Iny Lorentz
Die Rache der Wanderhure
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Iny Lorentz
Die Rache der Wanderhure
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Inhaltsübersicht ▪ Prolog ▪ Prolog ▪ Erster Teil ◦ ◦ ◦ ◦ ◦
1. 2. 3. 4. 5.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
◦ ◦ ◦ ◦ ◦ ◦ ◦
6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel
◦ 13. Kapitel
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▪ Zweiter Teil ◦ 1. Kapitel ◦ ◦ ◦ ◦
2. 3. 4. 5.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
◦ ◦ ◦ ◦ ◦
6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel
◦ 11. Kapitel ◦ 12. Kapitel ◦ ◦ ◦ ◦
13. 14. 15. 16.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
▪ Dritter Teil ◦ 1. Kapitel
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◦ 2. Kapitel ◦ 3. Kapitel ◦ ◦ ◦ ◦
4. 5. 6. 7.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
◦ ◦ ◦ ◦ ◦
8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel
◦ 13. Kapitel ◦ 14. Kapitel ◦ 15. Kapitel ▪ Vierter Teil ◦ 1. Kapitel ◦ 2. Kapitel ◦ 3. Kapitel ◦ 4. Kapitel
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◦ 5. Kapitel ◦ 6. Kapitel ◦ ◦ ◦ ◦
7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel
◦ ◦ ◦ ◦ ◦
11. 12. 13. 14. 15.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
◦ 16. Kapitel ▪ Fünfter Teil ◦ ◦ ◦ ◦
1. 2. 3. 4.
Kapitel Kapitel Kapitel Kapitel
◦ 5. Kapitel ◦ 6. Kapitel
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◦ 7. Kapitel ◦ 8. Kapitel ◦ ◦ ◦ ◦
9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel
◦ 13. Kapitel ◦ 14. Kapitel ◦ 15. Kapitel ◦ 16. Kapitel ▪ Anhang ◦ Nachwort ◦ Schlussbemerkung ◦ Nun ein Kommentar Hintergrundgeschichte:
zur
Prolog
Marie
schauderte, als der Henker mit der brennenden Fackel in der Hand auf den Scheiterhaufen zutrat. Hinter ihr aber johlte die dicht stehende Menge erwartungsvoll auf. Es war, als habe sich ganz Konstanz auf der Hinrichtungsstätte versammelt, um sich das Schauspiel eines Feuertods nicht entgehen zu lassen. Mitten aus den Holzscheiten und Reisigbündeln ragte ein kräftiger Pfahl heraus, an den der Verurteilte mit Ketten gefesselt worden war. Der Mann stand völlig regungslos, sein Gesicht glich einem weißen Fleck. Mit einer geradezu triumphierenden Geste reckte der Henker die Fackel hoch, damit alle sie sehen konnten, und drehte sich langsam zu dem Delinquenten um. Die Richter hatten Ruppertus zu einem langsamen Tod verurteilt,
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daher setzte der Henker nur eine Ecke des Scheiterhaufens in Brand und zog sich dann zurück. Aus der Menge erschollen laute Stimmen, die den Verurteilten verhöhnten. Marie biss die Lippen zusammen, um sich kein Wort entschlüpfen zu lassen, und starrte einige Augenblicke nur in die aufsteigenden Flammen, die sich langsam auf Ruppertus zufraßen. Dann glitt ihr Blick an dem Mann hoch, der aus Hass und Geldgier ihr Leben zerstört hatte. Noch verdeckten weder Rauch noch Flammen sein Gesicht, und so konnte sie die Todesangst und das Grauen in seinen weit aufgerissenen Augen lesen. Er schien immer noch nicht fassen zu können, dass er sterben musste. Seine Lippen formten Worte, die jedoch im Prasseln des Feuers untergingen. Das blonde, nassgeschwitzte Haar fiel ihm wirr über die Stirn, und in dem Schandkittel wirkte er klein und hässlich. Von dem gutgekleideten Mann,
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der vorgegeben hatte, sie zur Frau nehmen zu wollen, war nur ein zitterndes Bündel Mensch übrig geblieben, an einen Pfahl gefesselt und von Flammen umzüngelt, die sich in sein Fleisch fressen würden. In Marie wollte Mitleid aufsteigen, denn dieser Mann sah einem Tod entgegen, den sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind wünschen würde. »Er war dein ärgster Feind«, korrigierte sie sich, und in ihr stieg die Erinnerung an jene grauenvollen Tage und Wochen auf, in denen alles begonnen hatte. Sie sah sich selbst als widerwillige Braut, dann geschändet im Kerker und schließlich als Verurteilte an einen Pfahl gebunden, während der einstige Stadtbüttel Hunold mit aller Kraft auf sie einschlug, um sie – wie sie nun wusste – in Ruppertus’ Auftrag totzuschlagen. Hunold – Unhold formten ihre Gedanken. Doch wie sollte sie Ruppertus bezeichnen? Er
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war der wahrhaft Böse gewesen, die treibende Kraft hinter dem Verbrechen an ihr. Er hatte sie ihrer Familie beraubt und ins Elend gestürzt. Noch einmal sah sie ihren Vater sterben und dachte an Wina, ihre Tante, die elend im Narrenturm umgekommen war. Auch roch sie wieder die verschwitzten Leiber der Männer, die sie auf sich hatte ertragen müssen. Nein, sie konnte Ruppertus nicht verzeihen. Eine Heilige hätte es vielleicht vermocht, doch das war sie nicht. Sie war eine Hure, auch wenn die Kirche und der König selbst sie von aller Schuld und allen Sünden freigesprochen hatten. Doch eine Unterschrift und ein Siegel auf einem Pergament konnten nicht die Erinnerung an all die Dinge auslöschen, die sie erlebt hatte. Ihr Blick wurde hart und ihr Gesicht starr. Ruppertus hatte sich Splendidus – der Glänzende – nennen lassen und war doch nur eine habgierige Kreatur gewesen, die über Leichen ging. Er hatte diesen Tod verdient!
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Während Maries Miene sich verdüsterte, starrte Ruppertus sie unverwandt an. Durch den aufsteigenden Rauch und die höher schlagenden Flammen konnte er sie nur schemenhaft erkennen, doch er begriff nun, welch starker Wille diese Frau beseelte, und erkannte die innere Kraft, mit der sie ihrem Schicksal getrotzt und ihre Rache gesucht hatte. »Ich hätte dafür sorgen müssen, dass sie keine Möglichkeit zur Flucht bekommen konnte, sondern noch in Konstanz umgebracht wurde. Dann wäre ich jetzt Graf von Keilburg und ein hoher Herr«, stöhnte er und spürte, wie die ersten Flammen an seinem Kittel leckten. Doch da erhob sich eine andere Stimme in ihm. Alles war falsch gewesen. Er hatte Marie doch geliebt! Warum nur hatte er zugelassen, dass sie von üblen Schurken vergewaltigt und von Hunold halb totgeschlagen worden war? Es war so viel Kraft in ihr! Diese hätte er nützen
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sollen, um höher aufzusteigen. Ihre Kinder wären Grafen geworden und vielleicht noch mehr. Die Zeit war im Wandel, und wer rasch und beherzt zugriff, war gegenüber allen anderen im Vorteil. Sein scharfer Verstand in Verbindung mit ihrer raubtierhaften Kraft hätte Großes vollbringen können. Einige Augenblicke lang spürte Ruppertus das Feuer nicht mehr, das seine Beine hochzüngelte, sondern sah sich selbst in prachtvoller Kleidung mit Marie an seiner Seite auf König Sigismund zutreten und dessen engster Ratgeber werden. So schnell das Bild gekommen war, so rasch schwand es in dem Schmerz, der durch seinen Körper peitschte. Ruppertus riss die Augen auf und sah den Mann, der an Maries Seite getreten war und die Hand um ihre Schultern legte. Es war der Sohn des Schankwirts, jener Lümmel, der es gewagt hatte, seine Augen zu Marie zu erheben, und der sie nun auch bekommen
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hatte. Selbst der Gedanke, dass die Frau als Hure Dutzenden anderer Männer zu Willen hatte sein müssen, konnte Ruppertus’ Gefühl nicht vertreiben, gegen eine Kreatur aus der Gosse verloren zu haben. »Herrgott, warum hast du das zugelassen?«, schrie er und meinte damit nicht nur das Paar vor sich, sondern auch den Scheiterhaufen, auf dem er sich zur Belustigung der Konstanzer Bürger und der Konzilsgäste in Qualen wand. Das Feuer wurde heißer, und Ruppertus rang nach Luft. Er wusste, dass Rauch die Menschen betäubte, und sehnte diese Ohnmacht herbei, die ihm endlich den Schmerz nehmen würde, der immer heftiger durch seinen Körper raste. Er spürte deutlich, wie das Feuer seine Glieder verzehrte, und in seiner Not flehte er Gott an, ihm gnädiges Vergessen zu schenken. Gierig sog er den ätzenden Rauch in die Lunge und kämpfte gegen den Hustenreiz, der
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ihn würgte. Da traf ihn ein kalter Windstoß und blies den Rauch von ihm weg. Die Flammen zitterten einen Augenblick lang, flammten dann aber doppelt so heiß und sengend wieder auf. Der stärker werdende Wind trieb den Rauch gegen die Zuschauer, während Ruppertus entgegen seiner Hoffnung frische Luft einatmete. Offensichtlich wollte das Schicksal ihn die Qual bis zum letzten bitteren Tropfen auskosten lassen. Er suchte erneut nach Marie, ein dichter Schleier drohte sie seinem Blick zu entziehen. Andere Gaffer wichen bereits vor dem Rauch zurück, doch sie stand so regungslos in den Schwaden wie eine archaische Göttin. Auch der Wirtsbengel, den er unterschätzt und daher missachtet hatte, trotzte dem Rauch. Er hasste den Kerl so sehr, dass er sich wünschte, er könne seine Seele dem Teufel verschreiben, nur damit diese Gossenkreatur an seiner Stelle brannte.
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Doch im nächsten Moment verflogen der Hass und die Wut, die seinen Schmerz zeitweise betäubt hatten, und er kämpfte verzweifelt gegen seine Fesseln, um den schier unerträglichen Qualen zu entkommen. Doch die Flammen fraßen sich unerbittlich in seinen Leib. »Herrgott, mach ein Ende!«, schrie er und verfluchte im nächsten Augenblick Gott und die ganze Welt, weil man ihm dies antat. Marie achtete nicht auf den Rauch, der sie wie schwarzer Nebel umwaberte, sondern blickte unverwandt in die Flammen, die Ruppertus umgaben. Der Wind schürte das Feuer an wie ein Blasebalg und ließ die Holzscheite hell aufglühen. Nicht mehr lange, dachte sie, dann ist mein schlimmster Feind tot! Dann endlich würde es ihr möglich sein, ein neues Leben zu beginnen. Sie schloss die Augen und lehnte sich gegen Michel. Ihn hatte sie immer geliebt, und sie war
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stolz auf ihn. Stand er doch trotz allem, was in der Zwischenzeit geschehen war, treu zu ihr. Wenn Ruppertus tot ist, kann es für mich doch noch Glück und Liebe geben, wiederholte sie in Gedanken und sagte sich, dass das Schicksal sie zwar zu den tiefsten Tiefen des menschlichen Seins hinabgespült, ihr aber auch die rettende Hand gereicht hatte. Ein weiterer Windstoß, stärker
als
die
vorhergehenden, ließ Funken aufstieben und trieb sie auf Marie zu. Michel zog sie ein paar Schritte zurück und zeigte zum Himmel, der sich auf einmal pechschwarz über ihnen wölbte. Erste Blitze zuckten wie Flammenzeichen am Horizont, gleichzeitig erschütterten Donnerschläge das Land und übertönten das Prasseln des Feuers. »Es zieht ein Unwetter auf! Wir sollten ins Trockene gehen, bevor es sich über uns entlädt«, riet Michel, doch Marie schüttelte den Kopf.
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»Ich will ihn sterben sehen!« Um sie herum wandten sich die ersten Zuschauer ab und hasteten in die Stadt zurück. Nicht lange, da verscheuchten die den Himmel mit einem glühenden Netz überziehenden Blitze und der ununterbrochen rollende Donner auch die restlichen Gaffer. Nur Marie und Michel, ein paar Stadtknechte und zwei Dominikanermönche blieben bei dem mittlerweile lichterloh brennenden Scheiterhaufen stehen. Marie sah, wie Ruppertus sich in Schmerzen wand, und durch das Getöse des Gewitters hindurch glaubte sie auch, Schreie zu vernehmen, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Noch regnete es nicht, und die Windböen fachten das Feuer zu einem Inferno aus Glut und Flammen an. Als der Wind heftiger an Maries Kleidern zerrte und sie erneut in Gefahr geriet, vom
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Funkenregen getroffen zu werden, schlang Michel den Arm um sie und führte sie weg. »Es ist gleich vorbei«, sagte er. »Ruppertus kann sterben, ohne dass du ihm zusiehst.« Marie nickte nachdenklich. »Es ist eine grauenvolle Strafe! Aber er hat sie verdient.« Als sie auf das Stadttor zugingen, widerstand Marie dem Impuls, sich noch einmal umzudrehen. Daher sah sie nicht, dass das Pferdegespann vor dem Schinderkarren immer nervöser wurde. Bei einem besonders heftigen Donnerschlag bäumten die Gäule sich auf und gingen durch. Der Knecht auf dem Bock versuchte noch, sie zu zügeln, doch als der Wagen über einen halb in der Erde eingebetteten Felsblock fuhr und wie ein Ball hochhüpfte, wurde der Mann hinausgeschleudert. Die Pferde rasten kopflos weiter, auf den brennenden Scheiterhaufen zu. Die beiden Dominikanermönche hatten ausgeharrt, um Ruppertus’ Tod zu bekunden und
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seine Asche auf dem Schindanger zu verscharren. Als sie das durchgehende Gespann auf sich zukommen sahen, sprangen sie erschrocken zur Seite. Im letzten Augenblick erkannten die Pferde die Gefahr und wichen dem Feuer aus. Dabei rissen die Stränge. Die Tiere galoppierten weiter, der schwere Karren aber rollte mit voller Wucht in den Scheiterhaufen und wirbelte brennende Scheite und Funken auf. Als wäre dies ein Signal gewesen, öffneten sich die Schleusen des Himmels, und ein Wolkenbruch ergoss sich über die Stadt. Die beiden Mönche gingen um den Karren herum und näherten sich dem Scheiterhaufen. Da war das glühende Holz bereits im weiten Umkreis verstreut und zischte im Regen. Der Wagen hatte den Pfahl umgerissen, an den Ruppertus gefesselt war, und ein Stück mitgeschleift. Dieser lag jetzt mehrere Schritte von den
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Resten des Scheiterhaufens entfernt auf dem Boden. Vorsichtig
wichen
die
Mönche
den
rauchenden Holzresten aus und näherten sich der noch an den Pfahl gebundenen Gestalt, die von offenen Wunden und schwarzer Kruste bedeckt war. Der Schandkittel bestand nur noch aus am Körper klebenden Fetzen. Einer der Dominikaner begann zu beten, während der andere auf den bis zur Unkenntlichkeit Verbrannten zutrat, um ihn vom Schandpfahl loszuketten. Da drehte Ruppertus mit einem Mal den Kopf. In dem schwarzen Gesicht öffnete sich ein Auge und starrte den Mönch an. Erschrocken schlug der Dominikaner das Kreuz und winkte seinen Mitbruder zu sich. »Er lebt noch!« »Wenn er lebt, so ist dies Gottes Wille, dem wir Menschen uns nicht widersetzen dürfen.« »Aber was sollen wir tun?«
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Der Dominikaner warf einen Blick auf die Stadt, die in dem starken Regen wie hinter einem Schleier verborgen lag. »Es ist am besten, wir bezeugen, dass Ruppertus Splendidus sein Ende auf dem Scheiterhaufen gefunden hat und wir ihn begraben haben. In Wahrheit aber bringen wir ihn in unser Kloster. Sollte er durch Gottes Gnade am Leben bleiben, muss er seine Seele durch eine Wallfahrt an eine heilige Stätte reinigen und dort in ein Kloster unseres Ordens eintreten.« »Ganz wohl ist mir dabei nicht«, bekannte sein Mitbruder und schüttelte sich. Aber auch er nahm es als Zeichen des Himmels, dass der Verurteilte noch lebte, und das wagte er nicht zu missachten.
Erster Teil Verrat 1.
Elf Jahre waren seit jenem schicksalhaften Tag vergangen, an dem Ruppertus Splendidus auf dem Scheiterhaufen hätte sterben sollen und wie durch ein Wunder gerettet worden war. Niemand hatte je wieder von ihm gehört, und die meisten Menschen, die Zeuge des Geschehens geworden waren, hatten längst seinen Namen vergessen. Auch Marie erinnerte sich nur noch während mancher Tage, an denen sich ihr Gemüt verdüsterte, an ihren einstigen Feind. Seit seiner Hinrichtung auf dem Anger von Konstanz war ihr Leben in ruhigen Bahnen verlaufen.
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Da alles in ihrer Heimatstadt sie an ihr Schicksal und ihre toten Lieben erinnert hatte, war sie froh gewesen, Konstanz verlassen zu können. König Sigismund hatte ihr und Michel seine Gunst erwiesen und ihnen die Burg Hohenstein in Franken als neuen Wohnsitz zugewiesen. Dafür war ihnen die Verpflichtung auferlegt worden, als Burghauptmann und Kastellanin die Festung instand zu halten und das umliegende Gebiet samt dem Meierdorf zu verwalten. Schon bald nach dem Konzil zu Konstanz gärte es im Osten, und schließlich zogen dunkle Wolken auf, die das gesamte Reich bedrohten. Die Böhmen waren erzürnt über die Hinrichtung ihres religiösen Führers Jan Hus in Konstanz und rebellierten gegen König Sigismund und die Papstkirche in Rom. Nicht lange, da wurden die Nachrichten, die nach Hohenstein gelangten, beinahe täglich schlechter. Schließlich forderte Marie, die sich geschworen hatte,
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nie mehr hilflos sein zu wollen, ihren Mann auf, sie im Gebrauch des Schwertes zu schulen. Daher unterrichtete Michel sie regelmäßig auf der Wiese am See. An Tagen wie diesem, wenn ein sanfter Windhauch den Burghügel herabblies und ihr Haar aufstieben ließ, genoss Marie die Übungen. Sie stand neben einer Buschgruppe, hielt ihr Schwert gesenkt und sah so aus, als träume sie in den Tag hinein. Doch unter dichten Wimpern musterte sie Michel lauernd. Mit einem Mal riss sie die Waffe hoch und schwang sie gegen ihn. Mit einem Schritt war Michel aus ihrer Reichweite und lachte. »Das war gar nicht so schlecht. Beinahe wäre ich darauf hereingefallen.« »Bist du aber nicht! Du hast nicht einmal dein Schwert gehoben, um meinen Schlag abzuwehren.« Marie bemühte sich, enttäuscht zu klingen. Tatsächlich war sie stolz auf ihren Mann. Er
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beherrschte den Kampf mit allen Waffen und war ein sehr achtsamer Krieger. In seiner Gegenwart fühlte sie sich so sicher wie in Abrahams Schoß. In friedlicheren Zeiten hätte sie sich ganz auf seinen Schutz verlassen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, selbst den Umgang mit dem Schwert zu erlernen. Doch die Bedrohung aus dem Osten war so stark, dass sie Michel nicht zu einer Last werden durfte. Zwar lagen etliche Tagesreisen zwischen Hohenstein und Böhmen, doch hussitische Raubscharen waren an anderen Stellen tief ins Reich eingedrungen, und früher oder später würden sie auch den Weg in ihr kleines Refugium finden. Marie warf einen Blick auf die Burg, die König Sigismund ihrem Mann und ihr anvertraut hatte. Die Mauern von Hohenstein waren hoch und fest, und solange Michel sie verteidigte, würden die Hussiten sie wohl niemals einnehmen.
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»Was ist?«, hörte sie Michels Stimme und hob erneut ihr Schwert. Es hatte keine scharfe Schneide, sondern war für Übungskämpfe gemacht. Zu gerne hätte sie Michel einmal getroffen, aber natürlich nicht so, dass er verletzt wurde. Marie gab den nutzlosen Gedanken auf und setzte erneut zu einem Schwertstreich an. Ihr Mann wich jedoch mit der gleichen Behendigkeit aus wie zuvor und grinste. »So wird das nichts! Du musst schon richtig wütend werden und mir weh tun wollen.« »Mir tun die Arme weh!« Mit diesen Worten ließ Marie das Schwert sinken und blickte zu den Büschen hinüber. Dort war ihre Tochter Trudi gerade dabei, die Blüten von einem Holunderbusch zu brechen und in einem Korb zu sammeln. Dahinter erstreckten sich sanft im Wind wiegende Kornfelder, die zu Hohenstein gehörten. Ein Bauer arbeitete auf seinem
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Acker, hielt nun aber inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Lachend hob Marie die Hand und winkte dem Mann zu. »Hallo, Thomas! Geht die Arbeit gut voran?« »Aber ja!«, rief er lachend. »Und wo hast du Hiltrud gelassen?« »Die ist hier!«, klang da die Stimme ihrer Freundin auf. Munter wie ein Reh kam Hiltrud den Weg von der Burg herab. Sie hielt in der einen Hand einen Krug und in der anderen einen Becher. »Ich wollte Thomas etwas zu trinken bringen. Wenn du magst, bekommst du auch etwas«, sagte sie und trat auf Marie zu. Diese nickte lächelnd und streckte die Hand nach dem Becher aus. »Kämpfen macht durstig.« »Vor allem, wenn man immer danebenschlägt«, warf Michel lachend ein.
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»Männer, sage ich nur!« Hiltrud schnaubte scheinbar verächtlich, doch das Zucken um ihre Mundwinkel verriet ihre Heiterkeit. Sie goss ihrer Freundin den Becher voll und sah zu, wie diese trank. Marie ist noch schöner geworden, dachte sie mit einem gewissen Anflug von Neid. Als Ehefrau des Burghauptmanns auf Hohenstein führte ihre Freundin aber auch ein angenehmes Leben. Hiltruds Blick flog kurz zur Burg, auf deren Türmen die Banner des Königs im Wind flatterten. Wer hier das Sagen hatte, gehörte zu den Getreuen, die jederzeit Zutritt zu Sigismund erhielten. Hiltrud wollte jedoch nicht klagen, denn ihr ging es ebenfalls gut. Mit Thomas hatte sie einen braven Mann. Gemeinsam bewirtschafteten sie den Meierhof der Burg. Für sie, die sie jahrelang als Wanderhure von Markt zu Markt hatte ziehen müssen, war dies weitaus mehr,
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als sie sich je erträumt hatte. Nun hatte sie ein festes Dach über dem Kopf, genug zu essen und in Marie eine Freundin, auf deren Zuneigung sie bauen konnte. Verwundert, weil sie plötzlich wieder an jene Vergangenheit denken musste, die sie am liebsten für immer vergessen hätte, nahm Hiltrud den leeren Becher von Marie entgegen, füllte ihn und reichte ihn Michel. Dieser trank ebenfalls, bedankte sich bei ihr und sah dann seine Frau nachdenklich an. »Du hast mich aufgefordert, dir zu zeigen, wie man mit dem Schwert umgeht. Doch du bist nicht mit dem Herzen dabei. Wenn du kämpfst, musst du es mit jeder Faser deines Leibes und voller Konzentration tun.« Hiltrud schüttelte den Kopf über Maries Verbissenheit, Dinge lernen zu wollen, für die eine Frau nicht geschaffen war, und ging weiter, um ihrem Mann etwas zu trinken zu bringen. Dabei
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kam sie an Trudi vorbei und strich dem Mädchen übers Haar. Marie hob das Schwert zum Schlag. »Weißt du, wofür ich von Herzen danke?«, sagte sie zu Michel, nachdem dieser ihren ersten Hieb abgeblockt hatte. »Wofür?« Da Michel für einen Augenblick abgelenkt war, führte Marie einen schnellen Hieb aus, den ihr Mann im letzten Moment parieren konnte. »Schade. Beinahe hätte ich dich getroffen.« Michel ging nicht darauf ein, sondern sah sie lächelnd an. »Wofür wolltest du danken?« »Für all das hier!«, antwortete Marie und schüttelte den Kopf über sich selbst, so dass ihr Haar aufstob und in der Sonne leuchtete. Diesmal passte sie nicht richtig auf und sah Michels Klinge wie einen Blitz auf sich zustoßen. Mit letzter Kraft lenkte sie die Waffe ab und trat einen Schritt zurück, um in aller Ruhe
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weiterzusprechen. »Ich danke dem Schicksal auch für unsere wunderbare Tochter und die Treue unserer Freunde Hiltrud und Thomas.« »Und weiter?«, fragte Michel gespannt, während sie erneut die Klingen kreuzten. »Für die Gunst des Königs, der dich zum Burghauptmann von Hohenstein gemacht hat.« So ganz gefiel Michel dieser Satz nicht, und er führte seinen nächsten Hieb härter als die vorhergehenden. Marie konnte ihn abwehren, doch ihre Arme schmerzten bis in die Schultern hinein. Aufkeuchend wich sie einen weiteren Schritt zurück. »Wenn du nicht aufpasst, fällst du gleich in den See«, warnte Michel sie lachend. »Und wofür dankst du dem Schicksal noch?« Dabei attackierte er Marie ganz plötzlich, doch diesmal konnte sie dem Schlag mit Leichtigkeit ausweichen. »Für was soll ich dem Schicksal noch danken?«, fragte sie mit schelmischem Blick.
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Diesmal achtete sie zu spät auf Michels Klinge. Mit einer geschickten Drehung prellte er ihr die Waffe aus der Hand und setzte ihr spielerisch die Schwertspitze an den Hals. Marie hob lachend die Arme. »Gnade, ich ergebe mich! Aber zu deiner Frage: Ich danke dem Schicksal vor allem für den Sohn eines Schankwirts, der mich zu seiner Kastellanin gemacht hat.« Mit der Linken schob sie Michels Klinge beiseite und zog ihn mit der anderen Hand an sich. »Ich weiß etwas Besseres für uns, als mit einem dummen Schwert herumzufuchteln«, flüsterte sie und küsste ihn. Michel schlang die Arme um sie und genoss für einige Augenblicke ihre Nähe. Dann griff er unter sein Wams und holte ein Armband aus gelbem Samt hervor, auf dem elf kleine Muscheln befestigt waren. »Eigentlich sollte es ein Armreif aus Gold mit elf Perlen sein, eine
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für jedes Jahr, das ich mit dir verbringen durfte. Leider hat mich der Goldschmied versetzt, und so habe ich dir dieses Muschelarmband gemacht.« »Danke!« Maries Gesicht wurde weich, und sie schmiegte sich an ihren Mann, während dieser ihr das selbstgefertigte Armband umlegte. »Elf Muscheln – und jede birgt ein Geheimnis«, flüsterte sie ergriffen. »Das Geheimnis unserer Liebe!« Michel lächelte sanft, hob dann aber Maries Schwert auf und reichte es ihr. »Nun stell dir vor, ich wäre dein größter Feind, und du müsstest dich, unsere Tochter und all unsere Freunde gegen mich verteidigen!« Marie schauderte es. »Mein größter Feind ist tot!« Sie sah zu Trudi hinüber, als benötige sie den Anblick der Tochter, um die Gedanken, die ihr
durch
den
Kopf
schossen,
weit
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wegzuschieben. Die Kleine hob den Kopf, stand auf und rannte lachend auf sie zu. Bevor Trudi ihre Mutter erreichte, klang Hufgetrappel auf. Alle drei drehten sich um und sahen einen Mann den Weg zur Burg hinaufreiten. Michel winkte dem Reiter zu und ging zur Straße. Bei seinem Anblick zügelte der Fremde sein Pferd und blickte auf ihn herab. »Ich suche Michel Adler, den Burghauptmann von Hohenstein!« »Du hast ihn gefunden!« Michel stemmte die Hände in die Seiten und musterte den Besucher, der einen Waffenrock mit Sigismunds Wappen trug. Der Mann zog ein versiegeltes Schreiben aus seiner Satteltasche und reichte es Michel mit weitaus respektvollerer Stimme. »Ich habe eine Botschaft für Euch, Herr. Sie kommt vom König!«
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Verwundert nahm Michel den Brief entgegen, erbrach das Siegel und begann zu lesen. Mit jeder Zeile wurde sein Gesicht finsterer. Schließlich wies er mit der Hand zur Burg. »Reite voran und sage meinem Stellvertreter, dass ich dich geschickt habe. Er soll dir eine Mahlzeit und einen Krug Wein auftischen lassen. Man versorgen.«
wird
auch
dein
Pferd
gut
Der Kurier neigte kurz das Haupt und trieb seinen Gaul an, während Michel sich seufzend umdrehte und Marie hinter sich stehen sah. »Seine Majestät Sigismund, der römischdeutsche König, erwartet seine Ritter und Lehensträger zum Reichstag in Nürnberg. Wir sollen in Waffen erscheinen. Du weißt, was das bedeutet.« Obwohl Marie es sich denken konnte, schüttelte sie heftig den Kopf. »Nein, das weiß ich nicht!«
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»Es gibt Krieg! Sigismund wird gegen die Hussiten ziehen wollen«, erklärte Michel mit ernster Miene. Trudi war Marie bis zur Straße gefolgt und blickte fragend zu ihrem Vater hinauf. »Was ist ein Hussit?« Mit einem gekünstelten Lachen nahm Michel seine Tochter auf den Arm und ging mit ihr in Richtung der Burg. »Ein Hussit, meine Kleine, ist unser schlimmster Feind!« Marie fühlte bei seinen Worten einen scharfen Stich im Magen, so als würde die Wunde aus jenen schrecklichen Tagen erneut aufgerissen. Wieder stiegen Schmerz und Trauer wie eine düstere Wand in ihr auf und drohten über ihr zusammenzuschlagen. Mit ein paar Schritten stand sie vor der Vogelscheuche, die Thomas am Rand des Getreidefelds aufgestellt hatte, schwang ihr Übungsschwert und trennte den hässlichen Kopf der Puppe mit einem wütenden Hieb vom Rumpf. Als dieser über den
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Boden rollte, glaubte sie einen Augenblick lang, Ruppertus Splendidus’ Gesicht darauf zu sehen, und atmete schwer. Dann drehte sie der kopflosen Vogelscheuche mit einer schroffen Bewegung den Rücken zu und folgte Michel und Trudi zum Schloss. »Mein schlimmster Feind ist tot!«, flüsterte sie vor sich hin. Doch sie wusste längst, dass die Erinnerung an Ruppertus Splendidus und das, was dieser Mann ihr angetan hatte, sie ihr Leben lang verfolgen würden.
2.
Ein
paar Wochen später wanderte ein Mönch im Habit der Dominikaner auf der Straße nach Nürnberg. Trotz des warmen Wetters hatte er seine Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass es fast vollständig bedeckt war. Er murmelte lateinische Worte vor sich hin und stieß dabei den Stock, auf den er sich stützte, immer wieder hart auf den Boden, als müsse er die Erde wegen irgendwelcher Verfehlungen züchtigen. Mit einem Mal erblickte der Mönch am Rand des Weges eine kleine, offene Kapelle und blieb stehen. Einige Atemzüge lang musterte er das bescheidene Bauwerk und schritt dann darauf zu. Die tiefstehende Sonne fiel durch das Portal ins Innere und leuchtete es hell aus. In dem Augenblick aber, in dem der Mönch eintrat,
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verdeckte er das Sonnenlicht. Nur ein einziger Strahl drang noch über seine Schulter hinweg in den Raum und umgab die kleine Marienstatue auf dem Altar mit einer goldenen Aura. Bei diesem Anblick sank der Dominikaner auf die Knie und streifte die Kapuze vom Kopf. Dabei berührte seine Hand die silberne Platte, welche die rechte Hälfte seines Gesichts bedeckte. Die Maske verbarg auch das rechte Auge, während der Blick des linken mit einem feurig-ergebenen Ausdruck auf der umstrahlten Madonna ruhte. Der Mönch begann wieder zu beten und stieß die lateinischen Worte mit einer Wucht hervor, dass sein ganzer Leib vor Erregung zitterte. Dabei streckte er die Hände so begehrend nach der Statue aus, als wäre sie eine Frau aus Fleisch und Blut. »Imperat tibi excelsa Dei Genetrix Virgo Maria«, rief er schließlich mit donnernder Stimme, so als müsse er unreine Geister durch
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einen Exorzismus austreiben, »quae superbissimum caput tuum a primo instanti immaculatae suae Conceptionis in sua humilitate contrivit …« Seine Worte wurden inbrünstiger, und er schien in Ekstase zu verfallen. Sein ganzer Leib zuckte, während der Mund Ton um Ton ausstieß, so als stände der Satan bereits vor ihm und wolle ihn ins Verderben reißen. Dabei näherte er sich langsam der Madonnenfigur, deren vom Sonnenlicht erfasstes Haupt mit einem Mal andere Züge annahm, Züge, die ihn an jene Frau gemahnten, die ihm einst zum Verhängnis geworden war. »Marie!« Einen Augenblick unterbrach er sein leidenschaftliches Gebet und stieß diesen Namen wie einen Hilferuf hervor. Dabei schüttelte er sich wie im Fieber und fuhr dann mit seinem Exorzismus fort. »… Ergo, draco maledicte et omnis legio diabolica …« Bei diesen Sätzen steigerte sich
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die Stimme des Mönchs zu einem schrillen Diskant und war schließlich kaum noch zu verstehen. Die letzten Worte schrie er schließlich wie eine Kampfansage an alle Höllenmächte hinaus. »Vade, satana, inventor et magister omnis fallaciae, hostis humanae salutis!« Im gleichen Moment erlosch das goldene Licht, das der Madonnenfigur überirdischen Glanz verliehen hatte. Verwirrt starrte der Mönch auf das plötzlich kalte und schmucklose Standbild und vermochte zuerst nicht zu begreifen, weshalb der Strahlenkranz verschwunden war. Er sprach ein letztes Gebet, bekreuzigte sich und verließ die Kapelle. Als er wieder auf der Straße stand, sah er, dass die Sonne von den Wipfeln dichter und schüttelte sich, genehmer Gedanken er sich wieder auf Reichsstadt.
Bäume verdeckt wurde, als müsse er sich unanerwehren. Dann machte den Weg in die nahe
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All die Bilder wallten wieder in ihm auf, die ihn zumeist nur des Nachts quälten. Elf Jahre lang hatte er das Land seiner Geburt nicht mehr betreten dürfen. Aber diejenigen, die ihm dies verboten hatten, lebten nicht mehr, und mit ihnen war auch das Geheimnis seiner Herkunft ins Grab gesunken. Um seinen Mund zuckte ein böses Lächeln, als er an die beiden Mönche dachte, denen er seine Rettung verdankte. Sie hatten niemand verraten, dass er noch lebte. Ihn selbst hatten sie nach Rom geschafft und zu einem Leben in Gebet und Demut verurteilt. Gerade dadurch aber war es ihm möglich gewesen, in der verschlungenen Hierarchie des Vatikans aufzusteigen und den Rang zu erreichen, den er nun einnahm. Als Inquisitor besaß er mehr Macht als jeder andere Würdenträger des Heiligen Stuhls mit Ausnahme des Papstes. Selbst Bischöfe und Kardinäle hatten ihn
zu
fürchten,
das
galt
auch
für
die
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christlichen Fürsten Europas bis hoch zu König Sigismund. Allerdings hatte er dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Bei dem Gedanken berührte er die silberne Maske, die auf der rechten Seite nur den Mund und die Kinnpartie freiließ. Einst hatte er als gutaussehender junger Mann gegolten, nun aber würde jede Frau schreiend vor ihm zurückweichen. Nicht alle, durchfuhr es ihn. Eine gab es, deren Geist stark genug war, auch diesen Anblick zu ertragen. Sobald er seinen Auftrag in Nürnberg erledigt hatte, würde er sie suchen. Sie war noch am Leben, das fühlte er. Zu seinem Leidwesen hatte er bisher nicht in Erfahrung bringen können, wo sie sich aufhielt. Der Bote, den er vor zwei Jahren nach Konstanz geschickt hatte, um nach Marie Schärer zu fragen, hatte ihm nur melden können, dass sie die Stadt schon vor vielen Jahren verlassen hatte.
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»Die Heilige Jungfrau wird mich leiten!« Mit diesem Stoßseufzer ging er weiter und erreichte kurz darauf das Stadttor. Ein Wächter vertrat ihm den Weg. »Woher kommst und wohin willst du, frommer Bruder?« Der Mönch blieb stehen, hob den Kopf und funkelte den Mann mit dem einen Auge an. »Ich bin Janus Suppertur, Inquisitor im Auftrag Seiner Heiligkeit, Papst Martin V., und ich komme, um die Sünder zu bestrafen!« Damit schob Janus Suppertur, der einst auf den Namen Ruppertus getauft worden war, den Mann zur Seite und ging weiter. Ein Windstoß blähte seine Kutte auf, so dass sie ihm wie eine schwarze Fahne um die Beine schlug. Der Wächter sah ihm verblüfft nach, wagte aber nicht, ihn aufzuhalten. Als der Mönch im Menschengewühl untergetaucht war, kehrte er zu seinem Kameraden zurück und rieb sich mit der rechten Hand das Gesicht. »Der Mönch ist ein Inquisitor und will die Sündhaftigkeit aus
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Nürnberg vertreiben!«, sagte er mit gepresster Stimme. »Ein Inquisitor, sagst du, und da reist er allein? Diese Herren kommen doch immer mit großem Gefolge. Andererseits flößt mir der Mönch Angst ein. Solange er hier ist, sollten wir das Hurenhaus meiden. Nicht dass er mit Feuer und Schwert dreinfährt und es uns teuer büßen lässt, wenn wir dort unseren Mann stehen wollen.« Sein Kamerad nickte eifrig. »Ins Wirtshaus sollten wir vielleicht auch nicht mehr gehen und auch das Fluchen unterlassen. Ich muss sagen – der Mönch ist mir unheimlich! Du hättest ihn aus der Nähe sehen sollen! Sein Gesicht wird zu einem großen Teil von einer Silbermaske verdeckt.« »Vielleicht ist das die neueste Mode unter den Pfaffen in Rom!« Sein Kamerad spie angewidert aus und fand, dass die Anwesenheit
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eines fanatisch auftretenden Mönchs seine Behaglichkeit störte. Während die Torwächter sich noch eine Weile über die Begegnung unterhielten, durchquerte Ruppertus die Stadt und erreichte in kurzer Zeit die Burg. Dort scheuchte er den Wächter mit einer Handbewegung beiseite. Mit der gleichen Arroganz winkte er im Hauptgebäude einen Diener heran. »Wo ist der König?« »Seine Majestät befindet sich in der großen Halle«, antwortete der Mann. »Aber ich weiß nicht, ob …« Was der Diener noch hatte sagen wollen, unterblieb, denn Ruppertus ging einfach an ihm vorbei und vernahm bald laute, getragene Stimmen, die ihm den Weg wiesen.
3.
Isabelle de Melancourt beobachtete die Szene, die sich vor ihren Augen abspielte, mit einem nachsichtigen Lächeln. Nicht weit von ihr entfernt trug ein Ritter ein Samtkissen in den Händen, auf dem der Reichsapfel lag. Ein anderer Edelmann hielt ein Kissen mit dem Zepter, während ein dritter sich mit dem purpurfarbenen Krönungsmantel abmühte. Direkt neben ihm umklammerte ein vierter Edelmann den Griff eines altmodisch wirkenden Schwertes, das der Überlieferung zufolge bereits Kaiser Karl der Große geführt haben sollte. Weitere Ritter standen in blankpolierten Rüstungen Spalier. Alle blickten so ernst, als wohnten sie tatsächlich einer heiligen Zeremonie bei. Selbst die beiden Nonnen in Isabelles Begleitung
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sahen ergriffen aus, während sie selbst die Sache eher belustigend fand. Ihr Blick suchte den König, der in einem härenen Hemd steckte und wenig majestätisch wirkte. Seiner Miene nach schien er dies auch selbst zu empfinden. Er erhob sich, zupfte das Hemd zurecht, das ihn unter den Achseln zwickte, und kniete dann erneut vor dem Mann nieder, der im Ornat der höchsten geistlichen Autorität vor ihm stand und in der Hand die schwere, achteckige Kaiserkrone hielt, die mit kostbaren Edelsteinen und den Bildern der biblischen Könige David und Salomon geschmückt war. Ein Luftzug traf Isabelle und machte sie darauf aufmerksam, dass soeben die große Flügeltür in den Saal geöffnet worden war. Sie wandte den Blick und entdeckte einen Mönch im Habit der Dominikaner. Als eine der Fackeln an der Wand einen silbern schimmernden Reflex auf seinem Gesicht aufblitzen ließ, kniff sie
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die
Lippen
zu
einem
schmalen
Strich
zusammen. Der Mönch trat einen Schritt in den Saal, verharrte dann und starrte verblüfft auf das Spiel, das ihm geboten wurde. Eben hob der als Papst verkleidete Mann die Krone und sah Sigismund fragend an. »Bist du bereit, als gläubiger Christ den Schirm der Kirche, die Wahrung der Gerechtigkeit, die Mehrung des Reiches, das Beschützen der Witwen und Waisen und die Ehrung des Papstes zu geloben?« Der kniende Sigismund kratzte sich am Hals, weil ihn der Kragen des unbequemen Kleidungsstücks juckte, und nickte dann. »Sicher!« Mit einem mahnenden Hüsteln machte der falsche Papst den König darauf aufmerksam, dass er sich in dieser Situation nicht von seinen Launen leiten lassen durfte.
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Daher nickte Sigismund noch einmal und antwortete der Zeremonie gemäß: »Volo! Ich will!« Währenddessen ließ Isabelle de Melancourt den Neuankömmling nicht aus den Augen. Sie spürte seine Verwirrung und auch seinen Zorn, weil ausgerechnet hier in der königlichen Residenz mit einem der heiligsten Sakramente der Kirche Schindluder getrieben wurde. Schon erwartete sie, dass der Mönch einem Engel mit dem Flammenschwert gleich dazwischenfahren würde. Doch er hielt sich zurück und sah regungslos zu. Nachdem Sigismund zur Zufriedenheit seines Papstdarstellers geantwortet hatte, wandte dieser sich mit einer weit ausholenden Geste an die im Saal versammelten Adeligen und Gefolgsleute des Königs. »Seid ihr bereit, diesen Fürsten anzunehmen, seinen Befehlen zu gehorchen und sein Reich zu festigen?«
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Unter den Rittern befand sich auch der Burghauptmann auf Hohenstein. Michel war mit der Vorstellung nach Nürnberg gereist, an einem Kriegszug teilnehmen zu müssen, und fand sich nun als Teilnehmer an einer fingierten Krönung wieder. Für solche Spiele erschien ihm die Lage wahrlich zu ernst. Dann aber sagte er sich, dass gerade diese Zeremonie, auch wenn sie nur eine Probe für eine richtige Kaiserkrönung darstellte, die Einheit zwischen Sigismund als Reichsoberhaupt und den Teilnehmern am Reichstag stärken konnte. Daher skandierte er ebenso laut wie die anderen die altüberlieferte Antwort: »Fiat! Fiat! Fiat!« Kaum waren die Worte verklungen, setzte der falsche Papst dem echten König die Krone aufs Haupt, strich ihm mit Zeige- und Mittelfinger über die Stirn und erhob seine Stimme. »Es geschehe! So salbe ich dich zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in nomine patris et filii et spiritus sancti, amen!«
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Sigismund wartete gerade noch ab, bis diese Worte gesprochen waren, erhob sich zupfte erneut an seinem härenen Kittel.
und
»Muss das Ding wirklich sein?«, fragte er Isabelle de Melancourt. Dann entdeckte er die schwarze Gestalt in der Nähe der Tür und gab seinem Herold einen Wink. Dieser trat auf den Mönch zu und fragte ihn nach Namen und Begehr. Nachdem Ruppertus die Auskunft recht hochmütig gegeben hatte, drehte der Herold sich um und hob seinen Stab, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. »Janus Suppertur, Inquisitor und Gesandter Seiner Heiligkeit, Papst Martin V.!« Auf Sigismunds Gesicht erschien ein abweisender Zug, während Isabelle de Melancourt hinter ihre beiden Begleiterinnen zurücktrat, als wolle sie sich vor Ruppertus’ schweifendem Blick verbergen. Ihre Miene zeigte für einen Augenblick Abscheu, ja sogar Hass. Doch sie
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hatte sich rasch wieder in der Gewalt und spitzte die Ohren. Sigismund trat
mit
einem
gezwungenen
Lächeln auf Ruppertus zu. »Ihr also seid Janus Suppertur! Ich hatte Euer Kommen später erwartet.« »Das habe ich bemerkt«, antwortete Ruppertus mit eisiger Stimme, besann sich aber, was er dem Oberhaupt des Reiches schuldig war, und neigte den Kopf, um eine Verbeugung anzudeuten. Dann kam er auf das Geschehen im Saal zurück. »Euer Majestät, was hatte dies hier zu bedeuten?« Mit einer ärgerlichen Bewegung nahm Sigismund die schwere Krone ab und setzte sie dem Papstdarsteller kurzerhand auf den Kopf. Dann lachte er hart auf. »Wenn Ihr es genau wissen wollt: Die Krönungszeremonie ist seit vierhundert Jahren die gleiche, und sie muss, wenn sie gelingen
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soll, vorher geübt werden. Man wird schließlich nur einmal im Leben Kaiser.« In der Stimme des Königs schwang deutliche Kritik mit. Papst Martin hatte ihn bereits zu lange mit der Kaiserkrönung hingehalten, und seine Geduld war erschöpft. Dies spürte Ruppertus sehr genau, doch das, was Sigismund sich am meisten wünschte, nämlich die Einladung nach Rom und das Versprechen der Kaiserkrönung, konnte er ihm nicht überbringen. Daher bemühte er sich vorerst, verbindlich zu sein. »Eine Kaiserkrönung ist ein feierlicher Akt. Ich verstehe, dass Ihr darauf vorbereitet sein wollt.« »Ich bin es und hoffe, Martin V. ist es auch!« Sigismund klopfte dem falschen Papst auf die Schulter und wies auf die Reichskleinodien. »Schaff das weg! Wir werden die Zeremonie später noch einmal proben. Jetzt habe ich so
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einiges mit dem Boten Seiner Heiligkeit zu besprechen.« Ruppertus’ Blick wurde dunkel, weil er als Bote bezeichnet wurde, und er sah mit wachsendem Ärger zu, wie der Papstdarsteller die Reichskleinodien einsammelte und mit ihnen durch eine Seitentür verschwand. Am liebsten hätte er Sigismund über die notwendige Demut belehrt, die auch einem König angemessen war. Schon die Tatsache, dass irgendein Hofnarr den Heiligen Vater in Rom darstellen durfte, überschritt die Grenze der Häresie. Doch leider brauchte Papst Martin den König als Schwertarm gegen die Feinde des Glaubens, und er war gesandt worden, um Sigismund an seine Pflichten zu erinnern. »Wann werdet Ihr gegen die ketzerischen Hussiten ziehen?«, fragte Ruppertus den König unvermittelt. Sigismund wies mit einer weit ausholenden Geste auf die Ritter im Saal. »Wie Ihr sehen
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könnt, habe ich bereits meine Getreuen zusammengerufen. All diese Männer sind bereit, einen Kreuzzug gegen den Ketzer Vyszo und seine Hussiten zu führen und ihnen allen die Schädel einzuschlagen.« Einen Augenblick lang suchte des Königs Blick Isabelle de Melancourt, die es mittlerweile aufgegeben hatte, sich vor dem Dominikaner verbergen zu wollen. Nun bemerkte auch Ruppertus die Äbtissin, und ein Ruck ging durch seinen Körper. Aber er hatte sich sofort wieder in der Gewalt und wandte sich Sigismund zu. »Ich darf Seiner Heiligkeit also berichten, dass der König und seine Truppen mit Freude im Herzen aufbrechen werden, um die heilige Religion gegen Ketzerei und Häresie zu verteidigen.« »Die Freude meiner Ritter und Soldaten wäre noch größer, wenn sie einem Kaiser anstelle des Königs in die Schlacht folgen dürften!« Sigismund klang fordernd. Wenn er
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schon gegen die Ketzer zog, wollte er dafür belohnt werden. Ruppertus war jedoch nicht befugt, auf die Wünsche des Königs Rücksicht zu nehmen, und bedachte Sigismund mit einem tadelnden Blick. »Seine Heiligkeit Papst Martin glaubt, das Symbol der Kaiserkrone werde noch strahlender auf der Stirn eines Herrschers leuchten, wenn dieser bereits bewiesen hat, dass er die Feinde des Glaubens niederwerfen und das Reich befrieden kann.« Die Abfuhr war deutlich. Das Gesicht des Königs färbte sich dunkel, doch bevor er auffahren konnte, sah er, dass Isabelle de Melancourt ihm ein Zeichen machte, Ruhe zu bewahren. So antwortete er verbindlicher, als es seinem Gefühl entsprach. Seine Stimme aber klang wie die eines kleinen Jungen, dem man ein begehrtes Spielzeug verwehrt hatte. »Soll das heißen, Seine Heiligkeit will warten,
bis
ich
die
böhmischen
Ketzer
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abgeschlachtet habe, bevor er mich zum Kaiser krönt?« »So könnte man es sagen. Majestät, die Zeit drängt! Dem Heiligen Römischen Reich droht die Abspaltung der böhmischen Lande, die dann in Häresie versinken werden. Das darf ein künftiger Kaiser niemals zulassen.« Ruppertus sah bei diesen Worten nicht den König an, sondern Isabelle de Melancourt. Seine Worte, ja seine ganze Haltung waren als Warnung zu begreifen, sich ihm nicht in den Weg zu stellen. Schließlich war er hier im Namen des Papstes, der auch über sie und ihren kleinen Nonnenorden gebot. Er brauchte nur ein paar Worte über ihre Schwäche im Glauben zu verlieren, und sie würde als Beschuldigte vor einem Inquisitionstribunal stehen. Einen Augenblick lang fragte Ruppertus sich, ob er sie nicht tatsächlich anklagen sollte. Aber wenn es stimmte, was er von dieser nicht sehr frommen Äbtissin gehört hatte, wärmte die
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Frau gerade Sigismund das Bett. Daher hielt er es für klüger, erst einmal abzuwarten, bis sich die Leidenschaft des Königs für die Melancourt abgekühlt hatte, vernichten.
um
sie
danach
erst
zu
Während Ruppertus seinen für Äbtissin Isabelle gefährlichen Gedanken nachhing, wandte Sigismund sich an einen Edelmann, der in Michel Adlers Nähe stand. »Dann werden Wir eben gegen diese elenden böhmischen Ketzer ziehen! Vetter Hettenheim, Ihr sammelt Unsere Truppen in Franken. Auf diese Weise erfüllen Wir den Auftrag Seiner Heiligkeit in Rom und hoffen, dass er es nicht vergisst.« Allen im Saal war bewusst, dass Sigismund auf die Kaiserkrone anspielte, auf die er nicht mehr lange warten wollte. Zwar hatte Michel zuerst ein wenig über die gespielte Kaiserkrönung gelächelt. Nun aber empfand er den Auftritt des Inquisitors als
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anmaßend. Um zu zeigen, dass immer noch Sigismund im Reich befahl und nicht der Papst in Rom, zog er sein Schwert und reckte es in die Höhe. »Für Gott, das Reich und den Kaiser!« Sofort rissen auch die anderen Ritter die Schwerter aus den Scheiden und jubelten Sigismund zu. »Für den Kaiser!«, hallte es machtvoll durch den Saal und zeigte deutlich, dass die Ritter auf Seiten des Königs standen und nicht ewig darauf warten wollten, bis der Papst sich dazu herabließ, Sigismund zu krönen. Ruppertus achtete nicht auf die Jubelnden, sondern starrte Michel mit einem Gefühl an, als raste Feuer durch seine Adern. Zwar war sein Gegenüber älter geworden und wirkte in seiner Rüstung wie ein Edelmann. Dennoch erkannte er den Wirtsschwengel, der Marie geholfen hatte, ihn zu vernichten, und der als Lohn ihre Hand und ihren Leib bekommen hatte.
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»Nein, ich bin nicht vernichtet! Ich bin zurückgekommen – und bin stärker als jemals zuvor«, murmelte er unhörbar für andere. Während er Michel voller Hass betrachtete, entging Ruppertus nicht, dass ausgerechnet Falko von Hettenheim, der Vetter Sigismunds, dem König nicht so begeistert zujubelte wie die anderen Ritter. Das, sagte er sich nach kurzer Überlegung, konnte er zu seinen Gunsten ausnützen. »Ihr seht, meine Ritter stehen treu zu mir!«, brach Sigismunds Stimme in Ruppertus’ Gedanken ein. Seine Worte enthielten eine unterschwellige Drohung, die dem Inquisitor nicht entging. Ewig würde der König nicht auf die Kaiserkrönung warten. Unterdessen sprach Sigismund weiter. »Mein Kammerherr wird Euch und Eurer Begleitung ein angemessenes Quartier bereitstellen lassen.«
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Ruppertus schüttelte mit verbissener Miene den Kopf. »Ich habe meine Diener und Prälaten in Rom zurückgelassen. Gott ist mein Begleiter, und er sorgt auch für meine Unterkunft.« Damit deutete er Sigismund gegenüber eine Verbeugung an und verließ den Saal. Vor der Tür blieb er stehen und ließ die Ritter, die in kleinen Gruppen herauskamen und leise miteinander sprachen, an sich vorbeigehen. Den Wortfetzen zufolge, die Ruppertus auffangen konnte, hielten die kleinen Reichsritter zu Sigismund, während die Grafen und Fürsten des Reiches, die zu großen Teilen erst gar nicht nach Nürnberg gekommen waren, ihre eigenen Pläne verfolgten. Da die Hussiten nicht danach fragten, ob jemand ein Anhänger oder ein Gegner des Königs war, bevor sie ihn töteten, scharten sich die hier Anwesenden zumeist aus Überzeugung um Sigismunds Banner. Den Krieg gegen diesen erbarmungslosen
Feind
würde
der
König
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allerdings ohne die Hilfe des hohen Adels führen müssen. Doch das interessierte Ruppertus im Augenblick weniger als Michel Adlers Anwesenheit, und er dankte der Heiligen Jungfrau, dass er so rasch auf Maries Spur gestoßen war.
4.
Es dauerte eine Weile, bis der Mann erschien, auf den Ruppertus es abgesehen hatte. Falko von Hettenheim war ein wenig einflussreicher Verwandter des Königs mit einem nicht gerade umfangreichen und dazu noch verstreuten Besitz, der nicht seinem hohen Rang entsprach. Man sagte ihm nach, er sei von Ehrgeiz zerfressen. An diesem Tag war er so abweisend, dass niemand anderer es gewagt hätte, ihn anzusprechen. Doch als Inquisitor und Gesandter des Papstes brauchte Ruppertus keine Rücksicht walten zu lassen. Daher trat er dem Grafen in den Weg und nötigte ihn, stehen zu bleiben. »Ich würde gerne mit Euch sprechen, aber unter vier Augen!«
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Hettenheim stierte ihn an, grunzte etwas, was als Zustimmung verstanden werden konnte, und wies nach draußen. »Dann kommt mit! Unter den Arkaden sind wir ungestört.« »Das will ich hoffen.« Ruppertus lächelte, doch seine Maske verzerrte sein Gesicht zu einer boshaften Grimasse. Falko von Hettenheim hatte miterlebt, wie sein Vetter Sigismund vor allen Rittern von dem Inquisitor zurechtgewiesen worden war, und fragte sich, weshalb Janus Suppertur ausgerechnet seine Nähe suchte. Angespannt führte er Ruppertus nach draußen und blieb an einer einsamen Stelle unter den Arkaden stehen. Einen Augenblick lang starrte er nur auf dessen Maske und überlegte, welch schreckliches Ereignis dazu geführt haben mochte, dass der Inquisitor sein Gesicht verbergen musste. Dann aber erinnerte er sich an dessen geistlichen Stand und senkte den Kopf.
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»Segnet mich, ehrwürdiger Vater, damit mein Weib mir endlich den Sohn gebiert, den ich mir von ihr wünsche!« »Dann müsste ich eher Euer Weib segnen«, antwortete Ruppertus mit leichtem Spott, hob aber die Hand und zeichnete das Kreuz auf Graf Hettenheims Stirn. »Möge Gott Euch Euren Herzenswunsch erfüllen! Doch beantwortet mir eine Frage: Wer war jener Ritter, der vorhin den Hochruf auf den König ausgebracht hat?« »Michel Adler, Burghauptmann auf Hohenstein«, antwortete Falko von Hettenheim mit angewiderter Miene. »Gerüchten zufolge soll er der Sohn eines lumpigen Schankwirts sein und sein Weib eine Hure, die sich ihren Aufstieg und den ihres Ehemanns in Sigismunds Bett verdient hat.« »Ihr scheint Michel Adler nicht zu mögen«, fragte Ruppertus lauernd.
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»Er ist ein Emporkömmling ohne edles Blut in den Adern und damit eine Schande für jeden ehrlichen Ritter, der mit ihm reiten muss.« Hettenheim lief bei seinen Worten rot an, als koche er vor innerlichem Grimm, und fuhr nach einer kurzen Pause fort. »Sigismund will, dass ich Michel Adler in meine Schar aufnehme. Ich habe mich natürlich geweigert, einen so unedlen Mann an meiner Seite reiten zu lassen, und seitdem bin ich in der Gunst meines Vetters gesunken.« »Ach ja! Ihr seid Sigismunds Vetter. Fast hätte ich es vergessen«, log Ruppertus ungerührt und spottete innerlich über den Mann, dessen übertriebener Adelsstolz ihm in die Karten spielte. Nun legte er seinen Köder aus. »Ich kannte einst den Sohn des Schankwirts Adler und seine Hure!« »Ihr kennt die beiden? Also stimmen die Gerüchte, die über Hohenstein und sein Weib im
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Umlauf sind.« Voller Abscheu spie der Graf aus und drohte mit geballter Faust in die Richtung, in der Michels Quartier lag. »Ja, ich kenne sie«, bekannte Ruppertus und wechselte abrupt das Thema. »Seine Heiligkeit hat mich nach Nürnberg geschickt, damit ich mir ein Bild von der Lage im Land machen kann. Er ist erzürnt über Sigismunds Zögern, ernsthaft gegen die vermaledeiten Hussiten vorzugehen. Im Vertrauen gesagt, hält Papst Martin V. den König für einen Weichling und Zauderer, der sich lieber kindischen Spielen hingibt wie dem, das wir eben erlebt haben, und der mehr Interesse an den Röcken des Reiches zeigt als am Reich selbst.« »Ihr meint, Seine Heiligkeit vertraut meinem Vetter nicht mehr? Dann wird er ihn auch nicht zum Kaiser machen.« Hettenheim klang so, als würde er Sigismund diese Niederlage gönnen, dachte Ruppertus zufrieden. Er legte dem Edelmann den
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Arm um die Schulter und zog ihn näher zu sich heran, damit niemand anders seine Worte hörte. »Seine Heiligkeit hegt Befürchtungen bezüglich Eures Vetters. Ist Sigismund erst einmal Kaiser, kann er herrschen, wie er will, ohne Rücksicht auf die Kirche zu nehmen, notfalls auch ohne deren Segen. Wir haben dann keine Möglichkeit mehr, ihn von verderblichen Taten abzuhalten.« »Es wäre Sigismund zuzutrauen, sich gegen Seine Heiligkeit zu stellen«, antwortete Hettenheim nachdenklich. Ruppertus’ Stimme nahm einen beschwörenden Ton an. »Dabei würde Euer Vetter sich vor allem auf Ritter wie diesen Michel Adler stützen und nicht auf hohe Herren wie Euch, die dieser Ehre viel eher würdig sind! Der Papst braucht einen Herrn über das Heilige Römische Reich, der ihm ergeben ist. Diesen würde er nicht jahrelang mit der
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Kaiserkrönung hinhalten, wie er es bei Sigismund tut.« Hettenheims ganzer Körper spannte sich wie eine Bogensehne. »Was wollt Ihr damit sagen?« »Als Nachkomme Heinrichs VII. habt Ihr ebenso viel Recht auf die Krone wie Euer Vetter Sigismund!« Nun war die Falle gestellt, dachte Ruppertus. Entweder ging Falko von Hettenheim auf dieses vage Angebot ein, oder er würde sich dieses Mannes entledigen müssen. Während er mit der Rechten den Edelmann festhielt, griff er mit der linken Hand unter seine Kutte. Dort trug er einen Dolch, dessen Spitze vergiftet war. Wenn es sein musste, brauchte er Hettenheim nur die Haut zu ritzen, um ihm zu einem baldigen Ableben zu verhelfen. Hettenheim nahm das verräterische Mienenspiel des Inquisitors nicht wahr, denn er stellte seine eigenen Überlegungen an. Zwar hatte er sich schon mehrmals über seinen Vetter
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geärgert, der ihn nicht, wie er es erhofft hatte, mit Titeln und Würden auszeichnete, doch bisher war es ihm nie in den Sinn gekommen, nach dessen Thron zu greifen. Nun aber schien sich ihm die Möglichkeit zu bieten, selbst König und sogar Kaiser zu werden. Ein Sturz durch päpstlichen Bannspruch wäre die richtige Strafe für seinen Verwandten, der ihn nicht nur bei der Vergabe reicher Lehen übergangen, sondern ihm auch noch diesen Michel Adler aufgenötigt und damit seine Ehre als Edelmann beschmutzt hatte. Schon diese letzte Zumutung war Grund genug, Sigismund die Treue aufzukündigen. Er besaß jedoch nicht die Hausmacht, die es ihm gestattete, sich offen gegen seinen königlichen Vetter zu stellen. Sigismunds Gefolgsleuten, allen voran Männern wie Michel Adler, war zuzutrauen, dass sie jeden, den sie als Feind des Königs ansahen, über die Klinge springen ließen.
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»Wie meint Ihr das?«, fragte er den Inquisitor vorsichtig. In dem Augenblick wusste Ruppertus, dass Hettenheim seinen Köder geschluckt hatte. Jetzt galt es nur noch, den Edelmann so zu lenken, wie es seinen eigenen Zielen am besten dienlich war. Mit dieser Absicht setzte er das Gespräch leise, aber eindringlich fort. »Wenn Sigismund gegen die
Hussiten
versagt, wird Seiner Heiligkeit Papst Martin nichts anderes übrigbleiben, als einen neuen Verteidiger des Glaubens zu benennen. Sollte der Papst den jetzigen Herrscher exkommunizieren, fallen dessen Anhänger und auch die Reichsfürsten von ihm ab und wenden sich dem Mann zu, dem der Papst seinen Segen erteilt und die Kaiserwürde in Aussicht stellt.« Damit ging Ruppertus weit über die Vollmachten hinaus, die der Papst ihm übertragen hatte. Martin V. war vor allem daran interessiert, Sigismund zu disziplinieren und in
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seinem Sinne zu lenken. Doch Ruppertus waren die eigenen Ziele weit wichtiger als der Wille des Papstes. Er wollte Marie in die Hand bekommen und damit seine Niederlage vor elf Jahren in einen Sieg verwandeln. Dabei hasste er diese Frau ebenso, wie er sie begehrte. Wie er selbst war auch sie durch die Hölle gegangen und wieder aufgestiegen. Dabei hatte sie vielleicht nicht Gott, aber zumindest der Welt getrotzt und zuletzt sogar dem König ihren Willen aufgezwungen. Nun würde er Sigismund seinen Willen aufzwingen, dachte er mit grimmiger Zufriedenheit. Seinem endgültigen Triumph stand allerdings ein Hindernis im Wege, und um das zu beseitigen, benötigte er Hettenheim. Der Graf hatte über Ruppertus’ Worte nachgedacht und spürte, wie sein Blut heiß durch die Adern floss. Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hatte er sich vorzustellen gewagt,
eines
Tages
Sigismunds
Stelle
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einnehmen zu können. Nun bot ihm der Inquisitor des Papstes diese Möglichkeit freiwillig an. Er selbst musste nur noch die Hände ausstrecken und die Gelegenheit beim Schopf packen. Erregt fasste er den Inquisitor am Ärmel und sah in das zum Teil von der Silbermaske verdeckte Gesicht. »Was muss ich tun, damit Seine Heiligkeit mich zum Kaiser macht?« »Zunächst sollten wir abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, denn wir dürfen nicht vorschnell handeln«, antwortete Ruppertus. Er musste verhindern, dass Hettenheim sich zu früh als Sigismunds Konkurrent zu erkennen gab und diesen damit warnte. »Eines aber könnt Ihr tun: Nehmt diesen Michel Adler auf Hohenstein in Eure Schar auf. Ich will, dass er in Euren Reihen kämpft …« Hettenheims Gesicht nahm einen störrischen Zug an. »Niemals!«
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»… und stirbt«, setzte Ruppertus den angefangenen Satz fort, ohne sich um den Einwand seines Gegenübers zu scheren. Hettenheim starrte den Inquisitor verblüfft an. »Ihr wollt Michel Adler tot sehen?« »Sagtet Ihr nicht, dass er treu zum König steht? Um Sigismund fällen zu können, muss man ihn seiner Stützen berauben.« Mittlerweile hatte Ruppertus seine Ruhe wiedergefunden und genoss das erregende Gefühl, Menschen gegeneinander auszuspielen und dabei Herr über Leben und Tod zu sein. Hettenheim verachtete Michel Adler, der aus der Gosse stammte, aber er fürchtete den Mann auch als erfahrenen Kämpfer. Wie alle Emporkömmlinge würde der Wirtsschwengel stets auf Sigismunds Seite zu finden sein, weil er dem König seinen Aufstieg zu verdanken hatte und ohne Sigismunds Gunst tief fallen würde.
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Daher nickte er unbewusst. »Ich habe nichts dagegen, dafür zu sorgen, dass dieser Kerl stirbt. Wenn das geschehen ist, macht Ihr mich zum Kaiser!« Ruppertus lachte leise. »So einfach geht das nicht. Michel Adler ist nur einer von vielen Steinen auf Eurem Weg zur Krone, die beiseitegeschafft werden müssen. Tut es aber bald! Zeichnet sich dieser Kerl aus und hilft Sigismund dadurch, die Hussiten zu schlagen, bleibt Seiner Heiligkeit nichts anderes übrig, als Euren Vetter doch noch zum Kaiser zu krönen. Also ist es in Eurem Interesse, diesen Wirtsschwengel zu beseitigen.« Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, drehte Ruppertus sich um und schritt grußlos davon. Schon im gleichen Augenblick hatte er Hettenheim vergessen, denn er beschäftigte sich in Gedanken mit Marie. Er sah sie so vor sich,
wie
sie
vor
seinem
Scheiterhaufen
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gestanden war, schön und gleichzeitig gnadenlos wie eine antike Göttin. Der Wunsch, sie zu besitzen und ihr Herr zu sein, der darüber bestimmen konnte, ob sie leben durfte oder sterben musste, brannte so stark in ihm, dass er darüber die Befehle des Papstes und diesen selbst vergaß.
5.
Während
Ruppertus und Falko von Hettenheim im Arkadenhof der Burg ihre üblen Pläne spannen,
betrat
Sigismund
seine
privaten
Gemächer, streifte mit einer ärgerlichen Bewegung das härene Hemd ab und feuerte es in eine Ecke. Da erst bemerkte er, dass seine Wachen jemand ins Zimmer gelassen hatten, und sah sich um. Es war Isabelle de Melancourt, die ihm mit ihrem Rat beistehen und verhindern wollte, Entscheidung traf.
dass
er
eine
falsche
»Es ist eine Unverschämtheit, dass ein römisch-deutscher Kaiser so ein Ding bei der Krönung tragen muss und dem Papst dabei auch noch den Hintern küssen soll!«, rief er. »Euer Majestät sagten bereits, dass das Zeremoniell über vierhundert Jahre alt und nie
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geändert worden ist. Dabei herrschten damals Könige, die den Papst ohne weiteres hätten gefangen nehmen und in einem Käfig über die Alpen bringen können. Nur bewies die Zeremonie damals die Ergebenheit des neuen Kaisers vor Gott und nicht die vor dem Bischof von Rom!« Isabelles Stimme drückte einen Spott aus, den Sigismund nicht recht einzuschätzen wusste. Aber er war zu wütend, um auf die Gedanken und Gefühle der schönen und trotz ihrer Nonnentracht sinnlich erscheinenden Frau einzugehen. Während er sich von seinem Diener in die Kleider helfen ließ, legte er seiner Wut keine Zügel an. »Was bildet sich diese Qualle in Rom eigentlich ein?«, rief er. »Papst Martin hält mich, was die Kaiserkrönung betrifft, hin wie einen lästigen Bittsteller. Jetzt schickt er mir auch noch seinen Großinquisitor als Gesandten,
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als wäre ich ein Ketzer, den es zu überwachen gilt.« Die Äbtissin gab ihm ein Zeichen, sich zu beherrschen. Immerhin befand sich ein Diener im Raum, und der konnte solch unbedachte Worte leicht an einen Priester oder gar an den Inquisitor Janus Suppertur selbst weitergeben. Allein der Ausdruck Qualle, mit dem Sigismund den Papst bezeichnet hatte, konnte ihn als Buße die Errichtung eines neuen Klosters und dessen Ausstattung mit reichen Ländereien kosten. Daher schwieg sie, obwohl ihr einige Kommentare auf der Zunge lagen. Sigismunds Selbstbeherrschung war weit schlechter als die ihre, doch er hielt sich so lange im Zaum, wie sein Leibdiener anwesend war. Kaum hatte der Mann den Raum verlassen, sah er Isabelle fordernd an. »Ihr habt diese schwarze Krähe doch schon früher kennengelernt, diesen Janus Suppertur! Wer ist er überhaupt? Was wisst Ihr von ihm?«
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Nachdenklich wiegte die Äbtissin den Kopf. »Ich bin ihm vor zwei Jahren in Rom begegnet. Damals war er noch nicht ganz so hoch aufgestiegen wie jetzt, dennoch hatten bereits viele Würdenträger am Heiligen Stuhl Angst vor ihm. Es heißt, er wäre einige Jahre zuvor wie aus dem Nichts in Rom aufgetaucht. Er nennt sich Janus Suppertur vom Heiligen Grab, obwohl ich bezweifle, dass er jemals in Jerusalem gewesen ist. Doch woher der Mann stammt, konnte mir niemand sagen. Die einen halten ihn für einen Franzosen, andere für einen Deutschen. Selbst als Grieche wurde er bereits bezeichnet.« »Er spricht Deutsch wie seine Muttersprache«, wandte Sigismund ein. »Dasselbe behauptet man von seinem Französisch. Nur Griechisch habe ich ihn noch nie sprechen hören. Auf jeden Fall ist er gefährlich, und Ihr solltet ihn nicht unterschätzen.«
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Sigismund war zu erregt, um auf Isabelles Warnung einzugehen. »Was hat es mit seiner Maske auf sich? Mit dem Ding wirkt er direkt unheimlich.« »Das ist wahrscheinlich auch seine Absicht. Man sagt, die Maske würde Verletzungen aus seinem Kampf gegen die Mauren verbergen. Doch niemand weiß, wann und wo dies geschehen sein soll, und es gibt auch keine Zeugen, die ihn je haben kämpfen sehen.« »Wenn er kämpfen will, soll er es gegen die Hussiten tun. Dann hat er genug Zeugen«, unterbrach Sigismund die Äbtissin erregt. »Er hat vorhin sehr deutlich gemacht, dass er genau das Euch überlässt.« Sigismund antwortete mit einem unwilligen Schnauben. »Der Papst treibt weiterhin sein Spiel mit mir! Und diesmal will er mich mit den Hussiten erpressen. Wenn ich nicht gegen diese Ketzer in den Krieg ziehe, verweigert er mir die Kaiserkrönung. Ziehe ich aber gegen
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diese Ketzer und verliere, werde ich danach nicht einmal mehr König sein, geschweige denn Kaiser werden. Es gibt genug Narren, die sich dann gegen mich stellen würden.« Sigismund trat zu einer großen Karte, die von kunstvoller Hand gezeichnet worden war und in die jemand etwas weniger geschickt Grenzlinien eingezogen hatte. »Seht her!«, forderte Sigismund die Äbtissin auf und zeigte auf die Karte. »Das hier ist das von den Hussiten besetzte Land. Nur ein kleines Gebiet in Böhmen wird noch von Graf Sokolny gehalten. Der ist zwar kein Hussit, sondern ein treuer Sohn der römischen Kirche, aber er pocht auf seine Unabhängigkeit und erkennt mich nicht als seinen König an. Leider kommt kein Papst und redet dem Mann ins Gewissen, dass er mir gehorchen muss. Dabei ist gerade Sokolnys Land der Schlüssel, Böhmen zu erobern.«
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»Aber es ist auch der kürzeste Weg für die Hussiten, in diesen Teil des Reiches einzudringen«, wandte Isabelle de Melancourt lächelnd ein. »Übrigens stimmt diese Karte nicht mehr, denn der Machtbereich der Hussiten ist mittlerweile um einiges größer geworden. Sie überfallen bereits große Landstriche in Sachsen, Baiern und Österreich. Dieser Teil hier wurde bereits Fürst Vyszo übertragen. Er soll nun mit seinem Heer Sokolny für die Hussiten erobern und dann auf Nürnberg vorstoßen. Noch hält der böhmische Graf ihn auf. Falls es Vyszo nicht gelingt, Sokolny auf seine Seite zu ziehen, wird er ihn früher oder später überrennen, und dann steht den Hussiten der Weg nach Nürnberg offen.« Sigismund stöhnte auf. »Wenn sie diese Stadt erobern, zerbricht das Reich!« Isabelle de Melancourt fühlte seine Verzweiflung. Der König sah sich einer Hydra gegenüber, der mehr Köpfe nachwuchsen, als er
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abschlagen konnte. Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation versagte ihm der Papst die Kaiserwürde, mit der es ihm möglich gewesen wäre, Druck auf die Herzöge und großen Reichsfürsten auszuüben, so dass diese ihn gegen die Hussiten unterstützen mussten. Solange er nur den Königstitel trug, war er nicht mehr als der Erste unter Gleichen und besaß im Grunde keine wirkliche Macht. Nachdenklich streifte die Äbtissin ihre Haube zurück und schüttelte ihr wie Bernstein schimmerndes Haar aus. »Eines solltet Ihr bedenken, Euer Majestät: Vyszo kämpft für die Ideen des Jan Hus, der die Verderbtheit der Kurie und der Geistlichkeit angeprangert hat und dafür auf dem Scheiterhaufen sterben musste. Papst Martin hingegen will nichts an den Zuständen ändern, die die Reinheit des christlichen Glaubens belasten, und maßt sich Rechte an, die der Heiland ihm und seinen Vorgängern niemals verliehen hat.«
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Dieser ketzerische Ausspruch ließ Sigismund nach Luft schnappen. »Ihr zweifelt die Rechte des Papstes an?« Isabelle de Melancourt nickte mit ernster Miene. »Der Papst will einen Glaubenskrieg, um seine Macht zu erhalten und weiter ausbauen zu können. Für ihn seid Ihr nur ein Mittel zu diesem Zweck. Vyszo hingegen kämpft für die Freiheit des Geistes. Bedenkt, dass er keiner der fanatischen Taboriten ist, sondern ein Angehöriger jener Gruppe, denen die Forderungen der radikalen Hussiten zu weit gehen. Vyszo ist ein Kalixtiner, ein Kelchbruder, und dürfte einem Waffenstillstand, vielleicht sogar einem Bündnis nicht ganz abgeneigt sein. Er braucht keinen Papst, aber vielleicht einen Kaiser, der ihn gegen Prokop und dessen fanatische Taboriten unterstützt. Noch halten die beiden Flügel der Hussiten zusammen, aber das kann sich schon bald ändern.«
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»Ihr habt eine noch geschmeidigere Zunge als früher«, antwortete Sigismund mit einem freudlosen Auflachen. »Wollt Ihr Kaiser eines geeinten Reiches werden oder nicht? Papst Martin wird Euch niemals dazu machen!«, gab Isabelle zurück. »Damit habt Ihr wahrscheinlich recht. Selbst wenn es mir gelingt, die Hussiten zu besiegen, wird er neue Ausflüchte finden, um mich zu demütigen«, erwiderte Sigismund missmutig. Dann wurde sein Blick lauernd, und er dämpfte seine Stimme. »Was ratet Ihr mir?« »Verhandelt!« »Mit wem?« Obwohl Sigismund ein erfahrener Herrscher war, wirkte er ungewohnt ratlos. Isabelle de Melancourt begriff, dass sie ihn in eine ihr genehme Richtung leiten musste, aber sie wusste auch um die Gefahr, in die sie dabei geraten konnte. Wenn sie weitersprach, betrat sie einen Weg, der der Balance auf einer scharfen Klinge glich. Ging etwas schief, würde
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Sigismund es ihr anlasten und sie bedenkenlos opfern, um sich wieder mit dem Papst versöhnen zu können. Sie trat zu der Karte und deutete auf das Gebiet der Hussiten und dann auf den weitaus kleineren Fleck Land, den Graf Sokolny unter Kontrolle hielt. »Verhandelt mit Vyszo, mit Sokolny und mit allen, die Euren Zwecken dienlich sind, und kämpft gleichzeitig gegen sie, um ihnen zu zeigen, dass Ihr aus einer Position der Stärke heraus handelt. Wenn Euch auch nur ein Einziger von ihnen für schwach hält, werdet Ihr scheitern. Spüren sie jedoch erst einmal Eure Macht, werden sie sich Euch höchstwahrscheinlich unterwerfen.« Sigismund hatte ihr atemlos zugehört und begann nun zu lachen. »Ihr seid eine gefährliche Ratgeberin, Isabelle! Würden der Papst oder dieser Janus Suppertur erfahren, was Ihr mir vorgeschlagen habt, wäre Euch der Scheiterhaufen gewiss.«
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»Tötet mich, wenn Euch mein Rat nicht gefällt!« Isabelle stimmte in sein Lachen ein, obwohl sie wusste, auf welch gefährliches Spiel sie sich einließ. Bislang hatte sie ihre Gesinnung tief in sich verborgen, um den Bluthunden des Papstes, wie sie dessen Inquisitoren nannte, nicht aufzufallen. Nun aber sah sie die Gelegenheit, den König auf ihre Seite zu ziehen. Sigismund blickte sie unsicher an. »Wenn ich Euch töte, würde ich mir den Zorn Eures Ordens zuziehen!« »Oder den Fluch des Heiligen Grals!« Isabelle lächelte sanft, während der König eine wegwerfende Handbewegung machte. »Der Heilige Gral ist ein Ammenmärchen!« »Seid Ihr Euch da so sicher?«, fragte Isabelle und sah zufrieden, wie Sigismund zusammenzuckte. Die Weigerung des Papstes, Sigismund zum Kaiser zu krönen, spielte ihr augenblicklich in
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die Hände. Nun galt es, das Eisen, welches sie gerade ins Feuer gelegt hatte, so zu schmieden, dass es zu einer scharfen Klinge wurde, mit der sie die falschen Triebe von dem Baum des Glaubens abtrennen konnte. Dabei würde sie auch vor dem Mann nicht haltmachen, der in Rom auf dem Bischofsstuhl des heiligen Petrus saß und sich nicht nur als Stellvertreter Gottes auf Erden fühlte, sondern so tat, als sei er Gott selbst.
6.
In
Hohenstein, weit entfernt von den Intrigen der Herrschenden und doch von ihnen betroffen, schritten Marie und Hiltrud den Weg am See entlang und blieben vor einem großen Holunderstrauch stehen. Während Hiltrud ein Messer zückte und die ersten Dolden abschnitt, sah Marie ihr zu und rieb sich über die Stirn, als sei ihr eben etwas eingefallen. »Hast du den Teig angesetzt?« Hiltrud hielt inne und schüttelte seufzend den Kopf. »Und wenn du noch so oft fragst: Ich habe ihn angesetzt. Du bist mit deinen Gedanken heute wirklich ganz woanders. So kenne ich dich gar nicht.« Um nicht sofort antworten zu müssen, sah Marie zu Trudi hinüber, die in der Nähe des Ufers mit ihrer Strohpuppe spielte. »Komm
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weg vom Wasser! Sonst fällst du noch hinein«, warnte sie die Kleine und wandte sich dann mit einer heftigen Bewegung Hiltrud zu. »Andauernd muss man achtgeben, damit dem Kind nichts passiert, dafür sorgen, dass genug zum Essen auf den Tisch kommt, und dazu noch Holunderküchlein backen, weil meinem Herrn und Gebieter, wenn er endlich von seiner langen Reise zurückkommt, danach gelüsten könnte.« »Wenn Michel zurückkommt, gelüstet es ihn eher nach deiner eigenen Holunderblüte«, gab Hiltrud anzüglich zurück. »In Bierteig?«, fragte Marie und begann zu lachen. Hiltrud fiel darin ein, schnitt weitere Holunderdolden ab und reichte sie Marie, damit diese sie in den Korb legen konnte. Plötzlich wurde sie ernst. »Denkst du manchmal an früher, an unsere Wanderschaft und die Zeit der gelben Bänder?«
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Mit einem raschen Blick prüfte Marie, ob Trudi das Seeufer verlassen hatte, und sah, dass das Kind noch zu weit weg war, um ihre leise geführte Unterhaltung können. Dann erst nickte sie.
mithören
zu
»Ja! Manchmal denke ich daran und an all die Hurenböcke, die zu uns ins Zelt gekrochen sind, um ihre Bäuche an den unseren zu reiben. Doch diese Zeiten sind Gott sei Dank lange vorbei. Jetzt geht es uns gut!« »Ja, das tut es«, antwortete Hiltrud, schüttelte sich dann aber und sah sinnend in die Ferne. »Weißt du, Marie, manchmal kommt mir unser jetziges Leben vor wie ein Traum. Ich habe Angst, eines Morgens in meinem Zelt aufzuwachen und wieder unter schwitzenden Soldaten zu liegen.« »Das geschieht niemals mehr!« Maries Stimme klang wie klirrender Stahl. Auch wenn jene Zeit schrecklich gewesen war und sie oft daran gedacht hatte, ihrem Leben ein Ende zu
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setzen, so hatte sie mittlerweile etliche Jahre des Glücks erlebt und war nicht bereit, noch einmal jenes Schicksal zu erdulden. »Mama, Papa kommt zurück!« Trudis Ruf veranlasste Marie, sich auf der Stelle umzudrehen. Doch als sie Ausschau hielt, ritt nicht Michel die Straße heran, sondern Soldaten in den Farben des Königs. Deren Weg führte auch nicht auf die Burg zu, sondern daran vorbei zur nächsten Stadt. Da Trudi auf den Trupp zulaufen wollte, eilte Marie ihr nach und zog sie in die Deckung des Holunderbuschs. Sie traute den Soldaten nicht. Diese Männer waren meist übles Volk, das mehr von Diebstählen und Plündereien lebte als von ihrem Sold und auch vor Frauen der eigenen Seite nicht haltmachte. »Wer mag das sein?«, fragte Hiltrud verwundert. »Sigismunds Kriegsknechte! Aber wenn sie gegen die Hussiten kämpfen wollen, ziehen sie
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in die falsche Richtung. Nach Böhmen geht es dort entlang.« Da es sich auch um Deserteure handeln konnte, verbarg Marie sich mit Trudi noch tiefer im Gebüsch. Diese schniefte enttäuscht, weil ihr Vater nicht bei den Soldaten war. Aber da sie die Besorgnis der Mutter spürte, blieb sie still. »Die Kerle haben Gefangene bei sich«, wisperte Hiltrud, so als hätte sie Angst, der Wind könnte ihre Worte bis zur Straße tragen. Jetzt sah Marie es auch. Die Soldaten trieben mit Ketten aneinandergefesselte Männer in zerschlissenen, ihr unbekannten Gewändern vorwärts. Als einer der Gefangenen erschöpft stehen blieb, schlug ein Soldat mit seiner Peitsche auf ihn ein und brüllte: »Willst du wohl weitergehen, du Hund!« »Das müssen Hussiten sein«, flüsterte Marie. Hiltrud schob einen Zweig beiseite, um besser sehen zu können, und kratzte sich verblüfft am Kopf. »Meinst du? Die schauen aber wie
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ganz normale Leute aus. Den Worten unseres hochwürdigen Herrn Pfarrers zufolge müssten sie Hörner, einen Schweif und einen gespaltenen Huf anstelle des linken Fußes haben.« »Warum sollten sie anders aussehen als wir?«, fragte Marie herb. »In Böhmen leben auch nur Menschen und keine Teufel. Die existieren nur im Geschwätz von Leuten, die nichts davon verstehen! Der Pfaffe sollte sich schämen, so etwas zu behaupten.« Zwar war der Pfarrer ein frommer Mann und stellte weder den Frauen noch seinen Ministranten nach, doch Marie hielt ihn für dumm wie Bohnenstroh. In Hiltruds Augen war er jedoch der Pfarrherr und damit jemand, der sein Wissen direkt von Gott empfing. Aus diesem Grund war sie nicht bereit, die Worte ihrer Freundin einfach hinzunehmen. »Es heißt, diese Hussiten seien wahre Ungeheuer! Sie bringen fromme Mönche um und spießen ihre Köpfe auf. Und was sie uns Frauen
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antun, will ich lieber nicht erzählen. Unser Hochwürden sagt …« »Der Pfarrer sagt viel, um seine Schäflein in den Pferch zu treiben, der ihm richtig dünkt«, unterbrach Marie sie verärgert. »Diese Männer dort mögen vielleicht all das getan haben, was er erzählt. Jetzt aber werden sie von der Inquisition gefoltert und anschließend auf den Scheiterhaufen geschickt.« »Du hörst dich beinahe so an, als hättest du Mitleid mit den Kerlen«, sagte Hiltrud verwundert. Marie drückte ihre Tochter enger an sich. »Nicht jeder Hussit ist ein schlechter Mensch, und es haben sicher auch nicht alle gemordet und geschändet. Doch wenn man in die Hände des Feindes fällt, wird kein Unterschied gemacht. So ist nun einmal der Krieg.« Damit wandte sie dem in der Ferne verschwindenden Gefangenenzug den Rücken zu und kehrte zu den Holunderdolden zurück.
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»Wir sollten weiterarbeiten, sonst wird es Nacht, und unser Korb ist noch nicht voll!« Hiltrud nickte und versuchte zu lächeln. Doch die frohe Stimmung dieses Morgens wollte sich nicht mehr einstellen. Da Trudi das traurige Gesicht ihrer Mutter bedrückte, setzte sie sich still in ihre Nähe, wiegte die Puppe im Arm und starrte in die Richtung, in die die Soldaten gezogen waren. Marie fragte sich, warum dieser Zwischenfall ihr die Laune verdarb. Wahrscheinlich hatte der Anblick der Gefangenen sie daran erinnert, dass der Krieg auch Hohenstein erfassen konnte. Nun betete sie, dass Michel bald zurückkehren möge, um sie, Trudi, Hiltrud und all die anderen zu beschützen, die auf der Burg und in den umliegenden Dörfern lebten.
7.
Bereits am nächsten Tag ging Maries Wunsch in Erfüllung. Michel kehrte aus Nürnberg zurück, und er hatte für alle Geschenke mitgebracht. So erhielt Thomas ein Messer, Hiltrud ein Stück Stoff für ein neues Kleid und Trudi eine Halskette mit einem silbernen Kreuz. Marie musste ihr die Kette gleich umlegen und ihr einen Spiegel bringen, damit sie sich bewundern konnte. »Du siehst aber stolz aus!« Hiltrud amüsierte sich über die Kleine, die vor Begeisterung keinen Augenblick stillsitzen konnte. Dann sah sie Michel an, der zwar lächelte, aber trotzdem seltsam ernst wirkte. »Marie hast du nichts mitgebracht? Dabei hat sie gestern extra noch Holunderküchlein für dich gebacken!«
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»Ich warte immer noch auf den Armreif aus Augsburg«, antwortete Michel. »Eine Kleinigkeit habe ich aber trotzdem gekauft, schon wegen der Küchlein, auf die ich mich bereits in Nürnberg gefreut habe.« Er zog ein Päckchen unter seinem Wams hervor und reichte es seiner Frau. »Was ist das?« Für ein Tuch erschien Marie das Päckchen zu klein, doch war es weich und konnte daher kein Schmuckstück enthalten. »Mach es auf!«, forderte Hiltrud sie auf. Zögernd gehorchte Marie und hielt wenige Augenblicke später ein Gewebe in der Hand, das so dünn war wie Spinnweben und so durchscheinend, dass sie die Linien ihrer Hand dahinter erkennen konnte. »Wofür soll das sein?«, fragte sie verblüfft. Michel wand sich ein wenig. »Das ist ein hauchzarter Seidenstoff und bei den Damen an Sigismunds Hof die ganz große Mode.«
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»So laufen die herum? Da sehen sie ja ganz nackt aus«, rief Hiltrud erstaunt. »Nein, der Stoff ist für Hemden gedacht. Darüber tragen sie natürlich ganz normale Kleider«, versicherte ihr Michel. Marie sah zuerst das Tuch an und dann ihn. »Hast du eine der Damen ausgezogen, weil du weißt, dass sie solche Hemden tragen?« Ein Hauch von Eifersucht färbte ihre Stimme und brachte Michel dazu, heftig den Kopf zu schütteln. »Natürlich nicht! Der Tuchhändler, bei dem ich war, hat es mir erzählt.« »Das soll ich dir glauben?« Ihren Worten zum Trotz lächelte Marie. Sie kannte Michel gut genug, um zu wissen, dass er nicht log. Sein Unbehagen bezog sich darauf, ob sie dieses Geschenk auch mögen würde. Für einen Augenblick stellte sie sich vor, wie sie darin aussehen würde. Allerdings würde sie so ein Hemd nur selten anziehen
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können. Hier auf dem Land galten andere Werte als in einer großen Stadt wie Nürnberg. Was dort in Mode war, würde hier zumeist nur Missbilligung hervorrufen. Andererseits konnte sie das Hemd tragen, wenn Michel und sie allein waren, und damit sein Blut erhitzen. Bei dem Gedanken freute sie sich auf die kommende Nacht. Sobald Trudi schlief, würde sie dafür sorgen, dass Michel kein durchsichtiges Hemd brauchte, um Lust und Leidenschaft zu verspüren. »Da es ein Geschenk von dir ist, werde ich es selbstverständlich in Ehren halten«, sagte sie und berührte kurz seine Hand. »Aber jetzt sollten wir uns an die Holunderküchlein machen. Ich hole noch einen Topf Honig zum Süßen.« »Das mache ich!«, wandte Hiltrud ein. »Bring du nur dein Geschenk in Sicherheit. Ich wundere mich allerdings, dass es Frauen gibt, die so etwas tragen wollen!«
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Mit
einem
ablehnenden
Schnauben
ver-
schwand sie in der Vorratskammer. Trudi fasste nun selbst nach der Seide und krauste die Nase. »Ich würde so etwas nicht anziehen. Es wärmt ja nicht einmal.« Nun mussten die anderen sich das Lachen verkneifen, und Hiltruds Ehemann Thomas zwinkerte Michel kurz zu. »Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Hemd einem ganz schön einheizt!« »Wenn ihr noch länger so redet, werde ich euch auch einheizen«, drohte Marie und brachte das Geschenk in ihr Schlafzimmer. Als sie zurückkam, hatte Hiltrud nicht nur den Honigtopf gebracht, sondern auch einen großen Teller mit köstlichen Holunderküchlein. »Lasst es euch schmecken!«, forderte sie die beiden Männer und Trudi auf. Das Mädchen griff sofort zu und badete ihr Küchlein buchstäblich in Honig.
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Marie seufzte. »Gib acht, damit du dich nicht beschmierst. Sonst kommst du vor dem Bettgehen noch in die Wanne und wirst abgeschrubbt.« Damit konnte sie ihre Tochter nicht beirren. Trudi aß ihr Holunderküchlein mit Genuss und leckte sich danach den Honig von den klebrigen Fingern. »Die schmecken wirklich gut«, lobte sie und nahm sich das nächste. Nun griffen auch die anderen zu. Als Michel ein Tropfen Honig auf das Hemd fiel, jubelte die Kleine auf. »Jetzt muss Papa in die Badewanne!« »Das muss er sowieso. Sonst riecht unsere Schlafkammer die nächste Zeit nach Pferd«, sagte Marie lachend und fand ebenfalls, dass die Holunderküchlein ausgezeichnet schmeckten. Dennoch konnte die heitere Stimmung am Tisch nicht verbergen, dass irgendetwas Michel
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bedrückte. Wenn er sonst von einer Reise zurückgekehrt war, hatte er es gar nicht erwarten können, ausführlich zu erzählen, was er gesehen und erlebt hatte. An diesem Tag blieb er ungewohnt still und in sich gekehrt. Marie wollte ihn nicht vor den Ohren ihrer Freunde und ihrer kleinen Tochter fragen, was geschehen sei, und zügelte ihre Neugier. Waren Michel und sie erst allein, würde sie gewiss alles erfahren.
8.
Trudi hatte so tief in den Honigtopf gegriffen, dass sie tatsächlich am Abend gebadet werden musste. Ihr Kleid und das Unterhemd waren ebenso klebrig wie ihr Haar. Daher scheuchte Marie die Kleine in die Badestube. Viel Wasser und einiges an Seife waren nötig, bis man Trudi wieder anfassen konnte. Während Marie ihre Tochter abtrocknete, drehten sich ihre Gedanken um ihren Mann. Michel wirkte ihr zu ernst, gerade so, als bedrückte ihn etwas ungewöhnlich stark. Hat er doch in Nürnberg gesündigt?, fragte sie sich und verneinte es im nächsten Moment. Ihr Mann war niemand, der in der Ferne über die Stränge schlug. Es musste etwas anderes, viel Schlimmeres sein. Rasch streifte sie ihrer
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Tochter ein Hemd über und gab ihr einen Klaps auf den Po. »Kleine Mädchen müssen jetzt ins Bett!« Zum Glück hatte Trudi an dem Tag genug herumgetobt, um müde zu sein. Daher ließ sie sich widerstandslos auf den Arm nehmen und in ihre Schlafkammer tragen. Die Halskette, die sie von ihrem Vater erhalten hatte, bekam ihren Platz auf dem Kasten direkt neben dem Bett, dann sprach die Kleine ihr Nachtgebet und schlief fast augenblicklich ein. Marie blickte auf sie hinab und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf süß, mein Liebling«, flüsterte sie und verließ leise die Kammer. Da Hiltrud und Thomas zu ihrem Bauernhof zurückgekehrt waren und das Gesinde sich bereits zur Nachtruhe begeben hatte, war sie endlich mit Michel allein. Ihr Mann hatte sich inzwischen ebenfalls gründlich gewaschen. »Jetzt rieche ich nicht mehr nach Pferd«, meinte er grinsend.
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Marie
schnupperte
prüfend
und
nickte.
»Nein, dafür aber nach Hiltruds scharfer Seife. Allerdings ist die mir allemal lieber als Pferdegeruch. Ich habe dich vermisst!« Sie fasste nach seiner Hand und zog ihn in Richtung ihrer Schlafkammer. »Ich habe dich ebenfalls vermisst«, antwortete er und strich ihr über den Rücken. »Keine der Frauen an Sigismunds Hof kann dir das Wasser reichen. Nicht einmal die französische Äbtissin, die ihm derzeit als Gespielin dient.« »Eine Äbtissin? Die kann ja nicht besonders fromm sein!« »Dafür aber sehr einflussreich! Ich habe sagen hören, dass Isabelle de Melancourt und Sigismund sich bereits seit ihrer Kindheit kennen, und sie soll schon früher einmal seine Mätresse gewesen sein. Jetzt ist sie nicht mehr ganz jung, aber immer noch sehr schön. Zudem strahlt sie etwas aus, was nur wenigen Frauen zu eigen ist. Auch du gehörst dazu. Du warst
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als junges Mädchen wunderschön, doch du gefällst mir nun noch viel mehr. Damals warst du eine Blüte, nun bist du eine reife, süße Frucht.« »Von der du gerne naschen würdest!« Zwar hatte Marie bei Michels lobenden Worten über jene ihr unbekannte Äbtissin eine gewisse Eifersucht verspürt, war aber sofort wieder versöhnt. Als sie ihre Schlafkammer betraten, schloss sie die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. »Jetzt kann uns niemand mehr stören!« Es klang so energisch, dass Michel lachen musste. »Nein, das kann uns jetzt niemand mehr!« Er schloss sie in die Arme und zog sie an sich. »Ich bin so glücklich, dich zu haben.« »Ich bin glücklich, dich zu haben«, erklärte Marie und gab ihm einen Kuss. Dann entwand sie sich seinen Armen und stellte sich mit dem Rücken zu ihm. »Du könntest mir helfen, das Kleid auszuziehen!«, forderte sie ihn auf.
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Michel grinste anzüglich. »Das mache ich doch gerne. Halt, du darfst nicht so viel zappeln. Sonst wird das nichts!« Es dauerte eine ganze Weile, bis er Marie das Kleid über den Kopf gezogen hatte. Ihre Ungeduld, zu erfahren, was er vor ihr verbarg, war in den Hintergrund getreten. Seit Tagen hatte sie sich nach seinen Zärtlichkeiten gesehnt und wollte nicht, dass düstere Nachrichten ihr die Freude daran verdarben. Danach würde noch genug Zeit zum Reden sein. Als sie nur noch ihr Hemd am Leib trug, drehte sie sich schelmisch lächelnd zu Michel um. »Soll ich ausprobieren, wie mir das neue Tuch steht?« »Das würde ich gerne sehen!« Michel sah lachend zu, wie Marie in einer Ecke des Schlafgemachs verschwand, dort ihr Hemd abstreifte, dann das Päckchen mit dem Seidenstoff an sich nahm und diesen ausbreitete.
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Zwar konnte er sie wegen des schlechten Lichts nicht richtig sehen und hätte sie gern gebeten, sofort ins Helle zu treten. Er wartete jedoch, bis sie sich in die knisternde Seide gehüllt hatte und wieder in den Schein der Fackeln zurückkehrte. Das hauchzarte Gewebe enthüllte mehr, als es verdeckte. Auch schmiegte es sich wie eine zweite Haut an ihren Körper und betonte ihre Formen in so erregender Weise, dass er es kaum mehr ertrug, ihr zuzusehen. Am liebsten hätte er sie an sich gerissen, doch als er die Hände nach ihr ausstreckte, entzog sie sich seinem Griff mit einem leisen Lachen. »Ein Jäger muss schnell sein, wenn er sein Wild fangen will!« »Ich bin schnell«, keuchte Michel und schnappte nach ihr. Diesmal überraschte er sie, hob sie hoch und trug sie zum Bett. »Darauf habe ich mich gefreut, seit Hohenstein bei meiner Abreise hinter
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dem Schweif meines Pferdes zurückgeblieben war!« Mit diesen Worten legte er sie auf das Laken, strich über ihre von der Seide verhüllten Brüste und freute sich, wie sie dabei vor Lust aufstöhnte. So rasch er konnte, entledigte er sich seiner Kleidung und glitt zwischen ihre Schenkel. Sie war für ihn bereit, und für lange Augenblicke gab es für sie nur sie selbst und ihre Liebe. Aller Hader der Welt schien so fern wie der Mond, und es dauerte eine Weile, bis sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst wurden. »Du hast von dieser Äbtissin erzählt, dieser Isabelle de Melancourt. Was ist das für eine Frau?«, fragte Marie, um das Gespräch in Gang zu bringen. »Puh!«, stöhnte Michel. »Da fragst du mich was. Ich habe sie ein paarmal in der Gesellschaft des Königs gesehen. Sie ist sehr schön, aber
ich
bezweifle,
dass
ihre
Moral
den
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Maßstäben einer frommen Frau entspricht. Ich vermute, sie wurde als Kind in ein Kloster gesteckt und später zur Oberin ihrer kleinen Gemeinschaft ernannt, ohne dass sie je die Bestimmung zur Nonne gefühlt hätte.« Marie verschränkte die Hände hinter dem Kopf und blickte zur Decke. »Leider ist es sehr oft der Fall, dass ein Mädchen in ein Kloster gegeben wird, nur weil seine Familie ein Anrecht auf einen Platz darin hat. Was die Kinder selbst fühlen und wollen, danach wird selten gefragt.« »In dem Alter wissen es die meisten Mädchen auch noch nicht«, wandte Michel ein. »Auf jeden Fall ist Äbtissin Isabelle eine kluge Frau. Wie es heißt, soll sie Sigismund wertvolle Ratschläge erteilen.« »Warum sollen Schönheit und Klugheit einander ausschließen?«, fragte Marie. »Ihr Männer seid sehr rasch mit einem Urteil zur Hand. Einerseits wünscht ihr euch schöne Frauen,
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andererseits aber sollen sie nicht zu klug sein, weil ihr Angst übertreffen.«
habt,
sie
könnten
euch
»Eine wirklich kluge Frau lässt ihren Ehemann glauben, er sei der Klügste der Welt, und lenkt ihn mit sanfter, aber bestimmender Hand. So wie du es mit mir machst!« Michel lächelte verträumt, denn für ihn gab es keine bessere Frau als Marie. Dabei war ihr Wille fester als der der meisten Männer, die er kannte. Auf Marie konnte er sich voll und ganz verlassen. Bei dem Gedanken huschte ein Schatten über sein Gesicht. Marie bemerkte, dass seine gute Stimmung schlagartig gewichen war, und sah ihn fragend an. »Was gab es sonst noch in Nürnberg?« »Etliche Gespräche über die Lage in den Grenzgebieten zu den Hussiten! Dort sieht es gar nicht gut aus. Auch hat der König die Krönungszeremonie zum Kaiser geprobt und seinen Hofkaplan dabei kurzerhand zum Papst
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ernannt. Du hättest Sigismund in seinem härenen Hemd sehen sollen! Es muss ihn fürchterlich gejuckt haben. Aber er hat die Zeremonie fast ohne Kratzen durchgehalten.« »Erzähl mir mehr davon!«, forderte Marie ihn auf. Sie erhob sich geschmeidig, holte ihren Kamm und begann, ihre Haare zu entwirren. Dabei blickte sie in den Spiegel, der nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihre entblößten Brüste zeigte, und fand sich immer noch sehr ansehnlich. Vielleicht, dachte sie, sollte sie Michel noch einmal dazu bringen, sich mit ihr zu vereinen. Zunächst aber hörte sie amüsiert zu, was ihr Mann über die Krönungsprobe berichtete. »Gerade als wir alle ›Fiat! Fiat! Fiat!‹ riefen, hat einer der Inquisitoren des Papstes, der als Gesandter an den Hof geschickt worden war, den Saal betreten. Er hat ziemlich dumm dreingeschaut, als er plötzlich den ›Papst‹ vor
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sich sah und Zeuge von Sigismunds ›Krönung‹ wurde.« Um Maries Lippen zuckte ein feines Lächeln. »Der Gesandte wird dies als Provokation aufgefasst haben! Oder er glaubte gar, Sigismund wolle seine Gefolgsleute täuschen und sie glauben machen, Martin V. wäre selbst gekommen, um die Krönung zu vollziehen. Zutrauen würde ich es ihm.« »Sigismund? Nein, da täuschst du dich. Er hat dem Inquisitor sofort erklärt, dass es sich um eine Probe handeln würde. Allerdings gab er dabei einige Bemerkungen von sich, die dem Gesandten klarmachten, dass er die baldige Krönung zum Kaiser erwartet. Aber lassen wir diesen Inquisitor, der eine grässliche Maske vor dem Gesicht trug und auch sonst aussah wie ein richtig schwarzer Aasvogel. Und du hättest Sigismund in seinem härenen Hemd sehen sollen, das er zum Zeichen der Demut trug. Du
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kannst
dir
nicht
vorstellen,
wie
er
darin
aussah!« Maries Blick wanderte in eine Vergangenheit zurück, in der sie noch um ihre Unschuld und ihre Ehre gekämpft hatte. Damals hatte sie für eine Nacht den Platz in Sigismunds Bett eingenommen. Mit einem harten Auflachen vertrieb sie die Schatten, die sich ihrer bemächtigen wollten. »Er hat Storchenbeine, nicht wahr?« Verwirrt schüttelte Michel den Kopf. Marie merkte es und begriff, dass es nicht klug war, einen Mann daran zu erinnern, wer vor ihm seine Frau besessen hatte. »So habe ich es wenigstens gehört!«, sagte sie. Da Michel noch immer ein wenig finster schaute, legte sie die Bürste weg und setzte sich neben ihm aufs Bett. »Aber was sind schon die Beine eines Königs gegen die strammen Schenkel eines jungen
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Burghauptmanns!« Mit diesen Worten zog sie die Decke von Michel und setzte sich auf ihn. Ihr Blick zeigte so viel Liebe und Hingabe, dass Michel zu lächeln begann und sie um die Taille fasste. Als sie ihr Becken nach vorne schob und sein Glied in sich aufnahm, spottete er leise. »So ganz, wie die heilige Kirche es will, treiben wir es gerade nicht!« »Ich mache es so, dass es uns beiden Freude macht«, antwortete Marie und bewegte sich schneller. Sie spürte seine Hände warm auf ihren Hüften und hörte ihn rascher atmen. Doch der melancholische Zug auf seinem Gesicht, den sie seit seiner Rückkehr beobachtet hatte, wollte nicht weichen. »Woran denkst du?«, fragte sie, ohne innezuhalten. Michel rang sich ein Lächeln ab. »Ich will dein Bild in mein Herz brennen, damit ich es jeden Tag vor Augen habe.«
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Verwundert blickte Marie auf ihn hinab. »Aber du siehst mich doch jeden Tag!« Das Gesicht ihres Mannes nahm
einen
schuldbewussten Ausdruck an, doch er presste die Lippen zusammen. Marie wollte jedoch nicht mehr warten, bis er sich bequemte zu reden, und hörte mitten im Liebesspiel auf. »Sag, was los ist!« »Wollen wir nicht lieber weitermachen?« Marie drückte ihn mit beiden Händen nieder. »Rede!« Einen Augenblick lang zögerte Michel noch, sagte sich dann aber, dass er die Wahrheit sowieso bald bekennen musste, und zuckte mit den Schultern. »Also gut! Es ist wegen der Hussiten. Sigismund will ein Heer aufstellen, um gegen sie vorzugehen. Da muss ich auch mit.« »Ich will nicht, dass du weggehst!«, rief Marie erschrocken aus. »Ich muss! Schließlich ist Krieg.«
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Nun war der Augenblick gekommen, vor dem Michel sich während seiner ganzen Rückreise gefürchtet hatte, und er schalt sich einen Narren, weil er das Unumgängliche hinausgezögert hatte. Selbst eine weitaus dümmere Frau als Marie hätte merken müssen, dass ihn etwas belastete. Doch wie sollte er ihr erklären, welche Pflichten er dem König gegenüber hatte? Unsicher blickte er zu ihr auf und fasste sie bei den Händen. »König Sigismund hat mich zum Burghauptmann von Hohenstein ernannt, und dafür bin ich ihm Treue und Gefolgschaft schuldig. So ist nun einmal das Gesetz!« »Komm mir nicht mit dem Gesetz!«, rief Marie leidenschaftlich. »Im Namen des Gesetzes hat man mir meine Unschuld genommen und mich ausgepeitscht. Diese Narben werden niemals ganz verheilen. Nein, du bist dem König nichts schuldig. Er schuldet eher mir etwas.«
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Michel starrte Marie an, der Tränen in die Augen traten, und fühlte sich so elend wie lange nicht mehr. »Es tut mir leid! Aber als der König uns Hohenstein übertrug, habe ich ihm Schwerttreue geschworen. Diesen Eid darf ich nicht brechen, sonst wäre ich ehrlos, und wir würden unsere Heimat verlieren. Willst du, dass wir als Bettler umherziehen? Denk doch an Trudi! Das kannst du ihr nicht antun. Marie, bitte! Ich kann und darf Sigismund nicht enttäuschen.« Marie war jeder Funken Lust abhandengekommen. Schniefend stieg sie von ihrem Mann herab und legte sich bäuchlings aufs Bett, den Kopf zur Seite gedreht. Michel streichelte sie vorsichtig und sprach leise weiter. Mit einfachen Worten versuchte er, Marie die strengen Regeln zu erklären, die den Lehensmann an seinen Lehensherrn banden. Solange er zu Sigismund hielt und dessen Befehle befolgte, zählten er und sie zum
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Schwertadel des Reiches. Brach er jedoch seinen Treueschwur, waren sie verfemt und galten nicht mehr als das fahrende Volk auf den Straßen, das betteln und stehlen musste, um zu überleben, und oft genug dafür am nächsten Baum aufgeknüpft wurde. Marie hörte ihm aufmerksam zu und begriff, dass sie ihn nicht zurückhalten durfte, sosehr sie sich dies auch wünschte. Sie beide waren Teil einer Welt, die sich in Bahnen bewegte, die ihr ebenso verworren wie gefährlich erschienen. Selbst der einfachste Knecht vermochte sich den Intrigen und Winkelzügen der Herrschenden nicht zu entziehen, sei es, dass er zu den Soldaten oder zum Tross geholt wurde, oder weil er in einer Gegend lebte, die vom Krieg verheert wurde. Umso weniger war Michel dies möglich, den Sigismund zum Burghauptmann von Hohenstein ernannt hatte. »Wenn ich mich im Kampf gegen die Hussiten auszeichne, werden wir vielleicht sogar
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ein eigenes Lehen erhalten«, fuhr Michel fort. »Die Gelegenheit wird bestimmt kommen, denn Sigismund hat mich Falko von Hettenheims Schar zugeteilt. Der Graf ist ein Vetter des Königs und ein berühmter Krieger. Daher ist es eine hohe Ehre für mich, unter seiner Fahne dienen zu dürfen.« Der Enthusiasmus ihres Mannes schmerzte Marie, gab er ihr doch das Gefühl, als freue Michel sich, aus ihrem friedlichen Dasein ausbrechen und etwas anderes erleben zu können. Sie schnaubte leise, schmiegte sich dann aber doch wieder an ihn. »Komm heil zurück«, flüsterte sie. »Ich werde mir Mühe geben«, sagte er lächelnd und strich ihr über das Hinterteil. »Aber sollten wir jetzt nicht weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben? Immerhin werden wir uns einige Wochen lang nicht sehen!« Bei diesem Gedanken verspürte Marie bereits
den Abschiedsschmerz.
Obwohl
ihr
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selbst nicht danach war, wollte sie Michel nicht enttäuschen und setzte sich wieder auf ihn. Während sie sich langsam bewegte, sah sie, wie seine Gesichtszüge sich entspannten und er voller Liebe und Vertrauen zu ihr aufsah. So leicht aber wollte sie ihm den Abschied nicht machen. »Du gibst auf dich acht, hast du verstanden? Trudi und ich brauchen dich noch.« »Du kannst ruhig ein wenig heftiger werden«, stöhnte er, bequemte sich dann aber doch zu einer Antwort. »Natürlich gebe ich auf mich acht.« »Und den Hübschlerinnen …« »… gehe ich selbstverständlich aus dem Weg«, unterbrach Michel sie und atmete heftiger. »… wirst du mit Respekt begegnen!«, korrigierte ihn Marie. Michel sah seine Frau einige Augenblicke lang an und nickte. »Ich verspreche es dir!«
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Dann vergaß er den König, die Hussiten und den bevorstehenden Abschied und ließ sich von seiner Leidenschaft dahintreiben wie ein Blatt auf einem rasch fließenden Bach.
9.
In
Nürnberg hatte man Michel nicht sagen können, wann genau Hettenheim mit seiner Schar nach Hohenstein käme und er sich ihm anschließen könne. Daher leitete er in den nächsten Tagen alles Notwendige in die Wege, damit Marie geraume Zeit in der Lage war, die Burg allein zu verwalten. Obwohl er ihren starken Willen kannte, wollte er sie nicht ohne männlichen Schutz zurücklassen und lehnte daher Thomas’ Angebot, entschieden ab.
ihn
zu
begleiten,
»Du wirst hierbleiben und Marie helfen!«, erklärte er ihm und sah Hiltrud aufatmen. Sie war froh, dass ihr Mann nicht gegen die Hussiten ziehen musste, denn sie hatte vom Pfarrer zu viel Schreckliches über die Aufständischen gehört.
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Thomas war einst Michels Untergebener bei den Scharen des Pfalzgrafen am Rhein gewesen und kämpfte nun sichtlich mit seinen Gefühlen. »Hohenstein liegt weit genug von den Hussitengebieten weg und wird kaum in Gefahr geraten. Daher wäre es besser, ich würde mit dir kommen. Du brauchst einen Knappen oder Stallburschen.«
wenigstens
einen
»Mein Pferd kann ich immer noch selbst striegeln, oder ich zahle dem Knecht eines anderen Ritters einen Becher Wein, damit er es für mich tut. Nein, Thomas, du bleibst hier und sorgst dafür, dass Marie und Trudi ohne Sorgen auf Hohenstein leben können. Das ist mir mehr wert als dein Schwertarm an meiner Seite.« Marie verfolgte das Gespräch zwischen den beiden Männern und hing dabei ihren eigenen Gedanken nach. Um mit den Knechten und Mägden
auf
Hohenstein
zurechtzukommen,
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brauchte sie Thomas nicht. Außerdem war da noch Hiltrud. Wenn deren Mann hier zurückblieb, würde Michel allein mit Leuten reiten müssen, die er nicht kannte. Ob die ihm im Falle eines Kampfes mit dem Feind so zur Seite stehen würden wie sein alter Freund und Waffengefährte, bezweifelte sie. Da sie jedoch in Hiltruds Augen die Angst las, allein bleiben zu müssen, verkniff sie sich jeden Einwand und zupfte ihre Freundin am Ärmel. »Was meinst du, wollen wir zum See gehen und nachsehen, ob noch Dolden an den Holunderbüschen wachsen? Vielleicht können wir heute Abend wieder Küchlein machen«, schlug sie vor. »Das ist ein ausgezeichneter Gedanke«, stimmte Michel ihr zu. »Die Holunderküchlein, die Hiltrud und du backen, sind die besten der Welt.« »Also los!« Marie warf ihrer Freundin einen auffordernden Blick zu und nahm einen Korb.
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Nach einem kurzen Zögern griff Hiltrud sich ein Messer und trat zur Tür. Dort wandte sie sich noch einmal um. »Lass dich nicht von Thomas beschwatzen, ihn doch mitzunehmen, Michel. In einer Zeit wie dieser sollten Frauen nicht allein zu Hause bleiben.« »Keine Sorge, Hiltrud, mein Entschluss steht fest. Ich werde Thomas hierlassen, und wenn ich ihm eine Wunde beibringen müsste, so dass er nicht mitkommen kann.« Michels Lächeln nahm seinem letzten Satz die Schärfe, doch sowohl Marie wie auch Thomas begriffen, dass es ihm vollkommen ernst damit war. »Komm, Hiltrud, wir gehen. Wo ist Trudi?« Marie hatte kaum ihren Namen erwähnt, da sauste ihre Tochter um die Ecke. Sie hielt ihre neue Strohpuppe in der Hand und sah ihre Mutter mit leuchtenden Augen an. »Ich habe mir die beiden Zicklein angesehen, die in der Nacht geboren worden sind. Sie sehen genauso
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aus wie ihre Mama! Nur dass sie noch keine Hörner haben.« »Die wachsen ihnen schon noch, wenn wir sie nicht vorher schlachten und essen«, erklärte Hiltrud, deren Laune sich bei der Erwähnung der Tiere wieder gebessert hatte. Trudi stampfte mit dem rechten Fuß auf. »Ich will aber nicht, dass die Zicklein umgebracht werden!« »Vorerst werden sie es auch nicht. Vielleicht ziehe ich sie auch ganz auf und vergrößere damit unsere Herde«, versuchte Hiltrud, die Kleine zu beruhigen. Damit gab das Mädchen sich fürs Erste zufrieden, und so konnten sie sich auf den Weg zum See machen. Sie hatten die Holunderbüsche noch nicht erreicht, da vernahmen sie Hufschlag, der rasch näher kam. »Wer mag das sein?«, fragte Hiltrud besorgt. »Das werden wir gleich sehen!« Marie blieb stehen und blickte nach vorne.
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Seitlich des Burghügels stieg eine Staubfahne auf, wie sie nur eine große, rasch reitende Schar erzeugen konnte, und das Geräusch aufeinanderschlagenden Metalls verriet, dass es sich um Ritter in schweren Rüstungen handelte. Das beruhigte Marie, denn Hussiten zogen Michels Berichten nach leichter gewappnet und auch weniger lärmend ins Feld als Sigismunds Truppen. Daher schloss sie, dass es sich um Falko von Hettenheim und seine Leute handeln musste, und blieb am Rand der Straße stehen, bis die Reiter herangekommen waren. Diese bemerkten Hiltrud und Trudi, ritten aber weiter, ohne langsamer zu werden oder auf andere Art Rücksicht zu nehmen. Hiltrud wich mit einem schnellen Schritt in die Wiese aus, als einer der Reiter direkt auf sie zutrabte. Auch Marie verließ jetzt die Straße und zog Trudi am Arm mit sich. Dabei verlor das Mädchen seine Puppe und wollte sie wiederholen. Marie hielt sie jedoch fest und musste zusehen,
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wie die Hufe eines Pferdes die Puppe trafen. Diese flog durch die Luft und blieb schmutzig und verdreht auf der Straße liegen. »Diese bösen Männer!«, schimpfte Trudi und ballte die kleinen Fäuste. Marie sah den rücksichtslosen Reitern nach, und ihr wurde das Herz schwer. Wenn Michel mit dieser Schar in den Krieg ziehen musste, würde er nicht glücklich werden. Einen Augenblick schob sie das Kinn trotzig vor. Wozu wollte er auch in den Krieg ziehen! Dann aber senkte sie den Kopf und streichelte ihrer Tochter die Wange. »Thomas wird dir eine neue Puppe basteln, mein Schatz.« »Sie hätten sie nicht kaputt machen dürfen«, schniefte die Kleine. »Wahrscheinlich haben sie die Puppe nicht gesehen!« Noch während sie es sagte, ärgerte Marie sich darüber, dass sie diese Kerle auch noch verteidigte. Wenn Hiltrud und sie nicht
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rechtzeitig ausgewichen wären, hätten Hettenheims Leute sie glatt über den Haufen geritten. Mit dem Gefühl, die Besucher seien keine edlen Ritter, sondern elende Rüpel, drehte sie sich um und kehrte zur Burg zurück. Trudi lief hinter ihr her, während Hiltrud überlegte, ob sie nicht doch rasch ein paar Hollerdolden schneiden sollte. Dann aber begriff sie, dass Marie keine Küchlein mehr backen würde, wenn Michel bereits an diesem Tag mit den Kriegern aufbrechen musste, und folgte ihrer Freundin.
10.
Auf dem Vorplatz der Burg zügelte Falko von Hettenheim sein Pferd und sah sich um. Obwohl sein eigener Besitz weitaus größer war als Hohenstein, ärgerte er sich unwillkürlich. Dieser Wirtsschwengel, wie er Michel für sich nannte, hielt die Festung in guter Ordnung. Die Mauern waren glatt, der Vorplatz sauber gefegt, und einige Dächer waren erst vor kurzem erneuert worden. Wenn Sigismund Michel Adler diesen Besitz einmal als Lehen zusprach, konnte der Kerl sich zu Recht einen wohlhabenden Mann nennen. Hettenheims Stellvertreter teilten die Gefühle ihres Anführers. Aus altem Adel stammend, sahen die beiden es als Zumutung an, einen Mann wie Michel als gleichberechtigten Ritter in ihrer Schar dulden zu müssen. Gunter
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von Loosens Besitz bestand aus einer Burg, die dem Zusammenbruch nahe war, und so fühlte er Neid auf den einstigen Konstanzer Wirtssohn in sich aufsteigen. Dieser Kerl war, wie er gehört hatte, durch die Nachgiebigkeit seiner Frau dem König gegenüber zum Burghauptmann von Hohenstein ernannt worden. Er hingegen musste zusehen, wie er seinen halbverhungerten Bauern genug abpresste, um sich eine anständige Rüstung und ein gutes Schlachtross leisten zu können. »Da sieht man, wozu es ein Mann bringen kann, der beide Augen zudrückt, wenn Sigismund die eigene Frau gefällt«, sagte er zu seinem Freund Bodo von Haidhausen, der ebenfalls in verbesserungswürdigen Umständen lebte. Haidhausen spie aus und verzog das Gesicht. »Wegen mir könnte Sigismund mein Weib rammeln, sooft es ihm beliebt, wenn dabei jedes
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Mal
eine
solche
Burg
als
Gewinn
herausspringt.« Damit reizte er Loosen und Hettenheim zum Lachen. Beide wussten, dass Haidhausens Gattin beinahe ebenso breit wie hoch war und mehr wog als ihr Ehemann. Außerdem war sie für ihre scharfe Zunge berüchtigt und gewiss nicht die Frau, die Sigismund sich ins Bett holen würde. In ihrer Jugend war sie eine reiche Erbin gewesen, doch Ritter Bodo hatte ihre Mitgift bei Weib und Wein sowie durch einige schmerzhafte Niederlagen bei Turnieren durchgebracht und musste nun ebenso wie Loosen darauf hoffen, seinen Beutel durch die Beute im Krieg gegen die Hussiten füllen zu können. Nicht zuletzt deshalb hatte Hettenheim den beiden Rittern den wichtigsten Part bei dem Auftrag zugedacht, den er von dem päpstlichen Inquisitor Janus Suppertur erhalten hatte. Nun aber galt es erst einmal, Michel Adler in seine
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Schar aufzunehmen. Daher sah er zu, wie dieser zusammen mit einem anderen Mann auf den Burghof trat und auf ihn zukam. »Jetzt, Adler, geht es in den Krieg«, begann Hettenheim, da er den Namen Hohenstein, auf den Michel ein Anrecht hatte, nicht über die Lippen brachte. »Willkommen auf Hohenstein, meine Herren. Wollt Ihr nicht absitzen und einen Schluck Wein trinken? Meine Frau wird dafür sorgen, dass Ihr auch etwas zu essen bekommt.« Unterdessen hatte Marie die Burg erreicht und hörte Michels Worte. Ihre Lust, für Graf Hettenheim und dessen Männer aufzutischen, war gering, aber um des lieben Friedens willen war sie dazu bereit. Doch als sie zum Palas gehen wollte, schüttelte Hettenheim den Kopf. »Dazu haben wir keine Zeit, Adler. Der König will, dass wir so rasch wie möglich nach Böhmen vorrücken.
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Daher steigt aufs Pferd und kommt mit. Oder seid Ihr noch nicht bereit dazu?« »Ich bin bereit«, antwortete Michel, obwohl er Hettenheims Eile für übertrieben hielt. Er hätte sich mehr Zeit gewünscht, um sich von Marie und Trudi verabschieden zu können. Da er jedoch seinen neuen Anführer nicht verärgern wollte, ging er in den Palas, um seine Sachen zu holen. Unterdessen musterte Falko von Hettenheim die Burgherrin, die mit ernster Miene auf dem Hof stehen geblieben war, und beneidete Michel nun ebenfalls. Während diese Frau geradezu engelhaft schön wirkte, war seine eigene Gemahlin schwerfällig und unansehnlich. Auch wuchsen dieser dichte, schwarze Haare auf der Oberlippe. Er hatte sie nur geheiratet, weil sie eine reiche Erbin war und er mit ihrer Mitgift seinen Besitz fast hatte verdoppeln können. Aber die wichtigste Aufgabe eines Weibes, ihm einen Sohn zu gebären, hatte sie
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bis zu diesem Tag nicht erfüllt. Dafür hatte sie ihm reichlich Töchter beschert. Den Hausgesetzen seiner Sippe zufolge konnte nur ein Mann den Besitz erben. Solange er keinen Sohn sein Eigen nannte, fiel alles einem entfernten Verwandten in den Schoß. Michel Adler hingegen konnte, falls Sigismund ihm ein Lehen verlieh, selbst festlegen, ob seine Tochter den Besitz einmal erben und ihn an ihre Kinder weitergeben durfte. Aber dazu wird es nicht kommen, sagte Hettenheim sich und dachte mit einer gewissen Zufriedenheit daran, dass dieser Wirtsschwengel nicht aus dem Krieg gegen die Hussiten zurückkehren würde. Er schüttelte diesen Gedanken ab und schnauzte Marie an: »Wo bleibt dein Mann? Wir wollen heute noch weiterreiten!« Marie biss die Lippen zusammen, um nicht ebenso unhöflich zu antworten. Bevor sie sich ihre Worte zurechtlegen konnte, kehrte Michel zurück. Er trug nun eine Rüstung und hatte
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seinen
Helm
unter
den
Arm
geklemmt.
Während ein Knecht sein Streitross heranführte, ging er zu Thomas und klopfte ihm auf die Schulter. »Thomas, du bleibst auf jeden Fall hier auf der Burg und beschützt Marie und Trudi. Schwöre es mir!« Sein Freund nickte, obwohl ihm das nach wie vor nicht behagte. »Das schwöre ich, Michel! Ich werde die beiden mit meinem Leben beschützen.« »Dann ist es gut!« Michel fasste seinen Arm und hielt ihn für einen Augenblick fest. Sie hatten schon vieles zusammen erlebt und wussten, dass sie einander bis zum Letzten vertrauen konnten. Hettenheim sah dem Ganzen mit einem zynischen Lächeln zu und fragte: »Womit soll dieser Bauer Euer Weib verteidigen? Etwa mit seiner Mistgabel?«
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Der höhnische Tonfall ärgerte Michel, aber Maries Antwort kam schneller. »Wenn es sein muss, tut Thomas auch das. Ihr solltet ihn nicht unterschätzen. Er ist gut genug, um es mit zwei von Euren Waffenknechten aufnehmen zu können.« »Wirklich?« Hettenheim lachte ungläubig und gab einem seiner Unteroffiziere einen Wink. »Eberhard, nimm noch einen Mann – und dann soll der Kerl beweisen, ob seine Herrin recht hat. Wenn es nicht der Fall ist, wird sie mir Abbitte leisten müssen.« Eberhard stieg aus dem Sattel und deutete auf einen zweiten Kriegsknecht, der ebenfalls absaß. Beide zogen die Schwerter und gingen lauernd auf Thomas zu. Marie begriff, dass es ihnen nicht nur darum ging, Hiltruds Mann zu besiegen. Die Kerle waren auf Blut aus! Wieso hatte sie die Situation mit ihrer Bemerkung nur so zugespitzt!
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Sie blickte kurz zu Michel hin, um zu sehen, ob dieser dem ungleichen Kampf Einhalt gebieten würde. Er stand jedoch völlig ruhig da und kreuzte die Arme vor der Brust. Auf seinen Lippen spielte sogar der Anflug eines Lächelns. Da Michel nicht besorgt schien, schöpfte auch sie Hoffnung, dass dieser Zwischenfall ein gutes Ende finden würde. Thomas musterte die beiden Waffenknechte, griff nach einer Heugabel mit Zinken aus Eisen und wich ein paar Schritte beiseite, um nicht durch die anderen Reiter behindert zu werden. Obwohl seine Gegner erfahrene Krieger waren, fürchtete er sie nicht, denn er hatte sich mit Michel regelmäßig im Kampf mit Bogen, Schwert und Speer geübt. Die beiden Kriegsknechte nahmen ihren Gegner nicht ernst, und so ließ einer dem anderen lachend den Vortritt. Doch Thomas blockte den Schwerthieb des Mannes fast spielerisch
mit
den
Gabelzinken
ab,
drehte
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blitzschnell das Gerät und prellte ihm die Waffe aus der Hand. Bevor ihn der zweite Gegner angreifen konnte, war er bei ihm und fegte ihn mit einem schwungvollen Hieb von den Beinen. Der Mann stürzte zu Boden und verlor seine Waffe. Sofort schlug Thomas ihm die Gabel gegen den Helm und betäubte ihn für einige Augenblicke. Der andere Kriegsknecht wollte hinter Thomas’ Rücken sein Schwert zurückholen, doch gerade als er danach griff, schleuderte Thomas seine Heugabel wie einen Speer. Der Kriegsknecht schrie vor Schreck auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf seinen Arm, der von zwei Zinken an die Erde genagelt wurde. Sein Kamerad erhob sich taumelnd. Doch als er nach seinem Schwert griff und auf Thomas losgehen wollte, hielt Hettenheims Ruf ihn auf. »Der Kampf ist zu Ende! Das ist wohl besser für euch, sonst besorgt der Bursche es euch
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noch mit dem Kehrbesen! Beim Heiland! Mit so etwas wie euch soll ich die Hussiten besiegen? Die ziehen euch das Fell ab, ohne dass ihr ihnen auch nur eine Schramme beibringen könnt. Macht, dass ihr in die Sättel kommt!« Thomas zog die Gabel aus der Erde, damit der Soldat aufstehen konnte, und trat grinsend beiseite. »Glaubt Ihr jetzt, dass ich meine Herrin zu beschützen weiß, Herr Ritter?«, fragte er Hettenheim. Dieser würdigte ihn keiner Antwort, sondern starrte Michel an, der eben zu Marie hintrat und den Mund öffnete, sich aber nur räusperte und sie stumm ansah. Marie begriff, dass das, was er ihr sagen wollte, nicht für die Ohren von Hettenheim und seinen Begleitern geeignet war. Jedes liebe Wort würden diese Männer zum Anlass nehmen, ihn als weichlich darzustellen und zu verhöhnen. Daher strich sie ihm über die Wange. »Ich liebe dich. Geh mit Gott!«
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Mit einem letzten Blick prägte Michel sich Maries Bild noch einmal ein, denn sie würden wohl etliche Wochen aufeinander verzichten müssen. Dann schwang er sich behende auf sein Pferd, griff nach den Zügeln und sah Hettenheim an. »Ich bin bereit!« Der Ritter antwortete mit einem Grunzen und trieb sein Pferd an. Gunter von Loosen und Bodo von Haidhausen folgten ihm als Erste, schon um Michel zu beweisen, dass sie sich über ihm stehend fühlten. Auch einige andere Reiter drängten sich vor. Michel achtete jedoch nicht darauf, sondern winkte Thomas, Hiltrud und Trudi noch einmal kurz zu, Marie hingegen etwas länger, dann zog auch er sein Pferd herum und reihte sich zwischen den adeligen Rittern und den einfachen Kriegsknechten ein. Als die Burg hinter ihm zurückblieb, fragte er sich, was ihn in Böhmen erwarten würde. Was immer es auch sein mochte – für ihn war es das
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Wichtigste, den König nicht zu enttäuschen. Allerdings schwor er sich, nicht allzu wagemutig zu sein, um nicht durch Unachtsamkeit oder Torheit sein Leben und das der Männer zu riskieren, die man ihm anvertrauen würde. Mit Zweifel im Herzen sah Marie hinter den Reitern her. Erst als diese hinter dem Hügel verschwunden waren, drehte sie sich zu Hiltrud und Thomas um. »Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir haben weder dieser überhebliche Hettenheim noch seine Begleiter gefallen. Ich frage mich, wie Michel mit ihnen auskommen wird. Hoffentlich schafft er es, sich gegen diese hochnäsigen Dummköpfe durchzusetzen und sich gleichzeitig vor ihnen zu hüten!« »Die Kerle steckt Michel allemal in die Tasche«, antwortete Thomas mit einem schiefen Lachen. Dann nahm er seine Gabel und stellte sie gegen die Stallmauer. Wenn es sein musste, würde er diese Waffe gegen jeden einsetzen,
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der es wagte, die Herrin auf Hohenstein und deren Tochter zu bedrohen.
11.
Auf dem Weg nach Osten schlossen sich weitere fränkische Ritter mit ihren Kriegsknechten Falko von Hettenheim an. Obwohl seine Schar zu einer stattlichen Anzahl kampfkräftiger Männer angewachsen war, stellte sie nur eines von mehreren Aufgeboten dar, die sich an Böhmens Grenzen versammelten. Neben den Franken waren auch Sachsen, Schwaben, Brandenburger und ein paar Baiern gekommen. Österreicher fehlten, denn die brauchten jeden Mann, um ihre eigenen Grenzen gegen die Hussiten zu schützen. Michel bemerkte schon bald, dass das Heer, das Sigismund hier versammelt hatte, sich mit zwei großen Problemen herumschlagen musste: Zum einen stammten die meisten Krieger aus kleinen Herrschaften und hatten noch nie in
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einem größeren Verband gekämpft, und zum anderen fehlten die gut ausgebildeten Truppen der Kurfürsten und Herzöge, die den Kern des Heeres hätten stellen sollen. Außerdem war es um die Versorgung nicht allzu gut bestellt, und Kanonen und anderes Material, das für Belagerungen benötigt wurde, fehlten fast ganz. Mit dieser Truppe ließ sich nicht einmal eine Feldschlacht gegen einen gleich starken Gegner gewinnen, sagte Michel sich besorgt. Nach allem, was er erfahren hatte, war das Heer des Hussitenfürsten Vyszo fast doppelt so groß wie das ihre. Auch hatte ein Angriff auf Burg Sokolny mit dieser Ausrüstung kaum Aussicht auf Erfolg. Bereits der Versuch einer Erstürmung würde zum Verlust des größten Teils der Krieger führen. Dies war dem König wohl ebenfalls klar, denn er hielt sich nur drei Tage bei dem Heer auf, übergab dann das Kommando zur Enttäuschung
seines
Vetters
Hettenheim
an
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Herzog Adalbert von Sachsen und kehrte nach Nürnberg zurück, um von dort aus weitere frische Truppen zu sammeln und vor allem Geld aufzutreiben. Das Heer selbst rückte nur wenige Meilen in die Waldberge auf böhmischem Gebiet vor und bezog in der Nähe der Eger ein Lager. So stellte Sigismund erst einmal sicher, dass die Hussiten in dem Moment, in dem sie die Burg des Grafen Sokolny angriffen, von seinen Truppen in die Zange genommen werden konnten. Michel wollte die Zeit nutzen, die fränkischen Krieger im Kampf auszubilden, doch er stieß bei Falko von Hettenheim auf taube Ohren. »Beschränkt Euch auf Eure Aufgaben und mischt Euch nicht in die Belange der Heerführer ein!«, beschied dieser ihm und sorgte dafür, dass Michel all jene Arbeiten zugeteilt wurden, die er und seine Busenfreunde Loosen und Haidhausen für unter ihrer Würde hielten.
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Ohne es zu ahnen, taten sie Michel damit einen Gefallen. Auf seinen Patrouillengängen und -ritten lernte er die einfachen Waffenknechte und die Unteroffiziere kennen und einige, wie Hettenheims Sergeanten Hannes Mühldorfer, sogar zu schätzen. Von diesem erfuhr er mehr über die Feinde, als selbst ihr Heerführer Adalbert von Sachsen wusste. Keinen Tagesritt weiter im Osten befand sich das Gebiet des Grafen Václav Sokolny, der auf seiner Unabhängigkeit von König Sigismund wie auch gegenüber den Hussiten beharrte. Als Anhänger der römischen Kirche hatte er eine Gruppe böhmischer und deutscher Ritter um sich geschart und verteidigte sein Territorium mit äußerster Verbissenheit. Dabei half ihm ein Waffenmeister, den nicht wenige für einen Dämon hielten. Sogar erfahrene Soldaten wurden blass, wenn die Rede auf ihn kam. Der Mann nannte sich Marat und musste den Erzählungen
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nach ein Sohn des Teufels sein oder gar der Satan in eigener Person. Nicht weniger fürchteten die einfachen Waffenknechte Fürst Vyszo, den Heerführer der Hussiten, der seine Leute östlich von Sokolny gesammelt hatte und den Grafen zwingen wollte, sich ihm anzuschließen. Wenn Sokolny das tat, dachte Michel, würde die Position der königlichen Truppen hier unhaltbar werden. Mit diesem Gedanken beendete er seinen Erkundungsritt und hielt auf das Feldlager zu. Es dämmerte bereits, und die Lagerfeuer wiesen ihm den Weg. Da er den ganzen Tag im Sattel verbracht hatte, war er rechtschaffen müde. Das mochte ebenso zu seiner schlechten Laune beitragen wie das Wissen, dass er viel länger von Marie und Trudi getrennt sein würde, als er beim Abschied von ihnen angenommen hatte.
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Der Feldzug gegen die Hussiten zog sich schier endlos dahin, und wenn die kaiserlichen Truppen glaubten, einen Vorteil errungen zu haben, ging dieser an einer anderen Stelle wieder verloren. Es war, als drehten die drei beteiligten Parteien sich im Kreis. Sokolny konnte sich als Katholik nicht den ketzerischen Hussiten anschließen, aber auch nicht dem König, da er befürchten musste, Fürst Vyszo würde ihn in dem Fall mit allem attackieren, was ihm zur Verfügung stand. Vyszo selbst scheute vor einem Großangriff auf Sokolny zurück, da er Angst haben musste, Sigismunds Armee würde ihm in den Rücken fallen. Da die Heerstraße nach Westen über Sokolnys Besitz führte, war dem Hussitenfürsten der Weg ins Herz des Reiches versperrt. In dieser Situation konnten auch die Truppen des Königs nichts weiter tun als abwarten, ob sich ihnen eine unerwartete Gelegenheit für einen Angriff bot. Sollten sie jedoch zu lange warten,
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liefen sie Gefahr, sich schmachvoll zurückziehen zu müssen. Michel hasste die verfahrene Situation und auch die Tatsache, dass scheinbar niemand auf Seiten der Königlichen ein Interesse daran zu haben schien, etwas an ihr zu ändern. Ein Priester hatte ihm einmal von einem Helden namens Alexander berichtet, der einen komplizierten Knoten mit seinem Schwert durchtrennt und damit einen wichtigen Krieg gewonnen hatte. So einen Mann oder wenigstens jenes Schwert hätten sie an dieser Stelle gebraucht, dachte er, während er an der Spitze von drei Waffenknechten auf die erste Postenreihe zuritt und dort wartete, bis einer der Wachen eine Fackel nahm und ihn anleuchtete. »Ihr seid es, Hohenstein! Wie sieht es draußen aus? Treiben sich Vyszos Halunken immer noch in der Gegend herum?«, fragte der Mann angespannt.
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»Gesehen haben wir keinen, aber ich würde darauf wetten, dass sie hier sind! Hinter jedem Busch kann einer von ihnen lauern!« Michel grinste, als der Mann erschrocken das Kreuz schlug. »Hinter jedem Busch? Hoffentlich nicht! In dieser Gegend gibt es nämlich verdammt viele Büsche.« »Na ja, vielleicht nicht hinter jedem, aber wir müssen überall mit Spähern rechnen«, schränkte Michel ein. »Sind Boten ins Lager gekommen, vielleicht vom König selbst?« Der Wachtposten schüttelte den Kopf. »Leider kein einziger! Aber am Nachmittag ist ein Händler erschienen, der einen Wagen voll von irgendwelchen Waffen für Hettenheim gebracht hat. Brot und Fleisch wären mir lieber gewesen. Immerhin liegen wir schon seit Wochen in diesem Lager und müssen bald neue Latrinen ausheben, weil die alten schon zum Gotterbarmen stinken. Wenn der Wind nach Nordosten weht, dürfte es Sokolnys Wachen an
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der Eger den Atem verschlagen. Uns hier tut es das sowieso!« »Kein Bote!« Für Michel war dies eine Enttäuschung, hieß es doch, dass Sigismund weiterhin nichts gegen seine Feinde unternehmen würde. »Wenn es so weitergeht, liegen wir noch in einem Jahr in diesem verdammten Lager«, murrte er und ritt weiter. Dieses lähmende Abwarten, das hie und da von kleinen Scharmützeln unterbrochen wurde, drohte ihn zu zermürben. Alles, was notwendig gewesen wäre – ein Vorrücken in Feindesland und eine entscheidende Schlacht –, unterblieb. Man sah den Gegner nicht einmal, bis er aus der Deckung dichter Wälder heraus angriff und sich ebenso schnell zurückzog, wenn er auf stärkeren Widerstand traf. Michel hatte Graf Hettenheim schon mehrfach den Vorschlag zu unterbreiten versucht, eine ähnliche Taktik einzuschlagen, war aber
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auf taube Ohren gestoßen. Für Sigismunds Vetter galt nur der als wahrer Krieger, der zu Pferd und in offener Schlacht gegen einen Feind anritt. Hussiten waren in seinen Augen aufrührerische Bauern, die die Armee des Königs bald schon zu Paaren treiben würde. Genau das aber bezweifelte Michel. Wie Fürst Vyszo stammten auch viele andere Anführer der Hussiten aus dem Adel, verstanden es also, Männer anzuführen. Doch im Gegensatz zu den Rittern des Königs hatten sich die Adeligen hier in Böhmen auf eine neue Kampfweise eingestellt und damit bereits etliche Erfolge errungen. Unwillig schüttelte Michel diesen Gedanken ab und ließ seinen Blick wie gewohnt umherschweifen. Obwohl die Fackeln und die Flammen der Lagerfeuer Männer und Zelte nur unzureichend beleuchteten, war zu erkennen, wie abgerissen das Lager und die Soldaten bereits wirkten. Michel war sich bewusst, dass er
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ebenso stoppelbärtig herumlief wie die meisten hier und seine Kleidung auch schon bessere Tage gesehen hatte. Außerdem war er schmutzig und sehnte sich nach einem heißen Bad und Hiltruds scharfer Seife. Darauf würde er jedoch verzichten müssen, bis dieser verdammte Krieg gewonnen war. Doch so lahm, wie König Sigismund, Adalbert von Sachsen und die führenden Edelleute wie Falko von Hettenheim diesen vorantrieben, konnte das noch lange dauern. Missmutig erreichte Michel Hettenheims Zelt, vor dem das Banner mit dem schwarzen Stier aufgepflanzt war, und schwang sich aus dem Sattel. Sofort eilte einer der Knechte herbei und übernahm die Zügel. »Reibe ihn gut ab und gib ihm ein bisschen Hafer – vorausgesetzt, es ist noch welcher da.« Michel seufzte, denn der Nachschub war wohl ihr größtes Problem. Es war nicht möglich, sich aus der Umgebung zu versorgen, da
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entweder Sokolnys Totschläger Marat mit seinen Leuten oder Vyszos Hussiten die Furagetrupps überfielen. »Es muss etwas geschehen«, sagte er leise, als er auf Hettenheims Zelt zuging, den Eingang offen fand und es daher ohne Anruf betrat. Sein Anführer saß auf einem Klappstuhl neben einer Kiste, die ihm als Tisch diente, und war in ein Gespräch mit seinen engsten Gefolgsleuten Gunter von Loosen und Bodo von Haidhausen vertieft. Auch Hannes Mühldorfer, Hettenheims Sergeant, hatte sich eingefunden und blickte angestrengt auf die Karte, auf die Hettenheim gerade wies. Als Michel eintrat, wandten sich die vier Männer zu ihm um. Während Hettenheim, Loosen und Haidhausen keine Miene verzogen, grinste Mühldorfer. »Seid Ihr heil zurückgekehrt, Hohenstein? Wie sieht es draußen aus? Sind viele Hussiten in der Nähe?«
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Michel grüßte den Sergeanten mit einem Nicken und lachte grimmig. »Blicken lassen die Kerle sich nicht, aber es treiben sich etliche hier herum. Ich habe unten am Bach Fußspuren von Leuten entdeckt, die gewiss nicht zu uns gehören.« »Haben die Spuren sprechen können, weil Ihr das so höhnisch.
genau
wisst?«,
fragte
Loosen
Michel schüttelte den Kopf. »Ich habe mir die Abdrücke von unseren Stiefeln und denen der Hussiten sehr genau angesehen und weiß daher, wer zu uns gehört und wer nicht.« »Ich dachte, Euer Vater wäre Schankwirt gewesen und kein Schuster«, spottete Loosen. Da Hettenheim keinen Streit wollte, hob er warnend die Hand. »Jeder Mann, der zwei Augen im Kopf hat, kann die Abdrücke unserer Stiefel von denen unserer Feinde unterscheiden. Allerdings tragen Sokolnys Leute das gleiche Schuhwerk wie die aufrührerischen
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Hussiten. Wenn man die auseinanderkennen würde, wäre dies eine nützliche Kunst.« »Sokolny sieht uns ebenso wie die Hussiten als Feinde an und verweigert uns den Durchzug durch sein Gebiet«, antwortete Michel gereizt. »Daher ist es nicht wichtig, ob seine Männer die gleichen Schuhe tragen wie Vyszos Leute. Sie alle stechen oder schlagen zuerst zu, bevor sie Fragen stellen. Nur kann man ihnen nicht mehr antworten, weil man tot ist.« »Ich liebe Euren Humor, Hohenstein!«, rief Bodo von Haidhausen. »Er hat so etwas Erfrischendes an sich. Da wir gerade bei einer Erfrischung sind. Gibt es in diesem elenden Lager vielleicht noch ein Fässchen Wein? Meine Kehle ist wie ausgedörrt, und von dem Wasser hier bekommt man Bauchgrummeln.« Er sah Hettenheim auffordernd an, doch der wollte den wenigen Wein, den er noch besaß, nicht mit dem Ritter teilen.
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»Ihr werdet Euch gedulden müssen, bis die nächsten Proviantwagen eintreffen. So lange müssen wir uns mit Wasser begnügen.« »Sorgt aber dafür, dass es aus anderen Quellen geholt wird als aus denen, die bislang benutzt werden«, wandte Michel ein. Gunter von Loosen war sonst nie mit Michel einer Meinung, doch nun machte er eine zustimmende Geste. »Er hat recht! Das Zeug stinkt bereits, wenn man es in den Becher füllt. Daran sind wahrscheinlich unsere Latrinen schuld oder die Kerle, die sich in die Büsche schlagen, um dort zu scheißen!« »Gut! Sorge dafür, dass das Wasser woanders geholt wird«, forderte Hettenheim seinen Sergeanten auf. Mühldorfer zog hilflos die Schultern hoch. »Dann müssen unsere Wasserholer ein schönes Stück laufen. Wir werden ihnen Geleitschutz mitgeben müssen, sonst werden sie von Vyszos oder Sokolnys Leuten überfallen.«
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»Dann tut das!« Hettenheims Ton verriet, dass dieses Thema für ihn abgeschlossen war. Er erhob sich, trat in eine Ecke des Zeltes und hob ein armspannenlanges Bronzerohr aus einem Kasten. Dieses legte er mit einem breiten Grinsen auf den Tisch. »Mit dieser Waffe werden wir sowohl Vyszos Gesindel wie auch Sokolnys Leuten einheizen«, erklärte er selbstzufrieden. Michel betrachtete das Rohr, das ein etwa fingerdickes Loch aufwies, und runzelte die Stirn. »Das Ding sieht aus wie eine kleine Kanone mit einem ziemlich langen Lauf!« »Genau das ist es. Es handelt sich um eine sogenannte Tannenbergbüchse, die ein einzelner Mann handhaben kann. Die Hussiten haben uns die Durchschlagskraft kleiner Kaliber schon ein paarmal bewiesen. Da ihre Feldschlangen jede Ritterrüstung mühelos durchschlagen, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Mein Vetter, der König, hat mir ein paar
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Dutzend dieser Dinger geschickt, damit wir sie im Feld erproben können.« »Wann ist denn sein Bote erschienen? Es hieß, es wäre bisher kein kaiserlicher Abgesandter aufgetaucht«, rief Michel verwundert. »O doch, das ist er, aber als Händler verkleidet! Darüber sollten wir Stillschweigen bewahren«, antwortete Hettenheim herablassend und zeigte auf die Karte. »Sigismund erwartet, dass wir auf diesem Weg hier vorrücken und die Ebene hinter dem Fluss einnehmen. So gewinnen wir eine kürzere Verteidigungslinie gegen die Hussiten und können auch Sokolny besser unter Kontrolle halten. Was meint Ihr dazu?« Die Frage galt Michel. Dieser wunderte sich, denn bislang hatte Hettenheim Loosens oder Haidhausens Meinung stets der seinen vorgezogen. Aber er war zu froh, sich äußern zu können, um weiter darüber nachzudenken. Im Gegensatz zu den beiden Edelleuten hatte er
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die Gegend bereits erkundet und vermochte nun sein Wissen in die Waagschale zu werfen. »So einfach wird das nicht sein. Vor uns stehen mehr als zweitausend Hussiten. Wenn wir wie befohlen vorrücken, werden sie diese Einladung annehmen und uns in die Flanke fallen. Um das zu verhindern, müssten wir uns südwärts wenden und die Eger überqueren. Dort aber ist Sokolnys Land, und wir stehen dessen Leuten gegenüber. Wenn wir die niederkämpfen, schwächen wir den Grafen, der sein Gebiet bis jetzt immer noch gegen Vyszo hält, und treiben ihn unter Umständen sogar den Hussiten in die Arme.« »Was seid Ihr für ein Bedenkenträger!«, spottete Loosen. Bevor er mehr sagen konnte, wies Hettenheim ihn zurecht. »Hohenstein hat recht! Wir können nicht einfach unser Lager abbrechen und ohne Erkundung in Sokolnys Gebiet
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eindringen. Die Aktion muss gut geplant und noch besser vorbereitet werden.« »Vor allem müssen wir erkunden, wie stark Sokolny den Weg bewachen lässt«, setzte Michel hinzu. »Genau das werdet Ihr tun, Hohenstein. Ich gebe Euch die Ritter Loosen und Haidhausen sowie meinen Sergeanten Mühldorfer mit.« Hettenheim wechselte einen kurzen Blick mit seinen Freunden und sah diese nicken. Dann klopfte er Michel scheinbar kameradschaftlich auf die Schulter. »Findet einen Weg, auf dem wir vorrücken können, ohne dass uns der Feind in die Quere kommen kann.« Michel brachte noch einen Einwand: »Wir werden bei diesem Ritt Sokolnys Gebiet betreten müssen. Hoffentlich wird er dadurch nicht gewarnt!« »Dagegen gibt es ein einfaches Mittel«, antwortete Hettenheim lachend. »Ihr lasst euch
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einfach nicht erwischen. Meine Herren, damit danke ich euch. Eine gute Nacht!« »Gute Nacht«, wünschte Michel ihm und verließ als Erster das Zelt. Loosen und Haidhausen folgten ihm grinsend und stießen sich dabei gegenseitig an, als würden sie sich auf einen fröhlichen Ausritt und nicht auf eine gefährliche Erkundung begeben. Als der Sergeant ebenfalls aufbrechen wollte, hielt Hettenheim ihn zurück. »Einen Augenblick, Mühldorfer!« »Ihr wünscht, Herr?« Der Mann machte kehrt und blieb vor dem Grafen stehen. Dieser legte das Tannenbergrohr wieder in die Kiste zurück, setzte sich und winkte dem Sergeanten, neben ihn zu treten. Seiner Miene nach schien er zu fürchten, jemand anders könnte hören, was er Mühldorfer zu sagen hatte. Er wies auf die Karte und deutete dann auf die Stelle, an der die Straße durch eine Furt in der Eger führte. »Schau her, Mühldorfer! Ihr
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werdet morgen bei eurer Erkundung nicht über diese Stelle hinauskommen.« Der Sergeant starrte verwundert auf den Fleck, auf dem sich Straße und Fluss kreuzten. »Aber Ihr habt doch gesagt, wir sollen von dort aus in Sokolnys Land eindringen.« »Das war nur eine Ausrede, eine Kriegslist sozusagen. Mir geht es um Michel Adler. Er wird an dieser Stelle den Tod finden.« »Den Tod? Ich verstehe nicht!« Mühldorfer klang so verdattert, dass Hettenheim zu lachen begann. »Was ist daran nicht zu verstehen? Michel Adler wird auf dem Erkundungsritt von einigen Hussiten erschlagen. Das ist doch ein ehrenvoller Tod.« Da Mühldorfer noch immer so aussah, als begreife er die Welt nicht mehr, erteilte Hettenheim ihm genauere Anweisungen und schloss mit den Worten, dass Michel Adler einem sehr hochrangigen Mann im Wege stände.
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»Es wird dein Schaden nicht sein, wenn du Loosen und Haidhausen hilfst, diesen Bastard unter die Erde zu bringen!« »Das wäre Verrat an einem tapferen Recken«, stieß Mühldorfer empört aus. Hettenheim funkelte den Sergeanten zornig an. »Verrat wäre es, mir nicht zu gehorchen! Oder muss ich dich erst daran erinnern, wem du Treue geschworen hast?« »Euch, Herr!« Besiegt senkte Mühldorfer den Kopf. Obwohl er Michel Adler als fähigen Anführer und guten Kameraden schätzte, so war er Hettenheim verpflichtet. Wenn sein Herr befahl, dass er den Burghauptmann von Hohenstein umbringen sollte, so hatte er zu gehorchen. Für sich aber beschloss der Sergeant, den beiden Rittern den Vortritt zu lassen und nur dann einzugreifen, wenn Loosen und Haidhausen nicht mit Michel Adler fertig wurden.
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Mit einem dumpfen Gefühl in der Magengrube verließ Mühldorfer das Zelt und stiefelte zu seiner Unterkunft. Unterwegs sah er Michel an einem Lagerfeuer sitzen und aus einem Blechnapf den undefinierbaren Eintopf löffeln, den der Koch aus den Resten ihrer Vorräte zusammengemanscht hatte. Zu einer anderen Zeit hätte er sich zu der Gruppe gesetzt und ein paar Worte mit Michel gewechselt. Nun aber ging er weiter und kam an dem Zelt vorbei, in dem Haidhausen und Loosen hausten. Die beiden Ritter standen vor dem Eingang und blickten ebenfalls zu Michel hinüber. Als sie Mühldorfer kommen sahen, grinsten sie einander an, als wüssten sie bereits, dass er ihnen helfen sollte. Der Sergeant schüttelte sich innerlich und hätte gerne erfahren, aus welchem Grund Michel Adler sterben sollte. Weder Mühldorfer noch die beiden Ritter konnten wissen, dass Hettenheim sich drei Tage
zuvor
erneut
mit
Janus
Suppertur
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getroffen hatte. Der Inquisitor war erzürnt gewesen, weil Michel immer noch lebte, und hatte darauf gedrungen, dass Hettenheim seinen Auftrag ausführte. Da der Krieg gegen die Böhmen nicht so verlief, wie der Papst es sich vorstellte, war eine mögliche Anerkennung Falko von Hettenheims durch Martin V. als König und eine Kaiserkrönung in Rom ein Lockmittel, dem Sigismunds Vetter sich nicht hatte entziehen können.
12.
Der nächste Morgen entstieg kühl und neblig der Nacht, und Michel fröstelte, als er aus seinem Zelt hinausschaute. Hoffentlich regnet es nicht, dachte er, lachte dann aber über sich selbst. Nebel und Regen würden ihn und seine Begleiter während des Erkundungsritts vor den Augen jener verbergen, die sie nicht sehen durften. Daher war es besser, für schlechtes Wetter zu beten, als darüber zu klagen. Seine Laune besserte sich bei diesem Gedanken, und als er sein Zelt verließ, konnte er schon wieder lachen. Ein Stück weiter vorne entdeckte er Mühldorfer. »Wir reiten gleich los«, rief er ihm zu, doch der Sergeant antwortete ihm nicht, sondern starrte mürrisch vor sich hin. Daher ging Michel achselzuckend weiter zu dem Zelt, vor
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dem ihr Koch gerade den Morgenbrei für die Männer kochte. »Was gibt es heute Gutes?«, fragte er grinsend. »Ratteneintopf!«, knurrte ein Krieger. »Dann ist wenigstens Fleisch drin«, spottete Michel und ließ sich seinen Napf füllen. Während er sich unter einen Baum stellte und aß, konnte er seinem Kameraden nur zustimmen. Der Brei schmeckte noch schlechter als die letzten Male. »Wenn wir wenigstens einen Krug Bier hätten, um das Zeug hinunterzuspülen«, sagte er zu einem Soldaten in seiner Nähe. Der Mann nickte mit verkniffener Miene. »Schön wär’s! Soviel man hört, hat Vyszo einen Bierbrauer unter seinen Leuten. Aber an so etwas hat unser königlicher Feldherr nicht gedacht.« Offensichtlich war der Mann mit Adalbert von Sachsens Kriegsführung ebenso wenig
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zufrieden wie mit Hettenheims Pflichterfüllung, denn dem Grafen oblag die Organisation des Lagers und des Nachschubs. Da ist er nicht der Einzige, dachte Michel. Auch er hätte sich einen Anführer gewünscht, der sich mehr von seinem Verstand und weniger von den Vorstellungen leiten ließ, was standesgemäß war und seinen Rang betonte. Sogar vor dem Herzog von Sachsen strich Hettenheim ständig heraus, dass er ein enger Verwandter des Königs war. Die Taten aber, die von einem Mann seiner Herkunft erwartet werden durften, unterblieben. »Vielleicht wird es sich ändern, wenn wir wie befohlen vorrücken«, murmelte Michel vor sich hin. Dafür aber musste er mit Loosen, Haidhausen und Mühldorfer erst den Weg erkunden. Auf die beiden Ritter hätte er verzichten können, doch Mühldorfer war ein erfahrener
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Soldat und würde mit Sicherheit die Augen aufhalten. Während seine Gedanken wanderten, war Michel mit dem Frühstück fertig geworden. Trinken wollte er hier im Lager nichts, denn das Wasser schmeckte zu schlecht. Während ihres Ritts würden sie an Quellen mit frischem Wasser vorbeikommen, und dort konnte er seinen Durst löschen und seine Wasserflasche füllen. »Sattle mein Pferd!«, forderte er einen Knecht auf. Dieser nickte und eilte zu der Stelle, an der die Pferde der Ritter und Soldaten an einer langen Stange festgebunden waren. Die Sättel lagen gleich daneben unter einem aus Zweigen errichteten Vordach. Michel sah dem Mann einen Augenblick zu und ging dann weiter zu Loosen und Haidhausen. »Meine Herren, wir sollten gleich aufbrechen!«
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Bis jetzt hatten die beiden seine Autorität noch nie anerkannt, diesmal aber eilten sie, ohne zu zögern, zu ihren Pferden und ließen sie satteln. Auch Mühldorfer setzte sich mit verbissener Miene in Bewegung. Michel fragte sich, ob der Sergeant beim Spiel verloren hatte, denn sonst war der Mann weitaus fröhlicher gewesen. Schnell schob er den Gedanken beiseite und stieg auf sein Pferd. Loosen war kaum langsamer als er, und auch Haidhausen brauchte weniger Zeit als sonst, um in den Sattel zu kommen. Im Gegensatz zu Mühldorfer schienen die beiden bester Laune zu sein. Anscheinend waren auch sie froh, dass sich endlich etwas tat, dachte Michel. Die letzten Wochen waren einfach zu öde gewesen. »Einen guten Morgen wünsche ich Euch!« Michel erinnerte sich an seine guten Manieren und setzte sich dann an die Spitze des kleinen Trupps.
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»Es ist wirklich ein guter Morgen, Adler, und er verspricht, noch besser zu werden!« Loosen lachte darüber wie über einen guten Witz, klopfte seinem Pferd auf die Kruppe und pfiff eine Melodie. Diese hatte er vor einigen Wochen von einem Gaukler namens Nepomuk gehört, der mit einer Gruppe von Spielleuten und Huren ins Lager gekommen und eine Zeitlang geblieben war. Michel lächelte wehmütig, denn er vermisste die teilweise recht derben Scherze des kleinwüchsigen Narren, die die Soldaten zum Lachen gebracht hatten. Dann sagte er sich, dass es wichtiger wäre, endlich Nachschub zu erhalten. Vom Lachen allein wurden die Leute nicht satt. Solange sie sich in der Nähe des Lagers befanden, trug Loosen eine fröhliche Miene zur Schau. Doch als sie sich der Eger und damit der Grenze zu Sokolnys Herrschaftsgebiet näherten, verstummte er und sah sich immer
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wieder um, als erwarte er jeden Augenblick, Hussiten hinter den Büschen hervorspringen zu sehen. Auch Haidhausen wirkte angespannt, griff beim kleinsten Geräusch zum Schwert, denn er glaubte, in den Nebelschwaden Gestalten zu erkennen. Er war es ebenso wie Loosen gewohnt, mit einem kampfstarken Trupp vorzurücken, und fühlte sich nun mitten in einem von Feinden überwachten Gebiet wie auf dem Präsentierteller. Doch wenn sie Hettenheims Auftrag erfüllen und Michel Adler beseitigen wollten, mussten sie dies in größerer Entfernung vom Heerlager tun. Als Michel ihnen ein Zeichen gab, anzuhalten, und selbst vom Pferd stieg, um dem schmalen Weg zu folgen, der zum Ufer führte, wechselten die beiden Ritter einen beredten Blick. »Jetzt oder nie!«, flüsterte Loosen Haidhausen zu und schwang sich aus dem Sattel.
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Das Geräusch, mit dem seine Füße auf den Boden trafen, kam ihm viel zu laut vor, und er blickte erschrocken nach vorne. Michel Adler schien jedoch nichts bemerkt zu haben. Eben schob dieser einen Zweig beiseite, der in den Weg hineinragte, und blickte auf eine kleine Lichtung hinaus, die auf der anderen Seite durch Ufergebüsch begrenzt wurde. Zwar übertönte das Plätschern des fließenden Wassers alle anderen Geräusche, aber es war niemand zu sehen. Daher begann Michel zu hoffen, unbemerkt auf Sokolnys Gebiet vordringen zu können. Unterdessen war auch Haidhausen abgesessen und zog leise sein Schwert. Loosen hielt die eigene Klinge bereits in der Hand und schlich hinter Michel her. Nur Mühldorfer saß noch auf seinem Pferd und schüttelte sich wie im Fieber. Es passte ihm nicht, dass hier ein wackerer und noch dazu argloser Mann sterben
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sollte. Doch er hatte Hettenheim den Treueid geschworen und durfte diesen nicht brechen. Michel betrat die Lichtung und wollte weiter zum Ufer gehen, als er neben sich den Schatten eines Mannes auftauchen sah, der eben mit einem Schwert ausholte. Blitzschnell wich er zur Seite und zog in der gleichen Bewegung seine Waffe. Stahl klirrte gegen Stahl. Dann erst erkannte er den Angreifer. »Loosen, was soll das?«, rief er verdattert. Im nächsten Augenblick griff Haidhausen ihn an, und die beiden drängten ihn bis an den Rand des Ufers. Michel konnte nicht begreifen, was hier geschah, und schrie die Ritter an: »Seid Ihr von Sinnen?« Statt einer Antwort traktierten sie ihn mit wuchtigen Schwerthieben. Michel hatte nun seine Überraschung überwunden und schwang die Waffe mit grimmiger Entschlossenheit. Seine Gegner versuchten, ihn in den Fluss zu
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treiben und somit wehrlos zu machen, doch mit geschicktem Taktieren gewann er mehrere Schritte Raum. Auf der Lichtung konnte er sein Schwert effektiver einsetzen, und es war rasch zu erkennen, dass Loosen und Haidhausen selbst zu zweit nicht in der Lage waren, ihn zu bezwingen. Michel kämpfte mit kalter Wut. Zwar hatte er nie viel von den beiden Rittern gehalten und oft genug zu spüren bekommen, dass sie ihn seiner unedlen Herkunft wegen verachteten. Aber einen heimtückischen Mordversuch hätte er ihnen niemals zugetraut. Während er Loosen mit schnellen Schwerthieben mehrere Schritte zurücktrieb, um sich dann Haidhausen zuzuwenden, verspottete er sie. »Zwei edel geborene Ritter sind nicht in der Lage, mit dem Sohn eines Schankwirts fertig zu werden. Da wundert es mich nicht, dass Sigismunds Kriegszug gegen die Hussiten ins Stocken geraten ist.«
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Michels Schwert traf Haidhausens Helm und betäubte den Ritter für kurze Zeit. Bevor er diesen Vorteil ausnutzen konnte, kam Mühldorfer mit blanker Klinge auf ihn zu. Mit einem verächtlichen Blick streifte der Sergeant die beiden Ritter und atmete tief durch. »Hauptmann, wir wissen doch beide, dass es immer die einfachen Soldaten sind, welche die Schlachten entscheiden!« Michel kniff verwundert die Augen zusammen. »Du hilfst diesen Männern, Mühldorfer? Warum?« »Sicher nicht, weil es mir gefällt. Ich befolge nur meine Befehle. Es tut mir leid um Euch, Hauptmann!« Mühldorfer hob sein Schwert und schlug zu. Zwar konnte Michel die Klinge abwehren, aber nun hatte Haidhausen sich wieder gefasst und kreiste ihn gemeinsam mit Loosen ein. Mit Hilfe des Sergeanten glaubten sie, ihn endlich
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bezwingen zu können. Doch Michel gelang es erneut, sich mit ein paar wuchtigen Hieben Raum zu verschaffen. Wenn er sich gegen drei Gegner durchsetzen wollte, musste er so rasch wie möglich einen von ihnen ausschalten. Während er seine Konzentration für den entscheidenden Angriff sammelte, sah er noch einmal zu Mühldorfer hin. »Um dich tut es mir leid, Sergeant. Ich habe dich für einen ehrlichen Soldaten gehalten!« Während die beiden Ritter glaubten, der nächste Schlag ihres Gegners gälte Mühldorfer, war Michel mit einem Schritt bei Loosen und schwang sein Schwert mit aller Kraft. Da hörte er auf einmal ein Zischen und einen Knall. Gleichzeitig verspürte er einen harten Schlag gegen die Schulter, der ihn zwei Schritte zurückstolpern ließ. Ungläubig blickte er an sich herab. In seinem Brustpanzer war ein Loch, aus dem ein feines Blutrinnsal trat. Da diese Wunde nicht von seinen drei Gegnern
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stammte, musste ihnen jemand zu Hilfe gekommen sein. Michel drehte sich einmal um die eigene Achse, sah, dass Loosen, Haidhausen und Mühldorfer nicht weniger überrascht schienen als er selbst, und entdeckte schließlich eine kleine Rauchwolke, die der Wind rasch vertrieb. Dahinter konnte er Falko von Hettenheim erkennen, der gerade eine der Handbüchsen beiseitelegte, die er am Abend zuvor so stolz präsentiert hatte. Nun hob er eine zweite Büchse hoch und stützte den Lauf auf eine Astgabel. Da Loosen und seine beiden Kumpane soeben die Wirksamkeit dieser Waffe erlebt hatten, wichen sie vor Michel zurück. Dieser starrte auf das Bronzerohr, dessen Öffnung genau auf ihn zeigte, auf die Lunte in Hettenheims Hand und begriff, dass der Mann seine Waffe abfeuern würde, bevor er ihn erreichen konnte. Aber er wollte sich nicht wehrlos
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abschlachten lassen und rannte im Zickzack auf den Grafen zu. Beinahe wäre es Michel gelungen, Hettenheim zu überraschen. Gerade noch rechtzeitig zündete dieser die Handbüchse. Es zischte, dann löste sich der Schuss mit einem dünnen Knall. Das zweite Geschoss traf Michel am Kopf. Er nahm noch wahr, wie sein Helm davonflog, spürte aber keinen Schmerz. Dann wurde das Schwert ihm zu schwer und entglitt seiner Hand. Halb betäubt versuchte er noch, danach zu greifen. Doch die Welt drehte sich um ihn. Er wankte, machte unwillkürlich ein paar Schritte, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, und geriet ins Ufergebüsch. Dort gaben die Beine unter ihm nach. Noch während er rücklings ins Wasser stürzte, hörte er jemand aufjubeln. »Der wäre erledigt!«
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Dann erloschen seine Sinne, und sein Körper wurde von den Fluten der Eger davongetragen. Falko von Hettenheim stellte seine zweite Handbüchse ab und trat ans Ufer. Von Michel Adler war bereits nichts mehr zu sehen. Nur das Schwert steckte mit der Spitze im weichen Boden und wippte leicht. Im Licht der Sonne, die gerade durch die Nebelschwaden brach, wirkte sein Schatten wie ein Kreuz. Unwillkürlich bekreuzigte Falko von Hettenheim sich. Dann funkelte er die beiden Ritter und den Sergeanten grimmig an. »Ich habe nicht angenommen, dass ich selbst eingreifen müsste. Aber ihr seid nicht einmal zu dritt mit diesem Kerl fertig geworden.« Hannes Mühldorfer starrte beschämt zu Boden, Loosen aber machte eine wegwerfende Bewegung. »Wir hätten Michel Adler schon noch erledigt. Das Gelände ist abschüssig und damit ungünstig für einen Kampf. Daher konnte er uns eine Weile widerstehen!«
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»Er hätte euch alle erschlagen!«, erklärte Hettenheim grimmig. »Aber ich sollte zufrieden sein, denn ihr habt mir die Gelegenheit geboten, die Handbüchsen auszuprobieren. Sie sind nicht schlecht, doch um eine Schlacht mit ihnen entscheiden zu können, bräuchte man Hunderte. Außerdem muss man zu nahe an den Gegner heran, um sicher sein zu können, dass man ihn trifft, und das Laden dauert einfach zu lange. Jedes Ritterheer würde eine mit Tannenbergrohren ausgerüstete Schar über den Haufen reiten, bevor die Männer auch nur einen zweiten Schuss abgeben können.« »Aber bei einer Belagerung könnten sie von Nutzen sein«, wandte Mühldorfer ein. »Dafür hat man richtige Kanonen«, erklärte Hettenheim von oben herab. Trotz seiner abfälligen Worte trug er die Büchse, mit der er den zweiten Schuss abgegeben hatte, zu seinem Pferd und steckte sie in das dafür vorgesehene Futteral. Dann
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holte er das zweite Rohr, befestigte es auf der anderen Seite seines Sattels und schwang sich auf sein Reittier. »Wir sollten schleunigst verschwinden. Der Knall dieser Dinger war zwar nicht übermäßig laut, aber er kann trotzdem Leute anlocken.« »Was machen wir mit Adler?«, fragte Mühldorfer. »Sollten wir nicht dem Fluss folgen und seinen Leichnam bergen, damit er ein christliches Begräbnis erhält?« »Wenn du das versuchst, schlagen dir Sokolnys Leute oder die Hussiten arg unchristlich den Schädel ein«, spottete Hettenheim. »Adler ist tot! Meine erste Kugel hätte bereits ausgereicht, um ihm das Lebenslicht auszublasen, und die zweite traf ihn mitten ins Gesicht. Außerdem wird ihn seine Rüstung auf den Grund des Flusses ziehen. Das langt, um ihn dreimal zu töten, selbst wenn der Kerl so viele Leben hat wie eine Katze.«
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»Wir sollten sein Schwert mitnehmen, damit wir es seiner Witwe, der Hure, schicken können, zusammen mit einem Sprüchlein, das besagt, wie tapfer ihr Mann im Kampf gegen die Hussiten gefallen ist!« Während Loosen diesen Vorschlag machte, zog Haidhausen Michels Schwert aus der Erde und schwang es durch die Luft. »Der Kerl hatte eine verdammt gute Klinge. Am liebsten würde ich sie behalten, sozusagen als letztes Geschenk eines guten Kameraden.« »Nein! Wir machen es so, wie Loosen vorgeschlagen hat. Immerhin stellt diese Waffe den Beweis dar, dass wir den Bastard erwischt haben. Außerdem ist das Wappen von Hohenstein in die Parierstange eingraviert. Und jetzt kommt endlich! Ich rieche förmlich, wie dieses Böhmengesindel näher kommt.« Mit diesen Worten ritt Hettenheim los, ohne auf die anderen zu warten. Die drei verhinderten Meuchelmörder stiegen eilig auf ihre Gäule
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und trieben diese mit den Sporen an, um die Stätte ihrer heimtückischen Tat so rasch wie möglich hinter sich zu lassen.
13.
Hettenheim
ahnte nicht, wie nahe der Feind ihm bereits gewesen war. Kaum hatten er und seine Spießgesellen den Schauplatz ihrer Untat verlassen, löste sich eine Gestalt aus den Büschen und blieb am Rand der Lichtung stehen. Es handelte sich um einen muskulösen Mann mittlerer Größe, der fremdartig wirkte. Seine Hautfarbe war dunkler, als es in diesen Landen üblich war, und seine Augen glühten wie dunkle Kohlen zwischen schmalen Lidern. Am auffälligsten waren jedoch die dunkelblauen Linien, die sein Gesicht und den teilweise kahlgeschorenen Schädel bedeckten. Der Mann war mit einer ledernen Hose und einer ebenfalls aus Leder gefertigten Weste bekleidet und trug an den Füßen Stiefel mit weichen Sohlen. Auf seinem Rücken hing ein
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Köcher
mit
einem
Hornbogen
und
zwei
Dutzend Pfeilen. Außerdem trug er ein Krummschwert an seiner linken Hüfte, und in seinem Gürtel steckte ein Dolch, dessen Knauf wie ein Hirschkopf gearbeitet war. Er blickte in die Richtung, in die Hettenheim und dessen Begleiter verschwunden waren, spie kurz aus und trat dann auf die Lichtung. Nur der aufgewühlte Boden verriet noch, dass es hier einen Kampf gegeben hatte. Auch war die Stelle, an der Michel ins Wasser gestürzt war, deutlich zu erkennen. Der Fremde kniete dort nieder und sah in das flache, aber rasch fließende Wasser. Die Strömung war zu stark, als dass ein Mann in leichter Rüstung, wie der deutsche Ritter sie getragen hatte, sofort auf den Grund des Flusses gezogen worden wäre. Marat kannte ein Stück flussabwärts eine Stelle, an der die Eger von schroffen Felsformationen in eine Schleife gezwungen wurde. Dort,
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so schätzte er, würde der ermordete Ritter auf die große Sandbank gespült werden. Bevor er dem Fluss folgte, lauschte Marat in den Wald hinein und nickte zufrieden, als er nichts anderes vernahm als den Wind und die Vögel in den Zweigen. Deutsche Ritter würde er auf fünfhundert Schritt bemerken und Vyszos Hussiten auf gut zweihundert. Doch hier gab es keinen Menschen mehr außer ihm und jenem Toten, den die Eger der Sandbank entgegentrug. Marat lief los und machte dabei nicht mehr Geräusch als ein schleichender Fuchs. Weder die Deutschen noch die Hussiten würden ihn auf mehr als zehn Schritte hören können. Während er dem Fluss folgte, fragte er sich, was sich auf der Lichtung abgespielt haben mochte. Warum hatten die deutschen Ritter einen der Ihren ermordet und seinen Leichnam einfach den Fluten der Eger überlassen?
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Das war ein Geheimnis, welches er wahrscheinlich niemals würde ergründen können, denn der Mann war tot, und seine Mörder hatten den Ort ihrer Tat fluchtartig verlassen. Marat nahm an, dass es um eine persönliche Angelegenheit gegangen war oder um das, was diese Ritter ihre Ehre nannten und mit dem sie ihren Verstand vernebelten. Ein wenig bedauerte er das Opfer dieses Mordanschlags. Der Mann hatte gut gekämpft und wäre ohne die Schüsse aus diesen lärmenden Teufelswaffen mit den drei ersten Gegnern fertig geworden. Eigentlich, sagte Marat sich, konnte er den Mordbuben sogar dankbar sein. Immerhin hatten sie einen Feind beseitigt, der ihm und seinem Herrn noch einige harte Nüsse hätte zu knacken geben können. Marat ertappte sich, dass er mehr über diesen Mann nachdachte, als ein Toter es verdiente, und wollte nicht weiter nach ihm
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suchen. Aber er hatte die Flussbiegung erreicht und konnte bereits die Sandbank erkennen. Nach ein paar weiteren Schritten sah er, dass der Leichnam wie erwartet dort angeschwemmt worden war. Der Tote lag seitlich zur Strömung auf dem Rücken, so dass der Kopf aus dem Wasser ragte, während die Wellen der Eger an seinen Beinen zerrten. Zwei Wunden konnte Marat erkennen. Hoch in der Schulter war der Panzer von der Handkanone durchschlagen worden, und das Loch war von Blut umrandet. Die zweite Kugel hatte den Mann seitlich am Kopf getroffen. Diese Verletzung blutete stärker, so dass der Fluss dünne, rote Schlieren mit sich nahm. Aus keinem bestimmten Grund heraus stieg Marat auf die Sandbank und stapfte auf den Deutschen zu. Mehr als dessen Dolch und ein paar Münzen im Beutel würde er bei ihm nicht finden, sagte er sich, als er sich über den Körper beugte. Da vernahm er ein leises Stöhnen.
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Der Deutsche lebte noch! Marat zuckte zurück, beugte sich dann aber wieder vor und berührte das Gesicht des Verwundeten mit den Fingerspitzen. Der Mann öffnete den Mund und stieß ein paar zusammenhangslose klangen.
Worte
aus,
die
wie
Namen
Wenn er es richtig verstanden hatte, musste es sich um Ari und Rudi handeln. Doch das hatte im Augenblick keine Bedeutung. Erst einmal musste er entscheiden, was er tun sollte. Er konnte dem Mann einen Fußtritt geben und ihn damit wieder in tieferes Wasser stoßen. Dort würde der Deutsche unweigerlich ertrinken. Aber davor scheute Marat zurück. Den Mann auf der Sandbank liegen lassen, damit er dort krepierte, war ihm ebenfalls zuwider. Mit einem Knurrlaut, der seinen ganzen Unmut ausdrückte, zog er den Verletzten ganz aus dem Wasser und begann, ihn aus seiner Rüstung zu schälen. Das Zeug war schwer. Da er
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einige Meilen zu gehen hatte, wollte er sich nicht über Gebühr belasten. Wenn er auf Feinde traf, musste er in der Lage sein, sich zu verteidigen. Das Material war jedoch zu wertvoll, um es einfach liegen zu lassen, und so beschloss Marat, es später zu holen. Als Nächstes verband er die Wunden des Verletzten, damit der Mann ihm nicht unterwegs verblutete, und wuchtete ihn anschließend auf die Schulter. Vorsichtig lauschend stieg er aus dem Fluss und wanderte Richtung Sokolny. Unterwegs sagte er sich, dass es vielleicht ganz gut war, wenn der Deutsche am Leben blieb. Da die eigenen Leute ihn hatten töten wollen, war es sogar möglich, dass er König Sigismunds Pläne freiwillig preisgab. Und sollte der Deutsche nicht willens sein zu reden, so kannte Marat genug Mittel, um ihn dazu zu bringen.
Zweiter Teil Die Suche 1.
Auf
Hohenstein war das Leben nach Michels Abschied zumindest vordergründig in normalen Bahnen verlaufen. Marie verwaltete die Burg und das dazugehörige Land mit großem Geschick und freute sich über die gute Ernte, die sie heuer würden einfahren können. In den Nächten jedoch, in denen sie allein im Bett lag und immer wieder auf die andere Seite hinübertastete, wurde die Einsamkeit von Tag zu Tag unerträglicher, und ihre Gedanken flogen nach Osten zu Michel. Sie hatte bisher keine Nachricht von ihm erhalten, aber von Kaufleuten und wandernden Sängern gehört,
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dass der Kriegszug gegen die Hussiten nicht so verlaufe, wie man es sich allgemein vorgestellt hatte. Marie gefiel die Entwicklung gar nicht, denn je länger der Krieg dauerte, umso länger würde sie auf Michels Rückkehr warten müssen. An diesem Tag war sie besonders beunruhigt und fühlte einen Knoten im Magen, der nicht weichen wollte. Sie beherrschte sich vor den anderen, schickte Trudi am Abend jedoch früher ins Bett als gewöhnlich und machte sich schon kurz danach auch selbst bettfertig. Obwohl sie befürchtet hatte, trotz ihrer ungewöhnlichen Müdigkeit nicht einschlafen zu können, dämmerte sie rasch weg und versank in einem intensiven Traum. Anfangs ging sie mit Michel Hand in Hand durch herrlichsten Sonnenschein, aber bald umwaberte sie dichter Nebel. Als sie darin eintauchte, entglitt ihr Michels Hand, und sie blieb stehen.
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»Michel, wo bist du?«, fragte sie erschrocken und sah sich um. Ihre Blicke konnten die grauen Schwaden nicht mehr durchdringen. Da glaubte sie auf einmal, Michels Stimme zu hören. »Marie! Trudi!«, rief er. »Michel! Hier bin ich«, schrie Marie so laut, wie sie es vermochte. Doch sie erhielt keine Antwort. Verzweifelt eilte sie in die Richtung, aus der die Stimme ihres Mannes gekommen war, stolperte dabei über einen Stein und schlug hin. Sofort war sie wieder auf den Beinen, verbiss sich den Schmerz und rief immer wieder Michels Namen in die graue Düsternis hinein. Da vernahm sie ein Geräusch und lief in die Richtung, aus der es gekommen war. Für ein paar Augenblicke lichtete sich der Nebel, und sie sah Michel nur wenige Mannslängen vor sich gehen. Erleichtert eilte sie ihm nach, doch da beschleunigte er seine Schritte, und der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer.
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»Michel, so warte doch!«, rief sie, merkte aber, dass ihre Stimme kraftlos wurde. Dennoch schien er sie gehört zu haben, denn er drehte sich langsam zu ihr um. Er war hagerer als früher und stoppelbärtig. Als er ihr das Gesicht zuwandte, sah sie die tiefe Wunde an seiner linken Schläfe. Schmutz und geronnenes Blut bedeckten Haar und Haut bis hinab zum Kragen und gaben ihm ein erschreckendes Aussehen. »Michel, was ist geschehen?«, schrie sie entsetzt und wachte auf. Es dauerte eine Weile, bis Marie begriff, dass sie in ihrem eigenen Bett auf Burg Hohenstein lag und soeben das Opfer eines Alptraums geworden war. Doch Michels blutiges Gesicht hatte sich so fest in ihre Gedanken eingebrannt, dass sie nicht mehr im Bett bleiben konnte. Sie stand auf, öffnete die Fensterläden, so dass das
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Mondlicht in die Kammer drang, und starrte zu den Sternen empor. »Es war nur ein Traum«, sagte sie und versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. »Michel geht es gut! Ihm ist nichts geschehen.« Doch es nützte nichts, dies sich selbst eindringlich zu versichern. Ihre Angst wuchs und beherrschte sie schließlich so stark, dass sie die restliche Nacht am Fenster stehen blieb und nach Osten starrte. Dorthin hatte ihr Mann ziehen müssen, um in König Sigismunds Diensten zu helfen, einen Krieg zu gewinnen. Erst als die Morgensonne die Schatten der Nacht vertrieb und die Geräusche der erwachenden Burg in ihre Kammer drangen, rührte Marie sich wieder. Sie wusch sich und machte sich für den Tag zurecht, so wie sie es immer getan hatte. Doch als sie ihre Kemenate verließ und nach unten stieg, war ihr Gesicht so bleich wie frisch gewaschenes Linnen.
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Hiltrud, die wie jeden Tag Milch und Käse aus ihrem Meierhof zur Burg gebracht hatte, eilte erschrocken auf sie zu. »Was ist geschehen? Bist du krank?« »Nein! Ich habe nur sehr schlecht geschlafen und noch schlechter geträumt«, antwortete Marie leise und klammerte sich an ihre Freundin. Sie wagte nicht, Hiltrud zu berichten, was ihr das Herz schwermachte. Daher rieb sie sich heftig über die Stirn, um die trüben Gedanken zu vertreiben, und versuchte dann, ihre Aufgaben als Kastellanin der Burg so gut zu erfüllen, wie sie es in ihrem Zustand vermochte. »Wenn Michel zurückkommt, soll er mit mir zufrieden sein«, sagte sie zu Hiltrud und wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. Es war gut, dass Trudi in dem Moment erschien und ihre Aufmerksamkeit forderte, denn Marie wusste, dass sie sich nicht der Angst und dem
Schrecken
hingeben
durfte,
den
der
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Traum
bei
ihr
hinterlassen
hatte.
Trudi
brauchte sie, und das war derzeit der einzige Halt, über den sie verfügte. Immer wieder jedoch glitten ihre Gedanken zu dem Krieg im Osten, und sie sehnte sich nach einer Nachricht von Michel. Sie wollte nur hören, dass es ihm gutginge und er bald wieder in die Heimat zurückkehren würde. Sonst würde der Alptraum der vergangenen Nacht regelmäßig bis zu ihrem Wiedersehen zurückkehren und sie peinigen.
2.
Marat, der Waffenmeister des Grafen Sokolny, wunderte sich über sich selbst. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus hatte er den verletzten Deutschen nicht nur aus dem Wasser gezogen, sondern schleppte ihn auch noch auf den eigenen Schultern nach Sokolny. Ich hätte doch ein Pferd mitnehmen sollen, sagte er sich, weil die Last ihm die Kraft aus den Knochen sog, so dass er schließlich froh war, das am Fuß des Burgbergs liegende Dorf auftauchen zu sehen. Er brachte den Deutschen nicht zur Festung hoch, sondern trug ihn in eine kleine Hütte am Rande des Dorfes, in der ihn niemand zu stören wagte. Die Leute mieden sein Heim aus Angst vor den geheimnisvollen Kräften, die er beherrschen sollte. Da sie auch seine für sie
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fremdartige Kriegskunst für Zauberei hielten, wussten sie nicht, ob sie froh sein sollten, weil er auf der Seite ihres Grafen kämpfte, oder sich wünschen, verlassen.
er
würde
Sokolny
bald
wieder
Die Frauen, denen er begegnete, wagten es nicht, ihn anzusehen, sondern zogen sich in ihre Häuser zurück oder eilten scheinbar geschäftig davon. Da die Dorfleute gelegentlich mit Leuten aus den Nachbardörfern redeten, von denen es nicht wenige insgeheim mit den Hussiten hielten, gefiel es ihm sogar, dass ihm geheime Künste nachgesagt wurden. Diese Gerüchte verunsicherten Vyszo und dessen Hauptleute und halfen mit, Sokolnys Besitz vor einem Angriff der Hussiten zu bewahren. Nun aber waren nicht Fürst Vyszos Scharen sein Problem, sondern der halbtote Mann, den er aus der Eger gezogen hatte. Marat legte den Fremden auf seine Lagerstatt, zündete ein Feuer auf dem Herd an und hängte einen
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Kessel
mit
sauberem
Wasser
an
einem
Dreibeingestell über die Flamme. Während er alles zusammensuchte, was er für die Versorgung des Verwundeten brauchte, fiel er in einen Singsang, mit dem er die Geister der Winde und des ewigen blauen Himmels herbeirief, ihm bei der Versorgung des Verletzten beizustehen. Das war gewiss wirkungsvoller als all die Gebete, die die Menschen hier zu einem Gott sprachen, der von seinen Feinden an ein Kreuz genagelt worden war. Auch mit den vielen Heiligen, die man hier anrief, wusste er nichts anzufangen, denn die waren einst Menschen gewesen und konnten daher in der Hierarchie des ewigen Himmels nur untergeordnete Ränge einnehmen. Schließlich entzündete Marat in einer Räucherpfanne ein Gemisch aus zermahlener Holzkohle, dem Weihrauch, den er sich aus der Burgkapelle geholt hatte, und getrockneten Blüten und Kräutern. Der aufsteigende Rauch
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würde seine Gedanken klären und es den Geistern seiner Heimat leichter machen, ihn zu finden. Einige Kräuter steckte er in den Mund und begann, sie langsam zu zerkauen. Nach einer Weile fühlte er die innere Ruhe, die er für sein Werk benötigte, und nicht lange, da begann auch das Wasser zu kochen. Er goss ein wenig davon in eine Schale, vermischte es mit kaltem und reinigte sich die Hände. Anschließend holte er ein schmales, in einer geflochtenen Lederscheide steckendes Messer aus einer Truhe. Marat entfernte die Scheide, überprüfte die Klinge und schliff sie, da er nicht ganz zufrieden war, mit einem länglichen Stein so scharf, dass er eine vom Wind getragene Feder damit entzweischneiden hätte können. Nachdem er das Messer zuerst mit Wasser und anschließend in der Herdflamme rituell gereinigt hatte, wandte er sich seinem Findling zu.
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Der Mann musste über einen starken Geist verfügen, denn er lebte noch immer. Das Gesicht war allerdings grau und zeigte an, dass er viel Blut verloren hatte. Es hieß also ebenso rasch wie umsichtig handeln. Die Wunde in der Schulter schien ihm gefährlicher als die am Kopf. Daher entfernte er den provisorischen Verband und wusch Dreck und Blut mit einem nassen Tuch ab. Die Wunde war weder von einem Pfeil noch von einer Klinge geschlagen worden, sondern musste von dem Metallrohr in der Hand des zuletzt aufgetauchten Deutschen stammen. Als Marat das Gelenk abtastete, hatte er das Gefühl, als steckte ein Stein oder ein Stück Metall tief im Gewebe. Der Mann war offenbar von einer Art kleinen Kanone verletzt worden. In seinen Augen war dieses Ding ein Werk von Dämonen. Kanonen stellten bereits eine fürchterliche Waffe dar, aber ein Heer, das mit
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Hunderten solcher Rohre ausgerüstet war, würde jeden Feind in die Flucht schlagen. »Auch deshalb ist es wichtig, dass dieser Mann am Leben bleibt. Dann kann er uns sagen, was es mit diesen Teufelsdingern auf sich hat«, murmelte Marat und zog die Wundränder auseinander. Mit einer langen, schmalen Pinzette, die er ebenfalls vorher mit Wasser, Feuer und Bannsprüchen gereinigt hatte, fuhr er in die längliche Wunde hinein und spürte, wie das Instrument gegen etwas Hartes stieß. Es war nicht ganz einfach, das glatte Ding mit der Spitze der Pinzette zu fassen, doch schließlich gelang es ihm, und er holte das Geschoss heraus. Marat wusch es ab und betrachtete es kurz. Es glich einer winzigen Kanonenkugel, war aber nicht aus Stein, sondern aus Eisen gemacht. Mit dem Gefühl, vor einem dunklen Geheimnis zu stehen, legte er die Kugel beiseite und kümmerte sich wieder um den
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Verwundeten. Wie er es erwartet hatte, trat frisches Blut aus der Schulterwunde. Obwohl der Deutsche bereits viel von seinem Lebenssaft verloren hatte, wartete er einen Augenblick, weil das Blut Schmutz und böse Geister herausschwemmte. Dann spie er die Kräuter, die er gekaut hatte, in die Hand und presste den Brei auf die Verletzung. Nachdem er noch einmal die Geister seiner Heimat angerufen hatte, wickelte er einen festen Verband um die Schulter des Mannes. Damit war die erste Verletzung versorgt. Sie war groß genug, um selbst einen kräftigen Menschen umzubringen. Doch der Wille des Deutschen war stark, und Marat nahm an, dass er überleben würde. Daher kümmerte er sich nun um die Wunde an der Schläfe. Um sie richtig behandeln zu können, musste er nicht nur Blut und Schmutz abwaschen, sondern auch den Kopf um diese Stelle herum rasieren.
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Obwohl er vorsichtig arbeitete, stöhnte der Verletzte und bäumte sich auf. »Ganz ruhig! Ich helfe dir doch!«, sagte Marat in sanftem Tonfall und schob den Verletzten wieder auf das Lager zurück. Zu seiner Erleichterung beruhigte der Mann sich und fiel in einen tiefen Schlaf, der einer Ohnmacht gleichkam. »Hoffentlich wacht er wieder auf!«, stieß Marat besorgt aus. Er wollte den Fremden nicht meilenweit getragen und sich so viel Mühe mit der Versorgung seiner Wunden gemacht haben, um ihn schließlich doch sterben zu sehen. Daher sandte er erneut Gebete an die Geister des Himmels, während er die Haut um die Schläfenwunde freilegte. Auch diese Verletzung sah anders aus als alles, was er kannte. Sie zog sich so über den Schädel hin, als hätte das Geschoss den Mann nur gestreift. Als er mit den Fingern leicht darüberstrich, spürte
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Marat, dass die Kugel den Knochen an einer Stelle nach innen gedrückt hatte. Sollten sich dort scharfe Knochensplitter in den Kopf des Mannes bohren, hatte dieser nicht mehr lange zu leben. In der Hoffnung, dass dies nicht der Fall war, versorgte Marat die Wunde mit all der Kunst, die er sich in seinem Leben als Krieger angeeignet hatte. Nachdem er dem Verletzten einen Kopfverband angelegt hatte, füllte er die Räucherpfanne neu und bat die Geister des Himmels und der Winde, ihm und dem Fremden beizustehen.
3.
Nachdem
er Michel Adler aus dem Weg geräumt hatte, kehrte Falko von Hettenheim in einem Zustand wachsender Euphorie ins Lager zurück. Der erste und, wie es aussah, auch der wichtigste Auftrag des römischen Inquisitors Janus Suppertur war erfüllt und er selbst der Kaiserkrone ein ganzes Stück näher gekommen. Den Rest würden die Hussiten erledigen. Bisher hatte sein Vetter Sigismund im Kampf gegen diese Ketzer versagt. Er hingegen würde, sobald er Kaiser geworden war, dieses Gesindel mit harter Hand niederwerfen und beweisen, dass er des Vertrauens würdig war, das Martin V. in ihn setzte. Nun musste er persönlich Janus Suppertur Vollzug melden. Der letzten Botschaft nach wartete der Inquisitor in einem Kloster in der
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Nähe von Nürnberg auf seine Nachricht. Mit einem höhnischen Lachen fragte Hettenheim sich, was Sigismund wohl sagen würde, wenn er erfuhr, dass er durch sein Zögern des päpstlichen Segens und gleichzeitig auch seiner Krone verlustig gegangen war. Vorerst aber musste er seine Pläne tief im Herzen verbergen. Sigismund war zwar ein zaudernder Weichling, dennoch gab es Augenblicke, in denen sein Vetter erstaunlich schnell und hart handeln konnte. Hettenheim wusste, dass er vorsichtig sein musste, wenn er nicht dem Dolch eines Meuchelmörders oder dem Schwerthieb eines bestochenen Söldners zum Opfer fallen wollte. Ebenso wenig durfte er sich der Gefahr aussetzen, von streifenden Hussiten umgebracht zu werden. Daher befahl er Loosen, Haidhausen und seinem Unteroffizier Eberhard, eine kampfstarke Begleitmannschaft zusammenzustellen, die ihn zu Janus Suppertur eskortieren sollte.
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»Mühldorfer, du bleibst hier und sorgst dafür, dass hier alles seinen Gang geht«, erklärte er seinem Sergeanten, als dieser ebenfalls auf sein Pferd steigen wollte. »Wenn Ihr meint! Du kannst meinen Gaul absatteln und ihm ein wenig Hafer geben, wenn noch welcher da ist!« Mühldorfers letzter Satz galt einem Knecht, der sich um das Pferd kümmern sollte. Dann wandte der Sergeant sich wieder seinem Herrn zu. »Ihr wollt wohl den Nachschub selbst holen und ihm Begleitschutz geben. Nehmt genug Männer mit, damit die Hussiten Euch nicht abfangen können.« Die Naivität des Mannes amüsierte Hettenheim. Mühldorfer begriff nicht, dass er ihn hier zurückließ, weil er ihm nicht mehr uneingeschränkt vertrauen konnte. Immerhin hatte sein Sergeant gezögert, Loosen und Haidhausen gegen Michel Adler beizustehen. Aber die
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Ausrede, die der Mann ihm geliefert hatte, gedachte er auszunützen. »Ich werde zusehen, was ich bekommen kann, damit ihr Kerle euch wieder die Mägen vollschlagen könnt«, rief er so laut, dass die meisten im Lager es hören konnten. Begeisterte Rufe klangen auf, und ein paar Männer ließen Hettenheim hochleben. Wie wird es erst sein, wenn ich Kaiser geworden bin?, fragte er sich zufrieden. Auf seine eigenen Krieger konnte er sich verlassen, und wenn er vom Papst gekrönt worden war, würden ihm auch jene Edelleute und Soldaten folgen, die jetzt noch zu Sigismund hielten. Mit diesem erfreulichen Gedanken gab er den Befehl zum Abmarsch und ritt als Erster durch das Lagertor. Stunde um Stunde verging, ohne dass sich ein Angreifer sehen ließ, und Graf Sokolnys Machtbereich blieb immer weiter hinter ihnen zurück. Dafür traf Hettenheims Trupp häufig
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auf verlassene Dörfer, die von streifenden Hussiten niedergebrannt worden waren. Vereinzelt irrte Vieh durch die Wildnis, das keinen Besitzer mehr hatte. Einen Augenblick erwog Hettenheim, anzuhalten und Jagd auf die verwilderten Schweine und Kühe zu machen. Der Gedanke aber, dass in den undurchdringlichen Wäldern rechts und links des Weges aller Wahrscheinlichkeit nach heimtückische Feinde lauerten, hielt ihn zurück. Es war besser, die Vorräte im Hinterland zu besorgen und mit entsprechender Bewachung zu seinen Leuten zu bringen. Da Hettenheim so bald wie möglich auf den Inquisitor treffen wollte, ritten sie bis in die Dämmerung hinein. Zu später Stunde erreichten sie die Ruine einer Kirche, die inmitten der niedergebrannten Reste eines Dorfes stand. Deren Mauerreste boten ihnen einen gewissen Schutz für die Nacht. Auch sorgten hell auflodernde Wachfeuer für die nötige Sicherheit,
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denn sie verhinderten, dass sich Feinde ungesehen nähern konnten. Dennoch war Hettenheim am nächsten Morgen erleichtert, dass es in der Nacht zu keinem Zwischenfall gekommen war. Als er die steifen Glieder an den glimmenden Resten des Lagerfeuers wärmte, gesellten Loosen und Haidhausen sich zu ihm. Beide waren zufrieden, dass Michel Adler tot und damit die von Gott gegebene Ordnung wiederhergestellt war. Schließlich hatte der Herr im Himmel jedem Menschen seinen Platz zugewiesen. Ein König oder Fürst lebte in seinem Palast, ein Ritter in seiner Burg, ein Bauer in seiner Kate und der Sohn eines Wirts in seiner Schenke. Als Burghauptmann oder gar Lehensmann des Königs hatte ein so niedrig geborener Kerl nichts verloren. Die beiden Ritter hätten am liebsten mit ihrer Tat geprahlt und es so hingestellt, als wäre Michel Adler als Feigling mit der Bitte um
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Gnade auf den Lippen gestorben. Das aber hatte Hettenheim ihnen verboten. Nach außen hin musste es so aussehen, als wäre der Trupp an der Eger von Hussiten oder Sokolnys Leuten überfallen worden und Michel Adler dabei ums Leben gekommen. Nachdem sie aufgebrochen waren, wandte Loosen sich an seinen Anführer. »Wisst Ihr, wie sehr es mich kränkt, dass ich diesen Bastard auch noch loben soll?« »Seid still!«, warnte Hettenheim ihn. »Wenn bekannt wird, dass Ihr einen der Unseren umgebracht habt – oder, besser gesagt, hattet umbringen wollen –, könnten Euch leicht ein paar Zoll Stahl zwischen die Rippen fahren. Bei den einfachen Kriegern war Michel Adler recht beliebt.« Argwöhnisch sah Loosen sich um. Doch die Soldaten ritten in Zweierreihen hinter ihnen, und keiner von ihnen sah so aus, als würde er ihn verdächtigen, Michel Adlers Mörder zu
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sein. Dabei hatte er diesen Bierschwengel nicht einmal selbst umgebracht, fuhr es ihm durch den Kopf. Das war erst Hettenheim mit seinen Teufelsrohren gelungen. Der Graf hatte am Tag der Tat das Lager zunächst in die andere Richtung verlassen und dabei angegeben, die Handbüchsen ausprobieren zu wollen. Offiziell war er erst zu Haidhausen und ihm gestoßen, als der von ihnen berichtete Zusammenstoß mit den Hussiten bereits hinter ihnen lag. »Was bekommt Ihr für Adlers Tod?«, fragte Loosen, der sich nicht vorstellen konnte, dass Hettenheim trotz aller Standesdünkel einen Mann umbringen würde, dem er die gefährlichsten Aufgaben übertragen konnte. Dieser Gedanke ernüchterte ihn, denn Aufträge dieser Art würden nun er selbst und sein Freund Haidhausen übernehmen müssen und dabei in Gefahr geraten, von den Hussiten umgebracht zu werden oder gar Graf Sokolnys
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barbarischem Waffenmeister in die Hände zu fallen. In der Hinsicht war Adlers Tod für sie beide ein Verlust. Hettenheim passte Loosens Bemerkung nicht, verstärkte sie doch seine Befürchtung, dass er sich auch auf diesen Gefolgsmann nicht mehr verlassen konnte. Wahrscheinlich würde er ihn ebenso beseitigen müssen wie Michel Adler. Loosen war ein Schwächling und eine Schande für seinen Stand. Außerdem bestand die Gefahr, dass er plauderte und damit seine Pläne gefährdete. Schnell schob er diese Überlegungen beiseite und antwortete auf Loosens Frage mit einem spöttischen Auflachen. »Wie kommt Ihr darauf, dass ich etwas für Adlers Tod bekäme? Er hat mich beleidigt und dafür seine Strafe erhalten. Punkt!« »Dann hättet Ihr die Sache offen austragen können und nicht heimlich abhandeln müssen«, widersprach
Loosen
und
verstärkte
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Hettenheims Gefühl, dass sein Gefolgsmann für sein Versagen auch noch belohnt werden wollte. Sollte der Kerl zu gierig werden, so würden Vyszos Hussiten die Arbeit für ihn tun müssen. Die waren dafür bekannt, dass sie keinen deutschen Ritter, der ihnen in die Hände fiel, am Leben ließen.
4.
Am späten Abend des dritten Tages erreichte Hettenheim das Kloster, in dem Ruppertus wie auf glühenden Kohlen saß, weil er auf die Nachricht von Michel Adlers Tod wartete. Während der Graf seinen Männern befahl, die Pferde abzusatteln und dafür zu sorgen, dass diese gestriegelt und gefüttert wurden, forderte er einen Mönch auf, ihn zu Janus Suppertur zu bringen. Der Mann nickte stumm und führte ihn durch das Hauptgebäude des Klosters zu einem abgelegenen Korridor und klopfte dort an eine Tür. »Wer ist da?« Die Stimme des Inquisitors klang abweisend. Der Mönch schien ein Schweigegelübde abgelegt zu haben, denn er sah Hettenheim an und machte eine auffordernde Geste.
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Der Graf räusperte sich kurz und rief: »Ich bin es, Falko von Hettenheim!« Einen Augenblick später wurde die Tür aufgerissen, und Ruppertus blickte heraus. Er trug zwar seine schwarze Kutte, hatte aber die Kapuze zurückgeschlagen, so dass seine Maske ebenso deutlich zu sehen war wie die Narben auf seinem Kopf, der nur hie und da von dünnem Haarflaum bedeckt wurde. So, dachte Hettenheim schaudernd, würde er niemals aussehen wollen. Er beherrschte sich jedoch, um sein Grauen nicht zu verraten, und verbeugte sich ehrfürchtig. »Ich habe eine Nachricht für Euch, hochwürdigster Herr.« »Ich hoffe, eine angenehme!« Ruppertus räusperte sich kurz und winkte dem Mönch. »Bringe etwas Wein! Habt Ihr schon zu Abend gegessen?« Die Frage galt Hettenheim, der in seinem Bestreben, die gute Neuigkeit noch an diesem
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Tag zu überbringen, auf überflüssige Pausen verzichtet hatte. »Nein, nicht
einmal
zu
Mittag,
Euer
Exzellenz.« »Dann sorge dafür, dass mein Gast eine Mahlzeit erhält und auch sonst alles, was er benötigt.« Damit entließ Ruppertus den Mönch und zog Hettenheim an dessen Waffenrock in seine Zelle. Diese war recht geräumig und verfügte über ein richtiges Bett, einen Tisch mit einem Stuhl und eine Truhe, die verriet, dass der Inquisitor nicht nur mit dem reiste, was er am Leibe trug. »Und? Was habt Ihr zu melden?«, fragte Ruppertus scharf. Er wartete bereits seit Wochen auf die Nachricht von Michel Adlers Tod und hatte sich in dieser Zeit intensiv mit den Gesetzen und Gebräuchen im Reich befasst. Mittlerweile hatte er herausgefunden, wie er Marie ganz
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legal in seine Gewalt bringen konnte, und wollte sich nicht mehr länger gedulden. »Michel Adler ist tot! Auf einem Patrouillenritt geriet er mit einem Trupp Hussiten aneinander. Auf unserer Seite gab es nur drei Überlebende.« Hettenheim
brachte
diesen
Bericht
so
glaubhaft vor, dass Ruppertus zunächst annahm, so wäre es tatsächlich geschehen. »Musstet Ihr wirklich warten, bis der Feind diesen Hund umgebracht hat?«, fragte er scharf. Der Graf begann zu lachen. »Wenigstens soll seine Witwe es so erfahren! Wie es wirklich zugegangen ist, behalte ich lieber für mich.« »Ihr habt also nachhelfen müssen. Damit habt Ihr Euch Zeit genug gelassen.« Der Graf hatte ein dickes Fell und zuckte bei diesem Vorwurf mit den Schultern. »Wieso hätten wir die Sache übers Knie brechen sollen? So konnte ich alles gut vorbereiten und diese
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Laus in Eurem Pelz beseitigen, ohne dass jemand Verdacht schöpfen kann. Doch sprechen wir lieber über meinen Lohn. Ihr wolltet dafür sorgen …« Hettenheim brach ab, weil eben der Mönch mit einem Krug Wein und zwei Bechern in der Hand eintrat. Ein jüngerer Mönch folgte ihm mit einem Tablett voller Speisen, die verrieten, dass dieser Tag kein Fastentag für das Kloster war. Als die beiden Mönche wieder gegangen waren, sprach Hettenheim nicht sofort weiter, sondern riss einen Schenkel des Brathähnchens ab und stopfte sich das Fleisch gierig in den Mund. »Endlich gibt es wieder etwas Richtiges zu essen! Im Lager fehlt der Nachschub, und nun ist dort Schmalhans Küchenmeister«, sagte er mit vollem Mund, erinnerte sich dann aber an das, was er sagen hatte wollen, bevor ihn die Mönche unterbrochen hatten.
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»Ihr habt versprochen, dass der Papst mich zum Kaiser krönt!« Ruppertus musste lachen. »Seid Ihr nicht ein wenig vorschnell? Michel Adlers Tod war der Preis dafür, dass ich mich überhaupt für Euch verwende. Als Nächstes muss Sigismunds Feldzug gegen die Hussiten scheitern! Dann können wir weiterreden. Bis dorthin werdet Ihr mir mit all Eurer Hingabe dienen. Habt Ihr mich verstanden?« So hatte Hettenheim sich die Sache nicht vorgestellt. Ein Blick in das Gesicht des Inquisitors aber verriet ihm trotz der Maske des Mönches, dass es diesem vollkommen ernst war. »Ich werde Euch selbstverständlich unterstützen«, antwortete er mit einem kaum merklichen Zögern. Ruppertus war damit zufrieden. »Dann ist es gut! Kehrt jetzt in Euer Lager zurück und behaltet sowohl die Hussiten wie auch diesen
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elenden Sokolny im Auge. Ich reite unterdessen nach Nürnberg, um mich mit Sigismund zu treffen.« Noch während er es sagte, richteten Ruppertus’ Gedanken sich auf Marie. Er konnte es kaum mehr erwarten, sie endlich zu besitzen und zu beherrschen. Michels Tod war nur der erste Schritt dazu gewesen. Den zweiten würde er in Nürnberg tun, und ein alter Foliant, in den vor Jahrzehnten ein königlicher Schreiber einen Präzedenzfall eingetragen hatte, würde ihm dabei behilflich sein. Bis dorthin aber musste Marie erfahren haben, dass sie Witwe geworden war. Ruppertus sah Hettenheim auffordernd an. »Bevor Ihr ins Feldlager zurückkehrt, werdet Ihr Adlers Weib die Nachricht überbringen, dass ihr Mann gefallen ist.« »Das werde ich tun – und ihr sein Schwert aushändigen, sozusagen als Andenken an ihn!«
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Hettenheim lachte, um seine eigene Nervosität, aber auch seinen Ärger zu unterdrücken. Zwar hatte der Inquisitor bei ihrem letzten Zusammentreffen keinen Hehl daraus gemacht, dass Sigismunds Feldzug gegen die Hussiten zuerst scheitern musste, bevor der Papst einen neuen Kaiser krönen konnte, aber die Konsequenzen dieser Erklärung wurden ihm nun erst bewusst. Da sein Vetter vorerst noch über etliche tausend Krieger verfügte, war er in der Lage, mit diesem Heer über die Alpen zu ziehen und Rom zu erobern. Dieses Risiko durfte Martin V. nicht eingehen. Aus diesem Grund konnte der Papst seine Entscheidung erst fällen, wenn Sigismund nach einer Niederlage gegen die Hussiten geschwächt war. In seine Gedanken verwoben, überhörte er beinahe Ruppertus’ Antwort. »Macht das und beeilt Euch!« Dies war das Zeichen, dass Hettenheim sich zurückziehen sollte. Ruppertus wollte allein
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sein, um seinen Triumph auskosten zu können. Endlich war der Weg frei! Marie würde ihm gehören, mit Haut und Haaren und Leib und Seele. Er würde sie strafen können, wenn er zornig war, und zärtlich zu ihr sein, wenn sie es verdiente. Vor allem aber würde er sie zwingen, ihn ohne Maske anzuschauen, damit sie begriff, was sie aus ihm gemacht hatte. Noch einmal glaubte er die Flammen, die ihn damals verbrannt hatten, sengend auf seiner Haut zu spüren, und stieß einen Schrei aus, der alle, die sich in diesem Flügel des Klostergebäudes aufhielten, erschreckte. Erst nach einer Weile verlor sich das Gefühl wieder, und er schwor sich, Marie mit Höllenqualen für sein Elend zahlen zu lassen. Nach kurzem Nachsinnen begriff er aber, dass sinnlose Rache ihm nichts brachte. Marie war eine Auserwählte, so, wie auch er ein Auserwählter war. Gott hatte bestimmt, dass sie sich vereinen und miteinander Kinder in die Welt setzen
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sollten, die einmal die edelsten aller Menschen sein würden.
5.
Den
Weg nach Nürnberg legte Ruppertus im Schutz einer Begleitmannschaft zurück, die Hettenheims Unteroffizier Eberhard anführte. Er schätzte diesen Mann als dumpfen Klotz ein, der Befehle ausführte, ohne darüber nachzudenken. Kriege waren mit solchen Männern nicht zu gewinnen, doch als Leibwächter konnte man sich auf sie verlassen. Daher beschloss Ruppertus, Eberhard in seine Dienste zu nehmen. Um so rasch wie möglich nach Nürnberg zu gelangen, ritten sie schnell und gönnten ihren Pferden nur die nötigsten Pausen. Als ihr Ziel endlich vor ihnen auftauchte, überraschte Ruppertus seine Begleiter, indem er einen Bogen um die Stadt schlug und bei einer kleinen Kapelle aus dem Sattel stieg, um zu beten.
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Während einige den Kopf schüttelten, nahm Eberhard die Launen des Inquisitors ebenso stoisch hin wie das Wetter und richtete seine Gedanken auf einen fetten Schweinebraten und den guten Wein, den es in Nürnberg gab. Außerdem kannte er ein Hurenhaus in der Stadt, in dem es recht lustig zuging. Da Janus Suppertur angedeutet hatte, er geize nicht mit Trinkgeld, würde er sich das alles leisten können. An den böhmischen Krieg dachte Eberhard nicht mehr. Der war für ihn angesichts der Mauern von Nürnberg so weit weg wie der Mond. Auch Ruppertus dachte weder an die Hussiten noch an Sokolny oder die Soldaten, die Sigismund in den böhmischen Wäldern zurückgelassen hatte. Er sprach sein Gebet an die Jungfrau Maria und bat sie, ihm weiterhin beizustehen. Dann verließ er die Kapelle und stieg aufs Pferd.
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Als er kurz darauf in Nürnberg einritt, wirkte er mit seiner wehenden schwarzen Kutte und der silbernen Maske auf die Passanten so erschreckend, dass sie vor ihm zurückwichen und hinter seinem Rücken das Kreuz schlugen. Ruppertus entging das nicht, und er verfluchte die Leute stumm. Seit jenem entsetzlichen Tag in Konstanz hatte er nicht mehr leben können wie ein normaler Mensch. »Marie wird nicht vor mir zurückweichen. Sie darf es einfach nicht, denn ich werde sie mit Banden an mich fesseln, die stärker sind als Ketten aus Eisen«, murmelte er, als er die Burg vor sich auftauchen sah. Dort angekommen, stieg er aus dem Sattel und warf einem Knecht die Zügel zu. Ohne den Mann weiter zu beachten, betrat er die Burg und forderte den ersten Diener auf, der ihm über den Weg lief, ihn zum König zu bringen. Vor der Tür zu Sigismunds Gemächern wartete er nicht, bis der Diener ihn angemeldet
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hatte, sondern trat einfach ein und ging durch die Räume, bis er den König gefunden hatte. Sigismund saß an einem Tisch, der für zwei Leute gedeckt war, und aß. Ruppertus achtete jedoch nicht darauf. So entging ihm, dass auch Isabelle de Melancourt im Raum war. Die Äbtissin hatte gerade noch rechtzeitig aufspringen können und verbarg sich nun hinter einer Säule. »Ihr kommt unerwartet, Inquisitor!« Sigismund hatte für diesen Abend andere Pläne, als mit Janus Suppertur zu reden, und zeigte dies deutlich. Ruppertus verzog verächtlich den Mund, denn er schloss aus dem Unmut des Königs, dass dieser eine seiner Geliebten erwartete. Aber das interessierte ihn nicht. Wenn Sigismund ihm rasch gewährte, was er von ihm forderte, konnte der König sich wieder den angenehmen Seiten des Lebens widmen. Wenn nicht …
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Diesen Gedankengang verfolgte Ruppertus nicht weiter, denn er war nicht Sigismunds Feind, sondern wollte ihn als Werkzeug benutzen. Doch ganz ohne Strafe sollte ihm der König nicht davonkommen, hatte dieser ihn doch in Konstanz zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilen lassen. Diese Überlegung bestärkte Ruppertus darin, seine Pläne weiterzuverfolgen. Wenn es ihm gelang, Sigismund zu stürzen und Hettenheim zum neuen König und sogar zum Kaiser zu machen, würde der Graf einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Der Rang eines Reichsfürsten mit entsprechendem Besitz und die Stellung als Kanzler des neuen Kaisers mussten es mindestens sein. Zuerst aber galt es, das Fundament für seinen Aufstieg zu legen. Mit diesem Vorsatz deutete Ruppertus eine Verbeugung vor Sigismund an. »Ich bringe Nachricht von der böhmischen Grenze. Dort sieht es nicht gut aus. Seine
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Heiligkeit kann mit Eurem Eifer, die Ketzer niederzuwerfen, nicht zufrieden sein.« »Dann soll Seine Heiligkeit dem Herzog von Baiern, dem Erzherzog von Österreich und allen Kurfürsten des Reiches ans Herz legen, mich mit mehr als nur mit Worten zu unterstützen. Auch sollte er vielleicht selbst in seine Truhen greifen, die durch die Abgaben und Spenden der Gläubigen bis zum Rand gefüllt sind, und mir das Geld geben, das ich brauche, um genügend Soldaten anwerben zu können«, antwortete Sigismund heftig. Ruppertus ärgerte sich, das Gespräch auf diese Weise begonnen zu haben. Wenn Sigismund sich nun störrisch zeigte, hatte er es sich selbst zuzuschreiben. Rasch lenkte er ein. »Ich werde Seiner Heiligkeit Eure Bitte um Hilfe mitteilen und bin mir sicher, dass er sie erfüllen wird.« Tatsächlich wusste er genau, dass Martin V. keinen schimmeligen Schilling für Sigismund
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opfern würde. Seine Worte erfüllten jedoch ihren Zweck, denn die Laune des Königs hob sich etwas. »Mit einem größeren und mit den notwendigen Waffen versehenen Heer kann ich die Hussiten besiegen. Noch fehlen mir dazu die Mittel. Außerdem liegt Sokolnys Herrschaftsgebiet zwischen mir und den Hussiten und verhindert so einen erfolgversprechenden Angriff. Wende ich mich erst dem böhmischen Grafen zu, wird er sich mit Fürst Vyszo verbünden, und ich stehe noch mehr Feinden gegenüber. Solange ich keine Unterstützung erhalte, herrscht ein Patt, das nur von außen beendet werden kann. Deswegen bin ich nach Nürnberg zurückgekehrt. Von hier aus habe ich die Möglichkeit, die Reichsstände dazu zu bewegen, mir mehr Geld für diesen Feldzug zu bewilligen.« Ruppertus hätte sich am liebsten die Hände gerieben. Wenn Sigismund glaubte, erklären zu müssen, weshalb er sich nicht bei seinen
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Truppen befand, hieß dies, dass er unsicher war und manipuliert werden konnte. »Ich komme auch noch einer anderen Sache wegen«, setzte er nach. »Michel Adler, Euer Burghauptmann auf Hohenstein, ist im Kampf gegen die fürchterlichen Hussiten gefallen. Er starb als Held. Ihr solltet seiner Witwe daher Hohenstein und die umliegenden Ländereien als erbliches Lehen überlassen.« »Hohenstein ist tot?« Obwohl Sigismund nach dem Konstanzer Konzil kaum noch etwas mit Marie und deren Ehemann zu tun gehabt hatte, traf ihn diese Nachricht. Michel Adler war einer seiner eifrigsten Anhänger gewesen und sein Tod ein herber Verlust für ihn. Ruppertus ließ ihm nicht die Zeit, darüber nachzudenken. »In Zeiten wie diesen kann eine Witwe ein solches Lehen wie Hohenstein nicht selbst verwalten. Daher ist es Eure Pflicht, sie umgehend neu zu verheiraten.«
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»Pflicht?« Dieses Wort schmeckte Sigismund nicht besonders. Ruppertus hatte
den
Schachzug
gut
vorbereitet und konnte dem König daher die Reichsgesetze aufzählen, die eine sofortige Wiederverheiratung von Witwen forderten, und aus ihnen zitieren. Nach einer Weile gab Sigismund auf. »Also gut! Dann suche ich Frau Marie eben einen neuen Ehemann. Könnt Ihr mir vielleicht hier raten?« »Das kann ich«, antwortete Ruppertus selbstzufrieden. »Ich selbst bin bereit, Marie zu meinem Weib zu nehmen!« Sigismund sah ihn verwirrt an. »Ihr und die Kastellanin von Hohenstein? Was wollt Ihr mit einem Weib, das früher einmal die gelben Bänder trug? Zudem seid Ihr ein Mann der Kirche!« »In erster Linie bin ich ein Mann!«, gab Ruppertus zurück. Er liebte dieses Spiel, in dem er
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seinen Gegenpart mit der Macht seiner Argumente in die Ecke treiben konnte. Für den König war der Anspruch des Inquisitors unbegreiflich. Er sah ihn zweifelnd an und musterte vor allem den Kopf mit der Silbermaske. So, wie Janus Suppertur aussah, würde ihn keine Frau auf der Welt freiwillig in ihr Bett lassen. Sogar die Huren würden nur für teures Geld bereit sein, ihm Befriedigung zu verschaffen. Forderte der Inquisitor deswegen Marie von Hohenstein? War es, weil die Witwe keine Familie hatte, die sie vor solchen Ansprüchen schützen konnte? Jede adelige Sippe im Reich, die etwas auf sich hielt, würde Supperturs Forderung entschieden zurückweisen und ihn vielleicht sogar für diese Vermessenheit erschlagen. Marie Adler hingegen war wehrlos. Dennoch und vielleicht gerade deswegen gefiel es Sigismund nicht, sie diesem Mann auszuliefern. »Ihr seid ein Schwert des Papstes und die Fackel der heiligen Inquisition. Soviel ich weiß,
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habt Ihr schon viele Ketzerinnen und Huren brennen lassen. Weshalb wollt Ihr jetzt eine Hure heiraten?« Ruppertus’ Miene verriet für einen Augenblick Ärger. Der König sah ihn als Parteigänger Martins V. und damit als Gegner an. Daher würde er vorgeben müssen, auf die Seite des Königs umzuschwenken. »Ich bin bereit, für diese Ehe meinen kirchlichen Würden zu entsagen und in den Laienstand zurückzukehren. Ich glaube, dass ich in einer solch kriegerischen Zeit als Euer Lehensmann mehr bewirken kann denn als Inquisitor.« Dann aber brach seine Leidenschaft aus ihm hervor, und er funkelte Sigismund mit dem ihm verbliebenen Auge an. »Ich glaube, es ist nicht genug, nur das Faule und Kranke in der Menschheit auszumerzen. Wir müssen auch neuen, guten Samen setzen. Samen, der in reinen Menschen aufgeht, Menschen, die bereit sind, die wahre Lehre der heiligen Mutter
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Kirche in die Welt hinauszutragen, und die mit ihrem Samen wiederum Zeugnis ablegen für die Gemeinschaft im Herrn und in der Jungfrau Maria!« Ruppertus’ Stimme hieb geradezu auf den König ein. »Und Ihr glaubt, dieser neue, reine Mensch entspringt Eurem Samen und dem Leib dieser Frau?«, fragte Sigismund, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »Unsere Nachkommen werden in ihrem Blut die Tugenden beider vereinen, die Überlegenheit eines geschulten Geistes und die Strenge und die Kraft des Glaubens mit dem unbändigen Willen des Lebens, der Stärke des Fleisches und den natürlichen Instinkten eines Weibes!« Ruppertus redete sich in Ekstase, denn er sah seine Bestimmung ganz deutlich vor sich. Er würde diesen unwürdigen König stürzen und durch Falko von Hettenheim ersetzen, um von
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diesem in einen hohen Adelsrang erhoben zu werden. Vielleicht würde er sogar zu einem der Kurfürsten des Reiches werden. Sobald dies geschehen war, konnte er noch höher greifen und seinem Sohn oder Enkel die Kaiserkrone verschaffen. Einen Augenblick lang dachte er daran, was die Fürsten und Grafen sagen würden, wenn ein Kaiser sie beherrschte, der von einer ehemaligen Hure geboren worden war. Dann aber zuckte er mit den Achseln. Nicht wenige dieser gekrönten Häupter stammten von Frauen ab, die im Grunde nichts Besseres gewesen waren. Da Sigismund beharrlich schwieg, klopfte Ruppertus mit der rechten Hand auf den Tisch. Der große Ring an seinem Mittelfinger verursachte dabei ein so lautes Geräusch, dass der König zusammenzuckte. Bevor Sigismund seinen Unmut äußern konnte, setzte Ruppertus seine Rede fort. »Gemäß den Gesetzen des Reiches, die einzuhalten und
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zu verteidigen Ihr geschworen habt, fordere ich, Janus Suppertur, hiermit offiziell die Hand und das Lehen der Witwe von Hohenstein. Und nun Gott befohlen!« Mit diesem Gruß wandte Ruppertus sich ab und verließ den Raum. Kaum hatte sich die Tür hinter dem Inquisitor geschlossen, trat Isabelle de Melancourt hinter der Säule hervor. »Wie kann dieser Mann es wagen, eine solche Forderung zu stellen!«, rief sie empört. »Suppertur ist verrückt! Anders kann ich es mir nicht erklären. Schließlich ist er der Inquisitor des Papstes mit all der Macht, die ihm dieses Amt verleiht. Zwar stellt Hohenstein ein hübsches Lehen dar – falls ich es der Witwe verleihe! –, doch dafür gibt kein vernünftiger Mensch eine solche Macht auf.« »Verrückt ist er gewiss, aber auch gefährlich«, wandte Isabelle nachdenklich ein. »Auf jeden Fall entspricht dieser Auftritt nicht dem
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Bild, das ich mir bisher von Janus Suppertur gemacht habe.« »Der Kerl will die Witwe auf Hohenstein freien, um mit ihr Dutzende kleiner Jani Supperturi zu zeugen, die schon in der Sandgrube kleine Scheiterhaufen aufschichten und statt Kinderliedern gregorianische Gesänge leiern. Welch eine entsetzliche Vorstellung!« Während Sigismund sich theatralisch schüttelte, gingen Isabelles Überlegungen in eine andere Richtung. »Wenn der Inquisitor des Papstes solche Ideen durchsetzt, sind die Reiter der Apokalypse wirklich nicht mehr fern. Allein der Gedanke an eine solche Selektion durch Zucht ist widerwärtig.« Mittlerweile hatte Sigismund sich wieder gefasst und lachte freudlos auf. »Wenn ich es genau betrachte, kopiert er damit nur das Verhalten aller Königshäuser. Auch wir achten strikt darauf, aus wessen Schoß unser Erbe schlüpft!«
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»Dies ist etwas ganz anderes«, wies Isabelle ihn zurecht. »Euresgleichen nimmt die Tochter eines Königs zum Weib, weil sie eben dessen Tochter ist, und nicht, weil sie irgendwelche Instinkte besitzt, die Ihr mit Eurem überragenden Verstand in einem auserwählten Sohn vereinen wollt. Außerdem ist es nicht das Blut, sondern die Haltung, die einen König ausmacht – oder den Kaiser!« »Womit wir wieder bei Martin V. und seiner Weigerung wären, mich zum Kaiser zu krönen. Vielleicht sollte ich Janus Suppertur wirklich die Witwe auf Hohenstein geben und ihn mir damit verpflichten. Er hat Einfluss in Rom und könnte dort in meinem Sinne tätig werden.« »Möglich wäre es …«, antwortete Isabelle nachdenklich. Doch als sie in sich hineinhorchte, fand sie nichts, was für ein Bündnis mit Janus Suppertur gesprochen hätte.
6.
Seit
jenem entsetzlichen Alptraum kämpfte Marie mit der Angst, es könnte Michel etwas Schreckliches
zugestoßen
sein.
Jedes
Mal,
wenn sich ein Reiter auf der Straße zeigte, fühlte sie starkes Herzklopfen und atmete erst wieder auf, wenn derjenige an Hohenstein vorbeigeritten war. Die Anspannung ließ auch mit der Zeit nicht nach, sondern wuchs von Tag zu Tag und war bald kaum noch zu ertragen. Mehr als einmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, ein Pferd satteln zu lassen, einfach loszureiten und nach Michel Ausschau zu halten. Sie kannte den Weg nach Böhmen aus Berichten von Händlern und wusste daher genau, wie gefahrvoll eine solche Reise war. Auch durfte sie Trudi nicht im Stich lassen. Daher hielt sie ihr Verlangen im Zaum und betete
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täglich bei der Himmelsmutter und ihrer speziellen Heiligen Maria Magdalena dafür, endlich Nachricht von Michel zu erhalten und zu erfahren, dass es ihm gutging. An diesem Tag näherte sich ein Reitertrupp der Burg und hielt darauf zu, anstatt vorbeizuziehen. Ein Mann mit einer schwarzen Standarte in der Hand führte ihn an, und ein anderer hielt ein sattelloses Pferd am Zügel, das mit einer schwarzen Schabracke bedeckt war. Als Marie die Reiter sah, gefror ihr das Blut in den Adern, und sie wartete reglos darauf, dass der Trupp in den Burghof einritt. Erst als ihr Anführer den Burghof erreichte, erkannte sie Falko von Hettenheim und erinnerte sich an dessen erstes Auftauchen auf Hohenstein. Bei diesem Gedanken gesellten sich Abscheu und Misstrauen zu ihrer Furcht vor dem, was die Reiter ihr gleich erklären würden.
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Eigentlich hätte Hettenheim längst wieder bei seinen Kriegern im Feldlager sein müssen, doch er war dem Befehl des Inquisitors gefolgt, Michel Adlers Witwe die Nachricht von dessen Tod persönlich zu überbringen. Obwohl der Ritter glaubte, ein harter Mann zu sein, überfiel ihn beim Anblick von Maries blassem, starrem Gesicht eine nie gekannte Unsicherheit. Er stieg vom Pferd, schluckte, um seine Stimmbänder zu befeuchten, und sagte dann das Sprüchlein auf, das Ruppertus ihm wortwörtlich aufgetragen hatte. »Ich grüße Euch, Kastellanin von Hohenstein, und soll Euch Folgendes ausrichten: Seine Majestät, König Sigismund, dankt für die Treue Eures Gemahls bis in den Tod. Hauptmann Michel Adler von Hohenstein fiel im Octobris 1427 heldenhaft im Kampf gegen die Hussiten. Gott schütze Euch!« Es war wie ein Schlag mit einem blanken Schwert. Marie wurde schwindlig, und sie
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musste sich an der Mauer festhalten, um nicht zu stürzen. In ihren Augen brannten die Tränen, und doch fühlte sie nicht nur Trauer und Schmerz. Irgendetwas hatte Hettenheim an sich, das ihr Misstrauen hochschäumen ließ. Sein Gesicht war ihr zu ausdruckslos, und er hatte die Worte ohne Gefühl und vielleicht auch gegen seine innere Überzeugung heruntergeleiert. Dazu wich er ihrem Blick aus, als sie diesen fixieren wollte. »Wie starb mein Mann?«, fragte sie mit erstaunlich fester Stimme. »Er starb bei einem Überfall dieser elenden Hussiten, als er den Rückzug der Unsrigen deckte. Dabei ist er dem Angriff des Feindes zum Opfer gefallen.« Erneut kamen Marie die Worte Hettenheims falsch vor. So sprach man nicht von einem Mann, der unter dem eigenen Kommando gedient und noch in seinen letzten Lebensminuten seinen Kameraden die Flucht ermöglicht hatte.
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Unterdessen trat Falko von Hettenheim zu Michels Pferd und löste das in der Scheide steckende Schwert vom Sattel und reichte es Marie mit beiden Händen. »Hier ist die Waffe Eures Gemahls. Bewahrt sie als Andenken an einen tapferen Mann.« Marie starrte reglos auf das Schwert, nahm es dann entgegen und reichte es Thomas, der schützend neben sie getreten war. »Wo ist sein Leichnam?«, fragte sie den Ritter. Erneut wich Hettenheim ihrem Blick aus. »Die Hussiten sind grausam! Ihr hättet bestimmt nicht sehen wollen, wie sie ihn zugerichtet haben. Haltet ihn so in Erinnerung, wie er von Euch schied, tapfer und bereit, mit seinem Leben für den König und seine Kameraden einzustehen!« Marie war immer mehr davon überzeugt, dass Hettenheim log. Doch warum sollte er dies tun? »Wart Ihr dabei?«
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Ihr Gegenüber zögerte einen Augenblick. »Nun, nein! Das war ich nicht.« »Habt Ihr Michel Adlers Leichnam gesehen?« Maries durchbohren.
Blick
schien
den
Ritter
zu
Hettenheim war auf eine solche Frage nicht vorbereitet und druckste zunächst herum, fasste sich dann aber und schüttelte den Kopf. »Nein! Euer Mann war mit mehreren Rittern und Soldaten auf einem Erkundungsritt, von dem ist er nicht zurückgekehrt.« Marie gingen tausend Fragen durch den Kopf, doch als sie Hettenheims unsteten Blick bemerkte und feststellte, dass auch zwei seiner Ritter betont in andere Richtungen schauten, begriff sie, dass sie von diesen Männern niemals die Wahrheit erfahren würde. Waren Michels Kameraden bei dem Angriff der Hussiten feige geflohen und hatten ihn im Stich gelassen?, fragte sie sich, schob diese Überlegung jedoch schnell beiseite. Obwohl sie die
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unliebsamen Besucher am liebsten von ihren Knechten hätte vertreiben lassen, lud sie, wie Sitte und Brauch es verlangten, den Grafen und seine Begleiter übernachten.
ein,
auf
Hohenstein
zu
Während einige Kriegsknechte so aussahen, als wären sie dankbar für eine Rast und eine gute Mahlzeit, schüttelte Hettenheim den Kopf. »Verzeiht, aber es ist noch früh am Nachmittag, und es liegt ein langer Ritt vor uns. Der König erwartet mich und die Meinen in Böhmen. Damit Gott befohlen!« Froh, dieser schier zu Eis erstarrten Frau entkommen zu können, schwang Hettenheim sich in den Sattel, gab seinen Männern das Zeichen, sich ihm anzuschließen, und ritt zum Tor hinaus. Marie sah ihnen noch lange nach. Erst als ein Hügel die Reiter ihrem Blick entzog, kehrte wieder Leben in sie zurück, und sie schüttelte sich wie im Fieber.
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Hiltrud hatte die Nachricht ebenfalls vernommen und trat nun auf die Freundin zu. »Es tut mir so leid!«, flüsterte sie unter Tränen und fasste nach Maries Hand. »Michel ist nicht tot!«, entfuhr es Marie. »Etwas ist mit ihm geschehen, doch er ist nicht tot! Ich würde es fühlen.« »Bitte, Marie! Du darfst dich nicht aufregen«, bat Hiltrud und warf ihrem Mann einen hilfesuchenden Blick zu. Thomas hielt immer noch Michels Schwert in der Hand und starrte fassungslos auf die Waffe. Wie gerne hätte er Marie Trost gespendet, doch dafür war seine eigene Trauer zu groß. »Hettenheim hat gelogen! Michel ist nicht tot«, wiederholte Marie und wies auf das Schwert. »Habt ihr auf das geachtet, was er gesagt hat?« Hiltrud und ihr Mann blickten sie verwirrt an. »Wie meinst du das?«, fragte sie.
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»Er sagte, Michel wäre gefallen, als er den Rückzug seiner Kameraden decken wollte. Nun frage ich mich, wie Hettenheim mir dann sein Schwert und sein Pferd überbringen konnte? Oder glaubt ihr, die Hussiten hätten beides zurückgelassen?« »Eigenartig ist das schon«, stimmte Hiltrud ihr zu. »Aber vielleicht …« Sie brach ab, weil ihr nichts einfiel, das gegen die Annahme ihrer Freundin sprach. Mit einer heftigen Bewegung wandte Marie sich an Thomas. »Verwahre das Schwert in der Burgkapelle! Michel wird es brauchen, wenn er zurückkommt.« War sie nach dem Traum voller Angst und Sorge um ihren Mann gewesen, so hatte die Nachricht von seinem angeblichen Tod neue Hoffnung in ihr geweckt. All das, was Hettenheim ihr berichtet hatte, passte nicht zusammen, und ihr Herz sagte ihr, dass Michel am Leben war. Er mochte verwundet worden oder
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vielleicht sogar in Gefangenschaft geraten sein. Doch tot war er nicht!
7.
Einen Tag nach Hettenheims Auftritt erschien ein Kurier des Königs auf Hohenstein und überbrachte eine Botschaft. Anders als Hettenheim war der Mann froh, dafür einen Krug Wein und eine gute Mahlzeit zu erhalten. Marie las unterdessen das königliche Schreiben, in dem sie aufgefordert wurde, unverzüglich bei Hofe in Nürnberg zu erscheinen, und fragte sich, was sie dort erwartete. Ihre anfängliche Hoffnung, Michel könnte mittlerweile wieder aufgetaucht sein, war beim Lesen all der Beileidsbekundungen, die sich Sigismunds Schreiber hatte einfallen lassen, rasch verflogen. Schließlich legte sie den Brief beiseite und wandte sich an Thomas. »Du wirst mich begleiten. Morgen früh brechen wir auf!«
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»Was mag der König von dir wollen?«, fragte Hiltrud besorgt. Marie antwortete mit einer bitteren Geste. »Das muss er mir erst noch sagen. In dem Brief stehen nur ein paar nichtssagende Floskeln.« Mit einem Achselzucken hob sie ihre Tochter auf und setzte sie sich auf den Schoß. Ihre Gedanken aber drehten sich nur um Michel. Sie würde auch schon deshalb des Königs Aufforderung Folge leisten, weil Nürnberg näher an jenen Gebieten lag, in denen gekämpft wurde, und sie vielleicht dort jemand ausfindig machen könnte, der ihr mehr über das Schicksal ihres Mannes berichten konnte. Mit diesem Vorsatz ging sie am Abend zu Bett und war am nächsten Morgen zur Abreise bereit, bevor die Sonne über dem Horizont aufgestiegen war. Als sie auf den Burghof trat, war Thomas bereits dabei, die Pferde zu satteln. Hiltrud half ihm, während Trudi schweigend dabeistand
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und ein Gesicht zog, als verstünde sie die Welt nicht mehr. Marie zog die Kleine an sich und streichelte sie. »Es wird alles gut werden, Trudi. Du wirst sehen, es wird alles gut.« Dann reichte sie ihre Tochter an Hiltrud weiter und ließ sich von Thomas aufs Pferd helfen. Während sie die Zügel in die Hand nahm, hatte sie das Gefühl, als entscheide dieser Ritt über ihr weiteres Schicksal. »Bis bald!« Mit einem Winken verabschiedete sie sich von Hiltrud und Trudi. Dann sah sie Thomas entschlossen an. »Reiten wir!« Schweigend verließen sie die Burg und folgten dem Weg hinab zur Straße. Unterwegs kamen sie an dem kleinen See vorbei und an den Holundersträuchern, die längst keine Dolden mehr trugen. Der Himmel spannte sich wie ein schweres, graues Tuch von Horizont zu Horizont, und dies veranlasste Thomas zu der
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Prophezeiung, dass es wohl bald tagelang regnen würde. Marie interessierte sich nur wenig für das Wetter, aber die düstere Stimmung um sie herum entsprach dem, was sie im Herzen fühlte. Mit einem Mal hielt sie ihr Pferd an und stieg ab. Sie hatte Trudis Strohpuppe entdeckt, die bei Hettenheims erstem Auftauchen verlorengegangen war. Auch wenn das Ding schmutzig war und sich bereits einzelne Strohhalme davon lösten, hob Marie sie auf, säuberte sie notdürftig und steckte sie in ihre Satteltasche. Da Michel die Puppe von eigener Hand gefertigt hatte, erschien sie ihr wie ein Omen, auch ihren Mann finden zu können. »Du bist nicht tot!«, flüsterte sie. Sie schaute auf und wünschte sich, ihr Blick würde bis nach Böhmen reichen. Von der Reise nach Nürnberg prägte sich kaum etwas in ihre Gedanken ein, denn sie mied den Kontakt mit anderen und sprach auch
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nur das Nötigste mit Thomas, der sie umsorgte und alles Unangenehme von ihr fernhielt. In den Herbergen achtete sie nicht auf andere Gäste, sondern ging früh zu Bett und brach bereits auf, wenn diese sich gerade von ihren Strohsäcken erhoben. Thomas hatte sie nie so still und in sich gekehrt erlebt. Für ihn schien es, als habe sie sich ganz in ihrer Trauer um Michel vergraben. Davon aber war Marie weit entfernt. Sie ließ die Erinnerung an das Gespräch mit Graf Hettenheim immer wieder Revue passieren und fand mehr und mehr Gründe zu der Annahme, dass Michel noch lebte. Der Alptraum, der sie zunächst so erschreckt hatte, verstärkte nun sogar ihre Hoffnung, denn sie erinnerte sich, Michel zwar verletzt, aber lebend gesehen zu haben. Kurz vor Nürnberg kam Marie an einer kleinen Kapelle vorbei. Für ein paar Augenblicke hielt
sie
ihr
Pferd
an
und
musterte
die
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Madonnenstatue mit dem Jesuskind. Im grauen Licht des verhangenen Himmels wirkte das Abbild der Gottesmutter trist und wenig geeignet, die Gläubigen zu trösten. Heruntergebrannte Kerzenstummel vor der Statue verstärkten diesen Eindruck noch. Ein Windstoß wirbelte Straßenstaub und Herbstblätter auf und trieb sie vor sich her. Auch das erschien Marie wie ein Zeichen. Wieder war sie eine Getriebene des Schicksals, die ihren Weg nicht selbst bestimmen konnte. In bedrückter Stimmung spornte sie ihr Pferd an und ritt weiter. Kurz danach schälten sich die Mauern von Nürnberg aus dem Dunst. Die trübe Herbststimmung hatte auch die Stadt erfasst, und als Marie durch das Tor ritt, schauderte sie. Ihr war, als hätte sie eine Gruft betreten.
8.
Der hohe Herr hat es ja sehr eilig, dachte Marie, als man sie kurz nach ihrem Eintreffen in jenen Saal führte, in dem Sigismund die Bittsteller aus dem Volk empfing. Es waren nicht wenige, die etwas von dem König der Deutschen wünschten. Vielen ging es um die Bezahlung von Vorräten und Kriegsmaterial, die Sigismund und dessen Hauptleute eingekauft hatten. Obwohl die Kaufleute sich ehrerbietig gaben, deuteten sie an, dass sie keine weiteren Waren auf Kredit liefern könnten. Sigismunds Stimmung schien dies nicht zu belasten. Er saß lässig auf seinem Thron, lächelte jedem zu und versprach allen, dafür zu sorgen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren würde. Inwieweit er selbst glaubte, dies
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ausrichten zu können, entzog sich Maries Wissen. Diese Verhandlungen interessierten sie auch weniger als die Person, die leicht versetzt hinter dem Thron stand und sich gelegentlich zu Sigismund niederbeugte, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Es handelte sich um eine Nonne, wahrscheinlich sogar um eine Äbtissin, wie das kostbare Kreuz und die Ringe an den Fingern verrieten. Das war eigentlich nicht die Art Frau, mit der Sigismund sich normalerweise abgab. Im Allgemeinen bevorzugte er Frauen, die weniger selbstbewusst auftraten, oder gar Huren. Dabei erinnerte sie sich an Konstanz und daran, dass auch sie das Bett dieses Mannes geteilt hatte. Rasch schüttelte sie den Gedanken ab und musterte erneut die Nonne. Sie war außerordentlich schön und den wachen Blicken ihrer Augen nach klug und umsichtig. Auch bewegte sie sich viel agiler, als Klosterschwestern es im
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Allgemeinen taten, und ihr Gesicht wirkte lebhafter. Ihr Lächeln ließ in Marie den Verdacht aufkeimen, dass die Dame nicht ganz so keusch war, wie es ihrer Stellung in der heiligen Kirche entsprach. Nun erinnerte sie sich, dass Michel bei seiner Rückkehr aus Nürnberg von dieser Nonne erzählt hatte, vermochte sich aber nicht mehr an deren Namen zu erinnern. Die Äbtissin schien wahrzunehmen, dass Marie sie musterte, denn sie erwiderte ihren Blick. Dann winkte sie den Herold zu sich. Der Mann eilte sofort zu ihr und neigte kurz den Kopf. »Ihr wünscht, ehrwürdige Mutter?« »Wer ist die Frau, die zuletzt den Saal betreten hat?«, fragte Isabelle de Melancourt. Der Mann drehte sich kurz um, musterte die Anwesenden und schloss, dass die Äbtissin Marie Adler gemeint hatte. »Das ist die Kastellanin von Hohenstein, die Witwe des Burghauptmanns Michel Adler.«
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Das ist also die Frau, die Janus Suppertur so sehr begehrt, dass er dafür das Amt und die Macht eines Inquisitors des Papstes aufzugeben bereit ist, dachte Isabelle de Melancourt. Marie Adler war schön genug, um jedem Mann den Kopf zu verdrehen, doch das konnte nicht der Grund sein. Sie glaubte, Janus Suppertur gut genug einschätzen zu können, um zu wissen, dass dem Mann nichts an einer glatten Larve lag. Daher versuchte Isabelle, sich ein Bild von dieser Frau zu machen. Marie Adlers Miene wirkte finster, aber auch entschlossen, und die Äbtissin glaubte die Kraft zu spüren, die die Kastellanin von Hohenstein erfüllte. War es das, was den Inquisitor an der Witwe so stark anzog, dass er sie um jeden Preis haben wollte? Möglicherweise, denn Janus Suppertur schien ihr kein klar denkender Mensch zu sein. Andererseits würde er sich hüten müssen. Marie Adler war offensichtlich keine
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Frau, die man sich ungestraft zum Feind machte. Während Isabelle de Melancourts Gedanken sich mit Marie beschäftigten, sah Sigismund sich mit der nächsten Beschwerde konfrontiert. Ein Pfarrherr forderte nach altem Brauch Steine aus dem Steinbruch eines Grundherrn für den Bau einer neuen Kirche, die dieser ihm jedoch verweigerte. Da der König nicht bereit war, sich lange Klagen anzuhören, hob er die Hand. »Wir haben diese Sache bereits untersucht und verfügen, dass sich die Pfarrei vom Steinbruch des Gabriel Rothmüller bedienen kann!« Während der in eine schwarze Soutane gekleidete Priester seinem Kontrahenten einen triumphierenden Blick zuwarf und dieser in ohnmächtigem Zorn die Fäuste ballte, sprach der König weiter. »Das Bistum hat Gabriel Rothmüller dafür neun von zehn Steinen nach dem üblichen Wert
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zu bezahlen. Jeder zehnte Stein ist als Teil der Abgaben des Gabriel Rothmüller an die heilige Kirche anzusehen und verringert seinen jährlich zu entrichtenden Kirchenzehnt um diesen Wert!« Der Priester wirkte geschockt, doch auch sein Gegenspieler wurde von diesem für ihn überaus günstigen Schiedsspruch überrascht. Sigismund konnte es sich jedoch nicht verkneifen, noch einmal nachzustechen, und wandte sich erneut an den Pfarrer. »Sagt Eurem Bischof, er könne seine Ansprüche später beim Kaiser geltend machen. Ich bin nur der König!« Alle im Saal verstanden die Anspielung auf die bislang verweigerte Kaiserkrönung durch Martin V. Nicht nur Sigismund, sondern auch die meisten seiner Anhänger und Gefolgsleute waren der Ansicht, dass die hohe Geistlichkeit im Reich zu sehr die Interessen des Papstes und zu wenig die des Landes verfolgte. Daher
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freuten sich nicht wenige über diesen Dorn im Fleisch des Bischofs, den Sigismund eben gesetzt hatte. Unterdessen wandte der König sich dem nächsten Bittsteller zu, und es dauerte nicht lange, da kam Marie an die Reihe. Sie spürte eine Beklemmung, die sich wie ein Band um ihre Kehle gelegt hatte, trat aber selbstbewusst vor Sigismund. Der Herold kündete sie an: »Marie, verwitwete Kastellanin von Hohenstein, vor Euer Majestät erschienen auf Euer Geheiß!« Sigismund hatte Marie bereits entdeckt und erinnerte sich an die angenehmen Stunden, die er mit ihr in Konstanz erlebt hatte. Auf eine gewisse Weise fühlte er sich in ihrer Schuld und bedauerte daher, dass ihm nach den Gesetzen und der üblichen Rechtsprechung, die Janus Suppertur ihm vorgelegt hatte, nichts anderes übrigblieb, als sie mit diesem Mann zu vermählen. Da er die unangenehme Sache so
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rasch wie möglich erledigen wollte, ging er ohne Umschweife auf sein Ziel los. »Marie von Hohenstein, Wir bedauern Euren Verlust, der auch der Unsere ist, nahm er Uns doch einen wertvollen Streiter für Unsere Sache. Ihr habt jedoch Glück im Unglück, denn es gibt bereits einen hohen Herrn, der Gefallen an Euch gefunden hat. Der Mönchsritter Janus Suppertur, bislang Berater des Papstes und Verteidiger des Glaubens, ist bereit, seinem Gelübde zu entsagen, um Euch als Gemahlin heimzuführen!« Die Stimme des Königs klang säuerlich, denn es passte ihm überhaupt nicht, Janus Suppertur in sein Gefolge aufnehmen zu müssen. Für ihn war der Inquisitor auch dann noch ein Mann des Papstes und, wie er es Isabelle de Melancourt gegenüber derb ausgedrückt hatte, ein blutender Abszess an seinem Hinterteil. Marie brauchte einen Augenblick, um das Gehörte zu begreifen, dann aber schüttelte sie
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energisch den Kopf. »Verzeiht, Euer Majestät, aber ich brauche keinen neuen Gatten!« Sigismund hatte Widerspruch erwartet, denn er kannte Maries Starrsinn. Aber er war nicht bereit, sich ihretwegen mit Janus Suppertur anzulegen. Daher versuchte er, ihr die Sachlage in aller Ruhe zu erklären. »Wenn Ihr keinen neuen Gatten wählt, verliert Ihr Euren Stand und Euer Lehen. Eine Witwe, deren Schoß vertrocknet, ist dem Reich von keinem Nutzen. So lautet das Gesetz!« Mittlerweile hatte Marie sich wieder gefangen. »Gerade weil ich nicht gegen die Gesetze Seiner Majestät verstoßen möchte, kann ich keinen anderen Gatten nehmen. Ich weiß, dass mein Michel lebt. Wollt Ihr etwa, dass ich mich der Bigamie schuldig mache?« Einige der Anwesenden, die Michel selbst oder die Nachricht von seinem Tod kannten, schüttelten den Kopf. Die Laune des Königs sank noch tiefer. »Woher wollt Ihr wissen, dass
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Euer Mann noch lebt? Seid Ihr dabei gewesen, als er auf Böhmens Schlachtfeldern gekämpft hat?« Sigismunds Blick warnte Marie davor, sich weiterhin störrisch zu zeigen, doch sie war nicht bereit, sich so einfach geschlagen zu geben. »Wart Ihr dabei?«, fragte sie eisig. Einige der Anwesenden lachten, denn es war allgemein bekannt, mit welcher Eile Sigismund sein Heer verlassen hatte, um hier in Nürnberg zu residieren. Seine Anhänger aber schmähten die Witwe, die dem König nicht gehorchen wollte. »Was bildet das Weib sich ein?«, rief ein Mann. Sigismund nickte grimmig. »Wisst Ihr, wen Ihr vor Euch habt?«, fuhr er Marie an. »Einen König, den ich schon einmal …« Im letzten Moment gelang es Marie, sich zu bremsen und die anzügliche Bemerkung, die ihr
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über die Zunge wollte, zu schlucken. »Ihr seid der König, der mir schon einmal in majestätischer Größe zu meinem Recht verholfen hat! Diese Größe fordere ich erneut von Euch!« An dieser Antwort hatte Sigismund
zu
schlucken. Isabelle de Melancourt hingegen nickte unbewusst. Wie es aussah, hatte sie den Charakter der Kastellanin richtig eingeschätzt. Marie von Hohenstein war eine Frau mit einem eisernen Willen, und Sigismund würde es schwerfallen, sich gegen sie durchzusetzen, zumal sie eben ihren nächsten Trumpf ausspielte. »Verzeiht, Euer Majestät, aber niemand hat den Leichnam meines Mannes gesehen, und es gibt auch keine Zeugen seines Todes, da seine Begleiter, wie sie selbst zugaben, schmählich geflohen sind, während er zum Schwert griff, um den Feind aufzuhalten. Oder ist hier einer, der meinen Michel hat sterben sehen?«
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Bevor Sigismund einfiel, was er darauf antworten sollte, griff Isabelle de Melancourt ein. »Ihr sagt, Ihr wüsstet, dass Euer Gatte noch lebt. Woher?« »Ich habe
Michel
gesehen –
in
einem
Wahrtraum!« Marie kämpfte gegen die Tränen an, die in ihr aufsteigen wollten. Doch sie musste stark sein, nicht nur um ihretwillen, sondern auch wegen Michel und Trudi. Die Leute um sie herum lachten erneut, und diesmal fiel auch der König mit ein. Nur Isabelle beteiligte sich nicht an der allgemeinen Heiterkeit, sondern musterte Marie durchdringend. Mit dem festen Willen, die Sache zu beenden, sah Sigismund Marie an. »Ihr wollt Euren Mann in einer Vision gesehen haben. Visionen sind aber Sache der Kirche, und ich glaube nicht, dass ein Pfarrer oder Bischof Eurem Traum eine Bedeutung zumessen wird.«
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»Ich
werde
Michel
finden!«,
rief
Marie
entschlossen. »Dafür müsstet Ihr ins Land der Hussiten reisen!«, warf Isabelle ein und schüttelte unbewusst den Kopf. Die Kastellanin von Hohenstein mochte entschlossen und mutig sein, doch verfügte sie auch über den Verstand, um diese Gaben anwenden zu können? Daher wartete sie gespannt auf Maries Antwort. »Ich werde Michel finden! Wenn es sein muss, auch in der Hölle!« Sigismund verzog verärgert das Gesicht, doch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, berührte Isabelle ihn am Arm. »Gewährt ihr Aufschub!« Nach kurzem Zögern sagte er sich, dass ihm dies die Möglichkeit bot, eine unangenehme Entscheidung hinauszuschieben. Daher hob er in einer huldvollen Geste die Hand, auch wenn sein anzügliches Grinsen nicht zu seiner königlichen Haltung passen wollte.
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»Aufgrund Eurer Verdienste um das Reich erlauben wir Euch, noch ein wenig weiterzuträumen. Ihr habt Zeit bis zum nächsten Vollmond, Euren Mann zu finden und mir zu beweisen, dass er noch lebt. Dann gilt das Gesetz, und Ihr werdet Janus Suppertur angetraut.« Voller Wut über diese Bedingung, wollte Marie widersprechen, doch da fassten zwei Wachen sie bei den Armen und führten sie aus dem Saal. Thomas, dem es gelungen war, im Hintergrund einen Platz zu finden, folgte ihr besorgt. »Was willst du jetzt tun?«, fragte er, als sie wieder im Freien standen. Marie blickte zum Himmel hoch, auf dem nun wie zum Hohn die Wolken verschwunden waren. Die schmale Sichel des Mondes stand als blasser Schatten über dem Horizont. Rasch rechnete sie nach und stieß einen unwilligen Laut aus.
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Auch Thomas sah zur Mondsichel auf. »Es sind nur noch zehn Tage bis zum Vollmond!« Mit einem Gefühl, als wäre alles in ihr gestorben, blickte Marie auf das Muschelarmband, das Michel ihr geschenkt hatte, bevor er in den Krieg gezogen war. Sie zählte elf Muscheln, riss eine davon ab und ließ sie zu Boden fallen. Darunter kam der gelbe Samt zum Vorschein, auf den die Muscheln aufgenäht waren, und die Farbe erschien ihr nun wie ein übles Omen. »Man hat mir zehn Tage Zeit gelassen. Danach werde ich wieder die gelben Bänder tragen müssen!« »Das verstehe ich nicht«, sagte Thomas. Beschwichtigend hob Marie die Hand. »Wir haben nur wenig Zeit und sollten die Stunden nützen. Daher wirst du nach Hohenstein zurückkehren. Beschütze meine Tochter, was immer auch geschehen mag. Sage ihr, ich bringe ihr den Vater zurück! Oder …«
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Was immer sie auch hatte sagen wollen, unterblieb. Warum sollte sie Thomas und damit auch Hiltrud und Trudi ängstigen? Eines jedoch wusste Marie mit Sicherheit: Sie würde niemals den Mann heiraten, den Sigismund ihr aufnötigen wollte. Unterdessen kämpfte Thomas mit seinen Gefühlen. »Sollte kommen?«
ich
nicht
besser
mit
dir
»Nein! Sorge für meine und Michels Tochter! Und nun geh!« Für Marie war damit alles gesagt. Thomas spürte, dass er sie nicht umstimmen konnte, und verließ sie. Einen Augenblick lang überlegte er noch, ihr heimlich zu folgen, um ihr, wenn es hart auf hart kam, beistehen zu können. Dann aber sagte er sich, dass wenigstens einer während Michels und Maries Abwesenheit auf Hohenstein nach dem Rechten sehen musste. Außerdem wollte er nicht gegen Maries ausdrücklichen Befehl handeln.
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Ganz so sicher, wie sich Marie Thomas gegenüber gegeben hatte, fühlte sie sich nicht. Bis Böhmen war es ein weiter Weg, und sie würde gewiss etliche gefährliche Situationen meistern müssen. Beinahe hätte sie Hiltruds Mann zurückgerufen, damit sie nicht alleine reisen musste. Dann aber dachte sie an Trudi. Ihre Tochter benötigte Thomas’ Schutz dringender als sie. Da sie noch zur selben Stunde aufbrechen wollte, wandte sie sich den Ställen zu, um ihr Pferd satteln zu lassen. Aber sie kam nur ein paar Schritte weit, denn die Nonne, die hinter Sigismund gestanden hatte, vertrat ihr den Weg. Isabelle de Melancourt war der Kastellanin von Hohenstein gefolgt, hatte sich aber zurückgehalten, solange deren Begleiter bei der Frau gewesen war. Nun schien ihr die Gelegenheit günstig, Marie Adler anzusprechen.
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»Wir müssen miteinander reden!«, forderte sie die Kastellanin auf. Marie verzog das Gesicht zu einer zornigen Grimasse. »Was gibt es noch zu bereden? Der König hat seine Entscheidung getroffen, und daran ist nicht zu rütteln. Es ist wieder genauso wie in Konstanz. Als ich damals sein Zepter in der Hand hielt, hat er sich vor Lust gewunden und mich dann doch im Stich gelassen.« »Er windet sich immer noch, wenn auch nicht vor Lust«, unterbrach Isabelle de Melancourt sie. »Kümmert es mich? Ich muss mir mein Recht erkämpfen!« Maries Stimme klang so bitter, dass Isabelle ihr den Arm um die Schulter legte und sie tröstend an sich zog. »Als König kann Sigismund nicht einfach die Gesetze beugen, nicht einmal für eine Frau, die es verdient hätte«, sagte sie leise.
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»Dann glaubt Ihr mir?«, fragte Marie verwundert, aber auch mit neu erwachender Hoffnung. Isabelle nickte. »Ich glaube, dass wir etwas gemeinsam haben!« »Wir beide?« Diesmal schwang Sarkasmus in Maries Stimme mit. »Ja, wir beide!«, betonte Isabelle. »Die Zeiten des blinden Glaubens neigen sich dem Ende zu. Wir stehen am Beginn einer neuen Zeit, einer Zeit der Menschen freien Geistes, die ihre Fesseln hinter sich gelassen haben. Ihr gehört dazu.« Marie starrte die Äbtissin verwundert an, ohne zu begreifen, was die Frau damit sagen wollte. »Ihr irrt Euch! Ich studiere keine theologischen Schriften, sondern bin ganz von dieser Welt!« »Genau das meinte ich! Ihr seht das Jetzt, wie es ist, und nicht, wie die Pfaffen es Euch weismachen wollen. Das ist Eure Stärke. Doch
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lasst mich wissen: Wollt Ihr wirklich Euren Gatten suchen?« Isabelle sah Marie nicken und seufzte. »Auf Eurer Suche werdet Ihr tief nach Böhmen hineinreiten müssen. Bitte geht dort zu Graf Sokolny und lasst ihn wissen, dass wir ihm seine Unabhängigkeit garantieren, wenn er sich nicht den Hussiten ergibt.« »Warum soll ich Graf Sokolny aufsuchen und dabei Zeit bei meiner Suche verlieren?«, fragte Marie harsch. »Weil Ihr Euch Sigismund damit verpflichten könnt! Und zwar so, dass er Euch nicht diesem römischen Mönch ausliefert, der Euch unbedingt in seinen Besitz bringen will.« »Aber Ihr sagtet, auch der König könne das Gesetz nicht beugen!« Marie klang ablehnend, denn sie mochte es nicht, als Figur in einem Spiel zu dienen, das sie nicht zu durchschauen vermochte. Isabelle begriff, dass sie Marie mehr bieten musste als nur ein vages Versprechen. Sie zog
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sie so nahe zu sich, dass sich ihre Nasen fast berührten. »Der König braucht unbedingt einen sicheren Frieden mit Graf Sokolny. Wenn der Edelmann sich mit Fürst Vyszo zusammentut, wird Sigismund diesen Krieg verlieren. Der König weiß das sehr genau und wird Euch belohnen, wenn Ihr ihm zu einem Bündnis mit Sokolny verhelft. Und noch etwas sage ich Euch: Wenn Sigismund Euch nicht gegen Janus Suppertur helfen will, so werde ich es tun. In meiner Gemeinschaft seid Ihr vor diesem Mann sicher!« Mehr konnte Isabelle nicht versprechen, doch sie sah erleichtert, wie das Gesicht der Kastellanin sich aufhellte. »Schwört es mir!«, forderte Marie. »Auf alles, was Ihr nur wünscht!« »Gut!« Marie nickte, als müsse sie ihre Entscheidung für sich selbst bestätigen, brachte dann aber den nächsten Einwand. »Aus welchem Grund sollte Sokolny mir vertrauen?«
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»Deswegen!« Bei diesem Wort drückte Isabelle Marie einen kleinen Gegenstand in die Hand. Diese starrte darauf und sah Isabelle fassungslos an. »Das ist das Siegel des Königs! Wer seid Ihr? Gewiss nicht nur eine der Frauen, die Sigismund sich in sein Bett holt und sofort wieder vergisst.« »Euch hat er auch nicht vergessen«, erklärte Isabelle lächelnd. »Doch um Eure Frage zu beantworten: Ich bin die Äbtissin des Klosters vom Heiligen Stein! Natürlich teile ich gelegentlich das Bett mit dem König, doch im Besonderen bin ich seine Beraterin. Und nun reitet! Euer Weg ist lang, und es mag sein, dass Ihr etliche Zeit suchen müsst, bis Ihr eine Spur Eures Mannes gefunden habt.« »Ich werde nicht nur eine Spur, sondern Michel selbst finden!«, gab Marie zurück und eilte davon.
9.
Isabelle
de Melancourt sah Marie nach, bis diese zwischen den Stallungen verschwunden war, und kehrte dann in die Burg zurück. Sie mied die Räume, in denen sich die Gäste des Königs aufhielten, und wanderte durch verschlungene Gänge, bis sie Sigismunds Schlafgemach erreichte. Der König stand am Fenster und blickte auf den Hof hinab, auf dem soeben ein Knecht der Kastellanin von Hohenstein das Pferd brachte. Marie schwang sich in den Sattel, nahm die Zügel und galoppierte los, als wären alle Teufel der Hölle hinter ihr her. Durch das offene Tor konnte Sigismund noch sehen, dass sie ihr Pferd auch auf den Gassen der Stadt nicht zügelte. Nicht nur die Wachen am Burgtor mussten beiseitespringen, sondern auch etliche
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Passanten. Ein paar Männer fluchten so laut hinter Marie hochscholl.
her,
dass
es
bis
zur
Burg
Mit zweifelnder Miene drehte er sich zu Isabelle um. »Sie scheint mir ziemlich wütend zu sein.« »Sie ist sogar sehr zornig!« Die Äbtissin lächelte, als würde sie sich über den König amüsieren. Offensichtlich hatte Marie Adler ihm einiges an Respekt eingeflößt. So eine starke Persönlichkeit wie die Kastellanin von Hohenstein war Sigismund in seiner hochherrschaftlichen Selbstzufriedenheit nicht gewohnt. Die Frauen, die ihn sonst umgaben, knicksten devot, wenn er an ihnen vorbeikam, und wagten es kaum, ihn anzusprechen. Der König hob in einer hilflosen Geste die Hände. »Sie hat auch allen Grund, wütend zu sein. Immerhin hat sie alles verloren, ihren Mann, ihren Besitz und ihre Heimat. Doch was
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hätte ich tun sollen? Janus Suppertur hat das Gesetz auf seiner Seite!« Zwar lag Isabelle auf der Zunge, zu sagen, dass er Janus Suppertur jederzeit zum Teufel jagen konnte. Doch da er immer noch darauf hoffte, vom Papst zum Kaiser gekrönt zu werden, wäre das keine hilfreiche Bemerkung gewesen. »Marie von Hohenstein ist frei, und sie wird diese Freiheit mit aller Kraft verteidigen«, sagte sie stattdessen. »Warum wolltet Ihr meinen Ring für sie haben? Plant Ihr, sie für einen Eurer Schachzüge zu benutzen?«, fragte Sigismund weiter. Nachdenklich trat Isabelle neben ihn und ließ den Blick über die Stadt zu ihren Füßen schweifen. »Vielleicht wird sie sogar die Königin in unserem Spiel um die Macht.« Sigismund kniff die Augen zusammen. So ganz begriff er nicht, was seine Geliebte plante.
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Eigentlich wollte er es auch nicht so genau wissen, um später, wenn es missglückt war, nicht mit ihren Intrigen in Verbindung gebracht zu werden. Aber ein paar mehr Auskünfte hätte er sich dennoch gewünscht. Das begriff Isabelle durchaus. »Marie von Hohenstein ist das Zentrum des Wahns, der Janus Suppertur beherrscht. Das ganze Streben und Trachten dieses Mannes gilt ihr. Vielleicht ist sie aber auch seine Achillesferse. Zuerst einmal hoffe ich, dass es ihr gelingt, zu Sokolny zu gelangen. Einer Frau wie ihr wird der böhmische Graf eher Gehör schenken als jedem offiziellen Boten, den Ihr ihm schickt.« »Und wenn er es nicht tut oder Marie Adler sich gegen mich wendet?« Isabelle konnte Sigismunds Besorgnis fast mit Händen greifen. Indem er Marie mit dem königlichen Siegel losschickte, wagte er viel. Geriet der Ring in die falschen Hände, konnte dies die Säulen des Reiches zum Einsturz
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bringen. Obwohl auch sie sich mit einem Mal verunsichert fühlte, schüttelte sie nachsichtig den Kopf. »Warum sollte sie Euch verraten? Sie weiß, dass nur Ihr allein ihr und ihrem Mann – sollte dieser tatsächlich noch am Leben sein – den Schutz gewähren könnt, den sie braucht.« »Ihr habt Marie doch hoffentlich nicht versprochen, dass ich ihr die Ehe mit diesem Suppertur ersparen werde, wenn sie mir hilft, Sokolny auf meine Seite zu ziehen?«, rief Sigismund erschrocken. Darauf erhielt er keine Antwort.
10.
Zuerst fühlte Michel nur eine alles erstickende Nacht um sich, ohne Sterne, ohne den Mond oder den kleinsten Lichtschimmer. Irgendwann glaubte er die Stimme einer Frau zu hören, ohne jedoch verstehen zu können, was sie sagte. Gleichzeitig wurde es heller um ihn, und ein Schemen schälte sich aus dem dichten Nebel. Das musste die Frau sein, deren Stimme er vernommen hatte. Er folgte ihr, weil es das Einzige war, das er erkennen konnte, aber er wagte nicht, sie anzurufen. Plötzlich blieb die Frau stehen und drehte sich zu ihm um. Obwohl sie von grauen Nebelschwaden umspielt wurde, sah er sie nun so deutlich vor sich, als leuchtete sie von innen heraus. Aufgewühlt streckte er die Hand nach ihr aus – und griff ins Leere.
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Im nächsten Augenblick fand er sich auf einer Bettstatt wieder, begriff aber nur langsam, dass er aus einem Traum erwacht war. Als es ihm klarwurde, wünschte er sich, wieder einzuschlafen, um der schönen Frau erneut zu begegnen. Doch zu seinem Leidwesen wurde er sich mehr und mehr seiner Umgebung bewusst. Sein Bett bestand aus übereinandergelegten Fellen, die jemand einfach auf dem Boden ausgebreitet hatte, und man hatte ihn mit einer weiteren Tierhaut zugedeckt. Der Raum um ihn herum war so düster, dass er zunächst kaum etwas erkennen konnte. Aber er war nicht allein. Nicht weit von ihm erklang eine monotone Stimme, die sich einer ihm unverständlichen Sprache bediente. Verwundert schlug Michel die Felldecke zurück und richtete sich auf. Ihm wurde schwindlig, und er brauchte einige Augenblicke, bis er den Anfall überwunden hatte und aufstehen konnte. Dabei stellte er fest,
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dass seine Schulter schmerzte und sich nicht bewegen ließ. Auch sein Kopf tat höllisch weh. Was ist mit mir passiert?, fragte er sich. Und wo bin ich? Er versuchte, sich zu erinnern, aber sein Kopf war leer. Da gab es nichts, woran er sich festhalten konnte, nicht einmal einen Namen – seinen Namen. Er wusste einfach nicht, wer er war. Verwirrt sah er sich um. Inzwischen hatten seine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt, und er nahm fratzenartige Gesichter um sich herum wahr, die er erst auf den zweiten Blick als Masken erkannte. Unter der Decke hingen abgezogene Schlangenhäute, getrocknete Fledermäuse und verschiedene Beutel, denen verwirrende Gerüche entströmten. Nicht weit von ihm stand ein Herd, auf dem ein Kessel an einem Dreibeingestell über den Flammen schaukelte. Jetzt erst sah er den breitschultrigen Mann in Lederkleidung, der mit dem Rücken zu ihm saß und jenen monotonen Singsang von sich
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gab, der ihn am erneuten Einschlafen gehindert hatte. Während der Fremde sang, hielt er einen Wetzstein in der Hand und schliff einen Dolch. Michel fragte sich, wo er sich befand. War er bereits in der Hölle? Allerdings fehlten dem Mann dort die Hörner eines Teufels ebenso wie der Bocksfuß und der Schwanz, der der Überlieferung nach in einer borstigen Quaste enden sollte. Dennoch packte Michel die Angst vor dem Unbekannten. Schliff der Mann den Dolch, um ihn zu ermorden oder gar für irgendwelche dämonischen Rituale zu zerstückeln? Dann entdeckte er nicht weit von seinem Bett entfernt ein ungewöhnliches Schwertgehänge. Der Scheide nach zu urteilen, musste die Klinge darin so krumm sein wie die Hörner eines Teufels. Damit war sie wohl gerade die richtige Waffe gegen einen Höllenknecht. Er war sicher, dass der Fremde ein Hexer war, einer von denen, die die Menschen dazu verführten, sich
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gleich ihnen mit dem Satan einzulassen. Hatte der Mann vor, ihn in einem Hexenritual Luzifer zu opfern, um sich von diesem eine Gunst zu erbitten? Nicht mit mir!, durchfuhr es Michel. Er schlich zu dem Krummschwert, zog es geräuschlos aus der Scheide und hob die Waffe, um den Mann niederzuschlagen. Doch mitten in der Bewegung zögerte er. Auch wenn der Fremde ein Höllenknecht war, durfte er ihn nicht hinterrücks ermorden. Verunsichert blieb er stehen und überlegte. So leise Michel auch gewesen sein mochte – Marat hatte ihn gehört und erhob sich so geschmeidig wie eine Schlange. Michel sah die Klinge des Dolches in der Hand des unheimlichen Mannes blinken und schlug zu. Doch es gelang Marat fast spielerisch leicht, die Schwertklinge mit der kürzeren Waffe abzublocken. Zwei weiteren Schlägen wich er geschickt aus, dann ließ er Michel ins
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Leere laufen. Als dieser in seiner Schwäche das Schwert sinken ließ, griff Marat zu und wand es ihm aus der Hand. »Vorsicht, mein Freund! Sonst brechen deine Verletzungen wieder auf!« Marat sprach ein fremdartiges, aber gut verständliches Deutsch, denn er nahm nicht an, dass sein unfreiwilliger Gast der tschechischen Sprache mächtig war. Michel starrte ihn verwirrt und sogar ein wenig ängstlich an. »Wer seid Ihr?« »Man nennt mich Marat, und ich bin der Waffenmeister des Grafen Sokolny. Und wer bist du?« »Ich … ich …« Michel griff sich an den Kopf, der noch immer fürchterlich schmerzte, und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich hob er mit einer verzweifelten Geste die Hände. »Es tut mir leid, aber ich weiß es nicht. Ich … es ist fast so, als wäre ich eben erst geboren worden. In meinem Kopf finde ich nur das Bild einer schönen Frau.«
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»Ist es deine Ehefrau, deine Schwester oder sonst eine, die dir nahesteht?«, fragte Marat. Michel horchte in sich hinein und schüttelte vorsichtig den Kopf, der schier zu zerspringen drohte. »Ich weiß es nicht! Ich weiß rein gar nichts mehr!« Marat war zuerst der Meinung gewesen, der Deutsche würde ihm vorgaukeln wollen, das Gedächtnis verloren zu haben, um einem scharfen Verhör zu entgehen. Doch als er die verzweifelte Miene des Fremden wahrnahm, wich sein Misstrauen, und er zuckte bedauernd mit den Achseln. »Schade! Dabei hatte ich gehofft, du könntest mir erzählen, wie es auf der anderen Seite aussieht.« »Welche andere Seite?« »Ich meine bei den Truppen des Königs, den Deutschen. Du bist doch Deutscher?« Michel versuchte sich zu erinnern, was ein Deutscher war, und blickte dann hilflos zu
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Boden. »Es tut mir leid, doch ich weiß nur, dass ich eben aufgewacht bin und geglaubt habe, einem Teufel in die Hände gefallen zu sein.« »Den Teufel kennst du, aber nicht deinen Namen?« Marat begann zu lachen, sagte sich dann aber, dass der Fremde sicher wenig Freude an dieser Tatsache hatte. »Wenn es stimmt, was du sagst, würdest du gegen deinen eigenen Bruder kämpfen und ihn erschlagen, weil du nicht mehr weißt, wer er ist!« »Ich hoffe, dass Gott dies verhindern wird!«, antwortete Michel erschrocken. »Gott kennst du also auch. Ganz kann dein Gedächtnis nicht verschwunden sein. In dem Fall hättest du auch neu sprechen lernen müssen. Wenigstens das ist uns erspart geblieben. Aber komm jetzt! Ich will sehen, ob der Hammeleintopf gar ist. Wenigstens muss ich dich nun nicht mehr füttern wie in den letzten Tagen. Du hast fast immer geschlafen, und
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ich bekam dich kaum wach genug, um dir Wasser oder Brei einzuflößen.« Marat stieß seinen Dolch in die Scheide und ging zu dem Kochkessel. Während er darin herumrührte und mit einem hölzernen Löffel probierte, schämte Michel sich, weil er den Hammeleintopf für ein Hexengebräu gehalten hatte.
11.
Während
Marie wie von Furien gehetzt nach Osten ritt, um Michel zu suchen, kehrte Thomas nach Hohenstein zurück. Nie war ihm ein Weg so schwergefallen wie dieser, und er war mehr als einmal kurz davor, sein Pferd zu wenden und Marie allen Bedenken zum Trotz zu folgen. Ich hätte ihr nicht den Willen lassen dürfen, sagte er sich, während er auf die Burg zuritt. In seine Gedanken eingesponnen, fiel Thomas die Stille nicht auf, die ihn empfing. Als er sein Pferd auf dem Burghof zügelte, war dieser wie leergefegt. Verwundert stieg er aus dem Sattel und sah sich um. »Hiltrud, wo bist du?«, rief er. Dann vernahm er hinter sich ein Geräusch und drehte sich um.
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Mehrere schwerbewaffnete Männer waren unbemerkt aus der Tür des vorderen Turms getreten und schlossen eben das Tor. Andere Soldaten umringten ihn und bedrohten ihn mit ihren Schwertern. Ein paar Männer kannte er, denn sie hatten zu Falko von Hettenheims Schar gehört. Zwei von ihnen hatte er sogar gelehrt, dass eine Heugabel in der Hand eines Mannes, der sie zu führen wusste, eine gefährliche Waffe war. Das hatten sie anscheinend nicht vergessen, denn einer von ihnen hielt die Gabel in der Hand und stützte sich grinsend darauf. Thomas begriff überhaupt nichts mehr. Wo war Hiltrud, und wo befand sich Trudi? Da löste sich ein Mann in der Kutte eines Dominikanermönchs aus dem Schatten einer Tür und trat auf Thomas zu. Er hatte die Kapuze über den Kopf gestülpt, doch die Maske aus Silber, die das halbe Gesicht bedeckte, war deutlich zu erkennen.
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»Wo ist deine Herrin?«, fragte der Mönch mit vor Erregung zitternder Stimme. »Ich verstehe Euch nicht«, antwortete Thomas verwundert und spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Was mochten diese Männer mit seiner Frau und Maries Tochter gemacht haben? »Wo ist Marie Adler?« Die Stimme des Mönchs wurde lauter und drängender, aber Thomas starrte ihn nur verwirrt an. Unterdessen betrat auch Falko von Hettenheim den Burghof. Zwei seiner Männer folgten ihm und stießen Hiltrud und Trudi vor sich her. Der Graf trat auf Thomas zu und verschränkte grinsend die Arme vor der Brust. »Seine Exzellenz, der Inquisitor des Papstes, hat dich nach seiner erwählten Braut gefragt, Bauer! Also sag ihm gefälligst, wo Marie von Hohenstein zu finden ist.« Als Thomas sich hilfesuchend umsah, wies Hettenheim
auf
die
Gabel,
auf
die
sein
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Unteroffizier Eberhard sich stützte. »Suchst du die hier?« Ruppertus war nicht nach Spielchen zumute, und so fuhr er Hettenheim zornig an. »Verhört diesen Mann! Aber so, dass er noch reden kann.« »Den Gefallen tun wir Euch gerne!« Hettenheim erinnerte sich noch gut daran, dass Thomas zwei seiner besten Krieger wie frischgebackene Rekruten hatte aussehen lassen, und gab seinen Leuten einen Wink. Während vier Männer Hiltruds Ehemann packten und zu einem Pfahl schleppten, an dem sonst Pferde angebunden wurden, schwang Eberhard in freudiger Erwartung die Gabel. Sein Kamerad, der ebenfalls den Kürzeren gezogen hatte, fesselte Thomas und versetzte ihm einen heimtückischen Schlag in die Nierengegend. Während Thomas sich vor Schmerzen krümmte, holte Eberhard mit der Gabel aus und
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schlug mit dem Stiel zu. Weitere Soldaten drehten ihre Hellebarden um und prügelten mit den Schäften auf den hilflosen Mann ein. Etliche Minuten lang waren nur das Klatschen der Hiebe