Hypomnemata Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben
Herausgegeben von
Albrecht Dihle, Siegmar Döpp, Dorothea Frede, Han s-Joachim Gehrke, Hugh L1oyd-Jones, Günther Patzig, Chri stoph Ri edweg, Gisela Striker Band 154
Vandenhoeck & Ruprecht
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Jens Leberl
Domitian und die Dichter Poesie als Medium der Herrschaftsdarstellung
Vandenhoeck & Ruprecht
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Verantwortlicher Herausgeber: Hans-Joachim Gehrke
Bibliograrische Informalion Der Demschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliograrie: de tai llierte bibliografische Daten s ind im Internet fiber
abrufbar. ISBN 3-525-25253-6 Hypomnemata ISSN 0085- 1671
CI 2004. Vanden hoeck & Ruprecht in GÖllingen I www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlieh gesc h ützt. Jede Verwertung in anderen als de n geset2.lich zugelassenen Fällen bedarf de r vorherigen schriftlichen Einwilligu ng des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages ö ffemlich zugä nglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer ents prechenden Nutzung flir Lehr- und Unterrie htszwec ke. Printed in Germany. Gesamtherstellung: Hubert & Co. Gedruckt auf alterungsbcständigem Papier.
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Inhalt Vorwort
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1. Einleitung
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2. Domitians Herrschaftsdarstellung. Die )anderen
2.2 Zielgruppen 2.3 Inhalte
2.3.1 Die thematischen Schwerpunkte 2.3.2 Die Expression zwischen Innovation und EpigonalitAt 2.3.3 Domitians Philhellenismus 2.3.4 Die Materialität der Instrumente 2.4 Omnipräsenz als Ziel der Herrschaftsdarstellung 2.4.1 Räumliche Verbreitung und zeitliche Ausdehnung 2.4.2 Der kombinierte Einsatz mehrerer Instrumente 2.5 Ausblick 3. Die Rezeption der Dichter 3.1 Rezitationen 3.2 Kleine Gedichtbroschüren (libelil) 3.3 Die Epigramm- und die Si lvenbOcher 3.4 Vertrieb durch den Buchhandel 3.5 Breitenwirkung 3.6 ResGmee: Die Rezeption der Domitiangedichte 4. Domitian als Patron der Dichter 4.1 Die nichtkaiserliche Literaturpatronage 4.2 Der Kaiser als Patron 4.3 Das Kl ientelverhältnis zwischen Domitian und den Dichtem 4.3.1 Martial und Statius - keine Hofdichter 4.3.2 Domitian als Literaturpatron 4.4 ResGrnee 5. Die Panegyrik des Statius 5.1 Die militärische Imago des Kaisers (silv. 1, 1) 5.2 Die sakrale Imago des Kaisers (silv. 4,2)
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Inhalt
5.3 Der Kaiser als Euerget der stadtrömischen Bevölkerung 5.3. l silv. I,6 5.3.2 silv. 2,5 5.4 Der Kaiser als Euerget der gesamten Reichsbevölkerung (si lv. 4,3) 5.5 Der Erwerb von Status durch den Kaiser (silv. 4,1 ) 5.6 Sonderfall: Die an Domitians Umfeld adressierte Dichtung (silv. 3,4) 5.7 Resümee 6. Die Panegyrik des Martial 6. t Die militärische Imago des Kaisers 6.2 Der Kaiser als Euerget 6.3 Zensorische Maßnahmen 6.4 Die sakrale Imago des Kaisers 6.4.1 Vergleiche mit den himmlischen Göttern und deus· Titulierungen 6.4 .2 Befestigung der flavischen Dynastie I: Das Templum Genlis Flavioe 6.4.3 Befestigung der flavi schen Dynastie 11: Vergöttlichte Verwandte 6.4.4 Domitian als Herkules - Herkules als Domitian 6.4 .5 Der Palast als Hinunel 6.4 .6 Zusammenfassung 6.5 Sonderfall: Die an Domitians Umfeld adressierte Dichtung 6.6 Resümee 6.6.1 Die chronologische Entwicklung der Panegyrik 6.6.2 Der Vergleich mit Statius 7. Schlussbetrachtung Appendix : Neueste Literatur zu Martials Kaiser·Epigrammen 8. Literaturverzeichnis
8.1 Quellen 8.2 Sekundärliteratur 9. Register 9. 1 Namen· und Sachregister 9.2 Stellenregister
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181 181 198 199 21 5 229 241 245 245 266 280 291 293
301 306 3 10 3 17 320 322 328 328 339 342 354 358
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Vorwort
Das vorliegende Buch ist eine leicht uberarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Sommer 2002 vom Gemeinsamen Ausschuss der Philosophischen Fakultäten I-IV der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angenommen wurde. Die nach Abgabe der Arbeit erschienene Literatur wurde so weit wie möglich berücksichtigt. Gegen Ende meiner Arbeitsphase ist Ruurd Nautas Werk ) Poetry for patrons(( erschienen, dessen Untersuchungsgegenstand dem meinigen ähnelt, dessen philologischer Ansatz sich von meinem historischen jedoch unterscheidet. Umso erfreuter konnte ich feststellen, dass ich unabhängig von Nauta zu teilweise ähnlichen Ergebnissen gekommen bin. Zuletzt - rur den geneigten Leser ist es der Beginn - gilt es, 811 jenen Dank zu sagen, die bei der Entstehung dieser Arbeit geholfen haben : Professor HansJoachim Gehrke hat die Anregung zu dem Thema gegeben und mir in intensiven Gesprächen viele wertvolle neue Einsichten vermittelt. Vor allem hat er es als Doktorvater verstanden, mich durch seine eigene Begeisterung für das Fach immer wieder aufs Neue zu motivieren. Professor Eckard Lefevre hat das Zweitgutachten ubernommen und mir manch erhellenden Hinweis gegeben. Der Kreis der Assistenten und Doktoranden in den Altertumswissenschaften der Universität Freiburg bot mir stets die Gelegenheit zu wissen- und freundschaftlichem Austausch in nicht selbstverständlichem Maße: Andrea Ercolani, Andreas Grüner, Chri stian Mann, Peter Mittag und Gunnar Seelentag (Köl n) haben einzelne Kapitel einer gründlichen Prüfung unterzogen bzw. mir durch fruchtbare Diskussionen viele Male weitergeholfen. Mit Gunnar Seelentag hat mich daruber hinaus während der gesamten Zeit der parallel voranscbreitende Arbeitsprozess verbunden. Beim Korrekturlesen einzelner oder aller Kapitel standen mir zudem Silvia Wrobei , Alice Malzacher und besonders Eckhard Leberl zur Seite. In der Oberarbeitungsphase gab Professor Aloys Winterling einige wichtige Fingerzeige. Die Graduiertenfbrderung der Konrad-Adenauer-Stiftung hat mir durch ein Promotionsstipendium ein finanz iell unabhängiges Arbeiten ermöglicht. Den Herausgebern der »Hypomnemata« danke ich fur die Aufnahme in diese ehrwürdige Reihe. Der größte Dank jedoch gebUhrt meinen Eltern, für ihr Vertrauen, ihre Ermunterung und ihre Hilfe in aUen Lebenslagen während Studium und Promotion. Ihnen und meiner Schwester Birgit ist dieses Buch gewidmet. Berlin, im April 2004 7
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I. Einleitung Al s 1 Titus Flavius Domitianus, der drine Flavier auf dem römischen Thron, 96 n.Chr. von einigen seiner engsten Vertrauten umgebracht worden war, hinterließ er eine gespaltene Bevölkerung in Rom. Sueton berichtet, nach bekaMt Werden der Nachricht seien die Senatoren in Jubel ausgebrochen. Sogleich banen sie dem Ermordeten die übelsten Beschimpfungen hinterhergeschickt und eigenhändig die ersten Domitianbilder heruntergerissen und auf dem Boden zerschlagen. Die plebs urbana habe die Neuigkeit gleichgültig aufgenommen. Die Soldaten dagegen waren über den Mord sehr erbittert und versuchten, die Divinisierung des getöteten Kaisers durchzusetzen. Wenn es nicht an der geeigneten FOhrung gemangelt hätte, wäre das Heer sogar bereit gewesen, ihn zu rächen.2 Ob den Einzelheiten der suetonischen Darstellung Glauben zu schenken ist, sei dahingestellt. Für ihn als Vertreter der von der senatorischen Sichtweise geprägten Geschichtsschreibung stand ei n ausgewogenes und an den historischen Fakten orientiertes Bild Domitians nicht im Vordergrund . Wa.hrend aber beispielsweise Plinius oder Tacitus den Flavier in Bausch und Bogen verdammen, lässt der Biograph erkennen, dass der domitianische Principat keineswegs von allen Untertanengruppen abgelehnt wurde. Es ist daher sein Verdienst, allein durch die Schi lderung der Reaktionen auf Domitians Ermordung ein differenzierteres Image des Kaisers anzudeuten und außerdem den Blick auf die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft im Imperium Romanurn zu lenken. Die Senatoren, die stadtrömisehe Bevölkerung und das Heer - das sind die drei Gruppen, die Egon Flaig 1992 als die »maßgeblichen Sektoren des politischen Systems« Roms bezeichnete.) Durch unaufhörliche Kommunikation und Interaktion mit diesen drei Gruppen hatte der Princeps um Akzeptanz für seine Herrschaft zu werben, unerlässliche Voraussetzung fur die Sicherung seiner Macht in einem System, das die kaiserliI Alle Jahreszah len beziehen s ich, sofern nicht anders angegeben. auf die nachchristlic he Zeit. Antike AUloren werden nach dem Abkllrzungsverzeichnis des Neuen Pauly (Bd. J. 1997), die domitianischen Münzen durch die Angabe des Katalogs (BMC bzw. RIC, jeweils zweiter Band) und ihre Münznummer zitien . Im Inter-esse der Einheitlichkeit wird in allen lateinischen Zitaten zwischen IoI U« und ,.VII umerschieden, ggf. abweichend von der zitienen Ausgabe. Alle Übersetzungen. weM nicht anders angegeben. von mir. 2 Occisum eum populus indifferenter. miles gravissime tulit statimque Divum appellare conaIUS esl, poralus et ulcisci. nisi duces defuissent; ( ...). COnlra senalus adeo laetatus esf. UI repleta certatim curia non lemperaret, quin mortuum contumeliosissima atque acerbissimo adclamatio'114m genere laceraret. scalas etiam inferri clipeosque et imagines eius coram detrahi el ibidem solo aff1igi iuberer. Suel. Dom. 23. 1. 3 Flaig 1992. 12. •
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Einlt:ilung
che Position nicht in erster Linie auf rechtlich geregelte Kompetenzen und Befugnisse gründete.4 Flaig stellte sich damit in die Tradition der Herrschaftssoziologie Max Webers. Deren Anwendbarkeit auf die Antike hatte Hans-Joachim Gehrke 1982 ft.lr den Hellenismus gezeigt: Von den Weberschen Typen legitimer Herrschaft kommt der Begriff des charismatischen Herrschers der Stellung des hellenistischen Königs am nAchsten.s Aber auch das Wesen des Principats ist mit dieser Theorie am geeignetsten zu erfassen. Der charismatische Herrscher hatte seinen Machtanspruch durch ständige Leistung und Bewährung, militärisch, politisch, euergetisch, zu legitimieren. Die Kommunikation mit den Untertanen war ein wichtiger Bestandteil der kaiserlichen Aufgabe, sich in Permanenz zu bewäh-
ren.
Wenn man das Akzeptanzsystem als Kategorie zur Beschreibung des römischen Principats heranzieht, rückt zwangsläufig auch die Selbstdarstellung des Kaisers ins Blickfeld. Alle seine Leistungen mussten den Untertanen vermittelt werden, soUten sie zu seiner Akzeptanz beitragen. Die Herrschaftsdarstellung des Kaisers hat Paul Veyne behandelt, der schon vor Flaig die Kommunikation des Kaisers mit der Hauptstadtbevölkerung einer ausfUhrli c hen Untersuchung unterzogen haue.6 Darin nennt er die kaiserliche Selbstdarstellung I 'expression de 10 majeslt, »Ausdruck von Majestät(l. Paul Zanker verschaffte ihr 1987 mit seinem wichtigen Werk »Augustus und die Macht der Bilden( neue Bedeutung als Gegenstand des a1tertumswissenschaftlichen Forschungsinteresses. Für die ptolemäische Monarchie hat Gregor Weber davon gesprochen, dass einer ihrer wesentlichen CharakterzUge mit »Kategorien wie Repräsentation, ü stenlalion, Expression von Majestät« erfasst werden könne.' Die Herrschaftsdarstellung des Kaisers soll im Mittelpunkt meiner Untersuchung slehen. Veynes Begriff der >Expression von Majestät< steht ftir einen Bedeutungskomplex, der mit den Termini >monarchische Prachtentfaltung(, >Meinungsgestaltung der Untertanen( (Veyne), )Selbstdarstellung des Kaisers( (Flaig), >ü stentation der kai serlichen Imago( (0 . Weber), >Propagierung der Monarchie( oder >repräsentative Darstellung staatlicher Macht und ihrer Trägen (Eich' ) umschrieben werden kann . Die Begriffe >Expression<, )Herrschaftsdarstellung( und )Ostentation<werden in dieser Arbeit im Folgenden synonym verwendet. )Expression von Majestät( scheint mir der geeignetste Terminus fUr die Beschreibung der kaiserlichen Selbstdarstellung zu sein : Die Expression ist »o ffensiv darstellend, 4 Zu Ihnlk ht:n Ergebni~n kOfT\lTlt:n SDnskt:S 1993 und Pabsl 1997. S Gt:hri::e 1982, 250f. 6 Le pain t:t le cirqut:. Soc:iologie hisloriqut: d'un plun!.tismt: polilique, Paris 1976 (dt. 1988), Kap. tv . 7 Kapitt:I IV 8. 8 Weber t993. 59. 9 Eich 2000.
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Einleitung
expressiv, ( ... ) nach außen hin um Zustimmung und Anerkennung werbend, d.h. ausgerichtet auf Prestige«IO. Die )Darstellung< von Herrschaft ist so viel wie ein Angebot an die Untertanen, die >Expression< dagegen ermöglicht dem Adressaten kein Ausweichen. 11 Der Leser des 2 1. Jahrhunderts wird bei der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung zwangsläufig auch an )Propaganda< denken. In der Tat sind die Ziele der römischen Expression und der Propaganda der Modeme identisch, nämlich die politische MeinungsbeeinOussung von Untertanen bzw. Staatsbürgern . Dennoch wird in der vorl iegenden Arbeit der Begriff )Propaganda< vennieden: Er ist erstens e in Anachronismus, da er im J 7. Jahrhundert von der katholischen Kirche zur Bezeichnung ihrer Mi ssio nstätigkeit geprägt wurde. n Zweitens ist er nach den Erfahrungen mit den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts v.a. in Deutschland mei st negati v besetzt. »Sein Gebrauch ist daher häufi g mit der Intention verbunden, die vennutcte manipulatorische Absicht einer Äußerung oder eines Textes aufzudecken und anzuprangern .«1l Für die folgende Studie ist es jedoch notwendig, einen wertneutralen Begriff zugrunde zu legen: Ob die kaiserliche Selbstdarstellung mit seinen tatsächlichen historischen Eigenschaften oder Leistungen übereinstimmte, ist zwar nicht gänzlich ohne Belang, es steht aber nicht im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Drittens untersche iden sich die Mittel der antiken Herrschaftsdarstellung von denen der modernen Propaganda erhebl ich: Das Instrument der Massenmedien stand dem römischen Kaiser nicht zur Verfilgung; damit verkleinerte sich die ftlr ihn erreichbare Zielgruppe bzw. er musste andere, vennittelte Wege wählen, um von den weit entfernten Rcichsbewohnem wahrgenommen werden zu können. 14 Die Ex pression kann von den konkreten politischen Maßnahmen des Kaisers, die man als >Sachpolitik< bezeichnen könnte, nicht e indeutig geschieden werden. Eine solche Abgrenzung ersche int als nicht zul ässig, denn alle politischen Schritte, die die Untertanen betreffen sollten, mussten auch öffentlich und bekannt gemacht werden, d.h. sie mussten dargestellt werden. I' Die Grenzen zwischen tat10 Weber 1993, 67 . 11 Vgl. die demn!l.chst erscheinende Dissenation von G. Seelentag, Taten und Tugenden Traians. Aspekte der Herrschaftsdarstellung: Er wahlt rur die kaiserliche Selbstdarstellung den Begriff Ilmagol. Dieser terminologische Unterschied ist kein Zufall : IExpression( ist passender rur die offensiv-massivere Ausprllgung der Selbstdarstellung Domitians, während Ilmago( treffender die etwas zurückhaltendere Form der trajanischen Herrschaftsdarstellung umschreibt. 12 Siehe Wolfgang Schieder I Christoph Dipper, Propaganda. GG 5 (1 984) 69-1 12, hier 69f.; vgl. Darwall-Smith 1996,32. 13 Eich 2000, 353. 14 Siehe zur PropagandaprobJematik in Bezug auf die alexandrinische Hofdichtung Weber 1993, 60-68. 15 Siehe zur gedanklichen KI!l.rung die Unterscheidung, die Bleicken ( 1982. 188) zwischen der kaiserlichen Selbstdarstellung und der Regierungstlltigkeit, die auf dem Wege der Beantwonung von Anfragen aus de r gesamten ReichsbevOlkerung geschah, vornimmt. Ich fasse den Begriff der politischen T!l.tigkeitjedoch weiter; s. da7.1l das Folgende.
II
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Einleirung
sächlichen sachpolitischen Entscheidungen und der Ostentation der kaiserlichen Imago waren fließend. Drei Bei spiele mögen den Sachverhalt verdeutlichen: I . Wenn der Kaiser eine öffentliche Speisung in Rom durchführte oder der plebs ein Geldgeschenk zukommen ließ, dann waren dies Instrumente seiner Herrschaftsdarstellung. Beides hatte aber filr das Volk eine genuin materielle Bedeutung, die Ober das Symbolische weit hinausging. Ein Instrument der Expression konnte also auch handfeste faktische Auswirkungen haben . 2. Wenn die Soldaten den Kaiser als Feldherren in der Schlacht in Aktion erlebten, dann kamen seine militäri schen I außenpoliti schen Handlungen und seine Expression zur Deckung. Anders verhielt es s ich mit der zeremoniellen oder architektonischen )Nachbereitung< eines kaiserlichen Kriegszugs in Rom. z.B. mithilfe von Spie len, TriumphzOgen oder - bögen: Hier konnten die Leistung des Princeps, der tatsächliche Ausgang des Krieges (fern der Hauptstadt), und ihre anschließende (überhöhende) Darstellung weit auseinander klaffen. 3. Der Kaiser iibemahm (zum wiederholten Male) rur die ersten zwei Wochen des Jahres das Konsulat, um es dann an den Iden des Januar niederzulegen. Durch diese häufige Praxi s wurde der hi storischen Verschiebung der Gewichte von den eminenten faktischen Auswirkungen, die das ehemals wichtigste römische Amt filr die Bürger mit sich brachte, hin zu eine m rein symbolischen Gehalt Vorschub geleistet. Ein ursprünglich hochpoliti scher Vorgang lebte nun fast nur noch von seinem Effekt fl1r die kaiserliche Expression . Es mag kaiserl iche Handlungen gegeben haben, die rein symbolischer Natur, ohne sachpolitischen Gehalt, waren, umgekehrt eine politi sche Maßnahme, die nicht auch zu seiner Herrschaftsdarstellung beitrug, ist nicht denkbar. Zur Expression sind daher aUe Taten und Maßnahmen des Kaisers zu zählen, durch die sei ne Imago in der Öffentlichkeit gestaltet wurde. Anstrengungen zur Expression der eigenen Herrschaft haben alle röm ischen Kaiser seit Augustus unternommen. Eine eigens daftir zuständige Institution ist uns nicht bekannt; die Herrschaftsdarstellung wird in der Obhut des sich im ersten Jahrhundert ausbi ldenden Kaiserhofs gelegen haben, so dass der Princeps direkten Einfluss darauf haue.16 Der vorliegenden Arbeit liegt die Hypothese zugrunde, dass di e Maßnahmen Domitians rur seine Ex pression massiver waren als die seiner Vorgänger. Schon sein Vater Vespasian und sein Bruder Titus hanen diesem Sektor besondere Aufmerksamkeit gewidmet, galt es doch, di e fehlende dynasti· sehe Tradition der Flavier zu kompensieren. Für Domitian war eine gesteigerte 16 Vgl. Darwall·Smith 1996. 33 .
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Einleitung
Ostentation seiner lmago auch deshalb geboten, weil er dem Principat stärkere autokratische ZUge als frühere Kai ser verlieh. Dass er sich mehr Kompetenzen und Befugnisse anmaßte, konnte nicht per se die Zustimmung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, v.a. der Senatoren, finden und musste daher expressiv )begleitet< werden. Auf welche Sektoren des politischen Systems Domitian sich dabei konzentrierte, wird die Untersuchung seiner Herrschaftsdarstellung zeigen. Ein denkbares Instrument der kaiserlichen Expression ist die Literatur. Am ptolemäischen Hof hanen sich Dichter aus ganz Griechenland eingefunden und gemeinsam mit Philosophen, Historikern, Philologen und sonstigen Wissenschaftlern Alexandria zu einem intellektuellen Zentrum von gewaltiger Strahlkraft in der gesamten griechischen Ökumene verholfen.11 Diente der hellenistische Herrscherhof dem drinen Flavier, in dessen Herrschaft, besonders in dessen )Kulturpolitik (, hellenistische Elemente zu beobachten sind," möglicherweise als Vorbild? Verlieh Domitian dem machtpoliti schen Zentrum der Welt des ausgehenden ersten Jahrhunderts einen intellektuell-kulturellen Rang, der dem römischen Selbstverständnis, Mittelpunkt der Welt zu sein,19 entsprach? Literatur, auch Dichtung, halte als begleitendes Mittel der Selbstdarstellung in der römischen Politik seit jeher einen hohen Stellenwert gehabt : Cicero dichtete Oe consulatu suo, um die Errungenschaften seines Konsulats filr die Nachwelt festzuhalten, aber auch seinen Zeitgenossen ins Gedächtnis zu rufen. Augustus ließ fiber Maecenas diejenigen Autoren betreuen, von denen eine poetische Verherrlichung sei nes Principats zu erwarten war. Angestrebt wurde »a poem that would have a predetennined impact upon an audience large enough to make that audience a significant political factor«20. Angesichts dieser Vorbilder ist zu fragen, o b Domitian sich von den unter se iner Herrschaft publizierenden Autoren eine ähnliche Wirkung auf ein bestimmtes, politisch relevantes, Zielpublikum erhoffie. Mit der Beurteilung des domitianischen Principats tut sich die Fachwelt bis heute schwer.21 Die Domitianforschung stand stets im Zeichen der senatorisch dominierten, dem flavischen Kai ser feindlich gesinnten antiken Überlieferung. ) Das Bild der Flavier ist im wesentlichen schon von den Zeitgenossen geprägt und rur a lle Zukunft festgelegt worden : Vespasian und Titus sind die vorbi ldlichen Kaiser, Domitian ist der Typ des Tyrannen.«22 Anfangs Ubemahm man dieses Urteil, so dass etwa Montesquieu von Domitian als einem monsIre sprach.ll 17 Weber 1993. 8f. und 102. 18 S.u. Kap. 2.3.3; vgl. Strobell 994, 372. 19 Romae priflcipis wbium: HOf. C8Im . 4,3. 13; s.a. Hor. cann. saec. 11f.: Verg. Aen. 6 ,78 1f.; 85 If.; 7,602f. 20 Quinn 1982, 79. 21 Siehe Eck 1997, 748. Eine n umfassenden ForschungsOberblick liefert Umer 1993, 3-23. 22 Bengtson 1979,279. 23 Cons id~rat ions sur les causes de la Grandeur des Romains et de 1eur d«:adence, Texte etabli par Gonzague T ruc, Paris 1967. 83. S.a. A. 1mhof. T. Flavius Domitianus. Ein Beitrag zur Ge-
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EinleilUng
Seit Theodor Mommsen wurden immer wieder Ansätze zu einem positiveren Domitianbild entwickelt,'· aber endgültig rehabilitiert war der Flavier damit noch nicht. Erst seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts bemühte man sich in breitem Umfang, ihn von dem Malus des unberechenbaren und blutrünstigen Ty· rannen zu befreien.1' Nun wurde weithin erkannt, dass die senatori sche Überliefe· rung ihn nicht objektiv beurteilt. Domitians posthumen Ruf ereilte das Schicksal, das vielen Herrschern zuteil wird, die der letzte Vertreter ihrer Dynastie gewesen sind: Die Nachfolger sind bestrebt, die Regierungszeit des Vorgängers als tyranni· sche Verinung darL.ustellen, von der es sich in jeder Hinsicht abzusetzen gelte. Oie Machtübernahme einer neuen Herrscherlinie wird damit gerechtfertigt, dass man zu den bewährten Traditionen aus der Zeit vor dem )Tyrannen< zuruckkeh· re. 16 V.a. Tacitus und Plinius der Jüngere hanen ein persönliches Interesse daran, diese unter Nerva und Trajan ausgegebene Deutung des domitianischen Principats zu propagieren: Einerseits hatten heide, wie viele ihrer Standesgenossen auch, unter dem Flavier eine beachtliche politische Karriere gemacht, für die sie sich nun rechtfertigen mussten; eine Zeit der Lüge und Heuchelei sei es gewesen, die man in einer Art )inneren Emigration< überdauert habe.1' Andererseits hatte Taei· tus die Möglichkeit, sein engstes persönliches Umfeld als Opfer des domitiani· schen Regimes hinzustellen, da sein Schwiegervater Agricola als römischer Feld· herr in Britannien vom Kaiser abberufen worden war. Diese Erkenntnisse führten zu einer wachsenden Skepsis gegenüber der senato· rischen Tradition, in deren Folge auch die Urteile über andere Kaiser zu revidie· ren sind. Die Forschung sah sich nun mehr und mehr veran lasst, die Geschichte des Kaisers Domitian gegen die Sichtweise der senatorischen Überlieferung zu schreiben. Von endgültigen Ergebnissen ist sie aber immer noch weit entfernt : Domitian »remains largely an enigma«21. Zur Erhellung des Domitianbildes können daher am besten weitere Untersu· chungen zu einzelnen Aspekten seines Principats beitragen, um das Gesamtbild aus möglichst vielen Details zusammenzusetzen. Deshalb nimmt sich diese Studie der Frage an, wie Domitian seine Herrschaft darstellte sowie welcher Mittel und welcher Personen er sich dabei bediente. Es soll hier die Rolle der römi schen Dichter M. Valerius Martialis und P. Papinius Statius innerhalb der kai serlichen Expression untersucht werden. Da sie zu Domitians Lebzeiten publizierten, liefern
schichte der römischen Kaiserzeit, Ual le 1857; J.E. Kraus, Zur Chrarakteristik des Kaisers Domiti· an. Landshut 1876: A. v. Domaszcwski. Geschichte der rOmisc~n Kaiser. 2.Bd., Leipzig 1909, t58·167. 24 Z.B. Gse1l 1894 und Weynand 1909; zum Mommsen·Zilat s. BenglSOn 1979,280f. 25 Siehe die von Umer ( 1993. 2 t) angeftlhrte Literatur; außerdem Waters 1964. 26 Siehe z.B. Griffin 2000. 55. 27 l. B. PI in. paneg. 76.3. 28 Vessey 1983, 212.
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Einleitung
sie uns ein von der senatorischen Tradition unbeeinflusstes Zeugnis des letzten Flaviers. Parallel zu dem veränderten Domitianbi ld haben sich die Ansichten der Forschung über die flavischen Dichter im Allgemeinen und über deren Verhältnis zum Kaiserhof im Speziellen gewandelt. Die erstere Diskussion pendelte zwischen zwei Interpretationspolen: Martial s und Statius' Gedichte an oder auf 00mitian wurden einerseits als maßlose und darum abstoßende Schmeicheleien abqualifiziert, andererseits wollte man in ihnen unter der lobenden Oberfläche eine zweite Ebene versteckter Kritik erkennen. Das lange Zeit gültige Urteil , Martial sei ein ))geradezu widerwärtiger Adulator«29 und ein »zynischer Bettelpoet<(O gewesen, sein Werk sei dominiert von Obszönität und serviler Gesinnung, ist inzwischen revidiert worden. Von Statius, dessen Silvae lange bestenfalls am Rande des ahertumswissenschaftlichen Blickfeldes lagen, hane es kaum milder geheißen, dass er die Gunst Domitians »)auf al le Weise zu verdienen suchte«)'. Mittlerweile bewertet man diese Panegyrik differenzierter, indem man berücksichtigt, dass der römische Principat längst die in der breiten Masse unbestrittene und akzeptierte Staatsfonn und von den Dichtem nichts anderes als Loyalität zu ihren Repräsentanten zu erwarten war.J2 Außerdem hatte eine Epoche, in der die Grenzen zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen in der Vorstellung der Menschen fließend waren/ i ein anderes Verhältnis zum Adressatenlob und zur Schmeichelei; ein Maß an Panegyrik, das uns heutzutage übertrieben anmutet, kann im Rom des I. Jahrhunderts n.Chr. durchaus als angemessen erachtet worden sein. Das entgegengesetzte Deutungsmuster will in der oft überschwänglichen Panegyrik versteckte Kritik an dem vorgeblich gepriesenen Herrscher erkennen. Gestützt auf Quintilians AusfUhrungen über die )verblOmte Redeweise < (emphasi~) unterstellten Forscher wie J. Garthwaite, F. Ahl und N. Holzberg Martial und Statius, dass ihre Hymnen den verhassten Despoten Domitian nur vordergrOndig lobten, auf einer zweiten Ebene jedoch voll kritischer Anspielungen seien . Diese Art der unterschwelligen Kritik, die gefahrlos, da durch die Schmeicheleien an der Oberfläche gedeckt sei, wurde als )safe criticism«, )x:iouble speak« oder »figured speech« bezeichnet. H Sie arbeite mit sprachlichen Bezügen und mache sich den 29 Bengtson 1979, 146. 30 SecII961. 6 1. 3 1 R. Helm, P. Papinius Statius, RE 18,3 , 1949, Sp. 986. Siehe außerdem Geyssens kurzen Überblick Ober die Literatur, die in dieser Deutungstradition steht (1996, 14, Anm . 31). 31 Siehe 1..B. Klug 1995. 70r. 33 S.u. S. 58. 34 Quint. ins!. 9.2,65. 35 Siehe die Arbeiten von Ahl und Garthwaite sowie: Holmerg 1988, 75-85; Bartsch 1994. Eine nOtzliche Zusammenfassung dieser Positionen bietet Spisak 1999, 74·79. - Holzberg hat diese Position in seiner neuen Manialmonographie (2002) inzwischen revidiert; s. Appendix.
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Einleilung thematischen Kontext zunutze, etwa indem Martial im sechsten Buch seine La· beshymnen auf die domitianischen Sittengesetze neben satirische Beschreibungen von Sittenlosigkeit in Rom platzierte. In ähnlicher Weise wurden auch das erste, fünfte und neunte Epigrammbuch interpretiert.16 Von den statianischen Silvcn ruckte v.a. die Earinussilva (3,4) in den Mittelpunkt des Interesses der safe er;';· cism·Verfechter. Statius habe Domitian nicht höher geschätzt als ein Tacitus oder Plinius. Sein Lobpreis sei so abstoßend übertrieben, dass die Falschheit offen· sichtlich werde.)7 Statius »is perhaps the most ironie master of court poetry in Western literature«lI. Der Kaiser habe es sich aufgrund von Martials und Statius' »political insignificance as bourgeois« jedoch leisten können, diese Ironie mit einem Achselzucken hinzunehmen. 39 Diese Art der Interpretation hat jedoch zu viele Schwächen. Sie setzt, auf die flavische Literatur bezogen, voraus, dass kein Untertan einen >Tyrannen( freiwil· lig und ohne Not preise, und dass Domitian seine gesamte Regierungszeit hin· durch ein Tyrann gewesen sein muss. Sie missachtet, dass Martial und Statius »durch ihre soziale Stellung nicht gerade zur Opposition prädestiniert« waren: »Ein Martial hatte - auch wenn er kein von materieller Not getriebener >Bettelpo· eh war - durch Kritik am Kaiser nichts zu gewinnen, ein Statius, der als professi· oneller Dichter auf den Hof und die Großen der Zeit angewiesen war, wohl eini· ges zu verlieren«40. Die These des safe crilicism ist mit dem Problem konfrontiert, dass man jede positive Aussage doppeldeutig auffassen kann. Es dürfen jedoch »die Grenzen der Objektivierbarkeit nicht aus dem Blickfeld geraten und müßte ( ... ) tur solche Versuche der Text·Oekonstruktion ein theoretisches Fundament gelegt werden, das die Methode derartiger Deutungen transparent macht«41. Schließlich - und das ist der wichtigste Einwand - muss die double speak· Forschung die Frage beantworten, warum die Autoren hätten voraussetzen kön· nen, dass ihre Rezipienten all die versteckten Anspielungen auf den Kaiser verste· hen und sich darüber amüsieren konnten, während allein der verlachle Herrscher selbst und seine Höflinge ahnungslos geblieben sein sollen. Diese wenigen Hinwei se mögen genOgen, um zu zeigen, dass die safe criti· cism·Forschung kein taugliches Instrument zur Interpretation der flavischen Pane·
36 Siehe dazu die Aufsätze von Ganhwaite. 37 Ah11984, 90. 38 Ebd. 101. 39 Ebd. 85. 40 Römer 1994, 101. 41 Grewing 1997, 34f.
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Ein leilUng
gyrik sein kann .'l In jüngster Zeit ist diese Schule mehrfach in hervorragenden 41 Arbeiten widerlegt worden, auf die zu verweisen ich mich begnüge. Bestandteil der allgemeinen Diskussion, wie man Martials und Statius ' Panegyrik zu bewerten hat, ist die spezielle Frage nach der Hofnähe oder - feme der Autoren. Bis heute dominiert die Tendenz, den beiden Poeten ein sehr enges Verhältnis zur domitianischen aula zu unterstellen, ja sie als )Hofdichten zu bezeichnen.44 Daraus resultiert die häufi g zu beobachtende Praxi s, die Dichtung mit der höfi schen Expression gleichzusetzen, wie eine Argumentation von B. W. Jones bezüglich der kaiserlichen Ehefrau zeigt: Domitia »is far from prominent in the offi cial propaganda: Statius mentions her but once ( ... ), Martial and Silius not at all«". A. Harclie fonnuliert diese Sichtwei se explizit: »Domitian used Martial and Stati us for directly propagandist purposes ( ... ).«~ Gelegentlich differenzierte man auch zwischen den Autoren in der Beurteilung ihrer Siellung zum Kaiserhof. Marlial habe nie die Nähe zu Domitian genossen, die Statius besessen habe.47 Es gibt daher einige Stimmen, die Martial den Status als Hofdichter absprechen, da er nicht über enge Konlakte zur kaiserlichen aula verfUgt habe und uns kein Hinweis 41 darauf vorliegt, dass er mit Domitian persönlich bekannt war. K. H. Waters in seinem Unterfangen, den Flavier vo n dem Tyrannenverdacht zu befreien, bezog dieses Urteil auf die gesamte domitianische Dichtung: »( ... ) neither Statius, Martial , nor even Si lius 1talicus, was elose enough to the throne to be the vehiele for official pronouncements«4'i. G . Thiele war 19 16 sogar so weit gegangen, den Poeten beinahe jeglichen Stellenwert in den Augen Domitians abzusprechen, so )xlaß die Beachtung, welche die Poesie des Statius und Martial durch den Kaiser gefunden hat, über ein flüchtiges Interesse nicht hinausging« und es auch keinerlei Zensur oder ))Überwachung« durch den Hof gegeben habe. so Den Standort von Literatur zwischen den zwei Deutungsextremen, der Propaganda rur den Herrscher sowie impliziter Herrschaftskritik, hat Gregor Weber 42 Davo n unabhangig bleibt die Möglichkeit, dass Statius und v.a. Manial in ihren Domitiangedichten auch Ironie verwenden. Darauf wird unten aus gegebenem Anlass zurtlckzukommen sein. 43 Voran Römer 1994 , bes. 100-113, und Nauta 2002, 412-440; außerdem Darwall-Smith 1996, 21 1-213; Gc)'ssen 1996, 6f.; Walter 1996, 33f.; Grewi ng 1991, 3 1-35; Henrik~n 1998, 1119; Kloot t998, 29f., Anm. 61. 44 Ich zit iere beispielhaft d ie neueste Literatur: Manial und Statius: Scheithauer 2000, 144; Winterling 1999, 16; Christ 1995,276: »eine oft penetrante hö fische Dichtung«; außerdem Scou 1936 , 89; Statius: Kloot 2001. 37; Mause 1994 ,209. 45 1992,31. 46 t983 , 46. 47 Howell 1980, 4f. - Siehe zu der Frage, ob Statius' Vater Domitians Lehrer in rel igiOsen Dingen in der Jugend gewesen ist, Colcman 1988, xv und Ge)'sscn 1996,2 sowie dagegen Voll· mer 1898, 16. Anm. I. 48 Walter 1996, 21 : Coleman 1986, 3 10 I; Thiele 1916, 252. 491964 , 51. 50 1916, 259f.
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Einleitung
filr die Dichter am Hof der ersten drei Ptolemäer untersucht. !! Er wies nach, dass
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man mit beiden Deutungen der alexandrinischen Literatur nicht gerecht wird: Primär intendierte sie keine propagandistische Wirkung fUr die Ptolemäer beim Volk, sekundär diente sie den Königen aber sehr woh] , schließl ich dokumentierte sie, dass die Autoren Mitglieder des ptolemäischen Hofes waren und vom Herrscher in nachhaltiger Weise gefOrdert wurden. Die Dichtung konnte den König zum Thema haben (und dabei waren auch kritische Töne möglich), sie musste aber nicht. Sie wirkte nach außen durch den Ruhm der Literaten und den des Herrschers gleichennaßen. Lässt sich Ähnliches auch von den römischen Dichtem am Ende des I. Jahrhunderts n.Chr. sagen? Die vorliegende Arbeit fragt nach Martials und Statius' Stellenwert an der aula Domitians. Sie untersucht die RaUe, die die Dichtung im Rahmen der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung spielte : Kann man von einer expression de la majeste durch die Literatur sprechen? Mit welchen Inhalten und welchen Mitteln diente oder nUtzte die Literatur dem Kaiser? Wurde ein solcher Beitrag zur Expression in Absprache der Autoren mit dem Hof koordiniert? Dichteten sie im Auftrag? Verpflichteten sie sich gezwungenennaßen oder gab es möglicherweise eine Art vorauseilenden Gehorsam? - Die Beziehung der Poeten zu Domitian ist das Thema dieser Studie. Davon ausgehend wird sich zeigen, ob sich im Zuge der Bearbeitung neue Erkenntni sse für das Bild Kaiser Domitians gewinnen lassen. Das Verhalten der Autoren und insbesondere die chronologische Entwicklung ihrer Panegyrik wird auf mögliche RückschlUsse hinsichtlich des domitianischen Principats geprüft werden. Die Untersuchung widmet sich dem Verhalten der Literaten unter der Herrschaft des autokratischen Kaisers. Ihr Erkenntnisinteresse ist nicht auf die Reaktionen von Autoren nach Domitians Tod gerichtet, als man ohne Risiko offen über den Ennordeten urteilen konnte. Die Studie ist daher auf die Regierungszeit 00mitians, 81-96 n.Chr., begrenzt. Sie behandelt die unter dem Princeps Domitian abgefassten Epigramme des Martial H sowie die Silvae des Statius. Seide Autoren erfUlien das Kriterium, dass sie in zumindest indirektem Kontakt zum Kaiser standen und ihnen somit wenigstens mittelbare Kommunikation und Interaktion mit ihm möglich war. Denn nur dann erscheint die Erörterung der Frage sinnvoll , ob, und wenn, in welcher Fonn der Princeps Einfluss auf die Literatur nahm . Die Reden Dios von Prusa können darüber keine Auskunft geben, da es zwischen dem fernab von Rom wandernden Philosophen und dem Kaiser keinen Kontakt gab. 51 Weber 1993. 52 Die EpigrammbOcher 1-9 und 13114 sind wahrend des domitianischen Principats entstanden und daher Gegenstand der Studie. Das /iber spectoculorum wurde iJ . 80 geschrieben und befasst sich ausschließlich mit Titus. Die BOcher 11112 datieren aus der Zeit nach Domitians Ennordung. Vom 10. Buch, dessen erste Aunage noch unter Domilian entstand, haben wir nur die zweile. i.J. 98 herausgegebene Aunage; auch sie muss daher unberUcksichtigt bleiben.
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Einteilung
Sie bleiben daher außerhalb der Untersuchung, ebenso wie die Punica des Si lius Italicus. Da er das Epos als Alterswerk auf seinen Ländereien in Campanien dichtete, war er in der Hauptstadt nicht mehr präsentY Schließl ich wurde auch darauf verzichtet, auf Statius' epi sche Dichtung näher einzugehen. Die Frage, ob sich in der Thebais Bezüge auf das fl avische Rom finden lassen, ist beinahe so alt wie die Statiusforschung selbst. Die Mehrzahl der lnterpretatoren verneint einen Zusammenhang zwischen den Protagonisten Wld den propagierten Ideen des Werks und dem zeitgenössischen RomS(: »It would be wrong to see in the Thebaid any subtle political allegory. ( ... ) Search as we may, we wi ll find nothing subversive ( ... ). ~~s Jedoch wird auch rur die Thebais die Pos ition vertreten, sie enthalte versteckte Anspielungen, welche Missstände der aktuellen Politik aufs Kom nähmen .S6 Man muss dabei nicht auf die double speakTheorie zurückgreifen; dass Statius das Thema des Bruderkampfes aufgriff und sein Epos mit jraternas acies begann, konnte seine Leser und Hörer an Lucans Proömium erinnern, das dieser mit beUa ... plus quam civilia eingeleitet hane. Das Motiv des Bruderkampfes, aus dem Bürgerkrieg entsteht, war seit Lucan politisch negativ >besetzt<. Stati us könnte mit der Thebais eine ähnliche Lesart zumindest angeboten und so eine Distanzierung vom Regime zum Ausdruck gebracht haben .~ 1
Eine drine Deutungsvariante könnte dahin gehen, aktuelle politische Bezüge zu erkennen, ohne sie negativ verstehen zu müssen: So erinnert die Beschreibung der ara clemenliae an einen Fürstenspiegel wie Senecas De dementia. n Es scheint nicht sehr aussichtsreich, auf diesem Feld zu neuen gesicherten Erkenntnissen zu gelangen; die konventionellen Herrscherhuldigungen in den PfOÖmien von Thebais ( 1, 17-31) und Achilleis ( 1,14- 19) liefern keine Inhalte, die nicht auch in den Silvae verwendet würden. Von der Behandlung der statianischen Epen ist ein entsprechender Ertrag ni cht zu erwarten. Aus der zeitlichen Begrenzung der Arbeit auf die Regierungszeit Domitians folgt , dass Autoren wie Plinius der Jüngere, Tacitus und JuvenaI, die erst nach 96 als Schriftsteller an die Öffentlichkeit traten, nicht Untersuchungsgegenstand sein können. Sie werden lediglich zur Gewinnung von Rahmeninfonnationen herangezogen. Die Untersuchung beginnt mit einer Betrachtung der Herrschaftsdarstellung Domilians, die durch andere Medien und Instrumente als die Literatur vennittelt 53 Plin. episl. 3,7,6; vgl. von Albrechi 1994, 760. 54 Siehe den LileraturOberblick bei Dominik 1994, \31- \33. 55 Vessey 1973, 63f. 56 Ah1 1986; Oominik 1994, 130- 180. 57 Vgl. Ahl 1986.28 12. Siehe den Forschungsberichl von W. J. Dominik ( 1996), bes. 138140. 58 SiaL Theb. 12,48 1-518; s. von Albrechl 1994, 754.
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Einleitung
I
wurde (Kapitel 2). Während die Expression anderer Kaiser von der Forschung 60 behandelt worden ist."~ steht eine Gesamtdarstellung rur Domitian noch aus. Eine Zusammenstellung der Imago, die der Kaiser von sich selbst entwerfen ließ, ergänzt das bisher von der Forschung erarbeitete Bild des dritten Flaviers. Dieses Kapitel liefert das Fundament flir die gesamte Arbeit. Das in ihm ermittelte Programm der Selbstdarstellung Domitians soll später (in den Kapiteln 5 und 6) mit dem Bild, das die Dichter von ihm entwerfen, verglichen werden. Dabei ist zu beachten, dass den Autoren als Bewohnern der Hauptstadt die von der aula propagierte Imago Domitians natürlich bekannt war und sie in der Panegyrik von ihr beeinflusst wurden. Als römische Untertanen kommunizierten und interagierten sie regelmäßig mit dem Kaiser, kollektiv wie (bisweilen) individuell . Sie waren dann nicht nur Subjekt der Majestätsdarstellung, sondern ebenso - wie ihre Mitbürger auch - Objekt. 61 Für ihre Ro ll e innerhalb der kai serlichen Expressio n sind zunächst die ihnen zur VerfUgung stehenden Möglichkeiten unter die Lupe zu nehmen : Auf welchem Wege konnten sie ihren Beitrag leisten? Darur rucken die Arten der Publikation sowie die Adressatengruppen, der »S itz im Leben«61, in den Blick. Die ermittelten Gruppen sind mit den - nach Flaig - drei fur den Kaiser »maßgeblichen Sektoren« im Principat als den Hauptadrcssaten der kaiserlichen expression zu vergleichen . Eine mögliche Schnittmenge beider Adressatengruppen lässt RückschlOsse auf die Funktionsweise und die Effizienz der Literatur als Sprachrohr der Herrschaftsdarstellung erwarten (Kapitel 3). Außerdem sind der soziale Status der Dichter und die Abhängigkeiten, denen sie unterlagen, zu beleuchten. Daraus gewinnen wir Aufschluss über die materiellen und ideellen Interessen der Autoren . Existierte eine Patronatsbeziehung zwischen den Autoren und dem Kaiser, und wie schlug sich diese nieder? Fand ein reziproker Austausch von Lei stung und Gegenleistung statt? Das Bild Domitians als Literaturpatron wird zeigen, welche Funktion er seinerseits den Poeten rur seine Expression zudachte (KapiteI4}.6l Im Haupttei l der Arbeit wird die Dichtung auf ihre expressionsrelevanten Inhalte hin untersucht. Es fällt auf, dass sowohl Slatius als auch Martial besonders häufig Felder und Instrumente der expression de Ja majeSf€ auswählen, z.B. Domitians Reiterstatue, den neuen Kaiserpalast oder Domitian bei )seinen< Spielen . S9 Z.B. Wemer Huss, Die Propaganda Neros. AC 47 (1978) 129-148: Zanker 1997; Martin
Fell. Optimus Princeps? Anspruch und Wirklichkeit der imperialen Programmatik Kaiser Traians. MQnchen 1992 (Quellen und Forschungen zu r Antiken Welt 7); Kuhoff 1993; Seelentag (0. Anm _
11 ).
60 Eine Te ilstudie liefert $cOlt 1936. 61 Siehe Kuhoff 1993 zum Rollenwechsel anderer Untertanengruppen vom Objekt zum Subjekt in Bezug auf die kaiserliche Selbstdarstellung: Senatoren und Ritter als Staatsbeamte (S. 26) und die Soldaten (S. 331). 62 Siehe Weber 1993 , lOS; vgl.a. Zanker 1994,282. 63 Zu Domitian als Literaturpatron nun grundlegend Nauta 2002.
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Einleilung
Weil die Autoren die höfi sche Herrschaftsdarstellung in solcher Breite thematisieren, ist es angebracht, diese Inhalte ausfilhrlich zu behandeln, denn das Bild, das wir aus den anderen Quellen von der domitianischen Ostentation gewinnen, wird so erheblich ergänzt. Darüber hinaus soll der Umgang der Dichter mit den Inhalten ihre Rolle zwischen Sprachrohr und Adressaten der Expression offenbaren. Parallelen oder signifikante Abweichungen in der Themenauswahl , Schwerpunktsetzungen und die übertreibende Präsentation der Inhalte erlauben Rückschlüsse auf die dichterische Eigenständigkeit oder Abhängigkeit. Aus der dichterischen Treue zu den Themen der Herrschaftsdarstellung ergibt sich die UnterkapitelEinteilung rur Statius (Kapitel 5) und Martial (Kapitel 6). Von den Silvae des Neapolitaners Statius widmen sich sieben dem Kaiser und sind daher für die Untersuchung relevant. Mit einer Ausnahme behandeln sie a lle zentrale Themenfelde r der kaiserl ichen Ex pression: Domitians Reiterstatue steht filr seine mi litärische Imago (silv. 1,1), die Beschreibung des Pa lasts in silv. 4,2 fü r sei ne Sakralität. Der Lobpreis auf ein vom Princeps gegebenes Fest im Amphitheater (1,6) und eine Dctailschilderung von den Spielen (der >gezähmte Löwec , 2,5) rUhmen den kaiserlichen Euergetismus ebenso wie die Hymne auf die Via Domitiana (4,3). Die Silva 4,1 anlässlich des 17. Konsulats des Flaviers behandelt dessen Erwerb von Status, der ihm aus der Übernahme von Ämtern zukam. Lediglich das Lobgedicht auf Domilians Lieblingssklavcn Earinus (3 ,4) fällt aus dem Rahmen: Es ist jedoch zwangsläufig auch an den Herrscher gerichtet und daher aufgrund seiner besonderen Entstehungsbedingungen und seines doppelten Adressaten interessant. Der aus Spanien stammende Martial richtet verschiedene Arten von Epigrammen an den Kaiser. Das Gros machen ähnlich wie bei Statius die panegyri schen Gedichte aus, welche Inhalte der Expression verwenden und Domitians Eigenschafte n und Leistungen rühmen. [n einer zweiten Gruppe von Epigrammen kommuni ziert er mit dem Herrscher: Zum einen e ignet er ihm in Widmungsgedichten Epigrammbücher oder Buchauszüge zu. Zum anderen wendet er sich verschiedentlich mit der Bine um materielle Unterstützung an Domitian. Diese Texte sind v.a. rur die Beleuchtung eines möglichen PatTonageverhältni sses zwischen Herrscher und Dichter von Bedeutung. Dafür sind zusätzlich die Epi gramme der drinen Gruppe heranzuziehen, die Martial an die domitiani schen Höfl inge adressiert . Zu dieser zählt auch ein Gedichtzyklus auf Earinus; analog zu Statius' Silva 3,4 soll er das Bild des martialschen Herrscherlobs abrunden. Sowohl Martials als auch Statius' Domitiangedichle stammen überwiegend bzw. ausschließlich aus der zweiten Hälfte des domitianischen Principats. Die Publikationsdaten der Silvenbücher sind für uns (mit einer Ausnahme) nicht präzise bestimmbar. Sicher ist nur, dass Buch 4 im Sommer 95 herausgegeben wurde
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Einleitung
und das fünfte Buch erst nach Statius' Tod erschienen isl.(,.l Die Bücher 1-4 stammen aus dem Zeitraum von 89 bis 95 . Sie sind also im Abstand von 1-2 Jahren • veröffentlicht worden, wenn nicht die ersten drei Bücher, wie in der Forschung immer wieder vertreten wurde, en bloc herausgegeben wurden.6s Martial publizierte seine BUcher dagegen in recht rege lmäßigen Abständen. Von der Veröffentlichung der Xenia und Apophorela 84 oder 85 bis zu Buch 11 (96 n.Chr.) lässt sich »eine Art Jahresrhythmus der Publ ikation« feststellen. 66 wie Martial selbst bestätigt ( 10,70,1-4). Oft erschienen scine Bücher gegen Ende des Jahres, ungefähr zu den Satumalien. Ober die Ersche inungsj ahre der EpigrammbUcher sind wir relativ gut info rmiert. Ich folge der Chronologie J.P. Sulli vans, der Friedlaenders Datierung der einzelnen BUcher großenteils ein Jahr später ansetzte: 61 Xenia / Apophore/a: 84/85; Buch I : 86; Buch 2: 86 od. 87; Buch 3: 87 od. 88; Buch 4: 89; Buch 5: 90; Buch 6: 9 1; Buch 7: 92; Buch 8: 94; Buch 9: 95 ; Buch 10: 95,2. Auflage 98. Eine Arbeit über Kaiser Domi tian und die Literatur seiner Zeit kann heute auf e inen ganz neuen Kenntnisstand der Wissenschaft aufbauen. Nicht nur hat sich in den Neunzigerjahren die Domitianforschung weiterentwickelt, wovon zwei neue Biographien Zeugnis ablegen.6I Zu für diese Studie zentralen Themenfeldem sind wichtige neue Arbeiten vorgelegt worden, wie die von A. Winterl ing über den römischen Kaiserhof oder M. Clauss' Abhandlung über die Sakral ilät des Kaisers.69 Genauso hai sich die Klassische Philologie in den letzten Jahren verstärkt der Autorengeneration von Martial und Statius zugewandt, wovon neue Sammelbände und Kommentare zu einzelnen GedichtbUchem zeugen.1O 64 Vollmer 1898, 10; Coleman 1988, xix; Nauta 2002, 443f. 65 FOr einen 1.2.jlhrigen Publikationsrhythmus pllldiel1en Henri Fure. Stace. 5ilves, Paris 1944. XIII·XXV und van Dam 1984.3. Vollmers ( 1898. 10· 13) These, die BOcher I·) seien ge· meinsam veröffentlicht worden, rOlgten Newmyer 1979. 46-49 und zuletzt Coleman 1988. xvi·xvii und Geyssen 1996. 8. FOr Vollmers These spricht aber m.E.• wenn Oberhaupt etwas, dann nur Statius' Entgegnung aur die an den ersten drei Si lvenbOchem vorgebrachte Kritik in 4 pr. 24fT. 66 Grewing 1997. 21. Vgl. Friedlaender 18861. 50-67. 5.a. White 1996. 410. 67 Sullivan 199 1, 15-44 und 31)·)2 1. Ihm rolgt Walter 1996. 280. Die spatere Datierung ist die vorsichtigere. Zwar können einzelne Epigramme eines Buchs sehr wohl frUh , d.h. in den von Friedlaender enninelten Jahren entstanden sein, das gilt aber nicht rur alle Gedichte eines Buchs. Da die 5atuminusrevolte Anrang Jan uar 89 ausbrach (5. Jones 1992. 144 u. Weynand 1909, 2569), ist Buch 4 durch epigr. 4, I I auf das Jahr 89 festgelegt. nicht schon aur Ende 88. FOr die Datierung des achten Buchs in das Jahr 94 bringt Su llivan einen epigraphischen Beleg (1991 , 40 m. Anm. 52). Beide Chronologien stimmen in der Fesllegung des siebten Buchs in das Jahr 92 Oberein. Siehe außerdem Citroni 1989 und Naula 2002. 441 f. sowie weitere Literatur zur Darierungsfrage bei Grewing 1997.20. 68 Jones 1992; $outhem 1997. 69 Winterling 1999; Clauss 1999. 70 Z.B. Grewing 1997: ders. 1998; Henriksen 1998/ 1999; Delarue 1996. - Jetzt auch Galän Vioques Kommentar zu Martials siebtem Buch (2002). Auch diese Arbeit konn te herangezogen werden, jedoch erwies sie sich fUr meine Studie als kaum verwendbar. Galan Vioque bezeichnet den sehr ausfUhrl ichen Kommentar als »a philological toolcc; er mOChte nach eigener Aussage v.a. eine Basis fUf eine tierer gehende Beschlftigung mit Martial liefern (2002, 17). Daher lassen sich
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Einleitung
Es wird im Folgenden kein systematischer Vergleich mit der unter anderen Kai· sern entstandenen panegyrischen Literatur, etwa der augusteischen oder der nero· nischen Dichtung, geboten. DafUr ist eine ausreichende Zahl von Untersuchungen vorhanden, auf deren Ergebnisse hier verwiesen werden kann.?' Dass Martial und Statius zur Verherrlichung Domitians viele panegyrische Topoi verwendeten, die sich auch bei ihren poetischen Vorgängern finden lassen, lag nahe und ist unum· stritten. Das hängt damit zusammen, dass auch die offi zielle Expression des Fla· viers viele Ähnlichkeiten mit der Selbstdarstellung seiner Amtsvorgänger aufwies. Zu dem Erkenntnisziel dieser Arbeit truge der Vergleich etwa mit der augustei· schen Panegyrik daher nur in begrenztem Rahmen bei.
daraus wenig neue Erkennlnisse rur eine politische Lesart der Epigramme gewinnen. - Kurz vor Drucklegung gelangte noch C. Newlands. Statius' Silvae and the Poctics of Empire (2002), in meine Hllnde. konnte aber im Text nicht mehr ber1lcksichtigt werden. Nach Newlands' These umfassten die Silven als Lobdichtung »anxiety as weil as celebration« (S. 17). Statius nähere sich dem Kaiser und dessen Uof von den verschiedensten Standpunkten. ))praise and criticism, wonder and anxiety«, der Autor sei mehr Mahner als Schmeichler. dabei keineswegs subversiv (S. 23). Es fragt sich, ob Stat ius in einer wIchen Position war, dass ihm das Recht zu konstruktiver Kritik am Kaiserhof zukam . Wie zu zeigen sein wird, lautet meine Antwon nein. Hier wie sonst auch zeigt sich eine Sichtweise, die allzu sehr von den nordamerikanischen Demokratieerfahrungen unserer Zeit geprlgt ist: Statius' Preis reicher Gönner aus der Aristokratie sei aufrichtig, Schmeicheleien gegenOber dem - despotischen - Kaiser seien dagegen undenkbar. Da Newlands' Band auf den ersten Blick zudem keine stimmige theoretische Basis zugrunde liegt und sie theoretische Argumente dann anfUhrt, wenn es in ihre Sichtweise der Silven passt, scheint ihr Buch fUr mein Thema keine wichtige Hilfe sein zu kOnnen. 71 Z.B. V. Pöschl, Virgil und AugustuS, ANRW 2.3 1.2 ( 198 1) 707·727; K. Toll, The Aeneid as an epic ofnational ident ity. Italiam laeto socii clamore salutant. Helios 18 ( 1991 ) 3-14 ; e h. Witke. Horace's Roman Odes. A critical examination, Leiden 1983 (M nemosyne Suppl. 77); F. Kühnen, Augusteische Dichtung und Dichtung der augusteischen Zeit, in: Ders., Bildung und Redekunst in der Antike. Kleine Schriften, hrsg. v. V. Riede!, Jena 1994, 70·85; A. Gosling, Tibul· lus 2. 5 and Augustan propaganda. EMC 3 1 (1987) 333·339; J. P. Sullivan. Literature and Politics in the Age ofNero, Ithae3, N. Y. 1985: J. Elsner l 1. Masters (Hrsgg.). Reflections ofNero. Culture, history & represent3tion, London 1994; Merfeld 1999. S.a. Fein 1994. Siehe fUr weitere Literatur Eich 2000, 44f.. Anm. 11&.120.
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2. Domitians Herrschaftsdarstellung. Die >anderen< Instrumente
Die ausführliche Darstellung der expression de la majesle Domitians soll als Basis für die Untersuchung der Dichtung dienen. Daher werden die wichtigsten Instrumente und Medien der HerrschaftsdarsteUung behandelt, die Dichtung hingegen zunächst außer Acht gelassen. Die Untersuchung strebt keine Vollständigkeit an und sie beansprucht in den Einzelheiten keine Originalität. Die Instrumente der Expression lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe bilden alle Fonnen der unminelbaren Kommunikation und Interaktion des Kaisers mit den Untertanen. Dazu zählen das Auftreten des Kaisers in der Öffentlichkeit (die »direkteste Fonn der Selbstdarstellung« I), Triumphfeiern und alle Veranstaltungen, auf denen der Herrscherkult zelebriert wurde, des Weiteren alle Arten von Euergesien, materielle Spenden des Kaisers und die vielfältigen Spiele und Spektakel in Theater, Zirkus oder Arena. Jede dieser Maßnahmen fand, im Falle Domitians, (fast) ausschließlich in der Hauptstadt bzw. im Feld, d.h. auf militärischen Expeditionen, stan. Sie erreichten also nur die stadtrömische Bevölkerung oder diejenigen Menschen, die sich in der Gegenwart des Kai sers befanden. Allen ilbrigen Untertanen musste davon durch andere Medien (z.B. Milnzen) berichtet werden. Folglich stehen uns dafilr v.a. indirekte Quellenzeugnisse zur Verfügung. Eine Ausnahme bilden jedoch öffentliche Bauwerke, die als Euergesie rur die Bevölkerung der Hauptstadt verstanden wurden. Alle Mittel und Wege der kaiserlichen libera!itas waren in hohem Maße institutionalisiert; sie wurden von den Untertanen erwartet. Aber auf das »Wie« kam es an: das Verhalten des Princeps bei der Gewährung von Wohltaten und die Nuancen, in denen sich seine Euergesien von denen der Vorgänger unterschieden. Die Fonnen des direkten Kontakts mit den Beherrschten hatten, bei aller Wiederholung, einen je singulären Charakter; sie waren niemals gleich. Sie mussten im Sinne der Weberschcn Perpetuierung des Herrschcrcharismas1 ständig erneuert werden. Zu der zweiten Gruppe zählen die Instrumente, die zeitlich und/oder räumlich unbegrenzt einsetzbar bzw. (Hir die Untertanen) antreffbar waren. Das gilt v.a. rur die Münzen und die in vielen Varianten vorhandenen Kaiserbilder sowie rur die 1 Kuhoff t993. 2l. 2 Siehe dazu Weber 1972. 142-148; Gehrke 1982. 267.
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Domitians Herrschaftsdarstellung. Die >anderenl Instrumente
auf Münzen oder in Inschriften zu lesende Titulatur der Kaisers. Sie waren dauerhaft und nicht an einen Ort gebunden. Das gilt auch fUr den Herrscherkult, der durch Münzen, Statuen, Bauten oder Inschriften vermiuelt wurde. Bauwerke, die neben dem Euergetismus auch andere Aussagen transportierten, kannten eine räumliche, aber keine zeitl iche Grenze. Die symbolischen Eigenschaften des Kaisers, die von vomeherein durch Medien verkündet werden, waren zwnindest theoretisch fUr die Gesamtheit der Untertanen bestimmt und auf Dauerhaftigkeit angelegt . Dafür stehen uns mit den Münzen und den Bauten direkte Quellenzeugnisse zur Vertugung, während durch die damnatio memoriae Domitians keine Statuen unverändert erhalten sind .) Die Münzen sind unsere mit Abstand beste Quelle tur die kaiserliche Selbstdarstellung. Durch ihre große Stückzahl konnten sie viele und vielfcUtige Aussagen transportieren und flexibel, wie sie waren, die Untertanen am besten erreichen. Aus der unterschiedlichen räum lichen und zeitlichen Reichweite und dem direkten bzw. vermittelten Charakter der Herrschaftsdarstellung folgt: Die einzelnen Instrumente und Medien hanen unterschied liche expressive Quali täten. Entsprechend unterschieden sich die Botschaften und Wirkungen der Instrumente voneinander. Ihre Summe machte die Expression des Kaisers aus. Ist daher die Behauptung zulässig, dass sich aus den Einzelaussagen ein genau umrissenes und durch den Kaiser intendiertes Bild von sich zusammensetzte? Diese Frage soll Kapitel 2. 1 über die Urheberschaft klären: Wurde die Ostentation der kaiserlichen Imago ausschließlich vom Kaiser bzw. einem Stab von Beratern' gestaltet oder nahmen die Untertanen darauf Einfluss? - Es erschien als sinnvoll, die Untersuchung der domitianischen Herrschaftsdatstellung nicht nach Instrumenten zu strukturieren, sondern nach den Untersuchungsaspekten, die rur die Behandlung der Dichtung interessieren. Nach der Frage der Urheberschaft werden die Zielgruppen unter die Lupe genommen (2.2): Lassen sich bestimmte Themen rur einzelne Gruppen von Untertanen spezifizieren, und welc he Gruppen wurden vom Kaiser besonders angesprochen? Ausftihrlich werden im Anschluss die thematischen Schwerpunkte dargestellt (2.3.1). Welche Themen gehörten zur kaiserlichen Konvention, welche ließen eine spezifische domitianische Handschrift erkennen (2.3.2)? Unter den Vorbi ldern ist den griechi sch-hellenisti schen Einflüssen ein eigenes Kapitel gewidmet (2.3.3). Einen gesonderten Blick lohnt
3 Aus Grilnden der Arbeitsökonomie .....erden Inschriften nur vereinzelt herangezogen. In Bezug auf den Verbreitungsgrad und die Rezeplion .....eisen sie keine sonderlich großen Übereinstimmungen mil der Dichtung auf. 4 Wenn in diesem Kapilel vom Princeps bzw. Kaiser als Urheber seiner Herrschaftsdarstellung die Rede ist. so iSI hier nalOrlich immer ein Slab von Beratern mitgedacht. Eine weilergehende Differenzierung ist aufgrund der Quellenlage natürlich nichl möglich und eigentl ich auch nicht notwendig.
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Domitians Herrschaftsdarstcllung. Die )anderem Instrumente
die Materialität der Instrumente, d.h. die Qualität des Materials und der künstlerischen Fonn, da sie den Rahmen rur die Präsentation der Inhalte abgaben (2.3.4). Schli eßlich beschäftigen sich einige Überlegungen mit der Frage, wann und wo die Untertanen ntil der Expression in Berührung kamen, wieweit diese auch in deren Al ltag hineinreichte (2.4. 1). Einer wirkungsvollen und omnipräsenten Expression d iente nicht zuletzt der kombinierte Einsatz mehrerer Instrumente (2.4.2).
2. \ Urheberschaft Der Princeps war nicht der QuclQr aller Instrumente und Medien se iner Herrschaftsdarste llung. Er konnte es auch gar nicht sein, stand dem doch das Bedürfnis von Städten, Körperschaften oder Einzelpersonen, ihn zu ehren, im Wege oder regional verschiedene Vorstellungen, wie der Herrscher zu sein hatte. Bevor aber die die fo nnale Urheberschaft der kaiserlichen Zentrale behindernden Aspekte, regionale Unterschiede, organisatorische Schwierigkeiten, Aktivitäten der Untertanen S ilO sponte, behandelt werden, soll zunächst die in der neueren Forschung häufi g di skutierte Frage des Publikums und seines Einflusses auf die kaiserliche Selbstdarstellung aufgegriffen werden. Die Einwirkung des Publikums sol l exemplarisch an den Kaüerbildnissen in Rom und im Reich dargeste llt werden, da dieser Bereich am besten erforscht ist und sich das hierbei erkennbare Grundmuster des Wechselspiel s zwischen Herrscher und Untertanen auch bei nahezu allen anderen Instrumenten finden lässt. T. Hö lscher hat den Einfluss der Untertanen anhand des Staatsdenkmals untersucht und gezeigt, dass dessen Aussage, da es sich an bestimmte Betrachter wendet, von seinem Publikum mitgeprägt ist: »Oas Denkmal wird hier als Botschaft verstanden, die zwischen Urheber und Betrachter, >Senden und >Adressat(, vermitte lt und zugleich von beiden in hohem Maß geprägt ist. Damit ist ein Grundmodell der Kommunikationstheorie vorausgesetzt.«' Der Kaiser als Auftraggeber von Bildwerken genauso wie der Künstler sind ohne ihre soziale Umgebung nicht denkbar. Gerade der Princeps, dessen Macht ganz wesentl ich auf Akzeptanz beruhte, musste die Vorstellungen und Erwartungen seiner Untertanen bedienen, d&her blieb rur grundlegende Neuerungen in der Gestaltung von Staatsdenkmälern kein Raum . Das galt umso mehr flir die Anfangs- und Konsolidierungsphase sei· ner Herrschaft. »Darum war die Kongruenz von Absicht des Auftraggebers und Erwartungshorizont der Adressaten besonders ausgeprägt.«6 Denn die >Bilder vom Kaiser< exi stierten nicht nur in ihrem räwnlichen Kontext, sondern auch in den Köpfen der Zeitgenossen. P. Zanker hat von »des champs semantiq ues d ' images( 5 HOlscher 1984, 8. 6 HOlscher 1984,9.
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Domitians Herrschafisdarste llung . Die >anderen( Instrumente
gesprochen, Stereotypen, die die Rezeption von Bildern lenken und so den Blick auf die Wirklichkeit vorbestimmen. 7 Auf diese Stereotypen hatte der Kaiser Rücksicht zu nehmen, denn diese zu ändern war, wenn überhaupt, dann nur in einem lang andauernden Prozess möglich. Insofern ist ein Wandel der Bildinhalte, wie ihn Hölscher tUr die Entwicklung des Principats von Augustus zu Trajan konstatiert, zugleich als Zeichen fLir ein verändertes Zielpublikum zu verstehen.' Der Trajansbogen von Benevent richtete sich mit seinem Bildprogramm an einen Adressatenkreis, dessen Umfang die römische Staatskunst zuvor nicht gekannt hatte. »Unter Traian sind die Themen breiterer Schichten, explizit fonnuliert, bi s in die zentralen Staatsmonumente vorged.rungen.«9 Und auch wenn diese Entwicklung vom Beginn des Principats bis ins zweite Jahrhundert, in dem sie ihre Fortsetzung fand, sicherlich nicht e ingleisig und geradlinig verlaufen ist, wird man rur Domitian als den fast direkten Vorgänger Trajans doch von einer ähnlichen Situation sprechen können: Der Flavier errichtete außergewöhnlich viele Bauten tur Spiele, Feste und Spektakel, also Stätten fLir die breite Masse: außer dem fertigzustellenden Kolosseum die Naumachie, das Stadion und das Odeon. Ein neues Theater als Ort der (mehr oder minder) geho benen Unterhaltung kam hingegen nicht dazu. Die Untertanen, so regional verschieden ihre Herrschaftsvorstellungen je sein mochten. rezipierten die Handlungen des Princeps nicht nur. sie bestimmten den Rahmen und die Bewertungskoordinaten mit. Die Ausbi ldung der neuen augusteischen Bildersprache etwa ergab sich, so Zanker, 'O »aus dem Ineinandergreifen von Selbstdarstellung des Herrschers und ihm dargebrachten, mehr oder weniger spontanen Ehrungen, und zwar in einem über weite Strecken hin selbstläufigen Prozelk Ob dem Kaiser diese Selbstläufigkeit immer bewusst war, spielt keine Rolle. Die Beeinflussung betraf nicht nur die Bild- und Baukunst, sondern auch andere Felder und AspekIe der Expression der kaiserlichen Majestät. Wenn der Princeps persönlich in der Öffentlichkeit agierte, war er selbstverständlich stets •
7 Zanker 1994,289. 8 Hölscher t 984, 34. 9 Ebd. ]5. Hölscher sah darin e in »Symptom fil r den sozialgeschichtlichen Wandl ungsprozeß. der seit der fi1lhen Kaiserzeit allmählich zu einer Verlagerung des öffentl ichen Einflusses auf neue Schichten filMte« (e bd.). - P. Zanker ( 1994. 289) hat danl uf hingewiesen, dass die staatlic he Kunst nicht nur unterschiedliche Bildungsgrade und kulturelle Prtgungen ihrer potenzie llen Betrachter berücksichtigen musste, sondern auch die je verschiedene Konzentration und IntensitlU, mit der ein Betrachte r Ihinschaute(. Ihr starker Schematismus sei Beleg dafilr, dass sie an einen oberfl llcht ichen Betrachter adress ien war. Vorausgesetzt, diese Oberfl llchlichkeit ist vom kaiserlichen Apparat angenommen und in Rechnung gestellt worden, bedeutete dies ei ne weitere Steigerung in dieser Entwicklung: weg von einer kle inen gebildeten Elite, hin zu einer regelrechten >Masse nvertrliglichkeil<. der dann auch d ie unter Domitian stark zu beobachtende Schematisierung der Bild nis- und MUnzinhalte gedient hlne. 101997, 13.
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auch von dem kommunikativen Verhalten seiner Untertanen abhängig, sei es bei Akklamationen oder Triumphfeiern, sei es bei den Spielen. Es galt fiir ihn, ad hoc zu reagieren, etwa auf die Sprechchöre und Wünsche des Zirkuspublikums. Es gah weiterhin, bei der Planung von Spielen und Spektakeln die Zuschauerreaktionen der letzten Veranstaltung zu berücksichtigen und den Vorlieben der Menge zu entsprechen. Die Adressaten wirkten durch ihre Erwartungshaltung und ihr Bild vom Kaiser, das reichsweit durchaus verschieden sein konnte, an der Herrschaftsdarstellung passiv mit. Ich möchte so weit gehen zu sagen, dass sie damit auch zur Legitimierung der Kaiserherrschaft beitrugen. Denn beim Herrschaftsantrin eines neuen Kaisers beteiligten sich die drei relevanten Gruppen im Staat an dessen Legitimierung durch ihre jeweiligen »Einverständnis-ErkJärungen(c: das Heer durch die militärische Akklamation, der Senat durch die Übertragung der Titulatur und die plebs urbana durch die lex in der Volksversammlung. 1L So wie die Herrscherlegitimierung beim Machtantrin von den Untertanen mitbesorgt wurde, so verlief die Herrschaftsdarstellung auch während der Regierungszeit nicht in einer Einbahnstraße. Die Gruppen im Reich hatten daran ihren Anteil. Die kaiserliche Herrschaftsdarstellung unterlag nicht nur dem indirekten Einnuss der Untertanen, vielmehr waren verschiedene Personen und Institutionen in sie involviert, die weder auf Weisung des Princeps handelten noch ihn irgendwie repräsentierten. Dieses Phänomen fand sich im Imperium Romanum umso häufiger, je größer die räumliche Entfernung zur Hauptstadt war. Offensichtlich beschränkte der Herrscher sich oft auf »allgemein gehaltene Vorgaben wie etwa die Belonung bestimmter zeinypischer Wertvorstellungeß«(12 . Um deren Umsetzung kümmerte er sich nicht. Ein kaiserliches Bildnisrecht etwa, das u.a. die Genehmigung von Bildnissen sowie deren Form und Material genau geregelt hätte, hat es ll wohl nicht gegeben. Auch ist der Kaiser keinesfalls immer um Erlaubnis gebeten worden, wenn ein Bildnis rur ihn aufgestellt werden sollte, wie Tiberius' genau darauf zielendes Verbot belegt,I 4 und die Praxis von Slädten und Truppen, nach der Ausrufung eines neuen Kaisers sofort dessen Bildnis zu errichten, ließ in Zeiten schnell wechselnder Herrscher keine Rückfrage um Erlaubnis zu. Der Kaiser 11 Flaig 1992. 193; s.a. Sllnskes' These, dass das Volk »durch Demonstration von Sympathie und Legilimitlll ( ... ) hcrrschaftslegitimiererKIen Einfluß zu nehmen vermoch(tfI (1993. 6). 12 Witschell996, 526. 13 Die Existenz eines Bildnisrechts iSI in der Forschung wiederholt venreten worden, z.B. von lP. Rollin. Untersuchungen zu Rechtsfragen römischer Bildnisse, Sonn 1979, v.a. 94fT. Siehe zur Gegenposilion Pekilry 1985, 144f. 14 Suet. Tib. 26. 1: prohibuit etiam S/aIUas alque imagines nisi permittente se poni. Vgl. Pekäry 1985. 147; dieser ftlhrt allerdings Belege daftlr an. dass u.a. bei Caligula, Claudius oder Trajan wegen der Errichtung von Kaisertempeln angefragt wurde, was sich natllrlich mit der damit einher. gehenden Einftlhrung eines Kaiserkults erk.län (ebd.).
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Domitians Herrschaftsdarstellung. Die )anderen\ Instrumenfe hatte auf die Aufstellung seiner Bildnisse im Reich also längst nicht immer Einfluss oder Kenntnis davon. Die These vom Kaiser al s )Rahmengeber< , nicht als alleinigem Urheber von Kaiserbildnissen wird bestätigt durch P. Zankers Untersuchungen über provinzielle Kaiserporträts. Typenreihen von Bildnissen hingen im I. und 2. Jahrhundert von einem )Urbild< ab, das wahrscheinlich von einem Hofbildhauer nach den Vorgaben des Kaisers angefertigt worden war. Wie gelangten nun die Modelle der offiziellen Porträts in die Bildhauerwerkstätten überall im Imperium Romanum? Von den Urbildern müssen sehr zahlreiche Kopien angefertigt und selbst in entlegene Gebiete des Reiches geschickt worden sein.15 Die Organisation einer flächendeckenden Verbreitung dieser Kopien im Imperium Romanum durch den Kaiser bzw. seine Beauftragten fand allerdings nicht statt. Die Kaiser ließen zwar offizielle Bi ldnisse anfertigen und stellten diese den Bildhauerfinnen in Rom und im Reich zwecks Vervielfältigung zur Verfugung. Sie kümmerten sich aber trotz der hohen politisch-sakralen Bedeutung der kaiserlichen Imago nicht um die Verbreitung der Vorlagen, geschweige denn um deren Rezeption in den Provinzen. Es gab offenbar keinen mil solchen Aufgaben der kaiserlichen Selbstdarstellung betrauten Apparat. 16 Der Princeps nahm keinen Einfluss darauf, in welcher Form seine bildlichen Vorgaben in den Provinzen umgesetzt wurden. Es spricht einiges dafiir, dass das bewusst unterlassen wurde, um den großen regionalen Unterschieden in Griechenland, Kleinasien oder Nordafrika Rechnung zu tragen, künstlerisch-stilisti schen Traditionen genauso wie HerrSChaftskonzeptionen und -vorstellungen. Denn dass die Untertanen sich grundsätzlich an den (inhaltlichen) Vorgaben des Kaisers orientierten, war selbstverständlich und brauchte nicht extra veranlasst zu werden. Für die Zeit nach Ende der julisch-c1audischen Dynastie hat T. Hölscher beo~ bachtet, dass die Monumente außerhalb Roms, die sich seit Augustus ))als Kopien oder Umbildungen auf die Denkmäler der Hauptstadt(( bezogen hatten, diesen Bezug nunmehr verloren. Dadurch hatte auch das geistig-kulturelle Niveau der stadtrömi schen Oberschicht seinen stilbildenden Einfluss auf die Provinzbevölkerung eingebOßt. 17 Die kulturellen Identitäten der Provinzen kamen nun stärker zum Tragen.
15 Zanker 1983. 8. 16 Ebd. 44 ; dagegen meint Pekäry, dass »jeder neue Herrscher. auch die ersten, ihr offi zielles Bildnis sofon nach Regierungsantrin mindestens in die Milit! rlager schicken mußten (siel) und daß diese dann kopien werden konnten« (1985, 24). Allerdings liefen er dafUr keinerlei Belege. S. 43 begrilndel er seine These: »damit die Soldaten den Eid auf ihn (i.e. den Kaiser) schwören konnten«. stellt dann aber die Frage (und lasst sie unbeantwonel), ob ZlIm Eid Oberhaupt ein Kaiserbildnis notwendig gewesen wäre (ebd.. Anm. 16). 17 Hölscher 1984, 33 f.
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Domilians Herrschaftsdarslellung. Die landeren < Instrumenie
Durch den kaiserlichen Verzicht auf genaue stili sti sche und formale Vorschriften »war es den Untertanen nun aber möglich, bei der Rezeption der Vorgaben aus der Zentrale auch eigene Vorstellungen einfließen zu lassen«lI. RegionaJ unterschiedlich stark ausgebildete ikonographi sche Herrscherbildtraditionen sorgten dafilr, dass der Kaiser z.B. in K1einasien als 1Xx000A~ix; dargestellt wurde, nicht als princeps, wie es den senatorischen Vorstellungen entsprach. Das Bild vom Kaiser wurde so geformt, wie es die Untertanen in den Provinzstädten jeweils erwarteten. 19 Mit anderen Worten : Eine von der Hauptstadt aus ins Werk gesetzte Instrumentali sierung der Kaiserporträts filr die expression de la majeste wäre in den Provinzen verpuffi, weil sie auf die je verschiedenen Erwartungen der Provinzialen keine RUcksicht hätte nehmen können. Wenn man den Bildhauern aber ihre freiheit ließ, konnten sie das Bild vom Kaiser in ihrem regionalen Kontext wirkungsvoll konstituieren. e hr. Witschel nennt dies ein ») Wechselspiel < zwischen zentralen Vorgaben und lokaler Rezeption«, das rur ihn das Funktionieren kaiserlicher Selbstdarstellung erst garantierte, »zumal es sich des öfteren beobachten läßt, daß die Kaiser bzw. die jeweils dafür Verantwortlichen wiederum Anregungen )von unten( aufgriffen«20. Es kann also keine Rede davon sein, dass die bildliehe Eigenwerbung des Princeps durch Statuen in einem umfassend durchorganisierten und kontrollierten Prozess aus der kaiserlichen >Denkfabrik< in Rom Uber das gesamte Re ich verbreitet worden ist. Das hatte natürlich Folgen rur den Herrscherkulf und für die titulare Eigenwerbung des Kaisers: Nicht nur die Verehrung der Kai serbilder, sondern auch Kultfeiern , Opfer oder Inschriften religiösen Inhalts unterlagen gleichermaßen den allgemeinen Vorgaben aus der kai serlichen Zentrale und den regional ausgebildeten religiösen Traditionen und Gefühlen.ll Abweichungen in der epigraphischen und numismati schen Nomenklatur Domitians dUrften ebenfalls auf die regional verschiedenen Vorstellungen der Untertanen zuriickzufUhren sein. Die griechischen Inschriften handhabten die Titulatur insgesamt fle xibler und freier als die lateini schen. Es nUh ihr Reichtum an schmeichelnden Epitheta rur Domitian und Domitia auf, ohne dass systematische Unterschiede festzustellen wären.22 Eine Bronzemünze aus Judäa mit der ungewöhnlichen Legende öOMET KAlI: rEPMA , in der der AYTOKPAT.o:P- und der I:EBAI:TOI:-Titel fehlen , unterstreicht diesen Befund: T. V. Buttrey hat angenommen, dass eine lokale MOnzprägestätte nach 83 eine Domitian-Münze aus vespasianischer Zeit, als 18 Witschel 1996. 528. 19 Zanker 1983.47. 20 Witsche! 1996, 528. 2 1 Siehe C lauss 1999. 472. 22 Siehe Martin 1987, 169 und 206. Siehe zu Domitians Titulatur in Igyplischen Dokumenlen Grenier 1989, 40-4 5 und 92-94.
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Domitian lediglich Caesar war, zum Vorbild genommen und dieser den Titel Germanicus hinzugefügt habe, der im Osten bekannt geworden war.v Die Untertanen in den entfernteren Provinzen antizipierten also die kaiserliche Expression und gestalteten sie nach eigenen Vorstellungen aus. 24 In den Provinzen unterlag die expression de la majesle seltener dem direkten Zugriff des Kaisers. Dies lag an unüberwindbaren organisatorisch-praktischen Hindernissen, die sofort einsichtig sind . In die meisten Gegenden seines Reiches konnte der Kaiser eben niemals gelangen (oder gelangte zumindest Domitian noch nicht). Es war aber auch in der Respektierung regionaJer kultureller Unterschiede begründet, die man sich im Gegenteil zunutze machte. Neben den regional verschiedenen Herrschaftsvorstellungen und Stiltraditionen hinderten auch die teils mangelhaften Fähigkeiten der Bildhauer den Kai ser daran, seine Herrschaftsdarstellung zentral und unmodifiziert zu verbreiten. Dazu kam, dass nicht immer gute Vorlagen fllr die Bildnisse vorhanden waren.H Die direkte Einflussmöglichkeit des Kaisers auf seine eigenen Statuen blieb al so auf Rom beschränkt. 26 Diese Bestandsaufnahme fUr den frühen Principat gilt es flir spätere Zeiten zu revidieren: Seit dem drinen Jahrhundert haben wir Belege dafür, dass die neu ins Amt gekommenen Kaiser durch die Aussendung ihres )offiziellen< Bildnisses Einfluss auf die Aufstellungsbräuche der Städte im Imperium Romanum genommen haben. Da war längst (nämlich seit 68/69) die Praxis etabliert, dass jedem neuen Kaiser sofort und überall Statuen errichtet wurden, was aus Tacitus' Bericht über das Vierkaiserjahr hervorgeht. 21 Im Gegensatz zur Bild- und Baukunst fand in der römi schen Miinzprägung von Augustus hin zu den Flaviem eine wachsende Zentrali sierung stan. Unter Domitian wurde erstmals beinahe die gesamte MUnzausgabe des westlichen Imperium Romanum von der Hauptstadt aus besorgt. Die technisch-organisatorischen Schwierigkeiten, die die Verbreitung von Kaiserbildem in das ganze Imperium sowie die Einflussnahme auf Bauprojekte allüberall in den Provinzen verhinderten, fielen für das MUnzwesen weg. Die Gold- und Silbermanzen wurden fUr das gesamte Reich in der Kapitale geprägt. Die Organisation des Aesmünzwesens 23 1990, xi. BMC Pa lästina, S. 244, 34-39 . 24 Buttrey dagegen erklllrt diesen Fall und auch »the great variety in the nomenclature in the epigraphy and papyri« mit »private carelessness o r ignorance« ( 1990, iv), was mir a ls eine zu negative Wertung erscheint: Die lokalen Multiplikatoren setzten bewusste, wenn auch je verschiedene Akzente. 2 5 Zanker 1983, 46. Vgl.a. Cla u$S 1999, 4 78r.: »Es waren ( ... ) wahrscheinlich d iese eher bescheidenen Darstellungen, welche die Verbreitung des Ka iserkultes in s!mlliche Be völkeru ngsschic hten hinein dokumentierten.« 26 Vgl. Bergemann 1990, 4 3, der das fllr die Reiterstatuen zeigt. 2 7 Tac. h ist. 3,7 und 3, 12f. ; vgl. Pekäry 19 85, 23 und 152.
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erreichte in Domitians Regierungszeit ihre volle Reife, und auch wenn vielerorts in den östlichen Provinzen Münzen herausgegeben wurden, so blieb die Zahl individuell gestalteter Exemplare gewöhnlich kJein und erlangte nicht den Verbreitungsgrad ihrer römischen Pendants. lI »From 85 to 96 the uniformity of Domitian 's coinage is undo ubtedly ilS most noticeable characteristic. The consistency of standards is almost equalled by the regularity of legend forms and typology and the methodicaJ cyele of production in oll denominations.«19 Zudem hatte schon in Neros Administration zu den Aufgaben des minister filr finanzielle und wirtschaftliche Angelegenheiten auch das Milnzwesen gezählt, wie Statius in seinem Trostgedicht an Claudius Etruscus über dessen Vater hervo rhebl. lO Gemeinsam mit einer verstärkten Differenzierung verschiedener Milnzsorten, die zum Thema )Zielgruppen( (unten S. 38) noch behandelt werden wird, garantierte die Milnzzentralisierung eine größere Kontrolle ilber die via MUozcn vermittelte Herrschaftsdarstellung. Die effektivere Einflussnahme auf die Ikonographie ging einher mit der Milnzproduktion in größeren Massen, so dass Alexandropoulos von einer )>cpoque de pleine maitrise dans I' utilisation politique de la mo nnaie« gesprochen hat.}1 P. Lummel beobachtete filr die gesamte frühe und mittlere Kaiserzeit einen engen Zusammenhang zwischen den Zielgruppen der Reic hsmUnzen und der Politik eines Kaisers und kam zu dem Ergebnis: »Die Typen der Reichsprägungen erdachten nicht irgendwelche niederen Beamten, sondern sie entstanden in Abstimmung mit dem Kaiser.«ll Plausibel sei die Annahme, dass )>nicht immer Typen, sondern oft nur allgemeine Richtlinien in der kaiserlichen Zentrale von den amid festgelegt wurden, die den Münzstätten gewisse Freiräume der Auslegung ließen(~l. Zwi schen den Milnzen und den anderen Instrumenlen der Expression sind in puncto indirekter Einflussnahme der Untertanen Parallelen denkbar. Aber auch Zeugnisse direkten korrigierenden Eingreifens durch den Kaiser sind Uberliefe rt .J.t Für das gesamte Milnzwesen kann man also beinahe von einer direkten und alleinigen Urheberschaft des Kaisers sprechen.
28 Alexandropoulos 1994, 81f.; Camtdice 1983,4 , der weilere Belege rur d ie ungleich höhere Bedeutung der .....estlichen Mtlnzproduk1ion gege nObel" der östlichen liefen (S. 2-4). 29 Camtdice 1983, 143f. 30 Sial. silv. 3,3,86-105 ; vg!. auch Soulhem 1997, 6Of. und Hannestad 1986, 137. 3 1 1994, 87, vgl. auch S. 79. Camdice 1983, 148 komml zu einem sehr llhnlichen ResOmee: »The Roman Imperial coinage was, after atl, produced in Rome, and il is unlikely 10 have been overlooked by Domitian 's walchful eye.tc 32 Lummell99I , 103f. 33 Ebd. 104. Ähnlich Gmyrrk 1998, 23, die resOmien : »Obers1e Kontrollinstanz muß ( ... ) letztendlich der Kaiser gewesen sein.tc 34 Lummel ftlhn zwei Beispiele von Caligula und Trajan an (ebd. 104).
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Wer war nun als Urheber, allc/or, Stifter oder Dedikant an der expression der kaiserlichen Majestät beteiligt? - An erster Steile natOrlich der Kaiser selbst. Die alleinige Urheberschaft lag bei ihm auf all jenen Feldern, wo er persönlich in Er· scheinung trat und mit dem Volk kommunizierte und interagierte. Das betraf die Feste und Spiele, Triumphfeiern, Congiarien und dono/iva, allgemein den Euerge· tismus und Elemente des persönlichen Herrscherkults; Ober andere Kulthandlungen, wie die Deifizierung von verstorbenen Verwandten oder die Errichtung von Tempeln, entschied er ebenfalls allein. Zwar mögen sich die Verantwortlichen der Herrschaftsdarstellung auch rur das Auftreten des Kaisers in der Öffent lichkeit nach Vorstellungen und Anregungen )von untene gerichtet haben - was sogar sehr wahrscheinlich ist - , das ändert aber nichts daran, dass der Monarch der alleinige aue/or seines öffentlichen Agierens war. Aber auch auf jenen Feldern, die von vorneherein durch Medien verminelt wurden und die noch mehr mit Symbo lik zu tun hatten, spielte der Princeps als Urheber eine gewichtige Rolle . Wir haben schon gesehen, dass Domitian reichsweit die Richtlinien fUr das Müozwesen vorgab. Er bestand persönlich auf der durchgehenden Verwendung von Minerva·, Jupiler- und Germanicusmoliven sowie dem präzisen Erscheinen seiner jeweils aktuellen Titulatur. lS Sueton berichtet, Domitian habe sich intensiv um seine Administmtion gekümmert; darunter fiel wohl auch die Oberaufsicht Ober die Bauprojekte: »Under the Flavians, and probably in his [i .e. Domitian] reign, the opera Caesaris (or Department ofPublic Works) increased its influence markedly and was, at the very least, consulted on a11 programmes of any size.<~ Als Bauherr in Rom kam ohnehin praktisch nur der Kaiser in Fmge. Gemde auf dem Feld der Bauwerke als den teuersten und dauerhaftesten Repräsentationsinstrumenten konnte der Kaiser keine anderen Urheber dulden, da diese automatisch in Konkurrenz zu ihm treten mussten . Er allein bestimmte über seinen Status, indem er sich zur Übernahme der Konsulate oder zur Umbenennung der Monatsnamen entschloss, und über seine Titulatur in offiziellen Dokumenten wie Militärdiplomen und auf den Münzen aus Rom . Gelegentlich hane aber auch der )Autokrat < Domitian aufhistorisch begründete Zuständigkeiten RUcksicht zu nehmen . So trat er nicht als offizieller Stifter seiner eigenen Reiterstatue auf dem Forllm Romanum auf, denn das gehörte zu den alten republikanischen Von echten des Senats. Daher beschlossen Senat und Volksversammlung die Reiterstatue fUr Domitian, über ihre Gestaltung entschied er dann
35 Jones 1992.79. Die seit 88 erscheinenden Typen mit der Legende Domitiamu Augustus Germanicu.r verfolgten einen anderen Zweck (s.u. S. 61). Sie widersprachen aber nicht der These der direkten Einflussnahme Domitians. 36 Ebd. 97; Suct. Dom. 8.2.
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selbst. l1 Dem Senat stand es - neben der Aufstellung öffentlicher Kaiserstatuen zu, Triumphbögen und Tempel rur konsekrierte Kaiser zu bauen.J • Aber auch dem Tilusbogen und dem Tempel fUr Vespasian und Titus werden Absprachen zwi· sehen dem Senat und dem Kaiser, wenn nicht gar eine informelle kaiserliche Initiative vorausgegangen sein. J9 Es handelte sich hier alSo um eine inoffizielle Urheberschaft des Kaisers. Nichtsdestoweniger wird er von jedem Betrachter der Statue als der eigentliche, der wahre auctor angesehen worden sein. Diese Aussage lässt sich verallgemeinern: Der Princeps galt als Urheber der meisten Monumente, die von ihm persönlich weder in Auftrag gegeben noch bezahlt worden waren. Die eigentlichen Urheber waren dagegen andere: »Au lieu d' un commanditaire, nous en avons plusieurs: le senat, les cites, les corporations, les individus. «40 Außerhalb Roms bewilligte formal offenbar der Senat die Einfilhrung von Spielen und einen Tempel zu Ehren des Kaisers, wie ein Beispiel aus Nikomedeia unter Commodus zeigt. Da der Antrag daflir aber von Saoteros, dem cubicularius, also dem Kammerdiener, des Commodus gestellt worden war, belegt dieser Fall die verdeckte Urheberschaft des Princeps.~l Filr Kaiserstatuen, die abseits der Hauptstadt aufgestellt wurden, fungierte häufig die jeweilige Stadt als Stiftenn. Die Städte entschieden ilber Priester aus ihren Oberschichten, die Errichtung von Tempe ln und die OestaJtung des eigenen Festkalenders, alles Maßnahmen des Kaiserkults, die dieser billigte.'l Die Provinzen waren in ihrer Selbständigkeit recht unterschiedlich: Nur im Osten ging die Initiative zu Herrscherkulten von ihnen selbst aus, da nur in deren Koina Organe existierten, die fllr die AusfUhrung der Kulte sorgen konnten.'} Filr Kaiserstatuen übernahmen auch städtische tribus oder Phylen, collegia oder andere Berufsgruppen, religiöse Vereine (wie diejra/res Arvales) oder einzelne Gruppen innerhalb des Heeres die Rolle des Dedikanten. 44 Schließlich Privatleute: Wenn sie auf eigene Kosten ein öffentliches Kaiserbildnis errichten ließen, dann diente dies oft als Zeichen ihrer Loyalität zum Kaiser. Gelegentlich mag dies vom Herrscher verlangt gewesen sein, häufiger werden diese Ehrungen spontan und aus freien Stilcken erfolgt sein. 4' Dann entslanden die Kaiserbildnisse selbständig und 37 Das belegt Statius' Aufforderung an Domilian am Ende von silv. 1,1: utere perpetuum populi uragnique lenotus munei'e (v. 99f.) Siehe Elergemann 1990. 42. 38 Der Senat sl1mmte aber die Vergönlichung eines Kaisers ab, so dass ein Tempel rur einen divus ohne die Zustimmung des Senats fonnal nicht möglich war. Dies zeigt die Inschrift auf dem Tempel rur Vespasian und Titus: Diuo Yespasiano AugustoSPQR (Cll 6,938). 39 Siehe Darwal1-Smith 1996,32 und 233 . 40 Zanker 1994, 283 . 41 Cass. Dio 73 ,1 2, 2: s. PekAry 1985. 4. 42 Siehe Clauss 1996, 421 . 43 WI050k 1978,46. 44 Pekary 1985. 7-9.
45 Ebd. 10.
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ohne Vorgabe, und der Kaiser hane auf sie keinen Einfluss noch Kenntni s davon. ~uch der Euergetismus außerhalb Roms, panis el circenses, gegeben von kaiserlichen Stanhaltern, diente ohne kaiserliches Wissen der Expression der Majestät. Zu gemeinsamen Urhebern wurden der Kaiser und die Untertanen, wann immer Herrscherkult zelebriert wurde. Auf die Wohltaten des Herrschers, die das Volk auch erwartete, antwortete es mit kultischen Ehrungen als Ausdruck der Dankbarkeit. Der Herrscher reagierte darauf mit neuen beneficia. Der Kult verkörperte also den institutionalisierten Dank der Untertanen. oI6 In diesem Wechselspiel hanen beide Seiten ihre erwartete Rolle zu spielen. Natürlich hatte aber auch hier der Kaiser das letzte Wort : Tiberius entschied darüber, in welchen Provinzen er seine göttliche Verehrung durch Tempel gestattete und in welchen nicht.~ 7 Wenn andere formale Urheber - der Senat, Provinzstädte, gesellschaftliche Gruppen, Einze lpersonen - die Errichtung von Kaiserstatuen, Kultbauten oder neue Formen der kultischen Kaiserverehrung außerhalb Roms beschlossen, wurden diese Dinge Teil der Herrschaftsdarstellung und galten »nach außen hin ( ... ) als >Werke des Kaisers«(~·. Wie sah aber im umgekehrten Falle das Verhältnis zwischen dem Kaiser als dem tatsächlichen Auftraggeber und dem Aus filhrenden einer Statue, des Palastes oder eines Gedichtes aus? Der Künstler eines Kaiserbildnisses trat vollständig hinter sein Werk und den Abgebildeten zurück . Der Architekt des Palatins und anderer Bauten Domitians, Rabirius, ist uns wohl bekannt, wenn auch sein Licht nicht so hell wie das seines Bauherren strahlen konnte. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Kaiser al s dem tatsächlichen oder dem nur als solchen angesehenen Urheber, einem anderen Auftraggeber und dem Ausfil.hrenden (oft: Künstler) wird die Person des Dichters in den weiteren Kapiteln \ dieser Arbeit zu positionieren sein.
2.2 Zielgruppen Es war oben (S. 30) die Rede davon, dass der römische Kaiser zwar offizielle Bildnisse von sich als Vorlage filr die Bildhauer in den Provinzen anfertigen ließ, in deren Verbreitung indes nicht eingriff. Das bedeutet, dass er sich auch um deren Rezeption im Imperium Romanum nicht kümmerte. Die Überprüfung von P. Zankers Satz: »( . .. ) das gilt wohl fü r die meisten Bereiche kaiserlicher Repräsentation((~9, fUhrt zu der Frage: Wie zielgruppenorientiert wurden die Instrumente der
46 C lauss 1999. 476. 47 Tac. ann. 4,37; vgl. C lauss 19%, 432. 48 Wits<:hell996. 525. 49 Zanker 1983, 44 .
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Domitians HelTSChaftsdanlellung. Die landerem Instrumente
expression de la majeste eingesetzt? Und: Wie zielgruppenorientiert waren sie überhaupt einsetzbar? Nach Zanker blieb die Selbstdarste llung des Princeps in den offiziellen Bildnis· sen immer an den Herrschaftsstil des Principats, wie ihn AugUS1US ausgebildet hatte, gebunden. Herrscherliche Posen und die Zurschaustellung von persönlichem Machtwillen hänen sich daher von selbst verboten. Da der Princeps diesen unge· schriebenen Gesetzen unterworfen gewesen sei, habe die Expression seiner Majestät gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich an anderen Adressaten als dem Senat zu orienlieren: »Die Frage nach dem Ziel publikum dieser Selbstdarstellung geht in gewisser Weise ins Leere.«50 In der Tat konnte die Bevölkerung in Kleinasien oder Afrika die römische Principats-Ideologie, die den Kaiser als princeps in/er pares auffasste, schwerlich nachvollziehen. Zankers Prämisse scheint mir fllr Domi tian dennoch nicht zuzutreffen . Domitians Verhältnis zum Senat war ja gerade deshalb getrübt, weil er auf die Befindlichkeiten der Senatoren keine ausreichende RUcksicht nahm (s.u. S. 40). Seine Anordnung, dass sei ne Statuen auf dem Kapitol ausschließlich aus Gold oder Silber gefenigt sein mussten," widersprach der PrincipalS-ldeologie augusteischer Prägung fundamental. Augustus hane die filr ihn aufgeste llten Statuen aus Si lber noch einschmelzen lassen.!2 Domitians Reiterstatue, auf Senatsbcschl uss errichtet, stand als erstes kaiserliches Monument Oberhaupt plalzbeherrschend in der Mitte des Forum Romanum. Damit wurde der fonne lle Gleichheitsgedanke der Principats-Ideologie durchbrochen, staltdessen die wahren Machtverhältnisse symbolisiert.H Folg lich stellt sieh die Frage nach dem Zielpublikum durchaus. Wenn der kaiserliche Apparat sich aber darauf beschränkte, nur Vorlagen rur Bildnisse in die Provinzen zu senden, dann doch woh l aus der Einsic ht, dass regionale Bildhauer mit ihren Kopien die Herrschervorstellungen ihrer Heimat weit besser tmfen und SO der kaiserlichen Selbstdarstellung viel effektiver dienten. Die Zentmle in der Hauptstadt hatte nicht die Möglichkeit. das geeignete Kaiserbildnis fur jede Bevölkerungsgruppe im Reich herzustellen. Also behalf man sich mit Modellbildcm, die dem Kaiser einen ausreichenden Einfluss garant ierten. Die genaue Ausrich· tung fUr die einzelnen Regionen überließ man den Untertanen selbst. Ei ne Spezifizierung nach gesellschaftlichen Schichten an einem Ort war dagegen mit öffentlichen Statuen kaum möglich. Denn der öffentliche Raum stand ja Angehörigen aller Schichten offen. Ein ähnliches Bild bietet der ganze Komplex des Kaiserkults. Alle Arten von Kultveranstahungen in der Hauptstadt, Opferfeiem, Prozessionen oder die Spiele, 50 Ebd. 45. 51 Suet. Dom. 13.2. S.u. S. 79. 52 Suet. Aug. 52; Mon. Anc. 24; Cass. Dio 53.22.3; vgl. dazu Pekäry 1985. 71-74. 53 Bergemann 1992. 3D.
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erreichten sämtliche Untertanen in Rom gleichermaßen. Auch die Senatoren nahmen daran se lbstverständlich teil. Eine Spezifizierung nach gesellschaftlichen Gruppen konnte es dabei nicht geben, Auf die Ausgestaltung des Kults in den Provinzen nahm der Princeps hingegen höchstens indirekten Einfluss: Wie bei den Kaiserbildnissen, dje bei Kultfeiem den Kaiser symbolisierten, musste man auch bei der AusObung des Kults regionale Traditionen berOcksichtigen, ja sie war ohne die gewachsenen lokalen Bräuche nicht vorstellbar. Allgemeine Vorgaben konnte die kaiserliche Zentrale allenfall s mithilfe der Miinzen machen. Die Münzen - als » Massenkommunikationsmittel «~ das Instrument mit der größten Reichweite - ließen eine recht direkte Ansprache einzel ner Adressatengruppen zu. Im Laufe des ersten Jahrhunderts wurden immer differenziertere Sorten von Bronzemünzen ausgegeben. Münzen von niederem Wert, die eine weite Verbreitung erfuhren, trugen die am einfachsten zu interpretierenden ROckseiten (z.B. eine Person in WatTen), komplexere Themen erschi enen nur auf Gold- und SilbermOnzen. Die reicheren Untertanen, die mit den EdelmetallslÜcken in Berührung kamen, erhiehen so »nicht selten bessere Einblicksmöglichkeiten in die Regierungspolitik«·n . Die unter Domilian weit fortgeschrittene Zentralisierung der Edelmetall-Emissionen und die erwähnte Differenzierung nach Themen ermögliChten eine recht gute Kontrolle Ober die Verbreitung des Herrscherbi ldes unter den Untertanen. Die Herrschaftsdarstellung erfuhr hier, abgesehen vom persönlichen Auftreten des Kaisers, ihre größte Treffsicherheit. S6 Der Princeps konnte und musste s ich an bestimmten Vorlieben, dem jeweiligen Bildungsgrad sowie kulturellen Prägungen der einzelnen Untertanengruppen orientieren, um seine Herrschaftsdarstellung wirkungsvoll zu vermitteln. Das ungleiche Bildungsniveau musste der kaiserliche Apparat deshalb unbedingt berücksichtigen, weil die Untertanen in unterschiedlichem Maße in der Lage waren, Schriftliches zu lesen und Bilder zu interpretieren. Die Provinzbevölkerung musste auch erst einmal die lateinische Sprache beherrschen - da stieß z.B. die zentralistische MUnzausgabe an ihre Grenzen. 51 Regional- wie schichtenspezifische Unterschiede äußerten sich nicht nur im Bildungsgrad, sondern auch in der S4 Witschel 1996, S24 . SS Kuhoff t993, 29. S6 Siehe Alexandropoulos 1994, 79 und 84 . Vgl. auch Kuhoff 1993. 332. Gmyrck gibt einen kurzen Aufriss der Forschungsdebatte Ober die Reuption von MOnzthemen (1998. 2U). Das gewichtigste Argument rur die These. dass MOnzen als Trager von einfachen Botschaften e in sehr taugliches Mittel waren. ist m.E. die große: Typenvielfatt. - NalOrlich waren der Differenzierung der kaiserlichen Selbstdarstellung gewisse Grenzen gesetzt: P. Lummel hat eingewandt, dass >KIie Mllnzen in der Regel universal im Umlauf waren. also ohne ze ntrale Sleuerungsmöglichkeilen jedermann erreichen konnten« (1991, 3). Zudem überschnitten s ich die Interessen und Vorstellun, gen der unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen vielfach natürlich auch: e ine Sonderrolle spielte alkn:lings der Senat (s. dazu unten S. 42r.); vgl. KuhofT 1993. 330). S7Vgl. Kuhoff 1993. 331f.
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Vertrautheit mit der Politik und der republikanisch·senatori sch dominierten Herrschaftsauffassung in Rom. Die Schlussfolgerung daraus ist an sich banal: Dieselbe Aussage in der Dichtung oder einem anderen Medium der Herrschaftsdarstellung erzielte bei unterschiedlichen Zielgruppen unterschiedliche Wirkung, die sich außerdem auch aus den divergierenden kulturellen Horizonten der Adressaten erklärt : »Un paysan qui venait pour la premiere fois a Rome regardait les images d' une maniere differente d' un poete augusteen, un partisan d ' Auguste dif'feremment d' un vieil aristocrate ou de quelque etranger venant de Syrie ou de Palesti· ne.«s, Mit dem Bauprogramm, das sich im Wesentlichen auf Rom selbst konzentrierte, konnte der Kaiser Aussagen auf mehreren Ebenen machen und so verschiedene Bildungsniveaus ansprechen. Jedermann zugänglich und sichtbar (zumindest von außen), wirkten die Bauwerke auf alle Passanten durch ihre schiere Größe und ihren Prunk. In Details konnten sie auch einem feineren ästhetischen Empfinden entsprechen. Die heute noch erhaltenen flavi schen Staatsreliefs (die Reliefs des Titusbogens und von der Cancellaria) wurden aber sicherlich von allen Betrnchlern, zumindest den Angehörigen der »maßgeblichen Sektoren des politischen Systems« (Flaig), verstanden. Eine geringe bi s gar keine Rolle spielte das Bildungsni veau bei allen Formen der persönlichen Interaktion des Princeps mit den Untenanen, ob es sich nun um die Spiele, religiöse Feste, Congiarien oder donativa handelte. Theoretisch richtete sich die kaiserl iche liberalitas an alle Reichsbewohner, hatte sie »kosmopolitischen Charakter«, de facto profitierten von ihr in erster Linie die plebs urbana und die Soldaten in Rom.59 Die Congiarien und donativa privilegierten die römische gegenüber der Reichsbevölkerung genauso wie die in der Hauptstadt stationierten Soldaten, allen voran die Prätorianer, gegenüber dem Gesamtheer.60 Die regelrna· ßige, institutionali sierteJrumentatio erhielten im I. und 2. Jahrhundert n.Chr. rund 200.000 Römer, der ärmste Teil der Hauptstadtbevölkerung. Wichtig war nur das römi sche Bürgerrecht, der soziale Status spielte keine Rolle. Dieselben Adressaten kamen auch rur die Congiarien in Frage.CoL Ein großes Publikum wohnte den Spie· len und Spektakeln im Kolosseum und besonders im Circus Maximus bei. Letzle· rer bot im 2. Jahrhundert 150.000 (nach anderen Quellen 250.000) Menschen Platz. was etwa 16·25% der Bevölkerung Roms entsprach . Das flavi sehe Amphi-
58 Zanker 1994, 289. 59 Kloft 1970, 179. S.8. KuhofT 1993, 330. 60 Kloft 1970, 105. 6 1 Siehe Weeber 1994, 16 1 und 164.
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theater fasste wohl maximal 50.000 (nach einer spätantiken Quelle 87.000) Zuschauer. 62
Unzweifelhaft ist, dass die Spiele, Triumphzüge, religiösen Feste oder die materiellen Spenden auch die Senatoren >erreichten(63 - dennoch dürften ihre Interessen nicht in gleichem Maße befriedigt worden sein. Tacitus' Abneigung gegen den Spiel betrieb im Zirkus und im Theater war vennutlich unter den Senatoren insgesamt verbreitet. M Flaig hat von einer latenten Konkurrenzsituation zwischen der Aristokratie und der plebs urbana bei den Spielen gesprochen. Die »affektive Nähe, welche die Stadtrömer dabei dem Kaiser abforderten«(, ging zu Lasten der senatori schen Autorität in der plebs. Außerdem konnte der Princeps sich in der Zeit, die er bei den Spielen verbrachte, nicht dem Umgang mit den Senatoren widmen.6s Allerdings kam etwa die die soziale Hierarchie dokumentierende Sitzordnung des Kolosseums ihrem Statusclenken entgegen . Auch die Zusammensetzung des Theaterpublikums repräsentierte »eine gewisse soziale Auslese«(66, denn die Zuschauerzahl war begrenzt: Im Pompeius-, dem Marcellus- und dem Balbustheater fanden zusammen ca. 50.000 Zuschauer Platz, das Stadio n war wohl rur 20.000, das Odeon nur rur etwa 7.000 Menschen gebaut worden. Die Darbietungen im Theater, im Stadion und im Odeon genügten oft höheren gei stigen AnsprUchen,61 und dementsprechend hatten sie eine geringere Breitenwirkung. Jedoch ist nicht zu übersehen, dass in der Kaiserzeit mehr und mehr leichter zu konsumierende Aufführungen wie der Mimus die Theaterbübne eroberten. Einen eher elitären Charakter hatten die Veranstaltungen im Odeon, das nur etwa ein Driuel der Zuschauer des Theaters fasste: Die von Domitian e ingeführten Dichteragone taten kulturellen Interessen und einem verfeinerten Geschmack GenOge. Zudem bl ieb den Senatoren noch das Privileg der allmorgendlichen Audienz im kaiserlichen Palast. Insgesamt aber bedienten die oben behandelten Instrumente, deren Einsatz Domitian besonders intensi vierte, in erster Linie nicht die senatorischen Interessen. Die kaiserliche Titulatur war in der Epigraphik kaum zielgruppenorientiert einsetzbar. Denn die offi ziellen Do kumente, die sie enthielten und die außerdem mit 62 KOhne 2000, 13; Kolb 1995a, 599. Vgl. Zanker 1997a, 4If.: »Der von den Kaisern organisierte UnterhaltlJngsbetrieb bezog einen großen Teil de r BOrgerschaft ein«, so dass »sich in den ,Volksbau tenl BOrger aller Stande einschl ießlich de r Senatoren und des Kaisers zusammenfanden«. 63 Sueton vergisst nicht zu erwllhnen. dass Domitian im Ko losseum die Ränge der Riner und Senatoren noch einmal extra bedachte, nachdem die in das Publi kum geworfenen missilio (Gutscheine fIlr alles Mögliche) fast aussc hließlich auf die Bänke des Volkes gefallen waren (Dom. 4,5). 64 l .B. Tac. dial. 29,3; his!. 1,4,3. Siehe Deininger 1979, 286 m. Anm. 17-20 fllf weitere Belege; Darwall-Smith 1996, 225f. 65 Flaig 1992, 179. 66 Kolb 1995a, 594. 67 Kolb I 995a, 594-596. Vgl. Kuhoff 1993, 330.
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Domitians HtfTSChaftsdarstellung. Die
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InSlruJT'lente
der domitianischen Jahresnennung versehen waren, wurden vermutlich nur von kleinen Gruppen gelesen. Entscheidender war wohl, dass sich Domitians Titulatur und sein Status, den zusätz1ich die Münzen dokumentienen, auch mündlich in der Bevölkerung weiterverbreitete. Viele Instrumente der Herrschaftsdarstellung wandten sich an ein breites Publi· kum. Bei den mei sten lag dies in der Natur der Sache, z. B. bei den Massenspekta· kein oder den Volksspeisungen (allerdings blieben diese Instrumente auf die Hauptstadt beschrankt). Andere Medien wurden speziell a uf eine Breitenwirkung hin ausgerichtet: Seit Augustus war eine Bildersprache geschaffen worden, deren Entschlüsselung weder mangelnde Bildung noch eine große räumliche Distanz zur Hauptstadt verhinderten. Die ausgeweitete Rezeption politischer Bildmotive, die sich im Laufe des I . Jahrhundens verstärkte, wurde oben (5. 28) bereits behandelt. Ei n ähnliches Bild geben die domitianischen Münzen ab: Ihre Motive ziehen auf breite Schichten sowie auf die Truppen . Dagegen fanden sich nur wenige senats· orientierte Einzehhemen. Auch die Provinzial bevölkerung trat - gegenüber dem Heer und der plebs urbana und verglichen mit dem Bürgerkriegsjahr 69 - etwas in den Hintergrund ." Dem entsprach die gewachsene Bedeutung des Heeres fiir die kaiserliche Politik und ihr Bestreben, sich durch militärische Erfolge eine charismatische Aura zu verschaffen. Domitian stUtzte seine Macht eben weniger auf den Senat, dafUr umso mehr auf das Militär und die breiteren Volksmassen." Damit sind wir bei den einzelnen Gruppen von Adressaten angekommen. Mit folgender Differenzierung wird im Folgenden gearbeitet werden: dem Senat, dem Militär, der plebs urbana sowie der italischen und Provi nzialbevölkerung. Es handelt sich um große Gemeinschaften. in denen mitunter sehr heterogene Denkwei·
scn der GruppenangehOrigen vorliegen . Man denke etwa an die Unterschiede zwischen Munizipalaristokraten und Tagelöhnern der Apenninhalbinsel. Daher dürfte die römische Staatskunst je nach Stand. Bildung, Verdienst etc. von den Angehörigen der gleichen Gemeinschaft zum Teil recht unterschiedlich rezipiert worden sei n.lO
Eine weiter gehende Differenzierung des Ziel publikums ist aufgrund der Quellenlage nicht möglich, ohne dass man s ich in den Bereich der Spekulation begibt. Denn die Instrumente der Herrschaftsdarstellung arbeiten in der Regel mit ziemlich allgemein gehaltenen Bildern und Symbolen. Außerdem ist ein >Minderheitenprogramme, wie man es heutzutage gelegentlich noch im Hörfunk oder Fernsehen anlrefTen kann, rur das erste Jahrhunden. mit seinen technischen 68 Lummell991 , 76f.; vgl. KuhofT 1993. 29. 69 Themen rur die pleb! urbono bildeten einen resten Bestandteil des flavisc:htn MOnzprogramms. weM auch nicht in dem Umrang wie unter Nero oder Trajan, zwei als besonders volks· freundlich geltenden principes (was ftlf Nero zumindest ftlr den ersten Teil seiner HefTSChaft zutrim); vgl. Lummell99l , 27. S.a. Kloft 1970. t06. 70Lummelt 99I . 8r.
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Domilians Herrschaftsdarslellung. Die
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InSlrumenie
Möglichkeiten nicht denkbar. Es mussten mit dem geleisteten Aufwand große Gruppen angesprochen werden. Die Senatoren waren nicht alle immer in Rom anwesend und im Senat aktiv; ein Teil von ihnen zog das Leben auf ihren itali· schen Landgütern vor. Zum Militär zählten die Truppeneinheiten in der Haupt· stadt, insbesondere die Prätorianer, und, als »eminent bedeutsamer Faktor in der Ausrichtung kaiserlicher Politik, die Soldaten an den Reichsgrenzen, römische BUrger in den Legionen und Peregrine in den Auxiliareinheiten, die allesamt we· gen ihrer filr das Imperium Romanum (über)lebenswichtigen Aufgaben die einge· hende Aufmerksamkeit der principes«", v.a die Domitians, bekamen. Eine Ziel· gruppe z"sammen mit der plebs urbana bildeten die equites in Rom und, wenn der Kaiser in der Hauptstadt mit der physisch präsenten Volksmasse kommuni· zierte, auch die Besucher von außerhalb.12 Die Bevölkerung der Provinzen war besonders disparat: Hier fand man alle nur denkbaren Untcrschiede, nicht nur in Sachen Stand und Bildung (s.o.), sondern auch in der Vertrautheit mit der römi· schen Kultur und im Verständni s von der Rolle des Herrschers. Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen werden viele Inhalte der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung übereinstimmend gutgeheißen haben. Dennoch spm· ehen einzelne Themen bestimmte Kreise im Besonderen an. P. Lummel hat diese Musterinhalte fü r die einzelnen Zie lgruppen auf den MUnzen untersucht. 71 Da die· se Themen grundsätzlich von allen Instrumenten transportiert wurden oder zumindest transportiert werden konnten, seien seine Ergebnisse hier ausfllhrlich zitien . Die Themen, die den Erwartungen der senatorischen Oberschicht entsprachen :
-
moderOlio des Kaisers in seiner Selbstdarstellung und in der Formulierung der
eigenen Macht. Betonung der bürgerlichen und nicht der militärischen Herrscherrolle.
71 KuhotT 1993, 330. 72 Mir ist nll.t Url ich sehr woh t bC!wusst, dass die Rilter sich keineswegs mil dem n iede~n Volk ge mein filh1ten . Ihr Standesdenken !ußerte s ich ja z.B. in ihren eigenen. vom Volk get~nn te n SitzplAtu n im Thealer. Auf Domitians Theater-Edikt (aus dem Jahre 89). das diese alte Sitzordnung wieder durchsetzte, spielt Mania l im 5. Buch wiederholt (8: 14: 23; 27; 35: 38; 41 ) und mit positiver Bewertung an. Jedoch haben die Rilter im Vergleich zu den Senato~n und Soldaten keine so deutlichen Gruppenspc:zifika ausgebildet, dass sie sie von der Masse abhoben. Schließlich ~'Ur de man ja vom Kaiser nach dessen G utd Unken zum Rilter ernannt. Vgl. Bleicken 1995, 296-302 . Dagegen Flaig 1992, 94: ItDer %Weite Ordo. die Riner, ( ... ) venral keinerlei eigene Interessen, sondern orienliene sich im Gegenteil sozial und politisch am ordo senOlorillS.« Die Inhalte der kaiserl ichen Selbstdarste llung lassen keine speziellen BezOge auf die equiles erkennen. 73 Siehe %Ur Kritik an Lummels %U einseitigem Ansatz Zanker t 994a, 462f.: Zanker setzl gegen die ,Wernung( als dem von Lummel propagierten Ziel der römischen IStaatskunsu ein komplexeres Syslem )lvon Interaktionen zwischen di~kten Fonnen kaiserlicher Selbstdarstellung einerseits und dem vom Senat und ande~n wechselnden gesellschaftlichen Gruppierungen und auch Individ uen bel1'iebenen Herrscherlob andererseitsIC (S. 463).
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Domitians Herrsc:haftsdarsteJlung. Die )anderenl Instrumente _
Gesetzlichkeit des Kaisers. Ei nklang zwischen Senat und Kaiser beziehungsweise Kaiserhaus. Erwähnung des Senats, der Roma und der res publica.7~
Die Themen, die den Erwartungen des MiJiUirs entsprachen : _
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Breiter Umfang der Siegesthemen (Vicloria, Mars ViClor und andere sieghafte Wesen, Triumphbogen etc.). Bildliche und inschriftl iche Erwl hnung ei nzelner Truppeneinheiten. Legio nen und des Gesamlheeres einschließlich der Beziehung zwischen Kaiser und Soldate n ( Flone. signa, adlocutio). n Mil itärische Selbstdarste llung des Kaisers.
Die Themen, die den Erwartungen der plebs urbano entsprachen: _ -
Spiele, Spektakel und Unterhaltung ru r die Masse Ro ms (Neronia, circus maximus etc.). Kaiserliche Spenden an das Volk (congiaria). Zusiche rung e iner reichlichen Nahrungsversorgung der Hauptstadt (Hafenbild, modius, Annona Augusti etc .).l6
Die Themen, die den Erwartungen der italischen und Provinziolbevöllcerung enlsprachen: -
Kai serliche Maßnahmen rur die betreffende Region (Alimentarinstitution beziehungsweise (Iliventus in eincr Prov inz). Allgemein pos itive Z ustände in einer ei nzelnen Landschaft oder des gesamten, die Provinzcn mite inschließenden Imperiums (Restitutio ItaHae bzw. Tellus Stabilita, Locuplctatori Orbis Terrarum, Restitutori Aehaiae ete.). Lokale Monumente ?der Gebäude (Ro ma- und Augustustempel).17
Eine wi rkungsvol le Herrschaftsdarstellung musste ihre Inhalte auf die Vorslellungen der gesell schaftlichen Gruppen zuschneiden, um Erfolg zu haben und >anzukommen<. Diese Musterinhalte deckten sich in ihrer Verschiedenheit und auch Gegensätzlichkeit mit den je verschiedenen Gehorsamsmodalitäten, die Flaig rur die maßgeblichen politischen Sektoren seines Akzeplanzmodells herausgearbeilet hat. l • Daraus folgt : Der Kai ser musste se ine Expression fUr die einzelnen Adressa· tengruppen spezifizieren, er musste unterschiedl iche Akzeptanzstrategien wählen. Beispiel dynastisches Prinzip : Davon war der Senat schwerer zu überzeugen als die anderen Unlertanengruppen . FOr die Senatoren zählte das Alter mehr: Nerva 74 Lummell 99I , 17. 75 76 77 78
Ebd. 22. Ebd. 27. Ebd. 32. Flaig 1992, 182.
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als der Älteste unter ihnen erhielt nach Domitians Ennordung deren Akzeptanz. Vor allem aber erwartete der Senat, dass der Kaiser in seiner Herrschaftsdarstellung Maß hielt, wohingegen die Provinzialbevölkerung im griechischen Osten eine prononciene Machtdemonstration, bevorzugt auch mit göttlichen Attributen, forderte. Die Kunst des Ausbalancierens der verschiedenen Interessengruppen musste auch in der Herrschaftsdarstellung zum Ausdruck kommen. Im )Idealfall ( hätten sich alle maßgeblichen Sektoren des politischen Systems mit ihren bevorzugten Themen in der Expression der kaiserl ichen Majestät wiederfinden müssen. Davon konnte unter Domitian offensichtlich keine Rede mehr sei n. Woran lässt sich der Erfolg der Zielgruppenausrichtung messen? - Einen Anhaltspunkt liefert die Umsetzung der damnalio memoriae Domitians. Seine Bildnisse sind nach seinem Tod mit wenigen Ausnahmen zerstört worden. Das war auch das Mindeste, was im Zuge der damnatio gelan werden musste, sollte diese erfolgreich sein. Dagegen war Domitians Reiterstatue ) das einzige domitianische Monument, welches die postume Veruneilung des Kaisers als Tyrannen durch den römischen Senat nicht überlebte« 19. Das bedeutet, dass die umfangreichen architektonischen Spuren, die Domitian im römischen Stadtbild hinterlassen hatte und die in ihrer Bedeutung und ihren Ausmaßen nur mit denen des Augustus vergleichbar waren, der damnalio memoriae nicht zum Opfer fielen. Dabei war es durchaus nicht unüblich, unliebsame Bauten des Vorgängers zu zerstören, wie es die Flavier »gezielt und demonstrativ«&O mit Neros )volksfeindlieher< domus aurea getan hatten, die sie durch das Kolosseum und die Titusthermen ersetzten. Das sagt sicherlich einiges über das wahre Wesen der damnalio memoriae aus, aber wohl auch etwas über die Monumente: Domitian hatte etwas behutsamer als etwa Nero in Rom gebaut, er hatte von seinen Vorgängern Begonnenes beendet und oft konstruktive städtebauliche Konzepte (wie das Forum Transitorium) verfolgt. 1t Das galt nicht fiir den Palast mit all seinem Prunk. Aber der gefiel offensichtlich Domitians Nachfolgern so gut, dass sie ihn trotz seines verpönten Bauherm übernahmen. Andere kühnere Bauvorhaben wie das Forum Traianum , dessen Planung wohl auf Domitian zurückging, setzten seine Nachfolger fon. n Auch sie wurden daher nicht beseitigt. Domitian hane also nicht zuletzt volkstümliche Bauten, Bauten fiirs Volk, errichten lassen. was ohne Zwe ifel auch der Senat wusste. Die Bauwerke kamen daher wohl bei der Tilgung der Erinnerung an den Flavier überhaupt nicht in Betracht.
79 Kolb 1995a. 375. 80 Ebd. 394; S.8. Kleiner 1992, 183. 81 Kolb 1995a, 375f. 82 Siehe Jones 1992, 94. Auch die Trajansthennen, falls von Domitian in Angriff genommen, wAren hier zu nennen.
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Domitians Henschaftsdarstel1ung. Die lancierenl Instrumente
Die Capitolia, Domitians Spiele im griechischen Stil, Oberlebten ihren Schöpfer und wurden noch im 3. Jahrhundert veranstaltet . Das war keine Selbstverständlichkeit. denn Neros und Augustus' griechischen Spielen ist dieses Los nicht zuteil geworden. v Die vornehmlich auf die plebs urbana zie lenden Maßnahmen der Expression erreichten ihre Zielgruppe durchaus Wld wurden vom Volk in Rom angenommen.
2.3 Inhalte 2.3. / Die thematischen Schwerpunkte Im zweiten Jahr seiner Herrschaft ließ Domitian die InhaJte der römischen MUnzen generalObcrholen. An diesem eigentlichen Beginn seiner MOnzprägung wurde ein neues, beeindruckenderes Domitianporträt geschatTen. Statt des natürlichen navischen Aussehens trug es augusteische Züge, die seine gesamte Regierungszeit hindurch nicht wieder verschwanden.'" - Nach einer Zeit des Übergangs, während der Domitian sich vennutlich an die neue. ihm unverhoffi früh zugefallene Kaiserrolle gewöhnte. hatte man am Hof die Grundzüge der neuen kaiserlichen Imago festgelegt. Nun konnte man an die praktische Umsetzung gehen . Der bewusste Verweis auf Augustus beabsichtigte eine positive Konnotation.ja sogar eine Idealisierung. Er bedeutete nicht automati sch. dass der Flavier konkrete politische InhaJte oder den Herrschaftsstil des Principatbegründers übernahm . Diese abstrakte Idealisierung galt es mit eigenen Themen zu fl.lllen. Domitian setzte verschiedene Akzente: Er stellte die eigene Leistung heraus, Wld zwar überwiegend auf militärischem Sektor. Daneben stande n gleichberechtigt religiöskultische Themen, die Bezugnahme auf Gottheiten (v.a. Minerva und Jupiter) und die Deifizierung des Kaisers und se iner Familie. Die Kaiserfamilie wurde rur den Herrscherkult funktionalisiert. Außerdem thematisierte die Expression den Kaiser in seinen Beziehungen zu den Untertanen und die Prosperität des Reiches unter ihm. Ihren handfesten Ausdruck rur das Volk fand die prosperierende Herrschaft im kaiserlichen Euergetismus, dem in der Herrschaftsdarstellung breiter Raum eingeräumt W"..1rde. Da diese Themenpalene die Eigenschaften ur:d Leistungen Domitians umfasste, stand als Quintessenz schl ießlich die Person des Kaisers selbst. Milittirische Themen haben die Cancellaria-Reliefs zum Inhalt . Fries A zeigt die profectio Domitians zu einem Kriegszug, wahrscheinlich nach Pannonien oder 83 Siehe zu den Copitolia unten S. 75. 84 BMC 34 ; 85; RIC 416; Carradice 1983. 142f. und 148; Hannestad 1986, 137.
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Gennanien.u Der Flavier ist von Mars, Minerva und der personifizierten Roma (oder Virlus)'" eingerahmt. Sie sollten das kriegerische Unternehmen göttlich 0berhöhen und den Sieg preisen. Die Personifikation der Vicioria komplenien den engen Kern der abgebildeten Gruppe. Sie weist auf die zentrale Aussage der militärischen HerrschaftsdarsteUung hin: Domitian verkörpert den sieghaften Herrscher. Die Flavier waren die ersten, die ihre Herrschaft zuvorderst durch kriegerische Bewährung zu legitimieren versuchten. Vespasian und Titus wiesen in ihrer Herrschaftsdarstellung immer wieder auf ihren großen Erfolg, den Sieg in Judäa, hin. So standen beispielsweise in den SäulenhaJlen des Templum Pacis BeutestOcke aus dem Tempel von Jerusalem und die Legende ludaea capla gehörte zu den häufigsten MOnztypen Vespasians.f1 Der judäische Tri umph vor allem sollte die neue flavische Dynastie legitimieren, er sollte Vespasian das Charisma des siegreichen Herrschers bescheren. Angestrebt war »eine charismatische. personenbezogene und sieghaft legitimierte Herrschaft des Monarchen, ( . .. ) der die charismatische Qualität durch die persönliche Leistung und die pcrpetuierende Inszenierung des Erfolgs zu erweisen hatte«". Domitian knüpfte daran folgerichtig an und suchte sich bald nach Herrschaftsantritt in Germanien in ähnlicher Weise zu bewähren. Als sieghaften Herrscher zeigte ihn seine Reiterstatue auf dem Forum Romanum: Ein Yorderhuf des Pferdes trat auf den Kopf des personifizierten Rheins, pars pro 1010 rur das besiegte Gennanien. Die erhobene rechte Hand signali sierte ebenfalls das Handeln des Kaisers, das zum Sieg gefUhrt hat." Darauf nahmen Domitians MUnzen mit dem Schema des siegenden Reiters, der seine Lanze nach einem am Boden liegenden Gegner wirft, wiederholt Bezug.'IO Zu den Siegessymbolen auf den Münzen gehörten Jovi Viclori, Forlunae AUguSI;, die Paria Triumphalis und der von ViCloria gekrönte Domitian. Insbesondere die Untrennbarkeit von Domitian und Victoria sollte den Untertanen nahe gebracht werden." Des weiteren wären der Triumphwagen, die trauernde Germania und das griechische Motiv der Alhena Promachos zu nennen . Die Triumphsymbole wurden auch in Jahren wiederholt, in denen 00-
85 Ob es sich um eine pro/eclio oder einen odvenlUS handdt, ist ums tritten. Ebenso di~ Frage, auf welche militärische Unternehmung hier Bezug genommen wird. S iehe zum Forschungsstand Kleiner 1992, 191f. und Gmyrek 1998, 71 -73. 86 Zu der Frage. ob es sich um Roma oder Virtus handelt. siehe Darwall·5 milh 1996, 173f. 87 Zanker 1997a, 18; s.a. Mannsperger 1974,964 ; BMC ]I S. 11 5-1 17. Nr. 532·547 u.v.a. 88 Strobel 1994, 371. 89 5 tat. silv. 1.1,50(. und 37; BMC 476t; Bergemann 1990, 8 und 165(. Vgl.a. Ko lb 1995a, 375. 90 BMC 300· ; 339-341 ; 380. 91 BMC 440; 475; 444; 401 ; RIC 41 6; BMC ] O]t; ] 81 ; 41 0: Carrndi ce 1983, 123 : Brilliant 196], 95(. und 98.
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Domitians Hernchaftsdarstellung. Die ,anderenl InslfUmente
mitian gar keinen Triumph feierte.9 ! 23-malließ er sich als Imperator anrufen, eine Zahl, die von seinen Vorgängern und direkten Nachfolgern nur Claudius fibertraf.'l Verschiedene kaiserliche Zeremonien glichen sich dem Triumph an: FOr die Akklamationen des Herrschers bei den Spielen oder Umzügen durch die Stadt galt dies ebenso wie für den Konsulatsantrin. Bei immer mehr Gelegenheiten trug der Princeps außerdem das Triumphalgewand. 94 Im römischen Stadtbild korrespondierte dem eine Vielzahl von Triumphbögen und die architektonische Dekoration, beispiel sweise der Fries der Aula Regia.ts Die Symbole der Sieghaftigkeit wurden also vom konkreten Anlass abgelöst und dem Kaiser als dauerhafte Attribute zuerkannt. Unter Domitian wurde der Kaiser a prior; zum unbezwingbaren Verteidiger des Reichs.96 So konnte er den Erwartungen und Vorstellungen breiter Bevölkerungsschichten, nicht zuletzt der hellenistisch geprägten Provinzial bevölkerung des Ostens und natürlich vor allem der Soldaten, am ehesten entsprechen. V.a. an den Erfolg in Gennanien erinnerte die kaiserliche Expression immer wieder. Die bildliche Umsetzung des Sieges fiber die Chatten dominierte die Münzen . Seit 85 gab es eine Münzprägung mit der Legende GERMANIA CAPTA , ei n anderes Motiv zeigte Domitian, wie er die Huldigungen der knienden Germania entgegennahm. Nach dem Gennanenfeldzug fanden etliche imperatorische Akklamationen in Rom statt .'l MOnzprägungen, die auf die Erfolge Domitians in Britannien oder an der Donau anspielten, gab es dagegen nicht. Nach dem Donaufeldzug begnügte sich Domitian 92 damit, im Tempel des luppirer Capitolinlls einen Lorbeerkranz niederzulegen, und verzichtete auf einen Triumph. ta Die militärische Expression konzentrierte sich also auf den Sieg über die Germanen. Seit augusteischer Zeit galten die Gennanen im römischen Bewusstsein als der gefährlichste Gegner, der aufgrund seines Charakters und seiner Bräuche 92 Die Minerva-lAthene-MOnzen erschienen jlhrlich in vier Standardtypen: siehe dazu unten S. 50; BMC 139-144; 170-· 175; 207-·2 13 ; 2261'-228. Siehe AIRlldi 1980, 95, Anm. 2 (S. 96). Dass die Alhena Promachos neben ihrer milittrischcn v.a. auch eine griechisch.hellenislische Aussage Inm, ist unbestrinen: Siehe dazu Kap. 2.3.3. 93 Claudius: 27 Akklamationen; Titus: 17 (70·81 n.Chr.), Vespasian: 20, Nero: 13, Augustus: 14
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schwer zu kontrollieren war. Dass mit Drusus, dessen Sohn Gennanicus, Caligula, Claudius und Nero tunf prominente Vertreter des julisch-cJaudi schen Kaiserhauses über zwei Drinel des Jahrhunderts den (Bei)Namen Germanicus trugen, zeigt den Stellenwert der Gennanen in Rom. Nicht von ungefiihr hat Tacitus als Objekt seiner Studie Ober ein fremdes , in manchem den Römern gegensätzliches Volk die Gennanen gewählt. Kein anderer Gegner konnte - besiegt - dem jungen Kaiser eine größere Legitimation liefern ." Als Siegerbeinarnen legte sich der Flavier das Cognomen Germanicus zu, aber er verzichtete - anders als nach ihm Trajan - darauf, sich beispielsweise Dacicus zu nennen. Domitians Nomenklatur zeichnete sich nach dem Sieg über die Chatten durch zwei militärisch konnolierte Charakteristika aus: IMPERATOR CAESAR DOMITIANVS A VGVSTVS GERMAN1CVS. IOO Erstens Germanicus: Als erster römischer Kaiser machte Domitian den Beinamen zu einem festen Bestandteil seiner Titulatur. Vom Zeitpunkt seiner Annahme lol erschien Germanicus in allen offiziellen Inschriften und MUnztitulaturen, und dies in prominenter Position: nach den drei Kaisertiteln Imperator, Caesar, AUguSIUS, aber vor den traditionellen republikanischen Amtsbezeichnungen und Ehrentiteln . Ohne Zweifel gebOhrte diesem Cognomen also eine wichtige Funktion rur die Propagierung der Sieghaftigkeit des Herrschers: )1( ... ) die umfassende Siegespropaganda Domitians schöpft die gegebenen Möglichkeiten voll aus« 101. Zwar hanen mehrere Mitglieder der julisch-claudischen Dynastie den Namen Germanicus getragen, ohne ihn allerdings mit einer bestimmten Intention einzusetzen (s.o.). Domitians Annahme eines Cognomens mit militärisch-kriegerischer Aussage und seine Instrumentalisierung rur die Expression war daher ohne Vorbi ld in Rom.'OJ Das zweite Charakteristikum der domitiani schen Titulatur bildet der Imperator-Name. T.V. Buttrey hat darauf hingewiesen, dass Imperalor, Caesar und Au99 Vgl. Martin 1987, 182·185, der drei Antworten auf die Frage nach dem Ilberragenden Stellenwel1 Gennaniens zu geben sucht. Erwagenswel1, und das oben Gesagte ergAnzend, ist seine zweite Antwort: liEn insbunt le tilre dan5 5a denomination, Domitien s' inspirait don<.: d 'unt certaine maniere de la titulature des demiers princesjulio-claudiens.« (S. 184 .) S.a. l .B. Rives. Tacitus. Gennania. Translated with Introduction and Commentary, Oxford 1999,5)-55. 100 Dies ist der häufigste Typ der epigraphischen bzw. numismatischen Titulatur. Gelegentlich trlIt die Filiationsfonnel DIV I VESPASIAN I FILIVS hinzu. Siehe zur epigraphischen Titulatur Martin 1987, v.a. S. 168, zur Titulatur auf den MQnzen Buttrey \990, vi ii. 101 Das genaue Datum der Annahme des Germanicus-Titels ist in der Forschung umstritten . Die Datierung.sversuche reichen vom Zeitrllum zwischen dem 9. Juni und dem 28. August 83 bis zum Herbst 83 oder gar Anfang 84. Siehe Kneissl 1969,4]-48, Martin 1987. 7-10, Bultrey 1980, 52-56 und Jones 1992, 129. W. Eck wies darauf hin. dass die AMahme des Titels und der Zeitpunkt des Triumphs uber die Chatten nicht notwendigerweise zusammenfallen mussten ( 1972, 172). 102 Kneissl 1969,5]. Zitat 18]; S.a. S. I 82f.: Domitian - wie auch Trajan - wurde ))selbst in Cursus honorum oder in Jahresdatierungen mit den (ihm) zustehenden Siegestiteln apostrophierte\. \0] Siehe ebd. 43.
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gustus in der flavischen Titulatur von Titeln zu tatsa.chlichen Namen wurden.IOt Der Imperator fehlte in der Nomenklatur aller julisch-claudischen principes nach Augustus.IIH Die vier Kaiser des Jahres 69 trugen ihn dagegen begreiflicherweise. Daher kam auch keine der fl avischen Nomenklaturen mehr ohne den ImperatorNamen aus. Das unterstreicht das Bedürfnis der Flavier nach militärischer Legitimierung ihrer Herrschaft. das man ebenso schon bei Augustus beobachten kann. an dessen Titulatur (inkl . des Imperator) Vespasian bewusst anknüpfte . Die flavische Nomenklatur wurde zum Vorbild fUr ihre Nachfolger Trajan, Hadrian und (mit Abstrichen) Nerva. An der militärischen Szenerie des Frieses Ader Cancellaria-Reliefs haben die
Götter Mars und Minerva teil. Die Rei terstatue zeigt Domitian nicht nur in kriegerischem Aufzug, sondern auch mit einem Gorgoneion um den Hals und einer Minervastatuette in der Hand.' 06 ln der Gestalt von Mars und v.a. Minerva, Domitians persönlicher Schutzgöttin, manifestiert sich die nahtlose VerknOpfung von militäri schem und relig;os-ku/lischem Feld, dem zweiten Hauptsektor kaiserlicher Selbstdarstellung. Gottheiten und Personifikationen standen filr bestimmte Tugenden oder Eigenschaften des Kaisers. Erschienen sie etwa auf Münzen, wurde zwi schen dem Kaiser auf der Vorderseite der MUntt und der Gottheit auf der RUckseite ( ... ) eine enge Verbindung hergestellt, die dem Wo hl des röm ischen Reiches dienen soll te. Kaiser und Gotthe it traten quasi als Par1ner gemeinsam zum Schutz und zur Ver1eidigung des Staates auf. 101
Minerva erlangte unter Domitian überragende Bedeutung filr die Ostentation des Kaiserkults. Sueton berichtet, dass Domitian Minervam ... superstiliose co/ebal, sie pri vat »abergläubisch verehrte«lot. Neben der überlieferten pri vaten Verehrung hatte der Minervakult v.a. eine politische Funktion: Mit ihr in erster Linie Oberhöhte Domitian seinen autokrati schen Machtanspruch religiös. 109 Es mag sein, dass Suetons Zeugnis der Wahrheit entspricht, vielleicht war es aber auch nur eine Konstruktion ex poSI , die aus der exzessiven Präsenz der Minerva resultiene. Es 104 Buttrey 1990, vii. lOS Obwohl Tiberius das Praenomen /m/Hroloris zurtlckgewiesen hane, erschien es in seiner Titulatur gelegentlich; s. Kiel\aSt 1996, 77. Siehe dens. zur Titulatur aller römischen Kaiser. 106 Slat. silv. 1, 1.37.39; vgl. Bcrgemann 1990, 42 und 166. EiM Reihe von weiteren Beispielen rur die Verbindung von Minerva mit militlriscben Aussagen findet sich auf MQnzen, siehe Gmyrek 1998, 62f. 107 Gmyrek 1998, 17f.• Zitat S. 18. 108 Sutt. Dom. IS,] . S.a. Cass. Dio 67,1.2 und Philostr. Ap. 7.24; Minerva soll es auch gewesen sein. die Domitian wahrend des Attentats auf ihn im Kampf um Hilfe anflehte (Philostr. Ap. 8.25). VgJ.Jones 1992. 100. 109 VgJ . Strobel 1994, ]70.
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gab kaum ein Medium, das nicht Bezug auf sie genommen hätte. Ihre Beteiligung am Ensemble der Reiterstatue wurde schon erwähnt; im Palast gab es Minervas sacrarium, auf dem Forum Transitorium , dem Marsfeld und dem Forum Romanum standen Minervatempel, die von Domitian restauriert oder neu errichtel wurden. lLO Das Forum Transitorium zählte aufgrund seiner die Kaiserforen verbindenden Lage wohl zu den wichligsten neuen Bauprojekten. Die dominierende Position auf itun war dem Minervatempel zugedacht. Beides war 96 indes noch nicht abgeschlossen. 111 Die Minervaverehrung fand ihren Niederschlag in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens: Domitian veranstaltete jährlich in seiner Villa auf dem Albaner Berg die Quinqualria Minervia , das Minervafest, zu dem Jagden, BUhnenspiele und rhetorische sowie poetischen Wettbewerbe gehörten. 1I2 Seine neue Legion nannte er Minervia. 113 Am nachdrücklichsten unterstrich die MGnzprägung Minervas herausgehobene Rolle. Auf den Gold- und SilbennUnzen dominierten von 83 an die gesamte Regierungszeit Domitians hindurch vier gleichbleibende Standardtypen der Minerva: Typ 1 (Mine~a Propugnalru bzw. Alhena Promachos): Minerva nach rechts a usschreitend mit erhobener Lanze in der Rechten und Schild in der Linken . Typ 2 (Variante von Typ 1): Minerva ausschreitend auf einem Schiffsbug (prora) mit erhobener Lanze und Schild, zu Füßen biswe ilen die Eule. Typ J : Minerva stehend mit Speer. 114 Typ 4: Minerva stehend mit Speer, Donnerkeil und Schild.
Dieses Minerva-Bildprogramm stellte BezOge zur Flotte (Typ 2), zu Jupiter (Typ 4) und zur Ideologie des Kampfes gegen die Barbaren (Typ 1)115 her. Im Jahre 94 kam erstmals der Typ der Minerva Viclrix hinzu. Minerva wurde also mit der propagierten Sieghaftigkeit verbunden. 116 Es fä.J1t auf, dass die Münzen - im Gegensatz zu den anderen Medien der Herrschaftsdarstellung - ausschließlich eine krie110 Suel. Dom. 15,3: Aur. Viel. Caes. 12,2; MGAA IX S. 146; CIL 3 (Suppt. 1), S. 1965: Descriplum el r~cognilum e.x tabu/a a~m:a, quoe flXo eSI Romae in muro post tempfum divl Aug(usti) od Minervom. So die Unterschrift einer Reihe von Milit!rdiplomen (5. S. 1970r.. 1973 usf). Siehe :tur Quellenlage bzgl. dieser drei Minervatempel Gmyrek 1998, 66-69 und Girard 1981 , 235-237. Cassius Dio berichtet Zlldem, Domilian habe eine Minervastatue in seinem Schlaf· zimmer aufgestellt (67, 16,1). Iit Siehe Darwall·Smith 19%, 124; vgl.a. S. 11 5: ~ ... ) Ihe Minervan theme was so allembracing« auf dem Forum Transitorium. 112 Suel. Dom. 4,4; Cass. Dio 67,1,2. Siehe auch unten S. 77. 11 3 Cass. Dio 55,24,3; Cil 13 ,8071 . Siehe Scon 1936, I 79f. und Jones 1992, 100. 114 Naeh Gmyrek 1998, 59r. Zur Beschreibung und Interpretation der vier Standardtypen siehe Maningly, BMC 11, 1930. lxxxv-vi und Gmyrek 1998, 59-6 1 (siehe don die Nachweise (Anm. 32. 34-36)) sowie Morawiecki 1977, 185-187 und Darwall-Smith 1996, 127. 115S.u. S. 77. 116 BMC 237; vgl. Girard 1981 , 242. Aufeinem Aureus von 81 war Minerva bereits mit Vic_ torio aufder ausgestecklen Rechten erschienen (BMC 12; s.a. BMC 83 und 494).
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gerische Minerva zeigen.1I7 Während die vier Standardtypen vom Jahr 83 an nur auf Edelmetallmünzen erschienen,111 gab Minerva gleichzeitig in der gesamten Münzprägung die aegis an den Kaiser ab, da diese ihm göttliche Qualitäten verleihen sollte. An diese Symbolik sollten die Untertanen wohl denken, wenn sie der kaiserlichen Titulatur dominus el deus konfrontiert wurden.1l9 Auch auf Fries A der Cancellaria-Reliefs ist die Beziehung zwischen Minerva und Domitian ein zentrales Thema: Hier scheint nicht mehr sie dem Kaiser zu helfen, der Flavier ist hier der >Hem. l20 Vielleicht ging Domitian sogar so weit, sich mit der Göttin zu identifizieren . Auf einem kaiserzeitlichen Kamee in Paris scheint er al s Minerva dargestellt zu sein, mit den langen, weiblichen Haaren, der aegis, dem Gorgoneion und einem attischen Helm.1l1 Dessen Künstler hat wohl die Identifikation mit der Göttin als die höchste Stufe der Minervaverehrung verstanden und bildlich umgesetzt. Solche Vorstellungen unter den Untertanen könnte Domitian durchaus beabsichtigt haben. Als drittem aus der flavischen Kaisentrias< bot sich ihm Minerva, die dritte der kapitolinischen Trias, als Identifikationsfigur an.122 Minerva verwies mit dieser außergewöhnlichen Präsenz Jupiter auf den zweiten Rang in der Herrschaftsdarstellung Domitians. 12l Gemeinsam wurden sie im Tempel des luppiler Oplimus Maximus auf dem Kapitol verehrt: Zusammen mit Junos Standbild bildeten ihre Statuen dort die kapitolinische Trias. m Die von Titus begonnene Restaurierung dieses Tempels stellte Domitian fertig; außerdem hatte er noch unter dem Principat seines Vaters ein sacellum für luppiler Conservalor errichtet. Als Kai ser baute Domitian dann einen Tempel rur luppiter C USIOS sowie evt. weitcre. ln Als Beschützer des Kaisers wurde Jupiter außerdem durch
117 Von den Minerva geweihlen Tempeln scheint aufg,rund seines Slandon es der Tempel auf dem Marsfeld fIlr den Kuli einer kriegerischen Minerva bestimml gewesen zu sein; s iehe Girard 1981,236. 118 Mo rawiccki 1977. I 89f. ; Carradice 1983, 142. 119 So wohl zur«hl Morawiccki 1977, I 89f.; siehe auch G myrek 1998, 58f. Zur Titulatur dominus et deus s.u. S. 56. 120 Brilliani 1963, 102. 121 Siehe W.R. Megow 1987, 221 f. , A 110, Taf. 37, 1. Vgl. G myrek 1998. 75. 122 Vgl. Girard 1981 . 243. 123 Fears 1981 , 78 beuneill die Gewic htung anders: »( ... ) her worship was not pennirted 10 usurp the supreme position of Jupiter Oplimus Maximus. ( ... ) She rather complemenlS the greal god, scrving, like Ihe empcror, as his warrior vicegerenl o n eanh.« Die einz ige angefllhne BegrOn. dung, die Spiele zu Ehren Minervas auf dem Albaner Berg hanen lediglich privalen Charakter gehabt, ist nicht ausreichend. 124 BMC 251 ; Man. 6, 10.1; Slat. s iIv. 4.3 , 16; s. DarwaIl·Smith 1996, 106f. _ Die enge Ver. bindung Minerva-Jupiler harte hellenistische Wurzeln : s. daZll Kap. 2.3 .3 llOomitians Phi lhe lle. msmus«. 125 Tac. h is!. 3,74, 1; die Quellen berichten nur von den genannlen zwei Tempeln und dem so. cellum. die Wissenschaft diskutiert die Exislenz von drei weiteren. den Tempeln ruT luppiler Sto-
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die neu organisierten Kultak.ti vitäten der soda/es Flaviales verehrt. Domitian ließ so die engen Verbindungen des Göttervaters zur fla vischen Dynastie betonen.1U> Zu Ehren des [uppiter Capitolinus stiftete er die Capilolia. 127 Auch die klassischen Attribute des Göttervaters spielten in der Selbstdarstellung des Flaviers eine wichtige Rolle: Mehrere MUnzserien zeigten Domitian mit Jupiters Blitzstrahl, ein Novum in der MUnzprägung des Principats. Dieses Motiv sollte den Flavier als Jupiter auf Erden qualifizieren.128 Die MUnzprägung verband den Kaiser mit Jupiter und gleichzeitig mit der Sieghaftigkeit: Denn von 85 an findet sich jährlich das Motiv des Kaisers in militäri scher Kleidung, einen Speer in der Linken, den Blitz in der Rechten, gekrönt von Vicloria, parallel mit den lovl Victori-Münzen, die den sitzenden Gönervater zeigen, der Vicloria in der rechten, das Szepter in der linken Hand hält. l29 So berichteten die Münzen von Domitians Sieg im Krieg gegen die Chanen, seinem bellum lovis. 13O »As Jupitcr had destroyed the Giants with hi s thunderbolt, SO his warrior vicegerent Domitian wielded thunderbolt and !ance against the Chatti«1l1 Das fulmen war das Instrument, mit dem man )Unruheherde< befriedete und die Ordnung wiederherstellte: Jupiter gegen die Giganten, Domitian gegen die Chatten, Trajan gegen die Daker, wie auf der Trajanssäule dargestellt. Domitian verehrte Jupiter als Göttervater und als se inen persönlichen lebensretter (im Jahr 69). Darüber hinaus aber identifizierte er sich mit ihm .1J2 Die Verbindung von Jupiter- und Kai serkult sollte den höchsten Gott und den mächtigsten Menschen in der Vorstellung der Untertanen zu ein und derselben Person machen, den Kaiser zumindest aber in die göttliche Sphäre heben.I))
lor, Juppiler JliCl or und Ju.ppiler Propugnotor. Siehe zum Forschungsstand Darwall-Smith 1996,
I 12f. 126 Siehe Fears 198 1, 78. 127 Suet. Dom. 4,4 . S.u. S. 75f. 128 Carradice 1983. 144 ; Darwall-Smith 1996, 11 3f.; Clauss 1999, 125; vgl. auc h Alexandropoulos 1994 , 86. Siehe zum J upiter-Blitz AIRUdi 1980,23 8: "Die insignienhafte Anwendung des Blitzes erlangte jedoch unter Domitianus eine neue Billte in der Ku nstsprache, ( ... ).« Unte r Trajan und dessen Nachfolgern behalt dieses Motiv seinen Stelle nwert. 129 Domitian mit Blitz und Speer, von Jlic(oria gekront: BMC 345 ' ; 362t (Seite 377); 381 ; 39611: 4 10; 443; 465: 476. /ovi Jlictori: BMC 294' ; 327-328: 362 ; 373; 395' ; 406407; 439442; 464464A ; 474475. Vgl. Scott 1936,92. 130 Slat. silv. 1, 1,79. 131 Fears 198 1, 79. 132 Siehe Darwall-S mith 1996. 115 ; s iehe zur domitianischen Beanspruchung gOOlicher Q ual itat auch Strobel 1994, 370 m. Anm. 130. 133 Plinius wi rft Domitian u posl vor, sich auf eine Stufe mit den Göttem gestellt zu haben (paneg. 33,4). Fears 1977,224-226 sieht dagegen auc h in den Munzdarstellungen Domitians mit dem Blitzstrahl keine Assimilation mit Jupiter, sondern erneut nur die Propagierung des Status als Stellvertreter auf Erden, denn der Flavier sei ohne das Szepter, das »supreme attribute« des Göttervaters, abgebilde t.
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Der Gleichsetzung von allgemein göttlicher und menschlicher Sphäre dienten auch die Cancellaria-Reliefs und die Reliefs auf dem Titusbogen, denn in deren Szenerien mischen sich Götter und Menschen.1J4 Die Zahl der Kombinationen von Gottheiten mit dem Kaiser nahm unter Domitian zu: Al s erster Princeps war er gemeinsam mit einer Gottheit auf einer Münzseite zu sehen . L)S Die Kronen des Jupilerpriesters und des Flavischen Priesterkollegiums trugen neben den üblichen drei Bildern der kapitolinischen Trias ein viertes mit Domitian. L.16 Die Opferszene des heute verlorenen sog. Nollekens-Relief aus dem Palast scheint sich durch die kai serliche Interaktion mit Gottheiten und Personifikationen ausgezeichnet zu haben. D. Kleiner bezeichnete dies als eines der »hallmarks« domitianischer Kunst. l )l Schließlich sollte die Vielzahl kaiserlicher Statuen, die in Gruppen mit den Standbildern der himmlischen Götter zusammenstand,O' mit diesen auch gemeinsam verehrt werden. Der jüngste Flavier suchte also in seiner Herrschaftsdarstellung sehr engen Kontakt zu den Göttern, um seine Stellung auf Erden umso stärker herauszuheben : »Not only does Domitian himself appear on an unprecedented quantity of designs, but the deities which appear most commonly also had, in contemporary legend, the most intimate associations with him .«139 Nicht nur zu Minerva und Jupiter, auch zu anderen Gottheiten und Abstraktionen sollten diese engen Relationen hergestellt werden : Auf dem Kleingeld fanden sich traditionelle römische Personifikationen und Götter, z.B. Fortuna, V;clOr;a, V;rtus und Pax sowie Mars. '40 Verglichen mit der Münzprägung Vespasians und Titus', erschienen die Personifikationen unter Domitian seltener und einheitlicher. Zugleich setzten seine Münzen die unter Vespasian begonnene Entwicklung fort , die Personifikationen stärker auf die Person des Kaisers zu beziehen: FORTVNAE A VGVSTI , VIRTVTI AVGVSTI , SALVTI AVGVST., VICTORIAE AVGVSTI , PAC I A VGVST., AETERNIT A TI A VGVST. 14 1 »The broad and quite inc1usive Virtues
134 Siehe Kleiner 1992, 188: »( ... ) the triumph panel of the Arch of Titus is the first monumental state relief in which the two {Götter und Menschenj coexist ( ... ).« Vgl. auch ebd. 194 . 135 RIC 404; ßMC 466- ; s. Lumme! 199 1. 76. 136 Suet. Dom. 4,4. 137 1992. 183. 138 PI in. paneg. 52.3; Suet. Dom. 13,2; Cass. Dio 67,8. 1. - Plinius lobt Trajan im Panegyricus dafUr. dass er weitere kultische Ehren seiner Vorgänger nicht Gbemommen habe. z. B. das Tragen der Strahlenkrone und einen Thron aus Gold ode r Elfenbein inmitten von Gönerstandbildem (paneg. 52. 1). Mit Clauss ( 1999, 128f.) und Sauter ( \934, 17 1) beziehe ich diese Beispiele Plinius' konkret aufDomitian . 139 Carradice 1983. 148 . \40 Christ 1995. 277. Siehe zu den Personifikationen Scon 1936. 93-96. 14\ BMC 382 ; 349; 352A; 3 15; 3 12 ; 32St; 346. Vgl. Clauss 1999, 257 und Fears 1981 a. 90 I.
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Fortuna and Virtus, rather than a number of specific imperial qualities, were invoked to proclaim the supematural gifts of the emperor.«I H Am Ende stand für Domitian das Ziel, die eigene Person zu divini sieren. Unter den vielen Statuen, die in der domus F1avia auf dem Palatin standen, sind zwei (in Parma im Palazzo Famese) erhalten, ein Dionysos und ein Herkules. The artist ' s emphasis on the brote power of the hero (i .e. Herkules] must have been in keeping with Domitian 's view of himself as dominus et deus. It was in the aula regia that Domitian, seated beneath an apse with cosmic connotalions, welcomed vis iting embassies in the midst of the divi Vespas ian and Titus, the O lympian deities, and heroes, like Hercules, who gained immortality through their celebratcd deeds. l ~l
Domitians PalastanJagen, die einzelnen domus und ihre Innenausstattung, verkörperten neben den verschiedenen Tempeln am prononciertesten sein Bestreben, sich selbst zu vergöttlichen. R.H. Darwall-Smith bezeichnete den Palatin al s »the greatest monument to hi s powef« 1 4~. Diese Aussage hat rur die Beurtei lung der architektonischen Selbstdarstellung umso größeres Gewicht, als der jüngste Flavier den überwiegenden Teil des Palatin mit immensem Aufwand komplett umgestaltet hat, so dass nach ihm keine substanziellen Änderungen mehr vorgenommen wurden. '4s Sein neues Bauensemble, die domus Flavia und die domus Augustana, 92 fertiggestellt, umfasste mehr als die dreifache Fläche des gesamten augusteischen Palastkomplexes; einzelne Räume wie die Aula Regia wiesen eine Größe von mehr als 30m x 30m und eine Höhe von über 30m auf. l46 Diese »erste Palastanlage im modemen Sinne«1~ 1 drückte Domitians unverhülltes Herrschaftskonzept, das ihm göttliche Eigenschaften zuschrieb, aus. Dafür sorgten die beherrschende Lage auf dem Gipfel des Palatin, die ehrfurchtheischende Größe der Repräsentationsräume und die innere prachtvolle Ausgestaltung: Statuen von Göttern, dem Kaiser und seiner Familie bildeten ein Ensemble und die quasireligiöse Posi tionierung des (flei schlichen) Kai sers in der Apsis von Aula Regia, basilica oder triclinium zielte auf die Palast besucher; sie sollten den Kaiser al s Stellvertreter Jupiters sehen .I~' Mehr noch: »Der Kaiser an der Stirnseite der Aula Regia ist Hauptgonheit, die Götter in den seitlichen Nischen werden zu Nebengottheiten
142 Fears 1981a, 902. 143 Kleiner 1992, 183. 144 1996, 207. Siehe zur domus Flavia auch Royo 1999, 303-368. 145 Darwall-Smith 1996, 182. 146 Siehe Kloot 200 I, 37(. und 42(, 147 Kolb 1995a, 397. 148 So P. ZankeT in seinem am 30.1 1.200 J in Freiburg gehaltene n Vonrag: »Domitians Palast als Ausdruck seines SelbstventAndnisses als Kaiser«. VgJ. Darwall-Smith 1996, 2 13 und Klodt 200 1, 43-45.
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Domitians HelTSChaftsdarstelJung. Die landeren j Instrumente degradiert .« 1 ~ 9 Der Giebel des nordöstlichen Palasneils machte Anleihen bei der
Tempelarchitektur. uo An den Orten seiner >zwei Geburten< ließ der Flbvier Tempel errichten: Erstens baute er sein Geburtshaus in einen Tempel der gens Flavia um . Dieser Tempel, eigentlich eine Weihestätte rur die kaiserliche Familie, feierte Domitian allein mindestens ebenso wie die flavi sche Sippe. >>( . .. ) Domitian agreed to share the sanctity of his birthplace with Ihem ( ... ).«151 Zweitens entstand auf dem Kapitol , wo sich im Bürgerkrieg 69 mit seiner Rettung vor den Truppen des Vitellius seine )zweite Geburt( ereignete, ein Tempel ftlr IlIppiter C USIOS, in dem ihn ein Bild auf dem Schoß des Gottes zeigte. m Sein eigenes Haus nannte er pulvinar.lH Für die Sublimierung des Kai sers in die göttliche Sphäre griff Domitians Selbstdarstellung nicht nur auf die traditionellen griechisch-römischen Götter zuruck, sondern auch auf den ägyptischen Kult. Das war nichts Neues: Caligula und Otho hatten Interesse an dem - helleni stisch beeinflussten - ägyptischen Kult gezeigt und in Rom waren mehrere Tempel rur die ägyptischen Götter Isis und Serapis errichtet worden, unter ihnen einer auf dem Marsfeld von den Triumvirn 43 v.Chr. U~ Auch Vespasian hatte, um herrscherliches Charisma zu erlangen, sich Legenden andichten lassen, die auf Serapis zurückgriffen : Er soll einen Blinden und einen an der Hand Verkrüppelten, die aufSerapis' göttliche Veranlassung hin in Alexandria zu ihm gekommen waren, geheilt haben. Im Serapis-Tempel soll ihm der vornehme Ägypter Basilides erschienen sein, obwohl Vespasian sich allein im Tempel befand und Basilides von Alexandria weit entfernt war.I )} Zuerst in Ägypten von seinen Truppen zum Kaiser ausgerufen ( 1.7.69), benutzte er den ägyptischen Kult rur die Etablierung seiner Herrschaft und der fl avischen Dynastie. Domitian griff die Instrumentalisierung des ägyptischen Kults wieder auf, indem er den Tempel rur Isis und Serapis auf dem Marsfeld in seine Restaurierungsmaßnahmen einbe2.0g. lS6 Er ging aber ober die Tradition hinaus, indem er das war o hne Vorbild - den Pamphili-Obelisk (heute auf der piazza Navona) errichten ließ, dessen in Rom ausgefUhrte Inschrift sich an original ägyptische stilis-
149 Kloot 200 I. 44. 150 Siehe Kolb 1995a, 397. 15 1 Darwall-Smith 19%, 165; S. Mart. 9,20,1-6. Vgl. Suet. Dom. I, I. Zur Rolle der Kaiserfamilie s.u. S. 58ff. 152 Tac. his!. 3,74,1; Suet. Dom. 5; siehe Gmyrek 1998, 57, Pekäry 1985, 63 und Jones 1992, 99. 153 Suel. Dom. 13, I. 154 Suet. 000 12, I; Cass. Dio 47.15,4 ; s. Darwall-Smith 1996, 139f. 155 Tac. hist. 4,81 f.; Suet. Vesp. 7, 1-3. Sueton berichtet allerdings von der Heilung eines Blinden und eines Lahmen. S.a. Cass. Dio 66(65),8, If. Vgl. Darwall-Smith 1996, 141 f. 156 Hier. chron. S. 191". ed. R. Helm; MGAA IX S. 146.
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tische Traditionen hielt - und die kaum jemand in Rom verstand. Dennoch wurde viel Mühe auf sie verwandt; der Obelisk hatte also wohl als )Gesamtkunstwerk< eine nicht zu unterschätzende Aussage fiir alle Betrachter. Dass die Inschrift nur von ganz wenigen gelesen werden konnte, zeigt die Tatsache, dass der Obelisk die damnatio memoriae Domitians unbeschadet überstand. 151 Die Absicht, die Domitian mit den ägyptisch-hellenistischen Elementen des Herrscherkults verfolgte, ist klar: ))Divinity accompanied kingship in Egypt«ISI, Domitian strebte das Ideal des hellenistischen, gongleichen Herrschers an. Dieses Ideal konnte auch in seiner Nomenklatur zum Ausdruck kommen. Sueton berichtet, Domitian habe ein amtJiches Schreiben diktiert, das mit den Worten begann: dominus et deus noster hocfieri iubel. Daraus sei später die Gewohnheit entstanden, ihn schriftlich wie mündl ich nie anders anzureden. l $9 Jedoch finden sich keine ausreichenden Belege offiziellen C harakters aus Rom rur Suetons Zeugnis. Das griechische Äquivalent zu dominus el deus, öEO'l't6't~ lCai ge6c;, war sicherlich weiter verbreitet. Da aber der Großteil dieser Quellen aus Ägypten stammt, wo ICUploc; ein üblicher Zusatz zu kaiserlichen Formeln war, ist damit für die domitianische Handhabe nicht viel gewonnen. l60 Aber selbst die Titulierung Domitians als Gott in griechischen Dokumenten hilft nicht viel weiter, denn schon seit augusteischer Zeit konnte man häufig das Phänomen beobachten, dem Princeps mit Titeln und Fonneln divinen Rang z u verleihen.161 Wie es vennutlich wirklich gewesen ist, scheint aus den Quellen indes auch durch: Cassius Dia berichtet, der bekannte Jurist luventius Celsus habe vor seiner Verurteilung Domitian (erfo lgreich) um Gnade angefleht und ihn dabei wiederho lt mit dominus und deus angeredet, ))Titeln, die bereits von anderen dem Herrscher gegenüber gebraucht wurden«. 162 In der Bevölkerung, und nicht nur in der helleni stisch geprägten, kursierte durchaus die Vorstellung, der Kaiser sei göttlich. Daher ist es nicht erstaunlich, dass der Kai ser mit deus angeredet wurde und die Formel Eingang in die Epigraphik gefunden hat. Ob Domitian die Formel selbst offi ziell gebrauchte, 157 Vgl. Darwall·Smith 1996, 150 und Strobel 1994, 363f. und 372. - Die Tatsache. dass die Inschrift des Pamphili·Obelisks die einzige noch in Rom vorhandene, Domitian ehrende Inschrift ist, zeigt eben auch, dass sie damals (in ihrer Unverst!ndlichkeit) singular war. 158 Darwall·Smith 19%, 152. Natürlich mag auch persönliche Dankbarkeit rur Isis eine Rolle gespielt haben, als deren Priester verkleidet Domitian 69 die Flucht vom Kapitol gelungen war (Suel. Dom. 1.2). Dies fände seine Parallele in dem Tempelbau rur luppfler Capilolinw . Aber dennoch wird man die gougleiche Stellung des hellenistischen Herrschers gettost als Domitians vordringliches Interesse bezeichnen können. 159 Dom. 13,2; auch nach Cass. Dio 67,4,7 geht die Bezeichnung Domitians als ))Herr und Gott« auf seine eigene Veranlassung zurtlck. 160 Siehe Martin 1987, 195 und Fears 1977, 191. 16/ Martin 1987, 196. 162 67, 1J,3f. (übers. O. Veh); s.a. Dion Chrys. 45,1. Vgl. Jones 1996, 100f. und Nauta 2002, 383.
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iSI dagegen sekundär - entscheidend ist, dass er stärker a ls seine Vorgänger ein Klima schuf und beforderte. das die Göttlichkeitsvorstellungen in der Bevölkerung nährte. 161 Zu diesem Klima hatten die übrigen Maßnahmen seiner kultischreligiösen Expression zur Genüge beigetragen. Vermutlich wird er die Fomlel dominus e l deus selbst nicht konsequent und regelmäßig verwendet haben. »Das Gottsein war ein notwendiger Bestandteil der Herrschaft der Monarchie ( ... ).« - Wenn man M. Clauss '64 in dieser Aussage folgt, herrschten schon vor Domitian alle römischen Kaiser als menschliche, auf Erden präsente Gottheilen. Dann relativieren sich auch solche Fragen wie die, ob Domitian sich dominus el deus nennen ließ oder nicht. Entscheidend aber b leiben für den Vergleich mit der Dichtung die Formen und Inhalte, mit denen Domitian seine Göttlichkeit propagierte, und die Intensität seiner kultisch-religiösen Herrschaftsdarstellung, die die Bemühungen seiner Vorgänger übertraf. C lauss konstatierte eine »)Unscharfe Trennlinie« zwischen Göttern und Menschen. Da man sich in der Antike die Götter als Menschen dachte, hatte man umgekehrt auch keine Schwierigkeiten damit, einen lebenden Menschen a ls Gott anzusehen, auch nicht in Rom. 'u Die Vergöttlichung stellte schon in der Republik die höchste Stufe auf der Skala menschlicher Verehrung dar, die man beispielsweise seinem Patron entgegenbrachte. Wie fllr so vieles in Rom, gab es auch Hir diese Praxis griechische Vorbi lder, unterlag doch die Religiosität a llgemein hellenistischen Einflüssen. IM Diese Entwicklung setzte sich im Principat fort : Die Göttlichkeit Octavians, der schon als Triumvir göttliche Ehrungen erhalten hatte, musste nach seinem epochalen Sieg über Antonius noch weiter gesteigert und ausgefonnt werden. Seine Verdienste fur das Imperium, dem er Frieden und Stabilität gebracht hatte, waren so groß, dass dies nur die Leistungen einer Gottheit sein 167 konnten. Hinter dieses Vorbild konnte keiner seiner Nachfolger zurückfallen. Man dachte sich den Kaiser als Gott auf Erden, als praesens divus, wie Horaz über Augustus dichtet. 161 Mit einem entsprechenden Kult des princeps als deus praesens konnte die ungeheure Machtfl1lle des Herrschers in den Augen der Reichsbevö lkerung einen adäquaten Ausdruck finden . ( ... ) Die Macht des princeps ruckte ihn aus der Sphäre des Menschlichen hinaus: So mächtig waren nur Göner. l69 163 Vgl. Clauss 1999, 120r. t64 I999, 469. 165 Ders. 1996, 40 I. 166 Ebd. 406. 167 Ebd. 416. 168 Hor. cann. 3.5,2 f. Wiederum gab es dafllr ein griechisches Vorbild: Die Athener priesen in dem Hymnus auf Demetrios Poliorketes als seinen Hauptvol'ZlJg gegenOber den himmlischen GOttern die irdische Präsenz: Athen. 6,253e; vgl. Seon 1936, 137. 169 Clauss 19%, 428.
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Diese ungeheure Macht ermöglichte es dem Kaiser, für die größten Wohhaten zu sorgen, er, der die Rolle des größten und wichtigsten patronlls bekleidete. Der Dank des Volkes dafür bestand in einem Kuh, wie er Göttern gebührte. Insofern war das helfende, schützende und euergetische Handeln des deus praesens gewisser und spürbarer als das der himmlischen Götter, die man allenfalls als Bildnis sehen konnte. 170 Wie der Kaiser wurde auch seine Familie immer wieder in den rel igiösen Kontext einbezogen, gestorbene Familienmitglieder wie Domitians al s Kind verstorbener Sohn deifiziert. Die kaiserliche Familie als Thema der Herrschaftsdarstellung spielte für die Divinisierung des Kaisers eine wichtige Rolle, denn ein vergönlichter Kaiser in bzw. aus einer rein irdi schen Familie war nicht vorstellbar. Mehr noch, durch Staatsgötter als Ahnen steigerte sich die Göttlichkeit des Kaisers und damit auch die Sicherheit für die Untertanen, dass der Kai ser als lebende Gottheit das Wohlergehen des Imperiums und ihrer selbst garantierte. l7l Und auch im eigenen Interesse des Kaisers lag es, die Vorfahren zu konsekrieren: Denn es war in erster Linie die göttliche Abkunft, die ihn zum Princeps qualifizierte, und »wer solche nicht aufzuweisen hane, mußte sie sich )erarbeiten( und beweisen wie Vespasian oder >konstruieren( wie Septimius Severus«I72. Vespasians Söhne hatten es da einfacher: »Titus hat den Vespasian zum Gott erhoben, Domitian den Titus, aber jener, um als Sohn eines Gottes, dieser, um al s Bruder zu gelten.«173 Am Anfang der Herrschaft Domitians wurde in die Legende der Bronzemünzen (in allen Werten) regelmäßi g die Titulierung D1VI VESP F aufgenommen. Im Jahr 84 verschwand sie dann. Die Bezeichnung des Kaisers als divi filius diente in besonderem Maße dazu, die eigene Legitimation zur Herrschaft herauszustellen. Alle principes vor Domitian, die dynastisch mit ihrem Vorgänger verbunden gewesen waren und diesen daher divini siert hatten, ließen auf ihren ersten Münzprägungen nach Herrschaftsaniritt diese Konsekration darstellen, oft kombiniert mit der Selbstbezeichnung divifilius. m Offenbar verzichtete wie seine Vorgänger auch Domitian erst dann auf diese Eigenbenennung, nachdem sich seine Herrschaft etabliert hane. 17S Die Aussage, die hinter der Konsekration des gestorbenen verwandten Kaisers und der Titulierung div; filius stand, war klar: Der von einem Gon ausgewählte Nachfolger - denn als solcher durfte sich Domilian als Caesar unter TilUS und gemeinsamer Konsul mit dem 170 Ebd. 430. 171 SieheClauss 1999,471. t72 Ebd. 489. 173 Plin. paneg. 11, 1: dicavit coeJo (. ..) Vesparionum Titus. Domitianus Titum, sed ille ul dei
filius. nie, ul/rater viderelur.
174 Siehe Gesche 1978.383 . 175 VgL ebd. 384.
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Domitians HelTSChaftsdantellung. Die Janderen< Instrumente
Bruder tUhlen - konnte nichts anderes al s die richtige Wahl sein: Kein ) anderer Bilrger, kein noch so angesehenes Gremium könnte theoretisch eine bessere Wahl als der anerkannt Beste im Staate selbst lreffen; nur er haue die Di vini sierung erreicht« I1(~.
Filr die Flavier hane Domitians Bruder und Vorgänger Titus den Brauch fortgeselzt, den verwandten Vorgänger zu vergönlichen. Domitian knüpfte daran mit Titus' Divinisierung an und dehnte sie folgerichtig auch auf die drille flavische (Kaiser-)Generation aus, seinen vor 81 gestorbenen Sohn und seine etwa 89 gestorbene Nichte Julia. 111 Gleich zu Beginn der domitianischen Herrschaft hatte die flavische Dynastie damit auch auf diesem Feld das j uli sch-claudische Vorbild erreicht: Deren drei Staatsgöttern lulius Caesar. Augustus und Claudius konnte sie nun die konsekrierten Vespasian, Titus und Caesar (den Sohn Domitians) entgegenstellen.17I Titus' Apotheose ist das Hauptthema des nach 81 errichteten Titusbogens. l19 Domitia, Domitians Frau, wurde v.a. als Mutter ihres deifizierten Sohnes herausgestellt und ihr Name - gemeinsam mit dem ihres Mannes - in die Gebete der Arvalbrüder aufgenommen.110 Ein Münzmotiv zeigte sie als opfernde Vesta" ' 1 In den frühen Neunzigerjahren gab es eine spezielle Emi ssion von Münzen, die die Diva Jll/ia ehrte, und am Anfang der Regierung Domitians aure; und denarii, die den Sohn »auf dem Globus sitzend und nach den sieben Gestirnen des Himmels greifend zeigen«: D. Mannsperger sah hierin ein »gci streiche[s] Spielen mit den Motiven der Aeternitas« und interpretierte den Kaisersohn als den Ewigkeitsgott Aion. l ' l Kupferprägungen unter Domitian mit der Legende AETERNITATI AVüVST. sollten diese ebenfalls auf das flavi sche Kaiserhaus beziehen. I U Insgesamt drei Tempel ließ Domitian rur die deifizierten Mitglieder des flavisehen Kaiserhauses erbauen (und damit mehr als alle se ine Vorgänger fUr ihre Verwandten) : Titus' Tempel fUr Vespasian stellte er nach dem Tod des Bruders fertig und widmete ihn um in eine Weihestätte fUr heide . Filr dieses Unterfangen fand er Vorbilder in den Tempeln fllr lulius Caesar, Augustus und Claudius vor, es war also nichts Ungewöhnliches. Ia• Die PortiCIIS Divorum mit ihren zwei Tempeln, einen fiir Titus und einen tUr Vespasian, erinnerte an deren Rolle als Tri176 Ebd. 389. 177 Zu V.:spasian: Cil 6,938 ; Tims: Suer. Dom. 2,3; i}omilians Sohn: Mru1. 4); Julia: M
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umphatoren und Zensoren, und der Tempel der gens Flavio diente als Zentrum rur den Kult der Kaiserfamilie allgemein und als Familienmausoleum. '1S Die Bedeutung der Familie fUr die Herrschaftsdarstellung bestand v.a. in ihrer Rolle rur den Herrscherkult . Als eigenständi ges Thema der Ex pression trat sie gegenüber den militärischen und kulti sch-sakralen Inhalten in den Hintergrund. Zwar wurden die meisten Familienmilglieder mit eigenen Münzen bedacht,jedoch handelte es sich nur um kunlebige oder einmalige Emissionen. '16 Immerhin ein oder zwei der drei uns erhaltenen Reliefs domitianischer Staatskunst erinnerten an Leistungen und Ereignisse aus der Regierungszeit Vespasians und Titus' .117 Neben dem Kaiser als Person, seinen Leistungen und Taten sowie seiner Familie thematisierte die expression de 10 majes/e auch die Verhältnisse im Staat, ko nkret: die (hierarchisierten) Beziehungen zwischen Herrscher und Untenanen und die Prosperität des Reiches, in außenpolitischer, winschaftlicher oder kultureller Hinsicht. Die (gesellschojts)polilische Ordnung und die Hierarchien im Slaal dokumentienen die Untertanen selbst, wenn sie im Theater oder im Stadion die ihrem Stand gemäßen Plätze einnahmen. P. Zanker bezeichnete als >K1ie beiden Hauptanliegen der kaiserlichen Sponsoren bei den Theaterbauten ( ... ) die Ordnung der Massen und ihre symboli sche Beteiligung an der Politik« '". Der Kaiser in seiner Loge saß im Mittelpunkt und deutlich herausgehoben zugleich. Ähnlich eine Reihe von Milnzrückseiten: Diese zeigten Domitian zusammen mit römischen BUrgern und Soldaten . Er sitzt erhöht über den Untertanen, die z.T. unterwürfig dargestellt sind, oder er steht im Zentrum einer G ruppe, alle Blicke auf sich ziehend. Es ist sicher kein Zufall , dass diese Bilder auch religiöse Topoi verwendeten : »The Roman citizens approach the enthroned flgure of the Emperor from below, making gestures which have religious impon but also demonstrate their inferiority before Domitian, who answers them with a pious gesture of his own.«It9 Der Propagierung der kaiserlichen Macht und Autorität diente zusätzlich die Titulatur. I. Carradice beobachtete die ) inclusion and careful numeralion of all the [85 Ebd. 157-[59und 163- 165. [86 BMC 58--69; 249r. ; 458-463; 47 1-4 73 ; 50 1-503 ; s iehe Carradice 1983, 142-145. 187 Je nac hdem, wie man Fries B der Cancel[aria- Reliefs deutet: Lange glaubte man, Fries B habe Vespasians RlIckkehr aus dem Krieg in JudAa und dem BOrgerkrieg (70 n.Chr.) zu m ursprllnglic hen Gegensland gehabt. Bis M. Bergmann, Zum Fries B der navische n Cancellariarel iefs, Marburger Winc kelmann-Programm 1981. 19-3 1, nachwies, dass es sich wie in Fries A um ein umgearbeiteies ursprüngliches Domitianponrllt handelt (S. 20-25). Demnach wäre hier ein atn-enlus Domitians dargestellt. VgJ. Gmyrek 1998,72. Siehe Kle iner 1992, 183. 188 I 997a, 28. 189 S iehe BrilJianl 1963, 98r., Zitat S. 99. RJC 375-3 76. Der oben (S. 52) schon erwllhnte MQnztyp, Dom ilian gekrönt von V;cloria und mil dem Blitz des Jupiler, der durch seine jlhrl iche Ausgabe eine Konstante des domitianischen MOnzprogramms bildete, gehOr! auch in diesen Zusammenhang. legle er doch die Gleichsetzung Ka iser - J up itcr nahe (Carradice 1983, 144).
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Emperor's tides« in den MUnzlegenden Domitians. l90 Das triffi fUr die meisten Münzen zu ; jedoch finden sich andere (v.a. aurei), die mit dem einfachen Titel Domitianus Auguslus auskamen,191 der in seiner Wirkung und Aussage aber nicht weniger eindrucksvoll gewesen sein muss, zumal er sich auf Augustus bezog:192 Domitian >war einfach< der erste, größte, wichtigste etc. Wurde Domitians Titulatur aber komplett genannt, dann durfte ab 85 der censor nicht fehlen. »Domitian's assumption of censorial power, followed soon after by his appointmenr as censor for life, was widely advertised on coins and inscriptio ns ( . .. ).«191 Keiner von Domitians Vorgängern hatte sich den Titel des censor perpeluus angemaßt. Die Perpetuierung der Zensur Ende 85 war daher eine bedeutende Neuerung, die den Untertanen erst einmal nahe gebracht werden musste, die aber insbesondere den Senatoren nicht gefallen konnte - institutionalisierte sie doch den Einfluss Domitians auf die Zusammensetzung des Senats. l94 Diese Novität illustrierte einerseits das autokratische Principatsverständnis des Flaviers, andererseits zeigte sie den Stellenwert der Zensur fiir ihn: 9S Seine Maßnahmen als Zensor könnte man zwar anders als z. B. Statuen zur Sachpolitik zählen, aber die strikte Trennung von Sachpolitik und Herrschaftsdarstellung fUhrt in die Irre. Die expressive Qualität der SittengeselZgebung des Flaviers ist eindeutig, wie uns Martial demonstriert: In epigr. 6,4 listet der Dichter die domitianische Politik als Zensor gemeinsam mit den wichtigsten Feldern der Expression auf(s.u. S. 281 f.). Der wichtigste Tätigkeitsbereich des Zensors war die Besserung des moralischen Zustands der Gesellschaft und ihrer lnstitutionen. Sueton attestiert Domitian, er habe die römischen Behörden und di e Statthalter in den Provinzen derart straff gefllhrt, dass es zu keiner Zeit ehrlichere und gerechtere Beamten gegeben habe .'~ Besondere Außenwirkung hatten die Theatervorschriften und die EhegeselZgebung. Domitian sorgte daf1lr, dass die alte Sitzordnung im Theater wieder beachtet wurde, die die ersten vierzehn Reihen hinter der Orchestra den Rittern
190 Carradice 1983, 144; ebd. 142 heißt es: »( ... ) the titulalure was reorganised to include all ofDomitian's litles, including the newly-acq uired Germonicus.(( 191 BMC 44·; 141·-144; 226t-228 U. 8 . 192 Die augusteischen MOnzen trugtn i.d.R. kurze Tilu]aluren wie CAESAR AVGVSTVS, AVGVSTVS oder AVGVSTVS DIVI F. 193 Jones 1992, 106. 194 Vgl. ebd. 171 sowie Christ 1995, 275 und 283f. 195 Bunrey 1971 zeigt, wie Domitian den Titel des censor perpetuus auf den MOnzen etabliert<. 196 Dom. 8,2. - Die Grenzen der Zustandigkeit zwischen den kaiserlichen Ämtern als cellSDr und als pontifex ma:.cimus und der iuris dictio verschwammen mehr und mehr. Deshalb spielte es keine große Rolle mehr, ob Domitian z.B. die Vestalinnen in seiner Eigenschaft als censor oder als pontifex maximus bestrafte (Dom. 8,3f.: s.u.). Sueton tragt dem in seiner Aufzählung der domitianischen Refonnmaßnahmen im öffentlichen Leben Rechnung. Vgl. dazu R. Bauman, The Resumt ofLegislalion in Suetonius, ZRG 99 ( 1982) 81-1 27, hier 117·124.
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vorbehielt. Zudem sollten alle Theaterbesucher in ausschließl ich weißer Kleidung erscheinen, was der AuffUhrung einen sakralen Rahmen verl ich.19 7 Mit der Ehegesetzgebung beabsichtigte der Flavier, römische Bürger in infonnellen Partnerschaften zur Eheschließung zu veranlassen und die Zahl der Ehebrüche zu verringern. Auch die Ehegesetzgebung sollte ordnenden Einfluss auf die Gesellschaft ausüben und die allgemeinen Sitten heben. Dasselbe Ziel strebte das Verbot der Kinderprostitution und der Kastration von Sklavenjungen an. l9I Das Edikt galt als iusta lex, weil die Kastration gegen die Natur gerichtet war. 19\1 Unter der überschrift correClio morum überliefert uns Sueton eine Reihe weiterer Refonnen, die z.T. speziellerer Natur waren : Domitian ließ Pamphlete gegen Männer und Frauen aus der Nobilität vernichten; er schloss einen ehemaligen Quästor aus dem Senat aus, weil er als Schauspieler aufgetreten war; Frauen von zweifelhaftem Lebenswandel entzog er das Recht auf Sänften sowie auf Erbschaften.200 Außerdem ennahnte er Recuperatoren, sich nicht auf oberflächliche Begründungen in Prozessen einzulassen; bestechliche Richter belegte er mit einem Verweis.xlI Abschließend berichtet Sueton ausfLIhrlieh über Domitians hane Bestrafung, die die Vestalinnen aufgrund ihres Keuschheitsvergehens ereilte.201 Nicht nur in der Vestalinnen-Affäre bewies der Kaiser, wie ernst er seine zensorischen Aufsichtspflichten für die moralische Verfassung Roms nahm .2OJ Man hat ihm daher auch ein Bestreben unterstellt, Rom wieder in den Sittenzustand der augusteischen Ära zurückzuversetzen.2()4 Denn eine Reihe seiner Maßnahmen bestand darin, nicht mehr befolgte Verordnungen des Auguslus zu erneuern. Da Domitian jedoch auf vielen Gebieten an die Person Augustus anknüpfte, stand fLir ihn wohl eher der Verwei s auf Augustus an sich und dessen symbolischer Gehalt im Vordergrund. Den Senatoren fLihrte er die wahren Machtverhältnisse auch anderweitig besonders deutlich vor Augen: Er betrat den Senat im Triumphalgewand und ließ sich von 24 Liktoren, doppelt so viele wie ein Konsul hatte, begleilen.!OS Der Prosperität des Staales gab Domitians Hcrrschaftsdarslellung eine zeitliche und eine önli che Dimension: Im Jahre 88 erschien eine alle Münzwene umfassende, außergewöhnliche Serie, die auf die Säkularfeier Bezug nahm : »( ... ) al! 197 Suet. Dom. 8.3; Man. 4.2. 198 Suet. Dom. 7. 1: 8.3; Man. 9.5(6): 7(8). 199 Sen. contr. 10,4.17; Sen. epist. 122,7; s. Coleman 1988. 107. 200 Suet. Dom. 8,3. 201 Suet. Dom. 8, 1. 202 Dom. 8.3f. 203 Siehe Ganhwaite 1990. 13 und Suilivan 199 1, 38. Die Zensur stand ftlr die römischtraditionalistischen ZOge der domitianischen Uerrschaft: s. Strobel 1994. 372 . 204 Siehe Jones 1992. 99 und Henriksen 1998, 76. 205 Cass. Dio 67,4,3.
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the Roman coinage ( .. . ) was given over to a detailed display of the various ceremonies enacted in the course of the Games.«106 Die ludi saeculares standen rtlr die lange, ja ewige Dauer des römischen Imperiums. Domitian verwies mit ihnen auch auf Augustus als den Begründer des Principats, der sie 105 Jahre vor Domitian veranstaltet hatte : Fecif er ludos saeculares, computata ratione temporum ad annum non quo Claudius proxime, sed quo olim AUguSfUS edideraf."!01 Die gewaltige räumliche Ausdehnung wurde, neben anderem, von dem oben (S. 55f.) schon behandelten Pamphili-Obelisk dokumentiert. Neben seiner Funktion, die offizielle Herrschaftsideologie Domitians zu formulieren, stand der Obelisk, von dem »Pharao Autokrator Kaisar Domitianos Sebastos, dem König von Ober- und Unterägypten, dem Herrscher über Ägypten und die Welt(( errichtet, als ein »Zeugnis filr das Heil der Welt«.108 Der »Herrscher über Ägypten und die Welt«, Domitian, zeichnete filr dieses Heil verantwortlich . Die positiven Verhältnisse im Staat thematisierten auch die Personifikationen auf den Münzen. Als allgemeine Aussagen über den römischen Staat erschienen Aefernitas, Salus und Fortuna. Virtus und Fides personifizierten das Verhältnis zwischen dem Kaiser und den Soldaten bzw. den Bürgem.209 Die Annona stand rtlr die kaiserlichen Wohltaten am Volk. Die Moneta , unter Domitian erstmals auf römischen Münzen, symbolisierte die Verfügungsgewalt des Kaisers über das Geld. Er persönlich garantierte den Wert des Geldes als Voraussetzung rtlr die Getreidespenden und rtlr die Qualität des Solds der Soldaten. Der Euergetismus, ebenfalls Ausdruck der allgemeinen Prosperität, verdient, als ein eigenes Kapitel der Expression behandelt zu werden, da diese in breitem Umfang den Kaiser als Wohltäter präsentierte. Die Bedeutung des Euergetismus im römi schen Leben unterstreicht Fronto in seiner Charakterisierung Trajans: Dieser habe gewusst, dass das römische Volk v.a. durch zwei Dinge, annona el spectacuJeis, Getreidespenden und Spiele, bei der Stange gehalten werde. Die Herrschaftsausübung müsse sich nicht weniger auf dem Unterhaltungssektor als in den ernsthaften Geschäften bewähren. 210 Tacitus liefert mit der Schilderung, wie Octavian 206 Carradice 1983, 123; BMC 130-138; 419-438- . 207 Suet. Dom. 4,3. Domitian missachtete darnit die ludi suecu/ares von Claudius (47 n.Chr.) und bezog sich direkt auf Augustus, obwohl er dessen Jahreszählung eben nicht einhielt. In diesem Punkt ist Sueton ungenau. 208 Zitate: Strobel 1994, 363f., hellenistische Herrschaftsideologie: ebd. 363f. und 372. Siehe zum Text des Obelisks Darwall-Smilh 1996, 146f. 209 Camdice 1983, 122; Fears 19818, 902. Mit Ausnahme der Fortuna erscheinen diese Personifikationen, auch die folgenden Annona und Moneta, fast ausschließlich auf dem Kleingeld. Diese Aussagen waren also ftlr die breite Masse bestimmt. 210 Front. princ. hisl. 20 (ed. Michel P.J . van den Hout, leipzig 1 1988): ... qui seiret populum Romanum duabus praecipue rebus, annona et speetacu/eu, lener;: imperium non minus ludicreis quam serie;s probari alque maiore damno seda, graviore iffVidia fudicrQ neg{eg;: ...
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Domitians HefTSChaRsdarstel lung. Die tanderen< Instrumente
in jungen Jahren seine Stellung als Princeps etablierte, e in Musterbeispiel rur den (macht)politischen Einsatz von Euergeti smus: Octavian habe die So ldaten durch Geschenke (donis) und das Volk durch eine Getreidespende (annona) rur sich gewonnen.II I Als wichtiges Element helleni stischer Herrscherethik gehörte die Freigebigkeit zum Erscheinungsbild des charismati schen Herrschers. lIl Die Art und Weise, wie ein römi scher Kaiser seine Freigebigkeit (libera/ilas) zeigte, trug daher zwangsläufig zur Darstellung seiner Herrschaft bei . Mit ihr ließ sich Presti ge gewinnen, man wurde an den Leistungen des Vorgängers gemessen. Zwar hatte die liberalilas des Princeps zu Zeiten Domitians längst gewisse obligatorische Zuge angenommen; die regelmäßige Getreideversorgung für die Armen etwa ging auf e ine republikanische Tradition zurück, das donalivum rur die Soldaten bei Herrschaftsantritt war inzwischen mehr oder weniger institutionalisiert . »Aber die Vorstellung, daß aUe diese Maßnahmen nur durch die indi viduelle Person des Kaisers Realität gewinnen, ist stets lebendig geblieben. (~1J P. Veyne hat zwischen dem automatischen und dem individuellen Euergetismus des Ka isers unterschieden : Der Herrscher wurde automatisch zum Euergeten, denn alle seine Regierungshandlungen als Kaiser wurden per se als Wohltaten begriffen. Davon zu trennen sind seine persönlichen Vorzüge und Taten, durch di e er sich von seinen Vorgängern abhob. Mit diesen individuellen eucrgetischcn Handlungen brachte er seine Majestät zum Ausdruck .21 ~ Insofern lohnt ein Blick auf das Verhalten Domitians in der direkten Kommunikation mit den Untertanen, etwa im Theater oder im Zirkus, ebenso wie die Frage danach, auf welchen Wegen er liberaliIas praktizierte. Zu den seit Caesar und Augustus üblichen Fonnen de r libera!itas zählten das cong;ar;um, das donalivum, die rem;ss;o (Schuldenerlass), die Bautätigkeit, die Spiele und die Hilfe bei (Natur)Katastrophen . Gerade für die plebs IIrbana galt aber auch ein kaiserlicher Besuch in der Volksversammlung oder die Zuruckverwandlung einer herrscherlichen Residenz in öffentlich zugänglic hen Raum, wie von Vespasian mit Neros domus aurea prakti ziert, sehr viel. 21 ' Dass die Spiele und Spektakel einerseits und die Congiarien und frumentationes andererseits Elemente der libera!itas waren und als solc he zusammengehörten, dokumentiert Sueton in seinen Kaiserviten . Häufig handelt er diese Aspekte direkt hintereinander ab, so auch bei Domitian.216 Da über domitianische remissiones oder Katastrophenhilfe ke ine Nachrichten überliefert sind, seien hier zu2 11 TBC. anno 1,2, I. 2 12 KloR 1970, 178 u. 16-34. Siehe auch Gehrke 1982, 26Of. 213 KloR 1970, 179; $.a. ebd. 104- 106. 214 Veyne 1988, 564[ und 577. 215 Siehe KloR 1970, 178f.; Yavetz 1969. 139. 216 Suel. Aug. 41-43 : Claud. 21 ; Nero 10- 12; Dom. 4.
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Domitians Herrsc:haftsdaf'SCellung. Die ,anderene Instrumente
nächst die Spiele und dann seine Schenkungen an die Untertanen behandelt sowie anschließend einige Bemerkungen zu den a ls Euergesien verstandenen Bauwerken gemacht. Die Schauspiele und S pektakel waren wohl der wichtigste Weg der Wohltätigkeit gegenüber dem Volk . Fronto in seinem oben erwähnten Brief stellt den Vorzug der Spiele vor den anderen Euergesien heraus: Nur durch die Spiele werde das Volk in seiner Gesamtheit (universum) unterhalten. das Erlebnis einer Schenkung erfahre dagegen jeder fUr sich.l1l Domitian trug dieser Erkenntni s mit dem ersten dauerhaft errichteten Stadion in Rom Rechnung, einer Neuheit, die in ihrer Tragweite mit dem Bau des Pompeiustheaters oder des Kolosseums zu vergleichen ist/li sowie mit dem Bau des Odeons und der Naumachie. Die Bedeutung der Spiele fiir das öffentliche Leben Roms zeigte sich auch darin, dass die Kaiser per Gesetz dafUr sorgten, dass die von Privatleuten veranstalteten Spiele nicht prunkvoller wurden als ihre eigenen. Mit der Errichtung des Kolosseums wurden auch die Gladiatorenspiele (munera), fiilher eine aristokratische und damit private D0mäne, mehr und mehr nur noch vom Princeps veranstaltet. Domitian beanspruchte das Monopol auf die Ausrichtung von außerordentlichen Gladiatorenkämpfen, während Privatmänner überhaupt keine munera mehr geben durften, nur Quästoren noch.1" Ihre Bedeutung erhielten die Spiele allerdings nicht nur durch den Unterhaltungsfaktor, sondern auch durch den Dialog zwischen dem Princeps und der plebs, der im Theater, der Arena oder dem Zirkus stattfand. Stundenlang saß der Princeps unter seinen Untertanen und schaute sich die Spiele an. Hier bot sich die Gelegenheit, dem Kaiser Zu- oder Abneigung, Ge- oder Missfallen zu bekunden. Darin repräsentierte das Publikum das Volk stets authentisch. Am ungehemmtesten verhielten sich die Zuschauer im Zirkus; hier wurde der Kaiser nicht geschont. Er antwortete mithilfe von Herolden oder großen Schrifttafe ln auf die Wünsche des Volkes. Insofern war er im Theater, der Arena oder im Zirkus einer von ihnen. Aus all dem wird klar, dass die Spie le in Ro m keineswegs ausschließlich Zerstreuung und Unterhaltung bedeuteten, sonde rn stets auch eine unübersehbare und nicht zu unterschätzende politi sche Funktion haUen und in man-
2 17 Princ. hist. 20. 2 18 Siehe Darwall-Smith 1996. 222. 219 Kolb I995a. 589 und 599: KOhne 2000. JJ. Cass. Dio 6O,6,4f.; 68.2.2f. Eine Konkurrtnzsituation mit den mllchtig.sten Adligen konnte der Kaiser nicht hinnehmen. Das zeigt Winterling (1999. 139f.) ftlr das Feld der salJltatio. Prominente Senatoren verzichteten auf die aristokratische Tradition aus republikanischer Zeit, große Besucherscharen zu empfangen. um nicht den Neid des Kaisers zu erregen. Oder die Kaiser wurden selbst aktiv: Claud ius verbot den Senatoren die SQIIIIQlio durch Soldaten (Suet. Claud. 25,1 ).
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Domitians Herrschaftsdarstellung. Die landeren( Instrumente ehern sogar eine An Ersatz rur die Volksversammlungen, conriones und corni/ia der reno publikanischen Epoche boten .
Wie der Kaiser sich in diesem Dialog verhielt, welche Rolle er spielte, das war keineswegs ausgemacht und warf daher ein prägendes Licht auf die Herrschaft des einzelnen. Es trug wesentlich zur HerrschaftsdarstelJung bei. Was berichten die Quellen Uber Domitians Verhalten bei den Spielen? Plinius lobt im Panegyricus Trajan daftjr, dass man ihn selbst sehe, nicht nur sein cubiculum. Trajan sitze in populo.l2I Ausgrabungen haben gezeigt, dass Trajan eine neue kaiserliche Loge im Circus Maximus erbaute, einen monumentalen Bau mit Säulenfassade. Wo hane also Domitian gesessen? Er hane die (südliche) Rückfront des Palasts mit einer apsidialen Kaiserloge, die sich zum Circus Maximus hin öffnete, ausstatten lassen . Durch gewaltige Substruktionen hoch über dem Circus sich erhebend, demonstrierte sie zugleich Nähe zur plebs und Distanzierung von ihr:l2l Der Kaiser als auf Erden präsente Gottheit war einerseits für alle sichtbar, andererseits über das Volk weit hinausgehoben. So kann Sueton durchaus von der Kommunikation mit der plebs im Kolosseum und im Stadion berichten : Domitian habe das Volk während der Gladiatorenkämpfe - wie vor ihm Caligula und Nero mit Geschenken überhäufen lassen . Missi!ia, kleine Geschenke oder Geldstücke, ließ er in die Menge werfen. Gleichzeitig wird auch der Hintergrund des oben erwähnten plinianischen Diktums klar. Domitian soll gelegentlich (während des kapitolinischen Wettkampfs) im Dialog mit der plebs auch barsch verfahren sein und Schweigen geboten haben, wenn das Volk missliebige Wünsche an ihn herantrug.12l Es ergibt sich also ein zwiespältiges Bild fllr das Verhalten Domitians bei den Spielen: Zwar präsentierte er sich als freigebiger Herrscher, aber er zeigte dem Volk offensichtlich in nichl immer diplomatischer Manier seine Grenzen auf und verstieß damit gegen die stillschweigende Übereinkunft der Mächtigen, im Zirkus mehr als gewöhnlich zu erdulden,214 und somit gegen das von der plebs erwartete Rollenverhalten .
220 Deininger 1979, 301, der von den Spielen an anderer Stelle (S. 287) auch von einem )Ifest institutionalisierte{n) Rahmen einer politischen Artikulation der plebs urbono« gesprochen hat. Schon Cicero lokalisierte den politischen Willen des Volkes an drei Orten, der Volksversammlung, der Wahlversammlung und bei den Spielen und Gladiatorenk!lmpfen (Pro P. Sestio 106) und prägte die Formel theatrum popu/usque Romanus (ebd. 116). S.a. Yavetz 1969, 18; Zanker 1994, 286 und Kolb 1995a, 590. 22 1 Plin. paneg. 51,4-5. 222 So Zanker 2001 (0. Anm. 148); vgl. Klodt 2001, 43; Humphrey 1986, 80; Kolb 1995a, 603. 223 Suet. Dom. 4,5 und 13, I; Calig. 18,2; Nero 11 ,2. 224 Vgl. Yaveu 1969, 20.
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Domilians Hemchaftsdarsldlung. Die )anderenl Inslrumenle
)Brote bekam die römische Bevölkerung vom Kaiser in Fonn von tatsächlichen Getreidelieferungen und von finanziellen oder Sachspenden. Die frumentationes vennutlich erhielt jeder Empflinger fUnf Scheffel Kom pro Monat m - hatten nicht die Funktion, die Versorgung der annen Bevölkerungsschichten sicherzustellen, so wichtig diese Getreidezuteilung auch gewesen ist. J. Deininger sah in ihnen wie in den Congiarien eine »gewisse politische Privilegierung der hauptstädtischen Bürgere(, von der auch Senatoren und Riner profitieren konnten .nt Die materielle Qualität der Geldgeschenke rur die plebs urbana ist allerdings nicht gering zu schätzen. Hadrians doppeltes eongiarium von 11 8 entsprach mehreren Monats· löhnen eines einfachen Arbeiters (auch wenn ein Geldgeschenk in dieser Höhe außergewöhnlich war).Z2l Der Hauptzweck der kaiserlichen Brot- und Geldspenden aber lag in der Darstellung seiner Herrschaft. Zum Anlass nahmen die Kaiser besondere Ereignisse, bedeutende Daten oder Lei stungen, die ihrerseits zur expression de Ja majeste beitrugen: den Regierungsantritt. Hochzeiten in der kaiserlichen Familie, militärische Triumphe, Regierungsjubiläen oder die Designation des Nachfolgers.2U Domitian - so berichtet Sueton - habe die öffentlichen Lebensmittelzuteilun· gen aufgehoben und dafilr die von Nero abgeschaffie Tradition, ganze Mahlzeiten zu stiften, wieder ins Leben gerufen (sporlufas pubJieas suslulit revocata ree/arum cenarum cOTJSuelUdine).22t Der dafilr betriebene Aufwand scheint der kaiserli· ehen Jiberalitas Ehre gemacht zu haben: Sueton bezeichnet die Spei sung rur Sena· toren, Ritter und Volk während der Gladiatorenspiele am Septimoniumfest als lorgissimum epulum, und das Festmahl fUr das Volk aus Anlass des Triumphs über die Oaker 86 dauerte die ganze Nacht. 2lO Domitians Freigebigkeit bei den Geld- und Sachspenden war insgesamt nicht signifikant anders als die seiner Vorgänger und Nachfolger. Er gab mehr Geld rur seine drei Congiarien aus als seine Vorgänger mit Ausnahme von Tiberius und (natürlich) Augustus. Seine Nachfolger übertrafen ihn ihrerseits deutlich. Geht man von einer linear gesteigerten Entwicklung der Geldgeschenke im Principat aus und berüc ksichtigt man die starke Zunahme dcs liberalilas-Begriffs in den literarischen und epigraphischen Quellen seit den Adoptivkaisem,m dann liegt Domitians Euergetismus ganz im Rahmen. An öffentlichen Baustiftungen verdankte die römische Bevölkerung der Oavisehen Dynastie schon das Kolosseum und das Templum Pacis, eine weitere reprä225 Weeber 1994, 161 . 226 Deininger 1979, 285f. ; ...gl. Weeber 1994, 162. 227 SHA Hadr. 7,3. Siehe Weeber 1994, 163. 228 Siehe Weeber 1994, 165 und Kloft 1970, 92. 229 Suel. Dom. 7,1; Nero 16,2. 230 Suel. Dom. 4.5 : Cass. Dio 67.8,4. Vgl.a. 67,4,4; Sial. si 1.... 1,6,43r.; Man. 8,49(50),7-1 0. Siehe Winterling 1999, 153 u. 155r. 23 1 Siehe Weeber 1994, 164 und Kloft 1970. 94.
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Domitians Henschaftsdarstetlung. Die >anderenl Instrumente
sentative Platzanlage neben den bereits existierenden Kaiserforen . Deren Verbin· dung stellte Domitian mit dem Forum Transitorium als Scharnier her und machte aus den einzelnen öffentlichen Plätzen ein kohärentes politisches Zentrum .232 Für das Vergnügen und Wohlbefinden des Volkes schufen die römi schen Kai· ser repräsentativen, großzügigen, prunkvollen öffentlichen Raum. Domitian tal sich auch dabei hervor: Der Chronograph von 354 schrieb ihm Bäder, die Thermas ntianas et Traianas, zuYJ Seine Bauten tUr die verschiedenen Arten von Spekta· kein wurden schon erwähnt. Ebenso wie die öffentlichen Plätze machten die Kai· ser diese Orte der Spiele zu »Orten der Politikc~. Denn al s >Volksbautene, die dem Volk vom Kaiser geschenkt wurden, waren sie mit ihrem Prunk und ihrer Großzügigkeit nicht nur angenehme Orte des Sich· Wohlfühlens, verbunden mit politischen Botschaften von den kaiserlichen LeislUngen. Sie hatten zusätzlich die Funktion, weitere Euergesien des Kaisers, die dem Volk gestifteten Spiele, und das Zusammensein und die Kommunikation von Volk und Kaiser in einem gigan· tischen und ästhetisierten Umfeld (einem voll besetzten Stadion) mögli ch zu ma· chen. Mit den Spielstätten, Bädern oder dem Forum Transitorium errichtete Domiti· an repräsentative Bauten mit einem konkreten Zweck. Die Verbindung von Nut· zen und Repräsentation war >>eine ideale Kombination zur Dokumentation von Tatkraft und FOrsorge und zum Nachweis [seiner1 Berechtigung fur die Herr· schaftsausübungcc 2J5 • Jede Euergesie verband Nutzen und Repräsentation und hatte deshalb einen hohen Stellenwert tUr die kaiserliche Selbstdarstellung, denn am Euergetismus maßen die Untertanen die Qualität eines Kaisers. 236 Vor allem anderen thematisierte die Herrschaftsdarstellung aber die Person Domi· !ion selbst. Das war das Hauptcharakteristikum der Münzen B7 ebenso wie die be· sondere Botschaft der Bauwerke oder des Kaiserkuhs. Es sei nur noch einmal an die bildlichen Darstellungen erinnert, auf denen Domitian gemeinsam mit Gotthei· ten zu sehen war, z.B. die Kronen der Jupiterpriester und des Flavi schen Priester· kollegiums, die bei dem kapitolini schen Wettkampf dem präsidierenden Kaiser assi stierten.lU 232 Hier. chron. S. 191 , ed. R. Helm; Man. 10.51 ,12: vgl. Kolb 1995a, 373·)75. 233 MGAA IX S. 146. 234 Zanker 199730 30; Sue!. Dom. 5. 235 Kuhoff 1993, 20; $.a. ebd. 42. 236 Vgl. Zanker I997a, 36. 237 Siehe Carradice 1983, 148: >~ ... ) what is eXlraordina ry i5 the extent 10 whic:h Domitian, or his innuence. dominales Iypology.« 238 S.o. S. 53. Suel. Dom. 4,4. Vgl. Lumme! 1991 , 76 und Darwal[-Smith 1996,252. Fears 1977, 224 setzte gegen dieses Suetonzeugnis den epigraphischen und numismatischen Befund. in dem er keinerlei Anzeichen rur den GOnlichkeitsanspruch des Kaisers zu finden venncintc. Ledig-
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17-mal übernahm der Flavier das Konsulat, das er jeweils vom I. Januar bis zum 13. Januar oder maximal Ende Februar bekleidete. Unter Domitian waren, bis auf den Kaiser selbst, alle Konsuln, ordinarü und sulJecli, in der Regel vier Monate im Amt, in Krisenzeiten (etwa im Jahr 90) zwei Monate, eine Entwicklung des I. Jahrhunderts. um mehr Persönlichkeiten die Ehre eines Konsulats zu ennögliehen und so deren Unterstützung fUr den Kaiser zu gewinnen. lJ9 Es wurde üblich, das Jahr nach den am I . Januar antretenden Konsuln zu benennen, auch nachdem diese das Amt aufgegeben hatten.2.cG Je mehr tatsächliche Macht das Amt des Konsuln einbaßte, desto wichtiger wurden seine repräsentativen Aspekte, zumal rur den Kaiser. Diese eponymisierende Funktion war nach Plinius auch rur den Princeps eine Ehre .2~' Zehn der 15 Regierungsjahre Domitians trugen daher seinen Namen . Diese eigentliche Bedeutung des Konsu1ats in der Kaiserzeit war auch Sueton geläufig. Denn unmittelbar nach Domitians 17 Konsulaten kommt er auf die reichsweit durchgefUhrte Umbenennung der Monate September und Oktober in Germanicus und Domitianlls zu sprechen.l4l Der direkte Zusammenhang der Namensgebung rur ein ganzes Jahr und rur ein7.elne Monate dürfte rur den Biographen eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. Sueton liefert auch eine Begründung, warum Domitian diese zwei Monate auswählte : qllod al/ero suscepisse/ imperium, al/ero nalus esset, da Domitian im September (81) zur Herrschaft, im Oktober (51) zur Welt gekommen war.20 Die Begründung klingt plausibel , es werden aber auch noch andere Erwagungen eine Rolle gespielt haben. Denn die Mehrzahl von Domitians Vorgängern hatte zu diesem Mittel der Expression gegriffen, Bestand hatten zu Beginn des domitianischen Principats aber nur die Änderungen von luHus Caesar und Augustus gehabt. Um diese Reihe fortzusetzen, war Tiberius die Umbenennung des September und des Oktober angetragen worden (was dieser - wie so vieles - ablehnte), Cal igula hatte
lieh eine (im Vergleich zu den Vorgllngem) weiter gehende Bereitschaft Domitians konzediene er, Verehrungen als eine Gottheit zu akzeptieren. Diese Position darf indes mit M. Clauss, Kaiser und Gott (1999) als widerlegt gelten. 239 Suet. Dom. 13,3; vgl. auch Cass. Dios Zeugnis. Domitian habe sich rur zehn aufeinander folgende Jahre zum Konsul wahlen lassen (67.4.3), was mit den Nachrichten der Ilbrigen Quellen schwer vereinbar ist. Siehe Kneissl 1969. 47 und Buttrey 1980. 37. Siehe zur Besetzung des KonsulalS Gallivan 1981 , 186-220. be$. S. 195. 240 Siehe B. KIlbier. Consul. RE 4.1 (1900) 1112-11 38. hier 1130. 241 Plin. paneg. 58.3. 242 Dom. 13.3; vgl. CLauss 1999. 244 und Hardie 1983, 194. 243 Siehe zu weiteren Quellenzeugnissen von der Änderung der Monatsnamen Scon 1936. 158- 160. In der armenischen Version der Chronik des Eusebios wird berichtet, der Oktober sei in Parthenicus umbenannt worden (a.Abr. 2102). Siehe zum Zeitpunkt der NamensAnderung Scou 1936. 16Of.
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den September in Germanicus umgetauft.2« Es lag also rur den Flavier nahe, ebenfalls den neunten und zehnten Monat als Träger seiner Namen auszuwählen. Jedoch erging es ihm nicht besser als Caligula oder Nero: Infolge der damnalio memoriae wurden der September und der Oktober wieder rtIckbenannt. 2H Auf den Kaiser als Hauptthema der Herrschaftsdarstellung wi rd im folgenden Kapitel über die domitianischen Innovationen zulilckzukommen sein .
2.3.2 Die Expression zwischen Innovation und EpigonaliUiI Domitian fiihrte, indem er die Nachfolge seines Vaters und Bruders antrat, die flavi sche dynasti sche Linie im Principat fort. Insofern war es nahe liegend, gerade in der Anfangszeit bewährte Elemente der fl avischen Herrschaftsdarstellung aufzugreifen, um die dynastische Kontinuität und damit die eigene Berechtigung zur Herrschaft zu betonen. Da Vespasian und Titus ihrerseits natOrl ich auch nicht bei null angefangen hanen, fanden sich vorflavische Spuren ebenso bei Domitian. Je länger die Amtszeit dauerte, desto eigenständiger konnte die Ostentation der Imago werden und wurde sie bei Domitian auch . Die Zitate aus den MOnz-Emissionen vieler Vorgänger ebenso wie die unterschiedlichen Stile der Staatsrel iefs scheinen zunächst auf eklektizistische Tendenzen hinzudeuten.2'" Jedoch waren die Anleihen nicht beliebig, sondern wiesen in eine eindeutige Richtung: Es gab eine MOnzreihe mit den Bildnissen von Mitgliedern der julisch-claudi schen Dynastie.w Das Domitianporträt im Museo dei Palazzo dei Conservatori gi ng einen Schritt weiter, denn es verwies nicht einfach auf die Vorgängerdynastie, sondern näherte das Aussehen des Flaviers dem juli schclaudischen an . Trotz Domitians tatsächlicher Kahlheit war es mit einem vollen Haarschopf ausgestattet: )Onlya fuH cap of hair with comma-shaped lacks would allow Domitian to ally himself with hi s Augustan and Julio-Claudian predecessors.(~41
Der Tempel des luppirer CUSIOS, Domitians Ausdruck der Dankbarkeit für seine Rettung im ßOrgerkrieg auf dem Kapitol, folgte einem Vorbild des Augustus: 244 Suet. Tib. 26,2; Calig. 15,2; nur Nero bildete eine Ausnahme: Suet. Nero 55 ; Tac. anno 16.12.3; s. Jones 1996. 114; $con 1936. 158; Coteman 1988.80. Scon diskutien rudem die Frage. welche Monate im !gyptischen Kalender von Domitian in ff.A.iClV1.ICOr; und 6.opmClvb; umgetauft wurden ( 1936. 16]-165). 245 Plut. Numa 19,4; Macr. Sat. 1,12,36f. 246 Kennzeichnend Rlr die MDnzen Domitians war ~Ia reprise de thtmes appanenanl desor· mais! une vrntable tradition iconographique constituee des appons de chaquc rtgne anterieunc (Alexandropoulos 1994, 82). Zu den Staatsreliers siehe Kleiner 1992, 194 : ,, 11 i$ apparent from our discussion or Domitianic state relier scu lpture thatthere was no one dislinctive style used b)' ar1ist$ and workshops in the imperial emplo)'.• 247 RJC 45]-464. Siehe Alexandropoulos 1994 , 84 . 248 Kleiner 1992, 177.
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Ei nem Blitz in Spanien knapp entronnen, hatte dieser als Dank einen Tempel rur luppiler Tonans aufdern Kapitol errichtet.!" Und die Koexistenz von Göttern und Menschen auf den Reliefs von der Cancellaria und dem Titusbogen war »Wldoubtedly a result of Domitian's philhellenic leanings and Julio-Claudian pretension s«l~. Alle diese Referenzen sind nicht schwer zu erk.lären: Augustus als das ideale Kaiservorbild und das julisch-claudische Herrscherhaus al s die Principatsdynastie schlechthin hatten rur Domitian legitimierende und die eigene Herrschaft idealisierende Funktion.Hl Ein inhaltliches Anknüpfen an den Begründer des Principats (und seine Nachfolger) stand demgegenGber im Hintergrund.2S2 Sein Vater hane ihm bereits das Vorbild geliefert: Mit der offiziellen Nomenklatur hatte dieser sich eng an die augusteische angelehnt, um den Bezug zum ersten Princeps. der nach Jahren der Wirren und Bürgerkriege tur Frieden Wld geordnete Verhältnisse im Reich gesorgt hane, demonstrativ herzustellen. Der Befestigung des flavischen Principals diente auch die Übernahme des Konsulats zu Jahresbeginn durch Vespasian und Titus. das sie weit häutiger als ihre Vorgänger oder später Trajan und Hadrian bek.leideten. In diesen Dingen folgte Domitian dem familiären Beispiel. Er ließ sich ebenso oft - und ebenso kurz - zum Konsul wllhlen und übernahm die Titulatur ziemlich getreu (m it Ausnahme des Cognomen Germanicus, s.u. S. 72).Ul So stellte auch er die Verbindung zu Augustus her und bewahrte die flavische Kontinuität. Vespasian hatte den flavischen Herrschaftsanspruch untennauert durch Milnzmotive, die sich direkt an die des Bilrgerkriegs von 69 ansc hl ossen.l~ Auf Akzeptanzgewinn durch militäri sche Bewährung setzte auch Domitian, der zudem auf dem Feld des Kaiserkults und sogar in der Minervaverehrung flavische Vorbilder aufgriff: Minerva bzw. ihre Insignien hatten nicht erst bei Domitian, sondern 249 Suet. Aug. 29,3 ; s.o. S. 51 f. Vgl. Darwali-Smith 1996. 110. 250 Kleiner 1992, 194. 25 1 Die zweite große Traditionslinie, auf die Domitians Herrschaftsdarstellung turtlckgriff. die griechiSCh-hellenistischen Vorbilder, wiro im Anschluss gesondert in Kapitel 2.3 .3 behandelt. 252 Auch wenn es gelegentlich Übereinstimmungen gegeben hat - etwa der demonstrative Rockbetug in der zensorischen Politik oder der Beiname Ge,monicus. der auf Augustus' militarisehes Engagement in Germanien rekurrierte (vgl. Witschel 1997, 101 ) - . so kann von einer systematischen Übernahme augu!>teischer Sdchpol itik dennoch keine Rf!de ~in . Vgi. 1l1lerdings Jones 1992. 72 : »l1e was the new Augustus, in money. morals and religion ( ... ) as weil as in building and entertainment (where he spent lavishly).fC 253 Siehe Gallivan 1981. 195r.; Manin 1987,206; Buttrey 1990. viii. Plinius kritisierte die h0he: Zahl der navischen Konsulate und warf speziell Domitian vor. durch seine ununterbrochene Folge von sieben Konsulaten (82-88) ein longum quendom et sine discr;mine Dnnum geschaffen Zl.I haben (paneg. 58.1). Vgl.a. pancg. 58,4: Miseros Dmbitionis, qui itD cOIUules semper, UI semper pri"clpes erD"t! Auch die nur kurzzeitige Übernahme tadehe er (65.3) und Obersah dabei geflissentlich. dass auch andere Kaiser gelegentlich nur wenige Tage als Konsul amtierten, so l..o. Augustus, Tiberius oder Caligula (Suet. Aug. 26,3; Tib. 26.2; Calig. 17. 1). 254 Siehe Lummel 1991 , 76.
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schon unter Vespasian und Tüus eine wichtige Rolle gespielt. Sie waren mit dem pal/adium und häufiger mit der aegis zu sehen, die ihre MachtUbernahme und ausübung legitimieren sollten. m Die Person des Kaisers als Thema der Expression bedeutete zwar keine Innovation, aber die Häufigkeit seines Erscheinens auf den MünzrUckseiten hatte eine neue Qualität. Schon seit Vespasian wurden der Kaiser und seine Thronfolger auf den Rückseiten deutlich öfter abgebildet als zu julisch-c1audischer Zeit. Für die domitianischen Münzen ist die kaiserliche Dominanz das Charakteristikum schlechthin. 256 »)Parallel dazu nimmt unter Vespasian und Domitian der militärische Habitus des Vorderseitenporträts und der ganzfigurigen Darstellungen zu.«Jn Erstmals konnte man unter Domitian auf den Münzen die Soldaten sehen, wie sie den Truppeneid vor dem Princeps ablei steten.m Schon im Anfangsstadium seiner Herrschaft kamen Darstellungen auf, die Domitian als siegreichen Feldherm in Gennanien zeigten: »The most novel aspect ofthese new reverse types is the prominence (on sestenii) given 10 the Emperor himself, tsking part in various scenes representing hi s victories in Gennany against the Chatti.((2S9 Der Kaiser Domitian war überlegen und unbezwingbar: Vom Pferd herab versetzte er dem schon fal lenden Gegner den entscheidenden Hieb. Die MUnzen zeigten seinen Kampf als ungleiche Auseinandersetzung mit von vomeherein feststehendem Ergebnis.260 Dieselbe Botschaft vennittelte die Titulatur Domitians, die oben (S. 48) schon behandelt wurde. Wie kein anderer vor ihm nutzte er die Nomenklatur, um an seine militärischen Erfolge in Germanien zu erinnern. Nie erschienen Siegesütel auf Inschriften und MUnzen häufiger als unter ihm und Trajan.261 So hat Domitian zwar nur wenig Innovatives in die kaiserliche Titulatur eingebracht, aber das Wenige hat tiefe Spuren hinterlassen und ist von der Mehrzahl se iner Nachfo lger (bis einschließlich Mare Aurel) kopien worden. Seinem Siegerbeinamen Germanicus fo lgte eine lange Reihe von kaiserlichen Epitheta, die an militärische Siege erinnern sollien. Trajan beispie lsweise nahm im Laufe seiner Herrschaft schon drei Siegestite! (Germanicus, Dacicus und Parthicus) an und fol gte damit Domitians Vorbild nicht nur, sondern Ubenraf es noch.M
255 ßMC 11 S. 126, Nr. 586; S. 260. Nr. 188: S . 121. Nr. 565ff., S. 122, Nr. 567-5 71 ; S. 175, Nr. 74 1t und 741: . Siehe Girard 1981 , 24 1. Auf einem Sesterz von 81 nimmt dann auch Domitian das pal/adium (BMC 265). Siehe Girard 1981 .242. 256 Siehe Carradice 1983, 148. 257 Lummel1991 , 76. 258 RlC 260; 288; ßMC 30 1-303 u.a.: vgl. Brilliant 1963. 96 und Bergemann 1990,42. 259 Carradice 1983, 143; Truppeneid: RlC 260; 288; 306 u.a. 260 BMC 339: 380; RlC 284; 344; 361 ; siehe Brilliant 1963, 97 und Bergemann 1990, 42. 26 1 Siehe Kneissl 1969, 43 und 183; Eck 1972, 17 1; Kienasi t996, 39. 262 Siehe Martin 1987, 207 und Kneissl1969. 57.
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Die Divinisierung von Mitgliedern der kaiserlichen Familie war an sich kein neues ikonographisches Thema. »Neanmoins, le traitement iconographique de ce theme, notamment dans le cas du fi Is de Domitien, represente trönant sur un globe et environne d 'astres, est si nouveau que I'on ne saurait ici vraiment parler de la reprise d' un theme ancien.(~61 Der Flavier institutionalisierte den Kult der Kaiser· familie mit größerer Selbstverständlichkeit: Die Verwandten bildeten »his own group of gods« und halfen so, den Kaiser Jupiter gleichzusetzen. 26oI Das Programm Domitians zur Propagierung der eigenen Göttlichkeit war so umfassend, dass er darin alle seine Vorgänger, vielleicht mit Ausnahme des Au· gustus, übertraf. 265 Seine Statuen standen auf öffentlichen Plätzen oder im Palast direkt neben Götterstandbildern, was einige seiner Vorgänger vennieden.l(j6 Zwar wurden alle römischen Kaiser als lebende Gottheiten begriffen. aber es gab in Rom offenbar die Auffassung, dass die Göttlichkeit »durch Akkumulation entsprechender kultischer Ehrungen gesteigert werden kanM, wie ein Tacitus· Zeugnis über Tiberius belegt. 267 Und das war wichtig, denn das Bestreben des Kaisers, seine Vorgänger in möglichst jeder Hinsicht zu übertreffen, galt natürlich auch fw- seine Göttlichkeit.261 Außerhalb Roms, an der Via Appia, stand seit etwa 95/96 sein HerkulesTempel, und dennoch muss er in der Hauptstadt so bekannt gewesen sein wie die dort präsenten Bauten, denn Martial widmete ihm allein drei Gedichte seines neunten Buchs (64 ; 65; 101). In ihm befand sich eine Herkulesstatue mit Domitians GesiChtszügen. Sich auf Herkules zu beziehen hatte eine lange hellenistische Tradition, angefangen bei Alexander dem Großen über Caligula bis zu Nero, aber kein Kaiser vor Domitian hane sich angemaßt, dem Kultbild einer Gottheit seine ZUge zu verleihen. »This temple shows clearly how far Domitian had departed from the traditional reticence prcfcrrcd in such malters by Roman emperors in ltaly.(269 Das Neue an Domitians Herrschaftsdarstellung, auch in der Architektur, war, dass seine Person unverhüllt ins Zentrum bildlicher Botschaften wie jener der Cancellaria-Reliefs rOckte. Darin ging er m.E. weiter als alle früheren Kaiser, Caligula und Nero eingeschlossen. Von seinen Vorgängern und NaChfolgern unterschied ihn außerdem die immens große Zahl von fertiggestellten oder begonnenen Bauprojekten. Er konnte dem Stadtbi ld seinen Stempel aufdrücken wie kaum ein
263 Alexandropoulos 1994, 85; vgl. auc:h Darwall-Smith 1996, 154. 264 Darwall-Smith 1996, 178. 265 Vgl. Clauss 1999, 131. 266 Plin. paneg. 52,2; Cass. Dio 53 ,27,3; Suet. Tib. 26, 1: s. Alfbldi 1980, 65f 267 Tac:. anno4,37; Zila!: Clauss 1999, 487. 268 Siehe zu den MOglic:hkei!en der Sleigerung Clauss 1999, 492. 269 Vgl. Darwall-Smith 1996, 135f, Zila! S. 136. S.a. Sau!er 1934,78 u. Henriksen 1999, 65.
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zweiter, weil der Brand in Rom von 80 ihm buchstäblich den Raum dazu gab: Während andere Kaiser Bauland mühevoll suchen oder kostenintensiv erwerben mussten. konnte Domitian vermutlich preisgünstig an vom Feuer zerstörte GrundstOcke gelangen. Seine architektonische Herrschaftsdarstellung wirkte also schon durch ihre schiere Quantität. oarOber hinaus camouflierte er seine wirkliche Machtstellung nicht mehr, wie es Augustus und wohl noch Vespasian vorgemacht hatten, die auf traditionelle republikanische Befindlichkeiten, V.8 . beim Senst, ROcksicht genommen und in ihrer Selbstdarstellung die res pubJica stärker in den Vordergrund gestellt hatten.no Im Gegenteil, Domitian suchte seine Stellung durch die Propagierung der eigenen Person zu stärken. Der Palastkomplex auf dem Palatin schuf einen Herrschaftsraum flir den Kaiser, der damals ohnegleichen war. »Even though the Golden House fNeros) covered mo re space, and may have de· signed to be just as or even more lavish, its imagery did not attempt to exalt its owner so blatantly as the huge hall s in the Forum building and the Domus Flavia did Domitian.«271 Auch das zeigt das Eigene der Herrschaftsdarstellung des jUngs· ten Flaviers auf dem Thron: Es war oomitian selbst.
2.3.3 Domilians Philhellenismus Domitians Philhellenismus kann in seiner Bedeutung fUr die Ausgestaltung der Herrschaft kaum hoch genug eingeschätzt werden. H. Bengtson schrieb, der Fla· vier sei »von der Liebe zum Hellenenturn durchdrungen« gewesen, bei den Rö· mem damit aber auf wenig Gegenliebe gestoßen: »( ... ) besäßen wir nicht die Äu· ßerungen der Hofdichter, so wäre von der Griechenbegeisterung des Kaisers Oberhaupt nichts Obriggeblieben.ll272 Das trifft nun ganz sicher nicht zu, haben wir doch bis heute die Zeugnisse der Historiker, Münzen und der Architektur, die vom helleni stischen Charakter des domitianischen Principats kUnden. Die Vorliebe des Kaisers rur das Griechische stand in einer langen römischen Tradition. Nach der Republik fanden sich hellenistische Spuren (in unterschied li· ehen Ausmaßen) bei allen principes von Augustus uber Ncro bis zu den Flaviem, sei es in der charismatischen Herrschaftskonzeptio n, sei es im kulturellen Leben oder in der Architektur. Die großen öffentlichen Bauten der Kaiser thematisierten mit ihren Säulenordnungen und Kunstwerken »die Teilhabe des Volkes an der griechischen Kultun~n. Zu Vespasians Templum Pacis etwa, seiner 75 eingeweih· ten Platzanlage mit Tempel, gehörte neben einer lateinischen auch eine griechi·
270 Siehe Darwall-Smilh 1996, 260f. 271 Ebd. 249. 272 Bengtson 1979, 222 . 273 Zanker 1997a. 19.
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sehe Bibliothek. m Domitians Vater förderte - laut Sueton - als erster (primus) die Bildung, Dichtung und KUnste in Rom : Lateinische und griechische Rhetoren stattete er mit einer jährlichen Pension von 100.000 Sesterzen aus. Prominente Dichter und bildende Künstler erhielten von ihm ein namhaftes congiarium bzw. hohen Lohn . Diese Ausgaben bestritt Vespasian aus demfiscus, der eigenen, kaiserlichen Schatulle .215 Die Protegierung der Bildung, Künste und Wissenschaften hatte die Praxis der hellenistischen Herrscherhöfe zum Vorbild. Domitians Architektur setzte einen noch stärkeren hellenistischen Akzent. R.H. Darwall-Smith rubrizierte den Philhellenismus unter die wichtigsten Botschaften des domilianisehen BauprogrammsY6 Mit dem Tempel rur lsis und Serapis sowie dem Pamphili-Obeli sk griff der Flavier auf ägyptische Götter- und Herrscherkulte zurück, die eine Jahrhunderte währende Hellenisierung erfahren hatten. Die Errichtung eines Obelisks mit Hieroglypheninschriften war in Rom ohne Beispiel/77 ebenso eine solch unverblümte Parallelisierung mit hellenistischen Herrschervorstellungen, wie sie in dem Herkules-Tempel an der Via Appia (s.o. S. 73) zum Ausdruck kam. ))One may call such conduct [i . e. einen solchen Tempel zu bauen] a megalomaniac lass of touch with reality or careful exploitation of eastern attitudes towards divrne kingship.«171 Jedenfall s unterstrich der Herkules-Tempcl, dass sich Domitians Herrschaftsverständnis stark den helleni stischen Vorbildern angenähert hatte. Domitians Forum knilpfte an die späthellenistischen Elemente der Kaiserforen an: Es diente nicht als Versammlungszentrum politisch aktiver Bürger, sondern als Repräsentationsraum. Indem es die bestehenden Foren untereinander verband, förderte es die Abgeschlossenheit des ganzen Komplexes nach außen. Die Frontwirkung des Minervatempel s unterstrich außerdem die Konzeption des Forums als Tempelplatz.279 Mit dem Stadion und dem Odeon enichtete der Kaiser dauerhafte Veranstaltungsorte rur die Capitolia. Das Neue in Rom waren nicht griechi sche Spiele an sich, sondern dass Domitian ihnen eine eigene feste Heimat gab und diese großzügig und prächtig ausgestaltete.210 Hellenistische Statuen dekorierten das Stadion: 274 Kolb 1995a, 388. 215 Suet. Vesp. 18: Cass. Dio 66(65),12. la; s. &.W. Jones, Suetonius. Vespasian. Edited wilß IntroduClion, Commentary and Bibliography, BristoI2000, 101. Vespasian folgte, auch in Suetons Darstellung, lrotz der Ap05trophierung als primus, darin dem Beispiel des Auguslus: Jener habe die Talente seiner Zeil mit allen Mineln getardert (Suel. Aug. 89,3). 276 1996, 252; neben dem Philhellenismus zAhlte er dazu die besondere Siellung als Kaiser, Domitians moralische Vorslellungen und den mililArischen Ruhm. 277 Siehe ebd. 139 und 150-1 53. 278 Ebd. 136. 279 Holsc::her 1984, 9f.; Paul Zanker. Forum Augustum. Das Bildprogramm. TQbingen 1970 (Monumenta Artis Antiquae 2), 6f. 280 Vgl. Junkelmann 2000, 81.
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Die pergamenische sog. Pasquino-Gruppe erinnen.e an Menelaos, wie er den Leichnam des Patroklos barg.l ll Der Torso des ApolIon Lykeios, dessen Replik möglicherweise aus der Werkstatt des Praxiteles stammte, stand im Original im Gymnasion in Athen. lU So wie Vespasian das Kolosseum tUr die römischen ludi gebaut hatte, so schuf sein zweiter Sohn das Stadion und das Odeon rur die griechischen Spektakel, »the fina l act in Rome's he lle nismion«2IJ. Augustus und die juJisch-daudische Dynastie insgesamt. darunter v.a. Nero, hatten der Zahl weltweit stattfindender panhellenischer Spiele weitere hinzugefügt. Während aber etwa die Neronia den Tod Neros nichl ilberlebten, wurden die Capilolia Domitians zu den einzigen dauerhaften griechischen Spielen in Rom bis zu dem Agon von Gordian 111. fUr Minerva (vor 243).1'" Ihr fester Platz in Stadion und Odeon wird ein Grund datUr gewesen sein, ein anderer ihr Prunk, ihr Luxus und ihre Vielfalt, die die griechischen Spiele auszeichneten.lI5 Nach griechischer Art, more Graeco, hatten die kapitolini schen Spiele einen dreifachen Aufbau, mllsicum equestre gymnicllm .l16 Die Konkurrenz umfasste auch griechische und lateinische Prosa. Domitian fUhrte den Vorsitz wie ein griechischer Agonothet: crepidafus purpureaqlle amictus toga Graecanica, mit griechischen Sandalen und in ei ner purpumen Toga nach griechischem Schnitt. Gemeinsam mit dem Flamen Dialis und dem flavischen Priesterkollegium trug er hellenistische Priesterkränze.2I1 Nach seinem Tod fande n die Capilo/ia noch Jahrhunderte lang statt, sie wurden von der damnatio memoriae nicht tangien. . Das lag damn, dass sie nicht nach ihrem Schöpfer hießen und Domitians Rolle dabei verdrängt werden konnte, v.a. aber an ihrem durchschlagenden Erfolg in der ganzen griechischen Welt : Wie umfassende und weit verbreitete Siegerinschriftenfu nde belegen, nahmen die prominentesten und besten Athleten und Künstl er aus dem gesamten Imperium teil. »Ce concours a introduit Rome dans la vie agonistique du monde grec el e n a fait une des capitales; la vi llejouait alors avec ec lat le role de 1tOA. l~ 'EA.A.T'tvi;.(c u Viele Senatoren lehnten die griechischen Wettkämpfe ab, wie bei Tacitus und Plinius zum Ausdruck kommt; man schrieb ihnen eine verweichl ichende Wirkung zu.2t9 Nichts spricht aber dafLIr, dass die plebs lIrbana genauso dachte . Denn das 281 Colini 1998, 28f m. Anm. 42 . 282 Lukian . anarcho7; S. Colini 1998. 82. 283 Darwail-Smith 1996,249; Suet. Dom. 5. 284 Roben 1970. 7r. Grundl~g~nd zu den Capitolia Caldelli 1993 und Rieg~r 1999. 285 Ebd. 26. 286 Su~t. Dom. 4,4; siehe dan! Suetons Besch~ibung dfi N~ronia: IfUtitllit et quiTJque"nale certamen primus omnium Roma~ more Graeco tripla. musiCljm gymniclim ~questre. qliod appellaviI Nero"ia: (. ..). (Suel. Nero 12,3.) Vgl. Tac. anno 14,20, 1. 287 Suet. Dom. 4,4; s. Roben 1970, 7 und Alföldi 1980, 269. - Siehe zu den Dichterkonkurrenzen auch Wh ilC~ 1998. 288 Roben 1970, 7r., Zitat S. 8. Vgl. Darwail-Smilh 1996, 225. 289 PI in. paneg. 33, 1: epist. 4,22; Tac. ann . 14.21 .
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Überleben der Capilolia über Jahrhunderte bleibt das stärkste Argument tur ihre Akzeptanz auch in Rom. Die Quinqualria Minervae in der A lbaner Villa, Domitians zweites großes Fest, hatten ebenfalls griechische Bezüge: Er feierte sie jährlich anlässlich der Panathenäen IU:yCr.Aroc; und mit Wettkämpfen von Dichtem, Rednern und G ladiato ren, um Minerva zu ehren.290 Der Minerva-/Athenekult, der in der domitianischen Herrschaftsdarstellung eine außergewöhnliche Ro lle spie lte. ist e in integraler Bestandteil se iner hellenistischen Interpretation von Herrschaft gewesen. Die vier Standardtypen in der MUnzprägung verliehen der Göttin allesamt kriegerische Eigenschaften. Seit 81 gab es jährlich den Typ I , die Darstellung der Minerva Propugnatrix bzw. A fhena Promachos. Erstmal s unter Claudius auf den römischen ReichsmÜllZen erschienen, stammte er ursprünglich aus he llenistischer Münzprägung. Die Typen 2-4 variierten den Typ der Athena Promachos (Typ 2) oder stellten sie in einem erweiterten kriegerischen Kontext dar.291 Mit welchen Attributen Minerva durch die Quinquatria und die Capilo/ia (als Mitglied der kapito linischen Trias) verehrt wurde, ist nicht überliefert. Neben den MUnzen Domitians macht ein Vergleich mit dem agon Minervae Gordians m. eine ebenfalls kriegerische Bezugnahme vorstellbar: Gordian fiihrte diese griechischen Spiele vor seinem Feldzug gegen die Perser ein, um Alhena Promachos als BeschUtzenn Athens bei Marathon (490 v.Chr.) gegen die PeTSCr zu ehren und um Beistand zu bitten. Der agon Minervae war nach Domitians Capilolia der zweite dauerhafte, d.h. seinen BegrOnder Uberlebende, griechi sche Wettkampf in Rom und wie se in Vorgänger Bestandte il des festen j ährl ichen Turnus griechi scher Spie le in der griechisch-römischen Welt.292 Die Perser fU llten tur die Römer die Rolle als )Barbaren< aus. G leiches galt für die Gennanen, Domitians wichtigsten Kriegsgegner. Ke in Wunder also, dass 00m itian wie nach ihm Gordian auf die Gigantomachie als Sinnbild für den Kampf gegen die Barbaren, das Chaos und rur Ordnung verwies: Seine zwei wichtigsten Götter, Athene'M.inerva und ZeuslJupiter, hatte die Darstellung der G iganto machie auf dem Pergamonaltar Seite an Seite kämpfend gezeigt. FOhrte da nicht von Domitian eine Spur zu den Attaliden und ihren )Vorbereitungen( vor dem Kampf gegen die Galater? Sollte der Flavier Tempel tur luppiter Victor und luppiler Propugnaror gebaut haben/ 9l dann wäre dies ein weiterer Zusammenhang mit der durch Athena Promachos bzw. Minerl'a Propugnalrix verkörperten Ideologie:
290 Cass. Dio 67.1,2; S.a. Suet. Dom. 4,4. 29 1 Mauingly, BMC 11. 1930. lxxxvf.; s.o. S. SO. 292 MGAA IX. S. 147; Roben 1970. 12- 16. S.a. Gehtke 1997. 209. 293 Wie von der Forschung diskutiert wird: s.o. S. 51 f. m. Anm. 125 .
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>Domitians Gigantomachie<. sein Kampf um Ordnung. war der Krieg gegen die Geuilanen.2'H Seine behauptete Nähe zu Minerva, der er verwandtschaftliche Züge unterstellte. dokumentierte also sein helleni stisches Herrschaftsverständnis. Da die Göttin im ganzen Imperium fUr ähnliche Ideen stand, eignete sie sich tUr die Herrschaftsdarstellung in besonderer Weise: Sie wurde von der römischen und der hellenisti schen Bevölkerung gleichennaßen verstanden.l95 Dass das Konzept der charismatischen und sieghaft legitim ierten Herrschaft aus dem Hellenismus stammte, braucht nicht weiter ausgefUhrt zu werden. Domitian rückte »zentrale Elemente des hellenistischen Modells der autokraten Monarchie und ihrer ideologischen Tradition in deutlicher Weise in den Vordergrund«296. In seinem Principat begann sich die Ideologie der göttlichen Erwählung des Herrschers Bahn zu brechen. Kaiserdarstellungen als Vizeregent Jupiters. mit Blitz und militärischer Tracht, gekrönt von Vicloria (s.o. S. 52), erinnerten an die Alexander-Ikonographie, ja Domitian ging, wie nach ihm Trajan und Hadrian, in seinem Anspruch, der von Jupiter erwählte Kaiser zu sein, über jenen hinaus.m Mithilfe eines »demonstrativen Akt[s]« stellte sich der Flavier in die Tradition der hellenistischen Monarchen, indem er als erster Princeps Archon Eponymos von Athen wurde.2'9I ln welchem Jahr das geschah, lässt sich nicht mehr ennitteln. auf jeden Fall zwischen 84/85 und 92.19\1 Auch Domitians 17-malige Übernahme des Konsulats trug griechjsche ZUge, denn mit der nur sehr kurze Zeit, wenige Wochen, dauernden Amtsausübung reduzierte er - wie vor ihm schon sein Vater und sein Bruder - das Konsulat auf seine eponyme Funktion: Das Jahr sollte den Namen des Kaisers tragen.)(I(I Domitians Philhellenismus erstreckte sich auf viele Bereiche seiner Herrschaftsdarstellung.JO ' »Zum ersten Mal hane nun ein Kaiser die römische Herr-
294 Siehe auch Domitians Gleichsetzung mit Jupiter auf den MOnzen. symbolisien durch die Anelgnung des/ulmen: oben S. 52. 295 Morawiecki 1977, 190. 296 Strobel 1994.371. 297 Alexander, »the popular prototype ofthe divineiy chosen conqueror and cosmocrOlor, who wieided the thunderbolt as the eatthly counterpan of Jupitertc : Fears 1977, 249-252. Zitat 250f. 298 Strobel 1994, 372 m. Anm. 142f.: Ähnliche herausragende Ämter Obemahm er in Perga. mon und Byzanz. Vgl. lG 1V1II 1 1996: Philostr. Ap. 8,16. 299Graindor 1931 . 18f. Vgl. Kienast 1996, 117. 300 Die Änderung der Monatsnamen (s.o. S. 69) ging ebenfalls auf griechische Vorbilder zurOck: Demetrios Polioric:etes soll als erster einen Monat nach seinem Namen benannt haben (Plut. Demetr. 12,2). Da jedoch eine Reihe von principes vor Domitian bereits Monate umgetauft hanen, so dass diese Maßnahme fast schon Itopisch! wurde (vgl. Jones 1996, 114). stellt sich die Frage, ob man hier noch von genuin hellenistischen EinflUssen sprechen kann. 301 Mit seinen Maßnahmen zur Wiederherstellung der vom Feuer zerstörten BibliotheKen ($uel. Dom. 20) trug Domitian zur Förderung der Wissenschaften bei: s. dazu unten $. 136.
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schaft inne, der seine Hinwendung zum Griechentum öffentlich propagierte.«}02 In den hellenistischen Inhalten der expression de la majeste spiegelte sich die wohl zwangsläufige Entwicklung des Principats, weg von den republikanischen Elementen, hin zu einem machtvolleren Herrscher. Die »symbiose greco-romaine dans I'empire romain«, die L. Robert rur die Herrschaft Gordians 111. diagnostizierte lO} - Domitian hatte sie bereits vorweggenommen.
2.3.4 Die Materialität der Instrumente Wollte der Stab des Kaisers positive Inhalte mit den Instrumenten und Medien der Herrschaftsdarstellung vermitteln, dann war auch die Qualität des verwendeten Materials und der künstlerischen Umsetzung nicht unwichtig. »Die aus allen Teilen des Imperiums herbeigeschleppten Schätze und die kostbaren Baumaterialien aus den fernsten Weltgegenden demonstrieren, daß Rom dank der Kaiser zum Zentrum der Welt geworden war ( ... ).(~ Sueton überliefert die Nachricht, Domitian habe das Gewicht seiner Bildnisse auf dem Kapitol vorgeschrieben sowie, dass diese nur aus Gold oder Si lber gefertigt sein durften.lOS Man kann daraus zweierlei schließen: Erstens mag der jüngste Flavier auf diese Fonn des Pomps größeren Wert gelegt haben als die Mehrzahl seiner Vorgänger. J06 Damit ist etwas über Domitian ausgesagt. Zweitens ist es interessant zu beobachten, was Domitian nicht vorgeschrieben zu haben scheint, nämlich Z.B. die genauen Aufstellungsorte oder den künstlerischen Stil. Die Sueton-Nachricht belegt daher die Instrumenlali sierung der Kaiserstatuen tUe das domitianische Programm der Herrschaftsdarstellung nur insofern, als Domitian sich in besonders kostbaren Statuen dargestellt sehen wollte. 107 Hier fand die Expression also nicht inhaltlich statt, sondern nur kraft Materialität. 302 Gmyrek 1998,58. 303 Robert 1970, 16. 304 Zanker 1997a. 19. Siehe auch $cott 193 1 und lE.G. Whitehome, Golden statues in Greek and Latin literature, G & R 22 ( 1975) 109- 119. 305 Suet. Dom. 13.2: slaluas sibi in Capilolio non nisi aureas el argenleas poni permisil oc ponderis cer/i. S.a. Mari. 1,70,5r. FUr Darwatl-Smith druckte diese Anordnung Domitians keineswegs zwangsl!lufig Hochmut aus, vielmehr könne sie auch Verehrung flJr Jupiler symbolisiert haben: Domitians Statuen »Could also be seen 10 mark his respectto Jupiter, by ensuring lhatlhe only statues of himself which shared lhe Capitoline with Jupiter were of lhe finest materials« ( 1996, I 14). 306 Außer ihm ließen sich unter den Kaisern der ersten 250 Jahre Caligula und Nero sowie nach ihm Commodus und Caracal1a mit göttlichen Ehren und daher in goldenen und silbernen Statuen abbilden; s. $colt 193 1, 122 u. passim. 307 Die von Darwal1-Smilh (1996. 114) vertretene These. diese Anordnung habe in Wahrheit der Ehrung von luppiter Capilolinus gedient, mag z. T. richtig sein. Die Aussage eines goldenen I silbernen Domitians blieb aber trolZdem zu stark, als dass der Betrachter ausschließlich Bezoge zu luppiter CapitoJinus hatte herstellen können.
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Die Betonung der Materialität machte den Flavier v.a. in den Augen der Sena· toren angreifbar: Plinius lobt im Panegyricus Trajan fUr seine bescheidene und maßvolle Selbstdarstellung und benutzt - wie so oft - als negative Folie Domitian : »Hätte ein anderer nur eine von diesen Leistungen vollbracht, so trüge er schon längst die Strahlenkrone; inmitten der Götter[statuenJ stünde sein Thron aus Gold oder Elfenbein ( . .. ).Purpurnen< und die )Goldenenc m Eine Neuerung, die allerdings langfri stig keinen Bestand hatte. Dem korrespondierte die »high artistic quaJity« vieler Milnzen Domitians, unter denen Carradice »fine examples of narrative art in miniature« ausmachte. ll ~ Nur mit großer Vorsicht sollte man hier hingegen den Umstand erwähnen, dass Domi· tian die Metallstandards der Milnzen zunächst auf auguste isches Level anheben ließ und dass deren Wert nach einer leichten Reduktion (85 n.Chr.) immer noch höher lag als unter Vespasian oder Titus. m Die Gründe hierfür konnten auch wirtschaftspolitischer Natur sein: Möglicherweise hatte es realiter Wertveränderungen
308 Paneg. 52, 1; Horum unum si praeslilissel aNus, iam dudum im radialum capul el media inter deos sedes auro Slarel OUI ebore (. ..). 309 Cass. Dio 67,8, 1; Stal. si lv. 5. 1,1 89r.; Man. 8,65 ,8r.: vgl. PekAry 1985,76. 3 10 Plut. Public. 15,3-4; s. Darwall·Smith 1996, 109. 311 Paneg. 52,); AI pauJo anle adi/w Omnes omnes gradus IOlaque area hinc auro hine argen10 reJueebal ( ...). Von Trajan hingegen gebe es nur eine oder zwei Bronzestatuen, und auch nur in der Vorhalle des Jupitertempels; Itoque luam statuam in vestibula lavis aptimi marimi unQm alle· ramve el hane aeream cernimus (ebd.). Vgl. Pekäry 1985, 63 . 312 Siehe zu diesem Komplex Clauss 1999, 29 1-293, Zitat S. 291 . 313 Suet. Dom . 7,1; Cass. Dio 67,4,4. 31 4 Carradice 1983 , 148. 3 15 Ebd. 142f.
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der Metalle gegeben und es galt nun, in der MUnzausgabe das Verhältnis Gold Si lber zu wahren .
2.4 Omnipräsenz als Ziel der Herrschaftsdarstellung 2.4. J Räumliche Verbreitung und zeitliche Ausdehnung in omnibus argentariis. mensulis. perguleis. laberneis, prolecleis. vestibulis, Je neslru usquequaque, ubique imagines veSlrae sint volgo proposirae (. ..). (»Du weißt, Scis
Ul
dass eure Bildnisse bei allen Gelegenheiten und überall , in a llen Bankstuben, Buden, Vo rbauten, Läden, unter Vordächern, auf VorplälZen, in Fenstern massenhaft aufgeste llt sind .(c)l I6
Hätte Fronto zur Zeit Domitians gelebt, hätte er dasselbe Diktum wohl auch an den Flavier (statt, wie hier, an Antoninus Pius und Mare Aure!) richten können. Dias Zeugnis, dass das gesamte Imperium mit Domitians Statuen und Bildern angefUllt war (67,8, 1), wurde schon erwähnt. Für eine adäquate Beurteilung der HerrschaftsdarsteJlung im Principat muss man auch der Frage nachgehen, wie oft die Adressaten mit ihr in Berührung kamen und welche zeitliche und räumliche Extensität die einzelnen Instrumente entwickelten. Kaiserbildnisse hat es wohl tatsächli ch in einer ganz erstaunl ichen Zahl und an allen nur denkbaren öffentlichen und privaten Orten gegeben. Th. Pekäry nennt Tempel, Fahnenheiligtümer der Militärlager, Triumphbögen, Bibliotheken, thermen, Theater, Privathäuser und anderes mehr. 3t1 Ob man sich allerdings gleich ))überall in den Städten und Lagern des römischen Reiches ganze Wälder von Kaiscrstatuen«.l1S vorzustellen hat, scheint mir doch fraglich . Und da die Aufstellung von Statuen an wichtigen öffentlichen Plätzen kein Privileg des Kaisers war,lI9 werden die Bildnisse anderer hochrangiger Persönlichkeiten die Wirkung der Kaiserbilder zumindest etwas gemindert haben. Über die Masse der domitianischen Triumphbögen in Rom machte man sich lustig. l2O
316 Fron!. epis!. ad M. Caes. 4,12,6 (ed. van den Hout 1 1988 [wie Anm. 210)). Siehe zur Obersetzung dens., A Commenlary on lhe Leners ofM. Comelius Fronto, Leiden u.a. 1999 {Mnemosyne Suppl.l90), I&4 . 317 Pekäry 1985, 42. Vgl . dazu al1g. KuhofT 1993, 37: »Die Statuen mit den zugehorigen Bildnissen und den auf ihren Basen angebrachten Inschriften waren ein unven;ichtbares Mittel der Herrscher, sich jeden Tag von neuem in das Bewußtsein der Untertanen Uberall im Reich zur1k:kzurufen. Das Ziel, die Omniprtsenz der Herrscher zu manifestieren, wurde durch die ungeheure Zahl dieser Ehrungen mit Leichtigkeit erreicht.« 318PekAry 1985,43 . 319 Ebd. 49. 320 Suet. Dom. 13,2.
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Besser als über die mutmaßliche Zahl von Domitianbildern, die nach seinem Tod der damnatio memoriae zum Opfer gefallen sind, wissen wir darüber Bescheid, wie er mit dem Bauprogramm der Hauptstadt seinen Stempel aufdruckte. Seine Bauwerke »prägten das Stadtbild Roms in einem Maße, wie dies kein anderer Princeps außer Augustus vermocht hat«12I. Auch wenn das v.a. rur den Palatin Wld das Marsfeld gilt, so hat Domitian doch auch andere Teile der Stadt nicht vernachlässigt, z.B. das Kapitol , den Quirinal und den Esquilin sowie die Gegenden um die Foren und das Kolosseum. U2 Sicher nicht zufäl lig war das Kolosseum »vermutlich die teuerste BaustiftWlg überhauptc~23, denn hier investierten die Flavier nicht in einen reinen Repräsentationsbau, sondern in einen der wichtigsten Orte der Ko mmunikation mit dem Volk. Wenn man im Alltag das Kolosseum passierte und dem Eindruck seiner Monumentalität ausgesetzt wurde, war dies eine Sache, noch eine ganz andere Qualität gewann die Botschaft dieses Baus aber durch seine Funktion, nämlich den prachtvollen Rahmen rur e in anderes Instrument kaiserlicher Selbstdarstellung abzugeben, die Spiele . Die repräsentativen Bauten fUrs Volk bezeichnete P. Zanker als »eine bedeutungsvolle Besonderheit der von den Kaisern organisierten Fest- und Unterha ltungskultur«J24. Das kaiserliche Mäzenatentum betraf aber nicht nur außerordentliche Ereignisse wie die Spiele, sondern auch das alltägl iche Freizeitverhalten, z.B. in GestaJt von Foren oder Thermen. »Auch das Flanieren und der Gang ins Bad hatten ja dank der Bauten einen festlichen Charakter. In den) Volksbauten( der Kaiser wurde auch der Alltag zum Fest.«ll5 Dadurch dass Domitian den Kalender dominierte, erreichte er auch seine zeitliche Omnipräsenz. Nicht nur die nach ihm benannten Monate, sondern auch die Jahre, die durch seine eponymen Konsulate nach ihm hießen, bewirkten, dass der Name des Kaisers immer und überall war: Die epigraphischen Quellen aus den verschiedensten Regio nen des Reic hs mit der domitianischen Datierung zeigen das. 126 Der O mnipräsenz der Expression dienten die Kommunikationsrituale anlässlich militärischer Siege und besonders die Spiele. Gegen Ende der Republik waren 74, im 4. JahrhWldert n.Chr. bereits 177 Tage im Jahr rur ludi reserviert. Eine derart exorbitante Ausnahme wie die 100 Tage dauernden Einweihungsspiele im Kolosseum unter Titus (80 n.Chr.) ist fur dessen Bruder allerdings nicht überliefert.J21
321 Ko lb 1995a, 375[ 322 Siehe Jones 1992, 84. 323 Zanker 1997a, 28. 324 Ebd. 42. 325 Ebd. 326 Siehe Clauss 1999, 49 1 und 240f. m. Anm. 107 fbr die Belege. 327 Cass. Dio 66,25, 1-4; vgl. Kolb 1995a, 589.
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Die Quinqualria zu Ehren Minervas dauerten funf Tage und fanden jährlich, die kapitolinischen Wettkämpfe als griechischer Agon nur alle vier Jahre statt. Allgemein wurden die Veranstaltungen in kleinerem Rahmen wie die Theateraufflihrungen deutlich häufiger gegeben als die Großveranstaltungen wie z.B. die Gladiatorenspiele, die es nur an wenigen Tagen im Jahr (im 4. Jh. an zehn Tagen) zu sehen gab.l2I 23 -malließ sich Domitian als lmperator akklamieren, deutlich häufiger als die meisten anderen Kaiser. J29 Und die große Zahl der Triumphfeiem über Gennanien (zu denen noch weitere Triumphe z.B. über die Daker hinzukamen) veranlasste Tacitus zu der bekannten Sottise, es sei über die Gennanen in jüngster Zeit mehr triumphiert als gesiegt worden.)O
2.4.2 Der kombinierte Einsatz mehrerer Ins frumente Wenn der Kaiser seine Expression systematisch betrieb, lag es nahe, Instrumente mit verschiedenen Eigenschaften, z. B. Dauer, Reichweite oder Nachdrücklichkeit, zu kombinieren. Im Interesse einer wirkungsvollen Selbstdarstellung musste es zumal sein, räumlich und zeitlich limitierte Maßnahmen im gesamten Reich und auf Dauer bekannt zu machen. Es war in der Kaiserzeit keine Sehenheit, dass auf Prozessionen durch die Stadt neben Götterstatuen etliche Bildni sse des Kaisers und seiner (verstorbenen) Verwandten mitgeführt wurden. Die Umzüge endeten dann z.B. am Theater oder Circus Maximus. Dort wurden die Götter- und Kaiserbildnisse aufgestellt, Opfer dargebracht, und die Spiele konnten beginnen.))' Der religiöse Charakter des römi schen Theaterwesens fand seinen Ausdruck in der Architektur, die Tempel und Theater in einem einheitlichen Komplex vereinigte. In den Theatern befanden sich sacella, Schreine und Altäre. 3JZ Auf diese Art und Weise konnten mehrere Instrumente der Herrschaftsdarstellung mit unterschiedlichen zeitlichen und lokalen Qualitäten verbunden werden: Umzüge und Spiele, Kaiserbildnisse, die kultische Kaiserverehrung und (mit dem Theater) das Bauprogramm. Einige davon hatten dauerhaften Charakter (Theaterbau, Bildni sse), andere waren einmaliger Natur (Umzüge und Spiele). Spektake l fanden überall im Imperium statt, das Kolosseum hingegen gab es nur in der Hauptstadt. Im Amphilheater wurden nichl einfach nur Spiele gegeben: Dadurch dass im Blickfeld der Zuschauer Kai ser- und Götterbilder nebeneinander standen, 328 Kolb 1995a. 594 und 598. 329 S.o. S. 4 7. 330 Germ. 37,5: {GermaniJ ae rursus pulsi inde praximis temporibus triumphati magis quam viel; sunl. 33 1 Siehe Pekäry 1985. 119·122 mit Belegen. Vgl. Kolb 1995a. 594f. Eine ausfUh rliche Schi lderung des Ablaufs der Prozessionen bietet C lauss 1999. 328-334. 332 Cancik 1965. 104.
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wurde eine Kombination Spiele - Kai serbilder - Kuli hergestellt und die Rezepti· on der Zuschauer und ihre Erwartungen in Bezug auf das, was sich im Raum )Theater< ab)spielte<, detenniniert.jJ} Ihre »)reli giösen Bestrebungen nach Schutz und Sicherheit durch die Gottheit-Kaiser« verbanden sich »aufs trefflichste mit Unterhaltung, Feiern und Festessen<~J.4. Die Kombination von Kaiserkult, manifestiert in den Statuen, und dem Euergetismus spielte sich auch im Palast ab, wenn der Kaiser z.B. ein Essen für Senatoren und Ritter gab. Einen wohl authentischen Eindruck von deren Wirkung gibt Statius in der Si lva 4,2 (s.u. Kap. 5.2). Die Münzen waren - abgesehen von der Literatur - das Medium, das über die direkte Kommunikation des Kaisers mit den Untertanen und alle Maßnahmen infonnieren konnte, die einmal stattfanden bzw. immer wiederholt wurden, a lso Congiarien, Spiele oder Feste, bei denen der Kreis der Augenzeugen ja jeweils begrenzt war. Daher erschien 88 die Münzserie z u den Säkularspielen (s.o. S. 63). Sie bildete für die ilbrigen Reichsbewohner detailliert die unterschiedlichen Zere· ma nien, Opfer und Spiele der Säkularfeier ab. 3J5 Bezüge zur kaiserlichen Freigebigkeit gehörten dagegen zum ikonographischen Standard der semisses und quadrantes, des domitianischen Kleingelds also: Entweder wurden Getreideverteilungen an das Volk dargestellt oder einfach Ceres, die als Symbol eben daftlr wohl von allen Untertanen verstanden wurde.l36 Jedoch fanden sich auf den Münzen nicht nur zeitlich und örtlich begrenzte Maßnahmen und Handlungen, sondern nach dem Triumph über die Chatten 85 Ober mehrere Jahre auch das Motiv: Domiti an als siegender Reiter mit Gegner.ll1 Dasselbe Thema erschien auch 95/96 auf einer Prägung/Ja und jelzt konnten alle, die die inzwischen (Anfang der 90er Jahre) errichtete Reiterstatue Domilians. ein außergewöhnliches Monument, das im Original selbstverständlich nur in Rom zu sehen war, kannten oder zumindest von ihr wussten, Münze und Statue aufeinander beziehen. Dieser Münze kam also in erster Linie die Aufgabe zu, das Motiv des siegenden Reiters zu vennitteln, außerdem aber von der Existenz e ines so gewaltigen Monuments in Rom zu berichten.
333 Vgl. Zanker 1994, 288. Ders. 1997a, 32: »( ... ) die Spiele hallen in Rom ihren Zusammenhang mit den relig iösen Festen nie verloren. ( ... ) Die Gestalt des an wesenden Kaisers und der ihn fe iernden Bilder verschmolzen in dieser religiOsen Aura mit den traditionellen GOIter- und MyIhen bildern zu e iner Einhe it.« 334 Clauss 1999, 334. 335 BMC 130- 138 : 419-438' : s iehe Carradice 1983, 123 und A1exandropoulos 1994 , 85. 336 Carradice 1983, 144 ; Alexandropoulos 1994, 84f.; BMC 369; 4 18: 4821T.: 31 8-320: 456f.: 32 11T.; 4921T. 337 BMC 300-; 339-341 ; 380; Bergemann 1990, 42. 338 BMC 476t ; s iehe Bergemann 1990, 164 m. Anm. 265; Brilliant 1963, 96.
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Domitians Herrschaftsdarstellung. Die »anderem Instrumente
Auch neue monumentale Bauten wurden der Bevölkerung im ganzen Reich durch Gold- und Silbennünzen in Erinnerung gerufen, z.B. der Tempel des lupp;ler Oplimus Maximus. ll9 Oie Reliefs des Titusbogens fungierten als Medium, indem sie Beutestücke aus Jerusalem zeigten und damit das Ausmaß und die positiven Folgen der flavischen Kriegserfolge dokumentierten.
2.5 Ausblick Unter Oomitian wurde das öffentliche Leben und damit das Leben der Untertanen immer stärker von der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung durchdrungen. Man )stolperte< geradezu pennanent über den ubiquitären Kaiser, der religiös überhöht sowie mit der Sieges-Aura und hellenistischen Konzepten verbunden wurde. Die Person des Princeps selbst stand im Mittelpunkt der Expression Domitians. Deren gesteigerte Quantität im Vergleich zu seinen Vorgängern hatte auch eine neue Qualität. Die diagnostizierte verstärkte Präsenz des Kaisers, die in Richtung einer Omnipräsenz ging - machte sie vor der Literatur Halt? Mit Sicherheit kann an dieser Stelle festgestellt werden, dass die Dichter als Untertanen auch Adressaten der gesteigerten Herrschaftsdarstellung waren und sich ihr daher gar nicht entziehen konnten, wenn sie in der Hauptstadt lebten. Die von ihnen erlebte Expression des Kaisers konnte nicht ohne Auswirkung auf ihre Dichtung bleiben. Manche Charakteristika der kaiserlichen Ostentation lassen auch eine aktive Rolle der Dichter als möglich erscheinen, z. B. die philheJlenistischen Inhalte: Verfuhr Domitian auch in der Förderung der Künste und Wissenschaften nach hellenistischem, speziell ptolemäischem Vorbi ld? Als weiteres Exempel hätte ihm auch die Literaturpatronage des Augustus vor Augen gestanden, auf dessen Principat er sich vielfach bezog. (Domitians Dichterpatronage wi rd in Kapitel 4 behandelt werden.) Oder die gängige Praxis, verschiedene Instrumente der Ostentation zu kombinieren : Eine Rolle der Literatur in einer solchen Kombination, etwa ein Auftreten der Dichter auf kultischen oder anderen Feiern, ist durchaus vorstellbar. Im nächsten Kap;tel sollen die Zielgruppen von Martial und Statius untersucht werden. Domitians Herrschaftsdarstellung zielte auf ein breites Publikum, v.a. auf die plebs urbana und das Heer. Hier muss der Frage nachgegangen werden, ob die 339 Der Jupitenempel: BMC 242; vgl. Darwall-Smith 1996, 106- 108. Architektonische Motive tragen auße rdem fo lgende Gold- und SilbennOnzen: BMC 199; 229; 238; 240; 24 1; 243. Mit den Bronzemllnzen konnten die neuen Bauten in Rom nur der Bevölkerung im Wesneil des Reichs nahe gebracht werden. Siehe zu Domitians Münzen mit architektonischen Moti ven Darwall-Smith 1996, 102-104.
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Literatur solch große Rezipientenkreise technisch·organisatorisch Oberhaupt errei· ehen konnte. Was bedeutet es, wenn die Dichter dieselben Gruppen ansprachen wie die Obrige Expression? Und umgekehrt: Wiese deren Rezeption durch andere Kreise darauf hin, dass sie nicht >im Dienste des Kaisers( dichteten, oder gerade doch, wei l sie das Spektrum der durch die Herrschaftsdarstellung zu Erreichenden erweiterten? Schließlich könnten die Dichter auch allein verantwortlich und aus freien StO· cken zur Ostentation der domitianischen Imago beigetragen haben. Die Untersu· chungen Ober die Urheberschaft haben gezeigt, dass es verschiedene auclores der expression de la majes/e gegeben hat und der Kaiser oftmals nur den Rahmen vorgab. Ähnelten MartiaJ und Statius einem Münzpräger aus der Hauptstadt, der die vom Kaiser vorgegebenen Motive eins zu eins umsetzte, einem Bi ldhauer aus dem Westen des Reichs, der nach einer aus Rom gesandten Vorlage Abbi lder pro· duzierte, dabei aber regionale Sti ltraditionen berücksichtigte, oder einem Priester aus Kleinasien, der den örtlichen Kaiserkult gemäß hellenisti schen Vorstellungen als Götterkult zelebrierte, ohne dass der Princeps davon gewusst, geschweige denn darauf Einfluss genommen häne? Oder spielten die Dichter eine ganz andere, eine vierte Rolle?
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3. Die Rezeption der Dichter
Um die Bedeutung der Dichtung innerhalb der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung beurteilen zu können, sollen hier zunächst ihre Rezipientengruppen und ihre Brei· tenwirkung behandelt werden. Am Ende des Kapitels werden die ennittelten Ziel· gruppen mit den Rezipienten der anderen Instrumente der Expression verglichen. Die Reichweite der Dichtung, genauer: die soziale Herkunft und der >Lebensort< ihrer Adressaten, hing von den Publikationsfonnen ab. Mit >Publikation< und >Veröffentlichung< bezeichne ich in diesem Kapitel alle Wege, Dichtung einem wie großen oder kleinen Adressatenkreis auch immer zu übennittein. Dies konnte die Rezitation vor einer Hand voll Zuhörer. das Versenden eines Gedichts in schriftlicher Fonn an einen Adressaten oder die Herausgabe eines Gedichtbuchs mittels des imperiumsweiten Buchhandels sein.' Entsprechend ist hier ein äußerst weites Verständnis von )Öffentlichkeit< gewählt: Auch kleine, relativ homogene Gruppen wie die Mitglieder des Kaiserhofs oder des Freundeskreises des Dichters konstituierten bereits eine >Öffentlichkeit
I Vgl. van Groningens (1963) Abhandlung der Bedeutung von b:ÖOOl<;, was der lateinischen editio entspricht: °EKOOau; hatte nichts mit der modemen )Editiom zu tun; EKOOol<; »peut designer directement et simplement le livre mis en circulation et disponible a quiconque s'y interesse« (S. 11 ). Der Autor ist es. der sein Werk tKSiooXH, sei es an einen Freund. einen Patron oder einen Buchhandier. Im selben Moment verlien er alle Autorenre<:hte und jeden Einfluss auf seinen Text (7). DeM da die antike Verviellllltigungspraxis unzu verlAssig war und der Autor die Abschriften nicht kontrollieren kOMte (und auch nicht die Tatsache, dass vervieltl!.ltigt wurde), verAndene sich der Text zwangsläufig - zutl!.1lig oder (von seinen neuen Besitzern) beabsichtigt (7f.). - Vgl. Eich 2000. 86: »)) Publizien c ( .. . ) war der Text nach antikem Ventandnis ent daM, wenn er )allgemein zugängliche war, d.h. wenn sich prinzipiell )jeder! eine Abschrift besorgen kOMte.« Hier wird also die Stadt Rom mit >Öffentlichkeite gleichgesetzt und den öffentlichen Bibliotheken eine Schlasselrolle rur die Publikation zugewiesen: In ihnen konnte man sich eine Abschrift verschaffen.
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Die Rezeption der Dichter
erörtert wird (3.5). In Kapitel 3.6 sollen diese Erkenntnisse auf die Gedichte an oder Uber den Kaiser bezogen werden.
3. 1 Rezitationen Neben - und oft vor - der Veröffentlichung in schriftl icher Form stand der mündliche Vortrag von Dichtung. Schon in augusteischer Zeit stellten Rezitationen keine )Zweitverwertung< schriftlich herausgegebener Texte dar, sondern die Dichter konzipierten ihre Texte gelegentlich gezielt auf den mUndlichen Vortrag hin, indem sie die mUndliche Publikations- und Rezeptionssituation miteinbezogen. E. Lefevre fUr Horaz als Augusteer und G. Vogt-Spira fur Petron als Autor des minIeren I. Jahrhunderts haben darm Indizien zusammengestellt.1 Ebenso finden sich diese Phänomene bei Martial. Um die »konzeptionelle Mündlichkeit« der Epigramme Martials zu belegen, filhrt W. Bumikel eine Reihe von Argumenten filr ihren Rezitationscharakter an, z. B. Klangfiguren, den StiJ der pathetischen Rede und Deklamation, Dialogisierung oder die Inszenierung der Po inte.] FUr Martial sei die Rezitation der »Idealfall der Rezeption« und das »Qualitätskriterium(( gewesen: denn die von einem Plagiator miserabe l rezitierten Gedichte Martials hätten begonnen, diesem zu gehören, wie Martial ihm höhnisch zuruft ( 1,38). Die Epigramme genauso wie die Silven als (recht) kleine Form hatten zudem eine Länge, die sich gut zur Rezitation eignete. Dies hatten sie mit den kUrzeren von Ovids Metamorphosen (dank deren episodischen Charakters) oder mit Horaz' Oden gemein, und es beförderte ihren mUndlichen Vortrag. Mag die Zuflucht zur kleinen Form - neben anderen Gründen - auch dem Publikumsgeschmack der Zeit geschuldet gewesen sein, der nicht zuletzt an leichter, schneller Unterhaltung interessiert war, so bleibt nichts-
2 E. Lefevre, Waren horazische Gedichte zum löffentlichen l Vonrag bestimmt?, in: G. VoglSpira (Hrsg.), Beitrage rur mQndlichen Kultur der Römer. TObingen 1993 (ScriplOralia 47, Allerlumswiss. Reihe (1), 143-157; LeR:vre nennt Beispiele rur recilsationes und Ansprachen an Freunde in den Oden: »Wenn [Horaz) seine Gedanken ,öffentlichl vorstellte. legte er vor der IÖffentlichkeitl sowohl den Adressaten als auch sich selbst fest: Er konnte einerseits Ansprtlche. die an ihn gestellt wurden, leichter abwehren ( .. .). andererseits den Adressaten sozusagen vor Zeugen verpnichlen, die dargestellie Sicht der Dinge zu akzeptieren ( ... ).« (5. 144.) Vogt-Spira, Indizien rur mUndlichen Vonrag von Petrons )Satyricall, in: Ders. (Hrsg.), Strukturen der Milndlichkeit in der römischen Literatur, Tilbingen 1990 (ScriptOralia 19. Altenumswiss. Reihe 4), 183-192; VogtSpira betrachtet die Satyrica ))als ein politisch gehandhabtes Mittel ( .. .), Meinung zu machen und EinHuB zu gewinneO(I. was nur gelingen konnte, wenn sie dem Hof und Nero zur Kenntnis kam. »Hierfllr war der Ubliche Weg eine Rezitation, vorzustellen in Ausschnitten und Fortsetzungen ( ... }lI. (5.187.) 3 Burnikel 1990, bes. 224-231 . An Klangfiguren nennt er Beispiele u.a. rur Anaphern. Alliterationen und Annominationen (5. 224.226). Es fragt sich jedoch, ob diese nicht auch einfach auf die (halb)laute private Lektilre der Römer zugeschnitten gewesen sein könnten. 4 Ebd. 224.
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destoweniger die besondere Eignung der Epigramme und Silven zur Rezitation festzuhalten. s Neben den sprachlichen und formalen Indizien weisen einige Epigramme dar· über hinaus Anzeichen fUr einen situativen Kontext des mündlichen Vortrags auf. Einige dieser Beispiele machen dabei deutlich, dass nicht nur die öffentliche Rezi· talion in der Nachfolge von Asinius Pollio fortbestand: 6,38 beschreibt eine Fami· lienszene im Haus des Regulus, so dass es Martial vermutlich fUr den eigenen Vortrag als Gast ebendort gedichtet hane. 1,44 und 9,89 hat er sicherlich beim Symposion al s Bonmot zum Besten gegeben. 6 Für die augusteische Zeit hat K. Quinn vier Arten des Literaturvortrags ennit· telt:7 I. die traditionelle Lesung des Autors im kleinen Rahmen, vor Freunden und Dichterkollegen oder am Hof. Durch die Reaktionen der Freunde testete der Dichter die Qualität seiner Verse, und er ließ sich bereitwillig kritisie· ren. Am Hof dagegen präsentierte er nur ausgefeilte, fertige Dichtung, um den Interessen des Kaisers zu genügen und ihm zu gefallen. 2. der Literaturvortrag im Wenbewerb mit anderen Autoren, in einem halböf· fentlichen Rahmen.8 3. die öffentliche Lesung des Autors selbst vor einem großen Publikum . Ne· ben Dichterkollegen und Freunden, Mitgliedern des Hofes und dem Kai ser selbst konnten auch in einem weiteren Sinne an Literatur interessierte Römer anwesend sein.9 Die öffentliche Autorenlesung erhielt später, im 1. Jahrhunden n.Chr., als einzige dieser vier Vortragsformen die Bezeichnung recilalio. Für ihre Entwicklung spielte Asinius Pollio eine wichtige Rolle: primus enim omnium Romanorum advocalis hominibus scripla sua reciravit. IO Worin genau Pollios Neuerung bestand - denn auch vor ihm haben Autoren ihre Werke einem Auditorium vorgetragen - , ist viel di skutiert worden; möglicherweise war er der erste, der seine Rezitationen ohne Einschränkung öffentlich zugänglich machte. 11
5 Auch die zumindest auszugsweise Rezitation der ThebaiJ ist durch Juvenal (7,82-87; S.u. S. 92f) hezeugt. Jedoch kam dabei ihr durchkomponierter, beziehungsreicher Aufbau natOrl ich nicht so sehr zur Geltung wie bei der LektOre. Martial denkt einmal gar an die Rezitation seines gesamten zweiten Buches während eines Essens (2,1,9-10). 6 Siehe Bumikell990, 232. 7 Quinn 1982. 154. 8 Horaz spielt auf das duellum sarkastisch in der Florus-Epistel an; epist. 2,2,91-10 I . 9 Die Vergil-Vita berichtet, dieser habe außer am Hof auch pluribus vorgetragen (wenn auch nicht häufig), und zwar, um sein Werk dem Undl des Publikums auszusel2en; ISuet.j Vita Verg. 33. Nach dem Zeugnis des Servius hat Vergil die Eklogen rezitien (ad ecl. 6, 11 ). 10 Sen. contr. 4 pr. 2. Die Nachricht ist nicht datien; Binder (1995, 273) rtlckt sie in zeitliche Nähe zur ebenfalls durch Pollio veranlassten Grtlndung der ersten öffentlichen Bibliothek in Rom, bald nach Caesars Tod. 1I Siehe Quinn 1982, 159.
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4. der professionelle Literaturvortrag im Theater durch einen Künstler oder eine Künstlerin »as some kind of spectacle(( (K. Quinn). Der Dichter trat hier nicht selbst auf. 12 In welchem Rahmen trugen die domitianischen Dichter ihre Werke vor? - Martial bezeugt uns wiederholt Lesungen vor einer kleinen Gruppe, Freunden oder Gönnem. 1J Anders als VergiJ, der Augustus an vier Tagen hintereinander die Georgica und später drei BUcher der Aeneis vorgetragen hatte ,l ~ scheint Martial aber nicht am kaiserlichen Hof aufgetreten zu sein. Es finden sich keine Zeugni sse eines direkten Zusammentreffens mit Domitian, verbunden mit verbaler Kommunikation, geschweige denn Hinweise darauf, dass er im kleinen Rahmen am Kaiserhof rezitiert habe. Stattdessen spielen mehrere Epigramme mit der Form der sc hriftlichen Übermittlung seiner DiChtung an den Kaiser, oft ilber Mittelsmänner wie den Kämmerer Parthenius. 15 Von Statius ist ein persönlicher Vortrag vor dem Kaiser wahrscheinlich, die Rezitation der Silva 4,2, mit der er seinen Dank filr die Einladung zum Gastmahl im Palast abstattet. '6 In seinen prae!aliones nennt er den Vorgang der GedichtÜbermittlung an den Kaiser tradere und dedicare; 17 damit kann wohl nur die schriftliche Form der Übermittlung gemeint sein. Wenn Statius häufiger vor dem Kaiser rezitiert hätte, etwa während der Einweihungszeremonien des equus Dom;tian; (silv. 1, 1) oder der Via Domitiana (4,3), dann hätte er seinem Leser vermutlich entsprechende Hinweise in den Gedichten oder den praejationes der Si lvenbücher 1 und 4 geliefert ". Eine solche Gelegenheit, seinen Status herauszustellen, hätte er sich schwerlich entgehen Jassen. Der Literaturvortrag im Wettbewerb mit anderen Autoren (Quinns Typ 2) lebte unter Domitian (wie schon unter Nero) wieder auf. Zwar fanden die musischen Agone der Neronia und der Capitolia Domitians nicht im Apollontempel statt und sie waren wohl mehr als nur halböffenllich. 19 Als Publikum kamen hierfür Partizipienten des römischen literarischen Betriebs, Dichter wie Mäzene, oder das Um12 Tacitus berichtet, das Volk habe s ich, als es im Theater Vergils Ve~ hörte, komplett von den Sitzen erhoben und den »zuflllig anwesenden und zuschauendem( Dichter gefeiert wie den Princeps selbst: ( .. .) populus. qui audilis in fheafro Vergi/i versibus surrexit universus et fo rle praesenlem speelanlemque Vergilium veneralus eSI sie quasi Augustum (dia!. 13.2). 13 Siehe LB. die oben angefllhrten Belege. 14 (Suet.) Vita Verg. 27 und 32; vgl. Binder 1995, 272. 15 Man. 5,6; 12, 11 (das eine fi1lhere Erstveröffentlichung erfahren haben muss, denn zum Zeitpunkt der Edition von Buch 12 (I OI/ I02) war Parthenius bereits tot); 7.99; 2,91 ; 8) 4; 8,82; 12,4(5). - Die Kommunikation mit dem Kaiser via Mittelsmllnner ist ein deutliches Indiz fIIr l indirekte( Patronage dur<:h Domitian: Siehe dazu Kap. 4.2. 16 Siehe unten S. 169. 17Stat. silv. 1 pr. 19; 2 pr. 18; 3 pr. 19-20; 4 pr. 2-8. 18 Die These, Statius sei bei den Einweihungsfeiem aufgetreten, vertrat Coleman 1986, 3 100. Zu der Vorstellung von silv. I, I in der Praefatio des ersten Buchs s.u. S. 146. 19 Anders dagegen die albanischen Spiele Domitians auf seinem Landsitz. S.u. S. 109.
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feld des kaiserlichen Hofes in Frage. Dennoch gab es auch Gemeinsamkeiten: Ob nun Statius (bei den kapitolinischen Spielen) oder Horaz - sie alle trugen in einem agonalen Rahmen ihre DiChtung vor und der Kaiser war mehr oder weniger stark involviert:20 Domitian fUhrte beim Agon Cap jtolinus den VorsitZ.21 Die dominierende Rolle im soziokulturellen Leben Roms und damit auch filr den Kaiser spiehe die recilatio, die öffentliche Autorenlesung (Typ 3). Mit ihrer Öffnung rur alle (in der Folge Asinius PolJios) nahmen die Zahl der Rezitationen und ihre Dauer zu. Der Charakter der recitalio veränderte sich: Die soziale Bedeu· tWlg begann ba1d die rein kUnstlerisch·literarische Motivik in den Schatten zu stellen. Die Bedeutung des vorgetragenen Textes trat in den Hintergrund zuguns· (en der Selbstpräsentation des Autors und des Publikums. Für den Dichter bot die Rezitation die direkteste Möglichkeit, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen. !2 Eine starke Orientierung an seinem Publikum do· kumentiert MartiaI. Durch Rezitationen könne ein Autor bekannt werden, ein be· kannter Autor werde durch die Kommunikation und Interaktion mit den Zuhörern inspiriert. Das wird ilun klar, als er in der Heimat in Bilbilis den römischen Kul· tur· und Literaturbetrieb entbehren muss.u Öffentliche Rezitationen waren in Rom sehr verbreitet: Nach Plinius gab es im April fast täglich eine recilalio, Juvenal nennt die selbst im heißesten Monat Au· gust nicht aussetzenden Rezitatoren ironisch am Ende einer Klimax von Übeln in Rom, und Tacitus lässt den Aper die Dichter vor der rulzu kurzen Halbwertszeit des durch eine Rezitation gewonnenen Ruhms warnen , wenn sie denn überhaupt welche gefunden hätten, die sich herabließen, ihnen zuzuhören: Der Rezitationen waren einfach zu viele, wie auch Martial s wiederholte Klage über die >Massen· plage
23 Mart. 12 pr. 7-14; 2,88. Vgl. Binder 1995, 288 und 292. 24 Plin. episl. 1,13, 1; luv. 3,9; Tac. dial. 9,3-4 ; Mart. 3,44; 9,83; 8,76. 25 Plinius dagegen betont wiederholt, dass er seine Texte vorlese, um sie durch die Kritik seiner Zuhörtr zu verbessern: episl. 5,3,8; 5,12, 1-2; 7,17,1 u. 7; 8,2 1,4 u. 6. Ober Sil ius ltalicus:
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Die Rezeption der Dichter Kein Autor dieser Zeit, wahrschei nlich auch keiner der renommierteren, dürfte den ei ngeladenen Zuhörern mit unfertigen Tex.ten gegenübergetreten sein, und je minder die Qual ität derselben war, je wen iger ausgeprägt das Wertbewußtsein des Autors, desto nachdrücklicher wird letzterer die Kritik seiner )Freunde< eingerordert haben im sicheren Wissen, daß diese durch ungeschriebene Nonn zu enthusiasti scher Zustimmung genötigt waren. ( ... ) Rezitationen rolgen gewissen Regeln, die alle Beteiligten kennen, öffentli che Lesungen stellen also eine dem SChauspiel ähnl iche Veranstaltungsronn dar.26 Die »dem Schauspiel ähnliche Veranstahungsform «, die die recitatio zu einer Einrichtung gehobener Freizeitgestaltung machte, wird viele Zuschauer angezogen haben, auch solche, die des Lesens nicht kundig waren. Die Rezitation erreichte daher potenziell ein größeres Publikum, v.a. aus den weniger gebildeten Schichten, als das Buch.27 FUr das Publ ikum galt mehr und mehr das spectatum veniunt, veniunt spec/entur ut ipsae.21 Die Rezitationen wurden zum gesellschaftlichen Ereignis, das Amüsement garantierte, Stoff rur das Stadtgespräch bot und zudem das kennen Lernen mehr oder minder leichter Literatur ermögl ichte. Wenn recilo/iones dergestalt abliefen, dann konnten begabte Dichter und gute Rezitatoren ein großes Publikum in Rom erreichen. Und dann ließen sich in diesem zunächst unpolitischen Rahmen theoretisch vielleicht auch politische BOIschaften Uber den Kaiser vermitteln. Weniger wohl durch die direkte, )plumpe< Panegyrik, eher durch indirekte Anspielungen, die lobende Erwähnung des Kaisers en passant und durch die vorgetragene literarische Qualität, die indirekt natUrlieh auch der Kaiser durch seine Patronage ermöglicht hane. V.a. aber konnten durch die Rezitationen dem unter Domitian ohnehin angewachsenen jährlichen Kalender an Spektakeln, Spielen, Festen und Triumphen weitere Attraktionen hinzugefilgt werden. In epigr. 9,83 setzt Martial die Rezitationen den Zirkusspielen Domitians, den miracu/a harenae, als Showveranstaltungen gleich.29 Komplettierten also öffentliche Lesungen Statius' und Martials möglicherweise den domitianischen )Event<-Kalender tur die Hauptstadt? - Juvenal bezeugt, dass Statius ein solches )Event< zu schaffen in der Lage war und auch schuf: Curritur ad vocem iucundam et carmen amicae Thebaidos, laetam cum recit Statius urbem promisitque diem : tanta dulcedine captos 3,7,5. Auf Plinius' Rolle im literarischen Betrieb der Zeit soll hier nicht naher eingegangen werden, da sie von der Martials und Statius' sehr verschieden war. 26 1995, 290.
27 Vg!. Cavallo 1999, 75. 28 Ov. an 1, 99. 29 Siehe Binder 1995,289; vgl.a. Sial. si Iv. 4 pr. 30-31 , der die iod der Silven mit sportl ichen Showveranstaltungen, der sphoeromoehio und dem palaris lusio, vergleich!. Martial nennt seine loseM libelti und lusus in einem Atemzug mit den Darbietungen der Schauspieler Latinus, Thymele und Panniculus sowie den Scherzen der Soldaten beim Triumphzug gegen den Feldherrn (1.4.36 und 3,86). Er begriff sich also als Teil derselben ,Untemaltungsindustric( wie LB. die Mimen.
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Die Rezeption der Dichter afficit ille animos tantaque libidine vulgi auditur. sed cum fregit subsellia versu, esurit, ( ... ).30
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Juvenal rühmt an Statius dessen Stimme und den Zauber seiner Dichtung, der das Publikum in seinen Bann schlug. Der Inhalt war nicht unwichtig. aber von nachrangiger Bedeutung, was zählte, war die Fonn, die Präsentation. Eine StatiusleSWlg war ein Vergnügen um ihrer selbst willen Wld deshalb sehr beliebt: »no doubt it is an entertainment which is more intellectually demanding than a mime show or a visit to the Circus; but it is a meaningless entertainment«}l - ))meaningless« im politik- und herrschaftsbezogenen Sirme. Ob darin noch Raum ftlr kritische, d.h. aristokratische, Untertöne war? Statius selbst scheint die Deutung der apolitischen Rezitation zu stützen : Er berichtet WlS, dass seine Rezitationen coelus soli/os nach sich zogen und er mit seinem Gesang die Zuhörer »sanft berührte«. »ergötzte«, ja sie ))streichelte«(mulcerem).ll Von Martial als Rezitator vor großem Publikum haben wir ein Selbstzeugnis: In epigr. 1,76 vergleicht er die Einträglichkeit des Dichter- mit der des RednerWld Anwaltberufs. Der Dichter ernte nur ein lautes, aber wertloses ))Bravo« (magnllm, sed perinane sophos, v. 10). v. 12- 14 setzt er dann das Forum Romanllm, den Einsatz-Ort der Anwälte und Redner, als großen öffentlichen Platz mit den pulpita nOSlra der Dichter gleich. Von diesen Podesten wird auch Martial öffentlich vorgetragen haben.}} Schwer vorstellbar, dass sich Martial der Vielzahl an öffentlichen Lesungen als Aktiver gänzlich entzogen haben sollte. Der oben (S. 91) beschriebene Niedergang der Rezitationen zeigte sich aber nicht nur in der Viel:zahl schlechter Rezitatoren, sondern auch im Publikumsverhalten. Plinius beklagt die desidia vel superbia der Zuhörer, die an der Literatur nicht interessiert seien, dem Vortragenden keinen Respekt entgegenbrächten und nicht einmal die Ausdauer und Konzentration für eine ganze Lesung besäßen).!. Man kann vennuten, dass diese Zuhörer nicht alle freiwillig zugegen, sondern ))als Klienten eines (mit)veranstahenden Patronus zum Besuch mehr oder weniger
30 luv. 7,82-87: »MaJ! rennt zu seiner Rn7.iehe .... den Stimme u....d zum Lied der geliebten 11 IThebaisl, wenn Statius die Stadt mit Freude erftillte 11 und einen Tennin versprach: mit solchem Zauber nimmt er die 11 Herzen gefangen und betört sie, mit solcher Lust hOrt ihn 11 das Volk. Aber wenn er mit seinen Versen die Sitzblnke zem1lmmert hat. 11 bleibt er hungrig, ( ... }.« (Übersetzung J. Adamietz.) - Siehe zur sexuellen Bedeutungsebene dieser Verse E. Courtney. A Commentary on the Satires of JUllenal. London 1980, ad loc., die fIlr meinen Gedankengang indes ohne Relevanz ist. 31 Quinn 1982, 163. 32 Silv. 5.2.160: coetu.s lolitos si farte ciebo. und zwar mit der Achilleis (v. 163); silv. 5.3.2 15f.: Latios quotiens ego cormine patres mulcerem. 33 Vgl. Howell 1980. 277f. und 280. Anders Naula 2002. 364: Das Epigramm sei bei privaten Symposien, nicht bei öffentlichen Veranstaltungen zu Hause gewesen. 34 Plin. epist. 1,13,2 u. 5.
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verpflichtet waren und Beifall auf Bestellung lieferten«.H. Auswüchse, wie sie Plinius fUr die Zentumviralprozesse beschreibt, sind auch rur die ö ffentliche n Lesungen denkbar: gekauftes Publikum, das gegen Belohnung oder Bezahlung aLf Kommando laut »Bravo« schreit, ohne zuzuhören.36 Ein Patron konnte also sein Prestige mehren, wenn er einen beliebten und fähigen Dichter als Klienten hatte, indem er dessen Lesungen veranstaltete. Das gah auch und gerade fUr den KaiStr als den )Oberpatron
(epigr. 9,81 ,1).
3.2 Kleine Gedichtbroschüren (libelli) Vor ihrer Veröffentlichung in den uns erhaltenen Gedichtbüchern konnte man die Epigramme und Silven nicht nur hören, sondern auch lesen. Von Martial finden sich deutlich mehr Zeugnisse rur schriftliche als rur mündliche Publikation und Rezeption. Im Fall seiner Epigramme ist die Frage, in welcher Form und in weichem Rahmen sie zuerst gelesen wurden, zum Gegenstand einer Forschungsd iskussion geworden, die schon auf L. Friedlaender zurückgeht. Dieser hatte Widersprüche und Ungereimtheiten in den einigen Büchern vorangestellte n Vorreden sowie in manchen Präsentations-Epigrammen gesehen und gefo lgert, dass nicht alle Epigramme an ihrem Platz in den uns überlieferten Büchern erstveröffentli cht worden sein können.)' P. Wh.ite hat diesen Gedanken 1974 weiterentwickelt und die These aufgestellt, Martial habe kleine Gedichlbroschüren an seine Patrone und 35 Binder 1995, 286f.; vgl.a. ebd. 304 . 36 Plin. episl. 2. 14,4-7. 37 Siehe Sherwin-While 1966, 115; Quinn 1982, 91. - Quinns Typ 4, der Lite raturvonrag durch professionelle Rezitanlen, wird fllr die flavi sche Zeit nich t ausfllhrlich behandelt. da er fll r das Thema dieser Arbei t nicht von Bedeurung ist. 38 Friedlaender 1886 I, 52; 165.
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Gönner geschickt, so dass die Epigramme informell in kleinen Kreisen zirkulierten. Diese carmina seien später in die EpigrammbUcher aufgenommen worden . Die Forschung ist dieser These im Allgemeinen gefolgt. 1995 allerdings hat D.P. Fowler dem widersprochen und dies mit der Textualität der Epigramme und der Bedeutung der artifiziell durchkomponierten BUcher als der wichtigsten Publikationsfonn Martials begründet. Alle Andeutungen des Dichters einer Zirkulation kleiner Gedichtsammlungen seien nur literarisches und ganungsbedingtes Spiel. White hat darauf 1996 geantwortet und seine Argumentation zugespitzt. J9 Im Folgenden sei meine Position, die im Wesentlichen P. White folgt, anband der wichtigsten Argumente dargelegt. Liest man die uns vorliegenden Epigramm- und Silvenbtlcher als ganze, so findet man in ihnen etliche Gedichte, die offenkundig zu einem ganz bestimmten Anlass verfasst wo rden sind: Gelegenheitsgedichte. Zu diesen Anlässen zählten etwa Hochzeiten, Geburten, Geburtstage oder Todesfälle, aber auch Gastmähler oder die Saturnalien. Setzt man voraus, dass diese Gedichte zu bestimmten Gelegenheiten nicht reines literarisches Spiel der Dichter waren, sondern einen realen Anlass und reale Adressaten hanen, dann konnten sie nur in enger zeitlicher Nähe zu diesem Anlass ihre Funktion erfillien. Nähme man nun aber mit Fowler eine Erstveröffentlichung aller Gedichte eines Buchs in der uns vorliegenden Form an, dann hätten sich alle Anlässe, auf die Bezug genommen wurde, außerordentlich rasch nacheinander ereignen müssen. Das ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Statius ' viertes Silvenbuch wurde nicht vor dem Sommer des Jahres 95 herausgegeben.·o Silv. 4,1 feierte jedoch das 17. Konsulat Domitians, das dieser - wie bei ihm gewöhnlich - schon Mitte Januar niederlegte, Statius muss sie also zum Konsulatsantritt am I . Januar 95 fertiggestellt haben. Die Hendekasyllaben von 4,9, die Statius filr Plotius Grypus dichtete und über die sie sich gemeinsam an den Saturnalien amüsierten (quos Saturnalibus una risimus, 4 pr. 24), stammten mindestens aus dem Dezember des Vorjahres. In den mehr als sechs Monaten zwischen ihren Anlässen und der Herausgabe des vierten Buchs müssen beide Silven zumindest den Adressaten, möglicherweise einer kleineren Öffentlichkeit bekannt gemacht worden sein. Die praejationes machen den Fall noch klarer: In ihnen stellt Statius die einzelnen Silven des jeweiligen Buches vor und erzählt gelegentlich ihre Entstehungsgeschichten. Seine Hymne auf die große Reiterstatue Domitians ( I, I) hat er am Tag nach deren Einweihung übergeben (postero die quam dedicaveral opus, I pr. 18-19). Wir erfahren auch, dass der 1,4 zu seiner Genesung beglückwünschte Rutilius Gallicus unterdessen dennoch gestorben war ( I pr. 28). Ebenso musste der Dichter sein Gedicht Uber den zahmen Löwen in der Arena (2,5) dem Kaiser 39 White 1974; Fowler 1995; White 1996. 40 Das geht aus der Kombinalion von silv. 4,4 und der Praefatio hervor; siehe Coleman 1988, xix-xxii.
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rasch zukommen lassen, denn später hätte es seine Wirkung auf den Herrscher verfehlt.·' Weitere Beispiele aus den Vorreden zu den Büchern 3 und 4 ließen sich anführen.·2 AUe diese Belege aus den prae!ationes dienen Statius der Verteidigung der Silven als (mehr oder minder) Stegreifdichtung. »This is not so much an apology for hasty workmanship as an appeal to a recognized standard which defined witty improvisation as the essential quality of light verse.«' l In den Dichterkreisen von Statius und von Martial dUrfte die Improvisationsdichtung so weit verbreitet ge· wesen sein, dass deren wiederholte Anspielungen darauf geradezu to pischen C ha· rakter bekamen. Bei Martial finden sich dieselben Indizien : Epigr. 4, 1 ist dem Geburtstag 00· mitians am 24. Oktober 88 gewidmet, Buch 4 erschien jedoch nicht vor dem Be· ginn des Jahres 89.~ Es lagen also mehr als zwei Monate zwischen dem kaiserli· chen Geburtstag und der Herausgabe des gesamten Buchs. 4$ Es erscheint generell als nicht denkbar, dass Gelegenheitsgedichte rur die Erstveröffentlichung in einem großen Gedichtbuch (von bei Martial bis zu über 100 Epigrammen) angesammelt wurden und also bei Martial bis zu einem Jahr zwischen den diversen Anlässen und dem Zeitpunkt der Buchveröffentlichung verstrich.
41 2 pr. 16- 18: eandem exigebat stili/acilitatem leo maflSuetU$. quem in amphitheatro prastratum frigidum erat 4ocratissimo imperator; n; slallm Iradere. 42 Buch 5 der Silven blei bt hier außer Betracht, da es erst nach Stati us' Tod herausgegebe n wurde. Die Praefatio untersc heidet sich signifikant von ihren vier Vorgangeri nnen und ist tatsächlich wohl nur eine Einleitung zu 5, 1. 43 White 1974, 42. Die Improvisationsdichtung, die zu d ieser Zeit tatsllchlich en vogue und auch in der al ten römischen Elite nicht ohne Ansehen war, wie Plinius belegt (episl. 7,4,4-7), wird hier nur am Rande behandelt, da s ie ftIr die Expression Domitians nur e ine untergeordnete Rolle spielte. 44 Vgl. Friedlaender 1886 1, 55f. und White 1974, 40. 4S Vgl. White 1996,410; Fowler geht auf das Problem der zeitlichen Abstande nur sehr oberfllchlich ein, indem er die ausschließliche Deutung der Gelegenheitsgedichte als Schmeicheleien gegenOber Patronen als »too simplistic« kritisien (1995, 38). Es sei gerne zugestanden, dass die Gedichte auch noch andere Funktionen erfllihen, aber was ist damit fIlr die Losu ng des Problems der zeitlichen LOcken gewonnen, wenn man andere, den GedichtbOchem vorausgehende. Anen der Veröffentlichung ablehnt? 46 Zur Frage der Silven-Publikationsdaten s.o. S. 21 f. 47 White 1974, 56 m. Anm. 63.
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te hat dies für vier Epigramme gezeigt: 4,82; 5,80; 7,26 und 11 ,106. So überrascht Mania)s Aufforderung an den scazon, den Hinkvers, von 7,26, zu Apollinaris zu gelangen und ihm hoc zu überreichen: Kann damit das siebte Epigrammbuch gemeint sein, wenn zu diesem Zeitpunkt schon ein Viertel gelesen ist? Und kurz vor Ende des fiinften Buchs den Severus in futurischen Fonneln wn die Prüfung der Epigramme zu bitten (5,80: ~) ... wenn du Zeit haben wirst ... wenn du es gelesen haben wirst, wird dir das Büchlein viel schulden ... « etc.), erscheint schlicht deplatziert.·' Fowler wandte ein, dass die Aussage dieser Epigramme nicht wörtlich zu nehmen sei, vielmehr handle es sich um ein »sophisticated play« und )~bewil dering paradox«, eine Argumentationsebene, mit der - so White - »one can have no wish to quarrel«49. Derartige Anomalien in den GedichtarrangemenlS finden sich bei Statius nicht. Keine der Silven hatte den Charakter eines Geleitgedichts oder einer Bucheinleitung. Die die Bücher 1-4 einleitenden Briefe sind auf jeden Fall rur ihr jeweiliges Buch konzipiert und erst nach Abfassung der einzelnen Silven geschrieben worden. In diesen praejaliones spriCht Statius wiederholt davon, dass er die Silven ihren Adressaten schon einzeln habe zukommen lassen: serum eral cont;nere, cum iIla vos certe quorum hanor; dala sunl haberelis.so Außerdem nennt er seine Silven mehrfach lihellos. JI Daher liegt der Schluss nahe, der Dichter habe sie zuerst einzeln, als libellos, d.h. als private, infonnelle GedichtbroschUren, an die Adressaten geschickt. P. White hält dafür auch die Länge der meisten Silven flir ausreichend.S2 Folgt man dieser Annahme, dann ergeben sich daraus auch ROckschlüsse auf die Veröffentlichungspraxis MartinIs. Denn da Statius und Martial oftmals denselben Adressaten zu denselben Anlässen Gedichte widmeten, muss man von einer ähnlichen Art der Veröffentlichung - man könnte hier sagen: Gedichtzustellung - ausgehen.53 Auch bei den Epigrammen, obwohl erheblich kürzer als die Silven, ist die Einzelversendung denkbar, sei es bei Geleitgedichten filr Präsente (wie GemUse vom Landgut oder Rosen), sei es bei Gratulations-, v.a. aber bei Tröstungsepigrammen .$4 Was bei Statius einzelne Silven, werden bei Martial freilich häufiger kleine Zusammenstellungen von einigen Gedichten gewesen sein, die zusammen dann 48 Siehe d~ns. 1914. 47f. und wiedtr 1996. 405f. 49 Fowl~r 1995. 46-50. Zitat~ S. 46 und 49: White 1996. 406. SO Silv. 1 pr. 10(; s.a. silv. 2 pr. 10f.: c~teri! indica, ne qui! Mperiore limo carmen e;J:aminel ... dalenti datum : silv. 4 pr. 28f.: mufto e;J: ilJis iom domino COelori dederom, et quonta hoc phi! esl
quam edere!
SI Si Iv. I pr. 2; 16; 27; 2 pr. 15; 3 pr. 2; 11 ; 23 . 52 1974. 44: It{ ... ) Ihey could easily have been made 10 fill a small seroll or brochure.« 53 Siehe White 1996, 411 . 54 Siehe dens. 1914. 44 mit Ekispiekn. Letztere zwei Anen ""ffll~n auch oft rezitien (sieht: dazu Kap. 3.1). zumindest die consolationa aber aus GrOnden des Takts nur singuUlr Obermittelt worden sein.
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vielleicht den Umfang einer Silva erreichten. Diese Broscharen könnte Martial aus dem Fundus seiner aktuellen Dichtung zusammengestellt und individuell auf den Geschmack des Adressaten zugeschnitten haben . Auch die separate Publikation thematischer Zyklen, z.B. des Löwe-Hase-Zyklus aus Buch I (6; 14; 22; 48; 51; 60; 104), ist vorstellbar." Martial liefert einige Hinweise fUr die Plausibilität dieser These: Viele seiner Geleitgedichte, die ein Epigrammbuch dem Kaiser präsentierten, betonen - neben fUr Herrscherpanegyrik konventionellen Attributen wie Furchtsamkeit - die KUrze des Ubennittelten Buchs. Der Dichter wolle den mit den Regierungsgeschäften natürlich ungeheuer beschäftigten Kaiser nur mit einer kleinen Gedichtbroschilre behelligen: Mit epigr. 5.6 bittet MartiaJ Parthenius, Domitians Kammerer, jenem sein schüchternes, schrnaJes Buch (timidam brevemque chor/am, v. 7) in einer günstigen Stunde, wenn jener ihm wohlgesonnen ist, zu überreichen .S6 »MartiaJ's insistence that his books for the cmperor are only little books, in fact, difTers noticeably from the way he characterizes the books he intends for the public at large.«H Es ist nicht nur konventionelle Bescheidenheit gegenUber dem Princeps, die sich von MartiaJs sonstigem Selbstbewusstsein bezUglich seiner imperiumsweiten Bekanntheit und Geltung unterscheidet (s.u. S. 105): Das wUrde das Attribut brevis tur die libelli sowie die mehrfache Betonung der knapp bemessenen Zeit des Kaisers (12,11 ; 8,82) nicht befriedigend erklären . Auch epigr. 12,4(5) spielt auf des Kaisers (in diesem Fall: Nervas) aufgrund der Regierungsgeschäfte Obervollen Terminkalender an. Darin legt ihm der Dichter eine Kurzfassung seiner Bacher 10 und 11 vor: Longior undecimi nobis dedmique libelli artatus labor est et breve rasil opus. plura legant vacui. quibus otia tuta dedi sti : haec lege tu, Caesar: forsan el iIIa leges.
(epil!'. 12,4[5))
Martial hat also einen /ibel/us, eine Auswahl von Gedichten aus seinem Oeuvre, gezielt filr die Interessen bzw. Bedürfnisse eines bestimmten Adressaten zusammengestellt und diesem auf offenbar privatem Wege zukommen lassen. Man ist geneigt, von einer persönlichen »Best of«-Kompilation, einem Florilegium speziell für den Kaiser, zu sprechen. Zwar handelt es sich hier um einen ganz speziellen Adressaten und um einen Auszug aus schon veröffentlichten BUchern, den55 Nauta ist skeptischer und sieht nur wenige Anhaltspunkte rur die VorabObenniulung von thematischen Zyklen als Broschllren an den Kaiser. Außer dem LOwe-Hase-Zyklus kamen dafOr nur die IROckkehr-Epigramme( 8US dem Sannatenkrieg (Buch 8) und die Gedichte über den Her· kults-Tempel (9.64; 65 ; 101) in Frage (2002, 372-374). 56 Ganz IlhnJich: 12, I1 ,7: timidumque brevemque fibel/um; 8.24, I: timido groci/ique libelJo;
8.82, 1-2: [)OIlU tibi tlUhu querulru. Auguste, libellos 1/ nO! quoque quod domino carmina porva damus ... ; vgl. Wh ite 1996, 403. 57 Ebd.
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noch ist mit 12,4(5) erwiesen, dass es andere Formen der Publikation als die uns vorliegenden Gedichtbilcher gab. SI Dass diese libelli nicht nur, wie in diesem Fall, nach den Epigrammbüchern, aus denen sie schöpften, sondern sicherlich auch (und sogar häufiger) davor entstanden sind, legen Plinius' Zeugnisse ilber seine eigene Veröffentlichungspraxis nahe. Immer wieder fordert dieser in den Briefen seine Freunde auf, die mitgeschickten Reden, Traktate, aber auch unernsten, >leichten
58 Siehe Nauta 2002, 366-370, der di e Epigramme spect. 35 (31); 1,44; 45 ; 101 und 2,91 als Be leg<: herMz iehl. 59 Detailliert schi ldert Plinius den Korrekturvorgang seiner Werke in epist. 7, 17,7: Zuerst gehe er seinen Text sti ll ftlr sich durch; dann lese er ihn zwei oder drei Freunden vor; sp:Uer obermillie er den Text anderen, damit diese schriftlich ihre Anmerk.ungen anbrachten; zuletzt lese er einer größeren Zuhorerschaft vor - dies bringe ihm den größten Ertrag fUr die Velbesserung. Weitere Belege fIlrschriftliche Korrekrur. Plin. epist. 1,2 ; 1,8; 2,5 ; 5,12 ; 7,20; 8,21 ; 5.a. epist. 4, 14 u. 4, 18. 60 1974, 44 . Auch Martial fordert einmal (i n der spanischen Heimat) seinen Adressaten Priscus auf, Martials Gedichte diligenler aestimare et excutere, damit er s ie anschließend bedenkenlos nach Rom schicken konne ( 12 pr. 22-26). Zu der Frage, ob die praefatio rur Buch 12 konzipiert wurde oder einen informellen, speziell fUr PriSCU5 zusammengestellten libellus e inleitete, siehe Friedlaender I 65-67, 11 21 8 und White 1974, 45f. ; 1996, 405 sowie rur die bedenkenswerten Einwände Fowler 1995, 43 . 61 Vgl. Fo wler 1995, 38.
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Die Rezeption der Dichter mungsepigrammen kleinere, individuell zusammengestel lte Gedichtbroschüren einem Gönner oder eben dem Kaiser präsentiert haue, konnten sie in die quasi jährlich erscheinenden Epigrammbücher aufgenommen werden und dort noch eine zweite Funktion erfiUlen.62 Dasselbe lässt sich über Statius sagen: Er würdigte seine Adressaten erstens durch die ihnen direkt präsentierten Silven, zweitens berichtete er einer größeren Öffentlichkeit davon durch die Edition der Silvenbüeher. Zwei Einwände Fowlers sind allerdings bedenkenswert: Erstens könne die Behauptung mancher Epigramme poetische Fiktion sein, sie seien eine schnelle oder gar spontane Reaktion des Dichters auf aktuelle Ereignisse: almost by definition. an epigrarn is a short trifle dashed ofT rapidly in response to an event. It is important to note, however, that while this may actually be true of many epigrams, in principle it mayaiso be an example of the same sort of generic pretence that has Horace singing to the Iyre or Propertius composing outside his mistress's door. 6J Wenn deshalb Martial etwa in der prae!alio zu Buch 12 reklamiert, die Gedichte für Terentius Priscus paucissimis diebus geschrieben zu haben, dann muss dies nicht wörtlich zu verstehen sein. In den oben behandelten Epigrammen bzw. Silven scheint mir aus genannten Gründen aber keine (oder nicht ausschließlich) »generic pretence« vorzuliegen. Zweitens sind seine Beobachtungen über die Beziehungen und Wechselwirkungen benachbarter Epigramme in den uns vorliegenden Büchern natürlich gerechtfertigt und auch stichhaltig. 604 Dennoch schließen solche offensichtlich beabsichtigten Kompositionen Martials in den Epigrammbtichem nicht die Erstveröffentlichung der carmina in anderen Zusammenhängen oder zu anderen Anlässen aus: Vielmehr könnte der Dichter zu seinem schon vorhandenen (weil zu bestimmten Gelegenheiten gedichteten) Material bei der Konzipierung der EpigrammbOcher weitere Texte hinzu und gleichsam )drum herume gedichtet haben, z.B. 1,45 und 1,46 zu 1,44. Das bedeutet: Ein Teil der Gedichte hatte ein )Lebene vor der Aufnahme in die Epigrammbücher. ein Teil ist direkt für deren Herausgabe verfasst worden.
3.3 Die Epigramm- und die Silvenbücher" Die Vergangenheit dieser schon vorab veröffentlichten Gedichte konnte durchaus recht lang sein: MartiaIs Bitte an Parthenius, seinen fibellus dem Kaiser zu emp-
40.
62 Siehe dazu unten Kap. 3.3 )IDie Epigramm- und die Si lvenb!lcnenc Vgl. auch White 1974,
63 Fowler 1995.3 1r. 64 Z.B. Ober 1,44 bis 1,46: ebd. 43-45. 65 Siehe jetzt allg. zur Rolle des Buchs in Rom: Mazal 1999.
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fehlen ( 12,11 ), musste zum Editionszeitpunkt von Buch 12 schon einige Jahre alt sein, denn Parthenius wurde während Nervas Principat ennordet. Das Widmungsgedicht 12.2(3), das an den consul suffeclus des Jahres 101 , Martials Freund und Patron Stella, gerichtet ist, legt Buch 12 auf einen Veröffentlichungszeitpunkt nicht vor 101 fest. Es lagen also vier bis filnf Jahre zwischen der Abfassung der beiden Epigrarnme. 66 Die in den EpigrammbOchem Martial s versammelten Gedichte sind folglich nicht alle in einem kontinuierlichen, zusammenhängenden Arbeitsprozess entstanden. V.a. die Gelegenheitsgedichte für Patrone oder Freunde zu bestimmten Anlässen sind in den kleinen GedichtbroschOren oder durch Rezitationen erstveröfTentlicht worden. Ungeflihr ein Mal im Jahr gab Martial dann aus diesem Material (das aber - wie gesehen - auch noch älter als ein Jahr sein konnte) ein großes Buch heraus, das seinen Weg direkt in den Buchhandel nahm . Außer den Epigrammen an Patrone wird Martial die Gelungensten aus seinem Fundus ausgewählt haben, da das Epigrammbuch stets auch sein dichterisches SchafTen der letzten Monate (und Jahre) dokumentierte . FUr die Buchpublikation dichtete er zu den bestehenden Gedichten wei tere hinzu, die thematische Bezüge zu ersteren aufweisen und raffinierte, anspielungsreiche Arrangements innerhalb des Buchs ennöglichen konnten. Diese Anspielungen konnten auch durch die geschickte Gruppierung der schon vorhandenen Gedichte geschaffen werden.67 In 1010 umfassten die Bücher 1-1 2 je ca. hundert Epigramme (mit Abweichungen von zehn Prozent mehr oder weniger), sie waren also ungeflihr gleich lang. Martial hielt diese Länge für angemessen und zählte ihre VorzUge fü r den Leser und den Kopisten auf: Eine Buchrolle böte zwar Platz fllr 300 Epigramme, sed quis le ferre l perlegerelqlle. Nb" (2 ,1,2)'1" [n epigr. 1,66 deutet Martial an, dass er Werke in seinem scrinium habe (v. 512). Die könne er an jemanden verkaufen, der sich als Dichter mit fremden Federn schmUcken wolle; Martial werde es nicht verraten. Diese Spitze gegen einen ungenannten Plagiator ist natUrIich ironisch gemeint, sie macht aber klar: Martial hatte wohl jederzeit fertige Epigramme )in der Schublade<. Mit den EpigrammbUchern verwertete er einen Teil seiner Gedichte, die einer kleineren Öffentlichkeit, z.8 . bestimmten Zirkeln, schon bekannt waren, ein zweites Mal.69 Ebenso praktizierte es Statius, wie er in seinen praefationes mehrfach dokumentiert. Die si/vae 66 Siehe White 1996, 403, Anm. 12. Nauta venn utel jedoch. epigr. 12,11 sei posthum von einer anderen Hand in das zwölfte Buch cingeRlgt worden (2002, 438, Anm. 195). 67 Vgl. ebd. 406f. und Bumikell990. 222, Anm. 11 . 68 Vgl.a. White 1996, 404, Anm. 15. 69 Plin. epist. 7, 17,5 belegt, dass eine zwei- oder mehrstufige Form der Veröffentlichung seinerzeit eine SelbstverslAndlichkeit war: Supervacu um lamen esl redlare quae dixeris. Eliam, si eadem amnia, si isdem omnibus, si slalim reciles; si "erD mulla inseras mulla commules. si qurudum novos quosdum erudem sed post tempus odsumas. cur minus probobilis si/ causo reci/und; quue dixer/s quum edend;?
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waren ganz überwiegend Gelegenheitsgedichte rur einen Adressaten und jenem auf direktem Wege übennineh, ob nun schriftlich oder mündlich. Auch er wählte eine gewisse Zeit später die zweite Ebene der Publikation, indem er die Silven einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machte und in den einfUhrenden Vorreden regelrecht vorstellte, inklusive der Entstehungsgeschichte und (manchmal) der Reaktion des Adressaten. Die Silven waren filr Statius nur ein literarisches Nebenprodukt (neben seiner epischen Dichtung), gelegentlich vielleicht eine nicht immer angenehme Ptlicht. 70 Die Publikationszeitpunkte ergaben sich eventuell aus dem angesammelten Material : Wenn sich genügend würdigungswerte Gelegenheiten ergeben hatten, er also eine ausreichende Zahl von Gedichten beisammen haue, so dass sie ein Buch fUllten'l und inhaltlich wie künstlerisch zueinander passten. gab er sie heraus. Möglicherweise nahmen aber auch die adressierten Patrone Einfluss auf das Editionsdatum. Das Ziel, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden, verfolgten nicht nur die Autoren, an einer weiten Verbreitung der schmeichelnden Gelegenheitsgedichte hanen auch die Adressaten ein Interesse. Martials und Statius' Anspielungen auf eine Herausgabe ihrer BUcher durch Freunde bzw. Patrone können daher njcht überraschen. Statius fordert den Melior auf, die Werke des zweiten Buchs zu veröffentlichen, fall s sie ihm nicht missfallen haben (si tibi non displicuerinl. a te publicum occipionl, 2 pr. 27f.). Martial weist zweien seiner Bücher den Weg zu Gönnern, die diese verbreiten solJen.7Z Welche Funktion die Patrone bei der Publikation allerdings genau hanen, ist schwer zu sagen. Vermutlich werden sie in erster Linie finanziell beteiligt gewesen sein. Auch der Einsatz von persönlichen Kontakten ist denkbar, nichtsdestoweniger natilrlich spekulativ. Welche Ziele können die Dichter mit der Publikation der Gedichtbücher verfolgt haben? - Erstens konnten sie mit der Abgabe ihrer Bücher an den Buchhandel Geld verdienen; Martial spricht davon auch gelegentlich. Ob der Buchverkauf lukrativ war und wie er funktionierte, soll im folgenden Kapitel (» Vertrieb durch den Buchhandel«) erörtert werden. Zweitens - und dieses Ziel dürfte das wichtigere gewesen sein - ging es darum, einer breiten Öffentlichkeit bekannt und von ihr gelesen zu werden. Das wird in Kapitel 3.5 »)Breitenwirkung« thematisiert .
70 Was nicht bedeutet, dass tr sich der Aurgaben im Stile ti nt r Pflichtübung entledigte, wie Canciks UnternJchungen zu Statius' lyrischer Kunst in den silvae zeigtn. 71 Dit Silvenbocher sind in ihrer jeweiligtn Lange den EpigrammbDchem erstaunlich Ahnlich . 72 Man. 3.2,6ff.: 7,97.13: uni mitteris, omnibus legeris. Siehe auch K. Dziatzko. Buch. RE 3, 1 ( 1897) 967.
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3.4 Vertrieb durch den Buchhandel" Wenig weiß man darüber, ob und inwiefern ein Autor durch die Publikation sei· nes Buchs Geld verdienen konnte. H. Blanck meinte, dass es ein »Autorenhono· rar, das der Verleger heutzutage zahlt,« in der Antike nicht gegeben habe, Sher· win·White vermutete, der Verleger habe eine Pauschalsumme tur das Recht auf Vervielfltltigung gezahlt und damit die Eigentumsrechte an dem Buch erworben. u R. Nauta hielt dagegen, dass es in der Antike kein Urheberrecht gab Wld sich da· her mit Büchern nicht viel Geld verdienen ließ. 7J Martials ständiger Kampf gegen Plagiatoren stützt diese These. Tatsächlich scheint Martial an dem Verkaufspreis seiner BUcher im Laden nicht besonders interessiert gewesen zu sein: Er treibt sein poetisches Spiel mit der Erörterung, ob eine in Purpur gebundene MartiaJ· Ausgabe tUnf Denare wert sei Wld lässt offen, o b er damit die Qualität seiner Dichtung oder den Preis fUr diese Ausgabe meint. 76 Der Vertrieb bzw. Verkauf der BUcher scheint nur beim Buchhändler gelegen zu haben, denn auch Plinius war damit offensichtlich nicht befasst. 71 Der Verkaufserfolg ihrer BUcher dUrfte fUr die Autoren nicht in erster Linie fi· nanziell interessant gewesen sein: Für einen gut situierten Senator wie Plinius wird das ohnehin keine Rolle gespielt haben, aber auch tur Martial, der, ohne ann gewesen zu sein, dennoch auf sein monetäres Auskommen zu achten hatte, dorfte die Buch·Edition eher indirekte finanzielle Auswirkungen gehabt haben. Das ver· öffentlichte Buch konnte allgemein seinen Ruhm Wld seine Bekanntheit steigern. Daraus ließ sich tur ihn der konkrete Nutzen ziehen, dass er tur potenzielle GÖn· ner interessant wurde, mit denen er dann in ein Verhältnis des (ideellen, poeti· schen) Gebens und (materiellen) Nehmens eintreten konnte . Zu diesen potenziei· len Gönnern zählte vielleicht auch der Kai ser. (Dass Ruhm und Bekanntheit Hir jeden Autor natürlich auch einen Wert an sich darstellten, wird im folgenden Ka· piteI 3.S erörtert werden.) Schwierig ist es auch, genaue Angaben Ober die Auflagen von BUchern zu ma· ehen . Eintausend Exemplare scheinen eine große Auflage gewesen zu sein, wie eine Nachricht des Plinius nahe legt." Sicher ist, dass die Zahl lesender Men· sehen, wenn auch immer noch eine Minderheit, Ende des 1. und während des 2. Jahrhunderts so hoch wie nie zuvor und danach in der Antike war, so dass der Buchhandel eine entsprechende Blüte erlebte.79 Diese Blüte wird durch die Viel· zahl von Bezügen in der Literatur der Zeit unterstrichen. Ähnlich häufig wie Mar· 73 Siehe zum römischen Buchhandel allg. Blanck 1992, 120-129. 74 Blanck 1992, 128; Sherwin- White 1966. 91. 75 Nauta 1997, 449. Vgl. van Groningen 1963, 4. 76Epigr. I, 117;s.a. 13,3. 77 Plin. episl. 9, 11,2; 1,2,6. Vgl. Sherwin-White 1966, 91 . 78 Plin. episl. 4,7.2. 79 Siehe G. Camsssa I F. Hild. Buch. DNP 2 ( 1997) 8 13f.
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tial und Plinius erwähnt in der antiken Literatur nur Gellius diesen Themenkomplex. 80 In epigr. 1,117,8-17 beschreibt Martial mit einiger Genauigkeit das Innere eines Buchladens. Neben Statius' scherzhaftem Verweis auf die capsa eines armen IibelJio steht das Zeugnis Dions vo n Prusa, der die betrügerischen Praktiken gewisser Buchhändler geißelt : Sie wOrden aktuelle Exemplare in Mehl legen, damit sie alt aussähen und so dem Händler größeren Profit brächten." Durch die gehäuften Zeugnisse kennen wir auch eine Reihe von Verlegern und Buchhändlern namentlich. Schon diese überdurchschnittlich große Zahl von Belegen ist ein Indiz fUr die gestiegene Bedeutung des Buchhandel s am Ende des I. Jahrhunderts.12 Eine Errungenschaft des entwickelten Buchhandels war es, dass zumindest »innerhalb der )Elite< der Eindruck bestand, publizierte Texte seien, sobald sie von ihrem Autor publiziert worden waren, prinzipiell verfiigbar gewesen«I). Anders häHe der bei Plinius, Martial und anderen häufiger zu findende Anspruch, fur »alle« oder allgemein »die Menschen« zu schreiben, keinen Sinn ergeben." Ein derart ausgedehnter Buchhandel wäre wirtschaftlich nicht lebensfähig gewesen, wenn nur die aristokratische Elite, mithin die Schicht, aus der die meisten uns bekannten Literaten kamen, gelesen und sich die Tex.te untereinander zum Abschreiben zur Verfügung gestellt hätte." Dem - relativ - verbreiterten Publikum trug auch eine Vielfalt unterschiedlich ausgestatteter und damit verschieden teurer Buchausgaben Rechnung: Neben der Prunk-Ausgabe Martials für fOOf Denare (1 ,117,17) gab es auch die kompletten Xenien in gracili Iibello, einem Pcrgamentkodex, filr vier oder zwei Sesterzen (1 3,3,1-4) und Statius unterstellt dem Plotius Grypus scherzhaft, ein Buch rur plus minus ein gaiani sches As gekauft zu haben (silv. 4,9,22). Mit der größeren Rolle des Buchhandels ging seine weitere räumliche Ausdehnung einher. Schon Horaz und Ovid, verstärkt dann Martial hornen bzw. brOsteten sich damit, dass sie in der )ganzen Welt <, im gesamten Imperium Romanum , gelesen würden. 16 Das war nur bei einem entsprechend weit verbreiteten Buchhandel 80 Neben den genannten Stellen noch: Man. 1, 11 3: 1,2,5-8; 4,72. Plin. epist 5, 10,3. Gell .: z.B. 18,4, 1; 2,3,5; 5,4. 1. 81 Stal. silv. 4,9.20-23; Dion Chrys. 21 , 12. 82 Manial prlscntien als Buchgeschenke mehrfach Pergamentkodizes, neben der in epigr. 1,2 erwähnten )Tasc henbuchausgabel auch die Pergamenlausgaben von Homer, Vergil, Cicero, Livjus und Ovid in einer Serie von Epigrammen in den Apophorela (14, 184; 186; 188; 190: 192). Blanck sieht darin Anzeichen dafUr, dass »von Dichtem wie Man ial und seinem Buchhandler Secundus in Rom versucht wurde, die neue Buchfonn zu lancieren. und zwar nic ht nur fUr Ausgaben der eige. nen lilerarischen Produktionli, allerdings wohl zunllchst nur mit geringe m Erfolg ( 1992, 99). 83 Eich 2000, 70t: 84 Plin. epist. 6, 16,22; 5,3. 11 ; 7. 17, 15; 3, 18.9; Man. 7,97, 13 . Vgl. Anm. 89 und 90. 85 S. dazu Eich 2000, 76f. mit weiteren Belegen. 86 HOf. cann. 2,20, 13-20; Ov. trist 4,9, 15-24: Man. 1, 1; 8,6 1.3 ; 10,9. Aufden Wllnden von Pompeii finden sich Zitate von Vergil, Properz und Ovid. Vgl. Walther Kraus, Ovidius Nr. 3 ("'P. Ovidius Nasa), RE 18,2 ( 1942) 1978 u. Cavallo 1999. 69.
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realistisch. Ovids Exi ldichtuog war wie selbstverständl ich vom Schwarzen Meer nach Rom gelangt. Plinius berichtet, Aquilius Regulus habe die Gedenkschrift auf seinen verstorbenen Sohn per 10lom ltaliom provinciasque verschicken lassen, Martial will erfahre n haben, dass se ine BUcher nach Vienne, Britannien und bi s zum getischen Kriegsschauplatz gelangt seien, Plinius hat Kunde von seinen Schriften in den Buchläden Lyons und Gellius kaufte im Hafen von Brindi si etli· ehe griechi sche BOcher.11 Mit der Ausdehnung und der gewachsenen Bedeutung des Buchhandels sowie der gestiegenen Zahl von Icscnden Menschen im Römischen Reich hatten Autoren wie Marti ni und Statius die theoreti sche Möglichkeit, ein größeres Lesepublikum als die augusteischen Dichter zu erreichen.
3.5 Breitenwirkung Martials Wissen" darum, dass er von einer nicht unbeträchtlichen Leserschaft rezipiert wird, klingt immer wieder an . Oft, um seine Dichtung einem Adressaten zu empfehlen, gelegentlich, um sie gegen Angriffe zu verteidigen, betont er, dass sie allgemei n gelesen und vielfach geschätzt werde." Geradezu topischen Charak· ler erhält die Aussage. sua Roma oder gleich 1010 Roma rezipiere ihn. 90 Dass Martials BUcher auch in verschiedenen Regionen außerhalb der Hauptstadt kursierten, wurde schon erwähnt; der Raeter im Vindelikeriand rezitiere ihn, im ganzen Nor· den sei sein Name bekannt, in allen Städten (per oppida) des Reiches und Uber· haupt: 1010 legor orbe jrequens. 91 Selbstverständlich sind viele dieser Aussagen dichterische Übertreibungen. Manials Prahlerei, er sei toto nollls in orbe, zu Begi nn von Buch 1, als er gerade einmal das Buch der Schauspiele, die Xenia und Apophorela publi ziert hatte, ist vermutlich nicht frei von Ironie gewesen .'~l Diese Art von Übertreibungen und Ironie ist aber nie wirkungsvoll ohne e inen wahren Kern oder die theoretisc he 87 Plin. episl. 4,7.2: 9,11 ,2: Man. 7,88: 11 .3,\-5; s.a. 7,&4 .3 ; Gell. 9,4.1-5. Vgl. Blanck 1992. 127. 88 Eich 2000. 63 bemQht sich mil Rechl. »sinnvolle Amwonen aur die Frage zu finden , welche Eindrocke und Erwanungen antike Autoren bcztlglich der Reichweile von Lileratur und deren gesellschnftlichem Slel1enw::n zu erkcnr,en geben. ( ... ) Eine bestimmlt: kollektive Wahrnehmung ist als solche eine historische RealilAt. und sie ist speziell fllr die ( ... ) Frage nach publizistischer Kommunikation von grOßerem Interesse als nackte Zahlen. Wicht iger als das/actllm brlltllm. daß bspw. eine bestimmte Anzahl Personen ein beslirrumes Buch gelesen hal. ist die subjektive Vorstellung des Autors datObcr, wen er mit einem Text ansprechen kann, ob er etwa glaubt, lseine Freundel oder lseine Zeilgenossenl zu erreichen.« 89 Epigr. 4,49.10; 9.81 ; 3.9; 3,95.7: 6,82,5; 8,3,4 . In 10.2.5-8 bezeichnel Man ial seine Leser als opeJ nentrae. Er emwickeh hier also ein Bewusstsein rur den Leser allgemein. Seine Schmeicheleien gegenobcr den Rezipienlen halten sicher einen ideellen genauso wie einen finanziellen Hintergrund; vgl. White 1974.59. 90 Epigr. 6,60; 7.97. 11-13; 5,16,3; 9.97,2; 12, I t ,8. 91 S.o.; Man. 9.&4.5r.; 3.95.7f.; Zitat 5, 13,3. Siehe Cavallo 1999, 69. 92 Siehe dazu Holzberg 1988, 92.
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Di~
Rneption d~r
Dicht~r
Möglichkeit, dass Derartiges zutriffi. Zudem benennt Martial an anderen Stellen konkret seine Rezipienten : Die fUhrenden Männer der Hauptstadt und des Forums (proceres urbisque [orique), seine Gönner Silius Italicus, M'. Aquilius Regulus und L. Licinius Sura und sogar der Kaiser verschmähten es nicht, ihre Aufmerksamkeit seiner Dichtung zu widmen (epigr. 6,64,8-15). Martials Stolz, dass seine Epigramme am kaiserlichen Hof gelesen werden, klingt auch aus epigr. 7,99,3-4. Auch scheinen mir die präzisen örtlichen Angaben, Vienne, Britannien, Raetien, die untere Donau (s.o.), den Tatsachen zu entsprechen. Martial bezeugt uns sowohl eine örtliche als auch eine soziale Breitenwirkung. Man las ihn in Rom genauso wie im Reich und seine Leser waren nicht an ei ne spezifische Bevölkerungsgruppe gebunden. Er dichtete nicht nur filr die gebildete senatorische Oberschicht in Rom - das zeigte bereits das breite Publikum der ö ffentlichen Rezitationen. In epigr. 13,3 empfiehlt der Dichter seine Xeniensammlung einem Leser als Gastgeschenk, fall s dieser so selten wie Martial selbst ein Geldstück habe (v. 6). Er hat also einen Leser im Blick, der so arm ist, wie Martial sich gerne gibt. Das fllnfte Buch widmet er, in Abgrenzung zu den vier vorangegangenen, den malronae puerique virginesqlle. also nicht dem ganz typischen Adressatenkreis; Buch 12 istpopu/o patribllsqlle eqllilique bestimmt.' ) Und hinter Formulierungen wie »die ganze Stadt« darf man wohl schon eine gewisse soziale Streuung der Leser vermuten . Die Erklärung fUr die gesteigerte Breitenwirkung'" ist nicht so sehr in veränderten technischen Möglichkeiten zu suchen, denn d er Siegeszug des Pergamentkodex stand trotz Martials Bezügen darauf noch bevor." Vielmehr ist schon im Verlauf des I . Jahrhunderts eine Wandlung des traditionellen Zielpublikums fUr gehobene Literatur zu beobachten. Am Ende des I . Jahrhunderts hane sich eine neue )Mittelschicht< von Lesern gebildet, bei der die leichte Dichtung Martials Anklang fand: »( .. . ) there was a public of new readers distinct from both the highJy educated circles of literati and teachers and from the unc ultivated masses, a mid-range public that even included some members of the lower c1asses.«(96 G . Cavallo zählt zu dieser kulturell inhomogenen Gruppe hohe Militärs ebenso wie Kaufleute, gebildetere Landbevö lkerung genauso wie wohlhabende Parvenüs und [aei/es puellae.91 Die Bildung dieser Gruppe genügte vielleicht nicht fUr )hohe< Poesie, sehr wohl aber fUr die Themen Martials. Der Spanier veröffentlichte deshalb mehrere Epigrammbücher zu den Saturnalien, weil ihm dies der geeignete 93 Man. 5.2,1-5; 12.2(3), 15: vgl. Wh ite 1974, 59 u. Cavallo 1999, 83 . S.a. Man. 11 ,24,6-8. 94 Siehe auch Cavallo 1999, 69f.: ~An increase in reading in the Roman warld ( ... ) between the first and the third centuries AD i5 an accepted fact . It is demonstrated (among other waY1) by the use of scenes of reading in frescoes, mosaics and scutpted reliefs with a frequency too high to be attribut~d to an iconographic stereotype atone.« 95 Siehe oben Anm. 82. Dazu Cavallo 1999, 83-89. 96 Cavallo 1999, 69. 97 Ebd. 77.
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Zeitpunkt rur leichte Literatur schien.98 In dem Maße, wie miniere und niedere Gesellschaftsschichten mit ihrem Alltag in die lateinische Literatur vordrangen vor Martial schon bei Petron -, könnten sie auch mehr und mehr Interesse für diese Dichtung entwickelt haben, sofern sie lesen konnten. Oder sollte der Alltag von Rittern, Handwerkern oder Freigelassenen thematisiert worden sein, ohne dass diejenigen diese Literatur auch rezipierten?99 Die Verbreiterung des traditionellen Zielpublikums hane neben der sozialen auch eine lokale Dimension: Noch Ovid etwa hatte sich in der Exildichtung als der in Tomis von seinem Publikum gewaltsam getrennte und damit der Inspiration entbehrende Dichter stilisiert. Er hatte seine Rezipienten also ausschließlich in Rom veronet. Zu seiner Zeit hatte die gebildete senatorische Oberschicht eine stabile, kohärente kulturelle Elite verkörpert, ftlr deren kleinen Kreis von Mitgliedern die Autoren geschrieben hatten und der in Rom in der Regel durch mündlichen Vortrag erreichbar war. In the first century AD, that elite is no longer in political control, no longer visible at the centre of cultural life; the serious writer's potential audience is fngmented within a new sodal structure, and scanered physically - not me rely within a huge metropolis, but throughout a vast Empire. Potentially, the audience existed ; it was, by any reckoning, a large audience j but the o nly effective way to reach it was by publicalion and the distribulion ofindividual copies. Manial seems to have been one ofthe few to realize this. loo
Selbstzeugnisse von der Breitenwirkung, wie wir sie bei MartiaJ häufig finden , fließen bei Statius spärlicher, aber es gibt sie auch. In seinem Geburtstagsgedicht auf Lucan zählt er - noch vor den Rittern und Senatoren - sepfem iuga Martiumqlle Thybrim, poetische Metapher fllr' >ganz Rom<, al s dessen Rezipienten au[ 101 Die einzige Infonnation, die er uns über seine eigenen Rezipienten liefert. besagt. dass es unter diesen welche gebe. die ihn dafür getadelt hätten, dass er mit den ersten Silvenbüchem ein Werk in diesem (nicht-epischen, also niedrigen) Stil ver98 Ebd. 77 u. 79 .
99 S.a. Eich 2000, der die These, dass der Leserkreis von Bnchem deutlich nber die aristokratische Oberschicht hinausging, mit Belegen aus Cicero, Plinius d. Ä.. Horn, Juvenal u.a. stntzt: Aus diesen geht hervor, dass auch Handwerker (opijices), das humile vufgus und Habenichtse BOcher lasen und besaßen (So 79(.). »Es h31 demnach den Anschein, als ob eine deutliche Trennung der rOmischen Gesellschaft in aristokratische Bncherleser und eine mit Papyrustexten nicht venTaute IMasse( (die tatsachlich sozial nicht homogen, sondern, soweit man wenigstens die Besitzverhlltnisse betrachtet, stark differenzien war) sich nicht ohne weiteres aus den Quellen ablesen ließe. Es macht m.a.W. erhebliche Schwierigkeiten, eine soziale Usur zwischen Lesern und Nicht-Lesern zu setzen, vor allem deswegen. weil sie von den amiken Autoren nicht deutlich empfunden wurde.« (S. 81 f.) - Natürlich haue dieser Prozess der sozialen Ausweitung des Leserkreises Grenzen. Dass aber im Vergleich zur augusteischen Zeit eine Ausweitung stattgefunden hat, ist wohl unstritlig. S.8. oben S. 105. 100 Quinn 1982, 164f. S.a. Cavallo 1999, 68f. 10 I Si lv. 2,7,43ff.: »(. ..) non tu flumino nec greges /erarum /1 nec plectro Geticas movebis ornos, 11 sed septem iugo Mortiumque Thybrim 11 et doctos equires er eloquente 11 conlu purpureum trohes senotum.«
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öffentlicht habe. lOl Eine solche Kritik war am ehesten von denen zu erwarten, die die klassische Ausbildung genossen hatten und den traditionellen literarisch· kulturellen Wertvorstellungen anhingen, also von Senatoren. Indes wird auch er durch öffentliche Lesungen und den Buchhandel ein ähnlich breites Publikum wie Martial erreicht haben. Das gi lt wohl in erster Linie fllr seine Epen, seine wich· tigsten Werke, die seinen Ruf begründeten. Den Silvae wird er selbst nicht dieselbe Bedeutung beigemessen haben, aber auch sie si nd veröffentlicht worden. In den praefa,iones erläutert Statius, wie schon erwähnt, den Lesern, die mit den jeweiligen Adressaten und Anlässen nicht veruaut waren, die Entstehungsgeschichten der einzelnen Silven. Er bezeugt also indirekt, dass die Publikation in Buchform auf einen größeren Adressatenkreis zielte. P. White vertrat die Ansicht, dass Statius anders als Martial auch mit der Buchpublikation der Silven nur auf eine kleine Gruppe von Patronen zielte. Die Einleitungsbriefe seien »extremely self-conscious compositions«, die als schmeichelnde Grußworte an einzelne Patrone sich nur in diesem engen Zirkel bewegten. Nach der Adressierung der einzelnen Silven an die Gönner sei es bei der Veröffentlichung in Buchform noch einmal um dasselbe Ziel gegangen. IOJ Dieser Argumentation ist entgegenzuhalten, dass die prae!ariones ja gerade die Funktion haben, die Silven einem größeren Leserkreis vorzustellen. Zudem scheint mir die zu derjenigen Martial s analoge VeröfTentlichungssituation, bestimmt durch die Institution der öffentlichen Rezitationen und die Ausdehnung des Buchhandels, rur eine zumindest ähnliche Breitenwirkung der Silven und Epen zu sprechen. Martial und Statius trugen dem veränderten Ziel publikum Rechnung, denn ihre Praxis, in kleineren Kreisen oder Gruppen schon bekannt gemachte Gedichte in gewissen Zeitabständen gebündelt ein zweites Mal zu publizieren, hahe eine neue Qualität. Trotz aller Steigerungen der Zielgruppen blieb das lesende Publikum immer noch eine Minderheit (wenn sie auch durch das Rezitationspublikum größer wurde): »Not millions, not even hundreds of thousands, perhaps at the height of Roman ci\lilization no more than a few tens ofthousands.((lo.
3.6 Resümee: Die Rezeption der Domitiangedichte Auf welchen Wegen kommunizierten die Dichter mit dem Kaiser? Und mit weichen der aufgezeigten Publikationsformen konnten die Dichter möglicherweise der Expression Domitians dienen? - Das folgende Fazit unterscheidet zwischen der pri\laten Kommunikation \Ion Autor und Herrscher, an der allenfalls der kaiserliche Hof teilhane, und einer zweiten, öffentlichen Ebene, zu der prinzipiell 102 Sitv. 4 pr. 26f.: qui reprenenderunI, 11I Qudio. quod noc sliIi genus edidissem. 103 1974,6Of. 104 Cavallo 1999, 69.
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jeder im Reich Zugang oder zumindest die theoretische Möglichkeit des Zuganges hane. Es berucksichtigt, dass fiir die Darstellung der Herrschaft keineswegs nur die auf den ersten Blick panegyrischen Gedichte in Frage kamen. Es behandelt zunächst die mündliche Publikation, ehe es zu den schriftlichen Veröffentli· chungsarten der Dichtung übergeht. Für Manial ist kein mündlicher Vortrag seiner Dichtung am Kaiscrhofbezeugt. Statius rezitierte silv. 4,2 beim Gastmahl im Palast. Gesichert sind außerdem seine Auftritte bei den musischen Agonen der Mincrvaspiele in Domitians Villa bei Alba: Statius trug (mit Erfolg) in einem erweiterten höfischen Ralunen panegyrische Dichtung über die Germanas ades und Daca ... proe[ia Domitians vor. lOS Hier wie bei den kapitolinischen Spielen zählte der Kaiser zu den Zuhörern: Daher boten beide Veranstaltungen Gelegenheiten sowohl zur Kommunikation zwischen Herrscher und Dichter als auch zu einem Beitrag zur Herrschaftsdarstellung durch die Autoren. Ebenso wie bei den öffentlichen Rezitationen, denen der Kaiser vie lleicht gelegentlich, aber gewiss nicht immer beiwohnte, war das Publikum der Capitolia größer und offener als in Domitians albanischer Villa.106 Je stärker die Veranstaltungen auf die breite römische Öffentlichkeit ausgerichtet waren, desto unwahrscheinlicher ist es wohl, dass vorwiegend panegyrische Dichtung vorgetragen wurde. Juvenal berichtet von der Rezitation der Thebais , nicht der Silven. und sicher wollten und sollten die Zuhörer dabei v.a. gut unterhalten werden. Gleichwohl lei stete die Thebais beides, Unterhaltung und auch Panegyrik. (Bei den Si lven war der Akzent auf dem Herrscherlob hingegen eindeutig stärker.) Martial wird das Enlerlainmenl am ehesten mit seinen Bonmots oder Zoten erreicht haben. Wenn er ein ganzes Epigrammbuch während eines Essens rezitierte, dann ist auch dessen öffentlicher Vortrag nicht ausgeschlossen. Dann wird er vielleicht panegyrische Epigramme unter die anderen eingereiht haben, ohne sie dominieren zu lassen. Aber auch ohne explizit panegyrische Dichtung dienten die öffentlichen Lesungen dem Kaiser: durch die Präsentation hervorragender Dichtung, deren Ruhm auch auf ihren Förderer und Garanten, den Kaiser, abstrahlte, und einfach dadurch, dass sie das Publikum gut unterhielten - damit Obcmahmen sie eine ähnliche Funktion wie die Feste und Spektakel: Wenn es stimmt, dass die öffentlichen Rezitationen Teil des jährlichen domitianischen )Event(-Kalenders wurden, dann ist es kein Zufall, dass Domitian in das Programm der kapitolinischen Spiele die musischen Agone aufnahm. Diese erfiilhen dann dieselbe Funktion wie die regelmäßigen öffentlichen Lesungen.
lOS Slat. silv. 4.2,65-67; vennutlich trat er mit Auszogen aus seinem Epos lk bello Germonico auf f'Ur ein Gedicht Ober die Dakerlcriege haben wir keinen Beleg. Vgl. Coleman 1988, xvii, Anm. 13. Siehe auch silv. 3,5.28-33 und 5,3.227-229. 106 Vgl. Nauta 2002. 329.
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Die öffentlichen Auftritte der Dichter boten also eine Plattfonn zur expression de la majesle, ebenso wie die anderen Instrumente der Herrschaftsdarstellung, die als Veranstaltungen filr die breite Masse räumlich auf einen Ort und zeitlich auf einzelne Tage oder Wochen beschränkt waren und ständig wiederholt werden mussten, also Feste, TriumphzUge oder Spiele. Deren wichtigste Botschaft lautete: Der Kaiser hat es ennöglicht. Genaue Angaben Ober die GrOße des Publikums bei den redlaliones zu machen, fällt schwer. Stellt man allerdings Vennutungen aufgrund der Größe der Kaiserforen und des Odeons an, dann könnte schon nach einer relativ geringen Zahl von Rezitationen ein größeres Publikum erreicht worden sein als mit der Auflage eines Buches, die mit tausend Exemplaren wohl schon recht groß war.107 Das zeigt, dass die öffentliche Autorenlesung, die als Ereignis an sich eine Botschaft verbreitete, eine rur die plebs urbana sehr große Bedeutung hatte, wahrscheinlich größer als die des im Buchhandel vertriebenen Buchs, dessen Rezipienten sich aus den verschiedenen maßgeblichen Sektoren rekrutierten. Deutlicher als die mündliche lässt sich die schriftliche Fonn der Publikation in zwei Stufen unterteilen : Zunächst kommunizierten die Autoren via einzelne Gedichte oder individuelle Gedichtzusammenstellungen mit dem Kaiser, der ihr alleiniger Adressat war. Martial schickte dem Kaiser libelli, individuell rur den Herrscher zusammengestellte GedichtbroschOten . Vennutlich tat er dies immer wieder einmal. Bei den Gelegenheitsgedichten ist eine enge zeitliche Nähe zu den jeweiligen Anlässen anzunehmen. Auch fUr Statius deutet alles auf schriftliche übenniulung der Silven an Domitian (mit Ausnahme von si lv. 4,2) hin .,o. ln der Vorrede zum vierten Buch rechtfertigt Statius die Herausgabe der Silven in Buchfonn U.a. damit, dass er »viele« der Silven der ersten drei Bücher schon dem Kaiser präsentiert habe : mulla ex UUs iam domino Caesari dederam (4 pr. 27-29). Indes sind nur silv. 1,1 ; 1,6 und 2,5 Domitian gewidmet und haben seine Errungenschaften und Leistungen zum Thema. Reichen drei Gedichte fUr die Bezeichnung mulla? Vielmehr könnte das ein Indiz dafUr sein, dass Statius auch weitere. nicht panegyrische silvae dem Kaiser übennittelte. I09 107 Siehe oben S. 103 m. Anm. 78. 108 Mil den Verben IrQder~ und dedicQr~ kOMte Statius nicht die mUndliehe Kommunikalion der Silvcn bezeichnen: 5.0. S. 90. 109 Coleman bezeichnete es als . social convention~. dass die Dichler ihre Werke dem Hof zur PnlfuJlg zusandten (1986, 3101); Stalius' Zeugnis zeige, dass IIlhe coun ~view entailed a crit ical appraisal. (3102). Dieser Positlon vermag ich nicht zu folgen ; außer dieser Slaliusnachrichl (4 pr. 27-29) haben wir keine Hinweise. dass auch die nichl an den Kaiser adressiene Literatur dem Hof zur Pnlfung vorgelegt werden musste und ~lIrde. M.E. deule! Statius' Zeugnis keineswegs zwin· gend auf elwas wie eine kaiserliche Zensur im Sinne einer KonlrollinSlanz Rlr alle publiziene Lileratur hin. Warum will Statius dem Kaiser nur multa und nicht alle Silven vorgelegt haben? Auch Manial belegt in epigr. 1.4.7 nicht das Gegen!eil: Er beton! lediglich. dass seine innocui lusw nicht Domitians Politik als Zensor. die auf die Hebung der moralischen Verfassung der Ge· seilschaft ahzlelte, zuwiderlaufen. Vgta. Naula 2002, 374.
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Di~ R~ztpt ion d~r Dichl~r
Mit der gelegentlichen Iibellus-Zusendung konnten Martial und Statius (wie durch eventuellen mündlichen Vortrag am Hof) ihre Rolle als Klienten des palronus Domitian spielen. Deshalb werden sie ihre dem Kaiser gewidmeten Gedichte auch tatsächlich übermittelt und eine derartige Kommunikationssituation nicht nur simuliert haben. Denn als renommierte Schriftsteller und zugleich Klienten konnten sie fUr ihre Patrone von ganz besonderem Wert sein. Folgerichtig spielten sie in der Kommunikation Klient - Patron ihre Qualitäten aus und ehrten den Patron, in unserem Fall den Kaiser, mit ihrer KunSt. IIO Einen zweiten Dienst am Kaiser und den anderen Patronen leistete die Herausgabe der Gedichte in Buchfonn. Die Gedichtbücher erfilliten den Zweck, breitere Publikumsschichten von der mündlichen und schriftlichen Kommunikation und Interaktion zwischen Kaiser und Dichter zu infonnieren.11I Z.B. bittet Martial in epigr. 2,91 den Princeps um die Verleihung des Dreikinderrechts und im nächsten Epigramm folgt der Dank fUr dessen Gewährung. DafUr wurden die Gedichte aus ihrem ursprünglichen kommunikativen Kontext herausgenommen, wie sich beispielsweise an den Geleitgedichten fUr Präsente oder dem wiederholten Auftreten des Wortfelds recitQre zur Beschreibung der Veröffentlichungsart zeigen lässt. Ihre Zweitverwertung in Buchfonn hatte fUr den Autor neben der Vennehrung seines Ruhmes und seiner Prominenz vor einer breiteren Öffentlichkeit und einem eventuellen finanziellen Nebenaspe:kt den Vorteil, dass sie dem Publikum das Klientelverhä1tnis zwischen Herrscher und Schriftsteller dokumentierte. Allein durch die öffentlichen Rezitationen erreichten die Literaten eine größere, fUr die kaiserliche Herrschaftsdarstellung relevante Menge von Untertanen, nämlich die Hauptstadtbevölkerung.111 Bei diesen Veranstaltungen aber stand die Unterhaltung des Publikums im Vordergrund, die Panegyrik spielte, wenn sie auch nicht gänzlich gefehlt haben wird, eine untergeordnete Rolle. Das Buchwesen dagegen war trotz aller Fortschritte, die auch Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten mit dem Lesen in Berührung kommen ließen, Ende des 1. Jahrhunderts noch zu unbedeutend, um rur den Kaiser Inhalte seiner Expression effektiv transportieren zu können.111 Die Breitenwirkung der Münzen und Statuen, des Bauprogramms, des Kults und des Euergeti smus war deutlich größer, v.a. bei den Zielgruppen, auf die es Domitian besonders ankam : Mit der Literatur erreich110 Das wirft di~ Frag~ aur, in w~lchem Sinn di~ Dichler clienla des palrOllw Kaiser waren. W~lch~ Bedeutung und w~lche Kraft hatt~ ~in~ d~nutige Kli~lelbezi~hung !'lOCh'? Diesen AspekI~n soll im rolg~nden Kapil~1 4 IlDomitian als Patron der Dicht~r. nachg~gang~n w~rd~n . 111 Vgl. dam allg. Whil~ 1974, 48r., der die publizi~n~n GedichtbOch~r nicht filr »thc primary or most dfectiv~ mock or presentation. halt. 112 Es iSI d~nkbar, dass di~ AUloren auch außemalb Roms rczili~rt haben. W~nn Manial von sich sagl, im g~samt~n Imperium g~lesen zu w~rd~n, dann sind auch mündlich~ Dichlungsvonrag~ bspw. in Munizipj~n vorsl~lIbar. Von Stalius sind uns R~isen, z..B. nach N~apel, bekannt, aur d~ · nen ~ r theor~lisch rczili~rt haben konnl~. 113 And~rs Nauta 2002. 378: »Th~ succ~ss or Martial's publish~d books made thern inl~resl· ing ror thc ~mperor, as a not negligib l~ v~hicl~ ror th~ propagation orhis public imag~."
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Die Rezept ion der Dichter
te man immer noch hauptsächlich die senatori sche Oberschicht, fiir den Flavier waren aber die stadtromische Bevölkerung und besonders das Heer wichtiger_ Darum war die Dichtung als Instrument der Herrschaftsdarstellung filr Domitian nicht sehr interessant.
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4. Domitian als Patron der Dichter
Die Einbindung der Poeten in die kaiserliche Expression setzte eine Beziehung (wie beschaffen auch immer) zwischen Kaiser und Literaten voraus. Sollte der Autor im Dienst der kaiserlichen Ostentation dichten, musste es eine Kontaktaufnahme von ihm mit dem Kaiser bzw. dessen Stab geben, bei der man sich über die Themen und Inha1te der Expression verständigte. Von großer Bedeutung ist daher die Frage, wie häufig eine solche Fühlungnahme stattfand, ob sie gar alltäglich war. Schließlich ist von Interesse, ob, und wenn, welche Gegenleistungen von Seiten des Princeps filr die erwiesenen Dienste des Poeten erbracht wurden. Das Verhältnis Kaiser - Dichter ist zweckmäßig in den Kategorien der Patronage zu erfassen, dem die antike römische Gesellschaft in der Republik und auch noch in der Kaiserzeit gliedernden Prinzip. R. Saliers Definition von Patronage ist für unseren Zusammenhang gerade durch ihre Schwächen erhellend: Er definiert Patronage als »a continuing reciprocal bUl asymmetrical exchange relationship between men of wlequal social status«'. Von den drei darin enthaltenen Kriterien, Kontinuität, Reziprozität und soziale Asymmetrie, treffen zwei fUf die Patronageverhältnisse der Dichter gelegentlich nicht zu: die Kontinuität und die soziale Asymmetrie. Einige ihrer Patrone besaßen denselben sozialen Status, d.h. sie gehörten z.B. auch zum Ritterstand, ihr großer Reichtum ermöglichte ihnen aber dennoch die Patronsrolle gegenüber Schriftstellem. 2 Auch waren einige Klientelbeziehungen nicht von Dauer, sondern einmaliger Natur, wie unten zu zeigen sein wird (S. 118). Dennoch soll hier am Begriff der Patronage festgehalten werden (gegen P. White, der ausschließlich den Terminus amicilia verwendet wissen wollte3) , nicht zuletzt, weil er neben der sozialen auch andere, z.B. materielle, Asymmetrien impliziert. Zu einem patronus gehören clientes - deshalb seien hier )Patronat<, lPatronageverhältni s( und )Klientelbeziehung( synonym verwendet.( I 1983, 256. - Auch Nauta wahlt als Ausgangspunkt seiner Arbeit Ober Litera{urpauonage im Rom Domi{ians eine Auseinandersetzung mit Saliers Definition (2002, 19-26); »{he sociological Iheory of patronage« sei der konzeptionelle Rahmen seiner Studie (ebd. 11). 2 S.a. Nauta 2002, 20-22 . 3 1978, 74-76; s. die Gegenargumente von Salier 1983, 2SSf. 4 Vgl. dagegen Flaigs Unterscheidung zwischen Patronage und Klientel, die die unterschiedliche politische Kraft beider Re lationen betont ))Die Klientel als fonnalisiene Institution hane sich {im PrincipatJ weitgehend in der Patronage aufgelöst. Patronage-Verhlltnisse blieben und hOllten sich in das Vokabular von cliente/a und amicitia. Selbstverstllndlich schloß Patronage gegenseitige Verpflichtungen ei n; doch deren Ausmaß schwankte je nach der Enge des VerhIlItnisses und nach dem Status der Involvierten. Politische Loyalitat war Ober Patronage Oberhaupt nich t herstellbar.« ( 1992, 101.) - Zu )Klient< als soziologischem Terminus 5. Nauta 2002, 25f.
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Domitian als Patron der Dichter Im Folgenden soll der allgemeine Zustand der Literaturpatronage am Ende des 1. Jahrhunderts dargestellt werden (4.1). Wie eng waren die Bindungen der Dich· ter an ihre Patrone, die aus der Senats-Oberschicht oder aus dem Ritterstand stammten? V.a. der materielle Aspekt für die Dichter ist hier von Bedeutung. Im Kontrast dazu wird des Kaisers Rolle als Patron untersucht (4.2). Unter den Spezifika der kaiserlichen Literaturpatronage soll anhand einiger Epigramme Martials besonders das Phänomen der )indirekten Patronage
4.1 Die nichtkaiserliche Literaturpatronage Das Klientelwesen aus republikani scher Zeit gab es im Principat nach wie vor, aber es hane seinen Charakter verändert. Mit der Konzentration der Macht beim Kaiser hane es seine (macht)politischen Funktionen innerhalb der Hauptstadt zwischen den gesell schaftlichen Gruppen eingebüßt.} Denn heide Seiten hanen an politischem Gewicht verloren: Weder hane die UnIerstützung durch eine große Klientel in der Volksversammlung oder bei Magistratswahlen fUr die Senatoren eine nennenswerte Bedeutung, noch verfUgten die Aristokraten über Einfluss be i der Ämlervergabe oder andere Machtressourcen von Belang, wenn sie nichl )das Ohr des Kaisers hatten<.' Stattdessen steigerte sich die gesellschaftliche Relevanz des Patronats. Den Patronen diente nun eine stattliche Klienlenschar zur Dokumentierung des eigenen sozialen Status, sie wurde zu einem Minel der Repräsentation. 7 Das Grunclmuster jeder Klientelbeziehung in der Kaiserzeit, den Austausch von materiellen Leistungen gegen Gefolgschaft, hat U. Walter beschrieben: Die Klienten begleiteten den Patron auf seinen Wegen durch die Stadt, auf dem Foru m und im Bad. Sie machten ihm morgens funnlich in der Toga und durch ein strenges, hie5 Zur politischen Bedeutung der Klientelbeziehung im Imperium zwischen den Provinzstlldten und ihren senatorischen Vertretem in Rom $. Flaig 1992, 106 und David Braund, Function and dysfunction: personal patronage in Roman imperialism, in: Wallace·Hadrill 1989, 137-152. 6 Die politiSChe Entwertung des Klientelwesens zog aufbeiden Seiten ein Verhalten nach sich. dessen Auspragungen man als Auswtlchse und Verfehlungen empfand. Dazu zAhlten hemmunglose Schnorrer und kriecherische Schmeichler unter den Klienten sowie Patrone, die ihre Schlltzl inge durch Geiz, das Vorsetzen von billigeren Speisen und Wein beim Gastmahl und Abwesenheit bei der sa!ulalia missachteten. Martial kritisiert in seinen 127 Epigrammen zum Thema )Parron Klient( in vielflUtiger Weise diese )lFonnen von Fehlverhalten, die das austarierte soziale System der Klientel in Schienage zu bringen« drohten (Waller 1996, 289). 7 Gamsey I Salier 1989, 215; Waller 1996, 286. S. allg. ruf Vertndcrung des Patronats von der Republik zum Principat Wallace·Hadrill 1989, 80r. 114
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Domitian als Patron der Dichter rarchisches Ritual geregelt ( ... ) ihre Aufwartung (salulalio) und sorgten darur, daß er in der plebs einen guten Rufhane und als einflußreich galt. Als Gegenleistung bestand zum einen aus der Zeit der Republik die Pflicht des Patrons fort, seinen Klienten vor Gericht zu vertreten oder für eine angemessene Vertretung zu sorgen. Zum anderen aber äußerte sich die demonstrative Zuwendung des Patrons zu seinen Klienten in materiellen leistungen: Einladungen zum Essen, Lebensmittel zum Mitnehmen [sporlula] oder ihre Ablösung durch Geldgeschenke, die bald in eine Art Tageslohn ilbergingen (ebenfalls sporlu/a genannt), ( . .. ).' Das Sozialprestige des Patrons bemaß sich nicht nur nach der Vielzahl seiner Klienten, sondern auch nach deren Prominenz und gesellschaftlichem Rang.' Diese Qualitäten hatten nicht viele Klienten zu bieten, sehr wohl aber bekannte Dichter wie Slatius und MartiaI. Darüber hinaus waren sie nicht darauf angewiesen, billigen Tand zu offerieren, sie versprachen nicht weniger als eine unsterbliche Fama, verkündet durch ihre Poesie.10 Das Ansehen des Patrons ließ sich zum ei· nen durch lobende oder schmeichelnde Erwähnung in den Gedichten steigern, zum anderen durch die Widmung einzelner Gedichte oder ganzer Bilcher. Es lag wohl in der Natur dieses Geflilligkeitsaustauschs - eine wie auch immer geartete materielle Unterstützung (s. u.) gegen literarische Verherrlichung - , dass daraus ein regelrechtes Geschäft wurde und es auch zwischen einander nicht nahe ste· henden oder vorher nicht einmal bekannten Personen abgeschlossen wurde. Stati· us sagt in den Vorreden zu seinen Büchern von drei Silven (1 ,2; 2,7; 3,4), sie sei· en auf Aufforderung geschrieben worden, und zwar auf Aufforderung von Personen, die er sonst nicht erwähnt. Hier ))zeigt sich S[tatiusJ höchstwahrscheinlich als der Berufsdichter, an den man sich mit einer Bestellung wenden kOMte«lI. Denkbar ist ein solches Geschäft, also ein ))Cxchange of gifts((12 unpersönlicher Art, zu bestimmten offiziellen oder fonnellen Anlässen: Statius und Martial schrieben eine Reihe von Gedichten zu Geburtstagen und Hochzeiten von Patro· nen oder deren Angehörigen sowie bei TodesflilIen von deren Verwandten. Ebenso ließen Auftraggeber persönliche Dinge von den Autoren rühmen: Die Silven 4,6 und 1,5 entstanden möglicherweise als Improvisationen bei vocaliones ad ce· nam von Gastgebern, die keine engen Vertrauten waren. Dann kÖMte man von einer ähnlichen Situation wie bei Bestellungen sprechen : »Dichter wurden zum Essen eingeladen, um irgend etwas Neues oder um auffiUlige Gegenstände, die
8 Walter 1996, 287. Ein volles Atrium zur safulalio war fllr den Patron ein Statussymbol : Sen. episl. 22,9; Tac. anno3,55,2. 9 Siehe Walter 1996. 286 m. Anm. 8. 10 Malt. 12.3(4),1-4. Vgl. Salier 1983, 254f. und Nauta 2002, 27 f. 11 Henriksen 1998a, 90. 12 Salier 1983, 252.
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sich im Besitz des Gastgebers befanden, zu feiern.«I ) Nicht selten besangen auch beide Dichter dieselben Ereignisse. l ' Wie stand es nun aber mit der materiellen Unterstützung durch die Patrone? Waren die Dichter auf finanzielle und Sachleistungen durch die patroni angewie· sen oder handelte es sich eher wn eine egalitäre Beziehung zweier amici, die beide in finanzieller Unabhängigkeit lebten? Ober diese Fragen entbrannte zwischen R. Salier und P. White eine Forschungskontroverse, die wohl nicht entschieden wer· den kann, weil wir zu wenig über die finanziellen Umstände der Dichter wissen. " White stellte die materielle Bedeutung der patronus·c/iens·Beziehung in Frage, da wir keine Zeugnisse einer Zahlungsvereinbarung flir ein Gedicht hätten (was ein argumen/um ex si/entio ist). Die Sachleistungen l6 durch die Patrone, obwohl von Martial zahlreich bezeugt, seien nur von Fall zu Fall und sporadisch erfolgt. Kein bedürftiger Dichter habe auf sie für seinen Lebensunterhalt zählen können. Diese Gaben seien typischer Bestandteil des »polite code« einer römischen amicitia ge· wesen und überdies nicht sehr wertvoll. Schließlich hätten die Poeten schon auf· grund ihrer Zugehörigkeit zum Ritterstand (die aber rur Statius nicht gesichert ist)11 der finanziellen Unterstützung nicht bedurft, da ein römischer eques wegen der Zensusbeslimmungen nicht arm sein konnte. 11 Diese Schlussfolgerung wurde von Salier bezweifelt, da der zu Republikzeiten festgelegte Ritterzensus vor dem Hintergrund gestiegener Lebenshaltungskosten und ·standards im kaiserzeitlichen Rom einen geringeren Aussagewert gehabt habe. Anhand der Selbstzeugni sse Manials argumentierte Salier, dass der Epigrammatiker in Rom trotz des Rittersta· tus zwar genug zum Ober/eben gehabt habe, weil das ihm von einem uns nicht bekannten Spender geschenkte Anwesen in Nomentum die nötigen Nahrungsmit· tel bescherte, zum Leben im o/ium aber, das dem Dichter alle Zeit für se ine Pro· fession eingeräumt hätte, habe es nicht ausgereicht. Martial habe im sozialen und kulturellen Leben Roms mitmischen und sich um weitere finanzielle Förderung
13 H enri~n 1998a, 90. 14 GebuMStage: silv. 2,3; 7; Man. 7,21-23; Todesfllle: silv. 2. 1; 3.3; Man. 6,28-29; 7,40; 8,3 8 sowie (zu allen Themen) weitere. Siehe White 1975, 292. 15 Salier 1983 ; White 1978; s.a. Holzberg 1988, 71. 16 While fUhn unter den wichtigsten Leistungen, die die amid eines reichen Patrons erhoffen konnten, Landgüter und Hauser, die kostenlose Logis in den vornehmen Villen und Landsitzen des Patrons, die Vennittlung eintraglicher Posten und Ämter sowie das Arrangieren von Heiraten mit Töchtern reicher Familien ( 1978, 9Of.). Auf bescheidenerem Niveau bemUhten sich die Klienten um Lebensminei, sportulae, eine Toga oder eine Einladung zum Abendessen beim Patron (Weeber 1997,214). 17 Siehe Coleman 1988, xv. Stal. silv. 5.3,116-120. 18 White 1978, V.a. S. 86-88. Tac. dia!. 9,3. luv. 7.30-47. - S icherlich wird man in Rechnung stellen müssen, dass Manial auch mit der IGattung( Beuelgedicht sein literarisches Spiel betreibt. Auf die eigene Person und die eigene Klientelsituation bezogene Aussagen sind gelegentlich wohl aufdas Schicksal der Klienten allgemein gemünzt. Vgl.a. Holzberg 1988, 73 .
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bemühen müssen. 19 Generell sei der Wen der Sachleistungen, die die Dichter von Patronen bekamen, nicht zu gering zu veranschlagen: Ein Landgut oder ein kleines Haus in Rom hätten durchaus einem regelmäßigen monetären Einkommen ent· sprochen. Zudem seien auch Geldgeschenke nicht selten gewesen, wie Martials verhältnismäßig häufige Anspielungen darauf zeigten. 20 Anders als die materielle Bedeutung des Patrons ist seine Rolle als pubJisher für die Literatur seiner Klienten unstrinig.21 Die Quellen bezeugen die Erwartun· gen der Dichter (v.a. von Martial fonnulien) und das Selbstverständnis der Patro· ne als Literaturprotektoren (wie es bei Plinius zum Ausdruck konunt) mit hinrei· chender Deutlichkeit. Ein Patron von Rang in der Gruppe der (hoffernen) Ritter und Senatoren konnte die Dichtung seiner KJienten anderen prominenten und be· tuchten Gönnern weitergeben und empfehlen, wenn sein Won Gewicht hane. 22 Er konnte sein Haus als Literatursalon den Dichtern ftir ihre Rezitationen zur VertU· gung stellen und selbst für das angemessene Publikum sorgen. ll »Publicity may in fact have been the most solid oftheir [i.e. der Patrone) services to literary men. «2. Der Dichter konnte im privaten Rahmen auch konstruktive Kritik an seinen Wer· ken vom Patron und dessen Umfeld erwarten sowie möglicherweise Hilfe in allen Fragen der Urheberschaft; Martials Kampf gegen Plagiatoren und Fälscher ist ein häufiges Thema der Epigramme. H Holzberg sah in dem hohen Ansehen eines Pat· rons die Gewähr dafiir, »den Dichter vor jeder Art von Mißbrauch mit dem Wort· laut seiner Epigramme und vor Schändung seines guten Rufes [zu] bewahren«2(,. Die Dichter waren also keine gewöhnlichen K1ienten: Sowohl in ihrem Wert für die Patrone als auch in ihren Erwartungen an die Patronage hoben sie sich von der breiten Masse ab. Offensichtlich konnten sich die einzelnen Klientelheziehungen in Bezug auf ih· re Nähe, Intensität und Herzlichkeit sowie ihre zeitliche Dauer unterscheiden. P. White hat dies in seiner Untersuchung der sechs Adressaten, an die sich heide, Martial und Statius, wenden, gezeigt.27 Die Bandbreite der ~atrone reichte von Arruntius Stella. mit dem Martial ein vertrautes Verhältnis während der gesamten zwei Jahnehnte seiner BuchverofTentli chungen verband, bi s hin zu nur einmal 19 Salier 1983, 250f. Vgl. allerdings S. 247:)111 is not easy to draw a cons;slt:nt piclure ofMY· tial 's financial well-being from these data.« Nomenlum: Man. 7.3 1: 10,48. - Dagegen hai Tennant kOrzlich argumenliert, dass die Klagen der Dichter doch ernst zu nehmen seien und dass Manial und Juvenal ihr Rinerstatus noch keinen Wohlstand garanlierte (2000, 139·1 56). 20 Salier 1983, 252f. m. Anm. 43. 21 Holzberg 1988, 72; While 1978, 85f. ; Salier 1983, 247f. 22 Man. 7,97,9-13 ; 12,2(3),9- 16; 4,82; Sial. silv. 2 pr. 27f.; Plin. episl. 1, 16; 4,27,5. 23 Plin . episl. 8,12,2. 24 While 1978, 85. 25 Konstruktive Kritik: Man. 5,80; 6, I. Urheberschaft: Man. 7,72, 12·16. Siehe Hofinanns Zusanunenslellung der Epigramme zum Thema »Plagiator« (1956/57, 466). 26 1988, 72. 27 1975, bes. 29 1.
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genannten Personen wie Lucans Witwe Polla, Novius Vindex oder Domitians Mundschenk Earinus, zu denen die Dichter offenbar eine nur oberflächliche, ge· schäftiich zu nennende Verbindung pflegten. Während Martial in seinen Gedieh· ten an Stella Bezug auf gemeinsam Erlebtes oder gemeinsame Bekannte nimmt, bleibt der Ton in vielen anderen Epigrammen und Silven unpersönlich, gar fonna!. Entsprechend offerierten die Dichter ihre Leistungen aJs cJientes, die Gedichte auf ihre Gönner, auf verschiedene Art und Weise : Engen Veruauten widmeten sie sicherlich viele Gedichte spontan oder aus freien Stücken, unpersönli cher gehalte· ne Werke an nur einmalige Adressaten werden dagegen vermutlich häufig Auf· tragsarbeiten gewesen sein (wie es Statius von drei Silven ja auch sagt, s.o. S. 115). Jedoch können feierliche Ereignisse prominenter Personen (z.B., im Falle MartiaJs, Earinus' Haaropfer oder Stellas Hochzeit) auch spontan und ohne Auf· trag die Gedichte mehrerer Literaten hervorgerufen haben, ohne dass persönliche Bekanntschaften vorlagen.2' FestzuhaJten bleibt, dass zwischen den Dichtem und den Patronen mit Aus· nahme des Kaisers eine direkte, unmittelbare Kommunikation stattfand, die in der Regel in einem gegenseitigen Geben und Nehmen bestand. Dabei kam es (fiir wie kurze Zeit auch immer) zu einem persönlichen Umgang (wie flüchtig auch immer) zwischen Dichter und Patron. Jeder Dichter hatte mehrere Patrone, die es in unter· schiedlicher Intensität zu umsorgen galt, und umgekehrt hatte jeder Patron natür· lieh eine Vielzahl von Klienten, zu denen mehrere Literaten zähJen konnten. Ganz gleich, welchen Stellenwert man der materiellen Förderung beimisst, die Poeten waren auf die LeistWlgen der Gönner zumindest tur die Publikation angewiesen. Jedoch von einem Abhängigkeitsverhältnis zu einzelnen Patronen zu sprechen, ginge zu weit, denn die Dichter hatten ja die Auswahl zwi schen verschiedenen Gönnern - trotz der wiederholten Klagen Martial s und Plinius' Bedauerns, die Literaturförderung sei zu ihrer Zeit im Niedergang begriffen.29 Hier muss nun differenziert werden: zwischen der privaten Förderung durch wohlhabende Patrone und der Literaturpatronage durch den Kaiser. Für die Dich· terpatronage durch Privatmänner und - frauen darf die Berechtigung der Klage MartiaJs und Plinius' wohl mit Fug und Recht in Frage gestellt werden . Denn ge· rade Plinius berichtet uns ja von der Unterstützung der Literatur durch ihn selbst oder Titinius Capito ..lO Außerdem betrifft speziell Martial s Sehnsucht nach einem )Deuen Maecenas( eben die Icoiserliche Patro nage, nicht die private. Schließlich finden wir dieselben Klagen schon zuvor bei Calpumius Siculus und späler bei
28 Siehe White ebd. und Henriksen I 998a, 9Of. u. 106. 29 Mart. 1.107; 8,55(56); 11 ,3,7·10; 12.36; Plin. episl. 3,21 .3 (s.u. S. 139f.). S.a. Tac. anno 3,55.2·5. 30 Auch die nichl kleine Zahl der Adressalen von Slalius und Martial deutet eher auf das Ge· genteil hin. Siehe auch unlen S. 126, Anm. 65.
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Juvenal, und auch diese setzten ihre größten Hoffnungen in den Kaiser. Das wiederholte Lamento am Ende des I . Jahrhunderts, die LiteraturflSrderung liege danieder, es gebe keine Patrone mehr, darf also im Maßstab der Kaiserzeit ins Reich der Topik verwiesen werden. Unter Augustus, Nero oder später Hadrian wird sich die private Dichterpatronage vennutlich nicht signifikant anders dargestellt haben. Wie aber fUllte der Kaiser die Patronsrolle aus?
4.2 Der Kaiser als Patron Sowenig der Kaiser de facto noch primus in/er pares mit den Senatoren war, so wenig standen senatorische oder andere private Patrone mit dem Patron )Kaiser< auf einer Stufe. Man konnte, auch als Senator, noch so mächtige Patrone haben, die Loyalität zu diesen blieb angesichts des kaiserlichen Machtmonopols immer eine Verpflichtung unter Vorbehalt. ( ... ) Es gab keine intensive politische Loyalität außer der zum Kaiser. Die Patronage-Beziehungen im politischen System des römischen Imperiums waren detenniniert durch die Existenz eines politischen Zentrums. Die Herrschaft des Zentrums ist folglich nicht in Kategorien der Patronage zu fassen. 12 Was rur die Senatoren eine machtpolitische Tatsache war, galt nicht minder fUr die Plebs im AlIgemeinen und die Poeten im Speziellen. Ist es also Oberhaupt gerechtfertigt, vom Kaiser als )Patron( zu sprechen? - Man hat dieses Problem gesehen, so z.B. P. White : »the literary rclationships of the emperors seern no less distinct from those of other principes viri than their political and social relationships«, oder D. Timpe: »Der Patronat der Kaiser Ober die plebs muss [im Laufe des I. Jahrhunderts] immer grösser und konkurrenzloser, aber auch immer weniger konkret geworden sein(~}. Es ist dann üblich geworden, den Kaiser als den »OberPatron aller Römer« zu bezeichnen und auf die gestiegene gesellschaftliche anstelle der politischen Bedeutung zu verweisen.:W Tatsächlich fokussierten die nachaugusteischen Dichter ihre materiellen Begehrlichkeiten ganz Oberwiegend auf den Kaiser. Ob es zutreffend und dienlich ist, den Kaiser als >Patron< der Dichter zu bezeichnen, soll ein Blick auf die wechselseitigen Leistungen und ihr Vergleich mit denen einer >gewöhnlichen< palronus-cliens-Beziehung beantworten . Zunächst seien aber noch die jeweiligen Motivationen eines privaten und eines kaiserlichen Patrons, eine Patronagebeziehung einzugehen, gegenObergesteilt.
31 Calp. tel. 4.23-28: 84-96; 152-165; luv. 7, v.a. 1-97; s. Salier 1983, 255; vgl.a Hardie 1983,47f. 32 Flaig 1992, 102. 33 White t978, 74 ; Timpe lIußerte seinen Gedanken in der Diskussion nach einem Vonrag von Z. Yavetz: s. Yavetz 1987, 183. 34 SoLB. Wecber 1997, 212.
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Denn schon hier zeigen sich die Wesensunterschiede zwischen einem privaten und dem kaiserlichen Patronat: Während ein Privatmann Derartiges aus freien StUcken tat. es allenfalls flir reiche Mitglieder der senatorischen Oberschicht eine gewisse morali sche Verpflichtung zur Gönnerschaft gab, hatte der Princeps gar keine Wahl : Er war qua Amt der natürliche Patron der plebs urbana. Daraus entstand fllr ihn die Verpflichtung zur Patronage als einem Element des herrscherlichen Euergetismus. Denn Kennzeichen der römischen Gesellschaft war es, den Euergetismus zu verherrlichen. Daher konnte sich kein Herrscher diesen Verpflichtungen entziehen, ohne seine Untertanen zu enttäuschen, sei es bei der Hilfe flir die Opfer von Natwkatastrophen, sei es, indem er die Protagoni sten der Unterhaltungsindustrie, z.B. Gladiatoren oder ganze Rennställe, unterstützte, sei es, indem er Künstler, Wissenschaftler oder Literaten in der römischen plebs flSrderte.J ' Diesen Erwartungen zur vertikalen Solidarität galt es nachzukommen, wollte der Princeps nicht seinen RUckhalt bei der plebs urbana geflihrden. FUr die Literaturpatronage bot sich dem Princeps das Vorbi ld der helleni stischen Monarchen an: sich die Besten aus Wi ssenschaft und Li teratur an den Hof zu holen, ihnen dort bestmögliche Arbeitsbedingungen zu schaffen, dadurch den Herrscherhof zum geistig-kulturellen Zentrum des Reichs zu machen und die Früchte, die daraus erwuchsen, nämlich ein gesteigertes Renommee, zu ernten.)6 Augustus bemühte sich um den Ruf als erfolgreicher Förderer zumindest der Literatur, »ein Aspekt patriarchalischer Hofhaltung und Regierung«17. Für die römische aula unter seinen Nachfolgern geben die Quellen ein vergleichbares Bild jedoch nicht her. Die Eigenschaft als intellektuell es Zentrum des Imperiums wird man nach Augustus vielleicht der Hauptstadt als ganzer, schwerlich aber dem Kaiserhof allein zusprechen können. Ist das ein Fingerzeig auf den Stellenwert, den der princeps den Dichtem tur seine Selbstdarstellung beimaß? Zwar hat es wohl keine dauerhaft präsente Wissenschaftler- und Literatengruppe an der römischen aula nach Augustus gegeben, aber punktuelle Belohnungen rur die Abfassung vorwiegend panegyrischer Werke oder deren Von.rag vor dem Kaiser oder in der Öffentl ichkeit sind vorstellbar. Es scheint daher legitim, aus den unterschiedlich intensiven Anstrengungen der römi schen Kai ser zur Literaturpatronage auf ein verschieden stark ausgeprägtes Interesse an den Poeten tUr die Expression z u schließen.lI 35 V~yne 1988, 551 ; 59().592. S.8. Kolb 199.53, 604. 36 Siehe Weber 1993, 1: vgl . Gchrke 1982.261 ; Hardie 1983, 39. 31 Eich 2000, 351, AMI. 21. 38 Zu simplifizierend Hardie 1983, 43. der das gesamte l.Jahrhunden in d~n Blick nimmt: »the coun progressively look over as the major source ofpalronage and as the arbiter oflaSte. ( ... ) The coun tende
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Was bot nun der Princeps den Dichtem, was ihnen die anderen Patrone nicht bieten konnten? Vermutlich bei allen nachaugusteischen Dichtem wirkte zunächst, unabhängig von den realen Gegebenheiten, das augusteische Vorbild präjudizierend, d.h. alle träumten von dem maecenatischen Ideal eines kaiserlichen Beauftragten rur die Literatur, der dem Princeps eng vertraut und mit stattlichen finanziellen Ressourcen für die Förderung der Literaten ausgestattet war.l9 Und das, obwohl sich dieses Ideal im Laufe des I. Jahrhunderts immer mehr als die Ausnahme denn die Regel kristallisierte. Varius hatte von Augustus rur seinen Thyesles, der bei den Spielen zur Feier des Triumphs von Actium aufgefilhrt wurde, eine Million Sesterzen erhalten; Vergil war für die Aeneis reich belohnt worden und soll dadurch sehr wohlhabend geworden sein. Horaz rühmt Augustus dafür, viele Poeten zügig und dauerhaft finan ziell unterstOtzt zu haben.'" Allgemein gesprochen bedeutete die kaiserliche Literaturpatronage entweder die dauerhafte ))AuSslattung von Dichtem mit komfortablen Apanagen durch den princep s oder seine )Freunde< oder die Zahlung von Belohnungsgeldern rur individuelle Werke«('. Die Realitäten nach Augustus sahen anders aus: Die Dichter konnten nicht unbedingt auf größere materielle Unterstützung durch den Kai ser als durch ihre anderen Gönner hofTen. Lediglich drei Zeugnisse von Geldspenden der Kaiser von Tiberius bis Hadrian sind uns Uberliefert:(2 Tiberius honorierte eine Elegie des Ritters Clutorius Pri scus auf den Tod des Germanicus mit Geld.43 Nero unterstützte den griechischen Dichter Lukillios. der nach seinem Selbstzeugnis in Rom ein kUmmerliches Dasein fri stete. Dieser dankte ihm dafür im EröfTnungsepigramm seines zweiten Buches.(( Die ausfUhrlichsten Informationen haben wir über Vespasian: Sueton berichtet, cr habe herausragende Dichter mit beträchtlichen Congiarien und hohem Lohn beschenkt (praeslan/is poelas ... insigni congiario magnaque mercede donavit) ; Tacitus lobt die liberalilas Vespasians, weil er dem Epiker Saleius Bassus 500.000 Sesterz.en gegeben habe (quod quingenta sester/ia Basso donasset).(' Eine dauerhafte finanzielle FOrderung durch den Kai ser, die den Dichtem ein sorgenfreies und den AnsprUchen des hauptslädtischen Lebens angemessenes ten, sind demgegenOber splrlich gesal. Das DrtIngen der Dichler an den Hof ging von ihnen seibsi aus. 39 Siehe Zll Maecenas· Rolle in der augusteischen Lileraturpatronage Kienasi 1999, 281 ; lK. Newman. Auguslus and Ihe New Poelry, Brasse! 1967, 455: Maecenas. »Augustus' Minisler of Cu1tu~«; Williams 1982. 3-27. bes. 13-16. 40 Varius: nach einer Marginalnoliz des Pariser Miscellankodex 7530; Verg.: Donat. Vii. Verg. 13 (ed. Gone); Serv. Aen. 6.861; Hor. episl. 2,1,226-228. 41 Eich 2000, 38. 42 Siehe Friedlaender 1920 11 . 236f. 43 Tac. anno3,49,1 ; Cass. Dio 57.20.3 spricht von xpfw.!CltCl ltOHQ.. 44 Anlh. Pal. 9,512,7f. 45 Suel. Vesp. 18; Tac. dia!. 9,5.
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Auskonunen garantierte, verstand sich nach Augustus also keineswegs von selbst. Dagegen brachte es den Literaten beträchtliches Prestige ein, wenn der Kaiser sie protegierte. Vom )Oberpatron( Roms materiell geRsrdert, zur Rezitation an den Hof eingeladen oder bei den literarischen Agonen mit dem Siegespreis ausge· zeichnet zu werden, bedeutete wohl die höchste Auszeichnung in einer Zeit, in der der Ruhm eines Schriftstellers nicht anhand von Verkaufs7..ahlen ennitteh werden konnte. Martial sagt von seiner Dichtung, sie würde deshalb vom Publikum gele· sen. weil Domitian sie durch seine Lektüre berühmt mache, ihr gleichsam )Leben einhauche< (omnes ... libelli me; ... propter hoc legentur. 8 pr. 3_5).066 Das machte den Kaiser als Patron fur die Dichter erstrebenswert. Umgekehrt konnten die Schriftsteller wohl nicht in dem oben (S. 117) be· schriebenem Maße Hilfe bei der Verbreitung und dem Schutz ihrer Werke erhof· fen, außer dass das durch die Gunst des Kaisers erworbene Prestige ihren Be· kanntheitsgrad natürlich beförderte. Ebenso entbehrten sie der kleinen intellektuellen Zirkel, die manche pri vaten Patrone um sich versammelten und in denen ihre präsentierten Werke eine konstruktive Kritik erfuhren!1 Dergleichen fand an der kaiserlichen aula nicht statt. Den wohl größten Unterschied zwischen einem privaten und einem kaiserlichen Patronageverhahnis machte der sehr sehe· ne oder gänzlich fehlende persönliche Umgang des Kaisers mit seinem dichtenden Klienten aus. Stattdessen lief die Kommunikation Ober Mittelsmänner, in der Re· gel Höflinge des Kaisers ab, wie Martials Epigramme an die einschlägigen HOf· linge Domitians zeigen.·' Ich möchte dieses Phänomen die )indirekte Patronagc( nennen. E. Flaig und D. Barghop haben es rur das senatorische Verhältnis zum Kaiser untersucht .·' ln dem Maße, wie sich jegliche Machtpotenziale im Principat auf den Kaiserhof konzent· rierten, wurde es filr aBe Untertanen wichtiger, die kaiserliche Nähe zu suchen, um daran zu partizipieren. Dies galt auch Rlr Patrone, die ihre Einfluss-Chancen, etwa bei der Vergabe von Ämtern oder der Gewährung von Ehrungen, wahren wollten. Für die Senatoren war ein kurzer Draht zum Kaiser gerade in Konkurrenz zu anderen patres ausschlaggebend: Die Nähe zum princeps entwickelte sich ))zum Kristal lisationspunkt von Prestige und Uberlegener gesel lschaftlicher Stärke. Sie bot die Gelegenheit, mittelbar über Prestige-fördernde Ressourcen verfügen und damit in die Spitzenpositionen der aristokratischen Figuration aufsteigen zu
46 Siehe Nauta 2002, 378. 47 Vgl. dlm While 1975.293 u. ]00: Er komml nach der Unfenuchung der amid von Marti/ll. SI/lfius und Plinius zu dem Ergebnis.. dass es arn Ende des JJahrhunderts ke inen gr6jJeren lilerari· schen Zirkel in Rom mehr gegeben habe. da sich die Freundeskreise der drei Literaten offenbar kaum Dbcrschninen. - In kleinem Rahmen wird die Literaturkritik durch Freunde dagegen weiterhin stattgefunden haben. 48 Siehe unten S. 12]ft 49 Flaig 1992. V.II. 100-126; Barghop 1994, 65·79.18]-192.
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können.«)O Aber auch fUr jeden anderen Unlertanen konnte die Nähe zum Kaiser Schutz vor Verfolgung und andere Voneile bedeuten. Jedoch war der direkte Draht zum Kaiser im Laufe des 1. Jahrhundens fUr Patrone immer schwerer zu erlangen. Denn zu amici des Herrschers wurden neben Senatoren mehr und mehr Ritter und besonders Freigelassene. Den kaiserlichen fibert; , die die Hofämter besetzten - Barghop nennt sie »Experten der Macht((51 -, fiel v.a. aus drei Gründen eine erhebliche MachlfUlle zu: I. kontrollierten sie den Zugang zum Kaiser und hatten daher die Möglichkeit zur Selektion seines sozialen Umgangs. 2. erlaubten ihnen ihre Positionen Kenntnis der reichsweiten Lage sowie Einblicke in die Mechani smen der Macht. 3. waren ihre Tätigkeiten grundj2 sätzlich unbefristet, solange sie es sich nicht mit dem Kaiser verscherzten. Auch Ritter, die Präfekturen bekleideten, konnten, sofern ihr Mandat eine gewisse Nähe zum Kaiser zuließ, etwa im Falle des praefectus praetorfo, der dem kaiserlichen consilium angehörte, in eine solche Machtposition gelangen. Erstes und gleichzeitig Paradebeispiel dieses neuen Typus Machthaber in Rom wurde der Prätorianerpräfekt Sejan unter Tiberius; letzterer zog sich ab 26 für unbestimmte Zeit nach Capri zurück. so dass der Zutritt zur Macht in Rom fUr die Senatoren wie fUr alle anderen Untertanengruppen ausschließlich über Sejan lief. Sl Senatoren mußten also wohl oder übel mit diesen verachteten Emporkömmlingen Umgang pflegen und Bitten an sie richten, um ihre Patronagefunktionen wahrzunehmen oder zum Kaiser vorgelassen zu werden . Diese Status-Dissonanz machte stets böses Blut, besonders unter Claudius und Nero. Der Grund liegt ( ... ) darin, daß es rur ihren Status unzumutbar war, überhaupt mit Freigelassenen Umgang zu pflegen und diese um Gefälligkeiten bitten zu müssen.SoI
Der Kaiser übte also mithilfe der Höflinge eine mittelbare Patronage aus. ss Was fUr die Senatoren schwer erträglich war, dürfte fUr die anderen Untertanen, und damit auch die Poeten, eine zwar unangenehme, aber alltägliche Situation gewesen sein, mit der man sich zu arrangieren hatte. Wie das geschah, geht aus einigen Epigrammen Martials hervor: In drei Gedichten S6 bittet er, seinen libellus dem Kaiser zu empfehlen und zu überreichen, und zwar im geeigneten Moment, denn er horn aufwohlwollende Aufnahme durch Domitian. Si 110n est grav~ roec nimis molestum, Musae, Panhenium rogate vestrum: 50 Barghop 1994, 72; s.a. F1aig 1992, 114. 511994, 186. 52 Siehe Flaig 1992, 125 und Barghop 1994, 186f. 53 Barghop 1994, 183. 54 Flaig 1992, 125. 55 Sueton betont. dass Domitian >einige der höchsten Ämter an Freigelassene und Ritter verge-
ben habe( (qlloedom ex maximis offidis inter libertinos eqlliresqllc R. commllnicuv/r. Dom. 7,2).
56 Epigr. 4,8; 5,6; 12,11.
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sic tc serior et beata quondam salvo Caesare finiat senectus cl sis invidia favente fe lix. sic Burrus eito sentiat parentcm : admittas timidam brevemque ehanam intra limina sanetioris aulac. nosti tempora tu lovis sereni. eum fulget plaeido suoque vu ltu, quo nil supplieibus solet negare . non est quod metuas preces iniquas: numquam grandia nec molesta poseil quae eedro deeorata purpuraque nigris pagina erevit umbilieis. nce porrexeris ista, sed lenelo sie tarnquam nihil ofTeras agasque. si novi dominum novem sororum, ultro purpureum petel libetlum .
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(epigr. 5,6)
Deshalb soll der Kämmerer Parthenius (in epigr. 5,6) den Zeitpunkt, den er als Vertrauter des Kaisers natürlich kennt. wählen. da Domitian in heiterer Stimmung ist und keinem Binenden etwas versagt (v. 9- 11). Martialliefert mehrere Hinweise auf die kaiserliche Patronage: Sein An liegen ist es, dass die Dichtung - als sein Part in dem Patronageverhältnis - den Weg intra /imina sanCfioris au/aeH (v. 8) findet. Er selbst zählt zu der Gruppe der Bittsteller (supplicibus, v. 11), aber er schiebt gleich hinterher, dass seine Anliegen, vorgetragen durch seine Gedichtbücher, maßvoll und bescheiden sind (v. 12f.). Die Schlussaufforderung, Parthenius möge Domitian den libellus nicht aufdrängen. sondern ihn veranlassen, von selbst nach dem meuen Martial< zu verlangen (v. 16- 19). soll wohl verhindern, dass der eliens Martial gegenilber dem Princeps aufdringlich wirkt, und möglicherweise klingt hier auch ein gewisses Selbstbewusstsein an: Er als Dichter ist ehen nicht irgendein Klient, sondern kann von vorneherein auf ein bestimmtes Interesse des Herrschers bauen. 51 Dasselbe Motiv liegt dem Epigramm 4,8 zugrunde : Diesmal richtet sich die Bine an Domitians Tafelmeister (tricJiniareha) Euphemus, da Martial die zehnte Stunde des Tages, in der der Kaiser ))göttlich« speist und trinkt, als die geeignete fUr seine iod ausersehen hat. Euphemus soll sie gleichsam zum Essen )servieren < (hora libellorum decima est, Eupheme, meorllm, // temperat ambrosias eum tlla eura dapes // et bonus ae fherio laxatur neetare Caesar // ingenrique tenet poeu/a parca manu. V. 7- 10). Wiederum mag sich der Spanier eine Anspielung auf die 57 sanctior;s au/oe bezeichnet wohl den nichtöffentlichen Bereich des Palasts; siehe Howell 1995 ad loc. 58 Die ungewöhnliche Anrede Domitians als dominus novem sororum (>IHerr der MuseO((, also Apo/Ion Musageles, v. 18) soll wohl die vom Dichter erwanete Rolle des Kaisers als Literarurpatron unterstreichen.
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gängigen Umstände eines Patronageverhältni sses und seine Sonderrolle als Dichter nicht verkneifen: Seine Muse scheue sich, schon frühmorgens , was der eigentliche Zeitpunkt filr die Aufwartung der Klienten gewesen wäre, vor den Kaiser zu treten, angeblich weil die Dichtung allzu frech sei (gressu timel ire licenti // ad malulinum nostra Thalia lovem. V. 11 f.). Später erging an Parthenius ein weiteres Mal der Wunsch, er möge Martials Gedichte dem Kaiser, nun Nerva., übergeben - und zwar persönlich {lradat ut ipse duci carmina noslra, 12,11 ,6).s9 Es war nicht gleichgültig, welcher Höfling die Dichtung vennittelte - es musste schon ein einflussreicher amicus sein. Der Kaiser wird bestimmte Höflinge speziell mit der Literaturpatronage beauftragt haben. Die Parthenius-Anrede wird noch erweitert um die Bine, als Empfehlung beim Kaiser die Popularität Martials in Rom zu erwähnen (q uauuor el lanlum limidumque brevemque /ibellum // commendel verbis )hunc lua Roma legil<. V. 7f.). Ein Anliegen, das Martial auch an Crispinus, einen reichen Emporkömmling und Lebemann,60 richtete:
Sic placidum videas semper, Crispine, Tonanlem nce te Roma minus quam tua Memphis amet: cannina Parmasia si nostra legentur in aula - namque solen! sacra Caesaris aure frui " dicere de nobis, ut lector candidus, aude: )temporibus praestal non nihil iste luis, nce Marso nimium minor est doctoque Catullo.( hoc satis es!: ipsi cetera mando deo.
5 (epigr. 7,99)
Wenn Martial am Hofe Domitian vorgelesen werde (v. 3f.), dann solle Crispinus als leelor candidus ein gutes Wort rur ihn einlegen, nämlich dass der Dichter )Beträchtliches rur Domitians Zeit leiste( und sich nicht hinter Catull und Marsus zu verstecken brauche (v. 5-7). Der Schlussvers: »Das ist genug; das übrige überlasse ich dem Gott selbst [d.i. Domiüan]«, deutet doch wohl die andere Seite der patronus-c1iens-Beziehung an . Er, der Dichter, hat seinen Teil erfUIlt; mit cetera ist Domitians Part gemeint, nämlich sich rur den poetischen Klientendienst erkenntlich zu zeigen. Ob das allerdings wirklich geschah, bleibt fraglich. Das Epigramm 5,5 variiert das Motiv der GedichlVenninlung an den Princeps: Sextus, wohJ der kaiserliche Bibliothekar,61 soll tUr Martials libelli einen Platz in der Bibliothek finden . Welche Bibliothek der Poet anstrebt und ob es ihm über59 Zu Parthenius' Schicksal nach Domilians Ennordung siehe PIRl C 95ta (S. xXlr.) und Nauta 2002, 438 m. Anm. 195. 60 luv. 1.26-29; 4, 1-33. Vennutlich war er unter Domitian Prttorianerprtrekt; vgl. Anhor Stein, Crispinus 5, RE 4.2 ( 190 I) 1720r. und Galan Vi6que 2002, 5 16 mit weiteren Literalurhin· weisen. PIR' C 1586. - Laut Nauta (2002, 344) war es ruf Manial dagegen ausschließlich ent· scheidend, dass Crispinus zu den Qmici principis zu rechnen war. 61 Siehe Howell 1995 ad loe.
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haupt nur um eine bestimmte geht, bleibt offen, denn die Kernaussage des Gedichts ist, dass Martial auch im übertragenen Sinn in einer Re ihe mit den herausragenden Epigrammatikern steht (si( locus et nos(ris aliqua libi parte Iibe/Jis, // qua Pedo, qua Marsus quaque Ca fU/Jus eril. V. 5f.). Der a s(udiis Sexlus, dessen intime Nähe zum Kaiser ausfUhrlich behandelt wird (v. 2-4), stand aber sicherl ich der Bibliothek im Palast vor; der Poet nennt ihn v. I Palatinae cu/tor ... Minervae. Insofern kam eine Aufnahme in die kaiserliche Bibliothek der Vermittlung der Poesie an den Kaiser gleich. 61 Betrachten wir zum Vergleich epigr. 7,17 : Es enthält die Aufforderung, sieben Bücher Martials in die Bibliothek seines engen Freundes Iulius Martialis einzureihen, und diese Aufforderung ergeht an die personifizierte Bibliothek selbst. Die Personifizierung ist zwar ein poetischer Kunstgriff, aber dennoch redet er den Gönner direkt an. Der Unterschied zwischen der direkten Kommunikation mit dem amicus und dem vermittelten Patronageverhältnis zum Kaiser wird hier evident. Über Statius dichtet Juvenal, er müsse hungern, wenn er nicht seinen unaufgefilhrten Mimus Agave an Pari s verkaufe (esur it. in/ac/am Paridi nisi vendit Agaven, 7,87). Paris, der als Pantomime in Rom große Erfolge feierte und darüber sehr reich wurde, scheint bis zu seiner Ermordung (ca. 83) nicht nur ein Höfling gewesen zu sein, sondern auch großen Einfluss bei Hofe genossen zu haben : So hat man Juvenals Nachsatz zu der Statiusepisode verstanden: quod non dan! proceres, dabit histrio (7,9O).6J Auch seine in den Quellen überlieferte Affiire mit Domitia, der Gattin des Kaisers, die ihn das Leben gekostet haben soll ,M deutet, ob sie nun den historischen Realitäten entsprach oder nicht, darauf hin, dass er enge persönliche Kontakte zur aula Domitians hatte. Denn sonst hätte man ihm diese Affiire wohl nicht andichten können. Pari s betätigte sich also in der Frühphase des domitianischen Principats am Hof in der Unterstützung von Literaten, konkret des Statius. Ob er den Neapolitaner durch die Bezahlung rtlr dessen Libretti wirklich vor dem )Verhungern< bewahrte, steht dahin. 6s Aber jedenfalls gewährte er Statius finanzie lle Unterstützung ftlr dessen poetisches Werk, so dass der klassische Austausch von Leistungen zwischen dem Klienten )Dichten und 62 Wenn die Bitte an Sextus auch die Aufnahme in öffemliche Bibliotheken Roms implizien e, dann sollte er Martial zugleich auch bei der Veröffentlichung behilnich sein . Denn ein Platz in einer öffentlichen Bibliothek bedeutete eine wichtige Form der Pu blikation: Jeder konnte s ich davon eine Kopie machen. Siehe S. 87 m. Anm. I. 63 PIR 2 P 128: H. Leppin, Histrionen. Untersuchungen zu r sozialen Stellung von BUhnenkUnstle rn im Westen des Römischen Reiches:rur Zeit der Republ ik und des Principats. Bonn 1992 (Antiquitas 1,4 1), 68; 272-275. Mart. tl , 13. Ebenso Nauta 2002. 3. 64 Suet. Dom. 3, J; Cass. Dio 67,3.1 . 65 Vgl. Nauta 2002, 3f. , der auf den Widerspruch zwischen Statius' angeblicher Armut und der Vielzahl von aristokratischen Patronen, an die jener die Silven adressien . hinweist. Nautas ErkUI· rung: _11 seems bener to suppose that J uvenal chose to use Statius, although he fitted his case badly, because he was the besl·knOwn of recenl poets. so thai his name had the richest resonance." (ebd. 4.) S.o. S. 118.
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dem Patron stattfand. Dabei ist es zweitrangig, ob das Geld aus der kaiserlichen Schatulle oder aus Paris' eigener Tasche floss. Eine Verständigung zwischen dem Höfling und dem Kaiser über die Förderung des Dichters wird es ganz bestimmt gegeben haben. Martial und Juvenal (über Statius) sind nicht unsere einzigen Quellen. In der vierten Ekloge des Calpurnius Siculus findet sich ein eindeutiger Hinweis auf indirekte Patronage: Er lässt den Dichter Corydon seinen Patron Meliboeus um Vermittlung seiner Dichtung bei Nero bitten:66 Aber wenn du meine Lieder nicht als verächtlich betrachtest, bringe sie dann, Meliböus, dem Gon [d.i. Nero]; denn dir ist's gestattet, Phöbus' [d.i. Neros] Palast, sein heiliges Haus. von innen zu sehen. (at tu, si qua tamen non aspernanda putabis, //Jer, Meliboee, deo mea carmina: nam tibi Jas est // sacra Palatin; penetralia visere Phoebi. V. 157159.)67
Meliboeus ist zuvor selbst als Gönner des Dichters in Erscheinung getreten. Corydon, der in so großer Annut gelebt habe, dass er einen Umzug in die Provinz Baetiea erwogen hätte, >liege nun ohne Sorgen und gesättigt im Schatten<(per le secura saluri recubamus in umbra, v. 37). Aber über die von Meliboeus garantierte Grundversorgung hinaus wünscht sich Corydon vom Kaiser einen höheren lebensstandard. Dieser erst würde ihm ein noch vo llkommeneres Dichten ennögliehen . Kein Zufall, dass hier auch der Verweis auf Maecenas erneut auftaucht (v. 160-163). Diese Konstellation finden wir bei Martial und Statius wieder: Der Grundbedarf zum Leben war fUr die Poeten gesichert, durch Patrone oder eigenes Vennögen. Aber die an den Kaiser gerichteten Hoffnungen zielten auf einen Standard, der ein Leben im Olium mit gewissen Annehmlichkeiten möglich machte. Die Behauptung, erst damit zu noch größeren literarischen Leistungen fähig zu sein, diente vielleicht nur als Vorwand . >Klassische< Kommunikationsfonnen einer patronlls-c/iens-Beziehung fanden hier also nicht direkt, sondern auf dem Umweg fiber die Höflinge statt. Insofern war es nur konsequent, dass Martial poetische Schmeicheleien auch an die Höf· linge sandte, um diese Verbindungen zu >ölen<. Epigr. 9,79 verherrlicht die Höflinge im Kollektiv.6t Parthenius wird mit ;nsge;samt sieben (der uns erhaltenen) Epigramme bedacht. 69 Weitere Gedichte widmete er Domitians a libe/Jis Entellus (8,68), dem Mimen Latinus (9,28), dem schon erwähnten Crispinus und Damiti· ans deJicalus Earinus, an den Statius die Silva 3,4 richtete.70 Beide nahmen die Haarweihung des Eunuchen zwn Anlass, persönlich gekannt haben müssen sie ihn 66 Calp. ecl. 4,155-165.
67 Obers. von D. Korzeniewski. 68 Siehe Zll diesem Epigramm Pitcher 1990. 694,45; 78 ; 5,6; 8,28; 9,49; 11 ,1; 12,tl . 70 Mart. 9. 11-13; 16--17; 36. S.u. Kap. 5.6 und 6.5.
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nicht." Bei den panegyrischen Gedichten auf die Vertrauten Domitians wird fast immer auch der Kaiser selbst ausdrücklich gelobt. All diese Panegyrik galt also indirekt auch Domitian und ist damit ein zusätzliches Indiz für die offenbar institutionalisierte Form der indirekten Patronage. Ein weiteres Beispiel dafiir ist Martials Epigramm 6,76, verfasst anlässlich des Todes des Prätorianerpräfekten Fuscus. der im zweiten Dakerkrieg eine Niederlage erlitt und fiel. Als Grab-Epigramm gestaltet, stellte es in Wirklichkeit Domitian a1s den Beschützer seines Leibwächters und der Grabstäne des Fuscus sowie al s Bezwinger der Osker dar.72 Da über Fuscus in 6,76 nichts Persönliches gesagt wird, das auf eine Bekanntschaft mit Martia1 schl ießen ließe. thematisiert der Dichter hier sicherlich nicht den Tod eines seiner Gönner, sondern zielt - wiederum indirekt - auf Domitian. Andere Höflinge fungierten dagegen durchaus auch selbst al s Gönner. Zum Beispiel Parthenius: Einige der ihm gewidmeten Epigramme häne Martial sicherlich nicht anders gestaltet, wenn der angeredete Patron nicht gleichzeitig auch Höfling gewesen wäre: 4,45 dichtet er zum fünften Geburtstag von Parthenius' Sohn, und später scheint der Poet mindestens ein Mal eine gebrauchte Toga von Parthenius bekommen zu haben (8,28; 9,49). Und selbst das Epigramm 12, 11 , das oben (S. 125) als ein Musterzeugnis fUr die indirekte Patronage behandelt wurde, rückt in den ersten tunf (von acht) Versen die Person Parthenius in den Mittelpunkt, ehe die Bine um Verminlung beim Kaiser ausgesprochen wird. ll Allerdings gi lt für Domitians Kämmerer dasselbe wie rur den Mimen Pari s: Seine Unterstützung des Dichters wird mit dem Kaiser abgestimmt gewesen sein. Statius hane vermutlich einen Gönner in Domitians ab epistulis Abascantus: Die Silva 5, 1, ein Epikedion auf dessen Frau Prisci lla, verrät ein persönliches und vertrautes Verhältnis des Dichters v.a. zu Abascantus' Gattin. Die Praefatio zu Buch 5 bringt das zum Ausdruck: Ich jedoch widmete mich dieser Aufgabe [des Gedenkens an Prisci lla) nicht wie ei n be· liebiger Mann aus der Menge und nicht nur gleichsam dienstl ich. Priscilla hat ja meine Ganin geliebt und durch diese Liebe machte sie mir jene noch wertvoller. (ego lamen huic operi non ut unus e lurba nec lalllum quasi offiäosus adsilui. amavit enim uxorem meam Priscilla el amandofecil mihi iffam probatiorem; siIv. 5 pr. 5_7.)' 4
Das Epikedion beschreibt ausfUhrIich Priscillas Vergangenheit (incI. ihrer ersten Ehe) und Charakter (v. 45-74), Abascantus' Aufgabenfeld als ab epislulis (v. 8171 Siehe Henrikstn 1998a, 105. 72 Siehe Grewing 1997, 488f. 73 VgJ. Saller 1983,248: »Some ofMartial's most valuable friends and connections were imperial lTeedmen secretaries, such as Parthenius, who delivered books of poems 10 Domilian, prefarebly at propitious momenls. besides 8Cling as palJ'OnS in their own righl.« Jedoch kann Salier nur die oben besprochenen Belege fUr Parthenius (und fUr keinen weiteren Höfling) anfUhren. S.a. Nauta 2002, 346. 74 Obers. von H. WissmÜller.
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100), PriscilIas Krankheit und Tod (v. 150- 169), Szenen am Sterbebett (v. 170196), die Leichenfeier (v. 208-221) und Priscillas Grab (v. 222-238). Bei aller Topik enthält diese Totenklage um Priscilla wohl doch genügend persönliche Elemente, die auf eine gewisse Bekanntschaft zwischen Statius und Abascantus schließen lassen. Mehr aber wohl auch nicht, wie der Schlusssatz der Praefatio andeutet: Obwoh l ich schon lange einen engeren freundschaftlichen Umgang mit dir gewOnscht habe, wollte ich doch lieber. ein konkreter Anlass (d.i. Priscillas Tod) dazu wäre nicht so bald gekommen . (sed quaml'is propiorem usum amiciliae lUDe iampridem cuperem, mo/lem famen nondum invenisse maferiam. sill'. 5 pr. 10-12.)
Es muss daher offen bleiben, ob zwischen dem Dichter und dem ab epislulis ein dauerhaftes palronus-cliens- Verhältnis mit entsprechenden materiellen Folgen filr Statius besland oder ob Abascantus das Epikedion mit einer einmaligen materiellen Zuwendung honorierte.
4.3 Das Klientelverhältnis zwischen Domitian und den Dichtem 4.3. / Marlial und Slatius - keine Ho/dichter
Wenn starke Gründe für eine indirekte Form der kaiserlichen Dichterpatronage sprechen, die Poeten andererseits aber Kontakte zu Höflingen hatten, dann stellt sich generell die Frage nach der dichterischen Nähe zum Kaiserhof. Zählten sie nicht möglicherwe ise selbst zu den Höflingen? Spuren eines vertrauten Umganges mit den Höflingen bzw. den amici des Kaisers wären als Indiz rur ein regelmäßiges Verkehren am Hofzu werten. Statius richtet zwei Silven an ausgewiesene Höflinge: Silv. 3,4 ist Earinus gewidmet. der als Domitians Lieblingssklavenjunge zum engsten Kreis der /amiliares des Kaisers zählte, die in der Regel täglich in dessen Umgebung anwesend waren.li Anders als in der oben behandelten Silva 5,1 fehlen darin jedoch fast völlig die persönlichen Bezüge, die auf ein vertrautes VerhäJtnis zu Earinus schließen ließen." Allein die Bekanntschaft mit Abascantus lässt aber noch keine gesicherten Rückschlüsse auf Statius' Nähe zu den Höflingen Domitians zu. Weitere Indizien auf Beziehungen zu den kaiserlichen amici liefert uns Statius nicht. Er selbst nennt als weiteren Grund fUr sein Gedicht an Abascantus (neben der persönlichen Verbindung): Ich bemOhe mich immer. unbedeutend wie ich bin, mich doch um das ganze Personal des göu lichen Hauses \'erdient zu machen ; denn wer aufrichtig und treu die Göner ehn., der
75 Siehe die Einteilung der kaiserlichen Freunde in drei Kategorien bei Winterling 1999, l66f. 76 S.u. Kap. 5.6.
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Domitian als Patron der Dichter liebt auch ih~ Priester. (praelerea latus omne d;v;nae domus semper demereri pro mea mediocritale eo"itor, nam qui bo"afide deos eolit ornat el sacerdotes; si lv. 5 pr. 8- 10.)
Stati us ist kein >Priester< , also kein Höfling Domitians. Nach seinem eigenen Zeugnis sucht er, von außen kommend, den Kontakt zu den Höflingen des Kaisers. Wenn aber selbst bei Abascantus, zu dem über beider Ganinnen immerhin eine persönliche Beziehung bestand, vor Prisc illas Tod von einem ~>engeren freundschaftlichen Umgang«» keine Rede ist, dann kann er keinen regelmäßigen Zugang zum Hofe gehabt haben, ebenso wenig wie sein Mitstreiter: Martials Gedichte71 an die Höflinge liefern uns Uberhaupt keine private Information, die uns einen Adressaten als Vertrauten des Spaniers erscheinen lässt. Die Verweise auf die von Parthenius erhaltene Toga und dessen Sohn Burrus sind schon die persönlichsten Inhalte. Allerdings muss auch Martial zumindest die Strukturen und personellen Zuständigkeiten im Palast gekannt haben. Er wusste, an wen er sich wenden musste, um Fürsprache rur seine Dichtung und seine Anliegen beim Kaiser zu finden , und er hatte offenbar einen gewissen Anspruch, von den Höflingen )gehört( zu werden . Martial muss aber nicht fortwährend am Hof ein und aus gegangen sein, um diese Kennlnisse und diesen Bekanntheitsgrad bei Hofe zu besitzen. Sucht man nac h weiteren Hinweisen in den Si lven und Epigrammen, die die Rolle der Poeten in der kaiserli chen aula erhellen können, so scheint es zweckmäßig, die von A. Winterling in seiner Untersuchung Uber den römischen Kaiserhof" entwickelten Kriterien ftlr die Institutionalisierung des Hofes heranzuziehen. V.a. die Teilnahme an den regelmäßigen, das Hofleben zeitlich strukturierenden Veranstaltungen hätte sich fur die Dichter angeboten. Statius beschreibl in der Si lva 4,2 ein Gaslmahl Domitians im Palast, bei dem er das Gedicht mutmaßlich vorgetragen haLlO Domitians convivia für die vornehmsten Senatoren und Riner fanden häufig statt. wenn sie auch nie sehr lange dauerten'" Es bleibt offen. ob auch Statius dieses Privileg häufiger genoss (und allzu exklusiv war dieses Privileg nicht. denn mit ihm speisten mille weitere Tei lnehmer beim Kaiser, 4,2,33). Aber der Dichter besaß genügend Selbstbewusstsein, uns bei aller Panegyrik, die das Einmalige und Außergewöhnliche eines solchen Erlebnisses betonen musste, doch einen dezenten Hinweis zu geben, wenn er häufiger in diesen Genuss gekommen wäre!l Martial berichtet uns nur von öffentlichen
77 SIal. silv. 5 pr. 10f.
78 Siehe die S. 113-11 5 behandelten Gedichte: außerdem : 1,78 Qber Domilians amicus Feslus, dessen IdentilJt nicht gesichert ist. Er gehOrte nicht zum engsten Kreis der HOflinge (Jones 1992, 71), Ober Domilians Baumeister Rabirius: epigr. 7,56; 10,71. 79 Winterling 1999. 80 S.u. Kap. 5.2. 81 Sud. Dom. 2 1. Zu den Gastmatllern Domitians im Palast Winterling 1999, 155f. 82 Wie er ja auch seinen Erfolg bei den albanischen Spielen erwahnt: 4,2,65-67.
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Speisungen in den Straßen der Hauptstadt, was kein Anzeichen rur seinen Zugang zur aula Domitians sein kann .ll Besonders aufschlussreich ist epigr. 9,91: Ad cenam si me diversa vocaret in astra hinc invitator Caesaris, inde (ovis, astra licet propius, Palatia longius essent, responsa ad superos haec referenda darem: )quaerite qui malit fieri conviva Tonantis: me meus in terris luppiter ecce tenet.(
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(epigr. 9,91)
Der entscheidende Unterschied zu Statius flUh sofort auf: Martial würde gerne mal zum Gastmahl in den Palast eingeladen werden: vocarel (v. 1)1 Das Gedicht ist m.E. bis heute immer wieder falsch verstanden worden. So fonnulierte Shackleton Bailey: »)t has been suggested that the epigram acknowledges an actual invitation from the Emperor.'>14 Wenn, dann handelte es sich um eine Einladung an Statius oder einen anderen Schriftsteller, aber gerade nicht an Manial. eh. Henriksen erkannte zwar richtig, dass Manial nicht der Eingeladene war; jedoch stellte er aus diesem Grunde auch in Abrede, dass epigr. 9,91 zu demselben Gastmahl verfasst worden sein könnte wie Statius' Silva 4,2 .15 Das aber erscheint als verkehrt herum gedacht: 16 Martial reagiert mit 9,91 aufStatius' Essenseinladung, von der er ohne Zweifel gehört haben wird. Statius. Martials Konkurrent, hatte selbst lange Zeit keine Gunstbezeugungen des Kaiserhofs mehr genossen," nun aber diese Einladung erhalten. Martial verarbeitet daher sein Konkurrenzdenken, vielleicht auch seinen Neid, poetisch-panegyrisch: Gekleidet in )klassisch< panegyrische Verse, will er ironisch-schalkhaft sich fUr eine Essenseinladung beim Kaiser ins Gespräch bringen. Um sein Ziel zu erreichen, steigert er das Kaiserlob bis zum Äußersten: Die Aussage, dass Domitian Jupiter übertreffe, wird durch v. 3 zusätzlich überhöht. F. Sauter nannte das Gedicht daher einen »Höhepunkt der Adulatio«." Von der allmorgendlichen sa/ulalio beim Kaiser finden sich in den Silven und Epigrammen überhaupt keine Zeugnisse. »Für den Kaiser symbolisierte sie in regelmäßiger Interaktion seine alle anderen Aristokraten überragende, konkur-
83 Epigr. 8.49(50) beschreibt eine cena recta. d.i. ein Gastmahl in publico. denn neben Senatoren und Rinem nahm auch der römische populus teil (v . 7). S.a. 1,11 ; 5,49. Siehe Winterling 1999, 145f. 84 1993 11 , ad loc. - Auch Nauta sieht in silv. 4 ,2 thematische Parallelen zu Man. 9,91 und verkennt dabei die unterschiedlichen Teilnehmerkreise, die das Gastmahl im Palast von der öffentlichen Speisung abgrenzen (2002, 383f. m. Anm. 17). 85 Henriksen 1999. 134. 86 Die chronologischen Inkongruenzen zwischen silv. 4.2 und epigr. 9,91 . von denen Henriksen ebd. spriCht, löst er in der dazugehörigen Anm. 3 selbst auf. 87 Vgl. silv. 4,2 ,65-61. 881934,59.
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renzlose Stellungcc," rur die teilnehmenden Senatoren und Ritter war sie Manifestation des eigenen politischen und sozialen Status. Unter dessen Kriterien war die >Freundschaftc zum Kaiser eines der wichtigsten. Da die Morgenbe· grüßungen bei anderen PalrOnen von Martial häufig thematisiert werden,90 scheinen die Dichter bei Domitians salulafiones tatsächlich nicht dabei gewesen zu sein. Denn diese hätten sich auch als Thema der Expressio n, evt. verbunden mit einer verherrlichenden Beschreibung der Palast·Räumlichkeiten. wo sie stattfanden, durchaus geeignet, ebenso wie Statius ja auch das Gastmahl zum Anlass fUr eine Hymne auf den Palast nahm. Die Zeugnisse der Dichter rur Auftritte im höfischen Rahmen sind in Kapitel 3. 1 bereits behandelt worden : Statius' Rezitationen beim Gastmahl im Palast und bei den poetischen Agonen in Domitians Albaner Villa scheinen dje einzigen Anlässe gewesen zu sei n, zu denen er direkten Zugang zum Kaiser hatte und eine unmittelbare Kommunikation zwischen Herrscher und Dichter stattfand. Für Martial ist der Fall wohl noch eindeutiger: »there is no evidence that Domitian was personally acquainted with Martial.c(9I Diese BeobaChtung rugt sich gut in das Bild der indirekten PalrOnage Martials durch die kaiserliche aula. Unsere Quellenlage filr die Teilnahme der Poeten an den kommunikativen und interaktiven Prozessen bei Hofe ist also recht dünn. Und die Stellung der Dichter als Tei l des >Unterhaltungspersonals( bei Hofe verstand sich auch nicht von selbst. Zwar konnten mit der Ausprägung des römischen Kaiserhofs im I . Jahrhundert die an ihm lebenden und verkehrenden Personen gerade im Vergleich zu den Senatoren eine gänzlich neue und herausragende Funktion erlangen, sofern sie die G unst des Kaisers besaßen: Das konnte die kaiserlichen Frauen. Hofastrologen oder eben auch die Literaten betreffen.9'2 Im Gegensatz zu den neuen institutionali· sierten Hofämtern des kaiserlichen Sekretariats, dem politische und administrative Aufgaben oblagen, stand und fiel die Bedeutung des )Unterhaltungspersonalsc, also der Hofnarren, Mätressen, Künstler und Dichter, aber mit den persönlichen Vorlieben des Kaisers.'l Das heißt: Nur wenn Domitian literarische und künstlerische Interessen verfolgte, zumindest insofern, dass er Literatur, Kunst und Wissenschaften flir die Ostentation seiner Imago zu instrumentalisieren beabsichtigte, konnten die Dichter an seinem Hof ihren Platz finden . 89 Winterling 1999, 136. 90 l .B. I.5S.6: 3.36,3: S.2 1; 22, 12; 6,88: 7,39, I f.: 9 , 100, I f.: 10,70,S: 12,18,13- 16. 9t Coleman 1986.310 1. Manial deutet seine Distanz zum Kaiser auch zu Beginn des fUnften Buches an: In epigr. S,I gibt er vor, den aktuellen Aufenthahson Domitians nicht zu kennen (v. 16). Dennoch mOchte er ihm sein Gedichtbuch zukonunen las.sen ( v. 7-10). Die angezeigte Distanz gewiMt an Gewicht durch die Nachbarschaft zu den besprochenen Epigrammen S,S und S,6. in denen die direkte Kommunikation der HOninge mit dem Kaiser vorausgesetzt wird. Vgl. Gan hwai· te 1998, 1S8- 161. 92 Barghop 1994. 18S. 93 Winterling 1999. 6f.
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d~r Dicht~r
4.3.2 Domilian als Uteraturpafron Deshalb soll nun die Perspektive gewechselt und der Fokus auf Domitian gerichtet werden. Was tat der Kaiser zur Förderung der Literatur, der Künste und Wissenschaften? Entwickelte er seinen Hof zu einem kulturellen Zentrum des lmperiwns, wie es die PtolemAer mit Alexandria vorexerziert hanen?'H Statius bekam von ihm eine Wasserleitung ftlr seinen albanischen Landsitz spendiert.~ Martial bat Domitian ebenfalls um den Anschluss seines Landguts an die Wasserversorgung - eine Bestätigung in Form einer überschwänglichen Danksagung blieb jedoch aus. 96 Ein solcher Dank wäre aber zu erwarten gewesen, wie uns der Fall des ius frium liberorum zeigt: Martial bat den Kaiser mit dem Epigramm 2,91 um die Verleihung des Dreikinderrechts, das das Recht, Vermächtnisse anzutreten, Steuerprivilegien und gesellschaftliches Renommee mit sich brachte." Im nAchsten Epigramm (2,92) folgt dann prompt die Danksagung Martia1s, der das Dreikinderrecht als Musarum pretium ... mearum (v. 2) bezeichnet.'· Martial gruppierte heide Gedichte am Ende des zweiten Buchs hintereinander, um die IiberaJj[QS Domitians und natürlich die rur ihn selbst damit verbundene Auszeich· nung zu dokumentieren. Das entsprach wohl des Dichters Aufgabe in einer Klien· tel beziehung mit dem Kaiser a1s Patron . Immer wieder binet er den Flavier auch um Geld (und er verbindet die Bitten mit panegyrischen Inhalten)," jedoch vermutlich ohne Erfolg. Domitian scheint diesen Bitten nicht nachgekommen zu sein. 1OO Im Jahr 90 richtet Martial an Domitian eine besonders nachdrückJiche pocti· sche Bitte um materielle Unterstützung, die er mit einem Lobpreis auf dessen Ära verbindet: Epigramm 5,19 steht im dem Kaiser gewidmeten fünften Buch, mit 94 W~nig brauchbar ist Thid~ 1916, 24Q.249 (» Int~ressc des Kaisers an d~r Poesie«), dessen Schillsse, and~rs als seine Beobachtung~n zu d~m domit ianisch~n V~rhlltnis zu Statius und Martial, han~bOchen und tollkllhn ZlJ n~nnen sind. 95 Stal. silv. 3, 1,61-63 . 96 Epigr. 9. 18. Sullivan vermutet dag~gen . Martial habe di~ Was.scrleitung analog zu Statius ~rhalt~n (199 1, 44). S.a. Nauta 2002, 337 m. Anm. 44. 97 Sieh~ Whit~ 1978. 90. 98 Sieh~ dam Nauta 2002, 337 ober Dios Nachricht, Domitian habe bei Amtsantritt alle von V~spasian und Titus gewllhn~n Privil~gien wtIIligt (67,2, I). 99 Epigr. 4,27; 5, 19; 6, 10; 87; 7,60; 8.24. 100 Vgl. dag~gen Hardie 1983. 45f.: Es sei unvorst~lIbar, da« Stalius und Manial fUr ihre Pan~gyrik !\Wen den anderen Leistungen nicht auch finanziell~ UnterstOtzung (.in th~ form of cash«) von Domitian bekommen hatten. Als Bel~g ruhn Hardie das bei Plinius (epist. 10.58,5) Ilberli~ferte Geschenk Domitians rur d~n bithynischen Philosophen Flavius Archippus an: Auf dessen Bitt~n hin g~ .....!hn~ ihm der Flavi~r Grundbesitz im W~n von ung~fllhr 100.000 Sesterzen und wies seinen procuralor an, di~ »Summe auf mein~ Ausgaben rur liberalitas anzurechnen« (silmmom upensam liberalilali meae jeres). Ähnlich~s mOsse auch im Falle von Statius und Manial geschehen sein. Dass k~iner von beiden eine G~ldspende Domitians ~rwlhne, sei k~in Gegenargum~nt : »it simply was not done to record the actual payment of money in this way.4C (5. 46.) Aber ist es zulassig, Archippus und di~ beic:kn Poet~n im Verhlltnis zum Kaiser auf eine Stufe zu st~lI~n1 Hardies Argum~nlation bl~ibt spekulativ.
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Domitian als Patron der Dichter
dem der Spanier größere Anstrengungen als je zuvor unternahm, den Kaiserhof auf sich aufmerksam zu machen. IOL In epigr. 5, I 9 kulminiert ein Gedichtzyklus, der in mehreren Variationen den Ruhm des Dichters und zugleich dessen )Annutc themati siert (5, 10; 13; 15; 16).102 Damit demonstriert er Domitian seine Qualitäten (und VorzOge ftlr den Kaiser) sowie seine, wie er meint, nicht ausreichend gedeckten materiellen Bedürfnisse. Si qua fides verist praefelTi, maxime Caesar, temporibus possunt saecu la nulla tuis. quando magi s dignos licuit spectare triumphos? quando Palalini plus meruere dei? pulchrior et maior quo sub duce Martia Roma? sub quo libertas principe tanta fuit? esl tarnen hoc vitium sed non leve, sit licet unum, quod colit ingratas pauper amicitias. qui s largilur opes veteri fidoque sodali. But quem prosequitur non alienus eques? Satumaliciae ligulam misisse selibrae tflammaristve togae scripula tota decem luxuria est, tumidique vocant haec muners reges: qui crepel aureolos forsitan unus eri!. quatenus hi non sunt, esto tu, Caesar, amicus: nulla ducis vi rtus dulcior esse potest . iam dudum tacito rides, Gennanice, naso utile quod nobis da tibi consilium .
5
10
15 (ep;gr. 5,19)
Der Gedichtanfang rühmt die Zustände unter der domitianischen Herrschaft in jeglicher Hinsicht (v. 1-6). Der Principat des Flaviers wird zum goldenen Zeitalter. 103 Die einleitenden Worte si qua jides veris kennzeichnen die nachfolgende Panegyrik als eine Spiegelung der hö fischen Expression: Der Untertan Martial gibt als Adressat der Herrschaftsdarstellung, d .i. vera, dem Kaiser deren Inhalte zwilc k und zeigt ihm so, dass er zum (literarischen) S prachrohr der Expression taugt. LOt Die Lobeshymne auf die domitianische Ära nimmt dabei einen Punkt ausdrücklich aus, die fUr Klienten bekJagenswerte Patronagesituation (v . 7-14). In dem Maße, in dem die positiven Z ustände überhöht werden, wird auch das negative Gegenbild der aktuellen Patronage gesteigert. An der ansonsten so glOcklichen Epoche haben die Klienten, s peziell die Dichter, keine ungetrObte Freude aufgrund ihrer unbefriedigenden persönlichen Situation, so Martial . Für Freundschaften
101 102 103 104 ( •.. ).t<
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S.U. S. 332. Merli 1998. 149-151. Siehe Sauter 1934. 21 und Sullivan 1991 , 140. VgI.a. Merli 1998, 152: ~ Er steille sich dar als ein Dichter. der des Hofes WOrdig war
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Domilian als Patron der Dichter
erhalte man keinen D~ die Patrone knauserten mit ihren Gaben. Martials Schlussfolgerung: Nur der Kaiser könne - und solle daher - ein Patron filr ihn sein (v. 15f).'OJ Das Schllissdistichon reflektiert ironisch die Bitte um Geld; es ist dem künstlerischen Anspruch und der epigrammatischen Technik geschuldet. Nach Manials Darstellung ennöglichte die Situation der Patronage im Allgemeinen und der Literaturpatronage im Besonderen während des domitianischen Principats Autoren wie ihm kein sorgloses und materiell zufrieden stellendes Dasein . Mit epigr. 5, 19 dokumentiert er uns sein intensives und durch das erste Viertel von Buch 5 sorgflUtig vorbereitete Bemühen, vom Kaiser finanzielle Entlohnung rur die Bereitschaft zur fortgesetzten Herrscherpanegyrik zu erlangen. J. Sullivan sieht wenig Grund zu der Annahme, dass Martials Binen von Domitian enttäuscht worden sein könnten, L06 jedoch haben wir daflir keinen Beleg. Daher wird man vielmehr vennuten dürfen, dass fast alle Bittgesuche Martials ins Leere liefen, wie er auch in epigr. 6,10 bezeugt: Darin schildert er eine kaiserliche Ablehnung (mi/ia nobis // nulla dedit, v. 3f.), um dann eine ironische Erneuerung der Bitte hinterherzuschicken (v. 12). Quintilian wurde, nachdem Vespasian ihn im Zuge des Ausbaus des öffentlichen Bildungswesens aJs Professor rur Rhetorik bestallt hatte, von Domitian die Erziehung seiner beiden Adoptivsöhne übertragen .'07 Mit der Verleihung der insignio consulorio wurde Quintilians Position sichtbar herausgestellt. LOI Das Gremium der XVviri socris j ociundis war 88. dem Jahr der Säkularspiele, mit einer Reihe von Prominenten aus der literari sch-musischen Welt besetzt. Auch das mag als Auszeichnung und Protegierung gedacht gewesen se in. L09 Vor allem sollte wohl die Einrichtung der musischen Agone bei den Capitolia und den Spielen zu Ehren Minervas der Förderung der Literatur dienen. Zwar waren die Aufsehen erregendste Neuerung der Copilolio die gymnischen Wenkämpfe wegen der rur Rom ungewohnten Nacktheit der Athleten. Aber der Literatur kam doch ein größerer Stellenwert zu, als nur schmückendes Beiwerk zu sein, das sich etwa aus der vollständigen Übernahme des griechischen Wenkampfprogramms ergeben hätte. Ihre Bedeutung zeigte sich in der Vielzahl der musischen Di sziplinen . »The introduction ofthe Alban and Capitoline Games had the effect ofbuild ing up an Ital ian games-circuit similar to the great round o f Greek games«. 110 Statius' Beispiel zeigt, dass professionelle Dichter wie er diesem jährlichen
105 Dieses Gesuch wird erst dann explizit formulien. »nachdem Manial seine eigene Rolle und sein eigenes Werk ausftlhrlich in gQnsligstem Licht dargestellt hai«; Merli 1998, 152. Vgl. Ahnlieh Garthwaile 1998. 162. 106 1991. 121. 107 Quinl. insl. 4 pr. 2. 108 Aus. Gral. AC1. 7,3 1 (ed. R.P.H. Green, Oxford 1991); s.a. Coleman 1986, 3108f. 109 Vgl. Hardie 1983, 45; R. Syme, Tacitus, Oxford 1958, 66 m. App. 22. 110 CoJeman 1986. 3098. S.a. While 1998, 86f.
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Domitian als Patron der Dichter
Wettkarnpfkalender folgten und zu den Agonen in andere SUldte wie z.B. Neapel (wo die Sebasta stattfanden) reisten .1I1 Das jugendliche Alter einiger Wettbewerber ließ I. Lana vermuten, es habe getrennte Konkurrenzen flir erwachsene und für Nachwuchsdichter gegeben. 111 Das bleibt fraglich, aber die Jugend der Teilnehmer könnte ein Zeichen dafUr sein, dass Domitian die Literatur im Allgemeinen und Nachwuchspoeten im Besonderen fördern wollte . Es so ll hier zunächst offen bleiben, welche Ro lle er diesen Talenten eventuell zudachte, o b sie direkt seine Herrschaft propagieren sollten oder er sich eher indirekten Ruhm durch einen prominenten und produktiven Literaturbetrieb in seinem Principat erhoffte. Jedenfalls wurde bei den Agonen offensichtJich topische Herrscherpanegyrik vorgetragen. I U Diesen Indizien steht Suetons harsches Urteil Ober Domitians angebliches Desinteresse an Poesie, Geschichte oder Rhetorik gegenüber:
In sei ner Jugend »heuchehe [er] mit wunderbarer Verstellungskunst Bescheidenheit und vor allem Interesse rur die Poesie, mit der er sich vorher nie abgegeben hatte und die er später mit Verachtung von sich wies((. 114 ))Zu Beginn seiner Regierung vemachJässigte er die freien Künste 1J5 ( .•. ).« Er machte sich lInie die MUhe, die Geschichte, die Poesie oder auch nur die nötigsten stiJistischen Regeln zu studieren. Außer den Memoiren und den Akten des Kaisers Tiherius las er nichts. Seine Briefe, Reden und Edikte ließ er durch andere abfassen«.116 Es fragt sich allerdings, ob Sueton dem Flavier mit dieser Schilderung gerecht wird. Immerbin berichtet er a uch, Domitian habe sich darum gekümmert, dass die durch Brände zerstörten rö mischen Bibliotheken mit großem Aufwand wiederhergestellt wurden. Er habe von überall her Exemplare der verloren gegangenen Werke zusammensuchen lassen und darüber hinaus Kopisten in die Bibliothek nach AJexandria geschickt, um dort Abschriften anzufe rtigen.1I1 Alles in allem ein äußerst kostspieliges Unterfangen, das wohl nicht in erster Linie auf die breite Masse z ielte, auch wenn prinzipiell jeder öffentliche Bibliotheken nutzen konnte. Man kann hierin wohl einen Beleg rur akademi sches Interesse bei Domitian er-
111 SIal. silv. 2.2,6-12. Vgl. aber White 1998. der verneint. dass die prom inentesten römischen Dichter daran teilgenommen halten; Sialius sei die Ausnahme von der Regel gewesen (S. 93f.). 112 Lana 195 I. 158; vgl. Coleman 1986. 3098f. 113 Siehe Coleman 1986.3099.
114 simlilavit el ipse mire modesl10m i" primisque poetieae sludium, tam iruuetum anlea sibi quam poslea spretum CI abieetum; Suet. Dom. 2.2: obers. von A. Lamben. Vgl.a. Tac. ann. 4.86,2. I t 5 Zu den libualia studio zAhlten literatur, Rhetorik. Mathematik. Musik und Rechtswissenschaft; s. Jones 1996 ad loc. 116 liberalia studio imperii i"Uio " eglexit (. ..). "umqua'" ... aut historiae earmi"ibusve " OS· ce"dis operam ullam aUI Sll/O vel necessorio dedit. proeter commenlarios et acta Tiberi Cauaris " ihilleclilabat; epistulas orationesque et edicla alieno lormabal ' ''ge" io; Sue!. Dom. 20. 11 7 (. ..) bibliothecas ince"dio absumptQS impensissime reparare eurasset, exemplaribus u"di· que petitis missisque Alexa"dream qui describerent emendarentque; Suet . Dom. 20.
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Domitian als Patron
d~r Dicht~r
kennen oder zumindest fllr seine Absicht, durch nennenswerte Kultur· und Litera· turpatronage das Ansehen seiner Herrschaft zu stärken .I L' Sueton nennt noch weitere Fakten, die sein Urteil Ober Domitians kulturelle In· teressen fragwürdig erscheinen lassen: Der Flavier sei im Gespräch nec ineJegons und bisweilen zu bemerkenswerten Sentenzen in der Lage gewesen;1L9 aber v.a. mit seinem ausfllhrlichen vierten Kapitel, das die Spektakel und eben auch die musischen Agone behandelt, stellt er seine Kritik an dem angeblichen kuJturelien )Banausen< Domitian stark in Frage. llo Ziehen wir an dieser Stelle ein vorläufiges Fa.zil: Eine Reihe von Maßnahmen • zur PalrOnage der Literatur und Wissenschaften deutet in der Tat darauf hin, dass Domitian sich den hellenistischen Herrscherhof als geistig·kulturellen Mittelpunkt des Reichs zum Vorbild nahm .121 Dazu zählten die Installierung eines Quintilian als Erzieher am Hof und die Wiederherstellung der Bibliotheken, um den Intellek· tuelIen beste Forschungsmöglichkeiten und der breiten Masse die Gelegenheit, sich zu bilden, zu garantieren. Auch seine Spiele im griechischen Stil, die Quin· qua/rio zu Ehren Minervas im höfi schen Rahmen von Alba W'ld die Capitolia, knüpften mit ihren musischen Wettkämpfen an die hellenistische Tradition an .LU Ist dieser Befund ausreichend fllr eine Klassifizierung der domitiani schen Litera· turpatronage al s )helleni sti sch In einem zentralen Punkt der LiteraturflSrderung, der materiellen Unterstützung der Dichter, ist, vorsichti g formuliert, unsere Quel· lenlage zu dünn . Oder, um es expliziter zu sagen: Domitian hat die Poeten nicht in dem Maße finanziert, dass man von einer Literalurpatronage im Stil des hellenisti · schen Herrscherhofs sprechen kann . In den Worten Martials: Domitian hatte keinen )Maecenas<. In dem Epigramm 8,55(56) benennt Martial das Fehlen eines Maecenas als Grund dafUr, dass es ke in dichterisches Talent von der Klasse Vergils gebe, das die gegenwärtigen )großen Zeiten und Schlachten< wOrdig und angemessen besingen könne (v. 1·6): Temporibus nostris aetas cum cedat avo rum creverit et maio r c um duce Roma suo, ingenium sacri miraris deesse Maro nis nec quemquam tanta bella sonare tu ba. Si nt Maecenates. non deerunt, Flacce. Marones Vergiliumque tibi vel tua rura dabunt.
5 (ep;!!,. 8.55[56).I-6)
118 Vgl.8. Co l~man 1986. ]096: Jones 1996. 144. 119 Suel. Dom. 20. 120 Siehe Wallace-Hadri111983. 188f. 121 Siehe Weber 199] , 7·9. 122 S.o. Kap. 2.3.3 »Domilians Philhellenismus«.
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Domitian als Patron der Dichter
Ausfilhrlich beschreibt Martial , wie Vergil durch Augustus' Landverteilungen an die Veteranen das Landgut in Mantua verloren hatte. Wie Maecenas ihn finanziell entschädigte, ihm rur seine Poesie Reichtum sowie den schönen Knaben Alexis versprach (v. 7-12). (Den Anmut und Liebreiz des Alexis schi ldert Martial in besonderer Ausfilhrlichkeit; v. 13-16.) Durch diese Gaben des Maecenas sei es Vergil erst möglich geworden, die Georgica und die Aeneis zu erschaffen (v . 17-20): e"cidit anonito pinguis Galatea poetae Thestylis et rubras messibus usta genas; prolinus Italiam concepit el )arma virumque<. 20 qui modo vi" Culicem t1everat ore rudi.
(ep;g>". 8.55[561.17-20)
MartiaJ beendet seine ROckschau in die ftlr Poeten goldene Vergangenheit mit dem Verweis auf Varius, Macsus und a11 die anderen Dichter, die von Maecenas protegiert wurden (v. 21f.), und reklamiert fLIr sich: Mit einer Patronage von maecenatischer Qualität würde ein lzweiter Macsus( aus ihm (v . 23f.). Dasselbe Motiv hatte der Spanier schon 7-8 Jahre vorher verwendet. als er seinen engen Freund Lucius lulius MartiaJis um Unterstatzung bat (1,107,1-6): Saepe mihi dicis. Lud carissime luli, IScribe aliquid magnum: desidiosus homo es.< otia da nobis, sed qualia fecerat olim Maecenas Flacco Vcrgilioque suo: condere victuras templern per satcula curas et nomen flammis eripuisse meum.
5 (epigr. I,107,1-6)
Das oCium, das Maecenas sowohl Vergil aJs auch Horaz gewährte, ist die Voraussetzung dafUr, dass der Dichter Werke von Dauer, letwas Großes(, schafTen kann und sein Name nicht vergessen wird. Maecenas als derjenige, der Literatur von höchster Qualität erst möglich macht, ist bei Martial auch dann präsent, wenn er namentlich nicht genannt wird : In epigr. 8,73 symbolisieren Liebhaberinnen und Lustknaben aJs gleichsam sirutlichc Inspiralion die notwendige Voraussetzung filr Igroße< Literatur. Manial listet die römischen Liebeselegiker Catull. Gallus, Tibull , Properz und Ovid mit den sie inspirierenden Mädchen auf, wn dann mit Vergils Knaben Alexis, dem Geschenk des Maecenas, zu enden. Die Pointe des Gedichts ist also die schon bekannte: Martial stünde in einer Reihe mit seinen großen Vorgängern, wenn auch ihm Unterstützung durch einen Maecenas, für die hier als Chiffre der Alexis steht. zuteil würde. Dahinter steht das klagende Urteil Ober seine Zeit. das im Epigramm 5,16 ausgesprochen wird : ( ... ) tantum gratis pagina nostra placct. sed non et veteres contenti laude fuerunt, eum minimum vati munus Alcxis erat. 138
10
(epigT. 5,16, 10-12)
Domilian als Patron der Dichler
Niemand ist bereit, Dichter rur ihn ehrende Verse materiell zu belohnen. Die )Alten<, Vergil, Horaz und ihre Mitstreiter, waren anderes gewohnt : Ihre poetische Leistung wurde durch eine beträchtliche materielle Hilfe honoriert, und der Alexis (für Vergil) war noch die geringste Gabe. Wieder wird statt des Gönners Maecenas nur sein prominentes Geschenk, der Knabe Alex is, genannt. Statius äußert derartige Klagen nicht. Dennoch war Martial beileibe nicht der einzige, der seiner Sehnsucht nach einem )zweiten Maecenas< Ausdruck verlieh: Die Anspielung des Calpumius wurde schon erwähnt ; und auch Juvenal lässt in seinem Lamento über die Trostlosigkeit der Lage seiner Dichtergeneration den Verweis auf Horaz' und Vergib sorgenfreies Dasein als positives Gegenbild nicht aus. 12J Mit Calpumius' und Juvenals Klagen steht die LiteratUlJ>3tronage der Kaiser Nero und Hadrian in der Kritik. Martial seinerseits wiederholt unter Kaiser Nerva die altbekannte Argumentation: Unvergängliche Gedichte hätte er verfassen und großartige Schlachten mit schmetterndem Gesang rühmen können, wenn die Götter Ro m zusammen mit dem Auguslus (gemeint ist Nerva) auch den Maecenas wiedergegeben hätten! 12~ Wenn verschiedene Dichter die sozialen Rahmenbedingungen unter drei so unterschiedlichen Kaisern derart ähnlich schildern, dann drängt sich die Vennutung, es handle sich um eine topische Klage, geradezu auf. Sicherlich war die Sehnsucht nach einem Gönner wie Maecenas ein poetischer Topos, aber sie entsprach nichtsdestoweniger den historischen Realitäten der Hohen Kaiserzeit, wenn man den augusteischen Maßstab anlegte. Schützenhilfe tur ihre Positio n erhielten Martial, Juvenal und ihre Kollegen von Plinius dem Jüngeren. Er betätigte sich selbst literari sch, vertrat aber als Senator auch die Seite der Patrone und war auf finanzielle Unterstützung nicht angewiesen. Plinius erwähnt, dass er dem Dichter fUr dessen Umzug nac h Spanien das Reisegeld (vialicum) gegeben habe. m Diese Finanzspritze verstand Plinius als Freundschaftsdienst und als Dankeschö n fUr die angefuhrten lobenden Verse (dederam hoc amiciliae, dederam eliam versiculis, quas de me composuit, epist. 3,2 1,2). Denn früher, bei den >A lten<, sei es Sitte gewesen,
123 Calp. cel. 4, 160-163 : s.o. S. 127. lu v. 7, 1-97; Horaz: v. 62, Vcrg il : v. 69f. Wiederum wird der Alexis ge nannt! 124 al quam victuras poteramus pangere chartas quanlaque Pieri8 proelia flare IUba, cum pia reddiderinl Auguslum num ina terris. (epigr. 11,3,7- 10.) et Maecenatem si tibi, Roma, darent! 125 Plin. epist. 3,2 1,2. O b es sich bei dem viaticum wirklich um einen relevanten Betrag hande lte, auf den Manial finanziell angewiesen war, steht dahin. Dass es Plinius in epist. 3.2 1 neben dem Ruhm des Martial v.a. darum gehl, sich seibsi ins rech te Licht zu rOcken, wie das Zilat der lobenden Martialverse auf ihn :zeigt. bceinlrlchligt das positive Urteil Ober den Epigramm81iker nicht; s. dazu Lef!vre 1989, 123- 126.
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00040~~b
Domitian als Parron der Dichter diejenigen, die etwas zum Lobe e inzelner Persönlichkeiten oder ganzer Stll.dte geschrieben hatten, mit Ehren oder Geld auszuzeichnen; in unserer Zeit aber ist, wie vieles andere Edle und Schöne, gerade auch dies in Vergessenheit geraten (foil moris ollliqui, eos qui vel singulorum laudes vel urbium scripserant, out honoribus aut pecunia ornare; nOS friJ vero temporibus ut aUa speciosa ef egregia, ifa hoc in primis exolevit; 3,2 1,3).126
Die Ähnlichkeit seiner Aussagen v.a. zu Matt. 5,16, 11f., die bis in die Fonnulierungen reicht, frappiert. 127 Die Dichter, die nicht senatori schen Ranges waren und nicht über entsprechende finanziell e Ressourcen verfugten. standen also mit ihrem Urteil nicht a1lein; der Senator und Gönner Plinius blies in dasselbe Horn und bestätigte ihre Sicht se inerseits filr die trajanische Zeit.
4.4 Resümee Nach allem , was wir Ober die Literaturpatronage des Augustus und seiner Nachfolger wissen, ist das Vorbild des ersten Princeps tatsächlich ohne adäquate Nachahmung geblieben. Einen )zweiten Maecenas( hat es nicht gegeben. Insofern steIlte der augusteische Weg die Ausnahme, nicht die Regel, dar. Dennoch ric htete sich das Sehnen aller Dichter immer auf den augusteischen venneintli chen Idealzustand, der in der Sicht der Nachwelt, je länger zurQckl iegend, desto stärker überhöht und glorifiziert wurde. l2t >Einen Maecenas zu haben( bedeutete rur die Schri ftsteller also eine effiziente und großzügige Litemturförde rung. Idealerweise ging diese Förderung rur sie vom Kaiser bzw. seiner rechten Hand aus. Martial aber richtet die Epigramme, in denen er sich einen >neuen Maecenas( wünscht, samt und sonders an seine Gönner und Freunde, nämlich lulius Martia1is. Flaccus und lnstantius Rufus. l19 Sie fordert er auf, ihm >sein Maecenas( zu sein. Bei allen an Domitian und dessen Höflinge gerichteten Bitten um MateriellesilO gebraucht er das Maecenasbild dagegen nie. Auch das zeigt: Domitian hatte keinen >Maecenase. Statius bestätigt es indirekt, denn auch wenn er keine KJagen über mangeln126 Obers. von A. Lamben. 127 Siehe Howelll995, ad loe. 128 Auch Honu war auf vielfältige Weise in den Alltag seines Patrons Maecenas eingebunden: Er eilte frllhmorgens durch die Straßen Roms zur salurario bei Maecenas (sat. 2,6.23-39), hatte diesem tagSOber Gesellschaft zu leisten. im Zirkus bei ckn Spielen. zur Entspannung (luse,.ar) auf dem Marsfeld und auch auf Reisen (40-49). Kunfristige Aufforderungen. Spllt noeh zum Essen bei Maecenas lU erscheinen. waren offenbar keine Sellenheit (581. 2.7.32-31). So darf sein Sklave Davus ober Honu. spotten: ~ Du. der du mir befieh lst. dienst lU deinem Unglock anderen und wirst wie eine bewegliche hölzerne Puppe von fremden Faden gezogen.« (tu. mihi qui impe,.itas. alii s~rvir mire,. atque // duuriJ ur nerviJ alieniJ mobil~ lignum. 581. 2.1.81 f:) Kein Wunder. dass Horaz sich splller der freundschaftlichen PAichten gegenOber Maecenas mOde zeigte (epist. 1.7,2528). Siehe White 1978, 78. 129 Martialis: 1,107,1; Flaccus: 8.55(56).5 ; Instantius Rufus: 8,73 ,1; in 5, 16.2 redet er seinen
Iwar amicus an.
130 Epigr. 2.91 ; 5.19; 6.10; 7 60; 8,24; 9, 18 sowie 8.28 ; 9,49 (an Parthenius).
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Domilian als Patron der Dichter
de finanzielle Förderung durch den Kaiser hören lässt, so findet sich in den Silven dennoch auch keine Gedichtwidmung an einen Gönner, der in seiner Nähe zum Princeps und seinen Leistungen filr Statius dem Maecenas gleichgekommen wäre. Domitians Anstrengungen zur Förderung der Literatur können ohne einen )Maecenas< nicht dieselbe Intensität wie die augusteischen gehabt haben. Die O· berlieferten Nachrichten deuten darauf hin, dass er vielleicht etwas mehr als seine Vorgänger Ußtemahm.1JI Aber eine systematische DichterpalTOnage hat er nicht betrieben, dazu haben Martials Klagen bei aller Topik zu großes Gewicht. Juvenal und Plinius, die sich zu diesem Thema umfassend äußern. erkennen in ihrer nega· liven Gesamtbeurteilung kaiserlicher Lileraturpatronage nach Augustus in Domi· tian keine Ausnahme. Von einem wechselseitigen Geben und Nehmen zwischen Klient und Patron konnte keine Rede mehr sein, wenn der Patron der Princeps war. Die Dichter er· hofften sich vom Kaiser Leistungen, die sie nur von ihm bekommen konnten: Das Prestige, von ihm gehört, gelesen, gerurdert oder bei den musischen Agonen zum Sieger erklärt zu werden, speiste sich allein aus der herausgehobenen, gongleichen Stellung des Kaisers. Eine finanzielle Förderung, die über die gewöhnlichen Stan· dards hinausging und den Dichtem ein komfortables Leben im o/;um ennöglichte, war offenbar von anderen Patronen nicht zu erwarten. Daher mussten sich die Dichter im Hinblick auf diese WUnsche als vom Kaiser abhängig empfinden. Daraus erklärt sich ihr Drängen an den Hof: FOr Martial ist dieses Streben nach kaiserlicher Nähe so eindeutig wie vergeblich. Bei Statius ist der Fall komplizierter: Zumindest gelegentlicher Zugang zur aula ist belegt, aber suchte er die Hofnähe von sich aus? Die ersten Teilnahmen an den Wettkämpfen z. B. der Capitolia, der Quinqua/ria oder der Sebasta dienten sicher dazu, sich bei Domitian bekannt zu machen. Anschließend könnte auch der Hof seinerseits auf den Neapolitaner zugegangen sein und ihn gelegentlich mit einem panegyrischen Gedicht beauftragt haben . Domilian jedoch war weder auf Martial noch auf Stati· us angewiesen. Er kann sich des Letzteren bedient haben, ohne daflir so viel geben zu mUssen, wie Augustus das von sich aus tat. Dafilr sorgte die mangelnde Konkurrenz in der Literaturpatronage. Die Kommunikation der Dichter mit Domitian und auch etwaige materielle Gaben des Herrschers fanden aufvennitteltem Wege statt. Die indirekte Patronage war eine Folge und ein Phänomen der fortgeschrittenen lnstitutionalisierung der kaiserlichen aula. Sie implizierte nicht automatisch ein geringeres Interesse des Kaisers an Literaturpatronage. FOr Augustus kann noch nicht von indirekter Pal· , 31 Auszunehmen ist hier evt. Nero, der zu Beginn seiner Herrschaft prononciert an die augusteische Literalurpatronage anknOpfte. Einen )Maecenas( gab es aber unler ihm ebenso wenig, auch Seneca spielle diese Rolle nicht Neros FOrderung der Dichier verlor allerdings an Quarillit. als er selbst aktiv zu dichten begann und sich an den poetischen Agonen beteiligte. Siehe zu Neros Literalurpatronage Morford 1985, bes. 2009-20 I8.
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ronage gesprochen werden : Zum einen begann sich unter ihm ein Kaiserhof erst in frohen Ansätzen zu entwickeln, zum anderen stellte die Literatenförderung des Maecenas einen Sonderfall dar, denn sie war mit der kaiserlichen Patronage identisch. Eine einzige zuständige Person, die überdies einen so kurzen Draht zum Herrscher hatte, bedeutete ft1r die Literaturpatronage einen größeren Stellenwert als die Aufgabenverteilung sm domitianischen Hof, wo offenbar mehrere Höflinge die Betreuung der Schriftsteller (und möglicherweise weiterer Intellektueller) unter anderen Aufgaben miterledigten. lJl Domitians Literaturfbrderung blieb somit hinter dem hellenistischen und dem augusteischen Vorbild zurOck : Die römische aula wurde unter ihm nicht in dem Maße zu einem geistig-kulturellen Zentrum des Imperiums, wie es der Ptolemäerhof in Alexandria gewesen war. Von Augustus trennten Domitian der verstetigte materielle Einsatz und die Installierung eines Vertrauten, der die Schriftsteller )hauptamtlich( betreute. Augustus hatte seine Patronsrolle gegenüber den literaten noch derart ausgeruHt, dass er ihnen dauerhaft eine materielle Basis und das encouragemenl rur die Schriftstellerei bot. Dass die römische Literatur unter dem dritten Flavier die wohl größte BIOte nach der augusteischen und neronischen Zeit erlebte, ist Wlstrittig. Aber Domitians Anteil daran scheint verhältnismäßig gering gewesen zu sem .
132 Das zeigen die verschiedenen Adressaten Martials und Stat ius ' unter de n Höflingen, speziell in den Gedichten, die um Vennittlung beim Kaiser binen (5.0 . S. 123 fT.).
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5. Die Panegyrik des Statius 5.1 Die militärische Imago des Kaisers Silv. 1,1: ECVS MAX.IMVS DOMITIANIIMP. Mit der Wahl der Reiterstatue Domitians zum Thema der Silva 1, 1 besang Statius
ein besonders prominentes Medium der Expression des Flaviers. Das Reiterstandbild, das eine einfache Statue ohnehin an Prestige ilbertraf, gewann durch seinen Aufstellungsort, seine sedes (von der Statius mehrfach spricht: v.22; 40), zusätzlich an Rang. Der Standort in der Mine des Forum Romanum. dem politischen Zentrum Roms. bedeutete rur den Abgebildeten den Gipfel persönlicher Auszeichnung. 1 Mehr noch als eine KonsulatsUbemahme (silv. 4,1), ein öffentliches Fest ( 1,6) oder selbst die Via Domitiana (4,3) sprach die Auswahl des equus 00mitiani aJs Gedichtgegenstand für sich. Als Rezipient dieses Gedichts musste man einfach Großes erwarten, und nach Lage der Dinge konnte das nur massive Panegyrik sein. Für den Dichter bot die Reiterstatue als Thema einen großen Vorteil : Mit der Beschreibung des Bildes schilderte er zugleich die Person des Kaisers selbst. Kunstvoll und fast unbemerkt springt er vom Bild zur Person und zwiick und changiert zwischen Mensch und Statue. Dahinter standen antike Vorstellungen der Identität von Bild und abgebildeter Person : Durch ihre Statuen wurde eine Gonheit etwa bei Ehrungen oder Opferfeiern als anwesend betrachtet, und Gleiches galt auch von der irdischen Gottheit Kaiser.! Evident wird die Identifizierung in sil v. 1,1 in den Versen, die vom Gewicht der Statue, ihrer Höhe und Größe handeln : Diese Attribute werden eins zu eins auf den Princeps Obertragen, Domitian ist in seiner Statue präsent.) Errichtet wurde das Reiterstandbild wohl aus Anlass des Doppeltriumphs Ober die Chatten und Daker im Jahre 89.4 Entsprechend ist die Kriegstätigkeit Domiti1 Bergemann 1990, 41f.; Kloot 1998,23. 2 Cancik 1965, 92, der als Beleg das Verhallen der $enal()("en nach Oomitians Ermordung anRlhrt. die sich an det- ZerstOnmg von dessen Bildern mit einer solchen Energie und solchen EmoIiooen beteiligten, als hlnen sie damit dem Toten persönliche Schmerzen llIgeftlgt (PI in. paneg. 52,4f.). 3 Gewicht: v.19; 38; 56f.; HOhe ' GrOße: v. lff.; 22ff.; 32ff.; Cancik 1965, 96f.; vgta. Mause 1994,2 12. 4 Darauf deuten die hlufigen Erwlhnungen der Unterlegenen hin: v.6f.; 27; 51; 79-81 . Jones 1992,85 u. 151 ; Kloot 1998.23 . Bergemann (1990. 166) legt sich lediglich auf den Abfasssungszeitraum von silv. 1. 1 (89 bis 93 n.Chr.) als Datum der Errichtung fest.
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ans das Hauptthema dieses Gedichts. Die Schi lderung der GestaJt des Kaisers in kriegerischen Auseinandersetzungen nimmt gebührenden Raum ein (v.37-S5). In keiner anderen Silva hat das Militärische einen größeren Stellenwert. Statius zeichnet eine doppelte Imago des militärischen Herrschers: Er ist sieghaft und er bringt Frieden. Das beschriebene Medium der Herrschaftsdarstellung ist eine Kaiserstatue, die in Bezug zu der von Domitian erdachten Gesamtkonzeption des Forum Romanum steht. Die Umgebung des equus spielt bei Stalius eine wichtige Rolle (s.u. S. 152). Auf einer zweiten Ebene thematisiert der Neapolitaner daher auch das kaiserliche Bauprogramm. Bei einem so prominenten Monument würde man vielleicht erwarten (auch als zeitgenössischer Rezipient), dass der Künstler angemessen gewürdigt, zumindest aber erwähnt wird . Das gilt umso mehr, als andere berühmte Bildhauer und Maler der griechisch-römischen Antike von Statius durchaus genannt werden: in diesem Gedicht als Maßstab filr den equus DomiNani, über den dieser sich erhebt, Lysipp (v.86), Apelles (v.lOO) und Phidias (v.IO I), in silv. 4,6,37 und 109 Lysipp als KUnstIer der Herkules-Statuette des Novius Vindex . Zudem fragt der Dichter im Proömium in staunender Pose nach Herkunft und KUnstler der Reiterstatue und äußert verschiedene Vemlutungen (v.2-1). Eine explizite Antwort bleibt er uns das ganze Gedicht hindurch schuldig. Indirekt liefert er sie uns aber bereits mit den Eingangsfragen, und er bestätigt sie im Laufe der Schilderung immer wieder: Nur ein Gott war in der Lage, die Gottheit Domitian abzubi lden. Statius konnte (nach seiner eigenen Meinung) der Expression des Kaisers nicht gerecht werden, wenn er angab, dass ein solches Monument von Menschenhand geformt worden sei .' Rabirius wird von Martial als Baumeister des Domitianpalasts auch nur in Epigrammen an ihn selbst, nicht an den Kaiser, erwähnt. Insofern geht auch der Palast ausschließlich auf die Rechnung des Kaisers. Derartige Mo numente konnten nicht von Menschen gemacht sein. Damit ist das zweite Hauptthema von silv. 1,1 neben dem kriegerischen Herrscher benannt. Es ist. wie in allen Domitiansilven. die Sakra1ität des Kaisers. Slatius ebenso wie Martial mi sst dem Princeps verschiedene Grade an Göttlichkeit zu: Vergleiche mit mythjschen oder göulichen Personen heben den Gelobten aus der irdischen Sphäre heraus, sie sind aber auch einfach ein Mittel zum Zweck des Lobes: Für den Kaiser gibt es unter den Menschen keinen adäquaten Maßstab mehr. Auf einer höheren Stufe liegen die Demonstratio nen der Göttlichkeit des kaiserlichen Umfelds, etwa des Palasts als Himmel oder der vergönlichten Verwandten. Die höchste Form, die Sak.mlität des Kaisers unter Beweis zu stellen, besteht darin, ihn explizit al s deus zu bezeichnen. Diese Staffelung wird bei der Betrachtung der sakralen Panegyrik zu berücksichtigen sein. S Siehe Geyssen 1996. 42f. Die Verse 61-63, in denen die iuventus als an der Errichtung beteiligt geschilden wird, stehen dazu nicht im Widerspruch: Es geht um die Fonn. das Design. das göttlich ist. Die menschlichen Hlnde sind nur ausftlhrcndcs Organ.
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Das Thema Sakral ität lag fUr den Panegyriker besonders nahe, da die Weihung von Statuen an den Kaiser als religiöser Akt begriffen wurde. A. Hardie nannte die Reiterstatue »the equivalent of a shrine«6. Neben den Hauptthemen Sieghaftigkeit und Sakralität findet sich hier indes auch die gesamte weitere Themenpalene der domitianischen Herrschaftsdarstellung. Die Reiterstatue war vom Senat und von der Volksversammlung beschlossen worden, die Dedikation hatte der Kaiser als Pontifex Maximus selbst durchzuflihren.7 Die Untertanen sind also Zielgruppen und gleichzeitig Stifter. Statius dokumentiert beides: Die Statue ist uns (nobis , v.S) gegeben worden, gleichzeitig ist sie aber das populi magnique senatus munus (v.99f.).' Statjus gibt ihre Urheberschaft, das Zusammenspiel von Herrscher und Untertanen, korrekt wieder. Im Schlussteil erinnert Statius den Kaiser an die Ehrung und stellt heraus, wem sie zu verdanken ist. In den Versen 100-104 spricht er eine weitere Ehrung aus, indem er Domitian mit Jupiter gleichsetzt. Anschließend, v.IOS-IO?, fordert er vom Kaiser Gegenleistungen ein, was implizit schon in dem Erinnern an das munus der Untertanen enthalten war: Der Dichter binet im Namen der Untertanen um kaiserliche Euergcsien (ames terras, v.IOS) und darum, dass Domitian lange auf Erden bleiben möge. Die Gruppe der Untertanen bilden hier der Senat und die stadtTÖmische Bevölkerung, in deren Mitte die Reiterstatue aufgestellt ist und die die leibhaftige Präsenz des Herrschers erleben können. Statius spricht einerseits als Teil der Untertanen (dicam us) und hat Teil an dem Prozess des Gebens und Einfordems zwischen Herrscher und Beherrschten. Als Nebenprodukt dokumentiert er uns die Spirale von Ehrungen und Euergesien, die ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation und Interaktion zwischen dem Kaiser und seiner Hauptstadtbevölkerung war. Dadurch erklärt sich das gewisse Selbstbewusstsein, das Statius im Schlussteil im Namen der Römer gegenüber Domitian anklingen lässt. M.E. findet sich eine derartige Haltung in den anderen Domitiansilven (mit Ausnahme des persönlichen SelbstwertgefUhls des Dichters in siIv. 4,2; s. u. S. 179) nicht. Andererseits könnte man - als dezente Andeutung - Statius am Ende von si lv. 1, 1 auch in eigener Sache zum Kaiser sprechen hören. Dann wird auch das Gedicht zum munus und donum, gleichsam ein temp/um, das Statius dem Kaiser weiht (v. lOS). Vordergründig taucht der Poet als Indi viduum, sei es im Angesicht der Statue. sei es als dichteri sches Ich, aber nicht auf. Lediglich als anonymer Betrachter des Standbildes erlaubt er sich Beobachtungen, die subjektive Wertungen enthalten. Der Kaiser erwecke in der Statue den Anschein, nach dem Erfolg seiner städtebaulichen und innenpolitischen Maßnahmen zu sehen (v.32-36). Hier redet der Dichter Domitian direkt und ohne Namensnennung an. Statius' Rolle im Ge6 1983, 131. Statius nennt den Ei nweihungsvorgang der Slawe dedic(1'llerat (J pr. 19). 7 Silv. I pr. 18f.; 1, I ,99f.; vgl. Vollmer 1898, 2 12. 8 Geyssen (1996, 133) sieht in der Bezeichnung der Slatue als mUllw von Volk und Senat die eigentliche Antwort auf die Eingangsfragen nach ihrem Urheber (v.2-7).
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dicht besteht darin, als Stimme der Römer dem abgebildeten Kaiser Rückmeldung über die Wirkung des equus zu geben.1i Ober die Entstehungsgeschichte der Silva 1, 1 schreibt Statius in der Praefatio des ersten Buchs (17-19): centum hos versus, quos in ecum maximumfeci, indulgentissimo imperatori postero die quom dedicaverat opus trodere OUStlS sum ( »Die rund hunden Verse, die ich a uf die gr0ße Reiterstatue gedichtet habe, wagte ich dem a ll e r~üt igslen Imperato r an dem Tag, nac hdem e r d as Werk geweiht hatte, zu übermitteln .«).'
Welche Informationen lassen sich aus diesem Satz gewinnen? - I . Der Satz sagt deutlich, dass Statius bei der ETÖffnungszeremonie nicht vorgetragen hat. 2. Von einem Auftragswerk kann nicht die Rede sein. Mit auslls meint Statius entweder das Wagnis, dem Adressaten Schnelldichtung, die in kürzester Zeit geschaffen wurde, zu präsentieren, oder die unaufgeforderte Obennittlung von Panegyrik an den Kaiser, oder beides. " 3. Statius gibt vor, sein Werk bereits einen Tag nach der Statueneinweihung )übergeben( zu haben, und zwar schriftlich «(radere). Zwar rOlunt er sich in den Silven wiederholt seiner Stegreifd ichtung,'2 aber die Domitiangedichte sind mit Ausnahme von silv. 2,5 nicht derartig schne ll , sondern im Gegenteil mit größter Sorgfalt verfasst worden. Es ist darum fraglich , ob die Präsentation am darauf folgenden Tag den historischen Tatsachen entspricht; vermutlich ist die Behauptung dem topischen Ideal der Schnelldichtung geschuldet. 13 Statius stilisiert sich als Augenzeuge der Dedikationsfeier, der dadurch inspiriert nach Hause eilt und sich an seine Eloge auf den equus Dom;(ian; macht. Statius' Hymnus ist folglich kein offizielles Weihegedicht, sondern der aus eigenem Entschluss unternommene Versuch, die Gunst des Kaiserhofs zu erlangen.14 Die Funktion, die si lv. 1, 1 für die Herrschaftsdarstellung Domitians trotz9 Vg t a. Klodt 1998, 35f. und Vol1mer 1898, 22 1. 10 ausus sum iSI eine Konjektur von L. SandstrOm ( 1878), die auch Courtney Obernimm!, lU der Haupl1lberlieferung iussum und der NebenOberlieferung iussus sumo Da meine folgende Argumental ion wesentlich auf OWIt.I" fußt und mit ilt.l"sJIS der Sachverhalt e in gAnzlich anderer wlI.re, sei hervorgehoben, dass hier mit dieser Konjektur alles steht und flIll1 . Allerd ings sind in jOngster Zeit renommiene ForscheT SandslrOm gefo lgt, v.a. HAkanson 1969, 17f., Geyssen 1996, 27·30, Nauta 2002, 350f. und Klodt 1998,29 m. Anm. 65 . Siehe dort die m.E. Ilben.eugenden Argumente Rlr
ausus sumo
1I So auch Geyssen 1996, 28. Vg l.a. Klodt 1998, 29: »( ... ) Statius, der, vielleichI auf Wunsch und s icher im Sinne des Kaisers, eine Art Hymnus auf das Monument schrieb ( ... ).« 12 Siehe die praelaliones 2ll den ersten beiden BIlchern sowie silv. 3 pr. 1-4 ; 8-10. 13 Ober den SIelIenwert und die VorzOge von Sclmel1dichtung s. Geyssen 1996, 36. - FIlr den Abfassungszeitpünkt ...on sil.... 1, 1 ergibt sich daraus, dass sie wahrscheinlich frtlh im Jahr 90 entstanden ist, wenn man als Anlass Rlr die Reiterstatue den Doppettriumph Ober Chanen und Daker annimmt (s.o. S. 144 m. Anm. 4); so Geyssen 19%, 21 rn. Anm. 4: vgl.a Hardie 1983, 189, der sie aufk urz nach dem Saturninusaufstand dalien . Vgl. Bergemann 1990, l 64f.: 89·9 3 n.Chr. 14 Insofern ist der Terminus lAnathernatikonl, den Hardie (1983, 13 I f.) und Geyssen ( 1996, 2 1) gebrauchen, elWaS miss ...ersländlich. Zwar nimmt Stalius im Schlussleil die Posilion der Umertanen ein, die dem Kaiser das Monumem pn'lsentieren (huic dono, v. 107), aber er handel! dennoch als Privatmann und auf eigene Rechnung. Vgl. Klodt 1998,35, Anrn . 82.
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dem übernehmen konnte, bestand darin, die Reiterstatue im Imperium bekannt zu machen, nachdem Statius die Silva in das erste Buch aufgenommen hane. Reichs· bewohner außerhalb Roms konnten sich ein realistisches Bild von dem Monument machen, denn anders als den Palast (in silv. 4,2) beschreibt der Dichter die Statue authentisch und kohärent. 15 Auf die Stadtrömer dürfte die Hymne dagegen eher keinen Einfluss gehabt haben, da die Wirkung des equus Domitiani imposant ge· • nug gewesen sem muss. Der Aufbau des Gedichts wird durch eine Vielzahl von Gliederungsprinzipien geprägt, die verschiedene Einteilungen des Textes möglich machen. J.W. Geyssen hat die Gliederung des Gedichts und seine intratextuellen BezOge ausfOhrlich behandelt. '6 Unter inhaltlich·panegyrischen Gesichtspunkten erscheint eine Unterteilung in fünf Teile als sinnvoll: Einleitung (v.I-21), der Standort der Statue. kombiniert mit den heiden Teilen des Caesar-Vergleichs, die hier gemeinsam betrachtet werden (v.22-31 und 84·90), die Deskription der Statue (v.32-60), die Schilderung der Bauarbeiten und der Curtiusauftrin (v.6 1·83) sowie der Schlussteil (v.91-107). Die panegyrischen Kategorien Größe I Kolossal ität und Glanz setzt der Neapolitaner im gesamten Text immer wieder ein. Sie werden daher im Anschluss an die Besprechung der einzelnen Gedichtabschnine gesondert behandelt. Quae superimposilo moles geminata eolo55O stat Latium eomplexa forum? caelone peraetum fluxit opus? Sieulis an eonformata eaminis effigies lassum Steropen Brontenque reliquit? an te Palladiae talern, Germaniee, nobis 5 effinxere manus, qualern modo frena tenentem Rhenus et attoniti vidit domus ardua Daei? nune age fama prior notum per saeeula nomen Dardanii miretur equi cui vertiee sacro Dindymon et eaesis dcerevit frondibus Ide : 10 hune neque discissis cepissent Pergama muris nce grege pennixto pueri innuptaeque puellae ipse nce Aeneas nce magnus duceret Hcetor. adde quod iIIe n<>cens saevosque amplexus Aehivos, hune mitis comrnendat eques: iuval ora tueri 15 mixta notis, helium plaeidamque gerentia paeern . nce veris maiora putes: par forma deeorque, par honor. exhaustis Martern non altius annis Bi stonius portat sonipes rnagnoque superbit pondere nce tardo raptus prope flumina eursu 20 fumat et ingenti propellit Strymona flatu .
15 Siehe DarwaI1-Smith 1996, 228.
16 1996, passim. S.a. die Gliederung von Cancik 1965,95.
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Die Panegyrik des Statius (Welche 17 Masse, verdo ppelt durch einen darauf gesetzten Ko loss, steht da und nimmt das römische Forum in Besitz? Ist es als vollendetes Kunstwerk vom Himmel geglitten oder hat das Bildnis, geformt in sizilischen Kaminen, Steropes und Brontes erschöpft zurückgelassen? 5. Oder haben dich, Germanicus, die Hände der Pallas fLir uns so dargestellt. wie dich gerade noch der Rhein und die hoch gelegenen Wohnsitze der erstaunten Daker sahen: d ie ZOgel haltend? Wohlan jetzt, d ie Fama früherer Zeiten soll den seit Jahrhunderten bekannten Name n des trojanischen Pferdes bewundern, fLir das der he ilige G ipfel des Dindymon kle iner wurde und dem Ida de r Wald gefiilh wurde: 11. Dieses hier hätte weder Pergamon aufnehmen können, auch wenn man d ie Mauer gespahen hätte, noch hätten die Jungen und unverheirateten Mädchen in gemischter Schar es ziehen können, noch Aeneas selbst noch der große Hektor. Hinzu kommt. dass jenes schadete, weil es die wütenden Achiver barg, dieses empfiehlt ein milder Reiter: 15. Es macht Freude, das Gesicht mit den unterschiedlichen Zeichen zu sehen: Es trägt den Krieg und den sanften Frieden. Man glaube nic ht. dass die Wahrheit überhöht wird: Ebenbürtig sind seine Schönheit und Zierde, ebenbürtig ist sei ne Würde. Das thrakische Ross trägt den Mars., nachdem er die Waffen abge legt hat, nicht höher; es glänzt von großem Gewicht. 20. und in schnellem Lauf rast und dampft es den Fluss entlang und tre ibt mit seinem gewaltigen Blasen den Strymon an.)
Die Einleitung wird dominiert durch die beiden wichtigsten Inhalte der domitianischen Expression: die Sakralität des Kaisers und die Sieghaftigkeit des kaiserlichen Feldherrn. Die Eingangsfragen, mit denen Statius tastend nach dem Urheber und der Herkunft der kolossalen Statue forscht, sollen das Erstaunen über die Neuheit auf dem Forum Romanl1m zum Ausdruck bringen. Mit demselben Stilmittel hat Statius später den Lobpreis auf die Via Domiliana begonnen (4,3, 1-8). Diese Spekulationen über den Ollclor der Reiterstatue hieven Domitian, gleichgesetzt mit dem Monument, in die göttliche Sphäre. Darauf wird unten (S. 157) zurückzukommen sein. Dreimal erwähnt Statius Domitians Feldzüge gegen die Germanen und Daker in einem Atemzug, in der Einleitung (v.6f.), im Vergleich mit Caesar (v.27) und in der Curtiusrede (v.79-81 ). Der Rhein, pars pro 1010 für das besiegte Germanien, wird außerdem in der Deskription des Standbildes genannt (v.5 1). ln einer Hymne auf eine Reiterstatue liegt das Thema des sieghaften Herrschers mehr als nahe. Allein durch die sachl iche Beschreibung der Reiterstatue ist die militäri sche Thematik präsent: Die militärische Kleidung, die gebieteri sch erhobene rechte Hand und vollends der Vorderhuf des Pferdes auf dem Kopf des personifi zierten Rheins machen den Kaiser automatisch zum siegreichen Imperator und Herrn über andere Völker. Da Statius die militärische Siegesideologie aber nicht nur im deskriptiven Teil aufnimmt, gilt es, seinen eigenen Umgang mit dem Thema unter die Lupe zu nehmen.
t7 Alle SilvenDbersetzungen von mir, angefen igt unter Verwendung der ObersetzlIngen von
WissmOller, Mozley und lzaac.
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Die kaiserliche Herrschaftsdarstellung rückte den Sieg in Gennanien eindeutig in den Minelpunkt. Die Reiterstatue zeigte Domitian ausschließlich als Chatten· bezwinger. Folgerichtig bleiben die Oaker in Statius' deskriptivem Teil uner· wähnt. Anderswo aber misst er ihnen denselben Rang wie den Gennanen bei . Das mag daran liegen, dass der Oakerfeldzug Anfang der Neunzigerjahre noch in fri· scher Erinnerung war oder die doppelte Triumphfeier über Chatten und Oaker (wahrscheinlich) den Anlass zur Errichtung des Monuments abgab. So oder so setzt Statius hier in der Behandlung der militärischen Expression einen eigenen Akzent. Ein zweites Mal wird seine persönliche Handschrift in der Curtiusrede deut· lieh. Im Namen der römi schen soJus habe Domitian die Kriege gegen Chanen und Oaker gefUhrt (v.79·81). Unter derselben Überschrift zählt Statius aber auch den Kampf ums Kapitol im Bürgerkrieg von 69 auf (bella lovis), in dem Domitian 18· j ährig, als Isispriester verkleidet, mit Gefolgsleuten Vespasians vor den Truppen des ViteJlius fliehen musste.l • Von der kaiserlichen Expression wurde der Vorfall später zur Errettung durch Jupiter persönlich umgedeutet, indem der Flavier einen Tempel filr luppiter Custos bauen ließ." Und Statius erwähnt auch das Scheitern des Satuminusaufstands gegen Oomitian Anfang des Jahres 89: Mit der Fonnulierung civile ne/os deutet er schon an, dass sich der Aufruhr wie die Ereignisse von 69 von der kaiserlichen Ostentation durchaus ins Positive wenden ließen und 0 0mitian so in günstiges Licht gerückt werden konnte, denn Bürgerkrieg gah den Römern seit jeher als das Schlimmste Oberhaupt. Dennoch waren beide Vorfiille zu ambiguos konnotiert, al s dass sie zu Schwerpunkten der Expression Domitians getaugt hätten. Statius bringt sich auf die sichere Seite, indem er die Kämpfe um das Kapitol und gegen Satuminus als Beitrag zur saJus RomuJea (v.78f.) rühmt. Aber erneut stellt er seinen eigenständigen Umgang mit den Inhalten der Domitian·Expression unter Beweis. lO Konventionell hingegen redet er den Princeps mit seinem Siegerbeinamen Germanicus an (v.5) und topisch schildert er die ob des kaiserlichen Anblicks in Furcht erstarrten Germanen und Oaker.21 Auch dass $tatius die Kämpfe gegen die Oaker uneingeschränkt als Siege Ro ms feiert, lag ganz auf der Linie des Kaisers. Während Oomitian nach militärischen Fehlschlägen an der Donau einen Friedensvertrag mit dem Dakerkönig Oecebalus schloss, fUhrt der Poet diesen Ausgleich allein aufOomitians Milde zurück (v.26f.).22 Statius beschränkt sich jedoch nicht darauf, die kaiserliche Sieghaftigkeit zu rühmen, er verbindet die Imago des S iegers mit der des Friedensbringers. Die her18 Suel. Dom. 1,2. 19 Tac. his!. 3,74.1. 20 Vgl. den ähnlichen panegyrischen Umgang Martials mit dem Bllrgerkrieg von 69: S. 298f 2 1 Mause 1994,2 17; v.7 : al/onili, s. dazu Vollmer 1898, ad loe. 22 Siehe Vollmer 1898, 220. Lediglich der Hinweis, dass die Dakerkriege lange dauerten (Iardum ... mon/em /I longo Marte, v.gOf.), lasst durchblicken, dass Domilian n ichl reibungslos ob-. siegte.
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risch erhobene Rechte der Reiterstatue verhindert in seinen Augen die Kämpfe (durra verar pugnas, v.37). Die SchlüsselsteIle filr dieses )Programm< platziert der Dichter bereits in der Einleitung: Als mitis ... eques strahlt Domitian, vom Kriege gezeichnet, eine Aura des Friedens aus (v.1 5f. ).2l Er fUhrt überhaupt nur Kriege, um Ruhe und Frieden zu schatTen . 2~ Diese Verbindung soll auch der die Einleitung abschließende Vergleich mit dem thrakischen Pferd des Mars erweisen (v.18-21): Der Gott ist, nachdem er die Waffen abgelegt hat, wie der Kaiser »siegesstolz, doch friedlich ({2i. Auch die Concordia betrachtet ihn mit »zärtlichem« Blick (b/ando .. . vu/ru, v.31), weil er ein eipllVOltOlO<; iSLu J.W. Geyssen sieht auch in dem von Curtius aufgezählten Katalog der vier domitianischen Kriege (v.79-81) ein Argument rur die Imago des Friedensbringers, was auf den ersten Blick paradox klingen mag:27 Alle diese Kriege hätten in der Folge befriedende Wirkung fiir Rom gehabt. Aus dem Sieg der Flavier im Bürgerkrieg 69170 sei eine Epoche der Stabilität entsprungen, die bis aufStatius' Tage andauerte. Auch der aufständische Satuminus konnte aus der Sicht der Machthaber in Rom, die sich der Dichter zu Eigen macht, nur eine Geflihrdung der Stabilität und Ruhe des Imperiums sein. Überdies ließ sich Domitian dadurch mit Octavian als Beendiger des BUrgerkrieges gegen Marcus Antonius parallelisieren. Auch wenn mich Geyssens Begründung fllr die Kriege gegen die Chatten und Daker auch im Einzelnen nicht überzeUgt,2' so darf man einen panegyrischen Text doch nicht mit allzu strengen logischen Kategorien messen: Der Princeps als Garant der Macht und Prosperität des Imperiums (s.u. S. 161 ) konnte sieghaft und friedliebend zugleich sein. Nachdem Statius die Imago des Friedensbringers hier so ausfilhrlich behandelt und damit etabliert hat, ist er später wiederholt auf dieses Thema zurückgekommen. lanus, unter dessen Attributen der Frieden eines der wichtigsten ist, dominiert in silv. 4,1 und der Tempel der Pax fmdet in 4,1 und 4,3 Erwähnung.29 Spät nannte der Poet Domitian pacantem terras dominum (si Iv. 5,1,261). Einen derart prominenten Rang nimmt das Thema bei Martial oder Silius Italicus nicht ein ..JO V.a. aber stellte die offizielle Herrschaftsdarstellung die Friedens-Imago nicht
23 Vgl.a. ....25: qua"tum tu mitior aTmis. 24 S.a. Kloot 1998. 33 : Domilian sieht lIanders als Caesar den Sinn des Krieges nicht in diesem selbst. sondem in dem auf die Besiegung des Gegners fo lgenden Frieden«. 25 Vollmer 1898, 219. 26 Vollmer 1898, ad loc.; Geyssen 1996. 67. 27 19%, 69-12 . 28 Er argumentien ausschließlich mit intralextuellen Bezogen, wobei sogar die lautliche Ähn· lichkeil von domas ( ....81) und doml4 ( ....7) herhallen muss (!), was mir doch arg gesucht scheint (ebd. 70r.). 29 Sil .... 4, 1, 17-43, ....a. 12-1 5 und 44; 4.3,9f. ; 17 und 134. S.a. 5, 1.26 1. Siehe S. 193 und 5. 209. 30 Man. 9,70,7f.; 9, 101 ,21 ; 14,34; 5il. 14.684-688; ... gl. Geysse n 1996, 68f.
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derart heraus. Die archäologischen Wld numi smatischen Zeugnisse sind dUrftig. l ] A llein der Januskult, der durch die Errichtung des Tempels für den lanus Quadrifrons auf Domitians Forum beilirdert wurde, stand u.a. auch fUr die Friedensthematik. Daher scheint es Statius' eigener Entschluss gewesen zu sein, die Facette )dpllV01tOlOc;< so stark zu betonen. par operi sedes. huic o bvia lim ina pandit qui fe ssus hellis adscitae munere prolis primus iter nostris ostendit in aethera divis, discit et e vultu quantum tu mitio r annis, qui nec in extemos facilis saevire furores das Cattis Dacisque fidem : te signa ferente et minor in leges gener et Cato Caesaris irent. at laterum passus hinc lulia tecta tuentur, illinc belligeri sublimis regia Pauli ; terga pater blandoque videt Concordia vultu. cedat equus Latiae qui contra templa Oiones Caesarei Slat sede fo ri, quem traderis ausus Pellaeo, Lys ippe, duci (mox Caesaris ora mirata cervice tulit); vix lumine fe sso explores quam longus in hunc despectus ab illo . quis rudi s usque adeo qui no n, ut viderit ambos, tantum dicat equos quantum distare regentes?
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(Dem Kunstwerk ebenbürtig ist seine Wohnstatt. Ihm gegenüber öffnet derjenige seine Pfo rte n, der kriegsmüde durch das Geschenk seines adoptierten Sohnes als erster unseren Gottheiten den Weg in den Himmel zeigte; 25 . er erflihrt auch aus deinem Antlitz, wie vie l milder du im Krieg bist, du, der nicht einmal über die Raserei von fremden Völkern leicht in Wut entbrennt und Chatten und Oakern Verträge gewährt. Wenn du die Feldzeichen tTilgest, fllgtcn sich der Schwiegersohn, nun der )Kleinere( , und Cato den Gesetzen Caesars. Die Flanken des Pferdes sieht von hier das julische Haus, 30. von dort die hohe Basilika des kriegeri schen Paullus, die Rückseite der Vater [Vespasian], und Conco rdia betrachtet es und ist ihm zugetan.
84. Zurückstehen soll die Reiterstatue, die fronta l vor dem Tempel der Venus auf dem Forum des Caesar steht; Lysipp, man sagt, du habest es gewagt, sie rur den peJlaeischen Fürsten [Alexander) zu fertigen [bald trug sie auf dem erstaunten Nacken das Gesicht CaesarsJ ; kaum kann man erkennen, auch wenn man die Augen anstrengt, wie weit der Blick von jener auf diese herabreicht. 89. Wer ist so ungebildet, dass er, wenn er beide sieht, nicht sagte, dass die HelTSCher genauso viel unterscheidet wie ihre Reiterstatuen?)
3\ Das Paxsymbol wurde in Rom unter Domitian nur vereinzelt gepragt: BMC 267, 295, 328t, 329.
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Die Panegyrik des Statius
Bevor Statius sich der Deskription der Reiterstatue zuwendet, geht er auf ihre Umgebung ein. Domitian hatte das Forum Romanum in dem Sinne umgestaltet, dass es seine Herrschaftskonzeption widerspiegelte und den passenden Rahmen fiIr den equus Domiliani abgab: Den Kastortempel, das Atrium Vestae und die Kurie hatte er restauriert bzw. neu gebaut, den Titus- und Vespasiantempel sowie den Titusbogen dem Forum neu hinzugefUgt. »Auf die Gesamtanlage des Platzes, den er fiIr sein Ehrenmal auswählte, legte er also großen Wert.«)2 Dadurch und durch die Reiterstatue ruckte er seine eigene Person unverhüllt ins Zentrum der Botschaft - wie ja auch das Monument in der Mitte des Forums, dem politischen Zentrum der res pub/ica , platziert wurde, fUr die senatorische Opposition geradezu ein Sakrileg.33 Domitian machte durch die aufdringliche Dokumentation seines Alleinherrschertums minen auf dem urallen Zentrum republikanischen Selbstverständnisses dieses als Ganzes zum kaiserlichen Repräsentationsmonument; die ehrwürdigen Heiligtümer, Bas iliken und das Senatshaus degradierte er zur Kulisse. Darüber hinaus machte e r durch die Aufstellung seines Bi ldes zwischen Caesar- und Vespasiantempel deut lich, daß er seine Legitimation nicht nur vo m Kaisertum der Flavier ( ... ) herleitete, sondern schon von den Herrschern des julisch-c laudischen Hauses und von dessen Begründer und erstem di vini sierten A lleinherrscher in Rom, Julius Caesar.l4
Statius hält sich in seiner Hymne auf die Reiterstatue geflissentlich an diese Konzeption, er gibt sie wieder und bezeugt, dass die Aussage des Forums bei ihm, und dadurch bei der Hauptstadtbevölkerung insgesamt, angeko mmen ist. Das Forum Romanum hat keine eigene Bedeutung mehr, es ist auf seine Funktion als sedes (v.22) fiIr das Kai serbi ld reduziert. Und auch die einzelnen Gebäude, die er aufzählt (v .22, 29-31 ), werden nur in ihrer räumlichen Relation zum Reiterstandbild geschildert. Auch der im Folgenden genannte Veslatempel und das Palastgebäude (v.34-36) waren von der Mitte des Forums aus sichtbar.lS Statius nutzt dabei die Beschreibung des Forum Romanum als sedes der Statue fUr einen Herrschervergleich mit Caesar. Auch damit bleibt er auf der von der offiz.iellen Expression intendierten Linie. Denn der equus Domitiani bildete die Verbindungsachse zwischen Vespasian- und Caesartempel, und er ahmte d ie Position des caesarianischen Reiterstandbildes nach : Dieses war dem Tempel der Venus Genetrix zugewandt, Domitians Bild stand frontal zum Divus-Iulius- Tempel. »Statius verbalisiert die Aussage der Statuenaufstellung.((16
32 Klodt t998, 28. 33 Ebd. 23. 34 Ebd. 28. 35 Siehe ebd. 30f. und Darwall-Smilh 1996, 228. - Die Restauration des Palasts. der )}d ie Flammen verachtet(( (nova comemplu surgant Pa/atia jlammis 11 pulchrius, v.34f.), spielt aur Domitians Neubauten im gesamten Stadtbild nach dem römischen Brand von 80 an. 36 Klodt l998. 33.
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Den aktuellen Kaiser mit Vorgängern zu vergleichen und Uber diese hinauszubeben, war ein gängiges Stilmittel der Panegyrik. [n der Regel stel lten die Flavier Augustus als das ideale Princepsvorbild hin, dem es nachzueifern und das es nach Möglichkeil zu übertreffen galt. Hier aber lag rur Statius, der offensichtlich rur seine Argumentation einen früheren Princeps als Maßstab brauchte, 17 der erste J ulier, von der Reiterstatue aus gesehen, im Wortsinne nahe : Der equus Domllian; wurde u.a. von der Basilica lulia (von Caesar geplant, von Augustus vollendet) und, wie schon erwähnt. vom Divlls-Julius-Tempel eingerahmt. Zudem forderte die Reiterstatue Caesars auf dem Forum lulium zum Vergleich geradezu heraus. Geyssen argumentiert, dass, bevor Augustus im vierten Buch die Rolle als historischer Bezugspunkt zugekommen sei, Caesar denselben Part in den ersten drei Büchern gespielt habe : »( ... ) whereas the figure of Caesar governs the portrayal of Domitian through the firstthree books, it is that of his adopted son that appears as link to the imperial past in the fourth book.«38 Dieser These liegt die Vorstellung zugrunde, silv. 1,1 sei der Schlüssel zu dem vollständigen Domitianbild in den Silven insgesamt. Alle Elemente seien hier bereits angelegt.)9 Dem ist entgegenzuhalten, dass alle Silven Gelegenheitsgedichte waren und der Dichter sich rur seinen Gegenstand die inhaltlichen Bausteine nahm, die er brauchte. Insofern ist 1,1 eine unter a llen Domitiansilven; sie muss bspw. nicht zwingend vor 1,6 entstanden sein. Die Person Caesars taucht außer in 1, 1 an keiner weiteren Stelle mehr auf. Zu behaupten, sie habe das Porträt des jüngsten Flaviers durch drei Silvenbücher dominiert, halte ich rur übertrieben. Die Wahl Caesars als historischen Bezugspunkt und Maßstab vor 95 begründet Geyssen mit dem innenpolitischen Klima: »)Because of a more relaxed atmosphere in the time immediately following the suppression of Saturninus' conspiracy, there was no need for Statius 10 appeal to the memory of AugustuS.«40 Wie man nach dem Aufkommen eines ernsthaften Usurpationsversuchs der obcrgermanischen Legionen (wie schnell niedergeschlagen auch immer) von einer »more relaxed atmosphere« sprechen kann, ist mir schleierhaft. Man muss nicht Suetons Bericht folgen, Domitian sei nach dem Satuminusaufstand grausamer geworden (Dom. 10,5), um eher ein kai serliches Anziehen der Züge l in den politischen Diskursen der Hauptstadt anzunehmen (s.u. S. 346ff.). Caesar bot sich also aufgrund seiner nachbarlichen Präsenz gerade in einer Hymne auf den eqllus Domiliani an, aber auch nur dort. Statius macht sich für 37 So auch Geysstn 1996. 8 1; dieser postuliert, Statius habe Domitian mit Alexander (und indirekt mit Caesar) gleichgesem und sich selbst mit Lysipp. dem Bildhauer der AlexanderReiterstatue, deren Kopf Caesar spater gegen seinen eigenen auswechseln ließ. Dieser These folge ich nicht, denn weder sind Alexander und Caesar eins zu eins gleiChzusetzen, noch leuchtet mir ein, warum der Dichter sein Lied mit Lysipps Statue parallelisien haben sollte (ebd. 80f.). 38 Ebd. 76. 39 Ebd. 11 Of. 40 Ebd. 78.
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sein Domitianbild v.a. zwei Attribute des Diktators zunutze: seine sprichwörtliche dementia und seine Rolle als Dynastiebegrilnder. Caesar als der Inbegriff der Milde muss herhalten, damit der Poet Domitians dementia erweisen kann (milis, v.15). In der traditionellen Überhöhung Uber die Vorgänger wird der Flavier bei Statius folglich noch sanftmütiger und nachsichtiger als Caesar (milior, v.25). Die demenlia Caesaris wird hier also nicht »völlig übergangen«~l , vielmehr hat Statius sie in genügend Andeutungen anklingen lassen, um sich ihrer nun fUr die Ausgestaltung des Domitianruhms zu bedienen. Anderswo in den Silven findet man den Aspekt Milde im Domitianporträt nicht. Als Oynastiebegrilnder wird uns Caesar gleich zu Beginn seiner Einftl.hrung in den Text vorgestellt: Seine Divinisierung nennt Statius ein adscitae munus profis, das Geschenk seines »adoptierten Nachkommen« (v.23). Er spielt also auf Octavians Adoption durch Caesar an. die die julisch-claudische Kaiserdynastie überhaupt erst begründete. Im Anschluss wird die flavische Dynastie erwähnt, indem der Dichter dem Curtius die Anrede »Sohn und Vater von großen Gönem« (magnorum pro/es genilorque deorum , v.74) in den Mund legt. Am Ende haben die flavischen Familienmitglieder sogar einen eigenen Auftrin: Statius prophezeit, sie würden eines Nachts vom Himmel herab zur Reiterstatue kommen und diese umarmen und küssen (v.94_98).42 Spricht er hier noch von Domitians Vater, Bruder, Schwester und seinem verstorbenen Sohn, so sagt er dem Kaiser im Schlusssatz tuos ... nepotes voraus, Nachkommen also, die seine Statue ehren wOrden (v.I06f.). Hierin verbirgt sich die Referenz auf Domitians Adoption der Söhne des Flavius Clemens, seines Veners, im Jahre 90 oder etwas später .43 Der Kaiser hane sie als seine Nachfolger auserkoren, da er nach dem frühen Tod seines eigenen Sohns keinen männlichen Nachkommen hane. Kurze Zeit nach dieser Adoption und dem Satuminusaufstand, der die Stabilität des flavischen Principats in Frage gestellt hane, ist Statius' Panegyrik besonders treffend: Mit dem ungewöhnlichen Verweis auf Caesar und dessen Adoption Octavians unterstreicht er das Prinzip der dynastischen Nachfolge und wünscht dem Flavier einen Verwandten als Nachfolger." Der zweite Vergleich mit Caesar wird stellvertretend anband der Reiterstatuen der beiden principes gefilhrt (v.84-90). Domitians Statue ist wesentlich größer; aus gewaltiger Höhe schaue sie auf Caesars Standbild herab.'s Danach wird Statius sehr explizit: Er fragt rhetorisch, wer so unwissend, rudis, sei , dass er nicht von den Standbildern auf die abgebildeten Herrscher schließen könne (v. 89f. ). Domi-
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41 Klodt t998, 33, ebenso Geyssen 1996, 67. S. dagegen Darwall-Smilh 1996, 23 I. 42 Der expliziteste Hinweis auf Domitians Familie bei Statius: s. Mause 1994, 210 m. Anm.
43 Hardie 1983, 190. 44 Vgl. ebd. 191. 45 In der Realillt war das nicht möglich, da beide Reiterstaruen auf verschiedenen Foren standen und man nicht von einer zur anderen schauen konnte; s. Vollmer 1898, ad loc.
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tian übertrifft Caesar um Längen - die Argumente dafUr hat der Panegyriker im ersten Caesarvergleich geliefert.46 Da Statius poetisch umschreibt, dass Caesars Reiterstatue ursprünglich das Alexanderstandbild des Lysipp gewesen war und Caesar später Alexanders Kopf durch den seinen ersetzen ließ (v.85-87), spielt er hier auch auf den großen Makedonen an. Dieser Verweis gehörte zum Kanon der Herrscherpanegyrik;41 er ist aufgrund der Reiterstatue v.a. militärisch konnotiert. Caesar und Alexander der Große werden durch dasselbe Monument repräsentiert - folglich übertrifft Domitian als Kriegsherr auch den Makedonenkönig. In den Schlussversen ist Alexander erneut präsent : Sein Hofmaler Apelles wünschte sich, so behauptet Statius, den Flavier zu malen (v. 1oof.). ipse autem puro celsurn caput aere saeptus templa superfulges et prospectare videris an nova contemptis surgant Palatia flammis pulchrius, an tacita vigilet face Troicus ignis atque exploratas iam laudet Vesta ministras. dextra velat pugnas, laevam Tritonia virgo non gravat et seclae praetendit colla Mec:lusae; ceu stimuli s accendit equum. nce dulcior usquam lecla deae sedes, nce si, pater, ipse teneres. pectora quae mundi valeant evolvere curas et quis se totis Temese dedit hausta metallis. it tergo demissa chlamys, latus ense quieto securum, magnus quanta mucrone minatur noctibus hibemis et sidera temt Orion. at sonipes habitus animosque imitatus equestres acrius attollit vultus cursumque minatur; cui rigidis stant colla iubis vivusque per annos impetus, el tantis calcaribus ilia late suffcetura patent. vacuae pro caespite terrae aerea captivi crinem terit ungula Rheni . hunc et Adrasteus visum extimuisset Arion et pavet aspiciens Ledaeus ab aede propinqua Cyllarus; hic domini numquam mutabit habenas: perpetuus freni s atque uni serviet astro. vix sola sufficiunt insessaque pondere tanto subter anhelat humus; nce ferro aut aere, laborat sub genio, teneat quamvis aetema crepido quae superingesti portaret culmina montis caeliferique attrita genu durasset Atlantis.
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46 Siehe Geyssen 1996.73: Domitian ist »a heiter manager od military atTairs. fairer Ihan lhe Dictator ( ... ) and more successful in lhe area of civil discordl<. 47 Siehe Mause 1994,2 17.
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Die Panegyrik des Stalius (Du selbst aber erhebst das Haupt, von reiner Luft umgeben, uberstrahlst die Tempel und scheinst dich umzuschauen, ob die neuen Palastbauten jetzt die Flammen verachten und sich schöner erheben, 35 . ob das troische Feuer mit stiller Fackel wacht und ob Vesta nun die überprllften Dienerinnen lobt. Die Rechte wehrt den Kämpfen, die trita nische Jungfrau [Minerva] belastet die Linke nicht und, das abgetrennte Haupt der Medusa nac h vorne streckend, treibt sie das Pferd an, wie mit einem Speer. Nirgends gibt es rur die Göttin eine ausgewählte Wohnstatt, die schöner wäre, auch nicht, Vater [Jupiter], wenn du sie hieltest. 41. Die Brust ist stark genug, die Herrschaft Uber die Weh zu versehen; rur sie hat Temese alt seinen Erzreichtum hergegeben . Die Chlamys fließt über den Rücken herab, die KOrperseite ist sicher durch das ruhige Schwert, eine Waffe so groß wie der Dolch, mit dem der große Orion in Winternächten droht und die Sterne erschreckt. 46. Das Pferd ahmt Haltung und Mut des Reiters nach, richtet sein Haupt heftiger auf und scheint loszustünnen; der Hals steht aufrecht mit starrer Mähne, die Schultern drängen vorwärts, wie echt, und die Flanken bieten sich weithin den so großen Sporen dar. 50. Anstan eines StUcks leeren Bodens reibt der eherne Huf das Haar des gefangenen Rheins ab. Vor dessen Anblick hätte auch Arion, das Pferd des Adrastus, gescheut, und der Jedaeische Cyllarus betrachtet es vom benachbarten Tempel volt Furcht. Dies hier wird niemals die Zügel seines Herrn wechseln : Dauerhaft wird es diesem Zaum und nur einem Stern dienen . 56. Kaum ist der Boden der Statue gewachsen, und die bedruckte Erde stOhnt unter dem so großen Gewicht; nicht unter Eisen oder Bronze, unter dem Genius müht sie sich ab, obwohl ein ewiger Sockel ihn hält, der die Spitzen eines daraufgehäuften Berges tragen könnte und der, abgerieben durch das Knie des himmeltragenden Atlas, [dennoch] Bestand häne.)
Die Göttlichkeit des Kaisers und damit auch der Reiterstatue zieht sich wie ein roter Faden durch den Texl. Sie hätte daher an jeder Stelle der Gedichtanalyse ihre Berechtigung, behandelt zu werden. Die Deskription der Kaiserfigur in der Statue (v.32-45) verleiht dem Flavier am Anfang und am. Ende göttliche Attribute. 00mitian übertreffe die umstehenden Tempel an Glanz (rempla superjulges, v.33). Das ist ein Zeichen von Göttlichkeit·' genauso wie die Stemgleichsetzung mit dem Orion, die der Dichter auf dem Umweg Ober den Vergleich von Oomitians Schwert mit dem Dolch des Orion vollzieht. »)G lanz< ( ... ) ist mit dem Kaiserkult dadurch verbunden, daß er mit der Gestirnsverehrung, einem der wichtigsten Elemente der Kaiserreligion, verknüpft iSI.«·9 Diese Verknüpfung gilt für den blin· kenden Dolch des Orion und sie kehrt wieder in dem Vergleich des equus mü Cyllarus, dem Pferd der zu Sternen erhobenen Dioskuren (v.54f.): Domitians Ross diene nur einem aSlrum, nämlich dem Kaiser.so Domitian ist also genauso ein
48 Vgl. Cancik 1965,9 1: Die Kategorien Kolossalitat und Glanz sind Begriffe der Kaiserreligion. S.u. S. 163f. 49 Ebd. 98. 50 Cyllarus wechselt den Herrn dagegen jede Nacht; siehe Verg. Aen. 6,121 f.
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Stern, wie es Kastor und Pollux sind. Folglich gleichen seine Augen den Strahlen des Sonnengottes (v. I03f.).sl Statius' vorgeblich erstaunte Eingangsfragen nach der Herkunft der Statue (v.2-7) dienen beim zweiten Hinsehen bzw. -hören der Etablierung der kaiserlichen Sakralität. Ein Monument, dem man himmlischen Ursprung zutraut und aJs dessen Urheberin man Minerva in Betracht zieht, kann selbst nicht anders als göttlic h sein. 1m Einzelnen wird die Sakralität auf drei Wegen und in unterschiedlichem Grad hergestellt: Zunächst wird der Herrscher mit Jupiter (genauer: dessen Werkzeugen) gleichgesetzt, indem die Kyklopen Steropes und Brontes aJs Bildhauer ins Spiel gebracht werden, die dem Göttervater Blitz und Donner schmieden. Die ParaUeli sierung mit Jupiter wiederholt Statius am Ende der Silva noch einmal: Tarent hätte gern zusätzlich zu Lysipps Zeusstatue ein Domitianbild (v.I02f.). Zweitens dadurch, dass die Herkunft vom Himmel erwogen wird. Und drittens wird als Künstlerin des equus Domitians persönliche Schutzgöttin Minerva in Erwägung gezogen. Statius bedient sich zweier Eigenschaften der Göttin: FUr die Urheberschaft der Reiterstatue kommt sie als Göttin des Handwerks und der Künste in Frage. Als solche vertraute ihr Statius später die Aufgabe an, die praetexta fUr den Konsul Domitian zu weben.51 Der Dichter sieht in dem mutmaß.. lichen Minervawerk aber nicht einfach nur den Kaiser, er erkennt ihn als Bezwinger der Gennanen und Daker. Domitians militärische Siege werden hier daher eindeutig mit der Göttin verbunden. Das Spezielle der statianischen Panegyrik zeigt sich darin, dass Minerva als Göttin dem Kaiser, aJs Mutter dem Sohn die Statue fertigt, )>die nonnaJen Verhältnisse ( ... ) auf den Kopf gestellt« sind.B Als monnaJ( mögen es manche Römer des späten ersten Jahrhunderts nicht empfunden haben, dass sich der Kaiser über die Götter erhob. In iJun eine Gottheit auf Erden zu sehen, war aber durchaus nichts Ungewöhnliches, wie oben (S. 57) dargelegt wurde. Die domitianische Expression hat davon häufi g Gebrauch gemacht und sie ging auch darüber hinaus. DafUr ist das beste Beispiel das nächstliegende: Das zweite Auftreten der Minerva in der Silva geschieht zwangsläufig, denn in Statius' Beschreibung des Ensembles darf die auf der linken Hand des Kaisers ruhende Statuette der Göttin nicht fehlen 51 Die Kommentatoren zitieren zu diesen Versen gern die Notiz des Sueton, Domitian habe , große Augen« gehabt (grandibus OC/Ilis, Dom. 18,1) und überhaupt ein hübsches Gesicht ( 18,2). z.B. Vollmer 1898, ad loe. Siehe auch Cancik 1965, 63 : Die Schönheit Domitians sei aufgrund der MOnmildnisse belegt, sie »ist also nicht (nur) aus der durch den Kaiserkult proklamienen Gonlichkeit seiner Person abgeleitet. sondern war seine persönliche Eigenschaft«. Jedoch sollte man sich auf Sueton nicht aUrusehr verlassen, der neben Domitians großen Augen auch dessen %LI kurze Zehen vermerlct ( 18.1). Außerdem kann man voraussetzen. dass Dichter das gönliche Anribul der Stemgleichsetzung unabhlngig vom kaiserlichen Äußeren verwendeten. Allenfalls kÖMten sie Domirians Augen %LI einem gehAuften Einsatz dieses panegyrischen Topos veranlasst haben. 52 Silv. 4,1,22 ; vgl. Sauter 1934, 96. 53 Kloot 1998, 35; ebenso Geyssen 1996, 47f., der diese Umkehrung des Verllaltnisses »a rari ry« nennt.
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(v.37-40). Jeder Römer konnte sie so, auf Westentaschenformat des Kaisers reduziert, als dessen Beigabe und Attribut sehen.S-6 Die Statue zeigt den Flavier Ober seine Schutzgöttin erhoben. Hatte sich Statius im Proömium bemüht, die Ostentation der kaiserlichen Imago zu übertreffen, indem er Domitian nicht nur als Gottheit preist. sondern ihn zusätzlich über die anderen Götter hinaushebt, so war dies in der Deskription des Statuenensembles, auf Minerva bezogen, kaum mehr möglich. Seine Steigerung der göttlichen Imago des Kai sers ist daher nur graduell zu nennen. Eine kriegerische Bedeutungsebene interpretiert der Dichter hinzu, dadurch dass ihm die Göttin das Pferd zum Kampf anzuspornen scheint (v.39). Die Betonung, dass das Verhältnis zwischen Minerva und Domitian enger sei als Pallas' Beziehung zum Gönervater (nec du/eior usquam // /ecta ... sedes, v.39f.), beschließt das Minervabild in dem Gedicht. Wir hatten im Kapitel Ober Domitians Expression gesehen, dass zur vollständigen Sakralisierung des Kaisers auch die Divinisierung seiner Familie gehörte (S. 58-60), denn ein vergönlichter Herrscher konnte keine rein menschlichen Verwandten haben. Statius trägt dem in silv. 1,1 in großem Maße Rechnung. Die Anrede des Princeps durch Curtius als »Sohn und Vater von Göttern« (v.74) ruft die Deifizierungen Vespasians, Titus' und von Domitians verstorbenem Sohn in Erinnerung.5} Im Schlussteil wird die Identität der fl avischen Verwandten als Sterne dramatisch ausgestaltet: Statius' Prophezeiung, sie werden nachts vom Himmel herabgleiten, um dem geliebten Sohn, Bruder und Vater Domitian nahe zu sein (v.94-98), macht die flavische Sippe zu einer Stemenfamil ie. Die Verwandten, zu denen Statius noch eine soror hinzufUgt, von deren Deifizierung uns nichts bekannt ist. sind allesamt astra (v.98). Die Reiterstatue und ihre sedes werden in der poetischen Lobpreisung zum »focal point« von Menschen und Gonheiten.}6 Die Szene der sich umarmenden und kOssenden Flavier ist ein elegischer Topos, den Statius fnr sein Herrscherlob instrumentalisiert. Die Statue als himmelsgleicher Ort, das ist die Aussage, daher ist diese Szene weder »ins Lächerliche übertrieben« noch enthält sie versteckte Kritik.51 Aus der Divinisierung der VeJWaJldten muss sich rur den Panegyriker beinahe zwangsläufig die spätere Deifizierung des Herrschers ergeben. Statius hane dieses Thema mit dem Hinweis aufCaesars Vergöttlichung durch Octavian schon vorbereitet (v.23f.). Das Gedichtfinale ist der häufig anzutreffenden Verbindung von dem Wunsch nach einem langen irdischen Leben des Kaisers und seiner (mög54 Siehe Klodt 1998. 27. 55 FÜr Geyssen ( 1996, 106) ist diese Stelle das erste Mal im Gedicht, dass »Domitian's eventual d ivinity begins to take shapeK Wie ich in de r Analyse des Proömiums Wld des Deskriptionsteils zu zeigen versucht habe, sind auch dort bereits eine Reihe von Fingerzeigen auf die Göttlich· keit Domitians enthalten. 56 Geyssen 1996, 124f. 57 So Vo llmer 1898. ad loc. Vgl. dagegen Geyssen 1996, 124f. und Sauter 1934, 149.
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liehst) späten, aber umso gewisseren Deifizierung vorbehalten (v. I05-I07). Der Dichter redet den Kaiser an als einen, der selbst entscheiden kann, wann er sich auf den Weg in den Himmel macht (iter ... in aelhera, v.24). Abgerundet wird die Imago des sakralen Herrschers durch die göttliche Wirkkraft des Kaisers und seine Schutzgonheit sowie durch die Auswirkungen der übennenschlichen Eigenschaften im römischen Leben. Curtius redet seinen neuen Nachbarn als nurnen an (v.75). Das nurnen ist die Wirkkraft des Gottes, der Aspekt, den die Menschen am ehesten zu spUren bekommen; der genius wurde als mit der göttlichen Person identisch betrachtet. s, Domitians Schutzgott ist so gewaltig und so gewichtig, dass es fUr den Sockel der Statue einfacher wäre, die Last des Atlas, das Himmelsgewölbe, zu tragen (v.57-60). Wiederum also setzt der Panegyriker alles daran, dem Herrscher etwas mehr als >nur( göttlichen Rang zu verleihen. Neben dem genius trägt dazu die kaiserliche Schönheit bei: Seine /orma dei praesens, die »gegenwärtige göttliche Schönheit«, beschleunigte zuvor auch die Arbeiten zur Statuenemchtung (v.61-63).S9 Die Bezeichnung des Kaisers als deus praesens )>erinnert ( ... ) sehr stark an die ( ... ) Vorstellung vom )leibhaftigen, sichtbaren Gott«(60, dessen Einfluss auf den Alltag der Untertanen seine Existenz gewisser machte als die der himmli schen Götter. Statius bemüht sich also, die SakraJität des Kaisers in allen Facetten darzustellen und, wo möglich, über das offizielle Maß hinaus zu steigern. Der Dichter nutzt die Beschreibung der Kai serfigur in der Statue, um - beinahe stichwortartig - auf verschiedene Maßnahmen Domitians »for the benefit of Rome«61 anzuspielen (v.34-36). Des Kaisers Fürsorge gelte dem Städtebau, der dauerhaften Stabilität Roms (auch religiöser Natur)62 und der Sinengesetzgebung. Domitian sehe nach, ob Vesta ihre Dienerinnen schon überprüft und gelobt habe (v.36): Zu loben sind die Vestalinnen natürlich deshalb, weil das strenge moralische Regiment des Kaisers fiilhere Verfehlungen unmöglich gemacht habe. Seine Bestrafung der Vestalin Cornelia wegen Unkeuschheit mit der besonders grausamen Tötungsart (Beerdigung bei lebendigem Leibet' wirkt auf uns heute abstoßend - im Sinne einer Politik zur Hebung der Sinen, die v.a. an die )gute a1te( römische Zeit und die traditionellen mores anknüpfen sollte, war sie nicht ohne Konsequenz und daher auch als Thema der Panegyrik geeignet. Der Dichter beweist, dass auch innenpolitische Sachmaßnahmen, die nicht zeremoniell )beglei58 Siehe C lauss 1999, 222 und 230. 59 Es ist nicht ganz klar, was mit forma dei praesens genau ge meint ist: Handelt es sich um e in Modell der Stalue oder um die scho n fert ige, zum Aufsetzen auf den Socke l bereite Figur'? (So Vollmer 1898, ad loe.) Vielleicht war auch nur der Teil der Statue bereits vollendet, der den Kaiser zeigte und auf die Fert igstellung des Pferdes wartete. Vgl. zu den Bauarbeiten Hendry 1993, 74f. 60 Sauter 1934, 51. 61 Geysse n 1996. 91 . 62 StAdtebau: s.o. S. 152 m. Anm. 35; Stabilit! l: s.u. S. t63. 63 Suel. Dom. 8,3f.
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tet( und ausgesclunückt wurden, dazu taugten, von der poetischen Herrscherüberhöhung aufgegriffen und gespiegelt zu werden. nec longae traxere morae. iuvat ipsa labores fonna dei praesens, operique intenta iuventus miratur plus posse manus. strepit ardua pulsu machina; continuus septem per cu lmina tmontist it fragor et magnae vincit vaga murmura Ro mac. ipse loci custos, cuius sacrata vorago famosiquc lacus nomen memorabile servant, innumeros aeris sonitus et verbere crudo ut sensit mugire forum, movet horrida sancto ora situ meritaque caput venerabi le quercu, ac primum ingentes habitus lucemque eoruscam expavit maio ris equi terque ardua mersit colla lacu trepidans, laetus mox praeside viso: lsalve, magnorum proles genitorque deorum, auditum longe numen mihi . nune mca felix, nunc veneranda palus, cum te prope nosse tuurnque immo nale iubar vicina sede tueri concessum. semel auctor ego inventorque salutis Romuleae: tu bella lovis, tu proelia Rheni, tu civi le nefas, tu tardum in feedera montem longo Marte domas. quod s
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(Größere Verzögerungen gab es nicht. Die Schönheit des gegenwärtigen Gottes selbst beRsrdert die Arbeiten, und die mit dem Kunstwerk beschäftigten jungen Männer wundem sich, dass ihre Hände mehr zustande bringen. Die hohe Maschine lännte mit ihren Sch lägen; unaufhörlich wandert das Krachen Uber die sieben HUgel ... und Ubertönt das verschwommene Munneln des großen Rom. 66. Der Wächter des Ortes selbst, dessen denkwürdigen Namen der heilige Schlund und der berllhmte See bewahren. bewegte, a ls er das ungezählte Klingen des Erzes spürte und hörte, wie das Fo rum vo n dem rauen Sch lag dröhnte, sein Antlitz, schauerlich durch den heiligen Schmutz, und sei nen durch den Eichenkranz verehrungswUrdigen Kopf. 71. Zuerst erschrak er über die ungeheure Gestalt und das gleißende Leuchten des größeren Pferdes und versenkte z itternd dreimal das ho he Haupt im See, bald aber sprach er, froh über den Anblick des Gebieters dieses Ortes: »Sei gegrllßt, Sohn und Vater großer Götter, von dessen göttlichem Wirken ich schon lange gehOrt habe. 75. Jetzt ist mein See glücklich,jetzt ist er verehrungswürdig, da es ihm vergö nnt ist, dich in der Nähe zu wissen und deinen unsterblichen Glanz vom benachbarten Platz aus zu schauen . Einmal war ich der Urheber und Verantwortliche für das Heil des Romulusvolks: Du hast die Jupiterkriege gefilhrt und die Gefechte am Rhein geschlagen, du hast das bilrgerliche Unrecht überwunden und zähmtest in einem langen Krieg den gegenüber den Venrägen säumigen Berg. 8 1. Wenn dich meine Epoche hervo rgebracht hähe, dann hähest du es untemommen, in den tiefen See zu springen, während ich es nicht gewagt hähe; aber Ro m hätte deine Zügel zurllckgehalten .(()
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Der Auftrin des Marcus Curtius wird eingeleitet durch die kurze Schilderung der Bauarbeiten, da es deren Lärm gewesen sei, der ihn buchstäblich )aus der Versenkung< habe auftauchen lassen. Seine Rede vereint komprimiert noch einmal die Hauptthemen des Gedichts, die Gönlichkeit und die Sieghaftigkeit des Herrschers. Darüber hinaus ist seine Gestalt geeignet, dem Kaiser glaubwürdig Autorität im und Fürsorge um das Imperium Romanum zuzuerkennen. Denn nach der römischen Volkssage hane er sich 362 v.Chr. auf dem Pferd in einen sich auf dem Forum auftuenden Spalt gestürzt, um Rom zu renen." Der Spalt hane sich wieder geschlossen, der laeus Currius war an seiner Stelle entstanden und M. Curtius zum auctor ... inventorque salutis // Romuleae (v.78f.) geworden. Dieses Verdienst, das es nun an den Kaiser abzutreten galt, und sein lokaler Bezug zum Forum prädestinierten ihn Rlr diesen )Gastauftrin
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Reichs garantieren. Der Poet hatte es zuvor natürlich nicht versäumt, diese Stärke in der Deskription der Reiterstatue zu demonstrieren: Oie kaiserliche Brust, ge· schützt durch einen Panzer von temesischem Erz, sei in der Lage, die Probleme der ganzen Welt zu lösen (v.4I f.). Dem Pferd wurden Attribute wie Kra.ft. Feurig· keit und Größe verliehen (v.46·50). no n hee imbriferas hiemes o pus aut (ovis ignem tergeminum, Aeolii non agmina carceris horret annorumve moras; stabit, dum terra polusque, dum Romana dies. hee et sub neete silenti, cum superis te rrena placent, tua turba relicto labetur caelo miscebitque oscula iuxta. ibit in amplexus natus fraterque paterque et soror; una leeum cervix dabit omnibus astris. utere perpetuum populi magnique senatus munere. Apelleae cuperent te scribere cerae, o ptassetque novo similem te ponere templo Atticus Elei senior (ovis, el tua mitis o ra Tarans, tua s idereas imitantia flammas lumina contempto mallet Rhodos aspera Phoebo. certus ames telTllS et quae tibi templa dicamus ipse colas, nce te caeli iuvet aula, tuosque laetus hu'ic dono videas dare tura nepotes.
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(Nicht schaudert dieses Kunstwerk vor den regenreic hen Wintern oder dem dreifachen Feuer des Jupiter, nicht vo r den Scharen aus dem aeolischen Kerker oder einer langen Reihe von Jahren ; es wird Bestand haben, solange Erde und Himmel, solange der rÖmi· sche Tag besteht. 94 . In der stille n Nacht wird, wenn die irdischen Dinge den Göttern gefallen, deine Verwandtschaft den Himmel verlassen, herabgleite n und Kilsse tauschen. Es kommen zur Umamung der Sohn, der Bruder, der Vater und die Schwester; allen Sternen gemeinsam bietet der Nacken einen Platz. Genieße ewig das Geschenk des Volkes und des großen Senats. 100. Das Wachs des Apelles hätte sich gewünscht, dich zu zeichnen, der attische Alte, ein Bild von dir in einem neuen Tempel des elischen Jupiter aufzustellen, das milde Tarent hllue lieber dein Gesicht, deine Augen, die die Flammen der Sterne nac hahmen, wünschte s ic h das raue Rhodos lieber als den verachteten Phoebus. 105. Unzweifelhaft sollst du die Erde lieben und selbst die Tempel bewohnen, die wir dir weihen. Der himmlische Hof soll dir nicht gefallen, froh sollst du zusehen, wie deine Enkel diesem Geschenk Weihrauc h spenden .)
Der 17 Verse lange Schlussteil beginnt mit der Prophezeiung, Domitians Herr· schaft. sei unvergänglich. Dieses traditionelle Element des Herrscherlobs benutzt Stalius in den Silven 1,6 und 4,3 , um seine Hymnen abzuschließen. Hier lässt er noch die oben (S. 145) besprochenen Verse folgen, in denen er dem Kaiser die Reiterstatue als munus der Untertanen präsentiert und dafilr euergetische Gegenleistungen einfordert (v.99·I07). In silv. 4,3 zählt er das Vestafeuer, das Kapitol
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und die Via Domitiana (aJs Thema des Gedichts) als Ewigkeitssymbole auf, hier nennt er die Erde und das römische Reich und natürlich den equus Domitiani (v.91-94).69 Alle diese Ewigkeitssymbole stehen rur die Unvergänglichkeit der domitianischen Herrschaft. Durch terra polusque und Romana dies (v.93f.) wird der Principat Domitians mit dem römischen Reich gleichgesetzt. 70 Die Beständigkeit des Reiterstandbilds, das allen NaturgewaJten trotzt. hatte Statius in der Beschreibung des )ewigen Sockels< (aelerna crepido, v.58) schon angedeutet. Auch die Technik, zwischen der Schilderung der Kaiserfigur in der Statue und dem Rühmen des leibhaftigen Herrschers unausgesprochen zu changieren, wendet der Dichter filr die Ewigkeitsthematik an: Der equus werde niemals die Zügel wechseln und dauerhaft demselben Herren dienen (v.54f.). Dass der Kaiser die Zügel auf immer und ewig innehaben werde, soll fiir die Figur des Standbildes genauso gelten wie fOr den leibhaftigen Monarchen im römischen Imperiwn. Dann wird das Pferd zum Sinnbild filr die römischen Untertanen. Die Ewigkeit der kaiserlichen Herrschaft ist eng an die Fortführung, ja die Ewigkeit der Dynastie gekoppelt. Kein Zufall, dass unmittelbar auf die Unvergänglichkeits-Prophezeiung fUr die Statue die Szene der nächtlichen Verwandtenversammlung um sie folgt. Einen weiteren Beleg dafiir hatte Statius schon zuvor eingestreut: Domitian sehe nach, ob das trojanische Feuer im Vestatempei noch brenne (v.35). Der Herrscher blickt zurtlck zu den mythischen Ursprüngen Roms. Von seinem Vorgänger Aeneas bis zu ihm stellt das Feuer die direkte Kontinuität her. Nur an Domitian selbst kann es sein, dafür zu sorgen, dass diese Linie in seinem Sinne buchstäblich >bis in alle Ewigkeit( fortgefUhrt wird. Statius beschließt den Hymnus mit dem obligatorischen Wunsch nach einem langen Leben filr Domitian. Es ist im Interesse der Untertanen, wenn der Kaiser al s Euerget und deus praesens möglichst lange auf Erden bleibt. Abschließend sei auf zwei göttliche Eigenschaften eingegangen, die Statius der Reiterstatue und damit dem Kaiser die ganze Silva hindurch immer wieder zuschreibt und die den roten Faden der Lobeshymne bilden: die Kolossalität und der Glanz.ll Die Kolossalität des Standbildes manifestiert sich in seiner Größe, aber auch in seinem Gewicht, einem ebenfalls göttlichen Attribut. 72 Das Gedicht begirmt mit der Frage nach der superimposito moles geminata colosso (v. I ), die ihr 69 hoc ... opus ... (v.9 1-93): Geyssen sicht darin wohl zurecht auch eine verkappte Anspielung aufStati us' S ilva 1, 1: Der Dichter empfiehlt sie dem Herrscher mit der AnkOndigung, nicht nur dessen Ehrenstandbild werde von Dauer sein. sondern auch Statius' Hymne darauf (1996. 12 1· 123). 70 Romana dies: nweil das Reich vom Sonnenaufgang bis -untergang reichte« (Vollmer 1898. adloc.). Vgl. anders Geyssen 19%, 117f. 7 1 $.0. S. 156 m. Anm. 48. Beide Attribute treten hlufiger als anderswo in den Silven auf. 72 Siehe zum Gewicht der Göner Vollmer 1898, 218 und Cancik 1965,93-96. Vgl. Cla uss 1999. 3 11 : »Groß war generell das Adjektiv, mit dem die Gonheilen charakterisiert werden konnten.«
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Erstaunen v.a. aus der Kolossalitäl der Statue bezieht: Diese dominiert das gesam· te Forum. 10 der Beschreibung der Statue kommt Statius darauf zurück: Das Pferd z.B. habe so große Weichen, dass diese sich sehr großen Sporen darböten (IOntis calcaribus, v.49). Besonders aber dienen die angefUhrten mythischen oder histori· sehen Pferdevorgänger dazu, die Kolossalität des equus Domiliani herauszustellen. Das Trojanische Pferd, das thrakisehe Pferd des Mars, der Cyllarus der Dios· kuren, das Ross, mit dem Curtius sich in den Schlund stürzte, und die AlexanderCaesar-Statue: Sie alle Obertrifft in Statius' Panegyrik Domitians Reiterstatue an Größe (und teilwe ise an Gewicht}.73 FOr den Rezipienten der Silva verstand sich von selbst, dass schon diese tunf als Maßstab fungierenden Rosse von ungeheurer Größe sein mussten bzw., im Fall der Caesarstatue und des Cyllarus, waren.1• Umso mehr galt das fUr den equus Domitiani und den Kaiser selbst. J.W. Geyssen hat die tatsächliche Größe der Reiterstatue in Frage gestellt: Wir hätten keine Kenntnis von kolossalen Reiterstatuen in der Antike, ein solches Riesenstandbild wäre ungOnstig zu betrachten und höHe keine günstige Raumwirkung auf dem Forum Romanum gehabt. Zudem sei es auffälli g, dass Statius jeden direkten Bezug auf den Koloss von Nero venneide: Der Grund könne nur in der unterlegenen Größe des Domitianbildes liegen." Statius' Schilderung sei also nur eine der Panegyrik geschuldete Übertreibung. Zwar sind Übertreibungen in den Domitiansilven selbstverständlich eine feste Größe; dennoch sind Geyssens Einwände nicht sehr stichhaltig: Warum sollte ein zur Gigantomanie neigender Herrscher wie Domitian auf die Umgebung der Statue RUcksicht genommen haben? Wir hatten schon gesehen (oben S. 152), dass ihm das Forum ausschließlich als Kulisse filr sein Monument diente.16 Und warum hätte der Dichter den Neroko loss heranziehen sollen, wenn er ansonsten ausschließlich Reilerstatuen als Maßstab wählte? Schließlich sei auf den archäologischen Befund verwiesen: 1. Bergemann schAtzt bei einer GrundflAche der Basis von 12,20 m x 7,80 m, dass die Statue drei- bis tunffache Lebensgröße gehabt habe.n Daher enthä.1t die Panegyrik des Statius mit ihren mythischen Vorgängervergleichen se lbstverständlich Übertrei· bungen, aber der Eindruck der Statue selbst auf den Forumsbesucher muss überwältigend genug gewesen sein: »Das Riesendenkmal okkupiert den Platz und erdrückt ihn.«7'
73 V. II-I3; 18-20; 53f.; 71f.; 87f. 74 Vgl. Volhmr 1898. 228: Lysipps Statue war so groß, dass man sich Ober die KOhnheit (ausW') des KOnstlcn wundem muss. 75 Geyssen 1996, 24(. 76 Man fahre nur heutzutage nach Rom und uniersuche das Monument des Vitlorio Emanuele 11. auf seine Raumwirkung und ROcksichmahme auf die direkte Umgebung! 77 1990, 165; s. C.F. Giul iani I P. Verducci. L·area centrale dei foro Romano, Florenz 1987, 118. 78Klodtl998. 31.
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Mit ähnlicher Konsequenz verleiht der Dichter dem Kaiser, beschrieben durch die Reiterstatue, das gönliche Attribut Glanz. Insbesondere ftlr die oben (S. 156f.) behandelten Sterngleichsetzungen ist das kaiserliche Strahlen und Glänzen die zentraJe Kategorie: Deshalb schreibt er dem Schwert das Blinken des Orions zu, den Augen ein Leuchten wie das des Sonnengones. Der im Deskriptionsteil etablierte Glanz der Statue wird anschließend durch die Empfindungen des Curtius noch gewisser gemacht: Der Seegon ist beeindruckt von ihrem blinkenden An· blick (lucem ... coruscam, '1 .7 1) und glOckJich, ihren ~)Un s terblichen Glanz« (im· mONale iubar, v.77) aus direkter Nachbarschaft sehen zu können. Der Kaiser, in der Statue präsent, ist Stern und Gon." Als ein solcher strahlt er Schönheit und WOrde aus: par /orma decorque, // par honor (v.17f.). Ein Reiterstandbild in der Mine des Forum Romanum bedeutete ein ganz exzeptionelles Monument, auch filr einen Kaiser, der wie Domitian seine Herrschaftsdarstellung sehr extensiv betrieb. Die Aussagen der kaiserlichen Expressi· on, die der equus Domitiani traf, waren daher besonders massiv und selbstbewusst, der Kaiser sollte in ein außerordentlich poSitives Licht gerUckt werden. Diese Aussagen waren filr den Panegyriker Statius in vielen Einzelheiten kaum noch zu steigern. Deshalb beschränkt er sich oft auf die Deskription der Statue und die Wiedergabe ihres Programms, er kleidet die Expression der Reiter· statue in Worte. Das gilt ft1r die Gestalt der Statue selbst wie auch ft1r ihre Rolle als dominanter Mittelpunkt einer städtebaulichen Umgebung, die komplett auf dieses neue Zentrum bezogen ist.1O Die Figur Caesar beispielsweise, die in der Expression des Flaviers keine Bedeutung hatte, jedoch auf dem Forum Romanum durch zwei Bauten präsent war, setzt Statius nur in dieser Silva filr die Domitian· panegyrik ein. Gelegentlich bemOht sich der Dichter aber auch, die domitianische Herr· schaftsdarstellung zu Obertreffen, z.B. die Sakralilät des Herrschers gewisser zu machen, indem er die divinisierten Verwandten in den Hymnus einfUhrt, Domiti· ans Genius in der Statue erkennt oder deren himmlische Herkunft postuliert.'l Er baut das gesamte bekannte Themenspektrum der kaiserlichen Ostentation in die Silva ein. Hier beweist er Originalität dadurch, dass er Themen der Expression aufgreift, die bei der Behandlung einer Reiterstatue nicht die nächstliegenden sind (wie die kaiserliche Familie oder die Sinengesetze). Mehr noch zeigt sich seine eigenstandige Handschrift in den eigenen Akzenten, die er setzt: Mars spielte in 79 Vgl. Vo tlmer 1898. 227. 80 Siehe Kloot t998, 33(.; vgta. Cancik 196.5, 99: »Im Vorstellungsbereich des Bilderkultes war dem Dichter die Möglichkeit vorgegeben. das KunstWerk mit der Person des Kaisers und seiner Politik, mit Mythologie und Gestimsverehrung zu verbinden. ( ... ) So hat Statius im Kaiser· kult impti zierte MOglichkeiten dichterisch realisiert. Seine Deutung der Statue ist deshalb ( ... )
ac1sequau
81 S.I. Nauta 2002, 424.
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der Herrschaftsdarstellung Domitians eine untergeordnete Rolle, das Thema dementia kommt nicht vor. Ebenso begegnet die Imago Domitians als Friedensbringer nirgendwo so ausgeprägt wie in Statius' Silven, speziell in 1,1. Man könnte diese Eigenständigkeit im Umgang mit den Inhalten der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung vorsichtig noch ein wenig größer als später in den Domitiansilven des vierten Buchs nennen. Der Grad der Panegyrik ist in diesem Gedicht sicherlich nicht geringer als in den Silven des vierten Buchs, im GegenteiL Statius ist teilweise bis ans Äußerste gegangen. Hier tituliert er Domitian in einem der seltenen Fälle als deus. Die Exorbitanz des Herrscherlobs scheint daher weniger von den venneintlichen Erwartungen oder gar Befehlen des Herrschers (die doch gegen Ende seiner Herrschaft mutmaßlich strenger und tyrannischer geworden sein sollen) abzuhängen als vielmehr von den Eigeninteressen des Panegyrikers und den Themen, die er als Anlass fUr seine Hymnen wählt. ll Für die Silva 1,1 hat sich Statius offenkundig verstärkt ins Zeug gelegt, denn sie ist besonders aufwändig komponiert. Sie gehört zu den längsten Domitiansilven und sie enthält besonders viele intratextuelle Bezüge. Der Poet hat sehr viele mythologische Vergleiche gewählt und gleich zwei >dramatische< Auftritte (Cwtius, die Verwandten des Nachts an der Statue) inszeniert. C. Klodt anerkennt ebenfalls die unverhüllte adulatio Domitians in unserem Gedicht, gleichzeitig aber konstatiert sie eine »Distanzierung vom Herrschem: Es manifestiert s ich darin - und zwar unbewußt, denn Statius war kein Gegner Domitians - ein [rigoroser] Rückzug ins Privatleben ( ... ). Domitian nämlic h ist Hauptdarsteller auf einer leeren Bühne. Denn die Zielgruppe der Zuschauer, an die er sich eigentlich mit seinem Monument wendet, erscheint nicht auf dem Schauplau und nimmt keinerlei Notiz: die Menschen .ll Bevölkert ist das Rom Domitians, so scheint es, nur von Geistem verblichener römischer Großer, mythischer Tiere und sprechender Steine.s.4
Klodt geht sogar so weit, das von Domitian auf seine Reiterstatue bezogene Ensemble des Forums, so wie es Statius darstellt, eine »Geisterstadt« zu nennen." Wie soll das mit der tiefen »poetische[n) Verbeugung vor Domitian«iItI zusammengehen? Eine derartige Seelenlosigkeit hätte doch das gesamte aufwändige Herrscherlob entwertet! Diese Deutung übersieht zwei Dinge: Erstens werden »die Menschen« sehr wohl erwähnt, und zwar Senat und Volk als Stifter der Reiterstatue. Das ist sogar mehr, als wenn sie nur als Adressaten aufträten, denn so spielen sie eine aktive Rolle, nicht nur eine passive. Zweitens hilft eine ausführlichere Schilderung der menschlichen Reaktion auf die Statue dem Panegyriker 82 Siehe daZIJ das Resllmee des Martial. Kapitels (6.6.1). 83 Klodt 1998,37. 84 Ebd. 34f. 85 Ebd. 22. 86 Ebd. 37.
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Statius nicht in seinem Bemühen, das Herrscherlob so exzessiv, wie es eben geht, zu steigern. So wie der Künstler des Monuments nur von göttlicher Herkunft sein kann, so sind nur Götter, Halbgötter oder mythische Gestalten Autorität genug, neue kaiserliche Denkmäler oder Bauten zu rühmen. Genauso verflLhrt Statius später in der Hymne auf die Via Domiliana (silv. 4,3), während in der Würdigung des satwnalienähnlichen Fests (silv. 1,6) die Hauptstadtbevölkerung sehr wohl die ihr zukommende Rolle spielt. Statius )versagt< dem Princeps keineswegs die Rückmeldung durch die Untertanen, in dem speziellen Fall von 1,6 nicht und allgemein nicht. Dass Statius gerade den equus Domitiani zum Gegenstand eines Domitiangedichts nimmt, geschieht sicherlich alles andere als zuflUlig: Ein solch exzeptionelles Monument ist filr den Dichter, der sich durch Panegyrik beim Herrscher empfehlen will, ein willkommener Aufhänger, wie allgemein neu eingeweihte Bauwerke oder Denkmäler geeignete Anlässe waren. Dabei wählt er, wenn auch überwiegend, so doch nicht ausschließlich den Weg des exorbitanten Herrscherlobs: Im Schlussteil macht er sich zum Sprachrohr der stadtrömischen Bevölkerung, betont ihren Anteil an dem neuen Denkmal und fordert indirekt von Domitian Gegenleistungen (v.99, 105-107). Er musste nicht filrchten, dass das etwa die Frucht seiner vorherigen panegyrischen Bemühungen zunichte gemacht hätte, im Gegenteil : Er versicherte dem Herrscher, dass die Interaktion zwischen ilun Wld den Untertanen, die Spirale des gegenseitigen Gebens und Nehmens, aus Sicht der Römer intakt war. Auf einer zweiten Ebene könnte man Statius auch in ureigener Sache sprechen hören. Präsentiert er mit opus (v.91) dem Kaiser auch sein Gedicht, dann könnte die Bitte um Gegenleistungen auch auf ihn persönlich zu beziehen sein . Wenn dem aber so ist, dann deutet er diese Bitte nur ganz vorsichtig an. Diese Lesart bleibt daher zwangsläufig spekulativ.
5.2 Die sakrale Imago des Kaisers Silv. 4.2: EVC HARISTICON AD IMP. A VG. GERM . DOMlTIANVM Das )Eucharisticon<, die! zweite Silva des vierten Buchs, hat wie siIv. 1,6 und 4,3 ein Element der kaiserlichen Iiberalitas zum Thema. Anders als in den letztgenannten Gedichten handelt es sich hier aber um eine nur begrenzt öffentliche oder gar halb private Fonn des Euergetismus. Die Einladung zur cena im kaiserlichen Palast war an eine große Zahl von Senatoren und Rittern ergangen, die plebs blieb dagegen ausgeschlossen. Daher erreichte diese Maßnahme der kaiserlichen liberalilas den Dichter als Mitglied einer privilegierten Gruppe. Die Gruppe wird in ihrer Zusammensetzung sehr inhomogen gewesen sein: Höflinge, Personal aus der Administration, sonstige Angehörige des Ritterstands, wohlhabende Römer, Sena167
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toren und vielleicht prominentere Intellektuelle oder Künstler. Das sie alle verbindende Element bestand an diesem Tag in dem Erfahren der kaiserlichen Gastfreundschaft. In den anderen Silven erlebt Statius die Expression Domitians aus der Sicht eines beliebigen stadtrömischen Adressaten. Das Wissen um diese Privilegierung lässt Statius in 4,2 deutlich erkennen, indem er den privaten Charakter des Gastmahls herausstellt: Das Hauptthema des Gedichts ist der Kaiser als deus praesens im Palast; den zweiten Rang nimmt das Verhältnis zwischen Domitian und dem Dichter ein.$7 In den sieben auf Domitian bezogenen Silven spielt der Dichter selbst nur in silv. 4,2 als Person eine eigene Rolle und ist nicht völlig zurückgezogen." Seine gesteigerte Bedeutung kündigt er v.5 mit den Worten os, ego, direkt nach dem Verweis auf Vergil und Homer, frühzeitig an. Der Grund dafUr liegt in der Einladung: Statius ist vom Kaiser in den Palast zum Gastmahl eingeladen worden und das war seine persönliche Premiere, denn er äußert darllber nova gaudia eenae // nune primum (v.5f.).19 Dafiir bedankt er sich mit seinem Werk ganz individuell. Zu diesem Anlass existierte offenbar erstmals seit den albanischen Spielen eine räumliche Nähe zwischen Herrscher und Dichter, die nicht nur zuOO liger Natur war. Daher kann Statius diese Nähe ungeniert beschreiben : lene ego ... // cerno iaeens? dalur haee iuxla, da/ur om lueri // ,,;na inter mensasque, el non adsurgere las es' ? (V .14-17.)'NJ Die Anwesenheit anderer Gäste wird nur am Rande erwähnt (v.32f.).91 G leichwohl ist diese Information von Bedeutung: Statius benennt die e ingeladenen Gruppen und er spricht von mille. Auch wenn der Bezug uneindeutig ist (handelt es sich um tausend Teilnehmer oder tausend Tische?) und die Zahl natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, wird doch klar, dass der Kaiser eine sehr große Anzahl von Senatoren und Rittern zur cena gebeten hatte. Offenbar fand daher das Mahl in mehreren Räumen, wahrscheinlich im lriclinium, der aula regia und der basilica, statt, denn keiner der Räume war allein in der Lage, eine so große Zahl von Klinen zu fassen. 91 Zwar war dieser Kreis von Gästen unvergleichlich kleiner als der eines Fests mit Saturnaliencharakter (silv. 1,6) oder jener der Nutzer einer neu gebauten Straße (4,3). Von einer wirklich privaten oder gar intimen Atmosphäre konnte aber keine Rede sein. Wenn Statius sich dennoch bemüht, Intimität herzustellen, könnte dem ein Gutteil Wunschdenken zugrunde liegen und der Versuch, den eigenen Stellenwert zu heben, und zwar beim Kaiser selbst. Kennten wir das Verhältnis zwischen Statius und Domitian nur aus der Silva 4,2, dann müssten wir 87 Siehe Hardie 1983,65. Vgl. Vessey 1983, 209. 88 Vgl. Hardie 1983, 141 . 5.a. Nauta2002, 336: »The poet is as much present in the poem as is the empe ror ( . .. ) ." 89 Vgl. ebd. 65 m. Anm. 58. S.a. anders Coleman 1988, ad loc. 90 Als Wunsch fonnulien Statius die Nahe zum Kaiser auch v.40ff. 9 1 Siehe Vessey 1983, 214 . 92 So Zanker 200 I (0. Kap. 2.3. 1. Anm. 148); vg1. Klodt 200 I , 47.
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dem Dichter wohl eine enge Anbindung an die kaiserliche aula unterstellen, man könnte ihn dann auch als Höfling bezeichnen. Wie oben erwähnt, stellt dieses Ged icht in Hinsicht auf Statius' Adressatenrolle der domitianischen Expression aber die Ausnahme, nicht d ie Regel, dar. Zu einer venneintlichen StellWlg als Hö fling würden die Indizien passen, die darauf hindeuten. dass Statius das Gedicht während des Gastmahls rezitiert hat.n In den Versen 7/8 fragt er, wie er dem Kaiser ftlr diese )Ubergroße< Ehre danken soll : qua celebrem mea vota lyra? Das Dankeslied mithilfe der Leier kann natOrlich wörtlich oder im übertragenen Sinn zu verstehen sein. Diese Stelle allein gibt folglich noch keinen Aufschluss darüber, ob Statius diese Verse vorgetragen hat oder hinterher schriftlich überreichte . Betrachten wir die Verse 53 -56: Hier wird die domitianische cena mit Jupiters o lympischem Mahl gleichgesetzt. Jupiter lässt während des Gelages die Musen singen und Apoll seinen Triumph in der Gigantomachie feiern . Da Jupiter mit Domitian gleichgesetzt wird, das o lympische Mahl mit dem domitianischen Gastmahl, könnte Statius die Rolle der Musen und Apolls spielen und analog beim Gastmahl mit der lyra sein vorbereitetes carmen singen.'" Die Schilderung des Palasts steht dieser Theorie wegen ihres allgemeinen und unpräzisen Charakters nicht im Wege; der Neapolitaner muss die Räumlichkeiten daftlr nicht vorher gekannt haben (s.u. S. 173)." Zieht man den Vergle ich des Gedichtvortrags beim olympischen und beim domitianischen Mahl ganz konsequent, dann wäre Statius' Rezitation auf Veranlassung oder gar Befehl des Kaisers erfolgt, je nachdem wie man iubet (v.55) auffasst, das den Anstoß zur musischen Begleitung des Göttennahls auf Jupiter zurUckfilhrte. Die Frage, ob Statius dadurch ein Selbstzeugnis ablegt, kann erst im Rahmen der gesamten UntersuchWlg der Poesie-Inhalte Wllcrsucht werden und wird daher vorläufig noch zurückgestellt. Jedenfalls wird sich der Poet im Vorfeld der Veranstaltung bewusst gewesen sein, dass er während der cena ein Dankgedicht vortragen werde. Insofern rezitierte er in dem Bewusstsein, zu dem Rahmen der ceno und damit zur SelbstdarstellWlg des Kaisers beizutragen. Die
93 Anders Nauta 2002, 336: »( ... ) at the meal itself, Statius never entertd into any kind of commcnicat:on with Oomitian: his higl~t bliss was to wlltcn." 94 Dagegen sieht Nauta hier v.a. eine Anspielung aufdas Thema des apollinischen Liedes. Jupiters Sieg ober die Giganten. Statius' Äquivalent dill! sei sein Lobpreis der domitianischen Triumphe ober Chanen und Daker gew~n, welchen er nic.ht beim Bankett im Palast, sondern bei den poetischen Konkurrenzen in Alba zum Besten gegeben habe. Zudem vergleiche sich der Dichter v. l-4 mit Vergil und Homer, die zwar auch Ober das Gaslmahl, aber erst im Nachhinein gedichtet hauen. Daher habe Statius die Silva nicht im Palast vorgetragen (2002. 359). 95 Statius' Gebrn.uch de r Tempora schafft auch keine Klarheit: Die Schilderung der cena im Proömium und die Ekphrasis des Palasts sind im Prisens gehalten, wahrend die Übergangsverse 32-37 amd der Domitianteil in das Vergangenheitstempus wechseln. Vgl. CoJeman 1988, 83f.: Vessey 1983, 219. Statius bezeugt selbst. dass er bei der cena des Claudius Etruscus rezitierte: Di~r habe die Silva Ober sein Bad innerhalb des Zeitraums seines Gastmahls erhalten: lpIi ho/neoIlim a me Slll/m intra moram cenae reupit (I pr. 29f.).
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Expression setzte sich aus einer Kombination von Instrumenten zusammen: des Gastmahls als Ausweis der liberalitos, der Palastarchitektur, der persönlichen Interaktion des Kaisers mit den Gästen und des Gedichtvortrags, der alle diese Elemente verherrlichte. Gleich, auf wessen Veranlassung - Statius war mit der Rezitation in die Herrschaftsdarstellung Domitians eingebunden. Die oben genannten Gleichsetzungen (Dornitian - Jupiter, sein Gastmahl olympisches Mahl) fUhren uns zur Diskussion der Themen und Attribute, mit denen Statius den Kaiser rühmt. Wie oben erwähnt, steht die Schilderung des Herrschers als präsenten Gottes, eines der Hauptelemente der Expression Domitians, im Mittelpunkt. Die Sakralität des Gastmahls und der gesamten Szenerie, einschließlich des sie umgebenden architektonischen Rahmens, ist das allen Einzelheiten übergeordnete Thema der Silva. Die Gleichsetzung Domitian Gott findet in einem Dreischritt statt und dominiert so den Aufbau des Gedichts : Im Proömium (v. I-17) wird das Thema, die cena Domitians, vorgestellt und bereits in Vers 5 als socra bezeichnet. Der erste Hauptteil (v.18-3 I) beschreibt den Palast als dem Schauplatz des Geschehens und erklärt ihn zum Himmel. Nach einigen Versen des Übergangs (32-37) folgt im zweiten Hauptteil (v.38-56) mit der Prei sung des Kaisers selbst der letzte Akt der Gleichsetzung: Domitian wird zum Gott erhoben. Mit Jupiter beim olympischen Mahl (v.53-56) wird die Komposition abgerundet, das sakrale Mahl rahmt das Gedicht. Nur die Schlussverse (57-67) entziehen sich dieser Gliederung. Sie weisen thematisch Ober das Gastmahl hinaus.96 Regia Sido niae convivia laudat Elissae qui magnum Aenean Lau~ntibus intulit arvis; Alcinoique dapes mansuro C8""ine monstrat aequo rt qui muho reducem consumpsit Vlixem: ast ego, cui sacrae Caesar nova gaudia cenae nunc primum do minaque dedit no n surge~ mensa, qua ce lcbrem mea vota Iyra, quas solvere gnllts sufficiam? non, si pariter mihi vertice laeto nectat odo ratas et Smyma cl Mantua lauros, digna loquar. mediis videor discumbere in astris cum love et lIiaca pollectum sumerc dextra immo rtale merum. steriles transmisimus annos; hacc aevi mihi prima dies, hic limina vitae. tene ego, regnator terrarum o rbisque subacti magne parcns, te, spes hominum, te, cura deorum, cerno iacens? datur hacc iuxta, dafur o ra tueri vina inter mensasque, et non adsurgere fas est?
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96 SieM:nun Gedichtaufbau Cancik 1965, 6Hi9, der dafttr immer noch maßgebend ist. Siehe ferner zur Metaphorik und den Vergleichen Macstre Yencs 1911.
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Die Panegyrik des Statius (Das königliche Gastmahl der sidonischen Dido preist der Dichter, der den großen Aeneas zu den laurentischen Gefilden kommen lieB, und der beschreibt das Gastmahl des Alkinoos in dem unvergänglichen Gedicht, der Odysseus auf der Heimfahrt auf vielen Meeren erschöpfte. S. Ich aber, dem Caesar jetzt zum ersten Mal die nie dagewesene Freude gewAhrte, an seinem heiligen Gastmahl teilzunehmen und von der Tafel meines Herrn nicht aufstehen zu müssen: Mit welcher Leier soll ich meine guten Wünsche darbringen, welc hen Dank kann ich abstanen und dabei Genüge tun? Wenn mir auf me inen frohen Scheitel gleichzeitig Smyma und Mantua den duftenden Lolbeer setzten. kö nnte ich doch nicht würdig genug sprechen. 10. Ich filhle mich, als ob ich minen unter den Sternen mit Jupiter zu Tische lAge und den Wein der Göner nähme, gereicht von der ilischen Hand [des Ganymed]. Öde Jahre habe ich durchlebt. Dies ist rur mich der erste Tag meiner Lebenszeit, hier die Schwelle zum Leben ! Bist du es, Herrscher über die Under und mAchtiger Vater des unterwo rfenen Erdkreises, du Ho ffnung der Menschen, Liebling der Göner. den ich bei Tische liegend sehe? 16. Es ist mir gegeben, es ist mir gewAhrt, dieses Antlitz ganz aus der Nähe zu sehen, zwischen Wein und Speisen, und ich muss nicht aufstehen?)
Das zentrale Motiv des Gedichts, das Verschwimmen der Trennlinie zwischen Menschlichem und Göttlichem,'" wird im Proömium mit Domitians Gastmahl eingefUhrt. Als Impuls für die Silva wird es zu Beginn behandelt, Statius kommt aber auch später noch darauf zurilck (v.32-35 . 53-56). Man hat nach möglichen Anlässen für das Banken gesucht und an einen Konsulatsantritt Domitians oder an die Fertigstellung des neuen Palasts und dessen Präsentation vor der Öffentlichkeit gedacht." Es kann sich aber auch einfach um eine gewöhnliche Speisung gehandelt haben, die der Kaiser im Rahmen seiner Patronsverpflichtungen oder zur Pflege der Kontakte mit den Senatoren und anderen privilegierten Stadtrömern veranstaltete.99 Statius beginnt mit der Erinnerung an die mythischen königlichen Gasbnahler, von denen Vergil und Homer gedichtet haben. Sich selbst stellte er damit - trotz allen Understatements im Anschluss (v. 5-IO) - in eine Reihe mit den epischen Klassikern, gleichzeitig gewinnt er rur seinen Helden Domitian als Referenz die mythischen Heroen Aeneas und Odysseus, auf deren Gastfreundschaft bei Dido bzw. Alkinoos hier angespielt wird. lOG Wie hAufig, reic ht auch hier die Parallelisierung mit der heroischen Ebene nicht aus, nur die gönliche Sphäre scheint dem Kaiser angemessen: Statius filhh sich buchstäblich wie im Himmel, mit Jupiter als Tischgenossen. Ganymed, dessen Mundschenk, scheint ihm den Nektar, den Wein der Göner (immonale merum), zu servieren (v. IO_12).lol ln den Obergangsversen zwi schen der Palastbeschreibung und dem Domitianteil wähnt er sich von Ceres und Bacchus bedient (34f.). Ceres erschien als Motiv 97 Ves.sey 1983, 216. 98 Cancik 1965, 82; Newmyer 1979,55; vgl. die Einwande von Coleman 1988. 83. 99 Vgl. Suet. Dom. 7,1. 100 Ver&. A en. 1,699ff.; Hom. Od. 8.59fT. 101 Vgl. Coleman 1988. ad Joc.
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Die Panegyrik des $tatius gelegentlich auf den domitianischen Münzen, wenn sie auch keine außerordent· liehe Rolle spielte.102 Statius ))is expressing an imperial soteriology, and the cena is a sacrament. a Iirurgical act. Sacred meals played a part in many mystery cults in antiquity: not least in that of Isis, of which Domitian himself was a noted devotee«, ol. Das Bankett bot sich, schon aufgrund seiner olympischen Tradition, als Mittel fUr den Dichter an, dem Herrscher eine sakrale Aura zu verleihen. Die vier durchaus konventionellen Anreden, mit denen sich Statius an den Kaiser wendet (v. 14f.), dienen wiederum der Verbindung von menschlicher und göttlicher Sphäre: Domitian ist spes hominum und gleichzeitig cura deorum, Liebling der Götter. Regnator terrarum zieh auf Domitians irdische Machtstel· lung, während parens orbis eine sakrale Färbung aufweist, denn parens ))scheint ein Lieblingswort hellenistischer, philosophischer, besonders stoischer Religions· lehren zu sein«I04. Von der cena geht Statius über zum Palast als dem Hintergrund der suggerierten sakralen Atmosphäre. tectum augustum, ingens, non eentum insigne eolumnis, sed quantae superos caelumque Atlante remisso sustentare queant . stupet hoc vic ina Tonantis regia, teque pari laetantur sede locatum numina (nec magnum properes escendere eaelum): tanla patet moles effusaeque impetus aulae liberior campi multumque amplexus operti aetheros, et tantum domino minor; iIIe penates implet et ingenti genio iuvat. aemulus illie mons Libys lIiacusque nilet,
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(Ein erhabener, gewalt iger Palast, nicht mit hundert Säulen ausgezeichnet, sondern mit so vielen, wie sie die Götter und den Himmel tragen könnten, wenn Atlas sich freimachte von seiner Last. 20. Darüber staunt die benachbarte Burg des Donnerers und die Götter freuen sich, dass du eine Wohnung hast. die der sei nen ebenbürtig ist. Du sollst dich nicht 102 BMC 32 1·324; 370f.; 492-493t
deutlich hll.ufiger.
103 Vessey 1983, 210. 104 Sauter 1934, 30.
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Vespasian und Titus verwendeten das Ceresmotiv
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Die Panegyrik des Statius beei len. zum großen Himmel aufzusteigen : So weit erstreckt sich der Riesenbau. und der Schwung der ausladenden Halle geht weiter als gewöhnlich; viel Land erfasst er und viel vom verdeckten Himmel, und nur sein Hausherr ist größer. 25 . Jener erfUllt das Haus und erfreut es mit seinem gewaltigen Genius. Das libysche und das ilische Gebirge glänzen don (mit ihrem Mannor) um die Wette, der Mannor aus Syene und C hios und viele Steine aus dem graublauen Meer liefern sich einen Wettstreit, und der Mannor aus Luna ist nur dafUr da, die Säulen zu tragen . 30. Weit nach oben wandert der Blick. Kaum kann man mit den scho n ennüdeten Augen das Gewölbe erfassen, und man möchte es fllr die vergoldete Decke des Himmels halten . Als C aesar die römischen Vornehmsten [Senatoren) und die Schar in der Trabea [Ritter) sich gleichzeitig an 1000 Tischen niederlegen ließ, da mühten sich die hochgeschürzte Ceres selbst und Bacchus. sie zu bedienen. 35 . So floss üppig das Kom des himmlischen Triptolemus. so beschattete mit traubentragendem Rebstock Lyaeus die kahlen Hügel und das nOchterne Land.)
Indem er die domus Domiliana hymni sch feiert , thematisiert er ein herausragendes Monument der domitianischen Architektur, eines der zentralen Instrumente der Herrschaftsdarstellung. Die Ekphrasis des Gebäudes beschreibt keineswegs in detaillierter Weise das Innere eines speziellen Pa last·Raums. Auf der Grundlage dieser Verse ist es nicht möglich, präzise zu bestimmen, welchen Saal innerhalb des Palasts Statius eigentlich preist. (Nebenbei zeigt diese Beobachtung. dass Statius das Werk sehr wohl vorher verfasst haben kann, um es dann zu diesem Anlass vorzutragen.) Vielmehr malt er das Raum·Erlebnis, »the illusion, dreamlike and mysterious«'os. Das Raum·Erlebnis war ihm zumindest in Ansätzen vorgegeben. Schon seit Cacsars Zeiten wurden die Häuser aller Kaiser als Tempel begriffen. Domitian folgte seinen Vorgängern, indem er sein Geburtshaus und seine domus zu sakra1en Bauwerken erklärte, darin konsequent. 106 Die Architektur des domitianischen Palasts, »a complex symbol of the divine basis of the autocracy«I01, tat ein Übriges mit ihrer Größe und Weite und Pracht. wie sie der Dichter wiedergibt und wie sie der archäologische Befund bestätigt. lot Die Obergeordnete Bedeutung der Sakralität in dem Gedicht zeigt sich darin, dass alle Elemente der Herrschaftsdarstellung, welche Statius verwendet, einen sakralen Bezug haben. Statius zeichnet den Palast a ls sakrales Bauwerk durch sei ne Materialität und seine gewaltigen Dimensionen: Das Gebäude ist ingens, die Zahl seine r Säulen unObersehbar (v. 18),'09 und das setzt die Palastdecke dem
lOS Vessey 1983. 216; Cancik I96S. 69. - Kloot hat allerdings Recht mit ihrer Beobachtung. dass die Ekphrasis des Palascs erst das PalasU!.ufkre (v.18-26a) und dann das Innere (v.26b--3 1)
beharKklt (200 I. 45). 106 Suet. Dom. 1, I u. 13 .1 ; s. Cancik 1965. 74(. VgJ. oben S. 55. 107 Vessey 1983.207. 108 Siehe zur Palastanlage Cancik 1965, 71-74. 109 Siehe Kloot 2001 , 46: )l Die Hervomebung der Säulenvieizahl zu Beginn des Abschnins dUrfte den majestltischen Eindruck wiedergeben, den der Kolonnadenvorhor der Domus Augusta·
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Himmel sgewölbe gleich, wie der Vergleich mit Atlas ausdrUckt (v.19f.). Niemand Geringeres als die Götter selbst (numina) bestätigen in ihrer Freude, dass Domitians Wohnsitz dem ihren ebenbürtig ist (v.2If.). Mit dieser Parallelisierung hat die Ekphrasis begonnen, mit ihr endet sie auch (v .30f.). Die Größe und Weite des Bauwerks ist auch das Thema der Verse 23/24, deren Überlieferung problematisch iSt. 110 Wiederum gelingt Statius mit der Schilderung der räumlichen Ausdehnung der BrUckenschlag vom Irdischen zum Himmlischen (camp; ... oetheros, v.24f.). Auch die schiere Höhe der Säle symboli siert die Nähe zur göttlichen Sphäre (v.30f.). Die Verse 26-29 preisen die kostbaren im Palast verbauten Materialien, Marmor aus Libyen und llio n, aus Syene, C hios und Luna, in den verschiedensten Farben, von unterschiedlicher Qualität. Marmorbeschrei· bungen waren ein Topos aller statiani schen Architekturgedichte~ auch die Häuser von ma nna1 sterblichen< Patronen wurden damit bedacht. 11 1 Gold dagegen stand nur den Gottheiten Z U : 112 Die getäfelte Palastdecke war golden (aura'; ... laquearia eael;, v.3 1). Die Gaste speisten von Tischen aus Zitrusholz mit FOßen aus indischem Elfenbein (v.38f.).11l Die Pracht und der Überfluss, verbunden mit der Größe und Gewaltigkeit - das ist fast zu viel fllr des Dichters ennüdete Augen (fessis ... visibus, v.30f.). Ei nen weiteren Topos der kaiserlichen Selbstdarstellung, die Apotheose ver· storbener Verwandter des Princeps, macht sich Stati us zu Eigen, wandelt ihn ab und stellt ihn in den Dienst seines Themas, des Palasts a ls sakralen Bauwerks. Auf die Vergöttlichung der verstorbenen flavi schen Familienangehörigen nimmt Statius in Vers 59 Bezug; logisch also, dass man a ls Panegyriker wie selbstver· ständlich auch von einer späleren Apotheose des aktuellen Herrschers ausging. V.22 ist daher der an den Kai ser gerichtete Versuch einer überzeugung und Bitte zugleich, nicht zu zeitig in den Himmel aufzufahren, da Domitian ja den .Himmel auf Erden( und daher keine Veranlassung zu einem schnellen Verlassen der Erde habe. Dahinter steht das Wissen. dass mit einer Apotheose nur zu rechnen war, wenn Domitians Nachfolger ein Verwandter oder wie auch immer Wo hl gesonnener wurde, der sich zu ihm im Nachhinein noch bekannte. Zu einer glOckJichen Herrschaft, als welche die Expression sie präsentierte. gehörte selbstverständlic h auch die geglUckte Regelung de r Nachfolge. Prompt kam es ja im Zuge der damno(io memoriae anders. Mit der Ekphrasis des Palasts greift Stalius die Instrumentalisierung der Architektur fiir den Kaiserkult auf. H. Cancik hat gezeigt, dass der Dichter die na beim Betrachter hinterließ, der sie oben auf dem Palatin liegen sah oder frontal vom Vorplatz. der aua Pa/ati"a, aus. betra!. _ 110 Siehe dazu die einschllgigen Konunentare sowie den Obersetzungsvorschlag von Sauter 1934, 43. 111 Cancik 1965, 77f.; z.B. silv. 1.2, 147·157; 1,3,35-38; 1,5.34-50; 2,2.85-94. 112 Vgl. oben S. 80. 113 Siehe Coleman 1988, ad loe.
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Verbindung von Architektur und Herrscherkuh rur seinen Gedichtaufbau, die G leichsetzung des Menschlichen und Gönlichen in drei Schritten, nutzbar gemacht hat : »Statius hat keinen Zweifel daran gelassen, daß auch zwischen Bauherm und Bauwerk Beziehungen beslehen.((ll ~ Tectum augustum, die ersten zwei Worte der Palastschilderung (v. 18), sind daher programmati sch zu verstehen . Die Eigenschaften des Raumes, Größe und Glanz, werden Attribute des Kaisers. lU Schon in der Ekphrasis tauchten Charakteri sierungen des Princeps auf, die auf den nun folgenden Domitianteil vorauswiesen. sed mihi non epulas Indisque innixa columnis rooors Maurorum fanlUlasque ex ordine tunnas, ipsum, ipsum cupido tantum spectare vacavit tranquillum vu ltu sed maiestate serena mu1centem radios subminentemque modeste fottunae vexilla suae; tarnen ore niteOOt dissimulatus ho nos. talern quoque barbarus hostis posset et ignotae conspectum agnoscere gentes. non a liler ge lida Rhodo pes in valle recumbit dimissis Gradivus equis; sie lubrica pon;t membra Therapnaea resolutus gymnade Pollux, s ie iacet ad Gangen Ind is ululantibus Euhan, sic gravi s A lcides post horrida iussa reversus gaudebat strato latus adclinare leoni . parva loquor necdum aequo tuos, Gennanice, vultus: talis, ubi Oceani finem mensasque revisit Aethiopum sacro diffusus nectare vultus, dux superum secreta iubet dare cannina Musas et Pallenaeos Phoebum laudare triumphos.
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(Ich aber war nic ht begierig. die Speisen zu betrachten oder die mauretanischen T ische, gestützt auf indi sche Füße, oder die in Linie angetretenen Scharen von Dienern, 40. ihn, ihn selbst nur wollte ich sehen, sein ruhiges Antl itz, wie er mit heiterer Majestät sei ne Strahlen milderte und bescheiden die Fahnen seines GlUcks tiefer hängte; und doch strahlte die verhil ilte Würde aus seinem Gesicht. Einen solchen Mann kOnnte n auch ein feind licher Barbar und unbekannte Völker, wenn sie ihn sähen, erkennen . 46. Nicht anders ruht im küh len Tal des Rhodopegebirges Gradivus, wenn er die Pferde losgebunden hat; so beftete die geölten Glieder Pollux, nachdem er den therapneischen Wettkampf überstanden hatte; so lag Euhan, währe nd des Geheuls der Inder, am Ganges. 50. So freute sich der ernste Alkide, von den ihm befohlenen schrecklic hen Arbeiten zurückgekehrt, seine Körperflanke auf das ausgebreitete Löwenfell zu betten . Mein Gesang ist nic ht be· deutend genug und noch nicht deinem Antlitz angemessen, Gennanic us: So lässt der Göttervater, nachdem er das Ende des Ozeans und die Tische der Äthiopier wiedergesehen hat, das Gesicht überströmt vom heiligen Nektar, die Musen ihre geheimen Lieder zum Besten geben und Phoebus die Triumphe von Pallene feie rn.) 114 1%5, 68. 11 5 Ebd. 68-70.
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Im Mittelpunkt des Domitianbildes steht seine göttliche Aura. Sie macht die Hierarchie zwischen ihm und den Ti schgenossen klar. »The concept that Domitian was unable to conceal hi s superiority is reflected in artistic representations where his figure is larger and more prominent than any other, e.g. the Cancellaria relief«.116 Um die Aura auszugestalten, bedient sich der Dichter verschiedener Inhalte der kaiserlichen Expression, die seinen Rezipienten von anderen Instrumenten bekannt waren. Tranquillus vultus und maiestas serena (vAl) stehen filr die irdische Macht und Autorität und die überirdische Erhabenheit Domitians. Auf Erden ist der Kaiser »the embodiment ofthe imperial peace, and its guarantor«117, am Himmel der Sonnengott, der seine »Strahlen mildert" (mu/centem radios, vA2)."· Die im Palast versammelten Zuhörer dachten dabei möglicherweise an die Münze, die Domitians verstorbenen Sohn mit der Strahlenkrone zeigte (s.o. S. 59). 119 Schließlich ist es der ingens genius (v.26), mit dem der Kaiser den himmlischen Palast ausRUh und der ihn als Gottheit kennzei chnet. 120 Domitian soll die Untertanen veranlasst haben, ihm unter Anrufung seines Genius (apud genium /uum ) Dank rur Wohltaten auszusprechen. ll ' Auch der ausführlichste Vergleich mit Helden und Göttern illustriert die göttliche Aura (v.46- 5 1). Statius erinnert an Mars, Pollux, Bacchus und Herkules, die sich jeweils nach kriegerischen Erfolgen oder anstrengenden Taten in komfortablem Umfeld davon erholten . Die Wahl von Mars und Po llux trägt Statius' e igene Handschrift, da diese in der Hemchaftsdarstellung Domitians keine herausragende RoUe spielten. lll Auf Bacchus als Sieger über die Inder nehmen Statius und Martial insgesamt viermal Bezug. 12J Aus der übrigen HerrschaftsdarsteUung Domitians sind uns aber keine Zeugni sse bekannt, die von 1l4 Bacchus' Instrumentali sierung rur den Kaiserkult berichten. Die Reihe der vie r Vergleiche läuft auf Herkules zu, der an die letzte Stelle vor dem Jupitervergleic h gesetzt ist und daher der wichtigste ist. m Diese Bedeutung korrespondierte seinem Stellenwert in der gesamten Expression Domitians (s.o. S. 54 und 73). Die
116 Coleman 1988, 97. 11 7 Vessey 198]. 218. 118 Siehe zum Stemkull Domitians v.59f. und allgemein Cancik 1965, 80f. Vgl. auch Coleman 1988, ad loc. 119 Bergmann zeigt allerdings, dass die Strahlenkrone unter den erhallenen stadlrOmischen Denkmälern Domitians nicht auftaucht. Auf MOnzen erscheint sie nur auf Kleingeld, das außerhalb Roms geprlgl wurde. Andere stadtrömische Zeugnisse ruf den Gebrauch der Strahlenkrone durch Domitian selbst haben wir nicht (1998, 238-242). 120 Siehe SauteT 1934, 44 und allgemein zum genius ebd. 41-4]. Vgl.a. Clauss 1999, 221-229. 12 1 Plin. paneg. 52,6. Siehe zum Eid beim SchulZgon Domilians Clauss 1999, 22S( 122 Slalius vergleichI den Kaiser mil Mars noch siIv. 1. 1.18-21. Zu Pollux s. si lv. 4 ,S.27( 123 SIal. silv. 4.3, ISS· IS7; Mar1. 8,26,S·8; 8,78.1-4; außerdem Sil. ].6 IS . 124 Sauler 1934 , 85·88; Scon 19] 6. 147. 125 SauteT1934, 84.
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Krönung und dennoch die rur den Kaiser einzig zulässige der Parallelisierungen ist, so Statius. der Vergleich mit Jupiter und dessen weiten Expeditionen (v.5356). Der Göttervater zum Gastmahl bei den Äth.iopiem. die sinnbildlich für das Ende der Welt standen, war ein epischer T OpoS. 126 Jupiters Gesicht glänzt vom ~) he iligen Nektar« (sacro ... nectare). zu Beginn seiner Eloge hatte Statius das Gastmahl des Kaisers sacra genannt (v.5)127 - so schließt sich am Ende des Hauptteils der Kreis der Sakralität. Die cena, der Palast und die Person des Kaisers laden die Szenerie sakral auf und sind so gemeinsam in der Lage. menschliches Leben zu schaffen: Statius erlebt seine zweite, seine wahre Gebun (v. 12f.) .121 di ti bi (namque animas saepe exaudire minores dicunIur) patTiae bis terque exire senectae adnuerint fines. rata numina miseris astris templaque des habitesque dom os. saepe annua pandas limina. saepe novo lanum liclore salutes, saepe coronatis iteres quinquennia lustris. qua mihi felices epulas mensaeque dedisti sacra tuae, talis longo post tempore venit lux mihi , Traianae qualis sub collibu5 Albae, eum modo Germanas aeies, modo Daca sonantem proelia Palladio tua me manus induit aura.
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(Die Göner - denn man sagt. sie erhören oft auch kleinere Geister - mögen dir zugeste.hen, das Alter des Vaters zwei- und dreimal zu übertreffen . Die du zu Göttern bestimmt hast, schicke zu den Sternen, baue Tempel und bleibe im Palast wohnen! 60. Noch oft mögest du die Tore des [neuen] Jahres öffnen , oft den Janus mit ne uen Liktoren begrußen. Wiederhole gekrönt oft die alle vier Jahre stattfindende Feier der kapitolinischen Spiele ! Der Tag, an dem du mir die üppigen Speisen und die heilige Gastfreundschaft deines Tisches gabst. schien mir nach langer Zeit so hell wie der Tag unter den Hügeln des trojanischen Alba, als deine Hand mich, der ich die germanischen Schlachten und die dakischen Kämpfe besungen hane, mit dem palladischen Gold auszeichnete.)
Der Schlussteil filhrt von der dreischrittigen Parallelisierung Domitians mit e iner Gottheit weg und greift andere Themen seiner Herrschaftsda.,-stellung auf. Zunächst wünscht Statius dem Princeps ein möglichst langes Leben: bis terque (v.58), zwei- bis dreimal so alt wie sein Vater Vespasian solle er werden. (Vespasian starb im Alter von 69 Jahren.) Der topische Wunsch knüpft an die v.22 verwendete Variante an, der Kai ser solle es mit der Auffahrt in den Himmel 126 Horn. 11. \,423; Od. 1,22·26; vgl. Coleman 1988, ad Joe. 127 Iki Statius und Martial ist SQcer gewöhnlich Dingen, die auf den Kaiser bezogen waren, vorbehalten, 2.B. die Spiele. sein pectus oder sein nomen: $. Coleman \988, S6 mit Belegen. 128 Vgl. Vessey 1983, 21 6. Vgl.a. Klodt200 I, 48: Das Bankett »erinnert fasl an eine christliche Eucharistiefeier«.
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nicht so eilig haben, und äußert eine Hoffnung, die nur fllr Überirdische in ErfU llung gehen konnte. Er bildet den Übergang vom Hauptteil zum Schluss, der über das Gedichnhema im engeren Sinne hinausgeht. Die folgenden (neben den bi sher scho n gelegentlich in den Hauptteil eingestreuten) hlhalte angefilhrt zu haben, bedeutet filr Statius' Panegyrik noch eine andere Qualität. Denn dass er die domitianische cena als himmlisches Mahl feierte , den Palast in den phantastischs· ten Farben malte und die Suggestion des Kaisers als eines gottgleichen Herrschers transportierte, lag mehr oder weniger nahe und dürfte rur keinen Zuhörer sonderlich überraschend gewesen sein. Statius ging jedoch weiter und baute Elemente der Expression in die Si lva ein, die der Kontext nicht unbedingt selbstverständl ich erscheinen ließ. Er erinnert an die durch Domitian vorgenommenen Deifizierungen verstor· bener Verwandter (Titus' , Domitians Sohnes und seiner Nichte Julia l29 ) und bittet um weitere Apotheosen (v. 59). Die Verwandten solle er dem Himmel schicken, um selbst länger auf Erden zu bleiben, den Palast zu bewohnen und weitere Tempel zu stiften (v.60). Auf das kaiserliche Bauprogramm hat der Neapolitaner schon in den Versen 20n I angespi elt, als er die Nachbarschaft des Tempels ftlr luppiler Capilolinus erwähnte, dessen Wiederaufbau Domitian fertiggestellt hatte. Die Aufforderung templaque des (v.6O) bezog VoJlmer aufgrund der kom positori · schen Nähe zur Deifizierung der Verwandten auf den Tempel der gens Flavia, jedoch sol lte ein kollektiver Bezug auf Domitians Tempelbauten a llgeme in wohl zumindest mitschwingen. IXI Daran schl ießt sich der Wunsch an, der Kaiser »möge noch oft die Schwellen des neuen Jahres öffnen und den Janus mit neuen liktoren grüßen" (v.60f.). Indem Statius in alJ diesen Bitten des Schlussteils (v.59·62) Elemente der Expression fonnuliert , dokumentiert er, dass diese von den Untertanen gutgeheißen wurde . Da diese Bitten keinen unmittelbaren Bezug zur cena aufweisen, waren sie nicht nur einem durch die Einladung zum Gastmahl privilegierten Hauptstadtbürger vorbehalten. Es bedeutet eine stark Ubersteigerte Fonn von Panegyrik zu behaupten, es sei ein sehnlicher Wunsch der Untertanen, dass Domitian erneut das Konsulat ftlr die ersten zwei Wochen des Jahres übernehme.'}1 Denn die praktischen Auswirkungen auf den Al ltag der Römer . waren genng. Im Fall des kaiserlichen Euergetism us spricht Statius mal als Privilegierter, mal als gewöhnl icher Hauptstädter. Er bittet den Princeps im Namen der Römer darum, noch oft die kapitolinischen Spie le zu wiederho len (v.62). Damit artiku129 S.o. S. 59. S.a. Sauter 1934, 14~ 1 48 . 130 Vollmer 1898, ad loc.; vgl. Coleman 1988, ad loc., die hierin einen Hinweis auhDomiti· an's entire programme for building temple$« sieht. 131 soepe onnllo pondas Il limino (v.60f.) variiert außerdem erneut den Wunsch nach einem langen irdischen Leben des Kaisers. Ebenso verhalt es sich mit der gdußenen Hoffnung auf viele weitere Auflagen der kapitolinischen Spiele Domitians (v.62), da diese ja nur alle vier Jahre stattfanden .
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liert er ein Interesse der plebs urbana. Die JiberaJilas findet noch häufiger Erwähnung, allerdings in Erscheinungsformen, von denen nur ausgesuchte Gruppen profitierten: Zum einen in der beiläufigen Anspielung auf die Spiele in der Albaner Villa, die einem kleineren Publikum vorbehalten waren (v.65·67), zum anderen dadurch, dass der Dichter den Überfluss an Dienern (v .39) sowie an Speisen und Getränken beim Gastmahl rühmt, wofUr Ceres, Triptolemus und Bacchus stehen (v.35.37). 1)l Der Euergetismus wurde erst möglich durch die Prosperität des Imperiums und die Fortüne des Kaisers, die Statius mit den Jorlunae vexilla suae umschreibt (v.43). Schließlich fehlt neben dem Kaiserkult und der IiberaJilas auch die militärische Bewährung nicht. Die kaiserliche Aura hat eine solche Ausstrahlung, dass sie auch auf den Barbaren, den femen und unbekannten Feind der Römer, wirkt und ihn die Überlegenheit Domitians anerkennen lässt (v.44f.). Damit sind natürlich die Germanen gemeint; denn kurz darauf spricht Statius den Kaiser mit Germanice an, der einzigen namentlichen Anrede im ganzen Gedicht (v. 52). Es ist wohl kein Zufall , dass der Dichter das Cognomen direkt hinter die Aufzählung der Helden und Göner setzt, die von teil s kriegerischen Unternehmungen zurilckge· kehrt sind. Zudem erfolgt die Anrede Germanice unmittelbar vor der Paralleli· sierung mit Jupiter, der sich beim äthiopischen Mahl von seinen Taten in der Gigantomachie singen ließ. >Oomitians Gigantomachie< war der Kampf gegen die Germanen. 1l3 Das Bild des Kaisers als militärischen Triumphators wird hier mit der göttlichen Gleichsetzung kunstvoll verschränkt. In den letzten fUnf Versen bringt Statius noch einmal seine eigene Person ins Spiel. Es wurde oben (S. 145) schon darauf hingewiesen, dass sich silv. 4,2 darin von den anderen Domitiansilven unterscheidet. Dieses Loblied auf den Herrscher aber mit der Erinnerung an den eigenen Sieg beim a1banischen Agon zu beenden, impliziert in der Tat eine sehr starke Aussage. Die Person des Dichters rückt hier massiv in den Vordergrund, beinahe über GebUhr. Zwar gelingt es dem Neapolitaner, auch in der Anspielung auf den eigenen Triumph den Kaiser mitzubedenken: Er erwähnt das Minervafest in der Albaner Villa als solches, den Inhalt seiner Poesie, mit der er den ersten Preis gewann, nämlich Domitians Kämpfe gegen die Gennanen und Oaker,l}.! und den Siegespreis, einen goldenen Ölzweig'}S (nur einer Gottheit stand es zu, goldene Trophäen zu verleihen). Aber dieser prominente Rang des Dichters bedarf einer Erklärung. Hatte Statius am Hof einen solch hohen Stellenwert, dass er sich dieses Fina1e leisten konnte? Dagegen spricht, dass sich in seinem übrigen Werk keine Spur davon findet. Den wohl 132 Siehe zur Bedeutung von orbita (v.35) als »Kom« HAkanson 1969, 114 m. Anm. 81. 133 S.o. S. 77f. Vgl. zur Gigantomachie auch Coleman 1988, 99. \34 Siehe dazu Vollmer 1898, ad loc.: ,.Gegenstand der Gedichte im Albanischen Agon war wohl immer der Kaiser.1< Siehe Plin. paneg. 54, 1. 135 Man. 9,23; s. Vollmer 1898, ad loc.
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entscheidenden Hinweis gibt Statius in diesen Versen selbst: Der Tag seines Sieges ' J6 war fUr ihn der schönste oder wichtigste bis zu der Einladung zur domitianischen cena. Münzt man diese Aussage auf das Verhältnis des Poeten zu Domitian, so ergibt sich: Andere Gelegenheiten der direkten Fühlungnahme zwischen beiden hat es offenbar nicht gegeben oder hatten nicht die gleiche Intensität und daher Bedeutung rur den Dichter. Wenn Statius hier die beiden wichtigsten Anlässe der unmittelbaren Interaktion mit dem Kaiser am Ende des Gedichts erwähnt, dann steht dahinter vermutlich der unausgesprochene Wunsch nach einem engeren Kontakt zur aula. Der Poet wird im Vorfeld über einen Höfling Domitians den Auftrag bekommen haben, bei der cena ein panegyrisches Gedicht auf den Herrscher vorzutragen. Für die Ausgestaltung dUrfte er indes selbst verantwortlich gewesen sein. Er versuchte die Gelegenheit zu nutzen, sich dem Kaiser fUr ein engeres Verhältnis und möglicherweise eine direkte Patronagebeziehung zu empfehlen. Fasst man das Bild der Expression, wie es sich hier findet, zusammen, so sticht der sakrale Charakter des Gastmahl s und der gesamten Szenerie am stärksten ins Auge. Das war die nächstliegende Art und Weise, die vom Dichler erwartete Dankes-Panegyrik auszugestalten. Die höchste Fonn der Verehrung war die Verleihung der Göttlichkeit, und die Architektur des Palasts lieferte durch die Suggestion, Wohnsitz einer Gottheil zu sein, dafUr die Vorlage. Vessey ging so weit zu sagen, die Atmosphäre im Palast sei aufgrund der Architektur und bewaffneter Wachen »daunting((, einschüchternd, gewesen, so dass »inflated praise of Domitian( unvenneidlich gewesen sei. l17 Allerdings muss man einschränken, dass Statius vielleicht in der Erwartung, nicht aber unter dem Eindruck dieses Umfelds die Silva 4,2 gedichtet hat, ist sie doch sicherlich im Vorhinein entstanden. Ein weiteres Mal demonstriert Statius, wie exakt er sich an die, hier architektonischen, Vorgaben der Expression hält und diese in ein poeti sches Herrscherlob umzusetzen in der Lage ist. Der Aulbau des Gedichts, spezie ll die Ekphrasis, empfindet die visuellen Eindrucke eines Gastmahlbesuchers nach. Die Beschreibung
136 Zur Datierung: Statius kOnnte den Sieg bei den albanischen Spielen zwischen 90 und 92 errungen haben, da er dabei Domitians Trium ph Ober die Daker (89 n.Chr.) besang (v.66(.). Nimmt man die fehlende Erwatmung des Sieges Ober die Sannaten (93 n.ehr.) als terminus ante quem (so Coleman 1988, xvii), dann mag dieser Zeitraum (90-92) zutreffen. 137 1983, 207. Einen etwas anderen Akzent als Vessey mOchte ich in der Frage selZen, ob die Untertanen von der Gonlichkeit des Herrschers erst Oberzeugt werden mussten: IIThe central illusion to be maintained was the usual one for those writing of Domitian in his lifetime: that the emperor was an incamate gocl«, so Vessey ( 1983, 208). Die Menschen waren aber von sich aus bereit, dem Herrscher als hOchste Fonn der Verehrung die GOttlichkeit zuzuerkennen, wenn er ihre Erwartungen v.a. hinsichtlich seines Euergetismus erflll he. Die Literatur spielte dabei eine untergeordnete Rolle.
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Die Panegyrik des Slatius v erläuft vo n außen nach innen, wandert dann vom Gebäude, bei dessen Einzelheiten s ie v erweilt, zu den darin befindlic hen Menschen, bis sie am Ende (3 8·56) in dem über das F est präsidierenden Hausherm im Zentrum des Hauses zur Ruhe kommt. Das >Auge des Betrachters< nimmt denselben Weg wie das eines Tempelbesuchers, der vom Vorplatz des Heiligtums allmählich zum Kultbild in der Cella vordringt.13'
Der Fokus liegt auf der Person Domitians. Die Distanzierung des Kaisers von der speisenden Menge, die in seiner Positionierung in der Apsis auf einer erhöhten Einzelkline zum Ausdruck kam und die seiner Selbstinszenierung al s Gottheit e ntsprach,I}9 ist aus Statius' Schilderung ebenfalls zu erahnen, wenn auch nicht so expliz it : Dem Dichter lag schließlich auch daran, die eigene Nähe zum Kaiser zu unterstreichen. Insgesamt aber kommen die Aussagen der Architektur und der S ilva zur Deckung. Bemerkenswert ist, dass Statius außerdem beinahe alle anderen Themen der domitianischen Expression explizit anspricht oder darauf anspielt: Domitians militärische Erfo lge, seine liberaJitas, öffentliche Bauten wie den Jupitertempel, die Autorität Domitians und die Hierarchien im Staat. Die Herrschaftsdarstellung des Flaviers findet sich in dieser einen Silva quasi komplett gespiegelt. l40 Domitian' s intention s come through unmistakably in Statius ' words. ( ... ) $tatius ' treatment o f what he terms in his preface the sacrarissimae epuJae contains a remarkable expos ition of Domitian 's ideology, ( ... ). 141
Natürlich kann der kaiserliche Hausherr dem Dichter detailliert vorgeschrieben haben, wie dessen Dankgedicht auszusehen habe . Statius' dichterisches Selbstverständnis und die Tatsache, dass ein genaues Vorschreiben der einzelnen Gedichtinhalte durch den Hof praktisch schwer vorstellbar ist, sprechen aber dafUr, dass der Autor sich aus eigenem Antrieb zu dieser Gedichtgestaltung entschlossen hat. N icht zuletzt handelt es sich ja um ein Dankgedicht f\lr eine sehr große Ehre, das gemäß dem Wechselspiel von kaiserlichem beneficium und untertänigem Dank entsprechend überschwänglich ausfallen musste.
5.3 Der Kai ser als Euerget der stadtrömischen Bevölkerung 5. 3.1 Si!v. 1,6: KALENDA E DECEMBRES Die letzte Silva des ersten Buchs dichtete Statius über eine kaiserliche Feier im Stil der Saturnalien. Der Poet schildert detailliert den Ablauf eines solchen Fests mit den verschiedensten Attraktionen und Gaben des Kaisers. Inhaltliche 13 8 Kloot 200 I, 47. 1] 9 Zanker 2001 (0. Kap. 2.3. 1, Anm. 148). 140 S.a. Vessey 198], 211. 141 Ebd. 217 und 220.
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)AusflOge < in andere Themenbereiche erlaubt er sich fast nicht. Das Hauptthema von silv. 1,6 ist also der kaiserliche Euergeti smus, und zwar in seiner öffentlichen Form. Der Teilnehmerkreis der Feier setzte sich aus der Hauptstadtbevölkerung in allen ihren Schichten zusammen: parvi, ! emina, plebs, eques, senalus (v.44). Die Zielgruppe spielt hier eine deutlich stärkere Rolle als später in silv. 4,2: Statius betont, dass die Mitglieder aller Sektoren der Hauptstadtgesellschaft gemeinsam an einem Tisch speisen (v.43). Das fUhrt er auf den Satumaliencharakter des Fests zurück. Dass aber sogar der Kaiser persönlich das Mahl mit den Untertanen beginnt, das ist fUr den Panegyriker nicht selbstverständlich und Anlass zu höchstem Lob. Gleichzeitig wird die liberalilas Domitians gesteigert, indem man herausstellt, wie umfassend der Adressatenkreis bei der Feier war. Die Ritter und die plebs und ihre Speisung durch den Kaiser werden v.35f. noch ein zweites Mal erwähnt. Statius schildert nicht nur die kaiserlichen Wohltaten, er bedient sich deren Rezeption durch die Untertanen, um Domitians Euergetismus zu würdigen. Da die stacltrömische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit Adressat des Fests war, konnte auch der Dichter kaum eine andere Erzählperspektive wählen. Statius erlebte die Spektakel und Speisungen als Teil der Masse. Nach der Aufzählung der gemeinsam tafelnden Stände redet er den Kaiser im Namen des Publikums an : et tu quin eliam ". // nobiscum socias dapes iniSli (v.46-48). Statius' Perspektive ist die aller Hauptstädter. Dass er die Satumaliensituation und die aufgehobenen Standesunterschiede derart betont, ist ein Beleg dafm, dass er aus dem Blickwinkel der plebs urbana (oder bestenfalls eines Ritters) schreibt. Einem Senator oder einem wie auch immer privilegierten Römer wird die Saturnalien· situation nicht sonderlich am Heuen gelegen haben . Statius selbst verschwindet als Person hinter der Masse fast gänzlich. Anzeichen eines engeren Kontakts oder einer persönlichen Kommunikation mit Domitian sucht man in silv. 1,6 vergeblich, es wird auch nichts dergleichen stattgefunden haben. Von sich spricht er, außer in dem konventionellen Musen· und Götteranruf des Proömiums (v.4-8), nur ein Mal gegen Ende der Silva. Dort variiert er witzig den poetischen Topos, zu unbedeutend zu sein, um den Kaiser und die Bedeutung seiner Wohltaten rUhmen zu können: Statius ist vom vielen Wein zu betrunken für weitere Panegyrik (v.96f.). Diesem Scheu liegt die Fiktion zugrunde, der Poet habe das Gedicht am seihen Tag und unter dem unmittelbaren Eindruck der Erlebnisse - womöglich gar noch im Kolosseum - verfasst. Vollmer war dieser Fiktion zunächst aufgesessen, dann aber zu der Überzeugung gekommen: Skutsch wird Recht haben, wenn er schreibt: Man kann sich den Herrn Papinius gut vorstellen, wie er mit dem Gedichte in der Tasche, über dem er am Tage vorher bös
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geschwitzt hat, ins Amphitheater kommt - denn den Zauber kannte er doch natürlich im Voraus.I ~ 2
Zwei diesem Zitat zugrunde liegenden Prämissen muss man wohl in Frage stellen : 1. Statius kann die Silva genauso gut an einem späteren Tag gedichtet haben. N ichts spricht dafür, dass er sie während oder uruninelbar nach der Feier )abliefern ( musste. 2. Musste er überhaupt etwas )abliefern Er kann das Gedicht auch aus eigenem Antrieb geschrieben haben. Dass der Ablauf eines kaiserlichen Fests im Kolosseum im Vorhinein bekannt war, sei ebenso unwidersprochen wie die Vermutung, den Dichter könnten seine Werke (zurnal die panegyrischen) Schweiß und Mühen gekostet haben. Das in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts verbreitete Ideal der Stegreifdichtung und seine eher fiktive Umsetzung in den Gedichten an den Kaiser ist in Kapitel 3.2 bereits behandelt worden (s.o. S. 96 m. Anm. 43 ). H. Canciks Untersuchungen des durchgefonnten Aufbaus von silv. 1,6 lassen eine Abfassung aus dem Stegreif ebenfalls unmöglich erscheinen . l ~l Sicherl ich hat Statius das Werk (anders a1s silv. 4,2) während der Veranstaltung auch nicht rezitiert. Eine Rezitation im Kolosseum war praktisch unmöglich. Außerdem spricht Statius im Proömium davon, dass er von den Ereignissen dieses Tages berichten wolle (refero, v.7), und am Ende macht er auch kJar, fUr wen der Bericht gedacht ist: rur die Leser vieler zukünftiger Jahre und Epochen (v.98f.). Die Silven 1,6 und 4,2 haben beide den Charakter von Eriebnisberichten. 'oU Während silv. 4,2 aber eher das Raum-Erlebnis, das Drumhenun und seine Wirkung auf Statius schildert, gibt t ,6 vor, in chronologischer Reihenfolge und deutlich konkreter den Ablauf der Feier im fl avischen Amphitheater zu erzählen. Darin zeigt sich ihre berichtende Funktion: Die üblichen Geschehnisse eines solchen Fests und dadurch die Iiberalilas des Kaisers sollen fUr die Nachwelt festgehalten werden. Ohne dabei gewesen zu sein, soll man nach der Lektüre eine Vorstellung vom Ablauf des Fests haben. Silv. 4,2 hingegen liefert keine präzise Beschreibung des Palasts oder des gereichten Mahls; die Zuhörer ihres Vortrags hanen die Details ja schließlich selbst vor Augen. Die beiden Gedichte hatten unterschiedliche Zielpublika. Auch wenn der Neapolitaner die Si lva 1.6 theoretisch zu verschiedenen späteren Gelegenheiten vorgetragen haben kann, stand dennoch in diesem Fall die schriftliche Rezeption im Vordergrund . Domitian wird den Text im Nachhinein, frühestens am Ende des Abends, Obennittelt bekommen haben. Eine Dokumentationsfunktion erfUllte das Gedicht durch die Veröffentlichung mit dem ersten Si lvenbuch. Im Rahmen des kombinierten Instrumenteneinsatzes fUr die Herr142 Vollmer 1898, 3 t 1; vgta. ebel. 6 u. 213 . 143 Cancik 1965; siehe v.a. das Schema ebel. 31. 144 Ebd. 100.
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schaftsdarstellung konnte es die Rolle der Nachbereitung Ubemehmen, indem es in Rom die Erinnerung an die Feier bewahren ha1f und im Reich die Kunde davon verbreitete. Damit sind wir bei der zweiten Prämisse: Ist das Gedicht im Auftrag des Kaisers geschrieben worden? Es ist gelegentlich versucht worden, diese Silva in eine venneintliche Tradition von Festberichterstattung einzuordnen. P. Friedländer vermutete eine regelmäßige oder gar häufige Folge von »Gelegenheitsschri.ften« anlässlich von Einweihungen und Festen, die den Erscheinungen des »modemen Journalismus« entsprochen hätten. 1• S Frere·lzaac stießen in dasselbe Horn : »( ... ) la propagande gouvernementale, a cöte des proces·verbaux officiels, repandait des compositions hi storico·litteraires ( .. . ).« Diese politische Poesie sollte der Erbauung der Massen dienen und si lv. 1,6 sei eine Vertreterin dieser politisch eingesetzten Dichtung gewesen. 1016 Gegen diese Überlegungen sind verschiedene Einwände vorzubringen : Erstens war Statius' Leserschaft kein Massenpublikum und stimmte daher nicht mit der vermuteten Zielgruppe der Festberichterstattung überein. Zweitens können hier Canciks Untersuchungen über den Aufbau und die lyrische Kunst von siIv. 1,6 ein weiteres Mal als Argument vorgebracht werden (vgl.o. S. 183): Zeigen sie nicht, dass man Statius nicht gerecht wird, wenn man ihm literarisch niedere Vorbilder unterstellt und seine Dichtung in die Nähe des modemen Journali smus rückt? V.a. aber rehlen uns ftlr die römische Festkultur die Quellen, die die Existenz einer zu Festen eingesetzten Poesie bezeugen. Angenommen, es hat eine solche BeriChterstattung gegeben: Hätte sich Statius dafiir einspannen lassen? - Die Untersuchung der Inhalte des Gedichts soll uns einer Antwort näher bringen. Zunächst sollen aber noch ein paar Bemerkungen zu O rt und Zeit des kaiserlichen Fests im Kolosseum gemacht werden. In der Praefatio zu Buch I kündigt der Dichter die letzte Silva mit den Worten an: Infine sunl Icalendae Decembres. quibus ulique creditur: flOClem e"im illamfelicissimam et voluplalibus publicis inexperlam .. . (»Am Ende stehen die )Kalenden des Dezember< ; diesem Gedicht wird auf jeden Fall Glauben geschenkt, denn jene überaus g lückliche Nacht, die mit ungekannten öffentlichen Vergnügungen aufwartete . .. «; I pr. 30·32).
Obwohl $talius das Gedicht also ausdrücklich Kalendae Decembres nennt, hielt man das beschriebene Fest in der Forschung verschiedentlich für einen Bestandteil der Satumalienfeierlichkeiten . lH Zwar scheinen der Anrur des Satum (v.4), die geschilderte Satumaliensituation (liberias reverenliam remisit, v.45) sowie die Verse 81 /82 daraur hinzudeuten: voces // SalurnaJia principis sonanle s. 145 Johannes von Gaza und Paul us Silentiarius. Kunslbesc::hreibungen juslinianischer Zeit, Leipzig I Berlin 1912, 44 ; s.a. ebd. 66. 146 Frere-lzaac t944, 46. Anm. 2. 147 Z.B. Mozley 1928, 65 (Loeb-Ausgabc); Winterl ing t999, 156.
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G enau besehen rühmen die Stimmen der Zuschauer aber nicht einfach die S alUrnalien, sondern die >Saturnalien des Princeps< (im Unterschied zu den >echten< Satumalien) .I~. An den Kalenden des Dezember als Datum ist nicht zu rillteln: l " Domitians Fest fand zweieinhalb Wochen vor den eigentlichen atumalien (17. Dezember) statt. Es wird insofern Ähnlichkeiten aufgewiesen h aben, als die Speisung des Publikums dem Panegyriker >satumalienwürdig( vorkam, bei der Bewirtung offenbar keine Unterschiede zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gemacht wurden und der Princeps der a usgelassenen Feierstimmung durch Volksnähe Rechnung trug. l50 Leider bricht die Überlieferung der Praefatio nach den oben zitierten Worten ab, so dass uns möglicherweise weitere Informationen über das Jahr oder den Ort der Veranstaltung verloren gegangen sind. Die erhaltenen Worte könnten darauf hindeuten, dass es sich zum Zeitpunkt der Abfassung der Praefatio um die Ietztvergangenen Kalenden handehe. Denn hätte Statius Ereignisse eines früheren Jahres beschrieben, hätte man wohl eine zusätzliche Information zu Kalendae Decembres erwarten dürfen . Überdies klingt die Formulierung so selbstverständlich, als sei das Fest den Lesern noch in guter Erinnerung. Der zeitliche Abstand zu der Veröffentlichung der Silva in Buchform betrug daher wohl weniger aJs ein Jahr. 1Sl Auch über den Ort macht Statius keine genauen Angaben. ErkJärlich wird diese Auslassung durch die Fiktion des Poeten, das Gedicht ad hoc am Ende des Tages verfasst zu haben. Aus den beiläufig eingestreuten Informationen, cuneos (v.23), caveas (v.28) und harena (v.86), hat man geschlossen, dass das fl avische Amphitheater den Schauplatz des Geschehens abgab.IH In Statius' dramatischem Bericht der Ereignisse spielt das Kolosseum keinerlei eigene Rolle, ganz im Gegensatz zur Schilderung des Palasts im >Euchari stieon< (si Iv. 4,2). In einer Hymne auf den öffentlichen Euergetismus des Kaisers hätte sich das Kolosseum als Gegenstand der Panegyrik allemal angeboten; es war im Bewusstsein der Untertanen aber wohl zu wenig mit Domitian, dafilr umso mehr mit Vespasian und Titus, der ja auch die hunderttägigen Einweihungsspiele gegeben hatte, verbunden. Stalius konzentrierte sich auf die Akteure und das Showprogramm sowie die Zuschauer. IH
148 S.a. Vollmer 1898, ad loc. 149 S.a. Vers 3, der den Musen. Apoll und Minerva prophezeit, man werde sie bei den ntichsIM Kalenden. denen des Januar. wieder bemDhen. der daher auch ein Indiz R1r den Monarsanfang Dezember ist. 150 S.a. Nauta 2002, 398f.; »me Satuma[ ja were regularly regarded as lasling, in a loose sense, during me emire month. doubtless because there were many other festivals in December ( ... )." (Zitat ebd. 398.) 15 1 Ähnlich Vollmer 1898, 304. 152 Ebd. 307. 153 So auch Naula 2002, 397. Vgl. Cancik J 965, J 07.
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Schließlich bleibt auch der Anlass des Fests für uns im Dunkeln. Man hat aber die verschiedensten Gelegenheiten spekuliert und u.a. nach Epigrammen Martials gesucht, die dasselbe Fest behandeln .l~ Sichere Erkenntnisse sind darUber aber nicht zu gewinnen. Vermutlich wird Domitian kein außergewöhnliches Ereignis als Anlass benötigt haben, um eine solche Feier zu veranstalten. Wahrscheinlich war sie einfach ein normaler Bestandteil des jährlichen Showkalenders, der unter Domitian so umfangreich war, dass Statius den personifizierten Dezember in poetischer Übertreibung als mullo gravidus mero (»schwer vom vielen Wein«, v.5) bezeichnete, da in ihm so viele Feierlichkeiten stattfanden. Der Euergetismus als das Hauptthema des Gedichts dominiert auch die Gliederung: Nach dem Proömium (v. I·8) folgt ein zweigeteilter Hauptteil. Im ersten Teil (v.9·50) wird v.a. die Vielfalt an Speisen sowie der Weinausschank gerühmt. Den zweiten Teil (v.5 1-92) hat Cancik mit >~pectacula, ioci, conviv;a« Oberschrieben.'u Der Schlussteil (v.93·I02) resümiert das Gedicht und endet mit allgemeineren Elementen des Kaiserkults. Die Sakralität der ganzen Veranstaltung und damit auch des Kaisers ist das zweite große Thema der Silva. Am Ende nennt Statius den Tag sacer (v.99). Canciks Schema des Gedichtaufbaus 'S6 zeigt deutlich, welch großen Raum der Kaiserkult auch in si lv. 1,6 einnimmt. Ober die Verbindung von Kaiserkult, Mythos und den Spielen hat Cancik das Richlige gesagt': Diese Verbindung entspringt ( ... ) nicht der mythographischen Gelehrsamkeit oder der weltfremden Phantasie des Dichters, sondem war in der Anlage des Zirkus, im Programm der Spiele, in der Art ihrer Durchführung und im Bewußtsein der Zuschauer Wirklichkeit U7 Die Zirkusspiele konkretisieren ja den alten Mythos, der durch die spectacula entweder als wahr bestätigt ( ... ) oder von ihnen übertroffen wird . ( ... ) >Den mythischen Vorgang konnte man bezweifeln, den vor Augen gestellten unmöglich. Und so gilt die kaiserliche Welt mehr als die mythische; Gönerwunder werden in Schauen gestellt durch die miracula Caesaris.(I"
Im Proömium )schickt( Statius zu Beginn die erwarteten Götter, Apoll und
Minerva, sowie die Musen fo rt .
Et Phoebus pater el severa Pallas et Musae procul ite feriatae: lani vos revocabimus kalendis. Satumus mihi compede exsoluta et multo gravidus mero December
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154 Siehe Vol lmer 1898, 304, der dazu das Nötige sagt. 155 Siehe seine Übersicht Ober die Gliederung: 1965, 10 I. 156 Ebd. 31. 157Ebd.102. 158 Ebd. 103, wo Weinreich 1928, 34 zitien wird. Siehe zur Mythologisierung der Spiele auch Martialsliber spectQculorum, z.B. 5: 6; 8; 16; 21 . Vgl. Caneik 1965, 104.
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Die Panegyrik des Slatius et ridens locus et Sales protervi adsint, dum refero diem beatum laeti Caesaris ebriarnque tparcent . (Vater Phoebus und ernste Pallas und ihr Musen, geht weit fon und macht Ferien! Wir werden euch an den Kalenden des Janus zurtlckrufen. Satum, nachdem er von der Fessel befreit wurde, 5. der vom vielen Wein träge Dezember, der lachende locus und die f rechen Sales sollen mir beistehen, während ich vom glilcklichen Tag des frohen Caesar berichte und von ... )
S tatt die üblichen, tur Gesang zuständigen, Göner anzurufen, wählt Statius Gottheiten und Personifikationen, dje das Thema des Gedichts anzeigen: 1S9 Satum wurde in der Vorstellung der Römer stets zu den Saturnalien von seinen Fesseln befreit. die ihm Jupiter nach dem Sieg über ihn angelegt hane (v.4).160 Zusammen mit dem weinseligen December steht der entfesse lte Satum daher filr ein satumalienaniges Fest im Dezember, auf dem dank locus und den Sales filr Spektakel , Wein und Witz gesorgt ist (v.5f.). Die Auswahl der gerufenen Götter ist Programm. Mit der Absage an ApolI, Minerva und die Musen verbindet Statius die Ankündigung, an den Kalenden des Januar auf diese zurückzukommen (v.3). Das scheint ein Hinweis auf ein möglicherweise regelmäßiges panegyrisches Gedicht an Domilian zu sein, das den Jahresanfang und I oder den häufigen Konsulatsantritt des Kaisers rühmte. Ein solches Werk haben wir von Statius mit der Silva 4,1, die er auf Domitians 17. Konsulat im Jahr 95 verfasste. 161 Der Bezug von 1,6,3 ist zweifelsohne vorher entstanden. Es muss hier also auf andere Gedichte, die uns nicht überliefert sind, angespielt sein, sei es von Stalius, sei es von anderen Literaten. Am Ende des Proömiums sagt Statius, warum ihm die angerufenen Götter beistehen sollen. Er berichtet von dem diem beatum // [aeli Caesaris (v.7f.): Domitian praktiziert seine liberalitru mit Freude, er begreift sie nicht als lästige Pflicht. Statius gestaltet seine Eloge auf den Euergetismus des Herrschers als dramatische Beschreibung, als ))unminelbaren Bericht aus dem Zirkus«161. Da das Gedicht chronologisch aufgebaut ist und durch die Tageszeitangaben Morgen (v.9), Abend (v.65) und Nacht (v.85) gegliedert wird, lohnt ein Blick auf den 159 Di~se Technik der Gedichleinleirung praktizien Statius mehrfach: 2-D. silv. 1,5 ; 2,3; 5,3; 5.5; 1.4,19·23. Siehe Vollmer 1898,286, der darin »Anzeichen fUr das freie Schalten der Dichter und Künstler mit den immer mehr zu allegorisierenden Schemen verflochtigten Gottheiten!( sah
(S. 304).
160 Siehe Vollmer 1898, ad loe.: lIAm Feste der Saturnalien dachte man ihn sich befreit, wieja die zeitwei lige Auflösung des Sklavenverhallnisses und die Verschwendung auf eine Rückkehr des golde n~n Zeitalters deuteten.« 161 S.u. Kap. 5.5; vgl. Coleman 1988, 63f. 162 Cancik 1965, 107.
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Tempusgebrauch. Die Ereignisse des Morgens werden im deskriptiven Teil (v.9· 20) überwiegend in Vergangenheitstempora. al so aus der Rückschau, geschil · dert. '61 Alle fol genden Beschreibungen sind im Präsens gehalten . Auch die deskriptiven Passagen in den Versen 28-33 , 43·50 und 51·64 werden präsentisch erzählt, ohne dass sich in ihnen ein Hinweis auf die Tageszeit rande. Wann gibt Statius also vor zu schreiben? Man kann vermuten, dass die erwähnten Deskriptionen gleichmäßig über den Tag zu verteilen sind. Statius suggeriert, den Großteil des Ablaufs original, gewissermaßen >live<, zu schildern. vix aurora novos movebat ortus, iam bellaria linea pluebanl: hune rorem veniens profudil eurus. quicquid nobile Pontieis nueeti s fecundi s cadit aul iugis Idumes, quod ramis pia genninat Damaseos et quod percoquit hebosiat Caunos largis gratuilum cadit rapinis. molles garoli lucuntulique et massis Amerina non perustis el mustaceus et latente palma praegnates caryotides cadebanl. non tantis Hyas inserena nimbis terras obruit aut so luta Plias, qualis per cuneos hiems Latinos plebem grandine eontudit serena. ducat nubila luppiter per orbem et latis pluvias minetur agris dum nostri lovis hi ferantur imbres. eeee autem caveas subit per omnes insignis specie, decora cultu plebes altera, non minor sedente. hi panaria candidasque mappas subveetant epulasque lautiores; iIIi marcida vina largiunlur: Idaeos totidem putes mini stros. orbem, qua melior severiorque eSI, el gentes alis insemel togatas, el, cum lot populos, beate, pascas, hune Annona diem superba nese it. i nunc saecula compara, Vetustas, antiqui lovis aureumque tempus: non sic libera vi na tune fluebant nec tardum seges oceupabat annum . una vescitur omnis ordo mensa., parvi, femina, plebs, eques, senatus:
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163 Af(}l,·ebol (v.9), pluebont (v. I 0), pro/ ud;, (v. II), cudebunt (v.20);
sens.
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nur cadil (v. 16) ist Prt-
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Die Panegyrik des Statius libertas reverentiam remisit. et tu quin etiam (quis hoc vocari, quis prominere possit hoc deo rum?) nobiscum socias dapes inisti. iam se, quisquis is est, inops beatus, convivam ducis esse gloriatur.
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(Kaum begann sich Aurol1l von neuem emporzuschwingen, 10. da regneten schon Obst und Süßigkeiten von der Leine. Diesen Tau streute der aufkommende Südostwind. Was auch immer an Edlem aus pontischen Nusswäldern fällt oder aus den fruc htbaren Bergen von Idyme, was das fromme Damaskus an den Zweigen sprie ßen lässt 15. und was das ... Kaunos reif werden lässt, das fiel gratis zu reicher Beute. Weiche gebackene Männchen und StOcke aus Pfannenbrot, amerinisches Obst in nic ht zu reifen Klumpen, Mostkuchen und volle Danein aus unsichtbaren Palmen fielen herab. 21. Die stOrmischen Hyaden und die [in Regen) aufgelösten Pleiaden Uberschuneten die Erde nicht mit so kräftigen Regenschauern, wie der Sturm das Volk in den latinischen Sitzreihen mit heiterem Hagel peitschte. 25. Jupiter soll ruhig Wolken Uber den Erdkreis fUhren und den weiten feldern mit Regen drohen, solange uns nur diese Regengüsse unseres Jupiter geschickt werden . Und da., da steigen durch alle Sitzreihen andere Leute herauf, in nicht geringerer Zahl als die Sitzenden, auffallend durch ihr Aussehen, geschmückt durch ihre Kleidung. 3 1. Diese bringen Brotkörbe, weiße Servienen und ziem lich üppige Speisen, jene spendieren reichlich Wein , der träge macht: Man könnte sie für ebenso vie le idäische Diener [Ganymede] halten. 35 . Den Kreis [der SitzreihenJ , wo man vornehmer und strenger ist. und die Leute in der Toga ernährst du alle zusammen, und während du, GlOcklicher, so viele Völker versorgst, kennt die stolze Anno na diesen Tag nicht. Geh jetzt hin und vergleiche die Epochen, Vetustas, 40. das Zeitalter des alten Jupiter und das goldene Zeitalter: Damals fl oss der Wein nicht so freigiebig und die Saat kam nicht dem Spätjahr zuvor. Von demselben Tisch essen alle Stände, Kinder, Frauen, Plebs, Riner und Senat: 45. Die Freiheit hat die Scheu gemindert. Und du, du hast ja sogar - wer von den Gönern könnte hierzu gerufen werden, wer versprechen zu kommen? - mit uns das gemeinsame Essen begonnen. Schon rühmt sich, wer immer es sei, o b arm, o b reich, Gastfreund des Herrschers zu sein .) Der erste Hauptteil wird dominiert durch den Wechsel von Festbeschreibung, die die unterschiedlichen Facenen des kaiserlichen Euergetismus z um Thema hat, und Vergleichen und G leichsetzungen mit den Göttern, v.a. Jupiter. In den Versen 920 werde n ed les Obst aus entfernten Teilen des Imperiums und Backwaren aufgezählt, die von der linea (v . l0) auf di e Zuschauer buchstäblich herabregneten .1t.I Darauf folgt das Lob ihrer Reichlichkeit, indem der Vergleich z u den Regenstemen gezogen wird : Der )Regen< an kaiserlichen Gaben ist stärker als die HageJstürme der Hyaden und Pleiaden (v.2 1-24). Gesteigert wird die Panegyrik gleich darauf durch die Parallelis ie rung Domitians mit Jupiter: Den natürlichen Regen des Göttervaters nehmen wir fiir den )silBen( Regen »W1seres Jupiters« (nosIr; lovis, v.27) gern in Kauf. »Der Kaiserkult übertrifft den 164 Zu der Iineo als einer Art HIngematte siehe Killeen 1959, 185-188.
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Mythos(<:I" Domitian ist der >gute< Jupiter, während der Göttervater der Erde droht (minetur, v.26). Nach der Aufzählung der Speisen schildert Statius die Bediensteten, die Essen und Wein, Brotkörbe und weiße Servietten im Publikum verteilen (v.2S·33). Ihre Zahl sei nicht kleiner als die der Zuschauer. Ihre Erscheinung, ihr Aussehen und ihre KJeidung (specie ... cu/tu, v.29), zeichne sie besonders aus. Die Menge und die Schönheit der Diener stehen fUr den Überfluss und die Pracht, die der Kaiser möglich machte. Die Ästhetik der Bediensteten findet ihr Echo in der zweiten H!1fte des Gedichts, wenn die Akteure in der Arena beschrieben werden: Da tummle sich alles, was aut forma placet au/ probatur arte (v.69). Dadurch, dass Statius die Bediensteten in den Rang von ungezählten Ganymeden erhebt, hievt er aufs Neue Jupiter und Domitian auf eine Stufe. Aber auch das Publikum erhält so einen Anteil an der Göttlichkeit. Denn nur Gottheiten werden von Ganymeden bedient. Statius verwendet hier dasselbe Motiv wie später im )Eucharisücon<, wo er das Bild der göttlichen Szenerie ebenfalls um die Bedienung durch die ilische Hand des Ganymed erweitert (silv. 4,2, I1 f.). Der Autor betont, dassjedennann, ob inops, ob bealus (v.49f.), sich an diesem Tag rühmen könne, Gastfreund des Kaisers zu sein. Die Nähe zu den Untertanen, civilitos, die Domitian mit der Teilnahme an dem Essen demonstrierte, galt als besonderer Vorzug eines Herrschers und wurde von Panegyrikern gerne bemüht. Plinius belobigte Tmjan dafUr, dass er sich in Gastmählern mit Senatoren und Auserwählten häufig und lange präsent zeigte, und machte damit Domitian ex post den Vorwurf, sich aus der senatorischen Gesellschaft zurOckgezogen zu haben. l66 Das Krilerium der eMU/os ist, je nach Kaiser und Panegyriker, auf andere An1ässe und andere Sektoren der Gesellschaft übertragbar. Der Vergleich mit den Göttern wird diesmal in die Deskription eingeschoben. Rhetorisch fragt Statius, welcher Gon es in PWlcto Fähigkeit zur irdischen Präsenz mit dem Princeps aufnehmen könne (v.46f.). Wieder Obertrifft Domitian die Götter, denn sein Vorteil als menschliche Gottheit gegenüber den himmlischen Göttern bestehl darin, dass er da ist, verfügbar und damit gewisser. 161 Vor den dritten Schritt der Gleichsetzung Domitians mit den Göttern, die auf einen deskriptiven Teil folgt, selzt Statius den wichtigsten Vergleich mit dem Mythos, die »mythologische SynkrisiS«I6I. Eingeleitet wird sie mit der Anrede des Kaisers (v.37) und der Feststellung, er übertreffe die Annona: Domitian ernähre die Ritter, die plebs und »so viele Völkef( (tOI popu/os), die staatl iche 165 Cancik 1965. 101. 166 Plin. paneg. 49,5(; s. Mause 1994, 140-1 45, bes. 143: altg. zur ciYj/ilw ebd. 54 m. Anm. 49 rur weitere Stiege; vgl. Winterling 1999, 155f. 167 S.o. S. 58; vgl. Clauss 1999, 482-485. Hor. cann. 3,5,2(; Ov. POnl. 1,1,63; trist. 2.54; Quint. inSI. 4 pr. 5. 168 Cancik 1965, 101.
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Getreideversorgung dagegen kenne diesen Tag (des Fests) nicht, denn sie ist nicht gratis (v.35-38). Der Herrscher gab das Fest de proprio. l 69 Danach folgt der Vergleich mit dem goldenen Zeitalter des Satum und dem silbernen des Jupiter (v.39-42).170 Um diesen Versen Gewicht zu verleihen, redet der Poet die Vetustas an, sie als Autorität solle den Vergleich anstellen . Und wiederum ist das Zeitalter des Domitian dem Mythos in Bezug auf Üppigkeit, Fruchtbarkeit und Reichtum voraus. Der Panegyriker zieht dem ant;quus lupp;ter (v.40) den novus luppiler lll vor. Statius streut in die erste HäUte des Hauptteils außerdem einen der wenigen Verweise auf andere Elemente der Herrschaftsdarstellung des jüngsten Flaviers ein, die weder zum Euergetismus noch zu der religiösen Imago in Beziehung stehen. Er spielt auf zensorische Maßnahmen Domitians an, und zwar mit orbem, qua melior severiorque est (v.35) auf die Erneuerung der lex Roscia IhealraJis , die die ersten 14 Sitzreihen des Amphitheaters den Rittern vorbehielt,Ln gentes ... logalas (v.36) erinnert an Domitians Vorschrift, dass das Volk im Theater in der Toga erscheinen musste.173 Statius' Beschreibung des Festes als einer satumalienartigen Veranstaltung umfasste also durchaus nicht alle Bereiche; die bestehen gebliebenen hierarchischen Züge der Feier stellte er ebenfalls heraus. I U hos inter fremitus novosque luxus spectandi levis effugit voluplas: stat sexus rud is. insciusque ferri ut pugnas capit improbus viriles! credas ad Tanain ferumque Phasim Thennodontiacas calere turmas. hic audax sublt ordo pumilorum, quos natura breves statim peracta nodosum semel In globum ligavit. edunt vulnera conseruntquc dextras ct mortem sibi (qua manu!) minantur. ridet Mars pater et cruenta Vlrtus casuraeque vagis grues rapinis mirantur pugilcs ferociores. iarn noctis propioribus sub umbris dives spariio quos agit tumullU3! hic intrant faeiles emi puellae, hic agnoscitur omne quod thealris aul forma placel 8ul probatur arte. hoc plaudunt grege Lydiae lumentes,
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169 Vol1mer 1898, ad loe. 170 Siehe Ov. met. I zum goldenen Zeitalter (89-112) und zum silbernen (1 13-124). 171 Sauter 1934, 21. 172 Sott Dom. 8.3: s. Vollmer 1898, ad loe. 173 Mart. 14,124; 4,2; 5,23; s. Vollmer 1898 ad loe.; Friedlaender 192011 , 9. 174 Siehe Nauta 2002, 4oof.
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Die Panegyrik des Statius jllic cymbala tinnulaeque Gades; illic agmina confremunl Syrorum, hic plebs scaenica quique comminutis permutant vitreis gregale sulpur. inter quae subito cadunt volatu immensae volucrum per asm nubes, quas Nilus sacer horridusque Phasis, quas udo Numidae legunt sub austro. desunt qui rapiant, sinusque pleni gaudent dum nova lucra comparantur. tollunt innumeras ad aslra voces Satumalia principis sonantes el duld dominum favore clamant : hoc solum vetuit licere Caesar. vixdum caeru la nox subibat orbem, descendit media nilens harena densas flammeus orbis inter umbras vincens Cnosiacae facem coronae. conlucet polus ignibus nihilque obscurae patitur Heere nocli. fugit pigra Quies inersque Somnus haec cemens alias abit in urbes.
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(Unter solchem Getöse und neuartigem Luxus geht beinahe die flUchtige Lust am Schauen verloren : Da steht das in Waffen nicht ausgebildete und ungeübte Geschlecht; wie geht es verwegen die männlichen Kämpfe an! 55. Man könnte glauben, thennodontische Scharen [Amazonen] seien am Don und am wilden Phasis entbrannt. Hier kommt die Schar der kühnen Zwerge, die die Natur schon a ls kurze alsbald vollendet und einmal zu einer verwachsenen Kugel zusammengebunden haI. 60. Sie werden handgemein, fUgen sich Wunden zu und drohen einander - mit welch einer Faust! - mit dem Tode. Vater Mars und die blutbefleckte Virtus lachen und die Kraniche, zum Fallen bestimmt rur weit verstreute Beute, wundem sich über die jetzt wilderen Faustkämpfer. 65 . Welche Tumulte erzeugt unter den scho n näheren Schatten der Nacht die reiche Verbreitung [der Freigiebigkeit]! Hier treten die leicht zu kaufenden Mädchen ein, hier erkennt man alles, was im Theater durch Schönheit gefällt oder wegen seiner Kunst mit Beifall belohnt wird. 70. Hier klatscht eine Schar draller Lydierinnen, dort hOrt man die klingenden Zimbeln aus Gades. dort dröhnen die Scharen der Syrer, hier das Theatervolk und diejenigen, die gewöhnlichen Schwefel gegen zerbrochenes Glas eintauschen . 75 . Dazwischen fa llen in plötzlichem Flug ungeheure Wolken von Vöge ln durch die Sterne herab, die der heilige Ni l und der starrende Phasis und die Numider bei feuchtem Südwind fangen . Leute, die anderen etwas wegnehmen, gibt es nicht; man freut sich des vollen Gewandbauschs, während man das neu Gewo nnene vergle icht . 81 . Unzählige Stimmen erheben s ich zu den Sternen, die die Saturnalien des Princeps rühmen, und rufen mit freundlicher Zuneigung »dominus((: Diese Freiheit a llein verbot Caesar. 85 . Kaum ist die schwarzblaue Nacht Ober die Erde gekommen, da steigt durch die dichten Schatten, strahlend mitten in der Arena, ein flammender Kreis herab, der die gnosische Krone [der Ariadne] an Helligkeit übertriffi. Der Himmel ist von den Lichtern völlig erleuchtet und duldet nicht das Dunkel der Nacht . 91 . Die träge Quies flieht und der müßige Somnus verschwindet bei diesem Anblick in andere Städte.)
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Die Panegyrik des Statius
In der zweiten Hälfte des Hauptteils werden die beschriebenen Euergesien des Kaisers vie lfältiger. Neben exotischen Attraktionen wie Akteuren aus femen Ländern (v.67-74) stehen Kuriositäten, die kämpfende Frauen und Pygmäen darstellten (v.S3-61). Materielle Gaben, seltene Vögel (v.7S-78), werden abgelöst durch die Faszination des Lichts, in das die Arena getaucht wird (v.85-92). Die auf den ersten Blick einigermaßen beliebig anmutende Auswahl der geschilderten Programmpunkte und Spenden gehorcht tatsächlich natürlich weitergehenden Gestalnmgsprinzipien. Schon zu Beginn hat Statius die verschiedenen edlen Obstarten aufgezählt, die auf das Publikum herabfielen: NOsse vom Pontus, Daueln aus Idyme (Palästina), Pflaumen aus Damaskus, Feigen aus Kaunos (südliches Kleinasien), und Birnen bzw. Äpfel aus dem etrurischen Ameria (v. ll 18). Nun folgt der Auftritt der Tänzerinnen und Musikantinnen aus Lydien und Gades (Cädiz) sowie der syrischen Gaukler und Wahrsager lH (v.70-72). Daran schließt Statius die Herkunftsregionen der Flamingos, Fasanen und Perlhühner an : die Gegenden von Nil und Phasis (der als Grenzstrom zwischen der bekannten und der unbekannten Weh galt) sowie Numidia (v.75-78). Alle diese Herkunftsorte waren weit von der Kapitale entfernt und ihre Erwähnung wird in Rom ein gewisses exotisches Flair verbreitet haben. V.a. aber stehen sie fast alle rur Grenzregionen des Imperium Romanum,176 von Cädiz weit im Westen über Numidien im SUden bis zur Provinz Syria im Osten. Sie symboli sierten also die Ausdehnung des römischen Reichs. Wer traf nun diese Aussage, Domitian oder Statius? Alle diese Gaben und Attraktionen wird der Kaiser als Euerget irgendwann einmal dem Publikum beschert haben, vielleicht auch bei dem beschriebenen Fest. Statius trifft aber mit seiner Schilderung eine Auswahl, die in das Bild, das er zeichnen möchte, passt. Er wird Programmpunkte übergangen und dafUr Bestandteile vorangegangener Feste mit aufgenommen haben. Er nimmt samt und sonders bekannte Elemente der Expression des Euergetismus Domitians auf und fonnt daraus sein eigenes Bild. Die irdische Macht des Kaisers wird auch im zweiten Hauptteil mythisch überhöht, ein Charakteristikum des Kaiserkults. Die kämpfenden Frauen erinnern den Dichter an die Amazonen, deren Schlachten er an Don und Phasis lokalisiert (v.55f.), Flüssen, deren genauen Verlauf die antiken Geographen nicht kannten .l n Auch das umgibt die Kampfesschilderung mit einem Hauch von Exotik. Das kämpfende Pendant zu den Frauen, die Pygmäen, werden ebenfalls auf die mythisehe Ebene gehoben, indem Statius auf die Kämpfe zwischen ihnen und den 175 Vollmer 1898, ad loc. V.73f.: Siehe zum Handel von zerbrochenem Glas im Tausch gegen Schwefel: Smyth 1947,46(. 176 Nebtn Ameria in Etrurien ist die einzige Ausnahme die Region um den Phasis, der ohnehin nicht genau lokalisiert war. Die Provinz Annenia, die ihm nahe kam, war nur unter Trajan wenige Jahre (114-117) Bestandteil des Imperium Romanum. 177 ehr. Danoff. Tanais. Der Kleine Pauly 5 (1975) 510; dCr$.• Phasis, Der Kleine Pauly 4 ( 1975) 720.
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Die Panegyrik des Sialius
Kranichen anspielt, die schon Homer kannte (v.6Jf.).'7' Über die Gefechte der Zwerge amasieren sich Mars und die cruenla (die blutige) Virtus l19 (v.62), die beide als Götter des Kampfs von Statius auf den Zuschauerrängen platziert werden. Gegen Ende der Silva, gewissennaßen auf dem Höhepunkt der Show, wird. das Geschehen in der Arena erneut auf den Himmel bezogen. Die Stimmen der Zuschauer, die dem Princeps ihren Beifall und Dank bekWlden, erheben sich ad aslra (v.SI). Und das Licht, das das Amphitheater erleuchtet. ist sogar heller als das Sternbild der Ariadne, der Inbegriff des Lichts, so dass der Himmel davon voll und ganz erhellt ist (v.S6-90). Die Beschreibung des Fests endet mit der Verbindung von Erde und Himmel. Abschließend sollen ein paar Bemerkungen zu dem umstrittenen Vers 84 gemacht werden. Statius' Aussage, Domitian habe sich die Akklamationen der Zuschauer, die ihn dominus nannten, verbeten, ist in der Forschung mit Recht auf Skepsis gestoßen, jedoch wurden dabei , wie mir scheint, nicht die richtigen Fragen gestellt. Allgemein wurde der Widerspruch zwischen silv. 1,6,84 und der senatorisch dominierten Überlieferung gesehen, die wiederholt betonte, Domitian habe sich mit dominus el deus anreden lassen, und diese Schmeicheleien seien rur alle Römer obligatorisch gewesen.110 K. Scon versuchte beide divergierenden Quellenstränge in Einklang zu bringen, indem er eine Veränderung des domitianischen Regierungsstils im Laufe der Herrschaft annahm, " 1 eine problematische Interpretation, ist doch das Jahr der Feier an den Kalenden des Dezember keineswegs gesichert und mithin nicht, dass wir uns hier in der FrUhphase des Principats Domitians bewegen. 11U K. Kircher erachtete die Ablehnung Domitians als einen einmaligen Fall, da sie der Ausnahmesituation der Saturnalien geschuldet sei: ))Das Verhältnis dominus - servus iSI rur die Dauer des Festes aufgehoben ( . . . ). So scheint es durchaus verständlich, wenn Domitian, dem Brauchtum fo lgend, sich an diesem Tag nicht dominus nennen lassen will. «11l Diese Position ist bedenkenswert. jedoch zeugt der Kontext von v .84 nicht gerade von einer )Verkehrte Weite-Situation. die rur die Saturnalien charakteristisch war, sondern liest sich eher wie der Idealzustand der )flicht-verkehrtene Weh mit ihren gOltigen Hierarchien. Außerdem sei noch einmal daran erinnert, dass Statius nicht das eigentliche Satumalienfest beschreibt.
178 Horn. 11. 3.3-6; luv. 13 ,167f. ; S.8. Vollmer 1898, ad loc. 179 Wemer Eisenhut, Virtus, RE Suppt. 14 (1974) 904 : >lEine solche Auffassung von Vlirrus! ist deshalb möglich. weil dem abstrakten Begriffvirtus die hohe Wertung, die er einSI - besonders bei Sallust - hatte ( ... ), verlorcngegangen war.« 180 Plin. pancg. 2,3; Suct. Dom. 13 ,2. 18 1 1936, 109 u. 102(. 182 Vgt.a. Vol1ll1C'T 1898. 6 m. Anm. 4. 1831977, 91.
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Di~ Pan~gyrik
des $Ialius
L. Thompson versuchte den Wahrheitsgehalt von v.84 zu zeigen, indem er die Anreden Domitians bei Statius, Quintilian und Manial untersuchte.!'" Leider hat er Statius' Texte nur sehr ausschnittsweise unter die Lupe genommen, sonst wäre ihm nicht entgangen, dass der Dichter den Kaiser mit dem dominus-Titel 13-mal im affirmati ven Sinne bedenkt. !" Außerdem setzte er voraus, Statius sei von Domitian beauftragt worden, einige Gedichte zu schreiben, und habe »as an official e10se to the throne at the end ofDomitian' s reign« gedichtet. lS6 Er befragte daher silv. 1,6,84 nur nach den Intentionen des Princeps und setzte diese mit jenen des Dichters gleich, ohne Statius' persönliche Darstellungsinteressen zu berücksichtigen. Manial hingegen attestierte er zurecht, die verschwenderische panegyrische Titulatur gegenilber dem Kaiser aus eigenem Antrieb gewählt zu haben, um den fehlenden Zutritt bei Hofe zu erlangen.!' 7 Insgesamt kam er dennoch zu dem richtigen Schluss, dass die Historizität der Aussage von silv. 1,6,84 durch die senato rische Überlieferung nicht zwingend widerlegt ist. I*' Man hat inzwischen erkannt, dass die senalOrisch geprägte überlieferung, zumal die in den Anfangsjahren der trajanischen Herrschaft entstandene, tur eine bestimmte Konstruktion von Vergangenheit instrumentalisiert war und daher nicht unbedingt für bare Münze zu nehmen ist. Man hat weiterhin gesehen, dass die Si)ven des Statius und Plinius' Panegyricus, abgesehen von der literarischen Gattung, erhebliche Parallelen in den dem Herrscher zugeschriebenen Attributen und Leistungen aufwei sen. 11I9 Kein moderner Forscher aber kam bisher auf den Gedanken, den Wahrheitsgehalt des statianischen Verses anzuzweifeln. Durchweg bemilhte man sich, die Aussage von silv . 1,6,84 zu >retten<. Statius kann das Gedicht im Vorhinein geschrieben haben; dann wäre diese Begebenheit wenn nicht Fiktion, so bestenfalls der Bericht einer früheren vergleichbaren Veranstaltung. Auch wenn er die Silva 1,6 erst nach der Feier gedichtet hat, ist der Wahrheitsgeha1t der Ablehnung Domitians nicht gesichert. Aber nehmen wir an, die Menge hat den Flavier gefeiert und den dominus-Titel gerufen, den der Kaiser zurückwies. Dann ist doch mindestens genauso interessant wie das Forschen nach den Motiven des Kaisers die Frage: Warum, mit welcher Intention nimmt Statius dieses Detail in seine Schilderung des kaiserlichen Verhaltens während der Veranstaltung auf? (Es wird gewiss andere Details gegeben haben, die in einen panegyrischen Hymnus gepasst hätten.) 184 1984, 410-472. 185 Silv. 1. 1.54 ; 3.3, 103 ; 110; ) .4 .20; 101 ; 4 pr. 28; 4,2,6; 25; 5, 1.42; 74; 94 ; 112; 261. 186 Thompson 1984, 410f. , Zitat 5 . 411 . 187 Ebd. 472. 188 Ebd. 475. 189 Ebd.; Mause 1994, 205. 5.a. unt~n S. 335, Anm. 341 . - Vgl. jclZl auch Naulas bedenk~ns· w~rten Eri:Hlrungsvorschlag: ))perhaps Domilian's reluctanc~ 10 be called dominus was so obvi· ously reigned !.hai a more hosli l~ inl ~rprelal ion (10 be mad~ public only after his d~ath) could ~asi Iy consiruci il as ~ncourag~ m~nl.« (2002, 402.)
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Die Panegyrik des Statius
Die Silva 1,6 als Ganzes hat das Ziel, die libera/ilas des Flaviers zu verherrlichen und ihn als sakralen Herrscher zu zeichnen: ~) lt was the combination of the emperor' s civility with his superiority that was essential to the image of a hannonious social hierarchy.« '90 Alle Einzelinhalte dienen ohne Ausnahme der Panegyrik gegenüber Domitian. AJso wird man der in den Versen 81·84 erzählten Begebenheit dieselbe Absicht zu unterstellen haben. Kehren wir noch einmal zu der Deutung von K. Kircher zurück: Wenn sich Domitian aufgrund der )verkehrte Welt(·Situation der Saturnalien (und damit nur rur diesen einen Tag) die dominus· Anrede verbeten hätte, welches wäre rur Statius der panegyrische Effekt gewesen, das zu schildern? Das Lob bestünde darin, dass Domitian sich an die Saturnalienspielregeln hält. Zwei Einwände sind oben schon gegen diese Interpretation vorgebracht worden. Zwar gäbe v.84 tatsächlich ein hübsches Wortspiel ab - der Kaiser nimmt um der Jicemia des Saturnalienfests willen dem Publikum die Freiheit, ihn dominus zu nennen, und ist daher mehr als die Untertanen auf die Bewahrung der )verkehrten Welt( Hir diesen Tag bedacht - , einfacher und wirkungsvoller und überdies allgemeiner wäre aber die Aussage in einer anderen Nuancierung: Hinter die Akklamation des Publikums zum kaiserlichen Euergetismus setzt Statius die topische Zurückweisung der dominus· Anrede durch Domitian. Die Aussage wäre nicht auf den einen Tag al lein bezogen, sondern gewänne all gemein gültigen Charakter: Der Herrscher demonstriert seine ci'lliJilas. Den dominus-Titel abzulehnen. war Konvention ; man knüpfte damit an Augustus an. l tI Die Nähe zu den Untertanen hat Statius bereits in der ersten Hälfte des Gedichts themati siert (v.46-50; s.o. S. 190). Sie zählt daher neben der liberalilas, der Sakralität, den zensorischen Maßnahmen Domitians und der räumlichen Ausdehnung seines Machtbereichs zu den Themen der kaiserlichen imago, wie sie Statius in si lv. 1,6 zeichnet. Aufgabe von v.84 ist es, abermals die ci'lliUlas des Princeps zu rühmen. Das ist Statius' Absicht. Ob das auch die Intention des Flaviers war, ob die Begebenheit den historischen Tatsachen entspricht, ist nicht mehr zu rekonstruieren. quis s~lacula, quis iocos licenles, quis convivia. quis dapes inemplas, largi flumina qui s canal Lyaei? iamiam deficio tuaque Baccho
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in serum lrahor ebrius sopcu em. quos ibil procul hic dies per annos! quam nullo sacer e)(olescel aevo, dum monles Latii palerque Thybris,
190 Nauta 2002, 402. 191 Suet. Aug. 53,1.
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Die Panegyrik des Statius dum stabit tua Ro ma dumque tenis q uod reddis Capito lium manebit! ( Die Spektakel, die ausgelassenen Scherze. die Gastmähle r, die geschenkten Speisen. die reichlichen Flüsse des Lyaeus - wer könnte s ie besingen? 96. Da., scho n werde ich schwach durch Bacchus ... betrunken falle ich schließlich in den Schlaf. Durch welche femen Jahre wird die Erinnerung an diesen Tag fortdauern! 99. Wie der heilige Tag zu keiner Zeit vergehen wird. solange die Berge von Lati um und Vater Tiber, solange dein Rom bestehen bleiben wird und solange das Kapitol Bestand haben wird, das du der Welt zurückgegeben hast.)
Die zehn Schlussverse sind schnell besprochen. Um seine ironische Variante der Recusatio weiterer Panegyrik einzuleiten, zählt Statius noch einmal zusammenfassend auf, was der Kaiser dem Publikum an diesem Tag geboten hat (v.93-95). Die Aufli stung macht deutlich, wo der Schwerpunkt des Fests offen sichtlich lag: Die Attraktionen für das Auge werden mit zwei Kola (spectacula und iocl), die Wohltaten filr den Magen mit drei Kola (convivia, dapes und flu mina Lyaei) benannt. An das Ende setzt der Poet einen allgemeineren Ausblick, der Ober die Thematik des Gedichts hinausgeht. Die Erinnerung an den Festtag werde so lange lebendig gehalten, wie Rom bestehen bleibe (v.99-10 1). Stat ius verlrnOpft die ewige Dauer der Stadt mit der Herrschaft Domitians (dum stabil tua Roma) und wählt als Symbol dafUr das Kapitol. In der Sprache der Panegyriker hat der Flavier den Römern oder gar der Welt (Ierris) das Kapitol zurückgegeben, weil er den Jupitertempel restaurierte (v. I Olf.). Wiederholt erscheint das Kapitol bei StattUS im Zusammenhang mit den Wünschen oder Prophezeiungen, der Kaiser werde lange bzw. ewig leben und herrschen.192 Die Herrschaftsdarste llung Domitians verwies selbst immer wieder auf den restaurierten Tempel des /uppiler Capilolinus und machte ihn zu einem Sinnbild des niemals endenden flavischen Principats (s.o. S. 51). Stati us' Wahl dieses Elements ist daher bloße Konvention. Thema der Silva 1,6 ist der Prototyp eines Fests, das Domitian aJs Euerget fUr die Bevölkerung der Hauptstadt gab und das neben speclacula v.a. die Bewirtung des Publikums umfasste . Ob wirklich die Feier an den Dezemberkalenden eines uns unbekannten Jahres beschrieben wird, sei dahingestellt . Das Gedicht gibt sich den Anschein, von der Iibera/UDs des Herrschers und ihren Ausprägungen am Tag X originalgetreu zu berichten. Wir sollten aber dabei Vorsicht walten lassen, ihm das auch zu glauben. Wahrscheinlicher ist, dass der Dichter sein eigenes Bild von der kaiserl ichen Freigebigkeit zeichnet und gewissermaßen das )ideale< Fest prei st. Er bedient sich der diesmal oder bei früheren Gelegenheiten erlebten Eindrücke, wählt aus, was ihm genehm ist, und überhöht das Gesamtbild durch ü ber192 Z.B. silv. 3.4. 1OS ; 4.3. 16Of. Der Tempel ftI.r Iupp/ler C opilolimlS, wiede l ~l l ichtet im Jahr 82. ist eines der meistgenannten Elemente in der literarischen [)omitianpanegyrik: Mart. 6,10,3; 7,60.1 ; 9,1,S; 9,3.7; J3, 74,2; Sil. 3,622--624.
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Die Pancgyrik des Slat ius
treibungen. Insofern ist es Slatius' Version des domitianischen Euergetismus, beruhend auf authentischen Einzelbausteinen, die uns silv. 1,6 vermittelt. Ein Hinweis darauf, dass der Flavier das Gedicht bei dem Poeten in Auftrag gegeben hatte, findet sich im Text nicht. Zwar eignete sich der Kontext des )Eucharisticons< (4,2) besser dafür, Anspielungen auf eine persönliche Kommunikation zwischen Herrscher und KUnstIer in das Gedicht einzustreuen (s.o. S. 168), aber ausgeschlossen wäre es auch hier nicht gewesen. Eine Vertretenn der oben (S . 184) erwähnten )Festberichterstattung( war diese Si lva vermutlich eher nicht. Zwar ist es durchaus vorstellbar, dass Statius gewi llt gewesen wäre, einen solchen offiziellen Auftrag auszufUhrcn, allein es fehlt uns jeglicher Anhalt filr eine solche Ordre. Warum haben wir keinen einzigen Hinweis auf ein weiteres Gedicht dieser Art von anderen Poeten oder von Statius selbst? Es spricht daher einiges dafür, dass Statius selbst Domitians Fest zum Anlass nahm, sich mit einem panegyrischen Gedicht an den Kaiser zu wenden. Mit der Auswahl der Feier ruckte er klassische Themen der Expression des Flaviers in den Mittelpunkt, den Euergetismus verbunden mit der Saktalität. Diese Inhalte legten der Ablauf und der Rahmen der Veranstaltung im Amphitheater nahe. Auch die gepriesenen Folgen der zensorischen Maßnahmen des Kaisers, die Si12- und die KJeiderordnung, standen dem Autor buchstäblich vor Augen . Neben das Hauptinteresse des Autors, die Pancgyrik, tritt hier sicherlich die Aufforderung an den Kaiser, auf dem Wege des Eucrgetismus weiter voranzuschreiten. Auch hierin zeigt sich Statius als Dichter der Bevölkerung Roms.
5.3.2 Silva 2,5: LEO MANSV ETVS Die Spielart der kaiserlichen Wohltätigkeit für die plebs urbana verkündet auch die Silva 2,5. 19J Ähnlich wie Martials leo-Iepus-Zyklus (s.u. S. 272ff.) widmet sie sich allein einem Detail der kaiserlichen Spektakel. Slatius preist mit dem Schauspiel des gezähmten Löwen. der seine schon gefangene Beute wieder freiließ und freiwillig in den Käfig zurückkehrte, dann aber - getroffen - würdevoll und stolz starb, eine besonders imposante und kuriose Darbietung. Sie inspiriert den Dichter zu seiner Hymne und fUlit das kurze Gedicht ganz aus. Andere Inhalte der Expression kommen darin nicht vor; der Kaiser wird allein durch die Imposanz des beschriebenen Spektakels indirekt gelobt. Statius deklariert sil v. 2.5 in der Praefatio des zweiten Buchs als Produkt der Steg.reifdichtung: Nur sofort. während der löwe noch in der Arena lag, durfte er sein Werk dem Kaiser überreichen; andem· fall s wäre es nicht mehr von Interesse gewesen (Ieo mansuelus, quem in amphilhealro prosfrGlum .frigidum eraf sacralissimo imperalori n; slalim Iradere; 193 Siehe dazu Cancik 19 7 1, bes. 7!§ ·81 .
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Die Panegyrik des Statius
si Iv. 2 pr. 16-18). Darin unterscheidet sich silv. 2,5 von den anderen Domitiansilven, tur die Statius nicht das Signet der Stegreifdichlung in Anspruch nimmt. Die Kürze der Silva (30 Verse) und der Verzicht auf andere Themen der kaiserlichen Expression gehen damit einher. '94 Mit si Iv. 2,5 bemüht sich der Dichter nicht, die höfische Ostentation getreu zu spiegeln und mehrere Facetten der kaiserlichen Imago zu berOcksichtigen, sondern stellt sein poetisches Interesse, die Inspiration durch das kuriose Schauspiel, in den Vordergrund. Auch diese Silva ist ein Stück Herrscherpanegyrik, jedoch indirekt und weniger massiv.
5.4 Der Kaiser als Euerget der gesamten Reichsbevölkerung Silv. 4,3: VIA DOMlTIANA Die Spielart des Euergetismus, die Statius zum Gegenstand der Silva 4,3 macht, unterscheidet sich von den übrigen Fonnen (in silv. 1,6 und 4,2) in vier Punkten: Die Via Domiliana hatte erstens temporale und zweitens lokale Eigenschaften, die von denen der Feste und Gastmähler des Kaisers verschieden waren : Die Straße war kein singuläres, vergängliches Ereignis, das bestenfalls in der Erinnerung der dabei Gewesenen weiterexistierte . Sie war von Dauer und daher Ausdruck der Ewigkeit der kaiserlichen Herrschaft und ihrer Errungenschaften. Zweitens lag sie nicht in Rom und nahm auch nicht von der Hauptstadt aus ihren Anfang. Zwar profitierten auch die Römer von der Via Domiriana, wenn sie nach Süden, Richtung Neapel, fuhren. Da die neue Straße aber ausreichend weit von der Hauptstadt entfernt und überdies deutlich näher an Neapel lag, wird man diese Maßnahme der kaiserlichen liberaliras als tur das gesamte Imperium gedacht auffassen mUssen. Daraus folgt drittens eine veränderte Zielgruppe: Der neue Fahrweg war - theoretisch - rur die gesamte Reichsbevölkerung da. Statius kleidet diese Sichtweise in die Aufforderung an die Völker in den östlichen Reichsteilen, auf dem Weg nach Rom die neue Straße zu benutzen (v. I07-109). Natürlich wird der ganz überwiegende Teil der Rei chsbevölkerung nie die Möglichkeit gehabt haben, das beneficium des Herrschers selbst in Augenschein zu nehmen. Durch seine Dauerhaftigkeit und seine Entfernung von der KapitaJe richtete es sich aber ausdrOcklich nicht nur an die stadtrömische Bevölkerung, sondern an ausnahmslos alle Untertanen des Kai sers. l " Dass Statius die Via Domitiana besingt, macht sie zu einem exemplum tur ähnliche Projekte t94 Dass das Gedicht ad hoc verfasst wurde, zeigt das Fehlen einiger Rahmen infonnalionen des Schauspiels, die die Augenzeugen nicht benOügten: Der Ulwe sei getotet worden, )wahrend ein anderes Tier floh( (1/.11 ); welches, bleibt ftlr uns im Dunkeln. Laut Nauta (2002, 403) hat Statius dieses _informalion gap.< beibehalten, um den Stegreifchlll1lkter zu wahren. 19.5 Vgl. Vers 20: populi (Gen. Sing.).
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(Straßenbau, Wasserversorgung etc .) in anderen Teilen des Reichs, die ebenfalls die kaiserliche libera/itas filr die Gesamtheit der Bevölkerung symbolisierten. Viertens handelt es sich hier nicht um einen persönlichen Kontakt des Princeps mit den Untertanen . Vielmehr triffi der Euergetismus, der sich in öffentlichen Bauwerken manifestiert, eine besondere Aussage : Der Straßenbau dient nicht wie die Spektakel und Gastmähler der Unterhaltung oder der Interaktion mit den Untertanen, sondern hat einen praktischen Nutzwert rur die Bevölkerung. Der Princeps ist persönlich mit den alltäglichen Belangen der Untertanen befasst. >Bedrückt( (gravalus, v.20) Ober den schlechten Zustand der Straßen und Wege, die der populus benutzen muss, empfindet er Freude (ga udens, v.24), dem abzuhelfen. Für diese Wohltaten ist der Kaiser in den Augen der Untertanen persönlich verantwortlich: l96 Er baut die neue Straße in den Worten des Dichters selbst (v.22-26). Dementsprechend spielten Straßenbau und andere Nutzbauprojekte wie Kanäle, Tunnel, Hafenbauten oder Brücken rur die Expression der römischen Kaiser eine bedeutende Rolle.l " Sie erwiesen die kaiserliche Tatkraft und Fürsorge (providenlia) rur die Reichsbewohner. Diesem Stellenwert verleiht K.M. Coleman Ausdruck, indem sie als die drei Ziele der Via Domiliana nennt : »transport, drainage, and propaganda«'9I. Neben den Unterschieden gibt es aber auch Gemeinsamkeiten mit den anderen Silven, die Domitian als Euergeten feiern : Statius verbindet wiederum die liberalitas mit der Sakralität des Kaisers. In den drei Passagen, die den Herrscher preisen, wird dieses Motiv in unterschiedlicher Weise verwendet. Das erste Herrscherlob (v.9-26) setzt »in der hohen Sakralspmche des Kaiserkultes«19'iI ein und schließt die Via Domitiana an die drei Tempel (den Jupitertempel auf dem Kapitol, das Templum Pacis und das Temp/um Gentis Flaviae; v. I6-19) an . Statius will »den Straßenbau der sakralen Bautätigkeit des Kaisers zugeordnet wissen(~. Die neue Straße wird als ~ Wundef( dargestellt. lO' Der Flussgott Voltumus stilisiert den Flavier a1s Bezwinger der Natur (v.72-94) und überträgt das Bild des sakralen Herrschers so in einen weiteren Rahmen, ehe die Sibylle von Cumae in ihrer Rede (v.124-163) Domitian, den dux hominum el parens deorum (v. 139), als Höhepunkt des Gedichts vergönlicht. Warum nun wählt der Dichter gerade diese Straße zum Thema eines panegyrischen Gedichts? Die Via Domiliana war, wenn auch viele andere Straßen unter Domitian repariert oder angelegt wurden, sein Hauptprojekt in Sachen
196 Sitl'le dam V. Nunon, The btneficial ideology, in: P.D.A. Gamsey I C.R. Whinaker (Hrsgg.), Imperialism in the Ancient World. Cambridge 1978, 209-22 1, besonders 218. 197 Coleman 1988, 102; s. don die Belege zu den Projekten von Caesar, AuguslUS und Nero. 198 Ebd. 199 Cancik 1965, 110. 200 Ebd. 11 3. 201 Vgl. Coleman 1988, 104.
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Die Panegyrik des Statius
Straßenbau.102 Cassius Dio erwähnt es (67,14,1) und auch Statius nimmt darauf ein weiteres Mal Bezug: Die folgende Silva (4,4), eine Vers-Epistel an Vitorius Marcellus, beginnt er mit der Aufforderung an eben diesen Brief, schnell zum Adressaten zu gelangen und daft1r die Via Domiliana zu nehmen (4,4,1-3). Ihre Bedeutung erlangte die via durch ihre aufwändige Konstruktion. Gebahnt durch • den Küstensand, stellte ihre Anlage einen Sieg ober die unwegsame Natur dar, wie aus den Versen 4,3,40-55 hervorgeht. Die Solidität der Unterlage und die komplette Bedeckung mit Steinfliesen waren das Besondere an ihr. 101 lm Jahr 95 fertiggestellt, half sie, den Weg von Rom nach Neapel zu verkOrzen, da man nun nicht mehr den Umweg über Capua endang der Via Appia nehmen musste. Vennutl ich diente sie daher auch ökonomischen Zwecken.lOt Von beträchtlicher Bedeutung war die Via Domiliana auch filr Statius persönlich. Er, der ja aus Neapel stammte, bezeugt uns selbst, dass er 95 in seiner Heimatstadt gewesen ist und von dort den Brief an Vitorius Marcellus geschrieben hat: epislulam meam ... . quam lib; in hoc libro a Neapoli scribo (4 pr. 9f.). lO) Er wird auf der neuen Straße a1so selbst gefahren sein und das komfortablere und kürzere Reisen auf ihr zu schätzen gewusst haben, hat er doch auch davor die Strecke Rom - Neapel gelegentlich auf sich genommen, z.B. bei seinem Umzug aus der Heimat in die Hauptstadt oder fUr seine Teilnahme an den neapolitanischen Spielen im Jahr 90. 206 Schließlich ist noch zu fragen , ob silv. 4,3 auf Veranlassung des Kaisers entstanden ist, ob Statius sie gar bei einer möglichen Eröffnungsfeier der v;a vorgetragen hat.101 DafUr finden sich im Text keine eindeutigen Hinweise. Zwar liegt es durchaus nahe zu vennuten, dass die Straße der Allgemeinheit in einer Zeremonie feierlich Ubergeben wurde, schon deshalb, weil der Princeps diese willkommene Gelegenheit, sich vor den Augen der Untertanen als Euerget zu präsentieren, schwerlich ausgelassen haben wird. 2OI Ob Statius dabei aber rezitiert hat, können wir nicht beantworten. Er Iverortet< seinen Text an keiner Stelle, d.h. er wählt nicht einen bestimmten Punkt auf der Strecke, etwa den Bogen an der Kreuzung mit der Via Appia, von dem aus die fertige Straße betrachtet wird und der mögl icherweise Schauplatz einer solchen Zeremonie gewesen sein könnte.209 Auch lässt der Dichter in der Silva nirgendwo durchblicken, wann er sie verfasst 202 Ebd. 102. 203 Duvat t 96 t, 185f., der sie eine . grande voie impmalefl nannte (S. 186). 204 Coleman 1988, 102;Cass. Dio67.14.1 . 20S Siehe Coleman 1988, xix. 206 Ebd. xviii; die neapol itanischen Spiele (Sebasta): si Iv. 2,2,6; das Jahr 90: siehe van Dam 1984. ad loc .. Frere 1944. xviii sowie Nauta 2002, 388f. 207 So Coleman 1986. 3100. 208 Vgl. Tac. ann. 12.56, 1; Suet. Claud. 21 .6. - Hier drangt sich ein Vergleich zu den Herrschern und auch demokratisch gewahlten Politikern unserer Tage geradezu auf, weM diese bspw. GlTmtliche Gebaude einweihen oder Ausstellungen eröffnen. 209 Siehe dazu Nautas Untersuchung der deixil des Textes (2002. 359f.).
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hat : Eine Komposition aus dem Stegreif scheidet aus; dagegen sprechen die Länge des Gedichts und sein kunstvoll durchgeformter Aufbau .2IO Statius kann s iIv. 4,3 vor Eröffnung der Via Domitiana, und bevor er sie selbst sah, gedichtet haben, denn die Geographie und Topographie waren bekannt und auch die Schilderung des Triumphbogens (v.97-IOO) machte fUr einen mit der domitianischen Expression vertrauten Dichter keine größeren Schwierigkeiten, auch wenn er ihn zuvor nicht zu Gesicht bekommen hatte. Auch die Verse 40-55, so detailliert sie sich den Bauarbeiten auch widmen, sprechen nicht gegen diese These; Statius kann al s Vorlage eine andere Straße sowie seine Phantasie verwendet haben. Dennoch wäre dem Poeten das Werk sicherlich leichter gefaJlen, fall s er die Gegebenheiten gekannt hätte. Da die Straße von Dauer war, sah er sich nicht geZWWlgen. auf einen bestimmten Tag hin zu dichten. Ein Loblied auf die nun in Betrieb genommene Via Dom;t;ana behielt auch einige Zeit später seine Aktualität. Aus den fehlenden Informationen über Ort und Zeit der Silva folgt: Der Dichter tritt im Gedicht als Person auf dem Schauplatz nicht auf, sondern nur aJs Sprecher. Aus seinem Mund kommt das erste Lob Domitians (v.9-26), das den Boden bereitet fUr die zwei göttlichen Lobeshyrnnen, die Reden des Flussgottes Volturnus und der Sibylle als Spmchrohr des ApolI . Greifbar wird die selbst gewählte Funktion, nachdem er den Auftritt der Sibylle am Ende der Straße in Cumae >bemerkt ( hat, in den Versen I 19f. : eedamtls; ehe/y , ;am repone ean/tlS: // vates sane/ior ineipi!, /aeendum es!. Daher ist beides - die Rezitation anlässlich ei ner Einweihungsfe ier vor Domitian oder die schriftliche übermittlung an den Kaiser unbestimmte Zeit nach Fertigstellung der Straße - möglich. Hat Statius vor Ort rezitiert, wird das auf einen kaiserlichen Auftrag zurOckgegangen sein. Andernfall s hat er silv. 4,3 vermutlich aus eigenem Entschluss gedichtet. Welchen Dienst konnte Statius der domitiani schen Herrschaftsdarstellung mit der Hymne auf die Via Domitiana erweisen? - Diejenigen Leser, die keine Möglichkeit hatten, die neue Straße selbst zu benutzen, erfuhren zunäc hst, dass der Kaiser diese Straße hatte bauen lassen, und sie erhielten eine poetische Beschreibung der via. Eine Straße hinterlässt nicht denselben visuellen Eindruck, den Gebäude oder Triumphbögen zu erzeugen vennögen. Die Dichtung kann die technische Meisterleistung und die Vorteile in Erinnerung rufen, indem sie den Bauprozess, den betriebenen Aufwand und die Komplexität der Straße preist.2I1 Daher nimmt sich Statius 16 Verse Zeit, um die Bauarbeiten zu beschreiben (v.4055), ein tur die lateinische Poesie ungewöhnliches Sujet. Statius schildert in diesem »Iängste(n] zusammenhängende[n] Text Uber römischen Straßenbau aus 210 Sie.he daftlr Cancik 1965, v.a. 111 . 211 Coleman 1988. 104.
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der Antike« den Bauvorgang sehr präzise. so dass H. Cancik von der »Einzigartigkeit dieser Partie« gesprochen haLm Die Si lva 4,3 ist also zum einen an die Leser gerichtet, die lokal vom beschriebenen Gegenstand des Eucrgeti smus getrennt waren. Sie infonnien über die Existenz der neuen Route und stellt sie detaiHiener als in der Poesie üblich dar. Leser, die nach der Lek'tUre des Gedichts die Straße benutzten, taten dies möglicherweise in einem gesteigerten Bewusstsein fllr die kaiserliche liberalitas, da eine Straße als Nutzbau eben eher der dichterischen ÜberhOhung bedurfte als Repräsentationsbauten. Insofern macht silv. 4,3 nicht nur die Via Domitiana in anderen Teilen des Reichs bekannt, sondern wendet sich auch an Leser, die sie selbst gesehen hanen. Zum Aufbau des Gedichts ist schon einiges gesagt .....orden. Er wird dominiert durch das dreifache Herrscherlob aus dem Munde des Dichters, des Volturnus und der Sibylle von Cumae. Die Kaiserpanegyrik wird in dreifacher Hinsicht, in Umfang, Person des Sprechers und Thematik: »politisch, mythi sch, kosmisch«2Il, linear gesteigert. Als weitere Gliederungstendenzen hat H. Cancik eine drei Zeitstufen umfassende Schilderung des Straßen baus enninelt sowie eine geographi sche Bewegung entlang der Via Domiliana nach SOden, die indes nicht ganz schematisch durchgehalten ist.l 14 Das Gedicht ist das längste der Domitiansilven. Daher enthält es im Gegensatz zu jenen auch nicht-panegyrische Teile wie die schon angesprochenen Verse Ober die Bauarbeiten und die Konstruktion des Fahrweges (40-55). Sie werden im Folgenden nur arn Rande behandelt. Quis duri silicis gravisque feni immanis sonus aequori propinquum saxosae latus Appiae replevil? certe non Libycae sonant calervae nec dux advena peieranle bello Campanos qualit inquietus agros nec frangit vada montibusque caesis inducit Nero sordidas paludes. sed qui limina bellicosa lani iustis legibus el fora corona!. quis castae Cereri diu negala reddit iugera sobriasque terras, quis fortern velal interire sexum
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212 Zitate Cancik 1965, 108; s." Duval 1961, 185. FUr ahnliche SIelien, die den Straßenbau jedoch nicht vergleichbar konkrel beschreiben, siehe ebd. 182. 213 Cancik 1965.32 . 214 Ebd. 112f. m. Anm. 122 . Die SOdbewegung entlang der Stnlße bezeichnete Cancik als . Erlebnisbcric:ht Ober die Reise des Dichters" (S. I 12); dagegen spricht. dass Statius als Individuum im Gedicht nicht auftaucht.
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Die Panegyrik des Slatius el censor prohibel mares adultos pulchrae supplicium timere formae, qui reddit Capitolio Tonantem et Pacem propria domo reponit, qui genti patriae futura semper sandt !imina Flaviumque caelum, hic segnes populi vias gravatus et campos iter omne detinentes longos eximit ambitus novoque iniectu solidat graves harenas, gaudens Euboicae domum Sibyllae Gauranosque sinus et aesluanles septem montibus admovere Baias.
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(Was rur ein gewaltiges Dröhnen von hartem Gestein und schwerem Eisen erfilllte die dem Meer zugewandte Seite der gepflasterten Via Appia? Sicherlich lärmen nicht libysche Truppen, 5. nicht erschünert der fremde Feldherr mit einem meineidigen Krieg ruhelos das kampanische Land und nicht bahnt Nero einen Kanal und fUhrt ihn durch gespaltene Gebirge und die schmutzigen Sümpfe. Sondern er [Domitian] ist es, der die kriegerischen Schwellen des Janus mit gerechten Gesetzen und einem Forum umgibt, 11. mit denen er der keuschen Ceres das lange versagte Ackerland und die >nüchternen < Felder zurückgibt, mit denen er dem starken Gesch lecht verbietet unterzugehen und als Zensor verhindert, dass erwachsene Männer die Strafe der schönen Gestalt fUrchten müssen, 16. der den Donnerer dem Kapitol zurückgibt und Pax in ihr eigenes Haus zurücksetzt, der der Familie seines Vaters einen ewig währenden Tempel weiht und den flavi schen Himmel: 20. Dieser beseitigt, bedrückt über die beschwerlichen Wege der Untertanen und das Gelände, das jedes Reisen behindert, die langen Umwege und befestigt den Sand, auf dem man sich schwer fortbewegt. mit einer neuen Auflage. 24 . Er freut sich darüber, dass er das Haus der euboeischen Sibylle, die Bucht am Gaurus und das dampfende Saiae den sieben HOgeln näherbringt.) Bevor Statius auf das eigentliche Thema der Silva zu sprechen kommt, preist er Domitian im Allgemeinen. Nachdem die Eingangsfrage, was der immanis somts (v.2) an der Küste zu bedeuten habe, Spannung beim Rezipienten erzeugen soll. folgt die Auflösung erst ab Vers 20. Vorher streift der Dichter verschiedene klassische Themenfelder der Panegyrik. den Schwerpunkt setzt er bei Domitians Gesetzgebung und Bautätigkeit. Konzentriert finden sich diese Akzente in den stark verdichteten Versen 9/10: Domitian umgebe mit gerechten Gesetzen und dem Forum Transitorium, iUj(is legibus er foro, den Janus-Tempel. dessen geöffnete Pforten die kaiserlichen Kriegszüge symbolisierten. w Zunächst feiert Statius zwei prominente innenpolitische Maßnahmen, das Edikt zur Förderung des
Vgl. Coleman 1988, ad loe.: »bellicosa, conjuring up the lraditional associalion of Janus with war, is paradoxical1y jUXlaposed wilh legibus ellQf'o: Domilian's policy is lhat war is a 1001 of juslice and peace." 2 15
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Dit: Pant:gyrik dt:s Stalius
Ackerbaus (v.1 Ir.) und das Kastrationsverbot (v. 13.15).u6 In einem Jahr der Getreideknappheit (90/9 1) verfUgte Domitian, den Weinbau zugunsten des Ackerbaus einzuschränken: Das ist der Sinn der statianischen Verse, so stellt es auch Sueton dar.m Das KasLrationsverbot rechnet Statius der zensorischen Tätigkeit des Kaisers zu (censor, v.1 4). Da der Flavier erst 84 Zensor und 85 censor perpeluus wurde, wird das Verbot zwischen 85 und 87 erlassen worden sein.21 • Mit legibus hatte Statius in Vers 10 auf die Gesetzgebung vorausgewiesen,Joro dagegen erweist sich fllr die im Folgenden gelobte Bautätigkeit als kaum repräsentativ, denn der Poet nennt ausschließlich Tempel : den Jupitertempel auf dem Kapitol (v. I 6), das Templum Pacis (v. 17) und das Templum Genlis Flaviae (v. I 8f.). Die Erwähnung des Jupitertempels steigert noch die konventionelle Schmeichelei, indem die normale Form der Dedikation wngedreht wird : Nicht der Tempel werde dem Gott geweiht, der )Donnerer< werde dem Kapitol zurilckgegeben .l 19 Das Templum Pacis war von Vespasian im Jahr 75 gebaut wor· den; Domitian sorgte nur noch fUr die allerletzte Fertigstellung, nahm aber den Ruhm fUr sich in Anspruch. no Schließlich das Heiligtum rur die flavische Gens: Statius verleiht ihm das »Ewigkeitsprlldikat«lll. Von dem flavischen Wohnsitz auf Erden schlägt er den Bogen zu ihren himmlischen Wohnsitzen, dem Flavium cae· lum. Der Bezug auf die Deifizierungen der verstorbenen Familienmitglieder durch Domitian rundet die SakraJisierung des herrscherlichen Euergetismus, filr die die drei Tempel stehen, ab. Was zunächst nach einer beliebigen Auflistung domitianischer Verdienste aus· sah, erscheint bei genauerern Hinsehen als bedacht gewählt. Es sind die Leistun· gen im Innem, regulierende Eingriffe in die mora1ische Verfassung der Gesell· schaft oder in die ökonomische Ordnung, die den Rahmen abgeben fUr das hier zu feiernde Unternehmen. Die Via Domitiana ist ein Bauprojekt mit hohem Presti· gewel1. aber kein reines Repräsentativ., sondern ein Funktionsbauwerk, das auf die Bedürfnisse der Reichsbewohner zugeschninen ist.
216 S.a. di'! Silva 3,4 auf den !(a:;tr.llea Earinus, die dt:m KalilnslionsvenX)t einen zentralen Platt einrllwm (S. 224·226). 217 Suet. Dom. 7,2; zur Plausibiliw dieses Zusammenhangs 5. Coleman 1988, 107 und Jones 1996. 65; tur Dalierung: Barbara Levick. Domilian and the Provinces. Lalomus 41 (1982) 50.73, hier S. 66 m. Anm. 70. - Spaler hai Domilian das Edikt widerrufen (Suel. Dom. 14,2). 218 Vgl. Vollmer 1898. ad loe. S.o. S. 61 f. m. Anm. 196 und unlen S. 285f. 219 J. Markland, Vi. n. Coleman 1988. ad Joc. 220 Suet. Vesp. 9,1; vgta. Suet. Dom. 5; Vollmer 1898, ad loe. und Darwall-Smilh 1996, 121. Coleman (1988, ad loe.) vermUlete eine zwt:ilt: Dedikalion des Tempels aufgrund der umfuSt:nden Umbauarbeilen an St:int:r Nordw~ilt: . die mil dem aau des Forum Transitorium notwendig geworden waren. So t:ric.11re sich reponir. Pax mussle den Tt:mpel wahrend der Renovierung rIumen, ehe Domilian sie Spalt:r zurilcksetzle. 22 1 Sauter 1934, 152.
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Die Panegyrik des 5tatius Statius hane der Beschreibung der Bauarbeiten zu Beginn schon vorgegriffen durch den Hinweis auf die Gewaltigkeit der Arbeiten (v.I-3) und durch zwei historische Vergleiche, die negativ konnotiert sind . Hannibals Kriegszug durch Italien (v.4-6) war in seiner gewaltigen Dimension so unumstritten wie in seiner (filr die Römer) negativen Bedeutung. Neros groß angelegtes Projekt, Rom mit Baiae durch einen schiflbaren Kanal zu verbinden (v.7f.), kam Hannibal in der Größe der Dimension gleich.ll2 Da es feh lschlug, liefert es Statius zusammen mit dem punischen Feldzug die negative Folie, die den positiven Stellenwert des domitianischen Straßenbaus umso stärker hervortreten lässt. Beim Gedichnhema angekommen, beeilt sich Statius sogleich, die persönliche emotionale Beteiligung des Euergeten Domitian zu betonen (v.20-26), die dessen providenlia unter Beweis stellen soll (s.o. S. 200). Statius macht sich damit sicherlich Elemente der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung zu Eigen. Eindeutig ist der Fall in der Formulierung seplem monlibus admovere Baias (v.26): Die BUrger von Puteoli bedankten sich 95/96 bei Domitian rur den Bau der Via Domitiana in einer lnschrift.nl Darin wird Puteoli als urbi ... admola bezeichnet. nThus St[atius] reflects official propaganda (admouere)'ol14. hae possent et Athon cavare dextrae el maestum pelagus gemenlis Helles intercludere ponte non nalanti . his (parvus, nisi di viam vetarenl) Inous freta miscuissellsthmos. fervent lilo"" mobilesque silvae, il longus medias fragor per urbes, atque echo simul hine el inde fraelam Gauro Massieus uvifer remittit. miratur sonilum quieta Cyme el Litema palus pigerque Safon. al flavum eaput umidumque laIe crinem mollibus impedilus ulvis Vultumus levat ora maximoque pontis Caesarei reclinis areu raueis taHa faueibu s redundat: )camporum bone conditor meorum. qui me, vallibus aviis refusum el ripas habitare nescientem. recti legibus alvei ligasti . el nune iIIe ego turbidus minaxque, vix passus dubias prius carinas,
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Siehe Coleman 1988, ad loc.: ltNero's neglecl ofuseful public worits was a topos ofFlavian propaganda«. Weitere Belege rur das negative Nerobild: Sauter 1934, 22 m. Anm. 2 . 5.8. M .P. Charleswonh, Flaviana, JRS 27 (1937) 54-56 . 223 AE 1973, Nr. 137 - 1941 . Nr. 73 . 224 Coleman 1988, 110. 222
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Die Panegyrik. des Stalius iam pontem fero perviusque calcor; qui telT8s rapere et rotare silvas adsueram (pudet!) amnis esse coepi . sed grates ago servitusque tanti est quod sub te duce, te iubente, cess i, quod tu maximus arbiter meaeque vietor perpetuus legere ripae. et nunc limite me colis beato nce sordere sinis malumque late deterges sterilis soli pudorem, ne me pulvereum gravemque caeno Tyrrheni sinus obruat profundi (qualis Cinyphius tacente ripa Poenos Bagrada serpit inter agros) sed talis ferar ut nitente cursu tranquillum mare proximumque possim puro gurgite provocare Lirim .c
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(56. Diese Hände könnten auch den Athos aushöhlen und das Meer der traurig klagenden Helle mit einer nicht schwimmenden Brücke abschließen. Mit ihnen hätte der ino ische Isthmus (ein Leichtes wäre es, wenn nic ht die Götter die Durchfahrt verböten] die Meere verbunden. 61 . Die Strände und die windbewegten Wälder dröhnen, und weithin wandert das Krachen durch die dazwischen gelegenen Städte. Der traubentragende Massicus schickt dem Gaurus das gleichzeitig von hier und von dort gebrochene Echo zurück. 65 . Das stille Cumae wundert s ich über das Geräusch, ebenso der litemische Sumpf und der träge nießende Safon . Aber Volturnus, das gelbe Haupt und das feuchte Haar ganz eingewickelt in weiches Sumpfgras, hebt sein Antlitz. Folgende Worte lässt er aus der rauen Kehle sich ergießen, angelehnt an den eno nnen Bogen der Brücke Caesars: 72. »Edler BegrOnder mei ner Fel· der, der du mich, a ls ich mich in abgelegene Seitentäler ergoss und es nicht gewohnt war, in festen Ufern zu bleiben, durch die Regeln eines rechten Flussbettes festgebunden hast! 76. Jetzt ertrage ich sogar eine Brücke und werde - gangbar - betreten, der ich froher aufgewüh lt und drohend war und kaum schwankende Kiele duldete. Ich, der gewöhn lich Land wegriss und Wälder herumschle uderte - welch Schande! -, habe begonnen, ein Fluss zu sein . 81. Aber ich bin dir dankbar und die Knechtschaft ist mir viel wert, weil ich mich deiner Führung, deinem Befehl gefUgt habe, wei l man von dir lesen wird, dass du der grö ßte Gebieter und dauerhafte Bezwinger meines Ufers bist. 85. Und jetzt sorgst du fur mich durch ein Glück bringendes Flussbett. lässt nicht zu, dass ich verschmutze, und hältst weithin die schlimme Schande unfruchtbaren Bodens von mir fern, damit mich, schmutzig und schwer von Unrat, nicht die Bucht der tyrrhenischen Tiefe unter s ich be· gräbt. 90. Nicht wie der kinyphische Bagrada in schweigenden Ufern zwischen den puni· schen Äckern dahinkriecht, sondern so will ich fließen , dass ieh mit glänzendem Lauf das ruhige Meer und mit reiner Strömung den benachbarten Liris herausfo rdern kö nnte.cc)
Um die Panegyrik zu steigern, lässt der Dichter beim zweiten Mal den Flussgott Voltumus die den Herrscher preisenden Worte aussprechen. Das lag nahe, da die Via Domiliana als größtes Hinderni s eben den Fluss zu überqueren hatte. Lokale
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Di~ Pan~gyrik d~s
Statius
Gottheiten oder Helden ftir das Lob neuer Bauten, Denkmäler oder Ähnlichem einzuspannen, ist gerade bei Statius ein beliebtes Stilmittel?" Er steigert die Panegyrik, indem er sie einer Gottheit in den Mund legt. »This technique gives the poet an opportunity 10 indulge his exuberant imagination, while its clearly fi ctitious character makes the flattery less blatant than in prose eulogy(I 26. Wäh· rend das erste Herrscherlob und die Rede der Sibylle verschiedene Verdienste des Kaisers erwähnen und daher allgeme inerer Natur sind, behandelt, ja verkörpert Volturnus Domitians Autorität. Seine Domestizierung durch den Kaiser wieder· holt Voltumus gleich drei Mal (v.73-75 , 76-78 und 79f.), sie steht fllr das Schaffen von Ordnung (reet; legibus alvei, v.75) und die allgemeine Prosperität. Beschrieben ist sie »in Ausdrücken von Kampf, Sieg, Unterwerfung und Knechtschafhc 227 servitus (v.8 I), cessi (v.82), viclor (v. 84). Voltumus ist die )Knechtschaft< viel wert, denn er hat sich Domitians Autorität als dux und iubens (v.8 1f.) geftigt. 221 Die Versklavung ist nicht degradierend, sondern eine Wohltat : »The river is attracted by the magnetic force which Domitian 's numen exerts over the natural world, so that subservience to the emperor is the dominant impulse«22\1. Der Flavier erscheint als maximus arbiter und viclor perpeluus (v.83f.): Die Sieg· haftigkeit ist hier auf die Innenpolitik Ubertragen, die weiterhin den Rahmen fllr das Hauptthema, die neue Straße, abgibt. Schon zu Beginn (ab Vers 9) hatte die KriegfUhrung hinter innenpolitische n Themen zurilckstehen milssen. Bauprojekte wie Brücken (pans Caesarells, v.70) oder Straßen dokumentieren die menschliche Macht Uber die Natur. Voltumus feiert seinen Bezwinger Domitian rur dessen zivilisatorische Leistung,110 seine nunmehr geordneten und darum glUcklichen Verhältnisse (limile ... bea/o, v.85) macht Statius zum Sinnbild für die Prosperität des Imperiums insgesamt. Der Herrscher verhindere, dass der Fluss )versclunulZe<, und halte die >Schande eines unfruchtbaren Bodens( von ihm fern (v.86f.) - bei Vokabeln wie sordere, ma/um oder sterilis ließ sich für den antiken Rezipienten sicherlich auch an die moralische Verfassung der Gesellschaft den· ken, der der Kaiser diese Übel erspare. Daher Voltumus' Anrede camporum bone eonditor meorum (v.72): Früher Uberflutete der Strom die Felder, nun hai er lbegOlUlcn, Fluss zu sein< (amnis esse coepi, v.80). Der Kai ser ist der Anfang und der Urheber der Prosperität und der O rdnung des Staates, eine Eigenschaft, die ihn wiederum zum Euergeten macht und in die sakrale Sphäre hebt. 211 225 Siehe silv. 1,1 .74-83; 4,1,17-43; auch 3,4.32-45. Vgl. Darwall-Smilh 1996. 232. 226 Coleman 1988, 65; s. don rur weilere Belege. 227Cancik 1965,114. 228 ser\!itus korrespondi~rt implizil Domilians dominus et deus, SO Coleman 1988, ad loe. 229 Ebd.; vgl. Man. 4,30; 35; 74; 1,6; 14; 22. 230 Si~he Cancik 1965, 113f. und Coleman 1988, 103f. 23 1 Siehe Coleman 1988, 123 . Vg1.a. G~yssen 1996, 41 : »The abilily 10 do favors for Ihe gods and 10 make lh~m willingly accept his conlrol nOI only sIresses Ih~ superhuman status of Ihe emperor, bul also implies a measure of superiorilY over Ihe gods.«
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Die Panegyrik des Slatius
Das Thema der Voltumusrede. die geordneten und glOckJ ichen Zustände, garantiert durch die kaiserliche Autorität, stellt Statius zusätzlich durch bekannte Elemente der Panegyrik heraus. Voltumus betont, dass er dank Domitian nun nilens (v.92) und purus (v.94) fließe. Der Dichter überträgt a1so den Glanz und die Qualität der Materia1ien bei spielswei se des Domitianpalasts auf das Erscheinungsbild des Stromes. Als Idealbi ld eines Flusses bezei chnet Voltumus den itaJisehen Lin s, während er auf keinen Fall mit dem punischen Bagrada verglichen werden möchte (v.90-94). haec amnis. paritcrque se levarat ingenti plaga marmorata dorso. huius ianua prosperumque Iimcn arcus. belligeris dueis tropacis et totis Ligurum nitens metallis, quantus nubila qui eomnal imbri . illie fleelit iter eitus viator, illie Appia se dole! relinqui. tune velocior aeriorque eursus, tunc ipsos iuvat impetus iugales. eeu fessis ubi remigum laeertis, primae, carbasa venlilatis, aurae. ergo omnes, age. quae sub axe primo Romani eolilis fid em parenti s. prono limite eommeate. gentes. Eoae. eitius venile, laurus: nil obSlal cupidis. nihil moratur. qui primo Tiberim reliquit ortu primo vespere naviget Lucrinum . sed quam fine viae re<:ent is imo. qua monstrat veteres Apollo Cumas, albam erinibus infulisque eemo? visu fallimur, an sacris ab antris profe" Cha\cidicas Sibylla laurus? eedamus; ehely, iam repone cantus: vales sanetior ineipit, tacendum es!. en ct eolla rotat novisque late baeehalur spaliis viamque replel. tune sie virgi neo profatur orc : ,dieebam, veniet (manete campi atque amnis), veniet favenle eaelo qui foedum nemus et putres harenas eelsis pontibus et via levabit . en hic est deus, hune iubet beatis pro se luppitcr imperare terTis; quo non dignior has subit habenas ex quo me duce praescios Avemi Aeneas avide futura quaerens lucos ct pcnetravit et reliqu it.
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Die Panegyrik des Slatius hic paci bonus, hic timendus armis; hic si flammigeros teneret axes, Natura melior potenliorque, largis, India, nubibus maderes, undaret Libye, teperet Haemus. salve, dux ho minum et parens deorum, provisum mihi conditumque numen. nec iam putribus evoluta c harti s sallemni prece Quindecimvirorum perlustra mea dicta, sed canentem ipsam comminus, ut mereris. aud L vidi quam seriem virentis aevi pronectant tibi candidae sarores: magnus te manet o rdo saeculorum, natis longior abnepotibusque annos perpetua geres iuventa quos fe rtur placidos adisse Nesto r, quos Tithonia computat senectus el quantos ego Delium poposci. iurav it tibi iam ni valis Arctus, nunc magnos Griens dabit triumphos. ibis qua vagus Hercules ct Euhan ultra sidera flamme umquc salem ct Nili caput ct nives Atlanti s. et laud um cumulo heatus omni scandes heiliger abnucsque curms, do nec Troicus ignis et renatae Tarpeius pater into nabit aulae, haec do nec via te regente telTlls annosa magis Appia senescat .(
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(95. So sprach der Fluss. G leichzeitig haue sich ein Marmorband mit ungeheurem Rücken erhoben. Se ine Tür und G lück versprechende Schwe lle ist der Bogen, der mit den Kriegstrophäen des Fürsten geschmückt ist und von all den ligurischen Marmorsorten glänzt. 100. So groß ist er wie jener. der die Wolken bei Regenwener bekränzt. Dort biegt der Re isende rasch vom Weg ab, do rt schmerzt es die Via Appia, dass sie verlassen wird. Dann geht die Fahrt schneller und schärfer voran, dann freut die Geschwindigkeit selbst die Zugt iere, 105. als wenn ihr, erste Winde, in die Segel blast, sobald die Anne der Ruderer ennOdet sind . Wo hlan de nn, a ll ihr Völ ker, die ihr unter östl ichem Himme l dem römischen Vater die Untertane npfl icht schuldet, reist auf dieser komfortablen Straße, 110. kommt schnel ler, ihr Siegesboten a us dem Osten! N ichts hindert das Begehren, ke in Hindemis ist im Weg: Wer bei Sonnenaufgang den Tiber verlassen hat, kann am frühen Abend auf dcm Lukriner See segeln. 114. Aber wen sehe ich am äußersten Ende der neuen Straße, wo Apoll das alte Cumae anzeigt, mit weißen Haaren und weißen Binden? Trügt mich mein Auge? Oder bringt aus der heiligen Grone die S ibylle den chalkidischen Lo.beer hervor? Lass uns weichen ; Lyra, beende nun dein Lied: 120. Eine he ilige Seherin hebt zu sprechen an, wir müssen schweigen. Siehe. sie schleudert den Ha ls herum, rast weit über die neue Strecke und rullt die Breite des Weges aus. Dann lässt sie aus ihrem j ungfräulichen Mund Folgendes hören: 124. ))Ich sagte es immer wieder, er wird ko mmen, wartet, ihr Felder, war-
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Die Panegyrik des Statius te, 0 Fluss, er wird kommen, wenn der Himmel gnädig ist, er, der den Weg durch den widrigen Wald und den lockeren Sand erleichtern wird durch hohe BTÜcken und eine Straße. Siehe, er ist eine Gottheit. Jupiter hat ihn beauftragt, an seiner Statt über die glückliche Erde zu herrschen ; 130. kein Würdigerer als er hat je diese Zügel in der Hand gehabt, seit unter meiner Führung Aeneas, begierig, die Zukunft zu erfahren, den prophetischen Hain am Averner See betrat und wieder verließ. Dieser fDomitian] ist ein Freund des Friedens, in Waffen zu fUrchten; 136. wenn dieser den Flammen bringenden Sonnenwagen fllhre, 135. wäre er besser und mächtiger als die Natur. Indien, du wärest nass von üppigen Wolken, Libyen wäre überflutet, der Haemus lauwann. Sei gegrüßt, Führer der Menschen und Vater der Götter, 140. dessen göttliches Walten ich vorausgesehen und geschildert habe. Gehe nicht länger meine Worte durch, wenn sie unter den feierli chen Gebeten der FQnfzehnmänner aus den modrigen Seiten entrollt worden sind, sondern höre mich selbst in eigener Person singen, wie du es verdienst. 145. Ich habe gesehen, was fUf eine Reihe bllihender Lebensjahre dir die weißen Schwestern knüpfen : Eine lange Serie von Jahrhunderten erwartet dich, länger als deine Kinder und Enkel wirst du leben, in ewiger Jugend; 150. du wirst friedliche Jahre durchleben, wie sie Nestor erreicht haben soll, welche das tithonische Greisenalter zählt und so viele, wie ich vom Delier gefordert habe. Dir schwur schon der schneereiche Arctus [dcr Norden] Treue, nun wird dir der Osten große Triumphe verschaffen . 15 5. Du wirst bis dorthin gelangen, wo der wandernde Herkules und Euhan waren, jenseits der Sterne und der flammenden Sonne, der Quelle des Nil und des Schnees des Atlas. Glücklich über jede Steigerung deines Ruhms wirst du als KriegsfUrst Kriegswagen besteigen und Triumphwagen ablehnen, 160. solange das troische Feuer brennt und der tarpeische Vater in seinem wiedergeborenen Tempel donnert, bis diese Straße unt!::r deiner Herrschaft über die Welt älter wird als die hochbetagte Via Appia.{() Dem Aufbau der Silva 4,3 ist es geschuldet, im Folgenden auf die Beschreibung der Via Domitiana näher einzugehen, ehe das dritte Herrscherlob behandelt wird. Denn Statius >baut< die Straße buchstäblich um die Partien der Kaiserpanegyrik )herumc Da in den Versen 97-113 die ganze Straße vorgefUhrt wird,m ist hier der Zeitpunkt dafUr. Durch sie ist ein schnelleres und komfortableres Rei sen möglich (v. 103-113). Der Poet hat damit die Interessen der Untertanen im Kopf. Für sie ist der praktische Nutzen der verbesserten Fortbewegungsmöglichkeit von großer Bedeutung. Wirkungsvolle Herrschaftsdarstellung verbindet aber den Nutzwert mit einer angemessenen optischen Präsentation, die der Panegyriker nicht zu erwähnen vergisst: Statius nennt die via eine plaga marmorata (v.96),m v.a. aber räumt er dem Triumphbogen bei Sinuessa gebührenden Platz ein. Er stand am Anfang der neuen Straße, denn »it was c ustomary to erect arches at either end of an imperial progress(~~. Zusätzlich prominent wurde se in Standort durch die abzweigende Via 232 Cancik 1965, 11 2. 233 Siehe zur Diskussion, ob damit der Triumphbogen, eine Bl1lcke oder die Straße seIbsi gemeint ist: Vollmer 1898, ad loc . und Coleman 1988, ad loc., die mit der Straße wohl das Richtige trifft. 234 Coleman 1988, 128.
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Appia (v.IO If.). Erneut betont er die Materialität: Der Bogen ist aus li gurischem Marmor (v.99). Auch ist er mit Kriegstrophäen des Flaviers geschmückt (v.98).llS Neben der Materialität darf die Größe nicht fehlen : Die ü bertreibung des Panegyrikers macht ihn so groß )wie einen Regenbogen< (v. 100). Die Größe der Straße mit ihrem ungeheuren Rücken (ingenti ... dorso, v.96) erweist Statius besonders, indem er die gewaltigen Dimensionen der Bauarbeilen schildert. Der Lärm, den sie verursachen (v. I-3), die unüberschaubare Zahl von Arbeitern (q uanlae ... manus. v.49). das Dröhnen der Natur und der Umgebung als Echo auf die Bauarbeiten (v.61-66) - nur einem gon gleichen Herrscher ist es möglich, Derartiges ins Werk zu setzen. Griechische Beispiele, die mythologisch stilisiert sind,l.l6 untermalen die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Hände. Statius nennt Xerxes' Kanal durch den Berg Athos und seine schwimmende Brücke über den Hellespont (v.S6_S 8).231 Domitian sei zu noch Größerem in der Lage, denn er hätte eine feste Brücke gebaut (po nte non natanti, v.58). Seine Arbeiter, deren Leistungstahigkeit natürlich voll und ganz auf den Kaiser zurückgeht, hätten auch den Isthmus von Korinth durchstoßen, wenn das nicht gegen den Willen der Götter gewesen wäre (v.59f.).lll Mit diesen )Schulbei spielen <erreicht der Dichter eine »Transzendierung des Sachlichen durch Historie und Mythos«ll9. Wieder e inmal gi lt : Der Kaiserkult übertrifft den Mythos, bzw. hier die mythologisch stili sierte Historie. Mit dem dritten Herrscherlob endet die S ilva. Es muss fo lglich der angemessene Höhepunkt der Panegyrik sein. Entsprechend übertrifft es die vorangegangenen Partien an Länge und an Autorität der Sprecherin, denn Sibylle redet im Namen des Apoll (v. II S, 117f., 120).240 Offensichtlich ist auch der Augustusbezug: Mit Apoll wählte Statius einen augusteischen Propheten und die Rede der Sibylle imitiert die laudes Augusti im sechsten Buch der Aeneis. l41 Statius bedient sich fUr Sibylle aus dem bekannten Vorrat an panegyrischen Themen, w ie sie uns bei ihm auch anderswo begegnen. Daneben bringt er hier aber auch einige neue Elemente. Eine Hauptrolle spielt wie in allen anderen 00mitiansilven die Sakralität des Kaisers: hic es! deus (v. 128), so deutlich wird selbst der Panegyriker Statius selten. Dadurch dass er diese Worte der Apollpriesterin in den Mund legt, gewinnen sie zusätzliches Gewicht. Die Anrede dux horni23.5 Vgl.a. Suet. Dom. 13,2. 236 Cancik 1965. 109. 237 Hdt. 7,2 1: 33 . 238 Plin. nato4,10; s. dazu Vollmer 1898, ad loc.: »Nach vielen mißlungenen Versuchen, den Isthmus zu durchstechen, glaubte man ( ... ). daß das Unternehmen den Göttern verhaßt sei«. U.a. sollen Caesar. Caligula und Nero einen Kanal geplant haben; Suet. lul. 44 ,3; Cal. 21 ; Nero 19,2; 37,3 . 239 Cancik 1965. 110; >Schulbeispiele<: Frtre- lzaac 1944. Anm. 8 zu S. 144. 240 Vgl. Cancik 1965. 114; Newrnyer 1979. 107; Coleman 1988. lJO. 24 1 Verg. Aen. 6,788-805 . Vgl. Cancik 1965 . 115.
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num el parens deorum (v. 139) stellt Domitian als Bindeglied zwischen Erde und Himmel dar, zumal wenn man sich der Titulierung des Kaisers als Romani ... paremis (v. IOS) erinnert.m Der Himmel habe ihn geschickt (veniet [avente caeJo, v.125) und speziell Jupiter ihn mit der Herrschaft auf Erden pro se beauftragt (v. I 28f.). Das Stellvertretermotiv war ein Topos schon in der hellenistischen Literatur, und die domitianische Herrschaftsdarstellung hat es häufig aufgegriffen (s.o.
S . 52).w
Die gegenwärtige Ausdehnung des kaiserlichen Machtbereichs auf Erden beschreibt Statius ausfUhriich, das Hauptaugenmerk gilt aber der Zukwlft. Schon fur die Behandlung der fertigen Straße hatte er die Ausdehnung des Imperium Romanum in den Osten herangezogen, um die Vorteile der Via Domiliana zu demonstrieren: Von den östlichen Provinzen aus ist Rom nun schneller zu erreichen, wenn man mit dem Schiff in Puteoli landet und dann die neue Route entlang der KUste in die Hauptstadt nimmt (v.l07-109). Sibylle nimmt sich des Nordens an und erinnert an Domitians FeldzUge gegen die Chanen, Daker und Sarmaten, die - besiegt - dem Princeps Treue schwören (v.153). Nun seien der Osten und der Süden an der Reihe (v. 154_157).2oU Die prophezeiten Kriegszüge gehen einher mit vorhergesagten weiteren Triumphzügen (v. I 58f.). Die Verheißung künftiger Siege soU Domitians Sieghaftigkeit beweisen, zugleich scheint sie göttliche Aufforderung zu sein, sich der anvertrauten Macht würdig zu zeigen. Sibylle prophezeit dem Flavier diese Erfolge, weil er limendus armis ist, gleichzeitig paci bonus (v. 134): Durch seine militärische Stärke wird er zum Friedensgarant für die Bewohner des Imperium Romanum.m Die prognostizierten künftigen Siege folgen auf das Versprechen Sibylles, Domitian werde ein langes, ja ewiges Leben haben (v.145-152), und werden ihrerseits gefolgt von der verheißenen ewigen Herrschaft. Schon F. Sauter hane diesen Zusammenhang erkannt: »)Der Kaiser wird ewig siegen.«246 Das vorhergesagte ewige Leben behandelt Statius hier sehr ausft.1hrlich : Er vergleicht den Herrscher mit drei mythischen Figuren (Nestor, Tithonus und Sibylle) und bedient sich eines Vergilzitats (v.147), um Domitians Lebenszeit in die Dimensionen von saecuJa zu
242 Coleman 1988, ad loe. weist zurecht darauf hin, dass porem deorum außerdem auf die Deifizierungen der kaiserlichen Verwandten anspielt. Vgl.a. Enn. ann. 203 SkulSCh: divom pater atque hominum rex. Zu parem s. S. 161 . 243 Siehe die hervorragende Zusammenstellung bei NisbetlHubbard 1970 zu Hor. carm. 1. 12,50. Vgl. Fears 1981 . 19r. 244 Herkules und Bacchus sind sprichwörtlich zur Bezeichnung weitestgehender Expeditionen (Vollmer 1898, ad loe.). Atlas und Nil verortete man sOdlich des Tierkreises, sie stehen hier also flIrden SDden (Coleman 1988, ad loe.). 245 Die Verbindung der Attribute ISieghaftigkeit( und lFriedensbringeH begegnet mehrfach in de n Silven: s.o. S. 150. Siehe auch oben Anm. 205. 246 1934, 154.
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Panegyrik des Statius
heben. w Da der Kaiser ewig lebt und ewig siegt, wird er auch ewig herrschen. Mit der Ewigkeit der Herrschaft Domitians enden die Sibyllerede und das ganze Gedicht (v.I60·163), wie schon die Silva 1,6. Drei Ewigkeitssymbole zählt der Dichter auf: Das troi sche Feuer im Vestatempei stand allgemein fUr Ewigkeit, während der Jupitertempel auf dem Kapitol l . ' die Unendl ichkeit speziell der da· mitianischen Herrschaft ausdrückte. Statius neMt ihn in dieser Silva gleich zwei Mal (v. 16f. und 160f.). Das drine Symbol haben der Gepriesene und der Preisende nun neu dazuge· wonnen: die Via Domiriana. Auch sie weist auf die Machtdauer Domitians. Da sie länger Bestand haben soll als die altehrwürdige (annosa , v. 163) Via Appia, über· trifft der Flavier mit ihr seine Vorgänger. Damit sind wir bei den von Statius bis· her nicht verwandten Inhalten der Ostentation. Die neu gebaute Straße bestätigt noch einmal, was Sibylles allgemeine Betrachtung der Leistungen und Eigen· schaften des Kaisers >ergeben< hat: Domitian ist der würdigste Herrscher seit Ae· neas (v.130-133). Hier fmden wir das Herrscherlob extrem gesteigert, denn bis dahin hane Statius den historischen Bogen höchstens bis Augustus gespannt und Domitian den Begründer des Principats übertreffen lassen. Zu dem hi storischen Vergleich mit den Vorgängern gesellt der Dichter die Darstellung des Kaisers als Kosmokrator: Domitian übertrifft die Natur, indem er besser fUr den Nutzen der Menschen sorgt;2(9 natOrliche Missstände wie Trockenheit oder Dürre gäbe es nicht, wenn er fLir das Klima verantwortlich wäre (v.135138). An anderer Stelle äußert Statius die These, dass den Menschen ein längeres Leben beschieden wäre, wenn der Kaiser die Weltherrschaft iMehätte. 250 Der Princeps hat also die denkbar besten Fähigkeiten; er steht der Natur und der Götterwelt voran. Nicht alles aber steht in seiner Macht. Seine Zuständigkeit ist nicht grenzenlos. Statius' >Via Domitiana< hat ein Element der domitianischen Herrschaftsciarstellung zum Gegenstand, das nicht in genügendem Maße für sich spricht. Die kaiserliche Expression musste ein Interesse daran haben, die Straße, die als Nutzbau keine so spektakuläre Erscheinung wie der Palast oder das Amphitheater sein konnte. in ein günstiges Licht zu rücken. Daher ist eine neu gebaute Verkehrsverbindung fUr panegyri sche Dichtung ein dankbares Betätigungsfeld. Als Adressaten eines solchen Gedichts kommen diejenigen. denen die Via Domi/iana unbe· 247 Verg. ecl. 4,5: magnu.s ab integro .soec/orum no.scirur ordo; s. Sauter 1934, 121 und Newmyer 1979, 108. 248 aula als Bezeichnung fllr ~inen Tempel findet sich nur bei Martial und Statius (Coleman 1988, 134). Vielleicht ist das eine weitere Form der Gleichsetzung Domitians mit Jupiler: Da aula sich als Begriff fUr die Behausung des irdischen Herrschers im Lauf des l.Jahrhunderts etablien hatte, gingen nun die domitianischen Dichter damn, aula auch fUr das Haus des himmlisch~n Herrschers zu verwend~n . - Zum Tempel d~s luppirer Capilolinus s.o. S. 197. 249 Cancik 1965, 114; Vol1m~r 1898, ad loc. 250 Silv. 5,1 , 165· 169. S ieh~ Sauter 1934, 24.
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Dit Pantgyrik dts Stati us
kannt war, genauso in Frage wie ihre Benutzer, die direkt von der Euergesie profitierten. Dennoch erhalten wir daraus keinen Aufschluss darüber, ob sil v. 4,3 ein Auftragswerk gewesen ist. Wir wissen nicht, auf welchem Wege der Dichter dem Kaiser das Gedicht präsentiert hat, mündlich bei einer Einweihungszeremonie oder schriftlich. Da hilft auch die Beobachtung nicht weiter, dass Statius offensichtlich Themen der offi ziellen Expression aufgriff und in dem Werk wiedergab (s.o. S. 206). Anders als etwa in der Si lva 1,6 konnte er die kaiserliche Ostentation der neuen Straße originalgetreu spiegeln, da er keinen zeitlichen Schwierigkeiten unterlag: Er musste nicht im Vorhinein dichten und gewisse Programmpunkte eines Fests lauf Verdacht< in seine Schilderung aufnehmen. Im Gegenteil: Die penible Abbildung der domitianischen Imago war in diesem Fall zweckmäßig und vom kaiserlichen Hof sicherlich nicht unerwünscht. Für die Beschreibung der Via Domitiana greift. Statius uns bekannte Attribute wie Materialität oder Größe auf. Zusätzlich preist er die Bauarbeiten und den Triumphbogen. Die direkt auf die Person des Kaisers bezogene Panegyrik ist hier besonders aufwändig gestaltet: Nur hier baut Statius gleich zwei Reden göttlicher oder heiliger, im Namen der Götter sprechender, Personen ein. Das dreigeteilte Herrscherlob bildet eine KJimax. Ähnl ich wie im )Euchari sticon<schneidet Statius alle wichtigen Themen der Herrschaftsdarstellung an : die Sakral ität des Kaisers, die Deifizierung der Famil ienmitglieder, die kaiserliche Bautätigkeit, seine Sieghaftigkeit, die Ausdehnung des Machtbereichs und die Ewigkeit seiner Herrschaft. Der Umfang des Gedichts lässt aber noch Raum, darüber hinaus spezifisch auf die behandelte Euergesie abgestimmte Akzente zu setzen. Die Voltumusrede ist der Autorität des Princeps und der Prosperität des Imperium Romanum gewidmet. Die geordneten und glücklichen Verhältnisse im Innem, rur die der gezähmte Flussgott steht, werden auf die Gesetzgebung Domitians zurllckgefLihrt.
5.5 Der Erwerb von Status durch den Kaiser Silv. 4, I: SEPTIM VS DECIMVS CONSVLATVS IMP. AVG. GERMANICI Die Silva 4,1 ist rur uns präzise datierbar, denn sie feiert das 17. Konsulat Domitians, das er am 1. Januar 95 antrat und - wie viele frühere - an den Iden des Januar bereits wieder abJegte. u1 Nur wenn sie direkt zu diesem Darum präsentiert wurde, erfUllte sie aJ s Eloge auf die Konsul-Inauguration ihren Sinn. Mit der abermaligen Übernahme des Konsulats themati sierte sie das kaiserliche Bemühen, sieb Status zu verschaffen. Neben der Titulatur wurden dafür v.a. die nach dem 25 1 S.o. S. 69; vgl. Colcman 1988,62.
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Kaiser umbenannten Monatsnamen eingesetzt. die Statius hier ebenfalls erwähnt (v.42f.). Dass der Princeps Konsul geworden war, erfuhr in der Hauptstadt jeder im Zuge des Janus-Fest zu Beginn des neuen Jahres. Im Reich wurde es durch die MUnzen und offizielle Urkunden bekannt gemacht. Die Funktion, den Untertanen von einem Element der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung zu berichten oder es in Erinnerung zu rufen. wie das bei den Euergesien der Fall war, kommt also rur silv. 4, 1 nicht in Frage. Allerdings handelte es sich bei der Übernahme des Konsulats um einen abstrakten Vorgang. der als solcher, v.a. wenn der Kaiser nur zwei Wochen im Amt blieb, flir den Alltag der Untertanen keinerlei Konsequenzen hatte. Daher bedurfte er der Ausschmückung durch lnauguralfeierlichkeiten m oder der poetischen Überhöhung. Da man den Konsulatsantrin anders als kaiserliche Feste oder Bauten nicht anschaulich beschreiben konnte, behalf sich der Dichter, indem er mit dem Auftritt des Janus ein dramatisches Moment einflihrte und den abstrakten Vorgang durch Personifizierungen und den Mythos verbildlichte. Darin ähnelt das Gedicht der Silva 4,3, die den per se etwas >prosaischen< Straßenbau veranschaulichte. Die Funktion, die dem Dichter im Rahmen der kaiserlichen Ex pression zukommen konnte. bestand also in der dichterischen Ausschmückung eines an sich nüchternen und nicht öffentlichkeitswirksamen Instruments vor einem begrenzten Publikum. Mit dem Janusauftritt lokalisiert Statius die Handlung des Gedichts am JanusTempel (oder den zwei Janusheiligtümem)2sl: Nach seiner Rede zieht sich der Gott des Anfangs in sein >Haus< zurück und schließt die Pforte (v.44). In den Silven 1, 1 und 4,3 lokalisieren die regionalen Gottheiten Curtius und Volturnus sowie die Sibylle von Cumae die Handlung qua Person. Hier ist Janus die rur das Gedichtthema nahe liegende mythische Gestalt. 2" Dennoch hatte Statius weitere Gründe. Janus zu der zentralen Figur der Silva zu machen (die EintUhrung des Gottes in das Gedicht und seine Rede umfassen fast drei Viertel der Verse). Denn Domitian hatte den Tempel flir den lanus Quadrifrons an prominenter Stelle auf seinem neuen Forum errichtet. Folglich spielte der Januskult, der tUr Anfang allgemein und für die Garantie der Kontinuität der Zeit 2H stand, mit dem sich aber auch die Kriegs- und Friedensthematik verband, in der Ostentation des Flaviers keine geringe Rolle. Der Dichter offenbart uns dahe r wiederum sein Bemühen. die kaiserliche Expression möglichst perfekt abzubilden. Wie viel zwangsläufiger musste diese Assoziation fUr seine zeitgenössischen Rezipienten. den Kaiser 252 Vgl. Ov. Pont. 4,4 .27-42. 253 S.u. S. 221 m. Anm. 267. 254 Vgl. Ov. fas!. 1,63-288, bes. 79-88 u. 101-144. 255 Vgl. v. ll : immellSi reparotor maximus oevi, »implying here thai wilhout Janus 10 pres ide o ver each successive year the mac hinery of time would wear out" (Coleman 1988, 69).
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eingeschlossen, sein! Von einer allgemeineren Warte aus betrachtet fällt auf, dass Statius einmal mehr den Schwerpunkt auf die Sakralität des Herrschers setzt. Nach dem Euergetismus und der Sieghaftigkeit schließt er auch den irdischstaatlichen Status an die sakrale lmago Domitians an. Entsprechend dem Gedichtthema spielt in silv. 4,1 der römische Senat eine größere Rolle al s in den anderen Silven. Das Konsulat war das wichtigste Amt der alten res publica gewesen, daher hatte dessen Übernahme durch den Princeps filr die Senatoren traditionell größere Bedeutung als fl.lr das Heer oder die plebs urbana. Wenn der Konsul auch den Großteil seiner ehemaligen Machtbefugnisse eingebüßt hatte, so oblag ihm doch immer noch die Einberufung und LeitWlg des Senats, und vor allem erhielt er einen letzten Rest an republikanischem Schein aufrecht. Die Maßnahme, das Konsulat zu ergreifen, zielte also in erster Linie auf den Senat. Der Panegyriker trägt dem Rechnung: Gleich zweimal erwähnt er die Bitten des Senats an den Kaiser, das angetragene Amt nicht abzulehnen : In den Versen 9/ 10 hebt er die Freude der curia über das 17. Konsulat Domitians hervor. Die Janusrede spricht erneut von den precibus ... senatus und sagt dem Princeps voraus, er werde diesen in der Zukunft noch oft nachkommen (v.34f.). Dadurch, dass Statius dem Gott die Prophezeiung in den Mund legt, verleiht er der Aussage gesteigertes Gewicht. Mit den senatorischen Bitten dokumentiert er, dass die kaiserliche Expression bei den Zielgruppen, hier speziell beim Senat, im doppelten Sinne >ankommt<: Der Senat will den Kaiser als Konsul. Die Senatoren finden als purpurei ... patres gemeinsam mit den Rittern und dem Volk noch ein drittes Mal Erwähnung (v.25 f.) . Alle Untertanengruppen freuen sich über die mores des Princeps, so Statius. Hier geht es um ein all gemeineres Thema, das alle Römer gleichermaßen anging. Genauso hatte der Dichter diese drei Gruppen al s Nutznießer des kaiserlichen Euergetismus (silv. 1,6,3 5-3 7) und als Stifter der Reiterstatue ( 1, I,99f.) genannt. Das Genre des panegyrischen Gedichts zu bestimmten politischen Anlässen wie AmtseinfUhrungen oder jährlichen Ritualen lässt sich für die griechischrömi sche Antike durchaus bestimmen . Der Dichter stellte sich mit der Wahl dieses Genres in eine Tradition, so dass daraus eine eindeutige Aussage fi1r seine Rezipienten erwuchs. Indes, in welche Tradition? Und wer waren die Rezipienten von silv. 4,1? Die von den Ko mmentatoren als Vorbilder bzw. Parallelen angegebene Auswahl variiert nämlich ganz erheblich.2~ Es taugen v.a. Horaz' carmen saeculare (auf Augustus' Säkularfeier) und Ovids epistulae ex Ponto 4,4 und 4,9, die Sextus Pompeius und Pomponius Graecinus zum Konsulatsantrilt gratulierten, als Vergleich. Horaz dichtete in Augustus' Auftrag;2n das carmen 256 Siehe Vo lJmer 1898. 442; Fr~re- lzaac 1944, Anm. 2 zu S. 136; Coleman 1988, 63 f.; Fantham 1998, 169. 257 Siehe Hans Peter S)1ldikus. Horaz, in: O. Schmze ( Hrsg. ), Metzler-Lexikon antiker Autoren, Stungart I Weimar 1997. 346.
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saeculare, verfasst fUr den Vortrag von je 27 Mädchen und Jungen, war fest eingebunden in die vorab exakt geplante Zeremonie der augusteischen Säkularfeier. Sogar das »amtliche Originalpro tokoll« erwähnt den Dichter?" Aber auch aus dem Gedicht heraus wird deutlich, dass es sich um ein Auftragswerk des poela laurealus handelt. Diese Charakteristika setzen das carmen saeculare zu eindeutig von si Iv. 4, 1 ab. Deren Rezipienten haben sich beim Lesen oder Hören vennutJich nicht in erster Linie an Horaz' Lied erinnert gefilhlt. Daher gewinnen wir aus dem Auftragsgedicht carmen saeculare keine Aufschlüsse über die Auftragssituation des statianischen Konsulatsgedichts. Horaz zeigt lediglich auf, wie etwaige werkimmanente Hinweise aussehen könnten (z.B. durch den )Vorgesang< zum carmen saeculare, die Ode 4,6). Ovids Briefe verbinden die Gratulation zum Amtsantritt mit Bitten um Fürsprache fUr den Exi lierten. Er dichtete, da er ja mit seinen poetischen Briefen fü r sich persönlich etwas bezweckte, aus eigenem Antrieb. A ls Konsulatsgedicht wei st Pont. 4,4 (mit Abstrichen auch Pont. 4,9) deutliche Parallelen zu silv. 4, 1 auf. Der Dichter äußert Freude über die Wahl des neuen Konsuls/ 59 und die Handlung ist dramatisch ausgestaltet durch den Auftritt einer Gottheit bzw. der personifizierten Fama. Außerdem begegnet hier wie da eine konventionelle Reihe von Konsulatsgedichts-Topoi : Janus tritt auf, der Anbruch des neuen Jahres wird betont, dieses werde besonders glücklich sein, der Konsulatsantritt sei ein Anlass zu nationaler Freude, und auf die Inaugurationsfeierlichkeiten, bei Ovid ausführlich beschrieben, spielt Statius zumindest an (v .5_ IO).260 Ovid adressiert an die neu gewählten Konsuln sowie dahinter unausgesprochen (4,4) oder ausgesprochen (4,9) an AugustuS. 161 Statius zielt ebenfalls auf den neuen Konsul, den Kaiser selbst. In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich Ovid und Statius: Der Exilierte nutzt die poetischen Briefe Ga schreibt sie eigentlich ausschließl ich), um den Adressaten ein Plädoyer in eigener Sache zu präsentieren, das in Pont. 4,9 das halbe Gedicht umfasst. Dagegen unterlässt es Statius, irgendwelche Bitten im eigenen Interesse auszusprechen. Anders als bei Ovid ist der Stellenwert der Person des Poeten in silv. 4, 1 auf null reduziert. Lassen sich daraus SchlUsse für die Auftragssituation des statianischen Konsulatsgedichts ziehen? Der Neapolitaner knüpft ansonsten explizit an Ovids Ko nsulatsgedichte Pont. 4,4 und 4,9 an. Wenn er allein die eigene Person im Hintergrund hält und das Bitten in 258 Eduard Stemplinger, Qu. Horatius Flaccus, RE 8,2 ( 1913) 2336-2399, hier Sp. 2373. 259 Der Unterschied im Zeitpunkt, auf den die Gedic hle rekurrieren - Ovid gibl vor, direkt, nachdem die Fama von der Wahl zu ihm an den Pontus gedrungen ist, gedichtet zu haben, während Sllllius s ich auf den Tennin des AmlSantritts bezieht - , ist ftlr unsere Zwecke zu vemachHlssigen bzw. Ovids Exils ituation geschuldet. 260 Siehe Martin Helzle, Publii Ovidii Nasonis Epistularurn ex Ponto liber IV. A Commentary on Poems Ito 7 and 16, Hildesheim U. 8. 1989 (Spudasmata 43), 105. S.a. Coleman 1988, 64. 261 Siehe Helzle 1989, 107.
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eigener Sache fast schon demonstrativ unterlässt, handelt es sich da nicht möglicherweise um ein beredtes Schweigen? Natürlich ist die persönliche Situation der heiden Dichter nicht vergleichbar; dennoch liegt es nahe zu vennuten, auch Statius habe bei der Abfassung seines Konsulatsgedichts die eigenen materiellen Interessen im Sinn gehabt und sich von sich aus zur Komposition entschlossen.261 Zusätzlich soll untersucht werden, ob aus dem Gedicht selbst weitere Hinweise auf eine Kommunikation zwischen Herrscher und Dichter zu gewinnen sind. Die Antwort ist negativ: Der Neapolitaner selbst tritt in dem Gedicht nicht auf. Er spielt in den kurzen Passagen vor und nach der Janusrede auch keine Rolle al s Untertan, auf den dieses Minel der Herrschaftsdarstellung in der einen oder anderen Weise wirkt. Eine Relation Domitian - Statius ist hier nicht existent. Daher wissen wir ebenso wenig darüber, wie das Werk dem Kaiser präsentiert wurde, schriftlich oder milndlich. Laeta bis octonis accedit purpura fastis Caesaris insignemque aperit Gennanicus annum atque oritur cum sole novo, eum grandibus astri s, clarius ipse nilens el primo maio r Eoo. exsultent leges Latiae, gaudete, curules, et seplemgemino iactantior selhera pulset Roma iugo, plusque ante alias Evandrius arces eollis ovet; subiere novi Palatia fasces et rediens bis tsextust honos, precibusque receptis c uria Caesareum gaudet vicisse pudorem . ipse etiam immensi reparato r maximus aevi auollit vultus et utroque a limine grates lanus agit, quem tu vieina Pace ligatum omnia iussisti componere bella novique in leges iurare fori. levat ecce supinas hinc atque inde manus geminaque haec voce profatur: ( ... )
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(Froh kommt der Purpur zu Caesars 16 Konsulaten hinzu und Gennanicus eröffnet ein (durch ihn} ausgezeichnetes Jahr. Er geht auf mit der neuen Sonne, mit den smBen Sternen; er selbst glänzt heller und ist größer al s der erste [der Sterne), der Morgenstern.
262 Auf weitere potenzielle Vorbilder soll hier nicht naher eingegangen werden. Zur Abfassungszeit des Panegyricus Messallae, dessen Verse 118-1 34 aber Messallas Konsu1atsantrin deutliche Parallelen zu unserem Gedicht aufweisen, s. Hermann TrAnkle, Appendix Tibulliana. Berlin I New York 1990 (Texte und Kommentare 16), 176-183, der ftIr eine Datierung »nicht vor der Mine des Uahrhunderts n.Chu plAdien und dartlber hinaus »Indizien, die eine Entstehung erst im 2Jahrhunden n.Chr. nahelegeOl<, sieht. - Die Laus Pisonis ist wohl kein klassisches Konsulatsgedicht, fehlen doch in ihm die oben genannten Topoi. Die Binen in eigener Sache - der Autor mOchte ftIr sein poetisches Schaffen unter die Finiche des Parrons Piso gelangen - Ahndn den ovidianischen. Insofern liefen uns die Laus Pisonis keine weiteren Erkenntnissc.
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Die Panegyrik des Statius 5. Die Gesetze Latiums sollen jubeln, freut euch, ihr kurulischen Sessel, und sto lzer soll Rom mit seinen sieben Hügeln an den Himmel stoßen. Mehr noch und vor den anderen Gipfeln soll der euandrische Hügel frohlocken; neue fasces haben den Palast betreten und die Ehre der zwölf Liktoren ist zurückgeke hrt. Die Kurie freut sich, dass ihre Biuen angekommen sind und sie Caesars scheue Besche idenhe it überwunden hat . 11. Sogar Janus selbst, der grö ßte Erneuerer der unermesslic hen Zeit, hebt sei ne Antlitze und sagt dir von beiden Schwellen Dank . Denn ihn hast du an die benachbarte Pax fest angebunden und ihm befohlen, alle Kriege zu beenden sowie auf die Gesetze des neuen Forums zu schwören. 15. Siehe, er hebt von hier und von dort die Hände, Handflächen nach oben, und spricht mit doppelter Stimme folgende Worte : [ .. . ].)
Statius beginnt das Gedicht mit der Angabe des Themas: Zu den bisher 16 Konsulaten Domitians kommt nun ein weiteres hinzu . »Gennanicus(( eröffne ein neues Jahr, das durch ihn insignis werde (v.2). Mit der Übernahme des Konsulats verknüpft der Dichter die Darstellung des Kaisers als Stern: Er gehe zusammen mit der >neuen Sonne< , d.h. der Sonne des neuen Jahres, und den Sternen am Finnament auf, er übertreffe die Sterne an G lanz und den Morgenstern an Größe (v.3f.). Domitians Amtsantritt wird mit dem Licht des anbrechenden Tages verglichen.26l Als eponymer Konsul begleitet er das ganze Jahr mit seinem Namen wie ein Gestirn. Das ist die besondere Bedeutung der mit dem Konsulat verknüpften Gestimsgleichsetzung. Sowohl die kai serliche Herrschaftsdarstellung als auch die Dichter bedienten sich mehrfach der Gestirnvergleiche, die zu einem festen Bestandteil der Herrscher·lmago geworden waren: »Die Sterne waren der Wohnsitz der Staatsgötter.«2M Die mit der Konsulatsübernahme verbundene Sakralität des Herrschers wird in einem weiteren Bild variiert : Unter ihm als Konsul solle Rom mit seinen sieben Hügeln >stolzer< (iaclanlior, v.6) an den Himme l stoßen. Der Kaiser garantiert die Verbindung von Himmel und Erde. Wenn ein gestirngleicher Kaiser das Konsulat antritt, dann begibt nicht etwa er sich zum Kapitol (wo zu Republ ikzeiten der neue Konsul das erste Mal auf der sella curuJis Platz genommen hatte), sondern die >neuen Faszes betreten den Palast< (subiere novi Palaliafasces, v.8). Auch wenn Statius im fllr unsere Ohren übertrieben klingenden Duktus des Panegyrikers schreibt, rur den aus der Gestirngleichsetzung des Kai sers selbstverständlich folgt, dass das Konsulat )zum Kaiser kommt< und nicht umgekehrt, so triffi der Vers dennoch die realen Machtverhältnisse im Principat des späten I . Jahrhunderts. Auf senatori sche Befindlichkeiten kann der Poet selbst keine Rücksicht nehmen. Der Kaiser gibt sich, von allen gedrängt, die Ehre, das Konsulat anzunehmen (v.9(): Das ist der Tenor der gesamten Silva. Das Nachgeben falle dem Pri nceps aufgrund seines pudor (v. lO) wnso schwerer. Die auf pudor oder modeslia zurückgeführte 263 Coleman 1988, ad loe. 264 Clauss 1999, 266; es sei nur an die Strahlenkronedarstellungen erinnert (s.o. S. .59). Vgl. Mart. 4,3; 8,21 ; StaL silv. 1,1,5.5.
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Di~ Pan~gyrik d~s
Sialius
Amtsablehnung, v.33[ noch einmal wiederholt, war ein Topos in der Expression aller römischen Kaiser seit Augustus, ei ne der klassischen Kommunikationsfor· men zwischen dem Kaiser und dem Senat, die dem Herkommen des Principats aus der res publica Rechnung trug.2tI, Indem Statius zweimal den pudor· / modeslia·Topos anfUhrt, zeigt er den Flavier aufs Neue auf die Interessen des Senats bedacht.!66 Neben dem Konsulatsantritt des sakralen Herrschers streut Statius in die Anfangsverse wie gewohnt weitere Themen ein. Die häufig anzutreffende Anspielung auf den Palast Domitians fehlt auch hier nicht (v.7[); seine Umschreibung mit Evandrius ... collis weist auf die Anflinge Roms zurück. Das ist sicherlich zusammen mit dem Bild Domitians als Erneuerer und Garant von Jahrhunderten, das die Janusrede dominiert (v.17[ und 37; s.u.), zu verstehen. Auch die Gesetzgebung findet wieder Beachtung: Die römischen Gesetze sollten sich über den neuen Konsul freuen (v.5), denn von diesem si nd weitere gute Gesetze zu erwarten. Der Dichter belässt es hier (ebenso in v.14f.) bei dem allgemeinen Lob der domitianischen Gesetzgebung, Einzelheiten werden ausgespart . Das Ende des ersten Teils (v. II·16) fllhrt Janus in die Handlung ein und bereitet seine Rede vor. Sein wichtigstes Attribut. der Gott des Anfangs zu sein, machte seinen Auftritt in Statius' Konsulatsgedicht mehr als nahe liegend. In der Folgezeit wurde er topisch. Für Statius' Absichten, die Imago Domitians zu fonnen, hatte er aber noch weitere Funktionen: Die Bautätigkeit in Gestalt des [anus Qlladrifrons wurde schon genannt (v.13; s.o. S. 216f.);267 mit dem neuen JanuswTempel verknüpft der Dichter durch die räum liche Nachbarschaft das TempJum Pacis (v. 13) und das Forum Transiforium (v. 14f.).26I Er nutzt außerdem das KriegwFriedenwAttribut des Gottes dazu, den Herrscher als Friedensbringer darzustellen : Domitian habe dem Gott aufgetragen, alle Kriege zu beenden 265 Vgl. Mause 1994.2 1 I und Col~man 1988, 68. 266 Vgl.a. V~S5Cys Deutung dieser bciden SI~ I1~n . v.9f. und 34f.: »The Senal~'5 persuasion of a re luclam Domilian tO assum~ Ihe consulship again is, Ihrough the use of amalol)' vocabulary, lik~ned 10 th~ success ofan (~I~giac) lov~r, wl"lo rejoic~s wh~n his mistress surrenders her chast ity in response' 10 his pleading.« ( 1986. 2799.) D~r Dreh- und Angelpunkt d~~ GedichlS sei amor. Der H ~rrsche r solle 5Cin~ Um~rtan~n li~ben urw:l 5Cin~rseilS von ihnen g~liebt werden. Daher sei d~r Senat »in lov~ wilh« Domitian (~bd . 2800). AI1~rdings fall~n di~ V~rse 34f. durch Courtn~ys Vari· ante perm/lies stan promiltes als Vesscys zw~il~r Bel~g w~g. 267 Es ist woh l inzwischen com"'lInu opinio. dass sich in v. 12 (Iltroqu~ 0 /imine) urw:l v. 15f. (lrine atqu~ incle ... g~",ina ... voce) Anspielungen auf den lamlS GeminlLf. d~n zw~igesichlig~n Janus. urw:l mithin auf das H ~iligtum an der Nordseil~ des Forum Ro",anum. am Durchgang zum Argifetllm, find~n. wthrcrw:l v. 13 ~illdeutig auf Domilians n~u g~baul~n vi~nong~n T~mpel mit der danJg~hOrigen viergesichtig~n SIaIU~ Be7.lJg nimm!. Zu d~t Frag~. ob d~r fanus G~minlLf durch Domilians N~ubau d~r Kurie v~rschwand und durch d~n lama Quadrifrons ~rsctzt wurde (so Coleman 1988, 69-71) od~r ob d~r Quadri/rons den Geminus ~rgAnll~ : s. Darwall·Smith 1996, 121-124 . Vgl. Man. 10.28,3-7. 268 Statius ~rw!hnt das Ttmplum Pads auch in s ilv. 4.3, 17.
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Sialius
(v.13f.).269 Folgerichtig zieht sich Janus nach beendeter Rede clauso ... poste ('1.44) zurück. Die geschlossene Pforte seines Tempels symboli siert den durch Domitian WirkJichkeit gewordenen Frieden. V.a. aber dient die Janusrede wie alle Gönerauftrine in den Silven dazu, die Göttlichkeit des Kaisers unter Beweis zu stellen und den Aussagen des Dichters durch das göttliche Sprachrohr eine größere Gewissheit zu verleihen. Der Flussgott Voltumus sagt in silv. 4,3 selbst von sich, er sei von Domitian in geordnete Bahnen verwiesen worden, Janus wird von Statius vorgestellt als durch den benachbarten Paxtempel bgatum, eingebunden und zwn Frieden gebracht (v.l3 ; ligare sagt Voltumus wortwörtlich von sich, 4,3,75).170 Wie Vohumus ist auch Janus dem Kaiser dankbar dafür (v. 12f.). Der Kaiser ist derjenige, der dem Gott die Weisungen erteilt (iussisti, v.14). Er abertrifft eine Gottheit an Autorität. lll Und schließlich spricht Janus seine Rede mil ausgestrecklen Armen, einer Gebetsgeste (Ieva, ... supinas ... manus, v.15f.).272 Janus betet also zu Domitian! )salve, magne parens mundi. qui saecula mecum instaurare paras; talern te cemere semper mense meo tus Roma cupit; s ie tempora nasci, sie annos intrare decet. da gaudia fastis eontinua; hos umeros mullo s inus ambiat ostro el properata tuae manibus praetcxta Minervae. aspieis ut templis slius nitor, allior aris ignis el ipsa meae tepeant tibi sidera brumae? moribus, alme, tuis gaudenllurmaeque Iribusque purpureique patres, lueemque a consule ducit omnis honos. quid tale, precor, prior annus habebai? die age, Roma potens, el mecum, longa Vetustas, dinumera fastos nec parva exempla reeense, sed quae sola meus dignetur vineere Caesar. ter Latio deciesque tulit labentibus annis Augustus fasces, sed coepit sero mereri: tu iuvenis praegressus IIVOS . ct quanta recusas, quanta vetas! fleetere tarnen preeibusque senatus pennines hune saepe diem . manet insuper ordo longior, et totidem felix ti bi Roma curules terque quaterque dabit . meeum altera saecula eondes et tibi longaevi renovabitur ara Tarenti.
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269 Vgl. die Verse 13·15 mit si lv. 4,3,9f., wo die gerechten Gesetze und das neue Forum in ei· nem Atemzug mit den /imina bellicosa des Janus genannt werden. 270 Vgl. Vollmer 1898, ad loe. : ))Durch die Nahe der Pax werden dem lanus alle KriegsgelOste unterbunden (. .. ).1< 271 Vgl.a. Coleman 1988, ad v. 14f.: novique l/ in leges iUTorejori erinnen in der Diktion an den Eid, den die Konsuln bei Amtsantrin schwuren; hier erlegt der Kaiser als neuer Konsul dem Gon den Eid auf. Das soll Domilian als Obennenschlich prIsentieren. Der Kaiser als der höhere Gon, der dem Janus befiehlt. Ihnlich auch schon bei Ovid: fast. 1,281 f. 272 Vollmer 1898, ad loe. und Coleman 1988. ad loe.
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mille lropaea feres ; tantum pennitte triumphos. restat Baclra novis, restat Babylona tributis frenari; nondum gremio lovis Indica laurus, nondum Arabes Seresque rogant, nondum o mnis honorem annus habel, c upiuntque decem tua no mina menses.( sic lanus, clausoque libens se poste recepit. runc omnes patuere dei laetoque dederunt signa polo, longamque tibi, rex magne, iuventam annuit atque suos promisit luppiter annos.
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(»Sei gegrllßI, großer Vater der Welt, der du dich bereitest, mit mir neue ZeitlAufte einzuleiten. So wünscht dich dein Rom in meinem Monat immer zu sehen; so sollen neue Zeiten entstehen, so die Jahre beginnen. 20. Mach' den Fasten immer die Freude! Möge diese Schultern der Schwung des Purpurgewandes vie ler Jahre umgeben und die Toga des Magistraten, von den Händen deiner Minerva eilig gewebt. Siehst du, wie die Tempel anders glänzen. die Altarfeuer höher lodern und sel bst die Sterne meines Winters sich fUr dich erwännen? 25. Ober deine Sinen, Giltiger [HelT], freuen sieh die Ritter, das gemeine Volk und d ie VAter in Purpur, und jeder Beamte erhält vom Konsul seinen G lanz. Was an Deranigem, ich bitte dich, hatte ein frOheres Jahr aufzuweisen? Wohlan, sage mir, mächtige Roma. und du, altehrwtlrdige Vetustas. gehe mit mir die Fasten durch und zähle keine kleinen Exempel auf, JO. sondern allein die, die mein Caesar zu Ilbertreffen rur würdig hllt. IJ-mal fUhrte Augustus im Verlauf der Jahre in Latium die fasces , aber er begann erst spät, sie sich zu verdienen : Du hast schon als junger Mann die Ahnen Uberflügelt. Und wie viele Ehren lehnst du ab, wie viele verbietest du! Dennoch wirst du erweicht werden und auf die Binen des Senats hin noch oft diesen Tag gestauen. JS. Eine noch längere Reihe [von Konsulaten] erwartet dich. und das glllckliche Rom wird dir den kurulischen Sessel drei- und viennal öfter geben . Du wirst mit mir e in weiteres Jahrhundert begrOnden, und man wird dir den Ahar des altehrwürdigen Tarentum wieder elTichten. Tausend Trophäen wirst du davontragen; erlaube nur auch die TriumphzUge! 40. Es bleibt noch Bactra, es bleibt Babyion, um durch neue Tribute gezähmt zu werden; noch fehlt der indische UI. beer in lupiters Schoß: noch tragen dir die Araber und Serer ihre Binen nicht vo r, noch hat nicht das ganze Jahr seine Ehre: Zehn Mo nate wünschen sich deine Namen.« So sprach Janus und zog sich willig hinter sei ne versch lossene TOr zurück. 45. Dann öffneten sich alle Tempel. und die Gölter gaben aus frohem Himmel Zeichen . Jupiter gewährte dir, großer König. eine lange Jugend und versprach dir eine Herrschaft., so lang wie die seine .)
Mit der Janusrede, die das Kernstück des Gedichts bildet, steigert Statius das Herrscherlob. Er greift erneut zu dem von ihm geschätzten Mittel, sich göttlichen Beistandes zu bedienen. m Auch darin ähnelt si lv. 4,1 der Gedichtschwester 4,3. Die erste Hälfte der Rede beschäftigt sich mit dem Kaiser als Konsul, ehe an· schließend weitere Inhalte der Expression fUr den Lobpreis des Herrschers verwendet werden.
273 S.o. S. 208.
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Janus beginnt mit mehreren Variationen des Wunsches, Domitian möge jedes Jahr das Konsulat Obernehmen. Nicht nur lUa Roma (v. 19) wolle das, der Kaiser solle auch den Fasten die Freude machen (v.20f.). Ein realistischer und nicht abwegiger Wunsch, da der Flavier nach fast jährlichen Konsulaten in den Achtzigerjahren eine Pause eingelegt hatte und nun, 95, erstmals seit 92 wieder al s Konsul fungierte. Das s ;c tempora nasc;, // sic annos ;ntrare decet, die Betonung der ursprungsstiftenden Funktion des Konsulats (v. 19f.), entspricht der Sichtweise des Janus als Gott des Anfangs. Es macht aber wiederum auch deutlich, als was das höchste Amt aus Republikzeiten am Ende des I. Jahrhunderts n.Chr. gesehen \VUIde: als zwei Wochen dauerndes Symbol, das den Kaiser zum Paten des angebrochenen Jahres machte und das er an den Iden des Januar (spätestens aber Ende Februar) selbstverständlich wieder abgab. Insofern ist die Schmeichelei folgerichtig, jedes Amt gewinne a consule seinen Glanz, wenn Domitian im nämlichen Jahr den Purpurmantel getragen habe (v.26f.).174 Auch hier wird die eponyme Funktion des Konsuls greifbar. Die Folgen des domitianischen Konsulats sind ringsum sicht- und spürbar, und wieder wird die Sakralität des Kaisers in den Mittelpunkt gerückt : Die Tempel glänzen mit ihren Marmorfassaden anders, die Altarfeuer lodern höher und selbst die Wintersterne erwärmen sich tur den Konsul Domitian (v.23f.).m Das Konsulat hat kultische und kosmische Bedeutung - wenn der Kaiser es innehat. Die Amtstracht, die p raetexta, ist von niemand Geringerem als Domitians persönlicher Schutzgöttin Minerva gewebt (v.22).!J6 Der Konsul-Kaiser ist göttlich. Unter den weiteren Inhalten der domitianischen HerrschaftsdarstelJung, die Statius fUr die Janusrede verwendet, ist die zeitliche Ausdehnung der Herrschaft das ureigene Thema des Gottes. Daher seine doppelte Prophezeiung, der Kaiser werde mit ihm saecula erneuern bzw. begrOnden (saecula meeum // instaurare, v.17f.; mecum allera saecula eondes, v.37). Ober die Bedeutung von saec ula an heiden Stellen ist in der Forschung vehement diskutiert worden. Während in v. 17f. wohl eine lange »(ungewisse) Zeitpcriode« gemeint ist,m prognostiziert Janus dem Flavier mit al/era saecula in Verbindung mit der ara Tarenli (v.37f.) doch wohJ ein neues Jahrhundert und seine zweite Säkularfeier. Nach der Vorhersage,jelix ... Roma werde Domitian noch drei- bis viermal öfter, also 51- bis 68mal , den kurulischen Sessel antragen (v.36f.), bleibt die Verheißung einer zweiten Säkularfeier (nach 110 Jahren) die einzig mögliche Klimax. 11t Antike Vorstellun274 VgJ. Coleman 1988, ad loc.: . The more dislinguished !he consul, Ihe more presligious it is 10 hold curule office in his consular year." 275 Vgl. die parallele Stelle silv. 4,3, 136-1 38. Vgl. Coleman 1988, ad loe. 276 Vgl. Gmyrek 1998, 71, die dahinler den Arachnemythos vermulel. 277 Erke1l1 958, 176; ihm folgl HAkanson 1969, 108; vgJ. anders Coleman 1988, ad loe.: »!he consular inauguralion al !he beginning of!he year(( . 278 HAkanson 1969, 108; vgJ. silv. 1,4, 15- 18. Ihm fo lg! Coteman 1988, ad loe. Vollmer (1898, ad toe.) sah darin eine »unm!ßige Übertreibung«.
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gen einer Beziehung zwischen Janus und der Säkularfeier sind uns nicht im Detail bekannt, aber dennoch nahe liegend : »( •.. ) it would be rather curious if Janus, the )god of the beginning(s)<, bad nothing at all to do with saecular feasts, the beginnings of the following 110 years.«l?9 Mit der zeitlichen Ausdehnung der Macht geht die lokale einher: Janus beginnt seine Rede mit der Anrede magne parens mund; (v. 17). Domitians Herrschaft ist ewig und unbegrenzt. Voraussetzung fUr die räumliche Machtexpansion ist die Sieghaftigkeit des Kaisers. Janus kündigt Domitian )tausend( (mille) militArische Erfolg~1O an und forden. ihn auf, ebenso viele Triumphzüge zu gestatten (v.39). Dahinter steht die Erinnerung an den 2. Pannonischen Krieg Domitians und den anschJießenden Triumphverzicht im Januar 93 .211 Die Bitte um möglichst zahJreiche Triumphzüge stellt das Feiern eines Triumphs al s Geste der Wohltätigkeit gegenUber der plebs urbana dar. Ziehen wir zum Vergleich den Gedichtschluss der )Via Domitiana( heran, der die panegyrische Prognose enthält, der Flavier werde noch viele Triumphe ablehnen (4,3,159): Hier ist die Zurückweisung ein Zeichen von Bescheidenheit (moderalio). Aus der e inmaligen Ablehnung Domitians lassen sich fUr den Dichter also verschiedene lobpreisende Attribute gewinnen. Auf jeden Fall bedeutet die Forderung nach weiteren Triumphen ein Kompliment an den Herrscher, denn diesen müssen ja weitere Siege vorausgegangen sein, die der Panegyriker wie selbstverständlich voraussetzt. An die Bitte, die militärischen Erfolge auch zu feiern, schließt der Dichter einen Katalog der potenziellen Gegner und Verlierer an, den er - variiert - auch in silv. 4,3,154-157 nennt. Hier wie dort hat die Aufzählung Aufforderungscharakter. Der Kaiser solle Bactra und Babyion unterwerfen (v.40), Städte, die im Alexanderzug eine prominente Rolle spielten, und so zu einem zweiten Alexander werden.2U Indien, Araber und Serer standen in ihrer Fremdartigkeit und Exotik für die entferntesten Gegenden der bekannten Welt und symbolisierten - besiegt wiederum Domitians Autorität und Macht auf Erden.ru Die militärische Expansion kollidierte nicht mit der Imago des Friedensbringers: »Peace at horne and campaigns abroad are compatible in imperial propaganda ( ... ).«(2" Die Verse 27-33 sind dem Vergleich mit der Vergangenheit gewidmet. Janus ruft die Roma und die Velwlas als Schiedsrichter an, um mit ihm zu entscheiden, 279 Hlkanson 1969, 109. 280 Clauss spricht in diesm1 Zusammenhang von den .Obermcnschlichcn Dimensionen der Sieghafligkeit. ( 1999, 261). Die Unbesiegbarkeit gehl wiederum auf das Obermenschliche, das gOOlithe Wesen des Kaisers zur1k:k. 281 SUCl. Dom. 6,1. 282 Coleman 1988, ad loc. Da hierin eine Reminiszenz an Horaz' derartige Kalaloge %U erobernder OStlicher Lander besteht (z.B. cann. 1,12,53-57), wird Domitian indirekt auch mit Augustus verglichen: 5. Geyssen 1996, 119. 283 VgL Vollmer 1898, ad loe.: »( ... ) auf den Kaiscrdenkmalem so oft: (,emde Völker in bin· flehender Tracht als Zeichen der weitreichenden Machl Roms.1( 284 Coleman 1988, 79.
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welche früheren Konsuln (und damit : Jahre) es an Bedeutung mit Domitian auf~ nehmen können. solo (exemplo, v.30) zeigt schon an : Es gibt Uberhaupt nur einen erwähnenswerten Maßstab, nämlic h Augustus. Der hane nur 13-mal das Amt des Konsuln inne, und das in den langen Jahren (labentibus ann;s, v.3 1) seiner Regierung! Zudem habe er )erst spät begonnen, sich die Konsulate zu verdienen< (v.32).211 Statius bedient sich hier des Topos, der Herrscher übertreffe alle Vor~ gänger, von denen nur Augustus der namentliche n Erwähnung filr wert befunden wird. Tatsächlich hat der Dichter ja Recht, denn kein Princeps vor Domitian hane so oft das Konsulat Obernammen. J.W. Geyssen vertritt die Position, dass Statius im vierten Silvenbuch, zu einer Zeit, als Domitians Herrschaft aufgrund von Grausamkeit und Willkür verstärkt in der Kritik gestanden habe, wiederholt auf das augusteische Vorbild Bezug genommen habe: »With the paradigm of Augustus hanging over the poem and goveming the aetions attributed to Domitian, Statius has attempted to counter any reeent criticism of the emperor.«.l16 Diese Annahme geht von falschen Vorausset. zungen aus: I . Wer sagt, dass Kritik an Domitians Herrschaft in einem Maße laut werden durfte, dass der Kaiserhof sich zu einer Reaktion veranlasst gesehe n hätte? Es ist doch kein Zufall, dass die kritischen Stimmen eines Tacitus, Pl inius oder Juvenal bi s nach Domitians Tod stumm blieben. 2. Statius war nicht in der Positi on sich anzumaßen, Rlr den Kaiser (oder gar in dessen Namen) auf Kritik zu antworten. Weder hatte er diese enge Nähe zum Hof noch konnte er hoffen, dass seine Panegyrik in den oppositionellen Kreisen der Hauptstadt al s politische Stimme ernst genommen wurde. Die Janusrede endet mit dem Themenkomplex der Herrschaftsdarstellung, den silv. 4,1 zum Gegenstand hat : dem Erwerb von Status durch den Kaiser. Status erlangte Domitian nicht nur durch die Konsulate, sondern auch durch die Umbenennung der Monate September und Oktober (s.o. S. 69f.). Janus schließt sein
285 Siehe zu den Interpretationsversuchen, warum Augustus sich nach Meinung von Stati us die Konsulate erst spat verdient habe: FTtre-Iz.aac 1944, Anm. 2 zu S. 137 und Coleman 1988. ad loe. - Geyssen (1996, 72-75) sieht in dem Domitian-Vergleich mit Augustus ein zentrales 1bema des Gedichts. Augustus habe seine letzten beiden Konsulate (5 und 2 v.Chr.) gemeinsam mit seinen Großneffen Gaius bzw. Ludus bekleidet. um diese in das öffentliche Leben Roms e inZlJ mh~n und als seine potenziellen Nachfolger aufzubauen (Suet. Aug. 26.2). Entsprechend habe Domitian das 17. Konsulat gemeinsam mit seinem Cousin T. Flavius C lemens Obemommen, dessen Söhne als Domitians Thronfolger in Frage kamen. Nur mit geregelter Nachfolge konnte die in der Janusrede propagierte Rolle Domitians als conditor novorum saeculor-um Aussicht auf spatere Verwirklichung haben. Stat ius' Anspie lungen auf und Zitate der Aeneis Verg ils, die Augustus als Begr1lnder einer Ära feienen und die Schließung des Janus-Te mpels priesen (Aen. 6,792f. ; 1,286-2%), dienten der DomitiangJeichsettung mit Augustus. 286 Geyssen 1996, 77f., Zitat S . 78.
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Gebet mit der Feststellung, auch die übrigen zehn Monate, inkJusive seinem eige· nen, wünschten, nach dem Flavier zu heißen (v.43).211 Gerade an diesem Beispiel sehen wir besonders deutlich, wie die Praxis der Kaiser und die Adulatio der Dichter Hand in Hand gehen. In erster Linie maßgebend ist natUrlieh die Stellungnahme der Kaiser. Indem aber die Hofdichter die Elemente des praktisch angewandten Kults literarisch verarbeiten, können auch sie ihrerseits dem Kaiser neue Anregungen geben und gewinnen so miueJbar Einfluß auf die Weiterentwicklung des gesamten Kaiserkultes?"
Dass die Dichter mit der poetischen Verarbeitung der Themen der kaiserlichen Expression Einfluss auf die Ostentation der kaiserlichen Imago nehmen konnten, hat F. Sauter richtig gesehen. Es deckt sich mit neueren Erkenntnissen zur Herr· schaftsdarstellung als zweiseitigem Prozess zwischen der kaiserlichen Zentrale und den Untertanen. 219 Statius' These, alle Monate wollten von Domitian umbe· nannt werden, ist ein klassisches Bei spiel rur den Umgang der Dichter mit der kaiserlichen Expression: Sie greifen ein Thema daraus auf, verarbeiten es poetisch weiter und steigern seine Aussage noch . Sie bemühen sich, die Expression des Herrschers durch die eigene Panegyrik zu übertreffen und so den Kaiser tur sich einzunehmen. Als weiterer Beleg dafür ist die Aufforderung an den Kaiser zu nefUlen, jedes Jahr Konsul zu werden (v.20·22). Denn dessen zwei Wochen dau· emde Konsulate waren fUr den Alltag der Untertanen von der denkbar größten Folgenlosigkeit. Daher lag dieser Wunsch für einen Untertanen nicht besonders nahe. Namenspatron rur einen Monatsnamen zu sein, war eine Ehrung, die Gotthei· ten zustand ?90 Domitians sakrale Imago steht auch im Mittelpunkt des Gedicht· schlusses. Der gesamte Gönerapparat stimmt Janus' Prophezeiungen laeto ... polo zu (v.45f.). 291 Jupiter gewährt Domitian eine lange Jugend und verspricht ihm eine Regentschaft, die SO lange wie seine eigene Herrschaft andauert (v.46f.).292 Der Dichter lässt den Göttervater selbst die Gleichsetzung mit Domitian vornelunen. Mehr noch als der Via Domiliana fehlte der wiederholten Bekleidung des Kon· sulats als Instrument der kaiserlichen Expression die Anschaulichkeit und opti· sehe Präsentabilität. Daher eignete sie sich rur den Autor in besonderem Maße zur Panegyrik. Wir können daher auf beiden Seiten ein besonderes Interesse an lolr 287 Diesen am Ende des I.Jahrhunderts maßlos klingenden) WunschI hat Commodus ein Jahr· hunden sp!ter verwirklicht und alle zwölr Monate umbenannt: Cass. Dio 73, 15,3. Vgl. Clauss 1999, 240r. 288 Sauter 1934, 176. 289 $.0. Kapitel 2. 1 llUrheberschaft« (S. 29). 290 Suet. lul . 76, 1; 5. Clauss 1999,237 und Coleman 1988, 80. 291 Zur Bedeutung von omne.s powere dei siehe Vol1mer 1898. ad loc. u. Hlikanson 1%9, I IOr. 292 Die Diskussion der Domitian·Anrede als rex magne bleibt, da sie unter den modemen Editoren und Kommentatoren sehr umstritten ist, außer Betracht. Vgl. dazu Bishop 1954, 97; HAkan· son 1969, 111 r. und Coleman 1988, ad loc.
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preisender Poesie zu einer solchen Thematik vermuten. Die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen silv. 4,1 und 4,3 sind kein Zufall: Vor einem identischen innenpolitischen Hintergrund im späten Stadium des domitianischen Principats entstanden, hatten sie dieselbe Funktion: die Veranschaulichung eines abstrakten Instruments der Herrschaftsdarstellung Domitians. Statius hat für diese Zwecke eine eigene poetische Handschrift entwickelt, die in den Parallelen der )Via Domitiana( und des )Septimus Decimus Consulatus Imp. Aug. Germanici( zum Ausdruck kommt, die darüber hinaus silv. 4,3 (mit der Schilderung der Bauarbeiten) zu einem ganz eigenständigen Gedichnypus und 4,1 zum Ausgangspunkt der Jahrhunderte langen Tradition des Konsulatsgedichts werden ließ. V.a. Claudian und Sidonius wurden in ihren Inaugurationsgedichten von der Silva 4,1 becinflusst. 19l Allein die Frage, o b Statius das 17. Konsulat auf Veranlassung Domitians besang, ist damit nicht beantwortet. Der Vergleich mit Ovids Epistulae ex Ponto 4,4 und 4,9 sowie späteren Vertretern der Gattung Konsulatsgedicht (v.a. Claudian) lässt vermuten, dass kein kaiserlicher Auftrag oder gar Befehl vorgelegen hat . Ohne dass sich Statius in einer als Notlage empfundenen Situation, vergleichbar der Ovids, befunden haben muss, gab es doch wohl genügend materielle oder Statusinteressen, die ihn zu der Abfassung von 4, 1 bewegt haben könnten. Sein BemUhen, es dem Herrscher besonders recht zu machen und die kaiserliche Expression nicht nur zu spiegeln, sondern sogar zu übertrumpfen, ist deutlich zu erkennen. Die dichterische Dokumentation (d urch die mehrfache Nennung des senatorischen Verlangens nach dem Kaiser als Konsul), dass die Herrschaftsdarstellung die Untertanen erreicht und dort auf die günsti gste Resonanz stößt, dient demselben Ziel: den Kaiser durch positive Rückmeldung rur sich zu gewinnen. D. Vessey ging sogar so weit zu sagen, es sei im ganzen Gedicht eine )Intimität< zwischen Herrscher und Beherrschten spürbar, »which ( ... ) is the highest kind of praise(tH. Das schei nt mir ein wenig überinterpretiert; schwer vorstellbar, dass Statius' Rezipienten diese Intimilät wirklich gefUhlt haben sollen. Weiterhin beschei nigt Vessey dem Poeten einen humorvollen und eleganten Umgang mit den panegyri schen Topoi, der staubtrockene Propaganda nicht zulasse. Als Be ispiele nennt er die schon erwähnte Bedeutung der elegischen Liebe zwischen Kaiser und Senat sowie die Gestalt des Janus, die Statius gleichzeitig zwei- und viergesichtig zeichnet. 29S Sicherlich ist es richtig, dass es dem Dichter geli ngt, aus dem nüchternen Thema der Konsulatsübernahme eine lebendige Darstellung zu machen, die hinter den anderen Domitiansi lven nicht zurücksteht. Aber die Art und Weise seiner Panegyrik folgt dem bekannlen Muster: Aus dem reichhaltigen Angebot der 293 Claud. Prob. ct Olyb.; IV Cons. Hon.; VI Cons. Hon.; Stil. 2; 3; Sidon. C3ml. 5. Vgl. CoIcman 1988, 64 u. Mause 1994, 2 11. 294 1986, 280 I. 295 Ebd. 2799·2801 ; s.o. S. 222, Anm. 267.
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domi tiani schen Herrschaftsdarstellung wählt er die zu seinem Gedichnhema pas. senden Inhalte aus. In einem Konsulatsgedicht werden daher die umbenannten Monatsnamen und die zeitliche HelTSChaftsausdehnung gewürdigt. Dazu kommen Standardthemen wie die Sakraliutt und die Sieghaftigkeit des Kaisers.
5.6 Sonderfall: Die an Domitians Umfeld adressierte Dichtung Si!va 3,4: CAPILLI FLA VI EARINI Waren die Domitiansilven an den Kaiser selbst adressiert, so ziehen die Silven 3,4 und 5,1 auf sein engstes Umfeld, nämlich den kaiserlichen Hof. An zwei Höflinge geriChtet, sind es diejenigen Silven, die, abgesehen von den ihm selbst zugedach· ten, Domitians Aufmerksamkeit am stärksten erregen mussten . Statius trägt dem Rechnung, indem er der Domitianpanegyrik breiten Raum einräumt und dem ad· ressierten Höfling nur den zweiten Rang in seiner poetischen Huldigung gewährt . 1m Folgenden soll die Silva 3,4 über die Haarweihung des Earinus, Domitians delicalus, analysiert werden: Sie offenbart, wie der Dichter angesichts zweier Adressaten, des Liebessklavens und des Kaisers, das jeweilige AdressatenJob kombi· niert. Darüber hinaus bringt das Trostgedicht an Abascantus. Domitians ab epislulis, Uber den Tod von dessen Gattin Pri sci lla (silv. 5, 1) keine substanziell neuen Erkenntnisse; es wird hier daher nur am Rande erwähnt?" Im Gegensatz zu den Domitiansilven bezeugt uns Statius ftlr silv. 3,4 einen Auftrag durch den Empf'linger: Earinus praeterea, Germanici nostri fiber/us, seit quam diu desiderium eius moralus sim, cu'" petisset ut capillos suos, quos cum gemmala pyxide el specuJo Oll Pergamenum AscJepium miuebal, vers;bus dedicarem. ())Außerdem ist da noch Earinus. der Freigelassene unseres Gennanicus. Er weiß. wie lange ich die ErfIJllung seines Wunsches aufschob. als er mich bat. seinen Haartn, die er mit einer edelsteinbesetzten BUc hse und einem Spiegel nach Pergamon zu Asldepios schickte. e in Weihegedicht zu widmen«; s ilv. ) pr. 16-20.)
Der Dichter hat die Hymne auf die Haare des Eunuchen also auf Bestellung geschrieben. Er tut sich weder den Geger,stand seines Werks noch den Anlass ausgesucht. Er kann sieh hier nicht ein Instrument der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung herausgreifen, das sich per se schon filr die Herrscherpanegyrik eignete, sondern ist gezwungen, um das Thema Haarweihung herum den Lobpreis auf Domitian zu komponieren und ihn mit der Würdigung des ersten Adressaten in 296 Zudem hal es Statius selbst zu (eigenen und Oomilians) Lebzeiten nicht mehr im Rahmen ~ines Silvenbuchs verOffenliicht. Zwar ist .urgrund der Parallel~n zu silv. 3,4 (s.u.) zu vermuten, dass der Dichter fIlr die Publikation k~ine Anderungen m~hr vorgenomm~n hAae; bedingt: durch die Fragestellung dieser Arbeit. die die zu Lebzeiten Oomitians vCfOffentlichten T~xte analysien, bleibt S,l als eigener Gegenstand außerhalb der Unlersuchung.
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Einklang zu bringen. Statius bezeichnet Earinus als seinen Auftraggeber - in der Forschung ist man allgemein davon ausgegangen, dass dessen Bitte direkt oder indirekt auf den Kaiser selbst zurOckging. l9l Vielleicht sollte man die Rolle des Earinus aber nicht zu gering schätzen. Trotz seines jugendlichen Alters - zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des dritten Silvenbuchs war er immerhin bereits libertus (silv. 3 pr. 17) - dUrfte er wie alle Höfl inge fUr diejenigen, die außen standen, eine Autorität dargestellt haben, mit der der Kontakt unbedingt zu pflegen war. Denn aufgrund der bei ihm besonders engen Nähe zum Kaiser hatte er Machtmittel in der Hand oder Zugang zu diesen, die ihn wichtig machten fi1r alle, die einen Draht zum Herrscher suchten.29C Es mag sein Wunsch und seine Initiative gewesen sein, Statius mit dem Ruhm der Haarweihung zu beauftragen. Dass der Kaiser davon wusste und daher vom Poeten bei der Abfassung gebührend bedacht werden musste, steht außer Frage. Der Wert von silv. 3,4 besteht rur uns darin deut lich zu machen, dass Statius selbst an dem Hof, an den das Werk ging, nicht verkehrte. Die Distanz dokumentiert er in der oben zitierten Ankündigung des Gedichts in der Praefatio: Von den fünf Silven des dritten Buchs fUhrt er einzig 3,4 als Auftragswerk und als nicht spontan verfasst ein. Theoretisch könnten auch die Eloge auf den HerkulesTempel seines Patrons Pollio in Sorent (siIv. 3,1) oder das propempticon für Maecius Celer (3,2) auf Bitten der Adressaten entstanden sein, so dass Stati us damit seinen Teil einer geschäftlichen Beziehung erledigte. Aber im Gegensatz zur Esrinussilva macht er es in diesen Fällen nicht kenntlich . Zufall? - Wenn Statius ein Hofdichter und damit Höfling gewesen wäre, dürfte man von ihm einen gewissen vertrauten Umgang mit dem Höfling Earinus erwarten. Jedoch offenbart er in der Praefatio zu den anderen Adressaten von Buch 3, Patronen, Freunden und seiner Gattin, ein deutlich persönlicheres Verhältni s: Lassen wir seine Frau Claudia außen vor, so nennt er Maecius Celer einen splendidissimum el mihi iucundissimum iuvenem (3 pr. 11f.) und rilhmt die lautere Liebe Claudi Elrusci me; (3 pr. 14). Von Pollio berichtet uns der Dichter, dass er ihn a uf dessen Anwesen in Sorent besucht habe und dort zu dichten inspiriert worden sei (3 pr. 8-10). Zu diesen drei Personen stellt Slatius eine persönliche Beziehung heraus, nicht SO zu Earinus. m Auch die Schilderungen der Biographie des Eunuchen passen ins Bild: Zunächst ist zu bemerken, dass überhaupt Stationen aus dessen Leben präsentiert werden. Beim Kaiser begegnet uns in den Domitiansilven dergleichen nicht, da er als sakraler Herrscher keine monnale( menschliche Biographie haben konnte. Hier wird also ein klarer Unterschied zwischen Domitian und seinem Höfling fassbar. Zwei297 Siehe Vessey 1973 , 28: Ganhwaite 1984. 111: Henriksen 1997, 291. 298 S.o. meine Ausfi1hrungen zur indirekten Patronage (S. 122ff.). 299 Siehe White 1975. 290f und passim ober naher und rerner st~hende I Patron~( bzw. Aur· tnlggeber. Vgl. • . Statius' Einfilhrung der Poil .. Lucans Witwe, im Vergleich zu der Meliors, Pollius' und Ursus' in der Praefatio zu Buch 2. S .•. silv. 4 pr.
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tens sind aber die biographischen Elemente keineswegs authentisch und sie versuc hen auch gar nicht, den Anschein von Authentizität zu erwecken. Stattdessen erfindet Statius eine )~uasi-aetiological story« (v.21 -59): »He creates bis own myth, ( .. . ) hypostatising the banal with the dignity of legend .« JOO Der erfundene Mythos ersetzt wirkliche biographische Fakten, weil Statius diese entweder nicht kannte oder es aufgrund zu großer persönlicher Distanz nicht angemessen gewesen wäre, sie zu erzählen.10 1 Die besondere Konstellation des Gedichts, Auftragswerk fllr einen Patron zu sein, der überdies engste persönliche Nähe zum Kaiser genießt, zeigt sich in der gesteigerten Domitianpanegyrik: Auch in den Sil ven, die hoffernen Patronen gewidmet sind, wird der Kaiser häufig mit ein, zwei lobenden Attributen oder Anspielungen bedacht. 101 Je enger de r Adressat aber mit dem Herrscher verbunden ist, desto breiteren Raum nimmt die Herrscherpanegyrik ein. Diese Steigerung demonstrieren die Earinussilva und das Trostgedicht an den hohen Hofbeamten Abascantus (5,1) unisono. Ähnlich aufgebaut, verschränken sie beide das Lob des Adressaten regelmäßig mit dem Herrscherruhm. Die zentrale Partie des Mittelteils von 3,4 (v.47-64) ist auf Domitian fokussiert: Das zeigt, dass der Kaiser der wahre Mittelpunkt des Gedichts ist. Ihre Schlussverse widmen heide Texte Domitian.101 Der Ruhm des Flaviers geht über nur wenige Stellen weit hinaus und nimmt quantitativ - beträchtlichen Raum ein. Ein Grund dafilr ist die Biographie der beiden Höflinge, die naturgemäß mit der Person des Kaisers verknilpft ist. Statius nutzt daher die Gelegenheit zum Lobpreis Domitians. Der wichtigere Grund ist jedoch, dass der Dichter ein Loblied auf einen Höfling automatisch auch als eine Eloge auf den Kaiser verstand. Deshalb i1bertrifft das Herrscherlob qualitativ das des eigentlichen Adressaten. Earinus' Biographie war von kJein auf mit dem römischen Kaiserhof verbunden. Frühestens gegen Ende des Jahres 81 kam er von Pergamon nach Rom zum frisch gebackenen Kaiser Domitian. wo die Kastration vorgenommen wurde.104 Entmannt etwa zwischen 81 und 83 im Alter von 3-5 Jahren, diente er dem Flavier als Liebessklave.lOs Das Verbot der Kastration erließ Domitian (wie erwähnt) erst einige Jahre später.106 Die Haarweihung fand wohl im Jahr 94 statt. wie aus der Datierung der Martialbilcher 8 und 9 hervorgeht; daran ist auch die Abfassungszeit von silv. 3,4 festzumachen. Earinus war damals etwa 16- 18 Jahre alt. 300 Vessey 1973,32. 30 1 S.a. Thiele 19 16 , 254: II Die Gedic hte auf Earinus (von Statius und ManialJ :zeigen de utlich die Kluft, welche den Monarchen von den damaligen Dichtt:m trennte, ( ... ).« 302 l .B. s ilv. 1,1,178-181 ; 4,7,49-52 ; 4,8,20; 6 1f. 303 Siehe Cancik 1965, 26f. und Newmyt:r 1979, 92. 304 Henri~n 1997, 282. 305 Cass. Dio 67,2,3; auch Anspidungen in den Earinusgedichten von Manial und Stati us weise n daraufhin; vgl. Henriksen 1997, 285. 306 Siehe Henriksen 1997, 284 m. Anm. 5 und Ganhwaite 1984, 11 2, Anm. 6. S.U. S. 286.
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Vermutlich geschah das Schneiden der Haare auf seinen Wunsch hin, nun als Erwachsener anerkannt zu werden und dem ewigen Knabendasein zu entkommen.J07 Freigelassen wurde er vom Kaiser wohl kurz darauf, denn Statius bezeichnet ihn in der Praefatio des dritten Buchs als liberfus, während in der Silva sowie bei Martial davon noch keine Rede ist. Vermutlich wurde Earinus die Freiheit zwisehen der Abfassung von silv. 3,4 und der Publikation des dritten Silvenbuchs geschenkt, d.h. kurz nach der Haarweihung.lOI Das Haaropfer ist der Aufhänger des Gedichts an Earinus, al s eigentliches Thema wIhlt Statius aber die Schönheit. Sie bot sich an. da sie Earinus' wichtigste Eigenschaft war. Sie bildet die Ursache dafilr, dass Venus auf den Knaben in Pergamon aufmerksam wird, und damit das Movens rur die gesamte mythologische Phantasie-Erzählung (v.21-59). Der Autor preist Earinus' Schönheit wiederholt, in eigenen Worten oder in der Venusrede.J09 Er würdigt das Aussehen des Eunuchen außerdem, indem er Attribute zur Umschreibung heranzieht, die uns bisher in der Kaiserreligion begegnet sind : den Glanz, das Feuer und die Li chtstrahlen.lLo Earinus wird mit Jupiters Mundschenk Ganymed verglichen (v. 12-1 9). »Earinus' miraculous joumey 10 Domitian's palace is precisely equivalent 10 Ganymede's ascent 10 Olympus.cC ll Andere Gestalten des Mythos, die Inbegriff von Schönheit sind, Ubertrifft er: Endymion, Attis, Narcissus und Hylas (v.40-44). Seine Haare werden sogar mit denen Apolls und Bacchus' gleichgesetzt. ll2 Dem delicatus des Kaisers werden damit göttliche Attribute zugeschrieben. Das Lob, das er in dem in Auftrag gegebenen Hymnus erhalt, ist reichlich genug und wird durch den zweiten Rang, auf den er hinter Domitian verwiesen wird, nicht geschmälert. Pergame, pinifera multum felicior Ida. il1a Iicet saerae placeat sibi nube rapinae (nempe dedil superis iI1um quem tumida semper luno videl refugitque manum nectarque recusat), at tu grata deis pulchroque insign is alumno misisti Latio placida quem fronte ministrum luppiter Ausonius pariler Romanaque luno aspieiunl et ulerque probant. ( ... ) aspieiens )Iune Ausonias( ait ,ibis ad arces neglectus Veneri? tu sordida letta iugumque
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307 Henrikstn 1997,285 u. 287. 308 Ebd. 294. Siehe zur Earinusbiographie aueh Cancik-Lindemaier 1982, 43 und Laguna 1992,307. 309 Z.B. v.16f.; 31 f.; 39-44 ; 66. 3 10 Glanz: z.B. v.8; 29f.; 65f.; dat radiO$ ignemqlle slilIm : v.56. 31 1 Vessey 1973. 33. 312 V.6-I I; vgl. Vessey 1973, 30 und Garthwaite 1984, 11 2f.
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servitii vulgare feres? procul absit: ego isti quem meruit fonnae do minum dabo. vade age mecum. 'lade, puer: ducam volucri per sidera curru donum immane duci ; nce te plebeia manebunt iura: Palatino famulus deberis amori. nil ego, nil, fateor, toto tarn dulce sub orbe aut 'lid i aut genui . cedet tibi Latmius ultro Sangariusque puer, quemque inrita fontis imago et sterilis consumpsit amo r. te caerula Nais mallet et adprensa traxisset fortiu s urna. tu, puer, ante omnes; solus fonnosior iIIe cui daberis. ~ sic orsa leves secum ipsa per auras tollit olorinaque iubet considere biga. nce mora, iam Latii montes velerisque penales Evandri, quos mole nova pater inclitus orbis excolit el summis aequat Gennanicus astris. tune propior iam cura deae, quae fonna capi llis optima, quae vestis roseos accendere vu hus apta, quod in digilis, 00110 quod dignius aurum. OOtat caelestes oculos ducis ipsaque taedas iunxerat et plena dederat oonubia dextra. sic ornat crines, Tyrios infundit amictus, dat radios ignemque suurn. cessere priores deliciae famulumque greges; hic pocula magno prima duci murrasque graves cryslallaque ponat candidiore manu; crescit nova gratia Baccho. care puer superis, qui praelibare verendum nectar et ingentem totiens contingere dextram electus, quam nosse Gelae, quam langere Persae Anneniique Indique petunt! 0 sidere dextro edite, multa ti bi divum indulgentia favit. al puer egregius tendens ad sidera palmas )his mihi pro donis, hominum mitissime custos, si merui, longa dominum tenovare iuventa atque orbi servare veHs. hoc sidera mecum, hoc undae terraeque rogant. eat, oro, per annos lliacos Pyliosque simu l, propriosque penales gaudeat el secum Tarpeia senescere templa./ sie ail, ct mow miratur Pergamos aras.
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( 12. Pergamon, um vieles glücklicher als der Fichten tragende Ida, obwohl jener sich des heiligen Raubes in der Wo lke rühmen darf Uenen, Ganymed, gab er den Göttern, den Juno stets voll Zorn ansieht. dessen Hand sie meidet und dessen Nektar sie zurilckweist]. 16. Aber du, Liebling der Götter und ausgezeichnet durch deinen schönen Zögling. hast ihn als Diener nach Latium geschickt, den der ausonische Jupiter und die römische Juno mit gleich freundlic her Miene betrachten und den beide mögen. 32 . Venus sah ihn [Earinus] an und sagte: »)Willst du nicht. der du bislang von der Venus vernachlässigt wurdest, zur ausonischen Stadt gehen? Oder wi llst du weiterhin ein
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Dach und das gemeine Joch der Knechtschaft ~rtragen ? Das sei feme; ich werde dieser Schönheit einen Herrn geben, den sie verdient hat. 35. Komm mit mir, mein Junge, komm : Ich werde dich dem Fürsten im geflügehen Wagen durch die Sterne als unennessliches Geschenk bringen; keine gewöhnliche Abhängigkeit wird dir blühen: Dem Herrn auf dem Palatin bist du bestimmt, als Diener der Liebe. Nichts - ich gebe es zu - nichts derart Reizendes habe ich auf der ganzen Welt gesehen oder hervorgebracht. 40. Von selbst werden der latmische [Endymion) und der sangarische Knabe [Anis) vor dir zurückstehen und der, den das tAuschende Spiegelbild im Wasser der Quelle und die erfolglose Liebe vernichteten [NarcissusJ. Dich würde die blaue Najade lieber wollen und hlne heftiger deinen Krug erfasst und dich hinabgezogen [als den Hylas). Du, mein Jun· ge, stehst allen voran ; allein jener ist schöner, dem du gegeben wirst.« 45 . So sprach sie; selbst erhebt sie ihn mit sich in die leichten Lüfte und l/isst ihn sich in den Schwanenwa· gen setzen. Keinen Verzug gibt es, und schon sieht man die Hügel von Latium und die Penaten des alten Euander, die der berühmte Vater des Erdkreises, Gennanicus, mit ei· nem neuen Bau vervollkommnet und den Sternen in der Höhe gleichmacht. 50. Dann hat die Göttin Wichtigeres im Sinn: Welche Form rur die Haare die beste sei, welches Kleid geeignet, den rosigen Gesichtsausdruck zu steigern, welcher Goldschmuck an den Fin· gern, welcher am Hals würdiger wäre. Sie kennt den himmlischen Blick des Kai sers : Sie selbst hane die Fackeln vere int und mit großzügiger Hand seine Ehe gestiftet. 55. So schmUckt sie die Haare, lAsst den purpurnen Mantel am Körper herabfallen. Sie verleiht dem Jungen Strahlen und ihr Feuer. Die früheren Lustknaben und die Scharen von Die· nern wichen vor ihm; dieser bringt nun dem großen FOrsten den ersten Becher, die schweren Murragefäße und Kri stallpokale mit noch glänzenderer Hand; dem Bacchus kommt dadurch ein neuer Reiz zu. 60. Knabe, Liebling der Götter, der du auserwählt bist, den heiligen Nektar vorzukos· ten und die riesige Rechte so oft zu berühren, die die Geten zu kennen und die Perser, Armenier und Inder zu fassen trachten! Du, der du unter einem günstigen Stern geboren bist, viel hat dir die Gnade der Götter gewährt. sc hmutzig~s
99. Der unvergleichliche Junge hebt die Hände zum Himmel und spricht: »Sanftester Wächter der Menschen, wenn ich es verdient habe. mögest du mir rur diese Gabe dem Herrn eine lange Jugend bescheren und ihn der Erde erhalten. Darum bitten die Sterne, das Meer und die Erde mit mir. Er soll, darum bitte ich, durch ilische und pythische Jahre zugleich gehen, 104. und er soll sich freuen, dass das eigene Haus und der tarpeische Tempel mit ihm uralt werden .« So sprach er, und Pergamon wunderte sich, dass die AhäTC sich bewegten.) Statius beweist einen souveränen und eigenständigen Umgang mit dem Gedichtauftrag, indem er den Anlass (das Haaropfer) dem übergeordneten Motiv Schönheit subsumiert und die Schönheit noch einem zweiten Adressaten, Domitian, zuschreibt. Das Lob der Schönheit des Kaisers wird mit dem Earinusruhm ver· knüpft : Venus bezeichnet den Flavier als den geeigneten dominus ftlr Earinus' jorma (v.34f.) und sie beendet ihre Rede, die allein dem Aussehen des Jungen gewidmet ist, mit dem Urteil : Er stehe allen Knaben des Mythos an Schö nheit voran. nur sei n neuer Herr sei noch schöner als er (sotus jormosior iIIe 11 cui daberis; v.44f.). Damit kommt das gesammelte Earinuslob, das der Autor in weiten Teilen des Gedichts dessen >glänzendem( Äußeren zoUt, direkt auch dem Kaiser
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z ugute. Denn Domitian ist solcherjorma nicht nur würdig, er übertrifft sie. In dem Moment, da Statius sich entschließt, die Herrscherpanegyrik in das Gedicht aufz unehmen, muss er dem Kaiser auch in puncto Aussehen den ersten Rang zuerkennen. Die Schönheit des deus praesens konnte hinter niemandem z urlickstehen.)') Da das Kaiserlob einen wichtigen Bestandteil des Hymnus ausmacht, bezieht Statius einerseits, panegyrisch korrekt, das Hauptmotiv, die jorma, auf Domitian, andererseits liefert er eine ganze Reihe der uns schon oft begegneten Topoi des Herrscherruhrns. Er äußert sie erstens in eigenen Worten und baut sie zweitens in das Earinusgebet fiir seinen Herrn ein (v.99- I05). Letzteres ist der besonderen Gedichtkonstellation der doppelten Adressatenschaft geschuldet : Der Autor verbindet durch das Gebet des delicalus Herrscher und Höfling noch enger miteinander.lI4 Er schmeichelt damit Earinus und Domitian zugleich, dem Kaiser durch den Inhalt des Gebets, dem Höfling dadurch, dass ihm das Herrscherlob in den Mund gelegt wird, das in den Redepartien der Silven rur gewöhnlich Götter, Halbgötter oder Personen des Mythos sprechen. Earinus wechselt vom Adressaten zum Absender des Lobes. Anders als in den Domitiansilven setzt Statius hier keinen inhaltlichen Schwerpunkt in der Verwendung der Elemente der kaiserlichen Expression. Die Schönheit des Princeps wurde in dessen Herrschaftsdarstellung nicht schwerpunktmäßig thematisiert, und auch wenn sie eine der Hauptaussagen von si lv. 3,4 ist, so nimmt sie doch quantitativ mit den zwei oben erwähnten Stellen eher geringen Raum ein. Die Mehrzahl der panegyrischen Aussagen betont Domitians Sakralität, aber das ist fUr jede Domitiansilva zu konstatieren und daher kein Charakteristikum von sil v. 3,4. Die vom Dichter verwendeten Elemente der Expressio n unterliegen keinem übergeordneten Mono, sie sind lediglich in die Earinushandlung eingebunden. Die Sakra1ität des Kaisers ist daflir das Paradebeispiel: Die Gleichsetzung 00mitians mit Jupiter konstruiert der Autor mithilfe des Vergleichs von Earinus mit Ganymed (v. 12- 19). Pergamon, der Herkunftsort des Earinus, sei glücklicher als das Idagebirge, die Heimat des Ganymed, weil es durch seinen schö nen Jungen ausgezeichnet sei. Juno sei zornig vor Eifersucht auf Ganymed und weise dessen Becher zurück, die >römische JunO(, Domitia, hingegen betrachte gemeinsam mit dem hlppiler Ausonius Oomitian den Earinus mit freundlicher Miene. Die Ehrung
3 13 Vgl. Vessey 1973, 34. 3 14 VgLa. Laguna. der die Verbi ndun g von Domitian und Earinus, wie Statius s ie darste llt, a ls )Ehel (matrimonio) bezeichnet (1992. 310).
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der Domitia als irdischer Juno folgt zwangsläufig aus der Gleichsetzung ihres Mannes mit dem Göttervater.3L} Venus kündigt dem Earinus an, dass sie ihn auf dem geflügelten Wagen per si· dera zu Domitian bringen wird (v.36f.). Der Flavier erhält ihn als ein Geschenk, das von den Sternen kommt. Im Palast koste Earinus den )ehrwürdigen Nektar( vor (praelibare verendum // neelar, v.60f.). Domitian trinkt den Trank der Götter. Schließlich lässt Statius die Venus grilndlich überlegen, wie sie den Jungen für den Kaiser herrichten soll, denn sie kenne dessen )himmlischen Blick< (caelesles oculos, v.53). Auf Domitians militärische Erfolge und seine irdische Autorität spielt der Dichter in einem Atemzug an. wenn er ihn a1s pater inclitus orbis bezeichnet und ihn bei seinem Siegesbeinamen Germanicus nennt (v.48f.). potenli // lerrarum domino (v. I 9f.) hat dieselbe Aussage. Die ingens dexlra des Kaisers, Symbol für Tatkraft im lnnern und Sieghaftigkeit, wird mit der beinahe unendlichen Ausdeh· nung der römischen Machtsphäre verbunden, wofür die fernen Völker der Gelen, Perser, Annenier und Inder mit ihrem Wunsch stehen, eben die kaiserliche Hand zu berühren (v.61-63). Seine Autorität und Sieghaftigkeit verleihen dern Herrscher Kolossalität, die die ingens dextra versinnbildlicht.)l' Im Zuge der Schilderung, wie Venus den Earinus an den römi schen Kaiserhof bringt, ruhmt Statius den PaJast Domitians. Die Benennung als penates Evandri (v.47f.) stellt seinen aktuellen Hausherren in eine Linie mit dem mythischen ersten Siedler auf dem Boden des späteren Rom. Das Bild Domitians als logischer Fortsetzer (und Vollender) der Anfänge Roms wird Statius in siIv. 4,1 wiederholen (s.o. S. 221). Sein Neubau habe den Palast den Sternen gleichgemacht (v.48f.). Indem der Dichter den Palast preist, verbindet er eine weitere Facette der kaiserlichen Sakralität mit dem Prunk und der Materialität: Dort gibt es Scharen von Dienern und Liebessklaven (die nun zugunsten des Earinus weichen müssen; v.56f.). Für den Luxus und die Kostbarkeiten des Hofs stehen die schweren Pokale und Kristaligefliße (murras ... graves cryslallaque, v.58).Jl7 »)( ... ) Statius elaborates the idea that it is a high privilege to be a slave in the imperial household«llI. Die Schlussverse verbinden Ungewöhnliches mit dem Traditionellen: Das Besondere ist, dass Eacinus die binenden Schlussworte zu Aesculap spricht, aber ihr Inhalt ist ganz konventionell :)l9 Sie stellen die Bitte um ewige Jugend filr den Herrscher neben den Wunsch, dieser möge der Erde lange erhalten bleiben (v. 101 f.). Das rur Domitian ausbedungene Alter gleicht dem des Priamus und des 3 15 Siehe Cla uss 1999, 126. Silv. 3 ,4, 18 ist die e inzige Ste lle bei Statius, Manial und Silius Italicus, die Domitians Ganin elWllml. Siehe zu ihrer nicht ObennAßig prominemen, g le ichwohl existenten Ro lle in der domitianischen Hemchaftsdarstellung Stott 1936, 83-87. 3 16 Siehe Clauss 1999, 31 1. J I7 Siehe Cancik 1965, 57. 318 Vessey 1973, 33. 3 19 Siehe zu den topischen Elementen des Schlusste ils Cancik I96S, 63 f.
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Nestor und erreicht daher mythische Dimensionen (v. I 03f.). Die Ewigkeitspro· phezeiung ftlr Domitians PaJasr lO und v.a. rur den Jupitertempel auf dem Kapitol ist genauso topisch wie vom Autor gerade am Gedicht·Ende bevorzugt. Allein Earinus' Behauptung, Himmel, Meer und Erde stUnden hinter seinen Binen (v. I 02f.), ist in diesem Zusammenhang originell. Denn damit wünscht sich der ganze Kosmos den Flavier aJs ewigen Herrscher: Domitian wird zum Kosmokra· tor. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, sich mit der Stegreifdichtung zu brOs· ten, gibt Statius in der Praefatio an, mit der Abfassung des angeforderten Werks lange gewartet zu haben (s.o.). Deutet er hier Distanz zu seinem Auftraggeber an? Oder dokumentiert er etwaige Schwierigkeiten bei der Erfilllung der Bine? Ves· seys Interpretation, der Aufschub sei Ausdruck gekünstelter Bescheidenheit des Poeten gewesen, da filr die Werke an den Kaiserhof besondere SorgfaJt notwendig sei/ 21 ist zurecht zurOckgewiesen worden : Sie widerspricht Statius' Aussagen, dem Princeps silv. 1,1 Ober die Reiterstatue innerhalb eines Tages sowie 2,5 Ober den leo monsuelus in der Arena ad hoc überreicht zu haben.m eh. Henriksen sieht als Ursache die Konkurreozsituation zwischen Statius und MartiaJ: Der Spanier habe seine Epigramme dem Eunuchen zuerst präsentiert, so dass Statius sich ge· zwungen sah, andere Wege der poetischen Umsetzung des Themas zu finden und MartiaJ zu übertreffen.JlJ Aber wäre das ein Anlass gewesen, die spätere Fertig· stellung in der Praefatio explizit zu verkUnden? Henriksens Antwort überzeugt nicht. Schließlich sind in der Forschung mögliche >K1ippen ( diskutiert worden, die Stalius bei der ErfUllung seines Auftrags zu umschiffen hatte: Vessey vermutete in dem aufgegebenen Gedichnhema >Haare< ein Problem, da Domitian wegen seiner Kahlheit nach Suetons Bericht bei diesem Thema äußerst sensibel gewesen sei.124 Auch diese Theorie können wir getrost übergehen: Sie glaubt Sueton zu blauäugig, und überdies häne sich Earinus keinen Hymnus auf seine Haarweihung wünschen dürfen, wenn Domitian dabei wirklich empfindlich gewesen wäre.l2S Ernsthafter müssen wir die andere venneintliche >Klippe
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Die Panegyrik des Statius
tius in einem Gedicht über Earinus' Haarweihung überhaupt auf dessen Kastration und Domitians Kastrationsverbot eingehen musste. Martial übergeht beides in seinen Earinus-Epigrammen, eine Notwendigkeit zu dieser Thematik bestand also nicht. l27 Untersuchen wir daher zunächst, wie der Autor die Kastration und das kaiserliche Verbot behandelt. olim etiam, ne prima genas lanugo niteotes carperet et pulchrae fuscaret gaudia fonnae, ipse deus patriae celsam trans aequora liquit Pergamon. haud ul1i puerum mollire poteslas credita, sed lacita iuvenis Phoebeius arte leniter haud ull0 concussum vulnere corpus de sexu transire iubet. tarnen anxia cuns mordetur puerique timet Cytherea dolores. nondum pulchra ducis c1ementia coeperal ortu inlactos servare mares; nunc frangere sexum atque hominem mutare nefas, gavisaque solos quos genuit natura videt, nce lege si nistra fem timent famulae natorum pondera matres.
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(65. Der Gott seiner Heimat selbst verließ damals das hohe Pergamon und kam Ober das Meer, damit nicht erster Flaum die glänzenden Wangen entstellte und die Freude an der schönen Gestalt verdunkelte. Niemand anderem ist die Fähigkeit gegeben, einen Jungen zu kastrieren, nur der Sohn des Phoebus lässt mit den Geheimnissen seiner Kunst das Geschlecht sanft und ohne jede Verwundung des Körpers schwinden. 71. Dennoch wird die ängstliche Cytherea von Sorgen gequält und fllrchtet Schmerzen rur den Jungen . Noch nicht hatte die schöne Milde des Kaisers begonnen, die Männer von Geburt an unberuhrt zu bewahren; heute ist es ein Sakrileg, das Geschlecht zu zerstören und einen Mann zu verändern, 75. und die Natur sieht mit Freude allein das, was sie hervorgebracht hat. Nicht mehr müssen Sklavenmüner aufgrund eines ungerechten Gesetzes Angst haben, das Gewicht ihrer Söhne zu tragen.)
Beides, die Kastration und das Verbot, sublimiert er durch die Einschaltung von Göttern: Aesculap sei aus Pergamon nach Rom gekommen, um die Kastration an Earinus durchzufUhren. Er könne den Eingriff - anders als eine menschliche Hand - >sanft Wld ohne Verwundung des Körpers< vornehmen (v.68-71 ). Ziel der Entmannung sei es gewesen, Earinus' Schönheit und den Glanz seiner Wangen zu bewahren (v.65f.). Indem die AusfUhrung einer Gottheit zugeschrieben wird und die Rolle des Auftraggebers im UngeP.ihren verschwindet, verliert die KaslTation alles Bedrohliche; sie ist kein Unrecht mehr, sondern erhält )>divine sanction«l2I. Die im Anschluss geschilderten Sorgen der Venus um das Wohlbefinden des 327 Siehe Garthwaite 1978, 95. 328 Henriksen 1997, 284, der die von Statiu$ beschriebene Kastralion auch !Isomelhing lofty, a moment of sereni!)' and tranquilli!)'« nennl.
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Die Panegyrik des Slatius
Knaben leiten zum kaiserlichen Kastrationsverbot aber (v.7 tf.), das es zum Zeit· punkt des Eingriffs noch nicht gab. lhre Sorgen hätten auch Domitian umgetrie· hen und aufgrund seiner pulehra ... clementia zu dem Edikt veranlasst (v.73 f.). Die Beweggrunde zu dem Verbot sind von Göttern gedacht worden, folglich ist das Edikt göttlich legitimiert. Kastration ist jetzt ne/as und gegen die Natur (v.75f.). Statius verleiht der Entmannung des Eannus und Domitians Verbot gött· liehe Weihen, und den unbestreitbaren Vorzügen der Verordnung stellt er eine Kastrationsschilderung gegenüber, der alles Negative und Schmerzhafte genom· men ist. Hebt der Autor die beiden Ereignisse in die göttliche Sphäre, um diesen ver· meintlichen Spagat abzumildern? Und warum lässt er sich Oberhaupt ohne Not auf das heikle Thema ein? - Domitians Kastrationsverbot ist von den Zeitgenossen positiv beurteilt worden, und zwar aus moral ischen Gründen : Man empfand es als Unrecht, dass (SkJaven)Kindern im Interesse des ästhetischen Empfindens ihrer Herren Gewalt angetan wurde. Die Kastration war etwas UnnatOrliches.319 Statius prei st den Kaiser auch an anderer Stelle dafür, Sueton erwähnt es unter dessen jurisdiklionellcn, legislativen, zensori schcn und Pontifikalmaßnahmen, die vor Domitians >Abgleiten< in die saev;,ia geschildert werden, also positiv; Ammianus Marcellinus lobte Domitian noch im 4. Jahrhundert dafUr: iuval velerem laudare Domi/ianum ... receplissima inc/aruillege. 110 Statius nennt es daher, weil es sich als panegyrisches Element eignete (siehe sil v. 4,3) - und weil es gerade zum Thema Earinus passte! Wenn Earinus' Ent· mannung und Domitians Kastrationsverbot als krasser, ja für den Kaiser peinli. cher Widerspruch empfunden worden wären, dann hätte Statius beides still· schweigend abergangen. Die Schlussfolgerung kann nur lauten: Es wurde nicht als Widerspruch empfunden. Möglicherweise liegt die Erklärung in der Göttlich· keit, die die Untertanen dem Kaiser zuschrieben: So wie auch seine Verwandten göttlich sein mussten, so fllrbte von der kaiserlichen Sakralität vielleicht etwas auf seinen delieatus ab. Zwnal wenn ihn seine Schönheit und sein Liebreiz dem Ganymed gleiChstellten . Eine )göttliche( Kastration tut niemandem Unrecht, sie fällt daher nicht unter das irdische Verbot : Der Auftraggeber (Domitian) ist göttlich, der die Operation ausführende >Arzt( (Aesculap) ist eine Gottheit und dem >Patienten( Earinus werden ebenfalls göttliche Eigenschaften zuerkannt. JJl 329 Siehe Laguna 1992, 33 1. S.o. S. 62. 330 SIal. silv. 4 ,3, 13·15; Suel. Dom. 7; Amm. 18,4 .5. 33 1 S.a. Verstraete 1989, der d ie Sil va 3.4 als ganze panegyrisch, d ie Verse 65-82 jedoch herr· scherlcrilisch interpretiert: lIStatius wished to demonstrate in Silvae 3.4 thaI even in a poem of ligh thearted fantasy, after paying tribute 10 Earinus' extraordinary beauty and Domilian's exq uisi te taste, he could confronl an issue bolh delicate and serious.« (S. 4 13 .) Damit habe der Autor gezeigt, dass er s ich den Konventionen der Panegyrik nicht komplen unterwerfen wo llte. Überdies habe Stat ius damit angedeutet, dass es unter Domitian sehr wohl gewisse Spietraume fUr Herrscherlcrilik gab (ebd. 412).
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Die Panegyrik des Statius
Die in der Eloge zu spUrende erotische Atmosphärelll schmeichelt daher heiden, Earinus und Domitian. Ihre Beziehung überhöht heide, denn sie profitieren wechselseitig von den Eigenschaften des anderen, Domitian von der Schönheit des Earinus, der Eunuch von der Göttlichkeit und allen VorzUgen des Kaisers. Statius deutet das erotische Verhältnis an, weil es fUr sein Adressatenlob von Nutzen ist; dazu gehörte es auch, auf die Kastration des Knabens einzugehen. Die Frage, was hinter Statius' Aussage steht, mit der Abfassung des Gedichts lange gewartet zu haben, ist damit nicht beantwortet. Etwaige äußere Probleme scheiden als Grund aus. Ist es also doch der Ausdruck größerer Distanz zum Höfling im Vergleich zu den anderen Adressaten des dritten Buchs? Die Frage ist nicht endgültig zu klären. Das Charakteristikum von silv. 3,4 ist ihr Adressat : Der Höfling Earinus genoss größtmögliche, ja intime Nähe zu Domitian. Statius hat diese Nähe poetisch umgesetzt, indem er beider Lob verschränkte (Gedichtaufbau; Earinusgebet rur seinen Henn). Damit mag er sich von beiden potenziellen Sponsoren etwas versprochen haben; auf jeden Fall gah rur ihn : Der Kaiser las mit - das musste in der Würdigung seines engsten Umfeldes berücksichtigt werden. Da Earinus der nominell erste Adressat war, musste das Hauptthema des Gedichts, die Schönheit, auf ihn zugeschnitten werden. Auch auf Domitian ist sie bezogen, aber da die Schönheit kein klassisches Thema der Herrschaftsdarstellung war, ergänzt Statius seine Kaiser-Imago mit aus den Domitiansilven bekannten Elementen. Er reichert dadurch die Panegyrik an, ohne einen spezifischen Schwerpunkt zu setzen. Dasselbe Verfahren finden wir in der Silva an Abascantus (5,1). Auch hier bedient sich der Autor sehr frei aus dem Fundus an lnha1ten der Expression. Die Auswahl gehorcht im Einzelfall jeweils den Erfordernissen des Gedichtthemas, dem Nachruf auf die tote Priscilla und dem Trost fUr den Witwer. Statius preist in verschiedenen Varianten die Sakralität des Herrschers, seine militärischen Erfolge und die Prosperität des Reichs unter seiner Regierung. lJl Mit der Anspielung auf das Templum Genlis Flaviae als )anderem Himmel rur seine Steme< würdigt er die Bautätigkeit Domitians und die Konsekration seiner Verwandten (v.239-24 I). PriscilIas Auffordenmg an ihren Mann, dem Kaiser ein Standbild aus hundert römischen Pfund Gold zu errichten, erinnert an die Herrscherstatuen allgemein und an Domitians Verordnung über deren Mindestgewicht und Material (Gold oder Silber).U. Das Gedicht-Ende stellt Domitian als Friedensbringer dar und wünscht ilun wie in silv. 3,4 ewige Jugend und ein langes Leben (v.260-262).
332 Cancik 1965,56; vgl.a. Garthwaite 1978, 99. 333 Sakralitlt: v. 13-15; 37f.; 111f. ; 164f. ; 207(.; Sieghaftigkeit: v. 105f.; 127-1 29; Prosperitlt: v.88-93. 334 V. 189-191 ; Suet. Dom. 13.2. Siehe Clauss 1999, 129.
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Die Panegyrik des Statius
Die Konzession an das Gedichtthema, den ungerechten, da zu frühen Tod der Priscilla, besteht in der Aussage, dass Domitian zwar alle menschlichen Taten lenkt und beaufsichtigt, aber gegenfiber dem Tod (außer seinem eigenen) machtlos ist (v. 16S-169). Und wie in silv. 3,4 beherzigt der Autor die Regel, da ss der Kaiser, egal in welcher Hinsicht, fiber seine Untertanen zu stellen ist: Abascantus wird von seinen Plänen zwn Selbstmord, wn der toten Gattin zu folgen, abgehalten, weil seine Liebe zu Domitian noch größer sei als die zu Priscilla (v.20S-20S)! Der Kaiser als Objekt der liebenden Zuneigung seines Höflings sticht sogar dessen Ehefrau aus, obwohl die durch den Tod beendete Ehe zuvor als ideal gepriesen wurde. Gleich, auf welchem Themenfeld: Dem Kaiser gebnhrt der erste Rang. Daher übertrifft in silv. 3,4 der Princeps den Eunuchen an Schönheit. Die Earinussilva ist nicht etwa deshalb interessant, weil sie den Dichter in eine vermeintliche Zwickmühle gebracht hätte, einerseits die kastrationsbedingte Schönheit des Knaben, andererseits das Kastrationsverbot des Kaisers preisen zu müssen . Die sakral sublimierte Entmannung des Jungen hat in den Augen der Römer nicht gegen das kaiserliche Edikt verstoßen . Vielmehr demonstriert Statius in demselben Text das Verhältnis von Adressatenlob und Herrscherpanegyrik . Da kein Instrument der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung die Grundzüge der Domitian-Imago vorgab, arbeitet der Dichter daran hier also noch eigenständiger als in den DomitiWlsilven, wo ihm das selbstgewählte Thema gewisse Attribute nahe legte.
5.7 Resümee Statius hat als Thema seiner Domitiansilven ausschließlich prominente Medien der kaiserlichen Expression gewählt. Besonders die Reiterstatue (si Iv. 1,1) und der Palast (in siIv. 4,2) standen fUr die Ostentation der domitianischen Imago. Allen wichti gen Themenfeldem der Herrschaftsdarstellung räumt der Dichter ihren Platz in den Silven ein: Neben der Sieghaftigkeit (1 , 1) und dem kaiserlichen Status (4,1) hat der Euergetismus besondere Beachtung gefunden, denn Statius behandelt seine verschiedenen Ausprägungen. die an unterschiedliche Zielgruppen gerichtet sind, die Reichsbevölkerung (silv. 4,3), die privilegierte Gruppe der Senatoren und Riner (4 ,2) und die plebs urbana (1 ,6). Die Sakralität hat Statius nicht nur mit einer eigenen Silva bedacht, außerdem ist sie in jeder Domitiansilva aJ s zweiter Hauptinhalt präsent. Die Sakralität des Princeps ist immer Thema. Der Einsatz des Mythos und der Götterwelt war zu Statius' Zeiten ein topisches Mittel der Schmeichelei, auch gegenüber anderen Adressaten als dem Kaiser. In der überwiegenden Mehrzahl der Silven an Freunde oder andere Patrone vermengt der Dichter die reale mit der Götterwelt, nehmen Götter an wichti gen Ereignissen im Leben der Adressaten persönlich teil, verrich-
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teo sogar Arbeiten und entscheiden über deren Schicksa1. m Auch die Gleichsetzung mit dem (und das Überueffen des) Mythos und der Wunsch eines mythisch langen Lebens sind nicht allein filr den Kaiser reserviert.l 16 Damit werden die Sakralitätszuschreibungen an Domitian relativiert. jedoch nicht entwertet. Denn die Gleichsetzung mit Göttern oder gar deren Übertreffen bleibt doch weit gehend kaiserliches bzw. höfi sches Privileg: Das Lob des Höflings Earinus setzt sich dW'Ch die göttlichen Attribute z.B. von den an andere delicati gerichteten Schmeicheleien (silv. 2,1; 6) ab.J37 Die Sakralität ist das wichtigste Thema der höfischen Expression und fol glich auch in Statius' Panegyrik. Darüber hinaus ist sie das einzige Kaiserattribut, das sich in geringerem Grade auch anderen Adressaten zuschreiben ließ, weil es mittlerweile üblich geworden war. Ober die chronologische Entwicklung des Kai serlobs bei Statius lässt sich wenig sagen. Im Gegensatz zu Martials Domitian-Epigrammen ist die Zahl der Kaisersilven zu klein, um eine aussagekräftige Statistik der Häufigkeit und Intensität des Herrscherlobs zu gewinnen. Hinzu kommt die Unsicherheit über den Veröffentlichungsmodus der ersten drei Silvenbücher.nl Festzuhalten bleibt jedoch, dass Statius die me isten Domitiansilven in das vierte Buch, das letzte zu lebzeiten des Dichters und des Kaisers erschienene, aufnahm. Die Domitiansilven haben nicht nur allesamt wichtige Felder der Expression zum Thema. bemerkenswert ist, dass Statius sich überhaupt auf die Inhalte der offiziellen Herrschaftsdarstellung beschränkt. Der Kaiser wird als öffentliche Person gepriesen, Privates kommt nicht vor. Gewohnheiten oder Charaktereigenschaften Domitians präsentiert der Autor nicht im privaten Rahmen, sondern stellt stets den Bezug zu dessen öffentlichem Auftreten her. Über die privaten Angelegenheiten von einigen seiner anderen Patrone dichtet Statius dagegen durchaus. Dieser Befund deckt sich mit unseren Beobachtungen Ober Statius' Hofferne oder allenfalls ganz gelegentliche Hofnähe. Er war nicht in der Lage, Privates vom Princeps zu schreiben. weil er keinen Zugang zu dessen Privatbereich, d.i. dem Kaiserhof, hatte.ll ' Daher konnte er nur die öffentlich zugängl ichen Informationen Ober den Kai ser filr seine Dichtung verwerten, und was konnte dies anderes als die Inhalte der Herrschaftsdarstellung sein? Alles öffentl iche Agieren des Kaisers war Teil seiner Expression.
335 Siehe zu den Belegen Szelest 1972. 315f.; außerdem si lv. 2.2,21 -25; 100- 106 u.a. 336 Mythosvergleiche: silv. 2.1 ,88-100; 112f.; 179- 182; 2,6.25-33 ; 3,1. 19-22 u.a.; LanglebensWllnsch: 1,3. 108-1 10; 1.4, 125- 127; 2,2,107-109 u.a. 337 Das Lob des Stella (silv. 1,2) dUrfte durch den massiven Auftrin der Goner als dem Earinuslob gleichwertig zu bezeichnen sein. 338 S.o. S. 21 f. 339 S.1. Mause 1994, 2 11. Vgl. Geyssen 1996, 9: Statius' Innovation in der lateinischen Panegyrik bestand u.a. darin, das Kajserlob in öffentliche Kontexte gesteHt zu haben (silv. 1,1; 6; 4,3). Die augusteische Panegyrik war dagegen privaterer Natur.
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Die Panegyrik des Stalius
Statius nahm die Inhalte der Herrschaftsdarstellung als ihr Adressat auf. Da. wo er es kann, präsentiert er sich als Mitglied einer privilegierten Gruppe, nämlich der (großen) Tischgesellschaft bei Domitians Gastmahl im Palast (silv. 4,2). Das Fest zu den Dezemberkalenden schildert er hingegen als Zuschauer im Amphithe· ater, mithin als Bestandteil der Masse ( 1,6). Dort waren alle Anwesenden, auch dje Ritter und die Senatoren, Teil des Publikums und, wenn auch durch die Sitz· o rdnung hierarchisch voneinander getrennt, in gleicher Weise Adressaten der kai· serlichen Spektakel. Ebenso spricht Statius in der Hymne auf den equus Domiliani als Mitglied der stadtrömischen Bevölkerung, zu der hier auch die in Rom befind· lichen Senatoren zu zählen sind (1 ,1). Die Reiterstatue ist von Minerva nobis ge· geben (v .5), und am Gedichtschluss wird Domitian aufgefordert, die Tempel zu bewohnen, die )wir dir weihen< (dicamus, v. IOS). Mit Ausnahme von silv. 4,2 richtet Statius daher alle Silven als gewöhnlicher, nichtprivilegierter Römer aus der plebs urbana an den Kaiser. Seine konstatierte Adressatenrolle stimmt mit der These, dass er die Expression komplett spiegelt, Oberein. Die Wiedergabe der offiziellen Ostentation sagt daher nichts darllber aus, ob es sich bei den Silven um Auftragsdichtung handelt. Die Silven sind ein authentisches Zeugnis der Inhalte und Standpunkte, die vom domi· tianischen Hof verbreitet wurden, aber sie hatten fur Domitian keine große Bedeu· tung filr die expression.)+O Das zeigt die einzige nicht direkt an den Kaiser gerich· tete Silva. das Loblied auf die Haarweihung des Earinus (3,4) : Sie allein kennzeichnet Statius al s ein Auftragswerk (3 pr. 16·20; s.o. S. 229f.), die Domiti· ansilven hingegen nicht. Ein Gedicht über den Lustknaben des Kaisers zu schrei· hen, hatte dieselbe schmeichlerische Qualität wie Ober Inhalte der Expression zu dichten. Da Statius hier keine Scheu hat offenzulegen, dass er im höfischen Auf· trag dichtet (und auch sonst bisweilen angibt, wo er Aufträge erfiUlt hatJ.t\ deutet nichts darauf hin, dass er das hei den Domitiansilven hätte verschweigen müssen . Dass er die Domitiansilven nicht als Auftragsgedichte bezeichnet, ist entweder auf andere Gründe zurückzufiIhren, oder, was wahrscheinlicher ist, Statius hat sie aus eigenem Entschluss verfasst. Wenn man aus der Ankündigung der Silva in der Praefatio zu Buch 3 schließen kann, dass nur silv . 3,4 auf eine Aufforderung des Kaiserhofs zurückging, dann bedeutel das: Für die Themen seiner Expression hat· te Domitian keinen Bedarf an poetischer Verherrlichung durch Statius. Seinem deJica/us durch ein Lobgedicht eine Freude zu machen und ihm vielleicht am Hof eine Ehrung zukommen zu lassen, damit wird Domitian sicherlich einverstanden • gewesen sem.
340 Vgl. Ve~y 1983, 21 1. 341 Sitv. I pr. 20-23 : 2 pr. 22-24.
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6. Die Panegyrik des Martial
6.1 Die militärische Imago des Kaisers Domitians Kriege eignen sich besonders gut, Martials Reaktion auf Details der kaiserlichen Expression und des Regienmgshandeln nachzuvollziehen. Da uns der Abfassungszeitpunkt der Epigramme relativ gut bekannt ist und Martial die verschiedenen Kriegsgegner erwähnt, lässt sich sein Umgang mit der militärischen O stentation mit den Akzenten, die die kaiserliche aula setzte, präzise vergleichen. Die Untersuchung der militärischen Expression des Kaiserhofs hatte gezeigt. dass dem Sieg Ober die Chatten überragende Bedeunmg eingeräumt wurde, was v.a. in vielfältigen Gennania-Motiven auf den Münzen und in der Annarune des Siegesbeinamen Germanicus zum Ausdruck kam. Demgegenüber spielten die Feldzüge gegen die Daker und die Sannaten eine untergeordnete Rolle. Martial liefert uns ein grundlegend anderes Bild: Nur je ein Epigramm ist dem Sieg über die Germanen (2,2) und dem Dakerkrieg (5,3) gewidmet. 16 Gedichte thematisieren dagegen die Pannonien-Expedition gegen die sannatischen Jazygen und Markomannen. l Schon dieser oberflächliche Befund weckt Zweifel an einer möglichen Einflussnahme des Palasts auf die militärischen Epigramme. Im Folgenden soU Martials Lobpreis der Sieghaftigkeit Domitians betrachtet werden. Daraus werden Anhaltspunkte dafür zu gewinnen sein, warum der Epigrammatiker sich auf die Sarmaten konzentriert und warum er das eigentliche Kriegsgeschehen nur am Rande erwähnt. Das zweite Epigramm des zweiten Buchs ist Martials erstes StUck militärischer Panegyrik in den Epigrammbüchem. Gleichzeitig ist es seine einzige Lobeshymne auf den Kaiser als Germanenbezwinger, was angesichts der massiven HeraussteIlung des Germaniensieges durch den Kaiserhof erstaunt. Sicherlich verwendet Martial außerdem des Öfteren das Cognomen Germani.::us, um den Flavier anzureden oder zu bezeichnen. 2 Dessen Verwendung ist jedoch nicht überzubewerten, denn Martial gebraucht es als einen Namen Domitians unter anderen. Anderer Beinamen oder Titel bedient er sich deutlich häufiger, z.B. Caesar, dominus, dux, deus und auch Augustus.3 Nicht einmal in Gedichten militärischen Inhalts lässt sich eine besonders häufige Verwendung von Germanicus beobachten. Insofern 1 Epigr. 7, 1; 2;5; 6; 7; 8; 80; 8,2; 8; 11 ; 15 ; 2 1; 49(50); 65; 78; 9,]1. 2 Epigr. 5,2,7; 3,1; 19, 17; 7,6 1,] ; 8 pr. im Titel; 8,4,] ; 26,3; 39,]; 53(55), 15; 65, 11 ; 13,4, l. 3 Siehe Martin 1986, 205.
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Die Panegyrik des Mal1ial
ist es ein Mittel der Panegyrik, den Kaiser mit seinem Siegesbeinamen anzureden, es enthält jedoch weniger eine spezifische Aussage als ein generelles Lob. Auch das Epigramm 2,2 entwickelt die Huldigung an Domitian als Germanenbezwinger mithilfe des Cognomens: C reta dedit magnum, maius dedit Africa no men, Scipio quod victor quodque Meleltus habet; nobilius domito tribuit Germania Rheno, el puer hoc dignus nomine, Caesar, eras. frater Idumaeos rneruit curn patre triumphos, quae datur ex C hattis laures, tota tua est.
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(epigr. 2,2)
Martials Panegyrik beginnt nach einem uns gut bekannten Muster: Domitian übertreffe seine Vorgänger, weil die militärische Herausforderung Germanien bedeutender als deren Expeditionen sei. Der Dichter filhrt als Vergleich Q. Caecilius Metellus an, der die Insel Kreta 68/67 v.Chr. unterworfen und zur Provinz gemacht hatte, sowie Publius Cornelius Scipio und dessen Sieg über Hannibal bei Zama 202 v.Chr. Dieser Gedanke war nicht originell, denn Gennanien galt in Rom als der geflihrlichste Kriegsgegner; was sich natürlich auch die domitianisehe Herrschaftsdarstellung zunutze machte . Anders als wir es bei Statius beobachtet hatten und als es in den späteren Martialbilchern festzustellen ist, wählt der Autor hier als Maßstab ausschließlich historische Beispiele, keine mythischen Figuren. Die Kaiserverherrlichung ist hier also noch nicht ins Extreme gesteigert. Zur Technik des Lobes: Der eigentliche Gegenstand des Epigramms sind die Siegesbeinamen. Daher habe Germanien dem Kaiser einen größeren und würdigeren Namen verliehen als ihn Metel1us Creticus und Scipio Africanus trugen (v. I-3). Martial feiert Domitian nicht einfach nur als Germanenbezwinger, sondern verarbeitet ein prominentes Element der Expression poetisch weiter und veredelt so sein Herrscherlob. Ln der zweiten Hälfte des Gedichts setzt er eigene inhaltliche Akzente: Er verherrlicht Domitians militärische Aktivitäten als 19·Jähriger bei der Niederschlagung des Bataveraufstands (im Jahre 70; v.4), als Domitian als Reaktion auf den judäisehen Triumph von Vespasian und Titus (vergeblich) eigenen militärischen Ruhm zu sammeln hoffie.s In der Ostentation seiner Imago als Kaiser hat diese Episode später selbstverständlich keine Rolle gespielt. Den Vergleich mit dem Bruder als Judäasieger, den Domitian - selbstverständlich - gewinnt (v.5f.), hat die offizielle Herrschaftsdarstellung gleichfalls nicht explizit angestellt, mag es auch eine Triebfeder des jüngsten Flaviers gewesen sein, seinen Principat gleich nach Herrschaftsantritt militärisch-sieghaft zu legitimieren. Martial verwendet
4 S.o. S. 47f. 5 Tac. hisl. 4,86.
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Die Panegyrik des Manial
allseits bekannte Fakten aus der Biographie des Kaisers, um seine Panegyrik eigenständig abzurunden. Domitian feierte seinen Triumph über die Chanen im Jahr 83, die Annahme des Cognomens Germanicus fiel ins Jahr 83 oder 84. 6 Martials zweites Buch mit dem Epigramm 2,2 wurde 86 oder 87 veröffentlicht. Ein Gedicht, das den Kaiser als Germanicus verherrlichte, häne sicherlich besser direkt zu dem Akt der Titulalw-Erweiterung gepasst, als mit einer Verspätung von etwa drei Jahren dem Kaiser präsentiert zu werden. Hat der Autor epigr. 2,2 möglicherweise schon 83/84 verfasst und dem Adressaten zukommen lassen und es erst später der Öffentlichkeit im zweiten Epigrammbuch zugänglich gemacht? - Ersunals hane Martial in den Apophorela auf das kaiserliche Cognomen angespielt (14,170). Auch in seinen ersten Veröffentlichungen nach dem Gennanensieg war also prinzipiell Raum fUr Kaiserpanegyrik. Der Autor häne das Epigramm, wenn schon nicht in die Xenia oder Apophorela, dann aber zumindest in das erste Buch aufnehmen können . Die Frage des Entstehungszeitpunkts lässt sich nicht endgültig beantworten. Es scheint aber so, als ob Martial epigr. 2,2 tatsächlich erst ca. drei Jahre nach dem Chanentriumph verfasst hat. J.P. Sullivan liefert einen ErkJärungsversuch dafür, warum der Dichter 86/87 noch den Sieg über die Chanen preist: Damals steckte Domitian in militärischen Schwierigkeiten an der Donaufront, nachdem u.a. sein Prätorianerpräfekt Cornelius Fuscus im Kampf gegen den Dakerkönig Decebalus gefallen war. Domitian hatte zwar trotz des wechselhaften Kriegsglücks 86 einen Triumph über die Daker zelebriert. Dennoch verlegte sich Martial zu diesem Zeitpunkt lieber darauf, einen eindeutigen, unzweifelhaften Sieg zu würdigen.' Einige Jahre später (90) waren die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Dakern ausgestanden. Nach Erfolgen und erneuten Rückschlägen beim 00naufeldzug 89 hatte Domitian zu pragmatischem Handeln gefunden und einen Friedensvertrag mit dem Dakerkönig geschlossen. Daraufhin hatte er einen Doppeltriumph über Daker und Chatten (nach dem Scheitern des Satuminusaufstands) gefeiert. Nun wurde Dakien zu einem tauglichen Panegyrikthema für Martial : Accola iam nostrae Degis, Gennanice, ripae, a farnuli s Histri qui tibi venit aquis, laetus et attonitus viso modo praes ide mund i affatus comites dicitur esse suos: >sors rnea quam fratri s melior, cui tarn prope fas est cemere tarn longe quern colit ille deum.<
5 (ep;gr. 5,3)
Der Autor thematisiert nicht die römischen Feldzüge in Dakien, sondern den Akt des Friedensschlusses. Decebalus' Bruder Degis hatte eine dakische Gesandtschaft angefiihrt, die Domitian in Pannonien aufgesucht hatte, um den Friedens· 6 S.o. S. 48 m. Anm. 10 1. 7 Sulli van 199 1, 132f.
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Die Panegyrik des Martial
schluss ZU besiegeln.- Martial schweigt sich nicht etwa wegen des mangelnden Erfolges über das Kriegsgeschehen aus: Erstens hane es ja sehr wohl militärische Teilerfolge filr Rom gegeben, und zweitens wäre Misserfolg filr den hart gesohenen Panegyriker auch kein Grund gewesen, auf militärischen Lobpreis zu verzichten. Außerdem schildert er den Unterhändler Degis, als repräsentiere er den vernichtend geschlagenen Gegner Roms (nostrae ... ripae; fa mulis Histri ... aquis, v. lr.). Oecebalus verehre den römischen Kaiser aJs Gon (v.6). Martial benutzt das Thema Friedensverhandlung aJso sehr wohl, um die Sieghaftigkeit Domitians en passant zu rühmen. Später, im achten Buch, wird er ihm den Siegerbeinamen Dacieus verleihen, den der Flavier nie angenommen hat: Imperator; Domiliano Caesari Augusto Germanico Dacico Valerius Martialis s. begann der Dichter seinen ein1eitenden Brief zu dem Epigrammbuch an den Kaiser. 9 Der von Martial erfundene neue Siegerbeiname demonstriert das häufiger zu konstatierende Bemühen des Dichters, die Herrschaftsdarstellung des Kaisers noch zu übertreffen und jenem mit eigenen Ideen zu schmeicheln. Die euphemistische Darstellung der realen Machtverhältnisse entsprach ganz der kaiserlichen Ostentation des Friedensschlusses mit den Dakern.10 Denn Domitian vollzog mehrere symbolische Akte, die Siegern zustanden: Er setzte Degis ein Diadem aufs Haupt, das jenen als Vasallenkönig rituell unterwarf, den Soldaten gewährte er Ehrungen und Geldgeschenke, und er feierte in Rom seinen Triumph. ll Martial machte sich also die Hofversion der Ereignisse zu Eigen.12 ErfUlIte der Dichter aber mit der eher beiläufigen Siegesdeutung eine propagandi stische Funktion? - vennutlich war auch diese Panegyrik in erster Linie in Hinblick auf ihren Adressaten Domitian gedichtet. Denn wer in Rom von Domitians Sieg gegen die Daker zu überzeugen war, den wird die offizielle Inszenierung des Triumphs uberzeugt haben. Die besser Infonnierten. die um die wahren Machtverhältnisse wussten, werden hingegen auch durch Martials Panegyrik kaum zu beeindrucken gewesen sein. Denn der tatsächliche histori sche Aufhänger des Epigramms, die Friedensverhandlungen mit den Dakern, sind ja unverblümt benannt ; sie waren nicht als Siegerdiktat umzudeuten. l ) Domitians Kriegszüge gegen die Daker lässt der Dichter außen vor, da sie nicht Gegenstand seines DarsteUungsinteresses sind. Er wählt als Rahmen die Friedensverhandlungen, weil er mit Degis eine nicht-römische, (ehemals) feindliche menschliche Person gewinnt, die mit dem Kaiser, seinem Adressaten, eng in Berührung gekommen ist. Denn das Motiv von epigr. 5,3 ist die Freund und Feind 8 Cass. Dio 67,7,2f.; 5. Friedlaender 18861, ad loc. 9 Epigr. 8 pr. im Titel. 10 S.a. epigr. 6, 10,7; 76. I 1 Cass. Dio 67,7,)[ Siehe dazu Grewing 1997, 124. 12 VgI.a. Sullivan 1991 ,36. 13 Vgl.a. Jones 1992, 150[
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gefangen nehmende Aura des präsentischen Gottes Domitian. Diese Aura verleiht ihm seine irdische Autorität. die hier neben der Sieghaftigkeit gepriesen wird. Sie resultiert aus den gönlichen Eigenschaften des Kaisers, seinem numen.14 Mit der Aura Domitians gelingt es MartiaI, die Imago der Sieghaftigkeit und der irdischen Autorität mit der Sakralität des Kaisers zu verbinden: Degis als Vertreter des besiegten dakischen VasaJlenstaats wird von dem numen Domitians in seinen Bann gezogen. Dabei spielt Martial mit dem Paradoxon, dass die kaiserliche Aura alle Menschen in seiner Gegenwart gleichermaßen für ihn einnehme (in der Regel beschreibt er ja das Verhältnis der Römer zum Kaiser), Degis aber die feindliche Seite repräsentiert. Deshalb sei dieser )froh und erschüttert<, Iaelus et attonitus (v.3), zugleich und wähnt sich gegenüber dem ihm sonst übergeordneten Bruder DecebaJus im Vorteil, weil er die Präsenz Domitians genießen könne, jener nicht (v.5f.). " Hier offenbart Martial seine Vorliebe für Ironie, ein häufig eingesetztes Mittel seiner Epigrammtechnik, ohne dass diese sich gegen den Kaiser wendete. Im großen Stil entdeckte der Spanier die Kriegszüge und die Sieghaftigkeit als Thema seines Herrscherlobs erst 92. Von den acht Epigrammen des siebten Buchs, die Domitian gewidmet sind und ausschließlich panegyrische Inhalte enthalten, ohne diese mit Bitten in eigener Sache zu verbinden, haben sechs Domitians Sannatenexpedition zum Gegenstand.16 Denselben Schwerpunkt setzt Martial im achten Buch (erschienen 94). Ober Domitians Krieg gegen die Sarmaten sind wir nicht besonders gut informiert. Nachdem der Flavier sich 90 und 91 wohl in Rom aufgehalten hatte (rur diesen Zeitraum sind keine militärischen Aktivitäten überliefert), brach er im Mai 92 zum vierten Mal an die Donaufront auf, wo die Sarmaten sich mit den Sueben verbUndet hatten. Durch den Friedensvertrag mit den Dakem konnte der Kaiser durch deren Gebiet marschieren und dadurch die sannatischen Jazygen auf der RUckfront angreifen. Die Römer verloren eine Legion; über etwaige Erfolge ist wenig bekannt. Im Januar 93 kam der Princeps zurück nach Rom, wo er auf einen Triumph verzichtete und sich mit einer ovatio begnügte: Er weihte dem luppiter Capitolinus einen Lorbeerzweig.11 Der Triumphverzicht gibt einen Anhaltspunkt darüber, welchen Stellenwert der Krieg gegen die Sannaten in der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung hatte : Zwar gewährte Domitian der plebs urbana nach seiner Rückkehr Euergesien wie Spiele oder ein Festmahl, und er errichtete einen Triumphbogen (Mart. 8,49(50]; 65; 78). Aber der ausgefallene Triumph verwies den Pannonischen Krieg in der kaiserlichen Expression - wohl wegen des man-
14 Siehe Sauter 1934, 159- 162; dort die Paraltelstelten. 15 Vgt. ebd. 161. 16 Epigr. 7, 1; 2; 5; 6 ; 7; 8. 7,60 dient der Gleichsetzung Domitians mit Jupiter, 7,61 illustriert die Stadt-Umgestaltung des Flaviers. 17 Siehe Jones 1992, 151 f.; Suet. Dom. 6 , I.
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gelnden Erfolges - auf einen Rang hinter den Dakerexpeditionen, von den Chatlenkriegen zu schweigen. Martial liefert uns ein grundverschiedenes Bild. Viele Details der Siegesfeiern in Ro m und die genaue Dauer des Feldzuges kennen wir nur dank seiner Hymnen auf den Flavier als Sannatensieger. Das liegt zum e inen daran, dass er den Kaiser in einer zuvor nicht gekannten Häufigkeit aJ s militärischen Sieger rühmt, zum andern stellt er wiederum nicht das Kriegsgeschehen als solches in den Minelpunkt, das in den buntesten Farben zu schildern dem geübten Panegyriker keine Probleme hätte bereiten dürfen; das Bild Domitians als Feldherr in der Schlacht wird nicht gemalt. Stattdessen dichtet er über Domitians militärische Rüstung, die er mit guten Wünschen gleichsam auf die kriegerische Reise schickt (7,2,t'), und er entwirft das Motiv des Untertanen wunsches. der Kaiser möge möglichst rasch aus dem Feld nach Rom zurückkehren. Dessen Heimkehr steht in den Epigrammen 6, 7 und 8 des siebten Buchs kurz bevor: Damit hat Martial, obwohl er den Sannatenkrieg zum Hauptthema dieses Gedichtzyklus gemacht hat, chronologisch um ihn >herumgedichtet<. Dennoch ist die Imago des Kaisers als Sarmatenbezwingers die Hauptaussage der Domitian-Epigramme in Buch 7. Die ersten heiden Gedichte des Buchs widmen sich Domitians Brustpanzer. Sie zeigen Martials variantenreichen Umgang mit einem Thema, indem heide Texte verschiedene Aspekte des Brustpanzers behandeln und zusammen ein kohärentes Bild ergeben. Das erste Epigramm verleiht dem Panzer göttliche Herkunft, dadurch dass der Kaiser aufgefordert wird, den crudum thoraca seiner Schutzgöttin Minerva entgegenzunehmen (7,1,1). Wenn Domitian ihn anziehe, werde er zur aegis (peclore cum sacro sederit, aegis eril; vA). Die aegis war der WafTenschild der Minerva und damit Synonym für einen göttlichen Schild. Die Aussage, Domitian mache einen Brustpanzer zur aegis, erklärt ihn zur Gottheit. !<) Erneut ist der wehrhafte Herrscher zugleich sakraler Herrscher. Martial macht sich in diesem Epigramm Minervas Eigenschaft als Kriegsgottheit zunutze. Wurde in 7, 1 Domitian angeredet und ihm der Harnisch )verliehen<, so ist 7,2 an die Rüstung selbst adressiert : !nvia Sarmaticis domini lorica saginis ct Martis Getico tergore fida magis, quam vel ad Aetolae securam euspidis ietus texuit innumeri lubrieus unguis apri: felix sorte tua, saerum cui tangere pectus fas erit et nostri mente calere dei. i comes et magnos illaesa merere triumphos palmataeque ducem, sed eito, redde togae.
18 S.a. 7.2 ,6:fas er;t. 19 Clauss 1999.275. Vgl.a. Gmyrek 1998, 62.
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Dass heide Epigramme Martials Ouvertüre zum Sannatenkrieg darstellen, zeigt die Klassifikation des Brustpanzers als )undurchdringlich rur sarmatische Pfeile( ( v. I ). In den Versen 2-6 wird mithilfe der Beschreibung des Panzers die Sakralität Domitians sukzessive aufgebaut. Es beginnt mit der uns vertrauten Technik, den Kaiser bzw. sein Eigentum mythische und göttliche Exempla Oberbieten zu lassen : Als Vergleiche werden der Schild des Mars, des Siegers in den Getenkämpfen,20 und der Kalydonische Eber genannt, der von Meleagers Speer durchbohrt wurde (v.2-4). Als Höhepunkt wird der Brustpanzer glücklich gepriesen, dass er dem lheiligen( Körper (sacrum ... pectus) und dem Geist des Kaisers nahe sein dürfe. Domitian ist noster deus (v.5f.). Dahinter steht der Gedanke, dass die Präsenz des Gottkaisers eine Wohltat, ja geradezu eine Offenbarung ist: Der Brustpanzer wird durch die kaiserliche Aura )gewärmt<. Nicht nur auf die römische plebs urbana, sondern auch, wie wir in epigr. 5,3 gesehen haben, auf den Kriegsgegner und gar auf Sachen wirke das kaiserliche nurnen. Das Privileg, die Gegenwart des göttlichen Kaisers am häufigsten genießen zu können, fordert der Dichter aber rur die stadtrömische Bevölkenmg ein. Deshalb schickt Martial den Brustharnisch - stellvertretend tur Domitian - mit dem Auftrag in den Krieg, möglichst schnell nach Rom zurückzukehren (v.8). Dieses Motiv, hier vorerst nur zart angedeutet, wird dann das übergeordnete Thema der Epigramme 5-8, die zum Ende des Sannatenkrieges verfasst worden sind. Mit dei endet Vers 6 und die poetische Hintuhnmg zur Sakralität des Flaviers. Den Forderungen, die der Autor Domitian mit auf den Weg gibt, ftlgt er das Postulat hinzu, unverletzt zu siegen und anschließend einen Triumph zu feiern (v.7f.). Weil dem Herrscher die Sieghaftigkeit eigen ist, kann der Panegyriker den militärischen Erfolg schon zu Beginn des Feldzugs voraussetzen . Gleich doppelt bekräftigt Martial den Wunsch nach einem Triumph (magnos ... triumphos // palmataeque ... togae) - nicht einfach nur nach dem Sieg: Im Herrscherlob artikuliert er die Interessen der plebs urbana. 11 Die folgenden Domitian-Epigramme rücken die kaiserliche Heimkehl 2 in den Vordergnmd. Sie entwickeln das Thema chronologisch: Epigr. 7,5 spricht das desiderium der Römer nach dem Princeps aus und fordert dessen Rückkehr, 7,6 und 7 sprechen von der fama des bevorstehenden Ereignisses und 7,8 reagiert poetisch auf das in Aussicht gestellte Ankunftsdatum Domitians. Die Gedichte des achten Buchs (2 ; 8; 11) preisen die inzwischen vollzogene Heimkehr und den triumphalen Empfang in der Hauptstadt. Warum fordert Martial die Rückkehr des Herrschers nach Rom so vehement ein? - Zunächst taugte die poetische Ausgestaltung der hauptstädtischen Sehnsucht nach dem Kaiser als Minel des Herrscher20 Siehe dazu Friedlaender 1886 I, ad loc. 21 Möglicherweise klingt hier auch Kritik daran an, dass Domitian den Hauptstadtem den Triumph vorenthielt (in d iesem Fall ware das Epigramm spater verfasst); s. u. S. 260. 22 Siehe zum kaiserl ic hen advenlUS Lehnen 1997.
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lobs. Neben dem Ausdruck der Freude Ober die Rückkehr demonstriert das vorherige desiderium ... populique pa/rumque (7,5,1) die universelle Untertanenliebe zum Herrscher. 21 Mamal versichert den Kaiser der tatsächlichen oder bloß vermeintlichen Sehnsucht der stadtrömischen Bevölkerung, um ihm Popularität zu bescheinigen. Er fand dafUr ein historisches Vorbild in Horaz, der seinerseits den abwesenden Augustus zur Heimkehr nach Rom aufgefordert hatte.2~ Auch er hatte von den desideriis ... jidelibus des Vaterlandes gesprochen (cann. 4,5,15) und Augustus sakrale Eigenschaften zuerkannt, als er ihn bat, Rom sein >Licht< und sein Antlitz zurückzugeben, wodurch die Sterne heller leuchteten (v.5-S). Martials Schmeichelei geschah in seinem eigenen Interesse; durch das Übermitteln positiver Nachrichten konnte er hoffen, das kaiserliche Wohlwollen zu erlangen. Seine Aussage erfUJlte aber auch dann eine Funktion, wenn sie im Namen einer Untertanengruppe oder aller Untertanen getätigt wurde und wenn sie fi1r bare Münze zu nehmen war: Sie formulierte die Erwartungshaltung der stadtrömischen Bevölkerung an den Herrscher, in ihrer Mitte Präsenz zu zeigen. So wie die plebs urbana bei den Spielen die kaiserliche Anwesenheit einforderte, so vermisste sie ihn in der Stadt. wenn er monatelang im Feld war. ll Vor dem achtmonatigen Sarmatenfeldzug war Domitian vermutlich zweieinhalb Jahre in der Hauptstadt gegenwärtig gewesen (s.o. S. 249). Daher konnten bei den Römern während des Kriegs wohl gewisse )Entzugserscheinungen< entstehen. Denn in Abwesenheit war der Kaiser nicht in der Lage, seinen kommunikativen Pflichten nachzukommen. Die Epigramme, die dem Wunsch der Hauptstadtbevölkerung nach der kaiserlichen Anwesenheit Ausdruck verleihen, sind also nicht nur panegyrisch zu verstehen. Dadurch dass Martial sich auf die Erwartungen der stadtrömischen plebs an Domitian bezieht. macht er als Dichter sich das von der plebs reklamierte Recht zu Eigen, Wünsche und auch Kritik gegenüber dem Kaiser zu äußern. Dies, in einen panegyrischen Rahmen gestellt, nennt G. Seelentag den »Mechanismus des affirmativen Fordems«, den er in Plinius' Panegyricus auf Trajan untersucht. 26 Plinius habe nicht einfach eine offizielle Version der kaiserlichen Selbstdarstel· lung referiert. sondern dem Princeps die Vorstellungen der Senatoren bezüglich des kaiserlichen Verhaltens vennittelt. Seelentag konstatiert im Panegyricus ein »reziproke[s] Moment des senatorisch-kaiserlichen Diskurses«: Die Senatoren signalisieren »dem Kaiser die Bereitschaft. jene Bestandteile seiner Imago zu akzeptieren, die er von ihnen gelobt wünsche. Aber im Gegenzug dafilr fordern sie die Einlösung ihrer Bitten gemäß dieser Facetten seiner Imago.« 23 Vgl. Sullivan 1991, 136. 24 Hor. cann. 4,5, Y.a. Y. I-16. 25 Siehe Flaig 1992, 75-77. 26 Seelentag (0. S. 11 , Arun. 11); dieses Zitat sowie die folgenden sind seinem Kapitel 2.2.3 »mon dicturi nis i feceril c Den Kaiser auffordern« enmonunen.
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In Martials Heimkehr·Epigrammen offenbaren sich beachtliche Parallelen: Der Dichter ist bereit, den Kaiser filr dessen Heimkehr zu loben - wenn er denn nun tatsächlich heimkehrt. Da Martial aus der Sicht der plebs urbana spricht, konstitu· iert er einen Diskurs zwischen Kaiser und Hauptstadtbevölkerung. Für seine For· derungen und Kritik hatte der Autor gewisse Spielräume, weil er nicht zu den po. litisch einflussreichen Kreisen gehörte. Aber unbegrenzt war dieser Spielraum nicht, wie der stark affirmative Gehalt seines Fordems zeigt.
Si desiderium, Caesar, populique patrumque respicis et Latiae gaudia vera togae, redde deum vatis poscen1ibus. invide1 hOS1i Roma suo, venia11aurea multa licet: 1errarum dominum propius vide1 ille 1uoque 1erre1ur vultu barbarus et rruitur.
5 (opigr. 7,5)
Epigr. 7,5 etabliert den Untertanenwunsch nach der Gegenwart des Gottkaisers Domitian: Der Herrscher ist deus und die Römer beten zu ihm filr seine Rückkehr (vJ). »Während die vota pro reditu sonst an Jupiter oder an andere Götter gerich· tet werden, gelten sie hier dem kaiserlichen Gott selbst!' In seiner eigenen Hand liegt die Heimkehr. Domitians Status ist daher nicht geringer als der einer himmli· sehen Gottheit. So stark ist das Verlangen nach der Präsenz des Kaisers, dass die militärischen Erfolge an der Peripherie des Imperium Romanum dagegen beinahe an Bedeutung zu verlieren scheinen: Trotz der Siegesnachrichten >beneide< Rom den Feind um die Gegenwart Domitians (v.3f.). Das Einfordern der Präsenz des sakralen Herrschers hat in 7,5 größeren Stellenwert als die Dokumentation der kaiserlichen Sieghaftigkeit. Gleichwohl fehlt diese wie in den anderen Sannaten· gedichten auch hier nicht, und Martial ist auch sonst um eifrige Spiegelung der Expression bemüht: deum in Vers 3 und dominum in Vers 5 lassen die dominus et deus·Formel vernehmlich anklingen.21 Mit der Behauptung, die Römer seien auf die Sannaten neidisch, ironisiert der Epigrammatiker den Wert der Präsenz des Gottkaisers. Auch der Feind genieße den Anblick seiner göttlichen Aura, obwohl er den militärisch erfolgreichen Kai· ser selbstverständlich fUrchten muss (v.4·6). Martial spielt mit dem Widerspruch, der sich aus den sakralen und den sieghaften Eigenschaften Domitians fllr den Barbaren ergibt (während filr die römischen Untertanen natürlich beide Attribute ausschließlich segensreich sind).19 Mit Epigramm 7,6 dokumentiert Martial das Fortschreiten der historischen Entwick lung. Inzwischen läuft in Rom schon das Gerucht der bevorstehenden 27 Sauter 1934, 49. 28 Vgl.a. epigr. 7,2: v.1 domini ; v.6 dei.
29 S.o. S. 249 tu epigr. 5,3; vgl. anders Sauter (1934, 162), der darin eine »auffallende Dop-pclwirkung« des kaiserlichen Numens erkennt: das Trem endum und das Ftl3cinandum , was in vielen Religionen zu beobachten sei.
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Rückkehr um (v. 1-4), jedoch hätte der Dichter gern größere Gewissheit: Die größte Sicherheit brächte der Anblick des Kaisers selbst (v.9f.)! Ecquid Hyperboreis ad nos conversus ab oris Ausonias Caesar iam parat Ire vias? certus abest auctor, sed vox hoc nuntlat omnis: credo tibi, verum dicere, Fama, soles. publica victrices testantur gaudia chartae, Martia laurigera cuspide pi la virent. rursus, io, magnos clamat tibi Roma triumphos invictusque tu&, Caesar, in urbe sonas. sed iam laetitiae quo sit fidu cia maior, Sarmaticae laurus nuntius ipse veni .
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(epigr.7,6)
Neben der Sehnsucht nach dem abwesenden Kaiser steht dessen Sieghaftigkeit im Mittelpunkt. Martial ven.vendet mehrere Bilder fUr Domitians militärischen Erfolg: Die siegverkÜßdenden Depeschen (vietrices ... chorloe) und die lorbeerumwundenen Lanzen bringen die Nachricht nach Rom und sorgen tur allgemeine Freude (v.5f.). Die Prophezeiung ~großer Triumphe< (v.7) nimmt die offizielle Zelebrierung und Expression des Sieges schon vorweg. Oder fonnuliert Martial hier, wie in 7,2,7, die Erwartungen der plebs urhona an den siegreichen Feldherm besonders explizit, weil schon durchgesickert ist, dass dieser gar keinen Triumphzug plant? Auch der Schluss von epigr. 7,8 wird vor diesem Hintergrund möglicherweise klarer: Martial malt sich ausfUhrIich die Scherze und Spottlieder der Soldaten und anderen Untertanen aus (v.7-10), die traditionell auf Kosten des siegreichen Feldherrn gingen, d.h. allgemein die Freuden der Hauptstädter. Mit der Ermahnung, auch Domitian müsse dergleichen zulassen (jas audire ioeos levioraque carmina, Caesar, // ellibi; v.9f.), fordert der Autor erneut affirmativ die Rechte der plebs urbana vom Princeps ein.30 Auf dem Triumphzug werde der Kaiser lauthals als invic(us gepriesen werden, sagt der Dichtcr vomus (7,6,8). Als offenbar fester Bestandteil von Akklamatione nl l zeigten die invielus-Rufe, dass auch die Untertanen an der Expression der kaiserlichen Sieghaftigkeit teilhatten. Martial zitiert das Unbesiegbarkeitsattribut aus dem Munde des Volkes, anstatt den Kaiser einfach selbst al s unbesiegbar zu rühmen: Das ist nicht nur der poetischen variatio geschuldet, sondern dokumentiert dem Herrscher wiederum, dass dessen Expression bei den Bürgern ~ange kommen< ist und diese an ihr beteiligt sind. Der Dichter gibt von der Untertanenseite eine positive Rückmeldung. Die abschließende Bitte, Domitian möge selbst aJ s Bote des in Pannonien errungenen Sieges nach Rom kommen (v. IO), verbindet noch einmal die beiden 30 Möglicherweise klingt hier auch - als NebenbedeulUng - die Aufforderung an, Domitian solle Spon ober Niederlagen, die der Sarmatenfeldzug ihm wohl auch besehen hane, zulassen. 31 Clauss 1999, 261 .
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Themen des Epigramms: die Aufforderung, sich wieder in Rom zu zeigen, nachdem der militärische Erfolg gewiss ist. Das fo lgende Stück (epigr. 7,7) treibt die c hronologische Entwicklung erneut ein wenig voran. Martial ist sich nun sicher, dass sich der Kaiser dem hauptstädtischen desiderium nach seiner Person nicht entziehen kann (v.6). Dass er fremde Königreiche >gezähmt< habe (domantem , vA), qualifiziert den Flavier aufs neue als >Lenker und Vater der Welt< (summe mundi rector et parens orbis, v.5). Wie in der gesamten Epigrammserie (7,5 -8) wird auch hier auf den Sieg über die Sannaten Bezug genommen. Das letzte Gedicht (epigr. 7,8) beginnt damit: Der deus Domitian kehre als Sieger vom nördlichen Rand des Imperium Romanum heim (v.2), und nun ist auch das Datum bekannt. Lm Dezember gedichtet (v.3f.), preist es den Janus fUr die fUr Januar anvisierte Ankunft (v.5f.). Lm achten Buc h gestaltet Martial die Imago Domitians als Sannatenbezwinger weiter aus, ja sie erhält sogar noch größeren Raum . Obwohl mehr als ein Jahr nach Buch 7 entstanden, schließen einige Epigramme noch einmal an das Thema der kaiserlichen Heimkehr an. Waren die oben behandelten Gedichte wohl die Letztentstandenen von Buch 7, so müssen die >Heimkehr<-Epigramme aus Buch 8 zu den arn frühesten verfassten gehören. Die vier Stücke, die den kaiserlichen adventus zum (Haupt-)Thema haben, spielen z.T. vor dem lang ersehnten Ereignis (8,21), z.T. danach (8,2 ; 11); fUr 8,8 ist eine Erzählperspektive aus der Vor- wie aus der ROckschau denkbar. (Anders als in Buch 7 sind sie also nicht chronologisch angeordnet.) Dennoch behandelt Martial in al len vier Epigrammen Reaktionen auf die Rockkehr Domitians, und zwar von den Untertanen, aber auch von Stemen und Göttem. Wiederum steht also das kaiserliche numen und seine Wirkung auf die Wartenden, unter die Martial z.B. auch Janus oder Luna zählt, im Mittelpunkt des Herrscherlobs. Phosphore, redde diem: quid gaudia nostra moraris? Caesare ventufO, Phosphore, redde diem. Roma rogat. plaeidi numquid te pigra Boatae plaustra vehunl, lento quod nimis igne venis? Ledaeo pateras abducere Cyllaron astra: ipse suo eedel nune ti bi Caslor equo. quid cupidum Titana tenes? iam Xanthus el Aethon frena volunt. vigilat Memnonis a lma parens. tarda tamen nitidae non cedunl sidera lud , et cupit Ausonium luna videre ducem . iam, Caesar, vel nocte veni : stent astra licebit. non deerit papulo te venienle dies.
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10 (epigr. 8,21)
Das Epigramm 8,21 setzt unmittelbar vor der Ankunft des Kaisers ein. Martial fordert den Morgenstern (mit seinem griechischen Namen angeredet) auf, den
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angekündigten Tag des fiir Rom großen Ereignisses nun beginnen zu lassen.12 Der panegyrische )Dreh< des Gedichts besteht in der Aussage, dass die Sterne der Nacht nicht dem Tag weichen wollen, weil auch sie den ankommenden Princeps noch sehen wollen (v.9f.). Dank seiner Aura kann dieser den Lauf des Himmels beeinflussen. Der stete Wechsel von Tag und Nacht und der Lauf der Gestirne waren in der antiken Dichtung Paradigmen fiir »Unumstößliche Sicherheit«ll umso gewichtiger das Herrscherlob. Martial erweist die nwninose Kraft des Kaisers, die sogar in die Gesetzmäßigkeiten der Natur eingreifen kann.J.4 Sein numen wirkt auch auf Sterne bzw. Götter, Domitian wird von Göttern verehrt (sidera ; luna; v.9f.). Kastor will dem Morgenstern sein Pferd Cyllarus überlassen, damit der schneller den neuen Tag bringen könne. Er trägt also das Seine zur Ankunft Domitians bei.lJ Aus dem desiderium der Menschen ist nun das Verlangen der Sterne nach dem Kaiser geworden. Das Epigramm spielt witzig die Freude der Untertanen über die bevorstehende Heimkehr (v. I) gegen die Sehnsucht der Sterne aus. Die Menschen warten auf den Tag, die Sterne wollen die Nacht nicht aufgeben. l6 Die AuflöSW1g des Konflikts liefert Martial im Schlussdistichon: Domitian solle nW1 seinen Einzug in Rom unabhängig von der Tages- oder Nachtzeit beginnen, dann wäre allen gedient. Durch sein Erscheinen erschafft der Kaiser den Tag (v.12): »Er ist eine zweite Sonne.
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Herrschaftsdarstellung war. Ja Der Dichter nutzt die Gelegenheit gleich doppelt : Epigr. 8,8 zählt die Bedeutung und die Zuständigkeiten des Janus auf und nennt die Ehrungen und Opfer, die ihm von den Römern dargebracht werden. Martials nicht sonderlich originelle Pointe lautet: Das aJles sei filr ihn nichts wert gemessen daran, dass der Kaiser in seinem Monat heimkehre (v.6). Martia1 wählt das Prä· sens; das Gedicht ist entweder kurz vor oder kurz nach der Ankunft anzusiedeln. Epigr. 8,2 dagegen wendet sich aus der Rückschau an Janus. Fastorum genitor parc:nsque lanus vietorem modo eurn vidcret Histri, tot vultus sibi non satis putavit optavitque oculos habere plures: ct lingua pariter locutus omni tCmlrum domino deoque rerum promisit Pyliam quater senectam . addas, lane pater, tuam rogamus.
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(ep;g.-. 8,2)
Domitians Heimkehr wird nicht mehr explizit erwahnt, das Wissen um die Fakten beim Rezipienten vorausgesetzt. Der Dichter spielt mit Janus' Vielgesiehtigkeit, um dessen Verlangen, den Kaiser zu sehen, auszuschmUcken (v.3·5). Martial beschreibt erneut nicht die Freude der Untertanen, sondern die göttliche Freude: Janus steht filr die Untertanen. die positive Reaktion der Römer auf die Rückkehr Domitians wird so sublimiert. Sullivan sieht darin ein Anzeichen fUr ))Domitian's need for reassurance about his popularity« gegen Ende seiner Herrschaft.19 Janus könne sich nicht satt sehen am Gottkaiser, denn auch auf die Göner wirke das kaiserliche numen. 40 Die weiteren Elemente der Expression, derer sich Martial bedient, feiern die kaiserliche Sieghaftigkeit (victorem ... Histri, v.2) und - wiederum - die Sakralität. Der Poet gebraucht zum wiederholten Male die dominus el deus-Fonnel und damit ein Instrument, dessen Aussage der Kaiser guthieß, dessen unmittelbare Wirkung auf einen Sektor der politischen Gemeinschaft, die Senatoren, aber ver· störend wirkte und die der Kaiser selbst offenbar nur zurückhaltend benutzte.~1 Auch der Topos, ein Gott verspreche dem Kaiser ein Leben von Ubennenschlicher Dauer, nämlich von der Länge eines Nestor (v.5·7), trägt zur SakraJität des Fla· viers bei. Der Vergleich mit Nestor ))ist damaJs gang und gäbe; seine Anwendung auf den Kaiser ist daher nichts Außergewöhnliches und bedarf unbedingt der O· bertreibung, wenn er wirken solh(·l. So auch hier: quater, viermaJ . Nestors Alter
38 S.o. S. 216f. 39 1991 ,135. 40 Vgl. Sauter 1934, 161. 41 S.o. S. S6f. 42 Sauter 1934, 118.
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solle es rur Domitian sein (v.7). Der Princeps übertriffi, wie wir es bei Statius oft gesehen haben. den Mythos. Wie manches MaJ bemüht sich MartiaJ , die strenge panegyrische Struktur des Gedichts aufzulockern, indem er seine Qualitäten aJs Epigrammatiker einbringt. Dass Janus dem Kaiser )mit allen Zungen< das vierfache Alter Nestors versprach, ist eine Anspielung auf das vierfache Gesicht des lanus Quadrijrons. Fr. Vollmer nannte das einen »billigen Witz«·). Anschließend variiert der Dichter ironisch den topischen Wunsch eines langen Lebens filr Domitian: Janus solle ihm noch einmaJ sein AJter dazugeben (v. 8). Mit epigr. 8,11 komplenien Mar1ial das Bild des universellen Jubels Ober den kaiserlichen Einzug in Rom. Neben den Freuden der Götter und Sterne (8,2; 8; 21) beschreibt Martial den triwnphalen Empfang durch die Menschen. konkret die Hauptstadtbevölkerung. Die Lautstärke des Jubelgeschreis, das bis zu den soeben verlassenen Kampfplätzen an der Nordgrenze des Imperiums zu Mren sei (v. 1-4), wird zum Gradmesser rur die Zuneigung der Römer. Sogar dem Verlauf der Spiele, sonst ihr liebstes Kind, vergäßen sie zu folgen (v.5f.). Wieder einmal wird Domitian von einem Dichter bescheinigt, seine Vorgänger zu überbieten, diesmal in der Gunst seiner Untenanen: Keinen FUrsten habe Rom je so geliebt (nu/lum Roma ducem, nec le sie, Caesar, amavil; v.7) .... Neben Domitians militärischer Rüstung und seiner Heimkehr aus dem Krieg setzt MartiaJ noch einen dritten Schwerpunkt zum Thema des Sannarenfeldzugs: Eine weitere Serie von vier Epigrammen ist den Folgen der siegreichen Heimkehr filr Rom und die plebs urbana gewidmet. Manial dichtet über Domitians Manifestation des Triumphs, die ovalio (8,15) und den neuen Triumphbogen (8,65), und er feiert den Herrscher filr die Euergesien aus Anlass der Rückkehr: ein öffentliches Festmahl filr die gesamte Hauptstadtbevölkerung (8,49[50]) und prachtvolle Spiele (8,78).·s In allen vier Texten wird auch dem Anteil der Untertanen an den Triumphfeiern und damit an der kaiserlichen Expression ein gewisser Stellenwert eingerAumt. In epigr. 8,15 setzt sich der Dichter mit Domitians Verzicht auf den Triumph Uber die Sarmaten auseinander. Ober die Gründe fil.r den Verzicht können wir nur spekulieren. Vermutlich war der Kaiser mit dem Ergebnis des Krieges, von dem wir wenig wissen, nicht zufrieden und betrachtete daher seine mi litärischen Akti43 1898. 443. 44 Das Epigramm 9,3 1, das tinzige Gedicht des 9.Buchs mit militärischer Thematik, erinnert noch einmal an das Thema der kaiserlichen Heimkehr, indem es d ie KDrze des Sannalenfeldzugs feiert ( .... 3f.) und die Freude danlber auDert, dass der Krieg zu Ende ( .... 10), Domilian also wiedtr in Rom ist. Es scheint daher in zeitlicher Nahe zu Domitians ROckkehr aus dem Sarmatenkrieg (93) entstanden zu sein (s. Friedlaender 1886 11 , ad loc. und Henrik5tn 1998, 163) und a ls ~Nach zDglerc zu dem Thema in das 9 .Buch aufgenommen worden zu sein. 4 5 Die zwei lelZlgenanmen Epigramme (8,49{50] und 8.78) werden in Kapitel 6 .2 ober Domitians Euergetismus behandelt.
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vitäten in Pannonien aJs noch nicht abgeschlossen. 10 Sachen voreiliger Triumphe war Domitian ein gebranntes Kind, da er 86 einen großen Dakertriumph gefeiert hane, der durch kurz danach eintreffende Negativrneldungen von der Donaufront zur Farce wurde. Es ist also denkbar, dass er mit einem Sannatentriumph warten wollte, bis er einen umfassenden und vorläufig unumkehrbaren Sieg errungen hatte. 46 Dum nova Pannonici numeratur gloria belli, omnis et ad reducem durn litat ara lovern, dat populus, dat gratus eques, dat tura senatus, cl ditant Latias tertia dona Iribus. hos quoque secretos memorabit Roma triumphos, nce minor ista tuae laurea pacis erit, quod tibi de sancta credis pietate fUorum . principis est virtus maxima nasse suos.
5 (epigr. 8, ISt '
B.W. Jones urteilt nicht nur Uber epigr. 8,15, sondern auch Ober die BezUge von Statius und Silius ltalicus auf den unterlassenen Triumph, dass sie »tried hard to explain it away« ~·. Er weiß sich mit dieser Einschätzung in guter Gesellschaft, denn die Forschung hat epigr. 8, 15 generell als Zustimmung MartiaJs zu den secrelOs ... triumphos (v.5) gedeutet: »Du weißt, daß dem Volk auch ohne inszenierung eines Triumphzuges die Größe deines Sieges deutlich vor Augen steht.«49 Diese Interpretation hat ihre Berechtigung, sie trifft den Kern der Aussage des Panegyrikers MartiaJ durchaus. Aus der ovatio, der Weihung eines Lorbeerzweigs an luppiler Capitolinus, was nur ein Teil einer kompletten Triumphzeremonie war, macht der Autor einen >geheimen ( Triumph. Den im Pannonischen Krieg erworbenen Ruhm verbucht er auf Domitians Konto (v. 1), und er rühmt das dritte congiarium des Flaviers an das Volk (aus dem Jahr 93): Es mache die Bezirke Latiums reich (v.4). Dennoch scheint mir hier noch eine zweite Allssageebene vorzuliegen. Denn unter den eingangs (v.l-4) genannten traditionellen Segleithandlungen zu einem Triumph erwähnt Martial neben der Volksspeisung auch die Dankopfer an luppiter Redux, ~ an denen die gesamte Hauptstadtbevölkerung gratu;l teilhat, dal popu/us, dat gratus eques, dallura senalus (v.3). Seide Seiten, Herrscher und Volk, 46 Siehe Jo ntS 1992. 15] ; Sull ivan 1991 , 136; Witschel 1997, 102. 4 7 Beac hte die v.617 von Shackleton Bai ley (Teubneriana) abweichende Zeic hensetzung! 48 1992, 152; Sw . si lv. 3,3.1 69-1 7 1; Si !. 15 , 120. 49 So paraphrasieren Banl! I Schindler den Gtdichtschluss ( 1999, 1308). S.a . Fritdlaender 1886 11, ad loe.; Shackleton Bailey 1978, 281 . 50 Vennutlic h sind darunter sowohl der Irtlckfbhrende Jup ittrl als auch der IZW1lckkehrende Domitian( zu vef$tehen; s. dam Fritdlaender 1886 11 , ad loe. (Domilian) und Sauter 1934, 64-66 (Jupiler). 51 gralus ist sicherlich auf alle drei Gruppen zu beziehen; dennoch ist es vennullich kein Zufall , dass der Riner Manial es gerade neben eques stellt. Sie he zu seinem Selbstverständnis als Ritter unten S. 2 83.
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Die Panegyrik des Manial
erfilllen die ihnen zukommende Aufgabe, der Dichter demonstriert das intakte Wechselspiel von Ehrungen und Euergesien. Der )Iogische( nächste Schrin wäre, dass der Kaiser der plebs urbana und den Soldaten den Triumph und die dabei üblichen Zügellosigkeiten und Späße auf seine Kosten erlaubte. Im Gegenzug würde er dafiir von den Untertanen mit neuen Jubel- und BeifaJlrufen geehrt werden. Stattdessen versichert der Poet dem Herrscher anstellig, dessen Kriegsruhm auch ohne Triumphzug nicht geringer zu achten. Die Zustimmung zum Triumphverzicht begründet er damit, dass Domitian sich der sancta ... p ielaie, der »frommen Liebe«, seiner Untertanen gewiss sein könne (v.7). Soweit ist aJles ein stringentes panegyrisches Stück. Wenn das Epigramm aber nur diese eine Bedeutungsebene hat, wie ist dann der Schlussvers zu verstehen? »Eines FOrsten größte Leistung ist es, die Seinen zu kennen.« In dieser Deutung ergibt Vers 8 keinen rechten Zusammenhang zum Vorherigen. Wenn Martial aber meinte, es sei die größte Lei stung, die wahren Wünsche der Untertanen zu kennen, dann bekäme alles seinen Sinn: Zwar akzeptierten die Römer den Triumphverzicht, lieber aber wäre ihnen sehr wohl ein Triumph. Der Kaiser solle nicht seinen Part im Wechselspiel von Ehrungen und Wohltaten vernachlässigen. Vor diesem Hintergrund klingt Martials Zustimmung zu den seerelos . .. Iriumphos (v.5) wie ein Lob mit zusammengebissenen Zähnen. Und nun erinnert man sich wieder der Epigramme des siebten Buchs, die vor der Ankunft des Kaisers verfasst wurden und die auf die bevorstehenden Freuden »großer Triumphe« vorausschauten." Sei es, dass der Spanier bei der Abfassung dieser Gedichte von einem Triumph ausging, sei es, dass er, v.a. im Fall von epigr. 7,8. schon gehört haben sollte, dass der Kaiser diese Siegesmanifestation aussparen werde, er dichtete dieses Hemcherlob aueh in dem Bestreben, die Erwartungen der plebs zu artikulie-
ren.
Andere Fonnen der Triumph-Ostentation blieb der Flavier nicht schuldig. Dank epigr. 8,65 wissen wir, dass Domitian anlässlich des Sannatenfeldzugs einen Tempel fUr Forluna Redux und daneben einen Triumphbogen errichten ließ.H Hic ubi Fortunae Reducis fulgentja late templa nitent. felix area nuper erat: hic slelit Arctoi formosus pulvere beJli purpureum fundens Caesar ab ore iubar; hic laum redimita comas et candida cultu Roma salutavit voce manuque ducem.
5
52 Epigr. 7:2,7; 7,6,7; 7,8.6- 10. S.o. S. 254. 53 Zur Datierung der Bauten s.u. S. 262r. So, wie M8J1ial den Triumphbogen beschreibt (v.9f.). scheint er mit dem auf der MQnze BMC 476t (aus dem Jahr 95196) abgebildeten Bogen identisch zu sein. Siehe Darwall-Smith 1996, 132f. - Der Triumphbogen ist der einzige Bogen Domitians, den Manial beschreibt, trotz der Vielzahl, die der Flavier gebaut haben soll (Suet. Dom. 13,2; Cass. Dio 68,1,1). Laut Friedlaender ist er »wol ein Umbau der pora triumphalis« (188611, ad loc.).
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00040238
Die Panegyrik des Manial grande loci meritum testantur et altera dona: stat sacer el domitis gentibus arcus oval; hic gemini currus numerant elephanta frequentem , sufficit immensis aureus ipse iugis. haec est digna tuis, Gennanice, pora triumphis: hos aditus urbem Martis habere decet.
10
(.p;gr.8,65)
Manial praktiziert einen geradezu )k1assischen< Umgang mit den Elementen der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung. Nicht nur, dass er darauf verzichtet, am Ende des panegyrischen Gedichts ein ironisches Ape~u zu setzen, er präsentiert hier eine besondere Häufung von Herrscherlobtopoi, die wir bei Statius mehrfach be0bachtet haben. Zum Beispiel die KoJossaJität. Ve~ 10 beschreibt den Triumphbogen und preist die ungeheure Größe der Quadrigen (immensis ... iugis). Die Domitianstatuen darauf meisterten diese Gespanne, sie sind also selbst von gewaltiger Höhe, sie sind kolossal. Noch weit größeren Stellenwert nimmt der kaiserliche Glanz ein: Bei seiner Rückkehr aus dem Feld habe der Kaiser »purpumen Glanz von seinem Gesicht verströmt« (v.4). Domitian bzw. seine Statuen (Manial setzt beides - wie auch Statius - gleich) thronten golden auf dem Bauwerk (oureus ipse, v.IO).S( iubor bezeichnet speziell den Glanz der Sterne. Neben dem Attribut der Strahlenkrone ist es der nimbus, der die Gottheiten umgebende Glanz, der den lebenden Herrscher den Sternen gleichmacht.}} Martial preist den Flavier also als Gestirn. Als solches strahlt sein Glanz auf den Fortunatempel (tuJgemia ... lempla; v. 1f.) und sogar ein wenig auf das rö mische Volk ab, das den heimkehrenden Princeps in weißer Kleidung empfing (v.5). Sowohl die Kolossal ität als auch der Glanz untermauern die sakralen Eigenschaften des Kaisers. Martial waren diese Attribute durch den Tempel und den Triumphbogen vorgegeben: Die Farbe der Domitianstatuen (golden) war die Farbe der Götter, und der von Elefanten gezogene Wagen hatte seit langem göttliche Bezüge.56 Folglich bezeichnet der Autor das Monument als sacer arcus (v.8). Er gibt die kaiserliche Expression getreu wieder. Daneben spielt auch in diesem Epigramm die Sieghaftigkeit Oomitians die Hauptrolle. Martial redet den Kaiser mit seinem Siegerbeinamen Germanicus an (v.ll ) und will noch den Staub des Sarmatenkriegs auf dessen Gesicht erkennen (v.3). Es ist das Gesicht des Siegers, denn fremde Völker sind bezwungen (v.8) und der Bogen der domitianischen Triumphe würdig (v. II ). Deutlicher als anderswo verbindet der Panegyriker zudem die Sieghaftigkeit mit der Sakralitltt des Kaise~. Bedeckt vom Kriegsstaub strahlt und glänzt Domitian (v.3f.): Logisch ist das ein Widerspruch, aber nicht fUr den Panegyriker - aus der Sieghaftigkeit fo lgt die Göttlichkeit. Auch Vers 8 ließe sich in diesem Sinne deuten: Der heilige Bo54 Tatslchlich handelte es sich um vergo ldete Bronustatuen; vgl. Friedlaender 1886 11, ad loc. 5S Sauler 1934. 142f.; C lauss 1999, 267. 56 Siehe Darwall-Smilh 1996, 130.
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Die Panegyrik des Martial
gen »frohlocke(( Ober die bezwungenen Völker. Martial ordnet die militärischen Erfolge den göttlichen Eigenschaften des Kaisers unter - und spiegelt doch wieder nur die offizielle Expression: Denn die beiden gemeinsam erbauten (bzw. umge· bauten) Monumente, der Tempel der Fortuna Redux und der Triumphbogen, hat· ten diese Aussage bereits vorgefilhrt. In seinen Siegen manifestiert sich die Gön· lichkeit des Herrschers. Martial ergänzt das Kaiserlob. indem er abennals die Popularität Domitians hervorhebt. Roma, d.h. die gesamte Hauptstadtbevölkerung, begrüßte lorbeerbe· kränzt den zurückkehrenden Princeps (v.5f.). Der Dichter erwähnt bewusst, dass die Untertanen ihren Part in der Kommunikation mit dem Herrscher spielen, in diesem Fall beim Empfang des siegreichen RQckkehrers. Welche Aussage traf die kaiserliche Herrschaftsdarstellung mit dem Bau des ForlUna Redux·Tempels? Und wie stellt sich Martial dazu, wenn er den Tempel zum Gegenstand einer Herrscher·Eloge macht? Da er ja das Thema der kaiserli· ehen Heimkehr wiederholt aufgegriffen hat, musste für ihn die Errichtung eines Heiligtums nach dem Sannatenkrieg, das der Gottheit der Rückkehr geweiht war, von besonderer Wichtigkeit sein. Dass der Tempel tatsächlich anlässlieh des Feldzugs gegen die Sarmaten ge· baut wurde, ist in der Forschung lange Zeit nicht angezweifelt worden . Man hatte eingeräumt, dass epigr. 8,65 nicht sofort nach Domitians Einzug in Rom verfasst worden sein kann, da ja eine gewisse Bauzeit in Rechnung zu stellen ist. S7 R.H. Darwall·Smith hat dem jUngst widersprochen und die fragliche Bauzeit von etwa einem guten Jahr als zu kurz bezeichnet. Zudem bezögen sich Martials Bilder des Triumphs (8,65,5 und 11 ) auf)a real triumph«, möglicherweise den über die Da· ker.5' Mit dieser chronologischen Einordnung irrt Darwall·Smith, wie ich meine. Ein unterlassener Triumphzug war rur einen Panegyriker wie Martial noch lange kein Grund, auf die eigene Verwendung von Triumphalbildem zu verzichten. Au· ßerdem wäre es seltsam, in das achte Buch. das dem Kaiser als Sannatenbezwin· ger gewidmet ist und das mehrere Epigrammserien enthält, die sich auf den Sar· matenfeldzug beziehen, eine Hymne auf ein ArCloum belJum einzuftlgen und ohne weiteren Hinweis damit auf den Dakerkrieg anzuspielen. Und schließlich interpre· tiert Darwall·Smith die Verse 1/2 von epigr. 8,65 selbst in dem Sinne, dass an der Stelle des Fortunaheiligtums (deren Lage nicht genau lokalisierbar ist) nuper noch eine freie Fläche gewesen seL S9 Nun ist die exakte Distanz des Zeitpunkts zur Ge· genwart des Sprechers, die nuper bezeichnen kann, nicht zu bestimmen, aber liegt es nicht näher, darunter einen ein gutes Jahr entfernten Zeitpunkt zu verstehen als einen, der schon über filnf Jahre zurückliegt"'" Zudem musste der Tempel zur Zeit 51 Siebe Friedlaender 18&611, ad loc.; vgl.a. Sullivan 1991 , 136.
581996,130. 59 1996, 131. 60 Der letzte Triumph ober die Daker daliene aus dem Jahr 89.
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Die Panegyrik des Manial
der Martial-Eloge noch nicht fertiggestellt sein. Ein Rohbau aber konnte in dem fraglichen Zeitraum allemal errichtet worden sein. Wenn man sich damit der Deutung anschließen kann, dass der Tempel der Forluna Redux anlässlich der Rückkehr aus dem Sannatenkrieg errichtet wurde, dann kann man sich der Frage zuwenden, ob er der bildhafte Ausdruck eines regelrechten Programms der kaiserlichen Expression war und welche Wechsel wirkungen zu Martials Epigrammen festzustellen sind. Martial verwendet die Vokabel redux im Zusammenhang mit dem Flavier außer in 8,65 noch zweimal: Janus freue sich, in seinem Monat den reducem ... deurn (Domitian) zu sehen (8,8,6) und in Rom opfere jeder Altar ad reducem ... lovern (8, 15,261 ). Die weitere Quellengrundlage ist dünn. abgesehen von dem Heiligtum haben wir keine weiteren Zeugnisse; auch Münzmotive gibt es nicht. 62 Dennoch triffi ein Redux-Tempel eine nichtalltägliche und daher nicht zu übersehende Aussage: Den Kult der Fortuna Redux gab es seit Augustus, der ihr einen Altar errichtet hatte; Vespasian ließ jährlich Münzen mit der Legende FORTVNAE REDVCI prägen, die auf der Vorderseite entweder sein Porträt oder das seines Sohnes Titus trugen; ein Tempel hingegen war ein Novum .6J Gleichzeitig scheint es gerechtfertigt, den Bau in Verbindung mit Domitians Manifestation des Triumphs zu sehen, da er ja in enger Beziehung zu dem Triumphbogen entstand. Anstatt den Triumphzug zu feiern, etabliert er den Kult der Göttin der Rückkehr in bisher ungekanntem Ausmaß. Wir bewegen uns auf dem Boden der Spekulation; nichtsdestoweniger ist der Gedanke reizvoll, Domitian könnte, aus früheren Erfahrungen klug geworden, von einem voreiligen Triwnphzug abgesehen haben, da der Kriegsgegner keinesfa1 ls endgültig besiegt und weitere Kampfhand1ungen wahrscheinlich waren. Dem Senat, dessen fUhrende Vertreter über die Kriegslage zweifelsohne infonniert waren, konnte er einen weiteren Triumph, rur den gar kein echter Anlass gegeben war, nicht zumuten. Der plebs hingegen, die über einen geringeren Kenntnisstand als die Senatoren und die Soldaten über die Ereignisse an der unteren Donau verfUgte, konnte ein mittelmäßiges Resultat ohne weiteres als militärischer Erfolg verkauft werden. Da sie einen gewissen Erwartungsdruck gegenüber dem aus dem Krieg zurückkehrenden Kaiser-Feldherr hegte, konnte Domitian auf eine Sieges-Expression nicht vollständig verzichten. Daher stiftete er Spiele, ein Festmahl und den Triumphbogen. 6oI Die reduzierte Siegesdarstellung wurde durch ein regelrechtes Programm, das die Imago des Kaisers als Rockkehrer propagierte, ergänzt, des Kaisers, der
61 S. dazu oben Anm. 50. 62 Mit Ausnahme der (möglichen) Abbildung des dazugehörigen Triumphbogens (BMC 476t); 5.0. Anm. 53 . 63 Mon. Anc. 2,11 ; BMC 11, S. 114, 127, 130, 135, 140 u.a; s. S. Weinstock, Divus Julius, Oxford 1971 , 126; Darwall·Smith 1996, 13164 Man. 8,49(50); 65 ; 78 .
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Die Panegyrik des Martial
nun wieder unter den Bewohnern Roms weilte und seine Verpflichtungen als Herrscher ihnen gegenUber erfillite. Dass die römische plebs diese Verpflichtungen einforderte, zeigt Martial, der sich hier ihre Sichtweise zu Eigen macht Dessen Epigranune, die den Kaiser zur Heimkehr auffordern, sind oben behandelt worden. Da er später auch Trajan nach dessen Erhebung zum Kaiser 98 um die Rückkehr nach Rom bittet (epigr. 10,6 und 7), handelte es sich also wn einen Wunsch an den Princeps, der unabhängig von der Person des Herrschers bestand, zumindest aber als solcher geäußert wurde. Vermutlich artikulierte der Dichter das Anliegen in dem Wissen, nicht nur fUr sich, sondern fiI.r die plebs urbana oder zumindest größere Teile von ihr zu sprechen. Es gab also eine kaiserliche Ostentation dieses Themas, und es war offenbar ein solches Bedürfnis bei den Untertanen vorhanden. Was aber war zuerst da? Griff der Kaiserhof in der Bevölkerung verbreitete WUnsche und Sehnsüchte auf? Oder spiegelt Martial als eifriger Panegyriker abermals geflissentlich die kaiserliche Herrschaftsdarstellung? Die Chronologie der Epigramme gibt darüber keine verlässliche Auskunft. Auch epigr. 7,2, das das erste Mal den Untertanenwunsch nach schneller Rückkehr Domitians andeutet (v.8), kann theoretisch gegen Ende des Sarmatenzuges verfasst worden sein, so dass ein RedUX"-Programrn des Hofes schon in Vorbereitung sein konnte. Vielleicht liegt die Wahrheit wieder einmal in der Mine, und die Vorstellungen der römischen Bevölkerung und die Expression des Herrschers beeinflussten sich gegenseitig. Die Ostentation durch den Hof griff im Volk verbreitete WUnsche auf, goss sie in konkrete Symbole und Schlagwörter und verstärkte diese Interessen dadurch. Falls diese Deutung des historischen Vorgangs zutriffi, ist es unmöglich zu differenzieren, welche der heiden Seiten, Herrscher oder Untertanen, Martial mit seiner Epigrammserie zum Thema Redux zitiert. Dass darin zu einem nennenswerten Teil Vorstellungen der plebs enthalten sind, scheint mir aber WlStrittig. Insofern verlieren meine obigen Interpretationen, die dem Dichter unterstellten, die Interessen eines Sektors der Gesellschaft zu artikulieren, nichts von ihrer GUltigkeit. Das Epigramm 8,65, vermutlich mindestens ein Jahr nach Domitians Einzug in Rom und der ersten >Heimkehr
Dit: Pant:gyrik des MaJ1ial
offiziellen Herrschaftsdarstellung. Die Frage, wie erfolgreich ein militärisches Unternehmen des Kaisers war, spielte fUr Martials Entschluss, es für das Herrscherlob zu themati sieren, keine Rolle. Der Anstieg militäri scher Inhalte verlief parallel mit einer erhöhten Anzahl panegyrischer Gedichte allgemein in den Epigrammbüchem. Als Martial sich zu einer Steigerung des Herrscherlobs entschloss. war der Pannonische Krieg eben das wichtigste Thema auf der aktuellen politischen Agenda. Deshalb wählt der Autor es als Aufhänger fUr seine Schmeicheleien, obwohl er mit dem Kriegswesen an sich erkennbar nichts am Hut hat. Aus Anlass des fUr den Panegyriker natürlich erfolgreichen Feldzugs lobt er verschiedenste Aspekte: die Rüstung des Kaisers, dessen liberalitos und dessen Göttlichkeit. Martial fUlh den selbst aufgegebenen Rahmen auf seine Art. Eines der wichtigsten Elemente der kaiserlichen Expression, die Sieghaftigkeit, ist dem Spanier, so häufig er es im Zuge des Pannonischen Kriegs auch verherrlicht, doch nur Mittel zum Zweck. An diesem Befund werden die anderen zentralen Inhalte der Herrschaftsdarstellung bei Martial im Folgenden zu messen sein. Verglichen mit Statius' militärischem Herrscherlob fallen weniger Unterschiede als Parallelen auf: Die lmago des Kaisers als Friedensbringer spielt bei Martial kaum eine Rolle. Drei eher beiläufige Erwähnungen der pax Romana, von denen nur eine Nennung einem direkt an Domitian adressierten Epigramm entstammt, fa llen kaum ins Gewicht. 65 Gemeinsam dagegen ist beiden Dichtem der überragende Stellenwert der Sakralität Oomitians auch in Texten, die per se einem anderen prominenten Attribut, der Sieghaftigkeit, gewidmet sind. Die Betonung der Göttlichkeit des Kaisers fehlt nie; gelegentlich verbindet Martial sie besonders eng mit dessen militärischen Erfolgen (5,3), bisweilen erhält sie sogar den Primat (7,5; 8,65). Stellt man die militärische Expression des Hofes der Version Martials gegenüber, so offenbart der Dichter hin und wieder eine treue Übernahme der offi ziellen Darstellungen (z.8. in 5,3; 8,65). Stärker wird aber seine eigene Handschrift erkennbar, die sich v.a. in der Dominanz des Sarmatenkriegs, gelegentlich auch in eigenen Themen (z. 8 . in 2,2) äußert. Dazu kommt die Technik des Epigrammati· kers. die Panegyrik durch ironische Pointen aufzulockern (7,5; 8,2). Schließlich fällt auf, wie häufig Martial die Panegyrik mit der Artikulation der stadtrömi schen Wünsche und Forderungen an Domitian verbindet. Immer wieder betont er, dass die Untertanen ihre Rolle in der Kommunikation mit dem Herrscher emllit haben und eine entspre<:hende Gegenleistung (die kaiserliche Präsenz. Triumphe) erwarten können.
65 Epigr. 8,15.6 (an Domilian); 7.80,1: 9,70.8. 5.a. 9,1 01.21. Andere Akzenruimmg bd Sullivan 1991 , 131.
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OOO'O~J6
Die Panegyrik des Martial
6.2 Der Kaiser als Euerget Der kaiserliche Euergetismus zielte in erster Linie immer auf die Hauptstadtbe· völkerung. Wir hatten schon festgestellt, dass sich Martial häufig zu deren Sprachrohr machte. Daher hat seine Rezeption der /iberalitas Domitians filr uns hervorragendes Gewicht. Unter den Euergesien behandelt er v.a. Attraktionen aus der Arena;66 sie liegen dem Dichter besonders, denn kuriose Schauspiele eignen sich gut filr poetische Spielereien. Auch anderen Maßnahmen der herrscherlichen Wohltätigkeit widmet er sich, der Bautätigkeit (epigr. 5,7), den Volksspeisungen (8,49[50]) und dem dritten congiarium Domitians (en passant in 8,56[54». Aber im Vergleich mit den Spielen erreichen diese nicht dieselbe Bedeutung filr den hauptstädtischen Dichter. In der Arena war der Kaiser zwar Stifter, gleichwohl ansonsten Zuschauer der dargebotenen Spektakel. Bei der Untersuchung dieser Epigramme wird daher ein Augenmerk darauf zu legen sein, wie Martial Domitians Rolle, etwa im Vergleich zu den militärischen Epigrammen, ausgestaltet. Der Euergetismus als Thema des Herrscherlobs findet sich Ober viele EpigrammbOcher verteilt; da diese Gedichte aus allen Phasen des domitianischen Principals stammen, ennögl ichen sie einen vergleichenden Blick auf das Maß an Panegyrik: Hat Martial die Intensität seines Herrscherlobs mit den Jahren gesteigert"rJ Bevor wir uns den einzelnen Euergesien zuwenden, wollen wir das Epigramm 8,56(54) betrachten, das die liberalitos des Flaviers der Liebe des Volkes gegen· überstellt. Magna lieet lotiens tribuas, maiora daturus dona, ducum viclor, vietor el ipse tui, diligeris populo non propter praemia, Caesar, te propter populus praemia, Caesar, amat .
(,p;g<. 8.56154])
Anlass filr das Loblied war vermutlich Domitians drittes congiarium, seine Schenkung an das Volk im Jahre 93 nach dem Sannatenkrieg (dona , v.2)." Der Kaiser übertrifft sich selbst (victor el ipse tui, v.2), weil er seine frOheren Sehen· kungen regelmäßig steigert. Die dona und mit ihnen das gesamte Gedicht lassen sich aber auch vom konkreten Anlass ablösen und auf den Euergetismus Domiti· ans allgemein hin deuten. Dessen Freigebigkeit sticht die seiner Vorgänger aus (ducum victort t9 und sie steigt an, symbolisiert durch die größer werdenden Gaben Epigr. 1,6; 14; 22; 48; 51; 60; 104; 4.]5; 14; 8,26; 30; 5](55); 18; 9,2]; 24. 61 Siehe dal.lJ auch unten Kap. 6.6.1. 68 Konkret benannte Manial das drine congiarium in epigr. 8,15,4. VgI.a. Friedlaender 1886 66
11 , ad !oe.
69 In der zy.·eifachen Nennung Domitians als viclDr in der Mine von v.2 klingt dessen propagiene Sieghaftigkeit an.
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(magna ... maiora, v.H.). Dennoch, SO Manials Wendung in der zweiten HäUle des Gedichts, wird die liberolilas ihrerseits Oberboten: Denn mehr noch aJs diese liebt das Volk die Person des Princeps selbst (v.3f.). Die Liebe der plebs urbano zum Herrscher ist unabhängig von dessen Euergesien vorhanden. Martial setzt also den Euergetismus und die Liebe des Volkes in Beziehung zueinander, aber er betont die Eigenständigkeit der GefUhle der Untertanen. Was als Loblied auf 00rnitians Freigebigkeit begann (das seinen Wert auch behält), endet mit der schon wiederholt angetroffenen Versicherung, dass der Kaiser die Zuneigung der Römer besitzt. Von einem solchen Herrscher - das ist der unausgesprochene Nachsatz nehmen die Untenanen die Gaben gerne an. Für das Wechselspiel von euergetischern Kaiser und liebendem Volk sind die Grundvoraussetzungen gegeben. Das Epigramm 8,49(50) hat ein Festmahl Domitians filr die Hauptstadtbevölkerung zum Thema. Es ist aufgebaut aus lauter Elementen der Panegyrik, die uns bereits begegnet sind.
Quanta Gigantei memoratuT mensa triumphi quantaque nox superis omnibus illa fuit, qua bonus accubuit genilor cum plebe deorum el licuit Faunis poscere vina lovem: tanta tulS, Caesar, celebrant convivia laurus; exhilarant ipsos gaudia nostra deos. vescitur omnis eques tecum populusque patresque et capil ambrosias cum duce Roma dapes. grandia pollicitus quanto maiora dedisti! promissa es! nobis sportula. reeta data est.
5
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(.pigr. 8,49[50])
Die erste Gedichthälfte vergleicht die römische Speisung mit dem olympischen Mahl, das Jupiter im Anschluss an die Gigantomachie gab. Die Gleichsetzung des Flaviers mit dem Göttervater ist oft genug behandelt worden, sie braucht hier daher nicht näher erläutert zu werden. MartiaJ hebt zwei Dinge an dem göttlichen Mahl hervor, deren Parallelität zu Domitian er in der zweiten Gedichthälfte erweist: I. die >quantitativen< Eigenschaften der Festtafel (quanta ... mensa, v. l) und der Nacht, in der das Essen gegeben wurde (quantaque nox, v.2), d.h. die üppigkeit und Pracht dcr dargebot~n en Speisen wld die Länge des nächtlichen Festmahls. Genauso prachtvoll und unerschöpflich seien die Tische der domitianischen Speisung gewesen (tanla ... convivia, v.5). 2. Der Göttervater lag mitten unter dem gemeinen Göttervolk bei Tisch (v.3). Oomitian tat es ihm gleich und nahm zusammen mit ganz Rom die Mahlzeit ein (V.8).70 70 In Yers 4 wird eine )Yerkehrte Welt(·Situaüon angedeutet: Die Faune durften von Jupiter Wein verlangen. Die Gleichsetzung des Kaisen mit dem GOttervater geht sicher nicht so weit., dass bei Domitians Festmahl )Yerkehne Weh(·Zustlnde hernchten. Diese Referenz ist wohl eher pa. negyrische Übertreibung der Tatsache, dass der Kaiser gemeinsam mit den Untenanen speiste. Nal11rlich geht die Paraltelisien.lOg auch nicht so weit, die Römer mit dem GOttervolk gleichzuset-
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Die Panegyrik des Martial
Wiederholt begegnete uns schon die Betonung des Panegyrikers, dass die maßgeblichen Untertanengruppen an der Expression der kaiserlichen Majestät teilhaben, wn den Kaiser ihres Erfolges zu versichern:71 Der gesamte Senatoren- und Ritterstand und die plebs bildeten Domitians Tischgesellschaft ('1.7). Im Schlussdistichon ordnet der Dichter den kaiserlichen Euergetismus ein: Er habe Domitians eigene Versprechungen und damit die Erwartungen übertroffen ('1.9). Die darin anklingende Steigerung erinnert an das zuvor besprochene Epigramm mit seiner Klimax magna ... ma;ora (8,56[54],1). Das Lob hat einen realen Hintergrund, der für uns dank Sueton fassbar ist: Domilian hatte den Brauch der sporIula, »eine Bewirthung, bei welcher jedem Gast seine Portion in einem Korbe verabreicht wurde«, aufgehoben und die cena recta, »)eine ordentliche Mahlzeit mit dem ganzen Tafelapparat«, wieder eingeführt. n Martial spielt darauf wortgleich an ('1.10), denn Domitians Maßnahme fügte sich perfekt in das panegyrische Ideal des Größer, Besser und Mehr ein. Soweit Martials allgemeine Panegyrik auf die Euergesie Volksspeisung. Nun ist noch die Funktion des beschriebenen Festmahls in der Folge des Sannatenkrieges zu beleuchten. Nach Martial »feierten die Tische Domitians sannatisehen laurus« ('1.5). Er wnschreibt damit die Tatsache, dass Domitian keinen Triwnphzug feierte, ersatzweise als Siegesfeierlichkeiten aber dieses Festmahl und die von L. Anuntius SteUa organisierten Spiele (epigr. 8,78) veranstaltete.71 Der Autor bezeugt mit diesem Epigramm die Dankbarkeit und die positive Resonanz der plebs urhana auf den Schritt des Princeps, das Bedürfnis des Volkes nach zeremonieller Würdigung des Kriegszugs zu befriedigen, wenn auch auf weniger symbol beladene Weise. Die Hauptstadtbevölkerung ist mit Domitians euergetischen Maßnahmen v.a. deswegen zufrieden, weil er nun wieder in ihrer Mitte Präsenz zeigt ('1.8). Noch pointierter äußert Martia1 diesen Gedanken im Schlussdistichon von epigr. 8,78, das die Spiele nach Domitians Heimkehr aus Pannonien rühmt : Quos cuperet Phlegraea suos vietoria ludos, Indiea quas euperel pompa, Lyaee, luos, feeil Hyperborei eelebralor Stella triumphi, o pudor! 0 pietas! el putal esse parum. non illi satis est turbalo serdidus auro Hennus el Hesperio qui senal orbe Tagus. omnis habel sua dona dies; nce linea dives cessat el in populum multa rapina cadil:
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zen : Vielleicht strahlte aber etwas von Domitians Göttlichkeit wahrend des Mahls vorobergehend aur sie ab, wofllr auch v.6 sprtche: Die gaudia des Volks &euen sogar die Götter. 71 Mart. 7,5, I: 8,15.3; 4,2.3f. Statius: s.o. S. 217. n Suet. Dom. 7,1: Zitate Friedlaender 188611, ad loe.; vgl. Winterling 1999, 145f. 73 S.o. S. 263. 5.a. Sauler 1934, 68: »Da das Fest eine Siegesfeier iSl, greift Martial geschickt Zl.I dem Mythus vom Gigantensieg.«
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Die Panegyrik des Martial nune veniunt subitis lasciva nomismata nimbis, nune dal spectatas tessera larga reras, nune implere s inus securos gaudet et absens sortitur dominos, ne laceretur, avis. quid numerem currus ter denaque praemia palmae, quae dare non semper eonsul uterque solei? omnia sed, Caesar, tanto superantur honore, quod spectatorem te tua laurus habel.
10
15 (ep;gr. 8,78)
FQr den Dichter ist es ein tamus honor, dass der Kaiser wieder unter der hauptstädtischen Bevölkerung weilt und an den Siegesfeiern teilnimmt (v. 15f.). Gleichzeitig treibt er sein ironisches Spiel damit. dass die gepriesenen Spiele den ausgefallenen Triumph ersetzen: Beim Triumphzug wäre der Kaiser ja selbst Aktiver gewesen, bei den »Siegesspielen«( (laurus, v. 16) ist er hingegen nur als Zuschauer dabei . Der Panegyriker Martial dokumentiert wiederum das Einverständnis des Volkes mit Domitians nachsarmatischem Programm, der Epigrammatiker Martial dagegen ironisiert das Fehlen des regulären Triumphzugs, ohne dass er damit substanzielle Kritik am Herrscher geäußert hätte. Ein bisschen Sticheln war ilun offenbar erlaubt. Eine besondere Note erhält epigr. 8,78 durch seinen zweiten Adressaten : Neben Domitian als dem Stifter der Spiele lobt der Dichter zusätzlich seinen Freund und Patron Stella. der dieses Spektakel - verlIlutlieh in seiner Eigenschaft aJs Prätor - organisierte (v.3f.).74 Im Unterschied zu Statius' Earinus-Silva ist der zweite Adressat dieses Epigramms kein Höfling, sondern ein Vertrauter des Dichters. Es ist hier nicht der Ort, Martials Beziehung zu Stella zu behandeln, dem er viele Epigramme gewidmet hat. Der Autor nutzte wohl einfach die Gelegenheit, in sein Loblied auf die Spiele nach dem Sarmatenkrieg, das an den Herrscher gerichtet war, eine Hommage an seinen Freund einzubauen. 1m Obrigen schmeichelte dem Kaiser die Betonung der willigen Hilfe Stellas bei der Organisation, besagte sie doch: )Gute( Senatoren sind loyaJ zu Domitian.11 Vom konkreten Anlass abgelöst, preist das Epigramm mustergültig die Üppigkeit. den Überfluss und die Pracht der domitianischen Euergesie Spiele. 76 Dabei legt Martials lange Aufzählung der Euefges jen (v.5-J 4) den Schwerpunkt auf die materiellen Gaben; denn ausfUhrlicher als die Wettkämpfe (fUr die die dreißig Wagenrennen pro Tag stehen; v.13f.) werden die dona (v.7) gerühmt. 71 Diese Beobachtung ist ein Indiz dafür, dass die materiellen Wohltaten des Kaisers ftlr die plebs urbana von großer Wichtigkeit waren. Um die Qualität der Spiele zu rühmen, zieht Martial erneut die Gigantomachie und Bacchus' indischen Siegeszug als Vergleich heran, deren Siegesfeierlichkeiten nicht so prachtvoll ausgefallen 74 PIRz A 1151; vgl.a. Henriksen 1998, 20 I. 75 Vgl. Sullivan 1991 , 137. 76 Z.B. UnelJ diva (v.7); muJtlJ rlJpinlJ (v.8); fessera larga (v. IO); quld numerem ... (v. I) . 77 Die Aufzllhlung der Gaben und Anralctionen in der Arena erinnen an Statius' Silva 1,6.
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Di~ Pan~gyrik d~s
Manial
seien (v. I f) . Der sakrale Rahmen der Spektakel war dem Dichter wie allen Zuschauern vorgegeben, denn offenbar waren die Theaterbauten mit einem Hauch von Goldstaub übelZogen, womit Martial die panegyrische Aufzählung beginnt (v.5f).71 Der Lobpreis der Spiele endet in dem schon besprochenen Schlussdistichon (v.15f), das jedoch noch eine weitere Aussage enthält: Mehr noch als seine Wohltaten liebt das römische Volk den Kaiser selbst. Der Poet nimmt damit die Panegyrik von epigr. 8,56(54) wieder auf Den Ruhm der prachtvollen Spiele instrumentalisiert ironisch das Epigramm 9,83. Martial dankt dem Flavier filr die luae miracula ... harenae, die die Spektakel früherer Kaiser übertrAfen (v. I f.): Denn während der Spiele müssten langweilige Rezitatoren verstummen (v.4). Der Dichter benutzt das aufrichtige Lob filr die Attraktionen der kaiserlichen Arena. bei denen ganz Rom zusehe, als Authänger ftlr ein ganz anderes Thema., das ihm am Herzen liegt, den Spott über allzu schJechte Rezitatoren. Auch in der Spätphase des Principats Domitians war es also noch möglich, Panegyrik ftlr den Herrscher zweckzuentfremden und zu ironisieren.
Eine Reihe von Epigrammen des achten Buchs knüpft an den Lobpreis der Spiele von epigr. 8,78 an, indem sie einzelne Schauspiele rühmt (8,26; 30; 53[55]). Diese Einzel studien, die wohl alle anlässlieh der Festlichkeiten nach Ende des Sarmatenkrieges entstanden sind, ergänzen Martials Gesamtbild der domitianischen Euergesie Spiele. Epigr. 8,26 beschreibt ein ungeheuer großes Rudel von Tigern in der Arena: Non tot in Eois timuit Gangeticus arvis raptor, in Hyrcano qui fugit albus equo, quot rua Roma novas vidit, Gennanice, tigres: delicias potuit nce numcrare suas. vinc it Erythraeos tua, Cacsar, harena triumphos ct victoris opes divitiasque dei : nam eum eaptivos agerct sub eurribus Indos, contcntus gemina tigride Bacehus erat.
5 (epigr. 8,26)
Die große Menge an Tigern - Roms Lieblingstieren - , deren Zahl geradezu unzählbar sei (vA), steht tUr den Überfluss des kaiserlichen Euergetismus. Sie abertrifft alles, sogar den Inbegriff des Tigerreichtums Hyrkanien 19 (v. lf.) und den Indienzug des Bacchus (v.5-8), denn der Gott hatte sich mit einem Tigerpaar begoagt . Der Verweis auf Bacchus stellt epigr. 8,26 in einen Zusammenhang mit 8,78. Wiederum ersetzt Martial damit den ausgefallenen Sarmatentriumph durch die Siegesfeierlichkeiten in der Arena (vincit Erythraeos tua ... harena Iriumphos; v.5). Er verbindet den Euergetismus Domitians in seinem Reichtum und seiner 78 Vgl. Mart. 8,33,3; vgl.a. Bane! Schindler 1999, 1326. 79 Vers. Aen. 4.367; Friedlaender 1886. ad loc.
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000402Jb
Die Panegyrik des Martial
Pracht explizit mit der Sieghaftigkeit, indem er den Bacchus als viClor deus bezeichnet (V.6).110 Das Epigramm 8,53(55) variiert das Thema der Prachtentfaltung in der Arena. Statt der großen Menge an Tigern ist es hier die majestätische Stattlichkeit eines einzelnen Löwen, die den Geschmack des Dichters trifft. Imposante oder auch kuriose Schauspiele waren fUr Martial offensichtlich ein reizvolles Sujet, das ihm die panegyrische Dichtung auf den Kaiser leicht machte. In der Auswahl dieser Details aus einer langen Veranstaltung im Amphitheater zeigt sich die alleinige Handschrift des Dichters. Es ist gut vorstellbar, dass einzelne Attraktionen ihn wie auch die anderen Zuschauer wirklich SO sehr beeindruckten, dass sie ihn zu einem Gedicht inspirierten. Die Majestät des Löwen verleitete ihn dazu, nach einer göttlichen Herkunft. zu fahnden (v .14-16).11 In die Abteilung Kuriosa gehört dagegen das Schauspiel, das die Tapferkeit des Mucius Scaevola nachahmte (epigr. 8,30): Dieser hatte nach einem missglückten Attentat gegen den etruskischen König POl'senna jenem seine Unerschrockenheit demonstriert, indem er seine rechte Hand auf einem Opferaltar verbrannte.tl Derartige mythologische oder hi storische Sensationen wurden in der Regel von zum Tode Verurteilten in der Arena nachgespielt. Fasziniert von der Nachahmung schildert der Dichter das Schauspiel und rühmt die Unerschrockenheit des Scaevola als alte republikanische Tugend. Da dergleichen nicht zu den bevorzugten Themen des Spaniers zählt, kann man annehmen, dass bei der Abfassung von epigr. 8,30 die panegyrische Absicht im Vordergrund stand. u Im Epigramm 5,65 stellt Martial Domitian dem Heroen Herkules gegenilber. Gegenstand des Gedichts sind Tierhetzen in der kaiserlichen Arena, die die Taten des Alkiden nachahmten . Sie wurden als Teil der Siegesspiele anlässlich des Doppeltriumphs über die Chatten und Daker im Jahr 89 gegeben .... Ihr Veranstalter, der Kaiser, beabsichtigte mit ihnen, Herku1es' Leistungen zu übertreffen, dadurch dass man die Anzahl der zu besiegenden Tiere erhöhte, noch wildere und gefllhrlichere Tiere in die Arena schickte und die Männer, die sie dort besiegten, als noch größere Helden darstellte. Der Herrscher ilberbietet den Heroen und Halbgott - was die kaiserlichen Spektakel vorgaben, war ein Topos der kaiserli-
80 Vgl. Mart. 8,78,2; SIal. sil .... 4.2.49: 4.3, 155-157; s. zu dem ))traditionellen« Vergleich mit dem siegreichen Bacchus Sauter 1934.86. 81 Mit der Frage, ob Vespasian oder Titus das Tier aus dem Sternbild des Löwen gesandt hattm, erinnert Martial an die Di ...inisierung ...on Domitians Vater und Bruder (.... 15f.). Vgl. Mart. 4,3. $.a. Clauss 1999, 266. 82 Li .... 2, 12f. 8] Siehe dazu Hofmann 1990, 38-44, .... a. 42f. - Poelische Varianten des Scae ...olaschauspiels bieten epigr. 1,21 und 10,25, aber Martial ist uns ansonsten nicht als ...ehementer FQrspre<:her rePlblikanischer Tugenden bekannt. Siehe zur Beziehung der Scae ...olagedichte :zueinander Hofmann 1990, 44. 84 Siehe Howell 1995, 148.
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Die Panegyrik des Manial
chen Selbstdarstellung.u Martial hält sich in dieser Lobeshymne originalgeueu an die Vorlage der hö fi schen Herrschaftsdarstellung. Er stellt einen Katalog von Herkules-Taten (v.I-6) der Aufzählung der domitianischen venationes (v.9- 14) gegenüber und kommentiert den Unterschied zwischen heiden : Welch kleiner Teil nur sind die Taten des Herkules von dem, was in der Arena des Caesar gezeigt wird! Größere Kämpfe beschert schon frilhmorgens der neue Tag. (ista luae, Cae-
sar, quola pars speclalur harenae? // dal maiora novU$ prOl!lia mane dies. V.7(.)
Einen solchen Vergleich von Tatenkatalogen stellt er später noch einmal im Herkuleszyklus des neunten Buchs an, wo er den Herkules-Tempel an der Via Appia behandelt." Das Muster des kaiserlichen Obsiegens über den Heroen ist dort dasselbe. Während er dort aber Domitians reale Handlungen an der herkuJischen Aretalogie misst, vergleicht er in epigr. 5,65 die imitierenden Spektakel der Arena mit dem mythischen Original. Das überbieten des Heroen kommt hier dem domitianischen Euergetismus zugute. Imposante Schauspiele der Arena beschreiben auch der sog. leo-Iepus-Zyklus, sieben Epigramme des ersten Buchs, und ein Gedichtpaar aus dem vierten Buch Ober grausame Antilopen.17 ln ihnen interessiert den Dichter das dressierte, widernatürliche Verhalten der Tiere. Es erscheint ihm als ein Wunder (miracuJa, 1,6,5), das er nur auf den Kaiser zurückfUhren kamt. Der leo-Iepus-Zyklus hat die Forschung seit j eher besonders fasziniert und ihr zu kontroversen Deutungen Anlass gegeben." Er soll daher im Folgenden etwas ausfilhrlicher analysiert werden. Für unser Erkenntnisinteresse sind v.a. das erste und das letzte Epigramm des Zyklus von Bedeutung. Aetherias aqu ila puerum poMante per aums illaesum timidis ungu ibus haesit onus: nunc sua Caesareos exorat praeda leones tutus et ingenti ludit in ore lepus. quae maiora putas miracula? summus utrisque auctor adest: haec sunt Caesaris, illa lovis.
S
(.pigr. 1,6)
Im ersten Epigramm ( 1,6) wird das Thema nur knapp eingefilhrt. Offenbar konnte Martial darauf zählen, dass seine Rez ipienten mit dem Stichwort des Hasen, de r ungefährdet im Rachen des Löwen spielt. bereits Ober den Hintergrund orientiert waren: das im Amphitheater zu bewundernde Schauspiel eines dressierten Löwen, der darauf abgerichtet war. Stiere zu löten. aber Hasen unversehrt aus seinem 85 Bei Titus' Spielen zur Einweihung des Kolosseums im Jahr 80 wurden viele Mythosnachahmungen, auch der Taten des Herlcules, geboten, wie Martial im Oe speCloculis lilHr dokumentiert(spcct. 8(6bJ ; 19(16b); 6(5); 9(1); 10(8) u.a.). S.o. S. 54 u. 73. 86 Epigr. 9, I0 I; zwn Zyklus gehoren außerdem 9,64 und 65 . S.u. Kap. 6.4.4. 87 Epig.r. 1,6; 14; 22; 48 ; 5 I; 60; 104; 4,35 und 74. 88 O. Weinreich widmete ihm ein eigenes Kapitel ( 1928, 90·109), und N. Holz.berg machte ihn zur Grundlage fUr seine Deutung der Domitian-Epigramme Manials ( 1988, 74-85).
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000402J6
Die Panegyrik des Manial
Maul wieder freizulassen." Der Dichter vergleicht den kaiserlichen Löwen mit Jupiters Adler, der den Ganymed unversehrt, ihn gleichsam mit Samthandschuhen anfassend, in den Himmel bringt (v. lf.). Einmal mehr begegnet uns die Gleichsetzung Domitians mit dem Gebieter der Götter. Martial bezeichnet beide Ereigni sse als miracula, das unbeschwerte Spielen des Hasen im Löwenmaul und den sorgsamen Ganymedtransport des Adlers durch die LUfte. Deren auctores könnten nur die höchsten Mächte sein, eben Domitian und Jupiter (v.5f.). Der Dichter parallelisiert das Löwenschauspiel mit dem Mythos.90 Dadurch und da die Zahmheit des Löwen so offensichtlich gegen seine Natur ist, kann dieses Wunder nur von der göttlichen Wirkkraft des Kaisers ausgehen. Aufgrund der Milde des Löwen hat man Martial verschiedentlich unterstellt, er wolle die dementia Domitians rühmen, die der Löwe nachahme. 91 Dem ist nicht zu widersprechen. jedoch steht m.E. das numen des sakralen Herrschers an erster Stelle, wie der Jupitervergleich zeigt, mit dem der Autor die Gedichtfolge beginnt. Die nächsten Epigramme des Zyklus schildern das Schauspiel von Löwe und Hase mit wachsender Ausfilhrlichkeit. Martials demonstriert eine vielfache poetische Variation der Schauspielbeschreibung. Er stellt sich im ersten Buch als »ein Dichter vor, der einfallsreich und geschickt ein bestimmtes Thema in immer neuem Licht erscheinen lassen kann((92. Das scheint seine Intention mindestens ebenso sehr gewesen zu sein wie das Kai serlob; zwischenzeitlich unterbleibt der Bezug auf den Kaiser ganz (l ,48; 51; 60). Den Gedichtschluss von 1,22 würzt der Dichter hingegen mit einer zeitgeschichtlichen Anspielung: praeda canum lepus eSl, vas/os non impfet hiatus: // non timeal Dacus Caesaris arma puer (v.5f.). Domitian erscheint im Dakerkrieg als die überlegene Macht, die es sich erlauben kann, gegenüber der wehrlosen Zivilbevölkerung Dakiens Milde walten zu lassen. 91 Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Dakern, die 85 begannen, erwähnt Martial hier zum ersten MaI .94 Weniger als der siegreiche Herrscher steht dessen clementia im Mittelpunkt der Panegyrik. Picto quod iuga deligata collo pardus sustinet improbaeque tigres indulgent patientiam flagello, mordent aurea quod lupata cervi, quod freni s Libyci domantur ursi
5
89 Epigr. 1,48,1; 51,3. Über den zahmen Löwen im Amphitheater dichtet auch Stati us: »Ieo mansuetus« (si Iv. 2,5). 90 Weinreich sieht in der rhetorischen Frage (v.5) den Beleg daftJr, dass das grOßere Wunder von beiden nur das Lowenschauspiel sein konne ( 1928, 9 1). 9 1 Citroni 1975, 36; Walter 1996,63 ; Weinreich 1928, 92f. zu 1, 14,5f. Neuerdings Lorenz 1002, 130. 92 Walter 1996, 63 ; vgl.a. Weinreich 1928, 90 und Howe1l1980, 118. 93 Nauta erkennt Domit ians Attribut, großherzig zu sein, auch schon in epigr. 1. 14,5 f. (2002. 408). 94 Siehe Sullivan 1991 , 30.
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Die Panegyrik des Manial et, quantum Calydon tulisse fertur, paret purpureis ape r capistris, turpes esseda quod trahunt visontes el molles due iussa quod choreas nigro belua non negat magistro: quis spectacula non putet deorum? haec transit tarnen, ut minora, quisquis venatus humiles videl leonum, quos velox leporum timor fatigat . dimittunt, repetunl, amantque captos, et securior est in ore praeda, laxos cui dare perviosque rictus gaudent et timidos tenere dentes, mo llem frangere dum pudet rapinam, Slratis cum modo venerint iuvencis. haec c lementia non paratur arte, sed nornnl cu\' serviant leenes.
10
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20 (epigr. I, 104)
Das letzte Epigramm des Zyklus ist auch das längste. In der ersten Gedichthä1fte wird das >Wunden, die Zähmung wilder Tiere, anband etlicher Bei spiele aus der Arena vorgefillut (1 , 104, 1-10). Die Aufzählung ähnelt eher als die anderen Schilderungen des Zyklus der abrigen Kaiserpanegyrik: »more or less in ascending order of size of animal«91, betont sie in ihrer AusfUhrlichkeit die Vielfalt und Exotik der kaiserlichen Arena. Der Dichter arbeitet darin mit uns bekanten Elementen wie Glanz (aurea ... Jupato, vA) und Größe (v.6). Die Reihung gipfelt in der rhetorischen Frage: Wer hielte das nicht fUr die Schauspiele von Göttern (v.II)?96 Erneut wird also die göttliche Wirkkraft des Herrschers als Urheberin der wundersamen Spektakel benannt, und damit wird im ersten und letzten Epigramm des Jeo-Jepus-Zyklus das kaiserliche nurnen explizit erwähnt, was sicher kein Zufall ist. In die Parade all der imposanten Schauspiele eingebettet, wird die Löwe-HaseNummer im zweiten Gedichttei l als der Höhepunkt der Arena dargestellt (v. 1220). Das Epigrwnm 1, 104 macht aber klar: A lle geschilderten Attraktionen s ind von der göttlichen Wirkkraft des Kaisers inspiriert.97 Die wundersame cJementia des Löwen wie auch der anderen wilden Tiere ist nicht allein durch die Dressur zu erklären (v.2If.). Sie haben die dementia des Princeps angenommen. Der Löwe als das königliche Tier dient, aber er beugt sich nur einem Gon oder Gonkönig.91 In den Epigrammen des Jeo-lepus-ZykJus greift Manial sich das spektakulärste und ihn am meisten beeindruckende Schauspiel des Amphitheaters heraus und 95 Howell 1980, 320. 96 Auch e itroni (1975, ad loe.) und Nauta (2002, 409, Anm. 100) verstehen specl acula ... deI» rum in diesem Sinne: Weinreich dagegen Obersetzte »Schauspiele R1r GOtter« (1928, 100); ihm folgen Bari«! I Schindler. Vgl.a. Howell 1980, ad loe. 97 Anders Weinreich ( 1928, 99) und Nauta (2002, 410), die das numen nur auf die Löwen wirken sehen. 98 Weinreich 1928, 101.
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klassifi ziert es als miraculum . Da der Kaiser der Veranstalter und Stifter aller Eu· ergesien ist, kann dieses )Wunder< nur von ihm ausgehen.9\I Die Herrschaft über Tiere, zuma1 Ober Löwen, hatte schon im alten Ägypten als Ausweis des herr· scherlichen Charismas gegolten, in Rom machten sich v.a. die Flavier diese Sym· bolik zu Eigen.1°O Dass der Poet das )Wunder< der göttlichen Kraft Domitians zu· schreibt, ist auch im Jahr 86, der ersten Phase des domitianischen Principats, nichts Aufsehen Erregendes. Allerdings haben diese frühen Epigramme nicht den lobhudelnden Ton späterer Dichtung aber kaiserliche Schauspiele. Die Panegyrik flUlt moderat aus: Der Kaiser kommt, wenn überhaupt, erst jeweils in der SchJ uss· pointe ins Spiel, in den Epigrammen 1,48; 51 und 60 fehlt er ganz.101 Martials poetische Variationsabsicht ist es, die den Zyklus auf sieben Epigramme ausdehnt, die panegyrische Intention ist dem untergeordnet. N. Holzberg dagegen erkannte in dieser Gedichtfolge eine zweite Aussageebe· ne, die neben dem Kaiserlob eine Kommunikation des Dichters mit Domitian darüber enthielte, welche Freiheiten er sich in seiner Dichtung erlauben dnrfe. Der Löwe sei als der Kaiser, der Hase al s Martial zu identifizieren und das ludere des Hasen (z.B. 1,6,4) entspreche dem Hauptgegenstand der Epigramme. So drücke der Autor seine Angst vor der kaiserlichen Zensur aus.10l Die allgemeine Proble· matik dieser allegorischen Interpretation Holzbergs besteht darin, dass »die Gren· ze zwi schen vernünftiger Plausibilität und bodenloser Spekulation schwer zu er· kennen ist«103. Im Speziellen erweisen sich die Schwierigkeiten der Gleichsetzung der tierischen Protagonisten mit Domitian und Martial, wenn man andere solcher Parallelisierungen zum Vergleich heranzieht: Gerade den Ganymedmythos haben sowohl Martial als auch Statius verwendet, um Domitians delicolus Earinus zu schmeicheln und den Princeps dem Göttervater gleichzusetzen. 1 ~ Nach Holzbergs Interpretation mUsste nun der Dichter selbst anstelle des Eari nus mit Ganymed gleichgesetzt werden und damit die Position des Höflings und kaiserl ichen Mund· schenks einnehmen! Schwer vorstellbar. 10' Unter die Überschrift >Wunder der Arena( lässt sich auch das Gedichtpaar des vienen Buchs subsumieren, das die Grausamkeit von Antilopen im Kampf be· schreibt (4,35 und 74).106 Martial verflihn nach demselben Strickrnuster wie im ersten Buch: Er fUhrt die erstaunliche Kampfeswut der sonst friedfenigen Antilo· pen auf die göttliche Kraft Domitians zurück, wie dessen Anrede (4,74,4) zeigt: 99 EbensoClauss 1999. ] 51. 100 Waller 1996. 66; ebenso Citron i 1975,]6 und Howell 1980, 11 9. 10 1 Auch wenn natOrlich auch d iese drei Texte im Zusammenhang des gesamten Zyklus reri· ] iert und verstanden wurde n. 102 Ho lzberg 1988, 78. inzwischen haI er seine Mein ungjedoc::h gelnde n : s.o . S. 15, Anm. ] 5. 10] Waller 1996, 64. 104 Matt. 9, 11,7; 16,6; ] 6 ; SIal. silv. ] ,4. S .o . Kap. 5 .6 und unlen Kap. 6 .5 . 105 Vg l. Waller 1996, 64f. sowie d ie Ei nwAnde von Nauta 2002 , 410f. 106 Ebenso epigr. 5,] I . das d ie Zirkusnummem von AkrobaIen auf Stieren behandelt.
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vis, Caesar, dammis parcere? mitte canes. In der Macht des Kaisers liegt es, die 101 Tiere von dem übersteigerten Kampfeseifer auch wieder zu befreien. Martial verwendet erneut das Mittel der poetischen Variation, wobei er neben ein gänzlich ernsthaftes (4,35) ein ironisch endendes Epigramm (4,74) stellt. Beide dienen gleichwohl dem Kaiserlob. Das Epigramm 4,3 rühmt die kaiserliche civililQS. Zu der Euergesie der Spiele und Spektakel zählten nicht nur die das Publikum unterhaltenden Darbietungen, sondern gerade auch die Anwesenheit des Kaisers, der die von ihm gegebenen Schauspiele gemeinsam mit den Untertanen anschaute. V.a. flir die plebs urbana bedeutete die kaiserliche Präsenz besonders viel, denn während der Spiele )gehörte< er ganz ihr und keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Aspice quam densum tacitarum vellus aquarum defluat in vultus Caesaris inque sinus. indulget tamen iIIe lovi, nec vertice moto concretas pigro frigore ridet aquas, sidus Hyperborei solitus lassare Bootae et madidi s Helicen dissimulare comis. quis siccis lascivit aquis et ab aethere ludit? suspicor has pueri Cacsaris esse nives.
5 (epigr.4,3)
Martial lobt den Princeps dafilr, dass er trotz einsetzenden Schneefalls gemeinsam mit dem Publikum im Theater sitzen blieb und den Schnee auf sein Gesicht und seine Kleidung herabsinken ließ (v.2). Der Flavier bewies also im Schneefall Volksnähe, civilitas. Martial spricht in epigr. 4,3 im Namen der plebs urbana, wenn er Domitian dafUr dankt, dass dieser trotz der denkbar größten Veranlassung das Theater nicht verließ, sondern in der Gesellschaft des Volkes blieb. Der Dichter lobt Domitian filr seine Interaktion mit dem Volk, diese spontane Fonn der Selbstdarstellung. An ein Auftragswerk ist indes nicht zu denken: Der Kaiser im Schneefall im Theater - dieses Kuriosum wird in Rom ohnehin Tagesgespräch mit nachhaltigem Erinnerungswert gewesen sein. Bestenfalls sorgte Martial mit epigr. 4,3 dafilr, dass eine gewisse Zahl von Lesern außerhalb der Hauptstadt von der kaiserlichen Standfestigkeit erfuhr. Um dem literarischen Dank beim Kaiser Nachdruck zu verleihen, ergänzt Martial ihn um einige panegyrische Elemente. Dem Schnee zu trotzen sei Domitian gewohnt, da er in seinen ))hyperboreischen« Kriegen, d.h. gegen die Chatten und I oder Daker, den Schnee und die Kälte des Nordens kennen gelernt habe (v.5f.). Daneben hebt Martial den Princeps auch in diesem frühen panegyrischen Stück auf eine Stufe mit Jupiter: Domitian sehe dem HimmelsJenker den die Theaterauffiihrung beeinträChtigenden Schneefall nach (v .3). Von Nachsicht zu sprechen ist nur gestattet, wenn der Kaiser dem Gott zumindest gleichberechtigt ist. 107 Vgl.a. Weinreich 1928, 88f.
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Im Schlussdistichon zeigt Martial, dass sein Kaiserlob bei aUer Steigerung noch nicht so konventionell und exakt auf die offi zielle Expression ausgerichtet ist wie in den letzten Jahren Domitians. Er benennt als möglichen Urheber fUr den ungewöhnlichen Schneefall scherzhaft den im Kindesalter verstorbenen Sohn Domitians (v. 8). Einerseits nimmt er ein Element der Herrschaftsdarstellung auf, indem er an den zu den Sternen erhobenen Sohn erinnert.101 Andererseits treibt der Dichter aber sein Spiel mit der Verwandtenkonsekration, dadurch dass er den Sohn seinem Vater, dem Kai ser, einen Streich spielen lässt.109 Er eignet sich ein )klassisches( Thema der höfi schen Expression, die Verwandtendi vinisierung, an und bildet mit ihm den ungewöhnlichen Abschluss eines Lobgedichts, das ein Kurioswn, den Schnee im römischen Theater, behandelt. Den Abschnitt über die Spiele bei Martial beschließt das Epigramm 9,23, das wie seine Gedichtschwester 9,24 an den Dichter Carus adressiert ist. Der Spanier nimmt den goldenen Ölzweig.K.ranz zum Anlass, den Carus bei dem Dichterwett· kampf in der albani schen Villa Domitians (vermutlich 94) gewonnen hat. Das Epigramm hat daher nicht eine Disziplin oder Attraktion der Spiele zum Gegenstand, sondern den Siegespreis des Dichterwettbewerbs, der filr Martial einen besonderen Stellenwert haben musste, auch wenn dieser selbst daran wohl nie teil· genommen hat. 110 Zwar behandelt epigr. 9,23 themati sch nur noch den Epilog zu den Spielen, aber die panegyrische Aussage über den Kaiser funktioniert ähnlich wie in den obigen Beispielen. Denn neben Carus ist Domitian Adressat des Gedichts, und wieder einmal der wichtigere. Martial ersinnt eine Aitio logie darüber, dass die Domitianbüste in Carus' Haus mit dem Siegerkranz geschmückt ist: Wundersarnerweise habe sich der Ö lzweig von selbst (ultro, v.4) seinen Platz auf dem Kaiserkopf gesucht. Das Verhalten des Kranzes erinnert an die Tiere in der Arena, die vom kaiserlichen nurnen bewegt wurden. llI Der Pointe gelingt es, beiden Adressaten zu schmeicheln: Der Eichenkranz, Siegespreis der kapitolinischen Spiele, kann auf den albanischen Ö lzweig neidisch sein , weil jener zuerst die 00mitianbüste schmücken durfte (v.Sf.). Dem Carus wird so e in weiterer Sieg pro· phezeit, und Domitian wird der Gunst Minervas und Jupiters versichert. Der öffentlichen Bautätigkeit als Aspekt des kaiserlichen Euergetismus hat sich Martial in dem Epigramm 5,7 zugewandt.
108 Siehe zu Manials Thematisierung der konstkrienen flavischen Verwandten als Aspekt der SakralilAt Domitians unten Kap. 6.4.3. 109 Vgl. Sauter, der das Epigramm eine llmythologisch-lltiologische Spielerei( nennt (1934, 146). 110 Siehe Su lestl 974. 107. 111 Im Unterschied zu den Tieren mag im Falle des Siegeskranzes Minerva ihre Finger im Spiel gehabt haben; das legt 9,24,5f. nahe, aber die Ähnlichkeiten zu den vorher besprochenen edichten sind jedenfalls offensichtlich; s. Weinreich 1928, 137 und Henriksen 1998, 130.
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Qualiter Assyrios renovant incendia nidos, una decem quotiens saecula vixit avis, taliter exuta est veterem nova Roma senectam et sumpsit vultus praesidis ipsa sui. iam precor oblitus notae, Vulcane, querelae parce: sumus Martis turba sed et Veneris. parce, pater: sic Lemniacis lasciva catenis ignoscat coni unx el patienter amet.
5 (epigr.5,7)
Das filnfte Buch wurde im Jahr 90 veröffentlicht. 26 Jahre nach dem großen Brand von 64 und zehn Jahre nach dem nicht minder verheerenden Feuer von SOlil feiert der Dichter mit epigr. 5,7 Domitian für seine Wiederaufbauleistung. Rom sei wie Phoenix aus der Asche gestiegen (v.I-3). Den Phoenix, )~ine optimistische Metapher für die Unvergänglichkeit, das )mythische Symbol der Selbsterneuerung<((, als Sinnbild für das Schicksal Roms zu wählen, war Martials originäre Leistung. lI ) Erst auf den Münzen der trajanischen und hadrianischen Zeit taucht der Vogel als ein Symbol für ein anbrechendes neues goldenes Zeitalter auf. 1L ~ Bei der Selbsterneuerung hat die Stadt die Züge ihres praeses angenommen (vA). Tatsächlich hatte der Flavier seiner Hauptstadt mit vielen neuen Bauten seinen Stempel aufgedrückt, die die durch die Brände gerissenen Lücken im Stadtbild schließen sollten. HS Auf diese Feuer spielt Martial erst in der zweiten Gedichthälfte an mit der Aufforderung an Vulcan, die Römer als Nachkommen der Venus zu verschonen (v.5-8). Das aktuelle Antlitz Roms soll bewahrt werden, eben weil es das domitianische ist. Das Kaiserlob beschränkt sich auf die erste Hälfte des Gedichts (v. I-4) und wird überdies nur durch incendia (v.l) und das folgende Gebet an Vulcan klar. LL6 Was folgt, ist die »Götterburleske« (U. Walter), die Anspielung auf Vulcans Eifersucht auf Mars und die Prophezeiung, dass diese kein Ende finden wird (v.7f.). Ll7 Martial kombiniert also das Kaiserlob mit seiner ironischen Variation der erotischen Verstrickungen der himmlischen Götter. Die Panegyrik fällt maßvoll aus: Dass das Stadtbild Roms zehn Jahre nach dem letzten großen Brand Domitians Handschrift trägt, wird man sagen dürfen. LI • Und dass Martial al s Hauptstädter ein vitales lnteresse an der Restaurierung des römischen Stadtbildes hatte, steht außer Frage. Ein derartiges Herrscherlob lag für ihn nahe: Er hatte »keinen Grund, einer so populären kaiserlichen Politik der demonstrativen Zu112 Tac. ann. 15,38-40; Cass. Dio 66,24,1; s. zu den Feuerschaden von 80 in Rom Howell 1995, 83 . 113 Waller 1996a. 502, der in epigr. 5,7 »eine Qberz.eugende Variante zum erschöpften Motiv von der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters« sieht (ebd.). 114 Siehe Howelll995, 83. 11 5 Siehe Suet. Dom. 5. Vgl. Jones 1992, 79-94. 116 Walter 1996a, 503. Il7 Ebd. 504-506. 118 Howell nennt das Lob »well-deserved« (1995, 83).
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wendung zur hauptstädtischen Bevölkerung seinen Beifall zu verweigem« 1I9. Domitian wird ausschließlich fUr diese Wiederaufbauleistung gerühmt und nur als praeses der Stadt (vA) bezeichnet. Nicht er allein, sondern die Römer in ihrer Gesamtheit werden mit dem Mythos in Beziehung gesetzt und aJs von den Launen des Gottes Vulcan abhängig dargestellt. Das Epigramm 1,70 nennt eine Reihe domitianischer Bauten in lobender Absicht. Als Geleitgedicht für sein Gedichtbuch an den Patron Proculus inszeniert, zielt MartiaJ in Wirklichkeit vermutlich v.a. auf den Nachbarn des Proculus, nämlich den Herrn des Palasts, Domitian. l20 Der Dichter beschreibt seinem Buch den Weg zum Adressaten anband einer Reihe markanter Bauten, die zum großen Teil dem Flavier zuzurechnen sind (v.3-12). Er nennt das Templum Castorum et Minervae und das Arrium Ves/ae, die beide unter Domitian restauriert wurden, sowie den Palast. 1lI Die Erwähnung der Sacra Via (v.5) ließ den Leser an Domitians Horrea Pipera/aria nördlich der Sacra Via und an den Titusbogen denken.m Martial schmeichelt dem Kaiser, indem er sich auf dessen städtebauliche leistungen bezieht. Er zählt die Bauten jedoch nicht einfach auf, sondern benutzt sie als Koordinaten filr den imaginären Gang seines Buchs durch die Hauptstadt. m Domitian trug zur Verschönerung des Straßenbildes nicht nur durch seine Baumaßnahmen, sondern auch durch ein Edikt bei, das An- und Vorbauten, Geschäftsstände und Läden verbot, da diese die Straßen und Gassen verengt hatten. Martial lobt den Erlass mit dem Epigramm 7,61: Er schildert in plastischen Bildern die chaotischen Zustände von vorher, um mit der Sentenz zu enden: nunc Roma es/, nuper magna laberna fuit (v. 10). 12~ Der kaiserliche Euergetismus ist für Martial immer ein aktuelles Thema. Schließlich gehörten v.a. die Spiele zu den regelmäßigen Ereignissen für die plebs urbana, aber auch die Fertigstellung kaiserlicher Bauten erlebte die Öffentlichkeit immer wieder. Die Auswirkungen der liberalitas Domitians zu preisen. war filr den Spanier erkennbar eine dankbarere Aufgabe als die militärische Thematik. Hier kann er der Freude am Imposanten und Kuriosen frönen, Liebe zum Detail entwickeln und frei aus dem reichhaltigen Angebot seine inhalte wählen (z.B. epigr. 8,26; 30). Das betriffi besonders die Euergesien der Arena. derer sich Martial entsprechend häufiger annimmt. Die Themen bringen es mit sich. dass der Epigrammatiker die Panegyrik eigenständiger gegenüber der offiziellen Herrschaftsdarstellung gestaltet als etwa auf dem militärischen Sektor. Er kombiniert das 119 Walter 1996a, 50 1. 120 S. dazu Geyssen 1999, V.B. 736. 12 1 Ebd. 723-725; Jones 1992, 88f. und 9 1. 122 Geyssen 1999,727; vgl. Jones 1992,85 u. 93 sowie Howe1l 1980, 267. Keinerlei Kennm is haben wir von den lecta Lyaei (- Bacchus) und dem IhoJus der Cybcle (v.9f.). 123 S.a. epigr. 9,3, das domitianische Tempelbauten aufzAhlt, aufgrund derer die Götter in ..einer Schuld sl1lnden (v.7- 12); s.u. S. 296ff. 124 Vgl.a. Waller 1996, 195.
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Kaiserlob mit Betrachtungen Ober Dreiecksbeziehungen der himmlischen Götter (5 ,7) oder nutzt es als Aufhänger fUr Witzeleien Uber schlechte Rezitatoren (9,83). Darin ist Martial auch freier und phantasievoller als Statius. Kein Zufall, dass ge· rade das Epigramm 8,78, das zu der langen sarmatischen Epigrammserie mit ihrer merkJich gesteigerten Panegyrik gehört, am stärksten an den Neapolitaner erinnert (s.o. S. 268). Zu der Beobachtung der Eigenständigkeit passt, dass in der Intensität der Schmeichelei deutliche Unterschiede festzustellen sind : In den Epigrammen vor dem achten Buch ist die Panegyrik moderater gehalten, einige StOcke kom· men ohne die Erwähnung des Kaisers aus (z.8. 1,48 ; 51; 60). In ihnen genießt die dichterische Variationsabsicht Priorität vor dem Kaiserlob. Da, wo Martial den Kaiser rühmt, sind es tatsächliche, unbestrittene Verdienste wie Domitians Bautätigkeit oder die Wiedereinführung der cena recta. Wiederum spielt die Sakralität eine prominente Rolle. Einige der Euergesien, v.a. die Spektakel, erscheinen dem Dichter als miracula, weil sie durch das kaiserliche numen inspiriert sind. Die traditionellen Vergleiche mit der Gigantomachie oder Bacchus' Indienzug untermauern die sakrale Imago des Flaviers gelegentlich. Die kaiserliche Wohltätigkeit hat nach Martials Darstellung (8,56[54]; 78) keinen Einfluss auf die Zuneigung der Untertanen zum Herrscher. Um die Liebe des Volkes zu erhalten, muss der Kaiser nicht Wohltäter sein. Damit dokumentiert ihm Martial abermals seine Beliebtheit, um ihm zu schmeicheln. Implizit betont die Feststellung, die Liebe des VoLkes zum Herrscher sei per se vorhanden, para· doxerweise vielleicht auch, dass dieses Volk generöse Wohltaten verdiene. Hatten wir im Letzten Kapitel (6.1) gesehen, dass der Autor im Namen der plebs urbana die kaiserliche Anwesenheit und einen Triumph einfordert, so übermittelt er mit dem Lob des Euergetismus implizit den generellen Wunsch, Domitian möge in seinen Wohltaten gegenüber der plebs nicht nachlassen.
6.3 Zensarische Maßnahmen Censor maxime principumque princeps, cum tot iam tibi debeat triumphos., tot nascentia templa, tot renata, tot spectacula, tot deos, tot urbes, plus debet ti bi Roma quod pudiea est.
5
(epigr. 6,4)
Das Epigramm 6,4 enthält ein allgemeines, in knapper Form alle Hauptthemen der Herrschaftsdarstellung streifendes Kaiserlob : Expansion und Sieghaftigkeit, Götterkulte und Verwandtendeifizierungen, die Bautätigkeit und den Euergetismus
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(V.2.-4). l2S Das alles verdanke Rom dem Kaiser. Die Anrede principum princeps, etwa )der beste und mächtigste Princeps, den es gab und geben wird <, erinnert an die orientalische, v.a. ägyptische, Königsfonnel rex regum und enthält eine effektvolle Überhöhung des Kaisers, indem sie das in Rom verpönte rex durch princeps ersetzt;126 sie korrespondiert den von Domitian verwandten orientalischen Kulten (s.o. S. 55f.), Neben den Alliterationen und Wiederholungen ist es v.a. der Anredevers I, der diesem FUnfzeiler gebethaften Charakter verleiht. 121 Damit ist der Hauptak.zent des Gedichts jedoch noch nicht benannt: Denn der Dichter beginnt seine Anrede mit censor maxime und endet mit der Feststellung, Rom sei pudica. Die prominentesten Stellen des Gedichts erwähnen Domitians censura und als Ergebnis seiner zensorischen Politik, dass Rom nun eben sittsam . seI. Im Jahr 84/85 hatte sich Domitian erstmals die censoria po/es/os verleihen lassen, und seit Ende 85 bekleidete er die Zensur dauerhaft. 12' Darauf spielt Martial wohl mit censor maxime an. 1Z9 Seit dem fUnften Buch nimmt er wiederholt auf Domitians censura Bezug. Vorher, zwischen der Übernahme der dauerhaften Amtsgewalt 85 und dem im Jahr 90 edierten fiinften Buch, hane er sich nur einmal mit dem Zensor Domitian beschäftigt (epigr. 1,4,7). Vermutlich wn das Jahr 90 herum aber veröffentlichte Domitian zwei seiner wohl prominentesten Edikte bzw. Gesetze, nämlich das Theater·Edikt und die Ehegesetzgebung. Zumindest gehören sie zu den zensorischen Maßnahmen, die den Dichter am meisten berührten, denn er reagiert darauf, indem er ihnen breiten Rawn in den EpigrammbUchern 5, 6 und 9 einräumt. Nicht nur, dass er den Kaiser fUr die Verordnungen lobt, er übt überdies häufig satirische Kritik an den gesellschaftlichen Missständen, auf die Domitian zu reagieren versuchte. Auf diese Spon-Epigramme, die sich gegen moralische Fehlentwicklungen wenden, nicht gegen Domitians Maßnahmen, die ihnen abzuhelfen versuchten, wird unten zurückzukommen sein. Außer den Theatervorschriften und der Ehegesetzgebung behandelt Martial die Verbote der Kastration von Sklavenjungen und der Kinderprostitution. Damit zeichnet er sein panegyrisches Bild des Zensors Domitian, filr das epigr. 6,4 gewissennaßen die Überschrift liefert. Domitians andere Refonnschrine zur Besserung des moralischen Zustands der Gesellschaft (s.o. S. 62) finden hingegen nicht des Dichters Interesse. Es wird zu untersuchen sein, welche Kriterien Martials Auswahl bestimmt haben und welche Folgen sich daraus für seine zensorische Imago des Kaisers ergeben. 125 Mehrere Glieder der Aufzahlung siehen rur mehrere Themen, z.B. lemplo rur Kulle und BaJtlItigkeil. oder urbes tUr das Bauprogramm und Expans ion; vgl. Grewing 1997, ad loc . 126 Sauter 1934, 27 und Grewing 1997, 96. 127 Vgl. Grewing 1997, 93. 128 BMC 360ff.; s. Grewing 1997,94; s.o. S. 6\. 129 Vgl. Sullivan 1991 , 145.
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Wir bemerkten schon (0. S. 61), dass epigr. 6,4 Domitians Politik als Zensor in eine Reihe mit den Hauptfeldem der Expression stellt. Die größten Ähnlichkeiten sah Martial vermutlich zwischen der zensorischen Politik und dem Euergetismus, denn in epigr. 9,5(6) lässt er die Untertanen dem Kaiser rur seine neuen Erlasse und Gesetze, die als beneficia empfunden werden, danken. Ja sie lieben ihn dafilr sogar wie einen Wohltäter (9,7[8]), was uns an das vertraute Duett der kaiserli· ehen Wohltaten und der Zuneigung der Untertanen erinnert (s.u.). Fast die Hälfte der Domitian-Epigramme des fiinften Buches steht im Zeichen des Theater·Edikts. Die lex Roscia theatralis hatte 67 v.ehr. die ersten vierzehn Reihen hinter der Orchestra den equites vorbehalten. Augustus hatte sie erneuert und modifiziert (lex lulia Ihealralis). Mit ihrer Wiederaufnahme knüpfte Domitian daher einmal mehr an den Begründer des Principats an.1JO Auf die Einhaltung der Sitz· wie auch der Kleiderordnung (s.u. S. 284) WW"de im Theater stärker geachtet als im Amphitheater und im Zirkus. 1J1 Aufgrund der Dominanz des Themas im fiinften Buch nahmen die Kommentatoren an, das Theater·Edikt müsse in zeitli· eher Nähe zur Edition dieses Epigrammbuchs (90) erlassen worden sein.1l 2 Marti· als Serie von acht Epigrammen ähnelt dem leo·/epus·ZykJus des ersten Buchs: Hier wie dort variiert er in vielfältiger Weise ein Thema, filr das er mindestens Sympathie empfindet. Seiß Aufhänger, dort Domitians Euergetismus, hier dessen zensorisches Wirken, wird zu Beginn gelegentlich genannt, trin dann aber mitunter in den Hintergrund zugunsten der poetischen Variation. Die Panegyrik spielt eine sekundäre Rolle. Edictum domini deique nostri, quo subsellia eertiorn flunt et puros eques o rdines recepit, dum laudat modo Phasis in theatro, Phasi s purpureis ruber lacemis, et iactat tumido superbus ore: )tandem eommodius lieet sedere, nune est reddita dignitas equestris; turba no n premimur, nec inquinamun . haec el talia dum refert supinus, illas purpureas et arrogantes iussit surgere Leitus lacemas.
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(epigr.5,8)
130 $uet. Dom. 8.3; Aug. 44; s. Howell 1995, 84 und Grewing 1997, 116. 13 1 Kolb vennutet als Ursache, »daß die [im Theater] veranstalteten ludi die meisten Festtage
im Kalender besetzten und angesichts der begrennen Zuschauerzahl sowie des höheren geistigen
Anspruchs der Darbietung die Zusammensetzung des Publikums eine gewisse soziale Auslese repmentiene« ( 1995. 594). 132 Friedlaender 1886 1,3 89; Sauter 1934, 36 ; Howell 1995,84 . Allerdings brüstet sich Mani· al bereits in 3,95, 10 damit, dass er sitzen bleiben könne, wo der Theateraufsehe r andere aufscheu· che. Sollte dieser Satz vor Domitians Edikt verfasst worden sein, dann können die alten Regeln auch vorher nicht g!lnzlich unbeachtet gewesen sein.
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Als erstes Epigramm der Serie stellt 5,8 das Theater-Edikt zu Beginn vor (v .I-3). Martial bezeichnet es als edie/um domini deique nostri und verwendet damit hier zum ersten Mal in den Epigrammbüchem jene Titulatur, die für Domitian die denkbar größte Schmeichelei bedeutete. Er signalisiert dadurch den Stellenwert, den der Erlass für ihn hat. In den zwei folgenden Versen stellt er heraus, dass es sich um eine Wiedereinschärfung schon zuvor bestehender, aber vernachlässigter Regeln handelt. Er offenbart ein ausgeprägtes Standesdenken als Ritter. Außer an dieser Stelle benennt der Dichter das auf den Kaiser zurückgehende Edikt in den acht Epigranunen dieses Zyklus jedoch nur noch ein weiteres Mal: In epigr. 5,23 spricht er vom früheren »Schweigen« der SitzordnWlg (iura theatralis dum siluere loei, v.2), bevor >Klie Fürsorge eines milden Zensors sie wiedererstehen lie1X( (placidi censoris eura renasci. v.3). 13l Das heißt: Martial rühmt den Kaiser zwar überschwänglich, aber nur kurz. Ansonsten widmet er sich der U1ustration der Folgen, die der domitianische Erlass mit sich brachte, und spottet über Möchtegemritter, die von den Ritterbänken vertrieben wurden. Epigramm 5,8 dokumentiert das anschaulich: Die drei ersten Verse fUhren seriös in den Hintergrund ein. Doch danach beginnt die Anekdote des griechischen Freigelassenen Phasis,ll-4 der, noch während er das kaiserliche Edikt lobte, vom Platzanweiser als >falscher Ritten verjagt wurde (vA-I 2). Die folgenden Gedichte der Serie behandeln anekdotisch die verschiedensten Fälle von )PlatzErschleichern(, was offenbar eine weit verbreitete Unsitte war: Möchtegemrittcr, die den Status durch ihre Kleidung, Reichtum oder angebliche Herkunft vorzutäuschen versuchen (epigr. 5,14; 23; 27), Sklaven, die sich als equiles ausgeben (5,35) sowie einen Kastraten, dem Martial wegen dessen Effemination das Recht, auf den Ritterbänken zu sitzen, in Zweifel zieht (5,41). Das Edikt wird vorausgesetzt; vom Kaiser ist nicht mehr die Rede. Der Spott llS Ober diese Möchtegernaufsteiger gründet sicherlich in MartiaJs GenugtuWlg darüber, dass das Theater-Edikt seine eigene soziale Stellung bestätigte. ll6 Das ist der eine Grund, warum der Dichter die VerordnWlg begrüßt haben und dem Flavier dafUr auch dankbar gewesen sein wird. Der andere ist: Das Theater-Edikt kam Martials sozialen NonnvorstelJungen entgegen. Denn in dem Spott über die )Platz-Erschleichen offenbart sich auch seine Sozialkritik an den in Unordnung geratenen Sitten Wld Hierarchien, wofUr das Phänomen der Möchtegem-
133 In epigr. 5,41 spielt Manial allgemein aufdas Edikt an (v.4; 7f.). 134 Der sehr seltene griechische Name lasst auf einen Freigelassenen schließen; s. Howell 1995. ad loc. 135 In epigr. 5,25 nimmt er die gegensAtzliche Position ein: Hier fluHen er sein MitgefUhl mit einem von den RinerbWen Vertriebenen, der den Rittcrzcnsus von 400000 Sesterzen nicht erreicht. Daraus entwickelt er eine Klage Ober reiche amici. die weniger Begüterte nicht untersttlt-
re,.
136 Dass ihm solche Denllategorien nicht fremd waren, zeigt epigr. 3.95,10.
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aufsteiger stand. 111 So entfernt er sich in epigr. 5,38 vom Thema der Theatersitzordnung und erörtert den generellen Wunsch, zum Ritterstand zu gehören, der nicht selten am mangelnden finanziellen Vennögen scheiterte. Martial heißt das Theater-Edikt gut, aber er lobt den Kaiser dafilr nur an zwei Stellen (5,8,1-3 ; 23,3). Vielmehr nutzt er die Gelegenheit zur Verspottung von Hochstaplern und anderen windigen Zeitgenossen, zu ernsthafter Sozialkritik, aber auch zum poetischen Spiel mit den Auswirkungen beispielsweise des Vermögenszensus. Einen Beitrag zur Expression Domitians leistet er damit nicht. Ober Domitians Vorschriften rur die KJeiderordnung im Theater sind wir weniger gut infonniert. Die Historiographen schweigen davon, so dass Martial s Epigramm 4,2 unsere einzige Quelle ist. Wiederum hatte Domitian ein Vorbild in Augustus, der verfUgt hatte, dass in der Mitte der Theaterränge, media cavea, niemand schwan Gekleidetes sitzen dürfe. lJ' Offenbar gingen Domitians Richtlinien in dieselbe Richtung und machten weiße Kleidung im Theater filr das Volk obligatorisch. lJ9 Spectabat modo solus inter omnes nigris munus Horatius lacemis, curn plebs el rninor ordo maximusque sancto curn duce candidus sederet. tOIO nix cecidit repenle caelo: albis Special Horalius lacemis.
5 (epigr. 4,2)
Martial erwähnt kein Edikt Domitians, er schildert direkt dessen Befolgung durch die Römer: Alle drei Stände (!), die plebs, die Ritter und die Senatoren, sitzen weiß gewandet gemeinsam mit dem Herrscher im Theater und sehen den Darbietungen zu (v.3f.). Diese panegyrischen Topoi sind uns aus den EuergetismusEpigrammen vertraut, die Betonung, dass alle Sektoren der Hauptstadtbevölkerung dem Kaiser bei seinen Veranstaltungen die Ehre erweisen, und, al s Kehrseite der Medaille, dass sie ihrerseits die kaiserliche Präsenz in ihrer Mitte auch erwarten. Einer jedoch hält sich nicht an die Kleiderordnung: Horatius ist in Schwarz erschienen (v.lr.). Da hilft der Himmel bei der Umsetzung der domitianischen Vorschriften nach, indem er es plötzlich 10to ... caelo schneien lässt (v.5). Nun sieht auch Horatius )weiß gekleidet( den Spielen zu (v.6). Der Spanier deutet den plötzlichen Schneefall als Wunder um : Der Himmel greift gegen das schwarze Gewand und fUr die kaiserliche Vorschrift ein. Darum ist der Herrscher im Theater ein sanctus dux (V.4).I40 Die Sakralität Domitians ist Martial durch den ganzen Rahmen im Theater und die Kleidervorschrift vorgege-
137 Vgl. Grewing 1997, 116; dort weitere Belege ftlr sozialkritische Epigramme. 138 Suet Aug. 44,2 . 139 Friedlaender 1886/, ad loe. 140 Siehe Sauter 1934, 106f. und Clauss 1999, 348.
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hen: Das vom Volk geforderte Weiß war die Farbe des Ku1tes und v.a. des Opfers in Griechenland und in Rom. Die einheitliche weiße Kleidung gilt also der Gottheit Domitian. Dadurch werden die Theaterspiele in Anwesenheit des Kaisers zum Gottesdienst. Domitian beanspruchte damit göttliche Zeremonien filr sich.I(1 Das Bild des sakralen Herrschers, das dem Autor nicht nur vorgegeben war, unter dessen massivem Eindruck er nach einem Theaterbesuch auch gestanden haben mag, baut er dadurch aus, dass er das Ereignis des Schneefalls, den es irgendwann einmal während einer Theaterveranstaltung gegeben haben wird, als ein) Wunder< interpretiert. Mit der Pointe gelingt es Martial, die Panegyrik aufzulockern. Von Beginn an wird sie vorhereitet. ' ( 2 so dass das gesamte Gedicht im Zeichen der abschließenden Ironie steht. Dazu mag die Freude des Dichters Ober das ungewöhnliche Ereignis Schnee im Theater beigetragen haben. Wie in den Epigrammen über das Theater-Edikt benutzt der Autor eine zensorische Vorschrift des Kaisers als Grundlage fUr eine witzige Anekdote, die hier jedoch zusätzlich mit sakralem Gehalt aufgeladen wird und die Göttlichkeit des Flaviers erweist. Ein Jahr später, im sechsten Buch (erschienen 91), wandte sich der Epigrammatiker den domitianischen Ehegesetzen und dem Kastrationsverbot zu. Die Wiederaufnahme der augusteischen lex lulia de adulteriis coercendis hatte das Ziel, freie römische Bürger zur Eheschließung zu bewegen und >unmoralische< Liebesbeziehungen zu verhindern. >Ehebrecher< wurden auf unterschiedliche Inseln verbannt. 10 Domitians Erneuerung der Ehegesetze fiel in das Jahr 90: In epigr. 5,75 hatte Martial das erste Mal darauf angespielt I'" (ehe er sich in Buch 6 ausfilhrlich damit auseinander setzte). Die Ehegesetzgebung des Flaviers ist also in zeitlicher Nähe zur Veröffentlichung des filnften Buchs anzusetzen.I(S Von der Kastration waren zu Martial s Zeiten ausschließlich Sklavenjungen bedroht. '46 Neben dem Schutz der Opfer wird Domitian mit dem Verbot v.a. die Hebung des moralischen Lebenswandels ihrer Herren im Auge gehabt haben. Die Forschung hat das Kastrationsverbot bislang nach dem Zeugnis der Eusebios-Chronik (3 ./4.Jh.) in die Anfangsphase des domitianischen Principats datiert. I ( 7 Ch. Henrik.sen schenkte jedoch zurecht den (etwas vagen) Angaben der Zeitzeugen Martial und Statius
141 Sauter 1934, ebd. und Clauss 1999, ebd. 142 Siehe den aurdie Pointe bezogenen Vers 2. 143 Grewing 1997, 78. Die exakte Benennung der lalu/ia vari ien in den Quellen gelegentlich. Sueton erwähnt sie nur implizit anband eines konkreten Falles (Dom. 8,3). 144 Quae legis causa nupsit tibi Laelia, Quinte, uxorem poles hanc dicere legilimam. (epigr. 5,75) 145 Vgl. Grewing 1997, 77. 146 Henrinen 1998, 76. - Weilere Quellen außer Sueton: Cas$. Dio 67,2,3; Philostr. Ap. 6,42; Amm. 18,4 ,5 (s.o . S. 239). d 147 Hier. Cnron. S. 190 , ed. R. Helm; $. Garthwaite 1990, 14, Anm. 6; ebenso Sullivan 1991 , 38 und Grewing 1997, 78.
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größeres Vertrauen, so dass man das Verbot der Entmannung in Domitians censu· ra, und zwar zwischen 85 und 87, anzusetzen hat .I• 8 Im Jahr nach dem Erlass der Ehegesetzgebung veröffentlichte Martial seine ausfUhrliche Reaktion darauf durch eine Serie von 11 Epigrammen im sechsten Buch (s.u. S. 287f.). Im Zuge dessen griff der Dichter das einige Jahre zurUcklie· gende Kastrationsverbot wieder auf,I.' da er offensichtlich einen Zusammenhang zwischen beiden Maßnahmen erkannte. Gewiss geschah dies in Domitians Situle, aber war es von diesem auch intendiert? Immerhin lagen einige Jahre zwischen dem Erlass der beiden Verordnungen, sie sind also nicht einem konzitulen Pro· gramm zuzurechnen. Sueton nennt beide in seiner Abhandlung der zensorischen Politik Domitians, wetul auch nicht in einem Atemzug. Als Quelle fUr die Frage, ob die domitianische Expression einen Bezug zwischen Ehegesetzgebung und Kastrationsverbot propagierte, ist Suetons Bericht natürlich von begrenztem Aus· sagewert. Andere Zeugnisse stehen uns jedoch nicht zur VerfUgung. Ob Martial in seinem Bemühen, die Herrschaftsdarstellung des Hofes zu ilbeltieffen, aus eigener Überlegung ein Gesamtkonzept in der zensorischen Po litik Domitians konstruierte, ist also nicht mit Sicherheit zu entscheiden; ausgeschlossen scheint es jedenfalls nicht. 150 Erstmals lobt er die Ehegesetze und das Entmannungsverbot gemeinsam in e· pigr. 6,2. Lusus erat sacrae conubia fallere taedae, lusus el immerilOS execuisse mares. utraque tu prohibes, Caesar, populisque futuris succurris, nasci quas sine fraude iubes. nec spado iam nec moechus erit le praes ide quisquam : 5 (epigr. 6,2) at prius • 0 mores ! - el spada moechus erat.
Das Gedicht enthält ein kräftiges Kaiserlob. Anders als die Epigramme des fUnften Buchs, die das Theater-Edikt nur als Aufhänger für den Spott über Möchtegemritter nehmen, hat epigr. 6,2 die zwei Maßnahmen Domitians zum alleinigen Gegenstand. Die bisherigen Übel werden in grellen Farben gemalt. Das doppelte lusus steht rur die allgemeine Zügellosigkeit (v. I f. ), der Domitian mit der Sittengesetzgebung ein Ende macht, und die >Opfer< des vorherigen Unrechts werden positiv gekennzeichnet: Die Ehe ist sacra (v.I) und die Jungen sind immeriri (v.2). Doch nun müssen sie die fraus der Kastration nicht mehr fUrchten (v.4) . Wie öfters arbeitet Martial mit dem Vorher·Nachher·Schema: Unter Domitian 148 Henrikstn 1998, 76f.; Sw . silv. 4,3,13·15 und Man. 2,60. 149 Vgl. Su11ivan 1991 , 39. 150 Vgl.a. epigr. 2,60: Dort wird die Kastration als Strafe fIlr Ehebruch angedroht. Bereits hier stellie Manial einen Zusammenhang her, allerdings zwischen den beiden gesellschaftlichen Miss· standen (Ehebruch und Kastration), noch nicht zwischen den domitianischen Verboten (von denen die Ehegesetzgebung 86/87 noch gar nicht erlassen war).
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wird es keinen Kastraten und keinen Ehebrecher mehr geben (v.5). Es besteht kein Zweifel, dass Domitians Erlasse hundertprozentig wirken. Nach diesen ftI.nf e indeutig panegyri schen Versen folgt die Pointe (v.6). Sie liefert die Synthese der beiden Missstände, den kastrierten Ehebrecher, und überhöht die zuvor beschriebene Sittenlosigkeit. HI Martial karikiert damit das von ihm selbst zuvor entworfene Bild der moralischen Übel Roms, ohne das Kaiserlob zu entwerten. Die Pointe dient der Auflockerung, gerade auch filr andere Rezipienten als den Kaiser. Der Dichter nimmt sich das in seinen Epigrammen immer wieder praktizierte ludere auch hier heraus, das er auf der gesellschaftlichen Ebene kritisiert (Ius us, v. l r.). Die zwei bisher besprochenen Epigramme (6,2 und 4) machen die Ehegesetzgebung allerdings noch nicht zu dem Schwerpunktthema des sechsten Buchs. Dazu wird sie erst durch eine Serie von neun Stücken, die von den unterschiedlichsten Fällen von Ehebruch und Schein-Ehen handeln. In lntertextuelle BezUge untereinander sowie zu den beiden die Ehegesctze lobenden Gedichten stellen sie ebenso eindeutig in einen Zusammenhang wie die namentliche oder umschreibende Nennung der lex luJia. 1S3 In al1 diesen Texten ändert sich nicht das sexuelle oder Moralverhalten der - fast ausschließlich weiblichen - Protagonisten, sondern lediglich ihr Status, der Familienstand oder der äußere Schein. Alle diese Verstöße gegen die römischen Moralvorstellungen sind zugleich Verstöße gegen das domitianische Gesetz. Die »Diskrepanz zwischen dem Gesetz und seiner Nichtbefolgung wirkt gleichsam leitmotivisch filr das gesamte Buch((15
151 Vgl. Grewing 1997, ad loe. 152 Epigr. 6.6; 7; 22; 31; 39; 45; 67; 90; 9 1. 153 Epigr. 6,7, 1; 22,3; 91 ,1. Vgl. Grewing 1997, 32f. 154 Grewing 1997,32. 155 Ebd. 33 m. Anm. 49. 156 Garthwaite 1990; Holzberg 1988, 80·82 (5. jetzt aber oben S. 15, Anm. 35). Neuerdings auch Scherf2001 , 51f.
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Kriterium des safe criticism. IS7 Wer Martial hier Herrscherkritik unterstellt, der begeht den Fehler, den Bock zum Gärtner zu machen : Die Kritik des Dichters richtet sich gegen die Gesell schaft als Verursacherin des moralischen Verfalls, nicht gegen den Kaiser, der dagegen vorzugehen bestrebt ist. Zwar stellt Martial die Sinengesetze als ein vergebliches Unterfangen dar, aber an dem Scheitern ist nicht der Princeps schuld. In Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass Martial sich in seiner Kritik an den gesellschaftlichen Übeln, die zu kurieren sich auch der Kaiser bemüht, an Domitian annähere. Dann wäre diese Spon-Epigrammserie in WirkJichkeit eher eine verdeckte Panegyrik statt einer verdeckten Kaiserkritik. Einige Jahre später, im neunten Buch (erschienen 95), ergänzt Martial seine panegyrische Imago des Zensors Domitian noch einma l. Das Epigramm 9,5(6) gestaltet er als ein Dankgedicht fiir die kaiserlichen Maßnahmen zum Schutz der Kinder. Dazu zählt neben dem Kastrationsverbot (v.4f.) auch das Verbot von Päderastie und Kinderprostitution (v.6f.). Sueton erwähnt, Domitian habe gemäß der lex Scanrinia Ritter und Senatoren verurteilt, doch davon abgesehen sind Martials Epigramme 9,5(6) und 7(8) unsere einzigen Quellen. "9 Vermutlich hat Domitian das Verbot daher kurz vor der Veröffentl ichung des neunten Epigrammbuchs erlassen, also 94/95 .160 Martial reagiert darauf mit den zwei Lobgedichten auf die zensorische Politik Domitians, indem er zusammen mit dem Prostitutionsverbot noch e inmal an das Kastrationsverbot und die Ehegesetzgebung (in der Pointe, 9,5[6J ,8f.)'" erinnert. Tibi, summe Rheoi domilor el parens orbis, pudice prioceps, gratias aguot urbes: populos habebunt; parere iam scelus oon est . non puer avari sectus ane mangonis viri litatis damna maeret ereptae, nec quam superbus computet sli pem 1eno dat prostituto misera mater infanti. qui nec cubili fucrat ante te quondam, pudor esse per te coepit el lupanari.
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(ep;gL 9,5[6])
Martials Dankgedicht ist in hymnischem Stil gehalten, beginnend mit der Anrede: domilor ist ein häufiges Epitheto n für Gottheiten und mythologische Figuren, parens eine typische Titulierung hellenistischer Herrscher.lu Schon der erste Vers 157 Siche Grewing 1997,34; s.o. S. I s r. 158 Vgl. Grewing 1997, 3S und 78. Ebe nso Nauta 2002. 431. 159 Sue!. Dom. 8,3; siehe BarielSchindler 1999, 1329f.; zur la Scanti"ja s. E. Weiss, Lex
Seantinia, RE 12,2 (1925) 2413 . 160 Siehe HenrikKn 1998, 77. Diese Interpretation wird durch epigr. 9,7(8),7 beStAllgt: Domitians Kastrationsverbot wurde eine unbestimmte Zeit (""per) vor dem Verbot der Kinderprostitu. tion verflJgl. Es ist nicht bekannt, ob es sich bei Letzterem um ein Gesetz oder ein Edikt hande lte. 161 Siehe dem Friedlaender 1886 11, ad toc. und Henriksen 1998, 77 . 162 Henriksen 1998, ad loc. und Sauter 1934, 30; s. daZll oben S. 172.
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Die Panegyrik des Martial
steigert daher die Panegyrik gegenUber den zuvor besprochenen Epigrammen aus früheren Jahren. Das dritte Glied der Aruede fiihrt hin zur zensorischen Thematik (v. 2): Die originelle Titulierung als pudice princeps leitet nicht nur das Lob der Politik Domitians als censor ein, sie bescheinigt ihm zudem, dass sein eigener Lebenswandel den propagierten Moralvorstellungen entspricht. Martial illustriert den Dank an den Kaiser ein weiteres Mal durch die GegenUberstellung des Gestern und Heute: Durch dessen Reformen sind die früheren Übel beseitigt worden, nun genießen die Kinder und mit ihnen die künftigen Generationen Roms Schutz (v.3). Der Dichter malt, auch das nicht neu. das vorige Unrecht mit dickem Pinselstrich: Der Knabe ist in Trauer (v.4f.) und die Mutter misera (v.7), der Sklavenhändler avarus (v.4) und der Kuppler superbus (v.6). Die Pointe arbeitet mit dem Kinderprostitutionsverbot und der zuvor noch nicht erwähnten Ehegesetzgebung, das Kastrationsverbot schließt sie nicht mehr mit ein. Der Witz funktioniert durch Übertreibung und Paradoxie: Domitians Sittengesetze wirken so durchgreifend, dass, nach dem römischen Ehebett, selbst der >Hort der Sittenlosigkeit<, das Bordell, sittsam wird (v.8f.). Martials Plot lautet: Erst durch Domitians zensorische Reformen lohnt es wieder, Kinder in die Welt zu setzen, die Zukunft Roms ist gesichert. Fo lgerichtig sind es die Städte des Imperium Romanum (urbes , v.2), die dem Kaiser ihren Dank aussprechen; durch sein Verdienst werden sie auch in Zukunft bevölkert sein (v.3). Während epigr. 9,5(6) den reichsweiten Dank der Untertanen in den Mittelpunkt stellt, ist das folgende Gedicht Ausdruck der Liebe zum Kaiser (9,1[81,9f.). Erneut begegnet uns das Muster der Untertanenliebe im Austausch rur die Wohltaten des Herrschers, als welche die zensorischen Reformen, hier das Verbot der Kinderprostitution (v. I-6) und der Kastration (v.7f.), klassifiziert werden. Tamquam parva foret sexus iniuria nostri foedandos populo prostituisse mares, iam cunae lenonis erant, ut ab ubere raptus sordida vagitu posceret aera puer. immatura dabant infandas corpora poenas. non tulit Ausonius talia monstra paler, idem qui lenens nuper succurrit ephebis. ne faeeret steriles saeva libido viros. dilexere prius pueri iuvenesque senesque. at nune infantes te quoque, Caesar, amant.
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('p;gr. 9,7[8])
Nanentlieh ist es die männliche Bevölkerung, von deren Liebe als Betroffenen Matial spricht (dilexere ... pueri iuvenesque senesque, v.9). Offenbar hatte der Dichter, was sich bei der Kastration von selbst versteht, auch bei der Kinderprostituto n vorrangig das Schicksal von Knaben im Sinn. So spricht er nur vom raptus ... 'Juer (v. 3f.). Es scheint, dass die Prostitution von Jungen ein größeres, weil
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l63 häufiger auftretendes, Problem darstellte als die von Mädchen. Poetische Über· treibung Martials mit eingerechnet,lt.1 scheint die Kinderprostitution dennoch ein so eklatanter Missstand gewesen zu sein, dass der Kaiser Handlungsbedarf sah.16J Nach neun Versen Panegyrik folgt im letzten Vers erneut die Pointe. Martial nimmt darin das Wechselspiel von kaiserlicher Wohltätigkeit und Untertanenliebe >auf die Schippe<: Domitians zensorische Maßnahmen lassen ihn zwn Wohltäter am Volk werden, das ihn dafilr liebt. Die größte Zuneigung erhält er von den Be· troffenen: Für sein Verbot der Kinderprostitution wird der Kaiser folglich beson· ders von den Kle inkindern geliebt! Die groteske Übertreibung schmälert jedoch nicht das Kaiserlob des Gedichts. Der ähnliche Charakter der heiden Epigramme 9 ,5(6) und 7(8) in Inhalt, Aufbau und Pointe macht die beiden zu einem Gedicht· paar, das Domitians neues Vorgehen gegen Päderastie und Kinderprostitution zum Anlass nimmt, nach einigen Jahren Pause die zensori schen Aktivitäten des Kai· sers wieder einmal zu rühmen. Vergleicht man S uetons Bericht über die zensorischen Reformen Domitians mit der Imago, die Martial vom Kaiser als Zensor gestaltet, so lassen sich keine signi· fikanten Unterschiede feststellen. Das Motto, unter dem das domitianische Pro· gramm stand, Hebung des sittlichen Anstands, Wahrung von Recht und Ordnung, wird auch durch den von Martial ausgewählten Maßnahmenmix repräsentiert. Der Dichter hat sich die allgemeineren und wichtigeren Erl asse herausgesucht; mit Kleinigkeiten oder einzelne Personen betreffenden Sanktionen hält er sich nicht auf. l66 Domitians Theater·Edikt war ihm als Ritter erkelUlbar ein persönliches An· liegen. Zudem eignete es sich ebenso wie die EhegeselZgebung am besten für den Spott, der bei aller Panegyrik ein Hauptzweck der Epigramme blieb. Den Spott fiber die Wirkungslosigkeit des Theater·Edikts und der Ehegesetzgebung treibt Martial einerseits um des Witzes willen, andererseits äußert er darin Gesell· schaftskritik, die ihm wohl tatsächlich am Herzen lag. So fällt es ihm nicht schwer, den Kaiser filr dessen S inengesetzgebung zu 10· ben. 167 Darin ähnelt das Fazit dem vorangegangenen Kapitel über Martials Be· handlung des Euergeti smus, wie man ohnehin eine gewisse Verwandtschaft kons· tatieren kann : Hier wie dort erscheint Domitian in Martials Darstellung als Wohltäter, was von der Expression des Hofes nicht anders intendiert gewesen sein wird. Die Panegyrik ist im filnften Buch. gegenüber dem Theater·Edikt, sekundär. In den übrigen besprochenen Epigrammen, auch schon in epigr. 4,2, steht sie da· 163 Henrik.sen 1998, 82. 164 Der Dichter zeichnet dieses ü bel, wie in epigr. 9,5(6), in grellen Farben : iniurio ('1. 1),foedondos ('1.2), sordido ... oero ('1.4), injondos ... poonos ('1.5), mon.s(ro ('1.6), soevo libido ('1.8). 165 Heruik$en 1998, 82. 166 Müßig, dartlber zu spekulieren, warum Manial sich aber die domitianische Bestrafung der Vestalinnen ausschweigt. 167 S.&. Szelest 1986, 2572.
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Die Panegyrik des Manial gegen im Vordergrund, mei st aufgelockert durch eine Po inte, nicht konterkariert. Die EhegeselZgebung, das Kastrations- und Kinderprostitutionsverbot wird Martia l gebilligt haben, v.a. aber lobt er den Kaiser dafur, weil er ihn eben loben will. Abgesehen von den inhaltlichen Auswirkungen knOpfte Domitian mit den zensorischen Reformen an Augustus an. indem er viele von dessen Maßnahmen wiederaufnahm. '61 Auch diese Intention bezieht MartiaI in sein Herrscherlob ein: Er stellt mit der nachgerade programmatischen Erwähnung der augusteisch-domitianischen Ehegesetzgebung in Buch 6 und der 6,3 imaginierten Vision eines neuen saeculum oureum ( ... ) den Flavier in die ge istige Tradition des Neubegi nns unter AugustuS. I69
ln epigr. 8,80 preist er Domitian fUr dessen Restitutionspolitik. Als Beispiel nennt der Dichter die Wiedereinfilhrung alter Bräuche in der Arena: Gladiatoren sollten w ieder ohne defensive Bewaffnung kämpfen (V.3f.).11O Das zweite Exempel ist noch wichtiger: Indem Domitian die easa Romuli auf dem Palatin restaurieren ließ, sorgte er dafilr, dass die römische Vergangenheit bis hin zu den Anfängen wieder geehrt und die Re ligion auf ihre nationalen Wurzeln zurückgeführt wurde (V.6).17I In ihrem restitutiven Charakter gle iche Domitians Politik der des Augustus. Deshalb redet ihn Martial hier auch mit A UguSfUS (v.7) an (zu Beginn des Epigramms hatte er ihn noch Caesar genannt, v.2). Als Anlass nimmt der Autor hier zwar andere Reformen als die behandelte zensorische Politik Domitians, aber der Zusammenhang darf - und sol lte - natürlich hergeste llt werden : Der Flavier handelt wie Augustus.
6.4 Die sakrale Imago des Kai sers Domitians Göttlichkeit ist in den vorangegangenen Martialkapiteln immer wieder angeklungen . Wie bei Statius wird sie in fast jedcm Gedicht thematisiert oder am Rande angedeutet. Beinahe alle Texte , die e inem beliebigen Element der kaiserlichen Expression gewidmet sind, haben als zweites Hauptthema die Sakral ität des Herrschers. Die Gestaltung der sakralen Imago Domitians hat fllr Martial ebenso wie filr Statius oberste Priorität. Martial stel lt eine Reihe von Epigrammen allein unter das Motto der Sakralität. Wie sein neapolitanischer Dichterrivale erkennt er dem Kaiser unterschiedliche Grade von sakralen Eigenschaften zu: 172 Am häufigsten - auf der untersten Stufe setzt er ihn mit den Göttern, v.a. mit Jupiter, oder dem Mythos gleich und lässt ihn 168 Wie bei Auguslus gingen bei Domitian die Sitlengeseue mil der Feier der sakularspiele einher; s. Grewing 1997, 33. 169 Grewing 1997. 78. Zu epigr. 6.3 s.u. S. 308ff. 170 Siehe Sullivan 1991. 12. 171 Sieheebd. 153-155 und Jones 1992. 89. 172 S.o. S.I44f. 29 1
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Die Panegyrik des Martial
beide übertreffen. Er richtet aber auch Epigramme im Gebetsstil an ihn oder verleiht ihm sakra1e Attribute. Die massivste Fonn der Panegyrik besteht darin, 00mitian schlichtweg als deus zu bezeichnen (Kapitel 6.4 .1). Der Gottkaiser muss auch divine Verwandte haben: Diesen Standpunkt, der der höfischen Ostentation der kaiserlichen Familie zugrunde lag und zu einer engen Verknüpfung der flavisehen Dynastie mit der Sakralität fUhrte , macht sich Martial zu Eigen, indem er Oomitians Tempel der flavisehen Gens einen prominenten Rang in seiner Panegyrik einräumt (6.4.2) und der verstorbenen Kaisemichte Julia sowie dem zukünftigen Kaisersohn huldigt (6.4.3). Der Dichter behandelt den neuen HerkulesTempel an der Via Appia, in dem eine Herkules-Statue mit den kaiserlichen Gesichtszügen stand, wodurch der Kaiser selbst seine Göttlichkeit propagierte (6.4.4). Schließlich nimmt er sich des neuen Kaiserpalasts an und preist ihn als Wohnsitz der irdischen Gottheit Domitian (6.4.5). Damit sind wichtige Themenfelder der sakraJen Expression behandelt, jedoch nicht alle. Auf die von Oomitian adaptierten ägyptischen Kulte geht Martial nicht ein. Betrachten wir des Weiteren die ominöse Fonnel dominus et deliS: Ob Oomitian ihren Gebrauch nun angeordnet hat oder nicht, Martial verwendet sie seit dem ftlnften Buch gelegentlich explizit,ln häufiger indirekt, indem er beide Glieder der Fonnel in verschiedenen Versen desselben Gedichts platziert. 114 Er hatte dominus el deus also als Mittel der Schmeichelei erkannt, sich einen freien , manchmal spielerischen Umgang damit indes nicht nehmen lassen, um die Panegyrik aufzulockern. Da Martial die Fonnel gebraucht, wird diese Titulierung des Kai sers kein Risiko bedeutet, sondern vielmehr die offizielle Herrschaftsdarstellung einmal mehr gesteigert haben . Auf den ersten Blick erstaunlich ist der Umstand, dass der Autor der Rolle Minervas als Domitians persönlicher Schutzgönin keine eigenen Epigramme widmet. Sie wird jedoch in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder erwähnt, so dass ihre verschiedenen Attribute und Zuständigkeiten Eingang in die martialsche Panegyrik gefunden haben .17i Sie kommt daher in den OomitianEpigrammen keinesfalls zu kurz. Die kaiserliche Sakralität wird v.a. in den Epigrammbüchem 6-9 gepriesen. Wir hatten schon beobachtet, dass in der zweiten Hälfte des domitianischen Principats Martials Panegyrik in der Häufigkeit und Intensität zunimmt. Ist daher die Zunahme sakraler Themen in den späteren Epigrammen mit Martials gesteigertem
173 Epigr. 5,8.1 ; 7,34,8; 8,2,6. Vgl. Clauss 1999, 120. 174 Epigr. 5,5,2f. ; 7,2, 1..6; 7,5,3-5; 8,82,2f. ; 9,28,7[ Noc h hlufiger sind die Epigramme, in denen Manial vom Kaiser e ntweder als dominus oder als deus spricht. Siehe Scon 1936, 105-108. 175 Z.B. epigr. 4, 1,5; 5,2,6-8; 5,5,1 ; 6, 10,9- 12; 7, 1, I; 8, 1,4 : 9,3, 10: 9.24,5; 14,179. Siehe zu der j ewei ligen Rolle Minervas in den Epigrammen deren Besprechung am jeweiligen Ort. V gl. Sauler 1934, 92-95.
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Di~ Pan~gyrik
Kaiserlob gehen.
ZU
des Manial
begründen? Die folgenden Analysen werden auch dieser Frage nach-
6.4. J Vergleiche mit den himmlischen Giiflern und deus-Ti/ulierungen Mit dem Epigramm 4. 1 richtet Martial zum ersten Mal ein sehr hohes Kaiserlob an Domitian. In der gesamten ersten Hälfte des domitianischen Principats (bis 88) hatte es dergleichen nicht gegeben. Diese neue panegyrische Qualität muss auf den Leser umso stärker gewirkt haben, als Martials vorheriges Buch 3 ohne ein Domitiangedicht ausgekommen war. Für seine Lobeshymne auf den Flavier wählt der Dichter als Vehikel v.a. dessen sakrale Imago. Die panegyrische Technik, den Adressaten sowohl dem Mythos als auch dem Göttervater Jupiter voranzustellen, fUhrt Martial hier erstmals vor. Caesari s alma dies et luce sacratior Wa conscia Dictaeum qua tulit Ida lovern, longa, precor, Pylioque veni numerosior aevo, semper el hoc vultu vel meliore nite. hic colat Albano Tritonida multus in auro perque manus tanlaS plurima quercus cat; hic colat ingenti redeuntia saecula lustro el quae Romuleus sacra Tarentos habet. magna quidem, supen, petimus sed debita terris: pro tanto quae sunt improba vota deo?
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{epigr. 4,1}
Das Gedicht ist ein Gebet aus Anlass des kaiserlichen Geburtstags am 24. Oktober. Zu Beginn richtet der Autor sein Bitten an diesen personifizierten ~)segens rei chen« Tag (v.I-4). Selbstverständlich wird damit indirekt-direkt der Herrscher selbst angesprochen. 1m Schlussdistichon wechselt der Adressat des Gebets: Nun bittet Martial die himmlischen Götter filr Domitian - und damit auch fi1r dessen Untertanen . Wenn der Kaiser lange lebt, sei dies eine Wohltat fi1r die Erde, die diese jedoch verdient habe (debila /erris, v.9). Der Gebetscharakter des Epigramms und die gleichberechtigte Position Domitians als Adressat neben den super; weisen ihn als sakralen Herrscher aus. Zu Beginn vergleicht er ihn, wie häufig. mit Jupiter, jedoch nicht persönlich. sondern mithilfe ihrer Geburtstage: Der Tag. an dem Domitian zur Welt kam. sei heiliger (sacratior, v.l ) als der Gebwtstag des Jupiter. l76 Das MittelstUck des Gebets (v.38) wUnscht dem Princeps in vielen Varianten ein sehr langes Leben, das noch langer als das sprichwörtliche hohe Alter des Nestor wahren möge (v.3); Domitian
176 Die Idee. die Gtbunstage des himmlischen und des irdischen HeTTSChers nimmt Martial später in epigr. 9,20 wieder auf(s.u. S. 304).
llJ
verg1eichen,
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Die Panegyrik des Martial
übertrifft den Mythos. L77 Im Verlauf des Gedichts bringt der Dichter den Kaiser mehrfach mit sakralen Attributen in Verbindung, nämlich dem Glanz und der Größe: Die Aufforderung an den Geburtstag, bei seiner ha.ufigen Wiederkehr stets aufs Neue und immer schöner zu glänzen, ist implizit auch auf Domitian zu be· ziehen (v.4). L7I Und dass die Panegyriker dessen Hände als magnae oder, wie hier (v.6), als Ion/oe bezeichnen, um die kaiserliche Göttlichkeit anzuzeigen, ist lange schon gesehen worden;L79 Martial greift mogna unten noch einmal auf (v.9) und verleiht damit dem Gegenstand der Bitten an die Götter zusätzliche sakraJe Be· deutung. LIO Das Gebet kulminiert schließlich in der Apostrophierung Domitians als Gott auf Erden, denn Martial bittet die Götter im Interesse der irdischen Welt pro lon/o ... deo (v.9f.). Mit deo als letztem Wort endet das Epigramm eindrucksvoll . Blickt man zwilck zum Anfang, so hatte der Text mit Caesaris begonnen. Die Aussage von epigr. 4,1 ist als Rahmen um den Text gelegt, Domitian ist deus. Den Wunsch nach einem langen irdischen Dasein des Kaisers k1eidet Martial in eine AufzähJung freudiger Ereignisse, die noch möglichst oft geschehen sollten . Neben dem Kaisergeburtstag als dem Anlass des Gedichts (v.3) nennt er Domitians albanische Wettkämpfe (v.5), die kapitolinischen Spiele (v .6) und eine zweite Säkularfeier unter Domitians Ägide (v.7f.). Von diesen Variationen des Wunschs nach einem langen Leben drängten sich dem Dichter wohl nur zwei zwangsläufig auf: Außer zu dem Geburtstag stand das Epigramm in enger zeitlicher Nähe zu der Säkularfeier von 88, die ein solch gewaltiges Spektakel gewesen sein muss, dass sie im kollektiven Gedächtnis Roms noch lange nachwirkte. Auch Statius sollte dem Kaiser einige Jahre später ein zweites Jahrhundertfest prophezeien. LlL Warwn aber nennt Martial in diesem Zusammenhang Domitians zwei neu einge· fUhrte Wettkämpfe (von denen die Capilolia zuletzt 86 gefeiert worden waren)? Sie weisen keinen unmittelbaren Bezug zu dem Anlass des Gedichts, dem Kaisergeburtstag, oder seinem Thema. Domitian als sakraler Herrscher, auf. Martial erweitert die Panegyrik um die Imago des Herrschers als Euergeten. Die kapitolinischen und albanischen Spiele stehen in inhaltlichem Zusammenhang mit den Säkularspielen. Martial setzt jedoch noch einen persönlichen Akzent als Dichter. Denn in Domitians Villa in den Albaner Bergen fanden poetische Konkurrenzen statt und bei den kapitolinischen Spielen bildeten Wettbewerbe für Dichter einen wichtigen Bestandteil. Nicht zufällig betont der Autor, dass der Kaiser selbst die Siegespreise verleiht (v.Sf.). Martial kombiniert sein erstes allgemeines und hohes Kaiserlob mit seinen eigenen Interessen als Schriftsteller unter Domitian. Mögli177 Der Neslorvergleich kommt i.d.R. nicht ohne eine Steigerung zugunsten des Adressaten aus; 5 .0 . S. 257. 178 Vgl.a. Vers 5, der nicht zu erwlhnen vergisst. dass der Siegespreis bei den albanischen WenkAmpfen ein goldener Ob:weig war (Albono ... in aura). 179 Siehe Sauter 1934, 102- 105. Vgl.a. Vers 7: ingemi ... lustro. 180 Sauler 1934, 99. 181 Silv. 4, 1.37(. (im Jahr 95).
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cherweise wollte er hier einen persönlichen Bezug zum Herrscher herstellen und diesen zu weiterer Förderung der Literaten, Martial eingeschlossen, ennuntern. Im Epigramm 7,60 wendet sich der Spanier im Gebetston an Jupiter, um sich bei jenem zu >entschuldigen <, dass er ihn nicht fllr sich, sondern nur rur den Kai· ser anrufe. Der Göttervater wird als »Lenker der tarpeischen Halle«, d.i. des Jupi· tertempels auf dem Kapitol, apostrophiert (Tarpeiae venerande rector auloe, v.l). Die ungewöhnliche Verwendung von aula in diesem Zusammenhang spielt auf den Kaiserhof an. Domitian und Jupiter werden parallelisiert. Der eigentliche Ad· ressat des Gedichts lautet natürlich wiederum Domitian. Das zeigt die Pointe (v.7f.): Als Euergeten (im allgemeinen Sinne) und als Förderer der Künste (in Martials speziellem Fall) zieht der Dichter den Kaiser vor. Domitian ist ftlr das Wohl der Untertanen zuständig. Mit der Jupiter·Apostrophierung quem solvo duce credimus Tonantem (v.2) spielt Martial auf die seit dem 22 . Januar 86 neuen, an Jupiter allein gerichteten, vota für Domitian an, in denen es hieß: [Kaiser Domitian] ex cuius incolumitate omnium (bzw. universorum) salus constat. l12 Der Autor eignet sich mit diesen vota ein weiteres Element des Kaiserkults an, das er leicht variiert in seine Dichtung einbaut, um seine Panegyrik effektiver zu gestalten. Hier klingt die Vorstellung des Kaisers als präsentischer Gottheit an, deren Exi s· tenz durch ihre Wohltaten gewisser werde und von deren Wohlergehen die salus des römischen Imperiums abhänge. Auf diesem Wege zeichnet epigr. 7,60 den Flavier als sakralen Herrscher. Diese Schmeichelei wird jedoch erträglich durch die ironische Parallelisierung: te pro Caesare debeo rogare: pro me debeo Caesarem rogare.
(ep;gr. 7,60,7f.)
Martial vergleicht Äpfel mit Birnen: Der idellen UnterstOtzung, um die er Jupiter fiIr Domitian bittet, stellt er die vom Kaiser erhoffte, sehr handfeste materielle Förderung fiIr sich selbst gegenüber. In epigr. 8,4 werden die Neujahrsvota als rituelle Handlung des Kaiserkults ü· berhöht, indem unter die Opfernden auch die Götter eingereiht werden. Am Tag der vD/Drum nuncupatio (3. Januar) wurden unter Domitian dem Kai ~er vor. den Magistraten und Priesterkollegien im ganzen Imperium Romanum Gelilbde dargebracht. ' •l Das nimmt Martial zum Anlass und lässt auch die Götter dem Princeps opfern (v.3 (). Er hebt den Kaiser über die himmli schen Götter hinaus, eine sehr massive Panegyrik, die auch nicht durch eine Pointe abgeschwächt oder ironisiert wird. Die irdische Autorität Domitians wird vorausgesetzt: Ein mundi conventus, eine VersammJung der ganzen Welt, trifft sich an den römischen Altären (v.l ), 182 Act. M . 22Jan. 86; siehe Schwarte 1977,229. Auch Slalius hane darauf Bezug genom· men (silv. 1, 1,78f.): s.o. S. 161. Martial hane bereits in epigr. 2,91.2 und 5, I,7f. darauf angespielt. 183 Friedlaender 1886 11, ad loe.; s.a. Schwarte 1977, 23 1, Anm. 34.
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und deren Gelübde werden dank der Kraft und Autorität des Angebeteten auch eingelöst (suscipil et solviI, v.2). I'" Der Princeps steht über den himmlischen Göttern : Diesen Gedanken nimmt e· pigr. 9,3 wieder auf und fUgt ihm eine neue, hwnorvolle Variante hinzu. Quantum iam superis, Caesar, eaeloque dedisti si repetas et si ereditor esse vel is, grandis in aetherio lieet auetio fiat Olympo eoganturque dei vendere quidquid habent, eonturbabit Atlans et non erit uneia tota decidat tecum qua pater ipse deum. pro Capitolinis quid enim tibi solvere lemplis, quid pro Tarpeiae frondi s honore potest? quid pro eulminibus geminis matrena Tonantis? Pallada praetereo: res agit illa tuas. quid loquar Aleiden Phoebumque piosque Laeonas? addita quid Latio Flavia templa polo? expectes el sustineas, Auguste, necesse est: nam tibi quo solvat non habet area lovis.
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(epigr.9,3)
Das Kaiserlob basiert auf einem unkonventionellen Bild: Die Götter sind Domitians Schuldner, weil er ihnen so viele Tempel gebaut hat. In den ersten sechs Versen entwickelt der Dichter die witzige Hypothese, dass, wenn Domitian Gläubiger der Götter wäre und eine Gegenleistung rur seine Tempelbauten verlangte, der Himmel Bankrott machen und es e ine Zwangsversteigerung im Olymp geben mUsste, deren Erlös dennoch nicht einmal in Ansätzen genUgte, einen Vergleich zwischen dem Göttervater und dem Herrscher auf Erden zustande zu bringen. Im Folgenden zählt Martial alle die Götter auf, die in Domitians Schuld stehen, da er ihnen HeiligtUmer errichtet hat (v.7-12). Dadurch dass er beinahe keinen von Domitians Tempelbauten unerwähnt lässt, lU preist er jenen zugleich filr sein Bauprogramm. Die Reihe beginnt mit Jupiter, der den Kaiser f\lr die kapitolinischen Tempel nicht bezahlen könne (v.7), nämlich filr den Tempel des luppiter Optimus Maximus, den des luppirer Cus/os und möglicherweise den des luppiler Tonans. l16 Dem Göttervater als einzigem der Götter widmet Martial zwei Verse Raum, indem er noch die Capilolia erwähnt (v. 8), die einzige Götterehrung Domitians, die nicht in die Re ihe der aufgezählten Heiligtümer passt. Es folgt Jupiters Gemahlin Juno, von deren zwei genannten Tempeln (culminibus geminis, v.9) wir keine
184 Einen weiteren Vergleich mit Jupiter. den Domitian gewinnt, Sle lh Martial in epigr. 9.9 1 an, indem er Essenseinladungen in den Kaiser· und in den himmlischen Palast gegeneinander )abwagtc : s. dalll oben S. 13 I . 185 Siehe Henrikse n 1998.68. 186 Henriksen ebd.; vgl.o. S. SI f. m. Anm. 125.
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gesicherten Zeugnisse haben. LIl Als dritte Göttin nennt Martial die Minerva, womit die kapitolinische Trias komplettiert wird (v.IO). Nicht nur dem Göttervater, auch den beiden Göttinnen zu Ehren war die Restaurierung des Tempels des lup· piler Optimus Maximus erfolgt, da dieser der Kultort fi1r die gesamte kapitolini· sche Trias war. Dadurch ließe sich auch die Nennung des zweiten Junotempels erklären. Die Erwähnung der Minerva geschieht in einer Praeteritio: Sie zähle nicht zu Domitians Schuldnern, da sie seiner )Partei ( angehöre. Man hat diesen Vers als Beleg dafur interpretiert, dass es eine gleichsam unsichtbare Grenze fi1r spielerische und ironische Panegyrik gegeben habe, die Martial wohlweislich beachte: »the tutelary goddess of Domitian was no joking matter.«L" Diese These hat einiges filr sich; genauso plausibel wäre aber die Deutung, dass Vers 10 spielerisch und zugleich konsequent den hypothetischen Anfangsgedanken weitertreibt: Innerhalb der )Familie< (immerhin soll sich Domitian ja als Minervas Sohn bezeich· net haben) ltO gibt es keine Geschäftsbeziehungen oder juristisch relevanten Schwdverhältnisse. Die Praeteritio dient dem Ziel, auch ohne explizite Nennung an Domitians Minervaheiligtnmer zu erinnern, welche die Rezipienten von epigr. 9,3 natürlich kannten. Martial beschleunigt dann die Aufzählung mit kurzen Verweisen auf den Herkules-Tempel an der Via Appia, den Dioskurentempel (evt . auf dem Forum Romanum) und einen Apolltempel (v. I 1).191 Enden lässt er den Reigen der Heilig· tümer mit dem Tempel der gens Flavia , der >neuen< Götter (v. 12). Darin steckt ein doppeltes Domitianlob: Erstens macht es, am Schluss der Aufzählung, dessen deifizierte Verwandte den himmlischen Göttern gleich, und zweitens stellt es sie, Vater, Bruder, Nichte und den im Kleinkindalter verstorbenen Sohn, als in der Schuld Domitians stehend dar. 192 Domitian wird, als Verwandter von Gottheiten, zwangsläufig selbst göttlich. Das Schlussdistichon nimmt den Anfangsgedanken wieder auf: Der Kaiser mUsse sich in Geduld üben, Jupiters Schatulle gebe das ftlr Domitians Leistungen Angemessene nicht her. Der Princeps ist Wohltäter an den himmlischen Göttern, und an den Menschen damit sowieso. Denn auch diese profitieren von seinem Tempelbauprogramm. Weil die Götter aber dem Kaiser seine GeflLlligkeiten nicht adäquat honorieren kö nnen, steht er ihnen voran, auch und gemde dem am häu-
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187 Darwall-Smith 1996, 13M.; gemeint ist vielleicht der restaurierte Tempel der luno MOIIe(Q ruf dem Kapitol: s. Henriksen 1998, ad loc. Ober den zweiten: Siehe das Folgende. 188 Henriksen 1998, 68f. 189 Sauter 1934, 93; Zitat HenrikK n 1998, 68. Als Pan!;llelstelle wird epigr. 9,34 genannt; S. U. S. 306. 190 Philostr. Ap. 7,24 . 191 Zur Frage, ob es sich um den Apolltempel auf dem Palatin handelt, sowie nun Dioskurentempel s. Darwall-Smith 1996, 13M. und Henrikstn 1998, 69. 192 Siehe Henrik.st!n 1998, 69.
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Die P8lltgyrik des Manial
figsten genannten Jupiter. Die Errichtung oder Restaurierung von Tempeln nutzt epigr. 9,3 als Gelegenheit, dem Herrscher sakrale Eigenschaften zuzumessen. Die Technik des Kaiserlobs von 9,3 wendet Martial auch in epigr. 9,93 an: die Präsentation klassischer Inhalte der kaiserlichen Expression in einem ungewöhnli· ehen Rahmen. Das Epigramm beschreibt ein Trankopfer fU.r den Kaiser, wie es offenbar auch bei privaten Gelagen gefeiert wurde.") Dabei war es Oblich, für jeden Buchstaben des Namens dessen, der geehrt wurde, einmal den Becher zu leeren. Martial fragt seinen Sklavenjungen, fUr welchen Gott dieser ihm sechs Becher einschenken solle - das könne nur Caesar sein (v.3f.). Anschließend wan· delt er den Brauch ab J ~ und lässt sich einen Kranz mit zehn Rosen fUr Dom;l;anus ins Haar legen, weil der Kaiser den Tempel der flavischen Familie erbaut habe (v.5r.). Zuletzt solle ihm der Junge noch zehn Küsse geben fllr den Siegerbeinamen, den der Princeps aus dem >xx:lrysischen« Land mitgebracht habe : Sarmat;cus (v.7f.).J" Martial ehrt Domitian dreifach : Er nennt ihn deus und unterstreicht das durch das Trankopfer und den Kranz aus Rosen, den er aufsetzt. l96 Mit dem Templum Gent;s Flaviae und der Sieghafligkeit erwähnt er weitere zentrale Felder der domitianischen HerrschaftsdarsteUung. Mit diesem, offiziellen AnsprUchen genügenden, Bild des Herrschers geht er indes spielerisch um, indem er neue Bräuche der Ehrung erfindet, und bettet es in einen privaten Rahmen ein, offenbar den seines eigenen Hauses. Hinzu kommt mit der Aufforderung an den Jungen, ihn zu küssen, eine erotische Ironie. die vielleicht auf Domitians deJicarus Earinus an· spielt. Das Kaiserlob wird durch diese ungewöhnliche, zuvor nicht vorgefUhrte Präsentation jedoch nicht unbedingt geschmälert: Der demonstrierte Einzug der Kaiserverehrung in den häuslichen Bereich bedeutete eine Auszeichnung. Vergleichen wir die bisher betrachteten Sakralitätsgedichte mit dem Epigramm 4,30. Wir beobachteten, dass Martial die kaiserliche Sakralität aus ihm bekannten 19J5ieht C lal.lSS 1999,22 1 u. Henriksen 1999,141. 194 Siehe dazu Henriksen ebd. 195 Auf welches Cognomen Manial anspiel!, Germanicus oder SarmatiCUJ, ist unter den Kommentatoren umstrinen. Siehe Friedlaender 1886 11, ad loe.; Henriksen (1999, ad loe.) interpre. lien den Beinamen als Germanicus, da Manial Odrysius (v.8) allgemein im Sinne von Jl nOrdlich« verwende. Jedoch wird darunter in der lateinischen Lilerarur gewöhnlich »thrakisch« verstanden (5. die Stellen bei Henriksen ebd.), und auch Martials Gebrauch lasst sich - gegen Henrikstn - so deuten (7,8.2 u. 7,80, 1: beide Epigramme: beziehen sich auf den Sannatischtn Krieg, mithin auf den unteren Oonauraum). Dass Domitian das Cognomen nicht getragen hat, ist kein Argument: Manial kann ihm in seinem Bestreben, dem Kaiser zu schmeicheln und die kaistrliche Herrschaftsdarstellung zu ube nrtffen, von sich aus diesen Siegerbtinamen angedichtet haben: schl ieß.. lich redet er ihn in der Pratfatio des achten Buchs auch mit Gtrmanicus Dacicus an. Es ist daher nicht nOtig. Odrysiw zu verallgemeinern: Manial wird damil sehr wohl die untere Donau. wo die Sannaten siedelten, gemeint haben. Er baut also in epigr. 9,93 am Ende eine we itere, Obell1l5Chende Schmeichelei ftJr den Kaiser ein. - Das Motiv des uhnmaligen Trinkens auf Germanicw findet sich auch in epigr. 14, 170. 196 Siehe dazu Clauss 1999, 127.
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Die Panegyrik des Martial
Elementen der höfischen Herrschaftsdarstellung entwickelte und Uberhöhte. wie z.B. aus den öffentlichen Gebeten zu Ehren des Kaisers oder seinen Tempelbauten. In den Epigrammen 9,3 und 93 verpackte der Dichter die konventionellen Inhalte in eine kurios-witzige oder ungewöhnliche Rahmenhandlung. Das Epigramm 4,30 geht einen anderen Weg: Auch mit diesem Gedicht thematisiert Martia1 die Göttlichkeit Domitians. aber es steht weniger ihr Lobpreis als vielmehr ihre Beschreibung anhand einer ~~reguläre[n] Wundergeschichte«('97 im Mittelpunkt. Die Geschichte spielt auf dem kaiserlichen Landsitz bei Saiae am Lukriner See,lfl dessen Gewässer filr die AJlgemeinheit offenbar zugänglich, in dem das Fischen jedoch verboten war. Der Dichter erzählt sie einem Fischer, einem gewöhnlichen Untertanen ohne besonderen Bezug zum Kaiser, der im Begriff ist, gegen das Angel verbot zu verstoßen. Da die Fische in Domitians Teich heilig seien (sacris piscibus, V.3);99 sei ein Libyer in frllheren Zeiten zur Strafe prompt geblendet worden, nachdem er dort geangelt habe. Nun fri ste er sein Dasein als blinder Bettler am Ufer des Sees (v.8-13). Baiano procul a laeu, monemus, piscator, fuge, ne nocens recedas. sacris pisc ibus hae natantur undae, qui norunt dominum manumque lambunt iIIarn qua nihil est in orbe maius. quid quod nomen habent et ad magistri vocem quisque sui venit e itatus? hoc quondam Libys impius profundo, dum praedam ealamo tremenle ducil, raptis luminibus repente caecus captum non potuit videre piscem, el nune sacrilegos perosus hamos Baianos sedet ad lacus rogator. al tu, dum potes, innocens recede iacti s simplicibus cibis in undas. et pisces venerare delicatos.
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15 (ep;gr. 4,30)
Nach der Aufforderung an den Fischer, den See zu meiden (v. I f.), setzt Martial ihm die Heiligkeit der Fische auseinander. Die Tiere sind heilig, weil sie des Kaisers sind . Sie erkennen ihn als ihren Herrn und lecken seine Hand (v.4f.). Dieses übernatürliche Verhalten liegt in Domitians Sakralität begründet; Martial fUhrt andernorts auch das widernatürliche Verhalten dressierter Tiere in der Arena auf die göttl ichen Kräfte des Pnnceps zurllck.lOO Das Handlecken der Fische ist eine 197 Weil'U'eich 1928. 147. 198 Vgl. Plin. paneg. 82, 1. 199 Siehe lUr Heiligkeit der Fische in der Antike F.J. Dölger. lX8Vl:. Der heilige Fisch in den antiken Religionen und im Christentum, 5 Bde., MOnster 1910-1943. 200 S.o. S. 275.
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Die Panegyrik des Manill
Geste der Proskynese, die Tiere »venerieren die göttliche Hand(~I. Dagegen zeigen sie gegenüber dem )Teichmeister« (magis/er) lediglich Gehorsam, wenn sie aufZurufherbeischwimmen (V.6f.).lO! Es gibt nichts Größeres auf der Weh als die kaiserliche Hand (v.5): Als lebende Gottheit war der Herrscher im übertragenen Sinne kolossal, magnus wird zum sakra1en Anribut. 101 Der Autor dokwnentiert die Sakralität des Kaisers daneben dw-ch religiös konnotiertes Vokabular (sacris, v.3; impius, v.S; sacrilegos, v. 12; venerare, v.16) und durch die )Wundergeschichte< des geblendeten Libyers (v.S-13). Sie spricht dem Kaiser die Fähigkeit zur Blendung zu; genauso traute man damals dem charismatischen Kaiser umgekehrt zu, Blinde zu heilen.lOoI Da die Blendung in der Antike zudem als eines der häufigsten Strafwunder galt,lOS scheint Martial filr diese Erzählung Anleihen bei einem »volkstümlich abergläubische[n) Hemcherkult(~ gemacht zu haben. Danach reichte die göttliche Kraft Domitians so weit, dass er seine Fischbestände in Baiae auch in Abwesenheit schützen konnte. 107 Dem Epigramm 4,30 hat Martial einen auch in Rom bekannten Aberglauben an heilige Fische zugrunde gelegt, der aus Syrien kam. Analog zu Gewässern mit heiligen Seelieren in Syrien und in der hellenistisch-römischen Weh erkJärt der Dichter auch den kaiserlichen Teich in Baiae filr heilig, weil Domitian göttlich ist.!OI Martial greift Vorstellungen der Bevölkerung vom Herrscher als Gott auf, die er steigert und in freier Fonn seiner Panegyrik anpasst. Dafilr hane er keine Vorlagen in der kaiserlichen Expression. 109 Daher ist das Gedicht kein typisches panegyrisches StOck Martial s. Die obligatorischen Elemente des Kaiserlobs fehlen, mit Ausnahme der manus magna und der Titulierung Domitians als dominus (v.4f.). Auch mit diesem Epigramm will Martial dem Kaiser gefallen; aber daneben zeigt er ein stärkeres künstlerisches GestaJtungsinteresse, als wir es aus seinen anderen Lobgedichten kennen.1lO Deshalb löst er sich stärker ws sonst von den Themen der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung. Den hier verfolgten Weg der Herrscherpanegyrik hat Martial splter nicht wieder beschritten. Das Epigramm 4,30 steht wie ein Solitär in der Landschaft seiner Domitiangedichte. Als Gedicht aus dem vierten Buch zählt es zu Martials frühen panegyrischen Texten Uber Domitian. Es scheint kein Zufall zu sein, dass diese 201 Weinreich 1928, 145; Weinreichs Analyse des Epigramms ist immer noch maßgebend (ebd. 143-155). 202 Ebd. 146. 203 Siehe Clauss 1999, 311 . 204 SueL Vesp. 1,2(; Tac. hist. 4,81. Vg!. Veyne 1988, 478. S.o. S. 55. 205 Siehe Weinreich 1928, 147. 206 Ebd. 151 ; 5.1 . Clauss 1999, 234 . 201 Siehe Clauss ebd. 208 Weinreich 1928, 151. 209 Manial belegt damit - als Untenan - die Richtigkeit der These, dass die BOrger durch ihre eigenen Vorstellungen vom HerTSCher an dessen Imago mitwirkten; s.o. S. 28f. 210 Zur literarischen )Einkleidung( s. Weinreich 1928, 151-155.
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Die Panegyrik des Martial
etwas unorthodoxere Technik des Kaiserlobs aus einem frühen Stadiwn der Do· mitianpanegyrik des Spaniers stammt, aJs er den Flavier noch nicht derart aber· schwänglich und häufig lobte. Über die Frage. warum der Dichter diese Art der Verherrlichung nicht weiterverfolgt hat. lässt sich nur spekulieren. Vennutlich entschloss er sich, da die materielle Anerkennung durch den Kaiser ausblieb und gegen Ende des domitianischen Principats das Klima in Rom nervöser und repres· siver wurde (s.u. S. 346ff.), auf Nummer Sicher zu gehen und sich an die bekannten lnhaJte der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung zu halten. Es war fUr ihn nicht mehr opportun, seine poetische Kreativität durch eine große Themenvariation unter Beweis zu stellen.
6.4.2 Befestigung der flavischen Dynastie I: Das Templum Gentis Flaviae Während dem Heiligtum der navischen Familie in der literarischen Überliefe· TUng große Aufmerksamkeit geschenkt wird (in epigr. 9.3,12 und 9,93,6 bereits erwähnt), sind uns keine archäologischen Spuren von ihm erhalten . Sueton berich· tet, es sei auf dem Quirinal, an der Stelle des domitianischen Geburtshauses erri chtet worden.lI! Martial zufolge (et marmore el aura; 9,20, 1) muss es prachtvoll ausgestattet gewesen sein. Offenbar war der Mannorbau mit Goldomamenten versehen.212 Die Bauzeit wird etwa in die Jahre 94/95 anzusetzen sein, da Martial den Tempel erstmals im neunten Buch, Statius ihn nicht vor seinem vierten Buch erwähnt. 2Il Der Tempel , der 96 vom Blitz getroffen wurde,lI4 hatte drei Funktionen: I . Domitian monumentalisierte mit der Errichtung des Heiligtums die Stätte seiner Geburt. 2IS Indem der Kaiser sein Geburtshaus durch den Tempel ersetzte, sakralisierte er sich selbst. 2. Der Tempel diente als Zentrum des Kults der flavischen Gens. 3. Domitian setzte mit dem Bau dem Mausoleum August; ein flavi· sehes Äquivalent entgegen: Die sterblichen Überreste der Domitiannichte Julia waren hier beigesetzt. und auch Domitians eigener Asche soUte es später beschieden sein, hierhergebracht zu werden, wo sie angeblich von der Amme Phyllis mit der der Julia vennischt wurde?'6 Dass auch Vespasian und Titus in dem Familienrnausolewn beerdigt worden sind, können wir (nur) vennuten. 217 Das Templum Genlis Flaviae diente daher nicht einfach nur der Manifestation der flavi schen 211 Suel. Dom. 1.1. Vgl . Darwall-Smith 1996. 159. 212 Siehe Henriksen 1998, 56. 21) Seide Bücher sind in das Jahr 95 zu datieren; Mart. 9, I ; 20; 34; Sial. silv. 4,3, 18f.; 5, 1,240f. Außer von Sueton wird der Tempel noch von dem Chronographen von 354 (MGAA IX, S. 146) genannt. Vg!. Darwall-Smith 1996, 163 und Henriksen 1998, 56. 214 Suet. Dom. 15,2 ; s. Jones 1992, 87. 215 Siehe Darwall-Smith 1996, 163f. 2 16 Suet. Dom. 17,3; s. Friedlaender 1886 11, ad loc.; Darwall-Smith 1996, 163f.; Henrikstn 1998, 57. Aufdie Funktion als flavisches Mausoleum scheint auch Stat. silv. 5,1 ,240f. hinzudeuten. 2 17 VgJ. Darwall-Smith 1996, 164.
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Dynastie, sondern sollte die aktuelle Kaiserfamilie als der julisch-claudischen Dynastie ebenbUrtig darstellen. Nach Domitians Tod wurde der Tempel nicht wei· ter als kaiserliche Grabstätte genutzt, da die Nachfolger sich von den Flaviem abzusetzen bestrebt waren.lII Die Kultstätte der gens Flavia war nicht irgendein Tempel, sondern spielte fUr die Herrschaftsdarstellung Domitians eine bedeutende Rolle. Daftlr sprechen meh· rere Erwägungen: Erstens war es eine Novität, einen Tempel fiI.r eine irdische Familie zu bauen. Die Julier hatten zwar das Mausoleum Augusti, aber das diente nicht als Tempel.219 Schon deshalb musste Domitians Bau Aufsehen erregen. Zweitens stellte sich auch im vorgerückten Stadium des domitianischen Principats weiterhin die Aufgabe, um Akzeptanz filr die flavische Dynastie zu werben. Der Kaiser hatte weiterhin keinen Sohn, der als sein natUrlicher Nachfolger in Frage gekommen wAre. Die beiden Söhne seines Vetters Flavius Clemens, die er statt· dessen öffentli ch zu seinen Thronfolgern bestimmt hatte, waren noch parvuli,21O und wenn es stimmt, dass Domitian in den letzten Jahren seiner Herrschaft zu· nehmend von Attentatsängsten heimgesucht wurde,2lI dann wurde die Ostentation der flavischen Fami lie dringlicher denn je. Schließlich zeigt sich die Prominenz des Templum Genlis Flaviae auch in der Domitianvita Suetons, die es nicht weni· ger als vier Mal erwähnt. m Dem herausgehobenen Stellenwert, den der Tempel rur die Expression Domiti· ans hatte, trägt Martial mit dem kleinen Epigrarnrnzyklus Rechnung. In epigr. 9,1 rühmt er den Tempel allgemein und betont dessen Ewigkeit und Göttlichkeit. Das Epigramm 9,20 konzentriert sich auf dessen >Vergangenheit< als Geburtshaus des Kaisers. In dem dritten Gedicht (9,34) schildert der Autor eine homerische Szene, während der Jupiter den Tempel als Familienmausoleum lobt. Martial legt also das Lob der. abgesehen vom Ka iser, größtmöglichen Autorität in den Mund . Ver· gleicht man diese Akzentsetzung mit dem Bericht Suetons, so ergeben sich auffal· lende Übereinstimmungen : Der Biograph nennt den Tempel in der Aufzählung des domitianischen Bauprogramms (5), er hebt besonders die Rolle als ehemaliges Geburtshaus hervor (1.1), und er schildert die Funktion als Familienmausoleum, indem er berichtet, dass die sterblichen Überreste von Domitian selbst sowie sei· ner Nichte Julia dorthin verbracht wurden ( 17,3),lll Einmal mehr liefert Martial also eine getreue poetische Spiegelung der Herr· schaftsdarstellung durch den Kaiserhof.
2 18 Siehe HenrikKn 1998, 57. 2 19 Siehe Darwall-Smith 1996. 165. 220 Sud. Dom. 15,1 ; s. dazu Jones 1996, ad loc. 221 Sud. Dom. 14,4. 222 SUd. 1, 1; 5; 15,2: 17,3 . 223 Suetons vierte Infonnation, der BlilZCinschlag ( 15.2), ist fllr die Imago des Kaisers selbst· versIlndlieh irrelevant.
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Die Panegyrik des Martial Dum lanus hiemes, Domitianus autumnos, Augustus annis commodabit aestates, dum grande famuli nomen asseret Rheni Gennanicarum magna lux Kalendarum, Tarpeia summi saxa dum patris stabunt, dum voce supplex dumque ture placabit matrona divae du lce luliae numen : manebit altum Flaviae decus gentis eum sole el astris eumque luce Romana. invieta quidquid condidit manus, caeli est.
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(epigr. 9,1)
Das Epigramm 9, I ist eine fonnelhafte Ewigkeitsprophezeiung filr den neuen Tempel, der in die Reihe der klassischen Ewigkeitssymbole Roms aufgenommen wird.m Zu diesen Standardbildern filr Unvergänglichkeit gehönen die immer wiederkehrende Erneuerung des Kalenderjahres, verkörpen durch Janus (v .1f.), die Suprematie Roms (v.3f.), das Kapitol (v.5), der Kult der Götter (v.6f.) und das Fortbestehen des Kosmos (v.9). Eine derartige Aufzählung war topisch; die poeü· schen Vorbilder sind beinahe Legion .22J Manial versteht es jedoch, diese Reihe individuell auf Domitians Leistungen zuzuschneiden, denen dadurch ebenfaJls eine ewige Qualität zugewiesen wird. Der Dichter nennt zunächst die Umbenen· nung zweier Monate in Domitianw (v. I) und Germanicw (vA). Durch den Monat Germanicw sei sodann Domitians Sieg in Gennanien im kollektiven Gedächtnis Roms verankert worden (v.3f.), und wenn ein flavischer Dichter das Kapitol rühmte, so war darunter immer auch der von Domitian restaurierte Tempel ftlr luppiler Oplimw Maximus zu verstehen. Das nächste Glied der Aufzählung ist das überraschendste; hier setzt Manial einen eigenwilligen Akzent, der in seiner sonstigen Panegyrik nur selten begegnet. Anstatt einen Ewigkeitstopos wie : ).Solange Rom Bestand hat, wird es Opfer filr die Göner geben«, anzufilh.ren, nennt er aJs Gottheit, der dauerhaft geopfen wer· den wird, Domitians Nichte Julia (v.6f.). Titus' Tochter, um 90/91 gestorben und von Domitian deifizien,216 wurde auf Münzen und in der Kunst, ebenso wie Domitians Gattin Domitia Longina, gelegentlich mit dem Pfau dargestellt, dem Tier der Juno. Die Gattin des Jupiter war die Göttin filr die römische ma/rona. die Martial hier der Julia opfern lässt. Numismatische, archäologische und literarische Quellen deuten darauf hin, dass Julia neben Domitia ebenfalls der Juno assoziien wurde und die Rolle als Göttin der Frauen abernehmen sollte.m Warum aber spielt der Dichter auf das römische Fest der Matronalia an, an dem die beschriebenen Opfer mit Gebeten und Weihrauch stattfanden? Die Antwon liefen der An· 224 Vgl. Ihnlieh fl1r die Via Domiliana Stat. silv. 4,3, 16()..163. 225 Angefangen bei Horaz (cann. 3,30,8f.), waren des Weiteren Vergil, Tibull, Ovid u.a. zu nennen. Siehe fUrdie Belege Henriksen 1998, 55. 226 S.u. S. 307. 227 Scon 1936, 76r.; Henrik.sen 1998, ad loc.; BMC 60, 61 , 67, 249·250 und pi. 67,19.
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Die Panegyrik des Manial
lass dieses Lobliedes, das Templum Genfis Flaviae: Mit ihrer Vergöttlichung hatte Oomitian die Nichte nach ihrem Tod, wie schon seinen Bruder und seinen Sohn, fUr die Herrschaftsdarstellung instrumentalisiert. Julia strahlte nun als Stern am flavischen Himmel - deshaJb entschied sich Martial in diesem Epigramm. ihren Kult in die Reihe der Ewigkeitssymbole aufzunehmen. Nachdem in Vers 8 das Geheimnis wn den Gegenstand der Eloge schließlich gelUftet ist, wird das Templum Genlis Flaviae mit den verlässlichsten Ewigkeits· bildern, der Sonne und den Sternen, verbunden und in die himmlische SphAre ge· rOckt.uI Der Vers hat aber wohl noch eine zweite Bedeutungsebene. Der Tempel werde Bestand haben cum sole et aslr;s: Da er die letzte Ruhestätte filr die zu den Sternen erhobenen Verwandten ist, können mit aslris eben nur die deifizierten flavischen Angehörigen gemeint sein. Der Sol ist dann natürlich Oomitian.229 Das Gedicht dient zwei Zielen: den neu errichteten Tempel der gens Flavia zu rUhmen und ihm Unvergänglichkeit zu prophezeien sowie die Sakralität des Kaisers unter Beweis zu stellen. Der Schlussvers führt beide Themen zusammen. Oomitians Hand wird als invicla bezeichnet, ein alles Götterepitheton. das die Sakralität mit der Sieghaftigkeit verbindet.uo Das Werk eines solchen Herrschers, dessen Göttlichkeit vielfach bewiesen wurde, kann nicht anders als ewig sein.2JI MartiaJs Panegyrik ist sehr massiv und nicht Obennäßig originell ; sie beschränkt sich, abgesehen von der JuJiathematik, auf die gängigen Topoi. Ober den vorzu· stellenden Tempel ertlihrt man als Leser nichts. Die Kenntnis des Bauwerks wird bei den Rezipienten vorausgesetzt. Das zweite Gedicht des Zyklus (epigr. 9,20) erzählt die Vorgeschichte des Platzes, an dem der Tempel der gens Flavia errichtet wurde. lndem Domitian die Stätte seiner Geburt aJs Standort wählte, fügte er dem neuen Heiligtum eine weitere Funktion hinzu: Neben der Verehrung der flavisehen Gens war es mehr noch als Kultstätte filr seine eigene Person gedacht. MartiaJ stellt mit epigr. 9,20 auch diesen Aspekt heraus und nennt das domitianische Geburtshaus eine veneranda domus (v.5). Der Geburtsort und die Geburtszeit des Kaiser zählten zu den Topoi der Hemcherpanegyrik.m Von der Erinnerung an das Geburtshaus lässt der Autor sich zu einem Vergleich der Geburten von Domitian und Jupiter inspirieren. Seine GeburtssUl.ue habe der Erde das besehen, was Kreta mit Jupiter (und Rhodos mit SOI)Ul dem Himmel schenkte (v.5 f.). Werden die Geburtsorte noch als gleichran228 Gleichsam als Nebenaspekt billigt Manial der Jux Romono, dem rOmischen Ruhm und der romischeß Machtausdehnung, dieselbe kosmische Unverglnglichkeil wie der Sonne und den Ster· nen zu (v.9). 229 Vgl. Henrikstn 1998, S6 und ad loc. 230 Vgl. Clauss 1999, 260. 231 Vgl. Sauter 1934, 158r. 232 Siehe Sauter 1934, 67: »Der Ort, an dem, und die Stunde, zu welcher der kaiserliche Gott das Licht der Welt erblickte, mllßte Gegenstand der Hofdichtung sein.« 233 Vgl. darn HenriksCn 1998, 121 f.
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g ig hingestellt, so sind es Domitians Geburtshelfer und - schützer mit ihren Waf· fen, welche die des Göttervaters übertreffen : Während sich die Kureten bemüht hatten, JupitCTS Geburt vor Kranos crepitantibus armis zu verheimlichen, wurde der Kai ser von Gebun an vom Gebieter des Himmels selbst mit dessen /ulmen und aegis beschützt (v.7-IO). »Das kaiserliche Kind ist mehr als das Zeuskind, weil sein Schützer Zeus mächtiger ist als die Cureten ( ... ).(2).4 Mit diesem Paradox , das in der exponierten Erwähnung der von Domitian angenommenen Jupiterinsignien Blitz und aegis endet, bringt es Martial fertig, den Kaiser als herausgehobenen Schützling Jupiters zu prIsentieren und ihn gleichzeitig dem Göttervater voranzustellen. Das Epigramm 9,34 schließlich gestaltet den Lobpreis des Templum Gentis Flaviae arn freiesten. Es ist ein Beleg dafür, dass Martial bei aller Überhöhung des Kaiserlobs, die auch hier nicht fehlt , sich auch in der Spätphase der domitianischen Herrschaft noch eine unkonventionelle poetische Verarbeitung der Expression erlaubte. Er lässt Jupiter bei einem homerischen Götte rgelage den versammelten Göttern mitteilen, dass er den Tempel der gens Flavia seinem eigenen Grabmal auf Kreta, m von den Göttern errichtet, vorziehe (v.7f.). Martial spielt damit auf die Funktion des Templum Genlis Flavjae als Familienmausolewn an. Der Aussage des Himmelsgebieters wird jedoch jegliche Ernsthaftigkeit dadurch genommen, dass dieser in heiterer Stimmung (risit, v.l ) und neclarefusus, vom Nektar betrunken, sei (v.3). Der Dichter ironisiert seine Panegyrik, ohne sie zu verraten. Ein Lächeln beim Leser ist einkalkuliert. Zudem wird hier - auch das ungewöhnlich - nicht Domitian mit Jupiter gleichgesetzt, sondern sein Vater Vespasian, vertreten durch sein Grabmonument, den Tempel der gens Flavia.lJ6 Domitian wird dagegen mit Jupiters Kindern, der versammelten Götterrunde, verglichen. eh. Henriksen hat das Gedicht »a somewhat absurd piece« genannt, es aber zugleich so ernst genommen, dass er die fehlende Erwähnung der Minerva in der Götterrunde damit erklärte, dass sie nicht der implizierten Kritik ausgesetzt werden sollte, die Götter seien Domitian in der Errichtung eines Grabmonuments Rlr den Vater unterlegen.ll1 Das scheint ein wenig Oberinterpretiert; man kann nichl die Schar der Götter auf ihre Attribute hin untersuchen, die sie dem Kaiser in dem Ged icht angeblich leihen oder die mit einer kaiserlichen Eigenschaft zu identifizieren seien, wie es Henriksen tut,llI wenn die Götter hier allesamt als blamiert dastehen sollen. Das Fehlen der Schutzgöttin des Flaviers ist wohl eher auf die 234 Saute'r 1934, 66. 23!5 Anth. Pal. 7,27!5 ,6. Siehedam Henrikstn 1998, 174. 236 Ein weiterer Beleg dafbr, dass der Tempel als Familienmausoleum gedacht war und Vespasians Asche dort lagene; vgl. Henrikstn 1998, 173. 237 Henrikstn 1998, l72f. S.o. S. 297. 238 Ebd. 173 .
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grOßeren Freiheiten zurilckzufUhren, die sich der Epigrammatiker in der Gestaltung des Kaiserlobs hier gestattete. Die Ostentation der flavischen Dynastie geschah hauptsächlicb auf sakralem Wege - durch das Templum Gentis Flaviae und, schon zuvor, durch die Deifizierung verstorbener Verwandter. Deshalb haben die Epigramme über Domitians Familienmitglieder im Sakralitätskapitel ihren Platz. Im sechsten Buch nimmt MllItial die jUngst erfolgte Oeifizierung der Julia zum Anlass, mit ihr (epigr. 6,13) und Domitians Sohn (6,3) zwei zu den Sternen erhobene Angehörige in den Mittelpunkt zu rucken.
6.4.3 Befesligung der jlavischen Dynastie 1/: Vergöltlichte Verwandte Die Person der Julia hat die nachdomitianische überlieferung in besonderem Maße dazu benutzt, Domitians Herrschaft zu diskreditieren und ihn als stereotypen Tyrannen abzustempeln. Der Kaiser soll sie verfilhrt, trotz der Präsenz seiner Gattin Domitia Longina offen mit ihr zusammengelebt und sie zu einer Abtreibung gezwungen haben, bei der sie ums Leben kam .1J9 Tatsächlich waren dies Gerüchte, die erst nach dem Tod des Flaviers in die Welt gesetzt wurden. M. Vinson hat gezeigt, dass die Julia-Affäre ebenso wie das Gerücht des Ehebruchs von Domitia »commonplaces of political invective« waren.2.o Sie dienten den Apologeten des trajanischen Principats als Elemente einer rhetorischen Strategie der comparulio: Die gegenwärtige glänzende Herrschaft sollte so von dem früheren verworfenen Regime Domitians abgesetzt werden.2tI In dem Bestreben, ihn zu verdammen, wurde kein Aspekt und kein Politikfeld der domitianischen Ära ausgelassen, auch nicht die SittengeselZgebung: Als Kontrast zur offiziellen Politik musste dem Flavier und seiner Umgebung persönliches moralisches Fehlverhalten >angehängte werden.24! Neben chronologischen Widerspruchen w spricht auch das Epigramm 6,3 gegen die Wahrheit der Geruchte : Wenn Julia tatsächlich an den Folgen einer Abtreibung gestorben wäre, die aus einer Affi1re mit Domitian resultierte, dann hätte Martial kein Epigramm über den erwünschten Nachkommen, dem von der parze Julia ein langer Lebensfaden gewebt wird, schreiben und es auch noch zwischen die Epigramme 6,2 und 4 platzieren können, die die Sinenge-
239 Plin. epi$t. 4,11 ,6; luv. 2,29-33; Suet. Dom. 22. 240 Vinson 1989, passim, zu Juli.: 433-438; Zitat: 432. 241 Ebd. 433. 242 Ebd. 447-449. Nauta halt es dagegen fllr unwahrscheinlich, dass diese Ger1lchte erst nllCh Dornitians Tod in die Welt gesettt worden seien; auch wenn sie zu den Topoi der Invektive gegen )Tyrumen< zAhlten, können sie dennoch zu Lebzeiten Domitians aufgebracht worden sein (2002, 435). 243 Domi(ian war vom Anfang bis zum Herbst des Jahres 89 in Gennanien im Feld; rur eine mögliche Schwangerschaft Julias, die zur Abtreibung und zum Tod spat im Jahr 89 geft1hrt hatte. konnte er kaum verantwortlich sein ; s. Vinson 1989, 437.
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setzgebung loben . Der Bezug wäre viel zu eindeutig gewesen, und es hätte zudem eine Erniedrigung der Domitia bedeutet. 2'« Julia wird daher sicherlich eine enge persönliche Beziehung zu ihrem Onkel Domitian gehabt haben und sie wird auch am Kaiserhof gelebt haben. Ihr Todesj ahr liegt sicher zwischen 87 und 91; wahrscheinlich ist sie 90/91 gestorben und kun darauf vergönJicht worden. Martials Epigramm 6,13 entstand vermutlich bald im Anschluss. w Darin beschreibt er eine Juliastatue, die sie als Yenus darstellt. Mit der Wahl dieses Gegenstands ist dem Dichter die Gedichtaussage vorgegeben: Die Nichte des Kaisers ist göttlich. Dieses Attribut fällt automatisch auf den Kaiser zurück, der - zumindest explizit - gar nicht erwähnt werden muss. Quis te Phidiaco fonnatam, lulis, caelo, vel quis Palladiae non putet artis opus? candida non tacita respondet imagine Iygdos et placido fulget vivus in ore decor. ludit Acidalio, sed non manus aspera, nodo, quem rapuit collo, parve Cupido, tuo. ut Martis revocetur amor summique Tonantis, a te luna petat ceston et ipsa Yenus.
s (ep;!!,_6, 13)
Martials Bestreben, Julias Göttlichkeit zu zeigen, ist in jedem Vers zu beobachten. Als mögliche Bildhauer der Statue kommen fUr den Dichter nur Phidias oder Pallas Athene in Frage (v. lf.). Phidias, »oft der Repräsentant der bildenden Künste überhaupt«246, war der bestmögliche irdische Garant filr die Schönheit einer Statue. Außer ihm konnte nur eine göttliche Kanstlerin ein Werk von solcher Schönheit geschaffen haben. ln der Beschreibung des Standbildes greift der Autor auf die üblichen sakralen Attribute zurück, die Materialität und den Glanz: Die im ersten Verspaar aufgeworfene Frage nach dem göttlichen Ursprung der Statue werde durch den glänzenden weißen Marmor von selbst beantwortet (candida .. . respondeI ... Iygdos, v.3f.).w Die Schönheit und der Glanz machen deutlich: Die Göttlichkeit der deifizierten Julia hat auf die Statue abgefl1rbt. Da die Konsekration durch das Venusmotiv (v.5f.) als Thema vorgegeben war, beschreibt Martial diese Göttlichkeit lediglich und schmückt sie aus. Dennoch hat er im Schlussdistichan noch eine Steigerung parat: Da - aufgrund des Bildrnotivs - Julia nun im Besitz des Venusriemens ist, der Menschen wie Götter in Liebe entflammen lässt, übertreffe sie die Vcnus als Liebesgöttin.
244 Siehe Jones 1992, 39r. und Grewing 1997, 85r. Die Theorie der Kaiserkritik in epigr. 6,3 vertritt v.a. Garthwaite 1990. 18-2 1. S.a. oben S. 287f. 245 Jones 1992, 3Br. ; Vinson 1989.436; Grewing 1997, J36f. 246 Grewing 1997, ad loe. 247 Vgl. ebd. 14 1: Dem Glanzen liegt »letztlich ein Vergleich mit den Strahlen der Sonne
zugrunde«.
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Mithilfe der in dem Epigramm zahlreich erwähnten Götter dehn1 Martial die Panegyrik auf weitere Felder aus. Minerva, Domitians persönliche $chutzgöttin, wird als Göttin der bildenden Künste und des Handwerks in den Kontext einbezogen (v.2). So wie Statius ihr die toga consular;s zuschreibt (silv. 4,1 ,22), lässt MartiaJ sie mit der Juliastatue persönliche Dinge filr den Kaiser oder sein näheres Umfeld verfertigen. Die enge Verbindung zwischen der Göttin und ihrem Schützling wird so erneut unterstrichen. Die von der Nichte Domitians überbotene Venus wiederum musste nicht zuletzt in ihrer Rolle als Ahnherrin der gens lulia filr MartiaJs Kaiserlob herhalten (v.8). Auch das Epigramm 6, 13, das in die Reihe der die flavisehe Dynastie verherrlichenden Gedichte gehört, sucht daher den Maßstab der römischen Vorgängerdynastie: Das ü bertreffen einer Göttin hat hier v.a. eine (macht)politische Aussage. Das Epigramm 6,3 stellt die flavische Familie in noch stärkerem Maße in den Mittelpunkt. Martial äußert den frommen Wunsch nach einem Sohn Wld Thronfolger des Kaisers, dem Garanten fiir den Fortbestand der flavischen Dynastie und ihrer Macht in Rom. Diesem Sohn sagt er ein langes Leben gemeinsam mit dem Vater Domitian voraus, ein umso adulatorischerer wie sehnlicherer Wunsch angesichts der Kinderlosigkeit des Kaiserpaares. Der fehlende Nachwuchs entwickelte sich, je länger Domitians Herrschaft andauerte, zu einem desto größeren Problem für den Hof wie auch filr viele Römer. So wird der Kaiserhofvielleicht Julias Tod zum Anlass filr neue Anstrengungen genommen haben, den Fortbestand der flavisehen Macht zu propagieren. Der Dichter reagiert darauf außer mit epigr. 6,13 mit diesem panegyrischen Text, der der kaiserlichen Familie besonders kräftig schmeicheln soll: Denn Martial spielt in 6,3 mehr al s deutlich auf Vergils vierte Ekloge an; damit setzt er Domitian mit Augustus gleich und »imaginiert ( ... ) die neue Blüte des Imperium Romanum unter Domitian - nachgerade als sei ein neues Zeitalter aogebrochenccu1 . Der Stil ist hymnisch, das Kind wird wie ein Gott angebetet .249 Martials Schmeichelei war besonders kühn, da von einem zweiten Kind Domitiaos - außer dem vor dem Herrschaftsantritt verstorbenen Sohn 2~ - nichts bekannt ist. Auch ist eine Schwangerschaft Domitias in den Jahren 90/91 unwahrscheinlich: Hätte sie in einer Fehlgebun geendet, hätte der Dichter das Epigramm entweder zurückgezogen oder später eine consolatio geschrieben.m Martial wird den Einfall zu dieser Hymne von sich aus gehabt haben, evt. veranlasst durch die Ostentation der dynastischen Imago durch den Kaiserhof.
248 Grewing 1997, 87, s.a. S. 89; Vers. ecl. 4,49; 60-63 ; außerdem Aen. 1,288_ 249 Grewing 1997, 86. 250 Auf dessen Deifizierung spiel! Manial in epigr. 4,3,7f. an; s.o. S. 277. 251 Siehe Jones 1992, 37; ebenso Grewing 1997, 84.
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Nascere Dardanio promissum nomen lulo, vera deum suboles; nascere, magne puer, cui pater aetemas post saecula tradat habenas. quique regas orbem cum seniore senex. ipsa tibi niveo trahet aurea pollice fila et totam Phrixi lulia nebit ovem.
5 (.p;g<. 6,3)
Martial beginnt mit der direkten Aufforderung an Domitians Sohn, nun zur Welt zu kommen. Das genaue Verständnis der Formulierung Dardanio promissum nomen lulo (v.l) hat den Kommentatoren bis heute Schwierigkeiten bereitet;2!I1 Martial bezeichnet den angekündigten Sohn wohl als dem Ascanius versprochen, dem Sohn des Aeneas und Stammvater der Julier.lH Die römische Geschichte läuft in dieser Deutung zwangsläufig und von Anfang an auf Domitians Sohn zu. Das ist der große Rahmen des Epigramms; im kleineren, aber nicht minder wichtigen Rahmen stellt der Dichter mit lulo den Anschluss an die julisch-daudische Dynastie her. 1m zweiten Vers variiert Martial pointiert das vergilische cara deum suboies (ec!. 4,49): Der Junge ist der Sohn eines Gottes und wird überdies mit dem göttlichen Epitheton magnus angeredet; damit wäre Domitians Sakralität schon hinreichend belegt. Der Spanier überhöht jedoch die Panegyrik durch die Vergilvariation noch, indem er den erwarteten Sohn al s den wahren Göttersohn tituliert: Domitian ist dementsprechend der wahre, gegenwärtige Gott.2~ Dem Neuzugebärenden wird gemeinsam mit dem Vater ein äußerst langes Leben prophezeit. Nach Jahrhunderten, post saecula, solle Domitian die Machtzügel an seinen Sohn weiterreichen, die auf ewig in flavischem Besitz blieben (aeternas ... habenas, v.3). Da das Epigramm der flavischen Familie gewidmet ist, findet auch Julia wiederum Erwähnung. Nachdem Martial die Ankunft des neuen Prinzen gefordert und ihm als Träger der flavischen Dynastie ein langes Leben vorhergesagt hat, variiert er den Langlebigkeitstopos, indem er Julia zu einer parze macht (v.5f.). Aufgrund ihrer jüngst vollzogenen Konsekration eignete sie sich dazu, die Prophezeiung der ewigen flavischen Herrschaft zu stützen: Der Himmel ist damit nicht nur einverstanden - al s PruLe, die dem Thronfolger einen endlos langen Le~ bensfaden webt, sorgt der )Stern< Julia aktiv fiir die Unendlichkeit der flavischen Gens. Die zukünftige Herrschaft ist indes nicht nur lang, sondern golden: Julia webt nicht mit weißem oder schwarzem Faden, sondern mit einem goldenen (aurea ... fila, v.5), und sie spinnt ihn in der Länge des ganzen Goldenen Vlieses
252 Siehe die Diskussion der verschiedenen Interpretationen bei Grewing 1997, ad loe. 253 Ebd. 254 Siehe Sauter 1934, 100.
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(v.6). Martial setzt damit gleich ein doppeltes Bild fllr das vorausgesagte goldene Zeitalter ein. m Das Epigramm 6,3 enthält nicht zuletzt durch die Vergil-lmitation eine filr das Jahr 91 starke Kaiserpanegyrik. Deren Ausgestaltung ist wahrscheinlich eine sehr eigenständige Leistung des Dichters gewesen. Zwar hat er eine Reihe von Vorgaben der höfischen Expression aufgegriffen: Der unmittelbare Anlass wird die Deifizierung der Julia gewesen sein, der der Hof weitere Anstrengungen zur Ostentation der flavischen Imago folgen ließ. Das Anknüpfen an die julisch-claudische Dynastie sowie die Propagierung eines neuen goldenen Zeitalters, wofür v.a. 00mitians Säkularspiele von 88 standen. waren wohlbekannt, der Wunsch nach einem langen Leben filr den Herrscher und seine Angehörigen panegyrischer Topos. Aber filr die Idee, der flavischen Dynastie zur Stabilisierung ihrer Macht einen neuen Prinzen zu wünschen und mit diesem in vergilischer Manier ein neues goldenes Zeitalter zu verbinden, wird Martial vennutlich keine Veranlassung in der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung oder dem aktuellen Geschehen am Hof gehabt haben. Auch das Bild Julias als Pane wird Martial erfunden haben. Gleichwohl reagiert der Autor mit den Epigrammen 6,3 und 13 wieder einmal auf die Expression durch den kaiserlichen Hof, konkret auf die Vergöttlichung der Nichte des Kaisers. Einen ähnlichen zeitlichen Zusammenhang hatten wir bei den zensorischen Maßnahmen oder der militärischen Ostentation rund um den Sannatenkrieg beobachten können. Martial greift getreu die lnstrumentalisierung der kaiserlichen Verwandten filr die sakrale Imago Domitians auf. Die Göttlichkeit der Angehörigen macht die Göttlichkeit Domitians gewisser. Aus der Blüte der flavischen Familie leitet er die Stabilität ihrer Macht auf Erden ab, auch darin die höfische Expression spiegelnd. Der Zusammenhang der beiden Epigramme ist nicht zuletzt durch die Person der Julia offensichtlich. Während Martial in epigr. 6, 13 aber lediglich die durch eine Statue vorgegebene Identifizierung der Nichte mit der Venus poetisch verarbeitet, stelh epigr. 6,3 die eigenständigere und mit der Vergilvariation auch ambitioniertere Leistung dar, die zudem in der adula/io viel weiter geht, indem sie wohl ohne Veranlassung den Rezipienten von einem flavischen Thronfolger träumen lässt. 6.4.4 Domitian als Herkules - Herkules als Domi/ian Für die Ostentation der kaiserlichen Sakralität durch (Tempel-)ßauten steht auch der Herkules-Tempel an der Via Appia. Ebenso wie das Templum Genlis Flaviae findet er vor dem neunten Epigrammbuch keine Erwähnung, wird dort aber durch einen Gedichtzyklus herausragend gewürdigt (9.64; 65 ; 101 ).256 Daher
255 Siehe Grewing 1997, 91f. 256 Auch in der Tempelaufzahlung von epigr. 9,3 spiel! Manial auf ihn an (v. ll ).
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datiert man ihn in die Zeit kun vor Erscheinen des neunten Buchs (94/95).m Ar· chäologische Spuren hat man bis heute nicht gefunden. da der Standort noch nicht sorgflUtig ergraben wurde, der sich aus Martials Angaben ergibt: Der Tempe l stand acht Meilen von Rom und sechs Meilen von Domitians Albaner Villa ent· fernt. n • Darin befand sich eine Herkules·Statue mit Domitians Gesichtszügen. Die Gleichsetzung mit dem Heroen und Halbgott hatte eine lange hellenistische Tradi· tion;m sie wurde durch die Schauspiele in der Arena gefördert, die die Taten des Herkules nachstellten. Wenn die Zuschauer die Herku1esmythen vorgefiihrt be· kamen, so sollte sich ihnen der Schluss aufdrängen : Der Kaiser als auctor der Spiele ist ein zweiter Herku1es.260 Mit dem Herkules-Tempel und der Statue präsentierte sich Domitian als Befreier des Imperium Romonum von äußeren Gefahren.NI AufTallend ist aus heutiger wie damaliger Sicht, dass diese Manifestation nicht in Rom selbst, sondern vor seinen Toren geschah. Da es rur Rom ein Novum bedeutete, dass ein Kaiser einer Götterstatue seine ZUge verleihen ließ, kann man darüber spekulieren, ob Domitian mit der Aufstellung der Statue außerhalb der Stadt wichtigen Gruppen in Rom einen derartigen Affront nicht zumuten oder erst einmaJ die Reaktion seiner Zeitgenossen testen wollte.16l Auf alle FiLlle handelte es sich um ein Element der Herrschaftsdarstellung von neuer Qualitlit. Die vorgegebenen Themen, der Herkules-Tempel und die -statue, luden den Dichter zu einer Panegyrik fbmllich ein. Das Kaiserlob lief fast zwangsläufig auf einen Vergleich zwischen Herku1es und Domitian hinaus, den der Princeps gewinnen musste.26l Denn es war geradezu eine rhetorische Notwendigkeit fUr die Poeten im Imperium Romanum, die Ober· legenheit ihres Adressaten gegenüber Heroen oder (Hallr)Göttem (z. B. Bacchus oder den Dioskuren), in einer Synkrisis festzustellen.26-t Diese Synkrisis der Taten von Herkules und Domitian gestaltet Martial in Epigramm 9,101 , dem letzten und längsten Gedicht des Zyklus, ausfilhrlich aus. Das Epigramm 9,64 liefert zu Beginn die Themenangabe flir den Zyklus und berichtet von dem neuen Tempel und der Statue mit den kaiserlichen GesichtszOgen. Es etabliert den Herrscher als malor Alcides gegenüber Herkules, der jetzt nur noch minor ist. In epigr. 9,65 konzentriert sich der Autor ganz auf die Statue: Die Panegyrik bildet (nur) den Rahmen fUt eine poetische FingerUbung der Mythosadaption. Martial spielt den Gedanken durch, wie es Herkules bei seinen Aufgaben und Taten mit einem domitianischen Gesicht ergangen wäre. Epigr. 9,10 1, der 257 Siehe DarwaU-Smith 1996, 133 u. Henriksen 1999. 65. 258 Man. 9.64,3 [ : 101.12. Siehe Darwall-Smith 1996. 134 u. Henriksen ebd. 259 S.o. S. 73 r. 260 Sauter 1934, 80. Siehe epigr. 5,65 (oben S. 27 1). 261 Siebe Sullivan 1991 , 147 u. Darwall-Smith 1996. 135. 262 Vgl. Darwall-Smith 1996, 135[ 263 Vgl. Sullivan 1991 , 143. 264 ScOlt 1936. 141 .
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Höhepunkt des Zyklus und ein Gipfel der Domitianpanegyrik Martials, baut auf 9,64 auf. Auch hier steht der durch die Statue nahe gelegte Vergleich im Vordergrund. Der Herkules-Tempel kommt in allen drei Gedichten fast nur aJs Standort fUr die Statue vor. Martial greift sich also aus dem Herkules-Thema gerade das neue, außergewöhnliche und in seiner Aussage kräftigste Element der kaiserlichen Expression heraus. Herculis in magni vultus descendere Caesar dignatus Latiae dat nova templa viae, qua Triviae nemorosa petit dum regna, vialor octavum domina marmor ab urbe legit. Mte eolebatur votis et sanguine largo, maiorem Alciden nune mino r ipse eolit. hune magnas rogat alter opes, rogat alter honores; illi securus vota minora faeit.
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(epigr.9,64)
Das Epigramm 9,64 erscheint nicht zufl!.llig aJs erstes des HerkuJeszyklus im neunten Buch. Es stellt den neuen Tempel und die ungewöhnliche Statue vor. Das Heiligtum wird außer durch die Entfernung von Rom durch den Tempel der Diana Nemorensis an der Via Appia lokalisiert (V.3f.). 26S Die Beschreibung der Statue legt die Hierarchie sofort eindeutig dar: Der Kaiser hat sich dazu herabgelassen, »auf das Gesicht des Herkules(standbildes) herabzusteigen« (v. lf. ). Das heißt: Nicht der Heros hat dem irdischen Herrscher seine Züge geliehen, sondern der Kaiser adelt umgekehrt die Gönerstatue mit seinem Antlitz. Das Kuhbild ist der Grund fUr einen Rollenwechsel des Herkules vom Angebeteten zum selbst Betenden: Früher wurden ihm Votivgaben und Tieropfer dargebracht. jetzt verehrt er als minor den Kaiser, den maiorem Alciden (v. 5f.).266 Die Etablierung der Hierarchie zwischen Herkules und Domitian wird in den Schlussversen noch eirunal wiederholt. Martial überträgt sie auf die Gebete und Wünsche. die den beiden Gottheiten vorgetragen werden: Der Flavier wird um große Reichtümer und Ehren gebeten (magnas) , dem Alk.iden trägt man kleinere WUnsche vor (minora).261 Im ersten Vers hatte der Dichter Herkules noch als magnus bezeichnet. Erst im Vergleich mit dem Kaiser wird er minor/" Herkules' Rollenwechsel ist auf die neue, höhere Gottheit Domitian zwilckzufUhren, die im HerkulesTempel zu sehen und anzubeten war. Dass der Princeps den Heroen nicht einfach nur Ubertrifft, sondern ihm in dessen ureigener )Diszipl in<. nämlich in der RoUe als Alk.ide überlegen ist - zu dieser Schlussfol gerung wurde der Panegyriker durch die Statue geradezu herausgefordert. Martial reagiert also auf die kaiserli· 265 Siehe Henriksen 1999, ad loe. 266 Siehe Henriksen 1999, ad loe. 267 Die Unterscheidung in minor und maior AfcideJ wiederholt Mar1ial in epigr. 9,101, 11
(s.u.).
268 VgJ. Henriksen 1999, 66.
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che Ostentation zunächst in der zu erwartenden Weise: Die Vorlage des HerkulesTempels mit dem außergewöhnlichen Kultbild verwertet er in der Tradition der Herrscherpanegyrik, den Kaiser einen Heroen und Halbgott überbieten zu lassen. Er begnügt sich jedoch nicht damit. Seine persönliche, die Schmeichelei steigernde Note besteht darin, Domitian zum größeren, eigentlichen Herkules zu erklären und den Alkiden zum Kaiser beten zu lassen. Da der Panegyriker hier eine besonders exponierte Aussage der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung (Domitian leiht einem Gott sein Gesicht) zu überhöhen hat, muss er schon sehr hoch greifen. Eine Gottheit, die ansonsten selbst verehrt wird, betet zum Kaiser. 269 Das nächste Epigramm (9,65) basiert ausschließlich auf dem Herkulesbild mit den kaiserlichen ZOgen. Auch hier entwickelt ManiaJ daraus ein hohes Kaiserlob, das jedoch nicht den Schwerpunkt des Gedichts bildet. Dem Dichter geht es um die vielfache poetische Variation desselben Themas, das er dem mythologischen Repertoire seiner Dichtervorgänger entnommen hat: Ausgehend von dem Gedanken, was gewesen wäre, wenn der Held )schon zu seinen Lebzeiten( das Aussehen Domitians gehabt hätte, dekliniert der Autor Herkules' Arbeiten, Mühen und leiden durch. Der Heros hätte nicht auf Befehl des Eurystheus die zwölf Arbeiten erledigen müssen, sondern jenem seinerseits Befehle erteilt (v.5-7). Lichas hätte ihm nicht das durch Nessus vergiftete Gewand gebracht (v.7f.). Ohne auf dem Scheiterhaufen von Oeta leiden zu müssen, wäre er unter die Sterne aufgenommen worden (v.9f.), wo ihm nun die Juno gewogen wäre und sein Lieblingsknabe Hylas wiedergegeben würde (v.I3f.). In jeder Hinsicht wäre es dem Alkiden besser ergangen, wenn er nur die pulchra dei Caesaris ora (v.2) gehabt hätte. Domitian hat also die Macht, den Lauf des Mythos zu verändern. Er ist deus, schon aufgrund seiner Schönheit. Auf seine eigene Zukunft bezogen, bedeutet die Eloge des Dichters: »Domitian will be laken up among the gods, welcomed by all, without labours and without pain.«170 Das letzte Gedicht des Herkuleszyklus (epigr. 9,101) baut aufepigr. 9,64 auf. Es beginnt mit der Anrede der Via Appia, die durch den Herkules-Tempel und die -statue geheiligt werde. Wiederum unterscheidet es zwischen dem minor Alcides Herkules und dem maior Alcides Domitian (v.ll) und begründet seine Wertung durch einen breit angelegten Tatenvergleich der )beiden Alkiden(; nirgendwo in der lateinischen Poesie ist eine solche »)Aretalogie( des alten Herakles in durchgefilhrter O\)'Y1CPlOlC; mit der des neuen« derart ausfilhrlich und elaboriert. l71 MartiaJ zählt zehn labores des Herkules auf (vA- I 0), denen er zwölf labores Caesaris folgen lässt (v. 13_22).m Diese Gewichtung ist selbstverständlich beabsichtigt: 269 Dasselbe Motiv findet sich in epig,r. 8,4; s.o. S. 296. 270 Henriksen 1999, 68. 27 I Zitat Weinreich 1928, 32; s. Henrikstn 1999, 171; s. don den Überblick Ober die Kataloge der kaiserlichen Taten in der flav ischen Literatur (ebd. 170f.). 272 Siehe Sauter 1934, 83 .
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Denn Martial wählt aus den Herkulesmythen neun seiner zwölf berühmten Arbeiten sowie eines der Parerga aus; er hätte, wenn er gewollt hätte, weitere Taten des Heroen anfUhren können. m Den Taten des Kaisers wird mehr Raum gegeben, weil er ja auch mehr geleistet habe. Daher macht Domitian den Halbgott nicht nur zum minor, sondern sogar zum prior AJcides (v.3). Die Aretalogie des Flaviers dient, trotz anderer Schwerpunktsetzungen im Einzelnen (s.u.), auch der sakralen Imago, da sie den Tatenkatalog des Halbgottes Herkules Uberbietet. Mit der Verherrlichung des Kaisers als deus hic im Schlussvers schließt sich der Argumentationskreis. Appia, quam simili venerandus in Hercule Caesar consecrat, Ausoniae maxima fama viae, si cupis AJcidae cognoscere facta prioris, disce: Libyn domuit, aurea poma tulit, peltatam Scythieo discinxit Amazona nodo, addidit Arcadio terga leonis apro, aeripedern si lvis cervurn, Stymphalidas astris abstulit, a Stygia eurn cane venit aqua, fecundam vetuit reparari rnortibus Hydram, Hesperias Tusco lavit in amne boves. haec rninor Aleides: maior quae gesserit audi, sextus ab Albana quem eolit arce lapis. asseruit possessa rnalis Palatia regnis, prima suo gessit pro lovc bella pucr; solus luleas eurn iam retineret habenas, tradidit inque suo tertius orbe fuit; eomua Sannatici tcr perfida contudit Histri, sudantern Getiea ter nive lavit equum; saepe reeusatos pareus duxisse triumphos vielor Hyperboreo nomen ab orbe tulit; templa deis, mores populis dedit, otia ferro, astra suis, caelo sidera, serta lovi. Hcrculeum tantis numen non suffieit aetis: Tarpeio deus hie eommodet ora patri.
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An die Aretalogie des Herkules, auf die hier nicht näher eingegangen wird, schließt Martial die Ankündigung des domitianischen Tatenkatalogs an. Darin bezeichnet er den Kaiser aJs denjenigen, den »der sechste Meilenstein von Albas Burg aus verehrt« (v.12): Durch seine GesichtszUge auf dem Herkules-Standbild wird der Tempel an der Via Appia auch zu Domitians Kultstätte. Martial gibt die höfische Herrschaftsdarstellung damit adäquat wieder. Die Aufzählung der Leistungen Domitians konzentriert sich in erster Linie auf das Militärische (v. 13-20), ehe sie sehr knapp weitere Themenfelder nennt (v.21f). Dieser Schwerpunkt lag nahe, da sich die kriegerischen Taten am besten 273 Vgl. Henriksen 1999, 166.
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filr einen Vergleich mit dem Alkiden eigneten. Martial beginnt mit Domitians Rolle im römischen Bürgerkrieg von 69. Der damals t8-Jährige habe den Kaiserpalast befreit, der von den Vitellianem besetzt war (v. 13), und den Tempel )seines Patrons( [uppirer Optimus Maximus (suo ... pro love) gegen den Feind zu verteidigen versucht (v.1 4).m Obwohl er die Herrschaft in der Hauptstadt bereits innegehabt habe, sei er dennoch nach der Ankunft von Vespasian und Titus freiwillig ins dritte Glied zurückgetreten (v.15f.). Der Panegyriker bescheinigt dem flavisehen Prinzen also militärischen Erfolg, Wohltätigkeit gegenilber Rom, da er die Stadt von dem Übel der Vitellianer erlöst habe (malis ... regnis, v.13), besondere Verdienste um Jupiter sowie modes/ia und Ehrfurcht gegenüber dem eigenen Vater. Um seinem Adressaten zu schmeicheln, überhöht Martial die Geschehnisse der Vergangenheit bzw. verkehrt sie teilweise in ihr Gegenteil. Bei dem Sieg der flavischen Truppen Uber Vitellius ist uns keine signifikante Rolle des jungen Domitian bekannt. Dass der J upitertempel in den Kämpfen zerstört wurde, übergeht der Dichter an dieser Stelle.m Stattdessen deutet er nicht nur die hi storischen Realitäten, sondern auch die Version der domitianischen HerrschaftsdarsteUung von den Ereignissen rund um das Kapitol um : Denn der Kaiser erinnerte an seine spektakuläre Flucht vom Kapitol durch den Tempel für luppirer C US/OS . 276 Domitian selbst hatte also seine Rolle als Jupiters SchUtzJing in den Vordergrund gestellt, dem von dem Gönervater das Leben gerettet worden sei, was Martial in suo ... pro love vielleicht anklingen lässt. Der Dichter verherrlicht Domitian als Kämpfer rur den Tempel des Gones. Die Kräfteverhältnisse, die unter den neuen Machthabern in Rom nach dem Sieg Ober Vitellius und vor der Ankunft Vespasians aus dem Osten (Ende 69 bis September 70) herrschten, schönt der Autor dagegen ganz im Sinne seines Adressaten: »Domitian hatte sich in der That im J.70 in Rom als Herrscher gerirt«277. jedoch waren seine Machtambitionen durch den flavischen General Mucianus und den Senat ausgebremst worden. Er war zwar als Caesar begrüßt worden und residierte im Palast, aber er wurde nur zum Prätor gewählt.nI Martials Darstellung der freiwilligen Machtübergabe an den Vater als eines demonstrativen Akts der Generosität und eigenen Bescheidenheit wird 00milians Selbstwahmehmung entsprochen haben. Mit den historischen Tatsachen hat sie wenig zu tun. Deshalb veranlassten Martials Schilderungen der domitianisehen Aktivitäten 69170 8.W. Jones zu der einprägsamen Charakterisierung, die auch Ch. Henriksen zitiert: »literary excesses at best(~79. 274 Siehe Sullivan 199 1, 143. 275 Suet. Vit. 15,3; Dom. 1,2: s. Henriksen 1999. 180. 276 Tac. hist. 3,74; Suel. Dom. 5. 217 Friedlaender 188611,1 05 . 278 Tac. hist. 3.86: 4,2: 3; 39; 68; Suet. Dom. 1.3; s. Sullivan 1991 , 144; Jones 1992, 14: Witschell997, 99. 279 Jones 1992, 17; Henriksen 1999, 180.
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Von den acht Versen, die im weitesten Sinne in die militärischen Leistungen zu rubrizieren sind (v. 13-20), widmet der Dichter vier dem Bürgerkrieg und seiner Nachgeschichte, also der Zeit vor Domitians Principat, genauso viele wie dessen militärischen Expeditionen als Kaiser. Nirgendwo sonst geht Martial derart ausfilhrlich darauf ein. 210 Der Tatenkatalog fhlut fort mit Domitians Kämpfen an der unteren Donau, gegen die Daker 85/86 und 86-89 sowie gegen die Sannaten 92/93 (v. 17f.). Trotz seiner Zurückhaltung im Feiern von Triumphen, die er oft abgelehnt habe, sei ihm der »hyperboreische« Siegestitel verliehen worden (v. 19f.).211 Martial s Schmeicheleien fallen nun moderater aus. Auch der kaiserliche Hofhatte alle militärischen Expeditionen als Siege gefeiert. Nur in Bezug auf die abgelehnten Triumphfeiern Obertreibt der Poet: Aus dem einen Triumphverzicht von 93 macht er saepe recusalos ... Iriumphos (v. I 9). Die Aretalogie soll Domitian v.a. als erfolgreichen Krieger präsentieren. Deshalb nimmt das Militärische darin den weitaus größten Raum ein, deshalb schreckt der Dichter vor teilweise erheblichen Übertreibungen der kaiserlichen Leistungen nicht zwilck. Aufkriegerischem Felde in erster Linie lässt er das Kräftemessen zwischen dem Kaiser und dem Heroen stattfinden. Gewissermaßen als Dreingabe listet Martial anschließend in aller KUrze weitere, nichunilitärische Taten Domitians auf (v.2 1f.), denen Herkules nichts entgegenzusetzen hat.212 Er beschreibt den Kaiser als Tempel-Erbauer, Sittengesetzgeber, Friedensbringer, Verwandtenkonsekrator13 und Veranstalter der kapitolinischen Spiele in solcher Knappheit, dass filr AusschmOckung oder Überhöhung kein Raum bleibt. Das Etikett des Friedensbringers steht zur militärischen Aretalogie nicht im Widerspruch; der Kaiser siegte für das Imperium, um ihm anschließend Ruhe und Frieden zu bescheren. Martial resümjert : Aufgrund dieser großen Verdienste (Ianlis ... aClis) kann Herkules dem Kaiser nicht das Wasser reichen (v.23). Da der Flavier diesen Vergleich so eindeutig gewinnt, bleibt als einzige adäquate Messlatte nur der höchste und wichtigste Gott übrig: Einer Jupiterstatue solle der irdische Gott Domitian 280 Vgl. Man. 2,2,4: puer; Sil. 3,608; Stat. Theb. 1,2 1f. 28 \ Die Kommentatoren sind s ich uneins. ob mi t Hyperboreo ... or~ (v.19) Gennanien oder der untere Donauraum gemeint sei, woraus die Frage resultiert. auf welches Cognomen Maniat anspielt: »Gennanicus oder Sannaticus'i'« (Friedlaender 1886 11 . ad loe.) Sullivan interpretiert es a ls Docicus oder Sormolicus (199 1, 144), Henriksen hingegen votiert ftlr Germonicus (1999, ad loe.). Die Frage ist nicht zu entsC heiden. da Manial Hyperboreus ( ....20) mal auf die Chane n und die Daker (4,3.5), mal auf die $annaten (7.6, 1: 8,78,3) bezieht. Ausdrilcklich ausn.schließen ist als Argument filr Germonicus die Tatsache. dass uns keine andere Quelle als Manial die Annahme eines weiteren S iegerbeinamen D.berl iefert. In Manials panegyrische Technik, die kaiserliche Expression zu D.berbieten, ftlgte es sich gut, den Herrscher anlSSSlich seiner FeldzD.ge gegen Daker und $annaten literarisch auch mit Docicus oder Sarmoticus anzureden, auch wenn Domitian diese cognomino gar nicht filhrt e. Zur Erfmdung ,"euen Siegel beinamen als Minel, die Panegyrik zu steigern, s.o. S. 298. Anm. 195 . 282 S.a. Henrikstn 1999, 167. 283 Siehe dazu Sauter 1934. 148 und Clauss 1999, 267.
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seine ZOge leihen (v.24)! Die Gelegenheit zur Panegyrik, die sich dem Dichter mit dem Herkules-Tempel als Element der kaiserlichen Expression bot, nutzt er in vollem Umfang: Er stellt nicht einfach nur die Überlegenheit Domitians gegenüber Herkules fest, sondern greift deutlich höher: Nur der Göttervater kann mit dem Kaiser mithalten. Die Gleichsetzung mit Jupiter ist in vielen DomitianEpigrammen zu beobachten, aber die spektakuläre Heraushebung über Herkules mithilfe der zwei AretaJogien und nicht zuletzt die Länge des Gedichts machen das Epigramm 9, 101 zu einem der panegyrischen Höhepunkte im uns erhaltenen Werk Martials. 2t4 Der Herkulesvergleich als Mittel des Kaiserlobs bei Martial zeigt anschaulich, wie und vor allem wann der Dichter seine Panegyrik einsetzt. Herrschergleichsetzungen mit dem Alkiden waren ein Topos in der hellenistischen und der römischen Literatur. Ein eifriger poetischer Schmeichler hätte jederzeit von sich aus und ohne äußere Veranlassung zu diesem Mittel greifen können. Martial tut das aber nicht; Herkules wird erst dann ein Thema seiner Domitiangedichte, wenn er eine Anregung dazu durch Elemente der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung erhalten hat: durch Spiele in der Arena etwa, die die herkulischen labores nachahmen (epigr. 5,65), oder durch den Tempel an der Via Appia. e h. Henriksen fUhrt das reaktive Verhalten Martials darauf zurOck, dass Oomitian durch die Statue sein Einverständnis mit einem derartigen Vergleich signalisiert habe,m doch was häne der Dichter bei einer Herkules-Parallelisierung falsch machen können? Gleichsetzungen mit anderen Halbgöttern oder gar Jupiter waren schließlich gang und gäbe. Wenn Martial in seiner Panegyrik den Inhalten der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung so treu folgt, dann deshalb, weil er es dem Princeps besonders recht machen und die Schmeichelei effektiv gestalten will. 6.4.5 Der Palast als Himmel Der Kaiserpalast auf dem Palatin war fiir die Poeten geradezu ein Muss als Thema der Panegyrik, nachdem seine UmgestaJtung und Erweiterung durch 00milian im Jahr 92 abgeschlossen war.216 Durch seine Höhe und Ausdehnung prägte er das römische Stadtbild erheblich und stand den Untertanen stets vor Augen. Da die Dichter immer wieder um die Gleichsetzung des Kaisers mit Jupiter bemüht waren, bot es sich fUr sie an, darin die Wohnstätten des himmlischen und des irdischen Lenkers einzubeziehen. Folglich war der Kaiserpalast als Himmel zu identifizieren, worin Statius und Martial denn auch wiederholt übereinstimmen. In epigr. 8,3 6 argumentiert der Spanier, um ihn zum Himmel zu machen, mit 284 Vgl.a. Henriksen 1999, 166 : »a worthy climax 10 the eulogies o f Domitian in the corpus of Martial as we have it(l. 285 1999, 66. 286 Zum Palast siehe MacDonald 1982, 47-74 u. Jones 1992, 95f.
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der Höhe des Palasts, dessen Spitzen die Wolken Uberragen (v.7f.). Das Epigramm 8,39 erklärt die im Palast stattfindenden Tischgesellschaften zu himmlischen Gastmählern (ein Thema, das epigr. 9,91 später wieder aufnimmt)2Il, Ohne die Gleichsetzung kommt auch epigr. 7,56 nicht aus, eine Hommage an Rabirius, den Architekten des Palasts, das offenbar noch während der Bauphase entstanden ist (v.2). Rabirius habe sich filr die Planung vom Himmel und den Sternen inspirieren lassen (v. I). Martial wählt mit dem Architekten, der Höhe und dem Esssaal des Palasts ganz unterschiedliche Aspekte aus, die nur den einen Zusammenhang haben, nämlich die Identifizierung des Kaiserpalasts als >himmlischen< Wohnsitz des Gonkaisers. Anders als in der Behandlung der Tempel Rlr Herkules oder die flavische Familie dichtet Martial keinen ZykJus, dessen Gedichte in demselben Epigrammbuch erscheinen; Uber einen Zeitraum von einigen Jahren greift der Autor das Thema Palast immer wieder auf, möglicherweise wegen der längeren Bauzeit, die schon einige Zeit vor der Fertigstellung erahnen ließ, welch gewaltiges Gebäude auf dem Palatin entstand. In epigr. 8,36 feiert Martial die Grö ße des Palasts. Gegen ihn seien die ägyptischen Königspyramiden ganz klein (v. I-3). V.a. die Höhe des Gebäudes sei unilbertroffen: Die sieben HUgel Roms, Ubereinander gestapelt, würden den Palast nicht Uberragen, der Pelion. auf den Ossa gesetzt, wäre niedriger (v.5f.). Domitians Werk kann sich mit der Natur und dem Mythos, vertreten durch den Versuch der Giganten, mithilfe der thessalischen Berge den Himmel zu stünnen, messen . Die zweite Hälfte des Gedichts präzisiert die Höhenangabe (v.7-12): Die Parrhasia aula ist himmelhoch. Sie sieht das Tageslicht sogar vor der Kirke, der Tochter des Helios, von der man glaubte, dass deren Insel am Morgen al s erstes von den Sonnenstrahlen erreicht werde (v. IO). Die Gigantomanie des Palasts erfasst Martial in dieser Hymne adäquat, seine Übersteigerungen sind den Ambitionen des Gebäudekomplexes angemessen. Da die aula in den Himmel hineinrage, sei sie auch himmelsgleich, so argumentiert MartiaJ in 8,36. Nur einer sei >größer< als sie: ihr (Haus-)Herr (v.12). Den identischen Gedanken liefert Statius in seiner Palastbeschreibung.211 Dabei geht es nicht um Logik, die Panegyriker möchten nur keinen Zweifel daran lassen, dass der Herrscher durch nichts und niemanden Uberhoten wird . Stellt epigr. 8,36 eine Palastschilderung von außen dar, so richtet der Dichter mit 8,39 den Blick ins Innere. Es thematisien. den neuen Speisesaal und die Tischgesellschaften, die darin stattfinden.
Qui Palatinae caperet convivia mensae ambrosiasque dapes non erat ante locus: 287 5.0. 5. 13 1. Ober inhaltliche und sprachliche Parallelen in der Pa lastbeschreibung von epigr. 8,39 und 9,91 sowie BezOge zu 51at. s ilv. 4,2 siehe Henrikst n 1999, 135. 288 5ilv. 4,2,25 .
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hic haurire decet sacrum, Gennanice, nectar et Ganymedea pocula mixta manu. esse velis oro serus conviva Tonantis: at tu si properas, luppiter, ipse veni.
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(ep;gr.8,39)
Nun gibt es im Palast einen Saal fUr die kaiserlichen Gasnnähler - und dies sind himmlische Mähler: Denn im neuen lricJinium werden ambrosias ... dapes und sacrum ... neClar gereicht, bedient wird man von Ganymed 2t9 (v.2-4). Alle diese sind Insignien des o lympischen Mahls. Die Parallelisierung Palast - Himmel funktioniert über die dort stattfindenden Tischgesellschaften. Den traditionellen Wunsch nach einem langen Leben fUr den Kaiser passt der Dichter dem Thema an: Erst spät solle er der Tischgenosse Jupiters werden (v.5). Wie häufig, stellt Martial ein sehr langes Leben Domitians als ein vitales lnteresse der Untertanen hin., damit der beste Herrscher und Wohltäter ihnen möglichst lange erhalten bleibe . »Um die irdische Präsenz der Gottheit lange aufrechtzuerhalten. wünschte man dem Kaiser eine Lebenserwartung. die alle menschliche Erfahrung übertraf ( . .. ).cro Die Aufforderung, sich erst spät zu Jupiters Tafel aufzumachen, setzt wie selbstverständlich voraus, dass die Gottheit Domitian selbst über ihre irdische Zeit verfugen könne.291 Das höchste Lob hebt sich der Autor filr den Schlussvers auf. Wenn der Göttervater Domitians Tischgesellschaft wünsche, dann solle er selbst kommen (v.6). Die »frivole Einladung an Juppiterc1'2 kommt einer Umkehrung der Hierarchie zwischen dem Kaiser und dem Himmelslenker gleich. Zusätzlich treibt Martial sein Spiel mit dem Gedanken der kaiserlichen Deifizierung: Sowohl die Erde als auch der Himmel )wollen< Domitian und seine Anwesenheit. Der Poet macht sie spielerisch zu Konkurrenten um die Präsenz des Kaisers. Nicht nur die irdischen Untertanen, auch die Himmelsbewohner, Jupiter eingeschlossen, lieben den Fla• vier. Die thematische Verwandtschaft von epigr. 8.39 zu 9,91 wurde schon festgestellt (s.o. S. 318). Ähnlich sind sich die beiden Epigramme auch darin, was sie nicht liefern: eine konkrete BeschreibWlg des Palast-Innern. Die Kunde des neuen lriclinium nutzt Martial filr ein Loblied, weil sich derartige Anlässe fUr Vergleiche des Herrschers mit Jupiter eigneten, aber den Palast, jedenfal ls aber den neuen Speisesaal, hat er offenbar nie von innen gesehen. Denn ft1r sein Ziel, den Palast als WOhnWlg einer Gottheit zu charakterisieren, hätten sich die üblichen Attribute der Sakralität, Größe und Materialität, speziell Gold, angeboten. Dass itun im InDem des Palasts beides überreich vor Augen gestanden hätte, er also zunächst auf 289 Mit der Ganymedea ",anus spielt Martial auf Domitians delicolus Earinus an (5. das fol-
Kapitel). 190 Clauss 1999, 495. 191 Ebd. 792 SauteT 1934, 117.
g~nde
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die kaiserliche Ostentation nur zu reagieren gehabt hätte, wissen wir von Statius. Andernorts bedient er sich dieser göttlichen Kennzeichen sehr wohl ,291 hier dagegen nicht. Wiederum )versäumt< er es, sich als Hofdichter zu erkennen zu geben, eine Gelegenheit, die er sich schwerlich hätte entgehen lassen, wenn sie sich ihm denn tatsächlich geboten hätte. Statius schildert die Räumlichkeiten im Palast (wenn auch stilisiert und überhöht) und er beschreibt den Anblick des Kaisers in der Tischgesellschaft. Martials PaJast-Epigramme bleiben dies schuldig.
6.4.6 Zusammenfassung Die Sakralität des Kaisers war sein wichtigstes Attribut für die Expression. Für ihre Ostentation unternahm Domitian große und vielfäJtige Anstrengungen. Nicht zuletzt durch drei Bauwerke, jedes auf seine Weise außergewöhnlich, stelJte er seine Göttlichkeit heraus: Mit dem Templum Genlis Flaviae errichtete er ein Heiligtwn fUr eine irdische Familie, nämlich sein Geschlecht der Flavier. Das bedeutete ebenso ein Novum wie der Herkules-Tempel, in dem die Statue des Heroen mit den kaiserlichen Gesichtszügen stand. Der Kaiserpalast auf dem Palatin suchte nach der Umgestaltung durch Domitian hinsichtlich seiner Ausdehnung und Gigantomanie und des damit verbundenen religiösen Gehalts seinesgleichen . Martial wird dieser exzeptionellen Herrschaftsdarstellung gerecht und räumt gerade diesen drei Bauwerken einen besonderen Stellenwert ein. Er antwortet auf die gesteigerte Expression des Hofes seinerseits mit einem überhöhten Kaiserlob. So hebt er den Palast und die genannten Tempel durch GedichrzykJen bzw. -serien in seiner Panegyrik besonders hervor. Er übertriffi die Selbstdarstellung Domitians, indem er neue Siegerbeinamen erfindet, den Kuh der Julia zum römischen Ewigkeitssymbol erkJärt oder den Kaiser über die Götter, Jupiter eingeschlossen, stellt. Selbst die weitest gehenden Aussagen der kaiserlichen Expression steigert er noch, indem er z.B. den Herkules zum Kaiser beten lässt und Domitian zum größeren, zum eigentlichen Alkiden erkJärt. Martial gestaltet das Bild des sakralen Herrschers Domitian lückenJos: kaum ein Körperteil, Eigentum oder sonst etwas, das zum Kaiser und seinem Umfeld gehörte, das nicht in einem Epigranun als sacer. sanclus oder venerandus verherrlicht worden wäre . ~
Soweit haben wir ein interessantes, aber fUr Martial nicht mehr überraschendes Bild gewonnen. Der Autor hält sich wie gewöhnlich sehr snikt an die hö fi sche Herrschaftsdarstellung. um diese in seiner Wiedergabe zu überbieten. Die sakrale Imago ist ihm allerdings nur Mittel zum Zweck. Während ihm die zensorischen und euergetischen Themen wohl talsächlich am Herzen lagen, schreibt er seinem 293 Z.B. in der Beschreibung des Triumphbogens am Fortuna RedlU-Tempel (8.65,1f. u. 8-10) oder des Templum GenOs Flaviae (9,20, 1). 294 Siehe die Zusammenstellung bei Scott 1936, 99f.
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Adressaten göttliche Attribute zu. weil diese das Herrscherlob am effektivsten steigerten. Bemerkenswert ist allerdings zweierlei : erstens das reaktive Verhalten des Dichters. Er reagiert - offenbar prompt - auf Domitians neue Sakralbauten oder auf dessen Anstrengungen zur Ostentation der flavischen Dynastie (im Zuge der Juliadeifizierung) durch entsprechende Lobeshymnen. Ähnliches ließ sich auch etwa im Zusammenhang mit dem Sarmatenfeldzug oder bei den zensorischen Maßnahmen beobachten. Diese Themen der Herrschaftsdarstellung entsprangen jedoch militärischen oder innenpolitischen Aktivitäten des Kaisers, die fUr den Panegyriker nicht vorhersehbar waren. Er konnte nicht anders als darauf reagieren (was er dann offensichtlich jeweils sehr zeitnah tat). 1m Gegensatz dazu bedeutete das Messen des Herrschers an Herkules einen panegyrischen Topos, und die Verherrlichung der Kaiserdynastie war ein aktuelles Thema seit Augustus sowie, in Bezug auf Domitian, seit Beginn von dessen Principat. Martial rühmt aber beispielsweise nicht Titus, den Domitian am Anfang seiner Amtszeit deifiziert hane, im, sagen wir, vierten Buch, sondern Julis in epigr, 6, 13, nachdem die Nichte vergöttlicht worden ist. Den Herrschervergleich mit Herkules, der filr den Panegyriker gewissermaßen immer auf der Agenda gestanden häne, stellte Martial erst an, nachdem ihm mit den Spielen oder dem Tempel der Anlass dafiir gegeben worden ist. Daher ist die auffallende Häufung von sakralen Epigrammen in den späteren BUchern nicht nur auf die generelle Steigerung der martialschen Panegyrik, fllr die die Sakralität des Herrschers das SchlOsseielement bildete, zurückzutuhren, sondern auch auf die aktuellen Themenvorlagen der kaiserlichen Expression : Während in den Jahren 93/94, dem Zeitraum vor Erscheinen des achten Buchs, der Sarmatenfeldzug mit der anschließenden triumphalen )Nachbereitung< das wichtigste Ereignis in Rom war, wurden die Jahre 94/95 von der Fertigstellung wichtiger Sakralbauten wie den Tempeln fUr Herkules oder die gens Flavia geprägt, was Martial im neunten Buch dokumentiert. Zum zweiten flUh auf, dass Martial neben die konventionellen Lobeshymnen andere Gedichte stellt, die die kaiserliche Sakralität auf ungewöhnlichere Weise rühmen. Am weitesten entfernt sich der Dichter von der offiziellen Expression in epigr. 4,30; hier dienten ihm stattdessen volkstümliche, ahergläubische Herrschervorstellungen als Vorlage, Dieses Epigramm steht noch am Beginn der Entwicklung seines Kaiserlobs, Aber auch in den letzten Jahren Domitians war zumindest noch ein freierer Umgang mit den Ublichen Themen der Herrschaftsdarstellung möglich : in den Epigrammen 9,3; 34 und 93 >Verpackt( Martial die bekannten Inhalte in ungewöhnliche oder gar absurde Ralunenhandlungen, Offenbar suchte er nach Wegen, die teilweise schon wiederholt gepriesenen Topoi der Expression einmal anders zu präsentieren. Die poetische Variatio war er seiner )Berufsehre( schuldig.
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6.5 Sonderfall: Die an Domitians Umfeld adressierte Dichtung Die Haarweihung des Höflings Earinus ist der einzige konkrete Anlass. den s0wohl Martial al s auch Statius als Thema fiir ihre panegyrischen Stücke wählen . Nirgendwo sonst lässt sich die Kaiserpanegyrik der beiden Autoren so genau vergleichen. Zwar verwenden sie viele ähnliche Topoi des Herrscherlobs und verleihen dem Kaiser ähnliche Attribute, aber die zum Anlass ftI.r panegyrische Gedichte genommenen Ereignisse oder Gegenstände differieren doch erheblich. Daher lassen sich die Untersuchungsergebnisse der Silva 3,4 in besonderem Maße filr die Erörterung des Earinuszyklus in Martials neuntem Buch nutzbar machen.m Ist die thematische Übereinstimmung der heiden poetischen Konkurrenten gerade in dieser Angelegenheit Zufall? Oder ist sie vielmehr darauf ZUTÜckzufUhren, dass es ftI.r die Earinusgedichte, anders als rur die Domitiangedichte, eine äußere Veranlassung, sprich: einen Auftrag. gab? Statius ist vom kaiserlichen Hofrnit der Abfassung der Silva 3,4 beauftragt worden (s.o. S. 229f.). Für Martial fehlt uns eine solche lnfonnation. Verschiedene Szenarien sind denkbar, wie die Forschung herausgearbeitet hat: 296 I . Martial dichtete, wie Statius, im Auftrag des Adressaten. 2. Er wusste von Statius' Auftrag und entschied sich aus eigenem Antrieb, ebenfalls über das Haaropfer des Earinus zu dichten, um in Konkurrenz zu dem Neapolitaner zu treten. Oder, 3., eine Reihe von zeitgenössischen Dichtern. Martial eingeschlossen. hat von sich aus und ohne äußere Veranlassung auf das Haaropfer reagiert, weil es ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis war, das sich ein panegyrisch dichtender Autor wie Martial nicht entgehen ließ. Den tatsächlichen Grund fiir die Earinus-Epigramme zu bestimmen, ist nicht mehr möglich.191 Auftrag hin oder her, beide Dichter wussten, dass in einem Loblied auf den Lieblingssklaven Domitians der Kaiser mitzubedenken war. Statius löste die Aufgabe. indem er Earinus und Domitian gemeinsam zu den Adressaten seiner Silva machte und dem Kaiser den ersten Rang zumaß. Für Martial ergibt sich auf den ersten Blick ein anderes Bild: In den ersten fUnf Epigrammen des Zyklus (9,11; 12[13] ; 13[12]; 16; 17) verzichtet er auf die Hemcherpanegyrik fast gänzlich. Anders als Statius geht er auch nicht auf Domitians Kastrationsverbot ein.19I Erst in 9,36 rückt Domitian in den Mittelpunkt; die Zusammenstellung von Earinus mit Jupiters Mundschenk Ganymed lässt den Leser sofort an eine Gleichsetzung des Kaisers mit dem Himmel slenker denken. Wie ist das Herrscherlob in dem Eari-
295 In vielem, v.a. die Biographie des Earinus bctJefTend, kann lUdern auf Kap. 5.6 Ober silv. 3,4 verwiesen werden (oben S. 232). 296 Vgl. f!lr das Folgende Hcnrikstn 1998, 92. S.a. Sull ivan 1991 , 43. 297 Zu der Frage, ob es sich bei den Earinus-Epignmmen um Auftragswerke handelt, hahlos und spekulativ: Hofmann 1990, 46f. 298 Es lassen sich allerdings wohl einige versteckte Hinweise darauf fmden , dass Earinus Eunuch war; s.u. S. 324.
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nuszyklus zu beurteilen, und in welchem Verhältnis steht es zu den Schmeicheleien für Domitians delicatus?l9'J Möglicherweise hat Martial dem Eunuchen nur fUnf der sechs Epigramme in einem libellus zukommen lassen, das sechste, epigr. 9,36, hingegen erst später und ausschließlich ft1r die Buchveröffentlichung hinzugedichtet. Denn zur Abfassungszeit von 9,36 war der Adressat offenbar schon freigelassen, während die ersten fiinf Epigramme direkt zu der Haarweihung verfasst wurden, die vor der Freilassung lag.1OO Deshalb und aufgrund deutlicher Unterschiede in Ton und Behandlung des Themas ist es wohl später entstanden, »rather as a hwnorous offset 10 the others when incorporated into Book 9(~'. In den ersten drei Epigrammen (9,11; 12[13]; 13[12]) befasst sich der Dichter ausschließlich mit der Bedeutung des Namens seines Adressaten; das griechische Wort für »Frühling« Eap veranlasst ihn zu verschiedenen poetischen Assoziationen des Angeredeten mit der nämlichen Jahreszeit, die jenem sehr schmeicheln. Martial gibt darin )}eine Probe seiner Gewandtheit in der Vers- und Variationskunst
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die erotische Beziehung zwischen dem Jungen und dem Kaiser an, auch das in schmeichelnder Absicht. In den Epigrammen 9, 11 und 12(13) spielt er immer wieder darauf an.307 Bis hierhin ist keine Verquickung der Earinusverherrlichung mit dem Kaiserlob festzustellen. Dagegen sind dezente Hinweise darauf, dass Earinus ein Eunuch war, unübersehbar, von denen der deutlichste der Bezug auf Kybeles Sohn Attis ist (9,11,6).301 Wer in diesen Texten Kaiserkritik erkennen will, deutet diese Hinweise als Anspielungen auf die Diskrepanz zwischen Domitians Kastratiansverbot und der Tatsache, dass der Kaiser sich einen Kastraten als delicolUs hielt.109 Dem ist wiederum zu entgegnen, dass die Zeitgenossen darin wohl gar keinen Widerspruch gesehen haben.110 In Gedichten, die auf das engste Umfeld des Kaisers zielten, auf Herrscherpanegyrik zu verzichten und obendrein noch harsche Kritik zu llußem, war filr einen Dichter wie Martial schlechterdings undenkbar. Die Epigramme 9,16 und 17 widmen sich dem eigentlichen Anlass des Zyklus, der Haarweihung. In 9,16 stellt Martial die Weihgeschenke des Jungen an den Gott Aesculap in den Mittelpunkt.
Consili um rannae speculum dulcisque capillos Pergameo posuit dana sacrata deo ille puer tota domino gratissimus aula, nomine qui signat tempora vema suo. relix quae tali censetur munere tellus! nce Ganymedeas mallet habere comas.
5 (epigr. 9,16)
Die ersten vier Verse geben den Aufhänger rur den gesamten Zyklus an: Earinus weiht dem pergamenischen Gott Aesculap seinen Spiegel und sein Haupthaar. Im Schlussdistichon wird Pergarnon filr diese Gabe glücklich gepriesen. Kein anderes Weihgeschenk zöge es vor, nicht einmal die Haare des Ganymed . Martial gibt nur eine einzige Zusatzinfonnation: Der Knabe ist der Liebling (gm/issimus, v.3) des 307 Der erotischen Implikation dienen die Bezoge auf Ganymed (9,11 ,7: 16,6), den »sOßen« Nektar ( 11 ,5) und Honig (1 1,3; 12{l3j,2) sowie Bernstein (12[131,6). Siehe Henriksen 1998, 90 und Nauta 2002, 427f. - Das Epigramm 9,13(12) nimmt den verherrlichenden Ton der heiden Vorganger nicht wieder auf. Manial ironisiert die eigenen poetischen FI11h1ingsassoziationen, indem er griechische Namen aus den übrigen drei Jahreszeiten kreiert und dem Gedicht den Charakter eines RAtseis verleiht: Wer ist der Adressat meines Gedichts (v.4)? 308 Der zweite Hinweis beSIeht in der deutlichen Anspielung auf Catul1. 3, 1, wo die Velleres Cllpidinesqlle aufgefordert weRkn. den Tod von Lesbias Sperling zu betrauern; aufgrund der sexuellen Doppeldeutigkeit, die Catull dem po.s.su verlieh, lasst Manial seinen Leser an den Verlust der Mlnnlichkeit, diesmal des Earinus, denken, den die Liebesgötter zu beweinen hAtten (9, 11 ,9). Siehe Ganhwaite 1993, 87-89 und Henriksin 1998, 95 u. 97. Auch die im Zusammenhang mit mlnnlichen Personen seltene El'Vo'lhnung des Spiegels deutet auf das effeminierte Wesen des Earinus hin (9, 16, I); s. HenriltKn 1998, ad loe. 309 Ganhwaite 1993, 85f.; vgl.a. Henriksen 1998. 95 : >lProbably Manial, like Statius, feit that such an allusion (auf Earinus' Eunuchenschicksalj had to be made but also thaI extreme caution had to be exen::ised, as Domitian himselfhad tegislaled against cl$tration ( ... ).« 310 S.o. S. 239f.
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Kaisers. Seine Haare sind du/cis (v. I), und er wird mit Ganymed verglichen, dem Mundschenk Jupiters, Synonym rur eine erotische Beziehung zwischen einem Herrn und seinem Jungen. Neben der abennaJigen Jupitergleichsetzung, die in der Ganymedreferenz entha1ten ist, ist es die erotische Beziehung zwischen Domitian und Earinus, die den Kaiser erstmals in dem ZykJus mit ins Spiel bringt. Die Erwähnung dieser Beziehung soll dem Jungen schmeicheln, vom Kaiser wurde sie zumindest geduldet. Indem die Gedichte Ober die Haarweihung vom Kaiserhof in Auftrag gegeben oder deren Publikation toleriert wurden. erklärte Domitian sein Einverständnis damit, dass die Existenz seines delicotus publik bzw. in Rom thematisiert wurde. In dem folgenden Epigramm 9,17, mit dem der Dichter eine poetische Variation des Themas )Haaropfer< präsentiert, gibt er nur einen Hinweis darauf, dass Earinus der Liebling des Kaisers ist: Die nach Pergamon geschickten Haare seien von Domitian laudati (v.3). Ansonsten kommt der Princeps erneut nicht vor. Dass ihm in diesen zwei Epigrammen nicht ebenso großer Raum als Adressat wie seinem delicalus eingeräumt wird, zeigt auch die Tatsache, dass der Autor ihn jeweils nur mit dominus benennt (9, 16,3; 17,3) und damit die Blickrichtung des SkJavenjungen Earinus einnimmt. Martial rühmt dessen Schönheit: Er gestaltet das Epigramm a1s Gebet an Aesculap, das mit der Bitte schließt, die jugendliche Schönheit zu bewahren (v.7). Durch den Gebetsstil am Anfang und Ende des Gedichts und den religiösen Ton]LL wachsen dem Adressaten Earinus und seiner Schönheit sakrale Qualitäten zu. m Mit den bisher betrachteten filnf Epigrammen nimmt Martial Earinus' Haaropfer zum Anlass, seinen Adressaten fl1r genau die Eigenschaften zu loben, die filr den jugendlichen Gespielen eines Kaisers in Frage kamen: Er preist dessen Schönheit und den den Herrscher anziehenden Liebreiz. Diesen Liebreiz des Jungen Qberhöht er mit gelegentlichen sakralen Andeutungen; damit lässt er ein wenig von der kaiserlichen Göttlichkeit auf dessen delicatus abfärben. Nur in diesem Zusammenhang findet Domitian selbst Erwähnung. Earinus ist Martials alleiniger Adressat; an ihn geht der /ibel/us der filnf Epigramme. Da Martial sich an ein Mitglied des engsten kaiserlichen Umfelds wendet, preist er es entsprechend Q~r schwänglich, aber in der Auswahl der rühmenden Elemente handelt er konventionell . Er hoffte auf eine angemessene Entlohnung oder konnte sie, falls er im Auf· trag dichtete, auch erwarten. Dem Umstand, dass Domitian die EarinusEpigramme im Palast gewissennaßen ~ mitlas <, musste er Ober das beschriebene Maß hinaus offenbar nicht Rechnung tragen. Diese Vennutung korrespondiert der zu Statius' Silva 3,4 getätigten Beobachtung, dass der Flavier fl1r die eigenen
311 Siehe dazu Henrik.sen 1998, 111 . 312 Vgl.a. v.Sf. : Der ebenfalls geweihte Spiegel beweist die Schönheit des Jungen.
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Herrschaftsbelange sich auf poetische Panegyrik nicht angewiesen fUhlte, sie aber fUr sein Umfeld gern in Anspruch nahm. Das letzte Earinusgedicht, epigr. 9,36, ergänzt das Bild um eine weitere Facette. Möglicherweise später, fUr die Publikation des neunten Epigrammbuchs, verfasst,lU setzt es den Earinus mit Jupiters vini minister Ganymed gleich und steht daher ganz im Zeichen der ParaJlelisierung des Kaisers mit dem GOttervater. Viderat Ausonium posito modo crine ministrum Phryx puer, alterius gaudia nota lovis: )quod tuus ecce suo Caesar permisit ephebo, tu permitte tuo, maxime rector! ait; )iam mihi prima latet loogis lanugo capillis., iam tua me ridet luno vocatque virum.! cui pater aetherius ' puer 0 dulcissime(. dixit. 1000 ego quod poscis, res negal ipsa tibi : Caesar habet noster similis tibi mille ministros tantaque sidereos vix capil aula mares; at libi si dederit vultus coma lonsa viriles, quis mihi qui nectac misceat alter erit?<
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10 (epigr. 9,36)
Wie Statius in silv. 3,4 greift auch MartiaJ nun zu einer mythologischen Phanta· sie-Erzählung. Nachdem Ganymed Earinus' Haarweihung gesehen hat, bittet er seinen Herrn, Jupiter, darum, Dasselbe tun zu dürfen. Der Göttervater wird als alter luppiter bezeichnet (v.2), da Domitian, der )}Cine von zwei Jupitem(, mittels Earinus zuvor schon erwähnt wurde. Martial nennt den Kaiser und den obersten Gott gleichberechtigt ))Jupiter« und lässt den Himmel slenker vom Kaiser als Caesar ... noster sprechen (v.9). Das stellt eine enge Verbindung zwischen heiden her.l l4 Bis hierhin, bis zum Ende der ersten vier Verse, sieht aJles nach einem gewöhnlichen Kaiserlob aus, nämlich seiner Gleichsetzung mit Jupiter. Dann aber lasst der Autor den Ganymed seinen Wunsch, die Haare schneiden zu dürfen, begründen und entwickelt das Gedicht zu einer erst witzigen, dann grotesken mythischen Variation weiter, die F. Sauter dazu veranlasst hat, von einer »Vergewaltigung des Mythus«( zu sprechen.,m Denn entgegen der mythi schen Tradition, die dem Mundschenk. des olympi schen Mahls ewige Jugend zuschreibt, klagt MartiaJs Ganymed Ober den ersten Bartflaum, der ihn zum Gespött der Juno mache (v.5f.). Die göttliche Antwort zeichnet Jupiter aJs Gefangenen der äußeren Umstände
313 Es impl iziert, dass Earinus nicht Ilnger Domitians Sklave ist, da Jupiter den Wunsch des Ganymed mit der Eridlrung abschllgt. er hatte ft1r ihn keinen Ersatz (im Gegensau. zu Domitia.n:
v.9-12).
314 Vgl .• . v.3: 11l/lS ••• CoesQr, 5.8. Henriksen, der aufgrund der Possessivpronomina in Jupittr die höh~ Gottheit eritennt, die den Kaiser obendrein beschOtze (1998, 183). 315 1934, 71.
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(v.8) und der Mythologie, die ihm nur einen vini minister zuschreibt.316 Deshalb könne er seinen Knaben nicht entlassen (v.llf.). Domitian dagegen habe tausend Ganymede, so dass die kaiserliche aula sie kawn aufuehmen könne (v.9f.).111 Martials Vergleich des Kaisers mit dem Göttervater klingt bizarr, )x1rollig
31 6 Siche Henrik~n 1998, 182. 317 Dasselbe Element hat Statius: deliciaefamulumque greges (sii .... 3,4,57). 318 Hofmann 1990, 49. 319 Vgl. Henriksen 1998. 182f. 320 Vg!. ebd. 184 und Jones 1992, 32. 321 Vg1. Hofmann 1990,49; Heruiksen 1998, 182. 322 Garthwaite 1993,93 .
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ösen lobenden Epigrammen stand.3ll Auf einen engeren Kontakt zum Hof konnte er damit freilich nicht hoffen, was er nach sechs Jahren intensiver panegyrischer Bemühungen (seit dem Erscheinen des vierten Buchs) vermutlich auch aufgegeben hatte. Dass Martial den Sklavenjungen als Liebling (gralissimus, 9, 16,3) des Kaisers preist, ist zuerst dem eigentlichen Adressaten, Earinus, geschuldet. Wie fi1r Statius' Silva 3,4 gilt aber: Ohne Einverständnis und sogar aktive Förderung Domitians wäre ein Auftrag zu Poesie über seinen delicalus nicht denkbar gewesen. Wenn Martial nicht im Auftrag dichtete, dann hätte er es zumindest nicht wagen können, einen ganzen Gedichtzyklus über ein dem Kaiser nicht genehmes Thema in seinem Epigrammbuch zu veröffentlichen. Die Schlussfolgerung lautet daher: Domitian hat eine poetische Verherrlichung seines Lustknabens nicht nur toleriert, sondern offenbar forciert. Ein Widerspruch seiner zensorischen Maßnahmen ließe sich darin weniger zu seinem Kastrationsverbot - die ohnehin vor dem Erlass erfolgte Kastration des Earinus ließ sich als kultischer Ritus erklären (s.o. S. 239f.) - als zu seiner Ehegesetzgebung erkennen. Aber offensichtlich unterlag er als Gottkaiser nicht den irdischen Gesetzen. Von den Bevölkerungsgruppen, die bereit waren, an die Göttlichkeit des Herrschers zu glauben, hatte er daher keine Kritik an seinem Zusammenleben mit Earinus zu befürchten. Diese Beobachtung wird gestützt durch die Epigramme über Domitians Sittengesetzgebung: Darin lobt Martial stets aufs Neue den Kaiser dafür, dass er Rom wieder pudica gemacht habe (6,4,5), nirgendwo aber wird Domitians eigenes Privat- und Intimieben thematisiert. Die Liaison mit Earinus hatte nichts gemein mit dem Verhalten eines gewöhnJichen römischen moechw, weil sie die Beziehung einer Gottheit war. Die Epigramme des Earinuszyklus zeigen dieselbe Distanz ihres Autors zur kaiserlichen aula wie Statius' Auftragsgedicht. Nichts deutet darin auf einen persönlichen Umgang oder gar eine nähere Bekanntschaft Martial s mit dem Höfling Earinus hin. Anders als Statius verzichtet Martial weit gehend auf eine Verquickung des Adressatenlobs für den Jungen mit der Herrscherpanegyrik. Er folgt Domitians Wunsch nach Verherrlichung des delicalus, von einem seriösen Kaiserlob kann in den Earinus-Epigrammen aber nicht die Rede sein.
6.6 Resümee 6.6. / Die chronologische EntwiclcJung der Panegyrik Martial spiegelt in seinen Lobgedichten die Expression der kaiserlichen aula das ist das Ergebnis der Martial-Untersuchung. Da er fast jährlich ein Epigrammbuch veröffentlichte, dokumentiert sein Kaiserlob folglich von Buch zu Buch 323 Henriksen mOchte aufgrund dieser Epigramme glauben, dass Martial »a kind of >coun jestef( ( gewesen ist ( 1998, 182).
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durch diese Spiegelung die offizielle Herrschaftsdarstellung in den verschiedenen Stadien des domitianischen Principats. Erstens war die höfische Ostentation der kaiserlichen Imago als Vorlage maßgeblich fiir die chronologische Entwicklung der mar1ialschen Panegyrik. Außerdem spielten die persönlichen Absichten des Dichters eine Rolle. Drinens ist zu prOfen. ob die poetische Panegyrik von dem politischen Klima in Rom beeinflusst worden ist: Hane der Dichter etwaige ErWar1uogen des Hofes zu berOcksichtigen oder hielt er es in Zeiten innerer Repressalien z.B. ftlr gebolen, das Kaiserlob zu steigern, um sich selbst in Sicherheit zu bringen? - Der Versuch. aus den Veränderungen in der martialschen Panegyrik auf die Entwicklung der domitianischen Herrschaft zu schließen, ist dem Schlusskapitel (unten S. 346ff.) vorbehahen; im Folgenden soll zunächst die chronologische Tendenz der Domitianpanegyrik Martials dargestellt werden. Dafür sind die offiziellen Vorlagen und Martials eigene intentionen in Rechnung zu stellen. Die Entwicklung des poetischen Kaiserlobs lässt sich in viererlei Hinsicht aufzeigen: erstens in der schlichten Zahl der Domitiangedichte. Zweitens in der Wahl der ftlr das Herrscherlob verwendeten Themen: Die Inhalte unterschieden sich in ihrer panegyrischen Qualität; die sakraJe Imago steigerte das Kaiserlob in stärkerem Maße als bspw. die zensorische Imago. Drinens ist der in den Domitiangedichten angeschlagene Ton zu untersuchen, der z.B. in den Anreden Domitians oder den ihm verliehenen Anributcn deutlich wird. Viertens verdient die spieleriSCh-witzige und übertreibende Adaption des Herrscherlobs berücksichtigt zu werden. Beginnen wir mit einer Statistik der panegyrischen Epigramme. Die folgende Tabelle zeigt den Anteil der Domitiangedichte an den EpigrammbUchem auf:124
324 Zu den Domilian-Epigrammen ;:Ihle ich die Lobgedichre, die Widmung.sgedichle, die Gedichte, mit denen Manial im weitesten Sinne materielle oder idelle Unterstnuung von Domitian erbittet, sowie die Gedichte an ausgewiesene Höflinge, in denen auf den Kaiser Bezug genommen .... ird. - Siehe auch die Statistiken von Coleman ( 1998, 339) und von Henriksen, der den Prozentsatz der Domitian-Epigramme in einem schönen Diagramm darste ll! (1998, 22). Beide kommen Z1I [Ur leicht abweichenden Ergebnissen.
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Buch 1: Buch 2: Buch 3: Buch 4: Buch 5: Buch 6: Buch 7: Buch 8:
4; 5; 6; 14; 22; 70; 104m 2; 91;92 1· 2· 3· S· 11 · 27· 30· 3S · 74 "" "" I' 2' 3' 5' 6' 7' 8' 15 ' 19' 6S'" "" " " , m I'" 2'" 3' 4' 7'" 10' 13' 80' 83 ' 87 ", I; 2; 5; 6; 7; 8; 12; 56; 60; 61; 80; 99 pr,; I; 2; 4; 8; 11 ; i5; 21 ; 24; 26; 30; 36; 39; 49; 53; 55; 56; 6S;7S ; SO ; ~
Buch 9'" I' 3'" 5' 7'" 1I' 12' 16' 17' i8'. 20'" 23 ' 24'" 3 1' 34'" 36' , 39' "13'" 64 ' 65 ' 79' 83' 91 ' 93 ' 10i " ""
5,9 0/. 3,2 0/. 0% 10,1 % 11,9 '1. 10,6 % i2,1 % 2S~%
23 ,3 %
Grob gesagt lassen sich drei Phasen unterscheiden: In den Büchern 1-3 finden sich nur wenige panegyrische StOcke, ab Buch 4 beginnt das Kaiserlob, fester und prominenter Bestandteil des Epigramrnbuchs zu werden, mit bis einschließlich Buch 7 leicht ansteigender Tendenz. In den Büchern 8 und 9 steigert Martial die Panegyrik massiv: Gegenüber den vorigen Büchern ist die Zahl der DomitianEpigramme relativ verdoppelt und macht ein Viertel des Gesamtbuchs aus, Während der Jahre von 86 bis 88 kommt der Dichter fast gänzlich ohne Lobgedichte auf den Kaiser aus, Neben dem Epigramm 2,2, das Domitian als Gennanenbezwinger rühmt, steht einzig der leo-Iepus-Zyklus ( 1,6; 14; 22; 48; 51; 60; 104) für das Kaiserlob: Die sieben Epigramme behandeln alle dasselbe Thema. indem sie das kaiserliche numen als Ursache des Schauspiels preisen, Jedoch geht es Martial in dem ZykJus erkennbar nicht nur um das Kaiserlob; es ist nur eine Intention unter mehreren, Das Epigrammpaar 1,4 und 1,5, mit dem Martial seine neue Fonn der Dichtung dem Herrscher empfiehlt, hat keinen panegyrischen Charakter, Verweise auf die kai serliche Göttlichkeit fehlen, nur die prominente Steilung am Buchanfang, die Domitian zum ersten Adressaten von Buch I macht. hebt ihn überhaupt heraus, Mit rerum certa salus, terrarum gloria feiert Martial den Flavier, als er ihn um die Erneuerung des Dreikinderrechts bittet (2,9 1, 1),)21 Die Anrede bleibt aber das einzige rühmende Element, obwohl der Poet mit dem Gedicht doch einen materiellen Wunsch an den Kaiser heranträgt. Auch das folgende Dank-Epigranun 2,92, in dem er den Erhalt gewissennaßen bestätigt, verzichtet auf weitere lobeshymnen, Schließlich wird dem Kaiser im dritten Buch
325 Hinzu konunen weilere drei Epigramme ( I ,48; 51 ; 60) des Löwe-Hase-Zyklus, 326 Hinzu kommen weilere sieben Epigramme (5,14; 23; 25; 27; 35; 38; 4 i) ober den »fai schen Riner« im 1bcalCr anl1SS1ich des Thcatcr-Edilcts. 327 Hinzu kommen weilere Variationen Ober die Auswirkungen der Ehegeseagebung (6,6; 22; 31 ; 39; 45; 67; 90; 91). 328 Siehe zu 2,9\ ,1r. oben S. 295 m, Anm. i82,
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kein einziges Epigramm gewidmet; das unterscheidet Buch 3 von allen anderen Epigrammbüchem der Domitian·Ära. Mit Buch 4, im Jahr 89 publiziert, ändert sich das Bild: Nun beginnt erst ei· gentlich die Zeit der martiaJschen Domitianpanegyrik. Der Dichter eröffnet das Buch in epigr. 4,1 mit einem sehr hohen und gleichzeitig klassischen Kaiserlob. Die Imago des sakralen Herrschers ist im vierten Buch voll präsent. Daneben befasst sich Martial mit zensorischen und euergetischen Maßnahmen Domitians. Mit Ausnahme von epigr. 4,1 haben die Domitian-Epigramme jedoch eher einen un· konventionellen Charakter: Die üblichen Themen der Herrschaftsdarstellung werden teils ungewöhnlich, teils ironisch behandelt, z.B. indem Martial die kaiserlj· che civi/ilas durch die Episode vom Schnee im Theater illustriert (4,3) oder filr die heiligen Fische des Princeps auf volkstümliche Vorlagen zurückgreift (4,30). Außer filr 4,30 fand Martial auch fUr das Epigramm 4,11 keine Vorlage in der höfi· schen Expression. Diese beiden Gedichte steben damit unter den DomitianEpigrammen alleine da. Dum nimium vano tumefactus nomine gaudes el Satuminum le, miser, esse pudel, impia Parrhasia movisti bella sub ursa, qualia qui Phariae coniugis anna tulit. excideratne adeo fatum libi nominis huius, obruit Actiaci quod gravis ira freti ? an tibi promisit Rhenus quod non dedit illi Nilus, et Aretois plus licuisset aquis? ilIe etiam nostris Antonius occidit annis, qui libi collatus. perfide, Caesar erat.
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10
(epigr. 4, 11)
Epigr. 4,11 ist unter allen Domitian·Epigrammen die einzige Invektive, ein Beleg für die ungewöhnliche Fonn des Kaiserlobs an dieser Stelle. Das Gedicht lässt sich daher auch nicht den gängigen Inhalten der Expression zuordnen, denen die Unterkapitel der Martial-Untersuchung gewidmet sind. MartiaJ richtet diese Schmähung gegen L. Antonius Satuminus, der im Januar 89 in Gennanien einen Umsturzversuch gegen Domitian unternahm . Eine Invektive gegen Domitians BOrgerkrlegsgegner bedeutete zugleich ein Stack Herrscherpanegyrik. Sie behan· delte ein Unthema der offiziellen expression de la majesle, den filr Domitian . peinlichen Usurpationsversuch eines seiner Untergebenen (~29. Wir wissen von ihm dW"Ch die Schilderungen von Sueton und Cassius Dio,BO aber die höfische Ostentation thematisierte ihn verständlicherweise nicht. Das wird auch Martial bekannt gewesen sein. Dennoch greift er das Thema auf, um dem Kaiser zu schmeicheln. 329 Witschell997, 104. 330 Suet. Dom. 6.2; 7,3; 10,5; Cass. Dio 67, 11 ,1-3.
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Er wirft Satuminus vor, in Gennanien impia ... beUa (v.3) begonnen zu haben. Aufgrund der Namensgleichheit mit Marcus Antonius vergleicht er den Usurpator mit dem Widersacher Octavians, prophezeit ihm dasselbe Ende, Tod nostris ... armis (v.9), und stellt ihn dem ehemaligen Triumvirn um Längen nach : Gegen Satuminus sei Mare Anton ein Caesar gewesen (v.IO). In dieser GegenUberstel· lung ist eine Gleichsetzung Domitians mit Augustus implizien, das einzige kon· ventionelle Element des Kaiserlobs in epigr. 4,11 . Davon abgesehen beweist Mar· tial, dass er mit der Invektive nicht auf die höfische HerrschaftsdarsteJlung reagiene. Es ist sicher kein Zufall, dass epigr. 4,1 I und 4,30 zu den frühen Domi· tian·Epigrammen zählen und etwa zur Halbzeit der domitianischen Henschaft verfasst wurden. Der Grad ihres Kaiserlobs ist nicht gering, aber ihnen beiden eignet eine unkonventionelle Fonn der Panegyrik, die fUr den experimentellen Charakter des Kaiserlobs in Buch 4 typisch ist. Martial demonstriert hier eine spä· ter nicht mehr erreichte Selbständigkeit in der Ausgestaltung der Schmeicheleien gegenüber dem Kaiser. Die Epigramme des vierten Buchs zeigen auf, wie sich die Verherrlichung des Flaviers auch hätte weiterentwickeln können: Sie erweisen durchaus die von der kaiserlichen Ostentation erwünschten Attribute wie die Sak· raJität oder die civi!itas des Kaisers und die Wohltaten sowie die Unantastbarkeit seiner Herrschaft. Dafür greifen sie jedoch auf volkstümliche Herrschervorstel· lungen (4,30), kuriose Anekdoten (4,3), ironische Pointen (4,2) und auch unbe· queme Fakten (4,11) zurück. Die kaisenühmenden Gedichte des vierten Buchs stehen für die Alternative, die Martial später in auffallender Art und Weise nicht mehr wählt. Offenbar erfuhr er vom Hof nicht die Resonanz. die sich der Dichter von seinem ersten Buch mit massiver Panegyrik erhoffi hatte. Die in der Folgezeit zu beobachtende Treue zu den lnha1ten der kaiserlichen Expression, die gelegent· lich sklavische ZUge annahm, erschien ihm daher wohl risikoloser oder zumindest effektiver. Mit Buch 5 widmet der Spanier erstmals ein Epigrammbuch dem Kaiser. Er versucht so verstärkt, dessen Aufmerksamkeit und Sympathie zu wecken. Das erste Buch hatte er mit epigr. 1,4 vor Domitian ob seines frivolen Inhalts eher eot· schuldigt als ihm zugeeignet, das filnfte Buch hingegen sendet er ihm ausdruck· lieh zu (millimus, 5,1 ,7). Die Epigramme 5,1; 5,2 und 5,15 bilden die Buchwid· mungo In 5,1 gibt Martial an, Ober die tatsächliche Rezeption des Buchs durch den Kaiser nichts zu wissen, dessen momentaner Aufenthaltsort ihm überdies nicht bekannt sei : Auf welchem seiner Landsitze sich Domitian auch befinde, er solle das Buch nur entgegennehmen. sagt Martial (v.9) und meint : durch den Hof ent· gegennehmen lassen. Der Dichter werde sich dann in dem Glauben wiegen, dass der Herrscher ihn auch lese (v.9f.). Martial dokumentien hier eine deutliche Dis· tanz zum Hof; ein Höfling, d.i. ein Hofdichter, schreibt so nicht. Im Gegenteil
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lässt er gleich darauf zwei Binen an Höflinge folgen, ein gutes Wort für ihn bei ihrem Herrn einzulegen.))1 Das Epigramm 5,2 verknOpft. die Widmung an den Kaiser mit der Betonung, dass das Buch anders als seine Vorgänger nicht lascivus sei (v.5-8). Diese Verbindung entspricht dem Gesamteindruck der Panegyrik des filnften Buchs, die von dem Zyklus über Domitians Theater-Edikt dominiert wird (5,8; 14; 23; 25; 27; 38; 41).1l1 Hier steht also Domitians Wirken als censor im Mittelpunkt, das auch in den BUchern 6 und 9 eine wichtige Rolle spielt. Domitians zensoriscbe Imago entwickelt Martial immer dann, wenn der Herrscher neue Maßnahmen der Sinengesetzgebung erlassen hat. Dieses reaktive Verhahen des Dichters veranschaulicht seine mit dem filnften Buch einsetzende generelle Treue zu den vorgegebenen Themen der Herrschaftsdarstellung. 1m Speziellen hält er sich auch in der inhaltlichen Ausgestaltung der zensorischen Kaiser-Imago an die höfische Linie. Allerdings akzentuiert er die Maßnahmen, die ihm als eques am Herzen lagen, so dass man von einer eigenen Handschrift Martials sprechen kann . Neben dem Zyklus zum Theater-Edikt stehen lediglich drei weitere Epigramme, d ie verschiedene Aspekte der kaiserlichen Imago rtlhmen (5,3; 7; 65). Dagegen nimmt sich die Zahl der sechs Widmungs- und kommunizierenden Gedichte, die an den Kaiser bzw. seine Vertrauten gerichtet sind,lll recht betrlichtlich aus. Martial intensivierte im Jahr 90 seine Bemühungen, mit dem Kaiserhof in Kontakt zu kommen. Das sechste Buch präsentiert keine weitere Steigerung des Kaiserlobs. Zwar befassen sich die ersten vier Epigramme mit Domitian, das Buch ist ihm aber allenfalls indirekt gewidmet. Das Epigramm 6, 1 ist an Martials Freund Iulius Marlialis gerichtet, den er auffordert, das Buch Korrektur zu lesen, damit es danach unbesorgter in des Kaisers mächtige Hand gelangen könne. Neben zwei Binen um Geld (6, 10; 87) stellt Martial eine Reihe von Variationen über die Ehegesetzgebung und das Kastrationsverbot sowie zwei Elogen auf die flavische Dynastie.u " Das Epigramm 6,80 behandelt ein Thema der offiziellen HelTSChaftsdarstellung, das Martial nur hier anspricht : die Prosperität Roms, die sich selbstverständlich durch die Person des Kaisers erklärt, ohne dass Martial den Zusammenhang expressis verbis benennt. Die Prosperität wird symbolisiert durch die omnipräsente Rosenpracht der römischen Gärten und Wege - und das im Winter! Rom übertreffe an Fruchtharkeit sogar Ägypten, in der einzigen Disziplin, in der sich das Land am Nil der Hauptstadt noch überlegen wähnte: Ägypten hatte Rosen nach Rom geschickt, um damit um die römische Gunst zu werben (v. I f.) .lH Martials ironi331 Epigr. S,5 und 5,6; s.o. S. 123-126. 332 Vgl. Howelll995, 79. 333 Neben den oben genannten Epigrammen noch S, 19. 334 ünsorische Maßnahmen: 6,2: 4; 6: 7; 22; 31; 39; 45; 67; 90: 91 . Dynastie: 6,3 ; 13 . 335 Siehe Grewing 1997, 5J3f.
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sche Replik: Der Nil solle die Rosen zurücknehmen und dafilr seine Ernteertrllge schicken (v.9f.). Mit der Prosperität geht die weltweite Autorität Roms einher: Ägypten muss sich nach den Anweisungen aus der Hauptstadt richten. Im Jahr 92, dem Erscheinungsjahr des siebten Buchs, rückt Martial erstmals die militärische Imago Domitians in den Mittelpunkt. Die kaiserliche Kriegftlhrung und Sieghaftigkeit, das zweitwichtigste Thema der Expression, bildet den inhaltlichen Schwerpunkt in den BUchern 7 und 8. Dem Militärischen gehörten offensichtlich nicht des Dichters Sympathien: Denn ganz gegen seine sonstige Gewohnheit lässt er es an einer Reaktion auf die kaiserliche Expression des Germaniensieges, einem Hauptthema der Ostentation, fast vollständig fehlen. Erst spät wendet er sieb der Sieghaftigkeit in breitem Umfang zu, offenkundig, weil er nun die Panegyrik deutlich zu erhöhen beabsichtigte und die militärische Imago dafiir eines der wirkungsvollsten Instrumente war. Aber Martial hat keine Freude daran, Domitian als Sarmatenbezwinger in militärischer Aktion zu zeichnen, sondern verlegt sich auf die Randaspekte wie den kaiserlichen Schild (7,1; 2) oder die erhoffte Rockkehr aus Pannonien (7,5; 6; 7; 8). Daher wirkt seine militärische Panegyrik nicht wie eine getreue Übernahme der höfischen Militärexpression, auch wenn er sich an deren Hauptallssage, Domitian als sieghafter Herrscher, natürlich halt. Die von der offiziellen Herrschaftsdarstellung abweichende Dominanz des Sarmatenfeldzuges gegenüber den Gennanenkriegen erklärt sich aus dem späten Aufgreifen der militärischen Thematik; sie bedeutet keine andere Akzentsetzung. In das siebte Buch platziert Martial sieben Epigramme über den Sarmatenkrieg.J J6 Außerdem lobt er den Kaiser zwei weitere Male und richtet drei Mal das Wort an ihn, indem er um materielle Hilfe bittet und seine Dichtung am Kaiserhof empfiehlt. Jl7 Eine Buchwidmung fehlt; die Uberragende Stellung des Kaisers manifestiert sich in der Sarmatengedichtserie am Buchanfang. Mit Buch 8, erschienen 94. erhöht MartiaJ das Kaiserlob noch einmal ganz gewaltig.BI Er verdoppelt relativ die Zahl der Domitian-Epigramme pro Buch und läutet damit in den letzten 2 Jahren Domitians die dritte Phase der Panegyrik ein. In den BUchern 8 und 9 sind nicht nur bei weitem die meisten panegyrischen Texte versammelt, sondern auch die wichtigsten kaiserlichen Attribute, die Sieghaftigkeit (Buch 8) und die Sakralilät (Buch 9), das jeweilige Hauptthema. Der eigentliche Höhepunkt der Panegyrik, das Domitianbuch schlechthin, ist Buch 8. Prozentual gesehen enthält es ebenso viele Domitiangedichte wie Buch 9. Zudem ist es dem Flavier, wie zuletzt Buch 5, gewidmet. ll9
336 Neben den oben genannten Epigrammen noch 7,80. 337 Epigr. 7,60; 61 ; 12; 99. 338 Siehe dan! Coleman 1998. 339 Vgl.lhnlich Naula 2002, 349f.
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Die Dedikation flUlt sehr ausfUhrIich aus: Sie wird gebildet durch die Praefatio in Prosa und das erste Epigramm am Anfang sowie das Schlussgedicht 8,82 und legt sich dadurch wie ein Rahmen um Buch 8. Wie in der Widmung von Buch 5 unterstreicht Manial, dass er in diesem Buch weniger Jascive als gewöhnlich dichte (8 pr. 11-14). Als Begründung gibt er an, dass größere Teile des Buchs ad maies/atem sacri nominis tui gebunden seien (14f). Wieder ist es die Person Domitians, die Martial auf seine ioci verzichten lässt, und natürlich spielt er erneut auf die zensorische Politik des Kaisers an. Explizit nennt er aber die Sakralität Domitians, der er seine Epigramme zueignet. Dem Kaiser durch Poesie zu huldigen, bezeichnet der Panegyriker als occasio pietatis.~o Er titulien den Herrscher als Gott, und die caelestis verecundia Domitians fllhn er als Grund an, wanun er ihn nicht mit jedem Vers von Buch 8 rilhme .~l ManiaJ zieht in der Buchdedikation alle Register: Seine Biue um Förderung der Literaten verbindet er mit der Erinnerung an Domitians eigene poetische Gehversuche aus der Jugendzeit. ~2 Die Dedikation von Buch 8 zeigt daher zweierlei: In ihrer Ausfilhrlichkeit (durch die Praefatio und zwei Epigramme) und dem Lobpreis auf die kaiserliche Sakra1 ität übertriffi sie die Widmung von Buch 5 erheblich; der Ton der Panegyrik hatte sich also inzwi schen deutlich intensivien. Und zweitens hebt die Dedikation Buch g von Buch 9 ab: Die exorbitante Menge an Lobgedichten wird dem Flavier dadurch in besonderer We ise präsentiert. Das neunte Buch weist nicht weniger 0 0mitiangedichte auf, j edoch ist hier das Kaiserlob manches Mal grotesk übersteigert oder ironisch gebrochen (9,3; 34; 36; s. u. S. 336). Deshalb ist von Martials Epigrammbüchem das achte als das Domitianbuch zu bezeichnen. Die hohe Zahl der Lobeshymnen auf den Princeps, die ausftlhrliche Widmung sowie eine Bitte um materielle Förderung durch den Kaiser (8,24) und eine Klage über die gegenwärtige Situation der Literaturpatronage (8,55(56]) deuten darauf hin, dass Manial mit dem achten Buch noch einmal einen ernsthaften Versuch unternahm, den Kaiser fi1r sich einzunehmen und seine Unterstützung, sei es finanzieller, sei es ideeller Natur, zu erlangen .~l Die Panegyrik steht im achten Buch noch immer im Zeichen des S ieges über die Sannaten. Martial widmet sich ausschließlich der >Nachbereitung( des Feldzuges in Rom; dazu zählen die Heimkehr des Kaisers, die Triumphmanifestation und der damit verbundene Euergetismus, die Siegesfeierlichkeiten fi1r die plebs urbana.W. Die Wohltätigkeit Domiti340 Epigr. 8 pr. 5f.; s.a. 8, 1, 1f. 341 Epigr. 8 pr. 9f.; deum: 8,82,3. - ManiaJs Behauptung, zu viel Lobpreis w11rde Domitian eher ennaden als die Untertanen befriedigen (8 pr. 9f.), rmdet ihre exakte Parallele in Plinius' Anrede Trajans, der Lobende müsse nicht weniger abWigen. was xiie Ohren des Gelobten ertra· gen( kOnnten als was dessen Tugenden geschuldet sei (paneg. 3,2); s. Nauta 2002, 412f. Siehe zu den Ähnlichkeiten der navischen Panegyrik mit der des Plinius auch oben S. 195, Anm. 189. 342 Epigr. 8.82,6; vg1.a. 5,5,7 ; Quint. inst. 10.1,91 ; Suet. Dom. 2.2; Val. Fl. 1.10-12. 343 S.a. Coleman 1998, 354. 344 Epigr. 8,2; 8; 11 ; 15; 21; 49(50); 65; 78.
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ans rühmt der Dichter zudem mit der Beschreibung imposanter und kurioser Schauspiele aus der Arena (8,26; 30; 53[55]). Der Euergetismus gehört Ober die Jahre zu den kontinuierlichen Themen der Kaiserpanegyrik, weil er Martial als poetisches Sujet besonders interessierte. Daher beschreibt der Dichter v.a. die An~ raktionen der Arena. Die Inhalte der Herrschaftsdarstellung, die er wählt, nutzt er fUr eine freiere poetische GestaJtung. In diesen Gedichten zählen fUr den E~ pigrammatiker neben der Panegyrik in besonderer Weise dichterische Maßstäbe. Daher hält er sich an die inhaltlichen Vorgaben nicht so eng wie gewöhnlich. Das gilt filr das erste genauso wie filr das achte Buch. Das mit den gepriesenen Euer~ gesien verbundene Kaiserlob steigt im achten Buch indes an. Die sakrale Imago des Kaisers, ohnehin in beinahe jedem panegyrischen Epig~ ramm sm Rande präsent, wird in Buch 8 bereits dreimal zwn alleinigen Gedicht~ thema (8,4; 36; 39). Die Panegyrik des neunten Buchs steht dann fast komplett unter dem Motto der kaiserlichen SakraJität. Erneut zeigt MartiaJ häufig ein reaktives Verhalten; er reagiert sehr prompt auf die höfische Ostentation, z.8. auf die Errichtung von Kultbauten oder die Herkules-Thematik . Daraus ergibt sich eine strikte Treue zu den höfischen Inhaltsvorlagen. MartiaJ weicht nur darin ab, dass er die offizielle Expression zu Uberbieten sucht. Domitian unternahm also gegen Ende seiner Herrschaft besondere Anstrengungen zur Expression seiner sakralen Imago. Das spiegelt sich in Martials BOchern 8 und 9. Der Aufstieg der Sakralität zu seinem beherrschenden Thema ist aber sicherlich nicht nur auf die höfische Ostentation zurUckzufUhren, auch Martial selbst wählt bevorzugt das wichtigste Feld der Herrschaftsdarstellung; die Sakralität sorgt dafUr, dass seine Panegyrik im neunten (wie schon im achten) Buch besonders massiv ausflUlt Allerdings streut der Epigrammatiker im neunten Buch vennehrt ironische und witzelnde Gedichte in das Kaiserlob ein und präsentiert wieder häufiger einen eigenständigeren Umgang mit den konventionellen Themen.)4' Möglicherweise hatten ihm die exorbitanten Schmeicheleien des achten Buchs und dessen außerordentliche Dedikation nicht die erhoffte Anerkennung durch den Kaiser gebmcht. Es könnte daher sein, dass er vor der Abfassung des neunten Buchs resignierte und deshalb mit der Ironisierung der Panegyrik begann, um sie wieder stärker den künstlerischen Zielen des Epigrammatikers zu unterwerfen. Selbstverständlich war eine stattliche Zahl von Lobeshymnen auf Domitian unverzichtbar: Martial konnte wohl kaum mehr hinter deren Anteil am vorherigen Buch zwilckfaJlen; zudem bittet er den Flavier ja um den Anschluss seines Landsitzes an die Wasserleitung (9,18). Die einsetzenden vorsichtigen Parodien aber verringern den Ge· samteindruck der Panegyrik gegenüber Buch 8. Durch die Fülle von Domitian· Epigrammen, von denen viele ein uneingeschränktes Lob enthalten, sichert er sich ab. In diesem Rahmen konnte er die Panegyrik in Nuancen relativieren. Ein Epi· 345 l.B. in epigr. 9,23; 24; 31 ; 83; 93.
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gramm wie 9,83, das es als die größte Errungenschaft der kaiserlichen Spiele bezeichnet, dass miserable Rezitatoren währenddessen stumm bleiben mUssen, zeigt, das es auch in der Spätphase des domitianischen Principats fUr den Epigrammatiker noch möglich war, seine iod zu machen, wenn er daneben und immer wieder seine Loyalität zum Ausdruck brachte.l46 Auch im Jahr 95 gab es noch einen gewissen Freiraum ftlr Parodien des Kaiserlobs, wenn man diese neben genügend e indeutige Lobgedichte platzierte. Martials Panegyrik wächst über die Jahre kontinuierlich an. In der ersten Hälfte des domitianischen Principats nur vereinzelt eingesetzt, wird sie ab 89 fester Bestandteil der EpigramrnbOcher, ehe Martial in Domitians Spätjahren (ab 94) e ine neue Stufe des Kaiserlobs erklimmt: Nur das poetische Gebot der varialio und die Bescheidenheit des Kaisers hätten ihn, so der Dichter (8 pr. 7-10), davon abgehalten, Domitian mit jedem Vers zu preisen. Das Kaiserlob wird in dreifacher Hinsicht gesteigert:.l47 Die Zahl der Lob-Epigramme pro Buch nimmt zu, und in den letzten Jahren spielen die wichtigsten Themen der Herrschaftsdarstellung, die Sieghaftigke it und die Sakralität. die größte Rolle. Auch der Ton des Lobpreises entwickelt sich: Die außergewöhnlichen oder kuriosen Schauspiele der kaiserlichen Arena etwa schildert Martial im achten Buch überschwänglicher als im ersten oder vierten Buch, obwohl sein Darstellungsinteresse dasselbe geblieben ist. Mit dem fUnften Buch beginnt er, die Formel dominus el deus fiir Domitian zu verwenden oder auf sie anzuspielen ..l48 Die Kaiseranreden werden im Laufe der Zeit vielfältiger und enthusiastischer..l49 Wie ist die Steigerung der Panegyrik zu erklären? - Als ersten Faktor fiir Martials Kaiserlob hatten wir die Vorlage der höfi schen Ostentation bestimmt. Eine eindeutige Zunahme, wie sie filr die dichterische Panegyrik zu ermitteln war, lässt sich indes rur die Expression Domitians nicht ohne weiteres feststellen. Das Bild ist nicht einheitlich: Zwar dokumentiert uns Martial durch die Spiegelung verstärkte Anstrengungen Domitians zur Darstellung seiner sakralen Imago in den letzten Jahren, aber dies kann auch auf äußere Ursachen ZUJilckzufUhren sein. Vie lleicht boten Bauwerke mit kulti schem Gehalt wie der Palast oder die Tempel ftlr Herkules und die flavische Familie durch unterschiedliche Errichtungsdauer und Bauzeiten gerade in den Jahren 94/95 einen Anlass filr Panegyrik. Eine Ausweitung der militärischen Expression mit zunehmender Regierungsdauer ist eher zu verneinen. Die Herausstellung des Gennaniensieges aus der Anfangszeit des Princeps Domitian hatte einen höheren Stellenwert als der Sannatenfeldzug. Für ) 46 Siehe Henriksen 1999, 110. 347 Nur die vierte Unlersuch ungskalegorie. die witzig.Obertreibende Adapt ion der Expression (5.0 . S. 329), ergab keinen einheitlichen. d.h. linearen, Befund. ) 48 S .o. S. 292. ) 49 Martin 1986, 205f.
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die zensorischen Maßnahmen und den Euergetismus ergibt sich tendenziell ein über die Jahre gleichbleibender Befund. Die ludi saeculares, ein Höhepunkt der domitianischen liberalitas, fanden im Jahr 88, also noch in der ersten Hälfte der Regierungszeit Domitians, statt. Auch seine drei Congiarien z.B., in die Jahre 84, 89 und 93 präzise datierbar. 3)o lassen keine Intensivierung in den letzten Jahren erkennen. Die Steigerung der Attraktionen im Amphitheater war ein Gebot rur alle römischen Kaiser und daher keine individuelle Leistung Domitians. Die von ihm bekleideten Konsulate wurden in den Neunzigerjahren seltener; er übernahm das Amt nicht mehr jährlich. Und auch aus den Münzen ist keine generelle Steige· rung der kaiserlichen Ostentation herauszulesen. Der zweite Faktor, Marlials persönliche Bedürfnisse, ist von der Forschung kontrovers beurteilt worden. G. Thiele hatte Martial Finanznot unterstellt und dar· auf den Fakt zurtlckgefilhrt, dass sich dessen »Zudringlichkeit gegen den Kaiser« im Laufe der Jahre versUlrlct habe.HL Die materiellen Interessen des Dichters sind Wlbestritten, jedoch von der Forschung dahingehend relativiert worden, dass Mar· tia1 keinen finanziellen Mangel litt.m A. Martin erklärte den starken Anstieg der Domitian·Epigramme seit dem vierten Buch damit, dass der Literat zu diesem Zeitpunkt seine Stellung als privilegierter Dichter am Hofe verloren habe.m J. Sullivan zog aus dem Ton des Kaiserlobs gegen Ende des domitianischen Princi· pats gar den UmkehrschJuss: ))The tone ofthe epigrams addressed to the court and his more established friends and patrons indicates that his relations with them were all he could have wished.({JSof R. Nauta blies in dasselbe Horn : Die (anstei· gende) Panegyrik erkläre sich aus der )individueUen Beziehung( Martial s (wie Statius') zu Domitian. Beide seien )lengaged in an ongoing process of negotiation and exchange, of honouring and being honoured« gewesen. ln MartiaJ habe den Grad der Panegyrik aus freien Stücken erhöht und in den späten BUchern ))a final stage in a process of increasingly successful negotiation« erreicht, worin er seine eigene Position mehr und mehr verbessert habe.3 S6 Sein wachsender Erfolg beim Publikum habe ihn an Selbstbewusstsein gegenüber dem Princeps gewinnen lassen; er sei sich seines analog steigenden Wertes filr Domitian bewusst gewesen. Die Steigerung der Panegyrik ab Buch 4 scheine auf Gegenliebe am Hof gestoßen zu sein, so dass Martial mit Buch 5 zum ersten Mal ein Buch direkt dem Kaiser widmete.ln
350 Siehe Kienast 1996, 117. 351 1916,258f. 352 Holz.berg 1988, 12f. ; Walter 1996, 20. 353 1986, 203. 3541991 , 44. 355 Nauta 2002, 387. 356 Ebd. 385. 357 Ebd. 385f.
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Wie ich andernorts in dieser Arbeit zu zeigen versucht habe, m scheint mir Martial die Nähe zur aula des Domitian nicht besessen zu haben. Daher sind seine persönlichen Motive fiir die Panegyrik in materiellen Wünschen, die über einen durchschnittlichen Lebensstandard hinausgingen, sowie in größerer Anerkennung seines literarischen Schaffens durch den Kaiser, die ihm neben finanzieller Unterstützung einen Prestigegewinn bringen sollte, zu suchen . Da sich beides über die Jahre nicht so recht einstellen wollte, reagierte der Dichter mit einer sukzessiven Steigerung der Lobeshymnen. Mit einzelnen BUchern, namentlich Buch 5 und 8, unternahm er besondere Anstrengungen, das Wohlwollen des Hofs zu erregen, indem er sie dem Kaiser zueignete. Der Auftrag, über die Haarweihung des Earinus zu dichten, mag eine solche Anerkennung gewesen sein, aber das bleibt spekulativ. Die Nachfolger der dedizierten Bücher, Buch 6 und 9, stellen dagegen eher eine Retardierung des Kaiserlobs dar; möglicherweise resignierte Martial ob der ausgebliebenen ernsthaften Honorierung seiner Bemühungen. Ob damit der Anstieg der martialschen Panegyrik allerdings schon hinreichend erkJärt ist, wird das Schlusskapitel (7) zeigen. Dort soll der drine Faktor, die Entwicklung des politischen Klimas mit Folgen rur die Meinungsfreiheit, untersucht werden.
6.6.2 Der Vergleich mit Stalius Die Panegyrik der beiden Konkurrenten Martial und Statius ähnelt sich in vielerlei Hinsicht. Da sie heide Adressaten der kaiserlichen Expression sind und diese getreu spiegeln, ergeben sich viele Übereinstimmungen in den Einzelheiten der Herrschaftsdarstellung. Beide rühmen den Kaiser als Zensor und nennen ihn häufig Germanicus. Sie loben seine Ablehnung eines Triumphs nach dem Sarmatenfeldzug und unisono preisen sie die linea dives im Amphitheater, von der es fiir das Publikum reichhaltige Gaben während der Spiele regne. Die Liste ließe sich fo rtsetzen. Ebenso bedienen sich Statius wie Martial aus demselben Arsenal panegyrischer Topoi. Hier seien stellvertretend das Kapitol als Symbol der Macht Roms oder der Wunsch eines langen Lebens fiir den Herrscher genannt. Das Bild, das sie vom Kaiser Domitian zeichnen, ist daher, von unterschiedlichen Akzentsetzungen im Einzelnen abgesehen, weit gehend kongruent. Es gibt aber auch beachtliche Unterschiede. Kaum eines der Themen, denen Statius eine Silva widmet, ist auch Hauptgegenstand eines Martial-Epigramms oder gar einer Epigrammserie: Martial behandelt weder die Via Domiliana noch die Reiterstatue, weder Domitians 17. Konsulat noch das Gastmahl im Palast (was ihm freilich mangels Zutritt nicht möglich war). Der Ruhm der Spiele und Spektakel im Amphitheater nimmt bei dem Epigrammatiker zwar breiten Raum ein, 358 S.o. Kap. 4.3. 1.
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aber zu dem konkreten Anlass des Fests an den Kalenden des Dezember bleibt er stwnm. Umgekehrt besingt Statius bspw. nicht das Templum Genlis Flavioe. den Herkules-Tempel oder den Sieg Uber die Sarmaten. erwähnt sie bestenfalls en passant. Die HaarweihWlg des Earinus ist die einzige Gelegenheit, Ober die beide Panegyriker dichten. Ein ganz anderes Bild erhalten wir bei den offensichtlichen Auftragsgedichlen an andere Patrone: Hier findet sich eine Reihe von ThemenOberschneidWlgen. die aus Einladungen von Patronen oder Aufträgen zu Lobgedichten über bestimmte Themen hervorgegangen sind. Seide besingen das Bad des Claudius Etruscus Wld widmen ihm je ein Trostgedicht anlässlieh des Todes seines Vaters.3i9 Seide erinnern an den Geburtstag des verstorbenen Lukan mit Gedichten, die an dessen Witwe Argentaria Polla gerichtet sind. rühmen die Herkules-Statuette des Novius Vindex, feiern die Hochzeit des Anuntius SteUa und betrauern den Tod des Glaucias, delicotus und Freigelassener des Atedius Melior.360 Damit wird deutlich. worin sich der Literaturpatron Domitian von anderen Patronen Wlterscheidet: Da der Kaiser nicht wie jene Poesie-Aufträge zu bestimmten Anlässen erteilte, finden sich keine Domitiansilven und -epigramme zu identischen Themen. Die Ausnahme bildet die Poesie rur Earinus, die zwar an den Hof gerichtet. aber eben einem anderen Adressaten als dem Kaiser zugedacht ist und nicht (oder nur teilweise) die Expression spiegelt. ln der Feststellung, dass Manial und Statius differierende Anlasse und Gegenstände filr die Panegyrik wählen, zeigt sich Domitians Praxis, auf die Dichtung als von ihm gesteuertes lnstrument der Herrschaftsdarstellung zu verzichten. Eine Gesamtschau der Domitian-Epigramme offenbart ein breites Spektrum: Neben der Mehrheit der eindeutig panegyrischen Texte stehen, seltener, ironische oder spielerische Adaptionen der kaiserlichen Expression. >Kommunikative< Gedichte, in denen Martial den Kaiser um etwas bittet, und Texte aber den Kaiser ohne ein explizites Lob ergänzen das Bild ebenso wie kritische und fordernde Epigramme. Diese Kategorien bietet Statius, mit Ausnahme der eindeutigen Panegyrik, nicht. Neben den ironischen Epigrammen sind es wohl auch die Texte des affirmativen Forderns, die Martial einsetzt, um wenigstens eine literarische Wirkung zu erzielen und nicht immer eindeutig auf bloße Panegyrik oder bloße Kritik festlegbar zu sein. In seinen unterschiedlichen Arten des Umgangs mit der Panegyrik ist der Spanier weniger von materiellen Interessen als von literarischkünstlerischen BeweggrUnden geleitet: Zur Gattung Epigramm gehörten Witz, Ironie und inhaltliche Übertreibungen nun einmal dazu. Damit geriet der Epigrammatiker in Konflikt mit der Maßgabe, einwandfreies Kaiserlob zu verfas359 Mart. 6.42; 7,40; Stal. silv. 1.5; 3.3. 360 Lukan: Man. 7,2 1-23; silv. 2,7; Vindex: Man. 9.43; 44 ; s ilv. 4 .6; Stella: Mart. 6,2 1; silv. 1,2; Glaucias: Mart. 6.28; 29; s ilv. 2, 1. Siehe White 1975, 267-291 . Dessen Deutung der Gedichte als AuftTagswerke folgt Grewing 1997, 176. Vgl.o. S. 115f. u. 11 7f.
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sen. Martial wllhlt verschiedene Lösungswege: teils, indem er Witz und Übertreibungen in die panegyrischen Texte einfließen lässt, teils dadurch, dass er zu lobenden Epigrammen (z. 8. über das Eherecht) )subversive< Texte (die die Folgen der Gesetzgebung karikieren) gruppiert. Den Mechanismus des affirmativen Fordems setzen heide Autoren ein. Denn heide stimmen überein in ihrer Identifiz ierung mit einem gesellschaftlichen Sektor: Wie Statius (Wld noch expliziter als dieser) spricht Martial aus der Perspektive der plebs urbana, wenn er auf die baldige Heimkehr des Kaisers aus Pannonien horn (ad nos, 7,6,1; nobis, 7,8,6) oder jenem filr die Wiedereinftlhrung alter Kampfesbräuche in der Arena dankt (nobjs, 8,80, 1).l61 Nos ist die römische plebs. Der Euergetismus und die physische Präsenz des Kaisers waren besondere Anliegen der stadtrömischen Bevölkerung. Da die übeJw:iegende Mehrheit der Epigramme zum Sarmatenfeldzug dem Thema Rückkehr gewidmet und die Zahl der Euergelismus-Epigramme ebenfalls beträchtlich ist, formuliert Martial also eine bedeutende Zahl seiner Domitiangedichte nachweislich aus dem Blickwinkel der plebs.
361 VgJ. Hardie 1983, 141 f.
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7. Schlussbetrachtung Dante libi turba querulos, Auguste, libellos nos quoque quod dom ino cannina parva damus, posse deum rebus pariter Musisque vacare scimus et haec etiam serta placere tibi. fer vates, Auguste, tuos: nos gloria dulcis, nos tua cura prior deliciaeque sumus. non quercus te sala dceet nce laurea Phoebi: fiat et ex hedera civica nostra tibi .
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(M,". 8,82)
Im Jahr 94, zwei Jahre vor Domitians Ennordung, wendet sich Martial mit dem Epigramm 8,82 an den Kaiser. Es beschließt das achte Buch, in dem er dem Herr· scher wie nie zuvor geschmeichelt hat. In diesem Gedicht offenbart der Dichter sein tatsächliches Verhältnis zum Kaiser und liefert zugleich eine Bilndelung der Ergebnisse meiner Arbeit. Im ersten Verspaar setzt MartiaJ seine Poesie mit den queruli libelli gleich, Bittschriften, die das Volk an den Herrscher heranträgt. Analog dazu geht also die dem Kai ser gewidmete Dichtung von den Autoren aus. Deren libelli haben hier eine doppelte Bedeutung: Sie sind einerseits Gedichtbroschüren, andererseits aber ihre Fonn der Bittschriften, nämlich um materielle und ideelle Ftsrderung. 1 Marti· al entschuldigt sich: Domitian solle Nachsicht mit den Bitten ))seiner« Dichter haben ([er vales, Auguste, luOS, v.5). Dann filhrt er die Vorzüge der Literaten filr den Kaiser ins Feld: nos gloria du/cis (v.5), sie tragen dazu bei, Domitians Presti· ge zu mehren. Hinzu fUgt er die Erinnerung daran, dass der Princeps sich in der Jugend selbst in der Poesie versucht hane (V.6).1 Am Schluss wird die AufTorde· rung zur kaiserlichen Literaturpatronage noch einmal erneuert: Domitian solle sich nicht nur mit dem Eichenkranz als Rener der Bürger schmücken, sondern auch mit der Krone aus Efeu, die dem Beschützer der Dichtung gebührt.3 Das Epigramm 8,82 ist geradezu das Paradebeispiel filr das Verhalten der Autoren gegenüber Domitian, wie es in dieser Arbeit enninelt wurde: Die Panegyrik ging von den Literaten aus, sie erhofften sich dafUr eine Gegenlei stung vom Kai ser und pochten auf ihren Wert für die kaiserl iche E"pressioll. Martial sowohl als auch Statius hatten ein vitales Interesse an einem engen Kontakt zu Domitian. Für beide galt: Aufgrund ihrer sozialen Stellung hanen sie ohne oder gar gegen den Kaiser keine Aussicht, ein öffentliches Amt, einen Rang 1 Ebenso Nauta 2002, JJ9f. 2 Siehe Friedlaender 1886 11. ad loe. 3 Siehe Friedlaender 1886 11, ad loe.
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in der römischen Hierarchie der Macht zu erlangen. Umgekehrt konnten sie durchaus in Schwierigkeiten kommen, wenn sie versäumten, sich an die offizielle politische Linie zu ha1ten.' Die kaiserliche Nähe versprach materielle Vorteile und, mindestens ebenso wichtig, Prestige in Rom. Das Ansehen der Autoren steigerte der Kaiser per se, es wuchs aber auch durch das Vorbild der augusteischen Dichter, an dem sich MartiaJ explizir und Statius implizit maßen. Ihr Konfonnismus kann daher nicht ßberraschen. Es fUhrt in die Irre zu glauben, sie hätten aus opportunistischen GrUnden unter Domitian mit der wahren Einstellung hinter dem Berge gehaJten und (im Falle MartiaJ s) erst unter Trajan ihre tatsächliche Meinung kundgetan.6 Wenn MartiaJ in epigr. 10,72 seine früheren Domitianschmeicheleien gewissennaßen widerrief, dann war das lediglich die Konsequenz daraus, dass er sich den veränderten Verhältnissen unter Trajan angepasst hatte. Weder Martial noch Statius müssen von ihrer Übersteigerung des Herrscherlobes überzeugt gewesen sein, aber Anlass, den domitianischen Principat abzulehnen, hatten sie nicht. Die Spiegelung der Expression war der nächstliegende, der erfolgversprechendste und gefahrloseste Weg, die kaiserliche Sympathie zu gewinnen. Entsprechend ergab die Untersuchung der panegyrischen Inhalte der Literaten eine sehr weit gehende und exakte Wiedergabe der kaiserlichen Herrschaftsdarstellung.7 Ihre zahlreichen Wiederholungen erklären sich aus der getreuen Spiegelung, denn ein wichtiges Charakteri stikum von Expression stellt die unaufhörliche Wiederholung von Inhalten und Fonneln dar.' Dass neben die affinnativen Inhalte gelegentlich ironische Aussagen treten, steht einer Deutung der Domitiangedichte als eindeutiger, oft überschwänglicher Panegyrik ohne kritisierenden Subtext nicht im Wege. Ironie basiert immer auch auf einem affirmativen Grund. In ihrem Hoffen auf finanzielle Entlohnung und einen Zugewinn an Prestige waren die Panegyriker Martial und Statius vereint, in puncto Erfolg darin nicht: Martial konnte seinen Rezipienten keinen Kontakt zum Kaiser bezeugen. Zwar konnte er sich auf die Verleihung des Dreikinderrechts durch Domitian berufen. Aber >ein Mal ist kein Mal <, und möglicherweise erneuerte Domitian das Pri vileg nur, weil Titus es dem Spanier schon gewährt hane. (Andernfalls häne sich Martia1 finanziell verschlechtert.) Die Epigramme an verschiedene Höflinge dokumen4 Siehe Vessey 1986,2798. 5 Z.B. epigr. 1,61; 107,3f.; 5,5,5r.; 7,99,7; 8,55(56).24. 6 So LB. Sulest 1986, 2576. 7 Vgl. Seon 1933, 259, der Statius' Übereinstimmung mit einem Teilbereich der EXpn$Sion. dem HerrscherkulI, festgestellt hat: »Thus we have found in Statius many of the striking features of adulation couched in the language of the ruler cult. ( ...) In short, the poetry of Statius, panicularly the Silvae, is a veritable repenoire ofthe fonns and characteristic ideas of the Roman imperial cult." Vgl.a. Vessey 1986, 2798 sowie j etzt auch Nauta 2002, 354 ober silv. 4,1: »Like Martial, all Statius had to do was 10 give verbal fonn 10 a message already unambiguously expressed in urban design, archilecture, and ceremony." 8 Siehe Weber 1993, 4 14.
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Schlussbetrachtung
tierten zwar den fehlenden direkten Zugang zum Kaiser, aber wenigstens eine Beziehung zum erweiterten Hof, was zu Domitians Zeiten vielleicht besser als nichts war. Das von der Forschung immer wieder erörterte )Nichtverhältnis< zu Statius ließe sich durch ihren Konkurrenzkampf, v.a. aber durch Statius' im Vergleich zu Martialleicht privilegierten Status bei Hofe erklären.9 Die Einladung zur cena in den Palast, die Auftritte bei den Quinqualria in 00mitians Albaner Villa und bei den Capilolia - wo es ihm möglich ist, bezeugt uns Statius seine direkte Interaktion mit dem Kaiser, aber sehr zahlreich waren diese Gelegenheiten nicht. Er wäre aufgrund seines Talents und seiner Erziehung prädestiniert gewesen, >Domitians Vergil< zu werden. Warum wurde er es nicht? Zwar hat er panegyrische Epen verfasst, die die Kriegszüge des Flaviers verherrlichten, z.B. De bello Germanico, das uns in einem Fragment von vier Versen erhalten ist. Der Autor selbst bezeugt außerdem, dass er seinen Sieg beim aJbanischen Dichteragon mit Gedichten über Domitians gennanische und dakische Kriege errungen habe.10 Aber keines dieser Werke hat weitere Spuren hinterlassen. Warum erwähnt Statius selbst De bello Germanico, anders aJs die Thebais, nirgendwo? Möglicherweise hat er es aus eigenem Entschluss geschrieben und nicht die erhoffte Anerkennung von Domitian dafür erhalten. Den Status eines )Hofdichters< hat Martial zu keiner Zeit inne gehabt: Ihm blieb mangels Zugang zum Hof nichts anderes übrig, al s bei den Höflingen zu antichambrieren. In Statius' Fall liegen die Dinge komplizierter, aber verdient >Hofdichter< genannt zu werden, wer wahrscheinlich nur drei, vier Mal mit dem Kaiser in Kontakt kam? >Hofdichter< hat es an der domitianischen aula nicht gegeben. Verantwortlich dafilr, dass es nicht zu einer substanziellen Kooperation gekommen ist, waren nicht die Autoren, sondern Domitian. Er hatte keinen Bedarf an Herrschaftsdarstellung durch die Literatur. Wie die Untersuchung seiner Expression gezeigt hat, gingen wichtige Züge seines Herrscherverständnisses sehr wohl auf hellenistische Ursprünge zurück, LI aber in dem fUf diese Arbeit entscheidenden Punkt verhielt Domitian sich nicht wie ein hellenistischer König: Der Ausbau seines Hofes zu einem intellektuell-kulturellen Zentrum fand nicht, oder nur in Ansätzen, statt. Zum Unglück der Literaten, dem sie in ihren wiederholten sehnsüchtigen Rufen nach einem >zweiten Maecenas< Ausdruck verliehen. waren die fiir den kaiserlichen Machterhalt am Ende des 1. Jahrhunderts wichtigen Sektoren des politischen Systems nicht die Hauptrezipienten ihrer Werke: di e plebs urbana und v.a. das Militär.
9 Siehe Thiele 19 16, 249. 10 Silv. 4,2,65-67. 11 Z.B. die Propagierung der Alhena Promachos oder die Capilo!ia im griechi!>Chen S lil ; s . o. Kap. 2.3 .3.
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Schlussbeuachtung
Die Breitenwirkung, die die Autoren mit den Gedichtbüchern erzielten, war, absolut betrachtet, zu begrenzt. Zudem hatten sie, bei allen Fortschritten, die soziale Diversifikation ihrer Leser filr die Expression des Kaisers noch nicht genügend steigern können. Ihr Hauptpublikum bildete immer noch die gebildete senatorische Schicht. die zu Augustus' Zeiten einen viel höheren machtpolitischen Stellenwert gehabt hatte. Ein Jahrhundert später hatte sie ihre Bedeutung a1s Machtfaktor verloren. Domitian. dieser auf vielen Gebieten flihige und intelligente Herrscher, hatte das klar erkannt und seine Schlüsse daraus gezogen: ll Die Instrumente seiner Herrschaftsdarstellung waren v.a. auf die Soldaten und die BevölkeTWlg in Hauptstadt und Provinzen ausgerichtet. Die hellenistisch geprägte BevölkeTWlg des Ostens bekam wachsendes Gewicht. Demgegenüber trat der römische Senat in den Hintergrund. tl Nur eine Funktion konnten die Dichter in den Augen des Kaisers filr die Expression übernehmen: Durch ihre Auftritte als Rezitatoren bereicherten sie den hauptstädtischen Unterha1tungsbetrieb der Feste, Spiele und Spektakel. Dabei brachten sie vornehmlich unterhaltende Literatur zum Vortrag, Statius z.B. wird dort eher Auszüge aus der Thebais oder Achilleis a1s die Silven rezitiert haben. Ein Indiz daftlr, dass diese Auftritte mit dem Hof abgestimmt waren, liefert uns Juvenal: Nachdem er über Statius' begehrten öffentlichen Vortrag der Thebais gesprochen hat, berichtet er über die Kontakte des Dichters zu dem einflussrei-
12 Eine weitere denkbare Aufgabe, die Domitian rur die Dichtung hAtte vorsehen können, ist die Bewahrung seines Ruhms Rlr die Nachweil. Wenn er die Dienste der Literaten schon nicht fllr die machtpOlitische Situation der Gegenwan in Anspruch nahm, hatte er nicht wenigstens fllr die (fernere) Zukunft auf ihr Rühmen und Preisen bauen können? Da keine kaiserliche FOrderung der Dichter bekannt ist: Ist Domitian etwa nicht auf sein Nachleben bedacht gewesen? Das erscheint als kaum vorstellbar. Jedoch hat Domitian dafUr wohl wiederum andere Medien bevorzugt, v.a. sein aufwändiges Bauprogramm. So berichtet Sueton, dass Domitian auf restaurierten Gebäuden allein seinen Namen anbringen ließ, nicht auch den des Ersterbauers (Dom. 5). Vergleicht man den Flavier mit seinen Vorgangern und Nachfolgern. so sind - soweit ich sehe nur von Augustus Zeugnisse einer aktiven Instrumentalisierung der Litel'8Nr ft1r sein Nachleben uberliefert: Er verftlgte gegen den Willen Vergils die Veröffentlichung der Aeneis und er verfasste das Monumenlum Ancyranum. Wenn von keinem der Nachfolger des Augustus die Litel'8Nr mehr im Dienst des Nachlebens eingeselZt wurde, stellt Domitian mit seinem (Nicht-)Hancieln keine Ausnahme dar. Ob nun intendiert oder nicht., die Unsterblichkeit von Martial und Statius sorgte auch ftlr die Unsterblichkeit Domitians. 13 Domitians machtpOlitischer Pragmatismus, der ihn die Kontakte zu den Schriftstellern und deren Unterstützung auf ein Minimum reduzieren ließ, kam auch in seiner Handhabung der salulaliones und Gastmahier zum Ausdruck: Zwar gab er etwa reichliche Bewirtungen fllr die vornehmsten Senatoren und Riner, jedoch dauerten diese nie lang und brachten ihm den posthumen Vorwurf ein, der Flavier habe die Tischgemeinschaft nur simuliert. so dass Winterling von einer »Distanziemng des Kaisers« von den Gastmahlern gesprochen hat (1999, 155; Suet. Dom. 2 1; Plin. paneg. 49,6). Auch hierin erft1l1te er die von den Senatoren traditionell erwartete Aufgabe des Princeps, in der er keinen machtpOlitischen NUlZen fllr sich sah, nur im Stile einer PtlichtObung. Bei den Gastmählern wie in der Literaturßrderung zeigte Domitian nur geringe persönliche Anteilnahme.
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Schlussbetrachrung
ehen Höfling PariS.14 Eine solche Verständigung wird, wenn, dann über die Höflinge stattgefunden haben, die für den vom Kaiser verantworteten Amüsierbetrieb zuständig waren und zu denen auch Martia1 Kontakte bezeugt.U Natürlich werden die Autoren nicht jeden einzelnen Auftritt mit dem Hof besprochen haben und vennutlich wird der Kaiser nicht persönlich damit befasst gewesen sein; eher wird es eine allgemeine Verabredung mit den Höflingen gegeben haben. Eine materielle Honorierung seiner Dichtung. von der die Panegyrik ein Teil war, und seiner Rezitationstatigkeit hat nur Statius, und das nur in Maßen, von Domitian erfahren. Martia1 musste sich wohl mit gelegentlichen Gaben der Höflinge begnügen.16 Es bleibt Spekulation, aber, weM Martia1 wirklich der selbststilisierte )arme Poet< gewesen wäre, hätte der Kaiser vielleicht auch ihm stärker unter die Arme gegriffen. H. Szetest vertritt die Position, dass kritische oder heikle Themen der Epigramme, die in einem vorsichtigen Ton gehalten bzw. mit den Kaiser lobenden Passagen kombiniert gewesen seien, zwar nicht zu Repressalien für Martia1 gefUhrt hätten, aber dafilr gesorgt hänen, dass der Spanier sich weder der GWlSt noch der materiellen Anerkennung Domitians erfreuen durfteY Diese Aussage lässt sich auch anders akzentuieren: Es gab offenbar einen gewissen Spielraum für ironische Anspielungen auch auf den Kaiser in der Dichtung. Das war gerade für den Epigrammatiker Martial wichtig, dessen poetische Gattung vom Witz und der Pointe lebte. Sicher wird Domitian besonders die Panegyrik gefa1len haben, aber auch für Martials Ironie mag er einen Sinn gehabt haben. Dessen gelegentliche Anspielungen hat er darum toleriert, wenn Martial sie mit genügend )einwandfreienc, den Kaiser preisenden Texten umgab. In diesem Punkt verhielt sich Domitian wie ein hellenistischer Herrscher.11 Soviel zu der Rolle der Dichter innerhalb der kaiserlichen Expression. Abschließend ist noch die Frage zu beantworten, ob aus der sich im Lauf der Jahre steigernden Herrscherpanegyrik der Dichter RückschlUsse auf die Entwicklung des domitianischen Principats gezogen werden können. Das Verhalten der Autoren, die zu den prominenten Intellektuellen ihrer Zeit zu rechnen sind, soll als lndika14 luv. 7,82-87; zu Paris. der allerdings schon 83 starb, angeblich von Domilian persönlich auf offener Straße umgebracht wurde: Cass. Dio 67,3, 1. Siehe dallJ Vinson 1989, 444f. und Jonn 1992, 35f. 15 Martials Verbindungen reichten bis in das naher-e Umfeld des Kaisers, aber nicht bis ganz nach oben; Waller 1996, 21 . S.&. Dyson I Prior 1995. 16 Z.B. mit einer Toga von Parthenius: epigr. 8,28; 9,49. 17 Szelest 1974, v.a. 113; wieder in Szelest 1986, 2573-2575. Zu den venneintlich lkritischen( oder lheiklenf Themen zahlt sie positive Erwlhnungen von Verteidigern der Republik, von Personen und Ereignissen in Verbindung mit Claudius und Nero sowie Verspottung von Kahlköpfen. Von Albrecht bezeichnet diese Themen zurecht als »PuppensQnden« (1994, 831), jedoch sind ftlr unseren Fall allgemein die Aussagen interessant, die von der offiziellen Expression abwichen, d.h. in erster Linie ihre Persiflage. 18 Siehe Weber 1993, 414f. und Getme 1990, 90.
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Schlussbetrachtung
tor filr eine mögliche Veränderung des innenpolitischen K.1imas in Rom. das in der Forschung viel diskutierte .Umschlagen< der domitianischen Herrschaft in Willkür und Terror, herangezogen werden. Die Entwicklung der Panegyrik Manials, die während der Regierungszeit Domitians quantitativ und qualitativ anstieg, ist nicht mit der Spiegelung der kaiserli· ehen Herrschaftsdarstellung und nicht allein mit den persönlichen Interessen des Epigrammatikers begrüDdbar.'9 Insbesondere die zwei signifikanten )Sprunge<. die stark zunehmende Zahl von Domitian·Epigrammen, zwischen dem drinen und dem vierten sowie dem siebten und dem achten Buch fordern zu einer Erklärung heraus. Zwar könnte es Zufall sein, dass Martial sich jeweils gerade in den Jahren 89 und 94 zu einer drastischen Forcierung des Herrscherlobs entschloss. Es soll aber im Folgenden der Versuch unternommen werden, ob sich sein VemaJten nicht doch auf die politischen Umstände der jeweiligen Jahre zurückfilhren lässt. Es sei die vorsichtige Hypothese aufgestellt, dass der Dichter mit der Steigerung seiner Panegyrik auf ein verschärftes Klima des Terrors und der Furcht in Rom reagierte. Diese Korrelation ist nicht neu; vor langer Zeit schon wurde vage ein Zusammenhang zwischen Martials gesteigerten Schmeicheleien und der zuneh· menden )Entartung<der Herrschaft Domitians. von der die senatorisch dominierte Geschichtsschreibung berichtet, beobachtet. 20 Diese Position ist keineswegs com· munis opinio; möglicherweise hat sie aber größere Gültigkeit, als ihr zuletzt zuge· billigt wurde. Das Bild von der Entwicklung der domitianischen Herrschaft ist in der For· schung weiter umstrinen. Zum einen wird bezweifelt, dass in Domitians letzten Jahren Terror und Verfolgung überhaupt im Vordergnmd standen. Andere rAumen ein, dass es Repressalien gegenüber Oppositionellen gegeben hat, erklären diese aufgrund der umstürzlerischen Aktivitäten der Verfolgten aber filr berechtigt.ll Auch der Zeitpunkt bzw. die Zeitpunkte, zu denen sich eine mögliche Wandlung der domitianischen Herrschaft ins Negative ereignet haben kann, sind strittig: 1st sie in das Jahr 89, nach dem Satuminusaufstand, oder 93, als es zu Gerichtsprozessen gegen sieben Mitglieder der Opposition kam, anzusetzen? - Durch das in den letzten Jahrzehnten vorherrschende Bemühen der Domitianforschung, die aHzu negative senatorische Überlieferung zu korrigieren, hat das Bi ld des Flaviers
19 S.o. S. 331f. 20 Siehe Holzbe'g 1988, 14: »Die Abklassifizierung Manials als Speichellecker eines tyrannischen piffCtps, die sich z.B. in den HandbOchern vom Ende des lel2;len Jahrhunderts bis in allerjongste Zeit verfolgen laßt ( ... ), dOrfte eine i h~r wichtigsten Ursachen in der Tatsache haben. daß ziemlich genau synchron mit dem allmahlichen Zunehmen der despotischen Grausamkeit Domitians in den Jahren 85-96 auch die Zahl der panegyrischen Gedichte auf den Kaiser stieg, die der Dichter in die w1hTend dieser Zeit 'Ion ihm publizierten Epigrammbncher aufnahm«. S. daZlj auch
Nauta 2002, 384f.
21 Siehe die von Umer zusanunengeslellte Literatur ( 1993, ]01-304).
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Schlussbctrachtung
an SchArfe nicht nur gewonnen. Es scheint vielmehr, dass der Impetus der Rehabilitation Domitians manch einen ein wenig Ober das Ziel hinausschießen ließ. Welche Quellenbasis steht uns zur Stützung der Hypothese, dass es einen Zusammenhang zwischen Martials gesteigerter Panegyrik und dem innenpolitischen Klima in Rom gegeben hat, zur VerfUgung? I . Der Bericht des Sueton Ober das >Umschlagen( der domitianischen Herrschaft sowie weitere Hinweise in der senatorisch dominierten Tradition. 2. Prosopographische Untersuchungen Ober Domitians Personalpolitik bei der Besetzung von Ämtern, v.a. des Konsulats, und ihre Berücksichtigung senatorischer Vertreter. 3. Die Pritgung der liberIas auf den unmittelbar nach Domitians Tod herausgegebenen Münzen. Der Berichl Suelons: Das zehnte Kapitel der Domitianvita Suetons ist von der Forschung immer wieder gründlich untersucht worden. Darin nennt Sueton Domitians Wandel von der dementia und der abslinenlia hin zu saevitia und cupidilas und liefert zur lliustration der saevitia eine Liste von zehn Senatoren, die ihr zum Opfer gefallen sind (10,2-4). Die Reihe der Todesopfer soll hier nicht erneut diskutiert werden, stattdessen das Augenmerk allein auf zwei Punkte gerichtet werden: die von Sueton angegebenen Gründe filr die Hinrichtungen und die Ausweisung aller Philosophen aus Rom und Italien. Die Gründe filr den erzwungenen Tod der zehn Senatoren und einiger weiterer Personen, die Sueton in Kapitel 10 anfUhrt, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Drei Senatoren mussten sterben unter dem Vorwand, sie planten einen Aufstand, alle anderen »aus irgendeinem nichtigen Grund« (Ievissima quemque de causa).Z2 1m Einzelnen handelt es sich um Beleidigungen oder Verspottungen der kaiserlichen Majestät, Äußern von Kritik oder kritischen Anspielungen, Gunstbezeigungen filr Gegner des Kaisers sowie um Personen, die ihrerseits eine mögliche Konkurrenz oder Gegnerschaft zum Kaiser darstellten. Zwei Fälle seien herausgegriffen: Den Hennogenes von Tarsos habe Oomitian wegen gewisser Anspielungen in seinem Geschichtswerk umbringen lassen, den Sohn des Helvidius, da dieser eine Komödie verfasst habe, deren Protagonisten Pari s und Oenone zu offensichtlich auf den Kaiser und seine angeblich erst geschiedene und dann erneut geheiratete Gattin Domitia bezogen werden konnten.l i Gleich, ob alle diese Details den historischen Realitäten entsprachen - fast durchweg lassen sich diese levissimae causae als Indizien fUr eine erheblich eingeschränkte Meinungsfreiheit in Rom deuten. Anl!lsslich des Prozesses gegen lunius Rusticus, der wegen einer Lobschrift auf Paetus Thra.sea und Helvidius Priscus, zwei der fUhrenden Vertreter der stoisch eingestellten Senatsopposition, verurteilt wurde, griff Domitian zu dem Mitte l der 22 Suet. Dom. 10,2; s.a. Syme 1983, 125. 23 Suet. Dom. 10, 1: Hennogenes: 10,4: occidil eJ HeMdilJM filium. qt.tasi seoen;co codio $Nb perSOllO Poridis el OeItOftU divorlilJM slIlIm CWfI laare latassel. Zu der Unwahrscheinlichkeit der Scheidung und Wiederverheiratung Vinson 1989. 444f. S .• . oben S. 30M.
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Schlussbetrachtung
Philosophenausweisung. 2' Auch das eine Maßnahme, die dazu diente, kritische Geister und intellektuellen Widerspruch auszuschalten. Das Bild, das Sueton von Domitians Herrschaft nach einem Wandel zum Schlechten präsentiert, wird aJso wesentlich durch eine stark verringerte Meinungsfreiheit geprägt. Das Äußern von Kritik oder spottenden Anspielungen war nicht mehr gefahrlos möglich. Nicht nur fiir die in den politischen Institutionen Tätigen änderte sich die Situation, sondern auch fUr die Intellektuellen und Literaten. Der Prozess gegen Rusticus und sechs weitere Mitglieder einer Gruppe, die man zur ~phi l osophischen Opposition( rechnet, lässt sich durch die Kombination mehrerer Quellen mit dem Zeugnis Suetons in den Zeitraum von September bis Dezember 93 datieren. U Dadurch ist auch die Philosophenausweisung auf das Jahr 93 festgelegt.~ Für das Einsetzen der beschriebenen Entartwlg nennt Sueton hingegen keinen exakten Zeitpunkt. 17 Eine Steigerung der saeviIia Domitians sei »einige Zeit« nach dem Satuminusaufstand erfolgt.28 B. W. Jones interpretiert den suetonischen Bericht als Methode, den Principat Domitians in zwei HäJften zu teilen und seinen Wendepunkt genau in die Mitte der fUnfzehnjährigen Regierungszeit zu datieren (was jedoch so eindeutig nicht aus der suetonischen Schilderung hervorgeht). Ebenso sei der Biograph auch in der CaJigulavita verfahren. Diese Datierung sei daher als topisch zurtlckzuweisen, die Satuminusrevolte könne nicht die Ursache fi1r Domitians Herrschaftsentartung gewesen sein. 29 Dagegen hat U. Lambrecht den Quellenwert Suetons im Allgemeinen und der Domitianvita im Besonderen verteidigt: Die Domitianvita sei gerade nicht schematisch; sie zeichne ein ausgewogenes und nicht statisches Bild des Flaviers, in dem eine Charakterentwicklung zu erkennen sei. Seine Domitiandarstellung sei unvoreingenommener und glaubwürdiger aJs bspw. die von Tacitus. 30 Die Hauptursache dafiir sei, dass es zum Abfassungszeitpunkt der Domitianvita noch kein durch die schriftliche überlieferung kanonisiertes Gemeingut an Urteilen über den Kaiser gegeben habe. l l Er konnte seine Darstellung des Flaviers frei von traditionellen Vorurteilen und basierend auf der selbständigen Auswertung von Quellen gestalten. Anders als Tacitus oder Plinius schrieb er nicht in der Zeit direkt nach Domitians Tod, die im Zeichen der umfassenden Verdammung des Getöteten 24 Suet. Dom. 10,3 . Siehe den geringfbgig abweichenden Bericht des Tacitus: Rusticus habe Paetus Thrasea, HereMius Scnecio den Helvidius Priscus ger1lhmt; Agr. 2, I f. 25 Plin. epist. 3, ll.2f.; paneg. 47, I; Cass. Dio 67,13,3. Siehe Sherwin-White 1966, 763-765. Ihm folgt Jones 1992, 187 Wld 1996. 93. 26 In den Neuru:igerjahren hat es nur diese eine Philosophenausweisung gegeben. Siehe Sherwin·Whites Diskussion der Darstellung spaterer Quellen (Cassius Dio, Eusebius, Hieronymus), Domitian habe zuvor ein weiteres Mal Philosophen verbannt (1966, 764f.). 27 Suet. Dom. 3,2; 10, I. 28 Suel. Dom. 10,5: aliquanto post civilis beJ/i victoriam saevior. 291919. 83. 30 Lambrecht 1995,528-530. 31 Ebd. 532.
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Schlussbetrachtung
stand, und er war nicht zur publizistischen Unterstützung des Nachnachfolgers Trajan verpflichtet. 12 Es sei daher dahingestellt, ob wir aus Suetons Bericht schJießen dürfen, dass Domitians saev;lia eine unbestimmte Zeit nach dem Saturninusaufstand 89 zugenommen hat. Als denkbar erscheint es allemal, denn die Revolte war ein Alannsignal, das der Kaiser nicht unbeachtet lassen konnte. Dafiir muss man ihm keinen Verfolgungswahn unterstellen, wie dies die ältere Forschung gelegentlich getan hat.)) Oomitian hatte die Bürgerkriege von 69 als junger Marm erlebt und wird noch genau gewusst haben, wie sein Vater Vespasian und damit seine eigene Dynastie zum Principat gelangt war. Insofern wäre ein Anziehen der Zügel in der Hauptstadt nach 89 ohne weiteres verständlich. Als gesichert dürfen die beschriebenen Senatorenverfolgungen und die Philosophenausweisung sowie deren Datierung in das Jahr 93 gelten. Aus Suetons Schilderung ergibt sich also das Bild eines Kaisers, der, aufgeschreckt durch einen Usurpationsversuch,)( in der zweiten Hälfte seiner Herrschaft zunehmend unnachgiebiger gegen Kritiker und Dissidenten vo