Die Weltlinie
Jukka Maalampi
Die Weltlinie Albert Einstein und die moderne Physik Aus dem Finnischen von Manfred Stern
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Jukka Maalampi Department of Physics P. O. Box 35 (YFL) 40014 University of Jyväskylä Finland
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Übersetzer: Manfred Stern Kiefernweg 8 06120 Halle Deutschland
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This work has been published with the financial assistance of FILI – Finnish Literature Exchange Finnische Originalausgabe Maailmanviiva. Albert Einstein ja moderni fysiikka erschienen bei Ursa, 2006
ISBN 978-3-540-72409-4
e-ISBN 978-3-540-72410-0
DOI 10.1007/978-3-540-72410-0 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Mathematics Subject Classification (2000): 83A05, 83C05, 83F05, 81P05, 81V22, 78A25 © 2008 Springer-Verlag Berlin Heidelberg Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 9. September 1965 in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechtsgesetzes. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Satz: Datenerstellung durch den Übersetzer unter Verwendung eines Springer TEX-Makropakets Herstellung: le-tex publishing services oHG, Leipzig Covergestaltung: deblik, Berlin Coverabbildung: © Bettmann/CORBIS, ALBERT EINSTEIN and related rights ™/© of HUJ, used under License. Represented exclusively by Corbis Gedruckt auf säurefreiem Papier 987654321 springer.de
¨ Vorwort zur deutschen Ubersetzung
Ich freue mich sehr, daß dieses Buch in deutscher Sprache erscheint, der Muttersprache der Hauptperson Albert Einstein. Zuf¨alligerweise ist das auch die ¨ Muttersprache eines meiner Großv¨ ater gewesen. Die deutsche Ubersetzung erh¨oht auch den Kreis der potentiellen Leserschaft um einen Faktor von ungef¨ahr zwanzig, was nat¨ urlich großartig ist. ¨ Ich danke dem Ubersetzer Manfred Stern f¨ ur die sachkundige Arbeit, die sich durch die Sorgfalt und Gr¨ undlichkeit eines Mathematikers auszeichnet.1 Ich danke auch Mikko Saarim¨ aki, einem anderen Mathematiker, der an meiner Universit¨at t¨atig ist und als guter Kenner der deutschen Sprache bei der ¨ Ubersetzung wertvolle Hintergrundinformationen gegeben hat. Jukka Maalampi Jyv¨askyl¨a, 29. Februar 2008
1
¨ Der Ubersetzer dankt Karin Richter (Martin Luther Universit¨ at Halle, Fachbereich Mathematik) f¨ ur das Lesen der Korrektur, Gerd Richter (Halle) f¨ ur technische Unterst¨ utzung, G¨ unter Jacobi (Halle) f¨ ur Diskussionen zur Physik zwischen Schach und Billard, Frank Holzwarth (Springer-Verlag) f¨ ur stets hilfreiche LATEXHinweise, Ute McCrory (Springer-Verlag) f¨ ur die Projektbetreuung und last but not least Andrea K¨ ohler (le-tex publishing services, Leipzig) f¨ ur ihre Bemerkungen zur Herstellung der Endfassung.
Vorwort zur finnischen Ausgabe
¨ Uber Albert Einstein sind Hunderte von B¨ uchern geschrieben worden. Er verdient sie alle, weil er ein außergew¨ ohnlich bedeutender Wissenschaftler war. Hier ist ein weiteres Buch. Im Jahr 2005 war der hundertste Jahrestag der ersten revolution¨aren wissenschaftlichen Entdeckungen Einsteins. Zu Ehren dieses Ereignisses wurde 2005 zum Jahr der Physik und zum Einsteinjahr erkl¨art. Einstein und seine wissenschaftlichen Leistungen standen im Laufe des Jahres im Rampenlicht ¨ der Offentlichkeit. Jedoch ist die Bedeutung Einsteins f¨ ur die heutige Physik und f¨ ur die jetzige Technologie weitaus gr¨ oßer als allgemein bekannt. Er hinterließ Spuren in vielen aktuellen Forschungsgebieten und zahlreiche Vorhersagen seiner Theorien werden immer noch experimentell getestet. Auf der Grundlage seiner Entdeckungen sind sogar u ate des allt¨aglichen Gebrauchs ¨berraschend viele Ger¨ entwickelt worden. Dieses Buch handelt vom wissenschaftlichen Erbe Einsteins. Im Buch schildern wir auch die Hintergr¨ unde seiner wissenschaftlichen Entdeckungen, denn auch er schuf seine Theorien nicht aus dem Nichts. Es ist schwierig, in chronologischer Reihenfolge u ¨ber Einsteins Forschungsarbeiten zu berichten, weil er gleichzeitig in mehreren Richtungen arbeitete und sich h¨aufig von einem Thema zum anderen und wieder zur¨ uck bewegte. Um einen Begriff der Relativit¨atstheorie zu verwenden: er hinterließ in der Physik viele Weltlinien. Ich hoffe, daß die in diesem Buch vollf¨ uhrten Spr¨ unge durch Zeit und Raum den Leser nicht weiter st¨ oren. Ich danke Hannu Karttunen und Tapani Perko f¨ ur die Durchsicht des Manuskripts und f¨ ur viele n¨ utzliche Bemerkungen und Korrekturen. Jukka Maalampi Jyv¨askyl¨a, 5. Juni 2006
Inhaltsverzeichnis
¨ Vorwort zur deutschen Ubersetzung ........................... V Vorwort zur finnischen Ausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 1
Blumen auf Einsteins Grab . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Junges Gehirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 Der Raum beginnt zu leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3 Genie im Einweckglas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.4 Einstein lebt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1 3 5 6 7
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¨ Die Zeit des Athers ........................................ 2.1 Der K¨onig der Viktorianischen Physik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2 Faraday . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Durch den Kompaß in eine neue Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4 Die Welt wird klein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.5 Verschwommene Eindr¨ ucke meines Verstandes“ . . . . . . . . . . . . ”
9 10 12 15 17 18
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Die besten Gleichungen der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1 Teilchen oder Welle? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Der Arzt und der Ingenieur legen den Streit bei . . . . . . . . . . . . 3.3 Revolution¨ are Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4 Die ersten Radiowellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5 Reformer wider Willen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6 Lichtgeschwindigkeit als Passion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ¨ 3.7 Z¨aher Ather ...........................................
21 22 23 24 27 27 29 31
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Einsteins Weg zum Physiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Mit Lichtgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2 Der St¨orenfried . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Bedr¨angnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.4 Lieserl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35 37 38 39 40
X
Inhaltsverzeichnis
4.5 4.6
Patenter Patentierknecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 ¨ Atherische“ Zweifel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 ”
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Spezielle Relativit¨ atstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.1 Was ist Bewegung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.2 Auseinandersetzung mit dem Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.3 Dein Jetzt und mein Jetzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.4 Die Lorentztransformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.5 Einstein macht tabula rasa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6 Verr¨aterisches Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.7 Verk¨ urzte L¨ ange, gedehnte Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.8 Unglaublich, aber wahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.9 Einstein und Poincar´e . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.1 Pro und kontra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.2 Ursache vor Folge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.3 Schneller als das Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4 Die vierte Dimension des Universums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.5 Himmlische Beweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.6 Langes Leben bringt Freud und Leid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Die Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.1 Materie wird zu Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.2 Die Masse eines bewegten Teilchens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3 Die Masse des Lichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.4 Energie aus Antimaterie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.5 Kernspaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.6 Die Physik verliert ihre Unschuld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.7 Der Bombenbrief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
69 70 72 74 75 76 79 80
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Raum und Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 8.1 Pr¨amiiertes Leghuhn“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 ” 8.2 Gekr¨ ummter Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 8.3 Von Pisa zum Meer der Stille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 8.4 Die Gezeitenkr¨ afte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 8.5 Gekr¨ ummte Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 8.6 Die Metamorphosen des Raumes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 8.7 Hilbert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 8.8 Einsteins h¨ artester Konkurrent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 8.9 Die Feldgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Inhaltsverzeichnis
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XI
Lichtquanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 9.1 Schwarzk¨ orperstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 9.2 Der photoelektrische Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 9.3 Das Licht besteht aus Quanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 9.4 Der Nobelpreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 9.5 Photoelektrischer Effekt in vielen Anwendungen . . . . . . . . . . . . 112
10 Quantenmaterie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 10.1 Licht als Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 10.2 Materie vermatscht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 10.3 Fermionenkondensate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 10.4 Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 10.5 Der Quantenspuk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 10.6 Die Quantenwelt ist ganz anders . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 11 Schwarze L¨ ocher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 11.1 Ein Schwarzes Loch h¨ alt die Uhren an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 11.2 Wie entsteht ein Schwarzes Loch? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 11.3 Sternenkollaps . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 11.4 Eine Idee auf dem Indischen Ozean . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 11.5 Vom strahlenden Stern zum Schwarzen Loch . . . . . . . . . . . . . . . 134 11.6 Wie kann man ein Schwarzes Loch sehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 11.7 Die Schwarzen Riesen der Galaxien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 12 Schwingender Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 12.1 Nutzung einer alten Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 12.2 Was ersch¨ uttert den Raum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 13 Einstein und das Universum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 13.1 Fliehende Galaxien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 13.2 Einsteins Universum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 13.3 Inflation¨ ares Universum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 13.4 Das Uratom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 13.5 Die Hintergrundstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 13.6 Wohin gehen wir? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 13.7 Die Wiederkehr der kosmologischen Konstanten . . . . . . . . . . . . 157 13.8 Das große Fragezeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 14 Der 14.1 14.2 14.3 14.4 14.5 14.6
letzte Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Lokale Geometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Eichfeldtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Einsteins innere Stimme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 In neue Dimensionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Ohne Boden unter den F¨ ußen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Wird Einsteins Traum wahr? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
XII
Inhaltsverzeichnis
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Namensverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
1 Blumen auf Einsteins Grab
Albert Einstein starb im April 1955 in Princeton, in den Vereinigten Staaten. Er wartete auf sein Ende wie auf ein interessantes Naturph¨anomen. Es war Einsteins Wunsch, daß man seinen K¨ orper verbrennen und die Asche an einem unbekannten Ort verstreuen m¨ oge. So ist es dann auch geschehen. Die Sauerstoff-, Kohlenstoff- und Wasserstoffatome sowie andere Atome, die in seinem K¨orper jahrzehntelang in idealer Weise angeordnet waren, gelangten rasch in den Kreislauf der Natur und fanden bald einen neuen Verwendungszweck. Einstein hat also weder ein Grab noch fand eine Beerdigung statt. Es gibt keinen Ort, zu dem man an Gedenktagen pilgern k¨onnte, um Blumen niederzulegen. Das war nicht einmal m¨ oglich, als im Jahr 2005 f¨ unf Jahrzehnte seit Einsteins Tod und hundert Jahre seit seinen gr¨oßten wissenschaftlichen Entdeckungen vergangen waren. Einstein hatte auch untersagt, aus seinem Arbeitszimmer und seinem Wohnhaus in Princeton ein Museum zu machen. Viele Menschen w¨ urden zu diesen St¨ atten wallfahren, um die erhebenden Gef¨ uhle zu erleben, die man vor den Denkm¨ alern großer Pers¨onlichkeiten der Geschichte empfindet, in diesem Falle den Nachhall eines großen Genies. Einstein wollte aber nicht, daß ihn die Menschen auf diese Weise anbeten. Einstein war eine Pers¨ onlichkeit des o ¨ffentlichen Lebens und jeder Mann auf der Straße kannte ihn. Die Publicity begann, als astronomische Messungen w¨ahrend der Sonnenfinsternis 1919 die Richtigkeit der von ihm gefundenen Allgemeinen Relativit¨ atstheorie best¨ atigten. Die Zeitungen schrieben u ¨ber das Genie, das Isaac Newtons Theorien zu Fall brachte, die man jahrhundertelang f¨ ur unfehlbar gehalten hatte. Man sprach u ¨ber die neue Weltordnung und ihren Sch¨opfer Einstein. In der geistigen Leere der Nachkriegsjahre wurden Geschichten dieser Art begierig aufgenommen. Als Einstein 1933 aus Berlin in die Vereinigten Staaten u uhmtheit, viel ber¨ uhmter ¨bersiedelte, war er eine Ber¨ als jeder andere Wissenschaftler nach ihm. Er wurde mit Ehrungen u ¨berh¨auft und trat u asident Roosevelt lud ihn ins Weiße Haus ein. Jeder ¨berall auf. Pr¨ Ausspruch Einsteins kam in die Schlagzeilen und die Ver¨offentlichungen seiner wissenschaftlichen Arbeiten waren große Medienereignisse.
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1 Blumen auf Einsteins Grab
In diesen Jahren entstand das stereotype Bild von Einstein als unvergleichlichem Genie, das in den h¨ ochsten Sph¨ aren der Wissenschaft schwebt, und so lebt er auch weiterhin in der Phantasie der Menschen. Er ist das Symbol der Weisheit, dessen Wert auch die Werbetexter nur allzu gut kennen. Das ¨außere Erscheinungsbild Einsteins, die in alle Windrichtungen abstehende M¨ahne, der dichte Schnurrbart und der vertr¨ aumte Blick beschleunigen den Absatz der verschiedenartigsten intelligenten“ Produkte. Die beste Art und Weise, ” die hellen K¨opfe der Schulklassen zu ermutigen und den kleinen Ber¨ uhmtheiten der Wissenschaft zu schmeicheln, besteht darin, sie als Einsteins zu bezeichnen. Das h¨ ort sich zwar auch wie ein Witz an, aber der Vergleich kann immer auch als echtes Lob aufgefaßt werden. Einsteins besonderes Wesen f¨ uhrte dazu, daß sich die ihn umrankenden Legenden ins Unermeßliche steigerten. W¨ ahrend der Jahre in Amerika pr¨agten sich seine bohemienhaften Veranlagungen immer weiter aus und kamen in sei¨ ner Lebensweise und in seinem Außeren zum Vorschein. Das Bestreben, alle unwesentlichen Dinge auszumerzen, f¨ uhrte zu einer Elimination der Socken und der Hosentr¨ager und machte Schlafanz¨ uge, Smokinghemden, Krawatten und Besuche beim Friseur zu einem u ussigen Luxus. Die Vernachl¨assigung ¨berfl¨ des ¨außeren Erscheinungsbildes in Kombination mit einer st¨andig zunehmenden Geistesabwesenheit f¨ uhrte zu unz¨ ahligen am¨ usanten Geschichten. Andererseits gab Einsteins unabh¨ angige und unbeugsame Haltung seinen gesellschaftlichen Aktivit¨ aten ein außergew¨ ohnliches Gewicht. Seine Stellungnahmen gegen den Krieg und seine Analysen globaler Ungerechtigkeiten fanden aufmerksame Zuh¨ orer und wurden respektiert. Er war der Mann des Friedens, auch wenn ihn viele f¨ ur den Vater der Atombombe hielten, hatte er doch die Gleichung E = mc2 gefunden. Als Einstein in die Vereinigten Staaten u ¨bersiedelte, waren seine kreativsten Jahre als Wissenschaftler f¨ ur immer vorbei. In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens schuf er nichts, was in der Geschichte der Wissenschaft Bestand gehabt h¨ atte. Sein Stern sank unabwendbar am Horizont. Das Alter begann, seinen Tribut zu fordern. Die Zeit arbeitet gnadenlos gegen die F¨ahigkeit eines Wissenschaftlers, neue Entdeckungen zu machen. Einstein versuchte, seine letzte Sinfonie zu vollenden, die einheitliche Feldtheorie, mit der die Naturerscheinungen umfassend erkl¨ art werden sollten. Aber er hatte hierf¨ ur die falsche Tonart gew¨ ahlt und seine jahrelangen Anstrengungen f¨ uhrten nur zu einer Reihe von fehlgeschlagenen Themen mit Variationen. Die j¨ ungere Forschergeneration machte sich bereits mit kleinen sp¨ottischen Bemerkungen u ¨ber ihn lustig; der Alte war immer deutlicher auf ein Nebengleis abgedriftet. Anstatt sich an der einheitlichen Feldtheorie zu versuchen, h¨atte Einstein auch in seinem Segelboot sitzen und Geige spielen k¨onnen – das waren seine Lieblingshobbys – und sein Ruf als Wissenschaftler h¨atte in den Augen der Nachwelt nicht im Geringsten darunter gelitten.
1.1 Junges Gehirn
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1.1 Junges Gehirn Einstein war ein großer Wissenschaftler, aber seine intellektuelle Kapazit¨at war nicht besonders außergew¨ ohnlich; Zeitgenossen berichteten, daß er verh¨altnism¨aßig langsam dachte. Als Physiker war er jedoch ph¨anomenal. Er hatte eine starke physikalische Intuition, ohne die auch der genialste Mathematiker ein erb¨armlicher Physiker ist, die aber andererseits aus einem durchschnittlichen Mathematiker – und ein solcher war Einstein im Vergleich zu vielen seiner Kollegen – einen gl¨ anzenden Physiker machen kann. Er hatte eine rege Phantasie und besaß die F¨ ahigkeit, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen. Phantasie ist wichtiger als Wissen“, sagte er, denn Wissen ist begrenzt. ” ” Wichtig ist, daß man nicht aufh¨ ort, zu fragen.“ Einstein geh¨ort aufgrund seiner Leistungen zum Hochadel der Forschung in der Physik. In der Rangliste kann man schwerlich andere als Galileo Galilei und Isaac Newton vor Einstein einstufen, und neben ihm kaum einen anderen Physiker als James Clerk Maxwell. Einstein vollbrachte seine gr¨ oßten Leistungen nicht in Amerika, wo er sich mit wirren Haaren und in abgerissener Kleidung zeigte, sondern als ordentlich gekleideter und korrekter Angestellter des Patentamtes in Bern und als junger Professor in Z¨ urich, Prag und Berlin. In seinem jugendlichen Gehirn kreisten vorurteilslose Gedanken, die zu zwei großen Errungenschaften der Physik f¨ uhrten, zur Relativit¨atstheorie und zur Quantentheorie. Diese Theorien geh¨oren zu den Eckpfeilern der heutigen Physik. Ab 1905 hinterließ Einstein dauerhafte Spuren in der Geschichte der Physik. Es waren keine tastenden Schritte eines beginnenden Forschers, sondern selbstbewußte Spuren, gleichsam aus dem Nichts an die vorderste Front der Wissenschaft. Das Jahr 1905 war das Wunderjahr, auch als annus mirabilis bekannt. Einstein ver¨ offentlichte damals vier Forschungsresultate, die zu Meilensteinen in der Geschichte der Wissenschaft wurden, und dar¨ uber hinaus erschien seine Dissertation. Sogar jede einzelne dieser Arbeiten h¨atte ihn weltber¨ uhmt gemacht, zusammen machten sie ihn unsterblich. In der ersten Arbeit1 stellte er die Hypothese auf, daß das Licht aus klein” sten Portionen“, den Lichtquanten oder Photonen, besteht, und erkl¨arte mit ihrer Hilfe unter anderem den photoelektrischen Effekt, das heißt, wie das Licht und andere elektromagnetische Strahlen Elektronen aus einer Metalloberfl¨ache l¨osen. Diese Arbeit best¨ atigte die f¨ unf Jahre zuvor von Max Planck aufgestellte Theorie der Quantisierung der elektromagnetischen Strahlung, ging aber viel weiter als die Plancksche Theorie. Das veranlaßte mit der Zeit auch andere Wissenschaftler zu der Feststellung, daß die Quanten Bestandteil der realen Natur sind. Die Mikrostruktur der Materie war eine terra incognita, in die Einstein mutig und enthusiastisch als einer der Ersten – so wie Livingstone in Afrika – eindrang und einen großen Umbruch in der Physik einleitete. 1
¨ Uber einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt.
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1 Blumen auf Einsteins Grab
Einstein wollte seine wissenschaftlichen Entdeckungen nicht revolution¨ar nennen, sondern sprach lieber von einem kontinuierlichen Entwicklungsstrom der Wissenschaft, zu dem er seinen eigenen Beitrag leistete. Sollte aber dennoch jemand irgendwelche Ergebnisse unbedingt als revolution¨ar bezeichnen wollen, dann verdiente nach Einsteins Meinung die Entdeckung der Lichtquanten am ehesten eine solche Charakterisierung. F¨ ur diese Arbeit erhielt er seinerzeit auch den Nobelpreis. Nachdem Einstein seine Arbeit u ¨ ber Lichtquanten fertiggestellt hatte, schrieb er eine kurze Dissertation u ¨ ber die Bestimmung der Gr¨oße von Molek¨ ulen2 und gleich danach einen Artikel u ¨ber die Brownsche Bewegung, die zu derselben Thematik geh¨ ort3 . Der Schotte Robert Brown hatte bereits in der ersten H¨alfte des 19. Jahrhunderts die haltlose“ Zitterbewegung bemerkt, ” die kleine Partikel in einer Fl¨ ussigkeit vollf¨ uhren. Er sah dieses unregelm¨aßige Wandern, als er Bl¨ utenstaubpartikel unter dem Mikroskop betrachtete, und er dachte, der Grund hierf¨ ur sei eine dem Bl¨ utenstaub innewohnende Lebenskraft. Als offensichtlich wurde, daß sich auch Sandk¨orner, die aus anorganischer Materie bestehen, genauso bewegen, mußte die vielversprechende Erkl¨arung fallengelassen werden. Einstein kannte Browns Arbeit nicht, aber er sagte auf der Grundlage seiner eigenen Berechnungen vorher, daß die Wassermolek¨ ule durch ihre Zusammenst¨oße die kleinen, im Wasser befindlichen Partikel zu einer zuf¨alligen Zickzack-Bewegung veranlassen. In einer Fl¨ ussigkeit und in einem Gas ist die Anzahl der Molek¨ ule so riesig, daß es unm¨ oglich ist, die Bewegung einzelner ¨ Molek¨ ule zu verfolgen und vorherzusagen. Der Osterreicher Ludwig Boltzmann hatte eine Theorie entwickelt, in der er das Verhalten von Molek¨ ulen statistisch beschrieb. Einstein leitete mit Hilfe dieser Theorie die Bewegung eines Partikels in einer Fl¨ ussigkeit ab, wenn die Molek¨ ule mit diesem Teilchen zusammenstoßen. Das Partikel st¨ oßt nicht immer in allen Richtungen mit der gleichen Anzahl von Molek¨ ulen zusammen; vielmehr ¨andert sich diese Anzahl statistisch und aus dieser Schwankung folgt die Zitterbewegung des Partikels. Einstein erkl¨arte auch, wie man das Ph¨ anomen dazu verwenden kann, die Gr¨oße der Wassermolek¨ ule zu sch¨ atzen. Einsteins Erkl¨ arung f¨ ur die Brownsche Bewegung scheint nicht sehr u ¨berraschend zu sein. Heutzutage weiß jedes Grundschulkind: H¨alt man eine Hand in warmes Wasser, dann wird das W¨ armegef¨ uhl durch das Aufprallen der Wassermolek¨ ule auf die Haut verursacht. Vor hundert Jahren war jedoch die Existenz von Atomen und Molek¨ ulen, die f¨ ur unsere Augen unsichtbar sind, nicht einmal unter den Wissenschaftlern eine allgemein akzeptierte Tatsache. Die Reise in den Mikrokosmos hatte gerade erst begonnen. Nach Meinung vieler f¨ uhrender Physiker durfte man Atome und Molek¨ ule nicht als reale Bestandteile der Materie ansehen, weil es nicht m¨oglich war, sie 2 3
Die Dissertation tr¨ agt den Titel Eine neue Bestimmung der Molek¨ uldimensionen. Die von der molekularkinetischen Theorie der W¨ arme geforderte Bewegung von in Fl¨ ussigkeiten suspendierten Teilchen.
1.2 Der Raum beginnt zu leben
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direkt zu beobachten. Damals blieben sie sogar f¨ ur die besten Mikroskope unsichtbar, aber mit den heutigen Elektronenmikroskopen kann man die einzelnen Atome sehen. Die Tatsache, daß man Atome und Molek¨ ule zur Erkl¨arung beobachtbarer Ph¨anomene verwenden konnte, wie es Boltzmann getan hatte, berechtigte nach Auffassung der besagten Physiker noch nicht dazu, diese Teilchen als reale Bestandteile der Natur zu betrachten. Boltzmann stritt deswegen heftig, besonders mit dem Deutschen Wilhelm Ostwald, dem weltweit f¨ uhrenden Forscher auf dem Gebiet der physikalischen Chemie. Ein weiterer bekannter Gegner der Boltzmannschen Theorie war der ¨osterreichische Physiker, Philosoph und Anti-Atomist Ernst Mach. Von den Atomen als realen Struktureinheiten der Materie wollte der Atomgegner Mach nichts wissen; er lehnte sie als un¨ uberpr¨ ufbare Hypothese ab. Ich glaube nicht, daß Atome ” existieren“, bemerkte er trocken auf einer Konferenz, als Boltzmann seinen Vortrag u ¨ ber die statistischen Gesetze des Mikrokosmos beendet hatte. Die abschließende L¨ osung des Streits u ule und ¨ber die Realit¨at der Molek¨ Atome erfolgte durch Einsteins theoretische Arbeit zur Brownschen Bewegung und zur Gr¨oße der Molek¨ ule sowie durch die experimentellen Untersuchungen des Franzosen Jean Perrin, welche die Richtigkeit der theoretischen Schlußfolgerungen Einsteins best¨ atigten. Diese Forschungsergebnisse machten die Atome und Molek¨ ule zu konkreten Bestandteilen der Natur. Einstein trat bereitwillig an die Seite Boltzmanns, um die Atomistik zu verteidigen, denn er liebte es, Breschen in die Hauptstr¨ omung der Physik zu schlagen. Er tat das wie immer mit einer nahezu grenzenlosen Selbstsicherheit.
1.2 Der Raum beginnt zu leben Am nachhaltigsten bleibt Einsteins Wunderjahr 1905 aber wegen der Relativit¨atstheorie in Erinnerung. Einstein legte in seiner dritten Arbeit4 des Jahres seine Spezielle Relativit¨ atstheorie vor, die die Grundlagen der Physik ¨ ersch¨ utterte. Als Ver¨ offentlichung war die Arbeit bis zum Außersten ausgefeilt und abstrakt; aus allem ging hervor, daß Einstein der Sachverhalt glasklar geworden war. Entscheidend waren seine Einsichten in die Beschaffenheit von Raum und Zeit. Diese Einsichten ließen ihn die Mysterien des Elektromagne¨ tismus und des Athers in neuem Licht erblicken und er vermochte, die Teile des Puzzles korrekt zusammenzusetzen. Es war nicht die pl¨otzliche Erleuchtung durch einen Geistesblitz, denn Einstein hatte u ¨ber diese Fragen schon seit langem, seit seiner Schulzeit, nachgedacht. Zehn Jahre sp¨ater revolutionierte Einstein die Begriffe von Raum und Zeit noch umfassender. Er vollendete damals seine Allgemeine Relativit¨atstheorie zu einer neuen Theorie der Gravitation. Er zeigte, daß die Gravitation mit Hilfe der Struktur von Raum und Zeit ausgedr¨ uckt werden kann. Der Raum lebt in den Ereignissen der Natur. Die Himmelsk¨orper formen Raum und Zeit 4
Zur Elektrodynamik bewegter K¨ orper.
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1 Blumen auf Einsteins Grab
in ihrer Umgebung derart, daß sich die vertrauten Regeln der Geometrie ebenso ¨andern wie der Lauf der Zeit. Auch das Licht wird unter dem Einfluß der Gravitation abgelenkt. Diese Vorhersage wurde 1919 experimentell best¨atigt und machte Einstein auf einen Schlag weltber¨ uhmt. Das u ¨bliche Bild von Einstein ist, daß er ein unvergleichliches Genie war und seine komplizierten mathematischen Gedankengeb¨aude das Auffassungsverm¨ogen eines gew¨ ohnlichen Sterblichen u ¨berschreiten. Man ist nicht daran gew¨ohnt, seine Leistungen mit allt¨ aglichen Erscheinungen in Verbindung zu bringen; es besteht die Meinung, daß sich Einsteins Ergebnisse mehr auf das Weltbild beziehen und auf solche fernen Dinge beschr¨anken, wie Sterne, Schwarze L¨ocher, die Entstehung des Universums und auf Geschwindigkeiten, die man sich mit dem gesunden Menschenverstand unm¨oglich vorstellen kann. Diese Vorstellungen werden der tats¨ achlichen Bedeutung Einsteins nicht gerecht. Seine vielseitigen Leistungen sind in unz¨ahligen Dingen unseres t¨aglichen Lebens erkennbar und haben einen großen Einfluß auf viele Gebiete der heutigen Physik. Die Relativit¨ atstheorie, deretwegen Einstein am bekanntesten ist, war nicht seine wichtigste wissenschaftliche Entdeckung. Wichtiger f¨ ur das Verstehen der Natur sind die obengenannte Theorie der Lichtquanten und der Nachweis dessen, daß die Atome und die Molek¨ ule konkrete Bausteine der Materie sind. Das waren riesige Leistungen, wenn man bedenkt, was sich in der Physik sp¨ater ereignet hat. Die Quantentheorie ist das wichtigste Gedankenfundament der Physik der vergangenen hundert Jahre. Ohne Quantentheorie w¨are ein sehr großer Teil der heutigen Technologie nicht realisierbar gewesen. Aber anders als die Relativit¨ atstheorie, die sich seit Einsteins urspr¨ unglicher Formulierung nicht sehr ge¨ andert hat, wurde die Quantentheorie im Ergebnis der Anstrengungen unz¨ ahliger Wissenschaftler st¨andig weiterentwickelt. Diese Weiterentwicklung ¨ ahnelt einem robusten Baum, der einst von Einstein gepflanzt wurde. Einsteins Anteil als Initiator der Quantentheorie droht in Vergessenheit zu geraten und das umso mehr, weil er sich sp¨ater von der Quantenmechanik lossagte, die er f¨ ur eine unzul¨angliche Theorie hielt.
1.3 Genie im Einweckglas Einsteins Wunsch, seinen K¨ orper verbrennen zu lassen, erf¨ ullte sich nicht ganz so, wie es seine Absicht war. Der Pathologe Thomas Harvey, der die Obduktion durchf¨ uhrte, entnahm Einsteins Gehirn eigenm¨achtig und verwahrte es. Er entnahm auch die Augen und u ¨bergab sie Einsteins ehemaligem Augenarzt. Als die Sache herauskam und Harvey in die Enge getrieben wurde, holte er von Einsteins Sohn Hans eine widerwillige Zustimmung zu seiner Maßnahme ein. Nach einiger Zeit wurde Harvey von seiner Pathologenstelle entlassen, weil er nicht bereit war, das Gehirn einem Krankenhaus zur Verwahrung zu geben.
1.4 Einstein lebt
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Harvey war kein Hirnspezialist, aber er hoffte, daß man in Einsteins Gehirn besondere Eigenschaften finden w¨ urde, die Aufschluß u ¨ber das Genie geben. Er hatte das Gehirn vier Jahrzehnte in seinem Besitz – in 240 Teile zerlegt und in zwei Konservengl¨aser verpackt – und er n¨ otigte einer Reihe von Hirnforschern Proben davon auf. Seine Ziele waren aufrichtig und er versuchte nicht, mit Einsteins Gehirn reich zu werden. Er nahm den Schatz in Amerika u ¨berall dorthin mit, wohin ihn das Schicksal verschlug. Er bot Einsteins Enkeltochter das Gehirn an, aber aus irgendeinem Grund interessierte sie sich nicht f¨ ur das Glas, in dem sich ein gutes Kilo ihres Großvaters befand. ¨ Uber die physiologische Struktur des Einsteinschen Gehirns sind drei wissenschaftliche Ver¨ offentlichungen erschienen, die letzte im Jahr 1999 in der angesehenen britischen Zeitschrift The Lancet. Man fand im Gehirn nichts Wunderbares, außer daß es mehr als zehn Prozent kleiner war als das Gehirn eines durchschnittlichen Mannes; es hatte die Gr¨oße eines Frauenhirns. Das ¨ ist an und f¨ ur sich eine Uberraschung, weil Einstein einen großen Kopf hatte, wie seine Mutter bereits w¨ ahrend der Geburt feststellen konnte. Harvey gab Einsteins Gehirn in den 1990er Jahren schließlich dem Krankenhaus von Princeton zur¨ uck. Dort befindet es sich noch immer, an einem geheimen Platz. Auf Wunsch steht Einsteins Gehirn aber Forschern zur Verf¨ ugung und kann von Journalisten bewundert werden. Unl¨angst erhielt ein italienischer Hirnforscher eine Gehirnprobe, um zu kl¨aren, ob Einstein an Demenz litt. Sicher sind noch viele andere Untersuchungen zu erwarten, denn Einsteins Name garantiert den Autoren eine todsichere Publizit¨at, egal wie signifikant diese Untersuchungen und ihre Ergebnisse sind.
1.4 Einstein lebt Im toten Gehirn Einsteins hat man also vergeblich nach physiologischen Spuren seines Genies gesucht. Im Gegensatz hierzu braucht man in der Physik u ¨berhaupt nicht nach den Spuren seines Genies zu forschen, denn diese treten uns u ¨berall entgegen. Wenn wir an Einsteins Lebenswerk erinnern wollten, dann k¨onnten wir Blumen an jeder Automatikt¨ ur niederlegen, jedes Kopierger¨at, jeden CD-Player, jeden DVD-Player und jede Digitalkamera mit Schleifen schm¨ ucken, und wir k¨ onnten jeder Fernbedienung zuprosten, die auf der Couch, auf dem Tisch oder auf dem Fußboden herumliegt. Wie unzul¨anglich w¨are doch unser Weltbild, wenn wir nicht w¨ ußten, daß Molek¨ ule und Atome tats¨achlich existieren, daß es im Weltall Millionen und Abermillionen von Schwarzen L¨ochern gibt, und daß das Universum expandiert. Einsteins Werk hat unser Weltbild geformt und seine Spuren sind in n¨ utzlichen und unentbehrlichen Dingen des t¨ aglichen Lebens sichtbar. Es ist sein Verdienst, daß wir leichter leben und mehr wissen. Einsteins Weg zum Wissenschaftler war schwierig, aber der grenzenlose Glaube an die eigenen F¨ ahigkeiten f¨ uhrte ihn zu großartigen Leistungen. Er war ein besonderer Mensch, scharfz¨ ungig, radikal und von Widerspruchsgeist
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durchdrungen, in seinen menschlichen Beziehungen selbsts¨ uchtig und auch gnadenlos. Er konnte auch arrogant und provozierend selbstbewußt sein, weswegen er nicht zu den Lieblingssch¨ ulern der Lehrer geh¨orte. Sogar in Wissenschaftlerkreisen z¨ ahlte er nicht zu den Beliebtesten. Er hatte nicht viele Partner, mit denen er zusammenarbeitete, und er hat auch keinen einzigen Nachwuchsforscher herangezogen. Er versuchte, alles nach seinem eigenen Kopf zu tun. Er riß sich entschlossen auch von den pers¨onlichen Fesseln der Erwartungen, W¨ unsche und primitiven Gef¨ uhle los, um – wie er selbst sagte – m¨oglichst frei zu sein. Er war einer der unabh¨ angigsten und freiesten Menschen, die die Erde jemals gesehen hat. Die Physik war f¨ ur Einstein alles und vor der Natur verneigte er sich demutsvoll, sie entsch¨ adigte ihn f¨ ur die Religion. Man sagt, Physik sei eine Experimentalwissenschaft, aber Einstein zeigte, daß sie auch eine theoretische Wissenschaft ist. Seine wichtigsten Entdeckungen waren das Ergebnis reinen Denkens. Das Unbegreiflichste an der Natur bestand seiner Meinung nach darin, daß der Mensch deren Wirkungsprinzipien mit seinem Gehirn verstehen kann, wenn auch oft nur sehr m¨ uhsam. Viele wichtige Einsichten entstammten seinem eigenen Gehirn, aber er stand dem¨ utig vor unserer immer gr¨oßer erscheinenden Unwissenheit. Er wollte nicht an der ihm zu Ehren veranstalteten Feier zum 50. Jahrestag der Relativit¨ atstheorie teilnehmen, weil der Mensch noch viel zu wenig u ¨ber die fundamentalen Geheimnisse der Natur wisse und weil dieser Umstand keine ger¨ auschvolle Feier rechtfertige. Auch auf seinem Sterbebett bl¨atterte er noch seine Berechnungen durch. Aber der Teufel z¨ahlt ” die Jahre gewissenhaft“ und der letzte große Fund blieb aus.
2 ¨ Die Zeit des Athers
Einstein erhielt seine Anregungen durch die Arbeiten zum Elektromagnetismus, der im 19. Jahrhundert seine Bl¨ utezeit hatte. Zu den bedeutendsten Pionieren geh¨ orten William Thomson (Lord Kelvin), Michael Faraday, James Clerk Maxwell und Hendrik Antoon Lorentz. Der Welt¨ ather war eine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Hypothese. Einstein betrat die B¨ uhne der Physik in dem Augenblick, als man glaubte, daß sich das St¨ uck bereits dem Ende zuneige. Isaac Newton (1642–1727) hatte die Physik im 17. Jahrhundert zu einer exakten Wissenschaft gemacht, indem er die mathematischen Grundlagen f¨ ur die Beschreibung der mechanischen Ph¨anomene schuf. Mit Hilfe der Newtonschen Bewegungsgesetze vermochte man die Welt sehr lange zu erkl¨ aren und seine Gravitationstheorie verband die Bewegung der Gestirne mit den Alltagsph¨ anomenen, zum Beispiel mit dem F¨allen eines Apfelbaums oder mit dem Fallen eines Apfels von einem Baum. Die mechanistische Weltanschauung hatte eine feste Position errungen. Mit großen Schritten hatte die Erforschung der Elektrizit¨at und des Magnetismus die Physik im 19. Jahrhundert dennoch in eine neue Zeit gef¨ uhrt. Man versuchte, die neuen Ph¨ anomene mit der Mechanik in Einklang zu bringen. In der zweiten H¨alfte des Jahrhunderts glaubten viele tats¨achlich, daß die Synthese erfolgreich gewesen sei, und daß es in der Physik nichts mehr zum Erforschen gebe. Es herrschte die Meinung, daß man nun Hammer und Axt beiseite legen k¨onne und an den Einzelheiten nur noch etwas herumfeilen m¨ usse, um ihnen den letzten Schliff zu geben. Neue Physik, so hieß es, k¨onne erst ab der f¨ unften Nachkommastelle gefunden werden. Vier M¨anner spielten im 19. Jahrhundert die Schl¨ usselrollen bei der Erforschung des Elektromagnetismus und wiesen die Richtung zur neuen Physik: William Thomson, Michael Faraday, James Clerk Maxwell und Hendrik Antoon Lorentz. William Thomson, der sp¨ atere Lord Kelvin, war derjenige von ihnen, der der alten mechanistischen Physik am treuesten blieb. Er man¨ovrierte die Physik mit seinen Arbeiten tief in die Sackgasse, die sp¨ater
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¨ 2 Die Zeit des Athers
zum entscheidenden Durchbruch f¨ uhrte. Faraday war ein unvoreingenommener Experimentator, der seiner Zeit mit der Interpretation seiner Messungen elektrischer und magnetischer Ph¨ anomene weit voraus war. Maxwell war ein gl¨anzender Theoretiker: die von ihm abgeleiteten Gleichungen zeigten den Zusammenhang zwischen Elektrizit¨ at und Magnetismus auf und f¨ uhrten dazu, die Existenz elektromagnetischer Wellen vorherzusagen. Seine Theorie befand sich in einer entscheidenden Phase, als die mechanistische Weltanschauung ihre Herrschaft aufgeben mußte. Aber er war ein Revolution¨ar wider Willen und kam nie von der alten Physik los. Hendrik Antoon Lorentz gab den Maxwellschen Gleichungen einen physikalischen Inhalt, indem er erkl¨arte, daß Magnetismus und Elektrizit¨ at auf geladene Teilchen – auf Elektronen – zur¨ uckzuf¨ uhren seien, aber auch er kam nicht los von der Newtonschen Physik. Der Kern der mechanistischen Beschreibung des Elektromagnetismus war ¨ der Welt¨ather, kurz als Ather bezeichnet. Er war eine den ganzen Raum ¨ ausf¨ ullende hypothetische Substanz, mit der man die Ubertragung der elektromagnetischen Kraft zwischen weit voneinander entfernten Ladungen und ¨ Magneten ebenso erkl¨ arte wie die Wellenbewegung des Lichtes. Die Athertheorie begann im 17. Jahrhundert mit dem in Frankreich und in den Niederlan¨ den wirkenden Philosophen Ren´e Descartes, nach dessen Uberzeugung der ¨ leere Raum schon als Gedanke unm¨ oglich sei. Der Ather hatte also eine lange Geschichte und viel Zeit, im Ged¨ achtnis der Wissenschaftler Wurzeln zu ¨ schlagen. Faraday hatte es fertiggebracht, den Ather abzulehnen. Thomson, Maxwell und Lorentz konnten sich hingegen nie aus dem berauschenden Griff ¨ des Athers befreien – er war dauerhafter Bestandteil ihres physikalischen Welt¨ bildes. Sie nahmen den Ather auch mit in ihr Grab.
2.1 Der K¨ onig der Viktorianischen Physik William Thomson (1824–1907) war der Sohn eines Mathematikprofessors der Universit¨at Glasgow und verbrachte fast sein ganzes Leben in seiner Geburtsstadt. Seine Mutter starb fr¨ uh und die Erziehung der Kinder oblag fortan allein dem Vater. Der Vater wandte strenge presbyterianische Erziehungsprinzipien an. Jeden Sonntagmorgen las er der Familie aus dem Alten Testament vor und am Abend war das Neue Testament an der Reihe. Thomson wurde als Zehnj¨ahriger an der Universit¨ at Glasgow immatrikuliert, denn damals konkurrierten Schottlands Universit¨ aten mit den Schulen um die besten Sch¨ uler und Thomson war ein gescheiter Junge. Er begann sein eigentliches Universit¨atsstudium im Alter von vierzehn Jahren und setzte das Studium sp¨ater mit ausgezeichnetem Erfolg an der Universit¨ at Cambridge in England fort. Nach seinem Abschluß verbrachte er einige Zeit in Paris, bis er 1846 im Alter von 22 Jahren zum Professor der Naturphilosophie – das heißt, der Physik – an die Universit¨at Glasgow berufen wurde. Sein Vater zierte sich nicht und war als Lobbyist f¨ ur ihn aktiv. Nachdem Thomson eine feste Stelle erhalten hatte, ließ er sich durch nichts mehr dazu verleiten, in den S¨ uden zur¨ uckzukehren.
2.1 Der K¨ onig der Viktorianischen Physik
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Thomson war scharfsinnig und begeisterungsf¨ahig. Er widmete sich leidenschaftlich jeweils einer neuen Forschungsidee, arbeitete ein paar Wochen intensiv daran, verbannte sie schließlich aus seinem Ged¨achtnis und richtete sein Interesse auf ein neues Thema. Und ganz gleich, welches Problem er anpackte, er fand immer etwas Neues. Seine Ver¨ offentlichungen waren gl¨anzende Analysen einer Idee und hatten im Allgemeinen einen Umfang von wenigen Seiten. Auf diese Weise kam eine lange Publikationsliste zusammen: Thomsons Liste enth¨alt mehr als sechshundert Titel. Viele der Thomsonschen Publikationen waren epochemachend und er geh¨ orte zur Wissenschaftlerelite des 19. Jahrhunderts. Noch als Studienanf¨ anger in Cambridge bemerkte Thomson, daß die mathematischen Gleichungen, die man zur Beschreibung der Elektrostatik und der W¨armeleitf¨ ahigkeit verwendet, einander sehr ¨ahnlich sehen. Die Str¨omungsgeschwindigkeit der W¨ arme in Richtung Oberfl¨ache wird umgekehrt proportional zum Quadrat des von der Quelle gemessenen Abstands kleiner. Ein Kamin w¨armt in einem Abstand von einem Meter viermal so stark wie in einem Abstand von zwei Metern. In gleicher Weise wird das elektrische Feld schw¨acher, wenn der Abstand zur elektrischen Ladung zunimmt. Thomson schrieb 1841 u ¨ ber diese Analogie einen Artikel, der seine erste Ver¨offentlichung auf dem Gebiet der Physik war. ¨ Uber Thomson ist gesagt worden, daß es ihm in der ersten H¨alfte seiner Laufbahn nicht gelang, etwas falsch zu machen, und daß er es in der zweiten H¨alfte nicht schaffte, richtige Ergebnisse zu erzielen. Thomsons wesentlicher Beitrag zur Erforschung des Elektromagnetismus fiel zeitlich tats¨achlich mit dem Beginn seiner Laufbahn zusammen. Viele seiner Erfindungen beruhten ¨ auf den Ahnlichkeiten zwischen elektrischen und magnetischen Ph¨anomenen, ¨ zwischen W¨armelehre und Str¨ omungslehre – er wertete diese Ahnlichkeiten meisterhaft aus. Er war mit der W¨ armelehre, das heißt, mit der Thermodynamik1 , gut vertraut, denn diese war u ¨ berwiegend sein eigenes Geistesprodukt. Er hat die Thermodynamik vor allem zusammen mit James Joule untersucht. Thomson ist als Erfinder der absoluten Temperaturskala in die Geschichte eingegangen und ihm zu Ehren wird heute in der Wissenschaft der Name Kelvin als Temperatureinheit verwendet. Lord Kelvin (of Largs) ist der sp¨ater von Thomson angenommene Adelsname. Auf der Kelvin-Skala gibt es keine Minusgrade, denn die niedrigstm¨ ogliche Temperatur auf dieser Skala ist Null, der absolute Nullpunkt. Der Name Joule lebt seinerseits als Energieeinheit weiter. Thomson wollte die verschiedenen Theorien u ¨ber die Beschaffenheit der Elektrizit¨at und des Magnetismus zusammenfassen. Das Endresultat war ein 1
Der Begriff Thermodynamik wird oft als gleichbedeutend mit W¨ armelehre betrachtet. Die Thermodynamik wird jedoch von einer Reihe von Autoren auch als derjenige Teil der W¨ armelehre aufgefaßt, der sich besonders mit der Bewegung und dem Austausch von W¨ armemengen und den dabei stattfindenden Zustands¨ anderungen besch¨ aftigt.
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¨ 2 Die Zeit des Athers
¨ Gedankengeb¨aude, dessen allumfassend bindender Faktor der Ather war. Nach Auffassung Thomsons wird der Raum durch ein nicht komprimierbares und reibungsloses Medium ausgef¨ ullt, auf das keinerlei Kr¨afte wirken und aus dessen Bewegung schließlich alle mechanischen Ph¨anomene folgen. Es handelt ” sich um eine Substanz, die im Vergleich zu Luft sehr viel d¨ unner ist – Millionen und Abermillionen Mal d¨ unner. Ich glaube, daß es sich um eine reale Substanz handelt, und obgleich sie d¨ unn ist, hat sie doch eine sehr feste Struktur. Sie kann auch 400 Millionen Millionen Male pro Sekunde schwingen; und dennoch ist die Dichte so beschaffen, daß ein K¨orper nicht auf den geringsten ¨ Widerstand trifft, wenn er sich durch den Ather bewegt.“ Thomson glaubte nicht an Atome, sondern dachte, daß das, was man als Atome bezeichnet, ¨ nichts anderes sei als vom Ather gebildete Wirbel. Das alte Thomsonsche Schiff schwamm so tief im traditionellen Denken der Physik, daß es nicht mehr bereit war, beizudrehen, als an der Schwelle zum 20. Jahrhundert neue Winde zu wehen begannen. Es war der letzte Ozeandampfer der klassischen Physik. Ich bin erst dann zufrieden, wenn ich ” von einer Sache ein mechanisches Modell herstellen kann. Bin ich dazu in der Lage, dann kann ich sie verstehen. Wenn ich mir nicht in jeder Hinsicht ein mechanisches Modell machen kann, dann kann ich sie auch nicht verstehen.“ So faßte Thomson seine Newtonsche Denkweise zusammen. Er glaubte also weder an Atome noch an die Maxwellsche Theorie des Elektromagnetismus und er glaubte auch nicht an die Radioaktivit¨at. Er glaubte nicht einmal an die Darwinsche Evolutionstheorie, weil entsprechend seinen Berechnungen die Sonne nicht u ¨ber einen so langen Zeitraum Licht und W¨arme ausgestrahlt haben konnte, wie es die Entwicklung des organischen Lebens laut Evolutionstheorie erfordert h¨ atte. Damals war nicht bekannt, daß im Inneren der Sonne Kernreaktionen stattfinden, die die Sonne f¨ ur Milliarden von Jahren in ” Betrieb“ halten. Thomson hatte nicht viel Zeit, sich mit der Speziellen Relativit¨atstheorie vertraut zu machen, weil er 1907 starb, einige Jahre nach deren Entdeckung. Man darf jedoch vermuten, daß er auch daran nicht geglaubt h¨atte.
2.2 Faraday Michael Faraday (1791–1867) kam aus kleinen Verh¨altnissen. Sein Vater war ein armer und kr¨ anklicher Schmied in der N¨ahe von London. Die Familie geh¨orte der kleinen religi¨ osen Sekte der Sandeman-Kirche an und Faraday erhielt die Grundschulausbildung in der Schule, die von der Sekte betrieben wurde. F¨ ur die Anh¨ anger der Sandeman-Kirche war die Bibel die absolute Autorit¨at und sie erkannten keine anderen Autorit¨aten an. Gen¨ ugsamkeit war eine ihrer Tugenden. Faraday blieb sein ganzes Leben lang ein frommer Anh¨anger der Sandeman-Kirche und war einige Zeit sogar als Seelsorger der Londoner Gemeinde seiner Sekte t¨ atig. Die Sekte erlosch 1992, nachdem ihr letzter Vertreter den Weg alles Irdischen gegangen war. Die von Faraday
2.2 Faraday
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vertretenen religi¨osen Ideen sind also ausgestorben, aber seine unermeßlich wertvollen Gedanken zur Physik leben weiter. Die Laufbahn als Wissenschaftler war nicht die wahrscheinlichste aller Alternativen, die Faraday zu Beginn hatte. Im Unterschied zu William Thomson entstammte Faraday keiner wohlhabenden Familie, aber das Leben meinte es gut mit ihm. Zur entscheidenden Wende kam es, als er vierzehn Jahre alt war. Er begann die Lehre in einer Londoner Buchhandlung und Buchbinderei. Sein Meister war ein Franzose, der vor den Unbilden der Revolution nach England geflohen war, ein gebildeter, freundlicher und anspornender Mann, das ganze Gegenteil der u ¨berfressenen, schweißgesichtigen und rohen Typen, die man aus Charles Dickens’ Erz¨ ahlungen kennt. Faraday hatte freien Zugang zu den B¨ uchern des Meisters und durfte diese nach Herzenslust studieren. Das Hinterzimmer des Gesch¨ aftes stand Faraday f¨ ur seine kleinen wissenschaftlichen Experimente zur Verf¨ ugung. Die B¨ ucher erweckten in ihm ein euphorisches Interesse f¨ ur Chemie. Als Faraday neunzehn Jahre alt war, schloß er sich dem Londoner Naturwissenschaftlichen Verein an und nahm regelm¨aßig an den Vortr¨agen und Diskussionen u ¨ber Physik und Chemie teil. Hinter dem eindrucksvollen Namen des Vereins verbarg sich ein bescheidener Klub junger M¨anner, in dem die neuesten Ergebnisse der Naturwissenschaften und andere aktuelle Dinge diskutiert wurden. Die Mitglieder des Vereins hielten der Reihe nach Vortr¨age. Faraday fertigte sorgf¨ altig Notizen u ¨ber die Vortr¨age an und band die Aufzeichnungen an seinem Arbeitsplatz zu B¨ uchern. Sein Meister zeigte diese B¨ ucher u ¨ blicherweise seinen guten Kunden. Die Kunden wiederum verbreiteten die Kunde von Faradays Leidenschaft f¨ ur Naturwissenschaften. Dadurch bekam er vier Eintrittskarten f¨ ur die Vorlesungen, die der bekannte Chemiker Sir Humphry Davy (1778–1824) in der Royal Institution hielt. Faraday war begeistert. Graf Rumford (Benjamin Thompson), ber¨ uhmt wegen seiner Untersuchungen zur Thermodynamik, hatte 1800 die Royal Institution als vereinigtes Museum f¨ ur Naturwissenschaften und als Lehr- und Forschungszentrum gegr¨ undet. Der Graf hatte außerdem den jungen Davy als Direktor eingestellt. Davy wiederum machte die Einrichtung ber¨ uhmt. Seine ¨offentlichen Vorlesungen waren so beliebt, daß die Straße vor dem Institut stets vollst¨andig mit Pferdegespannen zugeparkt war und deswegen zur Einbahnstraße erkl¨art werden mußte – die erste in ganz London. Auch die Eintrittskarten waren nur schwer zu bekommen. Die Frauen fielen eindrucksvoll in Ohnmacht, als sie Davy h¨orten, und schrieben ihm Gedichte. Von einem derartigen Erfolg wagen die heutigen Organisatoren und Redner popul¨arwissenschaftlicher Veranstaltungen nicht einmal zu tr¨ aumen! Humphry Davy war nicht nur ein gl¨ anzender Vortragender, sondern auch der bedeutendste europ¨ aische Chemiker seiner Zeit, ein echter Superstar der Wissenschaft. Seine wichtigsten Arbeiten hingen mit der Elektrochemie zusammen. Der Italiener Volta hatte 1800 folgende Beobachtung gemacht: Taucht man zwei aus unterschiedlichen Metallen bestehende Platten nahe bei-
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einander in eine geeignete Fl¨ ussigkeit, dann entsteht zwischen den Platten eine Spannung und in einem Leiter, der die Platten miteinander verbindet, beginnt Strom zu fließen. Davy erkl¨ arte den chemischen Ursprung dieser Erscheinung. Die Funktionsweise elektrischer Batterien beruht auf diesem Ph¨anomen. Er entdeckte auch, wie chemische Verbindungen mit Hilfe von Elektrizit¨at getrennt werden k¨onnen. Auf diese Weise fand er viele neue Elemente, zum Beispiel Kalium und Natrium. Als er das Natrium entdeckte, h¨ upfte er in seinem Labor wie ein Verr¨ uckter herum, weil er glaubte, die jahrhundertealten Tr¨aume der Alchimisten verwirklicht zu haben. Eine seiner Entdeckungen war die Verwendung von Distickstoffmonoxid – als Lachgas bekannt – zu medizinischen Zwecken. F¨ ur diese Entdeckung dankten ihm unz¨ahlige geb¨arende M¨ utter und ebenso viele Patienten, die unter Dentistophobie leiden, also Angst vor dem Zahnarzt haben. Davy bemerkte die schmerzlindernde Wirkung von Lachgas zuf¨allig, als er bei seinen Versuchen Zahnschmerzen hatte. Auch ein guter Chemiker kann mal Pech haben. So war es auch bei Davy: infolge einer Explosion bekam er Chemikalien in die Augen und erblindete kurzzeitig. Faraday nutzte die Gunst der Stunde und bot sich Davy als Helfer an. Davys Erblindung war jedoch nur vor¨ ubergehend und zu Faradays großer Entt¨auschung mußte er wieder zur¨ uck in die Buchbinderei. Aber das Gl¨ uck hatte sich nicht endg¨ ultig von Faraday abgewendet. Einer der Gehilfen Davys hatte im Zustand der Trunkenheit im H¨orsaal der Royal Institution eine Schl¨agerei angezettelt und wurde gefeuert. Faraday bekam die Stelle, weil Davy nunmehr von dessen F¨ ahigkeiten u ¨ berzeugt war. Auch Faraday tat sein Bestes, um einen positiven Eindruck zu machen: er u ¨berreichte Davy ein Exemplar der detaillierten Vorlesungsmitschriften, selbstverst¨andlich in Form eines sch¨on gebundenen Buches. Auf diese Weise verwandelte sich der gelernte Buchbinder in einen fingerfertigen Lehrling f¨ ur das Chemielabor. Zu seinen ersten Aufgaben geh¨orte das Auswaschen von Davys Chemikalienflaschen. Die Bezahlung lag im Niedriglohnbereich – es war noch weniger, als ein Buchbinder erhielt –, aber Faraday war damit zufrieden. Er kam gut voran, mit der Zeit sogar so gut, daß Davy auf den Erfolg neidisch wurde. Die Sache endete mit einem Zerw¨ urfnis der beiden talentierten M¨ anner. Als Faraday seinerzeit zum Mitglied der altehrw¨ urdigen Royal Society gew¨ ahlt wurde, stimmte Davy als Einziger gegen ihn. Im Jahr 1825 erbte Faraday Davys Stelle als Leiter des Labors und wurde auch zum Professor der Chemie berufen. Er blieb der Royal Institution bis zu seinem Tode treu. Zus¨ atzlich zur Forschungst¨atigkeit auf den Gebieten der Physik und der Chemie hatte und hat die Royal Institution auch heute noch die Aufgabe, den gew¨ ohnlichen Sterblichen Kenntnisse u ¨ber die Naturwissenschaften zu vermitteln. Als Popularisierer der Wissenschaft geh¨orte Faraday zu derselben Klasse wie Davy. Seine ¨ offentlichen Freitagabendvorlesungen“ ” und seine Weihnachtsvorlesungen“ f¨ ur Kinder hatten einen legend¨aren Ruf. ” Die Tradition lebt weiter und seit 1966 werden in England die Weihnachtsvorlesungen im Fernsehen u ¨bertragen. Man trug Faraday den Adelstitel an und
2.3 Durch den Kompaß in eine neue Richtung
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bot ihm zweimal das hochgesch¨ atzte Amt des Pr¨asidenten der Royal Society ¨ an, aber er lehnte ab, offenbar wegen seiner religi¨osen Uberzeugung.
2.3 Durch den Kompaß in eine neue Richtung Der d¨anische Physiker Hans Christian Ørsted (1777–1851) machte 1820 eine interessante Beobachtung. Er bemerkte, daß sich ein in die N¨ahe eines stromdurchflossenen Leiters gebrachter Magnetkompaß2 quer zur Stromrichtung dreht. Folglich gibt es einen Zusammenhang zwischen Elektrizit¨at und Magnetismus, die man bis dahin als zwei verschiedene Ph¨anomene betrachtete. Ørsted verfaßte in lateinischer Sprache u ¨ber seine Entdeckung eine vierseitige Ver¨offentlichung, die rasch in die großen europ¨aischen Sprachen u ¨bersetzt wurde. Schon bald konnte man deswegen die Arbeit auch in Englisch in der Royal Institution lesen. Faraday verstand nicht das geringste Jota der von Ørsted vorgelegten Theorie – das war wirklich die von Immanuel Kant inspirierte deutsche Naturphilosophie in denkbar schwerverst¨ andlicher Form –, aber er war u ¨ ber alle Maßen am physikalischen Ph¨ anomen interessiert. Im Mai 1821 vertiefte er sich in seinem Labor im Keller der Royal Institution in den Vorgang. Zun¨achst wiederholte er Ørsteds Beobachtung, die deswegen so bemerkenswert war, weil die Kraft zwischen Strom und Magnetnadel eine Drehbewegung erzeugt hatte. Faraday h¨angte eine Magnetnadel frei drehbar in einen Quecksilbertrog und leitete Strom durch diese Anordnung. Unmittelbar danach begann die Magnetnadel mit ihrer Drehbewegung um den Leiter. Als der Strom ausgeschaltet wurde, h¨orte die Drehbewegung auf. Faraday entdeckte somit das Funktionsprinzip des Elektromotors, also das Prinzip, wie elektromagnetische Energie in mechanische Bewegung umgewandelt werden kann. Davy hatte dasselbe bereits fr¨ uher zusammen mit William Wollaston im gleichen Labor versucht, aber ohne Erfolg. Faraday nahm an diesen Experimenten nicht teil, dachte aber u unde des Mißerfolgs ¨ber die Gr¨ nach. Als Faraday die Ergebnisse seiner eigenen erfolgreichen Experimente ver¨offentlichte, erw¨ ahnte er weder die Versuche von Davy und Wallaston noch die dar¨ uber gef¨ uhrten Diskussionen. Das hat wahrscheinlich nicht dazu beigetragen, die Beziehungen zwischen ihm und Davy zu befeuern“. ” Faraday best¨atigte also mit seinen eigenen gr¨ undlichen Experimenten, daß Ørsted Recht hatte, das heißt, daß elektrischer Strom tats¨achlich magnetische Ph¨anomene verursacht. Er stellte sich das Ziel, zu kl¨aren, ob auch das entgegengesetzte Ph¨anomen m¨ oglich sei. L¨ aßt sich elektrischer Strom mit Hilfe eines Magneten erzeugen? In den nachfolgenden zehn Jahren rannte er in dieser Sache gegen eine Wand an. In Faradays Versuchsprotokollen finden wir 2
Unter Magnetkompaß oder Magnetnadel versteht man einen an seinem Schwerpunkt aufgeh¨ angten und in der horizontalen Ebene frei beweglichen, permanenten Stabmagneten.
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u ¨ber viele Jahre hinweg die Eintragung no effect“, aber er gab nicht auf, ” insbesondere weil aus Frankreich ermutigende Informationen u ¨ber die Experimente eintrafen, die der Astronom Dominique Arago mit einem bewegten Magneten und einer Kupferscheibe durchgef¨ uhrt hatte. Arago hatte Folgendes bemerkt: Positioniert man eine Magnetnadel u ¨ber einer sich drehenden Kupferscheibe, dann beginnt auch die Magnetnadel, sich zu drehen. Arago konnte dieses Ph¨ anomen nicht erkl¨ aren. Der Durchbruch gelang 1831. Faraday schrieb3 : Ein zweihundertunddrei ” Fuß langer Kupferdraht wurde um eine breite Holzrolle gewickelt und zwischen den Windungen desselben ein zweiter gleichfalls zweihundertunddrei Fuß langer Draht, durch dazwischengelegten Zwirnsfaden vor gegenseitiger Ber¨ uhrung gesch¨ utzt. Eine dieser Spiralen wurde mit einem Galvanometer verbunden und die andere mit einer kr¨ aftigen Batterie von hundert vierquadratz¨olligen Plattenpaaren, die Kupferplatten wiederum doppelt. Wurde nun die Kette geschlossen, so zeigte sich eine pl¨ otzliche, aber sehr schwache Wirkung am Galvanometer, und dasselbe trat ein im Moment der Unterbrechung des Stromes. Aber solange der Strom ununterbrochen durch die eine Spirale hindurchging, konnte weder am Galvanometer noch sonst eine Induktionswirkung auf die andere Spule wahrgenommen werden, obschon von der großen St¨arke der Batterie die Erw¨ armung der ganzen mit ihr verbundenen Spirale und die Helligkeit des Entladungsfunkens, wenn er zwischen Kohlen u ¨bersprang, Zeugnis ablegte.“ Faraday hatte die elektromagnetische Induktion entdeckt. Der Strom hatte in der Batteriespule ein Magnetfeld erzeugt und dieses Magnetfeld induzierte Strom in der zweiten Spule. Wesentlich da¨ bei war, daß die Induzierung des Stromes auf die Anderung des Magnetfeldes zur¨ uckzuf¨ uhren war und nicht durch das Feld an sich verursacht wurde. Diese M¨oglichkeit war Faraday fr¨ uher nicht in den Sinn kommen. Wenn der Strom in einer Batteriespule konstant war und das dadurch verursachte Magnetfeld unver¨andert blieb, dann passierte in der zweiten Spule nichts. Faraday verstand jetzt auch den von Arago beobachteten Effekt: Der Magnet der Magnetnadel induziert Strom in der stromleitenden Kupferscheibe, weil sich Magnet und Platte relativ zueinander bewegen. Dieser Strom erzeugt seinerseits das Magnetfeld, das die Magnetnadel bewegt. Faradays fr¨ uherer Arbeitskollege Charles Wheatstone, Samuel Varley und der Deutsche Werner von Siemens erfanden 1867 unabh¨angig voneinander den auf Induktion beruhenden Generator, das heißt, den bekannten Dynamo, den wir auch als die Stromquelle von Fahrradlampen kennen. Von nun an hing die Stromerzeugung nicht mehr von Batterien ab. Wheatstone war ein besonders erfinderischer Mann, denn er baute auch den ersten funktionst¨ uchtigen Telegraphen, der ebenfalls auf dem Induktionsprinzip beruhte. Das war noch nicht alles, denn er k¨ ummerte sich auch um die Unterhaltungsindustrie, indem er das Akkordeon und die Mundharmonika erfand. Diese Erfindungen hatten 3
¨ ¨ Michael Faraday: Uber die Induction elektrischer Str¨ ome (1831). Ubersetzung von S. Kalischer (1889).
2.4 Die Welt wird klein
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nichts mit der Induktion, wohl aber mit der Tatsache zu tun, daß Wheatstone aus einer ber¨ uhmten Musikinstrumentenbauerfamilie stammte. Von Siemens gr¨ undete seinerseits das Industrieunternehmen, das immer noch als Hersteller der verschiedenartigsten elektrischen Ger¨ ate floriert. Faraday selbst meldete kein einziges Patent an, obwohl die Anwendungsm¨oglichkeiten vieler seiner Erfindungen offensichtlich waren. Er konzentrierte sich auf die Forschung und ließ andere Geld scheffeln.
2.4 Die Welt wird klein Der Telegraph war einst eine mindestens ebenso revolution¨are Erfindung wie heutzutage das Internet. Auch damals sagte man, daß die Welt ein Dorf wurde. Durch den Atlantik wurde ein Telegraphenkabel von New York u ¨ber Neufundland nach Irland verlegt und K¨ onigin Victoria sandte dem Pr¨asidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan, anl¨ aßlich der Einweihung im August 1858 aus ¨ England eine Nachricht. Die Ubertragung dieser aus 99 W¨ortern bestehenden Nachricht dauerte sechzehneinhalb Stunden. Das Kabel wurde in New York mit Salutsch¨ ussen, Feuerwerk, Fahnenschwenken und L¨auten der Kirchenglocken gefeiert. In diesem Tohuwabohu fing sogar das New Yorker Rathaus Feuer. Drei Wochen nach der Einweihung der Verbindung funktionierte das Kabel auf einmal nicht mehr. Zur Verst¨ arkung des Signals erh¨ohte man die Stromzufuhr, weswegen die Guttapercha-Isolierung versagte. Viele Menschen verloren ihr Verm¨ogen infolge dieser technischen Kinderkrankheiten. Ein uns bekannter Mann eilte zu Hilfe: William Thomson erfand ein Medium, mit dem das System zuverl¨assiger und schneller funktionierte. Zus¨atzlich zu seinem mathematischen Genie besaß Thomson auch praktische Fertigkeiten und Kreativit¨at, die er jetzt nutzte. Er wurde schließlich Anteilseigner der Gesellschaft, welche die Telegraphenleitung errichtet hatte und 1866 ein neues Kabel verlegte. Die Patente im Zusammenhang mit dem Telegraphen und seine T¨atigkeit als Berater brachten Thomson einen h¨ ubschen Geldbetrag ein. Er kaufte sich ein komfortables Haus an der Meeresk¨ uste und eine große Jacht. Er erhielt auch den Adelstitel wegen des Telegraphen, nicht f¨ ur seine wissenschaftlichen Leistungen. Thomson nahm den Adelstitel Kelvin nach einem kleinen Fluß an, der im Gebiet der Universit¨ at Glasgow fließt. Lord Kelvin wurde als gefeierte Ber¨ uhmtheit in der Westminster Abbey neben Isaac Newton beigesetzt. Kelvin erging es besser als dem tats¨ achlichen Organisator des Kabelprojektes, dem amerikanischen Pechritter Cyrus Field, der sein riesiges Verm¨ogen, das er bei dem Projekt erworben hatte, an der unbarmherzigen B¨orse der Wall Street an einem einzigen Tag bis auf den letzten Dollar verlor. Das 1866 verlegte Kabel ruht – bereits seit langer Zeit ungenutzt – immer noch auf dem Boden des Atlantiks.
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2.5 Verschwommene Eindru ¨cke meines Verstandes“ ” Faraday war vor allem ein Experimentator und seine Erfindungen f¨ uhrten bereits zu seinen Lebenszeiten zu bedeutenden Anwendungen. Aber er hatte auch theoretische Ideen. Deren wichtigste war der Begriff des Feldes, der mit der Erkl¨arung der Fernwirkung von Kr¨ aften zusammenh¨angt. Wie wird die Anziehungskraft der Erde zum Mond u ¨ bertragen und wie bewegt diese Kraft den Mond um die Erde? Wie bewirkt ein elektrischer Leiter, daß sich eine Magnetnadel dreht? Man dachte allgemein, daß manche Kr¨afte nur zuf¨allig eine solche Eigenschaft h¨ atten, und daß deswegen kein Anlaß best¨ unde, sich dar¨ uber den Kopf zu zerbrechen. Faraday hielt es jedoch f¨ ur lohnenswert, u ¨ber die Sache genauer nachzudenken. Er machte folgendes Gedankenexperiment: Angenommen, jemand zaubert die Erde pl¨ otzlich aus dem Nichts an ihren Platz im Sonnensystem. Wie w¨ urde die Erde im gleichen Moment draufkommen, daß sich die Sonne in einer Entfernung von 150 Millionen Kilometern befindet, und daß sich die Erde entsprechend der von der Sonne verursachten Gravitation bewegen muß? Faradays Antwort war, daß sich die Gravitationswirkung der Sonne keinesfalls von der Sonne zur Erde bewegt“, sondern die ganze Zeit in jedem ” Teil des Raums vorhanden ist. Er beschrieb dieses Vorhandensein mit dem Wort Feld“. Im Raum gibt es ein Schwerefeld der Sonne und dieses bewirkt ” lokal die Bewegung der Himmelsk¨ orper, das heißt, das Schwerefeld tritt dort in Erscheinung, wo sich der betreffende Himmelsk¨orper zur gegebenen Zeit befindet. Dasselbe gilt nach Faraday auch f¨ ur die anderen Fernwirkungen und somit auch f¨ ur die Elektrizit¨ at und f¨ ur den Magnetismus. Eine elektrische Ladung ist von einem elektrischen Feld umgeben und ein Magnet von einem Magnetfeld. Inspiriert durch Ørsteds Ergebnis f¨ uhrte Davy ein Experiment durch, in dem er rund um einen elektrischen Leiter Eisenfeilsp¨ane auf eine Platte streute. Die Sp¨ane bildeten Ringe um den Leiter. Das ist ein bekanntes Ph¨anomen aus dem Schulunterricht in Physik: Ein unter einem Papier befindlicher Magnet f¨ uhrt dazu, daß sich Eisenfeilsp¨ ane in linienf¨ormigen Mustern anordnen. Dieses Ph¨anomen brachte Faraday auf die Idee, Magnetfelder, elektrische Felder und Schwerefelder mit Hilfe von Kraftlinien – auch Feldlinien genannt – zu beschreiben. Laut Faraday erfolgt die Fernwirkung der Kr¨afte nicht u ¨ber den leeren Raum; vielmehr ist der Raum voller Kraftlinien, die als st¨andige lokale Repr¨asentaten des betreffenden Feldes fungieren. Nicht der weit entfernte Verursacher der Kraft, sondern die Kraftlinien sagen der Magnetnadel, wie sie sich verhalten muß. Eine Kraftlinie gibt die Richtung der Kraft an und je st¨arker das Feld an irgendeiner Stelle ist, desto dichter verlaufen dort die Kraftlinien. Die von einer elektrischen Ladung – zum Beispiel von einem Elektron – ausgehenden Kraftlinien verlaufen in der N¨ ahe der Ladung dicht, aber je weiter wir uns von der Ladung entfernen, desto mehr gehen die Kraftlinien auseinander. In
2.5
Verschwommene Eindr¨ ucke meines Verstandes“ ”
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der N¨ahe der Ladung ist die elektrische Kraft also am gr¨oßten, und sie wird kleiner, wenn der Abstand zur Ladung zunimmt. Faraday ¨außerte 1846 die unvoreingenommene Idee, daß das Licht eine Schwingung der Kraftlinien eines elektrischen Feldes sein k¨onnte. Es war bekannt, daß Licht eine Art Schwingungsbewegung ist, aber gem¨aß der herr¨ schenden Vorstellung handelte es sich um eine Wellenbewegung des Athers. ¨ Faraday lehnte den Ather ab und ersetzte ihn durch Kraftlinien. Gem¨aß Faraday ist der Raum durch die verschiedenen Kraftlinien des elektrischen Feldes, des Magnetfeldes und des Schwerefeldes ausgef¨ ullt, und auch Materie ist nichts anderes, als eine komplexe Verdichtung der Kraftfelder. Er dachte, daß das Licht eine Schwingung von Kraftlinien sei, ebenso wie die W¨armestrahlung. Laut Faraday kann eine Schwingung im materiefreien Raum stattfinden. ¨ Dieser Gedanke war in der Zeit des Athers sehr ketzerisch und wurde als uninteressant abgetan. Man sprach bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ernsthaft ¨ u das Ende des 19. Jahrhunderts war das eigentliche Goldene ¨ber den Ather; ¨ Zeitalter des Athers. Faradays mathematische Fertigkeiten reichten nicht aus, um aus diesen Ideen ordentliche Theorien zu machen. Es waren nur Spekulationen von mir, ” verschwommene Eindr¨ ucke meines Verstandes“, stellte er fest und ihm war klar, daß die Ideen der Physik ohne eine ordnungsgem¨aße mathematische Formulierung bloße Ideen bleiben. Erst in den H¨ anden von James Clerk Maxwell wurden die Feldlinien und die Felder zu einer mathematischen Theorie.
3 Die besten Gleichungen der Welt
James Clerk Maxwell schuf eine mathematische Theorie f¨ ur Faradays Felder und zeigte, daß elektrische Felder und Magnetfelder zusammenh¨ angen. Er ¨ sagte die elektromagnetischen Wellen vorher. Die Atherhypothese brachte er indes nicht zu Fall. Die englische Fachzeitschrift Physics World f¨ uhrte vor einiger Zeit bei Forschern eine Umfrage dar¨ uber durch, was die wichtigste wissenschaftliche Formel sei, die je von einem Menschen gefunden worden ist. Den Wettstreit gewann nicht die ber¨ uhmteste Gleichung aller Zeiten, Einsteins E = mc2 , auch nicht das zweite Newtonsche Gesetz F = ma, und nicht einmal 1 + 1 = 2, die wichtigste Gleichung der Mathematik, sondern eine Gruppe von vier Formeln, die James Clerk Maxwell in den 1860er Jahren abgeleitet hatte. Die Maxwellschen Gleichungen waren die mathematische Fassung der elektrischen Felder und der Magnetfelder von Faraday. Maxwell schuf damit die Theorie des Elektromagnetismus und seine Gleichungen waren f¨ ur die sp¨atere Entwicklung der Wissenschaft von unermeßlicher Bedeutung. James Clerk Maxwell (1831–1879) war Schotte. Sein Vater John Clerk hatte von seinen Verwandten, den Maxwells, ein f¨ unfhundert Hektar großes Landgut in S¨ udwest-Schottland geerbt. Die Familie zog von Edinburgh dorthin und der Vater nahm den Familiennamen Maxwell an. James wurde seinerzeit zur Ausbildung auf die Edinburgher Akademie (eine 1824 gegr¨ undete angesehene Sekundarschule) geschickt, weil der zuhause erteilte Privatunterricht aufgrund des schlechten Lehrers nicht die Ergebnisse brachte, die sich der Vater erhofft hatte. Der junge Mann, der einen l¨andlichen Dialekt sprach und eine vom Vater entworfene Schulkleidung trug (die Mutter war bereits gestorben), hatte an der Akademie keinen besonders ermutigenden Start. Die Mitsch¨ uler beschlossen, ihm zu zeigen, aus welchem Holz Stadtbewohner geschnitzt sind: James kam mit blauen Flecken und zerfetzter Kleidung zur¨ uck nach Hause. Das war Mobbing nach Edinburghscher Art, aber James quittierte es mit Humor. Er machte sich in der Schule gut und gl¨anzte insbesondere
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3 Die besten Gleichungen der Welt
in Mathematik. Als er vierzehn Jahre alt war, erschien bereits seine erste Ver¨offentlichung, bei der es um das Zeichnen eines Ovals ging. Im Alter von sechzehn Jahren ging Maxwell an die Universit¨at Edinburgh und drei Jahre sp¨ ater an die Universit¨at Cambridge. Er begeisterte ¨ sich f¨ ur William Thomsons Arbeiten zu den Ahnlichkeiten zwischen W¨arme und Elektrizit¨at. Zwischen Maxwell und Thomson kam es zu einem intensiven Briefwechsel. Thomson regte Maxwell an, die Faradayschen Hypothesen u ¨ber Felder und Feldlinien zu untersuchen. Als Ergebnis legte Maxwell Mitte der 1850er Jahre seine erste Ver¨ offentlichung u ¨ber Elektrizit¨at und Magnetismus vor. Darin zeigte er, daß sich die Faradayschen Feldlinien und die Str¨omungslinien einer Fl¨ ussigkeit mathematisch auf ein und dieselbe Weise beschreiben lassen. Auf dieser Grundlage entwickelte er in den nachfolgenden zehn Jahren ein Modell, in dem die elektrischen und magnetischen Kr¨afte mit Hilfe von ¨ Atherwirbeln beschrieben werden, die den Wirbeln einer Fl¨ ussigkeit ¨ahneln. ¨ Im Vergleich zu Faradays Ideen waren Maxwells Ather¨ uberlegungen ein R¨ uckschritt. Faraday hielt die Kraftlinien f¨ ur real, aber Maxwell versuchte, ihnen eine dem Zeitgeist entsprechende mechanische Erkl¨arung zu geben.
3.1 Teilchen oder Welle? ¨ Urspr¨ unglich bezog sich die Atherhypothese nicht auf elektromagnetische Ph¨anomene, sondern auf das Licht. Mit Ausnahme Faradays sahen die Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen Elektromagnetismus und Licht, aber die Erkl¨arung beider Erscheinungen schien die Existenz einer Art Medium zu erfordern. Man sprach vom Licht¨ ather und vom elektromagnetischen ¨ Ather. Der Licht¨ather hing mit einem wissenschaftlichen Streit u ¨ber die Natur des Lichtes zusammen: Ist das Licht eine Wellenbewegung oder besteht es aus ¨ Lichtteilchen? Die Bef¨ urworter der Wellenbewegung brauchten den Ather als schwingendes Medium. Der Holl¨ander Christiaan Huygens legte eine Theorie vor, in der das Licht als Wellenbewegung beschrieben wurde. Isaac Newton pr¨asentierte eine konkurrierende Theorie, gem¨ aß der das Licht aus winzigen Korpuskeln besteht. Newton bezweifelte die Wellentheorie. Er warf die Frage auf, was denn das Medium sei, in dem das Licht schwingt, und warum sich das Licht hinter einer Ecke nicht wie der Schall ausbreite, sondern einen Schatten wirft. In seiner Korpuskulartheorie gab es einfache Antworten auf diese Fragen. In England war Newtons Wort Gesetz und auch in Kontinentaleuropa war sein Einfluß groß, so daß Huygens und andere Bef¨ urworter der Wellentheorie mit ihren Ideen ins Hintertreffen gerieten. Bereits vor Huygens hatte der italienische Jesuitenpater Francesco Grimaldi vermutet, daß das Licht eine Wellenbewegung sei. Er beobachtete, daß die Schatten von Gegenst¨ anden keine scharfen Umrisse haben, sondern der Rand eines Schattens – aus der N¨ ahe betrachtet – aus hellen und dunklen Streifen besteht. Helle Streifen sind auch hinter dem Gegenstand vorhanden,
3.2 Der Arzt und der Ingenieur legen den Streit bei
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wo es keine direkte Sichtverbindung zur Lichtquelle gibt. Grimaldi bezeichnete dieses Ph¨anomen als Beugung oder Diffraktion. Zus¨atzlich zur Reflexion und zur Brechung ist das die dritte Art und Weise, in der das Licht seine Laufrichtung ¨andern kann. Grimaldi legte seine Beobachtungen in einem kleinen Buch dar, das 1665 erschien und in dem er erkl¨ arte, daß die besagten Ph¨anomene auf den Wellencharakter des Lichtes zur¨ uckzuf¨ uhren seien. Er vermutete, daß das Licht aus einem fließenden Material besteht, das ¨ahnlich wie eine Fl¨ ussigkeit Wellenbewegungen ausf¨ uhrt. Er konnte aber kein genaueres theoretisches Modell f¨ ur das Licht angeben.
3.2 Der Arzt und der Ingenieur legen den Streit bei Es gab also zwei Theorien u ¨ber die Natur des Lichtes, die sich voneinander so stark unterschieden, daß mindestens eine von ihnen falsch sein mußte. Der Streit zum Thema Lichtwellen versus Lichtteilchen wurde durch das Interferenzph¨anomen gel¨ ost. Der Engl¨ ander Thomas Young (1773–1829) entdeckte die Interferenz in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Young war ein Wunderkind, er erlernte als Zweij¨ ahriger selbst¨ andig das Lesen und beherrschte im Alter von sechs Jahren sogar Latein. Im Alter von sechzehn Jahren verstand er zw¨olf Sprachen, darunter Griechisch, Amharisch, Hebr¨aisch, Syrisch, T¨ urkisch und Persisch. Der u ¨berwiegende Teil dieser Sprachen hing mit seinen arch¨aologischen Interessen zusammen, die sehr professionell waren. Als 1799 im Nildelta der ber¨ uhmt gewordene Stein von Rosetta gefunden wurde, waren Thomas Young und der Franzose Fran¸cois Champollion die Ersten, denen die Deutung der auf dem Stein stehenden Hieroglyphen gelang. Young interessierte sich so ziemlich f¨ ur alles zwischen Himmel und Erde, aber sein eigentlicher Beruf war Arzt. Die Untersuchung des Funktionsprinzips des Auges brachte ihn zur Optik. In der ersten H¨alfte des 19. Jahrhunderts f¨ uhrte er Experimente durch, in denen Licht durch zwei parallele Spalten lief, die nahe nebeneinander lagen. Bei diesem Doppelspaltversuch beobachtete er, daß sich auf der Wand hinter den Spalten nicht zwei helle Streifen gebildet hatten, sondern eine ganze Gruppe von nebeneinander liegenden dunklen und hellen Streifen. Ein entsprechendes Ph¨ anomen ist bei Wasserwellen zu beobachten, wenn sich die aus verschiedenen Spalten kommenden Wellen an einigen Stellen verst¨arken und an anderen Stellen abschw¨achen. Das Ph¨anomen wird Interferenz genannt. Young diagnostizierte das Licht als Wellenbewegung. Somit vertrat er den Huygensschen Standpunkt und legte sich mit Isaac Newtons Korpuskularmodell an. Young fand heraus, daß die verschiedenen Farben Wellen von unterschiedlichen L¨ angen entsprechen und interpretierte die mit dem Newtonschen Prisma durchgef¨ uhrten Messungen mit Hilfe der Wellentheorie. Er entdeckte auch, daß die Wellenbewegung des Lichtes quer zur Ausbreitungsrichtung erfolgt, das heißt, es handelt sich um Transversalwellen. Im Gegensatz hierzu sind die Schallwellen Longitudinalwellen, das heißt, die Wellenbewegung findet in L¨ angsrichtung statt.
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3 Die besten Gleichungen der Welt
Young und seine Geistesverwandten konnten ihre Zeitgenossen nicht dazu bringen, an die Wellentheorie des Lichtes zu glauben. Erstens hielt man es f¨ ur unm¨oglich, daß sich Newton geirrt haben k¨onnte. Und zweitens war der Gedanke, daß die Vereinigung zweier Lichtstrahlen zur Entstehung von Dunkelheit f¨ uhren k¨ onnte, vor allem am¨ usant. Der endg¨ ultige Durchbruch erfolgte durch den Franzosen Augustin Fresnel (1788–1827), ein auf Straßenund Br¨ uckenbau spezialisierter Ingenieur, der sich in seiner Freizeit f¨ ur Optik interessierte. Inspiriert durch die Thesen von Thomas Young schrieb die Franz¨osische Akademie 1817 einen Wettbewerb aus, durch den die beste Versuchsanordnung zur Untersuchung der Beugung und zur theoretischen Beschreibung des Lichtverhaltens gefunden werden sollte. Zwei Vorschl¨age gingen auf die Ausschreibung ein: einer kam von Fresnel und der andere war der schwachsinnige Versuch eines Dilettanten, der unbekannt geblieben ist. Fresnel war kein Mathematiker und so war seine 135 Seiten umfassende Wettbewerbsschrift voller komplizierter Gleichungen, von denen er nicht einmal die H¨alfte l¨osen konnte. Zum Gutachterausschuß geh¨orten ein Vertreter der Newtonschen Theorie und Sim´eon Poisson, ein beinharter Mathematiker. Poisson l¨oste die Gleichungen und leitete aus ihnen eine Vorhersage ab, die er wegen ihrer offensichtlichen Unm¨ oglichkeit f¨ ur geeignet hielt, das Wellengemunkel ein f¨ ur allemal aus der Welt zu schaffen. Poisson zeigte, daß gem¨ aß der Fresnelschen Wellentheorie in der Mitte des von einem runden K¨ orper erzeugten Schattens ein kleiner heller Punkt sein m¨ ußte. Wirklich l¨ acherlich! Man beschloß, die Vorhersage – so ausgesprochen falsch sie schon von selbst zu sein schien – durch ein Experiment als irrig nachzuweisen. Aber Wunder u ¨ ber Wunder: genau in der Mitte des schwarzen Schattens war da doch tats¨ achlich ein kleiner heller Fleck! Man mußte jetzt an die Wellentheorie glauben. Fresnel wurde in der franz¨ osischen Normandie in der kleinen Stadt Broglie geboren. Nach dieser Stadt wurde das Geschlecht de Broglie benannt, dessen Repr¨asentant Prinz Louis de Broglie einhundert Jahre sp¨ater der Geschichte der Wellen ein neues Kapitel hinzuf¨ ugen sollte. Er zeigte in seiner 1924 erschienenen Dissertation, daß auch die Elementarteilchen, zum Beispiel die Elektronen und die Protonen, nicht nur Teilchen sind, die sich wie Billardkugeln verhalten, sondern auch wellenartige Eigenschaften haben. So wie beim Licht kommt es auch bei diesen Teilchen zur Beugung und Interferenz.
3.3 Revolution¨ are Gleichungen ¨ Als Maxwell seinerzeit das Athermodell der elektrischen und der magnetischen Wechselwirkung untersuchte, machte er eine u ¨ berraschende Beobachtung. Soll ¨ der Ather die elektrischen und die magnetischen Kr¨afte korrekt erkl¨aren, dann muß er Wellen tragen, deren Geschwindigkeit mit der Lichtgeschwindigkeit ¨ u als Medium so¨bereinstimmt. Maxwell vermutete deswegen, daß der Ather wohl das Licht als auch die elektrischen und magnetischen Ph¨anomene erkl¨art,
3.3 Revolution¨ are Gleichungen
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und daß er das in einem gewissen Sinn zwangsl¨aufig tut. Lichtmaterie“ und ” elektrische Materie“ sind ein und dasselbe! ” Endg¨ ultig wurden die Dinge erst in der 1865 erschienenen Arbeit A dynamical theory of the electromagnetic field erledigt. In dieser Arbeit stellte Maxwell fest, daß Licht und Elektromagnetismus sehr viel mehr miteinander zu tun haben. Eine Welle, die sich mit Lichtgeschwindigkeit1 ausbreitet, h¨angt n¨amlich mit den elektrischen Feldern und den Magnetfeldern selbst zusammen ¨ und nicht mit dem Ather. Außerdem hat diese Wellenbewegung zus¨atzlich zur Geschwindigkeit auch alle anderen Eigenschaften des Lichtes. Sie ist Licht! Das war eine revolution¨ are wissenschaftliche Entdeckung und Maxwell selbst verstand das am besten. In einem f¨ ur ihn seltenen Freudenausbruch schrieb er seinem Cousin, daß er etwas sehr Bedeutsames gefunden habe. Er sagte, es werde sehr schwer sein, sein Vertrauen in die neue Theorie zu ersch¨ uttern. Die Erkl¨arung des Wesens des Lichtes war die gr¨oßte Leistung der Maxwellschen Theorie, aber die Theorie umfaßte auch auch alle anderen Ph¨anomene des Elektromagnetismus. Alles wurde durch einige mathematische Gleichungen beschrieben. Die Gleichungen bildeten in der von Maxwell vorgelegten Form einen schwer durchdringlichen Heckenzaun. Oliver Heaviside, einem zweiten Engl¨ander, gelang es, die Formeln mit Hilfe von Vektoren in vier Gleichungen zu verdichten. Erst danach wurde der physikalische Inhalt der Theorie allm¨ahlich auch außerhalb einer kleinen Gruppe von Experten bekannt. Ganz gleich, an welches elektromagnetische Ph¨anomen man denkt – die Antwort findet sich in diesen Gleichungen. Jedoch geht das nicht immer m¨ uhelos, wie viele Generationen von Studenten erfahren mußten, die an den von Heaviside erfundenen Operatoren rot“ und div“ verzweifelt sind. ” ” Im Jahr 1865 gab der vierunddreißigj¨ ahrige Maxwell seine Professur am King’s College auf und zog auf sein Heimatgut nach Schottland zur¨ uck. Sein Vater war gestorben und f¨ ur das Gut wurde ein neuer Hausherr ben¨otigt. Auch die seit langem geplante Erweiterung des Hauses mußte endlich durchgef¨ uhrt werden. Vor allem aber konzentrierte sich Maxwell, befreit von akademischen Verpflichtungen, auf eine umfassende Gesamtdarstellung der Ergebnisse, die Faraday und er auf dem Gebiet des Elektromagnetismus erzielt hatten. Das Werk Treatise on Electricity and Magnetism erschien 1873. Jedoch blieb das Leben in der l¨ andlichen Idylle nur eine kurze Episode f¨ ur Maxwell. Als das Buch erschien, war er bereits wieder im Stadtgewimmel untergetaucht“, denn er erhielt 1871 die erste Professur f¨ ur Experimentalphy” sik an der Universit¨ at Cambridge. In dieser Zeit fehlten der Universit¨at noch die zur experimentellen Forschung erforderlichen R¨aumlichkeiten und Ger¨ate. Die Forscher f¨ uhrten ihre Experimente in ihren eigenen Dienstr¨aumen durch, 1
Die Geschwindigkeit der Fortpflanzung elektromagnetischer Wellen stimmt so ” genau mit der Lichtgeschwindigkeit u ¨berein, daß wir guten Grund zu der Vermutung haben, daß Licht selbst eine elektromagnetische St¨ orung ist, die sich in Form einer Welle durch das elektromagnetische Feld ausbreitet.“ (Maxwell)
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3 Die besten Gleichungen der Welt
h¨aufig auch zuhause und mit selbstgekauften Ger¨aten. Jedoch ben¨otigten die Wissenschaftler f¨ ur ihre Untersuchungen immer mehr Hilfskr¨afte, und deshalb war es notwendig, in der Physikausbildung auch den Umgang mit Meßger¨aten zu behandeln. Hierzu brauchte man Laboratorien. William Thomson war in dieser Angelegenheit als Erster auf den Beinen: er leerte“ an der Universit¨at ” Glasgow den Weinkeller seines Vorg¨ angers, verlegte dort eine Wasserleitung und bezeichnete den so entstandenen Raum als Laboratorium. Auch an der Universit¨at Cambridge waren die Pl¨ ane f¨ ur ein Labor vorbereitet worden, aber das Projekt scheiterte wegen Geldmangels. Schließlich schenkte der Herzog von Devonshire, der auch als Kanzler t¨ atig war, der Universit¨at die Mittel zum Bau und zur Ausstattung eines Lehrlabors und Maxwell erhielt die Aufgabe, das Labor in Betrieb zu nehmen. Die Berufung des Theoretikers Maxwell zum Professor der Experimental¨ physik war eine Uberraschung und f¨ ur viele auch eine ziemliche Entt¨auschung. Er und seine F¨ahigkeiten waren noch nicht sehr bekannt, aber man entschied sich f¨ ur ihn, nachdem William Thomson und der hervorragende Mathematiker und Physiker John William Strutt (seit 1873 Lord Rayleigh) das ehrenvolle Amt abgelehnt hatten. Die Einrichtung erhielt nat¨ urlich den Namen Devonshire Laboratory, aber Maxwell taufte das Labor sp¨ater in Cavendish Laboratory um – zu Ehren des Physikers und Chemikers Henry Cavendish, der im 18. Jahrhundert wirkte. Die Namens¨anderung sagte auch dem Herzog von Devonshire zu, dessen b¨ urgerlicher Name William Cavendish lautete und der damals das Oberhaupt des Geschlechts der Cavendish war. Maxwells Hauptaufgabe in Cambridge war u ¨brigens die Herausgabe der vielen unver¨offentlichten Manuskripte von Henry Cavendish. Das Cavendish Laboratory floriert auch heute noch; das ganze Institut f¨ ur Physik der Universit¨at Cambridge tr¨agt jetzt diesen ber¨ uhmten Namen. Im Laufe der Jahre erhielten fast dreißig Forscher der Einrichtung den Nobelpreis. Im Institut wurde zum Beispiel auch das Elektron entdeckt und die Doppelhelixstruktur der DNA nachgewiesen. Maxwell verfaßte bedeutende Forschungsarbeiten, unter anderem zur Gastheorie und zur Farbenoptik. Zum Beispiel erfand er die Farbfotografie und wies nach, daß die Saturnringe nicht homogen sind, sondern aus kleinen diskreten Teilen bestehen. Dennoch war die elektromagnetische Theorie des Lichts seine bedeutendste Leistung. Maxwell wies also nach, daß das Licht eine elektromagnetische Wellenbewegung ist, aber er erkannte auch, daß eine solche Wellenbewegung auch andere Strahlungsformen beschreiben kann, zum Beispiel die W¨armestrahlung. Gem¨aß seiner Theorie entstehen elektromagnetische Wellen durch Schwingungen einer elektrischen Ladung, und da bei diesen Schwingungen unterschiedliche Frequenzen m¨ oglich sind, k¨ onnen auch Frequenz und Wellenl¨ange der Strahlung variieren. Alle diese Strahlungen breiten sich gem¨aß seiner Theorie mit ein und derselben Geschwindigkeit aus, mit Lichtgeschwindigkeit.
3.5 Reformer wider Willen
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3.4 Die ersten Radiowellen Der Deutsche Heinrich Hertz wies 1888 nach, daß Maxwells Schlußfolgerung korrekt war. Er brachte eine in einer Metallkugel gespeicherte elektrische Ladung u ¨ber eine kleine Luftstrecke zur Entladung, was zu einer starken Funkenbildung f¨ uhrte. Im Abstand von einigen Metern von diesem Entlader“ ” oder Sender war eine Leiterschleife positioniert, die ebenfalls eine kleine Luftstrecke hatte. Als der Sender in Betrieb gesetzt wurde, bildeten sich in der Luftstrecke der Stromschleife kleine Funken. Das bedeutete, daß in der Schleife Strom induziert worden war. Demnach wurde die elektromagnetische Energie vom Sender durch die Luft zur Schleife u ¨ bertragen, die als Empf¨anger fungierte. Hertz maß die Geschwindigkeit der Wellen und stellte fest, daß sie mit der Lichtgeschwindigkeit u ¨ bereinstimmte, so wie es Maxwell mit seiner Theorie vorhergesagt hatte. Die Wellenl¨ ange lag in der Gr¨oßenordnung von einem Meter; es handelte sich um Radiowellen, die f¨ ur das menschliche Auge unsichtbar sind. Er stellte ferner fest, daß die Strahlung – genauso wie das Licht – reflektiert und gebrochen wurde. Das war die erste experimentelle Best¨ atigung der Maxwellschen Theorie. Maxwell konnte nicht als Zeuge des Erfolgs zugegen sein, da er bereits neun Jahre zuvor gestorben war. Er konnte nicht einmal ahnen, welche enorme Bedeutung seine Theorie f¨ ur die sp¨ atere Entwicklung der Physik hatte, ganz zu schweigen von den unz¨ ahligen praktischen Anwendungen. Die Maxwellschen Gleichungen enthielten viel mehr als Maxwell im Sinn hatte, als er sie niederschrieb. Lange Zeit hielt man seine Theorie nur f¨ ur eine Ansammlung von Gleichungen ohne klare physikalische Interpretation. In unserer heutigen Welt wimmelt es von Beweisen f¨ ur Maxwells Theorie. Dank seiner Gleichungen haben wir die elektrischen und die magnetischen Ph¨anomene vollst¨andig unter unserer Kontrolle. Ohne diese Theorie w¨ are die ganze heutige Nachrichten¨ ubermittlung unm¨ oglich. Vielleicht schaut Maxwell von seinem Wolkenrand zufrieden auf all das herab.
3.5 Reformer wider Willen ¨ James Clerk Maxwells Haltung zum Ather war zweigeteilt. In seinem Hauptwerk merkt er an, daß es irgendein Medium geben muß, in dem sich die ” Energie befindet, wenn sie ein Objekt verlassen hat, aber noch kein anderes erreicht hat“. In einem sp¨ ateren Zusammenhang charakterisierte er die ¨ Existenz des Athers als eine a ¨ußerst hypothetische wissenschaftliche Annah” ¨ me“. Er entwickelte eine auf Wirbeln beruhende Athertheorie, in der sich die ¨ ¨ Kraftwirkung von Atherwirbel zu Atherwirbel ausbreitet wie von einer Umlaufbahn zur anderen. In der letzten Phase leitete er jedoch seine ber¨ uhmten Gleichungen ausschließlich von den Eigenschaften der elektrischen Felder und ¨ der Magnetfelder ab, ohne f¨ ur die Kraftlinien ein auf dem Ather beruhendes mechanisches Pendant anzunehmen. Dennoch hielt er es f¨ ur m¨oglich, daß der
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3 Die besten Gleichungen der Welt
¨ Ather existieren k¨ onne, selbst wenn die elektromagnetischen Effekte keinen ¨ Beweis daf¨ ur lieferten. Der Ather k¨ onnte ja durch irgendetwas anderes zutage treten. ¨ Im Laufe der Jahrzehnte waren mehrere Athertheorien entwickelt worden, aber keine von ihnen stand in Einklang mit s¨ amtlichen Beobachtungsergebnis¨ sen. Einerseits war es erforderlich, daß der Ather elastisch ist, damit sich die Wellen darin ausbreiten konnten. Andererseits mußte er sehr kompakt sein, weil die Transversalschwingung, die bei der Entdeckung der Polarisation des Lichts ans Licht kam, nur in einer dichten Materie erfolgen kann – zumindest kann man diese Schlußfolgerung aus der Ausbreitung von Druckwellen ¨ ziehen. Im Ather mußte es auch eine Wirbelstruktur geben, damit man andere Ergebnisse versteht, die mit der Polarisation zusammenh¨angen. Tats¨achlich ¨ m¨ ußte es im Raum mehrere Ather geben, um alle Ph¨anomene zu erkl¨aren. Die Theorie von Maxwell vereinfachte die Situation wenigstens dadurch, daß f¨ ur das Licht und zum Beispiel f¨ ur die W¨ armestrahlung keine unterschiedlichen ¨ Ather mehr erforderlich waren, da es sich bei beiden um eine elektromagnetische Strahlung handelte. Maxwell hatte irgendwann den Artikel gelesen, in dem der Franzose Hippolyte Fizeau (1819–1896) u ¨ber seine Ergebnisse zur Lichtausbreitung in str¨omendem Wasser berichtete. Das Licht schien sich stromabw¨arts schneller zu bewegen als stromaufw¨ arts. W¨ are Licht eine wellenf¨ormige Bewegung ¨ ¨ des Athers, dann w¨ urde das Ergebnis bedeuten, daß das Wasser den Ather mit sich f¨ uhrt und das Licht deswegen stromabw¨arts an Tempo gewinnt; die Geschwindigkeit des im Labor gemessenen Lichtes war gleich der Relativge¨ schwindigkeit des Lichtes in Bezug auf den Ather plus der Relativgeschwin¨ digkeit des Athers in Bezug auf das Labor. Stromaufw¨arts verlangsamt sich das Licht; das Plus wird durch ein Minus ersetzt. ¨ Augustin Fresnel hatte f¨ ur die Tendenz von Materie, den Ather mit sich zu f¨ uhren, eine mathematische Formel abgeleitet, die mit Hilfe des Brechungskoeffizienten des Mediums eine Aussage u ¨ ber die Gr¨oßenordnung des Effektes machte. Der Brechungskoeffizient des Mediums gibt an, um wieviel schneller sich das Licht im leeren Raum ausbreitet als im betreffenden Material. Die Wechselwirkung des Lichts mit den Molek¨ ulen des Mediums verlangsamt die Lichtbewegung. Der Brechungskoeffizient des Wassers ist 1,3. Somit betr¨agt die in ruhendem Wasser gemessene Lichtgeschwindigkeit ungef¨ahr 80% ¨ der Lichtgeschwindigkeit c im Vakuum. W¨ urde sich der Ather zusammen mit dem Wasser mit derselben Geschwindigkeit wie das Wasser bewegen, dann erhielte der Beobachter f¨ ur die Lichtgeschwindigkeit den Wert 0, 8c plus Ge¨ schwindigkeit des Wasser (und des Athers). Fizeaus Beobachtungen ergaben jedoch f¨ ur das Licht eine Geschwindigkeit, die einen etwas kleineren Wert hatte. Dieser Umstand ließ sich mit Hilfe der Fresnelschen Formel erkl¨aren. ¨ Fresnel hatte spekuliert, daß sich der Ather nicht zusammen mit dem Medium mit derselben Geschwindigkeit bewegt, sondern langsamer, und er nahm an, daß die Geschwindigkeitsdifferenz vom Brechungskoeffizienten des Mediums abh¨angt.
3.6 Lichtgeschwindigkeit als Passion
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Nach Fresnels Theorie w¨ urde die Erde zusammen mit ihrer Atmosph¨are ¨ ¨ auch den Ather teilweise mitf¨ uhren. Jedoch w¨ urde sich der Ather nicht so schnell bewegen wie die Erde. Man warf die Frage auf, wie groß die Geschwin¨ digkeit der Erde relativ zum Ather sei. Maxwell schrieb 1879, in seinem letz¨ ten Lebensjahr, f¨ ur die Encyclopedia Britannica einen Artikel u ¨ ber den Ather. Darin konstatierte er, daß die einzige Weise, die Relativgeschwindigkeit der ¨ Erde in Bezug auf den Ather durch Messungen auf der Erdoberfl¨ache zu bestimmen, darin bestehe, den Hin- und R¨ ucklauf des Lichtes zwischen zwei Spiegeln zu untersuchen. Wird die Position der Spiegel ge¨andert, dann sollte sich die Laufzeit des Lichtes ¨ andern, da sich seine Laufrichtung in Bezug ¨ auf den Ather ¨anderte – so wie im Experiment von Fizeau die Lichtgeschwindigkeit von der Str¨ omungsrichtung des Wasser abhing. Maxwell zog jedoch ¨ folgenden Schluß: Bewegt sich die Erde relativ zum Ather mit der Geschwindigkeit v, dann ist die Gr¨ oßenordnung des Effektes proportional zur zweiten Potenz (v/c)2 des Verh¨ altnisses dieser Geschwindigkeit zur Vakuumlichtgeschwindigkeit und deswegen viel zu klein, um gemessen werden zu k¨onnen.
3.6 Lichtgeschwindigkeit als Passion ¨ Man glaubte, daß die Relativgeschwindigkeit der Erde in Bezug auf den Ather ungef¨ahr gleich der Geschwindigkeit sei, mit der sich die Erde um die Sonne dreht, das heißt, etwa 30 Kilometer pro Sekunde. Die Lichtgeschwindigkeit betr¨agt ihrerseits 300 000 Kilometer pro Sekunde, so daß man erwartete, daß der ¨ Ather die Lichtgeschwindigkeit um weniger als ein Millionstel ¨andert. Das war eine Herausforderung f¨ ur Albert Michelson, der sich auf Pr¨azisionsmessungen spezialisiert hatte. Er wies nach, daß Maxwell allzu pessimistisch gewesen war und die F¨ahigkeit der Experimentalphysiker untersch¨atzt hatte. Mit Hilfe der von Michelson entwickelten Meßmethode war es m¨oglich, Unterschiede dieser Gr¨oßenordnungen festzustellen. Oder besser gesagt: es w¨are m¨oglich gewesen, diese Unterschiede zu festzustellen, wenn sie existiert h¨atten! Zu Michelsons ¨ Uberraschung und zum Erstaunen vieler anderer war innerhalb der Grenzen der Meßgenauigkeit der Effekt der Laufrichtung auf die Lichtgeschwindigkeit gleich Null. Die Polen betrachten Albert Michelson (1852–1931) als ihren eigenen Sohn. Er wurde 1852 in einer j¨ udischen Familie in der polnischen Stadt Strzelno geboren – die Stadt geh¨ orte damals zu Preußen –, aber seine Familie u ¨bersiedelte in die Vereinigten Staaten, als er drei Jahre alt war. Nach dem Schulabschluß nahm er ein Studium an der Marineakademie in Annapolis auf. Er wurde zwar kein richtiger Marinesoldat, aber seine erfolgreiche Arbeit in den naturwissenschaftlichen F¨achern, insbesondere in der Optik, brachte ihm Lehraufgaben ein. Bald bot sich ihm die Gelegenheit zu Postgradualstudien in Europa. Durch diesen Bildungsweg kam er in akademische Kreise und wurde schließlich Professor an der Universit¨ at Chicago.
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3 Die besten Gleichungen der Welt
Der Mensch kann die skurrilsten Leidenschaften entwickeln. Michelsons große Leidenschaft war die exakte Messung der Lichtgeschwindigkeit. Er entwickelte eine auf der Interferenz des Lichtes beruhende Meßmethode, mit der er verbl¨ uffend exakte Ergebnisse erzielte. Jeder kann die Interferenz beobachten, wenn er Zeigefinger und Daumen vor einem Auge ausstreckt und eine helle Oberfl¨ache betrachtet. Bewegt man die Fingerspitzen n¨aher aneinander heran, dann sieht man im Spalt dunkle Streifen, die durch helle Bereiche voneinander getrennt sind. Es handelt sich hierbei um die Beugung, ein Interferenzph¨anomen, das darauf zur¨ uckzuf¨ uhren ist, daß die (von den verschiedenen Stellen des Spalts) auf das Auge treffenden Lichtstrahlen geringf¨ ugig unterschiedlich lange Wege durchlaufen, und daß die Wellenphasen der (urspr¨ unglich in gleicher Phase befindlichen) Lichtwellen voneinander abweichen, wenn sie ins Auge gelangen. An einigen Stellen l¨ oschen die Wellen einander aus und diese Stellen sind dunkel. Das geschieht, wenn der Berg einer Welle zuf¨alligerweise mit dem Tal einer anderen Welle zusammenf¨allt. An anderen Stellen wiederum sind die Wellen in ein und derselben Phase; dann verst¨arken sie einander und die betreffende Stelle ist hell. Die Interferenz reagiert empfindlich auf Ph¨anomene, deren Gr¨oßenordnung der Wellenl¨ange des Lichtes entspricht. Deswegen l¨aßt sich die Interferenz zur Durchf¨ uhrung von sehr genauen Messungen verwenden. Die Wellenl¨ange des sichtbaren Lichtes liegt im Intervall von 400 bis 700 Nanometern, das heißt, unter dem millionsten Teil eines Meters. Michelson und sein Mitarbeiter Edward Morley (1838–1923) teilten einen Lichtstrahl mit Hilfe eines halbdurchl¨assigen Spiegels in zwei Strahlen auf, die ihren Weg rechtwinklig zueinander fortsetzten. Beide Strahlen wurden in der Spiegelreihe des Meßtisches von einem Spiegel zum anderen hin und her reflektiert, bis sie schließlich mit Hilfe des halbdurchl¨ assigen Spiegels wieder zusammengeleitet wurden. In der vereinigten Welle war ein Interferenzbild zu sehen, weil die von den Wellen auf ihrer Reise durchlaufenen Wege nicht exakt dieselben waren. Wenn sich ¨ die Erde im Ather bewegt, wie man annahm, dann bewegen sich die Lichtstrahlen zwischen den Spiegeln mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und das sollte auch die Strahlen in unterschiedliche Phasen bringen. Man nahm an, daß das Interferenzbild durch die Gesamtwirkung dieser beiden Effekte entstanden sei. Der Meßtisch befand sich auf einem gemauerten Pfeiler, auf dem ein mit Quecksilber gef¨ ullter Trog ruhte. In diesem konnte sich auf einem h¨olzernen Schwimmer ein großer Sandsteinblock leicht und v¨ollig ersch¨ utterungsfrei drehen. Als der Tisch mit dem Meßsystem gedreht wurde, war der von den Lichtstrahlen durchlaufene Weg der gleiche wie vorher. Aber weil sich die Laufrich¨ tung der Strahlen relativ zum angenommenen Ather ge¨andert hatte, ging man davon aus, daß sich auch ihre Geschwindigkeit relativ zum Labor ¨andert und das h¨atte auch das Interferenzbild beeinflussen m¨ ussen. Die schwarzen und die weißen Interferenzstreifen h¨ atten sich an einer geringf¨ ugig anderen Stelle befinden m¨ ussen. Das Bild blieb jedoch unver¨andert, so sehr Michelson und
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Morley ihre Augen auch auf den Meßtisch hefteten. Das Experiment schien buchst¨ablich ins Auge gegangen zu sein. Das Ergebnis war eine große Entt¨ auschung f¨ ur Michelson. Das gesuchte Ph¨anomen war von einer so winzigen Gr¨ oßenordnung, daß einzig und allein er die F¨ahigkeit gehabt h¨ atte, es zu messen – aber nun war nicht die geringste Spur eines Effektes zu sehen! Es war f¨ ur ihn kein Meßerfolg, sondern ein Mißerfolg. Dieser Meßmißerfolg“ qu¨ alte ihn f¨ ur den Rest seines Lebens. Etwas ” frustriert bemerkte er, daß dadurch immerhin das Interferometer erfunden wurde. Michelson war in der Lage, die Lichtgeschwindigkeit so exakt zu messen, daß man bis in die 1970er Jahre warten mußte, bevor ein besseres Ergebnis erzielt wurde. Einstein fragte Michelson einmal, warum dieser so viele M¨ uhen auf sich genommen habe, um die Lichtgeschwindigkeit zu messen. Weil es ” mir Spaß macht“, antwortete Michelson ersch¨opfend. Heutzutage w¨are die Messung der Lichtgeschwindigkeit eine unn¨ otige Arbeit, denn f¨ ur die Lichtgeschwindigkeit ist der Wert c = 299 792 458 Meter pro Sekunde vereinbart worden. Geschwindigkeiten werden u ¨blicherweise dadurch gemessen, um wieviele Meter pro Sekunde sich die Bewegung ausbreitet. Das erfordert eine Vereinbarung dar¨ uber, wie lang ein Meter ist und wie lange eine Sekunde dauert. Zur Zeit Michelsons war ein Meter der Abstand zweier Markierungslinien auf dem – als Urmeter bezeichneten und in Paris aufbewahrten – schienenf¨ormigen Stab aus Titan und Iridium. Seit 1983 wird die L¨angeneinheit Meter mit Hilfe der Lichtgeschwindigkeit bestimmt: ein Meter ist die Distanz, die das Licht im Vakuum in einer Zeit von 1/299 792 458 Sekunden zur¨ ucklegt. Genauere Messungen der Lichtausbreitung f¨ uhren also nicht zu einer gr¨oßeren Pr¨azision des Wertes der Lichtgeschwindigkeit, sondern ¨andern den Abstand, den wir als Meter bezeichnen.
¨ 3.7 Z¨ aher Ather Das Ergebnis von Michelson und Morley wurde keineswegs sofort als Beweis ¨ daf¨ ur angesehen, daß es keinen Ather gibt. Die Vorstellungen von den Ei¨ genschaften des Athers waren die ganze Zeit u ¨ber lebendig und es herrschte ¨ allgemein die Uberzeugung, daß man auch f¨ ur das Ergebnis von Michelson und Morley fr¨ uher oder sp¨ ater eine akzeptable Interpretation finden w¨ urde, ¨ die auf dem Ather beruht. Tats¨ achlich wurde eine solche Interpretation schon bald gegeben. Hendrik Antoon Lorentz (1853–1928) legte 1895 eine Theorie vor, mit der er das Ergebnis des Michelson-Morley-Experiments erkl¨aren konnte. Lorentz stellte die Hypothese auf, daß sich die materiellen Objekte in ihrer Bewegungsrichtung entsprechend ihrer Geschwindigkeit im absolut ruhenden Licht¨ather verk¨ urzen. Tats¨achlich war diese Interpretation nicht neu, denn bald nach dem Michelson-Morley-Experiment hatte der Ire George Fitzgerald dasselbe vorgeschlagen. Er ver¨ offentlichte hier¨ uber in der Zeitschrift Science einen
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3 Die besten Gleichungen der Welt
halbseitigen Artikel, der jedoch Lorentz offensichtlich nicht aufgefallen war. Zu dieser Begebenheit gibt es eine besondere Geschichte. Als Lorentz seine Arbeit ver¨offentlicht hatte, erz¨ ahlte ihm jemand von Fitzgeralds fr¨ uherer Publikation. Lorentz schrieb Fitzgerald sofort, um ihm zu sagen, daß er dessen Artikel nicht absichtlich unterschlagen habe, sondern lediglich nichts davon gewußt habe. Fitzgerald antwortete, daß er seinerseits nicht gewußt habe, daß Science seinen Artikel angenommen und ver¨offentlicht hatte. Fitzgerald glaubte, daß die Lorentzsche Arbeit fr¨ uher in den Druck gegangen sei. Offensichtlich hielt Fitzgerald seine eigene Arbeit f¨ ur nicht sehr bedeutend, denn er hielt sich nicht damit auf, das Schicksal seines Artikels zu u ufen, obwohl ¨berpr¨ seit dessen Einreichung bereits mehr als zwei Jahre vergangen waren. Lorentz ging in seiner Interpretation viel eingehender auf die Details ein, als es Fitzgerald getan hatte. Das Abflachen von Objekten k¨onnte als Mutter aller Erkl¨arungen aufgefaßt werden, aber Lorentz verlieh der Angelegenheit ¨ mit Hilfe des Athers Glaubw¨ urdigkeit. Lorentz war davon u ¨berzeugt, daß die Bestandteile der Materie durch Kr¨ afte miteinander verbunden sind, die durch ¨ den Ather u onnte also gut m¨oglich sein, daß sich die ¨bertragen werden. Es k¨ ¨ Bewegung relativ zum Ather in der Gr¨ oße der Kr¨afte widerspiegelt, und daß diese Gr¨oße ihrerseits darin zum Ausdruck kommt, wie nahe die Atome beeinander liegen. Es k¨ onnte ja vielleicht sein, daß diese Kr¨afte das Objekt zusammendr¨ ucken. Diese Erkl¨ arung h¨ orte sich bestimmt f¨ ur viele ziemlich gut an. Das Michelson-Morley-Experiment enthielt viele technische Einzelheiten, u ¨ber welche die Experimentatoren, die sich mit der Sache befaßt hatten, noch lange Zeit danach diskutierten und stritten. Das Experiment wurde mehrere Male wiederholt und nicht alle Ergebnisse best¨atigten die Schlußfolgerungen von Michelson und Morley. Der Amerikaner Dayton Miller baute das exakteste Interferometer. Bei diesem betrug der Laufweg der Lichtstrahlen das Dreifache im Vergleich zum Michelsonschen Interferometer. Miller ver¨offent¨ lichte 1925 ein Ergebnis, in dem er behauptete, die Existenz von Ather im ¨ Raum nachgewiesen zu haben, wobei es sich um keinen ruhenden Ather han¨ dele, sondern um einen Ather, der sich ann¨ ahernd mit der Erdgeschwindigkeit bewege. Albert Einstein erfuhr von Millers Resultat, als er Anfang der 1920er Jahre seinen ersten Besuch in den Vereinigten Staaten machte. Er kommentierte die Kunde mit dem ber¨ uhmt geworden Satz: Raffiniert ist der Herrgott, ” aber boshaft ist er nicht.“ Einstein traf Miller privat unter vier Augen und bemerkte sp¨ater gegen¨ uber einem befreundeten Wissenschaftler, daß er nicht an die Genauigkeit des Millerschen Experiments glaube, aber er k¨onne das nicht ¨offentlich sagen. Der deutsche Physiker Max Born hatte ebenfalls das Labor von Miller besucht und war entsetzt u ¨ber die Versuchsanordnung. Born schrieb: Ich fand, das ” alles ganz wackelig und unzuverl¨ assig war; die kleinste Handbewegung oder ein Husten machten die Interferenzstreifen so unruhig, daß von Ablesen keine Rede sein konnte.“ Das kann jedoch mehr u ¨ber die Empfindlichkeit des Experiments aussagen als u ¨ber seine Ungenauigkeit. Auch Michelsons erste
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Messungen, die er in Deutschland durchgef¨ uhrt hatte, mißgl¨ uckten, weil das durch den Berliner Verkehr (im 19. Jahrhundert (!)) verursachte Vibrieren das Interferenzbild unleserlich machte. Miller berichtete u ¨ber seine Ergebnisse in seiner Rede anl¨aßlich seines R¨ ucktritts als Pr¨ asident der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft. Der Vortrag wurde skeptisch aufgenommen und die Zuh¨orer schickten Miller nach Hause, damit er seine Ergebnisse korrigiere“. ” ¨ Der Fall Miller zeigt, daß die Athertheorie in den K¨opfen der Physiker noch lange nach dem Zeitpunkt herumspukte, an dem Einstein nachgewiesen hatte, daß es sich um eine unn¨ otige Hypothese handelte. Es ist leichter, an althergebrachten Vorstellungen festzuhalten, als neue Ideen zu akzeptieren. Hjalmar Tallqvist, Professor der Physik an der Universit¨at Helsinki, ver¨offentlichte 1928 das popul¨ arwissenschaftliche Buch Der neue Aufstieg der Physik, in dem er außer den Kathodenstrahlen, Atomen, R¨ontgenstrahlen, Nordlich¨ tern und Zodiakallichtern auch die Athertheorie vorstellte. Im Buch faßte er ¨ auch die Atherhypothese zusammen: Stellen wir jetzt zum Schluß die Frage, ” ¨ ob der Ather existiert oder nicht, dann m¨ ussen wir unumwunden zugeben, daß wir das nicht wissen k¨ onnen. Aber mindestens ebenso sicher ist, daß sich ¨ die Atherhypothese als ausgesprochen n¨ utzlich f¨ ur die Physik erwiesen hat. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen, in der man nichts mehr mit dem ¨ Ather von Huygens, Fresnel und Maxwell zu tun haben m¨ochte, auch wenn ¨ man versucht hat, den Ather zu eliminieren und stattdessen andere Prinzipien einzuf¨ uhren.“ Tallqvists Buch wurde mehr als zwanzig Jahre nach dem Erscheinen von Einsteins Spezieller Relativit¨ atstheorie und vierzig Jahre nach dem Michelson-Morley-Experiment ver¨ offentlicht.
4 Einsteins Weg zum Physiker
Einstein dachte von klein auf ¨ uber physikalische Ph¨ anomene nach. Er las popul¨ arwissenschaftliche B¨ ucher ¨ uber den Elektromagnetismus und die Theorie von Maxwell und beschloß, sein Leben dem Nachdenken ¨ uber physikalische Fragen zu widmen. Sein Weg zum Forscher war jedoch steinig. Die erste mit Physik zusammenh¨ angende Sache, die Einstein nachdenklich machte, war der Kompaß. Als Albert vier oder f¨ unf Jahre alt war, zeigte ihm sein Vater Hermann einen Kompaß. Was ist das f¨ ur eine unsichtbare Kraft, die die Kompaßnadel immer in die gleiche Richtung zeigen l¨aßt, auch wenn man den Kompaß in der Hand dreht? Einstein dachte gern u ¨ber die Dinge nach. Er sagte, daß auch seine großen wissenschaftlichen Entdeckungen entstanden seien, wenn er in Ruhe, ohne ¨ außeren Druck und ohne Erwartungshaltungen ¨ u gehen bis auf ¨ber die Dinge nachdenken konnte. Viele dieser Uberlegungen seine Schulzeit zur¨ uck. Einstein mochte die Schule nicht, aber er war kein schlechter Sch¨ uler. Im Allgemeinen geh¨orte er zu den Besten seiner Klasse, manchmal war er auch der Beste. Am schlimmsten in der Schule waren die herumkommandierenden Lehrer. Einstein war von klein auf angehalten worden, selbst¨andig zurecht zu kommen, und deswegen eignete sich die f¨ ur deutsche Schulen typische milit¨arische Disziplin und Ordnung denkbar schlecht f¨ ur ihn. Dieser Umstand wurde dadurch verschlimmert, daß ihn seine Eltern aus dem einfachen Grund in eine katholische Schule steckten, weil diese n¨aher an der Wohnung lag als die j¨ udische Schule. Zu Einsteins Lieblingsf¨ achern geh¨orten die Mathematik und die Naturwissenschaften und er konzentrierte sich auf diese ernsthafter als auf die anderen F¨ acher. Auch in seinen Lieblingsf¨achern war er kein wirklicher Einstein“, aber als er im Alter von elf Jahren mit der ebenen Geometrie ” Bekanntschaft machte, bekamen seine inneren Neigungen ein Ziel. Als Einstein siebzehn Jahre alt war, ging der Elektrobetrieb seines Vaters in M¨ unchen bankrott. Die Gesch¨ afte des Vaters durchliefen eine ziemliche Achterbahn und diese war jetzt in Deutschland so steil geworden, daß es nicht
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4 Einsteins Weg zum Physiker
mehr aufw¨arts ging. Der kleine Betrieb war Großunternehmen wie Siemens hoffnungslos unterlegen, die um die Elektrifizierung der St¨adte konkurrierten. Die Familie u ¨ bersiedelte nach Mailand, aber Albert wurde in die Obhut entfernter Verwandter nach M¨ unchen gegeben, damit er dort die Schule besuche. Doch daraus wurde nichts Richtiges und nach einigen Monaten schloß er sich seiner Familie in der italienischen Sonne an, ohne vorher seine Ankunft mitzuteilen. Er hatte eine Bescheinigung eines der Familie bekannten Arztes in der Tasche. Laut dieser Bescheinigung war Einstein aufgrund von M¨ udigkeit und gesunkener Stressbelastungsf¨ ahigkeit außerstande, die Schule zu besuchen; als Grund f¨ ur die Symptome wurde eine unbekannte Nervenst¨orung angegeben. Das war ein Vorwand, aber er dachte, daß er die Bescheinigung brauche, um unangenehme Folgen zu vermeiden. Er sollte n¨amlich bereits von der Schule entlassen werden, weil er den anderen Sch¨ ulern ein schlechtes Vorbild war und weil er u ¨berheblich und vorlaut auftrat; von seiner Warte aus war der medizinische Grund die bessere Alternative. Einstein schlug die Aufforderung seiner Eltern aus, nach M¨ unchen zur¨ uckzukehren und den Schulbesuch fortzusetzen; er erkl¨arte aufs¨assig, dar¨ uber hinaus auch die deutsche Staatsb¨ urgerschaft und die j¨ udische Religion aufzugeben. Die Aufgabe der deutschen Staatsb¨ urgerschaft hatte einen sehr praktischen Grund, n¨amlich den Wunsch, dem Milit¨ardienst zu entgehen. Er unterzog sich der Aufnahmepr¨ ufung am Eidgen¨ ossischen Polytechnikum in Z¨ urich, der sp¨ateren Eidgen¨ ossischen Technischen Hochschule (ETH), denn dort konnte in Sonderf¨allen ein Studium auch ohne Abitur aufgenommen werden. Einstein erhielt eine Ausnahmegenehmigung, als Minderj¨ahriger an den Aufnahmepr¨ ufungen teilzunehmen, aber er flog aufgrund schlechten Allgemeinwissens und wegen unzul¨ anglicher Franz¨ osischkenntnisse durch. Die Fragen zur Physik und zur Mathematik beantwortete er ohne Probleme. Man empfahl ihm, zur Schulbank zur¨ uckzukehren und sich nach einem Jahr erneut zur Aufnahmepr¨ ufung zu melden. Einstein verbrachte das Zwischenjahr in der technisch orientierten Kantonsschule in Aarau in der deutschen Schweiz. Die Schule war eine angenehme ¨ Uberraschung f¨ ur Einstein. Die dortige Atmosph¨are war liberal und insbesondere gab es ein gut ausgestattetes Labor, in dem sich alle modernen elektrischen Apparate befanden. Jost Winteler, der Geschichtslehrer der Schule, brachte Einstein in seinem Haus unter. Familie Winteler hatte sieben Kinder, so daß ein weiteres leicht in die Schar zu integrieren war. Jost Winteler vertrat in aktiver Weise ethische und soziale Fragen; mit seinem kritischen Herangehen und seinem Radikalismus beeinflußte er auch Einsteins Denken und Weltanschauung. Dieser Einfluß schlug sich sp¨ater sowohl in Einsteins Arbeit als Physiker als auch in seinen sozialen Ansichten nieder. Einstein wurde ein außergew¨ohnlich unabh¨ angig denkender Wissenschaftler, der soziale Mißst¨ande heftig kritisierte und sich nicht vor G¨ otzenbildern verneigte. Der Zweck der Schule in Aarau bestand darin, den Sch¨ ulern das geistige R¨ ustzeug f¨ ur ein Universit¨ atsstudium wie f¨ ur h¨ohere Berufe in Handel, Gewerbe und Industrie zu vermitteln. Einsteins Vater hatte den Wunsch, daß sich
4.1 Mit Lichtgeschwindigkeit
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auch Albert f¨ ur Technik begeistern m¨ oge; er solle Elektroingenieur werden und sp¨ater die Firma u ¨bernehmen. Es war ein vergeblicher Wunsch. Der Junge hielt den Gedanken f¨ ur v¨ ollig abwegig, sein Talent mit der Projektierung von Ger¨aten zu vergeuden, die das Leben erleichtern und ihn reich machen. Er wollte ausschließlich u ¨ber physikalische Probleme nachdenken.
4.1 Mit Lichtgeschwindigkeit Einstein hat nie erz¨ ahlt, welche Gedankenkette ihn auf die Relativit¨atstheorie brachte. Jedoch nannte er einige wichtige Meilensteine. Den ersten Meilenstein errichtete er in seinem Jahr in Aarau. Damals dachte er dar¨ uber nach, wie die Welt wohl aussehen w¨ urde, wenn man sie als Mitreisender“ von ei” nem Lichtstrahl aus betrachtet.1 Einstein mochte Gedankenspiele dieser Art und interessierte sich auch sp¨ ater als Forscher daf¨ ur. Sie entwickelten seine Intuition, die eine seiner starken Seiten war. Einstein kannte Michael Faradays Entdeckung, gem¨aß der elektrische und magnetische Ph¨anomene mit Hilfe von Feldern beschrieben werden k¨onnen. Um eine elektrische Ladung herum besteht ein elektrisches Feld und um einen Magneten herum ein Magnetfeld. Ein ver¨anderliches Magnetfeld erzeugt Strom in einer Leiterschleife, das heißt, es wird ein elektrisches Feld erzeugt, das die Elektronen im Leiter bewegt. Ebenso erzeugt ein ver¨anderliches elektrisches Feld ein Magnetfeld, daß heißt, um den Leiter herum entsteht ein Magnetfeld, wenn sich das elektrische Feld der Leiterelektronen aufgrund der Elektronenbewegung ¨ andert. ¨ Anderungen in einem Magnetfeld erzeugen also ein elektrisches Feld und ¨ Anderungen in einem elektrischen Feld erzeugen ein Magnetfeld. Dieser Kooperations- und Beistandspakt der Felder wird mit Hilfe der Maxwellschen Gleichungen beschrieben. Wenn eine elektrische Ladung, zum Beispiel ein Elektron, hin und her schwingt, dann ¨ andert sich das dadurch erzeugte Magnetfeld st¨andig. Ein ver¨ anderliches Magnetfeld erzeugt seinerseits ein ver¨anderliches elektrisches Feld und das wiederum ein ver¨anderliches Magnetfeld und so weiter. Nach ihrer Entstehung bilden ver¨anderliche elektrische Felder und Magnetfelder ein System, das sich selbst aufrechterh¨alt. Maxwell zeigte, daß dadurch eine Welle erzeugt wird, die sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Mit der Welle bewegt sich die Energie von der schwingenden Ladung in den umgebenden Raum. Die elektromagnetischen Wellenberge befinden sich zu jedem gegebenen Zeitpunkt dort, wo das elektrische Feld und das Magnetfeld in einer bestimmten Richtung am gr¨oßten sind, und die Wellent¨aler befinden sich dort, wo die Felder in der entgegengesetzten Richtung 1
W¨ ahrend dieses Jahres in Aarau kam mir die Frage: Wenn man einer Lichtwelle ” mit Lichtgeschwindigkeit nachl¨ auft, so w¨ urde man ein zeitunabh¨ angiges Wellenfeld vor sich haben. So etwas scheint es aber doch nicht zu geben. Dies war das erste kindliche Gedankenexperiment, das mit der speziellen Relativit¨ atstheorie zu tun hatte.“ (Albert Einstein)
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4 Einsteins Weg zum Physiker
am gr¨oßten sind. Nat¨ urlich war in der Schule von diesen Dingen keine Rede, aber Einstein hatte sich den Sachverhalt beim Lesen popul¨arwissenschaftlicher B¨ ucher klar gemacht. Einstein stellte sich vor, wie diese Art Wellenzug aussehen w¨ urde, wenn er sich mit dessen Geschwindigkeit bewegte. Er schlußfolgerte, daß dann die elektrischen Felder und die Magnetfelder wie an ihrem Platz erstarrt sein w¨ urden. Es w¨are so, als ob er auf einem Wellblechdach s¨aße, wo es Wellenberge und Wellent¨aler gibt, aber u ¨berhaupt keine Wellenbewegung. Und wenn es keine Wellenbewegung geben w¨ urde, dann g¨ abe es keine Energie¨ ubertragung und auch kein Licht. Einstein schloß, daß eine solche an ihrem Platz eingefrorene Welle vom physikalischen Standpunkt aus unm¨oglich w¨are und der Theorie von Maxwell widersprechen w¨ urde. Eine elektromagnetische Welle kann sich niemals in dieser Art von Zustand befinden, sondern ihre physikalische Bedeutung h¨angt mit ihrer Bewegung, ihrer Schwingung zusammen. Licht kann also nie festfrieren; man kann es weder einholen noch sich mit seiner Geschwindigkeit bewegen. Diese Vorstellung reifte in Einsteins Gedanken.
4.2 Der St¨ orenfried Einstein schloß die Schule in Aarau ab und bewarb sich danach erneut an der ETH Z¨ urich. Dieses Mal hatte er Gl¨ uck. Im Oktober 1896 schrieb er sich als Student in der Abteilung ein, die Lehrer f¨ ur Physik, Chemie und Mathematik ausbildete. Er erwartete im Lehrerfachbereich einen interessanteren Unterricht als in den eigentlichen Ingenieursabteilungen. So war es tats¨achlich, aber nicht so gut, daß er zufrieden gewesen w¨ are. Der Schuln¨orgler wurde zum Universit¨atsn¨orgler; nach Auffassung der Lehrkr¨afte war er ein St¨orenfried. Nach Einsteins Meinung war es ein ganz großer und vollkommen unbegreiflicher Mangel der Lehre, daß in den Vorlesungen kein einziges Wort u ¨ber den Maxwellschen Elektromagnetismus gesagt wurde. Einstein protestierte, indem er den Vorlesungen fernblieb und auf eigene Faust diejenigen Dinge studierte, die ihn am meisten interessierten. Die Dozenten merkten sich nat¨ urlich Einsteins Tricks und seine spitzen Kommentare und hielten seine Arroganz und Impertinenz f¨ ur unertr¨ aglich. Ein Professor beschwerte sich schriftlich dar¨ uber, daß Einstein die Vorlesungen schw¨ anzte; vom Rektor der Hochschule erhielt Einstein einen Vermerk. Der Dozent f¨ ur Elektrotechnik, Heinrich Weber, den Einstein f¨ ur seinen besten Lehrer hielt, sagte frustriert zu Einstein: Sie sind ein gescheiter Junge, Einstein, ein ganz gescheiter Junge. Aber ” Sie haben einen großen Fehler: Sie lassen sich nichts sagen!“ Zur gleichen Zeit, als die Kommilitonen in den Vorlesungen schwitzten, vertiefte sich Einstein in seiner Studentenbude mit Begeisterung in die Meister der theoretischen Physik. Auf diese Weise machte er Bekanntschaft mit den Fragen, u uhrende Wissenschaftler nachdachten ¨ber die damals zahlreiche f¨ ¨ – Fragen, auf die man im H¨ orsaal vergeblich wartete. Der Ather besch¨aftigte auch Einstein. Zuerst war er von dessen Existenz genauso u ¨berzeugt wie
4.3 Bedr¨ angnis
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andere auch, und im zweiten Studienjahr u ¨ berraschte er Professor Weber, indem er ein Experiment vorschlug, mit dessen Hilfe man die Bewegung der ¨ Erde relativ zum Ather messen k¨ onne. Sein Idee war, einen Lichtstrahl mit Hilfe von Spiegeln in zwei Teile zu teilen. Einer der Teilstrahlen w¨ urde sich ¨ relativ zum Ather in derselben Richtung wie die Erde bewegen, der andere in einer vertikal entgegengesetzten Richtung. Die Strahlen w¨ urden relativ ¨ zum Ather die gleiche Wellenl¨ ange haben, aber da sich die Erde relativ zum ¨ Ather bewegt, m¨ ußte zwischen den im Labor gemessenen Wellenl¨angen ein kleiner Unterschied auftreten. In dem von Einstein vorgeschlagenen Experiment w¨ urde der Wellenl¨ angenunterschied indirekt dadurch beobachtet werden, daß man die Strahlungsenergie mit Hilfe der W¨armewirkung messen w¨ urde. Diese Methode wurde bei der Messung von Atomspektren verwendet; es war ein Mittel, denjenigen Teil des Spektrums zu messen, der nicht im Bereich ¨ des sichtbaren Lichtes lag. Uber Webers Kommentare ist nichts bekannt, aber h¨aufig haben Professoren die schlechte Angewohnheit, mit v¨aterlicher oder m¨ utterlicher Freundlichkeit auf die Geistesprodukte ihrer neuen Studenten zu reagieren, ohne sich ernsthafter damit auseinanderzusetzen. Einsteins Vorschlag war intelligent und funktionierte im Prinzip. Der Vorschlag ¨ahnelte dem Michelson-Morley-Experiment, von dem Einstein damals offensichtlich weder geh¨ ort noch gelesen hatte. Die Idee erwies sich jedoch als undurchf¨ uhrbar, weil die Energieunterschiede der Strahlen zu klein gewesen w¨aren, als daß man sie mit W¨ armemessung h¨ atte registrieren k¨onnen. Michelsons geniales Interferenzverfahren maß die Wellenl¨ange der Strahlen direkt und geh¨orte zu einer ganz besonderen Pr¨ azisionsklasse. ¨ Einstein u ahlich Zweifel am Ather. Damals dachten die Wis¨ berkamen allm¨ senschaftler an eine Physik des geladenen Teilchens, das sich im elektrischen Feld bewegt. Lorentz verdichtete die herrschenden Ideen in seiner Feststellung, daß die wichtigste zu l¨ osende Frage darin bestehe, ob ein geladenes Teilchen ¨ ¨ den Ather mit sich f¨ uhrt, oder ob der Ather vollst¨andig ruht. Es gab nur ¨ diese Alternative, denn die Existenz des Athers wurde nicht infrage gestellt. ¨ Die Kopplung der Atherbewegung an die Elektrodynamik von Teilchen f¨ uhrte unvermeidlich zu einer unangenehm konfusen Theorie. Einstein schrieb seiner Freundin und zuk¨ unftigen Frau Mileva Mari´c im Sommer 1899, er sei immer mehr davon u ¨ berzeugt, daß diese Theorie und das wirkliche Naturgeschehen ¨ nichts miteinander zu tun h¨ atten. Seiner Meinung nach sei der Ather aufgepfropft, ohne daß man die M¨ oglichkeit habe, ihm irgendeinen physikalischen Inhalt oder eine physikalische Bedeutung zu geben. Er konnte aber damals noch keine korrekte Alternative anbieten; das Gedankengeb¨aude war noch nicht vollendet.
4.3 Bedr¨ angnis Das Studium dauerte f¨ unf Jahre und endete mit einer Abschlußpr¨ ufung. Von den vier Studenten, die die Pr¨ ufung erfolgreich bestanden hatten, schnitt Ein-
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4 Einsteins Weg zum Physiker
stein am schlechtesten ab. Nur Mileva Mari´c fiel durch. Dennoch war die Wissenschaftlerlaufbahn Einsteins Ziel und trotz seiner Leistung, die zu w¨ unschen u ¨brig ließ, war er ziemlich zuversichtlich, eine Stelle als Universit¨atsassistent zu bekommen. Den anderen drei erfolgreichen Pr¨ uflingen gelang das wirklich, aber Einstein nicht. Es gelang ihm weder an seiner eigenen Ausbildungseinrichtung in Z¨ urich, wo seine maultierhafte Starrn¨ackigkeit“ sicherlich nicht ” die bestm¨ogliche Empfehlung war, noch an den vielen anderen Universit¨aten, an deren Professoren er und auch sein Vater ohne Scheu Bittbriefe richteten. Heike Kammerlingh Onnes, Professor an der holl¨andischen Universit¨at Leiden, war einer derjenigen, die sich nicht einmal die M¨ uhe machten, Einstein zu antworten. Heute ist die von Einstein geschriebene Bewerbung ein großer Schatz des Universit¨ atsmuseums von Leiden. Jahre sp¨ater wurde Einstein, inzwischen weltber¨ uhmt, als Gastprofessor nach Leiden eingeladen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sein Gehalt selbst bestimmen. Die Zeit ohne Anstellung war schwer f¨ ur Einstein, der gew¨ohnt war, sein eigener Herr zu sein und zu tun, was er wollte. Er hatte keinen Broterwerb und von den Verwandten trafen die Geldsendungen nicht mehr in dem Maße ein wie in seiner Studentenzeit. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, gab Einstein Privatunterricht und u ¨bernahm gelegentlich kurzzeitig befristete Vertretungen als Lehrer. Die eigene Schulzeit und das Studium noch frisch im Ged¨achtnis, ließ Einsteins Einstellung zu den Schulanforderungen sehr zu w¨ unschen u ¨brig. Er gab zwei Gymnasiasten Nachhilfestunden, aber dieses Unternehmen mußte eingestellt werden. Einstein hatte die Jungen n¨amlich aufgefordert, die Schule zu schw¨ anzen, weil die dortigen Lehrer seinen Privatunterricht nur vermasseln w¨ urden. Auf einen solchen Rat legte der Vater der Jungen, der selbst Gymnasiallehrer war, keinen gesteigerten Wert.
4.4 Lieserl Die Beziehung zu Mileva Mari´c wurde trotz der heftigen Proteste von Einsteins Eltern enger. Die Einw¨ ande seitens Einsteins Mutter nahmen mitunter sogar hysterische Formen an. Der mit Worten ausgesprochene Grund f¨ ur den Widerstand war die Tatsache, daß das Paar nicht die o¨konomischen M¨oglichkeiten hatte, eine Familie zu gr¨ unden. Nicht ausgesprochene Gr¨ unde waren Milevas orthodoxe Religion, ihre slawische Abstammung und ein H¨ uftleiden. Mileva wurde schwanger und kehrte zur¨ uck nach Serbien in ihre Heimatstadt Novi Sad, wo sie ein M¨ adchen zur Welt brachte, das sie in Serbien ließ. Die Existenz dieses Kindes, Lieserl“, blieb bis in die 1980er Jahre ein Geheim” nis. Man wußte kaum etwas u ¨ber die Tochter, nicht einmal ihr richtiger Name war bekannt. Entweder starb sie jung oder sie wurde zur Adoption freigegeben; jedenfalls verschwand Lieserl schnell und endg¨ ultig aus dem Leben ihrer Eltern. Der Hintergrund der Verheimlichung war m¨oglicherweise die Furcht davor, daß ein uneheliches Kind das Vorhaben Einsteins erschwert h¨atte, eine Arbeitsstelle in der Schweiz zu bekommen.
4.5 Patenter Patentierknecht
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Nirgendwo ist ersichtlich, daß Einstein wegen der Aufgabe des Kindes unter gr¨oßeren Gewissensqualen litt. Er und Mileva Mari´c heirateten ein Jahr sp¨ater und bald kamen zwei S¨ ohne zur Welt. Die Jungen sind ihrer großen Schwester offensichtlich nie begegnet, und Einstein selbst hat seine Tochter nie gesehen. Der ¨altere Sohn wurde Ingenieur und Professor der Hydraulik an der Universit¨at Berkeley in Kalifornien; der j¨ ungere Sohn wurde bereits fr¨ uhzeitig psychisch krank und starb in einer Nervenklinik in der Schweiz. Auch diese Kinder spielten in Einsteins Leben eine Nebenrolle. Die Beziehung zu Mileva, die Vertiefung in die Probleme der Physik und der grenzenlose Glaube an die eigenen F¨ ahigkeiten halfen Einstein, die schweren Zeiten zu u ahlich die Hoffnung auf eine Univer¨ berstehen. Er gab allm¨ sit¨atskarriere auf, hielt das aber nicht f¨ ur einen entscheidenden R¨ uckschlag in Bezug auf seine Laufbahn als Wissenschaftler. Einstein hatte ein reges Innenleben und vor seinem geistigen Auge erschienen immer viele Wege, die vorw¨arts f¨ uhrten. In jeder Situation schien er mit guter Laune darauf zu vertrauen, daß sich die Dinge zum Besseren wenden.
4.5 Patenter Patentierknecht Nach der Geburt des ersten Sohns erhielt Einstein durch Beziehungen eine Stelle im Patentamt von Bern. Das Gehalt war kein Beamtengehalt, aber ziemlich f¨ urstlich im Vergleich zu dem, was ihm als Assistent an der Universit¨at gezahlt worden w¨ are. Im Patentamt bekam er mindestens das Doppelte und damit kam die kleine Familie u ¨ ber die Runden. Einstein hatte Recht behalten, daß es ihm gelingen w¨ urde, den Broterwerb mit der physikalischen Forschungsarbeit zu verbinden. Offensichtlich hatte die Kreativit¨at der Schweizer nach der Erfindung der Kuckucksuhr etwas nachgelassen, weil Einstein jeden Tag die M¨ oglichkeit hatte, seine eigenen Berechnungen aus einer Schublade seines Schreibtisches zu nehmen und sich in die Physik zu vertiefen. W¨ ahrend der sieben Jahre, die er im Patentamt verbrachte, stellte er Forschungsarbeiten fertig, deren Platz auf den ersten Seiten der Wissenschaftsgeschichte zu finden ist. Viele seiner bedeutendsten Arbeiten nahmen in dieser Zeit ihren Anfang, auch die 1915 ver¨offentlichten Arbeiten zur Allgemeinen Relativit¨ atstheorie waren bereits in Vorbereitung, als er das Patentamt 1909 verließ. Offensichtlich wirkte sich das Fernbleiben von akademischen Kreisen gut auf sein Denken aus, denn die Hauptstr¨omung der damaligen Physik riß ihn nicht mit sich fort. Er selbst hielt die Arbeit im Patentamt f¨ ur einen Segen, weil bei einer akademischen Laufbahn die ”¨ wissenschaftliche Produktivit¨ at zum Uberleben notwendig ist und es eines großen Charakters bedarf, nicht in Oberfl¨ achlichkeit zu verfallen“. Als er im Patentamt arbeitete, konnte er sich in aller Ruhe in die Physik vertiefen. Man err¨at unschwer, welche Meinung Einstein von den Rentabilit¨ats- und Qualit¨atsanforderungen gehabt h¨ atte, durch die man heutige Wissenschaftler zu Spitzenleistungen anspornt.
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4 Einsteins Weg zum Physiker
¨ 4.6 Atherische“ Zweifel ” ¨ Einsteins Glaube an den Ather zerbr¨ ockelte aufgrund zweier experimenteller Beobachtungen. Die eine war das obengenannte Experiment von Hippolyte Fizeau, in dem die Lichtgeschwindigkeit in fließendem Wasser gemessen wurde. Fizeau stellte fest, daß dabei das auf Galileo Galilei (1564–1642) zur¨ uckgehende traditionelle Relativit¨ atsgesetz der Mechanik nicht funktioniert, wenn man ¨ ¨ annimmt, daß sich der Ather nicht mit dem Wasser bewegt. W¨ urde der Ather ruhen, dann d¨ urfte das Fließen des Wassers keinen Einfluß auf die Lichtgeschwindigkeit haben. Die Messungen zeigten jedoch, daß sich das Licht mit der Str¨omung schneller bewegt als gegen die Str¨omung. Augustin Fresnel erkl¨ arte das mit seiner Theorie dadurch, daß das Was¨ ser den Ather ein kleines bißchen mit sich f¨ uhrt. Laut Fresnel bewegt sich ¨ das Licht relativ zum Ather immer mit der gleichen Geschwindigkeit, aber es ¨ erh¨alt mit der Str¨ omung eine zus¨ atzliche Geschwindigkeit, weil sich der Ather mit der Str¨omung bewegt. Bei der Bewegung gegen die Str¨omung wird das Licht laut Fresnel aus demselben Grund langsamer. Das waren direkte Schlußfolgerungen aus der Art und Weise, wie man in der klassischen Mechanik die Geschwindigkeiten addiert: Man erh¨ alt die Geschwindigkeit eines Bootes, das sich in einem Fluß relativ zum Ufer bewegt, wenn man die Geschwindigkeit, die das Boot in Bezug auf das Wasser hat, zur Str¨omungsgeschwindigkeit des Wassers addiert. Mit dem Strom rudert und schwimmt es sich schneller als gegen ihn. Ein anderes Beobachtungsergebnis, das Einsteins Gedankeng¨ange beeinflußte, betraf die Aberration des Lichtes. Die Aberration wurde von dem Engl¨ander James Bradley zu Beginn des 18. Jahrhunderts beobachtet. Bradleys Absicht war, die Parallaxe eines bestimmten Sterns, des Eltanin, zu messen. Die Parallaxe ist die scheinbare j¨ ahrliche Positions¨anderung eines Sterns, die darauf zur¨ uckzuf¨ uhren ist, daß wir den Stern bei unseren Umkreisungen der Sonne zu verschiedenen Jahreszeiten aus verschiedenen Richtungen sehen. Ein ¨ahnliches Ph¨ anomen entsteht, wenn wir einen Gegenstand abwechselnd mit dem linken und mit dem rechten Auge betrachten: die Position des Gegenstands scheint sich zu ¨ andern. Bradley beobachtete tats¨achlich eine Abweichung in der Position des Sterns, aber die Abweichung war nicht im Dezember und im Juni am gr¨ oßten, wie es im Fall der Parallaxe h¨atte sein sollen, sondern im M¨arz und im September. Bradley erkannte, daß die von ihm beobachtete Erscheinung ganz und gar ¨ nicht auf die Anderungen der Erdposition zur¨ uckzuf¨ uhren war, sondern auf die Tatsache, daß die Geschwindigkeit der Erde relativ zum Stern in den verschiedenen Abschnitten der Erdumlaufbahn unterschiedlich ist. Die scheinbare Richtung des Lichtstrahls h¨ angt von der Geschwindigkeit der Erde ab. Das Fernrohr muß auf korrekte Weise schr¨ ag gestellt werden, damit die vom Stern ausgesandten Lichtstrahlen ins Fernrohr gelangen, und der erforderliche Neigungswinkel h¨angt von der Richtung der Erdbewegung in Bezug auf den Stern ab. Auch der Regenschirm muß beim Gehen in passender Weise schr¨ag nach
4.6
¨ Atherische“ Zweifel ”
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vorn gehalten werden, wenn man nicht naß werden m¨ochte. Im M¨arz bewegt sich die Erde in einer zur Septemberrichtung entgegengesetzten Richtung und deswegen differieren die Neigungswinkel des auf den Stern Eltanin gerichteten Fernrohrs im M¨arz und September um 20,5 Bogensekunden. Bradleys Ergebnis bez¨ uglich der scheinbaren Positions¨anderung des Sterns stimmte mit dem Additionsgesetz der klassischen Mechanik u ¨berein, falls das Licht aus Korpuskeln besteht, wie Newton gedacht hatte. Die Durchf¨ uhrung dieser Berechnung war m¨ oglich, weil sowohl die Lichtgeschwindigkeit als auch die Geschwindigkeit der Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne hinreichend genau bekannt waren. Die Gr¨ oße der Aberration mißt das Verh¨altnis der Erdgeschwindigkeit zur Lichtgeschwindigkeit (v/c). ¨ Vom Standpunkt der Wellentheorie und der Athertheorie war die Situation ¨ komplizierter. Bradleys Beobachtung stand in Einklang mit der Atherhypo¨ these, falls der Ather als ruhend in Bezug auf die Sonne und andere Sterne vorausgesetzt wird, und falls sich die Erde mit ihrer Atmosph¨are durch ¨ den Ather bewegt, ohne ihn mitzuf¨ uhren. Dann w¨ urde sich das Licht – unter Einhaltung der Newtonschen Gesetze – auf die gleiche Weise ausbreiten wie ¨ Teilchen im Raum. Falls die Erde den Ather aber mit sich f¨ uhrt, dann w¨are die Einfallsrichtung des Lichtes im Fernrohr eine andere. Das Licht bewegt sich im Wasser langsamer als in der Luft und im leeren Raum. W¨ urde man ein Fernrohr mit Wasser f¨ ullen, dann brauchte ein Lichtstrahl l¨angere Zeit, um in das Okular zu gelangen, als es normalerweise der Fall w¨are, und die Aberration w¨ are gr¨ oßer. Ein solches Experiment wurde tats¨achlich durchgef¨ uhrt, aber man hat nicht beobachtet, daß das Wasser einen solchen Effekt hat. Die Erkl¨ arung der Fresnelschen Theorie bestand dar¨ in, daß sich der Ather auch innerhalb des Wassers befindet und das Wasser ¨ den Ather mitf¨ uhrt, was die Bewegung der Lichtwelle beeinflußt und den Effekt der Lichtverlangsamung kompensiert. Die Erdatmosph¨are w¨ urde also den ¨ Ather nicht mitf¨ uhren, w¨ ahrend ihn das viel dichtere Wasser mitf¨ uhrt. Fresnels Mitf¨ uhrungskoeffizient“ h¨ angt vom Brechungskoeffizienten des Mediums ” ab – im vorliegenden Fall also vom Brechungskoeffizienten des Wassers, so daß vom Standpunkt des Beobachters das Wasser die Ausbreitung des Lichtstrahls durchaus nicht beeinflußt. Die langsamere Lichtausbreitung im Wasser wird ¨ nach dieser Theorie dadurch kompensiert, daß die Bewegung des Athers zu einer zus¨atzlichen Geschwindigkeit f¨ uhrt. Fizeaus Ergebnis und die Erkl¨ arungen f¨ ur die Aberrationsbeobachtungen u unstlich und un¨berzeugten Einstein nicht. Sie waren seiner Meinung nach k¨ glaubw¨ urdig. Es gab tats¨ achlich ein offenkundiges Problem in Fresnels Theorie: die Lichtgeschwindigkeit in einem Medium h¨angt von der Wellenl¨ange ab, ¨ so daß jeder Wellenl¨ ange offensichtlich ihr eigener Ather entsprechen m¨ ußte, den das betreffende Medium auf spezifische Weise mitf¨ uhrt. Einstein suchte etwas, das einfacher und nat¨ urlicher ist und sich universeller anwenden l¨aßt. Die (v/c)-Ph¨anomene, Fizeaus Experiment und die Aberration sind Ph¨anomene erster Ordnung. Als solche u ¨ berzeugten sie Einstein davon, daß man auf ¨ den Ather verzichten und eine nat¨ urlichere Erkl¨arung finden sollte. Zus¨atzli-
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4 Einsteins Weg zum Physiker
chen Glauben gaben ihm die Schriften des franz¨osischen Mathematikers Henri Poincar´e (1854–1912), die er zusammen mit einigen Freunden enthusiastisch ¨ studierte. Poincar´e hatte sich dahingehend ge¨außert, daß der Ather vielleicht nur ein mathematisches Hilfsmittel sei und die Physiker eines Tages lernen ¨ w¨ urden, ohne den Ather auszukommen. Einstein entschied sich f¨ ur einen wis¨ senschaftlichen Kreuzzug, um die Welt von der Macht des Athers zu befreien. Einsteins Waffen waren weder die Dynamik noch die Materialeigenschaften, sondern die Kinematik und die Begriffe der L¨ange und der Zeit.
5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
Einstein l¨ oste den Theorienkonflikt zwischen Newton und Maxwell in seiner Ver¨ offentlichung Zur Elektrodynamik bewegter K¨ orper“, die im September ” 1905 erschien. Der Schl¨ ussel zur L¨osung lag in einer ¨ uberraschenden Sache: in der Zeit- und L¨ angenmessung. Es ist schwierig, pl¨ otzlich irgendetwas Merkw¨ urdiges bei der Zeit- und L¨angenmessung zu finden, ganz zu schweigen von der Tatsache, daß dadurch eine Revolution der Grundlagen der Physik ausgel¨ost werden k¨onnte. Die Zeit kann mit einer Uhr und die L¨ angen k¨ onnen mit einem Metermaß gemessen werden. Die L¨ange eines auf dem Bahnhof stehenden Zuges l¨aßt sich leicht herausfinden, wenn man auf dem Bahnsteig einen Strich an der Stelle macht, wo sich die Zugspitze1 befindet, und einen weiteren Strich an der Stelle, wo sich das Zugende befindet; danach mißt man den Abstand zwischen den beiden Strichen. Die Messung der L¨ ange eines fahrenden Zuges ist eine etwas anspruchsvollere Aufgabe, aber mit zwei Helfern gelingt auch das. Der eine markiert die Stelle der Zugspitze und der andere im gleichen Moment die Stelle des Zugendes; anschließend wird wieder der Abstand der beiden Markierungen gemessen. Es ist nat¨ urlich wesentlich, daß die Stellen gleichzeitig markiert werden. Markiert man n¨ amlich die Stelle des Zugendes sp¨ater als die Stelle der Zugspitze, dann bewegt sich der Zug zwischen den Markierungen weiter vorw¨arts, und die Messung der Zugl¨ ange ergibt einen zu kleinen Wert. Das scheint selbstverst¨ andlich zu sein, aber hier tritt eines der Skelette der Newtonschen Mechanik als Poltergeist in Erscheinung. Damit das Meßpersonal an der Zugspitze und am Zugende die Striche im gleichen Moment ziehen kann, m¨ ussen Uhren verwendet werden, die die gleiche Zeit anzeigen. Das Synchronisieren von Uhren ist keine unproblematische Angelegenheit. Man k¨onnte sich den Synchronisationsvorgang beispielsweise folgendermaßen vorstellen: Genau von der Mitte zwischen den beiden Uhren wird gleichzei1
Hiermit ist nicht der h¨ ochste Berg Deutschlands gemeint, sondern der vorderste Teil des Zuges.
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
tig ein Lichtpuls an beide Uhren gesandt. Es wird vereinbart, daß es zu dem Zeitpunkt, an dem der Lichtpuls bei den Uhren ankommt, genau zw¨olf Uhr ist. Sind die Uhren identisch, dann zeigen sie danach immer die gleiche Zeit an. Das Verfahren funktioniert, aber nur unter der Voraussetzung, daß sich der Lichtpuls in beide Richtungen mit der gleichen Geschwindigkeit ausbrei¨ tet! Gem¨aß der Athertheorie geschieht das nicht zwangsl¨aufig, denn das Licht ¨ breitet sich am schnellsten in die Richtung aus, in die sich der Ather relativ zur Erde bewegt, und am langsamsten in die entgegengesetzte Richtung. F¨ ur Newton war die Zeit kein Problem. Sein Ausgangspunkt war die abso¨ lute Zeit, die von den Weltereignissen nicht ersch¨ uttert werden konnte. Uber das Synchronisieren braucht man nicht nachzudenken, denn es gibt eine universelle Zeit, die man zur Feststellung der Gleichzeitigkeit verwenden kann. Die illusorischen Uhren zeigen in jedem Winkel des Universums die gleiche Zeit an. Die praktische Seite der Zeitmessung steckte zu Newtons Zeiten noch in den Kinderschuhen, denn die Uhr war damals eine ganz neue Erfindung und das gediegenere Chronometer, die Pendeluhr, wurde zur gleichen Zeit erfunden, als Newton u ¨ber seine Theorien nachdachte. Damals waren also die Zeit als abstrakter Begriff und die praktischen Fragen der Zeitmessung noch weit voneinander entfernt.
5.1 Was ist Bewegung? Außer der Zeit ist auch der Raum in Newtons Theorie absolut. Er ist eine unver¨anderliche, unsichtbare Arena, in der die Schauspiele der Natur aufgef¨ uhrt werden. Newton kam auf den absoluten Raum, als er dar¨ uber nachdachte, was Bewegung im Grunde genommen bedeutet. Um u ¨ber Bewegung sprechen zu k¨onnen, muß es einen Rahmen geben, in Bezug auf den die Bewegung stattfindet, und Newton nahm den absoluten Raum als Bezugsrahmen. W¨are der einzige K¨ orper des Universums eine im leeren Raum treibende Trommelwaschmaschine, woher wissen wir dann, ob sich die Trommel dreht, oder ob sie unbeweglich an ihrer Stelle bleibt und sich der Rest der Maschine um die Trommel dreht? Geht es darum, daß ein und dieselbe physikalische Situation auf zwei verschiedene Weisen ausgedr¨ uckt wird? Die Erfahrung sagt uns, daß man das Drehen der Trommel daran erkennt, daß die W¨asche innerhalb der Trommel gegen die Trommelw¨ ande gedr¨ uckt wird. W¨ urde die Trommel ruhen und sich die Maschine um die Trommel drehen, dann w¨ urde mit der W¨asche in der Trommel offensichtlich nichts geschehen. Vom Standpunkt der Physik ist es also wichtig, welches der beiden Teile sich wirklich dreht, aber was macht den Unterschied aus? Was sagt der W¨asche im leeren Raum, daß sich jetzt die Trommel dreht, und daß sich die W¨asche gegen die Trommelw¨ande pressen muß? Newton benutzte keine Waschmaschine als Beispiel, aber seine Antwort auf das Problem war der absolute Raum. Er sagte, daß Bewegung eine Bewegung in Bezug auf den absoluten Raum sei. Die
5.2 Auseinandersetzung mit dem Problem
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Trommel der Waschmaschine drehe sich in Wirklichkeit nur dann, wenn sie sich im absoluten Raum dreht. Die Newtonschen Bewegungsgesetze gelten f¨ ur eine Bewegung, die in Bezug auf den absoluten Raum stattfindet, aber nicht ausschließlich in Bezug darauf. Bereits vor Newton stellte Galileo Galilei fest, daß eine gleichf¨ormige Bewegung die Vorg¨ ange der Mechanik nicht beeinflußt. Er begr¨ undete das mit folgendem Beispiel. Stellen Sie sich vor, daß Sie sich im Frachtraum eines fensterlosen Schiffes befinden und dort Goldfische beobachten, die in einem Aquarium herumschwimmen. Aufgrund der Bewegung der Fische k¨onnen Sie nicht schlußfolgern, ob das Schiff vor Anker liegt oder ob es auf offener See mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit f¨ ahrt. Die Bewegung der Fische erfolgt nach den gleichen Gesetzen in einem vor Anker liegenden Schiff und in einem gleichf¨ormig bewegten Schiff. Wenn Sie eine Geldm¨ unze aus Ihrer Hand fallen lassen, dann f¨ allt die M¨ unze zu Ihren F¨ ußen – unabh¨angig davon, ob sich das Schiff gleichf¨ ormig bewegt oder vor Anker liegt. Die Newtonschen Gesetze gelten auf die gleiche Weise in Systemen, die sich relativ zueinander mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit bewegen. Das ist das Relativit¨atsprinzip der klassischen Mechanik, das auch in den Newtonschen Bewegungsgesetzen zum Ausdruck kommt.
5.2 Auseinandersetzung mit dem Problem Einige Wissenschaftler hatten bereits vor Einstein begonnen, die Begriffe der absoluten Zeit und des absoluten Raumes f¨ ur bedenklich zu halten. Es ist n¨amlich keineswegs m¨ oglich, herauszufinden, wann sich ein K¨orper relativ zum absoluten Raum in absoluter Ruhe befindet. Da die Physik in allen Systemen, die sich gleichf¨ormig in Bezug auf den absoluten Raum bewegen, ein und dieselbe ist, kann kein physikalisches Ph¨ anomen den absoluten Raum von diesen anderen Systemen unterscheiden. Einige Physiker schlugen vor, den ¨ absoluten Raum Newtons als das System zu betrachten, in dem der Ather ¨ ruht. Auf diese Weise w¨ are der Ather ein fester Bezugsrahmen. Diese Annahme ließ sich nicht begr¨ unden, aber andererseits lieferte sie einen tiefgr¨ undigen ¨ Anlaß f¨ ur die Existenz des Athers. Die beiden zur Zeit Newtons f¨ uhrenden Philosophen, George Berkeley und Gottfried Wilhelm Leibniz, kritisierten sogleich die Schw¨achen der Newtonschen Theorie, aber die Kritik verhallte mit der Zeit, weil Newtons Theorie in der Lage war, immer neue Ph¨ anomene zu erkl¨aren. Ungef¨ahr zweihundert ¨ Jahre sp¨ater setzte der Osterreicher Ernst Mach (1838–1916) die Diskussion fort. Laut Mach kann nur eine relative Bewegung Sinn haben, das heißt, es kommt darauf an, ob ein K¨ orper relativ zu einem anderen K¨orper in Ruhe oder in Bewegung ist oder nicht. Mach bestritt den absoluten Newtonschen Raum, weil es seiner Meinung nach reine Mystik sei, zu behaupten, daß ein von allen materiellen Naturereignissen unabh¨ angiger materiefreier Raum bestimmen k¨onne, wann eine Bewegung eine Bewegung ist und wann nicht. Auf
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
welche Weise w¨ urde der Raum der W¨ asche mitteilen, wann sie sich gegen die Trommelw¨ande pressen solle und wann nicht? Laut Mach ist die Bewegung eines K¨ orpers eine Bewegung relativ zu anderer Materie, die sich im Universum befindet. Auch eine echte Drehbewegung existierte nur deswegen, weil es im Raum andere Materie gibt. Gem¨aß Mach beging Newton den Denkfehler, daß er annahm, Drehungen und andere Bewegungen im leeren Raum seien so beschaffen, wie wir sie hier in unserem eigenen Universum gew¨ ohnt sind, das Materie in H¨ ulle und F¨ ulle enth¨alt. Entsprechend Machs Schlußfolgerung w¨ urde nichts mit der W¨asche geschehen, die sich in der Trommel einer Waschmaschine im leeren Raum dreht; w¨ urden aber etwa beispielsweise irgendwo im Raum einige winzige Sterne funkeln, dann w¨ urde die W¨ asche tats¨ achlich bereits ein kleines bißchen gegen die R¨ander der rotierenden Waschmaschine gedr¨ uckt werden. Die Auswirkungen der Beschleunigung w¨ aren umso st¨ arker, je mehr Materie existierte. Mach war einer von Einsteins Lieblingswissenschaftlern, nach Maxwell der zweite auf der Rangliste. Machs Kritik der Theorie Newtons fiel bei dem kritischen Geist Einsteins auf fruchtbaren Boden. Die Gedankeng¨ange Machs waren mehr Philosophie als Physik und Einstein gefiel die prinzipielle Natur diese Argumentation. Auch er selbst hielt Ausschau nach Prinzipien.
5.3 Dein Jetzt und mein Jetzt Henri Poincar´e war der Erste, der kritische Bemerkungen u ¨ber die Zeit ¨außerte. Ihn st¨orte das prinzipielle Problem, das mit dem Synchronisieren von Uhren zusammenh¨angt. Das Synchronisieren erfordert, daß man die Geschwin¨ digkeit des zur Ubertragung verwendeten Signals kennt, aber das Messen der Signalgeschwindigkeit erfordert seinerseits das Messen der Zeit, das heißt, das Synchronisieren von Uhren. Das brachte ihn darauf, u ¨ber die Gleichzeitigkeit nachzudenken. Kann man u berhaupt von der Gleichzeitigkeit von Ereignissen ¨ sprechen, die an verschiedenen Orten stattfinden, wenn die Synchronisation von Uhren prinzipiell unm¨ oglich ist? Die Gleichzeitigkeiten“ verschiedener ” Beobachter k¨onnen sich voneinander unterscheiden. Wenn ich feststelle, daß zwei Dinge im gleichen Moment stattfinden, jetzt“, dann kann es sein, daß ” du sie zu verschiedenen Zeitpunkten beobachtest – jetzt und jetzt“. Mein ” Jetzt“ zerf¨allt in mehrere deiner Jetzte“. Einstein war sich auch dieser pro” ” phetischen und tiefliegenden Prinzipien bewußt, weil er Poincar´es Schriften sorgf¨altig studiert hatte. Das Synchronisieren von Uhren war nicht nur ein prinzipielles theoretisches Problem, sondern gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einer praktischen Frage geworden, insbesondere aus Gr¨ unden des Zugverkehrs und der Kartographie. Die Erdkugel mußte in Zeitzonen eingeteilt werden, die die gleiche Uhrzeit verwenden, um genaue Zugfahrpl¨ane aufstellen und einhalten zu k¨onnen. Die Nutzung des Sternenhimmels zur vergleichsf¨ahigen Lokalisierung
5.4 Die Lorentztransformation
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weit voneinander entfernter geographischer Punkte erforderte eine verbindliche Zeitangabe. Die Rotation der Erdkugel ver¨andert in jedem Moment die scheinbaren Positionen der Sterne. Die Telegraphenkabel hatten die elektrische Zeit¨ ubertragung von einem Kontinent zum anderen m¨oglich gemacht. Poincar´e hatte mit praktischen Angelegenheiten dieser Art zu tun, denn er nahm seit 1895 an der T¨ atigkeit des Bureau des Longitudes teil, das urspr¨ unglich f¨ ur die Bed¨ urfnisse der Seefahrt gegr¨ undet worden war. Eine der Aufgaben des B¨ uros war die globale Synchronisation der Zeit. Auch Einstein war mit der praktischen Seite der Chronometrie vertraut, weil viele der von ihm bearbeiteten Patentanmeldungen – man befand sich ja in der Schweiz – genaue Zeitmesser und Zeitumsteller zum Gegenstand hatten.
5.4 Die Lorentztransformation Poincar´e war einem großen wissenschaftlichen Durchbruch nahe. In seinen Schriften findet man – da und dort verstreut – die meisten Bausteine der sp¨ater von Einstein entdeckten Speziellen Relativit¨ atstheorie. W¨ahrend sich Lorentz auf die alte und bew¨ ahrte Physik st¨ utzte, erkannte Poincar´e instinktiv, daß die Physik und insbesondere das Problemkn¨ auel des Elektromagnetismus eine radikal neue Sichtweise erforderte. Die von Lorentz und Fitzgerald vorgeschlagene L¨angenverk¨ urzung veranlaßte die Wissenschaftler, u ¨ber den Einfluß der Bewegung auf die Ergebnisse der Maxwellschen Theorie nachzudenken. Bald gelangte man tats¨achlich zu der Schlußfolgerung, daß sich die Koordinaten (drei Ortskoordinaten und die Zeit) von Beobachtern, die sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten bewegen, auf ganz bestimmte Weise voneinander unterscheiden – andernfalls w¨ urde die Theorie Erscheinungen vorhersagen, die nicht mit den Beobachtungen u ¨bereinstimmen. Die L¨ ange eines Pfeils, das heißt, die Werte der Koordinaten von Pfeilspitze und Pfeilende, h¨ angen davon ab, ob man den vorbeiflitzenden Pfeil von einer festen Stelle aus beobachtet oder ob man neben ihm fliegt. Die von einem ruhenden und von einem mitfliegenden Beobachter gemessenen Koordinaten stehen in einer Beziehung zueinander, die von der Pfeilgeschwindigkeit abh¨angt. Der hierbei bestehende mathematische Zusammenhang wird als Lorentztransformation bezeichnet. Joseph Larmor (1857–1942) hat 1899 gezeigt, daß die L¨angenkontraktionshypothese von Fitzgerald und Lorentz aus dieser Transformation folgt. (Tats¨ achlich hat nicht Lorentz, sondern Larmor die Transformation entdeckt.) Die Lorentztransformation betraf nicht nur die Ortskoordinaten, auch die Zeit schien sich zu a ¨ndern. Zu einem bewegten System geh¨orte eine Zeit, die sich von der Zeit eines ruhenden Systems unterschied. Lorentz bezeichnete die Zeit des bewegten Systems als lokale Zeit, aber er hielt diese lediglich f¨ ur eine mathematische Hilfsgr¨ oße; die authentische, richtige Zeit war nach seiner Auffassung die absolute Zeit Newtons. Poincar´e ging weiter und dachte, daß die lokale Zeit eine authentische physikalische Bedeutung hat. Er f¨ uhrte diesen
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
Gedanken nicht zu Ende. Er bemerkte den Zusammenhang zwischen dem neuen Zeitbegriff und der L¨ angenmessung nicht; er erkannte auch nicht, daß die von Fitzgerald und Lorentz vorgeschlagene Kontraktion von K¨orpern gerade mit diesen Messungen zusammenhing und keineswegs mit den physikalischen Eigenschaften der Materie.
5.5 Einstein macht tabula rasa Einstein hatte dieselben Teile des Puzzles vor sich wie Poincar´e, aber er betrachtete sie mit anderen Augen. Das Teil, mit dem er begann, das Puzzle zusammenzusetzen, war die Theorie von Maxwell – an die Einstein felsenfest glaubte. Die Wissenschaftler hatten festgestellt, daß die Maxwellschen Gleichungen gegen¨ uber der Lorentztransformation invariant sind. Die elektrischen und die magnetischen Ph¨ anomene folgen also unabh¨angig von der Bewegung des Beobachters ein und denselben Gesetzen – vorausgesetzt, daß diese Bewegung gleichf¨ormig ist. Einstein schlußfolgerte, daß die Lichtgeschwindigkeit nicht von der Bewegung der Lichtquelle relativ zum Beobachter abh¨angt, weil die Geschwindigkeit der elektromagnetischen Wellen aus den Maxwellschen Gleichungen abgelesen werden kann und weil diese Gleichungen unver¨andert bleiben. Das war einer der Ausgangspunkte Einsteins. Der andere Ausgangspunkt war die Forderung, daß zus¨ atzlich zu den Maxwellschen Gleichungen auch die anderen physikalischen Gesetze nicht von der Bewegung abh¨angen d¨ urfen. Alle Gesetze m¨ ussen gegen¨ uber der Lorentztransformation invariant bleiben. Aber in Bezug worauf bewegen sich die elektromagnetischen Wellen? Ein¨ stein hatte den absoluten Raum und den Ather abgelehnt. Was war nun der Bezugsrahmen? Wie l¨ oste Einstein die Jahrhunderte alte Frage, die Mach mit Nachdruck ausgesprochen hatte? Einsteins L¨ osung ist verbl¨ uffend einfach: es ist kein spezieller Bezugsrahmen erforderlich, weil sich eine elektromagnetische Welle stets und in Bezug auf alles mit ein und derselben Geschwindigkeit, der Lichtgeschwindigkeit c, ausbreitet. Die Lichtgeschwindigkeit ist also eine Invariante, das heißt, sie h¨ angt nicht von der Geschwindigkeit des Beobachters in Bezug auf die Lichtquelle ab. Ganz gleich, wie schnell wir uns in Bezug auf eine Lichtquelle bewegen, das Licht bewegt sich relativ zu uns immer mit 300 000 km/s. Lichtwellen erreichen unsere Augen immer mit derselben Geschwindigkeit. Man kann Licht nicht einholen: egal, wie wir unsere Geschwindigkeit beschleunigen und versuchen, mit dem Lichtstrahl auf gleiche Augenh¨ohe“ ” zu kommen – das Licht flieht vor uns immer mit einer Geschwindigkeit von 300 000 km/s. Bereits als Sch¨ uler hatte Einstein u ¨ber diese Sache nachgedacht. Die Invarianz der Lichtgeschwindigkeit ist eine notwendige Schlußfolgerung, wenn man voraussetzt, daß die Maxwellschen Gleichungen f¨ ur alle Beobachter gelten, die sich relativ zueinander mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit bewegen. Einstein setzte das voraus. Sein grundlegender Ausgangspunkt war das folgende allgemeine Relativit¨ atsprinzip der Physik: Alle physikalischen
5.6 Verr¨ aterisches Licht
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Gesetze sind in Systemen gleich, die sich relativ zueinander mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit bewegen. Hier folgte er Galilei und Newton, aber er verallgemeinerte das Relativit¨ atsprinzip von der Mechanik auf elektromagnetische Ph¨anomene. Die Goldfische schwimmen – wie bereits Galilei festgestellt hat – in einem bewegten Schiff auf die gleiche Weise, wie in einem vor Anker liegenden Schiff. Laut Einstein beeinflußt jedoch eine gleichf¨ormige Bewegung auch die elektromagnetischen Ph¨ anomene nicht, das heißt, die Radios, Digitalkameras und elektrischen Zahnb¨ ursten funktionieren auf einem Schiff, das den Ozean durchpfl¨ ugt, auf die gleiche Weise, wie auf einem Schiff, das im Hafen vor Anker liegt. Die Ph¨ anomene der Physik machen keinen Unterschied zwischen gleichf¨ormigen Bewegungen. Die von Newton formulierten Bewegungsgesetze sind gegen¨ uber der Lorentztransformation nicht invariant. Deswegen schloß Einstein, daß die Newtonschen Gesetze nicht exakt gelten, sondern daß sein allgemeineres Relativit¨ atsprinzip ihre Korrektur erforderte.
5.6 Verr¨ aterisches Licht Einsteins Annahme, daß die Lichtgeschwindigkeit konstant ist, mag unschuldig aussehen, aber sie hat dramatische Folgen, die die Grundlagen der Physik ersch¨ uttern. Man erh¨ alt die Lichtgeschwindigkeit durch einen Vergleich der vom Licht durchlaufenen Wegl¨ ange mit der dabei vergangenen Zeit. Wenn wir hier auf der Erde f¨ ur das von einem Stern kommende Licht die gleiche Geschwindigkeit erhalten, wie die Beobachter in einem Raumschiff, das sich mit hoher Geschwindigkeit zum betreffenden Stern hin bewegt, dann m¨ ussen unsere irdischen Begriffe von L¨ ange und Zeit offensichtlich anders beschaffen sein, als die entsprechenden Begriffe der im Raumschiff auf der Lauer liegenden Beobachter. In Newtons Mechanik sind Zeit und L¨ange universelle Begriffe, und gem¨aß den Gesetzen dieser Mechanik muß sich die Geschwindigkeit des von uns gemessenen Lichtes von der Geschwindigkeit des vom Raumschiff aus gemessenen Lichtes unterscheiden. Das Licht w¨ urde das zum Stern fliegende Raumschiff mit einer Geschwindigkeit erreichen, die um die Gr¨oßenordnung der Raumschiffgeschwindigkeit gr¨ oßer ist als die Geschwindigkeit des Lichts auf seinem Weg vom Stern bis hierher zur Erde. Diese Addition der Geschwindigkeiten, die auf unseren Alltagserfahrungen beruht, funktioniert gem¨aß Einsteins Theorie nicht, wenn die relativen Geschwindigkeiten groß sind. Laut Einstein wird die Auswirkung der – zwischen uns und dem Raumschiff bestehenden – relativen Geschwindigkeit auf die f¨ ur das Licht gemessene Geschwindigkeit vollst¨ andig dadurch kompensiert, daß die Zeit und die Entfernung in entsprechender Weise von der relativen Geschwindigkeit abh¨angen, die zwischen den Beobachtern besteht. Er berechnete, auf welche Weise sich Zeit- und Entfernungsmessungen von Beobachtern unterscheiden, die sich relativ zueinander bewegen. Das Resultat stimmte zuf¨alligerweise exakt mit dem Ergebnis u ¨berein, mit dessen Hilfe die von Lorentz und Fitzgerald vorgeschlagene Kontraktion fr¨ uher erkl¨ art worden war! Einstein entdeckte also die
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
Lorentztransformation wieder, aber er tat das von einer ganz anderen Warte aus. Er brauchte zur Erkl¨ arung des Michelson-Morley-Experiments keinerlei Verweis auf eine L¨ angenkontraktion. Michelson und Morley hatten bei ihren Messungen genau das richtige Resultat erhalten, denn das Licht hat immer die gleiche Geschwindigkeit: die Laufrichtung des Lichtes hat keinerlei Bedeutung. ¨ Einstein stellte triumphierend fest, daß man den Ather auf den M¨ ullhaufen der Physikgeschichte werfen kann. Die elektrischen Felder und die Magnetfelder existieren und f¨ ullen den Raum aus, und die elektromagnetischen Wellen breiten sich im Raum aus, ohne daß man ein mystisches Lichtmedium ben¨otigt. Auch zur Rechtfertigung der Existenz eines absoluten Raumes ist ¨ der Ather nicht erforderlich, denn f¨ ur einen absoluten Raum gibt es keinerlei Verwendung. Raum und Zeit sind relativ, sie sind f¨ ur jeden Beobachter spezifisch und h¨angen von der Geschwindigkeit eines Beobachters relativ zu anderen Beobachtern ab. Nur die Bewegung des Lichtes ist absolut, alle anderen Bewegungen sind relativ.
5.7 Verku ange, gedehnte Zeit ¨rzte L¨ Zur¨ uck zu den Zugmessungen. Die Einsteinschen Prinzipien haben eine u ¨berraschende Folge: messen die am Bahnsteig stehenden Beobachter die L¨ange eines stehenden Zuges, dann erhalten sie ein anderes Ergebnis, als wenn sich der Zug bewegt. Der fahrende Zug ist k¨ urzer! Die Fahrg¨aste erhalten nat¨ urlich ein und denselben Wert f¨ ur die Zugl¨ ange – unabh¨angig davon, ob sich der Zug relativ zum Bahnhof bewegt oder nicht. Aber vom Standpunkt eines Beobachters am Bahnsteig beeinflußt die Zugbewegung die Zugl¨ange. Wesentlich ist die relative Geschwindigkeit zwischen Zug und Beobachter – das ist die einzige M¨oglichkeit, die Bewegung zu bestimmen. Die Zugl¨ange ist keine Eigenschaft des Zuges, sondern ein Kuhhandel“ zwischen zwei Beteiligten, zwischen dem ” Zug und dem Beobachter. L¨ ange ist somit ein relativer Begriff. Wie ist es zu verstehen, daß die Beobachter neben den Gleisen und die Beobachter im Zug unterschiedliche L¨ angen f¨ ur den fahrenden Zug erhalten? Das ist die Frage, deren Beantwortung Einstein zum entscheidenden Durchbruch f¨ uhrte. Einstein selbst nannte die Geburtsstunde der Relativit¨atstheorie den ” Schritt“. Die Antwort verbirgt sich in der Relativit¨ at der Gleichzeitigkeit. Am Bahnhof rast ein Zug vor¨ uber, dessen Geschwindigkeit ungef¨ahr H¨alfte der Lichtgeschwindigkeit betr¨ agt. Die Beobachter neben den Gleisen sehen, daß die Zugspitze bei einem bestimmten Glockenschlag der Uhr, etwa genau um 12 Uhr, bei einem Lichtmast in einer Entfernung von 300 Metern vom Zugende ist, das sich am Bahnhof befindet. Es wird vorausgesetzt, daß eine am Zugende befindliche Uhr, die sich mit dem Zug bewegt, die gleiche Zeit anzeigt wie die am Bahnhof befindliche Uhr, das heißt, genau 12 Uhr. Die Fahrg¨aste wissen, daß die L¨ ange ihres Zuges 350 Meter betr¨agt, so daß sich die Zugspitze gem¨aß den Fahrgastmessungen in einer Entfernung von 350 Metern vom
5.7 Verk¨ urzte L¨ ange, gedehnte Zeit
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Bahnhof befindet, wenn die im Zug befindlichen Uhren zw¨olf zeigen. Die Uhr der an den Gleisen stehenden Beobachter zeigt 12 Uhr, wenn die Zugspitze beim Lichtmast ist – in einer Entfernung von 300 Metern vom Bahnhof. Dagegen zeigt diejenige mit dem Zug fahrende Uhr, die sich im gleichen Moment auf der H¨ohe“ des Lichtmasts befindet, nicht ganz 12 Uhr an, sondern ei” ne etwas fr¨ uhere Zeit. Diese Uhr zeigt genau 12 Uhr erst dann an, wenn die Zugspitze 50 Meter weiter ist. Die an den Gleisen befindlichen Uhren und die mit dem Zug bewegten Uhren zeigen nur an einem Ort – am Bahnhof – die gleiche Zeit an, an anderen Stellen zeigen sie eine andere Zeit an. Die L¨angenmessung ist die Bestimmung des Abstands zwischen zwei gleichzeitigen Ereignissen. Aus dem Blickwinkel der am Gleis stehenden Beobachter passiert die Zugspitze den Lichtmast zur gleichen Zeit, wenn das Zugende den Bahnhof passiert. Alle Uhren am Gleisrand stehen dann genau auf zw¨olf. F¨ ur die Beobachter am Gleisrand ist der Abstand zwischen diesen Ereignissen gleich der Zugl¨ ange, das heißt, 300 Meter. Vom Standpunkt der Fahrg¨aste hat die Zugspitze einen Abstand von 350 Metern vom Bahnhof zur gleichen Zeit, wenn das Zugende den Bahnhof passiert. Ein und dieselben Ereignispaare finden f¨ ur die Beobachter am Gleisrand und f¨ ur die Beobachter im Zug nicht gleichzeitig statt und deswegen erhalten diese Beobachter einen jeweils anderen Wert f¨ ur die Zugl¨ ange. Dieses Beispiel gibt auch Auskunft u ¨ber die Relativit¨at der Zeit. Wenn die Uhren von Beobachtern, die sich relativ zueinander gleichf¨ormig bewegen, an irgendeinem Punkt des Raumes die gleiche Zeit anzeigen, dann zeigen sie in anderen Phasen ihrer Bewegung eine unterschiedliche Zeit an. Eine Uhr, die sich relativ zu uns bewegt, l¨ auft langsamer als unsere eigene Uhr. Wenn das Zugende den Lichtmast passiert, dann stellt der am Gleisrand stehende Beobachter fest, daß seine Uhr eine sp¨ atere Zeit anzeigt als eine im Zug befindliche Uhr an der gleichen Stelle, auch wenn am Bahnhof die Uhren noch die gleiche Zeit angezeigt haben. Dieser Vorgang heißt Zeitdilatation. Die Sekunden im vorbeirasenden Zug dehnen sich, wenn man das Laufen der Zuguhren mit dem Laufen der Uhren am Gleisrand vergleicht. Akzeptiert man diese vielleicht widerspr¨ uchlich erscheinenden Sachverhalte, dann hat man das Wesen der Speziellen Relativit¨atstheorie verstanden, n¨amlich die Relativit¨ at der Zeit und der L¨ ange. Ohne diese Relativit¨at w¨are die Lichtgeschwindigkeit weder von der Geschwindigkeit der Lichtquelle unabh¨angig, noch w¨ urden die Maxwellschen Gleichungen des Elektromagnetismus immer gelten – im Gegensatz zu dem, was Einstein forderte und die Natur best¨atigt. Abst¨ande und Zeitintervalle haben keine absolute Bedeutung, sondern ihre Werte h¨angen von der Geschwindigkeit ab, die der messende Beobachter relativ zu dem zu messenden Objekt hat. Eine Sentenz besagt, daß die Sch¨onheit im Auge des Betrachters liegt. Hier geht es um einen Sachverhalt, der dieser Sentenz ein kleines bißchen ¨ ahnelt: die L¨angen und die Zeitintervalle liegen in den Fingerspitzen des messenden Beobachters. Wenn ich mich zum Beispiel dadurch beschreibe, daß ich 182 Zentimeter groß und 57 Jahre alt bin, dann hat diese Beschreibung keine absolute Be-
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
deutung. Wenn einige Aliens mein Leben von ihrem Raumschiff aus verfolgt haben, dessen Geschwindigkeit relativ zu mir 80% der Lichtgeschwindigkeit betr¨agt, dann stellen sie fest, daß ich einen reichlichen Meter groß und ein krummer alter Mann von etwas mehr als 83 Jahren bin. Ich w¨ urde also ganz sch¨on alt aussehen! Es kommt aber noch schlimmer: W¨ urden die Aliens mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, dann h¨ atte ich gar keine physische Gr¨oße, w¨are aber unendlich alt. All das sind ebenfalls korrekte Beschreibungen meiner Person. Meine eigene Messung ergibt die l¨ angste K¨orpergr¨oße (182 Zentimeter) und das j¨ ungste Alter (57) und die gleichen Werte werden von allen denjenigen gemessen, die sich in meinem Ruhekoordinatensystem ungef¨ahr an der gleichen Stelle befinden und sich relativ zu mir nicht bewegen. Alle anderen Messungen machen mich kleiner und ¨ alter.
5.8 Unglaublich, aber wahr F¨ ur Einsteins Zeitgenossen war es schwer, seine Ergebnisse u ¨ ber Zeit und Raum zu verstehen und zu akzeptieren. Einstein ersch¨ utterte die herk¨ommlichen Begriffe, u ¨ber deren Beschaffenheit man u ¨blicherweise nicht aktiv nachdachte, ganz zu schweigen davon, diese Begriffe anzuzweifeln. Die Relativit¨at der Gleichzeitigkeit ist schwer zu begreifen, weil sie sich in keinem gew¨ohnlichen Ph¨anomen des Alltagslebens konkret offenbart. Unser Zugbeispiel ist scheinbar allt¨aglich, aber die nicht allt¨ agliche Geschwindigkeit von ungef¨ahr 150 000 km/Sekunde macht den Zug unrealistisch. Bei einem realen Zug – selbst wenn es sich um den Cixuanfulieche handelt, also um den Transrapid Shanghai – sind die Abweichungen von der Gleichzeitigkeit so extrem gering, daß wir keinerlei M¨ oglichkeit haben, diese Abweichungen zu erkennen. Aber es gibt Abweichungen, die Natur ist tats¨ achlich so beschaffen. ¨ Einsteins Theorie war im Vergleich zu den Schn¨orkeln der Athertheorie u berraschend einfach und nat¨ u rlich. Es gab Physiker, die die kristallklare Lo¨ gik sofort verstanden und bereit waren, sie zu akzeptieren. F¨ ur den u berwie¨ genden Teil der Physiker war Einsteins Theorie jedoch nur das Ergebnis eines der vielen erfolglosen Versuche. Lange Zeit verwechselte man Einsteins Theorie mit der Theorie von Lorentz, auch wenn die erstere mit der letzteren nichts anderes gemeinsam hat, als die gleich aussehenden Formeln. Warum wurde die Relativit¨ atstheorie nicht schon fr¨ uher entdeckt? Warum konnte das von Galilei und Newton geschaffene Bild von den Gesetzm¨aßigkeiten der Physik das Denken so lange in aller Ruhe beherrschen? Die Erkl¨arung ist einfach: die Leistungsf¨ ahigkeit der menschlichen Sinnesorgane ist begrenzt. Newtons Theorie beruhte weithin auf den Informationen, die der Mensch von der Natur durch seine Sinneswahrnehmungen erhielt – es handelte sich um die mathematische Beschreibung der Alltagsrealit¨at. Die einfachen Versuche, die seit Galileis Zeiten durchgef¨ uhrt worden waren, hatten in der Natur nichts aufgedeckt, was nicht auch sonst herausgefunden worden w¨are. Diese Experimente vereinfachten nur die Ph¨ anomene und halfen auf diese Weise, die hinter
5.9 Einstein und Poincar´e
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ihnen stehenden Gesetze zu finden. Nach Newtons Zeit wurden die experimentellen Methoden allm¨ ahlich exakter, aber man entdeckte nichts, was die Theorie Newtons infragegestellt h¨ atte. Die Newtonsche Theorie marschierte von Sieg zu Sieg und festigte ihre Position st¨ andig. Die Korrekturen, welche die Relativit¨ atstheorie an den Gesetzen der Newtonschen Mechanik vornimmt, sind so klein, daß ihre direkte Beobachtung pr¨aziseste technische Instrumente erfordert. Aus diesem Grund blieben die von der Relativit¨atstheorie aufgedeckten Naturgesetze den Menschen so lange verborgen. Einstein fand die Relativit¨ atstheorie nicht mit Hilfe von experi¨ mentellen Beobachtungen bez¨ uglich des Athers oder durch Messungen. Der Elektromagnetismus war es, der Einstein auf die richtige Spur brachte. Einstein hatte das vor allem Faraday und Maxwell zu verdanken. Die Portr¨ats dieser beiden Vorbilder hingen an der Wand von Einsteins letztem Arbeitszimmer in Princeton.
5.9 Einstein und Poincar´ e ¨ Oft sind Uberlegungen angestellt worden, inwieweit die Spezielle Relativit¨atstheorie eine echte Errungenschaft Einsteins ist. Wie bereits festgestellt, hatten andere den Tisch f¨ ur ihn bereits fertig gedeckt. Alles in allem kann man schließen, daß zumindest Poincar´e Einstein gegen¨ uber verbittert war, weil dieser in seiner Ver¨offentlichung nicht auf Poincar´es einschl¨agige Arbeiten verwiesen hatte, die sich mit der Relativit¨ at der Gleichzeitigkeit befaßten, obwohl genau das der Schl¨ ussel zu Einsteins eigenen Schlußfolgerungen war. Die Entr¨ ustung war gerechtfertigt. In Einsteins Ver¨ offentlichung finden sich keinerlei Hinweise auf das Michelson-Morley-Experiment, auf die Kontraktionstheorie von Lorentz und Fitzgerald oder auf Poincar´es Arbeiten, obwohl Einstein von allen diesen Arbeiten Kenntnis hatte und einige von ihnen sehr gr¨ undlich studierte. Heutzutage w¨ urde eine solche Achtlosigkeit gegen¨ uber den Arbeiten anderer als a¨ußerste Arroganz gebrandmarkt werden, wenn nicht gar als wissenschaftlicher Betrug. Ver¨offentlichungen ohne Literaturhinweise waren damals nicht ganz selten. Band 17 der Zeitschrift Annalen der Physik, in der Einsteins Arbeit erschien, enth¨alt insgesamt 54 Artikel und bei fast einem Zehntel fehlen die Literaturhinweise. Aber bei den anderen zitatenlosen“ Ver¨offentlichungen handelt es ” sich im Großen und Ganzen um kurze Mitteilungen zu experimentellen Mes¨ sungen. (Ubrigens ist es vergebliche M¨ uhe, ein Original des Bandes 17 der Annalen der Physik auf den Regalen der Bibliotheken zu suchen. Die Bibliothekare halten die Originalb¨ ande sorgf¨ altig im Safe unter Verschluß, wovon ich mich in einer Bibliothek anhand einer schmuddeligen Fotokopie u ¨berzeugen konnte, durch die man das Original auf dem Regal ersetzt hatte. Wer Gl¨ uck hat, kann ein eigenes Exemplar auf einer Antiquit¨atenauktion ersteigern, wenn er daf¨ ur ungef¨ahr zwanzigtausend Euro blecht.)
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5 Spezielle Relativit¨ atstheorie
Einstein widersprach sich, als er bei verschiedenen Anl¨assen erz¨ahlte, was er von diesen fr¨ uheren Arbeiten wußte und was nicht, als er seine Theorie entwickelte. Manchmal behauptete er, erst im Nachhinein von den Ergebnissen des Michelson-Morley-Experiments erfahren zu haben, andernfalls h¨atte er diese Resultate in seiner Ver¨ offentlichung zitiert. Bei anderer Gelegenheit sagte er, daß er gewiß bereits fr¨ uher in den Lorentzschen Arbeiten von diesen Resultaten gelesen habe, jedoch h¨ atten die Ergebnisse seine Schlußfolgerungen u ¨berhaupt nicht beeinflußt. Auch sp¨ater hat Einstein sehr selten auf Poincar´es Arbeiten verwiesen. Vielleicht bef¨ urchtete er, daß der Wert seiner eigenen Leistung in den Augen der Wissenschaftler sinken w¨ urde, wenn er zug¨abe, Anregungen aus diesen Arbeiten erhalten zu haben. Poincar´e schwieg seinerseits fast vollst¨andig u ¨ber Einsteins Relativit¨ atstheorie, obgleich ihn der Themenkreis auch weiterhin interessierte. Man kann sich auch vorstellen, daß es f¨ ur ihn – den hochgesch¨atzten Mathematiker und Philosophen – eine bittere Pille war, als ihm ein junger unbekannter Angestellter eines Patentamtes die sensationelle wissenschaftliche Entdeckung vor der Nase wegschnappte. Einstein und Poincar´e trafen einander zum ersten Mal 1911 in Br¨ ussel auf der sogenannten Solvay-Konferenz. Es war auch das letzte Mal. Einstein war damals zweiunddreißig Jahre alt und lebte in seiner ungest¨ umtesten Schaffensperiode. Poincar´e hingegen war siebenundf¨ unfzig Jahre alt und arbeitete immer noch intensiv, aber seine kreativste Zeit lag bereits weit zur¨ uck. Das Treffen war nicht sonderlich gegl¨ uckt und beide M¨anner fanden in wissenschaftlichen Dingen – physikalisch ausgedr¨ uckt – keine gemeinsame Wellenl¨ange. Einstein trug u ¨ber Quantenphysik vor, und seine Vortr¨age schienen f¨ ur Poincar´e, der sich an die Theorien von Newton und Lorentz klammerte, im Widerspruch zu fast allem zu stehen, was ein Naturgesetz f¨ ur ihn bedeutete. In der Quantenphysik gab es keine Funktionen, die sich gut verhielten, keine entsprechenden Differentialgleichungen, keine ordentlichen Kausalit¨atsbeziehungen und keinen Platz f¨ ur die physikalische Intuition. Die Relativit¨atstheorie wurde auf der Konferenz nicht behandelt, und so mußte man nicht u ¨ber heikle Dinge sprechen. Zwei große M¨ anner, die sich in ihrem Denken n¨aher kamen als irgend zwei andere, schritten ruhig und gravit¨atisch“ 2 aneinander ” vorbei – so wie sich zwei Schiffe auf dunkler See kreuzen. Das Bild, das sich Einstein auf der Konferenz von Poincar´e machte, war nicht positiv. Gem¨ aß Einstein hatte Poincar´e auf alles negativ reagiert und schien nicht recht zu erfassen, was in der Physik vonstatten ging. Zum Vergleich berief sich Einstein auf Lorentz, dessen Verstand und Takt er bis in den Himmel pries. Poincar´e hingegen war von Einsteins Auftritt beeindruckt, auch wenn er dessen Quantenideen nicht akzeptierte. Bald nach der Konferenz schrieb Poincar´e im Zusammenhang mit einer Bewerbung ein Gutachten, in 2
Das Adjektiv gravit¨ atisch“ bedeutet w¨ urdevoll, ernst“. Das Wort geht auf das ” ” lateinische Substantiv gravitas“ zur¨ uck, das w¨ urdevolles Wesen, Schwere“ be” ” deutet. Von gravitas“ leitet sich auch das Wort Gravitation“ (Schwerkraft) ab. ” ”
5.9 Einstein und Poincar´e
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dem er feststellte, daß Einstein einer der intelligentesten Denker sei, die er kannte, und daß Einsteins Leistungen und neue Einsichten unvergleichlich seien und sich im Laufe der Zeit als noch wertvoller erweisen w¨ urden. Diese positive Meinung kam jedoch in Poincar´es ¨ offentlichen Auftritten nie zum Vorschein. Als er im Mai 1912 in London u ¨ber Raum und Zeit sprach, sagte ¨ er nichts mehr u kommentierte aber andererseits den neuen ¨ber den Ather, ” Denkansatz einiger Physiker“, den er vom Standpunkt der Physik als unn¨otig erachtete. Er erw¨ahnte die Relativit¨ atstheorie von Lorentz“, wies aber mit ” keinem Wort auf Einstein hin. Poincar´e starb ein paar Monate sp¨ater. Der an der Universit¨ at Edinburgh t¨ atige Mathematiker Edward Whitta¨ ker ver¨offentlichte 1952 ein Buch u und Elektri¨ber die Geschichte der Atherzit¨atstheorien. Darin sprach er u ¨ber die Relativit¨atstheorie von Lorentz und ” Poincar´e“ und versuchte, Einsteins Anteil herunterzuspielen. Max Born, Professor der Physik an derselben Universit¨ at und ein guter Bekannter Einsteins, ¨ versuchte vergeblich, Whittaker von dieser provokativen Ubertreibung abzubringen. Born gab Einstein eine Vorwarnung, aber die Angelegenheit schien Einstein zumindest ¨ außerlich gleichg¨ ultig zu sein. Einstein schien sich mehr dar¨ uber aufgeregt zu haben, daß Born im gleichen Brief von seinem Plan erz¨ahlte, als Pension¨ ar nach Deutschland zur¨ uckzukehren. Deutschland war f¨ ur Einstein das Land der Massenm¨ order“, und er konnte nicht verstehen, ” wie ein Jude, der ins Exil gegangen war, jemals dorthin zur¨ uckkehren konnte.
6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
Die Spezielle Relativit¨ atstheorie wurde zur¨ uckhaltend aufgenommen. Ihre Vorhersagen u angenkontraktion waren sonderbar, ¨ber die Zeitdilatation und die L¨ aber sie haben sich als richtig erwiesen. Einsteins Relativit¨ atstheorie zerst¨ orte also das Fundament der klassischen Mechanik, die absolute Zeit und den absoluten Raum. Newton verzeih’ mir“ 1 , ” sagte Einstein. Jedoch machte die Relativit¨ atstheorie die Newtonsche Theorie nicht zu einer untauglichen Sache. Die Theorie Newtons eignet sich auch weiterhin ausgezeichnet zur Beschreibung der mechanischen Ph¨anomene. Die Bewegungen der Himmelsk¨ orper k¨ onnen mit Hilfe der Lehren Newtons berechnet werden und die Satelliten kreisen auf den richtigen Umlaufbahnen, wenn sie auf der Grundlage der Newtonschen Gleichungen gesteuert werden. Auf der Universit¨at und in den Schulen wird fast nur die Newtonsche Mechanik unterrichtet. Die meisten Physikstudenten lernen nur die Grundlagen der Relativit¨atstheorie, und sie werden diese in ihrem Beruf als Physiker vermutlich gar nicht weiter brauchen. Die Newtonsche Theorie beruht auf falschen Ausgangsbedingungen – auf dem absoluten Raum und der absoluten Zeit – aber in den Situationen, in denen die Theorie Newtons angewendet wurde und weiterhin angewendet wird, hat das keine Bedeutung. Einstein wies dennoch nach, daß es Ph¨anomene gibt, die von der Newtonschen Theorie nicht erkl¨art werden k¨onnen. Newtons Theorie taugt nicht zu allem – ganz im Unterschied zu dem, was man noch um die Wende zum 20. Jahrhundert glaubte. Die Relativit¨atstheorie wird nur dann ben¨otigt, wenn die relativen Geschwindigkeiten in der N¨ahe der 1
Newton verzeih’ mir; du fandest den einzigen Weg, der zu deiner Zeit f¨ ur einen ” Menschen von h¨ ochster Denk- und Gestaltungskraft eben noch m¨ oglich war. Die Begriffe, die du schufst, sind auch jetzt noch f¨ uhrend in unserem physikalischen Denken, obwohl wir nun wissen, daß sie durch andere, der unmittelbaren Erfahrung ferner stehende ersetzt werden m¨ ussen, wenn wir ein tieferes Begreifen der Zusammenh¨ ange anstreben.“
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6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
Lichtgeschwindigkeit liegen. Die Ergebnisse der Theorie Newtons sind nicht vollkommen exakt, aber die Fehler sind so klein, daß sie f¨ ur uns langsame Erdbewohner keine Bedeutung haben, egal ob wir joggen, Nordic Walking betreiben oder sprinten. Als Einstein seine Spezielle Relativit¨ atstheorie ver¨offentlichte, erwartete er, daß sie von den Physikern verrissen w¨ urde, hatte er doch keinerlei experimentelle Best¨atigungen, um seine Theorie zu untermauern. Warum sollte man die Newtonsche Theorie, die sich als exzellent erwiesen hatte, durch ein neues Gedankengeb¨ aude ersetzen, wenn kein konkretes Meßergebnis dies erforderte? Diese Art von Kritik unterblieb jedoch. Tats¨achlich h¨orte man lange Zeit u ¨ berhaupt nichts. Die Physiker antworteten auf seine Ver¨offentlichung mit tiefer Stille. Das war eine Entt¨ auschung f¨ ur Einstein, denn er konnte es kaum erwarten, seine Theorie mit anderen Physikern zu diskutieren und seine Ideen zu verteidigen. War das Machwerk“ des unbekannten jungen Mannes ” mit Achselzucken u ¨bergangen worden?
6.1 Pro und kontra Die erste Reaktion kam erst nach Wochen, war aber umso bemerkenswerter. Max Planck (1858–1947) schrieb Einstein aus Berlin und stellte einige spezifische Fragen zu den Details der Ver¨ offentlichung. Einstein war begeistert. Einer der f¨ uhrenden damaligen Physiker hatte die Ausf¨ uhrungen des in wissenschaftlichen Kreisen vollkommen unbekannten Patentamtangestellten gelesen und sich ernsthaft damit besch¨ aftigt! So etwas hatte Einstein nun wirklich nicht zu hoffen gewagt. Planck war von Einsteins Theorie echt begeistert und ver¨offentlichte bald sogar eigene Forschungsarbeiten dazu. Viele bedeutende Physiker wurden sp¨ ater zu Anh¨angern der Relativit¨atstheorie. Es gab aber auch Widerstand und manche zeigten Einstein die kalte Schulter, insbesondere weil experimentelle Best¨atigungen fehlten. Aus diesem Grund konnte sich die Theorie noch viele Jahre nicht etablieren. Als Einstein dar¨ uber informiert wurde, daß ihm der Nobelpreis 1922 zuerkannt wird, erw¨ahnte der Sekret¨ ar des Nobelkomitees in seinem Telegramm absichtlich, daß die Relativit¨ atstheorie nicht der Grund f¨ ur die Auszeichnung sei. Zwar hatte Einstein bereits seine Allgemeine Relativit¨atstheorie vorgelegt, die eine Verallgemeinerung der Speziellen Relativit¨ atstheorie ist und Einsteins wirkliches Meisterwerk darstellt, aber es gab damals noch keine vollkommen zweifelsfreie experimentelle Best¨ atigung f¨ ur die Relativit¨atstheorie. Hjalmar Tallqvist schrieb in seinem bereits fr¨ uher genannten Buch Der neue Aufstieg der Physik, das 1928 erschien, nur einige kurze Zeilen u ¨ber Einstein und die Relativit¨ atstheorie. In diesen kurzen Stellen spiegelt sich die f¨ ur Experimentalphysiker typisch reservierte und ausweichende Haltung gegen¨ uber Einsteins Theorien wider, die als schwerverst¨andlich galten. Bei” nahe h¨atte ich die revolution¨ are und umstrittene Relativit¨atsdoktrin Einsteins
6.2 Ursache vor Folge
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vergessen, die die Gem¨ uter weltweit in Wallung gebracht hat. Es ist eine besonders abstrakte Theorie, die schwer zu verstehen und schwer zu erkl¨aren ist, und auf ihre Kosten kam es zu allerlei Betrug – zur großen Gefahr der wahren Wissenschaft.“ Es w¨ are interessant, zu wissen, welchen Betrug Tallqvist meint! Es gibt heute nicht mehr die geringsten Zweifel an der Richtigkeit und Notwendigkeit der Speziellen Relativit¨ atstheorie. Unz¨ahlige Experimente haben die Korrektheit der Theorie innerhalb der Grenzen der Meßgenauigkeit best¨atigt. Am u ¨berzeugendsten zeigt die Relativit¨atstheorie ihre St¨arke in der Teilchenphysik. Die Laufbahn eines Teilchenphysikers w¨ urde an der ersten Kurve eines Teilchenbeschleunigers zerschellen, falls unser Physiker versuchen w¨ urde, mit der Newtonschen Mechanik auszukommen. Er w¨ urde weder die Bewegungen der Teilchen verstehen, noch den Teilchenbeschleuniger ingangsetzen k¨onnen. Die mikroskopisch kleinen Grundbausteine der Materie verhalten sich so, als ob sie noch nie etwas von Newton geh¨ort h¨atten. In den modernen Teilchenbeschleunigern werden Milliarden und Abermilliarden Teilchen auf Geschwindigkeiten beschleunigt, die mehr als 99,999...% der Lichtgeschwindigkeit betragen. Man k¨ onnte diese Teilchen im Beschleunigerring nicht auf der richtigen Bahn halten, h¨ atte man bei der Planung der Anlage nicht auf die Relativit¨atstheorie, sondern auf die Newtonschen Gesetze der klassischen Mechanik zur¨ uckgegriffen.
6.2 Ursache vor Folge Zu den Folgen der Relativit¨ atstheorie wird im Allgemeinen gez¨ahlt, daß sich Information von einem Ort zum anderen maximal mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann. Jedoch folgt dies nicht aus Einsteins Grundvoraussetzung, daß die Lichtgeschwindigkeit konstant ist. Vereinbart man aber die vern¨ unftig erscheinende Zusatzvoraussetzung, daß die Ursache-Folge-Beziehungen zwischen den Ereignissen, also die Kausalit¨ atsbeziehungen, unabh¨angig von der Relativgeschwindigkeit des Beobachters in Bezug auf das jeweilige Ereignispaar erhalten bleiben, dann ist die Lichtgeschwindigkeit die gr¨oßtm¨ogliche Informations¨ ubertragungsgeschwindigkeit. Wenn zwei Ereignisse an verschiedenen Orten stattfinden und keinerlei kausalen Zusammenhang aufweisen, dann h¨angt ihre zeitliche Reihenfolge von der Relativgeschwindigkeit des Beobachters in Bezug auf das betreffende Ereignispaar ab. Die chronologische Reihenfolge von Ereignissen, die an verschiedenen Orten stattfinden, ist also relativ. Einem langsamen Finnl¨ ander f¨ allt es schwer, diese Tatsache im Nordlicht seiner t¨aglichen Erfahrung zu glauben, aber so verh¨ alt es sich in der Natur, wenn die relativen Geschwindigkeiten groß sind. Wenn es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen eines Ereignispaares gibt, dann liegt die Ursache immer vor der Folge. Ein SumoRinger-Wettkampf in Tokyo und die in Helsinki stattfindende Beobachtung des Fights in einer Internet¨ ubertragung ist ein solches Ereignispaar. Es w¨are
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6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
reichlich sonderbar, wenn ein mit gewaltiger Geschwindigkeit vorbeirasender Zuschauer feststellen w¨ urde, daß man in Helsinki bereits dem Sieger zujubelt, w¨ahrend die Rikishi in Tokyo noch mit ihrem Anfangsritual besch¨aftigt sind und mit den Beinen in eindrucksvollen B¨ ogen auf der Matte herumstampfen. Die Erhaltung der Ursache-Folge-Beziehung, das heißt – gelehrt ausgedr¨ uckt – die Invarianz der Kausalit¨ at, gilt in der Relativit¨atstheorie unter der Voraussetzung, daß sich ein Effekt h¨ ochstens mit Lichtgeschwindigkeit von der Ursache auf die Folge u agt. W¨ are die Daten¨ ubertragung schneller, dann ¨ bertr¨ k¨onnte sich die Folge nach Auffassung einiger Beobachter vor der betreffenden Ursache ereignen.
6.3 Schneller als das Licht Die Relativit¨atstheorie schließt Bewegungen nicht aus, die schneller als das Licht sind. Die Teilchen, die sich im leeren Raum schneller als das Licht bewegen, werden Tachyonen genannt. Die Physiker haben von Zeit zu Zeit u ¨ber diese Teilchen spekuliert und haben sie als Erkl¨arung f¨ ur einige unerwartete Meßergebnisse pr¨ asentiert. Eine dieser Erkl¨ arungen h¨angt mit dem Betazerfall zusammen. Der Betazerfall ist der radioaktive Zerfall eines Atomkerns, bei dem u. a. Elektronen und Neutrinos abgestrahlt werden. Das Neutrino ist ein neutrales Teilchen, das im Vergleich zu anderen Elementarteilchen sehr leicht ist. Es ist so leicht, daß man seine Masse bis jetzt noch nicht mit Erfolg gemessen hat. Durch Messen der Energie eines beim Betazerfall entstehenden Elektrons kann man Informationen u ¨ ber die Masse des Neutrinos gewinnen, aber die erzielten Ergebnisse waren lange Zeit sehr r¨atselhaft. In den Experimenten wurde die Masse des Neutrinos als Gr¨oße zweiter Ordnung gemessen und erwies sich entgegen allen Erwartungen als negativ. Ein solches Ergebnis w¨are nur dann m¨ oglich, wenn die Neutrinos Tachyonen w¨aren. Aber wie so oft erwiesen sich die Spekulationen mit dieser exotischen Alternative als u ussig, als die Messungen pr¨ aziser wurden. ¨berfl¨ Die heutigen Teilchenbeschleuniger sind große Ringe, in denen die Teilchen von elektrischen Feldern beschleunigt und von Magnetfeldern so gelenkt werden, daß sie in entgegengesetzten Richtungen kreisen und aufeinander prallen. Im LEP-Beschleuniger2 des Europ¨ aischen Kernforschungszentrums CERN3 kreisten Elektronen und Positronen, im Beschleuniger des Fermilab in den Vereinigten Staaten und im Large Hadron Collider (LHC), der in CERN in Betrieb genommen wird, kreisen Protonen und Antiprotonen. Die Teilchen, die in diesen Beschleunigern gegeneinander krachen“, haben in Bezug ” auf das Labor eine Geschwindigkeit, die nahe bei der Lichtgeschwindigkeit liegt, das heißt, ungef¨ ahr 300 000 km/s. Bewegen sich dann die Teilchen nicht 2 3
Large Electron Positron Collider (Speicherring f¨ ur Elektronen und Positronen). CERN = Centre Europ´een de Recherches Nucl´eaires (Europ¨ aisches Kernforschungszentrum) in Genf.
6.4 Die vierte Dimension des Universums
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mit fast doppelter Lichtgeschwindigkeit aufeinander zu? Ritten wir auf einem Elektron, w¨ urden wir dann das Positron nicht mit einer Geschwindigkeit von 600 000 km/s auf uns zurasen sehen? Nein, w¨ urden wir nicht! Die fehlerhafte Schlußfolgerung beruht auf der Newtonschen Mechanik und auf dem Galileischen Relativit¨atsprinzip, einem von fr¨ uher her vertrauten Gesetz: die Geschwindigkeit eines Bootes in Bezug auf das Ufer ergibt sich, wenn man die Geschwindigkeit des Bootes in Bezug auf das Wasser und die Str¨ omungsgeschwindigkeit des Wassers in Bezug auf das Ufer addiert. Einstein zeigte, daß dieses Gesetz nur gilt, wenn die Geschwindigkeiten viel kleiner als die Lichtgeschwindigkeit sind. Laut Relativit¨atstheorie kann die Summe von Geschwindigkeiten nie die Lichtgeschwindigkeit u urden die Schiffsschrauben das Boot relativ zum Was¨berschreiten. W¨ ser mit knapper Lichtgeschwindigkeit antreiben und w¨are die Str¨omungsgeschwindigkeit des Flusses, die dem Boot zus¨ atzliches Tempo verleiht, von derselben Gr¨oßenordnung, dann w¨ urde der Pott – vom Ufer aus gesehen – nicht mit nahezu doppelter Lichtgeschwindigkeit vorbeidampfen, sondern nur mit einer Geschwindigkeit, die etwas unter der Lichtgeschwindigkeit liegt. Mit anderen Worten: Lichtgeschwindigkeit plus Lichtgeschwindigkeit gleich Lichtgeschwindigkeit. Die seltsam erscheinende Addition der Geschwindigkeiten ist eine einfache Folge des Einsteinschen Relativit¨ atsprinzips. Entsprechend den Maxwellschen Gleichungen breitet sich das Licht relativ zu allen Beobachtern mit ein und derselben Geschwindigkeit aus, das heißt, die L¨ange des vom Licht zur¨ uckgelegten Weges dividiert durch die dabei verflossene Zeit ist immer gleich c. Damit zwei Beobachter, die sich relativ zueinander bewegen, f¨ ur das Licht ein und denselben Geschwindigkeitswert erhalten, m¨ ussen die L¨ange des vom Licht zur¨ uckgelegten Weges und die dabei vergangene Zeit relativ sein, das heißt, sie sind f¨ ur diese beiden Beobachter verschieden. Gem¨aß der Relativit¨ atstheorie ist die Lichtgeschwindigkeit unabh¨angig von der Geschwindigkeit des Beobachters, aber das Licht ist kein Spezialfall. Das Gesetz bezieht sich zum Beispiel auch auf Teilchen, die sich mit großer Geschwindigkeit bewegen. Je mehr sich die Relativgeschwindigkeit eines Teilchens in Bezug auf einen Beobachter der Lichtgeschwindigkeit n¨ahert, desto n¨aher liegen auch die von allen anderen Beobachtern gemessenen Geschwindigkeiten des Teilchens bei dem gleichen Wert. Das observierte Positron bewegt sich relativ zum Physiker, der die Messungen im Labor durchf¨ uhrt, nahezu mit Lichtgeschwindigkeit und mit ungef¨ ahr derselben Geschwindigkeit bewegt sich das Positron auch relativ zu dem ihm entgegen rasenden anderen Beob” achter“, dem Elektron.
6.4 Die vierte Dimension des Universums Der im litauischen Kaunas geborene Mathematiker Hermann Minkowski, der in Deutschland und in der Schweiz wirkte, entwickelte f¨ ur die Spezielle Re-
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6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
lativit¨atstheorie eine neue Darstellungsweise, die sich als ¨außerst n¨ utzlich erwies. Minkowski war Einsteins Mathematikprofessor an der ETH Z¨ urich. Er sprach u ¨ber die Zeit als vierte Dimension. Er bezeichnete den vierdimensionalen Raum, der aus den drei Ortsdimensionen (zum Beispiel West-Ost, S¨ udNord, unten-oben) und aus der Zeit besteht, als Raumzeit, und entwickelte eine elegante mathematische Sprache zur Beschreibung dieses Raumes. Die Punkte der Raumzeit sind Ereignisse“, sie enthalten Informationen ” u ¨ber den Ort und u ¨ber die Zeit. Auch wir sind Punkte – oder, korrekter gesagt, kleine oder etwas gr¨ oßere K¨ orper – in diesem Raum, und mit dem Verstreichen der Zeit beschreiben wir eine fiktive Kurve in diesem Raum, eine Weltlinie. Unsere Weltlinie gibt Auskunft dar¨ uber, wo wir uns im Raum zu einem gegebenen Zeitpunkt befinden. Treffen sich die Weltlinien zweier Menschen, dann sind sie zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Handelt es sich dabei sogar um eine romantische Begegnung, dann k¨onnen diese beiden Weltlinien von da an mehr oder weniger eng miteinander verschlungen sein. Die Formeln von Lorentz, die Einsteins Ausgangspunkt waren, geben Auskunft dar¨ uber, wie sich die Koordinaten (das heißt, die drei Ortskoordinaten und die Zeit) von Beobachtern zueinander verhalten, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen. Die Orts- und Zeitkoordinaten verschiedener Beobachter vermischen sich so miteinander, daß mein Raum dein Raum und deine Zeit ist und daß dein Raum mein Raum und meine Zeit ist. Gem¨aß dem am Gleis stehenden Beobachter befindet sich das Ende des am Bahnhof vorbeirasenden Zuges zur gleichen Zeit am Bahnhof, wenn die Zugspitze am Lichtmast ist. Das Ereignispaar das Zugende f¨ahrt am Bahnhof vorbei“ ” und die Zugspitze f¨ ahrt am Lichtmast vorbei“ h¨angt aus der Sicht dieses ” Beobachters mit einem bestimmten Abstand, der Zugl¨ange zusammen, aber nicht mit einem Zeitunterschied, weil die Ereignisse gleichzeitig stattfinden. Aus der Sicht des mit dem Zug fahrenden Beobachters haben diese Ereignisse außer dem r¨aumlichen Abstand auch einen zeitlichen Abstand, das heißt, sie finden zu verschiedenen Zeiten statt. F¨ ur den im Zug fahrenden Beobachter entspricht der r¨aumliche Abstand des am Gleis stehenden Beobachters also einem gewissen r¨ aumlichen Abstand und einer gewissen Zeitspanne. Minkowski dr¨ uckte den Sachverhalt pathetisch so aus: Von Stund an sollen Raum ” f¨ ur sich und Zeit f¨ ur sich v¨ ollig zu Schatten herabsinken, und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbst¨ andigkeit bewahren.“ Als Einstein Minkowskis Artikel las, war er geschockt. Seiner Meinung war das Ganze nichts als unn¨ otige Sophistik und er hielt die Vorstellung f¨ ur banal, daß die Welt ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum“ sei. Einstein ” hatte in seiner eigenen Arbeit einen anschaulichen Stil verwendet und die Dinge mit Hilfe von bekannten Begriffen dargestellt. Er beklagte sich, daß er in den Spuren der Mathematiker seine eigene Theorie nicht identifizieren k¨onne und witzelte damit nat¨ urlich u ¨ber die u ¨berspitzten abstrakten Formulierungen. Als Student hatte Einstein in Z¨ urich viele Mathematikvorlesungen bei Minkowski geh¨ort und Minkowski wußte, wor¨ uber er sprach, als er bei einer Gelegenheit durchblicken ließ, daß Einstein keineswegs ein mathematisches
6.4 Die vierte Dimension des Universums
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Wunderkind sei. Er beschrieb Einstein als faulen Hund, der das Studium der Mathematik nicht so ernst nahm, wie er es h¨ atte tun sollen. Vielleicht hatte aber auch Einstein von jenen Zeiten her seine eigenen Vorstellungen von Minkowski, die seine Reaktion beeinflußten. Einstein sch¨atzte den Snobismus“ ” der Mathematiker nicht. Wie es auch immer gewesen sein mag, Minkowskis Darstellung von Raum und Zeit erwies sich als sehr n¨ utzlich. Es war ein Durchbruch, der dazu f¨ uhrte, daß die Relativit¨ atstheorie mehr Aufmerksamkeit und Interesse erregte. Die Darstellung von Raum und Zeit als Bestandteile eines allgemeineren vierdimensionalen Raumes macht die mathematische Behandlung der Relativit¨atstheorie einfach und elegant. Die heutigen Physiker bewegen sich in der vierdimensionalen Welt, im Minkowski-Raum, wie zuhause. Dort k¨onnen sie geschickt Theorien formulieren, denen man bereits ¨außerlich ansieht, ob sie Einsteins Relativit¨ atsprinzip erf¨ ullen. Viele Theorien w¨ urden in den Augen dieser Physiker nahezu unkenntlich werden, wenn man die Zeit von den Ortsdimensionen trennen w¨ urde. Auch Einstein entdeckte sp¨ ater die Vorteile des vierdimensionalen Raumes, als er seine Allgemeine Relativit¨ atstheorie formulierte. Er verwendete Minkowskis hochgestochene“ Mathematik, die er fr¨ uher bel¨achelt hatte. Minkowski ” konnte diesen mathematischen Triumph, den sein schlechter Sch¨ uler nach angespanntem Nachdenken errungen hatte, nicht mehr erleben, da er 1909 im Alter von nur 44 Jahren an einem Blinddarmdurchbruch gestorben war. Man kann sehr wohl u ¨ber das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum sprechen, aber das darf keinen mystischen Schauder verursachen, wie sich ¨ Einstein gelegentlich ausdr¨ uckte. Die Anderung der Darstellungsweise ¨andert die Welt nicht, sondern es geht um den gleichen bekannten Raum und die gleiche bekannte Zeit. Man kann die L¨ angenkontraktion eines bewegten K¨orpers aus dem Blickwinkel der Raumzeit so verstehen, daß der K¨ orper w¨ahrend seiner Bewegung gleichsam teilweise in die Zeitrichtung abtaucht“ und wir ihn dann in sei” ner Raumrichtung verk¨ urzt sehen. Sogar unser langer Zug l¨aßt sich mit diesem Bild in Einklang bringen, wenn man ihn sich schr¨ag von vorn vorstellt: durch den Blickwinkel ist der Zug gleichsam verk¨ urzt. Ein ruhender K¨orper ist ¨ahnlich wie ein auf dem Schreibtisch liegender Bleistift unter dem Schein einer Lampe. Wird der Bleistift in eine aufrechtere Position gebracht, dann verk¨ urzt sich sein Schatten auf dem Tisch. Die aufrechtere Position entspricht der Bewegung und die vertikale Richtung der Zeit. Der Schatten auf dem Tisch entspricht dem K¨ orper, wie wir ihn in der Raumzeit sehen. Je aufrechter der Bleistift steht, desto schneller ist die ihm entsprechende Bewegung und desto k¨ urzer ist der K¨ orper, das heißt, der Schatten. Steht der Bleistift senkrecht, dann ist der Schatten vollkommen verschwunden. Das entspricht einer mit Lichtgeschwindigkeit erfolgenden Bewegung, bei der sich der K¨orper auf eine nichtexistente L¨ ange verk¨ urzt. Wenn wir als außenstehende Beobachter die L¨ange eines dahinrasenden Zuges messen, dann messen wir sozusagen
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6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
die Schattenl¨ange des Bleistifts. Die Fahrg¨ aste im Zug hingegen messen den Bleistift selbst.
6.5 Himmlische Beweise Eine der ersten von der Natur angebotenen Best¨atigungen f¨ ur die Spezielle Relativit¨atstheorie waren die Myonen. Diese auf der Erdoberfl¨ache beobachteten Elementarteilchen entstehen in den oberen Schichten der Atmosph¨are. Die Myonen ¨ahneln den Elektronen, aber ein Myon wiegt ungef¨ahr zweihundertmal so viel wie ein Elektron. Myonen sind kleine Zeitbomben, denn sie zerfallen von selbst in andere Elementarteilchen (in Elektronen, in ElektronNeutrinos und in Myon-Neutrinos). Man kann Myonen erzeugen und ihre Eigenschaften in Teilchenbeschleunigern untersuchen. Wird ein Protonenstrahl auf einen gewissen Target geschossen, dann entstehen weitere Elementarteilchen, Pionen und Kaonen, die schnell in Myonen zerfallen. Die Myonen k¨ onnen gestoppt werden, wenn man sie auf geeignetes Material richtet. Man findet die Lebensdauer eines Myons, indem man den Zerfall der gestoppten Myonen beobachtet. Die Lebensdauer betr¨agt 2200 Nanosekunden – das ist der 2,2 Millionste Teil einer Sekunde. Die Lebensdauer eines Myons ist die Zeit zwischen Entstehen und Zerfall dieses Teilchens, gemessen in dem System, in dem sich das Myon im Ruhezustand befindet. Die Lebensdauer ist also die mit Hilfe der eigenen Uhr“ des Myons ” gemessene Zeit. Hierbei handelt es sich um einen Durchschnittswert: einige Myonen leben l¨anger und einige von ihnen k¨ urzer als 2200 Nanosekunden. Die aus dem Weltraum kommende kosmische Strahlung verursacht in den oberen Schichten der Atmosph¨ are dieselben Reaktionen, die der Mensch auf k¨ unstliche Weise in den Teilchenbeschleunigern erzeugt. In der Atmosph¨are entstehen also Pionen und Kaonen und aus ihnen wiederum Myonen. Ein Gebirge ist ein geeigneter Ort, um die aus dem Weltraum kommende Teilchenstrahlung zu untersuchen, denn die Atmosph¨ are st¨ort dort den Teilchenstrom weniger als auf Meeresh¨ ohe. Die Myonen wurden tats¨achlich zum ersten Mal in einem Hochgebirge beobachtet. Die Energie der durch kosmische Strahlung erzeugten Myonen ist hoch im Vergleich zu ihrer Masse und deswegen bewegen sie sich relativ zur Erde fast mit Lichtgeschwindigkeit. Zur Beschreibung ihrer Bewegung muß man also die Relativit¨ atstheorie verwenden. Wegen der Zeitdilatation betr¨agt die im Koordinatensystem der Erde gemessene Lebensdauer eines Myons jedoch nicht 2200 Nanosekunden, sondern ist signifikant gr¨oßer. Es h¨angt von der Energie des Myons ab, wieviel l¨ anger seine Lebensdauer ist, aber im typischen Fall eines in der Atmosph¨ are erzeugten Myons betr¨agt sie das Zehnfache, liegt also in der Gr¨oßenordnung von 20 000 Nanosekunden. Die Wirkung der Dilatation ist vom Standpunkt der Beobachtung des Myons wesentlich. Ein Teilchen, das sich ann¨ ahernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, schafft in einer Nanosekunde 30 Zentimeter. W¨ urde die Lebensdauer
6.6 Langes Leben bringt Freud und Leid
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eines Myons auch in Bezug auf die Erde 2200 Nanosekunden betragen, dann w¨ urde das Myon nach einem Flug von durchschnittlich 600 Metern zerfallen. Vor dem Zerfall w¨ urden es nur einige außergew¨ohnlich langlebige Myonen schaffen, die Erde zu erreichen. Da aber die im Koordinatensystem der Erde gemessene Lebensdauer zehnmal so groß ist, betr¨agt auch die durchschnittliche Flugl¨ange der Myonen vor dem Zerfall das Zehnfache, das heißt, mehr als 6 Kilometer. Deswegen gelangt ein betr¨ achtlicher Teil der Myonen vor dem Zerfall in die Detektoren – die Myonen entstehen n¨amlich typischerweise in einer H¨ohe von ungef¨ ahr 12 Kilometern. Die Myonen mit der h¨ochsten Energie dringen sogar tief in die Erdrinde ein, bevor sie zerfallen. Das ist eine konkrete experimentelle Best¨ atigung der Zeitdilatation. Ein und dasselbe Zeitintervall, das heißt, die Zeit zwischen Entstehen und Zerfall eines Myons, wurde sowohl im Ruhekoordinatensystem als auch in dem Koordinatensystem gemessen, in Bezug auf welches sich das Myon bewegt. Die Ergebnisse best¨atigen die Vorhersage der Relativit¨atstheorie, daß die Ph¨anomene in bewegten Systemen langsamer ablaufen als in ruhenden Systemen. Wir wollen uns die Situation auch vom Standpunkt der Abst¨ande ansehen. Die relative Bewegung kontrahiert die L¨ angen. Wir betrachten diese Situation nun aus der Sicht eines Myons. In einem System, das sich mit dem Myon bewegt, betr¨agt seine Lebensdauer 2200 Nanosekunden. Da sich das Myon relativ zur Erde fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, st¨ urzt die Erde aus der Sicht des Myons mit großer Geschwindigkeit auf das Myon zu. W¨ahrend der Lebensdauer des Myons schafft es die Erde, sich ungef¨ahr 600 Meter auf das Myon zu zu bewegen (Lichtgeschwindigkeit mal 2200 Nanosekunden). Wieso k¨onnen also Myonen in die Erdoberfl¨ ache eindringen, wenn sie in einer H¨ohe von 12 Kilometern entstehen? Die L¨ osung ist die L¨angenkontraktion: um denselben Faktor, mit dem die relative Bewegung die Zeitintervalle dehnt, schrumpft sie die L¨ angen. Aus der Sicht eines Myons flachen sich die auf das Teilchen zurasende Erde und ihre Atmosph¨ are auf ein Zehntel ab, das heißt, die St¨arke der Atmosph¨ are betr¨ agt keineswegs 12 Kilometer, sondern 1200 Meter. Viele Myonen schaffen es, diese Entfernung zu u ¨ berwinden, bevor sie zerfallen.
6.6 Langes Leben bringt Freud und Leid Die Verl¨angerung der Lebensdauer der Myonen ist f¨ ur manche Physiker eine ¨argerliche Sache, denn die aus den oberen atmosph¨arischen Schichten herunterprasselnden Myonen erzeugen in verschiedenen Meßger¨aten der Teilchenphysik Fehlersignale und erschweren die Forschungsarbeit. Deswegen werden viele Experimente der Teilchenphysik tief unter der Erde, im Allgemeinen in Bergwerken durchgef¨ uhrt, so daß man die Myonen eliminieren konnte. Die Erdrinde stoppt die Myonen ziemlich effektiv. Manchmal ist die Verl¨ angerung der Lebensdauer der Myonen aber auch von Nutzen f¨ ur die Forschungsarbeit in der Teilchenphysik. Je gr¨oßer die Ener-
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6 Zeitdilatation und L¨ angenkontraktion
gie eines Myons ist, desto l¨ anger lebt es vom Standpunkt der Forscher, die im Labor Messungen durchf¨ uhren. Obwohl die Myonen – gemessen in ihrem Ruhekoordinatensystem – nur einige millionstel Teile einer Sekunde leben, k¨onnen sie im Labor sogar gespeichert werden. Bereits seit einigen Jahren denkt man u oglichkeit nach, Speicherringe zu bauen, in denen hoch¨ber die M¨ energetische Myonen in H¨ ulle und F¨ ulle gesammelt werden. Ein Speicherring ¨ahnelt in seiner Form einer Stadionlaufbahn mit langen Geraden und engen Kurven. Die Myonen, die auf den Geraden des Rings zerfallen, erzeugen bei ihrem Zerfall einen starken und genau gerichteten Neutrinostrahl, den man zur Untersuchung der Neutrino-Eigenschaften verwenden kann. Die Neutrinos sind ungeladene Teilchen, so daß die Steuermagnete an den Ringkurven den Lauf dieser Teilchen nicht beeinflussen, das heißt, die Neutrinos zischen“ auf ” geradem Wege vorbei. Zu den Zukunftspl¨ anen des Europ¨ aischen Kernforschungszentrums CERN geh¨ort auch der Bau einer Neutrinofabrik, die auf der Speicherung von Myonen beruht. Die Neutrinos durchdringen die Erdrinde ohne Schwierigkeiten, so daß sich der im Speicherring erzeugte Neutrinostrahl an Beobachtungsger¨ate weiterleiten l¨aßt, die sogar Tausende von Kilometern entfernt sein k¨onnen. In anderen Teilen der Welt werden solche Experimente bereits durchgef¨ uhrt: in den Vereinigten Staaten wurden im Forschungsinstitut Fermilab im M¨arz 2006 die ersten Neutrinos in die knapp 800 Kilometer entfernte Soudan Underground Mine geschossen und in Japan wurde ein Neutrinostrahl, der das KEK-Beschleunigungszentrum verließ, durch einen unterirdischen Detektor aufgezeichnet, der sich in einer Entfernung von 250 Kilometern in Kamioka befindet. Die Masse eines Neutrinos ist h¨ ochstens der hundertmillionste Teil der Masse eines Myons und deswegen liegt die Geschwindigkeit der Neutrinos extrem nahe bei der Lichtgeschwindigkeit. Aus der Sicht der Neutrinos ist die Welt ziemlich platt. Es ist gut m¨ oglich, daß man eines Tages beginnt, Neutrinos aus CERN hierher nach Finnland in die entlegenen Winkel des Nordens zu schießen. In Pyh¨ aj¨ arvi, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Jyv¨askyl¨a und Oulu, befindet sich eine tiefe Mine, die f¨ ur solche Experimente wie geschaffen ist. Der Flug entlang des Neutrinoweges, der direkt durch die Erdrinde f¨ uhrt, h¨ atte eine L¨ ange von 2200 Kilometern. Aus der Sicht der Neutrinos w¨are das wegen der L¨ angenkontraktion nur ein Bruchteil hiervon, h¨ochstens in der Gr¨ oßenordnung von Millimetern. Das w¨are gar keine richtige Reise, nicht einmal ein Katzensprung.
7 Die Gleichung
Im Herbst 1905 leitete Einstein die Formel E = mc2 ab, die ber¨ uhmteste Gleichung der Welt. Masse kann zu Energie werden und Energie zu Masse. Das Ergebnis wurde in den 1930er Jahren durch Messungen als korrekt nachgewiesen. Einsteins Formel wird irrigerweise auch als Atombombenformel bezeichnet.
Die Erhaltung der Energie ist eines der heiligen Prinzipien der Physik. Energie kann ihre Form ¨ andern, nicht aber ihren Gesamtbetrag. Der Apfel, der am Baum h¨angt, hat keine kinetische Energie, aber er hat potentielle Energie, die mit der Schwerkraft zusammenh¨ angt. F¨allt der Apfel, dann wird die potentielle Energie zu kinetischer Energie. Reibung und Luftwiderstand bewirken, daß ein kleiner Teil der potentiellen Energie auch zu W¨armeenergie wird, also zu einer beschleunigten Bewegung von Atomen und Molek¨ ulen im Material. Ber¨ ucksichtigt man alle Energieformen, dann ist die Bilanz immer ausgeglichen, das heißt, der Gesamtbetrag der Energie ¨andert sich nicht. Einstein brachte die Masse in dieses Nullsummenspiel. Gem¨aß seiner Formel hat ein K¨orper zus¨ atzlich zur kinetischen Energie und zur potentiellen Energie, die mit den Kraftfeldern zusammenh¨ angt, auch eine innere Energie und die Masse ist das Maß dieser inneren Energie oder Ruheenergie. E = mc2 , die ber¨ uhmteste Gleichung der Welt, gibt Auskunft u ¨ber die Gr¨oße der inneren Energie eines K¨orpers der Masse m. Diese innere Energie muß beim Aufstellen einer Energiebilanz ber¨ ucksichtigt werden. Bei den meisten gew¨ohnlichen Ph¨anomenen der Mechanik und der Elektrizit¨at bleibt die Masse erhalten und f¨ ur diese Erscheinungen brachte Einsteins Entdeckung nichts Neues. In der Natur gibt es aber auch viele Ph¨ anomene, bei denen Masse entsteht oder verschwindet. Als Einstein vor hundert Jahren seine ber¨ uhmte Formel vorlegte, war jedoch noch kein derartiges physikalisches Ph¨anomen bekannt. Die innere Energie war Einsteins eigene Entdeckung.
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7 Die Gleichung
Die innere Energie ist ein Nebenprodukt der Speziellen Relativit¨atstheorie. Einstein formulierte den Begriff in seiner zweiten, im Herbst 1905 fertiggestellten Ver¨offentlichung zur Relativit¨ atstheorie. Der Begriff der inneren Energie steht also nicht in der ber¨ uhmten Juni-Arbeit und h¨angt auch nicht direkt mit dem Kern der Einsteinschen Theorie, dem Relativit¨atsprinzip, zusammen, obwohl die Gleichung von vielen f¨ ur ein Synonym der Relativit¨atstheorie gehalten wird. Ebenso wird die Gleichung als Atombombenformel bezeichnet, auch wenn eine Atombombe damit so viel zu tun hat wie das Brennen eines Lagerfeuers. Einsteins Gleichung macht eine Aussage u ¨ber die Wechselbeziehung zwischen der Masse und anderer Energie. Bezeichnet m die Masse eines K¨orpers, dann kann sich diese Masse in eine andere Energieform der Gr¨oße mc2 umwandeln, zum Beispiel in kinetische Energie. Die Teilchenphysiker beobachten in ihren Detektoren zig-mal die Umwandlung von Masse in Energie. Die allgemeine Reaktion ist, daß ein Positron, das bei einer Teilchenwechselwirkung als Antiteilchen eines Elektrons entsteht, auf ein Elektron eines Atom irgendeines benachbarten Materials trifft. Das Ergebnis einer solchen Begegnung heißt Annihilation: das Elektron und das Positron verschwinden, und u ¨brig bleibt nur elektromagnetische Strahlung, das heißt, Lichtquanten oder Photonen. Die Photonen sind masselos, so daß sich bei der Annihilation die Massen des Elektrons und des Positrons in eine andere Energieform umwandeln. Das entgegengesetzte Ph¨ anomen ist genauso verbreitet: ein masseloses Photon kann sich in ein Elektron und ein Positron umwandeln. Materie kann sich also in Strahlung und Strahlung in Materie umwandeln und Einsteins Gleichung macht eine Aussage u ¨ber die Beschaffenheit der hierbei vorliegen¨ den Aquivalenz. Die Umwandlung einer Energieform in eine andere h¨angt an sich nicht mit Einsteins Gleichung zusammen, sondern wird durch die zwischen den Teilchen wirkenden Kr¨ afte verursacht, in diesem Fall durch die elektromagnetische Kraft. Diese Kr¨ afte gehorchen dem Satz von der Erhaltung der Energie, und Einsteins Gleichung gibt Auskunft dar¨ uber, wie die innere Energie bei der Energieberechnung ber¨ ucksichtigt werden muß.
7.1 Materie wird zu Energie Die Engl¨ander John Cockcroft und Ernest Walton waren die Ersten, die sahen, wie Einsteins Gleichung in der Natur wirkt. Im Cavendish Laboratory der Universit¨at Cambridge bauten sie den ersten Teilchenbeschleuniger der Welt, mit dem sie den Kernen des Wasserstoffatoms, das heißt, den Protonen, eine f¨ ur damalige Verh¨ altnisse riesige kinetische Energie verliehen. Sie beschossen mit den von ihnen beschleunigten Protonen eine d¨ unne Lithiumschicht und fanden heraus, daß beim Aufprall eines Protons auf den Kern eines Lithiumatoms als Endresultat zwei Kerne des Heliumatoms, das heißt, zwei Alphateilchen auftreten. Die Gesamtmasse des Protons und des Lithiumkerns
7.1 Materie wird zu Energie
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ist gr¨oßer als die Summe der Massen der beiden Heliumkerne, so daß sich bei der Reaktion die Masse verringert. Cockcroft und Walton maßen sorgf¨ altig die kinetische Energie des Protons und der Alphateilchen (der Lithiumkern blieb an seiner fr¨ uheren Stelle, so daß er keine kinetische Energie hatte) und stellten fest, daß die vereinte kinetische Energie der Heliumkerne gr¨ oßer war als die kinetische Energie des Protons. Die kinetische Energie nach dem Zusammenprall war also gr¨oßer als davor. Als sie die Zunahme der kinetischen Energie mit der Abnahme der Masse verglichen – das heißt, mit der Abnahme der inneren Energie –, stellten sie fest, daß diese Zunahme und Abnahme exakt der Aussage der Einsteinschen Gleichung entsprach. Das geschah 1932, fast drei Jahrzehnte nachdem Einstein seine legend¨are Gleichung abgeleitet hatte. Erst nach und nach wurde die Richtigkeit der Vorhersagen der Relativit¨ atstheorie experimentell best¨atigt. Die Schl¨ ussigkeit und die Sch¨onheit der Theorie waren jedoch so u ¨berw¨altigend, daß man trotz der Kargheit experimenteller Nachweise daran zu glauben begann. Auch die Konstrukteure der heutigen Teilchenbeschleuniger haben Einsteins Gleichung deutlich vor Augen. M¨ ochte man ein schweres Teilchen, zum Beispiel ein W-Boson oder ein Z-Boson der schwachen Kernkraft, oder sogar ein Higgs-Boson erzeugen, dann muß man f¨ ur die zu beschleunigenden leichten Teilchen gen¨ ugend viel kinetische Energie zur Verf¨ ugung haben, die sich dann beim Aufprall in die Masse dieser schweren Teilchen umwandeln kann. In den 1970er Jahren f¨ uhrte der Italiener Carlo Rubbia folgende Berechnung durch: W¨ urde man im Beschleunigerring des Superprotonensynchrotrons von CERN Protonen und Antiprotonen in entgegengesetzter Flugrichtung injizieren, dann w¨ urde man f¨ ur sie vielleicht eine so große kinetische Energie bekommen, daß die Teilchen bei ihrer Kollision und Annihilation W-Bosonen und Z-Bosonen erzeugen k¨ onnten, die fast das Hundertfache des Gewichts eines Protons haben. Rubbias Berechnung war korrekt und zu Beginn der 1980er Jahre wurden die ersten Quanten der schwachen Kernkraft auf diese Weise erzeugt. Zur Durchf¨ uhrung des schwierigen Experiments mußte man zus¨atzlich zu E = mc2 nat¨ urlich noch einige andere Dinge wissen. Nach dem Superprotonensynchrotron war der Large Electron-Positron Collider LEP der n¨ achste große Beschleuniger am CERN. Im LEP wurden die Z-Bosonen bereits geradezu in Serienproduktion erzeugt. Wenn die R¨ uckstoßenergie der Elektronen und Positronen klein ist, dann werden bei der Annihilation nur Photonen erzeugt. Ist aber die Energie hinreichend groß, dann entstehen auch Z-Bosonen. Die LEP-Physiker tr¨ aumen auch vom Higgs-Boson, aber sie mußten Entt¨auschungen hinnehmen. Das Higgs-Boson ist das meistgejagte Partikel der Teilchenwelt. Sein Entdecker wird in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte eingehen und einen Freifahrtschein nach Stockholm bekommen. Im sogenannten Standardmodell, das die Ph¨ anomene der Teilchenphysik beschreibt, spielt das Higgs-Boson eine wichtige Rolle, denn mit seiner Hilfe werden die Massen der Teilchen erkl¨art. Das Standardmodell ist in seinen anderen Bestandteilen
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7 Die Gleichung
gr¨ undlich getestet worden, aber dem vom Modell vorhergesagten Higgs-Boson ist es peinlich lange und bis jetzt gelungen, sich dem Zugriff der Forscher zu entziehen. Der LEP-Beschleuniger stellte 2002 seinen Betrieb ein, weil man begann, ihn zum Large Hadron Collider auszubauen, einem neuen Teilchenbeschleuniger. Die LEP-Ingenieure trimmten ihren Beschleuniger Jahr f¨ ur Jahr auf bessere Leistungen und kurz bevor der LEP geschlossen wurde, erreichte er die Rekordenergie von 118 GeV (die einer inneren Energie von ungef¨ahr 125 Protonen entspricht). Es w¨ are deshalb m¨ oglich gewesen, mit dem Beschleuniger ein Teilchen zu erzeugen, das eine innere Energie von etwa dieser Gr¨oßenordnung hat. Und wie k¨ onnte es auch anders sein: kurz vor der geplanten Schließung der Anlage war es den Experimentatoren tats¨achlich so, als h¨atten sie in ihren Daten den fl¨ uchtigen Schimmer eines Higgs-Bosons erhascht. Am CERN entschied man sich daf¨ ur, das Experiment zur Best¨atigung der Entdeckung noch ein paar Monate fortzusetzen, aber man fand dennoch keine stichhaltigen Best¨ atigungen f¨ ur die Existenz der Higgs-Bosonen. Die Masse des Higgs-Bosons ist wahrscheinlich zu groß, um das Teilchen mit dem LEP erzeugen zu k¨onnen. Es hilft nichts anderes, als auf die k¨ unftigen gr¨oßeren und leistungsst¨arkeren Teilchenm¨ uhlen zu warten. Die weltgeschichtlich gr¨ oßte Umwandlung von Masse in Strahlung geschah in der ersten Sekunde des Universums. Im heute sichtbaren Weltall gibt es etwa einhundert Milliarden Galaxien und in jeder Galaxie ungef¨ahr zehn Milliarden Sterne, die mehr oder weniger die Gr¨ oße unserer Sonne haben. Das ist eine unbegreifliche Menge von Materie. Im fr¨ uhen Universum gab es zehn Milliarden Mal mehr Materie und etwa dieselbe Menge Antimaterie. Materie und Antimaterie vernichteten einander auf die gleiche Weise, wie sich die Elektronen und Positronen in den heutigen Teilchenbeschleunigern annihilieren, und das Ergebnis war eine unermeßliche Menge an elektromagnetischer Strahlung, also Photonen. Aus einem Grund, der noch nicht vollst¨andig bekannt ist, gab es ein Quentchen – ein Zehnmilliardstel – mehr Materie als Antimaterie. Deswegen sehen wir all diese Sterne und Galaxien um uns herum und deswegen sehen wir einander, und nicht alles ist nur Strahlung. Im Raum findet man hingegen keine Spur von dauerhafter Antimaterie.
7.2 Die Masse eines bewegten Teilchens Vater, nimmt die Masse eines K¨ orpers zu, wenn sich der K¨orper bewegt?“ ” fragte der Sohn des amerikanischen Physikers Carl Adler seinen Vater nach der ersten Physikstunde im Gymnasium. Der Physiklehrer hatte das so behauptet. ¨ ja ... oder besser eigentlich nicht, aber erz¨ahl das nicht deinem Lehrer“, Ah, ” antwortete Adler. Der Junge brach den Physikkurs am folgenden Tag ab. Adlers Z¨ogern war auf den Begriff der relativistischen Masse zur¨ uckzuf¨ uhren, der sich in den 1920er Jahren in der Relativit¨atstheorie eingenistet hatte und der noch immer mit konstanter Regelm¨aßigkeit in Schulb¨ uchern und
7.2 Die Masse eines bewegten Teilchens
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popul¨arwissenschaftlichen Werken auftaucht. In der physikalischen Forschung hat man die relativistische Masse bereits vor Jahrzehnten fallen“ gelassen, ” da dieser Begriff nutzlos ist und lediglich Verwirrung stiftet. Auch Einstein verwendete diesen Begriff nie in seinen wissenschaftlichen Arbeiten – wohl aber in einigen seiner popul¨ arwissenschaftlichen Schriften. Mit Hilfe der relativistischen Masse versuchte man, die Ergebnisse der Relativit¨atstheorie zu veranschaulichen, indem man sie auf die seit alters her bekannte Form der Newtonschen Mechanik zur¨ uckf¨ uhrte. Der Impuls ist zum Beispiel in der Theorie Newtons das Produkt von Masse und Geschwindigkeit des K¨orpers. In Einsteins Theorie h¨ angt der Impuls auf andere Weise von der Masse und der Geschwindigkeit ab, aber man erh¨alt ihn in einer Form, die der Newtonschen Formel ¨ ahnelt, wenn die Masse m durch die relativistische Masse ersetzt wird, das heißt, durch den Quotienten m/ 1 − (v 2 /c2 ) (v ist die Geschwindigkeit des K¨ orpers). H¨ aufig wird gesagt, daß die Messungen eine Zunahme der Masse des bewegten Teilchens gezeigt haben. Es geht aber um die Zunahme der relativistische Masse – das heißt, des obengenannten Quotienten – mit wachsender Geschwindigkeit des K¨orpers. Massenzuwachs“ ” ist nur ein vermarktungsf¨ ahiger Ausdruck f¨ ur die Tatsache, daß man bei den Messungen eine von der Relativit¨ atstheorie vorhergesagte Abweichung von den Bewegungsgesetzen der Newtonschen Mechanik feststellen konnte. Die Elektronen, die im Beschleunigerring eines Teilchenbeschleunigers kreisen, erreichen nahezu die Lichtgeschwindigkeit und deswegen muß man die Bewegungsgesetze der Relativit¨ atstheorie anwenden, um die Bewegung der Elektronen zu beschreiben. Die Newtonschen Gesetze gelten in dieser Situation nicht. Wenden wir sie aber trotzdem an, dann liefern sie dieselben Ergebnisse wie die Formeln der Relativit¨ atstheorie – unter der Voraussetzung, daß die Masse des Elektrons gr¨ oßer ist, als es wirklich der Fall ist. Auch das ist eine Art und Weise zur Begr¨ undung der Behauptung, daß die Masse mit wachsender Geschwindigkeit zunimmt. Auch eine merkw¨ urdige Interpretation der Formel E = mc2 gab Anlaß, von relativistischer Masse zu sprechen. Urspr¨ unglich beschreibt die Formel die Energie eines K¨ orpers, der relativ zum Beobachter ruht, daß heißt, die Ruheenergie oder innere Energie. Bewegt sich der K¨orper, dann hat er auch kinetische Energie. Gem¨ aß der neuen Kinematik Einsteins ist die Gesamtenergie eines bewegten K¨ orpers, das heißt, der Gesamtbetrag der inneren Energie und der kinetischen Energie, gleich E = mc2 / 1 − (v 2 /c2 ). Ersetzt man in der urspr¨ unglichen Einsteinschen Formel die Masse durch die relativistische Masse, dann hat die Gleichung f¨ ur einen bewegten K¨orper dasselbe Aussehen wie f¨ ur einen ruhenden K¨ orper. W¨achst die Relativgeschwindigkeit des K¨ orpers in Bezug auf den Beobachter, dann nimmt auch die Gesamtenergie des K¨orpers zu, weil die kinetische Energie zunimmt. N¨ ahert sich die Geschwindigkeit der Lichtgeschwindigkeit, dann geht die Energie gegen unendlich. Man kann einen K¨orper nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, denn das w¨ urde eine unendlich große Energieinvestition erfordern. Die Energie ist jedoch relativ, weil die Bewegung re-
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lativ ist – die Energie ist f¨ ur jeden Beobachter spezifisch und h¨angt mit der Raumzeit und letztlich mit der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zusammen. Ein K¨orper, der sich relativ zu uns schnell bewegt und eine riesige kinetische Energie hat, befindet sich f¨ ur einen anderen Beobachter – n¨amlich f¨ ur einen Beobachter, der sich relativ zu uns mit derselben Geschwindigkeit wie der K¨orper bewegt – in Ruhe und die einzige Energie, die er hat, ist seine innere Energie, das heißt, seine Masse. Die kinetische Energie h¨angt also nicht mit dem K¨orper selbst zusammen und deswegen f¨ uhrt die Aussage auf gedankliche Abwege, daß mit wachsender Geschwindigkeit auch die Masse des K¨orpers zunimmt. Die relativistische Masse ist nur ein anderer Name f¨ ur die Gesamtenergie. Die Tatsache, daß sich die Geschwindigkeit eines K¨orpers kaum noch vergr¨oßern l¨aßt, wenn sie sich der Lichtgeschwindigkeit n¨ahert, legt die verf¨ uhrerisch leichte Erkl¨ arung nahe, daß das mit der Zunahme der Masse zusammenh¨angt. Die Gedankenkette l¨ auft folgendermaßen ab: Nimmt die Masse zu, dann wird die Tr¨ agheit des K¨ orpers – das heißt, seine F¨ahigkeit, einer Geschwindigkeits¨anderung zu widerstehen – gr¨ oßer und somit ben¨otigt man zur Geschwindigkeits¨ anderung eine gr¨ oßere Kraft, um denselben Effekt zu erzielen, wie bei einer Bewegung mit einer kleineren Geschwindigkeit. N¨ahert man sich der Lichtgeschwindigkeit, dann ist keine Kraft mehr groß genug, um die ¨ Geschwindigkeit auf Uberlichtgeschwindigkeit zu steigern. Das ist ein Trugbild. Die Schwierigkeit“, die Geschwindigkeit zu steigern, ” folgt nicht aus dem Massenzuwachs, sondern aus der Zeitdilatation. Wirkt eine Kraft eine Sekunde lang auf einen sich schnell bewegenden K¨orper, dann dauert die Wirkung nach Auffassung eines externen Beobachters viel l¨anger, weil die Uhr des bewegten K¨ orpers langsamer l¨auft als die eigene Uhr des Beobachters. Der gleichm¨ aßig tuckernde“ Raketenmotor des Raumschiffs verur” sacht – gemessen mit dem schiffseigenen Tachometer – in jedem Moment die gleiche Beschleunigung, das heißt, denselben Geschwindigkeitszuwachs pro Sekunde, und zwar unabh¨ angig davon, wie groß die Geschwindigkeit des Raumschiffs relativ zum externen Beobachter ist. N¨ahert sich die Geschwindigkeit des K¨orpers in Bezug auf den Beobachter der Lichtgeschwindigkeit, dann verlangsamt sich die K¨ orperzeit“ im Vergleich zur Zeit des Beobachters und h¨alt ” schließlich an. Nach Auffassung des Beobachters erfolgt keine Beschleunigung, weil die Wirkung der Kraft aus seiner Sicht unendlich langsam abl¨auft – ebenso wie auch alle anderen mit dem K¨ orper zusammenh¨angenden physikalischen Ph¨anomene aus der Sicht des Beobachters unendlich langsam ablaufen.
7.3 Die Masse des Lichts Die Masse eines K¨ orpers nimmt zu, wenn ein auf ihn auftreffendes Lichtquant, das heißt, ein Photon, von diesem K¨orper absorbiert wird. Die vom Photon u uhrt dem K¨ orper innere Energie zu, indem es ¨bermittelte Energie f¨ die Geschwindigkeit seiner Bestandteile vergr¨oßert, das heißt, deren kineti-
7.4 Energie aus Antimaterie
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sche Energie erh¨oht. Einstein behandelte das in seiner Ver¨offentlichung, aber er legte die Angelegenheit etwas verworren dar. Er formulierte den Sachverhalt n¨amlich so, daß das Photon an den K¨ orper Masse u ¨bertr¨agt, das heißt, das Photon selbst hat irgendeine Masse (von der Gr¨oßenordnung seiner Energie dividiert durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit). Andererseits wußte Einstein nat¨ urlich, daß Photonen keine Masse haben k¨onnen, weil sie sich andernfalls – entgegen seiner Annahme – nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen w¨ urden. Er war hier nicht mit sich selbst konsequent. Dennoch erwies sich dieses Straucheln als n¨ utzlich, denn es veranlaßte Einstein, dar¨ uber nachzudenken, ob die Gravitation nicht vielleicht auch auf das Licht wirkt, so wie sie auf alles wirkt, was eine Masse hat. Das war ein Schritt in die Richtung der Allgemeinen Relativit¨ atstheorie. Einstein schrieb einem Freund ¨ ber die relativistische Masse: Es ist nicht u ” gut, von der Masse M = m/ 1 − (v2 /c2 ) eines bewegten K¨orpers zu sprechen, da f¨ ur M keine klare Definition gegeben werden kann. Man beschr¨ankt sich besser auf die Ruhemasse m. Daneben kann man ja den Ausdruck f¨ ur Momentum und Energie geben, wenn man das Tr¨ agheitsverhalten rasch bewegter K¨orper angeben will.“ In der Relativit¨ atstheorie erh¨alt man die Energie eines bewegten K¨orpers durch die Formel E 2 = p2 c2 +m2 c4 . Ist der K¨orper in Ruhe (Impuls p gleich Null), dann erh¨ alt man E = mc2 als Energie.
7.4 Energie aus Antimaterie Die Lichtgeschwindigkeit c ist groß und betr¨ agt – ausgedr¨ uckt Metern und Sekunden, das heißt, in den zu unserem t¨ aglichen Leben passenden Einheiten – etwas weniger als 300 000 Kilometer pro Sekunde. Deswegen entspricht eine in unseren Einheiten kleine Masse einem großen Betrag Energie. W¨ urden wir ¨ ein Kilo Apfel und ein Kilo Anti¨ apfel (die es leider nicht auf jedem Markt gibt) in demselben Einkaufsbeutel unterbringen, dann w¨ urde sich unser Frischobst annihilieren und im Beutel w¨ urden sich rasch ungef¨ahr einhundert Milliarden Megajoule Energie aufbl¨ ahen. Das ist sehr viel: es ist ungef¨ahr derselbe Betrag, den Finnlands Kernkraftwerke in einem Jahr erzeugen oder dieselbe Menge, die mit Hilfe der gegenw¨ artigen Methoden aus ungef¨ahr zwanzig Millionen ¨ gewonnen wird. Ein Barrel Roh¨ Barrel Ol ol kostet zur Zeit ungef¨ahr sechzig Euro, gelegentlich sogar mehr. H¨atten wir Anti¨ apfel oder irgendeine andere Antimaterie, dann w¨are also die Energieversorgung unkompliziert. Aber Antimaterie gibt es nur in Teilchenbeschleunigern und selbst dort sind es nur einige einzelne Teilchen. Die ersten Antiatome wurden erst 2002 in CERN k¨ unstlich hergestellt. Das fr¨ uhe Universum vergeudete die riesige und nicht erneuerbare Energiequelle der Antimaterie auf einmal und u ¨berließ es uns, mit anderen Methoden ¨ auszukommen. Ohne Antimaterie k¨ onnen wir Einsteins Gleichung zur Aquivalenz von Masse und Energie nicht in vollem Umfang zu unseren Gunsten nutzen, aber wir haben gelernt, uns davon eine kleine Scheibe abzuschneiden
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7 Die Gleichung
und sowohl f¨ ur gute als auch f¨ ur schlechte Absichten zu verwenden. Auch die T¨atigkeit der Sonne und anderer Sterne beruht auf der Tatsache, daß ein kleiner Teil ihrer Masse zu Strahlungsenergie wird. Die makroskopischen K¨ orper, die Atome und die Atomkerne bestehen aus einfacheren Teilen, letztlich aus Elementarteilchen. Zum Beispiel besteht der Atomkern aus Protonen und Neutronen. Die Masse eines Atomkerns ist nicht dasselbe wie die Summe der Massen seiner Bestandteile. Der Atomkern hat auch eine andersartige innere Energie, die seine Masse beeinflußt. Selbst wenn ein Atomkern an seinem Platz bliebe, bewegen sich die in ihm befindlichen Protonen und Neutronen, so daß sie kinetische Energie besitzen. Außerdem beeinflussen die Protonen und Neutronen einander durch die Kernkraft und durch die elektromagnetische Kraft, weswegen sie auch potentielle Energie besitzen, die sogenannte Wechselwirkungsenergie. Die Ruheenergie des Kerns ist die Summe aller dieser inneren Energien. Die Masse des Kerns ist kleiner als die Summe der Massen seiner Bestandteile, die Differenz wird Massendefekt genannt. Wenn wir zu Bestandteilen u ¨ bergehen, die noch kleiner als die Atomkerne sind, dann wird der Anteil der Wechselwirkungsenergie an der inneren Energie noch signifikanter. Zum Beispiel ist die Protonenmasse fast nur die Bindungsenergie der Quarks, also der Hauptkomponenten des Protons; der Anteil der Masse der Quarks betr¨ agt nur ein paar Prozent. Die Kraft, die die Quarks in Bindungen zusammenh¨ alt, wird als starke Kernkraft bezeichnet. Es ist noch nicht bekannt, wieviel echte“ Masse und wieviel Bindungsenergie in ” der Masse eines Quarks enthalten sind, weil man nichts u ¨ber die innere Struktur der Quarks weiß – falls sie u ¨berhaupt eine solche haben. Es ist m¨oglich, daß die Quarks aus noch fundamentaleren Komponenten bestehen, die von einer vorl¨aufig unbekannten Kraft zusammengehalten werden und so weiter. Flieht die echte Masse immer nur weiter weg und was stellt sie schließlich dar? Wir wissen es nicht.
7.5 Kernspaltung Der Deutsche Otto Hahn (1879–1968) beschoß 1938 Urankerne mit langsamen Neutronen. Seine Absicht war, neue Kerne zu erzeugen, die schwerer als das Uran sind, sogenannte Transurane. Ir`ene Joliot-Curie und Paul Savitch hatten damals gerade u ¨ber die von ihnen erzielten eigenartigen Ergebnisse berichtet und Hahn entschied sich, ihr Experiment zu wiederholen. Hahn konnte zeigen, daß bei der Reaktion u ¨berhaupt kein neues schweres Element entsteht, sondern Barium, dessen Masse nur die H¨ alfte der Masse des Urans betr¨agt. Das Ergebnis war u uher war es nicht ge¨berraschend und unerkl¨arlich. Fr¨ lungen, von den Atomkernen Teile loszul¨ osen, die gr¨oßer sind als der kleine Heliumkern. Hahn schilderte seiner langj¨ ahrigen Arbeitskollegin Lise Meitner (1878–1968) den Sachverhalt. Lise Meitner, die sich auf der Flucht vor den Judenverfolgungen der Nazis in Schweden aufhielt, dachte zusammen mit einem
7.5 Kernspaltung
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zweiten Fl¨ uchtling, ihrem Neffen Otto Frisch (1904–1979), u ¨ ber die seltsamen Ergebnisse nach und fand daf¨ ur auch eine Erkl¨arung. Lise Meitner hatte an der Universit¨ at Wien studiert. Ludwig Boltzmanns mitreißende Vorlesungen veranlaßten sie, die Forscherlaufbahn zu w¨ahlen, was damals f¨ ur eine Frau keine leichte Entscheidung war. Als sich Boltzmann unerwartet das Leben nahm, hielt es Lise Meitner geradezu f¨ ur ihre Pflicht, ihr Leben der Wissenschaft zu widmen. Nach ihrer Promotion ging Meitner nach Berlin in die Lehre ihres zweiten Meisters Max Planck, um ihre theoretischen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vervollkommnen. Dort begann sie ihre langj¨ahrige Zusammenarbeit mit dem gleichaltrigen Otto Hahn. Das erste gemeinsame Laboratorium entstand in einer umgestalteten Tischlerwerkstatt, denn Frauen war der Zutritt zu den R¨ aumlichkeiten der Universit¨at verwehrt. Sp¨ater schloß sich Fritz Straßmann (1902–1980) der Gruppe an. Hahn und Straßmann waren Chemiker, die sich f¨ ur die Eigenschaften radioaktiver Materialien interessierten. Lise Meitner, von Geburt j¨ udischer Abstammung, war bereits in jungen Jahren zum Protestantismus konvertiert, aber die Nazis ließen sich dadurch nicht bluffen. Als Ausl¨ anderin war es ihr gestattet, bis zum Jahr 1938 in re¨ lativer Ruhe zu leben, das heißt, bis zum Anschluß, als Osterreich ein Teil des Deutschen Reiches wurde. Danach war sie keine Ausl¨anderin mehr. Im Sommer 1938 entschied sie sich, ins Exil zu gehen, denn andernfalls h¨atte eines der vielen Konzentrationslager ihre Adresse werden k¨onnen. Das ein Jahr zuvor von den Schweden gegr¨ undete Nobelinstitut bot ihr Asyl in Stockholm an. Eine noble Tat, aber die Wirklichkeit des Fl¨ uchtlingslebens war ein harter Schlag f¨ ur Meitner, die alles verloren hatte. Die Schweden behandelten sie gleichg¨ ultig. Sie wurde weder zu den Forschungsgruppen der Einrichtung eingeladen, noch erhielt sie Forschungsmittel. Auch vom technischen Personal wurde sie nicht unterst¨ utzt. Sie bekam nicht einmal eigene Schl¨ ussel f¨ ur ihren Arbeitsplatz. Meitner hielt Kontakt zu ihren fr¨ uheren Kollegen Hahn und Straßmann. Als Hahn seine unerkl¨ arlichen Ergebnisse erhielt, organisierte er ein heimliches Treffen mit Meitner in Kopenhagen. Meitner regte Hahn an, die bei der Reaktion entstandenen Kerne ausf¨ uhrlicher zu untersuchen. Bald fanden die erfahrenen Chemiker Hahn und Straßmann heraus, daß es sich bei den entstandenen Kernen um Barium handelt. Meitner erhielt die Information in G¨oteborg, wo sie ihren Weihnachtsurlaub verbrachte. Otto Frisch, der in der Forschungsgruppe von Niels Bohr arbeitete, war von Kopenhagen nach G¨oteborg gefahren. Meitner und Frisch dachten u ¨ber die Sache beim Wandern in den schneebedeckten W¨ aldern von G¨ oteborg nach, Otto lief auf Skis und Lise stapfte daneben im Schnee. Niels Bohr (1885–1962), der seinerzeit sein Quantenmodell f¨ ur das Atom gefunden hatte, konzentrierte sich sp¨ ater auf die Kernphysik. Er studierte das Modell, das die Kerne beschreibt und das man sich in Bezug auf seine Eigenschaften ¨ahnlich wie einen Fl¨ ussigkeitstropfen vorstellte. Lise Meitner kannte das Bohrsche Atommodell und beschloß, es an die Ergebnisse von
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Straßmann und Hahn anzupassen. Das war die Feuertaufe des Modells in einer realen Situation. Ein Neutron, das auf einen Urankern auftrifft, versetzt den Kern in Schwingungen und der Kern verwandelt sich von einem runden in einen l¨anglichen Tropfen und teilt sich schließlich wie eine Zelle in zwei Teile. Otto Frisch fragte sp¨ater einen seiner Bekannten, der Arzt war, welcher Begriff in der Medizin f¨ ur die Zellteilung verwendet wird – Frisch und Meitner beschlossen, der Uranspaltung den gleichen Namen zu geben, n¨amlich Fission1 . Als Frisch von seinem Urlaub nach Kopenhagen zur¨ uckkehrte, erz¨ahlte er Niels Bohr sogleich von der Entdeckung. Bohr schlug mit der flachen Hand auf seine hohe Stirn und rief: Nat¨ urlich! Was f¨ ur Schwachk¨ opfe wir doch gewesen sind!“ Bohr war ” gerade auf dem Weg in die Vereinigten Staaten und so verbreitete sich die Kunde von der Kernspaltung rasch unter den amerikanischen Forschern. Dort wurde die Kernspaltung bald in mehreren Experimenten best¨atigt. Der Artikel von Meitner und Frisch u ¨ber die Kernspaltung wurde im Februar 1939 in der Zeitschrift Nature ver¨ offentlicht. Die Masse des zerfallenden Urankerns ist ein klein wenig gr¨oßer als die Summe der Massen der Tochterkerne, die bei der Spaltung entstehen. Die u aß der Einsteinschen Gleichung in kine¨berz¨ahlige Masse wandelt sich gem¨ tische Energie der Tochterkerne um. Die Geschwindigkeit der Tochterkerne betr¨agt ein Zehntel der Lichtgeschwindigkeit, was Frisch und Fr´ed´eric Joliot bald durch ihre Experimente best¨ atigten. Meitner und Frisch schlußfolgerten, daß bei der Spaltung auch Neutronen entstehen, die gegen andere Urankerne prallen und zu deren Spaltung f¨ uhren. Auch das wurde bald experimentell best¨atigt. Es kommt zu einer Kettenreaktion, mit deren Hilfe große Energiemengen freigesetzt werden. Das ist das Funktionsprinzip der Kernkraftwerke und auch der Atombomben. Demnach wird ein Teil der inneren Energie des Urankerns zu kinetischer Energie der Tochterkerne. Tats¨ achlich stammt der freigesetzte Teil der inneren Energie des Urans von der Wechselwirkungsenergie zwischen den Protonen und den Neutronen, das heißt, von der Bindungsenergie und nicht von den Massen der Protonen und der Neutronen. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne des Wortes um die Umwandlung in eine andere Energieform. Lise Meitner nahm an der 1909 in Salzburg veranstalteten Jahresversamm¨ lung der Naturforscher und Arzte teil, bei der Einstein u ¨ ber seine Relativit¨atstheorie vortrug. Es war die erste Tagung, zu der Einstein als Vortragender eingeladen worden war. Meitner konnte damals nicht wissen, daß sie selbst irgendwann einmal eine gleichermaßen dramatische Folge der Theorie von Einstein entdecken w¨ urde. Man lastet diesen Vorgang n¨amlich u ¨blicherweise der Einsteinschen Gleichung an. Im Jahr 1945 erkannte das Nobelkomitee der K¨oniglich Schwedischen Akademie der Wissenschaften Otto Hahn den Chemienobelpreis des Jahres 1944 1
Fission bezeichnet in der Biologie u. a. die Zellteilung. Das Wort geht auf das lateinische fissio (Spalten, Zerschlagen) zur¨ uck.
7.6 Die Physik verliert ihre Unschuld
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f¨ ur die Entdeckung der Kernspaltung zu und der Nobelpreis wurde Hahn 1946 u ¨berreicht. Nach Meinung vieler Wissenschaftler h¨atte Meitner zur gleichen Zeit der Nobelpreis f¨ ur Physik zuerkannt werden m¨ ussen. Hahn und Straßmann leisteten eine herausragende Arbeit als Chemiker, aber das Verst¨andnis des Ph¨anomens beruhte auf Meitners physikalischen Schlußfolgerungen. Meitner beklagte sich nie u ¨ber die Sache und das Nobelkomitee hat nie zugegeben, daß die Verleihung auch auf andere Weise h¨ atte erfolgen k¨onnen. Hahn bot Straßmann sp¨ater einen Teil des Preisgeldes an, aber Straßmann wollte das nat¨ urlich nicht annehmen. Daf¨ ur versuchte Hahn, Meitners Anteil an der Entdeckung der Kernspaltung im Laufe der Jahre immer mehr auszublenden. Das war ein großer Schock f¨ ur Meitner, die Hahn als Wissenschaftler immer hoch gesch¨atzt hatte.
7.6 Die Physik verliert ihre Unschuld Die Freisetzung der Kernenergie hatte die Physiker bereits seit geraumer Zeit besch¨aftigt und als nun die Kernspaltung des Uranatoms gelang, begriff man in der Welt, was das bedeuten k¨ onnte. Eine schnelle Kettenreaktion k¨onnte zur Entwicklung einer Bombe f¨ uhren, neben der sich alle fr¨ uheren Vernichtungswaffen wie Spielzeugpistolen ausnehmen w¨ urden. Der Ungar Leo Szilard (1898–1964) hatte bereits fr¨ uher versucht, das Funktionsprinzip der Atombombe durch ein englisches Patent zu sch¨ utzen – und wer, wenn nicht er, verstand den Ernst der Lage. Die Physik war drauf und dran, ihre Unschuld zu verlieren. Einstein war zu dieser Zeit bereits f¨ unf Jahre in den Vereinigten Staaten. Die einzige Sache, um die seine Gedanken damals kreisten, war eine einheitliche Theorie der Gravitation und des Elektromagnetismus. Er hatte seit langem nicht mehr verfolgt, was in der Kernphysik geschah. Eigentlich hatte er sich von der Welt der Wissenschaft fast ebenso vollst¨andig zur¨ uckgezogen wie w¨ahrend seiner Zeit als Angestellter des Patentamtes. Er erinnerte sich wohl kaum daran, daß er in seiner Abhandlung vom Herbst 1905 selber u ¨ber die Freisetzung der Kernenergie nachgedacht hatte. Damals ging es um die experimentelle Best¨ atigung der Formel E = mc2 und Einstein hatte vorgeschlagen, daß das durch die Erforschung der Kernspaltung erfolgen k¨onne. Jetzt wurde er von den Ereignissen mitgerissen, die seinen Ruf in den Augen der nachfolgenden Generationen beflecken sollten und die er in vorger¨ ucktem Alter sogar selber tief bedauerte. In seinem Herzen war er Pazifist und jetzt hing sein Name mit der Entwicklung der schrecklichsten Waffe der Menschheit zusammen. Die Weltlage war angespannt, der Zweite Weltkrieg stand unmittelbar bevor. Nach Szilards Meinung bestand die offensichtliche Gefahr, daß Nazideutschland die Gelegenheit ergreifen und mit Hilfe der Kernspaltung eine Waffe entwickeln w¨ urde, um die Welt zu erobern. Die Uranreserven der Welt wurden damals praktisch von einer Gesellschaft kontrolliert, der belgischen
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Union Mini`ere, die in Belgisch-Kongo die Hausherrin der gr¨oßten Uranmine war. Szilard kam zusammen mit Eugene Wigner, einem weiteren Ungarnfl¨ uchtling, auf die Idee, Einsteins Ruf zu nutzen, um die Regierung auf die Gefahr hinzuweisen.
7.7 Der Bombenbrief Im Sommer des Jahres 1939 machte Einstein Urlaub in Nassau Point auf Long Island, wo er f¨ ur sich ein Sommerhaus gemietet hatte. Er verbrachte seine Zeit, indem er beschaulich segelte und den Sommer genoß. Er hatte sich auch mit dem ortsans¨assigen Ladenbesitzer David Rothman angefreundet. Einstein war gekommen, um in Rothmans Gesch¨ aft Sandalen ( sandals“) zu kaufen, aber ” der Ladenbesitzer dachte, Einstein wolle Sonnenuhren ( sundials“) haben. Das ” Lachen tat gut, als sich das Mißverst¨ andnis aufkl¨arte, und als Einstein erfuhr, daß Rothman ebenfalls Musikliebhaber war, verbrachten beide M¨anner von da an viel Zeit zusammen. Einstein und Rothman plauderten auf der Veranda von Einsteins Sommerhaus, als Szilard und Wigner mit dem Auto in den Hof einbogen. Die beiden hatten Einsteins Sekret¨ arin das Geheimnis von dessen Aufenthaltsort entlockt und waren nach einigem Umherirren am Ziel angekommen. Szilard und Wigner erz¨ahlten Einstein von ihrem Plan, in Einsteins Namen einen Brief u ogliche Atomwaffendrohung und u ¨ber Deutschlands m¨ ¨ber den Schutz der kongolesischen Uranreserven an K¨ onigin Elisabeth von Belgien zu senden, die Einstein pers¨ onlich kannte. Einstein war ganz und gar nicht u ur die Bom¨ berzeugt davon, daß die f¨ be erforderliche Kettenreaktion m¨ oglich sei, und deshalb hielt er die Gefahr f¨ ur nicht sehr real. Er hatte bei einer Gelegenheit gesagt, daß das Treffen von Atomkernen ebenso schwer sein w¨ urde, wie in der Dunkelheit einen Vogel in einer Gegend zu treffen, in der es nur wenige V¨ogel gibt. Dennoch setzte man den Brief auf, aber die Pl¨ ane a ¨nderten sich sp¨ater, und schließlich wurde der Brief an den Pr¨ asidenten der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, gerichtet. Der Brief wurde von einem Berater u ¨berbracht, der dem Pr¨asidenten den Hintergrund der Angelegenheit erkl¨ arte. Sie wollen also nicht, daß ” uns die Deutschen alle in die Luft jagen“, sagte Roosevelt. Er hatte die wesentlichen Punkte des Briefes verstanden. Der Brief f¨ uhrte nicht unmittelbar zu Maßnahmen, obwohl ein anderer im Namen Einsteins gesandter Brief die Angelegenheit beschleunigte. Das große Rad begann sich ein paar Jahre sp¨ater zu drehen. Das Manhattan-Projekt wurde in die Wege geleitet, das f¨ ur Jahre fast alle in den Vereinigten Staaten arbeitenden Kernphysiker in die geheime Atombombenanlage von Los Alamos (New Mexico) brachte. Das Projekt war erfolgreich: die Atombombe wurde gebaut. Zwei Bomben im August 1945 t¨oteten 140 000 Japaner in Hiroshima und Nagasaki und damit endete der Zweite Weltkrieg.
7.7 Der Bombenbrief
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Das ist das Ende“ seufzte Einstein, nachdem er die Bombennachrich” ” ten“ im Radio geh¨ ort hatte. Einstein war nicht in das Manhattan-Projekt einbezogen worden, weil ihn Polizei und Geheimdienst f¨ ur ein Sicherheitsrisiko hielten. Seine Vergangenheit wurde durchw¨ uhlt und viele S¨ unden kamen ans Tageslicht: Radikalismus, linkes Gedankengut, Pazifismus und Sympathien f¨ ur die Sowjetunion. Das von J. Edgar Hoover geleitete FBI sammelte w¨ahrend Einsteins Aufenthalt in den Vereinigten Staaten 1800 Seiten Material u ¨ber ihn mit dem Ziel, ihn zu diffamieren und seinen dubiosen“ gesellschaftlichen ” Aktivit¨aten den Boden zu entziehen. Die Hauptt¨atigkeit dreier FBI-Agenten bestand darin, Einstein zu observieren und seine Vorhaben zu u ¨berwachen. Letztlich war es nat¨ urlich das Ziel, Einstein als Kommunisten zu identifizieren. Einstein war tats¨ achlich Mitglied von mehr als zwanzig Vereinigungen, die als kommunistisch eingestuft worden waren, aber er war nicht auf eigene Initiative Mitglied geworden, sondern zum Ehrenmitglied ernannt worden. Einsteins Pazifismus schwankte w¨ ahrend der Kriegszeit und er begann, Gewalt zu akzeptieren, wenn sie gegen Gewalt eingesetzt wurde. Er u ¨bte keine ¨offentliche Kritik am Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Die tiefe Antipathie, die er gegen¨ uber Deutschland versp¨ urte, beeinflußte die Sache vermutlich. Einstein mußte unangenehme Fragen beantworten, insbesondere nachdem die Nachricht u ¨ber den Brief herauskam, der in seinem Namen an Pr¨asident Roosevelt gerichtet worden war. Warum f¨ uhrte die Gleichung, die er gefunden hatte und die der Menschheit Wohlstand und neuen Glauben an das Leben bringen sollte, in Wirklichkeit zu sinnlosem Leiden und zur Vernichtung? Ich ” beging einen großen Fehler in meinem Leben – als ich den Brief an Pr¨asident Roosevelt unterschrieb!“ rief Einstein sp¨ ater aus. Obwohl er weder an der Planung noch am Bau der Atombombe beteiligt war, konnte er sich seiner Verantwortung nicht entziehen. Der Mann, mit dem alles begann“ titelte das ” Wochenmagazin Newsweek sein langes Einstein-Interview. Ein knappes Jahr nach den Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki wurde Einstein zum Vorsitzenden des Emergency Committee of Atomic Scientists gew¨ahlt, das von Atomphysikern gegr¨ undet worden war, die gegen Atomwaffen protestierten. Er begann auch sonst, sich mit lauter Stimme f¨ ur den Weltfrieden einzusetzen. Eine Woche vor seinem Tod, inmitten des Kalten Krieges, unterzeichnete er das Russell-Einstein-Manifest, einen Appell, mit dem elf bedeutende Wissenschaftler alle Staaten aufforderten, auf den Einsatz von Atomwaffen zu verzichten. Hieraus erwuchs die Pugwash-Bewegung, die sp¨ater den Friedensnobelpreis erhielt und w¨ahrend der gef¨ahrlichsten Jahre des Wettr¨ ustens die Stimmen der Wissenschaftler zum Ausdruck brachte. Nach Nagasaki sind Atomwaffen nur zur Abschreckung verwendet worden, aber ihr Schatten lastet auch weiterhin d¨ uster u ¨ber uns, da immer neue L¨ander diese Waffen in ihr Arsenal aufnehmen.
8 Raum und Gravitation
Nach Vollendung der Speziellen Relativit¨ atstheorie im Jahr 1905 begann Ein¨ stein, ¨ uber die Gravitation nachzudenken. Er entdeckte 1907 das Aquivalenzprinzip und 1915 vollendete er seine neue Gravitationstheorie, die Allgemeine Relativit¨ atstheorie. Man findet st¨ andig neue Best¨ atigungen f¨ ur die Richtigkeit dieser Theorie.
In der Relativit¨atstheorie war die Relativit¨ at nichts Neues – diese war bereits Galilei bekannt – aber die Invarianten waren neu, vor allem die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Einstein wollte seine Theorie Invariantentheorie nennen, aber er war nicht dagegen, als andere, allen voran Max Planck, von der Relativit¨atstheorie zu sprechen begannen. Sp¨ ater erweiterte Einstein seine Theorie und dann fing man an, die urspr¨ ungliche Theorie von 1905 als Spezielle Relativit¨atstheorie zu bezeichnen. Etwas grob gesprochen, gilt die Spezielle Relativit¨atstheorie nur, wenn sich die Bezugssysteme relativ zueinander mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit bewegen. Sitzt ein Physiker auf einer Bank neben dem Gleis und ein anderer in einem Zug, der sich mit gleichf¨ormiger Geschwindigkeit bewegt, dann k¨ onnen beide Physiker exakt dieselben mathematischen Gesetze zur Beschreibung der nat¨ urlichen Ph¨anomene verwenden. Beschleunigt der Zug seine Geschwindigkeit, dann sagt die Spezielle Relativit¨atstheorie nichts dar¨ uber aus, ob im Zug und neben den Gleisen ein und dieselben oder andere Gesetze gelten. Urspr¨ unglich hatte Einstein eine solche Situation nicht betrachtet. Aber die Welt ist voller Bewegungen, bei denen die Geschwindigkeit nicht konstant bleibt – beispielsweise bei Beschleunigungen und Drehungen – und f¨ ur die sich die Spezielle Relativit¨ atstheorie nicht eignet. Wie l¨aßt sich die Relativit¨at auch auf diese Situationen verallgemeinern? Wie kann man Gesetze der Physik formulieren, deren logische und mathematische Form nicht von der Beschaffenheit der Bewegung in irgendwelchen Situationen abh¨angt? Einstein konnte kaum damit rechnen, daß die Antwort auf diese scheinbar
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8 Raum und Gravitation
einfachen Fragen zu einer so gewaltigen Erneuerung der Grundlagen der Physik f¨ uhren w¨ urde. Er mußte einen Umsturz durchf¨ uhren, denn es war eine v¨ollig neue Beschreibung der Zeit, des Raumes und der Gravitation erforderlich. Das Endresultat ist unter dem Namen Allgemeine Relativit¨atstheorie bekannt. Einstein ging mit seiner Leistungsf¨ ahigkeit und seinen mathemati¨ schen Kenntnissen bis zum Außersten, um die eine Gleichung zu Papier zu bringen, in der sich schließlich alles verdichtete. Er sagte, daß die Spezielle Relativit¨atstheorie im Vergleich zu dieser Arbeit eine Kinderei gewesen sei. Einstein begann 1907 mit der Entwicklung seiner neuen Theorie. Er war gebeten worden, f¨ ur das Jahrbuch der Radioaktivit¨ at und Elektronik einen ¨ Ubersichtsartikel u atstheorie zu schreiben. Die Ar¨ber die Spezielle Relativit¨ ¨ beit an einem solchen Uberblick ist immer eine gute Gelegenheit, die eigenen Gedanken zu ordnen. Versucht man, anderen die Dinge verst¨andlich und umfassend zu erkl¨ aren, dann muß man auch selber auf neue Weise an den Sachverhalt herangehen. Einstein erkannte deutlich die M¨angel seiner eigenen Theorie, deren Verallgemeinerung f¨ ur ihn eine jahrelange gewaltige Arbeit darstellte. Der Kern der Probleme war die Gravitation. Isaac Newton entwickelte im 17. Jahrhundert eine Gravitationstheorie. Gem¨aß dieser Theorie ist die Kraft, mit der sich zwei K¨orper gegenseitig anziehen, proportional zu ihren Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstands. Es war eine geniale Theorie. In Kombination mit den Newtonschen Bewegungsgesetzen erkl¨ arte sie erfolgreich die Bewegungen der Planeten und Monde, die Gezeiten und die Flugbahnen von Kanonenkugeln. Hin und wieder konnte man jedoch Ph¨ anomene beobachten, die dem Gesetz des Massenanziehung nicht gehorchten, aber jedesmal ging Newton aus dem Dilemma gest¨ arkt hervor. Der am besten bekannte Fall war eine Unregelm¨aßigkeit, die bei der Umlaufbahn des Planeten Uranus beobachtet wurde. Diese Unregelm¨aßigkeit ließ sich nicht mit den Newtonschen Gesetzen erkl¨aren – außer wenn es weiter weg einen zus¨ atzlichen Planeten geben w¨ urde, der mit seiner Anziehungskraft die Bewegung des Uranus st¨orte. Man konnte die Umlaufbahn dieses imagin¨ aren“ zus¨ atzlichen Planeten berechnen und – wie h¨atte ” es auch anders sein k¨ onnen – die Fernrohre fanden 1846 einen fr¨ uher unbekannten Wandelstern der Sonne, den Planeten Neptun, genau am berechneten Ort. Es war nur ein unbedeutender Lichtfleck, den man mit bloßem Auge nicht erkennen konnte. Vom Standpunkt der Speziellen Relativit¨atstheorie hat die Gravitationstheorie Newtons eine ¨ argerliche Eigenschaft, n¨amlich die Abh¨angigkeit der Schwerkraft von der Entfernung. Es erhebt sich die Frage, wer die Entfernung mißt. Die Entfernung ist n¨ amlich gem¨ aß der Einsteinschen Theorie relativ – der entsprechende Wert h¨ angt von der Bewegung desjenigen ab, der die Messung durchf¨ uhrt. Zum Beispiel unterscheiden sich die Entfernungen zwischen Merkur und Sonne – in Abh¨ angigkeit davon, ob die Messungen von der Oberfl¨ache des Merkur oder von der Sonnenoberfl¨ache aus durchgef¨ uhrt werden – um ungef¨ahr hundert Kilometer voneinander. F¨ ur großz¨ ugige Astronomen hat dieser Unterschied keinerlei Bedeutung, weil die Differenz nur von der
8 Raum und Gravitation
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Gr¨oßenordnung eines milliardsten Teils der ganzen Entfernung ist. Das Relativit¨atsprinzip gestattet jedoch keine physikalischen Gesetze, die von der Geschwindigkeit des Beobachters in Bezug auf das beobachtete Objekt abh¨angen. Die Theorie Newtons steht auch auf andere Weise im Widerspruch zur Relativit¨atstheorie. Das h¨ angt damit zusammen, daß die Gravitation bei Newton eine Fernwirkungskraft ist. Woher weiß der Mond, daß er um die Erde kreisen muß, obwohl er so weit von der Erde entfernt ist und sich dazwischen leerer Raum befindet? Was w¨ urde der Mond tun, wenn die Erde pl¨otzlich spurlos verschw¨ande? Gem¨ aß den Newtonschen Bewegungsgesetzen sollte der Mond im gleichen Moment seine Drehbewegung beenden und auf einer geradlinigen Bahn wie ein Hammer fliegen, den der Werfer aus seinem eisernen Griff ¨ losl¨aßt oder wie ein Formel-1-Rennwagen in einer Kurve, wenn ein Olfleck auf dem Asphalt die Reibung zwischen den Reifen und der Rennstrecke unterdr¨ uckt. Ist keine Kraft vorhanden, dann wird das Fahrzeug nicht in die Kurve einbiegen. Das Problem besteht darin, daß sich gem¨aß der Relativit¨atstheorie die Information von der Erde bis zum Mond maximal mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten kann, weil die Lichtgeschwindigkeit die gr¨oßtm¨ogliche Daten¨ ubertragungsgeschwindigkeit ist. Obwohl also von der Erde nicht mehr u ¨ brig w¨are als eine Gedenktafel, w¨ urde sich der Mond daran erinnern und seine Drehbewegung noch mindestens eine gute Sekunde so fortsetzen, als ob nichts geschehen w¨are. Mindestens so lange dauert es n¨amlich, bis die Information u ¨ber die Beseitigung der Ursache der Schwerkraft den Mond erreicht. Oder wenn – Spinozas Gott1 beh¨ ute – die Sonne verschw¨ande, dann w¨ urde sich unser eigener Planet noch mehr als acht Minuten auf seiner vertrauten Bahn bewegen, weil die Information u ¨ ber das schreckliche Ereignis und die letzten Strahlen der Sonne so lange unterwegs w¨ aren. W¨ahrend dieser Sekunden und Minuten w¨aren die Newtonschen Gesetze außer Kraft. Auch die elektromagnetische Kraft ist eine Fernwirkungskraft. Elektrisch geladene K¨orper brauchen einander nicht zu ber¨ uhren, damit zwischen ihnen eine Kraft wirkt. Man kann sich hiervon zum Beispiel u ¨ berzeugen, indem man einen Handr¨ ucken in die N¨ ahe eines Fernsehbildschirms r¨ uckt: die H¨archen stehen einem bereits am Ende der Bewegung zu Berge. Genauso reagiert eine Kompaßnadel auf einen Magneten. Die elektromagnetischen Kr¨afte wirken demnach durch den leeren Raum und außerdem ist die Kraft umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands zwischen den K¨orpern – so wie im Falle der Schwerkraft. Steht also der Elektromagnetismus – wie auch die Schwerkraft – nicht im Widerspruch zur Relativit¨ atstheorie? Nein, tut er nicht – vielmehr war genau das der Ausgangspunkt f¨ ur die ganze Relativit¨atstheorie! Gerade die Eigenschaften des Elektromagnetismus weckten Einsteins Interesse. Michael Faradays große Entdeckung, die elektri1
Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden ” offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt.“ (Einstein)
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schen Felder und die Magnetfelder, und James Clerk Maxwells elektromagnetische Wellen unterscheiden die Theorie des Elektromagnetismus von der Gravitationstheorie. Die elektromagnetische Kraft ist keine Fernwirkungskraft im Sinne Newtons, denn die Kraftwirkung wird nicht instantan von einem Ort zum anderen u urt“ ¨ bertragen. Kraft ist ein lokales Ph¨anomen. Der K¨orper sp¨ ” sie durch die Wirkung des an ihrer Stelle befindlichen Feldes. Wir wollen dasselbe Gedankenexperiment wie im Falle der Schwerkraft durchf¨ uhren. Auf das Elektron wirkt eine vom Proton verursachte elektrische Anziehungskraft und diese l¨ aßt das Elektron um das Proton kreisen. Was geschieht, wenn das Proton pl¨ otzlich aufh¨ ort, zu existieren? Gem¨aß der Theorie von Maxwell breitet sich die Information u ¨ber das Ereignis in Form einer Kugelwelle mit Lichtgeschwindigkeit aus. Es gibt kein Feld innerhalb der Kugel, aber außerhalb ist das Feld unver¨ andert. Solange sich das Elektron außerhalb dieser gr¨oßer werdenden Kugel befindet, verh¨alt es sich so wie fr¨ uher, weil an seinem Ort das Feld unver¨ andert ist. Erreicht die Welle jedoch das Elektron, dann verschwindet das Feld und das Elektron beginnt, sich wie ein freies Teilchen zu verhalten. Das Problem der Newtonschen Gravitationstheorie wird also im Falle des Elektromagnetismus mit Hilfe des Feldes vermieden. Man kann das Feld nat¨ urlich auch zur Erkl¨ arung der Fernwirkung der Gravitation zu Hilfe nehmen, aber anders als im Falle der elektromagnetischen Wellen gab und gibt es noch keine direkte experimentelle Best¨ atigung f¨ ur die Existenz von Gravitationswellen, das heißt, diese Erkl¨ arung ist eine Idee ohne Fundament.
8.1 Pr¨ amiiertes Leghuhn“ ” Als Einstein mit der Entwicklung seiner neuen Gravitationstheorie begann, war er noch als Experte des Berner Patentamtes t¨atig, jedoch nicht mehr auf der untersten Stufe der Leiter, sondern auf der zweitniedrigsten. Bald jedoch o¨ffneten sich die T¨ uren zur akademischen Welt. Zuerst wurde er Privatdozent der Universit¨at Bern, 1909 Extraordinarius der Universit¨at Z¨ urich, 1910 ordentlicher Professor der Deutschen Universit¨at in Prag, 1912 bekam er eine Professur an der ETH Z¨ urich, seiner fr¨ uheren Lehranstalt, und 1913 erhielt er schließlich einen Ruf nach Berlin als Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Es war ein kometenhafter Aufstieg, aber nicht alles verlief problemlos. Sein erster Antrag auf eine Privatdozentur der Universit¨at Bern wurde abgelehnt, weil die von ihm vorgelegte Forschungsprobe, seine 1905 ver¨offentlichte Spezielle Relativit¨atstheorie, als schwerverst¨ andlich galt. Das Extraordinariat in Z¨ urich blieb aufgrund einer politischen Fehde ungenutzt. Mitbewerber war Friedrich Adler, der Sohn des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei ¨ Osterreichs. Die Sozialdemokraten hatten die Mehrheit in der Verwaltung der Universit¨at Z¨ urich, und die Mehrheit vertrat – wie h¨atte es auch anders sein k¨onnen – den Standpunkt, Adler zu w¨ ahlen. Als Adler von diesen Dingen
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erfuhr, zog er seinen Antrag ver¨ argert zur¨ uck. Es war ihm vollkommen unverst¨andlich, wieso man ihn als Wissenschaftler, der von einem ganz anderen ” Planeten“ kam, vor Einstein setzen konnte. Hut ab vor diesem Sozialdemokraten! Im Jahr 1916 beging Adler in seinem Idealismus eine weitere dramatische Tat. Er erschoß den ¨ osterreichischen Ministerpr¨asidenten, da dieser – nach Meinung Adlers – durch seine Willk¨ ur den Frieden erschweren w¨ urde. Adler wurde zum Tode verurteilt, aber das Urteil wurde sp¨ater in eine ziemlich milde Gef¨angnisstrafe von achtzehn Monaten umgewandelt. Der schnelle Aufstieg in der Laufbahn zeigte, daß man Einstein nunmehr als Wissenschaftler allerersten Ranges betrachtete. Die europ¨aischen Universit¨aten konkurrierten um ihn. Auch in Berlin verdoppelte man das f¨ ur ihn geplante Gehaltsangebot, damit er nur ja nicht dem ausgeworfenen Netz entfliehe. Das Netz hatten Max Planck und Walther Nernst (1864–1941) ausgeworfen, die damals einflußreichsten deutschen Physiker. Sie reisten nach Z¨ urich eigens mit der Absicht, Einstein zu u ¨berreden. Die Berliner speku” lieren mit mir wie mit einem pr¨ amiierten Leghuhn; aber ich weiß nicht, ob ich noch Eier legen kann!“ beschrieb Einstein einem Freund die Situation. Einstein bat um Bedenkzeit. Planck und Nernst unternahmen einen kleinen Ausflug in die Umgebung und als sie nach Z¨ urich zur¨ uckkehrten, wartete Einstein auf dem Bahnhof. Einstein zeigte seine Zustimmung durch ein rote Rose im Knopfloch; eine weiße Rose w¨ are das Zeichen der Ablehnung des Angebots gewesen. So war es vereinbart worden. (Eine andere Version dieser Geschichte berichtet, daß Einstein mit einem weißen Taschentuch winkte. Geschichten sind eben Geschichten.) Die verzweifelte Jagd nach Assistentenstellen vor einem Jahrzehnt war nur noch Erinnerung f¨ ur Einstein und er konnte jetzt auch kleine Sp¨aße auf Kosten der Machtmenschen machen, die mitunter auf dreiste Weise seine N¨ahe suchten, um seine Gunst zu erhaschen. Prag brachte Einstein die erste ordentliche Professur und ein besseres Einkommen. Zus¨atzlich zog es ihn aber wegen der großen wissenschaftlichen Traditionen nach dort. Die Astronomen Tycho Brahe und Johannes Kepler hatten in Prag das Fundament f¨ ur den Aufstieg der Astronomie gelegt und Ernst Mach, den Einstein sehr bewunderte, war dort der erste Rektor der Universit¨at gewesen. Bald bedauerte Einstein jedoch, daß er die Stelle angenommen hatte. Die schreckliche B¨ urokratie der ¨ osterreichisch-ungarischen Monarchie und die faulen Studenten ¨ argerten ihn. Die sozialen Spannungen in Prag (zwischen den Tschechen und der deutschen Minderheit, innerhalb der die Juden wiederum eine Minderheit bildeten) ber¨ uhrten ihn kaum, auch wenn dadurch die Atmosph¨are der Stadt bedr¨ uckend wurde. Eine Bedingung f¨ ur die Berufung war, die ¨osterreichisch-ungarische Staatsb¨ urgerschaft anzunehmen, und obwohl sich Einstein nach eigenem Gewissen als nicht religi¨os bezeichnete, erforderte seine Ernennung, daß er in den Unterlagen als mosaischen Glaubens“ ” eingetragen wurde. Der Kaiser berief n¨ amlich nur Personen, die an einen Gott glaubten. Das vom Standpunkt der Forschung wichtigste Geschenk Prags an Einstein war der Rat, den er von Georg Pick erhielt, der Assistent bei Ernst
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Mach gewesen war: als mathematische Maschinerie f¨ ur die Gravitationstheorie solle Einstein den von den Italienern Gregorio Ricci und Tullio Levi-Civita entwickelten absoluten Differentialkalk¨ ul verwenden. Dieser Zweig der Mathematik wurde sp¨ ater unter dem Namen Tensorrechnung bekannt; Tensoren spielen eine fundamentale Rolle in der Differentialgeometrie. Einstein und Pick wurden Freunde und blieben miteinander auch noch lange in Kontakt, nachdem Einstein von Prag nach Z¨ urich gezogen war – mindestens so lange, bis das Konzentrationslager Theresienstadt das Schicksal des mehr als achtzigj¨ahrigen Pick besiegelte.
8.2 Gekru ¨ mmter Raum Einstein ging u ¨blicherweise von einfachen Fragen und Feststellungen aus, die auch von Otto und Ottilie Normalverbraucher/in h¨atten gestellt werden k¨onnen. Die Allgemeine Relativit¨ atstheorie nahm ihren Anfang mit einer verbl¨ uffend einfachen Feststellung: ein fallender Mensch kennt sein eigenes Gewicht nicht. Woher kann dieser Mensch wissen, daß die Gravitation u ¨berhaupt auf ihn wirkt? Ist die Gravitation vielleicht nur ein Trugbild? Wenn wir stehen, erkennen wir die Gravitation anhand der Tatsache, daß der Fußboden unsere Fußsohlen dr¨ uckt. Der Fußboden verursacht die Normalkraft, die den Effekt der Gravitation aufhebt, so daß die Gesamtkraft verschwindet und wir an unserem Ort bleiben. Wir sp¨ uren die Schwerkraft selbst nicht, sondern nur die Normalkraft des Fußbodens, die auf mikroskopischer Ebene durch die elektromagnetische Kraft verursacht wird, die von den Atomen des Fußbodens auf die Atome unserer Fußsohlen oder unserer Schuhsohlen wirkt. Bricht uns der Boden unter den F¨ ußen weg, dann sind wir nach den Gesetzen der Newtonschen Mechanik nur der Gravitation unterworfen, die uns eine beschleunigte Bewegung verleiht. Ein ruhender Beobachter sieht, daß sich unsere Geschwindigkeit pro Sekunde um ungef¨ahr 10 m/s erh¨oht. F¨allt die vom Fußboden verursachte Normalkraft weg, dann verschwindet f¨ ur uns auch das Mittel, die Wirkung der Gravitation zu sp¨ uren. G¨abe es keinen Luftwiderstand und w¨ are die uns umgebende Landschaft in das Dunkel der Nacht geh¨ ullt, dann w¨ urden wir gar nicht wissen, daß wir uns mit Beschleunigung bewegen. Kramen wir das Schl¨ usselbund aus unserer Tasche und lassen wir es los, dann f¨ allt es nicht irgendwohin, sondern bleibt schwebend an unserer Seite. Wir k¨ onnten uns gut vorstellen, daß wir uns in einem entlegenen Winkel des Weltraums befinden, wo es keine benachbarten Verursacher von Schwerkraft gibt. Einstein erkannte, daß man diese Situationen nicht voneinander unterscheiden kann: das Leben in einem Labor, das sich in einem Gravitationsfeld im freien Fall befindet, unterscheidet sich nicht vom Leben in einem gravitationsfreien Raum. Es handelt sich hierbei nicht um einen Mangel an geeigneten Verfahren – vielmehr ist es prinzipiell unm¨ oglich, einen Unterschied festzu¨ stellen. Das wird als Aquivalenzprinzip bezeichnet.
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¨ Eine Story berichtet, daß Einstein auf die Idee vom Aquivalenzprinzip kam, als er einen Bauarbeiter sah, der von einem Hausdach fiel. Er selbst sagte jedoch, er habe das Prinzip entdeckt, als er beh¨abig auf seinem Schreibtischsessel saß. Und dieses Prinzip war seiner Meinung nach die beste Idee, die er je auf diesem Sessel hatte. Einstein erkannte, daß er den Schl¨ ussel zur L¨osung des R¨atsels der Gravitation in der Hand hielt: bei geeigneter Wahl des Standpunktes war es m¨ oglich, die Gravitation durch die Beschleunigung zu ersetzen und die Bedeutung und Beschaffenheit der Beschleunigung waren bestens bekannt. Einstein mußte auf ein Gedankenexperiment zur¨ uckgreifen, als er das ¨ Aquivalenzprinzip entdeckte, aber wir k¨ onnen alles in Form einer Direkt¨ ubertragung aus dem Raum sehen. Die Schwerelosigkeit ist uns von den Fernsehbildern her vertraut, die aus einem Raumschiff u ¨bertragen werden. Die Suppe muß dort nicht ausgel¨ offelt werden, man kann sie vielmehr mit dem Mund aufschl¨ urfen, wenn sie durch die Luft schwebt. Auch die Werkzeuge bleiben praktischerweise in Reichweite der H¨ ande und fallen nicht auf den Fußboden. Die im Raumfahrzeug herrschende Schwerelosigkeit h¨angt u ¨berhaupt nicht damit zusammen, daß man sich im Raum befindet. Die Schwerkraft der Erde erstreckt sich sehr wohl bis zum Raumschiff, sie erstreckt sich ja auch bis zum Mond. Die Schwerelosigkeit kommt daher, daß man sich nach dem Abschalten der Raketenmotoren im freien Fall befindet. Die Schwerelosigkeitsszenen vieler Science-Fiction-Filme werden nicht im Weltraum gedreht, sondern in einem Flugzeug, das f¨ ur einen Moment in den Zustand des freien Falls versetzt wurde. Es handelt sich dabei um keine k¨ unstlich erzeugte, sondern um die ganz authentische Schwerelosigkeit.
8.3 Von Pisa zum Meer der Stille Die Schwerkraft verleiht allen K¨ orpern die gleiche Beschleunigung. Galileo Galilei f¨ uhrte sein legend¨ ares Experiment durch, indem er – wie berichtet wird – vom Schiefen Turm von Pisa K¨ orper hinunterfallen ließ, die aus unterschiedlichen Materialien angefertigt worden waren. So hat es jedenfalls Galileis letzter Sch¨ uler Viviani erz¨ ahlt, der jedoch zur Zeit der behaupteten Experimente noch gar nicht geboren war. Galilei kannte dieses physikalische Gesetz wahrscheinlich von fr¨ uher her, weil sein Landsmann Giambattista Benedetti bereits Jahrzehnte zuvor dar¨ uber geschrieben hatte und Simon Stevin, ein Offizier der holl¨andischen Armee, die experimentelle Best¨atigung kurz vor der Zeit erbracht hatte, in der sich Galilei f¨ ur die Sache interessierte. Vielleicht war es ja auch gar nicht Galilei, der die K¨ orper vom Schiefen Turm von Pisa fallen ließ, sondern seine Gegner taten dies, um die Haltlosigkeit der von Galilei verk¨ undeten Behauptung nachzuweisen. Der Luftwiderstand bringt die Angelegenheit durcheinander, falls die K¨ orper keine v¨ollig identische Form haben, und wenn man sie aus der H¨ ohe fallen l¨aßt, dann kann es deswegen zu beobachtbaren Unterschieden der Fallzeiten kommen.
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Tats¨achlich f¨ uhrte Galilei seine eigenen Experimente durch, indem er K¨orper auf schiefen Ebenen rollen ließ, was nat¨ urlich vern¨ unftiger war, weil man dadurch wenigstens die f¨ ur die Versuche erforderliche Zeit zuverl¨assig messen konnte. Uhren waren zwar noch nicht in Gebrauch, aber Galilei hatte als Sohn eines Musikers und Musikinstrumentenbauers ein sehr gutes Rhythmusgef¨ uhl geerbt, das er zur Absch¨ atzung des Zeitaufwands verwendete. Newton untersuchte dieselben Dinge. Er verwendete zwei verschiedene Massenbegriffe. Der eine Begriff war die tr¨ age Masse, die Auskunft u ¨ber das Beharrungsverm¨ogen eines K¨ orper gibt. Wirkt eine Kraft auf einen K¨orper, dann ¨andert sich seine Geschwindigkeit; um wieviel, das wird durch die tr¨age Masse gemessen (diese ist das Verh¨ altnis der Kraft zur Beschleunigung). Ein anderer Massenbegriff tritt im Newtonschen Gravitationsgesetz auf. Diese Masse wird als schwere Masse bezeichnet und je gr¨oßer sie ist, desto gr¨oßer ist die auf den K¨ orper wirkende Schwerkraft. Galileis und Newtons Beobachtung der Allgemeing¨ ultigkeit der Gravitationsbeschleunigung wird klar, wenn die tr¨age Masse und die schwere Masse gleich groß sind. Dann erhalten alle K¨orper unabh¨angig von ihrer Masse durch die Wirkung der Schwerkraft die gleiche Beschleunigung. Nichts in der Theorie Newtons zwingt die tr¨age Masse und die schwere Masse dazu, gleich groß zu sein, aber die Natur scheint zu sagen, daß sie es sind. Newton hat selbst festgestellt, daß tr¨ age Masse und schwere Masse mit einer Genauigkeit von mindestens einem Prozent gleich groß sind und 1889 erzielte der ungarische Physiker Lor´ and E¨ otv¨os durch seine Messungen eine Genauigkeit von Eins zu einer Milliarde. Das vorl¨aufig genaueste Ergebnis wurde bei der Messung der Entfernung zwischen Erde und Mond erzielt. Hinge die Gravitationsbeschleunigung von der Masse eines K¨ orpers ab, dann w¨ urden Mond und Erde durch die Wirkung der Schwerkraft der Sonne mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten fallen“ ” ¨ und das w¨ urde eine Anderung der Entfernung zwischen ihnen bedeuten. Als Neil Armstrong im Juli 1969 u ¨ber die Ausstiegsleiter des Mondmoduls von Apollo 11 als erster Mensch seinen historischen kurzen Schritt auf den Mondboden setzte, nahm er einen Reflektor von der Gr¨oße einer Personenwaage mit und ließ ihn im Meer der Stille auf der Mondoberfl¨ache zur¨ uck. Mit den sp¨ateren Fl¨ ugen von Apollo 14 und 15 und mit dem unbemannten Flug der russischen Mission Luna 21 wurden weitere Reflektoren zum Mond exportiert. Seitdem sendet man Laserpulse von der Erde zu den Reflektoren und beobachtet das reflektierte Licht durch Fernrohre. Aus der Zeit, die das Licht hin und zur¨ uck ben¨otigt, konnte man die