In jeder Generation gibt es nur eine Jägerin... Irgendetwas Unheimliches und äußerst Bösartiges macht Jagd auf Sunnydal...
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In jeder Generation gibt es nur eine Jägerin... Irgendetwas Unheimliches und äußerst Bösartiges macht Jagd auf Sunnydales Schüler – und was auch immer es ist, es geht mit bestialischer Raffinesse vor. Spätestens als die Jägerin auf eine Grube voller abgenagter Menschenknochen stößt, wird ihr klar, dass sie es mit einer übernatürlichen Ausgeburt des Bösen zu tun hat. Ein Fall für die Scooby-Gang, nur leider stecken Buffys Freunde gerade selber in ziemlichen Schwierigkeiten. Oz und Xander sind regelrecht verzaubert von einer superheißen Mädchenband, die im Bronze gastiert, und Willow gerät in die Fänge einer mysteriösen Horde von Menschenfressern... Jetzt hängt alles von der Jägerin ab. Doch bevor Buffy ihren Freunden zu Hilfe eilen kann, muss sie gegen einen legendenumwobenen Vampir antreten – einen Vampir, der dem Licht der Sonne zu trotzen vermag, der jedem Bannspruch widersteht schier unglaubliche Kräfte besitzt und zudem noch ein ausgeprägtes Interesse an Joyce Summers zu haben scheint...
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John Passarella
Blanke Knochen Aus dem Amerikanischen von Michael Neuhaus
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Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Buffy, im Bann der Dämonen. – Köln: vgs Blanke Knochen / John Passarella. Aus dem Amerikan. von Michael Neuhaus. – 1. Aufl. – 2001 ISBN 3-8025-2842-5 Das Buch »Buffy – Im Bann der Dämonen. Blanke Knochen« entstand nach der gleichnamigen Fernsehserie (Orig.: Buffy, The Vampire Slayer) von Joss Whedon, ausgestrahlt bei ProSieben.
© des ProSieben-Titel-Logos mit freundlicher Genehmigung der ProSieben Television GmbH Erstveröffentlichung bei Pocket Books, New York 2000. Titel der amerikanischen Originalausgabe: Buffy, The Vampire Slayer. Ghoul Trouble. ™ und © 2001 by Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.
1. Auflage 2002 © der deutschsprachigen Ausgabe: Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH Alle Rechte vorbehalten. Produktion: Wolfgang Arntz Lektorat: Almuth Behrens Umschlaggestaltung: Sens, Köln Titelfoto: © Twentieth Century Fox Film Corporation 2000 Satz: Kalle Giese, Overath Druck: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 3-8025-2842-5
Besuchen Sie unsere Homepage im WWW: www.vgs.de 4
Prolog Nicht weit hinter ihm schlugen die Wellen des Ozeans an die Mole von Sunnydales heruntergekommenem Hafenviertel. Und nur wenige Meter vor ihm erhellte die grell flackernde Neonbeleuchtung des EZ Rider Saloon die Nacht, einer Kneipe, deren Kundschaft fast ausschließlich aus Bikern bestand. Auf einem Schotterparkplatz standen, in Reih und Glied und mit beinahe militärischer Akkuratesse, etwa ein Dutzend schwerer Maschinen, allesamt nur so strotzend vor glänzendem Chrom. Der Saloon selbst war mehr schlecht als recht aus Ziegelsteinen und Spanplatten zusammengezimmert, erstere mit einem schwarzen Anstrich versehen, letztere von einem hässlichen Grün. Die Logos verschiedener Biermarken zierten als Leuchtreklame die schmalen Fenster. Das beständige Summen der Neonröhren klang wie ein Schwarm wütender Wespen. Mit lässigen, weit ausholenden Schritten steuerte Solitaire auf die Kneipe zu. Sein schwarzer Mantel flatterte im Wind und gab den Blick frei auf das schwarze Hemd, die ebenfalls schwarzen Hosen und die rote Lederweste. Es war eine jahrhundertealte Marotte von ihm, sich stets in Schwarz und Rot zu kleiden, den Farben eines Kartenspiels. Seine schwarzen Stiefel schienen kaum den Boden zu berühren, als er, so gut wie lautlos und immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die in Beton gegossene Treppe emporhuschte. Er stieß die Schwingtür des Saloons auf und trat ein. In dem schummrigen Licht, das in der verräucherten Spelunke herrschte, konnte Solitaire dreizehn ausgesprochen unfreundlich wirkende Biker erkennen. Für viele Menschen ist die Zahl Dreizehn eine Unglückszahl, dachte er bei sich. Möglicherweise aus gutem Grund. Er kicherte stillvergnügt in sich hinein, während er die Hände aneinander rieb und spürte, 5
wie freudige Erwartung in ihm aufstieg, in einem Maße, wie er es seit über einem Jahrhunden nicht mehr empfunden hatte. Wie sehr hatte er Herausforderungen dieser Art vermisst, aber die verschwindend geringe Zahl an ernst zu nehmenden Gegnern war nicht eben inspirierend gewesen. Doch das sollte sich nun ändern. Hier, in Sunnydale, warteten Gegenspieler auf ihn, die sich seiner Fähigkeiten zweifellos als würdig erweisen würden. Dennoch war er realistisch genug sich einzugestehen, dass er nach all den Jahren des ziellosen Tötens – kaum mehr als ein paar Fingerübungen, wenn er ehrlich sein wollte – nicht gerade in Höchstform war. Menschliche Faustkämpfer, Boxer, trainierten ihre Fertigkeiten mit Hilfe von Sparringspartnern, und Solitaire war sich durchaus nicht zu schade für ein kleines Übungsgefecht, um sein ursprüngliches Kampfpotenzial wiederzuerlangen. Okay, legen wir die Karten offen auf den Tisch, sagte er sich eingedenk seines angenommenen Namens... Abschätzend wanderte sein Blick über die Gruppe von Menschen, suchte nach einem Ziel. Gleichzeitig sondierte er das Terrain, das schon bald zur Kampfarena werden sollte. Die meisten der Biker lungerten in der Nähe der drei Billardtische herum, kippten Flaschenbier in sich hinein oder versenkten zielsicher ihre Spielkugeln. Fast alle hatten eine Zigarette zwischen den Fingern oder im Mundwinkel, bis auf einige wenige, die es vorzogen, sich an billigen Zigarren festzuhalten. Egal, ob sie sich für ein Leder- oder ein Jeansoutfit entschieden hatten, in jedem Fall zierte die Rückenpartie ihrer Jacke ein in Flammen stehender Totenkopf. Solitaire hatte das Gefühl, dass sich dieses Erkennungszeichen der Gang heute Abend als geradezu prophetisch erweisen würde. Hinter dem schmalen Tresen, kaum mehr als eine Ladentheke, stand ein einsamer Barkeeper und polierte mit einem schmierigen alten Lappen Gläser. Aus einer vorsintflutlichen Jukebox gegenüber der Eingangstür dröhnte 6
›Don’t Fear the Reaper‹ von Blue Oyster Cult. Solitaire fand, dass dieser Song über den Sensenmann als Sounduntermalung nicht die schlechteste Wahl war. Auf einem Barhocker in der hinteren Ecke des EZ Rider Saloon thronte, einen Ellbogen auf die Fensterbank gelehnt, ein besonders prächtiges Bikerexemplar, mit beinahe schenkeldicken Oberarmen und einem Brustumfang, den seine knopflose schwarze Lederweste kaum zu umfassen vermochte. Mit einer Hand hielt er den Griff eines Bierkrugs umfasst, der auf seiner beeindruckenden und von dichtem Haar überwucherten Wampe ruhte. Direkt neben ihm stand ein drahtig wirkender Mann, dessen Haut in Farbe und Beschaffenheit ungegerbtem Leder glich. An seinen Stiefeln befanden sich tatsächlich Sporen. Als er die Geschichte, die er offensichtlich soeben erzählte, in einer unzweideutigen Hüftbewegung gipfeln ließ, brach der Fleischklops auf dem Barhocker in dröhnendes Gelächter aus. Der Inhalt seines Krugs schwappte bedrohlich hin und her, und Bierschaum platschte auf seinen pelzigen Bauch, was er jedoch kaum zur Kenntnis nahm. Jedenfalls schien es ihn nicht weiter zu stören. Solitaire steuerte auf den nächstbesten Biker zu und sprach ihn an, genau in dem Moment, als dieser im Begriff stand, die Neunerkugel in das Eckloch zu schicken: »Kannst du mir sagen, wo ich Warhammer finde?« Eine große Narbe, wahrscheinlich von irgendeiner Messerstecherei herrührend, zog sich längs über die rechte Wange des Rockers und wies wie ein Pfeil auf das darüber liegende schielende Auge. Knapp oberhalb der Brusttasche seiner zerschlissenen Jeansjacke war sein Name – CYCLOPS – aufgestickt. Solitaire nahm an, dass es sich bei dem rechten Auge des Bikers um ein Glasauge handelte. »Verpiss dich!«, gab Cyclops barsch zur Antwort und bekräftigte seine Aufforderung mit einem gewaltigen Rülpser. Während ein fetter Biker, der an der anderen Seite des Tisches 7
stand, sich glucksend über die rüde Abfuhr amüsierte, die sein Kumpel dem Neuankömmling erteilt hatte, beugte sich Cyclops vor und setzte erneut zum Stoß an. Mit dem gesunden Auge zwinkerte er seinem wohlgenährten Partner zu: »Diesen Komikern aus der Stadt darf man bloß nichts durchgehen lassen, Hef.« Solitaire riss dem Einäugigen den Queue aus der Hand, drehte sich einmal um die eigene Achse und ließ den Stock mit Schwung in Cyclops Kniekehlen krachen. Mit einem lauten Grunzen und einem noch lauteren Fluch ging der Biker zu Boden. Sofort kam Hef um den Tisch herumgeschossen. »Hey! Was zur Hölle...?« Noch bevor er den Satz zu Ende sprechen konnte, rammte ihm Solitaire das dicke Ende des Queues in den schwabbelnden Fettbauch. Schmerzgekrümmt sackte Hef in sich zusammen und war zu weiterem Protest nicht mehr in der Lage. »Hey, du Arsch«, brüllte der Barkeeper, »du bist gerade dabei, dir Riesenärger einzuhandeln. Besser, du haust schleunigst ab, bevor sie dich mit den Füßen voran hier raustragen.« Solitaire wirbelte herum und zielte, unverkennbar in der Absicht, den Queue wie einen Speer in Richtung Theke zu schleudern. Der Barkeeper stieß einen entsetzten Schrei aus und ließ sich augenblicklich zu Boden fallen. In der nächsten Sekunde zerbarst über ihm der nikotinverschmierte Thekenspiegel und prasselte in tausend Stücken auf ihn herab. Das Spiegelbild des Speerwerfers war in ihm nicht zu erkennen gewesen. Mit rasselnden Stiefelsporen und breitbeinig wie ein Cowboy kam nun der lederhäutige Typ herangeschlurft. Solitaire wäre beinahe in lautes Gelächter ausgebrochen, wollte sich den Spaß jedoch nicht verderben. Knapp zwei Armlängen vor ihm blieb Lucky Luke stehen und zückte ein Schnappmesser. 8
»Wo hast du dein Schießeisen gelassen, Cowboy?«, fragte Solitaire spöttisch. »Man nennt mich Loon, den Irren«, gab der Biker zurück. »Und willst du wissen, warum? Weil ich verrückt genug bin, die Fressen von Typen wie dir zu tranchieren wie einen Weihnachtsbraten. Hast du noch einen letzten Wunsch, bevor ich mit meiner kleinen Operation beginne?« »Ich bin wegen Warhammer hier«, erwiderte Solitaire. »Der Rest von euch kann von mir aus weiterleben.« Solitaire konnte förmlich spüren, wie Cyclops und Hef sich ihm von hinten näherten, wahrscheinlich in der Absicht, ihn an den Armen zu packen und festzuhalten, sodass Loon mit seinem Schnappmesser leichtes Spiel hatte. Da meldete sich der annähernd fassförmige Biker auf dem hinteren Barhocker zu Wort. Er balancierte noch immer den Bierkrug auf seiner dicht behaarten Plauze. »Ich bin Warhammer«, rief er aus seiner Ecke heraus. »Wie kommst du eigentlich darauf, ich könnte meine Zeit damit vergeuden wollen, dir die Seele aus deinem jämmerlichen Kadaver zu prügeln?« »Ich kann ja verstehen, dass du Schiss hast«, grinste Solitaire. »Angst ist eine ganz natürliche Reaktion.« Wieder ließ der Biker sein dröhnendes Gelächter erschallen, und einmal mehr geriet der Krug auf seinem fetten Bierbauch merklich ins Schwanken. »Wohl kaum«, entgegnete er dann. »Du willst dich tatsächlich mit mir anlegen? Kein Problem. Nur leider musst du erst einmal an diesen... Gentlemen vorbei.« Einige der so genannten Gentlemen prusteten laut los. »Ist mir ein Vergnügen.« »Okay, dann mal los«, nickte Warhammer nach einem kurzen Moment des Schweigens. »Du bist noch viel dümmer, als ich dachte.« Konziliant breitete er die Arme aus. »Stell dich darauf ein, dass das, was von dir übrig bleibt, wenn ich mit dir
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fertig bin, kaum ausreichen dürfte, um sich die Stiefel daran abzutreten.« Loon grinste mit einem leichten Nicken dem Biker zu, der, wie Solitaire wusste, links hinter ihm stand. Solitaire brauchte sich nicht einmal umzusehen. Er kam gar nicht umhin, den biergeschwängerten Atem des Mannes zu riechen, das leise Klopfen seines beschleunigten Herzschlags zu spüren. Als Loon Anstalten machte, sich mit gezücktem Messer auf ihn zu stürzen, ließ Solitaire blitzschnell den linken Arm hervorschnellen, umfasste das Handgelenk des Rockers und drückte erbarmungslos zu. Knochen splitterten. Ein hässliches Geräusch. Mit der anderen Hand packte er den MöchtegernCowboy an der Schulter und riss ihn nach vorn. Der Biker geriet ins Straucheln und taumelte unkontrolliert an ihm vorbei. Das ausgeklappte Schnappmesser bohrte sich tief in Cyclops gesundes Auge. Na ja, dachte Solitaire, ›gesund‹ ist wohl jetzt der falsche Ausdruck. Loon ließ das Messer los und hielt sich vor Schmerz jaulend die zerquetschte Schulter. Und Cyclops fiel um wie ein gefällter Baum und schlug dumpf auf den Boden, die Klinge im Schädel. Von der anderen Seite her griff nun Hef an, schloss seine fleischigen Hände zum Würgegriff um Solitaires Hals. Solitaire bog einen von Hefs Fingern zurück, bis es laut knackte. Dann einen weiteren. Erst beim dritten Finger dämmerte es Hef, dass Solitaire soeben dabei war, ihm alle Finger zu brechen, einen nach dem anderen. Entsetzt ließ er los. Ohne sich umzudrehen, rammte ihm Solitaire den Ellbogen in das aufgedunsene Gesicht und trieb Hefs Nasenbein zurück in den Schädel. Ein weiterer Körper sank wie tot zu Boden. Doch schon kam der vierte Biker herangestürmt. Wütend schlug er den grünen Billardfluter zur Seite, sprang auf den nächstgelegenen Pooltisch und warf sich dem Eindringling mit einem Hechtsprung entgegen. Solitaire erwischte den heranfliegenden Angreifer an Kragen und Gürtelschnalle und 10
verlängerte seine Flugbahn um die wenigen Meter bis zur Jukebox, wo er unter lautem Getöse eine Bruchlandung hinlegte. Die bunte Glasabdeckung zersplitterte, und die Musik erstarb. Funken sprühten. Das Gesicht des Bikers war eine einzige blutüberströmte Ruine. Vier erledigt, noch acht weitere bis zu Warhammer. Er fragte sich, ob sie überhaupt noch Lust verspürten, dieses kleine Gemetzel fortzusetzen. Andererseits benötigte man für die Einsicht, dass ein geordneter Rückzug bisweilen die klügere Wahl war, zumindest einen Hauch von Intelligenz. Also nahm Solitaire an, dass diese Jungs allesamt bis zum bitteren Ende weiterkämpfen würden. Warhammer war von seinem Barhocker aufgesprungen; die selbstgefällige Teilnahmslosigkeit in seinen Zügen war inzwischen, wenn schon nicht gespannter Aufmerksamkeit, so doch immerhin einem Ausdruck verhaltenen Respekts gewichen. Sehr gut, dachte Solitaire. Endlich kam Bewegung in die Sache. Zwei weitere Biker versuchten nun, Solitaire in die Zange zu nehmen, jeder von ihnen bewaffnet mit einem Queue, den die beiden wie Baseball-Schläger vor sich herschwangen. Solitaire wartete, bis der erste von ihnen sich mit lautem Gebrüll auf ihn stürzte. Sein Arm zuckte hoch, und mit einem raschen Handkantenschlag zerteilte er den Billardstock in zwei sauber getrennte Hälften. In derselben Sekunde sprang er zur Seite und trat dem anderen Biker, bevor dieser überhaupt dazu kam, zum Schlag auszuholen, gegen die Brust. Brutal knallte der Rocker gegen die Wand und sank stöhnend vornüber, die Hände auf mindestens ein halbes Dutzend gebrochene Rippen gepresst. Sofort wandte sich Solitaire wieder dem anderen Angreifer zu, der immer noch seine nunmehr halbierte Schlagwaffe umklammerte. Mit brutalem Griff riss er ihm den Arm herum, der knirschend aus dem Schultergelenk sprang, brachte den fassungslosen Mann in Position und schmetterte ihn, mit dem Kopf voran, ebenfalls gegen die Wand. 11
Als Solitaire sich wieder aufrichtete, sah er gerade noch die Umrisse eines mit Stahlkappen verstärkten Stiefels auf seine Weichteile zuschießen. Doch seine Reflexe waren schneller. Er packte den Stiefel mit beiden Händen, riss ihn mit einem kräftigen Ruck herum und zwang den Fuß aus seinem Gelenk. Im nächsten Augenblick lag der Biker brüllend am Boden. Er wand sich vor Schmerz. »Hör auf! Bitte! Bitte – hör auf!« So sehr Solitaire die Qualen des Mannes auch genoss, ein derartiges Geheule war selbst für seine Ohren zu viel. Nun war er es, der zu einem Tritt ausholte – mit dem Unterschied, dass sein Stiefel das Ziel auch fand. Mit der Wucht eines Hammers traf sein Fuß den Mann an der Schläfe. Das Gejammer verstummte augenblicklich. »Schon besser«, stellte Solitaire befriedigt fest. Da stürzte sich ein weiterer Biker auf ihn und schrie: »Du hast Spud umgebracht!« In blinder Wut holte er mit seiner Bierflasche aus, doch Solitaire duckte sich nur, umfasste den Angreifer an der Taille, warf ihn herum, ließ ihn auf die Kante eines Billardtisches krachen und brach ihm das Rückgrat. Der Nächste, der sich ihm entgegenstellte, war ein Rocker namens Viper. An jeder seiner Hände steckte ein Schlagring mit spitzen Dornen aus Eisen. »Die Dinger sind maßgefertigt«, erklärte er stolz. »Damit kann man sich seine ganz persönlichen Hamburger kreieren.« Er stieß einen wilden Schrei aus und ging mit fliegenden, stachelbewehrten Fäusten auf den Gegner los. Solitaire riss einen Queue von der Wand und stieß ihn dem heranstürmenden Biker mit der Spitze voran in die Eingeweide. Als Viper benommen zurücktaumelte, schwang Solitaire den Stock herum, packte ihn am dünnen Ende, ließ ihn in hohem Bogen durch die Luft sausen und zerschmetterte dem Mann das Nasenbein. Viper ging zu Boden und blieb winselnd liegen. Dann schnappte sich Solitaire die weiße Spielkugel und die schwarze Acht. Erstere schleuderte er mit einer Kraft und 12
Genauigkeit, die ihn zweifellos als Spieler in der Baseball-Liga qualifiziert hätten, dem erstbesten Biker an den Kopf und sorgte so für eine weitere zertrümmerte Nase. Mit der Achterkugel holte er einem anderen Rocker die Schneidezähne aus dem Kiefer. Geifernd und jaulend vor Schmerz presste der Biker die Hände vor den Mund. Blutige Speichelfäden rannen durch seine Finger. Ein wohlplatzierter Tritt gegen seinen Kopf bereitete dem Elend ein Ende. Nur noch ein einziger Mann stand zwischen Solitaire und Warhammer. Er war groß, doch von gebeugter Statur, hatte eine auffällige Hakennase und einen enormen Schmerbauch, der seine Gürtelschnalle in Form des Staates Texas fast völlig verdeckte. Ein aufgenähter Flicken auf seiner Jacke verriet, dass sein Name Hawk war. Hawk machte einen ausgesprochen siegessicheren Eindruck. Im nächsten Moment wusste Solitaire auch, wieso. Der Biker zog einen 357er Revolver aus einem Schulterholster und grinste wie ein Varieteekünstler, der soeben einen Blumenstrauß aus dem Ärmel seines Smokings gezaubert hatte. Die Mündung seiner Waffe zielte genau auf Solitaires Brust. »Das Spiel ist aus, Mann!« Solitaire sah, wie sich der Finger des Mannes zitternd um den Abzug krümmte, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Seine eigenen Hände dagegen bewegten sich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit. Seine Rechte schnellte nach vorn, schloss sich blitzschnell um Hawks Ellbogen; gleichzeitig packte er mit der Linken dessen Handgelenk, bog den Unterarm des Bikers nach oben und drückte den Lauf der Waffe herum, weiter, immer weiter, während sich der zitternde Finger immer enger um den Abzug legte. Der Schuss ging los, als sich die Mündung der Magnum genau unter Hawks Kinn befand. Breiige Klumpen von etwas, das einmal Hawks Gehirn gewesen war, klatschten an die Wand. Leblos sank Hawk zu Boden. 13
»Wie ich schon sagte, Angst ist eine ganz natürliche Reaktion«, wiederholte Solitaire. Ein Dutzend Männer lag im Raum verstreut, einige tot, andere dem Tode nah. Der Rest benötigte, dem schwachen Winseln und Stöhnen nach zu schließen, dringend medizinische Versorgung. »Mir machst du so leicht keine Angst«, erwiderte Warhammer und stellte damit lediglich unter Beweis, dass sein eigenes Gehirn bereits ähnliche Verfallserscheinungen aufwies wie das von Hawk. Er war ungefähr genauso groß wie Solitaire, doch um einiges korpulenter, besonders was den Brustumfang und die Oberarme betraf. »Fang auf!«, rief er plötzlich und warf Solitaire den halb vollen Bierkrug an den Kopf. Mit einer raschen Handbewegung schlug Solitaire das Geschoss zur Seite und rechnete damit, im nächsten Moment den schwergewichtigen Biker wie einen tobenden Bullen auf sich zustürmen zu sehen. Stattdessen jedoch langte Warhammer nach hinten, packte den Barhocker an zwei Beinen, hob ihn hoch über den Kopf und ließ ihn wie einen Schmiedehammer auf Solitaire herabfahren, wohl in der Hoffnung, ihm mit einem einzigen vernichtenden Schlag den Schädel einzuschlagen – eine Kampftaktik, die ihm wahrscheinlich auch seinen Künstlernamen eingebracht hatte. Doch Solitaire wich leichtfüßig aus und trat Warhammer aus der Drehung heraus gegen die Außenseite seines linken Knies, das daraufhin in einem unmöglichen Winkel nach innen knickte. Warhammer brüllte vor Schmerz laut auf und holte zu einem gewaltigen Rundumschlag mit der Rechten aus. In seiner blinden Wut schien er jedoch jedes Augenmaß verloren zu haben, was Solitaire Gelegenheit gab, einen weiteren Treffer zu landen, diesmal in die rechte Niere seines Gegners. Wie ein nasser Sack ging der Biker zu Boden, schaffte es aber noch, beide Arme um Solitaires Wade zu schlingen und ihn mit 14
einem kurzen Ruck zu Fall zu bringen. Solitaire knallte hart mit dem Hinterkopf gegen die Kante eines Billardtisches, und schlagartig, für den Bruchteil eines Augenblicks, gingen bei ihm sämtliche Lichter aus. Dieser kurze Moment reichte aus, um Warhammer wieder auf die Beine kommen zu lassen. Unter vollem Einsatz all seiner Pfunde und Kilos stürzte er sich auf den niedergestreckten Gegner, hockte sich rittlings auf ihn und schlang ihm seine fleischigen Hände um den Hals. Zum ersten Mal an diesem Abend befand sich Solitaire in einer Lage, die den Einsatz besonderer Mittel erforderte, und die Verwandlung vollzog sich mit erschreckender Geschwindigkeit. Solitaires Gesichtszüge verzerrten sich, in seine Augen trat ein gelbliches Glühen, und geifernde Fänge schoben sich vor die zurückweichenden Lippen. Dann drang ein gefährliches Knurren aus seiner Kehle. Warhammer erstarrte, seine Kinnlade sackte herab. »Was zum Teufel...?« Solitaire verlor nicht eine Sekunde. Er krallte seine Finger ineinander, riss beide Arme mit unmenschlicher Kraft nach oben und sprengte Warhammers eisernen Griff. Dann ließ er seine Rechte aufwärts schnellen und rammte dem Biker seinen Handballen unters Kinn. Warhammers Mund klappte laut wieder zu. Dann bearbeitete er das Gesicht des Rockers mit einer Serie kurzer rechter und linker Haken, bis Warhammer schließlich nach hinten kippte. Blut sickerte aus seiner gebrochenen Nase und den zahlreichen Platzwunden. Mit hektischen Bewegungen, deren Sinn Solitaire zunächst verborgen blieb, fummelte der Biker an seinem Hosenbein herum. Plötzlich hielt er ein Jagdmesser in der Hand, das offensichtlich in einem seiner Stiefel gesteckt hatte. Solitaire trat ihm mit Knochen zermalmender Gewalt gegen das Handgelenk, und klirrend landete die Klinge auf dem Boden. Dann schlug er sie mit der Hand außer Reichweite. 15
Der Biker rollte zur Seite und robbte verzweifelt auf Hawks leblosen Körper zu, wo noch immer die Magnum lag. Solitaire sprang auf, packte ihn mit der Linken an den Haaren und krallte seine Rechte in den schon angegrauten Bart des Rockers. Warhammers Finger verkrampften sich, als Solitaire ihm mit einem brutalen Ruck das Genick brach. Bis zur Waffe wären es nur wenige Zentimeter gewesen. Triumphierend positionierte Solitaire seinen Stiefelabsatz auf dem Gesicht des Mannes und fischte eine Spielkarte aus seiner roten Weste. Kreuzkönig. Mit einer lässigen Handbewegung ließ er die Karte auf den leblosen Körper hinabsegeln. »Du wurdest maßlos überschätzt, Warhammer«, murmelte er. Doch das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Immerhin hatte Warhammer es geschafft, ihn zumindest einen Augenblick lang in echte Bedrängnis zu bringen – und das, obwohl er nur ein Mensch war. Solitaire hatte erst seine Fangzähne zeigen müssen, um wieder die Oberhand gewinnen zu können. Der Kämpfer in ihm konnte über diese Unzulänglichkeit nur schwerlich hinwegsehen. Derartige Schnitzer konnte er sich nicht erlauben, nicht, wenn es um einen wirklich hohen Einsatz ging. Und schon gar nicht, wenn er die bevorstehende Schlacht gewinnen, die einzigartige Herausforderung meistern wollte, der er sich in Kürze stellen wollte. Er ließ seine Fingerknöchel knacken. »Ich bin wohl ein wenig aus der Übung.« Langsam schlenderte er zur Eingangstür zurück und stieg gedankenverloren über ein paar ächzende und stöhnende Biker hinweg. Nicht ein einziger unternahm den Versuch, ihn aufzuhalten. Diejenigen, die noch bei Bewusstsein waren, verspürten lediglich unsägliche Erleichterung, als sie ihn aufbrechen sahen. Wie glücklich würden sie erst sein, wenn der Schmerz nachließ... Als Solitaire endlich zur Tür hinaus war, tauchte hinter der Theke der Kopf des Barkeepers auf. Er benötigte einige Zeit, um das ganze Ausmaß des Blutbads zu
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erfassen, das Solitaire angerichtet hatte. Mit zitternden Händen griff er zum Telefon. Draußen auf dem Schotterparkplatz des EZ Rider blieb Solitaire einen Moment lang stehen und ließ den Blick über die chromblitzenden und mit zahllosen Grateful-Dead-Aufklebern übersäten Motorräder wandern. Dann setzte er seinen Fuß auf den ledernen Sitz der vorderen Maschine und versetzte ihr einen kräftigen Stoß. Sie fielen allesamt um wie Dominosteine, eine nach der anderen. Ihr kreischender Protest, das schrille Aufbegehren malträtierten Stahls, war schon längst verklungen, als aus der Ferne Sirenengeheul ertönte. Abgesehen von der Erkenntnis, dass Solitaires kämpferische Fähigkeiten ein wenig Feinschliff benötigten, war die Begegnung mit Warhammer alles in allem eher eine Enttäuschung gewesen. Menschen waren eben naturgemäß schwach, und damit keine ernst zu nehmenden Gegner. So viel Fleisch und Blut und druckempfindliches Gerippe. Dennoch war er fest davon überzeugt, dass die Jägerin eine größere Herausforderung darstellen würde. Vielleicht sogar die größte überhaupt. Ja, dachte er, und verzog die Lippen zu einem Grinsen. Es ist ein gutes Gefühl, wieder im Rennen zu sein. Er verließ den Schotterplatz und lenkte seine Schritte auf die zweispurige Bundesstraße, hinter sich die Docks und vor sich die aufgehende Sonne. Für einen kurzen Moment hielt er noch einmal inne, blinzelte und stieß ein leises Fauchen aus. Dann griff er in die Innentasche seines Mantels und zog eine Sonnenbrille hervor. Seufzend setzte er sie auf und marschierte weiter, dem Licht des anbrechenden Tages entgegen.
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1 Es begann wie eine ganz gewöhnliche Routinepatrouille über den Friedhof – falls es so etwas überhaupt gab –, bis zu dem Augenblick, als es dem grobschlächtigen Vampir, bezeichnenderweise in einem Footballtrikot mit dem Schriftzug UC Sunnydale, gelang, Buffys Schrittkombination zu parieren. Er schleuderte sie zurück, und strauchelnd knallte die Jägerin mit dem Kopf an den Grabstein hinter sich. Wie betäubt sank Buffy zu Boden, viel zu benommen, um weitere Gegenwehr zu leisten. Mit einem wilden Funkeln in den gelben Augen stakste der Vampir auf sie zu. Glücklicherweise war sie nicht allein. Bewaffnet mit einem von Buffys Holzpflöcken setzte sich Xander Harris in Bewegung, um sich einmal mehr dem Schicksal in den Weg zu stellen. In Anbetracht des riesigen Vampirs wirkte der Pflock allerdings eher wie ein Zahnstocher. »Hey, Riesenbaby«, rief er. »Ich hab was für dich. Hier, direkt in meiner Hand.« Der Vampir wandte sich Xander zu und fletschte knurrend die Zähne. Aus den Augenwinkeln nahm Xander wahr, wie Willow mit der Armbrust herumhantierte, die der Vampir Buffy zuvor aus der Hand geschlagen hatte. »Lass mal überlegen«, sagte Xander gedehnt und wich langsam zurück, um den Vampir von Willow fortzulocken. »Spieler Nummer zweiundsiebzig, ein Kerl wie ein Bulldozer... Für den Angriff zuständig, schätze ich. Stimmt’s, Walross?« Vor nicht allzu langer Zeit war Xander, wenn auch nur vorübergehend, Mitglied des Schwimmteams der Sunnydale High gewesen. Zur gleichen Zeit war etwa die Hälfte des Teams zu Menschen fressenden Fischmonstern mutiert, und nun war er fest davon überzeugt, auch ohne den unschätzbaren Vorteil eines Überraschungsangriffs zu haben, dass ›schnell und beweglich‹ letzten Endes über ›kräftig und stark‹ 18
triumphieren würde. Auch wenn der massige Typ vor ihm genau dort, wo sich bei Menschen normalerweise die Seele befand, lediglich ein von blutrünstigen Dämonen gehetztes Nichts vorzuweisen hatte. Bevor ihn sein plötzlicher Mut wieder verlassen konnte, ging Xander zum Angriff über. Kaum einen Lidschlag später schloss sich ein schraubstockartiger Griff um sein Handgelenk, und die Spitze des Pflocks kam, nur wenige Zentimeter von ihrem Ziel entfernt, abrupt zum Stillstand. Der Vampir lachte laut auf und hob Xander mit einer Leichtigkeit in die Höhe, als wäre er kaum schwerer als eine Feder. »Okay«, stieß Xander keuchend hervor, »diesen Trick sollten wir noch ein wenig üben... echt ’ne tolle Nummer.« Um den Hals trug der Vampir eine eisenbeschlagene Kette. Der kleine Totenschädel aus Metall, der daran baumelte, wies den Blutsauger als einen von Skull Johns Leuten aus. Keine große Überraschung, dachte Xander. Stinkender Atem schlug ihm ins Gesicht. »Ich werde dich aussaugen bis auf den letzten Tropfen, du Zwerg. Zuerst dich, und dann die Mädchen.« »Was denn? Nicht Ladies first? Wo bleiben denn deine guten Manieren... du ranziger Fettkloß?« Ohne nennenswertes Ergebnis trat er dem Vampir gegen das Schienbein. Blitzende Fangzähne näherten sich Xanders Kehle. Angewidert verzog er das Gesicht und sagte mit übertriebener Lautstärke: »Dies wäre ein guter Zeitpunkt für den Einsatz der Kavallerie.« Doch anstelle von Hornsignalen hörte er das Geräusch eines sausenden Bolzens. Der Vampir brüllte auf und ließ Xander auf den Boden plumpsen. In Anbetracht der ausbleibenden Staubwolke nahm Xander an, dass der Schuss das Herz des Dämons verfehlt hatte. Und seine Annahme bestätigte sich, als der Vampir herumfuhr und wütend Willow fixierte. Knapp unterhalb seines rechten Schulterblatts ragte das mit einem Federbüschel versehene Bolzenende aus seinem Trikot. 19
Willow Rosenberg machte einen Schritt zurück. »Ups.« Doch der Vampir hatte schon ein anderes Ziel im Visier: Gerade versuchte Buffy, stöhnend und ächzend auf die Knie zu kommen. Abermals kippte sie benommen zur Seite. Sie, die Jägerin, verfügte über größere Widerstandskräfte als normale Menschen, erholte sich binnen kürzester Zeit selbst von schwersten Verletzungen und setzte ihre Jagd im Allgemeinen auch mit Blessuren fort, die jeden anderen außer Gefecht gesetzt hätten. Doch auch sie war verletzbar, konnte besiegt, ja, sogar getötet werden – tatsächlich war sie bereits einmal klinisch tot gewesen, für wenige Augenblicke, und nur Xanders Wiederbelebungsmaßnahmen war es zu verdanken, dass sie jetzt noch unter den Lebenden weilte. In diesem Moment begannen ihre regenerativen Kräfte zu arbeiten, doch viel zu langsam. Der Vampir ließ sich in aller Seelenruhe neben ihr auf die Knie sinken und entblößte erneut seine eindrucksvollen Fangzähne. Xander war gerade dabei, sich wieder aufzurappeln, um Buffy zu Hilfe zu eilen, als aus der anderen Richtung Angel heranstürmte. Sein offener Mantel wehte hinter ihm her wie schwarze Flügel des Unheils. Der Vampir neben Buffy wandte sich um – und konnte gerade noch entsetzt die Augen aufreißen, ehe Angels ineinander verschränkte Hände ihn mit voller Wucht am Kopf trafen. »Dramatische Auftritte sollte man wohl besser den Jungs aus dem Schattenreich überlassen«, murmelte Xander. »Das hab’ ich gehört«, keuchte Angel, während er dem footballbegeisterten Vampir einen mächtigen Tritt in die Rippen versetzte und ihn damit beinahe zu Fall brachte. »Wir hatten doch alles im Griff, stimmt’s, Willow?«, beeilte sich Xander zu beteuern und bat Willow mit einem Blick um moralischen Beistand.
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»Ja, genau! Wir, ähm, sind echte Meister darin, alles im Griff zu haben und so«, versicherte sie, während sie sich ungeschickt abmühte, einen neuen Bolzen in die Armbrust zu spannen. Angel hatte inzwischen den wesentlich größeren Vampir mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gedrängt. »Xander, her mit dem Pflock!« »Nichts, was ich lieber täte.« In Xanders Augen trat ein grimmiges Funkeln. Gleichwohl begnügte er sich damit, Angel, der sich nun vollends zum Vampir verwandelt hatte, den Pflock zuzuwerfen. Doch der vampirische Angriffsspieler stürzte sich erneut auf Angel, noch bevor dieser mit dem spitzen Holz das Match für sich entscheiden konnte. Mit einem professionellen Schulterwurf brachte Spieler Nummer zweiundsiebzig den Gegner zu Fall. Keine geringe Leistung, wie Xander zugeben musste. Angel rollte sich ab, verlor jedoch den Pflock aus der Hand. Sofort war er wieder auf den Beinen und rammte dem bulligen Vampir das Knie ins Gemächt. Grunzend knallte Nummer zweiundsiebzig gegen einen halb umgekippten Grabstein. In diesem Moment stolperte Cordelia Chase auf die Lichtung, mit hochrotem Kopf und völlig außer Atem. Modebewusst wie immer, mit ihrem langärmeligem VAusschnitt-Pullover und dem engen Rock mit Leopardenmuster, erweckte sie eher den Anschein, als sei sie zu irgendeinem Date anstatt in Sachen Vampire und anderer nächtlicher Blutsauger unterwegs. Ihr Blick fiel auf den muskelbepackten Football-Vampir. »Mist!«, entfuhr es ihr. Xander nickte. »Wahrlich kein schöner Anblick. Zwei potthässliche Vampire, die sich im Dreck herumwälzen. Einfach widerlich.« »Das mein ich nicht«, entgegnete sie. »Ich hätte mich beizeiten mal mit dem Typ verabreden sollen.«
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»Das wird ja immer widerlicher.« Xander verzog das Gesicht und rannte zu der Stelle, wo der Pflock gelandet war. »Gibt es eigentlich irgendjemanden, mit dem du dich noch nicht verabredest hast?« »Nicht mehr viele, Xander Harris«, gab sie bissig zurück. »Mit dir hatte ich allerdings einen absoluten Tiefstand erreicht. Mittlerweile bin ich etwas wählerischer.« »Versuchung, dein Name sei Cordelia«, warf Willow mit Unschuldsmiene ein. Der stämmige Vampir sprang auf die Beine und ging abermals zum Angriff über. Brüllend streckte er die kräftigen Arme aus und stürmte auf Angel zu, der den Gegner in Abwehrstellung erwartete. Xander hatte sich inzwischen wieder des Pflocks bemächtigt, doch Angels Blick war fest auf den heranwalzenden Vampir gerichtet. Mittlerweile war Buffy wieder zu Kräften gekommen. Urplötzlich legte sie einen erstaunlichen Sprint hin und sprang dem Angreifer auf den Rücken. Sie bekam seine schwere Halskette zu fassen, schloss ihre Faust darum und versuchte den Vampir zu würgen. Doch egal wie fest sie zog, wie eng sich die Eisenbeschläge auch um seine Kehle legten, für den Vampir war das Ganze kaum mehr als eine lästige Unannehmlichkeit, gehörte er doch längst dem Reich der Toten an, wo man sich über mangelnde Sauerstoffversorgung keine großen Sorgen mehr zu machen brauchte. Angesichts der Wirkungslosigkeit ihrer verzweifelten Anstrengungen suchte Buffy Zuflucht in der letzten noch verbleibenden Möglichkeit. »Xander! Pflock!« Xander reagierte sofort. Mit einer einzigen, schnellen Bewegung fing Buffy den Pflock und rammte ihn dem Vampir mitten ins Herz. Als Nummer zweiundsiebzig mit einem Knall zu Staub verpuffte, fiel Buffy von ihrem Logenplatz und landete...
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... direkt in Angels Armen. Sie pustete sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte: »Wir sollten Treffen dieser Art in Zukunft vermeiden.« Für einen kurzen Moment sah sie in seinen Augen so etwas wie Verlangen aufflackern und hegte die Befürchtung, dass er in ihrem Blick das Gleiche las. Nicht, rief sie sich zur Besinnung. Das gibt nur Probleme. »Kann ich nicht versprechen«, erwiderte er. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich von seinem Blick zu lösen – und aus seinen Armen. Ein wenig verlegen streckte sie ihm die Halskette entgegen, die sie immer noch mit der linken Hand umklammert hielt. Zwischen ihren Fingern baumelte der kleine Metallschädel. Angel nickte. »Skull John.« »Schon der Dritte heute Nacht«, stellte Buffy fest. »Bald hab ich eine ganze Kollektion von diesen Grufti-Accessoires.« »Lauter Skull-John-Deppen«, gab Xander zu bedenken. »Aber vom Obermotz selbst keine Spur.« Willow schien ganz andere Sorgen zu haben. »Wo ist Oz?«, erkundigte sie sich. Cordelia machte ein bestürztes Gesicht. »Vorhin war er noch direkt neben mir.« Die Vampire dieser Stadt hatten ihren Meister gefunden. Sein Name war Skull John, und ihm war nur äußerst schwer beizukommen. Während seine Gefolgschaft, leicht erkennbar an dem an einer Kette baumelnden Totenschädel, in wachsender Zahl nachts die Gegend unsicher machte, hielt sich Skull John dezent im Verborgenen. Wenn ich nur genug von seinen Jungs zu Staub pulverisiere, dachte Buffy, wird er schon irgendwann aus seinem Versteck hervorkriechen und mir persönlich vor den Pflock rennen. Das war zwar nur eine Theorie, aber die einzige Möglichkeit, die sie derzeit hatte. Also hatte sich die Scooby-Gang, auch bekannt als das 23
Jägerteam, in zwei Trupps aufgeteilt – Willow, Xander und Buffy auf der einen, Angel, Cordelia und Oz auf der anderen Seite – und auf Patrouille begeben. Auf jeden Fall konnte man bei dieser Konstellation ausschließen, dass ihr Vorankommen durch wilde Knutschereien behindert wurde oder auch nur durch einen Gedanken daran. Denn obwohl weder Xander noch Cordelia irgendein gesteigertes Interesse daran erkennen ließen, sich wieder näher zu kommen oder gar auf Tuchfühlung zu gehen, schien es nach wie vor ratsam, die beiden nicht zusammen in ein Team zu stecken. Es ging allein um ihre Mission, einzig um die Jagd auf Vampire – doch nun war einer von ihnen verschwunden... Oz hatte sich dicht hinter Cordelia befunden, als etwas unter einem Busch zu seiner Rechten plötzlich seine Aufmerksamkeit erregte, ein blasses Schimmern, kaum auszumachen im schwachen Licht des Mondes. Vorsichtig ging er darauf zu, beugte sich hinab und hob es auf. »Interessant«, bemerkte er und hetzte hinter Cordelia her. In seiner Hast übersah er die in einen schwarzen Umhang gehüllte Frau, die jenseits der eisernen Friedhofsumzäunung in Bewegungslosigkeit verharrte. Das rote Haar hing ihr wild ins Gesicht. Kaum war Oz mit seiner Beute davongeeilt, nahm sie die Verfolgung auf, huschte gebückt vom einen Baum zum nächsten, lautlos und unbemerkt. Sie war so sehr damit befasst, Oz nicht aus den Augen zu verlieren, dass sie unvermittelt mit einer weiteren schwarz gekleideten Frau zusammenstieß, die, aus der anderen Richtung kommend, ebenfalls den Friedhofzaun entlangschlich. Ihr Haupt zierte ein Irokesenschnitt, dessen weiße Pracht in eine Art Pferdeschwanz mündete. Sie packte die Rothaarige am Oberarm und bedeutete ihr, still zu sein. In ihrer Hand hielt sie einen alten, zerschlissenen Lederranzen. »Hast du ihn gesehen?«, wisperte die Rothaarige. 24
»Nicht nur ihn«, erwiderte die andere Frau. »Wir verschwinden besser von hier. Ich erklär’s dir später.« »Oz!«, rief Willow mit leicht alarmiertem Tonfall in der Stimme. »Sie haben geläutet?«, sagte Oz, der plötzlich neben ihr stand. »Oh!« Willow schnappte erschrocken nach Luft. »Ich meine ›Oh, da bist du ja!‹ Oder besser: ›Wo hast du gesteckt?‹ Wir haben uns echt Sorgen gemacht. War’s nicht so?« Die anderen nickten. »Leute, ich hab ein paar schlechte Neuigkeiten«, verkündete Oz in dem für ihn typischen stoischen Tonfall. Sein unruhiger Blick indes sprach eine andere Sprache. »Normalerweise kommen schlechte Nachrichten von dir immer um Vollmond herum, in Form eines pelzigen Präsentpakets«, erinnerte ihn Xander. Oz grinste gequält. Jeden Monat war er drei Tage lang – vielmehr drei Nächte lang – gezwungen, sein Dasein als Werwolf zu fristen. Ansonsten war er eigentlich eher von der ruhigeren Sorte, ein ausgesprochen cooler Typ, den kaum etwas aus der Fassung zu bringen vermochte, und dessen einzige Leidenschaften Willow und seiner Band – den Dingoes Ate My Babe – gehörten, in der er als Leadgitarrist brillierte. Doch im Moment wirkte er äußerst beunruhigt. »Was gibt’s, Oz?«, hakte Buffy nach. »Das hier«, antwortete Oz und präsentierte ihnen sein Fundstück. »Was ist das?«, wollte Cordelia wissen. »Ich meine, wirklich.« Sie sollten die Antwort auf Cordelias Frage erst am nächsten Morgen erhalten, als sich das Jägerteam in der Schulbibliothek der Sunnydale High versammelte. »Wenn mich nicht alles 25
täuscht«, sagte Rupert Giles, seines Zeichens Schulbibliothekar und Buffys Wächter, und schob nachdenklich die Brille auf die Stirn, »handelt es sich um ein Femur.« »Diese niedlichen, knuddeligen Äffchen aus dem Zoo?«, meinte Xander. »Femur, Xander«, erklärte Giles. »Nicht Lemur.« »Ach so, ein Weibchen?« »Der Oberschenkelknochen eines erwachsenen Menschen, und ziemlich... abgenagt, wie mir scheint.« »Abgenagt?« Cordelia verzog angeekelt das Gesicht. »Sie meinen, wie aufgefressen?« »Klasse, schon wieder so ’ne abgedrehte Geschichte«, stöhnte Xander. »Endlich Nachschub.« Giles kam hinter dem Tresen der Buchausgabe hervor. In der einen Hand hielt er den Knochen, mit der anderen fuhr er sich durch die widerspenstigen Haare. Er sah Oz an. »Es lag auf dem Friedhof herum, sagtest du?« Oz nickte. »Unter einem Busch. Ganz in der Nähe vom Zaun.« Giles wandte sich Buffy zu. »Und du hast nirgendwo ein geschändetes Grab gesehen?« Buffy schüttelte den Kopf. »Es könnte durchaus sein, dass irgendjemand den Knochen einfach über die Umzäunung geworfen hat. Das sieht nicht nach dem Werk von Vampiren aus.« »Meinte Angel auch«, sagte Buffy. Angel war als Einziger von ihnen dem Treffen in der Bibliothek ferngeblieben. Gezwungenermaßen, denn als Vampir – ein Vampir zwar, der mit dem Fluch einer Seele gestraft war, mit einem Gewissen und allem, was dazugehörte, aber dennoch ein Vampir – scheute er das Tageslicht wie der Teufel das Weihwasser. Während Buffy und die anderen die Schulbank drückten und mit Giles Krisensitzungen abhielten, lag er wahrscheinlich in seinem sicheren Unterschlupf und schlief den todesähnlichen Schlaf der Verdammten. 26
»Vielleicht sollten wir zunächst einmal klären, worüber wir hier eigentlich reden«, schlug Xander vor. »Angesichts der Tatsache, dass sich Sunnydale mitten auf dem Höllenschlund befindet, gibt es vermutlich eine ganze Palette von Möglichkeiten, eine abscheulicher als die andere.« Die ursprünglich spanischen Siedler hatten dem heutigen Sunnydale einen weitaus treffenderen Namen verpasst: Boca del Infierno, der Schlund der Hölle. Und nicht ohne Grund hatte Giles diesen Ort einmal als »Zentrum mystischer Energien« bezeichnet, von dem sich Dämonen und andere Schreckgestalten, deren Nichtexistenz den Kindern dieser Welt immer wieder glaubhaft versichert wird, angezogen fühlten wie Nationalparkbären von vollen Picknickkörben. »Höllenhunde können wir wohl auch ausschließen«, fuhr Giles fort. »Höllenhunde sind ziemlich brutal und bestialisch. Dieser Knochen ist jedoch in exzellentem Zustand.« Willow runzelte die Stirn. »Nicht so exzellent wie er wäre, wenn noch... äh... jemand dranhinge und brüllen könnte: ›Autsch, mein Bein tut weh!‹« »Hmm, ganz richtig«, stimmte Giles ihr zu. »Ich schätze, wir sollten unsere Nachforschungen auf Dämonen mit Hang zum Kannibalismus konzentrieren.« »Also ausnahmsweise mal keiner von diesen Dämonen Marke Seelenfresser, die ja gerade wie Unkraut aus dem Boden schießen«, konstatierte Xander. »Hier scheint es jemand mehr auf Fleisch und Gewebe abgesehen zu haben«, erwiderte Giles trocken, »vom Knochenmark gar nicht zu reden.« Ein Schauer durchfuhr Cordelia. »Kann ich bitte die Erste sein, die ›Igitt‹ sagt?« »Ich mach mit und erhöhe auf ›Igittigitt‹«, fügte Willow hinzu.
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»Kann es sein, dass das irgendwas mit dem Fraß in der Cafeteria zu tun hat?«, warf Xander ein. »Mein Gott, was geben die uns da bloß zu essen?« »Xander, bitte«, sagte Giles. »Ach ja«, ereiferte sich Xander, »ihr Briten und eure Fleischpastetchen. Man sieht ja, wohin das führt.« »Xander!«, rief ihn Buffy zur Räson, dann sah sie Giles an. »Also, woran denken Sie? Zombies? Ghule?« »Schon möglich«, erwiderte ihr Wächter und legte den Knochen auf dem Tisch ab. »Ich habe die Nacht der lebenden Toten mindestens ein dutzend Mal gesehen, und ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich mit den Essgewohnheiten von Zombies ein wenig auskenne.« Xander gab keine Ruhe. »Aber Ghule sind doch wohl eher so etwas wie Gespenster oder Poltergeister, oder irre ich mich da? Rasseln mit Ketten herum, klopfen mitten in der Nacht an Zimmerwände und sorgen dafür, dass im Fernseher nur noch Schneegestöber zu sehen ist.« »Entgegen weit verbreiteter Klischees sind Ghule nicht mit Geistern zu verwechseln«, erklärte Giles. »Ghule sind absolut körperliche Wesen, Dämonen, deren Existenz ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Wenn ich mich recht entsinne, werden sie in orientalischen Volkslegenden als ausgesprochen niederträchtige Kreaturen geschildert, denen zudem eine ziemliche Vorliebe für Menschenfleisch zu Eigen ist. Doch hierzu müsste ich erst ein paar genauere Recherchen anstellen.« »Niederträchtige dämonische Menschenfresser also«, fasste Xander zusammen. »Für mich stehen sie damit definitiv auf der Seite der Bösen.« Giles ging nicht darauf ein. »Willow«, fuhr er fort, »könntest du nach Berichten über Leute Ausschau halten, die hier im Umkreis als vermisst gemeldet wurden? Gut möglich, dass 28
unser Menschenfresser bereits seit längerem die Gegend unsicher macht und wir es nur noch nicht bemerkt haben. Wir müssen uns unbedingt Klarheit über das wahre Ausmaß des Problems verschaffen.« »Sie kennen mich doch«, grinste Willow. »Mir ist jede Gelegenheit willkommen, wenn ich mich nur im Cyberspace rumtreiben kann.« »Du bist eben cybersüß«, frotzelte Oz. Lächelnd setzte sich Willow an den Bibliothekscomputer. Ein wahres Trommelfeuer prasselte auf die Rechnertastatur nieder, als sie mit ihrer Online-Recherche begann. Giles war mit der Zeit dazu übergegangen, dieses inmitten seiner staubbedeckten Bücherstapel und archaischen Wälzer ruhende Monument moderner Informationstechnologie zu tolerieren – und wenn er es schon nicht begreifen konnte, so hatte er es doch zu schätzen gelernt. Bevor Jenny Calendar, eine mittlerweile dahingeschiedene leidenschaftliche TechnoSchamanin, in sein Leben getreten war, hatte Giles allem, was auch nur im Entferntesten mit elektronischer Datenverarbeitung zusammenhing, grundsätzlich misstraut. Seiner etwas altmodischen Meinung nach – einige würden sie auch schlichtweg antiquiert nennen –, durfte alles, was von Wichtigkeit und wahrer Bedeutung war, ausschließlich Papier anvertraut werden. »Giles«, meldete sich Buffy zu Wort, »haben Sie nicht irgendwas übersehen?« »Hab ich das?« Sie nickte. »Hier in Sunnydale neigen die Leute seit jeher zu einem ziemlich blassen Teint.« »Gründe dafür gibt’s hier am Höllenschlund schließlich genug«, fügte Xander hinzu. Giles zog die Stirn in Falten. »Ich verstehe. Willow, vielleicht solltest du deine Suche auf Funde menschlicher Überreste eingrenzen. Knochen. Insbesondere blanke 29
Knochen.« Er wandte sich wieder Buffy zu. »Zombies und Ghule ziehen meist als ganze Meute umher. Halte also permanent die Augen offen.« »Buffys Rund-um-die-Uhr-Service, immer für Sie da, kompetent und zuverlässig«, erwiderte Buffy und lächelte ihn zuversichtlich an. »Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Giles.« Doch der Ausdruck in seinem Gesicht ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er sich durchaus Sorgen machte. Wie immer. Sie war die Jägerin, und er war ihr Wächter. Er wusste, dass eine Jägerin weder unsterblich noch unverletzbar war, und Buffy war nur aus dem Grunde in die Position der Auserwählten nachgerückt, weil ihre Vorgängerin ein frühzeitiges Ende gefunden hatte. Für eine Jägerin kam jedes Ende zu früh, für sie gab es keine goldenen Armbanduhren, wie man sie als Geldanlage an den runzeligen Handgelenken in Ehren ergrauter Ladys sah, keinen Ruhestand, keine Pläne für einen geruhsamen Lebensabend. Jägerinnen neigten dazu, früh zu sterben, die meisten von ihnen wurden kaum älter als zwanzig. Einzig Buffys Mutter machte sich um sie noch größere Sorgen als Giles, vor allem seit jenem Tag, an dem Buffy gezwungen gewesen war, sie über das Doppelleben ihrer einzigen Tochter aufzuklären. »Trotzdem«, beharrte Giles. »Ich verbiete dir, allein auf Patrouille zu gehen, solange wir nicht ganz genau wissen, womit wir es eigentlich zu tun haben.« Buffys linke Augenbraue war bei dem Wort ›verbieten‹ unweigerlich in die Höhe geschossen und schien entschlossen zu sein, dort noch eine ganze Weile zu verharren – als Zeichen äußerster Missbilligung. Und Giles wusste dieses Zeichen sehr wohl zu deuten. »Also gut, ich rate dir dringend, nicht ohne Begleitung loszuziehen.« In der Vergangenheit hatte sich Buffy immer wieder über gewisse Grundregeln, die eine Jägerin zu berücksichtigen hatte, 30
hinweggesetzt, und Giles hatte mehr als einmal zugeben müssen, wenn auch nur widerwillig, dass ihre Methoden sich bisweilen durch ausgesprochene Effektivität auszeichneten. Aus diesem Grunde räumte er ihr erheblich mehr Freiräume ein als jeder anderen Jägerin zuvor, ein Umstand, der ihm schon des Öfteren Probleme mit dem Rat der Wächter, der daheim in England saß, verschafft hatte. Buffy grinste. »Schon viel besser, Giles.« »Bitte, sei vorsichtig«, sah Giles sich veranlasst hinzuzufügen, während er einmal mehr seine Brille zurechtrückte. »Bevor ich’s vergesse«, sagte Buffy. »Ich hab letzte Nacht noch ein paar von diesen bescheuerten Dingern eingesammelt.« Sie schüttete die braune Einkaufstüte aus, die sie an diesem Morgen mit in die Schule geschleppt hatte, und drei Ketten fielen klimpernd auf den Tisch. An jeder hing ein kleiner Totenschädel. Giles nahm sie in die Hand und runzelte die Stirn. »Skull John. Mit diesen hier dürftest du etwas mehr als ein Dutzend von seinen Leuten erledigt haben.« »Nicht, dass ich sie zählen würde, aber es waren vierzehn.« »Wie erwartet. Spikes Verschwinden hat eine Lücke in die Hierarchie der Vampire Sunnydales gerissen und sie ihres Anführers beraubt. Und die Natur verabscheut nun mal Lücken jedweder Art.« »Die Mächte des Bösen offensichtlich auch«, bemerkte Xander. »Skull John ist ein ziemlich undurchsichtiger Bursche«, sagte Buffy in dem Versuch, einen Zusammenhang herzustellen. »Meinen Sie, er könnte für den Knochen verantwortlich sein, den wir gefunden haben?« Giles schüttelte den Kopf. »Ungeachtet seiner schaurigen Faszination für Totenköpfe, ist er ein Vampir, und das
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Interesse von Vampiren an der menschlichen Anatomie geht selten über einen unstillbaren Durst nach Blut hinaus.« »Hab’s notiert. Skull John ist nicht unser Menschenfresser. Trotzdem hab ich immer noch einen Pflock, auf dem sein Name steht.« Es läutete zur ersten Unterrichtsstunde. »Geht diese Plackerei schon wieder los!«, schimpfte Buffy und stapfte genervt zur Tür hinaus.
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2 »Auf dem Rücken eines Pferdes über die grünen Hügel Irlands galoppieren, in der Ferne eine mittelalterliche Burg im aufsteigenden Morgennebel. Eine von diesen richtig alten Dingern, mit Zugbrücke und so«, sagte Willow verträumt. »Romantisch, Will«, nickte Buffy. Dann schloss sie die Augen und lauschte einen Moment in sich hinein. »Maui«, sagte sie schließlich wehmütig und ließ den exotischen Klang des Wortes förmlich auf ihrer Zunge zergehen. Sie hatten sich während einer gemeinsamen Freistunde auf eine Schulhofbank zurückgezogen und vertrieben sich die Zeit mit der Osterferienversion des beliebten Spiels ›Überall, bloß nicht hier‹. »Ich liege am Strand von Maui, nippe an einem dieser Drinks mit bunten Papierschirmchen und genieße den Sonnenaufgang.« »Hawaii, ja – aber Moment, wenn es Morgen ist, kann Angel ja gar nicht dabei sein, um mit dir gemeinsam diese Schirmchendinger zu schlürfen. Er würde sich einen ziemlichen Sonnenbrand holen.« »Stimmt«, gab Buffy ihr Recht und verzog das Gesicht. »Machen wir also aus dem Sonnenaufgang einen Sonnenuntergang und lassen Angel ein wenig später hinzukommen. Ich denke, so geht’s.« »Guter Plan.« Das Schrillen der Schulglocke ertönte, und schon hörte man die Schüler in den Hof stürmen. Kurz darauf schlenderte Oz auf das Ende der Bank zu, auf der Willow saß, stellte einen Fuß auf die Sitzfläche und balancierte sein Buch auf dem Knie. »Hey«, begrüßte er Willow. »Selber ›Hey‹.«
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Aus der anderen Richtung kam Xander heran, nachdem er es endlich geschafft hatte, sich durch einen Pulk lärmender Schüler hindurchzukämpfen. »Was geht ab, Leute?« »Wir verplanen gerade unsere Osterferien«, klärte ihn Willow auf. »Allerdings in der Überall-bloß-nicht-hierVariante, du weißt schon, bei der Geld keine Rolle spielt.« »Ich könnte ein paar Tage im Sauerstoffzelt vertragen«, bemerkte Oz. Als er Willows Stirnrunzeln sah, fügte er hinzu: »Natürlich nur in einem dieser lauschigen Modelle für Verliebte.« »Fort Lauderdale oder Daytona Beach«, sagte Xander und ließ den Blick versonnen in die Ferne schweifen. »Es geht doch nichts über die alten Klassiker.« »Und über die Visionen von braun gebrannten Bikinischönheiten, die in deinem Kopf Samba tanzen«, bemerkte Buffy. »Das Musterbeispiel eines jungen Mannes, der nur an das Eine denkt.« »Wer hat hier was von Bikinis gesagt?«, verteidigte sich Xander. »Und wieso überhaupt diese Tagträume?«, wechselte er rasch das Thema. »Das muss doch einen Grund haben, oder?« Willow schüttelte den Kopf. »Im Geschichtsunterricht sind heute Referate verteilt worden. Die Themen wurden ausgelost. Wer ein anderes Thema haben möchte, sackt gleich eine ganze Note runter.« »Ist doch ’ne Kleinigkeit für dich, Will«, meinte Xander. »Du meisterst jedes Thema.« »Genau das ist das Problem«, warf Buffy ein. »Wie?«, fragte Xander verwirrt. Willow seufzte. »Mein Thema ist die Geschichte Sunnydales. Von den spanischen Siedlern bis zur Gegenwart.« »Okay, eine ziemliche Zeitspanne, zugegeben«, sagte Xander. »Aber Sunnydale ist ein kleines Nest. Wo ist das Problem?« 34
»Sie ist ein wenig unschlüssig«, erwiderte Buffy. »Inwiefern?« Willow blickte ihn an. »Soll ich den Begriff ›Höllenschlund‹ schon in der Einleitung oder erst im Schlussteil bringen?« Oz grinste verschlagen. »Nimm keine Rücksicht. Nur raus mit der Sprache.« »Oz!«, entgegnete Willow empört. »Irgendwie ist es gar nicht gut, wenn man zu viel weiß«, meinte Oz nun. »’ne echte Zwickmühle.« »Exakt«, stimmte Willow ihm zu. »Und deshalb bleibt uns nichts weiter übrig, als uns in unseren Tagträumen einige Zeitzonen von hier weg zu katapultieren.« »Lass die Sache platzen«, schlug Xander vor. »Gib dich mit der weniger guten Note zufrieden. Mit den Jahren ist mir aufgefallen, dass es für meine Eltern kaum einen Unterschied macht, ob ich mit einer Zwei oder einer Drei nach Hause komme. Hauptsache, ich bring ihr Leben nicht durcheinander.« »Erinnerst du dich noch an meine Halbjahrsnote in Physik?«, sagte Oz. »Genau die gleiche wie im letzten Jahr.« Er schüttelte resigniert den Kopf. »Als ob man in einer Zeitschleife festhängt. Nimm halt, was du kriegen kannst.« Was im Klartext heißt, ich soll ein neues Thema nehmen und mich mit einer schlechteren Note zufrieden geben, dachte Willow. »Ich möchte nicht einfach so aufgeben... oder lügen«, erwiderte Willow. »Das wäre das Gleiche wie Schummeln.« »Ich hab hier was für euch«, verkündete Xander plötzlich. »Genau das Richtige für Leute mit ethischen Problemen.« Er fischte einen Flyer aus seinem Schreibblock. »Habt ihr das hier schon gelesen? Eine neue Band im Bronze. Sonderprogramm. Nur fünf Konzerte. Interessiert?« Buffy riss ihm den Flyer aus der Hand und studierte die aufkopierte grobkörnige Schwarzweißfotografie der Band, über der in stilisierten Lettern ihr Name – Vyxn – prangte. »Xander,
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das ist ’ne reine Mädchenband, lauter Tussis in Lederklamotten... na ja, in knappen Lederklamotten.« »Ich jedenfalls bin für Frauen in der Rockmusik«, verteidigte sich Xander. »Außerdem sollen sie echt klasse sein. Ich hab gehört, dass sie im College wie eine Bombe eingeschlagen sind.« Oz warf einen flüchtigen Blick auf den Flyer. »Interessant.« Der gute alte Oz, dachte Buffy und schmunzelte innerlich. Sie vermochte nicht zu sagen, ob er nur neugierig oder vielleicht auch ein bisschen neidisch war. »Könnte doch ganz witzig werden«, meinte Xander. »Was meint ihr?« »Miss Summers!«, hörte man in diesem Moment eine aufgeregte Frauenstimme rufen. Alle Blicke richteten sich auf die schwarzhaarige Frau, die mit einem chaotischen Stapel Aktenmappen unter dem Arm auf sie zugeeilt kam. Sie sah aus, als stünde sie kurz vor einem organisatorischen Super-GAU. »Gott sei Dank habe ich Sie endlich gefunden.« »Das kann nichts Gutes bedeuten«, flüsterte Xander Oz zu. Willow blickte Buffy fragend an, doch die zuckte nur mit den Schultern. »Ich sitze hier und genieße die Sonne«, sagte sie und lächelte die Frau an. Wenn man sich Nacht für Nacht ausgehungerten Vampiren gegenübersah, verlor eine Heimsuchung vom Typ ›völlig planlose Verwaltungsbeamtin‹ einiges von ihrem Schrecken. Na ja, zumindest meistens, räumte Buffy in Gedanken ein. Rektor Snyder beispielsweise hatte durchaus seine krassen Momente. »Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet.« »Mein Name ist Carole Burzak«, stellte sich die Frau vor. »Mrs. Burzak. Ihre neue Schülerberaterin. Hätten Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch? Es könnte sich als durchaus wichtig für Ihre Zukunft erweisen.«
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Buffy hüpfte von der Bank, warf den anderen einen leicht verunsicherten Blick zu und entfernte sich ein paar Schritte mit ihrer neuen Schülerberaterin: »Meine Zukunft?« »Genau«, nickte Mrs. Burzak. »Meiner Meinung nach wird heutzutage viel zu sehr in den Tag hineingelebt, anstatt Vorsorge für kommende Zeiten zu treffen. Lerne, lese, leiste was, hast du, kannst du, bist du was.« »Entschuldigung?« »Ich bin ein wenig beunruhigt über ihre roten Zonen, Miss Summers«, fuhr Mrs. Burzak fort, sich in kryptischen Andeutungen zu versteigen, deren Sinn sich Buffy völlig verschloss. »Ich habe mir Ihre Noten und Ihr schulisches Engagement angesehen und dabei zwei gelbe Zonen und eine rote festgestellt. Ich fürchte, wenn Sie sich nicht baldmöglichst darum kümmern, gefährden Sie in unverantwortlicher Weise Ihre Zukunft.« »Gelbe Zonen? Rote Zonen? Haben die irgendwas mit Football zu tun? Ich bin nämlich nicht im Cheerleaderteam, müssen Sie wissen...« »Fleiß, Miss Summers, Sie haben jede Menge mit Ihrem Fleiß zu tun. Ich habe da ein eigenes System entwickelt.« »Das Burzak-System?« »Ich habe ein Diagramm erstellt, in das ich die Häufigkeit Ihres Fehlens und Zuspätkommens, die Ergebnisse Ihrer Klausuren und mündlicher Tests sowie die Anzahl der von Ihnen übernommenen Referate eingetragen habe. Junge Lady, Sie laufen Gefahr, in drei Fächern durchzufallen: Englisch, Mathe und Geschichte. Setzen Sie alle drei Kurse in den Sand, wiederholen Sie das Jahr und können Ihre Pläne fürs College direkt vergessen. Sie hatten doch vor, im nächsten Jahr aufs College zu gehen, oder irre ich mich da?« Noch bevor Buffy irgendetwas entgegnen konnte, begann Mrs. Burzak in ihren Unterlagen zu wühlen. »Ah ja, hier haben wir es ja. Universität von Kalifornien zu Sunnydale.« 37
»Vielen Dank, dass Sie sich so viele Sorgen um mich machen«, sagte Buffy betreten, »um meine... um meine Zonen und so.« »Nehmen Sie die Sache nicht auf die leichte Schulter, Miss Summers«, fuhr Mrs. Burzak ungerührt fort. »Man bekommt im Leben nur selten eine zweite Chance. Ich rate Ihnen, Ihre Defizite so bald wie möglich auszugleichen. Und wenn ich Sie wäre« – sie rupfte Buffy den Vyxn-Flyer aus der Hand und überflog ihn mit abschätzigem Blick, bevor sie ihn ihr zurückgab – »würde ich damit beginnen, meine Abende mit Büchern zu verbringen anstatt mit Rockbands.« »Bücher gut«, nickte Buffy, »Rockbands schlecht. Hab verstanden.« Mrs. Burzak sah sie für ein, zwei Sekunden mit durchdringendem Blick an. »Miss Summers, Buffy. Sie sollten wissen, dass ich niemals einen Schüler verloren gebe, auch wenn er selbst sich schon längst aufgegeben hat.« »Danke, ähm... sehr beruhigend.« »Für mich gehören diese gelben und roten Zonen ebenso in meinen Verantwortungsbereich wie in den Ihren. Wir sind ein Team. Zusammen werden wir dafür sorgen, dass alle Ihre Zonen bis zur Abschlussprüfung wieder im grünen Bereich sind. Großes Burzak-Ehrenwort!« Sie sortierte nach einem nur schwer nachvollziehbaren System ihre in Unordnung geratenen Akten, nickte energisch und stapfte von dannen. Benommen schlurfte Buffy zu den anderen zurück. »Das war...«, setzte Xander an. »Wir können nichts dafür. Wir haben alles mitbekommen, das mit deinen Zonen und so«, erklärte Willow. »Sie will, dass alle meine Zonen wieder grün werden«, beschwerte sich Buffy. Oz nickte verständnisvoll. »Ist echt nicht einfach, grün zu sein.«
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Die Tafel mit den Veranstaltungshinweisen am Eingang des Bronze kündigte in grellen Lettern – ›SONDERPROGRAMM – NUR FÜNF KONZERTE‹ – den Auftritt von Vyxn an. In der Mitte klebte ein großes Konzertplakat mit einem Foto der Band: vier ausnehmend verführerische Vamps mit schier unglaublichen Frisuren und gerade mal so viel Lederfetzen ausstaffiert, wie nötig waren, um einer Verhaftung zu entgehen. Eine dicke Makeup-Schicht unterstrich den ebenso provokanten wie übertrieben lasziven Ausdruck ihrer Gesichter. »Billig«, sagte Buffy. »Geschmacklos«, meinte Willow. »Cool«, kommentierte Xander. »Ob sie nach der Show wohl auch Poster verkaufen?« »Wir bleiben nicht bis nach der Show«, rief ihm Buffy ins Gedächtnis. »Denk dran: nur bis zur Pause. Das war der Deal. Hier stinkt’s gewaltig nach ›roter Zone‹.« »Na, immerhin haben wir unsere Bücher dabei«, meinte Willow und schlenkerte mit ihrem Rucksack. »Das ist schon mal ein Pluspunkt. Ein bisschen Musik, ein paar Vampire zur Strecke bringen, und anschließend lernen.« »Lauter Dinge, die das Herz eines Dämonenjägers höher schlagen lassen«, meinte Xander. Im Bronze legte man wenig Wert auf Exklusivität. Und auch was das Publikum betraf, war man hier alles andere als wählerisch, was sich jedoch in keinster Weise negativ auf die allabendlichen Einnahmen auswirkte. In Sunnydale besaß das Bronze nur wenig, um nicht zu sagen gar keine Konkurrenz. Doch Alkohol gab es auch hier nur gegen Vorlage des Ausweises. Die Musiker der Vorgruppe wankten über die Bühne wie Schlafwandler, und kaum einer von ihnen schien sich zu erinnern, wie er sein Instrument zu spielen hatte. Passend zum 39
somnambulen Gesamteindruck der Band säuselte der Leadsänger mit monotoner Stimme und geschlossenen Augen seine Verse ins Mikrofon. Ihre Darbietung wurde mit einem höflichen Applaus belohnt, der verebbte, noch bevor sie von der Bühne herunter waren. Buffy, Willow und Oz hockten an einem Tisch, auf dem sich ein Haufen von Schulbüchern stapelte. Xander saß, ohne derartige Zwänge, aber einsam, auf einem Sofa in der Nähe der Bühne und fieberte ungeduldig dem Auftritt von Vyxn entgegen. Nirgendwo eine Spur von Cordelia, die offensichtlich hoffte, ihren angeschlagenen Ruf wiederherstellen zu können, indem sie den Kontakt zu Xander und dem Rest der Scooby-Gang auf ein Minimum reduzierte. Wie auch immer, als die Lichter erloschen und dicke Nebelschwaden auf die Bühne quollen, nahm Xander eine straffere Haltung ein und war mit seinen Gedanken fraglos mehr bei der bevorstehenden Show von Vyxn als bei seiner gescheiterten Beziehung mit ihrer Durchlaucht Königin C. Rotlicht überflutete die Bühne, und die Nebelschwaden lösten sich auf. Die Bandmitglieder waren bereits auf ihren Plätzen. Unbeweglich standen sie da, wie steinerne Statuen, von Götterhand dem Nebel abgetrotzt. Das Haupt der Leadsängerin zierte ein in alle Richtungen strebender schwarzer Haarwust, der an den Schläfen abrasiert war. Das Mikrofon in ihrer Hand ließ sie beinahe achtlos herunterbaumeln. An den Drums saß eine Brünette mit Meckiefrisur und Nietenhalsband; flankiert wurde sie von der Bassistin, einer Grazie mit wildem roten Haarschopf und grellem Lidstrich, und der Leadgitarristin, die mit einem mächtigen weißen Irokesenschnitt aufwartete, der sich zum Nacken hin zu einem langen Pferdeschwanz verjüngte. Einen Moment lang hatte Xander das Gefühl, dass die letzten beiden erst zu ihm und dann zu dem Tisch, an dem Buffy, Willow und
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Oz saßen, hinüberschauten, bevor sie sich mit einem kurzen Blick verständigten. Verhaltener Begrüßungsapplaus erfüllte das Bronze. Xander fühlte sich verpflichtet, die etwas schlappe Stimmung in den hinteren Reihen des Publikums ein wenig aufzuheizen: »Haut rein, Vyxn!« Langsam hob die Sängerin das Mikrofon an die Lippen. »Wir freuen uns, dass ihr alle gekommen seid«, hauchte sie, senkte den Kopf, nur um plötzlich wieder aufzublicken und mit funkelnden Augen zwischen ihren ins Gesicht gefallenen Haarsträhnen hervor ins Publikum zu starren. »This could be the last night of our lives.« Ein Herzschlag. Dann setzten die Drums ein, ein hämmernder Beat, akzentuiert von einem dröhnenden Bass. Die Leadgitarre jaulte los und wurde wenige Takte später von der melancholischen Stimme der Leadsängerin übertönt. »This could be the last night of our lives, Is the sky all red? All the people dead? And you can’t believe a single word that she said Was it all untrue? Did she tell you lies? In the final days... I’ll be there for you.« Xanders Kopf wippte im Rhythmus der Musik auf und ab. Buffy beugte sich zu Willow und Oz herüber: »MillenniumSyndrom?« »Sie hängt fast ständig einen Halbton daneben«, bemerkte Oz, »aber irgendwie klappt’s doch.« »Vielleicht liegt’s an ihrer Aufmache«, vermutete Buffy. »Nein«, sagte Oz. »Es ist die Stimme. Sie ist ziemlich... signifikant.«
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»Du meinst, so ähnlich wie bei Celine Dion?«, wollte Willow wissen. »Aber mit wesentlich weniger Volumen«, bemerkte Buffy. »Kein Wunder«, erwiderte Willow, »ich meine, mit diesem Würgehalsband.« Die letzten Töne des Songs gingen unter in lang anhaltendem Beifall. Die Sängerin deutete eine leichte Verbeugung an: »Vielen Dank, Sunnydale.« Sie trat ein paar Schritte zurück und stellte ihre Bandmitglieder vor. Jedem Namen folgte stürmischer Applaus. »An den Drums: Nash.« Nash wirbelte mit einem ihrer Schlagzeugstöcke und ließ ihn auf ein Becken krachen. »Carnie am Bass. An der Leadgitarre: Rave. Und mein Name ist Lupa. Zusammen sind wir – Vyxn!« Mit einem übertriebenen Hüftschwung, der zweifellos zu einem gewissen Anteil auf das Konto ihrer mindestens sieben Zentimeter hohen Stiefelabsätze ging, kam sie wieder nach vorn. »Und wir sind ziemlich kaputt.« Auf dieses Stichwort hin setzte die irokesenhäuptige Leadgitarristin zu einer Midtempo-Nummer an. Abermals erhob Schwarzschopf Lupa ihre eindringliche Stimme. »I’m devastated by you every day. My friends keep telling me to run away. But it’s so hard for me, You’re always killing me – with words...« Xander kam nicht umhin Cordelia zu bemerken, als sie das Bronze betrat und absichtlich sein Blickfeld kreuzte. Sie würdigte ihn nicht eines Blickes und schlug auch um den Tisch, an dem Buffy mit Willow und Oz saß, einen großen Bogen. Sie war fest entschlossen, sich wieder ihren ehemaligen, zweifelsohne besseren Kreisen anzuschließen. Vorher jedoch sollte er noch einmal deutlich zu spüren bekommen, dass er es war, der einen Verlust erlitten hatte, und 42
nicht sie. Ihre Beziehung war Geschichte, und offensichtlich war ihr sehr daran gelegen ihm zu demonstrieren, dass sie mindestens ebenso leicht über ihn hinweggekommen war wie er über sie. Mir ist sie egal, dachte Xander. Definitiv. Im Übrigen war es diesem wunderbaren Abend gar nicht zuträglich, weiterhin der Vergangenheit nachzuhängen. Er richtete seine ungeteilte Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne. Nach dem zweiten Song sprang Xander auf und brach in begeistertes Gejohle aus. Buffy schaute ihn an, als wäre ihm soeben ein Paar Antennen gewachsen. Obwohl Hörner, sagte sie sich, dem Vergleich wohl besser standhielten. Sie ließ ihren Blick durch das Bronze schweifen und bemerkte eine ganze Reihe weiterer begeisterter Typen, die ebenfalls Standing Ovations gaben. Ausschließlich Jungs. »Warum überrascht mich das nicht?«, fragte sie Willow. Lupa drehte sich mit dem Rücken zum Publikum und reichte den Applaus mit ausgebreiteten Armen an ihre Band weiter. Sie sah Carnie und Rave an und sagte etwas, das offenbar nicht für die Ohren des Publikums bestimmt war. Beide nickten. »Super, was?«, rief Xander Buffy und den anderen zu, deren Tisch sich nur wenige Meter hinter seinem Sofa befand. Ganz offensichtlich hatte er Mühe, sich von dem Anblick, der sich ihm auf der Bühne bot, loszureißen. »Geht so«, gab Willow mit einem loyalen Blick auf Oz zurück. »Sie sind ganz okay«, kommentierte der Gitarrist der Dingoes. Lupa wandte sich wieder an ihr Publikum. »Ihr seid großartig«, bedankte sie sich. Xander jauchzte begeistert auf. »Sieht so aus, als hätten wir bereits einen großen Fan hier in Sunnydale«, fuhr Lupa fort. Sie hüpfte von der Bühne herunter und steuerte zielstrebig auf Xander zu; das Mikrokabel schleifte sie lässig hinter sich her. 43
Je näher sie kam, desto tiefer gruben sich die Furchen in Buffys Stirn. Xander schien wie hypnotisiert, seine Augen wurden immer größer. Wahrscheinlich liegt’s an dem riesigen Dekolleté, dachte Buffy und schob ihre plötzlich aufkommende Unruhe als unbegründet beiseite. Seufzend schnappte sie sich eines der Schulbücher und blätterte ziellos darin herum. Lupa beugte sich zu Xander und flüsterte: »Sag mir, wie du heißt.« »Äh... ähm... Xander«, stammelte er und grinste breit. »Xander«, wisperte sie, als wäre sein Name das schönste Wort der Welt, mit so viel Hingabe in der Stimme, dass Xander weiche Knie bekam. Er hatte das Gefühl, als bestünde zwischen ihnen plötzlich ein unsichtbares Band. Mit dem Wissen um Namen war es eine eigentümliche Sache, eine besondere Kraft ging davon aus. Sie stelzte zur Bühne zurück und verkündete: »Das nächste Lied möchte ich unserem größten Fan in Sunnydale widmen: Xander. Es trägt den Titel ›Heartbreaker‹.« Aufgeregt drehte sich Xander zum Tisch um: »Habt ihr gehört? Sie spielen einen Song für mich!« »Ja«, versetzte Buffy. »Wir haben’s mitgekriegt.« Ein hämmernder Beat dröhnte durch das Bronze. Mit hoch über den Kopf erhobenen Armen klatschte Lupa den Rhythmus vor, ein nicht ganz unproblematisches Unterfangen mit dem Mikro in der Hand. Nicht lange, und annähernd das gesamte Bronze machte begeistert mit. An einem abseits gelegenen Tisch rümpfte derweil eine einsame Cordelia angesichts des tobenden Mobs missbilligend die Nase und stocherte gelangweilt mit dem Strohhalm in ihrem halb leeren Glas herum. Sie wäre vor Schreck beinahe vom Stuhl gekippt, als jemand ihr von hinten auf die Schulter tippte.
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»Cordelia?«, ließ eine sonore Stimme verlauten. »Cordelia Chase?« Sie drehte sich um. »Du erinnerst dich doch noch an mich, oder?« Er sah umwerfend aus. Groß, braun gebrannt, blond gewelltes Haar, blaue Augen und ein schlichtweg phänomenales Lächeln. Selbst wenn ihr dieses Lächeln nicht aus zahlreichen TV-Werbespots und der im Nachmittagsprogramm ausgestrahlten Soap Wanderlust vertraut gewesen wäre, hätte sie ihn sofort wieder erkannt. Über zwei Monate hinweg waren sie regelmäßig miteinander ausgegangen, bis er schließlich vor zwei Jahren nach L.A. gezogen war. »Natürlich erinnere ich mich an dich«, erwiderte sie. Sie warf einen flüchtigen Blick in Richtung Bühne, doch Xander war immer noch völlig hin und weg. »Troy Douglas. Wie schön, dich wiederzusehen!«
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3 »Troy, ich fass es nicht. Was treibt dich denn in das gute alte Sunnydale?«, brüllte Cordelia über die sich allmählich ihrem dramatischen Höhepunkt nähernde Ballade hinweg, in der es um irgendeinen ›Herzensbrecher‹ ging. »Ich besuche für ein paar Wochen meine Mutter«, erwiderte er. »Und ich hatte gehofft, dich irgendwo zu treffen. Hab mir fast gedacht, dass ich dich hier finden würde.« »Viel mehr Möglichkeiten gibt’s hier in der Gegend ja auch nicht«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Dein Freund scheint sich ja prächtig zu amüsieren«, sagte Troy und wies nickend in Xanders Richtung, der nach wie vor mit dem Kopf auf und ab wippte und gut gelaunt auf seinen Knien herumtrommelte. »Wer... der? Ich meine, wir sind nicht befreundet...« »Du siehst andauernd zu ihm hinüber«, erklärte Troy. »Ich hab gedacht...« »Er ist schwer zu übersehen, bei dem Affentheater, das er aufführt, um sich in Szene zu setzen«, entgegnete Cordelia. »Er scheint gar nicht zu merken, wie lächerlich er sich damit macht.« Troy sah zur Band hinüber, lauschte einen Moment lang der Musik und gab dann sein Urteil ab: »Gar nicht mal so übel.« »Aber auch nicht gerade umwerfend.« »Ich weiß nicht. Irgendwie haben sie etwas Vereinnahmendes.« »Das hat Fußpilz auch.« Troy lachte. »Ganz die alte Cordelia.« »Du siehst gut aus«, wechselte sie das Thema. »Du hast dich kaum verändert.« Sein cremefarbener Rollkragenpullover bildete mit dem schokoladenbraunen Jackett ein in jeder Hinsicht geschmackvolles Ensemble. 46
»Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, Cordelia. Ich hab dich wirklich vermisst.« »Vielen Dank«, sagte sie. »Man liest zur Zeit ja einiges über dich in der Boulevardpresse. Stimmt es, dass dir sämtliche Starlets zu Füßen liegen?« Troy grinste. »Neben dir verblassen sie natürlich völlig.« »Immer noch der alte Charmeur«, erwiderte sie. Nichtsdestoweniger ging ihr das Kompliment runter wie Öl. »Vielleicht ist weiter hinten noch ein Tisch frei«, schlug Troy vor. »Wo’s etwas ruhiger ist. Die Musik ist doch ein wenig... störend.« »Ganz meine Meinung.« Cordelia erhob sich von ihrem Platz, nahm ihr Glas, hakte sich bei Troy unter und hoffte, dass Xander zufällig herüberblickte und mitbekam, dass Cordelia Chase es absolut nicht nötig hatte, Typen wie ihm hinterherzutrauern. »Was dagegen, wenn wir uns ein bisschen umschauen?« »Ganz und gar nicht.« Zielstrebig navigierte ihn Cordelia in Richtung des Sofas, auf dem Xander immer noch vor sich hin wippte, und blieb nur wenige Schritte vor ihm stehen. »Ich dachte, ihr seid nicht...« »Sind wir auch nicht«, unterbrach ihn Cordelia. Schließlich blickte Xander doch endlich auf. »Cordelia? Alles klar?« »Xander, erinnerst du dich noch an Troy Douglas?« Sie machte eine Kunstpause. »Bevor er nach L.A. ging und Karriere als Filmstar gemacht hat, sind er und ich oft ausgegangen. Miteinander.« Xander deutete mit dem Finger auf Troy. »Hey! Dich kenne ich doch!«, rief er aus. »Du bist doch der Typ mit dieser Doktor-Irgendwie-Pickelpaste!« »Das ist schon ein paar Jährchen her«, sagte Troy. »Ich vergesse nie eine Pickelfresse.«
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»Wir suchen uns weiter hinten einen Tisch«, ließ Cordelia ihn wissen. »Okay. Schön für euch«, entgegnete Xander und rang sich ein gönnerhaftes Grinsen ab. Cordelia setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf, drehte sich auf dem Absatz um und stolzierte mit ihrer neuesten Eroberung im Schlepptau davon. Xander blickte den beiden einen Augenblick lang versonnen hinterher, dann zog ihn die Musik wieder in ihren Bann. Xander ließ sich einen Song nach dem anderen ins Trommelfell blasen, und nicht ein einziges Mal kehrten seine Gedanken zu Cordelia zurück. Schließlich war die Band mit ihrem ersten Set durch, und Lupa kündigte eine kurze Pause an. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die wilde schwarze Mähne und warf Xander eine Kusshand zu. Doch als sie von der Bühne ging, sah sie zu dem Tisch hinüber, an dem die Jägerin saß, und zog kaum merklich die Stirn in Falten. Xander seufzte und schüttelte den Kopf. Er fühlte sich benommen, als wäre er soeben aus einem wunderbaren Traum erwacht. Als er den Blick hob, standen Buffy, Willow und Oz neben ihm, Buffy und Willow mit ihren Schulbüchern unterm Arm. »Hey, Xander«, sagte Willow. »Wer war dieser Typ neben Cordelia? Er kommt mir irgendwie bekannt vor.« »Sieht ziemlich gut aus«, meinte Buffy und versuchte, an ihm vorbeizuspähen, dorthin, wo Cordelia und Troy, wie Xander annahm, einen freien Tisch ergattert hatten. »Eine von Cordelias alten Flammen«, erklärte er geistesabwesend. »Das grenzt den Personenkreis nicht sonderlich ein«, bemerkte Willow. »Troy Soundso«, brummte Xander. »Dieser Typ aus der Anti-Pickel-Werbung.« 48
»Ach ja, richtig«, erwiderte Willow. »Troy Douglas. Er spielt doch den Sunnyboy in Wanderlust, dieser Daily Soap.« Sie räusperte sich. »Nicht, dass ich mir so etwas anschauen würde. Aber ist er nicht vor ein paar Jahren nach L.A. gezogen?« »Er ist nur zu Besuch«, klärte Xander sie auf. »Und schon schmeißt sich Cordelia an ihn ran«, konstatierte Buffy missbilligend. »Sie will sich nur wichtig tun«, meinte Xander. »Mich eifersüchtig machen, schätze ich.« »Und? Funktioniert’s?«, erkundigte sich Oz. »Natürlich nicht«, erwiderte Xander. »Okay. Vielleicht ein bisschen. Aber ich habe mit der Sache komplett abgeschlossen. Ich frage mich allerdings, ob er eine Limousine hat. Cordelia fährt total auf Limousinen ab.« »Ich überlasse es dir, das herauszufinden«, sagte Buffy. »Wir gehen. Ich muss mit Angel auf Patrouille gehen und darf mich anschließend noch bis tief in die Nacht in meine Bücher vergraben, von wegen rote Zone und so.« »Und ich muss noch diese ganze Sunnydale-HöllenschlundGeschichte zu Papier bringen«, stöhnte Willow niedergeschlagen. »Oder auch nicht«, wandte Oz ein. »Genau das ist die Frage«, erwiderte Willow seufzend. Xander reckte den Hals und hielt nach Cordelia Ausschau. »Wir sehen uns später, Leute.« »Bist du sicher, dass eine von ihnen die Jägerin ist?«, erkundigte sich Lupa. »Ich hab gesehen, wie sie einen Vampir erledigt haben«, erwiderte Rave und strich sich mit der Hand über ihren Irokesenkamm. »Die Rothaarige hatte eine Armbrust, die Blonde einen Pflock.« »Nur eine von ihnen kann die Jägerin sein«, bemerkte Carnie. 49
»Aber welche?«, meinte Lupa. »Arbeiten Jägerinnen nicht immer allein?«, wandte Nash ein, während sie an ihrem Nietenhalsband herumfummelte. »Du hast gesagt, die Jägerin ist allein. Vier gegen eine. Ein Kinderspiel, hast du gesagt.« Lupa betrachtete sich im Spiegel. Rundherum waren kleine Glühbirnen eingeschraubt, von denen die Hälfte jedoch durchgebrannt war. »Nichts, womit wir nicht fertig würden«, beruhigte sie Nash. Sie fuhr sich mit einem ihrer grell lackierten Fingernägel über die Wange und ließ einen schmalen Streifen von reptilienartigem Grün zurück. In der nächsten Sekunde war er bereits wieder verschwunden. Sie wusste, dass es riskant gewesen war, ihren kleinen Trupp hierher zu führen, direkt in das Revier der Jägerin. Doch nur wer wagt, gewinnt. »Eine kleine Komplikation, nicht der Rede wen.« »Ich für meinen Teil hasse Komplikationen«, entgegnete Nash. »Vielleicht war es ein Fehler, hierher zu kommen.« »Willst du etwa mein Urteilsvermögen in Frage stellen?«, erwiderte Lupa und blickte Nash drohend an. Die Schlagzeugerin zupfte einen Moment lang ihr Dekolleté zurecht, bevor sie dem bohrenden Blick der Sängerin schließlich auswich. »Wer? Ich? Ich tue, was man mir sagt.« »Das solltest du auch weiterhin so halten.« Lupa hatte immer schon die kräftigste und dominanteste Stimme von allen gehabt, sogar als ihre Gruppe noch mehr als ein Dutzend Mitglieder zählte. Deshalb gab sie nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne den Ton an. Als Anführerin hatte sie in zweierlei Hinsicht für ihre Gruppe zu sorgen: Sie musste sie ernähren und zudem darauf achten, dass sie nicht allzu sehr zusammenschrumpfte. Ersteres war nie ein Problem gewesen. Sobald diese knackigen jungen Burschen sie einmal singen gehört hatten, kamen sie immer wieder angerannt und wollten mehr. Sie konnten gar nicht anders. Im Gegenteil, mit jedem Konzert wurde der Drang stärker, war übermächtig. Und wenn 50
das Haus erst einmal rappelvoll war, wenn sie ihr alle restlos und unwiderruflich verfallen waren, brauchte Lupa nur noch von der Bühne herunterzublinzeln und sich einen von ihnen herauszupicken. Ein paar persönliche Worte, verheißungsvolles Geflüster, und ihr Nachtmahl war so gut wie gesichert. Nein, das bisschen Singen und Flirten war wirklich zu keiner Zeit ein Problem gewesen. Lupas Versagen betraf einen ganz anderen Punkt: In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren, seit jenem Tag, an dem sie ihre ferne Heimat verlassen hatten, war die Stärke ihres Trupps aufgrund diverser Krankheiten, Fahnenflucht oder einfach nur tragischer Unfälle dramatisch reduziert worden. Zuletzt war Viola von ihnen gegangen. Lupa hatte sie töten müssen, nachdem sie versucht hatte, ihr die Führung streitig zu machen und Vyxn aufzulösen. Nicht bereit, die alten Grundsätze über Bord zu werfen, hatte sie immer schon gegen die Idee, sich vor Publikum zu produzieren, Front gemacht. Ihr Verrat war für Lupa nicht überraschend gekommen. Tja, dachte Lupa, Viola ist nur noch Kadaver. Soll sie doch verrotten. »Lupa?«, hörte sie Rave sagen. »Bist du so weit?« Lupa nickte, hielt es jedoch für angebracht, die anderen einmal mehr auf ihre unverzichtbaren Qualitäten hinzuweisen, bevor sie sich wieder auf die Bühne begaben: »Wir werden hier ein ebenso reiches Mahl halten wie an jedem anderen Ort zuvor. Habt ihr gesehen, wie einfach es war, dieses Milchgesicht... unter meinen Einfluss zu zwingen?« Carnie lachte. »Der ist ja jetzt schon reif.« »Er gehört zu ihnen«, warf Rave ein. »Ich hab ihn zusammen mit der Jägerin gesehen, welche von beiden es auch immer ist.« Auf Lupas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. »Seht ihr«, sagte sie und bedachte Nash mit einem vielsagenden Blick. »Eine Komplikation weniger.« Sie schaute noch einmal prüfend in den Spiegel, zupfte ihr Lederdress zurecht und verzog ihre menschlichen Lippen – nur ein weiteres kleines 51
Detail ihrer perfekten Maskerade. Sie waren wie unsichtbare Raubtiere, die lautlos inmitten ihrer ahnungslosen Beute Jagd machten. Lupa wusste, dass sie ihre Autorität zu einem nicht geringen Teil ihrer enormen Zuversicht verdankte. Und sie hatte allen Grund, zuversichtlich zu sein. Sie hatte die Zügel wieder fest in der Hand, und ihr Ziel schien zum Greifen nah. Sie spürte, dass ihrer aller Schicksal sich an einem Wendepunkt befand. »Und bald schon wird die Jägerin mir gehören.« Xander fand es allmählich an der Zeit, Cordelia davon in Kenntnis zu setzen, dass ihre kleine Inszenierung auf ihn nicht den geringsten Eindruck gemacht hatte; wie zufällig nahm er Kurs auf ihren Tisch. Allerdings nur, um sie im nächsten Moment über irgendetwas, das Troy gerade gesagt hatte, lauthals lachen zu hören und Zeuge davon zu werden, wie sie sanft seine Hand berührte und ihm schöne Augen machte. Das sah gar nicht gut aus. Xander wurde klar, dass Cordelia längst kein Theater mehr spielte, um ihn eifersüchtig zu machen. Und genau das machte ihn eifersüchtig. »Hey, Cordy«, rief Xander. Cordelia warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Oh, du Armer, ist der Kleinmädchenzirkus schon vorbei?« »Wie ich sehe, hat der Akne-Terminator dir ein wenig die Zeit vertrieben.« »Hör zu... Andrew, stimmt’s?« »Xander«, korrigierte Cordelia Troy. »Cordelia und ich plaudern nur ein wenig über die alten Zeiten.« »Außerdem«, setzte Cordelia hinzu, »kann es dir völlig egal sein, mit wem ich mich unterhalte.« »Auch wieder wahr«, meinte Xander, wenig besänftigt. Cordelia lächelte, nur allzu bereit, ein wenig Öl ins Feuer zu gießen. »Xander, Troy hat mir gerade erzählt, dass er für einen 52
Emmy in der Sparte Vorabendprogramm nominiert worden ist.« »Vorabend? Heißt das, er hat nach achtzehn Uhr Ausgangssperre?« »Es ist ein Award für herausragende schauspielerische Leistungen in Daily Soaps«, erklärte Cordelia. »Herausragende schauspielerische Leistungen in Daily Soaps? So was gibt’s doch gar nicht«, spottete Xander. »Genauso wenig wie Riesengarnelen. Oder Soldaten, die nicht total verblödet sind. Reine Verarsche.« Troy stand auf und stieß seinen Stuhl zurück. Xander wich keinen Zentimeter zurück. Cordelia seufzte. »Okay, okay, möglicherweise hat Xander noch nicht mitbekommen, dass die Karrieren vieler großer Stars in Daily Soaps begonnen haben.« »Möglicherweise«, sagte Troy und ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. »Xander?«, insistierte Cordelia. Sie drückte seine Hand, die er, wie ihm jetzt erst auffiel, unwillkürlich zur Faust geballt hatte. »Wenn du das sagst«, meinte er. »Sehr gut«, atmete sie auf. »Waffenstillstand.« In diesem Moment brandete stürmischer Beifall auf, hauptsächlich getragen von dem enthusiastischen Einsatz der männlichen Zuhörerschaft. Xander warf einen Blick über die Schulter und sah, dass Vyxn soeben wieder die Bühne betraten. Ebenso perplex wie zerknirscht fragte er sich, wie er so dämlich hatte sein können, seinen kostbaren Platz in der ersten Reihe aufzugeben. Abermals presste Cordelia seine Hand, diesmal merklich fester. »J-ja?«, stieß er hervor. »Troy und ich wollten gerade ein wenig frische Luft schnappen«, eröffnete sie ihm, und ein alarmierendes Lächeln
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umspielte ihre Mundwinkel. Xander bemerkte es nur allzu deutlich. »Ich... äh«, setzte Xander an. Was er eigentlich hatte sagen wollen, war: ›Wir sehen uns dann später.‹ Stattdessen wanderte sein Blick von Cordelia zu Troy und wieder zurück. Wieder verspürte er einen schmerzhaften Stich in der Magengegend. Sicher, er war längst über die Sache hinweg, doch das änderte nichts daran, dass er sich plötzlich wie das dritte Rad am Wagen fühlte. Sein erzwungenes Grinsen geriet beinahe zur Grimasse. »Frische Luft? Prima Idee.« Sie bahnten sich ihren Weg zwischen den Tischen hindurch und an der Bühne vorbei nach draußen. Xander warf noch einen letzten Blick zurück, und einen Augenblick lang schien es ihm, als würde Lupa, die Leadsängerin, ihm zuwinken. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Rave tänzelte zu Lupa hinüber, während sie ihre Gitarre nachstimmte. »Sieht aus, als hättest du ihn verloren«, flüsterte sie. Lupa schüttelte den Kopf. »Keine Bange, er hat den Köder schon gefressen. Ich lasse lediglich die Leine noch etwas locker. Er wird zurückkommen. Er kann gar nicht anders. Und dann zieh ich den Fisch an Land.« »Das Ganze hat mich eben einfach nicht angetörnt«, sagte Buffy, als sie mit Angel die Straße zu ihrem Haus hinunterschlenderte. Ausnahmsweise war die abendliche Patrouille relativ ruhig verlaufen. Scheinbar dünnten die Reihen von Skull Johns Stoßtrupps allmählich aus. Weit und breit hatten sich weder Vampire noch Dämonen noch irgendwelche Höllenhunde blicken lassen, was Buffy Gelegenheit gab, sich dann und wann auf einen Grabstein zu hocken und ein oder zwei ihrer Bücher aufzuschlagen. Auch 54
wenn sich die Beschäftigung mit Lehrstoff, sobald Angel in der Nähe war, nie als sonderlich produktiv erwies. Jedenfalls nicht, wenn man Produktivität als das lückenlose Erfassen und Abspeichern von Textinformationen definierte. »Und die Jungs schon?« »Das kann man wohl sagen!«, erwiderte Buffy. »Musikalisch waren Vyxn okay. Ganz annehmbar, aber mehr auch nicht.« »Nun, das sagt wohl alles«, antwortete Angel und lächelte anzüglich. »Genau«, meinte Buffy. »Extremer Sabberfaktor.« »Eine Mädchenband ist nun mal für Jungs gedacht.« »So ist das wohl«, gab sich Buffy geschlagen. »Klar, wenn eine Horde halb nackter Typen in ledernen Tangaslips und mit eingeölten Oberkörpern auf der Bühne herumkaspern würde, könnte ich ebenfalls nur hoffen, dass mir der Geifer nicht auf die eigenen Schuhe trieft.« »Das würde niemals geschehen«, sagte Angel. »Als Dame von Welt...« »Genau«, bestätigte Buffy und nickte bestimmt. »... würdest du dir das Kinn natürlich mit einer Serviette abwischen.« »Ich würde – Hey!«, rief Buffy plötzlich und holte zu einer heftigen Ohrfeige aus, um ihm sein freches Grinsen auszutreiben. Geschickt wich er aus, packte ihren Arm und zog sie an sich. Willenlos ließ sie sich in seine Arme sinken, neigte den Kopf in den Nacken, spürte die Berührung seiner kalten Lippen und versuchte, nicht an die Zukunft zu denken. Ihr und Angel war nur ein Glück vergönnt, das im Heute lag, in nahezu perfekten Augenblicken wie diesen, in denen jeder Gedanke an ein Morgen erstarb. »Ich glaube, wir sind da«, sagte Buffy. Sie waren vor ihrem Haus angekommen. »Also bis morgen«, gab er zurück.
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Sie stand kurz davor, in Tränen auszubrechen. Doch dann rang sie sich ein tapferes Lächeln ab, schlenderte zum Hauseingang, warf ihm noch eine Kusshand zu und öffnete die Tür. Als sie sich noch einmal nach ihm umdrehte, war er bereits verschwunden, und unweigerlich drängte sich Buffy die Frage auf, wem von ihnen der Abschied wohl schwerer gefallen war. Als sie wenig später Morpheus Armen entgegendämmerte, neben sich das aufgeschlagene Mathebuch, wurde ihr klar, dass sie Unrecht hatte. Es gab mehr für sie beide als nur das Heute. Sie hatten eine gemeinsame Geschichte. Und diese Geschichte knüpfte das Band zwischen ihnen enger als jeder Kuss in lauer Frühlingsnacht es je vermocht hätte. Und da ihre Zukunft in den Sternen stand und der Vergangenheit nachzuhängen zu schmerzvoll war, träumte sie eben vom Heute. Sie schlief tief und ruhig. Nicht weit entfernt lag Xander ebenfalls in seinem Bett und ließ den Abend Revue passieren. Er dachte an Cordelia und Troy, deren romantisches Tête-à-tête er sabotiert hatte. Ein Song ging ihm durch den Kopf, kam durch irgendeine verborgene Hintertür in sein Bewusstsein gekrochen, wie ein Virus, der sich in seinen Gehörgängen einnistet und nach und nach von ihm Besitz ergreift. In seinem Dämmerzustand merkte er nicht einmal, dass er leise mitsummte und den Text in sein Kissen brabbelte: »In the final days... I’ll be there for you.«
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4 Solitaire fand bald heraus, dass Sunnydale, gleichsam der Vorort zum Höllenschlund, ein eigenes und weit verzweigtes Abwasser- und Tunnelsystem besaß. So war er auch nicht allzu überrascht über seine Entdeckung, dass ein machtvoller Vampir dieses Tunnelsystem zu seinem Hauptquartier erkoren hatte. Obwohl den meisten Menschen an Stärke und Kraft weit überlegen, waren Vampire nach Solitaires Maßstäben dennoch Kreaturen niederen Ranges. Und wo konnte eine Anführernatur wie er besser ein paar wenigstens halbwegs brauchbare Spießgesellen rekrutieren als an einem Ort, von dem diese Vampirmeute sich angezogen fühlte wie Fliegen von einem Misthaufen? Solitaire bekam einen dieser Tölpel an der Gurgel zu packen und zerrte ihn durch einen der schwach erleuchteten Seitentunnel hinter sich her. Der Name seines Opfers war, wie er rasch erfuhr, Marcus, und nach baldiger, schmerzhafter Bekanntschaft mit seinem Fleischermesser – ihm fehlten nun seine hässlichen Vampirklauen – war Marcus nur allzu gern bereit, Solitaires Begehr nach besten Kräften zu unterstützen. Marcus war über den plötzlichen Verlust seiner Gliedmaßen einigermaßen aus der Fassung geraten. »Stell dir einfach vor, du hättest einen Arm auf den Rücken gebunden, wenn du Menschen jagst«, hatte Solitaire ihn beruhigt. Marcus presste wimmernd den Armstumpf an die Brust und stammelte etwas davon, dass Skull John Solitaire schon zeigen werde, wer in Sunnydale das Sagen habe. Doch seine Züge hatten nach der kleinen Amputation einiges von ihrer vampirtypischen Bedrohlichkeit verloren. Man muss diese Blutsauger eben möglichst an der kurzen Leine halten, dachte Solitaire. Sie gelangten an eine Tunnelgabelung. »Hör auf zu winseln«, fuhr Solitaire seinen Begleiter an, »sonst reiße ich dir die 57
andere Hand auch noch ab und stopf sie dir ins Maul. Wo geht’s lang?« Marcus wies mit dem Kopf nach rechts, als wäre der Verrat, den er an Skull John beging, geringer, wenn er sich lediglich auf Gesten beschränkte. Brutal drehte ihm Solitaire den gesunden Arm auf den Rücken und stieß ihn vorwärts. »Wie weit?« »Wir sind gleich da«, stöhnte Marcus. »Au, das wirst du noch bereuen.« »Halt die Klappe«, schnauzte Solitaire ihn an. Er schien völlig gelassen. Skull John würde nicht so leicht zu besiegen sein wie Warhammer. Eine einzige Unachtsamkeit könnte schlimme Folgen haben. Wahrscheinlich sogar fatale, dachte Solitaire. Die bevorstehende Auseinandersetzung würde ihm alles abverlangen, ihm Klarheit darüber verschaffen, ob er schon bereit war, sich dem Kampf mit jener Jägerin zu stellen, von der die Kunde an sein Ohr gedrungen war. Vor ihnen weitete sich der Gang zu einer Art Grotte, von der mehrere Stollen abzweigten. Am hinteren Ende der Höhle stand ein mit schwarzem Samt überzogener Sessel. Und auf diesem provisorischen Thron fläzte sich der imponierendste Vampir, den Solitaire jemals erblickt hatte: ein wahrer Schrank von einem Dämon, Furcht erregend und ganz ohne Frage äußerst gefährlich. Etwa ein Dutzend menschlicher Totenschädel, die er an einer Kette um den Hals trug, wiesen ihn als ausgesprochenen Menschenfeind aus. Sein Thronsaal dagegen war weit weniger beeindruckend. Ein Poster mit den Höllenvisionen aus dem Jüngsten Gericht von Hieronymus Bosch zierte eine der rauen Wände, gehalten lediglich von ein paar Streifen Tesafilm. An der rechten Wandseite des Raumes stand ein langer Holztisch, mit Lederriemen für diverse Körperteile der menschlichen Gefangenen. Solitaire konnte Blutflecken auf der dunkelbraunen Fläche ausmachen, einige angetrocknet und 58
schwarz, andere noch relativ frisch. Um den Tisch standen ein paar wacklige alte Stühle. Die gegenüberliegende Wand war von orangefarbenen Kästen für Milchflaschen gesäumt, zweifellos vom Hinterhof irgendeines Supermarkts geklaut. Petroleumlampen sorgten für spärliche Beleuchtung. Seiner ganzen Haltung nach zu urteilen, verkörperte Skull John jenen Typus des unangefochtenen Herrschers, der es längst nicht mehr nötig hatte, sich noch selbst auf die Jagd zu begeben, und der es stattdessen vorzog, sich sein königliches Mahl von seinen Untertanen servieren zu lassen. Solitaire hätte es nicht verwundert, wenn Skull John die Arterien und Venen seiner Opfer erst noch über einem großen Kelch hätte austropfen lassen, ehe er sich an ihrem Blut labte. Und natürlich wäre der Kelch vergoldet, dachte er. Skull John richtete sich in seinem Sessel auf, als er den Eindringling und seinen Gefangenen erblickte. »Ein ungebetener Gast! Wie kommst du dazu, dich hierher zu wagen?«, grollte er. »Mein Freund Marcus hat mir erzählt, dass du für diesen Lotterhaufen hier verantwortlich bist«, erwiderte Solitaire. »Offensichtlich hat Marcus ein etwas loses Mundwerk«, knurrte Skull John. »Sei ganz beruhigt, seine Strafe bekommt er schon noch.« »Nur keine Umstände«, erwiderte Solitaire und griff in eine der Taschen seines schwarzen Mantels. »Der hier gehört mir.« Er zog einen sauber zugeschnitzten Holzpflock hervor. Marcus’ loses Mundwerk wurde noch um eine Nuance größer, diesmal vor Verblüffung. Seine Augenbrauen verformten sich zu dicken Wülsten, und spitze Fangzähne blitzten auf. Er versuchte sich loszureißen, fauchend vor Furcht, doch Solitaire ließ nicht locker und rammte ihm den hölzernen Pflock mitten ins Herz. Blitzschnell riss er ihm dann die Kette mit dem kleinen Metallschädel vom Hals, und explosionsartig verpuffte der Vampir zu Staub. Solitaire klopfte sich den Schmutz von 59
den Händen und von seiner roten Lederweste und warf Skull John die Halskette vor die Füße. »Neue Interessenten dafür gibt’s sicher genug. Aber zuerst habe ich ein paar Fragen an dich.« »Meine Strafe wäre weit weniger milde ausgefallen«, sagte Skull John und bequemte sich endlich von seinem samtüberzogenen Thron herab. Direkt vor Solitaire blieb er stehen, die Fäuste in die Hüften gestemmt – die klassische Pose des Herausforderers, der sich noch als Herr der Lage wähnt. »Wer zur Hölle bist du? Und was treibt dich hierher, von offensichtlichen Selbstmordgelüsten mal abgesehen?« »Man nennt mich Solitaire.« Skull John kratzte sich am Kinn. Die Menschenschädel an seinem Hals klackten dabei aneinander wie ein makabres Windspiel. »Solitaire...«, wiederholte er, dann weiteten sich seine Augen in plötzlicher Erkenntnis. »Ach ja... ich habe diesen Namen schon einmal gehört. Vor mehr als einem Jahrhundert. Bist du nicht dieser Vampir, von dem behauptet wird, er könne der Glut der Sonne widerstehen?« »Mein Ruf eilt mir wohl noch immer voraus«, bemerkte Solitaire. »Ich nehme an, ein paar Informationen erübrigst du sicher gern.« Skull John lachte bellend auf. »Du glaubst doch nicht etwa, dass ich Angst vor dir habe? Dass ich vor lauter Bammel alles preisgebe, was du von mir wissen willst? Jetzt hör mal gut zu, Solitaire. Tagwandler oder nicht, hier unten sind wir einfach nur Vampire, du ebenso wie ich. Ich bin dir ebenbürtig. Streich das wieder. Hier unten bin ich dir überlegen.« Er hob Marcus’ Halskette auf. »Vielleicht solltest du sie tragen. Als Zeichen deiner Ergebenheit.« Solitaire grinste. »Wenn du mir sagst, was ich wissen will, lasse ich dir vielleicht deine Wahnvorstellungen.« Ich muss ihn aus der Reserve locken, dachte Solitaire. Der Kerl wird mit gar
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nichts herausrücken, solange ich ihm nicht ein wenig auf die Sprünge helfe. »Okay, spielen wir also nach deinen Regeln«, sagte Skull John. Er begann ihn zu umkreisen, wich ein paar Schritte zurück, kam wieder heran und ließ ihn bei all dem nicht den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen, bereit, sich in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit ohne Zögern auf ihn zu stürzen. »Was genau möchtest du denn von mir wissen?« »Den Namen der Jägerin.« »Hier gibt’s eine Jägerin?«, fragte Skull John und spielte den Ahnungslosen. »Warum weiß ich dann nichts davon?« »Ich weiß, dass sie hier irgendwo steckt«, erwiderte Solitaire. »Ein Ort wie dieser muss sie anziehen wie ein Magnet. Genau wie euch. Und ich bin sicher, dass sie bereits etliche deiner Jungs aufgespießt hat.« »Ich komme und gehe, wann und wohin ich will. Diese Jägerin interessiert mich nicht.« »Noch eine Wahnvorstellung. Meinetwegen«, meinte Solitaire. »Jetzt aber raus mit ihrem Namen.« »Und selbst wenn ich ihn weiß, warum sollte ich ihn dir verraten?« »Weil ich dir einen Gefallen tun würde, Johnny«, entgegnete Solitaire. »Ich würde sie für dich erledigen.« Skull John lachte laut auf. »Das haben schon ganz andere Vampire versucht als du.« »Es wäre praktisch ein Freispiel für dich«, gab Solitaire zu bedenken. »Du kannst nur gewinnen.« »Geh nach Hause und vergiss die Jägerin. Sie spielt in einer völlig anderen Liga als du.« Skull John schnippte mit den Fingern. Aus jedem der beiden Gänge links und rechts neben seinem Herrscherstuhl trat ein grobschlächtiger Vampir hervor. Die beiden waren ausgesprochen kräftig gebaut und starrten Solitaire aus glühenden Vampiraugen zähnefletschend an. Sie trugen schwarze T-Shirts, die unvermeidlichen Schädelketten 61
und khakifarbene Hosen. Solitaire erkannte mit einem Blick, dass es sich um Zwillinge handelte. »Jetzt mach schon, dass du hier rauskommst. Kyle und Carl zeigen dir, wo’s langgeht.« »Sag mir noch eins«, stichelte Solitaire weiter. »In welcher Liga spielst du eigentlich, dass du andere für dich aufs Spielfeld schickst?« Skull John machte einen Schritt auf ihn zu und ließ nun ebenfalls seine Vampirzähne aufblitzen. »Ich kümmere mich schon seit Jahren nicht mehr um die Drecksarbeit«, fauchte er. Solitaire verpasste ihm mit der Rechten kurzerhand einen Haken, der ihm das Nasenbein zertrümmerte. Brüllend warf sich Skull John auf ihn, und geschickt nutzte Solitaire die Wucht des Ansturms aus, um seinen Gegner zu Boden zu reißen. Er zog ein Bein an und ließ es mit solcher Vehemenz nach oben schnellen, dass Skull John über ihn hinwegsegelte und lautstark gegen die Wand krachte. Mehrere seiner Schädeltrophäen gingen dabei zu Bruch. Zum Vorschein kamen mehrere der verbliebenen Eck- und Backenzähne. Noch bevor Skull John sich von dem Aufprall erholen konnte, war Solitaire wieder auf den Beinen, setzte ihm mit zwei schnellen Schritten hinterher und landete einen weiteren kräftigen Tritt in dessen Magengrube, der den selbst ernannten König der Vampire, kaum hatte dieser sich halbwegs wieder aufgerappelt, erneut zu Boden gehen ließ. Immerhin schaffte er es, Solitaires Bein zu packen und den Angreifer ebenfalls zu Fall zu bringen. Sofort rollte er sich auf ihn und umfasste mit beiden Händen Solitaires Kopf. Er war so sehr damit beschäftigt, den Schädel des Gegners wie den Drehverschluss einer Flasche vom Hals schrauben zu wollen, dass er den Aufwärtshaken gar nicht kommen sah. Schon war er eines seiner imposanten Vampirzähne verlustig gegangen. Skull John tobte. Entschlossen riss er eine der Petroleumlampen vom Haken und hob sie mit beiden Händen hoch über den Kopf, um sie Solitaire aufs Haupt zu schmettern. 62
Dieser konnte gerade noch rechtzeitig den Arm hochreißen. Die Lampe zerbarst, flog in hohem Bogen davon und landete krachend auf dem hölzernen Foltertisch. Hinter sich konnte Solitaire das Auflodern von Flammen hören. Er duckte sich, umklammerte Skull Johns Oberschenkel und schleuderte ihn unter Aufbietung all seiner Kräfte auf den von einem brennenden Petroleumteppich bedeckten Tisch. Skull John brüllte wie am Spieß und versuchte, sich von dem Tisch herunterzuwälzen, während er gleichzeitig nach den Flammen schlug, die ihm den Rücken und die Arme versengten. Solitaire schnappte sich daraufhin einen der klapprigen Stühle und zog ihn seinem Gegner über den Schädel. Taumelnd brachte sich der Anführervampir vor Solitaire und dem brennenden Tisch in Sicherheit. »Was steht ihr da rum!«, brüllte er seine beiden wie geklont wirkenden Handlanger an. Sofort stürzte sich Kyle – oder war es Carl? – auf Skull Johns Thron, riss den schwarzen Samtbezug herunter und machte sich daran, die Flammen zu ersticken. »Doch nicht das Feuer, du Idiot«, schrie Skull John, der strauchelnd immer weiter zurückwich. Carl schien die Situation endlich erfasst zu haben und stürmte auf Solitaire zu, doch es war bereits zu spät. Noch bevor er auch nur drei Schritte machen konnte, hatte Solitaire den völlig benommenen Vampirführer erreicht und ihn nach einem kurzem Handgemenge mit tödlichem Griff umschlungen. Wie angewurzelt blieb Carl stehen. »Tut endlich irgendwas!«, brüllte Skull John verzweifelt. »Macht ihn fertig.« Zögernd kamen die beiden Brüder näher. Da zückte Solitaire einen Pflock und setzte ihn Skull John auf die Brust. »Noch einen Schritt weiter, und euer Boss ist Geschichte. Noch zwei Schritte weiter, und ihr werdet ihm
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folgen.« Gebieterisch blickte er in Skull Johns wutverzerrte Grimasse. »Pfeif sie zurück.« »Tut, was er sagt«, presste Skull John hervor, gerade so laut, dass sie ihn verstehen und seiner Order Folge leisten konnten. Die Vampirzwillinge hielten inne und schienen irgendwie erleichtert. Solitaire war klar, dass sie darauf spekulierten, sich auch in der kommenden Nacht noch ihres untoten Daseins zu erfreuen. Er verstärkte den Druck seiner Arme gerade um so viel, wie nötig war, um Skull Johns uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu erlangen. »Ihr Name?« »Summers«, ächzte Skull John. »Buffy Summers.« »Mach’s gut, Johnny«, sagte Solitaire. »Noch irgendwas, das ich wissen sollte?« Skull John schien ebenso verwirrt wie bestürzt. »Was? Nein, nichts.« »Ich werde dich am Leben lassen«, beruhigte ihn Solitaire. »Und weißt du auch warum? Nein, warte. Ich sag dir warum. Ich verlass mich darauf, dass du und deine Tölpelbande von der Bildfläche verschwindet, bis ich mein kleines, ganz persönliches Tête-à-tête mit der Jägerin hatte. Nicht, dass ich glaube, dass einer von euch ihr in irgendeiner Weise gewachsen wäre, aber sonst kommt ihr Hundesöhne noch auf die Idee, euch zusammenzurotten und gemeinsam Jagd auf sie zu machen. Also, Hände weg von ihr. Sie gehört mir.« »Gehört dir«, wiederholte Skull John, jedoch wenig überzeugend. »Na so was, da hab ich’s mir doch glatt wieder anders überlegt«, sagte Solitaire. »Ich sollte dich wohl doch besser aus dem Verkehr ziehen.« Er hob den Pflock, als wollte er zum Stoß ausholen. »Halt! Halt! Da ist noch etwas anderes.« »Das klingt schon viel besser«, lenkte Solitaire ein, aber ohne den Pflock wieder sinken zu lassen. »Schieß los.«
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»Ich hab gehört, dass sie... einen Vampir als Freund hat«, keuchte Skull John, »der auf sie aufpasst.« »Einen Vampirkavalier, hmm?« Solitaire fragte sich, welchen Grund es für einen Vampir geben konnte, sich mit einer Jägerin einzulassen. Vielleicht als Gegenleistung dafür, dass sie sein Leben verschonte? Doch andererseits, was konnte einer Jägerin schon am Leben eines Vampirs gelegen sein? Sehr merkwürdig, dachte er. »Eine äußerst delikate Zusammenstellung.« »Hab mir gedacht, dass dir das gefällt«, stieß Skull John hervor, wieder einigermaßen gefestigt. »In der Tat sehr interessant«, erwiderte Solitaire und fletschte seine beachtlichen Vampirzähne, mehr für die Zwillinge, die ihn nicht aus den Augen ließen, als für Skull John, der sein beeindruckendes Mienenspiel ohnehin nicht sehen konnte. »Und tschüss.« »Was...?« In der gleichen Sekunde fuhr der Pflock durch Skull Johns Herz. Und einmal mehr verging ein Vampir in einer explodierenden Staubwolke. Scheppernd fielen die Totenschädel, eben noch an Skull Johns Hals, zu Boden. »Du hast ihn umgebracht«, sagte Kyle tonlos und starrte auf den Schädelhaufen, den einzig sichtbaren Beweis, dass eben dort noch vor wenigen Augenblicken sein Herr und Gebieter gestanden hatte. »Er wurde allmählich lästig«, war Solitaires einziger Kommentar. Carl räusperte sich. Das reichte, um die Seite zu wechseln. »Ganz meine Meinung.« »Johnny hatte ein paar ziemlich ungesunde Ansichten«, fuhr Solitaire fort. »Ihr dagegen tut immer nur das, was man euch sagt, hab ich Recht, Jungs?« Beide nickten eifrig. »Also, sagt das auch dem Rest von Skull Johns Leuten. Von nun an hört ihr nur noch auf mich, auf niemand sonst. Zunächst etwas relativ Einfaches: Lasst die Finger von der Jägerin. Ich glaube 65
nicht, dass euch das sonderlich schwer fallen wird. Haben wir uns verstanden?« Erneutes Nicken. »Noch Fragen?« Heftiges Kopfschütteln. »Gut«, sagte er und lächelte zufrieden. »Gentlemen, ich denke, wir sind uns einig.« Man konnte ihnen ihre Erleichterung deutlich ansehen. »Noch eine Sache«, fügte er hinzu. »Schmeißt endlich diese dämlichen Halsketten weg.« Nachdem Solitaire gegangen war, entdeckten die Vampirzwillinge die Spielkarte, die er zurückgelassen hatte – eine Karodame. Sie lag auf dem Boden inmitten der Totenschädel. Auf dem Weg von der Mensa zu seinem Spind hielt Xander plötzlich inne und stellte verblüfft fest, dass er sich an keine einzige der vergangenen Unterrichtsstunden mehr erinnern konnte. Auf den unbequemen Stühlen hatten sich seine Gedanken auf Wanderschaft begeben, waren zurückgeeilt zum Vyxn-Konzert am Abend zuvor. Richtige Ohrwürmer, die Lieder von denen, dachte er. Aber so ist das eben, überlegte er dann. In einigen Tagen würden Vyxn längst weitergezogen sein und die Dinge wieder jenen Lauf nehmen, der als durchaus normal zu bezeichnen war, zumindest an einem Ort wie dem Höllenschlund. Ich sollte dieses kleine Intermezzo genießen, solange es noch geht, nahm er sich vor. Da erspähte er Oz, der soeben versuchte, ein Schulbuch aus seinem Schließfach herauszuangeln, das in dem Stapel natürlich wieder mal ganz unten lag – ein unerklärliches Naturgesetz. Sogleich setzte Xander neuen Kurs, schlenderte den Schulkorridor hinunter und trommelte mit den Fingern auf die offen stehende Blechtür. »Hey, Oz.« »Hey« »Sehen wir uns heute Abend beim Konzert?« »Klar doch«, erwiderte Oz und ließ die Tür scheppernd ins Schloss fallen. 66
In der Pause stand Buffy neben der Buchausgabe der Schulbibliothek und wartete darauf, dass sich Giles endlich von seinem dicken Nachschlagewerk losriss, fraglos eine Art Who’s Who der dämonischen Unterwelt. »Jemand zu Hause?«, fragte sie schließlich. »Entschuldigung, Buffy«, murmelte Giles und warf einen letzten Blick auf den Text, der seine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt hatte. »Es war eine ruhige Nacht, sagtest du?« »Weit und breit nicht ein einziger Bösewicht«, bemerkte sie nochmals. »Absolut tote Hose. Hatte sogar Zeit für ein paar kleine Studien.« »Tatsächlich?« »Sie brauchen gar nicht so ein verwundertes Gesicht zu machen, Giles«, erklärte Buffy. »Ich hab wirklich die eine oder andere Lektion in meinen Schulbüchern gelesen. Manche sogar zweimal.« »Nein, nein, Buffy. Ich finde es nur ausgesprochen erfreulich, dass du es offensichtlich geschafft hast, ein wenig Ordnung in dein Leben zu bringen.« »Wurde ja auch Zeit«, erwiderte Buffy. »Heute Morgen hatte ich eine nette, ungemein motivierende Unterhaltung mit meiner neuen Schülerberaterin. Und die ist nicht nur ausgesprochen hartnäckig, sondern auch noch der Meinung, dass man niemals genug für die Schule tun kann.« »Ich neige dazu, ihr Recht zu geben – außer natürlich, es handelt sich um die Jägerin.« »Eben«, entgegnete Buffy mit honigsüßer Stimme. »Also, irgendwas Neues über unseren Menschenfresser? In Anbetracht dessen, dass ich über keinen einzigen lebenden Leichnam gestolpert bin, können wir Zombies wohl guten Gewissens ausschließen.« »Seh ich auch so«, stimmte Giles zu. »Willow hat ein paar Vermisstenanzeigen ausfindig gemacht, aber nicht einen 67
einzigen Hinweis auf irgendwelche menschlichen Knochenfunde gefunden. Nur ein Opfer also bis jetzt. Da in sämtlichen verfügbaren Quellen zum Thema Ghule berichtet wird, dass sie in Rudeln umherziehen, sollten wir uns jedoch besser auf ein Blutbad größeren Ausmaßes einstellen. Darüber hinaus habe ich mir die alten Wächteraufzeichnungen noch mal angesehen; nirgendwo ist explizit erwähnt, dass in dieser Gegend jemals Ghule gesichtet worden sind. Allerdings scheinen eine ganze Reihe anderer Kreaturen mit ausgesprochen großer Vorliebe für Menschenfleisch einen Abstecher hierher gemacht zu haben.« »Toll«, warf Buffy ein. »Wir sind eben eine Dämonendelikatesse.« »Besonders wird vor einer ganz bestimmten Kreatur gewarnt, mehr als zwei Meter groß.« Giles griff nach dem alten Wälzer, der aufgeschlagen auf dem Büchertresen lag, und drehte ihn herum, sodass Buffy einen Blick auf die skizzenhafte Zeichnung werfen konnte. Sie las die Bildunterschrift. »Der Rasselu-Dämon.« Giles nickte und rezitierte eine kurze Textpassage. »Mit brennendem Haupt und von magischen Flammen umloderten Klauen röstet der Rasselu-Dämon seine Opfer bei lebendigem Leibe, zieht ihnen die versengte Haut ab und nagt ihnen das Fl...« »Bitte«, unterbrach ihn Buffy und hob dankend die Hand. »In der Mensa gab es heute eine ziemlich undefinierbare Fleischpampe. Könnten wir den Rest auf ein anderes Mal verschieben?« Xander und Oz saßen an einem Tisch in der Nähe der Bühne, vor sich zwei Colagläser, deren Inhalt sich jedoch nur noch auf die Eiswürfel beschränkte, da sie es versäumt hatten, Nachschub zu ordern. Obwohl es bis zum Beginn von Vyxns zweitem Konzert in Sunnydale noch eine Weile dauern würde, 68
fiel es Xander schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Unentwegt blickte er zur Bühne und versuchte, irgendein Anzeichen dafür zu entdecken, dass die Band endlich mit der Show beginnen würde. »Will kommt also nicht mehr?«, fragte er Oz. Es war gut möglich, dass er die gleiche Frage heute Abend schon einmal gestellt hatte; er konnte sich nicht mehr so genau erinnern. »Sie zermartert sich immer noch das Hirn wegen diesem Geschichtsreferat«, antwortete Oz. »Ist für sie ’ne Art Ehrensache.« »Hast du ihr nicht deine Hilfe angeboten?« »Klar.« »Und?« »Sie kam mir wieder mit ihrer Ehrensache«, erwiderte Oz. »Sie meinte, das ist ihre Entscheidung und dass ich das respektieren muss.« »Vielleicht sollten wir in der Schule mal anregen, dass in Zukunft auch die Integrität eines Schülers benotet wird«, schlug Xander halbherzig vor, während er sich gleichzeitig fragte, ob Vyxn wohl im gleichen Outfit auftreten würden wie am vergangenen Abend. »Jedenfalls würdest du dann ein paar Punkte für guten Vorsatz bekommen.« »Guten Vorsatz?«, wiederholte Oz fragend. Xander nickte. »Ja, zumindest seit du davon abgerückt bist, sie bei Vollmond allesamt zur Hölle schicken zu wollen.« Oz war zu dem Entschluss gelangt, dass es besser war, Willow eine Zeit lang einfach in Ruhe zu lassen. Trotzdem fand er es irgendwie merkwürdig, dass er an diesem Abend schon wieder mit Xander im Bronze rumhing. Wieso denn auch nicht?, fragte er sich dann. Doch es war mehr als das. Den ganzen Tag über war ihm die betörende Stimme der Leadsängerin nicht aus dem Kopf gegangen. Vielleicht war es nicht die schlechteste Idee, sich hier und heute davon zu überzeugen, dass nicht mehr dahinter steckte als seine verklärte 69
Erinnerung, dass er einem Zauber erlegen war, den es gar nicht gab. Die Menge begann zu johlen, als die Band auf die Bühne trat. Es war nicht zu überhören, dass das Publikum heute fast ausschließlich aus jungen Männern bestand. Oz machte es nichts aus, dass die Band das gleiche Programm wie am vorherigen Abend herunter spulte, die gleichen Songs, die gleiche Reihenfolge, die gleichen Gesten. Verzückt lauschte er Lupas Stimme. Sie war durch und durch betörend. Oz hatte bereits eine ganze Weile gebannt auf die Bühne gestarrt, als ihm plötzlich jemand durchs Blickfeld lief. Seine Augen wanderten nach oben und er erkannte Cordelia, an ihrer Seite ihre jüngste Eroberung, Troy. »Hallo, Xander«, sagte sie und blieb praktisch direkt vor dessen Nase stehen. »Oh, hi, Cordy«, gab der zurück und verrenkte sich fast den Hals bei dem Versuch, an ihr vorbei auf die Bühne zu starren. »Scheint so, als könntest du von diesen abgehalfterten Lederschlampen gar nicht genug bekommen.« »Nur ein weiterer Beweis für meinen schlechten Geschmack«, versetzte er. »Auf dich bin ich ja schließlich auch mal abgefahren, schon vergessen?« »Hauptsache, du amüsierst dich gut, Xander. Vielleicht führst du eines Tages tatsächlich mal so was wie ein Leben.« Sie dirigierte Troy zu einem der freien Tische. Xander fand es unter seiner Würde, ihr hinterherzugucken. »Ist sie weg?«, erkundigte er sich bei Oz, ohne den Blick von der Bühne abzuwenden. »Definitiv«, versicherte dieser ihm und musste zu seiner Schande feststellen, dass er ebenso fasziniert auf die Bühne starrte... bis Willow vor ihn trat. Er hob den Kopf und entdeckte nun auch Buffy und Angel neben ihr. Buffy bedachte Angel mit einem einigermaßen befremdeten Blick: Auch der Vampir schien Gefallen an der Band gefunden zu haben.
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»Hey, Babe«, begrüßte Oz seine Freundin und riss sich mit mehr oder weniger leidlichem Erfolg von dem furiosen Treiben auf der Bühne los. »Hey«, erwiderte Willow, merklich enttäuscht darüber, dass er ihr nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen ließ. Sie wandte sich zu Angel um, als bedürfe Oz’ Fauxpas dringend einer Erläuterung: »Sie hat wirklich eine sehr beeindruckende Stimme.« »Angel, du bist doch ein Mann«, sagte Buffy. »Wo würdest du sie einordnen? Top-Ten, Independent Charts, Tanzkapelle oder ewige Garagenband?« »Ich gehöre altersmäßig wohl nicht mehr ganz zu ihrer Zielgruppe.« »Ist klar«, wischte Buffy seinen Einwand beiseite. »Los, deine Bewertung.« »Von den unverkennbaren körperlichen Reizen mal abgesehen...«, setzte Angel an. »Halt dich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.« »Rein musikalisch?« Buffy nickte. »Sie sind... bemüht.« »Bemüht?« »Ja«, nickte er. »Es ist kein Feuer, keine Leidenschaft in ihrem Spiel. Schwer zu erklären. Vielleicht liegt es daran, dass sie den Eindruck machen... nie selbst erlebt zu haben, worum es in ihren Songs geht.« »Na, siehst du«, wandte sich Buffy nun an Willow. »Kein Grund, sich zum Trottel zu machen.« Willows Blick wanderte über die Menge, blieb einen Moment an Oz hängen und verharrte schließlich bei Buffy. »Davon gibt’s hier ja auch schon jede Menge.« Willow zog einen Stuhl heran und setzte sich direkt vor Oz’ Nase. Verwundert hob er eine Augenbraue. »Oz, könntest du uns helfen?« 71
»Jetzt gleich?« »Jetzt gleich wäre großartig.« »O... okay«, seufzte er. »Jetzt gleich.« Sie ergriff seine Hand und sah Buffy an. »Es gibt da etwas, das ich gern mal überprüfen würde. Wahrscheinlich ist es ohne Belang.« »Okay, Will«, erwiderte Buffy. »Sei vorsichtig. Angel und ich machen sicherheitshalber noch einen kleinen Kontrollgang durch den Weatherly Park, bevor ich mich nach Hause trolle und den Tag ganz nach Schülertradition mit einem guten Buch in der Hand ausklingen lasse.« Oz und Willow schlenderten Hand in Hand davon, doch Oz drehte sich immer wieder zur Bühne um. Ihm fiel auf, wie die Sängerin von Vyxn irgendeinem tumben Kerl etwas ins Ohr flüsterte. Angel verfolgte das Treiben der Band mit jenem intensiven Blick, von dem Buffy bislang angenommen hatte, dass er ausschließlich für sie reserviert war. »Hey«, beschwerte sie sich und verpasste ihm einen Knuff. »Du wirst mir doch wohl nicht auch noch zum Trottel, oder?« Sofort wandte er sich von der Bühne ab und sah ihr in die Augen. »Auf keinen Fall«, erwiderte er. »Aber hör doch nur, ihre Stimme... Sie ist so...« »Betörend?«, schlug Buffy vor. »Fremdartig«, beendete Angel seinen Satz.
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5 Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde wirkte der Friedhof von Sunnydale stets düsterer als die umliegende Gegend. Die beständige Brise, die an diesem Abend ging, fuhr raschelnd durch das Laub, trieb verspielt einige Papierfetzen vor sich her und schuf alles in allem eine Geräuschkulisse, die unheimlich genug war, die beunruhigten Blicke des Paares zu rechtfertigen. Beide waren sich des Umstands leider nur allzu bewusst, dass irgendwelche plötzlich auftauchenden Schreckgestalten mitnichten ausschließlich im Reich der Märchen und Fantasy anzusiedeln waren. Bisweilen konnte ein kleiner Wissensvorsprung etwas durchaus Beklemmendes haben. »Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, erkundigte sich Oz, während er Willow zu dem Busch führte, unter dem er den Schenkelknochen gefunden hatte. »Nein«, gab Willow zu. »Da sind wir.« »Immerhin habe ich vorgesorgt. Siehst du?« Willow überreichte Oz einen der beiden Holzpflöcke, die sie vorsichtshalber eingesteckt hatte. »Ich hab sie in der Bibliothek mitgehen lassen.« »Jetzt fehlt uns nur noch eine Jägerin«, meinte Oz sarkastisch. »Es ist nicht das erste Mal, dass wir ohne sie klarkommen müssen.« »Das stimmt.« »Abgesehen davon wird es nicht lange dauern«, versprach Willow. Sie ging in die Hocke, und ihr Oberkörper verschwand in dem Busch. »Was treibst du da?«
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»Spurensicherung«, kam es aus dem Gestrüpp. »Ich suche nach irgendetwas, das sich mit diesem Oberschenkelknochen in Verbindung bringen lässt.« »Nach dem Schienbein vielleicht?« »Ich bin auf einen Polizeibericht gestoßen, in dem von einem vermissten College-Studenten die Rede ist«, erklärte Willow. »Ein gewisser Roben John Wallace, erstes Semester. Seit zwei Tagen spurlos verschwunden. Ich dachte, wir könnten vielleicht einen eindeutigen Beweis dafür finden, dass der Knochen von ihm stammt. Nicht, dass das für ihn noch irgendeine Rolle spielen würde, aber immerhin wären wir dann einen kleinen Schritt weiter.« Nachdem sie einige weitere Minuten damit zugebracht hatte, das Erdreich aufzuwühlen und um Grabsteine und Friedhofsstatuen herumzukrabbeln, setzte sie sich auf die Fersen und streckte seufzend den Rücken durch. »Nichts«, konstatierte sie, und maßlose Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir haben doch schon einmal alles abgegrast«, erinnerte Oz sie an jene Nacht, in der er den Knochen gefunden hatte. »Ja, aber wir haben lediglich nach weiteren Knochen gesucht«, wandte Willow ein. »Ich hab gedacht, wir hätten vielleicht etwas übersehen, etwas weniger Auffälliges, eine dunkle Brieftasche zum Beispiel oder so was. Irgendwas.« Sie kam wieder auf die Beine. »Tut mir Leid, dass ich deine Zeit vergeudet habe.« »Mit Willow Rosenberg?« Oz legte ihr einen Arm um die Schulter. »Wer würde denn da von Zeitvergeudung reden?« Willow lächelte. Da drang ein Rascheln vom Gehsteig jenseits der eisernen Friedhofsumzäunung zu ihnen herüber. Bestürzt starrten beide in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien. Willow atmete hörbar auf, als sie die leere Chipstüte bemerkte, die den Bordstein entlangwirbelte, weiter und immer weiter... direkt an einer Straßenlaterne vorbei. »Was ist das?« 74
»Was?« »Da vorne, gleich neben dem Baum dort.« Sie deutete mit dem Finger auf einen kleinen Gegenstand, der schwach schimmernd den matten Schein der Straßenlampe reflektierte. »Irgendwas Metallisches.« »Vielleicht ’ne leere Coladose?«, vermutete Oz. »Nein«, widersprach Willow. »Zu klein.« Sie stürmte den Weg zurück, den sie gekommen waren. »Hey! Warte!«, schrie Oz ihr hinterher und sah sie schon im Geiste in einen frisch von den Toten auferstandenen Vampir hineinrasen, der sich nach dem ersten Drink der Ewigkeit sehnte. An der Eingangspforte hatte er sie endlich eingeholt. Gemeinsam rannten sie den Eisenzaun entlang bis zu jenem Baum, unter dem Willow das glänzende Objekt erspäht hatte. »Wo ist es...?«, keuchte Willow und blickte sich suchend um. »Es ist weg – Nein! Hier!« »Was ist es?« Sie sah ihn an. »Ein Ring«, sagte sie und drehte ihn in der Hand. »Ein Highschool-Ring. Sunnydale High. Mit dem Logo der Razorbacks. Oh, guck mal!« Sie reichte ihm ihr Fundstück. »Was denn?« »Schau dir die Innenseite an!« Oz hielt den schweren Goldring näher ans Licht. Deutlich konnte er die Gravur erkennen. Sie bestand aus nur drei Buchstaben: RJW. Währenddessen hatte Cordelia im Bronze reichlich Mühe, Troy bei der Stange zu halten. Anstatt gepflegte Konversation zu betreiben, wie es sich für einen Gentleman gehörte, saß er mit aufgestelltem Ellbogen, das Kinn in die Hand gestützt, am Tisch und ließ seinen Blick permanent zwischen Cordelia und der Band hin- und herschweifen. Zunächst versuchte sie über diesen offensichtlichen Mangel an guter Kinderstube 75
hinwegzusehen, doch nachdem auch schon Xander einmal zu viel über sie hinweggesehen hatte, begann sie allmählich die gesamte Männerwelt zu hassen. »Troy«, sagte sie und erzwang sich seine Aufmerksamkeit zurück. »Wie ist das eigentlich, wenn man in einer Daily Soap die Hauptrolle spielt?« »Es ist... ähm... tja...«, stammelte er. »Diese Band nimmt einen irgendwie völlig in Beschlag, findest du nicht auch?« »Wie Fußpilz«, erwiderte sie. »Schon vergessen? Du hast meine Frage nicht beantwortet.« »Nein... ich... äh, Hauptrolle in einer Daily Soap, richtig?« »Du hast’s erfasst.« Tapfer versuchte er, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. »Für einen ambitionierten Schauspieler ist es ein bisschen frustrierend, alles muss möglichst nach dem ersten Take im Kasten sein. Der Fernsehzuschauer sieht in der Woche nur fünf Stunden Wanderlust, doch um diese fünf Stunden abzudrehen, sind täglich acht bis zehn Stunden harte Arbeit erforderlich. Auch wenn man nicht bei jeder Szene dabei sein muss, ist der Zeitdruck doch mörderisch.« Nun war es Cordelia, die sich abwandte, um einen Blick über die Schulter zu werfen. Doch sie sah sich bloß nach Xander um, der einige Tische weiter saß und, wie alle um ihn herum, rhythmisch mit dem Kopf wippte. »Glaubst du, er ist normal?« »Was... wer?« »Xander Harris natürlich, dumme Frage!«, gab Cordelia zurück und drehte sich wieder um – unglücklicherweise genau in dem Moment, als Troys Aufmerksamkeit wieder zur Bühne und zu Lupas elegischem Gesang abdriftete. Sie schlug seinen Ellbogen zur Seite, und um ein Haar wäre er mit dem Kinn auf die Tischplatte geknallt. »Ist das alles, was nötig ist, um euch Typen zu sabbernden Idioten zu machen? Ein paar aufgetakelte Miezen in Lederlumpen?« 76
»Bei aller Fairness, aber diese Lumpen sind strategisch ausgesprochen effizient platziert.« »Ich finde das überhaupt nicht komisch.« »Ich auch nicht«, versicherte ihr Troy. »Wir gehen wohl besser.« »Jetzt gleich?« »Auf der Stelle«, sagte Cordelia energisch. Sie klemmte sich ihre Handtasche unter den Arm und zog Troy am Ellbogen hinter sich her. Zielstrebig marschierte sie auf dem Weg nach draußen an Xanders Tisch vorbei. »Bis dann, Xander«, rief sie ihm zu. »Wir sind dann mal weg.« Xander schaute blinzelnd zu ihr auf. »Cool«, sagte er, ein wenig entrückt. »Tu nichts, was ich nicht auch tun würde.« Ein hämisches Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. »Das dürfte wohl kein Problem sein.« Kurz nachdem sie davongestürmt war, mit einem nur allzu willigen Troy im Schlepptau, blickte Xander in einem seiner flüchtigen klaren Momente zur Tür hinüber. »Was war das denn gerade?«, fragte er sich. Im diesem Augenblick setzte die Leadsängerin mit dem nächsten Song ein, und seine Aufmerksamkeit wurde zurück auf die Bühne gelenkt. Noch vor dem zweiten Vers stand er wieder völlig in Lupas Bann. Buffy und Angel schritten derweil einen unbefestigten Weg entlang, der sich quer durch den Weatherly Park erstreckte. Wieder und wieder huschten ihre Blicke über die den Pfad säumenden Bäume oder vereinzelt stehende Buschreihen, die hoch genug waren, um einem ausgehungerten Mitglied der Höllenschlund-Gesellschaft Deckung zu gewähren. Diese unangenehmen Wegelagerer kamen in jeder erdenklichen Gestalt und Größe daher, doch die meisten von ihnen waren einfach nur groß und hässlich; eines jedoch hatten sie alle gemeinsam: Sie sahen Menschen grundsätzlich als ihre 77
rechtmäßige Beute an. Einige, wie zum Beispiel die Vampire, hatten es auf menschliches Blut abgesehen, andere, wie der mysteriöse Menschenfresser, mit dem sie es derzeit zu tun hatten, mehr auf deren Fleisch. Der Rest zog es im Allgemeinen vor, sich als kleinen nächtlichen Imbiss ein oder zwei menschliche Seelen einzuverleiben, bevor es auch für ihn Zeit wurde, sich zur Ruhe zu betten. Buffy vermochte nicht zu sagen, welche Sorte sie am abscheulichsten fand, doch sie hatte ohnehin nie viel übrig gehabt für sinnlose Kategorisierungen; daher lautete die Devise, mit der sie dem unmenschlichen Appetit dieser Ausgeburten der Hölle entgegentrat, ebenso schlicht wie ergreifend: immer drauf. An ihrer Schulter hing baumelnd ihr Rucksack – Zeichen eines möglicherweise etwas übereilten Optimismus. Höchstwahrscheinlich würde sie zunächst die Dienste von Mr. Pointy in Anspruch nehmen müssen, ehe sie Gelegenheit finden würde, ihre Nase in eines der Schulbücher zu stecken. Das Schicksal hatte sie zur Jägerin bestimmt, und diese Rolle drohte von ihrem Leben mehr und mehr Besitz zu ergreifen. Der Gedanke daran, die Abschlussklasse noch einmal wiederholen zu müssen, während Willow, Oz und Xander, von Cordelia ganz zu schweigen, größeren, erfreulicheren, zumindest anderen Dingen entgegenblickten, war für sie ein weitaus größerer Alptraum als irgendwelche Seelen-Dämonen, die in der Stadt mal wieder ihr Unwesen trieben. Sie war fest entschlossen, dem bisschen Normalität in ihrem Leben so viele glückliche Augenblicke abzuringen wie nur irgend möglich, selbst wenn sie sich dafür an einen so Furcht erregenden Ort wie das College begeben musste. Zu diesen glücklichen Augenblicken zählten auch die Stunden, die sie an der Seite von Angel verbrachte, obwohl man ihre Beziehung schwerlich als normal bezeichnen konnte: sie ein siebzehnjähriger Teenager, der noch zur Highschool ging, er ein um die zweihundertundvierzig Jahre alter Vampir, 78
der zufälligerweise eine Seele und damit so etwas wie ein Gewissen besaß. Ansonsten passten sie ganz gut zusammen. Manchmal gelang es ihr sogar sich vorzustellen, dass sie ein Pärchen waren wie jedes andere auch, einfach nur Freund und Freundin, völlig normal. Besonders in solch kalten, windigen Nächten wie dieser. »Du meinst also, sie lassen dich völlig kalt?«, erkundigte sich Buffy nun schon zum dritten Mal. Natürlich ging es wieder mal um Vyxn. »Keinerlei erotische Fantasien oder Zwangsvorstellungen?« »Nein«, sagte Angel lächelnd. »Aber ich beginne allmählich, mir um dich Sorgen zu machen.« »Um wen? Um mich?«, fragte sie ungläubig. »Ich bin einfach nur heilfroh, dass sie dich nicht auch um den Verstand gebracht haben, wie...« Wie wen?, überlegte sie dann. Wie die anderen jungen Männer? War Angels mangelnde Begeisterung für Vyxn nur ein weiterer warnender Wink des Schicksals, dass er anders war als die anderen Jungs? »Wie was?« »Nichts«, antwortete Buffy. »Du hast völlig Recht. Ich leide unter Zwangsvorstellungen. Nächstes Thema.« »Okay. Schlag eins vor.« »Na gut«, erwiderte Buffy, »wir könnten darüber reden, dass ich in drei Fächern auf der Kippe stehe und vielleicht sitzen bleibe. Oder wir unterhalten uns über diesen Menschenfresser, ist wahrscheinlich auch interessanter.« Sie wirbelte herum, um Angel in die Augen zu blicken. In diesem Moment bemerkte sie es. Sie verließ den Spazierpfad und ging zielstrebig auf das zu, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. »Was ist?«, wollte Angel wissen. Eine Reihe Heckensträucher vor der Parkumzäunung. Alle fein säuberlich gestutzt. Nahezu identisch. Bis auf einen. »Sieh dir mal diese Büsche an«, forderte sie ihn auf. 79
»Was ist damit?« »Nicht alle«, erwiderte sie. »Nur den hier.« Eine der mittleren Heckenpflanzen hob sich etwas von der Buschreihe ab, schien irgendwie anders, dunkler. Bei Tage wäre sie Buffy sicher sofort aufgefallen, doch jetzt, mitten in der Nacht, war der Unterschied kaum auszumachen. Die kleinen Blätter waren braun und zerbröselten zwischen den Fingern. Sie brach einen der Zweige ab. Angel trat neben sie und runzelte die Stirn. »Tot«, konstatierte er. »Zumindest so gut wie«, nickte Buffy. Sie beugte sich hinab und stellte fest, dass das Erdreich um die Wurzel herum locker war. Als sie es zur Seite schob, schrammten ihre Knöchel über etwas Hartes. Sie wischte noch etwas mehr Erde beiseite und sah etwas Helles durchschimmern. Sie klopfte mit den Fingern dagegen und bedachte Angel mit einem fragenden Blick. »Sperrholz?« Angel hockte sich neben sie, und mit vereinten Kräften gelang es ihnen, die Sperrholzplatte zu lockern und hochzuhieven. Zurück blieb ein gähnendes Loch, aus dem heraus ihnen ein bleicher Totenschädel entgegengrinste. Ein Käfer huschte verschreckt in eine der leeren Augenhöhlen. Vor Entsetzen verlor Buffy den Halt, rutschte aus und plumpste mit einem Ächzen auf ihr Hinterteil. Angel ließ die Holzplatte wieder fallen und sah sie betroffen an. »Was war das da unten? Konntest du irgendwas erkennen?« »Knochen«, erwiderte sie. »Jede Menge Knochen.« Angel bückte sich und wuchtete zum zweiten Mal die schwere Sperrholzplatte hoch. Als er sie zur Seite stieß, fiel sein Blick auf einen ganzen Berg voller Gebeine. Buffy klopfte sich den Dreck ab und trat neben ihn. »Da ist noch was«, sagte Angel, streckte eine Hand aus und wühlte in dem Knochenhaufen herum, um schließlich etwas Langes, Schwarzes daraus hervorzuziehen.
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Zuerst dachte Buffy an eine Schlange, doch dann fiel ihr ein, dass Schlangen in aller Regel nichts mit Messingschnallen am Hut hatten. »Ein Gürtel?« Angel schob mehrere große Knochen beiseite und förderte einen weiteren Fund zu Tage. »Eine Brieftasche«, stellte er fest und machte sich daran, den Inhalt zu prüfen. Buffy sah ihm über die Schulter: »Kreditkarte, Automobilklub-Mitgliedskarte, Studentenausweis der UC Sunnydale. Tony Lima.« Angel schaute Buffy mit jenem grimmigen und unerbittlichen Blick an, den sie schon kennen gelernt hatte, als ihre Wege sich vor drei Jahren zum ersten Mal kreuzten. Es war ein Blick, der abschrecken, der ihr Angst einjagen sollte, zu ihrem eigenen Besten. Und für gewöhnlich erfüllte er seinen Zweck. »Das ist nur einer von vielen«, stellte er fest. »Es hat gerade erst begonnen.« Nachdem er sich die komplette Show von Vyxn reingezogen hatte, fühlte sich Xander ziemlich erledigt. Irgendwie schienen diese vier Frauen jede ihrer schweißtreibenden Nummern dadurch zu kompensieren, dass sie bei der nächsten noch mehr aufdrehten. Er hatte immer geglaubt, ein Livekonzert würde eine Band an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit treiben, doch auf Vyxn schien das tobende Publikum geradezu wie ein Jungbrunnen zu wirken. Sie badeten förmlich in dem Applaus. Manche Leute sind eben wie geschaffen fürs Showgeschäft, dachte er bei sich. Als sich die Band nach der zweiten Zugabe endgültig verabschiedete, fühlte sich Xander beinahe zu schwach, um von seinem gut gepolsterten Sitzplatz hochzukommen – von dem langen und beschwerlichen Weg nach Hause gar nicht zu reden. Träge sah er sich um. Die meisten der anderen Jungs sahen genauso ausgepowert aus, wie er sich fühlte. Merkwürdigerweise waren die weiblichen Gäste bereits alle 81
gegangen. Na ja, vielleicht nicht ganz so merkwürdig, korrigierte er sich. Falls sie mit ihren Verehrern hier gewesen waren, hatten sie höchstwahrscheinlich mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt wie Cordelia. Doch das war nicht sein Problem. Das Einzige, was ihn an diesem Abend noch interessierte, war, es irgendwie nach Hause zu schaffen, sich auf seine Matratze zu knallen und einfach nur zu schlafen. Da tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Xander drehte sich um und sah die Bassistin vor sich stehen, Carnie, die mit den wilden roten Haaren. Sein Herz machte einen Sprung. Er versuchte in eine halbwegs aufrecht sitzende Haltung zu gelangen – ein Kraftakt, der ihn mehr Anstrengung kostete, als er jemals für möglich gehalten hätte. Dann fiel sein Blick auf den mächtigen, sich zu einem Pferdeschwanz verjüngenden Irokesenschnitt der Leadgitarristin, deren Name ihm bedauerlicherweise entfallen war. Ihr schien seine Verlegenheit nicht zu entgehen. »Ich bin Rave«, half sie ihm aus der Klemme. Sie deutete auf Carnie: »Und das ist Carnie.« »Hört mal, ihr Mädels seid echt große Klasse«, begann er und wäre beinahe über seine eigenen Worte gestolpert. »Ihr seid ’ne geile Truppe. Und ich sag das nicht nur, weil...« ›Weil ihr halb nackt seid‹, wäre ihm um ein Haar herausgerutscht. »Weil wir so hübsch sind?«, fragte Carnie grinsend. Sie setzte sich rechts neben ihn, ihr nackter Oberschenkel streifte sein Hosenbein. »Genau«, meinte Xander. »Äh, genau das wollte ich sagen. Schönheit und, äh, Talent. Zwei hervorragende Qualitäten, wie geschaffen füreinander.« »Lupa meint, du bist ein großer Fan von uns«, sagte Rave. Sie zog einen Stuhl heran und nahm zu seiner Linken Platz. Noch mehr nacktes Bein, doch tapfer versuchte er Blickkontakt zu halten. »Der allergrößte«, bestätigte er nickend.
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»Und darum haben wir auch gestern für dich ›Heartbreaker‹ gespielt, für dich ganz allein.« »Das war echt... echt klasse«, stammelte Xander. Mein Gott, wie arm, dachte er. »Hättest du gern«, fragte Carnie und machte eine Pause, um ihm zuzuzwinkern, »ein Autogramm?« »Äh... ja, sicher hätte ich gern ein Autogramm«, entgegnete Xander und hätte sich selbst ohrfeigen können, als er ihr eine aufgeweichte Papierserviette hinschob, die auf dem kleinen Tisch gelegen hatte. In schnörkeliger Schrift kritzelten Rave und Carnie ihre Namen darauf. Nur die Vornamen. »Vielen Dank«, sagte Xander. »Wirklich super.« »Weißt du«, begann Rave und kratzte sich mit einem ihrer kunstvoll lackierten Fingernägel am Kinn. Für einen Moment hatte Xander den Eindruck, dass sich an genau dieser Stelle ein dunkler Streifen abzeichnete und sofort wieder verschwand, doch das war sicher nur ein Schatten, nahm er an, hervorgerufen durch das diffuse Licht im Bronze. »Wir möchten dich gern etwas fragen.« »Oh«, entfuhr es Xander, und ihm kamen einige ziemlich wilde Fantasien in den Sinn. »Über die Mädchen, die heute Abend bei dir am Tisch waren«, erklärte Carnie. »Oh, die, ähm, du meinst Cordelia? Die mit diesem geschniegelten Lackaffen, den sie wie ein kleines Hündchen hinter sich herschleift?« Carnie warf Rave einen sonderbaren Blick zu und meinte dann: »Die Blonde und diese Kleine, die die gleichen Haare hat wie ich.« Sie zupfte an ihren roten Strähnen herum, und mit einiger Verzögerung wurde Xander klar, dass sie auf Willow anspielte. Doch Carnies Haarpracht war von einem unnatürlichen Rot, knallrot, um genau zu sein, und diese Farbe kam direkt aus einer Flasche voller künstlichem Färbemittel; Willows Haarfarbe hingegen war die, mit der sie schon zur 83
Welt gekommen war. »Das dürften Buffy und Willow gewesen sein. Willow ist die mit den, ähm, roten Haaren.« »Buffy und Willow...«, wiederholte Rave, als krame sie in ihrer Vergangenheit. »Sie kamen uns irgendwie bekannt vor. Wir haben überlegt, ob wir sie vielleicht schon mal irgendwo getroffen haben.« Carnie stand auf. »Nein, diese Namen sagen mir gar nichts.« Rave erhob sich ebenfalls von ihrem Stuhl. »Muss wohl am Licht gelegen haben.« »Okay«, sagte Xander, schwang sich auf die Füße und stolperte über ein Tischbein. »Tut mir Leid, dass ich euch nicht weiterhelfen konnte, Ladys, aber, äh, nochmals danke für die Autogramme. Bin morgen bestimmt wieder mit von der Partie.« Carnie schenkte ihm ein zweideutiges Lächeln und warf ihm eine Kusshand zu. »Natürlich bist du das.« Xander legte einen ausgesprochen souveränen Abgang hin, fiel fast der Länge nach über einen der Tische, wirbelte mit einem plötzlichen Schwung herum, stakste unsicheren Schrittes dem Ausgang entgegen und wusste offensichtlich immer noch nicht so recht, wie ihm geschah. Als er zur Tür herauspolterte, kam ihm ein merkwürdiger Umstand in den Sinn. Carnies und Raves Make-up war tadellos gewesen, absolut perfekt. Doch das war nicht das Befremdliche an der Sache: Sie hatten stundenlang unter heißen Bühnenscheinwerfern herumgetobt, ohne Unterbrechung eine Nummer nach der anderen gespielt, aber aus irgendeinem unerfindlichem Grunde waren sie – trotz all der Anstrengung – nicht einmal annähernd ins Schwitzen geraten. Rave blickte Carnie an und zog eine Augenbraue hoch. »Und?« Carnie zuckte mit den Schultern. »Immerhin wissen wir jetzt ihre Namen.« »Lupa wird das nicht gerade vom Hocker hauen.« 84
Carnie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie kann nicht erwarten, dass wir einfach zu ihm gehen und ihn fragen, welche von beiden die Jägerin ist.« »Für Lupa würde er wahrscheinlich sein Innerstes nach außen kehren«, sagte Rave, dann lachte sie über das Bild, das sie unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte. »Dann soll Lupa es doch aus ihm herauskitzeln«, schlug Carnie vor. »Außerdem ist es eh noch zu früh. Und dieser Ort ist viel zu öffentlich. Was, wenn er Verdacht schöpft und sich aus dem Staub macht? Es war Lupa, die uns hierher gebracht hat. Soll sie doch das Risiko eingehen.« »Du hast Recht«, stimmte Rave zu. »Trotzdem, hast du gesehen, wie sie getobt haben? Sie konnten gar nicht genug bekommen. Mit denen haben wir garantiert ein leichteres Spiel als mit diesen Oberschlaubergern vom College.« »Vielleicht sind wir einfach nur besser geworden«, meinte Carnie. Sie brachen in schallendes Gelächter aus.
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6 Joyce Summers stellte ihrer Tochter ein Glas Orangensaft hin und räusperte sich: »Buffy, ich habe gestern einen Anruf von einer gewissen Mrs. Burzak von der Highschool bekommen.« Buffy legte den Vollkorn-Muffin, in den sie gerade hatte hineinbeißen wollen, wieder auf die Untertasse zurück. »Die Schülerberaterin.« »Sie ist sehr besorgt über deine schulischen Leistungen«, fuhr Joyce fort. »Sie hat irgendwas von roten...« »Zonen gesagt«, beendete Buffy den Satz. »Rote Zonen, gelbe Zonen. Ich weiß alles über diese Zonen.« »Sie hat da so ein...« »System«, nickte Buffy. »Ich weiß.« »Okay, Buffy. Ich hoffe, dass du dir die Sache zu Herzen nimmst«, sagte Joyce. »Immerhin steht dein College-Studium auf dem Spiel.« »Mach ich, Mom.« Joyce setzte sich, nippte an ihrem Kaffee und holte tief Luft. »Buffy, ich weiß, dass dieser... ich meine, dein...« »Jägerinnen-Job.« »Genau«, bestätigte Joyce und räusperte sich abermals. »Dein Jägerinnen-Job.« Buffy wusste, dass Joyce immer noch nicht ihren Frieden gemacht hatte mit der Rolle, die das Schicksal für ihre Tochter bereitgehalten hatte. Zuerst hatte Joyce geglaubt, es sei Buffys freie Entscheidung gewesen, so etwas wie ein etwas makabres Hobby. Doch leider war dem nicht so, und das wussten sie beide. Buffys Rolle als Jägerin würde erst in jenem Augenblick enden, in dem auch ihr Leben vorbei war. Ihre Mutter hatte diese Tatsache schließlich akzeptiert, wenn auch widerwillig. Noch immer wünschte sie sich für ihre Tochter, dass sie das Leben eines ganz normalen Teenagers führen konnte, mit allen Träumen und Erfahrungen, 86
die dazugehörten, einschließlich Freund, beruflicher Karriere und später vielleicht sogar einer eigenen Familie. Joyce startete einen neuen Versuch. »Ich weiß, dass dein Job als Jägerin ein Teil deines Lebens ist, ein Teil von dir«, begann sie. »Doch du bist viel mehr als nur das. Du hast ein so unglaubliches... Potenzial.« »Meine Mutter«, seufzte Buffy. »Mein Cheerleader.« »Ich möcht dich nur daran erinnern, dass es mehr im Leben gibt, in deinem Leben, als...« »... als große, hässliche, fiese Monster umzubringen?« »Genau«, erwiderte Joyce, und der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. »Ich weiß, Mom«, gab Buffy zu. »Glaub mir, ich mache mir auch so meine Gedanken über diese... roten Zonen. Ich möchte wirklich aufs College, Mom.« Giles musterte den Highschool-Ring, den er in der Hand hielt, und las die Initialen. »RJW«, murmelte er. »Einen Zufall können wir in Anbetracht der Umstände wohl ausschließen. Gute Arbeit, Willow.« Willow strahlte. »Vielen Dank, Giles. Aber Oz hat mir dabei geholfen.« »Sie ist viel zu bescheiden«, wehrte Oz ab. »Willow mit den Adleraugen.« »Trotzdem«, betonte Giles. »Ich bin froh, dass sie nicht allein losgestiefelt ist. Willow, was macht eigentlich dein Referat über die Geschichte Sunnydales?« »Wenn ich die hohe Sterblichkeitsrate, die ganzen vermissten Personen und die zahllosen Berichte über mysteriöse... äh, nun ja... Erscheinungen beiseite lasse – jedenfalls hab ich schon jede Menge Karteikarten gesammelt. Das ist doch ein Anfang, oder nicht?« Oz nickte solidarisch.
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Giles runzelte die Stirn. »In der Tat. Ich bin sicher, du wirst das Beste daraus machen.« Die Bibliothekstür flog auf und ächzend stapfte Buffy herein, unter dem Arm einen Stoß Bücher und über der Schulter einen großen, unförmigen Matchbeutel. Giles’ Gesichtszüge entspannten sich, und lächelnd registrierte er, wie reflexartig sich seine Hand um den Ring geschlossen hatte. »Buffy«, begrüßte er sie. »Gut, dass du da bist. Willow hat das Opfer mittels eines Highschool-Rings identifizieren können, den sie und Oz auf dem Gehsteig vor dem Friedhof gefunden haben und der einer als vermisst gemeldeten Person gehörte.« »Klasse«, keuchte Buffy. »Aber wir haben schon wieder neue Probleme.« »Wie meinst du...?«, wollte Giles gerade fragen, da wuchtete sie bereits den zerschlissenen Matchbeutel auf den Tresen der Buchausgabe. Sie berichtete von ihrer gemeinsamen Patrouille mit Angel im Weatherly Park. »Wir haben eine ausgehobene Grube mit noch mehr Knochen gefunden, mit viel mehr Knochen... und das hier.« Sie kippte den Beutel aus, und eine Flut von Brieftaschen, Armbanduhren, Ringen und anderen Schmuckstücken ergoss sich über den Tresen. Joyce Summer wollte sich gerade auf den Weg zur Kunstgalerie machen, als es an der Haustür klingelte. Sie spähte durch den Spion und sah einen hoch gewachsenen, breitschultrigen Mann mit blassem Gesicht. Trotz seines durchaus kräftig zu nennenden Haaransatzes konnte man unter dem zu einem strengen Bürstenschnitt heruntergestutzten blonden Haar deutlich die Kopfhaut erkennen. Ehemaliger Soldat, vermutete Joyce. Er war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt und trug eine dick umrandete Brille, die sie an alte Fotos von Teddy Roosevelt erinnerte. Unter seinem Arm klemmte eine große dunkle Aktentasche, und alles in allem 88
machte er einen entwaffnend ratlosen Eindruck. Sie öffnete die Tür. »Kann ich Ihnen helfen?« »Gut möglich«, erwiderte der Mann. Das grelle Sonnenlicht ließ ihn ein wenig mit den Augen blinzeln. Seinem Teint nach zu urteilen hielt er sich nicht allzu häufig in der Sonne auf. Wahrscheinlich hat er eine empfindliche Haut, dachte Joyce. »Sie sind mir von einem Bekannten empfohlen worden.« »Hat es etwas mit der Galerie zu tun?«, erkundigte sich Joyce. »Genau«, antwortete er. »Mit der... Kunstgalerie.« »Sie sind Kunsthändler?« »Ich handele mit sumerischen Artefakten. Darf ich?« Er wies auf die Tür. »Ich würde Ihnen gern einige meiner Kostbarkeiten zeigen.« »Ich war zwar gerade auf dem Sprung in die Galerie«, entgegnete Joyce, »aber bitte, kommen Sie doch herein. Ein paar Minuten hab ich noch.« »Vielen herzlichen Dank«, erwiderte er mit einem Nicken und lächelte sie verbindlich an. »Ich hoffe, dass das, was ich Ihnen zu zeigen habe, Sie für diesen kleinen Aufschub entschädigen wird.« Er trat in die Diele und knöpfte seinen schwarzen Mantel auf. Joyce erhaschte einen flüchtigen Blick auf seine rote Lederweste. »Wie wir wissen, wurde Robert John Wallace erst vor zwei Tagen als vermisst gemeldet«, erklärte Giles. »Wer oder was auch immer ihn verspeist hat, es war ziemlich schnell und ausgesprochen gründlich.« »Nachdem Buffy und Angel ein ganzes... tja... Depot voller Knochen gefunden haben, wissen wir zumindest, dass er nicht das einzige Opfer ist«, stellte Willow fest. »Und in Anbetracht des ganzen Schmucks und der Armbanduhren dürfte es sich wohl kaum um Raubmorde gehandelt haben«, setzte Giles hinzu. 89
Oz stöberte in den Brieftaschen und den anderen persönlichen Sachen herum, die Buffy angeschleppt hatte. »Ist dir schon mal aufgefallen, dass der ganze Kram ausschließlich männlichen Opfern gehörte?« »In der Grube war nicht eine einzige Handtasche«, nickte Buffy. »Ich meine nicht nur die Brieftaschen«, sagte Oz. »Schau dir all diese Armbanduhren an. Alles Männeruhren.« Giles trat hinter Oz und nickte. »Oz hat Recht. Auch diese Highschool-Ringe gehörten ausschließlich Männern. Ebenso die Halsketten, dem Design nach zu schließen.« Xander kam schlurfend zur Bibliothekstür herein. Er machte einen reichlich übernächtigten Eindruck. Sein Blick fiel auf Buffys Ausbeute, und sogleich begann er den Haufen einer näheren Inspektion zu unterziehen. »Hat einer von euch ein Fundbüro überfallen? Ich hätte da noch ein paar alte Galoschen anzubieten, falls jemand...« »Xander«, unterbrach ihn Willow. »Buffy und Angel haben die Sachen in einer Grube voller Menschenknochen gefunden.« Xander ließ das goldene Armband, das er in die Hand genommen hatte, fallen wie eine heiße Kartoffel. »Okay, keine Galoschen.« »Ich fürchte nein«, sagte Oz. »Auch gut«, meinte Xander. »Sie hätten sowieso nicht zu diesem Krempel gepasst.« Er ließ sich auf einen der Stühle plumpsen, legte seine Füße auf den Tisch und lehnte sich mit im Nacken verschränkten Händen und einem breiten Grinsen zurück. »Ich glaub, mich hat’s erwischt.« »Ich dachte, zwischen dir und Cordelia ist es endgültig aus und vorbei«, bemerkte Buffy. »Wer redet denn von Cordelia?«, erwiderte Xander. »Ich meine Carnie, oder vielleicht auch Rave, ist noch nicht ganz raus. Obwohl Lupa natürlich ein ganz besonderer Platz in
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meinem Herzen gebührt. Hey, nichts gegen Schlagzeugerinnen, aber findet ihr nicht auch, dass Nash irgendwie hochnäsig ist?« »Xander, ich glaube du verwechselst da Triebhaftigkeit mit Liebe«, sagte Buffy. »Wäre nicht das erste Mal«, pflichtete ihr Willow bei. »Triebhaftigkeit. Liebe«, meinte Xander achselzuckend. »Was macht das für einen siebzehnjährigen jungen Mann schon für einen Unterschied?« »Ungeachtet Xanders Herzensangelegenheiten«, meldete sich Giles wieder zu Wort, »sollten wir schleunigst so viele der Opfer identifizieren wie möglich. Wir müssen herausbekommen, wo sie gewohnt haben, auf welche Schule sie gegangen sind oder wo sie gearbeitet haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich aus diesen Informationen eine Art Muster ergibt, sodass wir vorhersagen können, wo die Kreatur das nächste Mal zuschlägt.« Augenblicklich driftete Willow in Richtung Bibliothekscomputer ab. »Klingt nach einem Fall für Cybergirl«, sagte sie. »Auf jeden Fall etwas, das mich für eine Weile von diesem ätzenden Ich-weiß-was-was-du-nicht-weißtReferat über die Geschichte von Sunnydale ablenkt.« »Ich zerstöre ja nur ungern deine Illusionen, Will«, bemerkte Xander, »aber dieses mysteriöse Loch voller abgenagter Menschenknochen fällt genau unter diese Rubrik.« »Stimmt«, meinte Willow und ließ das Kinn in die Hände sinken. »Ich bin verdammt. Wie soll ich nur jemals dieses Referat zustande bringen? Das ist nicht fair. Ich weiß einfach zu viel.« Giles fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Willow, ich fürchte, du wirst dich auf die allgemein zugängliche Literatur über die Geschichte unserer Stadt beschränken müssen.« »Und damit aus meinem Herzen eine Mördergrube machen«, seufzte Willow. »Wenn ich doch nur unter kurzzeitiger Amnesie leiden würde, zumindest so lange, bis ich mit diesem 91
blöden Referat durch bin. In diesen Soaps passiert das alle Nase lang. Nicht, dass ich mir so etwas anschauen würde, aber das sagte ich ja bereits.« Cordelia kam gerade noch rechtzeitig zur Tür herein, um Willows letzte Bemerkung aufzuschnappen. »Was ist mit Soaps? Redet ihr etwa über mich und Troy?« »Nein, Cordy«, entgegnete Xander. »Es dreht sich auf der Welt nicht immer nur alles um dich und deine aktuellen Eroberungen.« »Wie kommt’s, dass du überhaupt noch hier bist?«, entgegnete Cordelia. »Ich dachte, du hättest längst die Schule geschmissen, um als Roadie hinter diesen supergrandiosen Vyxn herzuhecheln.« »Vixen?«, fragte Giles, leicht verwirrt. »Roadie? Ich fürchte, ich kann nicht ganz folgen.« »V-y-x-n«, buchstabierte Buffy. »Eine Mädchenband, die letztens im Bronze aufgetreten ist. Sie wissen schon, dieses ganze Gefasel von Carnie, Rave, Lupa und Nash vorhin.« Sie warf Giles einen verschwörerischen Blick zu. »Ah ja«, machte Giles und nahm seine Brille ab – für ihn der einfachste Weg, den Blickkontakt mit Cordelia zu vermeiden. »Vielen Dank für die Auskunft.« »Was für ein Gefasel eigentlich?«, hakte Cordelia nach. Jetzt ergriff Willow die Initiative: »Xander hat gerade erzählt... dass er einen Fanklub gründen will. Und jetzt kann er sich nicht entscheiden, welche der Musikerinnen ihm... ähm... am besten gefällt.« »In der Tat eine schwierige Entscheidung«, gab Oz mit unbewegter Miene zu bedenken. Cordelia bedachte Xander mit einem vernichtenden Blick. »Seh ich so aus, als würde ich mir darüber Gedanken machen, welche Poster er sich über sein Bett pinnt?«, meinte sie mit einer verächtlichen Handbewegung. »Wohl kaum, weil es mich nämlich nicht die Bohne interessiert.« 92
»Warum auch? Du hast ja Troy, an dem du dich in einsamen und kalten Nächten aufwärmen kannst«, schoss Xander zurück. »Das ist doch wohl...!« Giles sah sich gezwungen zu intervenieren. »Hört zu, ich finde das alles ja ausgesprochen faszinierend«, sagte er, wenngleich sein Tonfall das Gegenteil vermuten ließ, »aber vergessen wir nicht eine Kleinigkeit?« Er wies auf den Haufen persönlicher Hinterlassenschaften. »Wir müssen alles über diese Opfer in Erfahrung bringen, bevor noch mehr Leute umgebracht werden.« »Geschafft, ich hab einen!«, drang Willows Stimme vom Computer her zu ihnen hinüber. Sie hatte ein paar der Brieftaschen mit zum Terminal genommen und sich darangemacht, die Namen der Opfer mit den örtlichen Polizeiberichten über vermisste Personen zu vergleichen. »Brandon Cortez, seit fünf Tagen verschwunden. Ebenfalls Student der UC Sunnydale. Wurde zum letzten Mal gesehen, als er von einer Feier seiner Studentenverbindung aufbrach. Von seinem Zimmergenossen als vermisst gemeldet. Es fehlt jede Spur von ihm.« »Na ja, das stimmt ja nun nicht mehr so ganz«, meinte Xander und kramte in der Brieftasche herum. »Führerschein, ausgestellt in New Mexico.« »Hier ist noch einer«, rief Willow. »Dave Shephard. Vor sechs Tagen von seinen Eltern als vermisst gemeldet.« Sie blickte auf und sah die anderen an. »Und er ging auf die Sunnydale High.« »Sagt mir nichts«, meinte Buffy. »Nichts als junge Männer bisher«, stellte Giles fest. »Es ist nicht auszuschließen, dass Xander und Oz sich in akuter Gefahr befinden.« »Sind wir das nicht ständig?«, ließ Xander verlauten. »Als offizielle Mitglieder der Scooby-Gang?«
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»Das ist natürlich nicht von der Hand zu weisen«, räumte Giles ein. Er hatte sich mit dem Gedanken, dass die Jägerin gleich ihre ganze Clique als Helfer einspannte, nie so recht anfreunden können. Eine Zeit lang hatte er sogar befürchtet, allein schon die Existenz einer solchen Scooby-Gang könnte ein schlechtes Licht auf seine Qualitäten als Wächter werfen. Dennoch musste er zugeben, dass es gewisse Vorteile barg, in einem Team zu arbeiten, vor allem, was die Sicherheit betraf. Überdies befand sich seine Jägerin, Buffy, in einer absoluten Ausnahmesituation. Schließlich befanden sie sich direkt auf dem Höllenschlund. Da die durchschnittliche Lebenserwartung einer Jägerin nicht eben hoch war, konnte sich Buffy wirklich glücklich schätzen, eine solch treue Gefolgschaft hinter sich zu wissen, die ihr den Rücken freihielt und ihre Chancen zu überleben ein wenig verbesserte. »Nichtsdestotrotz, keiner von euch beiden hat besonders viel Erfahrung als favorisierte Zielscheibe dämonischer Übergriffe. Ihr tätet also gut daran, euch entsprechend vorzubereiten.« »Eine gute Verteidigung ist die halbe Miete«, gab Oz ihm Recht. Begeistert rieb sich Xander die Hände. »Alles, was wir brauchen, ist ein kleiner Tipp von Cyber-Will, damit wir wissen, wem genau wir einen kräftigen Tritt in den Hintern verpassen sollen.« »Xander, das ist der falsche Moment, um Witze zu machen«, ermahnte ihn Giles. »Wir haben genau zwei Möglichkeiten«, erwiderte Xander. »Wir können Witze darüber machen... oder wegrennen und laut um Hilfe schreien.« »Tja, in Anbetracht dieser Alternativen...«, begann Willow zaghaft. »Hör zu, Will, wir haben Giles an Bord. Und der ist, wie wir alle wissen, ein ausgewiesener Fachmann, wenn es darum geht,
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Dämonen in den Allerwertesten zu treten. Also, was hast du für uns?« Willow schüttelte den Kopf. »Was auch immer diese jungen Männer... weggeputzt haben mag«, sagte sie, »Zeugen gibt es jedenfalls keine.« Cordelia durchwühlte den Haufen mit den persönlichen Habseligkeiten der Opfer, der immer noch auf dem Büchertresen lag. »Und was ist mit dem ganzen Kram hier?« »Eine durchaus berechtigte Frage, Cordelia«, erwiderte Giles und schob seine Brille hoch. »Ich schlage vor, dass wir die Sachen nach eingehender Untersuchung wieder zurück in die Grube schaffen und anschließend die Polizei anrufen – natürlich anonym. Dann kann die sich darum kümmern, die Angehörigen zu verständigen.« »Eigentlich wollte ich damit nur sagen, dass das Zeug viel zu lädiert und verschmutzt ist, um es zu verhökern oder selber zu tragen oder sonst irgendwas«, stellte Cordelia richtig. »Glauben Sie, die Angehörigen möchten den Krempel wirklich zurück haben?« Giles zog bedrohlich die Stirn in Falten angesichts eines solch eklatanten Mangels an Mitgefühl. »Da bin ich mir so gut wie sicher, Cordelia.« »Die Leute haben einfach keinen Sinn für Geschmack.« Cordelia rümpfte die Nase, offensichtlich blind für das Unwetter, das sich gerade auf Giles Stirn zusammenbraute. »Die Polizei?«, griff Buffy auf. »Ich bin ziemlich gespannt, wie die sich ein Loch voller Menschenknochen erklärt.« »Amoklaufende Holzfäller«, schlug Xander vor. »Das Knochendepot von streunenden Hunden.« »Die Anzahl der Opfer deutet darauf hin, dass wir es eher mit einer Meute von Menschenfressern zu tun haben als nur mit einem einzelnen Beutejäger, möglicherweise mit einem Rudel Ghule.«
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»Ich brauche mir also keine Sorgen mehr über diesen feuerköpfigen Hibachi-Dämon zu machen, von dem Sie so beeindruckt waren?«, erkundigte sich Buffy grinsend. »Rasselu-Dämon«, korrigierte sie Giles. »Nein, ich denke nicht.« Gellend läutete die Schulglocke den Beginn des Unterrichts ein. »Willow, du setzt deine Nachforschungen am besten in einer deiner Freistunden fort«, schlug Giles vor. Er warf einen argwöhnischen Blick auf den Computer, räusperte sich und fügte hinzu: »In der Zwischenzeit werde ich selbst ein paar Recherchen anstellen, über größere Knochenfunde, Massengräber – was es da eben so gibt.« »Sie sind ’ne echte Frohnatur«, sagte Cordelia und verdrehte die Augen. Dann klaubte sie eilig ihre Bücher zusammen und stakste zielstrebig Richtung Ausgang. »Ich sollte einfach nicht mehr hierher kommen.« »Kein Problem«, meinte Xander. »Wir tauschen einfach die Schlösser aus.« Doch sie war bereits zur Tür hinaus. Buffy knallte die Tür ihres Spinds zu und empfand so etwas wie grausame Befriedigung darüber, dass sie ihr Mathebuch in der Dunkelheit eingesperrt hatte. Der einzige Wermutstropfen an der Sache war, dass diese Kerkerhaft nur von kurzer Dauer sein würde. Am späten Nachmittag würde sie das blöde Ding wieder mit nach Hause schleppen. Es repräsentierte schließlich eines ihrer Problemfächer. »Willow«, sagte Buffy, »ich denke, es ist an der Zeit, dieser gelben Zone die weiße Flagge zu zeigen.« »Buffy, Mathematik ist gar keine üble Sache, ich meine, wenn man mal über den praktischen Nutzen nachdenkt.« »Den praktischen Nutzen?«
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»Na ja, du weißt schon, falls man mal ausrechnen möchte, wie lange ein Armbrustbolzen bei einer bestimmten angenommenen Fluggeschwindigkeit in der Luft bleibt... Okay, ich hab gelogen. Mathematik ist übel, ziemlich übel sogar.« Sie seufzte. »Da hast du’s. Und? War ich dir eine gute Stütze?« »Die beste. Da kommt übrigens gerade noch so eine ziemlich üble Sache auf uns zu, und ihre Geschwindigkeit ist...« – sie senkte die Stimme – »... entschieden zu hoch!« »So, so, so«, sagte Rektor Snyder. »Wenn das mal nicht unsere liebe Ms. Summers ist.« Demonstrativ blickte er auf seine Armbanduhr und notierte die Zeit auf einem Zettel an seinem Clipboard. Wie ein heimtückisches Reptil lauerte er den Schülern in den Korridoren auf, als führten sie allesamt nur Böses im Schilde, und als bestünde seine einzige Aufgabe darin, eines Tages auch noch dem Letzten von ihnen das schmutzige Handwerk zu legen. »Rektor Snyder«, begrüßte ihn Buffy. »Ich beobachte Sie, Ms. Summers«, sagte er scharf. Er warf einen Blick auf sein Clipboard. Buffy konnte eine ausgedruckte Tabelle erkennen, in die jede Menge handschriftliche Notizen gekritzelt waren. »Ich habe hier Ihren kompletten Stundenplan. Falls ich mich nicht irre, hatten sie in der letzten Stunde Mathematik – aber wo ist dann ihr Mathematikbuch? Wie wollen Sie je auf einen grünen Zweig kommen, wenn Sie die erforderlichen Bücher nicht dabei haben? Oder gehen Sie zu diesem lästigen Unterrichtsfach neuerdings einfach nicht mehr hin? Das würde einiges erklären.« »Würde was erklären?«, hakte Buffy nach. »Warum Ihre Leistungen in Mathematik solch enorme Defizite aufweisen, nach Mrs. Burzaks Erkenntnissen«, erwiderte Snyder und weidete sich ganz offensichtlich an Buffys Verlegenheit. »Hören Sie, Snyder...«, setze Buffy an und vergaß in ihrem Zorn völlig, ihn mit seinem Titel anzureden. Wie weit war 97
Burzaks Spionagenetz an dieser Schule bereits gediehen? Warum kann diese Frau mich nicht einfach in Ruhe lassen?, dachte Buffy. »Das Buch liegt in meinem Spind. Ich war beim Unterricht. Glauben Sie mir, den vergesse ich nicht so schnell.« »Ein vorbildlicher Schüler stürzt nach dem Unterricht nicht gleich in die Pause«, beharrte Snyder. »Er bleibt noch in der Klasse und bittet die Lehrkraft um ein paar Extraaufgaben, um seine Note zu verbessern. Aber davon abgesehen habe ich Buffy Summers noch nie zu den vorbildlichen Schülern an dieser Schule gezählt.« »Sie tun ihr Unrecht«, schaltete sich Willow ein. »Gerade eben hat Buffy mich gebeten, heute bei ihr zu übernachten, damit wir gemeinsam lernen können.« »Hab ich?« »Hast du.« »Hab ich«, bestätigte Buffy dann, nickte heftig und sah Snyder auftrumpfend an. »Sie will die halbe Nacht lang büffeln«, fuhr Willow fort. »Und da sagen Sie, sie sei keine vorbildliche Schülerin?« Snyder nickte und schien ein wenig besänftigt, für den Moment jedenfalls. »Aber glauben Sie nicht, ich würde deshalb nicht auch weiterhin ein wachsames Auge auf Sie werfen, Ms. Summers, vom ersten Läuten bis zum Ende der letzten Stunde. Laut Mrs. Burzak haben Sie ernsthafte Schwierigkeiten, und sie hat mich gebeten, mit ihr gemeinsam dafür Sorge zu tragen, dass Sie nicht auf die schiefe Bahn geraten. Ich möchte nicht noch einmal erleben... dass Sie aufgrund irgendeines Ausrutschers ein weiteres Mal von einer Schule verwiesen werden.« Doch das boshafte Funkeln in seinen Augen sprach Bände. Buffy wusste ganz genau, dass er nichts lieber erleben würde als genau das. Als sie wieder allein waren, fragte Buffy: »Findest du es nicht auch beunruhigend, dass Rektor Snyder und wir der gleichen Spezies angehören sollen?« 98
»Wir sind am Höllenschlund«, meinte Willow. »Da weiß man nie.« »Auch wieder wahr«, erwiderte Buffy. »Danke, dass du mir aus der Klemme geholfen hast, Willow, aber das wäre wirklich nicht...« Willow hob abwinkend die Hand. »Meine Tasche zum Übernachten ist schon gepackt.« »Aber was ist mit deinem Geschichtsreferat?«, fragte Buffy. »Ich weiß, wie sehr dir dieses ganze Dilemma mit der Redlichkeit zu schaffen macht. Nicht, dass Redlichkeit eine schlechte Sache wäre.« »Ich glaube, ich krieg von dem Referat schon Ausschlag«, sagte Willow und kratzte sich unwillkürlich am Arm. »Ich würde mir wie eine Betrügerin vorkommen, wenn ich die Geschichte Sunnydales einfach fälsche. Wie steht’s denn dann um meine journalistische Ehre?« »Willow, du bist keine Journalistin.« »Dann eben um meine theoretische journalistische Ehre.« »So darfst du das nicht sehen«, meinte Buffy. »Betrachte es einfach als kleine Übung im kreativen Schreiben.« »Das Gewissen ist ein ziemlich nerviger kleiner Plagegeist«, entgegnete Willow. »Es zwickt dich und drückt dich und kippt dir klammheimlich irgendwelche Muntermacher in die Milch, sodass du nachts kein Auge zumachst.« Sie seufzte. »Wenigstens werde ich nur von einem Problem rein akademischer Natur zerfressen. Oz und Xander dagegen stehen derzeit vielleicht auf der Speisekarte des Übernatürlichen. Ich werde mich an Oz ranhängen, aber was ist mit Xander?« »Ich schätze, dass Cordelia in seiner Nähe herumscharwenzelt, und sei es auch nur, um sich davon zu überzeugen, wie fürchterlich unglücklich er ist.« »Aber Cordelia hat doch jetzt Troy«, wandte Willow ein. Buffy blieb nicht verborgen, wie das Gesicht ihrer Freundin plötzlich verträumte Züge annahm. »Er spielt diesen Zack 99
Garner in Wanderlust, kennst du das? Zack ist der aufsässige Sohn reicher Eltern und kann supergut mit Pferden umgehen, und mit Frauen. Er... oh... ich meine, nicht, dass ich mir so etwas anschauen würde, wirklich nicht, ich hab’s irgendwo gelesen, oder aufgeschnappt...« Willow biss sich auf die Unterlippe und verzog verdrießlich das Gesicht. »Meine Mutter erzählt manchmal davon.« »Hmm«, grinste Buffy. »Vielleicht sollte ich mal eine Folge aufnehmen.« »Echt?«, wollte Willow wissen und ließ sich gleich wieder mitreißen. »Wenn du möchtest, leih ich dir ein paar von – ich meine, ja, vielleicht solltest du mal eine aufnehmen.« »Okay... wo waren wir stehen geblieben?« »Bei Pferden?«, fragte Willow unschuldig. »Xander«, korrigierte sie Buffy. »Ach ja, richtig«, nickte Willow. »Xander.« »Xander ist im Vyxn-Wahn«, stellte Buffy fest. »Was bedeutet, dass er sich auch weiterhin im Bronze herumtreiben wird. Zumindest die nächsten paar Abende. Vielleicht ist es dort für ihn auch am sichersten, solange wir noch im Dunkeln tappen.«
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7 Buffy schlenderte durchs Haus und rief nach ihrer Mutter: »Mom?« Sie vermutete sie in der Küche, wahrscheinlich in irgendeinen Versandhauskatalog vertieft oder über einem Kreuzworträtsel brütend. Doch in der Küche war niemand. Als Buffy ihren Rucksack auf den Tisch warf, knirschte es unter ihren Füßen, und ihr Blick fiel auf den Boden. Die Fliesen waren übersät mit zahlreichen großen und kleinen Keramikscherben – die traurigen Überreste der sandfarbenen Tasse vom Philadelphia Art Museum, aus der ihre Mutter an diesem Morgen ihren Kaffee getrunken hatte. »Mom?«, rief Buffy alarmiert. Keine Antwort. Dann entdeckte sie die Spielkarte, die direkt neben ihrem Rucksack auf dem Küchentisch lag, ein Kreuzbube. Schritte drangen von der Kellertreppe, kamen näher. Vorsichtig zog Buffy einen Holzpflock aus ihrer Tasche und schlich lautlos zur Kellertür. Die stand einen Spalt breit offen. Das hätte ihr eigentlich schon beim Hereinkommen auffallen müssen. Wie unachtsam, schalt sie sich. Sie drückte sich neben der Tür an die Wand, bereit, sich auf alles und jeden zu stürzen, wer oder was auch immer es gewagt haben mochte, in ihr Heim einzudringen. Die Tür öffnete sich. Buffy hob den Pflock. Ihre Mutter schnappte nach Luft und hätte beinahe die Dreckschippe und den Handfeger fallen gelassen, die sie aus einem Kellerregal heraufgeholt hatte. »Buffy!« »Mom!«, stieß Buffy aus. Ihr Herz raste. Um ein Haar hätte sie ihre eigene Mutter gepfählt! »Du hast mich zu Tode erschreckt«, japste Joyce Summers atemlos.
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»Frag mich mal«, entgegnete Buffy, nicht weniger außer Atem. »Ich... ich hab die zerbrochene Tasse auf dem Fußboden gesehen und dachte...« »Dass sie mir aus der Hand gerutscht ist, als ich den Geschirrspüler leer geräumt habe?« »Tja... das wäre eine Erklärung.« Sie folgte ihrer Mutter in die Küche und half ihr, den Scherbenhaufen zu beseitigen. »Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass Willow heute bei uns übernachtet, vorausgesetzt, du hast nichts dagegen. Sie will mir in Mathe helfen. Könnte spät werden.« »Sehr gut, Buffy«, lobte Joyce ihre Tochter. »Ich bin froh, dass du, was deine schulischen Probleme anbelangt, endlich Initiative zeigst. Ach übrigens, ich hatte heute Morgen Besuch.« »Doch nicht etwa von meiner Schülerberaterin? Sie...« »Nein. Von einem Mann. Einem Fremden.« »Von einem Fremden? Wie fremd?«, fragte Buffy nach, und ihr Ärger über Mrs. Burzak wich einem erneuten Gefühl drohender Gefahr. »Es war schon ziemlich merkwürdig«, erwiderte Joyce, die sich den Vorfall wieder ins Gedächtnis rief. »Er sagte, er würde mit sumerischen Kunstgegenständen handeln und hätte meinen Namen von einem Bekannten erhalten, und er könnte sich vorstellen, dass ich mich möglicherweise für den Katalog in seiner Aktentasche interessieren würde.« »Und? Was hatte er anzubieten? Alte zerbrochene Töpfe und Vasen?« »Nichts.« »Wie – nichts?«, wunderte sich Buffy. »Ich kann nicht ganz folgen. Er hat geglaubt, du würdest dich für nichts interessieren?« »Das ist ja das Merkwürdige an der Sache«, meinte Joyce und lachte. »Er war ein ziemlich zerstreuter Kauz, so zerstreut, dass er sogar vergessen hat, seine Aktentasche zu packen. Er ist 102
extra hierher gekommen, nur um, kaum war er im Haus, festzustellen, dass seine Aktentasche komplett...« »Wart mal ’nen Moment«, unterbrach sie Buffy alarmiert. »Du hast ihn hereingebeten?« »Ja, und ich weiß, was du jetzt denkst«, sagte Joyce. »Dass ein... ein Vampir nicht über eine fremde Schwelle treten kann, ohne dazu aufgefordert zu sein. Aber Buffy, es war helllichter Tag. Er hat vielleicht ein wenig geblinzelt, aber ganz fraglos ist er an einem wunderschönen sonnigen Tag in der Gegend herumspaziert, ohne dicke Wolken von Rauch hinter sich herzuziehen. Das wäre sogar mir aufgefallen.« »Hat der Typ seinen Namen gesagt?« Buffy kippte die Überreste der Kaffeetasse in den Abfalleimer. »Na ja, er hat seine Karte dagelassen, wenn man so will«, erwiderte Joyce. Sie nahm die Spielkarte in die Hand, den Kreuzbuben. »Er hatte auch seine Visitenkarten vergessen, deshalb hat er seine Telefonnummer einfach auf die Rückseite dieser Spielkarte gekritzelt. Ich hab ihm angeboten, später in der Galerie noch mal vorbeizuschauen, doch er hat sich dort weder blicken lassen noch telefonisch gemeldet.« »Zeig mal«, sagte Buffy. Sie las den Namen, L’taire, – französisch, wie sie vermutete – und die Telefonnummer. Dann griff sie zum Telefon und wählte. Nach wenigen Freizeichen verkündete eine unpersönliche Stimme: »Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar.« Buffy unterbrach die Verbindung und wählte die Nummer von Giles’ Wohnung. Wie immer meldete sich ihr Wächter mit einer Stimme, die vermuten ließ, dass er soeben in einen seiner staubigen, alten Wälzer vertieft gewesen war und die Rückkehr in die Welt der Lebenden noch nicht ganz vollzogen hatte. »Buffy, du bist’s, hallo. Gut, dass du anrufst. Ich war gerade dabei, mich mit der Frage auseinander zu setzen, ob in unserem Fall noch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen sind, mit 103
denen sich das Fleisch restlos vom Knochen lösen lässt. Ein Säurebad zum Beispiel. Oder die Opfer könnten gegart worden sein, bis das Fleisch...« »Sie sollten mal wieder an die frische Luft gehen, Giles«, unterbrach ihn Buffy. »Hören Sie, meine...« »Ach ja, und eine Mrs. Burzak hat mich gebeten, mit dir zu reden. Sie sagte etwas von deinen... roten Zonen?« Buffy seufzte. Und was ist mit Ihren, Giles?, fragte sie sich unweigerlich. »Wir können ein andermal über meine Gouvernante reden, Giles. Der Grund, warum ich anrufe...« »Warum du anrufst? Ach ja, richtig. Also, worum geht’s?« »Meine Mutter hatte heute recht merkwürdigen Besuch.« »Von einem Lexikonvertreter vielleicht?« »Nein«, erwiderte Buffy, ohne auf Giles’ reichlich uninspirierten Versuch, komisch zu sein, einzugehen. »Er hat ihr erzählt, dass er mit Artefakten handelt. Doch nachdem meine Mutter ihn hereingebeten hat, stand er mit leerer Tasche da und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.« »Hm«, meinte Giles. »Du sagtest heute. Tagsüber?« »Heute Morgen«, bestätigte Buffy und ließ ihre Schultern sinken. »Ich weiß. Offensichtlich kein Vampir. Aber trotzdem merkwürdig.« Buffy schilderte ihm, was ihre Mutter ihr über den sonderbaren Gast berichtet hatte. »Und die Aktentasche war völlig leer?« Einen Moment Schweigen am anderen Ende der Leitung. »Entweder ist er unglaublich schusselig, oder er hat nur einen Vorwand gebraucht, um sich Zutritt in euer Haus zu verschaffen.« »Genau das ist es, was mich beunruhigt«, antwortete Buffy. Sie drehte die Spielkarte in ihrer Hand um. »Kreuzbube...« »Was hast du gesagt?« »Seine Visitenkarten hatte er auch nicht dabei«, erklärte sie. »Hat seine Telefonnummer einfach auf eine Spielkarte geschrieben.«
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»Eine Spielkarte? Hm... wieso kommt mir das irgendwie bekannt vor?« »Sie sind der Wächter«, meinte Buffy. »Das ist Ihr Part.« »Ich bin sicher, es fällt mir wieder ein«, sagte Giles. »Am besten, du bringst die Karte morgen mit.« Lupa stiefelte in der Garderobe von Vyxn auf und ab und schlug sich ohne Unterlass mit einem Funkmikrofon auf die Hand. Nach jeder Berührung blieb ein schwacher Grünschimmer zurück, der rasch verblasste und wieder einem natürlichen Hautton wich. »Unser erstes Set war vielleicht ein bisschen zu heftig.« »Wir haben sie genau da, wo wir sie hinhaben wollten.« Nash ignorierte den Einwand. Sie ließ ihren Schlagzeugstock durch die Finger wirbeln und gegen eine Stuhllehne knallen. Genau das ist das Problem, dachte Lupa. Das Publikum war praktisch willenlos, reif für die Ernte, die Jägerin fast zum Greifen nah, sie selbst jederzeit zum Kampf bereit... und trotzdem zögerte Lupa die Entscheidung hinaus. Als Anführerin der Gruppe war es an ihr, den Reigen zu eröffnen, wie die Menschen zu sagen pflegten. Doch irgendetwas ließ sie zaudern. Rave verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich kopfschüttelnd gegen die Wand. »Wir hätten niemals so lange gewartet, wenn du nicht so viel Angst vor der Jägerin hättest.« »Ich habe keine Angst vor ihr«, entgegnete Lupa wütend. »Dann beweis es uns«, sagte Carnie, ein wenig zu nassforsch für Lupas Geschmack. Immer war es der Magen der Rothaarigen, der nach einem opulentem Mahl als Erster wieder zu knurren begann. Doch der Hunger nagte an ihnen allen, machte sie nervös und reizbar; mehr und mehr geriet die wachsende Ungeduld der anderen für Lupa zum Prüfstein ihrer eigenen Autorität. »Heute Abend könnt ihr euch einen aussuchen.« 105
»Ich würde Xander nehmen«, schlug Nash vor. »Ganz meine Meinung«, stimmte Carnie zu. »Er ist wirklich zum Anbeißen.« Sie musterte ihre sorgfältig lackierten Fingernägel, krümmte die Finger, streckte sie wieder aus und beobachtete, wie auf der Haut über ihren Knöcheln grüne Flecken zum Vorschein kamen und ihre Nägel sich wie scharfe, tödliche Widerhaken zu einem schmutzigen Gelb verfärbten. In ihrer natürlichen Form glichen sie eher den Krallen oder Klauen von Tieren als den fragilen Fingernägeln eines Menschen. Sie ballte die Hand zur Faust, öffnete sie wieder, und der Spuk war vorbei. »Schnappen wir ihn uns.« Lupa schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist ein Freund der Jägerin. Wir brauchen ihn noch.« »Dann irgendeinen anderen, Lupa«, meldete sich nun Rave zu Wort. »Wir haben Hunger.« Lupa nickte. Während Carnie und Nash für gewöhnlich zu Sklavinnen ihres wachsenden Verlangens nach Nahrung wurden, ohne jede Rücksicht auf das Wohl der Gemeinschaft, war Rave die Einzige in der Gruppe, die sich – mehr noch als Lupa selbst – auch darüber Gedanken machte, was nach ihrer nächsten Mahlzeit sein würde. Aus der Not des Augenblicks heraus hatte Lupa den kühnen Entschluss gefasst, sie alle direkt in die Jagdgründe der Jägerin zu führen, in der Hoffnung, dass die Konfrontation mit einem mächtigen Gegner sie wieder zusammenschweißen, sie wieder stärker machen würde. Doch aus lauter Vorsicht hatte sie es versäumt, sich um ihre ganz natürlichen Bedürfnisse zu kümmern. Welchen Sinn machte es, sich der Jägerin entgegenzustellen, wenn man vor Hunger kaum aufrecht stehen konnte? Die Zeit war reif für einen weiteren kühnen Schritt. »Heute Nacht«, versprach Lupa. »Heute Nacht werden wir uns satt essen.« Xander saß gemeinsam mit Oz und Troy Douglas an einem der runden Tische im Bronze, nippte dann und wann an seiner Cola 106
und wartete voller Ungeduld auf das Ende der Konzertpause. Er trug ein kariertes Hemd über einer weiten Khakihose, während Oz mit einem grünen Sweatshirt und dunkler Jeans daherkam. Troy hatte sich für einen schiefergrauen zweiteiligen Designeranzug entschieden, der höchstwahrscheinlich mehr gekostet hatte als Xanders gesamte Garderobe zusammengenommen. Xander ließ seine Blicke über das Publikum schweifen, das fast ausnahmslos aus jungen Männern bestand. Offensichtlich hatte sich die Kunde von Vyxns phänomenaler Show wie ein Lauffeuer verbreitet. Nur noch ein paar Abende, dachte Xander. Da hieß es, so viel mitzunehmen wie nur irgend möglich. Wer konnte schon wissen, wie weit der nächste Tourneestop der Band von Sunnydale entfernt war? »Also keine Willow heute Abend, Oz?« »Erst Geschichtsreferat, dann Mathesession bei Buffy, dann mal sehn«, gab Oz zurück und schob sich eine Salzbrezel in den Mund. »Ihr Einsatz ist wirklich bewunderungswürdig«, sagte Xander. Er wandte sich an Troy: »Was ist mit dir, Mr. Clerasil? Hat dich Cordelia doch noch von der Leine gelassen?« Troy gluckste in sich hinein. »Bleiben wir doch besser bei Mr. Douglas.« Er nahm sich ebenfalls eine Brezel. »Jedenfalls kommt sie noch, nur etwas später.« »Ihr beiden habt wohl ernsthafte Absichten?« »Wir kennen uns seit einer halben Ewigkeit. Wir haben uns eben ’ne Menge zu erzählen, das ist alles«, erwiderte Troy. »Abgesehen davon werde ich wohl bald wieder von hier verschwinden.« »Das ist gut... ich meine...« Die Menge fing an zu johlen und erhob sich geschlossen von den Sitzen, als Vyxn auf die Bühne kamen. Donnernder Applaus erfüllte das Bronze. Carnie eröffnete den zweiten Teil der Show mit einer klagenden Basslinie, die Nash etwas später 107
mit einem langsamen, schlichten Beat unterlegte. Lupa hielt ein Mikro in der hohlen Hand, hob es dicht an ihre Lippen und begann zu singen. »The night weeps for you, The rain is falling down, And I am hollow now On the bus out of town...« Der Song trug den Titel »Bus Stop«, und die Band hatte ihn bisher an jedem Abend gespielt, doch heute löste das Lied bei Xander ein unterschwelliges Gefühl von Sehnsucht aus, so, als hätte er irgendetwas verloren, etwas, das einmal ein Teil von ihm gewesen war, etwas, das er nur wiedererlangen konnte, wenn er sich leidenschaftlich genug darum bemühte. Doch noch ehe Lupa mit dem ersten Vers zu Ende war, hatte Xander bereits aufgehört, sich darüber zu wundern. Er lehnte sich zurück und lauschte der Musik. Ein paar Songs später nickten Xander, Oz und Troy zum Beat der Drums einvernehmlich mit den Köpfen. Keiner von ihnen nahm noch den anderen wahr, alles um sie herum versank in den Fluten der Belanglosigkeit, einzig Vyxn waren noch von Bedeutung. »Das zieht einem ja die Schuhe aus!«, zerriss Cordelias Stimme eine weitere wehmütige Ballade. Mit einem Kopfschütteln befreite sich Troy aus dem Spinnennetz, das all seine Sinne umfangen hatte. »Oh... äh...– Cordelia, schön dich zu sehen.« Oz hob den Kopf und sah sie an: »Hey.« »Hi, Cordy«, sagte auch Xander und wandte sich gleich wieder der Bühne zu. Cordelia Chase stand da wie ein Racheengel, die Hände empört in die Hüften gestemmt. »Xander, du bist ein hoffnungsloser Fall, von dir hatte ich auch nichts anderes 108
erwartet. Aber du, Oz? Ich dachte, du hättest, zumindest was Musik betrifft, einen etwas besseren Geschmack. Und Troy« – sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf – »von dir bin ich am allermeisten enttäuscht. Ich dachte echt, du bist ein bisschen erwachsener als diese hormongesteuerten Milchgesichter.« »Ich... ich wollte dich gleich anrufen...« Troys Fehler bestand darin, dass er mitten in seinen Erklärungsversuchen einen verstohlenen Blick auf die Bühne riskierte. »Geschenkt. Wie ich sehe, sind deine Gehirnzellen mehr als ausgelastet.« Als sie gegangen war, hatte Troy einen Moment lang das Gefühl, dass er ihr nachgehen sollte, doch genau in diesem Augenblick zeigte Lupa, die soeben ihren Song beendet hatte, mit dem Finger auf ihn. »Zeit für eine kleine Widmung«, säuselte sie ins Mikrofon und kam von der Bühne und direkt auf ihn zu. Sie beugte sich zu ihm hinab und gestattete ihm ein paar ebenso unerwartete wie atemberaubende Einblicke in ihr Dekolleté. Als sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden, fiel ihm auf, dass ihre Haut ungewöhnlich glatt und trocken war, und dass sie einen moschusartigen Geruch verströmte. »Sag mir, wie du heißt«, wisperte sie ihm ins Ohr. »Troy«, flüsterte er prompt zurück, wie einem fremden Zwang gehorchend. »Troy Douglas.« »Ah, Troy«, murmelte sie, so leise, dass nur er sie verstehen konnte. »Was für ein schöner Name. Du weißt, was ich von dir will, Troy. Ich will, dass du...« Ihre Worte prasselten so schnell auf ihn ein, dass es ihm nicht möglich war, eins vom anderen zu unterscheiden, geschweige denn ihren Sinn zu erfassen. Dennoch drangen Lupas Befehle tief in sein Unterbewusstsein und nahmen von ihm Besitz. Xander beobachtete die Szene, höchst verärgert darüber, dass Lupa Troy die Ehre eines eigens für ihn gespielten Songs angedeihen ließ und nicht ihm. Zuerst hatte sich Troy an Cordelia rangeschmissen, und nun machte er ihm auch noch 109
Vyxn abspenstig. Er sah, wie Troys Lächeln gefror und der verzückte Ausdruck in seinen Augen mehr und mehr einem idiotischen Blick ins Leere wich, sah, wie Troy schließlich nickte, zweimal, ganz bedächtig. Dann richtete sich Lupa wieder auf und trat ein paar Schritte zurück. Xander nahm an, dass sie Troy ihre Telefonnummer zugeflüstert hatte, damit er sie nach dem Konzert anrufen konnte. Mit einem Satz sprang Lupa zurück auf die Bühne, legte einen verführerischen Hüftschwung hin und drehte sich langsam wieder zum Publikum um. »Dies ist der letzte Song vor der Pause. Er heißt ›Tender Heart‹, und wir spielen ihn für Troy, diesen prachtvollen Gentleman gleich hier vorn, der weder Kosten noch Mühen gescheut hat, sich für uns so richtig in Schale zu werfen.« Jetzt übertreibt sie aber, dachte Xander verstimmt. Er fand den Song, der nun folgte, bei weitem nicht so mitreißend wie sonst, was vor allem daran lag, dass er unentwegt zu Troy hinüberschielte. Er wollte unbedingt sehen, wie dieser auf die unerwartete Huldigung reagierte, aber mehr als dessen versteinerte Miene bekam er nicht zu Gesicht. Doch wie auch immer, kaum war der Song zu Ende, kam wieder Leben in Troy. Er blickte Xander und Oz an. »Ich muss Cordelia finden«, erklärte er. »Muss mich bei ihr entschuldigen.« »Eine Entschuldigung.« Xander nickte beifällig. »Schon hast du sie wieder da, wo du willst.« Troy zuckte mit den Schultern, als sei Xanders Bemerkung einer Antwort nicht würdig, und hetzte zwischen ein paar Tischen hindurch in Richtung Ausgang. Lupa blickte ihm enttäuscht hinterher und zog einen Schmollmund. Dann hob sie die Hand und winkte ins Publikum. »Wir genehmigen uns nur mal schnell einen kleinen Imbiss«, sagte sie. »Lauft nicht weg!« Die Menge brach in Gelächter aus, johlte und applaudierte, als sei allein schon die 110
Vorstellung, sie könnte diesen Ort der Glückseligkeit früher als nötig verlassen, der Inbegriff des Absurden. »Bis in zehn Minuten, Jungs!« Als die Band die Bühne verlassen hatte, sah Xander Oz an. »Du bleibst doch noch bis zum Schluss, Oz, mein Freund?« Xander fühlte sich total ausgepowert, nun, nachdem die Band verschwunden war. Er blickte sich um und bemerkte, dass all die Typen, die sich gerade eben noch die Kehlen aus dem Leib gebrüllt und die Hände wund geklatscht hatten, nun offenbar das Opfer eines kollektiven Durchhängers waren. Die spektakuläre Show hatte sie alle völlig erschöpft. Was ja auch nicht verkehrt ist, dachte Xander, oder etwa doch? »Klar doch«, antwortete Oz. Er nahm den Korb vom Tisch, drehte ihn um und stellte verwundert fest, dass er leer war. »Wir brauchen noch mehr Brezeln.« Draußen in der kühlen Abendluft kam Troy Douglas allmählich wieder zu sich. Benommen schaute er von rechts nach links und konnte sich nicht erklären, warum er das Bronze überhaupt verlassen hatte. Vor ein oder zwei Augenblicken hatte er noch etwas erledigen wollen, etwas Wichtiges, doch jede Erinnerung daran war wie weggefegt. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und seufzte schwer. Er erinnerte sich vage, dass er Cordelia anrufen wollte, doch dafür war es jetzt wahrscheinlich eh zu spät. Was war denn bloß noch mit ihr gewesen...? »Troy...« Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Einen Moment lang dachte Troy, er hätte sie sich nur eingebildet. »Troy...« Abermals wanderte sein Blick von links nach rechts. Weit und breit war niemand vor dem Bronze zu sehen. Woher kam bloß diese Stimme?
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»Troy Douglas...«, hörte er es nun wispern, ein wenig eindringlicher. Die Stimme gehörte definitiv einer Frau. »Wer ist da?«, fragte er. Die Stimme schien von der rechten Seite des Bronze gekommen zu sein. Langsam bewegten sich seine Füße in diese Richtung. Vielleicht war es Cordelia, die dort in der Dunkelheit auf ihn gewartet hatte, ging ihm durch den Kopf. »Cordelia? Cordelia, bist du das?« Vorsichtig näherte er sich der Seitenfront des Gebäudes, spähte um die Ecke und konnte die schattenhaften Umrisse einer Gestalt erkennen. »Komm zu mir...« Eine Frau. Sie schien ein wenig größer zu sein als Cordelia und drückte sich in der Nähe einer großen, verbeulten Mülltonne herum – ein reichlich unromantisches Ambiente und ganz bestimmt kein Ort, den Cordelia für ein Rendezvous in Erwägung gezogen hätte. Wie auch immer, er war es durchaus gewohnt, dass die weiblichen Fans von Wanderlust ihm an den unmöglichsten Plätzen auflauerten, um ein Autogramm zu ergattern, und vielleicht sogar noch einen kleinen Kuss. Auf einem Flughafen war ihm ein Teenie sogar mal auf die Herrentoilette gefolgt, nur um ihm mitzuteilen, dass sie sein größter Fan war. Eine weitere Frauengestalt trat hinter dem Abfallbehälter hervor, gefolgt von einer dritten und einer vierten. Sie schwärmten aus, doch ohne sich ihm zu nähern. »Komm her zu uns, Troy...«, flüsterte die erste von ihnen mit einer Stimme, die ihm einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Irgendetwas an dieser Stimme kam ihm vertraut vor... und an der Art, wie sie seinen Namen aussprach, als würde sie zärtlich seine Seele streicheln. Noch bevor er sich dessen bewusst wurde, ging er bereits auf sie zu. »Hallo, Ladies«, sagte er, immer noch in dem Glauben, dass es irgendwelchen Fans oder Groupies gelungen war, seinen derzeitigen Aufenthaltsort herauszubekommen. Doch die Frauen vor ihm waren alles andere als Ladies. 112
Willow Rosenberg hatte stundenlang über ihrem Geschichtsreferat gebrütet und schließlich, als Ausdruck ihrer Kapitulation, verzweifelt die Hände hochgeworfen. Kapitulation klang vielleicht ein wenig zu endgültig, fand sie, und deshalb hatte sie einen einstweiligen strategischen Rückzug daraus gemacht, zumindest für die Dauer des heutigen Abends. Sie kam sich vor wie eine Heuchlerin, wie ein Papagei, der wider besseren Wissens die Daten und Berichte der offiziellen Geschichtsschreibung nachplappert. Wenngleich sie Oz auch gesagt hatte, dass sie sich nicht allzu lange mit ihrem Referat aufhalten und alsbald zu Buffy begeben wollte, hatte sie die Waffen doch weitaus früher gestreckt als geplant. Es machte wenig Sinn, sich schon jetzt auf den Weg zu Buffy zu machen. Die war um diese Zeit wahrscheinlich ohnehin mit Angel unterwegs, um nach weiteren Knochenhaufen zu fahnden und bei dieser Gelegenheit einige gerade erwachende Vampirgreenhorns mit Mr. Pointy bekannt zu machen. Stattdessen fand Willow sich wenig später vor dem Bronze wieder, und sie hoffte, Oz und Xander dort anzutreffen. Oz hatte es zwar geschickt zu verbergen versucht, doch ihr war keineswegs entgangen, dass er von Vyxn – diesen grässlichen Rock-Sirenen mit ihren verfilzten Mähnen und ihren jämmerlichen Lederfetzen namens Bühnenoutfit – durchaus angetan war. Willow bezweifelte, dass sein Interesse an Vyxn rein fachlicher Natur war, insbesondere in Anbetracht des reichlich dürftigen musikalischen Talents der Musikerinnen. Für Willow repräsentierten sie all das, was sie selbst nicht war, und die Tatsache, dass Oz ihrem marktschreierischen Sexappeal erlag, vermittelte ihr ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Sie konnte mit ihnen in keinster Weise konkurrieren... na ja, abgesehen vielleicht von dem Umstand, dass sie es wie keine andere verstand, in absoluter Rekordzeit 113
eine umfangreiche Internet-Recherche durchzuführen. Doch Willow war sich ziemlich sicher, dass dieses Talent kaum dazu geeignet war, ganzen Heerscharen von jungen Männern den Kopf zu verdrehen. Wahrscheinlich, dachte sie, wären sie eher verunsichert. Und Jungs reagierten auf Verunsicherungen aller Art im Allgemeinen ausgesprochen sensibel. Obwohl Oz ihr das Gefühl gab, etwas ganz Besonderes zu sein, hatten sich diese kleinen, gleichwohl nagenden Zweifel tief in ihr Unterbewusstsein hineingefressen. Und nun konnte sie nur noch daran denken, was sie nicht war. Vor ihr hatte Oz andere Freundinnen gehabt, aber sie nahm an, dass sie einem Vergleich mit ihnen durchaus standhalten konnte, waren sie doch allesamt sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden, zumindest dem Anschein nach. Für sie jedoch war Oz ihr erster Freund, was gleichzeitig bedeutete, dass sie nicht eben viel Erfahrung mit Beziehungen vorweisen konnte. Woher sollte sie wissen, warum die eine Freundschaft zerbrach und die andere nicht? Vielleicht sah Oz etwas in Vyxn, das sie ihm nicht geben konnte, irgendetwas, das ihn zu der Überzeugung gelangen ließ, dass Willow Rosenberg am Ende doch nicht so einmalig und großartig war, wie er geglaubt hatte. Zweifel brauchten nicht viel, um zu gedeihen, sie nährten sich aus sich selbst heraus. Sie malte sich aus, was für ein Gesicht er wohl machen würde, wenn sie im Bronze plötzlich vor ihm stand, eine selbstbewusste und spontane junge Frau, die auch mal auf eigene Faust loszog, um Spaß zu haben. Spontaneität war etwas, das wusste sogar sie, worauf Jungs in aller Regel ziemlich abfuhren. Mal sehn, dachte sie und setzte sich in Bewegung. Doch sie kam nicht weiter als bis zu der Tafel mit den Konzerthinweisen, an der das Vyxn-Plakat prangte. Kurz bevor sie ihren spontanen Abstecher ins Bronze in die Tat umsetzen konnte, drangen von der seitlichen Gebäudefront her 114
merkwürdige Geräusche an ihr Ohr. Das Ganze klang irgendwie nach Rauferei, sodass sie zunächst annahm, ein paar Heißsporne von der Highschool würden dort auf die für sie typische Art und Weise das ein oder andere Problem ausdiskutieren. Doch Willow war, was all die abstoßenden und Grauen erregenden Missgeburten anbelangte, die der Höllenschlund gelegentlich ausspuckte und auf die Einwohnerschaft Sunnydales losließ, viel zu sehr im Bilde, um der Sache nicht näher auf den Grund zu gehen. Behutsam schlich sie an der Mauer entlang. Als offizielles Mitglied des Jägerteams empfand sie es in gewisser Weise als demütigend, sich bei dem Vorsatz zu ertappen, beim geringsten Anzeichen von irgendetwas Übernatürlichem augenblicklich davonzulaufen. »Rückzug ist auch eine Form von Strategie«, flüsterte sie sich leise Mut zu. Dennoch hatte sie, seit sie jenem kleinen Kreis von Eingeweihten im Umfeld der Jägerin angehörte, bereits unzählige Male dem Bösen ins Auge gesehen, und immer war es ihr gelungen, sich zumindest einen Hauch von Mut und Tapferkeit zu bewahren. Vorsichtig lugte sie um die Ecke und beobachtete drei dunkle, schemenhafte Gestalten, die sich über einen am Boden liegenden Jungen beugten. Ihr erster Gedanke war, dass er sich, mit Alkohol voll bis obenhin, übergeben hatte und nun erschöpft darniederlag, umringt von seinen besorgten Freunden. Doch dieser Eindruck verflog rasch, als sie feststellen musste, dass es sich bei den stehenden Gestalten ausnahmslos um Frauen handelte, während der Dahingestreckte auch bei genauerem Hinsehen definitiv dem männlichen Geschlecht zuzurechnen war. Das für sich genommen war bereits ungewöhnlich genug. Viel bemerkenswerter fand Willow es jedoch, dass das Geräusch, das sie vernommen und irrtümlich für Knüffe und Schläge gehalten hatte, von den Frauen ausging – ein lautstarkes Schmatzen und Grunzen, wie von Schweinen, die sich um den 115
Fresstrog drängeln. Oder von hungrigen Wölfen, die sich um ihre Beute kabbeln, dachte Willow. Sie hatte genug gesehen, um zu erkennen, dass für den jungen Mann jede Hilfe zu spät kommen würde. Nicht zu spät hingegen war es dafür, sich selbst schleunigst aus dem Staub zu machen, bevor sie zum zweiten Gang des grausigen Nachtmahls wurde. Sie zog sich vorsichtig zurück, schrappte jedoch mit dem Absatz an einem Stein entlang. Die Frauengestalt, die sich ihr am nächsten befand, fuhr herum, und ihre wilde rote Mähne ließ vor Willows geistigem Auge augenblicklich das Bild von Vyxns Bassistin, Carnie, erstehen. Nur, dass das Gesicht, das sie hier und jetzt vor sich sah, mit grünen Flecken übersät war und das Maul oben wie unten mehrere Reihen kräftiger Hauer entblößte, derb und wuchernd und blutverschmiert. Wie Widerhaken wuchsen hexenartige Klauen aus den knorrigen Fingernägeln der Gestalt. Zu ihren Füßen lag, die eine Gesichtshälfte in Schatten getaucht und die andere überströmt vom eigenen Blut, Troy Douglas. Willow konnte eine weitere der grüngesichtigen Hyänen identifizieren: Rave, die Leadgitarristin, unschwer zu erkennen an ihrem weiß gefärbten Irokesenschopf. Und bei der dritten Gestalt musste es sich, der Igelfrisur und dem Nietenhalsband nach zu schließen, um die Drummerin, Nash, handeln. Womit sich eine beängstigende Frage aufdrängte. »Tut mir Leid, dass ich nicht zum Essen bleiben kann, aber...« Als Willow einen weiteren Schritt zurück machte, spürte sie hinter sich einen leichten Luftzug und vernahm das Geräusch hart auf dem Boden aufsetzender Stiefel. Sie erstarrte, als sich eine krallenbewehrte Klaue schwer auf ihre Schultern legte. Willow drehte den Kopf herum und erblickte Lupa, die Sängerin und letztes Glied der Truppe. Sie hatte immer noch ihr chaotisch nach allen Seiten hin abstehendes und an den Schläfen akkurat abrasiertes Haar, doch auch ihr Teint wies einen deutlichen Stich ins Grüne auf. In den gelben Augen 116
loderte ein wildes Feuer, und in ihrem Rachen prangten mehrere Reihen mörderischer Reißzähne, zwischen denen noch die Reste von rohem Fleisch zu erkennen waren. Willow merkte, wie ihre Knie nachgaben. »Sie hat Angst«, informierte Lupa die anderen. »Viel zu viel Angst.« Willow war sich nicht sicher, was diese Bemerkung zu bedeuten hatte, bis Rave zurückrief: »Dann ist sie wohl kaum die Jägerin.« »Wenn ihr mich fragt, sollten wir sie töten«, meinte Nash. Lupas rechte Klaue legte sich um Willows Hals, und scharfe Krallen gruben sich in ihr Fleisch. Willow bezweifelte, dass sie noch dazu kommen würde, irgendeinen Hilfeschrei auszustoßen, sollte Lupa sich dazu entschließen, ihr die Kehle herauszureißen. Nicht, dass das für Willow einen großen Unterschied gemacht hätte. Sie würde ohnehin schon tot sein, wenn endlich Rettberg einträfe. »Nein«, entschied Lupa plötzlich und lockerte unverhofft den Griff um Willows Gurgel. »Mag sein, dass sie nicht die Jägerin ist, trotzdem spüre ich eine sonderbare Kraft, die von ihr ausgeht. Sie könnte uns von Nutzen sein.« Willow versuchte sich freizukämpfen, doch es fehlte ihr schlichtweg an der nötigen Kraft. Gewaltsam riss Lupa sie herum, grub eine ihrer unnachgiebigen Klauen tief in Willows Schulter und verschloss ihr mit der anderen brutal den Mund. »Möchtest du gerne hier und gleich sterben?« Willow schüttelte heftig den Kopf. »Gut. Falls du nämlich auf die Idee kommen solltest, zu schreien oder einen Fluchtversuch zu starten, werde ich dir auf der Stelle die Kehle aufschlitzen. Hast du mich verstanden?« Willow nickte, nicht weniger heftig. »Was hast du vor?«, erkundigte sich Carnie knurrend. »Ich sag euch, sie vergeudet nur unsere Zeit«, fauchte Nash. »Wir sollten die Göre abmurksen, sofort.« 117
»Rave weiß, was ich im Sinn habe«, erklärte Lupa. Rave nickte. »Nun, wir brauchen dringend eine neue Keyboarderin, nach Violas frühzeitigem Ende.« »Du willst sie zu einer von uns machen?«, fragte Carnie und schien ernsthaft über Lupas Idee nachzudenken. »Ich hab ein Gespür für so was«, erwiderte Lupa. »Sie wird einen erstklassigen kleinen Ghul abgeben, da bin ich mir sicher. Ganz abgesehen davon ist sie, solange ihre Verwandlung noch nicht stattgefunden hat, ein hervorragender Köder für die Jägerin.« Lupa blickte auf Willow hinab und hob die Klaue, mit der sie ihr den Mund zuhielt. »Deine Entscheidung.« Ghule!, dachte Willow entsetzt. Giles hatte bereits vermutet, dass die abgenagten Knochen das Werk von Ghulen waren. Und wir haben geglaubt, dass sie sich irgendwo versteckt halten, dabei waren sie die ganze Zeit mitten unter uns!, wurde ihr schlagartig bewusst. »Ihr könnt doch nicht wirklich... Menschen in Ghule verwandeln?« »Nur die weiblichen«, antwortete ihr Lupa. »Nur ein klitzekleines Ritual, und du bist mit von der Partie. Als Mitglied unserer Band. Du lernst ein bisschen Keyboardspielen, kommst viel in der Welt herum und hast jede Menge Fans, von denen du dir ab und an mal einen hinter die Kiemen schieben darfst.« »Aber... aber dann kann ich ja gar nicht aufs College gehen«, stammelte Willow. Vampire konnten aus Menschen Vampire machen, da schien es durchaus nicht abwegig, dass auch Ghule aus Menschen Ghule machen konnten. Lupas Klaue schloss sich wieder ein wenig fester um ihren Hals. »Wenn ich dir die Kehle herausreiße, kannst du deine College-Pläne ebenfalls begraben. Los jetzt, wie lautet deine Entscheidung?« »Warte... warte! Das ist eine Entscheidung von ziemlich großer Tragweite, immerhin geht es nicht nur ums College. Ich 118
müsste von zu Hause fort und mich von Menschenfleisch ernähren – und ich glaube nicht, dass das auch nur annähernd koscher ist – und, genau! Da wäre noch diese Sache mit der ewigen Verdammnis. Wär es... äh... okay für euch, wenn ich... ähm... noch mal darüber schlafe und euch meinen Entschluss morgen mitteile?« Lupas Griff ähnelte immer mehr einem Schraubstock, »Auf keinen Fall.«
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8 »Mom, hat Willow angerufen?« »Nein, mein Schatz.« Joyce Summers blickte kurz von den Seidenblumen auf, die sie auf einer Kommode in der Diele zu einem bunten Strauß zusammensteckte. Buffy setzte sich an den Küchentisch und starrte auf das Telefon an der Wand. Sie war über eine Stunde zu spät von ihrer ereignislosen Patrouille mit Angel zurückgekehrt – keine Knochen, keine geheimen Massengräber, keine Kreaturen, die sich im Schutz der Dunkelheit herumtrieben – und hatte fest damit gerechnet, dass Willow sich inzwischen gemeldet haben würde. Vielleicht hatte sie ihre gemeinsamen Pläne für den Abend auch einfach vergessen, überlegte sie, doch andererseits wäre das sehr untypisch für Willow. Buffy rief Willows Mutter an und erfuhr, dass ihre Freundin tatsächlich aus dem Haus gegangen war, um bei ihr zu übernachten. Allerdings hatte sie auch irgendetwas von einem Treffen mit Oz erwähnt. Also wählte Buffy die Nummer von Oz und stellt sich innerlich schon darauf ein, dass Willows Beziehungskiste ihre Pläne ein wenig durcheinander gebracht hatte. Doch Oz hatte sie zum letzten Mal morgens in der Schule gesehen. Er sei mit Xander und Troy im Bronze gewesen, den ganzen Abend. Troy sei allerdings etwas früher gegangen, einer wutschnaubenden Cordelia hinterher. »Willow hat sich nicht blicken lassen«, teilte Oz ihr mit. »Aber wir waren auch nicht verabredet...« »Hmm.« »Was ist denn los?« »Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Möglicherweise gar nichts. Vielleicht ist es noch zu früh, um sich Sorgen zu machen. Ich werd noch ein bisschen rumtelefonieren. Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, treffen wir uns alle bei Giles.«
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Rupert Giles stand da mit einer Tasse Tee in der Hand, und es war schon eine ganze Weile her, dass Buffy ihn zuletzt daran hatte nippen sehen. Wahrscheinlich, vermutete sie, half sie ihm einfach nur beim Denken. Ihr Wächter starrte unverwandt auf den Kreuzbuben, den Buffy ihm überreicht hatte, und konnte sich selbst dann nicht von der Spielkarte losreißen, als die anderen zu rekapitulieren versuchten, wann sie Willow zum letzten Mal gesehen hatten. Auch Cordelia war gekommen. Zuerst hatte es Buffy widerstrebt, bei ihr anzurufen, doch es konnte durchaus sein, dass Willow ihr irgendwo begegnet war, und Buffy wollte alle Möglichkeiten ausschöpfen. Zum Glück hatte sich Cordelia genügend Interesse an Willows Wohlergehen bewahrt, um den Weg hierher zu finden, auch wenn sie etwas von Verzicht auf Schönheitsschlaf gebrabbelt hatte, kaum dass sie zur Tür herein war. »Willow hatte also keine Ahnung davon, dass ihr im Bronze wart?«, erkundigte sich Buffy bei Oz, der viel zu aufgeregt war, um sich hinzusetzen. Die Hände in die Hosentaschen vergraben, den Kopf gesenkt und mit verbissener Miene, dachte er angestrengt nach und ließ offensichtlich den gesamten letzten Tag vor seinem inneren Auge Revue passieren, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das in irgendeiner Weise mit Willows Verschwinden zusammenhängen mochte. »Wahrscheinlich hat sie nur eins und eins zusammengezählt«, meinte Oz. »So viele Läden gibt’s hier ja nicht.« »Cordelia, hast du sie nicht gesehen?« »Ich war höchstens eine Minute dort«, antwortete Cordelia. »Gerade lang genug, um mitzubekommen, dass Troy diesem Klub der Oberdeppen« – sie wies in Xanders und Oz’ Richtung – »beigetreten ist. Und die hätten Willow nicht einmal bemerkt, wenn sie auf einem der Billardtische Striptease getanzt hätte.« 121
»Das ist nicht fair«, widersprach Oz und runzelte verärgert die Stirn. »Troys Entschuldigung war wohl ’ne ziemliche Zeitverschwendung«, brummelte Xander. »Kommt mir irgendwie bekannt vor.« »Welche Entschuldigung?« »Er ist dir doch gleich hinterhergerannt«, sagte Xander. »Na ja, vielleicht nicht gleich«, korrigierte ihn Oz. Er behielt wohlweislich für sich, dass Troys schlechtes Gewissen augenscheinlich erst dann erwacht war, nachdem Vyxn einen Song für ihn gespielt hatten. »Ich hab ihn jedenfalls nicht mehr gesehen.« Cordelia seufzte, dann fügte sie bekümmert hinzu: »Er hat versprochen, mir einen Termin mit dem Produzenten von Wanderlust zu verschaffen, wegen Probeaufnahmen und so. Den kann er sich von mir aus jetzt sonstwo hinstecken.« »Moment mal, Cordelia«, warf Giles ein, der nun endlich von seinem Kreuzbuben aufblickte. »Soll das etwa heißen, dass Troy ebenfalls verschwunden ist?« »Na ja, zumindest hat er sich nicht mehr bei mir gemeldet.« »Giles, Sie glauben doch nicht...?«, setzte Buffy an. Giles nickte. »Es entspräche dem Muster.« »Welchem Muster?«, wollte Cordelia wissen. »Dem hormongesteuerter Typen?« »Dem Hormongesteuerte-Typen-werden-von-Ghulenaufgefressen-Muster«, klärte Xander sie auf. Giles kam hinter der Küchenanrichte hervor. »Wir müssen uns unbedingt Klarheit verschaffen. Versuch ihn zu erreichen.« »Ich ruf mal bei seiner Mutter an«, nickte Cordelia und kramte ihr Handy aus der Tasche. »Aber wenn er drangeht, leg ich auf. Ich will nicht mit ihm reden.« Es dauerte eine Weile, ehe jemand am anderen Ende der Leitung den Hörer abnahm. »Seine Mutter«, teilte sie den anderen mit, indem sie nur die Lippen bewegte. Laut erkundigte sie sich danach, ob Troy zu 122
sprechen sei. Nach beendetem Gespräch steckte sie das Handy zurück in die Tasche. »Sie sagt, sie hätte ihn nicht mehr gesehen, seit er gestern Abend ins Bronze gegangen ist.« »Und zuletzt wurde er gesehen, als er das Bronze verließ«, konstatierte Giles. »Und genau dorthin ist wahrscheinlich auch Willow gegangen, bevor sie von der Bildfläche verschwand«, fügte Xander hinzu. »Troy und Willow«, sinnierte Cordelia. »Ihr meint doch nicht etwa, dass die beiden... auf dumme Gedanken gekommen sein könnten?« »Wohl kaum«, erwiderte Giles. Er zog Cordelias Befürchtung nicht eine Sekunde lang in Erwägung. »Sie haben Recht. Willow ist definitiv nicht sein Typ.« Giles ließ sich auf das Sofa sinken. »Es ist nicht auszuschließen, dass das, was für den Tod der anderen jungen Männer verantwortlich ist, auch Troy und Willow zum Verhängnis wurde.« »Junge Männer?«, wandte Cordelia ein. »Willow mag zwar in ziemlich altertümlichen Klamotten rumlaufen, aber ein Mann ist sie deshalb noch lange nicht.« »Vielleicht ist sie unfreiwillig Zeuge geworden bei dem... na, bei was auch immer«, meinte Buffy hastig und schluckte das, was sie eigentlich hatte sagen wollen, angesichts Oz’ betretener Miene hinunter. »Wir sollten im Bronze nach Hinweisen suchen«, schlug Giles vor. »Xander, Oz, ist euch irgendwas Merkwürdiges aufgefallen, nachdem Troy abgerauscht ist?«, fragte Buffy. »Lass mich überlegen... Er ist in der Pause gegangen«, erwiderte Xander. »Es war so etwas wie Ruhe eingekehrt, eine Art Verschnaufpause, die Musik kam vom Band, ein paar Typen haben Billard gespielt. Dann sind Vyxn noch mal auf die
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Bühne gekommen, ihr letzter Auftritt, nur ein paar Songs.« Xander schüttelte den Kopf. »Nein, nichts Ungewöhnliches.« »Trotzdem, das Bronze ist der letzte Ort, an dem Troy gesehen wurde«, beharrte Giles. »Ich denke, wir sollten uns dort mal umschauen. Vielleicht finden wir irgendetwas, das uns weiterhilft. Ich pack schon mal ein paar Fackeln... äh, Taschenlampen ein.« Giles wollte gerade die Spielkarte auf dem Couchtisch ablegen, als er plötzlich mitten in der Bewegung innehielt und Buffy ansah: »Jetzt weiß ich’s wieder.« »Was?« »Moment.« Giles ging zu dem Zeitschriftenständer hinüber, in dem unter anderem mehrere ordentlich zusammengefaltete Tageszeitungen steckten. Er überflog die Schlagzeilen und tippte schließlich mit dem Finger auf einen Artikel, der es bis auf die erste Seite geschafft hatte. »Hier!«, verkündete er und las laut vor: »›Gewalttätige Ausschreitungen in verrufener Kneipe. EZ Rider. Mehrere Tote und Verletzte.‹ Aha! Auf der Leiche eines Mannes... eines Bikers namens Warhammer... wurde eine Spielkarte gefunden.« »Sie glauben, dass dieser Franzose, der meiner Mutter auf die Pelle gerückt ist, etwas damit zu tun hat?« »Franzose?«, meinte Giles verwundert. »Ach so, ich verstehe, wegen des Namens. S.O. L’taire. Solitaire.« »Giles, finden Sie, das ist der richtige Augenblick, um ans Kartenspielen zu denken?« »Solitaire«, wiederholte Giles nachdenklich. »Ich meine mich zu erinnern, in alten Texten einmal etwas über einen ungewöhnlichen Vampir gelesen zu haben, der sich Solitaire nannte.« »Vampir? Der Solitaire, von dem wir gerade reden, hat Buffys Mom seine Aufwartung bei hellstem Sonnenschein gemacht«, rief Xander ihm in Erinnerung.
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»Ja, nicht eben unproblematisch, das Ganze«, räumte Giles ein und rückte seine Brille zurecht. »Für mich scheint er eher irgend so ein Abzocker zu sein«, meinte Xander. »Ein ziemlich schusseliger Abzocker, wie ich zugeben muss. Aber bestimmt kein Geschöpf der Finsternis.« »Und warum hat er seinen Fuß erst dann über die Schwelle gesetzt, nachdem er in aller Form dazu aufgefordert worden ist?«, warf Cordelia ein. »Abzocker-Ehre?«, schlug Oz vor. »Irgendwas stimmt mit dem Kerl jedenfalls nicht«, sagte Buffy. »Sehr richtig«, bemerkte Giles. »Und deshalb sollten wir lieber wachsam bleiben, solange wir nicht mehr über ihn wissen. Buffy, du und die anderen nehmt euch das Bronze vor. Ich werde zu dir nach Hause gehen und die Einladung an Solitaire mit einem Bannspruch rückgängig machen. Nur um sicherzugehen.« »Klingt nach einem guten Plan«, stimmte Buffy zu. »Auf dem Weg zum Bronze holen wir dann noch Angel ab.« Xander warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie wusste, dass er an das letzte Mal dachte, als sie einen derartigen Bannspruch über Buffys Haus ausgesprochen hatten, damals, als Angel seine Seele verloren und sich in Angelus, die Inkarnation seiner bösen Seite, zurückverwandelt hatte. Giles schloss hinter ihnen die Tür, kramte eilig seine Sachen zusammen und verstaute sie in einer zerschlissenen schwarzen Ledertasche: ein altes, in Leder gebundenes Buch, welches den Beschwörungsspruch enthielt, die notwendigen magischen Ingredienzien sowie eine Phiole mit geweihtem Wasser, ein kleines Metallkreuz, einen Holzpflock und eine Armbrust nebst einigen Schussbolzen. Er nahm zwar nicht an, dass er auf dem Weg zum Haus der Summers einem Vampir in die Arme laufen würde, doch als Wächter hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, stets alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. 125
Da ertönte ein leises Klopfen an der Tür. Wahrscheinlich Xander, dachte Giles und fragte sich, was der Hilfsjäger wohl vergessen haben mochte. Er warf die Ledertasche auf das Sofa und öffnete die Tür. »Ja... was soll das?« Weit und breit war niemand zu sehen. Giles streckte den Kopf zur Tür hinaus, und kräftige Finger schlossen sich um seinen Hals und schnürten ihm die Luft ab. Ein großer, muskulöser Mann trat aus dem Schatten neben der Tür hervor, ohne den Griff seiner Hand zu lockern. Sein blondes Haar war auf die Länge von Streichholzköpfen heruntergestutzt, und sein blasses, tief zerfurchtes Gesicht geprägt von hohen Wangenknochen und schmalen, grausamen Lippen. Er trug einen schwarzen Mantel und eine rote Lederweste. »Ich hatte schon befürchtet, sie würden niemals wieder gehen«, sagte er. »Nun, bitte mich herein, Wächter.« Giles schätzte die Menge möglicher Optionen, die ihm augenblicklich zur Verfügung standen, als denkbar gering ein. Manchmal blieb einem nichts anderes übrig, als die Realität zu akzeptieren. »Aber... selbstverständlich, kommen Sie nur herein«, krächzte er. Brutal stieß ihn der Mann zurück, und Giles taumelte rückwärts in seine Wohnung hinein, wenngleich er dabei auch ein wenig übertrieb, um so auf schnellstmögliche Weise bis zu seiner Tasche vorzustoßen, die auf dem Sofa lag. Im Vorbeistolpern riss er sie an sich. Sie stand immer noch offen, und deutlich konnte er das stumpfe Ende des Holzpflocks erkennen, der, dem Himmel sei Dank, ziemlich weit oben lag. Der Eindringling knallte die Tür hinter sich zu und lehnte sich lässig dagegen. Als er eine Spielkarte aus der Westentasche zog – eine Karo-Zehn – und sich mit der Kante unter den Fingernägeln entlangfuhr, wurde Giles schlagartig klar, mit wem er es zu tun hatte. Wissen ist Macht, dachte er bei sich, jedenfalls manchmal. »Ich fordere Sie auf, mir auf der 126
Stelle Ihren Namen zu sagen«, verlangte Giles. Er fummelte mit der Hand in der Tasche herum, in der Hoffnung, dass es so aussah, als hätte er irgendeinen nervösen Tick. »Buffy Summers muss wirklich eine bemerkenswerte junge Dame sein«, begann Solitaire. »Ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte Giles. Seine Finger berührten den Griff des Holzpflocks. Langsam, Zentimeter um Zentimeter, ließ er ihn in seine Hand gleiten, verborgen vor den Blicken seines Widersachers. »Ich muss zugeben, ich war ziemlich beeindruckt, als mir das Gerücht zu Ohren gekommen ist, dass eine Jägerin den Bund von Taraka zerschlagen haben soll«, fuhr Solitaire ungerührt fort. Er schnippte mit einem Finger gegen die Spielkarte. »Ich hab mich unwillkürlich gefragt, ob sie wohl bereit ist für eine größere Herausforderung.« Er sah Giles direkt in die Augen. »Für mich zum Beispiel.« »Wer sind Sie?«, fragte Giles abermals und richtete den Pflock in seiner Hand mit der Spitze auf den Gegner aus, sodass er ihn nur noch hervorzuziehen brauchte, wenn der Moment gekommen war. »Falls du immer noch nicht darauf gekommen sein solltest, wer ich bin, Wächter«, sagte Solitaire und machte einen Schritt auf ihn zu, »fände ich das wirklich ausgesprochen enttäuschend.« Giles schluckte schwer, schloss seine Finger enger um den Griff des Holzpflocks und spürte, wie die Innenfläche seiner Hand feucht wurde. »Ich geb dir einen kleinen Tipp«, sagte Solitaire und entblößte fauchend ein Paar langer Fangzähne, während seine Augenbrauen zu den charakteristischen Stirnwülsten eines Vampirs transformierten. Er machte einen weiteren Schritt in Richtung Giles. »Ich weiß durchaus, was... was Sie sind«, stotterte Giles. »Nur nicht, was genau Sie eigentlich von mir wollen.« 127
»Ich will, dass du deiner Jägerin eine Botschaft von mir übermittelst...« »Und hier ist eine Botschaft von mir...!« Giles machte einen Satz nach vorn und zielte mit dem Holzpflock direkt auf Solitaires Brust. Er stieß zu... und ein gnadenloser Griff schloss sich wie ein Schraubstock um sein Handgelenk. Zitternd kam die Spitze des Pflocks nur wenige Zentimeter vor ihrem Ziel zum Stillstand. Giles versuchte sich mit aller Kraft dem Griff des Gegner zu entwinden, doch stählerne Finger hielten sein Handgelenk unbarmherzig umklammert. Er hörte das Splittern von Knochen. Der jähe Schmerz raubte ihm beinahe die Besinnung. »Würdest du jetzt vielleicht die Güte haben, mir zuzuhören?«, sagte Solitaire spöttisch und zwang den Wächter mit etwas zusätzlichem Druck auf dessen geschundenes Handgelenk in die Knie. »Eine... eine Botschaft, sagten Sie?«, presste Giles mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor. »Genau«, erwiderte Solitaire. Er legte Giles die Karo-Zehn auf das angewinkelte Knie und entwand den tauben Fingern des Wächters mit der nunmehr freien Hand gewaltsam den Holzpflock. Er ließ ihn in die Luft schnellen und fing ihn dann geschmeidig am spitzen Ende wieder auf. »Sag deiner Jägerin, dass schon ganz andere als sie dafür gestorben sind, meine Bekanntschaft zu machen.« »Wie originell«, spottete Giles. Er biss die Zähne zusammen, als ihn abermals ein jäher Schmerz durchzuckte. »Vielleicht nicht besonders originell...« Solitaire fauchte erneut und zog dem Wächter das stumpfe Ende des Pflocks über den Schädel »... aber äußerst effektiv.« Giles spürte noch, wie er die Besinnung verlor. Dann wurde um ihn herum alles schwarz.
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Nachdem sie sich eine Weile vor dem Bronze umgesehen hatten, stellte Xander die obligatorische Frage: »Wonach suchen wir eigentlich?« Natürlich hatte das Lokal so früh am Abend noch nicht geöffnet. Nur der schwache Schein einiger Straßenlaternen tauchte die Vorder- und Seitenfront des Gebäudes in mattes, von Schatten unterbrochenes Licht, mehr eine Abschreckung für Brandstifter und ähnliches Gesindel als eine brauchbare Beleuchtung. Sie waren mit drei Taschenlampen angerückt, wie Diebe in der Nacht, die jeden Grund hatten, sich im Verborgenen zu halten. Eine davon bekam Oz, der es vorzog, allein auf die Suche zu gehen, eine weitere teilten sich Buffy und Angel, womit die dritte für Xander und Cordelia blieb, zwischen denen momentan eine Art halbherziger Waffenstillstand zu herrschen schien. »Keine Ahnung, Xander«, beantwortete Buffy schließlich dessen Frage. »Nach Fußspuren?« »Auf Asphalt?« »Nach Streichholzheftchen«, meinte Cordelia. »In Filmen finden sie immer Streichholzheftchen. Die führen sie dann zu irgendeinem Nightclub, in dem die Killer rumhängen.« Xander schaute flüchtig zu Oz hinüber, der aber glücklicherweise nicht zugehört hatte. Dann wandte er sich wieder Cordelia zu. »Was?«, keifte diese. »Was hab ich denn jetzt schon wieder verbrochen?« »Wir sind schon beim Nachtklub«, erklärte ihr Buffy geduldig. »Wir suchen nach einer Spur, die wieder von hier wegführt, zu... egal, was auch immer.« Xanders Blick schweifte suchend zu dem viereckigen Abfallbehälter hinüber, der in der Nähe des seitlichen Hinterausgangs vom Bronze stand. Cordelia, wenig begeistert von dem Gedanken, allein in dem halbdunklen Schatten zurückzubleiben, stakste ihm brüskiert hinterher. Nachdem er zunächst die nähere Umgebung sondiert hatte, schob Xander 129
die schwere Metallabdeckung der Mülltonne zurück und ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe über den stinkenden Unrat wandern. Über die Maßen erleichtert, zwischen all den bierdurchtränkten Pappkartons und Kneipenabfällen nicht einen Arm oder ein Bein oder gar eine ganze Leiche zu entdecken, wandte er den Blick wieder ab. »Ich nehme an, von euch hat nicht zufällig jemand einen Taucheranzug dabei?« Niemand gab ihm eine Antwort. »Okay, ich wär auch schon mit ’ner Wäscheklammer für die Nase zufrieden.« Abermals keine Antwort. Er zuckte mit den Achseln. »Hätte mich auch gewundert.« Er drückte Cordelia die Taschenlampe in die Hand und stemmte sich an der Kante der Tonne hoch. »Du willst doch nicht wirklich da rein, oder?«, fragte Cordelia entsetzt. »Soll ich dir den Vortritt lassen?« »Das ist komplett ekelhaft.« Cordelia schüttelte sich. »Nein, er hat Recht«, sagte Oz, der zu ihnen herübergekommen war, als er sah, was Xander beabsichtigte. Als Oz seine Finger auf die obere Kante des Abfallbehälters legte, um sich hochzuwuchten, streckte ihm Xander abwehrend eine bereits völlig mit Kaffeesatz überzogene Hand entgegen. »Ich mach das schon, Oz. Zu eng hier für uns beide und... den ganzen Mist hier. Aber du könntest mal mit deiner Taschenlampe reinleuchten. Vielleicht verscheucht das die Ratten.« Cordelia machte einen Satz zurück und starrte mit großen Augen auf ihre nackten Zehen, die aus den offenen Schuhen ragten. »Ratten! Igitt – da drin sind Ratten? Ich hasse Ratten. Ich wäre nicht einmal hier, wenn es nicht um Troy gehen würde. Aber du und deine Scooby-Gang, ihr seid wahrscheinlich die einzigen, die ihn finden können« – sie blickte Oz an – »und Willow natürlich auch. Das ist ja klar. Es ist nur – ich hasse Ratten.«
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»Ich bin auch nicht gerade verrückt nach diesen Biestern, Cordy«, sagte Xander. Giles versuchte stöhnend die Dunkelheit abzuschütteln, die über ihn gekommen war wie längst überfälliger Schlaf. Mit der unverletzten Hand tastete er vorsichtig nach der Platzwunde an seinem Kopf. Sein Haar war völlig verklebt von halb geronnenem Blut, das ihm bis in die Augen gelaufen war. In seinem Handgelenk tobte ein hämmernder Schmerz. Wahrscheinlich hatte der ihn aus der Ohnmacht gerissen. Im ersten Moment wusste Giles weder, wo er war, noch, was eigentlich geschehen war. Kraftlos ließ er die Hand wieder auf die Brust fallen. Seine Finger berührten etwas Flaches, Rechteckiges. Er hob es an sein Auge. Eine Spielkarte. Plötzlich konnte er sich wieder an alles erinnern. Solitaire. Sein Handgelenk. Die Botschaft an Buffy. Dann ein mörderischer Schlag auf den Kopf. Giles setzte sich halb auf, stellte fest, dass das Schwindelgefühl sich einigermaßen in Grenzen hielt, und schaffte es mühsam, indem er sich an der Wand abstützte, wieder auf die Füße zu kommen. Er musste unbedingt zum Bronze, Buffy warnen. Auch wenn er mehr als wackelig auf den Beinen war. Als er auf die Tür zutaumelte, hatte er das Gefühl, auf Stelzen zu gehen, die Füße kilometerweit unter ihm und fernab jeglicher Kontrolle. Definitiv kein Zustand, in dem man sich ans Steuer setzen sollte, dachte er. Er schleppte sich zum Telefon, und ihm schoss der irrationale Gedanke durch den Kopf, dass Eltern in Flugzeugen immer gesagt wurde, im Falle eines Druckabfalls zuerst die eigenen Sauerstoffmasken aufzusetzen, um so in der Lage zu sein, ihren Kindern beim Anlegen der Masken zu helfen. Wirklich befremdlich... er hatte doch gar keine Kinder. Mit zitternden Fingern wählte er die Nummer des Notrufs. »Hallo? Ja, äh, Rupert Giles hier. Ich glaube, ich benötige dringend medizinische Hilfe... Ja, sie lautet...« Als ihm seine 131
eigene Adresse nicht mehr einfallen wollte, verfiel er auf den rettenden Gedanken, diese kleine Gedächtnislücke mit Hilfe seines Führerscheins zu schließen. In seinem Dämmerzustand kam er sich einen Augenblick lang ziemlich clever vor. Da wurde er erneut Opfer eines Schwindelanfalls, offensichtlich Symptom einer schweren Gehirnerschütterung. Auch noch das, seufzte er innerlich. Manchmal sind es eben die kleinen Siege, die zählen, beruhigte er sich dann und versuchte abermals, die Benommenheit abzuschütteln. Sauerstoff!, ging ihm durch den Kopf, während er auf die Ankunft des Rettungswagens wartete. Er starrte auf den Ziffernblock des Telefons und hatte das Gefühl, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben. »Ah... Buffy, richtig.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Um diese Zeit war sie sicher noch beim Bronze, telefonisch also nicht erreichbar. Cordelia besaß ein Handy, doch er wusste ihre Nummer nicht. Schließlich wählte er die Zahlenkombination der Summers. Wahrscheinlich würde er Joyce aufwecken, doch dies war schließlich ein Notfall, und er würde – würde... Erneut legte sich der Mantel der Dunkelheit über ihn, schnell, viel zu schnell. Er nahm gerade noch wahr, wie der Hörer aus seiner Hand glitt und zu Boden fiel, mit einem dumpfen Gepolter, das bereits nicht mehr in diese Welt gehörte. Pechschwarze Nacht umfing ihn, deren tobendes Rauschen nur durchbrochen wurde von einem einzigen, immer schwächer werdenden Gedanken... Sauerstoff. Hätte Xander zur Gattung der Borstentiere gehört, wäre er zweifelsohne in einen wahren Freudentaumel ausgebrochen. Tapfer kämpfte er sich durch leere Bierflaschen und Coladosen hindurch, durch verrottete Bananenschalen und Berge von zerbröselten Kartoffelchips, durch vergammelte Snacks und Käsebrötchen, angebissene Frikadellen, aufgeweichte Bierdeckel, fetttriefende Papierservietten, stinkende 132
Zigarettenkippen und – ein unverwüstlicher Evergreen – wahre Heerscharen angekauter Kaugummis. Irgendjemand hatte sogar mehrere Schachteln mit chinesischem Essen in der Tonne versenkt. Nun hatten Hühnchenteile und pappige Klumpen von Reis in seinem Haar ein neues Zuhause gefunden. Keine Ratten, zum Glück, obschon ihm noch vor wenigen Augenblicken eine verängstigte braune Maus über den Fuß gehuscht war. Er hatte bei ihrem Anblick, auch wenn er es Cordelia gegenüber vehement abzustreiten versuchte, gequiekt wie ein kleines Mädchen. Hey, so eine kleine Maus konnte schließlich, soweit er wusste, durchaus die Tollwut haben. »Nichts«, sagte Xander schließlich. Nichts zumindest, was in irgendeiner Weise auf Willow oder Troy hingewiesen hätte. Alle anderen Dinge, die man für gewöhnlich in einer Mülltonne zu finden erwarten durfte, hatten mit beachtlicher Zielstrebigkeit ihren Weg in Xanders Haare, in sein T-Shirt, seine Hosentaschen, seine Schuhe und sogar in seine Socken gefunden. Auch wenn seine Suche erfolglos geblieben war, so hatte er sich doch zumindest einen zwar kleinen, doch nichtsdestoweniger bleibenden Eindruck vom Leben einer gemeinen Straßenratte verschaffen können. Er streckte Cordelia eine dreckverschmierte braune Hand entgegen. »Hilf mir hier raus.« »Niemals«, wehrte sie ab und wich kopfschüttelnd einige Meter zurück. »Nicht, bevor du gebadet hast – mindestens ein paar hundert Mal.« Oz kam herbei, reichte Xander die Hand und zog ihn aus dem Unrat heraus. »Danke, Mann«, sagte Oz angesichts Xanders Zustand und dem seiner Klamotten. In Anbetracht des verbissenen Ausdrucks in Oz’ Gesicht überkam Xander die Gewissheit, dass sein Einsatz als Mülltonnentaucher das Mindeste war, was er hatte tun können. Xander und Willow waren Freunde, wahrscheinlich sogar Freunde fürs Leben. Es gab nichts, was er nicht zu tun bereit 133
wäre, um Will aus der Patsche zu helfen. Doch zwischen ihr und Oz war es etwas Besonderes, und er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie es in Oz im Augenblick aussah. »Kein Problem«, erwiderte Xander. Er pulte sich ein paar weiße Reiskörner aus dem Ohr. »Ich wünschte nur, ich hätte da drin irgendwas gefunden, das uns weiterhelfen könnte.« »Ich weiß«, sagte Oz niedergeschlagen. Der Schein seiner Taschenlampe fiel auf einen dunklen Fleck an der Außenseite der Mülltonne. In den Stunden der Abenddämmerung wirkte das schwache Licht der Straßenlaternen noch blasser und diffuser als sonst, doch Xander konnte deutlich die rote Tönung des Flecks erkennen, und er hatte ernsthafte Zweifel, dass es sich um Ketchup handelte. Er ging in die Hocke und schrak davor zurück, die Stelle zu berühren, hatte Angst, trotz seiner schmutzstarrenden Hände die Nässe zu spüren, Angst, seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu finden. Überdeutlich nahm er die Parfümwolke von Cordelia wahr, die nun neben ihm stand – überdeutlich vor allem deshalb, weil der Geruch ihres Eau de Toilettes einen bemerkenswerten Kontrast zu dem kaum auszuhaltenden Gestank darstellte, den er selbst um sich herum verbreitete. »Sieh doch nur«, flüsterte Cordelia. Sie deutete mit dem Finger nach unten. Xander nickte und brachte ein paar weitere Reiskörner zum Absturz. »Ich weiß«, sagte er. »Sieht aus wie Blut.« Oz bückte sich und richtete seine Taschenlampe auf die dunkle Stelle. »Nein«, erwiderte Cordelia. Sie hob einen Stofffetzen auf, der unter einem der Mülltonnenräder eingeklemmt gewesen war. »Ich meine das hier«, sagte sie und hielt ihn den anderen hin. »Ein Klamottenlabel?«, fragte Xander verwirrt.
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»Mein Gott – seid ihr Typen denn blind?«, fuhr Cordelia sie an. »Das ist von Versace.« Oz runzelte die Stirn. »Hallo«, sagte sie. »Könnt ihr mal ein bisschen mitdenken? Troys Anzug gestern Abend. Er war von Versace.« In diesem Moment kehrten Buffy und Angel von einem weiteren Erkundungsgang um das Bronze zurück. Buffy richtete ihre Taschenlampe auf das Stück Stoff zwischen Cordelias Fingernägeln, las das Logo des Herstellers und erfasste sofort, was dieser Fund zu bedeuten hatte. »Sie... es... was auch immer, haben Troy erwischt«, stellte sie fest und blickte Angel an, der zustimmend nickte. »Ich hasse diese Stadt«, schimpfte Cordelia. »Alle Typen, die mir gefallen, werden irgendwann von Dämonen gefressen!« »Oh nein – oh nein!«, kreischte Xander auf und zeigte auf den Boden. »Schaut euch das an, Leute! Der Reis – der Reis bewegt sich!« Er hüpfte schreiend umher, klopfte sich mit der Hand auf dem Kopf herum, zerzauste sich die Haare und zappelte, als wäre ein ganzes Heer von Ameisen über ihn hergefallen. »Oh Gott... oh, mein Gott! Das ist ja nicht auszuhalten!« Cordelia blickte auf die Stelle am Boden, auf die Xander gedeutet hatte. »Sind das...?« Angel nickte: »Maden.« Cordelias schlug sich die Hand vor den Mund. »Oh, ich glaub, mir wird schlecht!« »Nimm am besten die Mülltonne dort«, schlug Angel vor. Buffy ging zu Oz hinüber, der ein wenig abseits stand und nichts von all dem, was um ihn herum geschah, wahrzunehmen schien. Sie legte ihren Arm um seine Schulter. »Wir finden sie, Oz. Das verspreche ich dir.« »Willow lebt«, sagte Oz leise. »Ich weiß es.« Willow lebte, doch sie spürte jeden einzelnen ihrer Knochen. 135
Für die Dauer ihres dritten Auftritts hatten Vyxn sie, gefesselt und geknebelt, in den Kleiderschrank ihrer Garderobe hineingequetscht. In die andere Schrankhälfte, ihr genau gegenüber, hatten sie einen großen Sack plumpsen lassen, in dem sich das befand, was von Troy noch übrig war. Und das war nicht eben viel, nachdem sie ihre kleine Zwischenmahlzeit in der Konzertpause beendet hatten. Ungeachtet ihrer wilden Gier nach Menschenfleisch hatten sie doch genügend Umsicht besessen, alle Spuren ihres grausamen Gelages sorgsam zu beseitigen. Willow hatte sich nicht allzu viele Hoffnungen gemacht, dass ihre Freunde sie bald würden finden können. Auch jetzt hegte sie wenig Hoffnung auf Rettung, nicht zuletzt aus dem Grunde, dass sie selbst nicht die geringste Ahnung hatte, wo sie sich befand. Sie hatten sie ebenfalls in einen muffigen Sack gesteckt, in den Laderaum ihres Tourneebusses geworfen und waren mir ihr losgebraust, direkt in ihre verborgene...Vorratskammer? Dann hatten sie ihr eine enge Manschette um den Hals gelegt und sie an einen massiven Balken – mit mehreren, in regelmäßigen Abständen angebrachten Ringen – gekettet, der in einer der Wände des Raums fest verankert war. Die beiden Fenster an der gegenüberliegenden Wand waren mit dicken Brettern vernagelt. Nun drang das frühe Morgenlicht durch die schmalen Ritzen und ließ Myriaden von Staubkörnern umhertanzen. Die Wände waren in mattem Grünton gestrichen, doch an mehreren Stellen war die Farbe bereits abgeblättert; grober Mörtel kam darunter zum Vorschein. Dort, wo auch der Putz dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen war, gaben große Löcher den Blick frei auf Bruchstein und Lattenwerk. Sie konnte sie hören, alle vier, wie sie sich unterhielten und lachten, beinahe wie richtige Menschen; doch wohl kaum etwas war weiter von der Wahrheit entfernt als das. Zwar hatten sie Willow den Knebel wieder abgenommen, doch sie wusste, dass Schreien zwecklos war. Lupa hatte ihr versichert, 136
dass das verlassene Haus viel zu einsam lag, als dass irgendjemand sie hätte hören können, egal wie Willow sich auch die Lunge aus dem Halse brüllen mochte. Nash hatte lauthals um Hilfe geschrien, nur um ihr zu demonstrieren, wie hoffnungslos ihre Lage war. Dann waren sie und die anderen in hemmungsloses Gelächter ausgebrochen und hatten Willow vorerst allein gelassen. Doch nun öffnete sich erneut die Tür, und Carnie, die rothaarige Bassistin, kam herein. Sie kaute an etwas herum, das verdächtig nach den Resten eines menschlichen Unterarms aussah. Hinter ihr konnte Willow Lupa, Rave und Nash erkennen, die um einen alten Holztisch herum saßen und mit ihren eigenen riesigen Fleischportionen beschäftigt waren. »War ein bisschen viel für uns«, sagte Carnie spöttisch. »Möchtest du mal abbeißen?« »Nein, danke, mir ist schon schlecht.« Carnie lachte. »Wenn du eine von uns werden willst, solltest du deine Aversion gegen rohes Menschfleisch besser ablegen.« »Kein Problem, hab ohnehin nicht die Absicht, mich euch anzuschließen.« Carnie kicherte und zuckte mit den Achseln. »Entweder wirst du eine von uns«, belehrte sie Willow und verwandelte sich, wie um ihren Worten das nötige Gewicht zu verleihen, in ihre grün gefleckte, reißzahnbewehrte Ghulgestalt, »oder« – sie wedelte mit dem blutigen Armstumpf vor Willows Gesicht herum – »du siehst bald auch so aus. Brauchst es nur zu sagen.«
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9 »Okay, Giles«, sagte Buffy, als sie neben dem Krankenhausbett ihres Wächters stand. »Hier sind die Berichte und all die anderen muffigen Bücher, die Sie haben wollten.« Sie legte die alten, in Leder gebundenen Wälzer auf dem mobilen Nachttisch ab, wo sie zweifelsohne die ein oder andere Krankenschwester beunruhigen würden. »Vielen Dank, Buffy.« »Sieht aus wie die Bestsellerliste des Wächterrats.« »Bestimmte Werke – der Pergamum-Kodex, die Schwarzen Chroniken, die Schriften des Dramius, um nur einige zu nennen – haben sich im Laufe der Zeit als von unschätzbarem Wert erwiesen, in der Tat«, erwiderte Giles. »Und irgendwie hat es nicht ein einziges davon zum Vorschlagsband im Buchclub geschafft.« »Hat mit dem Ritual, das die Einladung deiner Mutter rückgängig machen sollte, alles geklappt?«, erkundigte sich Giles. Buffy nickte eifrig. »Alle Dämonen gerettet und die Menschheit vernichtet. Hab da aufgehört, wo Sie weitergemacht haben«, sagte sie. »Oder war es umgekehrt?« Ihr verschmitztes Grinsen verschwand so jäh aus ihrem Gesicht, als wäre es niemals da gewesen. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett. »So, Giles, nun mal raus mit der Sprache. Sie haben meine Mutter am Telefon gebeten mir ausrichten, Sie lägen im Krankenhaus, wären aber ansonsten ganz okay.« Ihr Blick wanderte von seinem eingegipsten Unterarm zu dem Verband um seinen Kopf. »Für mich sieht das ganz und gar nicht okay aus.« »Nichts Ernsthaftes«, versicherte Giles. »Gehirnerschütterung, gebrochenes Handgelenk, leichte Schädelverletzungen. Ärgerlich, aber keinesfalls 138
lebensbedrohlich. Jetzt aber zu dir. Habt ihr was über Willow herausbekommen?« Buffy stemmte sich aus dem Krankenhausstuhl heraus und schlenderte zum Fenster. Durch die Lücken zwischen den einzelnen Lamellen der Jalousie blickte sie auf die ordentlich in Reihe geparkten Autos hinab. Ich sollte etwas unternehmen, dachte sie, irgendwas – wenn ich nur wüsste, wo ich anfangen soll. Willow war ihre beste Freundin, und alles, was Buffy nun antworten konnte, war: »Nein.« »Nichts, was darauf hindeutet, dass sie beim Bronze verschwunden ist? Sie oder Troy?« »Wir nehmen an, dass Troy diesen Menschenfressern in die Hände gefallen ist, diesen Ghulen, oder was immer sie sein mögen«, erklärte Buffy. »Nachdem er das Bronze verlassen hat. Cordelia hat einen Fetzen seines Anzugs identifiziert, und außerdem haben wir Blutspuren gefunden. Wir wissen allerdings nicht, ob Willow auch dabei war, ob sie auch...« »Ich verstehe«, unterbrach sie Giles. »Zumindest gibt der Umstand, dass ihr nichts gefunden habt, was auf ihre Anwesenheit schließen lässt, Anlass zu der Hoffnung, dass sie noch am Leben ist.« Buffy nickte und wandte sich wieder dem Krankenbett zu. »Xander und Oz haben mir versprochen, sich für ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen. Aber höchstwahrscheinlich sind sie schon wieder auf der Suche.« »Sie werden dich in der Schule vermissen. Was ist mit deiner Mutter?« »Hat in der Highschool angerufen und mich entschuldigt. Was Rektor Snyder schwerlich davon abhalten wird, gleich mit seiner teuflischen kleinen Liste zu meiner Schülerberaterin zu rennen, um ihr schwarz auf weiß zu präsentieren, was für eine unartige Schülerin ich bin.« »Buffy, du darfst auf keinen Fall die Schule vernachlässigen«, ermahnte sie Giles. »Oder deinen Schlaf. Du 139
musst auf die Herausforderungen vorbereitet sein, die vor dir liegen. Andernfalls wirst du weder Willow noch dir selbst eine große Hilfe sein. In Anbetracht des Ernstes der Lage sollten wir wohl überlegt und effizient vorgehen.« Giles blätterte in einem der Wälzer herum, runzelte die Stirn, klappte den Band wieder zu und nahm einen anderen zur Hand. Er blätterte auch diesen durch und tippte schließlich mit dem Finger auf eine bestimmte Seite. »Hier steht was über Ghule, die Menschen fressen«, erklärte er. »Wie ich schon sagte, entstammen die Legenden über sie dem orientalischen Kulturkreis.« Er überflog den Absatz und prägte sich die wichtigsten Fakten ein. »Ghule sind weibliche Wüstendämonen, die Reisende – ich nehme an, männliche – in ihren Bann locken und dann verspeisen.« »Wir haben in Sunnydale aber keine Wüste«, wandte Buffy ein. Sie tippte sich mit dem Finger an die Stirn. »Sehen Sie? Bei mir funktioniert die Sache mit der Wohlüberlegtheit bereits.« »Aber wir haben den Höllenschlund.« »Okay, aber dieser Solitaire passt irgendwie nicht ins Bild«, gab Buffy zu bedenken. »Erstens ist er ein Mann. Und zweitens hätte er Sie, wenn er ein Ghul wäre, zweifellos als Imbiss verdrückt.« »Nein, wenn mich nicht alles täuscht, ist Solitaire eher ein Einzelgänger«, erwiderte Giles. »Darauf deutet bereits sein Name hin, ungeachtet seiner großen Vorliebe für Kartenspiele. Ich fürchte, Solitaire ist nichts anderes als ein Vampir, ein sehr mächtiger Vampir allerdings.« »Ein Vampir, der sich eben noch mal kurz auf die Sonnenbank knallt, bevor er seinen Morgenspaziergang macht?« Giles zog die Stirn kraus. »Das ist das... äh, Anormale daran. Es ist nicht auszuschließen, dass er irgendeinen magischen Ring besitzt oder ein Amulett, irgendwas, das ihn vor den 140
Strahlen der Sonne schützt. Mach dir eine Notiz. Du willst es ihm bitte abnehmen, wenn du ihm bei Tageslicht begegnest.« »Ich könnte ihn doch auch ganz einfach pfählen.« »Ganz richtig«, räumte Giles ein. »Mir fällt gerade ein, dass in den Aufzeichnungen eines Wächters einmal ein Vampir mit dem Namen Solitaire erwähnt wurde. Doch diese Aufzeichnungen sind drei- bis vierhundert Jahre alt.« Er schob die dicken Wälzer beiseite und begann, die nach Jahreszahlen sortierten Wächterberichte durchzublättern. Verärgert schüttelte er den Kopf, als es ihm nicht gelang, den Eintrag sofort wieder zu finden. »Um ihn ranken sich Unmengen von Gerüchten und Legenden, allesamt in die Welt gesetzt von Legionen von Untoten, die einen höllischen Respekt vor ihm hatten. Ich bin der Sache seinerzeit nicht weiter auf den Grund gegangen, da es in den letzten paar Jahrhunderten verdächtig ruhig um ihn geworden ist.« »Was hat er Ihnen denn erzählt, Giles?« »Im Wesentlichen, dass er es auf dein Leben abgesehen hat«, entgegnete Giles. »Wie originell.« »Hab’ ich ihm auch gesagt. Wie auch immer, er war von deinem Ruf ausgesprochen beeindruckt.« »Nicht doch, ich werd noch ganz rot.« »Dies ist eine ernste Angelegenheit, Buffy«, sagte Giles. »Ganz besonders beeindruckt war er übrigens davon, wie du die Sache mit dem Bund von Taraka gemeistert hast. Ganz offensichtlich hat ihn das dazu bewogen, in dir einen würdigen Gegner zu sehen.« »Klingt nach einem Revolverhelden aus dem Wilden Westen«, meinte Buffy. »Ein nicht ganz unzutreffender Vergleich«, stimmte Giles zu. »Und dieser Biker – Warhammer? Was war das? Eine Art Warm-up?«
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»Die anderen