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Der
programmierte
Zusammenbruch
aller Computer zur Jahrtausendwende die Welt droht im Chaos zu versinken. Der Spe...
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Der
programmierte
Zusammenbruch
aller Computer zur Jahrtausendwende die Welt droht im Chaos zu versinken. Der Spekulant Copeland will daran ein Vermögen verdienen. Der ComputerFreak Doc soll ihm ein Programm entwickeln, das alle Rechner fit macht für den letzten Tag. Bekommen wird es natürlich nur der, der auch dafür zu zahlen bereit ist. Aber Doc will zusammen mit seinen Computer-Samurai die retten, die nicht gerüstet sind: vor allem seine Heimatstadt New York. Sein geheimes Projekt erhält den Decknamen Y2K New York. Als der D-Day Zeitzone für Zeitzone näher rückt, überschwemmen Horrormeldungen aus aller Welt die amerikanische
Metropole.
Die
Bevölkerung
beginnt zu ahnen, was auf sie zukommt: Man hortet, flieht, wird gläubig ... Weder Copelands System noch Docs Pläne funktionieren einwandfrei. Silvester in New York rückt näher und näher. 2
Mit seinem Roman Jagt die Potemkin hat sich Mark Joseph in die erste Reihe der Thrillerautoren geschrieben. Er ist 1946 in Indianapolis geboren und
hat
England
Politologie und
in
den
Frankreich
USA,
studiert.
Heute lebt er mit seiner Familie in San Francisco.
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Mark Joseph
Der letzte Tag Roman Deutsch von Sabine Maier-Längsfeld
Schneekluth 5
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Joseph, Mark: Y2K. Der letzte Tag Roman / Mark Joseph Deutsch von Sabine Längsfeld München: Schneekluth, 1998 ISBN 3-7951-1722-4 Die amerikanische Originalausgabe erscheint unter dem Titel DEADLINE Y2K bei St. Martin's Press, New York ISBN 3-7951-1722-4 ©1998 by Mark Joseph © 1999 für die deutsche Ausgabe by Schneekluth Verlag GmbH, München Gesetzt aus der 10/13 Punkt Stempel Garamond von FIBO Lichtsatz München Druck und Bindung: Wiener Verlag, Himberg Printed in Austria 1999 g
S & C by Mik 6
Für Nick Ellison, meinen Freund.
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Bei diesem Buch handelt es sich um einen Roman. Obwohl einige Institutionen und Personen in dieser Geschichte Vorbildern aus der Wirklichkeit nachempfunden sind, entstammen sie ausschließlich der Feder des Autors. Die reale Safeway-Kette unterhält keine Filiale auf Guam. Das reale Consolidated Edison-Kraftwerk an der 59. Straße in New York produziert Dampf, und keinen elektrischen Strom, für die Verkehrsbetriebe. Die reale Chase Manhattan Bank unterhält keinerlei Geschäftsbeziehungen zu einem Unternehmen namens Copeland Solutions. Wo alles Fiktion ist, kann es keine falschen Tatsachen geben.
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Steht still, ihr nimmermüden Himmelssphären, und stille steh die Zeit, eh Mitternacht es schlägt. Christoper Marlowe, Dr. Faustus, 1588
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Der Spekulant Donald Copeland besaß einen unerschütterlichen Glauben an die Macht des Geldes. Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre hatte er mit seinem Unternehmen in High-Tech-Firmen investiert, sie aufgebaut und wieder verkauft, als betreibe er Viehhandel. Der Handel war sein tägliches Brot, und die Weltwirtschaft war seine Dauerkost. Der Zusammenbruch der Sowjetunion im August 1991 bedeutete das Ende des kalten Krieges. Fortan regierte der Kapitalismus ungehemmt, zum Segen für Copelands Heimatstadt New York. New York war das unangefochtene Zentrum der Weltwirtschaft. Hier war alles Ware, die Menschen eingeschlossen, und jeder, der eine Vision und die nötige mentale Härte hatte, ihr nachzujagen, war von besonderem Wert. Copeland war genauso hart wie der Granit, auf dem New York gebaut war. Diese Stadt war die Bastion, die ihn vor der unsicheren Welt jenseits der Flüsse beschützte; diese Stadt war seine Vision - Copeland hatte keine Ahnung, woher seine Vision kam, doch er stellte sie niemals in Frage. Er brauchte bloß die Augen aufzumachen, und schon sah er unzählige Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Von Zeit zu Zeit fuhr er nach Brooklyn, um Manhattan über den East River hinweg zu bewundern. Der Anblick New Yorks war für ihn eine Inspiration. Jedesmal offenbarten sich ihm dabei neue Möglichkeiten, zu Wohlstand und Macht zu gelangen. New York befand sich immer in
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Bewegung, und der Anblick war nie derselbe. Die Veränderungen zu registrieren und dem Wandel immer einen Schritt voraus zu sein, das war der Weg zu wahrem Reichtum. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts trug der Wandel den Namen Mikrotechnologie. Wenn Copeland auf New York blickte, sah er ein riesiges Netzwerk von Drähten und Mikroprozessoren, die ein unsichtbares Gespinst um die Wolkenkratzer woben. Im Verlauf seines Lebens hatte sich die Infrastruktur dieser Stadt vollkommen verändert, sie war automatisiert und computerisiert worden. 1991 wurde alles, von den U-Bahnen bis zu den Positionsleuchten auf den Wolkenkratzern, von Computern gesteuert. Manhattan war von zwei Millionen Menschen und mindestens genauso vielen Computern bevölkert, und das Garn, das Menschen und Maschinen veknüpfte, war aus purem Gold gesponnen. New York schien ein Meer aus Geld zu sein, das die Menschen in Computer investieren wollten, und Copeland übertraf sich selbst dabei, diese Flut in seine Richtung zu lenken. Seine Firma Copeland Investments hatte die Finanzierung von Unternehmen übernommen, die mit Datenbanken, Datenverarbeitungsprogrammen, Geschäftssoftware, CD-Spielern, LED-Anzeigen, Codewandlern, elektronischen Spielen, Netzwerkknoten und Schaltern für Telekommunikationsanlagen und mit programmierbaren Logikprozessoren für automatisierte Kontrollsysteme Millionen verdienten. Die Technologie an sich bedeutete Donald Copeland gar nichts. Ihn lockte allein der Nervenkitzel, der mit dem Geschäft verbunden war. Seine Unterschrift auf einen Vertrag zu setzen, in dem es um Millionen ging, war für ihn, wie den Finger in eine Steckdose zu stecken. Es brachte ihn zum Glühen.
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Eines Nachmittags, im Sommer 1991, war er wieder einmal auf dem Rückweg nach Manhattan. Er befand sich auf der Brooklyn Bridge, inmitten des Verkehrs Stroms, der zurück in die Stadt floß. Aus dem Radio plätscherten Verkehrs- und Börsennachrichten. Der Moderator kündigte den nächsten Beitrag an: »Und nun ein Bericht von der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften, in dem es heißt, daß in exakt achteinhalb Jahren, am ersten Januar 2000, alle unsere Computer tot sein werden. Ihr habt richtig gehört, Leute. An diesem Datum werden die Computer versagen, und Schuld hat eine gemeine kleine Programmierstörung, der die Akademie den Namen Millennium Bug gegeben hat. Das bedeutet soviel wie Jahr2000-Fehler.« Copeland wandte den Blick von dem Verkehrsgewühl und starrte sein Radio an. Die zwölf Lautsprecher in dem Mercedes verstärkten alles, was gesprochen wurde, und wie ein gefangenes Insekt hing der Ausdruck »Millennium Bug« in dem computergesteuerten Inneren des Wagens. »Der Millennium Bug ist unglaublich einfach«, fuhr der Moderator fort. »Die meisten Computerprogramme speichern lediglich die letzten zwei Ziffern des Datums zur Jahresangabe und nicht alle vier. Alle Computer, die mit diesen Programmen laufen, werden im Jahr 2000 ›00‹ als ›1900‹ lesen, und das war's dann auch schon, Leute. Error! Error! Error! Aus! In den sechziger Jahren haben die Programmierer damit begonnen, das Datum zweistellig darzustellen, um Speicherkapazität zu sparen, und es wurde zur Regel. Alle Programmierer haben so gearbeitet, und sie tun es bis heute. Keiner von ihnen hat je geglaubt, daß sein Programm zur Jahrhundertwende noch laufen würde. Die Jungs lagen falsch, Leute. Diese alten Programme
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sind überall, und noch immer verbreiten Programmierer den Millennium Bug wie ein Buschfeuer. Dieser tödliche Computerfehler hat sich in unseren Alltag geschlichen und verharrt nun geduldig im Innern von Telefonanlagen, in den Kontrollmechanismen von Elektrizitätswerken, in Flugsicherungssystemen, in Zugverkehrskontrollanlagen, in Buchhaltungs- und Rechnungsprogrammen, im elektronischen Geldverkehrssystem, in Satellitensteuerungsanlagen. Und weil das noch nicht reicht, wurde dieser Fehler in Hunderte Millionen Computerchips eingebrannt, die in Autos, Flugzeuge, Aufzüge, elektronische Geräte, Maschinen und PCs integriert sind. Wenn Neujahr 2000 die Uhr umspringt, sind diese Computer irritiert und reagieren mit Fehlfunktionen. Wir blicken der Stunde Null entgegen, Leute, dem Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Was haltet ihr davon? Werden unsere Computer alle drauf gehen? Und wenn dem so ist, was passiert dann? Werden die Flugzeuge vom Himmel fallen? Glaubt ihr daran, oder ist das alles Quatsch?« Der Moderator rief seine Hörer auf, Stellung zu nehmen: »Ruft mich an und sagt mir eure Meinung!« Nur ein paar Technikfreaks riefen an, und die Hälfte von ihnen war der Meinung, der Millennium Bug sei keine große Sache und leicht zu beheben. Außerdem war das Jahr 2000 noch in weiter Ferne, und in Amerika hieß langfristige Planung, sich über die kommende Woche Gedanken zu machen. In der ganzen Radiolandschaft schien sich niemand ernsthaft um diesen Millennium Bug Gedanken zu machen - niemand außer Donald Copeland. Er hatte eine unglaubliche Vision. Wie eine riesige mathematische Gleichung war sie mit Feuer über die Skyline von Manhattan geschrieben.
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Er konnte in die Zukunft sehen. Er wußte genau, was geschehen würde, wann es geschehen würde und, am alierwichtigsten, wie er aus seiner Weitsicht Profit schlagen konnte. Die Vorstellung, daß ein einfacher Programmierfehler die ganze Welt in die Knie zwingen sollte, war so verheerend, daß sie ihn erschütterte wie ein Erdbeben. Mit Lichtgeschwindigkeit durchmaß sein Hirn alle logischen Schritte, einen nach dem anderen, bis sich der ganze Plan vor ihm entfaltete wie eine Blüte bei Sonnenaufgang. Am 1. Januar 2000 würde eine Katastrophe das Land überrollen, und nur diejenigen Organisationen, die ihre Schwachstellen erkannt und sie vor dem Stichtag ausgemerzt hatten, würden überleben. Zu wissen, wer überlebte, womöglich gar selbst zu entscheiden, wer überleben und wer scheitern würde, wäre ein geschäftlicher Vorteil von unermeßlichem Wert. Copeland besaß die Mittel und den Willen, seinen visionären Plan umzusetzen. Zu den Mitteln zählte unter anderem Dr. Michael »Doc« Downs, Doktor der Philosophie, ein junger Computerspezialist aus Kalifornien. Er leitete bei Copeland Investments die Abteilung für Forschung und Entwicklung. Copeland raste in sein Büro. Die Firma hatte ihren Sitz in einem alten, dreistöckigen, roten Ziegelbau in der Nassau Street in Lower Manhattan, nur einen Katzensprung von der Wall Street entfernt. Getrieben von seiner Vision, ließ er den Aufzug links liegen und sprintete zu Fuß hinauf in den zweiten Stock, wo Doc sein Büro hatte. Copeland klopfte an die Tür. Eigenartige Geräusche drangen nach außen. »Doc!« rief er. »Doc, ich muß sofort mit dir sprechen!«
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Klopfen, Klingen, dann die Antwort: »Komm rein!« Aufgeregt schob sich Copeland in Docs Arbeitszimmer. Der Raum glich einem Computerschrottplatz, war vollgestopft mit spinnenartigen integrierten Schaltkreisen, Zentraleinheiten und Bildschirmen. Die Gerätschaften lagen herum wie Müll. Doc bearbeitete gerade unsanft einen störrischen Bildschirm mit dem Griff eines großen Schraubenziehers, als Copeland das Zimmer betrat. Der Bildschirm leuchtete auf, und Doc grinste. »Wenn alles schiefgeht«, erklärte er, »dann beziehe ich mich immer auf die Hau-Drauf-Theorie über Komponenteninstandsetzung. Zieh dem Drecksstück eins über die Rübe und wart ab, was passiert.« Doc war 23 Jahre alt, ein riesiger, bärtiger Holzfällertyp in Flanellhemd, Jeans und Arbeiterstiefeln und einer Jagdmütze mit Ohrenklappen auf dem Kopf. Er rauchte täglich zwei Päckchen Camel und drei Joints mit erstklassigem Marihuana und ernährte sich ansonsten von Pizza und Kaffee. Mit einem bemerkenswerten IQ gesegnet, der permanent auf Hochtouren lief, wurde Doc mit acht Jahren zum Hacker, als er das Paßwort seines Vaters klaute und damit in Daddys elektronischer Pornosammlung surfte. Seinen Spitznamen »Doc« hatte er schon lange, bevor er mit einundzwanzig an der Standford University seinen Doktortitel verliehen bekam. Er war ein Geek, ein absoluter Computer-Superfreak. In den letzten zwei Jahren war er zu Copelands persönlichem Hexenmeister geworden. Er war derjenige, der Copelands Ideen in durchführbare, gewinnbringende Produkte verwandelte. »Der Millennium Bug«, sagte Copeland. »Ich habe gerade davon erfahren.« »Ach, bist du auch schon dabei, Boß?« sagte Doc und warf den Schraubenzieher beiseite. »Wir Hacker nennen ihn
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Y2K, für das Jahr 2000, von Year-Two-Kilo, also Tausend.« Wie ein Mantra wiederholte Copeland das Akronym. »Y2K,Y2K.« Doc musterte seinen Boß von oben bis unten. Spöttisch Heß er seinen Blick über den perfekten Haarschnitt, die einwandfreie Erscheinung, den Maßanzug bis hinunter zu den Budapester Schuhen gleiten. »Donald, du hast diesen besonderen Ausdruck im Gesicht. Du riechst Geld.« »Der beste Geruch der Welt«, sagte Copeland. »Was weißt du über diesen Fehler? Kennst du dich aus?« »Klar.« »Erklär's mir.« »Es wird ein Desaster geben«, sagte Doc. Er setzte sich, lehnte sich zurück und legte die Stiefel auf seinen Arbeitstisch. »Die Leute werden nicht begreifen, was passieren wird. Und sie werden es nicht glauben wollen.« »Das hat der Typ im Radio auch gesagt. Er hat mich zu Tode erschreckt.« »Also, das ist gut«, sagte Doc gedehnt und zündete sich eine Zigarette an. »Rußland zum Beispiel, nur so als Appetithäppchen: Ein paar russische Atomreaktoren werden wohl schmelzen. Dabei verursachen sie natürlich riesige Stromausfälle, und Millionen von Menschen werden mitten im Winter ohne Heizung dahocken mit nichts zu fressen außer radioaktiver Strahlung. Und dann wird's richtig spannend.« Er zwinkerte und fügte grinsend hinzu: »Dieser Fehler wird genau die Sorte Unheil anrichten, bei der das Herz eines Hackers vor Freude hüpft.« »Und was können wir tun?« »Für die Russen? Gar nichts. Was den Rest betrifft«, er machte eine Pause, »da kommt's drauf an.« Geduldig erklärte Doc, daß der Millennium Bug für einen
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Programmierer nur einen trivialen Fehler darstellte, der behoben werden konnte, wenn man den betreffenden Programmcode erst lokalisiert hatte. Doch der Fehler wurde in datumsabhängigen Programmen unzählige Male reproduziert. In Systemen mit Millionen von Codierzeilen jede Instanz zu durchforsten stellte ein Problem von ungeahntem Ausmaß dar. Dazu kam, daß alte Codes oft unsachgemäß dokumentiert und in antiquierten Programmiersprachen wie COBOL und FORTRAN geschrieben waren. Das machte es noch schwieriger, die Fehler zu lokalisieren. Viele der jüngeren Programmierer hatten diese Sprachen nie gelernt. »Könntest du eine Lösung ausarbeiten?« fragte Copeland. »Klar, aber ich müßte mich diesbezüglich spezialisieren. Jede Anwendung ist anders.« »Wer arbeitet mit den meisten alten Anwendungen?« »Banken«, kam es ohne Zögern. »Im Ernst?« sagte Copeland, sichtlich zufrieden mit dieser Antwort. »Wissen die Banken das auch?« »Sollten sie, aber wahrscheinlich tun sie's nicht. Ich meine, die Programmierer, die für Banken arbeiten, wissen es. Die wissen es schon lange, aber wer hört schon auf Programmierer? Die Direktoren sitzen nie vor 'nem Computer, und ganz sicher haben die keinen blassen Schimmer von ihren Großrechnern oder den antiken COBOL-Programmen.« »Was würde eine Lösung des Problems einbringen?« fragte Copeland. Doc grinste. »Darum geht's hier, stimmt's?« »Wieviel, Doc?« »Ein Vermögen. Hunderte Milliarden, vielleicht mehr. Unvorstellbare Summen.«
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»Was hältst du von der Idee?« fragte Copeland. »Meinst du, ob mir die Idee gefällt, Programme zu schreiben, die den Bug vernichten?« »Genau.« »Es hat was«, sagte Doc und strich sich über den Bart. »Andererseits könnten wir diese ganzen wahnsinnigen Unternehmen den Bach runtergehen lassen, wenn ihre Computer versagen. Das hat auch was.« »Ernsthaft, Doc. Was hältst du davon, als Geschäftsidee? Können wir Geld damit machen?« »Das bestimmt, Donald. Es ist eine Lizenz zum Gelddrucken.« »Was brauchst du dafür?« fragte Copeland. »Du mußt es nur sagen.« »Also. Wie wär's mit einem alten Großrechner, mit dem ich rumprobieren kann, dazu ein paar hundert Anwendungen und zwei oder drei Spezialisten?« »Ist das alles?« »Ich nehme an, du könntest mir 'ne ganze Bank kaufen, Donnie, aber man soll ja nichts unnötig verkomplizieren.« Am nächsten Tag kauften sie in einem Lagerhaus in Queens einen fünfzehn Jahre alten Großrechner der IBM 370-Serie. Doc gab ihm den Namen Old Blue. Er ließ im obersten Stockwerk des Gebäudes in der Nassau Street eine Wand niederreißen und den Boden verstärken. Er mietete einen Kran und installierte Old Blue in seinem Computerlabor. Einen Monat lang testete er die zugehörige Software, dann bat er Copeland zu einer Demonstration. »So also wird die Welt am 1. Januar 2000 aussehen«, verkündete Doc seinem Ein-Mann-Publikum. »Ich zeige dir jetzt, was geschehen wird, wenn man den Dingen ihren Lauf läßt.«
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Old Blue hatte sein Leben damit verbracht, die Buchhaltung einer Versicherungsgesellschaft zu verwalten und auszuführen. Der Computer war zwar noch nicht sehr alt, aber wie viele Firmen hatte auch die Versicherungsgesellschaft in neue Hardware investiert, sie aber mit der alten fehlerhaften Software weiterbetrieben. Doc lud ein Buchhaltungsprogramm, das auf versicherungsstatistischen Tabellen basierte. Er verstellte die Zeit auf 23.59 Uhr, 31.12.1999, und gab dem Programm eine leichte Aufgabe. Er bat um den Terminplan für die Prämienzahlungen der nächsten zwanzig Jahre. Sechzig Sekunden lang liefen Zeilen mit wohlgeordneten grünen Ziffern über den Bildschirm. Dann sprang die Uhr auf Mitternacht. Der Rechner stotterte, und es schien, als hätte er Schluckauf. Old Blue las das Datum »00« wie 1900, anstatt 2000, und folgerte, daß die Ziffern, die für ein Datum in naher Zukunft standen, eines repräsentierten, das weit zurücklag. Einfache arithmetische Berechnungen wurden unlösbar. Der Rechner versuchte, durch negative Zahlen zu dividieren oder mit ihnen zu multiplizieren. Old Blue versuchte, binnen Sekunden eine unendliche Regression zu berechnen, und die Ziffern auf dem Bildschirm spielten verrückt. Der Arbeitsspeicher war schnell überlastet, und das Buchhaltungsprogramm stürzte ab. Der Computer war tot. »Voilà«, sagte Doc und zündete sich eine Camel an. Jeden Morgen um halb sieben traf sich Copeland an der Bar von Bernie's Delicatessen in der Upper West Side mit drei alten Freunden zum Frühstück, einem Polizisten, dem Filialleiter eines Supermarktes und einem Kardiologen. Sie waren gemeinsam aufgewachsen. Copeland war
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begeistert von seinem Projekt. Er sprudelte über vor Enthusiasmus für Y2K. Binnen einer Woche hatten sich seine Freunde das Thema für ihre Frühstücksunterhaltung verbeten. »Die Telefonleitungen werden zusammenbrechen, das Internet wird tot sein, das Militär wird gelähmt sein, niemand wird seinen Sozialhilfescheck bekommen, das Finanzamt wird total durchdrehen, eure Mikrowelle wird nicht mehr funktionieren, aber das ist egal, weil es keinen Strom mehr geben wird.« »Es reicht!« rief Jonathan Spillman, der Filialleiter. »Um Gottes willen!« »Du leidest unter Wahnvorstellungen, Donnie«, sagte Bill Packard, der Arzt. »Du solltest zum Psychiater gehen.« »Leck mich, Bill. Die Sache wird mich reich machen.« »Du bist doch schon reich«, sagte Ed Garcia, der Polizist. »Vielleicht kannst du dich nicht daran erinnern, aber du bist damit reich geworden, Computerfirmen zu finanzieren, die dieses Problem in die Welt gesetzt haben. Wenn es wirklich so schlimm ist, wie du sagst, dann solltest du die Lösung umsonst anbieten!« »Ich habe den Millennium Bug nicht geschaffen, ich habe ihn entdeckt!« protestierte Copeland. »Wie 'ne Goldmine«, sagte Spillman. »Ich finde, du hörst dich an wie ein Minenräuber. Was meint ihr, Jungs? Sollen wir ihn hängen oder nur aus der Stadt jagen?« Wie unter Freunden üblich, die sich von Kindesbeinen an kennen, zogen sie Copeland gnadenlos auf, um ihm zu zeigen, wie sehr sie ihm seinen Erfolg gönnten. Als intelligente Männer nahmen sie seine düsteren Prophezeiungen von Verderben und Zerstörung mit einer gewissen Skepsis hin. Doch jeder von ihnen speicherte das Wissen um den Millennium Bug und fragte sich, wie dieses Problem
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sein Leben in ein paar Jahren, wenn die Jahrhundertwende gekommen war, beeinflussen würde. Copeland ahnte, daß Y2K ihm von all seinen Ideen den größten Gewinn bescheren würde. Deshalb sah er davon ab, mit den üblichen Finanzpartnern eine neue Firma zu gründen. Statt dessen gründete er eine 100%ige Tochterfirma, gab ihr den Namen Copeland Solutions und finanzierte die Entwicklung der Software aus eigener Tasche. Er hatte Geduld. Er kannte die Gesetzmäßigkeiten der Softwareentwicklung, jene endlosen Forschungen, basierend auf Versuch und Irrtum, die ewigen Tests und Experimente ins Blaue hinein, die schlußendlich irgendwann zum Erfolg führten. Ab und zu sperrte Doc sich im Computerlabor ein und flippte aus. Dann killte er ein paar Millionen Hirnzellen mit Amphetaminen und arbeitete wie besessen auf sein Ziel hin. Copeland ließ ihn in Ruhe und beschäftigte sich mit seinen anderen Firmen. Sie warfen genug ab, um das Y2K-Projekt mitzutragen. Manchmal bekam er Doc wochenlang nicht zu Gesicht. Die neunziger Jahre schritten voran. Morgen für Morgen frühstückte Copeland mit seinen Freunden. Er führte seine Frau Marie zum Abendessen ins Four Seasons aus und ging mit seinem kleinen Sohn Eddie ins Yankee Stadion. Doch all dies waren oberflächliche Beschäftigungen verglichen mit seiner krankhaften Leidenschaft, Geld zu scheffeln. Er entfremdete sich von seiner Frau und merkte kaum, wie sie von ihm forttrieb. Eddie wurde von Kindermädchen großgezogen. Copeland tauschte den Mercedes gegen einen Cadillac und den Cadillac gegen einen Porsche. Das Leben wurde schneller. Er konnte über den Fluß rasen, einen flüchtigen Blick auf die Skyline werfen
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und Minuten später wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Ein kostspieliger Nervenkitzel. Die billigen Nervenkitzel holte er sich in den Massagesalons in Chinatown und an den Wochenenden im Herbst bei einem Buchmacher im Fischmarkt auf dem Broadway, Ecke 83. Straße, bei dem er einen Hunderter auf die Jets setzte. Und endlich, zwei Jahre nach Copelands Erleuchtung auf der Brücke, kreierte Doc ein Softwarepaket namens »Copeland 2000«, das auf den Millennium Bug in überholten Systemen abzielte, die hauptsächlich von Banken verwendet wurden. Banken, ja Institutionen des Finanzwesens ganz allgemein, mit ihren Millionen von Zeilen datumsabhängiger Computercodes waren auf Großrechner wie Old Blue angewiesen, die mit alten Anwendungen liefen. Und somit waren diese Unternehmen extrem anfällig für den Millennium Bug. Copeland 2000 kam im Herbst 1993 auf den Markt. Zu Beginn gab es nur wenige Abnehmer: Kreditinstitute und kleinere Spar- und Bausparkassen. Im Laufe der nächsten zwei Jahre schlugen auch andere Hersteller Alarm und boten ebenfalls Y2KSoftware an. Immer mehr große Unternehmen erkannten, daß der Millennium Bug ein reales, ernstzunehmendes Problem darstellte. Nach und nach klopften auch die großen Fische an die Tür. 1995 landete Copeland Solutions den größten Coup: die Chase Manhattan Bank. Chase Manhattan gehörte zu den ersten Großbanken, die sich ernsthaft mit dem Y2K-Problem befaßten und zum richtigen Schluß gelangten. Bei Chase Manhattan waren zweihundert Millionen Zeilen mit dem infizierten Code auf 1500 verschiedene Computersysteme verteilt, die mit Tausenden von Anwendungen liefen. Chase Manhattan mußte den Millennium Bug aus den Systemen eliminieren, oder die Bank wäre aus dem Geschäft. So simpel war
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das. Das Ergebnis war ein 160-Millionen-Dollar-Vertrag mit Copeland Solutions. Banken aus aller Welt folgten Chase Manhattan in Copelands Kundenkartei. Ein wahrer Geldstrom ergoß sich in die Firma. Doch Copeland merkte bald, daß der Erfolg ihn nicht befriedigte. Das Hoch, in dem er sich befand, flaute schon nach ein paar Wochen ab, und er fühlte sich abgestumpft und gelangweilt. Copeland spürte das Verlangen nach einer neuen, anspruchsvolleren Herausforderung. Ohne daß er sich dessen bewußt gewesen wäre, wartete er auf die Gelegenheit für ein Verbrechen. Seinem Ruf als kalter, rücksichtsloser Geschäftsmann zum Trotz glaubten selbst seine alten Frühstückskumpel, daß Donald ein ehrlicher Mensch sei. Doch in Wahrheit betrachtete Copeland ungesetzliche Machenschaften als logische Schritte, wenn es ums Geschäft ging. Denn die Grenze zwischen spekulativem Risikokapitalismus und Wirtschaftskriminalität war nur hauchdünn, wenn es sie überhaupt gab. Für ihn war es nur eine Frage der Gelegenheit. Und die sollte sich schon bald ergeben. Der Vertrag mit Chase Manhattan verschaffte den Programmierern von Copeland Solutions Zugang zu den empfindlichsten Daten der Bank. Jedes Konto, jede Akte und jedes Programm mußten auf den Millennium Bug hin geprüft und korrigiert werden. Als diese Arbeit begann, war es daher nur eine Frage von Tagen, bis Doc Unstimmigkeiten entdeckte. Die Bank war so riesig, daß sie nicht wußte, wieviel Geld sie besaß und wo es sich befand. Das erste interessante Konto, auf das Doc stieß, war 1985 eingerichtet worden. In diesem Jahr war einem Programmierer, der für die Bank arbeitete, genau das gelungen, was später zu der
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geläufigsten Form von Computerbetrug im Bankwesen werden sollte. Jedesmal, wenn der Computer der Bank eine Transaktion in fremder Währung durchführte, rechnete er die betreffende Währung in Dollar um und rundete dabei den Betrag auf das nächste Tausendstel ab. Dieser unbekannte Programmierer hatte ein kleines Programm geschrieben, das jeden noch so winzigen Bruchteil eines Tausendstels auf ein Konto überwies, das in den regulären Aufzeichnungen nicht auftauchte. Wie es so kommt, der Programmierer wurde ein Jahr später von einem Lastwagen überfahren und starb. Sein Programm jedoch funktionierte weiterhin tadellos, ohne je die Aufmerksamkeit eines Sachbearbeiters zu erregen. Bis 1995, als Doc das Konto entdeckte, hatten sich über vier Millionen Dollar angesammelt, von deren Existenz die Bank keine Ahnung hatte. Doc verpackte die Geschichte des verwaisten Kontos als Hackerstory und erzählte Copeland davon. »Wenn wir dieses Konto in Ruhe lassen würden«, grübelte Copeland, »wie hoch wäre der Stand bis Ende 1999?« »Sieben oder acht Millionen, und ich bin sicher, daß ich noch mehrere solcher Konten finden werde.« »Was schätzt du, Doc, wie hoch wäre die Summe?« »Kann ich nicht sagen, vielleicht um die hundert Millionen.« »Das könnte ein Haufen Geld sein, ganz umsonst«, stellte Copeland fest. »Damit könnte man der Bank teuflisch eins auswischen«, sagte Doc. »Ich finde die Vorstellung sehr interessant, soviel Geld zu bekommen, wenn die Welt im Januar 2000 zur Hölle fährt und alle bankrott gehen.« »Donald, was willst du damit sagen?«
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»Diebstahl im großen Stil.« »Mein Gott, bist du verdorben!« stellte Doc fest. »Ist nur eine Idee«, sagte Copeland. »Denk mal darüber nach.« »Die Bank hat Revisoren, die unsere Arbeit überprüfen«, gab Doc zu bedenken. »Das sind keine Idioten. Chase Manhattan erwartet von uns, daß wir diese Konten aufspüren und ihnen Bericht erstatten.« »Du bist aber schlauer als die, Doc.« »Wir sind doch jetzt schon stinkereich, Donnie. Chase Manhattan und diese ganzen anderen Banken werden uns noch reicher machen, warum also?« »Na und? Seit Jahren prophezeist du schon, was der Millennium Bug anrichten wird. Ein Desaster, ein völliges Desaster. Die Welt wird auseinanderbrechen, und diese Gelegenheit verschafft uns einen hübschen Notgroschen für eine Zeit, wo die anderen gar nichts mehr haben werden.« »Hundert Millionen Dollar nennst du einen hübschen Notgroschen? Herrgott noch mal!« »Und?« fragte Copeland. »Doc, du hast ein Hackerherz. Du wirst es tun, weil du dazu in der Lage bist.« »Genau da liegt das Problem, Donald. Ich muß es tun, nicht du.« »Das wird der größte Bankraub in der Geschichte werden«, verkündete Copeland. »Und die Bank wird niemals dahinterkommen, daß sie beraubt worden ist. Wer wird sich schon um so was kümmern, wenn zur Jahrtausendwende diese ganzen Katastrophen über uns hereinbrechen?« »Chase Manhattan zum Beispiel.« »Die werden es doch nie erfahren, Doc.« »Du bist ein habgieriger Geier, Donald.«
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»Stimmt genau. Wie man so schön sagt, Habgier ist gesund.« »Meinst du das wirklich ernst?« fragte Doc. »Ja, es ist mein Ernst. Noch nie habe ich etwas so ernst gemeint. Verdammt noch mal, die Bank weiß doch nicht mal, daß sie dieses Geld besitzt. Es wartet nur darauf, daß jemand es nimmt.« »Du bist ein Dreckskerl«, sagte Doc mit kaum verhüllter Verachtung. »Unsere Software verkauft sich wie verrückt. Diese Firma ist Hunderte Millionen Dollar schwer. Und du willst...« »Es nicht zu tun, obwohl wir dazu in der Lage sind, das wäre kriminell«, sagte Copeland mit einem breiten Grinsen. »Das ist die Chance unseres Lebens.«
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Docs erste Reaktion war, auf der Stelle zu kündigen. Doch er liebte seinen Job, und er hatte keine Lust, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Um Copeland glücklich zu machen, willigte er ein, mitzuspielen, obwohl er nicht vorhatte, die Bank jemals auszurauben. Der Traum vom Reichtum hatte Copeland so das Hirn verdreht, daß er glaubte, allein die Möglichkeit, das Geld zu stehlen, würde ihm das Recht geben, es zu tun. Das war in Docs Augen genau die Geisteshaltung, die die Weltwirtschaft am Laufen hielt. Die moralischen Grundsätze liefen Amok. Nimm, was du kriegen kannst, warum nicht? Das machen schließlich alle so. Theoretisch war der Diebstahl möglich, weil kein Computersicherheitssystem wirklich hundertprozentig sicher war, aber in der Praxis war es bei weitem nicht das perfekte Verbrechen. Im Rechenzentrum der Bank in Brooklyn schufteten zweihundert Y2KKulis rund um die Uhr. Viele von ihnen waren durchaus in der Lage, einen Diebstahl dieser Größenordnung aufzudecken. Und wer würde dann den Kopf hinhalten müssen? Der Chefprogrammierer. Doch Angst war nicht der Grund, wieso Doc bei Copelands Plan nicht mitspielen wollte. Auf seine Art war Doc ein bescheidener, ehrlicher Mensch. Er gehörte einer Spezies an, die Donald Copeland unbekannt war, der davon ausging, daß jeder intelligente Mensch seinen persönlichen ethischen Grundsatz von eiskalter Selbstsucht teilte. Doc mochte Geld, da unterschied er sich nicht von jedem anderen. Doch er
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vertrat die altmodischen Vorstellung, daß man Kapital für Zwecke nutzen konnte, die über Selbstbereicherung hinausgingen. Nachdem Doc sich dazu entschlossen hatte, zum Schein mitzuspielen, überzeugte er Copeland davon, daß es sicherer war, das Geld während der Krise zum Jahrtausendwechsel auf einen Schlag zu rauben, als die betreffenden Konten hie und da ein wenig zu schröpfen. Um seinen Boß zu beschwichtigen, schrieb Doc ein Schwindelprogramm, das eine aktuelle Aufstellung über fiktive Gelder bot, die er angeblich entdeckte. Mit diesem Programm konnte Copeland jeden Tag den Kontostand kontrollieren, wenn er wollte, mehrmals täglich. Die Summe stieg, und die legitimen Erträge des Unternehmens schossen noch schneller in die Höhe. Copeland Solutions expandierte mit rasanter Geschwindigkeit. Geschäftsbanken auf den Philippinen, in Japan, Lettland, Schweden, Deutschland und Spanien kauften die Y2KSoftwarepakete. 1996 betrugen allein Docs Prämien sechs Millionen Dollar - am Niveau der Wall Street gemessen nicht gerade viel, doch für Doc war die Summe groß genug, um etwas Sinnvolles damit anzufangen. Doc hatte die Y2K-Herausforderung angenommen, weil er darin die Möglichkeit sah, wenigstens einen kleinen Teil der Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Doc konnte Primärcodes im Schlaf schreiben und liebte Computer über alle Maßen. Doch tief in seinem Herzen wußte er, daß der unbeschränkte Einsatz von Computern in allen Bereichen des täglichen Lebens fahrlässig und oftmals zudem unsinnig war. Die Computertechnik hatte den Globus einem radikalen Wandel unterzogen. Die Weltbevölkerung war in zwei Lager gespalten: auf der einen Seite standen diejenigen
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mit technologischem Sachverstand, auf der anderen Seite alle anderen. Jeder technologische Fortschritt trieb die Lager weiter auseinander. Y2K würde ein absolut einschneidendes Ereignis sein, das die Trennungslinie in eine gefährlich tiefe Schlucht verwandeln würde. Kleine Firmen und Selbständige, die finanziell nicht in der Lage waren, ihr Computersystem umzustellen, würden draufgehen. Die Großen dagegen, die Copeland 20C0 oder vergleichbare Programme anschafften, würden wieder auftauchen, mächtiger als je zuvor. Ein Zermürbungskrieg stand bevor, und die Millionen normaler Menschen, die Tag für Tag zur Arbeit gingen und sich auf die Systeme verließen, die ihren Alltag möglich machten - sei es Elektrizität, das Telefon, die U-Bahn oder die Wasserversorgung -, diese Menschen würden mitten ins Kreuzfeuer geraten. Mitfühlend und moralisch wie er war, fand Doc, daß diese Menschen eine Chance verdient hatten. Mit den Programmen, die er zur Rettung der Chase Manhattan und anderer Banken entwickelt hatte, hatte er seinen Teil dazu beigetragen, die großen Tiere zu retten. Aber Copeland 2000-Software im Wert von 160 Millionen Dollar würde Chase Manhattan gar nichts nützen, wenn die Grundversorgung zusammenbrach und New York kollabierte. Doc dachte, das Mindeste, was er tun könne, sei, New York vor sich selbst zu retten. Er beschloß, sein Geld in ein Projekt zu stecken, von dem Copeland keine Ahnung hatte. Und wenn er versagte, dann wäre es wenigstens eine amüsante Alternative zu Copelands wildem Hollywood-Szenario, die Bank auszurauben. Das Problem war leicht zu umschreiben: wie schafft man es, daß in New York City der Strom fließt, die Telefone
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funktionieren, das Wasser läuft und die U-Bahnen fahren, wenn die Computer, die diese Systeme kontrollieren, ausfallen? Antwort: Man errichte für jedes einzelne System eine zweite Leitzentrale, verbinde jede einzelne mit den Originalzentralen, und um Mitternacht an Silvester 1999 ermächtige man sich all der Systeme und lasse sie über einen Computer laufen, der nicht mit dem Millennium Bug infiziert ist. Wesentliche Kontrollsysteme verfügten stets über zusätzliche Ausweichsysteme, die einsprangen, wenn die Primärsysteme ausfielen. Das Problem bestand jedoch darin, daß die Ausweichsysteme dieselben Y2K-Schwachstellen hatten wie ihre Primärsysteme. Doch genau dieses Ausweichkonzept machte Docs Projekt möglich. In den ersten Sekunden des 21. Jahrhunderts mußten alle Schlüsselcomputer in den wesentlichen Systemen der Stadt überlistet werden, um anstatt ihrer eigenen fehlerhaften Sicherungssysteme geheime Ausweichsysteme zu aktivieren. War das überhaupt möglich? Es war ein riesiges und kostspieliges Unterfangen. Für Doc hieß das, er mußte die entsprechende Hardware anschaffen, die Software stehlen und eine Handvoll Leute finden, denen er blind vertrauen konnte. »Ich baue für ein Spezialprojekt ein neues Computerlabor, auf meine Kosten«, sagte er zu Copeland. »Es ist mein Geld, mach dir keine Gedanken. Ich will keine internen Betriebsprüfungen oder irgendwas in der Richtung, und ich will, daß du draußen bleibst.« »Was willst du da drinnen machen?« »Nach der Jahrtausendwende wird die Welt ein riesiger Scherbenhaufen sein. Vielleicht gelingt es mir, Software zu entwickeln, die beim Kitten hilft.«
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Copeland schürzte die Lippen, und in seinem Kopf machte es klick. »Telekommunikation, Betriebssysteme aller Art, so was in der Richtung?« »Ich will nur ein paar Sachen ausprobieren.« »Ich bestehe aber auf einem Stück von dem Kuchen«, sagte Copeland. »Da reden wir im Januar 2000 noch mal drüber. Aber im Moment, vergiß es, Donnie.« Copeland stimmte widerwillig zu und verschwand auf eine lange Geschäftsreise rund um die Welt. Er machte Kundenbesuche und kurbelte das Geschäft an. Als er zurückkam, schaute er nur einmal herein, stellte keine Fragen und nahm ab da auf Docs Wunsch Rücksicht, sich fernzuhalten. Zuerst schottete Doc die rückwärtigen 20 Meter des obersten Stockwerks in der Nassau Street ab. Er kaufte einen nagelneuen IBM 390er Großrechner. Er teilte 3000 Quadratmeter ab und schuf so Platz für den Rechner, eine riesige Klimaanlage, ein halbes Dutzend große Workstations mit Dutzenden von Terminals und Monitoren, eine Telefonvermittlung, ein Schlafzimmer, ein Bad, eine Küche und einen Aufenthaltsraum mit Fernsehern, einer Spitzenstereoanlage und alten Ledersofas. Als alles bereit war, machte Doc sich auf die Suche nach den richtigen Leuten. Seinen ersten Rekruten mußte er nicht lange suchen. Doc arbeitete oft bis spät in die Nacht und ganz allein an einem Chase Manhattan Terminal im Rechenzentrum der Bank. Eines Nachts war er damit beschäftigt, die Programme für den elektronischen Geldtransfer nach beschädigten Codes abzutasten. Ein Fenster auf seinem Bildschirm gab ihm darüber Auskunft, wie viele autori-
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sierte Anwender zu diesem Zeitpunkt mit dem System arbeiteten. Außer ihm selbst niemand. Gegen drei Uhr morgens meldete sich jemand an. Doch anstatt Gelder zwischen Konten zu transferieren, versuchte der Anwender, die Protokolldateien zu entsperren, an denen Doc gerade arbeitete. Es war ein unheimlicher Augenblick in einer virtuellen Welt. Doc verfolgte den Ruf sofort zurück und landete bei einer Niederlassung der Chase Manhattan in Boston. Am folgenden Nachmittag nahm er einen Flug nach Boston, zeigte dem Filialleiter seine Berechtigung, die ihn als Y2K-Hauptberater der Bank auswies, und bat darum, den Mitarbeitern in den Verwaltungsbüros vorgestellt zu werden. Einer dieser Leute war ein ungezwungener Schwarzer namens Bo Daniels. Er war 24 Jahre alt und arbeitete als Programmierer. Bo, in geschniegeltem Banker-Outfit, erhob sich hinter seinem Terminal, um Doc die Hand zu geben. Doc sagte: »Innumber 437 hop 22 halt bang path.« Bo erstarrte. Doc hatte die UNIX-Befehle wiederholt, die Bo auf seiner verbotenen Mission zu den Geldtransferprotokollen geführt hatten. »Also, da muß ich passen«, sagte der Filialleiter. Er entschuldigte sich und ging hinaus. »Darf ich?« fragte Doc und deutete auf einen Stuhl. Sie setzten sich und schwiegen. Bo starrte auf seine Fingernägel. Er fragte sich, ob er in sein Terminal kriechen und verschwinden könne. Doc schenkte dem jungen Mann ein seliges Lächeln, strich sich über den Bart und wartete. Schließlich sagte er: »Das waren Sie, stimmt's?« Der Programmierer lächelte schlau und fragte: »Werden Sie mich hinhängen?«
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»Weiß ich noch nicht«, antwortete Doc. »Wenn ich mit meinem Computer einen Diebstahl verüben wollte, dann würde ich direkt über Innumber 437 gehen, genau so, wie Sie das gemacht haben.« »Ich wollte nur ausprobieren, ob ich es kann«, sagte Bo. »Wenn ich es kann, dann können andere es auch. Die Bank hat Schwachstellen.« »Haben Sie über diesen Sicherheitsmangel einen Bericht verfaßt ?« »Nein.« »Wieso nicht?« Bo zuckte die Achseln und schwieg. »Erzählen Sie mir, was Sie sonst noch können«, verlangte Doc. »Wollen Sie meinen Lebenslauf sehen?« »Ich glaube nicht, daß Sie das, was ich wissen möchte, in einem Lebenslauf festhalten würden«, sagte Doc. »Wie fit sind Sie? Beherrschen Sie COBOL?« Zwanzig Minuten unterhielten sich die beiden in absolutem Fachchinesisch. Bo war überaus qualifiziert. Hinter dem gestärkten Hemd und den Hosenträgern verbarg sich ein unglaublich intelligenter, aber frustrierter Künstler. Schließlich war Doc zufrieden. Er wußte, daß Bo Daniels über immenses Fachwissen verfügte und leicht lernen konnte, was ihm noch fehlte. Doc bot ihm einen Job an. »Um was geht es hier? Y2K?« »So was in der Art.« Doc lehnte sich vor und fügte leise hinzu: »Hör mal, ich mach dir ein Angebot: viermal soviel Gehalt, wie du jetzt kriegst, am Ende einen hübschen Bonus, Überstunden ohne Ende, kein Schlaf, keine Kleiderordnung und dazu alles, was du brauchst, um am Ball zu bleiben. Sex, Drogen, Rock 'n' Roll, das ist mir alles
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egal. Hier sind 1000 Dollar und ein Ticket nach New York. Komm zu mir oder laß es bleiben. Es liegt bei dir.« Eine Woche später kreuzte Bo. gekleidet wie Jimmi Hendrix, in der Nassau Street auf. Doc erkannte schnell, daß er auf einem Computer spielen konnte, wie Jimmy Hendrix auf seiner Gitarre, und daß Bo bereit war, für Doc zu spielen. Bo war ein Virtuose. Er beherrschte zwölf verschiedene Computersprachen von COBOL bis JAVA, und er war in der Lage, ein Datenbanksystem schneller zu analysieren als ein Cray-Superrechner. Doch Bos unangefochtenes Spezialgebiet war das komplexe Zusammenspiel verschiedener Systeme. »Was weißt du über die Erzeugung und Verteilung von elektrischem Strom?« fragte Doc. »Gar nichts.« »Das ist kein schlechter Anfang, dann mußt du wenigstens nichts aus deinem Hirn löschen. Was glaubst du, wie lange brauchst du, um ein Kraftwerk zu begreifen?« »Hm, weiß ich nicht. Mindestens ein paar Jahre.« »Wie wär's mit sechs Wochen?« »Unmöglich!« »Nichts ist unmöglich, wenn man nur will. Das stammt von Disraeli. Setz dich und schau zu«, sagte Doc und schubste Bo auf einen Stuhl. Er schaltete ein Terminal an. Der Bildschirm leuchtete blau auf und folgender Text erschien:
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»An diesem Simulator üben die leitenden Techniker, mit System- und Stromausfällen umzugehen«, erklärte Doc. »Erste Lektion: Das Netz nach einem Stromausfall wieder hochzufahren nennt man ›Wiederaufbau‹.« »Wie bist du da drangekommen?« fragte Bo ungläubig. »Es gibt nur einen Weg«, antwortete Doc. »Ich bin in die Leitzentrale von ConEd eingedrungen und habe es runtergeladen. Der Simulator ist nicht annähernd so gut gesichert, wie das System selbst. Aber er enthält ein ausgezeichnetes Modell des gesamten Nordoststromnetzes, das wöchentlich aktualisiert wird. Sobald du dich mit dem Simulator und dem Modell vertraut gemacht hast, können wir in das richtige System einsteigen, weil das Modell uns verrät, wo sich was befindet.« Bo blinzelte nervös, seine Gedanken schwirrten durcheinander. »Du meinst, du willst bei ConEd einsteigen und das komplette Betriebssystem klauen?« »Mehr oder weniger. Vielleicht ein paar hundert Anwendungen. Nur die Teile, die wir brauchen.« »Wozu brauchen?« »Um die Stromversorgung für Manhattan zu gewährleisten«, erklärte Doc mit einem breiten Grinsen. »Von hier aus.« »Du spinnst.« »Exactamente. Ich bin verrückt, das steht fest. Die Frage ist, bist du verrückt genug, um Con Edison zu werden, Bo? Du hast zweieinhalb Jahre, jedes System, jede Anwendung zu knacken, die Lage jedes einzelnen integrierten Chips rauszukriegen. Du wirst lernen, das System zu rekonfigurieren, alle Y2K-Korrekturen vorzunehmen, und, ja, genau! Du lernst, dafür zu sorgen, daß zum Jahrtausendwechsel in Manhattan die Lichter anbleiben. So
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sieht der Plan aus. Wenn ConEd nicht dazu in der Lage ist, du wirst es schaffen!« »Mama mia, ich weiß nicht.« Bo pfiff und spielte ein bißchen auf seiner imaginären Luftgitarre. »Plus alle Daten, nehme ich an.« »Genau. Plus Daten, die wir auf Y2K überprüfen und reparieren. Vor uns liegt ein steiler, steiniger Weg. Zuerst kriegen wir raus, wie man ConEd aus dem Stromnetz isoliert, und dann, wie man Manhattan und die vier Kraftwerke auf der Insel plus das eine drüben in Queens von ConEd isoliert. Wir brauchen die Betriebssysteme von allen fünf Elektrizitätswerken, dazu den Befehl, der sie verbindet.« »Und wir müssen das ganz alleine schaffen, nur wir beide, stimmt's?« »Nein. Wir brauchen Telefone. Ich bin auf der Suche nach einem Telefonfreak, der dafür sorgt, daß die Leitungen offenbleiben, und ich suche einen Zugfreak, der sich um die U-Bahn kümmert. Vielleicht noch ein paar mehr. Wenn ihr es bis zum 1.1.2000 schafft, bekommt jeder von euch einen Bonus von einer Million Dollar.« Darüber mußte Bo nicht lange nachdenken. »Hast du soviel Kohle?« »Das Geld ist hier, es ist bereits hinterlegt.« »Was hast du davon?« fragte Bo. »Ein reines Gewissen.« Doc beugte sich über Bo und tippte etwas auf der Tastatur des Simulators. Er ging zu dem Menüpunkt »Wähle Störfalltyp« und wählte »Totaler Systemausfall«. Der Bildschirm begann zu blitzen, und lauter Alarm ertönte. Doc setzte Bo eine Nike-Kappe auf und sagte: »Just do it!«
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Im Laufe des folgenden Monats führte Doc Gespräche mit vier weiteren Hackern, die seinen Ansprüchen nicht genügten. Entweder waren sie nicht qualifiziert, schluckten zu viele Horrordrogen oder waren völlig anarchisch und so kriminell, daß es ihm niemals gelungen wäre, sie unter Kontrolle zu halten. Dann stieß er auf Carolyn Harvey. Carolyns Leidenschaft bestand darin, die Systeme von Telefongesellschaften zu knacken, die Telefondaten von Prominenten zu klauen und sie ins Internet einzuspeisen. Doc prüfte ihre Webseite »FoneFreek.com« und verfolgte ihre elektronische Fährte bis zu einem Häuschen in Nashville, Tennessee. Vor der Tür war eine schwere Harley geparkt. Doc hinterließ an der Maschine eine Nachricht und die Telefonnummer seines Hotels: »FoneFreek. In der Stadt, suche talentierten Mitstreiter.« Sie rief an. »Was für einen Mitstreiter?« wollte sie wissen. »Hast du schon mal den maschineninternen Code für den programmierbaren logischen Prozessor in einem DESS-5 gesehen?« »Klar! Und?« Doc stellte ihr noch ein paar andere technische Fragen, und Carolyn gab die richtigen Antworten. Also fragte er sie: »Was hältst du davon: eine Telefongesellschaft nur für dich allein?« »Oh«, sagte sie. »Wäre sicher lustig. Was kann ich damit anfangen?« »Was du willst, solange du nur dafür sorgst, daß sie funktioniert.« »Wer bist du?« wollte sie wissen. »Der einsame Wolf«, sagte Doc. »Captain Amerika, Yojimbo der Samurai, der Mann ohne Namen. Kannst Doc zu mir sagen. Können wir uns treffen?«
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»Ich hab mit Männern nichts am Hut«, sagte sie. »Betrachte mich als Geek-Kumpel, und weiter nichts«, erklärte Doc. »Ich hab einen Haufen Geld, eine saubere Firma und einen Job für die richtige Person. Ich bin auf der Suche nach jemandem, der auf die Computersysteme von Telefongesellschaften spezialisiert ist.« »Klingt wie Industriespionage.« »Ist aber viel besser.« Sie trafen sich in einer abenteuerlichen Westernbar namens The Connection, die in einer ehemaligen Lagerhalle untergebracht war. Carolyn entpuppte sich als MotorradLesbe, von Kopf bis Fuß in Leder, mit Bürstenhaarschnitt und einer festen Zahnspange. »Bist du Doc?« »Jawoll!« »Worum geht's?« »Y2K.« »Ah, das gefällt mir. Darfst mir einen ausgeben.« »Am großen Tag wird die Telekommunikation von immenser Bedeutung sein«, erklärte Doc. Sie hatten sich in eine Ecke verzogen, wo die Musik nicht so laut war. »Wir werden funktionierende Telefonleitungen brauchen und Direktleitungen zur Leitzentrale der Stromversorgungsgesellschaft, zu den Kraftwerken und zur Schaltzentrale der New Yorker U-Bahn. Außerdem brauchen wir einen hausinternen Netzwerkknoten, eine Vermittlungszentrale und gegenseitige Kopplung. Glaubst du, daß du das hinkriegst?« »Bist du reich?« fragte sie. »Das Projekt ist finanziert. Du mußt die Leitungen verfolgen und jeden einzelnen Verteilerknoten überprüfen.« »Dazu brauch' ich aber den Wagen von 'ner Telefongesellschaft.«
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»Okay.« »Logikanalysatoren, 'n Haufen Zeug.« »Alles, was du brauchst.« »Das könnte der größte Telefonstreich aller Zeiten werden. Wow!« »Ja, aber du darfst mit keinem deiner Leute drüber reden. Prahl bloß nicht damit rum!« »Was soll das denn?« fragte sie. »Das ist in dem Paket enthalten. Die nächsten zweieinhalb Jahre wird dieser Job dein Leben sein, und der Rest der Welt wird für dich aufhören, zu existieren.« Doc bot ihr genausoviel Geld und den gleichen Bonus wie Bo. Es überstieg ihr Gehalt als Programmiererin bei der Bell South Telefongesellschaft bei weitem. Am nächsten Tag nahm Doc Carolyn mit nach New York und stellte sie Bo vor. »Gestatten, Con Edison«, sagte Bo. »Und wer bist du?« »Ich glaube, ich bin Bell Atlantic«, antwortete Carolyn. Ronnie Fong war eine junge, unglaublich niedliche Chinesin aus San Franciso. Sie trug vier Nasenringe. Jeder stand für einen triumphalen Einbruch in das System des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das Ministerium konnte ihr den Einbruch zwar nie hundertprozentig nachweisen, doch man hatte ihr einen Job angeboten. Sie sollte die Computer des chinesischen Verteidigungsministeriums anzapfen. Ronnie hatte sie ausgelacht. Als Doc sie anrief, glaubte sie natürlich, er sei ein Abgesandter ihres größten Feindes im Pentagon. Er verabredete sich mit ihr in Mario's Bohemian Cigar Store, einem Cafe in North Beach. »Ich bin nur gekommen, weil ihr Typen vom Verteidigungsministerium mich sonst niemals in Ruhe laßt!« sagte sie, sobald sie das Cafe betreten hatte.
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»Ich bin keiner von denen«, wehrte sich Doc. »Wie haben Sie mich dann gefunden? Wieso wissen Sie überhaupt über mich Bescheid?« Ronnie war wütend und lehnte trotzig die Speisekarte ab. Mit verschränkten Armen forderte sie ihn auf, zu sagen, was er wolle. »Wissen Sie über Y2K Bescheid?« »Was soll damit sein?« »Wie werden Sie das neue Jahrtausend willkommen heißen?« »Bei einem Freund. Er hat seine eigenen Generatoren und Solarzellen auf dem Dach.« »Dann sind Sie im Bilde.« Ronnie zuckte mit den Achseln. »Wie wär's? Wollen Sie Neujahr 2000 in New York verbringen?« »Sind Sie verrückt? Das wäre der allerletzte Ort auf der Welt, an dem ich sein wollte!« »Wie würde es Ihnen gefallen, in New York dafür zu sorgen, daß das Computersystem der städtischen Umweltschutzbehörde nicht zusammenbricht? Das ist deren Phantasiebezeichnung für die Wasserwerke.« Ronnie sah ihn an, als wäre er nicht mehr ganz bei Trost. »Dann könnten Sie Ihrer Sammlung einen neuen Ring hinzufügen.« »Sie wollen mich linken«, sagte sie. »Sie sind doch vom Verteidigungsministerium.« »Wie soll ich denn beweisen, daß das nicht stimmt? Wenn ich von denen käme, würde ich kaum hier sitzen und mit Ihnen plaudern. Ich würde Sie in Handschellen abführen.« Doc gab ihr das Flugticket und die 1000 Dollar. »Kommen Sie nach New York und entscheiden Sie sich dort. Sie verwandeln sich in die Wasserwerke, und, nur um Ihr Interesse aufrechtzuerhalten, wir brauchen ständi-
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gen Kontakt zum Satellitenkontrollzentrum in Colorado Springs. Ihre Kenntnisse bezüglich militärischer Computersysteme kämen uns sehr gelegen.« »Kein Mist?« »Nein, Kohle.« »Wieviel Kohle?« Doc kritzelte eine Zahl auf eine Papierserviette. Ronnie zählte die Nullen. »Reicht das?« Ronnie kam, mißtrauisch und voller Zweifel. Das änderte sich, als sie mit Docs Hilfe in eine Datenbank eindrang, die zu einem der vierzehn New Yorker Klärwerke gehörte. Sie gelangten bis tief ins Innere des Computersystems der Wasserwerke, und Doc demonstrierte ihr die Maschinensprache, auf der die Daten beruhten. Er hatte einen winzigen Teil davon in den Primärcode zurückübersetzt. Er bestand aus einem Mischmasch von siebzehn verschiedenen Computersprachen. Sie standen vor einem Y2K Problem übelster Art. Es wimmelte von versteckten Datumsfeldern, Programmierfehlern, improvisierten Lösungen und bereits vorhandenen, schlechten Korrekturen. »Wenn das nicht in Ordnung gebracht wird, dann wird New York in menschlichen Fäkalien ertrinken«, sagte Doc. »Das Problem besteht nicht darin, die Stadt mit Wasser zu versorgen. New York hat eine vorzügliche Wasserversorgung, die beinahe völlig auf dem Prinzip der Schwerkraft basiert. Das Problem wird sein, das Abwasser rauszukriegen.« »Was wollen die dagegen tun?« fragte Ronnie. »Die?« sagte Doc höhnisch. »›Die‹ existieren nicht. ›Die‹ sind ein Mythos. In diesem Fall bist du ›die‹. Selbst wenn
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du es hinkriegst, diese ganze Software zu kopieren und zum Laufen zu bringen, dann bleiben immer noch Tausende von eingebetteten Chips, die überall in den Pumpen, Ventilen und Rohren stecken.« Doc grinste und entrollte eine riesige Karte. »Das ist ein detailliertes Diagramm aller Rohre, Kanäle und Klärwerke, das gesamte Abwassersystem von Manhattan. Ich habe die kritischen Pfade verfolgt und die Pumpen markiert. Du kannst jede einzelne besichtigen.« »Liebe Güte. Das ist ein Scheißjob!« »Wenn du deine Million haben willst, mußt du dir die Hände schmutzig machen, Ronnie.« »Und wenn ich nicht gerade in der Kloake rumwühle, spiele ich mit dem Kontrollzentrum, richtig?« »Genau. Wir müssen Verbindung zu den Kommunikations- und Funknavigationssatelliten bekommen. Hier müssen wir nicht an den Codes arbeiten, wir müssen sie nur überwachen. Wenn die große Nacht da ist, müssen wir wissen, was funktioniert und was nicht.« »Du verlangst 'ne ganze Menge«, sagte Ronnie. »Ja. Ich verlange das Unmögliche. Machst du mit?« »Chinatown ist ganz in der Nähe, stimmt's?« »Ja. Nur ein paar Häuserblocks entfernt.« »Wo ist der Haken?« »Also«, sagte Doc. »Die nächsten zweieinhalb Jahre wirst du kein anderes Leben führen.« »Bei dem Gedanken bekomme ich Durst«, sagte Ronnie. »Kann ich mir einen Tee kochen?« Als Ronnie wieder aus der Küche kam, war Doc weg. Nur Bo und Carolyn saßen im Aufenthaltsraum. »Auf welche Musik stehst du?« fragte Carolyn. »Ich mag alles, was laut ist.« »Das ist lässig«, sagte Ronnie. »Weißt du, was ich jetzt
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wirklich gerne hätte? Etwas, um diese Kanne Tee ein bißchen aufzupeppen.« Adrian Hoffman war ein kleiner, fetter Computerfreak aus Florida, dem es einigen Nervenkitzel verschaffte, Eisenbahnkontrollsysteme mit kreischenden Rädern zum Stillstand zu bringen. Sein Lieblingstrick bestand darin, in das Signalsystem einer Eisenbahngesellschaft einzudringen, alle Signale auf Rot zu setzen und so Dutzende Züge auf einmal anzuhalten. Doc schickte ihm eine E-Mail: »Du machst dir wohl nicht viel aus Zügen!« »Ich liebe Züge. Ich habe die größte Modeleisenbahn der Welt: Amtrak.« »Setzt du die Signale jemals auf Grün?« »Ich will doch keinen umbringen«, schrieb Adrian zurück. »Wie alt bist du?« fragte Doc. »Achtzehn.« »Was hältst du von städtischen Transportsystemen?« »Find' ich cool.« »Glaubst du, du könntest das New Yorker U-Bahn-System betreiben?« »Viele Züge, viele Signale. Ja, klar.« »Es geht aber darum, die Züge fahren zu lassen, nicht, sie zu stoppen.« »Ein Spurwechsel ist 'ne faire Sache«, schrieb Adrian. »Ich schicke dir ein Flugticket und 1000 Dollar.« »Nein, lieber ein Zugticket. Das wäre echt cool. Ich war noch nie in New York.« Vier Tage später saß Doc in der Penn Station neben Adrian und dachte: Problemkind, Krüppel, Kindskopf, an der
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Grenze zum Schizzo, aber Himmel, kennt der sich aus! Mit seiner dicken Brille und den ungepflegten langen Haaren wirkte Adrian wie ein Irrer. Er sagte fast nie ein Wort und brachte eine detaillierte Aufstellung aller Computersysteme mit, die bei Amtrak und den anderen fünf größten amerikanischen Eisenbahngesellschaften zum Einsatz kamen. »Willst du New York sehen?« fragte Doc. Doc zeigte ihm weder das Empire State Building noch den Central Park. Statt dessen fuhren sie zwölf Stunden lang U-Bahn. Adrian stand im vorderen Wagen, mit Blick auf die Gleise. Auf diese Weise fuhren sie kreuz und quer durch die Stadt, von Far Rockaway bis nach Riverdale, unterirdisch, oberirdisch, über Brücken und durch Tunnels. Die Züge rasten die Gleise entlang, und die Signale erhellten, grün und rot, die Dunkelheit, ein nie versiegender Lichterstrom. Zweimal machten sie halt, an der Grand Central Station und an einem Zugdepot in Queens. Vom Bahnsteig aus hatte man Blick auf eine ganze Flotte von Zügen. Adrian sog alles in sich auf und sagte kaum ein Wort. Schon nach ein paar Stunden übernahm er die Führung der Tour. »Hier hast du deine neue Modelleisenbahn, Adrian. Cool genug für dich?« »Alles klar«, sagte Adrian. »Okay.« Um das Team komplett zu machen, brauchte Doc einen Hardwarespezialisten, der ihre Computer und die Kommunikationstechnik tipptopp wartete. Bo hatte von einem Hacker aus San Jose gehört, der Intel die Konstruktionspläne von hochentwickelten Mikroprozessoren gestohlen und versucht hatte, sie an ein indonesisches Kartell zu verkaufen. Judd Fernandez war leicht zu finden.
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Doc wartete vor dem Tor, als er aus dem San Quentin Gefängnis kam. Er trug einen dreiteiligen Anzug, der seinen kahlrasierten Schädel und das akkurat getrimmte Ziegenbärtchen unterstrich. »Brauchst du 'nen Job?« fragte Doc ihn direkt vor dem Gefängnistor. »Ich brauch' was zu trinken. Wer zum Teufel bist du?« »Jemand, der einen Job für dich hat. Einen richtigen Job, nichts, was dich gleich wieder hinter Gitter bringt.« »Geh'n wir in die No Name Bar in Sausalito, und da spendierst du mir erst mal 'n Bier.« Während seines dreijährigen Gefängnisaufenthaltes hatte Judd das Computersystem von San Quentin auf Vordermann gebracht und sich im Internet den Ruf eines Hardwaregurus erworben. »Wieviel haben die Junes aus Indonesien dir geboten?« fragte Doc ihn bei einem Bier. »Nicht genug.« »Wieviel ist genug?« »Geld interessiert mich nicht.« »Was dann?« »Zeit«, antwortete Judd. »Ich will Zeit. Ich habe gerade drei Jahre verschenkt, die ich nie zurückbekommen werde.« »Okay«, sagte Doc. »Du gibst mir zwei Jahre, und dafür kriegst du den Rest deines Lebens.« »Ich habe andere Angebote«, sage Judd. »Weiß ich. Du bist berühmt.« »Was für'n Job soll'n das sein?« Doc erläuterte sein Projekt. Als er fertig war, blickte Judd sich in der Bar um und sagte: »Ich könnte wirklich ein bißchen New York vertragen, aber du mußt das mit meinem Bewährungshelfer klären!«
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Ein paar Tage später umrundete Judd mit langsamen Schritten den IBM s/390. Es handelte sich um einen senkrechten Kasten aus poliertem Metall von zwei Metern Höhe, einem Meter fünfzig Breite und einer Tiefe von einem Meter zwanzig. Der Großrechner. Der große, schreckliche Computer, der ganz New York mit Saft versorgen würde. Der Kasten enthielt 120 Zentraleinheiten, sieben Betriebssysteme und mehr Speicherkapazität als das Gedächtnis aller afrikanischen Elefanten zusammen. Neben dem Rechner wartete ein beeindruckender Stapel Papier, beinahe einen Meter hoch: das Bedienungshandbuch. Erste Anweisung: Stecker rein. Anweisung Nr. 2: Hier ist der »Ein«-Schalter. Herr im Himmel, dachte Judd. Er packte sich die obersten zehn Zentimeter Papier und begann zu lesen.
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3 »Ihr seid jetzt Soldaten und müßt euch militärischer Disziplin unterwerfen«, sagte Doc, als das Team versammelt war. »Vielleicht erscheint es euch übertrieben oder melodramatisch, aber es ist die einzige Möglichkeit, dieses Projekt rechtzeitig durchzuziehen.« »Müssen wir salutieren?« fragte Bo sarkastisch. »Nein.« »Uniform tragen?« »Nein.« »Ich mag Uniformen«, erklärte Ronnie. »Wir sollten Uniform tragen.« »Uniformen würden Aufmerksamkeit erregen, und das ist verboten. Es wird nur eine einzige Regel geben«, sagte Doc. »Ihr dürft nicht über eure Arbeit hier sprechen. Niemand, der nicht mit dem Projekt zu tun hat, darf jemals auch nur das geringste Lüftchen davon mitbekommen, was wir hier tun. Niemand.« Doc beobachtete ihre Gesichter, als sie die Bedeutung dieser Regel erfaßten. »Ihr habt Freunde, Familie, Partner, sogar Feinde«, fuhr er fort, »und ihr dürft ihnen nicht sagen, was ihr tut. Es ist, als wärt ihr bei der CIA. Eure Arbeit ist streng geheim, und das ist wörtlich gemeint! Ohne Ausnahme!« »Was sollen wir den Leuten denn erzählen?« fragte Bo. »Ich telefoniere fast jeden Tag mit meiner Mutter. Wenn ich sie nicht anrufe, dann sucht sie mich und steht hier auf der Matte.« »Erzähl ihr, daß du bei einer Softwarefirma in New York
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beschäftigt bist und für ein Y2K-Projekt arbeitest. Sagt ihnen nichts, was ihr nicht sagen müßt. Hat jemand ein Problem damit?« »Was passiert, wenn wir gegen die Regel verstoßen?« fragte Adrian. »Ich verlasse mich auf euer Ehrenwort«, sagte Doc. »Ich werde euch nicht nachspionieren oder euer Telefon anzapfen.« »Und wenn wir es trotzdem erzählen?« »Dann seid ihr draußen, ciao und auf Wiedersehen. Kein Geld, kein Spaß, keine Spiele, keine Million Dollar Bonus.« »Und wie willst du das rauskriegen?« Doc starrte Adrian an. Ich habe einen Fehler gemacht, dachte er. Er hätte dieses Kind nie über die Penn Station hinaus lassen sollen. Er hätte ihm eine Rückfahrkarte kaufen und ihn zurück nach Florida schicken sollen. Aber nein, er war hier, in der Nassau Street, mit seinen verträumten Augen, seiner »Greatful Dead«-Frisur und seinem »für mich gibt es keine Regeln bla bla bla«. Zum Teufel noch mal! »Willst du uns auf die Nerven gehen, Adrian?« herrschte Doc ihn an. »Ich hab einfach keinen Bock auf Regeln, egal von wem.« »Es gibt genug Dinge, über die wir diskutieren können und sicherlich werden, aber über diese Regel wird nicht diskutiert. Wenn du das nicht packst, Adrian, dann tut es mir leid. Ende. Du kannst sofort nach Hause fahren.« Doc ging zum nächsten Telefon, rief die Auskunft an und sagte: »Die Nummer von Amtrak, bitte.« »Warte doch mal«, sagte Judd. »Laß mich mit ihm reden.«
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»Aber gerne.« Judd legte Adrian einen Arm um die Schultern und ging mit ihm in eine Ecke. »Was hast du für ein Problem?« fragte er ihn leise. »Ich hasse Regeln.« »Es wird nur eine einzige geben. Als Hacker solltest du doch kapieren, daß man dich schnappt, wenn du redest, und dir deine Spielsachen wegnimmt. Unten in Florida, da hattest du einen alten PC. Hier hast du einen verdammt riesigen Großrechner und dazu alles, was dein Herz begehrt. Das willst du doch nicht wirklich aufgeben, oder?« Adrian verschränkte wütend die Arme vor der Brust. »Wir sind hier nicht in der Schule«, sagte Judd. »Ich weiß, was für ein Typ du bist, Adrian. Du gehörst zu den Kids, die keiner leiden kann, über die man sich lustig macht, weil sie so verdammt schlau sind. Du richtest deinen Intellekt als Waffe gegen die anderen und zerreißt sie in der Luft, stimmt's? Wenn sie in der Schule was falsch machen, lachst du sie aus. Sie hassen dich, und du haßt sie. Hab' ich recht? Es steht dir ins Gesicht geschrieben. Du spielst mit den Zügen rum, weil dir das ein Gefühl von Macht gibt, und jedesmal, wenn du es wieder tust und wieder nicht geschnappt wirst, fühlst du dich noch ein bißchen mächtiger. Jetzt hör mir mal zu, du Hosenscheißer. Doc hat dich gefunden, und das heißt, daß du früher oder später aufgeflogen wärst. Und wenn du ein Zugunglück verursachen würdest, dann würdest du in den Knast wandern, genau wie ich. Doc hat deinen kleinen Arsch gerettet, bevor du richtig in Schwierigkeiten gekommen bist, und dafür schuldest du ihm was. Wir schulden ihm alle was. Wir haben alle das gleiche durchgemacht wie du. Alle, Bo, Carolyn, Ronnie und ich. Wir
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sind alle schlau, und wir sind alle ausgelacht und verarscht worden, und wir haben alle an Rache gedacht. Meine Rache hat mich ins Gefängnis gebracht. Doc will, daß wir was wirklich Bedeutendes tun, und wenn du damit nicht klarkommst, wenn du deinen Scheiß und deine kleinlichen Rachegelüste nicht wegpacken kannst und mit dir nicht ins Reine kommst, dann kannst du es vergessen! Bist du zu egoistisch, um das zu kapieren? Bist du wirklich nichts weiter als ein mieses kleines Arschloch? Wir haben keine Zeit, hier rumzuspinnen. Entweder du machst dich jetzt sofort an die Arbeit, oder du gehst zurück nach Orlando.« In Adrians Hirn kam ein kleines Rädchen in Bewegung, und er merkte, daß er zum ersten Mal in seinem Leben behandelt wurde wie ein Erwachsener. Oder zum letzten Mal. »Kein Gequatsche, keine Angeberei«, sagte er. »Ich hab's kapiert.« »Ich habe keine Lust, deinen Babysitter zu spielen. Also, bist du dabei oder nicht?« »Ich will nicht nach Florida zurück.« »Doc!« »Ja?« »Er ist in Ordnung.« Sie alle waren von ihrer Herkunft her tief mit der Seele Amerikas verbunden. Sie stammten aus der schwarzen Mittelschicht, dem Latino-Viertel, aus Chinatown, aus der mittellosen Arbeiterschicht. Und sie alle hatten ihr Hirn dazu benutzt, die Welt der Technologie zu erobern. Jeder von ihnen hatte einen unorthodoxen Weg zu Computern und Kybernetik eingeschlagen, und gerade deswegen hatte Doc sie ausgesucht. Er wußte, daß Einzel-
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gänger oft mit scharfem Verstand und großer Kreativität gesegnet waren. Ronnie Fong war die Tochter von Immigranten aus Hong Kong, die ihre Tochter ablehnten, weil sie die Einschränkungen ihrer alten Traditionen ablehnte. Gleichzeitig hing Ronnie sehr an ihrer eigenen Kultur. In New York ging sie in Chinatown einkaufen und essen, und sie war begeistert, weil sie mit dem Fischhändler KantonChinesisch sprechen konnte. Sie glaubte fest daran, daß eine Million Dollar ihr ein großes Stück des Weges zur Versöhnung mit ihrer Familie in San Francisco ebnen würden. Carolyn Harvey war von ihrer Familie regelrecht verstoßen worden, weil sie mit Haut und Haaren lesbisch war. Für sie bedeutete die Technologie Erlösung aus einer Welt, die aus Vorurteilen und Angst bestand. Sie hatte sich eine Identität aus Trotz und Paranoia geschaffen. Nach New York zu gehen war für sie ein Akt der Befreiung. In diesem unglaublichen Schmelztiegel von Menschen jeder nur möglichen Art bestand für sie keine Notwendigkeit, etwas zu erklären oder sich zu verteidigen. Sie konnte sie selbst sein, und sie wandte Nashville ohne Bedauern den Rücken zu. Bo Daniels Vater war Buchhalter, und seine Mutter hatte eine Boutique. Er sprach Mittelklasseenglisch, mit Bostoner Akzent. Er hatte die richtigen Schulen besucht und schon früh gemerkt, daß es Computern egal war, welche Hautfarbe er hatte. Chase Manhattan hatte ihn direkt vom Bostoner College weg eingestellt. Dann hatten sie ihn ins Hinterzimmer der Bostoner Niederlassung gesteckt und ihn sich selbst überlassen. Als er merkte, wie die Mitarbeiter der Bank von höherer Stelle gelenkt und hin- und hergeschoben wurden wie Figuren auf einem
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Schachbrett, war für ihn klar, daß er bei Chase Manhattan nicht Karriere machen wollte. Er interessierte sich nicht für Unternehmenskultur, wenn er sie nicht selber erschaffen konnte, und das würde weder bei Chase Manhattan noch bei einer anderen Bank je der Fall sein. Er wollte sofort hinauf an die Spitze stürmen und der Boß sein. Er war nicht in dem Maße Außenseiter wie die anderen im Team. Er hatte Unternehmergeist und betrachtete seinen neuen Job als Sprungbrett in die Selbständigkeit. Er vermutete, daß Stromversorgungsunternehmen in den Monaten, die dem Schlag durch den Millennium Bug folgen würden, neue Software benötigten, um wieder auf die Beine zu kommen und zu funktionieren. Bo und Doc waren übereingekommen, daß die Software, die sie für ConEd entwickelten, nach dem 1.1.2000 neu verpackt und verkauft werden durfte. Judd Fernandez war von seiner mexikanischen Mutter in den Barrios von San Jose großgezogen worden, inmitten von Armut und umgeben von Banden. Ein Vater hatte nie existiert. Judd hatte genug Verstand besessen, seinen Blick über das armselige Leben hinaus zu richten, auf die fein säuberlich getrimmten Gewerbegebiete, die gleich nebenan in Silicon Valley wie Pilze aus dem Boden Schossen. Er wollte unbedingt einen Tob als Programmierer, und dort gab es Jobs zur Genüge, aber leider nicht für ihn. Er war ein Stück Dreck aus dem Latino-Viertel, der sich das, was er konnte, selbst beigebracht hatte, dem es an anerkannten Verdienstmerkmalen mangelte und der keine Übung darin hatte, seinen Lebenslauf zu frisieren. Seine Begabung blieb unerkannt. Er bewarb sich bei Intel um eine Stelle als Programmierer und wurde abgelehnt. Er beschloß, sich zu rächen. Er drang in die bestgesicherten Systeme von Intel ein und klaute die Konstruktions-
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plane von einem Dutzend neuer Chips. Vollkommen von sich überzeugt, trug er seine Beute nach Los Angeles und ging dort sofort der Polizei ins Netz. Er wurde in höherer Instanz zu drei Jahren Staatsgefängnis verurteilt. Daß er geschnappt worden war, als er versuchte, die Ware an den Mann zu bringen, verminderte seine Leistung keineswegs. Im Hackerland galt es als extreme Leistung, bei Intel einzubrechen und sich deren wertvollste Dateien herunterzuladen. Es war beinahe unglaublich, und keiner hätte es ihm je abgenommen, wenn es vor Gericht nicht bewiesen worden wäre. Und dann war da schließlich noch Adrian, dessen Leben eine Episode aus Natural Born Killers hätte sein können. Er wuchs in sieben verschiedenen Wohnwagenparks im Herzen Floridas auf. Seine Mutter verkaufte bei Disney World Eintrittskarten, und sein Vater soff sich zu Tode, als Adrian gerade mal zwölf war. Adrian war ein völlig gestörter Mensch aus dem Kaufhaus Amerika, mit einer einzigen Begabung, die ihn rettete: Er begriff die Beziehung von Zügen und Computern besser, als irgend jemand sonst auf diesem Planeten. Einen Tag, nachdem Judd ihm den Kopf gewaschen hatte, verschwand er und blieb drei Tage weg. Doc hatte sich gerade entschlossen, ihn zu ersetzen, da merkte er, daß der Junge U-Bahn fuhr und die private Eisenbahn der Stadt erforschte. »Himmel noch mal, Adrian!« flehte Doc ihn an, als der verlorene Sohn zurückkehrte. »Sag in Zukunft irgend jemandem, wohin du gehst und was du tust!« Um Adrian in der Nassau Street zu halten, kaufte Doc ihm maßstabsgetreue Modelle der U-Bahn-Züge und ließ Adrian im Computerlabor eine Anlage aufbauen. Mit sanftem Druck brachte er ihn dazu, das Signalsystem der
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U-Bahn nachzubauen und seine Softwarereparaturen an den Spielzeugzügen zu testen. Doc erwarb in der Battery Parkstadt, ein paar Häuserblocks von der Nassau Street entfernt, ein riesiges Apartment für das Team. Sie hatten keine Wahl. Sie mußten lernen, miteinander zu leben und zu arbeiten. Das permanente Zusammenleben auf engstem Raum hatte zwei Beziehungen und eine Trennung hervorgebracht und gab Anlaß zu unzähligen Streitereien. Mit behutsamer Überzeugungsarbeit, einem einfühlsamen Führungsstil und der Disziplin, die eine unverrückbare Deadline ihnen aufzwang, schmiedete Doc das Team schließlich zu einer Einheit zusammen, die eine Mission zu erfüllen hatte. Gegen Ende des Jahres 1997 hatte diese Mission sich ihrer Psychen bemächtigt, und allmählich begannen sie, sich von der Welt zurückzuziehen. Beziehungen nach außen wurden immer schwieriger, denn der Zwang zu Geheimhaltung und Schweigen machte alles unmöglich, was über oberflächliches Geplauder hinausging. Judd half ihnen, indem er berichtete, wie er gelernt hatte, im Gefängnis zu leben: »Ihr müßt euch auf euch selbst konzentrieren und in euren Köpfen leben.« Ihre Köpfe schmolzen zu einem Gemeinschaftskopf zusammen, als ihre ethnischen und persönlichen Identifikationen langsam verblaßten. Es dauerte nicht lange, bis die Dringlichkeit ihrer Aufgabe sie völlig aufgesogen hatte. Zweieinhalb Jahre schienen ewig lang zu sein, doch die Zeit wurde Tag für Tag knapper. Nichts durfte aufgeschoben werden, nichts unerledigt bleiben. Ronnie entwickelte sich schnell zur Expertin für die städtischen Wasserversorgung, die sich von den Catskill-Bergen über Hunderte Meilen von Kanälen, Aquädukten
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und Reservoirs erstreckte. Adrian spielte mit seinen Modelleisenbahnen und unternahm Erkundungsstreifzüge durch die U-Bahn-Tunnel und in die Depots. Carolyn spazierte durch die Straßen von Manhattan. Sie verfolgte die Telefonleitungen von der Verteilerbox zum Gebäude und weiter zum Bell Atlantic-Netzwerkknoten. Doc besorgte ihr einen Lkw, einen Helm und einen original Bell Atlantic-Ausweis. Sie begab sich in die Tunnel unter den Straßen, inspizierte Schritt für Schritt die Leitungen und prüfte jede einzelne mit einem Logikanalysator. Im Laufe eines Jahres hatte sie sich von der Nassau Street hundert Häuserblocks zur Leitzentrale der ConEd Systeme an der 65. Straße, Ecke West End Avenue vorgearbeitet und von dort aus weiter zu den vier Kraftwerken der Insel und dem riesigen Ravenswood-Kraftwerk am East River in Queens. Als sie die Leitungen zu den Kraftwerken fest verdrahtet hatte, machte sie sich an den Telefonleitungen zu schaffen, die von der Nassau Street zu den Büros der städtischen Umweltschutzbehörde in der Bronx führten, und an denjenigen, die zur U-Bahn-Leitzentrale in Brooklyn gingen. Bo streifte durch die Buchhandlungen bei der Columbia University und erstand dort für mehrere hundert Dollar Schulungsunterlagen für das Fach Elektrotechnik. Ein ganz normaler Computergeek wäre bei ConEd eingestiegen und hätte die Anwendungen geklaut, ohne über die physikalischen Systeme Bescheid zu wissen, die sie kontrollierten, und ohne Interesse dafür zu entwickeln. Doch das genügte ihm nicht. Bo mußte wissen, wie und warum und wo und, schlußendlich auch, wer. Sechs Monate, nachdem er angefangen hatte, wußte Bo mehr über Con Edison als der geschäftsführende Direktor, Mr. Peter Wilcox. Er hatte sogar zu dessen E-Mail
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Zugang, obwohl ihm die Zeit fehlte, sie zu lesen. Er wußte, an welchen Stellen die verschiedenen Teilsysteme wirksam zusammenarbeiteten und wo sie ineffizient waren. Er wußte, welche Nebenstellen zwischen Manhattan und den Kraftwerken wahrscheinlich brechen würden wie die schwachen Glieder einer Kette. Er kam dahinter, wie man die Y2K-Probleme ausmerzen und ein System aufbauen konnte, das die Stromversorgung in Manhattan gewährleisten würde. Doch er fand einfach keinen Weg, wie er die Stromgesellschaft dazu bringen konnte, auf die Computersysteme in der Nassau Street umzuschalten. Was er brauchte, um sein Wissen umzusetzen, waren geheime Master-Paßwörter. »Also«, fragte Doc ihn irgendwann 1998, »können wir New York retten?« »Nicht ohne Hilfe«, antwortete Bo. »Ich brauche einen Insider, der mir die Paßwörter besorgen kann. Ohne diese Mastercodes bin ich rettungslos verloren, wenn der Zeiger auf das Jahr 2000 umspringt. Du mußt einen Spion für mich finden.« »Kein Problem«, gab Doc zurück. »Die sind überall im Internet.« Einen Insider zu finden, der in der Leitzentrale der Stromversorgungsgesellschaft eine Schlüsselposition besetzte, war einfacher, als qualifizierte Hacker zu finden. Niemand wußte besser über die Y2K-Problematik Bescheid als die absoluten Profis an der Systemsteuerung. Und genau diese Leute kommunizierten ausgiebig über das Internet, wobei sie ihre wahre Identität oft hinter einem Pseudonym versteckten. Kraftwerksingenieure, Telefonsystemprogrammierer, Kapazitäten auf dem Gebiet der Verkehrssysteme und Dutzende mehr nutzten den Cyberspace zum Meinungsaustausch und als Ideenbörse.
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Doc klinkte sich in das Sprachforum ein. In weniger als einem Monat stieß er auf eine Spezialistin, die unter dem Namen »Deep Volt« agierte. Deep Volt war leitende Technikerin in der Leitzentrale der Systembedienung von ConEd und überzeugt, daß das Stromnetz zusammenbrechen würde. Doc fing an, der anonymen Spezialistin die Lage von Y2K-Bugs zu schicken, die Bo lokalisiert hatte, und die den hauseigenen Y2K-Programmierern durch die Maschen gerutscht waren. Im Austausch lieferte Deep Volt vertrauliche Unterlagen, Anwendungen, Codes, Paßwörter und Systemschemata. Endlich hatten sie ihren Insider. Von diesem Moment an ging ihre Arbeit sehr viel schneller voran. Immer tiefer drangen sie in die Materie ein. Sie nannten sich jetzt Mitternachts-Club. Ronnie ließ T-Shirts mit der Skyline bei Nacht drucken. Sie schufteten wie die Tiere. Ende 1998 hatten sie sich einen Überblick über den wirklichen Stand der Alarmbereitschaft der Stadt für den kommenden Angriff verschafft. Die Aussichten waren düster. Con Edison hatte mehrere hundert Millionen Dollar in Y2K-Software investiert und stand im weltweiten Vergleich der Stromversorger noch am besten da. Doch der riesige Versorgungsbetrieb war den Fehlfunktionen ausgeliefert, die überall im Nordoststromnetz auftreten konnten. Die dem Netz angeschlossenen Systeme waren so komplex, daß die Chancen für die einzelnen Versorgungsunternehmen, jeden Fehler richtig zu korrigieren, gleich null waren. Wahrscheinlichkeitsrechnungen sagten den Mißerfolg voraus. Wenn die Stromversorgung zusammenbrach, wäre alles andere egal. Die beste Chance, den Jahrtausendwechsel zu überste-
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hen, bestand für das Telefonsystem. Bell Atlantic hatte im gesamten Unternehmen alles menschenmögliche dafür getan, die Y2K-Probleme der Gesellschaft in den Griff zu bekommen. Die integrierten Chips in Netzwerk- und Verteilerknoten wurden ausgetauscht und jede einzelne Anwendung wurde auf Fehler untersucht. Auf der lokalen Ebene hingegen lauerten unzählige Fehlerquellen. Wie alle anderen Systeme war auch Bell Atlantic Teil eines größeren Netzwerkes gekoppelter Systeme, und die Querverbindungen waren äußerst anfällig für Fehler. Die Umweltschutzbehörde hatte eines der ältesten, ausgelaugtesten Computersysteme, das die Mitglieder des Mitternachts-Clubs je zu Gesicht bekommen hatten. Wie viele städtische Behörden war auch das Wasserwerk der private Tummelplatz der leitenden Direktoren, die es sich in ihrem hermetisch abgeriegelten Universum bequem gemacht hatten. Ihr System hatte Jahrzehnte lang gute Arbeit geleistet, und sie sahen keinen Grund, etwas daran zu ändern. »Das ist jetzt unsere Aufgabe«, sagte Doc. Die städtischen Verkehrsbetriebe hatten das Y2K-Problem schon frühzeitig erkannt. Der allgemeine Zustand war bemerkenswert, doch das Kontrollsystem für die UBahnen war veraltet, es war seit den 50er Jahren kaum verändert worden. Der Vorteil, ein antikes System zu betreiben, lag darin, daß die elektrischen Relais allesamt mechanisch waren und keine integrierten Chips enthielten. Die Züge würden sicher sein. Das Problem lag in den automatisierten Zugkontrolltischen in der Leitzentrale der Verkehrsbetriebe in der Jay Street in Brooklyn. Adrian stieß auf verborgene Millennium Bug-Schwachstellen, die die Bildschirme zum Absturz bringen wür-
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den. Infolgedessen würden die Sachbearbeiter in der Leitzentrale nicht mehr sehen, wo die Züge sich befanden. Sie wären auf das Funksystem der Verkehrsbetriebe angewiesen. Dies wiederum war jedoch abhängig von schadhaften Chips in den Funkgeräten. Wenn Bildschirme und Funkverkehr ausfielen, würde das System unverzüglich stoppen. Wenn die Hacker nichts unternahmen, würde der Großteil von New Yorks wesentlichen Computersystemen zusammenbrechen. Mitten im tiefsten Winter würde der technische Überbau, der die Stadt am Leben hielt, abbröckeln wie alter Putz, und New York wäre mittelalterlichen Zuständen ausgesetzt. Sich auszumalen, was danach kommen würde, hing von der Sichtweise des Betrachters ab, je nachdem, wie er die menschliche Natur einschätzte. Wenn die Menschheit verdorben und böse war, so wären Raub und Plünderung an der Tagesordnung. Wenn die Bewohner von New York aber besorgt waren um ihr gegenseitiges Wohlergehen und Überleben, dann würden sie sich den Umständen anpassen und sich gegenseitig helfen. Doc war der Überzeugung, daß er beide Szenarien zur Genüge zu Gesicht bekommen würde. In zwei Jahren waren die Mitglieder des MitternachtsClubs zu gehorsamen, militanten Cyberspace-Soldaten mutiert. Sie waren bereit, die umfangreiche Infrastruktur der Insel Manhattan zu übernehmen und aufrechtzuerhalten. Für die endgültige Umschaltung brauchten sie jedoch die unentbehrlichen Con Edison Master-Paßwörter. Mit Hilfe dieser Codes hatten sie die Chance, den ConEd Computern die Kontrolle zu entreißen und die Insel vor einem massiven Stromausfall zu bewahren. Ohne diese Paßwörter wäre New York Schrott.
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Ihnen blieben noch sechs Monate, und sie hatten beinahe alles, was sie brauchten. Aber nur beinahe. Deep Volt war nicht in der Lage, den unentbehrlichen Satz ConEdPaßwörter zu besorgen, mit deren Hilfe man die Kontrollen entriegelte, die das Hauptsystem auf das Ausweichsystem umschalteten. Ohne sie wäre Bos gesamte Arbeit vergebens. Anstatt auf den Großrechner in der Nassau Street umzuschalten, würden die ConEd Computer ihre internen Sicherungssysteme aktivieren, die ebenso mit fehlerhaften Codes infiziert waren wie das Hauptsystem selbst. Der Strom wäre weg. Die Paßwörter befanden sich auf einem gesicherten PC, der nicht mit der Außenwelt vernetzt war. Es gab keine Möglichkeit, einzudringen und sie zu bekommen. »Deine Spionin ist 'n Scheiß wert«, beschwerte sich Bo. »Sie tut, was sie kann«, sagte Doc zu ihrer Verteidigung. »Sie riskiert ihren Job. Wenn sie den PC knackt und die Paßwörter klaut, dann wird man sie schnappen und die Paßwörter ändern.« »Es muß eine Möglichkeit geben«, beharrte Bo. »Du mußt einen Dieb finden.« »Diebe inserieren leider nicht im Netz!« Der Mitternachts-Club war zwar vom Rest der Stadt isoliert, doch die Mitglieder lebten nicht in einem völligen Vakuum. Im März 1999 begann die breite Öffentlichkeit, von der drohenden Gefahr, die von dem Millennium Bug ausging, Notiz zu nehmen. Firmen, deren Steuerjahr im März begann, stießen auf unerwartete Probleme. Niemand ist eine Insel, und das trifft auch auf Firmen zu. Die Welt erkannte, daß nahezu alle Computer auf der Erde Teil eines gigantischen Netzwerkes waren, das so verwundbar
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war, wie sein schwächstes Glied. Unternehmen, die glaubten, gegen Y2K gerüstet zu sein, mußten plötzlich erkennen, daß ihre teure neue Software von Dateien zugrunde gerichtet wurde, die sie von Zulieferern oder Kunden importiert hatten, deren Systeme nicht gerüstet waren. Die technischen Schwierigkeiten wurden offensichtlich: schadhafte Codes in einem Labyrinth von Programmiersprachen zu finden, verlorene Aufzeichnungen und schluderige Programmierungen. Die Konkurse häuften sich, und in der Finanzwelt begann sich Panik breitzumachen. Firmen, die die Freigabe von Geldern für Y2K verzögert hatten, weil sie der Meinung gewesen waren, die Investition würde keine Rendite bringen, erkannten, daß sie sich geirrt hatten. Mit Entsetzen mußten sie feststellen, daß keine Programmierer mehr zur Verfügung standen, die sich ihrer Probleme annahmen. Es war zu spät. Monat für Monat, wenn neue Unternehmen in das nächste Steuerjahr gingen, verschärfte sich die Lage. Rechnungs- und Buchhaltungsprogramme spielten verrückt, genau wie Doc es einst an Old Blue demonstriert hatte. Die Menschen warteten vergeblich, daß die Regierung ihre Führungsrolle wahrnahm. Senat und Kongreß hielten Anhörungen ab, und die Experten, die zu Wort kamen, wiederholten, was sie schon seit Jahren sagten. Das Resultat waren neue Gremien von Sachverständigen und ganze Beamtenapparate, die sich über Definitionsfragen stritten. Die unausweichlichste Deadline aller Zeiten rückte näher, und tagtäglich stritten die Verantwortlichen. Sie debattierten, diskutierten und disputierten, und wieder war ein Tag verloren. Die Regierung scheiterte an ihrer Konzeptlosigkeit. Dienststellen, die sich, wie zum Beispiel die Sozialversicherungsverwaltung, seit 1989 mit
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Y2K beschäftigten, mußten feststellen, daß die mangelhaften Maßnahmen in anderen Dienststellen ihre Ziele zunichte machten. Die Sozialversicherung wäre zum Jahrtausendwechsel zwar in der Lage, Gelder auszubezahlen, doch das Schatzamt war nicht darauf vorbereitet, im neuen Jahrtausend Schecks auszustellen. Angesichts der drohenden Lähmung ihrer eigenen Systeme offenbarte sich die Regierung als nichts weiter als ein machtloser Hemmschuh und ein öffentliches Ärgernis. Jahrtausende, Jahre, Tage und auch Nanosekunden sind adäquate Mittel, die Zeit zu messen. Die exakte Messung der Zeit wiederum ist für Computer von immenser Bedeutung. Zeiteinheiten sind begrenzte Objekte, die ein Computer erkennen und zählen kann. Und nur das Zählen gestattet es einem Computer, zu rechnen und somit zu funktionieren. Mit der Hilfe von Uhren bringen Computer Prozesse in die richtige Reihenfolge. Schaltet man einen Computer ein, sind Datum und Uhrzeit die ersten Informationen, derer er sich vergewissert. Der Millennium Bug war nicht das einzige datumsbezogene Problem, dem die Computertechnologie 1999 ausgesetzt war. Viele Systeme basierten ausschließlich auf Datum und Uhrzeit, darunter auch das GPS, das Globale Funkpeilsystem, ein satellitengesteuertes System zur Funknavigation. Dieses System wurde weltweit von amerikanischen und alliierten Streitkräften, aber auch von der zivilen Schiffahrt, Luftfahrt, von computernavigierten Fahrzeugen und geophysischen Forschern genutzt. Jede amerikanische Telefongesellschaft nutzte das GPS zur Einstellung der Uhren, mit denen die Vermittlungsstellen betrieben wurden und mit deren Hilfe die Rechnungsstellung und die gesamte Wartungsorganisation funktionierten.
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Das GPS war vom Satellitenkontrollzentrum der US Air Force entwickelt worden. Es kontrollierte eine Flotte von 24 Satelliten. Die Funkpeilung von drei Satelliten genügte, um überall auf dem Globus eine Position zu bestimmen. Jeder konnte einen GPS-Empfänger kaufen, die Satelliten anpeilen und sich das System zunutze machen. Schon lange vor der Nacht vom 21. auf den 22. August 1999 machte die Air Force überall publik, daß sich die Beschaffenheit der Daten, die von den Satelliten gesendet wurden, ändern würde. Altere Modelle der GPS-Empfänger mußten mit einem neuen Chip ausgestattet werden, um die Daten richtig interpretieren und die genaue Position bestimmen zu können. So viele Millionen Schiffe, Flugzeuge und Fahrzeuge waren auf das GPS angewiesen, daß eine Fehlerquote von nur einem Prozent Tausende von Empfängern bedeutete, die nicht aufgerüstet worden waren. Trotz aller Warnungen wurde die Welt am 22. August von einer Welle katastrophaler Unfälle überrascht, verursacht von Computerfehlfunktionen, die zeitgleich auf dem gesamten Erdball passierten. In der Bucht von San Francisco kollidierten in dichtem Nebel zwei Öltanker und verseuchten die Bucht mit Millionen Litern Rohöl. In Rotterdam rammte ein Schiff, das Flüssiggas geladen hatte, einen Pier. Die anschließende Explosion zerstörte den Pier und ein Eisenbahndepot. 327 Menschen starben. Besonders gefährdet waren kleine Boote. Dutzende unerfahrener Segler, die von dem GPS abhängig waren und niemals die Grundlagen der Navigation gelernt hatten, wurden auf hoher See vermißt gemeldet. Diese GPS-Zeitumstellung war an und für sich kein Problem, das der Millennium Bug verursacht hatte. Doch es glich ihm und geschah zudem zu einem Zeitpunkt, als
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Y2K in den Medien allgegenwärtig war. Die uralten Ängste aus den Anfangszeiten der Computertechnologie erwachten zu neuem Leben. Die Menschen fingen an, in ihren Computern trojanische Pferde zu sehen. In den 50er und 60er Jahren hatten die riesigen, schwerfälligen Maschinen jener Zeit die Menschen das Fürchten gelehrt. Arbeiter hatten geglaubt, sie würden durch Automaten ersetzt werden, und so war es auch. Studenten hatten dagegen rebelliert, zu Computerlochkarten degradiert zu werden, und Filme wie 2001 - Odyssee im Weltraum verbreiteten die Vorstellung, die Welt würde von Maschinen bedroht, die Krieg gegen die Menschheit führten. Cartoons stiefelten über die Seiten vom The New Yorker und hielten Schilder, auf denen stand: »Das Ende ist nah, die Computer sind da.« Computer waren fremd und bedrohlich, und sie wurden mißverstanden. Im Laufe der Zeit wurden sie akzeptiert, umarmt und schließlich ignoriert, doch zu keinem Zeitpunkt hatte man sie wirklich begriffen. Als Y2K sich drohend auftürmte, kehrten die Cartoons zurück. Sie schilderten einen Kampf auf Leben und Tod zwischen Mensch und Maschine. Ende 1999 warfen die Experten die Frage auf: »Was haben wir geschaffen?« Niemand konnte mit sinnvollen Antworten aufwarten. Neewsweek und das Time Magazine berichteten über kybernetisch isolierte Kolonien, die in Arizona und New Mexico aus dem Boden gewachsen waren und von Computerwissenschaftlern besiedelt wurden. Diese Insider, Männer wie Frauen, waren der Überzeugung, daß ein Desaster bevorstand. Sie hatten ihre Versicherungspolicen verkauft, ihre Ersparnisse abgehoben und Festungen gebaut, um sich und ihre Familien zu schützen. Die Experten fuhren fort, sich zu widersprechen, und wüste Verkündungen einer bevorstehenden Apoka-
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lypse bevölkerten die Schlagzeilen. Die Menschen fühlten sich verwirrt und verängstigt. Für jede Fehlbuchung auf dem Kontoauszug mußte der Millennium Bug herhalten. Am 1. Oktober sorgte eine Reihe von wahren Computerschmelzen für einen weiteren Schlag unter die Gürtellinie der Wirtschaft. An diesem Tag begann das bundesstaatliche Steuerjahr. Es wurde offensichtlich, daß sich Dutzende Bundesämter nur unzureichend um Abhilfemaßnahmen bemüht hatten. Hochrechnungen versagten. Planung wurde unmöglich. Beschaffungsämter waren nicht mehr in der Lage, etwas zu beschaffen, weil Bestellformulare und Rechnungen verschwunden waren. Militärische Logistiksysteme verloren die Kontrolle über ganze Nachschubketten, und der Dominoeffekt sandte eine Schockwelle durch die gesamte Wirtschaft. Unternehmen, die von Regierungsaufträgen abhängig waren, sahen ihre Aktien ins Bodenlose stürzen. Technologieaktien kamen ins Trudeln. Und Gerichtsklagen, schon seit geraumer Zeit als kostspieligster Aspekt des Y2K-Problems vorhergesagt, drohten, die Gerichte mit einer wahren Prozeßlawine zu überrollen, als die Debatte darüber begann, wer für den Millennium Bug zur Verantwortung zu ziehen war und wer für die Verluste aufkommen sollte. Die Antwort lautete: jeder. Trotz der enormen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit kamen Meinungsforscher Ende Dezember 1999 zu dem Ergebnis, daß weniger als die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung jemals von Y2K oder dem Millennium Bug gehört hatte. Die Menschen wußten, daß viele Computersysteme der Regierung nicht richtig funktionierten, doch sie wußten nicht, warum. Millionen New Yorker lebten ihr Leben normal weiter. Nicht, daß sie
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sich dessen, was bevorstand, gänzlich unbewußt gewesen wären. Doch sie waren unsicher, was seine genaue Natur betraf und was es zu bedeuten hatte. Diejenigen, die wußten, worum es bei Y2K ging, versuchten es denjenigen zu erklären, die keine Ahnung hatten. Entweder sie kapierten es, oder sie kapierten es nicht. Abwenden ließ es sich in keinem Fall. Diejenigen, die es kapiert hatten, nahmen die Sache sehr ernst. Ein New Yorker brauchte keinen Abschluß in Computerwissenschaften, um zu verstehen, daß ein technologischer Zusammenbruch, der mit einem Stromausfall begann, ernste soziale Konsequenzen nach sich zog. Schon früher hatten überraschende Stromausfälle in den Ghettos spontan zu Plünderungen geführt. Doch diesmal waren die Menschen vorgewarnt. Für Stahltüren, Fenstergitter und Wachpersonal wurden Spitzenpreise bezahlt. Weil ihnen die Wachmänner zu teuer wurden, kauften die Inhaber kleinerer Geschäfte sich Schrotflinten, mit denen sie sich persönlich in ihre Läden setzen wollten. In jedem Bezirk bildeten sich Bürgerwehren, die für die Silvesternacht Pläne zum gegenseitigen Schutz ausarbeiteten. Die Polizei hatte keine Einwände. Schon ohne Y2K wäre die New Yorker Polizei in dieser Nacht bis zur äußersten Grenze belastet. Die Anführer der Bürgerwehren in den verkommensten Ghettos in der South Bronx, im kolumbianischen Viertel von Queens, in Bedford-Stuyvesant in Brooklyn und in Spanish Harlem in Manhattan gaben die dringende Parole aus: Zündet nicht euer eigenes Haus an! Eine Woche vor dem großen Tag hatte der MitternachtsClub ein Software-Paket, bestehend aus 112 Anwendungen, auf Judds Großrechner installiert, das eine funkti-
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onstüchtige Kopie des Systems von Con Edison zur Stromversorgung in Manhattan darstellte. Um die Telekommunikation zu gewährleisten, hatten sie eine Telefonvermittlungszentrale eingerichtet, die auf dem neuesten Stand der Technik war, und sie hatten Zugriff auf ein die Insel überspannendes Netzwerk von Leitungen und Mikrowellenverbindungen. Carolyn hatte jeden Zentimeter überprüft und auf Vordermann gebracht. Um die U-Bahn zu betreiben, hatten sie eine komplette Zugleitzentrale für sieben U-Bahn-Linien errichtet, die die Insel und zusätzlich Teile von Brooklyn, der Bronx und Queens durchzogen. Sie hatten vollstes Vertrauen in ihre gesamte Arbeit, nur das Abwassersystem befand sich in einem hoffnungslosen Zustand. Es war schlicht zu alt, zu komplex und besaß zu viele eingebettete Chips an Stellen, die Ronnie unmöglich erreichen konnte. In der letzten Woche schliefen sie kaum noch. Der große Tag rückte näher, und ihnen fehlten noch immer die entscheidenden Paßwörter von ConEd. Doc rief Deep Volt jeden Tag an, doch vergebens. Die Spionin konnte zwar die Y2K-Verbesserungen liefern, die die Firma entwickelt hatte, doch noch immer keine Master-Paßwörter. Am 30. Dezember verließ niemand mehr den obersten Stock des Gebäudes in der Nassau Street. Das Haus war ein alter roter Ziegelbau mit schwarzen Eisengeländern und eisernen Feuerleitern. Es repräsentierte ein Stückchen altes New York, direkt vor jener Mauer, die der Wall Street ihren Namen gegeben hatte. Die Holländer hatten diese Mauer einst gebaut, um die Briten aus New Amsterdam fernzuhalten. Doch diesmal konnte nichts die Stadt gegen die fremde, feindselige Bedrohung vertei-
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digen, nichts außer einer winzigen Bande Outlaws. Der Countdown hatte begonnen. Der Krieg zwischen dem Millennium Bug und den Y2K-Gegenmitteln stand unmittelbar bevor.
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Kalt und klar zog der letzte Tag des 20. Jahrhunderts über New York herauf, über einer Metropole, die zuletzt 1832 mit dem Verhängnis in Berührung gekommen war: damals in Form einer Choleraepidemie. Die Geschichte hatte diese Stadt immer mit Samthandschuhen angefaßt. Das 20. Jahrhundert hatte viele Metropolen mit Krieg und Revolution heimgesucht, doch Big Apple hatte nicht einen Kratzer abbekommen. Unversehrt und, im Hinblick auf Zusammenbrüche, geradezu jungfräulich sah New York dem Ende des Jahrhunderts entgegen. Wäre New York ein fühlendes Wesen, so würde diese Stadt sich als unverwundbar betrachten. Natürlich gab es Behörden, die sich mit der Ausarbeitung von Notfallplänen zur zivilen Verteidigung befaßten. Während des kalten Krieges war das vorherrschende Szenario ein nuklearer Angriff gewesen. Die Stadt war im Besitz umfassender Pläne in riesiger Auflage, die bei einem Raketenangriff der Russen hervorgeholt und verteilt werden sollten. Dieser nukleare Notfallplan befand sich auf einem Rechner, der auch 1999 noch nicht für Y2K gerüstet war. Außerdem existierten weitere Pläne für zivile Störfälle aller Art, von Streiks bis hin zu Rassenunruhen. Diese Pläne kamen regelmäßig zur Anwendung und waren einigermaßen sinnvoll. Im Laufe der Jahre hatten die Stadtplaner reichlich Gelegenheit, die Abläufe zur Kontrolle von Ausschreitungen und Demonstrationen zu verbessern. Perfektion hatte die Stadt ebenso bei der Erstellung 73
von Plänen für ein anderes Horrorszenario erlangt, dem Umgang mit Terroristen. Hierbei wurde sie von verschiedenen Bundesbehörden unterstützt. Terrorismus mit chemischen und biologischen Waffen wurde als größte anzunehmende Bedrohung eingeschätzt, und ihm galt die größte Aufmerksamkeit. Als das Jahrhundert sich seinem Ende näherte, gehörte New York City zu den ersten Kommunen, die die akute Bedrohung durch den Millennium Bug realisierten. 1996 richtete Bürgermeister Giuliani ein Referat ein, das sich mit dem Problem befassen sollte. Eine erste Einschätzung des Zustandes der kommunalen Computersysteme deckte 687 kritische Systeme auf, die mit Y2K-Störungen infiziert waren. Nach zwei Jahren und einer Investition von 300 Millionen Dollar hatten 453 Systeme noch immer Probleme. Im Sommer 1999 begann die Stadt zu realisieren, daß der gesamte Inhalt des Stadtsäckels nicht ausreichen würde, die Störung zu beheben. Viele Systeme wurden verschrottet und durch neue ersetzt, doch teure und komplexe Systeme neu zu installieren war grundsätzlich eine langwierige Angelegenheit und brachte immer neue Probleme mit sich. Alte Daten mußten modifiziert und Y2K-fähig gemacht werden, ein Prozeß, der voller Fallstricke war. New York war, weltweit gesehen, die Stadt, die sich die größte Mühe gab, das Problem in den Griff zu bekommen, doch es genügte nicht, die unzähligen Systeme zu »reparieren«. Es war schlichtweg unmöglich, jede infizierte Codierzeile aufzuspüren. Und wie immer, wenn Softwarefehler beseitigt wurden, entstand für jeden vierten Defekt, den ein Programmierer aufspürte und korrigierte, ein neuer Fehler, der in den Code injiziert wurde. Unter Millionen Zeilen binären Maschinencodes genügte das Vorkommen eines einzigen fehlerhaften Codes, um
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das ganze System lahmzulegen. Die Testläufe bewiesen es. Die Wasserwerke ließen selbstzufrieden verlauten, sie hätten keine Probleme, doch ein Testlauf, der 1999 angesetzt wurde, sperrte in nur dreißig Sekunden das gesamte Wassersystem, weil integrierte Chips in den Servosteuerungen die Ventile im Hauptwasserreservoir blockierten. Die Pumpen wurden ersetzt, doch das System versagte erneut. Zwölf der vierzehn städtischen Kläranlagen fielen bei den Testläufen durch. Die Systeme in den Rechnungsämtern, die angeblich gerüstet waren, vielen ebenfalls ständig aus. Keiner wußte, was am 31.12.1999 um Mitternacht geschehen würde. Selbst wenn alle städtischen Systeme wie durch ein Wunder überlebten, so würden sie trotzdem allein davon abhängig sein, ob Con Edison in der Lage wäre, die Stromversorgung aufrechtzuerhalten. New York hatte bereits 1965 und 1977 große Stromausfälle erlebt, doch diesmal war der riesige Stromerzeuger in der Lage, vorzubauen. Pressemitteilungen voller Beschwichtigungen wurden herausgegeben. Am Morgen des 31.12.1999 begannen Einzelhändler und Bürgerwehren, die nur wenig Vertrauen in die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit von Con Edison besaßen, mit den letzten Vorbereitungen, um ihre Geschäfte und Stadtviertel zu beschützen. Flugblätter wurden verteilt. Tragbare Radios wurden überprüft und auf ihren Einsatz vorbereitet. Waffen wurden gereinigt und geladen. Als Reaktion auf eine Flut von Y2K-Meldungen und auf das GPS-Debakel vom 22. August hatte die Stadt zähneknirschend einen Notfallplan für den totalen Zusammenbruch ausgearbeitet, ein Flickwerk aus älteren Plänen für Stromausfälle und zivile Unruhen. Dem Plan wurde eine Wichtigkeit eingeräumt, die weit hinter den Vorkehrun-
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gen für das Silvesterfeuerwerk und die traditionelle Feier auf dem Times Square rangierte. Er wurde niemals fertiggestellt, freigegeben oder gar durchgespielt. Doch die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit durfte die Existenz eines Plans bestätigen. Gerüchte kursierten, der Bürgermeister habe im World Trade Center einen geheimen Bunker einrichten lassen, der als Kommandozentrale dienen sollte, wenn die Stadt zum Schlachtfeld würde. Einzelheiten waren nicht in Erfahrung zu bringen. Die Stadtväter wollten keine Panik auslösen. Die werden ihre Massenpanik so oder so bekommen, dachte Captain Ed Garcia. Auf dem Weg zu seinem allmorgendlichen Frühstück mit Donald Copeland und seinen anderen Freunden ging er den Broadway hinunter. Er wünschte sich, die Stadtplaner und offiziellen Beauftragten würden nur eine einzige Stunde in seinem Bezirk verbringen. Er würde ihnen den Mangel an Nahrungsvorräten, Wasser und Treibstoff vor Augen halten und sie fragen, an welchen Stellen die Stadt denn ihre Notunterkünfte geplant hätte. Wenn die U-Bahn zusammenbrach, würde die Stadt mit gestrandeten Einwohnern überschwemmt werden, und wenn Con Edison zusammenbrach ... ach, zum Teufel noch mal! Rein gar nichts war vorbereitet, weil niemand ernsthaft daran glaubte, daß etwas passieren würde. Garcia kannte sich aus, und er hatte keine Lust, sich das Maul zu verbrennen, indem er sich als Panikmacher hervortat. Es führte zu nichts. Gestern hatte er seinen Vorgesetzten mit dem Ausdruck »Y2K« konfrontiert, und der hatte geantwortet: »Was für zwei?« Um halb sieben betrat Garcia Bernie's Delicatessen an der Ecke 85. Straße und Broadway, bestellte Rührei mit Toast und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Garcia war 45
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Jahre alt, gute eins fünfundachtzig groß und beileibe kein Fliegengewicht. Seine Uniform mit den zweireihigen Messingknöpfen stand ihm gut zu Gesicht. Wie immer legte Garcia seine Dienstmütze und die Brieftasche auf einen Tisch im hinteren Bereich des Ladens. Es war Freitag, und ein langes Neujahrswochenende stand ins Haus. Die braven New Yorker Bürger trafen ernsthafte Vorbereitungen, alberne Hütchen aufzusetzen und sich vollaufen zu lassen, als stünde ein ganz normaler Jahreswechsel bevor. Garcia hatte in seinem Leben als Polizist schon fünfundzwanzig New Yorker Silvesternächte mitgemacht. Doch in diesem Jahr mußte er sich neben den üblichen Betrunkenen, die in seine Streifenwagen kotzten, auch mit Jahrtausendverrückten rumschlagen, mit Weltraumspinnern und mit religiösen Fanatikern, die das Ende der Welt prophezeiten. Und das alles schon weit vor Mitternacht, wenn die elektronische Jahrtausendkacke endgültig überkochen würde. Garcia liebte seinen Beruf. Schon vor langer Zeit hatte er erkannt, daß es viel besser war, ein Verbrechen zu verhindern, als Kriminelle zu jagen und zu bestrafen. In diesem Fall aber war die Stadt selbst, dieses anonyme Miststück, dabei, eine Unterlassungssünde zu begehen, ein nahezu verbrecherisches Versäumnis, das er nicht verhindern konnte. Garcias alter Freund Bill Packard brachte ihm seine Frühstückseier an den Tisch. »Frohes neues Jahr, Commandante«, sagte Packard. Er war Kardiologe am Bellevue Krankenhaus. »Du mich auch, Bill.« »Du siehst aber gar nicht glücklich aus.« »Ich will nur, daß dieser Scheiß bald vorbei ist«, sagte Garcia. »Auf dem Weg hierher bin ich an drei Schnapslä-
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den vorbeigekommen, alle brechend voll. Und das um sechs Uhr morgens!« »Tja«, grinste Packard breit und setzte sich. »Heute ist der Tag der Tage. Bist du bereit?« »Komm schon, Bill. Keiner ist bereit.« »Copeland schon.« »Sagt er!« gab Garcia zurück. »Da ist ein Unterschied.« »Wir werden es früh genug herausfinden«, meinte Packard und schaute auf die Uhr. »In siebzehn Stunden und fünfzehn Minuten. He, Bernie!« rief er. »Machst du bitte den Fernseher an, ja?« »Warum?« »In ein paar Minuten beginnt mitten im Pazifik das neue Jahrtausend.« »Na und?« »Mach schon an, Bernie.« »Bestellst du Frühstück oder nicht, Doc?« »Ja, ja, ja.« Widerwillig machte der Besitzer des Delikatessenladens den Fernseher an und schaltete auf CNN. Finster starrte er auf die Budweiser-Reklame. Budweiser war das offizielle Bier des Jahrtausendirrsinns. »Erwartest du eine heiße Nacht?« fragte der Polizist den Arzt. »Machst du Witze?« gab Packard zurück. »Ich bin nur froh, daß ich nicht in der Notaufnahme arbeite. Ich habe Probleme, auf die du im Traum nicht kommen würdest. Weißt du, wie viele Computer wir im Bellevue haben? Hast du irgendeine Vorstellung davon, wie viele Computer jedes gottverdammte Scheißgerät auf der Intensivstation am Laufen halten? Und weißt du, wie viele davon überprüft worden sind? Keiner. K-E-I-N-E-R, jetzt weißt du's.«
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»Du sollst dich ja auch um die Menschen kümmern, nicht um die Computer, Bill.« Packard zog eine Grimasse und schüttelte frustriert den Kopf. Er schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und starrte auf den Bildschirm. Jonathan Spillman kam herein und setzte sich. Der Geschäftsführer der nagelneuen SafewaySupermarktfiliale Ecke 96. Straße und Broadway war das dritte Mitglied in dem Quartett alter Freunde. »Sag besser nichts«, warnte Garcia ihn. »Was soll ich nicht sagen?« Packard zwinkerte ihm zu und formte mit den Lippen die Worte: »Frohes neues Jahr!« »Ich bin Jude, falls ihr das vergessen habt«, erinnerte Spillman seine Freunde. »Wir feiern den Jahreswechsel im September. Außerdem schreiben wir gerade das Jahr 5760, nur zu eurer Information. Wo steckt Copeland?« »Ist noch nicht da«, antwortete der Arzt. »Heute nacht wird er erfahren, ob seine ganze Supersoftware überhaupt funktioniert. Wird unser guter Donnie die Chase Manhattan Bank vor dem Untergang bewahren? Als wenn mir das nicht scheißegal wäre!« »Copeland wird niemanden retten, aber Doc Downs wird es tun«, warf Spillman ein. »Doc weiß, was er tut. Ich stehe übrigens über all diesen Dingen, Jungs. Safeway hat Millionen in diese Sache gesteckt, und Doc ist der Meinung, daß wir alles richtig gemacht haben.« »Erste Sahne!« sagte Garcia. »Das ist toll! Die Bank und der Lebensmittelladen werden überleben, und der Rest der Welt fährt zur Hölle.« »Kernkraftwerke«, sinnierte Packard. »Wie viele sind weltweit betroffen? Vierhundert? Fünfhundert?« »Mehr«, meinte Spillman. »Keiner weiß es genau. Es gibt überall geheime Reaktoren.«
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»Willst du was essen?« schnauzte Bernie Spillman an. »Ach, gib mir 'n Sesambagel mit...« »Mit nix, ich weiß schon.« Einen kurzen Augenblick herrschte vertrautes Schweigen. Sie waren letztendlich nichts weiter als drei Jungs aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht hatten, denen es gut ging. Intelligente Männer mit erfolgreichen Karrieren, und doch waren sie ganz einfache Kleinstädter geblieben. Die Gemeinschaft nahm ihnen etwas von ihrer Angst. »Hast du was von deiner Frau gehört?« fragte Spillman Packard. Aus Angst vor Gewalt und Plünderungen im Falle eines Stromausfalls hatte der Arzt seine Frau und die Kinder vorsorglich aufs Land verfrachtet, an die Küste von Maine. »Ja. Sie ist bei ihrer Schwester. Sie und die Kinder haben gestern den ganzen Tag lang Feuerholz gestapelt. Ist Shirley weggefahren?« »Nein. Das würde sie niemals tun!« »Schick sie weg«, sagte Packard, und Garcia fügte hinzu: »Du mußt dafür sorgen.« »Ach komm, Ed«, sagte Spillman. »Du kennst doch meine Frau. Für sie ist die Jahrtausendwende das größte Ereignis seit der Hochzeit von Prinzessin Diana. Außerdem bist du gerade der richtige, mir zu raten. Du bist schließlich nie verheiratet gewesen.« Eine Fanfare ertönte aus dem Fernseher, und sie drehten die Köpfe zum Bildschirm. In Atlanta lächelte ein Moderator in die Kamera und sagte: »Nur noch wenige Minuten, meine Damen und Herren, dann werden die ersten Menschen auf der Erde das neue Jahrtausend begrüßen. Wir schalten jetzt live auf die Marshallinseln zu Joanna Springer. Joanna ?«
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Old Blue hatte sein Domizil mittlerweile in dem klimatisierten Untergeschoß von Copelands vornehmen Sandsteinhaus auf der Westside der 85. Straße. Er war das perfekte Beispiel für einen absurden kybernetischen Overkill. Der Großrechner steuerte den gesamten Haushalt inklusive eines ausgefeilten Alarm- und Sicherheitssystems. Old Blues Pflichten begannen exakt um 6.30 Uhr morgens. Er schaltete die Heizung ein, kochte Kaffee, überprüfte den Eingang der E-Mails und fütterte Micro, Copelands Welshterrier. Der Computer aktivierte ein Programm, das exakt eineinhalb Tassen Lamm mit Reis in Micros Futterschüssel füllte. In perfekter pawlowscher Manier verschlang der Hund sein Frühstück binnen vierzig Sekunden. Inzwischen brühte die Espressomaschine eine Tasse schwarzgerösteten Espresso, und präzise um sieben Uhr schaltete der Rechner den Fernseher im Schlafzimmer seines Herrn ein. Copeland verschaffte sich den ersten Kick des Tages gerne mit ein paar Schreckensmeldungen, und an diesem Tag aller Tage war er schon lange wach, bevor der Fernseher anging. CNN berichtete live aus Majuro, der Hauptstadt der Republik der Marshallinseln, mitten im pazifischen Ozean an der internationalen Datumsgrenze, 15.000 Kilometer und siebzehn Zeitzonen nach Osten. »Das neue Jahrtausend ist da, meine Damen und Herren!« sprudelte eine atemlose Frau ins Mikrofon. Sie stand neben der Startbahn eines Flugplatzes, hinter ihr waren die Lichter des Flughafengebäudes und einer kleinen Stadt zu sehen. Über der Stadt entzündeten die Pyrotechniker das allererste Feuerwerk, das das neue Jahrtausend willkommen heißen sollte. »Wir sind hier nur wenige Kilometer von der internationalen Datumsgrenze entfernt. Es ist unbeschreiblich aufregend. Wir schreiben das
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Jahr 2000, meine Damen und Herren, das einundzwanzigste ...« Eine Übertragungsstörung schaltete ihre Stimme aus, und die Lichter der Stadt im Hintergrund begannen zu flackern. Dann war der Ton wieder da: »... in Mikronesien, westlich des 180. Längengrades ... die internationale ...grenze. Es sieht ... als hätten wir ...ierigkeiten ... ein Flugzeug ...zt... Land... an.« Die Lichter der Stadt und des Flughafengebäudes hinter ihr erloschen. Sekunden später waren auch die blauen Landefeuer auf der Rollbahn verschwunden. Verblüfft drehte sich die Reporterin um. Dann blickte sie wieder in die Kamera. Ihre Lippen bewegten sich, doch der Ton fehlte. Die explodierenden Raketen und Sternwerfer des Feuerwerks schufen eine unheimliche Beleuchtung über ihr. »Es ... etw... passier...« Über die verstümmelte Stimme der Journalistin hinweg konnte Copeland das Brummen von Flugzeugmotoren hören, die sich der Landebahn näherten. »... um Touristen, die ... erste Landung ...s Jahrhund... aber die ...feuer ...alte DC3.« Copeland hörte einen furchtbaren Aufprall. Eine Feuerwand kam ins Bild. Dann wurde der Schirm dunkel. Der Regisseur der Sendung schaltete sofort in das Aufnahmestudio in Atlanta und blendete den Nachrichtensprecher ein. »Es scheint, als hätten wir den Kontakt zu Joanna Springer verloren, meine Damen und Herren. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, was geschehen ist. Einen Augenblick, bitte. Haben wir Ton? Ja, ich glaube, wir haben wieder Ton. Joanna, können Sie mich hören?« Die körperlose Stimme der Frau hallte um die Welt. Mil-
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lionen Menschen in allen Ländern hörten, was sie sagte: »O Gott. Ein Flugzeug ist abgestürzt. Die Landungsfeuer sind ausgegangen, genau wie alle anderen Lichter, nur unser Übertragungswagen hat noch Licht, weil wir mit einem Generat...« Stille. Der Bildschirm wurde dunkel, dann wieder das Studio. »Dies ist ein schwarzer Augenblick, meine Damen und Herren. Wir versuchen, Ihnen live von den Marshallinseln zu berichten, so wie wir in den kommenden 24 Stunden live von der Ankunft des neuen Jahrtausends überall auf der Welt berichten wollen. Doch es sieht so aus, als stünde eine Tragödie am Beginn dieser Berichterstattung. Einen Augenblick, bitte. Können wir wenigstens den Ton wieder herstellen? Nein? Ich erfahre gerade, daß die Satellitenleitung gestört ist. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, meine Damen und Herren. Es scheint, daß soeben eingetroffen ist, was wir alle am meisten gefürchtet hatten, von dem wir hofften, es möge niemals eintreten. Die Vorhersagen über Computerfehlfunktionen scheinen sich zu bewahrheiten. Wenigstens, was die Marshallinseln betrifft. Wir bringen ihnen jetzt ein paar Informationen unserer Sponsoren. Bitte bleiben Sie dran.« Ein kurioser Aspekt des Momentes, als die Welt einzustürzen begann, war die Tatsache, daß der ganze Planet die Nachricht gleichzeitig vernahm. In jener ersten Stunde des neuen Jahrtausends berichtete CNN über vier weitere Flugzeugkatastrophen in der Nähe der Datumslinie. Es handelte sich ausnahmslos um Charterflüge, voll besetzt mit Touristen, die dem Irrglauben aufgesessen waren, sie hätten ein exotisches Erlebnis erstanden, weil sie zu den ersten Menschen gehörten, die das 21. Jahrhundert willkommen hießen. Stromausfälle schnitten Dut-
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zende Inseln im Pazifik von der Außenwelt ab. Die technischen Einzelheiten waren kompliziert zu erfassen und variierten von Insel zu Insel - in einigen Kraftwerken hatten alte Computersysteme entschieden, daß das Jahr 1900 gekommen sei und alle Wartungsarbeiten längst überfällig waren; auf anderen Inseln versagten die integrierten Chips in automatisierten Übertragungs- und Verteilersystemen - doch das Ergebnis war überall das gleiche. Der pazifische Ozean versank in Dunkelheit. Die einzige Ausnahme bildeten Inseln wie die beiden Midways, deren Stromversorgung gänzlich ohne Computerbestandteile auskam, oder diejenigen, die nagelneue Systeme hatten. Dazu gehörte auch Guam. Die örtliche Stromgesellschaft hatte Software installiert, die für das Jahr 2000 gerüstet war. Copeland schrie den Fernseher an: »Hab' ich es euch doch gesagt, ihr Idioten! Alle haben es euch seit Jahren gesagt, aber nein! Verdammte Scheiße!« Dann zog ein Lächeln über sein Gesicht. Copeland war weder schockiert noch überrascht. Er wußte, daß dies nur der Auftakt war zu einem Tag, der höchst interessant zu werden versprach. Heute erfüllte sich die Vision, die er vor neun Jahren auf der Brücke gehabt hatte. Doch Copeland brauchte keine Rechtfertigung. Wer recht hatte, der hatte recht. Was er brauchte, war eine Nonstopkatastrophe, die von dem wirklich wichtigen Y2K-Ereignis ablenkte, das in genau siebzehn Stunden, um Mitternacht, New Yorker Zeit, stattfinden würde. Soweit Copeland informiert war, würde die allmächtige Chase Manhattan Bank um Mitternacht an vorübergehendem kybernetischen Gedächtnisschwund leiden. Schlag zwölf Uhr Mitternacht, wenn die letzten Bits der Copeland 2000 Software in das elektronische Geldtrans-
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fersystem der Bank eingespielt wurden, würde ein verstecktes Programm, das Doc Downs in ein größeres Diagnoseprogrammpaket eingebaut hatte, unverzüglich 72 Millionen Dollar auf Konten überweisen, die Copeland in der Schweiz, in Liechtenstein und Panama eröffnet hatte. Sekunden später würde dieses Programm die Fähigkeit der Bank, elektronische Geldtransfers durchzuführen, vorübergehend außer Kraft setzen. Es würde die Datensätze Tausender Konten wild durcheinanderwürfeln und sich anschließend selbst zerstören. Keinerlei registrierte Gelder würden fehlen; die Bank würde den Fehler innerhalb von ein bis zwei Tagen behoben haben und gesund und rentabel ins nächste Jahrhundert starten. Für Chase Manhattan würde das Schlamassel aussehen wie eine Millennium Bug-Schwachstelle, die man übersehen hatte. Wir sind untröstlich, da ist uns wohl ein Fehler unterlaufen! 72 Millionen Dollar, und die Hälfte davon seins! Normalerweise saß Copeland zu dieser Uhrzeit schon bei Bernie und frühstückte. Doch ihm stand ein langer Tag bevor, und er hatte es nicht eilig. Duschen, rasieren, Eau de Cologne, blauer Nadelstreifenanzug, Budapester Schuhe, ein kurzer Blick in den Spiegel, um das Image des gutaussehenden Yuppies zu überprüfen, einen Schluck Kaffee und exakt zwei Minuten geplanter Aufmerksamkeit für den Hund, während er in der Küche seine E-Mails überflog. Old Blue hatte die Morgenzeitungen gescannt und aufbereitet. Er hatte Copelands Namen und den seiner Firma aus sieben Artikeln gesiebt. Alle befaßten sich mit einem neuen Software-Abkommen zwischen Copeland Solutions und der Bank, das im Laufe des Tages offiziell bekanntgegeben werden sollte. Old Blue überspielte diese Nachrichten auf das Küchenterminal des hausinternen Netzes. Copeland war froh, daß die Bank heute vormit85
tag eine Pressekonferenz anberaumt hatte, etwas, auf das er sich konzentrieren konnte. Schnell überflog er die Schlagzeilen der Artikel. »Copeland Solutions verkündet heute neue SoftwarePartnerschaft mit Chase Manhattan«, schrieb das Wall Street Journal. »Spekulant Donald Copeland und Chase Manhattan enthüllen Software-Revolution für TelefonBanking«, titelte die Times. In allen Artikeln ging es um Variationen des gleichen Themas. Copeland nahm sich vor, seiner PR-Chefin Jody Maxwell zu ihrer hervorragenden Arbeit zu gratulieren. Alles nur Scharade. Morgen früh würde die Welt so tief im Schlamassel stecken, daß weder die Times noch die Bank sich einen Dreck um neue Software für irgendwelche Telefonkunden scheren würden. Copelands Problem bestand darin, diesen Tag zu überstehen, ohne daß der Freudentaumel offenbar wurde, der ihn erfaßte, sobald er an den Bankraub dachte. Gerade rechtzeitig zu einem Bericht aus Wellington, Neuseeland, stellte er den Fernseher in der Küche an. Wellington war die erste Hauptstadt, die vom Millennium Bug getroffen wurde. »... und, um es noch einmal zu wiederholen, es hat den Anschein, als würde eine Explosion in einer Ölraffinerie in den Außenbezirken von Wellington, die sich zwanzig Minuten nach Mitternacht ereignet hat, mit den Feuerwerken zur Jahrtausendwende darum wetteifern, diese charmante Stadt zu erhellen. Bis jetzt ist die örtliche Stromversorgung hier und in Auckland stabil geblieben, doch uns erreichen Berichte von Stromausfällen in abgelegeneren Gegenden. Die ländlichen Bezirke scheinen am härtesten betroffen zu sein. Die lokalen Behörden verbreiten über den Rundfunk Anweisungen zur Handha-
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bung des Notstroms, doch man kann im Moment noch nicht sagen, wie viele Menschen in den betroffenen Gebieten in der Lage sind, diese Anweisungen überhaupt zu empfangen.« »John«, fragte der Studiosprecher. »Ist es bei euch in Wellington kalt?« »Also, wir befinden uns ja auf der südlichen Halbkugel, William, und hier herrscht Hochsommer. Die Antwort ist also: nein, es ist nicht kalt. Aber viele Menschen hier haben riesengroße Angst. Die anderen sind, sagen wir mal, ziemlich angeheitert. Es ist schließlich immer noch Silvester. « Copeland stellte den Ton ab und sah die Werbung über den Bildschirm flimmern. Die Welt begann sich aufzulösen, doch das würde niemanden von dem Versuch abhalten, sein Produkt zu verkaufen. Er wandte sich wieder dem Computerterminal zu und wollte gerade seine persönlichen Nachrichten abrufen, als das Telefon sein morgendliches Ritual störte. Er griff zum Hörer. »Copeland.« »Läuft dein Fernseher?« fragte Bill Packard. »Ja«, sagte Copeland. »Ganz schön aufregend.« »Du hast es vorhergesehen«, sagte Packard. »Du hattest recht.« »Ich wünschte, ich hätte mich geirrt«, log Copeland. »Bist du bei Bernie?« »Wir sind alle hier.« Bill Packard lebte mit seiner Frau und den zwei Kindern auf der anderen Straßenseite. Teils zufällig und teils beabsichtigt lebten Copeland, Packard, Garcia und Spillman noch immer im gleichen Viertel auf der Upper West Side, wo sie aufgewachsen waren. Im Laufe der Jahre war es Copeland immer schwerer gefallen, sich nicht mit seinen
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Plänen in Bezug auf die Chase Manhattan aufzuplustern, wenn er mit seinen Freunden zusammen war. Es hätte ihm ungeheuren Spaß gemacht, seinen alten Kumpels beim Kartenspiel ganz beiläufig zu sagen: »Freunde, jetzt ratet mal, was ich tun werde.« Packard und Spillman würden den Plan wahrscheinlich raffiniert finden und darüber lachen. Doch Copeland hegte keinen Zweifel daran, daß Ed Garcia ihn einsperren würde. Es war ziemlich hart, Typen zu hintergehen, die er seit seinem dritten Geburtstag kannte, doch er hatte es jetzt bereits fünf Jahre lang geschafft. Zum Teufel, morgen früh wäre alles vorbei. »In fünfundvierzig Minuten ist Sibirien dran«, fuhr der Arzt fort, »und zwei Stunden später Japan.« »Scheiß auf die Russen und die Japaner«, sagte Copeland. »Die haben es nicht besser verdient. Wie lauft's im Krankenhaus?« »Ich mach mir ziemlich große Sorgen. Jedes verdammte Stück der gesamten medizinischen Ausstattung hat integrierte Chips, und kein einziger ist überprüft worden.« »Das ist doch verrückt«, sagte Copeland. »Weiß ich selbst. Ich hab' einen Termin mit dem Leiter unserer wunderbaren Desinformationsabteilung. Diese verdammten Bürokraten merken einfach nicht, daß die Sache ernst ist.« »Brauchst du Hilfe?« »Verdammt noch mal, klar, aber die maßgeblichen Stellen sagen, wir hätten kein Budget dafür, also kann ich nicht mal selbst Hilfe organisieren. Das nervt!« »Hast du deine Aktien verkauft?« »Ja.« »Hol dein Geld von der Bank.« »Ja.«
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»Organisier dir einen Vorrat an Lebensmitteln und Wasser.« »Ja, und Batterien. Was ist das? Eine Inspektion?« »Vergiß die Kerzen nicht«, sagte Copeland. »Das Krankenhaus kannst du nicht retten, aber dich selbst.« »Ja, ich glaube, das kann ich«, sagte der Arzt. »Seh'n wir uns heute abend?« »Ich denke nicht«, fuhr Copeland fort. »Ich werde bis weit nach Mitternacht im Büro sein.« »Also, schau rein, wenn du Zeit hast. Bis dann.« Copeland legte auf, und das Telefon klingelte sofort wieder. »Copeland.« »Ich bin's, Doc. Hast du die Nachrichten gesehen?« »Natürlich.« »Ganz Neuseeland geht den Bach runter. Die Raffinerie, Ampeln, die Überlandleitungen. In Auckland haben sämtliche Hauptwasserleitungen dichtgemacht. Kommst du heute rein?« »So wie immer, Doc. Um halb zehn sind Jody und ich bei der Bank zu einer Pressekonferenz.« »Ich glaube, die Medienfritzen werden heute morgen ganz schön was zu tun haben«, sagte Doc. »Du darfst dich nicht wundern, wenn die Konferenz platzt.« »Heute wundere ich mich über gar nichts«, antwortete Copeland. »Da wäre ich mir nicht so verdammt sicher, Donald. Heute wird jeder von uns sein blaues Wunder erleben, du auch.« »Du hast sicher recht«, sagte Copeland und trank einen Schluck Kaffee. »Hör mal, diese Flugzeugabstürze und Stromausfälle haben ein paar von unseren Leuten sicherlich ganz schön Angst eingejagt, aber das ist mir egal.
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Heute kommt jeder rein, wie an einem ganz normalen Tag, und es wird bis Mitternacht gearbeitet. Heute werden wir soviel zu tun haben wie noch nie.« »Boß, so kenne ich dich! Donnie, der Sklaventreiber. Mach dir keine Sorgen. Unsere Leute sind alle instruiert worden.« Copeland wandte sich wieder seinen E-Mails zu. Die erste Nachricht stammte von Marie, seiner Exfrau. Sie gehörte der Sekte der Wiederkunft Christi an und schickte wieder eine ihrer regelmäßigen Nachrichten, die ihn ermahnte, Jesus zu suchen und das Buch der Offenbarung zu lesen. Copeland zögerte, die Nachricht zu öffnen. Die alte Melodie von den Chambers Brothers, »Time Has Come Today«, ging ihm wie so oft durch den Kopf. Tick tack, tick tack. Copeland war sich der Zeit stets unentrinnbar bewußt. Er trug eine 12.000-Dollar-Rolex, die die drei Digitaluhren in der Küche ergänzte. Tempus fugit, tja Junge, da hast du recht. Copeland hatte immer das Gefühl, als liefe ihm die Zeit davon, als liefe sein Leben auf einer höllischen astronomischen Uhr. Er hatte sich immer angetrieben, jedes Unternehmen, das er in Angriff nahm, erfolgreich abzuschließen, niemals Zeit zu vergeuden. Dir steht nur eine bestimmte Anzahl Stunden zur Verfügung, sagte er sich immer wieder. Und wenn nicht jede einzelne davon in geregelter Ordnung und mit äußerster Disziplin abläuft, dann wirst du im Chaos versinken. Zwei Jahrzehnte unter diesem strengen Regiment hatten ihn, mit nun dreiundvierzig Jahren, zu einem Mann gemacht, der absolut unter Hochspannung stand. Copeland war so besessen von der Vorstellung, sich die Millionen der Chase Manhattan unter den Nagel zu reißen, daß alles, was sich ihm dabei in den Weg stellte, aus seinem Leben verschwand. Im Laufe der Zeit standen
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auf dieser Liste auch seine Frau und sein Sohn. Beide hatten gelernt, die Hingebung, die er seinen Geschäften, seinen Computern und all seinen Firmen entgegenbrachte, zutiefst zu verachten. Drei Jahre war es her, seit Marie ihre Koffer gepackt hatte und einer christlichen Sekte in Arizona beigetreten war. Letztes Jahr hatte sich sein achtzehnjähriger Sohn Eddie zum Ludditen erklärt, der alle Maschinen, Computer und die gesamte Wirtschaft rigoros ablehnte. Er hatte die Gelder aus seinem Treuhandfonds genommen und war nach Los Angeles abgehauen. Vor vollendete Tatsachen gestellt, entdeckte Copeland, daß es ihm lieber war, allein mit Micro und Old Blue zu leben, zwei Kreaturen, die zu bedingungsloser Liebe fähig waren. Er seufzte, öffnete die E-Mail seiner Exfrau und machte sich auf den Angriff gefaßt. »Das Jüngste Gericht steht uns bevor«, so fing die Nachricht an. »Heute nacht kommt das neue Jahrtausend und mit ihm der Beginn der tausendjährigen Herrschaft unseres Herrn Jesus Christus. Nur die Gerechten werden gerettet sein. Die Welt, wie du sie kennst, wird morgen enden. Die, die falschen Göttern huldigen, werden am Tag des Jüngsten Gerichts vor dem Herrn erbeben. Donald, gib auf. Wende dich Jesus zu.« Heute morgen konnte er wirklich keinen verrückten Scheiß gebrauchen. Himmel noch mal, die religiöse Rechte hatte seit Monaten Hochkonjunktur, sie schlug Kapital aus der Jahrtausendwende und prophezeite Zerstörung und das Jüngste Gericht. Es war pure Ironie, daß diese Leute nicht im entferntesten ahnten, wie recht sie hatten. Der Jahrtausendwechsel war wirklich eine unglaublich große Sache, aber nicht so, wie diese Vollidioten sich das vorstellten. Danke sehr, Marie, vielen Dank und auf Wiedersehen. 91
Ach, dachte Copeland, wie einfach das Leben wäre, wenn man nur diese ganzen Irren los wäre, die sich in fixe Ideen verrannt hatten und in den absurdesten Aberglauben und die dachten, sie wüßten auf alles eine Antwort. Da waren Computer doch viel besser: Sie führten nur Befehle aus und hielten keine Moralpredigten. Copeland war ein wahrhaft moderner Mann. Er hatte die Aufteilung seines Gedächtnisses zur Kunst erhoben. Schuldgefühle waren fein säuberlich in einer Ecke ganz hinten in seinem Gehirn verstaut, wo sie seine Geschäfte nicht behindern konnten. Die Liebe, die er in seinem Leben einst empfunden hatte, lag gleich in der Nähe begraben. Er hatte keine Ahnung, warum sein Sohn Luddit und seine Exfrau eine religiöse Spinnerin geworden war. Er wußte nur, daß sie ihn zutiefst enttäuscht hatten, daß sie seine Werte - nicht aber sein Geld - abgelehnt und ihn mit seiner eiskalten Leidenschaft alleingelassen hatten. Für ihn waren sie dasselbe wie ein Flugzeugabsturz auf den Marshallinseln: ein Störfall in weiter Ferne, der einen nicht weiter berührte. Ehe Copeland ging, hinterließ er der Haushälterin noch den elektronischen Auftrag, Hundefutter zu bestellen. Er startete das Prüfprogramm des Sicherheitssystems, um zu kontrollieren, ob alle Fenster und Türen geschlossen waren. Dann sagte er Old Blue auf Wiedersehen. Die Familienangelegenheiten waren erledigt. Copeland ging hinunter in die Garage und machte sich auf den Weg. Ruhig glitt der Porsche die 85. Straße Richtung Broadway hinunter. Copeland parkte direkt vor Bernie's Delicatessen im absoluten Halteverbot. »Wenn das nicht der Yuppie-König höchstpersönlich ist«, sagte Packard, als Copeland sich setzte.
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»Seit zehn Jahren redest du den gleichen Mist, Bill«, konterte Copeland. »Willst du was essen?« schnauzte Bernie ihn an. »Nein danke, heute nicht, Bernie.« »Und wie kommst du dann darauf, daß du in meinem Halteverbot parken kannst? Ed, schreib ihm 'nen Strafzettel.« »Sollte ich wirklich«, sagte der Polizist. »Wirst du heute nacht die Welt retten, Donnie?« »No, Sir, aber ich werde 'nen Haufen Banken retten.« »Hoffst du.« »Geld regiert, aber ein Restrisiko bleibt immer, stimmt's? Übrigens, Marie hat mir geschrieben. Heute nacht kommt das Ende der Welt. Seid euch dessen bewußt!« »Sie hat recht«, sagte Garcia. »Das predigst du doch schon seit Jahren. Bill hat seine Familie nach Maine geschickt.« »Sind sie hingefahren?« »Klar.« Copeland drehte sich zu Spillman um und fragte: »Ist Shirley weggefahren?« »Machst du Witze?« Spillman schüttelte den Kopf und stand auf. »Ich muß meinen Laden aufsperren. Bis dann, Jungs.« »Ich komme mit«, sagte Packard. »Komm, wir schnappen uns ein Taxi.« Copeland und Garcia blieben sitzen. Copeland musterte seinen alten Freund, der sich unverzüglich zum Feind wandeln würde, wenn er die Wahrheit erführe. »Wir drücken uns«, sagte er grinsend. »Ist das strafbar?« »Donnie, wenn ich dich nicht seit vierzig Jahren kennen würde, dann würde ich dich für ein richtiges Arschloch halten. So weiß ich zwar, daß du eins bist, aber es ist mir
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egal. Du bist berühmt. Die Times schreibt über dich. Du gehst mit dem Bürgermeister zum Mittagessen. Du bist schlau, und du bist reich, aber wenn heute nacht die Lichter ausgehen, dann sitzt du genauso im Dunkeln, wie alle anderen.« »Glaubst du?« »Ja, verdammt noch mal!« »Ich wette mit dir um eine Million, daß du falsch liegst.« »Ich habe keine Million.« »Okay, dann wette ich um zehn Dollar.« »Leck mich. Was wird denn nun wirklich passieren?« »Das weiß keiner, Ed. Es weiß wirklich keiner.« Garcia erhob sich und setzte seine elegante Dienstmütze auf. Er zahlte und gab Bernie ein großzügiges Trinkgeld, das Copeland unverzüglich überbot. »Du hast gar nichts gegessen!« protestierte Bernie. »Frohes neues Jahr«, sagte Copeland und trat hinter Garcia hinaus auf den Bürgersteig. Finster musterte der Polizist den Verkehr, der so floß wie immer, und die Leute, die eilig hin und her liefen. Tauben flatterten herum, eine milde Brise trieb Abfall über die Straße. »Die Ruhe vor dem Sturm«, sagte er. »Was wird nur mit unserer Stadt passieren, Donnie?« »Heute nachmittag wird ein Run auf die Banken einsetzen«, sagte Copeland. »Es zeichnet sich schon seit Tagen ab, heute wird es so sein wie 1929.« »Was noch?« »Wenn Con Edison alles im Griff hat und der Strom nicht ausfällt, dann sind wir auf der sicheren Seite, aber das UBahn-System wird zusammenbrechen. Die Züge werden stehenbleiben, weil ihre Kontrollprogramme abstürzen, aber das ist bekannt. Die Wasserzufuhr ist gewährleistet, glaube ich.«
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»Hör auf. Ich kann's mir vorstellen.« »Wo anders wird es viel schlimmer aussehen. New York wird überleben«, sagte Copeland und öffnete die Fahrertür. »Viel Glück.« »Sehen wir uns morgen früh?« »Genau wie immer.« Garcia winkte. Ein Streifenwagen tauchte auf, fuhr an den Randstein und nahm ihn mit. Copeland ließ seinen Wagen an, schaltete den Radarscanner ein und gab Gas. Als wäre ihm jemand auf den Fersen, jagte er mit heulendem Motor den Broadway hinunter. Er fuhr über gelbe Ampeln und schlängelte sich bis zur 57. Straße halsbrecherisch durch den Verkehr. Dort wurde es so eng, daß er vom Gas gehen mußte. Ansonsten waren die Straßen trügerisch leer, Tausende waren Über das lange Wochenende weggefahren. Copeland fuhr weiter downtown, Richtung Wall Street. Sein Rekord für die Strecke zwischen der Westside und der Parkgarage neben seinem Büro lag bei dreiundzwanzig Minuten siebenundvierzig. Jeden Morgen trieb ihn das Rennen gegen die Uhr bis an seine Grenzen und drückte dem Tag den Stempel auf. Keine Kompromisse, kein Rabatt, keine Überraschungen. Copelands Fahrstil entsprach seiner Art, Geschäfte zu machen: rücksichtslos, mit quietschenden Reifen und glühenden Bremsen, über das dröhnende Geräusch des Auspuffs triumphierend, das von den steinernen Banken und Maklerbüros widerhallte. Die Wall Street war verstopft. Normalerweise nahmen sich viele Menschen am 31. Dezember frei, besonders, wenn er auf einen Freitag viel, und der Rest machte schon am frühen Nachmittag Schluß. Aber nicht heute. Wie ein Fallbeil hing Y2K über der Straße. Unzählige Milliarden
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Dollar waren auf die Gnade von unzähligen Computersystemen angewiesen, die vor dem heiklen Stichtag nie richtig getestet werden konnten. Copeland wußte, daß es schlimm werden würde. Die ersten Berichte aus dem Pazifik deuteten das an, und schon jetzt war die Straße in Aufruhr. Ihm war es egal. Bald würden die Millionen der Chase Manhattan ihm gehören, und wenn Docs Software hielt, was sie versprach, dann hätte er schon nächste Woche mehr Riesenaufträge, ausgefallene Computersysteme wieder instand zu setzen, als er je ausführen konnte. Er raste durch die letzten Häuserblocks zur Nassau Street und warf einen Blick auf seine Rolex; genau achtundzwanzig Minuten, guter Durchschnitt. Er bog in die Garage und parkte seinen Wagen neben Docs Jeep. Doc hatte ein Dieselaggregat in die Garage gestellt und auf dem Dach eine Satellitenschüssel und Solarzellen montiert, angeblich, um die Verbindung seiner offiziellen Y2KKundendienstleute mit den Klienten der Firma aufrechtzuerhalten. Doch in Wirklichkeit wäre Doc in der Lage, das Gebäude in eine Festung zu verwandeln, die von Stacheldraht und Automatikwaffen beschützt würde; genug Hardware, um der Verwüstung durch irgendeinen Millennium Bug an der Grundstücksgrenze Einhalt zu gebieten, sollte es wirklich zum Äußersten kommen. Copeland nahm den Lift in den zweiten Stock, hinauf in Docs Allerheiligstes. Er ging einen Flur entlang, als die Tür zu Docs Büro plötzlich aufschwang. »Komm hier rein!« befahl sein Angestellter. Doc war in den letzten neun Jahren keinen Tag gealtert. Das einzige, was sich geändert hatte, war der Verhau in seinem Büro. Es sah noch schlimmer aus. »Schau dir das an«, sagte Doc und deutete auf den Fern-
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seher. »Der Innenminister verliest die erste Regierungserklärung des Tages.« Copeland ignorierte den Fernseher und fragte: »Wer ist heute morgen da?« »Alle Kundendienstleute, die heute Dienst haben. Sie haben einen Wettopf eingerichtet. Es geht darum, wie viele Flugzeuge vom Himmel fallen werden.« »Wirklich?« fragte Copeland. »Was für ein Haufen Kranker. Bist du auch dabei?« »Klar. Habe hundert Dollar auf die 12 gesetzt.« »Hast du nichts Besseres zu tun, Doc?« Doc hatte mehr zu tun, als Copeland sich jemals hätte träumen lassen. Doch er schüttelte den Kopf und sagte: »Nö. Ich werde mich zudröhnen und den ganzen Tag glotzen. Ich habe in den letzten fünf Jahren keinen einzigen Tag freigenommen.« Er streckte sich, grinste und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Er hatte heute seine eigene Scharade aufzuführen, wenn er verhindern wollte, daß Donald dem Mitternachts-Club während der kritischen Stunden auf die Spur kam. Wollte der Club auch nur ein Fünkchen Zivilisation in der Stadt bewahren, war das letzte, was sie gebrauchen konnten, Donald Copeland, der inmitten einer Krise einen Tobsuchtsanfall bekam. »Wie hat dir die Ölraffinerie in Wellington gefallen?« fragte Copeland. »Das war doch was! Wie viele Raffinerien haben wir im Stadtgebiet von New York? Vier oder fünf?« »Achtzehn«, sagte Doc, »und die sollten spätestens jetzt runtergefahren werden, aber niemand tut etwas.« Der Minister sagte gerade: »Wir warnen die Bevölkerung vor Panikreaktionen. Was in Neuseeland und Mikronesien geschehen ist, wird bei uns nicht geschehen. Das In-
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nenministerium sowie das Energieministerium sind im Besitz von Garantiebekundungen aller großen Stromversorger des Landes ...« Der Regisseur schaltete vom Innenminister auf den Nachrichtensprecher. »Wir werden in einem Moment wieder zu der Pressekonferenz des Innenministers zurückschalten, meine Damen und Herren, aber es gibt weitere Neuigkeiten. Wir schalten nach ... wohin? Ja, zum Flughafen La Guardia in New York City und damit zu Ellen Rothstein. Ellen?« »Ja, William, wie Sie hinter mir sehen können, ist es hier am La Guardia Flughafen zu einer spontanen Demonstration gekommen.« Die Kamera schwenkte auf eine Gruppe Demonstranten, die marschierten und dabei riefen: »Gefahr! Hebt nicht ab, ihr fliegt ins Grab!« »Himmel!«, sagte Doc, »Das ist wirklich komisch und ein guter Rat dazu.« »Panik macht sich breit. Die Passagiere weigern sich, an Bord der Maschinen zu gehen«, berichtete die Reporterin. »Zum Teufel damit«, sagte Copeland. »Wie steht's um die Bank?« Doc war ein unverbesserlicher Schlaumeier. Er zündete sich eine Camel an und fragte: »Welche Bank?« »Komm schon!« »Ach, die Bank! Sie warten auf Nachricht von der Notenbank. Die will alle elektronischen Geldtransfers für 24 Stunden einstellen, aber die großen Banken sind dagegen. Als die Banken vor zwei Jahren genau den gleichen Vorschlag gemacht haben, hat die Notenbank nein gesagt. Und nun haben sie die Seiten gewechselt. Typisch Regierungsärsche.« »Wenn sie das tun, sind wir geliefert!« sagte Copeland.
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»Stimmt genau, Boß, außer ...« Doc grinste. Er zog das S genüßlich in die Länge und ließ langsam den Rauch aus seinem Mund entweichen. »Außer was?« »Außer, ich aktiviere unser kleines Geheimnis von hieraus.« »Bist du dazu in der Lage?« »Klar, aber es würde unweigerlich das Risiko erhöhen.« » Würdest du es auch tun, Dr. Downs?« »Herr, befiehl, ich folge dir. Paß auf.« Doc schaltete ein gewöhnliches Computerterminal an, das Windows NT geladen hatte. Er tippte ein paar Befehle ein, und auf dem Bildschirm erschien ein großer roter Kreis auf blauem Hintergrund und dazu eine Kopfzeile: »Der große rote Knopf.« »Du mußt nichts weiter tun, als diesen Bildschirm zu berühren, Donnie, und die Millionen der Chase Manhattan Bank schwirren runter nach Panama. »Du nimmst mich auf den Arm.« »Versuch's ruhig, aber vergewissere dich, daß du es wirklich tun willst.« »Ist das alles?« »Ja, Sir.« »Und der Risikofaktor?« »Was soll damit sein?« fragte Doc. »Zwischen diesem Terminal und einem Modem im Rechenzentrum der Bank sitzen fünf Sicherungsautomatismen. Jeder einzelne ist programmiert, sich selbst zu zerstören. Aber wenn es um empfindliche Mechanismen und knifflige kleine Programme geht, kann man sich nie ganz sicher sein. Wenn du den roten Knopf nicht drücken willst, dann mußt du bis Mitternacht warten. Dann geht alles automatisch.« Copeland knirschte mit den Zähnen. Er starrte auf den
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roten Knopf, der ihm entgegenleuchtete wie ein virtuelles Mandala. Er hätte sich am liebsten auf den Bildschirm gestürzt, doch statt dessen sagte er: »Du bist ein verteufelter Bastard, Doc. Weißt du das? Also, warten wir ab, was die Notenbank sagt.« »Du bist der Boß, Donald«, sagte Doc mit einem Grinsen. »Du kannst diese Entscheidung treffen, wann immer du möchtest. Das Paßwort ist ›Rot‹, geh in die Datei DOCCM.EXE, gib ›SCREEN‹ ein und du hast den Knopf auf deinem Monitor.« Doc starrte wieder auf den Fernseher. Die Demonstranten in La Guardia riefen immer noch. Die Polizei traf am Flughafen ein, und hysterische Menschen stürmten Taxis und Busse. »Donald«, sagte Doc, »findest du es nicht ein bißchen seltsam, daß du nur an dich selbst denken kannst, während die Welt sich in ihre Bestandteile auflöst wie ein billiger Pullover? Du mußt eine Firma leiten. Jeder einzelne unserer Kunden wird auf der Matte stehen und nach der Zusage schreien, daß die Software, die du ihnen verkauft hast, auch funktioniert.« »Die können mich alle mal. Ich bin heute für niemanden zu sprechen. Du nimmst die Anrufe entgegen.« »Gehst du zu der Pressekonferenz?« »Ja, um den Schein zu wahren.« »Herrgott, jetzt kann mich nichts mehr umwerfen!« »Du bist ein Klugscheißer«, sagte Copeland und ging zum Lift. Er begab sich zu seinem eigenen Büro im Erdgeschoß. Unten kamen die Angestellten herein. Sie hatten sich auf einen langen Tag vorbereitet. Die Nachrichten aus dem Westpazifik lagen in der Luft, aber die Leute nahmen es leicht, es waren nur wenige Anzeichen von Nervosität auszumachen. Copeland sah mehrere Flaschen
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Champagner und Tische, die mit Geschenkkörben voll erlesener Köstlichkeiten beladen waren. Jemand pustete in eine Tröte und warf eine Handvoll Konfetti in den Flur. »Frohes neues Jahr, Mr. Copeland.« In New York war es beinahe acht Uhr morgens. In Sibirien war es kurz vor Mitternacht.
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Copelands Besessenheit für die Chase-Millionen hatten ihn für das Treiben des Mitternachts-Clubs blind gemacht, obwohl es sich direkt vor seiner Nase abspielte. Doc hoffte, sein Boß würde den ganzen Tag damit verbringen, den roten Knopf anzustarren. Zusätzlich hatte er noch ein paar gemeine Tricks auf Lager, um sich Copeland vom Leib zu halten. Doc sah sich selbst als Idealist in einer Welt, in der man von jedem über acht für seine Ideale ausgelacht wurde. Das Amerika des ausgehenden 20. Jahrhunderts war eine zynischen Nation geworden, doch das war Doc egal. Er war sich treu geblieben. Wenn der Millennium Bug eine fürchterliche Dunkelheit nach sich zog, dann wollte er ein Leuchtfeuer auf einer Insel der Hoffnung entfachen. Und die am nächsten gelegene Insel war nun mal Manhattan. Doc wußte nicht genau, wieso er diese überfüllte, wuselnde Stadt so liebte. An New York etwas auszusetzen war nicht schwer, man konnte diesen Ort sogar hassen. Doch verglichen mit New York waren alle anderen Städte nur zweite Wahl. New York besaß mehr Geld, mehr Macht, mehr Einfluß und war zudem reich an außergewöhnlichen Menschen, die aus der ganzen Welt kamen, um an diesem Überfluß teilzuhaben. Ungeachtet der überwältigenden Architektur und der riesigen Ausmaße dieser Stadt verstanden es die New Yorker, sie auf ein verständliches Niveau zu reduzieren. Der Big Apple war die
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menschlichste aller Städte. Die Menschen redeten miteinander, auch wenn, was sie sagten, durchaus nicht immer nett gemeint war. Die Einheimischen drückten ihrem Stadtviertel den Charakter einer Kleinstadt auf, wo sich Nachbarn um einander kümmerten. Doc hatte sich angepaßt. Er liebte die New Yorker U-Bahn und die Schachspiele am Washington Square. Das Gedränge midtown und die quirlige Atmosphäre in SoHo ließen ihn aufblühen. Er hatte sich angewöhnt, seinen Kaffee »schwarz« zu bestellen, weil »normal« mit Milch bedeutete. Das Wetter konnte er nicht ausstehen, aber New York war eine Stadt der Innenräume. Unzählige elegante Fluchtpunkte boten Schutz vor der Hitze des Sommers und der grimmigen Kälte des Winters. Oft kamen Doc die letzten Minuten des Films Angriffsziel Moskau in den Sinn, einem nuklearen Horrorszenario über den kalten Krieg: Eine einsame B-52 der US-Luftwaffe kreist über der Freiheitsstatue, nimmt das Empire State Building ins Visier und löscht die Stadt mit einer Atombombe aus. Wenn Amerika sich selbst an die Kehle wollte, dann wäre New York die Halsschlagader. Doc konnte sich noch genau an einen bestimmten Moment erinnern, als er noch nicht lange in New York gewesen war. Er war durch die Innenstadt gestreift und hatte die neuen Eindrücke in sich aufgenommen. Eine Frau war in sein Blickfeld getreten. Mit kräftigen, langbeinigen Schritten hatte sie sich ihren Weg gebahnt. Eine umwerfende Frau von 1,80 m in einem kurzen Chanel-Rock, Charles Jourdan-Schuhen, mit einem Gucci-Täschchen, filmreifer Frisur und Top-Make-up. Sie hatte diese unbeschreibliche, typisch New Yorker Haltung, und aus ihren Mir-gehört-die-Welt-Augen hatte sie unzählige Blitze geschleudert. Sie hatte die kleinen, dunkelhäutigen Männer,
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die die Sixth Avenue bevölkerten, bei weitem überragt und die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog, vollkommen ignoriert. Im Gegenlicht war sie vom Bürgersteig auf die Straße getreten, direkt vor ein Taxi, und hatte den turbantragenden Fahrer so gezwungen, scharf zu bremsen und wild zu hupen. Sie hatte sich nicht dazu herabgelassen, ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Nur ein perfekt manikürter Finger war in Richtung seiner Scheibe aufgeblitzt. Dann war sie über die 43. Straße gefegt, der Blick bereit, das nächste Hindernis auf ihrem Weg auszulöschen. Aufrührende Momente wie dieser gehörten für Doc zum Alltag in Manhattan. Vielleicht liebte er diese Stadt deshalb so sehr und war deshalb der Überzeugung, daß sie die Rettung verdient hatte. New York war das Mekka für Menschen, die ganz oben standen. Wenn diese Menschen verloren wären, dann hätte die Welt verloren. Schon richtete der Millennium Bug auf der anderen Seite des Erdballs verheerende Verwüstungen an. Wenn New York aber überlebte, dann könnte diese Stadt der Welt den Weg zur Genesung weisen. Den neuesten Berechnungen des Mitternachts-Clubs zufolge würde ein kleiner Versorgungsbetrieb in Vermont namens Northern Lights Electrics ausfallen und damit den netzweiten Zusammenbruch der Stromversorgung verursachen. Davor bliebe auch ConEd nicht verschont. Alle Zeit und alles Geld, das Doc in den MitternachtsClub investiert hatte, würde den Bach hinuntergehen, wenn Bo die Master-Paßwörter nicht bekäme, um New York vom Nordoststromnetz zu isolieren. Eine Million Dollar hatte Doc in Gehälter gesteckt, fünf Millionen in Bonusse, sechs Millionen in den IBM und sonstige Hardware und eine halbe Million in Schmiergelder, um diese
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vorletzte Stufe überhaupt zu erreichen. Und nun drohte er an dem Fehlen sieben simpler Paßwörter zu scheitern! Deep Volt führte die Tagesschicht der Techniker in der Leitzentrale und hatte ihren Dienst wohl schon begonnen. Wie an all den anderen Tagen rief Doc sie völlig unnötigerweise an. Denn hätte seine Spionin die Paßwörter wirklich herausgefunden, so wäre er der erste, der es erfahren würde. »Wie läuft's?« fragte er. »Die heiße Phase läuft langsam an«, gab Deep Volt zur Antwort. »Wir lassen gerade Katastrophensimulationen ablaufen.« »Und die Codes?« »Der Abteilungsleiter wird sie im Laufe des Tages ändern.« »O.K. Wir telefonieren.« Doc warf einen kurzen Blick auf ein Pult mit Überwachungsmonitoren. Sie boten Einblick in verschiedene Bereiche des dreistöckigen Gebäudes in der Nassau Street. Im Erdgeschoß verteilten sich Donalds Buchhalter, Analytiker und Verkäufer auf ihre Arbeitsbereiche in den Großraumbüros, um die Telefone zu bedienen oder Informationen von einem Rechner zum nächsten zu verschicken. Im ersten Stock wurde in 24-Stunden-Schichten gearbeitet. Dreißig Y2K-Kundenbetreuer standen in Kontakt mit Chase Manhattan und siebenundzwanzig anderen Banken in acht Ländern. Im obersten Stockwerk traten gerade zwölf Computerfreaks ihren Dienst im offiziellen Computerlabor an. Dort wurde neue Software für Copeland Solutions und die anderen Firmen des Konzerns entwickelt. Doc tippte ein Paßwort ein. Eine Kamera in dem gesicherten Computerraum überspielte ihm das ruhige Bild
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der fünf Mitglieder des Mitternachts-Clubs, die ihre Bildschirme beobachteten. Bo schritt in seinem großräumigen Bereich auf und ab. Mit verzweifelter Miene betrachtete er eine Reihe Monitore, die ihm die aktuellen Bildschirme von Technikern in den fünf Kraftwerken von Con Edison zeigten. Neben ihm tanzte Carolyn zu ihrer allgegenwärtigen Musik. Dabei beobachtete sie eine Bell Atlantic-Anzeige, die den Umfang der Anrufe bei einem Dutzend Vermittlungszentralen anzeigte. Im Hintergrund, den Lautsprechern abgewandt, beobachtete Ronnie Flußdiagramme aus dem Wasserwerk. Sie stand auf und ging hinüber zu Adrian, der auf seine Tastatur einhämmerte. Doc schaltete den Ton an, um zu hören, was sie sagte. »Auf der F-Linie hat gerade jemand einen Waggon Passagiere ausgeraubt. An der 23. Straße haben sie ihn geschnappt.« »Woher weißt du das?« »Ich höre den Notruf ab. Jemand ist angeschossen worden.« Adrian zuckte die Schultern und sagte: »Ist mir doch egal.« »Ich dachte nur, es interessiert dich vielleicht. Die Züge müssen rückwärts fahren.« »Ronnie«, sagte Adrian. »Es ist mir scheißegal, was vor Mitternacht mit der U-Bahn los ist.« Doc holte sich Adrians Monitor auf seinen eigenen Bildschirm. Adrian hatte sich bei einer Y2K-Nachrichtengruppe eingeloggt, einem Chatroom für Y2K-Freaks, die sich die wildesten Nachrichten zukommen ließen. Sie versuchten, sich gegenseitig mit den Vorhersagen über das, was passieren würde, zu übertrumpfen. Alle Programmierer waren davon überzeugt, daß sie mit den Auf-
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räumarbeiten ein Vermögen machen würden, und Adrian bildete keine Ausnahme. Er schrieb:
Doc las noch ein paar Nachrichten und seufzte. Am kommenden Montag würde der Status der Techniker, die in der Lage waren, die Dinge wieder zum Laufen zu bringen, bis in den Olymp emporklettern, und sie konnten es kaum erwarten, Kohle zu machen. Doc ekelte diese Einstellung geradezu. Diese offen zur Schau gestellte Schadenfreude war für ihn beinahe unerträglich. Er schickte Adrian eine EMail: »Geh mit deinen Zügen spielen!« Gekränkt hob Adrian den Kopf zur Kamera und runzelte die Nase.
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Fünf Minuten vor acht rief Deep Volt an. »Doc? Ich werde gegen Mittag noch mal versuchen, an die Dinger zu kommen, werd nicht nervös. Ich ruf dich nachher wieder an.« Doc legte auf. Er konnte sich nicht leisten, den Mut zu verlieren. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu warten. Darum schaltete er den Fernseher ein, um mitzuerleben, wie der Millennium Bug in die erste der elf russischen Zeitzonen eindrang. Neun Jahre war Doc alten IBM Großrechnern auf der Spur gewesen. Er wußte, daß die Behörden in der ostsibirischen Stadt Magadan ihr lokales, mit Kernkraft betriebenes Stromnetz mit zwei alten IBM Rechnern der 370Serie steuerten. Die Computer liefen mit antiquierter Software, die absolut nicht Y2K-gerüstet war. Das bedeutete, daß die 500.000 Einwohner von Magadan in einer eiskalten Winternacht unter einem riesigen Stromausfall leiden würden, wenn es nicht sogar zu einer Atomkatastrophe ersten Ranges käme. Der Reaktor in Magadan war der erste von Hunderten, die auf der Bahn des Millennium Bug lagen. Was dort geschah, war der Präzedenzfall für den Rest des Tages. In der Gewißheit, daß das Unheil sich unwiderruflich seinen Weg zu einer unschuldigen Stadt bahnte, aber ebenso in der Gewißheit, daß sich auch die Russen der Gefahr bewußt waren, hoffte Doc, daß die Ingenieure des Kernkraftwerkes rechtzeitig die Notabschaltung des Reaktors vornahmen. Atomingenieure waren überaus vorsichtige Menschen mit großer Erfahrung. Mit Kernspaltung treibt man keine Späße. Doc wurde nervös. Er zündete sich eine Camel an, sah auf die Uhr und schickte Judd eine E-Mail: »Geh mit den Russen online.« Auf der Suche nach Infos aus Sibirien zappte Doc durch
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die Nachrichtenkanäle. CBS berichtete noch immer aus Neuseeland, ABC und CNN waren in Moskau, Fox sendete ein Interview mit der Raumstation und NBC hatte einen Mann in Wladiwostok, einer Stadt, zwei Stunden und 1600 Kilometer westlich von Magadan gelegen. Mit einer Pelzmütze und einem langen Mantel stand der NBC Reporter in fünfzehn Zentimeter hohem Schnee, hinter sich das Kernkraftwerk von Wladiwostok. »Wie Sie an den typischen Betontürmen im Hintergrund erkennen können, vertraut diese Stadt, wie die meisten russischen Städte, bei der Stromerzeugung auf Kernenergie. Weltweit beziehen zwei Milliarden Menschen ihre Elektrizität aus Kernkraftwerken. Jedes einzelne dieser Kraftwerke ist mit einem eigenen, einzigartigen Computersystem ausgestattet. Die Betreiber dieses Kraftwerkes müssen absolut sicher sein, daß jede einzelne Codierzeile in jeder Anwendung frei von Y2K-Problemen ist, oder sie müssen den Atomreaktor unverzüglich abschalten. Die Temperatur im Inneren des Reaktordruckbehälters beträgt etwa 320° C. Deshalb muß der Behälter langsam heruntergekühlt werden, ein Prozeß, der drei Tage in Anspruch nehmen kann.« Die Kamera schwenkte und zeigte eine kleine, langsam wachsende Gruppe von Einwohnern, die sich vor dem mit Ketten abgeriegelten Eingang zu dem Kraftwerk versammelten. »Diese Menschen sind über den Millennium Bug informiert. Sie wissen, was in Mikronesien und Neuseeland geschehen ist, doch wir haben noch niemanden gefunden, der Englisch spricht. Einen Augenblick, bitte ...« Der Reporter sprach in schnellem Russisch mit einer stämmigen jungen Frau, die einen sperrigen Empfänger dabei hatte.
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»Ja«, sagte sie. »wenig Englisch. Diesen Empfänger, sagen Sie das? CB? Ja, CB-Funk und Kurzwelle.« »Mit wem sprechen Sie?« »Mein Freund in Magadan. Dort ist es«, sie unterbrach sich und sah auf die Uhr, »Jahre zweitausend.« Sie drehte den Empfänger lauter, und die Menschen in der Nähe scharten sich um sie, um zuzuhören. Der Reporter lieferte eine Simultanübersetzung des russischen Berichts. »Ich höre hier die private Kurzwellenübertragung eines Einwohners aus Magadan, Sibirien, meine Damen und Herren, und er sagt, soeben sei der Strom ausgefallen. Ja, ja, das stimmt, die Behörden haben soeben das Atomkraftwerk abgeschaltet, bei Temperaturen von minus 26° C.« Ein Schrei der Verzweiflung erschallte aus der Menge. Bewegungslos starrte Doc auf den Bildschirm. Die Betreiber in Magadan hatten keine Wahl gehabt. Die Ingenieure hatten den Dampffluß vom Reaktor abgeschnitten und die Turbinen gestoppt. Magadan versank in Dunkelheit und mit ihm auch Petropawlowsk und die gesamte Kamchatka-Halbinsel. Ostsibirien, einst das Kernland der sowjetischen Militärpräsenz an der Pazifikküste, begrüßte das neue Jahrtausend in Angst und Finsternis. Die NBC-Kamera hielt die ersten Sekunden eines Aufstands in Wladiwostok auf dem Bildschirm fest. Ungeachtet der Gefahr einer Computerfehlfunktion, die eine unkontrollierbare Kettenreaktion verursachen könnte, verlangten aufgebrachte Einwohner, daß die Stromzufuhr aufrechterhalten werde. Sie stürmten die Tore des Kraftwerks. Aus dem Nichts tauchten plötzlich weißbehelmte Mitglieder einer Miliz auf und griffen die Demonstranten mit Tränengas und Schlagstöcken an. Blut färbte den Schnee. Der Ton übertrug gellende Rufe und Schreie, eis-
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kalten, pfeifenden Wind, russische Verzweiflung. Das Bild der Kamera verzerrte sich, dann wurde der Bildschirm schwarz. Der Bug hatte das eurasische Festland erreicht, und die Menschheit hatte mit Unterdrückung und Ignoranz reagiert. Doc zappte durch die Kanäle. Inzwischen hauen alle Nachrichtensender die Geschichte aufgenommen. Fox sendete eine Aufnahme aus der Raumstation, die zeigte, wie Sibirien in einer riesigen Welle in Dunkelheit versank. Die russischen Besatzungsmitglieder an Bord der Raumfähre reagierten bedrückt. In aller Offenheit stellten sie sich die Frage, was da weit unten in ihrem Land vor sich ging und ob ihre Bodenkontrolle diese Nacht überstehen würde. Doc erinnerte sich an einen Vorfall, der sich im Zuge des Desasters um den Tschernobyl-Reaktor ereignet hatte. Als es zu der Reaktorschmelze gekommen war, hatte das Atomkraftwerk die Verbindung zu Kiew verloren. Die Russen waren gezwungen, von Hand eine Telefonleitung über eine Karawane von Lastwägen von dem brennenden Reaktor zu allen zuständigen Behörden zu legen, die, als sie schließlich verbunden waren, nichts zu sagen hatten. Die Welt hatte den Riesenfehler begangen, sich auf hochentwickelte Technologien einzulassen, ohne sich jemals der gesamten Tragweite bewußt zu sein. Der Millennium Bug war nichts weiter als ein Mittel, jedem einzelnen die Augen zu öffnen. Was Doc momentan am meisten interessierte, war die Tatsache, daß NBC die Magadan Story aus einem russischen Kurzwellenempfänger aufgegabelt hatte. Kurzwellen, alte Vakuumröhrenempfänger und elektrische Schreibmaschinen würden am nächsten Morgen weiter funktionieren, während die gesamten moderneren Gerätschaften versagten. Wenn die Dinge sich so
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entwickelten, wie er es erwartete, dann würde die Dritte Welt aufblühen, während die Industrienationen über Nacht zur Hölle fahren würden. Wenn das der Fall war, wäre ein 57er Chevy der Wagen seiner Wahl, ein Oldtimer ohne Computer. Doc rief im Mitternachts-Club an, und Judd schrie ins Telefon: »Yo, Doc!« »Online mit den Russen?« fragte Doc. »Habe Serge aus Wladiwostok in der Leitung«, antwortete Judd. »Er sagt, Ostsibirien hat's schwer erwischt. Aus ganz Rußland kommen schlechte Nachrichten, aber Serge ist kein Trottel. Er hat einen Generator und eine Schüssel. Er ist bereit, wenn es ihn in ein paar Stunden erwischt.« »Was weiß er über den Reaktor in Magadan?« »Sie haben ihn runtergefahren. Sie wußten, daß sie keine Wahl hatten.« «Gott sei Dank«, sagte Doc. »Wie hat Con Edison auf die Neuigkeiten reagiert?« »Sie rasen«, sagte Judd. »Sie sehen diesen Aufstand in Wladiwostok im Fernsehen und verfluchen die Medien dafür, daß sie darüber berichten. Im Moment streiten sie darüber, ob sie den Reaktor in Indian Rock runterfahren sollen.« Indian Rock war das Kernkraftwerk von Con Edison im Norden des Staates New York, und es war das wahrscheinlich am gründlichsten auf Y2K getestete Kernstromsystem der Welt. »Indian Rock ist kein Problem«, sagte Doc. »Das Problem liegt in den gesamten Anlagen zwischen dort und hier.« »Wir werden ja sehen«, sagte Judd. »Hast du Bos Mastercodes schon?«
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»Noch nicht«, sagte Doc. »Ich rufe gerade an.« Er tippte die Nummer seiner Spionin bei Con Edison und sie antwortete. »Betriebsleitung.« »Doc am Apparat.« »Hab' nichts für dich. Kann' nicht sprechen. Ruf dich an.« Verdammt! Zweieinhalb Jahre Arbeit, zwölf Millionen Dollar, und alles, was blieb, waren Hoffnung und Glück. Docs Magen zog sich zusammensetzt mußte er es aussitzen. Wie jeder gute Spezialist hatte auch er einen Ersatzplan, aber er hoffte immer noch, daß er ihn nicht brauchen würde. Doc wandte sich wieder dem Fernseher zu. Er fragte sich, wieviel Zeit den Nachrichtensendern noch bliebe. Wie viele Mikroprozessoren zwischen Sibirien und New York mußten perfekt funktionieren, um ein Signal rund um den Globus zu senden? Tausende. Wie viele waren getestet worden? Wie viele integrierte Chips waren übersehen, niemals lokalisiert oder ungenügend repariert worden? Ein kaputter Chip, und die ganze Sache geht über den Jordan. Auf Docs Telefon blinkte die Leitung, die die Angestellten der Firma benutzten, und veranlaßte ihn, über die Telefone nachzudenken. Wie viele ...? Was, wenn ...? Zum Verrücktwerden! Doc nahm den Hörer und sagte: »Copeland Solutions, Doc am Apparat.« »Dr. Downs? Hier spricht George Kirosawa aus der Chase Manhattan Abteilung. Ich hatte gehofft, daß Sie heute schon früh angefangen haben.« »Guten Morgen, George. Alles in Ordnung?« »Eigentlich nicht. Ich habe die Nachrichten gesehen, und, um ehrlich zu sein, ich möchte heute morgen lieber nicht mit der U-Bahn fahren. Ich hoffe auf Ihr Verständnis.«
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»Mit der U-Bahn ist alles in Ordnung, George. Sie werden keine Probleme haben. Wenn überhaupt, dann setzen die Probleme erst heute nacht ein.« »Das weiß ich, aber meine Frau ist sehr erschrocken, und meine Kinder sind durcheinander. Sie zittern beim Gedanken an die Berichte aus Neuseeland und Rußland. Ich muß bei ihnen zu Hause bleiben.« »Ich versteh' Sie schon«, sagte Doc. »Ist schon in Ordnung. Frohes neues Jahr.« »Ihnen auch, Dr. Downs. Danke.« Es ging los. Am anderen Ende der Welt waren die Zeiger auf Mitternacht gerückt, und die ersten weit entfernten Desaster schickten ihr Echo um den Globus. Bei Copeland war sich jeder Mitarbeiter des Millennium Bugs absolut bewußt, doch Doc konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, wie die Reaktion jedes einzelnen aussehen würde. Es konnte passieren, daß Angst und Spannung für sachkundige, rational denkende Menschen bis zum Mittag unerträglich würden, von Mitternacht ganz zu schweigen. Für alle, die eine Familie hatten, war es wirklich das beste, zu Hause zu bleiben. Auf dem Flur war Lärm zu hören, und Doc spähte hinaus. Er sah, wie die Leiterin der PR-Abteilung, Jody Maxwell, zusammengesunken an der Wand lehnte. Sie seufzte und gab ein irritiertes Knurren von sich. Für die Pressekonferenz mit dem Finanzvorstand der Bank hatte Jody ihren molligen, kräftigen Körper in ein blaßgrünes Armanikostüm gehüllt. Sie war Ende Zwanzig und eine der wenigen Geeks, die die Grenze zur konventionellen Geschäftswelt überquert hatten. Sie kannte das Geheimnis erfolgreicher PR-Arbeit in- und auswendig, und genauso kannte sie sich mit Computern aus. Was
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Doc an ihr besonders mochte, war ihre für Geeks ganz und gar untypische Bodenständigkeit. »Was ist denn mit dir passiert?« fragte er, beunruhigt, sie so verwirrt zu sehen. »Ich kann's nicht fassen!« sagte sie. »Zuerst ist mein Nachbar auf seinen Balkon gegangen und hat seinen Laptop aus dem zweiten Stock auf die Straße geworfen. Ich hörte den Lärm und einen Schrei, also bin ich raus auf meinen Balkon gegangen. Und da stand er vor mir und sah aus, wie Jack Nicholson in Shining und schaute mit irrem Blick auf den Gehsteig hinunter. Um ein Haar hätte er eine Frau getroffen, die mit ihrem Hund spazierenging.« »Wow«, sagte Doc. »Was hat er gesagt?« »Das war ja das Verrückte. Er hat überhaupt nichts gesagt. Und dann sind mir in der U-Bahn diese Typen begegnet. Ungefähr zwanzig Geisteskranke haben sich in den Waggon gequetscht und angefangen, Flugblätter zu verteilen. Und wenn irgend jemand ihre kleinen Scheißheftchen abgelehnt hat, hat er sie ins Gesicht bekommen. Ich sage dir, es war total irrsinnig. ›Saget Euch los von Euren Sünden‹, stand da, 'Der Jüngste Tag ist gekommen«. Es waren alles Asiaten, ich glaube Koreaner, und die Menschen in der U-Bahn waren fürchterlich genervt. Ein Typ hat eine dieser Frauen geschlagen und ihre Brille zerbrochen. Ich bin eine Station früher ausgestiegen und zu Fuß hierher gelaufen. Es ist vollkommen irrsinnig da draußen. Die Leute haben Papierhütchen auf dem Kopf und blasen in Trompeten. Ich habe eine nackte Frau gesehen, die sich ›2000‹ quer über ihre Titten geschrieben hat. Ich schwöre bei Gott.« »Willst du eine Tasse Kaffee?« »Wie wäre es mit einem Scotch?« »Wodka.«
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»Noch besser. Ist Donald schon da?« »Seine Donaldheit wartet unten auf dich.« »Wir werden eigentlich heute morgen bei der Bank zu einer Pressekonferenz erwartet, aber ich weiß nicht ...«, sagte sie. Ihre Stimme wurde immer leiser. Im Fernsehen berichtete CNN aus Moskau. Ein zitternder russischer Informationsminister rief für Sibirien das Kriegsrecht aus. »Was ist denn los?« fragte Jody. »Die Russen haben gerade für einen bösen Fehler bezahlt«, sagte Doc. »In Sibirien existieren nicht gerade viele Computer. Nur Öl- und Gaspipelines und die Reaktoren sind computergesteuert, aber die russische Infrastruktur ist ein einziges Mischmasch. Das Telefonsystem ist antiquiert und arbeitet mit altmodischen mechanischen Relais, deshalb sollte es da eigentlich keine Probleme geben. Moskau und St. Petersburg werden wohl schwer was abbekommen, doch der größte Teil Rußlands lebt noch immer im 19. Jahrhundert. Der Millennium Bug kann kein Pferd daran hindern, den Pflug zu ziehen.« »Faszinierend«, sagte Jody. Sie setzte sich und machte es sich bequem. »Entsetzlich und trotzdem faszinierend.« Doc schenkte ihr einen doppelten Wodka ein. Eine lärmende Horde Angestellter betrat das Gebäude. Sie lachten und zupften sich Konfetti aus den Haaren und von ihren Mänteln. »Ein frohes neues Jahr« schallte es den Gang herunter, und jemand blies auf einer Trompete. »Willst du nicht mitfeiern?« fragte Doc. »Gönn mir 'ne Pause«, sagte sie. »Freßt und sauft und seid glücklich, denn morgen werden wir sterben.« »Heil Dir, Cäsar«, fügte Doc hinzu. »Mach dir keine Sorgen, die Dinge stehen nicht so schlecht, wie es scheint.« Im Fernsehen berichtete CNN von drei spontanen Anti-
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Atomkraft-Demonstrationen vor Kernkraftwerken in Oregon, Kalifornien und Pennsylvania. »Atomkraft nein danke, Atomkraft nein danke, Atomkraft nein danke«, skandierten die Menschen. Im Unterschied zu den Russen machten die amerikanischen Polizisten ausnahmsweise den Eindruck, als glaubten sie, die Demonstranten wären im Recht. Es war 8.45 Uhr. Copeland saß in seinem Büro und hatte zwei Bildschirme vor sich. Der eine zeigte den roten Knopf, auf dem anderen war eine Grafik von Y2K-Aktien mit Symbolen und Daten zu sehen. VIAS, TPRO, ZITL und DDIM waren alles Firmen wie seine, die Y2KSoftware und Dienstleistungen verkauften, doch anders als seine Aktien wurden sie öffentlich gehandelt. Diese Aktien waren während der letzten drei Jahre stetig im Wert gestiegen, doch im Monat Dezember waren sie wieder gesunken. Die Y2K-Anbieter wurden mit weitaus mehr Geschäft konfrontiert, als sie handhaben konnten. Sie waren nicht in der Lage, neue Kunden anzunehmen, weil weltweit keine Programmierer mehr zu bekommen waren. Copeland kümmerte das wenig. Um sie zu halten, hatte er im vergangenen Jahr die Gehälter seiner Programmierer verdoppelt. Die Kosten hatte er an seine Kunden weitergegeben. Heute war er nur gespannt auf das, was kam. Copeland hatte in der vergangenen Woche all seine Aktien und Bonds liquidiert, alles eingelöst und sein Aktienportfolio auf null gebracht. Wenn seine Rechnung so aufging, wie er sich das vorstellte, dann würde er morgen keine Wertpapierbestände mehr brauchen. Copeland versuchte sich abzulenken, indem er die Börsenplätze dabei beobachtete, wie sie sich für den Schlag der Eröffnungsglocke bereitmachten. Bereits seit Juni waren alle großen amerikanischen Unternehmen im Zug-
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zwang gewesen. Sie mußten erklären, ob sie für das Jahr 2000 gerüstet waren oder nicht. Diejenigen Unternehmen, die nicht in der Lage waren, zu beweisen, daß ihre Computersysteme für den Wechsel in das 21. Jahrhundert bereit waren, sahen ihre Aktien auf den absoluten Tiefstand sinken. Zahlreiche Unternehmen sahen sich mit Y2K-Haftungsklagen konfrontiert, warfen das Handtuch und meldeten Konkurs an. Die Neuordnung der unternehmerischen Landschaft hielt so manche Überraschung bereit. IBM war stärker als je zuvor, General Motors war am Boden, ein Schiff ohne Ruder. Wie bei vielen Großkonzernen existierten bei GM in den verschiedenen Abteilungen viele Computersysteme, und in der Verwaltung herrschte das reinste Chaos. Das Unternehmen hatte schlichtweg keine Ahnung, wie viele verschiedene Systeme im Einsatz waren. GM Electronics, eine der Tochtergesellschaften von GM, die Computerchips für die Fahrzeuge des Mutterkonzerns herstellte, hatte Millionen Chips, die mit dem Millennium Bug infiziert waren, auf den Markt geworfen. Doch anstatt sich mit Hilfe von Ingenieuren und Technikern des Problems anzunehmen, hatte GM das Fiasko in die Hände von Anwälten und PRStrategen gelegt. Die computergesteuerten Roboter in den GM-Montagebetrieben waren währenddessen dazu verdammt, Punkt Mitternacht die Arbeit einzustellen. Selbst, wenn sie einwandfrei funktionieren würden, hätten sie nicht viel zu tun, denn nur ein Bruchteil der 1300 Zulieferer von GM war für das Jahr 2000 gerüstet. In den vergangenen Wochen hatte sich GM verzweifelt bemüht, neue Systeme zu installieren, doch das Unternehmen war gegen eine der harten Gesetzmäßigkeiten der kybernetischen Welt geprallt: Jedes neue System wird hundertprozentig über dem Budget liegen, und die Installation wird
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stets doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie veranschlagt wurde. Die gesamte Versorgungskette sowie die hochkomplizierten Lieferterminsysteme würden zusammenbrechen. Na und? dachte Copeland. Ich fahre einen Porsche. GM hat den Tod verdient. Um 8.46 Uhr, exakt vierzehn Minuten vor Börsenbeginn, rutschten Amerikas Börsenhändler, Tages Spekulanten und Millionen normaler Kleinanleger nervös auf ihren Stühlen hin und her. Die Computer summten, und Telefonhörer vibrierten in dem seltsamen Jargon, der den weltgrößten Haufen an Geld und Papier bewegt. Im Internet und auf dem Parkett der amerikanischen und der New Yorker Börse kursierte die übliche Mischung von Fakten und Gerüchten. Doch heute hatten die Fakten mehr Einfluß, und die Gerüchte waren intensiver als jemals zuvor. Die wichtigste Tatsache war selbstverständlich die Realität des Millennium Bug, ein Thema, das seit Jahren diskutiert worden war. Auf dem Finanzmarkt gab es niemanden, der den Fortschritt des Millennium Bug nicht verfolgte und der nicht versuchen würde, den Einfluß des Bugs auf die Aktienportfolios vorherzusagen, die er betreute. Mit angehaltenem Atem warteten die Spieler darauf, was als nächstes geschehen würde. Sie mußten nicht lange warten. Um 8.47 Uhr unterbrachen alle europäischen Börsenplätze gleichzeitig den Handel und schlossen. Um 8.49 Uhr rief die deutsche Bundesregierung einen Bankfeiertag aus und schloß alle deutschen Geldinstitute. Wie im Dominoeffekt folgte der Rest Europas auf dem Fuße. Ein großer Teil Europas, und allen voran Deutschland, hatte den Millennium Bug im vergangenen Jahr zu einem Auswuchs hysterischer Bangemacher heruntergespielt. Die Europäer hatten ihn schlichtweg
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ignoriert, und Tausende ihrer essentiellen Computersysteme waren nicht für das Jahr 2000 gerüstet. Sie waren schließlich Europäer, älter und weiser als der Rest der Welt, und sie wußten es besser. Ein paar Computer würden abstürzen, sonst nichts. Computer fielen doch ständig aus, oder nicht? Als die Kettenreaktion von Vorkommnissen durch Sibirien stürmte, traf die Europäer die Erkenntnis ihrer Verblendung wie ein Komet. Der Millennium Bug war Realität. Als der Kernreaktor in Magadan heruntergefahren wurde, wachten die Europäer schlagartig auf. Außer sich vor Sorge blickten sie auf Hunderte von Kernreaktoren zwischen Moskau und Lissabon. Börsen und Banken zu schließen war weder schwer noch lebensbedrohlich. Doch mitten im Winter reihenweise Kraftwerke abzuschalten, das war eine völlig andere Sache. Copelands Telefon blinkte ununterbrochen, doch er achtete nicht darauf. Jemand klopfte an seine Tür, doch er ignorierte auch das. Wahrscheinlich forderten die europäischen Kunden seine erlauchte telefonische Präsenz, aber ihr Schicksal interessierte ihn nicht länger. Der Kabelsender New York 1 übertrug die Erklärung eines UN-Repräsentanten der Europäischen Union. Er sagte, die Vorbereitung auf den Euro habe massive Softwareprobleme verursacht. Länder und Unternehmen hatten vor der Entscheidung gestanden, ob sie sich darauf oder auf ihre Y2K-Probleme konzentrieren wollten. Sie hatten sich für die Währung entschieden, weil es um Geld ging, etwas, von dem sie Ahnung hatten. Zu schade für sie, dachte Copeland und nickte weise. Nun hatte ihre Engstirnigkeit sie eingeholt, und er fragte sich nur, warum diese vertrottelten Europäer so lange gebraucht hatten, um ihre Märkte zu schließen. Auf alle
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Fälle waren sie nun geschlossen, und die logische Folge war die vollkommene Schließung der gesamten Weltwirtschaft, bis die Krise vorüber war. Wie lange das dauern würde, hing zu einem großen Teil davon ab, was heute mit den europäischen Kernreaktoren geschehen würde. Die Folge für New York war, daß die Börse heute nicht eröffnen würde. Das war offensichtlich und auch keinesfalls ohne Beispiel. An Tagen, an denen extreme Besorgnis die Märkte durchdrang, blieben die Börsen geschlossen. Die russische Erklärung des Kriegsrechts für Sibirien war das erste Anzeichen dafür gewesen, daß die Märkte heute nicht öffnen würden. Um die Dinge spannend zu machen, schlossen die Händler Wetten ab, ob das Kriegsrecht auf das ganze Land ausgedehnt werden würde oder nicht. Die Flugzeugabstürze in Mikronesien zogen ebenfalls beträchtliches Interesse auf sich, weil Unglücke den Markt grundsätzlich tangierten; wie dem auch sei, ein paar Flugzeuge, die vom Himmel fielen, würden keinen Langzeiteffekt auf die Weltwirtschaft haben, und genauso stand es um Vorkommnisse in Rußland, das zu einem ökonomischen Schachbrett degradiert worden war. Japan hingegen war ein Stützpfeiler der ökonomischen Weltordnung. Um 8.52 Uhr ging blitzartig ein Gerücht über Millionen von Bildschirme, das besagte, die Kerncomputer der japanischen Zentralbank liefen Gefahr, abzustürzen, wenn der Millennium Bug um zehn Uhr, New Yorker Zeit, auf Tokio treffe. Wenn Japan kollabierte, dann wäre das ökonomische Chaos entfesselt. Nun, da die europäischen Märkte bereits geschlossen waren, bestand keine Chance, daß die amerikanischen Märkte öffnen würden. Chaos, Zusammenbruch und keinerlei elektronischer
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Geldverkehr, der Schlüssel zum Tresor! Schäumend vor Wut tippte Copeland Docs Paßwort ein und holte sich den großen roten Knopf zurück auf den Schirm. Sollte er sich bis Mitternacht gedulden und abwarten, was geschah, oder sollte er den Bildschirm berühren? Unruhig ging er in seinem Büro auf und ab, dann schaltete er den Fernseher und sämtliche Rechner ab. Er hatte genug davon, auf Monitore zu starren und schlechte Nachrichten zu hören, doch er ertrug die Spannung nicht. Also schaltete er den Fernseher wieder ein, gerade rechtzeitig, um die Bekanntmachung zu hören, daß kein einziger der USBörsenplätze, weder die NYSE, die AMEX noch die NASDAQ, der elektronische Handel, heute öffnen würde. Was die amerikanischen Aktienmärkte betraf, hatte das Jahr 1999 mit einer gigantischen Pleite geendet. Es war vorbei. Die Wall Street war gelähmt. Die Mitglieder der Finanzgemeinde in Lower New York fühlten sich gewöhnlich immun gegen weit entfernte Ereignisse. Doch diesmal war alles anders. Von der mächtigsten Wirtschaft der Welt in Watte gepackt und in ihrem Privatleben völlig abgeschnitten von dem alltäglichen Von-der-Hand-in-denMund-Kampf Normalsterblicher, hatten sie eine eigentümliche, beschränkte Mentalität, die von einem Jahrzehnt ununterbrochenen Wohlstands genährt worden war. Viele junge Broker hatten noch nie eine Baisse erlebt. Als die Börsen geschlossen blieben, klappten sie ihre Laptops zu, wünschten sich gegenseitig ein »Frohes neues Jahr« und hofften inständig, daß am Dienstagmorgen alles wieder seinen gewohnten Gang nehmen würde. Doch irgendwie wußten sie, daß dem nicht so war. Wie die meisten Amerikaner begegneten auch Broker und Banker Wissenschaft und Technologie mit abgrundtiefer Igno-
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ranz, und sie hatten eigentlich keine Ahnung von dem Millennium Bug oder den Computern, die er nun angriff. Trotzdem dämmerten ihnen die Auswirkungen. Die globale Wirtschaft, die absolut von Computern abhängig war, verschwand vor ihren Augen. Jody und Doc rauchten schweigend und sahen der fortschreitenden Katastrophe zu, die inzwischen auf Japan zurollte. Doc schüttelte verzweifelt den Kopf. Die Schuld lag nicht bei den bösen Computern - Ignoranz war der wahre Übeltäter, die Ignoranz, die ihm tagtäglich in den Verkäufern begegnete, die keine Ahnung von den Produkten hatten, die sie verkauften, und ohne Taschenrechner nicht einmal in der Lage waren, das Wechselgeld herauszugeben. Diese Verkäufer waren nichts weiter als Sinnbilder für eine leere, entfremdete, neurotische Existenz. Die Talkshows, die die Gesellschaft anderer ersetzten, die Telefonseelsorger, die endlosen Stunden marktschreierischer Werbung für Produkte, die keiner brauchte, die schlechten, kassenfüllenden Kinofilme voller dummer Spezialeffekte und die idiotischen Wie-ich-reichwerde-abnehme-und-mich-selbst-finde-T-Shirts, die sich als Bücher verkleideten. Von Lügen und Propaganda zugeschüttet, vermochten nur noch wenige Menschen, die Wahrheit von Scheißdreck zu unterscheiden. Die Verantwortung lag bei Unternehmen, die geistige Krüppel zu minimalen Gehältern einstellten und sie zu ihrem eigenen Profit ausbeuteten. Die herrschende Klasse hatte die Seele der Nation an einen binären Teufel verhökert. Die amerikanische Computerindustrie beschäftigte dreieinhalb Millionen Menschen, und sie standen beinahe an der Spitze der Nahrungskette. Die restlichen zweihundertfünfundsiebzig Millionen Zombies waren nichts weiter als
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Futter, und sie hatten nicht verdient, was auf sie zukam: ungezügelte Angst und Hysterie, verursacht von Ignoranz. Doc hoffte, der Millennium Bug würde ihnen die Augen öffnen, doch er befürchtete, daß dem nicht so sein würde. Seit Wochen waren die Zeitungen und das Fernsehen voll mit Meldungen über den Fehler, und Idioten, die ROM nicht von RAM unterscheiden konnten, liefen herum und erzählten jedem, daß um Mitternacht alle Computer abstürzen würden. Sie hätten ihre Kräfte darauf verwenden sollen, die Scheißdinger zu reparieren! Monate ununterbrochenen Geschreis und Vorhersagen von schrecklichem Verhängnis und Zerstörung hatten den gesamten Erdball in den Zustand einhelliger Raserei versetzt. Jedes Magazin in Amerika hatte das kommende Jahrtausenddesaster auf dem Titelblatt. Konkurse wurden vorhergesagt. Milliarden Dollar-Klagen gegen Softwarefirmen und Chiphersteller waren bereits anhängig und hatten HighTech- und Finanzaktien auf eine Achterbahnfahrt geschickt. Tagtäglich veröffentlichten Dutzende Behörden, von der Sozialversicherung über das Verteidigungsministeriuni bis hin zur städtischen Wohlfahrt, beruhigende Erklärungen. Niemand, der bei Verstand war, glaubte ernsthaft, daß diese Behörden mit kompetenten Leuten besetzt waren. Während die Regierung sich in Gemeinplätzen erging, die das Vertrauen auch nicht zu erwecken vermochten, liefen die Anhänger der verschiedensten Jahrtausendkulte Amok. Doc hatte keine Ahnung, woran sie glaubten, und es war ihm auch egal, doch mit ihrem ständigen Geschrei über das Ende der Welt jagten sie den Menschen Todesangst ein. In Roswell, New Mexico, hatte sich eine riesige Ansammlung von Irren eingefunden, die an Außerirdische glaubten. Vierzigtausend Menschen
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erwarteten eine bevorstehende Massenentführung. Eine weitaus größere Versammlung von zwei Millionen leidenschaftlichen Christen bereitete sich in Hermosillo, einem Ort in Mexiko, auf die Wiederkunft Christi vor. Überall auf dem Erdball warteten die Menschen auf Wunder, als wüßte oder kümmere sich der Kosmos um unsere unzulängliche und willkürliche Art der Zeitmessung! In Sibirien froren eine halbe Million Menschen, und diese Nachricht jagte Angst und Schrecken um die Welt und verkündete die Ankunft des Millennium Bug. Die Einwohner New Yorks waren angewiesen worden, sich auf die Jahrtausendwende vorzubereiten, wie man sich auf einen riesigen Stromausfall vorbereitet: Füllen Sie ihre Vorräte an Kerzen, Batterien, Konserven und abgefülltem Wasser auf, und vergewissern Sie sich, daß Sie wissen, wo sich Ihr Gashahn befindet. Gleichzeitig, als hätte die rechte Hand keine Ahnung vom Treiben der linken, traf die Stadt Vorbereitungen für die größte, bombastischste Silvesterparty seit Menschengedenken. Die Polizei hatte Pläne veröffentlicht, die Fahrzeuge aus bestimmten Stadtvierteln aussperren sollten, um die Straßenzüge für die feiernde Masse freizumachen. Hotels waren seit Monaten ausgebucht. Feuerwerkskörper, die von Kähnen auf den beiden Flüssen abgeschossen werden sollten, würden den Nachthimmel erleuchten. Und wenn es dazu käme, daß Flugzeuge vom Himmel fielen, dann wollte jeder möglichst weit oben auf dem Wolkenkratzer stehen, um einen guten Blick auf das Spektakel zu haben. Am Times Square waren zwölf gigantische Videoleinwände installiert, die bereits jetzt live übertrugen. Es hatte zeitweilig den Anschein, als wünschte sich die Hälfte der Menschen in New York, daß der Millennium Bug die Computer lahmlegte. Sie hielten es für unterhaltsam, wenn alles zusammen-
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brach. Allmächtiger! New York war immer schon verrückt gewesen, aber wenn diese Stadt wirklich durchdrehte - Doc schauderte bei dem Gedanken an das, was geschehen würde, wenn die große rote Silvesterkugel am Times Square ihren Abstieg begänne und auf halbem Wege innehalten würde. »Doc?« »Was denn?« »Du redest mit dir selbst«, sagte Jody. »Du hast gemurmelt.« »Tut mir leid. Ich denke nach.« »Kann ich noch einen Wodka haben?« »Klar. Geht's dir gut, Jody?« »Also, die Aktienmärkte bleiben heute geschlossen. Ich nehme an, in der Wall Street fangen die Leute schon jetzt an zu feiern.« »Sollten sie«, sagte Doc. »Es könnte für lange Zeit die letzte Gelegenheit sein. Von Peking bis Washington sind Riesenparties geplant, um das 21. Jahrhundert willkommen zu heißen. Ist doch toll, oder? Wird dir bei dem Gedanken nicht warm und wohl ums Herz? Die Astronauten in der Raumstation hoffen, sie können die Feuerwerke von ihrem Thron im Himmel aus beobachten, und sie haben uns versprochen, auch nach den Raumschiffen von Außerirdischen Ausschau zu halten. Die Welt ist gefaßt auf das Seltsame, das Bizarre, das Wundervolle und das vollkommen Verrückte. Wir sind in New York City, meine Liebe, wir können sicher sein, all das zu erleben! Schließlich sind wir hier nicht in Wladiwostok, oder?«
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Copeland stürmte aus dem Aufzug in Docs Büro. »Da sind Sie ja!« schnauzte er Jody an. »Kommen Sie, wir gehen jetzt der ehrenwerten Chase Manhattan Bank den Hintern küssen. Sind Sie bereit, Miss Maxwell? Sie haben gerade angerufen. Es ist soweit. Gehen wir. Was machen Sie denn da? Trinken Sie etwa?« »Ja, Boß«, antwortete Jody. »Ich genehmige mir einen.« »Himmel noch mal, es ist neun Uhr morgens!« »Frohes neues Jahr«, sagte sie und kippte ihren zweiten Wodka in einem Satz hinunter. »Stets zu Diensten.« »Ich hasse Feiertage«, sagte Copeland. »Niemand kriegt seine Arbeit geregelt.« »In New York arbeitet heute kein Mensch, Donald«, sagte Doc. »Selbst die Finanzmärkte bleiben heute geschlossen.« »Habe ich gesehen. Jetzt wird kräftig gesiebt. Die starken werden's überstehen und zukünftig das Sagen haben.« »Wie Chase Manhattan«, sagte Doc. »Das stimmt, wie Chase Manhattan, dank uns.« »Ha, ha. Dank wem?« »Natürlich dank Ihnen, Dr. Downs.« »Danke sehr, Donald. Und wenn Chase Manhattan doch durchfällt, dann können wir's auf dich schieben.« »Scheißkerl!« »Ich habe eine Frage, Donald«, sagte Doc und strich sich über den Bart. »Mit den Hauptsystemen der Bank wird alles glatt gehen, aber hat irgend jemand daran gedacht, die Zeitschlösser der Tresorräume zu überprüfen?«
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Copeland fing an zu stammeln. Seine Miene verzerrte sich. Schließlich brachte er heraus: »Du leitest dieses Projekt. Sag du es mir!« »Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Doc prustend. »Mann o Mann!« »Kommen Sie, Donald«, sagte Jody. Sie erhob sich und stellte ihr Glas ab. »Wir sollten diese Pressekonferenz hinter uns bringen.« »Eines Tages«, sagte Donald zu Doc, »gehst du zu weit, und dann drehe ich wirklich durch!« Jody packte ihn am Arm und zog ihn aus Docs Büro. Auf den Straßen hatte der Ernst eines traditionellen Silvestertages begonnen. Da die Aktienmärkte geschlossen blieben, strömten die Menschen aus den Maklerbüros und mischten sich unter die Feiernden auf den Bürgersteigen. Es war kalt, nur ein paar Grad über Null, doch das konnte niemanden abhalten. Copeland und Jody liefen zu Fuß in Richtung Wall Street. Sie erzählte ihm von ihren Erlebnissen dieses Morgens. Copeland merkte, daß sie kurz davor war, die Fassung zu verlieren. Normalerweise hatte Jody ein äußerst selbstbewußtes Auftreten, doch jetzt war sie blaß, zittrig und unglücklich. Sie bestand darauf, ein Taxi anzuhalten. »Wo soll's hingehen, Leute?« fragte der Fahrer. »Chase Plaza«, sagte Copeland. »Das ist nur zwölf Straßen weiter, da sind Sie zu Fuß schneller.« »Wir fahren lieber, danke sehr.« »Wissen Sie«, sagte der Fahrer, als er in die Wall Street einbog, »die Irren sind los, Mann. Da draußen ist es ganz seltsam. Ich habe mehr ...« »Da sind sie!« kreischte Jody. »Die Verrückten aus der UBahn!«
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Einem Wirbelwind gleich bewegten sich Asiaten mit ernsten Gesichtern auf dem Bürgersteig vorwärts. Sie drückten Passanten ihre Flugblätter in die Hand. Hörner tuteten. Menschen riefen »Frohes neues Jahr!« und »Jesus liebt dich, auch wenn ich's nicht tue!«. Auf der anderen Straßenseite, in einen Berg zerfetztes Papier gehüllt, trug ein bärtiger, schielender, bibelschwenkender Straßenprediger sein Teil zu dieser Kakophonie bei. Er bot apokalyptische Visionen aus dem Buch der Offenbarung dar, der ultimativen Quelle aller Jahrtausendtheologien, Legenden und des ganzen restlichen Unsinns. »Sterben werdet ihr, Brüder und Schwestern, sterben inner Welt voller Höllenqual und Schmerz, wenn ihr nich bereit seid für die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus. Euch bleim keine fünfzehn Stunden mehr, euch fürn Jüngsten Tag bereit zu machen. Die Welt wird untergehn. Die Welt, wie ihr se kennt, wird nich mehr hier sein. Der Ozean wird bis rauf auf diese Straße schwappen und euch alle ersäufen, die ihr nich an unsren Herrn Jesus Christus glaubt!« Der Fahrer drehte sich zu seinen Fahrgästen um und hob hilflos die Hände. In diesem Moment hatten die Missionare den Wagen erreicht. Sie versuchten, Flugblätter durch das Fahrerfenster zu schieben. Der Fahrer kurbelte es hoch und klemmte dabei einen Arm ein. Wie schaurige Tentakel zappelten die Finger im Wageninneren, ehe der Arm loskam. »Die Jahrtausendwende, igitt!« sagte der Fahrer heftig. »Ich kann diesen Scheiß nicht ab!« »Morgen wird alles vorüber sein«, sagte Copeland. »Ein einziger Riesenkater!« »Glaube ich nicht«, sagte Jody. »Schauen Sie sich Rußland an. Sie haben das Kriegsrecht verhängt.«
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»Bei uns wird es nicht dazu kommen«, sagte Copeland. »Um Himmels willen, Donald! Was glauben Sie denn, was hier gerade vor sich geht? Sehen Sie sich diese Leute an. Wenn ich der Gouverneur wäre, würde ich sofort die Nationalgarde rufen.« Sie deutete mit heftigen Gesten auf die wilde Mischung aus Missionaren und Horntutern auf der Straße. »Das sind doch nur Irre, Jody. Uns wird nichts geschehen.« »Und was ist mit den ganzen Kernreaktoren? Glauben Sie, daß wirklich jeder einzelne gerüstet ist? In Rußland? Three Mile Island? Herrgott! Lassen Sie uns diese Pressekonferenz hinter uns bringen. Wir sind da. Geh'n wir.« Jody kletterte aus dem Taxi. Copeland bezahlte den Fahrer, der ihn fragte: »Was hat sie über Kernreaktoren gesagt?« »Vergessen Sie's«, sagte Copeland schnell. »Frohes neues Jahr.« Als sie das Gebäude betraten, fielen Copeland die langen Schlangen ins Auge, die sich vor den Kassenschaltern in der Halle gebildet hatten. Noch war es kein Run auf die Bank. Es glich eher einem Spaziergang, doch Dutzende nervöse Menschen hoben bereits ihr Bargeld ab. Sie meldeten sich am Empfangs Schalter, um die Sicherheitsformalitäten zu erledigen. Die Empfangsdame entschuldigte sich. »Ich muß oben anrufen und Ihren Termin bestätigen lassen. Der Computer ist abgestürzt.« »Du liebe Güte!« rief Jody aus. »Genau das, was ich heute morgen hören wollte!« »Geht es Ihnen gut?« fragte Copeland sie. »Hören Sie auf, mich zu fragen, dann geht's mir auch gut.« Im fünfzigsten Stockwerk herrschte eine ruhige, friedliche Atmosphäre. Dicke Teppiche und die schallgedämpf-
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te Decke machten alles, was gesprochen wurde, zu einem Flüstern. Der Sekretär vor dem Büro des Finanzvorstandes hatte einen kegelförmigen Hut auf dem Kopf und trug einen Anstecker, auf dem zu lesen war: »Jahr 2000. Wir sind bereit!«, der neue Slogan der Bank. »Mr. Edwards wird in einem Moment bei Ihnen sein«, sagte er. »Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Die Pressekonferenz ist abgesagt. Sämtliche Journalisten haben angerufen und gesagt, sie hätten heute morgen zu viel zu tun. Das Team von ABC, das für die Konferenz vorgesehen war, ist draußen in La Guardia, und Channel 2 hat gerade angerufen, der Präsident des nationalen Computerhandels habe gerade eine Pressekonferenz einberufen, und sie könnten nicht kommen. »Stimmt mit dem Vertrag etwas nicht?« platzte Jody heraus. »Soweit ich informiert bin, ist alles in Ordnung«, sagte der Sekretär höflich, »womöglich sollten Sie Ihre Fragen jedoch besser an Mr. Edwards richten.« Fünf Minuten später wurden Copeland und Jody in ein holz getäfeltes Büro geführt. David Edwards, der Finanzvorstand, ein kräftiger, sympathischer Mann von sechzig Jahren, begrüßte sie herzlich. »Kommen Sie rein, kommen Sie rein«, sagte er. Er gab ihnen die Hand und nannte sie vertraulich bei ihren Vornamen. »Das mit der Presse tut mir leid«, fügte er hinzu und bot ihnen bequeme Ledersessel an. »Aber was sollen wir tun? Soweit ich das verstehe, geht es draußen etwas merkwürdig zu. Doch ich denke, das ist genau der Grund, warum wir einhundertsechzig Millionen Dollar ausgegeben haben. Um genau die Probleme zu vermeiden, mit denen andere jetzt konfrontiert sind. Was im Moment geschieht, ist einfach furchtbar.«
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»Sie werden sehr froh sein, das Geld investiert zu haben, David«, sagte Donald. »Oh, ich bin jetzt schon froh, Donald. Ich nehme an, daß Sie informiert sind. Ihre Leute haben dafür gesorgt, daß sich die Ausgaben rentiert haben.« »Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich weiß, auf was Sie anspielen«, sagte Copeland vorsichtig. »Wieso? Ich meine natürlich die geheimen Konten, die Sie für uns entdeckt haben. Erst gestern hat Ihr Mann, Dr. Downs, meinen Leuten eine endgültige Aufstellung geschickt. Seine Programme haben zweiundsiebzig Millionen Dollar lokalisiert, die wir ohne seine Hilfe niemals gefunden hätten. Das ist ein hübsches Taschengeld, wie man so sagt. Und es ist mehr als genug, um damit das neue Abkommen zu finanzieren, das wir heute verkünden wollten. Und da es sowieso schon in allen Zeitungen steht, verpassen wir jetzt lediglich Kameras und Scheinwerfer. Tut mir leid, Jody. Sie wären der Star des Tages gewesen.« »Das macht gar nichts«, sagte sie. Es war von Herzen aufrichtig gemeint. »Ich glaube, die Menschen haben heute ganz andere Sorgen. Vielleicht können wir es auf Dienstag verschieben.« »Also, Donald«, sagte der Finanzvorstand, »Sie haben allen Grund, auf sich und Ihr Unternehmen stolz zu sein. Die Bank ist Ihnen für alles, was Sie für uns getan haben, auf immer und ewig zu Dank verpflichtet.« Er legte einen einzelnen Bogen Papier vor Donald auf den Tisch. Copeland sah kaum darauf. Am unteren Rand konnte er gerade Docs Unterschrift ausmachen. Er schob das Blatt in seine Tasche. »Zweiundsiebzig Millionen? Wirklich?« Copeland war auf einmal außer Atem. Er mußte hart um seine Fassung
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kämpfen. »Ich hatte keine Ahnung, daß es so viel ist. Ich hatte so viel zu tun, es war noch keine Gelegenheit, mit Dr. Downs zu sprechen.« »Er ist ein wahrer Held«, sagte Edwards. »Ich nehme nicht an, daß Sie gewillt sind, ihn gehen zu lassen. Wenn er einverstanden wäre, dann würde ich ihm die Leitung des Rechenzentrums übertragen.« »Selbstverständlich würde ich weder Sie noch ihn davon abhalten, wenn das wirklich Ihr Wunsch ist. Nur zu, fragen Sie ihn.« »Sie sind wirklich überaus gütig, Donald. Doch ich bin mir sicher, daß Sie ihn nicht kampflos ziehen lassen würden. Wie auch immer, er macht auf mich nicht gerade den Eindruck eines Menschen, der gerne für eine Bank arbeiten wollte.« »Er ist sein eigener Herr«, sagte Copeland und erhob sich. »Wirklich und wahrhaftig!« »Nun, wie seine Entscheidung auch lauten mag, ich bin mir sicher, daß wir noch viel von ihm hören werden. Nun müssen Sie mich aber entschuldigen, doch in dem ganzen Gebäude bin ich wahrscheinlich der einzige Mensch, der einen langen Arbeitstag vor sich hat. Für heute nachmittag ist eine Telefonkonferenz mit der Notenbank anberaumt.« »Faßt die Notenbank immer noch ins Auge, alle Geldtransfers auszusetzen?« fragte Copeland. »Ich denke, wir können es ihnen ausreden. Wir sind hier schließlich nicht in Rußland, stimmt's? Wir sind mit dem Problem fertiggeworden. Ich bin sicher, daß die Notenbank das genauso sieht.« Der Sekretär kam herein, um sie hinauszubegleiten. Im Aufzug konnte Jody beobachten, wie Copelands Oberlippe unwillkürlich zu zucken begann. Sein Gesicht lief
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knallrot an, dann wurde er bleich wie die Wand. Er sagte kein Wort. Als sie wieder zurück in der Schalterhalle waren, wo es von konfettibedeckten Menschen wimmelte, schien es, als habe er die Orientierung verloren. Er schien zu zögern, unsicher, wohin er gehen oder was er tun sollte. Jody spürte, daß in dem Gespräch etwas vorgefallen war, was sie nicht begriff. »Donald?« fragte sie. »Ist alles in Ordnung?« »Mir geht's gut«, sagte er. »Ich fange nur langsam an zu denken, daß das hier vielleicht schlimmer wird, als ich geahnt habe, das ist alles.« »Ein Problem mit der Software? Sie machen wohl Witze. Die Bank testet sie seit einem Jahr.« »Aber sicher kann man sich erst sein, wenn es soweit ist, stimmt's?« Sie traten hinaus auf die Straße. Die Schlange der Kunden, die ihr Geld abheben wollten, erstreckte sich bereits nach draußen und führte um die riesige Plastik auf dem Vorplatz herum. Bettler arbeiteten sich flink durch die Reihen. Sie hielten sich an diejenigen, die, die Taschen voller Bargeld, aus der Bank herauskamen. Ein paar Schritte weiter verfrachtete ein Trupp uniformierter Polizisten schreiende Koreaner in Polizeibusse, sehr zum Vergnügen der Menge, die aus Fahrradkurieren, Sekretärinnen und Nadelstreifenklonen bestand. Jody hatte das Gefühl, sie sei eingeschlafen und in einem makaberen Zirkus wieder aufgewacht. Vollkommen mit sich selbst beschäftigt, ignorierte Copeland das seltsame Treiben und steuerte zielstrebig auf die Nassau Street zu. Vor jeder Bank und jedem Geldautomaten sah Jody lange Schlangen. Alle paar Meter verkündete ein Börsenticker oder das Radio an einem Zeitungsstand einen endlosen Strom neuester Nachrichten.
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An den europäischen Börsenplätzen hatten Transportaktien vor Schließung eine Talfahrt erlebt. In Birmingham hatte ein Angestellter der Wasserwerke während eines Y2K-Testlaufs versehentlich die Wasserzufuhr der Stadt abgesperrt. Die Aufstände, die in Wladiwostok ihren Anfang genommen hatten, breiteten sich westwärts über Mütterchen Rußland aus. Die Menschen machten sämtlichen Frustrationen Luft, die sich in über einem Jahrzehnt postsowjetischer Regierung angestaut hatten. In Reaktion auf die Nachrichten taumelten die Menschen in New York wie betäubt auf den Straßen umher. Sie stießen und rempelten sich gegenseitig an. Copeland fegte an einem Mann vorbei, der mitten auf dem Bürgersteig stand und telefonierte. Auf einmal packte der Mann sein Telefon, schleuderte es auf den Beton und zertrampelte es. »Donald ...«, sagte Jody, doch er stürmte weiter. Sie gab auf, ließ sich gegen eine Granitwand sinken und zündete sich eine Zigarette an. Die Menge wirbelte um sie herum, rasend und verstört. Sie rauchte ihre Zigarette und ging dann langsam weiter, genauso verwirrt wie alle anderen. Copeland kämpfte mit der wachsenden Gewißheit, daß er reingelegt worden war. Heute war der Tag, an dem er ein Vermögen rauben wollte. Eigentlich sollte er vor froher Erwartung platzen, statt dessen fühlte er sich wie ein Haufen Dreck. Dieser Diebstahl hatte seine befestigte Grenze zum Millennium Bug dargestellt. Sie auf einmal bedroht zu sehen verursachte ihm heftige Magenschmerzen. Seine Lippe zuckte. Es schien ihm, als wäre das Engagement im Computerdiebstahl mit der Hilfe eines anarchistischen Hackers doch nicht seine Kragenweite gewesen. Himmel noch mal, er hatte diesen Typen zum Millionär gemacht, obwohl Doc das sicher andersher-
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um sehen würde. Sie waren ein Team. Sie brauchten einander ... zum Teufel damit. Das stimmte nicht. Doc brauchte ihn nicht, nicht, wenn er Angebote wie das von der Bank in der Tasche hatte. Bei Copeland Investments hatte Doc seine Arbeitsbedingungen von jeher selbst diktiert. Er hatte darauf geachtet, daß seinen überspannten Spleens Rechnung getragen und seine Gelüste befriedigt wurden. Doch das und noch viel mehr konnte er auch anderswo bekommen. Darum blieb die Frage: Warum hatte Doc der Bank die ganzen versteckten Gelder zurückgegeben? Ohne zu klopfen betrat Copeland Docs Büro. Es roch nach Marihuana. Doc grinste. »War das Meeting bei der Bank erfreulich?« Copeland knallte das Blatt Papier auf den Tisch. »Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten?« fauchte er. Doc beugte sich über die Seite und studierte sie. »Hab' ich dir das nicht erzählt? Hab' ich wohl aus Verseh'n vergessen!« »Aus Versehen! Du kannst mich mal!« »Komm schon, Donald. Das war nur als kleine Überraschung für dich gedacht. Ja, ich habe ihnen zweiundsiebzig Millionen gegeben, weil ich noch viel mehr gefunden habe. Denkst du, ich bin wahnsinnig?« »Ja, genau das denke ich. Wieviel mehr?« »Genug.« »Spiel keine Spielchen mit mir, Doc. Ich glaube, du hast Angst bekommen und den Schwanz eingezogen.« »Warum sollte ich das tun? Es ist idiotensicher.« »Du hast Angst, im Gefängnis zu landen. Darum. Du hast kalte Füße bekommen.« »Entspann dich, Donnie. Es wird ein langer Tag werden. Gönn dir was zu trinken, und sei zur Abwechslung mal ein bißchen locker. Die Welt wird heute ein höllisches
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Spektakel abziehen, und wir haben Logenplätze. Schau«, er deutete auf den Fernseher. »Gerade wird der Flughafen La Guardia geschlossen.« Der Sprecher der Flughafenleitung verlas eine hastig entworfene Erklärung. »Im Interesse der öffentlichen Sicherheit stellt der Flughafen La Guardia mit sofortiger Wirkung den gesamten ausgehenden Flugverkehr ein. Um fünf Uhr heute nachmittag wird der Flughafen auch für die einkommenden Flüge geschlossen. Alle Fluggesellschaften werden informiert. Flüge, die sich schon in der Luft befinden, werden planmäßig landen. Wir ersuchen alle Angestellten des Flughafens, der Fluggesellschaften und die Öffentlichkeit dringend, Ruhe zu bewahren.« Der Begriff »Ruhe zu bewahren« ging auf der Stelle in einer Salve aufgeregter Fragen der Journalisten unter. »Werden die Flüge nach John F. Kennedy umgeleitet?« »Wird der Flughafen Newark auch geschlossen?« »Wollen Sie damit sagen, daß Flugzeuge nicht sicher sind?« »Hat die Flugaufsichtsbehörde die Anweisung gegeben, den Flughafen zu schließen?« »Werden die Passagiere ihr Geld zurückbekommen? Wo wollen Sie die gestrandeten Menschen unterbringen? Alle Hotels in der Stadt sind ausgebucht.« Der Flughafensprecher, der stellvertretende Bürgermeister und der Chief der Flughafenpolizei erhoben sich gleichzeitig von ihren Stühlen und verließen den Konferenzraum, ohne auf die Fragen einzugehen. »Meine Damen und Herren«, sagte der Reporter, der für New York 1 vor Ort war, »der Flughafen La Guardia wird geschlossen. Leider sind wir nicht in der Lage, Ihnen weitere Einzelheiten mitzuteilen. Wenn Sie vorhatten,
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heute von hier aus wegzufliegen, dann vergessen Sie's. Einen Augenblick ... Ich höre gerade, daß auch die Flughäfen JFK und Newark geschlossen werden.« Doc schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. »Diese Typen lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Sie haben schon vor sechs Monaten erfahren, daß die Systeme der Flugsicherung ausfallen werden, aber sie haben kein Wort darüber verloren. Mit den Flugzeugen ist alles in Ordnung; es scheitert am staatlichen Radarsystem.« »Die verdammten Flughäfen sind mir scheißegal, Doc!« sagte Copeland. »Was ist mit der Bank?« »Was soll damit sein?« »Wieviel?« »Genug, Donald. Mehr, als du jemals ausgeben kannst.« Der Fernsehmoderator fuhr fort. »Wir schalten jetzt von La Guardia direkt nach Japan. Knapp 13.000 Kilometer von New York entfernt erreicht der Millennium Bug in Kürze die japanischen Inseln. Den globalen Aktienmärkten schlottern die virtuellen Knie ...« »Das solltest du dir ansehen«, sagte Doc. »Die Japaner hätten es wirklich besser wissen sollen. Aber sie waren zu sehr damit beschäftigt, wegen ihrer fortwährenden Skandale und unzähliger Fehlinvestitionen das Gesicht zu wahren, als sich ums Geschäft zu kümmern. Die werden mit dem Bauch nach oben schwimmen, und der Widerhall wird umwerfend sein. Ich habe mir ein paar Szenarien ausgedacht. Mit Japan wird der größte Teil Asiens untergehen. Der große asiatische Wachstumsmarkt, soeben erst zum Wohlstand aufgestiegen, wird völlig zusammenbrechen.« »Zum Teufel mit Japan. Was ist mit dem Geld?« »Donald, du hast in den letzten drei Jahren Software im Wert von hundertfünfundachtzig Millionen Dollar an ja-
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panische Banken verkauft. Wie willst du jemals deine Forderungen eintreiben?« »Doc, bitte.« »Willst du es wirklich wissen, Donnie? Willst du es ganz, ganz dringend wissen?« »Ja.« »So sehr, daß du es kaum noch ertragen kannst?« »Himmel noch mal, wir sind Partner!« Doc lehnte sich in seinem Sessel zurück und betrachtete eingehend die schmutzige Decke. »Okay«, sagte er. »Ich habe der Bank das Geld gegeben, weil ihr Angebot besser war als deins. Sie haben mir ein Viertel der Summe gegeben, die ich entdeckt habe - achtzehn Millionen -, und einen neuen Job dazu. Weil wir gerade dabei sind, ich kündige.« Das war gelogen, doch das wußte Copeland nicht. Er reagierte nicht sofort, doch seine Hände begannen zu zittern. Schließlich sagte er: »Du machst Witze.« »Wieso sollte ich über so was Witze machen? Es stimmt. Wieso sollte ich jemanden beklauen, wenn er mir das Geld freiwillig gibt?« »Weil du gerne Spielchen spielst und es liebst, mich zu verarschen, darum!« »Ruf Edwards an und frag ihn. Hat er dich nicht gefragt, ob er mir einen Job anbieten darf? Ich weiß, daß er's getan hat, weil ich bereits zugesagt habe. Ich werde das Rechenzentrum leiten. Dienstag fange ich an.« Sie starrten sich an. Dann zog ein breites Grinsen über Docs Gesicht. »Hab' ich dich, du Penner. Du bist drauf reingefallen.« »Du Arsch!« »Aber ich habe wirklich darüber nachgedacht.« »Da bin ich mir sicher. Allerdings verstehe ich immer
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noch nicht, warum du der Bank 72 Millionen gegeben hast, von denen sie keine Ahnung hatten.« »Du bist so verdammt gierig, Donald. Ich war derjenige, der Tag für Tag dort war und neue Codes für deren verlorene Gelder geschrieben hat, nicht du. Es lag bei mir, die Entscheidungen zu treffen, und es stand nie zur Debatte, jede einzelne mit dir abzusprechen. Ich sage dir, es ist soviel übrig, daß es dir schwerfallen wird, das Geld zu verstecken. Von solchen Problemen kann man doch nur träumen, oder?« »Du lügst.« »Klar, ich bin ein krankhafter Lügner. Ich lüge immer und überall. Aber ich bin so clever, daß keiner den Unterschied bemerkt.« Aufs äußerste gereizt und auf ein Stadium von infantilem Frust reduziert, murmelte Donald: »Du haßt mich!« Doc schüttelte den großen, zotteligen Kopf und zog an seinem Joint. Das war nicht richtig. Er verachtete Donald, doch er haßte ihn nicht. Copelands Riesenhirn war immer voll von kreativen Ideen, wie er zu Geld kommen konnte, doch das war alles, was er hatte. Er war eine Registrierkasse ohne erkennbare menschliche Gefühle, und Doc konnte niemanden hassen, der nichts weiter war als eine leere Hülle. Er wollte Copeland lediglich in seinem eigenen Saft schmoren sehen. »Es ist kein Wunder, daß deine Frau dich verlassen hat, Donald«, sagte er. »Du bist ein Kind. Natürlich hasse ich dich. Ich hasse alle Yuppie-Ärsche. Ich hasse Kapitalisten, und Spekulanten ganz besonders. Habe ich dir das noch nie gesagt? Erst eintausend Mal, oder? Du bist der Abschaum der Erde, Donald Copeland, aber du bist mein Abschaum. Ich betrachte dich als bekannte Größe. Allein deine unlauteren Gedanken lassen deine Jammergestalt
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wenigstens ein bißchen interessant erscheinen. Ansonsten bist du nichts weiter als ein herzloser Arsch, aber das macht mir überhaupt nichts aus. Ich bin auch ein herzloser Arsch, noch schlimmer als du.« »Du weißt genau, wieviel Geld da noch versteckt ist, auf Heller und Pfennig, stimmt doch, oder? Du führst laufend Buch. Eine genaue Aufstellung.« »Sei still, Donald. Du störst. Ich will fernsehen. Geh und bring dein eigenes Büro durcheinander, oder geh und kümmer dich um deine Kundendienstleute. Das sind schließlich diejenigen, die das ganze Geld für dich verdienen. Du solltest ein paar Anrufe entgegennehmen.« »Hat die Bank...« Copeland hielt mitten im Satz inne und gab auf. Er ging hinunter in sein Büro. Ob er schrie oder einen Koller bekam, Doc würde nichts sagen, was er nicht sagen wollte. Der Mann würde an seinem Totenbett noch Rätselraten spielen. Er holte sich den roten Knopf wieder auf den Bildschirm, doch er hielt es keine Sekunde länger in seinem Büro aus. Copeland entschloß sich zu einem Spaziergang. Er griff nach seinem Mantel. In Momenten großer Anspannung gönnte er sich den Besuch eines Massagesalons in Chinatown, ganz in der Nähe. Er warf dem roten Knopf einen letzten Blick zu. Wie das blutunterlaufene Auge eines Zyklopen starrte der Knopf zurück. Copeland schaltete den Bildschirm aus. Mit hängenden Schultern und ohne den üblichen Schwung in den Schritten schlich er zur Türe hinaus und machte sich auf den Weg in die Mott Street, zu Madame Wos parfümierter Lasterhöhle. Im Fernsehen gab ein Reporter bekannt, daß der Direktor der Notenbank für voraussichtlich vierzehn Uhr eine
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Pressekonferenz einberufen habe. Doc wippte auf den Absätzen und schaltete im Stehen durch die Kanäle. Auf PBS diskutierten zwei Wissenschaftler leidenschaftlich die Frage, ob das 21. Jahrhundert im Jahr 2000 oder 2001 begänne. »Es existiert keine Geburtsurkunde für Jesus von Nazareth«, erklärte ein bärtiger Gelehrter, »doch höchstwahrscheinlich hat dieses gesegnete Ereignis im 23. Jahr der Herrschaft Augustus' stattgefunden und gegen Ende der Herrschaft von König Herodes, der im Jahre 4 vor Christus gestorben ist. Die Kreuzigung hingegen ist auf das 16. Jahr der Regentschaft von Tiberius zu datieren, doch alle römischen Aufzeichnungen sind ohne Beweiskraft, und welche jüdischen Aufzeichnungen auch existiert haben mögen, sie wurden alle im Jahre 70 nach Christus zerstört. Auf alle Fälle aber zerfiel das Römische Reich im sechsten Jahrhundert, und die Christen wollten eine neue Zeitrechnung. Im Jahr 525 befahl Papst Johannes I. dem päpstlichen Archivar Dionysius Exigiuus, den Kalender vom Geburtsjahr Christi an neu zu berechnen, doch Dionysius irrte sich. Nun, fünfzehn Jahrhunderte lang mußte die Welt mit seinen schlechten Rechenkünsten leben. Eigentlich hat das dritte Jahrtausend am ersten Weihnachtsfeiertag 1996 begonnen, und keinen Tag später.« »Ach, Blödsinn!« sagte sein Kontrahent. »Bei allem nötigen Respekt«, sagte Doc zu seinem Fernseher, »wen kümmert's?« Er schaltete ab. Das Telefon klingelte. »Doc? Hier spricht Bill Packard. Ich bin auf der Suche nach Donald.« »Bill Packard? Dr. Packard?« »Ja, genau.« »Worum geht es denn, Bill?«
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»Ich brauche Hilfe. Wir haben auf der Intensivstation Probleme mit einigen unserer Apparate, und ich dachte, Donnie konnte uns eventuell aus der Patsche helfen.« Chips, dachte Doc, integrierte Chips. Jedes einzelne Krankenhaus in ganz Amerika war ein Hort für Computerchips, die mit dem Millennium Bug infiziert waren. Jedes Gerät, vom Dialyseapparat bis hin zum digitalen Fieberthermometer, hatte einen kleinen, tödlichen Computer eingebaut. »Bill, ich will Ihnen mal was sagen. Donnie wäre nicht einmal in der Lage, Ihnen zu helfen, wenn sein Leben davon abhinge, aber ich.« »Glauben Sie wirklich, Sie können uns helfen?« »Sie sind doch im Bellevue Krankenhaus, oder? Ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen. Ich rufe Sie an, sobald ich in der Einfahrt stehe.« Doc stopfte eilig Logikanalysatoren und einen Laptop in irgendeine Tasche. Die Telefone klingelten pausenlos, doch er ignorierte sie. Er ging zurück durch das Labor, passierte zwei Reihen verschlossener Sicherheitstüren und betrat das Nervenzentrum des Mitternachts-Clubs. Spaßeshalber nannten sie ihr völlig versifftes Refugium »Hochreinheitsraum«. An Stelle von Mikrofiltern und Raumanzügen hing Nikotin an den Wänden, und Fastfood-Verpackungen bedeckten den Boden. Als Doc die Tür öffnete, schlug ihm die donnernde Rockmusik wie eine Hitzewelle entgegen. Die fünf Clubmitglieder saßen in durchgeschwitzten TShirts über ihre Terminals gebeugt. Sie schrien sich gegenseitig etwas zu, während sie die Anstrengungen ihrer Spiegelbilder überwachten, die überall in der Stadt in den Leitzentralen saßen. »Bell Atlantic hat ein Diagnoseprogramm gestartet«, rief Carolyn. »Sie könnten's schaffen.«
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»Ja, aber GTE wird ins Gras beißen«, schrie Jodd von der anderen Seite des Raumes zurück. »Die kannst du schon mal anzählen. Und AT&T zittern die Knie.« »Heilige Scheiße«, schrie Ronnie. »Mein Mann bei den Wasserwerken hat soeben seinen Bildschirm zertrümmert! Seht euch das an!« »Was!?« »Ja, wirklich, ohne Scheiß. Ist das zu glauben?« Doc ging zur Stereoanlage. Er konnte den Schalter nicht finden, also zog er den Stecker raus. Die plötzliche Stille tat ihre Wirkung. Die fünf starrten Doc an, als hätte er ihnen die Luftzufuhr abgesperrt. »Ich brauche Freiwillige«, sagte er. »Wer kann weg?« »Niemand kann weg, Mann, nicht jetzt, nicht heute. Wir werden die ganze Nacht hierbleiben«, kam es wie aus einem Munde. »Keiner von euch kann in den nächsten paar Stunden irgendwas tun, vor allem, weil alles davon abhängt, ob Bo seine Codes bekommt«, erklärte Doc. »Wenn ihr jetzt noch nicht alles auf der Reihe habt, dann ist es sowieso zu spät. Hört mal, Leute, wir haben eine Gnadenmission zu erfüllen, die vielen Menschen helfen kann, die wirklich drauf angewiesen sind.« Doc umriß mit knappen Sätzen das Problem im Krankenhaus. Er wies seine Leute an, ihre Terminals auszuschalten und sich jeden Chip und jedes Stückchen Testausrüstung zu schnappen, das sie in dem Chaos finden konnten. »Wenn das Krankenhaus zusammenbricht und ihr heute nacht von einem Betrunkenen über den Haufen gefahren werdet, wie werdet ihr euch dann wohl fühlen? Ihr werdet gar nichts fühlen, weil ihr nämlich tot sein werdet. Kommt mit, ich mache wahre Helden aus euch. Eure Mütter werden stolz auf euch sein.«
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Adrian weigerte sich. Er erklärte, er habe Todesangst vor Krankenhäusern, und Bo mußte den Kontakt zu ConEd aufrechterhalten, aber Ronnie, Judd und Carolyn waren einverstanden. »Sobald Deep Volt anruft, komme ich zurück«, sagte Doc im Hinausgehen zu Bo. »Besorg mir meine Paßwörter, Doc«, sagte Bo. »Sonst sind wir geliefert.« Meter für Meter schob sich Docs Jeep auf der First Avenue in Richtung Krankenhaus durch die Stadt. Tausende verstopften die Straßen, weil sie über das lange Wochenende wegfuhren, und noch mehr strömten zur Silvesterfeier in die Stadt. Es war noch nicht einmal zehn Uhr vormittags, und Manhattan verwandelte sich bereits in eine 60 Quadratkilometer große Partyzone, in ein einziges Irrenhaus. Auf der Straße sprangen ihnen sofort die zwanzig Zentimeter großen Schlagzeilen der Post ins Gesicht: AKTIENMÄRKTE GESCHLOSSEN. MILLENNIUM BUG STEUERT AUF JAPAN ZU! Die Nachrichten hatten die Finanzleute auf der Wall Street buchstäblich umgehauen. Teuer gekleidete Männer und Frauen irrten ziellos durch die Gegend. Sie sahen aus, als hätten sie das Stadium von Benommenheit und Verwirrung bereits überschritten. Ihr Leben war ruiniert. Die Weltwirtschaft hatte vor ihren Augen aufgehört zu existieren, und dabei war ihr elektronisches Vermögen in den sich auflösenden Pixels verschwunden. Ausrangierte Mobiltelefone und Laptops verwüsteten die Gehwege. Die Menschen ließen ihr Equipment fallen, wo sie gerade
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standen, und machten sich auf in die nächste Bar. Die Bars waren überfüllt. Überall kam es zu Raufereien. Die Leute rissen sich reihenweise die Kleider vom Leib und liefen zur Belustigung derer, die sowieso nichts zu verlieren hatten, nackt durch die Straßen. Auf die Begegnung mit der realen Welt reagierten die Geeks aufgeregt, nervös und begeistert. »Boah, Junge, schau dir das an! Die Typen hocken auf der Straße und heulen wie die Babys!« Überall wurde gehupt. Aus den Stereoanlagen der Autos schallte ein ohrenbetäubender Mischmasch aller nur denkbaren Musikstile, die in dem Stoßverkehr mißtönend aufeinanderprallten. Reaggae, Hip Hop, Techno, Garth Brooks und Beethoven hatten auf der 14. Straße Ost gleichzeitig Sendezeit. Ganze Wagenladungen von jungen Männern mit entblößten Oberkörpern lehnten sich aus den Autofenstern und schrien: »Frohes neues Jahr!« und »Leck mich!« mit gleichermaßen wollüstiger Begeisterung. Aus dem Radio erklang folgende Meldung: »Die Ankunft des Millennium Bugs in Australien hatte verheerende Auswirkungen. Melbourne ist ohne Strom. Sydney hatte vorübergehend ebenfalls mit einem Stromausfall zu kämpfen, aber die Stromversorgung kehrte binnen einer Stunde zurück. Die Feierlichkeiten zur Jahrtausendwende wurden ohne Unterbrechung fortgesetzt. Und nun eine Information der Chase Manhattan Bank. Sind Sie bereit für das Jahr 2000? Die Chase Manhattan Bank garantiert, daß Ihr Geld auch im 21. Jahrhundert sicher und geborgen ist. Wir sind bereit!« Doc stellte das Radio ab. Ronnie und Carolyn amüsierten sich über den Werbespot und bedrängten Doc, das Radio wieder einzuschalten, doch er weigerte sich standhaft. Langsam näherten sie sich dem Krankenhaus. Auf der
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First Avenue verstärkte Sirenengeheul den Lärm auf der Straße. Der Jeep folgte einem Zug Krankenwagen auf das Krankenhausgelände. Doc rief Bill Packard an. Der Arzt kam mit einer Parklizenz vor die Tür. »Ich will nicht, daß Ihr Jeep abgeschleppt wird, während Sie drinnen sind.« Packard begleitete sie in die Abteilung für Informationsdienste und führte sie in ein Büro. Es war vollgestopft mit Angestellten des Krankenhauses, die kurz davorstanden, in Panik zu verfallen. Gemessen an Geek-Standards waren die Programmierer der EDV-Abteilung des Krankenhauses Stümper, doch sie waren sich der Gefahr bewußt, die von dem Millennium Bug ausging. Sie waren frustriert und aufgebracht über die hoffnungslos ungenügenden Maßnahmen, die die Verwaltung ergriffen hatte. Der mickrige Betrag aus dem Budget der Stadt, der für Y2K genehmigt worden war, war in Rechnungs- und Buchhaltungssysteme gesteckt worden, nicht in die Apparatemedizin oder in die PCs der Angestellten. Die Geeks sahen in die Runde. Leise fragte Judd einen der Programmierer: »Laufen eure Rechner denn nicht auf Windows NT, Leute?« »Schön wär's! Dies sind antike Maschinen, alles 486Rechner.« »Sie wollen mich auf den Arm nehmen!« »Wäre uns auch lieber.« Packard machte Mrs. McCarthy, die Leiterin der Informationsabteilung, ausfindig, eine strenge, verklemmte Person. Sie musterte die Geeks von Kopf bis Fuß und sagte: »Wer soll das denn sein? Die Band?« »Diese Leute sind Programmierer, die versuchen werden, die Computer in der Intensivstation instandzusetzen«, erklärte Packard.
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»Zeigen Sie mir die Reparaturaufträge.« »Es gibt keine Reparaturaufträge«, knurrte Packard. Er war kurz davor, die Geduld zu verlieren. »Es handelt sich hier um einen Notfall. Diese Leute sind bereit, uns zu helfen, weil sie sehr großherzig sind!« »Keine Reparaturanweisung, keine Reparatur!« bellte sie. »Sie haben den Verstand verloren!« sagte der Arzt. »Wir handeln hier streng nach Vorschrift, Dr. ...« sie hielt inne, um sein Namensschild zu entziffern, »Packard, wer zum Teufel Sie auch sind. Und jetzt verschwinden Sie aus meinem Büro und bringen Sie diese Leute zurück zu dem Rattenloch, aus dem sie gekrochen sind.« Er schlug zu. Mit einem gezielten Hieb streckte er sie zu Boden. Die Köpfe der Anwesenden fuhren herum. Beim Anblick der ohnmächtigen Mrs. McCarthy erklang spontan Beifall. »Jawoll!« »Geh'n wir«, sagte Packard zu Doc. »Keine Ahnung, warum ich Sie überhaupt zuerst hierher gebracht habe.« Er führte sie über einen Innenhof zu einem anderen Gebäude. Keine zehn Minuten später zerlegten sie bereits Beatmungsgeräte und EKG-Maschinen. »Bei den meisten wird es das einfachste sein, sie vier Jahre zurückzudatieren, wenn wir das schaffen«, erklärte Doc Packard. »Wir werden zuerst nach BIOS-Chips suchen. Wenn es sich um einen beschreibbaren BIOS-Chip handelt, können wir ihn eventuell neu programmieren. Wenn nicht, dann müssen wir beten, daß wir ihn ersetzten können« »Tun Sie einfach, was Sie können«, sagte Packard. »Und ich versuche inzwischen, uns die Typen von der Verwaltung vom Hals zu halten. Ich sorge dafür, daß die Schwestern kooperieren. Viel Glück. Brauchen Sie etwas?«
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»Kaffee, Leute?« fragte Doc. »Weiß, null Prozent Fett, ohne Koffein«, sagte Carolyn. Doc brach in Lachen aus. Er schüttelte den Kopf und entfernte die Rückenplatte eines Defibrillators. »Kaffee«, wiederholte er. »Ganz ordinären, guten, alten amerikanischen Kaffee, schwarz.«
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Einige Minuten nach zehn Uhr vormittags, vierzehn Stunden vor seiner erwarteten Ankunft, wich der Millennium Bug in einer weiten Schleife von seiner Route ab. Vollkommen überraschend streckte er USA-weit die gesamte Supermarktkette der Safeway Corporation nieder. 450 Filialen in siebenunddreißig Staaten waren von der plötzlichen Infektion betroffen, darunter auch der neue Safeway Ecke Broadway und 96. Straße, Stolz und Freude des Geschäftsführers Jonathan Spillman. Safeway hatte die Strategie verfolgt, mit dem Einzug in Manhattan großes Aufsehen zu erregen. Spillmans funkelnagelneue Filiale war ein Vorzeigeladen für fortschrittlichste Technologie. Angefangen bei der Bestandsverwaltung bis hin zu der automatischen Sprinkleranlage in der Obst- und Gemüseabteilung war jeder einzelne Vorgang computergesteuert. Spillman hatte bereits als Junge in einem Lebensmittelladen als Verpacker angefangen. Während er seine Abschlüsse in Computerwissenschaften und kaufmännischer Verwaltung machte, hatte er als Kassierer gearbeitet. Großes Einfühlungsvermögen in die Sorgen ganz normaler Menschen und eine ausgeprägte Leidenschaft für Computer waren die perfekten Voraussetzungen für seinen Job. Diese Eigenschaften waren überaus wertvoll für einen Mann, der die Hälfte seines Zwölf-Stunden-Arbeitstages auf eine Tastatur einhämmerte und sich den Rest der Zeit damit befaßte, jener kleinen und großen
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Krisen Herr zu werden, die in einem Supermarkt an der Tagesordnung waren. Spillman war schon seit halb acht in seinem Büro und rang mit dem neuen Inventurprogramm. Seinen Einwänden zum Trotz war dieses Programm ohne gründliche Erprobung installiert worden, und es war noch immer voller Schwachstellen. Eine dieser Störungen verdroß ihn gerade jetzt. Er brauchte einhundert Kisten Ruffles Kartoffelchips. Das System sagte ihm jedoch fortwährend, das Lager in New Jersey habe keine Ruffles vorrätig. Aber Spillman war schlauer als der Computer. Er wußte, daß in New Jersey Ruffles Kartoffelchips auf Lager waren, weil er gerade mit dem Lagerleiter telefonierte, der vor einem ganzen Berg Kartoffelchips stand. »Egal, Maurice, laß sie bitte auf alle Fälle verladen und schick sie her, tust du mir den Gefallen?« »Klar, Jon, mach' ich. Ist viel los heute?« »Machst du Witze? Es ist überfallartig«, sagte Spillman. »Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber hier arbeiten alle Rechner extrem langsam. Bestimmt sind die Leitungen überlastet. Ich glaube, heute morgen braucht einfach jeder alles. Silvester und so.« »Das ist Y2K, Jonathan«, sagte der Lagerleiter. »Heute ist der große Tag.« »Sag das bloß nicht«, entgegnete Spillman. In seiner Stimme lag ein warnender Unterton. »Sonst beschwörst du es am Ende herauf.« »Du bist doch wohl nicht abergläubisch, Jonathan?« »Eigentlich sollte diese Y2K-Sache bei uns doch ausgestanden sein«, erklärte Spillman. »Safeway hat fünfzig Millionen Dollar in die neuen Systeme gesteckt. Wir stehen über den Dingen.« »Frommer Wunsch«, sagte der Lagerleiter. Er konnte den
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Sarkasmus in seiner Stimme nicht unterdrücken. »Erzähl das doch bitte mal meinen siebenhundert Zulieferern. Die Hälfte aller Rechnungen, die bei uns eingehen, sind verschlüsselt. Mag ja sein, daß unsere Systeme in Ordnung sind, aber der Erzeuger m Maryland hat mich nur ausgelacht, als ich ihm gesagt habe, er solle sich bitte für fünfundzwanzigtausend Dollar neue Rechner kaufen. Und jetzt stimmt seine fünf-Tonnen-Lieferung Gewächshaustomaten hinten und vorne nicht mit seinen Rechnungen überein. Wenn es nach ihm ginge, wäre der Versand seiner Lieferung 1980 erfolgt. Das ist doch lächerlich. Die Dinge sind total durcheinandergeraten, und das ist sicher erst der Anfang. Verfolgst du die Nachrichten?« »Wer hat denn Zeit für so was?« »Du denkst, daß wir unsere Probleme im Griff haben, gut und schön, aber für der Rest der Welt trifft das nicht zu. Gerade sind alle drei Flughäfen geschlossen worden.« »Junge, Junge«, sagte Spillman. »Mach dir keine Sorgen. Ich muß weitermachen. Denk an meine Kartoffelchips.« Spillman ging in das Büro von Amanda, seiner rechten Hand. Sie saß vor dem Fernseher. »Amanda?« Erschrocken hob sie den Kopf und sah ihn durch ihre Brille an. »Halb Japan hat keinen Strom mehr«, sagte sie. »Es ist wirklich erschütternd.« »Wie bitte?« »Ihr zentrales Banksystem ist abgestürzt.« »Was? Das kann doch nicht sein!« »In ganz Tokio stehen die Menschen vor den Banken Schlange, um an ihr Geld zu kommen. Dort ist es aber mitten in der Nacht, und es heißt, die Banken werden die nächsten drei oder vier Tage geschlossen bleiben. Die Leute stellen sich trotzdem an.«
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»So weit wird es bei uns bestimmt nicht kommen.« »Die Menschen haben Angst, Jon. Waren Sie heute morgen schon im Laden unten?« »Nein, ich habe versucht, mich um den Bestand zu kümmern.« »Ich glaube, es ist besser, wenn Sie Ihren Kopf wieder aus dem Bildschirm herausnehmen und mal einen Blick hinunterwerfen«, sagte sie. »Ich mußte schon die Polizei rufen. Es war nur ein Ladendieb, aber der war völlig verrückt.« »Warum haben Sie mich nicht informiert?« »Sie waren beschäftigt.« Amanda zog die Jalousien hoch. Unter ihnen lagen 7500 Quadratmeter Verkaufsfläche. Der Supermarkt war überfüllt mit Menschen, die sich für den Silvesterabend eindeckten. Spillman sah die langen Schlangen ängstlicher Kunden mit überfüllten Einkaufswagen, die sich vor den 24 Kassen gebildet hatten. Der Supermarkt lag mitten im Zentrum eines Viertels unterschiedlichster ethnischer Prägung. Hier vereinten sich Schwarze, Latinos und Weiße, Schwule, Reich, Arm und die Mittelschicht. An normalen Tagen kauften sie alle mehr oder weniger friedfertig nebeneinander ein. Wenn in dem Laden aber viel Betrieb herrschte, traten die Spannungen zutage, die direkt unter der Oberfläche lauerten. An manchen Tagen nannte Spillman seinen Laden den Psychodrama-Safeway. Vier Leute vom Wachpersonal waren ständig im Dienst. Da schulfrei war, war der Supermarkt an diesem Morgen voll von trötenden, konfettiwerfenden Jugendlichen, die durch das Viertel streiften. Die Wachleute hatten alle Hände voll zu tun. Spillman verstand, warum Amanda wegen eines jungen Ladendiebs und einem Sechserpack Bier die Polizei gerufen hatte.
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Doch die Ladendiebe waren nicht das einzige Problem. Die Kassen arbeiteten langsam. Die Überprüfung der Kredit- und Scheckkarten ging nur schleppend voran. Landesweit versuchten Tausende von Safewaykunden gleichzeitig, ihre Einkäufe mit einer Kreditkarte zu bezahlen. Die Rechner, die die Eingaben bearbeiteten, waren überlastet. Dazu kam, daß in den letzten zwei Wochen überdurchschnittlich viele Karten abgelehnt worden waren, weil einige Banken und Geldinstitute Karten ausgestellt hatten, die nicht Y2K-gerüstet waren. Mehrmals täglich mußte Spillman zu einer der Kassen hinuntergehen und irgendeinem armen Menschen erklären, warum seine Kreditkarte abgelehnt worden war. Anstatt ihnen in Fachchinesisch etwas von Computerinkompatibilität zu erzählen, machte er den Kunden aus der Nachbarschaft das Angebot, sich keine Gedanken zu machen, ihre Einkäufe mitzunehmen und am nächsten Tag mit einem Scheck vorbeizukommen. Das verschaffte ihm das gute Gefühl, sein Supermarkt sei der Tante-Emma-Laden an der Ecke, der von Menschen geführt wurde, und nicht die computergesteuerte Filiale eines gigantischen Konzerns. Was er aber an diesem Morgen in seinem Geschäft erblickte, schickte ihm kalte Schauer über den Rücken. Obwohl die Büros im Zwischengeschoß schallgedämpft waren, konnte er das Dröhnen der Einkaufswägen auf dem Linoleumboden und die tobenden Jugendlichen spüren. Der Fernseher in seinem Rücken verkündete eine unendliche Litanei von Horrormeldungen aus Japan. Spillman rief sich die langen Unterhaltungen wieder ins Gedächtnis, die er im Laufe des letzten Jahres mit Donald Copeland und Doc Downs geführt hatte. »Selbst wenn die Computer nicht zusammenbrechen«, hatte Doc vorausgesagt, »werden die Menschen trotzdem mit Panik rea-
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eieren, allein der hysterischen Stimmung wegen. Die Wahrheit ist irrelevant. Wichtig ist allein die Wahrnehmung.« Spillman ging gerade in sein Büro zurück, als es an einer der Expresskassen zu einem Zwischenfall kam. Eine Frau mittleren Alters wollte, offensichtlich in Eile, den Laden mit einem Obstkorb wieder verlassen. Sie zeigte der Kassiererin ihre elektronische Geldkarte und zog sie durch das Lesegerät. »Entschuldigen Sie, diese Karte kann ich nicht akzeptieren«, sagte die Kassiererin, so freundlich sie konnte. »Was soll das heißen, Sie können meine Karte nicht akzeptieren?« Die Kassiererin trug einen Anstecker mit einem lächelnden Gesicht, unter dem zu lesen war: »Hallo! Ich bin Denise.« Sie war an ihrem freien Tag hereingekommen, weil sie wußte, daß heute viel los sein würde. Denise war Hauptkassiererin und gehörte zu Spillmans motiviertesten Angestellten. Doch in diesem Moment wünschte sie, sie wäre zu Hause geblieben. »Es liegt nicht an Ihrer Karte«, sagte sie. »Es liegt an Ihrer Bank. Der Rechner akzeptiert keine einzige Karte Ihrer Bank.« »Lassen Sie mich doch meine Geheimnummer eintippen«, sagte die Kundin giftig und haute wild auf die Tastatur ein. Denise starrte auf die Anzeige ihre Registrierkasse, die Kundin starrte auf das digitale Display des Lesegerätes, und die Menge in der Schlange scharrte gemeinschaftlich mit den Füßen. Die Zeit dehnte sich ins Endlose. Endlich tauschten die beiden Frauen einen verlegenen Blick aus. Die Kassiererin hatte recht gehabt. Die Karte wurde abgelehnt. »Sie können bar oder mit Scheck bezahlen«, sagte De-
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nise. Die erniedrigte Kundin ließ wortlos ihre Einkäufe stehen und rauschte wütend hinaus. Achselzuckend tippte Denise den Code ein, der die Kasse für den nächsten Vorgang bereit machte, doch das Register reagierte nicht auf ihre Eingaben. Der Rechner stand. Auf der Anzeige leuchtete die Warnung auf: »Systemfehler. Systemfehler.« Denise Charlotte Mathews war Kassiererin, keine Computerexpertin, obwohl sie den ganzen Tag mit einem Computer zu tun hatte, der den Handelsfluß an ihrer Kasse beschleunigte. Auf der Prioritätenliste der Dinge, die ihre Leben bestimmten, rangierten Computer hinter der Hochzeit ihrer Tochter und vor der U-Bahn. Sie hatte keine Ahnung, wie Computer funktionierten, und es interessierte sie ebensowenig, wie sie wissen wollte, wie ihr Fernseher arbeitete. Der Computer war ein fester Bestandteil des Lebens, und das nahm Denise als gegeben hin. Zuhause in Queens hatte sie einen PC, und sie verbrachte viel Zeit damit, das Internet nach Pflanzen für ihren Garten zu durchforsten. Denise züchtete Rosen. Das Geld, das sie für ihre American Beauties benötigte, verdiente sie sich in der Tagesschicht im Supermarkt. Dort aber hing ihre Existenz allein von der einwandfreien Funktion eines Computers ab. Um 10.13 Uhr stürzte dieser Computer ab. Denise sah hinauf zum Zwischengeschoß am anderen Ende des Geschäftes und nahm das Mikrofon zur Hand. Ihre Stimme hallte durch die Lautsprecheranlage: »Computer steht. Den Geschäftsführer, bitte.« Als Spillman die Ansage hörte, rutschte ihm das Herz in die Hose. Über seine Tastatur rief er umgehend ein Programm auf, das ihm eine Kopie von Denises Register auf den Bildschirm holte, und dann ein Programm, das ihr Kassenterminal vom System trennte und es anschließend
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fehlerlos wieder anschloß. Es funktionierte nicht. Er konnte sie nicht trennen. »Systemfehler. Systemfehler.« »Ich kann bar bezahlen«, sagte der nächste Kunde zu Denise. »Ich mochte nur meine Bananen und die Cornflakes zum Frühstück mit nach Hause nehmen.« »Tut mir leid. Ich kann nicht rausgeben. Ich kann nicht mal die Schublade öffnen.« »Ich hab's passend, wenigstens einigermaßen.« Fest entschlossen, freundlich zu bleiben, sagte Denise lächelnd: »Natürlich, gerne.« Sie legte die Bananen auf die Waage. Der Computer war nicht in der Lage, das Gewicht zu ermitteln, und der Laser konnte den Strichcode auf der Cornflakespackung nicht abtasten. »Es funktioniert überhaupt nichts mehr«, sagte Denise. »Das ist noch nie passiert. Die Waage geht immer.« »Drei fünfundsiebzig für die Cornflakes und, sagen wir, einen Dollar fünfundzwanzig für die Bananen? Ist das in Ordnung?« fragte der Kunde. Vom Ende der Schlange ertönte eine barsche Stimme: »Nehmen Sie sein Geld und lassen Sie ihn geh'n. Herrje! Ich muß zur Arbeit.« Immer mehr Leute strömten in das Geschäft. Die Schlangen wurden länger, und ein kleines Mädchen fing an zu weinen. »Mama! Ich muß mal!« »Ist ja gut, Liebchen. Ich muß fragen, wo die Toiletten sind.« Die junge Mutter trat mit ihrer Tochter aus der Schlange und kam zur Kasse vor. Im gleichen Augenblick drehte sich die Kassiererin nebenan um und sagte: »He, Denise, jetzt ist meine Kasse auch abgestürzt.« Der Reihe nach drückten ausnahmslos alle Angestellten an den vierundzwanzig Kassen irgendwelche Tasten,
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klopften heftig auf ihre Rechner, murmelten Beschwörungsformeln und rollten mit den Augen. Alle Kassen standen still, und gleichzeitig griffen alle Kassierer und Kassiererinnen zu ihren Mikrofonen. »Entschuldigen Sie bitte, wo ist die Damentoilette?« Aus der Brotabteilung im hinteren Bereich des Supermarktes drang das unheilverkündende Geräusch rennender Füße, dann Rufe auf Spanisch und Englisch. Zwei Wachmänner stürmten an den Kassen vorbei, auf die Störung zu. »Die Damentoilette befindet sich rechts, beim Kundendienst«, sagte Denise zu der Frau, während sie zum Hörer griff. »Aber ich an Ihrer Stelle würde meine Tochter nehmen und machen, daß ich hier rauskomme.« Spillman konnte von oben beobachten, wie die zwei Wachmänner durch den Laden rannten. Sein Telefon klingelte. »Ja?« »Mr. Spillman, hier spricht Denise. Ich sitze heute morgen an Kasse eins. Alle Kassen stehen, und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Sogar die Waagen sind ausgefallen.« Noch ehe er antworten konnte, platzte Amanda in sein Büro und verkündete, in ihrer Abteilung seien alle drei Computerterminals abgestürzt. Der Safe ließ sich nicht mehr Öffnen. »Was soll das heißen, alle drei?« »Bestand, Lohnabrechnung und Umsatz und der laufende Betrieb, alle schwarz, Jon. Sie sind hinüber.« »Heiliger Moses!« Seine Assistentin lächelte. »Draußen steht ein Typ mit einem Plakat, auf dem steht HEUTE NACHT WIRD JESUS ERSCHEINEN. Sollen wir abwarten und um göttliche Hilfe bitten?«
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»Ich dachte, die hätten den Typen gestern mitgenommen.« »Er ist wieder da. Heute sind alle Irren dieser Stadt unterwegs. Von Minute zu Minute werden die Nachrichten schrecklicher. Sie haben die Flughäfen geschlossen. Und die Börse hat heute gar nicht erst eröffnet.« »Das ist alles egal«, sagte Spillman. »Wir müssen uns um unsere eigenen Probleme kümmern. Die verdammten Lesegeräte spielen verrückt, und ein paar Kinder machen Ärger«, und er fügte hinzu: »Das ist 'ne regelrechte Implosion!« »Können Sie sich die Steuerung der Lesegeräte denn nicht auf Ihren Bildschirm holen?« »Nein«, antwortete Spillman. »Das habe ich schon versucht.« »Was sollen wir nur tun?« Amandas hilflose Frage klang wie ein Stoßgebet. Spillman schüttelte den Kopf und biß sich auf die Lippe. Wie der Kapitän auf dem sinkenden Schiff brüllte er entschieden: »Rufen Sie Jersey an. Rufen Sie die Zentrale in Pleasanton an. Wenn die nicht wissen, was los ist, dann werden wir den Laden schließen müssen. Maurice aus dem Lager in Jersey glaubt, daß Y2K dran schuld ist. Rufen Sie ihn an.« »Mr. Spillman?« kam es aus dem Hörer an seinem Ohr. »Sind Sie noch dran?« »Ja, Denise. Sagen Sie den Kunden, unser System sei abgestürzt. In fünfzehn Minuten sollte alles wieder in Ordnung sein.« »Oh Gott! Fünfzehn Minuten sind in dieser Situation eine Ewigkeit. Die Leute sind absolut genervt.« »Ich weiß. Der Pöbel benimmt sich wie die Tiere. Sagen Sie's den anderen weiter. Sie sollen höflich, aber bestimmt bleiben. Sagen Sie den Kunden, sie sollen ihre Einkaufs-
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wägen stehenlassen und das Geschäft verlassen. Sagen Sie dem Wachpersonal, sie sollen niemanden mehr hereinlassen.« Ein paar Tage später würde der Geschäftsführer zu dem Schluß kommen, daß er genau in diesem Augenblick Zeit und Raum angehalten hätte, wenn er die göttliche Macht dazu besessen hätte. Von oben beobachteten Spillman und seine Assistentin, was unten im Verkaufsraum geschah, noch bevor seine Anweisungen hätten ausgeführt werden können. Während Denise das Kassenpersonal um sich versammelte, boxten sich zwei jugendliche Mädchen, die Arme vollgeladen mit Bier und Chips, durch die Schlange an der Expresskasse und stürzten auf die nördlichen Ausgänge zu. Ein Wachmann war ihnen dicht auf den Fersen. Im Zickzack ging die wilde Jagd durch erschreckte Kunden, Einkaufswägen und die Ständer mit Verkaufsschlagern. An der Tür ließen die Mädchen ihre Beute fallen und rannten hinaus. Der Wachmann blieb japsend zurück. Ein Mann in sportlichem Mantel und Krawatte nutzte die Aufregung am Nordende und die Tatsache, daß die Kassen verlassen waren. Er schob seinen übervollen Einkaufswagen an der Kasse vorbei und zum Südausgang hinaus. Die nächste Kundin in der Schlange folgte seinem Beispiel. Sie besaß die Geistesgegenwart, sich dreist über die Kasse zu lehnen und noch eine Handvoll Plastiktüten zu greifen, ehe sie hinaus auf den Gehweg verschwand. Hinter ihr erkannten zwei farbige Gangstas, Typen aus der Dominikanischen Republik, daß die Überwachung augenscheinlich zusammengebrochen war. Sie schlenderten zu einem aufwendigen Verkaufs Ständer mit Sekt und Champagner, füllten ihren Einkaufswagen voll mit Champagnerflaschen und schoben ihn auf die Ausgänge zu.
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»He!« rief eine stämmige Wächterin, als sie die Schlange mit den Gelegenheitsdieben entdeckte. »He!« Einer der Gangstas blieb stehen und ließ eine Champagnerflasche mit einem perfekten Wurf, der einem Paß des Footballstars Joe Narmath zur Ehre gereicht hätte, durch die Luft segeln. Die Flasche traf die Wächterin direkt vor der Brust. Mit einem Schrei ging die Frau zu Boden. Die Flasche explodierte. Der gewaltige Knall war Auslöser einer ersten Panikwelle, die sich augenblicklich durch den vorderen Teil des Supermarktes wälzte. Menschen trampelten nach vorne, auf beide Ausgänge zu. Dort stießen sie mit denen zusammen, die hineinwollten. Das Ergebnis war noch größere Panik, Gedränge, Geschiebe, Schreie und Fausthiebe. Binnen Sekunden hatte sich der friedliche Supermarkt in einen Hexenkessel verwandelt. Am Ende der Schlange an der Expresskasse stellte ein Mann mit zwölf Ohrringen und unzähligen Tätowierungen seinen Einkaufswagen auf den Kopf und leerte den Inhalt systematisch auf den Boden. Der Mann vor ihm quietschte entzückt auf und schoß eine Dose Nudelsuppe mit Hühnchen in die Glasfront eines Kühlschrankes. Die Türen splitterten. Die Kassierer und Kassiererinnen stürzten ausnahmslos in den hinteren Teil des Geschäftes und brachten sich auf den Personaltoiletten in Sicherheit. Die Wachleute formierten sich wieder, schoben sich durch die Menge und stürmten die Südtüren. Sie versuchten, die Kunden im Inneren vom Stehlen und alle anderen vom Betreten des Supermarktes abzuhalten. Inmitten des Gemenges zog einer der Wachmänner aus einem Schulterhalfter eine Pistole, die er gar nicht haben sollte. Ein Kunde schlug sie ihm aus der Hand und hob sie auf. Mit einem ohrenbetäubenden Knall zerriß ein Schuß 40 Quadratmeter gefärbtes Schaufensterglas. Sonnenlicht ergoß
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sich in den vorderen Teil des Geschäftes. Es war ein schöner Tag, hell und klar. Der Blick führte hinaus auf die Straße und den übervollen Gehsteig. Dort herrschte das offene Chaos. Supermarktkunden stürzten panisch aus dem Geschäft ins Freie. Sie verstopften die Gehsteige und ergossen sich auf die belebte Kreuzung. Direkt vor dem Geschäft blickte der zerlumpte Unheilverkünder mit seinem HEUTE NACHT WIRD JESUS ERSCHEINEN-Schild durch die zerfetzte Scheibe und erlebte seinen ganz persönlichen transzendenten Jahrtausendmoment. Die Kugel war durch das Schaufenster und durch sein Schild gefahren und hatte seinen Kopf nur um Zentimeter verfehlt. Er sank auf die Knie und begann zu beten, während verzweifelte Kunden um ihn herumwirbelten. Zwei ältere dominikanische Damen ließen sich neben ihm nieder und stimmten in seine Gebete ein. Im Supermarkt rasten Menschen durch die Gänge und griffen sich die Lebensmittel aus den Regalen, als wäre heute alles umsonst. Schreie, wildes Gelächter, Panik, Zusammenbrüche. Spillman beobachtete das gesamte Inferno auf seinen Überwachungsmonitoren. Unsicher, wen er zuerst anrufen sollte, griff er zum Telefon. Die Polizei, den Vertriebsleiter in Jersey oder das fünftausend Kilometer entfernte Rechenzentrum von Safeway in Pleasanton, Kalifornien? Unter ihm brach in einer neuen Schlange eine Prügelei aus. Schnell wählte er die Nummer der Polizei. »No