte er doch seine ganze Konzentration gebraucht, um nach Anke zu greifen und sie aufzufangen, als sie beide in der Wohnung zu Boden gestürzt waren. Er hielt sie wie ein Kind fest in seinen Armen geborgen und preßte seine Wange an ihr Gesicht. Doch dann hörten die schrecklichen Erschütterungen ebenso plötzlich auf, wie sie begonnen hatten. Die Erde war wieder ruhig. In dem dunklen Raum, hoch über dem Geschrei der Menge, rührte sich niemand. Feldman fragte Anke immer wieder eindringlich und atemlos, ob alles in Ordnung sei. Sie antwortete ihm nicht, aber er spürte, wie sie stoßweise atmete und sich an seine Arme klammerte, mit denen er sie noch fest umschlossen hielt. Er wagte nicht, seinen Griff zu lockern, weil sie nicht merken sollte, daß er zitterte. 70
»Seid ihr alle okay?« ertönte Bollingers unsichere Stimme. Nach und nach meldeten sich alle vom Team. Am Stimmengeräusch merkte Feldman, daß noch einige Leute auf dem Balkon waren. »Kommt besser herein«, sagte er warnend. »Es könnte da draußen noch gefährlich sein.« Mit einem löblichen Versuch, sich zur Ruhe zu zwingen, setzte er sich auf, hielt dabei Anke immer noch auf dem Schoß und begann, ihr über das Haar zu streichen. »Was ist passiert?« hörte er sie endlich mit schwacher, ängstlicher Stimme fragen. »Ein Erdbeben«, erklärte Hunter. »Der Strom ist weg, aber sonst geht's jetzt wieder.« »Erdbeben, denkste!« erklang die Stimme eines Mannes vom Produktionsteam vom Balkonfenster her. »Jede Christenseele, die sich so nennen darf, sollte jetzt voller Gottesfurcht und Schrecken sein!« Andere stimmten zu, und jemand begann, das Vaterunser zu beten, in das sofort einige Stimmen einfielen. Ein anderer vom Produktionsteam knipste ein Feuerzeug an, aber als Hunter vor ausströmendem Gas warnte, machte er es sofort wieder aus. Etwas später trieb jemand eine Taschenlampe auf, mit deren Hilfe sie die große, batteriebetriebene Halogenlampe wiederfanden. Der staubige Raum war jetzt von einem unheimlichen blauen Licht erfüllt. Feldman konnte nun zwei Leute des Teams in der Nähe des Balkons erkennen, einen dritten neben dem Fenster und andere über den ganzen Raum verstreut. Bollinger saß unter einem Tisch, und Hunter und Cissy hockten eng aneinandergedrückt in einer Ecke. Von draußen hörte man neben Sirenen und Notfallfahrzeugen den anhaltenden Lärm einer tosenden Menschenmenge hereindringen. Verzweifelte Schreie, qualvolles Schluchzen und ängstliches Beten mischten sich mit dem Chor von Lobgesängen und Psalmen, der sich von dem neuerlich anhebenden Gejammer der Weltuntergangspropheten abhob. 71
»Was ist da draußen los?« fragte Bollinger die Leute am Balkonfenster. Einer von ihnen hörte auf zu beten und antwortete: »Ich kann kaum etwas sehen. Überall ist das Licht aus. Die Leute rennen scharenweise herum, es ist ein Riesentumult. Aber es brennt, soweit ich sehe, nur in wenigen Gebäuden.« Ankes Haar hatte sich aus der Spange gelöst, und Feldman strich ihr einige lange, weiche Strähnen aus dem Gesicht. Sie sah mit angsterfüllter Miene und zusammengepreßten Lippen zu ihm auf und hielt seinen Arm weiter fest umklammert. Nach und nach verstummten die Gebete im Raum, und einige meinten, man könne jetzt ohne Gefahr wieder aufstehen. Die Wohnung war in völliger Unordnung, aber Feldman bemerkte nur einige Risse an den Wänden und der Decke, die ihm nicht bedrohlich schienen. Er half Anke beim Aufstehen, hielt sie stützend an sich gepreßt, und zusammen kämpften sie sich zum Balkon durch, um hinauszusehen. Zumindest in der Dunkelheit schien sich der Schaden in Grenzen zu halten. »Vielleicht war es nur eine Warnung«, sagte hoffnungsvoll einer vom Team, der sich als wiedergeborener Christ fühlte, aber seine Stimme zitterte immer noch. »Vielleicht war das alles für den Moment.« »Es ist einfach nicht zu glauben«, stammelte Bollinger. »Das kann man wohl sagen«, bestätigte Cissy. Sie hielt den Kopf an Hunters Brust gelehnt und schloß die Augen. Sie hatte geweint. Feldman beobachtete sie, und als er die Augen hob, traf er auf Hunters nachdenklichen, festen Blick. Sie sahen sich gegenseitig fragend an, bis Hunter mit den Schultern zuckte, den Kopf schüttelte und wieder über den Balkon hinaussah. Einer vom Team verkündete, daß die Telefonleitungen tot seien. Aber Handys funktionierten noch, allerdings wohl nur in einer auf die unmittelbare Nachbarschaft begrenzten Reichweite. »Mein Gott, ich glaub', die ganze Welt dreht durch«, meinte Bol72
linger. In ihm kehrte allmählich der Journalist wieder zurück. »Ob wohl irgendeine der Sendeanstalten hier schon wieder funktioniert?« Zu einem Ingenieur sagte er: »Jimmy, sieh nach, ob wir mit Batterien etwas über Satellit reinkriegen, und laß uns versuchen, das Neueste von hier rauszusenden. Joe, wo bist du?« Joes stockende Stimme meldete sich aus dem Treppenhaus. »Joe, geh aufs Dach und prüfe die Schüssel. Und jemand soll feststellen, ob Radio Israel sendet und schon irgend etwas über diese Sache hat.« »Radio Israel ist tot«, rief sofort jemand zurück. »Die Schüssel ist in Ordnung«, meldete Joe nach ein paar Minuten vom Dach herunter. Bollingers dezidierte Anweisungen waren, ganz gleich, ob sie nun seinen brillanten Führungsqualitäten oder der reinen Routine zu verdanken waren, für seine Mannschaft sehr hilfreich. Jeder, auch Anke, packte mit an, um die Geräte wieder zum Laufen zu bringen. Als sie Batterien und Kabel behelfsmäßig zusammengeflickt hatten, war WNN wieder einmal der erste Sender, der die Meldung bringen konnte. Die Sendung war ohne Bild und die Tonqualität schlecht, aber erstaunlicherweise hatten sie um 0 Uhr 42 wieder direkte Verbindung zu WNN Europa. Um eine Welt in Aufruhr vorzufinden. Hunter hatte es geschafft, einen Monitor mit Satellitenempfang wieder zum Leben zu erwecken, und als die Mannschaft sich davor versammelt hatte, erfuhr sie, wenn auch mit unscharfem Bild und einem Rauschen und Knacken in der Tonleitung, was unterdessen andernorts geschah. Einundvierzig Minuten und achtundvierzig Sekunden lang wußte kein Mensch außerhalb Jerusalems mehr, als daß zur Stunde Null des neuen Jahrtausends eine übernatürliche Katastrophe über das Heilige Land hereingebrochen war. Genauso, wie es von vielen schon so lange vorhergesagt worden war. Einundvierzig Minuten und achtundvierzig Sekunden waren lang genug, um 73
weltweit Massenhysterien, Selbstmorde, Herzattacken und Anfälle von geistiger Verwirrung auszulösen. Überall wurden Kathedralen, Kirchen, Synagogen und Tempel von den Massen, die vor dem Zorn Gottes Zuflucht suchten, in Panik gestürmt. Viele Menschen wurden zertrampelt oder im Gedränge zu Tode gedrückt. In den Weltmetropolen kam es zu Unruhen, Plünderungen und Aktionen zielloser Gewalt. Auf dem Times Square in New York gerieten Scharen von Feiernden in Todesangst, als sie hoch oben auf dem riesigen Jumbotron-Bildschirm Jerusalem erbeben, aufschreien und im Dunkel versinken sahen. Danach wurden beim Ansturm auf die U-Bahnen Hunderte unglücklicher Passanten von überfüllten Bahnsteigen auf die Gleise und vor die Züge gestoßen. (Später in dieser Nacht gingen dann unerklärlicherweise die Lichter des erleuchteten Globus auf dem Dach des Gebäudes Number One Times Square aus, als weigerten sie sich, das neue Jahr zu begrüßen.) Mit diesen beunruhigenden Szenen vor Augen machte Feldman einen lobenswerten Versuch, die Welt wieder zur Vernunft zu bringen. Er unterdrückte seine angestauten Gefühle, und mit gefaßter, beschwichtigender Stimme schickte er – begleitet von knackenden Hintergrundgeräuschen – die verzweifelt erwartete Botschaft der Beruhigung in den dunklen Himmel. In rasender Eile wurde sein Tonbericht von Cuttern bei WNN Europa mit Archivmaterial über die Heilige Stadt versehen und in die aus den Fugen geratene Welt hinausgeschickt.
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19 ÖLBERG, JERUSALEM, ISRAEL, 2 UHR 27, SAMSTAG, 1. JANUAR 2000 Feldman und sein Team setzten ihre Berichte so lange fort, bis die Batterien um etwa 2 Uhr 30 Ortszeit leer waren. Zwei von Bollingers Leuten hatten, so gut es eben ging, Erkundungszüge in die Stadt machen können. Über Handy bestätigten sie, daß in manchen Stadtteilen erhebliche Schäden entstanden waren. Aber für die Stärke, die das Beben anscheinend gehabt hatte, gab es relativ wenige Todesfälle. All dies hatte man ordnungsgemäß an WNN Europa weitergegeben. Nachdem sie alles getan hatten, was in ihrer Macht stand, und das gesamte Gerät verpackt und in Wagen verstaut hatten, rief Bollinger das erschöpfte Team zusammen und bat um seine Aufmerksamkeit. Der Nachrichtenchef blickte in müde Gesichter und schüttelte nachdenklich und voller Zweifel den Kopf. »Leute, ich kann mich nicht hier hinstellen und behaupten, daß ich das, was heute nacht geschehen ist, besser verstehe als ihr. Vielleicht ergibt alles morgen bei Tageslicht eher einen Sinn. Nach sechsundzwanzig Jahren in diesem Geschäft habe ich geglaubt, kein besonders religiöser Mensch zu sein, aber ich muß gestehen, die ganze Sache hat auch mir höllisch zu schaffen gemacht. Eines weiß ich jedenfalls bestimmt: Ihr habt euch die ganze Zeit außerordentlich professionell und besonnen verhalten, und ich bin ungeheuer stolz auf euch alle.« Er sah zu Feldman hinüber, der erschöpft mit Anke zusammen mehr auf dem Couchende hing als saß. »Ich weiß nicht, Jon, wo du diese erstaunliche junge Dame getroffen hast, aber sie hat sich heute 75
nacht wie ein alter Hase bewährt, und wir danken Ihnen dafür sehr, Anke.« Das allgemeine Murmeln der Zustimmung beantwortete Anke mit einem schwachen Lächeln. »Und noch ein paar Dinge, bevor wir die Zelte abbrechen«, sagte Bollinger zum Schluß. »Ich glaube zuversichtlich, daß wenigstens einige unserer Übertragungen erfolgreich empfangen werden konnten. In jedem Fall ist die Zentrale sicher schon dabei, uns weitere Verstärkung aus Kairo zu schicken. Solange die Telefon- und Stromleitungen nicht intakt sind, sollten wir uns alle in der Nähe unserer Mobiltelefone aufhalten. Aber benutzt sie sparsam, um die Batterien zu schonen. Wenn es dem Reparaturdienst gelingt, die Kommunikationsleitungen nach draußen wieder herzustellen, gebe ich euch Nachricht über das, was in der Welt passiert. Wenn nicht, treffen wir uns zu einer Mitarbeiterversammlung pünktlich um acht Uhr morgens im Büro.« »Und Jon«, sagte Bollinger und nahm ihn für einen Augenblick beiseite, »da es so aussieht, als würde sich deine Rückkehr in die Staaten etwas verzögern, würdest du in Erwägung ziehen, noch ein paar Tage hierzubleiben und uns bei der Bewältigung dieser neuen Situation zu helfen?« »Klar«, stimmte Feldman zu. »Ich fange sowieso nicht vor nächsten Donnerstag an.« Im übrigen war er nicht undankbar für eine Ausrede, die es ihm ermöglichte, etwas mehr Zeit mit seiner neuen Bekanntschaft zu verbringen. Hunter war der nächste, der mit Feldman sprechen wollte. »So, dann wirst du dich noch etwas länger hier bei uns herumtreiben, ja? Prima. Wir werden dich brauchen, bis sich der ganze Wirbel wieder gelegt hat!« »Nur ein paar Tage«, bestätigte Feldman. Hunter nickte. »Gut, dann nimm doch den Rover und bring Anke nach Haus, ich fahre mit Cissy in ihrem Wagen. Und übrigens – bei mir kann's vielleicht morgen früh zu der Besprechung etwas 76
später werden.« Feldman glaubte zu verstehen und nickte. Schon seit einiger Zeit hatte er eine Annäherung zwischen Hunter und Cissy bemerkt. Und ihm gefiel die Art, wie sie sich gegenseitig schonungslos auf die Schippe nahmen, sich aber insgeheim doch Zuneigung entgegenbrachten. Doch es steckte noch etwas anderes hinter der gespannten, nach innen gerichteten Miene des Kameramanns, das nichts mit Cissy zu tun hatte. Feldman brauchte über eine Stunde, um Anke die zweieinhalb Kilometer zu ihrer Wohnung zu fahren. Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg den Berg hinunter, durch das Menschengedränge und an herabgefallenen Trümmern vorbei. Feldman war von dieser bemerkenswerten Frau immer mehr beeindruckt. Sie hatte sich schnell von dem ersten Schreck erholt und, wo immer man sie auch einsetzte, wie besessen mit dem übrigen Team gearbeitet, damit sie möglichst schnell wieder auf Sendung gehen konnten. Jetzt saß sie still neben ihm und unterbrach ihre Gedanken nur gelegentlich durch ein kurzes Lächeln und Angaben zum Weg. Glücklicherweise schien der Nordteil der Stadt nur wenig Schaden erlitten zu haben. Die moderne, weiße Villa, in der Anke zur Zeit wohnte, schien jedenfalls noch heil zu sein. Anke drehte sich im Sitz zu ihm hin und legte ihre Hand auf die seine. »Jon, bitte, verstehen Sie mich nicht falsch …« Jetzt kam es. Er fühlte, wie sein Magen sich verkrampfte, als er in ihr wunderschönes Gesicht blickte. Das klang ganz wie die Einleitung zu einem endgültigen Lebewohl. Nur passierte es nicht oft, daß er bei einer solchen Verabschiedung der Empfänger war. »Aber« – sie kam zur zweiten Hälfte – »außer mir wohnt niemand hier, und jetzt wäre ich lieber nicht allein.« Darauf war er nun so gar nicht gefaßt gewesen, und es dauerte einen Moment, bis der Sinn ihrer Worte überhaupt bei ihm ankam. 77
Er sagte nichts, und sie fühlte sich verpflichtet, noch etwas hinzuzufügen. »Was meinen Sie, oben gibt es ein Dachzimmer, und wenn es Sie nicht stört, auf einer Schlafcouch zu übernachten, kann ich Sie morgen früh genug für Ihre Besprechung wecken und ein schönes Frühstück machen, und Sie können fahren, wann immer …« Endlich hatte sich Feldman wieder gefaßt, und sein Pulsschlag normalisierte sich. »Oh, natürlich, ich würde Sie jetzt doch auf keinen Fall allein lassen«, betonte er, stieg schnell aus dem Wagen und warf sich die Tasche über die Schulter.
20 IN JERUSALEM, ISRAEL, 3 UHR41, SAMSTAG, 1. JANUAR 2000 Draußen in den zerstörten Straßen der Stadt dachte Hunter nicht an Schlaf. Als er Cissy bei ihrem Appartement abgesetzt hatte, widerstand er ihrem dringlichen und verführerischen Angebot, zu bleiben und zusammen zu der Besprechung um acht Uhr zu fahren. Er beschloß statt dessen, den unmöglichen Zustand der Straßen zur WNN-Zentrale noch einmal auf sich zu nehmen, und zwar allein. Cissy versprach er, mit einem Frühstück und ihrem Wagen rechtzeitig zurück zu sein, damit sie es zur Sitzung schaffen konnten. Nach mehreren Stunden kam Hunter beim WNN-Bürogebäude an und fand es, abgesehen vom Stromausfall, relativ unbeschädigt vor. Er schaltete den Notbetrieb mit Reservebatterien an einem Schnittplatz an, um das Videoband mit den letzten Augenblicken 78
vor dem Erdbeben noch einmal anzusehen, besonders die Stellen mit dem Interview des seltsamen Satanisten Astarte. Vor allem interessierte ihn dabei das Gewitter im Hintergrund, und er benutzte ein Spezialgerät, Advanced Definition Optics, um die Umgebung näher heranzuholen und die Bildqualität zu verbessern. Seiner Meinung nach handelte es sich dabei um ein Unwetter ganz besonderer Art. Es schien sehr heftig und auf ein bestimmtes Gebiet konzentriert zu sein, über dem es für einen längeren Zeitraum stehenblieb. Da er jedoch zu dem Zeitpunkt nicht besonders darauf geachtet hatte, konnte er sich nicht erinnern, irgendeine Spur des Gewitters nach dem Beben bemerkt zu haben. Es war, als hätte es sich mit den Erschütterungen einfach aufgelöst. All diese widersprüchlichen Einzelheiten gingen ihm durch den Kopf, als er sich aufmerksam die Videoaufnahmen ansah. Endlich kam ihm mit dem ersten Morgenlicht der erlösende Einfall. Er schlug mit der Hand auf den Tisch, stoppte das Band und lief mit der Taschenlampe in der Hand hinüber zu einer großen Israelkarte an der gegenüberliegenden Wand. Er fand darauf den Ölberg und versuchte, den Sichtwinkel festzulegen, den er von dem Balkon der Villa aus gehabt hatte. Bevor ihm dies gelang, lenkte ihn ein ständig lauter werdendes Klopfen an der Tür des vorderen Büros ab. Hunter mochte Unterbrechungen ganz und gar nicht. Aber sein Ärger verflog, als er die Tür öffnete und davor eine umwerfende junge Frau zwischen zwei ihr offenbar nicht ebenbürtigen Begleitern stehen sah. Er erfuhr von ihnen, daß sie zu einem der eilig zur Unterstützung herbeigeholten WNN-Teams gehörten, die kommen sollten. Sie waren stilvoll – in einem komplett ausgerüsteten, mobilen, zwölf Meter langen Ü-Wagen mit eigener Energieversorgung – aus Kairo angereist.
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21 ROMEMA-ILIT-WOHNSIEDLUNG, JERUSALEM, ISRAEL, 5 UHR 50, SAMSTAG, 1. JANUAR 2000 Im Traum war Feldman wieder ein Kind. Er lernte zusammen mit seiner schönen, dunkelhaarigen Mutter den Katechismus. Aber sosehr er sich auch Mühe gab, er konnte keine der Lektionen behalten, und das enttäuschte sie sehr. Er seufzte und starrte wieder auf seinen Text, aber der hatte sich verändert. Es war nicht mehr der Katechismus, sondern der Talmud. Er sah wieder auf und diesmal in das Gesicht seines Vaters über ihm. Sein Vater blickte finster und sprach mit strengen Worten auf Jiddisch mit ihm, was Feldman nicht verstand. Er schloß die Augen, weinte und hörte dann die beruhigende und tröstende Stimme seiner Mutter: »Jon, Jon, es ist schon gut, scht.« Er öffnete die Augen, und diesmal sah er in das Gesicht von Anke. Ihr Haar fiel lang auf die bloßen Schultern herab, und das Nachthemd mit den schmalen Trägern verhüllte kaum ihre Brüste. Sie lächelte und flüsterte: »Sie haben einen schlechten Traum gehabt, Jon. Ich habe Sie bis unten gehört.« Der Halbmond stand jetzt hoch am Himmel und erfüllte das Zimmer mit mattweißem Licht. Feldman war verlegen. »Was habe ich gesagt?« Anke lachte leise. »Sie haben nach Ihren Eltern gerufen, erst ›Mama‹, dann ›Papa‹.« Feldman lächelte schuldbewußt, schüttelte den Kopf und versuchte die unbequemen, lange vergessenen Emotionen, die der 80
Traum wieder geweckt hatte, zu verdrängen. »Meine Mutter war katholisch und mein Vater Jude«, erklärte er. »Beide wollten mich in ihrem eigenen Glauben erziehen, und es kam zu vielen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Ich glaube, ich habe eine Szene aus meiner Kindheit noch einmal durchlebt.« »Und wie haben Ihre Eltern ihren Konflikt gelöst?« fragte Anke, die sich neben ihn auf die Bettkante gesetzt hatte. »Überhaupt nicht«, antwortete Feldman. »Sie ließen sich scheiden, als ich neun Jahre alt war.« »Waren Sie ein Einzelkind?« »Ja.« »Das muß sehr schwer für Sie gewesen sein.« Er starrte aus dem Fenster auf die Mondsichel. »Jahrelang fühlte ich mich für alles verantwortlich. Es war mein Erbe, ein Abkömmling der beiden Religionen dieser Erde zu sein, die dem Menschen die meiste Schuld aufbürden.« »Und welchen Glauben haben Sie dann gewählt?« »Keinen von beiden. Schließlich gab ich beide Religionen auf und wurde unabhängig, eigentlich Agnostiker. Aber was nur hat diese Erinnerungen heute nacht ausgelöst? Zum ersten Mal seit zehn Jahren habe ich daran gedacht.« Und es war das erste Mal, so wurde ihm jetzt klar, daß er bei einer anderen Gelegenheit als damals in seiner schwierigen Jugend auf der Couch seines Psychiaters über diese Dinge gesprochen hatte. »Ich hatte auch wirre Träume«, flüsterte Anke und strich ihm genauso sanft über die Haare, wie er es Stunden zuvor bei ihr getan hatte. »Es ist sowieso ein Wunder, daß wir nach allem, was letzte Nacht passiert ist, überhaupt geschlafen haben.« Feldman setzte sich auf, etwas wacher, aber immer noch sehr müde. Ankes warme, schlanke Gestalt in dem leichten Nachthemd neben ihm verwirrte ihn. Er mühte sich ab, seine Gedanken durch eine unverfängliche Bemerkung zu überdecken. »Es … es tut mir so 81
leid, daß ich Sie geweckt habe.« »Das macht nichts«, sagte sie so überzeugend, daß er ihr glaubte. Sie stand auf. »Es ist sowieso Zeit aufzustehen. Gehen Sie doch unter die Dusche, wenn Sie möchten. Ich habe frische Handtücher für Sie hingelegt und mache jetzt das Frühstück.« Feldman war einverstanden, schlug die Bettdecke zurück und stand auf, nur um festzustellen, daß alle seine Kleider in einem Bündel auf dem Fußboden lagen. Er riß sofort das Laken wieder an sich, aufs neue von dieser verwirrenden Frau in Verlegenheit gebracht. Anke drehte sich um und ging hinaus, als wäre nichts gewesen. Aber er hörte ihr liebenswertes, leises Lachen, als sie die Treppe hinunterging. Er seufzte. Immer schien sie ihn in einem blamablen Moment zu erwischen. Draußen wurde es langsam heller, als er nach einer belebenden Dusche in seinen noch genauso zerknitterten Sachen vor einem wunderbaren Frühstück mit Schinken und Eiern Platz nahm. Sie saß ihm gegenüber mit Toast und Orangensaft und schenkte ihm noch einmal Kaffee ein. »Was meinen Sie, Jon, was ist gestern nacht wirklich passiert?« »Sagen Sie es mir.« Er umging eine Antwort, weil er dieses Thema im Augenblick vermeiden wollte. Schon seit damals, als er sich in seiner Jugend von der Religion gelöst hatte, weil er ihr die Schuld an der Scheidung seiner Eltern gab, fühlte er eine Leere in seinem Inneren. Ein Loch in seiner Seele. Vorausgesetzt er hatte eine. Deshalb fand er es schwierig, sich der tieferen Frage nach dem, was gestern nacht passiert oder vielleicht nicht passiert war, zu stellen. Anke lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und dachte einen Augenblick nach. »Na ja«, sagte sie, »ich weiß ehrlich nicht, was ich jetzt denken soll. Aber was ist, wenn Gott – das heißt, wenn man an einen Gott 82
glaubt – uns tatsächlich etwas mitteilen will?« »Wie meinen Sie das?« »Ich glaube, an allem, was letzte Nacht passiert ist, waren zu viele Zufälle beteiligt, als daß man es einfach mit einem Naturereignis erklären könnte, finden Sie nicht? Ob es mir nun gefällt oder nicht, ist das doch eine sehr reale Möglichkeit. Was wäre, wenn Gott nach so vielen Jahrhunderten des Schweigens doch endlich wieder zu uns spräche? Vielleicht liegt darin eine Botschaft. Oder Ansätze zu einer Botschaft. Vielleicht war letzte Nacht eine Mahnung aufzuwachen?« »So, als ob Gott sich mal kurz geräuspert hätte?« Feldman wollte dem Gespräch eine auflockernde Wendung geben; aber weil er noch nicht wußte, wie empfindlich Anke reagieren würde, fürchtete er, daß er wie ein Gotteslästerer auf sie wirken könnte. Aber sie war nicht gekränkt, sondern lächelte. »Das kann sein. Ich weiß nur, daß ich noch nie im Leben solche Angst hatte. Und ich kann nicht einfach so tun, als sei nichts geschehen. Können Sie es?« Aus Feldman brachen jetzt seine wahren Gefühle heraus. »Zum Teufel, Anke, ich bin mir nicht sicher, was ich denken soll. Eine Weile hab' ich sogar gemeint, diese Millennarier, die ich immer für Idioten hielt, könnten schließlich doch recht behalten. Das würde heißen, daß ich verlorene, unwissende Seele zur ewigen Verdammnis verurteilt wäre, weil mir feste religiöse Bindungen fehlen.« Plötzlich verstand er die Ursachen seines nächtlichen Angsttraums, und diese Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht. Niemals zuvor hatte er seinen Träumen irgendwelche Bedeutung beigemessen. Jetzt darin einen Sinn zu entdecken war ein Aspekt, der ihn beunruhigte. Anke verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde, die Lehren dieser Jahrtausendprediger zu akzeptieren«, sagte sie. »Aber man kann andererseits die Ereignisse von gestern nacht auch nicht einfach von der Hand weisen, oder?« »Vielleicht nicht«, sagte er bedächtig und immer noch von seiner 83
neuen Erkenntnis betroffen. »Aber ich finde es recht unglaubhaft, wenn eine vernunftbegabte Gottheit ihre Wiederkunft mit Terrorakten gegenüber ihren Gläubigen manifestiert. Ich glaube, ich werde Bollingers Vorschlag annehmen und einfach abwarten, wie sich das alles bei Tageslicht ausnimmt.« Er mußte nicht mehr lange warten, der Tag brach bereits an. Feldman sah auf seine Armbanduhr und stellte fest, daß es für ihn bei dem schlechten Zustand der Straßen sehr knapp werden würde, wenn er noch bei seiner Wohnung vorbeifahren wollte, um sich umzuziehen. Anke war schon vom Tisch aufgestanden. »Wie ich höre, werden Sie Israel bald für längere Zeit verlassen?« Feldman zuckte die Schultern. »Ich fürchte, ja. Dies war ja nur ein befristeter Auftrag hier bei WNN. In den Staaten wartet eine neue Stelle auf mich.« Aber als er ihr in die Augen sah, verlor die neue Position einiges von ihrem Reiz. Sie nickte, und ein flüchtiger Ausdruck der Enttäuschung huschte über ihr Gesicht. »Nun, Mr. Feldman«, sie lächelte jetzt wieder, »das war bestimmt ein Silvesterabend, den wir nicht so schnell vergessen werden!« Feldman stand auf und ging auf sie zu. Diesmal wurden seine Absichten nicht durchkreuzt. Der Kuß war um so länger, als er schon so lange fällig war. Die Erde unter ihm schien wieder zu beben. Und als er wegging, fühlte er viel mehr neue Kraft in sich, als die anderthalb Stunden Schlaf ihm eigentlich hätten geben können. Die Autofahrt, behindert durch umgestürzte Mauern, Leitungsmasten und herabhängende Stromkabel, war mühsam. Er hielt kurz bei seiner Wohnung an, um die Kleider zu wechseln. Auf seiner Veranda fehlte die übliche Morgenzeitung. Er öffnete die Tür und sah mit Unmut seine verlotterte, unaufgeräumte Wohnung, die im Vergleich mit Ankes Stadtwohnung ziemlich miserabel abschnitt. Mit 84
einem Achselzucken nahm er sich fest vor, bei nächster Gelegenheit gründlich sauberzumachen und aufzuräumen. Er zog sein Hemd aus, warf es neben einen Wäschekorb in der Ecke und streifte ein frisches über. Als er nach seiner Schultertasche griff, piepste das Handy. Es war Hunter. Trotz der schlechten Verbindung war die Erregung in seiner Stimme zu hören. »Verdammt, seit einer Stunde versuch' ich schon, dich zu erreichen!« »Also, mein Anschluß war frei«, versicherte Feldman, »aber wahrscheinlich sind die Funkverbindungen in der Gegend hier überlastet.« »Hör gut zu, falls die Verbindung abreißt«, sagte Hunter und schnaufte aufgeregt. »Es ist unglaublich! Eines der WNN-Teams ist heute morgen aus Kairo angekommen, und wir sind alle zusammen nach Bethlehem gefahren. Du mußt sofort herkommen! Wir haben's verpaßt, Kumpel!« »Bethlehem? Was ist denn los in Bethlehem?« »Hier war das Epizentrum des Bebens. Derselbe Fleck, wo wir gestern nacht das Unwetter gesehen haben. Was hier unten abgeht, ist wirklich verrückt, ich erzähl' dir dann alles, aber halt dich ran und komm her, bevor uns der Knüller hier durch die Lappen geht.« »Okay, schon gut, aber was ist mit Bollinger und der Besprechung?« »Ich hab' ihn nicht erreichen können. Sag ihm, wir haben 'ne Riesenstory als Fortsetzung zu gestern abend. Schaff alle und alles hier runter, aber avanti! Eine zweite mobile Einheit ist von Kairo aus unterwegs, die dürfte bald in der Zentrale sein. Die brauchen wir auch. Wenn du hier ankommst, halt Ausschau nach einem WNNÜ-Wagen mit Satellitenschüssel. In der Nähe der Davidsmauer, auf dem offenen Platz zwischen Sderot König David und Sderot Manger an der Nordseite. Wenn wir Glück haben, sind wir die einzigen Berichterstatter hier. Tschüs.« Und Hunter war weg. 85
Mein Gott, schläft der Typ eigentlich nie? dachte Feldman, als er versuchte, Bollinger vom Auto aus anzurufen. Aber die Leitungen waren hoffnungslos überlastet. Auf seiner stockenden Fahrt durch Jerusalem war der Reporter überrascht, so viele Gebäude mit schweren Schäden zu sehen. Die Dunkelheit hatte das Ausmaß der Zerstörung gut getarnt. Als er die Altstadt passierte, bemerkte er breite Risse im zugemauerten Eingang des heiligen Goldenen Tores. Er schüttelte den Kopf über die Zerstörung, bog auf eine Ausfallstraße nach Süden ab und ließ die Stadt hinter sich. Nach Bethlehem war es normalerweise nur eine kurze Autofahrt. Von Jerusalem aus lag es praktisch wie ein Vorort nur zehn Kilometer weiter südlich. Aber als Folge des Bebens dauerte die Fahrt heute länger. Feldman blieb jede Menge Zeit, immer wieder auf den Knopf für Wiederwahl an seinem Handy zu drücken. Endlich kam er zu Cissy durch. »Wo bist du?« wollte sie wissen. »Wir haben den ganzen Morgen versucht, dich zu erreichen.« »Ich bin auf dem Weg nach Bethlehem«, sagte er ihr. »Wo? Hast du was von Hunter gehört?« »Ja, der ist schon in Bethlehem.« »Was zum Teufel macht er denn da? Jimmy hat mir erzählt, er wäre heute morgen ganz früh mit einem der neuen mobilen Teams aus Kairo losgefahren. Der Dreckskerl hat mein Auto und sollte mich zur Besprechung abholen!« Feldman hörte Cissy mit jemandem reden, und dann riß Bollinger den Hörer an sich. »Jon, was ist los?« »Arnie, Hunter hat mich vor einer Weile aus Bethlehem angerufen. Er ist mit einem der Teams aus Kairo dort unten. Er will die ganze Crew und die ganzen Geräte unten haben, jetzt. Er sagt, daß wir dort eine Bombensache finden, wenn wir uns beeilen.« »Was ist denn los?« »Er hatte keine Zeit für Einzelheiten, aber er hat versichert, Beth86
lehem sei gestern nacht das Zentrum des Erdbebens und des Gewitters gewesen. Er sagte, was da unten abgeht, sei der absolute Wahnsinn.« Das schien Bollingers Interesse zu wecken, aber er klang dennoch etwas gereizt. »Feldman, ich hoffe, daß es wirklich etwas Lohnendes ist«, sagte er warnend. »Ich hätte gern etwas mehr gewußt als nur, daß da unten etwas Verrücktes abgeht, bevor wir uns alle hier mitten in der Story ausklinken.« »Das ist alles, was ich weiß, Arnie. Aber er ließ nicht locker.« Bollinger schimpfte vor sich hin und beendete das Gespräch. Feldman schaltete das Autoradio an. Endlich war Radio Israel wieder auf Sendung. Feldman mußte auf die englische Fassung warten, um weitere schreckliche Meldungen über das Geschehen am Vorabend zu erfahren. Weltweit Panik, Gewalt, Zerstörung und Tod. Auch Radio Israel meldete, daß Bethlehem das Epizentrum eines großen Erdbebens der Stärke sieben auf der Richterskala gewesen war und bestätigte damit Hunters Behauptung. Bis auf ein schwaches Beben in Rom hatte anscheinend keine weitere Stadt, die als Stützpunkt der Millennarier galt, irgendwelche Schäden erlitten.
22 BETHLEHEM, ISRAEL, 9 UHR 33, SAMSTAG, 1. JANUAR 2000 Als sich Feldman von Norden Bethlehem näherte, sah er die malerische Hügelstadt vor sich liegen, deren etwa zwanzigtausend Ein87
wohner hauptsächlich christliche Araber waren. Ihre Familien hatten seit Jahrhunderten hier gelebt. Bethlehem hatte sich seit Christi Geburt außer in der ethnischen Zusammensetzung seiner Bevölkerung wenig verändert. Hirten trieben immer noch ihre Schaf- und Ziegenherden von den spärlich bewachsenen Weiden auf den Hügeln, die die Stadt umgaben, durch die engen gepflasterten Gassen bis zum Zentrum des Ortes, dem Marktplatz und Basar. Mitten zwischen alte, historische Gebäude hatte man jahrhundertelang wahllos neuere Bauten gezwängt. Aber da sie aus dem gleichen Stein errichtet waren, konnte man sie kaum von den älteren unterscheiden. Aus dem Labyrinth von eng beieinanderstehenden Wohnhäusern sah man die eleganten Türme von einem Dutzend Kirchen aus hellem Sandstein aufragen. Im Mittelpunkt stand die eintausendvierhundert Jahre alte Geburtskirche am Manger Square, die sich über der Geburtsgrotte, dem angeblichen Geburtsplatz Christi, erhob. Feldman war erstaunt, daß von dem starken Erdbeben am Abend zuvor hier keine Schäden zu sehen waren. Statt eines Notstandsgebiets fand er eine Stadt vor, die von Millennariern überquoll. In den Läden und Cafés wimmelte es von Menschen, und es gab keine Anzeichen dafür, daß die städtische Versorgung unterbrochen war. Keine Absperrungen wegen der Reparatur von Strom- oder Gasleitungen, keine Sondereinheiten, die sich durch Trümmerberge gruben. Die größte Menschenmenge hatte sich nicht am beliebten Manger Square in der Stadtmitte versammelt, wie Feldman erwartet hatte, sondern auf einem großen, parkähnlichen Wiesenstück weiter nördlich. Die Wiese lag wie eine Insel zwischen Sderot König David im Norden und Sderot Manger im Süden – ›Sderot‹ ist das hebräische Wort für Straße. In der Nähe der Stelle, wo die zwei Straßen wieder zusammentrafen, entdeckte Feldman den WNN-Übertragungswagen, der hinter einer Reihe von stuckverzierten Gebäu88
den geparkt war. Er klopfte an die Tür, ein Riegel wurde zurückgeschoben, und ein ihm unbekannter, etwas weltfremd aussehender Mann mittleren Alters mit Krawatte und Hornbrille, der ihn seinerseits sofort erkannte, begrüßte ihn. »Mr. Feldman, wir haben Sie erwartet.« Feldman war noch nicht an seine neu gewonnene Berühmtheit gewöhnt. »Na also, du hast's geschafft!« tönte Hunters Stimme aus dem Dunkel des Wagens. Bevor sich die Tür schloß und er vorübergehend wie blind war, erblickte er Hunter, der an einem kleinen Tisch neben einer sehr attraktiven Frau mit Brille saß. Sie trug ein Nadelstreifenkostüm mit ausgeschnittener Bluse. Ihr intelligentes Gesicht, von glattem, dunklem Haar eingerahmt, das sie mit Fransen über der Stirn und im Nacken kurz geschnitten trug, kam durch ihr perfektes Make-up noch mehr zur Geltung. Hinter ihr befand sich eine Wand mit flimmernden Monitoren. Seine Augen gewöhnten sich langsam an das blaue Licht. »Jon«, begann Hunter, »darf ich dich Erin Cross, der Expertin für nahöstliche Religions- und Altertumsgeschichte bei WNN, vorstellen? Und der, den du eben getroffen hast, ist Robert Filson, Chefredakteur der Nachrichten.« Feldman lächelte und gab ihnen die Hand. Roberts Händedruck war weich, feucht und schlaff, der von Erin kühl und fest. Als sie sich über den Tisch zu Feldman beugte, gab der tiefe Ausschnitt ihrer maßgeschneiderten Bluse einen unvermeidlich tiefen Blick auf ihr Dekolleté frei. »Es ist mir ein Vergnügen, den berühmten Mr. Feldman kennenzulernen«, sagte sie mit ihrer interessanten Stimme und lächelte. Ihr dunkler Lippenstift bildete einen starken Kontrast zu ihrer milchweißen Haut. Ein Telefon an der Wand blinkte, und Hunter bat 89
eindringlich darum, es nicht zu beachten. »Das ist nur wieder Bollinger«, schnaubte er ungeduldig. »Wir informieren ihn, wenn er hier ankommt, aber jetzt keine Unterbrechungen mehr.« Er zog den Stecker aus der Dose. Filson hob eine Augenbraue, aber Hunter bemerkte es gar nicht und begann sofort zu erzählen. »Gestern abend, nachdem ich Cissy abgesetzt hatte, ging ich in die Zentrale zurück. Wie alle anderen, denke ich, ließ mich die Spannung nach dem, was passiert war, nicht zur Ruhe kommen, und ich wollte das Material, das wir am Anfang des Erdbebens gedreht hatten, noch einmal ansehen. Ich versuchte, den genauen Herkunftsort des Gewitters zu bestimmen, als diese Kollegen«, er zeigte auf Erin und Filson, »kurz nach Tagesanbruch ankamen. Sie können Amateurfunk empfangen, und auf der Fahrt von Kairo hierher kam ein Bericht aus der Türkei herein, daß das Epizentrum des Bebens anscheinend hier in Bethlehem war, genau da, wo ich auf der Karte das Gewitter lokalisiert hatte.« Feldman unterbrach ihn. »Ja, aber ich habe auf dem Weg in die Stadt überhaupt keine Schäden bemerkt, und in Jerusalem ist doch einiges zerstört.« »Das ist nicht einmal das Merkwürdigste«, antwortete Hunter. »Als wir das Gewitter und das Beben mit Bethlehem in Verbindung gebracht hatten, beschlossen wir einstimmig, der Sache nachzugehen. Und es hat sich gelohnt. Wirklich gelohnt. Sieh dir das an.« Er zeigte auf einen Monitor. »Das ist eine Auswahl von den Aufnahmen, die wir heute morgen auf dem König-David-Platz geschossen haben«, erklärte Hunter. »Wir sind gerade dabei, sie zusammenzuschneiden.« Er nahm eine Fernbedienung vom Tisch und ließ einen Ausschnitt anlaufen. »So, jetzt sieh dir mal Monitor C an.« Auf der Bildfläche erschienen die Überreste eines Gevierts, eine alte Steinmauer, etwa ein Meter zwanzig hoch, fünfzig Meter lang und fünfundzwanzig Meter breit. »Das ist eine archäologische Aus90
grabungsstelle, die als Davidsmauer bekannt ist.« Hunter benutzte das hebräische Wort ›Tel‹, das er von Erin Cross gelernt hatte. Feldman verstand nicht ganz, aber er wollte ihn nicht unterbrechen. »Die Davidsmauer verläuft ungefähr einen Steinwurf von hier an der Westseite des Platzes«, fuhr Hunter fort. »Es gibt zur Zeit allerhand Ausgrabungen in dieser Gegend.« Die Kamera bog um eine Ecke und kam zu einer Öffnung in dem Geviert. In der Mitte eines Hofes befand sich eine wassergefüllte Zisterne aus massivem Stein. Sie hatte einen Durchmesser von zwei Metern, und die Menschen schöpften vorsichtig Wasser in Krüge, Flaschen und andere Behälter. »Also, jetzt sind wir innerhalb der Mauer«, führte Hunter weiter aus, »und wir haben den alten Brunnen Davids vor uns.« Feldman hatte etwas Aufregenderes erwartet und rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her. Aber Hunter ließ sich Zeit. »Erin«, sagte er zu der jungen Frau neben sich, »erzählen Sie Jon von dem Brunnen.« Erin drehte Feldman ihren Schwanenhals zu und lächelte kokett. »Aber gern. Die Mauer und der Brunnen sind die ältesten historischen Wahrzeichen von Bethlehem, die auf das Jahr 1000 vor Christus zurückgehen. Der Brunnen versorgt die Anwohner noch heute mit Trinkwasser. Nach der Legende soll vor dreitausend Jahren ein junger Hirte seine Ziegenhaut an diesem Brunnen mit Wasser gefüllt haben, und dann sah er den Israeliten beim Kampf gegen die Philister zu, die hier eindrangen. Dieser Hirtenjunge, der in Bethlehem geboren war, David hieß und später der größte König des alten Israel wurde, soll Wasser von diesem Brunnen getrunken haben, bevor er den Kampf gegen den Philisterriesen Goliath eröffnete und ihn erschlug.« Hunter unterbrach sie. »Keine schlechte Anekdote für den Anfang, oder?« Er strahlte förmlich vor Selbstzufriedenheit. »Jetzt sieh dir Monitor E an, Jon.« 91
Mit einem Knopfdruck erschien ein ausgedehnter Blick auf die Wiese. Die Kamera war nach Osten gerichtet. Ungefähr fünfunddreißig Meter gegenüber der Öffnung in der Davidsmauer lag ein großer, teilweise ausgegrabener Hügel, in dem eine Steintreppe freigelegt worden war. Die Stufen führten zur abgeflachten Kuppe des Hügels, auf dem Reste massiver Steinsäulen zu sehen waren. Feldman vermutete, daß dies die Überbleibsel eines ehemals prächtigen Bauwerks waren, wie so vieles in Israel, das seine ruhmvollen Tage längst hinter sich hatte. Er konnte sonst wenig erkennen, da Scharen von Millennariern umherwanderten. Erin setzte ihre Archäologielektion fort. »Das sind die Ruinen eines alten israelitischen Tempels«, sagte sie. »Er ist fast so alt wie der Davidsbrunnen. Von König David gebaut, so erzählt die Legende, um einen anderen großen Herrscher anzukündigen, der auch Wasser von diesem Brunnen trinken würde.« Hunter wandte sich zu Feldman. »Gestern abend, bei dem Gewitter und dem Erdbeben, hat sich hier etwas Unerhörtes ereignet, wie Hunderte von Augenzeugen berichten, und wir haben mit Dutzenden von ihnen Interviews gemacht. Zu dem Zeitpunkt waren nur ungefähr zweitausend Menschen in der Nähe dieser heiligen Stätten, hauptsächlich Leute, die auf dem überfüllten Manger Square keinen Platz mehr fanden. Die Gruppe hier gehört zum größten Teil zu einem millennarischen Orden, der unter der Bezeichnung Samariter bekannt ist. Sie haben für Kranke und Invalide aus aller Welt Reisen nach Bethlehem organisiert, mit dem Hintergedanken, daß die Ärmsten bei der Wiederkunft des Herrn geheilt werden könnten.« Hunter beugte sich zu Feldman hinüber und legte die Hände auf den Tisch. »Im Gefolge der Samariter war ein Beduinenjunge von vierzehn, fünfzehn Jahren. Angeblich wurden der Junge und seine Eltern von einer Gruppe Samariter, die aus dem Süden kamen, mitgenommen. Der Sohn wurde gestern auf einer Bahre zum Brunnen 92
gebracht. Er konnte weder gehen noch sehen, hören, sprechen oder allein essen. Darauf schwören jedenfalls alle.« Feldman hoffte, daß das Ganze nicht als irgendeine religiöse Wundergeschichte enden würde. »Nachdem sie ihn getauft hatten«, fuhr Hunter fort, »hielten er und seine Familie sich bis zu den Feierlichkeiten am Abend an der Davidsmauer auf, und der Junge lag einfach da auf seiner Bahre und schien zu schlafen. Später kam, wie du weißt, das Gewitter. Kurz vor Mitternacht blitzte es oft, und der Wind wurde stärker; zwar regnete es nicht, aber alle rannten zu den Gebäuden rings um den Platz, um sich unterzustellen. Da bemerkten einige Leute, daß jemand den Jungen vergessen hatte.« »Sie ließen ihn einfach da draußen im Gewitter liegen?« stieß Feldman ungläubig hervor. »Ja. Offenbar wurden alle durch das Unwetter und weil die heilige Stunde der Mitternacht nahte von Panik ergriffen. Als es immer stärker blitzte, sahen ihn einige da draußen hell angestrahlt liegen, aber bevor jemand den Mut hatte, hinzugehen und ihn zu holen, stand er plötzlich auf, nahm seine Binden ab, ging in das Geviert, schöpfte gelassen Wasser aus dem Brunnen und trank es. Dann, als alle schrien, er solle da weggehen, ging er langsam auf den alten Tempel zu. Inzwischen gab es den großen Countdown bis Mitternacht, bei dem ein großer Teil der Menge mitzählte und nicht bemerkte, was mit dem Jungen geschah. Der ging einfach weiter die Stufen hinauf, drehte sich oben um und erhob die Arme. Da brach der Jubel zur Feier des neuen Jahrtausends los, Schreie und Hurrarufe, und plötzlich gab es einen furchtbaren Blitz. Es muß ein Einschlag ganz in der Nähe gewesen sein. Alle behaupten, der Blitz habe den Jungen getroffen. Gleichzeitig begann die Erde, wie vom Blitz ausgelöst, zu beben, und ich kann euch zeigen, was dann geschah.« Hunter schaltete Monitor G an, der eine Nahaufnahme vom unteren Teil des Brunnens brachte. 93
Feldman sah die Anfänge einer Zickzackspalte im Boden. Die Kamera verfolgte sie vom Brunnen weg, und der Riß klaffte an manchen Stellen bis zu dreißig Zentimeter breit auseinander und lief in Schlangenlinien weiter. »Sie behaupten, der Boden habe sich einfach geöffnet, so wie man es hier sehen kann«, erklärte Hunter, »bis oben hin, geradewegs zwischen den Beinen des Jungen hindurch. Und siehst du, was da auf der obersten Stufe eingeritzt ist?« Hunter war außer sich vor Begeisterung. Die Kamera wanderte weiter an der Spalte entlang, um auf die letzte Stufe zuzufahren. Verwitterte hebräische Lettern, die in die Vorderseite der Stufe gehauen waren, wurden sichtbar. Die Spalte teilte die ersten zwei Buchstaben, aber sie waren lesbar, wenn auch für Feldman nicht zu entziffern. »Genau da, wo der Junge gestanden haben soll«, Hunter beugte sich vor und berührte die Bildfläche mit dem Zeigefinger, »da, da steht das alte hebräische Wort für ›Messias‹, korrekt, Erin?« »Das ist richtig«, bestätigte Erin. »Die Buchstaben laufen von rechts nach links. Die hebräische Aussprache lautet ›Moshiach‹.« »Und der Gipfel ist«, Hunter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, »es sollen über zweihundertfünfzig Kranke und Behinderte dagewesen sein, die jetzt behaupten, daß sie von ihren Gebrechen geheilt wurden, als der Blitz einschlug. Ich sag' dir, es ist Voodoo, Jon, aber es ist genial! Wir haben den besten aller Fortsetzungsberichte! Der Höhepunkt, auf den alle gewartet haben!« Er lehnte sich zurück und genoß den Erfolg. »Wir haben eine echte Messiasfigur!« Erin Cross leistete ihm zusätzliche Schützenhilfe. »Ich kann Ihnen sagen, Mr. Feldman, es sieht nicht schlecht aus. Wir haben mit vielen Menschen hier gesprochen, die sagen, sie seien geheilt worden – von Krebs bis zur Blindheit. Und manche der Aussagen sind recht überzeugend. Es wird ein sensationelles Feature geben.« Feldman hatte den größten Teil dieser Reden schweigend angehört, die Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn auf die Daumen ge94
stützt, die Finger gegen den Mund gepreßt. Aber seine Augen verrieten eine wachsende Faszination. »Das ist total unglaublich, Breck«, flüsterte er endlich. »Absolut unfaßbar. Dieser Junge, wo ist er? Habt ihr ihn gesehen? Habt ihr mit ihm gesprochen?« »Nein«, gab Hunter zu. »Die Samariter halten ihn versteckt, um ihn zu schützen, wie sie behaupten. Wir wissen nicht einmal, ob er noch in Bethlehem ist. Aber wir bleiben dran.« Filson, der bisher nichts zum Gespräch beigetragen hatte, sagte jetzt mit der nüchternen Stimme eines Menschen, der von Generationen von Buchhaltern abstammt: »Das gibt alldem natürlich ein schönes Element des Geheimnisvollen. Aber ohne den Jungen geht uns das Beste an der Geschichte verloren. Und wir sind unseren Knüller los, wenn ein anderer Fernsehsender ihn vor uns findet. Ich glaube, wir sollten unser Wissen für uns behalten und uns vor allem darauf konzentrieren, den Jungen zu finden. Sonst riskieren wir jede Menge anderer Schnüffelreporter auf seiner Spur.« Feldman und Hunter tauschten Blicke. Es war nicht klar, ob Filson den Versuch machte, sich durchzusetzen, oder ob er einfach seine Meinung zum besten gab. Aber obwohl sie noch nicht wußten, welche Rolle Filson bei dieser Aktion vielleicht zukam oder auch nicht, wollten Hunter und Feldman auf keinen Fall zulassen, daß sich einer von außen einmischte und der Sache den Schwung nahm. »Ich habe genug Vertrauen in unser Team, um gleich mit dieser Geschichte herauszukommen«, antwortete Feldman geradeheraus und bestimmt. »Besonders da wir jetzt auch Ihre zwei WNN-Spitzenteams haben.« Er behandelte Filson ein bißchen gönnerhaft, aber der merkte das anscheinend gar nicht. »Keine Sorge, Filson«, versicherte ihm Hunter, »wir haben die Leute, das Gespür und den Kontakt zu Insidern, um die Aufgabe lösen zu können.« 95
Sie warteten nicht auf seine Zustimmung, sondern erhoben sich, und Feldman klopfte Hunter kräftig auf den Rücken. »Gute Arbeit, Kumpel. Jetzt führ mich doch mal ein bißchen draußen herum und sag mir, wie du dir die Story vorstellst.« Erin stand mit ihnen auf, und Filson, der einen Einwand zu haben schien, machte endlich den Mund zu und sagte nichts. Hunter grinste Feldman an. »Da fängt die Präsidentenwahl jetzt doch an, 'n bißchen lahm auszusehen, oder?« Feldman lächelte nur. Als der wütende Bollinger und seine Leute endlich zusammen mit dem zweiten Kairoer Team ankamen, hatten Hunter und Feldman schon die Schnittfolge und den Verlauf ihres Berichts ausgearbeitet. Statt dem aufgebrachten Chef irgendeine Erklärung zu geben, setzten sie ihn einfach zusammen mit so vielen Teammitgliedern, wie sie in den Ü-Wagen quetschen konnten, vor den Monitor und spielten ihnen eine vorläufige Fassung ihrer Sendung vor. Feldman kommentierte live, und das Video enthüllte systematisch die ganze bizarre Geschichte. Die letzte Sequenz ihrer Story konzentrierte sich auf die Nutznießer der Wunder, die sich angeblich ereignet hatten, als der Blitz einschlug. Besonders ergreifend war die Sequenz eines jungen Mädchens aus dem Süden Alabamas, das einige Jahre zuvor einen Autounfall erlitten hatte. Die Fotos zeigten die Überreste des Unfallwagens sowie das Mädchen, von oben bis unten in Gips und dann in einem Rollstuhl sitzend. Jetzt, nach den Ereignissen der Jahrtausendwende, sah man sie mit strahlendem Gesicht, als sie unsicher auf zwei erbärmlich dünnen, aber offenbar beweglichen Beinen ging. Die Freude und religiöse Ergriffenheit ihrer Eltern waren äußerst bewegend. Vollkommen überzeugend. Damit dieses ›wunderbare‹ Ereignis nicht als Fehlinterpretation 96
zur Ankündigung des nahenden Weltuntergangs mißbraucht werden konnte, hatte Feldman der Geschichte ein profanes Ende gegeben: als positive Botschaft der Hoffnung und des Glaubens und der außerordentlichen Heilkräfte des Geistes. Ein erfrischender Optimismus, der die Behauptung der Samariter, es gehe um Wunder und um die Ankunft eines neuen Messias, zurückwies. Aber Hunter hatte darauf bestanden, daß der Bericht damit endete, daß die Kamera langsam auf das gemeißelte Wort ›Moshiach‹ zufuhr. Nach kurzem Schweigen in dem engen Ü-Wagen erhob sich ein Gemurmel, und alle, sogar Filson, brachen in stürmischen Beifall aus. Feldman verbeugte sich, streckte den Arm aus und wies auf Hunter, der das Lob mit einem erfreuten Grinsen entgegennahm. Bollingers Ärger war verflogen, und er sah ebenso erleichtert wie zufrieden aus. »Breck«, sagte er, atmete tief aus und lächelte breit. »WNN ist schon den ganzen Tag wegen der Einzelheiten für den nächsten Teil unserer Sendung hinter mir her, und ich konnte nichts tun, als ihnen ›eine tolle Story‹ zu versprechen. Gott sei Dank, daß du die gebracht hast, du Arschloch.« Offensichtlich hatte er gemerkt, daß Hunter seine Anrufe ignoriert hatte. »Also«, sagte Bollinger, wieder ganz der Studiochef, und rieb sich hoffnungsfroh die Hände, »wollen wir doch mal sehen, ob wir den Jungen finden können!«
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23 BETHLEHEM, ISRAEL, 7 UHR 17, SONNTAG, 2. JANUAR 2000 Als Hunter und Feldman am nächsten Morgen schon früh in einem Café saßen, rührten sie ihr Frühstück nicht einmal an. Sie waren vollkommen in verschiedene Artikel der Londoner Times von gestern und heute vertieft, die elektronisch über Satellit direkt zu einem Fax im Ü-Wagen von WNN übertragen worden waren. Die gestrige Ausgabe enthielt in einem Artikel auf der ersten Seite unten eine Meldung mit dem Titel: ›Falscher Alarm löst Panik vor Weltuntergang aus‹. Der Untertitel lautete: ›Erdbeben in Jerusalem kündigt neues Jahrtausend an‹. In der heutigen Ausgabe war die Story jedoch auf der Titelseite ganz nach oben vorgerückt: ›Berichte über neuen Messias erschüttern die Welt!‹ Der Artikel ging über mehrere Spalten und schilderte neben der allgemeinen religiösen Unruhe auch ausführlich die merkwürdigen Ereignisse in Israel und auf der übrigen Erde. Feldman war erleichtert, daß wenigstens keine größeren Unruhen oder Gewalttätigkeiten ausgebrochen waren. In sämtlichen religiösen Organisationen herrschte Verwirrung. Die offiziellen Reaktionen fielen ganz unterschiedlich aus und gingen von der unumwundenen Ablehnung durch das katholische Kardinalskollegium in Rom bis zur unbedingten Akzeptanz durch solche Religionsgemeinschaften wie die Siebenten-Tags-Adventisten und die Mormonen. Die meisten religiösen Führungsorgane wie der jüdische Rat der Rabbiner nahmen eine abwartende Haltung ein. Inte98
ressant war, fand Feldman, der Bericht über ein schwaches Beben in Rom mit kleinen Schäden an dem wertvollen Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle und einem Riß im großen Steinaltar in der Peterskirche. Aus Salt Lake City jedoch wurden keine ›übernatürlichen‹ Vorkommnisse gemeldet. Feldmans Blick fiel auf eine andere kleine Meldung, die er Hunter zeigte. Joshua Milbourne, geistliches Oberhaupt der Zeugen Jehovas, der das WNN-Programm zur Jahrtausendwende von seinem Bett im Krankenhaus aus verfolgt hatte, war noch in derselben Nacht an einem schweren Herzinfarkt gestorben. Der Tod trat eine Minute nach Mitternacht ein, hieß es da, als Milbourne den Beginn des dramatischen Erdbebens beobachtete. »Na ja«, meinte Hunter trocken, »er hat es sozusagen bis zur Wiederkunft geschafft und die alte Prophezeiung erfüllt. Die Zeugen Jehovas dürften also weiterhin im Geschäft bleiben!« Als Hunter und Feldman zur morgendlichen Teambesprechung vor dem Ü-Wagen von WNN erschienen, machten sie flüchtig Bekanntschaft mit einem irgendwie vertraut aussehenden, höheren Angestellten in einem teuren Anzug mit Krawatte, der bei Bollinger stand. Bollinger bemerkte gar nicht, daß sie gekommen waren, und redete weiter mit der Gruppe. Aber der Neuankömmling setzte sich ab und kam auf Feldman und Hunter zu. Feldman erkannte ihn endlich und drückte seine Hand. Es war Nigel Sullivan, der Chef von WNN Europa. Obwohl sie sich nie begegnet waren, kannte und respektierte Feldman den Mann sehr, der für die WNN-Berichte zur Jahrtausendwende und Feldmans jetzige Stellung verantwortlich war. »Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Sullivan.« Sullivan lächelte herzlich und schüttelte auch Hunter die Hand. Mit einer Geste bat er die müde aussehenden Reporter in die letz99
te Stuhlreihe. »Bitte, keine Förmlichkeiten. Ich bin Nigel – für Sie und alle anderen«, sagte er mit dem vornehmen Akzent des englischen Aristokraten. Aber es klang weder distanziert noch snobistisch. »Ich freue mich sehr, euch Jungs mal kennenzulernen. Ich habe Arnie und Ihren Kollegen gerade gesagt, welch vorzügliche Arbeit Sie geleistet haben. Einfach hervorragend.« »Danke, Sir«, antworteten beide und schafften es doch noch nicht, die Förmlichkeit abzustreifen. »Haben Sie schon von den Reaktionen auf Ihre Sendung von gestern abend gehört?« fragte Sullivan. »Nur was wir in den Morgenzeitungen gelesen haben«, antwortete Feldman. Sullivan setzte sich in seinem Stuhl zurecht und sah ihm direkt in die Augen. »Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß WNN mit Hilfe des ausgezeichneten Beitrags Ihres Teams gestern und vorgestern abend die weltweit höchsten Einschaltquoten für Nachrichtensendungen hatte, besser denn je. Ein Anteil von einundsiebzig Prozent! Nicht nur noch nie dagewesen, sondern einfach unfaßbar!« Feldman und Hunter sahen sich ungläubig an und grinsten breit. »Das ging so schnell und ist eine so große Sache geworden«, fuhr Sullivan fort, »daß es uns alle überrumpelt hat. Im Moment kommt keine andere Fernsehanstalt auch nur annähernd an uns heran. Aber glauben Sie mir, Gentlemen, nach diesen zwei Abenden werden sie alle große Anstrengungen unternehmen, um uns einzuholen.« Das war offensichtlich. Von ihrem Platz aus konnten sie zwölf Übertragungswagen konkurrierender Anstalten zählen, wo vor zehn Stunden noch kein einziger gestanden hatte. Eine Reihe von Nachrichtenhubschraubern, darunter auch der von Sullivan, waren auf der Wiese daneben abgestellt. »Jon«, wandte sich Sullivan an Feldman und legte dem Reporter eine Hand auf die Schulter, »ich höre, Sie haben eine Stelle in den Staaten angenommen. Und obwohl ich weiß, daß es vielleicht zu 100
spät ist, möchte ich Sie darum bitten, es sich noch einmal zu überlegen. Ich bin bereit, Ihnen einen neuen, unbefristeten Vertrag anzubieten und Ihnen das Vierfache von dem zu zahlen, was immer man Ihnen dort geboten hat.« Er wandte sich zu Hunter. »Und die gleichen Bedingungen gelten auch für Sie, Breck.« Die zwei Reporter blinzelten sich zu. »Wir wollen unsere Berichte über diese Entwicklung ausweiten«, erklärte Sullivan, »und dabei Ihre beispiellose Machart und Ihren Stil beibehalten. Wir stellen Ihnen mehrere zusätzliche Teams zur Verfügung, um die Story über den jungen Messias auszubauen. Wir machen unser Studio in Jerusalem zu einem regionalen Nachrichtenzentrum, dehnen unsere Aktivitäten aus und nehmen drei zusätzliche Flügel für Büro- und Besprechungsräume dazu. Ich bin hier, um sicherzustellen, daß Sie, meine Herren, bekommen, was Sie brauchen – wirklich alles, was Sie brauchen. Das ist eine verdammt gute Geschichte, Jungs. Wenn man es richtig angeht, könnte das die Story des Jahrhunderts werden. Des Jahrtausends!« Einige Meter von ihnen entfernt hatte Bollinger gerade Belobigungen an seine Truppe verteilt und bat nun Nigel Sullivan herüber, um ein Wort an alle zu richten. Sullivan erhob sich, und die zwei Journalisten folgten ihm. »Wir essen heute mittag zusammen, wenn Sie Zeit haben, Gentlemen, und werden unser Gespräch dann fortsetzen.« Sie nickten, dankten ihm, und er trat vor die versammelte Mannschaft, um den Rest des Teams zu beglückwünschen und sie zu ermutigen. Feldman und Hunter schauten sich voll unterdrückter Begeisterung an. »Ach du Scheiße, Feldman!« flüsterte Hunter. »Ach du Scheiße!« flüsterte Feldman zurück. Endlich dämmerte Feldman das Ausmaß seiner Möglichkeiten. Er war über eine Chance gestolpert, die Weltklasse hatte. Eine Situation, die Pulitzerpreise und Legenden hervorbringen konnte. Ein101
ladungen zu Vortragsreisen, Verleihungen der Doktorwürde erhabener, traditionsreicher Universitäten oder ganze Bücher. Das konnte einen schon begeistern. Es war einfach unmöglich, diese Gelegenheit nicht wahrzunehmen, obwohl es peinlich war, jene Stelle, für die er so hart gekämpft hatte, aufzugeben und sein Wort zu brechen. Und doch besaß Feldman in den paar Sekunden, die er brauchte, um all diese Überlegungen und Möglichkeiten durchzuspielen, irgendwie den nötigen Weitblick, auch den größeren Zusammenhang zu sehen. Wie gut der glückliche Zufall es auch mit ihm meinte, wußte er doch, daß er seinen Wunsch, zu verstehen, was hier im Heiligen Land geschah, nicht aus den Augen verlieren durfte. Jemand zog Feldman am Ärmel und riß ihn aus seinen Überlegungen. Cissy McFarland, in Hochstimmung und mit gerötetem Gesicht, hatte sich von hinten an die zwei Reporter herangeschlichen. »Ich bin froh, daß ich euch zwei Kerle erwischt habe, bevor ihr euch davonmachen könnt«, sagte sie trocken. »Ratet mal!« Sie zog einen rosa Zettel mit einer Telefonnotiz aus dem Ausschnitt ihrer Bluse und wedelte damit vor ihnen herum. »Haben deine Informanten eine Nachricht für uns?« riet Hunter. Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu und wandte sich an den grinsenden Feldman, dem einzig halbwegs Vernünftigen hier. »Ich habe eine Bestätigung von den Samaritern. Sie treffen euch in einer Stunde im Hotel Bethlehem Star. Hier die Zimmernummer und die Namen der Anführer. Vielleicht könnt ihr euch ein Exklusivinterview mit dem jungen Messias erschleichen, und wir haben noch einen Knüller!«
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24 BETHLEHEM, ISRAEL, 11 UHR 28, MONTAG, 3. JANUAR 2000 Drei hochtrabende Jünger der Samariter hatten sich fast eine Stunde lang mit Feldman und Hunter unterhalten. Es sah nicht gut aus für die beiden Reporter. Das größte Hindernis war der oberste Samariter, First Reverend Richard Fischer, selbst. Der Reverend, ein rechthaberischer, beleibter Mann mit graubraunem Haar, einer Knollennase und Aknenarben an Gesicht und Hals, hatte die meiste Zeit über das Wort geführt. Er war offensichtlich hoch erfreut über die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, und die Macht, die er nun als Hüter des weltweit begehrtesten Objekts des Medieninteresses besaß. »Jungs«, wandte er sich an die frustrierten Reporter, »ich gebe zwar zu, daß WNN bei dieser Geschichte die Anstalt mit den meisten Zuschauern sein mag. Aber wir, der Rat der Führer, dürfen als Leiter der Samariterbewegung keine Parteilichkeit zeigen. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir Ihnen nur so viel sagen, daß der Messias in naher Zukunft tatsächlich öffentlich auftreten wird. Ich bin nicht gewillt zu sagen, wo und wann, aber wir werden Sie und alle Ihre Kollegen von den Medien zu gegebener Zeit davon in Kenntnis setzen.« Er stand auf und verabschiedete seine Gäste kurz und bündig mit einem feuchten Händedruck. Als die Reporter weg waren, wandte sich einer der Jünger an den Reverend und rief mit verdrießlicher Stimme: »Das verstehe ich nicht, Reverend Dick. Du hast vor einer Stunde Bruder Leroy unser Video vom Messias an WNN verkaufen lassen. Warum mußten wir 103
das geheimhalten? Und du hast es für lächerlich wenig verkauft! Wenn wir nur gewartet hätten, ich wette, Feldman hätte uns ein Vermögen gezahlt!« Fischer bedachte seinen Kollegen mit einem maliziösen Lächeln. »Du hast die Taktik überhaupt nicht verstanden, Bruder Gerald. Das Videoband WNN zuzuspielen war die beste Investition, die wir machen konnten. Niemand darf wissen, daß es vom Rat der Führer kam. Solange WNN glaubt, sie hätten es von einem unserer Brüder der unteren Ebenen erschlichen, bewahren wir die Glaubwürdigkeit des Videos. Du mußt den Zynismus der Medien verstehen, Bruder. Das ist ein skeptischer Haufen, und sie werden bestimmt so oder so die Echtheit der Aufnahmen in Frage stellen. Wenn es direkt von uns käme, würde sie das nur um so mißtrauischer machen.« Reverend Fischer gelang es, seinem weniger gewieften Kollegen klarzumachen, worum es ging. »Vergiß nicht die Tatsache, daß WNN jetzt das weltweit größte Publikum aller Fernsehsender hat«, fuhr er fort. »Wenn sie das Video senden, ist dem Messias eine Gemeinde auf der ganzen Erde sicher. Wir werden kein Problem haben, Sponsoren für unser geplantes Unternehmen zu gewinnen. Und wir werden von jetzt ab von allen Sendern Spitzenpreise bekommen. Sie werden alle gezwungen sein, uns für den Zugriff auf unser Material großzügige Spenden zu geben. Und genau so, Bruder Gerald, werden wir uns die Mittel verschaffen, um den Messias der Welt auf angemessene Weise zu präsentieren!« Als die beiden Reporter vom Parkplatz des Hotels fuhren, rief Cissy sie über Autotelefon an und zitierte sie zum Ü-Wagen zurück. Feldman erzählte ihr von der mißlungenen Mission, aber sie zeigte sich kein bißchen enttäuscht. »Vergiß es«, tröstete sie ihn. »Warte, bis du hörst, was wir gerade in die Finger bekommen haben!« Bollinger kam ihnen an der Tür entgegen und begleitete sie in 104
den Ü-Wagen, um ihnen ein Amateurvideo zu zeigen. »Das«, kündigte Bollinger mit ungebremster Begeisterung an und zeigte auf ein dunkles Bild, das auf dem größten Wandmonitor erschien, »ist unser nächster Exklusivbericht.« Hunter und Feldman erfuhren, daß dieses einzigartige Prachtstück heimlich von einem rangniedrigeren Mitglied der Samariter zur Verfügung gestellt worden war und daß man es sich zu einem minimalen Preis hatte sichern können. Das Video war bei Nacht mit Quecksilberlampen gemacht worden, und die Qualität war nicht sehr gut. Aber beide Reporter wußten sofort, was es war. Zunächst war das Bild verwackelt, dunkel und verschneit; dann, als es ab und zu blitzte, wurde es ganz hell. Es war eine Videoaufnahme des Geschehens auf der Wiese in Bethlehem am Abend der Jahrtausendwende. Die Gestalt, die auf dem Video sichtbar wurde, war zierlich gebaut, und ihr Gewand flatterte wild im Wind. Das Gesicht konnte man nicht erkennen. Jedesmal, wenn es blitzte, leuchtete das Bild weiß auf, und der Mann an der Kamera wurde vorübergehend geblendet, verlor sein Ziel im Sucher und fand es dann ungeschickt wackelnd wieder. Als die Gestalt die Steinstufen des Tempels erreichte und langsam hinaufstieg, zoomte die Kamera näher heran. Im Hintergrund konnte man die Menge hören, die gegen den heulenden Wind die Sekunden bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts zählte. Oben angekommen drehte sich die Gestalt zur Kamera und gegen den Wind und hob die dünnen Arme zum Himmel, genau gegenüber dem Davidsbrunnen auf der anderen Seite des Hofes. Zuletzt kam der kurze, entscheidende Augenblick, als das Gesicht von einem Blitzstrahl erleuchtet und endlich für die Kamera sichtbar wurde. In diesem Moment endete der Countdown der Menge zur Mitternacht, ein wilder Jubel brach aus, und dann verwandelte sich das Videobild, von einer plötzlichen, grellen Lichtquelle getroffen, in ei105
ne schneeweiße Bildfläche. Der Ton lief jedoch unverändert weiter, ein höllisches Gemisch aus heulendem Wind, schrecklichen Angstschreien und dröhnenden Donnerschlägen. Und dann ein tiefes Grollen, das nach Feldmans Meinung das Erdbeben war. »Spulen Sie ein bißchen zurück, und lassen Sie es über das ADO Plus laufen«, bat Hunter und zeigte auf verschiedene Geräte für Spezialeffekte am Schnittplatz. »Holen Sie mal die Aufnahme vom Gesicht heraus, legen Sie es auf das ADO und schauen Sie mal, ob Sie mehr Kontraste reinkriegen können.« Aber Hunter konnte es nicht erwarten, bis der Cutter seine Anweisungen ausführte, und drehte selbst nervös an den Knöpfen des Schaltpults. Feldman war genauso aufgeregt und sah konzentriert zu, wie Hunter geschickt das Einzelbild anhielt, das er suchte: jener Moment, als das Gesicht am besten zu sehen war, dreiviertel zur Kamera gedreht und genau in dem Augenblick, bevor es durch den Blitz unsichtbar wurde. Mit den Tricks der elektronischen Bildbearbeitung vergrößerte Hunter das Bild, und um ihn herum hob ein ehrfürchtiges Flüstern an. Obwohl die Vergrößerung das Gesicht zuerst verschwimmen ließ, konnte man die Züge doch noch erkennen. Sehr blaß und fremd sah es aus. Mit jeder korrigierenden Einstellung wurde es schärfer und klarer, bis zuletzt alle Einzelheiten einigermaßen deutlich zu sehen waren. Die kühnen Augen waren dunkel, die Nase wirkte römisch. Hohe Wangenknochen, ausgeprägte Kiefer. Das dunkle Haar war mittellang und flatterte wild im Wind. Die Eindringlichkeit dieses Gesichts ließ an den gerechten Zorn Gottes denken. Voll einschüchterndem, gequältem, kritischem Ernst. Doch trotz gefurchter Stirn lag beinahe Besorgnis in den Augen. Die vollen Lippen waren leicht geöffnet. Es war ein jugendliches Gesicht, das aber zugleich uralte Weisheit verriet. Es war edel, klug, respekteinflößend. »Donnerwetter!« sagte Hunter beeindruckt. »Das ist allerdings eine Messiasfigur!« 106
Und auch Feldman mußte das zugeben.
25 BROOKFOREST, RACINE, WISCONSIN, USA, 18 UHR 17, MONTAG, 3. JANUAR 2000 Michelle hatte ihre Familie vor dem Fernseher im Wohnzimmer um sich versammelt. Schließlich wollte sie nicht noch einmal ein schauerliches WNN-Special. Neben ihr auf dem Sofa saß Tom, ihr großer, bedächtiger, kräftig gebauter Mann, mit dem sie seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet war. Die dicke Brille mit Metallrand vergrößerte seine gelassenen blauen Augen um das Doppelte, ein Nebeneffekt seines lebenslangen Umgangs mit Zahlentabellen bei der Bank von Racine. Zu seinen Füßen hockte Tom junior, ein grobknochiger, siebzehnjähriger Junge, ein Abbild seines Vaters, dem nur dessen Körperfülle und die Brille fehlten. Auf der anderen Seite von Mrs. Martin saß ihre Tochter Shelley in einem weiten Sweatshirt, auf dem ›University of Wisconsin‹ stand. Sie war zwanzig, hatte ein gesundes, lebhaftes Gesicht und ähnelte ihrer Mutter sowohl im Aussehen als auch in ihrer nervösen Art. In der Ecke der Couch rekelte sich der Hund, eine mittelgroße, schlappohrige Promenadenmischung, der den Kopf auf den Schoß der Tochter gelegt hatte. Alle saßen regungslos da und starrten wie hypnotisiert auf die Mattscheibe. 107
»Mr. Krazinski sagt, dieser Junge ist der Verkünder der Wiederkunft!« flüsterte Mrs. Martin. »Er sagt, der Junge wird den Erzengel Gabriel herbeirufen, und der wird Christus der ganzen Welt ankündigen!« »Der alte Krazinski ist genauso unausgeglichen wie sein Konto«, spottete Tom senior. »Letzten Monat hat er es sechsmal überzogen.« »Ja«, kicherte der Sohn. »Er sagt, Außerirdische hätten ihm seine Rentenschecks geklaut!« »Pssst!« beklagte sich die Tochter. »Jetzt zeigen sie die Messiasaufnahmen.« Es wurde still im Zimmer, als das eindrucksvolle Video auf dem Bildschirm erschien und das Geschehen auf dem König-David-Platz in grobkörnigen, surrealen Schwarzweißbildern zeigte. Auf dem Höhepunkt des Berichts, als das verzerrte Bild des Messiasgesichts in Großaufnahme erschien, die Bildqualität besser wurde und es endlich den ganzen Bildschirm ausfüllte, wirkte das Bild derart unheimlich, ausdrucksvoll, übermächtig und ergreifend, daß Michelle und Shelley nicht länger an sich halten konnten. Während Vater und Sohn wie gebannt mit großen Augen die Erscheinung auf dem Fernseher anstarrten, sanken Mutter und Tochter fast in Ohnmacht und fielen verzückt vor dem Antlitz Gottes auf die Knie. Der Hund jaulte und rannte aus dem Zimmer.
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26 BEN-GURION-APPARTEMENTS, JERUSALEM, ISRAEL, 10 UHR 41, DIENSTAG, 4. JANUAR 2000 Feldman schlief eine ganze Weile länger als beabsichtigt. Er hatte wieder einen Traum. Diesmal befand er sich beim Eislaufen auf einer riesigen Wasserfläche. Ganz allein fegte er schwungvoll mit kräftigen, sicheren Bewegungen auf seinen langen Beinen dahin. Er fühlte sich an die Winter auf dem Campus von Ohio State erinnert, als er mit anderen Eislaufkameraden auf dem großen Teich in der Nähe seines Wohnheims gelaufen war. Aber in seinem Traum war es warm und mild, und der See war nicht zugefroren. Er glitt über die Oberfläche eines weiten Gewässers – es war der See Genezareth. Obwohl er vorher noch nie dort gewesen war, kannte er sich irgendwie aus. Er lief – auf bloßen Füßen – auf das Ufer zu. Den Wind im Gesicht und die glühende Sonne über ihm. Ein berauschendes Glücksgefühl ergriff ihn. Er glitt dahin, wirbelte herum, drehte Pirouetten, glitt weiter und schwebte mit übernatürlicher Kraft über die Wellen. Bis er eine Woge bemerkte, die sich dunkel und unheilvoll hinter ihm aufbäumte und grollend auf ihn zurollte. Er änderte seine Richtung und beschleunigte, dem Ufer entgegenfliegend, das Tempo. Aber die Woge hinter ihm schwoll weiter an, haushoch kam sie näher. Es war eine Flutwelle, eine gewaltige Tsunami! Feldman raste jetzt hektisch über die Wellen. Er wagte nicht, sich umzusehen. Er brauchte nicht zurückzublicken, denn er wurde be109
reits vom dunklen Schatten einer Wasserwand verschlungen und war von betäubendem Tosen umgeben. Nur ein paar Meter war er vom rettenden Ufer entfernt, als die Sturzflut auf ihn herabdonnerte, ihn herumwirbelte und in sein Bettzeug verwickelte. Er schrak zusammen und setzte sich auf, atemlos, verschwitzt, aber so erleichtert über seine Rettung, daß er lächeln mußte. Bis er die Uhr auf seinem Nachttisch sah. Er hatte kostbare Stunden des einzigen Tages verschwendet, den er mit Anke verbringen konnte.
27 VATIKAN, ROM, ITALIEN, 18 UHR 6, DIENSTAG, 4. JANUAR 2000 Seine Eminenz Alphonse Bongiorno Litti, einer der vertrauten Kardinäle und Berater des Papstes, drückte die massive Bronzeklinke einer riesigen Tür aus geschnitztem Mahagoni und betrat das prächtige Vorzimmer der päpstlichen Gemächer. Papst Nikolaus VI. und Antonio di Concerci, der Präfekt der Kongregation für die Doktrin des Glaubens der katholischen Kirche zu Rom, erwarteten ihn auf üppig gepolsterten französischen Sesseln aus dem 17. Jahrhundert. Litti war ein umgänglich wirkender, unscheinbarer Mann, etwas über einssiebzig groß, mit olivfarbener Haut, beleibt und Ende Sechzig. Seinen großen braunen Augen über der vorspringenden Nase verliehen ausgeprägte Tränensäcke eine gewisse Melancholie. Sein Haar war borstig und grau meliert. Das Klicken seiner Absätze 110
auf dem Marmorboden erregte die Aufmerksamkeit di Concercis, der aufsah, seinem näherkommenden Kollegen kurz zunickte und sich dann wieder den Papieren zuwandte, die der Papst mit ihm zusammen überprüfte. Di Concerci seinerseits war stattlich, aber wendig, elegant und gemessen in seinen Bewegungen. Mit seinen einundsiebzig Jahren wirkte er kräftig, sein Gesicht war lang und würdevoll, mit hohen Backenknochen und tiefliegenden, durchdringenden dunkelbraunen Augen. Sein weißes Haar quoll voll und wellig unter dem leuchtendroten Kardinalskäppchen hervor. Zu spät, als daß di Concerci es hätte bemerken können, erwiderte Litti das Nicken mit ähnlicher Zurückhaltung und grüßte seinen Pontifex mit einem respektvollen »Eure Heiligkeit«. »Buona sera, Alphonse«, erwiderte Nikolaus und wies ihm den leeren Stuhl zu seiner Rechten zu. »Sie sehen müde aus, Heiliger Vater.« Litti bemerkte mit Sorge, wie blaß und abgespannt Nikolaus wirkte. Der Pontifex brachte ein dünnes Lächeln zustande und tätschelte beruhigend den Arm seines Bruders. »Es sind anstrengende Zeiten, Alphonse.« Wie es Sitte war, ließen sie sich von einem Akolythen Cognac in langstieligen Gläsern servieren. Nikolaus nahm sein Glas, setzte es aber sofort auf dem kunstvoll geschnitzten kleinen Elfenbeintischchen ab, das vor ihm stand. Er legte die Arme auf die Lehnen, stützte dann das Kinn in die linke Hand und blickte starr auf eine der kunstvoll geformten kleinen Figuren, deren Köpfe als Stützen der Tischplatte dienten. »Haben wir eine vollständige Einschätzung der Schäden von dem Beben?« fragte er. »Ja, Eure Heiligkeit«, antwortete Monsignore Litti. »Nichts außer dem Fresko in der Kapelle und dem Hochaltar in der Basilika.« Litti sprach von Michelangelos jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle und dem Hauptaltar der Peterskirche. 111
»Haben Sie persönlich die Schäden besichtigt?« »Ja.« »Und?« »Der Riß im Fresko ist ungefähr zweieinhalb Meter lang und mißt an der breitesten Stelle etwa drei Zentimeter. Tief, aber überraschenderweise kein statisches Problem. Der Altar ist vollkommen in zwei Teile geborsten, aber nicht zusammengebrochen. Die zwei schweren Marmorblöcke haben sich durch gegenseitigen Druck aufrecht gehalten. Als Vorsichtsmaßnahme haben wir sie vorübergehend in der Mitte abgestützt.« »Das sind die gesamten Schäden?« »Das ist alles, was die Ingenieure und ich finden konnten.« Der Papst schwieg, lehnte sich in dem wuchtigen Sessel zurück und berührte seine Wange mit zwei Fingerspitzen der linken Hand. »Was halten Sie von alldem, Alphonse?« Der Kardinal wußte nicht recht, wie er antworten sollte. Er fühlte sich in di Concercis Gegenwart nicht wohl. Seit vielen Jahren schon schwelte ein heftiger persönlicher Konflikt zwischen ihnen. Er nippte an seinem Glas und zögerte mit der Antwort, da er sich nicht festlegen wollte. »Machen Sie keine Schwierigkeiten heute abend, Alphonse«, sagte Nikolaus mit sanftem Druck. »Ich möchte, daß Sie offen sprechen.« Litti schaute den Papst von der Seite an und sah den Ernst in seinem Gesicht, den er nicht enttäuschen konnte. »Ich finde dies alles sehr merkwürdig, Eure Heiligkeit«, mußte der Kardinal einräumen. »Und ich muß zugeben, daß ich bei den seltsamen Ereignissen im Heiligen Land und dem Beben hier in Rom das Gefühl hatte, als sei irgendeine übernatürliche Kraft am Werk.« Er wartete darauf, daß einer der beiden Männer reagierte, bevor er fortfuhr, aber di Concerci sah zum Fenster hinüber, und Nikolaus konzentrierte sich wieder auf die kleine Figur. Da er heute 112
abend keine Schwierigkeiten machen wollte, sprach er weiter. »Zeitpunkt und Ort des Unwetters und des Erdbebens in Bethlehem kann ich mir absolut nicht als bloßen Zufall vorstellen, Heiliger Vater. Ganz zu schweigen vom Erscheinen dieser Messiasfigur oder von all den angeblichen Wundern. Oder auch die merkwürdigen Vorkommnisse hier im Vatikan. Der auffällige Riß in der Kapelle, ausgerechnet mitten durch Michelangelos Jüngstes Gericht. Er verläuft von den Füßen des triumphierenden Retters im Himmel bis hinunter zur Erde, wo die Seelen der auferstandenen Toten gerichtet werden. Und sonst an der ganzen Wand keine weiteren sichtbaren Schäden. Dann der Hochaltar der Basilika. Dreißig Zentimeter dicker Marmor, genau in der Mitte glatt auseinandergebrochen. Und andere viel empfindlichere Gegenstände ganz in der Nähe blieben völlig unbeschädigt!« Während er weiter über die Serie dieser scheinbaren Wunder nachdachte, wurde Littis Stimme zu einem leisen, schwachen und ehrfürchtigen Flüstern. »Eure Heiligkeit, ich glaube, die Kirche sollte diese Umstände ernsthaft und mit viel Sorgfalt untersuchen. In der Annahme, daß die meisten oder vielleicht alle diese außerordentlichen Ereignisse wahrhaftig Zeichen Gottes sind!« Litti verstummte, und der Papst ließ eine ganze Weile verstreichen, ohne auf die Meinung des Kardinals zu reagieren, aber er dachte weiter konzentriert nach. Endlich, ohne seinen Blick von dem Figürchen zu lösen, fragte der Papst den Präfekten: »Und Ihre Analyse, Antonio?« Di Concerci erhob sich langsam von seinem Sessel, trat einige Schritte auf das große Bleiglasfenster zu und schaute auf die weite Fläche des Petersplatzes hinunter, wo sich ganze Scharen von Millennariern versammelt hatten. Er sprach, ohne sich umzudrehen. »Kardinal Littis spontane Reaktion kann ich zwar gut verstehen, und ich gebe zu, daß diese Ereignisse seltsam sind, aber ich muß doch eine pragmatischere Haltung einnehmen, Papa.« Litti fühlte, wie 113
ihm die Röte ins Gesicht stieg. Aus genau diesem Grund hätte er sich lieber geäußert, wenn der Präfekt nicht mehr zugegen gewesen wäre. Litti hatte die Rücksicht des Pontifex auf diesen Mann nie verstehen können. Di Concerci wandte sich um und ging zu Nikolaus hinüber, um Litti unauffällig aus dem Gespräch auszuschließen. »Ich sehe ebenfalls die Notwendigkeit, die Ereignisse zu untersuchen«, fuhr er fort, »aber ich gehe nicht von der Annahme aus, daß es sich um Zeichen Gottes handelt. Das ganze jetzt vergangene Jahrhundert über hat die Heilige Mutter Kirche solche angeblichen Wunder und Zeichen korrekterweise mit gebührender Skepsis betrachtet. Und diese Einstellung hat sich für uns bewährt. Für diesen besonderen Fall gibt es eine ganze Reihe anderer Erklärungen, ohne göttliches Eingreifen in Betracht zu ziehen.« Diese letzte Aussage erregte endlich wieder die Aufmerksamkeit des Papstes. Er betrachtete das eigensinnige Gesicht des Präfekten. Di Concerci fuhr in seiner Argumentation fort. »Daß ein Erdbeben hier zur gleichen Zeit wie in Bethlehem vorkommt, ist nicht so unerklärlich. Das ganze Mittelmeer ist schließlich ein riesiger tektonischer Graben. Vielleicht hat ein Beben das andere ausgelöst. Es ist eine immer wieder belegte wissenschaftliche Tatsache, daß Gewitter von solchen geologischen Störungen wie Vulkanausbrüchen und Erdbeben ausgelöst und oft begleitet werden. Daneben ist es auch denkbar, daß diese Erdbeben, sowohl dieses hier als auch das in Bethlehem, das Ergebnis eines beabsichtigten wohlorganisierten Plans waren. Ein raffiniertes Projekt unterirdischer Sprengungen durch gewisse Kreise der Millennarier, die verzweifelt ihre Sekten zu erhalten versuchen und sich davor schützen wollen, daß sie der Lächerlichkeit anheimfallen.« Litti konnte ein kurzes höhnisches Lachen nicht unterdrücken. Di Concerci warf ihm einen gönnerhaft vergebenden Blick zu und stellte ihm eine Frage: »Kardinal Litti, können Sie absolut schlüssig 114
beweisen, daß die Beschädigungen an der Kapelle und der Basilika nicht von Menschenhand stammen?« Der Kardinal hätte seinen Rivalen am liebsten einfach zum Schweigen gebracht, aber angesichts dieser Herausforderung sah er keine wirksame Möglichkeit, sich zu verteidigen. Statt dessen entgegnete Litti seinerseits mit einer gezielten Frage. »Wie erklären Sie dann die Verwandlung des kranken Jungen an Davids Brunnen, di Concerci? Die Spalte, die sich zu seinen Füßen auf dem Weg zum Tempel auftat? Die zahlreichen Wunderheilungen an vielen leidenden Zuschauern Schlag Mitternacht am Ende des Jahrtausends? Sie können diese Phänomene nicht so leicht abtun!« Di Concerci blieb gelassen. »Ich muß zugeben, Alphonse, ich fand die dramatische Fernsehsendung über den sogenannten Messias auch sehr eindrucksvoll. Aber dann mußte ich doch die Vernunft sprechen lassen. Vieles von dem, was berichtet wurde, muß man als Spekulationen und Gerüchte, aufgeblasen durch leichtgläubige Zeugen und opportunistische Medien, außer acht lassen. Was dann an Substanz übrigbleibt, kann einer gründlichen Überprüfung auch nicht standhalten. Zum Beispiel die Frage des jungen Messias: Ist es bei den starken Gefühlen und großen Erwartungen, die diese Millennarier in eine Wiederkunft investiert haben, nicht geradezu unvermeidlich, daß mindestens einer von ihnen der Illusion einer messianischen Erscheinung erliegt? Es handelt sich hier um eine verbreitete psychische Störung, die es sogar in den ruhigsten Zeiten gibt. Oder, noch wahrscheinlicher, könnte das Ganze nicht ein großartiger, ausgeklügelter Schwindel sein? Vielleicht war der Junge überhaupt nicht leidend. Ein gerissener Betrüger. Welches bessere Mittel gibt es, um einer religiösen Randgruppe, die andernfalls untergehen würde, das Überleben zu sichern?« Di Concercis absolute Selbstsicherheit bedrückte Litti, der die berechnenden Bemühungen des Präfekten, vor Nikolaus vernünftig und weise zu erscheinen, durchschaute. »Aber die Spalte?« warf 115
Litti ein. »Die vielen Menschen, deren Heilung erhärtet und erwiesen ist? Sie können nicht alles rational erklären, di Concerci!« »Ich bedaure, Kardinal Litti, aber haben Sie nicht bemerkt, daß die sogenannte Spalte am Brunnen auf dem bei Nacht aufgenommenen Video nicht zu sehen war? Sie war nur bei Tageslicht sichtbar – auf einem Video, das viele Stunden später gemacht wurde. Genügend Zeit also für die Samariter, eine künstliche Spalte anzulegen. Oder vielleicht wurde die Spalte schon vor der mutmaßlichen Verwandlung des Jungen gezogen, und es handelt sich hier einfach um einen geschickt durchgeführten Spezialeffekt. Und was die wundersamen Heilungen angeht, so ist es denkbar, daß auch sie zu einer clever ausgedachten Betrügerei gehören. Nehmen wir trotzdem einmal an, manche der Behauptungen seien stichhaltig. Daß einige dieser Leute wirklich krank waren und wirklich geheilt wurden. Abgesehen von psychosomatischen Problemen werden Sie feststellen, daß es bei vielen der angeblichen Heilungen um motorische und neurologische Beschwerden geht. Die Geschichte der Medizin ist voller Beispiele, bei denen Menschen durch Unfälle einer Hochspannung – auch durch Blitzschlag – ausgesetzt und sofort und unerklärlicherweise von ihren Leiden geheilt waren.« »Jedoch, ich gebe zu, Kardinal Litti«, räumte der Präfekt ein, »daß es einen Aspekt dabei gibt, für den sich mir jede logische Erklärung entzieht. Mein Dilemma sind Zeitpunkt und Ort des Erdbebens in Bethlehem. Obwohl ich die Möglichkeit eines Betrugs nicht ganz ausschließen würde, glaube ich ehrlich gesagt nicht, daß ein solches Ereignis von Menschenhand ausgelöst werden kann.« Littis Gesicht hellte sich etwas auf, und er fragte sich, ob di Concerci dieses eine Mal tatsächlich von seiner engstirnigen Geisteshaltung abrücken würde. Aber seine Hoffnungen wurden sofort zunichte gemacht. »Nichtsdestotrotz«, berichtigte sich di Concerci, »auch wenn Timing und Ort des Bebens ein erstaunlicher Zufall sind, so liegt er 116
trotzdem nicht außerhalb der natürlichen Möglichkeiten. In jedem beliebigen Jahr gibt es mehr als eine Million meßbare seismische Vorfälle, die sich irgendwo auf dem Planeten ereignen. Eine Million! Und das Heilige Land liegt genau in einer der aktivsten Verwerfungszonen der Welt.« »Ihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse sind erstaunlich«, warf Litti sarkastisch ein. »Ich bekenne, Alphonse«, besänftigte ihn di Concerci in herablassendem Tonfall, »auch ich bin wegen der möglichen Folgen der gegenwärtigen Ereignisse besorgt. Und deshalb habe ich beträchtliche Zeit für die Untersuchung der Umstände aufgewendet. Wie ich zu Anfang feststellte, gibt es tatsächlich andere Betrachtungsweisen, die man zuerst verfolgen sollte, bevor wir Gefahr laufen, die Gläubigen weiter zu beunruhigen und noch mehr von unseren Anhängern in die Arme dieser irrationalen Millennarier zu treiben.« Dieses letzte Argument machte sichtbar Eindruck auf Nikolaus. Di Concerci wandte sich wieder direkt an den Papst. »Papa, wenn ein Zeichen hinter all diesen Dingen steckt, dann ist es jedenfalls kein klares Zeichen. Wir müssen uns ganz besonders umsichtig verhalten, sonst könnten wir uns zu einer übertriebenen Reaktion hinreißen lassen, und das auf eine der peinlichsten, wenn auch geschickt eingefädelten Täuschungen, die je gegen die Kirche in Szene gesetzt wurde. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir einen klaren Standpunkt vertreten müssen, und empfehle unbedingt, daß wir sofort beruhigende Erklärungen veröffentlichen, die die Wogen glätten, und darin die Punkte weiter ausarbeiten, die ich gerade angesprochen habe. Ein weiterer Aufschub ist äußerst gefährlich und bedroht die Solidarität unserer weltweiten Gemeinde.« Litti fühlte, welchen Eindruck di Concercis Argumente machten. Verzweifelt stand er auf und appellierte an den Papst: »Papa, sicher muß doch nach zweitausend Jahren der gespannten Erwartung und der Vorbereitungen für ein solches Ereignis die katholische Kirche 117
vor allen anderen die Zeichen Gottes erkennen! Dieser Junge könnte wohl ein Johannes der Täufer sein, der gekommen ist, um den Weg zu bereiten für …« Der Papst gebot ihm mit einer ausgestreckten Hand Einhalt, lehnte sich in seinem schweren Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. Schließlich wandte er sich an di Concerci. »Sie haben recht, Antonio. Auch ich habe meinen Gefühlen erlaubt, meine Vernunft zu überwältigen. Bitte, werden Sie in dieser Sache schnell tätig. Ich möchte, daß Sie einen päpstlichen Brief vorbereiten, der mir bis morgen nachmittag zwecks Veröffentlichung vorgelegt werden soll. Alphonse, bitte leiten Sie sofort die Reparaturarbeiten an Fresko und Altar in die Wege. Überwachen Sie die Durchführung persönlich und sehen Sie zu, daß die Arbeiten so schnell wie möglich abgeschlossen werden.« Litti war entsetzt. »Aber Eure Heiligkeit, wenn der Schaden wirklich ein Zeichen von Gott wäre? Sollte er nicht erhalten werden, wenigstens vorübergehend …« »È finito, Alphonse!« So verärgert hatte Litti seinen Pontifex noch nie erlebt. Erschüttert und verlegen senkte der Kardinal das Haupt, nicht nur, um sich dem Papst zu fügen, sondern auch, um jenem Ausdruck des Triumphs auszuweichen, den er auf dem Gesicht seines Gegners erwartete. Der erschöpfte und sorgenvolle Papst Nikolaus entließ seine Berater und zog sich in seine Gemächer zurück. Vor dem Zubettgehen setzte er sich in seinem Studierzimmer an seinen großen, reichverzierten Schreibtisch. Derselbe Tisch, von dem aus seine Vorgänger die Geschicke der Nationen und Könige geleitet, die Kreuzzüge initiiert und die Welt von boshaften Glaubensabtrünnigen und Ketzern befreit hatten. Der Papst stützte das Kinn auf die Hand und verlor sich in Gedanken über die beruhigenden Aspekte von di Concercis Argumen118
ten. Weder di Concerci noch Litti hatten wissen können, wie nah der Pontifex daran gewesen war, ein sehr heiliges, lange gehütetes Geheimnis mit ihnen zu teilen. Eine ernste, vor vielen Jahrzehnten vertraulich an ihn weitergegebene Mitteilung. Wie sehnte er sich danach, die große Last, die er schon so lange trug, von seinen Schultern zu nehmen. Aber die hoffnungsvollen Worte des Präfekten hatten ihn veranlaßt, es noch einmal zu überdenken. Vielleicht hatte di Concerci recht. Vielleicht mußte Nikolaus dieses unangetastete Geheimnis doch nicht preisgeben. Noch nicht. Er nahm seine Brille aus der Tasche und setzte sie auf. An einer geflochtenen Kette, die er an seiner Seite trug, suchte Nikolaus einen großen, fein verzierten Schlüssel heraus. Vorsichtig steckte er ihn in ein Schloß an der Seitentür des Schreibtischs und spürte, wie sich im Innern die schweren Federn des Schließmechanismus leicht und glatt bewegten. Die Tür ging auf, und aus einem dunklen Tresor in der Tiefe des Tisches zog der Papst eine verblaßte Ledermappe, die mit Lederriemen verschlossen war. Er legte das Bündel auf den Schreibtisch vor sich hin. Als er die Riemen lockerte und die Mappe öffnete, kamen vier Stöße von vergilbten Dokumenten zum Vorschein. Nachdem er den vierten Stapel herausgenommen hatte und ehrerbietig mit den Fingerspitzen festhielt, lehnte er sich im Stuhl zurück und begann, sorgfältig zu lesen, die Stirn des erschreckenden Inhalts wegen in tiefen Falten.
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28 WNN-STUDIO, JERUSALEM, ISRAEL, 11 UHR 15, 5. JANUAR 2000 Schon seit dem frühen Morgen waren Spekulationen durchgesickert, und jetzt war Bollinger überzeugt, daß sie der Wahrheit entsprachen. Direkt aus der millennarischen Gerüchteküche hörte man, daß es endlich zum lange erwarteten öffentlichen Auftritt des Messias kommen sollte. Nachdem er vier Tage und Nächte in der Wüste nördlich von Jericho gefastet und meditiert hatte, sollte der Messias morgen früh bei Tagesanbruch eine Ansprache in der Nähe des Urlaubsorts Tiberias am Westufer des Sees Genezareth halten. Feldman, Hunter, Erin Cross und ein Produktionsteam wurden sofort mit einem Hubschrauber von WNN nach Tiberias losgeschickt, um Vorbereitungen zu treffen – was auch immer geschehen mochte. Sullivan, Bollinger, Cissy, Robert Filson und andere Teammitglieder sollten später in einem zweiten Hubschrauber nachkommen, um sie zu unterstützen.
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29 TIBERIAS, ISRAEL, 3 UHR 30, DONNERSTAG, 6. JANUAR 2000 Feldman stand früh auf und aß zum Frühstück frische Datteln, Feigen und Granatäpfel mit Orangensaft. Er befand sich in der Gesellschaft von Arnold Bollinger, Nigel Sullivan, Cissy McFarland und einer dunkelhäutigen, geselligen Frau, die dem WNN-Team glücklicherweise in ihrem Bauernhof ein Quartier angeboten hatte. Cissy hatte wohl auch bemerkt, daß Erin Cross und Hunter am Abend zu einem langen Spaziergang am Ufer des Sees verschwunden waren. Das schloß Feldman aus ihrer verdrießlichen Miene. Er beendete schnell sein Frühstück und entschuldigte sich, um noch einen Spaziergang draußen an der frischen Luft zu machen. Als er um das Haus herumging, fand er Hunter, der seine Videoausrüstung in einem der Hubschrauber verstaute, vergnügt pfeifend vor. Erin Cross war nirgends zu sehen, und Hunters Haar war vollkommen zerzaust. »Hey, Kumpel«, rief Hunter, als er Feldman erblickte, während er sich bückte, um eine Kiste hochzuhieven. »Hey, Alter«, rief Feldman zurück. »Sieht aus, als hättest du eine stürmische Nacht hinter dir.« Hunter warf ihm ein vielsagendes Lächeln zu und sicherte das letzte Gepäckstück seiner Ausrüstung. Feldman legte seinem Partner eine Hand auf die Schulter. »Hey, Mann, ich glaube, da gibt's ein Problem.« Der Kameramann sah ihn fragend an. »Cissy. Was da zwischen dir und Erin läuft, das hat sie mächtig 121
durcheinandergebracht.« Hunter seufzte, schlug die Tür des Laderaums zu und schaute Feldman ganz betrübt an. »Ach Gott, glaub mir, Jon, ich will das nicht.« »Ich weiß«, sagte Feldman mitfühlend. »Aber ich hab' gedacht, ihr zwei, du und Cissy, da wäre was bei euch beiden. Ihr paßt zusammen.« Hunter zuckte die Achseln. »Ich hab' sie ja gern, Mann. Sie ist 'ne tolle Frau. Aber das geht mir alles 'n bißchen zu nah, weißt du? Daß mir jemand so am Hals hängt, engt mich ein. Außerdem, Bollinger würd' mich umbringen. Cissy ist doch sein ganz besonderer Schützling!« Feldman war enttäuscht. Es ging ihn ja eigentlich nichts an, aber er hatte Cissy schon immer gemocht. Die Zuneigung eines großen Bruders. Und er wußte ihre Courage und Zuverlässigkeit zu schätzen. Gar nicht zu reden davon, wie ausdauernd, solidarisch und uneigennützig sie ihm und Hunter immer beigestanden hatte. »Und Erin hängt dir nicht am Hals?« fragte Feldman. »Na ja, am Arm vielleicht«, sagte Hunter ausweichend und grinste. Als seine Begründung keinen Beifall fand, fing er an, sich aufzuregen. »Herrgott noch mal, Feldman, das Ding mit Erin hat doch sowieso keine Zukunft! Wie lang, glaubst du, kann ein Kamerafritze wie ich 'ne Lady wie sie halten? Ich nehm's halt, wie's kommt, Mann!« Feldman schwieg und sah seinen Freund nachdenklich an. Hunter versuchte es noch einmal mit einer anderen Erklärung. »Warum würdest du mir überhaupt Cissy wünschen? Ich bin doch nichts für sie. Verflucht, Feldman, wenn irgend jemand das verstehen müßte, dann bist du das. Wir können beide nichts mit einer richtigen Beziehung anfangen. Ich langweile mich gleich, und du bekommst Angst. Jedenfalls sind wir zum Junggesellenleben geboren. Jetzt haben wir uns beide Spitzenmädels geangelt – also amüsieren wir uns 122
doch, solange es geht!« Feldman kam diese zynische Haltung zwar bekannt vor, aber überraschenderweise fand er sie auch deprimierend. Irgendwie hatte er immer angenommen, daß sie früher oder später beide die richtige Frau finden würden, die ihnen dabei helfen könnte, ihr Stromerdasein zu überwinden. Von seinen eigenen Ängsten einmal abgesehen wußte er jedenfalls, daß Hunter eigentlich anständiger war, als er sich nach außen gab. Aber der große Kameramann hatte wahrscheinlich recht. Er war noch nicht bereit für eine ernsthafte Beziehung. »Ja, ich glaube, ich verstehe schon, Breck«, lenkte Feldman ein. »Aber mach es wenigstens so schonend wie möglich für Cissy, ja?« Hunter nickte flüchtig und verschwand zum Kaffeetrinken im Bauernhof. Feldman steckte die Hände in die Taschen und ging allein mit seinen Gedanken den Fußpfad entlang, von dem aus man einen Blick auf den See Genezareth hatte. Aber dann hörte er, daß jemand seinen Namen rief, und lief den Weg zurück, an dessen Ende einer vom Team ihn herbeiwinkte. Die Hubschrauber liefen schon, bereit für die morgendliche Erkundungstour. Feldman rannte ins Haus, um seine Tasche zu holen, und stieß im ersten Hubschrauber zu Sullivan, Bollinger, Hunter und Erin. Der Motor wurde lauter, und sie stiegen langsam, gefolgt von dem zweiten Hubschrauber, in den noch dämmrig dunklen Himmel. Unter ihnen waren die Lichter von unzähligen am Seeufer festgemachten Booten zu sehen, und am ganzen See entlang erstreckten sich meilenweit Abertausende von Campingzelten. Aber kaum hatten sie ihren Erkundungsflug begonnen, breitete sich in der Menge unter ihnen Unruhe aus. Überall gingen Lichter an. Autohupen und Rufe waren sogar unter dem Stakkato der Hubschrauberrotoren zu hören. »Was ist da unten los?« fragte Bollinger. An den vielen sich be123
wegenden Autoscheinwerfern konnte man allmählich erkennen, daß die Massen anscheinend in Richtung Norden strömten. Viele Boote hatten die Anker gelichtet und fuhren hastig an der Küste entlang. »Nehmt Funkkontakt mit den mobilen Einheiten auf, ob sie etwas Genaueres wissen«, ordnete Sullivan an. Sie erfuhren, daß die Samariter über Radio Israel eine öffentliche Durchsage gemacht hätten, der Messias werde ungefähr dreizehn Kilometer weiter nördlich an einem Ort auftreten, der als Berg der Seligpreisungen bekannt war. Er lag direkt neben der Straße, die parallel zum Seeufer verlief. Als der Pilot den Hubschrauber in die gewünschte Richtung gewendet hatte, stand Hunter auf und öffnete den Reißverschluß seiner Ausrüstungstasche. Er nahm eine große, unhandliche Steadicam heraus, eine Kamera mit einer speziellen Aufhängung, die es ermöglichte, sogar an Bord eines rüttelnden Hubschraubers ruhige Aufnahmen zu machen. Er hob sie auf die Schulter, schaltete das Licht an und richtete es auf Feldman. »Ich bin soweit«, gab er ihm durch ein Zeichen zu verstehen. Feldman räusperte sich, rückte seine Krawatte zurecht und spulte einen kurzen Lagebericht herunter. Als er fertig war, signalisierte Hunter dem Piloten, tiefer zu gehen, und erweiterte dann den Bericht mit spektakulären Aufnahmen von den endlosen Autoschlangen unter ihnen: mehr als eine Million Millennarier, schätzten sie, auf einer Massenpilgerfahrt zu einem Rendezvous mit ihrem Messias.
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30 BERG DER SELIGPREISUNGEN, ISRAEL, 4 UHR 46, DONNERSTAG, 6. JANUAR 2000 Der Berg war aus einer Entfernung von mehr als fünf Kilometern zu erkennen. Es handelte sich eher um einen großen Hügel als um einen Berg, der leicht zu finden war, da er von riesigen Halogenlampen angestrahlt wurde. Als Feldman und das Team sich von oben näherten, entdeckten sie auf dem Gipfel eine riesige, erhöhte, altarähnliche Bühnenfläche, auf die sich die Scheinwerfer konzentrierten. Die Frage, woher die Samariter das Kapital hatten, eine derart gigantische Veranstaltung zu organisieren, war wenige Augenblicke später geklärt. Quer über der Bühnenfront und an anderen günstigen Stellen prangten die Markenzeichen der stolzen Sponsoren: IBM, Coca-Cola, Sony, Ford, Nike. Der Altar war durch einen hohen Elektrozaun geschützt und etwa zwölf Meter von der bereits riesigen Menschenmenge entfernt. »Landen wir oder bleiben wir in der Luft?« wollte der Pilot wissen. Andere Helikopter in der Nähe schienen in gebührender Entfernung zu bleiben. »Lassen wir doch den anderen Hubschrauber in der Luft für die Aufnahmen von der Menge und Weitwinkelaufnahmen von der Bühne«, schlug Sullivan vor. »Und wir versuchen, innerhalb des Zauns zu landen. Wir sehen zu, ob wir die Erlaubnis für Großaufnahmen und vielleicht sogar ein Interview bekommen.« 125
Aus Sorge, daß der Rotorwind des Hubschraubers Beleuchtungstürme und anderes Gerät auf der Bühne umwerfen könnte, suchten sie sich eine Stelle, die so weit wie möglich von der Bühnenmitte entfernt war. Aber das war noch ihr kleinstes Problem. Als die Samariter entdeckten, was sie vorhatten, kam ein Dutzend kräftiger Männer mit schweren Schlagstöcken herbeigerannt. Der Pilot ging wieder etwas höher und blickte fragend zu Sullivan. Sullivan schaute in die Runde, zuckte mit den Schultern und rief: »Sie können uns höchstens sagen, wir sollen verschwinden! Versuchen wir doch zu landen, ja?« Trotzig setzte der Pilot den Helikopter praktisch direkt über den Sicherheitskräften ab, die nach allen Seiten auseinanderstoben. Als der Hubschrauber gelandet war, wurde Feldman klar, daß die wütende Wachmannschaft nur so lange in Deckung bleiben würde, bis die Rotoren langsamer liefen. Aber er hatte eine Idee. »Nigel«, schrie er in Sullivans Ohr, »lassen Sie die Rotoren wieder schneller laufen. Ich steige unterdessen aus und rede mit ihnen, während Hunter filmt, nur für alle Fälle.« Sullivan hatte auch keine bessere Idee, also öffneten sie die Tür, und Feldman kämpfte sich über den unbewachten Streifen voran wie ein Mann in einem Orkan. Er hatte die Hoffnung, daß seine neuerliche Berühmtheit ihm Zugang verschaffen würde, und tatsächlich bemerkte er, daß mindestens einer der Wachmänner ihn wiedererkannte, als er näher kam. »Jon Feldman, WNN«, brüllte er in den Wind und zeigte seinen Presseausweis. »Ich bin hier, um Richard Fischer zu treffen.« Das war reiner Bluff. Fischer, der First Reverend der Samariter, war einer der Offiziellen, die Feldman und Hunter in Bethlehem bei ihrem vergeblichen Versuch, ein Interview mit dem Messias zu vereinbaren, getroffen hatten. Feldman wußte nicht einmal, ob Fischer überhaupt hier war. »Niemand darf hier rein«, entgegnete der große Mann in ausge126
prägtem Südstaatendialekt. »Niemand. Den anderen Hubschraubern ham wir alle abgewinkt, aber ihr seid ja trotzdem runtergekommen.« »Also, ich habe mit Mr. Fischer über Handy gesprochen, ist noch keine Viertelstunde her«, log Feldman, »und er sagte mir, er würde mit mir reden, wenn ich gleich herkommen könnte.« Er wandte sich zum Helikopter um und gab dem Piloten ein Zeichen, den Motor abzustellen, zeigte auf Hunter und winkte ihn zu sich. Der Wachmann blinzelte und schaute einen Kollegen an, der ihm auch nicht weiterhelfen konnte. »Ihr bleibt mal alle hier und ich geh' und frage Mr. Fischer«, beschloß er und ging los. Feldman packte Hunter schnell am Arm, richtete die Kamera auf den zweiten Wachmann und rief in seiner deutlichsten Aussprache: »Okay, wir melden uns hier live vom Berg der Seligpreisungen und strahlen weltweit ein Interview zur Situation beim offiziellen Samariter-Sicherheitsdienst aus. Ich gebe weiter an Breck Hunter!« Die Videokamera und die Aussicht, überall auf der Welt gesehen zu werden, ließ die Wachleute für einen Moment erstarren. Hunter nutzte die List und startete eine Serie von schmeichelhaften Fragen, während Feldman sich davonmachte und dem ersten Wachmann unter die riesige Bühne folgte. Unter der vier Meter über ihnen gelegenen Plattform befand sich ein Labyrinth aus Stützpfeilern und Gerüsten. Mitten in diesem Gewirr stand eine Reihe von Wohnwagen. In einem davon, so vermutete Feldman, war wohl der Messias untergebracht. Feldman holte den keuchenden Wachmann gerade ein, als dieser an einem Wohnwagen ankam und an die Tür klopfte. »First Reverend Fischer«, rief er, »ich glaube, wir haben hier ein Problem.« Die Tür ging auf, und Richard Fischers wohlbeleibte Gestalt füllte den Rahmen. »Was ist, Mr. Granger? Wir haben zu tun.« »Ich stelle mich selbst vor, danke, Mr. Granger«, sagte Feldman 127
bestimmt und trat vor, so daß man ihn sehen konnte. »Was machen Sie hier, Mr. Feldman?« fragte Fischer mit einem überraschten Stirnrunzeln. »Medien sind hinter dem Zaun nicht erlaubt!« »Ich muß mit Ihnen sprechen, Reverend, es ist wichtig!« Fischer nickte Granger zu, der zur Seite trat, aber er verließ seinen Platz in der Tür nicht und bat Feldman auch nicht hinein. »Beeilen Sie sich, Mr. Feldman, ich habe nur ein paar Minuten.« »Wir wollen den Auftritt auf Video aufzeichnen, Reverend Fischer. Es ist ein Ereignis von internationaler Bedeutung und hat eine bessere Dokumentation verdient als Bilder, die aus sechzehn Meter Entfernung durch einen Maschendraht aufgenommen sind!« »Wir haben schon Vereinbarungen für eine professionelle Aufzeichnung getroffen, Mr. Feldman. Wir haben ein eigenes Produktionsteam engagiert. Wenn Sie diesmal unseren Messias deutlich sehen wollen, werden Sie den Film von mir und nicht von irgendeinem Amateur erwerben müssen. Zu einem anständigen Preis, versteht sich.« »Wenn wir hier über die Vergütung reden, Sir, seien Sie versichert, daß wir nicht nur für die Aufnahmen zahlen, sondern Ihnen vollständige Kopien zur Verfügung stellen werden, die Sie nach Belieben verwenden können. Außerdem habe ich draußen kein Kamerateam gesehen. Was ist, wenn sie nicht kommen oder wenn bei ihrer Arbeit etwas schiefgeht? Wäre es nicht ratsam, dann professionelle Unterstützung zu haben?« Fischer hatte bei der Erwähnung von Vergütung die Ohren gespitzt. »Was für eine Summe könnten Sie uns bieten, Mr. Feldman? Was schlagen Sie vor?« »Ich müßte es absegnen lassen, aber ich denke, ich könnte, na ja … sagen wir, zehntausend bieten«, probierte Feldman es. »Wir reden hier über den Messias, Mr. Feldman!« schnauzte Fi128
scher beleidigt. »Nicht unter dreihunderttausend! Und ich will die vollen Rechte auf das Material nach der ersten Ausstrahlung. Ja oder nein?« Feldman kratzte sich am Kopf und traf eine verzweifelte Entscheidung. »Sagen wir, ich nehme Ihr Angebot für dreihunderttausend an. Aber mit den Videorechten müßten Sie uns entgegenkommen. Wenn wir die Aufnahmen nicht uneingeschränkt verwenden können, sind sie wertlos für uns.« Fischer sah auf die Uhr. »Okay«, beschloß er. »Aber ich will einen schriftlichen Vertrag dieses Inhalts, bevor Sie eine einzige Aufnahme machen. Händigen Sie ihn an Mr. Smead im Wagen Nummer sieben aus. Und sorgen Sie dafür, daß Ihre Leute nicht im Weg stehen. Sie dürfen nicht näher als fünf Meter an den Messias heran. Und absolut keine Fragen, kein Gespräch! Verstanden?« »Alles klar.« Feldman schüttelte Fischer die Hand. »Granger«, wies Fischer seinen Wachmann an, »begleiten Sie Mr. Feldman und passen Sie auf, daß er alles genauso macht wie abgesprochen. Falls irgendwas außer der Reihe passiert, nehmen Sie ihm die Kamera und die Bänder weg und werfen ihn und sein Team raus!« »Jawohl, Mr. Fischer.« Granger warf Feldman einen grimmigen Blick zu, und Feldman rannte schleunigst zurück zum Hubschrauber. Granger folgte ihm auf den Fersen, außer Atem und rot im Gesicht, um die Aufsicht über die WNN-Aktion zu übernehmen. Er ließ seine Männer auf ihre Posten zurückkehren und trug ihnen auf, wenn nötig ihre Handfeuerwaffen einzusetzen, um etwaige weitere Landungen zu verhindern. Feldman lief zu Sullivan und Bollinger, die ihn nervös erwarteten. »Ich hoffe, ich habe meine Grenzen nicht überschritten«, erklärte Feldman, »aber ich habe ihm für die Exklusivrechte an dieser Veranstaltung dreihunderttausend zugesagt.« 129
Bollinger verschlug es fast den Atem: »Du hast was?« Sullivan winkte ihn zurück. »Das ist in Ordnung, Jon. Es ist uns zehnmal so viel wert. Die Konkurrenz wird nur bis zum Zaun kommen!« Aber für die glücklosen anderen Teams, die heute erschienen waren, gab es nicht einmal Karten zweiter Klasse. Die ständig wachsende, Ellbogen an Ellbogen stehende Menge drückte sich eng gegen die gelben Warnabsperrungen bis kurz vor dem Elektrozaun, und alle wachten eifersüchtig über ihre Plätze. Die frustrierten Konkurrenten von WNN waren in kreisende Hubschrauber oder auf die Dächer weit entfernt stehender Autos verbannt. Feldman bemerkte, wie sich hinter ihm im Osten die rosig-blasse Morgenröte über den Rand der Gebirgskette schob. Die Dämmerung würde nur noch ein paar Minuten auf sich warten lassen. Er nahm seine Position auf der Bühne genau unterhalb des Altars ein. Direkt an der Rückseite der Bühne führte eine Treppe über die Hauptplattform bis zum erhöhten Altar. Jetzt kamen einige Dutzend Menschen die Stufen herauf zu den Sitzreihen auf Feldmans Ebene. Die Delegation bestand aus dem obersten Rat der Samariter und dem strahlenden Richard Fischer, der Feldman im Vorbeigehen blasiert zunickte. Der Messias war nicht unter ihnen. Aus Lautsprechern erklang Musik, zuerst ganz leise, dann immer lauter anschwellend. Eine himmlische Arie aus einer Oper, die Feldman schon einmal gehört hatte, an deren Namen er sich aber nicht mehr erinnern konnte. Obwohl er sich darüber im klaren war, daß diese sorgfältige Inszenierung der künstliche Versuch war, Ehrfurcht und Staunen auszulösen, mußte er doch zugeben, daß sie ihre Wirkung nicht verfehlte. Die ganze Atmosphäre war von einer Aura des Übernatürlichen umgeben. Hunter stellte sich in seiner anfänglichen Kameraposition auf ebener Erde gegenüber der Bühne auf und filmte den Altar im Gegenlicht der heller werdenden Dämmerung. Bollinger gab Feldman ein 130
Zeichen, und der Reporter teilte dem Team über sein Mikro mit: »Also, gehen wir auf Livesendung und machen den Vorspann.« Er hatte seine Einleitung jedoch kaum begonnen, als die riesigen Halogenscheinwerfer, die den Berg bestrahlten, plötzlich ausgingen und die Lautstärke der Musik zunahm. Die Menge verstummte, als die Sonne plötzlich über dem Zacken einer fernen Bergspitze hinter der Bühne aufging und ein einziger goldener Strahl direkt auf den Altar traf. Als steige sie aus einem Tunnel aus Licht empor, erklomm eine kleine, schlanke Gestalt die mittlere Treppe bis ganz nach oben, wo sie regungslos hinter dem Altar stehenblieb. Feldman hielt den Atem an. Der Herr war gekommen!
31 BERG DER SELIGPREISUNGEN, ISRAEL, 6 UHR 21, DONNERSTAG, 6. JANUAR 2000 Die Masse des Publikums erstarrte angesichts der überirdischen Szene in Ehrfurcht und harrte eine ganze Minute regungslos aus, während die himmlische Musik ihr triumphales Ende fand. Der schlanke Messias war in ein bodenlanges weißes Gewand mit einer Kapuze gekleidet, das mit roter und purpurroter Kordel eingefaßt war. Den Kopf hielt er gesenkt, das Gesicht vor dem Sonnenlicht der Morgendämmerung ganz im Schatten der Kapuze verborgen. Feldman, das Fernsehteam und Millionen Zuschauer sahen ge131
bannt und in atemloser Spannung zu, wie die geheimnisvolle Gestalt sich allmählich zu entfalten schien. Der Kopf neigte sich nach hinten. Die schlanken Arme hoben sich langsam zum Himmel. Die Ärmel glitten anmutig herunter, und die dünnen, schimmernden Arme kamen zum Vorschein. Die kleinen, geballten Fäuste öffneten sich, und die schlanken Finger streckten sich gen Himmel. Endlich fiel die Kapuze herab und enthüllte ein Gesicht von der überirdischen, leuchtenden Schönheit eines Engels. Unschuldig und kindgleich, von schlichtem Ebenmaß. Und doch entschlossen und weise. Die Augen waren geschlossen, doch der Mund weit geöffnet. Feldman war völlig überrascht, dann wie verzaubert, als er realisierte, daß diese überaus fesselnde Vorstellung in Wirklichkeit nur ein besonders ausgiebiges morgendliches Sich-Strecken und -Gähnen war. Aber wegen des Kontrasts zwischen Sonnenlicht und Schatten und weil die Menge zu weit entfernt stand, bezweifelte er, daß das außer ihm sonst noch jemand bemerkt hatte. Obwohl es auf jeden Fall dasselbe markante Gesicht war, das Feldman in den unbeholfenen Videoaufnahmen vom Abend der Jahrtausendwende gesehen hatte, wirkte es jetzt völlig anders auf ihn. Es war nichts von dem Schmerz, der Wut oder der Angst zu sehen, die von dem Gesicht auf dem dunklen Fernsehmonitor ausgegangen waren. Vielleicht hing das mit den Eigenheiten der elektronischen Bildbearbeitung zusammen, aber dieses Gesicht hatte nichts mehr von seiner vormaligen Intensität. Es erschien sogar weniger kantig. Weicher und sanfter. Und doch hatte es nichts von dem überirdischen Charakter verloren, der ihm die Gottähnlichkeit zu verleihen schien. Ein erstaunliches Wesen. Die Haut so vollkommen glatt und makellos, daß ihr reines, leuchtendes Weiß buchstäblich zu pulsieren schien. Das Gesicht von vollkommener Symmetrie mit großen, weit auseinanderliegenden dunklen Augen, eingerahmt von langen schwarzen Wimpern. Das Kinn wie fein gemeißelt und fest, die Nase von römi132
schem Profil wie diejenige eines antiken Gottes. Sehr passend. Die einzige Unvollkommenheit an diesem makellosen Haupt waren seltsame rote Wülste, die an kleinen rasierten Stellen im widerspenstigen rabenschwarzen Haar des Messias zu sehen waren. Ganz schlecht geschnittenes Haar. Aber wenn das wirklich das Antlitz eines Messias war, hatte Gott seinem Auserwählten einen grausamen Streich gespielt. Diese seltsame, surreale Erscheinung war nicht die eines Jungen, sondern die einer jungen Frau. Und als Feldman sie sprechen hörte, gab es daran keinen Zweifel mehr. Der Messias sah über die Menge hinweg und sprach mit lauter, klarer, aber eindeutig weiblicher Stimme. »Vasheim aboteinu tovu lisanecba«, verkündete sie in perfektem Hebräisch, das Feldman jedoch nicht verstand. »Bism Elah atty laka«, kam dann in perfektem Arabisch, das dem Reporter ebenfalls nichts sagte. »In the name of the Father, I come to you«, sagte sie darauf in perfektem Englisch, und Feldman begriff, daß der Messias denselben Satz in einer Reihe verschiedener Sprachen wiederholte. »Au nom de Dieu notre père, je viens à vous«, fuhr sie auf französisch fort. Sie wiederholte ihre Begrüßung in Deutsch, Spanisch, Russisch, Chinesisch, Italienisch und Japanisch und erhöhte dabei das Tempo in einem rhythmischen Tonfall, der die Menge körperlich mitschwingen ließ. Wenn ein Durchgang beendet war, begann der Messias einen neuen Satz und ließ den rhythmischen Übersetzungsritus wieder von vorne anfangen. Sie unterstrich ihre Rede mit ausdrucksvollen Bewegungen der Arme und des Körpers. Die Welt empfing die erste Predigt von der neuen Prophetin. Eine kurze Rede, die als die Neuen Seligpreisungen bekannt wurde: Im Namen des Vaters komme ich zu euch. Im Namen der Wahrheit komme ich zu euch. 133
Im Namen der Offenbarung komme ich zu euch. Selig sind, die da hören, denn ihr werdet verstehen. Selig sind, die da sehen, denn das Neue Licht wird auf euch scheinen. Selig sind, die da widerstehen der Gewohnheit der Rechtschaffenheit zuliebe, denn ihr sollt gerechtfertigt werden. Selig sind, die die Antwort in sich selbst suchen, denn ihr werdet den Willen Gottes kennen. Selig sind, die den Mächtigen in meinem Namen entgegentreten, denn ihr werdet mutig genannt werden. Selig sind die Selbstlosen, denn euer Lohn soll unermeßlich sein. Selig sind die Duldsamen, denn ihr sollt Einigkeit erlangen. Selig sind, die die Schutzlosen verteidigen, denn ihr werdet das ewige Leben gewinnen. Selig sind, die fest sind in ihren Herzen, denn ihr werdet Trost hei euch selbst finden. Frohlockt und freut euch, denn euer Lohn im Himmel ist groß; so verfolgten sie die Propheten, die zuvor kamen. Am Ende ihrer Rede ließ die Verkünderin ihren Blick über die Menge schweifen – und sah dabei Feldman direkt in die Augen. Nur für einen Augenblick, nur en passant, aber sie hatte wohl tatsächlich ihn gemeint. Und in diesem einzigen Blick durchdrangen ihn ihre dunklen, gelassenen Augen auf eine Art und Weise, die ihn beunruhigte. Er fühlte Schwindel und war zugleich verwirrt und verstört. Aber er konnte jetzt nicht diesem Gefühl nachgeben. Die Hände des Messias hoben sich zum Himmel, als erteile sie der Menge einen Segen. Und dann wandte sich die schlanke Gestalt unvermittelt um, ging ruhig die Stufen hinunter und senkte die Arme, während die Menschenmenge in Jubel ausbrach. 134
Die gewaltige Zuhörerschar befand sich in Ekstase. Lachend, weinend, betend, erfüllt und hingerissen von der Verzückung dieses religiösen Augenblicks. Feldman befürchtete, daß der kopflose, freudetrunkene Mob sich weiter nach vorn schieben und den weniger begünstigten Gläubigen nahe am Elektrozaun ein Schock göttlicher Vernunft versetzt werden könnte, der Hunter ein paar zusätzliche Aufnahmen von anekdotischem Wert liefern würde. Aber die versammelten Menschen respektierten einander, und es bestand keine Gefahr. Feldman glaubte, daß die Mehrzahl der Zuschauer von Anfang an darauf vorbereitet war, diese Messiasfigur als ihren Retter anzunehmen,