Kerstin Jürgens Arbeits- und Lebenskraft
Kerstin Jürgens
Arbeitsund Lebenskraft Reproduktion als eigensinnige Grenzz...
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Kerstin Jürgens Arbeits- und Lebenskraft
Kerstin Jürgens
Arbeitsund Lebenskraft Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage September 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Monika Mülhausen Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Satz: Anke Vogel Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN-10 3-531-15172-X ISBN-13 978-3-531-15172-4
Inhalt
5
Inhalt
1
2
Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen..................................................7 1.1
„Entgrenzung“ ......................................................................................................9
1.2
Soziologische Begrenzungen .............................................................................10
1.3
Forschungsprogramm .........................................................................................15
Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren Leistungen und Desiderate der Arbeits- und Industriesoziologie ..........................21 2.1
Leitideen der 1950er-1980er Jahre: Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ – empirisch erforscht, randständig rezipiert ...........................................................................................22 2.1.1 Konzeptionelle Traditionslinien und Selbstverständnis.....................................23 2.1.2 ‚Empirische Klassiker’ .......................................................................................36 2.1.3 Zusammenfassung ..............................................................................................55 2.2
Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren .....................................................58 2.2.1 „Entgrenzung von Arbeit (und Leben)“: Konstruktion von Trennung, um „Entgrenzung“ festzustellen? ........................59 2.2.2 „Subjektivierung von Arbeit“: Fokussierung auf Erwerbsarbeit, um „Subjektivierung“ festzustellen?.............68 2.3
Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen ............................................................79 2.3.1 Einigkeit in der Diagnose: Gegenstandserweiterung auf neue Erwerbsbedingungen...................................81 2.3.2 Divergenzen in den Schlussfolgerungen: Traditionsorientierung versus Paradigmenwechsel............................................83 2.3.3 Perspektiverweiterung mit beschränktem Horizont: die Persistenz der Erwerbsfixierung...................................................................91 2.4
Fazit: Paradigmenwandel mit Begrenzungen.....................................................94
6
Inhalt
3
Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ Konzeptionelle Perspektiverweiterungen an disziplinären Schnittstellen...........101 3.1
„Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem ...................104 3.1.1 „Arbeit und Leben“ als Thema der Geschlechterforschung: die Gleichzeitigkeit von Trennung und Vermittlung und ihre sozialstrukturellen Folgen ................................................................................104 3.1.2 „Arbeit und Leben“ in der Familiensoziologie: Familie als soziale Institution mit gesellschaftlichen Funktionen ...................119 3.1.3 „Vereinbarkeit“ als Schimäre...........................................................................140 3.2 Lebensführung in Alltag und Lebenslauf.........................................................144 3.2.1 Alltägliche Lebensführung ...............................................................................145 3.2.2 Lebenslauf ........................................................................................................152
4
5
3.3
„Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz? ....................................165
3.4
Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz .........................175
3.5
Fazit: Wechselwirkungen als Ausgangspunkt einer Neuauflage von Reproduktionsforschung ..................................................................................188
Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung .............................................................................................................193 4.1
Die Reproduktion als Arbeitskraft im „entgrenzten“ Kapitalismus.................197
4.2 4.2.1 4.2.2 4.2.3
Arbeits- und Lebenskraft: Reproduktionsleistungen der Subjekte ..................203 Reproduktionshandeln – zur Forschungsperspektive.......................................203 Reproduktion als Erhalt von Arbeitskraft ........................................................208 Reproduktion als Erhalt von Lebenskraft.........................................................229
4.3 4.3.1 4.3.2 4.3.3
Reproduktionshandeln als Grenzziehung.........................................................241 Zur Eigenlogik von Grenzziehungen: Merkmale und Motive .........................242 Dimensionen und Reichweite von Grenzziehungen ........................................249 Grenzziehung als Widersetzung.......................................................................260
4.4
Fazit: Reproduktionshandeln als zentrale Kategorie kritischer Sozialforschung ................................................................................................272
Rück- und Ausblick...................................................................................................277
Literatur.............................................................................................................................283
1.1 „Entgrenzung“
7
1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Wenn sich die Soziologie mit „Grenzen“ beschäftigt, dann geht es meist nicht nur um natürliche Grenzen wie geografische Hindernisse oder körperliche Belastungslimits, sondern stets auch um Grenzen als Resultat menschlichen Handelns, um Grenzen als soziales Konstrukt. Bei den „Klassikern“ der Soziologie finden sich zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung von Grenzen und auf deren unterschiedliche Erscheinungsformen. Sie sind demnach nicht nur als räumliche, nationalstaatliche, institutionelle oder organisationale Trennungen anzutreffen, sondern auch auf der Ebene der Subjekte: In seiner „Soziologie des Raums“ (1903) problematisiert z.B. Simmel – unter Rekurs auf Kant – den Wegfall räumlicher Grenzen als Hemmnis für soziale Bindungen und sieht „seelische Begrenzungsprozesse“ (1983: 228) als zentrale Bedingung für die Stabilisierung der Subjekte. Seit den 1990er Jahren beziehen sich zahlreiche theoretische Abhandlungen und empirische Studien der Soziologie vergleichsweise offensiv und über unterschiedlichste Themengebiete hinweg auf „Grenzen“. Die Grenzmetapher wird dabei als heuristisches Instrument herangezogen, um für grundlegende Wandlungsdynamiken zu sensibilisieren. Hintergrund sind hier nicht nur Erosionstendenzen nationalstaatlicher Trennlinien oder eine fortschreitende Internationalisierung von Wirtschaft und Politik, sondern auch umfassende Modernisierungsprozesse, in denen sich Gestalt und Funktionen von Institutionen verändern, die über Jahrzehnte hinweg als stabil und als charakteristisch für die deutsche Gesellschaft galten. Während Grenzverschiebungen oder -erosionen zunächst vor allem als strukturelle Dynamik beleuchtet wurden, richtet sich die Aufmerksamkeit erst in jüngerer Zeit vermehrt auf die damit verbundenen Anforderungen an individuelles Handeln. Die Subjekte tragen jedoch, so die Ausgangsthese der vorliegenden Studie, wesentlich zur Veränderung oder zum Erhalt bisheriger Grenzen bei – sie betreiben aktive Grenzziehungen. Mit dieser Praxis bringen Subjekte – idealtypisch – externe Anforderungen und interne Bedürfnisse in Übereinstimmung. Grenzziehungen sind Ausdruck einer aktiven Gestaltungsleistung der Subjekte, sind gleichzeitig jedoch hochgradig gesellschaftlich vermittelt; Grenzziehungen gewinnen im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse an Bedeutung, wenn sich individuelle Gestaltungsspielräume vergrößern, bleiben aber eingewoben in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse.1 Grenzziehungen rücken unweigerlich in den Blick, wenn es um gesellschaftliche Arbeitsteilung und das Verhältnis der Lebensbereiche geht: Mit der Industrialisierung wurden durch Arbeitsorganisation und Sozialpolitik Grenzen zwischen Lebensbereichen etabliert, die sich bis heute in einer Trennung der Erwerbsarbeit von anderen Arbeitsformen und 1
Der Verweis auf die Gleichzeitigkeit wachsender Gestaltungsfreiräume einerseits und anhaltende bzw. neue Handlungszwänge andererseits findet sich in fast allen soziologischen Studien. Resümiert wird dieses „Nebeneinander“ dann häufig als „Ambivalenz“ von Modernisierung. „Ambivalenz“ beschreibt treffend Gefühlskonflikte des Subjekts, verharmlost als Strukturbegriff jedoch die Widersprüche, die in den bisherigen Grenzen und neuen Grenzverschiebungen angelegt sind, sowie die ihnen zu Grunde liegenden Interessenkonflikte (vgl. bereits Knapp 1981: 80).
8
1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Lebenstätigkeiten manifestiert. Diese Struktur setzt dem individuellen Handeln Grenzen, doch bleibt es Aufgabe der Subjekte, alltäglich und lebenslang die Wechselwirkungen und Widersprüche zwischen diesen Sphären auszugleichen. Vor allem die Geschlechterforschung hat beständig auf diese „Zumutungen“ kapitalistischer Gesellschaften und auf die anhaltende Vermittlung zwischen nur vordergründig Getrenntem hingewiesen. Dieser Zusammenhang von Produktion und Reproduktion ist heute – trotz einer regen Forschungsaktivität in den 1970er und 80er Jahren – vergleichsweise unterbelichtet. War es zunächst der (häufig feministisch inspirierte) „Vereinbarkeits“-Diskurs zu „Beruf und Familie“, sind es aktuell Konzepte zur „Balance von Arbeit und Leben“, mit denen soziologische Forschung die Verbindungslinien zwischen den Lebensbereichen thematisiert. In der deutschen Arbeitssoziologie werden diese Perspektiven bislang eher zurückhaltend aufgegriffen, gewinnen jedoch an Bedeutung für die Diagnosefähigkeit der Teildisziplin: Greifen die im Zuge der „Entgrenzung“ von Erwerbsarbeit etablierten Arbeitsformen in neuer Weise auf die „ganze Person“ zu, erhält der außerbetriebliche Lebenszusammenhang eine wachsende Relevanz für individuelles Arbeitsvermögen, betriebliche Arbeitsorganisation und die Entwicklung von Arbeit insgesamt. Denn für die Beschäftigten manifestiert sich die neue Qualität der Nutzung von Arbeitskraft nicht nur in Gestalt einer Arbeitsorganisation, in der Abläufe zunehmend eigenverantwortlich gesteuert werden müssen: Die Beschäftigten sollen sich mit ihrer „ganzen Persönlichkeit“, ihrem „ganzen Leben“ und als „ganzer Mensch“ in den Arbeitsprozess einbringen – so die Proklamationen von Personalverantwortlichen und Managermagazinen. Die Arbeitssoziologie steht insofern vor der Herausforderung, nicht nur Grenzen zu untersuchen, sondern ihrerseits Grenzen zu überschreiten – indem sie offensiv Verbindungen zu anderen (Teil-)Disziplinen knüpft, sich auf eigene Forschungstraditionen besinnt und diese weiterentwickelt: Betonte bereits in den 1980er Jahren das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976; Brock/Vetter 1982, 1984) aktive Leistungen der Beschäftigten zur Wiederherstellung von Arbeitsvermögen, muss die Arbeitsforschung dieser Fokussierung auf die Subjekte heute noch konsequenter folgen. Setzt die neue Funktionslogik betrieblicher Arbeitsorganisation am „ganzen Menschen“ an und zielt auf die Nutzung „lebensweltlicher Potenziale“, muss soziologische Forschung diese Perspektivverschiebung nachvollziehen und bisherige Arbeitsteilungen überwinden: Zu ergründen sind die Voraussetzungen, die Widersprüche und die Eigenlogik der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft.2 Mit einer solchen Ausweitung des Gegenstandsbereichs lässt sich nicht nur ein ganzheitlicher Arbeitsbegriff einlösen, sondern erschließen sich überhaupt erst Reichweite und Folgewirkungen des Wandels von Erwerbsarbeit und mit ihm verbundene soziale Dynamiken. Um die Einordnung des Themas zu erleichtern und ‚eiligen’ LeserInnen die gezielte Auswahl einzelner Abschnitte zu ermöglichen, skizziere ich im Folgenden Ausgangspunkt und Arbeitshypothesen der vorliegenden Studie. Nach einem kurzen Rekurs auf die Debatte zur „Entgrenzung“ von Erwerbsarbeit (1.1), werden daher ‚soziologische Begrenzungen’ identifiziert, die sich in einer Fixierung auf Erwerbsarbeit und individuelle Anpassungsleis2
„Reproduktion“ umfasst daher im Folgenden nicht einen gesellschaftlichen Prozess oder eine gesellschaftliche Sphäre, sondern meint Leistungen der Person zur allgemeinen Existenzsicherung, sozialen Integration und zur Wiederherstellung von eigener und fremder Arbeitskraft. Mit dem Begriff der Lebenskraft wird diese Perspektive erweitert auf solche Leistungen der Person, die zum Erhalt physischer und psychischer Stabilität und sozialer Bindungen beitragen (zu Konzept und Begriffen s. ausführlich 4.).
1.1 „Entgrenzung“
9
tungen manifestieren (1.2). Sie liefern den Impuls dafür, solche individuellen Grenzziehungen zu untersuchen, die Aufschluss über die Eigenlogik des Erhalts von Arbeits- und Lebenskraft geben. Im Forschungsprogramm werden anschließend Vorgehensweise und Aufbau der Studie vorgestellt (1.3).
1.1 „Entgrenzung“ Seit den 1990er Jahren wird in der arbeits- und industriesoziologischen Forschung die These einer „Entgrenzung von Arbeit“ diskutiert. Demnach verlieren im Zuge der Internationalisierung von Produkt-, Dienstleistungs- und Finanzmärkten und einer Vermarktlichung unternehmensinterner Beziehungen nicht nur nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung, sondern es schwinden auch Grenzen innerhalb nationaler Ökonomien, Grenzen zwischen Betrieb und Markt sowie Grenzen innerhalb betrieblicher Arbeitsorganisation (u.a. Sauer/Döhl 1997; Kratzer/Döhl/Sauer 1998; Voß/Pongratz 1998; Kratzer 2003; Pongratz/Voß 2003). Inwieweit es sich hierbei um eine Erosion von für kapitalistische Arbeitsgesellschaften kennzeichnenden Strukturmerkmalen handelt oder lediglich um Grenzverschiebungen, wird kontrovers eingeschätzt. Wird im Zuge der „Postfordismus“-Debatte häufig eine „Ablösung“ des Produktionsmodells postuliert, betont die These der „Entgrenzung“ ein Nebeneinander von Neuem und Alten, d.h. das Fortwirken fordistischer Prinzipien bei gleichzeitiger Herausbildung dezentraler Arbeitsorganisation, in der Beschäftigte Marktlogiken internalisieren (s. zur Übersicht Sauer 2005). Der Begriff der „Entgrenzung“ sensibilisiert insofern für eine Prozessdynamik. Ob Deregulierung am Arbeitsmarkt, Schwächung kollektiver Interessenvertretung und Abbau sozialpolitischer Sicherung zufällige Begleiterscheinungen von Unternehmensreorganisation, Dezentralisierung und Vermarktlichung darstellen oder ob sich hier ein neues Produktionsmodell abzeichnet, bleiben virulente Fragen zukünftiger Forschung. In empirischen Studien mehren sich bereits seit den 1990er Jahren Hinweise auf neue Formen der betrieblichen Nutzung von Arbeitskraft. Unternehmen etablieren marktförmige Beziehungen innerhalb von Betrieben und delegieren Verantwortung für Arbeitsergebnis und -abläufe von Vorgesetzten an die Beschäftigten selbst. Diese Anforderungen – idealtypisierend in der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Voß/Pongratz 1998) gefasst – gelten nicht mehr nur für besondere Branchen und das Segment hochqualifizierter Beschäftigter, sondern haben in unterschiedlichen Erwerbsbereichen und Berufsgruppen an Relevanz gewonnen (Pongratz/Voß 2003, 2004; Kratzer 2003; Eberling u.a. 2004). In der Arbeitsforschung wird dabei nicht nur innerhalb der nationalen Ökonomie eine „Entgrenzung von Arbeit“ diagnostiziert, sondern darüber hinaus auch eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ insgesamt konstatiert (Voß 1998; Gottschall/Voß 2003): Betriebliche Personalpolitik zielt darauf, soziale Kompetenzen und private Ressourcen für den Erwerbsbereich zu mobilisieren, dadurch den Einsatz von Arbeitskraft effizienter zu gestalten und Rationalisierungspotenziale durch die Beschäftigten selbst ausschöpfen zu lassen; Aufgaben aus dem Betrieb sollen notfalls auch am heimischen Arbeitsplatz und zeitlich flexibel bearbeitet werden. Ehemals deutlich erkennbare Grenzen, wie z.B. die Trennung der Lebensbereiche oder betriebliche Konfliktlinien zwischen „Kapital und Arbeit“, würden dadurch – so zentrale Thesen der Debatte – brüchig.
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Ob sich tatsächlich eine „Entgrenzung“ im Verhältnis von Arbeit und Leben abzeichnet, bedarf aufgrund der Tragweite des Begriffs einer genauen Prüfung. Denn die Diagnose der „Entgrenzung“ unterstellt nicht nur, dass die Lebensbereiche zuvor getrennt waren, sondern legt implizit nahe, dass auch bisherige Hierarchisierungen zwischen Lebensbereichen erodieren könnten. Damit drohen nicht nur bisherige und neue Verbindungslinien zwischen Lebensbereichen, sondern auch soziale Ungleichheiten aus dem Blick zu geraten, die trotz „Entgrenzung“ fortbestehen bzw. sich in neuer Weise ergeben. Zudem sind nicht alle für Arbeitsgesellschaften charakteristischen Grenzen als Einschränkung individueller Gestaltungsspielräume einzuschätzen. Die Herausbildung unterschiedlicher Lebensbereiche basierte zwar auf dem ökonomischen Interesse, die Reproduktion von Arbeitskraft sicher zu stellen, doch bot die Sphäre des Privaten (bislang) auch einen – wenngleich durchlässigen – Schutzraum gegenüber dem unmittelbaren Zugriff von Betrieb und Markt. Arbeitsformen, die den „ganzen Menschen“ einzubeziehen versuchen und Grenzen zwischen Lebensbereichen durchkreuzen, sind insofern (kurzfristig) betriebswirtschaftlich funktional, individuell wie gesellschaftlich jedoch möglicherweise dysfunktional (s. ausführlich 4.). Neue Anforderungen an Arbeitskräfte und Flexibilität in Arbeitsabläufen sind keineswegs generell als negativ für Beschäftigte oder als sozial desintegrativ einzuschätzen. Bereits in den 1970er Jahren hat das Programm zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ ein ganzheitliches Menschenbild proklamiert und (gewerkschafts-)politische Forderungen zielten auf abwechslungsreiche Tätigkeitsprofile und die Berücksichtigung persönlicher Fähigkeiten in der Erwerbswelt. Gleichwohl rücken vor dem Hintergrund demografischer Krisenszenarien und der Zunahme vor allem psychischer Belastung durch Erwerbsarbeit die langfristigen negativen Nebenfolgen neuer Arbeitsformen in den Blick.3 Die Sphäre der Erwerbsarbeit bleibt zwar in mehrfacher Hinsicht auf reproduktive Leistungen der Subjekte angewiesen, verhält sich jedoch – im Kontext eines „Shareholder-value-Kapitalismus“ – zunehmend indifferent gegenüber diesen Bedürfnissen bzw. weist bisherige kollektive Formen der Regulierung von Arbeitsbedingungen als obsolet zurück. Prozesse der Deregulierung in Arbeits- und Sozialpolitik stützen diesen Abbau bisheriger Schutzräume, indem sie eine verstärkte „Eigenverantwortung“ nicht nur von Erwerbstätigen und Erwerbssuchenden, sondern aller Gesellschaftsmitglieder einfordern. Vor diesem Hintergrund ist von besonderem Interesse, welcher Stellenwert dem Thema Reproduktion in empirischen Studien, theoretischen Ansätzen und (teil-)disziplinärem Selbstverständnis eingeräumt wird.
1.2 Soziologische Begrenzungen Die Frauenarbeitsforschung kritisiert seit Jahrzehnten, dass die Arbeits- und Industriesoziologie nicht-erwerbsvermittelte Arbeit ausblendet; mikrosoziologisch interessierte ForscherInnen beklagen wiederholt eine Vernachlässigung individuellen Handelns zugunsten strukturtheoretischer Zugänge (s. ausführlich 2.). Spätestens seit den 1990er Jahren haben diese 3
Demografische Prognosen weisen bereits seit den 1970er Jahren auf eine sinkende Geburtenrate hin, erhalten jedoch erst in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit bei politischen Akteuren. In Deutschland gab erst die Verabschiedung der Nachhaltigkeitsstrategie der EU (2000), die Kinderlosigkeit als ökonomischen Faktor und fehlende Infrastruktur von Kinderbetreuung als Standortnachteil ausweist, einen deutlichen Impuls für familienpolitische Initiativen. Fehlen aus betriebswirtschaftlicher Sicht zukünftige (qualifizierte) Arbeitskräfte, vermisst die Sozialpolitik zunehmend EinzahlerInnen in die Sozialversicherungssysteme.
1.2 Soziologische Begrenzungen
11
zwei offenkundigen Forschungslücken das Augenmerk auf sich gezogen. Neben wirtschaftlichen Strukturen, Produktionskonzepten und industriellen Beziehungen erhalten vermehrt auch die veränderten individuellen Arbeitsbedingungen von Beschäftigten, deren Reaktionen auf betrieblichen Wandel sowie die Folgen betrieblicher Reorganisation für das private soziale Umfeld die Aufmerksamkeit arbeitssoziologischer Forschung. Werden die Beschäftigten „vom Objekt zum Subjekt von Rationalisierung“ (Moldaschl/Schultz-Wild 1994), ist für die Arbeitsforschung ein Perspektivwechsel obligatorisch, der u.a. in Konzepten zum „Arbeitshandeln“ (Böhle 1994, 2002) oder der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ aufgegriffen wird (u.a. Kleemann/Matuschek/Voß 1999; Moldaschl/Voß 2002; Moldaschl 2004). Hier problematisiert die Arbeitsforschung, dass sich hinter dem vordergründigen Zugewinn an Autonomie eine Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang verbirgt, der bereits seit den Studien von Max Weber die Soziologie insgesamt beschäftigt. Wie sich Erwerbstätige an neue Formen betrieblicher Arbeitsorganisation und der Nutzung von Arbeitskraft anpassen und welche möglichen neuen sozialen Ungleichheitslagen mit den gewandelten Anforderungen einhergehen, rückt daher zusehends ins Zentrum gegenwärtiger Arbeits- und Organisationsforschung.4 Trotz dieser offensichtlichen Perspektiverweiterung wurden zwei Begrenzungen der Arbeitssoziologie bislang (noch) nicht aufgehoben: Zum einen bleibt die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen nach wie vor dem faktischen Primat der Erwerbssphäre verhaftet; zum anderen vollzieht sich zwar eine erneute ‚Wende’ hin zum Subjekt, doch werden dabei meist eindimensional individuelle Anpassungsprozesse, d.h. lediglich Reaktionen auf betriebliche Anforderungen, untersucht. Begrenzung auf Erwerbsarbeit Die Veränderungen in der Erwerbssphäre werden in der Arbeitssoziologie überwiegend im Fokus auf Erwerbsarbeit und den Betrieb untersucht. Auch wenn programmatisch ein erweiterter Arbeitsbegriff kursiert, so beschäftigt sich die Teildisziplin fast ausschließlich mit bezahlter Arbeit und Erwerbstätigen. Trotz Massenarbeitslosigkeit fristet die Arbeitslosenforschung eine Randexistenz; private Reproduktionsarbeit wird eher im Kontext der Familiensoziologie und der Geschlechterforschung untersucht. Statt die – häufig als Forschungsperspektive proklamierten – Wechselwirkungen zu erforschen, konzentriert sich das Gros empirischer Studien einseitig auf die Wirkung der von Erwerbsarbeit ausgehenden Impulse für individuelles Handeln und soziale Beziehungen in Abteilungen und Arbeitsteams. Die gegenwärtige Debatte zur „Entgrenzung von Arbeit“ bleibt daher begrenzt, solange andere Arbeitsformen und der außerberufliche Lebenszusammenhang von Beschäftigten ausgeblendet werden. Bereits Gründerväter der Arbeitssoziologie wie Hans Paul Bahrdt haben angemahnt, dass man sich ein Ressortdenken nicht leisten könne, da „spezielle Fragen in einer speziellen Soziologie auch immer wieder den Blick in die benachbarte Unterdisziplin erfordern“ (1982: 11). Für Bahrdt stand fest, dass „wenn die Industriesoziologie u.a. auch eine Soziologie der Arbeiterschaft sein will, dann dürfen Familienfragen, Sozialisationsprobleme und Wohnverhältnisse nicht außer Acht gelassen werden“ (1982: 12). Doch nicht nur die Wirkung betrieblicher Prozesse auf die Sozialwelt außerhalb des Betriebs ist noch immer ein 4
Ergebnisse zum Wandel betrieblicher Arbeitsorganisation sind keine Diagnose, die sich auf die deutsche Situation reduziert. Zu ähnlichen Einschätzungen in anderen Ländern s. exemplarisch Sennett 1998, 2005; Castel 2000; Hardt/Negri 2002; Boltanski/Chiapello 2003.
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
vernachlässigtes Thema der Soziologie, sondern auch die Frage nach der Rückwirkung von Veränderungen in Lebensformen und Freizeit auf die Erwerbssphäre bleibt weitgehend offen. Lediglich im Zuge der verstärkten Integration von Frauen ins Erwerbsleben fand bislang eine konsequente Thematisierung tatsächlicher Wechselwirkungen von Arbeit und Leben statt, wenn nicht nur Folgen für familiale Arbeitsteilungsmuster und die Fertilität diskutiert wurden, sondern auch Rückwirkungen in die Erwerbswelt. Insbesondere die Frauenarbeitsforschung hat hier nicht nur auf das „Vereinbarkeitsproblem“ hingewiesen, sondern den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Stellung einerseits und Integration ins Erwerbsleben andererseits exemplarisch in der Erforschung von Professionen und Arbeitsmarktsegregation reflektiert. Sie griff insofern – konsequenter als zahlreiche arbeitssoziologische Studien – eine dialektische Denkweise auf. Das Augenmerk dieser Forschungsarbeiten ruht auf dem inneren Zusammenhang vordergründig getrennter Phänomene: Produktion und Reproduktion sind wechselseitig aufeinander angewiesen, doch resultiert das Primat der Ökonomie in einer „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ gegenüber anderen Sphären. „Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang“ (Prokop) sind die Folge und reproduzieren sich durch anhaltend „doppelte Vergesellschaftung“ von Frauen (BeckerSchmidt 1986, 1991, 1995). Individuelle Leistungen der „Vereinbarkeit von Arbeit und Leben“ wurden und werden entsprechend von der Geschlechterforschung als konfligierende Anforderungen, Zuschreibungen und Zuweisungen aus den Lebensbereichen enttarnt und in ihren Folgen für das Geschlechterverhältnis gesellschaftstheoretisch reflektiert. Angesichts gravierender Veränderungen von Erwerbsarbeit scheint es jedoch dringlicher denn je, das Selbstverständnis von Arbeitsforschung neu zu justieren und einen erweiterten Arbeitsbegriff nicht nur konzeptionell anzuerkennen, sondern auch forschungspraktisch anzuwenden. Die Ausgangsbedingungen hierfür sind günstig: Die aktuellen Debatten zur „Entgrenzung von Arbeit“ resultieren in einer erhöhten Aufmerksamkeit auch für den privaten Lebensbereich abhängig Beschäftigter; auch in Studien, die sich auf den Betrieb und Erwerbsarbeit konzentrieren, werden ForscherInnen zunehmend mit ganzheitlichen Kompetenzen von Beschäftigten und dem außerbetrieblichen Leben konfrontiert. Dabei fällt jedoch auf, dass bereits vorliegende Erkenntnisse zur Wechselwirkung der Sphären oder individuellen Problemen von „Lebensführung“, „Vereinbarkeitsmanagement“ und „Lebensplanung“ kaum rezipiert werden; zentrale Ergebnisse der Geschlechter- und Familienforschung fließen allenfalls partiell in die Analysen ein. Die Trennung der Lebensbereiche hat insofern nicht nur die mit ihr einhergehenden Hierarchisierungen – insbesondere im Geschlechterverhältnis – überdeckt, sondern auch zu soziologischen Blindstellen geführt. Diese Arbeitsteilung zwischen den soziologischen Teildisziplinen verstellt nicht nur die soziale Schlechterstellung von Frauen, sondern behindert gegenwärtig auch das Erkennen neuer Anforderungs- und Belastungskonstellationen, die sich für alle Gesellschaftsmitglieder ergeben. Reproduktion ist damit (weniger denn je) ein „Gender-Thema“, sondern berührt originär arbeits-, industrie- und wirtschaftssoziologische Fragestellungen und Forschungskonzeptionen. Mit der Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen lässt sich der Wandel von Erwerbsarbeit nicht nur über die unterschiedlichen Arbeitsformen und Branchenunterschiede hinausgehend reflektieren, sondern auch gesellschaftstheoretisch ergründen. Um zu präzisieren, ob sich „Arbeit im Übergang“ (Sauer 2005) befindet, sich ein grundlegender Modellwechsel vollzieht oder bereits vollzogen hat, bedarf es nicht zuletzt der Analyse des gegenwärtigen Reproduktionsmodells bzw. der
1.2 Soziologische Begrenzungen
13
konkreten gesellschaftlichen Vermittlung (auch) von Produktion und Reproduktion. Bislang findet jedoch selbst in der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ noch keine systematische Perspektiverweiterung statt. Zwar berücksichtigt die Semantik der „doppelten Subjektivierung“ ebenso einen erweiterten Zugriff auf Potenziale der Person wie auch veränderte subjektive Ansprüche an Arbeit, doch bleibt der Fokus eindeutig auf Erwerbsarbeit gerichtet: Gegenstand der Untersuchungen sind in der Regel solche Potenziale und Ansprüche, die ökonomisch verwertbar und erwerbsvermittelt sind. Doch nicht nur die Arbeits- und Industriesoziologie stößt hier an ihre Leistungsgrenzen, sondern auch andere Teildisziplinen haben offenkundig Nachholbedarf: Erst im Zuge der Debatten zu demografischem Wandel und einer zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen wurden in letzter Zeit z.B. in der Familiensoziologie Veränderungen in der Erwerbssphäre berücksichtigt. Der Fokus bleibt dabei jedoch überwiegend auf die traditionelle „Vereinbarkeits“-Frage gerichtet, wenn Kinderbetreuung und Arbeitsteilung zwischen den Partnern untersucht werden; zu den komplexen Auswirkungen von Flexibilisierung und Deregulierung auf das Zusammenleben von Generationen und soziale Beziehungen liegen dagegen noch immer vergleichsweise wenig Erkenntnisse vor. Zwar werden in der Soziologie die dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen zunehmend erkannt, dabei jedoch häufig eindimensional als (infra-)strukturelles Problem thematisiert. Im Zentrum steht die Frage, wie sich „Beruf und Sorgearbeit“ unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen „vereinbaren“ lassen. Weitgehend offen gestaltet sich hingegen die Frage, in welchem Zusammenhang neue Arbeitsformen und der erweiterte Zugriff auf den „ganzen Menschen“ einerseits und die physische und psychische Stabilität der Person und ihre sozialen Bindungen andererseits stehen. Eine solche grundlegend integrative Perspektive auf die jeweilige Entwicklungsdynamik in und zwischen den Sphären hat bereits in der Vergangenheit Forschung an ihre Grenzen geführt, wenn sich sowohl in der empirischen Operationalisierung als auch in forschungsökonomischer Hinsicht das Thema als überkomplex erwies (s. 2.1). Zwar werden in den letzten Jahren unter dem Stichwort „Alltägliche Lebensführung“ die Leistungen thematisiert, die Beschäftigte alltäglich erbringen, um Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu erfüllen, doch ist noch weitgehend offen, welche Fähigkeiten Individuen einsetzen, wenn sie Lebensbereiche „vereinbaren“? Welche Grenzziehungen sind erforderlich, um auf Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und sozialen Bindungen zu reagieren und dabei eigene Interessen und Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren? Und – eine in Zeiten von Flexibilisierung spannende Frage – inwiefern bringen Individuen diese Fähigkeiten nicht nur im Erwerbsleben ein, sondern werden diese im Zuge neuer Arbeitsorganisation auch von Unternehmensseite gezielt eingefordert? Diese Fragen entziehen sich einer arbeitsteiligen Soziologie, berühren jedoch grundlegend den Kern des Wandels von Erwerbsarbeit und Gesellschaft: Basieren neue Formen der Nutzung von Arbeitskraft in veränderter Weise auf dem ‚Privaten’, werden sich die sozialen Folgen, mögliche neue Polarisierungen und soziale Konfliktfelder nur dann frühzeitig identifizieren lassen, wenn sich die Forschung einer konsequenten Perspektiverweiterung nicht verschließt. Begrenzung auf Anpassungsleistungen Die Subjektorientierung der Arbeitssoziologie äußert sich gegenwärtig in einer stärkeren Berücksichtigung individuellen Handelns im Arbeitsprozess. Impuls hierfür sind veränderte Formen betrieblicher Arbeitspolitik und industrieller Beziehungen, mit denen sich die Ar-
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
beitsregulierung von Verhandlungen zwischen kollektiven Akteuren auf den einzelnen Beschäftigten verlagert. Dadurch werden individuelle Kompetenzen zur Regulation relevant, wenn sich Beschäftigte zwar an nach wie vor kollektiv ausgehandelten Rahmenbedingungen orientieren können, das ‚Fein-Tuning’ jedoch am einzelnen Arbeitsplatz relevant wird. Für viele Beschäftigtengruppen und für Selbständige ist diese Strukturierung von Arbeitsabläufen keineswegs neu. Die Ergebnisse empirischer Forschung weisen jedoch auch für solche Beschäftigungssegmente erweiterte Gestaltungsspielräume und -zwänge aus, in denen Arbeitsabläufe und -zeiten bislang stark reglementiert und kontrolliert waren. Obwohl die Arbeitssoziologie diese Verlagerung problematisiert, liegen kaum Erkenntnisse darüber vor, welche Fähigkeiten Individuen benötigen, um Arbeitsprozesse individuell – unter nach wie vor fremdbestimmten Arbeitsbedingungen und nicht beeinflussbaren Marktmechanismen – zu regulieren. Wie und wo werden diese Fähigkeiten erworben, wie werden sie im Erwerbsalltag eingesetzt? Diese Fragen erhalten zur Zeit eine neue Brisanz, wenn nicht nur Hochqualifizierte und Selbständige diese Kompetenzen in die Arbeitsabläufe einbringen müssen, sondern auch solche Beschäftigtengruppen, die weder während ihrer schulischen noch ihrer beruflichen Sozialisation auf diese Anforderungen, auf die Gleichzeitigkeit von Autonomie und unmittelbarem Marktdruck vorbereitet wurden. Hier deuten sich neue Dimensionen sozialer Ungleichheit an, die Segregationsprozesse innerhalb sozialstatistisch homogener Beschäftigtengruppen auslösen können und sich dem Zugriff der klassischen Ungleichheitsanalyse entziehen. In der Arbeitssoziologie kündigt sich entsprechend eine erneute ‚handlungstheoretische Wende’ an: Schlägt die kapitalistische Nutzung von Arbeitskraft unmittelbar auf das Individuum durch, muss sich auch die Arbeitsforschung auf die Suche nach den individuellen Praktiken des Regulierens von Arbeit begeben und die handlungstheoretischen Implikationen von Regulation und Strukturwandel ergründen. Die Arbeitssoziologie ist hier in den letzten Jahren bereits der Verbetrieblichung von Arbeitspolitik gefolgt und hat Konflikte zwischen betrieblichen Akteuren sowie zwischen und innerhalb von Abteilungen oder Arbeitsteams untersucht. Der veränderte Zugriff kapitalistischer Verwertungslogik manifestiert sich hier in einem langsamen Perspektivwechsel von kollektiven Akteuren auf die Subjekte sowie den Zusammenhang von individueller und kollektiver Interessenvertretung. Werden Beschäftigte zum Subjekt von Rationalisierung, kann sich Forschung nicht auf die Analyse struktureller Dynamiken auf betrieblicher, gesellschaftlicher und globaler Ebene beschränken, sondern muss verstärkt Individuen als Produzenten von Strukturen in den Blick nehmen. Sie schaffen durch ihr konkretes Arbeitshandeln neue Strukturen, d.h. sie stellen den Strukturwandel selbst her (vgl. Böhle 1994, 2002) – keineswegs freischwebend und losgelöst von Vorgaben, sondern im Kontext bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die auch auf die neuen Praktiken einwirken und sich in ihnen reproduzieren. In der Arbeitssoziologie ist dieser Perspektivwechsel mit dem „Entgrenzungs“-Diskurs sowie der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ eingeleitet. Dennoch bleibt der Fokus auffälligerweise auf individuelle Anpassungsleistungen von Beschäftigten gerichtet. Es wird – dies mag an der industriesoziologischen Tradition der Konzentration auf Erwerbsarbeit liegen – vergleichsweise einseitig aus der betrieblichen Perspektive nach den Reaktionen von Beschäftigten gefahndet. Das faktische Primat der Ökonomie über individuelle Bedürfnisse und Anforderungen aus anderen Lebensbereichen spiegelt sich insofern auch in der Forschung wider. Inwiefern Beschäftigte eigenlogische Grenzen gegenüber betrieblichen Anforderungen ziehen, erscheint demgegenüber eine bislang vernachlässigte Frage-
1.3 Forschungsprogramm
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stellung. Das Individuum – so implizite Annahmen – reagiert auf den Wandel von Arbeit, während die eigensinnige Umsetzung und Umformung struktureller Vorgaben oder Widersetzungen gegenüber externen Anforderungen allenfalls in den Nischen des Erwerbssystems vermutet und daher nicht als zentraler Untersuchungsgegenstand definiert werden. Die Fokussierung auf Erwerbsarbeit und individuelle Anpassungsleistungen resultiert somit forschungspraktisch und konzeptionell in einem ‚zweifach halbierten’ Individuum: Es ist zum einen reduziert auf den Bereich der Erwerbsarbeit und die dort erforderlichen Leistungen und Fähigkeiten; zum anderen wird es überwiegend als Re-Akteur auf gesellschaftliche Veränderungen gedacht. Hier stellt sich jedoch die Frage, wie Beschäftigte – im Kontext von Deregulierung und Flexibilisierung – dem erweiterten Zugriff auf die „ganze Person“ begegnen, wenn Reproduktionserfordernisse strukturell missachtet werden, aber nach wie vor basale Voraussetzung des Erhalts individueller Arbeits- und Lebenskraft sind. Wie stellen die Beschäftigten Erholung und den langfristigen Erhalt von Leistungsfähigkeit sicher, wenn sie Arbeitsprozesse individuell regulieren? Welche Prioritäten setzen sie bezüglich betrieblicher Anforderungen, individuellen Bedürfnissen und Erfordernissen von Reproduktion und sozialen Bindungen? Wo widersetzen sich Beschäftigte dem erweiterten Zugriff auf ihre Arbeitskraft oder Mobilitäts- und Flexibilitätswünschen seitens der Unternehmen? Indem solche Renitenzen und eigensinniges Handeln häufig aus der Verletzung reproduktiver Interessen der Beschäftigten resultieren, stößt eine erwerbszentrierte Forschung hier unweigerlich an ihre Grenzen.
1.3 Forschungsprogramm Die Studie zielt auf eine Perspektiverweiterung in zweifacher Hinsicht: Zum einen erfolgt eine Ausweitung des Arbeitsbegriffs. Ohne Zweifel ist die Prägekraft und Dominanz von Erwerbsarbeit ungebrochen. Nach wie vor zählt die materielle Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit zur zentralen Anforderung an die Lebensführung der Menschen; zudem setzen sich Prinzipien der Dezentralisierung und Vermarktlichung auch jenseits der Sphäre der Ökonomie durch und strahlen auch auf die Lebenszusammenhänge derjenigen aus, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert oder erwerbssuchend sind. Der Wandel von Erwerbsarbeit gereicht daher als Ausgangspunkt, doch stehen Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Arbeitsformen und Lebensbereichen im Zentrum der Untersuchung. In unterschiedlichen Teildisziplinen gilt es daher nach Ansätzen und Anknüpfungsmöglichkeiten für eine Aktualisierung von Reproduktionsforschung zu suchen. Eine Erweiterung des Reproduktionsbegriffs ist dafür unumgänglich: Reproduktion wird weder – wie in der Familien- und Geschlechterforschung verbreitet – auf Leistungen für andere (Familiengründung, Caring, Hausarbeit usw.) reduziert, noch auf die Wiederherstellung des eigenen Arbeitsvermögens. Reproduktion wird statt dessen als Leistung des Erhalts von Arbeits- und Lebenskraft konzipiert (s. ausführlich 4.). Ein solcher Ansatz ist unmittelbar anschlussfähig an ältere arbeitssoziologische Studien der Qualifikationsforschung, reicht jedoch über diese hinaus: „Lebenskraft“ betont hier – als Pendant zur Kategorie „Arbeitskraft“ – die lebensweltliche Seite von Reproduktion, die – unabhängig von der Erwerbseinbindung von Personen – eine für alle Menschen existenzielle Handlungsanforderung darstellt und dem Einsatz als Arbeitskraft vorgelagert ist. Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft erweist sich in diesem Sinne als Gewährleistungsarbeit: Sie ist eine Leistung des nachhaltigen Auf-
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
rechterhaltens von gesellschaftlich einsetzbarem Arbeitsvermögen, von physischer und psychischer Stabilität sowie von sozialen Bindungen. Im Vergleich zu Konzepten von „Vereinbarkeit“ oder „Balance“ lassen sich damit nicht nur (neue) Belastungskonstellationen für alle Menschen – unabhängig von ihrer Erwerbseinbindung – untersuchen, sondern über den Reproduktionsbegriff bleibt das Konzept gesellschaftstheoretisch anschlussfähig: Reproduktion fokussiert sowohl auf den Vermittlungszusammenhang der Lebensbereiche als auch auf die diesem zu Grunde liegenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse und entsprechende sozialstrukturelle Implikationen. Zum anderen folgt die Studie einer konsequenten Subjektorientierung. Strukturelle Einflüsse auf gesellschaftlicher, organisationaler und institutioneller Ebene werden systematisch berücksichtigt – das Augenmerk richtet sich jedoch auf die Anforderungen an reproduktive Leistungen und die Bewältigung von Reproduktionserfordernissen. Verlagert sich die Regulierung von Erwerbsarbeit auf die einzelne Person, wird sich soziale Ungleichheit zukünftig statt über den Erwerbsstatus, formale Qualifikation oder das Einkommen auch über die hier vorhandenen bzw. fehlenden individuellen Ressourcen zur Reproduktion herstellen. Mit einer Fokussierung auf Reproduktionshandeln gilt es darüber hinaus, nicht nur Formen der Anpassung an strukturelle Bedingungen und Anforderungen zu ergründen, sondern auch Widersetzungen und Renitenzen der Subjekte, die sich aus der Eigenlogik des Erhalts von Lebenskraft ergeben. Reproduktionshandeln enthält insofern sowohl Struktur- als auch Subjektdimensionen: Während in der Strukturdimension u.a. die Anforderungen aus der Erwerbssphäre, Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen, gesellschaftliche Arbeitsteilungen, sozialpolitische Rahmenbedingungen oder der Wandel kollektiver Interessenvertretung ins Blickfeld rücken, berücksichtigt die Subjektdimension u.a. Fragen der Identität, Ressourcen zur Behauptung individueller Bedürfnisse und Interessen oder Fähigkeiten der Alltags- und Lebensplanung. Die Analyse von Reproduktion setzt daher mikrosoziologisch an, zielt jedoch explizit auf die Wechselwirkungen zwischen Handlung und Struktur, die sich in der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft manifestieren: Reproduktionshandeln ist zwar eine individuelle Leistung, aber hochgradig gesellschaftlich funktional. Es gewährleistet die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft, ist Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Arbeitsteilung zwischen den Sphären und stabilisiert damit das gegenwärtige Produktionsmodell. Ziele der Studie Greift man auf die Grenzmetapher zurück, ergeben sich drei grobe Ziele: Die Studie richtet sich 1. auf die Überwindung eines begrenzten Arbeitsbegriffs innerhalb der Arbeitsforschung, 2. auf die Überwindung von Grenzen zwischen den soziologischen Teildisziplinen und 3. auf die Analyse von Grenzen als Ergebnis und Ziel individueller Handlungspraxis. Daraus lassen sich folgende Aufgabenstellungen konkretisieren:
Für die Arbeitsforschung gilt es auszuleuchten, welchen Stellenwert das Thema „Reproduktion“ derzeit einnimmt bzw. in der Vergangenheit eingenommen hat. Ein Vergleich zwischen wissenschaftlichem Selbstverständnis und empirischer Forschung soll dabei ermöglichen, in Vergessenheit geratene Traditionslinien in Erinnerung zu rufen und Erkenntnisse aus älteren Studien in die jüngere Debatte zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung von Arbeit“ einzuspeisen.
1.3 Forschungsprogramm
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Aufgrund der bislang vorherrschenden Konzentration auf Erwerbsarbeit in der Arbeitssoziologie wird die Suche anschließend auf andere (Teil-)Disziplinen ausgeweitet. Hier bleibt zu prüfen, ob sich Ansätze von Reproduktionsforschung durchgesetzt haben und inwiefern diese die Arbeitsbedingungen im Kontext eines „entgrenzten“ Kapitalismus berücksichtigen. Verbindungen zwischen den Teildisziplinen sollen dadurch genauer ausgeleuchtet und Erträge der Verknüpfung jeweiliger Perspektiven aufgezeigt werden. Da sich Reproduktion im Zuge neuer Arbeitsformen als ein Thema von wachsender (arbeits- und gesellschaftspolitischer) Relevanz erweist, plädiert die Studie für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung. Anforderungen an Reproduktionshandeln sollen dafür identifiziert, zentrale Merkmale dieser individuellen Leistung systematisiert werden. Reproduktion soll dadurch als ein Forschungsfeld konturiert werden, das nicht nur Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ erhellt, sondern auch originär arbeitssoziologische Fragestellungen berührt und die Analyse des Wandels von Erwerbsarbeit erst komplettiert.
Zwar konnte im Rahmen dieser Suche nach den Voraussetzungen der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft keine zielgerichtete Erhebung durchgeführt werden, doch fließen (eigene) empirische Ergebnisse im Rahmen von Sekundäranalysen in das Konzept ein. Neben der Reinterpretation vorliegender Studien speise ich dafür Ergebnisse zweier qualitativer Studien zur Arbeits(zeit)regulierung in die Untersuchung ein: In einer Studie über die „Vier-Tage-Woche“ bei der Volkswagen AG ging es um den Umgang mit Veränderungen im betrieblichen Zeitmanagement bei Beschäftigten und auf der Ebene von Paarbeziehung und Familie (Jürgens/Reinecke 1998; Jürgens 2000); in einem anderen Forschungsprojekt wurden neue Arbeitsformen in der Luftfahrtindustrie, der Pflege- und Finanzdienstleistung sowie Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie untersucht (Eberling u.a. 2004; Jürgens 2004).5 Zu beachten bleiben im Folgenden zwei Einschränkungen: Zum einen bezieht sich die Untersuchung auf die gegenwärtige Entwicklung und den Forschungsstand in Deutschland; vereinzelt wurden angloamerikanische Studien und Konzepte herangezogen. In anderen Arbeitsgesellschaften – auch innerhalb Europas – stellen sich Fragen grundsätzlich anders, da arbeits- und sozialpolitische Regulierungen, kollektive Interessenvertretung, Familienleitbilder, Geschlechterarrangements sowie Unternehmens- und Leistungskulturen erheblich differieren. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass sich im Zuge der Internationalisierung der Wirtschafts- und Finanzmärkte und allgemeinen Tendenzen der Deregulierung in anderen Ländern ähnliche Anforderungen an Reproduktionshandeln ergeben, wie sie hier im letzten Kapitel identifiziert werden. Zum anderen wurden – da es statt um Verteilungen um die Bedingungen von Reproduktion und eine Analyse gesellschaftlicher Vermittlungszusammenhänge geht – Differenzierungen hinsichtlich Ost- und Westdeutschland, bestimmten Beschäftigtengruppen und Branchen oder sozialen Milieus ebenso vernachlässigt wie die besonderen Reproduktionsanforderungen an Arbeitslose. Reproduktionshandeln ist hochgradig sozialstrukturell geprägt, indem gesellschaftliche Ungleichheitslagen die Möglichkeiten von Reproduktion beeinflussen und mit je unterschiedlichen Anforderungen an 5
In den Erhebungen wurden insgesamt mehr als 140 qualitative Beschäftigteninterviews, Gruppendiskussionen sowie rund 30 Expertengespräche ausgewertet. Durch das breite Spektrum an Betrieben wurden unterschiedliche Branchen, Betriebstypen, Beschäftigtengruppen und Unternehmenskulturen untersucht.
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den Erhalt von Arbeits- und Lebenskraft einhergehen. Im Folgenden gilt es daher zunächst, Reproduktionshandeln als eine solche Handlungspraxis zu ergründen, die sich gerade nicht über bisherige Ungleichheitsfaktoren den Personen ‚zuordnen’ lässt, sondern eine Ressource eigener Art darstellt und damit auch neue Polarisierungen mit sich bringt. Aufbau der Studie Der Aufbau der Studie folgt der Suche nach Anknüpfungspunkten für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung. Kapitel 2 widmet sich zunächst dem Stellenwert von Wechselwirkung zwischen Lebens- und Arbeitsbereichen in Ansätzen und Studien der Arbeitsforschung. Hier gilt es, markante Traditionslinien der Arbeits- und Industriesoziologie von der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre nachzuzeichnen und das in Überblicksartikeln postulierte Selbstverständnis der Teildisziplin hinsichtlich der Reichweite des definierten Forschungsfeldes zu prüfen. Um mögliche Diskrepanzen zwischen resümierenden Artikeln einerseits und empirischer Forschung andererseits nicht einzuebnen, werden ausgewählte empirische „Klassiker“ in die Analyse einbezogen und vergessene ‚Schätze’ der Arbeitsforschung in Erinnerung gerufen. Dieser themenzentrierten Reinterpretation industriesoziologischer Forschung folgt ein Blick auf neuere, seit den 1990er Jahren diskutierte Konzepte: Die Ansätze zur „Entgrenzung von Arbeit“ und „Subjektivierung von Arbeit“ müssen hier unter Beweis stellen, ob sie 1. Ansatzpunkte für die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen liefern, und ob 2. statt nur Formen der Anpassung an betriebliche Anforderungen auch Dynamiken der Widersetzung berücksichtigt werden. Da in der Teildisziplin gegenwärtig eine rege, wenngleich unnötig dramatisierende Auseinandersetzung über theoretische Ausrichtung und zukünftige Zielsetzungen stattfindet, werden anschließend die Beiträge zu dieser Debatte auf das aktuelle Selbstverständnis hin befragt: Bleibt es bei einer Fixierung auf Erwerbsarbeit oder zeichnet sich ein Wandel der bisherigen Paradigmen ab, indem die Industriesoziologie die Subjekte und deren außerbetriebliche Lebenswelt in neuer Weise ‚entdeckt’? In Kapitel 3 erweitert sich die Suche auf benachbarte (Teil-)Disziplinen, in denen Hinweise auf die Eigenlogik von Reproduktion zu vermuten sind. Hier werden ausgewählte Konzepte und empirische Arbeiten vorgestellt, die sich explizit den Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen widmen. Neben der Familien- und Geschlechterforschung rücken der ältere „Vereinbarkeits“-Diskurs, neuere Ansätze der politikwissenschaftlichen Arbeitsforschung, die Alltags- und Lebenslaufforschung, Konzepte zu „Work-Life Balance“ sowie arbeitspsychologische Ansätze in den Blick. Der Rekurs in diese (Teil-)Disziplinen liefert hier nicht nur Hinweise auf die Funktionalität von Reproduktion und die Relevanz eines erweiterten Arbeitsbegriffs, sondern er fördert Verbindungslinien und Schnittstellen zwischen formal getrennten Diskursen und Forschungszusammenhängen zu Tage. Trotz dieser Impulse für die Erweiterung von Perspektive und Selbstverständnis der Arbeitssoziologie, bleiben jedoch auch jenseits der Teildisziplin individuelle Grenzziehungen und aktive Begrenzungen vernachlässigt; die „Lücke“, die die Arbeits- und Industriesoziologie mit der Aufgabe von Reproduktionsforschung hinterlassen hat, bleibt weitgehend unausgefüllt. Ziel des Kapitel 4 ist daher, Konturen einer ‚neuen’, aktualisierten Reproduktionsforschung vorzustellen. Statt der Analyse der Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen richtet sich der Fokus hier stärker auf Reproduktionshandeln als Leistung der Subjekte. Sie gewährleisten den Erhalt von sowohl Arbeits- und Lebenskraft, indem sie – idealtypisch –
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ihre Ressourcen und Potenziale in Alltag und Lebenslauf nachhaltig einsetzen. Auf der Basis eigener empirischer Erhebungen und durch Rekurse in die Gesundheits-, Belastungsund Bewältigungsforschung sollen hier Merkmale von und Anforderungen an Reproduktionshandeln untersucht werden. Dieses reduziert sich nicht auf eine Anpassung an den Wandel von Arbeits- und Lebensbedingungen, sondern erweist sich als eigensinniges Handeln, das in Grenzziehungen und Widersetzungen der Subjekte zum Ausdruck kommt. Empirische Studien liefern – zumindest implizit – Hinweise auf solche Begrenzungen von „Entgrenzung“. Mit der Berücksichtigung von Reproduktion, d.h. der Grundlegung eines weiten Arbeitsbegriffs, lassen sich insofern nicht nur die Folgen eines erweiterten betrieblichen Zugriffs auf den „ganzen Menschen“ erkunden, sondern auch die Funktionslogik, die Voraussetzungen sowie die Grenzen der ökonomischen Verwertungslogik neuer Arbeitsformen.
Auch wenn im Verlauf der Arbeit zahlreiche Ansätze und Studien aufgegriffen werden, so war angesichts der Breite des Forschungsfeldes eine Auswahl solcher Publikationen nötig, die als exemplarisch für zentrale Positionen in Debatten und Forschungszusammenhängen gelten können. Viele AutorInnen werden sich mitunter missverstanden fühlen, wenn ihnen ein reduzierter Arbeitsbegriff vorgeworfen wird, sie aber gar nicht den Anspruch vertraten, einen solchen anzuwenden oder empirisch zu operationalisieren. Die Analyse mag daher zuweilen überspitzt erscheinen, zielt jedoch explizit darauf, die bisherige Vernachlässigung von Fragen der Reproduktion zu überwinden und deren aktuelle wissenschaftliche Relevanz und gesellschaftliche Brisanz zu untermauern. Der vorliegende Text versteht sich insofern als Plädoyer für eine Perspektiverweiterung von Arbeitsforschung und eine stärkere Vernetzung soziologischer Teildisziplinen. Er weist einerseits auf die Grenzen der wissenschaftlichen Debatten zu „Vereinbarkeit“ und „Balance“ hin und soll andererseits die konkreten Belastungskonstellationen aufzeigen, denen Menschen im Zuge des Wandels von Erwerbsarbeit ausgesetzt sind. Auch wenn dabei der Fokus auf Erwerbsarbeit gerichtet wird, erweist sich der Erhalt von Arbeits- und Lebenskraft als eine grundlegende Kompetenz, die angesichts des Um- und Abbau des bisherigen Sozialstaates an Bedeutung gewinnt und für die künftige Sozialstruktur der Gesellschaft bedeutsam sein wird. Zwar ließen sich im Verlauf der Untersuchung mehr Fragen an das Thema als Antworten finden, doch sind
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die nächsten Schritte für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung vorgezeichnet. Mit der Fokussierung auf eigensinnige Grenzziehungen ergeben sich dabei nicht nur erweiterte Analyseperspektiven und Vernetzungen zwischen soziologischen Teildisziplinen, sondern auch – in Anlehnung an Adorno – Ansatzpunkte für eine Soziologie als ‚Möglichkeitswissenschaft’, die nicht nur die herrschenden Verhältnisse untersucht, sondern auch die Optionen ihres Wandels in Richtung einer Verbesserung individueller Arbeits- und Lebensbedingungen auslotet.
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren Leistungen und Desiderate der Arbeits- und Industriesoziologie 2
Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
Seit den späten 1990er Jahren entdeckt die Arbeits- und Industriesoziologie das außerbetriebliche Leben. Hintergrund dieser Entwicklung sind veränderte Rationalisierungsprinzipien auf der Ebene von Wirtschaftsmärkten und Unternehmen, die seit Mitte der 1980er Jahre weitreichende Umstellungen in der Arbeitsorganisation nach sich ziehen. Flexibilisierung, Deregulierung, Dezentralisierung und Vermarktlichung bringen neue Anforderungen für abhängig Beschäftigte mit sich, die bisherige, für industriekapitalistische Gesellschaften kennzeichnende Grenzziehungen zwischen Erwerbsarbeit und privater Lebenswelt zu durchdringen scheinen. Während Personalabteilungen von Unternehmen die Ausschöpfung bislang nicht erwerbsvermittelter Fähigkeiten und Potenziale als Vorteil auch für die Beschäftigten ausweisen, identifiziert die arbeitssoziologische Forschung hierin eine Ursache für wachsenden Leistungsdruck und Belastung. Für die Arbeits- und Industriesoziologie bedeuten diese neuen Formen der Nutzung von Arbeitskraft jedoch mehr als eine Anpassung von Fragestellungen und Methoden an eine Veränderung des Forschungsgegenstandes: Die Teildisziplin unternimmt Schritte in Richtung eines Paradigmenwandels, wenn sie sich der mikrosoziologischen Analyse von Arbeitsfähigkeiten und individuellen Anpassungsstrategien widmet und den privaten Lebenskontext von Beschäftigten als relevanten Einflussfaktor berücksichtigt. Eine solche Erweiterung des Forschungsfeldes wird in der empirischen Forschung bereits umgesetzt. Ein Blick auf arbeits- und industriesoziologische Debatten zeigt jedoch, dass sich dieser Perspektivwechsel von kollektiven hin zu individuellen Akteuren, von der Erwerbssphäre in die private Arbeitssphäre im Selbstverständnis der Teildisziplin noch längst nicht durchgesetzt hat. Als Gegenstandsbereich wird nach wie vor Erwerbsarbeit definiert, als Akteursbezug werden kollektiv organisierte Interessenvertreter ausgewiesen. Die Diskrepanz zwischen Perspektiverweiterungen in der empirischen Forschung und einer nur bedingten Rezeption dieser Ergebnisse in Überblicksartikeln ist kein neues (und auch kein nur für diese Teildisziplin geltendes) Phänomen. Ein Rückblick auf die arbeitsund industriesoziologische Forschung der Nachkriegszeit belegt, dass sowohl der Akteursbezug als auch ein erweiterter Arbeitsbegriff schon in der frühen Frauenarbeitsforschung, der Bewusstseins- und Qualifikationsforschung umgesetzt wurden. Die Studien verwiesen bereits in den 1970er Jahren nicht nur auf Verbindungslinien unterschiedlicher Lebensbereiche und deren Vermittlung in den und durch die Personen selbst, sondern auch auf einen hoch funktionalen und gesellschaftlich vermittelten Arbeitsbereich außerhalb der Erwerbssphäre. Da die Arbeits- und Industriesoziologie nach wie vor diejenige soziologische Teildisziplin ist, die sich zentral mit Arbeit befasst, zeichnet dieses Kapitel zunächst die markanten Traditionslinien der Forschung nach und sucht nach Perspektiverweiterungen auf die Akteure und Ansätzen eines erweiterten Arbeitsbegriffs. Selbstverständnis, Anspruch und
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
theoretische Verankerung der Teildisziplin sollen identifiziert, Desiderate und gegenwärtige Diagnosefähigkeit in ihrer Tragweite eingeschätzt werden. Ziel kann dabei keine vollständige Bestandsaufnahme sein, sondern lediglich eine themenzentrierte Sichtung von Überblickswerken und zentralen Studien: In den Fragestellungen und empirischen Ergebnissen der Teildisziplin soll solchen Ansätzen und Methoden nachgespürt werden, die über den Lebensbereich Erwerbsarbeit hinausgehen und anschlussfähig für die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen sind (2.1). Anzeichen für die Entwicklungsdynamik in der Erwerbssphäre und einen möglichen „Modellwechsel“ liefert anschließend der Blick auf aktuelle Debatten zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung von Arbeit“. Sie kündigen einen grundlegenden Wandel von Produktions- und Rationalisierungsprinzipien an und verweisen auf neue Regulationsformen von Arbeit, die nicht nur strukturell, sondern auch akteurs- und subjektbezogen wirksam werden. Hier gilt es zu prüfen, ob und inwiefern die Forschung in diesem Zusammenhang das außerbetriebliche Leben stärker als bislang berücksichtigt (2.2). Da in der Teildisziplin zudem eine rege Auseinandersetzung über Selbstverständnis, Analysestärke, theoretische Verankerung und zukünftige Zielsetzungen stattfindet, können diese Reflexionen auf unsere Fragestellung hin geprüft werden: Bleibt es bei einer Konzentration auf Erwerbsarbeit oder zeichnet sich zumindest ein Wandel der bisherigen Paradigmen ab, wenn die Industriesoziologie Individuum und Lebenswelt in neuer Weise „entdeckt“ und auch neue theoretische Zugänge erkundet (2.3)? Die selektive Rückschau auf arbeits- und industriesoziologische Forschung und Selbstverortung der letzten fünf Jahrzehnte zielt auf zweierlei: Zum einen zeigt eine auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen fokussierte Reinterpretation industriesoziologischer Forschung, inwiefern Türen offen stehen, bislang nicht durchschritten wurden oder gänzlich fehlen, um eine Perspektiverweiterung zu beschreiten. Zum anderen wird offenkundig, dass die Arbeits- und Industriesoziologie zwar herausgefordert ist, Forschungsgegenstand und theoretische Zugänge zu erweitern, jedoch bereits über Analysequalitäten verfügt, die sie für die soziologische Untersuchung dieses gesellschaftlichen Wandels prädestinieren.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre: Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ – empirisch erforscht, randständig rezipiert 2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre Im Unterschied zu anderen Teildisziplinen der Soziologie war die Arbeits- und Industriesoziologie6 stets vom Anspruch geprägt, über die Analyse von Arbeit eine Theorie von Gesellschaft insgesamt zu liefern. Die kapitalistische Wirtschaftsweise galt in der Nachkriegszeit als Motor gesellschaftlicher Entwicklung. In Anknüpfung an die Marxsche Gesellschaftstheorie wurde und wird Arbeit daher nicht als ein Bestimmungsmoment sozialen
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In der Nachkriegszeit entwickelte sich die Arbeitssoziologie – parallel zur Industrie-, Betriebs- und Berufssoziologie – als eigenständige akademische Teildisziplin der Soziologie. Alle diese Teildisziplinen standen unter großem Einfluss der US-amerikanischen Forschung, die „Industriearbeit“ ins Zentrum der Analyse rückte und Arbeitsforschung allgemein als „industrial sociology“ deklarierte. In Frankreich hingegen sammelten sich Industrie- und Arbeitsforschung unter dem Dach einer „sociologie du travail“, die sich mit einer eigenen Fachzeitschrift etablierte. In Deutschland wird heute „Arbeits- und Industriesoziologie“ als offizieller Titel der Teildisziplinen und der Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie geführt. Die Betriebssoziologie mündete in der Arbeitsgruppe „Organisationssoziologie“.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Geschehens unter anderen bewertet, sondern als „fundamental historische Kategorie“ (Negt 1984), die den zentralen Ausgangspunkt soziologischer Analyse darstellt. Ein Rückblick auf ausgewählte Überblicksartikel zur Arbeits- und Industriesoziologie zeigt im Folgenden, welches besondere Selbstverständnis die Teildisziplin in der Nachkriegszeit kennzeichnete und sowohl die Formulierung von Forschungsfragen als auch die Auswahl von Gegenstandsbereichen besonders geprägt hat (2.1.1). Im Anschluss sichte ich ausgewählte „Klassiker“ der empirischen Forschung dahingehend, ob sich in der Operationalisierung von Forschungsfragen und/oder den ausgewerteten Ergebnissen Hinweise dafür finden, dass die Analyse von Arbeit meso- und mikrosoziologisch fundiert und Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen erkannt wurden (2.1.2). Der Rückblick startet in der Nachkriegszeit und endet in den 1980er Jahren, als sich die Industriesoziologie in ihrer Hoch- und Ausbauphase befand. Mit dieser Eingrenzung sollen sowohl die theoretischen als auch die methodologischen Wurzeln der Industriesoziologie verfolgt werden, um im weiteren Verlauf der Analyse ihren Einfluss auf die aktuelle Ausrichtung der Teildisziplin prüfen zu können.
2.1.1 Konzeptionelle Traditionslinien und Selbstverständnis Überblicksartikel zu Gegenstandsbereich und theoretischen Perspektiven soziologischer Teildisziplinen laufen stets Gefahr, nur einen Ausschnitt aus der Vielzahl von Forschungsaktivitäten zu rezipieren und damit unweigerlich einen reduktionistischen Blick auf das Fach anzubieten. Sie sind daher stets eine nur bedingt geeignete Grundlage, um das Selbstverständnis einer Teildisziplin zu rekonstruieren. Gleichwohl darf der Stellenwert solcher Artikel nicht unterschätzt werden: Während etablierte Arbeits- und Industriesoziologen kaum solcher Darstellungen bedürfen, um ihr eigenes Selbstverständnis zu klären, gereichen die Artikel in der Soziologie und benachbarten Wissenschaften als Außendarstellung der Teildisziplin und werden, vor allem von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern, als ernst zu nehmende Definition von Aufgabenstellung und Forschungsperspektive aufgenommen. Anhand der Überblicksartikel, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren Aufgaben und Perspektiven der Industriesoziologie diskutieren, soll im Folgenden gezeigt werden, welche Annahmen das Selbstverständnis der Teildisziplin seit der Nachkriegszeit prägen (vgl. z.B. Lutz/Schmidt 1977; Herkommer 1972; Schmidt 1980; Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt 1982; Littek/Rammert/Wachtler 1982; Mikl-Horke 1988; Brandt 1990). Diese Versuche von systematisierender Darstellung der Industriesoziologie sollen hier weder resümiert noch weitergeführt werden. Die Stellungnahmen sollen statt dessen herangezogen werden, um Charakteristika der Teildisziplin zu beschreiben: Auch wenn die Überblicksartikel im historischen Kontext je unterschiedliche Wirkung entfaltet haben und nur bedingt der Vielfalt von empirischer Forschung gerecht wurden, so sind sie dennoch als offizielle Verlautbarungen zum Selbstverständnis zu bewerten. Indem sie offensiv die Aufgaben der Teildisziplin benennen, können sie aus heutiger Sicht dazu dienen, den Standort der Industriesoziologie innerhalb der Allgemeinen Soziologie sowie Ursachen auch aktuell ‚blinder’ Flecken in der Untersuchung von Arbeit zu erklären. Die deutsche Arbeits- und Industriesoziologie zwischen Nachkriegszeit und 1980er Jahren zeichnete sich – sofern man sich auf die Überblicksartikel der Teildisziplin stützt –
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durch fünf Merkmale aus: Kennzeichnend waren 1. ein gesellschaftstheoretischer Anspruch, 2. ein strukturalistisches Verständnis der Regulation von Arbeit, 3. eine Analyse von Arbeit als Erwerbsarbeit, 4. die Konzeption des Individuums als Erwerbstätiger sowie 5. eine Konzentration auf den Betrieb. Arbeits- und Industriesoziologie als Gesellschaftstheorie Die Industriesoziologie vertrat stets den Anspruch, durch die Analyse von Arbeit gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu erforschen. Der Prozess der Industrialisierung galt ihren Vertretern als der bedeutendste Antrieb für die Entwicklung der Gesellschaft. Arbeit sah man als „eine Grunderfahrung menschlichen Lebens“ (Littek/Rammert/Wachtler 1982: 1), so dass das wissenschaftliche Selbstverständnis über die Grenzen einer Bindestrichsoziologien hinausging (s. auch Hirsch-Kreinsen 2003: 5). Die Wurzeln dieser besonderen Ausrichtung der Industriesoziologie waren und sind in der Gesellschaftstheorie von Marx zu verorten, der das Kapital als „die alles beherrschende Macht der bürgerlichen Gesellschaft“ und folglich als „Ausgangspunkt wie Endpunkt“ der Analyse sah (Marx 1961: 638). Braczyk, v.d. Knesebeck und Schmidt (1982: 25ff.) postulieren in dieser Traditionslinie als zentrale Aufgabenfelder der Industriesoziologie die Themen „Rationalisierung und Herrschaft“, „Klassenlage, Bewusstsein und industrielle Lebenswelt“ sowie „Strukturwandel der Industriegesellschaft“ (s. ähnlich auch Lutz/Schmidt 1977). Die Gesellschaft definierte man als „Kapitalismus“, „Industriegesellschaft“ oder „Arbeitsgesellschaft“; das Augenmerk ruht auf Arbeitern als politische Akteure, denen revolutionäres Potenzial zugeschrieben wird; Subjekte werden insofern als gesellschaftliche Großgruppen und kollektive Akteure untersucht und entlang der Scheidelinie ‚Besitz – Nicht-Besitz’ über Produktionsmittel analytisch getrennt.7 Dieses – aus heutiger Sicht simpel anmutende – Modell konnte die Sozialstruktur der damaligen Zeit (noch) annähernd erfassen und lieferte eine gelungene Reduktion von Komplexität. Die Analyserichtung war damit jedoch festgelegt: Soziales Geschehen wird maßgeblich in Hinblick auf seine Prägung durch die kapitalistische Produktionsweise und ihre Funktionsprinzipien interpretiert. Industriesoziologische Konzepte zur Lebenswelt spiegeln diese Grundannahme gesellschaftlichen Geschehens wider: Für Braczyk, v.d. Knesebeck und Schmidt stellt die „Soziologie des Alltags (.) theoretisch und methodologisch eine wichtige Herausforderung für industriesoziologische Bewusstseinsforschung dar“ (36) – jedoch nur im Hinblick auf das Klassenbewusstsein der Arbeiter und dessen mögliche Rückwirkung in die Sphäre der Produktion.8 Der Mainstream der Industriesoziologie geht insofern von einem Primat der Produktionssphäre aus und untersucht gesellschaftlichen Wandel aus der Perspektive von Veränderungen in der Produktion. Individuelles Handeln gelangt lediglich über die Untersuchung von Verhaltensreaktionen in den Blick. Schon Dahrendorf sah es als Aufgabe der Industrie- und Betriebssoziologie, sich „mit dem Ausschnitt des sozialen Handelns (...) [zu beschäftigen, K.J.], der durch die industriel7
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Der Vorwurf ist insofern einzuschränken, dass bereits in den Studien des „Vereins für Socialpolitik“ oder in Betriebssoziologie der 1920er Jahre das soziale Umfeld der Industriearbeiter genauer in den Blick rückt und die Arbeiter ganzheitlicher, d.h. nicht nur als Klassenangehörige, in den Blick nimmt. Es handelt sich hierbei jedoch stets um Ausnahmen statt um den Mainstream der Forschung. Zur damaligen Debatte über eine „Soziologie des Alltags“ liefert der Sammelband von Hammerich/Klein (1978) Aufschluss. Eine Bezugnahme auf Veränderungen in der Erwerbssphäre bzw. auf arbeits- und industriesoziologische Forschungsarbeiten fand in diesen Beiträgen jedoch kaum statt. Vgl. zur „Soziologie des Alltags“ ausführlicher Kapitel 3.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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le Güterproduktion vorgegeben ist“ (1962: 5). Während – wie oben erläutert – eine weite Definition des Gegenstandes also Arbeit als „Dreh- und Angelpunkt“ sieht und somit fast alles gesellschaftliche Geschehen implizit zum Untersuchungsfeld der Teildisziplin erklärt, wirft Dahrendorfs enge Auslegung nicht weniger Probleme auf: Seine Definition spiegelt heute in doppelter Hinsicht wider, wo die Selbstbegrenzungen der Industriesoziologie der Nachkriegszeit verlaufen: Zum einen ist der Blick auf Gesellschaft auf den Teil sozialen Geschehens gerichtet, der durch die „industrielle Güterproduktion“ geprägt wird. Entsprechend muss die Analyse von Arbeit bei Industriearbeit ansetzen und dem Arbeitsort „Betrieb“ besondere Aufmerksamkeit schenken. Zum anderen rückt Dahrendorf „soziales Handeln“ in den Vordergrund, das – folgt man der grundlegenden Definition von Weber (1980) – „seinem von den oder dem Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (1, herv.i.O.). Individuelles Handeln, das diesen Bezug nicht aufweist, wird somit aus dem Analysebereich der Industriesoziologie zwar nicht de facto (s. 2.1.2), aber doch programmatisch herausdefiniert.9 Die Regulation von Arbeit wird folglich über lange Jahre hinweg fast ausschließlich aus der Perspektive kollektiver Akteure betrachtet. Regulation von Arbeit im strukturtheoretischen Blick Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Tradition der Arbeitssoziologie in Großbritannien, Frankreich und Italien war die Orientierung an der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie kennzeichnend.10 Marx’ Kategorie der „lebendigen Arbeit“ wird dabei in der industriesoziologischen Rezeption oftmals zugunsten einer strukturtheoretischen Perspektive und der Konzentration auf kollektive Akteure vernachlässigt11: Regulation von Arbeit gilt maßgeblich als Prozess, der sich auf die Gestaltung von Produktionsmodellen und industriellen Beziehungen richtet, während sich die Betrachtung von Individuen auf deren kollektive Klassenlage reduziert. Mensch und Betrieb werden als durch die ökonomischen Verhältnisse determiniert und in erster Linie im Hinblick auf die Folgewirkungen kapitalistischer Produktionsweise analysiert. Der Begriff „Regulation“ stammt vom lateinischen „regulare“ ab und meint Prozesse des Steuerns, Regelns und Ordnens. Bereits seit dem 19. Jahrhundert dient er in der Biologie als Bezeichnung für „Mechanismen, die (...) die Ordnung und Aufrechterhaltung der Vielfalt der organischen Vorgänge ermöglichen“ (Ritter/Gründer 1995: 490). „Regulation“ als Forschungsgegenstand ist seit Bestehen der Industriesoziologie von besonderer Bedeutung in der Teildisziplin und gleichzeitig Ausdruck einer Orientierung an der Marxschen Gesellschaftstheorie: Marx richtet seine Analyse auf Institutionen in Recht und Politik, die für ihn einerseits die bestehenden Herrschaftsverhältnisse repräsentieren, andererseits aber 9
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Derart zugespitzte Definitionen des wissenschaftlichen Aufgabengebietes laufen immer Gefahr, die tatsächliche Vielfalt der Forschungsaktivitäten in der Disziplin zu vernachlässigen; sie heben dafür aber die prominent verfolgten Fragestellungen umso deutlicher hervor und verweisen auf das Selbstverständnis der Fachvertreter sowie auf mögliche blinde Stellen ihrer Analyse. Diese besondere Ausrichtung soziologischer Gesellschaftstheorie liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Soziologie parallel zur Herausbildung des modernen Industriekapitalismus als Wissenschaft etabliert und Marx, Weber und Durkheim als Klassiker des Fachs die Analyse des Kapitalismus – wenngleich in je unterschiedlicher Akzentuierung – thematisch ins Zentrum ihrer soziologischen Theorieentwicklung rücken. Rekurse auf Marx Kategorie der „lebendigen Arbeit“ finden sich z.B. bei Negt (1984: 173f.) oder Voß (1984); sie blieb jedoch in den 1970er Jahren im Vergleich zu anderen Kategorien aus Marx Analyse vernachlässigt. Erst in den 1980er Jahren nimmt die empirische Arbeits- und Industriesoziologie die Kategorie wieder verstärkt auf und wendet sich stärker der Perspektive der Beschäftigten zu.
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auch regulierend in die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft eingreifen und damit deren Bestand sichern. Diese Perspektive auf die für den Kapitalismus erforderlichen Rahmenbedingungen findet ihre Fortführung in dem aus der politischen Ökonomie stammenden Regulationsansatz, der – wie seine Vertreter selbst einräumen – stets umstritten war (z.B. Lipietz 1985: 109). Die Wurzeln dieses, vor allem in der deutschen Politikwissenschaft rezipierten, Ansatzes finden sich in Frankreich, wo sich eine „Schule der Regulationstheorie“ etablierte.12 Sie geht zurück auf den französischen Philosophen Althusser, der in seiner Auseinandersetzung mit der Marxschen Gesellschaftsanalyse ein faktisches Primat von Strukturen und Verhältnissen gegeben sah. „Regulation eines sozialen Verhältnisses“ bedeutet für die Vertreter dieser Theorie, „die Art und Weise, in der sich dieses Verhältnis (...) reproduziert“ (Lipietz 1985: 109). Maßgeblich Aglietta (1976, s. auch 2000) liefert in seiner Ausformulierung der Theorie eine Erklärung, warum sich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit nicht im Klassenkampf entlädt, sondern durch soziale, politische und rechtliche Regulierungen soweit entspannt, dass sich der Kapitalismus trotz zwischenzeitiger Krisenerscheinungen insgesamt als standhaft erweist. In Abgrenzung zur neoklassischen Wirtschaftwissenschaft sehen Aglietta und Regulationstheoretiker wie Lipietz (1985) oder Boyer (1984) ökonomische Prozesse grundsätzlich im Ungleichgewicht.13 Erst durch institutionelle und strukturelle Eingriffe werde ein Gleichgewicht von Produktion und Konsum hergestellt. Eine langfristige und stabile Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise sei demnach nur zu gewährleisten, wenn durch eine entsprechende Regulationsweise mögliche Konflikte ausgeschlossen würden – z.B. durch die Regulation des Warenund Lohnverhältnisses. Wie Aglietta, der den Zusammenhang von Akkumulations- und Regulierungsweise identifiziert, beschreibt auch Polanyi ein Ineinandergreifen von Marktregulation und gesellschaftlicher Regulation. Er sieht dies als „Wirken zweier Organisationsprinzipien in der Gesellschaft“ (1978: 185), die in ihrem Austausch verhindern, dass es zu einer „Überausbeutung der Arbeitskraft“ komme, und damit die kapitalistische Gesellschaft langfristig stabilisieren. Begrenzungen seien insofern stets erforderlich gewesen, um das Gesamtsystem Kapitalismus aufrechtzuerhalten, und somit funktional für den Systemerhalt. Aglietta (1976) zeichnet diesen Zusammenhang historisch nach und beschreibt ein Vier-Phasen-Modell: Er sieht den Anfang während der Konstituierungsphase des Kapitalismus in einer „extensiven Akkumulationsstrategie“, die auf eine Ausweitung des Arbeitstages und eine Reduzierung der Löhne zielte. Es folgte eine Phase der „intensiven Akkumulationsstrategie“, in der das Kapital massiv in Produktionsanlagen investierte und den gesamten Wertschöpfungsprozess an den Prinzipien des wissenschaftlichen Managements ausrichtete. Diese von Taylor begonnene Form der Betriebsführung entwickelte Ford weiter. Er optimierte die Produktionsabläufe und setzte auf Massenproduktion für die Konsuminteressen breiter Bevölkerungsschichten. Mangels Kaufkraft blieb die Nachfrage jedoch gering. Erst durch die in gewerkschaftlichen Arbeitskämpfen errungenen Lohnsteigerungen setzte sich der Motor für Fords Strategie der Konsumsteigerung in Gang und hielt gleichermaßen steigende Warenproduktion und Nachfrage am Laufen. Diese dritte Phase des Kapitalismus, die unter dem Titel „Fordismus“ zum Modell und Impuls eines „golde12
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Die Rezeption der Regulationstheorie innerhalb der Industriesoziologie ist aus heutiger Sicht schwer einzuschätzen. Ein Blick in die Literatur lässt vermuten, dass sie für die Entwicklung der zentralen Leitlinien der Forschung einen eher geringen Einfluss hatte. Auf eine detaillierte Darstellung der einzelnen Positionen muss an dieser Stelle verzichtet werden. Eine prägnante Einführung in die Regulationstheorie und die Fragestellungen ihrer prominenten frühen Vertreter liefert Jakob (1999); zu methodischen Überlegungen s. auch Lipietz (1985).
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nen Zeitalters“ avancierte, wurde – so die Position der Regulationstheoretiker – von einem „etatistischen Reformismus“ (Lipietz 1998) begleitet. Dieser fand seinen Ausdruck u.a. in einer von Keynes inspirierten Nachfragepolitik, einem Ausbau sozialer Sicherungssysteme und der Herstellung der Tarifautonomie. Als vierte und aktuelle Phase des Kapitalismus identifizieren Regulationstheoretiker eine Ablösung des Fordismus, die durch eine Internationalisierung von Finanzmärkten und Wertschöpfungsketten eingeleitet werde. Aglietta (2000) spricht von einem neuen „Akkumulationsregime der Vermögensbesitzer“. Mit Bezeichnungen wie „Postfordimus“, „Toyotismus“ oder auch „Entgrenzung“ proklamieren deutsche Industriesoziologen zur Zeit zwar die Ablösung des fordistischen Modells und damit einer Phase des Kapitalismus, doch verweist die Vielfalt der Titel auf eine weitgehende theoretische Unsicherheit. Neue Funktions- und Regulationsprinzipien scheinen bislang (noch) nicht klar identifizierbar zu sein (s. dazu ausführlicher 2.2). Sowohl in der französischen Regulationstheorie als auch ihrer Rezeption durch die deutsche Politikwissenschaft (s. z.B. Hirsch/Roth 1986; Hirsch 1990) ist das Thema „Regulation von Arbeit“ bis in die 1980er Jahre auf einer strukturtheoretischen Ebene verankert. Bereits Althusser konzentriert sich auf die Sphäre der Produktion; Individuen sind – so seine Auslegung der Marxschen „Charaktermasken“ – lediglich „Funktionsträger“; Handlungen werden als Ausdruck von Strukturen verstanden. Diese strukturalistische Sichtweise durchzieht – trotz Abgrenzung in anderen Aspekten – die frühen Werke von Aglietta (1976) und Lipietz (1985), die Subjekte als von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen determiniert fassen.14 Die Antwort auf die Frage nach den Beiträgen der Individuen zur Reproduktion oder Veränderung einer Regulationsweise bleiben die Regulationstheoretiker hingegen schuldig: Selbst wenn von den handlungstheoretischen Dimensionen der Regulation die Rede ist, so werden dabei Akteure auf der Meso-, vor allem aber auf der Makroebene hinsichtlich ihres Beitrages zur Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaftsweise betrachtet.15 In der Auseinandersetzung mit Produktionsverhältnissen und deren Wandel beeinflusst diese strukturalistische Perspektive auch die Industriesoziologie. Zwar bleibt in der empirischen Forschung die Ausrichtung an den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und konkreten Bedingungen der Reproduktion von Arbeitskraft erhalten, doch bleibt die Rezeption der französischen Regulationstheorie offenkundig nicht ohne Wirkung auf die Definition des Gegenstandsbereichs der Disziplin: In den Überblickswerken bleiben mikrosoziologische Aspekte der Regulation von Arbeit vernachlässigt; die Subjekte und ihre möglichen Widersetzungen gegenüber ökonomischen Prinzipien des Arbeitens tauchen – von politisch motivierten Fragen des Klassenkampfes abgesehen – lediglich in Debatten über die Folgen „entfremdeter Arbeit“16 oder des Ausschlusses von Erwerbsarbeit auf. In den damaligen Artikeln zum Selbstverständnis der Industriesoziologie widmet lediglich Littek (1982: 114ff.) dem betrieblichen Arbeitshandeln seine Aufmerksamkeit und interpretiert subjektive Erfahrungen und betriebliche Arbeitsorganisation in ihrem Zusammenhang. Auch Littek hält daran fest, dass aufgrund „der Machtasymmetrie in der Arbeitsgestaltung 14
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Dies lag an der expliziten Ausrichtung der Perspektive auf „soziale Verhältnisse“; sie sind für die Autoren Ausdruck „täglicher sozialer Handlungen“, von denen man abstrahiere, um die „Regelmäßigkeit bestimmter sozialer Praktiken“ zu untersuchen (Lipietz 1985: 110). Dies zeigt sich bis Ende der 1990er Jahre in der Analyse von Interessenvertretung: Als handlungstheoretische Perspektive werden „Interaktionen strategisch handelnder Akteure“ (Müller-Jentsch 1997: 68) deklariert, wobei das Augenmerk aber fast ausschließlich auf kollektiven Akteuren ruht. Während Lohnarbeit in Anlehnung an Marx generell als „entfremdete Arbeit“ definiert wird, sind hier bestimmte Formen tayloristischer, besonders restriktiver Arbeitsbedingungen gemeint.
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(.) der betrieblich realisierten ‚objektiven Struktur’ vorrangige Bedeutung für die arbeitssoziologische Analyse“ zukomme (115). Er räumt aber ein, dass die Analyse „ohne die Berücksichtigung der subjektiven Voraussetzungen“ unvollständig bliebe (ebd.). Eine stärkere Berücksichtigung des Individuums, aber dafür schon fast extreme Gegendefinition zum damaligen industriesoziologischen Verständnis lieferte die Arbeitspsychologie: Der polnische Psychologe Tomaszewski entwickelt bereits in den 1960er Jahren eine Tätigkeitstheorie, die einen regulationstheoretischen Kern enthält.17 Er resümiert für seine Disziplin eine Konzeption des Menschen „als eines relativ autonomen Subjekts der eigenen Handlungen in der ihn umgebenden Welt“ (1978: 16), „als eines autonomen Subjekts von gerichteten Tätigkeiten, fähig zur Regulierung der eigenen Beziehungen mit der Umwelt und zur Selbstregulation“ (1978: 20). Auch wenn nicht alle Vertreter der Disziplin eine derart weitreichende Definition vornehmen, so gewinnen doch die Aktivitäten der Individuen und ihre Einflussnahme auf gesellschaftliche Strukturen an Aufmerksamkeit. Tomaszewskis Arbeiten basieren auf der materialistischen Philosophie, doch nimmt er einen „funktionalistischen Standpunkt“ ein und definiert psychische Prozesse als Tätigkeit des Problemlösens. „Regulationsprozesse“ sind nach Tomaszewski „Prozesse der Wiederherstellung des immer aufs Neue gestörten Gleichgewichtes“ (53). Er teilt damit die bereits in der Soziologie von Comte und später Durkheim angelegte Vorstellung eines grundsätzlich harmonischen Ausgangszustandes von Gesellschaft und überträgt diese – wie zuvor bereits Piaget – auf das Subjekt und betont dessen aktive Gestaltungsleistung: „Die Störung des Gleichgewichts ruft in den lebenden Organismen einen aktiven Zustand hervor, ein Bestreben, den Gleichgewichtszustand wiederherzustellen“ (53). Diese Regulation könne durch Anpassung oder durch Handlung geschehen, welche er als „Umgestaltung der Wirklichkeit durch das Subjekt“ definiert (54). Beide Regulationsformen stehen für ihn in Ergänzung zueinander. Die Bedeutung struktureller Einflüsse wird insofern nicht negiert, aber nur als Impuls und Bedingung von Handlungen interpretiert, die wiederum auf die Struktur zurückwirken. In den 1970er Jahren lag das Augenmerk auch in der deutschen Arbeitspsychologie vor allem auf den für industrielle Arbeitstätigkeit erforderlichen Planungs- und Denkprozessen. Sie seien ‚objektive’ Regulationserfordernisse, die die Individuen erfüllen, um den Produktionsablauf herzustellen und aufrechtzuerhalten. Die Vertreter der Disziplin entwickelten daher Verfahren, mit denen sich solche Formen individueller Regulation untersuchen ließen. Etwa zeitgleich zu Tomaszewski stellte in der DDR Hacker (1978) eine Handlungsregulationstheorie vor, die – in Anlehnung an Rubinstein und Straub – eine Psychologie der Arbeitstätigkeit begründete und als „erstes deutschsprachiges Standardwerk der Arbeitspsychologie“ gilt (Ulich 1978: 436). Für Hacker stehen Arbeitsbedingungen und Arbeitsergebnisse in einem dialektischen Verhältnis. „Dieses Wechselverhältnis beschränkt sich keineswegs auf äußere Arbeitsbedingungen (...). Auch prozessbedingte, personale Arbeitsbedingungen (...) sind zugleich Arbeitsergebnisse.“ (Hacker 1978: 35). Erst dieser Blick auf die „Entwicklung von Leistungsvoraussetzungen in den Arbeitstätigkeiten“ lasse erkennen, welche persönlichkeitsprägenden Wirkungen vom Arbeitsprozess ausgehen und
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Tomaszewski gilt als Begründer der „Warschauer Schule“. Er leitete das größte psychologische Institut Polens und erlangte mit seiner Tätigkeitstheorie, deren Schwerpunkt eine Regulationstheorie darstellt, auch in Deutschland Aufmerksamkeit.
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wie diese Wirkung wiederum den Arbeitsprozess verändert.18 Hacker entwickelt in seinem Ansatz ein Modell von drei Regulationsebenen, mit dem er eine Brücke von der Allgemeinen Psychologie zu einer differentiellen Persönlichkeitspsychologie schlägt und lernpsychologische Aspekte einbezieht. Gemäß seinem Fokus auf den Zusammenhang zwischen Arbeitstätigkeit und Persönlichkeitsentwicklung zählt es zu den Hauptanliegen Hackers, über die Arbeitsgestaltung solche individuellen Interventionsmöglichkeiten zu begründen und einzufordern, die sich nicht nur gesundheits-, sondern – durch die Integration von Lernangeboten – auch persönlichkeitsfördernd auswirken.19 In der Industriesoziologie hinterlassen diese arbeitspsychologischen Ansätze und Theorien lange Zeit kaum Spuren. Sie werden nur vereinzelt rezipiert und forschungspraktisch umgesetzt.20 Zwar gilt die Handlungsregulationstheorie als Grundstein der heutigen Arbeitspsychologie, doch ist ihre Betonung bewusster Prozesse von Zielbildung und Planung häufig kritisiert und zugunsten der Annahme eher impliziten Wissens und Erfahrungswissens aufgegeben worden (Volpert 1999: 13, 25ff.).21 Die Akteursperspektive fand erst zu dem Zeitpunkt Eingang in die Teildisziplin, als in der Allgemeinen Soziologie Handlungstheorien an Bedeutung gewannen und die Dualität von Handlung und Struktur Aufmerksamkeit erhielt (z.B. Giddens 1988). Eine Auseinandersetzung mit handlungstheoretischen Dimensionen der Marxschen Gesellschaftstheorie steht jedoch bislang ebenso aus wie eine systematische Bezugnahme auf vorliegende Handlungstheorien (Maurer 2004; s. 3.).22
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Hacker bezog sich auf die dritte Feuerbach-These von Marx, in der dieser das „Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit“ als gedankliche Lücke der „materialistischen Lehre“ problematisiert (Marx 1969: 533f.). Das Drei-Ebenen-Modell von Hacker haben verschiedene Autoren für Arbeitsprozesse im Kapitalismus übernommen: Oesterreich konzipiert zunächst ein Fünf- (1981), später ein Zehn-Stufen-Modell (1984) von Regulationserfordernissen. Auch Volpert u.a. (1983) entwickeln ein Mehr-Ebenen-Modell. Alle diese Modelle, die für verschiedene Arbeitsformen ausdifferenziert wurden, basieren auf der Annahme, dass die Arbeitstätigen zur Bewältigung ihrer Aufgaben unterschiedliche Etappen einer Handlungsplanung durchlaufen (s. auch Ulich 1998: 89ff., 108ff.). Zur Kritik an den Modellen der hierarchisch-sequentiellen Handlungsregulation s. z.B. Greif (1994), der demgegenüber eine flexible „Umweltadaptabilität“ hervorhebt und Handlungen als „selbstorganisierte Reaktionsmuster auf äußere und innere Aufgaben“ fasst. Resch (1999) wendet die Handlungsregulationstheorie für die Analyse von Haushaltstätigkeiten an (s. 3.) Eine Ausnahme bilden Mickler/Mohr/Kadritzke (1977), die in ihrer Studie zu „Produktion und Qualifikation“ die auf diese arbeitspsychologische Perspektive zurückgreifen und die Dimensionen von Hacker operationalisieren. Zu den KritikerInnen zählt u.a. Volmerg (1990). Sie bemängelt, dass in der Handlungsregulationstheorie lediglich zweckrationales, instrumentelles Handeln untersucht werde. Damit lege die Theorie ein Menschenbild zugrunde, das nicht allen Beschäftigtengruppen gerecht werde und Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen und Arbeitsbedingungen außer acht lasse. Volmerg schließt aus, dass die Eigenlogik psychischer Prozesse begriffen werden könne, wenn man – wie in der Theorie üblich – von äußeren auf innere Strukturen schließe. Objektive und subjektive Handlungsspielräume seien hingegen nicht identisch (s. auch Osterloh 1985 sowie 3.). Maurer (2004) beklagt eine überwiegend strukturdeterministische Auslegung der Marxschen Theorie und plädiert für eine Reinterpretation, in der die Verbindung von Handlungs- und Strukturebene genauer ausgeleuchtet wird. Maurer betreibt daher eine handlungstheoretisch angelegte Analyse von Herrschaftsverhältnissen, die auch für die Arbeitsforschung neue Perspektiven und theoretische Anschlussfähigkeit eröffnen kann, indem sie den „Zwang der Verhältnisse“ auf individuelle Handlungspotenziale hin prüft (s. bereits Maurer 1999). Maurer löst sich damit von deterministischen Positionen, verfolgt jedoch nicht weiter, ob und inwiefern in den Handlungsstrategien und -potenzialen Strukturen noch immer ihre Wirkung entfalten.
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Analyse von Arbeit als Erwerbsarbeit Seit den Anfängen der Industriesoziologie dominieren in der Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff eher ‚weite’ Definitionen. Arbeit wird bis heute – sehr allgemein – als „Beziehung zwischen Menschen und ihren Einstellungen und ihrem Handeln“ definiert (MiklHorke 1995: 5) oder, unter Rekurs auf philosophische Arbeiten, in ihrem umfassenden Sinne als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. „Lebendige Arbeit“ gilt – in Anlehnung an die von Hegel und Marx reflektierte Dialektik der Arbeit – als zentrales Moment der Subjekt-Objekt-Konstitution (Marx 1962: 192; s. auch Negt 1984).23 Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Industrie“: Die meisten Autoren bezogen sich, wie schon Marx, mit diesem Begriff auf die kapitalistische Fabrikindustrie. Parallel kursierten jedoch auch Definitionen von „Industrie“, die den angelsächsischen Debatten folgten. Sie verstanden Industrie als „Gewerbe“ und „Fleiß“ und sprachen so z.B. auch für den Bereich der Kultur oder Medien von „Kulturindustrie“ oder „Filmindustrie“ (vgl. Müller-Jentsch 1999: 7). Trotz solcher ‚weiten’ Definitionen von „Arbeit“ und „Industrie“ blieb jedoch das Forschungsfeld der Industriesoziologie eng abgesteckt: Die Überblicksartikel zur Arbeits- und Industriesoziologie thematisieren zwar stets den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion, und die ‚jüngeren’ Werke greifen die Erwerbssituation von Frauen meist gesondert auf. Dennoch kommen in vielen Einführungen in die Teildisziplin die Themen Familienarbeit, Eigenarbeit oder auch Arbeitsteilung in Privathaushalten schlicht nicht vor. Trotz einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff bleibt nicht-erwerbsförmige Arbeit zweitrangig in der Industriesoziologie dieser Periode.24 Die empirische Forschung, theoretische Reflexion und proklamiertes Selbstverständnis der Teildisziplin richten sich vorwiegend auf bezahlte Erwerbsarbeit. Auch Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt (1982), die unterschiedliche Analyseebenen von Arbeit identifizieren, weisen weder Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre als Forschungsgegenstand aus noch berücksichtigen sie solche Anteile von Subjektivität, die nicht erwerbsbezogen sind. Eine Reflexion dieser „subjektiven Dimension“ von Arbeit, die auch den außerbetrieblichen Lebenszusammenhang einbezieht, liefert die Einführung von Mikl-Horke (1988: 167ff.). Sie betont (leider nur in einem kurzen Abschnitt) die notwendige Erweiterung des Verständnisses von Belastung und reduziert deren Ursachen nicht auf physisch-psychische Anforderungen; sie sieht in der „Gesamtheit der Bedingungen“ ein Ursachenbündel, das zu Unzufriedenheit und Krankheit führen könne (169ff.). Mikl-Horke wendet darüber hinaus die Zeitdimension auf solche Belastungen an; sie problematisiert sowohl die Parallelität von Familiengründung und beruflicher Etablierung als auch die Defizite von Zeitbudgetstudien, die lediglich Moment-
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Die zahlreichen Definitionen zum Arbeitsbegriff können hier nicht adäquat resümiert werden. Grundlegende Reflexionen liefern z.B. Arendt (1985), die Arbeit, Herstellen und Handeln differenziert, sowie Conze (1972), Offe (1984), Neuberger (1985) oder Gorz (1989). Zwischen formeller und informeller Arbeit unterscheiden Alheit oder Kambartel (1993), der die Einbindung in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch als Kriterium von Arbeit festlegt (zur Kritik an Kambartel s. Krebs 1993). Eher auf das Individuum bezogen definiert Jahoda (1983: 4f.) Arbeit als „Erlebniskategorie“: Sie liefere eine Zeitstruktur, erweitere den Horizont, gewährleiste kollektive Zusammenarbeit, bestimme sozialen Status und Identität und erfordere Aktivität. Eine Ausnahme stellen hier die Arbeiten von Friedmann (1952, 1959) dar, der auf den Zusammenhang von Arbeit und Nicht-Arbeit hinweist und einen weiten Arbeitsbegriff zugrunde legt. Die Thesen werden zwar in Deutschland rezipiert, doch kaum in der industriesoziologischen Forschung der folgenden zwei Dekaden umgesetzt.
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aufnahmen liefern, aber die Besonderheiten von Lebensphase und auch Lebenslage ausblenden.25 Eine weitere Ausnahme ist in diesem Zusammenhang der Herausgeberband von Littek/Rammert/Wachtler (1982), der „’gesellschaftliche’ Arbeit zum Ausgangspunkt [nimmt, K.J.] und nicht den speziellen Bereich, wie beispielsweise den Industriebetrieb“. Dies wird für den Erwerbsbereich eingelöst, indem im Unterschied zu anderen Einführungswerken der Zeit z.B. auch Dienstleistungsarbeit sowie Arbeits- und Sozialpolitik berücksichtigt werden. Gleichwohl ist der Bereich der Freizeit nur beim Thema „Humanisierung der Arbeit“ erwähnt, und lediglich im Kapitel „Die Arbeit der Frau in Betrieb und Familie“ wird Nicht-Erwerbsarbeit systematisch zur Erwerbssphäre in Beziehung gesetzt. Die Wurzeln dieser Perspektive auf weibliche Lebenszusammenhänge verlaufen in der Frauenarbeitsforschung der 1970er Jahre. In den Traditionslinien von Marxscher Gesellschaftsanalyse und Kritischer Theorie konzipieren z.B. Becker-Schmidt, Beer und Gerhard – mit je unterschiedlichen Akzentsetzungen – das Geschlechterverhältnis als Strukturzusammenhang; sie untersuchten Wechselwirkungen zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Geschlechterverhältnis im historischen Gewordensein. Die Sozialwissenschaftlerinnen kritisierten eine Vereinseitigung des Arbeitsbegriffs und die damit verbundene Ausblendung nicht-erwerbsbezogener Arbeitsleistungen in privaten Haushalten; geschlechtliche Arbeitsteilung wird als Folge und Ursache von Geschlechterhierarchie problematisiert (vgl. resümierend die Beiträge in Becker-Schmidt/Knapp 1995).26 Studien feministischer Wissenschaftlerinnen sowie die erstarkende Frauenbewegung verschaffen zwar der von Frauen geleisteten privaten Reproduktionsarbeit vermehrt Aufmerksamkeit, doch setzt sie sich (bis heute) nicht als Themengebiet der Industriesoziologie durch, sondern bleibt – bis auf wenige Ausnahmen – auf die Familien- und Geschlechterforschung begrenzt. Die parallel zur Herausbildung des Industriekapitalismus entstehende „Hausarbeit“ (Bock/Duden 1976; Kittler 1980) und Trennung der Lebensbereiche (Ostner 1978) spiegelt sich insofern in der Arbeitsteilung der Teildisziplinen wider. Redet die Industriesoziologie der 1950er bis 1980er Jahre von Arbeit, wird – so resümieren Wissenschaftlerinnen – „meist stillschweigend eine begriffliche Einschränkung hingenommen, bei der als Arbeit nur bezeichnet wird, was bezahlte, d.h. im weitesten Sinne Lohnarbeit ist. (...) Die Arbeitsteilung nach dem Geschlecht scheint ebenso naturwüchsig und keinerlei Überlegung wert wie die Hausarbeit.“ (Diezinger u.a. 1982: 225). Die Wissenschaftlerinnen sehen in der Arbeits- und Industriesoziologie „keine Thesen oder Theorien, die die spezifischen Bedürfnisse oder Probleme der Frauen zum Maßstab der Beschreibung oder Bewertung der Frauenlohnarbeit machen würden (...). Frauen werden am Idealtyp des voll einsatzbereiten, leistungsfähigen Mannes in den besten Jahren gemessen“ (ebd.: 231f.). Die Industriesoziologie identifiziert in diesen Jahrzehnten zwar die Dialektik von Produktionsweise und Lebensverhältnissen und befasst sich seit ihren Anfängen mit solchen Orientierungen und Dimensionen von Bewusstsein, die Klassenlage und Erwerbsbedingungen von Beschäftigten betreffen. Eine systematische Analyse von Reproduktionsarbeiten in der sogenannten ‚Privatsphäre’ und deren Folgewirkungen für die Erwerbssphäre findet jedoch nicht statt. Man überlässt es der Frauenforschung, solche Wechselwirkungen zu 25
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Mikl-Horke plädiert dafür, „Arbeit und Leben als eine Einheit“ zu verstehen, da „die Bedeutung der Arbeit in einem sozialen Kontext verankert ist, die Identität der Person betrifft und den Lebenszyklus der Menschen mit einbegreift“ (1988: 182). Zum feministischen Diskurs der 1970er/80er Jahre vgl. exemplarisch Gottschall 2000: 137ff.
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untersuchen und daraus (gesellschafts-)theoretische Ansätze zu Arbeitsmarkt und Geschlechterverhältnissen zu entwickeln. Die damals formulierten hierarchietheoretischen Konzepte zum Zusammenhang von Kapitalismus und Patriarchat, zu doppelter Vergesellschaftung, zu doppeltem Sekundärpatriarchalismus und zu Geschlecht als Strukturkategorie (insbesondere Becker-Schmidt 1983, 1987a, b sowie Beer 1990) wie auch das differenztheoretische Konzept zum „weiblichen Arbeitsvermögen“ (Beck-Gernsheim/Ostner 1978) beeinflussen noch heute die wissenschaftlichen Debatten und finden sich – zumindest implizit – in vielen aktuellen Erklärungsansätzen wieder.27 Die Frauenarbeitsforschung hat insofern den gesellschaftstheoretischen Anspruch der Industriesoziologie konsequent eingelöst und gerade die Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Leben, zwischen geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung im Privaten und der geschlechtlichen Segregation des Arbeitsmarktes zum Ausgangspunkt dieser Analyse genommen. Sie hat Arbeit dadurch als vergeschlechtlicht sowie als Medium von Vergeschlechtlichung enttarnt (s. auch 2.1.2). Während Geschlecht als Strukturprinzip sowohl im Mainstream der Kritischen Theorie als auch in der Industriesoziologie verdeckt bleibt, wird der Klassenbegriff zentral: Mit der Fixierung auf Erwerbsarbeit wird Ungleichheit – auch in der Frauenforschung – fast ausschließlich über die Partizipation an bzw. den Ausschluss von Erwerbsarbeit verstanden, während andere Ungleichheitsfaktoren vernachlässigt und Beschäftigte als soziale Gruppen untersucht werden.28 Bezeichnend für das Selbstverständnis der Industrie- und Arbeitssoziologie ist die in den 1980er Jahren geführte Debatte zur „Krise der Arbeitsgesellschaft“, die den Soziologentag 1982 prägte. Veränderungen in der objektiven Struktur und subjektiven Bedeutung von Arbeit resultieren zwar offenkundig in der Infragestellung von „Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie“ (Offe 1983), doch bleibt auch hier der Fokus auf Erwerbsarbeit dominant: Nur die Ausblendung nicht-erwerbsvermittelter Arbeit kann dazu verleiten, die Zentralität von Arbeit und ihre soziologische Relevanz zu hinterfragen. Die Arbeits- und Industriesoziologie sucht somit nach Indizien für einen Bedeutungswandel von Arbeit, doch konzentriert sie sich – im Unterschied etwa zur Arbeitspsychologie – einseitig an den Veränderungen von Erwerbsarbeit. Alltag und Lebensweise treten – wie es Bahrdt (1982) programmatisch einforderte – zwar ins Blickfeld der Teildisziplin, doch hält man sich lieber an das verlässliche Wissen über Betrieb, Aufgabenteilung, Produktionsweise und betriebliche Akteure als das Neuland privater Lebensführung zu betreten und konzeptionell einzubeziehen. Das Individuum als Erwerbstätiger Da sich die Arbeits- und Industriesoziologie in ihrer Etablierungs- und Ausbauphase auf strukturtheoretische Modelle und die Untersuchung von Arbeit als Erwerbsarbeit spezialisierte, konzipiert sie folglich das Individuum mittels seiner Einbindung in die Erwerbssphäre bzw. in eine Klasse. Die Teildisziplin sieht Individuen als Anbieter von Arbeitskraft und als Konsumenten und fragt nach deren Beitrag zur Stabilisierung bzw. Störung der historisch etablierten Produktionsverhältnisse. Das Individuum wird – aufgrund des gesellschaft27 28
Zu den Weiterführungen der Konzepte zählt z.B. der Ansatz der „dreifachen Vergesellschaftung“ (Lenz 1995); s. hierzu auch 3.1.1. Zur Kritik an dieser Verengung der Ungleichheitsanalyse vgl. auch Gottschall 2000. In ihrer Bestandsaufnahme zur Ungleichheitsforschung der 1970er/80er Jahre stellt sie fest, dass Geschlechterungleichheit auf das Problem geschlechtlicher Arbeitsteilung reduziert wurde.
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lichen Primats der Ökonomie – in erster Linie in seiner Abhängigkeit von bezahlter Erwerbsarbeit betrachtet; sofern haus- und familienarbeitende Personen berücksichtigt werden, so in bezug auf die Funktionalität ihrer Arbeitsleistung für die Erwerbssphäre. Diese Reduzierung des Untersuchungsobjekts auf seine erwerbsvermittelten Arbeitsleistungen und Persönlichkeitsmerkmale findet sich bis in die 1980er Jahre in den Einführungswerken. Auffällig ist das besondere Interesse am politischen Handlungspotenzial des Individuums: Ausgehend von den sozioökonomischen Veränderungen im Laufe des 19. Jahrhunderts fokussiert die Arbeits- und Industriesoziologie vor allem auf die historische Herausbildung des Sozialtyps des Arbeiters sowie dessen Klassenlage. Sie wird zum „LebenslageMerkmal eines Kollektivs, dessen Herausdifferenzierung gleichzeitig die Gesellschaft strukturiert“ (Mikl-Horke 1995: 346). Alltag und Lebenswelt werden nur insofern als Analyseperspektiven deklariert, als das „Gesellschaftsbild des Arbeiters“ (Popitz u.a. 1957a, b) für gesellschaftliche Interessenkonflikte relevant wird (s. exemplarisch Lutz/Schmidt 1977). Die Industriesoziologie widmet sich in dieser Periode entsprechend intensiv gesellschaftlichen Großgruppen, untersucht Einstellungen und Bewusstsein der Arbeiterschaft und sieht Arbeitsbedingungen sowie abhängige Beschäftigung als Platzanweiser und zentrale Ordnungsprinzipien, die soziale Ungleichheitslagen hervorbringen. Mehrere Studien thematisieren die Klassenlage der Menschen und die Entwicklung des Arbeiterbewusstseins in der deutschen Nachkriegszeit (z.B. Popitz u.a. 1957a, b; Deppe/Lange/Peter 1970; Kern/Schumann 1970; Kudera/Mangold/Ruff 1979). Weitgehend einig sind sich die Autoren in ihrer Erkenntnis, dass das gesellschaftliche Bewusstsein vergleichsweise unmittelbar durch die Sozialstruktur geprägt werde. Ein Wechsel zeichnet sich bereits mit der Studie von Kern/Schumann (1970) ab und lässt sich spätestens in den 1980er Jahren klar erkennen, als Ernüchterung bezüglich des revolutionären Potenzials der Arbeiterschaft einkehrt und der Fokus vom Arbeiterbewusstsein auf das Arbeitsbewusstseins schwenkt (Schumann u.a. 1982; Brock/Vetter 1982a; Voß 1984). Mit diesem Gegenstandswechsel, der auch durch die rasanten technischen Innovationen und folglich veränderten Arbeitsbedingungen ausgelöst wurde, kann durchaus von einer Wende hin zu mikrosoziologischen Perspektiven gesprochen werden. Die sich bereits in den 1960er Jahren andeutenden Individualisierungstendenzen innerhalb der Arbeiterschaft konturieren sich in zentralen empirischen Studien (s. 2.1.2.) und bringen solche Ansätze in der Industriesoziologie hervor, die sich als „subjektorientierte Industriesoziologie“ verstehen. Aus heutiger Sicht erscheint bereits der Titel skurril, da sich Soziologie ohne Subjekt nicht denken lässt. Er verweist zum einen auf die damalige Dominanz des strukturtheoretischen Paradigmas und das Bemühen um Abgrenzung, zum anderen auf ein ernsthaftes Anliegen, den handelnden Einzelakteur nicht nur stärker zu berücksichtigen, sondern als Ausgangspunkt der Analyse zu wählen. Der Begriff „subjektorientierte Soziologie“ wird explizit z.B. in den Forschungsarbeiten von Beck/Brater zur „sozialen Konstitution der Berufe“ (1977) erläutert (s. 2.1.2). Die Autoren sehen den Beruf als konkrete soziale Instanz der gesellschaftlichen Vermittlung oder Integration von Personalität und Sozialität. Wurden bis dato Berufe als gesellschaftlich vorgegebene Positionen und Tätigkeitsfelder angesehen, die Ausdruck der technischökonomischen Arbeitsteilung seien, müssen diese nun – so die Ansicht der Autoren – von Personen aktiv ausgefüllt werden. Berufe werden also nicht nur strukturell, als gesellschaftliche Funktions- und Tätigkeitszusammenhänge definiert, sondern auf der Ebene des Indi-
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viduums angesiedelt: Sie gelten als Fähigkeiten von Personen, als verschiedenartige „Qualifikationsbündel“, die an Arbeitskräfte gebunden sind.29 Individuelle Gestaltungsleistungen rücken in den 1980er Jahren noch systematischer ins Zentrum der Forschung: Voß (1984) thematisiert Bewusstsein als eine „Leistung der Person“, die diese erbringen muss, um ihr Leben führen zu können. Dieser Perspektivwechsel versteht Bewusstsein nicht mehr nur als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt, sondern als „Synthetisierungsleistung der Subjekte“ (Voß 1984). Ähnlich argumentieren auch Beck (1986) und Brock (1988). Letzterer identifiziert als Folge verbesserter Lebensbedingungen Individualisierungstendenzen in der Arbeiterschaft und einen Bedeutungsverlust kollektiver Deutungsmuster zugunsten eines „individualisierten Handlungsbewusstseins“.30 Inspiriert durch die Wertewandel-Debatte tritt daher die Arbeiterbewusstseinsforschung in den Hintergrund und überlässt die Bühne den Untersuchungen zu Erwerbs- und Freizeitorientierungen und Arbeitseinstellungen. Auch wenn sich insofern in der Industriesoziologie der 1980er Jahre eine deutlichere Öffnung zur privaten Lebenswelt der untersuchten Gruppen andeutet, so bleibt die Erwerbszentrierung doch auffällig: Ob man Arbeiterbewusstein oder Arbeitsbewusstsein untersucht – die Konzentration auf Erwerbsarbeit steht weiterhin im Zentrum, während Aspekte des außerbetrieblichen Lebens lediglich im Hinblick auf ihren Einfluss für die subjektive Bedeutung von Erwerbsarbeit berücksichtigt werden. Die Analyse der Vermittlung unterschiedlicher Arbeitsformen und Erfahrungswelten aus Betrieb und Privatsphäre im Individuum setzt sich erst zögerlich durch und hat erst in den 1990er Jahren eine breitere Aufmerksamkeit und systematischere Berücksichtigung erlangt (s. 2.2). Eine Ausnahme stellen hier Forschungen zu „Arbeitsbiographie und Persönlichkeitsentwicklung“ (s. die Beiträge im Sammelband von Hoff/Lappe/Lempert 1985) dar. Durch die Einnahme einer biografischen Perspektive erweitert sich der Blick unweigerlich um die private Lebenswelt, die familiale Sozialisation und den Einfluss der Familie auf berufliche Entscheidungen. Auch wenn hiermit Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben zugrundegelegt werden, so bleibt doch die Wirkungsrichtung von Erwerbsarbeit auf die Persönlichkeit und Biografie gerichtet, statt (auch) umgekehrt mögliche Rückwirkungen einzubeziehen (s. 3.). Während die Frauenforschung die Fixierung auf Erwerbsarbeit kontinuierlich kritisiert, erheben sich in der Arbeits- und Industriesoziologie nur vereinzelt Einwände gegen dieses Vorgehen – z.B. wenn auf die Situation und Exklusion erwerbsloser Menschen aufmerksam gemacht wird (in der jüngeren Debatte s. Vogel 1999; Schumann 2002, 2003). Auch diese Reklamation bleibt jedoch erwerbsfixiert und auf die Unterscheidung Erwerbstätige vs. Erwerbslose reduziert: Nicht-erwerbsvermittelte Arbeit ist ebenso ausgeklammert wie die Lebenszusammenhänge von Menschen, die diese Arbeit unbezahlt verrichten oder/und nicht erwerbssuchend sind.
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In einer jüngeren Einführung in die Arbeits- und Berufssoziologie von Jäger (1993) ist daher die Perspektive auf das Individuum berücksichtigt. Hindernisse für den „Durchbruch eines subjektorientierten Arbeitsverständnisses“ sieht Jäger im Wandel von Arbeit und einer sich abzeichnenden Re-Taylorisierung. Auch hier zeigt sich deutlich, wie ökonomische Bedingungen unmittelbar die konzeptionellen Zugriffe beeinflussen und die wissenschaftlichen Perspektiven einschränken. Vgl. hierzu ausführlich Brock (1988), der den Wandel „vom traditionellen Arbeiterbewusstsein zum individualisierten Handlungsbewusstsein“ nachzeichnet.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Betrieb als Untersuchungsfeld Mit der Konzentration auf Erwerbsarbeit und Individuen als Erwerbspersonen geht einher, dass sich die Forschung auf den Betrieb als Arbeitsort richtet. Während heute unter „Betrieb“ eine Organisationsform verstanden wird, die ebenso Wirtschaftsunternehmen wie auch Einrichtungen des Non-Profit-Sektors deklariert, stand der industrielle Großbetrieb lange Zeit im Zentrum der industriesoziologischen Analyse. Die ‚empirischen Klassiker’ beziehen sich überwiegend auf das produzierende Gewerbe und vernachlässigten Kleinund Mittlere Betriebe. Zum einen liegt dies an der Ausrichtung auf gesellschaftliche Großgruppen und kollektive Interessenlagen, wie sie auch durch den herausgehobenen Stellenwert regulationstheoretischer Ansätze zum Ausdruck kam. Zum anderen teilt man weitgehend die Ansicht, im industriellen Großbetrieb die Funktionsmechanismen kapitalistischer Produktion am besten nachvollziehen zu können. Analysiert wird die betriebliche Anwendung der von Taylor und Ford propagierten Konzepte wissenschaftlicher Betriebsführung, womit unweigerlich eine Schwerpunktsetzung bei Großbetrieben sowie den entsprechenden Industrien – vor allem der Automobil- und Stahlindustrie – einhergeht. Themen wie betriebliche Arbeitsorganisation, Technisierung, Rationalisierung, Lohn und Leistung sowie Betriebsklima drängen spätestens in den 1980er Jahren Fragen der Bewusstseinsforschung nahezu vollständig in den Hintergrund. Das Interesse für Strategien der Profitmaximierung und ihre arbeitsorganisatorische Umsetzung befördern einen fast ausschließlich ökonomischen Blick auf den Betrieb als Organisation (Lutz/Schmidt 1977: 171). Der Titel „Betriebssoziologie“ wird in dieser Periode weitestgehend synonym oder ergänzend zu „Industriesoziologie“ verwendet, und mehrere Überblicksdarstellungen führen offensiv den Betrieb als Untersuchungsfeld an (s. z.B. die Einführungen von Dahrendorf, Lepsius oder Fürstenberg).31 Als methodisches Markenzeichen der Teildisziplin kristallisieren sich in dieser Phase Betriebsfallstudien heraus.32 Es sind überwiegend Großbetriebe, in denen Forscher ihre Thesen mittels Dokumentenanalyse, quantitativer oder qualitativer Befragungen oder teilnehmender Beobachtungen prüfen und zu Ansätzen „mittlerer Reichweite“ verdichten. Arbeit außerhalb einer betriebsförmigen Organisation wird damit jedoch ebenso ausgeklammert wie solche Arbeitsleistungen von Erwerbspersonen, die nicht im Betrieb stattfinden. Erst wesentlich später widmet sich die Industriesoziologie z.B. Heimarbeit und Fragen des Kompetenzerwerbs außerhalb des Arbeitsplatzes. Qualifikation wird daher bis in die 1980er Jahre maßgeblich produktionsbezogen betrachtet und im Hinblick auf Technisierung und Arbeitskräftebedarf; vernachlässigt bleiben jedoch solche Ansprüche und Interessen der Arbeitenden, die sich nicht in den konkreten Arbeitsbedingungen erschöpfen. Fragen von Qualifizierung oder De-Qualifikation werden dahingehend reflektiert, wie Beschäftigte im Betrieb oder am Arbeitsmarkt eingesetzt werden können und welche möglichen Polarisierungen sich dadurch innerhalb von Belegschaften und Erwerbspersonengruppen ergeben. Bis in die 1970er Jahre gelten der Arbeits- und Industriesoziologie weder Kompetenzen aus dem außerbetrieblichen Leben noch individuelle Fähigkeiten, Anforde-
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Erst in den 1970er Jahren setzte es sich durch, den Industriebetrieb nicht mehr als eigenständiges soziale Gebilde zu verstehen, sondern seine Einbindung in die gesellschaftlichen Strukturen systematischer zu berücksichtigen (s. zur damaligen Debatte z.B. Herkommer/Bierbaum 1979: 59ff.). Auch die zunehmende Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft hat dazu beigetragen, dass Industriesoziologen nicht mehr „die“ Arbeiter oder Angestellten untersuchten, sondern Fallstudien zu ausgewählten Untergruppen erstellten. Der Generalisierungsgrad der Ergebnisse blieb damit allerdings niedrig (zur Kritik s. auch Offe 1983: 46).
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
rungen aus Lebensbereichen zu integrieren oder Strategien der Reproduktion von Arbeitskraft zu entwickeln, als Bausteine von Qualifikation. Der kurze Rückblick auf das industriesoziologische Selbstverständnis zeigt, wie bis in die 1980er Jahre konzeptionelle Begrenzungen den Blick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen und das Subjekt verstellen. Favorisiert wird eine strukturtheoretische Konzeption von Gesellschaft und Regulation sowie eine Reduktion von Individuum und Arbeit auf Aspekte von Erwerbstätigkeit und betrieblich organisierter Erwerbsarbeit. Thematische Schwerpunkte sind bis in die 1970er Jahre der technologische Wandel, die Entwicklung von Konfliktlagen auf gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene sowie Folgen von Umstrukturierungsprozessen und ökonomischer Krise (vgl. exemplarisch Herkommer/Bierbaum 1979: 4). Die „handlungstheoretische Wende“, die durch Autoren des Interpretativen Paradigmas die Soziologie in den 1960er Jahren beeinflusste, hat die Arbeits- und Industriesoziologie allenfalls gestreift und erst verspätet ihren Niederschlag gefunden. Solche Einschränkungen im Untersuchungsgegenstand sind keine Besonderheit nur der Industriesoziologie; sie kennzeichnen eine arbeitsteilig verfahrende Soziologie, die in ihren Teildisziplinen Ausschnitte sozialen Geschehens verfolgt, ohne den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang aus dem Auge verlieren zu dürfen. Gleichwohl bleiben Desiderate im Zugriff offenkundig: Die Arbeits- und Industriesoziologie widmet sich mit besonderer Aufmerksamkeit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und den damit verbundenen Anforderungen und Belastungen des Individuums im Arbeitsprozess sowie seiner gesellschaftlichen Stellung. Indem sie jedoch andere Arbeitsbereiche ausblendet und das Individuum lediglich mittels seiner Erwerbseinbindung fasst, reproduziert sie konzeptionell, was zum Kern ihres gesellschaftskritischen Impetus gehören müsste: das Primat der Ökonomie über andere Lebensbereiche.33 Die Retrospektive auf Entwicklungslinien der Teildisziplin zeigt, dass in verschiedenen Dimensionen Begrenzungen des Forschungsgegenstands stattfanden, die dem damaligen historischen Kontext entsprachen, aber aus heutiger Sicht – auch angesichts veränderter Formen des Zugriffs auf Arbeitskraft – defizitär erscheinen müssen. Im Folgenden sollen die fünf Thesen zu den Begrenzungen anhand ausgewählter empirischer Studien geprüft werden. Dabei wird sich zeigen, ob nicht mitunter Ansatzpunkte für Perspektiverweiterungen durchaus gegeben waren und lediglich in den Überblicks- und Einführungswerken der Teildisziplin vernachlässigt wurden.
2.1.2 ‚Empirische Klassiker’ Die arbeits- und industriesoziologische Forschung hat vor allem in den 1970er Jahren einen solchen Auftrieb erfahren, dass für diese Dekade von einem regelrechten „Forschungsboom“ gesprochen werden kann. Dennoch wurden schon vorher, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Studien durchgeführt, die noch heute zu den Klassikern der Teildisziplin zählen. Statt unterschiedliche Phasen der Entwicklung der Teildisziplin zu beschreiben (s. z.B. Lutz/Schmidt 1977; Deutschmann 2002) oder die Ergebnisse dieser Untersuchungen 33
Diese Kritik trifft auch für weite Teile der Arbeitspsychologie zu, die in ihren Überblickswerken zwar einen weiten Arbeitsbegriff einführte, jedoch weitestgehend erwerbsorientiert in der empirischen und konzeptionellen Forschung blieb (vgl. grundlegend Resch 1999, 2004; s. detaillierter 3.4).
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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zu resümieren, sollen hier ausgewählte Studien kursorisch und problemorientiert gesichtet werden: Finden sich – auch entgegen der damals verbreiteten Aufgabendefinition von Arbeits- und Industriesoziologie – Ansatzpunkte zur Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen, von Mustern des Umgangs mit Vereinbarkeitsproblemen oder von individuellen Widersetzungen gegenüber betrieblichen Veränderungen und Anforderungen? Mit dieser themenbezogenen Rückschau auf empirische Studien der Arbeits- und Industriesoziologie soll abgeschätzt werden, ob sich mögliche Beschränkungen in Gegenstandsbereich und theoretischer Konzeption als Resultat der Forschung selbst oder als Ergebnis einer selektiven Rezeption von empirischen Erkenntnissen bewerten lassen. 1950er Jahre: Gesellschaftsbilder als Deutungsschemata von Arbeit und Leben Kennzeichnend für die Industriesoziologie der Nachkriegszeit war eine intensive Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein von Arbeitern. Wie sich die Arbeiterschaft in die Gesellschaft integriert, und ob ihr ein revolutionäres Potenzial zugrunde liegt, das sich für eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse nutzen lässt, waren Fragen, die ebenso politische Akteure wie die industriesoziologische Forschung beschäftigten. Nach den Wahlen der 1950er Jahre galt die Arbeiterschaft zwar bereits als politisch integriert, doch wurden im Zuge des sichtbaren wirtschaftlichen Wachstums auch Verbürgerlichungstendenzen vermutet, die die Arbeiterschaft aus traditionellen Bindungen und einem Klassenbewusstsein lösen könnten. Zudem schritt die Technologisierung der Arbeitsprozesse rasch voran. Dies brachte nicht nur neue innerbetriebliche Formen der Arbeitsorganisation mit sich, sondern verlagerte auch zuvor als Klassenkonflikt ausgetragene Auseinandersetzungen auf die betriebliche Ebene und die Aushandlung von Arbeitsbedingungen. In dieser Etablierungsphase der Industriesoziologie konzentriert sich das Interesse der Forschung, wie oben erläutert, vorrangig auf das Arbeiter- und Arbeitsbewusstsein: Wie definieren die Arbeiter ihre Klassenlage? Was denken die Arbeiter über konkrete arbeitsbezogenen Themen? Welche Handlungsbereitschaft haben sie gegenüber Arbeit, Betrieb, Technik, Rationalisierung, Mitbestimmung, Gewerkschaften und Betriebsräten? Zu diesen Fragen legen Popitz u.a. ihre Studien zum „Gesellschaftsbild des Arbeiters“ (1957a) und zu „Technik und Industriearbeit“ (1957b) vor. Während sich letztere auf die Untersuchung von Kooperation am Arbeitsplatz, den Umgang mit Technik und die Analyse von Leistungsansprüchen konzentriert, ist die Studie zum „Gesellschaftsbild“ für die Suche nach Perspektiverweiterungen über die Erwerbsarbeit hinaus aufschlussreich. Hier fokussieren die Autoren zwar ebenfalls auf den unmittelbaren Erfahrungsbereich der Arbeiter, untersuchen aber weitergehend die subjektive Wahrnehmung solcher gesellschaftlichen Zusammenhänge, auf die die Arbeiter keinen Einfluss haben. Nach Popitz u.a. ist in dieser Nachkriegsperiode das Arbeiterbewusstsein noch durch ein dichotomes Gesellschaftsbild von „Oben“ und „Unten“ gekennzeichnet. Das Kollektivbewusstsein der Arbeiter sei – trotz eines offenkundigen Bedeutungsverlusts marxistischer Denktraditionen – weitestgehend intakt. Es ermögliche den Arbeitern, „sich innerhalb der Gesamtgesellschaft als Teil der Arbeiterschaft zu verstehen“ (Popitz u.a. 1957a: 237). Statt eines kämpferischen Klassenbewusstseins stoßen Popitz u.a. neben dem Typus der „progressiven Ordnung“ auf heterogene Gesellschaftsbilder wie z.B. fatalistische Haltungen sowie Resignation gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen und Enttäuschung über Niederlagen der Arbeiterbewegung.34 34
Popitz u.a. entwickeln aus der Erhebung sechs Typen von Gesellschaftsbildern. Diese verweisen einerseits auf eine Ausdifferenzierung von Bewusstsein, bleiben andererseits jedoch allesamt dichotom angelegt.
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Popitz u.a. identifizieren in ihrer Studie ein eindeutig traditionelles Verständnis von Arbeit bei den befragten Arbeitern. Arbeit wird definiert als körperliche Arbeit; sowohl gegenüber der beruflichen Tätigkeit von Vorgesetzten als auch der von Angestellten zögen die Befragten in Zweifel, ob dies wirklich Arbeit sei. Die spezifischen Belastungen dieser Arbeitstätigkeiten sind den Arbeitern kaum zugänglich und nachvollziehbar, auch wenn sie die Funktion dieser Tätigkeiten nicht grundsätzlich abstreiten. Nicht die Dichotomie von Kapital und Arbeit stehe daher im Vordergrund des Gesellschaftsbildes, sondern der Gegensatz von eigener körperlicher Arbeit und Arbeit, die ausschließlich auf geistigen Fähigkeiten beruht.35 In der zeitgenössischen Industriesoziologie finden die Autoren vor allem Beachtung für ihre Kategorie des „Gesellschaftsbildes“. Mit ihr veranschaulichen sie, inwiefern gesellschaftliche Deutungen, politische Perspektiven sowie individuelle Lebensführung und bewältigung miteinander verbunden sind.36 Sie erkennen eine Zweiteilung der Gesellschaft in einen unmittelbar erfahrbaren Bereich einerseits und komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge andererseits. Doch obwohl Popitz u.a. in diesem Kontext die Trennung der Sphären thematisierten, vernachlässigen sie, dass die objektiven Bedingungen der Nutzung von Arbeitskraft und von Reproduktionsarbeit mit den subjektiven Bedürfnissen und Identifikationen vermittelt sind. Dies zeigt sich auch in ihrer zentralen These, dass zwischen technischem Fortschritt und den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen kein Zusammenhang bestehe (Popitz u.a. 1957a: 56f.). Kern/Schumann widerlegen diese Annahme einige Jahre später in ihrer Untersuchung zu „Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein“ (1970) (s.u.). Für die Frage nach Ansatzpunkten im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen ist die Studie dennoch aufschlussreich: Der methodische Zugriff zeigt, dass Popitz u.a. durchaus sensibilisiert für Wechselwirkungen zwischen den Lebens- und Arbeitsbereichen sind und außerbetriebliche Einflussfaktoren auf die Einstellung zu technischem Fortschritt zumindest in Erwägung ziehen. Dies zeigt auch ihre Typologie von Gesellschaftsbildern oder die „Monographie der Umwalzer“. Während in den Gesellschaftsbildern die Bedeutung des außerbetrieblichen Lebens im Sinne von Orientierungen berücksichtigt wird, stehen in den Monographien bereits Fragen der individuellen Belastung und Reproduktion im Vordergrund, die erst wesentlich später explizit ins Zentrum arbeitssoziologischer Forschung rücken werden. 1960er Jahre: Bewusstsein und Instrumentalismus-These Gut zehn Jahre später erscheinen in England die Studien von Goldthorpe u.a. (1968a, b, 1969) über den „Affluent worker“, die auch in Deutschland rezipiert werden. Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine Kritik der Autoren an einer Industriesoziologie, die sich 35
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Hierin gründen noch heute die milieuspezifischen Differenzen in der Bewertung von Hausarbeit. Im Arbeitermilieu ist die Abstinenz von Männern bei der Hausarbeit zwar ungebrochen, doch findet sich hier eine hohe Wertschätzung solcher von der Partnerin geleisteten Hausarbeiten, die sichtbar körperlichen Arbeitseinsatz erfordern (vgl. zur Arbeitsteilung im Milieuvergleich Frerichs/Steinrücke 1997). In der Psychologie wird der Begriff „Bewältigung“ („Coping“) häufig in Anlehnung an Lazarus/Folkman definiert als „sich ständig verändernde, kognitive und verhaltensmäßige Bemühungen einer Person, die darauf gerichtet sind, sich mit spezifischen externen und/oder internen Anforderungen auseinander zu setzen, die ihre adaptiven Ressourcen stark beanspruchen oder übersteigen“ (Trautmann-Sponsel 1988: 15). Bewältigung ist damit als Prozess zu verstehen; Formen der Bewältigung lassen sich differenzieren, zudem lässt sich Bewältigung als funktionales, aber nicht-automatisiertes Verhalten fassen, das auf eine Veränderung zielt. Bewältigung ist somit zu verstehen als eine Veränderung der Person-Umwelt-Passung und lässt sich somit unterscheiden von „Anpassung“, d.h. einer einseitigen Veränderung der Person (ebd. 19).
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auf zweierlei Weise begrenze: Zum einen gehe sie von einem unmittelbaren Einfluss objektiver Bedingungen auf subjektives Bewusstsein und individuelles Handeln aus. Zum anderen fixiere sie sich auf den Industriebetrieb und Strukturbedingungen des Arbeitsprozesses. Die Autoren betonen demgegenüber, dass Bewusstsein, Einstellungen und Verhalten nicht nur durch den Produktionsprozess geprägt seien, sondern sich auch durch Einflüsse aus anderen Lebensbereichen entwickelten. Sie bezweifeln die verbreitete Annahme eines vergleichsweise unmittelbaren Durchschlagens von Struktur und Technologie. Mit diesem Anspruch lassen die Studien von Goldthorpe u.a. zunächst eine deutliche Perspektiverweiterung auf gesellschaftliche Bezüge außerhalb der Erwerbssphäre erwarten.37 Goldthorpe u.a. konzipieren in der Folge das Individuum nicht primär als durch Erwerbsarbeit geprägt und messen daher nicht-ökonomischen Faktoren entscheidenden Einfluss bei. Nicht nur Technik und Arbeitsbedingungen beeinflussen nach ihren Erkenntnissen die Zufriedenheit der Arbeiter, sondern vor allem deren bewusste und unbewusste Erwartungen: „the wants and expectations which men bring to their work“ (1968a: 182, herv.i.O.). Diese Erwartungen an die Arbeit erweisen sich nach Goldthorpe u.a. als biografisch gereift und resultieren in typisierbaren Arbeitsorientierungen. Die Autoren liefern damit eine Basis für den späteren Deutungsmusteransatz, indem sie diese Arbeitsorientierungen als „mediating“, d.h. als vermittelnd, zwischen objektiven Bedingungen und Reaktionen der Arbeiter sehen. Arbeitsorientierungen entwickeln sich – so ihre These – aus den lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Individuums, seiner Einbindung in die Familie und seiner sozialen Herkunft. Arbeitszufriedenheit könne deshalb – und diese Feststellung stößt in der zeitgenössischen Forschung auf breiten Anklang – nicht pauschalisierend und unmittelbar aus den Bedingungen am Arbeitsplatz abgeleitet werden. Goldthorpe u.a. fokussieren entsprechend auf das handelnde Subjekt und wollen sich vom damals prominenten strukturell-funktionalen Systemansatz abgrenzen. Sie lassen die objektiven Bedingungen zwar nicht außer Acht, entwickeln jedoch eine extreme Gegenperspektive und lehnen jegliche Annahmen eines unmittelbaren Determinismus der Subjekte durch die Struktur ab. Indem sie die Realität der Arbeit als erst durch die subjektiven Interpretationen der Arbeiter selbst geschaffen sehen, nehmen sie eine für die damalige Zeit radikal konstruktivistische Sichtweise ein. Zentrales Ergebnis der Untersuchungen ist die sogenannte „Instrumentalismus-These“: Goldthorpe u.a. resümieren bei den befragten Arbeitern eine überwiegend „instrumentale Arbeitsorientierung“ (1968a: 38f.).38 Diese Orientierung zeichne sich – so ihre idealtypische Beschreibung – dadurch aus, dass Arbeit lediglich als Mittel zum Zweck angesehen werde. Sie diene nicht der Selbstverwirklichung oder sei intrinsisch motiviert, sondern bliebe ausschließlich Instrument zur Realisierung außerbetrieblicher Interessen. Goldthorpe u.a. bezeichnen diese Orientierung der befragten Arbeiter daher als „extrinsic“ (1968a: 174). Die Beziehung zum Unternehmen sei entsprechend rein finanzieller Natur und es finde kein persönlicher Einsatz für betriebliche Belange statt. Kennzeichnend sei in diesem Zusammenhang eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit, die sich u.a. in einer rigiden Trennung von beruflichen und privaten Kontakten äußere. Goldthorpe u.a. konstatieren 37
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Goldthorpe u.a. knüpfen damit – wie nur wenige andere Autoren – an Friedmann (1952) an, der bereits in den 1950er Jahren die „Ganzheit der Arbeit“ betonte und sowohl Arbeit als auch Nicht-Arbeit als Untersuchungsfeld deklarierte. Die Ergebnisse von Goldthorpe u.a. können nicht als repräsentativ für die englische Arbeiterschaft insgesamt gelten, da die Autoren von vorneherein auf mögliche Verbürgerlichungstendenzen fokussieren und deshalb ausschließlich gut situierte Arbeiter befragt haben.
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einen hohen Stellenwert von sozialen Rollen außerhalb des Betriebes, in Wohngemeinde, Familie usw. Sie messen dem Wandel der Technologie für die Entwicklung von Einstellungen und Orientierungen geringeren Stellenwert bei als dem Wandel im Leben außerhalb der Fabrik.39 Vor allem in der Familie bzw. in intimen Beziehungen sehen Goldthorpe u.a. einen wesentlichen Impulsgeber (1968a: 175). Verbunden mit dieser Orientierung auf außerbetriebliche Bedürfnisse sei zudem eine starke Konsumorientierung. Sie führe dazu, dass sich das Interesse der Arbeiter vor allem an steigendem und sicherem Lohn ausrichte. Goldthorpe u.a. sehen damit ihre Verbürgerlichungsthese bestätigt und prognostizieren, dass sich diese instrumentale Orientierung weiter verbreiten werde.40 Die Autoren heben resümierend hervor, dass sie die instrumentale Einstellung nicht als Pathologie interpretieren. Sie konstatieren weder eine auffällige Frustration oder Unzufriedenheit bei den Befragten noch sehen sie Anzeichen für Anomie; statt dessen betonen sie die hohe Anpassungsfähigkeit der Arbeiter. Die dezidierteste Kritik an dieser Instrumentalismus-These stammt von Knapp (1981).41 Sie problematisiert die eher unreflektierte Übernahme der These in die deutsche Industriesoziologie und deklariert Instrumentalismus als „Widerspiegelungskategorie“ (1981: 24): Während die Arbeiter durch das Kapital instrumentalisiert würden, erwecke die These vom Instrumentalismus als Einstellung der Arbeiter den Eindruck, es handle sich hierbei um Motive der Arbeiter und eine gelungene Anpassung an objektive Bedingungen. Knapp hebt hervor, dass Gleichgültigkeit und Instrumentalismus unter den gegebenen Herrschaftsverhältnissen nicht Ergebnis einer freien Wahl der Arbeiter seien, sondern Ausdruck des Zwangs der Verhältnisse. Entscheidungen für Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel seien daher nicht lediglich durch eine mögliche Verbesserung des Lebensstandards und eine Konsumorientierung motiviert, sondern auch durch Bedingungen am vorherigen Arbeitsplatz beeinflusst. Da Goldthorpe u.a. dies jedoch nicht untersuchen, könnten sie, so Knapp, auch zu den Motiven für den Wechsel keinerlei Angaben machen und blendeten bestehende Herrschaftsverhältnisse aus. Aus der zwingenden Notwendigkeit, zur Sicherung der Existenz Arbeit zu leisten, könne daher nicht gefolgert werden, dass es dem Arbeiter auch egal sei, welche Arbeit er findet und annimmt (Knapp 1981: 25).42 Da der Produktionsbereich 39
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Die Autoren grenzen sich damit von Positionen aus der Human-Relations-Bewegung ab, die die Quelle der Befriedigung der Arbeiter in der Arbeit selbst verankert sehen und die Erfüllung sozialer Bedürfnisse z.B. durch Kooperation im Betrieb für realisierbar halten. In ihren Ausführungen zu „Political attitudes“ und „Class Structure“ heben Goldthorpe u.a. hervor, dass es nicht in erster Linie durch Lohnsteigerungen zu einer Verbürgerlichung komme. Zwar strebten die Arbeiter einen höheren Lebensstandard an, doch sei das Statusstreben eher schwach ausgeprägt. Die Loyalität mit der Labour Party sei nach wie vor anzutreffen, doch sehen die Autoren im politischen Bewusstsein einen Wandel vom „solidaristic collectivism“ zu einer „more instrumental orientation“ (1968b: 76). Knapp (1981) vergleicht die Untersuchung von Goldthorpe u.a. mit den Arbeiten von Kern/Schumann, Kudera u.a. sowie Hack u.a. Sie resümiert die in den Studien zentrale Instrumentalismus-These als „VorUrteil“ und kritisiert als gemeinsame Defizite der Untersuchungen drei Aspekte: Die Forscher würden „die objektiven und subjektiven Strukturzusammenhänge“ nicht dialektisch betrachten und könnten daher nicht erklären, wie sich „Arbeitserfahrungen und Urteile über die Arbeit“ bilden; die „theoretischen Verzerrungseffekte“ würden zudem durch die Anlage der Untersuchungen verschärft; schließlich erfolge die Interpretation des Materials einseitig „nach Maßgabe der theoretischen Hypothesen“ (Knapp 1981: 139ff.). Erst Hack (1979) sei es gelungen, die Instrumentalismus-These zu relativieren, nachdem sie fast eine Dekade lang die Industriesoziologie beherrscht habe. Neben ansonsten objektiven Merkmalen (Wohlstand, wirtschaftliche Sicherheit, physische Mobilität) setzen die Autoren das Konsumbewusstsein als Auswahlkriterium fest und begründen dies (nachträglich) mit den Ergebnissen der Studie (Goldthorpe u.a. 1986c: 32). Knapp bezeichnet das Vorgehen daher zurecht als „tau-
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somit nicht als Ursache einer instrumentalen Orientierung angesehen werde, würden ökonomische Zwänge zwangsläufig als individuelle Motive fehlgedeutet und es entstehe ein „entscheidungstheoretischer Bias“: Goldthorpe u.a. schließen von der Bedeutung des Lohnes unmittelbar auf die subjektive Bedeutung der Arbeit (Knapp 1981: 59) und interpretieren soziales Handeln als Ergebnis von Entscheidung; diese seien jedoch nur dann Abbild von Motiven, wenn es keine restriktiven Bedingungen gebe (Knapp 1981: 36). Auch Herkommer beklagt, dass instrumentale Arbeitsorientierung nicht hinterfragt und als Ergebnis der objektiven Verhältnisse reflektiert werde (1972: 78). Er kritisiert dies als „subjektivistische (.) Auflösung gesellschaftlicher Objektivität“ (1972: 76) und bemängelt die in dieser Hinsicht blinden Stellen in der Industriesoziologie. Der Einfluss von Produktionsverhältnissen und entfremdeter Arbeit auf die Arbeitsorientierung werde ebenso ausgeblendet wie die gesellschaftliche Vermittlung von Produktion, Reproduktion und Konsumtion.43 Die Wechselwirkungen zwischen Einstellungen der Arbeiter – dem subjektiv gemeinten Sinn – und objektiven Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise blieben unterbelichtet. Goldthorpe u.a. messen, so Herkommer, dem subjektiv gemeinten Sinn zuviel Bedeutung bei und vernachlässigen objektive Zwänge und Entstehungsbedingungen dieses Sinns (vgl. auch Hack u.a. 1972). Durch die Festlegung auf den Begriff „instrumental“ lasse sich, so Knapps Fazit, nicht einmal mehr erahnen, „daß es Konflikte gibt, ‚Kräfte und Gegenkräfte’ (Horkheimer), in der Objektivität wie in den Menschen, die sich auf eine widersprüchliche Realität beziehen“ (Knapp 1981: 9). Sie wendet ein, dass die Arbeitsforschung fälschlicherweise von objektiven Verhältnissen direkt zu den Menschen und ihrem Bewusstsein vorzudringen versuche. Mit dieser Ableitung ließen sich zweifelsohne Verhaltenszwänge identifizieren; es gelinge jedoch nicht, zu der Art und Weise vorzudringen, wie Individuen diese Zwänge erfahren, sie verarbeiten und mit ihnen umgehen (Knapp 1981: 24). Die skizzierten Einwände gegen Operationalisierung und Interpretation der Befragung von Goldthorpe u.a. sind nicht von der Hand zu weisen. Das Verdienst der Untersuchung liegt daher für die vorliegende Untersuchung weniger in den Ergebnissen als in den Ansprüchen der Autoren: Goldthorpe u.a. betreiben bereits eine stark subjektorientierte Konzeptionalisierung und plädieren für einen „action frame of reference“, „a frame of reference within which actors’ own definitions of the situations in which they are engaged are taken as an initial basis for the explanation of their social behaviour and relationships“ (1968a: 184). Diese doch sehr deutliche Akzentverschiebung wird in den Überblicksartikeln der Arbeits- und Industriesoziologie kaum rezipiert; auch die Kritik an der InstrumentalismusThese bleibt ausgespart (s. z.B. Deutschmann 2002 oder Kühl 2004).44 Goldthorpe u.a. betonen den Einfluss von Faktoren außerhalb des Betriebes auf den Arbeiter und fokussieren nicht einseitig auf Erwerbsarbeit, sondern explizit auf Bedingungen und Bedürfnisse im außerbetrieblichen Leben. Im Unterschied zu anderen Studien der Zeit heben sie den Stellenwert von Primärbeziehungen und deren Rückwirkungen auf die Sphäre der Produktion hervor und definieren diese Perspektive implizit als Gegenstand ihrer industriesoziologi-
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tologisch“ (1981: 33) und problematisiert, dass in der Auswertung diese Konsumorientierung wiederum als Begründung für die Instrumentalismus-These herangezogen wird. Problematisch bleibt dabei, dass mögliche Veränderungen in den Anforderungen und Zwängen (z.B. durch eine Familiengründung) nicht systematisch reflektiert werden (s. zur Kritik auch Knapp 1981: 37). Die beanspruchte Perspektiverweiterung wird somit forschungspraktisch nicht überzeugend umgesetzt. Es verwundert daher nicht, wenn sich zuweilen in empirischen Untersuchungen jüngeren Datums noch immer Thesen zur instrumentalen Arbeitsorientierung einschleichen.
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schen Forschung. Auch wenn dieser Anspruch – wie wir an der Kritik gesehen haben – weder in der empirischen Umsetzung noch in der Interpretation der Befragungsergebnisse eingelöst wird, so bleibt allein bereits die Absicht, Wechselwirkungen von Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben zu untersuchen, im damaligen Forschungskontext ein Alleinstellungsmerkmal der Studie von Goldthorpe u.a.45 Für die Suche nach Perspektiverweiterungen in der Arbeits- und Industriesoziologie ist die Kritik an der Untersuchung tragfähiger als die Studie selbst: Die skizzierten Einwände verweisen auf Verbindungslinien zwischen den gesellschaftlichen Teilbereichen, die sich in der Wechselwirkung von objektiven Bedingungen und subjektiven Orientierungen manifestieren. Diese zu analysieren, erweist sich jedoch offenkundig als problematisch: Wie die Arbeiter zu ihrer Einstellung kommen und welche Zumutungen mit dieser Anpassung einhergehen, reflektieren Goldthorpe u.a. nicht. Anpassung und eigenlogische Motive von Individuen werden in der Untersuchung vermischt. Alles das, was nicht in der Anpassung an die Anforderungen von Arbeitsmarkt und Betrieb aufgeht, wird aus der Analyse ausgeklammert: „Den Individuen wird somit faktisch ein bloß reaktives Verhältnis zu ihren Lebensbedingungen unterstellt. Sie werden zur Folie, auf der die objektiven Entwicklungsprozesse der Gleichgültigkeit sich abbilden, gleichsam in ihrer Mächtigkeit an den ohnmächtigen Subjekten noch einmal bestätigen können“ (Knapp 1981: 23). Die Ableitung von objektiven Bedingungen auf subjektive Orientierungen ist insofern doppelt problematisch: Sie vernachlässigt nicht nur individuelle Prozesse der Bewältigung und Verarbeitung von Anforderungen, sondern unterstellt darüber hinaus, dass Widersetzungen, d.h. die Verweigerung von Anpassung, nicht stattfinden. Das faktische Primat der Ökonomie spiegelt sich insofern im Vorstellungsvermögen industriesoziologischer Forschung wider. Eine vergleichbare, die Thesen aus der britischen Forschung aufgreifende Studie führten in den 1960er Jahren Kern/Schumann zu „Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein“ (1970) durch.46 Die Autoren wollen sich mit ihrer Untersuchung von Goldthorpe u.a. abgrenzen, indem sie die „spezifischen Bedingungen, unter denen er [der Mensch, K.J.] sich reproduziert, sein soziales Bewußtsein und Verhalten prägen“ (Kern/Schumann 1970: 33f.) ins Zentrum rücken, dabei aber auf die Sphäre der industriellen Produktion fokussieren. Kern/Schumann negieren nicht die Bedeutung außerbetrieblicher Anforderungen und Bedürfnisse, bemängeln jedoch bei Goldthorpe u.a. eine Überschätzung dieser Faktoren. Sie sehen die Arbeiterexistenz und auch das Arbeiterbewusstsein als vorrangig durch die betriebliche Arbeitssituation geprägt. Eine „instrumentelle Orientierung“ interpretieren sie im Unterschied zu den britischen Kollegen als eine Reaktion auf Arbeitsbedingungen, in denen Selbstverwirklichung unterbunden wird. Im Zentrum ihrer Forschung stehen daher die Arbeitserfahrungen der Befragten, ihre Arbeitseinstellungen sowie subjektive Einschätzungen des technischen Wandels (183ff., 221ff.). Ziel von Kern/Schumann ist es, die technisch bedingten Veränderungen menschlicher Arbeit typologisch zu erfassen und die Aufhebung bzw. mögliche neuen Formen repetitiver Arbeit zu prüfen. Die Autoren entwickeln dazu 45
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Eine Untersuchung über „Industriearbeiter privat“ legt auch Wald (1966) vor. Sie untersucht Arbeitsverhältnisse, häusliche Verhältnisse, soziale Beziehungen, persönliche Interessen usw., doch bleiben die Lebensbereiche in der Auswertung des Materials überwiegend getrennt. Die bereits genannten Untersuchungen haben den Impuls für weitere Bewusstseins-Studien gegeben, die an dieser Stelle nicht ausführlich dargestellt werden können. Zum Thema forschten in dieser Zeit u.a. auch Deppe (1971), Hack (1977) und Kudera/Mangold/Ruff (1979), die zu teilweise sehr kontroversen Schlussfolgerungen kommen. Kritisch zu diesen Forschungen äußern sich u.a. Herkommer (1972) sowie Knapp (1981).
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Typologien von Produktionsbereichen und industriellen Arbeitsformen, mit denen sie Veränderungen von repetitiver Arbeit zu erfassen suchen. Die Folgen technologischen Wandels stellen sich demnach sehr unterschiedlich dar. Eine typische Arbeitssituation der Industriearbeiterschaft lasse sich nicht mehr ausmachen. Die Autoren begründen dies mit den differenzierten Folgewirkungen industrieller Mechanisierung, die sie in ihrer These der „Polarisierung der Industriearbeit“ zusammenfassen: Während in einigen Bereichen eine Qualifizierung der Beschäftigten stattfinde, blieben andere Gruppen weiterhin unter den Bedingungen unqualifizierter und repetitiver Arbeit beschäftigt. Kern/Schumann hinterfragen deshalb, inwiefern angesichts der Zunahme heterogener Arbeitsbedingungen kollektive Deutungsmuster noch tragfähig sind. Sie vermuten, dass die den Arbeitern gemeinsame Stellung zu den Produktionsmitteln hinter einer wachsenden Polarisierung von Arbeitsbedingungen zurücktrete. Dichotome Deutungsmuster liefern ihrer Einschätzung nach keine Orientierung mehr. Kern/Schumann diagnostizieren daher eine Krise des Klassenbewusstseins und resümieren die Erosion des Arbeiterbewusstseins. Mit diesem Ergebnis widersetzen sich die Göttinger Forscher nicht nur dem Optimismus, den viele Zeitgenossen mit technischem Fortschritt verbinden, sondern enttäuschen auch die damals verbreitete Hoffnung, dass sich die Industriearbeiterschaft durch ein politisierbares Klassenbewusstsein auszeichne. Dieses pessimistische Fazit der Autoren gilt vielen Kollegen als zwar einleuchtende, aber durch die empirischen Ergebnisse keineswegs belegte These (vgl. exemplarisch Kudera/Ruff/Schmidt 1982: 275).47 Für die Frage nach der Bewältigung von Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen ist jedoch die Erosionsthese weniger relevant als die Konzeption der Forschungsperspektive. Zunächst fällt auf, dass Kern/Schumann explizit nicht an die Perspektiverweiterung von Goldthorpe u.a. anknüpfen und das außerbetriebliche Leben aus der Analyse ausklammern. Lediglich zu berufsbiografischen Erfahrungen werden einige Fragen an die Arbeiter gerichtet, jedoch in der Interpretation kaum weiterverfolgt. Die Autoren plädieren stattdessen offensiv für eine Konzentration auf den Erwerbsbereich und schließen vergleichsweise unvermittelt von der Arbeitsplatzsituation auf subjektive Einstellungen der Arbeiter. Der offenkundigen Subjektlastigkeit bei Goldthorpe u.a. wird insofern mit dem anderen Extrem, einer (für die damalige Industriesoziologie kennzeichnenden) Fixierung auf objektive Bedingungen, geantwortet: Kern/Schumann blenden die Stellung der Arbeiter außerhalb des Betriebes nahezu aus und leiten das Bewusstsein der Arbeiter ausschließlich aus den betrieblichen Arbeitsbedingungen ab. Goldthorpe u.a. setzen sie entgegen, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen der konkreten Arbeitserfahrung und der Einstellung zu technischem Wandel gebe und betonen die Bedeutung des „individuell Erfahrenen“ (Kern/Schumann 1970: 271). Die Autoren verwerfen damit die von Popitz u.a. aufgestellte 47
Kern (1998) resümiert nachträglich, dass man weder Geigers These von der Auflösung des Industrieproletariats noch Schelskys Postulat der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ akzeptiert habe. Die eigene These der „Polarisierung“ (Kern/Schumann 1970) zeige demgegenüber, dass qualifizierte Industriearbeit zwar an Stellenwert gewinne, aber ein Bodensatz repetitiver Automationsarbeiten erhalten bleibe und es daher zur Ausdifferenzierung von Arbeitsbedingungen komme (Kern 1998: 116). Die aktuelle Debatte zur Veränderung, aber gleichzeitigen Reproduktion von Arbeitsbedingungen findet daher bereits in den 1960er Jahren ihre Wurzeln. Schumann u.a. (1982) haben nachträglich selbstkritisch eingeräumt, dass die Polarisierung von arbeitsinhaltlicher und instrumenteller Arbeitsorientierung überzogen gewesen sei; sie räumen eine notwendige Differenzierung der Arbeitswahrnehmung nach Interessendimensionen ein und sehen als Bezugsweisen zum einen die Arbeitskraftperspektive, zum anderen die Subjektperspektive. Gleichwohl löste auch diese schematische Trennung der personalen Bezugsweise auf Arbeit Kritik aus, da die Vermittlung dieser Bezugsweisen in der Person ausgeblendet bliebe.
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These, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Einstellung zu technischem Wandel und der individuellen Arbeitserfahrung gebe. Alle Erfahrungen, die über das am konkreten Arbeitsplatz Erfahrene hinausgehen, bleiben dabei jedoch vernachlässigt. Einflüsse aus anderen Lebensbereichen werden negiert; der Erfahrungsbegriff bleibt verengt auf Erwerbsarbeit. Auch bei dieser Studie ist die Kritik aufschlussreich: Bereits im damaligen Diskussionszusammenhang wird diese Engführung auf die Sphäre der Produktion hinterfragt. Herkommer/Bierbaum (1979) kritisieren eine unzulässige Verkürzung der Interpretation auf den unmittelbaren Erfahrungsbereich der Individuen und resümieren: „Durch die Ausblendung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Totalität und strukturierendes Moment im Bewusstsein entgeht (.) das wesentliche Vermittlungsglied zur Bestimmung der widersprüchlichen Bewusstseins“ (195) (vgl. auch Knapp 1981: 61ff.; Deutschmann 2002: 214).48 Sie teilen keineswegs eine deterministische Position, betonen aber den Einfluss kultureller Faktoren auf das Bewusstsein der Arbeiter.49 Herkommer/Bierbaum wählen hier einen Mittelweg, indem sie zwar die Ökonomie als wesentlichen Entwicklungsimpuls definieren, jedoch das Außerbetriebliche in die Analyse einbeziehen wollen: „Wenn man in Anwendung der Marxschen Theorie davon ausgeht, daß die ökonomischen Verhältnisse und ihre Bewegung die politischen, rechtlichen und kulturellen Lebens- und Bewußtseinsformen in letzter Instanz bestimmen, dann schließt das weder Wechselwirkung noch Rückwirkung aus, dann spricht das nicht gegen die geschichtliche Wirksamkeit dieser als ‚abgeleitet’ zu bezeichnenden Sphären, nicht gegen ihre relative Autonomie, d.h. ihre zeitweise und schließlich doch wieder sich auflösende Verselbständigung.“ (Herkommer/Bierbaum 1979: 204, herv.i.O.). Damit werden explizit Wechselwirkungen zwischen den Sphären angenommen. Die Kritik von Herkommer (1972) ist insofern überzeugend, als sowohl die Studien von Goldthorpe u.a. als auch die Untersuchung von Kern/Schumann das Bewusstsein aus eingegrenzten Bereichen zu erklären versuchen. Sie fallen damit – so bereits Herkommers Einwand – hinter die Erkenntnisse von Popitz u.a zurück, die das Bewusstsein nicht in Einstellungsbereiche aufteilen, sondern ganzheitlich konzipieren. Ziel dieses Ansatzes zum „Gesellschaftsbild“ ist es, die Objektivierung des Zusammenhangs von Sein und Bewusstsein zu leisten, ohne dabei einer der Lebenssphären einen herausgehobenen Einfluss zu unterstellen. Eine in dieser Hinsicht ganzheitliche Konzeption hat sich zwar nicht unmittelbar durchgesetzt, jedoch durch die kontroversen Debatten um die Ergebnisse und
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Herkommer (1972) bemängelt, dass die Autoren eine „enge Kausalität zwischen objektiven und quasiobjektiven Variablen einerseits und Einstellungen oder Einstellungssyndromen andererseits“ (1972: 78) unterstellen. Er sieht hier ein Missverständnis der Marxschen Gesellschaftstheorie: Die Dialektik von Formbestimmtheit und Inhaltlichkeit der Arbeit sei nicht begriffen und die Autoren würden – wie auch Goldthorpe u.a. – die Oberfläche mit dem Wesen der Erscheinung verwechseln. Für Herkommer ist das Ergebnis des „desolaten Arbeiterbewusstseins“ deshalb fragwürdig und bereits durch den methodischen Ansatz von Kern/Schumann vorgegeben (1972: 82) (vgl. kritisch zu Herkommer: Braczyk/Knesebeck/Schmidt 1982: 33ff.). Die Autoren heben hervor, dass gerade die Analyse der Lebensverhältnisse außerhalb der Arbeit als „Hebel“ dienen kann, um den Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital aufzuzeigen (204). Aus der Kritik an den Studien entwickeln sich zudem Positionen, die stärker akteurszentriert sind: Demnach müssen Individuen die objektiven ökonomischen Verhältnisse erst interpretieren und sich bewusst aneignen, damit diese zu einer manifesten sozialen Realität werden könnten (z.B. Hack u.a. 1972; Hack 1977; Herkommer 1972; Voß 1984). Hack geht von einer „doppelten Konstitution des Alltagsbewusstseins aus, das einerseits von der objektiven sozialen Realität, andererseits durch die biografisch erworbenen Fähigkeiten zur Einsicht in Lebensbedingungen beeinflusst werde. Diese doppelte Perspektive auf Alltagsbewusstsein greift später auch Brock (1988) mit seiner These vom „individualisierten Handlungsbewußtsein“ auf.
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Schlussfolgerungen der Studien von Goldthorpe u.a. und Kern/Schumann die industriesoziologische Forschung der 1970er Jahre beeinflusst. 1970er Jahre: Reproduktionsvermögen und Subjektorientierung Vor dem Hintergrund von Ölkrise und einsetzender Massenarbeitslosigkeit rückte in den 1970er Jahren die individuelle Verarbeitung von Krisenerfahrungen ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung. In der Industriesoziologie wurde zwar nach wie vor eine rege Debatte zur Kritik der Politischen Ökonomie geführt, doch gewannen parallel mikrosoziologische und psychologische Ansätze vermehrt Beachtung (Brock 1988). In der empirischen Forschung blieb das Arbeiterbewusstein weiterhin ein zentrales Thema, wurde aber konzeptionell weiter angelegt als noch in den Vorgängerstudien. Bemerkenswerte Perspektiverweiterungen auf das außerbetriebliche Leben von Beschäftigten finden sich in einer Studie zur „Arbeits- und Lebenssituation der Industriearbeiter in der BRD“, die heute kaum noch rezipiert wird. Osterland/Deppe/Gerlach (1972) richten hier – von Kern/Schumann angeregt – ihr Erkenntnisinteresse explizit auf die Analyse unterschiedlicher Lebensbereiche und untersuchen den wechselseitigen Einfluss von in den Sphären gesammelten Erfahrungen auf das Verhalten und Bewusstsein der Arbeiter. Die an den Studien der 1960er Jahre kritisierte Einseitigkeit auf Einflüsse aus nur dem einen oder anderen Lebensbereich sollen damit überwunden werden. Innovativ ist zudem der methodische Zugriff: Vorgesehen ist ein qualitatives Untersuchungsdesign mit narrativen Interviews, durch die nicht nur die Rekonstruktion individueller Biografien, sondern auch von Familienbiografien gelingen soll.50 Vielleicht war dieser sowohl forschungsperspektivisch wie auch methodisch hohe Anspruch Ursache für das Scheitern des Projektes: Vorgelegt wurde lediglich ein vorbereitender „Materialien“-Band (Osterland/Deppe/Gerlach 1972) – die 1975 durchgeführte qualitative Befragung von mehr als hundert Industriearbeitern wurde nicht mehr von der Projektgruppe ausgewertet; nur in Einzelbeiträgen finden sich Teilauswertungen der Interviews (Osterland 1978; Deppe 1982). Für die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen finden sich in dieser Forschung anregende Impulse. Im „Materialien“-Band betrachten Osterland/Deppe/Gerlach (1972) zunächst nicht nur die Arbeitssituation und -bedingungen sowie die ökonomische Situation der Arbeiter, sondern auch deren Wohn- und Familiensituation, Ausbildungschancen der Arbeiterkinder und die Freizeitnutzung. In der Auswertung der statistischen Daten zeigt sich dabei jedoch die bekannte Verengung auf die Analyse von Kennzeichen der Arbeiterexistenz: Paarbeziehung, Eltern-Kind-Beziehung und Freizeitverhalten werden nicht als eigenlogische Lebensbereiche betrachtet, sondern in erster Linie daraufhin untersucht, inwiefern sie durch das Arbeitersein geprägt werden. Osterland/Deppe/Gerlach resümieren in diesem Zusammenhang, dass ökonomische Arbeits- und Wohnbedingungen die Verhaltensspielräume der Arbeiter außerhalb der Erwerbssphäre erheblich einschränken. Sie berücksichtigen Daten zur Erwerbseinbindung von Frauen, zur Einkommenssituation sowie zur Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Sie unterstellen hier zwar implizit Zusammenhänge zwischen diesen Einflussfaktoren, machen jedoch keine Angaben darüber, was diese Vermittlung konkret auszeichnet und welche Annahmen sie diesbezüglich für die geplante qualitative Erhebung entwickeln. 50
Für Bahrdt (1975) gibt „erzählte Geschichte“ als „Artikulationsform“ der Arbeiter in besonderer Weise Auskunft über das Bewusstsein. Er bemängelt, dass die diachrone Perspektive auf den Lebenslauf in der Industriesoziologie kaum angewandt werde.
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Tragfähiger erscheinen demgegenüber die qualitativen Teilauswertungen. Osterland (1978) zeigt anhand der „Lebensbilanzen“ der befragten Arbeiter, wie „Lebensorientierung und Lebenspraxis“ (272) zusammenfallen: Die Arbeiter stellen weder die Bedingungen ihrer Arbeiterexistenz noch ihre individuelle Biografie in Frage. Osterland interpretiert dies als Versuch „sich über die Biographie seiner individuellen Identität zu vergewissern“. Dies dürfe jedoch „nicht verwechselt werden mit der Hinnahme jener gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie sich vollzogen hat.“ (ebd.) Er unterstreicht daher, dass die Gleichförmigkeit im Arbeitsalltag mit zunehmendem Alter der Befragten als Belastung gesehen wird; die Erfahrung von Ungleichheit sei „nach wie vor virulent“ (280). Osterland kann hier veranschaulichen, dass auch die Erfüllung außerbetrieblicher Bedürfnisse diese Erfahrung – vor allem bei den älteren Arbeitern – nicht zu kompensieren vermag, auch wenn die Arbeiter ihre Zufriedenheit maßgeblich aus Familienleben, Lebensstandard und Konsum zögen.51 Die Lebensbilanzen zeigten, dass es vielmehr eine „psychische Barriere“ sei, die die Arbeiter daran hindere, sich die eigene Existenz bewusst vor Augen zu halten. Sie erlaube es nicht, „sein Leben nachträglich als erfolglos zu bezeichnen“ (275) und führe dazu, sich mit dem Gegebenen zu arrangieren. Osterland kommt insofern zu einem ähnlichen Ergebnis wie Goldthorpe u.a., wenn er feststellt, dass die Arbeiter ihre Zufriedenheit maßgeblich aus dem „Rest des Lebens“ zögen. In der Analyse der Ursachen geht er jedoch deutlich über Goldthorpe u.a. hinaus: Um die alltäglichen Zumutungen zu ertragen, seien die Arbeiter gezwungen, die „eigene Geschichte“ umzudeuten. Die Zufriedenheit mit der Arbeit sei lediglich eine „Fassade (.), mit der man sich äußerlich den Gegebenheiten anpasst, weil keine realistische Alternative zur Diskussion steht.“ (278f.). Gerade für ältere Arbeiter erweise sich ihre Arbeit retrospektiv als der „massivste Lebenszwang“ (279). Mit diesen Auswertungsergebnissen von Osterland konturieren sich Anknüpfungspunkte, die auch heute noch für das Selbstverständnis einer „kritischen“ Industriesoziologie Geltung beanspruchen können: Die Studie zeigt, dass die Anpassung von Beschäftigten an das Primat der Erwerbsarbeit erstens eine voraussetzungsvolle, individuelle Leistung darstellt und zweitens keineswegs gleichzusetzen mit einer Akzeptanz des Gegebenen ist, sondern sich mögliche Widersetzungen auf anderen Schauplätzen austragen. Deppe (1982) hat die Auswertung als sozio-biografische Analyse fortgesetzt und „drei Generationen Arbeiterleben“ vergleichend analysiert. Er kann aufzeigen, dass sich die „Industriearbeiterexistenz nicht als homogene oder stabile Daseins- und Lebensform“ erweist, sondern „transitorische“ Züge trägt (367f.): Industriearbeiter zu sein, sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit und auch kein angestrebtes Ziel der Befragten, sondern Ergebnis berufsbiografischer Umbrüche. Der Wunsch nach einer Veränderung der Lebenslage sei zwar für den Einzelnen trotz Qualifizierungsbemühungen häufig nicht umsetzbar, doch werde spätestens für die Kinder ein alternatives Beschäftigungsfeld angestrebt. Deppe sieht insofern das Bewusstsein der Arbeiter weniger durch die Arbeitssituation als durch die biografischen Erfahrungen geprägt. Die Annahme einer „konstitutiven Kollektivität des Arbeiters“ hält Deppe – wie bereits Bahrdt – daher für wenig tragfähig. Sie unterstelle einen Typus von Kollektivbewusstsein, der nur für einen Teil der Industriearbeiter zutreffe, für das Gros hingegen lediglich ein Interpretationsangebot und Orientierung biete, um die 51
Bei jüngeren Arbeitern (bis 35 Jahre) sei die Diskrepanz zwischen unerfüllten Ansprüchen an die Arbeit und privatem Glück nicht so ausgeprägt wie bei den älteren Befragten. Die Jüngeren hielten sich (noch) für ihres Glückes Schmied; Leistungs- und Konsumorientierung könnten die Gleichförmigkeit des Arbeitsalltags noch kompensieren (Osterland 1978: 284).
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Arbeiterexistenz als Resultat individueller erwerbsbiografischer Krisenerfahrungen zu verarbeiten. In Abgrenzung zu Kern/Schumann (1970) leitet Deppe daher das Bewusstsein nicht aus der Arbeitssituation der Befragten ab, sondern konzipiert die Lebenserfahrungen der Arbeiter als zentrale Erklärungsgröße. Die Existenz als Industriearbeiter erweise sich dann subjektiv als „Übergangsstadium“ (Deppe 1982: 367). Deppe setzt insofern ganzheitlich an, als er die rekonstruierten biografischen Erfahrungen nicht nur als Impuls für das Verhalten im Bereich der Erwerbsarbeit interpretiert, sondern auch Wirkungen in Familie, Konsumverhalten und politischen Einstellungen beleuchtet. Vor allem für die älteren Arbeiter sieht Deppe einen zentralen Stellenwert der Familie und bestätigt damit Schelskys These vom „Funktionszuwachs der Familien“ (Deppe 1982: 372). Während Schelsky (1960: 97ff.) einen Rückzug in die Familie als Antwort auf die Unsicherheiten in (Nach-)Kriegszeiten bezieht, ist für Deppe ein solches Verhalten in den 1970er Jahren eine „Antwort“ auf wirtschaftliche Krisenzeiten und individuelle berufliche Krisenerfahrungen der von ihm befragten Arbeiter. Er sieht in der Familienorientierung keineswegs eine nur „resignative Flucht aus einer unbefriedigenden Arbeitssituation“, sondern (auch) die Basis von „politisch-gewerkschaftlichem Engagement“ (1982: 373f.). Konkret skizziert er dies jedoch nur für die jüngeren Arbeiter: Diejenigen, die bislang gute berufliche und materielle Möglichkeiten hatten, seien von der „Machbarkeit des Lebensschicksals“ und in der Folge auch des „kollektiven Schicksals“ überzeugt und daher zu spontanen und selbst initiierten Aktionen bereit (371f.). Die These der Wechselwirkung zwischen privaten Bedürfnissen und politischem Engagement führt Deppe leider nicht aus. Methodisch bleibt die Studie beachtenswert, weil Deppe nicht „Arbeiterschaft als Kollektiv“ untersucht, sondern dafür plädiert, Arbeitshaltungen und Ansichten aus der individuellen Lebensgeschichte und Lebensführung der Arbeiter zu rekonstruieren. Diese biografische Forschungsperspektive von Deppe bzw. Osterland/Deppe/Gerlach kann nachträglich als Impuls für eine stärkere Subjektorientierung in der Industriesoziologie bewertet werden: Die Autoren dehnen nicht nur den Gegenstandsbereich auf die Sphäre der Nicht-Erwerbsarbeit aus, sondern verschränken darüber hinaus diachrone und synchrone Perspektive, indem sie über Lebensbilanzen und Generationenvergleiche den Wandel von Einstellungen und die Verarbeitung von Zumutungen einzufangen versuchen (s. ähnlich auch Fuchs 1979). Auch wenn sich die Studie in Teilauswertungen splitterte, so ist es doch bedauerlich, dass in Überblicksartikeln zur Industriesoziologie auf diese (frühzeitige) Perspektiverweiterung nicht hingewiesen wird: Zumindest konzeptionell berücksichtigen die Autoren die Vermittlung von Lebensbereichen in den Personen. Der Anspruch, nicht nur individuelle, sondern auch die familiale Biografie zu rekonstruieren, verweist auf die Ernsthaftigkeit, mit der die Verbindungslinien von Arbeit und Leben zumindest anvisiert wurden.52 Als ‚empirische Klassiker’ der Dekade sind die Studien zu nennen, die im Rahmen des 1974 von der Bundesregierung gestarteten Forschungs- und Investitionsförderprogramms zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ (HdA) durchgeführt wurden. Hierbei handelt es sich überwiegend um betrieblich orientierte Projekte, in denen gezeigt werden sollte, dass 52
Aufschluss über das Privatleben von Arbeitern liefert eine sozialhistorische Studie über „Arbeiter nach der Arbeit“ von Reck (1977). Er untersucht Familienorientierung um die Jahrhundertwende und zur Zeit der Weimarer Republik. Ein „familienorientierter und häuslicher“ Typus stellt dabei nur eine Variante von Familienorientierung dar: „Arbeiter zwischen Familie und Wirtshaus“ sowie „Arbeiter mit politisiertem Privatleben“ treten bei Reck als weitere Orientierungstypen hervor, die auf ein eher konfliktreiches Familienleben und starke außerfamiliale Freizeitorientierungen verweisen; Reck identifiziert diese – in modifizierter Form – auch für die 1970er Jahre (Reck 1977: 194ff.).
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humane Arbeitsbedingungen und effizientes Arbeiten keinen Gegensatz darstellen müssen. In der Initiative, die viele Akteure als „Korrektur von Taylorisierung und Dequalifizierung“ verstanden, nahm die Debatte um die „Qualität der Arbeit“ einen besonderen Stellenwert ein. Bereits Ende der 1960er Jahre deutete sich – u.a. mit der Studie von Kern/Schumann (1970) – ein Richtungswechsel in der Industriesoziologie an, indem parallel zur Bewusstseinsforschung die Erforschung von Arbeitsbedingungen, Rationalisierung und technischem Wandel in der Industriesoziologie an Stellenwert gewann. Beeinflusst wurde diese Themenverschiebung durch die damalige politische Situation, in der sowohl Unternehmen als auch Gewerkschaften und sozial-liberale Regierungskoalition ein „arbeitspolitisches Experimentierfeld“ entdeckten, das in der Kampagne zur „Humanisierung“ schließlich seinen Höhepunkt fand. In dieser Phase vollzieht sich nicht nur eine Institutionalisierung der Industriesoziologie in Form der Öffnung von Forschungsinstituten, sondern darüber hinaus auch eine rasche Ausbreitung empirischer Forschungsarbeiten, die sich durch einen konkreten Anwendungsbezug und durch intensive Kooperationen mit Gewerkschaften auszeichnen: Die empirischen Studien richten ihr Augenmerk zwar weiterhin auf Fragen des Bewusstseins, aber schenken dem unmittelbaren betrieblichen Kontext und dem Arbeitsverhalten von Beschäftigten vermehrt Beachtung. Die Breite der Forschung kann hier nicht angemessen resümiert werden. Auffällig ist jedoch, dass selbst in einem Programm zur „Humanisierung“ die „Wechselwirkungen zwischen Arbeitswelt und den anderen Lebensbereichen“ lediglich auf einer halben (!) Seite erwähnt werden (s. Keil/Oster 1976: 40f.): Untersucht werden sollen „die gegenseitigen Abhängigkeiten“ – die kurzen Ausführungen zeigen jedoch, dass hier weniger die Arbeitsanforderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen und deren Vereinbarkeit anvisiert sind, als solche Veränderungen in den Erwartungshaltungen an Arbeit und allgemeinen Einstellungen von Beschäftigten, die den Arbeitsprozess beeinflussen könnten. In der Forschung wurden Wechselwirkungen kaum beachtet. Dies mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass es offenkundig Schwierigkeiten bereitete, den Begriff der „Humanisierung“ klar zu definieren (Schmidt 1982: 165f.). Ansprüche an „humanere Arbeit“ bezogen sich im Programm selbst auf vier Ebenen: Die konkreten Bedingungen am Arbeitsplatz, die Situation der Beschäftigten innerhalb des Betriebes, die Lage der Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt und Probleme des Einflusses von Arbeitsbedingungen auf den Bereich der Freizeit. Lediglich im letzten Punkt wird somit auch der Bereich der Nicht-Erwerbsarbeit ins Programm aufgenommen, doch nur als Bereich, auf den Erwerbsarbeit ausstrahlt. Gemäß dem Aktionsprogramm soll zwar untersucht werden, wie „die Arbeitsbedingungen stärker als bisher den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen angepasst werden können“ (Schmidt 1982: 170), doch statt auch Fragen der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben aufzugreifen und Belastung in einem weitreichenderen Kontext zu analysieren, stehen in der konkreten Forschung rein erwerbsbezogene Themen wie die Mensch-Maschine-Beziehung oder betriebliche Arbeitsorganisation im Vordergrund (Keil/Oster 1976). Zwar erlangt auch die Frage der Reproduktion von Arbeitskraft an Aufmerksamkeit, doch richtet sich das Forschungsinteresse dabei nur auf solche Aspekte von Reproduktion, die unmittelbar für den Einsatz von Arbeitskraft in der Erwerbssphäre relevant sind: Untersucht werden Anpassungsschwierigkeiten an veränderte betriebliche Anforderungen, Lohn- und Leistungsan-
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forderungen sowie deren Bewertung, individuelle Strategien von Belastungsabbau und Stellung auf dem Arbeitsmarkt (s. exemplarisch Altmann u.a. 1981).53 Mindestens zwei Ergebnisse der Humanisierungsforschung schließen jedoch zumindest implizit an die Frage von „Wechselwirkungen“ an: Zum einen sahen sich die konkreten Projekte in den Betrieben mit einer breiten Skepsis der Beschäftigten konfrontiert, die von einer Veränderung von Arbeitsbedingungen eine Verschlechterung ihrer Situation befürchteten. Schmidt (1982: 180f.) resümiert, dass eine Reihe von Maßnahmen nicht an den Unternehmern, sondern am Widerstand der Beschäftigten selbst gescheitert seien. Dies verweist auf subjektive Bedürfnisse, vertraute Arbeitsstrukturen aufrechtzuerhalten, und eine große Skepsis gegenüber organisatorischen Veränderungen: Die „zurückliegende Rationalisierungserfahrung prägt die Humanisierungserwartung“ (Schmidt 1982: 181). Zum anderen wird mit einer solchen erwerbsbiografischen Perspektive eine subjektive Zeitperspektive in Erwägung gezogen, in der Beschäftigte bisherige und zukünftige Belastungen ‚verbuchen’. Damit finden sich schon in der empirischen „Humanisierungs“-Forschung Hinweise auf die Verbindungslinien von Zeitperspektive und Belastung, die in der Arbeits(zeit)forschung erst seit den späten 1990er Jahren systematischer aufgegriffen werden (s. ausführlich 3.). Auch die zeitgenössische Kritik folgt den Perspektiven des Programms und konzentriert sich überwiegend auf die ihm immanenten Punkte anstatt auf die einseitige Erwerbszentrierung. Die „Lücken“, die damals beteiligte Forscher wie Altmann/Düll/Lutz (1987) nachträglich identifizieren, beziehen sich auf die in der bisherigen Forschung untersuchten Bedingungen von Erwerbsarbeit und in diesem Zusammenhang vorgefundene Desiderate. Auffällig in den Projekten zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ erscheint den Autoren jedoch ein Wandel in der subjektiven Bewältigung von Arbeit (1987: 81ff.). Sichtbar würden veränderte Werte und neue Muster der Lebensführung, die für einen neuen Umgang mit Belastungen im Arbeitsprozess verantwortlich seien, der sich z.B. in einem gewandelten Gesundheitsbewusstsein der Beschäftigten äußere. Weiterführend sind in diesem Zusammenhang Thesen, die aus der am ISF München betriebenen Qualifikationsforschung hervorgehen. Asendorf-Krings/Drexel/Nuber (1976) reflektieren als Quintessenz ihrer empirischen Forschung „Reproduktionsvermögen“ als Fähigkeit zu Erzeugung, Erhaltung und Verkauf von Arbeitsvermögen und resümieren es als „komplexes Qualifikationssyndrom“: „Der Arbeiter muß also erstens in der Lage sein, sein Arbeitsvermögen den Bedürfnissen des Tauschpartners entsprechend formen zu können. Er muß zweitens dazu in der Lage sein, die so geformte Ware auf dem Markt zum Verkauf anzubieten und zu verkaufen.“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 214). Diese Definition erscheint aus heutiger Sicht wie ein ‚Vorläufer’ der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Voß/Pongratz 1998; s. 2).54 Schon in den 1970er Jahren finden sich somit Ansätze, Arbeitsvermögen nicht ausschließlich als im Arbeitsprozess oder in Bildungs- und 53 54
Vgl. zur langfristigen Bewertung von Initiativen zur „Humanisierung“ den Rückblick von Oehlke (2004), der in dieser Perspektive zentrale Fragestellung von Arbeitspolitik resümiert. Auch die Kritik an der These ist hier bereits vorweggenommen, wenn die AutorInnen auf den eingeschränkten Warencharakter von Arbeitskraft hinweisen: „Potentialität bzw. Elastizität dieser Ware sind darauf zurückzuführen, dass sie immer, auch nach ihrem Verkauf, an einen Träger gebunden ist, an die Person des Arbeiters und dessen ‚Leiblichkeit’. Diese Bindung an einen Träger unterscheidet die Ware Arbeitskraft wesentlich von anderen Waren und impliziert, dass neben den als Ware angebotenen Momenten von Arbeitskraft eine gewisse Leistungsreserve in der ‚Leiblichkeit’ des Arbeiters besteht, die ausgeschöpft werden kann.“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 217).
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Berufsinstitutionen hergestellt zu begreifen, sondern auch als Ergebnis des Reproduktionsvermögens der Beschäftigten selbst. Da das Kapital eine grenzenlose Verwertung von Arbeitsvermögen anstrebe, müssten die Arbeiter die Fähigkeit zur Begrenzung der (Aus)Nutzung ihres Arbeitsvermögens entwickeln und ihr Reproduktionsvermögen schützen – indem sie entweder ex ante (z.B. Verhalten bei Verfahren der Leistungsbemessung) oder ex post (Beschwerden) Belastungen zu vermeiden bzw. zu reduzieren versuchen. Diese Begrenzungen lägen nicht nur im Interesse der Lohnabhängigen, sondern – vor allem wenn es sich um Beschäftigte mit nur bedingt stets neu rekrutierbaren Qualifikationen handelt – auch im Interesse des Kapitals selbst (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 219ff.). Mit dieser Perspektive ist nicht nur implizit die Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Leben berücksichtigt. Es wird ein Weg für eine Arbeitssoziologie geebnet, die einerseits individuelle Fähigkeiten zur Reproduktion von Arbeitsvermögen und Arbeitskraft berücksichtigt und die Funktionalität von Grenzziehungen betont, aber andererseits die strukturellen Einflüsse auf diesen Transformationsprozess nicht außer acht lässt. Erst in den 1990er Jahren wird sich dieser Ansatz – mit konzeptionellen Einschränkungen – in der Breite der Arbeits- und Industriesoziologie durchsetzen (s.u.). Eine stärkere Subjektorientierung findet sich auch in den berufssoziologischen Erhebungen von Beck/Brater (1977). Als maßgebliche Faktoren für die Krise auf dem Arbeitsmarkt identifizieren sie die jeweilige Ausrichtung von Bildungs- und Beschäftigungssystem und formulieren mit ihrer „Kritik der Berufe“ auch eine Kritik an der bis dato gängigen Arbeitsmarkt- und Qualifikationsforschung. Diese sei einseitig am ökonomisch-technischen Aspekt des Bedarfs an Arbeitskraft interessiert, vernachlässige dabei jedoch die Bedeutung der Berufe für seine Inhaber. Beck/Brater sahen sowohl auf Seiten der Beschäftigten als auch auf Seiten der Arbeitgeber Hindernisse für eine Behebung der Arbeitsmarktkrise: Die Berufe seien zu starr und dauerhaft konzipiert, um auf die Veränderungsdynamik von Arbeitsanforderungen zu reagieren, und bewirken sowohl auf Seiten der Beschäftigten als auch auf Seiten der Arbeitgeber mangelnde Flexibilität. Der Beruf – in seiner damaligen, noch vergleichsweise rigiden Konzeption im Bildungs- und Beschäftigungssystem – wirke daher in beide Richtungen wie eine hinderliche Schablone (Beck/Brater 1977: 7ff.; s. auch Bolte/Treutner 1983). Beck/Brater konzipieren Berufe daher nicht nur als gesellschaftliche Funktions- und Tätigkeitszusammenhänge, sondern als Fähigkeiten, die an konkrete Arbeitskräfte und deren Potenziale gebunden sind.55 In den 1970er Jahren wächst insofern nicht nur das Interesse an der Kategorie des Reproduktionsvermögens, sondern es setzt sich gegenüber den zuvor dominierenden strukturalistischen Positionen auch eine stärkere Subjektorientierung durch, die in der nachfolgenden Dekade an Aufmerksamkeit gewinnt. 1980er Jahre: Erweiterter Arbeitsbegriff und Wechselwirkungen In den 1980er Jahren wechselte die industriesoziologische Forschung zusehends ihre Perspektive von der Analyse des gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse auf die betriebliche Arbeitsorganisation. Die Krise von Taylorismus und Fordismus als Modelle von Massenproduktion führte auch in der Forschung zu einer stärker betriebsbezogenen Analyse. Entsprechend wurden eine Reihe empirischer Studien durchgeführt, die sich auf die Unter55
Zu den Wegbereitern dieser Subjektorientierung in der deutschen Arbeits- und Industriesoziologie zählen u.a. die empirischen Arbeiten von Hack u.a. 1972; Leithäuser 1972; Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973.
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suchung von technischem Wandel und betrieblicher Rationalisierung konzentrierten. Zu den ‚empirischen Klassikern’ dieser Dekade zählen u.a. die Studien von Schumann u.a. (1982), Kern/Schumann (1984) und Baethge/Oberbeck (1986), die sich den unmittelbaren Folgewirkungen von technischer Rationalisierung für Arbeiter bzw. Angestellte widmeten (s. auch Mickler 1981; Benz-Overhage u.a. 1982; Malsch/Seltz 1987). Diese Forschungsergebnisse prägten bis in die 1990er Jahre die industriesoziologische Debatte und werden noch heute in Überblicksartikeln rezipiert (z.B. Beckenbach/van Treeck 1994). Kern/Schumann identifizieren eine Rücknahme von Arbeitsteilung; sie weisen „neue Produktionskonzepte“ aus und bewerten Segmentierung als neue Variante von Polarisierung (1984: 319). Baethge/Oberbeck (1986) stoßen für Angestellte auf ganzheitlichere Aufgabenstellungen; Führungsaufgaben würden ‚nach unten’ verlagert, Rationalisierung als Aufgabe der Arbeiter selbst definiert. Die Ergebnisse geben insofern bereits erste Hinweise auf die heute dominierenden Debatten zu Dezentralisierung und Marktorientierung.56 Hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen finden sich bei diesen „Klassikern“ eher indirekte Hinweise: Schumann u.a. (1982: 195ff., 399ff.) identifizieren zwei Bedeutungsdimensionen von Erwerbsorientierung, die sie als „doppelten Bezug zur Arbeit“ bezeichnen: Eine Arbeitskraftperspektive der Erwerbsarbeit, die auf den Erhalt der Arbeitsfähigkeit, den Erhalt des Arbeitsplatzes und das Einkommen ausgerichtet ist, lasse sich unterscheiden von einer Subjektperspektive, die stärker auf den Sinnbezug, so z.B. auf die Arbeitsinhalte und die Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungschancen, abziele (s. bereits Volmerg 1978). Auch Kern/Schumann (1984) wählen eine (auch) mikrosoziologische Analyseperspektive, indem sie im Kontext der Analyse von „Rationalisierungsgewinnern, -duldern und -verlierern“ Arbeitsorientierungen und Bewusstsein erforschen und damit implizit eine ‚subjektive Wende’ in der Industriesoziologie einleiten.57 Die empirische Industriesoziologie dieser Phase eint dennoch, dass sie gegenüber der Bewusstseinsforschung der vorangegangenen Dekade deutlich eingeschränkt bleibt, indem sie außerbetriebliche Einbindungen von Beschäftigten nahezu vollständig außer Acht lässt. Weiterführend sind daher Studien, die dem Zusammenhang von Produktion und Reproduktion Aufmerksamkeit schenken. Nicht nur die sich etablierende Frauenforschung, sondern auch innerhalb der Fortsetzung der „Arbeiterforschung“ nimmt in den 1980er Jahren das Interesse an den Lebensbereichen deutlich zu: Einen Perspektivwechsel auf das außerbetriebliche Leben liefern die Forschungsarbeiten von Brock/Vetter (1982a), die Ende der 1970er Jahre eine Studie zur „alltäglichen Arbeiterexistenz“ beginnen. Ziel ist es, verschiedene Typen der Vermittlung von Arbeit und Reproduktion in Biografien zu rekonstruieren und den Einfluss von technischem Wandel am Arbeitsplatz auf den Umgang mit Belastungen aufzuzeigen. Die Autoren konzentrieren sich dabei nicht nur auf die Wirkung der Arbeitsbedingungen oder auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Arbeiter, ihre Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen bzw. langfristig zu erhalten, sondern beziehen auch Rückkopplungseffekte ein, wenn sie auf Begrenzungen von Reproduktion hinweisen: Sie identifizieren individuelle Strategien, Belastungen zu bewältigen bzw. zu reduzieren und Reproduktionsinteressen gegenüber Anforderungen der Erwerbssphäre zu verteidigen. Mit dieser Be56
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Kritik entzündete sich vor allem an der Reichweite der Schlussfolgerungen. Altmann/Deiß/Sauer (1986) betonen in Abgrenzung zu Kern/Schumann mit „systemischer Rationalisierung“ umfassende betriebliche Strategien von Rationalisierung des Gesamtsystems Betrieb (s. auch Sauer/Döhl 1994); sie halten die These einer Aufwertung von ausführender Arbeit für illusorisch. Schumann (2002) ergänzt diese Typologie um den „Rationalisierungsgestalter“ (s. 2.3.1).
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
tonung von Anpassung als individuelle Leistung beleuchten Brock/Vetter die „Blindstelle“ einer Industriesoziologie, in der Bewältigungsformen von Subjekten zwar unterstellt, aber kaum explizit untersucht wurden. Die Autoren rücken damit den Zusammenhang von Arbeit und Reproduktion ins Zentrum ihrer Analyse und wenden sich offensiv gegen eine einseitig ökonomische Ausrichtung der Industriesoziologie. Brock/Vetter formulieren drei Kritikpunkte: Sie bemängeln „falsche Annahmen über die Qualität der einzelnen Vermittlungsebenen zwischen Ökonomie und subjektivem Prozess“, eine „ungenügende Reichweite“ des Reproduktionsbegriffs sowie die „Unterschätzung“ widersprüchlicher Anforderungen durch die notwendige Reproduktion der gesamten Existenz einerseits und der eigenen Arbeitskraft als Ware andererseits (Brock/Vetter 1984: 35). Die Autoren favorisieren daher ein „subjektorientiertes Reproduktionskonzept“. Sie definieren „Reproduktion eigener Arbeitskraft“ als besonderen „Fall sozialen Handelns“ (1984: 50) und fokussieren statt auf die Reproduktion von Arbeitskraft auf die Reproduktion als Arbeitskraft. Reproduktion definieren sie einerseits als eine aktive Konstruktionsleistung der Subjekte, gleichzeitig seien die angetroffenen Interpretationsmuster durch die gesellschaftlichen Bedingungen vorgeformt. Das Verdienst der Studie liegt ohne Zweifel darin, an Stelle der unmittelbaren Arbeitstätigkeiten die für den Arbeitsprozess nicht minder bedeutsame Wiederherstellung von Arbeitskraft zu untersuchen. Brock/Vetter fokussieren nicht lediglich auf Strategien der Anpassung an veränderte Erwerbsbedingungen, sondern fahnden auch nach Widersetzungen der Betroffenen, die sich aus dem Erfordernis von „Reproduktion als Person“ ergeben (s. ausführlicher 4.).58 Als problematisch erweist sich hier jedoch in zweierlei Hinsicht die der Untersuchung zugrunde gelegte Annahme einer möglichen „ausgeglichenen Bilanz“: Zum einen gehen Brock/Vetter von einer möglichen Übereinstimmung von konkreten Erfordernisse der Reproduktion als Arbeitskraft und Interessen der Person aus. Nach ihrem Konzept ergebe sich im „Idealfall“ ein „Gleichgewicht“, wenn „Reproduktion der gesellschaftlichen Existenz als Lohnarbeiter und objektiv sowohl für die eigene Arbeitskraft wie auch für die persönliche Entwicklung gelingt – einschließlich dessen, dass ein solches Gelingen auch subjektiv konstatiert wird“ (1982a: 107). Mit dieser Annahme einer vom Arbeitsprozess weitgehend unabhängigen Freizeitgestaltung gehen Brock/Vetter hinter die Ergebnisse vorheriger Arbeitsforschung zurück, die ausdrücklich auf die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und subjektiven Deutungen und Wertvorstellungen verweisen (Hack u.a. 1972; Hack 1979; s. auch Knapp 1981). Die Übereinstimmung von Reproduktionserfordernissen und persönlichen Interessen als Ergebnis der Anpassung an den ökonomischen Zwang zur Reproduktion gerät auf diese Weise aus dem Blickfeld. Zum anderen blendet die Annahme der „Gleichgewichtsbildung“ die Widersprüche zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen aus: Brock/Vetter leisten eine Perspektiverweiterung, indem sie auch „nicht-industrielle“ Reproduktionsweisen untersuchen und die „Doppelbelastung“ von Frauen durch Lohnarbeit und private Reproduktionsarbeit aufzeigen. Wenn sie jedoch eine „ausgeglichene Bilanz“ zwischen den aus der Erwerbsarbeit an die Reproduktion gestellten Anforderungen und Problemen auf der einen und ihrer subjektiven Verarbeitung auf der anderen Seite (1982a: 108) unterstellen, manifestiert sich darin eine nur sehr eingeschränkte, geschlechtsbezogene Thematisierung von Wechselwirkungen: 58
Die Autoren schließen somit an die Qualifikationsforschung der 1970er Jahre an (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976).
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Während sich für die männlichen Befragten Freizeit als eine Sphäre der Regeneration erweist, ergeben sich für Frauen hier zusätzliche Belastungen. Sie resultieren einerseits aus der Monotonie und Anstrengung von Lohnarbeit, andererseits aus der Anforderung, Reproduktionsarbeit nicht nur für sich, sondern auch für andere zu leisten. Das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ berücksichtigt zwar die individuellen Leistungen und Strategien, die die Subjekte erbringen müssen, um ihre Arbeitskraft langfristig (und gesellschaftlich funktional) nutzbar zu machen. Es vernachlässigt aber Reproduktion als einen eigenständigen Bereich, der nicht nur Anforderungen an Regeneration und Erholung mit sich bringt, sondern die Subjekte darüber hinaus mit weiteren Arbeitserfordernissen konfrontiert. Ein in diesem Sinne ‚weiter’ Reproduktionsbegriff wird jedoch nur für die befragten Frauen angewendet, während sich die „alltägliche Arbeiterexistenz“ auf die Analyse von unmittelbar erwerbsbezogenen Reproduktionsstrategien bezieht. Unter Reproduktion werden vornehmlich solche Tätigkeiten subsumiert, die unmittelbar dazu dienen, den Einsatz im Erwerbsleben kontinuierlich zu gewährleisten: die Fähigkeit zum Abschalten, Schlafprobleme, die Bewältigung von Schichtwechseln, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Belastungen durch die Arbeit usw.. Der subjektorientierte Reproduktionsbegriff von Brock/Vetter läuft daher Gefahr, bestehende Arbeitsteilungsmuster lediglich zu beschreiben, anstatt darin verborgene gesellschaftliche Strukturzusammenhänge und sozialen Platzanweisungen aufzuzeigen. Diese Begrenzung wird maßgeblich durch die sich etablierende Frauenarbeitsforschung aufgehoben. Bereits Ende der 1970er Jahre haben sich in der deutschen Frauenforschung Ansätze formiert, die zwar nach wie vor im Rahmen der Kritik der Politischen Ökonomie argumentieren, aber explizit auf den Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und Familienarbeit fokussieren (u.a. Prokop 1976).59 Noch heute gelten die Studien von BeckerSchmidt u.a. (1982, 1983) als Wegbereiter einer empirischen Annäherung an Verbindungslinien zwischen Arbeit und Leben und sind in zweierlei Hinsicht von besonderem Stellenwert: Sie dokumentieren nicht nur eine deutliche Perspektiverweiterung in bezug auf den Forschungsgegenstand und liefern methodische Innovationen, sondern zeigen auch eindrucksvoll, wie empirische Ergebnisse der Arbeitsforschung gesellschaftstheoretisch eingebunden werden können. Als indirekte ‚Antwort’ auf die in der Industriesoziologie verbreitete einseitige Fokussierung auf den männlichen Arbeiter und Erwerbsarbeit befragen Becker-Schmidt u.a. Fabrikarbeiterinnen und untersuchen deren alltägliche Balanceakte zwischen zwei Arbeitsbereichen. Es zeigt sich, dass die befragten Frauen eine Doppelorientierung auf Erwerbsarbeit und Familie anstreben und für ihre ökonomische Eigenständigkeit bereit sind, erhebliche Belastungen in Kauf zu nehmen. Becker-Schmidt u.a. widerlegen mit diesem Ergebnis die in der Industriesoziologie verbreitete Instrumentalismus-These. Die befragten Industriearbeiterinnen sehen ihre Tätigkeit keineswegs nur instrumentell als Mittel zum Gelderwerb, sondern messen der Arbeit im Betrieb einen eigenständigen Wert bei, der identitätsstiftend wirke. Fabrikarbeit übe trotz der mit ihr verbundenen Anstrengungen einen Reiz gegenüber der Haus- und Familienarbeit aus. Der Kontakt zu Kolleginnen und das Verlassen des häuslichen und isolierten Arbeitsplatzes erweisen sich als zentrale Motive für die Erwerbsorientierung der Frauen. Dabei treten jedoch widersprüchliche Anforderungen aus den Lebens59
Für eine detaillierte Übersicht über die Entwicklung der Frauenforschung in den 1970er und 1980er Jahren s. Gottschall (2000). Sie zeichnet sowohl den Wandel von Themen und theoretischen Perspektiven in der deutschen Geschlechterforschung als auch die Verdienste der Frauenarbeitsforschung historisch nach.
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
bereichen zu Tage: Die Frauen sind mit dem Zwang konfrontiert, tagtäglich zwischen den Sphären vermitteln zu müssen. Für unsere Fragestellung sind weniger die Schlussfolgerungen für das Geschlechterverhältnis als die Erkenntnisse zum Verhältnis der Lebensbereiche von Interesse. Produktion und Reproduktion sind zwar voneinander abhängige Sphären, doch zeige sich im Arbeitsalltag der Frauen, dass diese Interdependenzen in keinem der Lebensbereiche berücksichtigt werden. Die Frauen erleben einerseits eine strukturelle Rücksichtslosigkeit der Erwerbssphäre gegenüber der Familie, andererseits bleibt die familiale Arbeitsteilung – trotz Erwerbstätigkeit – anhaltend zu Lasten von Frauen organisiert. Becker-Schmidt knüpft an diese empirischen Ergebnisse die These der „doppelten Vergesellschaftung“60 an und kritisiert die weit verbreitete „Ausklammerung gesellschaftlicher Reproduktionsweisen und ihrer Geschichte“ (Becker-Schmidt 1987b: 12) aus der Analyse von Gesellschaft. Als Erweiterung der Kritischen Theorie konzipiert sie „Geschlecht als Strukturkategorie“: Geschlechtertrennung ist demnach nicht nur durch die Dichotomie von Privatheit und Öffentlichkeit gekennzeichnet, sondern geschlechtshierarchische Arbeitsteilung strukturiere alle gesellschaftlichen Bereiche und sozialen Beziehungen. Erst in dieser Perspektive gelinge es, Unterdrückungs- und Ausgrenzungsphänomene zu erklären und unterschiedliche Herrschaftsformen und deren Zusammenspiel zu identifizieren.61 Da auch Marx Arbeitsvermögen „einseitig als männliches“ konzipiere, während der Einfluss der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern auf die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgespart bliebe (Becker-Schmidt 1987b: 13ff.), kann es aufgrund der Theorietradition der Industriesoziologie kaum verwundern, dass sich diese Blindstelle bis heute reproduziert. Becker-Schmidt zeigt in ihrer Analyse, dass den Lebensbereichen nicht nur unterschiedliche, sondern widersprüchliche Organisationsprinzipien zugrunde liegen. Die Sphären seien zwar voneinander separiert und erfüllten ihre Aufgaben für den jeweiligen Systemerhalt, aber sie seien auch gegeneinander durchlässig, da sonst der arbeitsteilige Funktionszusammenhang nicht bestehen könne. Die Sphären seien insofern zwar ausdifferenziert, getrennt und je für sich selbständig, aber gleichzeitig auch interdependent. Becker-Schmidt grenzt sich hier implizit von der Theorie funktionaler Differenzierung ab: Einerseits sieht sie diese Interdependenz nicht nur als objektives, sondern auch subjektives Gefüge (1987b: 24f.) und verweist auf die Abhängigkeiten von Personen in sozialen Beziehungen, die sich aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ergeben. Andererseits verweist sie auf die Hierarchisierung der Lebensbereiche (bzw. Funktionssysteme), indem sie das Primat der Erwerbsarbeit über andere Lebensbereiche als hegemoniales Verhältnis resümiert. Becker-Schmidts Zugang ist wegbereitend, weil sie Subjekt und Struktur gleichermaßen in ihre theoretische Reflexion einbezieht. Ihre sozialpsychologische Analyse zeigt in diesem Zusammenhang, inwiefern sich auch Widersetzungen gegenüber externen Anforde60
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Mit dem Konzept der „doppelten Vergesellschaftung“ macht Becker-Schmidt darauf aufmerksam, dass Frauen „zwei Herrschaftsformen“ unterliegen: einer „patriarchalischen und einer gesellschaftlichen“ (1987b: 18). Frauen werden dahingehend sozialisiert, sowohl soziale Reproduktion zu leisten als auch als Arbeitskräftereservoir dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Wegweisend für die Frauenforschung sind hier auch die Arbeiten von Beer, die „Geschlecht als Strukturzusammenhang“ (1990) interpretiert. Sie zeigt in ihrer historischen Analyse die Vermittlung von materieller und generativer Reproduktion. Beer verweist auf den Zusammenhang von Gesellschaft und Geschlechterverhältnis und identifiziert das Klassen- und das Geschlechterverhältnis als zwei Vergesellschaftungsformen. Folge sei ein „doppelter Sekundärpatriarchalismus“.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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rungen ergeben: Becker-Schmidt sieht einen „doppelten Konstitutionsprozeß von Subjektivität“. Das Subjekt sei zwar „abhängig von den Triebobjekten und den Erkenntnischancen, die die Umwelt bereithält. Es nimmt aber ebenso Objektwahlen und Besetzungen nach eigenen Bedürfnissen vor. (...). So erhalten sich Wünsche und Erfahrungen am Leben, die in Wirklichkeit sanktioniert würden. Das macht das Subjekt schwer erziehbar, gegen Zähmung widerspenstig“ (1987b: 23; s. 4.). Mit einer konsequent gesellschaftstheoretischen Einordnung, gelingt es der Frauenforschung bereits in den 1980er Jahren, Theorie und Empirie in Beziehung zu setzen. Eingang in die Überblicksartikel zur Industriesoziologie haben diese Ergebnisse dennoch nicht erlangt: Weder die empirischen Ergebnisse noch die Hinweise auf die Verbindungslinien zwischen gesellschaftlich getrennten Sphären sind im Kern der Arbeits- und Industriesoziologie aufgegriffen worden. Es mag angesichts der langen Tradition der Frauenforschung zuweilen erstaunen, dass das Thema der Wechselwirkung zwischen Lebensbereichen in der aktuellen Arbeitsforschung als vermeintlich neuer Forschungsgegenstand ausgewiesen wird.
2.1.3 Zusammenfassung Der kursorische Rückblick auf Überblicksartikel und empirische Studien der Arbeits- und Industriesoziologie verweist auf die Anpassungsfähigkeit soziologischer Forschung an gesellschaftlichen Wandel. In der Nachkriegszeit sind Untersuchungen zum Arbeiterbewusstsein Ausdruck einer Teildisziplin, die mit ihrer Forschung die soziale und politische Entwicklung im Lande zu erklären versucht. Der Blick geht deutlich über die Sphäre der Erwerbsarbeit hinaus, indem Gesellschaftsbilder und Deutungsmuster ergründet werden. Arbeits- und Industriesoziologie verstand sich in dieser Periode als eine Disziplin, die ihren Bezugspunkt zwar in der Analyse von Erwerbsarbeit wählt, aber darüber hinausgehend fragt, wie Orientierungen zustande kommen; man bezieht individuelle Erfahrungen in der „Freizeit“ in die Erhebungen ein, um die Herkunft von Einstellungen und deren Wirkung zu ergründen. Die Studien von Goldthorpe u.a. (1968a, b, 1969) können einerseits als Kumulationspunkt dieser Berücksichtigung außerbetrieblicher Interessen gelten, andererseits leiten sie jedoch eine Wende ein, indem sich an der einseitigen Ableitung instrumenteller Orientierungen aus der Freizeit massive Kritik entzündet. Zwar findet auch das andere Extrem, Bewusstsein ausschließlich aus den Arbeitsbedingungen im Betrieb abzuleiten (Kern/Schumann 1970), seine Kritiker, jedoch setzt sich nachfolgend eine erwerbszentrierte Forschung durch. Die folgende Dekade zeichnet sich durch einen Perspektivwechsel auf das Arbeitsbewusstsein und konkrete Arbeitsbedingungen im Betrieb aus. Die Forschung rückt Rationalisierungsprozesse ins Zentrum und forscht im Rahmen des HdA-Programms zu den damit verbundenen Belastungen für Beschäftigte. Bis in die 1980er Jahre kennzeichnet diese Perspektive die deutsche Arbeits- und Industriesoziologie: Über die Analyse von Produktionsmodell, betrieblicher Rationalisierung und Erforschung von veränderten Arbeitsbedingungen verschreibt man sich programmatisch dem Gegensatz von Kapital und Arbeit, politisch der Einflussnahme auf Verbesserungen von Arbeitsbedingungen. Als vernachlässigt erweisen sich demgegenüber Ansätze, die – wie einige frühe industriesoziologischen Arbeiten – das außerbetriebliche Leben der Beschäftigten einbezie-
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
hen: Die empirische Forschung fokussiert einseitig auf die Sphäre der Erwerbsarbeit und die Überblicksartikel nehmen kaum Forschungsergebnisse auf, die über den betrieblichen Erfahrungsbereich von Beschäftigten hinausgehen. Erwerbsarbeit erscheint als ein weitgehend losgelöster, weil strukturdominanter Lebensbereich, der sich isoliert untersuchen lässt. Wiederholt finden sich Hinweise auf Bahrdts Plädoyer für eine Berücksichtigung der Lebenswelt, doch wird dies weder außerhalb der Bewusstseinsforschung umgesetzt noch paradigmatisch ausbuchstabiert. Das faktische Primat der Ökonomie spiegelt sich insofern auch in der Arbeits- und Industriesoziologie der 1950-1980er Jahre wider. Der Rekurs auf ausgewählte empirische Studien zeigt jedoch, dass das Außerbetriebliche in Nischen der Teildisziplin durchaus Aufmerksamkeit findet und sich sowohl methodisch als auch konzeptionell als weiterführend erweist:
Bereits in der Bewusstseinsforschung rücken außerbetriebliche Bedürfnisse und Interessen ins Blickfeld, die in die Konzeption von Gesellschaftsbildern und Deutungsmustern einfließen. Während dies einerseits darin resultiert, Bewusstsein als nur durch das Außerbetriebliche beeinflusst zu sehen, ist das andere Extrem eine einseitige Ableitung von Bewusstsein aus der Erwerbssphäre und dort angetroffenen Bedürfnissen von Beschäftigten. Die an diesen jeweiligen Verengungen ansetzende Kritik zieht maßgeblich zwei Schlussfolgerungen nach sich: Zum einen wird deutlich, dass Individuen in unterschiedliche Lebens- und Erfahrungsbereiche eingebunden sind und sich individuelle Orientierungen aus beiden Bereichen speisen. Zum anderen erweisen sich objektive Bedingungen und subjektive Bedürfnisse als vermittelt. Bereits seit den 1960er Jahren liegen insofern Erkenntnisse vor, die einen ganzheitlicheren Zugriff von Arbeitsforschung nahe legen. Sowohl für die Analyse von Erwerbsarbeit als gesellschaftliche Sphäre als auch von Arbeitsorientierungen kristallisieren sich Wechselwirkungen als eine für die Forschung relevante Perspektive heraus. Schon in den 1950er Jahren verweist die empirische Industriesoziologie auf die Anforderung an Beschäftigte, individuelle Belastungen zu bewältigen und die Reproduktion von Arbeitskraft herzustellen. Dieser Perspektivwechsel wird vor allem in den 1980er Jahren erneut aufgegriffen. Resultat ist eine „subjektorientierte Wende“, durch die das Individuum mit seinen aktiven Gestaltungsleistungen ins Zentrum der Arbeitsforschung rückt. Der Reproduktionsbegriff bleibt in diesem Zusammenhang noch weitgehend erwerbszentriert, wird jedoch stärker akteursbezogen reflektiert, indem auch die Reproduktion als Arbeitskraft in den Blick rückt. Damit ebnet sich der Weg für eine Forschung, die sich vom strukturtheoretischen Paradigma entfernt und deutlicher die Dualität von Handlung und Struktur betont. Da gleichzeitig die Aufmerksamkeit für die außerbetriebliche Lebenswelt wächst, rücken auch die individuellen Leistungen der Vermittlung von Anforderungen aus den Lebensbereichen stärker ins Blickfeld. Während die Überblicksartikel der Arbeits- und Industriesoziologie diese Perspektiverweiterungen kaum aufgreifen, gelingt es der Frauenarbeitsforschung, hieraus eine gesellschaftstheoretische Konzeption von Arbeit zu entwickeln. Sie geht einerseits über die Teildisziplin hinaus, da sie sich nicht auf Erwerbsarbeit reduziert, sondern den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion systematisch bestimmt. Andererseits greift sie die Vermittlung von Struktur und Subjekt auf, indem sie Prozesse der Vergesellschaftung in die Analyse einbezieht und die Folgen von Arbeitsteilung auch
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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unterhalb der Makroebene macht- und herrschaftstheoretisch reflektiert. Obwohl die Frauenarbeitsforschung somit bereits Anfang der 1980er Jahre den gesellschaftstheoretischen Anspruch der Arbeits- und Industriesoziologie einlöst, strahlt dies kaum auf das Selbstverständnis im Kernbereich der Teildisziplin aus.62 Schließlich deuten sich in der Forschung zu individuellen Anpassungsleistungen an veränderte Erwerbsbedingungen auch Gegentendenzen an: In der empirischen Forschung (HdA-Programm, Qualifikationsforschung) erweisen sich zum einen Anpassungen als Resultat eines Zwangs der Verhältnisse, zum anderen finden sich Indizien für Widersetzungen seitens der Betroffenen: Sie entziehen sich entweder den Erwartungen der Erwerbssphäre oder widersetzen sich unmittelbar im Arbeitskontext den (neuen) Zumutungen. Diese Grenzziehungen, die sich sowohl individuell als auch gesellschaftlich als funktional erweisen, bleiben in der Rezeption durch die Arbeits- und Industriesoziologie ausgespart. Auch in der empirischen Forschung findet diese Perspektiverweiterung kaum Nachklang: Familie und Außerbetriebliches werden überwiegend daraufhin untersucht, inwiefern sie von Bedingungen der Erwerbswelt betroffen sind. Vernachlässigt bleibt hingegen, ob und inwiefern das Außerbetriebliche – vermittelt über das Individuum – auch in die Erwerbssphäre zurückwirkt und aktive Grenzsetzungen gegenüber dem Zugriff auf Arbeitskraft stattfinden.
Die Einbeziehung des außerbetrieblichen Lebens erweist sich sowohl hinsichtlich des Akteursbezugs als auch in bezug auf das Verhältnis der Lebens- und Arbeitsbereiche als tragfähig. Mit ihr gelingt nicht nur eine Anknüpfung an Diskurse außerhalb der Arbeits- und Industriesoziologie, sondern auch eine Verankerung im allgemeinen soziologischen Diskurs. Der Rekurs auf die Forschungsentwicklung seit der Nachkriegszeit verweist auf eine deutliche Diskrepanz zwischen Überblicksartikeln und empirischer Forschung. Während sich in den allgemeinen Texten zu Aufgabendefinition und Selbstverständnis über Jahrzehnte hinweg ein einseitiger Arbeitsbegriff und eine Ausblendung anderer Lebenssphären manifestieren, hat die empirische Forschung stetig Grenzüberschreitungen vorgenommen. Außerbetriebliches Leben wurde, zumindest hinsichtlich seiner unmittelbaren Relevanz für den betrieblichen Arbeitsprozess, in einer Reihe von Studien berücksichtigt. Damit liegen also auch innerhalb der Arbeits- und Industriesoziologie Anknüpfungspunkte vor, um die aktuelle Entwicklung von Arbeit im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen zu beleuchten. Die zitierten Überblicksartikel sind vor diesem Hintergrund als problematisch einzuschätzen: Sie reduzieren die bisherige Leistung der Teildisziplin nicht nur einseitig auf die Erforschung von Erwerbsarbeit, sondern geben auch zukünftigen Forschergenerationen einen (zu) engen Rahmen für die Analyse von Arbeit vor. Als Diagnosestärke eines Teils der Arbeits- und Industriesoziologie erweist sich, über die Analyse von Arbeit Verbindungslinien zwischen gesellschaftlichen Teilbereichen nachzuspüren. Maßgeblich der Frauenarbeitsforschung gelingt es, sowohl Hierarchisierungen zwischen Lebensbereichen als auch damit verbundene Polarisierungen zwischen sozialen Gruppen und individuellen Ungleichheitslagen zu erkennen und zu erklären. Als Diagnoseschwäche stellt sich daher für die Hauptströmungen der Teildisziplin heraus, dass sie weder 62
Die Frauenarbeitsforschung beschäftigte sich zwar ihrerseits nicht mit dem Wandel von Ökonomie an sich und konzentrierte sich auf den bis dato „blinden Fleck“ der Reproduktionsarbeit, doch wurden die Ansätze trotz ihrer konsequent gesellschaftstheoretischen Ausrichtung in der Industriesoziologie nur sporadisch rezipiert.
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konzeptionell einen erweiterten Arbeitsbegriff zugrundelegen noch forschungspraktisch auf unterschiedliche Arbeitsanforderungen eingehen. Das faktische Primat der Erwerbsarbeit spiegelt sich insofern in einer Arbeits- und Industriesoziologie, die ihr Augenmerk auf die Sphäre der Produktion, auf betriebliche Arbeitsprozesse und allgemeine Produktionsmodelle richtet; sämtliche nicht-erwerbsvermittelte Arbeiten werden in der Analyse vernachlässigt und vielfach auch nicht als Gegenstandsbereich definiert. Inwiefern sich diese Begrenzungen in den 1990er lockern, zeigt das folgende Kapitel.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren Die Arbeits- und Industriesoziologie sieht sich gegenwärtig mit der Aufgabe konfrontiert, den Wandel von Arbeit im Kontext weltwirtschaftlicher Dynamiken zu erklären. Prägten bis in die 1980er Jahre „Taylorismus“ und „Fordismus“ als Produktionsmodelle auch die deutsche Gesellschaft und galten der Arbeitsforschung als Kürzel ihrer Diagnosen zur Arbeitsorganisation, so zeichneten sich bereits in den frühen 1990er Jahren neue Rationalisierungsprinzipien ab und in der Folge auch neue soziologische Forschungsperspektiven. Konzepte zur „Entgrenzung von Arbeit“, zum „Arbeitskraftunternehmer“ oder zur „Subjektivierung von Arbeit“ sind Resultat einer Fülle empirischer Untersuchungen und resümieren aktuelle Veränderungen von Arbeitsorganisation auf der Ebene von Gesellschaft, Betrieb und Person. Die Breite dieser Diskurse und der ihnen zugrundeliegenden Erhebungen können an dieser Stelle nicht vollständig rezipiert werden. Ein kursorischer Blick auf die Ansätze zeigt jedoch, dass ihnen – im Unterschied zu anderen Forschungsrichtungen der letzten fünfzehn Jahre – eine Perspektiverweiterung auf ein Thema gemeinsam ist, das in der Teildisziplin bislang nie ein vergleichbares Maß an Aufmerksamkeit erreichte: das Verhältnis von Arbeit und Leben. Indem die Subjekte als Akteure betrieblicher Rationalisierungsprozesse identifiziert werden, rücken nicht nur individuelle Fähigkeiten und Ressourcen, sondern zusehends auch der außerbetriebliche Lebenszusammenhang ins Zentrum des Interesses. Dieser erweist sich als der Ort, von dem neue Potenziale ‚abgezogen’ und für den Produktionsprozess verfügbar gemacht werden sollen.63 Im Folgenden soll exemplarisch anhand zweier aktueller Erklärungsansätze zum Wandel von Arbeit gezeigt werden, inwiefern sich das Verhältnis der Lebensbereiche als ein zentrales Thema aktueller arbeits- und industriesoziologischer Forschung etabliert: Während das Konzept der „Entgrenzung“ Thesen über den strukturellen Zusammenhang der Sphären enthält (2.2.1), fokussiert das Konzept der „Subjektivierung“ (2.2.2) auf Voraus63
Der Begriff „Potenziale“ wird in der gegenwärtigen arbeitssoziologischen Debatte häufig als Synonym für „Fähigkeiten“ gebraucht. Im Unterschied zu „Fähigkeiten“ ist der Begriff „Potenzial“ jedoch weitreichender und weist auf das grundsätzlich erreichbare Leistungsvermögen einer Person hin. Die Analyse der für die Erwerbssphäre relevanten Potenziale ist nicht nur methodisch weit schwieriger als die Untersuchung genetischer Anlagen, sondern auch ähnlich problematisch hinsichtlich ihres Anspruchs, auf der Basis einer statistischen Berechnung Prognosen eines hypothetischen Eintretens zu verlautbaren. Während Fähigkeiten erweitert und verbessert werden können, wären Potenzial-Analysen unweigerlich deterministisch: Sie würden Veränderungen von Person und Umwelt kaum Rechnung tragen, sondern aus der aktuellen Situation heraus auf die Einsatzfähigkeit im gesamten Erwerbsverlauf schließen. Ich verwende den Begriff „Potenziale“ daher im Folgenden ausschließlich im Sinne eines wandelbaren Vermögens der Person.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren
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setzungen und Folgen auf der Ebene der Subjekte.64 Da Beiträge dieser Forschungskontexte aufgrund ihrer Schnittstellen zu anderen Teildisziplinen in Kapitel 3. kontextbezogen diskutiert werden, erfolgt hier eine eher kursorische Bestandsaufnahme. Es gilt zu prüfen, warum und in welcher Hinsicht die Arbeits- und Industriesoziologie den Bereich der NichtErwerbsarbeit in ihre Analysen einbezieht und inwiefern sie dabei tatsächlich Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen berücksichtigt.
2.2.1 „Entgrenzung von Arbeit (und Leben)“: Konstruktion von Trennung, um „Entgrenzung“ festzustellen? Wie auch in der politischen Globalisierungsdebatte hat die Betrachtung bislang bekannter Grenzziehungen und deren möglicher Erosion auch in der Arbeits- und Industriesoziologie an Stellenwert gewonnen. Während im Zuge neuer Muster internationaler Arbeitsteilung und einer Internationalisierung der Finanzmärkte länderübergreifende Unternehmensverflechtungen stattfinden, verschieben sich auch auf der Ebene einzelner Betriebe bisherige Grenzen in der Arbeitsorganisation. Die Rede ist von einer „Entgrenzung von Arbeit“ (Sauer/Döhl 1994, 1997).65 Mit dieser Formel fokussieren die Autoren auf neue Formen betrieblicher Rationalisierung, in denen nicht nur die Produktionskette, sondern der gesamte Wertschöpfungszusammenhang von Unternehmen zur Disposition steht. Sie identifizieren ein neuartiges Ineinandergreifen von Produktionsformen, Unternehmensvernetzungen und Verfahren des Personaleinsatzes und diagnostizieren als charakteristisches Merkmal „entgrenzter Arbeit“ eine stringentere Anpassung des Personaleinsatzes sowohl an Produktionsund Dienstleistungsabläufe, als auch an Marktschwankungen. Folge sind Prozesse der Dezentralisierung und Vermarktlichung (Sauer/Döhl 1997), die ihren Niederschlag finden in einer flexibleren und dezentralen Unternehmensorganisation, der Etablierung betriebsinterner Märkte, der Ausweitung flexibler Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitszeiten sowie in neuen Arbeitskonzepten. „Entgrenzung“ beschreibt dabei nicht eine bereits verfestigte Struktur, sondern eine Prozessdynamik, aus der sich jedoch neue Strukturmerkmale destillieren lassen können. Entgrenzungsdynamiken ergeben sich demnach 1. auf der Ebene der Unternehmensorganisation, 2. in der Organisation des Einsatzes von Arbeitskraft sowie 3. im Hinblick auf die Verfahren der Leistungssicherung (Kratzer/Sauer 2003b).66 Mit diesem Blick auch auf die Veränderungen in den unmittelbaren Arbeitserfahrungen von Beschäftigten problematisieren Sauer/Döhl (1997: 41ff.) eine Zunahme von Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Diese gehe mit veränderten Erfolgsprinzipien ein64
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Natürlich zeichnet die Forschung der Arbeits- und Industriesoziologie seit den 1990er Jahren eine deutlich größere Spannbreite aus und geht keineswegs in diesen Konzepten auf. Die Ansätze sind für die vorliegende Untersuchung jedoch von besonderem Interesse, da sie das Verhältnis von Arbeit und Leben explizit als Forschungsgegenstand definieren und in den Kern der Teildisziplin rücken. Der auf den ersten Blick ‚neue’ Begriff „Entgrenzung“ greift ein Thema auf, das die Soziologie seit ihren Anfängen begleitet und unter den Überschriften „Arbeitsteilung“ und „Differenzierung“ bereits von den Klassikern behandelt wurde (Marx, Durkheim, Simmel). In den 1990er Jahren haben verschiedene AutorInnen diesen Begriff genutzt, um eine wachsende Vielfalt von Arbeitsformen zu betonen (s. z.B. auch Voß 1998; Gottschall 1999). Zum Konzept der „Entgrenzung von Arbeit“ liegen aus dem ISF München inzwischen zahlreiche Publikationen vor (s. exemplarisch Sauer/Döhl 1994, 1997; Kratzer/Döhl/Sauer 1998; Kratzer 2003; Kratzer/Sauer 2003b). Kratzer/Sauer schränken ein, dass ihr Konzept nicht als „Positivbestimmung“ des Neuen zu verstehen ist, sondern als heuristisches Instrument, um die Richtung des Wandels von Arbeit zu bestimmen.
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her: Galt zuvor das Prinzip „Lohn gegen Leistung“, sei dies nun reduziert auf „Lohn gegen Erfolg“. Nicht arbeitsbezogene Motivation, sondern Versagensangst und Erfolgsdruck seien daher wesentliche Impulse der Leistungserbringung. Seit Mitte der 1990er Jahre gelangen Untersuchungen vergleichsweise einhellig zu der Einschätzung, dass Unternehmen menschliche Arbeit als „primäre Unternehmensressource“ (Picot/Reichwald/Wigand 1998) entdecken und neue Rationalisierungsprinzipien entwickeln. Die Subjekte – vormals Objekte betrieblicher Strategien der Effizienz- und Produktivitätssteigerung – seien zusehends selbst Akteure von Rationalisierung. Tayloristische Arbeitsorganisation ist damit keineswegs aus dem betrieblichen Arbeitsalltag verschwunden (s. auch Springer 1999; Schumann 2002; Schumann u.a. 2005), hat jedoch ihren Modellcharakter eingebüßt.67 Konzepte zur „Internalisierung des Marktes“ (Moldaschl 1998) oder zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Pongratz/Voß 1998) sind Ausdruck einer Arbeitsforschung, die diesen veränderten Zugriff auf die Subjektivität von Beschäftigten und ihren gesamten Lebenszusammenhang als neue Form der Nutzung von Arbeitskraft identifiziert: Die auf den „ganzen Menschen“ zielenden Arbeits- und Personalkonzepte greifen – so die weithin geteilte Einschätzung – auf solche Potenziale und Ressourcen der Personen zu, die bislang nicht explizit genutzt wurden.68 Die Funktionsweise dieses neuen Rationalisierungstyps und seine Folgen für die individuelle Bewältigung von betrieblichen Anforderungen greifen mikrosoziologische Analysen zur „Subjektivierung von Arbeit“ auf (s. 2.2.2). Seine strukturdynamische Wirkung findet dagegen Aufmerksamkeit im Konzept der „Entgrenzung von Arbeit“. Galt die sich im Zuge der Industrialisierung vollziehende Trennung von Arbeit und Leben als Strukturmerkmal von Taylorismus und Fordismus, so greife nun die „Entgrenzungslogik“ auch auf das Verhältnis der Lebensbereiche über und führe auch zu einer „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ (Voß 1994, 1998). Unternehmen erkennen demnach die private Lebenswelt von Beschäftigten zunehmend als eine Sphäre, in der einerseits für die Erwerbsarbeit relevante Kompetenzen entwickelt werden, aus der aber andererseits auch produktiv verwertbare Ressourcen – in neuer Qualität und Quantität – mobilisiert und in die Erwerbswelt eingespeist werden sollen. Um zu ergründen, welche ‚neuen’ Fähigkeiten und Potenziale die Arbeitskonzepte anvisieren und wo bzw. wie diese erworben werden, erweist sich für die Arbeits- und Industriesoziologie der 1990er Jahre eine Perspektiverweiterung auf das Außerbetriebliche als zunehmend obligatorisch. Zwar sind andere Lebensbereiche – wie der Rückblick zeigt (2.1.1) – wiederholt Gegenstand empirischer Erhebungen gewesen, doch fand in der Teildisziplin selten eine so intensive Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der Lebensbereiche statt, wie sie sich in den letzten Jahren im Kontext des EntgrenzungsDiskurses beobachten lässt. Im Folgenden sollen daher exemplarisch Stellungnahmen vor-
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Die Arbeits- und Industriesoziologie steht daher vor der Aufgabe, die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuen auf die ihr zugrunde liegenden Prinzipien hin zu prüfen. Sauer (1993) betont den „systematischen Zusammenhang“ dieses Nebeneinanders – für ihn „erhält die Heterogenität von Produktionsformen strukturellen Charakter“ (1993: 20; s. auch Schumann u.a. 1994; Wolf 1997; Funder 1999). Zu Erwerbsbereichen, in denen kaum „Entgrenzung“ festzustellen ist, vgl. u.a. Voß 1998: 475f.. Die Industriesoziologie definiert „Entgrenzung“ zwar als Kennzeichen eines neuen Rationalisierungstyps, legt sich aber bislang nicht auf strukturelle Modi oder eine Modellbeschreibung fest. Diese Perspektive setzt sich bereits in den 1980er Jahren im Zuge der kontroversen Debatten zur Individualisierungsthese bzw. der These einer individualisierten Handlungsstruktur durch. Die Positionen ranken sich hier um die Reichweite, in der Individuen Gestaltungsspielräume für Lebensgestaltung und Lebenslauf erhalten (s. zur Nutzung von Arbeitskraft Kohli 1988: 48).
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gestellt werden, die explizit die Leitsemantik der „Entgrenzung“ als neues Strukturmerkmal auch des Verhältnisses von Arbeit und Leben deklarieren.69 Eine ausgewiesen „subjektorientierte Interpretation des Wandels von Arbeit“ legt Voß (1998) vor, der Entgrenzungsprozesse im Erwerbsleben mit der These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ verbindet. Ausgangspunkt der Argumentation ist die Annahme, dass sich die Auslagerung privater Belange aus der Erwerbssphäre im Fordismus als zentrales Instrument der Effizienzsteigerung etablierte. Folge sei die Trennung von Arbeit und Leben, die nun im Rahmen neuer Arbeitskonzepte zusehends wieder aufgehoben werde: Eine Vermischung der Sphären sei nicht nur geduldet, sondern werde explizit eingefordert. Sie entspringe einerseits den Bedürfnissen der Beschäftigten selbst, andererseits jedoch den Flexibilitätsvorstellungen der Unternehmen nach einem marktorientierten Personaleinsatz. Den Beschäftigten werde nicht nur am Arbeitsplatz ein erhöhtes Maß an Selbstorganisation und Selbstverantwortung abverlangt, sondern auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und privaten Bedürfnissen, die nun ebenfalls einer unmittelbaren Effizienzsteigerung unterworfen werde. Voß sieht hier „Entgrenzungen“ in verschiedenen „Sozialdimensionen“ (Zeit, Raum, Technik, Sozialorganisation und Sinn) und leitet daraus die individualisierungstheoretische Schlussfolgerung ab, dass der Bedarf einer „reflexiven Handlungsstrukturierung“ (Voß 1998: 479) steigt.70 Stehen weder für Erwerbsarbeit noch für die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben kollektive Orientierungsmuster und institutionelle Rahmungen zur Verfügung, müssen Beschäftigte „in neuer Qualität eigene Strukturen schaffen und individuelle Neubegrenzungen vornehmen“ (479) und sowohl Arbeit als auch Leben „aktiv re-strukturieren“ (476).71 Voß greift hier auf seine These der „Lebensführung als Arbeit“ (1991) zurück und liefert eine Perspektiverweiterung. Er legt in seiner Analyse des Wandels in der Nutzung von Arbeitskraft einen weiten Arbeitsbegriff zugrunde, der nicht nur außerbetriebliche Anforderungen im Sinne sozialstatistischer Personenmerkmale einbezieht, sondern auch für die Voraussetzungen des Einsatzes von Arbeitskraft sensibilisiert.72 Diese Überlegungen gehen auch in das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ ein (Voß/Pongratz 1998). Demnach werde die Transformation latenten Arbeitsvermögens in konkrete Arbeitsleistung in neuer Qualität den Subjekten zugewiesen (s. implizit bereits Deutschmann 1987; Berger 1995).73 Betriebliche Strategien der Nutzung von Arbeitskraft 69
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Forschungsergebnisse, die sich weniger programmatisch auf dieses Konzept festlegen (z.B. aus der Führungskräfte- oder Arbeitszeitforschung), werden ausführlicher in Kapitel 3. vorgestellt und auf ihre Perspektiverweiterungen hin geprüft. Ähnlich differenziert bereits Schimank (1983: 101ff.) in seiner Studie zu „neoromantischem Protest im Spätkapitalismus“ solche Dimensionen im Bezug der Subjekte auf den Arbeitsprozess. Voß verweist hier auf die empirischen Ergebnisse zur „alltäglichen Lebensführung“ (Projektgruppe 1995). Die ForscherInnen untersuchen Formen von Lebensführung innerhalb von Beschäftigtengruppen, die in vielfacher Hinsicht von Flexibilisierung und Deregulierung betroffen sind. In der Auswertung qualitativer Interviews unterscheiden sie als Idealtypen eine „traditionale“, eine „strategische“ sowie eine „situative“ Lebensführung (Projektgruppe 1995; s. 3.). Das Konzept ist leider weniger im Kernbereich der Industriesoziologie als in der Erforschung von Schnittstellen von Arbeit und Leben rezipiert worden (s. 3.). Die Konzeption von Beschäftigten als „Unternehmer ihrer selbst“ findet sich auch bei Bridges (1996) und wird in der Ratgeberliteratur als Lebenseinstellung angepriesen, die Erfolg im Beruf garantiere (Wabner 1997; s. auch Huber 1996). Einen Bezug zum außerberuflichen Leben oder gar der Entwicklung von Arbeitskraft im Kontext von Produktionsmodellen stellen diese Beiträge jedoch nicht her. KritikerInnen des Ansatzes von Voß/Pongratz stoßen sich weniger an diesen Thesen zu neuen Anforderungen an abhängig Beschäftigte, sondern bemängeln einen (zu) verallgemeinernden Charakter der These, ihr zugrunde liegende Linearitätsannahmen sowie die Konzeption von Arbeitskraft als Ware. Zur Debatte der These vgl. u.a.
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reduzieren sich somit nicht nur auf eine erhöhte „Selbst-Kontrolle“ von Arbeitsprozessen und den Zwang, die eigene Arbeitskraft – im Sinne einer „Selbst-Ökonomisierung“ – betriebsintern und -extern gezielt zu vermarkten und weiterzuentwickeln.74 Darüber hinaus werde eine „effizienzorientierte ‚Organisierung’ aller Aktivitäten“ erforderlich. Voß/Pongratz bezeichnen diese Anforderung als „Verbetrieblichung“ (1998) der gesamten Lebensführung bzw. „Selbst-Rationalisierung“ (2003).75 Für die Frage, inwiefern die Entgrenzungs-Debatte Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen thematisiert, ist diese dritte These von besonderem Stellenwert. Voß/Pongratz (1998) gehen hier davon aus, dass sich durch die Veränderungen in der Arbeitswelt eine „gezielt alle individuellen Ressourcen nutzende systematische Organisation des gesamten Lebenszusammenhangs“ (1998: 143) ergebe. Die Unternehmen greifen – so ihre These – nicht nur auf direkte berufsbezogene Qualifikationen zurück, sondern auch auf Potenziale und Ressourcen wie den häuslichen Wohnraum, private Netzwerke, Unterstützungsleistungen der Partner und allgemeine Besitzstände. Indem die Subjekte gefordert sind, alle verfügbaren Ressourcen auf eine optimale Nutzung von Arbeitskraft hin einzusetzen, entwickle sich der Alltag als „Betrieb des Arbeitskraftunternehmers“, den es individuell aufrechtzuerhalten gelte. Die Logik von Effizienzsteigerung und Ökonomisierung breite sich in wachsendem Maße auch in der privaten Lebenssphäre aus. In der empirischen Analyse operationalisieren die Autoren die Thesen der „SelbstKontrolle“, „Selbst-Ökonomisierung“ und „Selbst-Rationalisierung“ durch die Untersuchung von „Leistungsorientierungen“, „berufsbiographischen Orientierungen“ und „Elastizitätsmustern“ (Pongratz/Voß 2003). Sie sehen die These der erweiterten „Selbst-Kontrolle“ als bestätigt an; die These der „Selbst-Rationalisierung“ sei dagegen schwächer ausgeprägt; die These der „Selbst-Ökonomisierung“ finden die Autoren nur als Randerscheinung in ihrer Kontrollgruppe von Selbstständigen bestätigt. Die Autoren stellen stattdessen eine starke Ausrichtung der Beschäftigten am Betrieb, an den dort gültigen Rahmenbedingungen und am institutionalisierten Beschäftigungsverhältnis fest. Während in der Dimension von „Selbst-Kontrolle“ bzw. „Leistungsorientierung“ also auch abhängig Beschäftigte als „Arbeitskraftunternehmer“ interpretiert werden könnten, seien in anderen Dimensionen die Merkmale des „verberuflichten Arbeitnehmers” (noch) dominant.76 Für die Untersuchung von Wechselwirkungen von Arbeit und Leben sind die typisierten „Elastizitätsmuster“ aufschlussreich. Pongratz/Voß (2003) identifizieren in Bezug auf die Alltagsorganisation „starr segmentierte“, „gleitend segmentierte“ und „integrierte“ For-
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Bosch 2000; Deutschmann 2001; Kuda/Strauß 2002; Schumann 2003; inzwischen liegt eine Replik und empirische Prüfung durch die Autoren vor (Pongratz/Voß 2003, 2004a, b). Voß/Pongratz (1998) greifen hier auf den Betriebsstrategieansatz von Altmann/Bechtle (1971) zurück und deklinieren dessen Dimensionen in der Perspektive auf die Alltagsorganisation von Beschäftigten durch. Die Verwendung des Rationalisierungs-Begriffs ist in dieser Hinsicht missverständlich, da in der Arbeitsforschung „Rationalisierung“ in erster Linie auf den betrieblichen Einsatz von Arbeitskraft bezogen wird, diese Aspekte bei Voß/Pongratz hingegen in der Dimension der „Selbst-Kontrolle“ aufgehen. Mit der Dimension der „Selbst-Rationalisierung“ rekurrieren die Autoren implizit auf die „rationale Lebensführung“, die für Weber (1988) – neben protestantischer Ethik und „innerweltlicher Askese“ – als Voraussetzung des modernen Kapitalismus gilt. Die Ausgangsthese zur Übereinstimmung von Arbeitskrafttypen und Produktionsmodellen wird daher relativiert und stärker prozessual interpretiert: Im Unterschied zur ersten Formulierung der These betonen Pongratz/Voß (2003) eine “Entkopplung” und konstatieren ein “dialektisches Auseinanderhervorgehen” der Arbeitskrafttypen. Faust (2005) sieht hierin eine analytische Notlösung, indem eine „festgestellte Inkongruenz“ umgedeutet werde in ein „Noch-Nicht“.
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men. Während sich in den beiden ersten Typen noch eine mehr oder weniger deutliche Trennung der Sphären zeige, kennzeichne den Typus „Integration“ ein kontinuierliches Balancieren zwischen Arbeit und Leben, die als je eigenständige Bereiche erkennbar blieben. Eine „Entgrenzung“ lasse sich nur in der Kontrastgruppe der beruflich Selbständigen finden, in der eine Trennung der Lebensbereiche nicht angestrebt werde (s. auch Egbringhoff 2004). Auffällig ist eine Häufung des Typus der „starren Segmentation“ in der Gruppe der ArbeiterInnen. Neben traditionellen Orientierungen sehen Pongratz/Voß (2003) die Ursache hierfür in dem Motiv, einen „Schutz privater Freiräume gegenüber fremdbestimmten Arbeitsanforderungen“ zu erreichen. Hier stellt sich die Frage, warum nicht auch andere Beschäftigtengruppen dieses Motiv verfolgen. Es kann vermutet werden, dass nicht die Interessen an einer Begrenzung des betrieblichen Zugriffs berufsgruppenspezifisch ausgeprägt sind, sondern die faktischen Möglichkeiten, sich diesem zu widersetzen: Während im Produktionsbereich die Arbeitsbedingungen nicht nur stark reguliert sind, sondern auch der Arbeitseinsatz an die Produktionsmittel vor Ort gebunden ist, haben andere Beschäftigtengruppen diesen (strukturellen) Schutzraum nicht. Abhängig von der Art der Tätigkeit und den Einsatzmöglichkeiten von Kommunikations- und Informationstechnologien lässt sich – wie Pongratz/Voß (2003) ja selbst für höher Qualifizierte feststellen – der Arbeitseinsatz im Privaten fortsetzen. Hier hängt es also vom Subjekt selbst ab, eine Grenzüberschreitung zu verhindern, soweit sie den individuellen Bedürfnissen widerspricht. Solche möglichen Interessenkollisionen sind inzwischen in der Arbeitsforschung breit untersucht worden (s. exemplarisch Glißmann/Peters 2001). Mehr „Selbst-Kontrolle“ knüpft an die Forderungen an, die auch die Arbeitsforschung im Kontext der Humanisierungsdebatte in den 1970er Jahren formulierte (2.1.2.). Dass damit auch neue Belastungen einhergehen, zeigt die Forschung zur „Subjektivierung von Arbeit“ (s.u.). Für die Anforderungen aus den Lebensbereichen verheißen die Arbeitskonzepte zunächst die Option, Arbeit und Freizeit flexibler zu verteilen; aufgrund der Hierarchie von Erwerbsarbeit und Privatleben, die Arbeitsgesellschaften seit der Industrialisierung kennzeichnet, bringen sie als Nebenfolge jedoch stets Tendenzen einer zunehmenden Ökonomisierung der Lebensbereiche mit sich. Diese Differenzierung in ‚Entgrenzung als Wunsch’ bzw. ‚Entgrenzung als Zwang’ greift Kratzer (2003) im Rahmen des am ISF München entwickelten Entgrenzungskonzepts auf. Kratzer, der die These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ empirisch prüft, resümiert ebenfalls Flexibilisierung und Subjektivierung als neue Rationalisierungsmodi, durch die sich die bisherige Trennung von Arbeit und Privatsphäre jedoch zusehends aufhebe. Kratzer bezieht – wie auch Voß (1998) – gesellschaftliche Entwicklungen außerhalb der Erwerbssphäre ein, indem er auf Wertewandel, gestiegene Frauenerwerbsquote und eine Pluralisierung von Lebensformen rekurriert.77 Diese Entwicklungen sieht er als Ursache dafür, dass es zu Übereinstimmungen und einer Harmonisierung von Anforderungen der Betriebe nach entgrenzter Arbeit und individuellen Bedürfnissen kommen könne. Seine Annahme ist jedoch weitreichender: Diese Entwicklungen in den privaten Lebenszusammenhängen seien nicht nur Begleiterscheinung, sondern auch Voraussetzung der neuen Rationalisierungsprinzipien (2003: 42). Kratzer geht damit von tatsächlichen Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen aus, indem er Rückwirkungen aus der Privatsphäre 77
Auch in der Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung Deutschlands setzt sich inzwischen durch, „Arbeit und Lebensweise“ stärker als je eigenlogische und in Wechselwirkung stehende Bereiche zu verstehen (Bartelheimer/Wittemann 2003).
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ins Erwerbsleben hinein berücksichtigt. Inwiefern ökonomische Verhältnisse erst Auslöser von Bedürfnissen sind, bleibt in der Analyse leider vernachlässigt. Hier wären die Ergebnisse der Bewusstseinsforschung weiterführend. Sie zeigen, dass sich Orientierungen als Resultat von Erfahrungen in der Erwerbssphäre herausstellen können und Bedürfnisse nicht losgelöst vom individuell Möglichen zu interpretieren sind (Knapp 1981; s. 2.1.2).78 Zudem zeigt sich bei Kratzer (2003: 208ff.) – wie auch bei Bosch (2000) oder Pongratz/Voß (2003) –, dass Arbeitsanforderungen aus dem privaten Lebensbereich zwar in die Erhebungen einbezogen werden, jedoch maßgeblich im Hinblick auf mögliche Beschränkungen des Arbeitskrafteinsatzes. Als eigenständiger und eigenlogischer Arbeitsbereich wird private Reproduktionsarbeit nicht aufgegriffen, sofern sie sich der Interpretationsfolie ‚Entgrenzung-Begrenzung’ entzieht. Dies zeigt sich in der Auswertung, wenn Kratzer (2003: 210) drei Formen des „subjektiven Umgangs mit dem Verhältnis von Arbeit und Leben“ unterscheidet: 1. eine lebensweltliche Begrenzung, 2. eine zeitliche Begrenzung, 3. eine subjektiv gestaltete Entgrenzung.79 Während die ersten zwei Typen eher Hinweise auf strukturelle Rahmenbedingungen von Alltagsorganisation geben, benennt lediglich der dritte Typus eine Strategie der Bewältigung veränderter Arbeitsanforderungen und beschreibt individuelle Anpassungsleistungen. Sie bestehen entweder in einer Intensivierung von Arbeitsleistung, um Zeit für Privates freizuhalten, oder einer Extensivierung von Arbeit, um auch privaten Belangen, vor allem aber individuellen Ansprüchen an das Arbeitsergebnis gerecht zu werden. Für Kratzer ist es – wie auch Ergebnisse anderer Forschungskontexte nahe legen (s. die Beiträge in Seifert 2005) – maßgeblich der gestiegene Leistungs- und Konkurrenzdruck, der zu diesen Präferenzen führt. Diese artikulierten Interessen sind jedoch – und dies droht tendenziell aus dem Blick zu geraten – Ausdruck einer bereits erfolgten Anpassung an gegebene Verhältnisse. Aufschluss über Wünsche und Orientierungen der Beschäftigten geben sie nicht. Hier zeigt sich eine offenkundige Lücke in der Entgrenzungs-Forschung: Die Eigenlogik des privaten Lebensbereichs bleibt vernachlässigt. Am Außerbetrieblichen interessiert daher vor allem das, was sich als mögliches Hindernis von „entgrenztem Arbeitseinsatz“ erweisen könnte wie z.B. die Verantwortung für private Reproduktionsarbeit oder die Bindung an einen bestimmten Wohnort. Begrenzungen im Sinne subjektiver Bedürfnisse und in der Folge aktiver Widersetzungen gegenüber einem erweiterten Zugriff des Betriebes werden hingegen in der Forschung zu „entgrenzter Arbeit“ kaum thematisiert. Welche Erfahrungen aus dem außerbetrieblichen Leben für die eine oder andere Anpassungsstrategie motivieren, bleibt in den Studien ebenso offen wie die Frage, ob und wie nun auch private Interessen in die Erwerbswelt eingebracht werden (Schönberger 2004). Ausgangspunkt der Analysen sind die Veränderungen in der Erwerbsarbeit. Die Beiträge beziehen zwar allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen als Rahmenbedingungen des Wandels von Arbeit ein. Die damit verbundenen Bedürfnisse und Anforderungen im außerbetrieblichen Arbeitsbereich bleiben jedoch konzeptionell vernachlässigt und werden – in den empirischen Studien – lediglich dann thematisiert, wenn sie unmittelbar das Erwerbsverhalten von Beschäftigten beeinflussen. Die Lücke, die die Be78
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In der Arbeitsmarktforschung liegen zahlreiche Hinweise dafür vor, dass Frauen Teilzeitarbeitplätze angeboten werden, obwohl diese gern Vollzeit arbeiten würden (Engelbrech 2002; Bauer u.a. 2002). Das Angebot stabilisiert insofern familiale Arbeitsteilungsmuster, in denen Frauen das Gros der Familienarbeit übernehmen; junge Frauen antizipieren über das Angebot gesellschaftliche Rollenerwartungen und richten ihre Lebensplanung auf beide Arbeits- und Lebensbereiche aus. Wie auch bei Pongratz/Voß (2003) sind die Ausprägungen bei Kratzer zwischen den Typen „Segmentation“ und „Integration“ angesiedelt (s. auch Kleemann 2003).
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wusstseinsforschung seit den späten 1970er Jahren hinterlassen hat, führt hier offenkundig zu Erklärungsschwierigkeiten. Die Leistung der Ansätze zur „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ besteht maßgeblich darin, dass sie – da die Autoren im Kern industriesoziologische Forschung betreiben – für ein Thema Aufmerksamkeit erzielen, das in der Teildisziplin häufig randständig behandelt wird. Durch die Debatte über eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ wird das Verhältnis der Lebensbereiche über den bekannten Vereinbarkeitsdiskurs hinausgehend thematisiert. Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen rücken nicht nur als Problem erwerbstätiger Mütter und als Frage geschlechtlicher Arbeitsteilung in den Blick, sondern werden als Element gesellschaftlicher Arbeitsorganisation insgesamt berücksichtigt. Voß (1998) gelingt es, seine These der „Lebensführung als Arbeit“ zu aktualisieren und aufzuzeigen, wie voraussetzungsvoll der Einsatz von Arbeitskraft ist. Er schließt damit implizit an Forschungsarbeiten der Arbeitssoziologie an, die – wie Kapitel 2.1.2 zeigen konnte – einen erweiterten Reproduktionsbegriff zugrundelegen und die Notwendigkeit der „Reproduktion als Arbeitskraft“ betonen (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976; Brock/Vetter 1982a). Voß setzt in diesem Zusammenhang seine konsequent subjektorientierte Perspektive fort. Er überträgt die Dimensionen der Steuerung von Arbeit auf die Lebensführung von Personen im Kontext veränderter Rationalisierungsprinzipien und problematisiert „aktive Begrenzungen“ als neue Anforderung an Beschäftigte (s. auch Kratzer 2003; Kratzer/Sauer 2003b). Als Vorteil der Entgrenzungs-These erweisen sich dabei die systematische Einbeziehung unterschiedlicher Untersuchungsebenen und die Analyse der Wechselbeziehungen zwischen ihnen. Die Autoren analysieren Veränderungen auf betrieblicher und individueller Ebene und dies aus sowohl objektiver als auch subjektiver Perspektive (Kratzer/Sauer 2003b). Die Perspektiverweiterung des Entgrenzungsdiskurses besteht daher maßgeblich darin, die unmittelbaren Folgen für die Arbeitsbedingungen abhängig Beschäftigter zu reflektieren, und die veränderten Anforderungen als Element einer neuen Strategie der Rationalisierung von Arbeitskraftnutzung zu erkennen. Es gelingt daher, die Wirkungszusammenhänge unterschiedlicher Ebenen von Arbeitsorganisation fundierter zu bestimmen, als es bisherige Debatten zum Fordismus bzw. Postfordismus vermochten. Während diese veränderten Anforderungen an die Beschäftigten inzwischen empirisch für unterschiedliche Beschäftigtengruppen belegt sind (Eberling u.a. 2004), bleibt jedoch vergleichsweise unterbelichtet, welche Arbeitsfähigkeiten die Betriebe aus dem Privaten einfordern, die bislang noch nicht angezapft wurden. Hier stellt sich die Frage, inwiefern „Selbst-Rationalisierung“ nicht eine Voraussetzung ist, ohne die sich unter den gegebenen Produktionsverhältnissen Arbeitskraft generell nicht verausgaben lässt. Die Ausschöpfung anderer Ressourcen wie z.B. sozialer Netzwerke oder materiellen Kapitals kann kaum als grundlegend neues Phänomen betrachtet werden: Beschäftigte haben schon immer auf Netzwerke zurückgegriffen, um Arbeitsplätze zu erhalten und auch materielle Ressourcen eingesetzt, wenn sie z.B. im Rahmen von Heimarbeit ihren Wohnraum als Arbeitsplatz nutzen oder eine schlechte Ausstattung von Arbeitsplätzen – soweit möglich – individuell kompensieren. Auch das Einbringen ‚zusätzlicher’ Kompetenzen in den Arbeitsprozess ist bereits ein bekanntes Phänomen: In der Arbeitsforschung liegen zahlreiche Studien vor, die zeigen, wie vielfältig die Fähigkeiten sind, die zwar nicht in Arbeitsplatzbeschreibungen festgehalten oder betrieblich vermittelt, von den Beschäftigten jedoch im Arbeitsalltag kontinuierlich eingebracht werden (s. exemplarisch Schmiede 1988; Deutschmann 2001, 2002). Um welche Kompetenzen es sich hierbei genau handelt sowie ob und unter welchen
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Bedingungen diese aktuell in den neuen Arbeitskonzepten mobilisiert werden, ist bislang noch weitgehend unerforscht. Da Voß/Pongratz (1998, Pongratz/Voß 2003) keine Längsschnittdaten auswerten, muss die These der „verstärkten Selbst-Rationalisierung“ daher zwar mit Vorsicht behandelt werden, sensibilisiert jedoch für die Ausrichtung zukünftiger Forschungsperspektiven: Die Nutzung von Potenzialen aus der Privatsphäre ist keine neue, aber eine möglicherweise von den Unternehmen indirekt eingebrachte Leistungserwartung, mit der sich abhängig Beschäftigte auseinandersetzen müssen. Die Thesen der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ und einer verstärkten „SelbstRationalisierung“ erweisen sich zudem aufgrund ihrer Konzeption als Struktur-These als problematisch. Zunächst stellt sich aus geschlechtersoziologischer Perspektive die Frage nach der Norm, auf deren Basis ein vermeintlicher Wandel konstatiert werden könnte. Wenn sich in der Forschung eine verstärkte „Selbst-Rationalisierung“ bestätigt (Pongratz/ Voß 2003) und auch private „soziale Beziehungen (.) zu ökonomisch werthaltigen Arbeitsbeziehungen verobjektiviert“ werden (Matuschek 2003: 350), dann sind dies Hinweise auf eine mögliche neue Dynamik der „Vermischung“ von Arbeit und Leben – um ein neues Phänomen handelt es sich jedoch auch hierbei nicht. Bereits Studien der Frauenarbeits- und der Familienforschung der 1970er und 1980er Jahre zeigen, dass Unterstützungsleistungen der Partner (vor allem der Partnerin) stets indirekt genutzt werden. Frauen übernehmen die Haus- und Familienarbeit, bügeln Hemden, packen Koffer, suchen Geschenke für KollegInnen und MitarbeiterInnen aus, organisieren Abendessen mit Kunden und Vorgesetzten und stellen sicher, dass der Partner trotz Mobilität und Flexibilität für das Unternehmen ein erfülltes Privatleben hat – zugegeben, eine idealtypische Beschreibung, doch nicht ohne empirische Evidenz: Alle vorliegenden Studien belegen, dass solche Aufgaben des “Rücken-Freihaltens” überwiegend von Frauen übernommen werden. In der soziologischen Forschung ist diese “zweite Rolle” als gesellschaftlich hoch funktionale Leistung aufgedeckt worden (z.B. Singly/Chaland 2002; Liebold 2001). „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ kann daher nur konstatiert werden, wenn man die „Trennung der Lebensbereiche“ als Kennzeichen einer vorherigen Form der Arbeitsorganisation konstruiert. Die Erkenntnisse aus der Frauenarbeitsforschung zeigen jedoch, dass mit solchen Reduktionismen die Verbindungslinien zwischen den Arbeitsbereichen ebenso vernachlässigt bleiben wie die mit ihr einhergehenden sozialen Hierarchisierungen. Für weibliche Lebenszusammenhänge war eine Vermischung der Lebensbereiche schon immer anzutreffen – nicht im Sinne einer tatsächlichen Durchmischung von Arbeiten, sondern in Form der gezielten Wiederherstellung von eigener und anderer Arbeitskraft im Privaten sowie der konsequenten Ausrichtung des privaten Arbeitsplatzes auf die Erwerbsanforderungen. Erwerbsarbeit und private Reproduktion sind insofern aufeinander verwiesene und funktional abhängige Lebensbereiche, die jedoch nach wie vor sowohl unterschiedliche Arbeitsformen wie auch die Geschlechter voneinander separieren. Diese Gleichzeitigkeit von Trennung und Verbindung ist kein neues Phänomen, sondern Kennzeichen funktional differenzierter und geschlechtshierarchisch organisierter Gesellschaften. Soll die These der „Selbst-Rationalisierung“ überzeugen, müsste sie folglich dahingehend interpretiert werden, dass diese optimale Reproduktion von Arbeitskraft, Ressourcennutzung und Kontaktpflege nun statt von der Partnerin vom Einzelnen selbst hergestellt oder ihre Kommerzialisierung individuell organisiert wird.80 Alle vorliegenden Untersu80
Den möglichen Einwand, die Delegation solcher Aufgaben an die Partnerin als “Selbst-Rationalisierung” zu beschreiben, werde ich hier bewusst nicht diskutieren. Er wäre nicht nur diskriminierend, sondern würde
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chungen zur Arbeitsteilung in Paarbeziehung legen hier eine skeptische Interpretation nahe, da auch in sozialen Milieus, die oft als vermeintliche Vorreiter auf dem Weg zur Chancengleichheit gelten, die Arbeitsteilung noch immer zu Lasten der Frauen organisiert ist und sich lediglich auf anderem Niveau reproduziert (z.B. Frerichs/Steinrücke 1997). Auch Gottschall/Betzelt (2003) bleiben auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse hinsichtlich der Entgrenzungs-These zurückhaltend. Sie untersuchen Kulturberufe, da diese „nicht in die traditionell dominanten, geschlechtsspezifisch geprägten bzw. Geschlecht konstituierenden Muster von ‚Arbeit und Leben’ passen“ (205). Die Autorinnen stellen fest, dass sich in den Kulturberufen vergleichsweise häufig dual career couples antreffen lassen, jedoch weitgehend die alte geschlechtliche Arbeitsteilung – mit nur neuem Antlitz – aufrechterhalten bleibt (s. auch Auer 2000; Behnke/Meuser 2003). Ihrer Einschätzung nach setzen familiale Arbeitsteilungsmuster auch Grenzen gegenüber Entgrenzungsbestrebungen von Betrieben, so dass sich die „berufliche Indienstnahme privater Lebenszusammenhänge“ auf bestimmte biografische Phasen beschränke (Bosch 2000). Eine geschlechtersoziologische Perspektive auf die These der „Selbst-Rationalisierung“ muss daher in Frage stellen, welche Norm dieser Annahme zugrunde liegt. „Entgrenzung“ erweist sich dann als lediglich für männliche Lebenszusammenhänge ‚neues’ Problem, auf das jedoch weitgehend im Rahmen bereits bestehender Arbeitsteilungsmuster reagiert werden wird: Die Einbettung der Lebensbereiche in ein gesellschaftliches Arbeitsteilungsmuster liefert nicht nur Vorgaben für soziales Handeln, sondern reproduziert auch soziale Hierarchisierungen. Ob sich durch die verstärkte Erwerbsintegration von Frauen an dieser ungleichen Bewältigung von „SelbstRationalisierung“ etwas ändert, muss angesichts der Persistenz traditioneller Arbeitsteilungsmuster bezweifelt werden.81 Die These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ erweist sich vor diesem Hintergrund als Strukturthese als zu weitreichend. Eine neue Dynamik erreicht die Alltagsorganisation abhängig Beschäftigter zweifelsohne, indem durch Prozesse der Flexibilisierung und Deregulierung bislang handlungsleitende Strukturen des Arbeitslebens erodieren und die Subjekte gezwungen sind, individuell zu „re-strukturieren“ (Voß 1998). Das Verhältnis der Lebensbereiche bleibt davon jedoch strukturell unberührt. Zwar bestehen – vermittelt über die Subjekte – Verbindungslinien zwischen den Sphären, doch bleiben deren Funktionslogiken davon weitgehend unangetastet. Belege hierfür finden sich in Untersuchungen zu solchen Arbeitsformen, in denen eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ auf den ersten Blick nahe zu liegen scheint: Kleemann (2003) resümiert in seiner Untersuchung zu Teleheimarbeit, dass diese Form „entgrenzter Arbeit“ nur sehr zurückhaltend genutzt wird und eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ bislang nicht festzustellen ist. Die Lebensbereiche blieben nach wie vor funktional ausdifferenziert und seien weder strukturell noch handlungslogisch entgrenzt. Entgrenzung zeige sich jedoch auf der Ebene individueller Hand-
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auch die These an sich ad absurdum führen und reale Arbeitsteilungsmuster und damit verbundene Hierarchisierungen eher verschleiern als aufdecken. Sofern also Pongratz/Voß mit der “gezielten Nutzung privater Ressourcen” auf solche Arbeitsteilungen rekurrieren wollen, wäre eine Überprüfung des Begriffs geboten und die These des Wandels der Nutzung von Arbeitskraft zu prüfen. Aufgekündigt wird diese Arbeitsteilung zur Zeit weniger durch die veränderten Formen der Nutzung von Arbeitskraft als durch die zunehmende Erwerbsorientierung und -tätigkeit vor allem junger Frauen, die nicht bereit sind, solche privaten Dienstleistungen für den Partner zu erbringen. Auch im Selbstverständnis von (gleichwohl wenigen) Männern ist diese Form von Arbeitsteilung nicht mehr wünschenswert bzw. mit einer hochqualifizierten Partnerin kaum noch umsetzbar, so dass eher auf kommerzielle Angebote zurückgegriffen wird (vgl. auch Ellguth/Liebold/Trinczek 1998).
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lungspraktiken; die Handlungskomplexität nehme ebenso deutlich zu wie die Handlungsoptionen. Eigene empirische Erhebungen zeigen, dass gerade im Bereich hochqualifizierter Beschäftigung eine Entdichtung des Arbeitstages angestrebt wird, indem die Beschäftigten sich mittels Arbeitszeitkonten in den Pausen mit Freunden treffen, Besorgungen vornehmen usw.. Dies führt objektiv zu einer stärkeren Durchmischung von Arbeits- und Freizeitphasen. In der Subjektperspektive bleiben die Bereiche jedoch weiterhin klar getrennt, da Freizeit und Leistungszeit – obwohl sich ein Autonomiegewinn durchaus einstellt – nach wie vor entlang der Trennlinie von selbst- und fremdbestimmter Zeitverwendung wahrgenommen werden (Jürgens 2004, s. 4.).82 Beachtenswert ist, dass sich die Ansätze zur „Entgrenzung“ in besonderer Weise Tendenzen der Erosion bisheriger Grenzziehungen widmen und damit den Blick vor allem auf den Wandel von Arbeit bzw. des Verhältnisses von Arbeit und Leben richten. KritikerInnen betonen demgegenüber, dass die Restrukturierung von Unternehmen auch mit einer Neuordnung interner und externer Organisationsgrenzen verbunden sei, dies aber nicht gleichgesetzt werden könne mit einem Prozess der vollständigen Auflösung von Organisationsgrenzen. Sie fokussieren daher auf Grenzverschiebungen und mögliche „Grenzen der Entgrenzung“ (Wolf/Mayer-Ahuja 2002; Funder 2000; Minssen 2000). Während diese Berücksichtigung von „Begrenzungen“ vor allem auf institutionelle und strukturelle Barrieren fokussiert, bleiben individuelle Widersetzungen vergleichsweise unterbelichtet. In den Studien finden sich vereinzelt Hinweise darauf, dass die Schutzfunktionen des Normalarbeitsverhältnisses als „positive Referenzfolie“ (Kratzer 2003: 217) gereichen und die Beschäftigten offensiv die Vorteile „begrenzter Arbeit“ thematisieren (s. die Beiträge in Pongratz/Voß 2004c). Der Zugewinn an individueller Autonomie im Arbeitsprozess scheint sich offenkundig nur dann als Vorteil zu erweisen, wenn die mit dem Beschäftigungsverhältnis bislang verbundenen Absicherungen erhalten bleiben. Aktive „Begrenzungen“ durch die Personen sind hingegen erforderlich, wenn solche Grenzüberschreitungen stattfinden, die grundsätzlich und kontinuierlich individuelle Bedürfnisse verletzen. Ob und wie sich Beschäftigte daher auch aktiv den Anforderungen der Erwerbssphäre entziehen bzw. individuelle Grenzziehungen vornehmen, ist bislang eine noch offene Frage aktueller Arbeitsforschung.
2.2.2 „Subjektivierung von Arbeit“: Fokussierung auf Erwerbsarbeit, um „Subjektivierung“ festzustellen? Die Prozesse der „Entgrenzung von Arbeit“ auf der Strukturebene gehen – so das in der Arbeits- und Industriesoziologie verbreitete Fazit – auf der Subjektebene mit einer „Subjektivierung von Arbeit“ einher. Ebenso wie „Entgrenzung“ beschreibt „Subjektivierung“ eine Prozessdynamik. Sie ist kein neues Phänomen, da sich Subjekte stets mit nicht nur rein erwerbsbezogenen Bedürfnissen und Potenzialen in die Erwerbsarbeit einbringen. Bereits Weber (1988: 17ff.) betont gegenüber einer strukturtheoretischen Perspektive die „rationale Leistungsethik“ der Arbeiter als eine zentrale Voraussetzung zur Aufrechterhaltung und 82
Die Folgen von Flexibilisierung und Deregulierung stellen sich in unserer Untersuchung zudem für die Beschäftigtengruppen sehr unterschiedlich dar: Die Betroffenheit und eigene Gestaltungsfähigkeit von „entgrenzter Arbeit“ variiert abhängig von der betrieblichen Interessenregulierung, der Arbeits(zeit)kultur sowie der individuellen Qualifikation und betrieblichen Position und Arbeitsmarktlage (Eberling u.a. 2004).
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Effektivität des Arbeitsprozesses. Er spricht den Arbeitern Strategien zu wie das „Bremsen“ oder den Streik, mit denen sie sich gegenüber Anforderungen seitens der Unternehmer zur Wehr setzen könnten. Auch wenn diese Interpretation vielfach als idealtypisches, die konkreten Handlungsrestriktionen vernachlässigendes Konstrukt bemängelt wurde, so ist dennoch die Sensibilität für die Beiträge der Subjekte zum Gelingen betrieblicher Abläufe inzwischen gewachsen (u.a. Böhle 1994, 1999; Trautwein-Kalms 1995; Wolf 1999). Die These der „Subjektivierung“ schließt insofern nicht aus, dass bereits zuvor „Selbsttätigkeit“ stets erforderlich war, damit betriebliche Abläufe funktionierten.83 Sie betont demgegenüber jedoch eine neue Qualität, in der Subjektivität in den Arbeitsprozess einfließe. Diese sei zum einen durch einen gesteigerten Anspruch der Beschäftigten gekennzeichnet, sich in den Arbeitsablauf mit vielfältigen Fähigkeiten und Bedürfnissen einzubringen; zum anderen seien neue Arbeitskonzepte nun gezielt darauf ausgerichtet, solche Potenziale verstärkt zu nutzen und eine Verinnerlichung betriebswirtschaftlicher Ziele zu befördern. Mit der These der „Subjektivierung von Arbeit“ als dynamischen Prozess betont die Arbeits- und Industriesoziologie daher eine „Intensivierung des Wechselverhältnisses zwischen Subjekt und Arbeit“ (Kleemann/Matuschek/Voß 1999: 2). Sie greift dabei auf solche soziologischen Ansätze zurück, die bereits seit Ende der 1980er Jahre „Subjektivierung“ als Teil eines umfassenderen Modernisierungsprozesses identifizieren. Dieser eröffne den Individuen erweiterte Gestaltungsspielräume und Entscheidungsfreiheiten, bringe jedoch gleichzeitig auch den Zwang zur Selbststeuerung und -verwirklichung mit sich (Beck 1986; Berger/Hradil 1990; Beck/Giddens/Lash 1996). Diese Betonung der Subjektebene hinterlässt auch in der Arbeitsforschung ihre Spuren: Studien zum subjektiven Stellenwert von Erwerbsarbeit relativieren nicht nur die These vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ (Offe 1984), sondern liefern auch Hinweise auf veränderte Steuerungsmodi von Arbeit, die in neuer Art und Weise die Subjektivität der Beschäftigten einbeziehen (Baethge 1991; Heidenreich 1996). Die Frage der „normativen Subjektivierung von Arbeit“ hat Baethge (1991) bereits Anfang der 1990er Jahre thematisiert. Er identifiziert veränderte individuelle Ansprüche an die Arbeit und beschreibt Subjektivierung als Bedürfnis von Beschäftigten, Subjektivität im Arbeitsprozess einzusetzen. Nicht nur Hochqualifizierte streben demnach eine identitätsstiftende Arbeit an, in die sie sich mit der „ganzen Person“ einbringen können, sondern auch Beschäftigte mit geringer formaler Qualifikation sowie die sogenannten „Ungelernten“. Was zuvor vor allem für ausgewählte Gruppen von ArbeitnehmerInnen zugetroffen habe – Baethge denkt hier an die „Systemregulierer“ (Kern/Schumann) – lasse sich inzwischen über das breite Spektrum von Branchen und Beschäftigtengruppen hinweg feststellen.84 Die 83
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Vor allem die Arbeiten von Böhle (1994, 1999) liefern zahlreiche Beispiele für Tätigkeiten und Sinne, die die Subjekte nutzen, um einen reibungslosen Ablauf von Arbeit zu gewährleisten. Bereits in den 1970er Jahren verbindet Hack (1977) in seiner Forschung zu „Subjektivität im Alltagsleben“ Struktur- und Subjektebene. Als ‚Übergang’ von der Bewusstseinsforschung zur „Subjektivierungs“-Debatte liest sich aus heutiger Sicht der von Schmiede (1988) herausgegebene Sammelband zu „Arbeit und Subjektivität“ (s. zu Subjektivität im Arbeitsprozess auch Schimank 1986). Baethge (1991) räumt jedoch ein, dass bei gut ausgebildeten Beschäftigten eher ein „subjektzentriertes Arbeitsbewusstsein“ anzutreffen sei als bei Beschäftigten, die unter extrem restriktiven Arbeitsbedingungen tätig sind. Welchen Einfluss die Arbeitsmarktsituation auf dieses Bewusstsein nehmen, diskutiert Baethge leider nicht. Es ist zu vermuten, dass Massenarbeitslosigkeit, die selbst Hochqualifizierte betrifft, auch in den Ansprüchen an Arbeit ihre Wirkung hinterlässt und die Akzeptanzschwelle für unbefriedigende Arbeitsbedingungen absenkt (s. exemplarisch für die Akzeptanz ‚sozial unverträglicher’ Arbeitszeiten: Bundesmann-Janssen/Groß/Munz 1999).
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Berücksichtigung von Subjektivität in der Arbeit stellt bei Baethge (noch) kein Element einer betrieblichen Strategie von Rationalisierung dar; sie wird interpretiert als Impuls, den Subjekte mit ihrem Interesse nach Identitätsbehauptung und lebensweltlichen Bedürfnissen in die Erwerbssphäre einbringen. Damit geht Baethge über traditionell industriesoziologisches Terrain deutlich hinaus. Kern seiner Analyse ist nicht die Einstellung von Beschäftigten zur Erwerbsarbeit, sondern die Frage, wie diese Orientierung mit anderen, lebensweltlichen Interessen und außerbetrieblichen Bedürfnissen vermittelt ist. Er räumt ein, dass solche Ansprüche an Arbeit und deren Artikulation kein neues Phänomen sind, sieht jedoch eine neue Qualität in bezug auf die „Breite ihrer Streuung, die Offenheit und Selbstverständlichkeit ihrer Artikulation und Hartnäckigkeit, mit der sie individuell sowohl als Lebensperspektive als auch gegenüber der betrieblichen Arbeitsumwelt verfolgt werden“ (1990: 10). Baethges Beitrag erweist sich als inspiriert durch die Wertewandel-Debatte der 1980er Jahre, bezieht aber gleichzeitig Stellung gegenüber Positionen, die einen Bedeutungsverlust von Erwerbsarbeit (Offe 1984) oder Berufsrolle (Beck 1984) konstatieren. Erwerbsarbeit habe nach wie vor eine „integrale Funktion für persönliche Identitätskonstruktion“ (Baethge 1991), die durch Individualisierungsprozesse eher an Stellenwert gewinne als abnehme. Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung würden in die Erwerbssphäre hinein verlagert. Verantwortlich hierfür seien neben einem allgemeinen Wertewandel auch längere Ausbildungszeiten, die den Eigensinn der Subjekte fördern, indem sie weit mehr Spielräume zulassen als in einer betrieblichen Arbeitssituation sonst üblich. Bedeutsam erscheint Baethge die zunehmende Erwerbsintegration von Frauen. Sie ziehe – so seine allzu optimistische Prognose – Veränderungen auch in der betrieblichen Arbeitsorganisation nach sich. Da sich Männer im Gegenzug nun stärker in der Familie engagieren müssten, verliere der Erwerbsstatus an Stellenwert für männliche Selbst- und Fremdzuschreibungen; an traditionellen Geschlechtsrollenstereotypen ansetzende Personalkonzepte würden folglich an Tragfähigkeit einbüßen. Der Zugriff der Betriebe auf die Arbeitskraft von Männern werde begrenzt. Veränderte Orientierungen von Beschäftigten erzeugen daher für Baethge Anpassungsdruck auf Seiten der Unternehmen. Die Leistung des Beitrages liegt zweifelsohne darin, dass Baethge Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen aufgreift, die erst einige Jahre später in der Forschung zu Führungskräften an breiterer Aufmerksamkeit gewinnen (Baethge/Denkinger/Kadritzke 1995; Ellguth/Liebold/Trinczek 1998; Faust/Jauch/Notz 2000). Während die Forschungsergebnisse zur familialen Arbeitsteilung die Prognose Baethges klar widerlegen, hat sich eine andere These bestätigt: Baethge identifiziert bereits mögliche negative Folgeeffekte für die Beschäftigten. Er befürchtet eine mögliche Vereinnahmung veränderter Bedürfnisse durch die Betriebe und problematisiert, dass sich neue Rationalisierungsprinzipien etablieren könnten, die mehr Eigenverantwortung zulassen, um die Identifikation mit der Arbeit zu erhöhen und dadurch eine Leistungsintensivierung zu erwirken.85 Während Baethge Anfang 85
Baethge wendet sich zwar gegen individualisierungstheoretische Annahmen einer zunehmenden Herauslösung von Individuen aus traditionellen Bindungen, konstatiert aber seinerseits, dass „subjektzentrierte Arbeitskonzepte“ hochgradig individualisierend wirken und daher kollektive Interessenvertretung an Einfluss einbüßt. Auf die These der „Subjektivierung von Arbeit“ bezieht sich Baethge (1999) in einem späteren Beitrag. Er sieht die Reichweite der These zwar auf bestimmte Beschäftigtengruppen beschränkt, betont jedoch ebenfalls die Relevanz eines neuen Zugriffs auf subjektive Potenziale. Baethge identifiziert darin bekannte Entfremdungsprozesse und hält daher Lash’ These der „Ermächtigung der Subjekte“ (Beck/Giddens/Lash 1996: 201) für überzogen. Baethge sieht demgegenüber – in Anlehnung an Sennett – die Gefahr von Desin-
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der 1990er Jahre noch überzeugt ist, dass sich „Gewichte im Wechselverhältnis von Betrieb und Gesellschaft (.) zugunsten der Gesellschaft“ (12f.) verschieben, zeigt die aktuelle arbeits- und industriesoziologische Forschung, dass sich dieses Szenario nicht durchgesetzt hat. Auch wenn sich die Meinungen in bezug auf die Reichweite der Veränderungen spalten: Die empirische Forschung belegt branchenübergreifend, dass sich nicht mehr nur hochqualifizierte Beschäftigte mit der Anforderung konfrontiert sehen, ihren Arbeitseinsatz selbst zu organisieren und zu kontrollieren. Diese Verlagerung von Fremd- in Selbstkontrolle wird unmittelbar an Arbeitsvereinbarungen sichtbar. Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen regulieren lediglich noch die Rahmenbedingungen des Arbeitseinsatzes, während dessen konkrete Ausgestaltung den Beschäftigten selbst überantwortet und in Form von Ziel- und Leistungsvereinbarungen reguliert wird. Beschäftigte müssen in Gruppen oder individuell eine Leistung sicherstellen, der Weg dorthin bleibt ihnen selbst überlassen. Der individuelle Gestaltungsspielraum vergrößert sich zwar, doch entziehen sich zentrale betriebliche Parameter wie die Personaldecke, die Arbeitumgebung und betriebswirtschaftliche Zielsetzungen nach wie vor dem Einfluss der Beschäftigten. Die Industriesoziologie betont daher die Verlagerung von Kontrollfunktionen einerseits als Einlösung alter Forderungen einer Humanisierung des Arbeitslebens, wenn Beschäftigte einen Autonomiegewinn am Arbeitsplatz erzielen. Andererseits ändern sich damit keineswegs die betrieblichen Machtverhältnisse. Indem die individuelle Verantwortung steigt, aber die Rahmenbedingungen konstant und nicht beeinflussbar bleiben, können die neuen Arbeitskonzepte in individuelle Überlastung umschlagen.86 Während bei Hochqualifizierten schon immer eine ausgesprochen intrinsische Arbeitsmotivation Anlass gab, auf eine rigide Kontrolle zu verzichten und Selbststeuerung zuzulassen‚ lassen Unternehmen dies – wie die aktuelle empirische Forschung belegt – nun offenkundig für breite Beschäftigtengruppen zu, ohne Produktivitätsnachteile zu erzielen (s. exemplarisch Pongratz/Voß 2003, 2004; Kratzer 2003; Eberling u.a. 2004; Böhm/Herrmann/Trinczek 2004). Unabhängig davon, ob die in diesem Kontext durchgeführten Studien die Zunahme von Selbstverantwortung eher als Autonomiegewinn für Beschäftigte einschätzen oder stärker die damit verbundenen Belastungen betonen: An die Stelle einer vorwiegend strukturtheoretischen Analyse der Regulation von Erwerbsarbeit rückt zusehends eine Fokussierung auf die arbeitenden Subjekte. Sie werden als zentrale Agenten einer neuen Form der kapitalistischen Nutzung von Arbeitskraft identifiziert, indem sie selbst „vom Objekt zum Subjekt von Rationalisierung“ (Moldaschl/Schultz-Wild 1994) werden. Nicht über externe Steuerung und Kontrolle werden Arbeitsleistungen sichergestellt, sondern über den expliziten Verzicht auf Vorgaben. Vor diesem Hintergrund kennzeichnet die aktuelle Arbeitsforschung, dass sie „Subjektivierung“ als einen Wandel von Herrschaftsformen betrachtet, in denen „Herrschaft durch Autonomie“ (Wolf 1999; Moldaschl/Sauer 2000) ausgeübt wird.87
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tegrationstendenzen. Für eine tragfähige Analyse hält er es daher für notwendig, kategorial zwischen „Marktsubjekt“ und „moralischer Persönlichkeit“ zu unterscheiden. Diese Gleichzeitigkeit von Chancen und Risiken wird in der Arbeitssoziologie deutlich pointierter hervorgehoben als im Konzept „reflexiver Modernisierung“ (Beck/Giddens/Lash 1996). In empirischen Studien treten wiederholt die Belastungen abhängig Beschäftigter zutage, mit zunehmend kontingenten Lebensbedingungen umzugehen. Diese Kompetenz rückt zur Zeit zwar vermehrt in den Mittelpunkt von Analysen zum Wandel von Arbeit, doch steht eine theoretische Verortung noch aus. Anknüpfungspunkte sind bislang eher in der Sozialpsychologie als in der Soziologie zu verorten (s. exemplarisch Keupp 1993: 255; s. 4.). Die Arbeitsforschung zeigt insofern, dass mehr Selbstkontrolle im Arbeitsprozess zwar oberflächlich den Gegensatz von Kapital und Arbeit verwischt, jedoch nach wie vor manifeste Interessengegensätze bestehen. Sie treten jedoch erst zutage, wenn Individuen an ihre Grenzen der Belastbarkeit stoßen (Jürgens 2004; s.
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Anknüpfungspunkte für eine Perspektiverweiterung auf Subjektivität bieten sich in gesellschaftstheoretischen Ansätzen. Hier finden sich Hinweise darauf, dass sich eine Veränderung von Subjektivität nicht auf eine umfassende Ökonomisierung des Lebenszusammenhangs oder die „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) beschränkt, sondern Ergebnis eines neuen Vergesellschaftungsmodus ist. Bereits Simmel sieht im Zugewinn individueller Freiheiten keinen Wegfall, sondern lediglich einen „Wechsel der Verpflichtungen“ (1989: 375ff.). In dieser Linie betont auch Elias (1997: 323ff.) die Umwandlung von „Außenleitung“ in „Innenleitung“ als Merkmal eines langwierigen Zivilisationsprozesses, der den Einzelnen zwinge, sein Handeln immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren, um es auf das Verhalten anderer Menschen besser abzustimmen. In der Kritischen Theorie problematisiert vor allem Adorno eine neue Form der Selbstkontrolle. Sie entwickle sich zur „zweiten Natur“, da sie „in Fleisch und Blut“ übergegangen sei und sich die Individuen der ihr innewohnenden Zwangsmechanismen nicht mehr gewahr werden (1979: 451). Die bürgerliche Gesellschaft habe die Individuen zwar befreit, jedoch nur, damit diese sich nun „selbst in Zucht halten“ (Marcuse 1965: 83). Horkheimer (1991) sieht es daher als ein Kennzeichen des modernen Kapitalismus, dass dieser konforme Sozialcharaktere hervorbringt, die sich lediglich reflexhaft den jeweiligen Anforderungen anpassen. Die Individuen entwickelten sich auf diese Weise zu „Erfüllungsgehilfen“ des Kapitalismus (Institut für Sozialforschung 1956).88 Auch Foucault (1994; 2000), der in der Arbeitsforschung inzwischen breiter rezipiert wird (s. u.a. Moldaschl 2002a), resümiert in seiner historischen Analyse von Disziplinierungsmaßnahmen eine Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang. Mit seinem Begriff der „gouvernementalité“ fokussiert er dabei auf Strategien von Regierungen, Macht und Subjektivität zu koppeln, und verweist auf neue Formen von Herrschaft, die Subjektivität nicht unterdrücken, sondern geradezu erzwingen.89 Durch die Kopplung von Herrschaftsund Selbsttechnologien sei ein erhöhter Autonomiegewinn für die Individuen insofern keine Beschneidung von Regierungshandeln, sondern beschreibe lediglich einen veränderten Modus von Herrschaft. Foucault verweist in diesem Kontext auf veränderte Leitbilder von Subjektivität: Der Einzelne sei aufgefordert, die Autonomiegewinne zu nutzen; tue er dies nicht, gelte er als defizitär. Auftretende Anpassungsprobleme würden nicht als strukturelles, sondern als individuelles Defizit gedeutet. Auch wenn man diese theoretischen Positionen aufgrund ihrer Unterschätzung subjektiver Gestaltungspotenziale nicht teilt, so gilt spätestens seit Webers Analysen zur „protestantischen Leistungsethik“ der Arbeiter als geklärt, dass Einstellungen zur Arbeit nicht beliebig, sondern stets auch Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung sind. Auch die neuen Arbeitskonzepte sind insofern nicht nur Reaktion auf veränderte Orientierungen von Beschäftigten, sondern – dies gerät in der Arbeitsforschung zuweilen aus dem Blick – auch Ursache gewandelter Bedürfnisse. Aus heutiger Sicht hätte daher die ‚Lösung’ der von
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4.). Herrschaft im Betrieb hat insofern ihre regulative Form verändert, aber nicht an Stellenwert verloren (s. auch Wolf 1999; Moldaschl 2000a). In der Industriesoziologie fand das Kontroll-Thema bereits in den 1980er Jahren ausgehend von der Labour Process Debate verstärkt Aufmerksamkeit (Hildebrandt/Seltz 1989; s. auch Müller-Jentsch 1997). Foucault gelingt es, die Stärken der Herrschaftssoziologie Webers mit den zivilisationstheoretischen Erkenntnissen von Elias zu verbinden. Indem er im Konzept der „gouvernementalité“ auf die „Verschränkung von Selbst- und Fremdführungstechniken“ (Lemke 2001) verweist, kann er die bei Weber und Elias auftretenden Lücken schließen. Gleichwohl bleiben bei ihm, wie für Vertretern des postmodernen Diskurses kennzeichnend, die auch ökonomischen Ursachen dieser Prozesse unterbelichtet.
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Baethge skizzierten Dilemmata nicht ‚geschickter’ ausfallen können: Die neuen Arbeitskonzepte scheinen die veränderten Orientierungen der Beschäftigten aufzugreifen, indem sie mehr individuellen Gestaltungsspielraum im Arbeitsprozess eröffnen. Sie sind jedoch so angelegt, dass die Beschäftigten selbst das Bedürfnis nach mehr Eigenverantwortung entwickeln, betriebliche Ziele verinnerlichen und schließlich selbst eine Rationalisierung ihres Arbeitseinsatzes vornehmen (s. ausführlich Moldaschl 2002a). Wie „Subjektivierung“ als einerseits Anspruch der Beschäftigten und andererseits betriebliche Strategie miteinander vermittelt sind, erweist sich gegenwärtig noch als Desiderat der Arbeitsforschung. Mit der Perspektivverschiebung auf die Subjekte als Ebene von Rationalisierung und folglich analytischem Zugriff zeichnet sich gegenwärtig ein Paradigmawandel in der Arbeits- und Industriesoziologie ab. Indem die Teildisziplin das Subjekt als Träger von Rationalisierungsprozessen ‚entdeckt’, muss sie sich von einem einseitig strukturtheoretischen Fokus lösen und stärker auch die Vermittlung von Struktur und Handlung theoretisch reflektieren. Inzwischen mehren sich daher Stimmen, die eine stärkere Fokussierung auf die Subjekte und ihr Handeln einfordern, um die Funktionsweise der neuen Rationalisierungsprinzipen zu erklären und theoretisch einzubinden (Deutschmann 2002; Lohr 2003; Maurer 2004). Die Vorschläge zielen dabei weniger auf einen Abschied vom strukturtheoretischen Paradigma als auf dessen handlungstheoretische Ergänzung. Kollektive Prozesse der Regulation von Arbeit auf gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene stehen deshalb nach wie vor im Zentrum der Analysen, doch deutet sich eine stärkere Öffnung gegenüber der Subjektebene an.90 Für die vorliegende Untersuchung interessiert angesichts dieser erweiterten Subjektperspektive, ob die These der „Subjektivierung von Arbeit“ die bisherige Erwerbsfixierung überwindet. Werden Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen berücksichtigt und Begrenzungen des betrieblichen Zugriffs ‚mitgedacht’? Faust (2005) bemängelt an der „Subjektivierungs“-These deren „mangelnde Überprüfbarkeit“. Sie werde bislang als Chiffre für alles herangezogen, was sich im Wandel befindet. Auch Lohr (2003) kritisiert, dass die Bestimmung dessen, was Subjektivierung ist, noch ausstehe. Offen scheint auch die Frage, ob durch die erweiterte Form der „Verwertung der ‚Subjektivität’ von Arbeitenden für betriebliche Zwecke“ diese ‚nur’ ausgebeutet wird oder ob daraus ‚neue’ Subjektivität entsteht und was diese kennzeichnet (Moldaschl/Voß 2002: 14). Faust spricht sich vor diesem Hintergrund für ein „’Entpacken’ der kompakten These Subjektivierung“ aus. Wie ein solches „Entpacken“ möglich ist, ohne den Zusammenhang zwischen betrieblichen und außerbetrieblichen Veränderungen in der Subjektkonstitution und von Subjektivität aus dem Blick zu verlieren, bleibt dabei jedoch unbeantwortet. So attraktiv der Vorschlag erscheint, die unterschiedlichen Ursachen von „Subjektivierung“ getrennt zu behandeln – erst eine integrierte Analyse wird zeigen können, in welcher Wechselbeziehung Bedürfnisse von Subjekten und Interessen von Betrieben stehen. Neue Nutzungskonzepte von Arbeitskraft werden sich erst in ihrer Wirkungsweise erschließen, 90
Ein Beispiel für eine solche mikrosoziologische Fundierung ist das Konzept des „subjektivierenden Arbeitshandelns“. Böhle (1999) zielt damit auf eine „Neubestimmung von Subjektivität und Sinnlichkeit“ (104), auf eine Interpretation von Handeln im Arbeitsprozess, die sich nicht auf zweckrationales Handeln reduziert, sondern gerade den „Abweichungen“ Aufmerksamkeit schenkt und diese als „eigenständige Form“ berücksichtigt. Merkmale eines „subjektivierenden Arbeitshandelns“ sind nach Böhle u.a. sinnliche Wahrnehmung, assoziative Verknüpfungen im Denken, Vorstellungskraft sowie Empathie gegenüber Personen und Gegenständen. Er sieht das Konzept nicht als Gegenmodell, sondern als Erweiterung einer Analyse von Handeln, die sich bislang zu einseitig auf zweckrationales Handeln konzentriere.
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wenn die Forschung aufzeigen kann, welche Orientierungen und Kompetenzen von Arbeitenden hierfür Voraussetzung sind und von Unternehmen nicht nur genutzt, sondern auch gezielt hergestellt werden. Beim „Entpacken“ der These droht daher die Gefahr, die bisherige Trennung von Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben in der Analyse von „Subjektivierung“ fortzusetzen. Eine Durchsicht zentraler Beiträge zur Debatte zeigt, dass sich die Analysen grob in zwei Gruppierungen sortieren lassen: Sie betonen entweder „Subjektivierung“ als Rationalisierungsprinzip und konzentrieren sich auf institutionelle Veränderungen sowie betriebliche Strategien zur Mobilisierung subjektiver Potenziale; oder aber sie legen – wie bereits Baethge – einen „doppelten Konstitutionsprozeß von Arbeitsbewußtsein außerhalb und in der Arbeit“ (1991: 12; herv. d. K.J.) zugrunde und reflektieren den Einfluss veränderter lebensweltlicher Orientierungen und Alltagsgestaltung auf den betrieblichen Einsatz von Arbeitskraft.91 Während die einen somit „Subjektivierung von Arbeit“ in erster Linie als Subjektivierung von Erwerbsarbeit untersuchen (z.B. Moldaschl 2002a; Faust 2005)92, greifen andere explizit den Wandel von Lebensformen, Arbeits- und Freizeitorientierungen auf. Eine Doppelorientierung auf beide Lebensbereiche zeigt sich im Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“, das „Subjektivierung“ entlang veränderter Dimensionen der Selbststeuerung von Arbeit thematisiert. Während Voß/Pongratz (1998) „Selbst-Kontrolle“ und „Selbst-Ökonomisierung“ als Anforderungen an Beschäftigte identifizieren, die vor allem am betrieblichen Arbeitsplatz zum Tragen kommen, betont die These zur „SelbstRationalisierung“ einen direkten Zugriff auf das Leben jenseits der Erwerbssphäre: Sie finde statt, indem Beschäftigten eine Ökonomisierung ihres gesamten Lebenszusammenhangs zugemutet werde und eine Ausschöpfung auch ‚privater’ Ressourcen, Netzwerke usw. erfolge. In ihrer empirischen Studie berücksichtigen die Autoren entsprechend unterschiedliche Lebensbereiche und konzipieren Subjekte als Vermittlungsinstanz von „Elastizitätsmustern“ (s. 2.2.1). Doch auch hier bleibt, mitunter aus den von Faust genannten Schwierigkeiten der Operationalisierung, der Zusammenhang zwischen den Dimensionen unterbelichtet: Dass Beschäftigte in der Dimension der „Selbst-Kontrolle“ „unternehmerisch“ handeln, jedoch nur bedingt „Selbst-Rationalisierung“ betreiben, wird festgestellt, aber nicht näher erklärt. Kritiker des Konzepts sind wenig erstaunt, dass die Beschäftigten keine „Selbst-Ökonomisierung“ betreiben und die Vorteile des klassischen Beschäftigungsverhältnisses mit seinen sozialen Absicherungen zu schätzen wissen (Faust 2002; Bosch 2000). Warum die Beschäftigten auch dem Zugriff auf das außerbetriebliche Leben und Arbeiten Grenzen setzen, scheint hingegen – zumindest im arbeitssoziologischen Diskurs – bislang kaum auf Interesse zu stoßen.93
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Baethge knüpft hier implizit an Hack u.a. (1972) an, die eine „doppelte Konstitution“ des Bewusstseins feststellten: einerseits durch den individuellen Lebensverlauf (Sozialisation, Erfahrungen etc.), andererseits durch den gesellschaftlichen Produktionsprozess sowie die konkreten Arbeitsbedingungen. Moldaschl (2002b: 42) spricht äquivalent zu den Dimensionen des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß/Pongratz 1998) von „Selbstorganisation“, „Selbstvermarktung“, und „Selbstproduktion“, berücksichtigt dabei aber nicht die Folgewirkungen für den außerbetrieblichen Lebenszusammenhang bzw. dessen Beitrag zum Gelingen neuer Arbeitskonzepte. Auch Kritik, die eine mangelnde Berücksichtigung der Reproduktionsarbeit beklagt, konzentriert sich weniger auf eine Veränderung von Reproduktionsarbeit an sich denn auf die Folgen für Geschlechterarrangements in Paarbeziehungen und das Geschlechterverhältnis (z.B Henninger 2003). Zum Vorwurf eines „männlichen Bias“ des Konzept s. auch Jurczyk/Voß 2000, die eine Perspektiverweiterung auf Arbeitsteilungsmuster zwischen Geschlechtern vorschlagen.
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Einen Vorstoß zur Verbindung von „Subjektivierung“ in unterschiedlichen Lebensbereichen unternehmen Kleemann/Matuschek/Voß (1999). Sie wählen eine über Erwerbsarbeit hinausgehende Perspektive und gehen, wie schon Baethge, von einer „doppelten Subjektivierung“ aus: Die Beschäftigten tragen mehr Subjektivität in die Erwerbssphäre hinein; andererseits fordern die neuen Arbeitskonzepte auch mehr Subjektivität ein. Damit fokussieren die Autoren nicht einseitig auf Entwicklungsdynamiken in der Erwerbssphäre und deren Folgen für Beschäftigte, sondern beziehen auch lebensweltliche Veränderungen in die Analyse ein. Die Autoren konkretisieren „doppelte Subjektivierung“ anhand von Idealtypen von Subjektivität, die im Zuge der „Subjektivierung von Arbeit“ (als betriebliche Strategie) zum Tragen kommen. Sie unterscheiden zwischen einer „kompensatorischen“, einer „strukturierenden“ und einer „reklamierenden Subjektivität“, die sie jeweils auf der Ebene von Diskurs und Handlungspraxis beleuchten sowie als aktive bzw. reaktive Form untersuchen.94 Den Autoren gelingt es dadurch, im Unterschied etwa zum Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“, auch Widersetzungen gegenüber den Anforderungen der betrieblichen Rationalisierungsinteressen einzubeziehen.95 Die Unterscheidung zwischen Diskurs und Praxis erlaubt dabei, auch solchen eigensinnigen Deutungen Rechnung zu tragen, die sich nicht alltagspraktisch umsetzen lassen, jedoch für die Entwicklung von Orientierungen und Deutungsmustern einen wichtigen Nährboden bieten. Empirische Sekundäranalysen zur These vom „Arbeitskraftunternehmer“ liefern inzwischen Hinweise auf die Gründe solcher Begrenzungen und Strategien des Sich-Entziehens (Jürgens 2004; Böhm/Herrmann/Trinczek 2004; s. ausführlich 4.). Obwohl sich eine erweiterte Subjektorientierung in der Arbeitsforschung durchzusetzen beginnt, bleiben Begrenzungen von „Subjektivierung“ offenkundig vernachlässigt. Für Kratzer (2003: 232ff.) sind betrieblicher Druck und der Wunsch nach Selbstverwirklichung in der Arbeit zentrale Motive dafür, dass sich Beschäftigte den veränderten Anforderungen anpassen und „mitmachen“. Er untersucht zwar detailliert, warum sich Beschäftigte den neuen Rationalisierungsprinzipien anpassen, jedoch nicht, ob sich auch einzelne Betroffene den erweiterten Anforderungen widersetzen. Moldaschl (2002c) identifiziert zwar Widerstände der Beschäftigten gegenüber Subjektivierungsstrategien der Unternehmen (35), bleibt aber in der Ursachenanalyse der Perspektive auf Erwerbsarbeit verhaftet: Intransparente Umsetzungsprozesse neuer Arbeitskonzepte, die Gewöhnung an eine bislang tayloristische Arbeitsorganisation oder die erhöhte Belastung durch Selbststeuerung werden als zentrale Ursachen von Verweigerungshaltungen identifiziert. Aus dem außerbetrieblichen Leben oder einem Eigensinn von Subjektivität scheinen keine Impulse für Widersetzungen zu kommen. Damit wird implizit unterstellt, dass Widerstände nicht eintreten, sofern der Umsetzungsprozess „sanft“ verläuft und sich die bisherigen Arbeitsbedingungen und anforderungen nicht abrupt ändern. Das Konzept von Kleemann/Matuschek/Voß (1999, 2002) zeigt demgegenüber, dass sich Begrenzungen von „Subjektivierung“ nicht mehr ausklammern lassen, sobald man außerbetriebliche Orientierungen und Veränderungen in den Lebensbedingungen einbezieht. Die Komplexität der „Subjektivierungs“-These bleibt 94
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Kleemann/Matuschek/Voß (1999) konstruieren darüber hinaus als vierten Typus eine „ideologisierte Subjektivität“. Diese verstehen sie als eine „Prägung der Person durch diskursiv bzw. kulturell vermittelte Sinnstrukturen von Arbeit und Beschäftigung“ (2002: 86). Pongratz/Voß (2004a: 10) weisen dies als Aufgabe empirischer Forschung aus, doch bleibt damit konzeptionell unterbelichtet, welchen Stellenwert die Beiträge der Individuen zum Gelingen neuer Arbeitsformen einnehmen. Werden weder artikulierte, noch verborgene Widersetzungen berücksichtigt, droht der den neuen Anforderungen innewohnende repressive Charakter verharmlost zu werden.
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daher eine forschungspraktische Herausforderung, da sie an unterschiedlichen Lebensbereichen und dort auf unterschiedlichen Ebenen ansetzt. Sie deshalb arbeitsteilig zu beforschen, würde zwar die Operationalisierung erleichtern, die Analyse der Funktionsweise neuer Formen der Nutzung von Arbeitskraft jedoch empfindlich einschränken. Doch auch bei den Ansätzen, die „Subjektivierung“ als „doppelten Prozess“ konzipieren, fällt eine anhaltende Erwerbsfixierung auf: Berücksichtigt wird eine „Subjektivierung“ der Gestaltung des Verhältnisses von Arbeit und Leben (s. exemplarisch Kleemann 2003; Voß 1998; Pongratz/Voß 2003; Kratzer 2003). Während erwerbsrelevante Leistungen der Subjekte zur alltäglichen Lebensführung, zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienleben oder berufsbiografische Planungen und Entscheidungen durchaus in die Analyse einfließen, bleibt private Reproduktionsarbeit ausgeklammert bzw. wird nur im Hinblick auf ihre Relevanz für den Einsatz von Arbeitskraft in der Erwerbssphäre thematisiert. Keiner der vorliegenden Beiträge diskutiert eine „Subjektivierung von Reproduktionsarbeit“, d.h. ein dynamisiertes Verhältnis auch von Person und Reproduktionsarbeit bzw. nichterwerbsvermittelter Arbeit. Voß/Pongratz (1998, 2003) gehen zwar mit der Dimension der „Selbst-Rationalisierung“ davon aus, dass private Lebenszusammenhänge zunehmend den Anforderungen der Erwerbssphäre angepasst werden. Reproduktionsarbeit für sich prüfen die Autoren jedoch nicht im Hinblick auf mögliche Veränderungen. Dies wäre jedoch aus folgenden Gründen für die „Subjektivierungs“-Debatte aufschlussreich: Erstens gelingt es durch die Perspektiverweiterung auf ‚andere’ Arbeit, das Verhältnis von Arbeit und Subjektivität jenseits von abhängiger Beschäftigung zu analysieren. Private Reproduktionsarbeit entzieht sich zwar – so vor allem im Bereich der Sorgearbeit für andere Menschen (Kinder, Kranke, ältere Familienangehörige) – einer rein selbstbestimmten Gestaltung und stellt eigenlogische Anforderungen an die Arbeitenden; sie enthält jedoch größere Spielräume für die individuelle Steuerung von Arbeit als Erwerbsarbeit. Darüber hinaus setzt sie – weil sie an Intim- und Primärbeziehungen geknüpft ist – das Einbringen von Subjektivität geradezu voraus.96 Reproduktionsarbeit war und ist insofern ‚subjektivierter’ als Erwerbsarbeit.97 Über die Analyse von Hausarbeit, Sorgearbeit oder Eigenarbeit ließe sich insofern feststellen, nach welchen Regeln das Zusammenspiel von Subjektivität und Arbeit unabhängig von betrieblicher Verwertungslogik abläuft. Hier schließt sich zweitens ein Vergleich unterschiedlicher Arten von Reproduktionsarbeit und ihre jeweilige Bearbeitung durch die Person an. Unterschiede zwischen verschiedenen Arbeitsformen ließen sich ebenso untersuchen wie personenabhängige Merkmale wie z.B. die Erwerbsintegration. Haben erwerbstätige Menschen einen anderen subjektiven Bezug zu Reproduktionsarbeit als Nicht-Erwerbstätige? Der Einfluss der aktuellen Veränderungen in der Erwerbssphäre könnte auf diese Weise ebenso geprüft werden wie die Frage, woher Impulse für eine – so ja die These in den Konzepten – Ökonomisierung 96
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Die mangelnde emotionale Distanz zu Familienangehörigen wirkt einerseits entlastend bei privater Sorgearbeit, da diese stark intrinsisch motiviert ist. Andererseits führt dies im Unterschied zu personenbezogener Dienstleistung in der Erwerbssphäre auch zu einer erhöhten Belastung: Das Abgrenzen gegenüber Bedürfnissen von Familie fällt schwer. Die Vor- und Nachteile privater Sorgearbeit finden ihr Äquivalent unter genau entgegengesetzten Vorzeichen in der Erwerbssphäre. Das rege Interesse der Arbeits- und Industriesoziologie am Thema „Subjektivierung“ ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Erwerbssegmente, in denen Interaktionen das Einbringen von Subjektivität erforderten (wie in weiten Teilen der personenbezogenen Dienstleistungen), zugunsten von Industriearbeit vernachlässigt wurden. „Subjektivierung“ ist insofern nicht zwangsläufig ein empirisch neues Phänomen, sondern vor allem ein für die Forschung neues Terrain. Gleichwohl haben sich auch in diesem Bereich durch Deregulierung und Vermarktlichung die Anforderungen an den Dienst am Kunden gewandelt.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren
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von Reproduktionsarbeit kommen. Nicht nur ökonomische Effizienzprinzipien, sondern auch veränderte Ansprüche an die Kindererziehung, an Ernährung usw. nehmen Einfluss auf diese Arbeit. Es ließe sich also untersuchen, inwiefern sich das Verhältnis der Person zur Reproduktionsarbeit verändert und ob neue Arbeitskonzepte im Betrieb oder veränderte Werte und Normen Auswirkungen auf das Verhältnis von Subjekt und Arbeit im Allgemeinen haben. Drittens könnte die Untersuchung einer „Subjektivierung von Reproduktionsarbeit“ Aufschluss über die Kompetenzen und subjektiven Potenziale geben, für die sich – so ebenfalls die Thesen der Forschung – die Unternehmen verstärkt interessieren. Welches sind die Fähigkeiten aus dem Privaten, die nun am betrieblichen Arbeitsplatz eingesetzt werden sollen? Wie werden sie erworben und lassen sie sich ohne weiteres in die Erwerbsarbeit transferieren? Viertens könnten diese Analyseschritte darin münden, genauer als bislang zu ergründen, welche Anteile von Subjektivität im Erwerbsbereich genutzt werden und welche Folgen dies für die subjektive Wahrnehmung betrieblicher Herrschaftsverhältnisse mit sich bringt. Zwar kursieren in der Arbeitsforschung Positionen, die auch in „subjektivierter Arbeit“ nach wie vor entfremdete Arbeit98 identifizieren, doch steht bislang eine Analyse aus, die die verschwommene Grenze zwischen „Subjektivierung“ und (gleichzeitiger) Entfremdung genauer ausleuchtet. Welche Folgen es für die betriebliche Interessenvertretung hat, wenn Beschäftigte nicht Vorgesetzte, sondern sich selbst (und mangelnde individuelle Kompetenzen) als Ursache unbefriedigender Arbeitsprozesse und erhöhtem Leistungsdruck bewerten, rückt zunehmend ins Blickfeld der empirischen Forschung. Welche Folgen dies für die Beschäftigten selbst und ihre Möglichkeiten der Bewältigung von Arbeitsanforderungen hat, ist dagegen eine noch unterbelichtete Frage. Ein Vergleich der Arbeitsformen könnte insofern zeigen, welche Bedürfnisse von Menschen „Subjektivierung von Erwerbsarbeit“ aufgreift und worin diese Bedürfnisse gründen. Sind sie im Sinne einer anthropologischen Konstante als Element nicht-entfremdeter Arbeit zu interpretieren oder erst Erzeugnis veränderter Arbeitskonzepte, die eine bestimmte Art von „Subjektivierung“ als erstrebenswert deklarieren? Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Arbeits- und Industriesoziologie bislang nicht auf einen „doppelten Prozess“ von „Subjektivierung“ fokussiert. Die Autoren betrachten in den Lebensbereichen je Unterschiedliches: In der Erwerbssphäre analysieren sie das Verhältnis von Erwerbsarbeit bzw. Betrieb und Person, im Außerbetrieblichen betrachten sie hingegen nur solche allgemeinen Einstellungen und Lebensbedingungen, die Einfluss (auch) auf die Erwerbseinbindung und Erwerbsorientierungen von Beschäftigten nehmen. Verschiedene Teildisziplinen wie die Biografie- und Lebenslaufforschung oder die Familiensoziologie betonen, dass die Gestaltungsleistungen des Einzelnen zunehmen, um bisherige Strukturierungsfunktionen erodierender Institutionen zu kompensieren. Individualisierungstheoretisch inspirierte Forschungen resümieren solche individuellen Gestaltungsleistungen – implizit in Anlehnung an US-amerikanische Debatten – unter Begriffen wie „Bastelbiographie“ (Beck/Beck-Gernsheim 1993), „Lebensführung als Arbeit“ (Voß 1991), „Flüssige Identität“ (Wagner 1995) usw.99 Während die Arbeitsforschung diese Varianten 98 99
S. Fußnote 16. Hier hat sich in den letzten Jahren ein erweitertes Verständnis von Ungleichheit durchgesetzt. In Erweiterung zu sozialstrukturellen Faktoren, der Milieuzugehörigkeit und entsprechender Mentalitäten wird den konkreten individuellen Kompetenzen, mit Anforderungen von Individualisierung umzugehen, als neue Un-
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von „Subjektivierung“ auf den Bezug der Subjekte zur Erwerbsarbeit bezieht, vernachlässigt sie die Frage, inwiefern sich auch der Bezug der Menschen zur Reproduktionsarbeit verändert hat. Trotz eines wiederbelebten Subjektbezugs der Teildisziplin wird dieser, eindeutig „Arbeit“ betreffende Aspekt von Subjektivität – und damit ein wesentlicher Teil des Subjekts – noch immer ausgeblendet.100 Der kursorische Rekurs auf die These der „Subjektivierung von Arbeit“ lässt deutliche Parallelen zur Reproduktionsdebatte der 1980er Jahre erkennen (s. 2.1.2). In beiden Debatten werden die Subjekte und ihre individuellen Gestaltungsleistung betont und das Verhältnis der Lebensbereiche berücksichtigt. Gleichzeitig beziehen sich jedoch beide Argumentationen lediglich auf solche Leistungen und Potenziale von Personen, die in irgendeiner Form erwerbsvermittelt sind. Ebenso wie das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ verweisen die Beiträge zur „Subjektivierung“ auf eine systematische Subjektorientierung, bleiben jedoch auf einen Arbeitsbegriff reduziert, der einseitig erwerbszentriert ist. Darüber hinaus ist daher auch aus geschlechtersoziologischer Perspektive Skepsis angebracht. Die These der „Dynamisierung des Verhältnisses von Person und Arbeit“ betont zurecht die Veränderungen in männlichen Arbeitskontexten und Erwerbsverläufen; für weibliche Erwerbsbiografien hingegen ist weder ein komplexes Verhältnis von Arbeit und Leben, noch der Umgang mit Brüchen und Übergängen im Erwerbsverlauf ein qualitativ neues Phänomen (u.a. Krüger 1995).101 Trotz der offenkundigen Begrenzungen im „Subjektivierungs“-Diskurs darf die mögliche Ausstrahlungskraft der vorliegenden Konzepte nicht unterschätzt werden. Durch den Versuch, die faktische Vermittlung von Subjektebene und veränderten Rationalisierungsprinzipien zu analysieren, rücken nicht nur die Steuerungspotenziale von Subjektivität ins Zentrum, sondern gewinnen auch Bedürfnisse und Orientierungen der Arbeitenden (wieder) an Aufmerksamkeit. Hier vollziehen sich – wie die Konzepte zur „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ zeigen – erste Schritte in Richtung einer Perspektiverweiterung auf das außerbetriebliche Leben. Inwiefern diese Annäherungen bereits Eingang in das aktuell proklamierte Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie finden, stellt das folgende Kapitel zur Diskussion.
gleichheitsdimension verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Aus ihnen ergeben sich neue Polarisierungen, die an bisherige Merkmale sozialer Ungleichheit anknüpfen, sich jedoch nicht in diesen erschöpfen. 100 Weiterführend ist in diesem Zusammenhang die Kritik von Matuschek/Kleemann/Brinkhoff (2004) an der These zum „Arbeitskraftunternehmer“: Sie ergänzen diese durch „Eigenkontrolle, Eigenökonomisierung und Eigenrationalisierung“, um der „Anforderungsseite“ der Unternehmen eine „Einforderungsseite“ der Subjekte gegenüberzustellen. Mit dieser Erweiterung unterstreichen sie, dass „die Subjekte strukturelle Bedingungen nicht nur systemkonform, sondern auch eigensinnig und sogar subversiv auslegen können“ (123, herv.i.O.). Der Hinweis erscheint als empirische Suchrichtung geeignet, doch wäre eine solche konzeptionelle Zerteilung des Subjekts problematisch: Da in Orientierungen und Handeln Fremd- und Selbstbestimmung nicht je getrennt, sondern verwoben aufeinander bezogen sind und sich beeinflussen, darf gerade der Zusammenhang zwischen „Selbstkontrolle“ und „Eigenkontrolle“ nicht aus dem Blick der Analyse geraten (s. ausführlicher 4.). 101 Völker (1998) diskutiert die Kompetenzen weiblicher Beschäftigter, sich an betrieblichen Wandel anzupassen, unter der Formel des „Wandelmanagements“. Sie stellt – wie später auch die Forschungen zur „Arbeitskraftunternehmer“-These – fest, dass Frauen aufgrund ihrer Erfahrung mit einer prekären und diskontinuierlichen Einbindung in die Erwerbssphäre die veränderten Anforderungen leichter bewältigen können als ihre männlichen Kollegen.
2.3 Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen
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2.3 Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen 102 Der rasante Wandel von Erwerbsarbeit und neue Logiken der kapitalistischen Nutzung von Arbeitskraft haben in der Arbeits- und Industriesoziologie Impulse dafür gegeben, nicht nur den bislang ausgewiesenen Gegenstandsbereich, sondern auch die über Jahrzehnte hinweg favorisierten theoretischen Perspektiven auf den Prüfstand zu stellen. Für die Soziologie ist es – im Vergleich zu anderen Wissenschaften – unabdingbar, dass angesichts der permanenten Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung die Paradigmen wiederholt zur Disposition stehen. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die rege Debatte des Familienbegriffs innerhalb der deutschen Familiensoziologie, die sich im Zuge dieser Auseinandersetzung sowohl über Vorgehensweise und Selbstverständnis der Forschergemeinde verständigt, als auch Ziele und Titel der Sektion zur Diskussion stellt („Erwägen Wissen Ethik“ 3/2003; s. 3.). Für die Arbeits- und Industriesoziologie scheint es sich demgegenüber um eine zur Zeit existenzielle Frage zu handeln, eindeutige Antworten auf solche für die Soziologie üblichen selbstreferentiellen Betrachtungen zu finden. Es kursieren Fragen nach dem „Anachronismus“ (Deutschmann 2001), dem „Ende“ (Schumann 2002) oder einer „Renaissance“ (Hirsch-Kreinsen 2003) der Teildisziplin. Kühl (2004) greift gar die alten dramatisierenden Formeln von der „Krise“ (Touraine 1972) und vom „Elend“ (Herkommer 1972) der Industriesoziologie auf. Die Titel erwecken den Eindruck, die Industriesoziologie wäre inzwischen obsolet geworden oder zumindest so tief entschlafen, dass sie erst wiederbelebt werden müsse.103 Angesicht der Zentralität des Themas „Arbeit“ in öffentlichen und vor allem politischen Debatten sowie der regen Forschungsaktivitäten von Arbeits- und IndustriesoziologInnen muss dieser Diskurs – vor allem Außenstehende – in Erstaunen versetzen. Denn der implizite oder explizite Rekurs auf den Begriff der „Krise“ bedeutet nicht weniger, als dass eine Teildisziplin entweder Probleme hat, ihren Gegenstand zu identifizieren, oder mit bisherigen Erklärungsmodellen ihren Gegenstand nicht mehr angemessen analysieren kann. Nach Kuhn (1967: 96ff.) sind solche Krisen Vorboten von Paradigmenwechseln, die sich durch die Entdeckung neuer Fakten oder die Entwicklung neuer Theorien ergeben. Die ExpertInnen eint die Erkenntnis, dass sich Erwerbsarbeit so stark ausdifferenziert hat, dass die Teildisziplin nun die Aufgabe habe, sich der Vielfalt von neuen Arbeitsformen zu stellen und den definierten Forschungsgegenstand zu erweitern. Es trennen sie jedoch die Schlussfolgerungen und Konsequenzen, die sie daraus für die zukünftige Ausrichtung der Arbeits- und Industriesoziologie ziehen. Ist man sich bei der Festlegung des neuen Gegenstandes noch auffällig nah, nimmt der Abstand bei der Wahl der theoretischen Bezugspunkte rasch zu. Dies ist im Unterschied zu anderen Teildisziplinen aus zwei Gründen bedeutsam: Die Arbeits- und Industriesoziologie vertrat in den letzten Jahrzehnten zum einen den Anspruch, über die Untersuchung von Arbeit die Gesellschaft in ihrer essentiellen Gestalt und Wirkung zu untersuchen und gesellschaftliche Entwicklung insgesamt zu erklären. Industriesoziologie sollte stets „mehr als eine der sog. Bindestrichsoziologien“ sein (Hirsch-Kreinsen 2003, 5), da die Industrialisierung als der bedeutendste Antrieb für die Entwicklung der Gesellschaft identifiziert wurde. Dieser Anspruch wurde 102 Die folgenden Ausführungen wurden als Beitrag zur aktuellen Debatte in ähnlicher Form in der Zeitschrift „Arbeit“ veröffentlicht (Jürgens 2005c). 103 Krisen-Begriffe kursieren bereits seit den 1960er Jahren in der Industriesoziologie und verweisen auf eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit etablierten Paradigmen und Differenzen in der Festlegung zentraler Aufgaben der Teildisziplin (Lutz/Schmidt 1977; Brandt 1990).
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nicht immer eingelöst, sondern in vielen Forschungsarbeiten zugunsten einer betriebsorientierten Analyse des Wandels von Arbeit vernachlässigt; er blieb jedoch kennzeichnend für das Selbstverständnis der Forschergemeinde. Zum anderen legten sich prominente VertreterInnen mit der Marxschen Gesellschaftstheorie auch auf ein bestimmtes Erklärungsmodell fest und trugen maßgeblich zu dessen Rezeption und kontinuierlicher Aktualisierung bei. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit galt und gilt für ein Gros empirischer Arbeiten und für Ansätze „mittlerer Reichweite“ auch heute noch als ein grundlegendes Deutungsschema. Ebenso verbreitet ist die Kritik an dieser Ausrichtung: Brandt (1990) problematisiert eine „Fixierung“ der industriesoziologischen Forschung auf die Marxsche Theorie. Während in der Nachkriegszeit lediglich die Themen an Marx Analyse orientiert gewesen seien, habe sich in den 1970er Jahren die Tendenz einer „direkt Marx verpflichteten Forschung“ (260) durchgesetzt, die zu enge Ableitungen betreibe. In der Konsequenz teile daher – so die damalige Einschätzung – die Industriesoziologie ihre Stärken und Schwächen mit der Marxschen Theorie. Was heißt dies für das heutige Selbstverständnis? Für die jüngere Generation von ArbeitsforscherInnen stellt sich die Frage, ob und wie sich an Traditionen der Arbeits- und Industriesoziologie anknüpfen lässt, ohne dabei den Anschluss an gegenwärtige theoretische Debatten und Anforderungen im Fach insgesamt zu verlieren. Die aktuelle Kontroverse ist insofern bedeutsam, da sie einen möglichen Orientierungsrahmen für eine Selbstverortung in der Teildisziplin bereit stellt. Die in der gegenwärtigen Debatte kursierenden Forderungen nach neuen theoretischen Ausrichtungen stellen – in der vorliegenden Zuspitzung – bisherige Traditionslinien grundlegend in Frage. Einerseits nutzen die Forscher das Bild der „Krise“ als rhetorische Figur, um in ihren Schlussfolgerungen sofort auf die anhaltende Relevanz der Teildisziplin, ihre Diagnosestärken und nicht zuletzt die Bedeutung der eigenen Forschung zu verweisen. „Krise“ gereicht in diesen Fällen nicht als Diagnose, sondern fungiert als dramaturgisches Instrument. Andererseits schleicht sich mit der Debatte selbst jedoch tatsächlich eine „Krise“ in die Teildisziplin ein: Mit der Forderung nach theoretischen Perspektiverweiterungen liegen implizit Vorschläge für einen Paradigmenwechsel der Arbeits- und Industriesoziologie vor. Gesellschaftstheoretischer Anspruch, theoretische Traditionen und Gesellschaftskritik stehen als Leitlinien der Arbeitsforschung zur Disposition. Ziel dieses Kapitels ist es, nicht nur Argumente des Diskurses zu bilanzieren und Szenarien zu bewerten, sondern darüber hinaus den Blick auf Begrenzungen im Diskurs und „Wünsche“ an die Teildisziplin zu richten. Im Folgenden gilt es daher zunächst zu prüfen, wie ernsthaft die Krisendiagnose einzuschätzen ist und welche theoretischen und gegenstandsbezogenen Perspektivwechsel implizit mit diesen Diagnosen einhergehen. Die Auswahl konzentriert sich dabei exemplarisch auf jene Beiträge, die explizit die bisherige Ausrichtung in Frage stellen bzw. zu diesen Krisenszenarien Stellung beziehen.104 Zu beachten bleibt, dass die Auswahl den Erkenntnisleistungen und den vielschichtigen, z.T. 104 Der Beitrag konzentriert sich auf aktuellere Stellungnahmen zur Teildisziplin (Brose 1998; Deutschmann 2001, 2003; Hirsch-Kreinsen 2003; Howaldt 2003; Kern 1998; Kühl 2004; Lohr 2003 und Schumann 2002, 2003) sowie auf den deutschen Diskurs. Zur Debatte in anderen Ländern s. exemplarisch die Beiträge in „Current Sociology“ (2/1999) oder „Sociologie du travail“ (2/2000). Zum einen richtet sich in diesen Debatten der Fokus jedoch weniger auf das Selbstverständnis der Teildisziplin denn auf die Frage der „Zukunft von Arbeit“; andere Arbeitsformen werden hier vor allem im Kontext von Modellen der „Umverteilung von Arbeit“ und kollektiver Arbeitszeitverkürzung diskutiert. Zum anderen zeigen sich länderspezifische Besonderheiten: So konzentriert sich z.B. die jüngere Auseinandersetzung in Frankreich – inspiriert durch die Ar-
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bleibt, dass die Auswahl den Erkenntnisleistungen und den vielschichtigen, z.T. konträren Positionen in der Teildisziplin nicht gerecht werden kann: Die empirische Forschung reicht weit über die in den Beiträgen genannten Bereiche hinaus und erfasst stets mehr als die in den Überblicksartikeln und Verlautbarungen zum Selbstverständnis der Teildisziplin genannt werden. Diese erfahren jedoch – zudem wenn sie mit Krisenbegriffen betitelt sind – unweigerlich eine große Aufmerksamkeit. Sie werden als Bündelung erforschter Themen und zentraler Theorieperspektiven herangezogen und gereichen innerhalb des Fachs und in benachbarten Disziplinen als Gradmesser der aktuellen Relevanz arbeits- und industriesoziologischer Forschung. Wissenschaftlichem Nachwuchs dienen sie dazu, Anregungen für die Entwicklung einer professionellen Identität als ArbeitsforscherIn zu finden. Statt die gesamte Breite des Diskurses zu rezipieren steht daher eine vertiefte und exemplarische Analyse einzelner Positionen im Vordergrund.
2.3.1 Einigkeit in der Diagnose: Gegenstandserweiterung auf neue Erwerbsbedingungen In Deutschland wird heute „Arbeits- und Industriesoziologie“ als offizieller Titel der Sektion innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie geführt. Das definierte Aufgabengebiet ist breit abgesteckt, zeichnet sich jedoch durch eine Diskrepanz zur empirischen Forschung aus: Seit der Nachkriegszeit deklarieren Überblicksartikel wiederholt die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, Erwerbsarbeit, den Industriebetrieb, Erwerbsorientierungen oder Industrielle Beziehungen als Gegenstand der Teildisziplin (vgl. z.B. Lutz/ Schmidt 1977; Herkommer 1972; Schmidt 1980; Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt 1982; Littek/Rammert/Wachtler 1982; Mikl-Horke 1988). Die empirische Forschung ist hingegen stets über derlei Begrenzungen im Zugriff hinaus gegangen: Private Reproduktionsarbeit, die Reproduktion als Arbeitskraft, (gesellschaftliches) Bewusstsein sowie Lebensführung in Alltag und Lebenslauf zählten und zählen zu den Themen empirischer Studien und mündeten in konzeptionellen Ansätzen, die über die Arbeitsforschung hinaus breite Aufmerksamkeit erhielten.105 Die aktuelle Debatte zum Selbstverständnis der Teildisziplin setzt jedoch (soviel bereits vorab) nicht an einer Perspektiverweiterung auf das außerbetriebliche Leben und Arbeiten an, sondern fokussiert auf Veränderungen in der Erwerbssphäre: Alle Beiträge rekurrieren auf den Strukturwandel von Erwerbsarbeit. Da sich die Krisendiagnose offenkundig also nicht auf die bislang ausgeblendeten Fragen zu Arbeit jenseits von Erwerbsarbeit bezieht, gilt es zu prüfen, inwiefern der Gegenstandsbereich der Arbeits- und Industriesoziologie überhaupt Zweifel im Selbstverständnis auslöst und einen Krisenbegriff rechtfertigt. Die AutorInnen stimmen darin überein, dass klassische Industriearbeit zwar nach wie vor einen bedeutsamen Erwerbssektor in Deutschland darstellt, aber daneben andere Wirtbeiten von Bourdieu und Castel – auf das Kritikpotenzial von Soziologie und Arbeitsforschung sowie auf die Möglichkeiten und Grenzen des Eingreifens in politische Debatten. 105 S. hierzu z.B. bereits die Arbeiten von Herkommer 1972; Knapp 1981; Becker-Schmidt u.a. 1983; Brock/Vetter 1982a; Born/Krüger 1993; Projektgruppe 1995 (s. ausführlich 2.1 sowie 3.). Auch in der aktuellen Forschung zu „Subjektivierung“ und „Entgrenzung“ von Arbeit finden sich zahlreiche Perspektiverweiterungen auf das Außerbetriebliche. Dennoch nehmen weder ältere noch jüngere ÜberblicksDarstellungen (mit Ausnahme von Mikl-Horke und Lohr) systematisch Bezug auf Reproduktionsarbeit. Lediglich partiell bestehen, wie z.B. zwischen Arbeitsmarkt- und Lebenslaufforschung, aufgrund der Personalunion von ForscherInnen konkretere Vernetzungen.
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schaftszweige an Einfluss gewonnen haben. Die mit dieser Entwicklung einhergehende Ausdifferenzierung von Arbeitsbedingungen und sich herauskristallisierende neue Arbeitsformen müssten folglich, so die einhellige Forderung, stärker als bislang auch ins Zentrum der Forschung rücken. Für welche Beschäftigtengruppen sich welche Veränderungen ergeben, sei eine noch weitgehend unbeantwortete Frage – die „heterogene Landkarte der Arbeit“ (Sauer 2001 zitiert nach Schumann 2002: 17) sei noch zu zeichnen. Betont werden damit mögliche Polarisierungen nicht nur zwischen Hochqualifizierten und prekär Beschäftigten oder zwischen Erwerbslosen und Erwerbstätigen, sondern auch Verwerfungen innerhalb von Arbeitnehmergruppen, die sozialstatistisch als homogen gelten können. Einigkeit besteht dabei in der Einschätzung, dass man das „Ende“ und die „Krise“ der Industriesoziologie abwenden könne, wenn man sich den damit einhergehenden Themen wie etwa neuen Anforderungen an Beschäftigte, der Pluralisierung von Arbeit oder den Folgewirkungen von anhaltender Massenarbeitslosigkeit öffne. Während Deutschmann (2001) diese Gegenstandserweiterung als Desiderat der Industriesoziologie formuliert, sieht Schumann (2002) in den eigenen Forschungsarbeiten bereits erste Schritte in diese Richtung getan: In einem „Strukturbild der Erwerbstätigkeit in Deutschland“ unterscheidet er – unter Rekurs auf Dahrendorf – unterhalb einer „Globalen Klasse“, die sich durch große ökonomische und politische Herrschaftsressourcen auszeichne, auf einer Modernisierungsachse die „Macher“, die „Mitgestalter“, die „Ausgesparten“, die „Bedrohten“ und die „Verlierer“ (2002: 17ff.). Mit diesem Modell könne die Ausdifferenzierung genauer gefasst werden, da nicht Segmente, sondern individuelle Erwerbsbedingungen erfasst würden und damit auch Polarisierungen zwischen Beschäftigten innerhalb einzelner Erwerbssegmente berücksichtigt werden könnten. Schumann sieht dabei in der Industrie nach wie vor eine in Deutschland „wichtige Ressource für die ökonomischen Chancen“ (11) und unterstreicht die nach wie vor weite Verbreitung tayloristischer Arbeit (s. auch Schumann u.a. 2005).106 Deutschmann, Lohr (2003) und Hirsch-Kreinsen (2003) negieren keineswegs diese anhaltend tayloristischen Arbeitsbedingungen in bestimmten Erwerbsbereichen, sie warnen jedoch davor, zu einseitig auf diese zu fokussieren. Gerade in den neuen Nutzungsformen von Arbeitskraft vollziehe sich – wie im Idealtypus des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß/Pongratz 1998) beschrieben – ein im Vergleich zum Taylorismus noch rigiderer Zugriff auf die Menschen. Die der These vom „Arbeitskraftunternehmer“ zugrundeliegende Tendenzaussage einer zunehmenden Verlagerung von Regulierungsfragen auf die Arbeitenden selbst wird weitgehend bejaht. Hinsichtlich einer Verallgemeinerbarkeit oder gar der Herausbildung eines neuen Typus der Nutzung von Arbeitskraft bestehen jedoch Zweifel (Deutschmann 2001: 64; Schumann 2002: 16ff.; Hirsch-Kreinsen 2003: 15f.). Deutschmann (2001: 62ff.) widerspricht der Annahme, dass sich Arbeitskraft tatsächlich „restlos“ nutzen ließe. Er hält es nicht für möglich, dass sich „quasi ‚direkt’ auf die Subjektivität der Beschäftigten und ihre Präferenzen zugreifen“ ließe, und betont demgegenüber Vertrauen und Kooperationsbereitschaft als zentrale Parameter des Erfolgs neuer Arbeitsformen. Zudem unterlägen auch neue Arbeitsformen kapitalistischen Produktionsbedingungen sowie dem permanenten Druck von Kostensenkung und Leistungssteigerung (Deutschmann 2002: 8ff.; Lohr 2003: 106 Schumann u.a. (2005) identifizieren in ihrer Untersuchung des Modells „AUTO 5000“ bei der Volkswagen AG sogar eine „Rekonventionalisierung“ und konstatieren für das Segment der Industriearbeit nach wie vor eine traditionelle Arbeitsgestaltung, in der sich kaum die der „Subjektivierungs“-These zu Grunde liegenden Wandlungstendenzen antreffen ließen.
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516). Da wesentliche Machtasymmetrien bestehen blieben, habe die Arbeits- und Industriesoziologie nach wie vor Aufklärungsarbeit zu liefern. Einigkeit besteht in der Forschergemeinde somit darüber, dass Prinzipien einer auf die Subjektivität der Beschäftigten zielenden Arbeitskraftnutzung – sofern sie sich durchsetzen – weitreichender seien als jede tayloristische Nutzung von Arbeitskraft. Die Argumente unterstreichen eine rege Auseinandersetzungen mit veränderten Formen der Organisation von Arbeit und der Nutzung von Arbeitskraft. Die skizzierten Positionen zeigen, dass zwar die Einschätzungen der Reichweite der wirtschaftlichen Strukturveränderungen zum Teil divergieren, man sich aber einig ist, dass die Industriesoziologie einer Gegenstandserweiterung auf neue Arbeitsformen und Beschäftigungssegmente bedarf. Die AutorInnen benennen ein breites Spektrum arbeitssoziologisch relevanter Themen, die in der empirischen Forschungspraxis bereits Beachtung gefunden haben. Die z.T. dramatisierenden Titel der Beiträge sind daher – sofern sie sich auf den Gegenstandsbereich beziehen – als Versuch zu interpretieren, die Forschergemeinschaft aufzurütteln und die Diagnosefähigkeit der Arbeits- und Industriesoziologie langfristig zu erhalten, indem man frühzeitig den Wandel von Arbeit erkennt und neue Arbeitsformen untersucht und reflektiert. Eine „Krise“ aufgrund einer Vernachlässigung anderer Arbeitsformen als Erwerbsarbeit lässt sich indes nicht feststellen. Die aktuellen Beiträge lesen sich allesamt als Untermauerung der Teildisziplin. So dramatisierend die Titel gewählt sind, so deutlich kristallisiert sich heraus, dass die AutorInnen dem Thema „Arbeit“ nach wie vor eine für die Gesellschaftsdiagnose, und damit auch für die Soziologie, zentrale Bedeutung beimessen. Trotz einer offenkundigen Gegenstandserweiterung auf neue Erwerbsbereiche und Beschäftigtengruppen, bleibt diese Perspektiverweiterung jedoch beschränkt: Alle Beiträge – mit Ausnahme der Stellungnahme von Lohr (2003) – klammern Arbeit jenseits ihrer Erwerbsvermittlung aus dem Gegenstandsbereich der Teildisziplin aus. Familien- und Hausarbeit, private Sorgearbeit, Eigenarbeit oder ehrenamtliches Engagement gelten den Vertretern der Teildisziplin weder als bisherige noch als potenzielle Forschungsthemen.107
2.3.2 Divergenzen in den Schlussfolgerungen: Traditionsorientierung versus Paradigmenwechsel ArbeitssoziologInnen bewegt die Frage, ob die Kategorie „Arbeit“ – in der Regel verstanden als Erwerbsarbeit – in Gegenwartsanalysen noch einen hervorgehobenen Stellenwert einnimmt und weiterhin als „Schlüsselkategorie“ gilt. Während sich die VertreterInnen der Teildisziplin in der Konturierung dieser Aufgabenstellung weitgehend einig sind, fallen die Lösungsvorschläge sehr unterschiedlich aus. Die Krisendiagnose könnte sich insofern als berechtigt erweisen, um die Unsicherheit hinsichtlich des bislang postulierten gesellschaftskritischen und -theoretischen Anspruchs zu bewerten. Im Folgenden möchte ich
107 Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Resch (2004) für die Arbeitspsychologie. Zwar liegen hier theoretische und methodische Ansätze zur Analyse von Arbeit jenseits der Erwerbssphäre vor, würden in der Disziplin jedoch kaum aufgegriffen: „Untersuchungen über Arbeitstätigkeiten in Beruf und Familie“ (112, herv.i.O.) seien bislang noch randständig.
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exemplarisch an fünf Beiträgen prüfen, wie überzeugend Plädoyers einzuschätzen sind, die die bisherigen Ansprüche aufrechterhalten bzw. von der Agenda streichen wollen.108 Während sich etliche VertreterInnen der Arbeits- und Industriesoziologie nicht mehr zur gesellschaftskritischen Tradition äußern, gibt Deutschmann (2001) in seinem die Debatte initiierenden Beitrag einen eher pessimistischen Impuls. Aufgrund der bisherigen Verengung des Forschungsgegenstandes gelänge es kaum noch, die Intentionen der neuen Managementkonzepte und die Persistenz von Herrschaftsverhältnissen und Machtasymmetrien aufzuzeigen. Indem sich die Industriesoziologie auf eine nicht mehr zeitgemäße Taylorismuskritik fixiere und die Analyse repetitiver Arbeit überbewerte, verwirke sie ihren gesellschaftskritischen Anspruch. Deutschmann sieht als wesentliches Problem die in neuen Arbeitsformen praktizierte subjektive Einbindung der Beschäftigten, die dazu genutzt werde, weitere Produktivitätspotenziale zu erschließen. Halte die Gesellschaftskritik der Industriesoziologie an entmündigter und degradierter Arbeit als Referenzpunkt fest, dann gelte diese Kritik nur noch für ein Fünftel der Beschäftigten (Deutschmann 2001: 60). Hier erstaunt zunächst, wie eng Deutschmann Gesellschaftskritik und Taylorismus miteinander verzahnt. Wie er selbst schildert, haben bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Reihe von Publikationen auf neue Formen der Nutzung von Arbeitskraft aufmerksam gemacht und die These einer möglichen „neuen Stufe des Kapitalismus“ zur Diskussion gestellt (u.a. Sauer/Döhl 1997; Moldaschl 1998; Voß/Pongratz 1998). Alle diese Autoren liefern – zumindest implizit – bereits eine Gesellschaftskritik, wenn sie die neuen Modi der Arbeitskraftnutzung ausleuchten, die nur oberflächlich neue Freiheiten für die Beschäftigten mit sich bringen, faktisch aber zu einer erhöhten Selbstausbeutung führen. Deutschmanns Frage nach einem „Anachronismus“ der Industriesoziologie ist daher – wie auch Titel anderer Beiträge – als rhetorisches Konstrukt zu bewerten. Zwar ist seine Kritik an der industriesoziologischen Fixierung auf tayloristische Arbeitsbedingungen überzeugend, doch unterliegen auch die neuen Arbeitsformen – wie zuvor Arbeitsformen im Modell von Taylorismus und Fordismus – der Mehrwertsteigerung. Deutschmann selbst betont als normativen Bezugspunkt die „Idee einer Gesellschaft, in der der Mensch seine Persönlichkeit und seine sozialen Beziehungen durch Arbeit frei entfalten kann“ (2001: 58) und problematisiert den neuen Zugriff auf die Beschäftigten als „totalitär“. Sein Plädoyer ist insofern eine Fortsetzung einer Argumentationslinie, die die Berechtigung eines gesellschaftskritischen Anspruchs der Industriesoziologie nur unterstreicht und insofern keiner Krisendiagnose bedarf. Interessant an Deutschmann Perspektive ist die konsequente Subjektorientierung, die sich von anderen Positionen deutlich abhebt: Er hinterfragt die in der These zum Arbeitskraftunternehmer angelegte Annahme einer „restlosen“ Bereitstellung von Arbeitskraft und betont demgegenüber die Grenzen des „direkten“ Zugriffs auf die Subjektivität von Beschäftigten mit „einschlägigen Sozial- und Psychotechniken“ (2001: 66). Deutschmann vermutet sogar einen bewussten Verzicht der Unternehmen „auf die völlige Ausschöpfung ihrer Arbeitsmarktmacht“ (ebd.). Seine Argumentation scheint hier jedoch etwas zu optimistisch geraten: Sicher gibt es naheliegende Gründe dafür, dass sich Beschäftigte einem „ruinösen Wettlauf gegen sich selbst“ (67, herv.i.O.) verweigern (s. ausführlich 4.). Bislang ist aber – und dies zeigen bereits die Umrisse des „Strukturbilds der Erwerbstätigkeit“ von 108 Um die Argumentation zu bewerten, konzentriere ich mich im Folgenden detaillierter auf AutorInnen, die sich sowohl auf den gesellschaftskritischen als auch -theoretischen Anspruch beziehen. Die Nennung folgt entsprechend der Chronologie der Debatte.
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Schumann – nur eine Minderheit von Beschäftigten in der Position, die damit verbundenen negativen Sanktionen in Kauf nehmen und individuell abfangen zu können. Dennoch stellt Deutschmanns Argumentation eine wichtige Perspektiverweiterung für die Industriesoziologie dar. Er thematisiert nicht einseitig Prozesse der Anpassung von Beschäftigten an neue Arbeitsformen, sondern zieht – als Erweiterung etwa zu Voß/Pongratz (1998) – Grenzen des Zugriffs auf den „ganzen Menschen“ zumindest in Erwägung.109 Hierin begründet sich sein Vorschlag einer stärkeren Handlungsorientierung der Industriesoziologie (2002: 40ff.), die in der Arbeits- und Industriesoziologie bislang nur bedingt aufgegriffen wurde. Neuen Formen betrieblicher Herrschaft und veränderte Interessenkonstellationen ließen sich durch eine solche mikrosoziologische Fundierung leichter erhellen als über strukturtheoretische Perspektiven auf kollektive Akteure, wie sie die Teildisziplin lange Zeit prägten.110 Deutschmanns Argumentation assoziiert insofern zwar eine Infragestellung des gesellschaftskritischen Anspruchs der Industriesoziologie, unterstreicht jedoch implizit dessen Aktualität: Sobald die Perspektive der Beschäftigten in die Analyse einfließt, lassen sich die sozialen Folgewirkungen und anhaltend sozialstrukturellen Implikationen von Arbeit nicht mehr ausblenden. Ähnlich defensiv bleibt Deutschmann auch in seiner Einschätzung des gesellschaftstheoretischen Anspruchs der Teildisziplin. Er streut hier eher Zweifel und konzentriert sich auf den Wandel von Arbeitsformen und das Phänomen einer bislang „historisch nie erreichte[n] Konzentration menschlicher Arbeit auf nicht formalisierbare Funktionen als Spezifikum der informationstechnischen Ära“ (2003: 477). Seine historisch angelegte Argumentation setzt dabei auf unterschiedlichen Ebenen an: Deutschmann betrachtet nicht nur die Veränderungen zentraler Institutionen der Arbeitsgesellschaft, sondern nimmt parallel eine akteurstheoretische Perspektive ein, wenn er für einen Arbeitsbegriff plädiert, der sich nicht nur auf „programmgerechtes Verhalten“ bezieht, sondern zwischen Wissen als subjektiver Fähigkeit (Wissen) und symbolisch objektiviertem Wissen (Information) unterscheidet. Deutschmann weist dabei stets auf Kontinuitäten hin und rekonstruiert, dass – über die „kapitalistischen Umwälzungen“ hinweg – die Strukturen der Nutzung von Arbeitskraft weitgehend aufrechterhalten bleiben und soziales Handelns in das Verhältnis von Kapital und Arbeit eingebunden ist. Sowohl seine Reformulierung einer „Theorie des Geldes“ als auch seine Analyse des Arbeitsverhältnisses sind zwar im Ausgangspunkt akteurszentriert, zielen jedoch implizit, auch durch die historische Einordnung, auf eine gesellschaftstheoretische Reflexion. Während Deutschmanns Plädoyer für eine stärkere mikrosoziologische Betrachtung unmittelbar einleuchtet, bleiben seine daraus abgeleiteten Einwände gegen eine gesellschaftstheoretische Anbindung unklar. Die von ihm selbst vorgetragenen Erkenntnisse arbeitssoziologischer Forschung zum Wandel von Arbeit zeigen eindrucksvoll, dass auch die neuen Arbeitsformen kapitalistischen Produktionsbedingungen und Rationalisierungsinteressen unterliegen und Anforderungen der Erwerbssphäre auch in andere Lebensbereiche ausstrahlen. Deutschmann benennt mögliche negative Folgen der neuen Belastungen in der Er109 Empirische Forschungsergebnisse verweisen auf bewusste Grenzziehungen der Beschäftigten gegenüber betrieblichen Anforderungen. Sie verhindern ein unmittelbares ‚Durchschlagen’ ökonomischer Verwertungslogiken und erweisen sich nicht nur individuell, sondern auch im betrieblichen Interesse als höchst funktional (Jürgens 2004). 110 Auch Maurer (2004) plädiert dafür, „Interessen und Situationswahrnehmungen der Unterworfenen“ (16) systematischer einzubeziehen und deren Beitrag zur Stabilisierung von Herrschaft stärker als bislang zu berücksichtigen.
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werbsarbeit für Prozesse und Aktivitäten in anderen Lebensbereichen wie z.B. die Entscheidung zur Elternschaft, gemeinsame Zeit mit der Familie oder ehrenamtliches Engagement. Diese offenkundigen Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen und Hierarchien zwischen unterschiedlichen Arbeitsformen als gesellschaftstheoretische Erkenntnis zu konzipieren, buchstabiert Deutschmann hingegen nicht weiter aus. Als Gegenposition hierzu liest sich der Beitrag von Schumann (2002), für den nicht nur der gesellschaftskritische, sondern auch der gesellschaftstheoretische Anspruch der Industriesoziologie außer Frage steht. Schumann räumt ein, dass die „Negativ-Folie“ tayloristischer Arbeitspolitik nicht mehr zur „Bestimmung von Arbeitsproblemen und Entfremdungsformen“ ausreiche und es deshalb Aufgabe der Forschung sei, „die Verhaltenszumutungen der Wissensarbeit zu präzisieren und die Widerstandsmöglichkeiten gegen Vereinnahmung und Autonomieverlust zu reflektieren“ (2003: 152). Hierbei handle es sich aber keineswegs um eine „Theorie mittlerer Reichweite“ – wie sie Deutschmann für die Teildisziplin favorisiert – sondern nach wie vor um eine gesellschaftstheoretische Reflexionsebene. Schumann verweist auf die anhaltende Aktualität der Arbeiten der Kritischen Theorie und sieht in den Reflexionen von Negt (2001) über „Arbeit und menschliche Würde“ ein Beispiel dafür, dass nach wie vor tragfähige Anknüpfungspunkte an eine Gesellschaftstheorie bestehen. „Arbeit“ zähle weiterhin zu den Bestimmungsmomenten gesellschaftlichen Wandels, so dass keine Notwendigkeit für einen theoretischen Perspektivwechsel bestehe: Die Logik der Kapitalverwertung gilt für Schumann nach wie vor als der zentrale Impuls für gesellschaftliche Entwicklung (2002: 24). Für Schumann ist Industriesoziologie somit alles andere als ein „Anachronismus“. Sie verfüge über viele Ansatzpunkte, „Aufklärungsund Orientierungswissen zu erarbeiten“. Zu erwarten sei „eine Renaissance der Industriesoziologie, weil wir uns wieder an einem gesellschaftlichen Wendepunkt befinden, in dem Arbeit re-thematisiert wird“ (2003: 162, herv.i.O.). Schumanns Stellungnahme zeichnet aus, dass er mit der Skizze eines „Strukturbilds der Erwerbstätigkeit“ auf die Reproduktion bestehender Ungleichheitslagen und sich abzeichnende neue Polarisierungen hinweist. Er liefert damit ein anschauliches Beispiel für eine sich kritisch begreifende Industriesoziologie, die nicht nur den Strukturwandel von Arbeit als untersuchungswert betrachtet, sondern auch die Folgen für die Beschäftigten mitreflektiert. Als einziger Vertreter definiert er Arbeitslosigkeit in den Objektbereich der Teildisziplin hinein und hält hier auch theoretische Ergänzungen für ratsam wie z.B. eine Einbeziehung der Exklusionsforschung, um das Problem der Massenarbeitslosigkeit systematischer als bislang üblich zu erforschen. Gleichwohl bleibt seine Definition der Aufgaben von Arbeits- und Industriesoziologie damit ebenfalls erwerbsfixiert: Er fokussiert mit seinem Vorschlag auf die Bewältigung und Folgewirkungen des Fehlens von Erwerbsarbeit, nicht aber auf die Eigenlogik anderer Arbeitsformen. Ähnlich wie Schumann argumentiert Hirsch-Kreinsen (2003). Er plädiert dafür – der bisherigen industriesoziologischen Traditionslinie folgend –, die „inneren Widerspruchsund Spannungsmomente“ neuer Arbeitsformen für unterschiedliche Beschäftigtengruppen zu erarbeiten (16). Hirsch-Kreinsen unterstreicht die Stärke der Industriesoziologie, eine anwendungs- und praxisbezogene Forschungsarbeit zu leisten, bleibt jedoch skeptischer in bezug auf den Einfluss der Industriesoziologie in der Soziologie insgesamt (s. auch Kühl 2004: 151). Er macht die „Renaissance“ der Industriesoziologie davon abhängig, ob es darüber hinaus auch gelingt, konzeptionelle „Grundlagenforschung“ zu betreiben. HirschKreinsen diagnostiziert für die Industriesoziologie Schwierigkeiten, angesichts der Ausdif-
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ferenzierung von Arbeitsbedingungen schlüssige Erklärungsansätze bereit zu stellen, und sieht eine Lösung in der Überschreitung (teil)disziplinärer Grenzen, z.B. einer engeren Zusammenarbeit mit den Wirtschaftswissenschaften oder der Organisationstheorie. Theoretische Vertiefungen hält er in bezug auf „politikwissenschaftliche Governancekonzepte und regulationstheoretische Überlegungen“ (2003: 17) für möglich, präzisiert diese jedoch nicht weiter. Wie alle AutorInnen plädiert auch Hirsch-Kreinsen für eine Gegenstandserweiterung und widerspricht einer Reduzierung von Industriesoziologie „auf die Entwicklung der ‚großen Industrie’“ (16). Er sieht eine anhaltende Aktualität der Teildisziplin, die sich darin manifestiere, dass „die westlichen Gesellschaften gegenwärtig nur noch ökonomische Aktivitäten und Erwerbsarbeit als legitime Tätigkeitsformen zu akzeptieren scheinen“ (ebd.). Diese Argumentation lässt erstaunen, da dies – wie die Ergebnisse der (historischen) Frauenarbeitsforschung belegen – seit der Herausbildung des Kapitalismus nie anders war. Sie verweist jedoch auf bisherige Blindstellen der Teildisziplin, deren Schwerpunktsetzung nie auf der Analyse von Arbeit insgesamt, sondern in der Untersuchung von Erwerbsarbeit lag. Fast alle Beiträge der Debatte lassen diese enge Auslegung des Arbeitsbegriffs erkennen. Hirsch-Kreinsen berücksichtigt die wachsende Erwerbsbeteiligung von Frauen jedoch nur im Hinblick auf die Analyse von Erwerbspositionen und Arbeitsmarktstruktur; nichterwerbsvermittelte Arbeit wird dagegen nicht im Gegenstandsbereich verortet.111 HirschKreinsen identifiziert die Erwerbsintegration von Frauen als einen neuen Themenbereich und plädiert für eine Öffnung zu anderen (Teil-)Disziplinen. Private Sorgearbeit bleibt dabei jedoch ebenso aus dem Gegenstandsbereich ausgeblendet wie Schnittstellen zu solchen Disziplinen, die sich – wie etwa die Familiensoziologie – auf Arbeit beziehen, die jenseits von Organisationen stattfindet. Eine Einbeziehung von Ergebnissen der Frauenarbeitsforschung und der Wechselwirkung von Lebensbereichen enthält lediglich die Positionsbestimmung von Lohr (2003).112 Sie konzentriert ihre Stellungnahme zur gegenwärtigen Arbeits- und Industriesoziologie auf das Thema „Subjektivierung von Arbeit“. In einem Rückblick auf zentrale industriesoziologische Studien zeichnet sie nach, dass sich „Subjektivierung“ langsam aber stetig ins Zentrum gerückt habe; eine Gegenstandserweiterung sei in dieser Hinsicht also bereits vollzogen. Lohr leuchtet aus, an welche Traditionslinien der Industriesoziologie das Thema anschließt und wo sich mögliche neue Perspektiven eröffnen. Sie unterstreicht dabei – ähnlich wie Deutschmann – die wachsende Bedeutung einer stärkeren Subjektorientierung in der Forschung. Lohr betont – wie bereits Baethge (1991) – die „doppelte Konstituierung von Subjektivierung von Arbeit“ (511), indem sie Subjektivierung einerseits als neue Logik der Rationalisierung, andererseits aber auch als Orientierung der Individuen betrachtet und vorschlägt, diese sowohl getrennt als auch in ihrer Dialektik zu untersuchen.113 In den vorliegenden Studien werde – so ihre Kritik – beides meist vermischt. Mit dieser Sicht löst sie 111 Auch Brose (1998), der für eine Lebenslaufperspektive der Forschung plädiert, fokussiert dabei auf Fragen von erwerbsvermittelter Arbeitskraftnutzung statt auf die Wechselwirkung von Erwerbs- und NichtErwerbsarbeit während des Lebenslaufs. 112 Howaldt (2003) berücksichtigt in seinem Plädoyer für „neue Leitbilder“ der Arbeitsforschung den außerbetrieblichen Lebenszusammenhang und spricht sich – im Sinne einer Aktualisierung der Forschung zur Humanisierung des Arbeitslebens – dafür aus, die Debatte zu „guter Arbeit“ um die Perspektive auf die Bedingungen für „gutes Leben“ zu erweitern. 113 Damit rekurriert Lohr implizit auf einen weiten Rationalisierungsbegriff, der nicht nur technisch-ökonomisch, sondern auch sozial ansetzt (vgl. bereits Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt 1982). Anstatt an gesellschaftliche Rationalisierungsprozesse anzuknüpfen, argumentiert Lohr hier auch im Sinne der WertewandelDebatte.
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sich wie Deutschmann von einer in der Industriesoziologie verbreiteten Perspektive auf individuelle Anpassungen von Beschäftigten und sieht in der Vernachlässigung individueller Orientierungen und Sinndeutungen die Tendenz, „Subjektivierung ohne Subjekte“ (2003: 526) zu denken. Lohr sieht wesentliche Probleme der Industriesoziologie darin, zu bestimmen was Subjektivierung ist und wie das Subjekt „zu fassen“ ist. Die Konzepte bezögen sich entweder auf individuelle Arbeitsorientierungen und subjektive Potenziale oder aber auf die institutionelle Verfasstheit von Arbeit und neue Anforderungen an Beschäftigte. Lohr identifiziert darin zwei Dimensionen, die bislang jedoch nicht in ihrer Vermittlung untersucht würden. Zwar bleibt offen, wie sie sich eine solche Erweiterung vorstellt, doch plädiert sie für eine mikrosoziologische Öffnung, die – und hier unterscheidet sie sich von Deutschmann – wieder strukturell verankert werden und Eingang in das von Schumann begonnene „Strukturbild“ finden soll. Um solche sozialstrukturellen Folgen abzuschätzen, müssten, so Lohr, die Ursachen von Subjektivierung nicht wie bisher isoliert, sondern stärker in ihrer Wechselwirkung untersucht werden. Ihre Positionsbestimmung zielt insofern auf eine Fortsetzung bisheriger Traditionslinien der Industriesoziologie, bringt aber implizit durch Hinweise auf die Verbindungslinien zwischen strukturellen Anforderungen und subjektiven Orientierungen auch eine theoretische Perspektiverweiterung in die Debatte ein. Lohr, wie auch die anderen diskutierten AutorInnen, äußert sich sehr präzise zu den erforderlichen Gegenstandserweiterungen, während theoretische Perspektivwechsel angedeutet, aber kaum ausführlich vorgestellt oder auf den neuen Gegenstand angewendet werden. Eher umgekehrt verhält es sich bei Kühl (2004), der nicht für eine Verbreiterung von Forschungsthemen, sondern für eine theoretische Umorientierung wirbt. Kühl dekliniert die klassischen Kategorien der Teildisziplin systemtheoretisch durch und distanziert sich dabei in zweierlei Hinsicht von industriesoziologischen Traditionen: Zum einen schätzt er die gesellschaftstheoretische Diagnosefähigkeit der Marxschen Theorie als weitgehend überholt ein und favorisiert die Theorie funktionaler Differenzierung als überzeugenderen Erklärungsansatz; zum anderen lehnt Kühl den gesellschaftskritischen Anspruch der Teildisziplin ab und beklagt eine „abgeschwächte Distanz zu den Vertretern der Arbeitnehmerschaft“ (Kühl 2004: 153f.). Beide Aspekte seien verantwortlich für eine aus seiner Sicht wachsende Randständigkeit der Industriesoziologie innerhalb der Soziologie. Kühl betrachtet in seinem Beitrag exemplarisch klassische industriesoziologische Themen wie „Betrieb“ und „Arbeiterbewusstsein“, stellt ihnen differenzierungstheoretische Analysen zu „Organisation“ und „Rolle“ gegenüber und vergleicht die Erklärungskraft der Theoriegebäude von Marx und Luhmann. Kühl scheint es dabei jedoch weniger darum zu gehen, mögliche Verbindungslinien zwischen den Theorien zu identifizieren, als darum, die Systemtheorie als tragfähigere Theorie darzustellen. Seine Beispiele sind stets so gewählt und interpretiert, dass die Theorie funktionaler Differenzierung als „bessere“ Option erscheint. Da an dieser Stelle nicht die ganze Argumentation nachgezeichnet werden kann, sei zur Illustration ein Aspekt ausgewählt: Kühl hält eine Erklärung individuellen Handelns über die Kategorie des Arbeiterbewusstseins für nicht mehr tragfähig und favorisiert ein funktionalstrukturell angelegtes Konzept von Rolle.114 Da es, so seine Anlehnung an Luh114 Ein Zusammenhang zwischen der Positionierung in der Sozialstruktur und Lebenschancen in anderen Teilbereichen sei historisch für vormoderne Gesellschaften gültig, habe aber für moderne Gesellschaften keine Bedeutung – so Kühls Anlehnung an die Theorie funktionaler Differenzierung (Kühl 2004, 131). Im Unterschied hierzu definiert z.B. Knapp unter „Rolle“ „einen spezifischen Erwartungs-, Zuweisungs- und Zumutungshorizont, der in Herrschaftsbedingungen eingebunden ist“ (Knapp 1987, 270).
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mann, nicht möglich sei, „die Rolle in einem Kontext (.) beliebig in einen anderen Kontext“ zu übertragen (Kühl 2004: 133), hätten folglich auch Personen mit einem hohen Status in der Sozialstruktur keine Vorteile außerhalb des Systems, in dem sie diesen Status erworben haben: „Die Professorin muss geduldig warten, bis der Friseur dem Studenten die Haare geschnitten hat.“ (Kühl 2004: 133). So einleuchtend das Beispiel klingt: Die Professorin hat – im Unterschied zum Studierenden – aufgrund ihres Status (und ihres ungleich größeren materiellen Kapitals) nicht nur die Möglichkeit, sich statt beim Friseur an der Ecke von einem teuren „Star“-Coiffeur bedienen zu lassen, sondern sie kann auch davon ausgehen, dass sie diese Dienstleistung in den entsprechenden Salons ohne Wartezeit und versüßt durch Speisen, Getränke und Hochglanzmagazine erhält. Die Systemtheorie verweist berechtigterweise auf die Grenzen und Kontextabhängigkeit des Einsatzes materiellen oder sozialen Kapitals. Der Student könnte also über ähnlich hohes materielles Kapital verfügen wie die Professorin und dies zwar nicht in der Universität für den Erwerb von Leistungsnachweisen einsetzen, sehr wohl aber beim Friseurbesuch geltend machen. Diese These ist theorieimmanent logisch; sie vernachlässigt aber die Option des Transfers von Kapitalien: Der Student kann mithilfe von materiellem Kapital z.B. Sprachkurse oder Klausurentrainings finanzieren, Bücher kaufen statt auf Ausleihen zu warten, sich statt zu jobben auf das Studieren konzentrieren oder sich die Examensarbeit gegen Bezahlung von kompetenten, aber erwerbslosen Akademikern schreiben lassen. Kühl antizipiert derlei Einwände und beantwortet sie damit, „dass alle gesellschaftlichen Teilsysteme auf die prinzipielle Inklusion aller Menschen aufgebaut sind“ (Kühl 2004: 142; herv.i.O.) und die Menschen deshalb die im jeweiligen System gültigen Maßstäbe akzeptierten. Kühl weiß zwar, dies zeigt die Hervorhebung, um den Unterschied zwischen potenzieller und faktischer Inklusion, sieht darin jedoch keinen Anlass, dies als systemtheoretisches Defizit zu verbuchen und die für moderne Gesellschaften charakteristische Wechselwirkung von sozialem Status und Le115 benschancen zu thematisieren. Es ist bekannt, dass gemäß der Systemtheorie dieser Ressourceneinsatz nicht den binären Code des Funktionssystems „Wissenschaft“ berührt und insofern auch nicht weiter betrachtet zu werden braucht. Für eine Forschung, die empirisch vorgeht, muss diese Perspektive jedoch unbefriedigend bleiben: Um Forschungsfragen zu operationalisieren, ist die Industriesoziologie gezwungen, Gesellschaftstheorie auf Ansätze mittlerer Reichweite herunterzubrechen. Kühl lässt sich zudem dazu verleiten, einen Bezugspunkt für seine Argumentation zu wählen, der innerhalb der Industriesoziologie bereits seit langem als ‚veraltet’ gilt: Klassenlage und Arbeiterbewusstsein standen im Zentrum empirischer „Klassiker“ der Industriesoziologie (Popitz u.a. 1957a,b; Goldthorpe u.a. 1968) und sind zwar nicht aus der Forschung verschwunden, wurden seit den späten 1970er Jahren aber zunehmend indirekt untersucht und zugunsten von Arbeitsbewusstsein, Lebenswelt und Relevanzstrukturen (s. bereits Schumann u.a. 1981; Brock/Vetter 1982a; Voß 1984) vernachlässigt. Für einige Industriesoziologen galt die Arbeiterbewusstseinsforschung bereits in den 1980er Jahren als „gescheitert“ (Brandt 1990: 266). 115 Menschen erleben tagtäglich, dass sie im Erwerbsleben zwar nicht nach Geschlecht oder ethnischer Herkunft beurteilt werden sollten, dies jedoch faktisch immer wieder geschieht. Segregationsprozesse am Arbeitsmarkt sind ein Beispiel, an dem sich dies widerspiegelt (z.B. Engelbrech 2002). Gerade die vermeintliche Neutralität des Wirtschaftssystems gegenüber Geschlecht und Ethnizität der Beschäftigten führt dazu, dass Betroffene den Nachweis ihrer Benachteiligung nur schwer erbringen können, da diese auch, aber eben nicht ausschließlich durch die formale Struktur von Organisationen erfolgt.
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Kühl unterstreicht in seiner Argumentation zwar die Reichweite der Marxschen Gesellschaftstheorie und deren Leistung, nicht nur die „Expansionskraft einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung“ zu erklären, sondern „über die Unterscheidung von ökonomischer ‚Basis’ und ideologischem ‚Überbau’ (...) auch das Verhältnis von Wirtschaft zu anderen Teilbereichen zu bestimmen“ (Kühl 2004: 149). Man könne jedoch – so seine zentrale These – erst „wenn man der Annahme der Differenzierung der modernen Gesellschaft in weitgehend autonome gesellschaftliche Teilsysteme folgt, (...) die Rolle der ‚Ökonomie’ in der Gesellschaft näher bestimmen“ (151). Dieser theoretische Richtungswechsel sei nötig, um die Relevanz der Industriesoziologie innerhalb der Soziologie zu bewahren bzw. wieder auszubauen. Kühl plädiert damit offensiv für einen gesellschaftstheoretischen Paradigmenwechsel, der sich einseitig auf die Vorteile der Systemtheorie bezieht, ohne Gegenpositionen in die Analyse einzubeziehen.116 Der „kritische“ Impetus der Industriesoziologie wird sodann als ‚überholt’ verabschiedet. Während Deutschmann und Schumann vor einer Arbeitsforschung der „selffulfilling prophecies“ warnen und auf den eher wachsenden Bedarf an Forschung verweisen, die (auch) zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen beizutragen vermag, plädiert Kühl für eine „ketzerische“ Zuspitzung der Analysen, die sich nicht um die Übertragbarkeit und den Nutzen ihrer Ergebnisse zu scheren habe (Kühl 2004: 154; s. ähnlich Luhmann 1991). Die „Forderung nach einer ‚kritischen Soziologie’“ deklariert er als „Pleonasmus“, da Soziologie als Wissenschaft von der Gesellschaft ohnehin „keine Rücksicht auf die Handlungslogiken von gesellschaftlichen Teilbereichen, auf die Interessen von Organisationen oder gar von Personen nehmen“ müsse (Kühl 2004: 153). Damit unterstellt Kühl industriesoziologischer Forschung bereits aufgrund ihrer Fokussierung auf Arbeitsbedingungen von Beschäftigten nicht nur Parteilichkeit, sondern auch Unwissenschaftlichkeit und erweckt den Eindruck, bisherige Untersuchungen und Analysen hätten Gefälligkeitsforschung für Interessen von abhängig Beschäftigten und deren Interessenorganisationen betrieben. Gerade die Tradition der Kritik der Politischen Ökonomie hat jedoch die Industriesoziologie hiervor auch bewahrt: Ohne Zweifel richtet sich der Fokus auf die Nutzung von Arbeitskraft und damit auch auf die betroffenen Beschäftigten und die an sie gerichtete Anforderungen. Im Zentrum stand hingegen überwiegend die Analyse von Rationalisierungsprozessen, die nicht auf betriebliches Geschehen reduziert, sondern auf den Wandel der Ökonomie insgesamt ausgedehnt wurde, um daraus eine Kapitalismuskritik zu entwickeln. Es bleibt abzuwarten, wie die Reaktionen auf Kühls Vorstoß ausfallen, und ob in der Forschung eine offensivere Bezugnahme auf die Systemtheorie Luhmanns erfolgt. Dafür spricht, dass sowohl die Theorie funktionaler Differenzierung als auch die Organisationssoziologie gegenwärtig ein Vokabular bereitstellen, das vielen zeitgemäßer erscheint als sozialwissenschaftliche Kategorien wie „Betrieb“ oder „Industrie“ und Rekurse auf einen Theoretiker wie Karl Marx, der nicht nur als Wissenschaftler, sondern stets auch als Leitfigur einer politischen Bewegung wahrgenommen wird.117 Ein Versuch, das industriesoziologi116 Dies ist insofern problematisch, als Kühls Publikation als Einführung ins Thema und in die Teildisziplin angelegt ist und sich an Neulinge in der Debatte richtet, denen Gegenpositionen oder alternativ interpretierbare empirische Forschungsergebnisse kaum bekannt sein dürften. 117 Dies ergibt sich aus Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie, in der Analyse und politische Zielsetzung miteinander verknüpft sind. In der industriesoziologischen Marx-Rezeption reproduziert sich diese Vermischung. Inwiefern eine Distanz zum Theoretiker Marx hierin begründet liegt, bewegt sich im Raum des Spekulativen. Es erscheint jedoch geboten, statt – wie Kühl – von der „marxistischen“ Theorie zu sprechen,
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sche Selbstverständnis in der Tradition der Marxschen Theorie zu revitalisieren, steht bislang noch aus. Ob insofern ein Paradigmenwechsel nur als Vorschlag im Raum steht oder sich möglicherweise unter der Hand bereits vollzieht, kann hier nicht beantwortet werden. Die Konsequenzen zeichnen sich zumindest deutlich ab: Kühl verspricht sich von einer gesellschaftstheoretischen Neuorientierung einen Bedeutungsgewinn für die Industriesoziologie. Seine Vorschläge zu Paradigmenwechsel und ‚Ketzerei’ ebnen jedoch den Weg dafür, die Industriesoziologie derart auszuhöhlen und von ihren Traditionslinien zu lösen, dass sich als Ausweg aus der inszenierten Krise letztlich nur ihre Subsumtion unter die Organisationssoziologie bietet. Schumann befürchtet insofern zurecht das „Ende“ der Industriesoziologie an sich sowie einer Industriesoziologie, die sich nicht nur auf die innerwissenschaftliche Logik von Karriere und Ruhm der ForscherInnen gründet, sondern auch verändernd in die Gesellschaft einzugreifen versucht. Dass dies allein durch die Wahl von Forschungsthemen möglich ist und durchaus den Kriterien von Wissenschaftlichkeit gerecht wird, hat die Arbeitsforschung der letzten Jahrzehnte unter Beweis gestellt. Kritische Forschung ist keineswegs ein Pleonasmus. Sie beginnt, um an Schumanns Position anzuknüpfen, mit der Frage, ob z.B. das Thema „Arbeitslosigkeit“ überhaupt als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung gewählt wird, wenn damit weder Projektmittel noch Lehrstühle an Hochschulen zu ‚ergattern’ sind.
2.3.3 Perspektiverweiterung mit beschränktem Horizont: die Persistenz der Erwerbsfixierung Ließ sich die Krisendiagnose hinsichtlich des Gegenstandsbereichs bei allen AutorInnen widerlegen, sticht ihre Gültigkeit in bezug auf den Arbeitsbegriff umso greller ins Auge: Eine „Krise der Arbeits- und Industriesoziologie“ kann insofern dahingehend resümiert werden, dass Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre hinsichtlich ihrer subjektiven Bedeutung, ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz und hinsichtlich ihrer Wechselwirkung mit Erwerbsarbeit in der gesamten Debatte unterschätzt wird. Während in der empirischen Forschung sowohl ein erweiterter Arbeitsbegriff als auch die Verbindungslinien zwischen Lebensbereichen vermehrt Beachtung finden, begrenzt sich das in den wissenschaftsöffentlichen Diskursen proklamierte Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie damit nach wie vor auf die Analyse von Erwerbsarbeit – sei es, um Komplexität zu reduzieren oder die mit den unterschiedlichen Arbeitsformen verknüpfte Geschlechterfrage zu umgehen (zur Kritik s. auch Gottschall 2000). Seit Jahrzehnten beziehen sich Autoren in Überblicksartikeln und Stellungnahmen auf die Gründergeneration der Industriesoziologie und deren Hinweise auf die Relevanz von Arbeiten und Leben jenseits der Erwerbssphäre (z.B. Bahrdt 1982); in ihrer Definition des Aufgabengebietes oder in Forderungen zur Ausdehnung des Themenspektrums setzen sie dies allerdings nicht um. Die postulierten Gegenstandserweiterungen bleiben insofern der industriesoziologischen Tradition verhaftet, die Teildisziplin weiterhin auf die Untersuchung bezahlter Erwerbsarbeit einzuschwören.
Marx wissenschaftliche Analyse von der an Marx anknüpfenden politischen Bewegung begrifflich zu trennen.
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Mit dieser Selbstbeschränkung handelt sich die Arbeits- und Industriesoziologie gegenwärtig zwei Reduktionismen ein, die ihrer Diagnosefähigkeit nachhaltig schaden können: 1.
Zum einen vergibt die Teildisziplin die Chance, neue Entwicklungen in der Erwerbssphäre in ihren Folgen für individuelle Arbeitsbedingungen und subjektive Belastung zu reflektieren. Bleibt der gesamte Bereich von Nicht-Erwerbsarbeit der Analyse entzogen, wird es kaum gelingen, die neuen Anforderungen und Zumutungen zu identifizieren, die mit der Subjektivierung von Arbeit, einer Arbeitsorganisation nach dem Modell des Arbeitskraftunternehmers oder der zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen verbunden sind. Dies hat mindestens zwei Ursachen: Einerseits wird die Reaktion der Betroffenen auf veränderte strukturelle Bedingungen sowie ihre Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft maßgeblich durch individuelle Kompetenzen und Präferenzen beeinflusst, aber darüber hinaus auch durch außerbetriebliche Faktoren wie z.B. die generelle Familien- und Freizeitorientierung, soziale Bindungen oder die Verpflichtungen in alternativen Arbeitsbereichen. Ursachen für Schwierigkeiten in der Anpassung an veränderte Arbeitsformen und damit einhergehende Belastungen müssen insofern – dies ist für die empirische Arbeitsforschung keine neue Erkenntnis – auch im lebensweltlichen Alltag der Beschäftigten vermutet werden. Sie resultieren möglicherweise in neuen Polarisierungen und sozialen Ungleichheitslagen innerhalb von Beschäftigtengruppen.118 Andererseits stellt sich für die Arbeits- und Industriesoziologie die Frage, welche Bedeutung Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre für die neuen Arbeitskonzepte zukommt. Wenn Kompetenzen aus dem außerbetrieblichen Leben mobilisiert werden sollen und – als mögliche neue Stufe kapitalistischer Nutzung von Arbeitskraft – ein Zugriff auf den „ganzen Menschen“ erfolgt, so bleibt zu klären, um welche Fähigkeiten und Fertigkeiten es sich dabei handelt und wie sie außerhalb von Erwerbsarbeit vermittelt werden. Erst die Operationalisierung eines ganzheitlichen Arbeitsbegriffs wird zeigen können, welche Fähigkeiten ‚angezapft’ werden und welchen Einfluss dies auf das „Strukturbild der Erwerbstätigkeit“ hat. Für eine gesellschaftskritische Forschung, die „Fragen nach den Auswirkungen von Rationalisierungsprozessen und Arbeitsintensivierung erörtert und Herrschaftsstrukturen problematisiert“ (Schumm-Garling 1983: 114), bleibt die Abschätzung solcher Folgen obligatorisch. Die Vertreter der Teildisziplin zeigen sich in ihren Stellungnahmen zwar aufgeschlossen gegenüber anhaltenden Geschlechterhierarchien, doch hat dies – wie die Beiträge belegen – keinen Einfluss auf ihre Definition von Fragestellungen oder theoretische Perspektiven der Arbeits- und Industriesoziologie. Insofern bleibt Brandts Kritik und Warnung aktuell, dass „die industriesoziologische Forschung sich aufgrund ihrer Festlegung bislang gegenüber Veränderungen ihres Gegenstandsbereichs immunisiert, sofern sie ihr Gegenstands- und Problemverständnis berühren, ohne sich der verheerenden Folgen bewusst zu werden, die sich längerfristig für den Bestand der Disziplin ergeben.“ (Brandt 1990: 267).
118 Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte „mother gap“, das auf dem Arbeitsmarkt – vor dem Hintergrund einer strukturellen Unvereinbarkeit von Familie und Beruf – als Polarisierung zwischen Müttern und kinderlosen Frauen wirksam wird.
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Zum anderen eröffnet sich erst über einen erweiterten Arbeitsbegriff und Gegenstandsbereich der Blick auf Verbindungslinien zwischen vordergründig getrennten Lebensbereichen und damit eine – keineswegs neue, aber scheinbar vernachlässigte – gesellschaftstheoretische Perspektive. Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen bleiben in den Verlautbarungen zum aktuellen Selbstverständnis jedoch ganz offenkundig ausgeklammert. Weder werden die Ergebnisse der Frauenarbeitsforschung in den Rückblicken rezipiert, noch zieht man gesellschaftstheoretische Impulse wie etwa das Konzept zur „doppelten Vergesellschaftung“ oder die Analysen zur „Strukturkategorie Geschlecht“ (Becker-Schmidt) in die Reflexionen zur Diagnosefähigkeit ein. Aus zwei Gründen wäre ein solcher Rekurs naheliegend: Zum einen hat die Frauenforschung durch ihren weiten Arbeitsbegriff den Zusammenhang unterschiedlicher Arbeitsformen und daraus resultierende Unterdrückungs- und Ausgrenzungsphänomene nicht nur beschreiben, sondern auch erklären können. Zum anderen boten und bieten ihre Konzepte Impulse für die Theoriedebatte, da ihre Vertreterinnen Defizite sowohl an der Marxschen Gesellschaftstheorie als auch an der Systemtheorie aufzeigen: Gerade weil die Theorien Lebensbereiche bzw. Teilsysteme als voneinander unabhängig denken, übersehen diese – so das zentrale Argument – verdeckte Verbindungslinien, die in Alltag und Lebensläufen von Frauen wirksam werden und traditionelle Geschlechterbeziehungen und ein hierarchisches Geschlechterverhältnis sowohl verursachen als auch reproduzieren (s. exemplarisch Becker-Schmidt/Knapp 1995). Die Beiträge, die theoretische Defizite der Arbeits- und Industriesoziologie diagnostizieren, blenden diese gesellschaftstheoretischen Arbeiten zum Vermittlungszusammenhang von Arbeit und Geschlecht bislang aus und sehen darin ganz offenkundig auch keinen Impuls für eine Aktualisierung des gesellschaftstheoretischen Anspruchs der Industriesoziologie.119 Die Analyse eines rigideren Zugriffs auf subjektive Potenziale von Beschäftigten könnte hier jedoch vergleichsweise unmittelbar anschließen und nach dem Vorbild der Frauenarbeitsforschung Polarisierungen erklären, die sich aus der Einbindung in unterschiedliche Arbeitsbereiche für die Integration bzw. Desintegration von Individuen ins Erwerbsleben ergeben. Dies gewinnt nicht nur an Relevanz, um Phänomene wie Arbeitslosigkeit und steigende Erwerbsorientierung von Frauen zu untersuchen, sondern auch für die Analyse von Arbeit in klassisch androzentrischer Perspektive: Die Analyse des Wandels von Erwerbsarbeit erfordert gerade aufgrund neuer Prinzipien der Nutzung von Arbeitskraft eine Berücksichtigung solcher Wechselwirkungen, die zwar keineswegs geschlechtsneutral sind, aber zunehmend auch für die strukturelle Positionierung männlicher Beschäftigte relevant wird. Wie Beschäftigte auf zunehmende Flexibilitätsanforderungen von Unternehmen reagieren und ihre Arbeitskraft nachhaltig reproduzieren, kristallisiert sich bereits als Faktor heraus, der neue Polarisierungen innerhalb der Genus-Gruppe und innerhalb qua formaler Qualifikation homogener Arbeitsgruppen beeinflusst.
Die Diagnosefähigkeit der Arbeitssoziologie wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, einen erweiterten Arbeitsbegriff anzuwenden und Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen theoretisch zu reflektieren und in der empirischen Forschung zu operationa119 Kühls Argumentation für einen theoretischen Paradigmenwechsel lässt die Analyse solcher Wechselwirkungen und ihrer Folgen für die Sozialstruktur ebenso vermissen wie eine Auseinandersetzung mit Autoren, die Erweiterungen an der systemtheoretischen Perspektive einfordern (s. z.B. Schimank 1996).
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lisieren. Trotz einer sehr regen Debatte zu Selbstverständnis und Zukunft der Arbeits- und Industriesoziologie wird der gesamte Arbeitsbereich jenseits der Erwerbssphäre lediglich als Voraussetzung und Rahmenbedingung, nicht jedoch als Kern des Forschungsgebietes definiert. Weder in älteren noch in jüngeren Überblickswerken finden sich dezidierte Hinweise auf AutorInnen oder Studien, die Erkenntnisse über andere Arbeitsformen ergründet haben. Empirische „Klassiker“ der Teildisziplin werden einseitig hinsichtlich ihrer Ergebnisse über Erwerbsarbeit herangezogen. Angesichts der Entwicklungsdynamik von Arbeit muss diese Begrenzung irritieren: Greifen – in welchem Grad auch immer – Nutzungskonzepte von Arbeitskraft auf die Subjekte, ihre Potenziale und ihr soziales Umfeld zu, dann war und ist es Aufgabe der Arbeitssoziologie, sich diesen Prozessen zu widmen. Wenn man also der Teildisziplin einen „Anachronismus“ attestieren kann, dann weniger im Hinblick auf ihr vermeintlich erodierendes gesellschaftskritisches Potenzial als aufgrund ihrer programmatischen Fixierung auf Erwerbsarbeit. Gerade in der Perspektive auf Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre liegt die Möglichkeit, das kritische Potenzial der Teildisziplin zu revitalisieren. Das Handeln am Arbeitsplatz wird sich ohne die Einbeziehung der außerbetrieblichen Bedingungen auch zukünftig nicht deuten lassen. Eine erweiterte Nutzung von Arbeitskraft bedarf einer wissenschaftlichen Perspektive, die weder Folgen für die Subjektkonstitution noch die Entwicklung von Arbeitsfähigkeiten im außerbetrieblichen Leben ausblendet. Es kristallisiert sich als eine für die Soziologie insgesamt bedeutsame Forschungsfrage heraus, ob der Wandel von Arbeitsanforderungen auch Veränderungen in subjektiven Kompetenzen und Orientierungen nach sich zieht. Der jüngeren Generation bleibt es nicht verwehrt, sich selbst auf die Suche nach anderen, erweiterten Perspektiven zu begeben, anstatt sich an den Überblicksartikeln zu orientieren. Der aktuelle Diskurs in der Arbeits- und Industriesoziologie ist jedoch insofern bedeutsam, als dass „in und mit Diskursen Deutungsvorgaben für politische und soziale Ereignisund Handlungszusammenhänge produziert werden, die darüber entscheiden, wie diese (...) wahrgenommen und bewertet werden“ (Schwab-Trapp 2001: 263). Auch wenn die Ausführungen den Ansprüchen an eine Diskursanalyse nicht gerecht werden konnten, so fällt doch auf, dass „diskursive Eliten“ (ebd.) zu Wort kommen, d.h. prominente Lehrstuhlinhaber, die ihre Beiträge in Fachzeitschriften veröffentlichen, die eine breite, über die Teildisziplin hinausgehende Fachöffentlichkeit erreichen. Auslassungen von Themen und Perspektiven sind dabei keineswegs als zufällig zu betrachten: Sie sind Indiz für die Aufgeschlossenheit bzw. Begrenzung im Selbstverständnis und für implizite Vorgaben an zukünftige (arbeits)soziologische Forschung zu bewerten.
2.4 Fazit: Paradigmenwandel mit Begrenzungen Der chronologische Rückblick auf Traditionslinien, empirische Studien und Selbstverständnis verweist auf die dynamische Entwicklung von Erwerbsarbeit und deren Einfluss auch auf Zugriffsweisen arbeits- und industriesoziologischer Forschung. Die weitreichenden Veränderungen, die sich etwa durch die Internationalisierung von Produktion, Markt und Arbeitsteilung oder Strategien der Dezentralisierung und Vermarktlichung für die Arbeitsbedingungen abhängig Beschäftigter ergeben, konnten dabei nur kursorisch gestreift werden. Eine Verschiebung von Forschungsperspektiven rückt dennoch klar ins Blickfeld: Neue Formen betrieblicher Arbeitsorganisation sind verbunden mit einem veränderten
2.4 Fazit: Paradigmenwandel mit Begrenzungen
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Zugriff auf Arbeitskraft und erfordern eine Anpassung auch soziologischer Forschungstätigkeit und Erweiterung der theoretischen Perspektiven. Konnte die Analyse von Erwerbsarbeit bislang mit Rekurs auf die Marxsche Gesellschaftstheorie erfolgen, so stößt die Teildisziplin in der Erklärung der unter der Formel der „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ subsumierten Phänomene an ihre Grenzen. Werden Beschäftigte zum „Subjekt von Rationalisierung“ und „Unternehmer ihrer Arbeitskraft“, dann hebt dies zwar keineswegs bisherige Interessenkonflikte und Herrschaftsverhältnisse auf, doch ändern sich die Ebenen, auf denen diese analysiert werden können. Auch wenn in der Arbeitssoziologie keine Einigkeit darüber besteht, wie verbreitet Arbeitskonzepte sind, die tatsächlich auf bislang vernachlässigte „subjektive Potenziale“ zugreifen: Dass sich die kapitalistische Logik der Nutzung von Arbeitskraft ändert, ist weitgehend unumstritten. Während dies in der empirischen Forschung zu einer verstärkten Konzentration auf die arbeitenden Subjekte führt, scheint jedoch im Selbstverständnis der Teildisziplin noch offen, ob dies auch Folgen für die Paradigmen der Arbeits- und Industriesoziologie mit sich bringt. Legt man – wie ehemals Lutz/Schmidt (1977) – einen weiten Paradigmenbegriff zugrunde, dann ließe sich vor dem Hintergrund traditioneller Themen der Teildisziplin wie Industriearbeit, Großbetrieb oder kollektive Interessenvertretung bereits die gesteigerte Aufmerksamkeit für Dienstleitungs- und Informationsarbeit oder Hochqualifizierte und Führungskräfte als Paradigmenwechsel bezeichnen. Angesichts der Entwicklungsdynamik des Gegenstandes „Arbeit“ scheint jedoch eine engere Auslegung ratsam. Der Teildisziplin bleibt nur dann ein permanenter Krisendiskurs erspart, wenn nicht bereits der Wandel in den Erscheinungsformen von Erwerbsarbeit dazu führt, bisherige Leitkonzepte in Frage zu stellen. Deutschmann sieht hier sicher zurecht die Gefahr, die „wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Disziplin“ (2003: 492) preiszugeben. Das Ausrufen eines Paradigmenwechsels bringt zudem mit sich, bestimmte Dimensionen von Wandel besonders zu betonen, die Vielfalt und unterschiedlichen Tempi gesellschaftlicher Entwicklung hingegen zu vernachlässigen. Auch als Kern/Schumann (1984) als Abkehr vom Taylorismus die Wiederentdeckung menschlicher Produktivkraft im Produktionsprozess identifizierten und einen Paradigmenwechsel ausriefen, blieb Kritik nicht aus.120 Die Autoren selbst schränkten in der Folge ihre These hinsichtlich der Reichweite ein, hielten jedoch an ihrer Tendenzaussage fest. Inzwischen belegen Forschungsergebnisse, dass sich ein Trend zur umfassenden „Reprofessionalisierung“ zwar nicht systematisch durchgesetzt hat, jedoch die ‚Entdeckung’ der Ressource Mensch neue Ausmaße erreicht hat. In neuen Arbeitskonzepten werden zunehmend solche Potenziale ‚angezapft’, die bislang nicht explizit im Visier von Unternehmen standen. Dass diese Entwicklung folgenlos für die Paradigmen von Arbeitsforschung bleiben kann, muss bezweifelt werden. Der Rekurs auf die aktuelle Debatte zum Selbstverständnis zeigt, dass bereits Vorschläge in Richtung einer stärker handlungstheoretischen Perspektiverweiterung vorliegen. Sprechen sich VertreterInnen für eine theoretische Hinwendung zum Subjekt aus, dann geschieht dies jedoch im Sinne einer Ergänzung des bisher dominierenden strukturtheoretischen Paradigmas und nicht als Plädoyer für dessen Ablösung. Es zeichnet sich daher in der Arbeits- und Industriesoziologie kein Paradigmenwechsel, sondern lediglich ein Paradigmenwandel ab. Die bereits in den 1980er Jahren eingelei120 Voß/Pongratz (1998) sprechen im Zuge ihrer These vom „Arbeitskraftunternehmer“ zwar nicht von einem Paradigmenwechsel, lösen jedoch mit ihren Ausführungen zum Zusammenhang von Arbeitskrafttypen und Produktionsmodellen nicht minder heftige Kritik aus.
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tete „handlungstheoretische Wende“ könnte sich insofern mit Verspätung auch im Selbstverständnis durchsetzen: Sie deutet sich an, wenn statt der „Regulation von Erwerbsarbeit“ (durch kollektive Akteure) stärker auch auf Prozesse des Regulierens von Arbeit als aktive Leistung der Subjekte fokussiert würde (s. 4).121 Eine solche Betonung der aktiven Beiträge der Subjekte zum Arbeitsprozess erfordert keineswegs eine neue Ausrichtung der Teildisziplin: Während die Arbeitspsychologie bereits in den 1970er Jahren mit ihren Ansätzen einer Tätigkeitstheorie strukturelle Einflüsse relativiert und aktive Gestaltungsleistungen der Subjekte betont, erlangen diese in der Arbeitssoziologie zunächst durch die Berufsforschung, dann durch die Forschung zu Arbeitsbewusstsein, Qualifikation und Reproduktion an Aufmerksamkeit. Die aktuellen Konzepte zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ setzen insofern – wenn sie die Beiträge der Individuen zur Funktionsweise neuer Rationalisierungsprinzipien betonen – Traditionen fort, die sich zwar nicht in Überblicksartikeln finden, jedoch in den Erkenntnissen von empirischer Forschung und Ansätzen „mittlerer Reichweite“ bereits verankert waren – ein Beleg dafür, dass die Diskrepanz zwischen empirischer Forschung und proklamiertem Selbstverständnis anhält. Für die Forschung wären durch eine solche programmatische Öffnung neue Zugänge erschlossen: Zukünftige Forschung kann klären, welche Potenziale überhaupt ‚angezapft’ werden, in welcher Art und Weise diese im betrieblichen Arbeitsprozess zum Tragen kommen und welche Folgen dies für die Subjektkonstitution und allgemeine Vergesellschaftungsprozesse nach sich zieht. Es sollte zumindest geprüft werden, ob die Arbeitskonzepte weiter zugreifen als wie bislang vermutet ‚nur’ auf Potenziale wie Engagement, Identifikation und Kreativität (s. z.B. Frey 2004: 69). Auch die Frage, welche Kompetenzen nötig sind, um mit veränderten Belastungen umzugehen, wird bislang eher von der Bildungs- als von der Arbeitssoziologie aufgegriffen. Wenn die Debatte um Subjektivierung daher für beendet erklärt werden sollte, dann bleibt zu prüfen, ob die Prinzipien des kapitalistischen Zugriffs auf subjektive Potenziale hinreichend ausgeleuchtet sind oder es lediglich an theoretischen Erklärungsansätzen mangelt, sich diesem Forschungsthema systematisch anzunähern. Trotz einer offenkundigen Perspektivverschiebung auf die Subjekte bleibt eine bekannte Begrenzung auffällig stabil. Auch wenn der Titel des Kapitels die Assoziation weckt, die Arbeits- und Industriesoziologie würde nicht nur das Subjekt ‚wiederentdecken’, sondern sich in neuer Weise auch anderen Arbeitsformen widmen – die Formel „Arbeit regulieren“ benennt eher eine notwendige Perspektiverweiterung als ein bereits etabliertes Paradigma: Die Teildisziplin richtet ihr Augenmerk nach wie vor auf bezahlte Erwerbsarbeit. Trotz einer zuweilen sehr regen Debatte um den Arbeitsbegriff bleibt nichterwerbsförmige Arbeit vernachlässigt. Überblicksartikel erwähnen Familienarbeit, Eigenarbeit oder auch Arbeitsteilung in Privathaushalten gelegentlich am Rande, sehen hierin jedoch kein zum Kanon der Teildisziplin zugehöriges Forschungsfeld. Erkenntnisse der Frauenarbeitsforschung wurden weder in deren Ausbauphase während der 1980er Jahre rezipiert, noch finden sich heute dezidierte Hinweise auf zentrale Thesen oder Autorinnen. Gleiches gilt für Konzepte wie das der „Reproduktion als Arbeitskraft“ oder solche Teiler-
121 Auch wenn eine solche begriffliche Verschiebung banal erscheint: Die neuen Formen der Nutzung von Arbeitskraft sind über den ‚alten’ Terminus der „Regulation“ und die mit ihm verbundenen Forschungsperspektiven nicht zu erfassen und verdecken die veränderte Zugriffsweise auf die „Potenziale der Person“.
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gebnisse der ‚empirischen Klassiker’, die explizit auf Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben hinweisen. Die enge Auslegung des Arbeitsbegriffs reproduziert sich bis heute: Obwohl die Ansätze zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ den Zugriff neuer Arbeitsformen auf das außerbetriebliche Leben betonen, bleibt Erwerbsarbeit ihr Dreh- und Angelpunkt. Die Konzepte versprechen, eine Brücke zu anderen Lebensbereichen zu schlagen, doch erreichen sie lediglich solche Abschnitte, die unmittelbar erwerbsrelevant sind wie z.B. die Familienbindung abhängig Beschäftigter oder die Erwerbsintegration von Frauen. Hier betritt die Arbeits- und Industriesoziologie ohne Zweifel Neuland, wenn sie sich auf die Suche nach Veränderungen im Verhältnis von Arbeit und Leben begibt. Dennoch bleiben die Konzepte ebenso erwerbsfixiert wie Schumanns Vorschlag, Arbeitslosigkeit in den Gegenstandsbereich aufzunehmen: Das Primat der Ökonomie reproduziert sich in der Formulierung von Forschungsperspektiven, die den „Rest des Lebens“ eindimensional von Erwerbsarbeit ausgehend ergründen. Arbeit jenseits der Erwerbssphäre wird nicht als eigenständiges Thema definiert, sondern im Hinblick auf mögliche Veränderungen ihrer faktischen ‚Zuliefererfunktion’ hin diskutiert: Familien- und Betreuungsarbeit sind nur dann Gegenstand von Arbeitssoziologie, wenn sie professionalisiert werden oder den Grund für eine von der Norm abweichende Erwerbsintegration von Personen darstellen. Nicht die Eigenlogik von Reproduktionsarbeit erfährt Aufmerksamkeit, sondern nur solche Aspekte von Reproduktion, die für den Einsatz in der Erwerbssphäre relevant werden. Auch die These der „Subjektivierung von Arbeit“ reproduziert diese Fixierung auf Erwerbsarbeit und widmet sich bislang nicht der Frage, ob sich auch Reproduktionsarbeit „subjektiviert“. Das vorliegende Kapitel hat demgegenüber gezeigt, dass man über eine solche Analyse den Merkmalen „subjektiver Potenziale und Kompetenzen“ auf die Spur kommen könnte. Dies macht die Analyse des Wandels sicher nicht einfacher. So verlockend jedoch der Vorschlag klingt, die komplexe These der „Subjektivierung“, die für den Wandel sowohl betrieblicher Strategien als auch die Veränderung von Orientierung herangezogen wird, zu „entpacken“ (Faust 2005) – der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen geht damit wiederum verloren. Gegenüber Bemühungen um eine „Renaissance“ der Industriesoziologie bleibt daher Skepsis geboten, wenn damit – wie im Gros der Diskussionsbeiträge – eine Gegenstands- und Perspektiverweiterung anvisiert wird, der Arbeitsbegriff aber verkürzt bleibt. Zudem fällt in diesem Kontext auf, dass auch die theoretischen Annahmen der Frauenarbeitsforschung kaum aufgegriffen werden.122 Zwar beziehen sich die Ansätze stets auf die Veränderung in den Erwerbsorientierungen von Frauen und sehen sich veranlasst, deren Belastung durch private Reproduktionsarbeit zu berücksichtigen. Dennoch bleibt der Bezug unvollständig: Thesen zur „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ konstruieren eine Trennung der Lebensbereiche und vernachlässigen Wechselwirkungen, die unterhalb der Separierung von Öffentlichkeit-Privatheit bzw. Erwerbsarbeit-Reproduktionsarbeit in die Struktur kapitalistischer Arbeitsgesellschaften eingewoben sind. Die Ergebnisse zu geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung und segregiertem Arbeitsmarkt legen jedoch nahe, dass diese Gleichzeitigkeit von Trennung und Verbindung (Becker-Schmidt) als konstitutives Merkmal des Verhältnisses der Lebensbereiche fortexistiert. Die These der „Entgrenzung von 122 Überblicksartikel beziehen sich nicht nur auf Themen und Erkenntnisse der Geschlechterforschung sehr sporadisch, sondern rezipieren auch die Konzepte zur „Subjektivierung“ oder „Entgrenzung“ höchst selektiv, d.h. lediglich im Hinblick auf die in den Konzepten formulierten erwerbsbezogenen Thesen.
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Arbeit und Leben“ fällt insofern hinter die Gesellschaftskritik der Geschlechterforschung zurück. Dass auch im aktuellen dramatisierenden Diskurs über die zukünftige Ausrichtung der Teildisziplin Arbeit jenseits der Erwerbssphäre nicht auftaucht (eine Ausnahme bildet Lohr 2003), muss angesichts der Entwicklungsdynamik von Arbeit irritieren: Greifen – in welchem Grad auch immer – Nutzungskonzepte von Arbeitskraft auf die Subjekte, ihre Potenziale und ihr soziales Umfeld zu, dann war und ist es Aufgabe der Arbeitssoziologie, sich diesen Prozessen zu widmen. Wenn man also der Teildisziplin einen „Anachronismus“ attestieren kann, dann weniger im Hinblick auf ihr vermeintlich erodierendes gesellschaftskritisches Potenzial als aufgrund ihrer programmatischen Fixierung auf Erwerbsarbeit. Gerade in der Perspektive auf Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre liegt die Möglichkeit, das kritische Potenzial der Teildisziplin zu revitalisieren. Das Handeln am Arbeitsplatz wird sich – dies zeigte bereits die Kritik an Forschungskonzeptionen der 1980er Jahre – ohne die Einbeziehung der außerbetrieblichen Bedingungen auch zukünftig nicht deuten lassen. Eine erweiterte Nutzung von Arbeitskraft bedarf einer wissenschaftlichen Perspektive, die weder Folgen für die Subjektkonstitution noch die Entwicklung von Arbeitsfähigkeiten im außerbetrieblichen Leben ausblendet. Es bleibt eine für die Soziologie insgesamt bedeutsame Forschungsfrage, ob der Wandel von Arbeitsanforderungen auch Veränderungen in subjektiven Kompetenzen und Orientierungen nach sich zieht. Auffällig ist vor diesem Hintergrund, dass das gesellschaftskritische und -theoretische Potenzial der Industriesoziologie, auf die auch sozialstrukturell wirksamen Verwerfungen hinzuweisen, bislang nicht ausgereizt wird: Neue Polarisierungen innerhalb von Branchen und Statusgruppen sind absehbar, wenn Beschäftigte im Zuge neuer Steuerungsformen nicht auf die bewährten Strategien von Anpassung zurückgreifen können oder die im Zuge von Selbst-Kontrolle notwendigen Kompetenzen fehlen. Auch in Forschungszusammenhängen, die sich explizit mit den „Begrenzungen von Entgrenzung“ befassen, gilt die Aufmerksamkeit vorwiegend strukturellen Grenzerosionen bzw. -neubildungen sowie einem Wandel von Institutionen (s. u.a. Bosch 2000; Wolf/Mayer-Ahuja 2002). Die Subjektebene scheint demgegenüber vernachlässigt: Widerständigkeiten und Widersetzungen seitens der Subjekte werden weder systematisch untersucht, noch auf der konzeptionellen Ebene berücksichtigt. Während als Folge der Dezentralisierung somit auf der strukturellen Ebene auch Prozesse der Rezentralisierung in den Blick der Forschung geraten, da man zurecht von einem „Wechselspiel“ (Hirsch-Kreinsen 2003: 9) zwischen beiden ausgeht, scheinen aktive Grenzsetzungen durch die Subjekte nicht angenommen zu werden bzw. sind eher Gegenstand sozialpsychologischer Forschung. Für die Arbeitsforschung sind diese möglichen subjektiven Begrenzungen jedoch bedeutsam: Wenn neue Arbeitskonzepte im Hinblick auf ihren Zugriff als „totalitär“ (Deutschmann) eingeschätzt werden, dann muss die Arbeitssoziologie in Erfahrung bringen, inwiefern die Subjekte zum Gelingen dieser Arbeitsformen beitragen, welche Zumutungen damit verbunden sind, wie sich Individuen den Anforderungen anpassen, welche Folgen dies in Biografie und sozialen Beziehungen nach sich zieht sowie ob und wann sich welche Beschäftigte unter welchen Bedingungen den Anforderungen widersetzen. Statt hier nur Formen von Anpassung als Reaktion auf Prozesse der Entgrenzung zu typisieren, darf die Arbeitsforschung aktive Grenzziehungen der Subjekte als Strategien der Regrenzung nicht von vorneherein ausschließen. Im Gegenteil: Für eine kritische Arbeitssoziologie, die den Wandel von Arbeit im Hinblick auf die Reproduktion und neuen Erscheinungsformen
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von Herrschaftsverhältnissen hin prüft, ergeben sich hier zahlreiche Anknüpfungspunkte in den eigenen, jedoch vernachlässigten Traditionslinien: Schon in den 1970er/80er Jahren finden sich im Rahmen der HdA-Programme und in den Studien der kritischen Frauenforschung Hinweise auf solche Widersetzungen im Arbeitsprozess. Auch wenn aus heutiger Sicht Polanyis Prognose, dass die Subjekte dem Zugriff der Unternehmen Grenzen setzen, allzu optimistisch scheint – sowohl konzeptionell als auch empirisch kommt die Arbeitsforschung nicht umhin, dies zumindest noch für möglich zu halten statt die Untersuchungsperspektive frühzeitig zu verengen. Sie muss darüber hinaus die Anpassung von Beschäftigten daraufhin hinterfragen, inwiefern sie statt einer widerspruchsfreien Reaktion erst Resultat eines Zwangs der Verhältnisse und Folge der Verletzung subjektiver Bedürfnisse sind (s. bereits Herkommer 1972; Knapp 1981; s. ausführlich 4.). Der Rekurs auf Leitideen und Forschungserkenntnisse der Arbeits- und Industriesoziologie hat zwar einerseits auf die Desiderate und deutlichen Begrenzungen im Selbstverständnis hingewiesen. Verengungen von Forschungsperspektiven auf die Strukturebene und bezahlte Erwerbsarbeit lassen bezweifeln, dass der Wandel von Arbeit angemessen erklärt werden kann. Andererseits ist die Teildisziplin nach wie vor prädestiniert für die Untersuchung von Widerständigkeiten und Widersprüchlichkeiten, die aufgrund der Hierarchie zwischen den Lebensbereichen in die Schnittstellen von Erwerbsarbeit und außerbetrieblichen Leben eingewoben sind. Ihre diagnostische Stärke, auf der Strukturebene die Funktionsweise kapitalistischer Prinzipien der Nutzung von Arbeitskraft zu erkennen, kann als unhinterfragt gelten. Gelingt es ihr darüber hinaus, ebenso überzeugend solche Prozesse auf der Subjektebene zu analysieren, ließe sich eine gesellschaftstheoretische Verankerung untermauern, indem Vorschläge zur Erweiterung der Sozialstrukturanalyse unterbreitet werden. Die vorliegende Untersuchung soll insofern dazu beitragen, einen erforderlichen Paradigmenwandel hin zum Thema „Arbeit regulieren“ zu unterstreichen. Das folgende Kapitel wird daher zunächst zeigen, welche in der Arbeits- und Industriesoziologie bislang vernachlässigten Forschungsansätze – aus dem eigenen Bestand sowie aus anderen Teildisziplinen – eine solche Perspektiverweiterung erleichtern.
3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ Konzeptionelle Perspektiverweiterungen an disziplinären Schnittstellen 3
Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Das Verhältnis von „Arbeit und Leben“ zählt zu den Gebieten soziologischer Forschung, die über den wissenschaftlichen Diskurs hinausgehend kontinuierlich gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit erfahren. Demografische Entwicklung, Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt, Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oder veränderte Anforderungen in Intensität und Dauer des Einsatzes von Arbeitskraft sind nur einige Aspekte, die das Thema wiederholt auf die Agenda rücken. Der Rekurs auf Traditionslinien und aktuelles Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie hat jedoch zeigen können, dass auch solche Forschungsarbeiten, die sich in der Analyse von Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen explizit auf industriesoziologische Fragestellungen und Forschungsfelder beziehen (z.B. Becker-Schmidt u.a. 1982, 1983; Brock/Vetter 1982a, 1984), in Überblicksartikeln nicht bzw. nur randständig rezipiert werden. Zum einen liegt dies in einer weitgehenden Reduzierung von Arbeitssoziologie auf die Erforschung von Erwerbsarbeit begründet, die sich – wie das vorangegangene Kapitel zeigen konnte – bis in die jüngsten Debatten der Teildisziplin fortsetzt. Zum anderen ist dies aber nicht zuletzt der Besonderheit des Themas geschuldet: Untersuchungen über das strukturelle Verhältnis von Lebensbereichen oder individuelle Formen der Verarbeitung von Anforderungen aus unterschiedlichen Sphären lassen sich weder in Deutschland noch in anderen Ländern eindeutig einer wissenschaftlichen Disziplin zuordnen.123 Das Thema entzieht sich nicht nur den innerhalb der einzelnen Wissenschaften etablierten Arbeitsteilungen, sondern verlangt darüber hinaus nach einer interdisziplinär angelegten Perspektive, in der neben soziologischen Forschungsergebnissen auch Erkenntnisse etwa der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Demografie- oder der interdisziplinären Geschlechterforschung zu berücksichtigen sind. In der Soziologie wurde die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen über Jahrzehnte hinweg vorrangig dem Aufgabengebiet der Frauen- und Familienforschung zugewiesen und als „Vereinbarkeitsforschung“ definiert. Erst seit den 1990er Jahren weckt das Thema breiteres Interesse: Angeregt durch – vor allem auf der betrieblichen Ebene geführte – US-amerikanische Debatten zu „Work-Life Balance“ werden Fragen der Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen inzwischen in der deutschen Organisations- und Managementsoziologie behandelt und stoßen auch in der Arbeits- und Industriesoziologie auf wachsendes Interesse. Eine negative demografische Entwicklung sowie die verstärkte Erwerbsintegration von Frauen rücken das Thema ins Zentrum nicht 123 Zudem fehlen einschlägige Veröffentlichungsorgane, so dass entsprechende Publikationen breit gestreut sind. Auch in den USA, wo das Thema „Work-Life Balance“ durch die an vielen Universitäten eingerichteten „Center for Working Families“ institutionalisiert ist, zeigt ein „Mapping“ von Publikationsaktivitäten (Drago/Kashian 2003), dass sich der Forschungsstand zum Thema nur mittels Analyse und Durchsicht sehr unterschiedlicher Fachdiskurse und -zeitschriften erkunden lässt.
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nur wissenschaftlicher, sondern auch politischer Diskurse. Hier setzt sich eine Fokussierung auf weibliche Lebenszusammenhänge fort, indem Erwerbs- und Familienorientierungen von Frauen als Indiz dafür gereichen, wie sich Fachkräfteangebot und Geburtenraten entwickeln. Darüber hinaus richtet sich das Augenmerk jedoch verstärkt auf den Wandel betrieblicher Strategien der Nutzung von Arbeitskraft und ihrer Folgen für beide Genusgruppen: Die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen, gestiegene Leistungsanforderungen, die Delegation von Verantwortung an die einzelnen Beschäftigten oder die Flexibilisierung der Arbeitszeit sind nur einige von zahlreichen Veränderungen in der Erwerbssphäre, die in bisherige Muster individueller Reproduktion und Formen der Arbeitsteilung eingreifen. Forschungsergebnisse zu Wechselwirkungen von „Arbeit und Leben“ sind für die Arbeits- und Industriesoziologie jedoch nicht nur aufgrund veränderter Arbeitsanforderungen relevant. Wirft man einen genauen Blick auf Ansätze und Studien, die sich mit den Lebensbereichen in struktur- und/oder handlungstheoretischer Perspektive beschäftigen, so erweist sich das Thema „Arbeit“ als zentral: Bezahlte Erwerbsarbeit gilt als Ausgangspunkt und zentraler Impulsgeber für Wechselwirkungen; unbezahlte Reproduktionsarbeit wird vor allem als Faktor sozialer Ungleichheit berücksichtigt. Die Konzepte thematisieren nicht nur Auswirkungen von Erwerbsarbeit auf den außerbetrieblichen Lebensalltag, sondern liefern auch Hinweise auf Formen der Bewältigung von Veränderungen in der Erwerbssphäre sowie auf Bedingungen und Ursachen von Anpassungsproblemen und -strategien. Damit liefern sie Erkenntnisse, die den Gegenstandsbereich der Arbeitssoziologie berühren und Ansatzpunkte bieten, um die Diagnosefähigkeit der Teildisziplin zu schärfen. Zu prüfen bleibt dabei, ob neben der Anpassung an externe Anforderungen auch Indizien für Widersetzungen durch die Subjekte in die Analyse einbezogen werden. Ein Rekurs auf ausgewählte Ansätze zu Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen soll aufzeigen, in welchem Zusammenhang unterschiedliche Arbeitsformen stehen, inwiefern Schwierigkeiten der Anpassung an veränderte Erwerbsanforderungen bestehen und warum sich neue Polarisierungen auch innerhalb bislang als homogen eingeschätzter Beschäftigtengruppen abzeichnen. Konzepte und Forschungsergebnisse zu Wechselwirkungen sollen dahingehend geprüft werden, inwiefern sie Hinweise auf Kompetenzen und Potenziale der Personen liefern, die im Zuge eines Zugriffs auf den „ganzen Menschen“ ins Visier betrieblicher Personalpolitik geraten.124 Im Zentrum des Kapitels stehen Forschungskonzepte zum Thema „Arbeit und Leben“, die einen weiten Arbeitsbegriff zugrunde legen und die Eigenlogik nicht-erwerbsvermittelter Arbeit ergründen. Dabei gilt es zu prüfen, ob auch mögliche Rückwirkungen untersucht werden, die sich aus Problemen im außerbetrieblichen Leben für den Einsatz von Arbeitskraft in der Erwerbssphäre ergeben. Ziel ist keine umfassende Darstellung des Forschungsstandes, sondern eine systematische Suche nach Verbindungslinien zwischen bis124 Personale Handlungskompetenz gilt als Anforderung der „Moderne“. Sie gewinnt im Zuge der Herauslösung des Individuums aus traditionalen Bindungen an Stellenwert und wird in der Soziologie – je nach theoretischem Paradigma – als die Strukturen beeinflussend oder durch diese beeinflusst betont. „Kompetenz“ ist insofern ein ‚altes’ Thema der Soziologie, erfährt jedoch in der Arbeitsforschung gegenwärtig besondere Aufmerksamkeit aufgrund neuer Formen der Nutzung von Arbeitskraft. Anstatt hier kontroverse Debatten zur Reichweite von Individualisierungsprozessen oder Lebensstil- und Lebensführungsforschung zu interpretieren, wird der Kompetenzbegriff im Folgenden auf ein erweitertes Verständnis von „Arbeit“ angewandt (3.4). Kritisch ist hier zu beobachten, dass inzwischen alle denkbaren Fähigkeiten der Person als „Schlüsseloder Meta-Kompetenz“ definiert werden (Medien-, Gesundheits-, Kommunikations-, Sozialkompetenz usw.), ohne den Zusammenhang zwischen einzelnen Kompetenzen zu untersuchen (s. ausführlich 4.).
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lang getrennten wissenschaftlichen Diskursen.125 Da die Ansätze Erwerbsarbeit zwar als Referenzpunkt wählen, sich aber kaum auf arbeitssoziologische Debatten beziehen, soll das Kapitel Schnittstellen zwischen den Teildisziplinen sichtbar machen. Ausgangspunkt hierfür ist zunächst die Forschung zur „Vereinbarkeit“, in der eine strukturtheoretische Perspektive auf die Lebensbereiche und die sozialen und politischen Rahmenbedingungen individuellen Handelns dominiert. Sowohl geschlechter- als auch familiensoziologische Konzepte können hier Aufschluss über die Widersprüchlichkeit von Anforderungen geben als auch auf daraus resultierende Ungleichheitslagen innerhalb von privaten Lebensformen und Wirkungen auf das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis. Die Zusammenschau der Ansätze verweist auf die Begrenzungen von „Vereinbarkeit“ und weist den Begriff als soziologische Kategorie als unzureichend aus (3.1). Prozessdynamiken zwischen Struktur- und Subjektebene betonen anschließend Ansätze zur Lebensführung in Alltag und Lebenslauf. Indem beide Forschungsperspektiven zwar unterschiedliche Zeithorizonte anlegen, aber gleichermaßen individuelle Gestaltungsanteile und -potenziale der Subjekte ausleuchten, liefern sie einen wesentlichen Beitrag zur mehrdimensionalen Analyse des Themas (3.2). Anschließend gilt es, die jüngeren Debatten zur „Balance von Arbeit und Leben“ bzw. „Work-Life Balance“ auf ihre Tragfähigkeit hin zu sichten. Hier geht der Fokus über Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und privater Reproduktionsarbeit deutlich hinaus und erweitert sich auf die individuellen Kompetenzen, die erforderlich werden, um Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Bedürfnisse der Person zu harmonisieren. Der Diskurs macht dabei implizit starke Anleihen bei älteren familien- und geschlechtersoziologischen Debatten, lässt jedoch bislang eine wissenschaftshistorische Anbindung vermissen (3.3). (Arbeits-)psychologische Ansätze sind hier aufschlussreich, indem sie nicht nur erklären, wie Subjekte externe Anforderungen bewältigen, sondern auch Hinweise auf Grenzziehungen durch die Subjekte und deren Bedeutung zur Stabilisierung von Identität liefern (3.4). Mit dieser Reinterpretation ausgewählter Konzepte ergeben sich einerseits wichtige Anknüpfungspunkte für die arbeits- und industriesoziologische Forschung: Die Ansätze liefern Vorschläge, wie das Verhältnis der Lebensbereiche und individuelle Formen des Umgangs mit Anforderungen analysiert werden können. Sie zeigen darüber hinaus, welche Eigenlogik privater Reproduktionsarbeit zu Grunde liegt und inwiefern sich – aus der Sicht der Subjekte – Grenzen zwischen Lebensbereichen als (nach wie vor) funktional erweisen. Andererseits lässt die offenkundige Landnahme ökonomischer Prinzipien auch in der außerbetrieblichen Lebenswelt eine Bezugnahme auf Analysen zum Wandel der Ökonomie erwarten. Zu prüfen bleibt daher, inwiefern die Ansätze ihrerseits Erkenntnisse der Arbeitssoziologie aufgreifen und ob mögliche Widersetzungen und Hindernisse in der Anpassung an externe Anforderungen berücksichtigt werden.
125 Ein Rekurs auf Traditionslinien und aktuelle Ausrichtung einer Teildisziplin läuft stets Gefahr, die Vielfalt zugunsten verallgemeinernder Aussagen zu vernachlässigen. Gleichwohl geben Überblickswerke und Debatten zum Selbstverständnis stets einen Eindruck davon, welche theoretischen Paradigmen dominieren bzw. welche eher einen geringeren Einfluss haben. Die Analyse zielt daher im Folgenden nicht auf eine Darstellung der Breite der jeweiligen Forschungsgebiete, sondern auf eine zielgerichtete Reinterpretation ausgewählter Ansätze und Rezeption fachinterner Debatten zum Selbstverständnis.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem 3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen werden sowohl im politischen Diskurs als auch in der Wissenschaft maßgeblich unter der Perspektive der „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie thematisiert. In der Soziologie ist dieses Thema in der Familien- sowie in der Frauen- und Geschlechterforschung verankert. Während in der Familienforschung dabei der Wandel von Lebensformen, die Veränderung der Lebensform „Familie“, die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern oder die Verteilung von Familienarbeit im Vordergrund stehen, rückt die Geschlechterforschung kulturelle, soziale und ökonomische Ursachen von Stereotypisierungen und Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern ins Zentrum der Analyse. Generationen- und Geschlechterverhältnisse sind insofern – nicht nur in der deutschen Soziologie – die kennzeichnenden Perspektiven auf „Vereinbarkeit“ und damit implizit auch der Erforschung von Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen. Ein Rückblick auf die Arbeiten der Frauen- und Geschlechterforschung zeigt zunächst, dass hier der Zusammenhang von Arbeit und Geschlecht auf unterschiedlichen Ebenen analysiert und im Hinblick auf seine gesellschaftstheoretischen Implikationen systematisch ausgeleuchtet wird (3.1.1). Forschungsarbeiten aus der Familiensoziologie geben anschließend Hinweise auf die Besonderheit von Reproduktionsarbeit und mögliche Begrenzungen gegenüber den Anforderungen der Erwerbssphäre, die in der Eigenlogik von Familienleben gründen (3.1.2). Da sich an beiden Diskursen nicht nur die aktuelle Relevanz einer Perspektive auf Wechselwirkungen zwischen den Sphären ablesen lässt, sondern auch die Widersprüchlichkeit der Anforderungen und Begrenzungen der Anpassung, gilt es abschließend, sich vom Begriff der „Vereinbarkeit“ zu verabschieden (3.1.3).
3.1.1 „Arbeit und Leben“ als Thema der Geschlechterforschung: die Gleichzeitigkeit von Trennung und Vermittlung und ihre sozialstrukturellen Folgen Sowohl im Alltagsdiskurs als auch in wissenschaftlichen Debatten gereichen Dichotomisierungen zur Reduktion von Komplexität. Die Trennung von Sphären, Lebensbereichen und Teilsystemen erleichtert es, das Geschehen in den jeweiligen Bereichen zu überblicken und deren jeweiliger Eigenlogik Rechnung zu tragen. Gleichwohl geraten durch derart selektive Betrachtungsweisen die Verbindungslinien zwischen diesen Bereichen schnell aus dem Blick. Sie erweisen sich nicht nur im Alltagsleben der betroffenen Individuen als erstaunlich intransparent, sondern bleiben auch in der empirischen Forschung und theoretischen Reflexion auffallend unterbelichtet. An kaum einem anderen Thema lässt sich dies besser veranschaulichen als an der Auseinandersetzung der Soziologie mit dem Verhältnis von „Arbeit und Leben“. Die Soziologie betreibt die Erforschung von Arbeit weitgehend arbeitsteilig: Erwerbsarbeit steht – wie wir im vorangegangenen Kapitel sahen – im Zentrum der Arbeits- und Industriesoziologie, während das Leben jenseits der Erwerbssphäre die Aufmerksamkeit anderer Teildisziplinen wie etwa der Familien- oder Freizeitsoziologie auf sich zieht. „Arbeit“ und „Leben“ gelten darüber hinaus als Kürzel für unterschiedliche Lebensbereiche: „Arbeit“ gereicht als Synonym für bezahlte Erwerbsarbeit, die im Rahmen von Arbeitsver-
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hältnissen reguliert und in der Regel außerhalb des privaten Wohnraums geleistet wird. „Leben“ steht demgegenüber als Platzhalter für alle Tätigkeiten, die jenseits von Erwerbsarbeit stattfinden, d.h. für unbezahlte Arbeit wie ‚Schwarzarbeit’, ehrenamtliches Engagement oder private Sorgearbeit ebenso wie für Freizeitaktivitäten oder die Pflege sozialer Beziehungen außerhalb von Betrieb und Büro. Der vermeintliche „Rest des Lebens“ erweist sich insofern als im Vergleich zur Erwerbsarbeit vielfältiger, indem hier sowohl dem Erwerbsbereich ähnliche, wenngleich unbezahlte Arbeit stattfindet als auch Tätigkeiten, die nur bedingt marktvermittelt sind und keinen unmittelbaren Arbeitscharakter aufweisen wie z.B. Muße, die Pflege sozialer Kontakte oder individuelle Regeneration.126 Hintergrund von dichotomisierenden Wahrnehmungen und Kategorisierungen menschlicher Aktivitäten sind historische Prozesse, in denen Erwerbsarbeit als durch vertragliche Arbeitsverhältnisse institutionalisierte Arbeitsform von reproduktiven Tätigkeiten formal und räumlich getrennt wurde. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, vor allem aber im 19. Jahrhundert, erwies sich die Reproduktion menschlicher Arbeitskraft als zentrales Problem des sich in dieser Phase entwickelnden Industriekapitalismus: Während im „bürgerlichen Modell“ der Mann als „Familienernährer“ das Einkommen sicherte und die Ehegattin den privaten Haushalt organisierte, galt dies im „proletarischen Modell“ (Rosenbaum 1992; Kreckel 1993: 55) stets nur mit Einschränkungen: Um die Existenz der Familie abzusichern, mussten auch Frauen (und in der Regel auch Kinder) Lohnarbeit leisten und waren unter oft extremen Belastungen in Fabriken, im Bergbau oder in Webereien tätig. Sinkende Geburtenraten und die Gefahr einer „Verelendung des Proletariats“ gaben in der Folge Anlass für eine staatlich gelenkte Sozialpolitik, um die „soziale Frage“ zu entschärfen und die Reproduktion von Arbeitskraft abzusichern. Sie wurde nicht nur von einer zunehmenden Trennung von Öffentlichem und Privatem (s. ausführlich Ostner 1988) begleitet, sondern ging auch mit einer geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung einher: Männer erhielten existenzsichernde Löhne, während Frauen die reproduktiven Arbeiten übernahmen, nur teilweise bzw. als „Reservearmee“ in den Arbeitsmarkt einbezogen wurden und auch für gleichwertige Arbeit deutlich weniger Lohn als männliche Kollegen erhielten. Indem Frauen die Verantwortung für Familienarbeit zugewiesen wurde und sie in der deutschen Sozialpolitik als über den Mann versorgt und „mitversichert“ galten, legitimierten Arbeitgeber sowohl eine niedrige Entlohnung von Frauen als auch eine Bevorzugung männlicher Arbeitskräfte. Es wurden somit im Zuge der Industrialisierung nicht nur Arbeitsformen und Lebensbereiche voneinander getrennt, sondern auch Frauen und Männer unterschiedlich in diese eingebunden. Die historische Trennung der Arbeitsformen prägt bis heute nicht nur die Wahrnehmung von Arbeit in unserer Gesellschaft, sondern auch die konkrete Lebenspraxis. Die Trennung von Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit wird – damals wie heute – im Lebensalltag der Betroffenen als „Vereinbarkeitsproblem“ erfahren und manifestiert sich vor allem in der Lebensführung von Frauen.
126 Die Unterscheidung von „Arbeit“ und „Leben“ steht in der Tradition der Marxschen Gesellschaftstheorie. Sie findet sich ähnlich auch in der Theorie funktionaler Differenzierung über die Analyse von Funktionssystemen, jedoch wird „Familie“ in der neueren Systemtheorie nicht als Funktionssystem definiert. Die Konzeption ist zudem weniger dichotom angelegt, weil neben dem „Wirtschaftssystem“ weitere Funktionssysteme identifiziert werden.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ Die Persistenz der Widersprüche: Alltägliche Konfrontationen mit ‚Unvereinbarkeit’ 127 Trotz Bildungsrevolution und Frauenbewegung findet auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer eine Hierarchisierung der Lebensbereiche statt. Zwar haben sich geschlechtsbezogene Zuweisungen auf die Lebensbereiche und Arbeitszusammenhänge gelockert, doch stellen egalitäre Beziehungsmuster die Ausnahme dar. Nach wie vor sind es überwiegend Frauen, die nach der Familiengründung ihre Erwerbsarbeit reduzieren bzw. unterbrechen, um die Versorgung der Kinder zu übernehmen, während Männer ihre Erwerbsorientierung eher noch verstärken. Der Anteil der Männer an der gesetzlichen Elternzeit betrug 2004 nur 4,9% (Institut für Demoskopie Allensbach 2005). Die zum Zeitpunkt der Familiengründung einsetzende Traditionalisierung der Geschlechtsrollen durchzieht noch immer das Gros der Beziehungsmodelle und ist – wenngleich mit jeweils spezifischer Ausprägung – in allen sozialen Milieus anzutreffen (z.B. Frerichs/ Steinrücke 1997). In der Erwerbssphäre ist eine erwerbslebenslange Vollzeitbeschäftigung nach wie vor das normative Leitbild und die Voraussetzung „gelungener“, sozial abgesicherter Erwerbsverläufe. Familienbedingte Unterbrechungen der Tätigkeit oder Reduzierungen der Arbeitszeit führen noch immer zu erheblichen Nachteilen in bezug auf Qualifizierung, Beschäftigungssicherheit, beruflichen Aufstieg, Einkommen und Rente. Die amtlichen Statistiken sprechen für sich: Frauen sind häufiger in den unteren Einkommensgruppen anzutreffen. Sie verdienen bei gleichem Qualifikationsniveau weniger als ihre männlichen Kollegen und sind im Alter häufiger von Armut bedroht. In Führungspositionen sind Frauen unterrepräsentiert. Junge Frauen erreichen heute zwar höhere Bildungsabschlüsse als noch die Generation ihrer Mütter, doch konzentriert sich weibliche Erwerbstätigkeit nach wie vor auf bestimmte Erwerbsbereiche und -segmente.128 Diese horizontale und vertikale Segregation des Arbeitsmarktes ist sowohl Ursache als auch Folge von Sozialisationsprozessen und einer Zuweisung von Frauen auf den Haus- und Familienarbeitsbereich. Sie spiegelt sich auch im Steuersystem: Familien mit zwei erwerbstätigen Partnern stellen sich nach dem gültigen Elternzeitgesetz finanziell günstiger, wenn derjenige mit dem geringeren Erwerbseinkommen die Berufstätigkeit unterbricht – in der Regel sind dies die Frauen. Das Ehegattensplitting begünstigt dieses Modell zusätzlich. Trotz dieser strukturellen Hindernisse sind junge Frauen mit Kindern heute im Unterschied zur Generation ihrer Mütter häufiger berufstätig (Statistisches Bundesamt 2005). Am häufigsten ist die Verteilung der Erwerbsarbeit zwischen Vätern und Müttern nach dem Vollzeit-TeilzeitModell. Nach der Elternzeit sind es fast ausschließlich Frauen, die mit reduzierter Stundenzahl im Beruf arbeiten, um die anfallenden Familienarbeiten zu bewältigen. Im Jahr 2005 waren 85% der Teilzeitbeschäftigten Frauen (ebd.). Die Teilzeitquote von Frauen stieg von 30% in 1991 auf 42% in 2004 an. Die Quote der Männer ist zwar ebenfalls angestiegen, liegt jedoch noch immer bei nur knapp 6% (ebd.). Während Frauen Teilzeitarbeit zur besseren Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsleben nutzen, arbeiten männliche Beschäftigte häufiger während des Ein- und Ausstiegs aus dem Erwerbsleben bzw. parallel zu einer Weiterbildung in Teilzeit. Setzt man den Anstieg der Teilzeitquote in Beziehung zur Erwerbsquote der Frauen generell, so wird deutlich, dass der Frauenanteil am Vollzeitarbeitsvolumen seit Beginn der 1990er Jahre fast konstant geblieben ist. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern wie z.B. Dänemark oder Großbritannien ist die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen in Deutschland also in erster Linie auf einen Anstieg von Teilzeitarbeit zurückzuführen (Bosch u.a. 2001: 41). In Deutschland besteht zur Teilzeitarbeit mindestens eines Elternteils keine Alternative: Die Daten zur Kinderbetreuung zeigen, dass eine Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile oder von Alleinerziehenden nur aufrechtzuerhalten ist, wenn Großeltern oder andere privat rekrutierte Personen die Betreuung übernehmen. Zwar ist für die Drei- bis Sechsjährigen eine Vollversor-
127 Vgl. zum empirischem Gehalt der Problematik ausführlich Jürgens (2005a). 128 Zur Arbeitsmarktsituation von Frauen finden regelmäßige Erhebungen statt. Eine gute Übersicht, in der auch Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Formen der Segregation berücksichtigt werden, liefern nach wie vor die Beiträge in Klammer 2000 und Engelbrech 2002.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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gung mit Kindergartenplätzen fast erreicht, doch handelt es sich hierbei um die klassischen Halbtagsplätze. In den westdeutschen Bundesländern sehen nur knapp ein Viertel dieser Plätze eine ganztätige Betreuung der Kinder vor; nur 40% bieten Betreuung während der gesamten Ferienzeit an (BMFSFJ 2005). Weitaus schlechter ist die Situation bei den Krippen- und Hortplätzen. Bis zum Alter des Kindes von drei Jahren liegt die Versorgungsquote zur Zeit in den ostdeutschen Ländern bei 37%, in den westdeutschen Ländern bei lediglich 6% (BMFSFJ 2005; s. auch Spieß/Wrohlich 2005). Eltern in Westdeutschland sind vor dem dritten Lebensjahr des Kindes fast ausschließlich auf private und selbstfinanzierte Betreuungsangebote angewiesen, die nicht allen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus ist der Übergang in die Schule oft eine erneute Hürde: Zwar wird in vielen Bundesländern durch zusätzliches Betreuungspersonal die „volle Halbtagsschule“ oder „verlässliche Grundschule“ abgesichert, doch bleibt das Angebot noch immer der Halbtagslogik verhaftet. Selbst für Teilzeitbeschäftigte reicht dieser Rahmen häufig aufgrund von Fahrzeiten, einer anderen Lage der Arbeitszeit oder flexibler Mehrarbeit nicht aus und erfordert, auf ergänzende kommerzielle oder private Betreuungsangebote zurückzugreifen (s. auch Büchel/Spieß 2002). Entsprechend dieser strukturellen Bedingungen der Kinderbetreuung ist Teilzeitarbeit in Deutschland eine überwiegend kontinuierliche Halbtagstätigkeit am Vormittag und kann daher nur eingeschränkt als „flexibles Arbeitszeitmodell“ bezeichnet werden: Abweichungen in der täglichen Lage und Verteilung der Arbeitszeit finden kaum statt (vgl. Bosch 2000). Teilzeitarbeit in Deutschland ist ein auf die Infrastruktur von Kinderbetreuung ausgerichtetes Arbeitszeitmodell. Bleiben Frauen trotz der Mutterrolle erwerbstätig oder nehmen ihre Arbeit im Beruf wieder auf, ist der alltägliche Synchronisations- und Koordinationsbedarf deshalb oft immens. Auch Männer, die sich aktiv an der Versorgung und Betreuung der Kinder beteiligen, sind dieser Belastung und der Abhängigkeit von zeitlichen Taktgebern ausgesetzt. Die Bundesregierung hat bislang nur angekündigt, für jedes fünfte Kind unter drei Jahren einen Platz zur Verfügung stellen zu wollen. Die Familienpolitik in Deutschland hält somit nach wie vor am Modell einer dreijährigen Elternzeit fest. Nur denjenigen, die die Kinderbetreuung über soziale Netzwerke, Eigeninitiativen oder kommerzielle Angebote organisieren (und finanzieren) können, steht ein früherer Wiedereinstieg ins Erwerbsleben weiterhin offen. Auch die Reform des Bundeserziehungsgeldgesetzes durch die rot-grüne Bundesregierung greift in ihrer aktuellen Gestalt noch zu kurz. Zwar wird (für Betriebe mit mehr als 16 Beschäftigten) ein Rechtsanspruch auf eine Arbeitszeitreduzierung für beide Elternteile verankert und die zulässige Arbeitszeit auf je 30 Wochenstunden erhöht, doch fehlt für die Inanspruchnahme solcher Regelungen der notwendige Rahmen: Da für Kinder vor dem dritten Lebensjahr kaum Angebote öffentlicher Betreuung zur Verfügung stehen, müssten beide Eltern ihre Arbeitszeit je halbieren, um sich bei der Kinderbetreuung abzulösen. Weil dabei jedoch ein hoher Einkommensverlust entsteht, stellt diese Variante – vor allem für untere Einkommensgruppen und bei unterschiedlich hohem Einkommen der Partner – keine wirkliche Alternative zur traditionellen Aufgabenteilung dar (vgl. auch Koch 2000).129
129 Die Modifikationen im Erziehungsgeldgesetz haben zwar die Situation etwas entschärft, indem nun die Chancen für Erwerbstätigkeit während der Freistellung verbessert wurden, doch wird selbst eine nettolohnbezogene Zahlung von Elterngeld die z.T. gravierenden Einkommensdifferenzen nicht wett machen. Zudem zeigt auch das meist als Vorbild genannte „Modell Schweden“, dass auch hier – trotz weitreichender sozialpolitischer Regelungen und einem guten Angebot an öffentlicher Kinderbetreuung – Männer sich nur partiell an Familienaufgaben beteiligen. Dies verweist darauf, dass neben ökonomischen Faktoren auch kulturelle Barrieren für Chancengleichheit bestehen, auch wenn die öffentliche Rhetorik dem widerspricht. Zu beachten bleibt, dass – wie die Situation in Ostdeutschland zeigt – nicht nur die Infrastruktur der Kinderbetreuung, sondern auch die allgemeinen Erwerbs- und Familienorientierungen sowie die (Un-)Sicherheit des Arbeitsmarktes wichtige Einflussfaktoren darstellen.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ Mit einer Geburtenziffer von durchschnittlich 1,34 Kindern pro Frau gehört Deutschland zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten in Europa.130 Fehlende strukturelle Unterstützungen sind nicht der einzige, aber ein wichtiger Grund, warum sich junge Frauen und Männer nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt für eine Familiengründung entscheiden.131 Die Veränderung von Fruchtbarkeit im Lebenslauf kann dann zu einer ungewollten Kinderlosigkeit führen. Gerade hochqualifizierte Frauen, die zeit- und kostenintensive Ausbildungsverläufe hinter sich haben und diese zunächst in entsprechenden beruflichen Status umsetzen wollen, befinden sich im Dilemma: Familien- und Karrierephase fallen zusammen. Geplant oder ungewollt – für viele Frauen bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Führungsposition eine Illusion.132 Denn gerade in diesen Erwerbspositionen ist die Dauer der Arbeitszeit „mehr als ein Zeitmaß“: Sie ist – wie Faust/Jauch/Notz (2000) in ihrer Studie über Führungskräfte resümieren – „Indikator für Status, Leistung und Loyalität und ‚Einsatz’ für Aufstiegsambitionen“ (215). Empirische Studien belegen, dass sich einerseits die Rollenleitbilder innerhalb der jungen Generation aufgelockert haben und für beide Geschlechter eine gleichberechtigte Teilhabe an Familie und Erwerbsarbeit als wichtig angesehen wird (Geissler/Oechsle 1997; Meuser 1998). Andererseits zeigen sich in den tatsächlichen Arbeitsteilungsmustern eine anhaltende Schieflage und Hierarchie in den Geschlechterverhältnissen. Die Erwerbsorientierung und das Bildungsund Qualifikationsniveau von Frauen haben deutlich zugenommen, doch lässt sich dies nicht in eine gleichberechtigte Teilhabe an bezahlter Erwerbsarbeit umsetzen. Die skizzierten Defizite in der öffentlichen Kinderbetreuung sind hier ebenso verantwortlich wie die horizontale und vertikale Segregation des Arbeitsmarktes. Dass neben diesen strukturellen Hindernissen auch Stereotypisierungen tradierter Geschlechtsrollen fortwirken, zeigen Forschungsergebnisse zur Segregation am Arbeitsmarkt und Studien zu Segregationen in Organisationen: Unabhängig von der Familienbindung von Frauen dominieren nach wie vor patriarchale Rekrutierungspraktiken, die die Aufstiegs- und Karrierechancen von Frauen nachhaltig behindern (u.a. Gottschall 1995, 2000; Müller 1999; Allmendinger/Hinz 1999; Allmendinger/Podsiadlowski 2001; Wilz 2002).
Die Folgen der Trennung von Arbeitsformen und die mit ihr verknüpfte Zuweisung der Geschlechter auf diese Arbeitsbereiche können hier nicht ausführlich dargestellt werden. Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass sich die historische Separierung von Produktion und Reproduktion bis heute in unterschiedlichen Lebensentwürfen und Lebensläufen von Frauen und Männern manifestiert: Sie gerinnt zu einem ungleichen sozialen Status als Folge geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung sowie einer Hierarchisierung von Erwerbsarbeit und Arbeitszeit gegenüber anderen Arbeitsformen und Freizeit. Moderne Arbeitsgesellschaften zeichnen sich somit durch eine Trennung von „Arbeit und Leben“ aus, die – variierend nach den nationalstaatlichen sozialpolitischen Prinzipien (Pfau-Effinger 2000) – Einfluss auf die Sozialstruktur dieser Gesellschaften nimmt. Der Rekurs auf aktuelle Probleme der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zeigt deutlich, dass Eltern in ihrer Lebensführung zwar tagtäglich zwei höchst unterschiedliche Arbeits- und Lebensbereiche miteinander verbinden, diese jedoch strukturell gegensätzlich sind und nach wie vor „Widersprüche“ (Prokop 1976) in den Lebenszusammenhängen der Menschen bewirken. Der Terminus „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist insofern 130 Erfasst sind hier die altersspezifischen Geburtenziffern je Frau, d.h. der 15-44-Jährigen. Zum Vergleich: Die Geburtenziffer betrug im früheren Bundesgebiet 1960: 2,37; 1970: 2,02; 1980: 1,44; 1990 1,45 (Engstler/ Menning 2003: 71). 131 Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag das durchschnittliche Alter verheirateter Frauen bei der Geburt des ersten Kindes 2000 bei 29,0 Jahren (1991: 26,9; im alten Bundesgebiet: 1980: 25,2; 1970: 24,3) (Engstler/Menning 2003: 77). 132 Laut Mikrozensus führen 44,3% der 35-39-jährigen westdeutschen Frauen mit Hochschulabschluss oder Promotion einen kinderlosen Haushalt (2000) (Engstler/Menning 2003: 76).
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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irreführend. Er assoziiert nicht nur den Zugriff auf einen konkreten Verhandlungspartner, mit dem sich eine „Vereinbarung“ treffen ließe, sondern auch eine mögliche Harmonisierung von strukturell Widersprüchlichem (s. 3.1.3). Die offenkundige Wirkungsmacht gesellschaftlicher Strukturen und ihr Einfluss auf die Sozialstruktur sind Anlass, die Wechselwirkungen zwischen den scheinbar getrennten Sphären genauer auszuleuchten. Die Vermittlung von Getrenntem Die sich in prekären Lebens- und Erwerbsverläufen von Frauen manifestierende soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist spätestens seit Beginn des letzten Jahrhunderts Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analysen. In einem Rekurs auf die Arbeiten des „Vereins für Socialpolitik“ zeigt Raehlmann (1992, 2002), dass bereits im Umfeld von Weber Forscherinnen wie etwa Bernays, Baum oder Franzen-Hellersberg dem Zusammenhang von Lohnarbeit und Reproduktionsarbeit besondere Aufmerksamkeit schenken.133 In empirischen Studien untersuchen sie Folgen der Fabrikarbeit für den privaten Lebensstil und rekonstruieren den subjektiven Stellenwert der Lebensbereiche in den Biografien der Befragten. Sie suchen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Arbeitsalltag von Frauen und Männern und stoßen dabei auf Formen der Ungleichbehandlung von Arbeiterinnen im Betrieb. Bernays stellt dabei das von Weber postulierte „Gefüge von Wechselwirkungen“ in Frage und betont demgegenüber eine Hierarchie der Lebensbereiche und einseitige Anpassung bzw. Unterordnung des außerbetrieblichen Lebens. Indem sie darauf verweist, dass Wechselwirkungen eher bei Frauen denn bei Männern anzutreffen seien, unterstreicht sie implizit den Zusammenhang von Arbeitsteilung und Geschlechterverhältnis. Trotz dieser ‚frühen’ Perspektiverweiterungen bleibt das außerbetriebliche Leben in der Arbeitsforschung bis in die 1950er Jahre vernachlässigt. In der Soziologie dominiert das strukturfunktionalistische Paradigma: Parsons Theorie will weder erklären, wie sich die gegenwärtige Gesellschaft entwickelt hat, noch wie sie sich verändern kann. Statt dessen zielt er auf eine über die konkreten aktuellen Gesellschaften hinausreichende Theorie und konzipiert seine Systemtheorie absichtsvoll unhistorisch. Der Strukturerhalt rückt dabei ins Zentrum der Analyse. Parsons vertritt die These, dass Gesellschaften nach einem Gleichgewicht streben und sucht nach den Voraussetzung und Bedingungen dieser Stabilität (Parsons 1964). Die sozialstrukturelle Wirkung der Trennung von Lebensbereichen und Übernahme von Rollen bleiben dabei jedoch ebenso vernachlässigt wie Fragen nach den machtund herrschaftsstabilisierenden Wirkungen funktionaler Differenzierung. Parsons Theorie verliert spätestens in den 1960er Jahren zunehmend an Einfluss und erhält Konkurrenz durch den Symbolischen Interaktionismus und – vor allem in den 1970er Jahren – durch die wiederbelebte Marxsche Gesellschaftstheorie. Den Zusammenhang von „Arbeit und Leben“ und seine sozialstrukturellen Folgen greift in dieser Phase vor allem die in der Tradition der kritischen Theorie stehende Frauen- und Geschlechterforschung auf, die durch die Frauenbewegung neuen Auftrieb erfährt. Empirische Studien liefern Hinweise auf Wech133 Raehlmann weist darauf hin, dass der Zusammenhang von unterschiedlichen Arbeitsformen und deren Vermittlung in der Person bereits in den Anfängen der Soziologie (s. Weber (1924) zur „Psychophysik der industriellen Arbeit“) und auch der Arbeitswissenschaft Aufmerksamkeit erhielt. Jüngeren Konzepten wie dem der „Alltäglichen Lebensführung“ (Voß 1991; Projektgruppe 1995) wirft sie vor, den bisherigen Forschungsstand und wissenschaftshistorischen Kontext auszublenden und den Ansatz als eine vermeintlich „neue“ Perspektive zu deklarieren (s. 3.2.1).
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selwirkungen zwischen den Lebensbereichen und zeigen, dass die nicht erwerbsgebundene Zeit durch eine Vielzahl unbezahlter Arbeiten gefüllt ist und aufgrund der anhaltend geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung die „Freizeit“ von Frauen größtenteils fremdbestimmt wird (u.a. Bock/Duden 1976; Pross 1978; Becker-Schmidt u.a. 1982; Mies/v. Werlhof/Bennholdt-Thomsen 1983). Bis heute dient Prokops Ergebnis der „Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang“ (1976) als Ausgangspunkt, um die spezifische, im historischen Wandel entstandene Einbindung von Frauen in Erwerbsarbeit und Reproduktion und die damit verbundenen Belastungen zu analysieren. Diese Betonung sozialer Dynamiken kennzeichnet die feministische Geschlechterforschung, die nicht nur Geschlecht als Forschungsgegenstand definiert, sondern darüber hinaus die Überwindung bestehender Geschlechterhierarchien anvisiert. Der Anspruch, durch Erkenntnisse verändernd in Gesellschaft einzugreifen, führt dabei zu einer konsequent gesellschaftstheoretischen Perspektive: Die offenkundigen Widersprüche zwischen den Lebensbereichen und ihre Folgen für das Geschlechterverhältnis geben Anstoß, Patriarchatskritik und Kapitalismuskritik zu einer Gesellschaftskritik zu verbinden (z.B. Becker-Schmidt 1987a; Beer 1987, 1990; Mies 1988).134 Die Autorinnen berücksichtigen in ihrer Argumentation vor allem zwei Prinzipien: Zum einen nehmen sie eine historische Betrachtung der Entwicklung von Arbeit vor, durch die sich aktuelle Muster von Arbeitsteilung als „gesellschaftlich Gewordenes“ erkennen lassen. Die Trennung der Arbeits- und Lebensbereiche gilt ebenso als Ergebnis sozialen Wandels wie die Zuweisung der Geschlechter auf diese Bereiche. Damit wird Tendenzen der Naturalisierung von Arbeitsteilung ebenso scharf begegnet wie Konzepten, die Arbeitsvermögen und Potenziale von Personen an das Geschlecht koppeln.135 Zum anderen ist der Blick auf Gesellschaft als Strukturzusammenhang gerichtet: Die Lebensbereiche haben sich zwar historisch als getrennte Sphären entwickelt, in denen sich Arbeit hinsichtlich ihrer Marktvermittlung und ihrer Eigenlogik unterscheiden, stehen aber dennoch in Wechselwirkung zueinander (Becker-Schmidt 1987a,b, 1991, 1995, 2001). Ihre Verbindungslinien sind sowohl strukturell wirksam als auch individuell handlungsleitend. Becker-Schmidt thematisiert daher die „Vermittlung“136 von gesellschaftlich Getrenntem und betont damit einen sozialen Vorgang, dessen Elemente „wechselseitig füreinander konstitutiv“ und daher in Relation zu setzen seien. Anstelle von „Wechselwirkungen“ wählt sie den Begriff „Konnexion“, der für sie auf den Zusammenhang von Struktur und Handlung verweist: „sowohl auf die Modalitäten, die durch Denken und Tun gestiftet werden, als auch auf die gesellschaftlichen Arrangements, in die Handeln eingebettet ist“ (Becker-Schmidt/Knapp 2001: 40). Sie betont entsprechend nicht einseitig die strukturelle Prägekraft des Geschlechterverhältnisses, sondern dessen gleichzeitige und kontinuierliche Wiederherstellung durch die Subjekte selbst. Mit der Kategorie der „Vermittlung“ stellt sich Becker-Schmidt explizit in die 134 Die Vielzahl von Publikationen zum Thema kann hier nicht angemessen dargestellt werden. Zum Überblick über die damaligen Positionen innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung vgl. exemplarisch die Beiträge in Beer 1987 sowie für den aktuelleren Diskurs Becker-Schmidt/Knapp 1995; 2000; Gottschall 2000; Heintz 2001; Hornung/Gümen/Weilandt 2001; Knapp/Wetterer 2001. 135 In den 1970/80er Jahren wurde innerhalb der Geschlechterforschung eine rege Debatte darüber geführt, ob es ein spezifisches „weibliches Arbeitsvermögen“ (Beck-Gernsheim/Ostner 1978) gebe oder die unterschiedlichen Arbeitsfähigkeiten erst Ergebnis einer „doppelten Vergesellschaftung“ (Becker-Schmidt 1987a,b) von Frauen sind. 136 Becker-Schmidt bezieht sich auf „Vermittlung“ nicht nur im epistemologischen Sinne, sondern als Begriff von Gesellschaftskritik.
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Tradition der Kritischen Theorie, weist jedoch auf die Geschlechtsblindheit auch in dieser Richtung hin: Kritische Theorie habe zwar Strukturzusammenhänge auf ihren Herrschaftscharakter hin hinterfragt, aber dabei die „Relationalität der Genus-Gruppen“ sowie „Relationen zwischen den Sphären des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses“ (BeckerSchmidt/Knapp 2001: 56f.) weitgehend außer Acht gelassen. Mit dem Konzept der „doppelten Vergesellschaftung“ (s.o.) gelingt es Becker-Schmidt insofern, diese Lücke der älteren Kritischen Theorie zu schließen. Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen haben stets nur bedingt Eingang in Ansätze und gesellschaftstheoretische Konzeptionen gefunden. Marx widmet sich zwar schwerpunktmäßig der Analyse von Ökonomie, bezieht jedoch auch Reproduktionsarbeit in seine Untersuchung ein. Er entwickelt Arbeit als historische Kategorie und löst sich von der in den „Grundrissen“ noch sichtbaren Engführung auf die Sphäre der Produktion (1962: 181ff.). Marx wurde wiederholt ein enger, auf die Produktion reduzierter Arbeitsbegriff nachgewiesen. Zwar bleibt der Bereich der Reproduktion in seiner Gesellschaftsanalyse vergleichsweise unterbelichtet, doch konzipiert Marx Reproduktion als Voraussetzung von Produktion und die Bereiche als in Abhängigkeit zueinander stehende Sphären, die vermittelt sind. Marx thematisiert zudem Reproduktion, indem er auf die Begrenzung der Ressource Arbeitskraft hinweist, deren „Verschleiß“ sich für den einzelnen – bei Arbeitskraftmangel aber auch für das Kapital – als problematisch erweist (1962: 185ff.). Über die Bedingungen und Voraussetzungen der Nutzung, des Einsatzes und des Erhalts von Arbeitskraft findet insofern zumindest dieser Teil von Reproduktion Eingang in die Marxsche Untersuchung. Die Arbeiten der Kritischen Theorie schließen insofern vergleichsweise unmittelbar an die Marxsche Diagnose an. Auch Weber thematisiert bereits Wechselwirkungen zwischen den Sphären, konzentriert sich jedoch auf die religionssoziologische Untersuchung von Weltbildern und Werten und deren Einfluss auf die Herausbildung des Kapitalismus (1988: 17ff.). Unterschiedliche Arbeitsformen in den Sphären bleiben demgegenüber ebenso vernachlässigt wie deren Vermittlung untereinander und damit verbundene Folgen für die Sozialstruktur der Gesellschaft. Gleichwohl finden sich bei Weber dezidierte Bezüge auf die mit dem Verhältnis der Wertsphären einhergehenden Anforderungen an die Subjekte und diesem innewohnenden Risiken: Im Zuge einer weitreichenden Rationalisierung aller Lebensbereiche, die bis hin zu den Formen von Lebensführung und Lebensstil ausstrahle, würden Menschen zu „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz“ (1988: 204). Weber liefert damit Anknüpfungspunkte für die Kritische Theorie, indem er die Bedrohung des Individuums durch die Gesellschaft beschwört und Religion oder Berufsverbände als Gegenpole zum expandierenden Kapitalismus identifiziert, die die Subjekte in ihren Abgrenzungsbemühungen unterstützen (1924: 414ff.; 1988: 56ff.). Das Aushalten der Widersprüche zwischen den Wertsphären reflektiert Weber zwar nicht als Arbeitsanforderung bzw. eine über die gesellschaftliche Organisation von Arbeit vermittelte Anforderung, doch treten die durch unterschiedliche Werte und Kulturen in den Sphären verursachten Anforderungskonstellationen ins Blickfeld, die im Zuge der aktuellen Entwicklung von Arbeit an Stellenwert gewinnen. Die gegenwärtig konstatierte „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“ rekurriert auf die Etablierung von Marktprinzipien im Bereich von Non-Profit-Organisationen ebenso wie in privaten Beziehungen (s. 2.2), enthält jedoch im Kern kulturelle Logiken, indem die Ideologie der Nutzenoptimierung und Effizienzsteigerung als für alle Lebensbereiche gültiges Prinzip beworben wird. Gleichwohl bleibt Webers Perspektive auf die kulturellen
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Grundlagen des Kapitalismus, trotz der historischen Anlage seiner Studien, defizitär: Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung als zugleich ökonomische und kulturelle Grundlage des Kapitalismus bleibt weitgehend aus der Analyse ausgespart.137 Die Kritik an der mangelnden Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses greift für das Gros gesellschaftstheoretischer Entwürfe und bezieht sich neben Marx und Weber sowohl auf die Theorie funktionaler Differenzierung als auch die jüngere Modernisierungstheorie, wie sie im Kontext der Individualisierungsthese vertreten wird. Gelingt es Konzeptionen gesellschaftlicher Differenzierung nur bedingt, die quer zu den gesellschaftlichen Teilsystemen liegende Geschlechterhierarchie zu ergründen, da Ungleichheit nicht über die Funktionssysteme hinweg und in ihrem Zusammenhang untereinander untersucht wird (Becker-Schmidt/Knapp 2001: 32ff.; Knapp 2001: 23), weisen modernisierungstheoretische Ansätze Fragen der Geschlechterbeziehungen häufig der privaten Lebenssphäre zu und vernachlässigen Geschlecht als gesellschaftliche Struktur- und Prozesskategorie.138 Die feministische Forschung bemängelt insofern, dass – wie bereits bei Marx – auch in Ansätzen funktionaler Differenzierung oder in Habermas’ Unterscheidung von „System und Lebenswelt“ die durch Geschlechterdifferenzierung bedingten Ungleichheitslagen eindimensional der Lebenswelt zugeordnet werden, d.h. die Baulogik der Theorien das Geschlechterverhältnis nicht als gesellschaftlichen Strukturzusammenhang, sondern als Phänomen nur eines Teilbereichs von Gesellschaft begreift (vgl. u.a. Braun 2001).139 Die feministische Forschung grenzt sich insofern von prominenten Gesellschaftstheorien ab, verordnet sich selbst jedoch ebenfalls „Kurskorrekturen“ (Knapp 1998): Ihre Vertreterinnen räumen in der Analyse der historischen Wandlungsprozesse von Gesellschaft der Ökonomie nach wie vor einen besonderen Stellenwert ein; Lohnarbeit und Kapital gelten nach wie vor als „wesentliches gesellschaftliches Abhängigkeits- und Verflechtungsverhältnis“ (Becker-Schmidt 2001: 93). Gleichwohl wird Geschlechterhierarchie auch, aber nicht ausschließlich als nur durch ökonomische Prozesse hergestellte Ungleichheit interpretiert. Mit Verweis auf die Arbeiten Adornos zur „Verfilzung“ von Kultur und Wirtschaft in kapitalistischen Gesellschaften (Horkheimer/Adorno 1971; Horkheimer 1972) unterstreicht Becker-Schmidt die Bedeutung kultureller Faktoren für die Herstellung sozia-
137 Weber wandte sich gegen eine „Uniformierung des Lebensstils“ und fürchtete die einseitige Anpassung der Individuen an die „’standardization’ der Produktion“ (1988: 187). Er sah die Herausforderung der Menschen darin, Spannungen zwischen den Wertsphären auszugleichen und eine Balance herzustellen. Weber sah die ‚Lösung’ dieser durch den okzidentalen Rationalisierungsprozess ausgelösten Spannungen in einer methodisch-rationalen Lebensführung, deren Routinen die Individuen von wiederholten Entscheidungen entlaste (s. 2.1). 138 Einige Forscherinnen geben zu bedenken, dass in vielen Organisationen nicht von vornherein Geschlechterasymmetrien bestehen, sondern sich diese erst in den Interaktionen herstellen. Sie sprechen daher in Ergänzung zu „Geschlecht als Strukturkategorie“ (Becker-Schmidt) von „Geschlecht als Prozesskategorie“ (Gottschall 2000; Funder 2004). Eine Abkehr von der Strukturkategorie (Funder 2004) ist bislang jedoch nicht gerechtfertigt: Zwar manifestiert sich in der formalen Struktur von Organisationen Geschlecht nicht automatisch als Ungleichheitskategorie, doch fließt in Prozesse und Interaktionen stets das Geschlechterverhältnis ein und damit auch Stereotypisierungen und Zuschreibungen, die die Interaktionen strukturieren. 139 Habermas spürt imperialistischen Tendenzen von Erwerbsarbeit nach, vernachlässigt dabei aber tendenziell Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen und Begrenzungen der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die Subjekte (s. hierzu auch Matuschek/Kleemann/Brinkhoff 2004: 123). Die in der Geschlechterforschung entwickelte Kritik an den Blindstellen von Gesellschaftstheorien kann hier nicht ausführlich dargestellt werden. Vgl. hierzu exemplarisch die Beiträge in Knapp/Wetterer 2001.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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ler Ungleichheit (2001).140 Auch hier weist sie auf den Zusammenhang zwischen vordergründig Getrenntem hin und bemängelt Konzepte, in denen – wie etwa bei Fraser – Fragen der Umverteilung von solchen der Anerkennung abgelöst werden.141 Statt dessen betont sie, dass es sich um Aneignungs- und Enteignungsprozesse handle, in denen jeweils sowohl kulturelle als auch ökonomische Herrschaftsverhältnisse zusammenwirken, und verweist auf die Dialektik von Umverteilung und Anerkennung in Phänomenen sozialer Ungleichstellung (2001: 102ff.).142 Während die im Zuge der Patriarchatskritik der feministischen Forschung kritisierte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern bis heute im Kern der Debatten und empirischen Studien zur „Vereinbarkeit“ angesiedelt ist, werden die im Diskurs zentralen kapitalismuskritischen Bezüge nur noch vereinzelt aufgegriffen. Die Kritik an einer anhaltenden Geschlechterhierarchie ist zwar im Mainstream der Soziologie verankert, doch bleibt eine wissenschaftshistorische Leerstelle bestehen, indem – wie z.B. im Diskurs der „Postmoderne“ – Erkenntnisse zu den (ökonomischen) Ursachen von Ungleichheit nicht umfassend berücksichtigt werden.143 Probleme der „Vereinbarkeit“ werden dann auf der Ebene individuellen Handelns als „widersprüchlich“ thematisiert, jedoch nicht mehr ursächlich erklärt (s.u.). Hinweise für die Arbeitsforschung Der kursorische Bezug auf Thesen der (feministischen) Geschlechterforschung lässt erkennen, dass Fragestellungen und Untersuchungsperspektiven bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben. Für die zukünftige Analyse des Wandels von Arbeit lassen sich hier mindestens vier Punkte identifizieren, deren Berücksichtigung die Diagnosestärke der Arbeitsforschung erhöhen könnte:
Die Geschlechterforschung thematisiert das Verhältnis der Lebensbereiche als Vermittlungszusammenhang. Sie weist nicht nur darauf hin, dass Wechselwirkungen zwi-
140 Becker-Schmidt hebt die diagnostische Leistung der Kritischen Theorie hervor, jedoch nicht ohne auf Defizite auch in dieser Theorie hinzuweisen: Das Erkenntnissubjekt sei nicht – wie bei Adorno – geschlechtsneutral, das Erkenntnisobjekt „Gesellschaft“ nicht ohne Geschlechterverhältnis zu denken (2001: 110). Für Adorno sei „Tausch“ zwar zentral, aber im analytischen Modell der „Nicht-Äquivalenz“ in Verteilungsprozessen werde soziale Ungleichheit nicht angemessen abgebildet (125). 141 Fraser analysiert Umverteilung und Anerkennung als separate Ursachen sozialer Ungleichheit. Die von ihr favorisierte kategoriale Trennung zwischen „economically rooted expressions“ und „cultural rooted expressions“ (Fraser 1997, zitiert nach Becker-Schmidt 2001: 98) verschleiert jedoch – so die Kritik von BeckerSchmidt – den Zusammenhang zwischen den Chancen der Teilhabe an und die Verfügung über ökonomische Ressourcen und der Anerkennung von Subjekten. 142 Deshalb ergeben sich Chancen für den Abbau von Geschlechterhierarchie nicht lediglich durch eine Umverteilung von Erwerbs- und privater Reproduktionsarbeit, sondern nur durch ein gleichzeitiges Aufbrechen von hieran gekoppelten Anerkennungsdimensionen. Da sich die Geschlechterhierarchie über das Zusammenspiel von Kultur und Ökonomie etabliert hat, gilt es, auf diesen Zusammenhang und die in ihm verankerten Widerständigkeiten zu fokussieren. Die kritische Geschlechterforschung plädiert daher auch bei der Analyse von Geschlechtsidentität und Geschlechterbeziehungen für die Berücksichtigung und Verbindung historisch und gesellschaftstheoretischer Ansätze (Becker-Schmidt 2001: 102). 143 Im Diskurs zur „Postmoderne“ werden kulturelle Faktoren gegenüber ökonomischen Faktoren als einflussreicher für die gesellschaftliche Entwicklung eingeschätzt. Die ‚Entdeckung’ des Körpers durch die postmodernen Strömungen greift entsprechend nicht den Zusammenhang von Körper und Reproduktion von Arbeitskraft auf und wird daher aus kritisch-industriesoziologischer Sicht als „Ablenkung“ deklariert, da sie die soziologische Analyse von den grundlegenden (ökonomischen) Antrieben von Entwicklung abhalte (s. Herkommer 2004: 115ff.).
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schen Arbeits- und Lebensbereichen zu sozialen Ungleichheiten führen, sondern identifiziert im Rahmen ihrer Patriarchats- und Kapitalismuskritik auch deren Ursachen. Wechselwirkungen sind daher nicht als neutrale gegenseitige Beeinflussung von gesellschaftlichen Arbeitsbereichen zu verstehen, sondern als Medium der Reproduktion gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Der Debatte zur „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ (s. 2.2.1) drohen diese gesellschaftstheoretischen Implikationen aus dem Blick zu geraten. „Entgrenzung“ als Begriff erweist sich nur dann als tragfähig, wenn damit auf die Erosion bisheriger Grenzen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen verwiesen werden soll. Ohne Zweifel greifen Erwerbsarbeit und private Reproduktion in neuer Art ineinander, wenn sich Arbeitszeiten in bislang geschützte Freizeiten ausdehnen, Beschäftigte auch im heimischen Büro arbeiten können und sich der Freundeskreis aus dem Kollegenkreis speist. Allerdings ist damit die Trennung der Arbeitsformen nicht aufgehoben. Sie manifestiert sich in der anhaltenden Differenzierung von Arbeit bezüglich z.B. der Bezahlung, der arbeitsrechtlichen Regulierung oder der Bindung an einen Arbeitgeber. Weder die Hierarchie der Arbeitsbereiche, noch die unterschiedliche Zuweisung der Geschlechter auf diese Arbeitsformen erodiert. Der Begriff „Entgrenzung“ ist insofern unpräzise, da er eine Ablösung des bisherigen, für kapitalistische Arbeitsgesellschaften üblichen Modells der „Trennung“ assoziiert. So wie der Begriff der „Trennung“ zwar auf eine faktische Teilung von Arbeits- und Lebensbereichen hinweist, aber den inneren Zusammenhang und die sozialstrukturelle Wirkung dieses Zusammenhangs verschleiert, erweist sich auch der Begriff der „Entgrenzung“ als problematisch: „Entgrenzung“ kann nur diagnostiziert werden, sofern Erwerbsarbeit zeitlich, räumlich, sozial usw. zunehmend in solche ‚Zonen’ expandiert, die bislang als Freizeit und privater Lebensraum galten. Die Trennung der Arbeitsformen bleibt dabei jedoch ebenso bestehen wie die ihr innewohnenden sozialstrukturellen Implikationen: Nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer erweist sich das besondere Verhältnis der Lebensbereiche und ihre Einbindung in diese als Ursache der Positionierung in der Sozialstruktur; einzelne Arbeitsformen waren und sind zwar räumlich getrennt, keineswegs aber in ihrem Zusammenspiel zur Herstellung von Ungleichheit behindert. „Trennung“ war und ist daher treffende Beschreibung der Entwicklung gesellschaftlicher Arbeitsteilung; die Betonung von „Vermittlung“ und „Wechselwirkung“ fokussiert als Pendant hierzu auf den Zusammenhang von Getrenntem und seine sozialstrukturellen Effekte. Im Begriff der „Entgrenzung“ geht diese Persistenz von an die Verteilung von Arbeit gekoppelten Ungleichheitslagen verloren.144 Geht man jedoch vom Verhältnis der Arbeitsbereiche als Strukturzusammenhang aus, wird deutlich, worauf die These der „Entgrenzung“ unbeabsichtigt hinweist: War es während der Industrialisierung das „bürgerliche Modell“ der „Trennung“, das als Strategie eingesetzt wurde, um die Verwahrlosung des Proletariats zu beheben und zum Kennzeichen des fordistischen Produktionsmodells avancierte, zeigt sich nun ein vergleichbarer Prozess in entgegengesetzter Richtung: Nachdem sowohl die Privatisierung von Reprodukti144 Ohne Zweifel können es einzelne Begriffe nur bedingt leisten, die Komplexität gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge zu erfassen. Ein historischer Rekurs auf die „Trennung von Arbeit und Leben“ wird jedoch immer auf den Zusammenhang von Arbeitsteilung und Sozialstruktur stoßen. Vor diesem Hintergrund assoziiert der Begriff der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ unweigerlich und fälschlicherweise die Erosion von „Trennung“ (und der mit ihr verbundenen Ungleichheitslagen) assoziiert.
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onsarbeit als auch die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen zur Wiederherstellung seiner Arbeitskraft weitgehend verinnerlicht sind, entfällt die Notwendigkeit, ein wesentliches Moment der Trennung von Arbeitsformen aufrechtzuerhalten: den Schutz der Reproduktionssphäre gegenüber einem zu weitreichenden Zugriff der Erwerbssphäre. So wie die kapitalistische Leistungsideologie zwar auf der protestantischen Ethik basiert, sich aber ihres religiösen Begründungszusammenhangs entledigen konnte, so wird gegenwärtig auch die Konstruktion des Privaten als Schutzraum gegenüber der Erwerbsarbeit obsolet: Die Sphäre der Erwerbsarbeit bleibt weiterhin auf die Reproduktion von Arbeitskraft angewiesen, doch kündigen Unternehmen dem im Modell der „Trennung“ angelegten Prinzip, Grenzen gegenüber dem Reproduktionsbereich zu tolerieren, zusehends die Gefolgschaft auf. Grenzziehungen gegenüber dem Zugriff auf Arbeitskraft werden statt dessen von den Betroffenen selbst erwartet, die je individuell eine Toleranzgrenze festlegen und einhalten sollen. Deregulierte und flexibilisierte Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse zielen genau hierauf: Statt in kollektiven Standards soll die Begrenzung des Zugriffs auf Arbeitskraft in „individuellen Lösungen“ stattfinden, um Unterschiede in der Belastungsfähigkeit ausreizen zu können; Arbeitskräfte, um die Unternehmen konkurrieren, haben entsprechend bessere Chancen, Begrenzungen von Erwerbsarbeit auszuhandeln. Erst seitdem sich im Kontext einer negativen demografischen Entwicklung die Ressource Arbeitskraft erneut als begrenzt erweist, findet die Frage des Verhältnisses der Arbeits- und Lebensbereiche Gehör (s. 4.). Die „soziale Frage“ ist im Vergleich zu den Anfängen der Industrialisierung dank sozialpolitischer Interventionen zwar entschärft, doch sind die Folgen kontinuierlicher Überlastung durch Leistungsintensivierung, Ausdehnung der Arbeitszeit und erhöhte Eigenverantwortung im Arbeitsprozess angestiegen und werden hinsichtlich ihrer sozialen Desintegrationseffekte problematisiert (s. exemplarisch Sennett 1998a, b, 2005; Ehrenberg 2004). Es bleibt daher eine für die Soziologie zentrale Frage, wie Beschäftigte die Reproduktion ihrer Arbeitskraft und die Anforderungen im familialen Arbeitszusammenhang (Hausarbeit, Caring) gegenüber den Anforderungen der Erwerbssphäre austarieren (s. ausführlich 4.). Vor diesem Hintergrund erweist sich die für die Geschlechterforschung kennzeichnende Betonung des Zusammenwirkens ökonomischer und kultureller Einflussfaktoren als hilfreich: „Entgrenzung“ ist keine rein ökonomische Strategie, um die Kosten bisheriger Schutzräume der Reproduktionsarbeit zu reduzieren (Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Beteiligung an Sozialversicherung), sondern wird explizit kulturell hergestellt: Die – nicht zuletzt durch modernisierungstheoretische Rhetorik unterstützte – Programmatik von individueller Gestaltungsfreiheit und mehr Eigenverantwortung hat sich auf der Ebene von Einstellungen und Werthaltungen so fest verankert, dass z.B. der Rückbau solidarischer Lösungen in der Sozialversicherung oder die Verlagerung unternehmerischer Aufgaben an die einzelnen Beschäftigten, kaum noch Irritationen auslöst.145
145 Der Leistungsgedanke wird nicht nur durch neue Arbeitsformen, die den Beschäftigten mehr Selbstverantwortung und -kontrolle zumuten, verinnerlicht, sondern setzt sich z.B. auch in der Sozialversicherung oder der zunehmenden Anforderungen an Eltern durch, ihren Kindern eine bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Fehlschläge werden in der Folge weniger als strukturelles oder politisches Verschulden denn als individuelles Versagen (fehl)gedeutet.
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Welche Schlussfolgerungen ergeben sich somit für das Verhältnis der Lebensbereiche? Wenn gegenwärtig eine wachsende Durchmischung in Form von neuen Arbeitsformen und Beschäftigungsbedingungen und -verhältnissen stattfindet, dann ist dabei zu beachten, dass nach wie vor Verwertungsinteressen gegenüber dem Reproduktionsbereich bestehen, die intensiviert werden. Die Trennung von Arbeitsformen bleibt aufrechterhalten, doch werden die im Zuge gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Arbeitskämpfe erreichten Schutzräume für private Reproduktionsarbeit verkleinert. „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ ist dabei sowohl ökonomisch als auch kulturell indiziert. Indem die Subjekte die Dominanz der Erwerbsarbeit akzeptieren, sich selbst disziplinieren und das Privatleben einer Ökonomisierung unterwerfen, wird die Trennung als Leitbild überflüssig, ja sie erweist sich sogar als hinderlich: Sie bewirkte eine Begrenzung des Zugriffs, die nun fallen soll, weil Beschäftigte selbst als zuständig und fähig gehalten werden, eine „Verwahrlosung“ abzuwenden (s. 4.). Die Geschlechterforschung hat stets auf die ungleiche Verteilung von Reproduktionsarbeit und deren Zusammenwirken mit einer vertikalen und horizontalen Segregation des Arbeitsmarktes hingewiesen. Bereits in den 1980er Jahren äußern sich Autorinnen daher skeptisch, als die Formel „Die Zukunft der Arbeit ist weiblich“ kursierte. Sie wurde aufgrund der Erkenntnisse zur besonderen Arbeitssituation von Frauen nicht lediglich als Aufruf im Kontext des Strukturwandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft interpretiert, sondern als mögliche (indirekte) Ankündigung einer Prekarisierung von Lebenslage und Lebenslauf für beide Geschlechter (v. Werlhof 1983; s. auch Mies 2001). Frauen werden bis heute nur partiell in den Arbeitsmarkt integriert; sie sind häufiger als Männer in befristeten und deregulierten Arbeitsverhältnissen anzutreffen sowie in Branchen und Unternehmen mit schwacher Interessenvertretung. Sie müssen sich nicht nur diesen widrigen Arbeitsbedingungen anpassen, sondern auch Anforderungen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen sowie die hiermit verbundenen Dynamiken wie z.B. beruflichen Abstieg, Dequalifizierung oder Erwerbsunterbrechungen so bewältigen, dass die unvermeintlichen „Brüche“ in der Erwerbsbiografie nicht zu sozialem Abstieg führen. „Die Zukunft ist weiblich“ hat sich – wie von Werlhof vor 30 Jahren prognostiziert – nicht als Zunahme von Chancengleichheit eingelöst. Die Integration in den Arbeitsmarkt hat sich nur in wenigen Segmenten und auch für hoch qualifizierte Frauen nur mäßig verbessert; die Familienpolitik der letzten Dekaden blieb, im Unterschied zu anderen Ländern, auf eine anhaltende Privatisierung von Sorgearbeit ausgerichtet. Der Aufruf hat sich nicht als Anhebung der Arbeitsstandards von Frauen realisiert, sondern als eine absehbare Angleichung männlicher Arbeitsbedingungen an die der Frauen: Die Erosionen von männlichem Normalarbeitsverhältnis und entsprechender Normalbiografie sind keineswegs Ausdruck einer stärkeren Freizeit- oder Familienorientierung, sondern Folge veränderter Kräfteverhältnisse zwischen den Tarifparteien. Für die Arbeitssoziologie wird der Bezug auf Erkenntnisse der Frauenarbeitsforschung sowie die Analyse der aktuellen Arbeitsanforderungen und -bedingungen von Frauen wichtig: Es liegen deutliche Anzeichen dafür vor, dass sich das weibliche „Modell“ von prekärer Beschäftigung und porösem Erwerbsverlauf als neue Normalität auch für männliche Beschäftigte entwickelt. Wie dieser Wandel von Erwerbsarbeit subjektiv verarbeitet wird, kristallisiert sich daher als eine zentrale Frage heraus, deren Beantwortung für die zukünftige Arbeitsforschung ebenso bedeutsam wird wie für die
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gesellschaftstheoretische Reflexion. Der Zusammenhang zur vorherigen Debatte um „Trennung“ und „Entgrenzung“ wird hier offenkundig: Der im Modell der „Trennung“ innewohnende Schutz männlicher Erwerbstätigkeit erodiert; das „Hausfrauenmodell“ erweist sich im Zuge von Massenarbeitslosigkeit und sinkenden Realeinkommen als nicht mehr existenzsichernd. Daraus ergeben sich Ungleichzeitigkeiten: Rerrich (1988) spricht von der „halbierten Moderne“, weil Frauen aus dem Erwerbssystem systematisch ausgeschlossen bzw. lediglich als flexible und billige Reservearmee integriert wurden. Indem Frauen heute ihr Rollenbild zunehmend auch aus der Erwerbssphäre speisen und ihre Lebensplanung stärker auf beide Lebensbereiche, auf Familie und Beruf ausrichten, sei dieser Rückstand zusehends aufgehoben (ebd. sowie Geissler/Oechsle 1996). Die Veränderungen in den Bedingungen männlicher Erwerbstätigkeit legen hier jedoch eine neue Interpretation nahe: Die – um in den Kategorien der Theorie zu argumentieren – „reflexive Moderne“ „halbiert“ sich erneut. Während (Erwerbs-)Biografien von Frauen bereits Ausdruck der zukünftigen Arbeitsbedingungen eines veränderten Kapitalismus sind, müssen Männer hier einen „Modernisierungsrückstand“ aufholen, indem sie sich an die Anforderungen und Belastungen deregulierter und prekärer Beschäftigung, die nur noch bedingt als einzige Einkommensquelle ausreicht, erst noch gewöhnen müssen. Frauen praktizieren insofern bereits ein Erwerbs- und Reproduktionsmodell, das sich für männliche Lebenszusammenhänge als neue Normalität herauskristallisieren könnte, wenn sich die Prinzipien neoliberaler Wirtschaftspolitik verstärkt durchsetzen. Dabei ist zu erwarten, dass sich weitere Polarisierungen innerhalb der Genus-Gruppen verschärfen, indem die Kluft zwischen den dauerhaft Mehrarbeit leistenden Beschäftigten und ArbeitnehmerInnen mit unfreiwillig niedriger Arbeitszeit zunimmt. Auch im Kontext der Debatten zur „Globalisierung“ lassen sich auf der Grundlage von Ergebnissen der Geschlechterforschung zukünftige Fragestellungen von Arbeitsforschung ableiten. Im Zuge der Internationalisierung der Finanzmärkte entwickeln sich nicht nur neue Produktions-, sondern auch in neuem Ausmaß Reproduktionsverflechtungen: Arbeitsmigration reduziert sich keineswegs auf Migration in die Arbeitsmärkte und Sozialversicherungssysteme anderer Länder, sondern findet auch auf der Ebene privater Haushalte statt (Odierna 2000; Gather 2002; Thiessen 2003, 2004). Die Geschlechterforschung resümiert dies als „neue internationale Arbeitsteilung zwischen Frauen“ und eine „dreifache Vergesellschaftung“ (Lenz 1995: 33ff.).146 Bislang sind es in diesen Privathaushalten in erster Linie Frauen, die aufgrund ihrer Hauptverantwortung für die Familienarbeit die Rekrutierung dieser (meist clandestinen) Migrantinnen übernehmen und alle damit verbundenen Fragen klären. Reproduktionsarbeit bedeutet insofern heute keineswegs nur, selbst Familienarbeit zu leisten. Zunehmend bedeutet
146 Mies rekurriert hier auf Wallersteins These des „Kapitalismus als Weltsystem“. Sie zeigt auf, dass verschiedene internationale Institutionen und Abkommen wie die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die World Trade Organisation sowie das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen und das Multilaterale Abkommen zu Investitionen im Zusammenspiel die Durchsetzung neoliberaler Wirtschaftsprinzipien ermöglichen. Während das neoliberale Prinzip oberflächlich von einem Rückzug von Regulierung und Eingriffen in den Markt ausgeht, finden durch die genannten Institutionen und Abkommen jedoch faktisch konkrete Eingriffe statt, die zur weiteren Deregulierung beitragen und Prozesse der Globalisierung, d.h. einer weltweite Etablierung des Neoliberalismus, beschleunigen (s. kritisch auch Burchardt 2004).
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es auch, Aufgaben der Personalführung wahrzunehmen.147 Für hochqualifizierte Frauen ist dies kein neues Phänomen und aufgrund ähnlicher Erfahrungen im Erwerbsleben auch meist unproblematisch. Zunehmend sind jedoch auch Frauen auf Haushaltshilfen und/oder Kindermädchen im eigenen Haushalt bzw. Tagesmütter angewiesen, die nicht auf Kenntnisse der Regulierung von Arbeitsverhältnissen zurückgreifen können. Durch den ‚Einkauf’ von Entlastung ergeben sich daher einerseits Belastungen, andererseits können Kompetenzen entwickelt werden, die sich auch in der Erwerbssphäre einsetzen lassen. Die informelle Professionalisierung von Haus- und Familienarbeit ist insofern ein Feld, dessen Erforschung die Wechselbeziehung zwischen Kompetenzerwerb im Privaten und im Erwerbsleben aufhellen könnte. Die Geschlechterforschung bezieht sich in der Analyse von Reproduktionsarbeit vor allem auf den Zusammenhang von Arbeitsformen und -bereichen und seine sozialstrukturellen Wirkungen. Zahlreiche empirisch orientierte Studien geben darüber hinaus Hinweise auf die Vielfalt von Leistungen, die den Privathaushalt funktionsfähig halten. Dies sind neben der klassischen Haus- und Familienarbeit, die der Reproduktion von eigener und fremder Arbeitskraft dienen, auch regulierende und koordinierende Aufgaben. Hierzu zählt nicht nur, wie oben erwähnt, die Koordination des Einsatzes von Dienstleistungen, sondern auch die Vernetzung der Familie. Sie stellt nicht nur die Integration in die lokalen Gemeinschaften sicher, sondern ist für Familien mit geringem materiellen Kapital notwendig, um Defizite in der öffentlichen Kinderbetreuung auszugleichen. Mitunter gestalten sich dabei diese Formen unbezahlter Hilfe (durch Familienangehörige, FreundInnen, NachbarInnen usw.) jedoch komplizierter als bezahlte Dienstleistungen, da immaterielle Gegenleistungen erwartet werden, die wiederum Belastungen mit sich bringen – etwa durch die Betreuung anderer Kinder oder die Pflege der Eltern, wenn diese älter werden (s. ausführlicher 3.1.2).
Für die Arbeitssoziologie ergeben sich damit neue Forschungsperspektiven: Zwar finden sich Untersuchungen zur Eigenlogik von Reproduktionsarbeit und der Breite von Tätigkeiten, die jenseits der Erwerbssphäre geleistet werden, jedoch ist bislang nicht ausgeleuchtet worden, ob und wie die in diesem Kontext erworbenen Kompetenzen in der Erwerbssphäre zum Einsatz kommen. Werden sie explizit genutzt oder fließen sie eher implizit in Arbeitstätigkeiten ein? In der Arbeitsforschung besteht sicher kein Zweifel, dass hier Wechselwirkungen stattfinden, doch scheint noch weitgehend unklar zu sein, worin diese bestehen. Welche Kompetenzen hinsichtlich der Reproduktion von Arbeitskraft wer wie erwirbt und wo einsetzt, erweist sich angesichts des Wandels von Erwerbsarbeit und der rasanten Verbreitung neuer Arbeitsformen als Terrain, das noch nicht genauer abgesteckt wurde, jedoch hinsichtlich seiner gesellschafts- und ungleichheitstheoretischen Relevanz auf die Traditionsbestände der Geschlechterforschung zurückgreifen kann und muss.
147 Hierbei geht es nicht lediglich um die Rekrutierung der klassischen „Putzhilfe“, sondern auch um die gezielte Sicherstellung der Betreuung von Kindern unter drei Jahren, die Betreuung am Nachmittag für Kinder generell oder auch die Koordinierung von Pflegekräften und Serviceleistungen für ältere und/oder kranke Familienangehörige. Damit findet eine Rückkehr in vorindustrielle Zeiten statt, als es den Frauen oblag, das zum Haushalt gehörige Personal (Dienstboten, Knechte, Mägde, Gesellen usw.) anzuweisen und zu beaufsichtigen. Da die „Meldung“ haushaltsnaher Dienstleistungen inzwischen breit geprüft wird, ergeben sich zudem verwaltungstechnische Anforderungen, um das Beschäftigungsverhältnis zu legalisieren.
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3.1.2 „Arbeit und Leben“ in der Familiensoziologie: Familie als soziale Institution mit gesellschaftlichen Funktionen Während die kritische Geschlechterforschung „Arbeit und Leben“ als Vermittlungszusammenhang reflektiert, behandelt die Soziologie jenseits des Geschlechterverhältnisses liegende Fragen an das Thema arbeitsteilig. Arbeits- und Familiensoziologie definieren sich hier als ‚zuständige’ Teildisziplinen, die von je unterschiedlichen Seiten zugreifen: Die Arbeits- und Industriesoziologie bezieht Wechselwirkungen zwischen den historisch getrennten Sphären im Rahmen kapitalismuskritischer Analysen ein. Sie weist „Arbeit“ als ihren Forschungsgegenstand aus, bezieht sich dabei faktisch jedoch primär auf Erwerbsarbeit. Die Familiensoziologie deklariert demgegenüber „Familie“ als Gegenstandsbereich und widmet sich – gemeinsam mit der weniger prominenten Freizeitsoziologie – dem „Leben“.148 Familie wird dabei als „Gruppe besonderer Art“ (König 1969) sowie als soziale Institution (Schelsky 1960) untersucht. Entsprechend sind die theoretischen Perspektiven auf Familie auf unterschiedlichen Ebenen verankert: Während die Analyse von Familie als Gruppe auf die Binnendynamiken unterschiedlicher Formen des Zusammenlebens fokussiert und Familie mikrosoziologisch reflektiert, greift die Untersuchung von Familie als Institution stärker auf gesellschaftstheoretische Annahmen und historische Studien zum Verhältnis von Familie und Gesellschaft zurück. Sie sind für die Arbeitsforschung von besonderem Interesse, da sie Hinweise darüber enthalten, ob und inwiefern sich der Zusammenhang unterschiedlicher Arbeitsformen im Zuge gesellschaftlicher Entwicklung verändert hat. Betrachtet man genauer, welche Funktionen die Familiensoziologie der Familie als soziale Institution attestiert, so kristallisiert sich nicht nur die Abhängigkeit anderer gesellschaftlicher Bereiche von Familie heraus, sondern auch der Einfluss von ‚Außen’ auf die Familie. Erfüllt Familie nicht die an sie gerichteten Erwartungen (z.B. durch Geburtenrückgang, steigende Scheidungszahlen usw.), steigt die Nachfrage nach familiensoziologischer Forschung und Beratung (Nave-Herz 1999, 2004; Schmidt 2002). Dass immer dann die Aufmerksamkeit für die Bedingungen von Familienleben zunimmt, wenn sie bestimmte Funktionen nicht wie bisher erfüllt, verweist aus einer arbeitssoziologischen Perspektive jedoch nicht nur auf die Abhängigkeit der Sphären und den grundlegenden Vermittlungszusammenhang von gesellschaftlichen Teilbereichen. Es zeigt darüber hinaus, dass an Familie als soziale Institution Interessen gekoppelt sind, d.h. Akteure Erwartungen an diese Lebensform richten und Strategien entwickeln, die deren Einlösung sicherstellen. Eine Erweiterung funktionalistischer Ansätze um eine herrschaftstheoretische Perspektive scheint daher nahe zu liegen. Ein Rekurs in den historischen Wandel von Familie zeigt zunächst, dass der Familie bereits in den Anfängen der Familiensoziologie bestimmte Funktionen attestiert wurden, die sich auch heute noch in den Selbstdarstellungen finden. Mit der Analyse solcher Funktionen liefert die Familienforschung Hinweise auf Wechselwirkungen von Familie und Gesellschaft (und damit auch von „Arbeit und Leben“), die für die Arbeitsforschung Anknüpfungspunkte bieten, um den aktuellen Wandel von Arbeit, von Produktion und Reproduktion, zu erklären und seine sozialen Folgen abzuschätzen: In welchem Verhältnis stehen 148 Ebenso wenig wie es eine Arbeitssoziologie gibt, wird man auch die Familiensoziologie nicht finden. Sowohl im Verständnis von Familie als auch in theoretischen Hintergründen existieren z.T. gravierende Kontroversen innerhalb der Teildisziplin.
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Lebensformen zur Sphäre der Erwerbsarbeit und was kennzeichnet die im Privaten geleistete Arbeit? Nach einem Blick in aktuelle Debatten zu Gegenstandsdefinition und Selbstverständnis der Familiensoziologie geben abschließend Studien aus der empirischen Familienforschung Hinweise auf die Eigenlogik privater Reproduktionsarbeit. Wechselwirkungen von Familie und Gesellschaft Der historischen Familienforschung ist es zu verdanken, dass der Begriff „Familie“ inzwischen variabel, d.h. als ein den gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen anzupassender Begriff verstanden wird. Sie zeigt, dass nicht nur heute, sondern auch in vergangenen Epochen Menschen unterschiedliche Lebensformen praktizierten und frühere Formen familialen Zusammenlebens keineswegs so idyllisch waren wie häufig angenommen. Vorstellungen vom „ganzen Haus“ als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft entlarvt sie als romantische Idealisierung eines Haushaltsmodells, in dem zwar unterschiedliche Arbeiten ‚unter einem Dach’ geleistet wurden, die Beziehungen der Haushaltsmitglieder jedoch getrennt waren in persönliche Beziehungen und lohnabhängige Tätigkeiten (von Dienstboten, Mägden, Knechten usw.) und Frauen und Männer je unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen hatten (Ariès 1978; Schwägler 1970; Segalen 1990). Schon vor der Industrialisierung gab es nicht nur einen Typus von Familie, sondern Haushaltsfamilien mit und ohne Produktionsfunktion, die sich entsprechend hinsichtlich der dort verrichteten Arbeiten und ihrer Größe unterschieden (s. auch Nave-Herz 2004: 38ff.).149 Die Trennung von Lohnarbeit und Reproduktion existierte somit bereits vor der Industrialisierung, war jedoch nicht notwendigerweise mit einer räumlichen Trennung der Arbeiten verbunden. Diese setzt erst ein, als Lohnarbeit in Manufakturen und Fabriken verlagert wird und auch in ‚produzierenden’ Haushalten separate Wohnräume als ‚private’ Sphäre eingerichtet werden, zu der Fremde nur begrenzt Zugang haben. Die Einrichtung eines privaten Wohnraums verbreitet sich zunächst bei den ökonomisch besser gestellten Familien, entwickelt sich aber rasch als Ideal der „bürgerlichen Kleinfamilie“, das auch auf die Lebensformen des Proletariats ausstrahlt (Ostner 1988; Segalen 1990; Nave-Herz 2004: 48). Erst im 18. Jahrhundert kristallisiert sich auf diese Weise Familie in der Form heraus, in der wir sie heute kennen: als ‚private’ Haushaltsgemeinschaft, die als verantwortlich für die Reproduktion von Arbeitskraft und als Gegenpol zur ‚Öffentlichkeit’ gilt. Die Trennung reduziert sich dabei nicht lediglich auf die Trennung von Arbeitsformen, sondern damit einhergehend auch auf eine Trennung von Bedürfnissen und Handlungslogiken: Während in der Erwerbssphäre zweckrationales Handeln dominiert, wird der Familie die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse zugeschrieben (Segalen 1990).150 Die Wurzeln der Familiensoziologie gehen bis zu den gesellschaftstheoretischen Klassikern der Soziologie zurück. In der Familiensoziologie werden die Anfänge der Teildisziplin auf Mitte des 19. Jahrhunderts datiert, als Riehl (1855), Le Play (1879) und Durkheim
149 Zudem zeigt ein historischer Vergleich, dass die Gattenfamilie nicht erst durch die Industrialisierung entstanden ist, sondern lediglich durch diese begünstigt wurde (Segalen 1990 : 377ff.). 150 Damit verbunden sind auch Zuschreibungen an die Geschlechter, die Nave-Herz als „Ideologie des ‚Ergänzungstheorems der Geschlechter’“ (Nave-Herz 2004: 52) beschreibt: Frauen werden als kompetenter in der emotionalen Zuwendung zu Kindern betrachtet und bekommen die Reproduktionsarbeit zugewiesen; Männer erhalten im Gegenzug ein Erwerbseinkommen, das die Existenz der gesamten Familie sichern soll. Folge ist, dass Frauen isoliert im Privaten bleiben, während sie in produzierenden Haushaltsgemeinschaften noch gleichermaßen in Produktions- und Reproduktionsabläufe eingebunden waren.
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mit Werken über die Familie den Grundstein für spätere Arbeiten legen.151 Die Beiträge der Autoren weisen stark kulturpessimistische Züge auf. Sie sind von der Sorge um die Lage und den Bestand von Familie geprägt und zielen – besonders Durkheims „Introduction à la Sociologie de la Famille“ (1888) – auf eine Etablierung einer eigenständigen Familienforschung. Für die Arbeitsforschung ist hier von besonderem Interesse, wie in dieser Phase das Verhältnis von Familie und Gesellschaft interpretiert wird. Für Durkheim (1988), der sich stets für die Mechanismen der Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und gesellschaftlichen Gleichgewichts interessierte, ist Familie die soziale Institution, die den Einzelnen in eine Gruppe integriert und damit anomischen Entwicklungen entgegenwirkt. Die Integration in eine begrenzte soziale Gruppe gilt ihm als Garant einer stabilen Ordnung. Auch Marx und Engels widmen sich in dieser Zeit der Lage von Familien. Da ihre Analysen auf die Untersuchung der Ökonomie gerichtet sind, berücksichtigen sie Familie vorrangig als Ort von Reproduktion. Marx bezieht die in den Familien geleistete Reproduktion ein, wenn er den Warenwert analysiert, den Normalarbeitstag beschreibt und Anforderungen an den Erhalt der Ressource Arbeitskraft schildert (Marx 1962: 245ff.). Engels (1919) problematisiert in seinem Aufsatz „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884), dass die Folgen der Industrialisierung, die mit Landflucht und neu entstehenden Ballungsräumen in Städten einhergingen, immer mehr soziale Probleme zum Vorschein bringen, die auch die Familie nicht unbeschadet lassen: Engels betont vor allem die gesundheitsschädlichen Folgen von Fabrikarbeit für Kinder und Frauen (s. auch Nave-Herz 1999: 19). Hier deuten sich somit bereits unterschiedliche Perspektiven auf Familie an: Während in Durkheims Theorie funktionaler Differenzierung die sozial integrative Funktion von Familie betont wird, konzentriert sich die Kritik der Politischen Ökonomie auf die Reproduktionsleistungen von Familie und die Untersuchung der Interessen des Kapitals an der Sicherstellung dieser Leistung. Auch Simmel gilt Familie als basaler Pfeiler der Konstitution von Gesellschaft. Für ihn ist Familie nicht nur in der gesellschaftlichen Perspektive überaus funktional, sondern auch aus Sicht der in ihr lebenden Menschen: Sie ist „eine Gruppe, deren Elemente gegenseitig in festen Bindungen, zuverlässigen Verhältnissen stehen, wo eines an dem andern einen bleibenden Halt hat (...) – eine solche Gruppe wird sich im Kampfe ums Dasein als haltbarer und widerstandsfähiger zeigen, als eine andere, deren Elemente keine gegenseitigen Pflichten, sondern nur momentane, willkürliche, stets wieder zersplitternde Bindungen kennen.“ (Simmel 1985: 129). Simmel betont damit eine andere Perspektive als Durkheim und Marx/Engels: Er betrachtet Familie nicht als nur funktional für die soziale Ordnung bzw. die Produktionsverhältnisse, sondern hebt die subjektive Bedeutung von Bindungen hervor und legt damit einen Grundstein für identitätstheoretische und interaktionistische Konzepte in der Soziologie. Er spricht – wie andere Klassiker – ebenfalls Funktionen von Familie für die Gesellschaft an, fokussiert statt auf Familie als Gruppe oder Institution jedoch stärker auf persönliche Beziehungen, die in seiner Mikrosoziologie einen besonderen Stellenwert erhalten.152
151 Einen umfassenden Überblick auf die Entwicklung der Familiensoziologie liefern z.B. Schmidt (2002) und Nave-Herz (2004). 152 Simmel sieht daher Grenzen von Differenzierungsprozessen. Sie enden für ihn dort, wo eine weitere Differenzierung die Bindungen beeinträchtigt und damit die soziale Gruppe gefährden würde. Die gesellschaftliche Dynamik von Differenzierung stehe daher in Widerspruch zu den Bedürfnissen des Individuums nach sozialer (Ein-)Bindung.
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Der kurze Rückblick zeigt, dass Familie zum einen als ein historisch entstandener Arbeits- und Lebensbereich gilt, der in gesellschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse eingebunden ist, und zum anderen eine die Subjekte und damit die Gesellschaft bzw. die Ökonomie stabilisierende Lebensform. Sowohl bei Marx/Engels als auch bei Durkheim finden sich dabei Hinweise auf die Interessen, die an Familie als soziale Institution geknüpft werden: Ist es bei Durkheim abstrakt die Gesellschaft als Ganzheit, die der Familie als Stabilisator bedarf, sind es bei Marx/Engels die Interessen des Kapitals, die die konkrete Gestaltung von Familie beeinflussen.153 Die Klassiker der Soziologie widmen insofern Familie besondere Aufmerksamkeit. Sie betonen – abhängig von ihrer jeweiligen Theoriekonzeption – einerseits den funktionalen Charakter bzw. die reproduktiven Leistungen von Familie, andererseits sprechen sie implizit Familie den Status einer Sphäre zu, die den Charakter eines Schutz- oder Schonraums gegenüber der Gesellschaft bzw. der Ökonomie einnimmt. Familie wird bis heute in der Soziologie als „Gegenwelt“ (König 1974) konzipiert (s. auch Shorter 1977), „als Hafen in einer herzlosen Welt“ (Lasch 1995). Ansätze, die sich an die Marxsche Gesellschaftstheorie anlehnen und den Einfluss der Ökonomie auf die Entwicklung und die Funktionen von Familie betonen, setzen sich in der Familiensoziologie der Nachkriegszeit kaum durch. Nur in der historischen Familienforschung und Teilen der Frauenforschung kursiert weiterhin eine Kritik am bürgerlichen Familienideal und seiner Reproduktion durch die Familienforschung selbst (Rosenbaum 1977, 1992; Hausen 1978). Ökonomische Interessen an Familie werden nur noch vereinzelt thematisiert. In der funktionalistischen Traditionslinie finden sich noch immer Hinweise auf Einbindung von Familie in gesellschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse, doch bleiben die Ursachen gesellschaftlicher Differenzierung demgegenüber vernachlässigt. In der Familiensoziologie der 1950er Jahre dominiert zunächst eine strukturfunktionalistische Perspektive auf Familie. Die „Kernfamilie“ (Parsons/Bales 1956) gilt als Familientypus der Moderne, in dem sich die Prinzipien von Arbeitsteilung und funktionaler Differenzierung der Lebensbereiche spiegeln. Frauen und Männern werden dabei je unterschiedliche Rollen zugewiesen. Parsons betrachtet – wie bereits Durkheim – die Familie als soziale Institution, die für das gesellschaftliche Gleichgewicht, d.h. für den Strukturerhalt stabilisierend wirke.154 Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Interesse an dieser Funktion von Familie sowie an der Herstellung einer stabilen Ordnung groß. Gleichwohl verschaffen sich bereits in den 1960er Jahren Stimmen Gehör, die – aus der Frauen- und Studentenbewegung heraus – gesellschafts- und kapitalismuskritisch argumentieren. In der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule formieren sich Ansätze, die – in Abgrenzung zu der eher mechanistischen Perspektive von Parsons – den besonderen Vermittlungszusammenhang 153 Hier ist zu beachten, dass es sich um idealtypische Beschreibungen handelt: Familie steht in dieser Argumentation als Synonym für ein solches Familienleben, das die beschriebenen Funktionen erfüllt. Aus heutiger Sicht muss Familie auch als Ort von Gewalterfahrungen problematisiert werden. Durkheim hat in seiner Studie zum „Selbstmord“ (1983) aufgezeigt, inwiefern Familie soziale Bindung herstellt: Verheiratete Eltern sind nach seiner Auswertung von Selbstmordstatistiken weniger anfällig als Geschiedene, Kinderlose oder Verwitwete. Neben der Familie gelten Durkheim die Berufsverbände als Medium sozialer Integration (449ff.). 154 In der Zusammenarbeit von Parsons und Bales zeigen sich Vernetzungen zwischen Industrie- und Familienforschung: Bales’ Annahmen zu Kleingruppen im Industriebetrieb spiegeln sich in Parsons Konzeption von Familie als einer arbeitsteiligen Gruppe mit besonderer Aufgabenzuschreibung. Diese aus heutiger Sicht simple Übertragung vernachlässigt zwar die unterschiedlichen Logiken von Produktionsprozess und familialem Lebenszusammenhang, sie verweist jedoch auf Parallelen zwischen den Teildisziplinen, die Interaktionen zwischen Individuen in Verbindung mit Arbeit untersuchen.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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von Familie und kapitalistischer Produktion und die Bedeutung von Familie als Sozialisationsinstanz hervorheben (Institut für Sozialforschung 1956; Horkheimer 1980). Adorno/ Horkheimer weisen, der Marxschen Gesellschaftstheorie folgend, Familie einerseits eine Reproduktionsfunktion zu, betonen andererseits jedoch, dass Familie als Schutz gegenüber den Belastungen und Anforderungen der Produktion fungiere. Familie wird dabei nicht auf die Leistung von Reproduktionsaufgaben reduziert, sondern auch als Ort problematisiert, auf den die Folgen entfremdeter betrieblicher Arbeitsprozesse ausstrahlen. Adorno/Horkheimer zeigen, dass die Interaktionen in der Familie beeinflusst sind durch die betrieblichen Herrschaftsverhältnisse sowie die Erfahrung von entfremdeter Arbeit und Arbeitsteilung in der Produktion. In der bürgerlichen Familie werden durch die besondere Stellung des Vaters – so ihre These – die in einer Gesellschaft anzutreffenden Autoritätsstrukturen bereits vorweg genommen. In familialen Interaktionen reproduzieren sich somit autoritäre Verhaltensmuster, die wiederum autoritäre Persönlichkeiten hervorbringen können (Horkheimer 1980). Neben den „sozioökonomischen Bedingungen von Familienformen“ (s. den Materialienband von Rosenbaum 1978) erlangen in der Folge die Generationen- und Geschlechterbeziehungen sowie Fragen zum Zusammenhang von Familie und Sozialstruktur an Bedeutung. Interpretative Ansätze, Interaktionstheorien und ökonomische Theorien zu Ressourcen und Tausch in Paarbeziehungen gewinnen an Einfluss, um Machtbeziehungen innerhalb von Familien aufzudecken und die Reproduktion von Ungleichheit durch schichtspezifische und geschlechtsspezifische Sozialisation zu untersuchen (s. Schmidt 2002; Lauterbach 2003). Diese mikrosoziologische Wende reicht bis in die individualisierungstheoretischen Konzepte der 1980er Jahre (Beck 1986; Hradil 1987). Zwar werden hier ökonomische Ursachen und Impulse für den Wandel von Familie berücksichtigt, doch dominieren handlungstheoretische Ansätze, die Lebensform und Biografie als Ergebnis „individueller Entscheidung“ und eines „Zwangs zur Wahl“ interpretieren (s. u.a. Beck/Beck-Gernsheim 1993). Mit einer tendenziellen Abwendung von strukturtheoretischen Ansätzen geraten jedoch die gesellschaftlichen Funktionen von Familie und damit auch die gesellschaftstheoretischen Bezüge von Familienforschung – wie die nächsten Anschnitte zeigen – zuweilen aus dem Blick. Familie als Garant von Funktionen Trotz der wachsenden Distanz zu Parsons Konzept der „Kernfamilie“ sind funktionalistische Konzepte in der Familiensoziologie noch immer einflussreich. Neidhardt (1965) schreibt die Durkheimsche Traditionslinie fort, ersetzt aber Parsons These vom Strukturerhalt durch das Theorem des Systemerhalts von Familie, d.h. eine flexible Strukturanpassung von Familie an veränderte Rahmenbedingungen. Auch mikrosoziologische Ansätze rekurrieren – zumindest implizit – auf die besonderen Funktionen, die Familie erfüllt. Sowohl Konzepte zu Familie als Interaktionszusammenhang als auch ökonomische Ansätze zu Familie als Ort von Ressourcentausch berücksichtigen Fragen, die mittel- oder unmittelbar den Funktionserhalt von Familie betreffen (Konflikte, Scheidungen, Kinderlosigkeit usw.). Nave-Herz resümiert in ihrem Überblickswerk zur Familienforschung fünf Funktionen, die auch heute noch der Familie zugesprochen werden155: Die Reproduktions-, die Sozialisations-, die Platzierungs-, die Freizeit-, und die Spannungsausgleichsfunktion 155 Die Funktionen werden vor allem in der Theorie funktionaler Differenzierung und der aus ihr hervorgehenden Systemtheorie betont.
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(2004: 79ff.). Die Vielzahl von konkreten Arbeitsleistungen, die der Erfüllung dieser Funktionen zugrunde liegen, können an dieser Stelle nicht ausführlich erläutert werden. In einer arbeitssoziologischen Perspektive auf Familie fällt jedoch ins Auge, dass sich in allen Funktionen Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und privater Lebenswelt identifizieren lassen, die nicht nur in der Arbeitssoziologie, sondern auch in der Familiensoziologie selbst unterbelichtet bleiben: Die Familiensoziologie unterscheidet hinsichtlich der Reproduktionsfunktion von Familie zwei Formen von Reproduktion. Während die biologische Reproduktion darin besteht, dass Paare Kinder bekommen und aufziehen, findet soziale Reproduktion in Form der physischen und psychischen Wiederherstellung von Arbeitskraft statt. Hier geht es folglich nicht bloß um klassische Haushaltstätigkeiten, sondern darüber hinaus um die Schaffung eines Familienklimas, das der individuellen Regeneration zuträglich ist: Studien zeigen, dass die Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben in Zusammenhang mit den familialen/privaten Lebensverhältnissen steht (z.B. Schütz/Wiesner 2000: 193ff.). Die Betonung der Reproduktionsfunktion steht insofern in der Tradition der Marxschen Gesellschaftstheorie und deren Fortführung durch die Kritische Theorie. Mit der Sozialisations- und Platzierungsfunktion betont die Familiensoziologie die zentrale Bedeutung von Familie für Prozesse der Vergesellschaftung sowie den Stellenwert der sozialen Herkunft für das Erreichen von sozialen Positionen. In der Arbeitsforschung sind diese Funktionen zu beachten, weil sie auf Formen sozialer Ungleichheit verweisen, die sich nicht erst durch die Integrationsmechanismen und -barrieren des Arbeitsmarktes ergeben, sondern diesen bereits vorgelagert sind. Geschlecht und ethnische Herkunft sind z.B. Faktoren sozialer Ungleichheit, die in der Erwerbssphäre als Platzanweiser fungieren, sie erlangen ihren Einfluss jedoch auch durch die kontinuierliche Reproduktion von Stereotypen in familialen Sozialisationsprozessen und Interaktionen. Während die Sozialisationsfunktion in der Perspektive funktionaler Differenzierung lediglich die Weitergabe von Werten an die nachwachsende Generation als Stabilisierung bestehender Ordnung definiert, erweist sich diese für die Arbeitsforschung als bedeutsam: Der Zusammenhang von familialer und beruflicher Sozialisation scheint hier bislang nicht ausgeleuchtet. Ähnliches gilt für die Platzanweiserfunktion. In der Arbeitsforschung wird berücksichtigt, dass die soziale Herkunft und das soziale Milieu Einfluss darauf nehmen, über welche Kapitalien abhängig Beschäftigte verfügen und dass sich soziale Ungleichheit reproduziert.156 Unklar erscheint demgegenüber, welche Vermittlung von Kompetenzen in der Familie stattfindet, die eher indirekt Einfluss auf die soziale Positionierung nehmen (z.B. soziale oder kommunikative Kompetenz). Qualifikation reduziert sich in einer solchen Sichtweise nicht auf nur messbare Fähigkeiten, sondern auch auf die individuelle Kompetenz, Anforderungen individuell zu erfassen und zu bewältigen (s. 3.4). Mit der Freizeitfunktion unterstreicht die Familiensoziologie die Grenzziehung von Familie gegenüber der Erwerbssphäre. Gemeinsame Sozialzeit als Familie und Freizeit, die nicht unmittelbar der Erholung von den Belastungen der Erwerbssphäre dient, werden hier als Voraussetzungen dafür interpretiert, dass Familie und damit auch deren Funktionen aufrechterhalten bleiben. Nave-Herz (2004: 95f.) rekurriert hier zwar auf Habermas Thesen zur Fremdbestimmung von Freizeit, die nur den „Schein intensivierter Privatheit“ erwecke 156 Bestes Beispiel für die Reproduktion sozialer Ungleichheit sind die Ergebnisse des PISA-Tests. Demnach korreliert in kaum einem anderen europäischen Land die schulische Laufbahn von Kindern so stark mit der sozialen Herkunft wie in Deutschland.
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(Habermas 1988b; s. auch Negt 1984), doch bleibt der Strukturzusammenhang von Familie und Ökonomie ausgeblendet, wenn die Herstellung von Freizeit als Funktion von Familie deklariert wird. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass in der Benennung der Funktionen die Interessen ausgeblendet bleiben, die an die Erfüllung dieser Funktionen gekoppelt sind. Die Herstellung von Freizeit würde dann vergleichsweise unmittelbar der Reproduktionsfunktion zugeordnet werden müssen: Denn die Bedürfnisse von Familie nach gemeinsamer Sozialzeit und individueller, nicht erwerbsgebundener Freizeit werden nur insofern toleriert, dass sie der Reproduktion von Arbeitskraft bzw. der Aufrechterhaltung sozialer Ordnung in der Form dienen, wie sie sich – auch durch die gewerkschaftlichen Arbeitskämpfe – historisch entwickelt hat. Eine ähnliche Einschränkung muss auch für die Spannungsausgleichsfunktion konstatiert werden, die – wie Nave-Herz selbst einräumt – keine eigenständige Funktion darstellt, sondern ebenfalls der Reproduktionsfunktion zugeordnet werden kann. Die Familiensoziologie betont hier die Bedeutung der emotionalen Stabilisierung der Person, die einen Ort braucht, an dem sie als „ganze Person“ statt nur als Rollenträger gesehen wird.157 Auch hier liegen jedoch Bezüge zu den soziologischen Klassikern nahe, die auf die Notwendigkeit von Familie als „Gegenwelt“ zur zweckrationalen Arbeitswelt bzw. zu einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft hingewiesen haben. Familie als ein Ort, an dem die Subjekte ganzheitlicher wahrgenommen werden, liefert insofern einen „Spannungsausgleich“, der stabilisierend für soziale Ordnung und Ökonomie wirkt. Dieser Zusammenhang zwischen den der Familie zugewiesenen Funktionen und gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen scheint innerhalb der Familiensoziologie eher unterbelichtet. Gleichzeitig verweisen die familiensoziologischen Interpretationen von Funktionen auf eine mangelnde Präzision in arbeitssoziologischen Debatten: Greift die Ökonomie auf – wie es die Arbeits- und Industriesoziologie beschreibt – die „ganze Person“ zu, dann handelt es sich stets nur solche Ausschnitte der Person, die für die Ökonomie funktional nutzbar sind: Nicht die Ängste und Sorgen der Individuen fließen hier ein, sondern nur solche Anteile und Potenziale der Person (wie z.B. Empathie, Emotionalität), die im Erwerbsleben (z.B. in Dienstleistungsinteraktionen) eingesetzt werden können. Inwiefern sich in dieser Funktion von „Spannungsausgleich“ auch Widersetzungen der Person finden (z.B. in Form der Verweigerung von Mehrarbeit oder von Teleheimarbeit), bleibt eine offene Frage. Gemeinsame Freizeitgestaltung und Spannungsausgleich sind als phänomenologische Merkmale kennzeichnend für Partnerschaft und Familienleben. Sie sind jedoch nicht auf der Ebene eigenständiger Funktionen von Familie zu verankern, sondern lediglich als Element der Reproduktionsfunktion. Gesellschaftstheoretisch reduziert sich daher die Funktion von Familie im wesentlichen auf die Reproduktions-, die Sozialisations- und die Platzanweiserfunktion. Alle drei Funktionen verweisen nicht nur auf ihren stabilisierenden Effekt für Gesellschaft, sondern wirken – bezieht man die Perspektive auf Interessen von Akteuren – auch herrschaftsstabilisierend. Sie erhalten nicht nur den gegenwärtigen Struktur- und Verweisungszusammenhang aufrecht, sondern reproduzieren auch Verhältnisse sozialer Ungleichheit. Hier zeigen sich die Begrenzungen einer funktionalistischen Argumentation: Bleiben die sich hinter Prozessen von Ausdifferenzierung verborgenen Interessen an Tren157 Ein „Monopol auf emotionale Belange“ (Luhmann) kann Partnerschaft und Familie nicht zugesprochen werden, würde es doch die Bedeutung von Freundschaften ausblenden, die nicht nur für die Aufarbeitung und Bewältigung beruflicher, sondern auch familialer Belange stabilisierend wirken.
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nung und Teilung vernachlässigt, erscheint funktionale Differenzierung stets als neutraler Prozess, der um seiner selbst Willen stattfindet (s. auch Hill 1999). Der Vorteil von differenzierungstheoretischen Ansätzen liegt darin, dass sie den Wandel erklären und auch die Veränderungen von Familie und Lebensform aufzeigen (Meyer 1993; Hondrich 1998).158 Ob jedoch auch ökonomische Interessen diesen Wandel beeinflussen, wird jenseits der historischen Familienforschung kaum hinterfragt. Die Funktionen werden insofern beschrieben, jedoch nicht als Ergebnis eines gesellschaftlichen Strukturverhältnisses reflektiert, indem die Familie mit widersprüchlichen Aufgaben konfrontiert wird: Sie soll einerseits als Schutzraum gegenüber der Erwerbssphäre dienen und den Einzelnen sozial integrieren, diese indirekten Reproduktionsaufgaben andererseits jedoch so erfüllen, dass Arbeitskraft wieder hergestellt wird. Welchen Einfluss der Wandel von Ökonomie und neue Formen des Zugriffs auf Arbeitskraft auf die Funktionen von Familie nehmen, scheint gegenwärtig eine noch offene Frage in der Familienforschung. Sowohl die Erkenntnisse der historischen Familienforschung als auch die Hinweise, die sich aus der kritischen Arbeitssoziologie ergeben, untermauern die Dringlichkeit, die an die Funktionen von Familie gekoppelten Interessen in die Analyse von Familie einzubeziehen. Die These vom „Funktionsverlust“ (Neidhardt 1970) ist vor diesem Hintergrund irreführend (s. auch Nave-Herz 2004). Die Funktionen haben sich ohne Zweifel gewandelt, aber nach wie vor besteht das ökonomische Interesse an der Reproduktion von Arbeitskraft sowie das gesellschaftspolitische Interesse an der Reproduktion von Gesellschaft und sozialer Stabilität.159 Ein Blick in aktuelle Debatten zum Wandel von Familie soll im Folgenden zeigen, ob in den Kontroversen zu Familienbegriff und (zukünftigem) Gegenstandsbereich der Teildisziplin die Erwerbssphäre als Einflussfaktor auf Familie in die Argumentation einbezogen wird. Familie – Privates – Persönliches: die Familiensoziologie und der Wandel ihres Gegenstandes Das bürgerliche Familienmodell fand in Deutschland seine weiteste Verbreitung in den 1950/60er Jahren. Während das verheiratete, mit Kindern zusammenlebende Paar über Jahrzehnte hinweg eine milieuübergreifend verbreitete Lebensform darstellte, konstatieren Familienforscher spätestens seit den 1980er Jahren eine Ausdifferenzierung von Lebensformen, die unter der Formel der „Pluralisierung“ (u.a. Beck/Beck-Gernsheim 1990; BeckGernsheim 1998) zusammengefasst wird. Die Kleinfamilie habe demnach an Stellenwert gegenüber anderen Lebensformen eingebüßt. Als Indizien werden hier je unterschiedliche Phänomene herangezogen: die wachsende Zahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit 158 Meyer (1993) bemängelt die Dominanz individualisierungstheoretischer Ansätze in der Familiensoziologie. Diese könnten zwar die Veränderungsdynamik von Lebensformen erkennen, aber nicht die Prinzipien neuer Strukturierungen benennen. Meyer knüpft an Luhmanns Systemtheorie an und spricht statt von Familie von einem „neuen Funktionssystem privater Lebensformen“ (26), das sich – auch bedingt durch den Wandel von Ökonomie – in „Privatheitstypen“ weiter ausdifferenziert habe. Meyer rekurriert hier auf die Erwerbsintegration von Frauen, sieht jedoch ebenfalls ein Desiderat in der Frage nach weitergehenden Wechselwirkungen zwischen Systemlogiken, d.h. zwischen Ökonomie und „Privatheitstypen“ (35f.). 159 Nave-Herz weist zurecht darauf hin, dass durch das romantische Liebesideal der Eindruck entsteht, Familie und Paarbeziehung seien heute zweckfreie Zusammenschlüsse von Individuen. In strukturtheoretischer Perspektive zeigt sich, dass als Zweck von Familie auch heute noch „Bildung und Erhalt von Humanvermögen“ (2004: 102) gelten. Auch nichteheliche Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende sind Lebensformen, die ‚Reproduktionstätigkeit für andere’ in den Leistungsaustausch einspeisen.
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und ohne Kinder, die Zunahme der Single-Haushalte oder der Anstieg der Gruppe der Alleinerziehenden. Gleichwohl berührt diese Vielfalt von Lebensformen nicht den Stellenwert von Familie. Da das Heiratsalter ebenso ansteigt wie das Alter von Frauen bei Geburt des ersten Kindes und sich gleichzeitig das Lebensalter verlängert, sind Phasen des Alleinlebens ohne Kinder bzw. ohne Partner die Folge. Statistische Daten zeigen, dass gegenwärtig zwar mehrere Lebensformen nebeneinander existieren, doch bleibt die Familie, verstanden als (mit oder ohne Trauschein) gemeinsam mit Kindern zusammenlebendes Paar oder EinElter-Familie, mit einem Anteil von 53% die dominante Lebensform in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2005: 15). Auch diejenigen, die laut Statistik als „Alleinlebende“ geführt werden, sind nur selten wirkliche bzw. ‚gewollte’ Singles: Die Mehrzahl der älteren Menschen lebt verwitwet allein und hat bereits Kinder großgezogen; viele junge Menschen leben zwar in einer Beziehung, aber räumlich vom Partner getrennt, und eine andere Gruppe von de facto Alleinlebenden ist auf der Suche nach dem ‚richtigen’ Partner und wünscht sich eine Familie. Familie und Paarbeziehung sind insofern nicht nur empirisch dominante Lebensformen in unserer Gesellschaft, sondern auch zentraler Bestandteil der Lebensentwürfe derjenigen Menschen, die zur Zeit noch nicht oder nicht mehr in einer solchen Lebensform anzutreffen sind (z.B. Deutsche Shell Jugendstudie).160 Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, den Wandel von Familie vor allem auf der normativen Ebene zu berücksichtigen und analytisch – wie Hradil es für den Modernisierungsprozess vorschlägt – einen objektiven Wandel der Lebensformen von einem Wandel der subjektiven Bedeutung von Familie zu trennen (Nave-Herz 2004).161 In der Familiensoziologie hat die Veränderung der Lebensformen kontroverse Debatte zu Gegenstandsbereich und Selbstverständnis der Teildisziplin ausgelöst. Betonen die einen die anhaltende Dominanz von Familie, akzentuieren andere die Ausdifferenzierung von Lebensformen. Die gleichen empirischen Daten werden dabei je unterschiedlich gewichtet. Zentrale Konfliktpunkte betreffen: 1. die Definition von Familie, 2. die unterschiedliche Einschätzung des Wandels von Lebensformen, 3. die Festlegung des Gegenstandsbereichs und seine gesellschaftstheoretische Anbindung sowie 4. die Bezeichnung der Teildisziplin. Da für die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und privater Reproduktion vor allem der dritte Punkt relevant ist, sollen die anderen Aspekte hier nur kurz resümiert werden: Der Familienbegriff ist in der Soziologie weniger umstritten als vielfach angenommen. Während sich unterschiedliche Positionen bezüglich der Festlegung des Gegenstandes zeigen, definieren die meisten AutorInnen „Familie“ als das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen, zwischen denen ein „spezifisches Kooperationsund Solidaritätsverhältnis“ besteht; sie gilt als Lebensform, „deren essentielles Kriterium die Generationsdifferenzierung aufgrund von biologischer und/oder sozialer Elternschaft ist“ (Nave-Herz 1998: 293).162 Die Bezeichnung „Lebensformen“ dient vor diesem Hinter160 In der Familiensoziologie wird daher vielfach der Lebenslauf als Bezugsgröße für die Analyse des Wandels herangezogen. Hier zeigt sich, dass Familienphasen nach wie vor stattfinden; sie verkürzen sich nicht im historischen Vergleich, sondern nur im Verhältnis zum steigenden Lebensalter (s. auch Huinink 1995). 161 Kaufmann (1995) beschreibt die Entwicklung als einen Prozess der „Entkopplung von Liebe und Ehe“: Wer sich liebt, muss nicht mehr zwangsläufig heiraten, sondern kann ohne Trauschein zusammenleben. Diese Entkopplung lässt sich nach Kaufmann auch für den Zusammenhang von Ehe und Elternschaft feststellen: Immer mehr Ehepaare bekommen keine Kinder. Mit einer Geburtenziffer von durchschnittlich 1,34 Kindern pro Frau gehört Deutschland zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten in Europa; gleichzeitig wachsen rund ein Fünftel der Kinder nicht mehr mit beiden leiblichen Eltern auf. 162 Kritisch zu dieser Definition äußert sich Schneider (2002: 385). Allein durch das Weglassen von „Ehe“ als konstitutives Merkmal von Familie löse man nicht das Problem der Vielfalt von Lebensformen und die
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grund als Oberbegriff, unter den die Familiensoziologie in den letzten Jahrzehnten die Familie und alle neben ihr existierenden Lebensformen bündelt. Den Wandel von Familie und die Erosion sozialer Bindungen betonen individualisierungstheoretische Konzepte, in denen die Vielfalt von Lebensformen als neues Phänomen bewertet wird (Beck 1986, 1996). Sie haben innerhalb der Familiensoziologie an Einfluss gewonnen. Die Zunahme nichtehelicher Lebensgemeinschaften gilt dabei als Indiz für eine Lockerung von Bindungen und eine Bestätigung der Individualisierungsthese (Brüderl 2004). Historisch argumentierende FamilienforscherInnen betonen demgegenüber, dass die vermeintlich „neuen“ Lebensformen lediglich – und nur vor dem Hintergrund der besonderen Verbreitung der Kleinfamilie in der Nachkriegszeit – als auffällig erscheinen (s. Burkart 1993a,b; Nave-Herz 1993: 18). Nave-Herz wirft der These der „Pluralisierung“ eine mangelnde empirische Fundierung vor und verweist auf die historisch variierende Verbreitung sehr unterschiedlicher Lebensformen (s. bereits König 1974: 38).163 Die Diagnose der „Pluralisierung“ sei aufgrund ihres Tendenz-Gehaltes „überzogen“ und wird als Versuch bewertet, die der Individualisierungstheorie zugrunde liegende These von der Erosion sozialer Bindungen zu stärken. Dass sich die These trotz empirischer Gegenbelege so hartnäckig behaupte, führt Hill (1999) auf ihre gute Passfähigkeit mit modernisierungs- und differenzierungstheoretischen Ansätzen zurück. Nave-Herz bezeichnet Vertreter der Erosionsthese als „Verfallsdiagnostiker“ (1999: 26) und sieht die Aufgabe der Familiensoziologie darin, den in Medien (und Wissenschaft) verbreiteten Fehlannahmen nachzuspüren. Differenzen in der Interpretation beziehen sich folglich nicht auf die gegenwärtige Vielfalt von Lebensformen, sondern auf diesbezügliche Tendenzaussagen und Schlussfolgerungen hinsichtlich der Bindungsbereitschaft: Zwar lassen nichteheliche Lebensgemeinschaften ohne Zweifel eine Distanz der Subjekte zur Formalisierung von Partnerschaft erkennen, doch erweisen sie sich in der Alltagspraxis als eine kaum von der Ehe unterscheidbare Lebensform. Es scheint nicht die Bindungsbereitschaft der Menschen zu erodieren, sondern – in bestimmten sozialen Milieus – die Bereitschaft, die gewählte Lebensform zu formalisieren und auf die lebenslange Dauer einer einzigen Beziehung zu vertrauen.164 Divergente Einschätzungen zur Bezeichnung der Teildisziplin sind mit der Auseinandersetzung um den Gegenstandsbereich verknüpft, die noch genauer betrachtet wird. Angesichts der gegenwärtigen Vielfalt von Lebensformen plädieren einige Vertreter für eine Abkehr von der Bezeichnung „Familiensoziologie“ zugunsten eines Titels, der alle gegenwärtigen Phänomene im Privaten erfasst. Sie favorisieren eine Ausdehnung der Teildisziplin auf eine „Soziologie des Privaten“ (Schneider 2002) bzw. der „persönlichen Beziehungen“ (Lenz 2003). Auch andere AutorInnen diagnostizieren einen Wandel von Familie, Notwendigkeit, deren besondere „Paar- und Geschlechtsdimension“ erklären zu müssen. Viele AutorInnen können sich zwar der Definition, wie sie Nave-Herz anregt, anschließen, doch beziehen sich die Positionen häufig auf unterschiedliche historische Erscheinungsformen von Familie. 163 Auch die These der „Mehrgenerationenfamilie“ erweist sich vor dem Hintergrund familienhistorischer Studien als Mythos (s. Nave-Herz 1999, 2004). Ein „Zerfall der Familie“ lässt sich nur dann nachweisen, wenn als Ausgangspunkte die (offenere) Haushaltsfamilie oder die Parsons’sche Kernfamilie gewählt werden. Nave-Herz sieht die Zukunft der Familie positiv und entdeckt – angesichts der Multilokalität von Familie, der gestiegenen Transferleistungen zwischen ihren Mitgliedern und der Bedeutungsaufladung der Ehe – sogar Anzeichen einer Familisierung. 164 Die nur phasenweise Bindung an einen Partner ist keineswegs Kennzeichen der „reflexiven Moderne“: Auch in vormodernen und modernen Zeiten kam es zu Trennungen. Diese waren zwar nicht immer mit einer formalen Auflösung der Ehe verbunden, aber nicht minder wirksam, wenn die Ehepartner in der Ehe ihren je eigenen Weg gingen.
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sehen aber keine Grundlage für eine „Krise der Familie“ und plädieren für eine Beibehaltung des Titels (u.a. Hill 1999; Bertram 2002; Burkart 2002; Matthias-Bleck 2002). Um die Vielfalt der Lebensformen besser zu kennzeichnen und Familie keinen Masterstatus in der Forschung einzuräumen, der normativ alle anderen Lebensformen als „Abweichung“ deklariert, plädieren einige VertreterInnen für eine Lösung zwischen diesen beiden Alternativen und schlagen die Bezeichnung „Soziologie der Lebensformen“ vor (u.a. Nave-Herz 2003; Rupp 2003; Jürgens 2003a).165 Die Auseinandersetzung um die Bezeichnung der Teildisziplin kann hier nicht angemessen wiedergegeben werden. Für die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen bleibt festzuhalten, dass sich hinter dieser Kontroverse nicht nur unterschiedliche Interpretationen des Wandels von Familie als Lebensform und der Festlegung des Forschungsgegenstandes verbergen, sondern auch gesellschaftstheoretische Annahmen. Dies soll im Folgenden resümierend an zwei Stellungnahmen zu den Aufgaben zukünftiger Forschung illustriert werden. Schneider (2002) plädiert für eine „Soziologie des Privaten“, in der sowohl die Generationen- als auch die Paarbeziehung ins Zentrum der Analyse rückt (386; s. bereits Lenz 1998; 2003). Indem sich im Laufe der Moderne die bürgerliche Familie als Synonym für Privatheit entwickelt habe, sei nun die Ausdifferenzierung von Lebensformen Anlass, Familie als Referenzrahmen für die Analyse aller anderen Lebensformen aufzugeben. Schneider sieht hier Begrenzungen in der familiensoziologischen Forschung, die sich nicht den neuen Lebensformen öffne, sondern als „Krisenwissenschaft“ einseitig auf die Gefährdung von Familie fokussiere und damit implizit das bürgerliche Familienmodell als Ideal reproduziere (s. kritisch Matthias-Bleck 2002; Lauterbach 2003). Schneider beklagt eine Engführung auf Familie als Institution, die sich selbst in solchen Stellungnahmen spiegele, die sich von einer Familienforschung im engeren Sinne abzugrenzen versuchen: Alle Beiträge zu Pluralisierung und De-Institutionalisierung blieben der Referenz auf das tradierte Familienmodell verhaftet. Schneiders Argumentation ist für die Arbeitsforschung von Interesse, da er explizit auf den Zusammenhang zwischen Öffentlich und Privat rekurriert und auf Entgrenzungsprozesse eingeht: Sie bestehen nicht nur hinsichtlich der Öffnung des Wohnraumes auch für fremde Personen oder der öffentlichen, medialen Verbreitung ehemals „privater“ Belange, sondern auch durch Vermischungen von Beziehungsformen, wenn z.B. im Kollegenkreis Freundschaften und Partnerschaften gestiftet werden. In historischer Perspektive zeigt sich hier eine Rückkehr vormoderner Zeiten, in denen sich Arbeitsbeziehungen und Intimbeziehungen (räumlich) mischen. Ebenso wie damals jedoch die Beziehungen anderen Prämissen folgten, gilt dies auch für die heutige Zeit: Selbst wenn Beschäftigte mit KollegInnen befreundet oder liiert sind, folgen die Interaktionen dennoch den je unterschiedlichen Bezie165 Die Debatten lassen sich in den Fachzeitschriften nachlesen (Soziale Welt 53/2002; EWE 3/2003). Die AutorInnen eint das Anliegen, die Teildisziplin so auszurichten, dass alle Lebensformen und dort anzutreffende Binnendynamiken ins Blickfeld der Soziologie rücken. Ich plädiere hier für die Bezeichnung „Soziologie der Lebensformen“, da dieser Titel 1. den Wandel von Familie und die Vielfalt von Lebensformen aufgreift, 2. aber den Lebensformen als privatem Lebensbereich, der in einem gesellschaftlichen Strukturzusammenhang verankert ist, besondere Aufmerksamkeit einräumt. „Persönliche Beziehungen“ können – da sie z.B. ebenso in peer groups wie in ehrenamtlichen Verbünden oder Freundschaften zu KollegInnen anzutreffen sind – m.E. nicht Gegenstand allein einer Teildisziplin sein, sondern berühren Fragestellungen der Soziologie insgesamt (s. ausführlich Jürgens 2003a). In einer Mitgliederbefragung der Sektion plädierte die Mehrheit für die Beibehaltung des bisherigen Titels.
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hungslogiken. Kommt es dabei zum Konflikt, greift in der Regel der Arbeitgeber ein oder führen die Individuen selbst eine Lösung herbei, indem sie sich versetzen lassen oder trennen. Die Familienforschung ist ohne Zweifel prädestiniert, soziale und persönliche Beziehungen beschreibend zu erklären. Sollen diese Beziehungen jedoch gesellschaftstheoretisch reflektiert werden, bedarf es einer analytischen Konkretisierung. Zwischen den Beziehungen existieren Unterschiede hinsichtlich der Reproduktionsleistung: Familiale Beziehungen (und andere Lebensformen) kennzeichnet, dass in ihnen nicht nur die Reproduktion eigener Arbeitskraft erfolgt, sondern auch Arbeitskraft anderer (re)produziert wird. Indem diese in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch eingebunden ist, wird das eigentlich Private öffentlich (so der bekannte Slogan der Frauenbewegung der 1960er Jahre). Abhängigkeitsverhältnisse zwischen KollegInnen kennzeichnen andere Merkmale als solche zwischen Familienmitgliedern; und trotz eines ‚Öffentlichkeitswahns’ bleibt z.B. die Vereinbarkeitsproblematik ein letztlich individuelles Dilemma und ‚privat’ zu bewältigender Widerspruch. Indem Schneider das Private nicht als Ort von Reproduktion berücksichtigt, klammert er nicht nur die Funktionen von Familie aus, sondern vernachlässigt auch das Verhältnis der Sphären als gesellschaftlichen Strukturzusammenhang, der in Macht- und Herrschaftsverhältnisse eingebunden ist. Hier zeichnet sich eine ähnliche Vorgehensweise wie im Kontext der Pluralisierungsthese ab: Die Entgrenzungsthese (hier nicht auf Arbeit, sondern das Verhältnis von Öffentlich – Privat bezogen) gereicht als Argument, das Theorem „reflexiver Modernisierung“ zu untermauern. Die These entbehrt jedoch nicht nur einer empirischen Fundierung, sondern bleibt aufgrund ihrer individualistischen Konzeption problematisch: Die strukturelle Einbindung von Lebensformen gerät ebenso aus dem Blick wie Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Familie, die sich nach wie vor in Lebensführung und Lebensläufen erwerbstätiger Eltern spiegeln. Eine Gegenposition zu Schneider formuliert Burkart (2002). Für Burkart ist die Schwerpunktsetzung auf Familie nicht Ergebnis einer „diskursiven Konstruktion“ (so der Vorwurf von Schneider), sondern empirisch begründet: Da alle eine Herkunftsfamilie haben, sei Familie auch im Leben derjenigen von Bedeutung, die selbst keine Familie gründen (s.o.). Burkart hält zudem die von Schneider postulierte Entgrenzung von Öffentlich und Privat für nebulös und hinterfragt, inwieweit die „Territorial-Metaphorik von Grenze überhaupt brauchbar“ (407) sei. Er betont „Interferenzen“ und sieht Familie als Ort der Ausbalancierung von Privat und Öffentlich, da sich in Familie private und öffentliche Sphäre treffen und „gegenseitig in Schach halten“ (404ff.). Im Unterschied zu Schneider liefert Burkart Hinweise auf strukturelle Zusammenhänge, wenn er Dimensionen von Privatheit unterscheidet. Er reflektiert die Vermittlung von Privat und Öffentlich als Verweisungszusammenhang, bezieht sich dabei jedoch fast ausschließlich auf die biologische Reproduktionsfunktion von Familie und an sie gekoppelte Herrschaftsverhältnisse. In Burkarts Analyse erweist sich insofern Familie als Kategorie, an der sich der Zusammenhang von Sozialisation, Zweigeschlechtlichkeit, patriarchalen Strukturen und Generationenverbindung zeigt. Burkart will sich nicht der Vielfalt von Lebensformen verschließen, sieht jedoch nach wie vor eine Dominanz der Familie, deren Funktionen (bislang) nicht von anderen Institutionen übernommen werden. Er weist als zwei Alternativen die „Kollektivierung der Sozialisation“ oder die „Professionalisierung der Elternschaft“ aus (410; s. auch 2003). Ein „Ende
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der Familie“ ergebe sich erst, wenn sie die Sozialisationsfunktion nicht mehr erfülle.166 Auch hier zeigt sich wiederum eine mangelnde Berücksichtigung der unterschiedlichen Dimensionen von sozialer Reproduktion, die nicht nur von Familien, sondern auch von anderen Lebensformen erbracht werden und insofern für eine Beibehaltung strukturtheoretischer Perspektiven auf Familie sprechen. Dennoch erscheint in diesem Kontext ein Teil der Kritik überzogen, wenn Burkart die Thematisierung von Grenzen zwischen Öffentlich und Privat generell negiert. Sie sei „lediglich der Versuch, das Refugium neu zu definieren, die neuen individuellen Schonräume dingfest zu machen; die Bemühungen zu rekonstruieren, wie sich Subjekte vor dem Zugriff der strengen Ordnungsmächte besser verstecken können“ (2002: 404, herv. d. K.J.). Dass jedoch genau in solchen Grenzziehungen durch die Subjekte Hinweise darauf liegen, wie strukturelle Grenzen durch die Beiträge der Individuen zu manifesten Grenzen werden und worin auch aus Sicht der Subjekte – im Simmelschen Sinne – Funktionen von Grenzziehungen bestehen, gerät dadurch außer Acht. Eine solche Perspektive ist zwar auch bei Schneider nicht enthalten, erweist sich jedoch als Aufgabe, die – sowohl der Arbeits- als auch der Familiensoziologie – eine Verbindung von mikro- und makrosoziologischen Ansätzen eröffnet. Die Familiensoziologie benennt offen, dass sie auf Einfluss „von Außen“ in der Wahl von Forschungsthemen reagiert (s. z.B. Nave-Herz 2004). Dieser Umstand sollte gesellschaftstheoretisch reflektiert werden: Er verweist – wie oben bereits erläutert – nicht nur auf die Funktionen, die an Lebensformen gekoppelt sind, sondern auch an die Interessen, die Akteure mit dem „Privatleben“ von Beschäftigten und Gesellschaftsmitgliedern verbinden. Hierzu zählen auch ökonomische Interessen. Bereits bei Riehl und Le Play werden diese jedoch nicht weiter vertieft (s. auch Schwägler 1970: 49ff.): Der Zerfall der Familie wird nicht auf die Entwicklung des Industriekapitalismus und Verwertungsinteressen des Kapitals zurückgeführt, sondern auf Werteverfall, Änderungen in den Moralvorstellungen und in der Rechtssprechung (s. auch Schneider 2002: 379f.). Auch heute fällt auf, dass familiensoziologische Forschung den Wandel von Kultur und Werteorientierungen betont, während Veränderungen in der Ökonomie kaum in die Erklärung einbezogen werden.167 Sowohl Schneiders „Soziologie des Privaten“ wie auch Lenz’ „Soziologie persönlicher Beziehungen“ lassen eine systematische Reflexion von Familie/Beziehungen/Privatem als in einem gesellschaftlichen Strukturzusammenhang eingebundene soziale Phänomene ver166 Der Wandel der Lebensformen berührt auch die Frage, inwiefern die bisherigen Funktionen von Familie aufrecht erhalten bleiben und Familie noch als „Gegenwelt“ fungiert. Während bislang durch die deutsche Familienpolitik ein Modell gefördert wurde, in dem die Primärsozialisation in der Familie stattfindet, zeichnet sich gegenwärtig durch den Ausbau der Kinderbetreuung eine zunehmend marktorientierte Gestaltung dieser Sozialisationsphase ab. Werden Kinder bereits ab dem ersten Lebensjahr in öffentlichen Einrichtungen betreut, führt dies nicht nur dazu, dass sich ein Arbeitsmarkt für dieses Feld entwickelt, sondern auch, dass sich die Qualität der Primärsozialisation verändert und stärker durch marktbezogene Prinzipien beeinflusst wird: Das inhaltliche und zeitliche Betreuungsangebot für Kinder, das Ausbildungsniveau des Personals, die Anzahl der zu betreuenden Kinder sowie das Bildungskapital und materielle Kapital anderer Eltern sind nur einige Aspekte, die Konkurrenz um bestimmte Betreuungsplätze auslösen. Dies ist keineswegs ein neues Phänomen, sondern schließt an gesellschaftspolitische Modelle in anderen Ländern an, in denen die Arbeitskraft von Frauen in den Arbeitsmarkt integriert wird (s. Skandinavien sowie die ehemalige DDR). 167 Auch in Übersichtswerken, die den gegenwärtigen Stand der Familiesoziologie resümieren, finden sich kaum Verbindungslinien zu arbeitssoziologischen Debatten oder Bezüge auf die Sphäre der Ökonomie und deren Wandel (Busch/Nauck/Nave-Herz 1999; Richter 2000; Nave-Herz 2002). Eine Ausnahme bildet Krüsselberg (2002), doch liegt der Fokus hier auf sozialpolitischen und wohlfahrtsstaatlichen Aspekten wie z.B. dem Zusammenhang von Familie und Arbeitslosigkeit und Armut.
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missen. Sie verfeinern die Diagnosestärke der Familiensoziologie, indem sie in mikrosoziologischer Perspektive die Binnendynamiken ins Zentrum rücken und sich von der Lebensform Familie als Bezugsgröße lösen. Sie vernachlässigen demgegenüber jedoch die Analyse struktureller Zusammenhänge und können nur bedingt erklären, ob und welche Impulse „von Außen“ auf den Untersuchungsgegenstand wirken. Familie und Arbeit Dass im privaten Lebensbereich Arbeit stattfindet, die in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch eingebunden ist, durchzieht – da der Blick meist auf die Funktionen von Familie gerichtet ist – implizit alle familiensoziologischen Konzepte. „Arbeit“ ist dabei jedoch nur ein Forschungsthema unter anderen, dem keine herausgehobene Bedeutung zukommt. Nicht nur in der Selbstverständnis-Debatte der Teildisziplin bleiben Erwerbs- und Reproduktionsarbeit randständige Themen, sondern auch in den Publikationsaktivitäten insgesamt: Lauterbachs Auszählung von Themen familiensoziologischer Publikationen in Fachzeitschriften (2003) belegt, dass Arbeit vor allem als Familienarbeit thematisiert wird.168 Diese Schwerpunktsetzung findet sich nicht nur in den Fachzeitschriften der Familiensoziologie, sondern auch in der empirischen Forschung: Erwerbsarbeit fließt als Ursache familialer Arbeitsteilung sowie als Aspekt der Erwerbsintegration von Frauen in die Untersuchungen ein. Der Akzent liegt dabei auf dem Wandel weiblicher Lebensläufe, d.h. einer Verschiebung von Erwerbs- und Familienphasen und damit einhergehenden Orientierungen, sowie auf konkreten Modellen von „Vereinbarkeit“ wie z.B. Teilzeitbeschäftigung. Die Erwerbssphäre wird insofern vor allem hinsichtlich der zeitlichen Bindung von Familienmitgliedern problematisiert. Auswirkungen von Veränderungen in der Qualität von Erwerbsarbeit, neuen inhaltlichen Anforderungen und Formen von Arbeitsorganisation auf private Lebenszusammenhänge werden dagegen selten berücksichtigt und nicht explizit untersucht. Die Fülle familiensoziologischer Forschung, die das Thema Arbeit behandelt, kann hier nicht angemessen resümiert werden.169 Ein Blick auf die empirischen Studien zeigt jedoch, dass Arbeit maßgeblich in drei Perspektiven untersucht wird: 1. als Aspekt von Familienpolitik, 2. hinsichtlich der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ sowie 3. als familiale Arbeitsteilung zwischen (Ehe-)Partnern.170 168 Lauterbach sichtet die Themen von 776 Publikationen aus Fachzeitschriften der letzten 20 Jahre. Er stößt dabei auf Themen wie die Familienstruktur, familiale Lebenslagen, Lebensführung, Interaktionen und Beziehungsgestaltung, gesellschaftliche Vorstellungen von Familie, individuelle Einstellungen zur Familie, Familienpolitik oder Familienrecht. Dabei ist zu beachten, dass in der Auszählung nur die Themen ausgewiesen sind. In den Artikeln können also durchaus Verbindungslinien hergestellt worden sein, doch haben die AutorInnen diese nicht als Schwerpunkt ihrer Forschung definiert. 169 Darüber hinaus existiert eine Vielzahl haushaltswissenschaftlicher Studien und Ansätze, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. S. zur Übersicht Methfessel/Glatzer (1994), deren Beitrag die Parallelen zwischen Familiensoziologie und Haushaltswissenschaft vor Augen führt. 170 Quer hierzu verlaufen je unterschiedliche theoretische Perspektiven auf in Lebensformen geleistete Arbeit: Interaktionistische Ansätze untersuchen die Aushandlungsprozesse in Paarbeziehungen, ressourcentheoretische Konzepte fokussieren auf unterschiedliche Interessen und Verhandlungspositionen der Partner. Bezugsquelle für konstruktivistisch angelegte Studien ist nach wie vor der Ansatz von Berger/Kellner (1965) zur „Konstruktion von Wirklichkeit“ durch das Ehepaar. Arbeitsteilungsmuster werden in dieser Theorieperspektive als gemeinsame Konstruktionsleistung des Paares interpretiert (J.C. Kaufmann 1994, 1999; s. auch die jüngere Untersuchung von Notz (2004) über Manager-Ehen). Die Arbeitsteilung des Paares ist jedoch nicht nur eine Konstruktion des Paares, die auf geteilten Interpretations- und Deutungsschemata basiert, sondern auch Ergebnis eines Interaktions- und Tätigkeitszusammenhang des Paares, der in Vermittlung zur Arbeitsteilung auf gesellschaftlicher Ebene steht.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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Familienpolitik stellt – wie die Ausführungen zu Wechselwirkungen von Familie und Beruf gezeigt haben – eine einflussreiche Größe für die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Erwerbstätigen und ihr soziales Umfeld dar. Sie eröffnet oder verschließt Möglichkeiten der Integration der Lebensbereiche und verbreitet Leitbilder von Familie, Elternschaft und Geschlechterrollen. Für die Arbeitsforschung sind familienpolitische Regelungen daher relevant, wenn Erwerbs- und Familienorientierungen oder Belastungen von Beschäftigten in Alltags- und Lebenslaufperspektive erforscht werden: Familienpolitik nimmt hier nicht nur als kultureller Faktor Einfluss auf Einstellungen von Beschäftigten, Arbeitgebern und gesellschaftlicher Öffentlichkeit, sondern legt maßgeblich strukturelle Bedingungen von „Vereinbarkeit“ fest und beeinflusst damit die jeweilige Ausprägung von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen für bestimmte Gruppen. In der empirischen Forschung finden sich hierzu eine Vielzahl von Publikationen, die familienpolitische Initiativen bewerten bzw. Hinweise auf mögliche Effekte politischer Steuerung geben. Familienarbeit wird in dieser Perspektive vor allem hinsichtlich seiner nationalen Besonderheit reflektiert sowie als gesellschaftspolitische Leistung diskutiert (u.a. F.X. Kaufmann 1990; Pfau-Effinger 2000; Veil 1997; Ostner 2002; Jurczyk 2004). Die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ taucht in den Selbstverständnis-Debatten der Familiensoziologie zwar nur am Rande auf, zählt jedoch ohne Zweifel zu den prominenteren Themen der Familiensoziologie, das ein Höchstmaß öffentlicher Aufmerksamkeit erfährt. Die biologische und soziale Reproduktionsfunktion von Familie erlangt aufgrund ihrer demografischen und bildungspolitischen Implikationen stets Beachtung politischer Akteure. „Vereinbarkeit“ wird dabei in erster Linie als Aspekt weiblicher Lebenszusammenhänge und Erwerbsverläufe thematisiert: Da überwiegend Frauen nach einer Familiengründung die Erwerbstätigkeit reduzieren und phasenweise aus dem Erwerbsleben ausscheiden, problematisiert die empirische Forschung vor allem die Folgen für die Erwerbsintegration und ökonomische Absicherung von Frauen. Bis in die 1990er Jahre hinein wird Familie vor allem als Hindernis für die Erwerbsintegration von Frauen betont. Erst Mitte der letzten Dekade mehren sich Studien, die angesichts des Geburtenrückgangs auch in anderer Richtung die Erwerbsanforderungen als Hindernis auf dem Weg zur Elternschaft berücksichtigen. Die Studien konzentrieren sich dabei weniger auf qualitative Anforderungen der Erwerbssphäre, sondern auf zeitliche Strukturen und Normierungen: Problematisiert werden – neben den infrastrukturellen Defiziten (Qualität und Quantität von Kinderbetreuung und Versorgung alter Menschen) – vor allem mangelnde Teilzeitangebote sowie fehlende Flexibilität von Unternehmen im Umgang mit den privaten „Wechselfällen des Lebens“ (Beck-Gernsheim 1988) ihrer Beschäftigten (z.B. der Krankheit des Kindes) (s. exemplarisch Priemel/Schuster 1990; Geissler 1995; Jurczyk/Lange 2002). Eine Vielzahl von empirischen Studien behandelt vor diesem Hintergrund die Arbeitsteilung in Familien und Paarbeziehungen als einen zentralen Einflussfaktor für „Vereinbarkeit“. Die Erwerbssphäre wird insofern über die Erwerbseinbindung von Frauen berücksichtigt, die in der Familienforschung als Impuls für veränderte Lebensentwürfe und private Arbeitsteilungsmuster gilt. Nachdem in den ersten empirischen Studien (Pross 1978; MetzGöckel/Müller 1986) zunächst Einflussfaktoren auf die Arbeitsteilung in Familien untersucht wurden und das immer wiederkehrende Ergebnis der Abstinenz der Männer im Haus-
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halt auch die Wissenschaft zu ermüden schien171, nimmt seit Mitte der 1990er Jahre die Forschungsaktivität erneut zu: Studien untersuchen familiale Arbeitsteilung in je besonderer Perspektive wie z.B. im internationalen Vergleich (Garhammer 1994) sowie in bestimmten sozialen Milieus (Frerichs/Steinrücke 1997). Dabei rückt an die Stelle der Arbeitsbelastung des Einzelnen stärker die Paarperspektive, die methodisch in Form von Paarbefragungen umgesetzt wird (Klees 1992; Jürgens/Reinecke 1998; Koppetsch/Burkart 1999). Aktuell konzentriert sich die Forschung zur Arbeitsteilung vor allem auf gesellschaftliche Vorreitergruppen wie Hochqualifizierte und „Doppelkarrierepaare“ (Behnke/Meuser 2003; Auer 2000; Hoff/Ewers 2002, 2003) sowie ManagerInnen und deren PartnerInnen (Böhnisch 1999; Liebold 2001; Notz 2001, 2004). Diese Forschung ist weniger familien- denn arbeits- und geschlechtersoziologisch angelegt. Hier finden zwar Brückenschläge von der arbeitssoziologischen Führungskräfteforschung hin zur Familienforschung statt, doch bleibt der Fokus auf Fragen von Geschlechtsidentität, die Dynamiken der Zweierbeziehung und die Arbeitsteilung gerichtet.172 Die Leistung der Studien besteht ohne Zweifel in der Erhellung von milieuspezifischen Formen familialer Arbeitsteilung und der Auslotung emanzipatorischer Potenziale durch veränderte Familienorientierungen bei Männern. Aus Arbeitsteilung resultierende sozialstrukturelle Ungleichheit wird problematisiert, fließt aber – im Unterschied zur Geschlechtersoziologie – weniger systematisch in Theoriekonzeptionen und Selbstverständnis der Familiensoziologie ein. Verbindungen zwischen Analysen auf der Mikro- und Makroebene werden wiederholt eingefordert (Geissler 1995), jedoch – unter den gegenwärtigen Förderungsbedingungen von Drittmittelforschung – nicht umgesetzt. Für die Arbeitsforschung ist der Zusammenhang von Familien- und Erwerbsarbeit ein wichtiger Aspekt des Wandels von Arbeit: Er beeinflusst nicht nur die Erwerbsintegration von Frauen, sondern resultiert in seiner gegenwärtigen Gestalt – wie feministische Positionen betonen – auch in einer Hierarchie in Geschlechterbeziehungen und gesellschaftlichem Geschlechterverhältnis. Während dieser Aspekt alle empirischen Untersuchungen zu Familienarbeit durchzieht, bleiben Hinweise auf die Eigenlogik von in Familien geleisteter Reproduktionsarbeit vage. Nur vereinzelt beziehen sich Studien auf Kompetenzen, die sich Individuen im Zuge der Ausübung von Reproduktionsarbeit aneignen. Rerrich (1988) zeigt in ihrer Studie zum „Balanceakt Familie“, dass im Umgang mit Kindern Kompetenzen erworben werden wie z.B. die Fähigkeit, sich flexibel auf die Bedürfnisse des Kindes einzustellen und von geplanten Vorhaben spontan abzuweichen, wenn es die Situation erfordert. Eltern müssen im Umgang mit Kindern akzeptieren, dass sich ggf. kein Ende des Arbeitstages einstellt und dass sich auch kein klares Arbeitsergebnis definieren, geschweige denn ein ‚Produkt’ erstellen lässt. Interaktionen finden nicht ‚gewählt’ statt, sondern sind im Zuge von Kinderbetreuung permanent erforderlich. Auch dann, wenn (kleine) Kinder sich allein beschäftigen, bedarf es der Aufmerksamkeit der Eltern, um im Notfall schnell eingreifen zu können. Gleichzeitig ist mit Elternschaft das Zurückstellen eigener Bedürfnisse verbunden sowie eine Veränderung von Partnerschaft, individueller und gemeinsamer 171 Studien unterstreichen einen normativen Einstellungswandel bei Männern, jedoch findet dieser offenkundig in der konkreten Alltagspraxis familialer Arbeitsteilung bislang kaum einen Niederschlag (u.a. Hollstein 1990; Fthenakis 1993; Künzler 1994; Schnack/Gesterkamp 1996; Jürgens/Reinecke 1998; Siemers 2004). 172 Konstatierten Ellguth/Liebold/Trinczek (1998) zu Beginn ihrer Forschung noch, dass auch für Männer der „Vereinbarkeits-Druck“ wächst, hat sich dies in der weiterführenden Auswertung des Materials durch Liebold (2001) nicht bestätigt. Zur „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ bei Führungskräften s. bereits Baetghe/Denkinger/Kadritzke 1995; Pahl 1997.
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Alltagspraxis und Lebensplanung. Arbeit mit Kindern berührt daher für Rerrich (1988) das „Leben des Arbeitenden als Ganzes“ (146ff.). Zwar erhalten Eltern für diese ‚Leistungen’ die Erfahrung einer intensiven Bindung, doch ist hierfür keineswegs die Garantie gegeben, dass diese dauerhaft anhält. Zudem wächst im Zuge der Pädagogisierung und Psychologisierung von Kindheit der Druck, den medial verbreiteten Standards von Erziehung gerecht zu werden. Neben den bereits beschriebenen Kompetenzen des Organisierens eines Privathaushaltes und Koordinierung sozialer Netzwerke und DienstleisterInnen (s. 3.1.1) erwerben Eltern insofern Fähigkeiten, die ihnen auch in neuen Arbeitsformen im Erwerbsleben zugute kommen können. Die Störung von Abläufen, Unterbrechungen, mangelnde Personalressourcen und stets neu auftretende Problemlagen zu bewältigen, ist für Eltern eine tagtägliche Erfahrung, kennzeichnet aber auch den Erwerbsalltag vieler Beschäftigter. Individuelle Interessen lassen sich sowohl in der Familie als auch am betrieblichen Arbeitsplatz schwer durchsetzen und sind einerseits strukturell (fehlende Kinderbetreuung / fehlende Personalressourcen), andererseits personell begründet (Abstinenz des Partners bei der Familienarbeit / mangelnde Unterstützung durch Kollegen). Familienarbeit zeichnet sich insofern durch ähnliche Merkmale aus wie neue Arbeitskonzepte, in denen den Beschäftigten zwar vermehrt individuelle Kontrolle und Steuerung des Arbeitsprozesses übertragen wird, aber keine Mitbestimmung über wesentliche Rahmenbedingungen wie z.B. den Personaleinsatz erfolgt (s. 2.2). Während die Arbeitsforschung im Zuge neuer Arbeitskonzepte vor allem auf soziale und kommunikative Kompetenzen von Beschäftigten fokussiert, verweist die Analogie auf weitergehende Fähigkeiten wie z.B. das Aushalten von Ungewissheit und von spontanen Wechseln (alltäglicher) Ziele. In der Forschung zur familialen Arbeitsteilung finden sich zudem Hinweise auf negative Effekte solcher Kompetenzen: Sie ermöglichen es dem Einzelnen zwar einerseits, sich unverzichtbar zu machen und damit einen Ressourcenzuwachs zu erlangen, führen andererseits jedoch auch zu einer Stabilisierung bisheriger Arbeitsteilungsmuster. Dieses für die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung bekannte Phänomen manifestiert sich auch im Alltag von Beschäftigten, die ihre betriebliche Position aufgrund von Kompetenzen verbessern können, dafür aber im Gegenzug diese Aufgaben auch wiederholt zugewiesen bekommen und entsprechende Belastungen bewältigen müssen. Bezüge zu veränderter Arbeitsorganisation finden sich in der Familiensoziologie eher selten (s. als Ausnahme Höpflinger/Charles/Debrunner 1991). Impulse für eine Analyse von Wechselwirkungen, die über die Frage der zeitlichen „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ hinausgehen, entstammen vor allem arbeits- und geschlechtersoziologisch angelegten Studien. Die familialen Binnendynamiken werden hier gegenüber den Veränderungen in der Erwerbssphäre vernachlässigt: Die Studien fokussieren auf Veränderungen betrieblicher Arbeitsprozesse und damit verbundene neue Belastungssituationen für Beschäftigte und vermuten hier Folgewirkungen für das Familienleben, die empirisch geprüft werden (u.a. Jürgens/Reinecke 1998; Pfahl/Reuyß 2002; Eberling u.a. 2004; Böhm/Hermann/ Trinczek 2004; Szymenderski/Lange 2004). Vor allem in der Arbeitszeitforschung finden sich implizit Verbindungen zur Familienforschung, da über die Zeitdimension beide Lebensbereiche in den Blick von ForscherInnen rücken. Arbeitszeit erweist sich hier als begrenzt durch private Bindungen und Familienarbeit; andererseits wirkt sich die Belastung durch Arbeit(szeit) auch (negativ) auf den privaten Lebensbereich aus (s. 4.). Erwerbsarbeit wird in diesem Zusammenhang zunehmend nicht mehr nur als individuelle Belastung, son-
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dern auch als Anforderung an die persönlichen Beziehungen bewertet und entsprechend durch die Befragung von PartnerInnen und Kindern operationalisiert (Lange 2002; Zeiher 2003; Pfahl/Reuyß 2002). Im Zuge der Debatten zum Strukturwandel der Arbeit wächst gleichzeitig das Interesse an den Strategien von „Vereinbarkeit“ ‚neuer’ Berufsgruppen wie z.B. der ‚Alleinselbständigen’ (Egbringhoff 2003; Henninger 2004). Während in der Familiensoziologie die Veränderungen von Ökonomie nur am Rande erwähnt werden, problematisiert diese Forschung an den Schnittstellen stärker die Tendenz einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche und damit auch von Familie. Nachdem bereits zahlreiche Beiträge auf mögliche negative Effekte von veränderten Anforderungen in der Erwerbssphäre für das Familienleben hingewiesen haben, erlangt dies durch Beiträge prominenter FachvertreterInnen aus den USA nun auch hierzulande breitere Aufmerksamkeit in der Soziologie insgesamt: Sennetts Essay über die Gefahr einer „corrosion of character“ und die Erosion sozialer Bindung(sfähigkeit) (1998) in Folge deregulierter und flexibilisierter Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse findet ebenso Gehör wie Hochschilds Studie „The Time Bind“ (1997). Hochschild hat in ihrer Befragung nicht nur die Zeitnöte von Eltern, sondern auch das Fehlen solcher affektiven Momente eingefangen: Trotz enormer Belastungen und schlechter Arbeitsbedingungen in Betrieb oder Büro zogen Eltern ihren Arbeitsplatz im Erwerbsleben dem heimischen Arbeitsplatz ‚Familie’ vor. Nicht ein höheres Einkommen, sondern die Anerkennung im Betrieb und die guten Beziehungen zu KollegInnen boten den – nicht nur männlichen – „Überstundenhechten“ Anreiz, ihre Arbeitszeit immer weiter auszudehnen. Hochschild recherchiert eindrucksvoll, warum nicht alle Beschäftigten kürzere Arbeitszeiten wünschen, um mehr gemeinsame Freizeit mit ihren Kindern zu verbringen. Sie fördert zu Tage, wie sehr auch der Familienalltag zu einer Belastung werden kann, und liefert damit Belege, die einer Idyllisierung von Familienarbeit Hohn sprechen. In den Interviews von Hochschild deutet sich jedoch an, dass diese „Flucht in den Job“ auch ein wesentliches Ergebnis veränderter betrieblicher Strategien und Anforderungen ist. Schon seit den 90er Jahren beobachtet die deutsche Industrie- und Arbeitssoziologie neue Formen der Arbeitsorganisation, die den MitarbeiterInnen mehr Verantwortung im Arbeitsprozess einräumen. Beschäftigte verschiedener Qualifikationsstufen erhalten mehr Spielraum in der Steuerung von Arbeit und identifizieren sich verstärkt mit den Unternehmenszielen. Sie verinnerlichen die Marktlogik und sind entsprechend bereit, dafür flexibel für den Betrieb zur Verfügung zu stehen und Mehrarbeit zu leisten (s. 2.2). Zudem spiegelt sich auch die Krise am Arbeitsmarkt in den Arbeitszeitpräferenzen von Beschäftigten: Mit steigenden Arbeitslosenzahlen nimmt die Akzeptanz „sozialunverträglicher Arbeitszeiten“ zu (Bundesmann-Jansen/Groß/Munz 2000). Lange Arbeitszeiten sind in Deutschland deshalb weniger eine „Flucht“ vor der Familie als eine Reaktion (auch) auf betriebliche Anforderungen (s. 4.).173 Inwiefern es sich bei solchen Strategien von „Vereinbarkeit“ also eher um eine Anpassung an die Verhältnisse handelt oder ob es auch Spielraum für Widersetzungen gibt, bleibt somit eine bislang vernachlässigte Frage.
173 In einem aktuellen Aufsatz relativiert inzwischen auch Hochschild (2005), dass mit „quality time“ überlange Arbeitszeiten und entsprechende Abwesenheitszeiten von der Familie kompensiert werden könnten. Sie problematisiert stattdessen eine zunehmende Marktlogik, die auch im Familienleben um sich greife: In den USA können sich Eltern durch den Dienstleistungsservice „Family 360“ – wie im Erwerbsleben – evaluieren und ihre Leistung als Eltern zertifizieren lassen; die Familienmitglieder werden dabei hinsichtlich der Zufriedenheit befragt und bewerten die Effizienz der Bemühungen des Elternteils bzw. des Partners.
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Hinweise für die Arbeitsforschung Kontroversen hinsichtlich der Gegenstandsdefinition, des soziologischen Selbstverständnisses und der Tragweite theoretischer Ansätze scheinen nicht nur in der Arbeitssoziologie, sondern auch in benachbarten Teildisziplinen virulent zu sein. Der Versuch, familiensoziologisches Terrain auf Anknüpfungspunkte für die Arbeitsforschung zu sichten, stellt sich als schwieriges Unterfangen dar. Einerseits erleichtern Kontroversen im Fach den Überblick, da Diskurse zum Selbstverständnis geführt und dokumentiert werden, so dass Differenzen im theoretischen und methodischen Zugriff vergleichsweise offen zutage treten. Andererseits lässt sich gerade deshalb (noch) keine generalisierende Aussage zur Familiensoziologie treffen, da sich die zukünftige Ausrichtung als noch offene Frage erweist. Einige AutorInnen neigen dazu, solche Suchphasen als „Krise“ zu beschreiben. Hier soll die Offenheit für eine Neuausrichtung statt dessen dazu genutzt werden, eine mögliche Perspektiverweiterung zu konturieren:
In der Familiensoziologie werden Familie und andere Lebensformen nicht als Orte von Reproduktionsarbeit untersucht. Die biologische und soziale Reproduktion gelten zwar nach wie vor als zentrale Funktionen von Familie, doch konzentriert sich die Debatte auf den Zusammenhang von sinkenden Geburtenraten und den Wandel von Lebensformen sowie auf Fragen binnenfamilialer Arbeitsteilung und Probleme der „Vereinbarkeit“. Über den Arbeitscharakter von Reproduktion liegen in der Familiensoziologie dagegen kaum Hinweise vor. Die Arbeitssoziologie hat somit durch ihre Fixierung auf Erwerbsarbeit eine Leerstelle hinterlassen, die die Familiensoziologie (bislang) nicht schließt – und auch nur bedingt in ihren Gegenstandsbereich hinein definiert. Die Eigenlogik von Reproduktionsarbeit sowie solche Potenziale und Arbeitsfertigkeiten der Person, die in Lebensformen vermittelt und erworben werden, treten in der empirischen Forschung zwar zuweilen hervor, werden jedoch – aufgrund anderer Schwerpunktsetzung – selten systematisch interpretiert oder in Verbindung zu Veränderungen in der Erwerbssphäre beleuchtet. Eine Arbeitsforschung, die Erkenntnisse darüber gewinnen will, wie Qualifikations- und Kompetenzerwerb im Privaten stattfindet und welche ‚privaten Potenziale’ in die Erwerbsarbeit einfließen, kann zwar an (theoretische und methodische) Ergebnisse der Familienforschung anschließen, muss jedoch in Bezug auf die Analyse dieser Arbeitsleistungen (auch) selbst aktiv werden. Während die historische Familienforschung Familie und Gesellschaft in einem gesellschaftlichen Strukturzusammenhang verortet (Bertram 2002; Nave-Herz 2004), nehmen die seit den 1990er Jahren prominenten individualisierungstheoretischen Ansätze stärker die Binnendynamiken von Lebensformen, die Gestaltung von Partner- und Generationenbeziehungen, in den Blick. Die Einbindung von Familienarbeit in einen gesellschaftlichen Leistungsaustausch wird dabei über die Untersuchung der familialen Arbeitsteilung und der zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen berücksichtigt, doch werden übergreifende Macht- und Herrschaftsverhältnisse kaum thematisiert. Funktionalistische und differenzierungstheoretische Ansätze berücksichtigen Wechselwirkungen zwischen Familie und anderen gesellschaftlichen Bereichen, unterschätzen aber die gegenwärtig an Familie und andere Lebensformen gekoppelten (gesellschaftlichen und ökonomischen) Interessen und die in dieser Hinsicht relevanten Akteure. Die Ursachen von Funktionen und von Prozessen der Ausdifferenzierung werden ebenso vernachlässigt wie die mit ihr verbundenen Zumutungen und Widersprüch-
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lichkeiten für die Subjekte. Die Betonung des Wandels von Familie ist zwar als Reaktion auf eine empirische Vielfalt von Lebensformen nachvollziehbar, doch erscheint demgegenüber unterbelichtet, dass auch andere Lebensformen die gleichen Reproduktionsaufgaben erfüllen wie ehemals die traditionelle Kleinfamilie: Sowohl in Paarbeziehungen als auch in nichtehelichen Lebensgemeinschaften und Ein-Elter-Familien werden nicht nur Leistungen zur Reproduktion eigener Arbeitskraft, sondern auch zur Reproduktion anderer Arbeitskraft erbracht. Damit gehen nicht nur – wie die Arbeiten der Geschlechterforschung zeigen – Prozesse sozialer Ungleichheit einher, sondern auch ein anhaltender Verweisungszusammenhang von Ökonomie und Privatem. Die Familiensoziologie hat sich aus guten Gründen von Parsons’ Modell der „Kernfamilie“ verabschiedet. Sie hat jedoch in der Folge kein analytisches Modell vorgelegt, das dieses besondere Abhängigkeitsverhältnis zwischen gesellschaftlichen Arbeitsbereichen einfängt und dabei den Wandel von Lebensformen, Geschlechterrollen und Erwerbsarbeit präzisiert. Der Rückblick auf die Traditionsbestände der Arbeits- und Industriesoziologie hat gezeigt, dass mit der Bewusstseinsforschung Anknüpfungspunkte für eine Vernetzung arbeits- und familiensoziologischer Perspektiven bestehen. Da die Arbeitssoziologie prädestiniert ist für die Analyse von Arbeitsbedingungen und Belastungssituationen, könnten die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung auch von der Familiensoziologie genutzt werden, um mögliche Einflüsse auf das Familienleben zu berücksichtigen. Hier würde zudem deutlich werden, dass im Zuge der Debatten um die demografische Entwicklung zwar die infrastrukturellen Rahmenbedingungen von „Vereinbarkeit“ Aufmerksamkeit finden und politische Akteure zu Korrekturen veranlassen, jedoch die der Erwerbssphäre immanenten Anforderungen und Belastungen (die sich als nicht minder wirkungsmächtig erweisen) nicht angesprochen werden. Die Berücksichtigung familiensoziologischer Erkenntnisse eröffnet für die Arbeitsforschung neue Perspektiven: Die einseitige Fokussierung auf den Wandel von Erwerbsarbeit – wie sie in Thesen zur „Entgrenzung“ und „Subjektivierung von Arbeit“ oder in der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ zum Ausdruck kommt – sensibilisiert für neue Anforderungs- und Belastungskonstellationen abhängig Beschäftigter; der Wandel im privaten Lebenszusammenhang bleibt jedoch tendenziell ausgeblendet. Sowohl in der Familien- als auch in der Arbeitsforschung werden Verbindungen zur je anderen Teildisziplin über die Untersuchung veränderter Erwerbsintegration von Frauen hergestellt. Die Familiensoziologie stellt veränderte Arbeitsteilungsmuster und sinkende Kinderzahlen fest; die Arbeitssoziologie untersucht neue Beschäftigungsfelder von Frauen sowie Geschlechterdifferenzen in Organisationen. In der Frage, inwiefern sich jedoch neue Belastungssituationen durch den Wandel in beiden Lebensbereichen ergeben, stehen beide Teildisziplinen noch am Anfang. Angesichts der (emotionalen) Aufladung von Partnerschaft und Elternschaft und veränderten Erwartungen an die Sozialisationsleistung von Eltern muss die Arbeitsforschung davon ausgehen, dass sich auch im privaten Lebenszusammenhang neue Anforderungen an die Subjekte richten. Individualisierungstheoretische Ansätze wagen zwar die Prognose des Singles als neue „Grundfigur der Moderne“ (Beck 1986: 189ff.; Beck/Beck-Gernsheim 1990: 56ff.), doch verweist die historisch und empirisch orientierte Forschung auf den anhaltenden Stellenwert von Familie. Weder objektiv, geschweige denn subjektiv haben Bindungen an Stellenwert eingebüßt. Die bei den Klassikern der Soziologie betonte
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Konzeption von Familie als „Gegenwelt“ scheint der Familienforschung im Zuge der evolutionstheoretischen Debatten zur Interpretation des Wandels aus dem Blick zu geraten. Unabhängig von der Lebensform sind mit dem „Privaten“ nach wie vor Erwartungen verknüpft, ganzheitlicher (als in der Erwerbssphäre) wahrgenommen zu werden und von der Verbindlichkeit der Beziehung ausgehen zu können. Bindungsbereitschaft und -fähigkeit sind nicht nur relevante Aspekte einer Arbeitsforschung, die konfrontiert ist mit Beziehungsdynamiken innerhalb von Arbeitsteams und Abteilungen sowie Arbeitskonzepten, in denen Kommunikationskompetenz und Kooperation Erfolgskriterien darstellen. Sie sind auch für die Familienforschung von Bedeutung, um einerseits mögliche (negative oder positive) Effekte zu erfassen, die sich aus veränderten Anforderungen im Erwerbsleben für den privaten Alltag und die Beziehungen im Privaten ergeben. Statt diese Thematik einer der Disziplinen als Gegenstand zuzuweisen, erscheint es angemessener, die jeweiligen Diagnosestärken in der Analyse privater bzw. beruflicher Beziehungen zu bündeln und den Austausch über theoretische und methodische Ansätze zur Erforschung von sozialer Bindung voranzutreiben. Gleichzeitig öffnet sich über die Untersuchung von Bindungen für beide Disziplinen eine gesellschaftstheoretische Perspektive: Bindungen berühren stets Aspekte sozialer (Des-) Integration und damit das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Während einzelne VertreterInnen der Arbeits- und Industriesoziologie durch ihre Anlehnung an die Marxsche Gesellschaftstheorie stets (auch) für die Veränderung der Verhältnisse und Verbesserung von Arbeitsbedingungen eintraten, lassen sich in der Familiensoziologie kaum gesellschaftskritische Positionen antreffen. Bestanden in den 1960/70er Jahren noch Verbindungslinien zwischen Familiensoziologie und Kritischer Theorie (s. exemplarisch Rosenbaum 1978), hinterfragen die heute dominierenden differenzierungs- und individualisierungstheoretischen Ansätze kaum die Interessenkonstellationen und Strukturzusammenhänge, in die Familie eingebunden ist.174 Geht die empirische Forschung inzwischen über die Erwerbseinbindung hinaus und bezieht auch qualitative Bedingungen von Erwerbsarbeit ein, thematisieren Beiträge zum Selbstverständnis kaum solche Wechselwirkungen zwischen Arbeitsbereichen. Statt Veränderungen im Zugriff auf Arbeitskraft und Freizeit als ‚Angriff’ auf soziale Bindungen und private Lebensformen zu problematisieren, verfolgen viele VertreterInnen eine Anpassungsperspektive: Analysiert werden neue „Privatheitstypen“ (Meyer 1993), die als Ergebnis von Differenzierungsprozessen und als Anpassung des Teilsystems Familie an veränderte Umweltbedingungen interpretiert werden. Sie werden weder auf ihre Ursachen hin befragt noch hinsichtlich eines nicht neutralen, sondern hierarchischen Verhältnisses der Lebensbereiche (s. 2.4). Anpassung als Resultat eines Zwangs dieses Verhältnisses oder mögliche Widersetzungen geraten auf diese Weise aus dem Blickfeld. Ebenso bleibt offen, inwiefern sich durch die Familie, durch die sozialen Bindungen auch Begrenzungen für Anforderungen ‚von Außen’ ergeben. Die Prognosefähigkeit einer solchen Forschungsperspektive ist eingeschränkt: Bleiben die Ursachen von Differenzierungsprozessen im Dunkeln, kann der Wandel von Familie und Lebensformen lediglich nachträglich flankiert, statt prospektiv reguliert werden.
174 So formulierte König in den 1960er Jahren noch: „Die Soziologie wird es niemals aufgeben können, die Emanzipation des Menschen und die Sicherung der Menschenwürde als ihren zentralen Gegenstand zu betrachten.“ (König 1969: 26).
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3.1.3 „Vereinbarkeit“ als Schimäre Die Erkenntnisse der Familien- und Geschlechterforschung verweisen nicht nur auf Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen und einen strukturellen Vermittlungszusammenhang von Produktion und Reproduktion, sondern auch auf Widersprüche, die sich hieraus für die betroffenen Menschen ergeben. Alte Debatten der 1960er und 70er Jahre, in denen feministische Forschung und Marxsche Gesellschaftsanalyse dominierten, haben – auch wenn die theoretische Anschlussfähigkeit schwieriger wird – nicht an Aktualität verloren: Bildungsniveau und Erwerbsorientierung junger Frauen sind in rasantem Tempo angestiegen; Arbeitsmarktstruktur, öffentliche Kinderbetreuung und familiale Arbeitsteilungsmuster haben sich dagegen kaum gewandelt. Der Arbeitsmarkt ist noch immer geschlechtlich segregiert, die Schul- und Kindergartenzeiten folgen nach wie vor einer Halbtagslogik, Hausarbeit und private Sorgearbeit übernehmen überwiegend Frauen. Die Erwerbsintegration von Frauen hat sich daher um den Preis individueller Anpassung an unverändert traditionelle Rahmenbedingungen vollzogen. Er bemisst sich für junge Frauen in einer erheblichen Mehrbelastung im Fall einer Familiengründung oder in einem Verzicht auf Kinder. Ohne Zweifel liegen der ‚Entscheidung’ gegen Elternschaft komplexere Ursachenbündel zugrunde (s. bereits Burkart 1994) und lassen sich nicht auf Bedingungen von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung reduzieren. Gleichwohl sind erwerbstätige Menschen in unserer Gesellschaft nach wie vor mit der Hierarchie der Lebensbereiche konfrontiert und müssen strukturell widersprüchliche Anforderungen aus Arbeitswelt und Privatleben in Einklang bringen. Die Idee der „Vereinbarkeit“ erweist sich daher für erwerbstätige Eltern und Beschäftigte, die ältere oder pflegebedürftige Menschen versorgen, alltagspraktisch als Schimäre. Diese Diagnose kann auch für die soziologische Begriffswahl nicht folgenlos bleiben. Der Begriff „Vereinbarkeit“ ist in mindestens zweierlei Hinsicht problematisch: Zum einen verfehlt er als Bezeichnung eines wissenschaftliches Forschungsfeldes den Problemgehalt der Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen. Er fasst weder das komplexe Abhängigkeitsgefüge von Familie/Lebensformen und Erwerbssphäre noch die hierarchische Struktur dieses Verhältnisses, die zu sozialen Platzanweisungen und Ungleichheitslagen führt. Zum anderen weckt „Vereinbarkeit“ – fokussiert man damit statt auf strukturelle Momente eher auf die vielfältigen praktischen Tätigkeiten von Personen – die Illusion, ein Engagement in beiden Lebens- und Arbeitsbereichen könne ohne individuelle Nachteile stattfinden. „Vereinbarkeit“ assoziiert nicht nur den Zugriff auf einen konkreten Verhandlungspartner, mit dem sich eine „Vereinbarung“ treffen ließe, sondern auch eine mögliche Harmonisierung von strukturell Widersprüchlichem. Der Begriff fällt somit nicht nur hinter die alltagspraktische Erfahrung – insbesondere von Frauen – zurück, sondern auch hinter die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Arbeitsteilung und Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft derart miteinander verknüpft sind, dass die Übernahme von Arbeitsleistung im Privaten mit ökonomischer Unsicherheit und prekären Erwerbsverläufen einhergeht. Die Brisanz der bereits im Zuge der Frauenbewegung konstatierten „Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang“ (Prokop 1976) hat nicht abgenommen – „Vereinbarkeit“ mag subjektiv herzustellen sein, bleibt jedoch strukturell ein zentraler Faktor von Geschlechterhierarchie und sozialer Ungleichheit. Der Terminus „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist insofern irreführend und ungeeignet als Begriff einer soziologischen Analyse.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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Inzwischen lässt sich sowohl in Deutschland wie auch in anderen Ländern eine Abkehr von Begriffen wie „Vereinbarkeit“ oder „Reconciliation“ feststellen. Zwar existieren in den Ländern abhängig von sozialstaatlichen Leistungen und Programmen sowie kulturellen Traditionen unterschiedliche Bedingungen, um Anforderungen aus den Lebensbereichen zu erfüllen, doch weisen alle vorliegenden Studien auf die Persistenz struktureller Hindernisse und geschlechtlicher Segregationen am Arbeitsmarkt hin. Vermehrt häufen sich daher Bezeichnungen, die einerseits neutraler sind, andererseits – durch eine verbale Umschreibung – die individuelle Leistung hervorheben: Die Rede ist von „Balancieren“, „Managen“, „Arrangieren“, „Leben führen“.175 Diese Begriffe sind zum Teil aus den angloamerikanischen Debatten in die deutsche Forschungslandschaft eingeflossen. Sie betonen die Subjektperspektive, blenden dafür jedoch tendenziell die strukturelle Ebene von Wechselwirkungen aus.176 Einen Vorschlag, der diese Einseitigkeit im Begriff überwinden soll, unterbreiten die Forscherinnen des Netzwerkes „GendA“177 mit ihrem Konzept der „Soziabilität“. Dieses soll ein „umfassenderes, politisch gehaltvolleres Verständnis von Vereinbarkeit“ berücksichtigen (Correll/Janczyk/Lieb 2004: 268) und die den bisherigen Debatten innewohnende Reduzierung auf eine ‚Frauenproblematik’ und die Verengung auf „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ vermeiden. Damit reagieren die Forscherinnen – wie auch andere Projekte (s.u.) – auf die faktischen Veränderungen in der Arbeitswelt, in der einerseits die Erwerbstätigkeit von Frauen an Stellenwert gewinnt und sich Beschäftigungsbereiche etablieren, die vorwiegend Frauen besetzen; andererseits wird durch veränderte Anforderungen von Betrieben auch für männliche Beschäftigte das Verhältnis der Lebensbereiche und die Frage von individueller Reproduktion relevant. „Soziabilität“ sehen die Forscherinnen als heuristisches Konzept, mit dem sie eine „interne“, „externe“ und „gesellschaftspolitische Ebene“ der „Soziabilität von Arbeit“ betonen wollen. Die Autorinnen definieren „externe Soziabilität“ als „Probleme der Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensbereiche und unterschiedlicher Sozialbeziehungen“; „interne Soziabilität“ fokussiert demgegenüber auf „Vereinbarkeitsprobleme in der Arbeit“ wie z.B. Probleme der Selbstverwirklichung im Arbeitsprozess oder die individuelle Belastung durch Arbeitsanforderungen. Als „gesellschaftlich-politische Dimension von Soziabilität“ betonen sie Fragen von Gesellschaftsfähigkeit und Demokratieverträglichkeit von Arbeit. Demokratie wird in diesem Zusammenhang nicht lediglich als Staatsform betrachtet, sondern auch als Lebens- und Gesellschaftsform. Der Begriff der „Geschlechterdemokratie“ zielt dabei auf eine Gleichstellung der Geschlechter, die sich nicht in einem im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatz erschöpfen könne, sondern sich an der Durchsetzung von 175 ‚Aktivere’ Formulierungen wie „Managing“, „Reconciling“, „Balancing“, „Combining“ oder „Navigating“ sind in der angloamerikanischen Forschung schon länger verbreitet und haben nun offenbar auch Eingang in die deutsche Fachdebatte gefunden (s. 3.3). 176 Der neuerdings verbreitete Begriff „Care-Work“ sensibilisiert zwar für die Vielfalt von Familienarbeit, die neben Kindererziehung auch die Sorge für Kranke oder ältere Angehörige umfasst (Jurczyk 2005: 109ff.; Geissler 2002: 183ff.) Er entbehrt im deutschen Diskurs jedoch einer wissenschaftshistorischen Tradition und vernachlässigt – im Vergleich zur Kategorie „Reproduktion“ – den besonderen gesellschaftlichen Strukturzusammenhang, in den diese Arbeit eingebunden ist. 177 Das Projekt GendA zielt – wie auch die Netzwerke „KOPRA“ oder „Lernender Forschungszusammenhang“ – auf eine stärkere, interdisziplinäre Vernetzung von WissenschaftlerInnen, visiert darüber hinaus aber auch einen kontinuierlichen Austausch von Forschung und Praxis. Zu den Forschungsergebnissen des Projekts s. u.a. Kurz-Scherf/Lepperhoff/Rudolph 2003; Baatz/Rudolph/Satilmis 2004; Lepperhoff/Satilmis/Scheele 2005.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Gleichberechtigung auf der Ebene von Geschlechterbeziehungen und gesellschaftlichem Geschlechterverhältnis zu messen habe. Arbeit verstehen die Autorinnen daher als „demokratierelevante Kategorie“, indem die Teilhabe an bzw. die Zuständigkeit für bestimmte Arbeiten die bestehenden Herrschaftsverhältnisse stabilisiert und reproduziert. Mit dieser Argumentation bewegt sich das Konzept – wie die vorangegangenen Kapitel zeigen konnten – in der Traditionslinie sowohl der kritischen Industriesoziologie wie auch der feministischen Arbeitsforschung und trägt herrschaftskritische Züge (s. auch Wolf 2004). Der Begriff der „Soziabilität“ taucht bereits bei Durkheim auf: Er hebt mit dem Begriff – in Abgrenzung zu Spencer und Hobbes – hervor, dass der Mensch von Natur aus weder ein soziales noch asoziales Wesen sei, sondern durch die Gesellschaft und die Verinnerlichung von Normen zum sozialen Wesen werde (Durkheim 1988: 122ff., 256ff.). In der Soziologie wird der Begriff daher hinsichtlich der prinzipiellen Formbarkeit des Menschen durch soziale Einflüsse verwendet. Betont wird die Fähigkeit, sich an andere anzupassen. Die Autorinnen knüpfen hier implizit an und definieren „Soziabilität“ als Fähigkeit, ein Geflecht von Beziehungen zu knüpfen, gesellschaftliche Anschlussfähigkeit herzustellen und reflektiert den Standpunkt eines Gegenübers einzunehmen. Sie fokussieren damit stärker auf das Sich-Einlassen des Subjekts auf Beziehungen und das Bemühen, sich anschlussfähig zu zeigen (Correll/Janczyk/Lieb 2004). Der Begriff bleibt jedoch aus zwei Gründen problematisch: Zum einen verweist „Soziabilität“ weniger auf das Faktische, denn auf das Mögliche. Die Forscherinnen fokussieren – wie bereits Becker-Schmidt – auf Geschlecht als Strukturkategorie, betonen jedoch statt der gegenwärtigen Mechanismen und Dynamiken sozialer Entwicklung ein – aus ihrer Sicht – erstrebenswertes Ziel von Gleichheit. „Soziabilität“ ist insofern nicht Ergebnis wissenschaftlicher Diagnose, sondern verweist auf das Wünschbare und ist insofern ein konzeptioneller Ansatz, aus feministischer Perspektive Gesellschaftskritik zu formulieren.178 Zum anderen betont die von den Forscherinnen präsentierte Definition von „Soziabilität“ einseitig eine Anpassungsdynamik, die kaum so beabsichtigt sein kann. Da die Autorinnen hervorheben, die Eigenlogik von Arbeit jenseits der Erwerbssphäre berücksichtigen zu wollen, müssten konzeptionell auch Widersetzungen gegen externe Anforderungen in die Analyse einbezogen werden. Im Begriff der „Soziabilität“, der die Anpassungsfähigkeit und notwendigkeit von Individuen betont, geht dies jedoch nicht auf. Dass Anpassung an die Anforderungen eines Lebensbereichs Widersetzungen gegenüber Anforderungen aus einem anderen Bereich erforderlich machen kann, bleibt dabei ausgeblendet. Dieser Widerstreit zwischen Anpassung und Widersetzung ist jedoch in das Verhältnis der Sphären eingewoben. „Soziabilität“ liegt insofern eine ähnlich harmonistische Sichtweise zugrunde wie „Vereinbarkeit“. Der Begriff ist offen für die Untersuchung sozialer Bindungen und Beziehungen in struktur- und handlungstheoretischer Perspektive, er hat darüber hinaus jedoch keinen emanzipatorischen Gehalt, da er von der Anpassungsfähigkeit des Menschen ausgeht. Die Forscherinnen entziehen sich indirekt dieser Problematik, indem sie „Soziabilität“ nicht auf das Subjekt, sondern auf Arbeit beziehen und „nach der wechselseitigen Bezogenheit von Arbeit und anderen Bereichen“ fragen sowie nach der individuellen und gesell178 Das Konzept weist Parallelen zu Seiferts (1995) Kriterien einer „sozialverträglichen Arbeitszeitgestaltung“ auf. Wie auch die Marburger Forscherinnen anstreben, Hinweise für eine „soziable“ Gestaltung von Arbeit zu geben, benennt Seifert Anforderungen an eine Arbeitszeitgestaltung, die sowohl sozialen Bindungen und Beziehungen von Beschäftigten als auch Engagement in anderen Arbeitsbereichen gerecht wird.
3.1 „Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem
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schaftlichen Anschlussfähigkeit von Arbeit (Correll/Janczyk/Lieb 2004: 268ff.). Zwar können sich ohne Zweifel „Soziabilitätsprobleme“ durch Arbeit ergeben, doch ist die Rede von der „Soziabilität von Arbeit“ eher verwirrend, da nicht Arbeit, sondern die Individuen, Subjekt und Objekt von „Soziabilität“ sind.179 Definitionsschwierigkeiten werden sichtbar, wenn das, was Soziabilität von Arbeit ausmacht, wiederum als „interne“ oder „externe“ „Vereinbarkeitsprobleme“ (269) definiert wird. Der Gewinn gegenüber dem Begriff „Vereinbarkeit“ wird dann unklar, da man ja auch hier unterschiedliche Facetten und Ebenen von „Vereinbarkeit“ beleuchten könnte. Ein neuer Begriff entledigt sich zwar der Prägung durch die Forschungsarbeiten und Diskurse der letzten Jahrzehnte, doch man handelt sich – wie oben erläutert – auch neue unbeabsichtigte Assoziationen und Konnotationen ein, die die Diagnoseschärfe nicht erhöhen. Die Leistung des Konzepts besteht in dem Versuch, die unterschiedlichen Ebenen von „Vereinbarkeit“ ebenso einzufangen wie den Zusammenhang zwischen diesen Ebenen. Zur Zeit liegen kaum vergleichbare Versuche vor, sich konzeptionell der Problematik zu stellen. Ob der Begriff der „Soziabilität“ hier hilfreich ist, muss zunächst (noch) bezweifelt werden. Das Verdienst des Ansatzes liegt im Bemühen, die sozialen Bindungen in unterschiedlichen Lebensbereichen, die verschiedenen Formen von Arbeiten und deren demokratierelevanten Aspekte zu erhellen. „Soziabilität“ hat jedoch begrifflich nicht mehr emanzipatorischen Gehalt als „Vereinbarkeit“. Für die Soziologie erweist es sich stets als problematisch, komplexe soziale Zusammenhänge auf den Begriff zu bringen. Im wissenschaftlichen Diskurs ist man sich darüber im Klaren, dass die mit einem Begriff verbundenen Perspektiven und theoretischen Annahmen immer zu explizieren sind. „Vereinbarkeit“ ist hingegen deshalb in die Kritik von Forschung geraten, weil dieser Begriff im medialen Diskurs weit weniger differenziert verwendet wird und gelegentlich eher gesellschaftliche Umstände verschleiert als erhellt. Vor diesem Hintergrund ist der Begriff der „Wechselwirkung“ als tragfähiger einzuschätzen: Er ist ebenfalls auf allen Ebenen angesiedelt und betont den Zusammenhang zwischen diesen. Er ist einerseits zu neutral, weil in ihm weder herrschaftsstabilisierende Momente noch sozialstrukturelle Implikationen zum Ausdruck kommen; andererseits ist er dafür neutral genug, um keine Assoziationen hinsichtlich einer Harmonisierung der Lebensbereiche zu wecken, an die in kapitalistischen Gesellschaften nur bei grundlegender Regulierung durch kollektive Akteure Annäherungen erzielt werden können. Der Begriff der „Wechselwirkung“ kann ebenso auf der Handlungs- als auch auf der Strukturebene ansetzen. Er betont dabei jedoch nicht nur den Zusammenhang von Handlung und Struktur – wie in der Soziologie insgesamt –, sondern kann darüber hinaus auf den Vermittlungszusammenhang von Arbeits- und Lebensbereichen fokussieren, der sich in 179 Problematisch sind zudem die ausgewiesenen „Dimensionen von Soziabilität“: Die Autorinnen bezeichnen als „externe“ Soziabilität, was maßgeblich auf der Ebene der Person, d.h. durch die Subjekte selbst hergestellt wird. Da diese Leistungen der Subjekte jedoch offenkundig nicht näher untersucht werden sollen, bleibt offen, wen die Forscherinnen als Akteur „externer Soziabilität“ identifizieren. Auch bei der „internen Soziabilität“ geht es nicht um Konflikte und Bewältigungsprobleme des Subjekts, sondern um Beziehungen in der Erwerbssphäre. Zwar erklärt die politikwissenschaftliche Anlage des Konzepts die Distanz zu Fragen der Bearbeitung und Bewältigung von Belastungen und widersprüchlichen Anforderungen, doch bleiben die Akteurskonstellationen damit unklar: Die Individualisierung von Arbeitskonflikten (s. 2.) zwingt geradezu zu einer stärkeren Subjektorientierung der Forschung , da neue Arbeitsformen auch die Konstellationen industrieller Beziehungen und kollektiver Interessenvertretung allgemein berühren. Die von den Forscherinnen identifizierte „gesellschaftspolitische Dimension“ müsste insofern in der Analyse stärker in Bezug zur Subjektebene gesetzt werden.
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gesellschaftlichen Strukturen wie auch in Organisationen, Interaktionen und Identitäten manifestiert. Dass es bei diesem Begriff stets der Konkretion bedarf, was als in Wechselwirkung befindlich interpretiert wird, stellt keinen Nachteil gegenüber anderen Begriffen dar. Gerade weil präzisiert werden muss, dass es dabei um unterschiedliche Arbeitsformen und Lebensbereiche geht, sind dichotome Konstruktion wie „Arbeit und Leben“ oder „Familie und Beruf“ unmittelbar entkräftet, wenn sie als in Wechselwirkung stehend definiert werden.180 Während Begriffe wie „Vereinbarkeit“ oder „Soziabilität“ als ‚Lösungs-Begriffe’ ein anzustrebendes Ziel definieren, kann der die Volatilität des Verhältnisses der Sphären berücksichtigende neutrale Begriff der Wechselwirkung die Prozessdynamik aufgreifen. Er verweigert eine Zieldefinition und betont statt dessen die Abhängigkeit der Problemstellung von historischem Wandel sowie Formen und Grad von Interessenregulierung. Im Folgenden sollen daher Konzepte diskutiert werden, in denen Handlungs- und Strukturdimensionen von Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Leben in den Perspektiven von Alltag und Lebenslauf analysiert werden.
3.2 Lebensführung in Alltag und Lebenslauf Seit den 1990er Jahren konturieren sich Forschungsansätze, die – zentralen Prämissen der Individualisierungsthese folgend – eine Erosion bislang strukturierender Institutionen und normativer Vorgaben identifizieren und hieraus neue Anforderungen an die individuelle Gestaltung von Alltag und Lebenslauf ableiten. Auf die vielschichtigen Ursachen, die nach Einschätzung der AutorInnen in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen wie etwa veränderten Bildungsniveaus, einer zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen, einer Deregulierung von Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnissen oder Veränderungen in Wertvorstellungen, Lebensstilen und Konsumverhalten begründet sind, lässt sich hier nicht näher eingehen. Statt dessen sollen die Ansätze auf ihre Diagnosestärke zu den Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen hin befragt werden. Dazu werden zwei Konzepte herangezogen, die sich in ihrer Genese von einseitig strukturtheoretischen Perspektiven lösen; sie betonen nicht nur die Ebene der individuellen Steuerung von Alltag und Lebenslauf, sondern wenden sich implizit gegen gängige Arbeitsteilungen in der Soziologie, indem ganzheitlich, über Lebensbereiche hinweg geforscht wird: Das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ (Voß 1991; Jurczyk/Rerrich 1993a; Projektgruppe 1995) steht in der Tradition der subjektorientierten Soziologie (Bolte) und thematisiert Lebensführung als individuelle Gestaltungsleistung von Subjekten und als Vermittlung von Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen auf der Ebene der Person. Es fokussiert auf den „Querschnitt“ von Leben, indem tagtägliche Handlungspraxen in ihrer Komplexität untersucht werden. Demgegenüber betont die Lebenslaufforschung den „Längsschnitt“ des Lebens. Auch sie richtet sich mikrosoziologisch aus, indem sie die individuelle Gestaltung von Lebenspassagen und Übergängen untersucht, betont dabei jedoch stärker das Zusammenspiel von individuellem Handeln und institutioneller Steuerung. Während im ersten Konzept also die Verarbeitung von Wechselwirkungen zwischen den Lebens- und Arbeitsbereichen auf der Ebene der Subjekte analysiert wird, greift Lebenslaufforschung stärker 180 Die Bezüge auf die industriesoziologische Forschung verweisen darüber hinaus auf eine weitere Komponente von Wechselwirkung: Nicht nur Arbeitsformen und Lebensbereiche oder Handlungen und Strukturen sind im Zusammenhang zu reflektieren, sondern auch Strukturen und Bewusstsein.
3.2 Lebensführung in Alltag und Lebenslauf
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auf die institutionelle Rahmung dieser Gestaltungsleistungen zu und verfolgt deren Einfluss auf Erwerbs- und Lebensläufe. Hier handelt es sich weniger um einen Ansatz denn um ein breites Forschungsfeld, in dem sehr heterogene Konzepte nebeneinander verfolgt werden. Für die hier verfolgte Fragestellung erweisen sich daher solche Positionen von Interesse, die die aktive Konstruktionsleistung der Subjekte in Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Prägungen von Lebensführung und Lebenslauf ergründen. Indem Ansätze der Alltags- und Lebenslaufforschung – in je unterschiedlichen Zeitperspektiven – solches Handeln von Subjekten aufgreifen, in dem sich Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen manifestieren, liefern sie eine konzeptionelle Perspektiverweiterung strukturtheoretischer Konzepte. Sie können inzwischen nicht nur auf eine breite empirische Datenbasis zurückblicken, sondern liefern – wie im Folgenden gezeigt werden soll – auch wichtige Anregungen für die soziologische Arbeitsforschung.
3.2.1 Alltägliche Lebensführung Die Wurzeln des Konzepts der „Alltäglichen Lebensführung“ reichen bis in die Arbeitsund Berufssoziologie der 1970er Jahre und deren „subjektorientierte“ Ausrichtung (Bolte/Beck/Brater 1976; Bolte/Treutner 1983; s. 2.1). Gesellschaftliche Strukturen sollen demnach nicht lediglich auf der Ebene ihrer Phänomene (wie z.B. der in einer Gesellschaft anzutreffenden Berufsstruktur) erfasst und vorfindbare Verhaltensweisen von Menschen beschrieben, sondern auch hinsichtlich des Einflusses der Individuen geprüft werden (z.B. Bolte 1997: 35f.). Wie Individuen auf die gesellschaftlichen Strukturen einwirken, wie das Handeln der Menschen Gesellschaft beeinflusst und soziales Handeln auf die gesellschaftlichen Strukturen zurückwirkt und diese „(re)konstruiert“, waren und sind zentrale Fragen der „subjektorientierten Soziologie“. Bolte sucht „nach der Betroffenheit und Prägung der Individuen durch gesellschaftliche Strukturen, nach den Aktionen und Reaktionen von Individuen in und gegenüber diesen Strukturen und nach der dadurch erfolgenden Beeinflussung dieser Strukturen“ (Bolte 1997: 17). Veränderungen in den Lebensorientierungen der Menschen sollen dabei ebenso berücksichtigt werden wie gesellschaftliche Prozesse der Modernisierung, mit deren vielgestaltigen Folgen die Menschen umgehen müssen: mit dem Zusammenwirken von Freiheiten und Zwängen, Offenheit und Unsicherheit, aber auch mit der Flexibilisierung sozialer Strukturen bei gleichzeitiger Polarisierung von Lebenslagen.181 Bolte fokussiert daher auf das „wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft“, wobei die Individuen zugleich als Produkte und Produzenten sozialer Verhältnisse gefasst werden. Trotz oder gerade wegen der sozialen Vorgaben seien sie nicht lediglich „passive Marionetten der Verhältnisse“ (Voß/Pongratz 1997: 15), sondern müssten immer auch aktiv handeln: „Subjektorientierte Soziologie fragt also weniger nach den Determinanten oder Zwängen, die das Denken und Handeln begrenzen und damit soziale 181 Diese Betonung von Chancen und Risiken sowie der Gleichzeitigkeit von Handlungsfreiheiten und zwängen charakterisiert die sich nachfolgend entwickelnde individualisierungstheoretische Perspektive von Beck (1986). Das Interesse galt – so Bolte (1997) rückblickend – nicht der Festlegung „subjektorientierter Soziologie“ auf eine bestimmte theoretische und empirische Zugangsweise, sondern ihrer Anwendung als „Perspektive“, als ein spezifisches „In-den-Blick-Nehmen“, das sich auf eine Vielzahl von Themen anwenden lässt. Die Entwicklung einer theoretischen Schule – so seine rückblickende Einschätzung – war nie das Ziel, bot jedoch aus genau diesem Grund das Einfallstor für Kritik und den Vorwurf, eine eklektizistische Soziologie zu betreiben (vgl. Matthiesen 1993).
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Strukturen reproduzieren, als danach, wo unter diesen Verhältnissen Potenziale des Agierens, des Wehrens und Gestaltens liegen, durch die soziale Strukturen lebendig und entwicklungsoffen werden“ (ebd.: 16). Da der Ansatz mit dieser Fragestellung die Perspektive auf mögliche Widersetzungen gegenüber externen Anforderungen öffnet, ist er für die in der vorliegenden Arbeit gestellte Frage nach „Wechselwirkungen von Arbeit und Leben“ von besonderem Interesse. Die Projektgruppe „Alltägliche Lebensführung“ (1995)182 schließt vergleichsweise unmittelbar an die Arbeiten von Bolte an und richtet ihr Augenmerk auf die Gestaltungsleistungen der Subjekte: Die ForscherInnen grenzen sich explizit von einer dichotomisierenden Konzeption der Trennung der Lebensbereiche ab und rücken das Subjekt und seine alltäglichen Koordinations- und Integrationsleistungen ins Zentrum der Analyse. Im Mittelpunkt steht das Zusammenwirken von Arbeit und Leben auf der Ebene der Person und die individuelle Bearbeitung der Wechselwirkung gesellschaftlicher Sphären.183 Voß (1991) definiert diese als eine besondere „Leistung der Person“ und bezeichnet „Lebensführung als Arbeit“. Mit dem Begriff der „Lebensführung“ greifen die ForscherInnen auf Webers (1988) Typus der „methodischen Lebensführung“ zurück und definieren Lebensführung als „alltäglichen Tätigkeitszusammenhang“ (Voß 1995: 30). Das Leben wird dabei nicht – wie in der Biografieforschung üblich – in seiner diachronen Ausprägung, also seiner „Länge“, untersucht, sondern in seiner „Breite“, d.h. in einer synchronen Perspektive auf das Alltagshandeln der Menschen.184 Die einzelnen im Alltag geleisteten Tätigkeiten sollen demnach möglichst systematisch in ihrem Gesamtzusammenhang analysiert werden, so dass sich unterschiedliche Formen des Umgangs mit Alltagsproblemen und -anforderungen zu Typen von Lebensführung verdichten lassen. In dieser subjektbezogenen Forschungsperspektive ist Lebensführung als eine „aktive Konstruktion und Leistung der Person“ (Voß 1995: 34) definiert: Individuen wählen ihre je spezifischen „Methoden“, mit denen sie die Anforderungen auf sehr verschiedenen Bereichen in einer integrierten, persönlich geprägten Lebensführung „bearbeiten“. Zentrales Merkmal dieser als Arbeit gefassten Leistung ist ein hohes Maß an Flexibilität, die vom ständigen Wandel des Alltagslebens erzwungen wird. Der notwendige Anpassungsprozess in der alltäglichen Lebensführung gelingt jedoch keineswegs umstandslos. Denn deren spezifische Form könne, „ist sie einmal als handlungsstrukturierender Modus für den Alltag eingerichtet, (...) von der Person nicht mehr beliebig geändert werden, da sie auf vielfältigen verbindlichen Arrangements mit sozialen Bezügen (oder konkreten Akteuren) beruht“ (ebd.: 35). Alltägliche Lebensführung wird in diesem Zusammenhang nicht nur als Strategie der Alltagsbewältigung konzipiert, sondern als eine besondere „Kupplungsinstanz“ zwischen Individuum und Gesellschaft, der eine sozial 182 Auf eine umfassende Darstellung des Ansatzes muss hier verzichtet werden. Für grundlegende Überlegungen und eine theoretische Einordnung s. Voß 1991; zur Operationalisierung des Ansatzes s. Kudera 1995; zu den empirischen Ergebnissen s. Jurczyk/Rerrich 1993a sowie Projektgruppe 1995; zur Genese des Ansatzes s. zuletzt Dunkel 2001. 183 Raehlmann (2002: 251) beklagt zurecht die fehlende wissenschaftshistorische Einordnung des Konzepts. Sie zeigt, dass diese Forschungsperspektive keineswegs neu ist, sondern bereits in die Anfänge der Soziologie zurückreicht und auch in der Arbeitswissenschaft bereits in den 1980er Jahren ähnliche Forschungsarbeiten kursierten (s. I.1.1). Hier muss m.E. eingeschränkt werden, dass zwar ähnliche Annahmen diskutiert, jedoch nicht so umfassend und systematisch in soziologische Theorietraditionen eingeordnet wurden wie bei Voß 1991. 184 Da Motive für aktuelles Handeln maßgeblich in subjektiven Sozialisationserfahrungen vermutet werden, finden sich in neueren Veröffentlichungen häufiger Hinweise auf eine notwendige Verschränkung von synchroner und diachroner Perspektive (vgl. zuerst Weihrich 1998).
3.2 Lebensführung in Alltag und Lebenslauf
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integrative Funktion zukommt: Arbeits- und Lebensbereiche können demnach nur je eigenen Funktionslogiken folgen, wenn Subjekte diese integrativ zusammenführen und einen Modus der Be- und Verarbeitung entwickeln.185 Voß grenzt den Ansatz dabei von Bourdieus Habitus-Konzept ab, indem er statt auf die Dimensionen von Distinktion und Stilisierung die praktische Seite des Alltagslebens betont (Voß 1991: 150ff.). Die Projektgruppe (1995) hat diese konzeptionellen Überlegungen empirisch untersucht und in verschiedenen Beschäftigtengruppen Mustern in der Lebensführung nachgespürt186: Idealtypisch unterscheidet sie eine traditionale, eine strategische und eine situative Lebensführung. Während in der traditionalen Lebensführung wertkonservative Orientierungen vorherrschen und Routinen und feste zeitliche Rhythmen das alltägliche Handeln prägen, kennzeichnet die strategische Lebensführung ein Alltagshandeln, das auf optimalen Ressourceneinsatz und größtmögliche Interessenrealisierung angelegt ist und sich reflektiert an zukünftigen Erfordernissen ausrichtet. Zwischen diesen Typen, die als „AlltagsRoutine“ und „Alltags-Organisation“ bezeichnet werden, identifizieren die ForscherInnen eine situative Lebensführung, die sich durch flexible Ad-hoc-Entscheidungen als „AlltagsKunst“ auszeichnet. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass in den unterschiedlichen Beschäftigtengruppen je spezifische Muster von Lebensführung anzutreffen sind. Inwiefern diese durch die Anforderungen des Erwerbsumfeldes oder durch sozialstrukturelle, milieuspezifische Faktoren beeinflusst werden, bleibt in der Studie weitgehend offen. Die Fokussierung auf Flexibilisierung fördert jedoch zu Tage, dass Beschäftigte, deren Lebensführung eher einer situativen Handlungslogik folgt, die zeitlichen Flexibilitätserwartungen der Betriebe leichter bewältigen können als Personen, die stabiler Rhythmen und Routinen bedürfen. Polarisierungen zwischen Beschäftigtengruppen scheinen insofern nicht nur von der Stellung im Erwerbsleben und im Betrieb abhängig zu sein, sondern maßgeblich auch vom Modus der Lebensführung. Inzwischen wurde der Ansatz auch für andere soziale Gruppen empirisch geprüft, kritisch reflektiert und konzeptionell vertieft (s. die Beiträge in Voß/Weihrich 2001; Weihrich/Voß 2002). Als eine Erweiterung des Konzepts erscheint – neben einer stärkeren sozialstrukturellen Einbettung – die Berücksichtigung der Verschränkung von Lebensführung in sozialen Beziehungen notwendig: Wie Partner z.B. im Prozess der Familiengründung, wenn durch die Kinder der alltägliche Koordinations- und Synchronisationsaufwand rasant ansteigt, ihre je eigenlogischen Lebensführungen in Einklang bringen, wie weit dies gelingt bzw. gelingen muss und welchen Stellenwert Modi von Lebensführung für die Beziehungsund Familienstabilität haben – dies sind bislang, auch in der Familienforschung, noch offene Fragen. Sie weisen über die Analyse von Arbeit als Arbeitsteilungsmuster von Paaren hinaus und fokussieren in einer ganzheitlicheren Perspektive auf den Zusammenhang von Lebensbereichen und deren subjektive Bewältigung, die angesichts der zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen und einer Flexibilisierung von Erwerbsbedingungen noch weiter an Relevanz gewinnen wird.187 185 Einen ähnlichen Ansatz, der die Wechselwirkungen auf der Ebene der Person analysiert, entwickelt Hoff (1986) für die Arbeitspsychologie (s. 3.4). 186 Die Gruppe prüfte ihre Thesen Ende der 1980er Jahre in eine größeren empirischen Erhebung. Durch die breite Streuung der Befragten – von SchichtarbeiterInnen bis hin zu JournalistInnen und EDV-OperatorInnen – erhielt man eine differenzierte Übersicht über verschiedene, von objektiven Bedingungen und individuellen Ressourcen beeinflusste Zwänge und Freiheitsgrade in der alltäglichen Lebensführung. 187 Die in der Lebensführung zur Bewältigung des Alltags erbrachten Leistungen bestehen nicht nur in konkreten, zum Teil routinierten Reproduktionstätigkeiten, sondern auch in einer zeitlich und örtlich, sozial und
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Zudem könnte eine konzeptionelle Berücksichtigung der Verschränkung von Lebensführungen auch einen Ansatzpunkt bieten, die vernachlässigten sozialstrukturellen Implikationen des Ansatzes zu beheben. Diese ‚Lücke’ könnte zum einen über eine Einbeziehung von Biografiedimension und Sozialisationsbedingungen gefüllt werden, wenn Lebensführung hinsichtlich ihrer Entstehungsprozesse und -bedingungen reflektiert und anschlussfähig an Theorien sozialer Ungleichheit formuliert wird (Versuche in diese Richtung liefern Weihrich 1998; Nissen 2001). Zum anderen lässt sich jedoch auch über die Analyse der Verschränkung von Lebensführung die macht- und herrschaftsstabilisierende Wirkung von Lebensführung aufdecken: Die Verschränkung von Lebensführungen im partnerschaftlichen, insbesondere im Familienzusammenhang ist sowohl sozialstrukturell als auch kulturell überformt. In ihr spiegeln und reproduzieren sich alte und neue soziale Ungleichheiten – und zwar hinsichtlich 1. der individuellen Ressourcen, die mobilisiert werden können, um die aktuelle Lebenssituation zu bewältigen; 2. der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse, die die gemeinsame Lebensführung in Paarbeziehungen beeinflussen und Frauen andere Aufgaben im Zuge dieser Verschränkung zuweisen als Männern (Jurczyk/Rerrich 1993b); sowie 3. des Generationenverhältnisses, in dem Eltern und Kindern im Familienalltag – je nach Lebensphase – unterschiedliche (Betreuungs-)Aufgaben und Entscheidungsbefugnisse zufallen. Die Leistung des Konzepts liegt bis heute in seiner konsequenten Abkehr von einer einseitigen Fixierung auf Erwerbsarbeit. Indem nicht die Bewältigung von Erwerbsanforderungen, sondern deren Vermittlung mit Anforderungen aus dem privaten Lebensumfeld von Beschäftigten ins Zentrum gerückt werden, trägt das Konzept einem erweiterten Arbeitsbegriff Rechnung. Es öffnet die Perspektive auf die Vielfalt von Tätigkeiten, die von Subjekten erbracht werden, um zum einen die Funktionsfähigkeit von Familie, zum anderen die Reproduktion eigener Arbeitskraft aufrecht zu erhalten. Das Konzept erfasst systematisch die tagtäglichen Leistungen der Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensbereiche und beleuchtet subjektive Verarbeitungs- und Handlungsstrategien. Die Betonung der Praxisdimension setzt zudem ein Gegengewicht zu phänomenologischen Perspektiven von Alltagsforschung sowie konstruktivistischen Ansätzen (vgl. exemplarisch Kaufmann 1994), die zwar die der familialen Arbeitsteilung zugrunde liegenden Sinnstrukturen erhellen, aber nicht die Belastungssituation der Betroffenen erfassen und nur bedingt Strategien der Bewältigung von Anforderungen erklären können. Im Unterschied zum Gros arbeitssoziologischer Forschungskonzepte setzt „Alltägliche Lebensführung“ an den Schnittstellen von Arbeit und Leben an und widmet den Anforderungen, die sich aus unterschiedlichen Sphären an das Subjekt richten, besondere Aufmerksamkeit. Es fokussiert in mikrosoziologischer Sicht nicht auf die bloße Bewältigung von Wechselwirkungen, sondern problematisiert darüber hinaus die Leistung der Subjekte, tagtäglich gesellschaftlich Getrenntes und strukturell Widersprüchliches verbinden zu müssen. Es mag überzogen sein, in diesem Kontext von „Lebensführung als Arbeit“ (Voß) zu sprechen, doch verweist diese Formel zurecht auf die Einbindung dieser unsichtbaren Arbeitsleistung in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch und die gesellschaftliche Funktionalität von Lebensführung. Dass das Konzept sowohl in der Arbeits- als auch in der Famiemotional zu leistenden Koordination von Ansprüchen, Bedürfnissen, Regeln und Zwängen, die wie in einem Netzwerk das Ineinandergreifen der Tätigkeiten insgesamt gewährleisten. Diese Verschränkung von Lebensführungen hält die besondere Qualität und soziale Funktionsfähigkeit von Familie aufrecht (Jürgens 2001, 2002b).
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liensoziologie bislang kaum rezipiert wird, verweist auf die Persistenz nach wie vor arbeitsteiliger Herangehensweisen in den Teildisziplinen: Gilt das Konzept in der Arbeitssoziologie mitunter als zu subjektivistisch und als zu fixiert auf die „Vereinbarkeitsproblematik“, wird in der Familiensoziologie der fehlende Bezug auf familiale Binnendynamiken vermisst. Das Dilemma des Konzepts besteht daher darin, sich auf der Schnittstelle zwischen Teildisziplinen zu bewegen und damit zwar (konzeptionell und empirisch) Themen hinsichtlich ihres inneren Zusammenhangs zu analysieren, aber in der wissenschaftlichen Debatte nicht fest verankert zu sein. Die Kritik am Ansatz zeigt, dass einige Gründe hierfür auch im Konzept selbst liegen. Die Projektgruppe zielt explizit auf die Betonung aktiver Strukturierungsleistungen, um damit ein Gegengewicht zu anpassungsmechanistischen Positionen zu setzen, die Subjekte als determiniert durch die Strukturen definieren (s. Voß 1995: 37ff.). Der Einfluss von Strukturen bleibt in der Folge jedoch unterbelichtet: Welchen Logiken Lebensführung folgt, wird ausführlich beschrieben, aber ursächlich nur mit Bezug auf die Merkmale von Berufsgruppen erklärt. Offen bleibt, inwiefern bereits in der Entwicklung von Lebensführung strukturelle Zwänge und gesellschaftliche (Herrschafts)Verhältnisse wirksam sind und sich in der Lebensführung Strukturzusammenhänge reproduzieren. Die Kritik am Konzept entzündet sich folglich an einer mangelhaften sozialstrukturellen bzw. strukturtheoretischen Einbindung des Ansatzes: Die Typen von Lebensführung werden an den Berufsgruppen exemplifiziert, doch bleibt fraglich, inwiefern nicht nur die aktuelle Position im Erwerbsleben, sondern vorab bereits die Herkunft aus einer sozialen Schicht und einem bestimmten sozialen Milieu die Ausprägung der Lebensführung beeinflusst haben. Ein Vorteil gegenüber der Milieuforschung besteht ohne Zweifel in der Fokussierung auf Lebensführung als Praxis. Diese muss jedoch – auch wenn die Subjekte eigene Gestaltungsspielräume haben – hinsichtlich ihrer Genese sowie ihrer Wirkung beleuchtet werden. Im Sinne einer Subjektorientierung müsste es hier gelten, nicht nur die Praxis, sondern auch ihnen zugrunde liegende Orientierungen und deren Ursprünge zu ergründen, die je unterschiedliche Formen von Lebensführung hervorbringen (s. ähnlich bereits Meyer-Siebert 1999).188 Für eine Analyse der Wechselwirkungen von Arbeit und Leben bleibt der Ansatz insofern zu sehr auf der Subjektebene verhaftet: Da ausgeblendet wird, wie sich in der Lebensführung die Hierarchie der Lebensbereiche (und damit auch soziale Ungleichheit) stabilisiert und reproduziert, bleibt dem Konzept (bislang) eine gesellschaftstheoretische Einordnung versperrt.189 Eine konsequente Subjektorientierung müsste zudem die Veränderung von Lebensführung genauer in den Blick nehmen. Die Projektgruppe definiert „Alltägliche Lebensführung“ hingegen als System der „Bearbeitung“ von Anforderungen, das sich gegenüber der Person „verselbständigt“ (Voß 1991) und auch über soziale/gesellschaftliche Umbruchssituationen hinweg als stabil erweist (s. auch Weihrich 1998). Damit liegt dem Ansatz jedoch ein eingeschränktes Verständnis von Handeln zugrunde: Lebensführung wäre demnach ein Handeln, das zwar Strukturen (wieder)herstellt, aber nicht in diese verändernd eingreift. Die zentrale Prämisse „subjektorientierter Soziologie“, von der gegenseitigen Beeinflus188 Für Leu (1989: 37) steht hier eine Ausformulierung der Subjekttheorie aus, die er bereits bei den Arbeiten von Bolte/Treutner vermisst. Meyer-Siebert (1999) bemängelt, dass Lebensführung als von den Subjekten gewählt erscheine. Sie weist damit zwar zurecht auf die mangelnde Analyse der Ursachen von Lebensführung hin, jedoch räumt die Projektgruppe explizit ein, dass sie ebenfalls von Einflüssen auf Lebensführung ausgeht, diese aber nicht untersuchen wollte (und konnte). 189 Jurczyk/Rerrich (1993b) problematisieren dieses Defizit selbst, indem sie auf die Gefahr hinweisen, Unterschiede sowohl zwischen als auch innerhalb von Genusgruppen zu vernachlässigen.
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sung von Handlung und Struktur auszugehen, wäre insofern fragwürdig: Verselbständigt sich Lebensführung gegenüber der Person und ist – so die hier vertretene These – zudem sozialstrukturell beeinflusst, so ist Lebensführung kein Eingriff in die Struktur, sondern eine Wirksamkeit von Struktur auf der Ebene der Person. Als ‚inkorporierter’ Handlungsmodus leitet sie dann – ähnlich wie Bourdieu es dem Habitus zuspricht – das alltägliche Handeln der Subjekte, ohne dass diese sich der äußeren Einflüsse auf dieses Handeln gewahr werden. Die Subjekte sind es zwar selbst, die Lebensführung herstellen, doch tritt ihnen der Modus von Lebensführung als Struktur gegenüber. Die Grenzen subversiven Handelns treten damit offen zutage: Es sind die Individuen, die ihr Leben ‚führen’ müssen; aber sie sind zum einen in der Entwicklung ihrer Art und Weise der Lebensführung durch das soziale Umfeld und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt, zum anderen können sie – so auch die These der ForscherInnen – ihre Lebensführung nicht umstandslos ändern.190 Die Modifikation von Lebensführung stellt insofern ein bedeutsames Forschungsthema dar: Ist Lebensführung als soziales Phänomen Resultat der individuellen Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse oder enthält sie ein emanzipatorisches Potenzial, indem sie die Subjekte zu Grenzziehungen gegenüber externen Anforderungen veranlasst, die nicht mit der (je subjektiven) Eigenlogik von Lebensführung kompatibel sind? Diese Dimension von Lebensführung gewinnt im Zuge der Deregulierungs- und Flexibilisierungsprozesse im Erwerbsleben an Bedeutung, da sich Lebensführung ebenso als Instrument von Bewältigung und Widersetzung erweisen könnte wie auch als Ursache von Scheitern.191 Zusammenfassend bleiben folgende Anknüpfungspunkte für die Arbeitsforschung festzuhalten:
Das Konzept eröffnet eine mikrosoziologische Perspektive, in der sich systematisch unterschiedliche Arbeitsformen und deren Bearbeitung durch die Person analysieren lassen. Der Ansatz integriert nicht nur die Vielfältigkeit von Arbeitsleistungen, die Subjekte tagtäglich erbringen und die gesellschaftlich höchst funktional sind; er greift zudem auf die komplexe Belastungssituation zu, die sich aus strukturellen Wechselwirkungen zwischen den Arbeits- und Lebensbereichen auf der Ebene der Person ergeben. Die Untersuchung von Lebensführung schließt insofern unmittelbar an originär arbeitssoziologische Fragestellungen an. Die Analyse von Lebensführung eröffnet die Möglichkeit, Reaktionen von Beschäftigten auf veränderte Arbeitsbedingungen nachzuvollziehen und ganzheitlicher zu erfassen als über die bloße Berücksichtigung erwerbsbedingter Faktoren. Durch die empirische Ausrichtung ist der Ansatz für Projekte der qualitativen Arbeitsforschung zudem leicht operationalisierbar. Inwiefern sich die Einbindung in die Familienarbeit auch in den Modi von Lebensführung niederschlägt, kann der Ansatz bislang nicht aufklären. Dies wäre für die Erforschung von Wechselwirkungen eine relevante Frage, kristallisiert sich aber auch für die Forschung zu „entgrenzter und subjektivierter Arbeit“ als relevantes Forschungsfeld heraus: Ob
190 Als überzogen erscheint in diesem Zusammenhang jedoch die Kritik, dass der Ansatz stark normative Züge trage, da stets von einer ‚gelungenen’ Lebensführung ausgegangen werde. Lebensführung ist – wie auch Lebensstil, Lebensentwurf, Lebensweise usw. – eine soziologische Kategorie, die Handeln und Orientierungen erschließt, aber zunächst nichts über deren Qualität aussagt: Auch wenn ein Befragter explizit Aussagen zum Lebensentwurf verweigert, so hat er doch einen Entwurf vom Leben – auch wenn es zunächst der ist, keinen zu haben. 191 Hier wären Verbindungen zur sich neu formierenden „Soziologie des Scheiterns“ möglich (s. 4.).
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Individuen, die in unterschiedliche Arbeitsbereiche integriert sind, eine besondere Form von Lebensführung aufweisen bzw. durch diese Anforderungen entwickeln, und welche Kompetenzen zu dieser Lebensführung zählen, sind bislang noch vernachlässigte Fragen von Arbeitsforschung. Mit der Untersuchung von Lebensführung kann die Arbeitsforschung zudem sensibler neuen Polarisierungen innerhalb von Beschäftigtengruppen nachspüren. Ungleichheitslagen, die sich nicht im betrieblichen Status oder der Arbeitsmarktposition erschöpfen, können über die Analyse von Lebensführung zu Tage treten. Die Art und Weise von Problemlösung, der Gestaltung sozialer Beziehungen am Arbeitsplatz, der Planung von Arbeitsprozessen und die Interaktion mit betriebsexternen Experten oder Kunden wird grundlegend an den Modus gebunden sein, mit dem Individuen generell ihr Leben ‚führen’. Das Festhalten an stabilen Abläufen und Routinen – wie es die traditionale Lebensführung kennzeichnet – kann sich hier als Hindernis erweisen, wenn sich flexibel wandelnde Arbeitszeiten, Kooperationsformen und Aufgaben bewältigt werden müssen. Zudem ist die Verschränkung je eigenlogischer Lebensführungen für die Erwerbssphäre bislang weder konzeptuell noch empirisch untersucht worden, gewinnt aber – aufgrund weitreichender Veränderungen in der Arbeitswelt – erheblich an Bedeutung: Neue Formen der Arbeitsorganisation verlangen einen kooperativen Arbeitsstil der Beschäftigten. Hier treten somit auch alltägliche Lebensführungen als individuelle Handlungslogiken in Kontakt: Die Herangehensweise an eine Aufgabenstellung, die – strategische oder situative – Art von Problemlösung kann sich in Teamund Projektarbeit einerseits als individuelle Ressource einsetzen lassen, aber andererseits auch als Hindernis erweisen, wenn die individuelle Handlungslogik nicht den dominierenden Arbeitsstilen entspricht. Die Arbeitsforschung kann hier unmittelbar an handlungstheoretische und interaktionistische Ansätze anschließen, die auf die Dynamik sozialer Beziehungen fokussieren. Darüber hinaus erweist sich der Ansatz als offen für die Analyse von Renitentem – auch wenn diese im Projekt ganz offenkundig vernachlässigt wurden. Ob Angriffe auf die Eigenlogik von Lebensführung dazu führen, dass Beschäftigte sich Anforderungen der Erwerbssphäre widersetzen, ist eine bislang in der Arbeitsforschung kaum beachtete Frage. Wie sich Beschäftigte Kooperation und Flexibilität entziehen, welche Strategien sie entwickeln, um ihre bisherigen Routinen fortzusetzen, ist eine bereits in den Traditionsbeständen der Industriesoziologie verankerte Perspektive (s. 2.1); sie wird an Stellenwert gewinnen, wenn sich Arbeitsorganisation – wie in einigen Bereichen – umfassend verändert. Alltägliche Lebensführung wäre in diesem Kontext nicht lediglich als Anpassungsstrategie zu untersuchen, sondern darauf hin zu befragen, warum sie sich in welchen Konstellationen als renitent gegenüber externen Angriffen erweist oder modifiziert. Entlang der These eines erweiterten „Zugriffs“ auf die Beschäftigten gelte es zu fragen, ob sich der private Lebenszusammenhang einer weiteren Zweckrationalisierung anpasst oder ob in der Lebensführung Begrenzungen dieser Anpassung verankert sind.
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3.2.2 Lebenslauf Die Ergebnisse der Lebenslaufs- und Biografieforschung sind in den unterschiedlichen Teilgebieten der Soziologie breit verankert.192 Auch in der Arbeitsforschung finden sich vielfach Bezüge auf diese diachrone Perspektive: Zum einen berücksichtigen arbeitssoziologische Ansätze und Studien Thesen zu Lebensphasen und Übergängen im Lebenslauf, zum anderen liefern sie selbst – z.B. durch empirische Erhebungen zu Ausbildungssystem, Berufswechseln, Erwerbsverläufen oder biografische Deutungen von Erwerbsarbeit – auch eigene Beiträge zu dieser Forschungsrichtung (s. bereits die Studien von Osterland 1978; Deppe 1982; Hoff/Lappe/Lempert 1985; vgl. 2.1). Indem die Lebenslaufforschung ihrerseits Phasen der Integration ins Erwerbsleben sowie die Dauer und Intensität dieser Einbindung als zentrale Momente des Lebenslaufs insgesamt konzipiert, bestehen zwischen beiden Teildisziplinen Parallelen im soziologischen Zugriff: Der variierende Grad der Teilhabe an Erwerbsarbeit im Verlauf des Lebens dient als Differenzierungsmerkmal von Beschäftigtengruppen bzw. Lebensläufen. Beide Teildisziplinen interpretieren zudem die wirtschaftliche und sozialpolitische Entwicklung der Gesellschaft als Einflussfaktor auf die Gestaltung von Erwerbs- bzw. Lebensläufen. Sie untersuchen – auch in international vergleichender Perspektive –, welche Personen(gruppen) in welchen Lebensphasen wie in das Erwerbssystem integriert sind und interpretieren neuere Phänomene wie z.B. die Verlängerung von Ausbildungsverläufen, die Verschiebung von Familienphasen oder den Übergang in den Ruhestand sowie die insgesamt höhere Lebenserwartung. Lebenslauf-, Arbeitsmarktund Berufsforschung untersuchen insofern gleichermaßen Phasen im Lebenslauf und deren Einfluss auf die Sozialstruktur von Gesellschaften (s. exemplarisch Blossfeld 1990; Osterland 1990; Brose/Holtgrewe/Wagner 1994; Eder/Bonß 1995; Heinz 1995; Heinz u.a. 1998; Bolder/Witzel 2003). Als Voraussetzung für die Thematisierung des Lebenslaufs gilt in der Soziologie die Herauslösung des Individuums aus dem Haushaltsverband, der nicht nur Ort der Verbindung von Produktion und Reproduktion war, sondern darüber hinaus als Kollektiv den Einzelnen integrierte und sozial absicherte. Erst mit der Etablierung einer Wirtschaftssphäre und eines Sozialstaates erfinde die Moderne den Lebenslauf (Mayer 1998), der als Strukturvorgabe die Individuen in verschiedenen Phasen des Lebens mit unterschiedlichen Rollen in die Teilsysteme von Gesellschaft (maßgeblich Erwerbssphäre und Familie) integriert.193 Über die Regulierung der Sozialversicherungs- und Steuersysteme beeinflusst der Staat diese Rollen, gewährleistet dafür im Gegenzug jedoch die soziale Absicherung des Einzelnen.
192 Lebenslauf- und Biografieforschung werden zuweilen als ein Forschungsgebiet deklariert, setzen aber je unterschiedliche Akzente: Während die Lebenslaufforschung die Gesamtheit von Ereignissen in einem Leben sowie dessen individuelle, soziale und kulturelle Gestaltung und Prägung analysiert, konzentriert sich die Biografieforschung auf das erlebte Leben aus Sicht der Subjekte. Sie untersucht nicht die objektive Strukturierung des Lebenslaufs, sondern dessen subjektive Deutung. Die Breite dieser Forschungen kann hier nicht angemessen erfasst werden. Ich stütze mich im Folgenden auf ausgewählte AutorInnen, deren Arbeiten das Feld der Lebenslaufforschung abstecken und den Einfluss struktureller Bedingungen in die Analyse einbeziehen. 193 Der Lebenslauf hat erst durch die erhöhte Lebenserwartung und soziale Sicherheit sowie die sich im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess verbreitende Idee einer individuellen Biografie an Stellenwert gewonnen (Mayer/Müller 1994). Zu beachten bleibt, dass zwischen den normativen Vorgaben für Lebensverläufe und deren konkreter Gestaltung stets Diskrepanzen bestanden und noch bestehen.
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Kohli (1985) resümiert diesen Wandel als „Institutionalisierung des Lebenslaufs“: Dem sich formierenden Erwerbssystem werde ein Bildungs- und Rentensystem an die Seite gestellt, das die Erwerbs- und Lebensläufe sowie Phasen von Erwerbsarbeit bzw. NichtErwerbsarbeit steuere und sozialpolitisch flankiere bzw. Abweichungen sanktioniere (s. bereits Levy 1977).194 Mit der Etablierung von Lebensläufen werden nicht nur bestimmte, festgelegte Abfolgen von Lebensphasen und Statuspassagen eingeführt, sondern der Lebenslauf wirkt dadurch auch als Medium der Vergesellschaftung und stabilisiert die Trennung der Arbeits- und Lebensbereiche: Die einzelnen Lebensphasen und an sie gekoppelte Institutionen wie Schule, Universitäten und berufliche Bildungseinrichtungen zielen auf einen qualifizierten Einstieg in die Erwerbssphäre und damit eine lange Phase von Erwerbstätigkeit, die bis zum Alter anhält. Als Idealtypus dieser Strukturierung sieht Kohli entsprechend die Drei-Teilung des Lebenslaufs, die sich in einer Unterteilung des Lebensverlaufs in eine vorberufliche, eine berufliche und eine nachberufliche Phase manifestiere. Der Lebenslauf biete dabei nicht nur „Kontinuität“ in Form einer planbaren (auch materiell abgesicherten) Lebensspanne, sondern etabliere durch den chronologischen Ablauf von Lebensphasen auch eine „sequentielle Ordnung“ und gewährleiste „Biographizität“, die Kohli als „Code von personaler Entwicklung und Emergenz“ definiert (1988: 37; 1994: 220). Hier manifestieren sich für Kohli Wechselwirkungen zwischen den strukturellen Prägungen des Lebenslaufs und den subjektiven Deutungen des Lebenslaufs als individuelle Biografie: Einerseits finde Biografisierung zwar im Rahmen kulturell vorgegebener Schemata statt; andererseits liefere jedoch erst die Strukturierung des Lebenslaufs die Möglichkeit zur individuellen Selbst-Thematisierung, indem die Institutionalisierung des Lebenslaufs nicht nur eine „chronologische Normalisierung von Verhaltensabläufen“, sondern auch eine entsprechende „biographische Selbst- und Weltauffassung“ (Kohli 1988: 38, 40ff.) bewirke. Kohlis Analyse des Lebenslaufs integriert insofern sowohl strukturelle als auch subjektive Dimensionen: Er konzipiert Biografie als Ergebnis einer Konstruktionsleistung der Subjekte, berücksichtigt dabei jedoch den Einfluss vorgegebener Schemata auf diese Konstruktion, die somit nicht individuell beliebig, sondern kulturell geformt ist und ‚geronnene’ Struktur darstellt. Kohli konzipiert – wie bereits Levy (1977) – Biografie und Lebenslauf insofern nicht als determiniert, aber sozial vorstrukturiert. Auch Mayer/Müller (1994: 275) sehen den Lebensverlauf als eine „Folge von Lebensabschnitten und Lebensphasen“, die von den Individuen und durch die Gesellschaft konstruiert werden. Sie sprechen daher stets von der „Struktur des Lebensverlaufs“, um die normative und soziale Festlegung und Prägung von Lebensphasen und Übergängen zwischen diesen Abschnitten hervorzuheben. Dennoch verhindert die Institutionalisierung des Lebenslaufs nicht individuelle Gestaltungsoptionen, sondern gilt Kohli (1994: 225) geradezu als Voraussetzung für deren Entfaltung: Der Lebenslauf gebe einerseits zwar Vorgaben für individuelles Handeln, gewährleiste in diesem Rahmen jedoch andererseits auch Autonomie, indem sich Ungewissheiten und 194 Die Institutionalisierung des Lebenslauf ist auf das Normalarbeitsverhältnis abgestimmt, das eine schulische und berufliche Ausbildungsphase voraussetzt und nach einer langen Erwerbsphase einen gesetzlich geregelten Übergang in den Ruhestand vorsieht, der durch Renten- und Pensionszahlungen materiell abgesichert sein soll. Diese Standardisierung strukturiert zum einen den Lebenslauf, da sie an Altersgrenzen gebunden ist; zum anderen wirkt sie als Leitbild von Lebensplanung und markiert andere Lebensverläufe als Abweichung von der Norm. Als soziologisches Konzept greift „Lebenslauf als Institution“ sowohl auf die Strukturierung des Lebens durch Organisationen und Institutionen wie den Arbeitsmarkt, das Bildungssystem, den Sozialstaat usw. zu, betont dabei aber gleichzeitig Normen und Leitbilder, die das Handeln ebenso wie Bewusstsein und Orientierungen der Subjekte beeinflussen.
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Unsicherheiten reduzieren. Auch Mayer/Müller (1994) betonen diese Gleichzeitigkeit von Strukturierung und Handlungsautonomie: Indem der Wohlfahrtsstaat noch immer die Ordnung von Übergängen übernehme, biete er einen Nährboden für „stabile Erwartungen“, auf die Individuen ihr Handeln ausrichten können. Er führe somit weder zur Integration noch zur Segmentation des Lebensverlaufs. Die Steuerung des Lebenslaufs erweise sich daher nicht nur als Reglementierung individuellen Handelns, sondern erzeuge auch ein hohes Maß an Mobilität und Unabhängigkeit von anderen: Die Regulierung von Erwerbsverläufen durch Staat und Wirtschaft biete diesen nicht nur eine stabile Grundlage, um den Einsatz von Arbeitskraft und das Erwerbspotenzial einzuschätzen, sondern gewährleiste auch für die individuelle Lebensplanung ein vergleichsweise hohes Maß an Planungssicherheit und damit Optionen für eine – in diesem Rahmen – autonome Gestaltung des Lebens. Eine Zunahme individueller Gestaltungsanteile am Verlauf des Lebens betonen individualisierungstheoretische Positionen. Die in diesen Ansätzen identifizierten Prozesse wie Bildungsexpansion, Wertewandel oder Pluralisierung der Lebensformen gelten demnach als Auslöser einer Entstandardisierung von Lebensläufen und einer wachsenden individuellen und eigensinnigen Gestaltung von Alltag und Lebenslauf: Indem ehemals feste Vorgaben für Ausbildungs- und Erwerbsverläufe erodierten, müsse nun der Einzelne seinen Lebensverlauf aktiv gestalten und planen. Die Normalbiografie werde daher zusehends durch die „Bastelbiografie“ (Hitzler 1988, zit. n. Hitzler/Honer 1994) abgelöst.195 Auch Kohli sieht zwar keine allgemeine Auflösungstendenz bisheriger Verlaufsmuster, konstatiert aber Anzeichen der Notwendigkeit „eigenständiger biographischer Orientierung“ sowie eine „individualisierte Handlungsstruktur“ (1994: 232).196 Er räumt bereits in den Anfängen der Individualisierungsdebatte eine „De-Institutionalisierung des Lebenslaufs“ (1986, 1988) ein, bleibt aber unentschieden, inwieweit diese die individuelle Autonomie erhöht oder im Gegenteil reduziert. In der Erwerbssphäre sieht er eine Auflösung bisheriger, standardisierter Erwerbsverläufe, bewertet Erwerbsarbeit aber als nach wie vor zentralen Strukturgeber (2000). Auch Mayer/Müller (1994: 270; Mayer 2000) geben zu bedenken, dass sich individuelle Kalküle noch immer sehr eng in dem vom Staat gewährten Rahmen bewegen und von den antizipierten positiven und negativen Sanktionen beeinflusst werden. Angesichts der aktuellen Entwicklung von Erwerbsarbeit und Sozialpolitik muten diese Positionen aus den 1990er Jahren zurückhaltend an: Die These der „Bastelbiografie“ betont vor allem den Wandel der subjektiven Bedeutung von Biografie und Lebenslauf, vernachlässigt jedoch tendenziell die anhaltende Strukturierungskraft gesellschaftlicher 195 Die These kann hier nicht ausführlich diskutiert werden. Nachdem in der Soziologie in den 1980er Jahren eine vergleichsweise offensive Kontroverse über die Reichweite der Individualisierungsthese geführt wurde, bestreiten KritikerInnen heute nicht mehr die Zunahme von Gestaltungsoptionen, BefürworterInnen nicht mehr die anhaltende Prägekraft struktureller Vorgaben. Folge ist eine Betonung von „Bastelbiografie“ oder „biografischen Projekten“ als sowohl Chancen als auch Zwang, d.h. von „Ambivalenzen“, „Gleichzeitigkeiten“ und „Widersprüchen“ der Moderne. Zu der Schwierigkeit Jugendlicher, Zukunftsvorstellungen mangels fester Vorgaben nun selbständig zu entwickeln, s. die Studie von Brake (2003). Heinz’ Konzept der „Selbstsozialisation“ (2000) lässt qua Begriff ähnliche These wie zur „Bastelbiografie“ vermuten, betont demgegenüber jedoch stärker die Vermittlung von Sozialstruktur und biografischem Handeln (s. 4). 196 Dass hier historisch betrachtet kurzfristige Prozesse wirken, wird daran deutlich, dass Institutionalisierung (als kennzeichnend für die Nachkriegszeit) und De-Institutionalisierung (als Folge von Deregulierungs- und Individualisierungstendenzen seit den 1980er Jahren) innerhalb einer Generation stattfanden (s. auch Krüger 1993: 211f.). Kohli (1994: 233) weist hinsichtlich der These der Zunahme individueller Planungs- und Steuerungsleistungen und -optionen auf milieuspezifische Unterschiede hin und sieht solche Formen der Individualität als (auch) Distinktionsmerkmal bestimmter sozialer Gruppen (KünstlerInnen, Intellektuelle usw.).
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Institutionen. Diese sanktionieren einerseits nach wie vor Abweichungen von der als erwerbslebenslange Vollzeit-Beschäftigung konzipierten Normalarbeitsbiografie, andererseits privatisieren sie in den letzten Jahren zusehends ehemals sozialstaatliche Elemente der Absicherung. Der gegenwärtige ‚Umbau der Sozialsysteme’ resultiert nicht nur darin, dass die Einzelnen Phasen der Nicht-Erwerbsarbeit zunehmend selbst finanzieren müssen (Studiengebühren, private Rentenvorsorge), sondern garantiert auch für Normalarbeitsbiografien – gerade in den unteren Einkommensgruppen – keine Sicherung des materiellen Lebensstandards im Alter mehr.197 Dieser Zwang zur individuellen Vorsorge erhöht ohne Zweifel die Gestaltungsanteile des Einzelnen, der nun seine Existenzsicherung über den Lebenslauf hinweg „zusammenbasteln“ muss. Eine größere Autonomie oder „Freiheit“ geht damit jedoch nicht einher. Untersuchungen des WSI (Schäfer 2003) belegen, dass ein Niedriglohnsektor in Deutschland bereits längst besteht: Ein Drittel der Vollzeitbeschäftigten erreicht bereits lediglich 50% des Durchschnittsverdienst dieser Gruppe. Aufgrund sinkender Realeinkommen sind somit vermehrt Beschäftigte auf Nebenverdienste angewiesen. Zudem zieht die Arbeitsmarktkrise inzwischen breitere Kreise und führt auch bei denjenigen Beschäftigten zu Zukunftssorgen, die in bislang als ‚sicher’ geltenden Positionen und Berufszweigen tätig sind. Ähnliche Begrenzungen zeigen sich auf der normativen Ebene: Die soziale Toleranz für jedwede Orientierung, Lebensform und Lebensgestaltung in Alltag und Lebenslauf ist gestiegen, doch bleiben die sozialen Sicherungssysteme weitestgehend der Logik von Normalbiografien treu. Zwar stehen verschiedene Optionen der Lebenslaufgestaltung zur Auswahl oder können neu ‚erfunden’ werden, aber resultieren nach wie vor – wie auch in Zeiten der „Institutionalisierung des Lebenslaufs“ – in einer mangelnden materiellen Sicherung. Es handelt sich daher nicht um „Wahlfreiheiten“, sondern um Alternativen, die mit z.T. gravierenden Einschnitten in die Existenzsicherung verbunden sind. Die soziologische Analyse individueller Gestaltungsoptionen ist insofern nicht nur auf die konkrete Erweiterung von Handlungsspielraum hin zu prüfen, sondern auch hinsichtlich der Herkunft und Interessengeleitetheit dieser Rhetorik. Dass sich entgegen der Erosionsthese zwar die individuelle Absicherung, aber keineswegs die Prägekraft von Institutionen reduziert hat, zeigt der Blick auf Unterschiede in Lebensläufen von Frauen und Männern. Weibliche Lebensläufe sind trotz der seit den 1980er Jahren diskutierten „nachgeholten Modernisierung“ für Frauen (Beck 1986) nach wie vor durch eine oder mehrere Familienphasen und entsprechend häufigere Ein- und Ausstiege in das Erwerbsleben gekennzeichnet, während für Männer noch immer die Normalarbeitsbiografie gilt: Zwar nehmen Unterbrechungen in männlichen Lebensläufen zu, doch bleiben diese erwerbszentriert, da sie auf die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz oder eine Weiterqualifizierung ausgerichtet sind. Phasen der Integration in den familialen Arbeitsbereich lassen sich in männlichen Lebensläufen kaum ausmachen.198 Indem Arbeitsmarkt sowie Steuer- und Sozialversicherungssysteme für Männer und Frauen also je 197 Die Abhängigkeit von verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Netzwerken lässt sich vor allem für den Arbeitsalltag berufstätiger Eltern nachweisen: Aufgrund mangelnder öffentlicher Angebote müssen vor allem Eltern mit geringen materiellen Ressourcen auf die Aktivierung solcher Netze zurückgreifen (Jürgens 2003b). Es kann vermutet werden, dass viele junge Familien (aufgrund von Trennung oder Arbeitslosigkeit) kontinuierlich auf den Transfer von Geld und Betreuungszeit von der Großelterngeneration angewiesen sind. 198 Der Anteil von Männern an der Elternzeit beträgt trotz verbesserter Regelungen lediglich knapp 5% (s.o.). Sabbaticals und Blockfreizeiten werden von Männern überwiegend zur individuellen Regeneration sowie zur Weiterbildung genutzt (Eberling u.a. 2004; Siemers 2004).
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unterschiedliche Lebensläufe institutionalisieren, stellen sie einen Rahmen für die Reproduktion eigener und neuer Arbeitskraft her, der den Geschlechtern je unterschiedliche Aufgaben zuweist und damit auch geschlechtsspezifische Lebensläufe herstellt. Auf diese Geschlechtsspezifik von Lebensläufen weist Levy bereits in den 1970er Jahren hin. Er analysiert die Besonderheit der „weiblichen Normalbiographie“, die – im Vergleich zu männlichen Lebensläufen – sowohl objektiv einen anderen Verlauf und andere Phasen hervorbringe als auch andere subjektive Deutungen. Dabei zeigt er, dass die durch Familienphasen gekennzeichneten Lebensläufe von Frauen Voraussetzung der männlichen Normalbiografie sind: Sie lassen sich nur dadurch einseitig über Jahrzehnte auf Erwerbsarbeit ausrichten, dass Frauen ihrerseits für die familialen Aufgaben aus dem Erwerbsleben aussteigen. Familie stellt für ihn daher für Männer einen Ermöglichungs-, für Frauen einen Behinderungsfaktor dar.199 An eine für Geschlechterhierarchien sensible Perspektive auf Lebensläufe schließen u.a. die Forschungsarbeiten von Krüger u.a. (1993, 1995; Krüger/Born 1993; Born/Krüger/ Lorenz-Meyer 1996) an.200 Sie berücksichtigt nicht nur die Wechselwirkungen zwischen den Lebens- und Arbeitsbereichen in Lebensläufen, sondern hinterfragt diese Differenzen zudem hinsichtlich ihrer sozialstrukturellen Implikationen, wenn sie die Einbindung in die Sphären als Faktor von Ungleichheit ausweist. Die empirischen Arbeiten der Gruppe belegen, dass für die Lebensläufe von Frauen gerade Unterbrechungen von Erwerbsphasen – und damit folglich auch (ökonomische) Unsicherheiten – die Normalbiografie auszeichnen. Krüger bemängelt, dass Kohlis These der „Institutionalisierung“ diese Unterschiede zwischen Lebensläufen ausblende. Indem seinem Theorem ein bestimmter, d.h. der männliche Lebenslauf, zugrunde liege, reproduziere es das männliche Muster als Norm und lasse Homogenität assoziieren, wo Heterogenität bestehe (Krüger/Levy 2000: 394). Eine Unterteilung des Lebenslaufs jenseits von Geschlechterunterschieden sei daher reduktionistisch. Zwar würden sowohl Kohli als auch Mayer/Müller auf die besonderen Lebensläufe von Frauen eingehen, doch bliebe dies für die konzeptionelle Reflexion von Lebenslauf folgenlos.201 Krüger/Levy (2000) fordern demgegenüber eine stärkere Berücksichtigung von Familie und Geschlecht als die Lebensläufe strukturierende Größen ein. Familie erweise sich dann nicht lediglich als Strukturgeber nur für den weiblichen Lebenslauf, sondern auch für den männlichen: Während die Lebensläufe von Frauen durch ihre Einbindung in Familie zu Erwerbsunterbrechungen führen, garantiere die Einbindung der Männer in Familie gerade 199 In der Forschung wird ein Wandel von Phasen im weiblichen Erwerbsverlauf festgestellt: Ausgehend von den Studien von Myrdal/Klein zum Drei-Phasen-Modell (1. Ausbildung/Berufseinstieg, 2. Längere Elternpause, 3. (eingeschränkte) Erwerbstätigkeit), haben z.B. Kirner/Schulz (1992) zeigen können, dass sich dieses Modell in Deutschland nicht nur als familienpolitisches Leitbild, sondern auch in den Lebensläufen von Frauen verbreitet hat. Es verfestigt die traditionelle Arbeitsteilung, indem Frauen nach längeren Familienphasen schlechte Chancen haben, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In den letzten Jahren zeichnet sich eine deutliche Verkürzung von Familienphasen ab: Frauen steigen schneller nach der Geburt ihres Kindes wieder ins Erwerbsleben ein. Inwiefern dies den Wünschen der Frauen entspricht oder eine Reaktion auf die Ausgrenzungsmechanismen von Arbeitsmarkt und Organisation darstellt, ist bislang noch nicht untersucht worden. 200 Zahlreiche Publikationen zum Thema Lebenslauf sind im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs an der Universität Bremen entstanden. Krüger und Kolleginnen haben in diesem Kontext Erwerbsverläufe von Paaren verglichen, um der Wirkung von Geschlecht im Lebenslauf auf die Spur zu kommen. Ich zitiere im Folgenden Krüger stellvertretend für die in den variierenden Projektkonstellationen gewonnenen Ergebnisse. 201 Die Kritik von Krüger/Levy (2000) ist zutreffend, unterstellt jedoch Kohli eine zu einseitige Betrachtung. Seine These ist explizit idealtypisch formuliert und kann insofern auch Abweichungen sichtbar machen, die sich entsprechend als Ursache und Resultat sozialer Ungleichheit problematisieren lassen.
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die Aufrechterhaltung von Erwerbstätigkeit, da die geschlechtliche Arbeitsteilung sie entlastet. Krügers Perspektive stellt eine Erweiterung der Lebenslaufforschung dar, indem sie auf die Verknüpfungsprinzipien von Institutionen und das in ihnen verfestigte Geschlechterverhältnis hinweist. Sie zeigt, dass die Strukturierung von Lebensläufen durch Institutionen des Sozialstaates und Erwerbssphäre nicht nur geschlechtliche Arbeitsteilung voraussetzt, sondern dass diese Institutionen auch darauf hinwirken, dass es zu einer „geschlechtsspezifisch standardisierter Gestalt“ des Lebenslaufs kommt (1995: 204). Das „gendering“ findet nicht nur in Interaktionen und in ihnen reproduzierten Normen statt, sondern auch über Ordnungsprinzipien von Organisationen (s. auch Wilz 2000), in denen Geschlecht als Struktur- und Prozessprinzip wirksam wird. Krüger/Levy (2000) gehen damit über die Perspektiven der Forschung zu familialer Arbeitsteilung hinaus: Die Institutionen produzieren – so ihre These – nicht nur einen männlichen/weiblichen Lebenslauf, sondern sie verknüpfen beide Lebensläufe, indem sie für den Fall der Familiengründung den Lebenslauf als Paarbeziehung zugrunde legen (s. bereits Krüger 1995: 209). Die Lebenslaufforschung lasse diese Verknüpfungen zwischen je einzelnen Lebensläufen jedoch unterbelichtet: Geschlecht werde nur für weiblichen, nicht aber für den männlichen Lebenslauf berücksichtigt. Krüger/Levy setzen dieser Reduzierung das in der Geschlechterforschung verbreitete Konzept von „Geschlecht als Masterstatus“ entgegen, das sie als ein „soziale Positionen und Interaktionen überlagerndes Prinzip“ (384) ausweisen.202 Die Institutionen halten insofern für Geschlechter je Unterschiedliches bereit, d.h. sie sehen für Männer und Frauen unterschiedliche Lebensläufe vor, auch wenn diese keine Familie gründen. Krüger/Levy können damit die Begrenzungen der individuellen Gestaltung des Lebenslaufs sichtbar machen: Geschlechterdifferenzen sind institutionell verfestigt und treten den Individuen daher nicht nur als Struktur gegenüber, sondern sind bereits in den Orientierungen und Deutungen des eigenen Lebenslaufs enthalten. Diese Richtung der Lebenslaufforschung schließt somit unmittelbar an gesellschaftskritische Traditionslinien in der Arbeitsforschung an, die die Wechselwirkung von Einstellungen und Lebensbedingungen akzentuieren (Herkommer 1972; Knapp 1981; s. 2.1.2). Die AutorInnen negieren damit nicht Prozesse des „doing gender“ (West/Zimmerman 1987), favorisieren jedoch eine Perspektive, die die „Vermittlungsprozesse zwischen Sozialstruktur, Kultur und Handeln“ berücksichtigt. Sie zeigen insofern – im Unterschied zu individualisierungstheoretischen Konzepten –, dass trotz des Wandels von Institutionen diese nach wie vor den Lebenslauf strukturieren und gerade die „Verknüpfungslogiken zwischen den einzelnen Elementen“ (Krüger 2001: 80f.) soziale Ungleichheit hervorbringen.203 Thesen einer stattfindenden „nachgeholten Modernisierung“ für weibliche Lebensläufe bleiben vor diesem Hintergrund mit Skepsis zu betrachten. Nicht nur die Männer erweisen 202 Das Konzept des Masterstatus greift wie „Geschlecht als Strukturkategorie“ auf die strukturierende Wirkung von Geschlecht in allen Lebensbereichen hin, ist jedoch detaillierter für Organisationen ausformuliert. Krüger/Levy zeigen, wie auch durch die Ausbildungssysteme und die Gestaltung von Ausbildungsberufen und zeiten Unterschiede zwischen überwiegend von Männern und Frauen gewählten Berufen etabliert werden. 203 In weiblichen Lebensläufen zeigt sich insofern, dass die Wechselwirkungen der Zugriffsweisen von Institutionen auf den Lebenslauf Ungleichheiten hervorbringt. Krüger sieht daher Vernetzungen zwischen den Institutionen und verweist damit auf die anhaltende Relevanz struktureller Faktoren. Sie bevorzugt daher den Institutionenansatz als Perspektive, mit der sich interpersonale Beziehungen, kulturelle Ordnungen und Sozialstruktur der Gesellschaft als dynamischer Prozess begreifen lassen.
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sich für Krüger daher mit ihrer Abstinenz in der Familienarbeit als „Verhinderer“, sondern maßgeblich die den Lebenslauf strukturierenden Institutionen, die weiterhin auf die Standardisierung von Lebensläufen zielen, jedoch in besonderem Maße ihre an Frauen und Familie gerichteten Erwartungen fortschreiben.204 Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem für die Familienforschung die Konzeption von Familie als eine ebenfalls den Lebenslauf strukturierende Institution: Ebenso wie das Bildungssystem, der Arbeitsmarkt oder das Rentensystem gibt auch die Verfasstheit von Familie (als Lebensform, Arbeitsteilungsmuster, als Angebot von Kinderbetreuung usw.) Vorgaben für die Gestaltung der Lebensläufe. Die hier nur skizzierte Perspektive der Lebenslaufforschung zeichnet aus, dass sie Erwerbsarbeit als zentrales Strukturierungsmoment in die Analyse einbezieht. Während sich Mayer/Müller dabei vor allem auf die Sozialsysteme konzentrieren, legt Kohli den Wandel von Erwerbsarbeit zugrunde und berücksichtigt die Einflussnahme der Wirtschaft auf die sozialpolitische Regulierung und damit auch die Lebensläufe. Der ‚geschlechtssensiblen’ Lebenslaufforschung gelingt es zudem, nicht nur Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen in die Analyse einzubeziehen, sondern auch die Verbindungslinien zwischen strukturellen Bedingungen und Steuerung einerseits und individuellem Handeln und Orientierungen andererseits aufzudecken. Sie erweist sich damit als eine grundsätzlich auf die Verknüpfung makro- und mikrosoziologischer Analysen ausgerichtete Forschung, indem sie die Subjektkonstitution im gesellschaftlichen Strukturzusammenhang verortet. Die Ansätze zeigen, dass die Perspektive auf die Diachronie des Lebenslaufs systematischer die sozialstrukturellen Implikationen von Lebensführung verfolgen kann, als dies (bislang) in einer Perspektive auf (nur) die alltägliche Lebensführung gelingt (s. 3.2.1). Individualisierungsprozesse haben zwar die Vorgaben für die Gestaltung von Alltag und Lebenslauf gelockert, doch ist der Rahmen von Handlungsalternativen eng abgesteckt und lässt sich in den Lebensverläufen nachzeichnen. Die Strukturierungskraft von Institutionen erweist sich als nach wie vor immens, auch wenn gleichzeitig verstärkt individuelle Gestaltungsleistungen eingefordert werden. Eine Verbindung von Alltags- und Lebenslaufperspektive scheint daher nötig, um herauszufinden, woher bestimmte Formen der Lebensführung kommen und welche sozialen Ungleichheiten damit in Gegenwart und Zukunft der Individuen verbunden sind. Indem dadurch die veränderten Bedingungen von Lebensführung und strukturelle Eingriffe in den Lebenslauf berücksichtigt würden, ließe sich zeigen, inwiefern Prozesse der Flexibilisierung und Deregulierung im Erwerbsleben zu einer Verkürzung individueller Planungshorizonte führen und damit auch das alltägliche Handeln beeinflussen. Hier wiederum erweist sich das Konzept „alltägliche Lebensführung“ als hilfreich, um die verschiedenen Dimensionen alltäglichen Handelns aufzufächern und in ihrem Zusammenspiel zu untersuchen.
204 Die Skepsis von Krüger/Levy (2000) besteht auch hinsichtlich der Lebensplanung von Frauen: Geissler/Oechsle (1996) würden von der Berufswahl von Frauen auf deren Orientierung schließen und damit die „subjektive Harmonisierung dessen, was sich als Ergebnis geschlechterzuschreibender Gelegenheitsstrukturierung“ erweise (2000: 392), vernachlässigen. Geissler/Oechsle weisen zwar auf eine „biografische Selbststeuerung“ als „komplexe Handlungskompetenz des Individuums“ und eine „Modernisierung der Lebensplanung“ hin, berücksichtigen aber durchaus, dass die Antizipation von Problemen, die Interpretation des bestehenden Geschlechterverhältnisses und die Bedingungen von Familienleben die Lebensplanung beeinflussen. Kritisch anzumerken bleibt, dass sich auch aus veränderten Orientierungen kein Wandel des Geschlechterverhältnisses ableiten lässt.
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Eine solche Verbindung von Alltags- und Lebenslaufperspektive ist für die Arbeitsforschung weiterführend: Durch die Erosion von Vorgaben für Alltagsleben und Lebenslauf erhöhen sich zwar die individuellen Gestaltungsoptionen, können aber als subjektive Erfahrung von Unsicherheit nicht nur Autonomie auch einschränken, sondern auch die Identität berühren. Die Entwicklung einer Zukunftsperspektive gilt in der Soziologie als Voraussetzung für die Herausbildung einer stabilen Ich-Identität und die Fähigkeit, soziale Bindungen einzugehen. Erscheint die eigene Zukunft hingegen nicht nur ‚offen’, sondern als (materiell oder sozial) gefährdet, beeinflusst dies – wie empirische Studien zeigen – sowohl die Lebenszufriedenheit als auch die Gesundheit negativ (s. auch Garhammer 2005; Oppolzer 2005).205 Ob sich als Folge mangelnder Sicherheiten des Lebenslaufs ein „neuer Sozialcharakter“ (Mayer) herausbildet, ist bislang nicht näher untersucht worden. Ähnliche Fragen stellen sich jedoch auch in der aktuellen Arbeitsforschung, wenn über den „Arbeitskraftunternehmer“ und die Folgen der „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ von Arbeit für die Subjektkonstitution reflektiert wird. Lebenslaufforschung und Arbeitssoziologie greifen insofern ineinander, dass sie auf den Einfluss objektiver auf subjektive Unsicherheit fokussieren.206 Als Desiderat bleibt dabei die Frage der Reichweite und sozialen Relevanz subjektiver Unsicherheit auszuweisen: Ob und wie eine fehlende Absicherung des Lebenslaufs das Handeln beeinflusst und die Identität destabilisiert oder als Abwechslung und Veränderung sozialer Konstellationen auch entlastend wirken kann, ist bislang nicht systematisch untersucht worden. Hier wäre zu prüfen, ‚wie viel’ Ungewissheit unter welchen Bedingungen zu welchen subjektiven Belastungen führt und ob damit ggf. auch positive Effekte verbunden sein können (s. 4.). 207 Die Typenbildung im Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ lässt hier vermuten, dass je nach Handlungstypus andere Möglichkeiten der Verarbeitung zur Verfügung stehen: Während im Typus der „situativen Lebensführung“ das Handeln kompatibel mit einem spontanen Wandel von Anforderungskonstellationen ist, erweisen sich andere Handlungsmuster als Begrenzung einer solchen Anpassung. Damit könnten sich neue Polarisierungen nicht nur zwischen Geschlechtern sowie zwischen Eltern und kinderlosen Beschäftigten sowie Beschäftigten mit und ohne Einbindung in private Sorgearbeit reproduzieren, sondern auch neue, handlungslogische Ungleichheiten, die an die Sozialstruktur anschließen und diese neu konturieren. Die „Institutionalisierung des Lebenslaufs“ erweist sich vor diesem Hintergrund nachträglich als doppelt funktional: Sie bot für Sozialstaat und Erwerbssphäre eine stabile Planungsgrundlage und erlaubte die Steuerung des Erwerbspersonenpotenzials; für die Subjek205 Inzwischen liegen repräsentative Daten und qualitative Untersuchungsergebnisse vor, die Hinweise darauf geben, dass die Sorge um den Arbeitsplatz sowohl die Gesundheit als auch die Lebenszufriedenheit von Beschäftigten beeinträchtigt (s. zum europäischen Vergleich auf der Grundlage der Daten der European Foundation auch die Übersicht bei Garhammer 2005). Ein Wirkungszusammenhang ist somit nachweisbar, auch wenn er für den einzelnen Betroffenen nicht zwangsläufig eintreten muss. 206 In einer Umfrage des Forsa-Instituts (2005) gaben 28% der Befragten an, dass sie Angst vor einem Abrutschen in die Armut haben. Die Studie ist nicht (nur) hinsichtlich ihrer Validität diskussionsbedürftig, sondern auch aufgrund des ‚Auftraggebers’ („Stern“), der durch seine Berichterstattung die Verbreitung solcher Ängste auch schürt. 207 Einige Unternehmen experimentieren zur Zeit mit Modellen eines regelmäßigen Wechsels von Arbeitsplätzen: Beschäftigte werden demnach wiederholt in andere inhaltliche und soziale Anforderungskonstellationen versetzt. Die Unternehmen etablieren insofern zwar eine Struktur der Unsicherheit, jedoch im Rahmen eines grundsätzlich unbefristeten Beschäftigungsverhältnisses. Motivation und Engagement sollen gesteigert, belastende Routinen und Monotonie reduziert werden.
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te war sie identitätsstiftend und Rahmen individueller Gestaltungsoptionen.208 Sofern man der These der De-Institutionalisierung folgen mag, wären somit nun nicht nur dem Einzelnen, sondern auch Institutionen und Organisationen bisherige Verlässlichkeiten entzogen. Inwiefern sich dies als volkswirtschaftlich nachteilig herauskristallisieren kann, deutet sich bereits in der Debatte zu Geburtenrückgang und Fachkräftemangel an: Mangelnde Sicherheiten in der Lebenslaufperspektive setzen nicht nur Arbeitskräfte unter Druck, sich leistungsorientiert(er) zu zeigen, sondern sie führen auch zur Hemmung von Aktivitäten wie z.B. beim Weg in die Selbständigkeit, bei Arbeitsplatz- oder Berufswechsel oder auch bei der Entscheidung zur Elternschaft. Verlieren die das Individuum entlastenden Strukturen an Verlässlichkeit, stellt sich die Frage, ob und wie solche – zu „Entgrenzungsprozessen“ gezählten – ‚Zumutungen’ durch eigenständige und eigenwillige Grenzziehungen kompensiert werden können und müssen. Geissler/Oechsle (1996) stoßen in ihrer Studie zur Lebensplanung von Frauen auf einen Typus der „Verweigerung von Lebensplanung“. Dieser zeichnet sich jedoch nicht als Typus einer individuellen Restrukturierung von Alltag und Lebenslauf aus, sondern erweist sich als Resultat brüchiger Erwerbsverläufe und gescheiterter Versuche, sich ins Erwerbsleben zu integrieren. Die „Verweigerung“ besteht insofern eher im Fehlen einer Lebensplanung angesichts der Erfolglosigkeit bisheriger Planungsversuche und der Schwierigkeit, Übergangsphasen abzuschließen. Wie auch die „situative Lebensführung“ ist dieser Typus eher als Anpassung an unkalkulierbare Verhältnisse denn als eigensinnige Strukturierungsform von Alltag und Lebenslauf zu interpretieren. Die Perspektive auf den Lebenslauf liefert damit wichtige Hinweise für die aktuelle Arbeitsforschung:
Die Ansätze unterstreichen – auf der Basis empirischer Längsschnittdaten – eine anhaltend strukturierende Wirkung gesellschaftlicher Institutionen auf die Lebensläufe. Sie räumen die Erhöhung individueller Gestaltungsanteile ein, verweisen jedoch auf anhaltende Sanktionierungen der von der Normalbiografie ‚abweichenden’ Lebensläufe. Grad und Kontinuität der Einbindung in die Sphären sind unmittelbar sozialstrukturell wirksam und führen – unter den gegenwärtigen Arbeitsteilungsmustern auf familialer und gesellschaftlicher Ebene – zu für Männer und Frauen je unterschiedlichen Normalbiografien. Daran lassen sich nicht nur Wirkungszusammenhänge zwischen den Logiken und Zugriffsweisen dieser Institutionen ablesen, sondern auch die in sie eingeschriebenen Mechanismen der Herstellung sozialer Ungleichheit. Die Institutionen tragen, indem sie Handeln, Orientierungen und Deutungen der Subjekte prägen, zur kontinuierlichen Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Vermittlungs- und Verweisungszusammenhängen bei. Für die Arbeitsforschung ergibt sich hieraus eine Bestätigung bisheriger Grundannahmen: Über die Teilhabe an Erwerbsarbeit werden nach wie vor soziale Ungleichheiten hergestellt, die sich in einer ungleichen materiellen Absicherung von Lebensläufen manifestieren. Die These der „Feminisierung von Erwerbsarbeit“ (s. 3.1.1) wird in negativer Hinsicht durch Ergebnisse der Arbeitsmarktforschung bereits bestätigt: Hier zeigen die Untersuchungen zu
208 Die Institutionalisierung von Lebensläufen hat – auch durch das Ineinandergreifen von (Aus)-Bildungs- und Erwerbssystem – nicht nur die Produktivität der deutschen Wirtschaft unterstützt, sondern auch über die Stabilisierung der Verläufe zu verlässlichem Nachfrage- und Konsumverhalten beigetragen und damit die Binnenkonjunktur gestärkt. In Debatten zur Bewältigung der Arbeitsmarktkrise werden solche negativen Folgen deregulierter Arbeitsverhältnisse (wie z.B. durch die Einschränkung des Kündigungsschutzes) häufig vernachlässigt.
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Erwerbsverläufen, dass neben den Gruppen der kontinuierlich Erwerbstätigen einerseits und den dauerhaft Arbeitslosen andererseits, eine wachsende Gruppe nur über einen „sekundären Integrationsmodus“ Zugang zum Arbeitsmarkt findet (Alda u.a. 2004).209 Gleichzeitig zeichnen sich labilere Berufseinstiege bei jüngeren Kohorten ab (Konietzka 1999: 187ff.). Längsschnittdaten weisen hingegen auf stabile Erwerbsverläufe und eine hohe Betriebsbindung hin. Im Vergleich der Geburtskohorten 1940, 1955 und 1964 bleibt zwischenbetriebliche Mobilität auf niedrigem Niveau stabil; Unterschiede bestehen lediglich hinsichtlich der Betroffenheit von Arbeitslosigkeit hin, die in der jüngeren Kohorte zu geringerer Betriebsbindung führt (Grunow/Kurz/Hillmert 2005). Auch Konietzka verweist auf eine Diskrepanz zwischen Debatten, die eine Erosion bisheriger Verlaufsmuster nahe legen, und empirischen Ergebnissen; er resümiert auf der Basis seiner Untersuchung einen eher „partiellen und verhaltenen“ Wandel (1999: 334) sowie anhaltende Stabilitäten von Erwerbsverläufen.210 Thesen zur „Entgrenzung“ von Arbeit müssen daher regionale Unterschiede und Geschlechterdifferenzen berücksichtigen, um zu präzisieren, für wen Erosionsthesen gelten bzw. für wen bisherige Normalarbeits-Standards erhalten bleiben. Eine Erosion kontinuierlicher Erwerbsbiografien muss nicht zwangsläufig auf eine Prekarisierung männlicher Normalbiografien hinweisen, sondern ist maßgeblich der Zunahme der Erwerbsquote von Frauen geschuldet: Fließen ihre – aufgrund einer anhaltend ungleichen Verteilung privater Sorgearbeit – ‚brüchigen’ Erwerbsverläufe in die Statistik ein, wird das Gesamtbild den Eindruck einer Zunahme von Unterbrechungen wecken (s. zu methodischen Problemen der Erfassung Alda u.a. 2004: 76). Das besondere Verhältnis der den Alltag und Lebenslauf strukturierenden Institutionen gerät dabei jedoch ebenso aus dem Blick wie die anhaltenden sozialstrukturellen Implikationen von Erwerbsarbeit.211 Für die Arbeitsforschung gilt es daher, Geschlechterverhältnis und die Verfasstheit von Familie als Strukturierungsagenten von Lebensläufen zu berücksichtigen, da sie die 209 Für männliche Beschäftigte in Westdeutschland dominiert nach wie vor der „primäre Integrationsmodus“ (Alda u.a. 2004), der eine kontinuierliche Einbindung in den Arbeitsmarkt vorsieht. Daneben habe sich jedoch – vor allem in Ostdeutschland – ein „sekundärer Integrationsmodus“ etabliert, in dem wiederholt „Lücken“ zwischen Beschäftigungsverhältnissen auftreten, die z.T. gezielt durch die Institutionen und Instrumente von Arbeitsmarktpolitik hergestellt bzw. überbrückt werden. Die Beschäftigten wechseln hier zwischen kurzfristiger Anstellung, Leistungsbezug und Maßnahmen der Arbeitsagenturen. Während in Westdeutschland rund 85% der Erwerbspersonen nach wie vor „primär integriert“ sind, gilt dies in Ostdeutschland nur für 70% (abhängig von Indikatoren auf der Basis einer Stichprobe, ebd. 78). Die Erwerbsverläufe von Frauen erweisen sich dabei im Vergleich zu denen der Männer als instabiler; hier liegen die Ursachen weder in einem freiwilligen Beschäftigungsverzicht noch in familienbedingten Erwerbspausen, sondern in der (schlechteren) Arbeitsmarktsituation der Frauen begründet (ebd. 82). 210 Auch die Ergebnisse von Mutz u.a. (1995) verweisen auf „Diskontinuitäten“ im Erwerbsverlauf, treffen jedoch nur für bestimmte Gruppen zu: Wer einmal von Arbeitslosigkeit betroffen war, ist – da in der Folge meist nur befristete Einstellungen stattfinden – eher gefährdet, erneut den Arbeitsplatz zu verlieren. 211 Ähnlich wie die These der „Pluralisierung der Lebensformen“ kann sich auch die Debatte zur Erosion der Normal(erwerbs)biografie nur auf einen kurzschnittigen historischen Vergleich einlassen, der die prekären Beschäftigungsbedingungen vor und während des Krieges außer Acht lässt und statt dessen die Wirtschaftswunder-Jahre zugrunde legt (vgl. Mayer 2000: 389). Interpretationsprobleme treten wiederholt auch bei der Analyse der Arbeitszeitdaten auf: Daten beziehen sich häufig auf die Gesamtheit der Erwerbsbevölkerung und legen die These nahe, die Arbeitszeit in Deutschland sei deutlich niedriger als in anderen Staaten der EU. Bereinigt man diese Statistik jedoch um die für Deutschland kennzeichnende hohe Quote teilzeitbeschäftigter Frauen und engt den Kreis auf Vollzeitbeschäftigte ein, steigt die durchschnittliche Stundenzahl an. Nicht nur die Mär von Deutschland als „Freizeitweltmeister“ kann so entkräftet, sondern auch die in unserer Gesellschaft geltende Arbeitsteilung sichtbar werden.
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Beschäftigten in unterschiedlicher Weise betreffen. Sie wirken – wie u.a. die Forschung von Krüger/Levy zeigt – für die Lebensläufe von Frauen als Begrenzung der Erwerbsintegration, für die Lebensläufe von Männern jedoch nach wie vor als Ermöglichung von Erwerbsarbeit. Die gegenwärtige Verteilung familialer Arbeit ist insofern gleichzeitig Ursache und Folge kontinuierlicher männlicher Erwerbsverläufe. Diese verändern sich zwar durch die Verlängerung von Ausbildungszeiten und die gestiegene Lebenserwartung, sie folgen jedoch nach wie vor der Logik getrennter Sphären und hierarchischer Arbeitsteilungsmuster. In der Betrachtung des Verhältnisses der einzelnen Institutionen tritt eine herausgehobene Bedeutung der Erwerbssphäre zu Tage: Bildungs- und Rentensystem sind eigenlogisch konzipiert, aber auf die kontinuierliche Nutzung eines Teils der Erwerbsbevölkerung sowie ökonomische Verwertungsinteressen ausgerichtet: Die Etablierung einer „vorbereitenden“ Phase zielt nur bedingt auf die Vermittlung von allgemeinen Kompetenzen der Lebensführung (gesunde Ernährung, Vorbereitung auf Kindererziehung, Möglichkeiten des Erwerbs und der Gestaltung von Wohneigentum usw.), sondern auf die Spezialisierung für ein berufliches Einsatzfeld.212 Die „nachgeordnete“ Phase garantiert zwar ein ‚Ende’ des Arbeitseinsatzes, jedoch existieren keine gesellschaftspolitischen Maßstäbe, die einen bestimmten (gesundheitlichen und psychischen) Zustand der RentnerInnen festlegen. Lebensläufe gruppieren sich um Erwerbsarbeit herum und sind auf diese zugeschnitten. In der Analyse von Lebensläufen wird insofern sichtbar, dass die Sphären nicht indifferent zueinander, sondern – trotz gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse – hegemonial aufeinander bezogen sind. Für die Arbeitsforschung gilt es daher zu prüfen, wie unter diesen Voraussetzungen zukünftig die Reproduktion von Arbeitskraft gewährleistet werden kann. Diese Frage erschöpft sich nicht in der Problematik von Erwerbstätigkeit und Elternschaft oder Leistungsintensivierung und individuelle Regeneration, sondern reicht bis in Aspekte von Qualifizierung und betrieblichem Wissensmanagement: Unternehmen favorisieren offenkundig die Rekrutierung junger AbsolventInnen gegenüber der systematischen Konzeption erwerbslebenslanger Qualifizierung für alle Beschäftigten, stoßen dabei jedoch langfristig an Grenzen, wenn Neueinstellungen mangels Angebot oder Personaletat nicht möglich sind. Qualifizierung statt nur vor auch während der Erwerbsphase zu etablieren und vorübergehende Ausstiege für private Sorgearbeit oder Erholung zu ermöglichen, sind daher als mögliche Instrumente im Gespräch, um erhöhte Belastungen durch Flexibilisierung, Leistungsintensivierung und Erwerbstätigkeit beider Geschlechter zu kompensieren bzw. abzufedern (s. die Beiträge in Bsirske u.a. 2005). Die Einführung derartiger Modelle würde möglicherweise die bisherigen Sequenzen, Phasen und Segmentierungen des Lebenslaufs poröser werden lassen. Dass sich dadurch jedoch die
212 Der Schulunterricht ist thematisch breit angelegt und folgt noch immer einem humanistischen Bildungsanspruch. Die konkrete Umgestaltung von schulischer Praxis weist jedoch auf eine drastische Einschränkung dieser Ideale aufgrund der Verkürzung der Schulphase und der Priorität ‚harter’ Fächer (Naturwissenschaften und Sprachen) hin. Während BefürworterInnen eine Angleichung an andere europäische Staaten sowie den schnelleren Berufseintritt bzw. Ausbildungsfortgang als Vorteile hervorheben, geben KritikerInnen zu bedenken, dass eine Leistungsverdichtung abzusehen sei, die kaum Zeit für außerschulische Aktivitäten und nicht ‚verwertungsorientierte’ Arbeitsgruppen lasse und sich die z.T. geringe Ernährungsqualität in Schulkantinen und mangelnde Bewegung aufgrund längerer Unterrichtszeiten auch gesundheitlich negativ auswirken könnten (s. die Auseinandersetzung um ein Volksbegehren in Bayern; Süddeutsche Zeitung, 18./19.06.2005).
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Zugriffsweisen der Institutionen grundlegend verändern, muss bezweifelt werden: Die Eröffnung vorübergehender Ausstiege ist nicht nur Reaktion auf wirtschaftliche Interessen an der Nutzung von Arbeitskraft und Gewährleistung von Reproduktion, sondern wird zudem bisherige Polarisierungen fortschreiben: Da Frauen keine Zeitguthaben aufbauen können, weil sie entweder durch ihre alltägliche Sorgearbeit im Privaten begrenzt sind oder aber in Branchen und Positionen arbeiten, die nur bedingt Überstunden zulassen, bleiben ihnen solche Ausstiege verschlossen. Wie die Reproduktion von Arbeitskraft gewährleistet wird, wenn der Lebenslauf unüberschaubar wird, entwickelt sich vor diesem Hintergrund zu einer zentralen Frage: Werden nicht nur Arbeitsanforderungen unkalkulierbar, sondern auch Übergänge und Kontinuitäten im Beschäftigungsverhältnis porös, steht die Wiederherstellung eigener Arbeitskraft in Konkurrenz zu Strategien von Etablierung, Positionswahrung und beruflichem Aufstieg. Dies trifft nicht nur für karriereorientierte Beschäftigte und bestimmte Phasen des Berufslebens zu, sondern die Verteidigung des Erreichten erweist sich als dauerhafte Anforderung aller Beschäftigten. Während sich die Arbeitsforschung gegenwärtig vor allem den alltäglichen Folgen von Prozessen der Deregulierung und Flexibilisierung widmet und neuen Anforderungen an Beschäftigte nachspürt, ergeben sich durch die Lebenslaufforschung weitergehende Dimensionen: Die Ansätze zeigen, dass Normierungen und Standardisierungen von Lebensläufen die Individuen in vorgegebene Muster drängen und Abweichungen negativ sanktionieren. Sie verweisen jedoch gleichzeitig auf die Autonomiepotenziale und Absicherungen, die mit der Institutionalisierung des Lebenslaufs verbunden waren und sind. Der institutionalisierte Lebenslauf hat Planungssicherheiten und Langfristigkeit von Bindungen und Bedingungen zur Verfügung gestellt, indem er die materielle Existenzsicherung gewährleistet und eine Lebensperspektive geboten hat, in die sich außerberufliche Entscheidungen (zur Elternschaft, zum Hausbau usw.) integrieren ließen. Frauen haben von dieser Absicherung indirekt profitiert, indem die Einkommen als Familieneinkommen konzipiert waren und mit der Erwerbsarbeit des Mannes (zumindest für die Dauer der Paarbeziehung) die Zukunft als ökonomisch gesichert gelten konnte. Diese Verlässlichkeiten haben nicht nur durch die Deregulierung von Beschäftigungsverhältnissen und -bedingungen, die dauerhafte Krise am Arbeitsmarkt und sinkende Realeinkommen für bestimmte Beschäftigtengruppen an Überzeugungskraft verloren, sondern auch durch den Wandel von Werten und privaten Lebensformen. Selbst diejenigen, die bislang nicht von Jobverlust oder Trennung vom Partner betroffen waren, antizipieren solche Phänomene als für den eigenen Lebenslauf nicht auszuschließende Ereignisse. Die objektiven Unsicherheiten eines Teils der Bevölkerung wirken sich insofern auf die in einer Gesellschaft anzutreffenden Lebensentwürfe und Erwartungen insgesamt aus. Sie können der Arbeitsforschung daher auch in solchen Beschäftigtengruppen und Branchen begegnen, die sich als bislang krisenfest erwiesen, und sich dort negativ auf die Lebenszufriedenheit, die Gesundheit und die Arbeitsorientierungen von Beschäftigten auswirken. Die Reproduktion von Arbeitskraft reduziert sich insofern nicht auf den Erhalt von Arbeitskraft, sondern auf die Verarbeitung von Ungewissheit. Die Arbeitsforschung darf sich daher nicht auf die Untersuchung von Anforderungen beschränken, die sich durch den alltäglich erlebbaren Wandel der Arbeit ergeben, sondern muss die Definition von „Belastung“ ausweiten: Mit der zunehmenden Privatisierung der Absicherung von Lebenschancen und -risiken ad-
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dieren sich subjektive Unsicherheit von Lebensläufen und Perspektivlosigkeit zu den Belastungen, die im Zuge von Leistungsintensivierung und Arbeitszeitverlängerung bereits zugenommen haben. Während die (sozialpsychologische) Arbeitslosenforschung (fehlenden) Zeitperspektiven stets einen zentralen Stellenwert einräumte und auf den Zusammenhang von Zeitperspektive und Entwicklung von Identität verwies, beschränken sich Analysen betrieblicher Arbeitsorganisation häufig auf eine Bestandsaufnahme der bisherigen und aktuellen Arbeitssituation von Befragten. Eine stärkere Vernetzung der Arbeitsforschung mit der Lebenslauf- und Biografieforschung kann demgegenüber dazu verhelfen, subjektive und objektive Veränderungen genauer zu differenzieren und die Entstehung von Belastung durch eine fehlende Lebenslaufperspektive zu ergründen. Hierdurch ließe sich genauer identifizieren, ob die These der „Entgrenzung von Arbeit“ der realen Entwicklung von Erwerbsverläufen standhält, oder eher auf der Ebene veränderter subjektiver Deutungen anzusiedeln ist. Die Aufgabe der Arbeitsforschung bestünde somit darin, die Prozesse der Herstellung subjektiver Unsicherheit sowie die Akteure dieses Prozesses genauer in den Blick zu nehmen. Die Lebenslauf- und Biografieforschung kann insofern den aktuellen arbeitssoziologischen Debatten zu Deregulierung, Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit (s. 2.2) Hinweise entnehmen, um die Ursachen wachsender Unsicherheit zu ergründen. Der Wandel von Erwerbsarbeit bringt insofern zwar nicht zwangsläufig grundlegend andere Lebensläufe hervor, beeinflusst aber nachhaltig dessen subjektive Deutung. Repräsentative Längsschnittanalysen zum Lebenslauf werden daher nicht umhin kommen, diese qualitative Seite des Wandels von Arbeit und der den Lebenslauf strukturierenden Institutionen (und mit ihnen verbundene neue Unsicherheiten) in die Analyse einzubeziehen. Auch in Zeiten standardisierter Lebensläufe mussten – dies vernachlässigen individualisierungstheoretische Ansätze zuweilen – jegliche Abweichungen von der Normalbiografie individuell ‚bezahlt’ werden, wie es heute für die Folgen der Selbststeuerung des Lebenslaufs gilt.213 Der Unterschied besteht demnach nicht in der Verlagerung der Steuerung auf den Einzelnen, sondern der mangelnden Erfolgsaussichten dieses Regulierens durch den Einzelnen, der sich nun, auch aufgrund betrieblicher Deregulierung und geschwächter kollektiver Interessenvertretung, vergleichsweise unmittelbar den Marktprinzipien ausgesetzt sieht. Die Lebenslaufforschung ist insofern hilfreich und eine notwendige Ergänzung von Konzepten wie „alltägliche Lebensführung“ und „Arbeitskraftunternehmer“: Sie kann – sofern Untersuchungen auch qualitativ angelegt sind – nicht nur in der diachronen Perspektive nachvollziehen, welche Formen individueller Steuerung sich unter welchen Bedingungen als subjektiv und objektiv gelungen erweisen, sondern auch den Beitrag der Institutionen auf mögliche soziale Verwerfungen dieser Prozesse identifizieren. Inwiefern sich alltägliche und langfristige Belastungen von Erwerbstätigen gleichermaßen berücksichtigen lassen, soll im Folgenden anhand der aktuellen Debatten zu „WorkLife Balance“ skizziert werden. Es gilt zu prüfen, inwiefern die unter diesem Label firmierenden Ansätze den selbst formulierten Anspruch einlösen, über den traditionellen Verein213 War in Lebenslauf- und Arbeitsforschung in den 1980er Jahren noch die These der Abkehr von einer einseitigen Erwerbsorientierung verbreitet (s. zur Übersicht Osterland 1990), muss dies heute eher revidiert werden: „’Karriere machen’ und Familie (...) bilden zwei zentrale Leitvorstellungen“ bei der Mehrheit der Jugendlichen (Deutsche Shell Jugendstudie).
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz?
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barkeitsdiskurs hinauszugehen und auch Nicht-Erwerbsarbeit und individuelle Regeneration systematischer einzubeziehen.
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz? „Work-Life Balance“ ist ein Begriff, der aus US-amerikanischen Personalentwicklungskonzepten zum „Human Resource Management“ Eingang in die wissenschaftliche Debatte gefunden hat.214 Er ist in den USA inzwischen als Oberbegriff der Forschung zu Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen verbreitet und wird seit einigen Jahren auch in Deutschland parallel oder ergänzend zum Begriff „Vereinbarkeit“ verwendet. Wie in den Staaten wurde „Work-Life Balance“ hierzulande zunächst auf der betrieblichen Ebene thematisiert. Vor allem große Unternehmen initiierten Projekte, die über die klassische Vereinbarkeitsproblematik hinausgingen: Die Idee, die Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen mit eigenen Bedürfnissen in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen, galt und gilt Personalabteilungen als Prinzip, das die Leistungsfähigkeit und Kreativität von MitarbeiterInnen langfristig erhalten helfen kann. Vor allem für hochqualifizierte Beschäftigte versprach man sich durch solche Projekte eine Motivationssteigerung und für neu zu rekrutierendes Personal einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Arbeitgebern: Fitnessstudios im Betrieb, Supervisionsangebote oder Zeitmanagementseminare zählen ebenso zu Elementen solcher Programme wie die Vermittlung und Finanzierung von Serviceleistungen (Wäsche- und Einkaufsdienste, Tagesmütter usw.), die die Beschäftigten von alltäglichen Reproduktionsaufgaben entlasten sollen. Betriebswirtschaftliches Ziel dieser Programme ist es, die Personalkosten zu senken, indem Leistungsschwächen, Motivationsverlust oder Ausfallzeiten antizipativ begegnet wird. Nicht nur die konkreten Angebote sind hierfür entscheidend, sondern – wie die US-amerikanische Forschungsliteratur zeigt – auch die Etablierung einer veränderten Firmenkultur, in der private Belange nicht als ‚Störung’ der Leistungsfähigkeit interpretiert und ignoriert, sondern mit den betrieblichen Zielen harmonisiert werden (sollen). „Work-Life Balance“ firmiert daher in wissenschaftlichen und politischen Debatten inzwischen als Kürzel und gleichsam Versprechen, „win-winKonstellationen“ herzustellen, d.h. einen Ausgleich zwischen einer sozialverträglichen
214 Zu Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen s. für die USA grundlegend Kanter 1977. Für die aktuellere US-amerikanische Debatte vgl. exemplarisch Friedmann/Greenhaus 2000; Harvard Business School 2000; Guest 2002; Rapoport u.a. 2002; Kossek/Lambert 2004. In den USA erreichte die Debatte über den Zusammenhang von demografischer Entwicklung und „Vereinbarkeit“ bereits Anfang der 1990er Jahre ihren Höhepunkt und führte zu zahlreichen Forschungsarbeiten über die Erwerbsintegration von Frauen und damit verbundene Effekte für Geschlechterverhältnis und private Reproduktionsarbeit. Der empirische Gehalt der Forschungsarbeiten ist ausgesprochen heterogen: Während einige Autoren auf der Basis von Managerbefragungen bereits Führungsstile identifizieren, die privaten Belangen von Beschäftigten Rechnung tragen, und hiervon auf die betriebliche Praxis (kurz)schließen (s. kritisch Friedman/Christensen/ DeGroot 2000), zeigen Beschäftigtenbefragungen, dass der betriebliche Leistungsdruck hoch ist. Unternehmen stellen zwar Dienstleistungsangebote für private Arbeiten zur Verfügung, verlangen aber im Gegenzug eine umfassende Flexibilitätsbereitschaft für das Unternehmen (vgl. z.B. Hochschild 1997). Wie auch für die deutsche Debatte kennzeichnend besteht hier eine Kluft zwischen arbeits- und familienwissenschaftlichen Zugängen, die dazu führen, dass Veränderungen im je anderen Bereich nicht dezidierter für die Analyse berücksichtigt werden. Negative Freiräume erweiterter beruflicher Handlungsspielräume werden daher als vermeintlicher Autonomiegewinn ausgewiesen und nicht hinsichtlich möglicher neuer Problemlagen für den privaten Lebenskontext reflektiert.
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Arbeitsgestaltung einerseits und ökonomischen Interessen von Produktivitätssteigerung und Kostensenkung andererseits.215 Späte Einsichten: Vom Frauenthema zur Anforderung an alle Beschäftigten Während die ersten, vor allem von Großunternehmen eingeführten und medial vermarkteten Projekte zu „Work-Life Balance“ zunächst großes Aufsehen erregten, ist inzwischen der Glanz etwas verblasst.216 Ein Blick hinter die Kulissen von Unternehmen, die offensiv ihre Aufgeschlossenheit für das Thema betonen, zeigt schnell, dass eine Diskrepanz zwischen betrieblicher Zielsetzung und konkreter Umsetzung besteht: Die Programme sind zum einen überwiegend nur für hochqualifizierte Beschäftigte in Großunternehmen vorgesehen, zum anderen werden sie häufig lediglich für die Außendarstellung des Unternehmens und als Rekrutierungsanreiz eingesetzt, aber im betrieblichen Alltag nicht in Form konkreter Angebote institutionalisiert und ‚gelebt’.217 In zahlreichen Unternehmen existieren zwar Richtlinien, die den Beschäftigten mehr Möglichkeiten einräumen sollen, individuelle Bedürfnisse und außerbetriebliche Anforderungen mit den Erwartungen des Unternehmens zu vereinbaren, doch hat sich nur in wenigen Fällen eine Unternehmenskultur etabliert, die den bislang verbreiteten „Anwesenheitskult“ unterminiert (Faust/Jauch/Notz 2000; Eberling u.a. 2004; Böhm/Hermann/Trinczek 2004; Kleemann 2005). Zudem sehen betriebliche Arbeitszeitvereinbarungen durchgängig ein Primat der betrieblichen Belange vor, die in Zeiten von Personalmangel und hoher Nachfrage einem flexiblen Personaleinsatz Vorrang gegenüber individuellen Zeitbedürfnissen einräumen und in fast jeder Betriebsvereinbarung fixiert sind.218 Können hochqualifizierte Beschäftigte aufgrund ihrer besseren Verhandlungsposition im Unternehmen und der Art ihrer Tätigkeit ihre eigenen Flexibilitätsvorstellungen mitunter noch in Form von (alternierender Tele-)Heimarbeit umsetzen, bleiben für die breite Masse der Beschäftigten die Effekte gering. Es ist kein Zufall, dass sich fast alle der bislang diskutierten „Best practice“-Modelle auf solche Beschäftigtengruppen beziehen, die über Qualifikationen und Kompetenzen verfügen, auf die Betriebe ungern verzichten. 215 Die Programme sind zudem Ausdruck einer zunehmend auf Prävention setzenden Gesundheitspolitik, die auch die betriebliche Gesundheitsförderung erreicht hat und dort in der Berücksichtigung psychosozialer Ursachen von Fehlzeiten ihren Niederschlag findet. 216 Zum Thema „Work-Life Balance“ existieren inzwischen zahlreiche Initiativen, Netzwerke und Internetforen, die – teils von Betrieben, teils von Kommunen oder dem BMFSFJ unterstützt – auf die Information für interessierte Beschäftigte, einen Erfahrungsaustausch der Akteure sowie die weitere Verbreitung von Projekten zielen. 217 Diese und nachfolgende Einschätzungen basieren auf einer empirischen Studie, in der betriebliche „WorkLife Balance“-Programme ausgewertet und Experteninterviews sowie qualitative Interviews in fünf Unternehmen durchführt wurden, die sich im Hinblick auf ihre jeweilige Arbeitszeitkultur und die betrieblichen Arbeitsbeziehungen ausdifferenzieren. Die Fallbetriebe reichen vom industriellen Großunternehmen über Dienstleistung in Pflege und Finanzen bis hin zu Betrieben der Informations- und Kommunikationstechnologien. Im Sample finden sich Beschäftigte mit einfachen Qualifikationen ebenso wie ‚High Potentials’ (zu den Ergebnissen s. ausführlich Eberling u.a. 2004; Jürgens 2004). 218 Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) schließt (irrtümlich) direkt von der Verbreitung von Arbeitszeitkonten auf die Familienfreundlichkeit von Unternehmen und geht von der Berücksichtigung lebensweltlicher Belange bei der Nutzung dieser Konten aus (Flüter-Hoffmann/Solbrig 2003: 6ff.). Die qualitative Arbeitszeitforschung zeigt hingegen: Nicht im Arbeitszeitmodell an sich, sondern in den betrieblichen Bedingungen seiner Umsetzung findet man die entscheidenden Parameter zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die „betrieblichen Belange“ erweisen sich hier als Hindernis einer „Balance“ (zu den empirischen Indizien s. ausführlich Jürgens 2005a). „Politics of Time“ haben daher in Europa und den USA seit den 1990er Jahren an Aufmerksamkeit und Verbreitung gewonnen (vgl. Rapoport u.a. 2002).
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz?
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In gleichstellungspolitischer Hinsicht muss die Bewertung bislang negativ ausfallen: Die Initiativen zielen auf eine schnelle Wiederherstellung individueller Arbeitskraft und fokussieren oftmals auf Entlastungen der Beschäftigten nur innerhalb des betrieblichen Arbeitsprozesses. Anreize oder positive Signale für eine (vorübergehende) Schwerpunktverlagerung auf einen anderen Lebensbereich werden jedoch faktisch kaum gegeben. Auch in den Programmen richtet sich „Balance“ weniger auf eine Förderung von Sabbaticals, Teilzeitarbeit oder Job-Sharing, denn vorrangig auf die Gewährleistung eines kontinuierlichen und möglichst umfassenden Arbeitseinsatzes im Betrieb. Die Initiativen fallen damit zuweilen hinter die gleichstellungspolitischen, feministisch inspirierten Ansätze bisheriger „Vereinbarkeitsmodelle“ zurück, die explizit auf Verschiebungen im Verhältnis der Lebensbereiche ausgerichtet waren und auf einen Wandel im Geschlechterverhältnis rekurrierten wie z.B. durch den Abbau einer einseitigen Erwerbsorientierung von Männern. Erwies sich die Orientierung an Fragen von Geschlechtergerechtigkeit als Nachteil der „Vereinbarkeits“-Debatte, die sich abgedrängt auf politische ‚Spielwiesen’ wiederfand, erweisen sich zahlreiche „Balance“-Programme als geschlechtsneutral und negieren implizit die anhaltende Strukturierungskraft von Institutionen und Organisationen sowie die in ihnen geronnenen Geschlechterverhältnisse. Während sich die Thematisierung von „Vereinbarkeit“ maßgeblich auf die Wechselwirkungen zwischen Familie und Beruf konzentrierte, greifen Ansätze zur „Balance“ nun stärker auf die Integration von Arbeiten und Leben insgesamt zu. Nicht nur Aufgaben, die aus der Familienbindung von Beschäftigten resultieren, sollen dabei in die Analyse aufgenommen werden, sondern darüber hinaus auch die Erholung von der Arbeit, individuelle Weiterbildung und Persönlichkeitsentwicklung, soziales/politisches Engagement oder Muße (zur Übersicht über die Elemente von „Balance“ s. Eberling u.a. 2004: 54ff.). Während „Vereinbarkeit“ als Frauenthema galt und in der Wissenschaft entsprechend marginalisiert wurde, rekurriert „Balance“ auf ein für beide Geschlechter gleichermaßen relevantes Problemfeld: Auch Männer können – so die nun verbreitete Erkenntnis im Kontext der Entgrenzungs- und Subjektivierungsdebatten (s. 2.2) – in Schwierigkeiten des „Balancierens“ geraten, wenn sie im Zuge von Deregulierung, Leistungsintensivierung und Flexibilisierung ihre Regeneration aufgrund von Arbeitsdruck und langen Arbeitszeiten nicht mehr gewährleisten können und sich dies negativ auf ihre Arbeitsergebnisse und Einsatzbereitschaft auswirkt. Werden weder Arbeits- und Pausenzeiten noch Wechsel von Erwerbs- und Erholungsphasen kollektiv reguliert, müssen die einzelnen Beschäftigten selbst für einen Ausgleich sorgen und ihre Arbeitskraft nachhaltig einsetzen. „Balance“ problematisiert insofern nicht nur das Erfordernis, dass Beschäftigte außerbetriebliche Anforderungen so regulieren sollen, dass diese den beruflichen Arbeitseinsatz nicht stören und eine bestmögliche Wiederherstellung von Arbeitskraft geboten ist, sondern auch auf notwendige Gleichgewichte innerhalb des Erwerbslebens achten: Die Beschäftigten sollen lernen, auftretende Erfordernisse so zu steuern und zu regulieren, dass sie ihr Leistungsniveau auf hohem Niveau halten bzw. weiter ausbauen. Die Gewichtung zwischen den Lebensbereichen gewinnt damit auch für männliche Beschäftigte und Beschäftigte ohne Familienbindung an Stellenwert und erlangt damit inzwischen auch im Kern industriesoziologischer Forschung vermehrt Aufmerksamkeit. Wurde das „Vereinbarkeits“-Thema als Aufgabengebiet der Geschlechterforschung definiert, lassen sich heute kaum noch Drittmittel akquirieren, die nicht eine erweiterte Perspektive auf das außerbetriebliche Leben in Aussicht stellen.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
„Balance“ als Metapher Mit der Metapher der „Balance“ rekurrieren wissenschaftliche Konzepte auf eine primär subjektorientierte Perspektive. „Balance“ zeigt deutlicher als andere Begriffe, dass sich – bezieht man sie auf das Bild einer Wippe – mal die eine, mal die andere Seite neigt, d.h. wechselnde Schwerpunktsetzungen möglich sind. Ähnlich wie im Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ wird dabei von einer aktiven Gestaltungsleistung der Subjekte ausgegangen: Sie sind es, die durch Gewichtsverlagerungen versuchen können (oder müssen), eine „Balance“ herzustellen und dabei von ihrem Gegenüber und dessen Gewicht und Bewegungen abhängig sind. Vor dem Hintergrund vorliegender Forschungsergebnisse aus der Geschlechter- und Familiensoziologie ist diese Metapher jedoch als unzureichend einzuschätzen: Sie betont zwar die Schwierigkeit des Herstellens von Balance und die Labilität von Gleichgewichtszuständen; sie vernachlässigt damit jedoch systematisch die strukturellen Rahmenbedingungen des Balancierens. Um im Bild zu bleiben: Der Boden und das Gewicht des Gegenübers werden nicht nur ausgeblendet, sondern als harmonisierbar mit individuellem Balancieren gedacht. Die Metapher trägt insofern dazu bei, Schwierigkeiten des Balancierens oder dessen Scheitern als individuelles Defizit erscheinen zu lassen. Die für strukturelle Barrieren verantwortlichen Akteure geraten somit tendenziell aus dem Blick. Es gilt das Motto: Stehen genügend Programme zur Verfügung, dann muss sich der Einzelne nur geschickt genug anstellen, damit „Balance“ entsteht. Bestärkt wird dies durch die Berater-Literatur, die Komplexitätsreduzierung als entlastendes Konzept der Lebensgestaltung ausweist (Küstenmacher/Seiwert 2002) und Lösungsvorschläge anbringt, die auf ein individuelles Überlisten struktureller Zwänge ausgerichtet sind. Individuell nicht veränderbare strukturelle Zwänge und Optionen einer kollektiven Interessenvertretung werden dabei jedoch meist ausgeblendet. Das Individuum wird ernst genommen, seine Gestaltungspotenziale jedoch überschätzt und nicht auf ihre ökonomischen und sozialen Folgen hin reflektiert. Die strukturellen Widersprüche zwischen den Arbeits- und Lebensbereichen sind im Verlauf der Argumentation bereits aus je unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet worden. Sie prägen nach wie vor die subjektiven Deutungen und Orientierungen wie auch die Sozialstruktur der Gesellschaft. Ebenso wie beim Begriff „Vereinbarkeit“ besteht der Nachteil des „Balance“-Begriffs darin, dass er eine Harmonie unterstellt, die sich aufgrund struktureller Barrieren nur bedingt und nur für ausgewählte gesellschaftliche Gruppen erreichen lässt (s. 1.3). Beide Begriffe lassen somit ein strukturkritisches Moment vermissen, das auf die Diskrepanz zwischen Möglichem und Faktischen hinweist. Sie sind keine Ergebnisse soziologischer Analyse, sondern benennen Zielvorstellungen. Im politischen Diskurs gilt die Metapher „Balance“ als Indiz für eine Umorientierung sozialpolitischer Strategien: Sie gewinnt an Bedeutung, indem sich die Probleme der Synchronisation von Lebensbereichen zum einen demografisch niederschlagen und zum anderen auch für männliche Beschäftigte eine Prekarisierung von Erwerbsverläufen und gesundheitliche Belastung durch Arbeitsintensivierung und -flexibilisierung drohen. Sowohl auf nationaler Ebene als auch in der europäischen Sozialpolitik rückt das Verhältnis von „Arbeit und Leben“ in Alltags- und Lebenslaufperspektive daher ins Zentrum der Betrachtung: Durch Pausen im Erwerbsverlauf soll körperlichem und psychischem Verschleiß ebenso offensiv begegnet werden, wie Belastungen durch die klassischen „Vereinbarkeitsprobleme“ und der Tendenz, dass immer weniger Menschen immer länger erwerbsarbeiten, während andere dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Die „Lissabon-
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz?
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Strategie“ der Europäischen Union zielt darauf, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und gleichzeitig das Beschäftigungsvolumen sowie die sozialen Standards anzuheben; gemäß der „Nachhaltigkeitsstrategie“ der Deutschen Bundesregierung sollen ökonomische Ziele mit sozialem Zusammenhalt und Generationengerechtigkeit verbunden werden. Sowohl die „Lissabon-Strategie“ als auch die deutsche Politik gehen von dem optimistischen Szenario aus, dass wirtschaftliches Wachstum, soziale Sicherung und arbeitspolitische Regulierung positiv zusammenwirken können. Beide Strategien stellen insofern den Versuch dar, die Entwicklung der Ökonomie an soziale Ziele zu binden und definieren „Balance“ als Ziel von Initiativen. Wissenschaftliche Forschung hat einerseits zu dieser Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen „Arbeit und Leben“ beigetragen219, andererseits auch durch die politischen Diskurse neue Impulse und Fördermöglichkeiten erhalten. Vor dem Hintergrund der bisherigen soziologischen Reflexion von Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen sind daher die konzeptionellen Erweiterungen von Interesse, die durch Debatten und Projekte zu „Work-Life Balance“ stattfinden. Ob und inwiefern sie an den bisherigen Forschungsstand anschließen und welche Hinweise sie für eine Erweiterung von Arbeitsforschung bereit stellen, soll im Folgenden exemplarisch an solchen Beiträgen diskutiert werden, die die politische Dimension des Themas zugunsten einer theoretischen Reflexion vernachlässigen. „Balance“ als konzeptionelle Erweiterung? Eine explizite Auseinandersetzung mit „Work-Life Balance“ findet sich maßgeblich in der angloamerikanischen Forschung, wo sich vor allem die Psychologie der Verarbeitung von Wechselwirkungen durch die Subjekte widmet.220 Der für „Balance“-Konzepte charakteristische Subjektbezug wird hier umgesetzt, indem individuelle Bewältigungsstrategien den Kern der Forschung bilden. Eine Studie, die explizit nach Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen sucht, haben für die USA Friedman/Greenhaus (2000) vorgelegt (s. zu ähnlicher Forschung die Beiträge in Harvard Business School 2000 oder Kossek/Lambert 2004): In einer psychologischen Befragung von 860 „Ehemaligen“ zweier Business Schools gehen sie der Frage nach, ob und warum sich die Lebensbereiche Erwerbsarbeit und Familie als „Allies or Enemies“ erweisen. Die Autoren differenzieren – wie auch schon in der frühen deutschen Freizeitforschung üblich (Hoff 1986; s. 3.4) – die Befragten nach ihren Erwerbs- bzw. Familienorientierungen und resümieren sowohl positive als auch negative „spillover“-Effekte.221 Einseitige Rollenorientierungen auf nur einen Lebensbereich führen demnach zu erhöhter Unzufriedenheit mit dem Leben insgesamt: Während sich die karriere- und familienorientierten Befragten als unzufrieden mit einem der Lebensbereiche oder der Situation insgesamt erweisen, äußert sich die „career + family focused“ Gruppe in jeder Hinsicht als zufrieden. Verdienst der Studie ist es, Wechselwirkungen nicht nur nachzuweisen, sondern auch hinsichtlich ihrer Wirkungsrichtung und möglicher Wechsel von Wirkungsrichtungen zu konkretisieren. Beide Bereiche stellen nach Friedman/Greenhaus 219 Die Forschung weist z.B. darauf hin, dass auch Unternehmen von einer hohen Motivation und Leistungsbereitschaft der Beschäftigten profitieren können, wenn deren persönliche Ziele in die Personalentwicklung einbezogen und Anforderungen des Betriebes nicht kontinuierlich zu Belastung führen (s. exemplarisch Friedman/Christensen/DeGroot 2000; Eberling u.a. 2004). 220 Während die ‚heimischen’ arbeitspsychologischen Ansätze erst später (s. 3.4) diskutiert werden, gilt es hier, die externen Impulse auf die deutsche Debatte zur „Balance von Arbeit und Leben“ zu skizzieren. 221 „Spillover“-Theorien gehen von einem reziproken Einfluss der Lebensbereiche, d.h. von Wechselwirkungen aus (vgl. grundlegend Bronfenbrenner 1999).
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Ressourcen, Einbindung und emotionale Belohnungen zur Verfügung, die jeweils den anderen Bereich beeinflussen; Belastungen in einem Bereich schränken entsprechend die „availabitity“ im anderen Bereich ein. Interessant ist hier, dass die Autoren bestimmte Kompetenzen hervorheben: Hat Familie einen hohen Stellenwert, scheint nicht nur die Erwartung groß, Aufmerksamkeit für eigene Bedürfnisse zu erhalten, sondern auch die Fähigkeit, diese anderen zu geben. Das Erleben von Unterstützung und Selbstsicherheit in einem Bereich begünstigt sicheres Auftreten im anderen Bereich. Das Gefühl von Eingebundensein fängt Enttäuschungen oder Scheitern im anderen Bereich auf und beschleunigt Prozesse der Verarbeitung von Fehlschlägen. Einbindung in mehrere Lebensbereiche und entsprechend vielfältige soziale Beziehungen stabilisieren die Individuen; einseitige Rollenorientierungen begünstigen demgegenüber Unzufriedenheit: Sowohl die Karriereorientierten als auch die Familienorientierten sind subjektiv unzufrieden. Diejenigen, die ihr Engagement auf beide Bereiche verteilen, sind sowohl zufrieden mit dem Karriereverlauf als auch mit der familialen Situation. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Barnett/Hyde (2001), die psychische und mentale Stabilität als positiven Einflussfaktor für Gesundheit ausweisen und vor allem bei Personen antreffen, die sich in Beruf und Familie einbringen. Auch Bartolomé/Evans (2000), die männliche Führungskräfte und deren Partnerinnen befragten, stoßen auf ‚Vorteile’ von Managern, die sich auch in anderen Arbeitsbereichen und Lebensbereichen ‚engagieren’ gegenüber einseitig Karriereorientierten. Die Zeit für Privates ist in beiden Gruppen gering, doch können diejenigen, die Bereiche als ausgeglichen erleben, leichter mit Veränderungen im Arbeitskontext umgehen; sie finden leichter den für sie ‚richtigen’ Job und können mit Enttäuschungen im Karriereverlauf konstruktiv umgehen. Gleichwohl muss einschränkend zu den Ergebnissen der genannten Studien beachtet werden, dass Zufriedenheit hier nur gering mit den objektiven Arbeits- und Lebensbedingungen korreliert und sich vor allem auf die unterschiedlichen Erwartungen der Befragten zurückführen lässt. Offen bleibt zudem – nicht nur in diesen Studien –, von welchem Bereich die die Orientierungen der Befragten initiierenden Impulse ausgehen. Die Autoren resümieren einen „recurrent cycle of influence“ (Friedmann/Greenhaus), d.h. sie bestätigen Wechselwirkungen zwischen den Sphären, aber können – bedingt durch fehlende qualitative Daten – deren Dynamik nicht rekonstruieren. Auch Bartolomé/Evans (2000) sehen „enrichment“ und „conflict“ als Dynamiken, die in beide Richtungen gleichermaßen wirken. Friedmann/Greenhaus gehen über eine Reihe von „Vereinbarkeits“-Studien hinaus, da nicht lediglich Koordinationsfragen und Arbeitsteilungsmuster, sondern darüber hinaus „psychological interferences“ und deren Wirkung auf die subjektive Zufriedenheit für beide Geschlechter untersucht werden. „Skills“, die im familialen Bereich erworben werden, wie z.B. das Schlichten von Konflikten, die Vermittlung von Konfliktpartnern, die Haushaltsorganisation, der Aufbau von Netzwerken sowie spontane Neuplanungen von Prozessen, weisen die Autoren zudem als Fähigkeiten aus, die ihr Pendant im Erwerbsleben finden – und, so lässt sich vermuten, möglicherweise im privaten Bereich erworben werden. Die Forschung zeigt: Eltern erlangen durch die Auseinandersetzung mit Kindern interpersonale Kompetenzen, die sie im Erwerbsleben einsetzen und effektiv nutzen (Ruderman u.a. 2002);
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz?
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Kompetenzen vom betrieblichen Arbeitsplatz lassen sich ebenso in der Familie nutzen (s. bereits Crouter 1984).222 Die Forschung bestätigt somit Friedman/Greenhaus, die die Lebensbereiche als „Allies“ resümieren. Als Nachteil der Studie erweist sich hingegen die mangelnde strukturtheoretische Einbettung der Ergebnisse, die im Fazit der Autoren sichtbar wird: Weder das Verhältnis der Lebensbereiche noch das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis fließen als Hintergrund in die Argumentation ein. Die ungleichen Voraussetzungen der Herstellung von Zufriedenheit werden auf diese Weise ausgeblendet. Dass Frauen durch die Übernahme von Familienarbeit die Voraussetzung für die Karriereambitionen des Partners zur Verfügung stellen und dafür eigene Abstriche machen, ist im Ansatz unterbelichtet. Dies kann subjektiv Zufriedenheit für alle Beteiligten hervorbringen – wie wir es in der deutschen Forschung in Typen komplementärer familialer Arbeitsteilung antreffen (Jürgens/Reinecke 1998) – verschleiert jedoch objektive Ungleichheitslagen. Ein weiterer Nachteil besteht in der zu starken Fixierung auf nur zwei Lebensbereiche, auf Familie und Erwerbsarbeit. Andere Kontexte wie Freundeskreis, ehrenamtliches Engagement oder außereheliche Beziehungen, in denen Subjekte die Erfahrung von Einbindung, Anerkennung und emotionaler Aufmerksamkeit sammeln können, berücksichtigen die Autoren nicht. Gerade hier finden aber ebenfalls Kompensationen statt, die die Bewertung auch der Lebensbereiche „Familie“ und „Beruf“ beeinflussen. Als Kritik an der Perspektive von „spillover“- oder „compensation theories“ ist der Beitrag von Clark einzuschätzen: In Anlehnung an Lewins Theorie von Grenzgängern zwischen Arealen formuliert Clark (2000) eine “border theory” und definiert Erwerbsarbeit und Familie als Areale, die sich durch je verschiedene Organisationskulturen auszeichnen. Der Rekurs auf die Frauenforschung hat gezeigt, dass eine solche Perspektive auf die widersprüchlichen Eigenlogiken in Deutschland bereits auf eine lange Traditionslinie zurückblicken kann. Clarks These ist, dass „strong borders“ zwischen den Bereichen zu Schwierigkeiten in der individuellen „Balance“ führen. Ursache solcher Grenzen sind nach Clark entweder Identifikationen der Person mit oder Einbindungen in die Bereiche, so dass der Wechsel in einen anderen Bereich entsprechend schwerer falle bzw. durch die Bindungen erschwert werde. Clark geht es hier weniger um das subjektive Verhältnis der Lebensbereiche bzw. Orientierungen und Zufriedenheiten von Befragten, sondern – vergleichbar dem Konzept „Alltägliche Lebensführung“ – um die konkrete Praxis des „balancing“. Sie sieht „Balance“ nicht als Reaktion der Person, sondern betont als deren Voraussetzung eine aktive Gestaltungsleistung der Subjekte.223 „Balance“ reduziert sich bei Clark jedoch vorrangig, wie in anderen psychologischen Beiträgen, auf einen Rollenkonflikt. Die Ursachen von Identifikationen mit Rollen und von 222 Waldfogel u.a. (2002) stellen fest, dass Erfahrungen in der Arbeit die Einflüsse auf Sozialisation der Kinder prägen. Crouter (1984) resümiert zudem ein negatives „spillover“, wenn die Familienarbeit stark geschlechtshierarchisch verteilt wird. 223 Clarks Konzept ist insofern innovativ, dass sie auf die Relevanz der Stärke bzw. Durchlässigkeit von Grenzen hinweist und darüber aus einer subjektorientierten Perspektive auf individuelle Identifikation und Einbindung in die Sphären den Blick auf weitere am Konflikt beteiligte Akteure lenkt: Familienmitglieder rücken dadurch ebenso ins Blickfeld ihres Ansatzes wie auch Personalverantwortliche in Betrieben, die die Höhe der Grenzen zwischen den Lebensbereichen erhöhen oder eben auch absenken können. Clarks Versuch „Regeln“ zu identifizieren, nach denen – je nach persönlicher Identifikation, nach Einbindung in die Areale, nach Kommunikation mit sogenannten „border-keepers“ (s. bereits Strauss zu den institutionellen „gatekeepers“) usw. – „Balance“ leichter oder schwerer herzustellen ist, bleibt dennoch unterkomplex und bedarf einer Validierung durch empirische Daten.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Einbindung in die Sphären werden in ihrem Ansatz nicht erklärt, so dass das Scheitern von „Balance“ als individuelles Defizit erscheint. Die strukturelle Dimension von „Balance“ bleibt vernachlässigt, indem weder die strukturelle Einbindung der untersuchten Rollen noch die gesellschaftlichen Ursachen von Rollenkonflikten thematisiert werden. Diese sind zwar auf der Ebene des Individuums anzutreffen, haben ihren Ursprung aber in den gesellschaftlichen Strukturzusammenhängen, die die Subjekte mit spezifischen Anforderungen konfrontieren, gleichzeitig aber auch Hindernisse zur Bewältigung dieser Anforderungen errichten. In der deutschen Forschung werden diese Perspektiven meist nur implizit aufgegriffen und selten kritisch oder in Bezug zu Erkenntnissen der deutschen „Vereinbarkeits“Forschung reflektiert. Die tagespolitische Relevanz von Wechselwirkungen von „Arbeit und Leben“ verhilft dem Thema „Balance“ zu einer Renaissance auch in der Arbeitsforschung224, doch bleibt der Einfluss dieser Perspektive auf den Kern der Arbeits- und Industriesoziologie noch gering. Zudem erweisen sich bekannte Defizite dieser Forschungsthematik als nach wie vor virulent: Zum einen findet die Auseinandersetzung, mangels institutionalisiertem Ort des Themas, eher verstreut statt; sie geht nur vereinzelt über die Teildisziplinen hinaus und ist – wie die einführenden Abschnitte zeigten – aufgrund der demografischen Entwicklung stark gesellschafts- und sozialpolitisch aufgeladen. Zum anderen ist den Studien eigen, dass sie sich auf Erwerbsarbeit und die Probleme der Erfüllung von Anforderungen in der Erwerbssphäre beziehen. Sie fokussieren auf die Perspektive von Erwerbstätigen und vernachlässigen alltägliche ‚Balance-Leistungen’ jenseits der Erwerbseinbindung von Subjekten. „Balance“ rückt insofern nur als Aktivität von Erwerbstätigen in den Blick, nicht jedoch – wie etwa im Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ – als Kompetenz der individuellen Alltagsgestaltung insgesamt. Diese Einschränkung hat sich als ‚Import’ aus der US-amerikanischen Literatur seinen Weg nach Deutschland verschafft: Dass nicht nur zu hohe Anforderungen am Arbeitsplatz, sondern auch das Fehlen von Erwerbsarbeit „Balance“ betrifft, d.h. zu „imbalance“ führen kann, wird – bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Guest 2002: 263f.) – kaum thematisiert. Ein wesentliches Merkmal des „Balance“-Diskurses benennt Guest, wenn er auf die offenkundigen Schwierigkeiten hinweist, genau zu definieren, worin „Balance“ besteht und wie sie hergestellt wird (s. bereits Marks/Mac Dermid 1996). Sie lasse sich erst erkennen, wenn sie nicht mehr vorhanden ist, weil sie erst dann subjektiv bewusst erlebt wird (Guest 2002: 264). Guest folgt damit der starken Subjektorientierung der „Balance“-Forschung: Im Zentrum steht das subjektive Empfinden eines Verhältnisses der Lebensbereiche, jedoch nicht die Gestalt ihres objektiven Vermittlungszusammenhangs.225 224 Vgl. hierzu exemplarisch die Projekte des vom BMBF geförderten Forschungsverbundes „Zukunftsfähige Arbeitsforschung“. Kooperationen finden hier zwischen ArbeitsforscherInnen unterschiedlicher Disziplinen wie der Soziologie, der Psychologie, den Wirtschaftswissenschaften oder dem Arbeitsrecht statt, jedoch nur ansatzweise zwischen den Teildisziplinen der Soziologie. Familiensoziologische Perspektiven fließen nur indirekt in die Forschung ein. 225 In der Literatur werden wiederholt unterschiedliche Modelle des Verhältnisses von Lebensbereichen ausgewiesen: Guest (2002) nennt in Anlehnung an arbeits- und organisationspsychologische Studien die Modelle „segmentation, spillover, compensation, instrumental and conflict“ (258f.). Dass solche Modelle weder den empirischen Ergebnissen der Vereinbarkeitsforschung standhalten noch konzeptionell unterschiedliche Aspekte von Wechselwirkungen integriert erfassen, kann vor dem Hintergrund der deutschen Forschung nicht verwundern. Die Modelle sind daher eher als idealtypisch zu verstehen und zeigen, dass einzelne Handlungskomplexe z.B. dem Prinzip der „compensation“ unterliegen können, dies jedoch keinesfalls das erlebte Verhältnis der Lebensbereiche insgesamt erfasst (s. bereits Knapp 1981; Becker-Schmidt u.a. 1982, 1983).
3.3 „Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz?
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Ein in dieser Form subjektiver „Balance“-Begriff verschleiert jedoch nicht nur die strukturelle Hierarchie der Lebensbereiche, sondern auch damit verbundene Folgen. Guest räumt ein, dass „Balance“ nur dann bestehe, wenn ein Lebensbereich „by choice“ dominiert (267). Inwiefern in diese Entscheidungen aber bereits strukturelle Zumutungen einfließen, thematisiert Guest nicht näher, geht gleichwohl von einer sowohl subjektiven als auch objektiven Seite von „Balance“ aus, wenn er auf die politischen Gestaltungserfordernisse – und damit implizit auf die Grenzen von „objektiver“ Balance – verweist (s. auch Greenhaus/Collins/Shaw 2003).226 Für die Arbeitsforschung ergeben sich aus der Debatte zu „Work-Life Balance“ folgende Hinweise:
Als Fazit dieser Skizze von Forschungsarbeiten zu „Work-Life Balance“ lassen sich, mit Rückgriff auf die vorangegangenen Kapitel, folgende Kriterien für ein sozialwissenschaftliches Konzept von „Balance“ resümieren: „Balance“ enthält eine subjektive und objektive Seite. Beide Dimensionen müssen in der Analyse verbunden werden, um die Bedingungen und Voraussetzungen ebenso wie die Folgen der Herstellung von „Balance“ bewerten zu können. Die Subjektperspektive auf individuelle Leistungen des Erreichens von „Balance“ gilt es mit den strukturellen Bedingungen ihrer Realisierung zu konfrontieren. „Balance“ ist einerseits eine individuelle Leistung sowie manifestes Bedürfnis der Subjekte. Studien der Arbeitsforschung verweisen hier auf veränderte Orientierungen von Beschäftigten, die nicht nur mit einer ökonomisch motivierten erweiterten Selbst-Kontrolle von den Vorgesetzten eingeräumt, sondern von Beschäftigten selbst offensiv eingefordert werden (z.B. Pongratz/Voß 2003; Kleemann 2005). Dennoch sind diese Bedürfnisse zum einen auch durch die neuen Arbeitskonzepte induziert, zum anderen keine optionale, sondern auch notwendige Anpassung an die veränderten Arbeitsanforderungen. Bedürfnisse bleiben insofern immer auch Ausdruck der strukturellen Bedingungen von Arbeit und Leben (auch wenn sie diese selbst mit hervorbringen). Wechselwirkungen finden zudem – wie die empirische Forschung bestätigt – in beide Richtungen statt; die Lebensbereiche und ihre Gestaltung beeinflussen Orientierungen und psychische Stabilität. Während dies in der internationalen Forschung vergleichsweise offensiv ergründet wird, bleiben die Studien in Deutschland bislang noch zurückhaltend hinsichtlich der Untersuchung von Rückwirkungen in die Erwerbssphäre, die über die Einbeziehung von Geschlecht, Lebensform und Alter hinausreichen.227 Systematischer werden dagegen die Kompetenzen der Herstellung von Annäherungen an „Work-Life Balance“ aufgegriffen. Die angloamerikanischen Ansätze liefern hier Anregungen, die Sphären hinsichtlich der in ihnen erworbenen und praktizierten Fähigkeiten von Subjekten zu untersuchen als auch nach den wechselseitigen Einflüssen von Erfahrungen auf die Handlungslogiken im je anderen Kontext zu fragen.
226 Die einseitige Erwerbsorientierung mit kontinuierlicher Mehrarbeit eines Befragten kann subjektiv als „Balance“ empfunden werden, doch muss eine soziologische Analyse darüber hinaus die individuellen und sozialen Folgen dieser Orientierung ebenso beleuchten wie die gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Form von „Balance“. 227 Zu Thesen zum Einfluss familialer Aspekte auf die Erwerbssphäre s. Höpflinger/Charles/Debrunner (1991: 246f.), die auf der Basis internationaler Forschungsarbeiten der 1980er Jahre einzelne Rückwirkungen benennen. Zwar bleibt weitgehend offen, in welchem Zusammenhang diese stehen und welche Folgen sich daraus für die betriebliche Arbeitsorganisation oder Interaktionen am Arbeitsplatz ergeben, doch liegen somit Anknüpfungspunkte für eine Analyse vor, die Einflüsse in beide Richtungen berücksichtigt.
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
„Balance“ ist zudem, dies zeigen die Ergebnisse aus der Lebenslaufforschung, stets in zwei Zeitperspektiven zu analysieren: Alltag und Lebenslauf. Indem eine Reihe von Studien den langfristigen Verlauf vernachlässigen, gelingt es ihnen nicht, die Folgen struktureller Bedingungen von „Balance“ hinsichtlich ihrer individuellen und gesellschaftlichen Folgen zu reflektieren. Auch die Veränderung der Strategien von „Balance“ gerät so aus dem Blick. Welche Lernprozesse im Kontext von Erfahrungen des Gelingens oder Scheitern von „Balance“ stattfinden, gerät in einer auf den Alltag reduzierten Perspektive aus dem Blick (s. z.B. Clark 2000 oder Guest 2002). Die an der sozialpolitischen Flankierung prekärer Erwerbsverläufe interessierten Konzepte greifen den Lebenslauf inzwischen systematischer auf und können insofern als Ansatzpunkt dafür dienen, den (wie bereits als notwendige Erweiterung von „alltäglicher Lebensführung“ resümiert) langfristigen Verlauf von „Balancieren“ zu untersuchen. Konzepte zur „Balance“ nehmen einen grundsätzlich anderen Fokus ein als Ansätze zur „Vereinbarkeit“. Die Perspektiverweiterung auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen insgesamt sowie die Ausrichtung auf Prozesse des Balancierens jenseits von Geschlecht und Familienstand machen das Thema auch außerhalb der Frauen- und Familienforschung salonfähig. Die internationale Forschung zu „Balance“ zeigt sehr deutlich, dass sich im Zuge der Veränderungen der Erwerbssphäre die gegenwärtigen Verwerfungen der Nutzung von Arbeitskraft nicht mehr ohne Rückgriff auf die Wechselwirkungen zwischen den Sphären untersuchen lassen: Grad und Art der Integration in die Lebenssphären reduzieren sich nicht auf Fragen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, sondern wirken auf die Verfassung der Person insgesamt und ihre Stabilität in den jeweiligen Handlungskontexten. Die Forschung geht inzwischen selbstverständlich von der Annahme aus, dass zwischen den Lebensbereichen solche, auf der Ebene des Alltagshandelns, der Orientierungen und subjektiven Bewertungen bedeutsamen Wechselwirkungen stattfinden; gleichwohl steht die Erforschung der Art dieser Wirkungsweisen erst am Anfang. Indem der außerbetriebliche Lebenszusammenhang entweder seine Funktionen nicht erfüllt (Absentismus, Drogenkonsum, Leistungsschwächen, Krankheit, Konzentrationsschwächen und Fehlerzunahme, Ausscheiden Hochqualifizierter usw.) oder aber als Ressource gilt, aus der für den Betrieb etwas abgezogen werden kann, ist es die Aufgabe der Arbeitsforschung, dieses Forschungsfeld umfassend zu erkunden und die sozialen Folgewirkungen von Veränderungen in Anforderungen und Konstitutionsverhältnissen abzuschätzen. Ebenso zeigen die US-amerikanischen Erfahrungen, dass die Forschung zu „Balance“ ohne einen arbeitswissenschaftlichen Bezug zu kurz greift: Die ForscherInnen resümieren, dass ohne eine dezidierte Analyse der veränderten Bedingungen von Erwerbsarbeit die Prozesse des „Balancing“ nicht umfassend erfasst werden können (Kossek/Lambert 2004: 4). Die konsequente Subjektorientierung erweist sich als Vorteil, da für alle Individuen die Anforderungen und Leistungen des Herstellens von „Balance“ in den Blick rücken. Gleichwohl gehen damit Bezüge auf die strukturelle Einbettung von Formen des Umgangs mit Wechselwirkungen verloren: Die Ansätze unterschätzen nicht nur die Prägekraft struktureller Faktoren im Prozess des „Balancierens“, sondern bleiben auch in bezug auf deren Auswirkungen auf soziale Beziehungen in Privatsphäre und Betrieb vage. Der Import der Metapher „Balance“ aus der internationalen Forschung und politischen Diskursen ist hier nicht hilfreich: Vor dem Hintergrund der deutschen Wissensbestände treten die Grenzen dieser Metapher deutlich zu Tage. Der „Balance“-Be-
3.4 Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz
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griff fällt sowohl hinter die Erkenntnisse der bisherigen „Vereinbarkeits“-Forschung (und das Ergebnis von Unvereinbarkeit als strukturelles Problem) zurück als auch hinter die Forschung zur „Alltäglichen Lebensführung“ und ihre Erweiterungen. Im deutschen Diskurs muss angesichts der breiten Forschung über die Gestaltungsleistungen der Subjekte unweigerlich statt von „Balance“ von „Balancieren“ gesprochen werden; bei „Balance“ gilt es zudem stets zu betonen, dass dies aus empirischer Sicht vor allem ein subjektives Empfinden resümiert, jedoch keineswegs ein faktisches Verhältnis der Lebensbereiche. „Balance“ dient somit – wie auch „Vereinbarkeit“ – als Zielvorstellung. „Balance“ muss dynamisch definiert werden, d.h. sie ist weder stabil noch verlässlich, sondern muss kontinuierlich wieder neu hergestellt werden. Sie erweist sich als abhängig von den Gestaltungsleistungen des Einzelnen als auch von den Rahmenbedingungen von „Arbeit und Leben“; konzeptionell bleibt damit der ‚Gewinn’ gegenüber der Kategorie „Lebensführung“ noch gering – gleichwohl sind im Zuge eines boomenden Absatzmarktes für Literatur zu Lebensberatung, Selbsthilfe und Alltagsbewältigung die Vermarktungschancen soziologischer Forschung ungleich größer, wenn sie unter dem durchweg positiv besetzten Begriff der „Balance“ firmieren. Bislang hat sich in Deutschland noch keine „Balance“-Forschung etabliert; im Vergleich zur US-amerikanischen Förderlandschaft ist die Platzierung des Themas ausgesprochen willkürlich und nicht durch Forschungszentren oder einschlägige Publikationsorgane institutionalisiert. Die Lücke, die sich durch die (im Vergleich zu den 1980er bzw. frühen 1990er Jahren) abgeschwächte „Vereinbarkeits“-Forschung ergab, wurde nicht ‚gefüllt’. Hinzu kommt, dass deren Perspektiven zwar durch die Thematisierung von „Balance“ partiell aufgegriffen werden, jedoch kaum eine wissenschaftshistorische Einbettung im Sinne einer Bezugnahme auf und Erweiterung von bisherigen Ansätzen erfolgt. Für die Arbeitsforschung bieten sich hier, sofern man sich auf den Konnex „Familie – Beruf“ zielenden „Vereinbarkeits“-Diskurs nicht beziehen möchte, zumindest die Forschungen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit an. Die Balance-Konzepte kennzeichnet zudem eine auf die Praktiken der Anpassung konzentrierte Perspektive. Balance wird als Ergebnis individueller Gestaltungsleistung hervorgehoben, wobei – wie im Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ – eine normative Idee des ‚Gelingens’ von Balance mitschwingt. Zwar werden, sofern strukturelle Einflussfaktoren berücksichtigt werden, auch Hindernisse von „Balancieren“ identifiziert, doch bleibt die Frage, ob es sich um eine von der Person beabsichtigte oder lediglich eine erzwungene Anpassungsstrategie handelt, unterbelichtet.
3.4 Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz Die Arbeitspsychologie zeichnet sich – ebenso wie die Arbeitssoziologie – durch eine Fokussierung auf die Analyse von Erwerbsarbeit aus. Der Arbeitsbegriff wird zwar ebenfalls weit definiert, doch ist die außerhalb der Erwerbssphäre geleistete Arbeit nach wie vor ein Randgebiet sowohl der empirischen Forschung, vor allem aber in konzeptionellen Ansätzen (vgl. zur Kritik grundlegend Resch 1999: 34ff., 2004: 106ff.). In Überblickswerken findet – in Anlehnung an Ansätze der Handlungsregulationstheorie – eine differenzierte Betrachtung von Arbeitstätigkeiten statt, doch bleibt diese vor allem auf Erwerbsarbeit bezogen. Das außerbetriebliche Leben fließt über die Berücksichtigung der Freizeit in die Forschung
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ein, wird dabei jedoch vor allem hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeits- und Freizeittätigkeiten reflektiert (z.B. Ulich 1998; Hoyos/Frey 1999). Dezidierte Analysen zur Eigenlogik von Arbeit jenseits der Erwerbssphäre sind – auch in der Arbeitspsychologie – noch immer selten. Nicht nur bestimmte Arbeitsinhalte, sondern auch die vielfältigen Arbeits- und Lebenskonstellationen finden erst in der jüngeren Arbeitspsychologie ein breiteres Interesse. Vor allem durch die Debatte zur „Subjektivierung“ von Arbeit ergeben sich neue Schnittstellen zwischen den Disziplinen, die sich inzwischen auch in einer stärkeren Vernetzung von Forschung niederschlagen. Die Frage, welche neuen Anforderungen sich durch veränderte Formen von Arbeitsorganisation ergeben und welcher Fähigkeiten Beschäftigte bedürfen, um diese zu erfüllen, beschäftigt die Disziplinen gleichermaßen. Trotz einer offenkundigen Perspektiverweiterung auf neue Arbeitsformen, gewandelte Anforderungen an Beschäftigte und die Relevanz der „Vereinbarkeit“ auch für Männer bleibt bislang weitgehend ungeklärt, in welchem Verhältnis heute Subjektkonstitution und Nicht-Erwerbsarbeit stehen und was dieses Verhältnis kennzeichnet. Die Arbeitspsychologie hat mit Untersuchungen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit differenzierte Ansätze vorgelegt, um den wechselseitigen Einfluss der Sphären zu erhellen (vgl. zur Übersicht Ulich 1991: 449ff.). Die „Neutralitätsthese“ und die „Segmentierungsthese“, die von einer Spaltung der Person in einen Arbeitsmenschen und einen Freizeitmenschen ausgehen und damit einen gegenseitigen Einfluss der Rollen negieren, wurden widerlegt. „Segmentation“ gilt inzwischen nicht als Trennung der Lebensbereiche auf der Ebene der Person, sondern als Strategie, einen Lebensbereich mit Konflikten und Problemen des anderen Bereichs nicht zu ‚belasten’ (s. bereits Hoff 1986). Während die „Generalisationsthese“ von einem die beruflichen Erfahrungen fortsetzenden Freizeitverhalten ausgeht, geht die „Kompensationsthese“ von einem die Erwerbsarbeit ausgleichenden Freizeitverhalten aus. Die „Interaktionsthese“ geht hingegen von einer gegenseitigen Beeinflussung von „Arbeit und Freizeit“ aus; mit der „Kongruenzhypothese“ werden demgegenüber Drittvariablen, wie z.B. Persönlichkeitsmerkmale, betont. Als problematisch für die empirische Forschung erweist sich nicht nur die Operationalisierung dieser Thesen, sondern auch die Gefahr einer schematisierenden Auswertung von Interviewmaterial, d.h. einer Reduzierung von Orientierungen und Handeln auf eine dieser Formen. Sie sind jedoch, wie empirische Studien belegen, weder absolut noch statisch: Bei einer Person können mehrere Formen des Umgangs mit Arbeit und Freizeit gleichzeitig gelten und sich zudem als dynamisch erweisen, indem sie je nach Lebensphase, Lebensbedingungen im Privaten oder beruflichen Arbeitskonstellationen variieren (s. Hoff 1986; Hoff/Lempert/Lappe 1991; Büssing 1992).228 Diese Versuche einer Beschreibung der Wirkungen zwischen den Sphären haben auch die soziologische Forschung beeinflusst und dienen implizit in zahlreichen Typologien als Interpretationsfolie. Ansätze, die sich hingegen statt mit dem Freizeitverhalten explizit mit nicht-erwerbsvermittelter Arbeit beschäftigen, werden nur spärlich rezipiert; Methoden zur Analyse von Haus- und Familienarbeit wurden bislang kaum aufgegriffen oder gar weiter228 Auf die subjektiven Vorstellungen zum Verhältnis der Lebensbereiche gehe ich nicht näher ein, da im Folgenden die Praxis dieses Verhältnisses im Vordergrund steht. Als Fazit der Forschung zu „Arbeit und Freizeit“ bleibt hier zunächst festzuhalten, dass 1. sich aus beiden Lebensbereichen sowohl Kompensation als auch Restriktion ergeben kann, 2. Vorstellungen zum Verhältnis von „Arbeit und Freizeit“ Teil von Strategien zur Bewältigung von Belastung sind, 3. die subjektiven Vorstellungen berufsabhängig variieren (zur Relevanz dieser Orientierungen für das Handeln s. 4.).
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entwickelt. Im Folgenden sollen daher ausgewählte arbeitspsychologische Konzepte vorgestellt werden, die nicht nur außerbetriebliche Arbeitsanforderungen als Einflussfaktor berücksichtigen, sondern darüber hinaus genau ergründen, wie Subjekte diese ‚privaten’ Arbeitstätigkeiten regulieren, wie sie mit widersprüchlichen Anforderungen an ihr Arbeitshandeln umgehen und Widersprüche zwischen „Arbeit und Leben“ bewältigen. Zudem lassen sich Kompetenzen, die im Zuge neuer Arbeitsformen an Relevanz gewinnen und auch in der Arbeitssoziologie vermehrt Aufmerksamkeit erfahren (s. z.B. SOFI u.a. 2005), unter Rückgriff auf arbeitspsychologische Forschung zur Bewältigung von Belastung und Konflikten konkreter benennen.229 Die Disziplinen eint hier die Frage, welcher Kompetenzen es im Zuge des Wandels von Arbeit bedarf und inwiefern Lernprozesse hinsichtlich des Umgangs mit veränderten Arbeitsbedingungen stattfinden. Eine psychologische Perspektive auf den Wandel von Arbeit lässt zudem erwarten, dass Prozesse der Anpassung an wie auch der Widersetzung gegenüber veränderten Anforderungen und Zumutungen genauer beleuchtet werden. Arbeitspsychologie jenseits von Erwerbsarbeit: der Haushalt als Arbeitsplatz und Ort der Kompetenzerweiterung In der Arbeitspsychologie nimmt Resch (1999, 2004) die Erwerbsfixierung zum Anlass, einen Arbeitsbereich genauer zu untersuchen, über den bislang kaum Erkenntnisse vorliegen: den Arbeitsplatz „Privathaushalt“. Anknüpfend an die vom Statistischen Bundesamt durchgeführte Zeitbudgetstudie, die auf den immensen Umfang privat geleisteter Arbeit hinweist, zielt Resch auf eine psychologische Analyse von Haushaltstätigkeiten. Statt, wie in der „Vereinbarkeits“- oder Familienforschung üblich, die Arbeitsteilung des Paares, die (zeitliche) Belastung durch oder die behindernden Rahmenbedingungen von Haus- und Familienarbeit zu ergründen, fokussiert Resch auf die Analyse des Arbeitscharakters dieser Tätigkeiten. Sie schließt damit nicht nur eine arbeitspsychologische, sondern auch eine arbeitssoziologische Forschungslücke. Reschs „Analyse von Arbeit im Haushalt“ („AVAH-Verfahren“) zielt darauf, Haushalts- und Familientätigkeiten als Arbeit auszuweisen.230 Nicht die Einstellungen zu dieser Arbeit oder deren subjektive Bewertung stehen dabei im Mittelpunkt, sondern das Regulationsniveau dieser Tätigkeiten und die an sie gekoppelten Kooperationsformen. Berücksichtigt werden die Entscheidungs- und Planungsprozesse, die den Tätigkeiten voraus gehen bzw. diese begleiten. Resch erweitert damit den in der Zeitbudgetstudie eingenommenen 229 Die Verwendung des Belastungsbegriff ist ausgesprochen heterogen. Die Arbeitswissenschaft unterscheidet „Belastung“ von „Beanspruchung“. Sie definiert „Belastung“ als eine objektive Schwere von Tätigkeiten und differenziert zwischen geistiger und körperlicher Belastung. „Beanspruchung“ meint hingegen die konkrete, individuell variierende Belastung, die sich aus Merkmalen der Person (Qualifikation, Alter usw.) ergibt. Dies verhilft analytisch zur Trennung von äußeren Ursachen (Einwirkungsgröße) einerseits und Wirkungen bei den Subjekten (Auswirkungsgröße) andererseits (s. auch Ulich 1998: 117, 413ff.). In der soziologischen Literatur wird demgegenüber der Belastungsbegriff i.d.R. umfassend, d.h. beide Wirkungsgrößen betreffend, bzw. als Synonym zu Beanspruchung verwendet. Da auch im alltäglichen Sprachgebrauch „Belastung“ und „Beanspruchung“ genau in entgegengesetzter Weise verwendet werden („Belastung“ für Empfundenes, „Beanspruchung“ für Anforderungen von Außen/durch Andere), spreche ich nachfolgend nur von „Belastung“, weise jedoch explizit ‚externe’ und ‚interne’ Wirkungen aus (s. 4.). 230 Das Verfahren wurde bereits in den frühen 1990er Jahren entwickelt und zielt darauf, den Arbeitscharakter von Tätigkeiten in Haushalt und Familie zu belegen. Die empirische Prüfung des Verfahrens fand durch eine Befragung der erwachsenen Mitglieder von 19 Haushalten statt (s. resümierend zu Operationalisierung und Ergebnissen Resch 1999).
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Blickwinkel, indem sie nicht nur die Vielzahl der im Privaten geleisteten Tätigkeiten erfasst, sondern darüber hinaus Aktionsziel, Aktionsort und Interaktionspartner in die Analyse einbezieht (1999: 95). Damit geht sie über Ansätze hinaus, die die materielle Seite von Hausarbeit gegenüber der personenbezogenen Seite bevorzugen. Da Resch gerade das Ineinandergreifen und die Gleichzeitigkeit materieller und personenbezogener Tätigkeiten als Besonderheit von Haus- und Familienarbeit identifiziert, widmet sie „dialogisch-erzeugenden Tätigkeiten“, mit denen Subjekte in oder an einem Menschen etwas verändern, besondere Aufmerksamkeit. Sie folgt daher mit ihrem Verfahren zentralen Prämissen der Handlungsregulationstheorie (Volpert u.a. 1983; Hacker 1998), die den Vorteil hat, nicht auf einen bestimmten Lebensbereich zu fokussieren, sondern Handlungslogiken allgemein zu erklären (s. 2.1.1). Gleichzeitig geht Resch jedoch über diesen Ansatz hinaus, indem sie die Handlungsregulationstheorie für die Regulierung von Sozialformen, für Interaktionen anwendet. Damit greift Resch die Eigenlogik von Familienarbeit auf, die – ebenso wie Erwerbsarbeit – in hohem Maße sozial eingebettet ist: Zum einen findet sie in z.T. unmittelbarer Interaktion statt und ist durch den ‚Dienst am Anderen’ begründet (Erziehung, Pflege usw.). Zum anderen bestehen ebenso wie in der Erwerbssphäre konkrete oder latente Erwartungen von Anderen hinsichtlich der Erfüllung und Gestaltung dieser Arbeit: seitens der unmittelbaren Interaktionspartner, der Angehörigen des Haushaltes, des sozialen Umfelds sowie schließlich der gesellschaftlichen Normen bezüglich dieser Arbeit. Die von Resch vorwiegend psychologisch deklinierte soziale Einbettung von Haus- und Familienarbeit ließe sich hier mit Rückgriff auf die von der Familiensoziologie identifizierten Funktionen von Familie weiterführen (s. 3.1.2). Der Vorteil gegenüber einer soziologischen Perspektive besteht hingegen in einer systematischen Einbeziehung individueller Ziele der Person, die mit dieser sozialen Einbettung von Hausarbeit von den Einzelnen in Einklang gebracht werden muss. In der empirischen Untersuchung stellt Resch hier fest, dass Hausarbeit zwei Seiten aufweist: Einerseits gilt Hausarbeit weithin als selbstbestimmt zu gestaltende Arbeit, die den Arbeitenden Freiraum hinsichtlich der Planung und Gestaltung von Abläufen eröffnet; andererseits belegen die Ergebnisse des AVAH-Verfahrens, dass die von den „Managerinnen des Haushalts“ zu leistende Arbeit keineswegs den diesem Titel gerecht werdenden Spielraum enthält. Nicht nur die Art der Tätigkeiten, sondern auch deren Abläufe und Dauer sind überwiegend fremdbestimmt – durch die Interaktionspartner im Haushalt ebenso wie durch schlichte Notwendigkeit, bestimmte Arbeiten wiederholt durchführen zu müssen. Hausarbeit erweist sich aufgrund der regelmäßig und kontinuierlich anfallenden Aufgaben als stets (auch) durch Routinen und Eintönigkeit geprägte Arbeit. Abwechslung entsteht hingegen, indem – wie die Studie zeigt – vielfältige Aufgaben zur Hausarbeit zählen, so dass Regulationsniveau und Sozialform variieren. Hier ist jedoch der individuelle Modus der Gestaltung von Hausarbeit von Bedeutung: Es sind – dies vertieft Resch leider nicht weiter – die Arbeitenden selbst, die durch den Wechsel von Tätigkeiten Routinen durchbrechen und Monotonie vermeiden können. Am Beispiel der Haus- und Familienarbeit lässt sich insofern untersuchen, ob und wie Arbeitende Abläufe so strukturieren, dass sich physische und psychische Belastungen reduzieren. Erkenntnisse hierzu hätten dazu verhelfen können, die aktuelle Debatte um einen erweiterten Handlungsspielraum von Beschäftigten in der Erwerbssphäre zu fundieren und Überlegungen zu Voraussetzungen des Gelingens oder Scheiterns individueller Strategien zu präzisieren. Die Leistung des von Resch entwickelten Verfahrens besteht maßgeblich darin, Haushaltstätigkeit als eigenständiges Forschungsgebiet auszuweisen und ein Verfahren zu ent-
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wickeln, mit dem sich Hausarbeit – genauer als bislang üblich – untersuchen lässt. Indem die Tätigkeitsanalyse für beide Geschlechter stattfindet und nicht von Aussagen einzelner Beteiligter auf den Gesamthaushalt geschlossen wird, können zudem von Frauen und Männern unterschiedliche Regulationsformen identifiziert werden, die die Analyse von familialer Arbeitsteilung verfeinern: Unterschiede bestehen nicht lediglich hinsichtlich Umfang und Art der geleisteten Hausarbeiten, sondern auch hinsichtlich des Regulationsniveaus der Tätigkeiten.231 Die den einzelnen Arbeiten zu Grunde liegenden Planungsprozesse fließen ebenso in die Analyse ein wie subjektive Bewertungen der Hausarbeit. Hier stößt Resch auf individuelle Modi von Hausarbeit, die sowohl durch persönliche Vorlieben, durch Erfahrungen mit Hausarbeit sowie durch gesellschaftliche Einflüsse geprägt sind. Für die Arbeitsforschung ist von besonderem Interesse, dass Hausarbeit – im Unterschied zur Erwerbsarbeit – keine Partialisierung aufweist: Planung und Durchführung sind in der Regel nicht getrennt, so dass sich die Regulationsanforderungen auf den gesamten Arbeitsprozess beziehen. Hier besteht jedoch auch ein wesentliches Desiderat im Ansatz, das Resch selbst einräumt: Das Verfahren registriert die Regulationsleistung einzelner Haushalts- und Familienarbeiten, aber erfasst nicht die Regulierungsmodi, die dafür sorgen, das Haushalt und Familie als Gesamtzusammenhang funktionieren. Die für den Haushalt als Ganzes erforderliche Leistung der Abstimmung der Vielzahl von Einzelaktivitäten bleibt tendenziell (noch) ungeklärt. Das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ (3.2.1) lässt sich hier heranziehen, um individuelle Arrangements von „Arbeit und Leben“ zu typisieren. Es bleibt jedoch vergleichsweise abstrakt, da hier – quasi in Gegenrichtung zum Ansatz von Resch – der Bezug zwischen den Regulationsmodi einzelner Arbeitstätigkeiten zu den Modi von Lebensführung insgesamt unvermittelt bleibt.232 Vor dem Hintergrund der Ergebnisse von Resch muss bezweifelt werden, dass Individuen alle Arbeiten nach einem gleichen Modus durchführen. Die Gestaltung von Haus- und Familienarbeit variiert, genau wie Erwerbsarbeit, hinsichtlich der persönlichen Vorlieben, der externen Anforderungen sowie den konkreten Konstellationen und Situationen. Dies bedeutet nicht, dass in Prozessen von Vergesellschaftung internalisierte Normen nicht in die konkrete Praxis einfließen und sich nicht Muster des Umgangs mit Hausarbeit identifizieren ließen; Resch Ansatz regt jedoch zu der (durchaus empirisch prüfbaren) Frage an, ob und wie sich Arbeitshandlungen der Person je nach Aufgabengebiet, Arbeitsbedingungen und Anforderungskonstellationen unterscheiden. Die Grenzen des Ansatzes bestehen in seiner familienzentrierten Perspektive, die nicht nur für das Konzept von Resch, sondern das Gros vorliegender Studien zu Haus- und Familienarbeit gilt: Haushaltstätigkeit wird nicht allgemein, sondern nur im Kontext von Familie untersucht. Das Konzept sollte daher erweitert werden um eine stärkere Fokussierung auf die im außerbetrieblichen Leben insgesamt geleisteten Arbeiten sowie auf deren Rückwir231 Exemplarisch kann dies an der Hausarbeit „Einkaufen“ illustriert werden: Hier kann mit Hilfe des Verfahrens von Resch berücksichtigt werden, welche Planungsprozesse bei Frauen, welche bei Männern dieser Tätigkeit vorausgehen. Die Antizipation zukünftiger Bedarfe im Haushalt sowie ökonomische Kalkulationen hinsichtlich der Preise in unterschiedlichen Supermärkten usw. machen die Tätigkeit „Einkaufen“ zu einer komplexen Aufgabe, die sich hinsichtlich ihres Regulationsniveaus deutlich reduziert, wenn jemand anders die Einkaufsliste erstellt. 232 Wer eine „situative“ Lebensführung praktiziert, reguliert nicht alle Arbeitstätigkeiten in Beruf und Privatleben „situativ“. Das Konzept „alltägliche Lebensführung“ zielt auf die Identifizierung einer allgemeinen Handlungslogik hinsichtlich des Umgangs mit Anforderungen, erklärt jedoch nicht, in welchen qualitativen oder quantitativen Zusammenhang die Logik von Lebensführung und die der einzelnen Handlungen stehen.
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kungen in die Erwerbssphäre. Dadurch ließen sich nicht nur Belastungen der Personen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen in ihrem Zusammenwirken analysieren, sondern auch Ähnlichkeiten der Differenzen hinsichtlich des Planungs- und Regulationsniveaus von Arbeiten sowie den an diese gekoppelten Kooperationsformen. Die bislang auf die Frage des Verhältnisses von Arbeit und Freizeit bzw. Arbeits- und Freizeit-/Familienorientierungen reduzierte Forschungsperspektive ließe sich dadurch um einen Vergleich von Arbeitshandeln in den jeweiligen Sphären erweitern.233 Hier ließe sich untersuchen, welche Kompetenzen234 in beiden Arbeitsbereichen erworben werden sowie ob und inwiefern sich diese Kompetenzen in den je anderen Bereich einbringen und dort – von den Arbeitenden selbst und damit auch von Dritten – nutzen lassen. Gerade die Vielfalt von Tätigkeiten im Haushalt erfordert die Kompetenz, den Gesamtzusammenhang von Aufgaben und Interaktionen zu regulieren, die den Anforderungen im Erwerbsleben nach zunehmend selbständiger Steuerung von Arbeitsprozessen vergleichbar ist. Arbeitsteilung und geringer Komplexitätsgrad im Kontext tayloristischer Arbeitsbedingungen legen die Vermutung nahe, dass die Tätigkeits- und Belastungsprofile von Haus- und Familienarbeit mindestens ähnlich anspruchsvoll ausfallen.235 Einen solchen Vergleich von Arbeiten dies- und jenseits der Erwerbssphäre hat Költzsch Ruch (1997) vorgenommen. Der Vergleich zwischen Familien- und BerufsArbeitsplätzen führt dabei schnell vor Augen, dass Familienarbeit – zumindest wenn Kinder im Haushalt leben – subjektiv belastender erlebt wird als vergleichbare professionalisierte Arbeit (105ff.). Költzsch Ruch untersucht darüber hinaus die für die Erledigung von Familienarbeit notwendigen Fertigkeiten und stellt diesen Tätigkeitsprofile betrieblicher Arbeitsplätze gegenüber.236 Hier stellt sich heraus, dass zahlreiche Kompetenzen, die Unternehmen (in Ausschreibungen und Arbeitsplatzbeschreibungen) von ihren Beschäftigten erwarten, in der Haus- und Familienarbeit vorhanden und breit eingesetzt werden müssen: Abhängig von der Haushaltsform und Dispositionen der Person lassen sich demnach idealtypisch folgende Kompetenzen identifizieren: a) Leistungsbezogene Kompetenzen (z.B. Planungs-, Organisierung, Koordinierungsfähigkeit; Initiative ergreifen; Mehrfachhandeln; Flexibilität bei wechselndem Kontext; Lernfähigkeit und Ausdauer), b) Soziale Kompeten233 Im Verfahren wird zwar die Berufseinbindung der Befragten berücksichtigt, aber nicht hinsichtlich des Einflusses dieser Erfahrung untersucht. Ob Regulationsniveau und Planungsprozess von Haushaltstätigkeit denen von Erwerbsarbeit ähneln oder wie sich diese beeinflussen, ist in der Studie nicht untersucht worden (s. Resch 1999: 185ff.). 234 In der psychologischen Literatur sind unterschiedliche Definitionen von „Kompetenz“ anzutreffen. Der Begriff rekurriert im Allgemeinen auf „Fähigkeiten“ und „Vermögen“ der Subjekte. Erpenbeck/von Rosenstiel (2003) differenzieren z.B. vier Kompetenzklassen: Personale, aktivitäts-/umsetzungsorientierte, fachlich-methodische und sozial-kommunikative Kompetenz. Darüber hinaus finden sich Unterscheidungen zwischen instrumenteller und sozialer Kompetenz, die für die Arbeitsforschung hinsichtlich physischer und psychischer Merkmale und Potenziale der Person relevant sind. Stangl (2001) charakterisiert „soziale Kompetenz“ durch folgende Fähigkeiten: Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion, Soziale Diagnosefähigkeit, Gesprächsführung, Teamfähigkeit, Steuerung von Arbeitsprozessen, Organisationskompetenz, Kompetenz im Umgang mit neuen Medien. Die Psychologie geht grundsätzlich davon aus, dass die Subjekte in Auseinandersetzung mit Anforderungen Kompetenzen zur Bewältigung derselben entwickeln (Ulich 1998). 235 Gleichwohl darf die Belastung nicht vernachlässigt werden, die sich aus einer Reduzierung auf Haus- und Familienarbeit ergeben kann. Die Forschungsergebnisse belegen eindeutig eine positive Wirkung der Einbindung in die Erwerbssphäre nicht nur in materieller, sondern auch in psychosozialer Hinsicht (z.B. Backes 1999). 236 In diesem Schweizer Projekt zu „Qualifizierungspotential der Familien- und Hausarbeit und seine Bedeutung für den Beruf“ wurden 102 Familien- und Hausarbeitsplätze analog zur Erwerbsarbeit untersucht. Die Studie versteht sich als Anwendungsprojekt des AVAH-Verfahrens.
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zen (Verantwortung; Führung; Teamarbeit; Vermittlungsfähigkeit; Kommunikations- und Kontaktfähigkeit; Einfühlungsvermögen und Fähigkeit zum Perspektivwechsel) sowie c) Selbstkompetenzen (Belastbarkeit; Stressbewältigung; Prioritäten setzen; Selbstvertrauen und Selbstverantwortung) (f. konkrete Beispiele s. Költzsch Ruch 1999: 97ff., 112ff.). Damit wird die Vielfalt von sogenannten „Schlüsselqualifikationen“ deutlich, die am Arbeitsplatz „Familienhaushalt“ erworben werden und gegenwärtig auch in der Erwerbssphäre unter dem Titel „soft skills“ en vogue sind. Die in der Studie nur explorativ untersuchten Kompetenzen lassen sich nicht verallgemeinern, weisen jedoch auf die auch berufliche Relevanz von privaten Arbeitserfahrungen hin. Thesen bzw. Vorurteile hinsichtlich der Dequalifizierung von Beschäftigten aufgrund von Erwerbsunterbrechungen (z.B. durch Elternzeit) lassen sich insofern empirisch widerlegen: Abhängig von der Integration in die Haus- und Familienarbeit erweitern Beschäftigte auch außerhalb des betrieblichen Arbeitsplatzes ihr Arbeitsvermögen und erwerben Kompetenzen, die zunehmend von Betrieben nachgefragt, aber im betrieblichen Kontext (durch Weiterbildungsangebote) kaum vergleichbar vermittelt werden können. Die Sphäre der Reproduktionsarbeit erweist sich insofern als ein auch betrieblich nutzbares Qualifizierungsterrain. Welche Fähigkeiten wie in die je andere Sphäre einfließen, bleibt ein Desiderat von Arbeitsforschung, das bislang kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte.237 Költzsch Ruch resümiert, dass bislang viele der im Privaten erworbenen Kompetenzen brach liegen: Synergien zwischen den Arbeitssphären im Sinne einer wechselseitigen Bereicherung werden nicht offensiv genutzt; zum Teil fallen die Qualifikationsprofile der Erwerbssphäre hinsichtlich ihrer Vielfältigkeit hinter die Familien- und Haushaltstätigkeiten zurück. Die von Költzsch Ruch formulierte Erwartung, dass eine Bereitstellung von Messverfahren durch die Forschung, den Unternehmen die ‚Prüfung’ von Kompetenzen erleichtern und damit die Anerkennung von Reproduktionsarbeit erhöhen könnte, bleibt mit Skepsis zu betrachten. Die vorgestellten gesellschaftstheoretischen Ansätze verweisen hier auf strukturelle Herrschaftsformationen, in denen nicht lediglich die ökonomischen Vorteile, sondern auch kulturell begründete Anerkennungsverhältnisse bestehende Praxen stabilisieren. Gleichstellungspolitisch gewendet: Die Messung von Kompetenzen könnte die gesellschaftliche Anerkennung von Hausarbeit weiter vorantreiben, ist jedoch noch kein Garant für eine veränderte Einstellungspraxis und Personalpolitik von Unternehmen, da neben ökonomischen stets auch (unternehmens- und geschlechter-)kulturelle Faktoren diese Praxis beeinflussen. Die Studie liefert einen umfassenden Überblick über die Vielfalt von Kompetenzen, die in Haushalten erworben und weiterentwickelt werden. Die Frage, ob diese aus der Familien- und Hausarbeit in den Beruf tatsächlich übertragen werden bzw. dort indirekt genutzt werden, bleibt indes spekulativ. Ebenso wie die Forschung zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit von komplexen Wirkungsgefügen zwischen den Erfahrungsbereichen ausgeht, ist auch für die Arbeitsformen eine wechselseitige Einflussnahme anzunehmen – auch wenn bislang ungeklärt ist, worin diese besteht und ob sie von den Arbeitenden selbst hergestellt oder extern eingefordert wird.238 Dass die Forschungsergebnisse von Resch und Költzsch 237 Hier ist zu beachten, dass bislang keine validen Daten vorliegen, um Rückschlüsse von Familientätigkeit auf Arbeitshandeln im Erwerbsbereich zu ziehen. Elternschaft macht nicht automatisch kompetent für Erwerbsarbeit; Organisationstalent im Erwerbsleben lässt sich nicht ohne weiteres auch im Familienleben ‚erfolgreich’ anwenden. 238 Ein Beispiel aus der betrieblichen Praxis ist hier die Personalrekrutierung für das Beschäftigungsmodell „5.000x5.000“ bei der Volkswagen AG: Da mit dem Modell Erwerbslose in Beschäftigung vermittelt wer-
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Ruch weder in der Arbeitspsychologie noch in der arbeits- oder familiensoziologischen Debatte rezipiert werden, verweist auf die anhaltende ‚Lücken’ in den Disziplinen, die sich trotz der Einsicht in veränderte Formen der Nutzung von Arbeitskraft und das Postulat eines erweiterten Arbeitsbegriffs bislang nicht geschlossen haben. Zielkonflikte in Alltag und Lebenslauf und Kompetenzen ihrer Bewältigung Debatten zur „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ von Arbeit prägen auch die arbeitspsychologische Forschung der Gegenwart. Während der Wandel von Erwerbsarbeit und die damit verbundenen Anforderungen inzwischen breit untersucht werden, sind Studien über die Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen und ihre Bewältigung durch die Subjekte hingegen noch rar. Exemplarisch sollen daher hier die Arbeiten einer Forschungsgruppe diskutiert werden, die als Ausgangspunkt ebenfalls den Wandel der Erwerbssphäre wählen, aber das Verhältnis der Lebensbereiche sowie Veränderungen in Geschlechterbeziehungen berücksichtigen. Eine solche Verbindung, die zudem konzeptionelle und empirische Forschung verknüpft, liefert die Gruppe um Hoff, der kontinuierlich – in variierenden Projektkonstellationen – den Umgang von Beschäftigten mit Anforderungen aus unterschiedlichen Sphären verfolgt (u.a. Hoff 1986; Hoff/Lempert/Lappe 1991; Hoff/Ewers 2002, 2003; Dettmer u.a. 2003). Hoff u.a. untersuchen zum einen Formen der Lebensgestaltung und Prozesse der Bildung von Teil- und Gesamtzielen in den Lebensbereichen sowie hinsichtlich des Lebens insgesamt; zum anderen fokussieren sie dabei auf Kompetenzen der Konfliktbewältigung, die sich aufgrund konfligierender Ziele, d.h. durch Widersprüche der Lebensbereiche und Diskrepanzen zwischen externen Anforderungen und individuellen Bedürfnissen, ergeben.239 Ähnlich wie im Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ zielt der Forschungsansatz somit auf die Frage, wie die Subjekte Anforderungen ‚bearbeiten’ und eine – hier neutral zu verstehende – Integration der Lebenssphären erreichen. In Abgrenzung zum Konzept „Alltägliche Lebensführung“ betonen Hoff u.a. jedoch die Abkehr von einer nur auf das Alltagshandeln reduzierten Perspektive, die sie als für die Arbeitspsychologie lange Zeit dominierend bemängeln (Hoff/Ewers 2003). Demgegenüber greifen die AutorInnen – hier zeigt sich der Einfluss auch der soziologischen Lebenslauf- und Biographieforschung – die Zeitperspektiven als zentrale Untersuchungsdimensionen auf: „Persönliche Projekte“, „Lebensziele“, „Strebungen“ dienen als Kategorien, die die Bedeutung von Zeit für die Bildung von Zielen und die Bewältigung von Konflikten unterstreichen. Hoff u.a. setzen dies um, indem sie kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Handeln differenzieren und entsprechend als (zeitliche) Handlungsebenen Alltagshandeln, alltagsübergreifendes Handeln
den sollten, galt das Interesse des Unternehmens vor allem solchen BewerberInnen, die in ihrer Freizeit bereits selbständig mit ähnlichen Fertigkeiten vertraut waren, wie sie in der Automobilproduktion erforderlich sind (z.B. handwerkliches oder technisches Geschick). 239 Hoff u.a. folgen konzeptionell der Handlungsregulationstheorie, indem sie Teilziele und übergeordnete Ziele im Handeln differenzieren. Zu Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen untersucht auch Wiese (2000) berufliche und familiale Zielstrukturen. Auf der Basis einer standardisierten Befragung unterscheidet sie eine parallele Zielstruktur (für Gegenwart und Zukunft Familie und Beruf), eine sequentiell-berufsorientierte Zielstruktur (aktuell berufszentriert, Erwartung zukünftig stärkeren Familienengagements) sowie eine monothematisch-berufsorientierte Zielstruktur. Frauen sind auffallend häufig in der zweiten, Hochqualifizierte vor allem in der dritten Gruppe anzutreffen. Ziele sind bei Wiese – in Anlehnung an Bandura – als sinnstiftend, als Antrieb für Entwicklungsvorgänge charakterisiert. Die Widersprüchlichkeit von Zielen oder die Bewältigung widersprüchlicher Anforderungen untersucht Wiese jedoch nicht näher.
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und biografisches Handeln ausweisen.240 Das Konzept zielt somit auf eine Verbindung von Alltags- und Lebenslaufperspektive, bezieht jedoch – im Vergleich etwa zur soziologischen Lebenslaufforschung – die strukturelle Komponente der Handlungsebenen nur ansatzweise ein. Veränderungen in der Arbeitswelt werden im Sinne der Identifikation von Anforderungen im Betrieb in die Untersuchung aufgenommen, Bedingungen der Vereinbarkeit der Lebensbereiche sowie kulturelle Einflüsse auf das Handeln der Subjekte werden hingegen nicht in die Anlage der Studie einbezogen.241 Gleichwohl finden sich in den Forschungsergebnissen interessante Anknüpfungspunkte für die soziologische Analyse der Wechselwirkungen zwischen den Sphären: Als Ergebnis ihrer empirischen Erhebung resümieren Hoff u.a. subjektive Verknüpfungen von beruflichem und privatem Lebensstrang: Neben „kausaler Relation“, zu der sowohl monokausale als auch wechselseitige Einflüsse von Erlebnissen und Erfahrungen in einem Lebensstrang auf einen anderen zählen (berufliche „Verbesserung“ wirkt sich z.B. positiv auf private Beziehungen aus), treffen die Forscher auf Koordinations- und Integrationsleistungen, die sich zu drei Typen der Ausrichtung auf die Lebenssphären verdichten lassen: „Integration“, „Segmentation“, „Entgrenzung“ (Dettmer u.a. 2003: 317ff.).242 Während die Unterscheidung von „Integration“ und „Segmentation“ in der Forschungsliteratur weit verbreitet ist und sowohl idealtypisch als auch empirisch diagnostiziert wird (s. exemplarisch Clark 2000; Hakim 2000 oder für die Arbeitssoziologie Kratzer 2003; Pongratz/Voß 2003; Kleemann 2005), lässt sich der Typus „Entgrenzung“ als „Antwort“ auf den Wandel der Arbeitswelt und veränderter Geschlechterbeziehungen interpretieren.243 „Entgrenzung“ als Typus von Lebensgestaltung definieren die AutorInnen als Auflösung von „zeiträumlichen Grenzen“: Beruf und Freizeit seien in dieser Form der Lebensgestaltung kaum noch getrennt. Hier bleiben die weiteren Interpretationsergebnisse der Gruppe abzuwarten. Die bisherigen Beispiele verweisen eher auf eine Segmentierung der
240 Der Ansatz erweist sich daher auch für die soziologische Arbeitszeitforschung als tragfähig, die sich vor dem Hintergrund einer Verbetrieblichung der Arbeitszeitregulierung zunehmend mit der Frage der individuellen Steuerung von Arbeitszeit auseinandersetzt. „Zeithandeln“ (s. ausführlich Jürgens 2003c) erweist sich dabei als eine für die Arbeitssoziologie zunehmend relevante Analysekategorie (s. 4.). 241 Zur „personalen Handlungskompetenz“ liegen bereits zahlreiche Ansätze vor, die zwischen externen und internen Kontrollerwartungen differenzieren und dabei auf sowohl sozialstrukturelle Ursachen als auch Folgen hinweisen: Empirische Forschungsergebnisse verweisen auf eine positive Korrelation von Bildungsniveau und Handlungskompetenz (s. zur Übersicht Fröhlich 1992: 88ff.). Defizit dieser Ansätze ist, dass sie sich nicht explizit auf Wechselwirkungen zwischen den Lebenssphären beziehen und daher Handlungskompetenzen für Felder wie politisches Urteilsvermögen oder Konsumentscheidungen analysieren, jedoch nicht hinsichtlich von Fragen der Reproduktion von Arbeitskraft. 242 Die Typologie von Geissler/Oechsle (1996) ist demgegenüber differenzierter, erfasst jedoch keine Praxisformen, sondern zielt mit der Unterscheidung von Typen der Lebensplanung auf Orientierungen der Befragten. 243 „Segmentation“ verstehen die AutorInnen als eine Trennung der Lebensbereiche: Die Lebensbereiche sind weitgehend voneinander separiert; dies kann sich in der Dominanz des einen oder anderen Lebensbereichs niederschlagen, aber auch zu einem Gleichgewicht zwischen den Sphären führen. Beim Typus „Integration“ finden „Koordinations- und Synchronisationsleistungen“ der Subjekte statt, die das Handeln und Denken stark beeinflussen; dies kann misslingen, indem Abstriche in beruflichen oder privaten Zielen vorgenommen werden müssen oder gelingen – in der Regel als Resultat eines aufwendig abgestimmten Arrangements (Dettmer u.a. 2003: 317ff.). Hakim (2000) typisiert Modelle der „Work-Life Balance“ als „home-centered“, „work-centered“ und „adaptive“.
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Lebensbereiche auch für Frauen bzw. lassen noch unklar, ob hinsichtlich der Regulation der Alltagsgestaltung tatsächlich eine „Verschmelzung“ von Arbeit und Leben stattfindet.244 Als innovativ erweist sich die Ausdehnung der Analyse von Lebensgestaltung auf die Ebene der Paarbeziehung, wie sie auch als Erweiterung des Konzepts „Alltägliche Lebensführung“ konzipiert wurde (Jürgens 2001): Lebensgestaltung wird als primär individuelle, aber – in diesem Fall durch die Partnerschaft – sozial vermittelte Leistung der Subjekte definiert. Während Paarbefragungen in der qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschung bislang rar blieben (z.B. Klees 1992; Frerichs/Steinrücke 1997; Jürgens/Reinecke 1998; Koppetsch/Burkart 1999), haben die in den USA prominenten Studien zu Dual Career Couples somit inzwischen auch die deutsche Forschung inspiriert: Dettmer u.a. (2003) untersuchen, wie hochqualifizierte Partner ihre Ziele realisieren bzw. Zielkonflikte innerhalb der Partnerschaft bewältigen (s. auch Behnke/Meuser 2003). Die Studie zeigt hier, dass sich Berufswege der Befragten nur ergründen lassen, indem Prozesse der Zielbildung in allen Lebensbereichen berücksichtigt werden und man darüber hinaus auch die Lebensziele der Partner einbezieht. Ohne eine solche Perspektiverweiterung gehen der Untersuchung einer erhöhten Konfliktanfälligkeit durch Veränderungen in der Erwerbssphäre wichtige Parameter verloren. Durch die Einbeziehung der biographischen Dimension gelingt es zudem, den Wandel von Lebensgestaltung einzufangen: Sie erweist sich als sowohl lebensform- als auch lebensphasenspezifisch. Gleichwohl bleibt auch in den Untersuchungen von Hoff u.a. weitgehend (noch) offen, wie sich Ziele hinsichtlich der Lebensbereiche gegenseitig beeinflussen und wie Ziele mit der jeweiligen Einbindung der Person in die Lebensbereiche zusammenhängen. Hier stehen auch psychologische Ansätze noch am Beginn eines neuen Forschungszweiges, der im Zuge des Wandels von Erwerbsarbeit und einer zunehmenden Integration von Frauen ins Erwerbsleben an Bedeutung gewinnt. Anregungen auch für die arbeitssoziologische Debatte zu „Subjektivierung“ und „Entgrenzung“ (s. 2.2) liefert die von den AutorInnen geleistete Analyse von Zielkonflikten. Die für die neuen Arbeitsformen kennzeichnende Gleichzeitigkeit von Marktanpassung und erweiterter Selbstkontrolle führt zu konfligierenden Handlungszielen, die von den Subjekten individuell bewältigt werden müssen.245 Um „Mehr Druck durch mehr Freiheit“ (Glißmann/Peters 2001) zu kompensieren, treffen die ForscherInnen auch ausweichendes Verhalten an, wenn Beschäftigte den Betrieb verlassen und ihre Arbeitsmarktsituation verschlechtern, um professionelle Standards aufrechtzuerhalten oder Belastungen durch die Arbeitsbedingungen zu entgehen. Auch die Reduzierung von Arbeitszeit oder vorübergehende Ausstiege in Form von Blockfreizeiten sind hier als Reaktionen bekannt, mit denen Beschäftigte z.B. eine wachsende Leistungsintensivierung zu kompensieren versuchen (Eberling u.a. 2004). Hoff u.a. stoßen im Zuge dieser Analyse von Zielkonflikten auf die Entwicklung von Kompetenzen der „reflexiven Konfliktbewältigung“. Konfliktbewältigung 244 Das Beispiel der einseitig karriereorientierten Medizinerin, die aufgrund beruflicher Mobilitätserfordernisse bislang hinsichtlich Partnerschaft und Familiengründung ‚erfolglos’ blieb (Dettmer u.a. 2003: 321f.), verweist eher auf das bislang für Männer gültige Modell der Segmentation. Das Beispiel der „Verschmelzung“ von Arbeit und Freizeit bleibt hingegen noch abstrakt. Weiterführend ist hier die Studie von Kleemann 2005, der Thesen einer „Verschmelzung“ von Arbeit und Leben infolge von Teleheimarbeit empirisch widerlegt und auf den nur veränderten Organisationsmodus von Trennung verweist: Arbeit und Freizeit bleiben separiert, jedoch wird die Trennung nicht institutionell, sondern von den Subjekten selbst hergestellt. Gerade aufgrund einer räumlichen Entgrenzung gewinnen solche Strategien an Bedeutung. 245 Hoff/Ewers (2002) verwenden hier „Bewältigung“ als neutralen Begriff, der sowohl veränderndes Eingreifen in die Umwelt als auch Sich-Anpassen an externe Anforderungen, d.h. ein Zurücknehmen individueller Handlungsziele, umfasst.
3.4 Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz
185
und Kompetenzentwicklung werden dabei nicht einseitig auf Konflikte und Fähigkeiten im Erwerbsleben reduziert, sondern explizit auf unterschiedliche Lebensbereiche und die aus deren Wechselwirkungen resultierenden Konflikte ausgedehnt. Als Kompetenzen von Konfliktbewältigung unterscheiden Hoff/Ewers/Petersen (2004) – in Anlehnung an die Handlungsregulationstheorie und Dimensionen von Bewältigungsprozessen – Kompetenzen der Zielbildung, der Zielrealisierung, des Umgangs mit dynamischen Umfeldern, des Umgangs mit eigenen Zielkonflikten sowie des Umgangs mit Konflikten zwischen eigenen und fremden Zielen. Die Autoren fragen vor diesem Hintergrund nach der Bedeutung von Konflikten für Lern- und Entwicklungsprozesse und versuchen zu ergründen, welche Kompetenzen Voraussetzung, welche dagegen Folge der Bewältigung von Konflikten sind. Die Beantwortung dieser Frage bleibt vorerst als These formuliert: Aufgrund des Wandels von Erwerbsarbeit vermuten die Autoren eine Zunahme sowohl individueller als auch sozialer Konflikte; diese könnten einerseits die psychische Belastung der Betroffenen erhöhen; andererseits könne die Konfrontation mit neuen Zumutungen auch die „Reflexivität der Lebensziele“ und die Bereitschaft zu Veränderung erhöhen. Die Subjekte würden sich entsprechend dieser These jedoch nicht nur den sich wandelnden Bedingungen anpassen, sondern mitunter auch verändernd in die Bedingungen (und damit auch in Konfliktursachen) eingreifen. Sowohl positiven als auch negativen Erfahrungen in den Lebensbereichen wohnen insofern – vermittelt über Lernprozesse der Subjekte – stets Potenziale der Veränderung inne. In der empirischen Forschung finden sich hierfür Anzeichen, wenn sich Beschäftigte, die zuvor ihre Interessen stets selbst vertraten, im Zuge der Flexibilisierung und Deregulierung von Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnissen auf kollektive Vertretungsstrukturen (zurück) besinnen (Eberling u.a. 2004).246 Aus soziologischer Perspektive regt der Ansatz dazu an, auch solche Kompetenzen in der Arbeitsforschung stärker zu berücksichtigen, die sich nicht im Kontext von Erwerbsarbeit herausbilden oder manifestieren, jedoch hinsichtlich des Umgangs mit zukünftigen Konflikten durchaus relevant werden können. Lernprozesse im Umgang mit Konfliktsituationen beeinflussen die Person ganzheitlich und prägen insofern auch das Handeln in erneuten Auseinandersetzungen um Widersprüche zwischen eigenen und externen Zielen und Anforderungen.247 Die Verknüpfung der Analyse von Kompetenzentwicklung und Konfliktbewältigung scheint bislang erst in den Anfängen zu stecken, so dass auch die Frage, wie Konflikterfahrungen die Lebensplanung und -gestaltung beeinflussen, ein noch weitgehend offenes Forschungsfeld darstellt. Während sich die Arbeitsforschung zwar auf erwerbsrelevante, jedoch auch nicht-formalisierte Kompetenzen von Beschäftigten bezieht, orientiert sich die Sozialstrukturanalyse bislang an formaler Qualifikation sowie der Verfügung über Kapitalien. Kompetenzen der Lebensgestaltung, die sich als soziales Kapital der 246 Besonders anschaulich zeigt sich dies in Studien zur IT-Branche, die nach der Krise 2001 einen Wandel nicht nur der wirtschaftlichen Stellung der Branche, sondern auch hinsichtlich der in den Firmen bis dato anzutreffenden Arbeitskulturen und Arbeitsbedingungen erlebte (Boes/Baukrowitz 2002; s. für ähnliche Tendenzen in der Kulturindustrie auch Boes/Marrs 2003). 247 Stellvertretend für andere Studien sei hier abschließend auf die Studie von Kastner (2002) verwiesen. Er problematisiert ebenfalls eine wachsende Kluft zwischen Arbeitsanforderungen an die Person einerseits und Bewältigungskapazitäten andererseits und unterscheidet verschiedene Typen der „Balance“ , in denen Ressourcen je variierend zum Einsatz kommen. Kastner fasst diese Ressourcen als „Gesundheitskompetenz“ zusammen, die von Seiten der Betriebe durch eine „proaktive Gesundheitspolitik“ (Vermittlung von Schlüsselqualifikationen wie Selbstmanagement und sozialer Kompetenz) gestärkt werden könne. „Kompetenz“ definiert sich dabei – ähnlich wie bei Hoff u.a. – als Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen, ohne eigene Interessen aus dem Blick zu verlieren (s. zu Praxisempfehlungen auch Kastner 2004).
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Person definieren lassen, sind bislang weder in der Sozialstrukturanalyse operationalisiert worden, noch werden sie konzeptionell als bedeutsamer Einflussfaktor auf sozialen Status berücksichtigt.248 Hier hinterlässt auch die psychologische Forschung noch Lücken, wenn sie Prozesse der Bewältigung von Konflikten zwar untersucht, aber die strukturellen Einflüsse auf die Subjektkonstitution vernachlässigt. Für die Soziologie eröffnet sich hier nicht nur die Chance einer Erweiterung der Bildungsforschung auf bisher unergründete Aspekte von Qualifikation, sondern ermöglicht auch die Antizipation von Bildungsprozessen, die zukünftig angesichts des Wandels von Arbeit an Stellenwert gewinnen werden.249 Die Forschung verweist bereits seit langem auf den Zusammenhang von Bildungsniveau und personaler Handlungskompetenz (s. Fröhlich 1992: 98ff.); wie aber durch welche Bildungsprozesse welche Kompetenzen erworben werden, ist eine Frage, die bislang – zumindest hinsichtlich der Kompetenzen der Bewältigung von Wechselwirkungen zwischen den Sphären – noch unterbelichtet ist. Die Forschungsarbeiten von Hoff u.a. stehen exemplarisch für Ansätze, die ihre Perspektive auf unterschiedliche Lebensbereiche und einen erweiterten Kompetenzbegriff anwenden. Sie unterstreichen das veränderte Potenzial von Konfliktbewältigung und zeigen, dass durch neue Anforderungen in der Erwerbssphäre nicht nur Prozesse der Anpassung ausgelöst werden, sondern ebenso auch Impulse für Widersetzungen stattfinden. Die ‚negative’ Seite, die diesen Prozessen gleichermaßen eigen sein kann, ist in der Arbeitsforschung hingegen bislang nur partiell aufgegriffen worden. Empirische Hinweise auf solche negativen Folgen des Nicht-Bewältigens finden sich in den Befragungsergebnissen einer Studie von Volmerg und KollegInnen.250 In ihrer Untersuchung von Arbeitserfahrungen im Bereich der Museen können sie die schwierige Gratwanderung zwischen dem Sucht-Potenzial von Arbeit einerseits und der Belastung durch Angst vor dem „Absturz“ andererseits erhellen. Der Perspektivwechsel von Schwierigkeiten der kollektiven Regulierung von Arbeit auf die individuellen Dramen der Bewältigung dieses Wandels verweist hier auf eine notwendige Vernetzung von soziologischer und psychologischer Forschung.251 Der Rekurs auf ausgewählte arbeitspsychologische Studien verweist auf die notwendige Aktualisierung bisheriger Traditionslinien der Arbeitssoziologie, die z.B. im Zuge der 248 Die Lebensstilforschung rekurriert mit ihrer Definition von Lebensstil als „Summe der alltagspraktischen Lösungen“ (Fröhlich 1992: 85) zwar ebenfalls auf solche Kompetenzen, fokussiert jedoch nicht auf Fähigkeiten der Bewältigung unterschiedlicher Arbeitsanforderungen und richtet ihr Augenmerk zudem auf Lebensstile als Formen der Vergemeinschaftung. Fröhlich bevorzugt daher den in der Literatur weit verbreiteten Begriff der „personalen Handlungskompetenz“ (1992: 88) und sieht als Desiderat der Forschung, Faktoren zu identifizieren, die deren Entwicklung begünstigen oder hemmen. 249 Die Bildungssoziologie richtet ihr Augenmerk zwar auch auf Bildungsprozesse jenseits von Institutionen, fokussiert in der Regel aber auf den Erwerb solchen Wissens und solcher Kompetenzen, die in irgendeiner Form am Arbeitsmarkt verwertbar sind. 250 Volmerg/Kaukers/Mields (Universität Bremen) untersuchen im Rahmen eines Forschungsverbundes die sozial- und arbeitspsychologischen Folgen neuer Bindungs- und Entgrenzungsstrategien durch Kontraktmanagement. Erhoben werden Tätigkeiten, neue Anforderungen, persönliche Motivation, Biografie sowie Formen der „Balance von Arbeit und Leben“. 251 Volmerg hat daher schon Anfang der 1990er Jahre auf den Bedarf „einer auf der Ebene subjektiven Arbeitshandelns angesiedelten Arbeitspsychologie“ hingewiesen (1990: 84). Zwar haben inzwischen „soziale Kompetenzen“ auch in handlungsregulationstheoretischen Ansätzen, die sich lange Zeit auf instrumentelles Handeln fixierten, an Aufmerksamkeit gewonnen, doch zeigt sich auch in der Definition von „sozialer Kompetenz“ eine vorwiegende Reduzierung auf in der Erwerbsarbeit zwar nicht formalisierte, aber unmittelbar einsetzbare Kompetenzen.
3.4 Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz
187
Forschung zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ mit dem Konzept der „integrierten Belastung“ auf die Gesamtbelastung der Person fokussierte. Sowohl Wechselwirkungen zwischen Belastungsfeldern (Produktion und Reproduktion) als auch die biografische Kumulation von Belastungen waren hier bereits Ausdruck einer notwendigen Perspektiverweiterung auf unterschiedliche Arbeitsformen und Zeitperspektiven, die jedoch nur partiell weiterverfolgt wurde. Darüber hinaus ergeben sich folgende Hinweise für die soziologische Analyse der Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Leben und die damit verbundenen Anforderungen an die Subjekte:
Die Arbeitspsychologie hat stets den Wandel von Erwerbsarbeit und die zunehmende Relevanz subjektiver Potenziale, z.B. in Dienstleistungsarbeit, nachvollzogen, erweist sich jedoch als ähnlich erwerbsfixiert wie die Arbeitssoziologie. Die skizzierten Studien sind Beispiele für eine Perspektiverweiterung des Fachs auf Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre, sind jedoch bislang nicht aufgegriffen worden, um das Forschungsfeld weiter zu erkunden, und bleiben in der Rezeption arbeitspsychologischer Forschung randständig. Die Studien haben gezeigt, inwiefern die Einbeziehung von NichtErwerbsarbeit und von Wechselwirkungen die Debatte um neue Anforderungen an Beschäftigte und erforderliche Kompetenzen erhellen kann. Deutlich wird nicht nur die Vielfalt der im Privaten erworbenen Kompetenzen (Resch, Költzsch Ruch), sondern auch die überaus voraussetzungsvollen Anpassungsprozesse der Personen, um veränderte Anforderungen zu bewältigen. Während dabei der Fokus noch auf familialen Arbeitskontexten ruht, ist eine Ausdehnung sowohl auf andere Lebensformen als auch auf private Arbeitsformen jenseits des Privathaushaltes erforderlich. Dennoch zeigen die Ansätze in prägnanter Weise, dass Wechselwirkungen nicht nur in Organisations- und Koordinationsfragen bestehen. Die Ergebnisse zur besonderen Qualität von Haus- und Familienarbeit verweisen darüber hinaus auf dreierlei: Erstens zeichnet sich private Reproduktionsarbeit durch eine große Vielfalt von Tätigkeiten und entsprechende Qualifikationen aus, die Personen erwerben. Zweitens erhalten die in diesem Erfahrungszusammenhang erworbenen Kompetenzen weder im Erwerbsleben noch in der sozialwissenschaftlichen Forschung besondere Aufmerksamkeit. Die Kompetenzforschung boomt, bleibt jedoch auffallend erwerbsfixiert, indem nur die im Erwerbsleben einsetzbaren Kompetenzen untersucht werden, jedoch nicht die für die Erwerbssphäre eher indirekt wirksamen und ökonomisch relevanten indirekten Lebenskompetenzen. Drittens bleibt bislang offen, was die Kompetenz des Herstellens des Gesamtzusammenhangs auszeichnet. Während die Forschung hier vor allem die Modi von Arrangements und Strategien der Bewältigung untersucht (s. 3.2.1), bleibt die Benennung der spezifischen Kompetenzen, die hierfür nötig sind, noch vergleichsweise vage. Mit der Analyse der Verfügbarkeit über, als auch Prozessen der (Nicht-)Anerkennung solcher Kompetenzen ließe sich nicht nur die Diagnosefähigkeit von Ungleichheitsforschung erweitern; auch für die Bildungsforschung ergeben sich Perspektiverweiterungen, wenn die Untersuchung informeller, jenseits von Institutionen stattfindender Lernprozesse stärker auch auf den Erwerb und den Einsatz reproduktiver Handlungskompetenzen ausgedehnt würde. Als Stärke der Arbeitssoziologie erweist sich demgegenüber die meist systematischere Berücksichtigung struktureller Einflüsse auf individuelles Handeln. Da hier jedoch im Gegenzug die Analyse von Bewältigungsstrategien randständig bleibt, ist gerade die
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
Verknüpfung soziologischer und psychologischer Ansätze notwendige Voraussetzung einer Arbeitsforschung, die sich mit einem gewandelten Zugriff auf subjektive Potenziale der Person konfrontiert sieht.
3.5 Fazit: Wechselwirkungen als Ausgangspunkt einer Neuauflage von Reproduktionsforschung 3.5 Fazit Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen sind – wie die konzeptionellen Ansätze zeigen konnten – ein in der Soziologie breit verankertes Thema. In den vorgestellten Konzepten aus unterschiedlichen (Teil-)Disziplinen nehmen sie einen zentralen Platz ein, finden jedoch bislang weder seitens der Arbeits- und Industriesoziologie noch in den jeweiligen Fachgebieten besondere Aufmerksamkeit. Sie dienen vorwiegend als Hintergrund, auf den – abhängig vom Thema – mal hinsichtlich der Erwerbsintegration von Frauen, mal hinsichtlich der Sozialverträglichkeit und Belastung von betrieblichen Arbeitsbedingungen zurückgegriffen wird. Die Rezeption expliziter Analysen zur Eigenlogik von anderen Arbeitsformen als Erwerbsarbeit bleibt, wie auch das Beispiel der Arbeitspsychologie zeigte, bislang die Ausnahme. Während in den USA Forschungen zum Thema „work/family“ durch an den Universitäten eingerichtete Zentren institutionalisiert sind, die sich durch eine intensive Vernetzung mit Akteuren aus Wirtschaft und Politik auszeichnen, erscheint das Feld in Deutschland versprengt: Ganzheitlichere Ansätze, die außerbetriebliches Arbeiten in seinen verschiedenen Facetten sowohl subjekt- als auch strukturtheoretisch beleuchten, sind mangels Vernetzung zwischen den Teildisziplinen rar. Da jüngeren Konzepten und Studien z.T. der wissenschaftshistorische Bezug fehlt, wird zudem häufig der bisherige Kenntnisstand aktualisiert, aber kaum erweitert. Dies zeigt sich vor allem in Debatten zu „Work-Life Balance“, die an internationale Ansätze anknüpfen, aber häufig die Erkenntnisse der deutschen Frauen- und „Vereinbarkeits“-Forschung außer Acht lassen. Resümierend bleibt festzuhalten, dass die Arbeitsteilung in der Soziologie zwar in den Teilgebieten der Disziplin dezidierte Analysen zum Thema „Arbeit und Leben“ hervorbringt, diese Forschung aber kaum vernetzt oder gegenseitig inspiriert zu sein scheint. Dies ist kein spezifisch deutsches Desiderat soziologischer Forschung, sondern kennzeichnet auch die Situation in anderen Ländern und Fachdisziplinen (s. exemplarisch für die Arbeits- und Organisationspsychologie Guest 2002). Für die Arbeitsforschung ergibt sich darüber hinaus jedoch eine besondere Situation: Die von der Arbeits- und Industriesoziologie hinterlassene „Lücke“ hinsichtlich der Analyse von Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre bzw. einer dezidierten Reproduktionsforschung wurde nicht durch andere Teildisziplinen geschlossen. Die Relevanz von Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen fließt zwar in die Perspektiven z.B. der Geschlechterund Familienforschung systematisch ein, doch findet dort keine detaillierte Analyse von Arbeit dergestalt statt, dass neben den Voraussetzungen und Bedingungen dieser Arbeit auch konkretes Arbeitshandeln untersucht oder unterschiedliche Formen von Arbeit genauer differenziert werden. Das Gros der Studien bezieht sich eher indirekt auf diese Eigenlogik von Arbeitstätigkeiten, wenn daraus Indizien für die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen oder die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern gezogen werden sollen. Das Augenmerk richtet sich zudem auffallend häufig auf die Koordinations- und Synchronisationsfragen von Erwerbsarbeit und anderen Arbeiten, während die besondere Qualität von Repro-
3.5 Fazit
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duktionsarbeit bislang kaum untersucht wird. In der Arbeitssoziologie liegen inzwischen Studien zu personenbezogenen Dienstleistungen vor, jedoch nicht zu den Bedingungen und Belastungen, die sich aus dieser Arbeit ergeben, wenn sie jenseits eines Beschäftigungsverhältnisses geleistet wird. Der Rekurs auf Studien aus der Arbeitspsychologie hat hier zeigen können, dass auf Familien- und Hausarbeitsplätzen nicht nur viele dem Erwerbsbereich vergleichbare Anforderungen und Belastungen anzutreffen sind, sondern darüber hinaus auch bestimmte Kompetenzen erworben werden. Diese bestehen einerseits darin, solche Fähigkeiten zu erlernen, die sich aus der Besonderheit von Haus- und Familienarbeit als gesellschaftlich widersprüchlicher, aber gleichzeitig hochgradig sozial vermittelter Arbeit ergeben wie z.B. flexible Anpassungsfähigkeit, Unterordnung von eigenen Bedürfnissen oder Bereitschaft zu Konfliktschlichtung. Andererseits bedarf es voraussetzungsvoller Leistungen der Subjekte, indem sich Reproduktion im ganzheitlichen Sinne als eine Kompetenz erweist, das Leben ‚am Laufen’ zu halten. Die arbeitspsychologischen Studien zur Bewältigung von Zielkonflikten liefern hier wichtige Hinweise für neue Belastungskonstellationen, die sich aus Veränderungen in beiden Arbeitsbereichen ergeben. Der Rekurs auf ausgewählte Konzepte zur Analyse von Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen und den diesen sowohl strukturell als auch individuell zu Grunde liegenden Dimensionen hat die Breite der möglichen Untersuchungsperspektiven aufzeigen können. Die soziologische Arbeitsforschung wäre überfordert, diese Anregungen in ihrer Komplexität aufzugreifen und muss, gerade in empirischen Studien, aus forschungspraktischen Gründen Schwerpunktsetzungen vornehmen. Gleichwohl stellt sich mit Blick auf die Konzepte zu Arbeit jenseits der Erwerbssphäre heraus, dass hier ein Feld brach liegt, das nicht nur aufgrund der subjektiven Relevanz für die betroffenen Personen ‚bestellt’ werden sollte, sondern auch Voraussetzung für die Umsetzung eines ganzheitlichen Arbeitsbegriffs darstellt, der sich nicht auf die Analyse von Erwerbsarbeit reduziert. Weder die Prozesse der Aneignung und Vermittlung der skizzierten Kompetenzen noch deren Beeinflussung durch Erwerbsarbeit oder Rückwirkung in die Erwerbssphäre sind bislang als (arbeits)soziologisches Forschungsterrain definiert worden. Obwohl in der Arbeits- und Industriesoziologie inzwischen Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen vielfach berücksichtigt werden, richtet sich der Fokus dabei meist einseitig auf die sich daraus ergebenden Einbindungen und Belastungen von Personen. Der Zusammenhang zwischen den Qualitäten und Praxen von unterschiedlichen Arbeitsformen bleibt hingegen noch weitgehend ungeklärt. Die Revue sozialwissenschaftlicher Perspektiven auf das Verhältnis der Lebensbereiche hat gezeigt, inwiefern trotz partieller „Entgrenzungen“ von Arbeit bisherige Trennlinien erhalten bleiben. Erwerbsarbeit befindet sich nach wie vor in einem Vermittlungszusammenhang zu anderen sozialen Sphären, in denen Arbeitsleistungen erbracht werden, die ökonomisch funktional sind und den Erhalt vorhandener bzw. die Bereitstellung zukünftiger Arbeitskraft gewährleisten. Die diskutierten Thesen und Forschungsergebnisse der Geschlechter- und Familienforschung verweisen hier auf die anhaltende Notwendigkeit, den Wandel von Arbeit stets gesellschaftstheoretisch und Arbeit stets hinsichtlich ihrer Vermittlung zu reflektieren. Diese „Konnexionen“ (Becker-Schmidt) sind nicht neutral, sondern sehen für die Geschlechter je Unterschiedliches vor. Der Rückblick auf die empirische Datenlage zur Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und den strukturellen Rahmenbedingungen von Erwerbs- und Familienarbeit verweist auf eine anhaltende Schieflage im Geschlechterverhältnis, die sich trotz einer verstärkten Erwerbsintegration von Frauen
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3 Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“
erst ansatzweise verändert hat. Nach wie vor ist es die Vollinklusion ins Erwerbsleben, die soziale Absicherung bereit stellt und somit als Modus sozialer Ungleichheit fortwirkt. Wechselwirkungen stabilisieren insofern in Form von Arbeitsteilung gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Der Begriff der „Entgrenzung“ erweist sich vor diesem Hintergrund als ähnlich unpräzise wie die Formel der „Trennung“ von „Arbeit und Leben“. „Trennung“ war und ist durch Vermittlung gekennzeichnet; „Entgrenzung“ ist nicht nur Vermischung, sondern immer auch „Trennung“ in gewandelter Erscheinungsform. „Entgrenzung“ konnte in diesem Kontext als (auch) kulturell wirksames Phänomen identifiziert werden, das – nicht nur in arbeits- und sozialpolitischen Debatten – mit einer gesteigerten Leistungs- und Selbstverantwortungs-Ethik gekoppelt wird. Waren mit der historischen Herausbildung unterschiedlicher Arbeits- und Lebensbereiche stets Ausgrenzungen und Zumutungen verbunden, so fungierte die Privatsphäre mittels politischer Regulierung stets auch als Schutzraum gegenüber dem Zugriff von ‚Außen’. Werden institutionalisierte ‚ZeitRäume’ für privates Zusammenleben gekündigt, hat dies – wie sich mit Rückgriff auf die soziologischen Klassiker zeigen ließ – stets auch Rückwirkungen auf die soziale Integrationsfähigkeit von Gesellschaft, die Entwicklung von Bindungsfähigkeit und die sozial stabilisierende Funktion von Familie als „Gegenwelt“ usw. Diese Funktionen sind keineswegs nur durch die Lebensform Familie gewährleistet, sondern gelten für alle privaten Lebensformen sowie intensive soziale Bindungen generell. Auch jenseits von Arbeitsforschung ist bereits der Wandel der Erwerbssphäre berücksichtigt worden, wenn Konzepte zu Lebensführung in Alltag und Lebenslauf auf neue Polarisierungen zwischen Beschäftigtengruppen hinweisen, die sich aus den unterschiedlichen Anpassungsmöglichkeiten an veränderte Anforderungen aus den Lebensbereichen ergeben. Diese variieren nicht nur in bezug auf die Einbindung der Subjekte in die jeweiligen Sphären, d.h. ihrer Erwerbs- oder Familienintegration, sondern auch hinsichtlich der konkreten Strategien zur Bewältigung von Konflikten. Sie sind zwar beeinflusst durch Faktoren, die aus der Sozialstrukturanalyse bekannt sind, gehen jedoch nicht in diesen auf. Modi der Lebensführung in Alltag und Lebenslauf oder Kompetenzen von Reproduktion und Bewältigung von Konflikten sind Dimensionen, die im Sinne einer erweiterten Ungleichheitsforschung noch systematischer untersucht werden müssen. Dies gewinnt an Bedeutung, indem einerseits durch neue Formen der betrieblichen Arbeitsorganisation der Zugriff der Unternehmen auf ‚private’ Ressourcen der Person zunimmt (s. die Debatte zum „Arbeitskraftunternehmer“, 2.2), andererseits Erwerbsarbeit und soziale Sicherheit subjektiv sowohl in der Alltags- als auch in der Lebenslaufperspektive prekär werden. Hier entstehen Unsicherheiten, die sich als Belastung für den einzelnen und sein soziales Umfeld herauskristallisieren. Der Rekurs auf die verschiedenen Erklärungsansätze zu Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen hat gezeigt, dass eine Verknüpfung von Analyseebenen und Zeitperspektiven notwendig ist, um die Auswirkungen struktureller Bedingungen auf individuelles Handeln einzuschätzen. Die Konzepte kennzeichnet eine Fokussierung auf die Subjekte und ihre Reaktionen und Deutungen, gleichwohl wird gleichzeitig – wie die Verknüpfung von Gender- und Lebenslaufforschung sehr anschaulich zeigt – die anhaltende Prägekraft von Institutionen und Hierarchie der Sphären offenkundig. Während die Veränderungen in der Erwerbssphäre als Impuls für neue Anforderungen an die Lebensgestaltung breit aufgegriffen und in unterschiedlichen Typologien systematisiert werden, finden Rückwirkungen von privaten Lebensbedingungen in die Erwerbssphäre kaum Beachtung. Widerständige Poten-
3.5 Fazit
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ziale gegenüber veränderten Anforderungen werden zugunsten der Untersuchung von Anpassungsstrategien vernachlässigt. Für die Arbeitsforschung seien daher abschließend zwei Desiderate hervorgehoben: Zum einen ist eine kritische Arbeitssoziologie darauf angewiesen, Voraussetzungen, Bedingungen und Gestalt von Widersetzungen zu untersuchen, um nicht einseitig auf Prozesse der Anpassung zu fokussieren, sondern Versuchen der Einflussnahme auf strukturelle Zumutungen und damit Potenzialen ihrer Veränderung nachzuspüren. Zum anderen erweist sich Reproduktionsarbeit als, auch in anderen Forschungsgebieten, vernachlässigte Kategorie. Wie Beschäftigte heute ihre Arbeitskraft reproduzieren und inwiefern sie dafür nicht nur einseitig den Logiken der Erwerbssphäre, sondern auch den Logiken anderer Arbeitsbereiche folgen können und müssen, soll im Folgenden ausführlicher diskutiert werden (4.).
4 Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung
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4 Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung 4
Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung
Der nachhaltige Umgang mit Arbeitskraft ist eine für den Einzelnen existenzielle Herausforderung. Während Unternehmen – je nach Arbeitsmarktsituation und notwendigen Qualifikationsprofilen von Beschäftigten – den Verschleiß von Arbeitskraft durch Personalwechsel kompensieren können, ist die physische und psychische Leistungsfähigkeit der Person eine exklusive Ressource, deren Schädigung zu massiven Einkommensverlusten, materieller Not sowie sozialer Desintegration führen kann. Da die Teilhabe an Erwerbsarbeit in Arbeitsgesellschaften nach wie vor als zentraler Faktor sozialer Integration wirkt, beeinträchtigen jegliche Einschränkungen des Arbeitsvermögens den sozialen Status von Individuen. Der Einsatz von Arbeitskraft stellt jedoch nicht nur aus Sicht der Subjekte eine relevante Aufgabe in Alltag und Lebenslauf dar, sondern berührt, da er die Angebots- und Leistungsseite von Arbeitskraft betrifft, stets auch die Interessen von Unternehmen und Sozialstaat. Vor dem Hintergrund einer negativen demografischen Entwicklung und einer absehbaren drastischen Verringerung des (qualifizierten) Erwerbspersonenpotenzials richtet sich daher die Aufmerksamkeit in den letzten Jahren verstärkt auf Fragen des Erhalts von Arbeitskraft. Sind es für die Unternehmen sogenannte ‚High Potentials’, die man langfristig binden und auf hohem Niveau leistungsfähig halten will, ist es für den Staat eine gesundheits- und sozialpolitische Aufgabe, die volkswirtschaftlichen Risiken einzugrenzen. Hier finden sich zwei Strategien: Während Anreize zur Familiengründung auf eine dynamischere biologische Reproduktion und den Erhalt der Gruppe von „Einzahlern“ in die Sozialversicherungssysteme zielen, richten sich Initiativen zur Heraufsetzung des Renteneintrittsalters oder Konzepte zur Vermeidung vorzeitigen Ausscheidens aus dem Erwerbssystem auf die soziale Reproduktion vorhandener Arbeitskraft. Beide Formen werden letztlich durch den Einzelnen selbst sicher gestellt, können aber durch Dritte – Institutionen oder Akteure auf allen Ebenen sozialen Lebens – unterstützt werden. Trotz der wachsenden Aufmerksamkeit für Formen der Nutzung von Arbeitskraft auch in öffentlichen, gesellschaftspolitischen Debatten, erweisen sich die Bedingungen ihres Erhalts als nach wie vor widersprüchlich und gereichen als Indiz für Herrschaftsverhältnisse, in die die Reproduktion von Arbeitskraft eingebunden ist: Einerseits ist eine Programmatik verbreitet, nach der Arbeits- und Lebensbedingungen in Unternehmen und Gesellschaft so gestaltet werden sollen, dass einem möglichst langfristigen Nutzen der einzelnen Arbeitskraft nichts entgegensteht. Die betrieblichen Projekte zu „Work-Life Balance“ zählen ebenso hierzu wie politische Kampagnen zu „Vereinbarkeit“, Gesundheitsvorsorge, betrieblicher Gesundheitsförderung oder einer „Stärkung von Eigenverantwortung“. Andererseits sind den Möglichkeiten der Reproduktion jedoch enge Grenzen gesetzt: Leistungsintensivierung, Deregulierung und Flexibilisierung im Erwerbsleben, die Schwächung be-
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trieblicher und kollektiver Interessenvertretung der Arbeitnehmerschaft sowie die Übernahme von „Eigenverantwortung“ im Sinne höherer Kostenbeteiligung zur Absicherung von Krankheit und Rente bringen neue Unsicherheiten für die Subjekte mit sich und summieren sich zu neuen Anforderungs- und Belastungskonstellationen hinsichtlich des Erhalts von Arbeitskraft. Veränderungen in der Arbeitsorganisation, die dem Einzelnen mehr „Selbst-Kontrolle“ abverlangen, sowie gewandelte Bedingungen und Werte im privaten Lebenskontext tragen zusätzlich dazu bei, dass sich die Regeneration für den Einsatz im Erwerbsleben als anspruchsvolle Aufgabe gestaltet. Geschlechtliche Arbeitsteilung und Segregationen des Arbeitsmarktes führen zwar noch immer zu grundlegend unterschiedlichen Bedingungen der Reproduktion von Arbeitskraft durch Frauen und Männer, doch finden sich auch innerhalb der Genus-Gruppen gravierende Polarisierungen, die u.a. davon beeinflusst werden, welche Ressourcen, Netzwerke und Kompensationen sich mobilisieren lassen, um den Erhalt der eigenen Arbeitskraft abzusichern. Die konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen der Person sind hier ebenso bedeutsame Einflussfaktoren wie das individuelle Wissen um Möglichkeiten des Weiterentwickelns und Schonens von Arbeitskraft sowie ihrer Vermarktung im Erwerbssystem. Gesellschaftliche Institutionen unterstützen und lenken die Wiederherstellung von Arbeitskraft, wie z.B. die Familie, die Schule oder das Ausbildungssystem, die auf den Einsatz von Arbeitskraft hin zivilisieren und disziplinieren. Gesellschaftliches Geschlechterverhältnis und Sozialstruktur wirken dabei vermittelt über diese Institutionen, die für die Subjekte je unterschiedliche Wege öffnen bzw. verschließen und differente Anforderungen an die Reproduktion eigener bzw. anderer Arbeitskraft mit sich bringen.252 Vor diesem Hintergrund gilt es auszuleuchten, welche Anforderungen sich heute an die Reproduktion von Arbeitskraft stellen. Mit der Kategorie „Reproduktion“ soll dabei weder auf den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess noch auf eine gesellschaftliche Sphäre rekurriert werden, sondern die Reproduktion von Arbeitskraft durch die Person selbst in den Mittelpunkt rücken. „Reproduktion“ als Kategorie der Politischen Ökonomie fokussiert zwar auf die Wiederherstellung oder -beschaffung von Wirtschaftsgütern und Reproduktionsfaktoren, doch überträgt Marx den Begriff explizit auf menschliche Arbeitskraft und notwendige Tätigkeiten wie Ernährung und Erholung oder die Zeugung der nächsten Arbeitergeneration sowie deren Versorgung (s. exemplarisch Marx 1962: 591ff.). Mit Rekurs auf diese gesellschaftstheoretische Konzeption von „Reproduktion“ lässt sich daher auf eine Praxis der Subjekte fokussieren, die einerseits in einen gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang eingebunden ist, andererseits aber eine individuell existenzielle Handlungsanforderung darstellt: Reproduktion von Arbeitskraft ist eine Leistung der Person. Diese muss – idealtypisch betrachtet – Alltag und Lebenslauf so gestalten und die Verausgabung von Arbeitskraft so dosieren, dass diese Ressource dauerhaft zur Verfügung steht. Mit dem Kürzel „Reproduktion als Arbeitskraft“ (s. bereits Asendorf-Krings/Drexel/ Nuber 1976; Brock/Vetter 1982, 1984) lässt sich daher Reproduktion als Handlungspraxis untersuchen. Diese ist jedoch keineswegs nur voluntaristisch an den Bedürfnissen der Subjekte orientiert, sondern bleibt durch die strukturellen Bedingungen und Anforderungen von 252 Forschungsergebnisse zur Arbeitsteilung in Paarbeziehungen verweisen auf eine anhaltend ungleiche Verteilung von Haus- und Familienarbeit: Während Männer überwiegend eigene Arbeitskraft sozial reproduzieren, besteht ein beachtlicher Anteil der Arbeit von Frauen darin, die Arbeitskraft anderer zu unterstützen (s. ausführlich 3.1.2 sowie 3.2.2).
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„Arbeit und Leben“ geprägt und trägt maßgeblich zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Produktionsmodelle bei. Ausgehend von den diskutierten Traditionslinien von Arbeits- und Industriesoziologie sowie den Perspektiverweiterungen durch benachbarte (Teil-)Disziplinen zielt die folgende Analyse auf eine Aktualisierung von Reproduktionsforschung. Hierfür gilt es, zum einen die aktuelle Relevanz und soziale Brisanz solcher individuellen Leistungen – mit Rückgriff auf empirische Daten – zu unterstreichen; zum anderen bedarf es einer Erweiterung der bisherigen Analyse sozialer Reproduktion durch die Person selbst: Statt, wie in der Arbeitsund Industriesoziologie verbreitet, Arbeitskraft als Ware zu analysieren, erscheint ergänzend eine Fokussierung auf die Voraussetzungen der Nutzung von Arbeitskraft geboten. Bereits Brock/Vetter (1984: 35) haben auf die notwendige Reproduktion der gesamten Existenz hingewiesen, untersuchten aber vor allem Handeln, das direkt oder indirekt wiederum der Vermarktung der Ware Arbeitskraft zuträglich ist (zur Kritik s. 2.1). Im Folgenden sollen demgegenüber auch solche Reproduktionsleistungen der Subjekte in die Analyse einfließen, die auf die Arbeits- und Lebensanforderungen in unterschiedlichen Sphären ausgerichtet sind und die Bewältigung von Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen ermöglichen. Neben der Analyse der Anforderungen an die Reproduktion von Arbeitskraft soll daher die Reproduktion von Lebenskraft als notwendige Perspektiverweiterung von Reproduktionsforschung eingeführt werden. Der Erhalt von Lebenskraft lässt sich dabei als eine der Reproduktion als Arbeitskraft vorgelagerte Leistung der Person definieren. Als analytisches Pendant zur Kategorie „Arbeitskraft“ lässt sich mit der Analyse von „Lebenskraft“ – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – die ‚andere’ Seite von Arbeitsleistungen einbeziehen, die in der Arbeitssoziologie bislang vernachlässigt wurde. Sie umfasst solche Tätigkeiten, die zur physischen und psychischen Stabilisierung der Person sowie der Aufrechtherhaltung sozialer Bindungen dienen. Diese sind zwar ebenfalls Voraussetzung für den Einsatz im Erwerbsleben, entziehen sich jedoch zum einen einem rein ökonomischen Bewertungszusammenhang, zum anderen sind sie auch für nicht-erwerbstätige Personen existenziell (s. 4.2.3).253 Der Begriff „Lebenskraft“ wurde im Deutschen erstmals 1774 von F.C. Medicus verwendet und war Ausdruck einer wachsenden Skepsis gegenüber einer bis dato vorherrschenden rein physikalischen Erklärung des Organischen. Dieses sei, so Brandis (1795), mit einer Kraft ausgestattet „die sich bis jetzt nicht auf die uns bekannten Gesetze der physischen Kräfte der nicht organisirten Natur zurückbringen läßt.“ (zitiert nach Engels 1995: 123). „Lebenskraftlehren“ zielten daher darauf, das Organische als Gegenstand von Naturwissenschaften zu deklarieren und auf notwendige Experimente und Forschung hinzuweisen – etwa zeitgleich etabliert sich der Begriff „Biologie“ (ebd.). Da der Terminus in der Folge auf sehr unterschiedliche Vermögen der Person angewandt wurde, setzte sich keine konsistente „Lehre der Lebenskraft“ durch; der Begriff war weniger Ausdruck der „Lösung eines Problems als vielmehr seiner Artikulation“ (ebd.: 125). Kritik gegen „Lehren der Lebenskraft“ formierte sich im 19. Jahrhundert durch Fortschritte in der Medizin und Chemie und resultierte schließlich in einer weitgehenden Aufgabe des Begriffs. In jüngerer Zeit wird der Begriff außerhalb von Wissenschaft wieder vermehrt aufgegriffen und hat sich im Kontext vielfältiger Angebote von Lebensberatung breit durchgesetzt: Er findet sich in Titeln von Coaching-Seminaren für Hochqualifizierte oder heilmedizinischen Fortbil253 Im Folgenden verwende ich Reproduktion „von“ und „als“ Arbeitskraft synonym, wenn es sich um solche Leistungen der Person handelt, die vergleichsweise unmittelbar dem Wiedereinsatz im Erwerbsleben dienen; die Analyse von „Lebenskraft“ richtet sich demgegenüber auf im ganzheitlichen Sinne personenbezogene Bedürfnisse sowie auf Anforderungen im privaten Lebenskontext.
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4 Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung dungsangeboten ebenso wie in esoterisch inspirierten Seminaren oder religiös orientierten Selbsthilfegruppen. Engler (1995) interpretiert „Lebenskraftlehren“ als „Lückenparadigma“, da sie die Grenzen der bis dato vorherrschenden Wissenschaften aufzeigten, aber „die Erklärungsmuster des späten 19. und des 20. Jahrhunderts noch nicht bereitstanden“ (123f.). Wenn im Folgenden daher der Begriff „Lebenskraft“ für eine Revitalisierung und Neuausrichtung von Reproduktionsforschung herangezogen wird, so geschieht dies weniger als Analogie zu der biologisch-medizinischen Traditionslinie des Begriffs, denn im Sinne einer Fokussierung auf die begrenzte Reichweite der zur Zeit dominierenden Kategorien und Paradigmen.
Die Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft erweist sich im Kontext des Wandels von Erwerbsarbeit und des Umbaus des Sozialstaates als Forschungsgegenstand von hoher gesellschaftspolitischer Brisanz: Ergeben sich neue Chancen für die Realisierung individueller Reproduktionsbedürfnisse und -interessen? Wirken bisherige Restriktionen fort oder kristallisieren sich gar neue Belastungskonstellationen heraus, die den Erhalt von Arbeitsund Lebenskraft gefährden? Ziel soll es im Folgenden sein, die gegenwärtigen Bedingungen von Reproduktion auszuleuchten und genauer zu erkunden, inwiefern sich Reproduktion als besondere individuelle Handlungspraxis erweist. Diese manifestiert sich vor allem in Grenzziehungen der Person: Sie sind notwendig, um externe Anforderungen so zu bewältigen, dass individuelle Ressourcen nicht nachhaltig beschädigt werden. Grenzziehungen sind insofern kein neues Phänomen, sondern begleiten die Trennung von Lebensbereichen und sind Voraussetzung für die individuelle Bewältigung der hiermit verbundenen Widersprüche im Lebenszusammenhang. Gleichwohl ergeben sich durch die strukturellen Entgrenzungsdynamiken neue Impulse für Reproduktionshandeln: Grenzziehungen werden schwieriger, wenn sich externe Anforderungen und Anpassungsdruck erhöhen, aber die individuellen Ressourcen konstant bleiben oder sich – induziert durch den strukturellen Wandel – gar verringern. Gefährdet dies existenziell den Erhalt von Arbeits- und Lebenskraft, können sich Grenzziehungen zu offensiven Widersetzungen gegenüber erweiterten externen Zugriffen entwickeln. Im Unterschied zu anderen Versuchen einer Perspektiverweiterung auf das Leben als „Ganzes“ (u.a. Brock/Vetter 1984; Voß 1991; Projektgruppe 1995) gilt es daher, Grenzziehungen nicht lediglich als Anpassungsstrategie zu beschreiben, sondern darüber hinaus auch deren emanzipatorisches Potenzial zu ergründen: Mit der Perspektive auf Grenzziehungen können nicht nur Prozesse der Aufrechterhaltung bestehender Grenzen durch individuelles Handeln beleuchtet werden, sondern rücken auch Praxen der Einflussnahme auf die Umgestaltung struktureller Bedingungen sowie Widersetzungen gegenüber einem forcierten Zugriff auf die Ressourcen und Potenziale der Person ins Blickfeld. Während die Sensibilität von Forschung für eigensinniges Arbeitshandeln inzwischen zunimmt und damit ältere Traditionslinien der Arbeitssoziologie aufgegriffen werden, bleiben bislang solche Widersetzungen vernachlässigt, die sich aus der Eigenlogik des Erhalts von Arbeits- und Lebenskraft ergeben, d.h. ihre Ursachen auch im außerbetrieblichen Leben von Beschäftigten haben.254 Es stellt sich daher die Frage, welche Bedürfnisse der Per254 Vgl. zu widerständigem Potenzial u.a. Negt/Kluge 1981; Lüdtke 1993; Schimank 1983 sowie für die jüngere Debatte und mit teils implizitem Bezug Böhle 1994; Raehlmann 1996; Wolf 1999 sowie die Beiträge in Böhle/Pfeiffer/Sevsay-Tegethoff 2004. Auch KritikerInnen der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ bemängeln eine mangelnde Berücksichtigung von möglichen Widersetzungen der Beschäftigten, bleiben jedoch ihrerseits ebenfalls einem begrenzten Arbeitsverständnis verhaftet, wenn sie ausschließlich (belastende) Erwerbsbedingungen als Ursache von Verweigerungshaltungen in Betracht ziehen.
4.1 Die Reproduktion als Arbeitskraft im „entgrenzten“ Kapitalismus
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son und welche Anforderungen aus dem außerbetrieblichen Umfeld Subjekte zu Widersetzungen, d.h. zur Verweigerung der Erfüllung externer Anforderungen, veranlassen. Welche Strategien wählen Subjekte und welche (individuellen oder strukturellen) Faktoren erweisen sich als hinderlich bzw. förderlich für diesen Eigensinn der Subjekte? Widersetzungen verstehen sich in diesem Sinne als eine soziale Praxis. Diese gewinnt an Bedeutung, wenn (kollektive) Grenzen, die bislang den Erhalt individueller Arbeits- und Lebenskraft erleichterten, ihre Schutzfunktion einbüßen. Widersetzungen dienen dabei nicht nur der Reduktion von Komplexität und sind nicht lediglich ein Versuch der Wiederherstellung oder Verteidigung bisheriger Lebensführung, sondern können darüber hinaus auch zur Veränderung struktureller Bedingungen führen. Die Fragen verweisen auf Reproduktion als ein Forschungsfeld, das im Folgenden konturiert und aktualisiert werden soll. Nach einem knappen Rekurs auf veränderte Bedingungen von Reproduktion (4.1) sollen Merkmale und Praxen der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft skizziert werden (4.2). Grenzziehungen der Person verweisen anschließend auf die ‚Begrenzung von Entgrenzung’ und liefern Indizien für Widerständigkeiten gegenüber einem erweiterten Zugriff auf Ressourcen und Potenziale der Person (4.3).
4.1 Die Reproduktion als Arbeitskraft im „entgrenzten“ Kapitalismus Die Zahl der Krankmeldungen abhängig Beschäftigter ist rückläufig in Deutschland. Die Daten könnten dazu verleiten, dies als späten Erfolg der in den 1970er Jahren angestoßenen Programme zu einer „Humanisierung des Arbeitslebens“ zu werten oder – da Gesundheit nicht nur von den Erwerbsbedingungen abhängig ist – auf eine verbesserte medizinische Versorgung, auf ein harmonisches Verhältnis von Erwerbsarbeit und Freizeit oder den Erfolg präventiver Gesundheitsförderung schließen lassen (z.B. Kohler 2002: 9f.). Die Wirklichkeit ist gleichwohl komplexer: Massenarbeitslosigkeit, Produktionsverlagerungen ins Ausland und ein verschärfter Konkurrenzdruck zwischen Standorten und Beschäftigten können in ihrer kumulativen Wirkung dazu führen, dass Beschäftigte auch dann am betrieblichen Arbeitsplatz erscheinen, wenn eine Erwerbsunterbrechung zwecks Regeneration erforderlich wäre. Instrumente von Personalpolitik wie Rückkehrgespräche nach Ausfallzeiten sollen dazu verhelfen, betrieblichen Ursachen von Fehlzeiten auf die Spur zu kommen. Sie wirken jedoch restriktiv, indem sie – wie eigene empirische Erhebungen zeigen – als „Überprüfung“ und „Kontrolle“ erlebt werden, bei der sich Beschäftigte in der „Beweispflicht“ sehen, die Fehlzeit und deren Dauer zu begründen.255 In den Datenreporten der Krankenkassen fällt auf, dass ein Anstieg solcher Krankheiten zu verzeichnen ist, die sich meist erst verzögert, d.h. nach einem dauerhaften Überschreiten und Ausreizen von Leistungsgrenzen ergeben: Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen und psychosomatische