Kerstin Jürgens Arbeits- und Lebenskraft
Kerstin Jürgens
Arbeitsund Lebenskraft Reproduktion als eigensinnige Grenzz...
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Kerstin Jürgens Arbeits- und Lebenskraft
Kerstin Jürgens
Arbeitsund Lebenskraft Reproduktion als eigensinnige Grenzziehung
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage September 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Monika Mülhausen Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Satz: Anke Vogel Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN-10 3-531-15172-X ISBN-13 978-3-531-15172-4
Inhalt
5
Inhalt
1
2
Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen..................................................7 1.1
„Entgrenzung“ ......................................................................................................9
1.2
Soziologische Begrenzungen .............................................................................10
1.3
Forschungsprogramm .........................................................................................15
Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren Leistungen und Desiderate der Arbeits- und Industriesoziologie ..........................21 2.1
Leitideen der 1950er-1980er Jahre: Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ – empirisch erforscht, randständig rezipiert ...........................................................................................22 2.1.1 Konzeptionelle Traditionslinien und Selbstverständnis.....................................23 2.1.2 ‚Empirische Klassiker’ .......................................................................................36 2.1.3 Zusammenfassung ..............................................................................................55 2.2
Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren .....................................................58 2.2.1 „Entgrenzung von Arbeit (und Leben)“: Konstruktion von Trennung, um „Entgrenzung“ festzustellen? ........................59 2.2.2 „Subjektivierung von Arbeit“: Fokussierung auf Erwerbsarbeit, um „Subjektivierung“ festzustellen?.............68 2.3
Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen ............................................................79 2.3.1 Einigkeit in der Diagnose: Gegenstandserweiterung auf neue Erwerbsbedingungen...................................81 2.3.2 Divergenzen in den Schlussfolgerungen: Traditionsorientierung versus Paradigmenwechsel............................................83 2.3.3 Perspektiverweiterung mit beschränktem Horizont: die Persistenz der Erwerbsfixierung...................................................................91 2.4
Fazit: Paradigmenwandel mit Begrenzungen.....................................................94
6
Inhalt
3
Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ Konzeptionelle Perspektiverweiterungen an disziplinären Schnittstellen...........101 3.1
„Vereinbarkeit“ – semantische Verharmlosung von strukturell Widersprüchlichem ...................104 3.1.1 „Arbeit und Leben“ als Thema der Geschlechterforschung: die Gleichzeitigkeit von Trennung und Vermittlung und ihre sozialstrukturellen Folgen ................................................................................104 3.1.2 „Arbeit und Leben“ in der Familiensoziologie: Familie als soziale Institution mit gesellschaftlichen Funktionen ...................119 3.1.3 „Vereinbarkeit“ als Schimäre...........................................................................140 3.2 Lebensführung in Alltag und Lebenslauf.........................................................144 3.2.1 Alltägliche Lebensführung ...............................................................................145 3.2.2 Lebenslauf ........................................................................................................152
4
5
3.3
„Work-Life Balance“ – von der Personalentwicklung zum Forschungsansatz? ....................................165
3.4
Arbeitspsychologie: Wechselwirkung als Belastung, Bewältigung als Kompetenz .........................175
3.5
Fazit: Wechselwirkungen als Ausgangspunkt einer Neuauflage von Reproduktionsforschung ..................................................................................188
Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft: von der Grenzziehung zur Widersetzung .............................................................................................................193 4.1
Die Reproduktion als Arbeitskraft im „entgrenzten“ Kapitalismus.................197
4.2 4.2.1 4.2.2 4.2.3
Arbeits- und Lebenskraft: Reproduktionsleistungen der Subjekte ..................203 Reproduktionshandeln – zur Forschungsperspektive.......................................203 Reproduktion als Erhalt von Arbeitskraft ........................................................208 Reproduktion als Erhalt von Lebenskraft.........................................................229
4.3 4.3.1 4.3.2 4.3.3
Reproduktionshandeln als Grenzziehung.........................................................241 Zur Eigenlogik von Grenzziehungen: Merkmale und Motive .........................242 Dimensionen und Reichweite von Grenzziehungen ........................................249 Grenzziehung als Widersetzung.......................................................................260
4.4
Fazit: Reproduktionshandeln als zentrale Kategorie kritischer Sozialforschung ................................................................................................272
Rück- und Ausblick...................................................................................................277
Literatur.............................................................................................................................283
1.1 „Entgrenzung“
7
1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Wenn sich die Soziologie mit „Grenzen“ beschäftigt, dann geht es meist nicht nur um natürliche Grenzen wie geografische Hindernisse oder körperliche Belastungslimits, sondern stets auch um Grenzen als Resultat menschlichen Handelns, um Grenzen als soziales Konstrukt. Bei den „Klassikern“ der Soziologie finden sich zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung von Grenzen und auf deren unterschiedliche Erscheinungsformen. Sie sind demnach nicht nur als räumliche, nationalstaatliche, institutionelle oder organisationale Trennungen anzutreffen, sondern auch auf der Ebene der Subjekte: In seiner „Soziologie des Raums“ (1903) problematisiert z.B. Simmel – unter Rekurs auf Kant – den Wegfall räumlicher Grenzen als Hemmnis für soziale Bindungen und sieht „seelische Begrenzungsprozesse“ (1983: 228) als zentrale Bedingung für die Stabilisierung der Subjekte. Seit den 1990er Jahren beziehen sich zahlreiche theoretische Abhandlungen und empirische Studien der Soziologie vergleichsweise offensiv und über unterschiedlichste Themengebiete hinweg auf „Grenzen“. Die Grenzmetapher wird dabei als heuristisches Instrument herangezogen, um für grundlegende Wandlungsdynamiken zu sensibilisieren. Hintergrund sind hier nicht nur Erosionstendenzen nationalstaatlicher Trennlinien oder eine fortschreitende Internationalisierung von Wirtschaft und Politik, sondern auch umfassende Modernisierungsprozesse, in denen sich Gestalt und Funktionen von Institutionen verändern, die über Jahrzehnte hinweg als stabil und als charakteristisch für die deutsche Gesellschaft galten. Während Grenzverschiebungen oder -erosionen zunächst vor allem als strukturelle Dynamik beleuchtet wurden, richtet sich die Aufmerksamkeit erst in jüngerer Zeit vermehrt auf die damit verbundenen Anforderungen an individuelles Handeln. Die Subjekte tragen jedoch, so die Ausgangsthese der vorliegenden Studie, wesentlich zur Veränderung oder zum Erhalt bisheriger Grenzen bei – sie betreiben aktive Grenzziehungen. Mit dieser Praxis bringen Subjekte – idealtypisch – externe Anforderungen und interne Bedürfnisse in Übereinstimmung. Grenzziehungen sind Ausdruck einer aktiven Gestaltungsleistung der Subjekte, sind gleichzeitig jedoch hochgradig gesellschaftlich vermittelt; Grenzziehungen gewinnen im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse an Bedeutung, wenn sich individuelle Gestaltungsspielräume vergrößern, bleiben aber eingewoben in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse.1 Grenzziehungen rücken unweigerlich in den Blick, wenn es um gesellschaftliche Arbeitsteilung und das Verhältnis der Lebensbereiche geht: Mit der Industrialisierung wurden durch Arbeitsorganisation und Sozialpolitik Grenzen zwischen Lebensbereichen etabliert, die sich bis heute in einer Trennung der Erwerbsarbeit von anderen Arbeitsformen und 1
Der Verweis auf die Gleichzeitigkeit wachsender Gestaltungsfreiräume einerseits und anhaltende bzw. neue Handlungszwänge andererseits findet sich in fast allen soziologischen Studien. Resümiert wird dieses „Nebeneinander“ dann häufig als „Ambivalenz“ von Modernisierung. „Ambivalenz“ beschreibt treffend Gefühlskonflikte des Subjekts, verharmlost als Strukturbegriff jedoch die Widersprüche, die in den bisherigen Grenzen und neuen Grenzverschiebungen angelegt sind, sowie die ihnen zu Grunde liegenden Interessenkonflikte (vgl. bereits Knapp 1981: 80).
8
1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Lebenstätigkeiten manifestiert. Diese Struktur setzt dem individuellen Handeln Grenzen, doch bleibt es Aufgabe der Subjekte, alltäglich und lebenslang die Wechselwirkungen und Widersprüche zwischen diesen Sphären auszugleichen. Vor allem die Geschlechterforschung hat beständig auf diese „Zumutungen“ kapitalistischer Gesellschaften und auf die anhaltende Vermittlung zwischen nur vordergründig Getrenntem hingewiesen. Dieser Zusammenhang von Produktion und Reproduktion ist heute – trotz einer regen Forschungsaktivität in den 1970er und 80er Jahren – vergleichsweise unterbelichtet. War es zunächst der (häufig feministisch inspirierte) „Vereinbarkeits“-Diskurs zu „Beruf und Familie“, sind es aktuell Konzepte zur „Balance von Arbeit und Leben“, mit denen soziologische Forschung die Verbindungslinien zwischen den Lebensbereichen thematisiert. In der deutschen Arbeitssoziologie werden diese Perspektiven bislang eher zurückhaltend aufgegriffen, gewinnen jedoch an Bedeutung für die Diagnosefähigkeit der Teildisziplin: Greifen die im Zuge der „Entgrenzung“ von Erwerbsarbeit etablierten Arbeitsformen in neuer Weise auf die „ganze Person“ zu, erhält der außerbetriebliche Lebenszusammenhang eine wachsende Relevanz für individuelles Arbeitsvermögen, betriebliche Arbeitsorganisation und die Entwicklung von Arbeit insgesamt. Denn für die Beschäftigten manifestiert sich die neue Qualität der Nutzung von Arbeitskraft nicht nur in Gestalt einer Arbeitsorganisation, in der Abläufe zunehmend eigenverantwortlich gesteuert werden müssen: Die Beschäftigten sollen sich mit ihrer „ganzen Persönlichkeit“, ihrem „ganzen Leben“ und als „ganzer Mensch“ in den Arbeitsprozess einbringen – so die Proklamationen von Personalverantwortlichen und Managermagazinen. Die Arbeitssoziologie steht insofern vor der Herausforderung, nicht nur Grenzen zu untersuchen, sondern ihrerseits Grenzen zu überschreiten – indem sie offensiv Verbindungen zu anderen (Teil-)Disziplinen knüpft, sich auf eigene Forschungstraditionen besinnt und diese weiterentwickelt: Betonte bereits in den 1980er Jahren das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976; Brock/Vetter 1982, 1984) aktive Leistungen der Beschäftigten zur Wiederherstellung von Arbeitsvermögen, muss die Arbeitsforschung dieser Fokussierung auf die Subjekte heute noch konsequenter folgen. Setzt die neue Funktionslogik betrieblicher Arbeitsorganisation am „ganzen Menschen“ an und zielt auf die Nutzung „lebensweltlicher Potenziale“, muss soziologische Forschung diese Perspektivverschiebung nachvollziehen und bisherige Arbeitsteilungen überwinden: Zu ergründen sind die Voraussetzungen, die Widersprüche und die Eigenlogik der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft.2 Mit einer solchen Ausweitung des Gegenstandsbereichs lässt sich nicht nur ein ganzheitlicher Arbeitsbegriff einlösen, sondern erschließen sich überhaupt erst Reichweite und Folgewirkungen des Wandels von Erwerbsarbeit und mit ihm verbundene soziale Dynamiken. Um die Einordnung des Themas zu erleichtern und ‚eiligen’ LeserInnen die gezielte Auswahl einzelner Abschnitte zu ermöglichen, skizziere ich im Folgenden Ausgangspunkt und Arbeitshypothesen der vorliegenden Studie. Nach einem kurzen Rekurs auf die Debatte zur „Entgrenzung“ von Erwerbsarbeit (1.1), werden daher ‚soziologische Begrenzungen’ identifiziert, die sich in einer Fixierung auf Erwerbsarbeit und individuelle Anpassungsleis2
„Reproduktion“ umfasst daher im Folgenden nicht einen gesellschaftlichen Prozess oder eine gesellschaftliche Sphäre, sondern meint Leistungen der Person zur allgemeinen Existenzsicherung, sozialen Integration und zur Wiederherstellung von eigener und fremder Arbeitskraft. Mit dem Begriff der Lebenskraft wird diese Perspektive erweitert auf solche Leistungen der Person, die zum Erhalt physischer und psychischer Stabilität und sozialer Bindungen beitragen (zu Konzept und Begriffen s. ausführlich 4.).
1.1 „Entgrenzung“
9
tungen manifestieren (1.2). Sie liefern den Impuls dafür, solche individuellen Grenzziehungen zu untersuchen, die Aufschluss über die Eigenlogik des Erhalts von Arbeits- und Lebenskraft geben. Im Forschungsprogramm werden anschließend Vorgehensweise und Aufbau der Studie vorgestellt (1.3).
1.1 „Entgrenzung“ Seit den 1990er Jahren wird in der arbeits- und industriesoziologischen Forschung die These einer „Entgrenzung von Arbeit“ diskutiert. Demnach verlieren im Zuge der Internationalisierung von Produkt-, Dienstleistungs- und Finanzmärkten und einer Vermarktlichung unternehmensinterner Beziehungen nicht nur nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung, sondern es schwinden auch Grenzen innerhalb nationaler Ökonomien, Grenzen zwischen Betrieb und Markt sowie Grenzen innerhalb betrieblicher Arbeitsorganisation (u.a. Sauer/Döhl 1997; Kratzer/Döhl/Sauer 1998; Voß/Pongratz 1998; Kratzer 2003; Pongratz/Voß 2003). Inwieweit es sich hierbei um eine Erosion von für kapitalistische Arbeitsgesellschaften kennzeichnenden Strukturmerkmalen handelt oder lediglich um Grenzverschiebungen, wird kontrovers eingeschätzt. Wird im Zuge der „Postfordismus“-Debatte häufig eine „Ablösung“ des Produktionsmodells postuliert, betont die These der „Entgrenzung“ ein Nebeneinander von Neuem und Alten, d.h. das Fortwirken fordistischer Prinzipien bei gleichzeitiger Herausbildung dezentraler Arbeitsorganisation, in der Beschäftigte Marktlogiken internalisieren (s. zur Übersicht Sauer 2005). Der Begriff der „Entgrenzung“ sensibilisiert insofern für eine Prozessdynamik. Ob Deregulierung am Arbeitsmarkt, Schwächung kollektiver Interessenvertretung und Abbau sozialpolitischer Sicherung zufällige Begleiterscheinungen von Unternehmensreorganisation, Dezentralisierung und Vermarktlichung darstellen oder ob sich hier ein neues Produktionsmodell abzeichnet, bleiben virulente Fragen zukünftiger Forschung. In empirischen Studien mehren sich bereits seit den 1990er Jahren Hinweise auf neue Formen der betrieblichen Nutzung von Arbeitskraft. Unternehmen etablieren marktförmige Beziehungen innerhalb von Betrieben und delegieren Verantwortung für Arbeitsergebnis und -abläufe von Vorgesetzten an die Beschäftigten selbst. Diese Anforderungen – idealtypisierend in der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Voß/Pongratz 1998) gefasst – gelten nicht mehr nur für besondere Branchen und das Segment hochqualifizierter Beschäftigter, sondern haben in unterschiedlichen Erwerbsbereichen und Berufsgruppen an Relevanz gewonnen (Pongratz/Voß 2003, 2004; Kratzer 2003; Eberling u.a. 2004). In der Arbeitsforschung wird dabei nicht nur innerhalb der nationalen Ökonomie eine „Entgrenzung von Arbeit“ diagnostiziert, sondern darüber hinaus auch eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ insgesamt konstatiert (Voß 1998; Gottschall/Voß 2003): Betriebliche Personalpolitik zielt darauf, soziale Kompetenzen und private Ressourcen für den Erwerbsbereich zu mobilisieren, dadurch den Einsatz von Arbeitskraft effizienter zu gestalten und Rationalisierungspotenziale durch die Beschäftigten selbst ausschöpfen zu lassen; Aufgaben aus dem Betrieb sollen notfalls auch am heimischen Arbeitsplatz und zeitlich flexibel bearbeitet werden. Ehemals deutlich erkennbare Grenzen, wie z.B. die Trennung der Lebensbereiche oder betriebliche Konfliktlinien zwischen „Kapital und Arbeit“, würden dadurch – so zentrale Thesen der Debatte – brüchig.
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
Ob sich tatsächlich eine „Entgrenzung“ im Verhältnis von Arbeit und Leben abzeichnet, bedarf aufgrund der Tragweite des Begriffs einer genauen Prüfung. Denn die Diagnose der „Entgrenzung“ unterstellt nicht nur, dass die Lebensbereiche zuvor getrennt waren, sondern legt implizit nahe, dass auch bisherige Hierarchisierungen zwischen Lebensbereichen erodieren könnten. Damit drohen nicht nur bisherige und neue Verbindungslinien zwischen Lebensbereichen, sondern auch soziale Ungleichheiten aus dem Blick zu geraten, die trotz „Entgrenzung“ fortbestehen bzw. sich in neuer Weise ergeben. Zudem sind nicht alle für Arbeitsgesellschaften charakteristischen Grenzen als Einschränkung individueller Gestaltungsspielräume einzuschätzen. Die Herausbildung unterschiedlicher Lebensbereiche basierte zwar auf dem ökonomischen Interesse, die Reproduktion von Arbeitskraft sicher zu stellen, doch bot die Sphäre des Privaten (bislang) auch einen – wenngleich durchlässigen – Schutzraum gegenüber dem unmittelbaren Zugriff von Betrieb und Markt. Arbeitsformen, die den „ganzen Menschen“ einzubeziehen versuchen und Grenzen zwischen Lebensbereichen durchkreuzen, sind insofern (kurzfristig) betriebswirtschaftlich funktional, individuell wie gesellschaftlich jedoch möglicherweise dysfunktional (s. ausführlich 4.). Neue Anforderungen an Arbeitskräfte und Flexibilität in Arbeitsabläufen sind keineswegs generell als negativ für Beschäftigte oder als sozial desintegrativ einzuschätzen. Bereits in den 1970er Jahren hat das Programm zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ ein ganzheitliches Menschenbild proklamiert und (gewerkschafts-)politische Forderungen zielten auf abwechslungsreiche Tätigkeitsprofile und die Berücksichtigung persönlicher Fähigkeiten in der Erwerbswelt. Gleichwohl rücken vor dem Hintergrund demografischer Krisenszenarien und der Zunahme vor allem psychischer Belastung durch Erwerbsarbeit die langfristigen negativen Nebenfolgen neuer Arbeitsformen in den Blick.3 Die Sphäre der Erwerbsarbeit bleibt zwar in mehrfacher Hinsicht auf reproduktive Leistungen der Subjekte angewiesen, verhält sich jedoch – im Kontext eines „Shareholder-value-Kapitalismus“ – zunehmend indifferent gegenüber diesen Bedürfnissen bzw. weist bisherige kollektive Formen der Regulierung von Arbeitsbedingungen als obsolet zurück. Prozesse der Deregulierung in Arbeits- und Sozialpolitik stützen diesen Abbau bisheriger Schutzräume, indem sie eine verstärkte „Eigenverantwortung“ nicht nur von Erwerbstätigen und Erwerbssuchenden, sondern aller Gesellschaftsmitglieder einfordern. Vor diesem Hintergrund ist von besonderem Interesse, welcher Stellenwert dem Thema Reproduktion in empirischen Studien, theoretischen Ansätzen und (teil-)disziplinärem Selbstverständnis eingeräumt wird.
1.2 Soziologische Begrenzungen Die Frauenarbeitsforschung kritisiert seit Jahrzehnten, dass die Arbeits- und Industriesoziologie nicht-erwerbsvermittelte Arbeit ausblendet; mikrosoziologisch interessierte ForscherInnen beklagen wiederholt eine Vernachlässigung individuellen Handelns zugunsten strukturtheoretischer Zugänge (s. ausführlich 2.). Spätestens seit den 1990er Jahren haben diese 3
Demografische Prognosen weisen bereits seit den 1970er Jahren auf eine sinkende Geburtenrate hin, erhalten jedoch erst in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit bei politischen Akteuren. In Deutschland gab erst die Verabschiedung der Nachhaltigkeitsstrategie der EU (2000), die Kinderlosigkeit als ökonomischen Faktor und fehlende Infrastruktur von Kinderbetreuung als Standortnachteil ausweist, einen deutlichen Impuls für familienpolitische Initiativen. Fehlen aus betriebswirtschaftlicher Sicht zukünftige (qualifizierte) Arbeitskräfte, vermisst die Sozialpolitik zunehmend EinzahlerInnen in die Sozialversicherungssysteme.
1.2 Soziologische Begrenzungen
11
zwei offenkundigen Forschungslücken das Augenmerk auf sich gezogen. Neben wirtschaftlichen Strukturen, Produktionskonzepten und industriellen Beziehungen erhalten vermehrt auch die veränderten individuellen Arbeitsbedingungen von Beschäftigten, deren Reaktionen auf betrieblichen Wandel sowie die Folgen betrieblicher Reorganisation für das private soziale Umfeld die Aufmerksamkeit arbeitssoziologischer Forschung. Werden die Beschäftigten „vom Objekt zum Subjekt von Rationalisierung“ (Moldaschl/Schultz-Wild 1994), ist für die Arbeitsforschung ein Perspektivwechsel obligatorisch, der u.a. in Konzepten zum „Arbeitshandeln“ (Böhle 1994, 2002) oder der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ aufgegriffen wird (u.a. Kleemann/Matuschek/Voß 1999; Moldaschl/Voß 2002; Moldaschl 2004). Hier problematisiert die Arbeitsforschung, dass sich hinter dem vordergründigen Zugewinn an Autonomie eine Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang verbirgt, der bereits seit den Studien von Max Weber die Soziologie insgesamt beschäftigt. Wie sich Erwerbstätige an neue Formen betrieblicher Arbeitsorganisation und der Nutzung von Arbeitskraft anpassen und welche möglichen neuen sozialen Ungleichheitslagen mit den gewandelten Anforderungen einhergehen, rückt daher zusehends ins Zentrum gegenwärtiger Arbeits- und Organisationsforschung.4 Trotz dieser offensichtlichen Perspektiverweiterung wurden zwei Begrenzungen der Arbeitssoziologie bislang (noch) nicht aufgehoben: Zum einen bleibt die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen nach wie vor dem faktischen Primat der Erwerbssphäre verhaftet; zum anderen vollzieht sich zwar eine erneute ‚Wende’ hin zum Subjekt, doch werden dabei meist eindimensional individuelle Anpassungsprozesse, d.h. lediglich Reaktionen auf betriebliche Anforderungen, untersucht. Begrenzung auf Erwerbsarbeit Die Veränderungen in der Erwerbssphäre werden in der Arbeitssoziologie überwiegend im Fokus auf Erwerbsarbeit und den Betrieb untersucht. Auch wenn programmatisch ein erweiterter Arbeitsbegriff kursiert, so beschäftigt sich die Teildisziplin fast ausschließlich mit bezahlter Arbeit und Erwerbstätigen. Trotz Massenarbeitslosigkeit fristet die Arbeitslosenforschung eine Randexistenz; private Reproduktionsarbeit wird eher im Kontext der Familiensoziologie und der Geschlechterforschung untersucht. Statt die – häufig als Forschungsperspektive proklamierten – Wechselwirkungen zu erforschen, konzentriert sich das Gros empirischer Studien einseitig auf die Wirkung der von Erwerbsarbeit ausgehenden Impulse für individuelles Handeln und soziale Beziehungen in Abteilungen und Arbeitsteams. Die gegenwärtige Debatte zur „Entgrenzung von Arbeit“ bleibt daher begrenzt, solange andere Arbeitsformen und der außerberufliche Lebenszusammenhang von Beschäftigten ausgeblendet werden. Bereits Gründerväter der Arbeitssoziologie wie Hans Paul Bahrdt haben angemahnt, dass man sich ein Ressortdenken nicht leisten könne, da „spezielle Fragen in einer speziellen Soziologie auch immer wieder den Blick in die benachbarte Unterdisziplin erfordern“ (1982: 11). Für Bahrdt stand fest, dass „wenn die Industriesoziologie u.a. auch eine Soziologie der Arbeiterschaft sein will, dann dürfen Familienfragen, Sozialisationsprobleme und Wohnverhältnisse nicht außer Acht gelassen werden“ (1982: 12). Doch nicht nur die Wirkung betrieblicher Prozesse auf die Sozialwelt außerhalb des Betriebs ist noch immer ein 4
Ergebnisse zum Wandel betrieblicher Arbeitsorganisation sind keine Diagnose, die sich auf die deutsche Situation reduziert. Zu ähnlichen Einschätzungen in anderen Ländern s. exemplarisch Sennett 1998, 2005; Castel 2000; Hardt/Negri 2002; Boltanski/Chiapello 2003.
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
vernachlässigtes Thema der Soziologie, sondern auch die Frage nach der Rückwirkung von Veränderungen in Lebensformen und Freizeit auf die Erwerbssphäre bleibt weitgehend offen. Lediglich im Zuge der verstärkten Integration von Frauen ins Erwerbsleben fand bislang eine konsequente Thematisierung tatsächlicher Wechselwirkungen von Arbeit und Leben statt, wenn nicht nur Folgen für familiale Arbeitsteilungsmuster und die Fertilität diskutiert wurden, sondern auch Rückwirkungen in die Erwerbswelt. Insbesondere die Frauenarbeitsforschung hat hier nicht nur auf das „Vereinbarkeitsproblem“ hingewiesen, sondern den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Stellung einerseits und Integration ins Erwerbsleben andererseits exemplarisch in der Erforschung von Professionen und Arbeitsmarktsegregation reflektiert. Sie griff insofern – konsequenter als zahlreiche arbeitssoziologische Studien – eine dialektische Denkweise auf. Das Augenmerk dieser Forschungsarbeiten ruht auf dem inneren Zusammenhang vordergründig getrennter Phänomene: Produktion und Reproduktion sind wechselseitig aufeinander angewiesen, doch resultiert das Primat der Ökonomie in einer „strukturellen Rücksichtslosigkeit“ gegenüber anderen Sphären. „Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang“ (Prokop) sind die Folge und reproduzieren sich durch anhaltend „doppelte Vergesellschaftung“ von Frauen (BeckerSchmidt 1986, 1991, 1995). Individuelle Leistungen der „Vereinbarkeit von Arbeit und Leben“ wurden und werden entsprechend von der Geschlechterforschung als konfligierende Anforderungen, Zuschreibungen und Zuweisungen aus den Lebensbereichen enttarnt und in ihren Folgen für das Geschlechterverhältnis gesellschaftstheoretisch reflektiert. Angesichts gravierender Veränderungen von Erwerbsarbeit scheint es jedoch dringlicher denn je, das Selbstverständnis von Arbeitsforschung neu zu justieren und einen erweiterten Arbeitsbegriff nicht nur konzeptionell anzuerkennen, sondern auch forschungspraktisch anzuwenden. Die Ausgangsbedingungen hierfür sind günstig: Die aktuellen Debatten zur „Entgrenzung von Arbeit“ resultieren in einer erhöhten Aufmerksamkeit auch für den privaten Lebensbereich abhängig Beschäftigter; auch in Studien, die sich auf den Betrieb und Erwerbsarbeit konzentrieren, werden ForscherInnen zunehmend mit ganzheitlichen Kompetenzen von Beschäftigten und dem außerbetrieblichen Leben konfrontiert. Dabei fällt jedoch auf, dass bereits vorliegende Erkenntnisse zur Wechselwirkung der Sphären oder individuellen Problemen von „Lebensführung“, „Vereinbarkeitsmanagement“ und „Lebensplanung“ kaum rezipiert werden; zentrale Ergebnisse der Geschlechter- und Familienforschung fließen allenfalls partiell in die Analysen ein. Die Trennung der Lebensbereiche hat insofern nicht nur die mit ihr einhergehenden Hierarchisierungen – insbesondere im Geschlechterverhältnis – überdeckt, sondern auch zu soziologischen Blindstellen geführt. Diese Arbeitsteilung zwischen den soziologischen Teildisziplinen verstellt nicht nur die soziale Schlechterstellung von Frauen, sondern behindert gegenwärtig auch das Erkennen neuer Anforderungs- und Belastungskonstellationen, die sich für alle Gesellschaftsmitglieder ergeben. Reproduktion ist damit (weniger denn je) ein „Gender-Thema“, sondern berührt originär arbeits-, industrie- und wirtschaftssoziologische Fragestellungen und Forschungskonzeptionen. Mit der Berücksichtigung von Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen lässt sich der Wandel von Erwerbsarbeit nicht nur über die unterschiedlichen Arbeitsformen und Branchenunterschiede hinausgehend reflektieren, sondern auch gesellschaftstheoretisch ergründen. Um zu präzisieren, ob sich „Arbeit im Übergang“ (Sauer 2005) befindet, sich ein grundlegender Modellwechsel vollzieht oder bereits vollzogen hat, bedarf es nicht zuletzt der Analyse des gegenwärtigen Reproduktionsmodells bzw. der
1.2 Soziologische Begrenzungen
13
konkreten gesellschaftlichen Vermittlung (auch) von Produktion und Reproduktion. Bislang findet jedoch selbst in der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ noch keine systematische Perspektiverweiterung statt. Zwar berücksichtigt die Semantik der „doppelten Subjektivierung“ ebenso einen erweiterten Zugriff auf Potenziale der Person wie auch veränderte subjektive Ansprüche an Arbeit, doch bleibt der Fokus eindeutig auf Erwerbsarbeit gerichtet: Gegenstand der Untersuchungen sind in der Regel solche Potenziale und Ansprüche, die ökonomisch verwertbar und erwerbsvermittelt sind. Doch nicht nur die Arbeits- und Industriesoziologie stößt hier an ihre Leistungsgrenzen, sondern auch andere Teildisziplinen haben offenkundig Nachholbedarf: Erst im Zuge der Debatten zu demografischem Wandel und einer zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen wurden in letzter Zeit z.B. in der Familiensoziologie Veränderungen in der Erwerbssphäre berücksichtigt. Der Fokus bleibt dabei jedoch überwiegend auf die traditionelle „Vereinbarkeits“-Frage gerichtet, wenn Kinderbetreuung und Arbeitsteilung zwischen den Partnern untersucht werden; zu den komplexen Auswirkungen von Flexibilisierung und Deregulierung auf das Zusammenleben von Generationen und soziale Beziehungen liegen dagegen noch immer vergleichsweise wenig Erkenntnisse vor. Zwar werden in der Soziologie die dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen zunehmend erkannt, dabei jedoch häufig eindimensional als (infra-)strukturelles Problem thematisiert. Im Zentrum steht die Frage, wie sich „Beruf und Sorgearbeit“ unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen „vereinbaren“ lassen. Weitgehend offen gestaltet sich hingegen die Frage, in welchem Zusammenhang neue Arbeitsformen und der erweiterte Zugriff auf den „ganzen Menschen“ einerseits und die physische und psychische Stabilität der Person und ihre sozialen Bindungen andererseits stehen. Eine solche grundlegend integrative Perspektive auf die jeweilige Entwicklungsdynamik in und zwischen den Sphären hat bereits in der Vergangenheit Forschung an ihre Grenzen geführt, wenn sich sowohl in der empirischen Operationalisierung als auch in forschungsökonomischer Hinsicht das Thema als überkomplex erwies (s. 2.1). Zwar werden in den letzten Jahren unter dem Stichwort „Alltägliche Lebensführung“ die Leistungen thematisiert, die Beschäftigte alltäglich erbringen, um Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu erfüllen, doch ist noch weitgehend offen, welche Fähigkeiten Individuen einsetzen, wenn sie Lebensbereiche „vereinbaren“? Welche Grenzziehungen sind erforderlich, um auf Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und sozialen Bindungen zu reagieren und dabei eigene Interessen und Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren? Und – eine in Zeiten von Flexibilisierung spannende Frage – inwiefern bringen Individuen diese Fähigkeiten nicht nur im Erwerbsleben ein, sondern werden diese im Zuge neuer Arbeitsorganisation auch von Unternehmensseite gezielt eingefordert? Diese Fragen entziehen sich einer arbeitsteiligen Soziologie, berühren jedoch grundlegend den Kern des Wandels von Erwerbsarbeit und Gesellschaft: Basieren neue Formen der Nutzung von Arbeitskraft in veränderter Weise auf dem ‚Privaten’, werden sich die sozialen Folgen, mögliche neue Polarisierungen und soziale Konfliktfelder nur dann frühzeitig identifizieren lassen, wenn sich die Forschung einer konsequenten Perspektiverweiterung nicht verschließt. Begrenzung auf Anpassungsleistungen Die Subjektorientierung der Arbeitssoziologie äußert sich gegenwärtig in einer stärkeren Berücksichtigung individuellen Handelns im Arbeitsprozess. Impuls hierfür sind veränderte Formen betrieblicher Arbeitspolitik und industrieller Beziehungen, mit denen sich die Ar-
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
beitsregulierung von Verhandlungen zwischen kollektiven Akteuren auf den einzelnen Beschäftigten verlagert. Dadurch werden individuelle Kompetenzen zur Regulation relevant, wenn sich Beschäftigte zwar an nach wie vor kollektiv ausgehandelten Rahmenbedingungen orientieren können, das ‚Fein-Tuning’ jedoch am einzelnen Arbeitsplatz relevant wird. Für viele Beschäftigtengruppen und für Selbständige ist diese Strukturierung von Arbeitsabläufen keineswegs neu. Die Ergebnisse empirischer Forschung weisen jedoch auch für solche Beschäftigungssegmente erweiterte Gestaltungsspielräume und -zwänge aus, in denen Arbeitsabläufe und -zeiten bislang stark reglementiert und kontrolliert waren. Obwohl die Arbeitssoziologie diese Verlagerung problematisiert, liegen kaum Erkenntnisse darüber vor, welche Fähigkeiten Individuen benötigen, um Arbeitsprozesse individuell – unter nach wie vor fremdbestimmten Arbeitsbedingungen und nicht beeinflussbaren Marktmechanismen – zu regulieren. Wie und wo werden diese Fähigkeiten erworben, wie werden sie im Erwerbsalltag eingesetzt? Diese Fragen erhalten zur Zeit eine neue Brisanz, wenn nicht nur Hochqualifizierte und Selbständige diese Kompetenzen in die Arbeitsabläufe einbringen müssen, sondern auch solche Beschäftigtengruppen, die weder während ihrer schulischen noch ihrer beruflichen Sozialisation auf diese Anforderungen, auf die Gleichzeitigkeit von Autonomie und unmittelbarem Marktdruck vorbereitet wurden. Hier deuten sich neue Dimensionen sozialer Ungleichheit an, die Segregationsprozesse innerhalb sozialstatistisch homogener Beschäftigtengruppen auslösen können und sich dem Zugriff der klassischen Ungleichheitsanalyse entziehen. In der Arbeitssoziologie kündigt sich entsprechend eine erneute ‚handlungstheoretische Wende’ an: Schlägt die kapitalistische Nutzung von Arbeitskraft unmittelbar auf das Individuum durch, muss sich auch die Arbeitsforschung auf die Suche nach den individuellen Praktiken des Regulierens von Arbeit begeben und die handlungstheoretischen Implikationen von Regulation und Strukturwandel ergründen. Die Arbeitssoziologie ist hier in den letzten Jahren bereits der Verbetrieblichung von Arbeitspolitik gefolgt und hat Konflikte zwischen betrieblichen Akteuren sowie zwischen und innerhalb von Abteilungen oder Arbeitsteams untersucht. Der veränderte Zugriff kapitalistischer Verwertungslogik manifestiert sich hier in einem langsamen Perspektivwechsel von kollektiven Akteuren auf die Subjekte sowie den Zusammenhang von individueller und kollektiver Interessenvertretung. Werden Beschäftigte zum Subjekt von Rationalisierung, kann sich Forschung nicht auf die Analyse struktureller Dynamiken auf betrieblicher, gesellschaftlicher und globaler Ebene beschränken, sondern muss verstärkt Individuen als Produzenten von Strukturen in den Blick nehmen. Sie schaffen durch ihr konkretes Arbeitshandeln neue Strukturen, d.h. sie stellen den Strukturwandel selbst her (vgl. Böhle 1994, 2002) – keineswegs freischwebend und losgelöst von Vorgaben, sondern im Kontext bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die auch auf die neuen Praktiken einwirken und sich in ihnen reproduzieren. In der Arbeitssoziologie ist dieser Perspektivwechsel mit dem „Entgrenzungs“-Diskurs sowie der Debatte zur „Subjektivierung von Arbeit“ eingeleitet. Dennoch bleibt der Fokus auffälligerweise auf individuelle Anpassungsleistungen von Beschäftigten gerichtet. Es wird – dies mag an der industriesoziologischen Tradition der Konzentration auf Erwerbsarbeit liegen – vergleichsweise einseitig aus der betrieblichen Perspektive nach den Reaktionen von Beschäftigten gefahndet. Das faktische Primat der Ökonomie über individuelle Bedürfnisse und Anforderungen aus anderen Lebensbereichen spiegelt sich insofern auch in der Forschung wider. Inwiefern Beschäftigte eigenlogische Grenzen gegenüber betrieblichen Anforderungen ziehen, erscheint demgegenüber eine bislang vernachlässigte Frage-
1.3 Forschungsprogramm
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stellung. Das Individuum – so implizite Annahmen – reagiert auf den Wandel von Arbeit, während die eigensinnige Umsetzung und Umformung struktureller Vorgaben oder Widersetzungen gegenüber externen Anforderungen allenfalls in den Nischen des Erwerbssystems vermutet und daher nicht als zentraler Untersuchungsgegenstand definiert werden. Die Fokussierung auf Erwerbsarbeit und individuelle Anpassungsleistungen resultiert somit forschungspraktisch und konzeptionell in einem ‚zweifach halbierten’ Individuum: Es ist zum einen reduziert auf den Bereich der Erwerbsarbeit und die dort erforderlichen Leistungen und Fähigkeiten; zum anderen wird es überwiegend als Re-Akteur auf gesellschaftliche Veränderungen gedacht. Hier stellt sich jedoch die Frage, wie Beschäftigte – im Kontext von Deregulierung und Flexibilisierung – dem erweiterten Zugriff auf die „ganze Person“ begegnen, wenn Reproduktionserfordernisse strukturell missachtet werden, aber nach wie vor basale Voraussetzung des Erhalts individueller Arbeits- und Lebenskraft sind. Wie stellen die Beschäftigten Erholung und den langfristigen Erhalt von Leistungsfähigkeit sicher, wenn sie Arbeitsprozesse individuell regulieren? Welche Prioritäten setzen sie bezüglich betrieblicher Anforderungen, individuellen Bedürfnissen und Erfordernissen von Reproduktion und sozialen Bindungen? Wo widersetzen sich Beschäftigte dem erweiterten Zugriff auf ihre Arbeitskraft oder Mobilitäts- und Flexibilitätswünschen seitens der Unternehmen? Indem solche Renitenzen und eigensinniges Handeln häufig aus der Verletzung reproduktiver Interessen der Beschäftigten resultieren, stößt eine erwerbszentrierte Forschung hier unweigerlich an ihre Grenzen.
1.3 Forschungsprogramm Die Studie zielt auf eine Perspektiverweiterung in zweifacher Hinsicht: Zum einen erfolgt eine Ausweitung des Arbeitsbegriffs. Ohne Zweifel ist die Prägekraft und Dominanz von Erwerbsarbeit ungebrochen. Nach wie vor zählt die materielle Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit zur zentralen Anforderung an die Lebensführung der Menschen; zudem setzen sich Prinzipien der Dezentralisierung und Vermarktlichung auch jenseits der Sphäre der Ökonomie durch und strahlen auch auf die Lebenszusammenhänge derjenigen aus, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert oder erwerbssuchend sind. Der Wandel von Erwerbsarbeit gereicht daher als Ausgangspunkt, doch stehen Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und anderen Arbeitsformen und Lebensbereichen im Zentrum der Untersuchung. In unterschiedlichen Teildisziplinen gilt es daher nach Ansätzen und Anknüpfungsmöglichkeiten für eine Aktualisierung von Reproduktionsforschung zu suchen. Eine Erweiterung des Reproduktionsbegriffs ist dafür unumgänglich: Reproduktion wird weder – wie in der Familien- und Geschlechterforschung verbreitet – auf Leistungen für andere (Familiengründung, Caring, Hausarbeit usw.) reduziert, noch auf die Wiederherstellung des eigenen Arbeitsvermögens. Reproduktion wird statt dessen als Leistung des Erhalts von Arbeits- und Lebenskraft konzipiert (s. ausführlich 4.). Ein solcher Ansatz ist unmittelbar anschlussfähig an ältere arbeitssoziologische Studien der Qualifikationsforschung, reicht jedoch über diese hinaus: „Lebenskraft“ betont hier – als Pendant zur Kategorie „Arbeitskraft“ – die lebensweltliche Seite von Reproduktion, die – unabhängig von der Erwerbseinbindung von Personen – eine für alle Menschen existenzielle Handlungsanforderung darstellt und dem Einsatz als Arbeitskraft vorgelagert ist. Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft erweist sich in diesem Sinne als Gewährleistungsarbeit: Sie ist eine Leistung des nachhaltigen Auf-
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1 Problemaufriss: von Grenzen und Grenzziehungen
rechterhaltens von gesellschaftlich einsetzbarem Arbeitsvermögen, von physischer und psychischer Stabilität sowie von sozialen Bindungen. Im Vergleich zu Konzepten von „Vereinbarkeit“ oder „Balance“ lassen sich damit nicht nur (neue) Belastungskonstellationen für alle Menschen – unabhängig von ihrer Erwerbseinbindung – untersuchen, sondern über den Reproduktionsbegriff bleibt das Konzept gesellschaftstheoretisch anschlussfähig: Reproduktion fokussiert sowohl auf den Vermittlungszusammenhang der Lebensbereiche als auch auf die diesem zu Grunde liegenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse und entsprechende sozialstrukturelle Implikationen. Zum anderen folgt die Studie einer konsequenten Subjektorientierung. Strukturelle Einflüsse auf gesellschaftlicher, organisationaler und institutioneller Ebene werden systematisch berücksichtigt – das Augenmerk richtet sich jedoch auf die Anforderungen an reproduktive Leistungen und die Bewältigung von Reproduktionserfordernissen. Verlagert sich die Regulierung von Erwerbsarbeit auf die einzelne Person, wird sich soziale Ungleichheit zukünftig statt über den Erwerbsstatus, formale Qualifikation oder das Einkommen auch über die hier vorhandenen bzw. fehlenden individuellen Ressourcen zur Reproduktion herstellen. Mit einer Fokussierung auf Reproduktionshandeln gilt es darüber hinaus, nicht nur Formen der Anpassung an strukturelle Bedingungen und Anforderungen zu ergründen, sondern auch Widersetzungen und Renitenzen der Subjekte, die sich aus der Eigenlogik des Erhalts von Lebenskraft ergeben. Reproduktionshandeln enthält insofern sowohl Struktur- als auch Subjektdimensionen: Während in der Strukturdimension u.a. die Anforderungen aus der Erwerbssphäre, Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen, gesellschaftliche Arbeitsteilungen, sozialpolitische Rahmenbedingungen oder der Wandel kollektiver Interessenvertretung ins Blickfeld rücken, berücksichtigt die Subjektdimension u.a. Fragen der Identität, Ressourcen zur Behauptung individueller Bedürfnisse und Interessen oder Fähigkeiten der Alltags- und Lebensplanung. Die Analyse von Reproduktion setzt daher mikrosoziologisch an, zielt jedoch explizit auf die Wechselwirkungen zwischen Handlung und Struktur, die sich in der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft manifestieren: Reproduktionshandeln ist zwar eine individuelle Leistung, aber hochgradig gesellschaftlich funktional. Es gewährleistet die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft, ist Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Arbeitsteilung zwischen den Sphären und stabilisiert damit das gegenwärtige Produktionsmodell. Ziele der Studie Greift man auf die Grenzmetapher zurück, ergeben sich drei grobe Ziele: Die Studie richtet sich 1. auf die Überwindung eines begrenzten Arbeitsbegriffs innerhalb der Arbeitsforschung, 2. auf die Überwindung von Grenzen zwischen den soziologischen Teildisziplinen und 3. auf die Analyse von Grenzen als Ergebnis und Ziel individueller Handlungspraxis. Daraus lassen sich folgende Aufgabenstellungen konkretisieren:
Für die Arbeitsforschung gilt es auszuleuchten, welchen Stellenwert das Thema „Reproduktion“ derzeit einnimmt bzw. in der Vergangenheit eingenommen hat. Ein Vergleich zwischen wissenschaftlichem Selbstverständnis und empirischer Forschung soll dabei ermöglichen, in Vergessenheit geratene Traditionslinien in Erinnerung zu rufen und Erkenntnisse aus älteren Studien in die jüngere Debatte zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung von Arbeit“ einzuspeisen.
1.3 Forschungsprogramm
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Aufgrund der bislang vorherrschenden Konzentration auf Erwerbsarbeit in der Arbeitssoziologie wird die Suche anschließend auf andere (Teil-)Disziplinen ausgeweitet. Hier bleibt zu prüfen, ob sich Ansätze von Reproduktionsforschung durchgesetzt haben und inwiefern diese die Arbeitsbedingungen im Kontext eines „entgrenzten“ Kapitalismus berücksichtigen. Verbindungen zwischen den Teildisziplinen sollen dadurch genauer ausgeleuchtet und Erträge der Verknüpfung jeweiliger Perspektiven aufgezeigt werden. Da sich Reproduktion im Zuge neuer Arbeitsformen als ein Thema von wachsender (arbeits- und gesellschaftspolitischer) Relevanz erweist, plädiert die Studie für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung. Anforderungen an Reproduktionshandeln sollen dafür identifiziert, zentrale Merkmale dieser individuellen Leistung systematisiert werden. Reproduktion soll dadurch als ein Forschungsfeld konturiert werden, das nicht nur Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ erhellt, sondern auch originär arbeitssoziologische Fragestellungen berührt und die Analyse des Wandels von Erwerbsarbeit erst komplettiert.
Zwar konnte im Rahmen dieser Suche nach den Voraussetzungen der Reproduktion von Arbeits- und Lebenskraft keine zielgerichtete Erhebung durchgeführt werden, doch fließen (eigene) empirische Ergebnisse im Rahmen von Sekundäranalysen in das Konzept ein. Neben der Reinterpretation vorliegender Studien speise ich dafür Ergebnisse zweier qualitativer Studien zur Arbeits(zeit)regulierung in die Untersuchung ein: In einer Studie über die „Vier-Tage-Woche“ bei der Volkswagen AG ging es um den Umgang mit Veränderungen im betrieblichen Zeitmanagement bei Beschäftigten und auf der Ebene von Paarbeziehung und Familie (Jürgens/Reinecke 1998; Jürgens 2000); in einem anderen Forschungsprojekt wurden neue Arbeitsformen in der Luftfahrtindustrie, der Pflege- und Finanzdienstleistung sowie Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnologie untersucht (Eberling u.a. 2004; Jürgens 2004).5 Zu beachten bleiben im Folgenden zwei Einschränkungen: Zum einen bezieht sich die Untersuchung auf die gegenwärtige Entwicklung und den Forschungsstand in Deutschland; vereinzelt wurden angloamerikanische Studien und Konzepte herangezogen. In anderen Arbeitsgesellschaften – auch innerhalb Europas – stellen sich Fragen grundsätzlich anders, da arbeits- und sozialpolitische Regulierungen, kollektive Interessenvertretung, Familienleitbilder, Geschlechterarrangements sowie Unternehmens- und Leistungskulturen erheblich differieren. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass sich im Zuge der Internationalisierung der Wirtschafts- und Finanzmärkte und allgemeinen Tendenzen der Deregulierung in anderen Ländern ähnliche Anforderungen an Reproduktionshandeln ergeben, wie sie hier im letzten Kapitel identifiziert werden. Zum anderen wurden – da es statt um Verteilungen um die Bedingungen von Reproduktion und eine Analyse gesellschaftlicher Vermittlungszusammenhänge geht – Differenzierungen hinsichtlich Ost- und Westdeutschland, bestimmten Beschäftigtengruppen und Branchen oder sozialen Milieus ebenso vernachlässigt wie die besonderen Reproduktionsanforderungen an Arbeitslose. Reproduktionshandeln ist hochgradig sozialstrukturell geprägt, indem gesellschaftliche Ungleichheitslagen die Möglichkeiten von Reproduktion beeinflussen und mit je unterschiedlichen Anforderungen an 5
In den Erhebungen wurden insgesamt mehr als 140 qualitative Beschäftigteninterviews, Gruppendiskussionen sowie rund 30 Expertengespräche ausgewertet. Durch das breite Spektrum an Betrieben wurden unterschiedliche Branchen, Betriebstypen, Beschäftigtengruppen und Unternehmenskulturen untersucht.
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den Erhalt von Arbeits- und Lebenskraft einhergehen. Im Folgenden gilt es daher zunächst, Reproduktionshandeln als eine solche Handlungspraxis zu ergründen, die sich gerade nicht über bisherige Ungleichheitsfaktoren den Personen ‚zuordnen’ lässt, sondern eine Ressource eigener Art darstellt und damit auch neue Polarisierungen mit sich bringt. Aufbau der Studie Der Aufbau der Studie folgt der Suche nach Anknüpfungspunkten für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung. Kapitel 2 widmet sich zunächst dem Stellenwert von Wechselwirkung zwischen Lebens- und Arbeitsbereichen in Ansätzen und Studien der Arbeitsforschung. Hier gilt es, markante Traditionslinien der Arbeits- und Industriesoziologie von der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre nachzuzeichnen und das in Überblicksartikeln postulierte Selbstverständnis der Teildisziplin hinsichtlich der Reichweite des definierten Forschungsfeldes zu prüfen. Um mögliche Diskrepanzen zwischen resümierenden Artikeln einerseits und empirischer Forschung andererseits nicht einzuebnen, werden ausgewählte empirische „Klassiker“ in die Analyse einbezogen und vergessene ‚Schätze’ der Arbeitsforschung in Erinnerung gerufen. Dieser themenzentrierten Reinterpretation industriesoziologischer Forschung folgt ein Blick auf neuere, seit den 1990er Jahren diskutierte Konzepte: Die Ansätze zur „Entgrenzung von Arbeit“ und „Subjektivierung von Arbeit“ müssen hier unter Beweis stellen, ob sie 1. Ansatzpunkte für die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen liefern, und ob 2. statt nur Formen der Anpassung an betriebliche Anforderungen auch Dynamiken der Widersetzung berücksichtigt werden. Da in der Teildisziplin gegenwärtig eine rege, wenngleich unnötig dramatisierende Auseinandersetzung über theoretische Ausrichtung und zukünftige Zielsetzungen stattfindet, werden anschließend die Beiträge zu dieser Debatte auf das aktuelle Selbstverständnis hin befragt: Bleibt es bei einer Fixierung auf Erwerbsarbeit oder zeichnet sich ein Wandel der bisherigen Paradigmen ab, indem die Industriesoziologie die Subjekte und deren außerbetriebliche Lebenswelt in neuer Weise ‚entdeckt’? In Kapitel 3 erweitert sich die Suche auf benachbarte (Teil-)Disziplinen, in denen Hinweise auf die Eigenlogik von Reproduktion zu vermuten sind. Hier werden ausgewählte Konzepte und empirische Arbeiten vorgestellt, die sich explizit den Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen widmen. Neben der Familien- und Geschlechterforschung rücken der ältere „Vereinbarkeits“-Diskurs, neuere Ansätze der politikwissenschaftlichen Arbeitsforschung, die Alltags- und Lebenslaufforschung, Konzepte zu „Work-Life Balance“ sowie arbeitspsychologische Ansätze in den Blick. Der Rekurs in diese (Teil-)Disziplinen liefert hier nicht nur Hinweise auf die Funktionalität von Reproduktion und die Relevanz eines erweiterten Arbeitsbegriffs, sondern er fördert Verbindungslinien und Schnittstellen zwischen formal getrennten Diskursen und Forschungszusammenhängen zu Tage. Trotz dieser Impulse für die Erweiterung von Perspektive und Selbstverständnis der Arbeitssoziologie, bleiben jedoch auch jenseits der Teildisziplin individuelle Grenzziehungen und aktive Begrenzungen vernachlässigt; die „Lücke“, die die Arbeits- und Industriesoziologie mit der Aufgabe von Reproduktionsforschung hinterlassen hat, bleibt weitgehend unausgefüllt. Ziel des Kapitel 4 ist daher, Konturen einer ‚neuen’, aktualisierten Reproduktionsforschung vorzustellen. Statt der Analyse der Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen richtet sich der Fokus hier stärker auf Reproduktionshandeln als Leistung der Subjekte. Sie gewährleisten den Erhalt von sowohl Arbeits- und Lebenskraft, indem sie – idealtypisch –
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ihre Ressourcen und Potenziale in Alltag und Lebenslauf nachhaltig einsetzen. Auf der Basis eigener empirischer Erhebungen und durch Rekurse in die Gesundheits-, Belastungsund Bewältigungsforschung sollen hier Merkmale von und Anforderungen an Reproduktionshandeln untersucht werden. Dieses reduziert sich nicht auf eine Anpassung an den Wandel von Arbeits- und Lebensbedingungen, sondern erweist sich als eigensinniges Handeln, das in Grenzziehungen und Widersetzungen der Subjekte zum Ausdruck kommt. Empirische Studien liefern – zumindest implizit – Hinweise auf solche Begrenzungen von „Entgrenzung“. Mit der Berücksichtigung von Reproduktion, d.h. der Grundlegung eines weiten Arbeitsbegriffs, lassen sich insofern nicht nur die Folgen eines erweiterten betrieblichen Zugriffs auf den „ganzen Menschen“ erkunden, sondern auch die Funktionslogik, die Voraussetzungen sowie die Grenzen der ökonomischen Verwertungslogik neuer Arbeitsformen.
Auch wenn im Verlauf der Arbeit zahlreiche Ansätze und Studien aufgegriffen werden, so war angesichts der Breite des Forschungsfeldes eine Auswahl solcher Publikationen nötig, die als exemplarisch für zentrale Positionen in Debatten und Forschungszusammenhängen gelten können. Viele AutorInnen werden sich mitunter missverstanden fühlen, wenn ihnen ein reduzierter Arbeitsbegriff vorgeworfen wird, sie aber gar nicht den Anspruch vertraten, einen solchen anzuwenden oder empirisch zu operationalisieren. Die Analyse mag daher zuweilen überspitzt erscheinen, zielt jedoch explizit darauf, die bisherige Vernachlässigung von Fragen der Reproduktion zu überwinden und deren aktuelle wissenschaftliche Relevanz und gesellschaftliche Brisanz zu untermauern. Der vorliegende Text versteht sich insofern als Plädoyer für eine Perspektiverweiterung von Arbeitsforschung und eine stärkere Vernetzung soziologischer Teildisziplinen. Er weist einerseits auf die Grenzen der wissenschaftlichen Debatten zu „Vereinbarkeit“ und „Balance“ hin und soll andererseits die konkreten Belastungskonstellationen aufzeigen, denen Menschen im Zuge des Wandels von Erwerbsarbeit ausgesetzt sind. Auch wenn dabei der Fokus auf Erwerbsarbeit gerichtet wird, erweist sich der Erhalt von Arbeits- und Lebenskraft als eine grundlegende Kompetenz, die angesichts des Um- und Abbau des bisherigen Sozialstaates an Bedeutung gewinnt und für die künftige Sozialstruktur der Gesellschaft bedeutsam sein wird. Zwar ließen sich im Verlauf der Untersuchung mehr Fragen an das Thema als Antworten finden, doch sind
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die nächsten Schritte für eine Neuauflage von Reproduktionsforschung vorgezeichnet. Mit der Fokussierung auf eigensinnige Grenzziehungen ergeben sich dabei nicht nur erweiterte Analyseperspektiven und Vernetzungen zwischen soziologischen Teildisziplinen, sondern auch – in Anlehnung an Adorno – Ansatzpunkte für eine Soziologie als ‚Möglichkeitswissenschaft’, die nicht nur die herrschenden Verhältnisse untersucht, sondern auch die Optionen ihres Wandels in Richtung einer Verbesserung individueller Arbeits- und Lebensbedingungen auslotet.
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren Leistungen und Desiderate der Arbeits- und Industriesoziologie 2
Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
Seit den späten 1990er Jahren entdeckt die Arbeits- und Industriesoziologie das außerbetriebliche Leben. Hintergrund dieser Entwicklung sind veränderte Rationalisierungsprinzipien auf der Ebene von Wirtschaftsmärkten und Unternehmen, die seit Mitte der 1980er Jahre weitreichende Umstellungen in der Arbeitsorganisation nach sich ziehen. Flexibilisierung, Deregulierung, Dezentralisierung und Vermarktlichung bringen neue Anforderungen für abhängig Beschäftigte mit sich, die bisherige, für industriekapitalistische Gesellschaften kennzeichnende Grenzziehungen zwischen Erwerbsarbeit und privater Lebenswelt zu durchdringen scheinen. Während Personalabteilungen von Unternehmen die Ausschöpfung bislang nicht erwerbsvermittelter Fähigkeiten und Potenziale als Vorteil auch für die Beschäftigten ausweisen, identifiziert die arbeitssoziologische Forschung hierin eine Ursache für wachsenden Leistungsdruck und Belastung. Für die Arbeits- und Industriesoziologie bedeuten diese neuen Formen der Nutzung von Arbeitskraft jedoch mehr als eine Anpassung von Fragestellungen und Methoden an eine Veränderung des Forschungsgegenstandes: Die Teildisziplin unternimmt Schritte in Richtung eines Paradigmenwandels, wenn sie sich der mikrosoziologischen Analyse von Arbeitsfähigkeiten und individuellen Anpassungsstrategien widmet und den privaten Lebenskontext von Beschäftigten als relevanten Einflussfaktor berücksichtigt. Eine solche Erweiterung des Forschungsfeldes wird in der empirischen Forschung bereits umgesetzt. Ein Blick auf arbeits- und industriesoziologische Debatten zeigt jedoch, dass sich dieser Perspektivwechsel von kollektiven hin zu individuellen Akteuren, von der Erwerbssphäre in die private Arbeitssphäre im Selbstverständnis der Teildisziplin noch längst nicht durchgesetzt hat. Als Gegenstandsbereich wird nach wie vor Erwerbsarbeit definiert, als Akteursbezug werden kollektiv organisierte Interessenvertreter ausgewiesen. Die Diskrepanz zwischen Perspektiverweiterungen in der empirischen Forschung und einer nur bedingten Rezeption dieser Ergebnisse in Überblicksartikeln ist kein neues (und auch kein nur für diese Teildisziplin geltendes) Phänomen. Ein Rückblick auf die arbeitsund industriesoziologische Forschung der Nachkriegszeit belegt, dass sowohl der Akteursbezug als auch ein erweiterter Arbeitsbegriff schon in der frühen Frauenarbeitsforschung, der Bewusstseins- und Qualifikationsforschung umgesetzt wurden. Die Studien verwiesen bereits in den 1970er Jahren nicht nur auf Verbindungslinien unterschiedlicher Lebensbereiche und deren Vermittlung in den und durch die Personen selbst, sondern auch auf einen hoch funktionalen und gesellschaftlich vermittelten Arbeitsbereich außerhalb der Erwerbssphäre. Da die Arbeits- und Industriesoziologie nach wie vor diejenige soziologische Teildisziplin ist, die sich zentral mit Arbeit befasst, zeichnet dieses Kapitel zunächst die markanten Traditionslinien der Forschung nach und sucht nach Perspektiverweiterungen auf die Akteure und Ansätzen eines erweiterten Arbeitsbegriffs. Selbstverständnis, Anspruch und
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
theoretische Verankerung der Teildisziplin sollen identifiziert, Desiderate und gegenwärtige Diagnosefähigkeit in ihrer Tragweite eingeschätzt werden. Ziel kann dabei keine vollständige Bestandsaufnahme sein, sondern lediglich eine themenzentrierte Sichtung von Überblickswerken und zentralen Studien: In den Fragestellungen und empirischen Ergebnissen der Teildisziplin soll solchen Ansätzen und Methoden nachgespürt werden, die über den Lebensbereich Erwerbsarbeit hinausgehen und anschlussfähig für die Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen sind (2.1). Anzeichen für die Entwicklungsdynamik in der Erwerbssphäre und einen möglichen „Modellwechsel“ liefert anschließend der Blick auf aktuelle Debatten zu „Entgrenzung“ und „Subjektivierung von Arbeit“. Sie kündigen einen grundlegenden Wandel von Produktions- und Rationalisierungsprinzipien an und verweisen auf neue Regulationsformen von Arbeit, die nicht nur strukturell, sondern auch akteurs- und subjektbezogen wirksam werden. Hier gilt es zu prüfen, ob und inwiefern die Forschung in diesem Zusammenhang das außerbetriebliche Leben stärker als bislang berücksichtigt (2.2). Da in der Teildisziplin zudem eine rege Auseinandersetzung über Selbstverständnis, Analysestärke, theoretische Verankerung und zukünftige Zielsetzungen stattfindet, können diese Reflexionen auf unsere Fragestellung hin geprüft werden: Bleibt es bei einer Konzentration auf Erwerbsarbeit oder zeichnet sich zumindest ein Wandel der bisherigen Paradigmen ab, wenn die Industriesoziologie Individuum und Lebenswelt in neuer Weise „entdeckt“ und auch neue theoretische Zugänge erkundet (2.3)? Die selektive Rückschau auf arbeits- und industriesoziologische Forschung und Selbstverortung der letzten fünf Jahrzehnte zielt auf zweierlei: Zum einen zeigt eine auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen fokussierte Reinterpretation industriesoziologischer Forschung, inwiefern Türen offen stehen, bislang nicht durchschritten wurden oder gänzlich fehlen, um eine Perspektiverweiterung zu beschreiten. Zum anderen wird offenkundig, dass die Arbeits- und Industriesoziologie zwar herausgefordert ist, Forschungsgegenstand und theoretische Zugänge zu erweitern, jedoch bereits über Analysequalitäten verfügt, die sie für die soziologische Untersuchung dieses gesellschaftlichen Wandels prädestinieren.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre: Wechselwirkungen von „Arbeit“ und „Leben“ – empirisch erforscht, randständig rezipiert 2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre Im Unterschied zu anderen Teildisziplinen der Soziologie war die Arbeits- und Industriesoziologie6 stets vom Anspruch geprägt, über die Analyse von Arbeit eine Theorie von Gesellschaft insgesamt zu liefern. Die kapitalistische Wirtschaftsweise galt in der Nachkriegszeit als Motor gesellschaftlicher Entwicklung. In Anknüpfung an die Marxsche Gesellschaftstheorie wurde und wird Arbeit daher nicht als ein Bestimmungsmoment sozialen
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In der Nachkriegszeit entwickelte sich die Arbeitssoziologie – parallel zur Industrie-, Betriebs- und Berufssoziologie – als eigenständige akademische Teildisziplin der Soziologie. Alle diese Teildisziplinen standen unter großem Einfluss der US-amerikanischen Forschung, die „Industriearbeit“ ins Zentrum der Analyse rückte und Arbeitsforschung allgemein als „industrial sociology“ deklarierte. In Frankreich hingegen sammelten sich Industrie- und Arbeitsforschung unter dem Dach einer „sociologie du travail“, die sich mit einer eigenen Fachzeitschrift etablierte. In Deutschland wird heute „Arbeits- und Industriesoziologie“ als offizieller Titel der Teildisziplinen und der Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie geführt. Die Betriebssoziologie mündete in der Arbeitsgruppe „Organisationssoziologie“.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Geschehens unter anderen bewertet, sondern als „fundamental historische Kategorie“ (Negt 1984), die den zentralen Ausgangspunkt soziologischer Analyse darstellt. Ein Rückblick auf ausgewählte Überblicksartikel zur Arbeits- und Industriesoziologie zeigt im Folgenden, welches besondere Selbstverständnis die Teildisziplin in der Nachkriegszeit kennzeichnete und sowohl die Formulierung von Forschungsfragen als auch die Auswahl von Gegenstandsbereichen besonders geprägt hat (2.1.1). Im Anschluss sichte ich ausgewählte „Klassiker“ der empirischen Forschung dahingehend, ob sich in der Operationalisierung von Forschungsfragen und/oder den ausgewerteten Ergebnissen Hinweise dafür finden, dass die Analyse von Arbeit meso- und mikrosoziologisch fundiert und Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen erkannt wurden (2.1.2). Der Rückblick startet in der Nachkriegszeit und endet in den 1980er Jahren, als sich die Industriesoziologie in ihrer Hoch- und Ausbauphase befand. Mit dieser Eingrenzung sollen sowohl die theoretischen als auch die methodologischen Wurzeln der Industriesoziologie verfolgt werden, um im weiteren Verlauf der Analyse ihren Einfluss auf die aktuelle Ausrichtung der Teildisziplin prüfen zu können.
2.1.1 Konzeptionelle Traditionslinien und Selbstverständnis Überblicksartikel zu Gegenstandsbereich und theoretischen Perspektiven soziologischer Teildisziplinen laufen stets Gefahr, nur einen Ausschnitt aus der Vielzahl von Forschungsaktivitäten zu rezipieren und damit unweigerlich einen reduktionistischen Blick auf das Fach anzubieten. Sie sind daher stets eine nur bedingt geeignete Grundlage, um das Selbstverständnis einer Teildisziplin zu rekonstruieren. Gleichwohl darf der Stellenwert solcher Artikel nicht unterschätzt werden: Während etablierte Arbeits- und Industriesoziologen kaum solcher Darstellungen bedürfen, um ihr eigenes Selbstverständnis zu klären, gereichen die Artikel in der Soziologie und benachbarten Wissenschaften als Außendarstellung der Teildisziplin und werden, vor allem von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern, als ernst zu nehmende Definition von Aufgabenstellung und Forschungsperspektive aufgenommen. Anhand der Überblicksartikel, die vor allem in den 1970er und 1980er Jahren Aufgaben und Perspektiven der Industriesoziologie diskutieren, soll im Folgenden gezeigt werden, welche Annahmen das Selbstverständnis der Teildisziplin seit der Nachkriegszeit prägen (vgl. z.B. Lutz/Schmidt 1977; Herkommer 1972; Schmidt 1980; Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt 1982; Littek/Rammert/Wachtler 1982; Mikl-Horke 1988; Brandt 1990). Diese Versuche von systematisierender Darstellung der Industriesoziologie sollen hier weder resümiert noch weitergeführt werden. Die Stellungnahmen sollen statt dessen herangezogen werden, um Charakteristika der Teildisziplin zu beschreiben: Auch wenn die Überblicksartikel im historischen Kontext je unterschiedliche Wirkung entfaltet haben und nur bedingt der Vielfalt von empirischer Forschung gerecht wurden, so sind sie dennoch als offizielle Verlautbarungen zum Selbstverständnis zu bewerten. Indem sie offensiv die Aufgaben der Teildisziplin benennen, können sie aus heutiger Sicht dazu dienen, den Standort der Industriesoziologie innerhalb der Allgemeinen Soziologie sowie Ursachen auch aktuell ‚blinder’ Flecken in der Untersuchung von Arbeit zu erklären. Die deutsche Arbeits- und Industriesoziologie zwischen Nachkriegszeit und 1980er Jahren zeichnete sich – sofern man sich auf die Überblicksartikel der Teildisziplin stützt –
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durch fünf Merkmale aus: Kennzeichnend waren 1. ein gesellschaftstheoretischer Anspruch, 2. ein strukturalistisches Verständnis der Regulation von Arbeit, 3. eine Analyse von Arbeit als Erwerbsarbeit, 4. die Konzeption des Individuums als Erwerbstätiger sowie 5. eine Konzentration auf den Betrieb. Arbeits- und Industriesoziologie als Gesellschaftstheorie Die Industriesoziologie vertrat stets den Anspruch, durch die Analyse von Arbeit gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu erforschen. Der Prozess der Industrialisierung galt ihren Vertretern als der bedeutendste Antrieb für die Entwicklung der Gesellschaft. Arbeit sah man als „eine Grunderfahrung menschlichen Lebens“ (Littek/Rammert/Wachtler 1982: 1), so dass das wissenschaftliche Selbstverständnis über die Grenzen einer Bindestrichsoziologien hinausging (s. auch Hirsch-Kreinsen 2003: 5). Die Wurzeln dieser besonderen Ausrichtung der Industriesoziologie waren und sind in der Gesellschaftstheorie von Marx zu verorten, der das Kapital als „die alles beherrschende Macht der bürgerlichen Gesellschaft“ und folglich als „Ausgangspunkt wie Endpunkt“ der Analyse sah (Marx 1961: 638). Braczyk, v.d. Knesebeck und Schmidt (1982: 25ff.) postulieren in dieser Traditionslinie als zentrale Aufgabenfelder der Industriesoziologie die Themen „Rationalisierung und Herrschaft“, „Klassenlage, Bewusstsein und industrielle Lebenswelt“ sowie „Strukturwandel der Industriegesellschaft“ (s. ähnlich auch Lutz/Schmidt 1977). Die Gesellschaft definierte man als „Kapitalismus“, „Industriegesellschaft“ oder „Arbeitsgesellschaft“; das Augenmerk ruht auf Arbeitern als politische Akteure, denen revolutionäres Potenzial zugeschrieben wird; Subjekte werden insofern als gesellschaftliche Großgruppen und kollektive Akteure untersucht und entlang der Scheidelinie ‚Besitz – Nicht-Besitz’ über Produktionsmittel analytisch getrennt.7 Dieses – aus heutiger Sicht simpel anmutende – Modell konnte die Sozialstruktur der damaligen Zeit (noch) annähernd erfassen und lieferte eine gelungene Reduktion von Komplexität. Die Analyserichtung war damit jedoch festgelegt: Soziales Geschehen wird maßgeblich in Hinblick auf seine Prägung durch die kapitalistische Produktionsweise und ihre Funktionsprinzipien interpretiert. Industriesoziologische Konzepte zur Lebenswelt spiegeln diese Grundannahme gesellschaftlichen Geschehens wider: Für Braczyk, v.d. Knesebeck und Schmidt stellt die „Soziologie des Alltags (.) theoretisch und methodologisch eine wichtige Herausforderung für industriesoziologische Bewusstseinsforschung dar“ (36) – jedoch nur im Hinblick auf das Klassenbewusstsein der Arbeiter und dessen mögliche Rückwirkung in die Sphäre der Produktion.8 Der Mainstream der Industriesoziologie geht insofern von einem Primat der Produktionssphäre aus und untersucht gesellschaftlichen Wandel aus der Perspektive von Veränderungen in der Produktion. Individuelles Handeln gelangt lediglich über die Untersuchung von Verhaltensreaktionen in den Blick. Schon Dahrendorf sah es als Aufgabe der Industrie- und Betriebssoziologie, sich „mit dem Ausschnitt des sozialen Handelns (...) [zu beschäftigen, K.J.], der durch die industriel7
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Der Vorwurf ist insofern einzuschränken, dass bereits in den Studien des „Vereins für Socialpolitik“ oder in Betriebssoziologie der 1920er Jahre das soziale Umfeld der Industriearbeiter genauer in den Blick rückt und die Arbeiter ganzheitlicher, d.h. nicht nur als Klassenangehörige, in den Blick nimmt. Es handelt sich hierbei jedoch stets um Ausnahmen statt um den Mainstream der Forschung. Zur damaligen Debatte über eine „Soziologie des Alltags“ liefert der Sammelband von Hammerich/Klein (1978) Aufschluss. Eine Bezugnahme auf Veränderungen in der Erwerbssphäre bzw. auf arbeits- und industriesoziologische Forschungsarbeiten fand in diesen Beiträgen jedoch kaum statt. Vgl. zur „Soziologie des Alltags“ ausführlicher Kapitel 3.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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le Güterproduktion vorgegeben ist“ (1962: 5). Während – wie oben erläutert – eine weite Definition des Gegenstandes also Arbeit als „Dreh- und Angelpunkt“ sieht und somit fast alles gesellschaftliche Geschehen implizit zum Untersuchungsfeld der Teildisziplin erklärt, wirft Dahrendorfs enge Auslegung nicht weniger Probleme auf: Seine Definition spiegelt heute in doppelter Hinsicht wider, wo die Selbstbegrenzungen der Industriesoziologie der Nachkriegszeit verlaufen: Zum einen ist der Blick auf Gesellschaft auf den Teil sozialen Geschehens gerichtet, der durch die „industrielle Güterproduktion“ geprägt wird. Entsprechend muss die Analyse von Arbeit bei Industriearbeit ansetzen und dem Arbeitsort „Betrieb“ besondere Aufmerksamkeit schenken. Zum anderen rückt Dahrendorf „soziales Handeln“ in den Vordergrund, das – folgt man der grundlegenden Definition von Weber (1980) – „seinem von den oder dem Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (1, herv.i.O.). Individuelles Handeln, das diesen Bezug nicht aufweist, wird somit aus dem Analysebereich der Industriesoziologie zwar nicht de facto (s. 2.1.2), aber doch programmatisch herausdefiniert.9 Die Regulation von Arbeit wird folglich über lange Jahre hinweg fast ausschließlich aus der Perspektive kollektiver Akteure betrachtet. Regulation von Arbeit im strukturtheoretischen Blick Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Tradition der Arbeitssoziologie in Großbritannien, Frankreich und Italien war die Orientierung an der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie kennzeichnend.10 Marx’ Kategorie der „lebendigen Arbeit“ wird dabei in der industriesoziologischen Rezeption oftmals zugunsten einer strukturtheoretischen Perspektive und der Konzentration auf kollektive Akteure vernachlässigt11: Regulation von Arbeit gilt maßgeblich als Prozess, der sich auf die Gestaltung von Produktionsmodellen und industriellen Beziehungen richtet, während sich die Betrachtung von Individuen auf deren kollektive Klassenlage reduziert. Mensch und Betrieb werden als durch die ökonomischen Verhältnisse determiniert und in erster Linie im Hinblick auf die Folgewirkungen kapitalistischer Produktionsweise analysiert. Der Begriff „Regulation“ stammt vom lateinischen „regulare“ ab und meint Prozesse des Steuerns, Regelns und Ordnens. Bereits seit dem 19. Jahrhundert dient er in der Biologie als Bezeichnung für „Mechanismen, die (...) die Ordnung und Aufrechterhaltung der Vielfalt der organischen Vorgänge ermöglichen“ (Ritter/Gründer 1995: 490). „Regulation“ als Forschungsgegenstand ist seit Bestehen der Industriesoziologie von besonderer Bedeutung in der Teildisziplin und gleichzeitig Ausdruck einer Orientierung an der Marxschen Gesellschaftstheorie: Marx richtet seine Analyse auf Institutionen in Recht und Politik, die für ihn einerseits die bestehenden Herrschaftsverhältnisse repräsentieren, andererseits aber 9
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Derart zugespitzte Definitionen des wissenschaftlichen Aufgabengebietes laufen immer Gefahr, die tatsächliche Vielfalt der Forschungsaktivitäten in der Disziplin zu vernachlässigen; sie heben dafür aber die prominent verfolgten Fragestellungen umso deutlicher hervor und verweisen auf das Selbstverständnis der Fachvertreter sowie auf mögliche blinde Stellen ihrer Analyse. Diese besondere Ausrichtung soziologischer Gesellschaftstheorie liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Soziologie parallel zur Herausbildung des modernen Industriekapitalismus als Wissenschaft etabliert und Marx, Weber und Durkheim als Klassiker des Fachs die Analyse des Kapitalismus – wenngleich in je unterschiedlicher Akzentuierung – thematisch ins Zentrum ihrer soziologischen Theorieentwicklung rücken. Rekurse auf Marx Kategorie der „lebendigen Arbeit“ finden sich z.B. bei Negt (1984: 173f.) oder Voß (1984); sie blieb jedoch in den 1970er Jahren im Vergleich zu anderen Kategorien aus Marx Analyse vernachlässigt. Erst in den 1980er Jahren nimmt die empirische Arbeits- und Industriesoziologie die Kategorie wieder verstärkt auf und wendet sich stärker der Perspektive der Beschäftigten zu.
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auch regulierend in die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft eingreifen und damit deren Bestand sichern. Diese Perspektive auf die für den Kapitalismus erforderlichen Rahmenbedingungen findet ihre Fortführung in dem aus der politischen Ökonomie stammenden Regulationsansatz, der – wie seine Vertreter selbst einräumen – stets umstritten war (z.B. Lipietz 1985: 109). Die Wurzeln dieses, vor allem in der deutschen Politikwissenschaft rezipierten, Ansatzes finden sich in Frankreich, wo sich eine „Schule der Regulationstheorie“ etablierte.12 Sie geht zurück auf den französischen Philosophen Althusser, der in seiner Auseinandersetzung mit der Marxschen Gesellschaftsanalyse ein faktisches Primat von Strukturen und Verhältnissen gegeben sah. „Regulation eines sozialen Verhältnisses“ bedeutet für die Vertreter dieser Theorie, „die Art und Weise, in der sich dieses Verhältnis (...) reproduziert“ (Lipietz 1985: 109). Maßgeblich Aglietta (1976, s. auch 2000) liefert in seiner Ausformulierung der Theorie eine Erklärung, warum sich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit nicht im Klassenkampf entlädt, sondern durch soziale, politische und rechtliche Regulierungen soweit entspannt, dass sich der Kapitalismus trotz zwischenzeitiger Krisenerscheinungen insgesamt als standhaft erweist. In Abgrenzung zur neoklassischen Wirtschaftwissenschaft sehen Aglietta und Regulationstheoretiker wie Lipietz (1985) oder Boyer (1984) ökonomische Prozesse grundsätzlich im Ungleichgewicht.13 Erst durch institutionelle und strukturelle Eingriffe werde ein Gleichgewicht von Produktion und Konsum hergestellt. Eine langfristige und stabile Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise sei demnach nur zu gewährleisten, wenn durch eine entsprechende Regulationsweise mögliche Konflikte ausgeschlossen würden – z.B. durch die Regulation des Warenund Lohnverhältnisses. Wie Aglietta, der den Zusammenhang von Akkumulations- und Regulierungsweise identifiziert, beschreibt auch Polanyi ein Ineinandergreifen von Marktregulation und gesellschaftlicher Regulation. Er sieht dies als „Wirken zweier Organisationsprinzipien in der Gesellschaft“ (1978: 185), die in ihrem Austausch verhindern, dass es zu einer „Überausbeutung der Arbeitskraft“ komme, und damit die kapitalistische Gesellschaft langfristig stabilisieren. Begrenzungen seien insofern stets erforderlich gewesen, um das Gesamtsystem Kapitalismus aufrechtzuerhalten, und somit funktional für den Systemerhalt. Aglietta (1976) zeichnet diesen Zusammenhang historisch nach und beschreibt ein Vier-Phasen-Modell: Er sieht den Anfang während der Konstituierungsphase des Kapitalismus in einer „extensiven Akkumulationsstrategie“, die auf eine Ausweitung des Arbeitstages und eine Reduzierung der Löhne zielte. Es folgte eine Phase der „intensiven Akkumulationsstrategie“, in der das Kapital massiv in Produktionsanlagen investierte und den gesamten Wertschöpfungsprozess an den Prinzipien des wissenschaftlichen Managements ausrichtete. Diese von Taylor begonnene Form der Betriebsführung entwickelte Ford weiter. Er optimierte die Produktionsabläufe und setzte auf Massenproduktion für die Konsuminteressen breiter Bevölkerungsschichten. Mangels Kaufkraft blieb die Nachfrage jedoch gering. Erst durch die in gewerkschaftlichen Arbeitskämpfen errungenen Lohnsteigerungen setzte sich der Motor für Fords Strategie der Konsumsteigerung in Gang und hielt gleichermaßen steigende Warenproduktion und Nachfrage am Laufen. Diese dritte Phase des Kapitalismus, die unter dem Titel „Fordismus“ zum Modell und Impuls eines „golde12
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Die Rezeption der Regulationstheorie innerhalb der Industriesoziologie ist aus heutiger Sicht schwer einzuschätzen. Ein Blick in die Literatur lässt vermuten, dass sie für die Entwicklung der zentralen Leitlinien der Forschung einen eher geringen Einfluss hatte. Auf eine detaillierte Darstellung der einzelnen Positionen muss an dieser Stelle verzichtet werden. Eine prägnante Einführung in die Regulationstheorie und die Fragestellungen ihrer prominenten frühen Vertreter liefert Jakob (1999); zu methodischen Überlegungen s. auch Lipietz (1985).
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nen Zeitalters“ avancierte, wurde – so die Position der Regulationstheoretiker – von einem „etatistischen Reformismus“ (Lipietz 1998) begleitet. Dieser fand seinen Ausdruck u.a. in einer von Keynes inspirierten Nachfragepolitik, einem Ausbau sozialer Sicherungssysteme und der Herstellung der Tarifautonomie. Als vierte und aktuelle Phase des Kapitalismus identifizieren Regulationstheoretiker eine Ablösung des Fordismus, die durch eine Internationalisierung von Finanzmärkten und Wertschöpfungsketten eingeleitet werde. Aglietta (2000) spricht von einem neuen „Akkumulationsregime der Vermögensbesitzer“. Mit Bezeichnungen wie „Postfordimus“, „Toyotismus“ oder auch „Entgrenzung“ proklamieren deutsche Industriesoziologen zur Zeit zwar die Ablösung des fordistischen Modells und damit einer Phase des Kapitalismus, doch verweist die Vielfalt der Titel auf eine weitgehende theoretische Unsicherheit. Neue Funktions- und Regulationsprinzipien scheinen bislang (noch) nicht klar identifizierbar zu sein (s. dazu ausführlicher 2.2). Sowohl in der französischen Regulationstheorie als auch ihrer Rezeption durch die deutsche Politikwissenschaft (s. z.B. Hirsch/Roth 1986; Hirsch 1990) ist das Thema „Regulation von Arbeit“ bis in die 1980er Jahre auf einer strukturtheoretischen Ebene verankert. Bereits Althusser konzentriert sich auf die Sphäre der Produktion; Individuen sind – so seine Auslegung der Marxschen „Charaktermasken“ – lediglich „Funktionsträger“; Handlungen werden als Ausdruck von Strukturen verstanden. Diese strukturalistische Sichtweise durchzieht – trotz Abgrenzung in anderen Aspekten – die frühen Werke von Aglietta (1976) und Lipietz (1985), die Subjekte als von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen determiniert fassen.14 Die Antwort auf die Frage nach den Beiträgen der Individuen zur Reproduktion oder Veränderung einer Regulationsweise bleiben die Regulationstheoretiker hingegen schuldig: Selbst wenn von den handlungstheoretischen Dimensionen der Regulation die Rede ist, so werden dabei Akteure auf der Meso-, vor allem aber auf der Makroebene hinsichtlich ihres Beitrages zur Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaftsweise betrachtet.15 In der Auseinandersetzung mit Produktionsverhältnissen und deren Wandel beeinflusst diese strukturalistische Perspektive auch die Industriesoziologie. Zwar bleibt in der empirischen Forschung die Ausrichtung an den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und konkreten Bedingungen der Reproduktion von Arbeitskraft erhalten, doch bleibt die Rezeption der französischen Regulationstheorie offenkundig nicht ohne Wirkung auf die Definition des Gegenstandsbereichs der Disziplin: In den Überblickswerken bleiben mikrosoziologische Aspekte der Regulation von Arbeit vernachlässigt; die Subjekte und ihre möglichen Widersetzungen gegenüber ökonomischen Prinzipien des Arbeitens tauchen – von politisch motivierten Fragen des Klassenkampfes abgesehen – lediglich in Debatten über die Folgen „entfremdeter Arbeit“16 oder des Ausschlusses von Erwerbsarbeit auf. In den damaligen Artikeln zum Selbstverständnis der Industriesoziologie widmet lediglich Littek (1982: 114ff.) dem betrieblichen Arbeitshandeln seine Aufmerksamkeit und interpretiert subjektive Erfahrungen und betriebliche Arbeitsorganisation in ihrem Zusammenhang. Auch Littek hält daran fest, dass aufgrund „der Machtasymmetrie in der Arbeitsgestaltung 14
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Dies lag an der expliziten Ausrichtung der Perspektive auf „soziale Verhältnisse“; sie sind für die Autoren Ausdruck „täglicher sozialer Handlungen“, von denen man abstrahiere, um die „Regelmäßigkeit bestimmter sozialer Praktiken“ zu untersuchen (Lipietz 1985: 110). Dies zeigt sich bis Ende der 1990er Jahre in der Analyse von Interessenvertretung: Als handlungstheoretische Perspektive werden „Interaktionen strategisch handelnder Akteure“ (Müller-Jentsch 1997: 68) deklariert, wobei das Augenmerk aber fast ausschließlich auf kollektiven Akteuren ruht. Während Lohnarbeit in Anlehnung an Marx generell als „entfremdete Arbeit“ definiert wird, sind hier bestimmte Formen tayloristischer, besonders restriktiver Arbeitsbedingungen gemeint.
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(.) der betrieblich realisierten ‚objektiven Struktur’ vorrangige Bedeutung für die arbeitssoziologische Analyse“ zukomme (115). Er räumt aber ein, dass die Analyse „ohne die Berücksichtigung der subjektiven Voraussetzungen“ unvollständig bliebe (ebd.). Eine stärkere Berücksichtigung des Individuums, aber dafür schon fast extreme Gegendefinition zum damaligen industriesoziologischen Verständnis lieferte die Arbeitspsychologie: Der polnische Psychologe Tomaszewski entwickelt bereits in den 1960er Jahren eine Tätigkeitstheorie, die einen regulationstheoretischen Kern enthält.17 Er resümiert für seine Disziplin eine Konzeption des Menschen „als eines relativ autonomen Subjekts der eigenen Handlungen in der ihn umgebenden Welt“ (1978: 16), „als eines autonomen Subjekts von gerichteten Tätigkeiten, fähig zur Regulierung der eigenen Beziehungen mit der Umwelt und zur Selbstregulation“ (1978: 20). Auch wenn nicht alle Vertreter der Disziplin eine derart weitreichende Definition vornehmen, so gewinnen doch die Aktivitäten der Individuen und ihre Einflussnahme auf gesellschaftliche Strukturen an Aufmerksamkeit. Tomaszewskis Arbeiten basieren auf der materialistischen Philosophie, doch nimmt er einen „funktionalistischen Standpunkt“ ein und definiert psychische Prozesse als Tätigkeit des Problemlösens. „Regulationsprozesse“ sind nach Tomaszewski „Prozesse der Wiederherstellung des immer aufs Neue gestörten Gleichgewichtes“ (53). Er teilt damit die bereits in der Soziologie von Comte und später Durkheim angelegte Vorstellung eines grundsätzlich harmonischen Ausgangszustandes von Gesellschaft und überträgt diese – wie zuvor bereits Piaget – auf das Subjekt und betont dessen aktive Gestaltungsleistung: „Die Störung des Gleichgewichts ruft in den lebenden Organismen einen aktiven Zustand hervor, ein Bestreben, den Gleichgewichtszustand wiederherzustellen“ (53). Diese Regulation könne durch Anpassung oder durch Handlung geschehen, welche er als „Umgestaltung der Wirklichkeit durch das Subjekt“ definiert (54). Beide Regulationsformen stehen für ihn in Ergänzung zueinander. Die Bedeutung struktureller Einflüsse wird insofern nicht negiert, aber nur als Impuls und Bedingung von Handlungen interpretiert, die wiederum auf die Struktur zurückwirken. In den 1970er Jahren lag das Augenmerk auch in der deutschen Arbeitspsychologie vor allem auf den für industrielle Arbeitstätigkeit erforderlichen Planungs- und Denkprozessen. Sie seien ‚objektive’ Regulationserfordernisse, die die Individuen erfüllen, um den Produktionsablauf herzustellen und aufrechtzuerhalten. Die Vertreter der Disziplin entwickelten daher Verfahren, mit denen sich solche Formen individueller Regulation untersuchen ließen. Etwa zeitgleich zu Tomaszewski stellte in der DDR Hacker (1978) eine Handlungsregulationstheorie vor, die – in Anlehnung an Rubinstein und Straub – eine Psychologie der Arbeitstätigkeit begründete und als „erstes deutschsprachiges Standardwerk der Arbeitspsychologie“ gilt (Ulich 1978: 436). Für Hacker stehen Arbeitsbedingungen und Arbeitsergebnisse in einem dialektischen Verhältnis. „Dieses Wechselverhältnis beschränkt sich keineswegs auf äußere Arbeitsbedingungen (...). Auch prozessbedingte, personale Arbeitsbedingungen (...) sind zugleich Arbeitsergebnisse.“ (Hacker 1978: 35). Erst dieser Blick auf die „Entwicklung von Leistungsvoraussetzungen in den Arbeitstätigkeiten“ lasse erkennen, welche persönlichkeitsprägenden Wirkungen vom Arbeitsprozess ausgehen und
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Tomaszewski gilt als Begründer der „Warschauer Schule“. Er leitete das größte psychologische Institut Polens und erlangte mit seiner Tätigkeitstheorie, deren Schwerpunkt eine Regulationstheorie darstellt, auch in Deutschland Aufmerksamkeit.
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wie diese Wirkung wiederum den Arbeitsprozess verändert.18 Hacker entwickelt in seinem Ansatz ein Modell von drei Regulationsebenen, mit dem er eine Brücke von der Allgemeinen Psychologie zu einer differentiellen Persönlichkeitspsychologie schlägt und lernpsychologische Aspekte einbezieht. Gemäß seinem Fokus auf den Zusammenhang zwischen Arbeitstätigkeit und Persönlichkeitsentwicklung zählt es zu den Hauptanliegen Hackers, über die Arbeitsgestaltung solche individuellen Interventionsmöglichkeiten zu begründen und einzufordern, die sich nicht nur gesundheits-, sondern – durch die Integration von Lernangeboten – auch persönlichkeitsfördernd auswirken.19 In der Industriesoziologie hinterlassen diese arbeitspsychologischen Ansätze und Theorien lange Zeit kaum Spuren. Sie werden nur vereinzelt rezipiert und forschungspraktisch umgesetzt.20 Zwar gilt die Handlungsregulationstheorie als Grundstein der heutigen Arbeitspsychologie, doch ist ihre Betonung bewusster Prozesse von Zielbildung und Planung häufig kritisiert und zugunsten der Annahme eher impliziten Wissens und Erfahrungswissens aufgegeben worden (Volpert 1999: 13, 25ff.).21 Die Akteursperspektive fand erst zu dem Zeitpunkt Eingang in die Teildisziplin, als in der Allgemeinen Soziologie Handlungstheorien an Bedeutung gewannen und die Dualität von Handlung und Struktur Aufmerksamkeit erhielt (z.B. Giddens 1988). Eine Auseinandersetzung mit handlungstheoretischen Dimensionen der Marxschen Gesellschaftstheorie steht jedoch bislang ebenso aus wie eine systematische Bezugnahme auf vorliegende Handlungstheorien (Maurer 2004; s. 3.).22
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Hacker bezog sich auf die dritte Feuerbach-These von Marx, in der dieser das „Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit“ als gedankliche Lücke der „materialistischen Lehre“ problematisiert (Marx 1969: 533f.). Das Drei-Ebenen-Modell von Hacker haben verschiedene Autoren für Arbeitsprozesse im Kapitalismus übernommen: Oesterreich konzipiert zunächst ein Fünf- (1981), später ein Zehn-Stufen-Modell (1984) von Regulationserfordernissen. Auch Volpert u.a. (1983) entwickeln ein Mehr-Ebenen-Modell. Alle diese Modelle, die für verschiedene Arbeitsformen ausdifferenziert wurden, basieren auf der Annahme, dass die Arbeitstätigen zur Bewältigung ihrer Aufgaben unterschiedliche Etappen einer Handlungsplanung durchlaufen (s. auch Ulich 1998: 89ff., 108ff.). Zur Kritik an den Modellen der hierarchisch-sequentiellen Handlungsregulation s. z.B. Greif (1994), der demgegenüber eine flexible „Umweltadaptabilität“ hervorhebt und Handlungen als „selbstorganisierte Reaktionsmuster auf äußere und innere Aufgaben“ fasst. Resch (1999) wendet die Handlungsregulationstheorie für die Analyse von Haushaltstätigkeiten an (s. 3.) Eine Ausnahme bilden Mickler/Mohr/Kadritzke (1977), die in ihrer Studie zu „Produktion und Qualifikation“ die auf diese arbeitspsychologische Perspektive zurückgreifen und die Dimensionen von Hacker operationalisieren. Zu den KritikerInnen zählt u.a. Volmerg (1990). Sie bemängelt, dass in der Handlungsregulationstheorie lediglich zweckrationales, instrumentelles Handeln untersucht werde. Damit lege die Theorie ein Menschenbild zugrunde, das nicht allen Beschäftigtengruppen gerecht werde und Konflikte zwischen persönlichen Bedürfnissen und Arbeitsbedingungen außer acht lasse. Volmerg schließt aus, dass die Eigenlogik psychischer Prozesse begriffen werden könne, wenn man – wie in der Theorie üblich – von äußeren auf innere Strukturen schließe. Objektive und subjektive Handlungsspielräume seien hingegen nicht identisch (s. auch Osterloh 1985 sowie 3.). Maurer (2004) beklagt eine überwiegend strukturdeterministische Auslegung der Marxschen Theorie und plädiert für eine Reinterpretation, in der die Verbindung von Handlungs- und Strukturebene genauer ausgeleuchtet wird. Maurer betreibt daher eine handlungstheoretisch angelegte Analyse von Herrschaftsverhältnissen, die auch für die Arbeitsforschung neue Perspektiven und theoretische Anschlussfähigkeit eröffnen kann, indem sie den „Zwang der Verhältnisse“ auf individuelle Handlungspotenziale hin prüft (s. bereits Maurer 1999). Maurer löst sich damit von deterministischen Positionen, verfolgt jedoch nicht weiter, ob und inwiefern in den Handlungsstrategien und -potenzialen Strukturen noch immer ihre Wirkung entfalten.
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Analyse von Arbeit als Erwerbsarbeit Seit den Anfängen der Industriesoziologie dominieren in der Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff eher ‚weite’ Definitionen. Arbeit wird bis heute – sehr allgemein – als „Beziehung zwischen Menschen und ihren Einstellungen und ihrem Handeln“ definiert (MiklHorke 1995: 5) oder, unter Rekurs auf philosophische Arbeiten, in ihrem umfassenden Sinne als Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. „Lebendige Arbeit“ gilt – in Anlehnung an die von Hegel und Marx reflektierte Dialektik der Arbeit – als zentrales Moment der Subjekt-Objekt-Konstitution (Marx 1962: 192; s. auch Negt 1984).23 Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Industrie“: Die meisten Autoren bezogen sich, wie schon Marx, mit diesem Begriff auf die kapitalistische Fabrikindustrie. Parallel kursierten jedoch auch Definitionen von „Industrie“, die den angelsächsischen Debatten folgten. Sie verstanden Industrie als „Gewerbe“ und „Fleiß“ und sprachen so z.B. auch für den Bereich der Kultur oder Medien von „Kulturindustrie“ oder „Filmindustrie“ (vgl. Müller-Jentsch 1999: 7). Trotz solcher ‚weiten’ Definitionen von „Arbeit“ und „Industrie“ blieb jedoch das Forschungsfeld der Industriesoziologie eng abgesteckt: Die Überblicksartikel zur Arbeits- und Industriesoziologie thematisieren zwar stets den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion, und die ‚jüngeren’ Werke greifen die Erwerbssituation von Frauen meist gesondert auf. Dennoch kommen in vielen Einführungen in die Teildisziplin die Themen Familienarbeit, Eigenarbeit oder auch Arbeitsteilung in Privathaushalten schlicht nicht vor. Trotz einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff bleibt nicht-erwerbsförmige Arbeit zweitrangig in der Industriesoziologie dieser Periode.24 Die empirische Forschung, theoretische Reflexion und proklamiertes Selbstverständnis der Teildisziplin richten sich vorwiegend auf bezahlte Erwerbsarbeit. Auch Braczyk/v.d. Knesebeck/Schmidt (1982), die unterschiedliche Analyseebenen von Arbeit identifizieren, weisen weder Arbeit außerhalb der Erwerbssphäre als Forschungsgegenstand aus noch berücksichtigen sie solche Anteile von Subjektivität, die nicht erwerbsbezogen sind. Eine Reflexion dieser „subjektiven Dimension“ von Arbeit, die auch den außerbetrieblichen Lebenszusammenhang einbezieht, liefert die Einführung von Mikl-Horke (1988: 167ff.). Sie betont (leider nur in einem kurzen Abschnitt) die notwendige Erweiterung des Verständnisses von Belastung und reduziert deren Ursachen nicht auf physisch-psychische Anforderungen; sie sieht in der „Gesamtheit der Bedingungen“ ein Ursachenbündel, das zu Unzufriedenheit und Krankheit führen könne (169ff.). Mikl-Horke wendet darüber hinaus die Zeitdimension auf solche Belastungen an; sie problematisiert sowohl die Parallelität von Familiengründung und beruflicher Etablierung als auch die Defizite von Zeitbudgetstudien, die lediglich Moment-
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Die zahlreichen Definitionen zum Arbeitsbegriff können hier nicht adäquat resümiert werden. Grundlegende Reflexionen liefern z.B. Arendt (1985), die Arbeit, Herstellen und Handeln differenziert, sowie Conze (1972), Offe (1984), Neuberger (1985) oder Gorz (1989). Zwischen formeller und informeller Arbeit unterscheiden Alheit oder Kambartel (1993), der die Einbindung in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch als Kriterium von Arbeit festlegt (zur Kritik an Kambartel s. Krebs 1993). Eher auf das Individuum bezogen definiert Jahoda (1983: 4f.) Arbeit als „Erlebniskategorie“: Sie liefere eine Zeitstruktur, erweitere den Horizont, gewährleiste kollektive Zusammenarbeit, bestimme sozialen Status und Identität und erfordere Aktivität. Eine Ausnahme stellen hier die Arbeiten von Friedmann (1952, 1959) dar, der auf den Zusammenhang von Arbeit und Nicht-Arbeit hinweist und einen weiten Arbeitsbegriff zugrunde legt. Die Thesen werden zwar in Deutschland rezipiert, doch kaum in der industriesoziologischen Forschung der folgenden zwei Dekaden umgesetzt.
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aufnahmen liefern, aber die Besonderheiten von Lebensphase und auch Lebenslage ausblenden.25 Eine weitere Ausnahme ist in diesem Zusammenhang der Herausgeberband von Littek/Rammert/Wachtler (1982), der „’gesellschaftliche’ Arbeit zum Ausgangspunkt [nimmt, K.J.] und nicht den speziellen Bereich, wie beispielsweise den Industriebetrieb“. Dies wird für den Erwerbsbereich eingelöst, indem im Unterschied zu anderen Einführungswerken der Zeit z.B. auch Dienstleistungsarbeit sowie Arbeits- und Sozialpolitik berücksichtigt werden. Gleichwohl ist der Bereich der Freizeit nur beim Thema „Humanisierung der Arbeit“ erwähnt, und lediglich im Kapitel „Die Arbeit der Frau in Betrieb und Familie“ wird Nicht-Erwerbsarbeit systematisch zur Erwerbssphäre in Beziehung gesetzt. Die Wurzeln dieser Perspektive auf weibliche Lebenszusammenhänge verlaufen in der Frauenarbeitsforschung der 1970er Jahre. In den Traditionslinien von Marxscher Gesellschaftsanalyse und Kritischer Theorie konzipieren z.B. Becker-Schmidt, Beer und Gerhard – mit je unterschiedlichen Akzentsetzungen – das Geschlechterverhältnis als Strukturzusammenhang; sie untersuchten Wechselwirkungen zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Geschlechterverhältnis im historischen Gewordensein. Die Sozialwissenschaftlerinnen kritisierten eine Vereinseitigung des Arbeitsbegriffs und die damit verbundene Ausblendung nicht-erwerbsbezogener Arbeitsleistungen in privaten Haushalten; geschlechtliche Arbeitsteilung wird als Folge und Ursache von Geschlechterhierarchie problematisiert (vgl. resümierend die Beiträge in Becker-Schmidt/Knapp 1995).26 Studien feministischer Wissenschaftlerinnen sowie die erstarkende Frauenbewegung verschaffen zwar der von Frauen geleisteten privaten Reproduktionsarbeit vermehrt Aufmerksamkeit, doch setzt sie sich (bis heute) nicht als Themengebiet der Industriesoziologie durch, sondern bleibt – bis auf wenige Ausnahmen – auf die Familien- und Geschlechterforschung begrenzt. Die parallel zur Herausbildung des Industriekapitalismus entstehende „Hausarbeit“ (Bock/Duden 1976; Kittler 1980) und Trennung der Lebensbereiche (Ostner 1978) spiegelt sich insofern in der Arbeitsteilung der Teildisziplinen wider. Redet die Industriesoziologie der 1950er bis 1980er Jahre von Arbeit, wird – so resümieren Wissenschaftlerinnen – „meist stillschweigend eine begriffliche Einschränkung hingenommen, bei der als Arbeit nur bezeichnet wird, was bezahlte, d.h. im weitesten Sinne Lohnarbeit ist. (...) Die Arbeitsteilung nach dem Geschlecht scheint ebenso naturwüchsig und keinerlei Überlegung wert wie die Hausarbeit.“ (Diezinger u.a. 1982: 225). Die Wissenschaftlerinnen sehen in der Arbeits- und Industriesoziologie „keine Thesen oder Theorien, die die spezifischen Bedürfnisse oder Probleme der Frauen zum Maßstab der Beschreibung oder Bewertung der Frauenlohnarbeit machen würden (...). Frauen werden am Idealtyp des voll einsatzbereiten, leistungsfähigen Mannes in den besten Jahren gemessen“ (ebd.: 231f.). Die Industriesoziologie identifiziert in diesen Jahrzehnten zwar die Dialektik von Produktionsweise und Lebensverhältnissen und befasst sich seit ihren Anfängen mit solchen Orientierungen und Dimensionen von Bewusstsein, die Klassenlage und Erwerbsbedingungen von Beschäftigten betreffen. Eine systematische Analyse von Reproduktionsarbeiten in der sogenannten ‚Privatsphäre’ und deren Folgewirkungen für die Erwerbssphäre findet jedoch nicht statt. Man überlässt es der Frauenforschung, solche Wechselwirkungen zu 25
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Mikl-Horke plädiert dafür, „Arbeit und Leben als eine Einheit“ zu verstehen, da „die Bedeutung der Arbeit in einem sozialen Kontext verankert ist, die Identität der Person betrifft und den Lebenszyklus der Menschen mit einbegreift“ (1988: 182). Zum feministischen Diskurs der 1970er/80er Jahre vgl. exemplarisch Gottschall 2000: 137ff.
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untersuchen und daraus (gesellschafts-)theoretische Ansätze zu Arbeitsmarkt und Geschlechterverhältnissen zu entwickeln. Die damals formulierten hierarchietheoretischen Konzepte zum Zusammenhang von Kapitalismus und Patriarchat, zu doppelter Vergesellschaftung, zu doppeltem Sekundärpatriarchalismus und zu Geschlecht als Strukturkategorie (insbesondere Becker-Schmidt 1983, 1987a, b sowie Beer 1990) wie auch das differenztheoretische Konzept zum „weiblichen Arbeitsvermögen“ (Beck-Gernsheim/Ostner 1978) beeinflussen noch heute die wissenschaftlichen Debatten und finden sich – zumindest implizit – in vielen aktuellen Erklärungsansätzen wieder.27 Die Frauenarbeitsforschung hat insofern den gesellschaftstheoretischen Anspruch der Industriesoziologie konsequent eingelöst und gerade die Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Leben, zwischen geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung im Privaten und der geschlechtlichen Segregation des Arbeitsmarktes zum Ausgangspunkt dieser Analyse genommen. Sie hat Arbeit dadurch als vergeschlechtlicht sowie als Medium von Vergeschlechtlichung enttarnt (s. auch 2.1.2). Während Geschlecht als Strukturprinzip sowohl im Mainstream der Kritischen Theorie als auch in der Industriesoziologie verdeckt bleibt, wird der Klassenbegriff zentral: Mit der Fixierung auf Erwerbsarbeit wird Ungleichheit – auch in der Frauenforschung – fast ausschließlich über die Partizipation an bzw. den Ausschluss von Erwerbsarbeit verstanden, während andere Ungleichheitsfaktoren vernachlässigt und Beschäftigte als soziale Gruppen untersucht werden.28 Bezeichnend für das Selbstverständnis der Industrie- und Arbeitssoziologie ist die in den 1980er Jahren geführte Debatte zur „Krise der Arbeitsgesellschaft“, die den Soziologentag 1982 prägte. Veränderungen in der objektiven Struktur und subjektiven Bedeutung von Arbeit resultieren zwar offenkundig in der Infragestellung von „Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie“ (Offe 1983), doch bleibt auch hier der Fokus auf Erwerbsarbeit dominant: Nur die Ausblendung nicht-erwerbsvermittelter Arbeit kann dazu verleiten, die Zentralität von Arbeit und ihre soziologische Relevanz zu hinterfragen. Die Arbeits- und Industriesoziologie sucht somit nach Indizien für einen Bedeutungswandel von Arbeit, doch konzentriert sie sich – im Unterschied etwa zur Arbeitspsychologie – einseitig an den Veränderungen von Erwerbsarbeit. Alltag und Lebensweise treten – wie es Bahrdt (1982) programmatisch einforderte – zwar ins Blickfeld der Teildisziplin, doch hält man sich lieber an das verlässliche Wissen über Betrieb, Aufgabenteilung, Produktionsweise und betriebliche Akteure als das Neuland privater Lebensführung zu betreten und konzeptionell einzubeziehen. Das Individuum als Erwerbstätiger Da sich die Arbeits- und Industriesoziologie in ihrer Etablierungs- und Ausbauphase auf strukturtheoretische Modelle und die Untersuchung von Arbeit als Erwerbsarbeit spezialisierte, konzipiert sie folglich das Individuum mittels seiner Einbindung in die Erwerbssphäre bzw. in eine Klasse. Die Teildisziplin sieht Individuen als Anbieter von Arbeitskraft und als Konsumenten und fragt nach deren Beitrag zur Stabilisierung bzw. Störung der historisch etablierten Produktionsverhältnisse. Das Individuum wird – aufgrund des gesellschaft27 28
Zu den Weiterführungen der Konzepte zählt z.B. der Ansatz der „dreifachen Vergesellschaftung“ (Lenz 1995); s. hierzu auch 3.1.1. Zur Kritik an dieser Verengung der Ungleichheitsanalyse vgl. auch Gottschall 2000. In ihrer Bestandsaufnahme zur Ungleichheitsforschung der 1970er/80er Jahre stellt sie fest, dass Geschlechterungleichheit auf das Problem geschlechtlicher Arbeitsteilung reduziert wurde.
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lichen Primats der Ökonomie – in erster Linie in seiner Abhängigkeit von bezahlter Erwerbsarbeit betrachtet; sofern haus- und familienarbeitende Personen berücksichtigt werden, so in bezug auf die Funktionalität ihrer Arbeitsleistung für die Erwerbssphäre. Diese Reduzierung des Untersuchungsobjekts auf seine erwerbsvermittelten Arbeitsleistungen und Persönlichkeitsmerkmale findet sich bis in die 1980er Jahre in den Einführungswerken. Auffällig ist das besondere Interesse am politischen Handlungspotenzial des Individuums: Ausgehend von den sozioökonomischen Veränderungen im Laufe des 19. Jahrhunderts fokussiert die Arbeits- und Industriesoziologie vor allem auf die historische Herausbildung des Sozialtyps des Arbeiters sowie dessen Klassenlage. Sie wird zum „LebenslageMerkmal eines Kollektivs, dessen Herausdifferenzierung gleichzeitig die Gesellschaft strukturiert“ (Mikl-Horke 1995: 346). Alltag und Lebenswelt werden nur insofern als Analyseperspektiven deklariert, als das „Gesellschaftsbild des Arbeiters“ (Popitz u.a. 1957a, b) für gesellschaftliche Interessenkonflikte relevant wird (s. exemplarisch Lutz/Schmidt 1977). Die Industriesoziologie widmet sich in dieser Periode entsprechend intensiv gesellschaftlichen Großgruppen, untersucht Einstellungen und Bewusstsein der Arbeiterschaft und sieht Arbeitsbedingungen sowie abhängige Beschäftigung als Platzanweiser und zentrale Ordnungsprinzipien, die soziale Ungleichheitslagen hervorbringen. Mehrere Studien thematisieren die Klassenlage der Menschen und die Entwicklung des Arbeiterbewusstseins in der deutschen Nachkriegszeit (z.B. Popitz u.a. 1957a, b; Deppe/Lange/Peter 1970; Kern/Schumann 1970; Kudera/Mangold/Ruff 1979). Weitgehend einig sind sich die Autoren in ihrer Erkenntnis, dass das gesellschaftliche Bewusstsein vergleichsweise unmittelbar durch die Sozialstruktur geprägt werde. Ein Wechsel zeichnet sich bereits mit der Studie von Kern/Schumann (1970) ab und lässt sich spätestens in den 1980er Jahren klar erkennen, als Ernüchterung bezüglich des revolutionären Potenzials der Arbeiterschaft einkehrt und der Fokus vom Arbeiterbewusstsein auf das Arbeitsbewusstseins schwenkt (Schumann u.a. 1982; Brock/Vetter 1982a; Voß 1984). Mit diesem Gegenstandswechsel, der auch durch die rasanten technischen Innovationen und folglich veränderten Arbeitsbedingungen ausgelöst wurde, kann durchaus von einer Wende hin zu mikrosoziologischen Perspektiven gesprochen werden. Die sich bereits in den 1960er Jahren andeutenden Individualisierungstendenzen innerhalb der Arbeiterschaft konturieren sich in zentralen empirischen Studien (s. 2.1.2.) und bringen solche Ansätze in der Industriesoziologie hervor, die sich als „subjektorientierte Industriesoziologie“ verstehen. Aus heutiger Sicht erscheint bereits der Titel skurril, da sich Soziologie ohne Subjekt nicht denken lässt. Er verweist zum einen auf die damalige Dominanz des strukturtheoretischen Paradigmas und das Bemühen um Abgrenzung, zum anderen auf ein ernsthaftes Anliegen, den handelnden Einzelakteur nicht nur stärker zu berücksichtigen, sondern als Ausgangspunkt der Analyse zu wählen. Der Begriff „subjektorientierte Soziologie“ wird explizit z.B. in den Forschungsarbeiten von Beck/Brater zur „sozialen Konstitution der Berufe“ (1977) erläutert (s. 2.1.2). Die Autoren sehen den Beruf als konkrete soziale Instanz der gesellschaftlichen Vermittlung oder Integration von Personalität und Sozialität. Wurden bis dato Berufe als gesellschaftlich vorgegebene Positionen und Tätigkeitsfelder angesehen, die Ausdruck der technischökonomischen Arbeitsteilung seien, müssen diese nun – so die Ansicht der Autoren – von Personen aktiv ausgefüllt werden. Berufe werden also nicht nur strukturell, als gesellschaftliche Funktions- und Tätigkeitszusammenhänge definiert, sondern auf der Ebene des Indi-
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viduums angesiedelt: Sie gelten als Fähigkeiten von Personen, als verschiedenartige „Qualifikationsbündel“, die an Arbeitskräfte gebunden sind.29 Individuelle Gestaltungsleistungen rücken in den 1980er Jahren noch systematischer ins Zentrum der Forschung: Voß (1984) thematisiert Bewusstsein als eine „Leistung der Person“, die diese erbringen muss, um ihr Leben führen zu können. Dieser Perspektivwechsel versteht Bewusstsein nicht mehr nur als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt, sondern als „Synthetisierungsleistung der Subjekte“ (Voß 1984). Ähnlich argumentieren auch Beck (1986) und Brock (1988). Letzterer identifiziert als Folge verbesserter Lebensbedingungen Individualisierungstendenzen in der Arbeiterschaft und einen Bedeutungsverlust kollektiver Deutungsmuster zugunsten eines „individualisierten Handlungsbewusstseins“.30 Inspiriert durch die Wertewandel-Debatte tritt daher die Arbeiterbewusstseinsforschung in den Hintergrund und überlässt die Bühne den Untersuchungen zu Erwerbs- und Freizeitorientierungen und Arbeitseinstellungen. Auch wenn sich insofern in der Industriesoziologie der 1980er Jahre eine deutlichere Öffnung zur privaten Lebenswelt der untersuchten Gruppen andeutet, so bleibt die Erwerbszentrierung doch auffällig: Ob man Arbeiterbewusstein oder Arbeitsbewusstsein untersucht – die Konzentration auf Erwerbsarbeit steht weiterhin im Zentrum, während Aspekte des außerbetrieblichen Lebens lediglich im Hinblick auf ihren Einfluss für die subjektive Bedeutung von Erwerbsarbeit berücksichtigt werden. Die Analyse der Vermittlung unterschiedlicher Arbeitsformen und Erfahrungswelten aus Betrieb und Privatsphäre im Individuum setzt sich erst zögerlich durch und hat erst in den 1990er Jahren eine breitere Aufmerksamkeit und systematischere Berücksichtigung erlangt (s. 2.2). Eine Ausnahme stellen hier Forschungen zu „Arbeitsbiographie und Persönlichkeitsentwicklung“ (s. die Beiträge im Sammelband von Hoff/Lappe/Lempert 1985) dar. Durch die Einnahme einer biografischen Perspektive erweitert sich der Blick unweigerlich um die private Lebenswelt, die familiale Sozialisation und den Einfluss der Familie auf berufliche Entscheidungen. Auch wenn hiermit Wechselwirkungen zwischen Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben zugrundegelegt werden, so bleibt doch die Wirkungsrichtung von Erwerbsarbeit auf die Persönlichkeit und Biografie gerichtet, statt (auch) umgekehrt mögliche Rückwirkungen einzubeziehen (s. 3.). Während die Frauenforschung die Fixierung auf Erwerbsarbeit kontinuierlich kritisiert, erheben sich in der Arbeits- und Industriesoziologie nur vereinzelt Einwände gegen dieses Vorgehen – z.B. wenn auf die Situation und Exklusion erwerbsloser Menschen aufmerksam gemacht wird (in der jüngeren Debatte s. Vogel 1999; Schumann 2002, 2003). Auch diese Reklamation bleibt jedoch erwerbsfixiert und auf die Unterscheidung Erwerbstätige vs. Erwerbslose reduziert: Nicht-erwerbsvermittelte Arbeit ist ebenso ausgeklammert wie die Lebenszusammenhänge von Menschen, die diese Arbeit unbezahlt verrichten oder/und nicht erwerbssuchend sind.
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In einer jüngeren Einführung in die Arbeits- und Berufssoziologie von Jäger (1993) ist daher die Perspektive auf das Individuum berücksichtigt. Hindernisse für den „Durchbruch eines subjektorientierten Arbeitsverständnisses“ sieht Jäger im Wandel von Arbeit und einer sich abzeichnenden Re-Taylorisierung. Auch hier zeigt sich deutlich, wie ökonomische Bedingungen unmittelbar die konzeptionellen Zugriffe beeinflussen und die wissenschaftlichen Perspektiven einschränken. Vgl. hierzu ausführlich Brock (1988), der den Wandel „vom traditionellen Arbeiterbewusstsein zum individualisierten Handlungsbewusstsein“ nachzeichnet.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Betrieb als Untersuchungsfeld Mit der Konzentration auf Erwerbsarbeit und Individuen als Erwerbspersonen geht einher, dass sich die Forschung auf den Betrieb als Arbeitsort richtet. Während heute unter „Betrieb“ eine Organisationsform verstanden wird, die ebenso Wirtschaftsunternehmen wie auch Einrichtungen des Non-Profit-Sektors deklariert, stand der industrielle Großbetrieb lange Zeit im Zentrum der industriesoziologischen Analyse. Die ‚empirischen Klassiker’ beziehen sich überwiegend auf das produzierende Gewerbe und vernachlässigten Kleinund Mittlere Betriebe. Zum einen liegt dies an der Ausrichtung auf gesellschaftliche Großgruppen und kollektive Interessenlagen, wie sie auch durch den herausgehobenen Stellenwert regulationstheoretischer Ansätze zum Ausdruck kam. Zum anderen teilt man weitgehend die Ansicht, im industriellen Großbetrieb die Funktionsmechanismen kapitalistischer Produktion am besten nachvollziehen zu können. Analysiert wird die betriebliche Anwendung der von Taylor und Ford propagierten Konzepte wissenschaftlicher Betriebsführung, womit unweigerlich eine Schwerpunktsetzung bei Großbetrieben sowie den entsprechenden Industrien – vor allem der Automobil- und Stahlindustrie – einhergeht. Themen wie betriebliche Arbeitsorganisation, Technisierung, Rationalisierung, Lohn und Leistung sowie Betriebsklima drängen spätestens in den 1980er Jahren Fragen der Bewusstseinsforschung nahezu vollständig in den Hintergrund. Das Interesse für Strategien der Profitmaximierung und ihre arbeitsorganisatorische Umsetzung befördern einen fast ausschließlich ökonomischen Blick auf den Betrieb als Organisation (Lutz/Schmidt 1977: 171). Der Titel „Betriebssoziologie“ wird in dieser Periode weitestgehend synonym oder ergänzend zu „Industriesoziologie“ verwendet, und mehrere Überblicksdarstellungen führen offensiv den Betrieb als Untersuchungsfeld an (s. z.B. die Einführungen von Dahrendorf, Lepsius oder Fürstenberg).31 Als methodisches Markenzeichen der Teildisziplin kristallisieren sich in dieser Phase Betriebsfallstudien heraus.32 Es sind überwiegend Großbetriebe, in denen Forscher ihre Thesen mittels Dokumentenanalyse, quantitativer oder qualitativer Befragungen oder teilnehmender Beobachtungen prüfen und zu Ansätzen „mittlerer Reichweite“ verdichten. Arbeit außerhalb einer betriebsförmigen Organisation wird damit jedoch ebenso ausgeklammert wie solche Arbeitsleistungen von Erwerbspersonen, die nicht im Betrieb stattfinden. Erst wesentlich später widmet sich die Industriesoziologie z.B. Heimarbeit und Fragen des Kompetenzerwerbs außerhalb des Arbeitsplatzes. Qualifikation wird daher bis in die 1980er Jahre maßgeblich produktionsbezogen betrachtet und im Hinblick auf Technisierung und Arbeitskräftebedarf; vernachlässigt bleiben jedoch solche Ansprüche und Interessen der Arbeitenden, die sich nicht in den konkreten Arbeitsbedingungen erschöpfen. Fragen von Qualifizierung oder De-Qualifikation werden dahingehend reflektiert, wie Beschäftigte im Betrieb oder am Arbeitsmarkt eingesetzt werden können und welche möglichen Polarisierungen sich dadurch innerhalb von Belegschaften und Erwerbspersonengruppen ergeben. Bis in die 1970er Jahre gelten der Arbeits- und Industriesoziologie weder Kompetenzen aus dem außerbetrieblichen Leben noch individuelle Fähigkeiten, Anforde-
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Erst in den 1970er Jahren setzte es sich durch, den Industriebetrieb nicht mehr als eigenständiges soziale Gebilde zu verstehen, sondern seine Einbindung in die gesellschaftlichen Strukturen systematischer zu berücksichtigen (s. zur damaligen Debatte z.B. Herkommer/Bierbaum 1979: 59ff.). Auch die zunehmende Differenzierung innerhalb der Arbeiterschaft hat dazu beigetragen, dass Industriesoziologen nicht mehr „die“ Arbeiter oder Angestellten untersuchten, sondern Fallstudien zu ausgewählten Untergruppen erstellten. Der Generalisierungsgrad der Ergebnisse blieb damit allerdings niedrig (zur Kritik s. auch Offe 1983: 46).
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
rungen aus Lebensbereichen zu integrieren oder Strategien der Reproduktion von Arbeitskraft zu entwickeln, als Bausteine von Qualifikation. Der kurze Rückblick auf das industriesoziologische Selbstverständnis zeigt, wie bis in die 1980er Jahre konzeptionelle Begrenzungen den Blick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen und das Subjekt verstellen. Favorisiert wird eine strukturtheoretische Konzeption von Gesellschaft und Regulation sowie eine Reduktion von Individuum und Arbeit auf Aspekte von Erwerbstätigkeit und betrieblich organisierter Erwerbsarbeit. Thematische Schwerpunkte sind bis in die 1970er Jahre der technologische Wandel, die Entwicklung von Konfliktlagen auf gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene sowie Folgen von Umstrukturierungsprozessen und ökonomischer Krise (vgl. exemplarisch Herkommer/Bierbaum 1979: 4). Die „handlungstheoretische Wende“, die durch Autoren des Interpretativen Paradigmas die Soziologie in den 1960er Jahren beeinflusste, hat die Arbeits- und Industriesoziologie allenfalls gestreift und erst verspätet ihren Niederschlag gefunden. Solche Einschränkungen im Untersuchungsgegenstand sind keine Besonderheit nur der Industriesoziologie; sie kennzeichnen eine arbeitsteilig verfahrende Soziologie, die in ihren Teildisziplinen Ausschnitte sozialen Geschehens verfolgt, ohne den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang aus dem Auge verlieren zu dürfen. Gleichwohl bleiben Desiderate im Zugriff offenkundig: Die Arbeits- und Industriesoziologie widmet sich mit besonderer Aufmerksamkeit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und den damit verbundenen Anforderungen und Belastungen des Individuums im Arbeitsprozess sowie seiner gesellschaftlichen Stellung. Indem sie jedoch andere Arbeitsbereiche ausblendet und das Individuum lediglich mittels seiner Erwerbseinbindung fasst, reproduziert sie konzeptionell, was zum Kern ihres gesellschaftskritischen Impetus gehören müsste: das Primat der Ökonomie über andere Lebensbereiche.33 Die Retrospektive auf Entwicklungslinien der Teildisziplin zeigt, dass in verschiedenen Dimensionen Begrenzungen des Forschungsgegenstands stattfanden, die dem damaligen historischen Kontext entsprachen, aber aus heutiger Sicht – auch angesichts veränderter Formen des Zugriffs auf Arbeitskraft – defizitär erscheinen müssen. Im Folgenden sollen die fünf Thesen zu den Begrenzungen anhand ausgewählter empirischer Studien geprüft werden. Dabei wird sich zeigen, ob nicht mitunter Ansatzpunkte für Perspektiverweiterungen durchaus gegeben waren und lediglich in den Überblicks- und Einführungswerken der Teildisziplin vernachlässigt wurden.
2.1.2 ‚Empirische Klassiker’ Die arbeits- und industriesoziologische Forschung hat vor allem in den 1970er Jahren einen solchen Auftrieb erfahren, dass für diese Dekade von einem regelrechten „Forschungsboom“ gesprochen werden kann. Dennoch wurden schon vorher, in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Studien durchgeführt, die noch heute zu den Klassikern der Teildisziplin zählen. Statt unterschiedliche Phasen der Entwicklung der Teildisziplin zu beschreiben (s. z.B. Lutz/Schmidt 1977; Deutschmann 2002) oder die Ergebnisse dieser Untersuchungen 33
Diese Kritik trifft auch für weite Teile der Arbeitspsychologie zu, die in ihren Überblickswerken zwar einen weiten Arbeitsbegriff einführte, jedoch weitestgehend erwerbsorientiert in der empirischen und konzeptionellen Forschung blieb (vgl. grundlegend Resch 1999, 2004; s. detaillierter 3.4).
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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zu resümieren, sollen hier ausgewählte Studien kursorisch und problemorientiert gesichtet werden: Finden sich – auch entgegen der damals verbreiteten Aufgabendefinition von Arbeits- und Industriesoziologie – Ansatzpunkte zur Analyse von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen, von Mustern des Umgangs mit Vereinbarkeitsproblemen oder von individuellen Widersetzungen gegenüber betrieblichen Veränderungen und Anforderungen? Mit dieser themenbezogenen Rückschau auf empirische Studien der Arbeits- und Industriesoziologie soll abgeschätzt werden, ob sich mögliche Beschränkungen in Gegenstandsbereich und theoretischer Konzeption als Resultat der Forschung selbst oder als Ergebnis einer selektiven Rezeption von empirischen Erkenntnissen bewerten lassen. 1950er Jahre: Gesellschaftsbilder als Deutungsschemata von Arbeit und Leben Kennzeichnend für die Industriesoziologie der Nachkriegszeit war eine intensive Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein von Arbeitern. Wie sich die Arbeiterschaft in die Gesellschaft integriert, und ob ihr ein revolutionäres Potenzial zugrunde liegt, das sich für eine Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse nutzen lässt, waren Fragen, die ebenso politische Akteure wie die industriesoziologische Forschung beschäftigten. Nach den Wahlen der 1950er Jahre galt die Arbeiterschaft zwar bereits als politisch integriert, doch wurden im Zuge des sichtbaren wirtschaftlichen Wachstums auch Verbürgerlichungstendenzen vermutet, die die Arbeiterschaft aus traditionellen Bindungen und einem Klassenbewusstsein lösen könnten. Zudem schritt die Technologisierung der Arbeitsprozesse rasch voran. Dies brachte nicht nur neue innerbetriebliche Formen der Arbeitsorganisation mit sich, sondern verlagerte auch zuvor als Klassenkonflikt ausgetragene Auseinandersetzungen auf die betriebliche Ebene und die Aushandlung von Arbeitsbedingungen. In dieser Etablierungsphase der Industriesoziologie konzentriert sich das Interesse der Forschung, wie oben erläutert, vorrangig auf das Arbeiter- und Arbeitsbewusstsein: Wie definieren die Arbeiter ihre Klassenlage? Was denken die Arbeiter über konkrete arbeitsbezogenen Themen? Welche Handlungsbereitschaft haben sie gegenüber Arbeit, Betrieb, Technik, Rationalisierung, Mitbestimmung, Gewerkschaften und Betriebsräten? Zu diesen Fragen legen Popitz u.a. ihre Studien zum „Gesellschaftsbild des Arbeiters“ (1957a) und zu „Technik und Industriearbeit“ (1957b) vor. Während sich letztere auf die Untersuchung von Kooperation am Arbeitsplatz, den Umgang mit Technik und die Analyse von Leistungsansprüchen konzentriert, ist die Studie zum „Gesellschaftsbild“ für die Suche nach Perspektiverweiterungen über die Erwerbsarbeit hinaus aufschlussreich. Hier fokussieren die Autoren zwar ebenfalls auf den unmittelbaren Erfahrungsbereich der Arbeiter, untersuchen aber weitergehend die subjektive Wahrnehmung solcher gesellschaftlichen Zusammenhänge, auf die die Arbeiter keinen Einfluss haben. Nach Popitz u.a. ist in dieser Nachkriegsperiode das Arbeiterbewusstsein noch durch ein dichotomes Gesellschaftsbild von „Oben“ und „Unten“ gekennzeichnet. Das Kollektivbewusstsein der Arbeiter sei – trotz eines offenkundigen Bedeutungsverlusts marxistischer Denktraditionen – weitestgehend intakt. Es ermögliche den Arbeitern, „sich innerhalb der Gesamtgesellschaft als Teil der Arbeiterschaft zu verstehen“ (Popitz u.a. 1957a: 237). Statt eines kämpferischen Klassenbewusstseins stoßen Popitz u.a. neben dem Typus der „progressiven Ordnung“ auf heterogene Gesellschaftsbilder wie z.B. fatalistische Haltungen sowie Resignation gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen und Enttäuschung über Niederlagen der Arbeiterbewegung.34 34
Popitz u.a. entwickeln aus der Erhebung sechs Typen von Gesellschaftsbildern. Diese verweisen einerseits auf eine Ausdifferenzierung von Bewusstsein, bleiben andererseits jedoch allesamt dichotom angelegt.
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Popitz u.a. identifizieren in ihrer Studie ein eindeutig traditionelles Verständnis von Arbeit bei den befragten Arbeitern. Arbeit wird definiert als körperliche Arbeit; sowohl gegenüber der beruflichen Tätigkeit von Vorgesetzten als auch der von Angestellten zögen die Befragten in Zweifel, ob dies wirklich Arbeit sei. Die spezifischen Belastungen dieser Arbeitstätigkeiten sind den Arbeitern kaum zugänglich und nachvollziehbar, auch wenn sie die Funktion dieser Tätigkeiten nicht grundsätzlich abstreiten. Nicht die Dichotomie von Kapital und Arbeit stehe daher im Vordergrund des Gesellschaftsbildes, sondern der Gegensatz von eigener körperlicher Arbeit und Arbeit, die ausschließlich auf geistigen Fähigkeiten beruht.35 In der zeitgenössischen Industriesoziologie finden die Autoren vor allem Beachtung für ihre Kategorie des „Gesellschaftsbildes“. Mit ihr veranschaulichen sie, inwiefern gesellschaftliche Deutungen, politische Perspektiven sowie individuelle Lebensführung und bewältigung miteinander verbunden sind.36 Sie erkennen eine Zweiteilung der Gesellschaft in einen unmittelbar erfahrbaren Bereich einerseits und komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge andererseits. Doch obwohl Popitz u.a. in diesem Kontext die Trennung der Sphären thematisierten, vernachlässigen sie, dass die objektiven Bedingungen der Nutzung von Arbeitskraft und von Reproduktionsarbeit mit den subjektiven Bedürfnissen und Identifikationen vermittelt sind. Dies zeigt sich auch in ihrer zentralen These, dass zwischen technischem Fortschritt und den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen kein Zusammenhang bestehe (Popitz u.a. 1957a: 56f.). Kern/Schumann widerlegen diese Annahme einige Jahre später in ihrer Untersuchung zu „Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein“ (1970) (s.u.). Für die Frage nach Ansatzpunkten im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen ist die Studie dennoch aufschlussreich: Der methodische Zugriff zeigt, dass Popitz u.a. durchaus sensibilisiert für Wechselwirkungen zwischen den Lebens- und Arbeitsbereichen sind und außerbetriebliche Einflussfaktoren auf die Einstellung zu technischem Fortschritt zumindest in Erwägung ziehen. Dies zeigt auch ihre Typologie von Gesellschaftsbildern oder die „Monographie der Umwalzer“. Während in den Gesellschaftsbildern die Bedeutung des außerbetrieblichen Lebens im Sinne von Orientierungen berücksichtigt wird, stehen in den Monographien bereits Fragen der individuellen Belastung und Reproduktion im Vordergrund, die erst wesentlich später explizit ins Zentrum arbeitssoziologischer Forschung rücken werden. 1960er Jahre: Bewusstsein und Instrumentalismus-These Gut zehn Jahre später erscheinen in England die Studien von Goldthorpe u.a. (1968a, b, 1969) über den „Affluent worker“, die auch in Deutschland rezipiert werden. Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine Kritik der Autoren an einer Industriesoziologie, die sich 35
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Hierin gründen noch heute die milieuspezifischen Differenzen in der Bewertung von Hausarbeit. Im Arbeitermilieu ist die Abstinenz von Männern bei der Hausarbeit zwar ungebrochen, doch findet sich hier eine hohe Wertschätzung solcher von der Partnerin geleisteten Hausarbeiten, die sichtbar körperlichen Arbeitseinsatz erfordern (vgl. zur Arbeitsteilung im Milieuvergleich Frerichs/Steinrücke 1997). In der Psychologie wird der Begriff „Bewältigung“ („Coping“) häufig in Anlehnung an Lazarus/Folkman definiert als „sich ständig verändernde, kognitive und verhaltensmäßige Bemühungen einer Person, die darauf gerichtet sind, sich mit spezifischen externen und/oder internen Anforderungen auseinander zu setzen, die ihre adaptiven Ressourcen stark beanspruchen oder übersteigen“ (Trautmann-Sponsel 1988: 15). Bewältigung ist damit als Prozess zu verstehen; Formen der Bewältigung lassen sich differenzieren, zudem lässt sich Bewältigung als funktionales, aber nicht-automatisiertes Verhalten fassen, das auf eine Veränderung zielt. Bewältigung ist somit zu verstehen als eine Veränderung der Person-Umwelt-Passung und lässt sich somit unterscheiden von „Anpassung“, d.h. einer einseitigen Veränderung der Person (ebd. 19).
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auf zweierlei Weise begrenze: Zum einen gehe sie von einem unmittelbaren Einfluss objektiver Bedingungen auf subjektives Bewusstsein und individuelles Handeln aus. Zum anderen fixiere sie sich auf den Industriebetrieb und Strukturbedingungen des Arbeitsprozesses. Die Autoren betonen demgegenüber, dass Bewusstsein, Einstellungen und Verhalten nicht nur durch den Produktionsprozess geprägt seien, sondern sich auch durch Einflüsse aus anderen Lebensbereichen entwickelten. Sie bezweifeln die verbreitete Annahme eines vergleichsweise unmittelbaren Durchschlagens von Struktur und Technologie. Mit diesem Anspruch lassen die Studien von Goldthorpe u.a. zunächst eine deutliche Perspektiverweiterung auf gesellschaftliche Bezüge außerhalb der Erwerbssphäre erwarten.37 Goldthorpe u.a. konzipieren in der Folge das Individuum nicht primär als durch Erwerbsarbeit geprägt und messen daher nicht-ökonomischen Faktoren entscheidenden Einfluss bei. Nicht nur Technik und Arbeitsbedingungen beeinflussen nach ihren Erkenntnissen die Zufriedenheit der Arbeiter, sondern vor allem deren bewusste und unbewusste Erwartungen: „the wants and expectations which men bring to their work“ (1968a: 182, herv.i.O.). Diese Erwartungen an die Arbeit erweisen sich nach Goldthorpe u.a. als biografisch gereift und resultieren in typisierbaren Arbeitsorientierungen. Die Autoren liefern damit eine Basis für den späteren Deutungsmusteransatz, indem sie diese Arbeitsorientierungen als „mediating“, d.h. als vermittelnd, zwischen objektiven Bedingungen und Reaktionen der Arbeiter sehen. Arbeitsorientierungen entwickeln sich – so ihre These – aus den lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Individuums, seiner Einbindung in die Familie und seiner sozialen Herkunft. Arbeitszufriedenheit könne deshalb – und diese Feststellung stößt in der zeitgenössischen Forschung auf breiten Anklang – nicht pauschalisierend und unmittelbar aus den Bedingungen am Arbeitsplatz abgeleitet werden. Goldthorpe u.a. fokussieren entsprechend auf das handelnde Subjekt und wollen sich vom damals prominenten strukturell-funktionalen Systemansatz abgrenzen. Sie lassen die objektiven Bedingungen zwar nicht außer Acht, entwickeln jedoch eine extreme Gegenperspektive und lehnen jegliche Annahmen eines unmittelbaren Determinismus der Subjekte durch die Struktur ab. Indem sie die Realität der Arbeit als erst durch die subjektiven Interpretationen der Arbeiter selbst geschaffen sehen, nehmen sie eine für die damalige Zeit radikal konstruktivistische Sichtweise ein. Zentrales Ergebnis der Untersuchungen ist die sogenannte „Instrumentalismus-These“: Goldthorpe u.a. resümieren bei den befragten Arbeitern eine überwiegend „instrumentale Arbeitsorientierung“ (1968a: 38f.).38 Diese Orientierung zeichne sich – so ihre idealtypische Beschreibung – dadurch aus, dass Arbeit lediglich als Mittel zum Zweck angesehen werde. Sie diene nicht der Selbstverwirklichung oder sei intrinsisch motiviert, sondern bliebe ausschließlich Instrument zur Realisierung außerbetrieblicher Interessen. Goldthorpe u.a. bezeichnen diese Orientierung der befragten Arbeiter daher als „extrinsic“ (1968a: 174). Die Beziehung zum Unternehmen sei entsprechend rein finanzieller Natur und es finde kein persönlicher Einsatz für betriebliche Belange statt. Kennzeichnend sei in diesem Zusammenhang eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit, die sich u.a. in einer rigiden Trennung von beruflichen und privaten Kontakten äußere. Goldthorpe u.a. konstatieren 37
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Goldthorpe u.a. knüpfen damit – wie nur wenige andere Autoren – an Friedmann (1952) an, der bereits in den 1950er Jahren die „Ganzheit der Arbeit“ betonte und sowohl Arbeit als auch Nicht-Arbeit als Untersuchungsfeld deklarierte. Die Ergebnisse von Goldthorpe u.a. können nicht als repräsentativ für die englische Arbeiterschaft insgesamt gelten, da die Autoren von vorneherein auf mögliche Verbürgerlichungstendenzen fokussieren und deshalb ausschließlich gut situierte Arbeiter befragt haben.
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einen hohen Stellenwert von sozialen Rollen außerhalb des Betriebes, in Wohngemeinde, Familie usw. Sie messen dem Wandel der Technologie für die Entwicklung von Einstellungen und Orientierungen geringeren Stellenwert bei als dem Wandel im Leben außerhalb der Fabrik.39 Vor allem in der Familie bzw. in intimen Beziehungen sehen Goldthorpe u.a. einen wesentlichen Impulsgeber (1968a: 175). Verbunden mit dieser Orientierung auf außerbetriebliche Bedürfnisse sei zudem eine starke Konsumorientierung. Sie führe dazu, dass sich das Interesse der Arbeiter vor allem an steigendem und sicherem Lohn ausrichte. Goldthorpe u.a. sehen damit ihre Verbürgerlichungsthese bestätigt und prognostizieren, dass sich diese instrumentale Orientierung weiter verbreiten werde.40 Die Autoren heben resümierend hervor, dass sie die instrumentale Einstellung nicht als Pathologie interpretieren. Sie konstatieren weder eine auffällige Frustration oder Unzufriedenheit bei den Befragten noch sehen sie Anzeichen für Anomie; statt dessen betonen sie die hohe Anpassungsfähigkeit der Arbeiter. Die dezidierteste Kritik an dieser Instrumentalismus-These stammt von Knapp (1981).41 Sie problematisiert die eher unreflektierte Übernahme der These in die deutsche Industriesoziologie und deklariert Instrumentalismus als „Widerspiegelungskategorie“ (1981: 24): Während die Arbeiter durch das Kapital instrumentalisiert würden, erwecke die These vom Instrumentalismus als Einstellung der Arbeiter den Eindruck, es handle sich hierbei um Motive der Arbeiter und eine gelungene Anpassung an objektive Bedingungen. Knapp hebt hervor, dass Gleichgültigkeit und Instrumentalismus unter den gegebenen Herrschaftsverhältnissen nicht Ergebnis einer freien Wahl der Arbeiter seien, sondern Ausdruck des Zwangs der Verhältnisse. Entscheidungen für Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel seien daher nicht lediglich durch eine mögliche Verbesserung des Lebensstandards und eine Konsumorientierung motiviert, sondern auch durch Bedingungen am vorherigen Arbeitsplatz beeinflusst. Da Goldthorpe u.a. dies jedoch nicht untersuchen, könnten sie, so Knapp, auch zu den Motiven für den Wechsel keinerlei Angaben machen und blendeten bestehende Herrschaftsverhältnisse aus. Aus der zwingenden Notwendigkeit, zur Sicherung der Existenz Arbeit zu leisten, könne daher nicht gefolgert werden, dass es dem Arbeiter auch egal sei, welche Arbeit er findet und annimmt (Knapp 1981: 25).42 Da der Produktionsbereich 39
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Die Autoren grenzen sich damit von Positionen aus der Human-Relations-Bewegung ab, die die Quelle der Befriedigung der Arbeiter in der Arbeit selbst verankert sehen und die Erfüllung sozialer Bedürfnisse z.B. durch Kooperation im Betrieb für realisierbar halten. In ihren Ausführungen zu „Political attitudes“ und „Class Structure“ heben Goldthorpe u.a. hervor, dass es nicht in erster Linie durch Lohnsteigerungen zu einer Verbürgerlichung komme. Zwar strebten die Arbeiter einen höheren Lebensstandard an, doch sei das Statusstreben eher schwach ausgeprägt. Die Loyalität mit der Labour Party sei nach wie vor anzutreffen, doch sehen die Autoren im politischen Bewusstsein einen Wandel vom „solidaristic collectivism“ zu einer „more instrumental orientation“ (1968b: 76). Knapp (1981) vergleicht die Untersuchung von Goldthorpe u.a. mit den Arbeiten von Kern/Schumann, Kudera u.a. sowie Hack u.a. Sie resümiert die in den Studien zentrale Instrumentalismus-These als „VorUrteil“ und kritisiert als gemeinsame Defizite der Untersuchungen drei Aspekte: Die Forscher würden „die objektiven und subjektiven Strukturzusammenhänge“ nicht dialektisch betrachten und könnten daher nicht erklären, wie sich „Arbeitserfahrungen und Urteile über die Arbeit“ bilden; die „theoretischen Verzerrungseffekte“ würden zudem durch die Anlage der Untersuchungen verschärft; schließlich erfolge die Interpretation des Materials einseitig „nach Maßgabe der theoretischen Hypothesen“ (Knapp 1981: 139ff.). Erst Hack (1979) sei es gelungen, die Instrumentalismus-These zu relativieren, nachdem sie fast eine Dekade lang die Industriesoziologie beherrscht habe. Neben ansonsten objektiven Merkmalen (Wohlstand, wirtschaftliche Sicherheit, physische Mobilität) setzen die Autoren das Konsumbewusstsein als Auswahlkriterium fest und begründen dies (nachträglich) mit den Ergebnissen der Studie (Goldthorpe u.a. 1986c: 32). Knapp bezeichnet das Vorgehen daher zurecht als „tau-
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somit nicht als Ursache einer instrumentalen Orientierung angesehen werde, würden ökonomische Zwänge zwangsläufig als individuelle Motive fehlgedeutet und es entstehe ein „entscheidungstheoretischer Bias“: Goldthorpe u.a. schließen von der Bedeutung des Lohnes unmittelbar auf die subjektive Bedeutung der Arbeit (Knapp 1981: 59) und interpretieren soziales Handeln als Ergebnis von Entscheidung; diese seien jedoch nur dann Abbild von Motiven, wenn es keine restriktiven Bedingungen gebe (Knapp 1981: 36). Auch Herkommer beklagt, dass instrumentale Arbeitsorientierung nicht hinterfragt und als Ergebnis der objektiven Verhältnisse reflektiert werde (1972: 78). Er kritisiert dies als „subjektivistische (.) Auflösung gesellschaftlicher Objektivität“ (1972: 76) und bemängelt die in dieser Hinsicht blinden Stellen in der Industriesoziologie. Der Einfluss von Produktionsverhältnissen und entfremdeter Arbeit auf die Arbeitsorientierung werde ebenso ausgeblendet wie die gesellschaftliche Vermittlung von Produktion, Reproduktion und Konsumtion.43 Die Wechselwirkungen zwischen Einstellungen der Arbeiter – dem subjektiv gemeinten Sinn – und objektiven Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise blieben unterbelichtet. Goldthorpe u.a. messen, so Herkommer, dem subjektiv gemeinten Sinn zuviel Bedeutung bei und vernachlässigen objektive Zwänge und Entstehungsbedingungen dieses Sinns (vgl. auch Hack u.a. 1972). Durch die Festlegung auf den Begriff „instrumental“ lasse sich, so Knapps Fazit, nicht einmal mehr erahnen, „daß es Konflikte gibt, ‚Kräfte und Gegenkräfte’ (Horkheimer), in der Objektivität wie in den Menschen, die sich auf eine widersprüchliche Realität beziehen“ (Knapp 1981: 9). Sie wendet ein, dass die Arbeitsforschung fälschlicherweise von objektiven Verhältnissen direkt zu den Menschen und ihrem Bewusstsein vorzudringen versuche. Mit dieser Ableitung ließen sich zweifelsohne Verhaltenszwänge identifizieren; es gelinge jedoch nicht, zu der Art und Weise vorzudringen, wie Individuen diese Zwänge erfahren, sie verarbeiten und mit ihnen umgehen (Knapp 1981: 24). Die skizzierten Einwände gegen Operationalisierung und Interpretation der Befragung von Goldthorpe u.a. sind nicht von der Hand zu weisen. Das Verdienst der Untersuchung liegt daher für die vorliegende Untersuchung weniger in den Ergebnissen als in den Ansprüchen der Autoren: Goldthorpe u.a. betreiben bereits eine stark subjektorientierte Konzeptionalisierung und plädieren für einen „action frame of reference“, „a frame of reference within which actors’ own definitions of the situations in which they are engaged are taken as an initial basis for the explanation of their social behaviour and relationships“ (1968a: 184). Diese doch sehr deutliche Akzentverschiebung wird in den Überblicksartikeln der Arbeits- und Industriesoziologie kaum rezipiert; auch die Kritik an der InstrumentalismusThese bleibt ausgespart (s. z.B. Deutschmann 2002 oder Kühl 2004).44 Goldthorpe u.a. betonen den Einfluss von Faktoren außerhalb des Betriebes auf den Arbeiter und fokussieren nicht einseitig auf Erwerbsarbeit, sondern explizit auf Bedingungen und Bedürfnisse im außerbetrieblichen Leben. Im Unterschied zu anderen Studien der Zeit heben sie den Stellenwert von Primärbeziehungen und deren Rückwirkungen auf die Sphäre der Produktion hervor und definieren diese Perspektive implizit als Gegenstand ihrer industriesoziologi-
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tologisch“ (1981: 33) und problematisiert, dass in der Auswertung diese Konsumorientierung wiederum als Begründung für die Instrumentalismus-These herangezogen wird. Problematisch bleibt dabei, dass mögliche Veränderungen in den Anforderungen und Zwängen (z.B. durch eine Familiengründung) nicht systematisch reflektiert werden (s. zur Kritik auch Knapp 1981: 37). Die beanspruchte Perspektiverweiterung wird somit forschungspraktisch nicht überzeugend umgesetzt. Es verwundert daher nicht, wenn sich zuweilen in empirischen Untersuchungen jüngeren Datums noch immer Thesen zur instrumentalen Arbeitsorientierung einschleichen.
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schen Forschung. Auch wenn dieser Anspruch – wie wir an der Kritik gesehen haben – weder in der empirischen Umsetzung noch in der Interpretation der Befragungsergebnisse eingelöst wird, so bleibt allein bereits die Absicht, Wechselwirkungen von Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben zu untersuchen, im damaligen Forschungskontext ein Alleinstellungsmerkmal der Studie von Goldthorpe u.a.45 Für die Suche nach Perspektiverweiterungen in der Arbeits- und Industriesoziologie ist die Kritik an der Untersuchung tragfähiger als die Studie selbst: Die skizzierten Einwände verweisen auf Verbindungslinien zwischen den gesellschaftlichen Teilbereichen, die sich in der Wechselwirkung von objektiven Bedingungen und subjektiven Orientierungen manifestieren. Diese zu analysieren, erweist sich jedoch offenkundig als problematisch: Wie die Arbeiter zu ihrer Einstellung kommen und welche Zumutungen mit dieser Anpassung einhergehen, reflektieren Goldthorpe u.a. nicht. Anpassung und eigenlogische Motive von Individuen werden in der Untersuchung vermischt. Alles das, was nicht in der Anpassung an die Anforderungen von Arbeitsmarkt und Betrieb aufgeht, wird aus der Analyse ausgeklammert: „Den Individuen wird somit faktisch ein bloß reaktives Verhältnis zu ihren Lebensbedingungen unterstellt. Sie werden zur Folie, auf der die objektiven Entwicklungsprozesse der Gleichgültigkeit sich abbilden, gleichsam in ihrer Mächtigkeit an den ohnmächtigen Subjekten noch einmal bestätigen können“ (Knapp 1981: 23). Die Ableitung von objektiven Bedingungen auf subjektive Orientierungen ist insofern doppelt problematisch: Sie vernachlässigt nicht nur individuelle Prozesse der Bewältigung und Verarbeitung von Anforderungen, sondern unterstellt darüber hinaus, dass Widersetzungen, d.h. die Verweigerung von Anpassung, nicht stattfinden. Das faktische Primat der Ökonomie spiegelt sich insofern im Vorstellungsvermögen industriesoziologischer Forschung wider. Eine vergleichbare, die Thesen aus der britischen Forschung aufgreifende Studie führten in den 1960er Jahren Kern/Schumann zu „Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein“ (1970) durch.46 Die Autoren wollen sich mit ihrer Untersuchung von Goldthorpe u.a. abgrenzen, indem sie die „spezifischen Bedingungen, unter denen er [der Mensch, K.J.] sich reproduziert, sein soziales Bewußtsein und Verhalten prägen“ (Kern/Schumann 1970: 33f.) ins Zentrum rücken, dabei aber auf die Sphäre der industriellen Produktion fokussieren. Kern/Schumann negieren nicht die Bedeutung außerbetrieblicher Anforderungen und Bedürfnisse, bemängeln jedoch bei Goldthorpe u.a. eine Überschätzung dieser Faktoren. Sie sehen die Arbeiterexistenz und auch das Arbeiterbewusstsein als vorrangig durch die betriebliche Arbeitssituation geprägt. Eine „instrumentelle Orientierung“ interpretieren sie im Unterschied zu den britischen Kollegen als eine Reaktion auf Arbeitsbedingungen, in denen Selbstverwirklichung unterbunden wird. Im Zentrum ihrer Forschung stehen daher die Arbeitserfahrungen der Befragten, ihre Arbeitseinstellungen sowie subjektive Einschätzungen des technischen Wandels (183ff., 221ff.). Ziel von Kern/Schumann ist es, die technisch bedingten Veränderungen menschlicher Arbeit typologisch zu erfassen und die Aufhebung bzw. mögliche neuen Formen repetitiver Arbeit zu prüfen. Die Autoren entwickeln dazu 45
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Eine Untersuchung über „Industriearbeiter privat“ legt auch Wald (1966) vor. Sie untersucht Arbeitsverhältnisse, häusliche Verhältnisse, soziale Beziehungen, persönliche Interessen usw., doch bleiben die Lebensbereiche in der Auswertung des Materials überwiegend getrennt. Die bereits genannten Untersuchungen haben den Impuls für weitere Bewusstseins-Studien gegeben, die an dieser Stelle nicht ausführlich dargestellt werden können. Zum Thema forschten in dieser Zeit u.a. auch Deppe (1971), Hack (1977) und Kudera/Mangold/Ruff (1979), die zu teilweise sehr kontroversen Schlussfolgerungen kommen. Kritisch zu diesen Forschungen äußern sich u.a. Herkommer (1972) sowie Knapp (1981).
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Typologien von Produktionsbereichen und industriellen Arbeitsformen, mit denen sie Veränderungen von repetitiver Arbeit zu erfassen suchen. Die Folgen technologischen Wandels stellen sich demnach sehr unterschiedlich dar. Eine typische Arbeitssituation der Industriearbeiterschaft lasse sich nicht mehr ausmachen. Die Autoren begründen dies mit den differenzierten Folgewirkungen industrieller Mechanisierung, die sie in ihrer These der „Polarisierung der Industriearbeit“ zusammenfassen: Während in einigen Bereichen eine Qualifizierung der Beschäftigten stattfinde, blieben andere Gruppen weiterhin unter den Bedingungen unqualifizierter und repetitiver Arbeit beschäftigt. Kern/Schumann hinterfragen deshalb, inwiefern angesichts der Zunahme heterogener Arbeitsbedingungen kollektive Deutungsmuster noch tragfähig sind. Sie vermuten, dass die den Arbeitern gemeinsame Stellung zu den Produktionsmitteln hinter einer wachsenden Polarisierung von Arbeitsbedingungen zurücktrete. Dichotome Deutungsmuster liefern ihrer Einschätzung nach keine Orientierung mehr. Kern/Schumann diagnostizieren daher eine Krise des Klassenbewusstseins und resümieren die Erosion des Arbeiterbewusstseins. Mit diesem Ergebnis widersetzen sich die Göttinger Forscher nicht nur dem Optimismus, den viele Zeitgenossen mit technischem Fortschritt verbinden, sondern enttäuschen auch die damals verbreitete Hoffnung, dass sich die Industriearbeiterschaft durch ein politisierbares Klassenbewusstsein auszeichne. Dieses pessimistische Fazit der Autoren gilt vielen Kollegen als zwar einleuchtende, aber durch die empirischen Ergebnisse keineswegs belegte These (vgl. exemplarisch Kudera/Ruff/Schmidt 1982: 275).47 Für die Frage nach der Bewältigung von Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen ist jedoch die Erosionsthese weniger relevant als die Konzeption der Forschungsperspektive. Zunächst fällt auf, dass Kern/Schumann explizit nicht an die Perspektiverweiterung von Goldthorpe u.a. anknüpfen und das außerbetriebliche Leben aus der Analyse ausklammern. Lediglich zu berufsbiografischen Erfahrungen werden einige Fragen an die Arbeiter gerichtet, jedoch in der Interpretation kaum weiterverfolgt. Die Autoren plädieren stattdessen offensiv für eine Konzentration auf den Erwerbsbereich und schließen vergleichsweise unvermittelt von der Arbeitsplatzsituation auf subjektive Einstellungen der Arbeiter. Der offenkundigen Subjektlastigkeit bei Goldthorpe u.a. wird insofern mit dem anderen Extrem, einer (für die damalige Industriesoziologie kennzeichnenden) Fixierung auf objektive Bedingungen, geantwortet: Kern/Schumann blenden die Stellung der Arbeiter außerhalb des Betriebes nahezu aus und leiten das Bewusstsein der Arbeiter ausschließlich aus den betrieblichen Arbeitsbedingungen ab. Goldthorpe u.a. setzen sie entgegen, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen der konkreten Arbeitserfahrung und der Einstellung zu technischem Wandel gebe und betonen die Bedeutung des „individuell Erfahrenen“ (Kern/Schumann 1970: 271). Die Autoren verwerfen damit die von Popitz u.a. aufgestellte 47
Kern (1998) resümiert nachträglich, dass man weder Geigers These von der Auflösung des Industrieproletariats noch Schelskys Postulat der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ akzeptiert habe. Die eigene These der „Polarisierung“ (Kern/Schumann 1970) zeige demgegenüber, dass qualifizierte Industriearbeit zwar an Stellenwert gewinne, aber ein Bodensatz repetitiver Automationsarbeiten erhalten bleibe und es daher zur Ausdifferenzierung von Arbeitsbedingungen komme (Kern 1998: 116). Die aktuelle Debatte zur Veränderung, aber gleichzeitigen Reproduktion von Arbeitsbedingungen findet daher bereits in den 1960er Jahren ihre Wurzeln. Schumann u.a. (1982) haben nachträglich selbstkritisch eingeräumt, dass die Polarisierung von arbeitsinhaltlicher und instrumenteller Arbeitsorientierung überzogen gewesen sei; sie räumen eine notwendige Differenzierung der Arbeitswahrnehmung nach Interessendimensionen ein und sehen als Bezugsweisen zum einen die Arbeitskraftperspektive, zum anderen die Subjektperspektive. Gleichwohl löste auch diese schematische Trennung der personalen Bezugsweise auf Arbeit Kritik aus, da die Vermittlung dieser Bezugsweisen in der Person ausgeblendet bliebe.
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These, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Einstellung zu technischem Wandel und der individuellen Arbeitserfahrung gebe. Alle Erfahrungen, die über das am konkreten Arbeitsplatz Erfahrene hinausgehen, bleiben dabei jedoch vernachlässigt. Einflüsse aus anderen Lebensbereichen werden negiert; der Erfahrungsbegriff bleibt verengt auf Erwerbsarbeit. Auch bei dieser Studie ist die Kritik aufschlussreich: Bereits im damaligen Diskussionszusammenhang wird diese Engführung auf die Sphäre der Produktion hinterfragt. Herkommer/Bierbaum (1979) kritisieren eine unzulässige Verkürzung der Interpretation auf den unmittelbaren Erfahrungsbereich der Individuen und resümieren: „Durch die Ausblendung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Totalität und strukturierendes Moment im Bewusstsein entgeht (.) das wesentliche Vermittlungsglied zur Bestimmung der widersprüchlichen Bewusstseins“ (195) (vgl. auch Knapp 1981: 61ff.; Deutschmann 2002: 214).48 Sie teilen keineswegs eine deterministische Position, betonen aber den Einfluss kultureller Faktoren auf das Bewusstsein der Arbeiter.49 Herkommer/Bierbaum wählen hier einen Mittelweg, indem sie zwar die Ökonomie als wesentlichen Entwicklungsimpuls definieren, jedoch das Außerbetriebliche in die Analyse einbeziehen wollen: „Wenn man in Anwendung der Marxschen Theorie davon ausgeht, daß die ökonomischen Verhältnisse und ihre Bewegung die politischen, rechtlichen und kulturellen Lebens- und Bewußtseinsformen in letzter Instanz bestimmen, dann schließt das weder Wechselwirkung noch Rückwirkung aus, dann spricht das nicht gegen die geschichtliche Wirksamkeit dieser als ‚abgeleitet’ zu bezeichnenden Sphären, nicht gegen ihre relative Autonomie, d.h. ihre zeitweise und schließlich doch wieder sich auflösende Verselbständigung.“ (Herkommer/Bierbaum 1979: 204, herv.i.O.). Damit werden explizit Wechselwirkungen zwischen den Sphären angenommen. Die Kritik von Herkommer (1972) ist insofern überzeugend, als sowohl die Studien von Goldthorpe u.a. als auch die Untersuchung von Kern/Schumann das Bewusstsein aus eingegrenzten Bereichen zu erklären versuchen. Sie fallen damit – so bereits Herkommers Einwand – hinter die Erkenntnisse von Popitz u.a zurück, die das Bewusstsein nicht in Einstellungsbereiche aufteilen, sondern ganzheitlich konzipieren. Ziel dieses Ansatzes zum „Gesellschaftsbild“ ist es, die Objektivierung des Zusammenhangs von Sein und Bewusstsein zu leisten, ohne dabei einer der Lebenssphären einen herausgehobenen Einfluss zu unterstellen. Eine in dieser Hinsicht ganzheitliche Konzeption hat sich zwar nicht unmittelbar durchgesetzt, jedoch durch die kontroversen Debatten um die Ergebnisse und
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Herkommer (1972) bemängelt, dass die Autoren eine „enge Kausalität zwischen objektiven und quasiobjektiven Variablen einerseits und Einstellungen oder Einstellungssyndromen andererseits“ (1972: 78) unterstellen. Er sieht hier ein Missverständnis der Marxschen Gesellschaftstheorie: Die Dialektik von Formbestimmtheit und Inhaltlichkeit der Arbeit sei nicht begriffen und die Autoren würden – wie auch Goldthorpe u.a. – die Oberfläche mit dem Wesen der Erscheinung verwechseln. Für Herkommer ist das Ergebnis des „desolaten Arbeiterbewusstseins“ deshalb fragwürdig und bereits durch den methodischen Ansatz von Kern/Schumann vorgegeben (1972: 82) (vgl. kritisch zu Herkommer: Braczyk/Knesebeck/Schmidt 1982: 33ff.). Die Autoren heben hervor, dass gerade die Analyse der Lebensverhältnisse außerhalb der Arbeit als „Hebel“ dienen kann, um den Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital aufzuzeigen (204). Aus der Kritik an den Studien entwickeln sich zudem Positionen, die stärker akteurszentriert sind: Demnach müssen Individuen die objektiven ökonomischen Verhältnisse erst interpretieren und sich bewusst aneignen, damit diese zu einer manifesten sozialen Realität werden könnten (z.B. Hack u.a. 1972; Hack 1977; Herkommer 1972; Voß 1984). Hack geht von einer „doppelten Konstitution des Alltagsbewusstseins aus, das einerseits von der objektiven sozialen Realität, andererseits durch die biografisch erworbenen Fähigkeiten zur Einsicht in Lebensbedingungen beeinflusst werde. Diese doppelte Perspektive auf Alltagsbewusstsein greift später auch Brock (1988) mit seiner These vom „individualisierten Handlungsbewußtsein“ auf.
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Schlussfolgerungen der Studien von Goldthorpe u.a. und Kern/Schumann die industriesoziologische Forschung der 1970er Jahre beeinflusst. 1970er Jahre: Reproduktionsvermögen und Subjektorientierung Vor dem Hintergrund von Ölkrise und einsetzender Massenarbeitslosigkeit rückte in den 1970er Jahren die individuelle Verarbeitung von Krisenerfahrungen ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung. In der Industriesoziologie wurde zwar nach wie vor eine rege Debatte zur Kritik der Politischen Ökonomie geführt, doch gewannen parallel mikrosoziologische und psychologische Ansätze vermehrt Beachtung (Brock 1988). In der empirischen Forschung blieb das Arbeiterbewusstein weiterhin ein zentrales Thema, wurde aber konzeptionell weiter angelegt als noch in den Vorgängerstudien. Bemerkenswerte Perspektiverweiterungen auf das außerbetriebliche Leben von Beschäftigten finden sich in einer Studie zur „Arbeits- und Lebenssituation der Industriearbeiter in der BRD“, die heute kaum noch rezipiert wird. Osterland/Deppe/Gerlach (1972) richten hier – von Kern/Schumann angeregt – ihr Erkenntnisinteresse explizit auf die Analyse unterschiedlicher Lebensbereiche und untersuchen den wechselseitigen Einfluss von in den Sphären gesammelten Erfahrungen auf das Verhalten und Bewusstsein der Arbeiter. Die an den Studien der 1960er Jahre kritisierte Einseitigkeit auf Einflüsse aus nur dem einen oder anderen Lebensbereich sollen damit überwunden werden. Innovativ ist zudem der methodische Zugriff: Vorgesehen ist ein qualitatives Untersuchungsdesign mit narrativen Interviews, durch die nicht nur die Rekonstruktion individueller Biografien, sondern auch von Familienbiografien gelingen soll.50 Vielleicht war dieser sowohl forschungsperspektivisch wie auch methodisch hohe Anspruch Ursache für das Scheitern des Projektes: Vorgelegt wurde lediglich ein vorbereitender „Materialien“-Band (Osterland/Deppe/Gerlach 1972) – die 1975 durchgeführte qualitative Befragung von mehr als hundert Industriearbeitern wurde nicht mehr von der Projektgruppe ausgewertet; nur in Einzelbeiträgen finden sich Teilauswertungen der Interviews (Osterland 1978; Deppe 1982). Für die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen finden sich in dieser Forschung anregende Impulse. Im „Materialien“-Band betrachten Osterland/Deppe/Gerlach (1972) zunächst nicht nur die Arbeitssituation und -bedingungen sowie die ökonomische Situation der Arbeiter, sondern auch deren Wohn- und Familiensituation, Ausbildungschancen der Arbeiterkinder und die Freizeitnutzung. In der Auswertung der statistischen Daten zeigt sich dabei jedoch die bekannte Verengung auf die Analyse von Kennzeichen der Arbeiterexistenz: Paarbeziehung, Eltern-Kind-Beziehung und Freizeitverhalten werden nicht als eigenlogische Lebensbereiche betrachtet, sondern in erster Linie daraufhin untersucht, inwiefern sie durch das Arbeitersein geprägt werden. Osterland/Deppe/Gerlach resümieren in diesem Zusammenhang, dass ökonomische Arbeits- und Wohnbedingungen die Verhaltensspielräume der Arbeiter außerhalb der Erwerbssphäre erheblich einschränken. Sie berücksichtigen Daten zur Erwerbseinbindung von Frauen, zur Einkommenssituation sowie zur Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Sie unterstellen hier zwar implizit Zusammenhänge zwischen diesen Einflussfaktoren, machen jedoch keine Angaben darüber, was diese Vermittlung konkret auszeichnet und welche Annahmen sie diesbezüglich für die geplante qualitative Erhebung entwickeln. 50
Für Bahrdt (1975) gibt „erzählte Geschichte“ als „Artikulationsform“ der Arbeiter in besonderer Weise Auskunft über das Bewusstsein. Er bemängelt, dass die diachrone Perspektive auf den Lebenslauf in der Industriesoziologie kaum angewandt werde.
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Tragfähiger erscheinen demgegenüber die qualitativen Teilauswertungen. Osterland (1978) zeigt anhand der „Lebensbilanzen“ der befragten Arbeiter, wie „Lebensorientierung und Lebenspraxis“ (272) zusammenfallen: Die Arbeiter stellen weder die Bedingungen ihrer Arbeiterexistenz noch ihre individuelle Biografie in Frage. Osterland interpretiert dies als Versuch „sich über die Biographie seiner individuellen Identität zu vergewissern“. Dies dürfe jedoch „nicht verwechselt werden mit der Hinnahme jener gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie sich vollzogen hat.“ (ebd.) Er unterstreicht daher, dass die Gleichförmigkeit im Arbeitsalltag mit zunehmendem Alter der Befragten als Belastung gesehen wird; die Erfahrung von Ungleichheit sei „nach wie vor virulent“ (280). Osterland kann hier veranschaulichen, dass auch die Erfüllung außerbetrieblicher Bedürfnisse diese Erfahrung – vor allem bei den älteren Arbeitern – nicht zu kompensieren vermag, auch wenn die Arbeiter ihre Zufriedenheit maßgeblich aus Familienleben, Lebensstandard und Konsum zögen.51 Die Lebensbilanzen zeigten, dass es vielmehr eine „psychische Barriere“ sei, die die Arbeiter daran hindere, sich die eigene Existenz bewusst vor Augen zu halten. Sie erlaube es nicht, „sein Leben nachträglich als erfolglos zu bezeichnen“ (275) und führe dazu, sich mit dem Gegebenen zu arrangieren. Osterland kommt insofern zu einem ähnlichen Ergebnis wie Goldthorpe u.a., wenn er feststellt, dass die Arbeiter ihre Zufriedenheit maßgeblich aus dem „Rest des Lebens“ zögen. In der Analyse der Ursachen geht er jedoch deutlich über Goldthorpe u.a. hinaus: Um die alltäglichen Zumutungen zu ertragen, seien die Arbeiter gezwungen, die „eigene Geschichte“ umzudeuten. Die Zufriedenheit mit der Arbeit sei lediglich eine „Fassade (.), mit der man sich äußerlich den Gegebenheiten anpasst, weil keine realistische Alternative zur Diskussion steht.“ (278f.). Gerade für ältere Arbeiter erweise sich ihre Arbeit retrospektiv als der „massivste Lebenszwang“ (279). Mit diesen Auswertungsergebnissen von Osterland konturieren sich Anknüpfungspunkte, die auch heute noch für das Selbstverständnis einer „kritischen“ Industriesoziologie Geltung beanspruchen können: Die Studie zeigt, dass die Anpassung von Beschäftigten an das Primat der Erwerbsarbeit erstens eine voraussetzungsvolle, individuelle Leistung darstellt und zweitens keineswegs gleichzusetzen mit einer Akzeptanz des Gegebenen ist, sondern sich mögliche Widersetzungen auf anderen Schauplätzen austragen. Deppe (1982) hat die Auswertung als sozio-biografische Analyse fortgesetzt und „drei Generationen Arbeiterleben“ vergleichend analysiert. Er kann aufzeigen, dass sich die „Industriearbeiterexistenz nicht als homogene oder stabile Daseins- und Lebensform“ erweist, sondern „transitorische“ Züge trägt (367f.): Industriearbeiter zu sein, sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit und auch kein angestrebtes Ziel der Befragten, sondern Ergebnis berufsbiografischer Umbrüche. Der Wunsch nach einer Veränderung der Lebenslage sei zwar für den Einzelnen trotz Qualifizierungsbemühungen häufig nicht umsetzbar, doch werde spätestens für die Kinder ein alternatives Beschäftigungsfeld angestrebt. Deppe sieht insofern das Bewusstsein der Arbeiter weniger durch die Arbeitssituation als durch die biografischen Erfahrungen geprägt. Die Annahme einer „konstitutiven Kollektivität des Arbeiters“ hält Deppe – wie bereits Bahrdt – daher für wenig tragfähig. Sie unterstelle einen Typus von Kollektivbewusstsein, der nur für einen Teil der Industriearbeiter zutreffe, für das Gros hingegen lediglich ein Interpretationsangebot und Orientierung biete, um die 51
Bei jüngeren Arbeitern (bis 35 Jahre) sei die Diskrepanz zwischen unerfüllten Ansprüchen an die Arbeit und privatem Glück nicht so ausgeprägt wie bei den älteren Befragten. Die Jüngeren hielten sich (noch) für ihres Glückes Schmied; Leistungs- und Konsumorientierung könnten die Gleichförmigkeit des Arbeitsalltags noch kompensieren (Osterland 1978: 284).
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Arbeiterexistenz als Resultat individueller erwerbsbiografischer Krisenerfahrungen zu verarbeiten. In Abgrenzung zu Kern/Schumann (1970) leitet Deppe daher das Bewusstsein nicht aus der Arbeitssituation der Befragten ab, sondern konzipiert die Lebenserfahrungen der Arbeiter als zentrale Erklärungsgröße. Die Existenz als Industriearbeiter erweise sich dann subjektiv als „Übergangsstadium“ (Deppe 1982: 367). Deppe setzt insofern ganzheitlich an, als er die rekonstruierten biografischen Erfahrungen nicht nur als Impuls für das Verhalten im Bereich der Erwerbsarbeit interpretiert, sondern auch Wirkungen in Familie, Konsumverhalten und politischen Einstellungen beleuchtet. Vor allem für die älteren Arbeiter sieht Deppe einen zentralen Stellenwert der Familie und bestätigt damit Schelskys These vom „Funktionszuwachs der Familien“ (Deppe 1982: 372). Während Schelsky (1960: 97ff.) einen Rückzug in die Familie als Antwort auf die Unsicherheiten in (Nach-)Kriegszeiten bezieht, ist für Deppe ein solches Verhalten in den 1970er Jahren eine „Antwort“ auf wirtschaftliche Krisenzeiten und individuelle berufliche Krisenerfahrungen der von ihm befragten Arbeiter. Er sieht in der Familienorientierung keineswegs eine nur „resignative Flucht aus einer unbefriedigenden Arbeitssituation“, sondern (auch) die Basis von „politisch-gewerkschaftlichem Engagement“ (1982: 373f.). Konkret skizziert er dies jedoch nur für die jüngeren Arbeiter: Diejenigen, die bislang gute berufliche und materielle Möglichkeiten hatten, seien von der „Machbarkeit des Lebensschicksals“ und in der Folge auch des „kollektiven Schicksals“ überzeugt und daher zu spontanen und selbst initiierten Aktionen bereit (371f.). Die These der Wechselwirkung zwischen privaten Bedürfnissen und politischem Engagement führt Deppe leider nicht aus. Methodisch bleibt die Studie beachtenswert, weil Deppe nicht „Arbeiterschaft als Kollektiv“ untersucht, sondern dafür plädiert, Arbeitshaltungen und Ansichten aus der individuellen Lebensgeschichte und Lebensführung der Arbeiter zu rekonstruieren. Diese biografische Forschungsperspektive von Deppe bzw. Osterland/Deppe/Gerlach kann nachträglich als Impuls für eine stärkere Subjektorientierung in der Industriesoziologie bewertet werden: Die Autoren dehnen nicht nur den Gegenstandsbereich auf die Sphäre der Nicht-Erwerbsarbeit aus, sondern verschränken darüber hinaus diachrone und synchrone Perspektive, indem sie über Lebensbilanzen und Generationenvergleiche den Wandel von Einstellungen und die Verarbeitung von Zumutungen einzufangen versuchen (s. ähnlich auch Fuchs 1979). Auch wenn sich die Studie in Teilauswertungen splitterte, so ist es doch bedauerlich, dass in Überblicksartikeln zur Industriesoziologie auf diese (frühzeitige) Perspektiverweiterung nicht hingewiesen wird: Zumindest konzeptionell berücksichtigen die Autoren die Vermittlung von Lebensbereichen in den Personen. Der Anspruch, nicht nur individuelle, sondern auch die familiale Biografie zu rekonstruieren, verweist auf die Ernsthaftigkeit, mit der die Verbindungslinien von Arbeit und Leben zumindest anvisiert wurden.52 Als ‚empirische Klassiker’ der Dekade sind die Studien zu nennen, die im Rahmen des 1974 von der Bundesregierung gestarteten Forschungs- und Investitionsförderprogramms zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ (HdA) durchgeführt wurden. Hierbei handelt es sich überwiegend um betrieblich orientierte Projekte, in denen gezeigt werden sollte, dass 52
Aufschluss über das Privatleben von Arbeitern liefert eine sozialhistorische Studie über „Arbeiter nach der Arbeit“ von Reck (1977). Er untersucht Familienorientierung um die Jahrhundertwende und zur Zeit der Weimarer Republik. Ein „familienorientierter und häuslicher“ Typus stellt dabei nur eine Variante von Familienorientierung dar: „Arbeiter zwischen Familie und Wirtshaus“ sowie „Arbeiter mit politisiertem Privatleben“ treten bei Reck als weitere Orientierungstypen hervor, die auf ein eher konfliktreiches Familienleben und starke außerfamiliale Freizeitorientierungen verweisen; Reck identifiziert diese – in modifizierter Form – auch für die 1970er Jahre (Reck 1977: 194ff.).
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humane Arbeitsbedingungen und effizientes Arbeiten keinen Gegensatz darstellen müssen. In der Initiative, die viele Akteure als „Korrektur von Taylorisierung und Dequalifizierung“ verstanden, nahm die Debatte um die „Qualität der Arbeit“ einen besonderen Stellenwert ein. Bereits Ende der 1960er Jahre deutete sich – u.a. mit der Studie von Kern/Schumann (1970) – ein Richtungswechsel in der Industriesoziologie an, indem parallel zur Bewusstseinsforschung die Erforschung von Arbeitsbedingungen, Rationalisierung und technischem Wandel in der Industriesoziologie an Stellenwert gewann. Beeinflusst wurde diese Themenverschiebung durch die damalige politische Situation, in der sowohl Unternehmen als auch Gewerkschaften und sozial-liberale Regierungskoalition ein „arbeitspolitisches Experimentierfeld“ entdeckten, das in der Kampagne zur „Humanisierung“ schließlich seinen Höhepunkt fand. In dieser Phase vollzieht sich nicht nur eine Institutionalisierung der Industriesoziologie in Form der Öffnung von Forschungsinstituten, sondern darüber hinaus auch eine rasche Ausbreitung empirischer Forschungsarbeiten, die sich durch einen konkreten Anwendungsbezug und durch intensive Kooperationen mit Gewerkschaften auszeichnen: Die empirischen Studien richten ihr Augenmerk zwar weiterhin auf Fragen des Bewusstseins, aber schenken dem unmittelbaren betrieblichen Kontext und dem Arbeitsverhalten von Beschäftigten vermehrt Beachtung. Die Breite der Forschung kann hier nicht angemessen resümiert werden. Auffällig ist jedoch, dass selbst in einem Programm zur „Humanisierung“ die „Wechselwirkungen zwischen Arbeitswelt und den anderen Lebensbereichen“ lediglich auf einer halben (!) Seite erwähnt werden (s. Keil/Oster 1976: 40f.): Untersucht werden sollen „die gegenseitigen Abhängigkeiten“ – die kurzen Ausführungen zeigen jedoch, dass hier weniger die Arbeitsanforderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen und deren Vereinbarkeit anvisiert sind, als solche Veränderungen in den Erwartungshaltungen an Arbeit und allgemeinen Einstellungen von Beschäftigten, die den Arbeitsprozess beeinflussen könnten. In der Forschung wurden Wechselwirkungen kaum beachtet. Dies mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass es offenkundig Schwierigkeiten bereitete, den Begriff der „Humanisierung“ klar zu definieren (Schmidt 1982: 165f.). Ansprüche an „humanere Arbeit“ bezogen sich im Programm selbst auf vier Ebenen: Die konkreten Bedingungen am Arbeitsplatz, die Situation der Beschäftigten innerhalb des Betriebes, die Lage der Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt und Probleme des Einflusses von Arbeitsbedingungen auf den Bereich der Freizeit. Lediglich im letzten Punkt wird somit auch der Bereich der Nicht-Erwerbsarbeit ins Programm aufgenommen, doch nur als Bereich, auf den Erwerbsarbeit ausstrahlt. Gemäß dem Aktionsprogramm soll zwar untersucht werden, wie „die Arbeitsbedingungen stärker als bisher den Bedürfnissen der arbeitenden Menschen angepasst werden können“ (Schmidt 1982: 170), doch statt auch Fragen der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben aufzugreifen und Belastung in einem weitreichenderen Kontext zu analysieren, stehen in der konkreten Forschung rein erwerbsbezogene Themen wie die Mensch-Maschine-Beziehung oder betriebliche Arbeitsorganisation im Vordergrund (Keil/Oster 1976). Zwar erlangt auch die Frage der Reproduktion von Arbeitskraft an Aufmerksamkeit, doch richtet sich das Forschungsinteresse dabei nur auf solche Aspekte von Reproduktion, die unmittelbar für den Einsatz von Arbeitskraft in der Erwerbssphäre relevant sind: Untersucht werden Anpassungsschwierigkeiten an veränderte betriebliche Anforderungen, Lohn- und Leistungsan-
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forderungen sowie deren Bewertung, individuelle Strategien von Belastungsabbau und Stellung auf dem Arbeitsmarkt (s. exemplarisch Altmann u.a. 1981).53 Mindestens zwei Ergebnisse der Humanisierungsforschung schließen jedoch zumindest implizit an die Frage von „Wechselwirkungen“ an: Zum einen sahen sich die konkreten Projekte in den Betrieben mit einer breiten Skepsis der Beschäftigten konfrontiert, die von einer Veränderung von Arbeitsbedingungen eine Verschlechterung ihrer Situation befürchteten. Schmidt (1982: 180f.) resümiert, dass eine Reihe von Maßnahmen nicht an den Unternehmern, sondern am Widerstand der Beschäftigten selbst gescheitert seien. Dies verweist auf subjektive Bedürfnisse, vertraute Arbeitsstrukturen aufrechtzuerhalten, und eine große Skepsis gegenüber organisatorischen Veränderungen: Die „zurückliegende Rationalisierungserfahrung prägt die Humanisierungserwartung“ (Schmidt 1982: 181). Zum anderen wird mit einer solchen erwerbsbiografischen Perspektive eine subjektive Zeitperspektive in Erwägung gezogen, in der Beschäftigte bisherige und zukünftige Belastungen ‚verbuchen’. Damit finden sich schon in der empirischen „Humanisierungs“-Forschung Hinweise auf die Verbindungslinien von Zeitperspektive und Belastung, die in der Arbeits(zeit)forschung erst seit den späten 1990er Jahren systematischer aufgegriffen werden (s. ausführlich 3.). Auch die zeitgenössische Kritik folgt den Perspektiven des Programms und konzentriert sich überwiegend auf die ihm immanenten Punkte anstatt auf die einseitige Erwerbszentrierung. Die „Lücken“, die damals beteiligte Forscher wie Altmann/Düll/Lutz (1987) nachträglich identifizieren, beziehen sich auf die in der bisherigen Forschung untersuchten Bedingungen von Erwerbsarbeit und in diesem Zusammenhang vorgefundene Desiderate. Auffällig in den Projekten zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ erscheint den Autoren jedoch ein Wandel in der subjektiven Bewältigung von Arbeit (1987: 81ff.). Sichtbar würden veränderte Werte und neue Muster der Lebensführung, die für einen neuen Umgang mit Belastungen im Arbeitsprozess verantwortlich seien, der sich z.B. in einem gewandelten Gesundheitsbewusstsein der Beschäftigten äußere. Weiterführend sind in diesem Zusammenhang Thesen, die aus der am ISF München betriebenen Qualifikationsforschung hervorgehen. Asendorf-Krings/Drexel/Nuber (1976) reflektieren als Quintessenz ihrer empirischen Forschung „Reproduktionsvermögen“ als Fähigkeit zu Erzeugung, Erhaltung und Verkauf von Arbeitsvermögen und resümieren es als „komplexes Qualifikationssyndrom“: „Der Arbeiter muß also erstens in der Lage sein, sein Arbeitsvermögen den Bedürfnissen des Tauschpartners entsprechend formen zu können. Er muß zweitens dazu in der Lage sein, die so geformte Ware auf dem Markt zum Verkauf anzubieten und zu verkaufen.“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 214). Diese Definition erscheint aus heutiger Sicht wie ein ‚Vorläufer’ der These zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Voß/Pongratz 1998; s. 2).54 Schon in den 1970er Jahren finden sich somit Ansätze, Arbeitsvermögen nicht ausschließlich als im Arbeitsprozess oder in Bildungs- und 53 54
Vgl. zur langfristigen Bewertung von Initiativen zur „Humanisierung“ den Rückblick von Oehlke (2004), der in dieser Perspektive zentrale Fragestellung von Arbeitspolitik resümiert. Auch die Kritik an der These ist hier bereits vorweggenommen, wenn die AutorInnen auf den eingeschränkten Warencharakter von Arbeitskraft hinweisen: „Potentialität bzw. Elastizität dieser Ware sind darauf zurückzuführen, dass sie immer, auch nach ihrem Verkauf, an einen Träger gebunden ist, an die Person des Arbeiters und dessen ‚Leiblichkeit’. Diese Bindung an einen Träger unterscheidet die Ware Arbeitskraft wesentlich von anderen Waren und impliziert, dass neben den als Ware angebotenen Momenten von Arbeitskraft eine gewisse Leistungsreserve in der ‚Leiblichkeit’ des Arbeiters besteht, die ausgeschöpft werden kann.“ (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 217).
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Berufsinstitutionen hergestellt zu begreifen, sondern auch als Ergebnis des Reproduktionsvermögens der Beschäftigten selbst. Da das Kapital eine grenzenlose Verwertung von Arbeitsvermögen anstrebe, müssten die Arbeiter die Fähigkeit zur Begrenzung der (Aus)Nutzung ihres Arbeitsvermögens entwickeln und ihr Reproduktionsvermögen schützen – indem sie entweder ex ante (z.B. Verhalten bei Verfahren der Leistungsbemessung) oder ex post (Beschwerden) Belastungen zu vermeiden bzw. zu reduzieren versuchen. Diese Begrenzungen lägen nicht nur im Interesse der Lohnabhängigen, sondern – vor allem wenn es sich um Beschäftigte mit nur bedingt stets neu rekrutierbaren Qualifikationen handelt – auch im Interesse des Kapitals selbst (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976: 219ff.). Mit dieser Perspektive ist nicht nur implizit die Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Leben berücksichtigt. Es wird ein Weg für eine Arbeitssoziologie geebnet, die einerseits individuelle Fähigkeiten zur Reproduktion von Arbeitsvermögen und Arbeitskraft berücksichtigt und die Funktionalität von Grenzziehungen betont, aber andererseits die strukturellen Einflüsse auf diesen Transformationsprozess nicht außer acht lässt. Erst in den 1990er Jahren wird sich dieser Ansatz – mit konzeptionellen Einschränkungen – in der Breite der Arbeits- und Industriesoziologie durchsetzen (s.u.). Eine stärkere Subjektorientierung findet sich auch in den berufssoziologischen Erhebungen von Beck/Brater (1977). Als maßgebliche Faktoren für die Krise auf dem Arbeitsmarkt identifizieren sie die jeweilige Ausrichtung von Bildungs- und Beschäftigungssystem und formulieren mit ihrer „Kritik der Berufe“ auch eine Kritik an der bis dato gängigen Arbeitsmarkt- und Qualifikationsforschung. Diese sei einseitig am ökonomisch-technischen Aspekt des Bedarfs an Arbeitskraft interessiert, vernachlässige dabei jedoch die Bedeutung der Berufe für seine Inhaber. Beck/Brater sahen sowohl auf Seiten der Beschäftigten als auch auf Seiten der Arbeitgeber Hindernisse für eine Behebung der Arbeitsmarktkrise: Die Berufe seien zu starr und dauerhaft konzipiert, um auf die Veränderungsdynamik von Arbeitsanforderungen zu reagieren, und bewirken sowohl auf Seiten der Beschäftigten als auch auf Seiten der Arbeitgeber mangelnde Flexibilität. Der Beruf – in seiner damaligen, noch vergleichsweise rigiden Konzeption im Bildungs- und Beschäftigungssystem – wirke daher in beide Richtungen wie eine hinderliche Schablone (Beck/Brater 1977: 7ff.; s. auch Bolte/Treutner 1983). Beck/Brater konzipieren Berufe daher nicht nur als gesellschaftliche Funktions- und Tätigkeitszusammenhänge, sondern als Fähigkeiten, die an konkrete Arbeitskräfte und deren Potenziale gebunden sind.55 In den 1970er Jahren wächst insofern nicht nur das Interesse an der Kategorie des Reproduktionsvermögens, sondern es setzt sich gegenüber den zuvor dominierenden strukturalistischen Positionen auch eine stärkere Subjektorientierung durch, die in der nachfolgenden Dekade an Aufmerksamkeit gewinnt. 1980er Jahre: Erweiterter Arbeitsbegriff und Wechselwirkungen In den 1980er Jahren wechselte die industriesoziologische Forschung zusehends ihre Perspektive von der Analyse des gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse auf die betriebliche Arbeitsorganisation. Die Krise von Taylorismus und Fordismus als Modelle von Massenproduktion führte auch in der Forschung zu einer stärker betriebsbezogenen Analyse. Entsprechend wurden eine Reihe empirischer Studien durchgeführt, die sich auf die Unter55
Zu den Wegbereitern dieser Subjektorientierung in der deutschen Arbeits- und Industriesoziologie zählen u.a. die empirischen Arbeiten von Hack u.a. 1972; Leithäuser 1972; Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973.
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suchung von technischem Wandel und betrieblicher Rationalisierung konzentrierten. Zu den ‚empirischen Klassikern’ dieser Dekade zählen u.a. die Studien von Schumann u.a. (1982), Kern/Schumann (1984) und Baethge/Oberbeck (1986), die sich den unmittelbaren Folgewirkungen von technischer Rationalisierung für Arbeiter bzw. Angestellte widmeten (s. auch Mickler 1981; Benz-Overhage u.a. 1982; Malsch/Seltz 1987). Diese Forschungsergebnisse prägten bis in die 1990er Jahre die industriesoziologische Debatte und werden noch heute in Überblicksartikeln rezipiert (z.B. Beckenbach/van Treeck 1994). Kern/Schumann identifizieren eine Rücknahme von Arbeitsteilung; sie weisen „neue Produktionskonzepte“ aus und bewerten Segmentierung als neue Variante von Polarisierung (1984: 319). Baethge/Oberbeck (1986) stoßen für Angestellte auf ganzheitlichere Aufgabenstellungen; Führungsaufgaben würden ‚nach unten’ verlagert, Rationalisierung als Aufgabe der Arbeiter selbst definiert. Die Ergebnisse geben insofern bereits erste Hinweise auf die heute dominierenden Debatten zu Dezentralisierung und Marktorientierung.56 Hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen finden sich bei diesen „Klassikern“ eher indirekte Hinweise: Schumann u.a. (1982: 195ff., 399ff.) identifizieren zwei Bedeutungsdimensionen von Erwerbsorientierung, die sie als „doppelten Bezug zur Arbeit“ bezeichnen: Eine Arbeitskraftperspektive der Erwerbsarbeit, die auf den Erhalt der Arbeitsfähigkeit, den Erhalt des Arbeitsplatzes und das Einkommen ausgerichtet ist, lasse sich unterscheiden von einer Subjektperspektive, die stärker auf den Sinnbezug, so z.B. auf die Arbeitsinhalte und die Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungschancen, abziele (s. bereits Volmerg 1978). Auch Kern/Schumann (1984) wählen eine (auch) mikrosoziologische Analyseperspektive, indem sie im Kontext der Analyse von „Rationalisierungsgewinnern, -duldern und -verlierern“ Arbeitsorientierungen und Bewusstsein erforschen und damit implizit eine ‚subjektive Wende’ in der Industriesoziologie einleiten.57 Die empirische Industriesoziologie dieser Phase eint dennoch, dass sie gegenüber der Bewusstseinsforschung der vorangegangenen Dekade deutlich eingeschränkt bleibt, indem sie außerbetriebliche Einbindungen von Beschäftigten nahezu vollständig außer Acht lässt. Weiterführend sind daher Studien, die dem Zusammenhang von Produktion und Reproduktion Aufmerksamkeit schenken. Nicht nur die sich etablierende Frauenforschung, sondern auch innerhalb der Fortsetzung der „Arbeiterforschung“ nimmt in den 1980er Jahren das Interesse an den Lebensbereichen deutlich zu: Einen Perspektivwechsel auf das außerbetriebliche Leben liefern die Forschungsarbeiten von Brock/Vetter (1982a), die Ende der 1970er Jahre eine Studie zur „alltäglichen Arbeiterexistenz“ beginnen. Ziel ist es, verschiedene Typen der Vermittlung von Arbeit und Reproduktion in Biografien zu rekonstruieren und den Einfluss von technischem Wandel am Arbeitsplatz auf den Umgang mit Belastungen aufzuzeigen. Die Autoren konzentrieren sich dabei nicht nur auf die Wirkung der Arbeitsbedingungen oder auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Arbeiter, ihre Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen bzw. langfristig zu erhalten, sondern beziehen auch Rückkopplungseffekte ein, wenn sie auf Begrenzungen von Reproduktion hinweisen: Sie identifizieren individuelle Strategien, Belastungen zu bewältigen bzw. zu reduzieren und Reproduktionsinteressen gegenüber Anforderungen der Erwerbssphäre zu verteidigen. Mit dieser Be56
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Kritik entzündete sich vor allem an der Reichweite der Schlussfolgerungen. Altmann/Deiß/Sauer (1986) betonen in Abgrenzung zu Kern/Schumann mit „systemischer Rationalisierung“ umfassende betriebliche Strategien von Rationalisierung des Gesamtsystems Betrieb (s. auch Sauer/Döhl 1994); sie halten die These einer Aufwertung von ausführender Arbeit für illusorisch. Schumann (2002) ergänzt diese Typologie um den „Rationalisierungsgestalter“ (s. 2.3.1).
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
tonung von Anpassung als individuelle Leistung beleuchten Brock/Vetter die „Blindstelle“ einer Industriesoziologie, in der Bewältigungsformen von Subjekten zwar unterstellt, aber kaum explizit untersucht wurden. Die Autoren rücken damit den Zusammenhang von Arbeit und Reproduktion ins Zentrum ihrer Analyse und wenden sich offensiv gegen eine einseitig ökonomische Ausrichtung der Industriesoziologie. Brock/Vetter formulieren drei Kritikpunkte: Sie bemängeln „falsche Annahmen über die Qualität der einzelnen Vermittlungsebenen zwischen Ökonomie und subjektivem Prozess“, eine „ungenügende Reichweite“ des Reproduktionsbegriffs sowie die „Unterschätzung“ widersprüchlicher Anforderungen durch die notwendige Reproduktion der gesamten Existenz einerseits und der eigenen Arbeitskraft als Ware andererseits (Brock/Vetter 1984: 35). Die Autoren favorisieren daher ein „subjektorientiertes Reproduktionskonzept“. Sie definieren „Reproduktion eigener Arbeitskraft“ als besonderen „Fall sozialen Handelns“ (1984: 50) und fokussieren statt auf die Reproduktion von Arbeitskraft auf die Reproduktion als Arbeitskraft. Reproduktion definieren sie einerseits als eine aktive Konstruktionsleistung der Subjekte, gleichzeitig seien die angetroffenen Interpretationsmuster durch die gesellschaftlichen Bedingungen vorgeformt. Das Verdienst der Studie liegt ohne Zweifel darin, an Stelle der unmittelbaren Arbeitstätigkeiten die für den Arbeitsprozess nicht minder bedeutsame Wiederherstellung von Arbeitskraft zu untersuchen. Brock/Vetter fokussieren nicht lediglich auf Strategien der Anpassung an veränderte Erwerbsbedingungen, sondern fahnden auch nach Widersetzungen der Betroffenen, die sich aus dem Erfordernis von „Reproduktion als Person“ ergeben (s. ausführlicher 4.).58 Als problematisch erweist sich hier jedoch in zweierlei Hinsicht die der Untersuchung zugrunde gelegte Annahme einer möglichen „ausgeglichenen Bilanz“: Zum einen gehen Brock/Vetter von einer möglichen Übereinstimmung von konkreten Erfordernisse der Reproduktion als Arbeitskraft und Interessen der Person aus. Nach ihrem Konzept ergebe sich im „Idealfall“ ein „Gleichgewicht“, wenn „Reproduktion der gesellschaftlichen Existenz als Lohnarbeiter und objektiv sowohl für die eigene Arbeitskraft wie auch für die persönliche Entwicklung gelingt – einschließlich dessen, dass ein solches Gelingen auch subjektiv konstatiert wird“ (1982a: 107). Mit dieser Annahme einer vom Arbeitsprozess weitgehend unabhängigen Freizeitgestaltung gehen Brock/Vetter hinter die Ergebnisse vorheriger Arbeitsforschung zurück, die ausdrücklich auf die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und subjektiven Deutungen und Wertvorstellungen verweisen (Hack u.a. 1972; Hack 1979; s. auch Knapp 1981). Die Übereinstimmung von Reproduktionserfordernissen und persönlichen Interessen als Ergebnis der Anpassung an den ökonomischen Zwang zur Reproduktion gerät auf diese Weise aus dem Blickfeld. Zum anderen blendet die Annahme der „Gleichgewichtsbildung“ die Widersprüche zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen aus: Brock/Vetter leisten eine Perspektiverweiterung, indem sie auch „nicht-industrielle“ Reproduktionsweisen untersuchen und die „Doppelbelastung“ von Frauen durch Lohnarbeit und private Reproduktionsarbeit aufzeigen. Wenn sie jedoch eine „ausgeglichene Bilanz“ zwischen den aus der Erwerbsarbeit an die Reproduktion gestellten Anforderungen und Problemen auf der einen und ihrer subjektiven Verarbeitung auf der anderen Seite (1982a: 108) unterstellen, manifestiert sich darin eine nur sehr eingeschränkte, geschlechtsbezogene Thematisierung von Wechselwirkungen: 58
Die Autoren schließen somit an die Qualifikationsforschung der 1970er Jahre an (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976).
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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Während sich für die männlichen Befragten Freizeit als eine Sphäre der Regeneration erweist, ergeben sich für Frauen hier zusätzliche Belastungen. Sie resultieren einerseits aus der Monotonie und Anstrengung von Lohnarbeit, andererseits aus der Anforderung, Reproduktionsarbeit nicht nur für sich, sondern auch für andere zu leisten. Das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ berücksichtigt zwar die individuellen Leistungen und Strategien, die die Subjekte erbringen müssen, um ihre Arbeitskraft langfristig (und gesellschaftlich funktional) nutzbar zu machen. Es vernachlässigt aber Reproduktion als einen eigenständigen Bereich, der nicht nur Anforderungen an Regeneration und Erholung mit sich bringt, sondern die Subjekte darüber hinaus mit weiteren Arbeitserfordernissen konfrontiert. Ein in diesem Sinne ‚weiter’ Reproduktionsbegriff wird jedoch nur für die befragten Frauen angewendet, während sich die „alltägliche Arbeiterexistenz“ auf die Analyse von unmittelbar erwerbsbezogenen Reproduktionsstrategien bezieht. Unter Reproduktion werden vornehmlich solche Tätigkeiten subsumiert, die unmittelbar dazu dienen, den Einsatz im Erwerbsleben kontinuierlich zu gewährleisten: die Fähigkeit zum Abschalten, Schlafprobleme, die Bewältigung von Schichtwechseln, Konzentrationsschwierigkeiten, körperliche Belastungen durch die Arbeit usw.. Der subjektorientierte Reproduktionsbegriff von Brock/Vetter läuft daher Gefahr, bestehende Arbeitsteilungsmuster lediglich zu beschreiben, anstatt darin verborgene gesellschaftliche Strukturzusammenhänge und sozialen Platzanweisungen aufzuzeigen. Diese Begrenzung wird maßgeblich durch die sich etablierende Frauenarbeitsforschung aufgehoben. Bereits Ende der 1970er Jahre haben sich in der deutschen Frauenforschung Ansätze formiert, die zwar nach wie vor im Rahmen der Kritik der Politischen Ökonomie argumentieren, aber explizit auf den Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und Familienarbeit fokussieren (u.a. Prokop 1976).59 Noch heute gelten die Studien von BeckerSchmidt u.a. (1982, 1983) als Wegbereiter einer empirischen Annäherung an Verbindungslinien zwischen Arbeit und Leben und sind in zweierlei Hinsicht von besonderem Stellenwert: Sie dokumentieren nicht nur eine deutliche Perspektiverweiterung in bezug auf den Forschungsgegenstand und liefern methodische Innovationen, sondern zeigen auch eindrucksvoll, wie empirische Ergebnisse der Arbeitsforschung gesellschaftstheoretisch eingebunden werden können. Als indirekte ‚Antwort’ auf die in der Industriesoziologie verbreitete einseitige Fokussierung auf den männlichen Arbeiter und Erwerbsarbeit befragen Becker-Schmidt u.a. Fabrikarbeiterinnen und untersuchen deren alltägliche Balanceakte zwischen zwei Arbeitsbereichen. Es zeigt sich, dass die befragten Frauen eine Doppelorientierung auf Erwerbsarbeit und Familie anstreben und für ihre ökonomische Eigenständigkeit bereit sind, erhebliche Belastungen in Kauf zu nehmen. Becker-Schmidt u.a. widerlegen mit diesem Ergebnis die in der Industriesoziologie verbreitete Instrumentalismus-These. Die befragten Industriearbeiterinnen sehen ihre Tätigkeit keineswegs nur instrumentell als Mittel zum Gelderwerb, sondern messen der Arbeit im Betrieb einen eigenständigen Wert bei, der identitätsstiftend wirke. Fabrikarbeit übe trotz der mit ihr verbundenen Anstrengungen einen Reiz gegenüber der Haus- und Familienarbeit aus. Der Kontakt zu Kolleginnen und das Verlassen des häuslichen und isolierten Arbeitsplatzes erweisen sich als zentrale Motive für die Erwerbsorientierung der Frauen. Dabei treten jedoch widersprüchliche Anforderungen aus den Lebens59
Für eine detaillierte Übersicht über die Entwicklung der Frauenforschung in den 1970er und 1980er Jahren s. Gottschall (2000). Sie zeichnet sowohl den Wandel von Themen und theoretischen Perspektiven in der deutschen Geschlechterforschung als auch die Verdienste der Frauenarbeitsforschung historisch nach.
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
bereichen zu Tage: Die Frauen sind mit dem Zwang konfrontiert, tagtäglich zwischen den Sphären vermitteln zu müssen. Für unsere Fragestellung sind weniger die Schlussfolgerungen für das Geschlechterverhältnis als die Erkenntnisse zum Verhältnis der Lebensbereiche von Interesse. Produktion und Reproduktion sind zwar voneinander abhängige Sphären, doch zeige sich im Arbeitsalltag der Frauen, dass diese Interdependenzen in keinem der Lebensbereiche berücksichtigt werden. Die Frauen erleben einerseits eine strukturelle Rücksichtslosigkeit der Erwerbssphäre gegenüber der Familie, andererseits bleibt die familiale Arbeitsteilung – trotz Erwerbstätigkeit – anhaltend zu Lasten von Frauen organisiert. Becker-Schmidt knüpft an diese empirischen Ergebnisse die These der „doppelten Vergesellschaftung“60 an und kritisiert die weit verbreitete „Ausklammerung gesellschaftlicher Reproduktionsweisen und ihrer Geschichte“ (Becker-Schmidt 1987b: 12) aus der Analyse von Gesellschaft. Als Erweiterung der Kritischen Theorie konzipiert sie „Geschlecht als Strukturkategorie“: Geschlechtertrennung ist demnach nicht nur durch die Dichotomie von Privatheit und Öffentlichkeit gekennzeichnet, sondern geschlechtshierarchische Arbeitsteilung strukturiere alle gesellschaftlichen Bereiche und sozialen Beziehungen. Erst in dieser Perspektive gelinge es, Unterdrückungs- und Ausgrenzungsphänomene zu erklären und unterschiedliche Herrschaftsformen und deren Zusammenspiel zu identifizieren.61 Da auch Marx Arbeitsvermögen „einseitig als männliches“ konzipiere, während der Einfluss der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern auf die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgespart bliebe (Becker-Schmidt 1987b: 13ff.), kann es aufgrund der Theorietradition der Industriesoziologie kaum verwundern, dass sich diese Blindstelle bis heute reproduziert. Becker-Schmidt zeigt in ihrer Analyse, dass den Lebensbereichen nicht nur unterschiedliche, sondern widersprüchliche Organisationsprinzipien zugrunde liegen. Die Sphären seien zwar voneinander separiert und erfüllten ihre Aufgaben für den jeweiligen Systemerhalt, aber sie seien auch gegeneinander durchlässig, da sonst der arbeitsteilige Funktionszusammenhang nicht bestehen könne. Die Sphären seien insofern zwar ausdifferenziert, getrennt und je für sich selbständig, aber gleichzeitig auch interdependent. Becker-Schmidt grenzt sich hier implizit von der Theorie funktionaler Differenzierung ab: Einerseits sieht sie diese Interdependenz nicht nur als objektives, sondern auch subjektives Gefüge (1987b: 24f.) und verweist auf die Abhängigkeiten von Personen in sozialen Beziehungen, die sich aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ergeben. Andererseits verweist sie auf die Hierarchisierung der Lebensbereiche (bzw. Funktionssysteme), indem sie das Primat der Erwerbsarbeit über andere Lebensbereiche als hegemoniales Verhältnis resümiert. Becker-Schmidts Zugang ist wegbereitend, weil sie Subjekt und Struktur gleichermaßen in ihre theoretische Reflexion einbezieht. Ihre sozialpsychologische Analyse zeigt in diesem Zusammenhang, inwiefern sich auch Widersetzungen gegenüber externen Anforde60
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Mit dem Konzept der „doppelten Vergesellschaftung“ macht Becker-Schmidt darauf aufmerksam, dass Frauen „zwei Herrschaftsformen“ unterliegen: einer „patriarchalischen und einer gesellschaftlichen“ (1987b: 18). Frauen werden dahingehend sozialisiert, sowohl soziale Reproduktion zu leisten als auch als Arbeitskräftereservoir dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Wegweisend für die Frauenforschung sind hier auch die Arbeiten von Beer, die „Geschlecht als Strukturzusammenhang“ (1990) interpretiert. Sie zeigt in ihrer historischen Analyse die Vermittlung von materieller und generativer Reproduktion. Beer verweist auf den Zusammenhang von Gesellschaft und Geschlechterverhältnis und identifiziert das Klassen- und das Geschlechterverhältnis als zwei Vergesellschaftungsformen. Folge sei ein „doppelter Sekundärpatriarchalismus“.
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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rungen ergeben: Becker-Schmidt sieht einen „doppelten Konstitutionsprozeß von Subjektivität“. Das Subjekt sei zwar „abhängig von den Triebobjekten und den Erkenntnischancen, die die Umwelt bereithält. Es nimmt aber ebenso Objektwahlen und Besetzungen nach eigenen Bedürfnissen vor. (...). So erhalten sich Wünsche und Erfahrungen am Leben, die in Wirklichkeit sanktioniert würden. Das macht das Subjekt schwer erziehbar, gegen Zähmung widerspenstig“ (1987b: 23; s. 4.). Mit einer konsequent gesellschaftstheoretischen Einordnung, gelingt es der Frauenforschung bereits in den 1980er Jahren, Theorie und Empirie in Beziehung zu setzen. Eingang in die Überblicksartikel zur Industriesoziologie haben diese Ergebnisse dennoch nicht erlangt: Weder die empirischen Ergebnisse noch die Hinweise auf die Verbindungslinien zwischen gesellschaftlich getrennten Sphären sind im Kern der Arbeits- und Industriesoziologie aufgegriffen worden. Es mag angesichts der langen Tradition der Frauenforschung zuweilen erstaunen, dass das Thema der Wechselwirkung zwischen Lebensbereichen in der aktuellen Arbeitsforschung als vermeintlich neuer Forschungsgegenstand ausgewiesen wird.
2.1.3 Zusammenfassung Der kursorische Rückblick auf Überblicksartikel und empirische Studien der Arbeits- und Industriesoziologie verweist auf die Anpassungsfähigkeit soziologischer Forschung an gesellschaftlichen Wandel. In der Nachkriegszeit sind Untersuchungen zum Arbeiterbewusstsein Ausdruck einer Teildisziplin, die mit ihrer Forschung die soziale und politische Entwicklung im Lande zu erklären versucht. Der Blick geht deutlich über die Sphäre der Erwerbsarbeit hinaus, indem Gesellschaftsbilder und Deutungsmuster ergründet werden. Arbeits- und Industriesoziologie verstand sich in dieser Periode als eine Disziplin, die ihren Bezugspunkt zwar in der Analyse von Erwerbsarbeit wählt, aber darüber hinausgehend fragt, wie Orientierungen zustande kommen; man bezieht individuelle Erfahrungen in der „Freizeit“ in die Erhebungen ein, um die Herkunft von Einstellungen und deren Wirkung zu ergründen. Die Studien von Goldthorpe u.a. (1968a, b, 1969) können einerseits als Kumulationspunkt dieser Berücksichtigung außerbetrieblicher Interessen gelten, andererseits leiten sie jedoch eine Wende ein, indem sich an der einseitigen Ableitung instrumenteller Orientierungen aus der Freizeit massive Kritik entzündet. Zwar findet auch das andere Extrem, Bewusstsein ausschließlich aus den Arbeitsbedingungen im Betrieb abzuleiten (Kern/Schumann 1970), seine Kritiker, jedoch setzt sich nachfolgend eine erwerbszentrierte Forschung durch. Die folgende Dekade zeichnet sich durch einen Perspektivwechsel auf das Arbeitsbewusstsein und konkrete Arbeitsbedingungen im Betrieb aus. Die Forschung rückt Rationalisierungsprozesse ins Zentrum und forscht im Rahmen des HdA-Programms zu den damit verbundenen Belastungen für Beschäftigte. Bis in die 1980er Jahre kennzeichnet diese Perspektive die deutsche Arbeits- und Industriesoziologie: Über die Analyse von Produktionsmodell, betrieblicher Rationalisierung und Erforschung von veränderten Arbeitsbedingungen verschreibt man sich programmatisch dem Gegensatz von Kapital und Arbeit, politisch der Einflussnahme auf Verbesserungen von Arbeitsbedingungen. Als vernachlässigt erweisen sich demgegenüber Ansätze, die – wie einige frühe industriesoziologischen Arbeiten – das außerbetriebliche Leben der Beschäftigten einbezie-
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2 Regulation von Erwerbsarbeit – Arbeit regulieren
hen: Die empirische Forschung fokussiert einseitig auf die Sphäre der Erwerbsarbeit und die Überblicksartikel nehmen kaum Forschungsergebnisse auf, die über den betrieblichen Erfahrungsbereich von Beschäftigten hinausgehen. Erwerbsarbeit erscheint als ein weitgehend losgelöster, weil strukturdominanter Lebensbereich, der sich isoliert untersuchen lässt. Wiederholt finden sich Hinweise auf Bahrdts Plädoyer für eine Berücksichtigung der Lebenswelt, doch wird dies weder außerhalb der Bewusstseinsforschung umgesetzt noch paradigmatisch ausbuchstabiert. Das faktische Primat der Ökonomie spiegelt sich insofern auch in der Arbeits- und Industriesoziologie der 1950-1980er Jahre wider. Der Rekurs auf ausgewählte empirische Studien zeigt jedoch, dass das Außerbetriebliche in Nischen der Teildisziplin durchaus Aufmerksamkeit findet und sich sowohl methodisch als auch konzeptionell als weiterführend erweist:
Bereits in der Bewusstseinsforschung rücken außerbetriebliche Bedürfnisse und Interessen ins Blickfeld, die in die Konzeption von Gesellschaftsbildern und Deutungsmustern einfließen. Während dies einerseits darin resultiert, Bewusstsein als nur durch das Außerbetriebliche beeinflusst zu sehen, ist das andere Extrem eine einseitige Ableitung von Bewusstsein aus der Erwerbssphäre und dort angetroffenen Bedürfnissen von Beschäftigten. Die an diesen jeweiligen Verengungen ansetzende Kritik zieht maßgeblich zwei Schlussfolgerungen nach sich: Zum einen wird deutlich, dass Individuen in unterschiedliche Lebens- und Erfahrungsbereiche eingebunden sind und sich individuelle Orientierungen aus beiden Bereichen speisen. Zum anderen erweisen sich objektive Bedingungen und subjektive Bedürfnisse als vermittelt. Bereits seit den 1960er Jahren liegen insofern Erkenntnisse vor, die einen ganzheitlicheren Zugriff von Arbeitsforschung nahe legen. Sowohl für die Analyse von Erwerbsarbeit als gesellschaftliche Sphäre als auch von Arbeitsorientierungen kristallisieren sich Wechselwirkungen als eine für die Forschung relevante Perspektive heraus. Schon in den 1950er Jahren verweist die empirische Industriesoziologie auf die Anforderung an Beschäftigte, individuelle Belastungen zu bewältigen und die Reproduktion von Arbeitskraft herzustellen. Dieser Perspektivwechsel wird vor allem in den 1980er Jahren erneut aufgegriffen. Resultat ist eine „subjektorientierte Wende“, durch die das Individuum mit seinen aktiven Gestaltungsleistungen ins Zentrum der Arbeitsforschung rückt. Der Reproduktionsbegriff bleibt in diesem Zusammenhang noch weitgehend erwerbszentriert, wird jedoch stärker akteursbezogen reflektiert, indem auch die Reproduktion als Arbeitskraft in den Blick rückt. Damit ebnet sich der Weg für eine Forschung, die sich vom strukturtheoretischen Paradigma entfernt und deutlicher die Dualität von Handlung und Struktur betont. Da gleichzeitig die Aufmerksamkeit für die außerbetriebliche Lebenswelt wächst, rücken auch die individuellen Leistungen der Vermittlung von Anforderungen aus den Lebensbereichen stärker ins Blickfeld. Während die Überblicksartikel der Arbeits- und Industriesoziologie diese Perspektiverweiterungen kaum aufgreifen, gelingt es der Frauenarbeitsforschung, hieraus eine gesellschaftstheoretische Konzeption von Arbeit zu entwickeln. Sie geht einerseits über die Teildisziplin hinaus, da sie sich nicht auf Erwerbsarbeit reduziert, sondern den Zusammenhang von Produktion und Reproduktion systematisch bestimmt. Andererseits greift sie die Vermittlung von Struktur und Subjekt auf, indem sie Prozesse der Vergesellschaftung in die Analyse einbezieht und die Folgen von Arbeitsteilung auch
2.1 Leitideen der 1950er-1980er Jahre
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unterhalb der Makroebene macht- und herrschaftstheoretisch reflektiert. Obwohl die Frauenarbeitsforschung somit bereits Anfang der 1980er Jahre den gesellschaftstheoretischen Anspruch der Arbeits- und Industriesoziologie einlöst, strahlt dies kaum auf das Selbstverständnis im Kernbereich der Teildisziplin aus.62 Schließlich deuten sich in der Forschung zu individuellen Anpassungsleistungen an veränderte Erwerbsbedingungen auch Gegentendenzen an: In der empirischen Forschung (HdA-Programm, Qualifikationsforschung) erweisen sich zum einen Anpassungen als Resultat eines Zwangs der Verhältnisse, zum anderen finden sich Indizien für Widersetzungen seitens der Betroffenen: Sie entziehen sich entweder den Erwartungen der Erwerbssphäre oder widersetzen sich unmittelbar im Arbeitskontext den (neuen) Zumutungen. Diese Grenzziehungen, die sich sowohl individuell als auch gesellschaftlich als funktional erweisen, bleiben in der Rezeption durch die Arbeits- und Industriesoziologie ausgespart. Auch in der empirischen Forschung findet diese Perspektiverweiterung kaum Nachklang: Familie und Außerbetriebliches werden überwiegend daraufhin untersucht, inwiefern sie von Bedingungen der Erwerbswelt betroffen sind. Vernachlässigt bleibt hingegen, ob und inwiefern das Außerbetriebliche – vermittelt über das Individuum – auch in die Erwerbssphäre zurückwirkt und aktive Grenzsetzungen gegenüber dem Zugriff auf Arbeitskraft stattfinden.
Die Einbeziehung des außerbetrieblichen Lebens erweist sich sowohl hinsichtlich des Akteursbezugs als auch in bezug auf das Verhältnis der Lebens- und Arbeitsbereiche als tragfähig. Mit ihr gelingt nicht nur eine Anknüpfung an Diskurse außerhalb der Arbeits- und Industriesoziologie, sondern auch eine Verankerung im allgemeinen soziologischen Diskurs. Der Rekurs auf die Forschungsentwicklung seit der Nachkriegszeit verweist auf eine deutliche Diskrepanz zwischen Überblicksartikeln und empirischer Forschung. Während sich in den allgemeinen Texten zu Aufgabendefinition und Selbstverständnis über Jahrzehnte hinweg ein einseitiger Arbeitsbegriff und eine Ausblendung anderer Lebenssphären manifestieren, hat die empirische Forschung stetig Grenzüberschreitungen vorgenommen. Außerbetriebliches Leben wurde, zumindest hinsichtlich seiner unmittelbaren Relevanz für den betrieblichen Arbeitsprozess, in einer Reihe von Studien berücksichtigt. Damit liegen also auch innerhalb der Arbeits- und Industriesoziologie Anknüpfungspunkte vor, um die aktuelle Entwicklung von Arbeit im Hinblick auf Wechselwirkungen zwischen Lebensbereichen zu beleuchten. Die zitierten Überblicksartikel sind vor diesem Hintergrund als problematisch einzuschätzen: Sie reduzieren die bisherige Leistung der Teildisziplin nicht nur einseitig auf die Erforschung von Erwerbsarbeit, sondern geben auch zukünftigen Forschergenerationen einen (zu) engen Rahmen für die Analyse von Arbeit vor. Als Diagnosestärke eines Teils der Arbeits- und Industriesoziologie erweist sich, über die Analyse von Arbeit Verbindungslinien zwischen gesellschaftlichen Teilbereichen nachzuspüren. Maßgeblich der Frauenarbeitsforschung gelingt es, sowohl Hierarchisierungen zwischen Lebensbereichen als auch damit verbundene Polarisierungen zwischen sozialen Gruppen und individuellen Ungleichheitslagen zu erkennen und zu erklären. Als Diagnoseschwäche stellt sich daher für die Hauptströmungen der Teildisziplin heraus, dass sie weder 62
Die Frauenarbeitsforschung beschäftigte sich zwar ihrerseits nicht mit dem Wandel von Ökonomie an sich und konzentrierte sich auf den bis dato „blinden Fleck“ der Reproduktionsarbeit, doch wurden die Ansätze trotz ihrer konsequent gesellschaftstheoretischen Ausrichtung in der Industriesoziologie nur sporadisch rezipiert.
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konzeptionell einen erweiterten Arbeitsbegriff zugrundelegen noch forschungspraktisch auf unterschiedliche Arbeitsanforderungen eingehen. Das faktische Primat der Erwerbsarbeit spiegelt sich insofern in einer Arbeits- und Industriesoziologie, die ihr Augenmerk auf die Sphäre der Produktion, auf betriebliche Arbeitsprozesse und allgemeine Produktionsmodelle richtet; sämtliche nicht-erwerbsvermittelte Arbeiten werden in der Analyse vernachlässigt und vielfach auch nicht als Gegenstandsbereich definiert. Inwiefern sich diese Begrenzungen in den 1990er lockern, zeigt das folgende Kapitel.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren Die Arbeits- und Industriesoziologie sieht sich gegenwärtig mit der Aufgabe konfrontiert, den Wandel von Arbeit im Kontext weltwirtschaftlicher Dynamiken zu erklären. Prägten bis in die 1980er Jahre „Taylorismus“ und „Fordismus“ als Produktionsmodelle auch die deutsche Gesellschaft und galten der Arbeitsforschung als Kürzel ihrer Diagnosen zur Arbeitsorganisation, so zeichneten sich bereits in den frühen 1990er Jahren neue Rationalisierungsprinzipien ab und in der Folge auch neue soziologische Forschungsperspektiven. Konzepte zur „Entgrenzung von Arbeit“, zum „Arbeitskraftunternehmer“ oder zur „Subjektivierung von Arbeit“ sind Resultat einer Fülle empirischer Untersuchungen und resümieren aktuelle Veränderungen von Arbeitsorganisation auf der Ebene von Gesellschaft, Betrieb und Person. Die Breite dieser Diskurse und der ihnen zugrundeliegenden Erhebungen können an dieser Stelle nicht vollständig rezipiert werden. Ein kursorischer Blick auf die Ansätze zeigt jedoch, dass ihnen – im Unterschied zu anderen Forschungsrichtungen der letzten fünfzehn Jahre – eine Perspektiverweiterung auf ein Thema gemeinsam ist, das in der Teildisziplin bislang nie ein vergleichbares Maß an Aufmerksamkeit erreichte: das Verhältnis von Arbeit und Leben. Indem die Subjekte als Akteure betrieblicher Rationalisierungsprozesse identifiziert werden, rücken nicht nur individuelle Fähigkeiten und Ressourcen, sondern zusehends auch der außerbetriebliche Lebenszusammenhang ins Zentrum des Interesses. Dieser erweist sich als der Ort, von dem neue Potenziale ‚abgezogen’ und für den Produktionsprozess verfügbar gemacht werden sollen.63 Im Folgenden soll exemplarisch anhand zweier aktueller Erklärungsansätze zum Wandel von Arbeit gezeigt werden, inwiefern sich das Verhältnis der Lebensbereiche als ein zentrales Thema aktueller arbeits- und industriesoziologischer Forschung etabliert: Während das Konzept der „Entgrenzung“ Thesen über den strukturellen Zusammenhang der Sphären enthält (2.2.1), fokussiert das Konzept der „Subjektivierung“ (2.2.2) auf Voraus63
Der Begriff „Potenziale“ wird in der gegenwärtigen arbeitssoziologischen Debatte häufig als Synonym für „Fähigkeiten“ gebraucht. Im Unterschied zu „Fähigkeiten“ ist der Begriff „Potenzial“ jedoch weitreichender und weist auf das grundsätzlich erreichbare Leistungsvermögen einer Person hin. Die Analyse der für die Erwerbssphäre relevanten Potenziale ist nicht nur methodisch weit schwieriger als die Untersuchung genetischer Anlagen, sondern auch ähnlich problematisch hinsichtlich ihres Anspruchs, auf der Basis einer statistischen Berechnung Prognosen eines hypothetischen Eintretens zu verlautbaren. Während Fähigkeiten erweitert und verbessert werden können, wären Potenzial-Analysen unweigerlich deterministisch: Sie würden Veränderungen von Person und Umwelt kaum Rechnung tragen, sondern aus der aktuellen Situation heraus auf die Einsatzfähigkeit im gesamten Erwerbsverlauf schließen. Ich verwende den Begriff „Potenziale“ daher im Folgenden ausschließlich im Sinne eines wandelbaren Vermögens der Person.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren
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setzungen und Folgen auf der Ebene der Subjekte.64 Da Beiträge dieser Forschungskontexte aufgrund ihrer Schnittstellen zu anderen Teildisziplinen in Kapitel 3. kontextbezogen diskutiert werden, erfolgt hier eine eher kursorische Bestandsaufnahme. Es gilt zu prüfen, warum und in welcher Hinsicht die Arbeits- und Industriesoziologie den Bereich der NichtErwerbsarbeit in ihre Analysen einbezieht und inwiefern sie dabei tatsächlich Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen berücksichtigt.
2.2.1 „Entgrenzung von Arbeit (und Leben)“: Konstruktion von Trennung, um „Entgrenzung“ festzustellen? Wie auch in der politischen Globalisierungsdebatte hat die Betrachtung bislang bekannter Grenzziehungen und deren möglicher Erosion auch in der Arbeits- und Industriesoziologie an Stellenwert gewonnen. Während im Zuge neuer Muster internationaler Arbeitsteilung und einer Internationalisierung der Finanzmärkte länderübergreifende Unternehmensverflechtungen stattfinden, verschieben sich auch auf der Ebene einzelner Betriebe bisherige Grenzen in der Arbeitsorganisation. Die Rede ist von einer „Entgrenzung von Arbeit“ (Sauer/Döhl 1994, 1997).65 Mit dieser Formel fokussieren die Autoren auf neue Formen betrieblicher Rationalisierung, in denen nicht nur die Produktionskette, sondern der gesamte Wertschöpfungszusammenhang von Unternehmen zur Disposition steht. Sie identifizieren ein neuartiges Ineinandergreifen von Produktionsformen, Unternehmensvernetzungen und Verfahren des Personaleinsatzes und diagnostizieren als charakteristisches Merkmal „entgrenzter Arbeit“ eine stringentere Anpassung des Personaleinsatzes sowohl an Produktionsund Dienstleistungsabläufe, als auch an Marktschwankungen. Folge sind Prozesse der Dezentralisierung und Vermarktlichung (Sauer/Döhl 1997), die ihren Niederschlag finden in einer flexibleren und dezentralen Unternehmensorganisation, der Etablierung betriebsinterner Märkte, der Ausweitung flexibler Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitszeiten sowie in neuen Arbeitskonzepten. „Entgrenzung“ beschreibt dabei nicht eine bereits verfestigte Struktur, sondern eine Prozessdynamik, aus der sich jedoch neue Strukturmerkmale destillieren lassen können. Entgrenzungsdynamiken ergeben sich demnach 1. auf der Ebene der Unternehmensorganisation, 2. in der Organisation des Einsatzes von Arbeitskraft sowie 3. im Hinblick auf die Verfahren der Leistungssicherung (Kratzer/Sauer 2003b).66 Mit diesem Blick auch auf die Veränderungen in den unmittelbaren Arbeitserfahrungen von Beschäftigten problematisieren Sauer/Döhl (1997: 41ff.) eine Zunahme von Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Diese gehe mit veränderten Erfolgsprinzipien ein64
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Natürlich zeichnet die Forschung der Arbeits- und Industriesoziologie seit den 1990er Jahren eine deutlich größere Spannbreite aus und geht keineswegs in diesen Konzepten auf. Die Ansätze sind für die vorliegende Untersuchung jedoch von besonderem Interesse, da sie das Verhältnis von Arbeit und Leben explizit als Forschungsgegenstand definieren und in den Kern der Teildisziplin rücken. Der auf den ersten Blick ‚neue’ Begriff „Entgrenzung“ greift ein Thema auf, das die Soziologie seit ihren Anfängen begleitet und unter den Überschriften „Arbeitsteilung“ und „Differenzierung“ bereits von den Klassikern behandelt wurde (Marx, Durkheim, Simmel). In den 1990er Jahren haben verschiedene AutorInnen diesen Begriff genutzt, um eine wachsende Vielfalt von Arbeitsformen zu betonen (s. z.B. auch Voß 1998; Gottschall 1999). Zum Konzept der „Entgrenzung von Arbeit“ liegen aus dem ISF München inzwischen zahlreiche Publikationen vor (s. exemplarisch Sauer/Döhl 1994, 1997; Kratzer/Döhl/Sauer 1998; Kratzer 2003; Kratzer/Sauer 2003b). Kratzer/Sauer schränken ein, dass ihr Konzept nicht als „Positivbestimmung“ des Neuen zu verstehen ist, sondern als heuristisches Instrument, um die Richtung des Wandels von Arbeit zu bestimmen.
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her: Galt zuvor das Prinzip „Lohn gegen Leistung“, sei dies nun reduziert auf „Lohn gegen Erfolg“. Nicht arbeitsbezogene Motivation, sondern Versagensangst und Erfolgsdruck seien daher wesentliche Impulse der Leistungserbringung. Seit Mitte der 1990er Jahre gelangen Untersuchungen vergleichsweise einhellig zu der Einschätzung, dass Unternehmen menschliche Arbeit als „primäre Unternehmensressource“ (Picot/Reichwald/Wigand 1998) entdecken und neue Rationalisierungsprinzipien entwickeln. Die Subjekte – vormals Objekte betrieblicher Strategien der Effizienz- und Produktivitätssteigerung – seien zusehends selbst Akteure von Rationalisierung. Tayloristische Arbeitsorganisation ist damit keineswegs aus dem betrieblichen Arbeitsalltag verschwunden (s. auch Springer 1999; Schumann 2002; Schumann u.a. 2005), hat jedoch ihren Modellcharakter eingebüßt.67 Konzepte zur „Internalisierung des Marktes“ (Moldaschl 1998) oder zum „Arbeitskraftunternehmer“ (Pongratz/Voß 1998) sind Ausdruck einer Arbeitsforschung, die diesen veränderten Zugriff auf die Subjektivität von Beschäftigten und ihren gesamten Lebenszusammenhang als neue Form der Nutzung von Arbeitskraft identifiziert: Die auf den „ganzen Menschen“ zielenden Arbeits- und Personalkonzepte greifen – so die weithin geteilte Einschätzung – auf solche Potenziale und Ressourcen der Personen zu, die bislang nicht explizit genutzt wurden.68 Die Funktionsweise dieses neuen Rationalisierungstyps und seine Folgen für die individuelle Bewältigung von betrieblichen Anforderungen greifen mikrosoziologische Analysen zur „Subjektivierung von Arbeit“ auf (s. 2.2.2). Seine strukturdynamische Wirkung findet dagegen Aufmerksamkeit im Konzept der „Entgrenzung von Arbeit“. Galt die sich im Zuge der Industrialisierung vollziehende Trennung von Arbeit und Leben als Strukturmerkmal von Taylorismus und Fordismus, so greife nun die „Entgrenzungslogik“ auch auf das Verhältnis der Lebensbereiche über und führe auch zu einer „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ (Voß 1994, 1998). Unternehmen erkennen demnach die private Lebenswelt von Beschäftigten zunehmend als eine Sphäre, in der einerseits für die Erwerbsarbeit relevante Kompetenzen entwickelt werden, aus der aber andererseits auch produktiv verwertbare Ressourcen – in neuer Qualität und Quantität – mobilisiert und in die Erwerbswelt eingespeist werden sollen. Um zu ergründen, welche ‚neuen’ Fähigkeiten und Potenziale die Arbeitskonzepte anvisieren und wo bzw. wie diese erworben werden, erweist sich für die Arbeits- und Industriesoziologie der 1990er Jahre eine Perspektiverweiterung auf das Außerbetriebliche als zunehmend obligatorisch. Zwar sind andere Lebensbereiche – wie der Rückblick zeigt (2.1.1) – wiederholt Gegenstand empirischer Erhebungen gewesen, doch fand in der Teildisziplin selten eine so intensive Auseinandersetzung mit dem Verhältnis der Lebensbereiche statt, wie sie sich in den letzten Jahren im Kontext des EntgrenzungsDiskurses beobachten lässt. Im Folgenden sollen daher exemplarisch Stellungnahmen vor-
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Die Arbeits- und Industriesoziologie steht daher vor der Aufgabe, die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuen auf die ihr zugrunde liegenden Prinzipien hin zu prüfen. Sauer (1993) betont den „systematischen Zusammenhang“ dieses Nebeneinanders – für ihn „erhält die Heterogenität von Produktionsformen strukturellen Charakter“ (1993: 20; s. auch Schumann u.a. 1994; Wolf 1997; Funder 1999). Zu Erwerbsbereichen, in denen kaum „Entgrenzung“ festzustellen ist, vgl. u.a. Voß 1998: 475f.. Die Industriesoziologie definiert „Entgrenzung“ zwar als Kennzeichen eines neuen Rationalisierungstyps, legt sich aber bislang nicht auf strukturelle Modi oder eine Modellbeschreibung fest. Diese Perspektive setzt sich bereits in den 1980er Jahren im Zuge der kontroversen Debatten zur Individualisierungsthese bzw. der These einer individualisierten Handlungsstruktur durch. Die Positionen ranken sich hier um die Reichweite, in der Individuen Gestaltungsspielräume für Lebensgestaltung und Lebenslauf erhalten (s. zur Nutzung von Arbeitskraft Kohli 1988: 48).
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gestellt werden, die explizit die Leitsemantik der „Entgrenzung“ als neues Strukturmerkmal auch des Verhältnisses von Arbeit und Leben deklarieren.69 Eine ausgewiesen „subjektorientierte Interpretation des Wandels von Arbeit“ legt Voß (1998) vor, der Entgrenzungsprozesse im Erwerbsleben mit der These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ verbindet. Ausgangspunkt der Argumentation ist die Annahme, dass sich die Auslagerung privater Belange aus der Erwerbssphäre im Fordismus als zentrales Instrument der Effizienzsteigerung etablierte. Folge sei die Trennung von Arbeit und Leben, die nun im Rahmen neuer Arbeitskonzepte zusehends wieder aufgehoben werde: Eine Vermischung der Sphären sei nicht nur geduldet, sondern werde explizit eingefordert. Sie entspringe einerseits den Bedürfnissen der Beschäftigten selbst, andererseits jedoch den Flexibilitätsvorstellungen der Unternehmen nach einem marktorientierten Personaleinsatz. Den Beschäftigten werde nicht nur am Arbeitsplatz ein erhöhtes Maß an Selbstorganisation und Selbstverantwortung abverlangt, sondern auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und privaten Bedürfnissen, die nun ebenfalls einer unmittelbaren Effizienzsteigerung unterworfen werde. Voß sieht hier „Entgrenzungen“ in verschiedenen „Sozialdimensionen“ (Zeit, Raum, Technik, Sozialorganisation und Sinn) und leitet daraus die individualisierungstheoretische Schlussfolgerung ab, dass der Bedarf einer „reflexiven Handlungsstrukturierung“ (Voß 1998: 479) steigt.70 Stehen weder für Erwerbsarbeit noch für die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben kollektive Orientierungsmuster und institutionelle Rahmungen zur Verfügung, müssen Beschäftigte „in neuer Qualität eigene Strukturen schaffen und individuelle Neubegrenzungen vornehmen“ (479) und sowohl Arbeit als auch Leben „aktiv re-strukturieren“ (476).71 Voß greift hier auf seine These der „Lebensführung als Arbeit“ (1991) zurück und liefert eine Perspektiverweiterung. Er legt in seiner Analyse des Wandels in der Nutzung von Arbeitskraft einen weiten Arbeitsbegriff zugrunde, der nicht nur außerbetriebliche Anforderungen im Sinne sozialstatistischer Personenmerkmale einbezieht, sondern auch für die Voraussetzungen des Einsatzes von Arbeitskraft sensibilisiert.72 Diese Überlegungen gehen auch in das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ ein (Voß/Pongratz 1998). Demnach werde die Transformation latenten Arbeitsvermögens in konkrete Arbeitsleistung in neuer Qualität den Subjekten zugewiesen (s. implizit bereits Deutschmann 1987; Berger 1995).73 Betriebliche Strategien der Nutzung von Arbeitskraft 69
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Forschungsergebnisse, die sich weniger programmatisch auf dieses Konzept festlegen (z.B. aus der Führungskräfte- oder Arbeitszeitforschung), werden ausführlicher in Kapitel 3. vorgestellt und auf ihre Perspektiverweiterungen hin geprüft. Ähnlich differenziert bereits Schimank (1983: 101ff.) in seiner Studie zu „neoromantischem Protest im Spätkapitalismus“ solche Dimensionen im Bezug der Subjekte auf den Arbeitsprozess. Voß verweist hier auf die empirischen Ergebnisse zur „alltäglichen Lebensführung“ (Projektgruppe 1995). Die ForscherInnen untersuchen Formen von Lebensführung innerhalb von Beschäftigtengruppen, die in vielfacher Hinsicht von Flexibilisierung und Deregulierung betroffen sind. In der Auswertung qualitativer Interviews unterscheiden sie als Idealtypen eine „traditionale“, eine „strategische“ sowie eine „situative“ Lebensführung (Projektgruppe 1995; s. 3.). Das Konzept ist leider weniger im Kernbereich der Industriesoziologie als in der Erforschung von Schnittstellen von Arbeit und Leben rezipiert worden (s. 3.). Die Konzeption von Beschäftigten als „Unternehmer ihrer selbst“ findet sich auch bei Bridges (1996) und wird in der Ratgeberliteratur als Lebenseinstellung angepriesen, die Erfolg im Beruf garantiere (Wabner 1997; s. auch Huber 1996). Einen Bezug zum außerberuflichen Leben oder gar der Entwicklung von Arbeitskraft im Kontext von Produktionsmodellen stellen diese Beiträge jedoch nicht her. KritikerInnen des Ansatzes von Voß/Pongratz stoßen sich weniger an diesen Thesen zu neuen Anforderungen an abhängig Beschäftigte, sondern bemängeln einen (zu) verallgemeinernden Charakter der These, ihr zugrunde liegende Linearitätsannahmen sowie die Konzeption von Arbeitskraft als Ware. Zur Debatte der These vgl. u.a.
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reduzieren sich somit nicht nur auf eine erhöhte „Selbst-Kontrolle“ von Arbeitsprozessen und den Zwang, die eigene Arbeitskraft – im Sinne einer „Selbst-Ökonomisierung“ – betriebsintern und -extern gezielt zu vermarkten und weiterzuentwickeln.74 Darüber hinaus werde eine „effizienzorientierte ‚Organisierung’ aller Aktivitäten“ erforderlich. Voß/Pongratz bezeichnen diese Anforderung als „Verbetrieblichung“ (1998) der gesamten Lebensführung bzw. „Selbst-Rationalisierung“ (2003).75 Für die Frage, inwiefern die Entgrenzungs-Debatte Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen thematisiert, ist diese dritte These von besonderem Stellenwert. Voß/Pongratz (1998) gehen hier davon aus, dass sich durch die Veränderungen in der Arbeitswelt eine „gezielt alle individuellen Ressourcen nutzende systematische Organisation des gesamten Lebenszusammenhangs“ (1998: 143) ergebe. Die Unternehmen greifen – so ihre These – nicht nur auf direkte berufsbezogene Qualifikationen zurück, sondern auch auf Potenziale und Ressourcen wie den häuslichen Wohnraum, private Netzwerke, Unterstützungsleistungen der Partner und allgemeine Besitzstände. Indem die Subjekte gefordert sind, alle verfügbaren Ressourcen auf eine optimale Nutzung von Arbeitskraft hin einzusetzen, entwickle sich der Alltag als „Betrieb des Arbeitskraftunternehmers“, den es individuell aufrechtzuerhalten gelte. Die Logik von Effizienzsteigerung und Ökonomisierung breite sich in wachsendem Maße auch in der privaten Lebenssphäre aus. In der empirischen Analyse operationalisieren die Autoren die Thesen der „SelbstKontrolle“, „Selbst-Ökonomisierung“ und „Selbst-Rationalisierung“ durch die Untersuchung von „Leistungsorientierungen“, „berufsbiographischen Orientierungen“ und „Elastizitätsmustern“ (Pongratz/Voß 2003). Sie sehen die These der erweiterten „Selbst-Kontrolle“ als bestätigt an; die These der „Selbst-Rationalisierung“ sei dagegen schwächer ausgeprägt; die These der „Selbst-Ökonomisierung“ finden die Autoren nur als Randerscheinung in ihrer Kontrollgruppe von Selbstständigen bestätigt. Die Autoren stellen stattdessen eine starke Ausrichtung der Beschäftigten am Betrieb, an den dort gültigen Rahmenbedingungen und am institutionalisierten Beschäftigungsverhältnis fest. Während in der Dimension von „Selbst-Kontrolle“ bzw. „Leistungsorientierung“ also auch abhängig Beschäftigte als „Arbeitskraftunternehmer“ interpretiert werden könnten, seien in anderen Dimensionen die Merkmale des „verberuflichten Arbeitnehmers” (noch) dominant.76 Für die Untersuchung von Wechselwirkungen von Arbeit und Leben sind die typisierten „Elastizitätsmuster“ aufschlussreich. Pongratz/Voß (2003) identifizieren in Bezug auf die Alltagsorganisation „starr segmentierte“, „gleitend segmentierte“ und „integrierte“ For-
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Bosch 2000; Deutschmann 2001; Kuda/Strauß 2002; Schumann 2003; inzwischen liegt eine Replik und empirische Prüfung durch die Autoren vor (Pongratz/Voß 2003, 2004a, b). Voß/Pongratz (1998) greifen hier auf den Betriebsstrategieansatz von Altmann/Bechtle (1971) zurück und deklinieren dessen Dimensionen in der Perspektive auf die Alltagsorganisation von Beschäftigten durch. Die Verwendung des Rationalisierungs-Begriffs ist in dieser Hinsicht missverständlich, da in der Arbeitsforschung „Rationalisierung“ in erster Linie auf den betrieblichen Einsatz von Arbeitskraft bezogen wird, diese Aspekte bei Voß/Pongratz hingegen in der Dimension der „Selbst-Kontrolle“ aufgehen. Mit der Dimension der „Selbst-Rationalisierung“ rekurrieren die Autoren implizit auf die „rationale Lebensführung“, die für Weber (1988) – neben protestantischer Ethik und „innerweltlicher Askese“ – als Voraussetzung des modernen Kapitalismus gilt. Die Ausgangsthese zur Übereinstimmung von Arbeitskrafttypen und Produktionsmodellen wird daher relativiert und stärker prozessual interpretiert: Im Unterschied zur ersten Formulierung der These betonen Pongratz/Voß (2003) eine “Entkopplung” und konstatieren ein “dialektisches Auseinanderhervorgehen” der Arbeitskrafttypen. Faust (2005) sieht hierin eine analytische Notlösung, indem eine „festgestellte Inkongruenz“ umgedeutet werde in ein „Noch-Nicht“.
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men. Während sich in den beiden ersten Typen noch eine mehr oder weniger deutliche Trennung der Sphären zeige, kennzeichne den Typus „Integration“ ein kontinuierliches Balancieren zwischen Arbeit und Leben, die als je eigenständige Bereiche erkennbar blieben. Eine „Entgrenzung“ lasse sich nur in der Kontrastgruppe der beruflich Selbständigen finden, in der eine Trennung der Lebensbereiche nicht angestrebt werde (s. auch Egbringhoff 2004). Auffällig ist eine Häufung des Typus der „starren Segmentation“ in der Gruppe der ArbeiterInnen. Neben traditionellen Orientierungen sehen Pongratz/Voß (2003) die Ursache hierfür in dem Motiv, einen „Schutz privater Freiräume gegenüber fremdbestimmten Arbeitsanforderungen“ zu erreichen. Hier stellt sich die Frage, warum nicht auch andere Beschäftigtengruppen dieses Motiv verfolgen. Es kann vermutet werden, dass nicht die Interessen an einer Begrenzung des betrieblichen Zugriffs berufsgruppenspezifisch ausgeprägt sind, sondern die faktischen Möglichkeiten, sich diesem zu widersetzen: Während im Produktionsbereich die Arbeitsbedingungen nicht nur stark reguliert sind, sondern auch der Arbeitseinsatz an die Produktionsmittel vor Ort gebunden ist, haben andere Beschäftigtengruppen diesen (strukturellen) Schutzraum nicht. Abhängig von der Art der Tätigkeit und den Einsatzmöglichkeiten von Kommunikations- und Informationstechnologien lässt sich – wie Pongratz/Voß (2003) ja selbst für höher Qualifizierte feststellen – der Arbeitseinsatz im Privaten fortsetzen. Hier hängt es also vom Subjekt selbst ab, eine Grenzüberschreitung zu verhindern, soweit sie den individuellen Bedürfnissen widerspricht. Solche möglichen Interessenkollisionen sind inzwischen in der Arbeitsforschung breit untersucht worden (s. exemplarisch Glißmann/Peters 2001). Mehr „Selbst-Kontrolle“ knüpft an die Forderungen an, die auch die Arbeitsforschung im Kontext der Humanisierungsdebatte in den 1970er Jahren formulierte (2.1.2.). Dass damit auch neue Belastungen einhergehen, zeigt die Forschung zur „Subjektivierung von Arbeit“ (s.u.). Für die Anforderungen aus den Lebensbereichen verheißen die Arbeitskonzepte zunächst die Option, Arbeit und Freizeit flexibler zu verteilen; aufgrund der Hierarchie von Erwerbsarbeit und Privatleben, die Arbeitsgesellschaften seit der Industrialisierung kennzeichnet, bringen sie als Nebenfolge jedoch stets Tendenzen einer zunehmenden Ökonomisierung der Lebensbereiche mit sich. Diese Differenzierung in ‚Entgrenzung als Wunsch’ bzw. ‚Entgrenzung als Zwang’ greift Kratzer (2003) im Rahmen des am ISF München entwickelten Entgrenzungskonzepts auf. Kratzer, der die These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ empirisch prüft, resümiert ebenfalls Flexibilisierung und Subjektivierung als neue Rationalisierungsmodi, durch die sich die bisherige Trennung von Arbeit und Privatsphäre jedoch zusehends aufhebe. Kratzer bezieht – wie auch Voß (1998) – gesellschaftliche Entwicklungen außerhalb der Erwerbssphäre ein, indem er auf Wertewandel, gestiegene Frauenerwerbsquote und eine Pluralisierung von Lebensformen rekurriert.77 Diese Entwicklungen sieht er als Ursache dafür, dass es zu Übereinstimmungen und einer Harmonisierung von Anforderungen der Betriebe nach entgrenzter Arbeit und individuellen Bedürfnissen kommen könne. Seine Annahme ist jedoch weitreichender: Diese Entwicklungen in den privaten Lebenszusammenhängen seien nicht nur Begleiterscheinung, sondern auch Voraussetzung der neuen Rationalisierungsprinzipien (2003: 42). Kratzer geht damit von tatsächlichen Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen aus, indem er Rückwirkungen aus der Privatsphäre 77
Auch in der Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung Deutschlands setzt sich inzwischen durch, „Arbeit und Lebensweise“ stärker als je eigenlogische und in Wechselwirkung stehende Bereiche zu verstehen (Bartelheimer/Wittemann 2003).
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ins Erwerbsleben hinein berücksichtigt. Inwiefern ökonomische Verhältnisse erst Auslöser von Bedürfnissen sind, bleibt in der Analyse leider vernachlässigt. Hier wären die Ergebnisse der Bewusstseinsforschung weiterführend. Sie zeigen, dass sich Orientierungen als Resultat von Erfahrungen in der Erwerbssphäre herausstellen können und Bedürfnisse nicht losgelöst vom individuell Möglichen zu interpretieren sind (Knapp 1981; s. 2.1.2).78 Zudem zeigt sich bei Kratzer (2003: 208ff.) – wie auch bei Bosch (2000) oder Pongratz/Voß (2003) –, dass Arbeitsanforderungen aus dem privaten Lebensbereich zwar in die Erhebungen einbezogen werden, jedoch maßgeblich im Hinblick auf mögliche Beschränkungen des Arbeitskrafteinsatzes. Als eigenständiger und eigenlogischer Arbeitsbereich wird private Reproduktionsarbeit nicht aufgegriffen, sofern sie sich der Interpretationsfolie ‚Entgrenzung-Begrenzung’ entzieht. Dies zeigt sich in der Auswertung, wenn Kratzer (2003: 210) drei Formen des „subjektiven Umgangs mit dem Verhältnis von Arbeit und Leben“ unterscheidet: 1. eine lebensweltliche Begrenzung, 2. eine zeitliche Begrenzung, 3. eine subjektiv gestaltete Entgrenzung.79 Während die ersten zwei Typen eher Hinweise auf strukturelle Rahmenbedingungen von Alltagsorganisation geben, benennt lediglich der dritte Typus eine Strategie der Bewältigung veränderter Arbeitsanforderungen und beschreibt individuelle Anpassungsleistungen. Sie bestehen entweder in einer Intensivierung von Arbeitsleistung, um Zeit für Privates freizuhalten, oder einer Extensivierung von Arbeit, um auch privaten Belangen, vor allem aber individuellen Ansprüchen an das Arbeitsergebnis gerecht zu werden. Für Kratzer ist es – wie auch Ergebnisse anderer Forschungskontexte nahe legen (s. die Beiträge in Seifert 2005) – maßgeblich der gestiegene Leistungs- und Konkurrenzdruck, der zu diesen Präferenzen führt. Diese artikulierten Interessen sind jedoch – und dies droht tendenziell aus dem Blick zu geraten – Ausdruck einer bereits erfolgten Anpassung an gegebene Verhältnisse. Aufschluss über Wünsche und Orientierungen der Beschäftigten geben sie nicht. Hier zeigt sich eine offenkundige Lücke in der Entgrenzungs-Forschung: Die Eigenlogik des privaten Lebensbereichs bleibt vernachlässigt. Am Außerbetrieblichen interessiert daher vor allem das, was sich als mögliches Hindernis von „entgrenztem Arbeitseinsatz“ erweisen könnte wie z.B. die Verantwortung für private Reproduktionsarbeit oder die Bindung an einen bestimmten Wohnort. Begrenzungen im Sinne subjektiver Bedürfnisse und in der Folge aktiver Widersetzungen gegenüber einem erweiterten Zugriff des Betriebes werden hingegen in der Forschung zu „entgrenzter Arbeit“ kaum thematisiert. Welche Erfahrungen aus dem außerbetrieblichen Leben für die eine oder andere Anpassungsstrategie motivieren, bleibt in den Studien ebenso offen wie die Frage, ob und wie nun auch private Interessen in die Erwerbswelt eingebracht werden (Schönberger 2004). Ausgangspunkt der Analysen sind die Veränderungen in der Erwerbsarbeit. Die Beiträge beziehen zwar allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen als Rahmenbedingungen des Wandels von Arbeit ein. Die damit verbundenen Bedürfnisse und Anforderungen im außerbetrieblichen Arbeitsbereich bleiben jedoch konzeptionell vernachlässigt und werden – in den empirischen Studien – lediglich dann thematisiert, wenn sie unmittelbar das Erwerbsverhalten von Beschäftigten beeinflussen. Die Lücke, die die Be78
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In der Arbeitsmarktforschung liegen zahlreiche Hinweise dafür vor, dass Frauen Teilzeitarbeitplätze angeboten werden, obwohl diese gern Vollzeit arbeiten würden (Engelbrech 2002; Bauer u.a. 2002). Das Angebot stabilisiert insofern familiale Arbeitsteilungsmuster, in denen Frauen das Gros der Familienarbeit übernehmen; junge Frauen antizipieren über das Angebot gesellschaftliche Rollenerwartungen und richten ihre Lebensplanung auf beide Arbeits- und Lebensbereiche aus. Wie auch bei Pongratz/Voß (2003) sind die Ausprägungen bei Kratzer zwischen den Typen „Segmentation“ und „Integration“ angesiedelt (s. auch Kleemann 2003).
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wusstseinsforschung seit den späten 1970er Jahren hinterlassen hat, führt hier offenkundig zu Erklärungsschwierigkeiten. Die Leistung der Ansätze zur „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ besteht maßgeblich darin, dass sie – da die Autoren im Kern industriesoziologische Forschung betreiben – für ein Thema Aufmerksamkeit erzielen, das in der Teildisziplin häufig randständig behandelt wird. Durch die Debatte über eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ wird das Verhältnis der Lebensbereiche über den bekannten Vereinbarkeitsdiskurs hinausgehend thematisiert. Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen rücken nicht nur als Problem erwerbstätiger Mütter und als Frage geschlechtlicher Arbeitsteilung in den Blick, sondern werden als Element gesellschaftlicher Arbeitsorganisation insgesamt berücksichtigt. Voß (1998) gelingt es, seine These der „Lebensführung als Arbeit“ zu aktualisieren und aufzuzeigen, wie voraussetzungsvoll der Einsatz von Arbeitskraft ist. Er schließt damit implizit an Forschungsarbeiten der Arbeitssoziologie an, die – wie Kapitel 2.1.2 zeigen konnte – einen erweiterten Reproduktionsbegriff zugrundelegen und die Notwendigkeit der „Reproduktion als Arbeitskraft“ betonen (Asendorf-Krings/Drexel/Nuber 1976; Brock/Vetter 1982a). Voß setzt in diesem Zusammenhang seine konsequent subjektorientierte Perspektive fort. Er überträgt die Dimensionen der Steuerung von Arbeit auf die Lebensführung von Personen im Kontext veränderter Rationalisierungsprinzipien und problematisiert „aktive Begrenzungen“ als neue Anforderung an Beschäftigte (s. auch Kratzer 2003; Kratzer/Sauer 2003b). Als Vorteil der Entgrenzungs-These erweisen sich dabei die systematische Einbeziehung unterschiedlicher Untersuchungsebenen und die Analyse der Wechselbeziehungen zwischen ihnen. Die Autoren analysieren Veränderungen auf betrieblicher und individueller Ebene und dies aus sowohl objektiver als auch subjektiver Perspektive (Kratzer/Sauer 2003b). Die Perspektiverweiterung des Entgrenzungsdiskurses besteht daher maßgeblich darin, die unmittelbaren Folgen für die Arbeitsbedingungen abhängig Beschäftigter zu reflektieren, und die veränderten Anforderungen als Element einer neuen Strategie der Rationalisierung von Arbeitskraftnutzung zu erkennen. Es gelingt daher, die Wirkungszusammenhänge unterschiedlicher Ebenen von Arbeitsorganisation fundierter zu bestimmen, als es bisherige Debatten zum Fordismus bzw. Postfordismus vermochten. Während diese veränderten Anforderungen an die Beschäftigten inzwischen empirisch für unterschiedliche Beschäftigtengruppen belegt sind (Eberling u.a. 2004), bleibt jedoch vergleichsweise unterbelichtet, welche Arbeitsfähigkeiten die Betriebe aus dem Privaten einfordern, die bislang noch nicht angezapft wurden. Hier stellt sich die Frage, inwiefern „Selbst-Rationalisierung“ nicht eine Voraussetzung ist, ohne die sich unter den gegebenen Produktionsverhältnissen Arbeitskraft generell nicht verausgaben lässt. Die Ausschöpfung anderer Ressourcen wie z.B. sozialer Netzwerke oder materiellen Kapitals kann kaum als grundlegend neues Phänomen betrachtet werden: Beschäftigte haben schon immer auf Netzwerke zurückgegriffen, um Arbeitsplätze zu erhalten und auch materielle Ressourcen eingesetzt, wenn sie z.B. im Rahmen von Heimarbeit ihren Wohnraum als Arbeitsplatz nutzen oder eine schlechte Ausstattung von Arbeitsplätzen – soweit möglich – individuell kompensieren. Auch das Einbringen ‚zusätzlicher’ Kompetenzen in den Arbeitsprozess ist bereits ein bekanntes Phänomen: In der Arbeitsforschung liegen zahlreiche Studien vor, die zeigen, wie vielfältig die Fähigkeiten sind, die zwar nicht in Arbeitsplatzbeschreibungen festgehalten oder betrieblich vermittelt, von den Beschäftigten jedoch im Arbeitsalltag kontinuierlich eingebracht werden (s. exemplarisch Schmiede 1988; Deutschmann 2001, 2002). Um welche Kompetenzen es sich hierbei genau handelt sowie ob und unter welchen
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Bedingungen diese aktuell in den neuen Arbeitskonzepten mobilisiert werden, ist bislang noch weitgehend unerforscht. Da Voß/Pongratz (1998, Pongratz/Voß 2003) keine Längsschnittdaten auswerten, muss die These der „verstärkten Selbst-Rationalisierung“ daher zwar mit Vorsicht behandelt werden, sensibilisiert jedoch für die Ausrichtung zukünftiger Forschungsperspektiven: Die Nutzung von Potenzialen aus der Privatsphäre ist keine neue, aber eine möglicherweise von den Unternehmen indirekt eingebrachte Leistungserwartung, mit der sich abhängig Beschäftigte auseinandersetzen müssen. Die Thesen der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ und einer verstärkten „SelbstRationalisierung“ erweisen sich zudem aufgrund ihrer Konzeption als Struktur-These als problematisch. Zunächst stellt sich aus geschlechtersoziologischer Perspektive die Frage nach der Norm, auf deren Basis ein vermeintlicher Wandel konstatiert werden könnte. Wenn sich in der Forschung eine verstärkte „Selbst-Rationalisierung“ bestätigt (Pongratz/ Voß 2003) und auch private „soziale Beziehungen (.) zu ökonomisch werthaltigen Arbeitsbeziehungen verobjektiviert“ werden (Matuschek 2003: 350), dann sind dies Hinweise auf eine mögliche neue Dynamik der „Vermischung“ von Arbeit und Leben – um ein neues Phänomen handelt es sich jedoch auch hierbei nicht. Bereits Studien der Frauenarbeits- und der Familienforschung der 1970er und 1980er Jahre zeigen, dass Unterstützungsleistungen der Partner (vor allem der Partnerin) stets indirekt genutzt werden. Frauen übernehmen die Haus- und Familienarbeit, bügeln Hemden, packen Koffer, suchen Geschenke für KollegInnen und MitarbeiterInnen aus, organisieren Abendessen mit Kunden und Vorgesetzten und stellen sicher, dass der Partner trotz Mobilität und Flexibilität für das Unternehmen ein erfülltes Privatleben hat – zugegeben, eine idealtypische Beschreibung, doch nicht ohne empirische Evidenz: Alle vorliegenden Studien belegen, dass solche Aufgaben des “Rücken-Freihaltens” überwiegend von Frauen übernommen werden. In der soziologischen Forschung ist diese “zweite Rolle” als gesellschaftlich hoch funktionale Leistung aufgedeckt worden (z.B. Singly/Chaland 2002; Liebold 2001). „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ kann daher nur konstatiert werden, wenn man die „Trennung der Lebensbereiche“ als Kennzeichen einer vorherigen Form der Arbeitsorganisation konstruiert. Die Erkenntnisse aus der Frauenarbeitsforschung zeigen jedoch, dass mit solchen Reduktionismen die Verbindungslinien zwischen den Arbeitsbereichen ebenso vernachlässigt bleiben wie die mit ihr einhergehenden sozialen Hierarchisierungen. Für weibliche Lebenszusammenhänge war eine Vermischung der Lebensbereiche schon immer anzutreffen – nicht im Sinne einer tatsächlichen Durchmischung von Arbeiten, sondern in Form der gezielten Wiederherstellung von eigener und anderer Arbeitskraft im Privaten sowie der konsequenten Ausrichtung des privaten Arbeitsplatzes auf die Erwerbsanforderungen. Erwerbsarbeit und private Reproduktion sind insofern aufeinander verwiesene und funktional abhängige Lebensbereiche, die jedoch nach wie vor sowohl unterschiedliche Arbeitsformen wie auch die Geschlechter voneinander separieren. Diese Gleichzeitigkeit von Trennung und Verbindung ist kein neues Phänomen, sondern Kennzeichen funktional differenzierter und geschlechtshierarchisch organisierter Gesellschaften. Soll die These der „Selbst-Rationalisierung“ überzeugen, müsste sie folglich dahingehend interpretiert werden, dass diese optimale Reproduktion von Arbeitskraft, Ressourcennutzung und Kontaktpflege nun statt von der Partnerin vom Einzelnen selbst hergestellt oder ihre Kommerzialisierung individuell organisiert wird.80 Alle vorliegenden Untersu80
Den möglichen Einwand, die Delegation solcher Aufgaben an die Partnerin als “Selbst-Rationalisierung” zu beschreiben, werde ich hier bewusst nicht diskutieren. Er wäre nicht nur diskriminierend, sondern würde
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chungen zur Arbeitsteilung in Paarbeziehung legen hier eine skeptische Interpretation nahe, da auch in sozialen Milieus, die oft als vermeintliche Vorreiter auf dem Weg zur Chancengleichheit gelten, die Arbeitsteilung noch immer zu Lasten der Frauen organisiert ist und sich lediglich auf anderem Niveau reproduziert (z.B. Frerichs/Steinrücke 1997). Auch Gottschall/Betzelt (2003) bleiben auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse hinsichtlich der Entgrenzungs-These zurückhaltend. Sie untersuchen Kulturberufe, da diese „nicht in die traditionell dominanten, geschlechtsspezifisch geprägten bzw. Geschlecht konstituierenden Muster von ‚Arbeit und Leben’ passen“ (205). Die Autorinnen stellen fest, dass sich in den Kulturberufen vergleichsweise häufig dual career couples antreffen lassen, jedoch weitgehend die alte geschlechtliche Arbeitsteilung – mit nur neuem Antlitz – aufrechterhalten bleibt (s. auch Auer 2000; Behnke/Meuser 2003). Ihrer Einschätzung nach setzen familiale Arbeitsteilungsmuster auch Grenzen gegenüber Entgrenzungsbestrebungen von Betrieben, so dass sich die „berufliche Indienstnahme privater Lebenszusammenhänge“ auf bestimmte biografische Phasen beschränke (Bosch 2000). Eine geschlechtersoziologische Perspektive auf die These der „Selbst-Rationalisierung“ muss daher in Frage stellen, welche Norm dieser Annahme zugrunde liegt. „Entgrenzung“ erweist sich dann als lediglich für männliche Lebenszusammenhänge ‚neues’ Problem, auf das jedoch weitgehend im Rahmen bereits bestehender Arbeitsteilungsmuster reagiert werden wird: Die Einbettung der Lebensbereiche in ein gesellschaftliches Arbeitsteilungsmuster liefert nicht nur Vorgaben für soziales Handeln, sondern reproduziert auch soziale Hierarchisierungen. Ob sich durch die verstärkte Erwerbsintegration von Frauen an dieser ungleichen Bewältigung von „SelbstRationalisierung“ etwas ändert, muss angesichts der Persistenz traditioneller Arbeitsteilungsmuster bezweifelt werden.81 Die These der „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ erweist sich vor diesem Hintergrund als Strukturthese als zu weitreichend. Eine neue Dynamik erreicht die Alltagsorganisation abhängig Beschäftigter zweifelsohne, indem durch Prozesse der Flexibilisierung und Deregulierung bislang handlungsleitende Strukturen des Arbeitslebens erodieren und die Subjekte gezwungen sind, individuell zu „re-strukturieren“ (Voß 1998). Das Verhältnis der Lebensbereiche bleibt davon jedoch strukturell unberührt. Zwar bestehen – vermittelt über die Subjekte – Verbindungslinien zwischen den Sphären, doch bleiben deren Funktionslogiken davon weitgehend unangetastet. Belege hierfür finden sich in Untersuchungen zu solchen Arbeitsformen, in denen eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ auf den ersten Blick nahe zu liegen scheint: Kleemann (2003) resümiert in seiner Untersuchung zu Teleheimarbeit, dass diese Form „entgrenzter Arbeit“ nur sehr zurückhaltend genutzt wird und eine „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ bislang nicht festzustellen ist. Die Lebensbereiche blieben nach wie vor funktional ausdifferenziert und seien weder strukturell noch handlungslogisch entgrenzt. Entgrenzung zeige sich jedoch auf der Ebene individueller Hand-
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auch die These an sich ad absurdum führen und reale Arbeitsteilungsmuster und damit verbundene Hierarchisierungen eher verschleiern als aufdecken. Sofern also Pongratz/Voß mit der “gezielten Nutzung privater Ressourcen” auf solche Arbeitsteilungen rekurrieren wollen, wäre eine Überprüfung des Begriffs geboten und die These des Wandels der Nutzung von Arbeitskraft zu prüfen. Aufgekündigt wird diese Arbeitsteilung zur Zeit weniger durch die veränderten Formen der Nutzung von Arbeitskraft als durch die zunehmende Erwerbsorientierung und -tätigkeit vor allem junger Frauen, die nicht bereit sind, solche privaten Dienstleistungen für den Partner zu erbringen. Auch im Selbstverständnis von (gleichwohl wenigen) Männern ist diese Form von Arbeitsteilung nicht mehr wünschenswert bzw. mit einer hochqualifizierten Partnerin kaum noch umsetzbar, so dass eher auf kommerzielle Angebote zurückgegriffen wird (vgl. auch Ellguth/Liebold/Trinczek 1998).
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lungspraktiken; die Handlungskomplexität nehme ebenso deutlich zu wie die Handlungsoptionen. Eigene empirische Erhebungen zeigen, dass gerade im Bereich hochqualifizierter Beschäftigung eine Entdichtung des Arbeitstages angestrebt wird, indem die Beschäftigten sich mittels Arbeitszeitkonten in den Pausen mit Freunden treffen, Besorgungen vornehmen usw.. Dies führt objektiv zu einer stärkeren Durchmischung von Arbeits- und Freizeitphasen. In der Subjektperspektive bleiben die Bereiche jedoch weiterhin klar getrennt, da Freizeit und Leistungszeit – obwohl sich ein Autonomiegewinn durchaus einstellt – nach wie vor entlang der Trennlinie von selbst- und fremdbestimmter Zeitverwendung wahrgenommen werden (Jürgens 2004, s. 4.).82 Beachtenswert ist, dass sich die Ansätze zur „Entgrenzung“ in besonderer Weise Tendenzen der Erosion bisheriger Grenzziehungen widmen und damit den Blick vor allem auf den Wandel von Arbeit bzw. des Verhältnisses von Arbeit und Leben richten. KritikerInnen betonen demgegenüber, dass die Restrukturierung von Unternehmen auch mit einer Neuordnung interner und externer Organisationsgrenzen verbunden sei, dies aber nicht gleichgesetzt werden könne mit einem Prozess der vollständigen Auflösung von Organisationsgrenzen. Sie fokussieren daher auf Grenzverschiebungen und mögliche „Grenzen der Entgrenzung“ (Wolf/Mayer-Ahuja 2002; Funder 2000; Minssen 2000). Während diese Berücksichtigung von „Begrenzungen“ vor allem auf institutionelle und strukturelle Barrieren fokussiert, bleiben individuelle Widersetzungen vergleichsweise unterbelichtet. In den Studien finden sich vereinzelt Hinweise darauf, dass die Schutzfunktionen des Normalarbeitsverhältnisses als „positive Referenzfolie“ (Kratzer 2003: 217) gereichen und die Beschäftigten offensiv die Vorteile „begrenzter Arbeit“ thematisieren (s. die Beiträge in Pongratz/Voß 2004c). Der Zugewinn an individueller Autonomie im Arbeitsprozess scheint sich offenkundig nur dann als Vorteil zu erweisen, wenn die mit dem Beschäftigungsverhältnis bislang verbundenen Absicherungen erhalten bleiben. Aktive „Begrenzungen“ durch die Personen sind hingegen erforderlich, wenn solche Grenzüberschreitungen stattfinden, die grundsätzlich und kontinuierlich individuelle Bedürfnisse verletzen. Ob und wie sich Beschäftigte daher auch aktiv den Anforderungen der Erwerbssphäre entziehen bzw. individuelle Grenzziehungen vornehmen, ist bislang eine noch offene Frage aktueller Arbeitsforschung.
2.2.2 „Subjektivierung von Arbeit“: Fokussierung auf Erwerbsarbeit, um „Subjektivierung“ festzustellen? Die Prozesse der „Entgrenzung von Arbeit“ auf der Strukturebene gehen – so das in der Arbeits- und Industriesoziologie verbreitete Fazit – auf der Subjektebene mit einer „Subjektivierung von Arbeit“ einher. Ebenso wie „Entgrenzung“ beschreibt „Subjektivierung“ eine Prozessdynamik. Sie ist kein neues Phänomen, da sich Subjekte stets mit nicht nur rein erwerbsbezogenen Bedürfnissen und Potenzialen in die Erwerbsarbeit einbringen. Bereits Weber (1988: 17ff.) betont gegenüber einer strukturtheoretischen Perspektive die „rationale Leistungsethik“ der Arbeiter als eine zentrale Voraussetzung zur Aufrechterhaltung und 82
Die Folgen von Flexibilisierung und Deregulierung stellen sich in unserer Untersuchung zudem für die Beschäftigtengruppen sehr unterschiedlich dar: Die Betroffenheit und eigene Gestaltungsfähigkeit von „entgrenzter Arbeit“ variiert abhängig von der betrieblichen Interessenregulierung, der Arbeits(zeit)kultur sowie der individuellen Qualifikation und betrieblichen Position und Arbeitsmarktlage (Eberling u.a. 2004).
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Effektivität des Arbeitsprozesses. Er spricht den Arbeitern Strategien zu wie das „Bremsen“ oder den Streik, mit denen sie sich gegenüber Anforderungen seitens der Unternehmer zur Wehr setzen könnten. Auch wenn diese Interpretation vielfach als idealtypisches, die konkreten Handlungsrestriktionen vernachlässigendes Konstrukt bemängelt wurde, so ist dennoch die Sensibilität für die Beiträge der Subjekte zum Gelingen betrieblicher Abläufe inzwischen gewachsen (u.a. Böhle 1994, 1999; Trautwein-Kalms 1995; Wolf 1999). Die These der „Subjektivierung“ schließt insofern nicht aus, dass bereits zuvor „Selbsttätigkeit“ stets erforderlich war, damit betriebliche Abläufe funktionierten.83 Sie betont demgegenüber jedoch eine neue Qualität, in der Subjektivität in den Arbeitsprozess einfließe. Diese sei zum einen durch einen gesteigerten Anspruch der Beschäftigten gekennzeichnet, sich in den Arbeitsablauf mit vielfältigen Fähigkeiten und Bedürfnissen einzubringen; zum anderen seien neue Arbeitskonzepte nun gezielt darauf ausgerichtet, solche Potenziale verstärkt zu nutzen und eine Verinnerlichung betriebswirtschaftlicher Ziele zu befördern. Mit der These der „Subjektivierung von Arbeit“ als dynamischen Prozess betont die Arbeits- und Industriesoziologie daher eine „Intensivierung des Wechselverhältnisses zwischen Subjekt und Arbeit“ (Kleemann/Matuschek/Voß 1999: 2). Sie greift dabei auf solche soziologischen Ansätze zurück, die bereits seit Ende der 1980er Jahre „Subjektivierung“ als Teil eines umfassenderen Modernisierungsprozesses identifizieren. Dieser eröffne den Individuen erweiterte Gestaltungsspielräume und Entscheidungsfreiheiten, bringe jedoch gleichzeitig auch den Zwang zur Selbststeuerung und -verwirklichung mit sich (Beck 1986; Berger/Hradil 1990; Beck/Giddens/Lash 1996). Diese Betonung der Subjektebene hinterlässt auch in der Arbeitsforschung ihre Spuren: Studien zum subjektiven Stellenwert von Erwerbsarbeit relativieren nicht nur die These vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ (Offe 1984), sondern liefern auch Hinweise auf veränderte Steuerungsmodi von Arbeit, die in neuer Art und Weise die Subjektivität der Beschäftigten einbeziehen (Baethge 1991; Heidenreich 1996). Die Frage der „normativen Subjektivierung von Arbeit“ hat Baethge (1991) bereits Anfang der 1990er Jahre thematisiert. Er identifiziert veränderte individuelle Ansprüche an die Arbeit und beschreibt Subjektivierung als Bedürfnis von Beschäftigten, Subjektivität im Arbeitsprozess einzusetzen. Nicht nur Hochqualifizierte streben demnach eine identitätsstiftende Arbeit an, in die sie sich mit der „ganzen Person“ einbringen können, sondern auch Beschäftigte mit geringer formaler Qualifikation sowie die sogenannten „Ungelernten“. Was zuvor vor allem für ausgewählte Gruppen von ArbeitnehmerInnen zugetroffen habe – Baethge denkt hier an die „Systemregulierer“ (Kern/Schumann) – lasse sich inzwischen über das breite Spektrum von Branchen und Beschäftigtengruppen hinweg feststellen.84 Die 83
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Vor allem die Arbeiten von Böhle (1994, 1999) liefern zahlreiche Beispiele für Tätigkeiten und Sinne, die die Subjekte nutzen, um einen reibungslosen Ablauf von Arbeit zu gewährleisten. Bereits in den 1970er Jahren verbindet Hack (1977) in seiner Forschung zu „Subjektivität im Alltagsleben“ Struktur- und Subjektebene. Als ‚Übergang’ von der Bewusstseinsforschung zur „Subjektivierungs“-Debatte liest sich aus heutiger Sicht der von Schmiede (1988) herausgegebene Sammelband zu „Arbeit und Subjektivität“ (s. zu Subjektivität im Arbeitsprozess auch Schimank 1986). Baethge (1991) räumt jedoch ein, dass bei gut ausgebildeten Beschäftigten eher ein „subjektzentriertes Arbeitsbewusstsein“ anzutreffen sei als bei Beschäftigten, die unter extrem restriktiven Arbeitsbedingungen tätig sind. Welchen Einfluss die Arbeitsmarktsituation auf dieses Bewusstsein nehmen, diskutiert Baethge leider nicht. Es ist zu vermuten, dass Massenarbeitslosigkeit, die selbst Hochqualifizierte betrifft, auch in den Ansprüchen an Arbeit ihre Wirkung hinterlässt und die Akzeptanzschwelle für unbefriedigende Arbeitsbedingungen absenkt (s. exemplarisch für die Akzeptanz ‚sozial unverträglicher’ Arbeitszeiten: Bundesmann-Janssen/Groß/Munz 1999).
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Berücksichtigung von Subjektivität in der Arbeit stellt bei Baethge (noch) kein Element einer betrieblichen Strategie von Rationalisierung dar; sie wird interpretiert als Impuls, den Subjekte mit ihrem Interesse nach Identitätsbehauptung und lebensweltlichen Bedürfnissen in die Erwerbssphäre einbringen. Damit geht Baethge über traditionell industriesoziologisches Terrain deutlich hinaus. Kern seiner Analyse ist nicht die Einstellung von Beschäftigten zur Erwerbsarbeit, sondern die Frage, wie diese Orientierung mit anderen, lebensweltlichen Interessen und außerbetrieblichen Bedürfnissen vermittelt ist. Er räumt ein, dass solche Ansprüche an Arbeit und deren Artikulation kein neues Phänomen sind, sieht jedoch eine neue Qualität in bezug auf die „Breite ihrer Streuung, die Offenheit und Selbstverständlichkeit ihrer Artikulation und Hartnäckigkeit, mit der sie individuell sowohl als Lebensperspektive als auch gegenüber der betrieblichen Arbeitsumwelt verfolgt werden“ (1990: 10). Baethges Beitrag erweist sich als inspiriert durch die Wertewandel-Debatte der 1980er Jahre, bezieht aber gleichzeitig Stellung gegenüber Positionen, die einen Bedeutungsverlust von Erwerbsarbeit (Offe 1984) oder Berufsrolle (Beck 1984) konstatieren. Erwerbsarbeit habe nach wie vor eine „integrale Funktion für persönliche Identitätskonstruktion“ (Baethge 1991), die durch Individualisierungsprozesse eher an Stellenwert gewinne als abnehme. Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung würden in die Erwerbssphäre hinein verlagert. Verantwortlich hierfür seien neben einem allgemeinen Wertewandel auch längere Ausbildungszeiten, die den Eigensinn der Subjekte fördern, indem sie weit mehr Spielräume zulassen als in einer betrieblichen Arbeitssituation sonst üblich. Bedeutsam erscheint Baethge die zunehmende Erwerbsintegration von Frauen. Sie ziehe – so seine allzu optimistische Prognose – Veränderungen auch in der betrieblichen Arbeitsorganisation nach sich. Da sich Männer im Gegenzug nun stärker in der Familie engagieren müssten, verliere der Erwerbsstatus an Stellenwert für männliche Selbst- und Fremdzuschreibungen; an traditionellen Geschlechtsrollenstereotypen ansetzende Personalkonzepte würden folglich an Tragfähigkeit einbüßen. Der Zugriff der Betriebe auf die Arbeitskraft von Männern werde begrenzt. Veränderte Orientierungen von Beschäftigten erzeugen daher für Baethge Anpassungsdruck auf Seiten der Unternehmen. Die Leistung des Beitrages liegt zweifelsohne darin, dass Baethge Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen aufgreift, die erst einige Jahre später in der Forschung zu Führungskräften an breiterer Aufmerksamkeit gewinnen (Baethge/Denkinger/Kadritzke 1995; Ellguth/Liebold/Trinczek 1998; Faust/Jauch/Notz 2000). Während die Forschungsergebnisse zur familialen Arbeitsteilung die Prognose Baethges klar widerlegen, hat sich eine andere These bestätigt: Baethge identifiziert bereits mögliche negative Folgeeffekte für die Beschäftigten. Er befürchtet eine mögliche Vereinnahmung veränderter Bedürfnisse durch die Betriebe und problematisiert, dass sich neue Rationalisierungsprinzipien etablieren könnten, die mehr Eigenverantwortung zulassen, um die Identifikation mit der Arbeit zu erhöhen und dadurch eine Leistungsintensivierung zu erwirken.85 Während Baethge Anfang 85
Baethge wendet sich zwar gegen individualisierungstheoretische Annahmen einer zunehmenden Herauslösung von Individuen aus traditionellen Bindungen, konstatiert aber seinerseits, dass „subjektzentrierte Arbeitskonzepte“ hochgradig individualisierend wirken und daher kollektive Interessenvertretung an Einfluss einbüßt. Auf die These der „Subjektivierung von Arbeit“ bezieht sich Baethge (1999) in einem späteren Beitrag. Er sieht die Reichweite der These zwar auf bestimmte Beschäftigtengruppen beschränkt, betont jedoch ebenfalls die Relevanz eines neuen Zugriffs auf subjektive Potenziale. Baethge identifiziert darin bekannte Entfremdungsprozesse und hält daher Lash’ These der „Ermächtigung der Subjekte“ (Beck/Giddens/Lash 1996: 201) für überzogen. Baethge sieht demgegenüber – in Anlehnung an Sennett – die Gefahr von Desin-
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der 1990er Jahre noch überzeugt ist, dass sich „Gewichte im Wechselverhältnis von Betrieb und Gesellschaft (.) zugunsten der Gesellschaft“ (12f.) verschieben, zeigt die aktuelle arbeits- und industriesoziologische Forschung, dass sich dieses Szenario nicht durchgesetzt hat. Auch wenn sich die Meinungen in bezug auf die Reichweite der Veränderungen spalten: Die empirische Forschung belegt branchenübergreifend, dass sich nicht mehr nur hochqualifizierte Beschäftigte mit der Anforderung konfrontiert sehen, ihren Arbeitseinsatz selbst zu organisieren und zu kontrollieren. Diese Verlagerung von Fremd- in Selbstkontrolle wird unmittelbar an Arbeitsvereinbarungen sichtbar. Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen regulieren lediglich noch die Rahmenbedingungen des Arbeitseinsatzes, während dessen konkrete Ausgestaltung den Beschäftigten selbst überantwortet und in Form von Ziel- und Leistungsvereinbarungen reguliert wird. Beschäftigte müssen in Gruppen oder individuell eine Leistung sicherstellen, der Weg dorthin bleibt ihnen selbst überlassen. Der individuelle Gestaltungsspielraum vergrößert sich zwar, doch entziehen sich zentrale betriebliche Parameter wie die Personaldecke, die Arbeitumgebung und betriebswirtschaftliche Zielsetzungen nach wie vor dem Einfluss der Beschäftigten. Die Industriesoziologie betont daher die Verlagerung von Kontrollfunktionen einerseits als Einlösung alter Forderungen einer Humanisierung des Arbeitslebens, wenn Beschäftigte einen Autonomiegewinn am Arbeitsplatz erzielen. Andererseits ändern sich damit keineswegs die betrieblichen Machtverhältnisse. Indem die individuelle Verantwortung steigt, aber die Rahmenbedingungen konstant und nicht beeinflussbar bleiben, können die neuen Arbeitskonzepte in individuelle Überlastung umschlagen.86 Während bei Hochqualifizierten schon immer eine ausgesprochen intrinsische Arbeitsmotivation Anlass gab, auf eine rigide Kontrolle zu verzichten und Selbststeuerung zuzulassen‚ lassen Unternehmen dies – wie die aktuelle empirische Forschung belegt – nun offenkundig für breite Beschäftigtengruppen zu, ohne Produktivitätsnachteile zu erzielen (s. exemplarisch Pongratz/Voß 2003, 2004; Kratzer 2003; Eberling u.a. 2004; Böhm/Herrmann/Trinczek 2004). Unabhängig davon, ob die in diesem Kontext durchgeführten Studien die Zunahme von Selbstverantwortung eher als Autonomiegewinn für Beschäftigte einschätzen oder stärker die damit verbundenen Belastungen betonen: An die Stelle einer vorwiegend strukturtheoretischen Analyse der Regulation von Erwerbsarbeit rückt zusehends eine Fokussierung auf die arbeitenden Subjekte. Sie werden als zentrale Agenten einer neuen Form der kapitalistischen Nutzung von Arbeitskraft identifiziert, indem sie selbst „vom Objekt zum Subjekt von Rationalisierung“ (Moldaschl/Schultz-Wild 1994) werden. Nicht über externe Steuerung und Kontrolle werden Arbeitsleistungen sichergestellt, sondern über den expliziten Verzicht auf Vorgaben. Vor diesem Hintergrund kennzeichnet die aktuelle Arbeitsforschung, dass sie „Subjektivierung“ als einen Wandel von Herrschaftsformen betrachtet, in denen „Herrschaft durch Autonomie“ (Wolf 1999; Moldaschl/Sauer 2000) ausgeübt wird.87
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tegrationstendenzen. Für eine tragfähige Analyse hält er es daher für notwendig, kategorial zwischen „Marktsubjekt“ und „moralischer Persönlichkeit“ zu unterscheiden. Diese Gleichzeitigkeit von Chancen und Risiken wird in der Arbeitssoziologie deutlich pointierter hervorgehoben als im Konzept „reflexiver Modernisierung“ (Beck/Giddens/Lash 1996). In empirischen Studien treten wiederholt die Belastungen abhängig Beschäftigter zutage, mit zunehmend kontingenten Lebensbedingungen umzugehen. Diese Kompetenz rückt zur Zeit zwar vermehrt in den Mittelpunkt von Analysen zum Wandel von Arbeit, doch steht eine theoretische Verortung noch aus. Anknüpfungspunkte sind bislang eher in der Sozialpsychologie als in der Soziologie zu verorten (s. exemplarisch Keupp 1993: 255; s. 4.). Die Arbeitsforschung zeigt insofern, dass mehr Selbstkontrolle im Arbeitsprozess zwar oberflächlich den Gegensatz von Kapital und Arbeit verwischt, jedoch nach wie vor manifeste Interessengegensätze bestehen. Sie treten jedoch erst zutage, wenn Individuen an ihre Grenzen der Belastbarkeit stoßen (Jürgens 2004; s.
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Anknüpfungspunkte für eine Perspektiverweiterung auf Subjektivität bieten sich in gesellschaftstheoretischen Ansätzen. Hier finden sich Hinweise darauf, dass sich eine Veränderung von Subjektivität nicht auf eine umfassende Ökonomisierung des Lebenszusammenhangs oder die „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) beschränkt, sondern Ergebnis eines neuen Vergesellschaftungsmodus ist. Bereits Simmel sieht im Zugewinn individueller Freiheiten keinen Wegfall, sondern lediglich einen „Wechsel der Verpflichtungen“ (1989: 375ff.). In dieser Linie betont auch Elias (1997: 323ff.) die Umwandlung von „Außenleitung“ in „Innenleitung“ als Merkmal eines langwierigen Zivilisationsprozesses, der den Einzelnen zwinge, sein Handeln immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren, um es auf das Verhalten anderer Menschen besser abzustimmen. In der Kritischen Theorie problematisiert vor allem Adorno eine neue Form der Selbstkontrolle. Sie entwickle sich zur „zweiten Natur“, da sie „in Fleisch und Blut“ übergegangen sei und sich die Individuen der ihr innewohnenden Zwangsmechanismen nicht mehr gewahr werden (1979: 451). Die bürgerliche Gesellschaft habe die Individuen zwar befreit, jedoch nur, damit diese sich nun „selbst in Zucht halten“ (Marcuse 1965: 83). Horkheimer (1991) sieht es daher als ein Kennzeichen des modernen Kapitalismus, dass dieser konforme Sozialcharaktere hervorbringt, die sich lediglich reflexhaft den jeweiligen Anforderungen anpassen. Die Individuen entwickelten sich auf diese Weise zu „Erfüllungsgehilfen“ des Kapitalismus (Institut für Sozialforschung 1956).88 Auch Foucault (1994; 2000), der in der Arbeitsforschung inzwischen breiter rezipiert wird (s. u.a. Moldaschl 2002a), resümiert in seiner historischen Analyse von Disziplinierungsmaßnahmen eine Umwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang. Mit seinem Begriff der „gouvernementalité“ fokussiert er dabei auf Strategien von Regierungen, Macht und Subjektivität zu koppeln, und verweist auf neue Formen von Herrschaft, die Subjektivität nicht unterdrücken, sondern geradezu erzwingen.89 Durch die Kopplung von Herrschaftsund Selbsttechnologien sei ein erhöhter Autonomiegewinn für die Individuen insofern keine Beschneidung von Regierungshandeln, sondern beschreibe lediglich einen veränderten Modus von Herrschaft. Foucault verweist in diesem Kontext auf veränderte Leitbilder von Subjektivität: Der Einzelne sei aufgefordert, die Autonomiegewinne zu nutzen; tue er dies nicht, gelte er als defizitär. Auftretende Anpassungsprobleme würden nicht als strukturelles, sondern als individuelles Defizit gedeutet. Auch wenn man diese theoretischen Positionen aufgrund ihrer Unterschätzung subjektiver Gestaltungspotenziale nicht teilt, so gilt spätestens seit Webers Analysen zur „protestantischen Leistungsethik“ der Arbeiter als geklärt, dass Einstellungen zur Arbeit nicht beliebig, sondern stets auch Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung sind. Auch die neuen Arbeitskonzepte sind insofern nicht nur Reaktion auf veränderte Orientierungen von Beschäftigten, sondern – dies gerät in der Arbeitsforschung zuweilen aus dem Blick – auch Ursache gewandelter Bedürfnisse. Aus heutiger Sicht hätte daher die ‚Lösung’ der von
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4.). Herrschaft im Betrieb hat insofern ihre regulative Form verändert, aber nicht an Stellenwert verloren (s. auch Wolf 1999; Moldaschl 2000a). In der Industriesoziologie fand das Kontroll-Thema bereits in den 1980er Jahren ausgehend von der Labour Process Debate verstärkt Aufmerksamkeit (Hildebrandt/Seltz 1989; s. auch Müller-Jentsch 1997). Foucault gelingt es, die Stärken der Herrschaftssoziologie Webers mit den zivilisationstheoretischen Erkenntnissen von Elias zu verbinden. Indem er im Konzept der „gouvernementalité“ auf die „Verschränkung von Selbst- und Fremdführungstechniken“ (Lemke 2001) verweist, kann er die bei Weber und Elias auftretenden Lücken schließen. Gleichwohl bleiben bei ihm, wie für Vertretern des postmodernen Diskurses kennzeichnend, die auch ökonomischen Ursachen dieser Prozesse unterbelichtet.
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Baethge skizzierten Dilemmata nicht ‚geschickter’ ausfallen können: Die neuen Arbeitskonzepte scheinen die veränderten Orientierungen der Beschäftigten aufzugreifen, indem sie mehr individuellen Gestaltungsspielraum im Arbeitsprozess eröffnen. Sie sind jedoch so angelegt, dass die Beschäftigten selbst das Bedürfnis nach mehr Eigenverantwortung entwickeln, betriebliche Ziele verinnerlichen und schließlich selbst eine Rationalisierung ihres Arbeitseinsatzes vornehmen (s. ausführlich Moldaschl 2002a). Wie „Subjektivierung“ als einerseits Anspruch der Beschäftigten und andererseits betriebliche Strategie miteinander vermittelt sind, erweist sich gegenwärtig noch als Desiderat der Arbeitsforschung. Mit der Perspektivverschiebung auf die Subjekte als Ebene von Rationalisierung und folglich analytischem Zugriff zeichnet sich gegenwärtig ein Paradigmawandel in der Arbeits- und Industriesoziologie ab. Indem die Teildisziplin das Subjekt als Träger von Rationalisierungsprozessen ‚entdeckt’, muss sie sich von einem einseitig strukturtheoretischen Fokus lösen und stärker auch die Vermittlung von Struktur und Handlung theoretisch reflektieren. Inzwischen mehren sich daher Stimmen, die eine stärkere Fokussierung auf die Subjekte und ihr Handeln einfordern, um die Funktionsweise der neuen Rationalisierungsprinzipen zu erklären und theoretisch einzubinden (Deutschmann 2002; Lohr 2003; Maurer 2004). Die Vorschläge zielen dabei weniger auf einen Abschied vom strukturtheoretischen Paradigma als auf dessen handlungstheoretische Ergänzung. Kollektive Prozesse der Regulation von Arbeit auf gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene stehen deshalb nach wie vor im Zentrum der Analysen, doch deutet sich eine stärkere Öffnung gegenüber der Subjektebene an.90 Für die vorliegende Untersuchung interessiert angesichts dieser erweiterten Subjektperspektive, ob die These der „Subjektivierung von Arbeit“ die bisherige Erwerbsfixierung überwindet. Werden Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Lebensbereichen berücksichtigt und Begrenzungen des betrieblichen Zugriffs ‚mitgedacht’? Faust (2005) bemängelt an der „Subjektivierungs“-These deren „mangelnde Überprüfbarkeit“. Sie werde bislang als Chiffre für alles herangezogen, was sich im Wandel befindet. Auch Lohr (2003) kritisiert, dass die Bestimmung dessen, was Subjektivierung ist, noch ausstehe. Offen scheint auch die Frage, ob durch die erweiterte Form der „Verwertung der ‚Subjektivität’ von Arbeitenden für betriebliche Zwecke“ diese ‚nur’ ausgebeutet wird oder ob daraus ‚neue’ Subjektivität entsteht und was diese kennzeichnet (Moldaschl/Voß 2002: 14). Faust spricht sich vor diesem Hintergrund für ein „’Entpacken’ der kompakten These Subjektivierung“ aus. Wie ein solches „Entpacken“ möglich ist, ohne den Zusammenhang zwischen betrieblichen und außerbetrieblichen Veränderungen in der Subjektkonstitution und von Subjektivität aus dem Blick zu verlieren, bleibt dabei jedoch unbeantwortet. So attraktiv der Vorschlag erscheint, die unterschiedlichen Ursachen von „Subjektivierung“ getrennt zu behandeln – erst eine integrierte Analyse wird zeigen können, in welcher Wechselbeziehung Bedürfnisse von Subjekten und Interessen von Betrieben stehen. Neue Nutzungskonzepte von Arbeitskraft werden sich erst in ihrer Wirkungsweise erschließen, 90
Ein Beispiel für eine solche mikrosoziologische Fundierung ist das Konzept des „subjektivierenden Arbeitshandelns“. Böhle (1999) zielt damit auf eine „Neubestimmung von Subjektivität und Sinnlichkeit“ (104), auf eine Interpretation von Handeln im Arbeitsprozess, die sich nicht auf zweckrationales Handeln reduziert, sondern gerade den „Abweichungen“ Aufmerksamkeit schenkt und diese als „eigenständige Form“ berücksichtigt. Merkmale eines „subjektivierenden Arbeitshandelns“ sind nach Böhle u.a. sinnliche Wahrnehmung, assoziative Verknüpfungen im Denken, Vorstellungskraft sowie Empathie gegenüber Personen und Gegenständen. Er sieht das Konzept nicht als Gegenmodell, sondern als Erweiterung einer Analyse von Handeln, die sich bislang zu einseitig auf zweckrationales Handeln konzentriere.
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wenn die Forschung aufzeigen kann, welche Orientierungen und Kompetenzen von Arbeitenden hierfür Voraussetzung sind und von Unternehmen nicht nur genutzt, sondern auch gezielt hergestellt werden. Beim „Entpacken“ der These droht daher die Gefahr, die bisherige Trennung von Erwerbsarbeit und außerbetrieblichem Leben in der Analyse von „Subjektivierung“ fortzusetzen. Eine Durchsicht zentraler Beiträge zur Debatte zeigt, dass sich die Analysen grob in zwei Gruppierungen sortieren lassen: Sie betonen entweder „Subjektivierung“ als Rationalisierungsprinzip und konzentrieren sich auf institutionelle Veränderungen sowie betriebliche Strategien zur Mobilisierung subjektiver Potenziale; oder aber sie legen – wie bereits Baethge – einen „doppelten Konstitutionsprozeß von Arbeitsbewußtsein außerhalb und in der Arbeit“ (1991: 12; herv. d. K.J.) zugrunde und reflektieren den Einfluss veränderter lebensweltlicher Orientierungen und Alltagsgestaltung auf den betrieblichen Einsatz von Arbeitskraft.91 Während die einen somit „Subjektivierung von Arbeit“ in erster Linie als Subjektivierung von Erwerbsarbeit untersuchen (z.B. Moldaschl 2002a; Faust 2005)92, greifen andere explizit den Wandel von Lebensformen, Arbeits- und Freizeitorientierungen auf. Eine Doppelorientierung auf beide Lebensbereiche zeigt sich im Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“, das „Subjektivierung“ entlang veränderter Dimensionen der Selbststeuerung von Arbeit thematisiert. Während Voß/Pongratz (1998) „Selbst-Kontrolle“ und „Selbst-Ökonomisierung“ als Anforderungen an Beschäftigte identifizieren, die vor allem am betrieblichen Arbeitsplatz zum Tragen kommen, betont die These zur „SelbstRationalisierung“ einen direkten Zugriff auf das Leben jenseits der Erwerbssphäre: Sie finde statt, indem Beschäftigten eine Ökonomisierung ihres gesamten Lebenszusammenhangs zugemutet werde und eine Ausschöpfung auch ‚privater’ Ressourcen, Netzwerke usw. erfolge. In ihrer empirischen Studie berücksichtigen die Autoren entsprechend unterschiedliche Lebensbereiche und konzipieren Subjekte als Vermittlungsinstanz von „Elastizitätsmustern“ (s. 2.2.1). Doch auch hier bleibt, mitunter aus den von Faust genannten Schwierigkeiten der Operationalisierung, der Zusammenhang zwischen den Dimensionen unterbelichtet: Dass Beschäftigte in der Dimension der „Selbst-Kontrolle“ „unternehmerisch“ handeln, jedoch nur bedingt „Selbst-Rationalisierung“ betreiben, wird festgestellt, aber nicht näher erklärt. Kritiker des Konzepts sind wenig erstaunt, dass die Beschäftigten keine „Selbst-Ökonomisierung“ betreiben und die Vorteile des klassischen Beschäftigungsverhältnisses mit seinen sozialen Absicherungen zu schätzen wissen (Faust 2002; Bosch 2000). Warum die Beschäftigten auch dem Zugriff auf das außerbetriebliche Leben und Arbeiten Grenzen setzen, scheint hingegen – zumindest im arbeitssoziologischen Diskurs – bislang kaum auf Interesse zu stoßen.93
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Baethge knüpft hier implizit an Hack u.a. (1972) an, die eine „doppelte Konstitution“ des Bewusstseins feststellten: einerseits durch den individuellen Lebensverlauf (Sozialisation, Erfahrungen etc.), andererseits durch den gesellschaftlichen Produktionsprozess sowie die konkreten Arbeitsbedingungen. Moldaschl (2002b: 42) spricht äquivalent zu den Dimensionen des „Arbeitskraftunternehmers“ (Voß/Pongratz 1998) von „Selbstorganisation“, „Selbstvermarktung“, und „Selbstproduktion“, berücksichtigt dabei aber nicht die Folgewirkungen für den außerbetrieblichen Lebenszusammenhang bzw. dessen Beitrag zum Gelingen neuer Arbeitskonzepte. Auch Kritik, die eine mangelnde Berücksichtigung der Reproduktionsarbeit beklagt, konzentriert sich weniger auf eine Veränderung von Reproduktionsarbeit an sich denn auf die Folgen für Geschlechterarrangements in Paarbeziehungen und das Geschlechterverhältnis (z.B Henninger 2003). Zum Vorwurf eines „männlichen Bias“ des Konzept s. auch Jurczyk/Voß 2000, die eine Perspektiverweiterung auf Arbeitsteilungsmuster zwischen Geschlechtern vorschlagen.
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Einen Vorstoß zur Verbindung von „Subjektivierung“ in unterschiedlichen Lebensbereichen unternehmen Kleemann/Matuschek/Voß (1999). Sie wählen eine über Erwerbsarbeit hinausgehende Perspektive und gehen, wie schon Baethge, von einer „doppelten Subjektivierung“ aus: Die Beschäftigten tragen mehr Subjektivität in die Erwerbssphäre hinein; andererseits fordern die neuen Arbeitskonzepte auch mehr Subjektivität ein. Damit fokussieren die Autoren nicht einseitig auf Entwicklungsdynamiken in der Erwerbssphäre und deren Folgen für Beschäftigte, sondern beziehen auch lebensweltliche Veränderungen in die Analyse ein. Die Autoren konkretisieren „doppelte Subjektivierung“ anhand von Idealtypen von Subjektivität, die im Zuge der „Subjektivierung von Arbeit“ (als betriebliche Strategie) zum Tragen kommen. Sie unterscheiden zwischen einer „kompensatorischen“, einer „strukturierenden“ und einer „reklamierenden Subjektivität“, die sie jeweils auf der Ebene von Diskurs und Handlungspraxis beleuchten sowie als aktive bzw. reaktive Form untersuchen.94 Den Autoren gelingt es dadurch, im Unterschied etwa zum Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“, auch Widersetzungen gegenüber den Anforderungen der betrieblichen Rationalisierungsinteressen einzubeziehen.95 Die Unterscheidung zwischen Diskurs und Praxis erlaubt dabei, auch solchen eigensinnigen Deutungen Rechnung zu tragen, die sich nicht alltagspraktisch umsetzen lassen, jedoch für die Entwicklung von Orientierungen und Deutungsmustern einen wichtigen Nährboden bieten. Empirische Sekundäranalysen zur These vom „Arbeitskraftunternehmer“ liefern inzwischen Hinweise auf die Gründe solcher Begrenzungen und Strategien des Sich-Entziehens (Jürgens 2004; Böhm/Herrmann/Trinczek 2004; s. ausführlich 4.). Obwohl sich eine erweiterte Subjektorientierung in der Arbeitsforschung durchzusetzen beginnt, bleiben Begrenzungen von „Subjektivierung“ offenkundig vernachlässigt. Für Kratzer (2003: 232ff.) sind betrieblicher Druck und der Wunsch nach Selbstverwirklichung in der Arbeit zentrale Motive dafür, dass sich Beschäftigte den veränderten Anforderungen anpassen und „mitmachen“. Er untersucht zwar detailliert, warum sich Beschäftigte den neuen Rationalisierungsprinzipien anpassen, jedoch nicht, ob sich auch einzelne Betroffene den erweiterten Anforderungen widersetzen. Moldaschl (2002c) identifiziert zwar Widerstände der Beschäftigten gegenüber Subjektivierungsstrategien der Unternehmen (35), bleibt aber in der Ursachenanalyse der Perspektive auf Erwerbsarbeit verhaftet: Intransparente Umsetzungsprozesse neuer Arbeitskonzepte, die Gewöhnung an eine bislang tayloristische Arbeitsorganisation oder die erhöhte Belastung durch Selbststeuerung werden als zentrale Ursachen von Verweigerungshaltungen identifiziert. Aus dem außerbetrieblichen Leben oder einem Eigensinn von Subjektivität scheinen keine Impulse für Widersetzungen zu kommen. Damit wird implizit unterstellt, dass Widerstände nicht eintreten, sofern der Umsetzungsprozess „sanft“ verläuft und sich die bisherigen Arbeitsbedingungen und anforderungen nicht abrupt ändern. Das Konzept von Kleemann/Matuschek/Voß (1999, 2002) zeigt demgegenüber, dass sich Begrenzungen von „Subjektivierung“ nicht mehr ausklammern lassen, sobald man außerbetriebliche Orientierungen und Veränderungen in den Lebensbedingungen einbezieht. Die Komplexität der „Subjektivierungs“-These bleibt 94
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Kleemann/Matuschek/Voß (1999) konstruieren darüber hinaus als vierten Typus eine „ideologisierte Subjektivität“. Diese verstehen sie als eine „Prägung der Person durch diskursiv bzw. kulturell vermittelte Sinnstrukturen von Arbeit und Beschäftigung“ (2002: 86). Pongratz/Voß (2004a: 10) weisen dies als Aufgabe empirischer Forschung aus, doch bleibt damit konzeptionell unterbelichtet, welchen Stellenwert die Beiträge der Individuen zum Gelingen neuer Arbeitsformen einnehmen. Werden weder artikulierte, noch verborgene Widersetzungen berücksichtigt, droht der den neuen Anforderungen innewohnende repressive Charakter verharmlost zu werden.
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daher eine forschungspraktische Herausforderung, da sie an unterschiedlichen Lebensbereichen und dort auf unterschiedlichen Ebenen ansetzt. Sie deshalb arbeitsteilig zu beforschen, würde zwar die Operationalisierung erleichtern, die Analyse der Funktionsweise neuer Formen der Nutzung von Arbeitskraft jedoch empfindlich einschränken. Doch auch bei den Ansätzen, die „Subjektivierung“ als „doppelten Prozess“ konzipieren, fällt eine anhaltende Erwerbsfixierung auf: Berücksichtigt wird eine „Subjektivierung“ der Gestaltung des Verhältnisses von Arbeit und Leben (s. exemplarisch Kleemann 2003; Voß 1998; Pongratz/Voß 2003; Kratzer 2003). Während erwerbsrelevante Leistungen der Subjekte zur alltäglichen Lebensführung, zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienleben oder berufsbiografische Planungen und Entscheidungen durchaus in die Analyse einfließen, bleibt private Reproduktionsarbeit ausgeklammert bzw. wird nur im Hinblick auf ihre Relevanz für den Einsatz von Arbeitskraft in der Erwerbssphäre thematisiert. Keiner der vorliegenden Beiträge diskutiert eine „Subjektivierung von Reproduktionsarbeit“, d.h. ein dynamisiertes Verhältnis auch von Person und Reproduktionsarbeit bzw. nichterwerbsvermittelter Arbeit. Voß/Pongratz (1998, 2003) gehen zwar mit der Dimension der „Selbst-Rationalisierung“ davon aus, dass private Lebenszusammenhänge zunehmend den Anforderungen der Erwerbssphäre angepasst werden. Reproduktionsarbeit für sich prüfen die Autoren jedoch nicht im Hinblick auf mögliche Veränderungen. Dies wäre jedoch aus folgenden Gründen für die „Subjektivierungs“-Debatte aufschlussreich: Erstens gelingt es durch die Perspektiverweiterung auf ‚andere’ Arbeit, das Verhältnis von Arbeit und Subjektivität jenseits von abhängiger Beschäftigung zu analysieren. Private Reproduktionsarbeit entzieht sich zwar – so vor allem im Bereich der Sorgearbeit für andere Menschen (Kinder, Kranke, ältere Familienangehörige) – einer rein selbstbestimmten Gestaltung und stellt eigenlogische Anforderungen an die Arbeitenden; sie enthält jedoch größere Spielräume für die individuelle Steuerung von Arbeit als Erwerbsarbeit. Darüber hinaus setzt sie – weil sie an Intim- und Primärbeziehungen geknüpft ist – das Einbringen von Subjektivität geradezu voraus.96 Reproduktionsarbeit war und ist insofern ‚subjektivierter’ als Erwerbsarbeit.97 Über die Analyse von Hausarbeit, Sorgearbeit oder Eigenarbeit ließe sich insofern feststellen, nach welchen Regeln das Zusammenspiel von Subjektivität und Arbeit unabhängig von betrieblicher Verwertungslogik abläuft. Hier schließt sich zweitens ein Vergleich unterschiedlicher Arten von Reproduktionsarbeit und ihre jeweilige Bearbeitung durch die Person an. Unterschiede zwischen verschiedenen Arbeitsformen ließen sich ebenso untersuchen wie personenabhängige Merkmale wie z.B. die Erwerbsintegration. Haben erwerbstätige Menschen einen anderen subjektiven Bezug zu Reproduktionsarbeit als Nicht-Erwerbstätige? Der Einfluss der aktuellen Veränderungen in der Erwerbssphäre könnte auf diese Weise ebenso geprüft werden wie die Frage, woher Impulse für eine – so ja die These in den Konzepten – Ökonomisierung 96
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Die mangelnde emotionale Distanz zu Familienangehörigen wirkt einerseits entlastend bei privater Sorgearbeit, da diese stark intrinsisch motiviert ist. Andererseits führt dies im Unterschied zu personenbezogener Dienstleistung in der Erwerbssphäre auch zu einer erhöhten Belastung: Das Abgrenzen gegenüber Bedürfnissen von Familie fällt schwer. Die Vor- und Nachteile privater Sorgearbeit finden ihr Äquivalent unter genau entgegengesetzten Vorzeichen in der Erwerbssphäre. Das rege Interesse der Arbeits- und Industriesoziologie am Thema „Subjektivierung“ ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Erwerbssegmente, in denen Interaktionen das Einbringen von Subjektivität erforderten (wie in weiten Teilen der personenbezogenen Dienstleistungen), zugunsten von Industriearbeit vernachlässigt wurden. „Subjektivierung“ ist insofern nicht zwangsläufig ein empirisch neues Phänomen, sondern vor allem ein für die Forschung neues Terrain. Gleichwohl haben sich auch in diesem Bereich durch Deregulierung und Vermarktlichung die Anforderungen an den Dienst am Kunden gewandelt.
2.2 Der Kapitalismus und der „ganze Mensch“ – Wiederentdeckungen seit den 1990er Jahren
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von Reproduktionsarbeit kommen. Nicht nur ökonomische Effizienzprinzipien, sondern auch veränderte Ansprüche an die Kindererziehung, an Ernährung usw. nehmen Einfluss auf diese Arbeit. Es ließe sich also untersuchen, inwiefern sich das Verhältnis der Person zur Reproduktionsarbeit verändert und ob neue Arbeitskonzepte im Betrieb oder veränderte Werte und Normen Auswirkungen auf das Verhältnis von Subjekt und Arbeit im Allgemeinen haben. Drittens könnte die Untersuchung einer „Subjektivierung von Reproduktionsarbeit“ Aufschluss über die Kompetenzen und subjektiven Potenziale geben, für die sich – so ebenfalls die Thesen der Forschung – die Unternehmen verstärkt interessieren. Welches sind die Fähigkeiten aus dem Privaten, die nun am betrieblichen Arbeitsplatz eingesetzt werden sollen? Wie werden sie erworben und lassen sie sich ohne weiteres in die Erwerbsarbeit transferieren? Viertens könnten diese Analyseschritte darin münden, genauer als bislang zu ergründen, welche Anteile von Subjektivität im Erwerbsbereich genutzt werden und welche Folgen dies für die subjektive Wahrnehmung betrieblicher Herrschaftsverhältnisse mit sich bringt. Zwar kursieren in der Arbeitsforschung Positionen, die auch in „subjektivierter Arbeit“ nach wie vor entfremdete Arbeit98 identifizieren, doch steht bislang eine Analyse aus, die die verschwommene Grenze zwischen „Subjektivierung“ und (gleichzeitiger) Entfremdung genauer ausleuchtet. Welche Folgen es für die betriebliche Interessenvertretung hat, wenn Beschäftigte nicht Vorgesetzte, sondern sich selbst (und mangelnde individuelle Kompetenzen) als Ursache unbefriedigender Arbeitsprozesse und erhöhtem Leistungsdruck bewerten, rückt zunehmend ins Blickfeld der empirischen Forschung. Welche Folgen dies für die Beschäftigten selbst und ihre Möglichkeiten der Bewältigung von Arbeitsanforderungen hat, ist dagegen eine noch unterbelichtete Frage. Ein Vergleich der Arbeitsformen könnte insofern zeigen, welche Bedürfnisse von Menschen „Subjektivierung von Erwerbsarbeit“ aufgreift und worin diese Bedürfnisse gründen. Sind sie im Sinne einer anthropologischen Konstante als Element nicht-entfremdeter Arbeit zu interpretieren oder erst Erzeugnis veränderter Arbeitskonzepte, die eine bestimmte Art von „Subjektivierung“ als erstrebenswert deklarieren? Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Arbeits- und Industriesoziologie bislang nicht auf einen „doppelten Prozess“ von „Subjektivierung“ fokussiert. Die Autoren betrachten in den Lebensbereichen je Unterschiedliches: In der Erwerbssphäre analysieren sie das Verhältnis von Erwerbsarbeit bzw. Betrieb und Person, im Außerbetrieblichen betrachten sie hingegen nur solche allgemeinen Einstellungen und Lebensbedingungen, die Einfluss (auch) auf die Erwerbseinbindung und Erwerbsorientierungen von Beschäftigten nehmen. Verschiedene Teildisziplinen wie die Biografie- und Lebenslaufforschung oder die Familiensoziologie betonen, dass die Gestaltungsleistungen des Einzelnen zunehmen, um bisherige Strukturierungsfunktionen erodierender Institutionen zu kompensieren. Individualisierungstheoretisch inspirierte Forschungen resümieren solche individuellen Gestaltungsleistungen – implizit in Anlehnung an US-amerikanische Debatten – unter Begriffen wie „Bastelbiographie“ (Beck/Beck-Gernsheim 1993), „Lebensführung als Arbeit“ (Voß 1991), „Flüssige Identität“ (Wagner 1995) usw.99 Während die Arbeitsforschung diese Varianten 98 99
S. Fußnote 16. Hier hat sich in den letzten Jahren ein erweitertes Verständnis von Ungleichheit durchgesetzt. In Erweiterung zu sozialstrukturellen Faktoren, der Milieuzugehörigkeit und entsprechender Mentalitäten wird den konkreten individuellen Kompetenzen, mit Anforderungen von Individualisierung umzugehen, als neue Un-
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von „Subjektivierung“ auf den Bezug der Subjekte zur Erwerbsarbeit bezieht, vernachlässigt sie die Frage, inwiefern sich auch der Bezug der Menschen zur Reproduktionsarbeit verändert hat. Trotz eines wiederbelebten Subjektbezugs der Teildisziplin wird dieser, eindeutig „Arbeit“ betreffende Aspekt von Subjektivität – und damit ein wesentlicher Teil des Subjekts – noch immer ausgeblendet.100 Der kursorische Rekurs auf die These der „Subjektivierung von Arbeit“ lässt deutliche Parallelen zur Reproduktionsdebatte der 1980er Jahre erkennen (s. 2.1.2). In beiden Debatten werden die Subjekte und ihre individuellen Gestaltungsleistung betont und das Verhältnis der Lebensbereiche berücksichtigt. Gleichzeitig beziehen sich jedoch beide Argumentationen lediglich auf solche Leistungen und Potenziale von Personen, die in irgendeiner Form erwerbsvermittelt sind. Ebenso wie das Konzept der „Reproduktion als Arbeitskraft“ verweisen die Beiträge zur „Subjektivierung“ auf eine systematische Subjektorientierung, bleiben jedoch auf einen Arbeitsbegriff reduziert, der einseitig erwerbszentriert ist. Darüber hinaus ist daher auch aus geschlechtersoziologischer Perspektive Skepsis angebracht. Die These der „Dynamisierung des Verhältnisses von Person und Arbeit“ betont zurecht die Veränderungen in männlichen Arbeitskontexten und Erwerbsverläufen; für weibliche Erwerbsbiografien hingegen ist weder ein komplexes Verhältnis von Arbeit und Leben, noch der Umgang mit Brüchen und Übergängen im Erwerbsverlauf ein qualitativ neues Phänomen (u.a. Krüger 1995).101 Trotz der offenkundigen Begrenzungen im „Subjektivierungs“-Diskurs darf die mögliche Ausstrahlungskraft der vorliegenden Konzepte nicht unterschätzt werden. Durch den Versuch, die faktische Vermittlung von Subjektebene und veränderten Rationalisierungsprinzipien zu analysieren, rücken nicht nur die Steuerungspotenziale von Subjektivität ins Zentrum, sondern gewinnen auch Bedürfnisse und Orientierungen der Arbeitenden (wieder) an Aufmerksamkeit. Hier vollziehen sich – wie die Konzepte zur „Entgrenzung“ und „Subjektivierung“ zeigen – erste Schritte in Richtung einer Perspektiverweiterung auf das außerbetriebliche Leben. Inwiefern diese Annäherungen bereits Eingang in das aktuell proklamierte Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie finden, stellt das folgende Kapitel zur Diskussion.
gleichheitsdimension verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Aus ihnen ergeben sich neue Polarisierungen, die an bisherige Merkmale sozialer Ungleichheit anknüpfen, sich jedoch nicht in diesen erschöpfen. 100 Weiterführend ist in diesem Zusammenhang die Kritik von Matuschek/Kleemann/Brinkhoff (2004) an der These zum „Arbeitskraftunternehmer“: Sie ergänzen diese durch „Eigenkontrolle, Eigenökonomisierung und Eigenrationalisierung“, um der „Anforderungsseite“ der Unternehmen eine „Einforderungsseite“ der Subjekte gegenüberzustellen. Mit dieser Erweiterung unterstreichen sie, dass „die Subjekte strukturelle Bedingungen nicht nur systemkonform, sondern auch eigensinnig und sogar subversiv auslegen können“ (123, herv.i.O.). Der Hinweis erscheint als empirische Suchrichtung geeignet, doch wäre eine solche konzeptionelle Zerteilung des Subjekts problematisch: Da in Orientierungen und Handeln Fremd- und Selbstbestimmung nicht je getrennt, sondern verwoben aufeinander bezogen sind und sich beeinflussen, darf gerade der Zusammenhang zwischen „Selbstkontrolle“ und „Eigenkontrolle“ nicht aus dem Blick der Analyse geraten (s. ausführlicher 4.). 101 Völker (1998) diskutiert die Kompetenzen weiblicher Beschäftigter, sich an betrieblichen Wandel anzupassen, unter der Formel des „Wandelmanagements“. Sie stellt – wie später auch die Forschungen zur „Arbeitskraftunternehmer“-These – fest, dass Frauen aufgrund ihrer Erfahrung mit einer prekären und diskontinuierlichen Einbindung in die Erwerbssphäre die veränderten Anforderungen leichter bewältigen können als ihre männlichen Kollegen.
2.3 Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen
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2.3 Zum aktuellen Selbstverständnis: Perspektiverweiterung mit Blindstellen 102 Der rasante Wandel von Erwerbsarbeit und neue Logiken der kapitalistischen Nutzung von Arbeitskraft haben in der Arbeits- und Industriesoziologie Impulse dafür gegeben, nicht nur den bislang ausgewiesenen Gegenstandsbereich, sondern auch die über Jahrzehnte hinweg favorisierten theoretischen Perspektiven auf den Prüfstand zu stellen. Für die Soziologie ist es – im Vergleich zu anderen Wissenschaften – unabdingbar, dass angesichts der permanenten Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung die Paradigmen wiederholt zur Disposition stehen. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die rege Debatte des Familienbegriffs innerhalb der deutschen Familiensoziologie, die sich im Zuge dieser Auseinandersetzung sowohl über Vorgehensweise und Selbstverständnis der Forschergemeinde verständigt, als auch Ziele und Titel der Sektion zur Diskussion stellt („Erwägen Wissen Ethik“ 3/2003; s. 3.). Für die Arbeits- und Industriesoziologie scheint es sich demgegenüber um eine zur Zeit existenzielle Frage zu handeln, eindeutige Antworten auf solche für die Soziologie üblichen selbstreferentiellen Betrachtungen zu finden. Es kursieren Fragen nach dem „Anachronismus“ (Deutschmann 2001), dem „Ende“ (Schumann 2002) oder einer „Renaissance“ (Hirsch-Kreinsen 2003) der Teildisziplin. Kühl (2004) greift gar die alten dramatisierenden Formeln von der „Krise“ (Touraine 1972) und vom „Elend“ (Herkommer 1972) der Industriesoziologie auf. Die Titel erwecken den Eindruck, die Industriesoziologie wäre inzwischen obsolet geworden oder zumindest so tief entschlafen, dass sie erst wiederbelebt werden müsse.103 Angesicht der Zentralität des Themas „Arbeit“ in öffentlichen und vor allem politischen Debatten sowie der regen Forschungsaktivitäten von Arbeits- und IndustriesoziologInnen muss dieser Diskurs – vor allem Außenstehende – in Erstaunen versetzen. Denn der implizite oder explizite Rekurs auf den Begriff der „Krise“ bedeutet nicht weniger, als dass eine Teildisziplin entweder Probleme hat, ihren Gegenstand zu identifizieren, oder mit bisherigen Erklärungsmodellen ihren Gegenstand nicht mehr angemessen analysieren kann. Nach Kuhn (1967: 96ff.) sind solche Krisen Vorboten von Paradigmenwechseln, die sich durch die Entdeckung neuer Fakten oder die Entwicklung neuer Theorien ergeben. Die ExpertInnen eint die Erkenntnis, dass sich Erwerbsarbeit so stark ausdifferenziert hat, dass die Teildisziplin nun die Aufgabe habe, sich der Vielfalt von neuen Arbeitsformen zu stellen und den definierten Forschungsgegenstand zu erweitern. Es trennen sie jedoch die Schlussfolgerungen und Konsequenzen, die sie daraus für die zukünftige Ausrichtung der Arbeits- und Industriesoziologie ziehen. Ist man sich bei der Festlegung des neuen Gegenstandes noch auffällig nah, nimmt der Abstand bei der Wahl der theoretischen Bezugspunkte rasch zu. Dies ist im Unterschied zu anderen Teildisziplinen aus zwei Gründen bedeutsam: Die Arbeits- und Industriesoziologie vertrat in den letzten Jahrzehnten zum einen den Anspruch, über die Untersuchung von Arbeit die Gesellschaft in ihrer essentiellen Gestalt und Wirkung zu untersuchen und gesellschaftliche Entwicklung insgesamt zu erklären. Industriesoziologie sollte stets „mehr als eine der sog. Bindestrichsoziologien“ sein (Hirsch-Kreinsen 2003, 5), da die Industrialisierung als der bedeutendste Antrieb für die Entwicklung der Gesellschaft identifiziert wurde. Dieser Anspruch wurde 102 Die folgenden Ausführungen wurden als Beitrag zur aktuellen Debatte in ähnlicher Form in der Zeitschrift „Arbeit“ veröffentlicht (Jürgens 2005c). 103 Krisen-Begriffe kursieren bereits seit den 1960er Jahren in der Industriesoziologie und verweisen auf eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit etablierten Paradigmen und Differenzen in der Festlegung zentraler Aufgaben der Teildisziplin (Lutz/Schmidt 1977; Brandt 1990).
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nicht immer eingelöst, sondern in vielen Forschungsarbeiten zugunsten einer betriebsorientierten Analyse des Wandels von Arbeit vernachlässigt; er blieb jedoch kennzeichnend für das Selbstverständnis der Forschergemeinde. Zum anderen legten sich prominente VertreterInnen mit der Marxschen Gesellschaftstheorie auch auf ein bestimmtes Erklärungsmodell fest und trugen maßgeblich zu dessen Rezeption und kontinuierlicher Aktualisierung bei. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit galt und gilt für ein Gros empirischer Arbeiten und für Ansätze „mittlerer Reichweite“ auch heute noch als ein grundlegendes Deutungsschema. Ebenso verbreitet ist die Kritik an dieser Ausrichtung: Brandt (1990) problematisiert eine „Fixierung“ der industriesoziologischen Forschung auf die Marxsche Theorie. Während in der Nachkriegszeit lediglich die Themen an Marx Analyse orientiert gewesen seien, habe sich in den 1970er Jahren die Tendenz einer „direkt Marx verpflichtete