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Die Mühle des Hamlet Giorgio de Santillana und Hertha von Dechend
Springer-Verlag Wien New York
Giorgio de Sant...
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Die Mühle des Hamlet Giorgio de Santillana und Hertha von Dechend
Springer-Verlag Wien New York
Giorgio de Santillana Hertha von Dechend
Die Mühle des Hamlet Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit Zweite Auflage
SPRINGER-VERLAG Wien New York
Computerkultur, herausgegeben von Rolf Herken, Band VIII Auf der Grundlage der durch Hertha von Dechend autorisierten Übersetzung von Beate Ziegs des 1969 im Verlag Gambit, Boston, erschienenen Buchs Hamlet’s Mill. An Essay on Myth and the Frame of Time von Hertha von Dechend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe © 1969 Giorgio de Santillana und Hertha von Dechend Lektorat: Lisa Steinhauser, Sabine Süß und Beate Ziegs Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf photomechanischem oder ähnlichem Wege und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Rechte der deutschsprachigen Ausgabe bei: Springer-Verlag/Wien © 1994 Springer-Verlag/Wien 1. Aufl. © 1993 Computerkultur GmbH, Berlin Printed in Germany Satzherstellung mit TEX: Lewis & Leins, Berlin Gesamtherstellung: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda Mit 56 Abbildungen
Nicht seitenkonkordant. Originale Paginierung im Textteil seitlich.
ISSN 0946-9613 ISBN 3-211-82630-0 2. Aufl. Springer-Verlag Wien New York ISBN 3-926763-23-X 1. Aufl. Verlag Kammerer & Unverzagt, Berlin
Vorwort zur deutschen Ausgabe
iii
Inhalt
Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe
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Einleitung
1
1
Bericht des Chronisten
11
2
Die Figur in Finnland
24
3
Die iranische Parallele
33
4
Geschichte, Mythos und Wirklichkeit
39
Intermezzo: Ein Führer für die Verirrten
52
5
Die Entfaltung in Indien
70
6
Amlodhis Mühle
79
7
Der bunte Deckel
88
8
Schamanen und Schmiede
103
9
Amlodhi der Titan und sein Kreisel
125
10
Die Götterdämmerung
136
11
Samson unter vielen Himmeln
152
12
Sokrates’ letzte Erzählung
165
13
Über Zeit und die Flüsse
177
14
Der Wasserstrudel
188
15
Die Wasser aus der Tiefe
196
16
Der Stein und der Baum
206
Vorwort zur deutschen Ausgabe
iv
17
Das Gerüst des Kosmos
210
18
Die Milchstraße
221
19
Der Sturz des Phaethon
229
20
Die Tiefe des Meeres
240
21
Der Große Pan ist tot
251
22
Das Abenteuer und die Suche
263
23
Gilgamesch und Prometheus
289
Epilog: Der verlorene Schatz
300
Schlußbemerkungen zur deutschen Ausgabe
318
Abbildungen 1-57
nach Seite 332
Liste der Appendices
335
Appendices 1-45
339
Liste der Abkürzungen
443
Literaturverzeichnis
445
Abbildungsverzeichnis
491
Nachwort des Herausgebers
497
Personen- und Sachregister
501
Vorwort zur deutschen Ausgabe
v
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Zwischen dem ersten Erscheinen von Hamlet’s Mill und dem der deutschen Übersetzung liegen mehr als zweiundzwanzig Jahre intensiver Arbeit. Mithin wäre es eigentlich angebracht, einen umgebauten und wesentlich erweiterten Text vorzulegen. Davon wurde aus zwingenden Gründen abgesehen: Ich habe mich in der Hauptsache auf ergänzende Fußnoten und Appendices beschränkt, diverse Passagen gestrichen, andere erweitert sowie Vorwort und Schlußbemerkungen des Originals durch neue ersetzt. Giorgio de Santillana und ich lernten einander kennen anläßlich eines 1958 von Willy Hartner veranstalteten Symposions im Frankfurter Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, an dem ich Assistent war. Nach meiner Habilitation 1959 schickte ich de Santillana eine kurze Abhandlung über die mit der Konstellation Sagittarius verbundenen Vorstellungen in der Antike, in Indien, China und Alt-Amerika sowie die astronomiehistorischen Schlüsse, die sich aus diesen Vorstellungen ziehen ließen. Als Reaktion beantragte er für mich ein Graduierten-Stipendium der Sloan-Foundation am Massachusetts Institute of Technology (MIT), das auch gewährt wurde. Später bemühte er sich erfolgreich um andere Fördermittel. Beginnend mit dem Herbst 1960, verbrachte ich mehrere Jahre lang jeweils einige Monate in Cambridge (Massachusetts), wo wir am MIT gemeinsam kosmologiehistorische Seminare abhielten und ich an diesem, noch mit keinem Namen versehenen Opus arbeitete. Da de Santillana – zu Recht – argwöhnte, ich werde bis in alle Ewigkeit fortwerkeln, ohne je etwas zu veröffentlichen, schlug er eine gemeinsame Publikation vor und übte fortan den entsprechenden Druck aus. Er schrieb um, begradigte kurvenreiche Seitenwege, er brachte die
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vi
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
die Probleme der Physikgeschichte zur Sprache, verknüpfte die archaischen Ideen mit denen der ihm so wohlvertrauten Renaissance und gestaltete dank seines hohen stilistischen Könnens ein Buch, das nicht für Fachleute allein lesbar sein sollte. „Freier Auslauf“ blieb mir in den Appendices und Fußnoten. 1967, zwei Jahre vor Erscheinen von Hamlet’s Mill, schrieb de Santillana im Vorwort zu Reflections an Men and Ideas, einer Sammlung von 26 seiner kürzeren Arbeiten: My latest productions are a definite move into a field that had long attracted me, far from ordinary research and the usual tools, remote from the usual documentary material. The few samples that I present („Riflessioni sul Fato”, „Les Grandes Doctrines Cosmologiques”) stand for a new approach and a new method which may yet be deemed uninsurable by our more cautious contemporaries: but that it has a point I have no doubt. It is the greatness of the subject that has called me, the prodigious wealth of mythical material gathered over the centuries, immense vistas of lost milleniums, of submerged cultures for which we may have found a key. Judgement must wait for our forthcoming book written in collaboration with Dr. von Dechend, „An Introduction to Archaic Cosmology”. But whatever fate awaits this last enterprise of my latter years, and be it that of Odysseus’ last voyage, I feel comforted by the awareness that it shall still be the right conclusion of a life dedicated to the search for truth.1
De Santillana war von der Physik und gründlicher Beschäftigung mit der antiken Naturphilosophie zur Geschichte der exakten Naturwissenschaften und zur Ideengeschichte gekommen, ich von der kulturhistorischen Ethnologie – präziser: von Leo Frobenius. Gemeinsam war uns ein tiefsitzendes Unbehagen an der vorherrschenden Auslegung und Beurteilung von Überlieferungen, die nicht in der uns vertrauten „Sprache” verlautbart worden waren, will sagen: in der von den Griechen geprägten naturwissenschaftlichen Diktion, weswegen unsere Wissenschaf1
G. de Santillana, Reflections an Men and Ideas (1968), xi.
Vorwort zur deutschen Ausgabe
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ten griechische Namen tragen und unsere entscheidenden Begriffe – vom Axiom über die Hypothese zu Praxis, Symmetrie und System – griechische Wörter sind. (Daß sie ihre naturwissenschaftlichen Einsichten insgesamt eigenköpfig gewonnen hätten, haben die hellenischen Gelehrten allerdings nie behauptet.) Es steht auf einem anderen Blatt, daß man zuweilen von der Wortgleichheit auf Bedeutungsgleichheit geschlossen hat (sýmmetros aber zum Beispiel meint nicht „symmetrisch”, sondern „kommensurabel”) und auf diese Weise das seit Isaac Newton geläufige Weltverständnis – gemäß Immanuel Kant „wird Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik in ihr angewandt werden kann” – auf Griechenland zurückprojizierte. Wie wichtig es sei, von ähnlichen Formulierungen nicht auf sachlich identische Intentionen zu schließen, hat besonders Johannes Lohmann anhand des griechischen Zahlund Tonbegriffs deutlich gemacht. Unter den zahlreichen Ursachen des Unbehagens sei hier nur eine einzige genannt; die Unvereinbarkeit nachweislicher, weil meßbarer, mathematisch-technischer Leistungen der Alten mit dem Niveau der dazugehörigen „mythischen” Überlieferungen, insonderheit die Unvereinbarkeit der Pyramiden und deren exakter Ortung mit dem scheinbaren Galimathias der Pyramidentexte und des Totenbuchs. Es gibt da zwei denkbare Erklärungen: Entweder haben die Ägypter die Pyramiden nicht konstruiert – dafür plädieren Phantasten wie Erich von Däniken & Co. – oder aber die modernen Übersetzungen der Texte sind grundlegend verfehlt. Daß sich so manche unserer Zeitgenossen lieber auf extragalaktische Pyramiden-Architekten einlassen als auf ungemein sachverständige Ägypter, zeigt deutlich, wie uns simple Fortschrittsgläubigkeit und vulgär-evolutionistische Kulturgeschichtsschreibung das Eingehen auf alte Kulturen erschwert. Nicht, daß wir die Pyramidentexte verdächtigten, Lehrsätze
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
und die Darstellung eines „Systems” zu enthalten – der Rigveda tut das auch nicht –, vielmehr setzen sie ein solches System voraus und spielen darauf an. Ob es schriftlich fixierte „Lehrbücher” gegeben hat oder ob man Wesentliches ausschließlich mündlich tradierte, läßt sich nicht entscheiden. Will man Clemens Alexandrinus2 Glauben schenken, so mußte der bei feierlichen Umzügen auftretende Hôroskópos „die astrologischen Schriften unter den Büchern des Hermes, vier an der Zahl, auswendig kennen, von denen das eine von der Ordnung der Fixsterne handelt, das zweite von den Planeten, das dritte von den Begegnungen und Erscheinungen von Sonne und Mond, das noch übrige von den Aufgängen” und der „heilige Schriftwart” (Hierogrammateús) „die sogenannten Hieroglyphenschriften …; diese handeln von der Weltkunde und Geographie (perì tês kosmographías kai geôgraphias), von dem Stand der Sonne und des Mondes und der fünf Planeten, der Bodenbeschaffenheit Ägyptens (chôrographía) und der Beschreibung des Nils.” Unbehagen und Mißtrauen taugen nicht dazu, den Weg zu verständigen Einsichten zu weisen, sie nötigen nur zu wachsamer Aufmerksamkeit für das Auftauchen neuer denkbarer Alternativen. Mißtrauen regte sich bei mir schon nach wenigen Semestern, vor dem Krieg, gegen die damals in der Ethnologie geltende Auffassung von der Aufeinanderfolge von „Kulturschichten” (eigentlich –stufen), die, vereinfacht ausgedrückt, auf das Wildbeutertum einerseits Hirtentum, andererseits „primitiven Hackbau” (Knollen), alsdann die Hochkultur (Getreideanbau mit Pflug sowie Viehzucht) folgen ließ. Nach dem Krieg wurden sukzessive die ersten Arbeiten von Marcel Griaule und Germaine Dieterlen über die Dogon und Bambara im Westsudan zugänglich, besonders Griaules Dieu d’Eau, welche diese „schlichten Hackbauern” als Hüter archaischer, an altorientalische HochkulC. Alexandrinus, Stromateis VI.4 § 35.4-36.1, in der griechischen Ausgabe von Otto Stählin (1960) 448f, in der deutschen Übersetzung von Franz Overbeck (1936) 514.
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
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tur erinnernder Traditionen erkennbar machten. Später hatte ich die Ehre und das Vergnügen, an Hermann Baumanns Opus Das Doppelte Geschlecht mitzuarbeiten, in dem er den ganzen Kulturund Traditionskomplex des sogenannten „primitiven Ackerbaus” als Abkömmling der vorderasiatischen Hochkultur nachwies. Damit war eine entscheidende Bresche in das Gefüge der vulgär-evolutionistischen Kulturhistoriographie geschlagen. (Auf diesen Befund, speziell auf das fragwürdige Prinzip, Wirtschaftsformen zum Leitmotiv bei der Klassifizierung und Beur- viii teilung von Kulturen zu erklären, hoffe ich in einer späteren Publikation näher eingehen zu können.) Da ich ursprünglich mit Astronomiegeschichte nichts zu schaffen haben wollte, wählte ich zum Gegenstand der Habilitationsarbeit den Mythenkomplex um den Deus Faber – Enki/Ea in Mesopotamien, Ptah in Ägypten, Tvashtri in Indien, Tane/Kane in Polynesien, Hephaistos, Wieland, Goibniu usw. –, um dessen Gehilfen, Meisterwerke, seine Rolle als Besitzer des Lebenswassers sowie seinen Werdegang vom Architekten zum Schmied. Das erste Kapitel galt Enki/Ea und enthielt kein Sterbenswörtchen von Sternen, geschweige denn Planeten. Das zweite, dem polynesischen Tane/Kane gewidmet, war schon fertig getippt, als das Unbehagen in Verzweiflung umschlug, denn verstanden hatte ich keine Silbe von den mehr als zehntausend gelesenen Seiten polynesischer Mythen. Sollte man allen Ernstes zu der Annahme befugt sein, die besten Navigatoren unseres Erdballs hätten ihren Erstgeborenen als „heiliges“, oft auswendig zu lernendes und Nicht-Initiierten vorenthaltenes Wissen ein Konglomerat unterhaltsamer Geschichtchen überliefert? Oder war man nicht verpflichtet, nach dem Sinn dieser Traditionen zu fragen? In der vagen Hoffnung auf irgendeine Erleuchtung oblag ich der Lektüre der verfügbaren Publikationen über die Archäologie des Inselreichs und stieß dabei auf das zur Hawai-Gruppe gehörige, aber von der nächsten Insel 500 Kilometer weit entfernte
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
Necker-Island. Auf diesem, wie ein Angelhaken geformtem, etwa ein Kilometer langem Inselchen wächst kein Baum, sondern nur spärliches Gras und wenige Büsche. Da Süßwasser äußerst rar ist, wird die Insel anstelle von Menschen von Tausenden von Vögeln bewohnt. Gleichwohl weist das Eiland 33 megalithische Kultplätze auf, neben einigen Terrassenanlagen und steinernen menschlichen Figuren. Dieser verblüffende Befund regte den damit befaßten Archäologen Kenneth Emory zu den Fragen an, wer wohl diese Anlage gebaut haben könne3 und welchen anderen Kultanlagen die von Necker am ähnlichsten seien? (Nicht den heiaus auf den großen Hawaiischen Inseln, sondern den maraes im Inneren Tahitis und im Nordwesten des TuamotuArchipels.) Nicht gefragt wurde nach einem zureichenden Grund für so phänomenale Baufreudigkeit auf einem praktisch unbewohnbaren, offensichtlich nur von Zeit zu Zeit besuchten Inselchen – die natürliche Konsequenz eines vorherrschenden Prinzips, das ich „Parzival-Komplex” getauft habe: Mutter Herzeleide hatte dem jungen Helden eingebleut, er solle nur ja niemals „warum?” fragen. Necker-Island liegt ziemlich genau auf dem Wendekreis des Krebses. Dieser Umstand veranlaßte mich zur Betrachtung der Verhältnisse am südlichen Wendekreis des Steinbocks. Diesem am nächsten liegen die Inseln Tubuai und Raivavae. Beide Inseln sind ebenfalls gespickt mit bemerkenswerten Marae-Ruinen; und darüber hinaus spielt Tubuai eine gewichtige, rätselhafte Rolle in der tahitischen Kosmogonie: Die Arme des von Tane getöteten Oktopus – dem indischen Pendant zum rigvedischen Vritra –, die Himmel und Erde fest umklammert hielten, wurden von Maui durchgehauen, fielen herab und bildeten die Insel Tubuai. Präzise auf dem Äquator liegen keine Inseln, aber die nächstliegenden (Fanning, Maiden, Christmas) sind reichlich mit MaraeK.P. Emory, Archaeology of Nihoa and Necker Islands (1928, 116): „Where, then, did the people live who visited Necker for the purpose of erecting maraes or performing rites upon them?”
3
Vorwort zur deutschen Ausgabe
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Ruinen ausgestattet. Es sah (und sieht) so aus, als hätten die Polynesier die Sonnenbahn so säuberlich abgesteckt, wie die geographischen Umstände das erlaubten. Damit fiel der Vorsatz, mich vor Astronomie zu drücken, ins Wasser – und Kapitel II der Deus Faber-Arbeit mußte um einen zweiten Teil unter dem Titel „Wiederaufnahmeverfahren” vermehrt werden, Sonnenwendmythen ließen sich verhältnismäßig leicht identifizieren, aber die Abenteuer von „Göttern” und „Kulturheroen” ergaben weiterhin wenig Sinn. Was war beispielsweise von einem Helden zu halten, der etwas länger als zwei Jahre unterwegs, aber zwischendurch gezwungen war „umzukehren”, der „in den Raum fiel” und vom „rechten Kurs” abkam? Viele Lösungsmöglichkeiten gab es da nicht: Die Erzählungen enthielten Indizien dafür, daß es sich bei vielen Göttern und Helden um Planeten handelt, im speziellen Fall des hawaiischen Aukele-nuia-iku um den Mars. Da ich ungeachtet der größten Hochachtung vor diesen Meisternavigatoren nicht zu glauben vermochte, die Polynesier hätten sich die Technik, Himmelsbewegungen zu „erzählen”, ganz alleine ausgedacht – so wenig wie die Einteilung des Himmels in „3 Wege” –, kam ich zu der „Quelle” zurück, aus der sich alle dem „Hochkulturgürtel” Zugehörigen kräftig bedient haben: auf den Alten Orient; d.h. ich griff (am Weihnachtsabend 1956) zu Franz Xaver Kuglers Sternkunde und Sterndienst in Babel, woselbst der Autor u.a. feststellt (II, 10f), ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. gebe es in Babylonien „wissenschaftliche Astronomie”, d.h. Positionsastronomie, und die Texte zeigten „auch nicht die geringste astrologische oder mythologische Färbung. (…) Ganz anders liegen die Dinge im 7. Jahrhundert v. Chr. und früher. Hier ist fast die gesamte Sternkunde von mythologischen Vorstellungen durchtränkt.” Mit anderen Worten: Vor dem 7. vorchristlichen Jahrhundert verständigten sich die Astronomen „auf mythisch”. Der weitere Weg ergab sich beinahe von selbst, zumal Platon als zweite Kontrollinstanz ausgemacht worden war – die erste blieb
xii
x
Vorwort zur deutschen Ausgabe
die mesopotamische Astronomie. Daß die hier skizzierten Ansichten auf mannigfaltige Ablehnung stoßen würden, war zu erwarten. De Santillana und ich fühlten uns aber wesentlich stärker der Aufgabe verpflichtet, das arg ramponierte Ansehen der frühen intellektuellen Vorfahren wiederherzustellen, als der, auf die vorhersehbaren Empfindlichkeiten von Kritikern Rücksicht zu nehmen. (Vorhaltungen, Hipparchos sei „übergangen” beziehungsweise seine Leistung mißachtet worden, gehen an dem Kern der Probleme vorbei.) De Santillana verwies gerne auf eine diesbezügliche Äußerung Alexander von Humboldts (Ich weiß nicht, an welcher Stelle dieser das gesagt hat und habe versäumt, de Santillana zu fragen): Zuerst werden die Leute eine Sache leugnen; dann werden sie sie verharmlosen; dann werden sie beschließen, sie sei seit langem bekannt. (Die Stufe III ist mancherorts schon erreicht.) Und nun begeben wir uns tunlichst auf die Reise in das Innere der gigantischen Uhr, die den archaischen Kosmos bildet und als zeitmahlende Mühle verstanden – präziser: definiert – worden ist, wenn auch nicht als eine moderne, kontinuierlich rotierende „Mühle”, sondern als eine in alternierender Bewegung gehaltene, einem Drill vergleichbare Apparatur, die einst dem Hamlet gehört hat. Zuvor jedoch muß unseren Freunden vom MIT für tatkräftige Unterstützung und häufigen Zuspruch gedankt werden: Emma Duchane und Jayant Shah, Jerome Lettvin und Philip Morrison, ganz besonders aber dem unermüdlich mit seinem profunden Wissen über die Antike, mit heilsamer Skepsis und strenger Kritik zur Verfügung stehenden Harald A.T. Reiche. Darüber hinaus bin ich Beate Ziegs für ihre engagierte und kompetente Mitarbeit zu großem Dank verpflichtet. Kronberg/Taunus, im August 1992
Hertha von Dechend
Einleitung
1
Einleitung
001
Die unzerreißbaren Fesseln, die den Großen Wolf Fenrir gefangen hielten, hatten Zwerge geschmiedet, und sie bestanden aus dem Lärm des Katzengangs, dem Bart der Frau, den Wurzeln des Berges, den Sehnen des Bären, dem Atem des Fisches und des Vogels Speichel. SNORRI Toute vue des choses qui n’est pas étrange est fausse. VALÉRY
Dieses Buch ist nur ein Versuch. Es ist die erste Erkundung eines Reiches, das so gut wie unentdeckt und auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Aus welcher Richtung auch immer man dieses Reich betritt, wird man von derselben verwirrend zirkulären Komplexität gefangengenommen – wie in einem Labyrinth –, denn es hat keine deduktive Ordnung im abstrakten Sinn. Statt dessen ähnelt es einem Organismus, der fest in sich geschlossen ist, oder besser ausgedrückt: einer monumentalen „Kunst der Fuge“. Die Figur des Hamlet als günstiger Ausgangspunkt ergab sich zufällig. Viele andere Zugänge boten sich an, reich an sonderbaren Symbolen und mit großartigen Bildnissen lockend. Aber die Entscheidung fiel auf Hamlet, weil er den Geist über eine wahrhaft intuitive Frage durch eine vertraute Landschaft führte – eine Landschaft, die sich durch ihre literarische Inszenierung verdient gemacht hat. Hier gibt es einen Charakter, der tief in unserem Bewußtsein gegenwärtig ist, dessen Zweideutigkeiten und Unsicherheiten, selbstquälerische Zweifel und nüchterner Einblick
2
002
Einleitung
eine Vorahnung des modernen Geistes abgeben. Sein persönliches Drama bestand darin, daß er zwar ein Held sein mußte, aber dennoch versuchte, der Rolle zu entkommen, die ihm das Schicksal zugewiesen hatte. Sein klarsichtiger Verstand blieb unangefochten vom Konflikt der Motive – mit anderen Worten: Er hatte und hat tatsächlich ein zeitgenössisches Bewußtsein. Und dennoch verdeckt dieser Charakter – dieser erste unglückliche Intellektuelle, den der Dichter zu einem von uns machte – eine Vergangenheit als legendäre Existenz, deren Grundzüge vorbestimmt und vorgeformt waren von einem alten Mythos. Er war von einer numinosen Aura umgeben, und viele Spuren führten zu ihm. Dennoch war es eine große Überraschung, hinter der Maske eine uralte und allumfassende kosmische Kraft zu entdecken: den ursprünglichen Gebieter des traumhaften ersten Zeitalters der Welt. Aber hinter all seinen Verkleidungen blieb er auf eigenartige Weise immer er selbst. Der ursprüngliche Amlodhi*, wie er in der isländischen Legende genannt wird, zeigt dieselben Wesensmerkmale der Melancholie und des hohen Intellekts. Auch er ist ein Sohn, der dazu auserwählt wurde, seinen Vater zu rächen; auch er spricht geheime aber unausweichliche Wahrheiten aus und ist ein nur schwer faßbarer Bote des Schicksals, der abtritt, sobald seine Mission erfüllt ist, um erneut in die verborgenen Tiefen der Zeit hinabzusinken, denen er angehört: als Herrscher des Goldenen Zeitalters, als der Einstige und Zukünftige König. Dieser Essay wird der Figur immer weiter in die Ferne folgen, vom Nordland nach Rom, von dort nach Finnland, Iran und Indien; unverkennbar wird sie in der polynesischen Legende auf* Im Verlauf dieses Buchs wird der Leser auf verschiedene Schreibweisen stoßen, zum Beispiel Amlodhi und Amlódi, Kai Chosrau und Kaikhosru oder Anaximander und Anaximandros. Begründet liegt dies darin, daß in den Zituten selbstverständlich die jeweilige Originaltranskription wiedergegeben wird, während wir im Haupttext die heute übliche Schreibweise verwenden.
Einleitung
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tauchen. Viele andere Herrschaften und Kräfte werden sich materialisieren, um ihr innerhalb der angemessenen Ordnung eine Gestalt zu geben. In der ungehobelten und lebhaften Vorstellung der altnordischen Völker war Amlodhi identisch mit dem Eigentümer einer sagenhaften Mühle, die zu seiner Zeit Frieden und Reichtum hervorbrachte. Später, als die Zeiten schlechter wurden, mahlte sie Salz; und heute schließlich, nachdem sie auf den Grund des Meeres gesunken ist, zermahlt sie Steine und Sand und läßt einen riesengroßen Strudel entstehen, den Maelström (das bedeutet: der Mahlende Strom, abgeleitet von dem Verb mala, „mahlen”), von dem man annimmt, er habe in das Reich der Toten geführt. Diese Vorstellung entspricht ganz offenkundig einem astronomischen Prozeß, nämlich dem der säkularen Verschiebung der Jahrespunkte entlang dem Tierkreis, wodurch die Weltalter bestimmt werden, die jeweils mehrere tausend Jahre währen. Jedes Zeitalter ruft eine neue Weltepoche hervor, eine Götterdämmerung. Große Strukturen brechen zusammen; Grundpfeiler, die das riesige Gebäude tragen, stürzen ein; Überschwemmungen und Kataklysmen verkünden das Entstehen einer neuen Welt. Anderswo fügte sich die Vorstellung von der Mühle und ihrem Eigentümer zu anspruchsvolleren Metaphern, die den himmlischen Ereignissen mehr entsprachen. In Platons gewaltigem Geist trat die Figur als der Deus Faber hervor, als der Demiurg, der dem Himmel seine Gestalt gab; doch selbst Platon vermochte nicht der Idee zu entfliehen, die er geerbt hatte – der Idee von Katastrophen und dem periodischen Wiederaufbau der Welt. Die Überlieferung wird zeigen, daß man sich die Maße der 003 neuen Welt aus der Tiefe des himmlischen Meeres beschaffen und sie in Einklang bringen mußte mit den Maßen von oben, die von den „Sieben Weisen” – wie sie oft geheimnisvoll in Indien und anderswo genannt werden – diktiert wurden. Es handelt
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Einleitung
sich um die Sieben Wagensterne (alpha bis eta Ursae maioris)1, die für alle Alignments am Fixsternhimmel maßgebend waren. Diese vorherrschenden Sterne des Fernen Nordens sind auf seltsame aber systematische Weise verknüpft mit jenen, die als treibende Kraft des Kosmos gelten, also mit den Planeten, wie sie sich in verschiedenen Anordnungen und Konfigurationen den Zodiak entlangbewegen. In ihrer konventionellen Sprache nannten die alten Pythagoreer die beiden Bären die Hände der Rhea (Herrscherin des sich drehenden Himmels), und die Planeten bezeichneten sie als die Hunde der Persephone, der Königin der Unterwelt. Weiter unten, im Süden, hielt das geheimnisvolle Schiff Argo mit seinem Lotsenstern die Tiefen der Vergangenheit fest; und die Milchstraße war die Brücke, die aus der Zeit hinausführte. Diese Vorstellungen scheinen im Zeitalter vor Beginn der Geschichte eine allgemein akzeptierte Lehrmeinung gewesen zu sein – überall in den Provinzen des Hochkulturgürtels rund um unseren Erdball – und aus der intellektuellen und technologischen Revolution des Spätneolithikums hervorgegangen zu sein. Die Intensität und der Reichtum sowie die Koinzidenz von Einzelheiten in diesem Gesamtkonzept haben zu der Schlußfolgerung geführt, der ganze Komplex sei auf den alten Vorderen Orient zurückzuführen. Das läuft auf eine Diffusion von Ideen hinaus, deren Ausmaß von der zeitgenössischen Anthropologie schwerlich gutgeheißen wird. Obwohl diese Wissenschaft einen wunderbaren Schatz von Einzelheiten ausgegraben hat, verleitet sie ihr moderner Hang zum Evolutionären und Psychologischen dazu, die Hauptgrundlage des Mythos zu vergessen, nämlich die Der Große Bär – korrekter die Große Bärin: hê arktós, woher unsere „Arktis” – ist wesentlich umfangreicher als der Große Wagen. Ptolemaios etwa (Almagest VII 5) verzeichnete 27 Bärinnensteme. Außerdem läuft er in eine andere Richtung als der Wagen fährt: Die Deichsel des Wagens entspricht dem (der zoologischen Gattung nicht eignenden) Schwanz der Bärin. Historisch älter ist die Konzeption eines zirkumpolaren Ursiden, während der Wagen auf die mesopotamische Sphäre zurückgeht, und zwar auf mulMAR.GID.DA, den vierrädrigen Lastwagen der Sumerer.
1
Einleitung
5
Astronomie – die Königliche Wissenschaft. Diese Vergeßlichkeit ist selbst ein Wendepunkt der Ereignisse, der kaum mehr als ein Jahrhundert zurückliegt. Heute erzählen uns Fachphilologen, Saturn und Jupiter seien die Namen nebulöser Gottheiten, unterirdischer oder atmosphärischer, den Planeten in einer „späten“ Epoche aufgesetzt; fein säuberlich sortieren sie Volkstümliches und „späte” Herleitungen aus, ohne zur Kenntnis zu nehmen, daß planetarische Umlaufzeiten – siderische und synodische – bekannt waren und auf zahlreiche Weise bei Festlichkeiten, die bereits in archaischen Zeiten Tradition waren, vorgetragen wurden. Wenn ein Gelehrter nie von diesen Perioden gehört hat – und wie sollte er? Astronomie ist seit langer Zeit in unseren Schulen kein Unterrichtsfach mehr –, so ist er nicht in der besten 004 Position, sie zu erkennen, wenn sie in seinem Material auftauchen, Historiker der alten Zeit wären entsetzt gewesen, wenn man ihnen gesagt hätte, daß offensichtliche Dinge eines Tages unbemerkt bleiben würden. Aristoteles setzte mit Stolz als bekannt voraus, daß die Sterne ursprünglich Götter waren – auch wenn die volkstümliche Phantasie diese Wahrheit später trübte. So wenig er an Fortschritt glaubte, war er doch davon überzeugt, daß dieses Wissen für die Zukunft gesichert sei. Er konnte sich nicht denken, daß William David Ross, sein höchst verdienstvoller neuzeitlicher Herausgeber, herablassend anmerken würde: „Dies ist historisch falsch.” Wir wissen jedoch, daß Samstag und Sabbat etwas zu tun haben mit Saturn, ebenso wie Mittwoch und Mercredi mit Merkur. Solche Namen sind so alt wie die Zeit selbst; mit Sicherheit so alt wie das planetarische Heptagramm der Harranier. Ihr Ursprung reicht weit vor die Griechische Philologie des Professor Ross zurück. Die Nachforschungen großer und akribischer Wissenschaftler wie Ludwig Ideler, Richard Lepsius, Daniel Chwolson, Franz Boll und, um noch weiter zurückzugehen, Athanasius Kircher und Denis Petavius hätten – wenn sie sorgfältig gelesen beziehungsweise überhaupt bemerkt
6
Einleitung
worden wären – den Kulturhistorikern mehrere sachdienliche Lektionen erteilt; aber das Interesse wandte sich anderen Zielen zu, wie man der derzeitigen Anthropologie entnehmen kann, die sich ihr eigenes Gedankengebäude über das „Primitive” und das, was danach kommt, gebastelt hat. In der Bibel, dem unwissenschaftlichsten aller Berichte, kann man noch lesen, Gott habe die Welt numero, mensura, pondere, also nach Zahl, Maß und Gewicht geordnet. Ein alter chinesischer Text sagt: Die Stimmpfeifen gehören in die Domäne von Yin, aber sie beherrschen Yang-Vorgänge. Der Kalender kommt aus der Domäne von Yang, aber er regelt Yin-Vorgänge. Die Stimmpfeifen und der Kalender geben einander ihre wechselseitige Ordnung so präzise, daß man kein Haar dazwischen klemmen konnte.2
Die Menschen lesen das – und denken sich nichts dabei. Doch können solche Hinweise eine Welt von unermeßlicher und fest etablierter Komplexität enthüllen, die unendlich verschieden von unserer ist. Aber die Experten sind benebelt durch die derzeit gängige Volksphantasie, nämlich den Glauben, sie seien über dieses alles hinausgewachsen – Kritiker ohne Fehl und außergewöhnlich weise. Giorgio de Santillana schrieb 1961: Als die Griechen auf den Plan traten, hatte sich bereits der Staub der Jahrhunderte über die Reste dieser großartigen weltweiten Konstruktion gelegt. Aber etwas davon überlebte in traditionellen Riten, in Mythen und Märchen, die keiner mehr verstand. Wo sie beim Wort genommen wurden, zeitigten sie blutige Fruchtbarkeitskulte … , die inzwischen ausschließlich unser Interesse zu beherrschen scheinen. In dem späteren Denken der Pythagoreer und Platons konnten jedoch ihre ursprünglichen Themen, fast vollständig erhalten, wieder hervorbrechen.
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2
Joseph Needham, Science and Civilization in China (1959), II, 270.
Einleitung
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Jedoch sind es quälende Fragmente eines verlorenen Ganzen. Sie lassen einen an jene „verschleierten Landschaften” denken, für die chinesische Maler so berühmt sind – Landschaften, die hier einen Felsen zeigen, hier einen Giebel, dort die Krone eines Baumes und den Rest der Imagination überlassen. Selbst wenn der Code geknackt sein sollte, wenn die Techniken bekannt sein sollten, können wir nicht damit rechnen, das Denken unserer fernen Vorfahren zu ermessen – so eingehüllt, wie es in seinen Symbolen ist. Ihre Worte werden nicht mehr gehört Im Verfließen vieler Weltalter … 3
Wir glauben, nunmehr einen Teil des Codes entschlüsselt zu haben. Der Gedanke, der hinter diesen Konstruktionen der Urzeit steht, ist zudem erhaben, auch wenn seine Formen merkwürdig sind. Die Theorie „wie die Welt begann” scheint das Auseinanderbrechen einer Harmonie einzubeziehen, eine Art „kosmogonische Ursünde”, durch die der Kreis der Ekliptik (mit dem Zodiak) gekippt wurde, um fortan einen Winkel mit dem Himmelsäquator zu bilden – und wodurch die Zyklen des Wandels entstanden. Damit soll nicht unterstellt werden, daß die archaische Kosmologie irgendwelche großen physikalischen Entdeckungen aufzuweisen hätte, obgleich sie erstaunliche Leistungen an Konzentration und Berechnung erforderte. Was sie leistete war, die Einheit des Universums abzustecken – und die des menschlichen Geistes, der sich bis an die äußersten Grenzen dieses Universums herantastete. Tatsächlich tun die Menschen heute dasselbe. Albert Einstein sagte: „Das Unbegreifliche des Universums ist, daß es überhaupt begreifbar sein soll.“ Der Mensch gibt nicht auf. Wenn er Millionen ferner Galaxien und jene quasistellaren Radioquellen entdeckt, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind und seine Berechnungen durcheinander bringen, dann ist er glücklich, in solche Tiefen vordringen zu können. Aber er zahlt 3
G. de Sanlillana, The Origins of Scientific Thought (1961), 19.
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einen schrecklichen Preis für seine Leistung. Die Astrophysik reicht in immer größere Dimensionen hinaus, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber der Mensch als Mensch kann das nicht. In den Tiefen des Weltraums verliert er sich selbst und jeden Begriff von seiner Bedeutung. Es ist ihm nicht möglich, sich in das Konzept heutiger Astrophysik einzufügen, ohne schizophren zu werden. Der moderne Mensch steht dem Unbegreiflichen gegenüber. Der archaische Mensch dagegen hielt das Begreifbare fest im Griff, indem er seinen Kosmos mit einer zeitlichen Ordnung ausstattete und mit einer Eschatologie, die ihm sinnvoll erschien und für seine Seele ein Schicksal bereithielt. Dennoch war es eine erstaunlich umfangreiche Theorie, die keine Konzessionen an bloße menschliche Gefühle machte. Auch sie erweiterte den Geist über das Erträgliche hinaus, allerdings ohne die Rolle des Menschen im Kosmos zu zerstören. Es war eine unbarmherzige Metaphysik. Kein vergebendes Universum, keine Welt der Gnade. Das auf keinen Fall. Unerbittlich wie die Sterne in ihrer Bahn – miserationis parcissimae, wie die Römer sagten. Aber es war eine Welt, die irgendwie achtsam mit dem Menschen umging; eine Welt, in der es für alles einen akzeptierten Platz gab – und zwar einen rechtmäßigen, nicht nur einen statistischen –, wo kein Spatz vom Himmel stürzen konnte, ohne daß jemand es bemerkt hätte, und wo selbst das, was auf Grund eigenen Irrtums verworfen worden war, nicht auf ewig verdammt wurde. Denn die Ordnung der Zahlen und der Zeit war eine absolute Ordnung, die alles bewahrte und an der jeder teilhatte: Götter und Menschen und Tiere, Bäume und Kristalle und sogar absurde Wandelsterne – sie alle waren dem Gesetz und dem Maß unterworfen. Dies ist es, was Platon wußte, der noch die Sprache des archaischen Mythos sprechen konnte. Als er die erste moderne Philosophie schuf, brachte er den Mythos in Einklang mit seinem Denken. Wir haben seinen Fingerzeigen vertraut, als seien es Marksteine, selbst wenn er gelegentlich erklärt, „nicht ganz
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ernsthaft” zu sprechen. Er gab uns die erste vage Richtschnur; er wußte, wovon er sprach. Hinter Platon steht das beeindruckende Lehrgebäude von Pythagoras, dessen Formulierungen mitunter verwunderlich anmuten mögen, das aber über einen beträchtlichen Reichtum an früher Mathematik verfügte sowie über Ansätze zu einer Naturwissenschaft und Metaphysik, die in Platons Zeit zur Blüte gelangen sollte. Aus ihm sind Begriffe wie „Theorem”, „Theorie” und „Philosophie” hervorgegangen. Diese Errungenschaft wiederum beruht auf einer Phase, die man proto-pythagoreisch nennen könnte, die sich über den gesamten Osten ausdehnte und deren einer Brennpunkt wahrscheinlich Susa gewesen ist. Und außerdem gab es die rein numerischen Berechnungen der Babylonier. Alles zusammen führte zu dem seltsamen Prinzip: „Dinge sind Zahlen.” Wenn man einmal einen Faden ergriffen hat, der zeitlich zurückführt, dann besteht die Überprüfung späterer Lehrmeinungen mit ihren eigenen historischen Entwicklungen darin, sie in Übereinstimmung mit Überlieferungen zu bringen, die intakt geblieben sind – selbst wenn sie nur zur Hälfte verstanden werden. Denn es gibt Samen, die sich entlang dem Hauptstrom der Zeit von alleine fortpflanzen. Und Universalität selbst ist ein Test, sofern sie gemeinsam mit einer beständigen Formgebung auftritt. Wenn etwas, das zum Beispiel in China herausgefunden wurde, auch in astrologischen Texten der Babylonier auftaucht, dann muß man es für relevant halten, denn es offenbart einen Komplex ungewöhnlicher Vorstellungen, von denen niemand behaupten kann, sie seien unabhängig oder spontan entstanden. Nehmen wir den Ursprung der Musik. Orpheus und sein qualvoller Tod können eine poetische Schöpfung sein, die in mehr als nur einem Augenblick und an verschiedenen Orten entstand. Wenn Charaktere, die nicht Leier schlagen, sondern Pfeife blasen, geschunden werden, und wenn über ihr identisches Ende
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auf verschiedenen Kontinenten berichtet wird, dann spüren wir, daß wir etwas an die Hand bekommen haben, denn solche Verknüpfungen – wie hier Pfeife blasen und Schinden – lassen sich durch keinerlei interne Logik begründen. Und wenn der Rattenfänger sowohl im mittelalterlichen deutschen Mythos als auch im von Kolumbus noch unentdeckten Mexiko eine Rolle spielt; wenn er an beiden Orten verbunden wird mit bestimmten Attributen wie der Farbe Rot, dann ist das wohl kaum ein Zufall. Überhaupt hat kaum etwas seinen Weg per Zufall in die Musik gefunden. Oder wenn man Zahlen findet wie 108 oder 9x12, die immer wieder erscheinen – als Berechnungen ihres Vielfachen in den Veden, in den Tempeln von Angkor, in Babylon, in Heraklits dunklen Worten und ebenso in der nordischen Walhalla –, dann ist das kein Zufall. Es gibt eine Möglichkeit, Signale auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, die derart in den frühen Daten verstreut sind, in Kunden, Sagen und heiligen Texten. Die Quellen, die wir benutzt haben, mögen seltsam und disparat erscheinen, aber das Aussieben war wohlüberlegt und hatte seine Gründe. Jene Gründe werden wir später, in dem Kapitel über Methodik, nennen. Das Reservoir an Mythen und Sagen ist groß; aber es gibt morphologische „Leuchtzeichen“ für das, was nicht bloßes Erzählen von Geschichten ist, wie es sich ganz natürlich entwickelt. Es gibt auch archaisches Material bei den „sekundären Primitiven” wie den amerikanischen Indianern und den Westafrikanern, das wunderbar erhalten ist. Außerdem sind wir auf höfische Geschichten und Annalen von Dynastien gestoßen, die sich wie Novellen ausnehmen: das Feng Shen Yen I, der japanische Nihongi oder das hawaiische Kumulipo. Das sind nicht bloße Phantasiegespinste. Welche Information hätte ein Mann höheren Stands in harten und gefährlichen Zeiten seinem erstgeborenen Sohn anzuvertrauen? Sicherlich die Abstammungslinie, aber was noch? Die Erinnerung eines Adligen damaliger Zeit diente dazu, die arcana
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imperii, die arcana legis und die arcana mundi zu bewahren, so wie es im alten Rom geschah. Dies ist die Weisheit einer herrschenden Klasse. Gesänge und Mythen, die in strenger Geheimhaltung unterliegenden und den Jünglingen der herrschenden Klasse vorbehaltenen „Weisheitshäusern” gelehrt wurden, handelten vorwiegend von Astronomie. Heilige Schriften sind eine weitere wichtige Quelle. In unserem Zeitalter der Druckkunst neigt man dazu, sie als religiöse Exkursionen in Homiletik abzutun. Ursprünglich repräsentieren sie jedoch die Summe der bedeutsamen Einsichten und Lehren, die man für würdig befunden hatte, von Generation zu Generation tradiert zu werden. Das Wissen der keltischen Druiden wurde nicht nur in Liedern überliefert, sondern auch in der Baumkunde, die so etwas wie einen Code darstellte. Und im Osten entwickelte sich aus komplizierten Spielen, die ihren Ursprung in der Astronomie hatten, eine Art Stenographie, aus der das Alphabet hervorging. Während wir den Hinweisen folgen – Sternen, Zahlen, Farben, Pflanzen, Formen, Versen, Musik, Strukturen –, wird ein gewaltiges Gerüst von Verbindungen auf vielen Ebenen erkennbar. 008 Man befindet sich in einer widerhallenden Mannigfaltigkeit, in der alles antwortet und allem ein Platz und eine Zeit zugewiesen ist. Es ist wirklich ein Gefüge – in etwa vergleichbar mit einer mathematischen Matrix –, ein Weltbild, das die vielen Ebenen ausfüllt, die alle durch das Maß in Ordnung gehalten werden. Dabei handelt es sich um ein Messen, das die Gegenprobe gleich mitliefert, denn es gibt vieles, das identifiziert und neu eingeordnet werden kann, etwa anhand von Regeln wie dem zitierten chinesischen Satz von den Stimmpfeifen und dem Kalender. Wenn wir von Maßen sprechen, so ist die Zeit immer in irgendeiner Form in ihnen enthalten, angefangen mit den beiden grundlegenden Zeiten – dem Sonnenjahr und der Oktave – und von dort über viele Perioden und Intervalle hinabsteigend zu den aktuellen Gewichten und Größen. Was der moderne Mensch
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mit dem rein konventionellen metrischen System versuchte in den Griff zu bekommen, hat archaische Vorläufer von großer Komplexität. Über die Jahrhunderte hinweg ertönt das Echo des erstaunten Ausrufs al-Bīrūnīs, als er vor rund tausend Jahren entdeckte, daß die Inder – zu der Zeit miserable Astronomen – Aspekte und Ereignisse aus den Sternen berechneten, ohne in der Lage zu sein, ihm auch nur einen einzigen der Sterne zu zeigen, nach denen er sich bei ihnen erkundigt hatte. Sterne waren für sie Ziffern geworden; und wurden es erneut für Leverrier und Adams, die es zeit ihres Lebens nicht für nötig hielten, auch nur einen Blick auf Neptun zu werfen, obwohl sie ihn 1847 berechnet und entdeckt hatten. Die Mayas und Azteken scheinen bei ihren unendlichen Berechnungen ähnliche Attitüden entwickelt zu haben. Was zählte, waren die Zusammenhänge. Sie waren im archaischen Universum der Weisheit letzter Schluß, einem Universum, in dem alle Dinge als Symbole und Signaturen füreinander standen, eingeschrieben in das Hologramm, um ihnen auf feinste Weise Weissagungen zu entnehmen. Und über allem herrschte die Zahl (Appendix 1). Die alte Welt rückt etwas näher, wenn man sich an zwei große Persönlichkeiten der Übergangszeit erinnert, die in ihrem Habitus und Denken sowohl archaisch als auch modern waren. Die erste ist Johannes Kepler, der in seinen beharrlichen Berechnungen und seiner leidenschaftlichen Hingabe an den Traum, die „Harmonie der Sphären“ wiederzuentdecken, ein Wissenschaftler der alten Schule war. Aber er war auch ein Mensch seiner eigenen Zeit – wie auch der unseren –, als sein Traum begann, jene Polyphonie anzudeuten, die später zu Johann Sebastian Bach führte. Auf dieselbe Art hat unser streng naturwissenschaftliches Weltbild sein Gegenstück in dem, was der Musikhistoriker John Hollander als „Das Verstimmen des Himmels” beschrieben hat. Die zweite Persönlichkeit der Übergangszeit ist kein geringerer als Isaac Newton, der eigentliche Begründer der exakten naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise, Newton in diesem Zu-
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sammenhang zu nennen, ist kein Paradoxon. John Maynard Keynes sagte über ihn: Newton war nicht der erste des Zeitalters der Vernunft. Er war der letzte der Magier, der letzte der Babylonier und Sumerer, der letzte große Geist, der nach der sichtbaren und verstandesmäßig begreif- 009 baren Welt mit denselben Augen Ausschau hielt wie jene, die vor knapp 10.000 Jahren begannen, unsere nach dem Verstand ausgerichtete Welt zu erschaffen … Warum nenne ich ihn einen Magier? Weil er das gesamte Universum und alles, was in ihm enthalten ist, als ein Rätsel betrachtete, als ein Geheimnis, das gelesen werden kann, indem man das reine Denken auf bestimmte Offenkundigkeiten, auf bestimmte mystische Hinweise lenkt, die Gott über die Welt verstreute, um der esoterischen Bruderschaft so etwas wie eine philosophische Schatzsuche zu gestatten. Er glaubte, diese Schlüssel seien zum Teil in der Erkenntnis des Himmels und in der Konstitution der Elemente aufzufinden (und das führt zu der irreführenden Annahme, er sei ein experimenteller Naturphilosoph gewesen); aber ebenso zum Teil in gewissen Papieren und Überlieferungen, die von den Mitbrüdern in einer ungebrochenen Kette, die zurück bis zu den ursprünglichen kryptischen Enthüllungen der Babylonier reicht, weitergegeben worden waren. Für ihn war das Universum ein vom Allmächtigen erdachtes Kryptogramm – so wie er selbst die Entdeckung der Differentialrechnung in ein Kryptogramm verpackte, als er mit Leibniz korrespondierte. Das Rätsel würde sich, so glaubte er, durch reines Denken, durch Konzentration des Geistes dem Eingeweihten offenbaren.4
Die Würdigung von Keynes, etwa 1942 geschrieben, ist sowohl unkonventionell als auch profund. Er wußte – wir alle wissen – daß Netwon irrte. Seine hartnäckigen, sektiererischen Vorurteile führten ihn auf Abwege. Aber sein Unternehmen stand wirklich im Zeichen des archaischen Geistes, wie wir heute, nach zwei Jahrhunderten wissenschaftlicher Erforschung vieler Kulturen, von denen er keine Ahnung gehabt haben konnte, sagen J.M. Keynes, „Newton the Man”, in The Royal Society. Newton Tercentenary Celebrations (1947), 29. 4
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können. Zu den wenigen Schlüsseln, die er mit exakter Methode fand, sind viele hinzugekommen. Dennoch bleibt das Wunder übrig. Es ist dasselbe Wunder, das sein großer Vorgänger Galileo Galilei so umschrieb: Aber wie ragt über alle staunenswerten Erfindungen die Geisteshöhe dessen hervor, der sich vornahm, ein Mittel zu finden, um seine verborgensten Gedanken jedwedem anderen mitzuteilen, wie weit entfernt durch Raum und Zeit er auch sei? Mit denen zu reden, die in Indien sind, zu denen zu sprechen, die noch nicht geboren sind, die erst nach tausend und zehntausend Jahren geboren sein werden? Und mit welcher Leichtigkeit? Durch verschiedene Verbindung einiger zwanzig Zeichen auf einem Blatt Papier. Laßt dies das Siegel aller bewundernswerten Erfindungen der Menschen sein.5
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Im sechsten Jahrhundert A.D. schrieb Gregor von Tours: „Der Geist hat seine Schneide verloren, wir verstehen die Alten kaum noch.“ Das gilt um so mehr für die heutige Zeit – trotz unseres Schwelgens in populärer Mathematik für die Massen und in anspruchsvoller Technologie. Es ist unbestreitbar, daß – ungeachtet der Anstrengungen unserer Klassischen Philologen – das Dahinsiechen klassischer Studien, die Preisgabe jeglichen vertrauten Umgangs mit Griechisch oder Latein die Nabelschnur zerschnitten hat, die unsere Kultur – zumindest auf ihrem höchsten Niveau – mit Griechenland verband, und zwar auf dieselbe Art und Weise wie die Menschen der pythagoreischen und orphischen Tradition durch Platon und einige andere mit dem ältesten Nahen Osten verbunden waren. Langsam wird klar, daß diese Zerstörung zu einem neuzeitlichen Mittelalter führt, das weitaus schlimmer ist als das erste. Höhnisch grinsend werden die Menschen sagen: „Haltet die Welt an, ich will aussteigen.” Aber das läßt sich nicht bewerkstelligen; so entwickeln sich die Dinge eben, wenn sich jeder Beliebige an Galilei, Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, übersetzt von Emil Strauss (1891, Neuausgabe 1982), 110.
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dem exklusiven Wissen vergreifen kann, das die Naturwissenschaft ist und als solches immer gedacht war. Aber, wie Goethe bereits ganz zu Beginn des Fortschrittszeitalters sagte: „Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.” Es könnte noch einmal eine Art „Renaissance” aus der hoffnungslos für unbrauchbar erklärten und mit Füßen getretenen Vergangenheit aufscheinen, sofern gewisse Ideen wieder zum Leben erweckt werden – und wir sollten unsere Enkel nicht um die letzte Chance bringen, an dem Erbe der am höchsten entwickelten und so weit entfernten Zeit teilzuhaben. Gerade jetzt gibt es noch etwas Tageslicht, bei dem diese erste schnelle Erkundung umgehend in Angriff genommen werden sollte. Notwendigerweise wird sie große und signifikante Bereiche auslassen; aber nichtsdestoweniger wird sie viele unerwartete Seitenpfade und Spalten der Vergangenheit erforschen.
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Der Bericht des Chronisten
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1 Der Bericht des Chronisten … Fleckenloser, schillernd vom Rate, Gewaltiger, wahrhafter Titan; Alles verschlingst du, um selbst es zu mehren. Du hältst die unzerreißbare Fessel Um das unermeßliche All … Aller Zeugung Beherrscher, du wohnst Über des Weltalls Teile dahin. Höre, Verschlagener, Trefflichster, Meine flehende Stimme. Aus den Orphischen Hymnen
Der angemessene Zugang zum Königreich jenes Hamlet, der vor Shakespeare existierte, ist der schlichte Bericht, den Saxo Grammaticus (ca. 1150-1216) in den Büchern III und IV seiner Gesta Danorum gegeben hat. Mit leichten Kürzungen geben wir hier die deutsche Übertragung von Gerhart Sieveking wieder. Die Geschichte beginnt mit den Heldentaten von Hamlets Vater Orwendel – insbesondere seinem Sieg über den norwegischen König Koller –, die Orwendels Bruder Fenge dazu trieben, „von Neid entbrannt” Orwendel zu ermorden (Appendix 2). Außerdem brachte er „auch die Gattin des hingeschlachteten Bruders in seine Gewalt und fügte so dem Brudermord die Blutschande hinzu.“ (So jedenfalls sah es Saxo.) Als Hamlet dies sah, faßte er den Entschluß, um ja nicht durch allzu kluges Handeln bei seinem Oheim Verdacht zu erwecken, Tölpelhaftigkeit vorzutäuschen, weswegen er eine bis zum Äußersten vorgeschrittene Geistesgestörtheit erheuchelte. Auf diese schlaue Art verbarg er nicht nur seinen natürlichen Verstand, sondern schützte auch sein Leben. Täglich umschlich er den mütterlichen
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Kapitel 1 Herd in der völlig kraftlosen Haltung eines Verstoßenen, warf sich mit dem ganzen Körper auf die Erde hin und bespritzte sich mit Unflat und mit ekelhaftem Dreck. Die besudelte Farbe seines Mundes und sein mit Jauche verschmiertes Gesicht trugen die lächerliche Blödigkeit des Schwachsinns zur Schau. Was immer seine Stimme von sich gab, war nichts anderes als albernes Zeug; was immer er an Arbeit vorwies, stank nach bodenloser Ungeschicklichkeit … Zuweilen setzte er sich an den Herd, fegte mit seinen Händen die Asche weg und pflegte dort hölzerne Klammern anzufertigen und sie im Feuer zu härten. Ihre äußersten Spitzen versah er mit einer Art entgegenstehender Widerhaken, damit sie sich durch solche Verzahnungen noch zäher festzusetzen vermöchten. Auf die Frage, was er da mache, erzählte er, daß er spitze Pfeile zurüste, um seinen Vater zu rächen. Die Antwort enthielt nicht wenig Gespött, da ja die Nichtigkeit seiner lächerlichen Arbeit von allen gering geschätzt wurde, wahrend diese Sache ihm jedoch späterhin bei seinem Vorhaben helfen sollte. Doch diese Kunstfertigkeit erweckte bei den einsichtigen Beobachtern zuerst den Argwohn, daß es sich bei ihm vielleicht um eine schlaue List handeln könne. Schon der Fleiß für ein so geringfügiges Werk offenbarte eine rätselhafte Naturanlage seines Urhebers … Außerdem pflegte er den Haufen der vorne angebrannten Hölzchen mit peinlicher Sorgfalt aufzubewahren. Es gab also einige, die behaupteten, er besitze einen rüstigen Geist, und die der Ansicht waren, er verstecke nur seine Klugheit hinter der vorgeschützten Einfalt … Diese Finte aber könne am besten entlarvt werden, wenn man ihm irgendwo im Verborgenen eine Frau von hervorragender Schönheit zuführe, die seinen Geist zu den verlockenden Spielen der Liebe anreize … Wenn er seinen Stumpfsinn also nur vortäusche, dann müsse es dazu kommen, daß er sich bei einer derart vorbereiteten Gelegenheit auf der Stelle den Wirkungen der Wollust ausliefern werde. Es wurde deshalb für Leute gesorgt, die den Jüngling zu einem Ritt in weit abliegende Teile des Waldes verführen und ihn dort mit einer Art Versuchung überrumpeln sollten. Unter ihnen befand sich zufällig ein Milchbruder Hamlets, dem die Rücksicht auf ihre gemeinsame Erziehung noch nicht aus dem Herzen geschwunden
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war. Dieser … folgte Hamlet unter den zugewiesenen Begleitern mehr in der Absicht, ihn zu warnen, als ihm eine Falle zu stellen. Denn er zweifelte nicht daran, daß jener den Tod erleiden müsse, wenn er auch nur ein geringes Anzeichen von verständigem Geiste darböte, vor allem aber, wenn er sich offenkundig den Genüssen der Liebe hingäbe. Dies war auch Hamlet selbst nicht unbekannt. Als er drum aufgefordert wurde, aufs Pferd zu steigen, setzte er sich mit Absicht so auf dessen Nacken, daß er dem Hals des Pferdes seinen Rücken zukehrte, mit seiner Vorderseite aber den Schwanz erblickte. Den begann er auch mit dem Zaumzeug zu umschlingen, gleichsam als ob von dieser Seite her das Ungetüm des galoppierenden Pferdes gelenkt werden müsse … Es war ein recht lächerlicher Anblick, als nun das Pferd ohne Zügel davonlief, während sein Reiter den Schwanz leitete. So ritt Hamlet dahin. Als ihm nun plötzlich aus dem Waldesdickicht ein Wolf entgegensprang und die Begleiter spöttisch behaupteten, da sei ihm ein Füllen zugelaufen, erwiderte er beiläufig, es dienten nur sehr wenige von dieser Art in Fenges Kriegstroß – womit er auf eine ebenso feine wie witzige Weise die Reichtümer seines Oheims verächtlich machte und verhöhnte. Während die anderen dieser klugen Antwort nur den üblichen Sinn beilegten, meinte er selbst das, was er gesagt hatte, auch wirklich im Ernst. Im Bestreben nämlich, sich aller Falschheit fernzuhalten, vermischte er seine schlaue Verstellung mit einer aufrichtigen Redeweise, damit es seinen Aussprüchen nicht an Wahrhaftigkeit fehle und trotzdem das Maß seines Scharfsinns sich nicht durch eine klare Formulierung des Wahren verrate. Sie ritten auch am Strande entlang, und dabei stieß er auf das Steuerruder1 eines gescheiterten Schiffes. Als nun seine Begleiter zu ihm sagten, da habe er ja ein ungewöhnlich mächtiges Messer gefunden, meinte er: „Es ist auch dazu bestimmt, einen gewaltigen Schinken zu schneiden” – womit er sicherlich das Meer bezeichnen wollte, dessen unermeßlicher Weite die Größe des Steuerruders entspreche. Als sie an den Sanddünen vorbeiritten und ihm bedeutet Bei Saxo gubernaculum [3.6.10; Gesta Danorum, hrsg. von C. Knabe und P. Herrmann (1931), 79]. 1
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Kapitel 1 wurde, er müsse den Sand als Grießkörner ansehen, antwortete er, die seien ja auch von den weißschimmernden Sturmwogen des Meeres ausgemahlen worden. Und wenn die Begleiter seine Antwort lobten, pflegte er ganz ernsthaft zu versichern, er habe ihnen sachverständig zugehört. Schließlich ließen sie ihn mit der Absicht allein, damit er dadurch größere Kühnheit gewönne, sich der Wollust hinzugeben. So traf er an einem verborgenen Plätzchen wie durch einen günstigen Zufall mit jenem Mädchen zusammen, das von seinem Oheim dorthin geschickt worden war. Und er hätte auch seine Begierde an ihm gestillt, wenn ihn nicht sein Milchbruder durch eine stumme Botschaft, die er ihm zukommen ließ, auf den Anschlag aufmerksam gemacht hätte … Erschreckt durch den Argwohn eines Hinterhaltes, ließ er darum von seinen Umarmungen ab und führte das Mädchen, damit er es umso sicherer nach seinem Wunsch besitzen könne, weit weg in ein sumpfiges und unwegsames Gelände. Auch beschwor er es nach ihrer Liebesvereinigung inständig, es dürfe die Sache niemandem verraten. Und tatsächlich wurde mit dem gleichen Eifer Stillschweigen erbeten und versprochen. Es ergab sich nämlich, daß eine gemeinsame Erziehung von früher her Hamlet mit dem Mädchen in engster Vertrautheit verband, weil sie beide in ihrer Kindheit dieselben Betreuer gehabt hatten. Als er daher nach Hause zurückgeführt worden war und ihn dort alle spöttisch fragten, ob er sich der Liebe hingegeben habe, gestand er zwar, daß das Mädchen von ihm besessen worden sei. Als sie aber weiter fragten, an welchem Ort er dies vollbracht und was für eine Unterlage er dazu benutzt habe, sagte er, er habe auf dem Huf eines Zugtieres, auf einem Hahnenkamm und auch auf Dachsparren geruht. Um eine Lüge zu vermeiden, hatte er nämlich kleine Stückchen von all diesen Dingen gesammelt, bevor er ausgezogen war, um in Versuchung geführt zu werden … Auch das Mädchen wurde über die Sache befragt, erklärte jedoch, er habe nichts dergleichen ausgeführt. Dieser Ableugnung schenkte man Glauben, und zwar um so eher, als auf keine Weise bekannt wurde, daß Helfershelfer in die Tat eingeweiht gewesen waren … Da aber alle andern den geheimnisvollen Riegel, der vor dem Treiben des Jünglings lag, nicht hatten sprengen können, äußerte
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einer von Fcnges Freunden, der bedeutend mehr Eigendünkel als Einsicht besaß, niemals werde sich seine verschlagene Wesensart durch eine gewöhnliche List enthüllen lassen. Seine Hartnäckigkeit sei viel zu zäh, als daß man sie auf so leichte Probe stellen dürfe … Darum, so sagte er, habe er selber nun die Denkkraft seines Geistes angestrengt und einen feiner berechneten Weg herausgefunden, der sich ohne Schwierigkeiten betreten lasse und in dieser Aufgabe am sichersten zum Ziele führe. Er rate nämlich, während Fenge sich unter dem Vorwand eines außerordentlichen Unternehmens absichtlich nach auswärts begeben habe, Hamlet allein mit seiner Mutter in ein Zimmer einzuschließen, vorher aber für einen Mann zu sorgen, der, ohne daß die beiden es wüßten, in einem verborgenen Winkel des Gemaches versteckt sei und sich ganz genau merken müsse, was bei ihrer Unterredung herauskomme … Derselbe Mann bot sich sehr eifrig als Helfer für das Aushorchen an, damit er sich schmeicheln könne, nicht nur der Erfinder, sondern auch der Vollstrecker des Planes zu sein, Fenge war über diesen Vorschlag erfreut und verließ den Hof, indem er eine weite Reise vortäuschte. Der aber, welcher den Rat gegeben hatte, schlich sich unbemerkt in die Kammer, in welcher Hamlet mit der Mutter eingeschlossen wurde, und versteckte sich, indem er unters Bettstroh kroch. Allein Hamlet wußte sich gegen den Anschlag zu helfen. In der Befürchtung nämlich, er könne von den Ohren irgendeines 014 heimlichen Horchers belauscht werden, fiel er zunächst in seine übliche alberne Gewohnheit zurück, fing nach Art eines aufgeregten Hahnes zu krähen an und schlug die Arme wie flatternde Flügel zusammen. So bestieg er das Strohlager und begann sich auf diesem in heftigen Sprüngen hin und her zu schleudern, weit er prüfen wollte, ob darin irgendein Versteck verborgen sei. Und als er etwas Massiges unter seinen Füßen spürte, durchwühlte und durchstocherte er die unter ihm liegende Stelle mit dem Schwert, zog den Mann aus seinem Schlupfwinkel heraus und stach ihn nieder. Den Leichnam zerhieb er in Stücke, kochte diese in siedendem Wasser, schüttete sie durch das offene Loch des Abtritts, damit die Schweine sie bis aufs Gebein verschlingen könnten. Dann bestreute er die armseligen Gebeine mit faulendem Kot. Nachdem er auf diese Weise den Anschlag zunichte gemacht hatte, suchte er die Kammer wieder auf.
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Kapitel 1 Und als nun die Mutter sich in seiner Gegenwart mit großem Geheul und Gejammer über die Geistesschwäche ihres Sohnes auszuweinen begann, sagte er: „Warum bemühst du dich, allerschändlichste der Frauen, mit erheuchelter Wehklage dein unerhört schweres Verbrechen zu verbergen? Du, die du in der ausschweifenden Art einer Dirne einen ruchlosen und abscheulichen Gatten umarmen willst, und ihn, der doch den Vater deines Kindes umgebracht hat, schamlos mit verführerischen Schmeicheleien umwedelst? …” Mit so harten Worten schalt Hamlet seine Mutter, rief sie auf, sich wieder zu einer tugendhaften Haltung zu erheben, und machte ihr klar, daß sie die vergangene Liebe höher zu stellen habe als die gegenwärtigen Verlockungen. Als Fenge zurückgekehrt war und den Anstifter der hinterhältigen Belauschung nirgends fand, ließ er diesem durch eine langwierige Untersuchung eifrig nachforschen, doch konnte niemand sagen, er habe ihn irgendwo gesehen. Zum Scherz wurde Hamlet ausgefragt, ob er irgendeine Spur von ihm entdeckt habe. Da berichtete er, jener sei auf den Abtritt gegangen und in dessen Tiefe versunken. Er sei von der übergroßen Masse des Kotes begraben und von den Schweinen, die überall darin herumgewühlt hätten, aufgefressen worden. Obwohl diese Aussage ein Geständnis der Wahrheit darstellte, war sie für die Zuhörer, weil sie ihrer äußeren Form nach läppisch erschien, nur ein Anlaß zum Spott. Da Fenge seinen Stiefsohn, den er im Verdacht hatte, daß er sich unzweifelhaft verstellte, aus dem Wege schaffen wollte, dies aber aus Furcht, es würden dessen Großvater Rörik und auch seine eigene Gemahlin daran Anstoß nehme, nicht auszuführen wagte, kam er auf den Einfall, ihn durch die Gefälligkeit des Königs von England töten zu lassen, suchte also mit Hilfe der Dienste eines Freundes den Anschein eigener Unschuld zu erwecken … Bevor aber Hamlet abreiste, wies er die Mutter heimlich an, die Halle mit geknüpften Wandbehängen auszustatten und nach Jahresfrist heuchlerisch seine Totenfeier zu begehen, während er zu derselben Zeit zurückzukehren versprach. Mit ihm zusammen begaben sich zwei Gefolgsleute Fenges auf die Fahrt, die auf Holz geschnitzte Schriften … mit sich führten, worin dem König von England aufgetragen wurde, den ihm zuge-
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schickten Jüngling zu töten. Hamlet durchsuchte, während sie der Ruhe pflegten, ihre Kästchen und entdeckte die Schriften. Als er gelesen hatte, was für Aufträge in den Brief eingezeichnet waren, schabte er ihn sorgfältig ab und ritzte an deren Stelle neue Runen ein, wodurch er den Wortlaut des Auftrages veränderte und seine eigene Verurteilung in die seiner Begleiter umwandelte. Noch nicht damit zufrieden, das Todesurteil von sich abgewälzt und die Gefahr auf die andern übertragen zu haben, fügte er der gefälschten Unter- 015 schrift Fenges außerdem einen Nachsatz bei, der die Bitte enthielt, der König von England möge dem ihm zugeschickten überaus klugen Jüngling seine Tochter zur Ehe geben. Als man nun in England angelangt war, begaben sich die Gesandten zum König und überreichten ihm den Brief, welchen sie für ein Werkzeug zu des andern Unheil hielten, während er doch ihren eigenen Tod befahl. Der König ließ nichts davon merken und nahm sie mit gastfreundlicher Höflichkeit auf. Da wies nun Hamlet alles, was an königlichen Speisen aufgetischt wurde, zurück, als sei es alltägliche Massenkost, verschmähte in auffälliger Enthaltsamkeit die üppige Fülle des Mahles und lehnte nicht minder als das Essen auch das Getränk ab. Es erregte allgemeines Erstaunen, daß der einer fremden Sippe entsprossene Jüngling gegen die aufs sorgfältigste zubereiteten Genüsse der königlichen Tafel und die mit den üppigsten Zutaten versehenen Leckerbissen solchen Widerwillen empfand, als handle es sich um einen rohen Imbiß. Nachdem der König die Tafel aufgehoben und die Gastfreunde zur Ruhe geleitet hatte, sorgte er dafür, sie durch einen in ihrem Schlafgemach versteckten Mann heimlich belauschen zu lassen, um den Inhalt der nächtlichen Gespräche seiner Gäste zu erfahren. Als nun Hamlet von seinen Gefährten gefragt wurde, warum er eigentlich die gestrigen Speisen von sich gewiesen habe, als wären sie Gift, behauptete er, das Brot sei mit geronnenem Blut durchsetzt gewesen, der Trank habe nach Eisen geschmeckt, die Fleischgerichte aber hätten den Dunst menschlicher Leichen ausgeströmt und seien ihm infolge des daran haftenden Verwesungsgeruches irgendwie verderbt erschienen. Er fügte noch hinzu, der König besitze knechtische Augen und die Königin habe bei drei Verrichtungen die Gewohnheiten einer Magd
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Kapitel 1 zur Schau getragen. So setzte er nicht nur das Mahl, sondern vielmehr noch dessen Veranstalter mit höchst schmählichen Vorwürfen herab. Da begannen ihm alsbald die Gefährten seine frühere Geistesgestörtheit vorzuhalten und ihn mit ausgelassenem Gespötte zu verhöhnen … Als der König dies durch seinen Gefolgsmann erfahren hatte, ließ er vernehmen, der Sprecher solcher Worte müsse entweder übermenschlich klug oder übermenschlich töricht sein … Darauf ließ er seinen Verwalter herbeirufen und erkundigte sich, woher er das Brot bezogen habe … , wo das Getreide zu dem Mehl gewachsen sei und ob sich dort irgend ein Anzeichen finden lasse, das auf ein Vergießen von Menschenblut hinweise. Jener antwortete, ganz in der Nähe liege ein Feld, mit den alten Gebeinen Erschlagener übersät, das noch immer deutliche Spuren eines früheren Gemetzels aufweise … Als der König dies gehört … , war er bemüht, auch noch in Erfahrung zu bringen, woher der Speck stamme. Jener gestand, seine Schweine seien infolge einer Unachtsamkeit aus ihrer Hürde ausgebrochen und hätten die verwesende Leiche eines Wegelagerers angefressen, daher sei möglicherweise der an Verderbnis erinnernde Geschmack in ihr Fleisch gedrungen. Als der König also auch in dieser Sache festgestellt hatte, daß Hamlets Bemerkung auf Wahrheit beruhte, forschte er weiter, mit was für Flüssigkeit jener denn den Trank gemischt habe. Als er erfuhr, dieser sei ganz richtig aus Spelt und Wasser zusammengebraut worden, ließ er sich den Ort des Quellbrunnens zeigen und dort in die Tiefe graben. Da fand er mehrere von Rost zerfressene Schwerter, aus deren Zersetzung das klare Wasser sich seine Trübung hergeholt haben mußte. Andere erzählen, der Trunk sei Hamlet deshalb aufgefallen, weil er beim Ausschöpfen Bienen angelockt hätte, die sich vorher im Wanst eines Toten beschmiert hätten, und sein Geschmack habe dadurch einen Stich erlitten, weil das einst dem Honig Beigemengte sich nun wieder bemerkbar gemacht habe … [Der König] suchte … heimlich seine Mutter auf und fragte sie eindringlich, wer sein Vater gewesen sei. Als diese behauptete, sie habe sich niemandem außer dem Könige hingegeben, drohte er ihr, er werde den wahren Sachverhalt durch eine strenge Untersuchung aus ihr herausbekommen. Da vernahm er, daß er von einem Knechte abstamme, und erlangte
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durch dieses erpreßte Geständnis den Beweis für seine ihm angemerkte zweideutige Herkunft. Wie sehr ihn auch die Schande seiner Geburt niederbeugte, so entzückte ihn doch die Klugheit des Jünglings. Deshalb fragte er ihn nun selbst, warum er die Königin mit dem Vorwurf knechtischer Sitten bemäkelt haben. Während er sich jedoch nach der nächtlichen Rede des Gastes nur über das getadelte Benehmen seiner Gattin hatte ärgern müssen, erfuhr er jetzt, daß diese sogar von einer unfreien Mutter abstamme … Der König verehrte seinen Scharfsinn als eine gleichsam göttliche Veranlagung, gab ihm seine Tochter zur Frau und legte fortan auf seine Zustimmung wie auf eine Art himmlisches Zeugnis hohen Wert. Im übrigen ließ er die Gefährten des Jünglings, um den Aufträgen seines Freundes nachzukommen, anderntags durch den Strick beseitigen. Diese Gefälligkeit nahm Hamlet, indem er zum Schein den Gekränkten spielte, wie eine Beleidigung auf und empfing deshalb als angebliches Bußgeld vom Könige Gold, das er bald darauf heimlich in ausgehöhlte Stöcke einzugießen bemüht war. Nachdem er ein Jahr bei ihm zugebracht hatte, erbat er sich Urlaub, um in die Heimat zu reisen, und nahm nichts mit vom ganzen Hort der königlichen Schätze außer den Stöcken, die das Gold bargen. Sobald er Jütland erreicht hatte, vertauschte er seine Lebensart wieder mit den früheren Angewohnheiten: was er zur Erlangung eines ehrenvollen Ansehens benutzt hatte, das verwandelte er absichtlich wieder zurück in den Anschein eines lächerlichen Gebarens. So betrat er, mit Schmutz besudelt, die Halle, worin gerade sein Totenmahl gefeiert wurde, und flößte allen lähmendes Entsetzen ein, hatte sich doch fälschlicherweise das Gerücht verbreitet, er sei umgekommen. Zuletzt aber wich der Schreck dem Gelächter, und die Tischgenossen warfen einander scherzend vor, nun werde ein Lebender zugegen sein, dem sie doch wie einem Verstorbenen das Grabgeleit gegeben hätten. Er wurde auch ausgefragt, wo denn seine beiden Begleiter seien. Da wies er jene Stöcke vor, die er mit sich führte, und sagte: „Das ist der eine und das der andere.” Man weiß wirklich nicht, ob er dies noch wahrheitsgemäßer oder noch witziger hätte vorbringen können. Jedenfalls wich seine Rede, obwohl sie von den meisten für leeres Geschwätz gehalten wurde,
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Kapitel 1 dennoch nicht von der Wahrheit ab, wies sie doch, statt auf die Gehängten auf das Wergeld für sie hin. Hierauf tat er sich mit den Mundschenken zusammen, um die Heiterkeit der Zechgenossen noch mehr zu steigern, und versah mit großer Aufmerksamkeit den Dienst des Eingießens. Damit ihn aber sein sehr bauschiges Gewand beim Gehen nicht behindere, umgürtete er die Hüfte mit dem Schwert, das er absichtlich mehrmals herauszog, so daß er sich an dessen Schneide den Finger verletzte – weshalb die Umstehenden dafür sorgten, daß das Schwert durch einen eisernen Nagel in der Scheide festgeheftet wurde. Um sich nun einen möglichst sicheren Weg für seinen Anschlag zu bahnen, goß er den aufs Ziel genommenen Adligen die Becher immer wieder von neuem voll und überschüttete sie dermaßen mit unvermischtem Wein, daß ihre Füße vor Trunkenheit schwankten. So überließen sie sich mitten in der Königshalle dem Schlaf und benutzten denselben Platz zum Festmahl und zur Lagerstatt. Als er sie nun im geeigneten Zustand für seine Anschläge sah und ihm die Gelegenheit für sein Vorhaben günstig erschien, holte er die einst zurechtgeschnitzten Hölzchen aus der Tasche, betrat das Gemach, in welchem die Vornehmsten mit hingestreckten Leibern überall am Boden herumlagen und ihren mit Schlaf untermischten Rausch ausrülpsten, zerriß die Halteschnüre des von der Mutter geknüpften Vorhangs, der die Innenwände der Halle verhüllte, und brachte ihn dadurch zum Niederfallen. Nachdem er ihn über die Schlafenden geworfen hatte, band er mit Hilfe der Widerhaken seiner Hölzchen ein so unentwirrbares Knotenkunstwerk zusammen, daß keiner der Darunterliegenden, und hätte er sich noch so kräftig dagegen gestemmt, imstande war, sich zu erheben. Drauf schleuderte er eine Fackel ins Gebälk, die mit rasch um sich greifenden Flammen eine ausgedehnte Feuersbrunst hervorrief, welche das ganze Haus befiel, die Königshalle verzehrte und alle, die da entweder im tiefen Schlummer lagen oder sich vergeblich aufzurichten suchten, verbrannte. Von dort eilte er in das Schlafgemach Fenges, der schon eher vom Gefolge in seine Behausung geführt worden war, riß das Schwert, das zufällig über der Bettstatt hing, an sich und hängte sein eigenes an dessen Stelle. Dann weckte er den Oheim auf, indem
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er ihm zurief, seine edle Gefolgschaft gehe im Feuer zugrunde, Hamlet sei da und habe sie mit Hilfe seiner alten Klammern eingeschnürt. Jetzt aber dürste er danach, die gebührende Rache für die Ermordung seines Vaters auszuüben. Auf diesen Anruf hin sprang Fenge vom Lager auf, wurde aber, da sein eigenes Schwert ihm fehlte und er das fremde vergeblich aus der Scheide zu ziehen versuchte, niedergemacht. So geschah es, daß der unerschrockene und für ewig nennenswerte Mann, der hinter erlogener Einfalt sich äußerst klug anstellte und seine über den üblichen Menschenverstand weit erhabene Weisheit durch eine bewundernswerte Vortäuschung von Narrenspossen verhüllte, sich von der Schlauheit nicht nur einen Schutzmantel für sein eigenes Leben zu borgen verstand, sondern unter ihrem Geleit auch die Mittel gefunden hatte, seinen Vater zu rächen. Ob man ihn, der auf diese Art sowohl sich selbst geschickt gesichert und zugleich seinen Vater so tatkräftig gerächt hat, mehr wegen seiner Kühnheit oder mehr wegen seiner Klugheit bewundern soll, das bleibt dahingestellt.
Es ist ein weiter Weg von Saxos Erzählung und ihrer plumpen Fassung zu dem Raffinement William Shakespeares. Nirgends wird das deutlicher als in der Szene im Gemach der Königin mit seinem Strohhaufen auf dem Boden, seinen siedenden Kesseln, seiner offenen Kloake und der rüden Manier der Beseitigung des „Polonius”. Alles entspricht ungeschliffenem Mittelalter. Die traurige und düstere Geschichte des einsamen und verwaisten Prinzen wird von Saxo komplett in ein Narrenspiel umgemünzt. Allerdings ist seine derbe Erzählweise von einer starken Tradition durchdrungen: Hamlet ist die rächende Kraft, deren überragender Verstand die Übeltäter vernichtet; aber sein Verstand spendet auch Licht und Stärke den Hilflosen und vom Schicksal Geschlagenen, die dadurch ihr Unglück erkennen. Es ist nichts Erfreuliches an den ins Schwarze treffenden Enthüllungen, die Hamlet dem englischen König zur Kenntnis bringen läßt. Aber der König demütigt sich selbst angesichts des rücksichtslosen Einblicks in seine Vergangenheit und verehrt Ham-
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lets Weisheit „als eine gleichsam göttliche Veranlagung”. Weitaus deutlicher als bei Shakespeare symbolisiert Hamlet die ambivalente Kraft, die Gutes und Schlechtes austeilt. Es ist außerdem klar, daß einige Episoden, wie der Austausch der Schwerter, grobe, nichtssagende Tricks enthalten, die dem heroischen Thema zuwiderlaufen. Nur Shakespeare hat es geschafft, solche Episoden stimmig zu dramatisieren. Insgesamt scheinen sie jedoch auf ein ursprünglich strenges Grundmuster zu verweisen, das auf der List der Vernunft basiert, wie Hegel sagen würde. Das Böse wird nie frontal angegriffen, selbst dann nicht, wenn die Konvention es erforderte. Es ist dazu da, sich selbst zu besiegen. Hamlet sollte nicht als heroischer Außenseiter begriffen werden, sondern als jemand, der Gerechtigkeit walten läßt. Shakespeare hat das sehr klar herausgearbeitet. Er hat es vermieden, das brutale, heroische Element, nach dem die Sage verlangt, erneut zu inszenieren, und machte das Drama statt dessen zu einem des Verstands. Es wäre witzlos, zum wiederholten Male die verschiedenen Versionen des Hamlet-Schemas in Nord- und Westeuropa und im alten Rom miteinander zu vergleichen. Das ist bereits sehr gründlich geschehen.2 Es ist somit gerechtfertigt, sich auf die „Identität“ des schattenhaften isländischen Amlodhi zu verlassen (in einem sogenannten Märchen wird er Brjam genannt), der zuerst im zehnten Jahrhundert erwähnt wird und später, als dänischer Reimport, in der „Ambales-Saga” erneut auftaucht, die im 16. oder 17, Jahrhundert geschrieben wurde. In den Sagen von Hrolf Kraki, von Havelok dem Dänen sowie in keltischen Mythen konnten Parallelen zu Hamlets Verhalten und Laufbahn Außer Frederick York Powells Einleitung und Appendix zu Oliver Eltons englischer Übersetzung The First Nine Books of the Danish History of Saxo Grammaticus (1894) siehe Paul Herrmann, Die Heldensagen des Saxo Grammaticus (1922); Israel Gollancz, Hamlet in Iceland (1898); Rudolf Zenkcr5 Boeve-Amlethus (1905) und Eemil Nestor Setälä, „KullervoHamlet”, FUF (1903, 1907, 1910). 2
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gefunden werden.3 In der Version, die uns Saxo überlieferte, lebt Hamlet als erfolgreicher Herrscher weiter. Die Fortsetzung seiner Abenteuer wird in Buch IV der Chronik aufgegriffen, jedoch weist diese Erzählung eine andere Handschrift auf. Es ist ein ungeschicktes Stückwerk, das sich aus verschiedenen Gemeinplätzen zusammensetzt, die allesamt dem Repertoire von List und Tücke entstammen und schlecht zusammengefügt sind. Wenn Hamlet dazu gebracht wird, zusätzlich zu der Tochter des englischen Königs auch noch die schottische Königin zu heiraten und seine beiden Ehefrauen an seinen heimatlichen Hof zu bringen, um dort in Harmonie miteinander zu leben, dann liegt der Verdacht nahe, daß es sich hier um einen ungeschickten Versuch handelt, den Anspruch der dänischen Dynastie auf das britische Königreich zu etablieren. Hamlet fällt schließlich im Kampf. Doch berechtigen die aufgezählten Heldentaten mitnichten Saxos überschwengliche 019 Schlußfolgerung, daß Hamlet ein zweiter Herkules geworden wäre, wenn er nur länger gelebt hätte. Seine wirkliche Persönlichkeit wurde bis zur Unkenntlichkeit überfrachtet, obgleich noch immer eine göttliche Aura an ihm haftet. Merkwürdigerweise hält die falsche Auslegung von Hamlets Geschichte als die Biographie eines allein nach Erfolg strebendem Helden bis zum heutigen Tag an. In einer russischen Verfilmung des ShakespeareDramas wird Hamlet als zielbewußter, verschlagener und skrupelloser Charakter gezeigt, der nur darauf versessen ist, an die Macht zu gelangen. Dabei ist in Saxos erstem Teil die tragische Bedeutung klar umrissen, wenn Hamlets Heimkehr zeitlich genau mit seiner Totenfeier zusammenfällt. Die Logik erfordert es, daß er gemeinsam mit dem Tyrannen zugrunde geht. Namentlich für die Hrolfssaga Kraki, die Jugend von Helgi und Hroar sowie die entsprechende Geschichte von Harald und Halfan (erzählt in Saxos siebtem Buch) siehe R. Zenker, Boeve-Amlethus (1905), 121-126; P. Herrmann, Die Heldensagen (1992), 27lf, und E.N. Setälä, „KullervoHamlet“, FUF 3 (1903), 74f. 3
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Kapitel 1
Der Name Amleth, Amlodhi, im Mittelenglischen Amlaghe, im Irischen Amlaidhe, steht immer für „Einfaltspinsel”, „Dummkopf“, „gleich einem stummen Geschöpf“. Nach wie vor wird er auch adjektivisch benutzt. Gollancz hat hervorgehoben, daß in „The Wars of Alexander”, einem alliterierenden Gedicht aus dem Norden Englands, welches weitgehend der Historia de Preliis entlehnt wurde, Alexander zweimal auf diese Art von seinen Feinden verächtlich gemacht wird: Thou Alexander, thou ape, thou amlaghe out of Greece Thou Utile thefe, thou losangere (1), thou lurkare in cities … Als sich Darius nach dem Erscheinungsbild Alexanders erkundigt, beschreiben ihm seine Höflinge diesen in einer sehr plastischen Karikatur: And thai in parchment him payntid, his person him shewid, Ane amlaghe, ane asaleny (2), ane ape of all othire, A wirling (3), a wayryngle (4), a waril-eghid (5) shrewe, The caitifeste creatour, that cried (6) was evire 4 Das Bild vom „allergrößten Schurken” begleitet beharrlich bestimmte große Figuren des Mythos. Zu der Figur des Hamlet gesellt sich zudem das Gleichnis vom „Hund“. Dies trifft zu auf Saxos Hamlet, auf Ambales und auf die Hrolfssaga Kraki, in der die beiden gefährdeten Prinzen Helgi und Hroar (in Saxos siebtem Buch sind es Harald und Halfdan) zu Hunden abgestempelt und mit den Hundenamen „Hopp und Ho” gerufen werden. Als nächstes kommt etwas in Betracht, das zunächst wie der Prototyp alldessen aussieht, nämlich die römische Geschichte von Lucius Iunius Brutus, dem Mörder von König Tarquinius, wie sie zuerst von Titus Livius erzählt wurde. (Der Spitzname Brutus verweist erneut auf die Gleichsetzung mit dummem (1) liar = Lügner, (2) little ass = kleiner dummer Esel, (3) dwarf = Zwerg, (4) little villain = Bauernlümmel, (5) wall-eyed = glasäugig5 (6) created = geschaffen. 4
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Vieh.) Dazu Gollancz: Schon die bloßen Umrisse der Handlung lassen unmißverständlich 020 die auffallende Gleichartigkeit der Geschichten von Hamlet und Lucius Iunius Brutus erkennen. Abgesehen von allgemeinen Ähnlichkeiten (der usurpatorische Onkel; der schikanierte Neffe, der entkommt, indem er Stumpfsinn vortauscht; die Reise; die orakelhafte Sprechweise; das Überlisten der Kameraden; die ausgeklügelten Rachepläne), gibt es in der früheren Geschichte Stellen, die sich die spätere ausgeliehen haben muß. Das gilt vor allem für Hamlets Entscheidung, das Gold in zwei Holzstäben zu verstecken. Mit Sicherheit war das kein bloßer Zufall; vielmehr scheint das Ereignis zu zeigen, daß sich Saxo diese Nebenhandlung aus Valerius Maximus’ Bericht über Brutus ausgeliehen hat. Mindestens ein Satz aus der entsprechenden Passage in der Memorabilia wurde von Brutus zu Hamlet transferiert (Saxo sagt über Hamlet: „obtusi cordis esse”, bei Valerius heißt es: „obtusi se cordis esse simulatif“). Saxo muß außerdem die Geschichte des Brutus gelesen haben, wie sie von Livius und späteren Historikern erzählt wurde, deren Versionen letztlich alle auf Dionysios von Halikarnassos basieren.5
Um die Zwillingsbrüder Hamlet und Brutus nebeneinanderzustellen, geben wir hier den früheren Teil der Erzählung von Titus Livius (i.56) wieder. Die nachfolgenden Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Vergewaltigung von Lucretia stehen, sind zu bekannt, als daß man sie hier wiederholen müßte. Während Tarquinius noch damit beschäftigt war [mit der Errichtung von Schutzwällen, H.v.D.], erschien ihm ein schreckliches Zeichen: eine Schlange, die aus einer hölzernen Säule herausglitt, ließ alles im Königshaus voller Schrecken davonstieben; beim König selbst aber löste sie nicht so sehr plötzliche Angst aus, sondern erfüllte ihn mit bangen Sorgen. Während bei Zeichen vom Himmel, die die Allgemeinheit betrafen, nur etruskische Seher hinzugezogen wurden, geriet er durch diese Erscheinung, als wenn sie nur sein Haus beträfe, außer Fassung und beschloß daher, nach Delphi, dem 5
I. Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), xxi-xxiv.
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Kapitel 1 berühmtesten Orakel der Welt, zu schicken. Weil er aber die Auskünfte, die das Orakel erteilen würde, keinem anderen anzuvertrauen wagte, schickte er durch die damals noch unbekannten Länder und über die noch unbekannteren Meere zwei seiner Söhne nach Griechenland. Titus und Amins machten sich auf die Reise. Als Begleiter wurde ihnen L. Iunius Brutus mitgegeben, ein Sohn der Tarquinia, der Schwester des Königs, ein junger Mann, der seiner Natur nach ganz anders war, als er sich gab. Da er gehört hatte, daß die führenden Männer der Bürgerschaft, darunter sein eigener Bruder, von seinem Onkel ermordet worden waren, beschloß er, dem König weder in seiner Gesinnung Anlaß zur Furcht zu geben noch in seinen Vermögensumständen Anlaß zur Begehrlichkeit, um dadurch, daß man ihn verachtete, sicher zu sein, wo das Recht ja keinen ausreichenden Schutz biete. Er hatte also mit Absicht die Rolle des Dummen übernommen und überließ sich und seine Habe dem König als Beute. Auch den Beinamen Brutus (der Blöde) ließ er sich gefallen, damit unter dem Deckmantel dieses Beinamens der Geist, der dem römischen Volk die Freiheit bringen sollte, unerkannt auf seine Stunde warten konnte. Dieser Mann wurde von den Tarquiniern nach Delphi mitgenommen, mehr als Zielscheibe ihres Spottes denn als Begleiter; als Geschenk soll er dem Apollon einen goldenen Stab, eingeschlossen in einem zu diesem Zweck ausgehöhlten Stock aus dem Holz der Kornelkirsche, gebracht haben, ein verschlüsseltes Abbild seines Wesens. Nachdem man in Delphi angekommen war und die Aufträge des Vaters erledigt hatte, überkam die jungen Männer das Verlangen zu fragen, an welchen von ihnen die Herrschaft in Rom fallen werde. Es heißt, aus der Tiefe der Höhle sei eine Stimme erklungen: „Das höchste Amt in Rom wird haben, wer von euch, ihr jungen Männer, als erster die Mutter küßt.“ … Brutus glaubte, daß die Worte der Pythia etwas anderes bedeuteten, tat so, als wenn er ausgerutscht und hingefallen wäre, und berührte die Erde mit einem Kuß, weil sie ja die gemeinsame Mutter aller Sterblichen sei.6
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Titus Livius, Römische Geschichte, lateinisch und deutsch herausgegeben von Hans Jürgen Hillen (1987), 145ff.
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Für die meisten konventionell denkenden Philologen war Brutus die Antwort auf ein Gebet, sogar auf das in Holz eingeschlossene Gold. So hatte man nun eine solide klassische Quelle, von der man Entwicklungen auch in entlegenen Provinzen getrost ableiten konnte. Doch selbst die römische Version war nicht ohne ihre störenden Eigentümlichkeiten. Livius berichtet nur von der Antwort auf die persönliche Frage der beiden Prinzen. Aber als Tarquinius sie nach Delphi geschickt hatte, ging es ihm darum, eine Antwort auf seine eigenen Ängste zu erhalten. Und diese Antwort läßt sich in Zonaras’ Kompendium der frühen Kapitel von Dio Cassius’ verlorengegangener Römischer Geschichte nachlesen. Apollon zu Delphi weissagt, der König werde seine Herrschaft verlieren, „wenn ein Hund mit menschlicher Zunge spricht”.7 Nichts deutet darauf hin, daß Saxo Zonaras gelesen hat. Es existiert außerdem eine seltsame Variante zu Tarquinius’ prophetischem Alptraum, von dem Livius berichtet. An ihrer Gewichtigkeit gibt es keinen Zweifel, denn immerhin wird sie in Ciceros De divinatione (I 22) erwähnt und greift eine vergessene Tragödie über Brutus auf, die von dem frühen römischen Dichter Accius stammt. Tarquinius also spricht: „Mir träumte, daß Schäfer eine Herde zu mir trieben und mir zwei schöne Widder anboten, die von demselben Muttertier abstammten. Ich opferte den besten von beiden; aber der andere rammte mich mit seinen Hörnern. Als ich schwer verwundet auf dem Boden lag und gen Himmel schaute, sah ich ein großes Zeichen: Das Sonnengestirn stand in Flammen, nahm von rechts kommend einen neuen Kurs ein und zerschmolz.” Es kann gut sein, daß die etruskischen Wahrsager über dieses Bild mit den beiden Widdern und der veränderten Umlaufbahn der Sonne befragt wurden, hatten sie doch mit Astronomie zu tun. Mit diesem Problem werden wir uns später beschäftigen. Eine interessante Spielart dieses Trau7
R. Zenker, Boeve-Amlethus (1905), 149f.
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mes ist in der Ambales-Saga nachzulesen; und die kann kaum von Cicero stammen.8 Was auch immer es damit auf sich hat: Es gibt mehr als genügend Gründe anzunehmen, daß die Geschichte weit vor die Zeit der römischen Könige zurückreicht. Entsprechend unternahmen Gelehrte den Versuch, eine Verbindung zur persischen Legende von Kyros herzustellen, was sich aber als nicht der Mühe wert erwies. Jedoch übermittelt sogar Saxo, selbst wenn er Valerius Maximus gelesen haben sollte, Wesensmerkmale, die mit Sicherheit außerhalb der klassischen Tradition stehen – und er zeigt uns einen anderen Weg. Der Bericht aus dem Narrenspiet über Hamlets Ritt entlang der Küste ist es wert, ein zweitesmal betrachtet zu werden: Er bemerkt ein altes Steuerruder (gubernaculum), das von einem Schiffswrack übriggeblieben ist, und fragt, was das sein könne. Seine Begleiter antworten ihm, es handle sich um ein „ungewöhnlich mächtiges Messer“. Woraufhin er erwidert: „Es ist auch dazu bestimmt, einen gewaltigen Schinken zu schneiden” – womit er tatsächlich das Meer meint. Und Saxo fährt fort: „Als sie an den Sanddünen vorüberritten und ihm bedeutet wurde, er müssen den Sand als Grießkörner ansehen, antwortete er, die seien ja auch von den weißschimmernden Sturmwogen des Meeres ausgemahlen worden. Und wenn die Begleiter seine Antwort lobten, pflegte er ganz ernsthaft zu versichern, er habe ihnen sachverständig zugehört.” Es ist klar, daß Saxo an dieser Stelle nicht weiß, was er mit den Äußerungen anfangen soll. Warum sonst würde er ständig betonen, Hamlets Antworten seien bedeutungsvoll? „Im Bestreben nämlich, sich aller Falschheit fernzuhalten, vermischte er seine schlaue Verstellung mit einer aufrichtigen Redeweise, damit es seinen Aussprüchen nicht an Wahrhaftigkeit fehle und trotzdem das Maß seines Scharfsinns sich nicht durch eine klare Formulie8
I. Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), 105.
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rung des Wahren verrate.” Indem Saxo dies als systematisches Grundschema von Hamlets Abenteuern festlegt, entwirft und arbeitet er eine Thematik aus, die aus Hamlet eine Art verkleideten Sherlock Holmes macht; die beiden zitierten Aussprüche müssen als einzige dafür herhalten, Hamlet als nichtssagend und albern darzustellen. Jedoch passen sie vorne und hinten nicht. Tatsächlich entstammen sie einer gänzlich anderen Geschichte. Snorri Sturluson, Islands gelehrter Dichter (1178-1241), erklärt in seinem Skaldskaparmål („Die Sprache der Barden”) viele Kenningar9 berühmter Barden der Vergangenheit. Er zitiert eine Strophe von Snaebjörn, einem isländischen Skalden, der lange vor Snorri gelebt hat. Diese Kenning wurde zum Fluch der Übersetzer – wie es bei vielen alten, zum Teil vergessenen poetischen Sprachen der Fall ist. Es gibt nicht weniger als drei Begriffe in den neun Zeilen, die als hapax legomena betrachtet werden können, das heißt als Begriffe, die nur ein einziges Mal vorkommen. Die maßgeblichste Übersetzung stammt von Gollancz: ‘Tis said, sang Snaebjörn, that far out, off yonder ness, the Nine Maids of the Island Mill stir amain the host-cruel skerry quern – they who in ages past ground Hamlet’s meal. The good chieftain furrows the hull’s lair with his ship’s beaked pow. Here the sea is called Amlodhi’s mill.10 Die Kenning ist die bildliche Umschreibung eines Begriffs durch eine mehrgliedrige Benennung, zum Beispiel „Tosen der Pfeile” für „Kampf“. 10 I. Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), xi. So unersetzlich dieses Juwel ist, so schwer ist es zu übersetzen. Hier eine kleine Blütenlese von deutschen Übersetzungen: „Man sagt (nämlich Snaebjörn), dass die Wellen gewaltsam bewegen das aufgewühlte Meer, über die Grenzen der Erde hinaus, grausam gegen die Männer, sie (die Wellen}, die einst gemahlen haben das Schiffsmehl, Mehlschiff des Amlódi … der Mann pflügt mit dem Vorderteil des Schiffes das Lager des Schiffsabhangs = das wellenschlagende Meer. Hier wird das Meer die Mühle des Amlódi genannt.” So hat es Paul Herrmann in seinem Saxo-Kommentar 9
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Das soll genügen. Was immer die Obskuritäten und Zweideutigkeiten bedeuten mögen, eines ist klar: Von Iunius Brutus und den sicheren Spielwiesen klassischer Herleitung müssen wir uns verabschieden. Hier geht es um das graue, stürmische Meer des Nordens, um seine riesigen Wellen, die auf ewig an den kleinen Granitinseln nagen; und Amlodhi ist sein König. Die Mühle ist nicht aus unserer Sprache verschwunden. Die Brandung ist noch immer das Mahlwerk. Selbst der British Island Pilot vermittelt in seiner nüchternen Prosa etwas von der Kraft der Neun Jungfrauen, deren wirklicher Name widerhallt in den Merry Men of Mey auf Pentland Firth: Wenn ein gewöhnlicher Sturmwind mehrere Tage lang geblasen hat. schlägt die ganze Kraft des Atlantiks gegen die Küsten der Orkneys; Felsen, mehrere Tonnen schwer, werden aus ihren Fundamenten gerissen; und das Brüllen der Brandung kann man über faßt (271). Bei Adolf Zinzow [Die Hamletsage (1877), 323] lesen sich die Zeilen so: „Man sagt, daß die sehr verderbliche Felsenmühle außerhalb der Erde schnell in Bewegung gesetzt wird von den neun Mädchen des Meeres (– wohl den 9 Valkyrien der Menglada), welche in langer Zeit die Küste, wo die Schiffswände liegen, verringert haben. Der Verteiler des Rings durchschneidet mit dem Vorderteil seines Schiffes Amloda molu, Amleths Mühle, d.i. das Meer.1” Gustav Neckel und Felix Niedner (Thule 20, 173) versuchen sich in Stabreimen, folglich versteht man rein gar nichts: Neun Schär’nbräut’ stets rühren Scharf Meers Grotti am Erdrand, Eilandmühl’, all’m Volke, Urgrimm’ge, heißt’s, immer Die Mahl’n auf dem Mehlschiff Mocht’n eh dem Hamletes. Schiffhald’s Land mit Stevens Spitz’ Golds Bieter ritzte.
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zwanzig Meilen weit hören; die Wellen werden bis zu 60 Fuß hoch …
Wenn der Sturm zunimmt, „lösen sich alle Unterscheidungen zwischen Wasser und Luft auf, alles scheint in dicken Rauch eingehüllt zu sein”. Pytheas, der erste Erforscher des Nordens, nannte das die „Meereslunge” und kam zu dem Schluß, daß dies das Ende der Welt sein müsse, wo sich Himmel und Wasser zu dem ursprünglichen Chaos vereinigen. Das leitet eine weitaus ältere und sicherlich unabhängige Überlieferung ein, die im frühen nordischen Mythos verwurzelt ist – sofern sie nicht auf einen noch älteren Traditionsstrang zurückzuführen ist.
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Kapitel 2
2 Die Figur in Finnland
Ohne weitere Rechtfertigung überspringt die Diskussion nunmehr die unüberwindbare Mauer, welche die modernen Philologen errichtet haben, um die linguistische Familie der indogermanischen Sprache vor jeder unschicklichen Berührung mit fremden Außenseitern zu schützen. Es ist bekannt, daß Finnland, Estland und Lappland kulturelle Inseln sind, ethnisch verwandt mit den Ungarn und anderen entlegenen asiatischen Völkern; Syrjänen, Wotjaken, Tscheremissen, Mordwinen, Wogulen, Ostjaken. Ihre Sprachen gehören zu der finno-ugrischen Familie, die mit dem Germanischen genauso wenig zu tun hat wie das Baskische. Diese Sprachen werden als „agglutinierend” bezeichnet und oft durch Vokalharmonie, wie sie auch im Türkischen vorkommt, charakterisiert. Noch bis vor kurzem waren diese Kulturen vom skandinavischen Milieu isoliert. Obgleich seit dem Mittelalter die Kultur des Westens – und mit ihr das Christentum – Eingang fand, blieb ihr großes Epos, das Kalevala, unversehrt in jener Form erhalten, in welcher es seit frühester Zeit der mündlichen Überlieferung anvertraut worden war. Es weist verblüffend einfache Grundzüge auf. Sie sind so einfach, daß sie jeden Versuch einer klassischen Herleitung zum Scheitern bringen. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Epos von Elias Lönnrot schriftlich zusammengetragen. Aber selbst in dieser isolierten Überlieferung sind erstaunliche Parallelen zu nordischen und keltischen Mythen nachweisbar, deren Ursprung weit hinter jene Zeit zurückgehen müssen, in der die jeweiligen Geschichten berichtet wur-
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den. Mit dem roten Faden der Geschichte werden wir uns später befassen. Hier ist es zunächst wichtig, sich die Geschichte von Kullervo Kalevanpoika („der Sohn des Kaleva”) anzuschauen, die sorgfältig von E.N. Setälä in seiner meisterhaften Untersuchung ,,Kullervo-Hamlet“1 analysiert wurde. Seine Studie, so wie auch die von Kaarle Krohn2, berücksichtigt notwendigerweise verschiedene Varianten (die Lönnrot in die Runen 31-36 des offiziellen Kalevala nicht einbezogen hat), die sich mit Kullervo beschäftigen. Das erste Ereignis ist die Geburt von Kullervos Vater und On- 025 kel, die entsprechend der Rune 31 als Schwäne (oder Hühner) zur Welt kommen und von einem Adler auseinandergetrieben werden. Für gewöhnlich wird erzählt, daß ein armer Mann (ein Pflüger) Furchen rund um einen Baumstamm (oder auf einem kleinen Hügel) zog, welcher aufbrach und zwei Knaben ans Licht brachte. Einer von ihnen, Kalervo, wuchs in Karelien auf, der andere, Untamo, in Suomi-Finnland. Der Haß zwischen beiden entfaltet sich üblicherweise wie folgt: Kalervo sät Hafer hinter dem Haus von Untamo, Untamos Schaf frißt ihn, Kalervos Hund tötet das Schaf; oder es gibt Streit um die Fischgründe (Rune 31.19ff). Untamo erklärt dann den Krieg. Tatsächlich erschafft er den Krieg aus seinen Fingern, das Heer aus seinen Zehen und Soldaten aus den Sehnen seiner Ferse. Er tötet Kalervo und dessen ganze Sippe, mit Ausnahme von Kalervos Frau, die nach Untamos Haus verschleppt wird und dort unseren Helden das Licht der Welt erblicken läßt. Nachdem der Kleine drei Tage lang in der Wiege geschaukelt worden ist, Stößt der kleine Junge kräftig, Stößt energisch, spannt die Sehnen, Sprengt mit Macht die Wickelbänder, E.N. Setälä, „Kullervo-Hamlet”, FUF 3 (1903), 61-97, 1S8-255; 7 (1907), 188-224; 10 (1910), 44-127. 2 K. Krohn, Kalevalastudien 6. Kullervo (1928). 1
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Drückt sie hoch auf seine Decke, Schlägt entzwei die Lindenschaukel, Reißt in Fetzen alle Windeln. 3 Im Alter von drei Monaten, Als ein Knabe, kaum erst kniehoch, Fing er selber an zu sinnen: „Wenn ich nur erst größer würde, Wenn ich nur zu Kräften käme, Rächte ich des Vaters Unbill, Zahlte heim der Mutter Zähren. ” Dies kam Untamo zu Ohren, Selber sagte er die Worte: „Der bringt meinem Haus Verderben, In ihm wächst Kalervo wieder. ”4 Da bedenken alle Helden, Alle alten Weiber sinnen, Wohin man den Burschen bringe, Wo man ihm ein Ende mache. 026
Mühsam versucht Untamo, das Kind zu töten – mit Feuer, mit Wasser, durch Erhängen. Ein riesiger Scheiterhaufen wird errichtet und Kullervo hineingeworfen. Nach drei Tagen sehen Untamos Diener folgendes Bild: Bis zum Knie stand er in Asche, Bis zum Arme in den Funken, In der Hand den Kohlenhaken, Im Original Hamlet’s Mill wird die englische Übersetzung von W.F. Kirby (Everyman’s Library) zitiert, hier die Übertragung ins Deutsche von Lore und Hans Fromm (1967). 4 Gemäß der englischen Übersetzung ist Kalervo in Kullervo „wiedergeboren”. 3
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Damit facht er noch das Feuer. Setälä erzählt von einer Version, in der das Kind, einen (goldenen) Haken in der Hand, inmitten des Feuers hockt, das Feuer schürt und Untamos Dienern erklärt, er werde seinen Vater rächen.5 Kullervo wird ins Meer geworfen; nach drei Tagen finden sie ihn in einem goldenen Boot sitzend, mit einem goldenen Ruder in der Hand. Einer anderen Version zufolge reitet er auf dem Kamm einer Welle und mißt das Wasser: War im Meere reichlich Wasser, Käme es wohl auf zwei Kellen, Wenn man richtig messen wollte, Kam ein Teil noch auf die dritte. Als nächstes knüpfen sie das Kind an einen Baum oder es wird ein Galgen errichtet – wieder mit frustrierenden Ergebnissen, wie die Diener berichten: „Nicht ist Kullervo vernichtet, Ist am Galgen nicht verendet; Er verziert den Baum mit Bildern, Hält in seiner Hand ein Stiftchen. Voll der ganze Baum mit Bildern. Voller Ritzwerk ist die Eiche: Da sind Männer, da sind Schwerter, Speere sind da an der Seite. ” In einer anderen Erzählung heißt es, daß er die Namen seiner Eltern mit einem goldenen Stift in den Baumstamm ritzt. Danach wird die Rekonstruktion der Ereignisse schwierig. Es gibt Varianten, in denen Kullervo seine Rache sehr schnell ausübt – er geht einfach zu einem Schmied und verschafft sich die Waffen. Oder er wird zunächst außer Landes geschickt, um bei dem Schmied als Kuhhirte oder Schäfer zu dienen, Jedoch in Rune 31 5
E.N. Setälä, „Kullervo-Hamlet”, FUF 7 (1907), 192.
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Kapitel 2
werden ihm erst einmal kleine Aufgaben übertragen: ein Kind zu hüten und zu schaukeln. Aber er reißt dem Kind ein Auge aus und bringt es schließlich um. Danach wird er ausgeschickt, einen Wald zu roden und die schlanken Birkenstämme zu fällen. Schließlich schlug er noch fünf Bäume, Insgesamt acht starke Stämme.6
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Danach setzt er sich nieder und spricht (31.273ff). „Lempo [der Teufel] mag die Arbeit leisten, Hiisi hier die Balken fällen!” Schnell sprang er auf einen Stubben, Laut begann er dort zu lärmen. Schrillend pfiff er, gellend schrie er. Sagte so, sprach solche Worte: „So weit soll der Schwendwald fallen, Soll die schlanke Birke stürzen, Wie die Stimme wird vernommen, Wie das Pfeifen wird getragen! Mög kein junges Reis sich recken, Möge sich kein Halm erheben, Dieses ganze lange Leben, nicht, Solang das Mondgold leuchtet, Es gibt ein merkwürdiges Dindsenchas (Dindsenchas bedeutet „Geschichte des Ortes“. Als eine Art „mythologischer Geographie” taucht es vor allem in der irisch-keltischen Überlieferung auf. Siehe auch Whitley Stokes, „The Prose Tales in the Rennes Dindsenchas”, RC 16, 278f.) über das Fällen von fünf riesenhaften Bäumen – drei Eschen, einer Eiche, einer Eibe. „Die Eiche fiel in Richtung Süden, über Mag nAilte bis zu den Säulen des Lebensbaumes. 900 Scheffel betrug die Frucht ihrer Eicheln, und drei Scheffel gebar sie jedes Jahr … Äpfel, Nüsse und Eicheln. Die Esche von Tortu fiel gen Süd-Ost, die von Usnach gen Norden. Die Eibe gen Nord-Ost, so weit wie Druinn Bairr fiel sie. Die Esche von Belach Dahli fiel aufwärts bis nach Carn Uachtair Bile.”
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Wo Kalervos Sohn geschwendet, Auf des rechten Mannes Rodung!“7 Im Kalevala beauftragt Untamo Kullervo als nächstes, einen 028 Zaun zu errichten. Und den baut dieser auch – aus ganzen Pinien, Fichten und Eschen. Aber er macht kein Gatter hinein, sondern verkündet statt dessen: „Wer nicht fliegt gleich einem Vogel, Wer nicht mit zwei Flügeln flattert, Mag den Zaun nicht überwinden, Den Kalervos Sohn erstellte!” Untamo ist verblüfft:
Der estländische Kalevipoeg (= Sohn des Kaieva, der mit dem finnischen Kalevanpoika identisch ist) macht den Boden unfruchtbar, wo immer er mit seinem hölzernen Pflug entlangzieht (Setalä, FUF 7, 215), aber lärmend fällt auch er Bäume – und die fallen hernieder, so weit das Schlagen seiner Axt vernommen wird (203). Bezüglich der keltischen Überlieferung erzählt eines der Rennes-Dindsenchas, daß sich das urbare Land in einen Wald verwandelt, weil ein Bruder den anderen tötete, „so daß Wald und verkrüppeltes Buschwerk Guaires Land überzogen, wegen des Brudermordes, den er begangen hatte” (Stokes, RC 16, 35). Joseph Loth [Les Mabinogion du Livre Rouge de Hergest, I (1913), 272, Fn, 6] nennt sogar drei Helden beim Namen, die ein Land unfruchtbar machen: „Morgan Mwynvawr, Run, Sohn des Beli, und Llew Llaw Gylfes, die den Boden rot werden lassen. Nichts wuchs für ein Jahr, wo sie vorübergingen, weder Kraut noch Pflanze; Artus war sogar noch mehr ,rudvawc’ als sie. Wo Artus entlanggekommen war, würde sieben Jahre lang nichts wachsen.” Rudvawc bedeutet „roter Verwüster”, wie wir von Rachel Bromwich erfahren [Trioedd Ynys Prydein: The Welsh Triads (1961), 35]. Sieben Jahre währte der Zyklus der germanischen Wilden Jäger; auch Artus war ein Wilder Jäger. Das „Ödland” ist überdies ein Standardmotiv der Legenden, die um den Gral und den Fischerkönig gesponnen wurden. All dies wird schließlich einen Sinn ergeben. 7
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Kapitel 2
Sah den Zaun ganz ohne Eingang, Ohne Öffnung, ohne Spalten, Von der Erde ragt er aufwärts, Ist gebaut bis in die Wolken?8 Kullervo richtet noch weiteres Unheil an, indem er das Korn zu Spreu drischt, ein Boot in Stücke zerschlägt, eine Kuh füttert und ihr dabei die Hörner bricht, das Badehaus heizt und niederbrennt – das sind die üblichen Taten des „Starken Knaben” (des „Starken Hans” im deutschen Märchen, dem im englischen Paul Bunyan entspricht). Schließlich wird er als Kuhhirte außer Landes zum Haus des göttlichen Schmieds Ilmarinen geschickt. Es gibt allerdings eine bemerkenswerte Variante, welche besagt, daß er „nach Estland geschickt wird, um am Fuße des Zaunes zu bellen; er bellte ein Jahr und noch ein weiteres und einen kleinen Teil des dritten. Drei Jahre kläffte er den Schmied als seinen Onkel, die Frau (oder Bedienstete) des Schmieds als seine Schwiegertochter an.” Das klingt in der Tat befremdlich; und selbst der Übersetzer fügte Fragezeichen hinzu. Aber es gibt eine noch merkwürdigere Parallele in dem großen irischen Helden Cúchulainn, einer zentralen Figur des keltischen Mythos, dessen Name Ursprünglich kann dies dieselbe Geschichte gewesen sein wie die von Rornulus, der einen Graben rund um die neue Stadt zog und Remus dafür tötete, darüber hinweggesprungen zu sein. In der römischen Überlieferung ergibt der Mord allerdings keinen Sinn. Ohne dieses Schlüsselphänomen weiter zu verfolgen, möchten wir darauf hinweisen, daß in Finnland das Steinlabyrinth (im Englischen „Troy Town”, Troy = Troja) der Zaun des Giganten genannt wird, aber auch Spiel des Heiligen Peter, Ruinen von Jerusalem, die Straße des Giganten und Steinerner Zaun [siehe William Henry Matthews, Mazes and Labyrinths (1922), 150]. Al-Bīrūnī hingegen hat während seiner Beschäftigung mit Lanka (Ceylon) – das heißt mit Ravanas Labyrinth, das von Rama und Hanuman erobert wurde – festgestellt, daß in muslimischen Ländern diese „labyrinthische Festung Yavana-Koti genannt wird, was häufig als Rom interpretiert worden ist” [Alberuni’s India (1964), 306]. 8
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„Hund des Schmieds Cualan” bedeutet. Dieser immer wiederkehrenden Gleichsetzung mit einem Hund wird an anderer Stelle nachgegangen, und auch dem Schmied Ilmarinen selbst. Die Frau von Ilmarinen (sie wird oft Elina = Helena genannt) macht Kullervo zu ihrem Hirten und bäckt heimtückisch einen Stein in seine Wegzehrung, so daß er sein Messer daran zerbricht – das einzige Erbstück, das ihm von seinem Vater geblieben ist. Eine Krähe rät ihm daraufhin, die Kühe in die Sümpfe zu treiben, alle Wölfe und Bären um sich zu versammeln und sie in Kühe zu verwandeln. Kullcrvo sagt(5J.125ff): „Wart nur, warte, Hure Hiisis! Wenn ich wein um Vaters Messer, So wirst du bald selber weinen.” Er befolgt den Rat der Krähe, besorgt sich eine Gerte aus Wacholder, treibt die Kühe in die Sümpfe und die Ochsen ins Dickicht. Eine Hälfte für die Wölfe, Eine für den Ödwaldbären, Singt die Wölfe sich zu Kühen, Baut sich aus den Bären Rinder. Sorgfältig unterrichtet Kullervo die Wölfe und Bären, was sie zu tun haben, und (33.153ff) Er macht eine Kuhbeinpfeife, Aus dem Ochsenhorn die Flöte, Schafft ein Horn vom Bein der Schönen, Aus dem Fuß der Bleß ein Blasrohr, Läßt die Pfeife laut ertönen, Tutet hell mit seinem Horne Dreimal auf des Hauses Hügel, Sechsmal vor dem Viehwegende. Er treibt das „Vieh” nach Hause. Als Helena zum Melken in
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Kapitel 2
die Ställe geht, wird sie von einem Wolf und einem Bären zerfleischt. Diese böse Vergeltungsmaßnahme verweist auf ein Ereignis, das in Saxos Version nur als müder Witz auftaucht. Ein Wolf kreuzt Hamlets Weg, und man sagt ihm, es handle sich um ein Pferd. Hamlet entgegnet, es dienten „nur sehr wenige von dieser Art in Fenges Kriegstroß“. Saxo versucht das zu erklären: „… womit er auf eine ebenso feine wie witzige Weise die Reichtümer seines Oheims verächtlich machte und verhöhnte.” Das ergibt wenig Sinn. Statt dessen vermutet man ein Echo jenes Themas, welches von Kullervo enthüllt wird, indem er Wölfe und Bären anstelle von Vieh nach Hause treibt. Die Macht des Helden über wilde Tiere erweckt Erinnerungen an klassische Mythen. Das ist auch Karl Kerényi9 nicht entgangen, dessen Kommentar nützlich ist, nicht aber seine psychologischen Spekulationen: „Es ist unmöglich, die finnische Mythologie aus der griechischen oder umgekehrt: die griechische aus der finnischen ableiten zu wollen. Es ist aber ebenso unmöglich, nicht zu merken, daß Kullervo, das wunderbare Kind und der starke Knecht in einer Person, sich am Ende als Hermes und Dionysos erweist. Als Hermes erscheint er durch die mit Rindervernichtung verbundene Verfertigung von Musikinstrumenten … als Dionysos zeigt er sich darin, was er mit den wilden Tieren und mit seinem Feinde macht. Dionysisch ist – so müssen wir es durch die Kategorien der griechischen Mythologie gesehen nennen –, daß Wölfe und Bären durch seine Zaubermacht als zahme Kühe erscheinen, und dionysisch ist auch, daß sie es sind, die seinen Feind bestrafen. Schaudernd erkennen wir die tragisch-ironische Stimmung von Euripides’ Bacchen wieder, wenn wir die dramatisch zugespitzte Szene vom Melken der wilden Tiere lesen. Das Schicksal der etruskischen Seeräuber, der Feinde des Dionysos, die durch das Er9
K. Kerényi, „Zum Urkind-Mythologen“, Paideuma I (1940), 255.
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scheinen von Raubtieren bestraft werden, bildet hier eine noch näherliegende Analogie … ” In Rune 35 läßt Lönnrot Kullervo zu seinen Eltern, Brüdern und Schwestern zurückkehren. Das ist insofern unerwartet, als sie in vorhergegangenen Runen getötet wurden. Aber die Crux der vielen Runengesänge besteht gerade darin, daß die Namen der Helden weit davon entfernt sind, als gesichert zu gelten, und daß die ursprüngliche Reihenfolge der Geschehnisse, wie bereits gesagt, unmöglich zu rekonstruieren ist. Ein Ereignis sticht jedoch hervor: Eine der Schwestern ist nicht zu Hause. In einem günstigen Augenblick trifft der Held im Wald ein Mädchen, das Beeren sammelt. Sie liegen beieinander und erkennen später im Gespräch, daß sie Bruder und Schwester sind. Das Mädchen ertränkt sich daraufhin, Kullervo aber wird von seiner Mutter am Selbstmord gehindert. Also zieht er in den Krieg, und indem er dies tut, vollführt er seine Rache. Zuerst bittet er den großen Gott Ukko um das Geschenk eines Schwertes (36.242ff). Ganz nach Wunsch fand er die Waffe, Fand das allerschönste Schlagschwert, Schlug damit die ganzen Scharen, Fällt’ das ganze Volk Untamos; Brannte die Gebäude nieder, Fachte daraus Feuerfunken, Ließ nur stehn die Ofensteine, Auf dem Hof die hohe Esche. Wieder heimgekehrt, findet Kullervo nicht eine einzige lebende Seele; alle sind gestorben. Als er am Grabe seiner Mutter weint, erwacht diese; Sie gemahnt ihn aus der Erde: „Dir ist Musti doch geblieben. Um mit dir im Wald zu wandern! Diesen deinen Hund nimm mit dir, Wandere hinaus zum Walde.”
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Dort, im Dickicht, hausen die blauen Töchter des Waldes, und die Mutter rät ihm, deren Gunst zu erwerben. Kullervo nimmt den schwarzen Hund und wandert in den Wald. Aber als er die Stelle erreicht, an der er seine Schwester geschändet hat, überkommt ihn die Verzweiflung. Und er stürzt sich in sein eigenes Schwert. Immerhin wird hier ein Punkt offen dargelegt, der in anderen Geschichten ein dunkler Hinweis bleibt: Es gibt eine Sünde, für die Hamlet büßen muß. Die Erkenntnis, daß sich Kullervo und seine Schwester wegen eines Inzests, den sie unwissentlich begangen hatten, selbst töteten, ruft die Tatsache in Erinnerung, daß bei Saxo der jugendliche Prinz von einem Mädchen zur Liebe verführt wird, das ihn nicht verrät, weil „eine gemeinsame Erziehung von früher her Hamlet mit dem Mädchen in engster Vertrautheit verband, weil sie beide in der Kindheit dieselben Betreuer gehabt hatten”. Das wirkt an den Haaren herbeigezogen – als wäre Saxo auf ein Thema gestoßen, dessen Reichweite er nicht begreift. In König Artus wird das Thema offenkundig. Es ist vieldeutig und schwer faßbar, aber gerade deswegen ist es bei Shakespeare um so unerbittlicher. Hamlet muß seine wahre Liebe verleugnen, wie er auch sich selbst in seiner mißlichen Lage verleugnen muß als er zu Ophelia sagt: „Geh in ein Kloster Warum wolltest du Sünder zur Welt bringen? … Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken, alle: trau keinem von uns! Geh deines Wegs zum Kloster!10
In dem Spiel-im-Spiel fühlt sich der Prinz frei, aus seiner Rolle herauszutreten. Zu Ophelias Füßen sitzend, fragt er sie: Fräulein, soll ich in Eurem Schoße liegen? Nein, mein Prinz. W. Shakespeare, Hamlet, Prinz von Dänemark (IIII/1), übersetzt von August Wilhelm von Schlegel, in Sämtliche Werke, 4 (1989), 317f.
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Ich meine, den Kopf auf Euren Schoß gelehnt. Ja, mein Prinz. Denkt Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinne? Ich denke nichts. Ein schöner Gedanke, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen. Was ist, mein Prinz? Nichts.11 Aber die Würfel sind gefallen. Wie Kullervos Schwester ertränkt sich Ophelia. Ihr Selbstmord zieht den Tod ihres Geliebten nach sich – und den ihres Bruders. Die beiden Aspekte vereinen sich im endgültigen Schweigen. Aber zumindest hat Hamlet, wie immer bei klarem Verstand, die Chance gehabt, verzweifelt den unlösbaren Knoten seiner Schuld zu beschreiben: „Ich liebt’ Ophelien; vierzigtausend Brüder Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten Nicht meine Summ’ erreicht. – Was willst du für sie tun?”12
Und nun zu Kullervo. Setäläs Analyse der ganzen Parallele sieht so aus: Was die Allgemeinheiten betrifft: Bruder tötet Bruder; ein Sohn überlebt und schwört von frühester Kindheit an Rache; der Onkel versucht ihn zu töten, aber er kann seine Rache erfolgreich ausführen. Was die Einzelheiten betrifft: Setälä möchte die Pflöcke und Haken, die der Held, am Herd sitzend, in allen nordischen Versionen formt oder schnitzt – Brjam tut es in einer Schmiede –, mit dem goldenen Haken beziehungsweise Rechen identifizieren, den der kleine Kullervo in der Hand hält, als er mitten im Feuer sitzt und die Flammen schürt. Jeder Held (auch Kullervo in einer der Versionen, die Setälä ausfindig gemacht hat) gibt deutlich zu verstehen, daß er seinen Vater zu rächen gedenkt. 11 12
op.cit., (III/2), 323. op.cit., (V/I), 373.
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Kapitel 2
Etwas verwundert hebt Setälä einen anderen Punkt hervor, der sich später als entscheidend herausstellen wird: In jeder nordischen Version gibt es irgendwelche dunklen Anspielungen auf das Meer. Die Worte sind sonderbar: Hamlet möchte den „großen Schinken” mit einem Steuerruder zerschneiden; das Kind Kullervo wird gefunden, wie es mit einem Ruder oder mit einer Kelle die Tiefe des Meeres mißt. Kalevipoeg, das estländische Pendant zu Kullervo Kalevanpoika, mißt die Tiefe von Seen mit seiner Körpergröße. Amlodhi/Ambales sagt nur, während er an einem unergründlichen Gebirgssee sitzt: „Ins Wasser ist der Wind gekommen, ins Wasser wird er gehen.”
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… denn von heute an wird sich alles ändern, von heute an datieren neue Feste und neue Bräuche, denn heute Nacht wurde Schah Kai Chosrau geboren. FIRDAUSI
Das Hamlet-Thema begibt sich nunmehr nach Persien. Firdausis Schahnameh, das Buch der Könige, ist das Nationalepos der Iraner, und noch heute wird Firdausi (ca. 1010 n. Chr.) als der Nationaldichter angesehen. Als Firdausi das Epos schrieb, hatte sein Protektor, Sultan Mahmud von Ghazna, das Zentrum seiner Macht nach Indien verlegt, und das iranische Imperium bestand seit langem nur noch in der Erinnerung. Mit erstaunlicher Gelehrsamkeit machte sich Firdausi daran – wie vor ihm Homer –, die zendische Überlieferung, die sich von historischen Zeiten bis ins rein Mythische verfolgen läßt, zu sichten und niederzuschreiben. Der erste Teil über die Dynastien der Pischdadiden und der Kajaniden muß als durchweg mythisch angesehen werden, obwohl er in historische Zeiten hineinreicht und vier der insgesamt neun Bände der englischen Übersetzung umfaßt.* Chosrau (im Griechischen Chosroes) ist auch der Name einer Abstammungslinie historischer Herrscher, von denen Chosrau A.d.Ü.: Die Autoren beziehen sich hier auf die englische Übersetzung von Arthur und Edward Warner (1905-1909), während hier auf die deutschen Übersetzungen von Friedrich Rückert (Neuauflage 1976), Adolf Friedrich von Schack (1894) und Uta von Witzleben (1960) zurückgegriffen wird. *
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Kapitel 3
Anuschirvan den letzten Philosophen Griechenlands – nämlich den Mitgliedern der Platonischen Akademie, die von Justinian im Jahre 529 n.Chr. vertrieben worden waren – Zuflucht gewährte. Aber Firdausis Kai Chosrau ist die überragende Figur seines eigenen mythischen Zeitalters. Fast ein Fünftel des gesamten Werks ist ihm gewidmet. Tatsächlich entspricht er dem Haosravah des Zend Avesta und dem Sushravah des Rigveda – eine Identität also, die zum wiederholten Mal die Frage nach einer gemeinsamen indogermanischen „Urzeit” als Zeit der Ursprünge aufwirft. Die gemeinsamen Merkmale von Saxos Amlethus und Kai Chosrau sind so verblüffend, daß sie Otto L. Jiriczek, und nach ihm Zenker, zu detaillierten vergleichenden Studien inspirierten.1 Sie kamen zu dem Schluß, daß die griechische Sage von Bellerophon einen gemeinsamen Ursprung darstellen könne – und damit beendeten sie ihre Nachforschungen. Das Klassische Altertum übt eine magnetische Anziehungskraft auf den gelehrten Geist aus. Er reagiert darauf wie auf den Großen Magnetberg in Sindbad: Sobald Griechenland am Horizont winkt, gerät das zerbrechliche Schiff der Philologen vom Kurs ab. Zwar mag die düstere Erzählung von Bellerophon ebenfalls eine Parallele sein, aber muß das bedeuten, daß der Weg damit zu Ende ist? Wie Herodot wehmütig bemerkt, reicht die aufgezeichnete Überlieferung seiner eigenen hellenischen Vorzeit nur wenige Jahrhunderte zurück; jenseits davon mündet sie in dem Strom indogermanischer Mythik. Ein bekanntes Hauptmerkmal in dem breiten Fluß des Schahnameh ist der fortdauernde Krieg zwischen „Untamo” und „Kalervo”, hier als Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Völkern von Turan und Iran. Da die Berichterstattung über die Geschicke der Kajaniden-Dynastie mehr als doppelt so viel Raum beansprucht als die beiden Epen Miltons zusammen, O.L. Jiriczek, „Hamlet in Iran”, ZVV 10 (1900), 353-356; R. Zenker, Boeve-Amlethus (1905), 207-282. 1
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ist es geraten, sich hier auf einen wesentlichen Aspekt zu konzentrieren. Die persische Darstellung weist eine gewisse „Verlagerung” der Handlung dadurch auf, daß der Turanier Afrasiab nicht seinen Bruder, sondern seinen Neffen Siawosch tötet, der gleichzeitig Afrasiabs Schwiegersohn ist. Der „Rächer” dieses Verbrechens entpuppt sich also als der gemeinsame Enkel sowohl des feindlichen turanischen Schahs Afrasiab als auch dessen Bruders, des edlen persischen Schahs Kai Kawus (der wiederum im Rigveda als Kavya Ushanas und im Avesta als Kavi Usan keine geringe Rolle spielt). Als Befehlshaber der Armee seines Vaters bietet Siawosch dem turanischen Afrasiab den Frieden an, welcher ihn auch annimmt, da er einen verhängnisvollen Traum hatte.2 Dieser Traum ähnelt jenem von Tarquinius und Ambales. Kai Kawus traut Afrasiab jedoch nicht und lehnt den Friedensvorschlag ab. Daraufhin entschließt sich Siawosch, bei Afrasiab zu leben, weil er sein Abkommen mit den Turaniern nicht brechen will. Afrasiab achtet den jungen Mann in jeder Hinsicht und übereignet ihm eine große Provinz, die Siawosch ausgezeichnet regiert – das heißt im Stil des „Goldenen Zeitalters” seines Vaters Kai Kawus. Zuerst heiratet Siawosch eine Tochter des Turaniers Bishan, dann gibt ihm Afrasiab dessen eigene Tochter Farangis zur Frau. Aber es gibt eine Schlange in diesem Garten Eden: Afrasiabs eifersüchtiger Bruder Garsiwas, ein früher Polonius, intrigiert so erfolgreich gegen Siawosch, daß Afrasiab schließlich seine Soldaten gegen den untadeligen jungen Herrscher ausschickt. Siawosch wird gefangengenommen und getötet. Die verwitwete Farangis kann zusammen mit Bishan (Siawoschs erstem Schwiegervater) in dessen Haus fliehen, wo sie einen wunderschönen Knaben gebärt – Kai Chosrau, den gemeinsamen Enkel von Afrasiab und Kai Kawus: 2
Firdausi, Wamer-Übersetzung II, 232f.
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Kapitel 3 In einer dunklen und mondlosen Nacht, während Vögel, wilde Tiere und das Vieh schliefen, erblickte Bishan in seinem Traum eine Helligkeit, die das Licht der Sonne übertraf, während Siawosch, entthront, das Schwert in der Hand, ihn laut anrief und sagte: „Schlummere nicht länger! Wirf den süßen Schlaf ab und denke an die Zeiten, die kommen werden, denn von heute an wird sich alles ändern, es werden neue Festtage und Sitten die alten ablösen, denn heute Nacht wurde Schah Kai Chosrau geboren.“ Der Feldherr sprang von seinem weichen Lager. Golschahr, die Warmherzige, erwachte. Bishan sagte: „Steh auf! Du mußt jetzt Farangis helfen, denn ich habe eben im Schlaf Siawosch gesehen, der die Sonne und den Mond überstrahlte und mir zurief: Schlafe nicht länger, sondern begib dich zum Feste Kai Chosraus, des Beherrschers der Welt!” Golschahr kam in Eile zum Mond gelaufen, aber Kai Chosrau war schon geboren. Sie begab sich mit Freudenrufen, die im Palast widerhallten, zurück zu Bishan, dem Herrn. „Du würdest sagen“, rief sie, „daß König und Mond eins geworden sind … ”3
Mit dem prophetischen Traum von einem großen neuen Zeitalter beginnen lange Jahre der Prüfung für den auserwählten Helden. Der Junge wächst unter Schäfern auf. Er wird ein hervorragender Jäger, obwohl nur mit einem primitiven Bogen ausgestattet und mit Pfeilen ohne Spitzen und Federn, die er sich selbst geschnitzt hat – so wie Hamlet seine Stöckchen. Großvater Afrasiab fürchtet den Jungen und läßt ihn zu sich kommen, um sich von der Harmlosigkeit seines Opfers zu überzeugen. Obwohl Afrasiab feierlich geschworen hat, Chosrau nicht zu verletzen, überredet Bishan den Jungen, zu seiner eigenen Sicherheit den Dorftrottel zu spielen. Als der Tyrann ihn mit geheucheltem Wohlwollen ausfragt, antwortet Kai Chosrau auf genau dieselbe Art, wie es Amlelhus tat – in Rätseln, die keinen Sinn ergeben und anzeigen, daß der junge Chosrau sich mit einem Hund vergleicht. Der Usurpator fühlt sich erleichtert: „Der Bursche ist ein Idiot!” 3
Firdausi, von Witzleben-Übersetzung, 240f
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Die nun beginnende Geschichte der Vergeltung, in Saxos Bericht und anderen Versionen unangemessen zusammengekürzt, wird von Firdausi in einen majestätischen Rahmen gekleidet und in großem Maßstab erzählt. Der Zorn Persiens und der Welt, den der Tod des Siawosch heraufbeschworen hat, wird apokalyptisch zu einem kosmischen Tumult inszeniert: Es schien, daß seihst das Meer vor Ingrimm brüllte, Da Rachedurst die ganze Schöpfung füllte; Auf Erden war kein Platz mehr, drauf zu stehn, Vor Lanzen konnte man die Luft nicht sehn; Die Sterne selbst bekämpften sich dort oben, Das Weltall war von Unheilsnacht umwoben.4 Dennoch gelingt es den beiden Erzverbrechern Afrasiab und Garsinas zu entkommen und sich dank ihrer unerschöpflichen Hilfsmittel zu verstecken. Ständig neue Gestalten annehmend, um der Gefangennahme zu entgehen, mimt Afrasiab im Gewässer eines tiefen, salzigen Sees sogar den Proteus. Zu guter Letzt – zwei Bände und ein Vielfaches an Ereignissen später – werden Afrasiab und sein schlechter Berater mit einem Lasso oder einem Netz gefangen und gehen zugrunde. Nur indem man auf die avestische Tradition zurückgreift, ergeben die vielen Wechselfälle einen Sinn, auf welche die Yashts oder Hymnen des Avesta wiederholt anspielen.5 Die Schahs Kai Chosrau und Afrasiab waren Konkurrenten in einer Suche nach dem rätselhaften Hvarna, was sinngemäß „Glorie” oder „Glücksglanz” bedeutet. Um es zu erlangen, opferten die Schahs der Göttin Anahita, die eine Art Ischtar/Artemis ist, wiederholt einhundert Pferde, eintausend Ochsen und zehntausend Lämmer. Nun befand sich dieser Glücksglanz, „welcher dem Volk der Arier, ob geboren oder ungeboren, und dem heiligen Zarathustra gehört“, in dem See Vurukascha. Afrasiab hatte als Schah 4 5
Firdausi, von Schack-Übersetzung, 244, Spalte 1. Yasht 5.41-49; 79.56-64, 74.
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Kapitel 3
der nicht-arischen Turanier keinen Anspruch darauf. Aber er verließ sein Versteck, das sich in einem unterirdischen Palast aus Eisen befand, der „hundertmal höher als die Körperlänge eines Menschen” war und von einer künstlichen Sonne, einem künstlichen Mond und künstlichen Sternen beleuchtet wurde. Dreimal tauchte Afrasiab in den See und versuchte, das Hvarna zu erbeuten. Jedoch „der Glücksglanz entkam, der Glücksglanz entfloh, der Glücksglanz wechselte seinen Platz”. Im Kapitel „Über Zeit und die Flüsse” werden wir Afrasiabs Anschläge und seine „schrecklichen Äußerungen” ausführlicher diskutieren. Der Glücksglanz war eigentlich für Kai Chosrau bestimmt und wurde ihm ohne weitere Umstände verliehen. An dieser Stelle muß gesagt werden, daß Hvarna für Legitimität oder Himmlisches Mandat steht, welches den Herrschern eingeräumt wird – ihnen aber ebenso leicht genommen wird. Der erste Weltenherrscher Yima (Jamshyd) verlor es dreimal. In der eurasischen Folklore hat die Geschichte vom tauchenden Afrasiab viele Ableger. Dort wird der turanische Schah „Teufel” genannt, den Gott dazu bringt, auf den Grund des Sees zu tauchen, so daß in der Zwischenzeit einer der Erzengel oder St. Elias einen wertvollen Gegenstand stehlen kann, der rechtmäßiges Eigentum des Teufels ist. Manchmal handelt es sich bei diesem Objekt um die Sonne, manchmal um die „göttliche Kraft” oder um Donner und Blitz – und manchmal sogar um einen Vertrag zwischen Gott und dem Teufel, der sich für Gott als nachteilig erwiesen hatte. Wesentlich bleibt der Ausgang der Geschichte. Während jener ereignisreichen Jahre regierte Kai Kawus gemeinsam mit seinem Enkel sicher im Zeichen des Glücksglanzes. Kurz nach dem Sieg über den Emporkömmling stirbt Kai Kawus, und Kai Chosrau besteigt den Elfenbeinthron. Sechzig Jahre lang, so heißt es in dem Epos, „hatte die Welt ihm zu Füßen gelegen”. Es ist überraschend, daß nicht ein einziges Wort über irgendein Ereignis nach dem Tode von Kai Kawus verloren wird. Glückliche Herrscher
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haben eben keine Geschichte. Allerdings wird erzählt, daß Kai Chosrau von tiefer Melancholie und Gewissensprüfungen heimgesucht wird. Er befürchtet, daß er „arrogant in der Seele und korrupt im Denken“ wird wie seine Vorfahren Yima (Jamshyd) und, neben anderen, sogar Kai Kawus selbst, der versucht hatte, sich wie der babylonische Etana von Adlern in den Himmel tragen zu lassen. So trifft er den weisen Entschluß: „So ziemt mir nun, dem Herren Dank zu bringen, Daß er dies Alles, Alles ließ gelingen! Mir ziemt es, in das Beigemach zu treten, Und weinend zu dem höchsten Gott zu beten, Daß er aus diesem Glücke meinen Geist Wegnehme, um zum Heil, das er verheißt, Ihn an der Seel’gen Aufenthalt zu führen. Einmal muß ich die Krone doch verlieren … ”6 Dann bereitet sich der große Schah, der einst (anläßlich seiner Inthronisierung) ausgerufen hatte: „Die ganze Welt ist mein Königreich. Mein ist Alles, von den Fischen bis hinab zum Haupt des Stiers.” auf seinen Abgang vor, verabschiedet sich von seinen Paladinen, deren Flehen er wie auch das seiner ganzen Armee von sich weist: Wehrufe tönten, gellende, verwirrte, Vor denen sich die Sonne bang verirrte, Aus Irans Heer … Der Traum von Tarquinius findet hier ein frühes Echo. Der Schah ernennt Lohrasp zu seinem Nachfolger und wandert auf eine Bergspitze, begleitet von fünf seiner Paladine. Bevor sie sich Firdausi, von Schack-Übersetzung, 360, Spalte 2. In der englischen Warner-Übersetzung heißt es: „Because this Kaian crown and throne will pass.” 6
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am Abend niederlassen, um ein letztes Mal über die gemeinsam erlebte große Vergangenheit zu reden, verkündet er ihnen: „Wenn die Sonn’ ihre Fahn’ entrollt Und wandelt der Erde Schwarz in Gold, Ist mir gekommen der Scheidetag, Wo mich Serosch empfangen mag.“7 Kurz vor Sonnenaufgang spricht er noch einmal zu seinen Freunden: „Nun lebet mir auf ewig wohl! Wenn jetzt sich die Sonn’ erhebt im Raum, Seht ihr mich nimmer als nur im Traum. Morgen verweilt nicht hier in dem Sand, Und regneten Wolken Muskus aufs Land! Denn von Gebirg wird ein Wind aufstehn, Der Blatt und Zweig wird vom Baume weh’n, Und fallen wird aus der Wolk ein Schnee, Ihr findet nach Iran den Weg nicht meh’.” Da ward den Fürsten schwer der Mut, Bekümmert schliefen die Helden gut.8
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Die fünf Paladine verirren sich und werden unter dem Schnee begraben:9
Firdausi, Rückert-Übersetzung, 264. Serosch = avestisch Sraosha, der „Engel” von Ahura Mazdah. 8 Firdausi, Rückert-Übersetzung, 264f. 9 Dieses Thema vom Schlaf in der „Stunde von Gethsemane” wird noch öfter auftauchen, zum Beispiel bei Gilgameseh. Der Mythos von Quetzalcoatl geht sogar noch ausführlicher auf diesen Umstand ein. Der verbannte Herrscher wird von den Zwergen und Buckligen eskortiert, die auf dem heutigen Cortez-Pass ebenfalls im Schnee verlorengehen, während ihr Herrscher weiter zum Meer wandert und dort stirbt. Aber in diesem Mythos verspricht er wenigstens, zurückzukommen und die Lebendigen wie die Toten zu richten. 7
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Der Schnee zog Segel übers Land, Darin jede Lanze der Helden schwand. Alle blieben verschneit an dem Ort; Niemand weiß, wie sie blieben dort.10
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Firdausi, Rückert-Übersetzung, 266.
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4 Geschichte, Mythos und Wirklichkeit „Ich will mich daher bestreben, darzulegen, was und von welcher Beschaffenheit es ist und auf welche Weise man es lernen muß … Es wird nun freilich sich seltsam anhören und jedem, der die Sache nicht kennt, unerwartet kommen, wenn ich Jen Namen der Wissenschaft nenne, welche zu ihr hinführt. Es ist die Astronomie, und es weiß der, welcher sich hierüber wunder, eben nur nicht, daß der wahrhafte Astronom notwendig am weisesten ist, daß dies aber nicht derjenige ist, weicher in der Weise des Hesiods … Astronomie treibt (indem er bloß den Aufgang und Untergang der Gestirne beobachtet), sondern derjenige, welcher von allen acht Umläufen namentlich die der sieben Planeten beobachtet, wie jeder immer dieselbe Bahn durchlauft, auf eine Weise, daß schwerlich ein jeder von ihr eine Anschauung sich bilden kann, sondern daß dazu eine ganz wunderbar begabte Natur gehört.” PLATON
Der merkwürdige Schluß der persischen Erzählung, die mit einem Aufstieg in den Himmel wie dem des Elias endet, läßt den Leser verwundert zurück. Wenn dies das Nationalepos sein soll (in dem Kai Chosraus Geschichte nahezu die Hälfte ausmacht), wo ist dann das epische und tragische Element? Tatsächlich gibt es ein ganzes Maß homerischer Erzählung bei Firdausi, das hier beiseite gelassen werden mußte. Es gibt große Schlachten wie die auf der zugigen Ebene von Troja, Herausforderungen und Duel-
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le, unglaubliche Taten von Helden wie Rostam und Sal, Entführungen und Intrigen und unendliche Nebengeschichten zu der Erzählung – alles in allem genug Stoff für einen Barden, seine Herrschaften wochenlang zu unterhalten und ihn in den dauerhaften Genuß von feinstem Wildbret kommen zu lassen. Aber das Eingreifen der Götter in den Handlungsablauf ist nicht so vermenschlicht wie in der Ilias, obwohl es wiederholt in kompli- 040 zierten Symbolismen und bizarren Fabeln hindurchscheint. Was da, allzusehr gerafft, berichtet wurde, ist die verwirrende Geschichte von dynastischen Erbfolgen, verbunden mit einem schattenhaften Glücksglanz und abgestimmt auf die Situation eines Hamlet sowie auf eine unerklärte Melancholie. Dieser elementare Bestandteil stellt sich als ein nicht stichhaltiges Gepränge vieldeutiger Abstraktionen dar, als ein nicht faßbarer Reigen schwindelerregend symbolischer Handlungen, die an rituelle Magie und religiöse Doktrinen gebunden sind und denen Motive zugrunde liegen, die jeglicher Parallele zu normalen entbehren. Die ganze Angelegenheit ist ein Rätsel, das mit Hilfe von Hymnen zu interpretieren ist – sehr ähnlich wie im Rigveda. Aber hier wird wenigstens apertis verbis ein Schlüssel zu dem Vorstellungsbild geliefert, nämlich in Form von Chosraus Krönungsansprache: „Die ganze Welt ist mein Königreich. Mein ist Alles, von den Fischen bis hinab zum Haupt des Stiers.” Wenn ein Held der westlichen Hemisphäre öffentlich verkündete: „Der ganze Kontinent gehört mir, von Hatteras bis Eastport”, würde man ihn einer eindimensionalen Phantasie bezichtigen. Sollte er jenen Küstenstreifen tatsächlich für einen ganzen Erdteil halten? Doch hier ergeben die Worte einen vollkommenen Sinn, da sich Kai Chosrau nicht auf die Erde bezieht. Er bezeichnet jenen Teil des Zodiaks, der von den Fischen und Aldebaran eingeschlossen wird, also jene 30 Grad, welche die Konstellation des Widder abdecken. Das bedeutet, daß sich seine
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Herrschaft nicht nur auf den Himmel, sondern im wesentlichen auf die Zeit erstreckt. Die Dimension des Himmels ist Zeit. Kai Chosrau kommt auf die Erde als eine Funktion der Zeit, vorbestimmt durch Ereignisse im Zodiak: „… denn von heute an datieren neue Feste … ”
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Warum es der Widder ist und all das, was er mit sich bringt, ist an dieser Stelle jedoch nicht wichtig. Wie sich herausstellt, galt der „Herrscher des Widders” in Persien1 als anerkannter Titel der höchsten Macht, und das kann so viel oder so wenig bedeutet haben wie im Westen „Heiliger Römischer Kaiser”. Was zählt, ist, daß Rom ein Ort auf der Erde ist, dessen Prestige mit einer bestimmten historischen Epoche verbunden ist, während das Sternbild des Widders ein Bereich des Himmels ist beziehungsweise, da sich der Himmel ständig bewegt, eine Zeit, die durch die Himmelsbewegung in Verbindung mit dieser Konstellation determiniert ist. Rom ist eine historische Tatsache; das gilt selbst für das „Ewige Rom”, das es einmal gegeben hat und dann nur noch in der Erinnerung weiterexistiert. Der Widder ist eine nach ihm benannte Zeit, die dazu bestimmt ist, innerhalb eines gegebenen Zyklus wiederzukehren. Selbst wenn Kai Chosrau in dem Epos als terrestrischer Herrscher gedacht ist, so liefert dennoch keine moderne historische oder naturalistische Vorstellungskraft einen klärenden Schlüssel zu der Gedankenwelt jener Barden, aus deren Rhapsodien der gelehrte Firdausi seine Geschichte herausgesponnen hat. Es kann keine historische Grundlage gefunden werden; keine Fruchtbarkeits- oder Jahreszeitensymbolik läßt sich aufspüren; und sogar die Psychoanalytiker haben es aufgegeben, die Erzählung zu deuten. Diese Art des Denkens kann nur so definiert werden: Sie Laut Paulus Alexandrinus gehörte Persien zum Sternbild des Widders. Vgl. Franz Boll, Sphaera (1903), 296f, wo dargelegt wird, daß dies das älteste Schema war. Moses’ Widderhörner symbolisierten dasselbe Weltalter. 1
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ist im wesentlichen kosmologisch. Wir sagen dies nicht, um die Dinge zu verkomplizieren, sondern um die eigentliche Struktur mythologischen Denkens herauszuarbeiten – so wie sie in der Tat ziemlich vertraut ist und doch heutzutage kaum erkannt wird. Sie taucht sogar als Methode literarischer Meditation auf, zumindest in der englischen Sprache eines FitzGerald: Iram indeed is gone with all its Rose And Jamshyd’s Sev’n-ringed Cup where no one knows But still the Vine her ancient Ruby yields And still a Garden by the Water blows … And look – a thousand Blossoms with the Day Woke – and a thousand scatter’d into Clay And the first Summer month that brings the Rose Shall take Jamshyd an Kai Kubad away. But come with old Khayyam, and leave the lot Of Kai Kubad and Kai Khosrau forgot…2
Edward FitzGerald, Rubaijat of Omar Khayyam (Englisch-Deutsch), Übertragung ins Deutsche von Henry W. Nordmeyer (1969), 29ff. In Nordmeyers Übertragung lauten die hier zitierten Strophen V, IX und X folgendermaßen: 2
Verhaucht ist freilich Irams Rosenkuß, und Djarnschyds Wunschpokal sucht nur wer muß: doch glühen Trauben immer noch im Laub, und mancher Garten blüht uns noch am Fluß … Erblühn auch tausend Rosen übernacht – wo blühn nun die, die gestern aufgewacht? Hat doch der Mond, der uns die Rose bringt, Djamschyd und Kaikobad den Tod gebracht. Nun, immer weg mit denen! Was fragst du nach Kaikobad und was nach Kaikhosru? …
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Omar Khayyams Sprechweise mag die eines müden Skeptikers oder eines mystischen Sufis sein; aber alles, wovon er spricht, wird als wirklich verstanden. Die Helden der Vergangenheit sind so real wie die Freunde, für die er schreibt – so real wie die Trauben und die Kosen und das Wasser, so wie seine eigene direkte Lebenserfahrung vom Werden und Vergehen. Wenn er seine irdenen Tontöpfe fühlen und denken laßt, so ist das keine bildhafte Ausschmückung des Textes; es ist die Erkenntnis, daß alle vergänglichen Dinge von derselben Transmutation eingeholt werden, daß alle Substanz ein und dieselbe ist: der Stoff, aus dem Töpfe und Menschen und Träume geschaffen sind. Dies ist etwas, was man lebendige Wirklichkeit nennen könnte und was auf einzigartige Weise verschieden ist von der gewöhnlichen oder objektiven Wirklichkeit. Wenn der Dichter überzeugt ist, daß dieser Ziegelstein hier der Lehm ist, aus dem einst Kai Chosrau entstand, so trifft er sich darin wieder mit Hamlet, der auf dem Friedhof grübelnd sagt: „Zu was für schnöden Bestimmungen wir kommen, Horatio! Warum sollte die Einbildungskraft nicht den edlen Staub Alexanders verfolgen können, bis sie ihn findet, wo er ein Spundloch verstopft?”3 Hier sind schon vier Charaktere – zwei von ihnen sind unwirklich, zwei im Nebel der Zeit verlorengegangen. Aber alle sind sie gleichermaßen präsent in unserem Spiel, was man von den meisten konkreten Figuren, wie etwa dem Direktor des Finanzamtes, nicht sagen kann, auch wenn sie noch so sehr unsere Geschicke beeinflussen. Im Reich des „wahren Seins” werden wir Sterne und Trauben und Rosen finden – die ewigen Gestalten. Und als eine andere Form direkter Erfahrung wird dieses Reich auch die Ideen der Mathematik einschließen. Die Welt der Geschichte bleibt zur Gänze ausgeschlossen. Khayyam erwähnt nicht – ebensowenig wie Firdausi eine Generation später – die ruhmreichen Taten eines Kyros und ArW. Shakespeare. Hamlet, Prinz, von Dänemark (V/1), übersetzt von August Wilhelm von Schlegel, in Sämtliche Werke, 4 (1989), 371.
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taxerxes, sondern nur die mythischer Helden –, genauso wie unser Mittelalter die Geschichte ignorierte und statt dessen von König Artus und Gawain berichtete. Für alles galt „es war einmal”. Und wenn Dante Alighieri den Mythos erneut so kraftvoll zum Leben erweckte, so deshalb, weil seine eigenen Zeitgenossen ernsthaft glaubten, von Dardanos und Troja abzustammen, und sich fragten, ob König Odysseus nicht doch noch am Leben sei; währenddessen schlief Kaiser Barbarossa in seinem Kyffhäuser – aber das ist doch sicherlich nur ein Märchen wie das von Schneewittchen. Oder etwa nicht? Wegen ihres vertrauten Tonfalls werden Märchen schnell falsch eingeschätzt. Aber es könnte sich ergeben, daß solche großen gebieterischen Figuren, die zu einer Legende geworden sind, ein verborgenes Eigenleben führen, daß sie die Gesetze des Mythos befolgen, die lange vor ihrer Zeit niedergelegt wurden. Und so wie König Artus nicht wirklich gestorben ist, sondern entsprechend Merlins Prophezeiung in den Tiefen eines geheimnisvollen Sees weiterlebt, ist es Gottfried von Viterbo (ca. 1190), der im Dienst Barbarossas stand, welcher als einziger die „wahre” Version liefert. Es handelt sich um die orthodoxe Fassung, deren archaische Sprache merkwürdigerweise erhalten blieb: Der Kaiser schläft weiter in der Tiefe 043 des Meeres (vgl. Kapitel 11 und Appendix 39), wo sich alle zurückgetretenen Weltenherrscher aufhalten: Voire, ou sont de Constantinople L’empereurs aux poings dorez … Zwischen Mythos und Märchen wird ein feiner Unterschied sichtbar. Hamlet zeigt sich selbst als Aspekt eines wirklichen Mythos – und zwar eines universalen. Das ist er noch immer. Und Khayyam war der größte Mathematiker seiner Zeit, der Verfasser einer geplanten Kalenderreform, die sich als noch präziser herausstellte als diejenige, die später als Gregorianischer Kalender angenommen wurde. Er verfügte über einen Verstand, in dem schneidender Skeptizismus und das profunde Gedankengut der
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Sufis gleichberechtigt nebeneinander existieren konnten. Er wußte nur zu gut, daß Jamshyds Kelch mit den sieben Ringen nicht verlorengegangen ist, stand er doch für die sieben Planetenkreise, deren Herrscher Jamshyd ist. Und genauso reflektiert Jamshyds magischer Spiegel noch immer die ganze Welt, ist er doch der Himmel selbst. Aber es ist nur natürlich, sie ihr schillerndes Geheimnis für sich behalten zu lassen, gehören sie doch zu der lebendigen Wirklichkeit – so wie Platons Wirtel oder seine Spindel der Notwendigkeit. Oder wie Hamlet selbst. Wer also waren Jamshyd oder Kai Chosrau? Für den Normalverbraucher: ein magisches Bild, ein Märchen. Für jene, die Bescheid wußten: eine Widerspiegelung der Zeit selbst, und zwar offensichtlich einer ihrer Hauptaspekte. Sie konnten unter vielen Namen und an vielen Orten und sogar hinter widersprüchlichen Andeutungen wiedererkannt werden. Es war immer derselbe Mythos, und das genügte. Er drückte in dieser spezifischen Sprache die Gesetze des Universums aus – in der Sprache der Zeit. Es war die angemessene Art, wie man über den Kosmos redete. Alles, was zur lebendigen Wirklichkeit gehört, sub specie transeuntis, hat eine Geschichte, wie sie in angsteinflößenden oder entsetzlichen oder beruhigenden Aspekten erscheint, in der „furchtbaren Symmetrie” von Tigern oder Theoremen oder den Sternen in ihrer Bahn – aber immer für die Seele lebendig. Es ist ein Spiel von Transmutationen, das uns einschließt, von der Zeit beherrscht und von den ewigen Formen eingerahmt wird. Ein Denken, das von der Zeit regiert wird, läßt sich nur im Mythos ausdrücken. Als die mythischen Sprachen universal waren und für sich selbst sprachen, war auch der Gedanke sich selbst genug. Er konnte nach keiner Erklärung seiner selbst in anderen Begriffen suchen. Wie Goethe sagte: „Alles Vergängliche – ist nur ein Gleichnis.” Heutzutage werden die Menschen darauf trainiert, in räumlichen Begriffen zu denken, Objekte zu lokalisieren. Nach der Kindheit lautet die erste Frage: „Wo und wann geschah dies?” In
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dem Maße, wie sich Wissenschaft und Geschichte über die gesamte Landschaft des Denkens ausbreiten, verkommen die Ereignisse der Mythen zu bloßen Märchen. Sie erscheinen als eskapistische Phantasien: nicht lokalisierbar, kaum ernst zu 044 nehmen und mit einem allgegenwärtigen Raum und einer zirkulären Zeit. Doch sind einige dieser Geschichten so kraftvoll, daß sie lebhaft weiterexistiert haben. Das sind die wahren Mythen. Ihre Akteure konnten eindeutig identifiziert werden, obgleich ihre Konturen fließend und kaum zu fassen sind. Diese Mythen erzählen von gigantischen Gestalten und übermenschlichen Ereignissen, welche den gesamten belebten Raum zwischen Himmel und Erde in Beschlag genommen zu haben scheinen. Oft liehen diese Gestalten historischen Persönlichkeiten ihre Namen, um dann plötzlich spurlos wieder zu verschwinden. Jeder Versuch, sie in die Geschichte hineinzuziehen, führt mit hundertprozentiger Sicherheit auf eine falsche Fährte – selbst wenn es sich um große und verhängnisvolle Ereignisse handelt. Historische Vorkommnisse werden niemals mythisches Geschehen „erklären”. Das war bereits Plutarch bekannt. Statt dessen sind mythische Gestalten unter vorgetäuschten Darstellungsformen in die Geschichte eingedrungen und haben diese auf subtile Weise ihren eigenen Zielen angepaßt. Dies ist eine Arbeitsregel, die vor langer Zeit aufgestellt wurde und sich immer wieder als stichhaltig erwiesen hat, sofern man sich mit dem wirklichen Mythos und nicht mit gewöhnlichen Legenden beschäftigt. Ohne Zweifel wurden mythische Figuren tatsächlich geboren und existieren weiter, doch nicht auf ganz dieselbe Art wie Sterbliche. Voraussetzung für ihre Existenz sind charakteristische Lebensweisen wie die eines Einstigen und Zukünftigen Königs. Gab es sie einst? Wenn ja, dann gab es sie vor Urzeiten – und wird es sie in ferner Zukunft wieder geben, unter anderen Namen, unter anderen Aspekten, so wie auch der Himmel seine Konfigurationen auf ewig zurückbringt. Selbstverständlich würden sie sich vor den eigenen
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Augen wie die Produkte einer krankhaften Phantasie in nichts auflösen, wenn man sie haargenau auf Personen und Dinge festlegen wollte. Aber wenn man ihre wahre Natur respektiert, werden sie diese Natur als Funktionen erkennen lassen. Funktionen von was? Der allgemeinen Ordnung von Dingen soweit sie verstanden werden konnte. Diese Gestalten drücken das Verhalten jener unermeßlichen Gesamtheit von Variablen aus, die man einst Kosmos nannte. Sie vereinen in sich selbst Mannigfaltigkeit, Ewigkeit und Wiederkehr, denn daraus besteht die Natur des Kosmos an sich. Daß der Kosmos unendlich sein könne, scheint bis zur Zeit von Lucretius, Giordano Bruno und Galileo Galilei jenseits der Schwelle menschlicher Erkenntnis geblieben zu sein. Und selbst Galilei, der ernsthafte Zweifel in dieser Sache hegte, stimmte mit all seinen Vorfahren darin überein, daß das Universum mit Sicherheit ewig sei und daß somit all seine Wandlungen dem Gesetz der Periodizität und der Rekursivität unterlägen. „Was ewig ist”, sagte Aristoteles, „ist zirkulär; und was zirkulär ist, ist ewig.” Das war für Jahrtausende die ausgereifte Schlußfolgerung menschlichen Denkens. Man war, wie bereits gesagt, von der Kreisförmigkeit besessen. Es gibt nichts Neues unter der Sonne; aber alle Dinge kehren in sich unaufhaltsam wandelnden Erscheinungen wieder. Sogar das verhaßte Wort „Revolution” bezog sich einst nur auf die „Umläufe” der Himmelskörper. Der Kosmos war ein ungeheures System ineinander verzahnter Getriebe mit außerordentlich verzweigten Verbindungen, etwa vergleichbar einer Uhr mit mehreren Zifferblättern. Die Funktionen des Systems traten innerhalb desselben überall hervor – und verschwanden wieder, wie der merkwürdige kleine Kuckuck in einer Schwarzwalduhr. Und es wurden wunderbare Geschichten um sie gewoben, um ihr Verhalten zu beschreiben; aber ebenso wie bei einer Maschine kann man die einzelnen Teile nur verstehen, wenn man begriffen hat, auf welche Weise alle Teile des Systems untereinander in Verbindung stehen.
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Auf ähnliche Weise erklärte einmal Rudyard Kipling in seiner lustigen Allegorie „Das Schiff, das zu sich selbst fand”, was auf einem neuen Schiff während seines Stapellaufs geschieht. Alle Teile brechen in lautes Geschrei aus, da jedes seinen Part zum erstenmal spielt: die stampfenden Kolben, die ächzenden Zylinder, die robuste Kardanwelle, die bis zum äußersten sich anspannenden Schotten, die ratternden Nieten – jeder fühlt sich im Mittelpunkt der Bühne, jeder erzählt dem Dampf von seinen einzigartigen und unvergleichlichen Taten, bis sie schließlich in Schweigen verfallen als eine neue, tiefe Stimme sich bemerkbar macht – nämlich die des Schiffes, das endlich zu seiner Identität gefunden hat. Genau dasselbe geschieht mit dem großen Aufgebot an Mythen. Jede einzelne Mythe bot ihre Geschichte dar; einige waren unheimlich, unverständlich oder exotisch, andere waren episch und tragisch. Aber schließlich ist es möglich, sie als partielle Repräsentationen ein und desselben Systems zu begreifen, als Funktionen des Ganzen. In dem Maß, wie die einzelnen Teile wie in einem Puzzle ihren Platz finden, beginnt die Unermeßlichkeit und Komplexität dieses Systems langsam Gestalt anzunehmen. Angebracht ist allein, induktiv vorzugehen, Schritt für Schritt und – unter Vermeidung vorgefaßter Meinungen – das Argument zu seinen eigenen Schlußfolgerungen kommen zu lassen, das heißt das Material für sich selbst sprechen zu lassen. In der einfachen Geschichte von Kai Chosrau sind die Grundzüge des Hamlet auf wunderbare Weise vorgegeben, obwohl nicht klar ist, worauf sie hinauslaufen. Die zeitliche und räumliche Macht des Königs ist explizit mit den sich wandelnden Konfigurationen am Firmament verbunden. Es gehört zum Allgemeinwissen, daß der Himmel durch seine Bewegung der Erde ihre Koordinaten für Zeit und Raum liefert. Der Beruf des Navigators besteht darin, mit diesen Verbindungen zwischen oben und unten zu arbeiten. Aber in den frühen Jahrhunderten waren diese Verbindungen unendlich reicher an Bedeutung. Kein histo-
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rischer Monarch, wie überzeugt auch immer er von seinem Charisma sein mochte, hätte sagen können: „Die ganze Welt ist mein Königreich; alles zwischen dem Sternbild der Fische und Aldebaran ist mein.” Irdische Begriffe wurden scheinbar auf den Himmel übertragen – und umgekehrt. In der Tat fügt diese Welt der Mythen die Uranologie und die Geographie zu einem Ganzen, das tatsächlich eine einzige Kosmographie ist. Und die „geographischen” Merkmale, auf die man sich bezieht, können deshalb Verwirrung stiften, weil sie entweder einen der zwei Bereiche oder beide implizieren. Wenn zum Beispiel die „Flüsse” Okeanos oder Eridanus erwähnt werden, wurde dann nicht angenommen, sie seien zuerst am Himmel und dann schließlich auch auf der Erde anzutreffen gewesen? Es ist, als ob jede Region, die sich im Altertum der direkten Kenntnis des Menschen entzog, ganz einfach „nach oben” verlagert wurde. Selbst tatsächliche Geschehnisse, die sogar in einem offiziellen Epos wie dem Schahnameh erwähnt werden, sind nicht „erdbezogen”. Sie tendieren dazu, sich „nach oben” zu begeben. Das ist das ursprüngliche Konzept von Astrologie, das sowohl weitreichender als auch weniger festgeschrieben war als die spätere klassische Form, mit der uns Ptolemaios bekanntmachte. Selbst wenn der Kosmos eins ist, so besteht die Kosmographie doch aus unentwirrbar miteinander verflochtenen Daten. Zu behaupten, die Ereignisse auf der Erde widerspiegelten jene am Himmel, ist eine Vereinfachung, die von vornherein auf die falsche Fährte lockt. In der Sprache eines Aristoteles heißt es, daß die Form der Substanz zeitlich vorausgeht, aber beide zusammengehören. Es ist noch immer notwendig herauszufinden, was der Fokus „wahrer” Ereignisse am Himmel ist. Um es noch einmal klarzustellen: Der wahre Mythos beruht auf keiner historischen Basis – wie verführerisch auch immer eine solche Reduzierung sein mag und welch schweres Geschütz auch immer ein Großteil der modernen Kritiker gegen diese Behauptung auffahren mögen. Der Versuch, den Mythos auf die
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Geschichte zu reduzieren, liegt in dem sogenannten „euhemeristischen” Trend begründet, der nach Euhemeros benannt ist, dem ersten, der dem Mythos seinen Nimbus nahm.* Es war eine Modewelle, die langsam abebbt, weil sie sich letztlich als zu einfältig erwiesen hat. Der Mythos ist im wesentlichen kosmologisch. Da der Himmel im Kosmos so weitaus wichtiger ist als unsere Erde, sollte es nicht weiter verwundern, daß die Hauptfunktionen vom Himmel abgeleitet wurden. Sie unter einer Vielfalt von Erscheinungsbildern auseinanderzuhalten, ist eine Frage mythologischer Urteilskraft, der Fähigkeit, essentielle Formen durch geduldiges Sichten der immensen Menge an Material zu erkennen. Hamlet „ist” hier Kullervo, dort Brutus oder Kai Chosrau; aber immer ist er als derselbe wiederzuerkennen. Jamshyd begegnet uns wieder: als Yama bei den Indo-Ariern, als der Gelbe Kaiser Huang-ti bei den Chinesen und unter vielen anderen Namen. Es herrschte immer stillschweigende Übereinkunft – für jene, die der archaischen Sprache mächtig sind und sich mit dem alten Kosmos beschäftigten –, daß er überall dieselbe Funktion erfüllt. Aber wer ist der Demiurg? Er hat in der Tat viele Namen. Platon kümmert sich nicht darum, die Dinge in unserer Begriffssprache zu erklären. Ist die Person des Schöpfers eine semiwissenschaftliche Fiktion, der Erbauer eines Planetariums, so wie 047 auch der Verlorene Kontinent von Atlantis eine semi-historische Fiktion ist? Platon selbst sagt nur, solche Geschichten seien „nicht ganz ernst zu nehmen“. Mit Sicherheit aber sind sie kein Humbug, Platon, der das entwickelte, was man Philosophie und ihre Sprache nennt, und der ein Meister in ihrer Handhabung gewesen ist, kehrt zur Sprache des Mythos zurück, wenn er glaubt, es tun zu müssen; und er benutzt diese uralte Sprache, als A.d.Ü.: Der griechische Philosoph Euhemeros lebte um 300 v. Chr, und wurde bekannt durch seine rationalistische Deutung von Mythen und Religionen. *
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sei sie genau zu diesem Zweck geschaffen.4 Der Kern des Problems bleibt bei dieser Betrachtungsweise vergangener Mythen schwer definierbar. Kipling war ein Schriftsteller, der sich noch auf wunderbare Weise mit dem jugendlichen Geist in Einklang befand, der in den meisten von uns schlummert. Es ist aber eine Tatsache, daß der Mythos an sich, als Ganzes, eine verlorene Welt ist. Die letzten Gestaltungen – beziehungsweise Wiederholungen – eines echten Mythos gehören dem Mittelalter an: als Alexanderroman sowie im Mythos von König Artus, wie man ihn bei Malory findet. Es gibt andere Geschichten – wir nennen sie Geschichte – über die Eroberung der Natur durch den Menschen sowie die Aufzählung der großen Abenteuer der Menschheit schlechthin. Aber in ihnen ist es nur der gesichtslose Mensch in seiner Gesellschaft, der die Menschheitssiege erringt. Es ist nicht die Geschichte der Technologie, sondern es ist – wenn überhaupt – die Sciencefiction, die jene Abenteuer ins Auge faßt, welche auf spätere Generationen faszinierend wirken werden. Science-fiction ist – sofern sie gut gemacht ist, ein völlig berechtigter Versuch, ein mythologisches Element wiederaufzugreifen – mit all seinen Abenteuern und Tragödien, seinen Meditationen über menschliche Irrtümer und menschliches Schicksal. Denn die wahre Tragödie ist eine wesentliche Komponente beziehungsweise ein wesentliches Resultat des Mythos. Möglicherweise kann man der Historie eine Minute Zeitlosigkeit einräumen und sie dann verabschieden – mitsamt ihrer Fracht von Interpretationen und Befürchtungen, die just so lange vorhalten, wie man beim Lesen ist. Aber die reale Gegenwart – also das einzige, was zählt – ist die ewige Sphinx. Die Kinder von heute, jene leidenschaftslose NachkommenIn seinem Siebten Brief (34IC-344D) bestreitet er mit Nachdruck, daß wissenschaftliche „Namen” und „Sentenzen” (onomata, remata) dazu beitragen könnten, zu wesentlichen Einsichten zu gelangen. Vgl auch C. Alexandrinus, Stromata 5.9.58.
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schaft, der alle Verehrung gilt, wissen, wo sie ihre Mythen zu suchen haben: in der Tierwelt, in den Dschungelbüchern, in den Geschichten von Lassie und Flipper, wo die Unschuld unangreifbar ist, oder in den Wildwest-Abenteuern, die von den Erwachsenen zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung arrangiert werden. Viel von dem, was übriggeblieben ist und von den Massenmedien emsig aufrechterhalten wird, ist voll von neuzeitlichen Vorurteilen und Irreführungen – wie etwa der Glamour, mit dem das Königtum umgeben wird, oder die Perfektion von Super-Reinigungsmitteln und Kosmetika: superstitio, Überbleibsel. Zu solcher Aussage könnte man sich hinrei- 048 ßen lassen. Tatsächlich aber ist kein Staubkörnchen des Mythos übriggeblieben; wir haben es vielmehr nur mit vorsätzlichen Lügen über die conditio humana zu tun. Tolkiens Bemühungen – so talentiert sie sein mögen –, der mythologischen Sprechweise neues Leben einzuhauchen, bleiben talmihaft. Das als wißbegierig angenommene Kind wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihm die „Geschichte” der Maschine so beigebracht hätte, wie sie Kipling erzählt – ein Stil, der mit dem eines Maschinenbauingenieurs kaum etwas gemeinsam hat. Aber angenommen, das Kind wäre konfrontiert worden mit der „Geschichte” eines Planeten, wie sie sich aus den Lehrbüchern über Himmelsmechanik ergibt, und man hätte es aufgefordert, die Umlaufbahn des Planeten und seine Perlurbationen zu berechnen? So etwas würde man doch eher einem freudlosen Erwachsenen überlassen, und in diesem Fall sogar einem Fachmann. Wer sonst könnte den Anblick von zahllosen Seiten ertragen, die mit partiellen Differentialgleichungen übersät sind, mit langen Approximationsreihen und aus sinnlosen Quadraturen hervorgegangenen Integralen? Das ist wahrhaftig eine Welt unzugänglichen Wissens, die nur wenigen vorbehalten ist. Aber wenn andererseits ein Mensch, der vor mehreren tausend Jahren lebte, konfrontiert worden wäre mit klug aufgebauten Geschichten über die Herrschaft des Saturn, über seine exorbitanten Akti-
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vitäten als Architekt und Bildhauer – nachdem er mit Hilfe seiner Sichel „Himmel und Erde voneinander geschieden” hatte, das heißt, nachdem er die Schiefe der Ekliptik etabliert hatte … Wenn dieser Mensch von Jupiters Regierungsmethoden gehört hätte und von seinen unzähligen Eskapaden, bei denen er die Erde mit sanften Nymphen bevölkerte und diese dazu verdammte, auf ewig nach der Glückseligkeit zu suchen, von Eskapaden, die trotz der dauernden Wachsamkeit seiner eifersüchtigen „kuhäugigen” oder manchmal „hundeäugigen” Gemahlin von gleichbleibendem Erfolg gekrönt waren … Wenn dieser Mensch außerdem von den wilden Abenteuern des Mars erfahren hätte und von den komplexen Wechselbeziehungen zwischen den Göttern und Helden, die sich sowohl in Handlungen als auch in unveränderlichen Zahlen niederschlugen … , so wäre dieser Mensch ein Teilnehmer am Prozeß mythologischer Erkenntnis gewesen. Dieses Wissen wäre ihm von den Älteren seiner Familie oder Sippe weitergegeben worden, abgesegnet durch heilige Anweisungen und erprobt in symbolischen Erfahrungen in Form von musikalischen Riten und Vorführungen, in die sein ganzes Volk einbezogen war. Sicherlich wäre es ihm leichter gefallen, dies alles einfach anzunehmen und zu respektieren als es zu begreifen; aber es hätte ihn einer Idee von der Gesamtstruktur des Kosmos zugeführt. Mit seiner eigenen Person wäre er Teil einer genuin kosmologischen Theorie gewesen, die er mit dem Herzen aufgesogen hatte, die seinen Gefühlen entsprach und die auf sein Trachten und Träumen einwirkte. Diese Art der Teilnahme an ultimativen Dingen, die heute extrem schwierig ist für jeden, der nicht Astrophysik studiert hat, war damals bis zu einem gewissen Grad für jedermann zugänglich, und nirgends konnte sie vulgarisiert werden. Das ist es, was hier mit mythologischem Wissen gemeint ist. Verstanden wurde es nur von wenigen. Viele fanden trotzdem Gefallen daran. Doch entzieht es sich hartnäckig jenen, die es mit Hilfe der „Populärmathematik” oder Spekulationen über das
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Unbewußte zu erlangen trachten. Mit anderen Worten: Dies ist ein selektives und schwieriges Annäherungsverfahren, das sich der zuhandenen Mittel bedient sowie intensiven Denkens – begrenzt, wie es sicherlich ist, wenn auch einigermaßen resistent gegen Falsifikationen. Wie in früheren Zeiten essentielles Wissen auf zwei oder drei intellektuellen Ebenen weitergereicht wurde, kann in Germaine Dieterlens Einleitung zu Marcel Griaules Conversations with Ogotemmêli nachgelesen werden. Das Buch handelt von der Erziehung bei den Dogon und von den persönlichen Erfahrungen der Mitglieder der Mission Griaule, die sechzehn Jahre warten mußten, bis sich der weise alte Mann des Stammes dazu entschloß, „die Tür zu öffnen”.5 Die Beschreibung ist so aufschlußreich, daß wir sie in voller Länge zitieren: In afrikanischen Gesellschaften, die ihren traditionellen Aufbau bewahrt haben, ist die Anzahl der Personen, die in diesem Wissen ausgebildet werden, ziemlich beachtlich. Sie nennen es „tiefes Wissen” im Gegensatz zu „einfachem Wissen”, welches „nur als Einführung in das Verstehen von Glaubensgrundsätzen und Brauchtümern” für jene betrachtet wird, die nicht gänzlich in den kosmogonischen Kenntnissen geschult sind. Es gibt vielfältige Gründe für das Schweigen, das im allgemeinen über diese Sache bewahrt wird. Zu der natürlichen Reserviertheit gegenüber Fremden, die selbst dann, wenn sie entgegenkommend sind, unbewußt von einem Überlegenheitsgefühl durchdrungen bleiben, muß man die gegenwärtige Situation schnellen Wandels afrikanischer Gesellschaften durch den Kontakt mit der Mechanisierung und den Einfluß der Schulbildung hinzuzählen. Aber innerhalb von Gruppen, in denen die Tradition noch lebendig ist, ist dieses Wissen, welches ausdrücklich als esoterisch charakterisiert wird, nur im folgenden Sinne als Geheimnis zu verstehen: Es ist in der Tat für alle zugänglich, die den Willen beweisen, es zu verstehen, sofern sie, gemessen an ihrer sozialen Stellung und moralischen Lebensführung, dieses Wissens für wert erachtet werden. Somit kann jedes Familienoberhaupt, jeder Priester 5
M. Griaule, Conversations with Ogotemmêli (1965), xiv-xvii.
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Kapitel 4 und jede erwachsene Person, die für einen kleinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens verantwortlich ist, als Teil der sozialen Gruppe dieses Wissen unter der Voraussetzung erlangen, daß er die entsprechende Geduld aufbringt und sich, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, „an der Seite der sachkundigen Alten niederläßt” – und zwar so lange und in einer geistigen Verfassung wie nötig. Dann wird er auf seine Fragen Antworten erhalten, aber das wird Jahre dauern. Tatsächlich wird die in der Kindheit, anläßlich von Zusammenkünften und Ritualen der Altersklasse begonnene Instruktion ein Leben lang fortgeführt. Die vielfältigen Aspekte der afrikanischen Zivilisation wurden langsam im Verlauf intensiver Studien deutlich, die während mehr als einem Jahrzehnt bei verschiedenen Völkern in Mali und Obervolta durchgeführt wurden. Im Fall der Dogon, über die bereits zahlreiche Veröffentlichungen vorliegen, haben diese Studien die Entwicklung einer Synthese ermöglicht, die den Großteil ihrer Aktivitäten abdeckt. Wir sollten nunmehr über die wichtigsten Begebenheiten berichten, die sich während der Forschungsreise von 1947 zugetragen und dazu geführt haben, diese spezielle Studie anzufertigen. Von 1931 an hatten die Dogon auf Fragen und Kommentare zu Beobachtungen, die während vorausgegangener Exkursionen angestellt worden waren, auf der Grundlage einer Betrachtungsweise von Tatsachen geantwortet, die sie „la parole de face” nennen; dies ist das „einfache Wissen”, das sie zunächst an alle Fragenden weitergeben. Die vor den Untersuchungen von 1948 publizierten Informationen bezogen sich auf eben diese erste Deutungsebene. Aber nach und nach erkannten die Dogon die große Beharrlichkeit in den Fragestellungen von Marcel Griaule und seinem Team; und sie erkannten auch, daß es zunehmend schwieriger wurde, die Vielzahl der Fragen zu beantworten, ohne auf eine andere Ebene überzugehen. Sie schätzten unsere Begierde nach einem Verstehen, das sich mit den früheren Erklärungen nicht hatte zufrieden geben können und das uns offensichtlich wichtiger war als alles andere. Griaule hatte außerdem ein gleichbleibendes Interesse am Alltagsleben der Dogon bekundet, mit viel Respekt für ihre Anstrengungen, einen schwierigen Boden urbar zu machen, der in der Trockenzeit unter ar-
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gem Wassermangel litt. Folglich wurden unsere Beziehungen, die weit über jene ethnographischer Untersuchungen hinausreichten, immer vertrauensvoller und herzlicher. Dies alles in Betracht ziehend, faßten die Dogon ihren eigenen Entschluß, von dem wir erst später erfuhren, als sie selbst ihn uns mitteilten. Die Familienältesten des Doppeldorfes Ogol und die wichtigsten Medizinmänner der Region Sango trafen sich und entschieden, daß Professor Marcel Griaule die mehr esoterischen Aspekte ihrer Religion zur Gänze enthüllt werden sollten. Um damit zu beginnen, wählten sie eines ihrer bestinformierten Mitglieder, Ogotemmêli, aus, der, wie in der Einleitung zu lesen sein wird, das erste Interview arrangierte. Diese erste Unterweisung dauerte exakt die in Dieu d’Eau angegebene Anzahl der Tage. In dem Bericht wird der mäandernde Informationsfluß glaubwürdig wiedergegeben. Obwohl wir damals nichts davon wußten, wurde dem Rat der Altesten und Priester täglich über den Forschritt von Ogotemmêlis Unterrichtung Bericht erstattet. Die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit, mit der die Darlegung des Glaubens der Dogon vonstatten ging, war um so größer, als die Ältesten der Dogon genau wußten, daß sie damit die Tür öffneten – nicht nur für diese dreißig Tage der Unterweisung, sondern für eine spätere und intensivere Arbeit, die sich über Monate und Jahre hinziehen sollte. Sie nahmen ihre einmal getroffene Entscheidung nie zurück, und wir möchten ihnen an dieser Stelle unsere tiefste Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Nach Ogotemmêlis Tod setzten andere die Arbeit fort. Und nach dem Tod von Marcel Griaule sind sie mit derselben Geduld und Eifrigkeit fortgefahren, ihre einmal übernommene Aufgabe zu Ende zu führen. Diese späteren Befragungen haben die vielen weiteren Studien ermöglicht, die in der Bibliographie zitiert sind, sowie die Vorbereitung einer detaillierten Abhandlung mit dem Titel Le Renard Pâle, deren erster Teil zur Zeit gedruckt wird.6 Und im Jahre 1963, während dies geschrieben wird, dauern die Recherchen noch immer an. Der erste Band dieses monumentalen Werks ist 1965 erschienen: Marcel Griaule und Germaine Dieterlen, Le Renard Pâle. Tome 1. Le Mythe Cosmogonique. Fasc.l. La Création du Monde. Paris, 1965. [Vulpes pallidus, der Fennek (Wüstenfuchs), ist das westsudanesische Pendant 6
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zu Upuaut, dem „Wege öffnenden” Wolf oder Schakal des alten Ägyptens.] Bis heute (Juni 1992) ist nichts hinzugekommen. Es scheint dies einem speziellen Unstern zuzuschreiben zu sein, der dringendst benötigte Fortsetzungsbände negativ bestrahlt. Von der – nicht nur nicht „überholten”, sondern unerreichten – Chronologie der Ägypter von Richard Lepsius besitzen wir „nur” die Einleitung und den ersten Teil („Kritik der Quellen”, 1849), aber dieser erste Teil umfaßt immerhin 554 Quartseiten. Leo Frobenius hat keinen zweiten Band zu seinem, viele gute Ansätze enthaltenden Band Das Zeitalter des Sonnengottes (1904) geschrieben, Franz Xaver Kugler hat wieder und wieder auf einen weiteren Band seines opus Sternkunde und Sterndienst in Babel (1907-1913) verwiesen, in dem er sich der Mythologie anzunehmen versprach. Geschehen ist nichts. An mehreren speziell spannenden Stellen seines Handbuch der Babylonischen Astronomie (1915) verwies Ernst Weidner auf einen zweiten Band, den er uns aber schuldig geblieben ist Und nun Le Renard Pâle, auf dessen weitere Teile ebenfalls fortwährend verwiesen wird, und dies auch wieder dort, wo man besonders ungeduldig auf nähere Unterrichtung wartet.
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Intermezzo: Ein Führer für die Verirrten
Tout-puissant étrangcrs, inévitables astres … VALÉRY
Dieses Buch ist im höchsten Grade unkonventionell, und der Fluß der Erzählungen wird oft unterbrochen werden, um Orientierungshilfen einzufügen und – ganz im Stil des Mittelalters – Punkte von besonderer Bedeutung hervorzuheben. Um gleich zu Beginn festzustellen: Es gibt hier kein System, das in modernen analytischen Begriffen präsentiert werden könnte. Auch gibt es keine Klassifikation und keine Prinzipien, von denen eine Darstellung hergeleitet werden könnte. Die Struktur rührt aus einer Zeit, in der so etwas wie ein System in unserem Sinne nicht existierte, und es wäre unlauter, nach einem solchen zu suchen. Es konnte auch keines geben unter Menschen, die all ihre Ideen auswendig lernten. Es muß von einer reinen Zahlenstruktur ausgegangen werden. Anfänglich erwogen wir, diesen Essay eine „Kunst der Fuge” zu nennen. Und das schließt jedes „Weltbild” aus – ein Punkt, der nicht genug hervorgehoben werden kann. Jedes Bemühen um eine graphische Darstellung würde unweigerlich zu Widersprüchen führen. Es geht um Zeiten und Rhythmen. Der Untersuchungsgegenstand ist seiner Natur nach ein Hologramm, etwas, das sich dem Verstand als Ganzes erschließen muß. Das archaische Denken ist in erster und letzter Linie kosmologisch; es richtet in einer Weise sein Augenmerk auf die
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schwerwiegendsten Implikationen eines Kosmos, die in der späteren Klassischen Philosophie ihren Widerhall fand. Die Hauptimplikation ist das Bewußtsein, daß das kosmische Gebäude nicht nur determiniert ist, sondern überdeterminiert – und zwar auf eine Art, die eine einfache örtliche Bestimmung seiner in ihm Handelnden verbietet, egal, ob es sich dabei um simple Magie oder Astrologie handelt, um Kräfte, Götter, Zahlen, planetarische Gewalten, platonische Formen, aristotelische Wesenheiten oder stoische Substanzen. Die physische Realität kann hier nicht im kartesianischen Sinn analysiert werden; sie kann nicht auf das Gegenständliche reduziert werden, selbst dann nicht, wenn man sie von einem Platz zum anderen schieben kann. Sein ist Veränderung, Bewegung und Rhythmus, der unaufhaltsame Kreislauf der Zeit, das Auftreten des „rechten Augenblicks”, wie er vom Himmel vorbestimmt wird. Obwohl viele Geschehnisse der irdischen Vorstellung angepaßt sind, finden sie dennoch nicht auf der Erde statt. In diesem Buch wird von Fluten gesprochen. In der Überlieferung ist nicht nur eine, sondern sind drei Fluten vermerkt; eine ist die biblische Sintflut, deren Äquivalente in den sumerischen und babylonischen Texten erwähnt werden. Die Versuche frommer Archäologen, die biblische Erzählung mit geophysikalischen Vorkommnissen zu verbinden, beruhen im höchsten Grade auf Mutmaßungen. Es gab Überschwemmungen in Mesopotamien, die einen schmerzlichen Verlust an Menschen verursachten. In den Flußebenen von China und anderswo kommen noch immer solche Flutkatastrophen vor; aber keine erreicht das absolute Ausmaß jener, die in der Bibel beschrieben wird. In Amerika und Asien gibt es außerdem Berichte über sintflutartige Überschwemmungen der gesamten Kontinentalmasse, die von Menschen erzählt werden, die noch nie das Meer gesehen haben. Die Überschwemmungen, die von den Griechen beschrieben wurden, wie die Flut des Deukalion, sind so „mythisch” wie die Erzählung der Genesis. Griechenland kann nicht untergehen
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– es sei denn durch eine seismische Woge. Deukalion und seine Frau landeten auf dem Berg Parnassos hoch über Delphi, dem „Nabel der Welt”. Und sie waren die einzigen Überlebenden dieser Überschwemmung, der zweiten, die Zeus geschickt hatte, um die Menschen eines Weltalters zu vernichten. Die Autoren der Klassik konnten sich nicht einig werden, um welches spezifische Weltalter es sich handelte. Ovid plädierte für die Eisenzeit. Platons Solon bewahrte bei seinem Gespräch mit dem ägyptischen Priester die mythologische Ebene und führte seine Diskussion über die zwei Arten der Weltzerstörung, durch Feuer oder Wasser, mit astronomischen Argumenten. Die „Fluten” beziehen sich auf ein altes astronomisches Bild, das auf abstrakter Geometrie basiert. Daß dies kein „leichtes Bild” ist, muß nicht weiter verwundern, wenn man die objektive Schwierigkeit der Astronomie in Betracht zieht Aber obgleich ein heutiger Leser nicht davon ausgeht, einen Text über Himmelsmechanik wie ein Wiegenlied lesen zu können, besteht er doch auf seiner Fähigkeit, mythische „Bilder” augenblicklich zu begreifen, denn als „wissenschaftlich” kann er nur seitenlange Approximationsformeln und dergleichen gelten lassen. Er kann sich nicht vorstellen, daß gleichermaßen relevantes Wissen früher einmal in der Alltagssprache formuliert worden sein könnte. Eine solche Möglichkeit kommt ihm erst gar nicht in den Sinn, obwohl die sichtbaren Leistungen antiker Kulturen – man denke nur an die Pyramiden oder die Metallurgie – ein zwingender Grund sein sollten, um zu dem Schluß zu kommen, daß ernste und intelligente Menschen hinter den Kulissen am Werk waren, Menschen, die zwangsläufig eine technische Terminologie benutzt haben. Die archaische „Metaphorik” ist also strikt verbal und repräsentiert einen spezifischen Typus wissenschaftlicher Sprache, den man nicht von seinen Äußerlichkeiten her beurteilen noch ihn als Ausdruck mehr oder weniger kindischen „Glaubens” ansehen darf. Kosmische Phänomene und Gesetzmäßigkeiten fan-
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den ihren Ausdruck in der Sprache beziehungsweise in der Ter- 054 minologie des Mythos, in der jedes Schlüsselwort mindestens so „dunkel” wie die Gleichungen und Konvergenzreihen ist, mit deren Hilfe unsere moderne wissenschaftliche Grammatik konstruiert wurde. Nun aber: Was war die „Erde”? Im allgemeinsten Sinn war die „Erde” die gedachte Ebene durch die Ekliptik. In einem spezifischen Sinn war die „trockene Erde” die gedachte Ebene durch den Himmelsäquator. Der Äquator teilte so den Tierkreis – beziehungsweise die entlang dessen Mitte verlaufende Ekliptik, die mit dem Äquator einen Winkel von 23,5 Grad bildet – in zwei Hälften, deren eine „trockenes Land” war (der nördliche Bogen des Zodiaks vom Frühlings- bis zum Herbstäquinoktium), während die andere das „Meer”1 repräsentierte (den südlichen Bogen des Tierkreises vom Herbst- zum Frühlingsäquinoktium). Die Begriffe „Frühlingsäquinoktium” (= Frühlings-Tagundnachtgleiche), „Wintersolstitium” (= Wintersonnenwende) usw. werden mit Absicht verwendet, denn der Mythos handelt von der Zeit, von Zeitabschnitten, die Winkelmaßen entsprechen und nicht räumlichen Abständen. Das könnte vernachlässigt werden, wäre da nicht die Tatsache, daß die Äquinoktial „punkte” – und damit auch die Punkte der Sonnenwenden – keineswegs an Ort und Stelle verharren (in Bezug auf die Sphäre der Fixsterne). Statt dessen wandern sie eigensinnig die Ekliptik entlang, und zwar entgegengesetzt der Umlaufbahn der Sonne, das heißt entgegen der „richtigen” Reihenfolge der Tierkreiszeichen, nämlich Stier → Widder → Fische anstelle von Fische → Widder → Stier. Dieses Phänomen nennt man die Präzession der Äquinoktien (Abbildung 1), und sie wurde für den Aufstieg sowie den kaDiverse Anzeichen sprechen dafür, daß das „Meer” seinerseits unterteilt worden ist, und zwar in das „Salzmeer” (vom Äquator bis zum südlichen Wendekreis) und den „Süßwasserozean” (vom Winterwendekreis bis zum Südpol oder aber bis zum südlichen Ekliptikpol). 1
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taklysmischen Untergang von Zeitaltern verantwortlich gemacht. Die Ursache liegt in einer schlechten Angewohnheit unserer Erdachse, die sich wie ein Kreisel dreht, dessen Spitze sich genau in der Mitte unseres kleinen Erdballs befindet. Das führt dazu, daß unsere Erdachse – wenn man sie sich in Richtung Himmelsnordpol verlängert denkt – einen Kreis um den Nordpol der Ekliptik beschreibt, dem wahren „Zentrum” des Planetensystems. Dabei weist der Radius dieses Kreises denselben Wert auf wie die Schiefe der Ekliptik hinsichtlich des Äquators: 23,5 Grad. Die Zeit, welche diese verlängerte Achse benötigt, um den ekliptischen Nordpol zu umkreisen, beträgt ungefähr 26.000 Jahre, während denen sie auf einen Stern nach dem anderen zeigt: Um 3000 v.Chr. war alpha Draconis der Polarstern; zur Zeit der Griechen war es beta Ursae minoris; gegenwärtig ist es alpha Ursae minoris; um 14.000 wird es die Vega sein (vgl. Abbildungen 2 bis 5). Die Äquinoktien, also die Schnittpunkte von Ekliptik und Äquator, die von der kreiselnden Erdachse in Schwung gehalten werden, umlaufen mit derselben Geschwindigkeit, also innerhalb von 26,000 Jahren, die Ekliptik. Die Position der Sonne unter den Sternbildern am Frühlingsäquinoktium galt als Richtschnur für die „Stunden” des Präzessionszyklus – es sind in der Tat sehr lange Stunden, denn die Äquinoktialsonne besetzt jede Konstellation des Zodiaks für die Dauer von etwa 2.200 Jahren. Jenes Sternbild, welches im Osten kurz vor der Sonne aufging (das heißt; heliakisch aufging), markierte den „Ort”, an dem die Sonne ausruhte. In jener Zeit war er bekannt als der „Träger” der Sonne und als Haupt„säule” des Himmels, wobei das Frühlingsäquinoktium als Vergleichspunkt des „Systems“ betrachtet wurde, der sowohl den ersten Grad der jährlichen Umlaufbahn der Sonne festlegte als auch den ersten Tag des Jahres. (Wenn wir sagen, er wurde „betrachtet als”, so meinen wir damit, daß er als „Träger” oder „Säule” definiert wurde. Man muß sich immer vergegenwärtigen, daß wir es mit einer spezifischen Terminologie zu tun haben und nicht mit va-
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gem oder primitivem „Aberglauben”.) Zur „Nullzeit” stand die Sonne im Sternbild der Zwillinge (Gemini); von den Zwillingen bewegte sie sich sehr langsam in das Sternbild des Stiers (Taurus), dann in das des Widders (Aries), dann in das der Fische (Pisces), in dem sie noch immer steht und es auch noch eine Weile tun wird. Das Erscheinen von Christus dem Fisch kennzeichnet unser Zeitalter. Kurz vor Anno Domini wurde es bereits von Vergil bejubelt: „Eine neue große Ordnung der Jahrhunderte ist nunmehr geboren …”, was Vergil den befremdlichen Titel eines Propheten des Christentums einbrachte. Das vorausgegangene Zeitalter des Widders war von Moses verkündet worden, indem er als „Zweigehörnter” vom Berg Sinai herabstieg, das heißt; mit den Widderhörnern gekrönt, während seine ungehorsame Herde darauf bestand, weiterhin um das „Goldene Kalb” herumzutanzen, das eher ein „Goldener Stier” war: Taurus. Die kreisenden Himmelssphären gaben also den Ton an, während das Geschehen auf unserem Globus von nachgeordneter Bedeutung war. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die überirdischen Erscheinungen, die sich weitab von jenem Chaos befanden, das uns umgibt. Was sich am Himmel kraft seines eigenen Antriebs bewegte – die Planeten in ihren Wochen und Jahren –, gewann zunehmend an furchteinflößender Würde. Sie waren die Wesen des wahren Werdens. Und es war im Tierkreis, wo sich die Dinge tatsächlich zutrugen, denn als dessen eigentliche Bewohner wußten die Planeten genau, was sie taten – die Menschheit unterlag nur passiv ihren Befehlen. Es ist aufschlußreich, sich die Figur anzuschauen, die ein westsudanesischer Dogon auf die Bitte von Dominique Zahan malte: Sie zeigt das Weltenei mit der „bewohnten Welt” zwischen den Wendekreisen, „le cylindre ou rectangle du monde” (vgl. Abbildungen 6 und 7).2 Die Dogon sind sich der Tatsache vollkommen bewußt, daß die Region zwischen den irdischen Wendekreisen nicht der bestbeDominique Zahan und Solange de Ganay, „Études sur la cosmologie des Dogon”, Africa 21 (1951), 14. 2
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wohnbare Bereich ist, und das wußten auch ihre Lehrer aus längst vergangenen Zeiten, jene archaischen Wissenschaftler, welche die Terminologie des Mythos prägten. Was zählte, war das Band des Zodiaks zwischen den himmlischen Wendekreisen, das für die viel umherreisenden und ihre „Gestalt wechselnden” Planeten die Häuser, Gaststätten, „Masken” (prosôpa) und Verkleidungen bereitstellte. Wie weit diese Betrachtungsweise von heutiger Indifferenz entfernt ist, kann kaum eingeschätzt werden – außer von jenen, welche die Dimension der historischen Kluft erkennen, die sich mit der Übernahme der copernikanischen Doktrin auftat. Was für Thomas Browne eine mit religiösen Gefühlen, Erscheinungen und Vorahnungen vollgestopfte o altitudo war, verkam zur Platitüde, die einen russischen Kosmonauten im besten Fall zu der Beobachtung inspiriert: „Ich war hoch oben am Himmel; aber nirgendwo fand ich Gott.“ Die Astronomie ist in das Reich äußerer Ballistik abgestiegen – ein Thema für die Abenteuer der Raumpatrouille. Sicherlich bedürfte es größter Anstrengung, in uns die Fähigkeil zum Staunen eines Aristoteles wiederzuerwecken. Allerdings wäre es irreführend, von „uns” im allgemeinen zu sprechen, denn der durchschnittliche Babylonier oder Grieche war ebensowenig geneigt wie unser durchschnittlicher Zeitgenosse, sich über die Ordnung der Natur und ihre Gesetze zu wundern. Es war und bleibt das Kennzeichen eines wahrhaft wissenschaftlichen Geistes, nach der unveränderlichen Struktur der Zahlen zu suchen, die sich hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen verbirgt –und über sie zu staunen. (Dazu ist die adäquate „Erwartungshaltung” und das feste Vertrauen in den „Sinn” erforderlich – und seit der Geburt der Hochzivilisation bedeutet „Sinn” für uns Zahl und Ordnung –, um zum Beispiel das periodische System der Elemente und im Anschluß daran die Balmerserie zu entdecken.) Folglich war es für große Naturwissenschaftler wie Galilei, Kepler oder Newton viel leichter, die Meisterwerke früherer Mathematiker zu würdigen,
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terwerke früherer Mathematiker zu würdigen, als es über all die Generationen hinweg für den Durchschnittshumanisten gewesen ist. Vermutlich versteht kein professioneller Kulturhistoriker die Geistesverfassung der Maya besser als es der Astronom Hans Ludendorff getan hat. Es ist nicht so sehr die enorme Anzahl neuer Fakten, die in den vielen Jahrhunderten zwischen der Antike und dem zwanzigsten Jahrhundert von Naturwissenschaftlern geschaffen wurde, die uns von dem Weltverständnis unserer großen wissenschaftlichen Vorfahren trennen; es sind vielmehr die herabgeschraubten Erwartungen, die unsere Zeit bestimmen. Wenn er heute lebte, würde Keplers Anliegen darin bestehen, eine modifizierte Perspektive zu entdecken, von der aus er die Harmonice Mundi wiederentdecken könnte. Aber was ist die Arbeit an einer „Allgemeinen Feldtheorie” letztlich anderes als die Suche nach der Etablierung einer neuen Art von Kosmos? Dieser von der zu erwartenden Formel erfaßte Kosmos wird nur für die besten Mathematiker verständlich sein und einen „Sinn” ergeben, unter völligem Ausschluß der übrigen Menschheit. Und es wird kaum ein „bedeutungsvoller” Kosmos sein, wie es der archaische gewesen ist. Sowenig der Ausdruck „flache Erde” etwas zu tun hat mit den Hirngespinsten der Flach-Erde-Fanatiker, die noch vor kurzem die Randzonen unserer Gesellschaft heimsuchten3 – und die in 057 Gestalt von Bettelpredigern Kolumbus das Leben zur Hölle machten –, so wenig sollte der Terminus „wahre Erde“ (oder auch „die bewohnte Erde”) das Rotationsellipsoid, also die reale Gestalt unserer Erde bezeichnen. Gemeint war vielmehr der Tierkreisgürtel, also die Rennbahn der „wahren Bewohner” dieser Welt, nämlich der Planeten wie auch des „Drachen”. („Drachen” nannte man die „Knoten”; das sind die Schnittpunkte der Sonnenbahn, also der Ekliptik, mit der um 5 Grad geneigten Kipling hat solchen „Geoplanisten” in seiner Geschichte Das Dorf, das wettete, die Erde sei flach ein vergnügliches Denkmal gesetzt.
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Bahn des Mondes – Umlaufzeit ca. 18,5 Jahre –, in denen Sonnenund Mondfinsternisse eintreten können.) Im Tierkreis gibt es vier entscheidende Punkte, welche über die vier Jahreszeiten herrschen. In der kirchlichen Liturgie sind es die quatuor tempora, deren mit besonderer Enthaltsamkeit gedacht wird. Sie entsprechen den beiden Solstitien und den beiden Äquinoktien. Das Solstitium ist die „Umkehr” der Sonne am tiefsten Punkt des Winters und am höchsten Punkt des Sommers. Die beiden Äquinoktien, die Tagundnachtgleichen an den Schnittpunkten von Ekliptik und Äquator, teilten das Jahr in zwei Hälften. Zusammengenommen standen diese vier Punkte für die vier Säulen oder Ecken dessen, was man die „viereckige Erde” nannte. Dies ist ein wesentliches Merkmal, das weiterer Aufmerksamkeit bedarf. Im allgemeinen Sinn hatten wir über die Erde gesagt, daß sie die gedachte Ebene durch die Ekliptik bedeutet. Inzwischen sind wir soweit, die Definition zu verbessern: „Erde” wird bevorzugt die gedachte Ebene durch die Jahrespunkte genannt, also durch die Äquinoktien und Solstitien. Weil die an den Äquinoktien und Solstitien heliakisch aufgehenden Sternbilder eine „Erde” bestimmen und definieren, wird diese viereckig genannt. (Was keineswegs bedeutet, „primitive” Chinesen oder andere hätten tatsächlich „geglaubt”, die Erde sei viereckig.) Und da die Sternbilder nur für eine bestimmte Zeit über die vier Ecken der viereckigen Erde herrschen, kann von einer solchen „Erde” mit Recht behauptet werden, daß sie untergeht und eine neue Erde aus den Wassern emporsteigt, mit vier neuen Sternbildern, die an den vier Jahrespunkten aufgehen. Vergil sagt: „Iam redit et Virgo …” („Schon kehrt die Jungfrau zurück.”). (Es ist wichtig, sich an das Frühlingsäquinoktium als den Vergleichspunkt zu erinnern: Auf diese Tatsache ist es zurückzuführen, daß eine neue Erde als aus dem Wasser emportauchend bezeichnet wird. In Wirklichkeit klettert nur das Sternbild des neuen Frühlingspunktes aus dem Meer an das trockene Land ober-
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halb des Äquators4 – die Umkehrung vollzieht sich diametral entgegengesetzt: Ein Sternbild, das aufhört, den Herbstpunkt zu markieren, ertrinkt.) Diese „Formel” wird es erleichtern, den Mythos von Deukalion zu verstehen, in dem die verheerenden Flutwellen dadurch gestoppt wurden, daß Triton sein Muschelhorn blies. Das Muschelhorn hatte sich Aigokeros, das heißt: 058 Capricornus (Sternbild des Steinbocks), ausgedacht, der in jenem Weltalter über die Wintersonnenwende herrschte, als der Widder am Frühlingsäquinoktium die Sonne „trug”. Zur „Nullzeit” bestanden die beiden äquinoktialen „Scharniere” der Welt aus den beiden Sternbildern Zwillinge und Schütze (Sagittarius), die zwischen sich den Bogen der Milchstraße gespannt hielten. Beide waren bicorporale Zeichen5 – und desgleichen waren es an den beiden anderen Ecken die Fische sowie die Jungfrau (Virgo) mit ihrer Weizenähre. Das Bild von dem zwischen die „Scharniere” gespannten Bogen der Milchstraße drückt die Idee aus, daß einst der Weg zwischen Erde und Himmel (also die Milchstraße selbst) nach oben und unten offen war und sich im Goldenen Zeitalter Menschen und Götter auf ihm trafen. Wie später noch gezeigt wird, bestand der außerordentliche Vorzug des Goldenen Zeitalters genau darin, daß die Schnittpunkte von Ekliptik und Äquator mit den Schnittpunkten von Ekliptik und Milchstraße zusammenfielen, und zwar in den Sternbildern der Zwillinge und des Schützen, die beide stabil an den vier Ecken der viereckigen Erde „standen”. Die „Spitze”, das Zentrum hoch über der „trockenen” Ebene des Äquators, bildete der Polarstern. Den südlichen, in unseren Breiten unsichtbaren Gegenpol, im alten System „die Tiefe des In ähnlichem Sinn sagt Petronius’ Trimalchio über den Monat Mai: „totus coclus taurulus fiat“ („Der ganze Himmel verwandelt sich in einen kleinen Stier”). 5 Diese beiden Konstellationen wurden ursprünglich aus Gründen „bicorporal“ genannt, die sich sehr von denen unterscheiden, welche Ptolemaios in Tetrabiblos I.11. angibt. 4
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Meeres” geheißen, repräsentierte der Canopus (alpha Carinae, das Steuerruder der Argo), der hellste Stern dieser Region.6 Manches spricht allerdings dafür, daß der Canopus nicht den Südpol, sondern den südlichen Pol der Ekliptik vertreten sollte. Diese kurze Skizze archaischer Theorie weist darauf hin, daß es – um es zu wiederholen – niemals um Geographie in unserem Sinne ging, sondern um eine Art von Kosmographie, die von Navigatoren selbst heute noch benötigt wird und die von Ptolemaios (ca. 100-178), dem großen Astronom und „Altmeister in der Kartenwissenschaft”7 so perfekt dargestellt worden ist, wie Hipparchos (I.11.7, Manitius, 115) gibt für seine Zeit (zwischen 161 und 127 v.Chr.) an, der Kánôpos sei „vom südlichen Pol ungefähr 38,5 Grad entfernt“. 7 Hans von Mzik, Des Klaudios Ptolemaios Einführung in die Darstellende Erdkunde (1938), Seite 7: „Trotz aller Mängel seiner Karten aber bleibt Ptolemaios unser Altmeister in der Kartenwissenschaft. Er hat durch seine das Wesen der Kartographie durchaus treffende Auffassung von den Grundsätzen, auf denen sie aufgebaut ist. die Kartenlogik erst geschaffen – er, und nicht sein Vorgänger Marinos, wie hier nachdrücklichst festgestellt werden soll – und hat damit der Kartographie nicht nur bis in die Gegenwart, sondern wahrscheinlich auch noch für die weitere Zukunft das Gepräge gegeben. Auf ihn gehen die mathematische Basis unserer Karten (das Gradnetz), die Projektionslehre, die Nordorientierung und die kartographische Zeichensprache unmittelbar zurück (…) Durch ihre Methode und durch das von ihr gebrachte topographische Material ist seine Darstellende Erdkunde die Spitzenleistung des Altertums auf dem Gebiete der Kartenwissenschaft, nicht anders wie Strabons Geographie den gleichen Rang auf dem Gebiete der beschreibenden Erdkunde für sich in Anspruch nehmen kann.” Vgl. zu Theorie und Methode des Ptolemaios und seiner Vorläufer (zuvörderst des Hipparchos und seines Beinahe-Zeitgenossen Marinos von Tyros) Hugo Berger, Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen (1903); Erich Polaschek, „Klaudios Ptolemaios, Das Geographische Werk”, RE Suppl. X, 680-833 (mit Karten); Arpad Szabó und Erkka Maula, Enklima (1982). 6
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sich das aufgrund der lückenhaft verfügbaren Daten bewerkstelligen ließ. Seine „Geographie” war zunächst eine Anweisung zum Zeichnen geographischer Karten, welche die Realität so präzise wie eben möglich wiedergeben sollten, ungeachtet der unvermeidbaren Verzerrungen, die jede Projektion mit sich bringt. Sie enthält eine Zusammenstellung von Koordinaten, die vom Himmel abgeleitet und auf eine grobe Umrißkarte übertragen wurden. Dazu gehörte ein Katalog irdischer Entfernungen.8 Die Karte ließ notgedrungen außer Betracht, was im Westen jenseits der Kanarischen Inseln lag, im Osten jenseits der „Hauptstadt der Siner”, also der Chinesen (I.14.8), die Ptolemaios auf 180 Grad geographischer Länge anberaumte. Im Norden wurde die Karte begrenzt durch den 63. Breitengrad (auf dem „Thule” liegen sollte), im Süden durch den Äquator.9 Geogr. I.2.2. (v.Mzik, 17): „Die Untersuchung aber und die Mitteilung des Ergebnisses – der systematischen Länderbeschreibung – gehören teils in das Gebiet der Erdmeßkunst, teils in das der Himmels künde. In das Gebiet der Erdmeßkunst, insofern sie lediglich durch Abmessung der Entfernungen die gegenseitige Lage der Orte aufzeigt, in die Himmelskunde, insofern sie dies mittels der Astrolabien und der Schattenmesser aus den Himmelserscheinungen tut, wobei die Himmelskunde das Absolute und Sichere ist, die Erdmeßkunst dagegen summarischer verfährt und der Ergänzung durch jene bedarf.” Vgl. Almagest II, 13 (Manitius I, 129): „Dieses Verzeichnis soll die nötigen Angaben enthalten, wieviel Grade jede Stadt auf dem durch sie gehenden Meridian Abstand zum Äquator hat, und wieviel Grade dieser Meridian von dem durch Alexandria gezogenen nach Osten oder Westen auf dem Äquator entfernt ist. Denn auf diesen Meridian beziehen wir die Zeiten für die (Berechnung der) Positionen (von Sonne, Mond und Planeten).“ 9 Ptolemaios erwog jedoch (I.10), „Äthiopien” soweit südlich des Äquators anzusiedeln, wie nördlich desselben Meroe lagT also unter dem Breitengrad, „der 16 5/12 Grad oder annähernd 8200 Stadien südlich vom Äquator liegt. Somit beliefe sich die Gesamtbreite der Oikoumene etwa auf 79 5/12 oder rund 80 Grad, d.s. 40-000 Stadien.” Weder die 8
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Dies war der in der Spätantike bekannte Ausschnitt der Erdoberfläche, den die Griechen oikouménê/Ökumene nannten (von oikos = Wohnung, oikéô = wohnen); die bewohnte Erde. Es ist verständlich, daß die Griechen mit dem Namen Oikoumene den Tierkreisgürtel, eingerahmt von den Wendekreisen, bezeichneten, dem zwar ebenfalls eine gewisse Breite eignete, der jedoch den ganzen Himmel umschloß und von den maßgebenden Akteuren, den Planeten, „bewohnt“ wurde. Astrologie war in der archaischen Zeit eine beinahe zwangsläufige Folgeerscheinung der Astronomie. Die frühen Griechen leiteten ihre Mathematik von der Astronomie ab. Ihre unersättliche Neugier verhalf ihnen zu einer Kenntnis unserer Erde und terrestrischer Vorgänge, die es ihnen ermöglichte, den Grundstein zu unserer Naturwissenschaft zu legen. Aber bald nach Aristoteles wandten sich die Stoiker wieder dem orientalischen Vorbild zu und setzten die Astrologie in ihre alten Rechte ein. Drei Jahrhunderte vorsokratischer Philosophie hatten ihnen zwar ein gewisses Interesse an Physik vermittelt, aber sie wußten nicht viel damit anzufangen. Auch verfügten sie nicht über eine experimentelle Wissenschaft in unserem Sinne. Stoische Physik war eine verführerische Darstellung einer Feldtheorie, aber sie war eine Fälschung. Aus ihr konnte nichts werden, denn die eigentlichen Implikationen des archaischen Kosmos – ebenso wie die des platonischen – waren mit nichts vereinbar, worüber unsere heutigen Physiker nachdenken können. In der Physik der Stoiker gibt es weder eine Gesamtlänge noch die Gesamtbreite scheinen sich zu reimen auf die Feststellung im Almagest (II.1): „Die Erde wird durch den Äquator und einen durch seine Pole gezogenen (Meridian-)Kreis in vier Viertel geteilt. Auf das eine von den beiden nördlichen Vierteln beschränkt sich nahezu die Ausdehnung der zur Zeit bewohnten Gebiete der Erde.” So die Übersetzung von Manitius (I, 58). Das im Original stehende „tês kath’ hêmas oikouménês mégethos” (ed. Heiberg I, 88) übersetze man besser mit „Ausdehnung unserer Oikoumene”, siehe v. Mzik, 16 und 24ff, Anmerkung 2 über „kath’hêmas”.
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einfache Ortsbestimmung noch einen analytischen Raum. Die Breite der Kluft zwischen der archaischen Welt und der unseren gilt es immer im Auge zu behalten. Alle Wunderwerke der Genauigkeit und Berechnung konnten sie nicht überbrücken. Das schaffte nur die astronomische Karte. Alfred North Whitehead hat das auf einen knappen Nenner gebracht: „Unsere Wissenschaft gründet auf einfacher Ortsbestimmung und deplazierter Gegenständlichkeit.“ Die moderne Physik hat diese ursprünglichen Worte in Fragen verwandelt. Für Isaac Newton hatten sie Beweiskraft: „Kein Mensch, der mit der Fähigkeit zum rationalen Verstehen ausgestattet ist, wird glauben, daß etwas dort agieren kann, wo es nicht ist.” Newton selbst formulierte die erste Frage, indem er die Gravitationstheorie aufstellte. Mathematisch war sie unwiderstehlich, physikalisch jedoch unerklärbar. Er konnte sie nur akzeptieren: „Ich verstehe sie nicht, und ich werde keine Hypothesen erfinden.” Die Antwort sollte erst mit Albert Einstein gegeben werden. Sie lief auf rein mathematisches Rationalisieren hinaus, welches mit der simplen Ortsbestimmung ebenso aufräumte wie mit der Gegenständlichkeit. Das Gebäude von René Descartes war ruiniert. Nichtsdestoweniger hielt der Verstand des zivilisierten Menschen weiterhin an beiden Prinzipien fest – da sie dem gesunden Menschenverstand entsprachen. Es war ein Musterbeispiel für eine Gewohnheit, die zur zweiten Natur geworden ist. Die Geburt der Experimentellen Physik war ein ausschlaggebender Faktor für den Wandel. Damals herrschte kein derartiger „gesunder Menschenverstand” vor, als die Zeit die einzige Realität war und es den Raum erst noch zu entdecken – oder zu erfinden – galt (von Parmenides, nach 500 v. Chr.).10 Unsere Aufgabe war demnach, aus der entfernten Vergangenheit eine gänzlich verlorengegangene Wissenschaft wiederzugewinnen, die mit einer gleichfalls untergeVgl. G. de Santillana, „Prologue to Parmenides“, in Reflections on Men and ldeas (1968), 82-119. 10
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gangenen Kultur verbunden gewesen war. Das Problem lag ebenfalls auf der Hand: Diese verlorene, sehr anspruchsvolle Wissenschaft hatte kein „System“, keinen systematischen Zugang, der als Grundlage für die Lehre hätte dienen können. Sie hatte existierte, noch bevor man an Systeme überhaupt dachte. Sie war, um es zu wiederholen, eine spontan geschaffene „Kunst der Fuge”. Es scheint, als habe die archaische Weltsicht alle Ideen von der Erde als einem im Raum aufgehängten oder schwebenden Körper ausgespart. Ob das wirklich so war, läßt sich noch nicht entscheiden. In Indien kursieren absonderliche Gerüchte über unzählige „Brahma-Eier”, das heißt über Sphären wie die unsere. Die Maori von Neuseeland behaupten – wie es auch die Pythagoreer taten –, jeder Stern habe Berge und Täler und sei bewohnt wie die Erde. Varāhamihira (fünftes Jahrhundert n. Chr.) war sogar davon überzeugt, daß die Erde zwischen Magneten in der Schwebe gehalten wird.11 Vorläufig muß man fortfahren anzunehmen, daß die Erde einfach für das Zentrum der Welt gehalten wurde, und für eine Kugel. Und daß es nicht die Spur des galileischen Relativismus gab, der für uns so selbstverständlich ist und so viele Probleme der Mechanik aufwirft. Die Griechen waren noch im Besitz der alten Idee, aber sie stellten sie in Frage. Was sich bewegte, war der Himmel; aber Fragen über den Himmel führten zu abstrusen Problemen. Das größte bestand selbstverständlich in der (scheinbar) langsamen Bewegung des Fixsternhimmels, die sich, wie oben beschrieben, während eines Großen Jahres von 26.000 Jahren vollzog. Die griechischen Astronomen verfügten über ausreichende Hilfsmittel und Daten, um die enorm langsame Bewegung zu Pancasiddhantika, Kapitel XII: „Der runde Erdball, bestehend aus den fünf Elementen, hält sich im Raum in der Mitte der Sphäre der Sterne, wie ein zwischen Magneten aufgehängtes Stück Eisen,” [Übersetzt von und zitiert nach Georges Thibaut, Astronomie, Astrologie und Mathematik (1989), 69.] 11
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ermitteln, und sie erkannten, daß sie sich auf den gesamten Himmel bezog. Im Jahre 127 v. Chr. gab Hipparchos ihr den Namen Präzession der Äquinoktien. Aus gutem Grund läßt sich behaupten, daß er sie in Wirklichkeit wiederentdeckte, daß man bereits einige tausend Jahre zuvor über sie Bescheid wußte und daß auf ihr im archaischen Zeitalter die weitreichenden Berechnungen der Zeit basierten. Moderne Altertumsforscher sind in dieser Hinsicht von seltener Begriffsstutzigkeit, weil sie eine beinahe urtümliche Ignoranz astronomischer Gedankengänge kultivieren. Einige wissen nicht einmal, was die Präzession überhaupt ist. Genau an diesem Punkt beginnt der Riß zwischen den beiden Kulturen. Aber abgesehen davon und obwohl die Gelehrten nach wie vor einmütig an der einmal akzeptierten Konvention über das Tempo der historischen Evolution festhalten, gehen ihre Meinungen weit auseinander, wenn es darum geht, die Ereignisse im Detail zu beurteilen. Tatsächlich hängt die Beurteilung der Vertrautheit beziehungsweise der Unvertrautheit altorientalischer Astronomen mit der Präzession von willkürlichen Faktoren ab, nämlich von den unterschiedlichen Gelehrtenmeinungen über die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Ernst Dittrich bemerkte zum Beispiel, daß man von den Mesopotamiern um 2000 v.Chr. nicht viel astronomisches Wissen erwarten dürfe. „Sie dürften nur das oberflächlich-geometrische an der Bewegung von Sonne und Mond gekannt haben. Prüfen wir nun die einfachen, leicht zugänglichen Bewegungen, an denen 062 eine chronologische Bestimmung mit sehr wenig mathematischen Kenntnissen ausführbar wäre, so stoßen wir nur auf die Präzession.“12 Es gab auch einen gebildeten kirchlichen Würdenträger, Domenico Testa, der das folgende kuriose Argument aufgriff, um zu beweisen, daß die Welt ex nihilo geschaffen wurde, wie es im Ersten Buch Moses geschrieben steht – ein Ereignis, das man auf ungefähr 4000 v.Chr. anberaumte. Wenn die Ägypter einen Dittrich, „Gibt es astronomische Fixpunkte in der ältesten babylonischen Chronologie?”, OLZ 15 (1912), Spalte 104.
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Hintergrund von Jahrtausenden gehabt hätten, auf den sie hätten zählen können, wem wäre dann, fragte Domenico Testa, das Wissen um die Präzession überhaupt verborgen geblieben? „Jeder Straßenkehrer hätte von ihren Beobachtungen gewußt.”13 Folglich konnte die Zeit nicht früher als 4000 v. Chr. begonnen haben – quod erat demonstrandum. Der Vergleich der eben zitierten Ansichten mit denen, die von der Mehrheit der heutigen Gelehrten aufrechterhalten wird, macht deutlich, daß die eigene subjektive Meinung darüber, was leicht sei und was schwierig, nicht unbedingt die sicherste Basis für eine Historiographie der Wissenschaft abgibt. Wie Hans Ludendorff einmal hervorhob, ist es eine zweifelhafte Annäherung an die Astronomie der Maya, mit vorgefaßten Meinungen darüber zu beginnen, was die Mayas gewußt haben könnten und was nicht; statt dessen solle man seine Schlüsse ausschließlich aus den Daten ziehen, wie sie in den Inschriften und Codices gegeben seien.14 Daß so etwas ausdrücklich betont werden mußte, offenbart den stetigen Verfall wissenschaftlicher Ethik. Heutzutage ist die Präzession eine allgemein akzeptierte Tatsache. Das Raum-Zeit-Kontinuum hat keinen Einfluß auf sie. Sie ist mittlerweile zu einer langweiligen Komplikation geworden und hat ihre Relevanz für unsere Angelegenheiten verloren, wohingegen sie einst die einzige säkulare Bewegung war, auf die sich unsere Vorfahren besinnen konnten, wenn sie nach einem großen Zyklus suchten, der die Menschheit als Ganzes zu beeinflussen vermöchte. Aber damals waren unsere Vorfahren Astronomen und Astrologen. Ihrer Überzeugung nach wirkte das Gleiten der Sonne entlang der Bahn der Frühlingspunkte auf das Gefüge des Kosmos ein und determinierte die Reihenfolge von Weltaltern unter verschiedenen Tierkreisbildern. Sie hatten einen langen Nagel gefunden, um an ihm ihre Gedanken über die D. Testa, Il Zodiaco di Dendera Illustrato (1822), 17. H. Ludendorff, „Zur astronomischen Deutung der Maya-Inschriften“, SPAW (1936), 85.
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kosmische Zeit, die alle Dinge in schicksalhafte Ordnung brachte, aufhängen zu können. Heute ist diese Ordnung verfallen, so wie auch die Idee des Kosmos an sich. Es gibt nur noch die Geschichte, die treffend als „ein verdammtes Ding nach dem anderen” definiert worden ist. Und doch – würde Geschichte wirklich verstanden in diesem 063 zugegebenermaßen flachen Sinn, nämlich als sich für dieselbe Menschengruppe nacheinander ereignende Dinge, so wären wir besser dran als wir es derzeit sind, wo wir es noch nicht einmal wagen können, offen für die Voraussetzungen einzutreten, unter denen dieses Buch beginnt: nämlich daß unsere Vorfahren über einen Verstand verfügten, der dem unseren völlig ebenbürtig war, und daß sie zu rationalen Verfahrensweisen fähig waren – immer unter Berücksichtigung der jeweils zur Verfügung stehenden Mittel. Das zu sagen bedeutet eine Absage an ein Denkschema, das bereits zur zweiten Natur geworden ist. Unsere Zeit mag eines Tages die Darwinsche Periode genannt werden, genauso wie wir von der Newtonschen Zeit vor zwei Jahrhunderten sprechen. Die simple Idee der Evolution, die nicht länger für überprüfenswert gehalten wird, breitet sich wie ein Zelt über all die Zeitalter aus, die vom Primitivismus zur Zivilisation führen. Allmählich, Schritt für Schritt – so wird uns gesagt – produzierten die Menschen Kunst und Handwerk, dieses und jenes, bis sie in das Licht der Geschichte traten. Solche mit Nachdruck wiederholten einschläfernden Worte wie „allmählich” und „Schritt für Schritt” dienen dazu, eine Ignoranz zu verhüllen, die sowohl ungeheuerlich als auch überraschend ist. Gerne würde man nachhaken: Welche Schritte? Aber dann wird man beschwichtigt, überwältigt und für dumm verkauft mit der Allmählichkeit der ganzen Angelegenheit, die bestenfalls eine Platitüde und nur dazu da ist, den Verstand zu besänftigen, da niemand sich vorzustellen willens ist, daß die Zivilisation mit einem Donnerschlag in Erscheinung trat. In einer sehr guten Fernsehproduktion über das Problem von
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Stonehenge, die vor einigen Jahren gesendet wurde, konnte man einen Zugang finden. Mit Hilfe der mächtigen Technik der Allgegenwärtigkeit waren zahlreiche Autoritäten ins Studio geladen, um die mögliche Bedeutung der astronomischen Alignments und Polygone zu diskutieren, die man seit 1906, als der berühmte Astronom Norman Lockyer die Ergebnisse seiner ersten Untersuchung veröffentlichte, in der alten Steinsetzung entdeckt. Spezialisten, von Prähistorikern bis hin zu Astronomen, drückten ihren Zweifel aus, bis zum Schluß die Reihe an einen ausgezeichneten Archäologen kam, der viele Jahre über das Monument gearbeitet hatte. Er hegte fundamentalere Zweifel. Wie könne man verkennen, daß die Erbauer von Stonehenge Barbaren gewesen waren, „gröhlende Barbaren”, die, gelinde gesagt, total unfähig waren, komplexe astronomische Zyklen zu berechnen – und das auch noch über lange Jahre? Die vagen Übereinstimmungen seien dem Zufall zuzuschreiben. Und dann erschien mit perverser Ironie die Mittwintersonne des Solstitiums auf dem Bildschirm – exakt hinter dem Heel-Stein aufgehend, wie vorausgesagt. Das „bloße” Zusammentreffen der Ereignisse war in der Tat vorher ausgetüftelt worden, indem Gerald Hawkins, ein junger, von historischen Problemen unbehelligter Astronom, die Positionen hatte durch den Computer laufen lassen und dabei weitaus mehr Übereinstimmungen entdeckte, als man sich hätte träumen lassen. Hier also war das ganze Paradoxon: Gröhlende Barbaren, die ihre Gesichter blau anmalten, kannten sich in Astronomie offensichtlich besser aus, als ihre Sitten und Tischmanieren hätten vermuten lassen. Das träge Wort „Evolution” hat uns für die wirklichen Vielschichtigkeiten der Vergangenheit blind gemacht. Man sollte einsehen, daß sich das Schlüsselwort „Allmählichkeit“ auf eine wesentlich andere Zeitskala bezieht als die, welche der Geschichte der Menschheit zugrunde gelegt wird. In diesem Rahmen ist die Humangeschichte als solche, und sogar die Ausbildung der Rassen selbst, nur eine evolutionäre Episode. Und in
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diesem Ganzen wiederum ist der Cromagnon-Mensch nur das letzte Glied einer Kette. Die gesamte Urgeschichte ist ein Aufflackern in letzter Minute. Aber während sich die Biologen noch berieten, war eine neue Größe auf der Bühne erschienen. James George Frazer war ein hochangesehener Klassischer Philologe, der, während er die Beschreibung Griechenlands von Pausanias herausgab, beeindruckt war durch die Fülle von religiösen und abergläubischen Überzeugungen, Praktiken und Kulten, die er über das ganze klassische Griechenland verbreitet fand. Das bewog ihn, tiefer in die halbvergessenen Schichten der Historie einzudringen – und heraus kam sein Golden Bough. Der Historiker war zum Ethnologen geworden und dehnte seine Unternehmungen auf den ganzen Erdball aus. Plötzlich wurde eine Unmenge Material über Fruchtbarkeitskulte als universalem Ausdruck frühester Religion zugänglich sowie über die mit ihr verbundene primitive Magie. Dies schien der Humus zu sein, auf dem Zivilisation gewachsen war: simple Götter der Jahreszeiten und eine dumpfe Masse von Bauern, die in den Ackerfurchen kopulierten und sich Fruchtbarkeitsrituale mit Menschenopfern ausdachten. Zusätzlich kam in politischen Kreisen die Überzeugung auf, Krieg sei nicht nur der menschlichen Natur inhärent, sondern veredele sie auch, wodurch sich das Gesetz von der natürlichen Selektion auf Nationen und Rassen anwenden ließ. Es wurde also viel Material und viel Geschichte herangeschleppt, um den Tempel des Evolutionismus zu errichten. Aber während die Theorie ihren Weg ging, begannen ihre hochgesonnenen Aspekte zu verblassen: Wie eine Flutwelle brach die Psychologie herein; und wenn der Überlebenskampf (und die Religionen der Lebenskraft) schon vieles erklären kann, dann kann das Unbewußte alles erklären – wie wir heute nur zu gut wissen. Somit bereitete sich das universale und einförmige Konzept der Allmählichkeit sein eigenes Ende. Jene Schlüsselbegriffe (Allmählichkeit und Evolution) entstammten in erster Linie der
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Wissenschaft von der Erde, wo sie eine klare Bedeutung hatten. Kristallisation und Auswertung, Erosion und Senkungen der Erdkruste sind das Ergebnis von Kräften, die beständig und physikalischen Gesetzen entsprechend am Werk sind. Sic lieferten den Hintergrund für Darwins großes Szenario. Wenn es um die Evolution des Lebens geht, werden die Begriffe weniger präzise in ihrer Bedeutung, bleiben aber akzeptabel. Genetik und natürliche Selektion stehen für Naturgesetze, und Ereignisse werden bestimmt durch das Rollen der Würfel während langer Zeitalter. Aber über das Warum und Wieso dieser anstatt jener spezifischen Form können wir nicht viel sagen, auch nicht darüber, wo sich Spezien und Typen herausbildeten. Die Evolution der Lebewesen bleibt eine allumfassende historische Hypothese, die nicht nur von ausreichenden Daten gestützt wird, sondern auch von der Ermangelung einer Alternative. Was Details anbelangt, wirft sie eine erschreckende Anzahl von Fragen auf, auf die wir keine Antwort haben. Unsere Ignoranz bleibt ungeheuerlich, aber sie ist nicht verwunderlich. Dann kommen wir zur Geschichte! und die Idee der Evolution tritt wieder zum Vorschein und empfiehlt sich als etwas Natürliches. Alle Maßstäbe sind verlorengegangen. Das Zusammentragen plausibler Ideen, deren Fluß seit Spencer unsichtbar von dem „Naturgesetz” getragen wird, wird fortgesetzt. Alles bewegt sich im Rahmen einer unüberprüften Art von „Naturphilosophie”. Denn wenn wir einmal innehielten und nachdächten, so würden wir darin übereinstimmen, daß die organische Evolution von dem Historiker als mindestens seit Beginn der Vorgeschichte zum Stillstand gekommen betrachtet werden sollte. Ob es an dem sei oder nicht – wahrscheinlich ist das letztere –, ist im Moment unerheblich: für uns gilt eine andere, nämlich die historische Zeitskala. Als Ernst Haeckel und seine Anhänger, auf der Welle des „Evolutionismus” reitend, beabsichtigten, die „Welträtsel” ein für
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allemal zu lösen, warnte Rudolf Virchow15 vor der Neigung der Anthropologen, überall „Affenluft“ zu wittern; er erinnerte seine Kollegen an den Index ausgegrabener urgeschichtlicher Schädel und verwies auf die unveränderte Hirnmasse, die der Spezies des Homo sapiens zu eigen ist. Aber seine Zeitgenossen schenkten seinen Ermahnungen keine Beachtung; am allerwenigsten die Humanisten, die das streng biologische Schema der Evolution der Organismen ohne Zögern auf die Kulturgeschichte der singulären Spezies des Homo sapiens übertrugen. In späteren Jahrhunderten werden uns die Historiker vielleicht allesamt für verrückt erklären, weil dieser unglaubliche Schnitzer nicht sofort entlarvt und mit angemessener Entschiedenheit widerlegt wurde. Indem wir Kulturgeschichte mit einem Prozeß allmählicher Evolution verwechseln, haben wir uns jeden vernünftigen Einblicks in das Wesen von Kultur beraubt. Es versteht sich von selbst, daß die noch immer gepflegte Angewohnheit, „Kultur” durch „Gesellschaft” zu ersetzen, den letzten schmalen Weg zum Verständnis der Geschichte verbaut. Unsere Ignoranz blieb nicht nur ungeheuerlich, sondern wurde zudem anmaßend. Schon ein flüchtiger Blick auf einige Pensées läßt den Abgrund sichtbar werden, der zwischen uns und einem ernsthaften Denker jener goldenen Tage vor dem Ausbruch der „Evolution” gähnt. Darum ging es Pascal, als er fragte: „Was sind unsere Naturprinzipien anderes als Gewohnheitsprinzipien? Bei Kindern sind es jene, die sie von den Gewohnheiten ihrer Vater übernommen haben, wie das Jagen unter den Tieren. Eine unterschiedliche Gewohnheit hat ein unterschiedliches Naturprinzip zur Folge.” Und: „Die Gewohnheit ist eine zweite Natur, die die 066 erste aufhebt. Was aber ist Natur? Weshalb soll die Gewohnheit nicht natürlich sein? Ich fürchte, diese Natur selbst ist nur eine Siehe Karl Sudhoff, Rudolf Virchow und die Deutschen Naturforscherversammlungen (1922), 210.
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erste Gewohnheit, wie die Gewohnheit eine zweite Natur ist.16 Diese Sorte von Fragen, die präzise auf die wahren Problempunkte zielen, hätte vor zwei Jahrhunderten ausgereicht, der Sozialanthropologie und ebenso der anthropologischen Soziologie den Garaus zu machen. Obwohl wir uns des Knäuels erschreckender Probleme bewußt sind, die sich aus den Forschungsergebnissen der neuen Neurophysiologie ergeben, sind wir keineswegs berechtigt, Hypothesen zu ersinnen, die über die Aussage hinausgingen, daß jenes Genie, das früher oder später eine neue philosophische Anthropologie, die einen solchen Titel verdient, entwickeln und all den neuen Implikationen Rechnung tragen wird, mit denselben Fragen Pascals konfrontiert sein wird. Es müssen noch ein paar Worte gesagt werden über jenes Problem, das sich genau an der Wurzel so vieler Mißverständnisse befindet, nämlich das der Übersetzung. Die meisten Texte wurden in abgelegenen und halb ausgelöschten Sprachen der fernen Vergangenheit geschrieben, sofern sie überhaupt ursprünglich geschrieben wurden. Die Aufgabe der Übersetzung ist von einer Zunft eingeweihter und hochspezialisierter Philologen übernommen worden, welche die Wörterbücher und Grammatiken dieser Sprachen rekonstruieren mußten. Es wäre undankbar, ihre Bemühungen nicht zu würdigen; aber man muß mehrere Fehlerquellen in Betracht ziehen: (1) persönliche oder Blaise Pascal, Gedanken, übersetzt und herausgegeben von Ewald Wasmuth (1956), 46. Im französischen Original [Pascal, Oeuvres Complètes (1963), 514] heißt es: „Ou’est-ce que sont nos principes naturels sinon nos principes accoutumés. Et dans les enfants ceux qu’ils ont reçus de la coutume de leurs pères comme la chasse dans les animaux. Une différente coutume en donnera d’autres principes naturels … La coutume est une seconde nature qui détruit la premiere. Mais qu’est-ce que nature? Pourquoi la coutume n’est-elle pas naturelle? J’ai grand peur que cette nature ne soit elle-même qu’une premiere coutume, comme la coutume est une seconde nature.”
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systematische Fehler, die sich aus den vorgefaßten Meinungen der Übersetzer und den tief in ihrem Zeitalter verwurzelten Befangenheiten (psychologischen und philosophischen) ergeben; (2) die Struktur unserer eigenen Sprache selbst, die Architektur unseres eigenen verbalen Systems, der sich nur wenige Individuen bewußt sind. Unter dem Titel „Gibt es Quantensprünge?” wurde einmal ein glänzender Artikel Erwin Schrödingers veröffentlicht, der viele solcher Mißverständnisse im Sprachgebrauch der modernen Physik bloßlegte.17 Und all dies verbindet sich mit der anderen Hauptquclle von Fehlern, die aus der Unterschätzung der Denker der Vergangenheit resultiert. Instinktiv wollen wir mit der Vorstellung nichts zu tun haben, es habe vor fünf oder mehr Jahrtausenden Denker von der Größenordnung eines Kepler, Gauss oder Einstein geben können, die mit den ihnen verfügbaren Mitteln arbeiteten. Mit anderen Worten; Wir müssen die Sprache ernst nehmen. 067 Unpräzise Sprache enthüllt den Mangel an präzisem Denken. Wir haben gelernt, die Sprache von Archimedes oder Eudoxus ernstzunehmen, ganz einfach deshalb, weil sie in die heutige Art des Denkens übersetzt werden kann. Das sollte sich auf Denkarten ausdehnen, die sich in ihrer Ausdrucksweise völlig von der unseren unterscheiden. Nehmen wir die intensiven Bemühungen um die Sprache der Hieroglyphen, die sich in dem beeindruckenden Ägyptischen Wörterbuch von Erman-Grapow manifestieren: Für unser simples Wort „Himmel” werden 37 Begriffe aufgeführt, deren Nuancen dem Übersetzer überlassen sind und entsprechend seiner geistigen Fähigkeiten verwendet werden. So verwandeln sich die sorgfältigen Instruktionen im Totenbuch, die sich auf die himmlische Reise der Seele beziehen, in ein „mystisches” Gerede, das wie heiliges Kauderwelsch behandelt werden muß. Aber moderne Übersetzer sind von der eigenen Erfindungsgabe so fest überzeugt – nach der die Unterwelt im InneE. Schrödinger, „Are there quantum jumps?”, in British Journal for the Philosophy of Science 3 (1952), 112ff. 17
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Inneren unseres Globus zu suchen sei anstatt im Himmel –, daß nicht einmal 370 spezifisch astronomische Begriffe sie zum Stolpern bringen würden. Ein kleines Beispiel soll deutlich machen, wie Texte „erschlossen” werden. In einer Inschrift von Dendera wird die Göttin Hathor „Herrin jeder Freude” genannt, und Johannes Dümichen fügt hinzu: „hon.t rer het-neb, wörtlich übersetzt: ,die Herrin jedes Herzkreislaufs’.”18 Was nicht heißen soll, die Ägypter hätten den Blutkreislauf entdeckt. Nun findet sich aber die Glyphe für „Herz” als Bleilot am Ende einer Senkschnur sowohl bei gewissen Typen von Sonnenuhren19 als auch bei einem astronomischgeodätischen Gerät – genannt mrh.t/merecht: „Instrument, mit dem man mißt”20 –, das uns bevorzugt in den Texten zur „Schnurspannung” begegnet, mit deren Hilfe die astronomische Orientierung der Tempel bestimmt wurde.21 „Herz” hatte also mit dem Bleilot, dem schweren Ende der Meßschnur zu tun. Und das Wort für Herz (ib) war der allgemeine Ausdruck für „die Mitte, das Zentrum”.22 Angesichts des Bleilots wird es nicht von ungefähr sein, daß die Araber sich einen Namen für den Canopus bewahrten (außer daß sie ihn Kalb at-tai-man nannten: „Herz des Südens”), nämlich Suhail el-wezn, was die Alphonsinischen J. Dümichen, „Die Bauurkunde der Tempelanlagen von Edfu”, ÄZ. 9 (1871), 28 A.l. 19 Für Abbildungen siehe Ludwig Borchardt, Altägyptische Zeitmessung (1920), 33, 45, 52. 20 Siehe L. Borchardt 54; Äg.Wb. II, 112: „astronomisches Gerät zur Beobachtung der Gestirne und Feststellung der Stunden”. 21 Besorgt wurde die Schnurspannung den Texten zufolge vom Pharao und der Göttin Seschat (auch andere Götter machten sich zu schaffen, allen voran Thoth/Merkur), realiter allerdings von den Harpedonapten, eben den „Schnurspannern”. Demokrit rühmte sich, niemand – nicht einmal die ägyptischen Harpedonapten – hätten ihn in geometrischer Beweisführung übertroffen (C. Alexandrinus, Stromateis I. 15. 69.5; Stählin 43f, Overbeck 198). 22 Äg.Wb. I, 59. 18
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Tafeln mit Canopus ponderosus, schwergewichtiger Canopus, wiedergeben23 – und das hätte sehr wohl zu einem archaischen 068 System gehört haben können, in dem Canopus das Gewicht am Ende der Senkschnur war. Hier kommt eine kurze Kette von Schlußfolgerungen, die stichhaltig sein mögen oder nicht. Aber es ist zulässig, sie auszuprobieren, zumal „Herrin jeder Freude” keinerlei Rückschlüsse erlaubt. Die Wendung „Herrin jedes Herzkreislaufs” scheint auszusagen, daß Hathor (= Hat Hor, „Haus des Horus”) die Revolution eines bestimmten Himmelskörpers „regiert” – ob nun Canopus damit gemeint sei oder nicht – oder, sofern wir der Übersetzung „jeder” trauen können, den Umlauf aller Himmelskörper, Was die Identität der regierenden Dame betrifft, spricht die größere Wahrscheinlichkeit für Sirius. Dem Leser bleibt es selbst überlassen, sich auszumalen, wohin Abertausende solcher pseudo-primitiven oder poetischen Übersetzungen führen müssen: zu einer entstellten Interpretation des intellektuellen Lebens der Ägypter. Das Problem der Astrologie – Den schärfsten Bruch zwischen archaischem und modernem Denken markiert die jeweils der Astrologie zugewiesene Rolle. Die archaische Astrologie hatte nichts gemein mit der heute wieder einmal grassierenden Vulgärastrologie, die der unwissenden Öffentlichkeit die Flucht vor der offiziellen Naturwissenschaft erlaubt und für sie eine Art Schwarzer Kunst darstellt, deren Prestige so groß ist wie ihre Prinzipien unverstanden sind. Es ist notwendig, in archaische Zeiten zurückzukehren, zu einem Universum, das von unserer Wissenschaft ebensowenig etwas ahnte wie von den experimentellen Methoden, auf denen sie gründet, und mithin unvertraut war mit der Kunst, das Überprüfbare vom Nicht-Überprüfbaren zu unterscheiden. Es war eine Zeit – reich an einem anderen Wissen, das später verlorenging –, die nach anderen Prinzipien suchte. Sie schuf die Lingua franca der Vergangenheit. Ihr Wissen Vgl. Ludwig Ideler, Untersuchungen über den Ursprung und die Bedeutung der Sternnamen (1809), 238, 250fr; 263-266. 23
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war das um kosmische Übereinstimmungen, die ihren Beweis und ihr Echtheitssiegel in einem spezifischen Determinismus – fast schon in einem Überdeterminismus – fanden, der nicht zu lokalisierenden Kräften unterstand. Die Faszination und Strenge der Zahlen schrieben vor, daß die Übereinstimmungen in ihren vielen Formen exakt zu sein hatten (in diesem Sinn ist Kepler der letzte archaische Mensch gewesen). Die Mannigfaltigkeit der Beziehungen, die gesehen oder intuitiv erfaßt wurde, führte dazu, daß das Universum als nicht nur auf einer, sondern auf vielen Ebenen gleichzeitig determiniert gedacht wurde. Das war die Signatur „panmathematisierender Ideenbildung”. Diese Idee mag sehr wohl zu einer prästabilierten Harmonie auf unendlich vielen Ebenen geführt haben. Leibniz hat uns gezeigt, wie weit das – unter Verwendung von modernem Werkzeug – gehen kann: Das gesamte Universum wurde, komplett mit all seinen individuellen Schicksalen für alle Zeiten, aus einem „Aufleuchten” des göttlichen Geistes geschaffen. Irgendein frühgeschichtlicher oder urgeschichtlicher pythagoreischer Leibniz, dessen Existenz durchaus vorstellbar ist, mag sehr wohl diesen unmöglichen Traum verfolgt haben und dabei weit unschuldiger als unser historisch verbriefter Leibniz an seine Grenzen gestoßen sein. Wenn man von der Macht der Zahl ausgeht, ist unter diesem Gesichtspunkt eine komplette Logik denkbar. Fata regunt orbem, certa stant omnia lege. Der einzige Denker der Antike, der dieser Versuchung nicht unterlag, war Aristoteles, denn er dachte, Formen seien am Anfang nur potentiell vorhanden und verwirklichten sich erst im Lauf des Lebens – auf diese Weise ihr Schicksal als Individuen auf sich nehmend. Aber das liegt daran, daß Aristoteles die Mathematik von vornherein ablehnte. Er hatte Gründe, sich der universalen Synchronizität zu widersetzen (der Begriff und die Idee sind von Carl Gustav Jung ersonnen worden, der Raum durch Zeit ersetzte, was zeigt, daß das archaische Schema mehr Leben als eine Katze hat).
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Doch an dieser Stelle ist Dante als ein Zeuge zur Stelle; denn mit Hilfe seiner Schwarzen Magie, wie der einfache Mensch es zu nennen pflegte, überbrückte er die gesamte Reiseroute – oder sollten wir besser sagen: den cheminement de la pensée – zwischen zwei Weltepochen. Bis ins Innerste ein Aristoteliker, durchdrungen von der Disziplin des Thomismus und folglich mit einer antimathematischen Grundhaltung vorbelastet, ist sein Geist in seiner Reichweite doch fähig, die Sterne im Sinne ihrer pythagoreischen Implikationen zu verstehen. Bei seinem Aufstieg in das Reich des Himmels begegnet er seinem Freund und einstigen Gefährten seiner ausgelassenen und romantischen Jugend, Karl Martel (Paradies, VIII.34-37), der ihm erzählt, was es heißt, zu den Auserwählten zu gehören; „Wir kreisen mit den hohen Himmelsfürsten in einem Kreis, in einem Liebesdurst mit jenen, die du drunten singend riefest: ,Voi che intendendo il terzo ciel movete (Ihr Schauende, des dritten Himmels Lenker.’)”24 Dies ist eines seiner frühen und zudem gefeierten Gedichte; und es stellt im Geiste unverbrämter platonischer Verehrung eine Beziehung zu den himmlischen Intelligenzen her. Das Fortschreiten seines Gesangs durch die drei Reiche wird ihn mehr und mehr in platonische Harmonien versunken zeigen und seinen Glauben an die Astrologie als göttliche Garantie für die Aufrechterhaltung der Ordnung der Natur bekräftigen. So wurden die Voraussetzungen beider Doktrinen gerettet: das Arrangement der Natur durch Gattungen und Spezies (Aristoteles) und die freie Entfaltung des eigenen Selbst (Thomas von Aquin), ausbalanciert in einem plotinischen Kompromiß und von der „Harmonie der Sphären” überschattet. Solcherart war Dantes eigene, unnachahmbare „Schwarze Magie”. Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, ins Deutsche übertragen von Karl Vossler (1986), 397.
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5 Die Entfaltung in Indien Die Rechnung jener, welche mich übergehen, geht nicht auf. Wenn sie mir entfliehen, so bin ich die Flügel. Ich bin der Zweifler und der Zweifel. Ich bin die Hymne, die der Brahmane singt. EMERSON
Die Parallele zwischen der Erzählung von Kai Chosrau und der Schlußszene im großen Epos der Hindus, dem Mahābhārata, hat bereits länger als ein Jahrhundert die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie wurde von dem großen Orientalisten James Darmesteter bemerkt. Auch den Übersetzern von Firdausi ist sie nicht entgangen, und die letzte Phase der Ereignisse analysieren sie wie folgt: Die Legende von Kai Chosraus Melancholie, sein Ausflug in die Berge und seine Aufnahme im Himmel ohne den Tod geschmeckt zu haben, finden ihre Parallele im Mahābhārata, in dem Yudhishthira, der älteste der fünf Pandavas, der Welt überdrüssig wird und sich entschließt, die höchste Staatsgewalt niederzulegen und sich durch eine Wallfahrt verdient zu machen. Als sie von seinem Vorhaben erfahren, beschließen seine vier Brüder – Bhima, Arjuna sowie die Zwillinge Nakula und Sahadeva –, seinem Beispiel zu folgen und begleiten ihn. Yudhishthira ernennt Nachfolger für seine verschiedenen Königtümer. Die Bürger und die Bewohner der Provinzen werden von Angst erfüllt, als sie die Worte des Königs vernehmen und mißbilligen sie. „Das darf nie geschehen“, sagen sie ihrem König. Der Monarch, wohl vertraut mit den von der Zeit bewirkten Änderungen, hört nicht auf ihre Ratschläge. Da er im Besitz
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einer rechtschaffenen Seele ist, überredet er das Volk, seine Sichtweise gutzuheißen … Dann entledigt sich Dharmas Sohn, Yudhishthira, der König der Pandavas, all seines Zierats und kleidet sich mit der Rinde von Bäumen … Die fünf Brüder, denen sich als sechste Draupadi (sie war die gemeinsame Gattin der Brüder) und als siebter ein Hund anschließen, machen sich auf ihren Weg. Die Bürger und die Hofdamen folgen ihnen eine Weile … Dann kehren die Einwohner der Stadt zurück [genauso wie es Kai Chosraus Untertanen getan hatten, H.v.D.]. In der Zwischenzeit haben die sieben Pilger ihre Reise fortgesetzt. Zuerst wandern sie gen Osten, dann gen Süden und dann gen Westen. Schließlich wenden sie sich gen Norden und überqueren den Himalaya. Dann erblicken sie vor sich eine weite Sandwüste und hinter dieser den Berg Meru. Einer nach dem anderen sinken die Pilger erschöpft nieder und hauchen ihr Leben aus; zuerst Draupadi, dann die Zwillinge, danach Arjuna und zuletzt Bhima. Yudhishthira aber, der sich nicht ein einziges Mal nach seinen gefallenen Gefährten umschaut, kämpft sich noch 071 voran – gefolgt von dem treuen Hund, der sich als verkleideter Dharma (das Gesetz) herausstellt – und betritt den Himmel in seinem sterblichen Körper, ohne vom Tod berührt worden zu sein.
Von den untergeordneten gemeinsamen Merkmalen legen die Warners besonderen Wert auf diese: Beide wandern in die Berge mit einer treu ergebenen Gruppe, deren Anzahl in beiden Fällen dieselbe ist; und beide werden von einem göttlichen Wesen begleitet, denn der Part des Hundes in der indischen Legende wird in der persischen von Serosch, dem Engel von Urmuzd, übernommen. Beide Male gelangen die Anführer ohne zu sterben in den Himmel, und beide Male kommen ihre sterblichen Gefährten ums Leben. Folglich muß die eine Sage von der anderen hergeleitet worden sein; andernfalls – und das scheint die bessere Annahme zu sein – müssen sie auf einen gemeinsamen Ursprung hohen Alters zurückgeführt werden.1 The Shahnama of Firdausi, trslt. by Arthur George and Edward Warner (1905-1909), 4, 136ff. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift sind von uns. 1
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Von hohem Alter müssen diese Sagen in der Tat sein, denn sonst gäbe es nicht das sehr ähnliche Ende, welches Henoch und Quetzalcoatl zugeschrieben wird. Und genau wie Kai Chosraus Paladine nicht den Rat des Schahs befolgten, nicht bis zu seinem Aufstieg in den Himmel bei ihm zu bleiben – die Menge war ohnehin zurückgelassen worden –, so drängt tatsächlich auch Henoch sein Gefolge, umzukehren: „Kehrt ihr heim, der Tod wird sonst über euch kommen, so ihr mir weiter folgt.” Die meisten von ihnen – es waren 800.000 anwesend – befolgten seine Worte und gingen zurück, aber einige blieben sechs Tage bei ihm … Am sechsten Tag der Reise sprach er zu jenen, die ihn noch begleiteten: „Kehrt ihr heim, denn am morgigen Tag werde ich gen Himmel fahren, und wer auch immer dann in meiner Nähe sein wird, der wird sterben.” Dennoch blieben einige seiner Gefährten bei ihm, indem sie sagten: „Wohin auch immer du gehst, dorthin werden auch wir gehen. Beim lebendigen Gott, nur der Tod soll uns scheiden.“ Am siebten Tag wurde Henoch von einem feurigen Wagen, der von feurigen Rossen gezogen wurde, in den Himmel getragen. Am Tage darauf sandten die Könige, die rechtzeitig umgekehrt waren, Kundschafter aus, um nach dem Schicksal der Männer zu forschen, welche sich geweigert hatten, sich von Henoch zu trennen, denn die Könige hatten sich deren Anzahl notiert. An der Stelle, wo Henoch aufgestiegen war, stießen sie auf Schnee und riesige Hagelkörner, und als sie darunter nachschauten, entdeckten sie die Körper all jener, die mit Henoch zurückgeblieben waren. Allein er war nicht unter ihnen; er war hoch oben im Himmel.2
Quetzalcoatls Paladine, „die Sklaven, Zwerge, Buckligen … sie alle erfroren … auf alle fiel der Schnee hernieder”, und zwar auf dem Gebirgspaß zwischen Popocatepetl und Iztactepetl.3 Louis Ginzberg, Legends of the Jews (1954), I, 129ff; Micha Josef Bin Gorion, Die Sagen der Juden (1969),122f. 3 Eduard Seler, Einige Kapitel aus dem Geschichtswerk des Fray B. de Sahagún (1927), 290. 2
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Quetzalcoatl, der wehklagte und sich unsäglich einsam fühlte, 072 mußte noch weitere Stationen überstehen, bevor er sich auf seinem Schlangenfloß in die Luft erhob, dabei verkündend, daß er eines Tages wiederkehren werde, „zu richten die Lebendigen wie die Toten” (Appendix 3). Wenn es nur um die trockene Tatsache von Yudhishthiras Aufstieg und dem Ende seiner Gefährten hoch oben in den Bergen ginge, hätten wir den Irrgarten des gesamten Mahābhārata umgehen können. Aber labyrinthisch wie dieses zwölfbändige Epos nun einmal ist – und das gleiche gilt für die Puranas –, offeriert der indische Mythos Schlüssel zu geheimen Kammern, die sonst nirgendwo zu haben sind. Das Mahābhārata erzählt von dem Kampf der Pandavas und der Kauravas, also der Panduund der Kuru-Brüder, der mit dem Kampf der Perser und Turanier, der Söhne des Kaleva, des Volkes von Untamo usw. korrespondiert. Insofern ist uns die allgemeine Situation nicht fremd. Aber das Epos stellt unmißverständlich fest, daß dieser gewaltige Krieg in der Zeitspanne zwischen dem Dvapara- und dem KaliYuga4 ausgefochten wurde. Diese „Dämmerung” zwischen zwei Weltaltern kann näher spezifiziert werden. Die wirkliche Seele und Kraft auf der Seite der Pandavas ist Krishna – in den Worten von Arjuna: „Jener, der unsere Stärke war, unsere Macht, unsere Heldenhaftigkeit, unsere Tapferkeit, unser Glanz, hat uns verlassen und ging von dannen.”5 Nun handelt es sich bei Krishna („der Schwarze”) um die hervorragendste Inkarnation Vishnus. Und nur als Krishna von dem Jäger Jara („hohes Alter”) in die Ferse (oder Fußsohle) geschossen wurde, der einzig verletzbaren Stelle seines Körpers, entschieden sich auch die Pandavas zum Rückzug – so wie es Mbh. I.2. (in der englischen Übersetzung von Roy I, 18), Siehe Hermann Jacobis Mahābhārata (1903), 2. Das Kali-Yuga ist das vierte Weltalter. Es entspricht dem „eisernen” des Hesiod. 5 Vishnu Purāna 5.38 [in der englischen Übersetzung von Wilson (1840; 3. Ed. 1961), 484]. 4
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auch Kai Chosrau nach dem Tod von Kai Kawus tat. In dem Moment stellte Kai Chosrau fest: „So ziemt mir nun, zu gehen … weil Krone und Thron der Kajaniden ihr Ende finden.” Und genau das geschieht an dem folgenden kritischen Punkt: Als jener Teil von Vishnu (der von Vasudeva und Devaki geboren worden war) in den Himmel zurückkehrte, da begann das KaliYuga. Solange die Erde von seinen heiligen Füßen berührt wurde, hatte das Kali-Yuga keinen Einfluß auf sie. Sobald die Inkarnation des ewigen Vishnu dahingegangen war, dankten der Sohn des Dharma, Yudhishthira, und seine Brüder ab … Der Tag, an dem Krishna von der Erde gegangen sein wird, wird der erste Tag des Kali-Yuga sein … Es wird sich über den Zeitraum von 360.000 Menschenjahren fortsetzen.6
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Und so wie Krishna wieder mit Vishnu vereint ist, wie Arjuna wieder in Indra7 eingeht und Balarama in die Shesha-Schlange, so wird es auch den anderen Helden ergehen. Wenn also Yudhishthira zum Schluß mit seiner ganzen Pandu-Familie wiedervereint ist, so ist das eingetreten, was der Dichter Sauti wie folgt erklärt: „Daß die verschiedenen Helden, nachdem sie ihr Karma erfüllt haben, wieder mit jener Gottheit vereint werden, deren Avataras. sie waren.“8
Yudhishthira wird mit dem als Hund verkleideten Dharma Vishnu Purāna 4,24 (in der englischen Übersetzung von Wilson Seite 390). Cf. 5.38, 481f: „Und an demselben Tag, an dem Krishna von der Erde gegangen war, stieg die machtvolle, dunkle Gestalt des Kali-Yuga herab. Das Meer erhob sich und begrub das ganze Dvaraka unter sich”, das heißt: die Stadt, die Krishna – laut Vishnu Purāna 5.23, 449 – selbst erbaut hatte. 7 Siehe Vishnu Purāna 5,12 (Wilson-Übersetzung, 422), wo Indra Krishna erzählt: „Hin Teil von mir ist als Arjuna geboren.” 8 Mbh, 18.5 (Swargarohanika Parva) (Roy-Übersetzung 12, 287-290). Siehe auch H. Jacobi, Mahābhārata (1903), 191. 6
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wiedervereint.9 Von diesem Ausgangspunkt aus betrachtet nimmt sich das finnische Epos aus wie eine letzte blasse und anscheinend unbedeutende Widerspiegelung: Kullervo geht mit dem schwarzen Hund Musti* der einzigen lebenden Seele, die von seinem Zuhause übriggeblieben ist, in den Wald, wo er sich in sein Schwert stürzt. Was geschieht nun mit Krishna, der beliebtesten Gottheit im hinduistischen Pantheon? Einige seiner unzähligen Taten und siegreichen Abenteuer vor seinem „Weggang” werden uns vertraut vorkommen. Der junge Krishna ist der drangsalierte Neffe eines grausamen Onkels, Kansa (oder Kamsa), und beide sind, wie Keith10 es ausdrückt, „Protagonisten in einem rituellen Kampf“. Das ist keine bescheidene Untertreibung, sondern eine grobe Irreführung. Kansa ist ein Asura (Appendix 4) und Krishna ein Deva, und das wiederum bedeutet, daß sich die Affäre auf die großen göttlichen „Parteien” (Iran kontra Turan und dergleichen) bezieht. Der Onkel, durch Prophezeiungen über die Gefahr vorgewarnt, die von dem achten Sohn der Devaki und des Vasudeva ausgeht, tötet sechs Kinder dieses Paares; das siebte (Balarama) und das achte (Krishna) können jedoch gerettet werden und leben bei Hirten. Dort vollbringt Krishna einige der für den „Starken Knaben” typischen Taten. Auf der letzten Stufe seiner Entartung angekommen, finden wir Dharma, den Hund, in einem Märchen aus Albanien: Die jüngste Tochter eines Königs – ihre beiden Schwestern ähneln Regan und Coneril – bietet sich an, anstelle ihres Vaters in die Schlacht zu ziehen, nur drei Anzüge und den väterlichen Segen erbittend. „Also schaffte der König drei Anzüge für Männer herbei und gab ihr seinen Segen; und dieser Segen verwandelte sich in einen kleinen Hund und ging mit der Prinzessin.” [J.G. von Hahn. Griechische und Albanische Märchen (1918), 2, 146] 10 Arthur Berriedale Keith, Indian Mythology (1917), 126. Bzgl. der Taten von Krishna vgl. Seite 172ff. 9
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Wenn Kullervo im Alter von drei Tagen seine Wiege zerstört, so können wir auch von Krishna ähnlich Spektakuläres erwarten. Und wir werden nicht enttäuscht: Bei einer Gelegenheit, während Madhusadana unter dem Wagen schlief, schrie er nach der Brust, und mit seinen Füßen um sich tretend kippte er das Fahrzeug um, so daß alle Töpfe und Pfannen durcheinander gerieten und zerbrachen. Die Kuhhirten und ihre Frauen hörten den Lärm und kamen wetternd herbei: „Ah! Ah!“; und sie fanden das Kind auf dem Rücken schlafend, „Wer könnte denn den Wagen umgestoßen haben?” sagten die Kuhhirten. „Dieses Kind”, entgegneten einige Jungen, die bei dem Vorfall zugegen gewesen waren, „wir haben ihn gesehen”, sagten sie, „wie er schrie und mit den Füßen gegen den Wagen trat, so daß er umgestoßen wurde; niemand sonst hat damit etwas zu tun gehabt.” Die Kuhhirten waren äußerst erstaunt über diesen Bericht.11
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Eines Tages war das Kind wiederholt ungehorsam zu seiner Mutter, woraufhin sie ärgerlich wurde. Eine Kordel um seine Taille befestigend, band sie ihn an den hölzernen Mörser Ulukhala, und in heftigem Zorn sagte sie zu ihm: „So, du frecher Bengel, geh weg von hier, falls du kannst.” Dann widmete sie sich ihrer Hausarbeit. Sobald sie gegangen war, zerrte der lotusäugige Krishna, darauf bedacht, sich zu befreien, den Mörser hinter sich her zu dem Platz zwischen den beiden AriunaBäumen, die nahe beieinander wuchsen. Als er den Mörser zwischen diese Bäume geschleppt hatte, wurde der Mörser eingekeilt, und als Krishna ihn hindurchzog, riß er die Baumstämme zu Boden. Den krachenden Lärm hörend, eilte das Volk von Vraja herbei, um zu sehen, was geschehen sei; und da erblickten sie die zwei großen Bäume, mit zerschlagenen Stämmen und zerbrochenen Ästen am Boden hingestreckt, das Kind, mit einem Seil um den Bauch, zwischen ihnen feststeckend, lachend und seine kleinen weißen Milchzähne zeigend … Die Ältesten der Kuhhirten … betrachteten diese Umstände mit Besorgnis und hielten sie für ein schlechtes Omen. 11
Vishnu Purana 5.6 (Wilson-Übersetzung, 406f).
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„Wir können nicht an diesem Ort bleiben”, sagten sie, „laßt uns in einen anderen Teil des Waldes gehen.”
Sie zogen also nach Vrindavana, genau dorthin, wohin das Kind es sich gewünscht hatte. Das Harivamsha erklärt den Umzug nach Vrindavana auf diese Weise: Krishna verwandelt die Haare seines Körpers in Hunderte von Wölfen, welche die Bewohner von Vraja – die erwähnten Kuhhirten – dermaßen belästigen und in Unruhe versetzen, daß sie beschließen, ihre Heimat zu verlassen.12
Zur Abwechslung scheint im indischen Epos die Episode, in der Krishna seine Haare in Hunderte von Wölfen verwandelt, eine unbedeutende Bagatelle zu sein, verglichen mit Kullervos Wölfen („Singt die Wölfe sich zu Kühen / baut sich aus den Bären Rinder”), dies um so mehr, als Krishna die Kuhhirten nur „belästigt und in Unruhe versetzt”. Diese Raubtiere, die für das „Urkind” – sei es Kullervo oder Dionysos (siehe oben Seite 30) – unentbehrlich sind, kommen in Krishnas Geschichte jedoch immerhin vor; und das ist bemerkenswert genug. Als Kansa13 von Krishnas und Ramas Taten hört, läßt er die beiden Jungen in seine Hauptstadt bringen, um dort ihren Tod herbeizuführen, falls er sie nicht vorher umbringen kann. Es ist unnötig zu sagen, daß alles vergebens ist: Krishna tötet Kansa sowie all seine Krieger und setzt Kansas Vater auf den Thron. Krishna gibt nicht vor, ein Schwachkopf zu sein, der immerzu lächelt. Er beteuert nur immer wieder, ein einfacher Sterblicher zu sein, während jeder ihn als den größten Gott zu verehren wünscht, der er ja auch ist. Noch ist er als typischer „Rächer” bekannt. Ihm wurde von höherer Stelle die Aufgabe übertragen, Vishnu Purana 5.6 (Wilson-Übersetzung, 406f). Jener „Onkel”, bei dem es sich in Wirklichkeit um „den großen Asura Kalanemi handelt, der von dem mächtigen Vishnu getötet wurde … lebte in Kansa, dem Sohn des Ugrasena, wieder auf“ [Vishnu Purana 5.1 (Wilson-Übersetzung, 396)]. 12 13
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die Erde zu befreien – so „überlastet” mit Asura wie sie war –, so wie er es immer wieder in seinen früheren Avataras getan hatte. Dennoch gehört Krishna hierher, denn die indische Überlieferung hat das Bewußtsein von dem kosmischen Rahmen bewahrt; und dies allein verleiht dem Kriegsgeschehen sowie der Vorstellung von Verbrechen und Bestrafung, wie sie im Mythos auftauchen, eine Bedeutung. Es ist zwar üblich, Philosophie und Mythologie auseinanderzuhalten, aber diese Trennung läßt sich nicht immer aufrechterhalten. Die vielen Götter und Helden, die ihre Väter rächen – angefangen mit „Horus-dem-Rächer-seines-Vaters” und „Ninurta, der seinen Vater gerächt hat” – erfüllen bestimmte, ihnen zugewiesene Funktionen, genauso wie die lange Reihe böser Onkel. Diese Pseudo-Personen „zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung (katà tou chrónou táxin)”, wie Anaximander „es in diesen eher poetischen Ausdrücken beschreibt”. Letzteres ist eine Hinzufügung von Theophrast (bei Simplikios). Direkt zuvor aber heißt es: „Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist das Apeiron (das grenzenlos Unbestimmbare). Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe … ”14 Und was da aus dem ápeiron, das wir jetzt undiskutiert lassen, hervorgeht und sich fortan gegenseitig Schulden bezahlt, sind „alle Himmel und die kósmoi in ihnen”. Der ebenfalls den Anaximander-Bericht des Theophrast anführende „Pseudo-Plutarch” Frg, 1, Diets-Kranz, FVS 6, 89; Hermann Diels, Doxographie Graeci (1965), 476; G.S. Kirk und J.E. Raven, The Presocratic Philosophers (1952), 106f, 117f: „… hetéran tinà phýsin ápeiron, ex hês hápantas ginesthai ouranoùs kaì toùs en autois kósmous. ex hôn dè hê génesís” esti tois ousi, kaì tên phthoràn eis tauta gíinesthai ’katà tò chreôn. didónai gàr autà dikên kaì tísin allêlos tês adikías katà tên tou chrónou táxin’, poiêtikôtérois houtôs onómasin autà légôn“, Kirk und Raven: „… according to the assessment of Time”. 14
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weiß außerdem: „Er erklärte, daß das Vergehen, und viel früher das Entstehen, sich seit ungezählten Altern ereigne, da sie alle in Zyklen stattfinden.”15 In diesem Zusammenhang erinnere man die Aussage Ciceros: „Es ist die Meinung des Anaximandros, Götter würden geboren in langen Intervallen des Aufgehens und Untergehens, und sie seien ungezählte Welten – oder die ungezählten Welten”16 Theophrast fand die Ausdrucksweise des Anaximander „eher poetisch” – tatsächlich sieht sie jedoch nach einer alten kosmologischen Terminologie aus. Ungeachtet seiner sehr viel phantastischeren Sprache, gibt es eine Übereinstimmung zwischen dem indischen Epos und den Gedanken Anaximanders. Vishnu kehrt regelmäßig in seiner Eigenschaft als „Rächer” wieder und fordert die „gemäß der Ordnung der Zeit” fällige „Buße” bei dem schlechten Onkel ein. Im Mahāhhārata tut er dies unter dem Namen Krishna; aber er wird in Gestalt eines anderen Avatara erneut kommen, um die Erde von den sie belastenden Asura zu säubern. Auch die Asura werden erst zu „anmaßenden Charakteren” – und dies sozusagen „fahrplanmäßig”. „Ursprünglich”, heißt es, „waren die Asura gerecht, gut und wohltätig … Aber später, als sich ihre Zahl vermehrte, wurden sie stolz, eitel und streitsüchtig.”17 Von Vishnu unter dem Namen Kalki wird erwartet, er werde ein neues Krita-Yuga (Goldenes Zeitalter) einleiten, sobald dereinst unser gegenwärtiges Kali-Yuga sein schlimmes Ende erreicht haben wird. G.S. Kirk und J.E. Raven, op,cit., 106f: „apephênato dè tên phthoràn gínesthai kaì polỳ próteron tên génesis ex apeírou aiônos anakykiouménôn pántôn autôn („He declared that destruction, and much earlier coming-to-be happen from infinite ages, since they are all occuring in cycles”)”. 16 Cicero, De natura deorum I.25, c. 10: „Anaximandri autem opinio est, nativos esse deos longis intervallis orientis occidentisque eosque innumerablis esse mundos.” 17 Michael Viggo Fausbøll, Indian Mythology according to the Mahāhhārata (1902), 40. 15
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Die regelmäßige Wiederkehr der Avataras von Vishnu trägt dazu bei, die Sache zu erhellen. Weil es ohnehin Vishnus Funktion ist, in regelmäßigen Zeitabständen zurückzukommen, gibt es in dem Epos keine Notwendigkeit, die Rache besonders hervorzuheben, die Krishna an seinem Onkel Kansa übt. Im Westen jedoch, wo die Kontinuität kosmischer Prozesse, wie sie durch den Mythos erzählt wurde, in Vergessenheit geraten ist – und damit auch das Wissen, daß Götter Sterne sind –, wird derselben Rache große Wichtigkeit beigemessen, handelt es sich doch um eine einmalige Handlung, die von einer einzelnen Person – ob Held oder Gott – ausgeführt wird; und dieser Held oder Gott wird obendrein als die Erfindung phantasiebegabter Dichter verstanden. Die Berücksichtigung der indischen Überlieferung ermöglicht es, den Kontext wiederzuentdecken, in dem Charaktere wie Saxos Amlethus oder solche unglücklichen Figuren wie Kullervo eine Aussagekraft haben. Wenn man sich erst einmal völlig im klaren darüber ist, daß „der Tag, an dem Krishna die Erde verläßt, der erste Tag des Kali-Yuga sein wird”, dann ist der richtige Blickwinkel eingestellt. Unser Held steht genau auf der Schwelle zwischen einem abgeschlossenen Zeitalter und einer neuen Stunde Null. In der Tat schließt er das alte Zeitalter ab. Die unscheinbarsten Details werden bedeutungsvoll, wenn man sie aus dieser Sicht betrachtet. Saxo zum Beispiel teilte die Biographie von Amlethus, ohne viel darüber nachzudenken, in zwei Hälften (wobei er den Held beiläufig in Bigamie verstrickte); und in der gleichen Art erzählte uns auch Firdausi neun Zehntel von Chosraus Abenteuern in dem Buch über Kai Kawus. Das ist um so verwirrender, als Firdausi feststellte: „… denn von heute an wird sich alles ändern, es werden neue Festtage und Sitten die alten ablösen, denn heute Nacht wurde Schah Kai Chosrau geboren.” Firdausi, der sich in Astrologie sehr gut auskannte, bestand auf der Geburt des Schahs, denn im astrologischen Sinn ist die Geburt der entscheidende Moment. Aber hier und in ähnlichen Fällen, in denen Chronologie zur Debatte steht,
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ist es der Moment des Todes, des Verlassens der Bühne, auf den es ankommt. Krishnas Weggang liefert das Schema. In einem 077 Kapitel über „The Festivals of the Months of the Persians”, in dem er das Fest Naurôz („Neuer Tag”) schildert, schreibt alBīrūnī: Am 6. Tag von Farwadîn, dem Tage Khurdâdh, findet das Große Naurôz statt, für die Perser ein Fest von großer Wichtigkeil. An diesem Tag – so sagen sie – vollendete Gott die Schöpfung, denn es ist der letzte der sechs Tage … An diesem Tag schuf Gott Saturn, folglich sind seine glücklichsten Stunden die des Saturn. Am selben Tag – so sagen sie – pflegte die Sors Zarathustrae bei Gott Einkehr zu halten, und Kaikhusrau fuhr in die Luft hinauf. Am selben Tag werden die Glückslose unter die Menschen auf der Erde verteilt. Deshalb nennen ihn die Perser den „Tag der Hoffnung”.18
Von der Kajaniden-Dynastie – laut al-Bīrūnīs Chronologie die „Helden” –, welche die erste pischdadische Dynastie („die Gerechte”) ablöst, wird angenommen, sie habe mit Kai Kubad, einem Sohn Kai Kawus’ und dessen Enkel Kai Chosrau begonnen und mit Sikander, Alexander dem Großen, geendet. Aber es ist offensichtlich, daß mit Kai Chosraus Aufstieg in den Himmel etwas Neues anfängt. Folglich konstatieren die Warners, daß mit unserem Schah „der alte epische Zyklus des Gedichts zu einem Ende findet; und bis zu dieser Stelle können die Kajaniden als Ergänzung der Dynastie der Pischdadiden betrachtet werden.“19 In ihrer Einleitung zu der Übersetzung von Firdausi machen die Warners allerdings geltend, das Gedicht sei in zwei Perioden unterteilt, in eine mythische und eine geschichtliche:20 al-Bīrūnī. The Chronology of Ancient Nations, übersetzt von C.E. Sachau (1879), 201, Die Hervorhebung durch Kursivschrift ist von uns. 19 Firdausi (Warner-Übersetzg.), 2, 8f. 20 Die Zeitstruktur ist äußerst kompliziert, und mit einer Unterteilung in zwei „Perioden” können wir überhaupt nichts anfangen – um so weniger, als sich die Regentschaften der Schahs mit der ziemlich übernatürlichen Lebensdauer der „Helden” oder Paladine (Rostam, Sal 18
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Diese Unterscheidung beruht weniger auf der Natur der Sache als auf den Namen der Hauptcharaktere. An einer bestimmten Stelle des Gedichts hören die Namen auf, mythisch zu sein und werden historisch. Die mythische Periode erstreckt sich vom Beginn der Erzählung bis hin zu den Regentschaften der letzten beiden Schahs der kajanischen Dynastie … Die fraglichen Schahs sind Dara, Sohn des Darab, besser bekannt als Darms Kodornannos, und Sikander (Alexander).21
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Firdausi macht klar, daß die mythische Periode erst mit dem Tod Alexanders endet; die letzten beiden Schahs waren Darius Kodomannos und Alexander, der den erstgenannten bezwang. Nach ihm fängt die „geschichtliche” Periode des Gedichts an. Mit anderen Worten: „Geschichte” beginnt erst, als das iranische Imperium verschwunden ist, um von den Nachfolgern Alexanders ersetzt zu werden. Die großen und historisch gesicherten Taten eines Darius I. Xerxes, Kambyses usw. aus der Geschichte zu entfernen, ist widersinnig für ein Gedicht, das dazu dienen soll, das iranische Imperium zu preisen. Vermutlich dachte Firdausi, die Zeit der Vorherrschaft der zarathustrischen Religion sei heilig und gehöre mithin eher zum Mythos denn zur gewöhnlichen Historie. Dies wird durch eine merkwürdige Behauptung der Warners bekräftigt: „Ob zu Recht oder nicht, bringt die zoroastrische Überlieferung Alexander als einen der drei Erzfeinde des Glaubens mit Zahhak und Afrasiab in Verbindung.“22 Die großen Mythen der avestischen Religion haben über die Chronologie gesiegt und sie zu ihrem eigenen Zweck umgeformt. Die wirklichen Könige von Persien sind ungeachtet ihres usw.) überschneidet. Dasselbe gilt für die „uranfänglichen” Kaiser von China und ihre „Vasallen”. Aber Gott schütze uns davor, uns mit Tabellen angeblicher „Könige” gleichweicher Reiche anzulegen, aber insbesondere der iranischen! 21 Firdausi (Warner-Übersetzg.) 2, 49f. 22 Firdausi (Warner-Übersetzg.) I, 59. Zahhak entspricht dem avestischen Drachen Dahāka.
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Ruhms verschwunden; an ihre Stelle traten mythische Gestalten und mythische Kämpfe. Anfangs spielt Kai Chosrau eine „Jamshyd”-Rolle; und mit seiner Fahrt gen Himmel – das Datum, welches ab jetzt Neujahr markiert – kommt das Heilige Imperium wirklich zu einem Abschluß. Der Kampf ist durchweg zwischen Göttern und Dämonen ausgefochten worden. Wir sind der Geschichte der Mächte, die zuerst in den iranischen und dann in den indischen „Königen” verkörpert wurden, bis zu ihrem Ende gefolgt – einer Geschichte, die auf unterschiedliche Weise von zwei unterschiedlichen Sagen hervorgehoben wird. Jede Sage hat eine beunruhigende Ähnlichkeit mit der anderen, und jede entfernt die Erzählung von allen bekannten klassischen Mustern, dabei das Geschehen zu einem verhängnisvollen Abschluß bringend, der eindeutig von der Zeit selbst diktiert wird – und von einer Kette von Ursachen, die sich sehr von jener unterscheidet, welche die tatsächlich aufeinander folgenden Ereignisse in den Texten indizieren. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sollte betont werden, daß es vorläufig unmöglich ist, genau zu bestimmen, wer die einzelnen Personen sind, oder Brjam eindeutig mit Yudhishthira beziehungsweise Krishna zu identifzieren. Aber die Hinweise, die von den Iranern und Indern zur Verfügung gestellt werden, können zu einem besseren Verständnis von Kullervo („… in ihm ist Kaleva wiedergeboren”) verhelfen; und sie sind ein Verweis darauf, daß die Heldentat des „hündischen Schwachkopfes” Brutus, der die Könige verjagte, auf einer höheren Ebene als der politischen von Bedeutung war. Damit soll nicht bestritten werden, daß die Könige vertrieben wurden; vielmehr soll die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe fest geprägter „Redewendungen” gelenkt werden, die, ursprünglich zur Beschreibung „großer” Umwälzungen (wie etwa des Hereinbrechens des Kali-Yuga) bestimmt, auf die Schilderung eher untergeordneter historischer Ereignisse übertragen werden konnten – und es auch wurden.
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Mit suggestiven Einblicken von anderen Erdteilen gestärkt, ist es nunmehr an der Zeit, einen frischen Blick auf Shakespeares edlen Prinzen zu werfen, den kultivierten, suchenden Intellektuellen – Stimmungsbarometer und Tonangeber am dänischen Hof –, der früher einmal als eine Persönlichkeit von außergewöhnlicher Macht, von universalem Rang bekannt war und den man im Norden als den Eigentümer einer gewaltigen Mühle kannte. Von der Kirche gut ausgebildet, konnte Saxo in exzellentem und blumigem Latein schreiben, was zu seiner Zeit eine seltene Leistung war. Obwohl er, inspiriert von seinem Patriotismus, die ganze Chronik seines Landes schreiben wollte, blieb er in Dänemark ein zwar respektierter, aber dennoch isolierter Fisch in einem provinziellen Teich. Sein Interesse blieb auf das kulturelle Zentrum seiner Zeit gerichtet, und das war Island. Von dort mußte er den Großteil seines Materials beziehen, auch wenn er dazu beitrug, es zu „dänisieren”, wie wir aus der Geschichte von Hamlet ersehen können, in welcher alle Merkmale auf die Geschichte einer einheimischen Dynastie hinauslaufen. Aber was er von Island bezog, waren Bruchstücke einer bereits „historischen” Kunde. Im Gegensatz zu Snorri Sturluson war es ihm nicht vergönnt, alle Möglichkeiten zu nutzen, die eine hohe Position im Zentrum von Islands zweisprachiger Kultur mit sich brachte; auch konnte er nicht auf die Erfahrungen eines weitschweifenden und abenteuerlichen Lebens zurückgreifen. Er hätte niemals, wie Snorri, den großen Plan entwerfen können, das Corpus heidnischer und skaldischer Überlieferung vor einem bereits
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christlichen Hintergrund neu zu gestalten. Es scheint, daß Saxo die isländische Sprache recht gut beherrschte; allerdings nicht gut genug, um diese preziöse und gewundene Sprache der alten Dichter zu verstehen. Er war sich seiner Orientierung nicht sicher und arrangierte seine Geschichte so gut er es konnte, obgleich allein der Name von Hamlets Vater, Orwendel (siehe Appendix 2), hätte ausreichen müssen, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er es mit hoher Mythologie zu tun hatte. Es ist Snorri, der eine kleine, aber entscheidende Information liefert; und sie findet sich, wie weiter oben angemerkt, im 16. Kapitel seiner Skaldskaparmål, einer Sammlung von Kenningar beziehungsweise Rede080 wendungen alter Barden. Sie ist in einer Sprache abgefaßt, die selbst heutige Gelehrte nur versuchsweise übersetzen können. In Appendix 5 werden die vielen Versionen diskutiert. Die hier wiederholt zitierte stammt von Gollancz und scheint die am sorgfältigsten übersetzte zu sein; T’is said, sang Snaebjörn, that far out, off yonder ness, the Nine Maids of the Island Mill stir amain the host-cruel skerry-quern – they who in ages past ground Hamlet’s meal. The good chieftain furrrows the hull’s lair with his ship’s beaked prow. Here the sea is called Amlodhi’s Mill.1
Diese Mühle ist also nicht nur sehr groß und aus uralter Zeit, sondern sie ist auch für die ursprüngliche Hamlet-Geschichte von zentraler Bedeutung. Sie kommt in der Skaldskaparmål noch einmal vor, und zwar als Snorri erklärt, warum eine Kenning für Gold „Frodis Mehl” ist.2 Zwar wird Frodi in den Chroniken erFür verschiedene Versionen der deutschen Übersetzung siehe Seite 23, Fußnote 10. 2 Skaldskaparmål 42, entsprechend Arthur Gilchrist Brodeur (1929), 163169, sowie G. Neckel und F. Niedner [Thule 20 (1942), 195f]. Die anderen Übersetzer können sich mit der Art der Aufteilung des Werks in Kapiteln nicht einverstanden erklären, sofern sie davon nicht sowieso Abstand nehmen, wie zum Beispiel Rasmus B. Anderson (1880), 2061
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wähnt, aber in Wirklichkeit ist sein Name ein Pseudonym für Freyr, einem der großen Wanen oder Titanen des altnordischen Mythos. Snorri, der den Dingen gerne einen historischen Unterton beimischt, wie es seiner christlichen Erziehung geziemt, ordnete seinen Frodi „derselben Zeit zu, als Kaiser Augustus über alle Welt Frieden verbreitete; damals wurde Christus geboren.” Unter König Frodi herrschten ähnliche Zustände wie im Goldenen Zeitalter, weshalb die Zeit seiner Regentschaft „FrodiFrieden” genannt wurde. Saxo schließt sich dem an und fügt nichtsahnend eine Festsetzung dieser Friedenszeit auf dreißig Jahre hinzu.3 Nun ergab es sich, daß Frodi der Eigentümer einer riesigen Mühle war, die von der Stelle zu bewegen keine menschliche Kraft imstande war. Ihr Name war Grotti („der Zermalmer”).4 Es wird uns nicht verraten, wie er zu dieser Mühle kam; es geschah einfach, wie das in Märchen so üblich ist. Frodi reiste umher, um nach jemandem Ausschau zu halten, der die Mühle bedienen könne. In Schweden traf er schließlich auf zwei Mägde des Geschlechts der Riesen, Fenja und Menja, die mit Grotti umgehen konnten. Es war eine magische Mühle; und Frodi wies seine Mägde an, Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Das taten sie auch. Aber in seiner Gier trieb Frodi sie Tag und Nacht an. Er gestattete ihnen keine längere Pause als es braucht, einen Vers aufzusagen. Eines Nachts, als alle anderen schliefen, hörte die Riesin Menja in ihrem Zorn auf zu arbeiten und sang ein unheilbringendes Lied. Diese nächtliche prophetische Verwünschung ist, wie Müllen081 213, dessen Übersetzung wir hier teilweise zitieren. [Karl Simrock (o.J.), 89-93, nennt es Kapitel 63] 3 P. Herrmann, Die Heldensagen des Saxo Grammaticus (1922), 376ff. 4 Jan de Vries, Altnordisches Etymologisches Wörterbuch (1961), 191, Siehe die ausführliche Diskussion Grottis und vergleichbarer Mühlen bei Otto Sigfrid Reuter, Germanische Himmelskunde (1934], 235, 237243.
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hoff nachgewiesen hat, das älteste noch erhaltene Dokument skaldischer Literatur und geht Snorris Erzählung weit voraus. Es enthält die Biographie der grimmigen Schwestern: „Nicht warst du, Frodi, / bei vollem Verstand, du Männerfreund, / bei der Mägde Kauf: du erkorst sie dir, / weil sie kräftig aussahn, und fragtest nicht / nach der Frauen Geschlecht. Hrungnir war kühn, / ein Held sein Vater, doch Thiazi war stärker / an Thursenkraft; auch Idi und Ornir f sind unsers Geschlecht, da wir beide entsprangen / dem Bergriesenstamm. Nicht läge Grotti / im grauen Fels, der harte Stein / in der Höhlung der Erde, und mahlen nicht würde / die Maid der Riesen, wenn irgend einer / die Abkunft wüßte. Wir Gewaltigen wuchsen /der Winter neun als Gespielen im Innern / der Erde auf; wir Mädchen vollführten / mächtige Thaten, verrückten Berge /mit Riesenkraft. Wir wälzten Steine / zum Wall der Thursen, daß behend ringsum / der Boden schwankte; so warfen wir / bewegliche Steine, mächtige Blöcke / den Männern zu. Des Künftigen kundig / zum Kampfe darauf lenkten den Schritt wir / zum Lande der Schweden; Brünnen zerschlugen wir / brachen Schilde der Graugepanzerten / Glieder durchschreitend … Das setzten wir fort / in den Sommern darauf und errangen in Kämpfen / die Krone des Ruhms; wir schlugen Wunden / mit schaffen Speeren, das Eisen rötend / mit edlem Blut.
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Nun kamen wir / zu des Königs Hause, der uns mitleidslos / zu Mägden erniedrigt; Kälte zehrt oben / Kot an den Sohlen – ’s ist traurig, bei Frodi / Frieden zu mahlen. Ruht aus, ihr Hände / mach’ Halt jetzt, Stein, für meinen Teil / mahlt’ ich genug; rastlos müßt’ ich / regen die Hände, bis Frodis Habsucht / befriedigt wäre.
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Mehr ziemt euch Händen / der harte Speer, die Waffe, triefend / vom Wundentau; erwache, Frodi! / wenn willens du bist, Sagen der Vorzeit / uns singen zu hören. Mein Aug’ schaut Feuer /im Osten der Halle, das Kampf uns meldet / und Mord verkündet; die Schar der Feinde / ist schnell zur Stelle, die das Brandscheit wirft / in die Burg des Königs. Zu Hleidr länger nicht / herrschen wirst du, durch Gold erfreut / und glänzendes Erz; laß uns hurtiger, Fenja, / den Holzstock drehen, da Wundenblut nicht / uns wärmt die Hände. Die Maid meines Vaters / mahlte kräftig, da sie mancher Männer / Mord voraussah; schon sprangen am Kasten / die kräftigen Stützen, bewehrt mit Eisen; / laß weiter uns drehen. Laß frisch uns mahlen! / An Frodi rächt bald den Untergang Halfdans / Yrsas Sohn; die Well einst nennt ihn /- wir wissen’s beide – Yrsas Bruder / und Yrsas Sohn.”5
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Hugo Genug, Die Edda (1892), 378ff.
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Wie obskur die Prophezeiung auch immer sein mag: Sie ging in Erfüllung. Die Mägde mahlten gegen Frodi „ein plötzliches Heer” herbei, und noch am selben Tag ging Mysing, der Seekönig, an Land und erschlug Frodi. Mysing („Sohn der Maus” – siehe Appendix 6) lud den Grotti auf sein Schiff und nahm auch die Riesinnen mit. Er befahl ihnen, erneut zu mahlen. Aber diesmal mahlten sie Salz hervor. „Und um Mitternacht fragten sie, ob es dem Mysing nicht zu viel Salz werde. Er hieß sie weitermahlen. Sie mahlten noch eine kurze Weile, da ging das Schiff unter.”6 „… die Stangen bebten, es stürzte der Kasten, der schwere Stein zerschellte in Stücke. ”7 „Im Meere blieb ein Strudel zurück, da, wo die Strömung in 083 das Mühlsteinloch stürzt. Und seitdem ist das Meer salzig.”8 Hier endet Snorris Erzählung (Appendix 7). Drei grundlegende und weitreichende Themen sind eingeführt; die zerbrochene Mühle, der Strudel, das Salz. Was den Fluch der beiden Müllerinnen anbelangt, so steht er einsam und wie ein verlassener Megalith in der Landschaft. Doch kann man auf ihn überraschenderweise auch in Homers Welt stoßen – und dort schon befremdlich anmutend –, also 2000 Jahre zuvor.9 Es ist die letzte Nacht in der Odyssee, die der entscheidenden Konfrontation vorangeht. Odysseus ist auf Ithaka gelandet und versteckt sich unter dem magischen Zauberwort Athenes, das ihn davor schützt, wiedererkannt zu werden. Wie auch bei SnorG. Neckel, Prosa-Edda (1984, 3. Auflage 1989), 197. H. Gering, Die Edda (1892), 380. 8 G. Neckel und F. Niedner, Die Jüngere Edda (1925), 197. 9 Es war Johann Georg von Hahn [Sagwissenschaftliche Studien (1876), 401f], der als erster auf die Ähnlichkeit zwischen den Episoden in Snorris Edda und in der Odyssee aufmerksam machte. 6 7
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ri, schlafen alle. Odysseus betet zu Zeus, ihm ein ermutigendes Zeichen vor der schweren Prüfung zu senden. Und er sandte sofort einen Donner vom lichten Olympus Hoch aus den Wolken herab zur Freude des hehren Odysseus. Aus dem Hause aber ließ eine mahlende Magd sich verlauten Nahbei, wo sich die Mühlen des Völkerhirten befanden; An den Mühlen mühten sich ab zwölf Frauen im ganzen, Gersten- und Weizenmehl, das Mark der Männer, zu mahlen. Und schon schliefen die andern, nachdem sie den Weizen gemahlen, Die aber ruhte noch nicht, denn sie war sehr schwächlich geschaffen; Die hielt an ihre Mühle und sprach, dem Herren zum Zeichen [mýlên stêsasa]; „Vater Zeus, der du über Götter und Menschen gebietest, Von dem bestirnten Himmel hast du gewaltig gedonnert. Doch eine Wolke ist nirgends; so sendest du einem ein Zeichen, Darum gewähre auch mir Armseligen, was ich dich bitte: Mögen die Freier heute zum letzten und äußersten Male In des Odysseus Hallen die köstliche Mahlzeit empfangen, Sie, die mir die Knie gelöst mit der quälenden Arbeit, Mehl zu bereiten, sie mögen zum letzten Male hier tafeln.“10
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Obwohl „sehr schwächlich geschaffen”, ist diese Frau doch eine Riesengestalt für sich. Die Episode fügt sich kunstvoll in den dichten und wohlgeformten Aufbau der Erzählung ein, und dennoch hebt sie sich ab wie ein zyklopischer Stein, den man in eine Hauswand eingemauert hat. Dergleichen gibt es häufig bei Homer. Kehren wir zurück zu Grotti, dessen Name an sich schon eine interessante Geschichte hat. Noch heute wird er in Norwegen für den „Achsenblock” verwendet, also für den runden Holzblock, der das Loch im Mühlstein ausfüllt und in dem das Ende des
Homer, Odyssee (20.103-119), übersetzt von Roland Hampe (1979), 336f. 10
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Achsenzapfens befestigt wird.11 Im Dialekt der Färöer und Shetländer steht der Name für „die Nabe im Mühlstein”. Das ursprüngliche Sanskrit-Wort nabhi meint sowohl „Nabe” als auch „Nabel”; und diesen Punkt sollte man in Erinnerung behalten. In der Geschichte geht es offenkundig um die Nabe, denn es entstand ein Loch, als der Mühlbaum heraussprang, und der Strudel stürzte in dieses Loch. Allerdings war „Nabel des Meeres” eine uralte Bezeichnung für Strudel. Mit seinem gesunden Instinkt hat Gollancz diesen Zusammenhang sofort erkannt: Man kommt in der Tat nicht umhin, an einen möglichen Verweis auf den wundersamen Maelström zu denken, den größten aller Strudel, ein Weltwunder; für die alten Geographen war er der Umbilicus maris, und Fr. Athanasius Kircher beschrieb ihn in seinem faszinierenden Folio „Mundus Subterraneus” als „gurges mirabilis omnium totius orhis terrarum celeberrimus et maximus”. Laut Kircher nahm man an, daß sich jeder Strudel um einen zentralen Felsen bildet: darunter öffnete sich eine große Höhle; das Wasser strömte in diese Hohle hinein; das Strudeln wurde wie in einem Becken hervorgerufen, das sich durch ein Loch in der Mitte entleert. Kircher gibt, unter besonderer Bezugnahme auf den Maelström, ein kurioses Bild dieser Theorie wieder.12
Natürlich ist die Mühle kein „im vorübergehenden Besitz befindliches Rechtsobjekt”, wie Juristen in ihrem Jargon sagen. Sie muß zur ständigen Einrichtung des Universums alter Zeiten gehören. Sie spielt immer wieder eine Rolle, auch wenn ihre Konnotationen kaum angenehm zu nennen sind. Aus einem anderen Winkel der Erinnerung tauchen die Zeilen aus Robert Burns „John Barleycorn” (Hans Gerstenkorn) auf: Man soll ihm auf der Flamme Rost Das Mark aus dem Gebein; H. Gering, Die Edda (1892), 376 1.7. Siehe hierzu die Abbildungen 8 und 9. 12 I. Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), xiv. 11
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Ein Müller quetscht’ – das ist zu arg! Ihn zwischen Stein und Stein.13
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Jahreszeitliche Pseudotragödien sind Teil des riesigen Komplexes von Fruchtbarkeitsriten, den Frazer bearbeitet hat – mit den rituellen Wehklagen über den Tod von Tammuz, Adonis und des ägyptischen „Korn-Osiris”; und niemand würde bestreiten, daß die Tammuz-Feierlichkeiten ein saisonbedingtes Ritual waren, mit dem der Tod und die Wiedergeburt der Pflanzenwelt gefeiert wurde. Aber war das die ursprüngliche Bedeutung? Ein unwiderstehliches Vorurteil führt zu dem Gedanken, daß in bäuerlichen Riten, die mit der Vegetation verknüpft sind, die elementarste und primitivste Ebene des Mythos zu finden sei, von der sich alle anderen ableiten. Dieses Vorurteil birgt in sich seine eigene moralische Botschaft; „Wenn das Korn nicht stürbe … ” – eine Botschaft, die höheres, religiöses Denken zur Folge hatte. In archaischen Kulten – wie sie sich in denen der harranischen Ssabier und in Ibn Wa’shijjas „Buch der nabatäischen Landwirtschaft” widerspiegeln (ungeachtet der literarischen „Jugend” der Aufzeichnungen) – wird der Tod und das Zermahlen des Tammuz von den Bildern (oder Statuen) aller Planetengötter zelebriert und betrauert, die sich im Sonnentempel versammelt haben, welcher „zwischen Erde und Himmel” schwebt. Sie vollziehen diese Feierlichkeit auf dieselbe Art und Weise, in der sie einst über das Ableben von Jamshyd (beziehungsweise Janbûshâd, wie sie ihn damals nannten) weinten und wehklagten. Dies ist eine seltsame und ungewöhnliche, recht un-agrarische Note, die eine sorgfältigere Untersuchung verdient. Robert Burns (1759-1796), Lieder und Balladen [ins Deutsche übertragen von K. Bartsch (1899)1, 164. Vgl. Felix Liebrecht, Zur Volkskunde (1879), 259, 299. Siehe auch Hermann Hettner, Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts I (1894), 506: „… das auch von Goethe hochgerühmte Lied auf Hans Gerstenkorn.”
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Sie führt uns zurück zu dem nordischen Mythos über die Mühle, und tatsächlich zu Snorri selbst, der in seiner „Betörung des Gylfi” einen Vers aus dem Vafihrudnismål kommentiert, der seitdem viel diskutiert worden ist. In dem altehrwürdigen Gedicht wird eingehend über den Tod von Hymir berichtet. Hymir ist der „uranfängliche” Weltriese schlechthin, aus dessen zerstückeltem Körper die Welt geschaffen wurde. Snorri gibt an, daß Hymirs Blut eine Überschwemmung verursachte, in der alle Riesen ertranken, mit Ausnahme von Bergelmir: der „stieg mit seiner Frau auf seine ludr und rettete sich so, und von ihnen stammen die noch jetzt lebenden Reifriesengeschlechter.“ Das Wort ludr steht laut Snaebjörn für Mühle. Allerdings fragt Odin im Vafthrudnismål (Kapitel 35) den weisen Riesen Vafthrudnir nach dem ältesten Ereignis, an das dieser denken könne. Und der weise Riese antwortet: „Unzählige Jahre, bevor die Erde erschaffen ward, da wurde Bergelmir geboren; als Allerältestes weiß ich, daß er á var ludr um lagidr.” (Appendix 8) Viktor Rydberg gibt diese Worte als „auf eine Mühle gelegt” wieder und versteht sie als „unter einen Mühlstein gelegt”. Entsprechend erklärt er Snaebjörns lidmeldr – also das, was bei der großen Mühle herauskommt – als „Knochenschrot“.14 Wie später noch deutlich wird, ist auch eine andere Interpretation möglich (Appendix 9). Das Problem taucht jedoch immer wieder auf. In der Lokasenna (43ff) wird Freyr, der ursprüngliche Eigentümer der Mühle, unmittelbar ins Spiel gebracht. Die Gelegenheit ergibt sich bei einem Bankett, zu dem Ägir die Götter eingeladen hat. Loki, der nicht eingeladen wurde, nutzt seinen Auftritt, um in das Trinkgelage der Götter Zwist zu streuen und ihnen den Spaß zu verderben. Aber als Loki Freyr verspottet, wird der treue Diener Byggwir ärgerlich über das Benehmen seines Herrn: „Weißt, wenn ich wäre so adlig wie Frey 14
V. Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 575.
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und hätte solch glänzenden Wohnsitz – ich malmte den Krächzenden da zu Brei, zerschlüge ihm all seine Glieder!” Worauf Loki erwidert: „Was ist das Kleine, das ich da schwänzein seh’ und schnäpperlich schnappen? Wirst immer dem Frey in den Ohren liegen und unter dem Mühlstein piepsen!”15 Es gibt einige weitere Anhaltspunkte, die darauf hinweisen, daß es sich bei der Mühle, auf die Bergelmir „gehoben” wurde, um ein sehr charakteristisches, wenn auch unattraktives mythologisches Requisit handelt; allerdings können wir uns mit jenen Hinweisen an dieser Stelle nicht befassen. Wem jedoch aufgefallen sein sollte, daß sich Bergelmir in keiner guten Lage befunden haben dürfte, um für die Nachkommen der Riesen zu sorgen, wenn man ihn tatsächlich unter den Mühlstein gelegt hätte, dem sei ein weiteres Beispiel aus Mexiko genannt: Dort gibt es den „Edelstein-Knochen” oder „Opfer-Knochen”, den sich Xolotl beziehungsweise Quetzalcoatl aus der „Unterwelt” besorgt, um ihn nach Tamoanchan (dem sogenannten „Haus des Herabsteigens”) zu bringen. Dort zermahlt die Göttin Ciuacoatl beziehungsweise Quilaztli den wertvollen Knochen auf dem Mahlstein, und die Grundsubstanz wird in das Edelsteingefäß getan. Mehrere Götter malträtieren sich selbst, lassen Blut von ihren Penissen auf das „Mehl” fließen. Und aus dieser Mixtur ist die Menschheit geschaffen. Diese Geschichten mögen nicht sonderlich geschmackvoll sein, aber zumindest sind sie grotesk und verdreht genug, um uns das Vertrauen auszutreiben, das wir in unsere naturgegebe15
Arthur Häny, Die Edda (1987), 160.
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ne oder intuitive Fähigkeit setzen, arglose Märlein verstehen zu können, wie sie von schlichten Bauern auf dem Dorfanger gesungen wurden. Eine Frage läßt die Diskussion offen. Wer war Snaebjörn, diese verschwommene Gestalt, von der wenige ihrer Zeilen ausreichen, um so viel zu enthüllen? Die Gelehrten haben sich auf die Suche nach ihm begeben und einen veritablen Schatz in dem uralten „Buch isländischer Niederlassungen” ausgegraben. Es verknüpft den Dichter mit der ersten Entdeckung Amerikas. In diesem Buch, schreibt Gollancz, gibt es eine lebendige Schilderung von einem arktischen Abenteurer des zehnten Jahrhunderts, dessen Name Snaebjörn ist und der zu einer gefahrvollen Expedition aufbrach, um das unbekannte Land „Gunnbjörns Riff“ zu finden, nachdem er, wie es sich für einen Kavalier damaliger Zeit gehörte, an dem Mörder einer schönen Verwandten Rache geübt hatte. Es wird allgemein angenommen – und es kann kaum Zweifel geben –, daß dieser Snaebjörn identisch ist mit dem Dichter Snaebjörn. Seine Familiengeschichte ist nicht uninteressant. Sein Urgroßvater, Eywind der Östliche – so genannt, weil er von Schweden zu den Hebriden gekommen war –, heiratete die Tochter von Cearbhall, Lord of Ossory, der von 882 bis 888 als König von Dublin regierte und „einer der Hauptlandesherrscher Europas zu der Zeit war, als Island von Edelleuten und anderen, die vor der Tyrannei des Harold Harfagr flohen, bevölkert wurde”. Cearbhall stammte von Connla ab, dem Enkel von Crimhthann Cosgach, dem siegreichen König von Irland, von dem gesagt wird, er habe ungefähr ein Jahrhundert vor Beginn der Ära des Christentums auf der Höhe seines Ruhms gestanden. Lann oder Flann, die Halbschwester von Cearbhall, war mit Malachy I, König von Irland, verehelicht, dessen Tochter Cearbhall geheiratet hatte. Flann war die Mutter von König Sionna und der Fürstin Gormflaith, die ein grausames Schicksal ereilte: Als Tochter eines Königs und Gemahlin dreier Könige war sie zum Schluß gezwungen, von Tür zu Tür um Brot zu betteln. Um die Zeit von Snaebjörns Expedition in die Arktis (circa 980) soll sein Neffe Ari Marson auf dem „Land des Weißen Menschen” oder
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„Groß-Island” gelandet sein – jenem Teil der Küste Nordamerikas, der sich von der Chesapeake Bay über Nord- und Süd-Carolina bis nach Georgia und Florida erstreckte. Er wurde als einer der ersten Entdecker der Neuen Welt berühmt.16
Snaebjörn verkörpert also, als Mitglied einer irischköniglichen Familie, den wechselseitigen Einfluß keltischer und skandinavischer Kultur in den Jahren 800 bis 1000 n.Chr., jenen Einfluß, den Vigfusson in seinem Corpus Poeticum Boreale bis in die Lieder der Edda hinein verfolgt hat. Die Hamlet-Geschichte selbst versinnbildlicht diesen Austausch. Denn eine frühere und einfachere Fassung von ihr mag nach Island über Irland gelangt sein, wohin die Wikinger ursprünglich die Geschichte vom Sohn des großen Orwendel mitgebracht hatten. Dies weist Hamlet einen Platz nicht nur innerhalb der nordischen Mythologie zu, sondern auch innerhalb der großartigen Schatzkammer archaischer Mythen, also im keltischen Irland, von wo viele Linien zurück in den Nahen Osten führen. Die Universalität der Hamlet-Figur wird damit verständlicher.
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I. Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), xviif.
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Bei den Irtysch-Ostjaken … wird aus alten Volksgesängen erzählt: da gebe es „eine Mühle, die von selbst mahle, von selbst schwinge und den Staub auf 100 Werst verstreue. Und neben dieser Mühle stehe ein goldener Pfahl, auf dem ein goldener Käfig aufgestellt sei; an diesem Pfahle klettere ein gelehriger Kater auf und ab; steigt er herab, so singt er Lieder, steigt er hinauf, so erzählt er Märchen.” REUTER
Der allgemeinen Öffentlichkeit ist das Kalevala vage als Finnlands Nationalepos bekannt. Es ist ein Märchen von ungezähmter Phantasie, das mit Absurditäten und wunderbar urtümlichen Charakterzügen bezaubert, die allesamt magisch und kosmologisch sind. Das ist um so wichtiger, als die finno-ugrische Überlieferung andere Wurzeln hat als die indogermanische. Bis zum 19. Jahrhundert existierte das Epos nur in mündlich tradierten Fragmenten. Von 1820 bis 1849 unterzog sich Elias Lönnrot der Mühe, sie zu sammeln und schriftlich festzuhalten, indem er von Ort zu Ort in die entlegensten Gegenden wanderte, mit der Landbevölkerung lebte und versuchsweise das, was er
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hörte, in eine Art Reihenfolge brachte. Einige der wertvollsten Lieder wurden im hohen Norden, in den Regionen um Archangelsk und Olonetz entdeckt, die inzwischen zu Rußland gehören. Die letzte Edition von Lönnrot aus dem Jahre 1849 umfaßt 22.793 Strophen in 50 Runen beziehungsweise Gesängen. Seitdem wurde eine große Menge neuen Materials gefunden. Das Gedicht hat seinen Namen von Kaleva erhalten, einer rätselhaften Urgestalt, die nirgendwo in der Geschichte auftaucht. Die Helden sind seine drei Söhne: Väinämöinen, „alt und wahrhaft4', der Meister in Zaubergesängen; Ilmarinen, der Urschmied und Erfinder von Eisen, der mehr Dinge schmieden kann, als auf dem Land oder auf dem Meer zu finden sind; und der „innig geliebte” oder „leichtgesinnte” Lemminkäinen, eine Art Don Juan der Arktis. Kullervo, der dem Hamlet ähnelt und dessen Geschichte weiter oben erzählt wurde, dieser Blondschopf Kullervo mit „den blauesten aller blauen Strümpfe”, ist ein anderer „Sohn des Kaleva“; aber seine Abenteuer scheinen sich getrennt zu entfalten. Sie kommen nur an einer Stelle mit Umarmen in Berührung und scheinen ansonsten zu einer anderen Zeitstruktur, zu einem anderen Weltalter zu gehören. Es ist nun an der Zeit, sich mit dem roten Faden der Ereignisse zu beschäftigen. Das Epos beginnt mit einer sehr poetischen Theorie über den Ursprung der Welt. Die jungfräuliche Tochter der Luft, Ilmatar, steigt auf die Wasseroberfläche hinab, wo sie 700 Jahre lang dahintreibt, bis Ukko, der finnische Zeus, ihr seinen Vogel schickt. Dieser Vogel baut sein Nest auf den Knien von Ilmatar und legt sieben Eier hinein, aus denen die sichtbare Welt hervorschlüpft. Aber diese Welt bleibt leer und unfruchtbar, bis Väinämöinen von der Jungfrau und dem Wasser geboren wird. Schon alt zur Welt gekommen, spielt er die ihm zugedachte Rolle der „Hebamme“ der Natur, indem er sie mit Hilfe seiner Zauberlieder dazu bringt, Tiere und Bäume entstehen zu lassen. Ein Magier niederen Ranges aus Lappland, Joukahainen, fordert ihn in einem Lied heraus und wird Schritt für Schritt in den Bo-
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den gesungen. Zu guter Letzt kann er sich dadurch retten, daß er Väinämöinen seine Schwester, die schöne Aino, verspricht. Aber das Mädchen will Väinämöinen nicht haben; er ist ihr zu alt. Verzweifelt verläßt sie ihr Elternhaus und kommt schließlich an einen See. Sie schwimmt zu einem Felsen, um dort den Tod zu suchen. Als sie den Felsen gerade erreicht hat, „kaum zum Sitzen sich bereitet auf dem buntgestreiften Steine, auf dem blanken, flachen Felsen, stürzt der Steinblock in das Wasser, flicht der Felsen in die Tiefe“. Väinämöinen versucht nach ihr zu fischen; sie geht ihm als Lachs ins Netz und verhöhnt ihn, weil er sie nicht erkennt; dann entkommt sie für immer. Väinämöinen entschließt sich, nach einer anderen Braut Ausschau zu halten und macht sich per Schiff auf die Suche. Sein Ziel ist das Land von Pohjola, das „Nordland”: ein nebeliges Land, „grausam zu Helden”, stark an Magie, vage mit Lappland identifiziert. Es ist eine phantastische Geschichte, die durch Absurditäten und anscheinend „entzückend primitive” Züge1 verzaubert, die indessen durchweg magisch und kosmologisch sind. Die Verbindung von ungekünstelter Anmut und blankem Unsinn läßt uns an das englische Märchen von jenem Hans denken, dessen Bohnenranke in den Himmel wuchs (Jack and the Beanstalk); aber hinter alldem kommen urzeitliche Elemente einer Geschichte zum Vorschein, die so alt wie die Welt selbst ist – zumindest so alt wie die Welt, der sich der Mensch bewußt ist – und deren Bedeutung vor langer Zeit verlorenging. Die unverfälscht archaischen Themen sind wie monumentale Ruinen stehen geblieben. Der Handlungsablauf ist in erster Linie um das Schmieden und die Eroberung einer großen Mühle konstruiert, die Sampo genannt wird (Rune 10 handelt vom Schmieden, die Runen 39– 42 handeln vom Diebstahl des Sampo). Als „delightfully primitive” kennzeichnete der Ägyptologe John A. Wilson einen Passus im berühmten Kapitel 17 des Ägyptischen Totenbuchs; siehe Henry Frankfort, John A. Wilson u.a., The Intellectual Adventure of Early Man (1946), 13. 1
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Domenico Comparettis Studien haben erwiesen, daß das Sampo-Abenteuer eine abgetrennte Einheit darstellt, „ein mythisches Gebilde, das ohne irgendeine Handlung bleibt, die man erzählen könnte” und mehr oder weniger passend in den Rest der Überlieferung eingegliedert wurde.2 Das Volksmärchen behandelt den Sampo als einen nebulös magischen Spendenverteiler, als eine Art Füllhorn; aber die ursprüngliche Geschichte ist recht eindeutig. Väinämöinen, „alt und wahrhaft”, Magier von höchstem Rang, wird an den Strand von Pohjola geworfen – ganz genauso, wie Odysseus nach seinem Schiffbruch auf Skyra an Land ging. Er wird freundlich von Louhi, der Herrin (auch die Hure genannt) von Pohjola, empfangen, die ihn ohne Erklärung darum bittet, ihr den Sampo zu bauen. Er sagt ihr, daß nur Ilmarinen, der Urschmied, dazu in der Lage sei; also schickt Louhi Väinämöinen auf einem Schiff nach Hause, damit er den Schmied hole. Ilmarinen, der seinen „Bruder” und Kumpanen ziemlich schnodderig als Lügner und Schwätzer anredet, ist an dem Unternehmen nicht interessiert, so daß Väinämöinen, alt an Tagen und ein Weiser unter den Weisen, auf einen üblen Trick zurückgreift. Er ködert den Schmied mit der Geschichte von einer schlanken Fichte, die Ilmarinen angeblich finden könne:3 An dem Rand von Osmos Acker; Milde scheint der Mond im Gipfel, Großer Bär steht in dem Blattwerk. Ilmarinen glaubt ihm nicht, also gehen beide zum Rain von Osmos Acker:
D. Comparetti, The Traditional Poetry of the Finns (1898). Hier und im folgenden wird die deutsche Übertragung von Lore und Hans Fromm zitiert, Kalevala – Das finnische Epos (1967, Ausgabe 1985).
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Stand der Schmied ganz nahe stille, Staunend vor der neuen Fichte; Großer Bär war in dem Blattwerk, War der Mond im Fichtenwipfel. Prompt klettert Ilmarinen auf den Baum, um nach den Sternen zu greifen. Väinämöinen drauf der alte, Murmelt’ seine Zaubersänge, Sang den Wind zu wilden Wirbeln, Ließ die Luft im Sturme rasen, Darauf sprach er diese Worte, Sagte sie mit diesem Satz: „Nimm ihn, Wind, in deinen Nachen, Frühlingsluftzug, in dein Fahrzeug, Führ ihn weg in deinen Wirbeln Nach dem dämmerdunklen Nordland!4 Amboßmeister Ilmarinen fuhr im Flug, Rasch ging die Reise, Fuhr dahin den Weg des Windes, Auf des Frühlingssturmes Fährte, Über Mond und unter Sonne Längs dem Schulterbein des Bären; Hielt dann an dem Hof des Nordlands, Sariolas Saunapfade, Und ihn hörten nicht die Hunde, Ihn bemerkten nicht die Kläffer. Auf diese völlig unbeabsichtigte Weise landet Ilmarinen in Dieser Zauberspruch, der in den Varianten veröffentlicht und von Comparetti übersetzt wurde, wurde Lönnrott 1833 von Ontrei Malinen in dessen Heimatdorf Vuonninen vorgetragen.
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Pohjola, und nicht einmal die Hunde schlagen an – was Louhi am meisten erstaunt. Sie zeigt sich gastfreundlich: Setzt ihm vor, bis er gesättigt, Gibt ihm tüchtig auch zu trinken. Dann sagt sie folgendes zu ihm; „Hör nun, Hämmrer Ilmarinen, Urzeit-alter Schmiedemeister, Kannst du mir den Sampo schmieden, Kannst den bunten Deckel bosseln Aus der Schwanenfeder Spitze, Aus der magren Milch der Geltkuh, Aus dem kleinen Gerstenkorne, Aus dem Flaum des Sommerschafes,5 Wird die Schöne dir zum Lohne, Wird dir für die Müh das Mädchen.” Ilmarinen willigt in den Vorschlag ein und schaut sich drei Tage lang nach einer geeigneten Stelle um, wo er seine Schmiede errichten könne, „dort in jenen weiten Marken, auf den fernsten Nordlandfeldern”. Während der darauffolgenden drei Tage halten seine Knechte den Blasebalg in Gang. Schon am ersten dieser Tage Beugt sich Ilmarinen nieder, Bückt der Schmied sich, um zu schauen Hin zum untern Teil der Esse, Was wohl aus dem Feuer komme, Was die Flamme wohl geläutert.
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Aus dem Feuer drängt die Armbrust, Goldner Bogen aus der Esse, 5
Vgl. das Epigraph zur Einleitung, Seite 1.
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Goldner Bogen, Silberspitze, Bogenschaft verziertes Kupfer. Schön zu schauen ist die Armbrust, Aber sie ist schlimm geartet: Täglich will ein Haupt sie haben, Zweie an besondren Tagen. Amboßmeister Ilmarinen Kann sich ihrer kaum erfreuen; Bricht den Bogen in zwei Teile, Steckt die Stücke in das Feuer, Läßt die Knechte kräftig blasen, Läßt das Dienstvolk tüchtig treten. Am nächsten Tag schaut Ilmarinen erneut nach. Kommt ein Kahn jetzt aus dem Feuer, Rotes Boot dringt aus der Esse, Goldbeschlagen sind die Steven, Kupfern seine Ruderpflöcke. Schön zu schauen ist der Nachen, Doch er ist nicht gut geartet: Grundlos kreuzte er zum Kriege, Zög’ zum Streite ohne Ursach. Ilmarinen wirft das Schiff zurück ins Feuer, und am folgenden Tag wieder auf den Boden der Esse: Eine Kuh kommt aus dem Feuer, Aus der Glut die goldgehörnte, Auf der Stirn den Stern des Bären, Auf dem Kopf die Sonnenscheibe. Schön zu schauen ist die Färse, Doch sie ist nicht gut geartet:
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Ständig will im Wald sie liegen, Läßt die Milch zur Erde laufen. 093
Amboßmeister Ilmarinen Kann sich ihrer kaum erfreuen; Schneidet auch die Kuh in Stücke. Steckt die Stücke in das Feuer, Läßt die Knechte kräftig blasen, Läßt das Dienstvolk tüchtig treten. Der vierte Tag: Aus dem Feuer drängt ein Pflug sich, Aus der Glut die goldne Schneide, Goldne Schneide, Schaft von Kupfer, Silber an des Schaftes Ende. Schön zu schauen ist die Pflugschar, Doch sie ist nicht gut geartet: Denn sie furcht des Dorfes Äcker, Sie umbricht behaute Felder. Amboßmeister Ilmarinen Kann sich ihrer kaum erfreuen. Er zerbricht den Pflug in Stücke, Wirft ihn wieder in die Esse, Läßt die Winde kräftig wehen, Starke Bö die Bälge füllen. Mächtig wehten da die Winde, Ostwind blies, es blies der Westwind, Stärker weht’ der Wind aus Süden, Stürmend peitscht’ den Staub der Nordwind. Bliesen einen Tag, den zweiten, Bliesen auch am dritten Tage, Aus dem Fenster fuhr das Feuer, Aus dem Eingang sprühten Funken,
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Bis zum Himmel stob der Staub auf, Dicker Rauch wallt’ hoch in Wolken. Ilmarinen beugt’, der Hämmrer, An des dritten Tages Ende Sich hinunter, um zu schauen Hin zum untern Teil der Esse; Sah den Sampo da entstehen, Sah den bunten Deckel wachsen. Amboßmeister Ilmarinen, Urzeit-alter Schmiedemeister, Schmiedete mit schnellen Schlägen, Hämmert’ hastig mit dem Hammer, Schmiedete geschickt den Sampo: Mehl mahlt er auf einer Seite, Salz mahlt er auf einer andern, Auf der dritten mahlt er Münzen. Und schon mahlt der neue Sampo, Dreht sich schon der bunte Deckel, Mahlt am Morgen voll ein Kornmaß, Mahlt ein Kornmaß zum Verzehren, Mahlt ein zweites zum Verkaufen, Mahlt ein drittes zum Verwahren. Nun war froh des Nordlands Alte, Brachte bald den großen Sampo In den Steinberg von Pohjola, In den Schoß des Kupferhügels, Hinter neun sehr starke Schlösser; Wurzelte ihn ein mit Wurzeln In die Erde tief neun Klafter; Eine bis zum Mutterboden, Eine stößt in Wasserwirbel, In den Heimatberg die dritte.
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Ilmarinen erhält seinen Lohn nicht, noch nicht. Er kehrt ohne Braut zurück. Für eine lange Zeit erfahren wir überhaupt nichts von dem Sampo. Andere Dinge geschehen: die Abenteuer, der Tod und die Wiederbelebung von Lemminkäinen; dann Väinämöinens Erlebnisse im Bauch des Riesen. Diese letzte Geschichte ist es wert, erzählt zu werden: Väinämöinen macht sich daran, ein Schiff zu bauen. Aber als es darum geht, das Bugholz aufzurichten und den Steven anzufügen, stellt er fest, daß er dazu drei Zauberworte in seiner Rune benötigt, die er nicht besitzt. Vergebens schaut er auf den Köpfen der Schwalben, an den Hälsen der Schwäne, auf den Rücken der Wildgänse und unter der Zunge des Rentiers nach.6 Er kann eine Menge Zauberworte finden, aber nicht die, die er braucht. Dann überlegt er sich, sie im Reich der Toten, Tuonela, zu suchen – vergebens. Nur mit Hilfe starker Magie kann er in die Welt der Lebenden zurückfliehen. Aber noch immer vermißt er die drei Runen. Da sagt ihm ein Hirte, er solle im Mund von Antero Vipunen, dem Riesenungeheuer, nachschauen. Der Weg, der ihm gewiesen wird, führt über Schwerter und geschärfte Beile. Ilmarinen fertigt ihm Schuhe, Hemd und Handschuhe aus Eisen, aber er warnt ihn, daß er den großen Vipunen tot vorfinden werde. Der Held zieht trotzdem los. Der Riese liegt unter der Erde, und Bäume wachsen ihm aus dem Kopf. Väinämöinen findet seinen Weg zum Mund des Riesen und stößt seinen Eisenstab hinein. Davon erwacht der Riese und öffnet plötzlich seinen gigantischen Rachen. Väinämöinen rutscht hinein und wird verschluckt. Sobald er den enormen Magen erreicht, überlegt er Im Sigrdrifa der Edda zählen die Walküren Orte auf, an denen hugruna gefunden werden können, also Runen, die Weisheit und Wissen vermitteln; dazu gehören folgende: der Schild der Sonne, das Ohr und der Huf eines ihrer Pferde, das Rad von Rognis Wagen, Sleipnirs Zähne und Bragis Zunge, der Schnabel des Adlers, die Klaue des Bären, die Pranke des Wolfs, der Nagel der Nornen, der Kopf der Brücke usw. (Sigrdrifa, Strophe 13–17). 6
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sich, wie er wieder herauskommt. Er baut sich ein Floß und treibt im Innern des Riesen auf und ab. Der Riese fühlt sich gekitzelt und bedeutet Väinämöinen mit vielen, aber nicht unbestimmten Worten, wohin dieser sich scheren solle; aber er verrät keine einzige Rune. Väinämöinen baut daraufhin eine Schmiede und beginnt sein Eisen auf einem Amboß zu hämmern, wodurch die Eingeweide des Riesen so gepeinigt werden, daß dieser magische Lieder herausbrüllt, um Väinämöinen hinwegzufluchen. Aber Vänämöinen bedankt sich, es gehe ihm sehr gut und er werde nicht eher gehen, bis er die drei geheimen Worte erfahren habe. Schließlich lüftet Vipunen den Schatz seiner machtvollen Runen. Viele Tage und Nächte singt er, und die Sonne und der Mond und die Meereswellen und die Wasserfälle stehen still, um ihm zu lauschen. Väinämöinen trägt alle Runen zusammen und ist schließlich einverstanden, den Riesen zu verlassen. Vipunen öffnet seinen großen Rachen, und der Held stürzt heraus, kehrt zurück und baut sein Schiff zu Ende. Die Geschichte wechselt dann abrupt, um Kullervo vorzustellen, seine Abenteuer, den Inzest und seinen Selbstmord. Als Kullervo zufällig die Frau tötet, die sich Ilmarinen in Pohjola so teuer erkauft hat, kehrt die Geschichte wieder zu Ilmarinens Misere zurück. Er schmiedet sich „Pandora”, eine Frau aus Gold. Aber da er kein Gefallen an ihr findet, kehrt er nach Pohjola zurück und bittet um die zweite Tochter von Louhi. Er wird abgewiesen. Ilmarinen raubt daraufhin das Mädchen, aber es ist so boshaft und untreu, daß er es in eine Möwe verwandelt. Dann besucht er Väinämöinen, der sich nach Neuigkeiten aus Pohjola erkundigt. Alles gehe dort gut, sagt Ilmarinen, dank dem Sampo. Sie beschließen deshalb, in den Besitz der Mühle zu gelangen, und sei es gegen Louhis Willen. Die beiden reisen mit dem Schiff, obwohl Ilmarinen der Landweg weitaus lieber wäre, und Lemminkäinen begleitet sie. Das Schiff strandet auf dem Rücken eines riesigen Hechts. Väinämöinen tötet den Fisch und fertigt aus seinen Kieferknochen die Kantele (Appendix 10), ein Saiteninstru-
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ment, das niemand außer Väinämöinen richtig spielen kann. Es folgt ein völlig orphisches Kapitel über die Musik, die Väinämöinen auf seiner Kantele spielt, und deren Zauber die ganze Welt erliegt (Abbildung 10). Schließlich kommen sie in Pohjola an. Aber wie zu erwarten war, will sich Louhi nicht von dem Sampo trennen, noch will sie ihn mit den Helden teilen. Väinamöinen spielt daraufhin die Kantele, bis das ganze Volk von Pohjola in den Schlaf gesunken ist. Dann machen sich die Brüder daran, den Sampo zu stehlen, was sich als eine schwierige Aufgabe herausstellt. Väinamöinen drauf, der alte, Murmelt seine Zaubersänge An des Kupferhügels Eingang, An dem Fuß der Felsenfeste; Bald erhebt das Tor der Feste, Wanken seine Eisenangeln. Amboßmeister Ilmarinen – Er nahm teil daran als zweiter – Schmiert mit Fett sogleich die Schlösser, Schmiert mit Schmalz die ganzen Angeln, Daß die Türen nicht erdröhnen Und die Angeln auch nicht kreischen, Löst die Schlösser mit den Fingern, Hebt die Riegel mit dem Haken, Schon bewegt das Schloß sich mühlos, Offen steht die starken Türen. Väinamöinen sprach, der alte, Selber darauf diese Worte: „O du leichter Sohn des Lempi, Allererster meiner Freunde, Geh, den Sampo nun zu nehmen, Bunten Deckel loszubrechen!”
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Lemminkäinen leichten Sinnes, Dieser schöne Kaukomieli, Auch schon ohne Auftrag lüstern. Ohne Lob behend und lebhaft, Ging, den Sampo nun zu nehmen, Bunten Deckel loszubrechen … Lemminkäinen schob und schob nun, Schob und schob, versucht’ zu drehen, Er umfaßte fest den Sampo, Mühte sich auf seinen Knien, Doch nicht rührte sich der Sampo, Neigt’ sich nicht der bunte Deckel; Eingewurzelt sind die Wurzeln Wohl neun Klafter in die Erde. Steht ein guter Stier im Nordland, Welcher kräftig ist von Wuchse, Fest und zäh sind seine Flanken, Voller Spannkraft seine Sehnen, Klafterlange Hörner hat er, Mißt wohl anderthalb am Maule. Diesen Stier nahm Lemminkäinen, Einen Pflug am Ackerraine, Ackert’ aus die Sampo- Wurzeln, Dieses bunten Deckels Fesseln; Sieh, da rührte sich der Sampo, Neigte sich der bunte Deckel. Väinämöinen drauf der alte, Ilmarinen als der andre, Lemminkäimen als der dritte, Schleppten gleich den großen Sampo Aus dem Steinberg von Pohjola, Aus dem Schoß des Kupferhügels,
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Brachten ihn an Bord des Bootes, Schafften ihn an Bord des Schiffes. So verluden sie den Sampo, In ihr Boot den bunten Deckel; Stießen in die See den Segler, In die Flut die hundert Planken, Brausend fuhr das Boot ins Wasser, Schnurstracks schoß es in die Fluten. Ilmarinen fragte endlich, Sagte so, sprach solche Worte: „Wohin bringen wir den Sampo, Wohin wollen wir ihn führen Hier von diesem argen Orte, Aus dem elendsvollen Nordland?”
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Väinämöinen alt und wahrhaft Sagte so, sprach solche Worte: „Dorthinführen wir den Sampo, Bringen wir den bunten Deckel: Zu dem dunstig feuchten Vorsprung, An des Nebeleilands Spitze; Dort ist dieses Glückes Bleibe, Dort soll es für immer wohnen. Wohl ist dort an Platz nur wenig, Dennoch findet sich ein Fleckchen, Ungeplündert, unerobert, Unberührt vom Schwert des Mannes.” Nachdem der Sampo also auf das Schiff geladen ist – genauso wie der Pirat Mysing Grotti an Bord seines Schiffes brachte –, rudern die Helden so schnell sie können von dannen. Lemminkäinen wünscht sich Musik, denn damit lasse es sich besser rudern. Aber Väinämöinen ziert sich, so daß Lempis Sohn für sich alleine singt – zwar mit lauter Stimme, aber mitnichten musikalisch:
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Saß auf einem Stumpf ein Kranich, Mitten auf der feuchten Bülte, Zählt’ die Knöchel seiner Zehen, Hob den einen Fuß, den andern; Da fuhr er erschreckt zusammen Bei dem Liede Lemminkäinens. Schrillen Schrei entließ der Kranich, Schrie erschreckt mit grauser Stimme, Fing sogleich an fortzufliegen, Flog hinüber nach dem Nordland. Gleich als er dort angelangt war, Sich am Sumpf des Nordlands einfand, Schrie er schrill zum zweiten Male, Ließ er scharfen Schrei ertönen. Machte wach damit das Nordland, Weckte so die Widersacher. Sofort wird die Verfolgung aufgenommen: Louhi, die schlechte Wirtin von Pohjola, wirft ihnen ein magisches Hindernis nach dem anderen in den Weg; aber Väinämöinen wird mit ihnen fertig. Er läßt ihr Kriegsschiff auf einer Klippe, die er zuvor herbeigezaubert hat, zerschellen. Aber bei dieser Gelegenheit sinkt seine geliebte Kantele auf den Grund des Meeres. Zuletzt verwandelt sich Louhi in einen riesigen Adler, der den gesamten Raum zwischen den Wellen und den Wolken einnimmt; und rasch reißt sie den Sampo an sich: Warf den Sampo in das Wasser, Stürzt’ den ganzen bunten Deckel Von dem Bord des roten Bootes Mitten in die Meeresbläue; Da zerbarst der bunte Deckel, Ging der Sampo ganz in Stücke.
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Einige Trümmer des bunten Deckels treiben auf der Meeresoberfläche, Vainämöinen kann viele von ihnen aufsammeln; Louhi jedoch erwischt nur ein kleines Stück. In der Folgezeit verarmt Lappland, während Suomi (Finnland) gedeiht und fruchtbar ist. Väinämöinen sät die Überreste des Sampo aus, und es wachsen Bäume aus ihnen: „Darin ist des Samens Ursprung, Da der Keim zu Glückes Dauer, Da ist Pflügen, da ist Aussaat, Da ist Wachstum jeder Weise, Darin liegt des Mondes Leuchten, Glückbegabter Sonne Glänzen Über Finnlands weite Fluren, Über Suomis süße Erde!” Väinämöinen bastelt sich eine neue Kantele, diesmal aus dem Holz einer Birke und mit den Haaren junger Mädchen als Saiten – aber die Saiten kommen zum Schluß. Zuvor fragt er: „Fertig ist der Kannelboden, Ist der Rumpf der steten Freude. Woher nehme ich die Zapfen, Woher hole ich die Wirbel?” Eine Eiche wuchs am Viehweg, Hoher Baum im Hofe hinten, Glatte Äste trug die Eiche, Jeder Ast trug eine Eichel, Auf der Eichel war ein Goldrad, Auf dem Goldrad stand ein Kuckuck. Immer wenn der Kuckuck anschlägt, Wenn er Laute gibt mit fünf Worten, Schäumt ein Goldstrom aus dem Schnabel, Sickert plötzlich Silber nieder Auf den goldnen Hügelabhang,
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Auf die silberhelle Höhe, Dort sind Zapfen für die Zither, Wirbel für den Maserholzrumpf. Noch einmal beginnt Väinämöinen, auf seinem unwiderstehlichen Instrument zu spielen. Aber diesmal gelingt es Louhi, Sonne und Mond zu erbeuten. Und das war ihr möglich, denn … Es entstieg der Mond der Stube, Kroch auf eine krumme Birke, Ihrem Schloß entschritt die Sonne, Warf sich auf den Föhrenwipfel, Um dem Kannelklang zu lauschen, Um die Freude anzustaunen. Die mit beiden Händen zugreifende Louhi versteckt Sonne und Mond in einem Berg aus Stahl. Ilmarinen schmiedet für Sonne und Mond jeweils einen Ersatz; aber die künstlichen Gestirne wollen nicht so recht leuchten. Endlich gibt Louhi die Himmelskörper wieder frei, denn sie fürchtet sich inzwischen vor den Helden; wiederholt beklagt sie sich, daß mit dem Sampo auch ihre Kraft sie verlassen hat. Aber die Zeit läuft auch für den uralten Väinämöinen ab. Alles, was ihm noch zu tun übrig bleibt, ist, ein neues Feuer zu entfachen; und das tut er auch. Vor langer Zeit beginnend, hatte er alles gesungen, was es zu singen gibt. Tag für Tag sang er die Weisen, Viele Nächte nacheinander Das Gedächtnis alter Zeiten, Jene tiefen Ursprungsworte, Die nicht alle Kinder können, Männer nicht einmal verstehen Jetzt in diesen trüben Tagen, An dem schlimmen Schluß der Zeiten.
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Kapitel 7
Ein wundersames Kind wird nunmehr geboren, das eine neue Ära verkündet. Väinämöinen weiß, daß es für beide gleichzeitig keinen Platz auf der Welt gibt. Er muß gehen, damit das Kind leben kann. Und so sagt er seinem Land Lebewohl; Schritt davon bedachten Schrittes An den Strand, bespült vom Meere, Dort begann er gleich zu singen, Sang zum allerletzten Male, Sang sich einen Kahn aus Kupfer, Ein verdecktes Kupferfahrzeug. Setzte selber sich ans Steuer, Fuhr hinaus aufs offne Wasser, Sagte noch bei seinem Abschied, Sprach noch so bei seiner Abfahrt: 101
„Mag doch eine Frist verfließen, Mögen Tage gehn und kommen. Dann bedarf man meiner wieder, Wird mich suchen, mich ersehnen, Neuen Sampo zu erbauen, Neues Saitenspiel zu schaffen, Neuen Mond herbeizubringen, Neue Sonne zu befreien, Wenn nicht Sonne ist, nicht Mondlicht, Auch nicht Freude auf der Erde.“ Väinämöinen fuhr, der alte, Übers Meer hin ganz gelassen In dem Kahn mit Kupferzierat, In dem kleinen Boot aus Kupfer An den obern Rand der Erde, An den untern Rand des Himmels. Tatsächlich gibt es noch mehr Runen, die von Väinämöinens
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Weggang berichten, wie wir von Martti Haavio erfahren. Väinämöinen taucht in die Tiefen des Meeres, in das tiefste Meer, in das tiefste Erdinnere, in die tiefste Region des Himmels, zu den Pforten des großen Rachens des Todes. Oder er segelt in die Kehle des Maelströms, in den Rachen des Maelströms, in den Schlund des Maelströms, in den Schlund des Seeungeheuers. Das ist jener Vortex, der alle Wasser schluckt, der Strudel, der aus der Zerstörung von Grotti hervorgeht – und mit dem wir uns später näher befassen werden. Sein norwegischer Name lautet Hwergelmir; sein ältester Name ist Eridu. Aber dieser Name gehört zu einer anderen Geschichte und einer anderen Welt. Für heutige Menschen ist es schwierig, die Qualität der altehrwürdigen Vortragskunst (laulo) zu erfassen, die aus nur wenigen endlosen Noten mit frei improvisierten „Kadenzen” besteht, zu denen jedoch ein Kern fester Wortlaute gehört, der in der kanonischen Form strikt eingehalten wird. Es handelt sich keineswegs um Volksdichtung im üblichen Sinn, obgleich ihre „Kopisten”, ihre „Drucker” und ihre „Herausgeber“ ausschließlich Bauern mit einem eisernen Gedächtnis sind.7 Ein alter laulaja, der den Ursprung der Welt rezitierte, erzählte Lönnrot: „Du und ich wissen, daß dies die wirkliche Wahrheit darüber ist, wie die Welt begann.“ Er sagte dies nach Jahrhunderten des Christentums – ohne jemals daran zu zweifeln, denn das Wesentliche ei7
M. Kaavio, Väinämöinen, Eternal Sage (1952), 40 (Selälä zitierend).
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ner Rune war die gesungene oder gemurmelte Beschwörung (vgl. das deutsche Verb raunen), welche die Dinge zu ihrem Anfang zurückführen, zu den „tiefen Ursprüngen”. Um zum Beispiel eine Schwertverletzung zu heilen, mußte der laulaja die Rune des „Ursprungs von Eisen” singen; und ein einziges falsches Wort hätte ihre Macht gebrochen. Auf diese Weise blieben Fragmente zeitlosen Alters in lebendiger Volksdichtung eingebettet. Jene, welche die Griechen die „Namenlosen” nannten (typhlòs anēr) und die epischen Rhapsodien aufbewahrten, sind uns noch heute fast zum Greifen nahe – in jenen kargen Dörfern des Hohen Nordens, in denen uns ihre Namen begegnen; Arhippa Perttunen, Simana von Mekrijärvi, Okoi von Audista oder Ontrei der Hausierer. Aus der ganzen befremdlichen Geschichte geht eines unwidersprochen hervor, nämlich daß der Sampo nichts anderes als der Himmel selbst ist. Das feststehende Adjektiv kirjokansi, „bunt“, bezog sich in der finnischen Volksdichtung auf den Deckel des Himmelsgewölbes, wie Comparetti und andere vor längerer Zeit nachgewiesen haben. Was den Namen Sampo anbelangt, so widersetzte er sich den Bemühungen der Linguisten solange, bis herausgefunden wurde, daß sich der Begriff aus dem Sanskrit-Wort skambha, Säule, Pol, herleitet.8 Da er „mahlt”, ist Sampo offensichtlich eine Mühle. Aber der Mühlbaum ist zugleich die Weltachse, so daß die Forschung zu der nordischen Mühle zurückkehrt, und zu der Gesamtheit von Bedeutungen, die in dem schwierigen Wort ludr enthalten ist, das wiederum für das Bauholz der Mühle steht und als „loor”, ein Windinstrument, wieder auftaucht. Damit ist die Zeit in beiden Richtungen einbezogen: als Festsetzung und als Skandierung der Zeit. Das stellt keine Zweideutigkeit dar, die aus Verlegenheit entstanden wäre, sondern einen umfassenden Sinn, der sich frühen Denkern wie vom Himmel gesandt offenbart haben muß. 8
Vgl. Kapitel 8.
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Der Sampo ist – beziehungsweise war – der Spender aller guten Dinge, und das wird auf herrliche Weise von den vielen Varianten betont, die darauf bestehen, daß das Meer reicher ist als das Land, weil die meisten guten Dinge eben ins Meer fielen. Die Menschen mußten zwangsläufig das wimmelnde Leben der arktischen Gewässer mit dem kahlen Land des Hohen Nordens vergleichen. Aber dem Sampo widerfuhr eine Katastrophe, als er bewegt wurde; und das ist der entscheidende Punkt, der die Parallele zu Grotti schafft. Die astronomische Idee, die diesen seltsamen Darstellungen zugrunde liegt, wurde im Intermezzo beschrieben und wird in Kapitel 9 wieder aufgegriffen.
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Of this base metal may be filed a key That will unlock tbe door they howl witbout. FITZGERALD
Ergänzend zum Sampo gibt es viele Mythen, die der erzählerischen Abfolge des Kalevala eingelagert sind und deren Analyse einige Überraschungen zutage fördern würde. Zum Beispiel gibt es den Kampf zwischen Väinämöinen und Youkahainen (vgl. Seite 89), einem feindlich gesonnenen lappischen Zauberer, der Vainämöinens ständiger Widersacher zu sein scheint. Youkahainen versucht den uralten Weisen zu besiegen, indem er ihm kosmologische Rätsel aufgibt; aber Väinämöinen „singt” den Lappen Schritt für Schritt bis zum Hals in den Morast, singt seine Zauberformeln ,,rückwärts” und befreit ihn erst, als der Lappe ihm Aino, seine Schwester, verspricht. Es gibt auch die Erzählung von Vainämöinens Suche nach drei verlorengegangenen Runen im Bauch des Riesen. Diese Erzählungen muten – sofern man sie nicht wie Geschichten behandelt, die nun mal eben passieren – wie „Findlinge” an, die durch die eiszeitliche Bewegung der Zeit über Finnland verstreut sind. Das archaische Gebilde läßt sich bis nach Ägypten zurückverfolgen.1 Ein junger Ägypter namens Setna (beziehungsweise Seton Chaemwese) wollte das Günther Röder, Altägyptische Erzählungen und Märchen (1927), 149; Alfred Wiedemann, Herodots Zweites Buch (1890), 455.
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Zauberbuch des Thot von der Leiche des Nefer-ka Ptah stehlen, einem der großen ägyptischen Götter, dessen Mumie oft abgebildet worden ist. Ptah jedoch erwachte und fragte Setna: „Kannst du das Buch mit Hilfe eines wissenden Schriftgelehrten an dich nehmen, oder willst du mich lieber auf dem Dame-Brett schlagen? Hast du Lust, ,Zwei-und-Fünfzig’ zu spielen?” Setna ging auf das Spiel ein, und nachdem das Brett mit den „Hunden” (Steinen) gebracht worden war, gewann Nefer-ka Ptah das erste Spiel, sprach eine Zauberformel, plazierte das Brett auf Setnas Kopf und ließ ihn bis zu den Hüften im Boden versinken. Beim dritten Mal ließ er ihn bis zu den Ohren versinken. Daraufhin rief Setna nach seinem Bruder, der ihn rettete. Es gibt auch ein finnisches Volksmärchen, das die bekannte babylonische Geschichte von Etana und dem Adler aufgreift.2 Hier ist es anstelle des Königs der „Sohn der Witwe” (es wird kein Grund für dieses Epitheton angegeben, das in erster Linie zu Parzival zu gehören scheint; allerdings begegnen wir ihm in der späteren Freimaurer-Tradition wieder),3 der von einem Greif in die Luft gehoben wird und zuschauen kann, wie die Erde unter ihm immer kleiner wird. Als die Erde „nicht größer als eine Erbse” zu sein scheint (analoge Gleichnisse finden sich auch bei Etana), taucht der Greif schnurstracks auf den Grund des Meeres, wo der Held einen gewissen Gegenstand findet, nach dem er überall gesucht hat; und zum Schluß wird er wieder an Land gespült. Dies sieht nach der abgerundeten Geschichte dessen aus, Siehe M. Haavio, Der Etanamythos in Finnland (1955), 8-12; desgleichen Stephen Langdon, The Legend of Etana and the Eagle (1932), 46-50. 3 Solche Worte haben ein langes Leben. Nachdem General Armistad im amerikanischen Bürgerkrieg bei einem Sturmangriff auf die südliche Schützenlinie tödlich getroffen in Feindeshand fiel, soll er sich noch sterbend wiederholt als einen „Sohn der Witwe” bezeichnet haben, wobei es sich offensichtlich um das Kennwort einer geheimen militärischen Bruderschaft handelte, das die Umstehenden nicht verstanden – noch die Historiker. 2
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was in der babylonischen Keilschrift auf halbem Wege abbricht, weil Teile der Schrifttafel fehlen: Es könnte sich dabei um die erste Version der Sage handeln, in der Alexander die drei Reiche erkundet. Die ungewöhnliche Position Kullervos im Kalevala ist nach wie vor ein Rätsel. Dort, wo ihn Lönnrot in den Handlungsablauf eingliedert, bleibt er eine deplazierte Figur, die einem anderen Zeitalter zu entstammen scheint, wie bereits an anderer Stelle bemerkt. Es gibt viele solcher Unvereinbarkeilen. Die verschiedenen Lesarten zugrunde legend, wurde die kühne Behauptung aufgestellt, daß Kullervo vermutlich erst nach dem Weggang Väinämöinens in Erscheinung tritt – und mehr noch: daß er selbst das wundersame Kind sei, welches Väinämöinen nötigt, von der Bühne zu verschwinden; und das wiederum würde erklären, warum sich die beiden nie begegnen. Heutzutage nimmt man an, daß es sich bei dem Kind um Christus selbst handelt; aber das ist nichts anderem als dem üblichen transformierenden Einfluß der Kirche zuzuschreiben. Auch das Kind in Vergils Fünftem Hirtenbrief wurde später für Christus gehalten; und dank der Kraft seiner ihm unterstellten Prophezeiung erhielt Vergil den Ruf eines Zauberers. Tatsächlich sagt die Mutter über ihr und Väinämöinens uneheliches Kind (50.199f): „Großen Mannes ich genese, starken Sproß werd ich gebären, welcher Macht hat über Mächtge, mehr Gewalt als Väinämöinen.“ Das versetzte den englischen Herausgeber des Kalevala um so mehr in Erstaunen, als der Säugling auch das „Zweiwochen-Söhnchen des Kaleva” genannt wird. Denn Kullervo ist sowohl in der finnischen als auch in der estländlichen Überlieferung der Sohn des Kaleva – „Kalevanpoika” beziehungsweise „Kalevipoeg” –, und zwar viel ausdrücklicher als die anderen Helden, die nur generell „Söhne” sind. Es würde in das mythische Bild passen – aus Gründen, die bald ersichtlich werden –, daß wir es hier mit einem zeitgebundenen tragischen Avatara zu tun haben, der den zeitlosen Weisen ablöst.
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Aber wer ist denn nun Kaleva? Er ist eine mysteriöse Entität, die durch ihre Abwesenheit glänzt und sich dennoch als eponyme Präsenz durch das gesamte Gedicht zieht. Kaleva wird die Konnotation von „Riese” zugeschrieben; in einigen finnischen Versionen des Alten Testaments werden die riesenhaften Rephaim und Enakim „Kinder des Kaleva” genannt. Aber es gibt viele Gründe, dieses Wort als Schmied zu verstehen.4 Kaleva könnte ein noch ur-anfänglicherer Schmied als Ilmarinen sein. In dem Zauberwort, das den Ursprung von Eisen beschreibt, gibt es eine merkwürdige Zeile: „Armes Eisen, Mann Kaleva, in jener Zeit warst du weder groß noch klein.” In jedem Fall kann die kursierende Vorstellung, Kaleva sei eine „Personifikation” Finnlands – eine Art Britannia mit ihrem Dreizack – als unseriös beiseite gelegt werden. In jenen Zeiten gab es keinen Raum für rhetorische Figuren. Kaleva bleibt einstweilen eine signifikante Lücke. Aber Setäla merkt an, daß auch die russischen bylini, die nahen Verwandten der estnischen Runen, die Heldentaten des Kolywanowitsch, des Sohns von Kolywan, besingen und dabei so gut wie nichts über Kolywan selbst aussagen.5 Die russischen Schriften geben den vollen Namen mit Samson Koiywanowitsch wieder, so wie er in Finnland Kullervo Kalevanpoika lautet. Hier taucht, vielleicht zufällig, ein Name auf, der sich wie ein kaum sichtbarer Faden durch die gesamte Überlieferung zieht. Im Kalevala begegnen wir Samson bereits in der zweiten Rune; sein Name ist Sampsa Pellervoinen, der „die Baume sät” und außerdem Vainämöinen hilft, sie zu fällen.6 Sein E.N. Setälä, „Kullervo-Hamlet” FUF 7 (1907), 249. Siehe auch K. Krohn, Kalevalastudien I. Einleitung (1924). 93-101. 5 Das gleiche gilt für den permanent abwesenden Iwaldi und die sehr aktiven drei „Söhne des Iwaldi“ in der Edda. Rydberg ist Vater und Söhnen hartnäckig und erfolgreich auf den Fersen geblieben. 6 Krohn vermutet, daß Sampsa von Sampo hergeleitet ist. Comparetti sieht es lieber genau umgekehrt. Weder das eine noch das andere ist bezeugt beziehungsweise überzeugend; aber beide Autoren machen 4
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Name „Sohn der Fluren” oder „der Erdgeborene” deutet an, daß er eine ländliche Gottheit ist, die sich in dem griechischen Triptolemos oder dem etruskischen Aruns Velthymnus wiederfinden könnte. Es läßt sich nicht mehr sagen, was seine Rolle im ursprünglichen Sinn der Geschichte war. Es genügt, daß es ihn gibt. Die Sage von der Mühle beginnt, sich über unsere Reichweite hinaus auszudehnen. Es kann daher auch nicht mehr überraschen, daß der meisterhafte Mythologe Lykophron von Zeus als einem Müller spricht (Myleus, 435). Damit geht wiederum paradoxerweise der Name Mylinos – Müller – einher, der dem Anführer der Schlacht der Giganten gegen die Götter verliehen wurde. Der Kampf wurde augenscheinlich als einer um die Kontrolle über die Mühle des Himmels angesehen. Es ist demzufolge nicht unbedingt zufällig, daß der Name Samson im Hohen Norden auftaucht. Denn Samson selbst – also Samson Agonistes – dürfte einen Ehrenplatz unter den riesenhaften Helden der Mühle einnehmen. Tatsächlich steht er in unserem Schrifttum an erster Stelle. Uns wird berichtet (Richter XVI.21), wie er dahinsiecht: Mit ausgestochenen Augen muß er „die Mühle drehen im Gefängnis”, bis ihn seine grausamen Häscher losketten, damit er in ihrem Tempel „Spaß vor ihnen” treibe. Mit letzter Kraft kann er die zwei Mittelsäulen umfassen und den Tempel über den Köpfen der Philister einstürzen lassen. Wie Menja, so hat auch Samson seine Rache geübt. Aber jenseits der Begrenztheit dieses Themas führt uns Samson in einen weltweiten Sinnzusammenhang. Er bringt noch weitere schwerverständliche Begriffe ins Spiel – und sollte daher besser für das nächste Kapitel aufgespart werden. Nun, am Ende der merkwürdigen Geschichte über den Sampo, fragt man sich zu recht: Ergibt dies alles aus sich heraus viel Sinn? Ist es jenseits der Literaturgeschichte überhaupt von Relevanz? Comparetti, der große alte Gelehrte, der sich im vergangeimmerhin darauf aufmerksam, daß der Name Samson eine Seltenheit ist, die in Betracht gezogen werden muß.
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nen Jahrhundert an das schwierige Studium der finnischen Dichtung heranmachte, stellte sich selbst eine raffinierte und klassisch-philologische Frage: Würde es (also das Studium der finnischen Dichtung) uns weiterbringen, die Geburt der homerischen Gedichte zu verstehen? Und er antwortete mit Ja. Doch räumte er ein, daß die homerische Frage offen bleibt. Mit anderen Worten: Die berühmte „Kommission orphischer und pythagoreischer Experten, die von Pisistratos zusammengestellt wurde, um die verstreuten Rhapsodien zusammenzutragen”, kann schwerlich – so wenig wie Lönnrot das konnte – ganz aus sich heraus Werke wie die llias und die Odyssee geschaffen haben. Mithin muß es doch einen Homer gegeben haben. Und das wiederum zeigt, daß sich die herkömmliche Vorstellung von epischer Genialität sogar für die vergleichenden Sprachwissenschaftler im Mysteriösen auflöst. Aber Comparetti fühlt sich veranlaßt hervorzuheben, daß jene Experten keine Gelehrten im heutigen Sinne waren, gehörten sie doch zu einer Zeit, als Mythos, Dichtung und intellektuelles Schaffen eins waren. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Frage von der anderen Seite her aufzurollen. Angenommen, Lönnrot wäre selbst ein „Orphiker und Pythagoreer“ im alten Sinn gewesen, hätte er dann nicht eine bessere Rekonstruktion zustande gebracht als jene – sicherlich intelligente – Zusammenstückelung, auf die er sich beschränken mußte? War er nicht durch seine Ignoranz des archaischen Hintergrunds gehemmt? Firdausi hingegen kannte tatsächlich die astrologischen Doktrinen, dank denen seine verstreuten Quellen einen Sinn ergaben – und zweifellos ist es das, was ihm erlaubte, sein Schanahmeh zu einem wirklichen Ganzen zusammenzuschweißen. Auf Lönnrot trifft das nicht zu; jedoch waren die „Kurzgesänge” der bäuerlichen Tradition in Finnland zu weit von dem ursprünglichen Gedanken entfernt, als daß irgend jemand ihn hätte zurückholen können. Seine Nachfolger, die für jede einzelne Rune eine verwirrende Anzahl von Lesarten zutage förderten, haben an der Konfusion nichts geändert. An-
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statt das sperrige Gut zu einem beliebigen Ganzen zusammenzupressen, haben die finnischen „Folklore Fellows” (kurz „F.F.” genannt) vergleichende Mythologie betrieben – das einzige Hilfsmittel, mit dem sich früher oder später Ordnung herstellen lassen wird. Was Homer und die vorausgesetzten Homerischen Rhapsodien betrifft, so ist dies ein gefährliches Terrain. Dies nicht so sehr, weil Homer zum uneingeschränkten Grundbesitz der respekteinflößenden Zunft homerischer Gelehrter gehört – als geschätztes Mitglied dieser Zunft konnte sich Comparetti Abweichungen erlauben –, sondern im wesentlichen deshalb, weil es nicht angemessen ist, zu versuchen, etwas auf ein „Schema” zu reduzieren, das ein großartiges Kunstwerk ist und bleibt, dessen Klarheit und Unmittelbarkeit nicht verdorben werden sollte. Es besteht unglücklicherweise das allgemeine Vorurteil, das Herausarbeiten von im Text enthaltenen theoretischen Anspielungen reduziere diesen zu einem irrelevanten Rätsel, während zum Beispiel der Schiffskatalog, sofern man ihn Wort für Wort studiert, dem Leser verborgene Schönheiten enthüllen soll. Hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß Homer vorgefertigtes Material zur Hand hatte: Vierkantsockel und wohlgemeißelte Quadersteine, die er in Dichtung transformierte. Eines dieser vorgefertigten Stücke, der Fluch der Müllerin, ist in Kapitel 5 wiedergegeben; und es werden noch weitere solcher Beweisstücke folgen- Tatsächlich bestand Homers Geschicklichkeit darin, diese Materialien so gut neuzugestalten und zu vermenschlichen, daß sie unauffällig wurden. Bezüglich der griechischen Tragödien wissen wir dank Apollodoros mehr. In seiner „Bibliothek” der Mythen, die von Frazers üppigen Fußnoten ergänzt wird, hält er für jede Tragödie ein „Buch” bereit – und zwar sowohl für jene Tragödien, die wir besitzen, als auch für solche, die wir verloren haben; für Tragödien, die geschrieben wurden wie auch für solche, die niemals geschrieben worden sind. Doch bedurfte es eines Aischylos oder eines Sophokles, um die Bedeutung zu trans-
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formieren und aus ihr ein Kunstwerk zu machen. Weitaus greifbarer und besser bekannt sind die Quellen der Göttlichen Komödie – Geschichte, Philosophie und Mythos, Maße und Intervalle –, die eine praktisch komplette Struktur ohne Lücken liefern. Aber gerade deshalb ist Dante um so mehr ein wahrer Schöpfer. Offensichtlich ist es genau der Begriff des „Poeten” (poiētēs) der neu definiert werden muß, wenn man sich den traditionellen Quellen nähert. Veteres docti poetae, wie Ovid sagte, der selbst nicht zu den geringsten unter ihnen gehörte. „Gebildet” ist das Schlüsselwort, nicht in theoretisch-bildhaften Ausdrücken und Allegorien, sondern in den lebendigen Inhalten mythischer Doktrin. Aber auch hier führt der gewöhnliche Sprachgebrauch wieder in die Irre. Heute ist ein gebildeter Mensch im allgemeinen jemand, der weiß, worum es geht. Dante gehörte mit Sicherheit zu dieser Kategorie. Aber galt sie auch in den entfernten Zeitaltern? Es gibt Gründe, dies zu bezweifeln. Eine esoterische Doktrin, wie sie von Aristoteles definiert wurde, ist eine, die man lernt, lange bevor man sie versteht. Ein Großteil der Ausbildung chinesischer Gelehrter folgte noch bis vor kurzem diesem Motto. Das Verstehen blieb etwas anderes. Es mochte nie erreicht werden und bestenfalls erst dann eintreten, wenn das Lernen abgeschlossen war. Es gab andere Wege. Ein extremes Beispiel aus Rom mag das verdeutlichen. Athenaios7 erzählt, daß es dort einen vielgefeierten Schauspieler namens Memphis gab, der angeblich innerhalb eines kurzen Tanzes fehlerfrei die gesamte Essenz des pythagoreischen Lehrgebäudes vermitteln konnte. Es wird nicht gesagt, daß er es verstand. Er mag eine dunkle Ahnung gehabt haben, und der Rest war sein außerordentlich geschärfter Sinn für Ausdruck. Er hatte sozusagen ein morphologisches Verstehen, das er nur in Bewegung ausdrücken konnte. Sicherlich hatte sein Publikum nicht mehr Athenaios, Deipnosophistai I.2od. Siehe auch Lukians De Saltatione, 70. 7
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Ahnung als er; aber ebenso sicher war es ein strenger und unerbittlicher Richter. Dictum sapienti sat, würde der Weise sagen. Aber in diesem Fall ist sogar dieser Spruch verfehlt. Die Zuschauer würden nichtsdestoweniger in ihrer eigenen volkstümlichen Sprache johlen: „Du bist Klasse, alter Junge!“ Und für die geringste Verfehlung der richtigen Form hielten sie ihre faulen Eier und Tomaten bereit. Dies ist ein Fall von wirklicher Kommunikation, die des Verstehens nicht bedarf. Sie findet einzig über die Form (morphē) statt. In den Mysterien gab es Dinge, die „nicht gesagt werden konnten” (arrhēta), sondern nur dargestellt werden konnten. Solche Happenings muß man im Gedächtnis behalten, wenn man versucht zu beurteilen, wie gut der Dichter das Material verstand, das er bearbeitete. Schöpferisches Mißverstehen mag zum Wesen seiner „Freiheit” gehört haben; aber dennoch gab es den absoluten Respekt. Die Rune über den „Ursprung von Eisen” (die neunte im Kalevala) war dem laulaja unverständlich, aber er wußte, daß er diesen „tiefen Ursprung” vorzutragen hatte, um die tödlichen Kräfte kalten Eisens zu kontrollieren. Magische und prophetische Implikationen gehörten immer zu dem harten Gewerbe des Schmieds, ebenso wie zu dem erhabenen des Dichters. Das Verstehen lag außerhalb ihrer Reichweite. Selbstverständlich hat jede Ära aus sich heraus ihre Balladen, Liebesgeschichten, Lieder und Märchen erfunden, um sich zu unterhalten. Aber das ist eine andere Sache. Hier geht es um den Poeten, den poiētes, wie er in frühen Zeiten aufgefaßt wurde. Es gab eine ursprüngliche Gesamtheit von Bedeutungen, welche die Wörter Poet, vates, Prophet und Seher umfaßte. Jedes Wissen und Gesetz, schrieb Giovanni Battista Vico vor gut 200 Jahren in einem Anfall von Genialität, müsse einmal „ernste Poesie”, poesia seriosa, gewesen sein. Es ist in diesem Sinne zu verstehen, wenn sich Aristoteles auf „würdevolle Zeugnisse der [frühen] Poeten“ beruft. Da die Dokumente aus der frühesten Zeit der Schrift nunmehr
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zugänglich sind, wird man von einem völlig unerwarteten Charakterzug in Erstaunen versetzt: Anstatt daß unsere ersten Vorläufer ihre Grillen in kindlicher Freiheit auslebten, benahmen sie sich wie besorgte und zweifelnde Kommentatoren, sich ständig an der Exegese einer nur ungenau verstandenen Überlieferung versuchend. Sie bewegten sich zwischen technischen Termini, deren Bedeutung für sie halbverloren war; sie beschäftigten sich mit Wörtern, die bereits unter diesem frühesten Horizont als „tottering with age” erschienen, wie James Henry Breasted sagt, Wörter, die sich bald unserer Kenntnis ganz entzogen haben werden. Lange bevor die Poesie ihren Anfang nehmen konnte, existierten bereits Generationen seltsamer Scholiasten. Den Experten ist die Unsicherheit aufgefallen, die in den Nachfolgetexten alter Schriften vorherrscht, das sich in ihnen widerspiegelnde Bemühen, korrekte Namen und ihre Signifikanz aus obsoleten Formeln und Ideogrammen herzustellen. Anläßlich seiner Beschäftigung mit frühen ägyptischen Dekan-Listen, verweist Albert Schott auf die Ratlosigkeit späterer Generationen angesichts der unverständlich gewordenen Namen der Sternbilder: Der Namensbestand dieser Sternbilder zeigt Merkmale eines altertümlichen Sprachgutes. In einigen Namen sind Worte enthalten, die sonst nicht bekannt sind oder frühzeitig verschwunden sind. Von anderen kennen wir die Hieroglyphen, ohne sie recht deuten zu können. Dies trifft vor allem bei den großen Göttern des Dekankreises zu, bei Orion und Sothis [= Sirius, H.v.D.], die altägyptisch immer mit dem Namen der alten Hieroglyphen genannt wurden, ohne daß man in geschichtlicher Zeit je recht gewußt hat, was sie einst bedeuteten. Andere Namen sind ganz unverständlich geworden und mögen es schon zur Zeit der Niederschrift der ältesten heute bekannten Listen gewesen sein. Zu allen Zeiten der langen Geschichte dieser Namen verfolgen wir Versuche der Namensdeutung. Gerade die Unschlüssigkeit, mit der sie vorgeht, kann das hohe Alter dieser Namen bestätigen, von denen wohl viele wie in un-
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Dieser letzte Satz gilt für jede Schrift aus alter Zeit, nicht nur für die in ihr enthaltenen Namen: Es ist kein Ende abzusehen bei den Kommentaren zu den Pyramidentexten, Sargtexten und zum Totenbuch,9 zum Rigveda, zum I-Ging oder zum Alten Testament.10 Wolfram von Soden bedauert, daß wir von den Dokumenten der „Renaissance der sumerischen Kultur” (ca. 2100 v.Chr.) abhängig sind, anstatt das tatsächliche, alte Material zur Verfügung zu haben.11 Die bloße Tatsache, daß Sumerisch die Sprache der gebildeten Babylonier und Assyrer war, die Existenz der vielen sumerisch-akkadischen „Wörterbücher” sowie der zahlreichen Übersetzer des Gilgamesch-Epos verraten die Betriebsamkeit mehrerer Akademien, die für die offiziell anerkannten Textausgaben verantwortlich zeichneten. Man kann beinahe sehen, wie die Gelehrten über den Schriften rätselten und die Stirn runzelten. Und in Mexiko war es nicht anders. In Chimalpahins Memorial Breve finden wir Bemerkungen wie: „Hier in diesem (Jahre) ,5-Haus’ erklärten auf Grund bilderschriftlicher Aufzeichnungen etliche alte Männer, daß zu sterben kam König Hueymac, König von Tollan (die Stadt des mythischen Goldenen Zeitalters)”.12 Die Griechische Renaissance war, nicht weniger als jene des vorausgegangenen Jahrtausends im Nahen Osten, das Ergebnis solch antiquarischen Bemühens. Noch Hesiod ist geprägt davon. In Wilhelm Gundel, Dekane und Dekanstembilder (1936), 5. Siehe zum Beispiel Günther Röder, Urkunden zur Religion des Alten Ägypten (1915), 185f, 199f, 224. 10 John Dowson [A Classical Dictionary of Hindu Mythology (1953), 60] nennt die brahmanischen Schriften freiweg einen „hinduistischen Talmud“. 11 W. von Soden, „Licht und Finsternis in der sumerischen und babylonisch-assyrischen Religion”, in Studium Generale 13 (1960), 647. 12 Chimalpahin, Memorial Breve, übersetzt von W. Lehmann und G. Kutscher (1958), 10. 8 9
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Diese wenigen Gedanken sollten in jeder Vorstellung von „Überlieferung” enthalten sein. Der Begriff impliziert keineswegs das „Verstehen” der Tradierenden; und das gilt für die frühesten Zeiten bis hin zu unseren zeitgenössischen Meßdienern. Wie hervorgehoben wurde, ist es leicht, in die gewöhnliche Literaturgeschichte hineinzuschlüpfen, wenn die Quellen nicht ernsthaft überprüft werden. Geht die Bedeutung des Märchens vom Sampo über diesen üblichen Rahmen hinaus? Einige beachtliche kosmischen Motive, die in der magischen Erzählung verstreut sind, mögen Finnland über die „Korridore der Zeit” aus anderen Kulturen noch erreicht haben, ohne daß ihnen irgendeine Bedeutung angehaftet hätte. Kurzum: Das alles könnte genausogut „Volksdichtung” im üblichen Sinne sein. Die Herausgeber des Kalevala bestanden darauf, den Hintergrund als „schamanistisch” zu beschreiben, worunter sie einfach irgendeine Art primitiver „Religion” verstanden. Sie korrespondierte ihrer Meinung nach mit urtümlicher, instinktiver Magie, die in allen fünf Kontinenten anzutreffen und eng mit dem „Medizinmann” des jeweiligen Stammes verknüpft sei. Dann kam Frazer, um die Spaltung zwischen „Magie“ und „Religion” als die unterschiedlicher Strukturen einzuführen – und damit die Angelegenheit noch komplizierter zu machen. „Schamanismus” gehörte (und tut es leider noch immer) zu jener Sorte vager Schlagwörter, die dem Publikum die befriedigende Einbildung beschert, man verstehe genau, worum es geht – just wie der ebenfalls allzu bekannte Terminus mana oder jenes „prälogische Denken der Primitiven”, das der französische Soziologe und Psychologe Lucien Lévy-Bruhl erfunden, vor seinem Tod aber zurückgenommen hat. Einer der beiden Autoren dieses Buches gibt reumütig zu, daß er früher einmal Pythagoras und den Orphiker Epimenides mit thrakischen Schamanen in Verbindung brachte, ohne damit mehr sagen zu wollen, als daß sich in Pythagoras und Epimenides viel von dem zeitlosen Medizinmann
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wiederfinden lasse.13 Das geschah vor mehreren Jahren und schien mit dem neuesten Stand der Wissenschaft übereinzustimmen – was längst nicht mehr der Fall ist. Die Unzulässigkeit des allgemeinen Umgangs mit dem Begriff entlarvt zu haben, ist das Verdienst von László Vajdas kurzer, aber konzentrierter Studie über dieses Phänomen.14 Vajda hat nachgewiesen, daß kein geschichtliches Urteil, das auf solchen Allgemeinplätzen beruht, stichhaltig sein kann. „Schamane” ist ein tungusisches Wort. Sein Epizentrum hat der Schamanismus jm ural-altaischen Asien; jedoch handelt es sich bei ihm um ein sehr komplexes Kulturphänomen, das weder von Psychologen noch von Soziologen erklärt werden kann, sondern nur mit den Mitteln der historischen Ethnologie. Um es mit wenigen Worten zu sagen: Ein Schamane wird von Geistern auserwählt, was bedeutet, daß er sich seinen Beruf nicht aussuchen kann. Epileptiker und geistig Behinderte sind offensichtlich bevorzugte Kandidaten. Einmal ausersehen, geht der zukünftige Schamane zur „Schule”. Ältere Schamanen bringen ihm sein Handwerk bei, und erst nach der Abschlußzeremonie seiner Ausbildung ist er aufgenommen. Das ist der sozusagen sichtbare Teil seiner Erziehung. Die eigentliche schamanistische Einweihung der Seele geschieht in der Welt der Geister – während sein Körper tagelang bewußtlos in seinem Zelt liegt –, die den Kandidaten auf höchst sorgfältige und drastische Weise zerstückeln und ihn anschließend mit Eisendrähten wieder zusammennähen oder ihn neu schmieden, so daß er ein neues Wesen wird, das zu übermenschlichen Taten fähig ist. Die Pflichten eines Schamanen sind, Krankheiten zu heilen, die durch böse Geister verursacht wurden, welche in den Körper des Patienten eingedrungen sind oder dadurch entstanden, daß die Seele den Körper verlassen hat und nicht mehr den Weg zurück findet. Häufig ist der Schamane G. de Santillana, The Origins of Scientific Thought (1961), 54. L. Vajda, „Zur Phaseologischen Stellung des Schamanismus“, in Ural-Altaische Jahrbücher 31 (1959), 456-485.
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dafür verantwortlich, die Seelen der Verstorbenen zum Wohnsitz der Toten zu führen, so wie er auch die Seelen geopferter Tiere in den Himmel geleitet. Außerdem wird seine Hilfe benötigt, wenn die Jagdsaison schlecht ausfällt; dann muß er herausfinden, wo das Wild ist. Um die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllen zu können, muß der Schamane in den höchsten Himmel hinauf, um dort von seinem Gott Informationen zu erhalten – oder er muß in die Unterwelt hinabsteigen. Auf seinem Weg dorthin hat er gegen feindliche Geister zu kämpfen und/oder gegen rivalisierende Schamanen, und es werden gewaltige Duelle ausgefochten. Beide Kämpfer haben ihre tiergestaltigen Hilfsgeister bei sich, und es findet ein häufiges Wechseln der Gestalten statt. In der Tat machen diese phantastischen Duelle die Hauptmasse schamanistischer Geschichten aus. Ein letztes Echo findet man in dem Märchenmotiv von der „magischen Flucht”. Die Seele des Schamanen steigt in den Himmel hinauf, wenn er sich in einem Zustand der Ekstase befindet. Um diesen Zustand zu erreichen, benötigt er seine Trommel, die ihm als „Pferd” dient, während die Trommelstöcke als „Peitsche” fungieren.15 Der „Rahmen”, innerhalb dessen der Schamane handelt, also das Welt Verständnis des ural-altaischen Schamanismus, wurde erfolgreich bis nach Indien zurückverfolgt (bezüglich seiner hinduistischen und buddhistischen Aspekte, einschließlich dem tibetanischen Lamaismus und Bön-po) sowie bis in das alte Persien. Wenn man Wilhelm Radloffs viele Bände liest, stößt man allenthalben auf unzulänglich verkleidete Bodhisatvas (Manjirae = Manjusri; Maiterae beziehungsweise Maidere = Maitreya usw.), aber das beststrukturierte Material wurde von Uno Holmberg (Uno Harva)16 Als „Hauptschlagader” benutzen die Schamanen einen Strom, der durch alle Ebenen des Himmels fließt, und sie identifizieren ihn mit dem Jenissei – eine Vorstellung, die an einer späteren Stelle dieser Untersuchung klarer wird. Siehe Uno Holmberg, Finno-Ugric and Siberian Mythology (Nachdruck 1964), 307f. 16 Siehe Literaturverzeichnis. 15
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bereitgestellt, der bereits zitiert wurde und noch oft zitiert werden wird. Jedoch geht dieses Weltbild – mit seinen drei „Domänen”; mit sieben oder neun Himmeln, einer über dem anderen, und mit entsprechenden „Unterwelten”; mit der „Weltsäule”, die durch das Zentrum des ganzen Systems geht und vom „nördlichen Nagel” beziehungsweise „Weltnagel” (Polarstern) gekrönt wird – weiter zurück als bis zur indischen und iranischen Kultur, nämlich bis zum allerältesten Nahen Osten von wo Indien und Persien ihre Idee von einem „Kosmos” herleiteten – wobei ein Kosmos an sich beileibe keine naheliegende Vorstellung ist. Der Schamane, der die „Stufen” oder Einkerbungen seines Pfahls beziehungsweise Baums hinaufklettert und dabei so tut, als ob seine Seele gleichzeitig in den höchsten Himmel aufsteigt, vollführt genau dasselbe wie der mesopotamische Priester, wenn er die Spitze seiner siebenstöckigen Pyramide erklomm: die Zikkurat, welche die Sphären der Planeten repräsentierte.17 Die Vorstellung von neun Himmeln anstelle von sieben innerhalb der Sphäre der Fixsterne geht auf den Brauch zurück, zu den Planeten den (unsichtbaren) „Kopf“ und „Schwanz” des „Drachen” hinzuzurechnen, also die Mondknoten, in deren Nachbarschaft Verfinsterungen von Sonne und Mond auftreten; die Umlaufzeit dieser „drakonitischen Punkte” beträgt ca. 18,5 Jahre. Diese Vorstellung, die in der mittelalterlichen islamischen Astrologie aufrechterhalten wurde, ist eine indische» aber nicht unbedingt indischen Ursprungs. Reuter [Germanische Himmelskunde (1934), 291ff] geht davon aus, daß sich die germanische Idee von neun Planeten, welche die drakonitischen Punkte einbezieht, auf die gemeinsame „Urzeit” der Indogermanen zurückführen läßt. Dabei bezieht er sich auf Luise Troje, Die 13 und 12 im Traktat Pelliot (1925), 7f, 25, 149f. Selbst wenn es den „Drachen” schon zu jener Zeit gegeben haben sollte, halten wir die Indogermanen – ob nun vereint oder nicht – nicht für die Urheber dieser Idee. Was die islamische und indische Überlieferung betrifft, siehe die höchst sorgfältigen und durchdachten Untersuchungen von Willy Hartner, „The Pseudoplanetary Nodes of the Moon’s Orbit in Hindu and Islamic Iconographies”, 17
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Von der majestätischen Tempelanlage von Borobudur auf Java bis hin zu den anmutigen Stupas, mit denen die indische Landschaft übersät ist, erstrecken sich schemenhafte Erinnerungen an die sieben Himmel, die sieben Kerben, die sieben Ebenen. Uno Holmberg sagt: „Es ist begreiflich, daß eine solche Vorstellung von übereinanderwohnenden himmlischen Göttern keine Erfindung der türkisch-tatarischen Völker ist, sondern auch zu ihnen von anderwärts wanderte. Deshalb ist auch die Bedeutung jener einzelnen Götter ebenso wie die Entstehung des Siebenkreises selber dem Volke ganz unklar. Dem Forscher indessen kann der Ursprung jener in den verschiedenen Schichten des siebenschichtigen Himmels herrschenden Götter kein Geheimnis sein, weisen sie doch offensichtlich auf die babylonischen Planetengötter hin, die schon in ihrer fernen Heimat sieben übereinander befindliche Sternenkreise agierten.“18 Zu diesem Schluß kam auch vor Jahren Paul Mus. Das Konzept von sieben Himmeln und Unterwelten für natürlich, ergo primitiv zu halten, war ein gravierender Fehler, der in den vergangenen zwei Jahrhunderten den geschichtlichen Blickwinkel verzerrte. Aber selbst abgesehen von der Himmels„leiter” und der Himmelfahrt der Seele des Schamanen, enthüllt eine nähere Betrachtung schamanistischer Items sehr alte Muster. Die Trommel zum Beispiel, der mächtigste Ausrüstungsgegenstand des Schamanen, der auf bestimmte Weise das Universum symbolisiert, ist ein unumstrittenes Enkelkind der bronzenen Lilissu-Trommel des mesopotamischen Kalu-Priesters (verantwortlich für Musik
in Ars Islamica 5 (l938),Teil 1; Le Problème de la planète Kaïd (1955); „Zur Astrologischen Symbolik des ,Wade Cup’”, in Festschrift Kühnel (1959), 234-143. Es ist im Rahmen dieses Essays nicht möglich, sich angemessen mit dem dreigeteilten Universum zu beschäftigen. Aber soviel kann mit Sicherheit festgestellt werden: Es geht zurück auf „die Wege von Anu, Enlil und Ea” in der babylonischen Astronomie. 18 U. Holmberg, Der Baum des Lebens (1922), 123.
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und dem Gott Enki/Ea dienend).19 Der Deckel der LilissuTrommel muß von einem schwarzen Stier stammen, „der den himmlischen Stier symbolisiert”, wie François Thureau-Dangin sagt.20 William Foxwell Albright und Paul-Émile Dumont21 gehen sogar noch weiter, indem sie das Opfer des mesopotamischen Stiers, dessen Fell die Lilissu-Trommel zu bedecken hatte, mit dem indischen Ashvamedha vergleichen, einem gewaltigen Pferdeopfer, das sich nur der erfolgreichste König (immer ein Kshatrya) leisten konnte: Das Pferd mußte auf der Stirn das Zeichen der Krittika (= Plejaden) tragen. Und dasselbe schrieb (laut Albright) der akkadische Text für den Stier vor. In dem Text von Thureau-Dangin indessen wird betont: Wenn der schwarze Stier sieben weiße Haarbüschel in Form von Sternen aufweise – d.i. kakkabi; Kakkab = Stern und meint (sofern kein weiterer spezifischer Sternbildname hinzugefügt wird) meistens die Plejaden, so wie mulmul in sumerischen Texten –, dann dürfe der Stier nicht genommen werden.22 Es ist unklar, ob sich die sibirischen Schamanen dieser Vergangenheit noch bewußt waren oder nicht. Die Menge der von Holmberg gesammelten Sternbildlegenden und die vielen Siehe Bruno Meissner, Babylonien und Assyrien (1925), 2, 66. F. Thureau-Dangin, Rituels accadiens (1921). 2, Siehe auch Erich Ebeling, Tod und Lehen nach den Vorstellungen der Babylonier (1931) bzgl. einer Keilschrift, in der das Fell explizit Anu genannt wird (29), sowie Carl Bezold, Babylonisch-Assyrisches Glossar (1926), 210 s.v.: „sugugalu, ,das Fell des großen Stiers’, ein Emblem des Anu.” Wir möchten noch einmal auf die Redewendung hinweisen, die Petronius’ Trimalchio verwendet, als er über den Monat Mai spricht; „Totus coelus taurulus fiat” („Der ganze Himmel verwandelt sich in einen kleinen Stier”). 21 W.F. Albright und P.E. Dumont. „A Parallel between Indian and Babylonian Sacrificial Ritual”, JAOS 54 (1934), 107-128. 22 F. Thureau-Dangin, op.cit., 11: „S’il est tacheté de sept (touffes de) poils blancs en forme d’etoiles … il ne sera pris.” Vgl. Abraham Sachs (ANET 335): „If it is spotted by (as many as?) seven white tufts (which look like) stars … it shall not be taken.” 19 20
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Zeichnungen fraglos astronomischen Charakters auf Schamanentrommeln könnten den Schluß auf größere Einsichten erlauben, als die Ethnologen den Schamanen zubilligen; aber das ist im Moment irrelevant. Relevant – und klar – hingegen ist, daß die sibirischen Schamanen den Tierkreis und alles, was mit ihm zusammenhängt, nicht erfunden haben. Es bedarf keiner detaillierten Untersuchung chinesischer mythischer Trommeln, sondern nur weniger Zeilen aus einem „Meer von Geschichten”: Im östlichen Meer ist ein Tier anzutreffen, das wie ein Ochse aussieht. Sein Körper ist grün, und es hat keine Hörner. Es hat nur einen Fuß. Wenn es sich in das Wasser hinein- oder aus ihm herausbewegt, verursacht es Wind oder Regen. Sein Leuchten ähnelt dem von Sonne und Mond. Der Lärm, den es macht, ist wie der Donner. Sein Name ist K’uei. Nachdem der große Huang-ti es gefangen hatte, machte er eine Trommel aus seiner Haut. Er schlug sie mit dem Knochen des Donnertieres – den Lärm hörte man noch in einer Entfernung von 500 Li –, um dem Kaiserreich heilsame Furcht einzuflößen.23
Dies sieht auf den ersten Blick wie die Beschreibung eines urzeitlichen Falls von Delirium tremens aus, aber der Kontext stellt die Nüchternheit schnell wieder her. Es handelt sich um eine Art „Naturgeschichte des Unnatürlichen”, die sich nur wenig um die lebendige Spezies kümmert, sondern sich mit den Vorkommnissen in einem anderen Reich beschäftigt. Insbesondere das einbeinige Wesen tritt in vielen Erscheinungsformen auf, angefangen Marcel Granet, Danses et légendes de la Chine ancienne (1959), 509. Solch eine Vorstellungskraft ist keinesfalls einzigartig. In dem Taittiriya Sanhita heißt es zum Beispiel: „Der Preßstein [der Soma-Presse] besteht aus dem Penis des Opferpferdes. Soma ist sein Samen; wenn es sein Maul öffnet, verursacht es Blitze, wenn es zittert, donnert es, wenn es uriniert, regnet es.” (7.5.25.2 = Shatapatha Brahmana 10.6.4.1. = Brihad Aranyaka Upanishad l.1; siehe Richard Pischel und Karl Friedrich Geldner, Vedische Studien (1889-1901), I, 86. 23
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mit dem Hunrakán der Mayas, dessen Name „Ein(s)-Bein” bedeutet. Von ihm stammt unser „Hurrikan” ab; es ist also nicht verwunderlich, daß er in Hülle und Fülle über Wind, Regen, Blitze und Donner verfügt. Gleichwohl verkörpert er nicht nur einen simplen Wettergott, ist er doch ein Aspekt von Tezcatlipoca selbst und der wahre ursprüngliche Einbeinige, der vom Sternenhimmel herabschaut – aber noch bringt uns dieser Name nicht weiter. Zurück also auf unerwarteten Wegen zu mythischen Trommeln und ihrem denkbaren Gebrauch. Die Sichtung des immensen Schatzes archaischen Wissens, das wunderbarerweise bei den Mande-Stämmen in Westsudan24 erhalten geblieben ist, könnte eine Menge weiterer Erkenntnisse zutage fördern. In dem langen und komplizierten Schöpfungsmythos der Mande kommen zwei Trommeln vor. Die erste wurde von den bardischen Ahnen aus dem Himmel mitgebracht, kurz nachdem die Arche (mit den acht Zwillingsahnen an Bord) auf dem ur-anfänglichen Acker gelandet war. Diese Trommel war aus Faros Schädel gefertigt und wurde benutzt, um Regen herbeizurufen. (Die Experten machen Faro gewöhnlich zum „Moniteur” und vermeiden damit, ihn als Kulturhelden, Erlöser oder Gott zu mißdeuten.) Das erste Heiligtum wurde errichtet und der Menschheit das „Erste Wort” (tatsächlich waren es 30 Wörter) durch den Mund eines der Zwillingsahnen offenbart, der „die ganze Nacht sprach und erst dann aufhörte, als er die Sonne und Sirius zur selben Zeit aufgehen sah”. Als das „Zweite Wort” offenbart werden sollte (diesmal aus 50 Wörtern bestehend), was wiederum mit dem heliakischen Aufgang des Sirius verbunden war, „entschloß sich der Ahne, in der heiligen Stätte auf dem Hügel die ersten verschiedengeschlechtlichen Zwillinge zu opfern. Er bat den BarIn Ostafrika hatte die Trommel jenen Platz inne, welcher im Alten Testament dem Tabernakel eingeräumt wurde, wie Harald von Sicard in Ngoma Lungundu: Eine afrikanische Bundeslade (1952) dargelegt hat.
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den, aus der Haut der Zwillinge eine Armtrommel zu machen.25 Der Baum, aus dem sie die Trommel schnitzten, wuchs auf dem Hügel und versinnbildlichte Faros einziges Bein.“26 Die Mythologie aller Kontinente kennt eine verblüffende Anzahl einbeiniger Gestalten mit unterschiedlichen Funktionen. Es ist hier nicht erforderlich, sich in diesen Dschungel hineinzubegeben, aber es sei vermerkt, daß in Siam der „mock-king” – das ist eine seit babylonischer Zeit bekannte Art von Ersatzkönig, der bei bestimmten Festperioden den Herrscher vertrat – während der ganzen Dauer gewisser Zeremonien auf einem Podium auszuharren hatte – und zwar auf einem Bein stehend – und den wohlklingenden Titel „Herrscher der Himmlischen Heerscharen” führte.27 Der Chinese K’uei ist also kein Einzelfall. Die chinesische Mythe ist expliziter und eher verständlich als die anderen, weil sich die Chinesen des Himmels außerordentlich bewußt waren: Ihre sündigen Monster werden in Gruben geworfen oder in seltsame Bergregionen verbannt als Strafe dafür, daß sie den Kalender durcheinander gebracht haben. Was K’uei selbst betrifft, dessen einnehmendes Wesen als grüne, ochsenähnliche Kreatur des östlichen Meeres eingeführt wurde, so wird er immer verblüffender, je mehr sich seine Natur entfaltet. Marcel Granet schreibt, daß K’uei von Kaiser Shun zum Dabei handelt es sich um eine Sanduhrtrommel mit zwei Häuten. Dieser Trommel wird nachgesagt, daß sie „die zwei geographischen Gebiete, Kaba und Akka, in Erinnerung zurückruft; und der enge Mittelteil der Trommel symbolisiert den Fluß selbst [Niger] und somit die Reise Faros.” 26 G. Dieterlen, „The Mande Creation Story”, Africa 27 (1957), 124–138; cf. JSA 25 (1955), 39-76. Siehe auch M. Griaule, „Symbolisme des tambours soudanais”, in Mélanies historiques offerts à M.Masson I (1955), 7986; M. Griaule und G. Dieterlen, Signes Graphiques Soudanais (1951), 19. 27 D.i. Phaia Phollatep; das Volk allerdings nannte ihn „King Hop”. Siehe J.G. Frazer, The Dying God (= Golden Bough III), 149f; vgl. auch Waldemar Deonna, Un divertissement de table „à cloche-pied” (1959). 25
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„Meister der Musik” ernannt wurde. Tatsächlich beauftragte er keine geringere Macht als die Sonne (Chong-li), K’uei aus dem Dickicht zu holen und ihn an den Hof zu bringen, denn allein K’uei besaß die Gabe, die sechs Stimmpfeifen und sieben Tonarten zu harmonisieren; und Shun, der seinem Reich Frieden schenken wollte, war der festen Überzeugung, daß „Musik das Wesentliche von Himmel und Erde ist”.28 K’uei konnte zudem die „hundert Tiere” zum Tanzen bringen, indem er den Musikstein berührte; und er half Yü dem Großen, dem unermüdlichen Erdbeweger unter den Fünf Ersten Kaisern, seine Arbeit zu vollenden, nämlich die Flüsse zu regulieren”. Es stellt sich außerdem heraus, daß K’uei nicht nur der Meister des Tanzes, sondern auch der Meister der Schmiede war. Er muß einen beachtenswerten Gefährten für Yü den Großen abgegeben haben, dessen Tanzschritt (le pas de Yü) den Großen Wagen „vorführte”.29 Genug von Trommeln und ihrer schamanistischen Verwendung. Immerhin kommen sie uns jetzt nicht mehr wie Tam Tams irgendwelcher Stämme vor, sondern wir sehen ihre Verbindung mit der Zeit, mit dem Rhythmus und der Bewegung des Himmels. Indem wir uns jetzt einem anderen großen Themenkomplex – einem tatsächlich sehr großen – zuwenden, ist es möglich, dem tieferen Sinn des Schmieds im asiatischen Schamanismus nachzuspüren, insbesondere dem des himmlischen Schmieds, welcher der rechtmäßige Erbe des göttlichen „archi-tekton” des Kosmos ist. Einige Repräsentanten dieses Typus, den wir Deus Faber nennen, haben noch immer beide Funktionen inne, nämlich sowohl die des Architekten als auch die des Schmieds: zum Beispiel der griechische Hephaistos, der die Sternenhäuser für die M. Granet, Danses et légendes (1959), 311, 505-508. Diesen letzten Teil der Information verdanken wir Nathan Sivin. Vgl. mittlerweile Edward H. Schafer, Pacing the Void. T’ang Approaches to the Stars (1917), 238 ff. Der Tanzschritt des Yü wurde zuweilen auch „shaman’s step” geheißen. 28 29
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Götter baut und Meisterwerke schmiedet, oder der Koshar-waHasis von Ras Shamra, der Baals Palast errichtet und ebenfalls Meisterwerke schmiedet. Die Jakuten behaupten: „Der Schmied und der Schamane stammen aus demselben Nest.” Und sie fügen hinzu: „Der Schmied ist der ältere Bruder des Schamanen”,30 was auch für Väinämöinen zutreffen mag – gepaart mit Ilmarinen, von dem gesagt wird, er habe „das Dach des Himmels zusammengehämmert”. Wie wir wissen, ist es der ur-anfängliche Schmied, der den Sampo anfertigte und in Estland Himmel und Gestirne schmiedete. Es beruht nicht auf müßiger Phantasie, daß der Repräsentant des Himmelsschmieds, der König, selbst mit „Schmied” angeredet wird. Dschingis Khan trug den Titel „Schmied”,31 und die Standarte des persischen Kaiserreichs bestand aus einer stilisierten Lederschürze des Schmieds Kâvag (Appendix 11). Die mythischen Kaiser Huang-ti und Yü in China sind als Schmiede dermaßen unverkennbar, daß Marcel Granet durchweg historisch-soziologische Schlüsse daraus zog, derweil vergessend, daß Huang-ti, der Gelbe Kaiser, anerkanntermaßen Saturn ist. Und so, wie die persischen Schahs ihr königliches Jubiläum feierten, nachdem sie 30 Jahre regiert hatten – was der Umlaufzeit des Saturn entspricht –, so beging auch der ägyptische Pharao sein Jubiläum nach 30 Jahren, getreu dem „Urheber” dieses Festes, nämlich Ptah, der sowohl der ägyptische Saturn ist Wilhelm Schmidt, Die asiatischen Hirtenvölker (1954), 346f. Was den irdischen Grobschmied anbelangt: Die vielen Eisenstücke, die zum Gewand eines Schamanen gehören, können nur von einem Schmied der neunten Generation angefertigt werden. Das heißt, acht seiner direkten Vorfahren müssen diesen Beruf bereits ausgeübt haben. Ein Schmied, der es gewagt hätte, eine schamanistische Kleidung zu schmieden, ohne solche Vorfahren zu haben, wäre von Vogelgeistern zerrissen worden. 31 Andreas Alföldi, „Schmied als Ehrentitel” (in Ungarisch), in Magyar Nyelv 28 (1932), 205-220. 30
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als auch Deus Faber. Es war notwendig, tiefer in diese Materie einzusteigen und den Akzent auf diese wenigen ausgesuchten Daten zu legen, denn sonst würden die bezaubernden und harmlos anmutenden finnischen Runen nicht für das gehalten, was sie tatsächlich sind; die arg mitgenommenen Bruchstücke eines einstmals ganzen und „bunten Deckels”. Es schadet nicht, in Väinäniöinen einen „Schamanen“ zu sehen, solange man sich des Hintergrunds des Schamanismus bewußt ist. In der Tat vermittelt es erneut einen tiefen Einblick, wenn man sich vor Augen hält, daß Väinäniöinen die Trommel abgelegt hat, die das einzige Instrument seines lappischen Cousins bleibt; Vainämöinen hat die Harfe geschaffen, und das bedeutet, daß er als der Orpheus des Nordens betrachtet werden muß. Letzte Überbleibsel werden nicht leicht wiedererkannt. Das bedarf der Erfahrung. Und von einem arglosen Leser von „Volksdichtung” kann nicht erwartet werden, daß er auf Anhieb die wohlbekannten göttlichen Charaktere identifiziert, wenn sie im Gewand von Longfellows Versmaßen daherkommen.* Wenn man zum Beispiel im Kalevala die Rune 9.107ff liest, wird es einem nicht einfach gemacht, den mächtigen iranischen Gott der Zeit, Zurvan akarana, zu entdecken, der als auf dem Weltei stehend dargestellt wird und in seiner Hand die Werkzeuge des Architekten hält: Ilmarinen ward geboren, War geboren, war gewachsen, Auf dem Kohlenberg entstand er, Auf der Kohlenhalde wuchs er, A.d.Ü.: Der amerikanische Dichter Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882) übersetzte europäische Poesie, u.a. Dante. Seine eigenen Verserzählungen waren beeinflußt von der deutschen Romantik, den schottischen Balladen und den Dichtern des viktorianischen Englands. Bis zum 1. Weltkrieg gehörte Longfellow zu den meistgelesenen Dichtern in englischer Sprache.
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In der Hand den Kupferhammer, In der Faust die kleine Zange. In der Nacht ward er geboren, Schuf am Tage eine Schmiede … Da das Christentum in seiner Zerstörung alter Traditionen sehr erfolgreich war, sind altaische und sibirische Survivals häufig in besserem Zustand als finnische Runen; aber sogar die Lappen sprechen noch von „Waralden olmay, ,Welt-Mann’ … Und das ist derselbe wie Saturnus.“32 Auch Jupiter und Mars sind noch vorhanden: der erste wird Hora Galles (Thorkarl), der letzte Bieka Galles, der „Wind-Mann“33 genannt. Die Wogulen, Jakuten 118 und Mongolen berichten von Gottes sieben Söhnen oder von sieben Göttern (beziehungsweise neun), unter denen es einen „Schreibermann”34 und einen „weltbeobachtenden Mann” gibt. Letzterer wurde von Karl Kerenyi35 ohne Zögern mit Kullervo verglichen, da der Name die wörtliche Übersetzung von Avalokiteshvara sei, also des großen Bodhisatva, der in China als Kuanyin bekannt ist, was wörtlich „der (musikalischen) Tonarten Diese Information stammt von Johan Radulf (1723), zitiert nach K. Krohn, „Priapkultus”, FUF 6 (1906), 168, der Waralden olmay mit Freyr gleichsetzt. Georges Dumézil, La Saga de Hadingus (1950), identifiziert ihn als Njordr. 33 K. Krohn, „Windgott und Windzauber”, FUF 7 (1907), 173f, wo der Gott einmal Ilmarinen genannt wird. 34 Die Ostjaken erzählen sogar von einem goldenen Buch des Schicksals; und Holmberg hebt hervor, daß die Ostjaken, die keine Schrift besitzen, vermutlich nicht von sich aus auf solche Ideen gekommen sind [Der Baum des Lebens (1922), 97.] Vgl. das ganze Kapitel „Die sieben Schicksalsgötter“ (Seite 113-133 desselben Werkes) sowie Holmbergs Finno-Ugric und Siberian Mythology (1927), 415. 35 K. Kerenyi, „Zum Urkind-Mythologem“ in Paideuma 2 (1940), 245ff. Vgl. auch C.G. Jung und K. Kerenyi, Essays an a Science of Mythology (1949), 30-39. 32
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würdig” bedeutet. Man fragt sich, ob der Ursprung dieses „Weltbeobachters” nicht noch weiter zurückreicht: nämlich bis zu Gilgamesch. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Babylonier ihre Schriften nach den jeweiligen Anfangswörtern benannten; zum Beispiel hieß bei ihnen das Schöpfungsepos Enuma elisch, was bedeutet: „Als droben”. Entsprechend war das, was wir das Gilgamesch-Epos nennen, für sie Scha naqba imurū: „Der alles gesehen”. Von solcher Art ist der verwirrende Wandel, der für große und vertraute Themen durch die Zeit eingeläutet wird. Aber das ist noch nicht alles. Wie Kullervo war dieser wogulische „weltbeobachtende Mann” – also Avalokiteshvara höchstpersönlich – in seinen jungen Jahren ein vielgeplagtes Waisenkind, das zuerst im Haus seines Onkels und dann im Haus „des Russen” sowie in jenem „des Samojeden” lebte. Nach Jahren des Elends – ein ziemlich speziell „zugemessenes” Elend36 – tötet er Zum Beispiel wird er im Haus „des Russen“ zwischen der Türangel festgehalten (in der englischen Übersetzung werden dieses und andere Details bis zur Unkenntlichkeit entstellt), und das Abwaschwasser wird über ihm ausgeleert. Dazu verdammt zu werden, als Türangel zu fungieren, gehört in Ägypten zu den Höllenstrafen, denn das Scharnier soll sich im Auge des Opfers drehen. Was die herzerfrischende Sitte betrifft, einen himmlischen Weggenossen als Abfluß oder Toilette zu benutzen: so etwas kommt auch in der Lokasenna (34) der Edda vor, wo Loki über Njordr sagt, er sei von Hymirs Töchtern als Nachttopf benutzt worden; mit dem polynesischen Fall des Tahaki, dessen Vater Hema auf dieselbe Art mißbraucht wird, werden wir uns in dem Kapitel über Samson beschäftigen (siehe Seite 161); dieser Typus eines „Horus-Rächer-seines-Vaters” erfüllt nicht nur seine Sohnespflicht, sondern er tut dies mit den Mitteln von Amlethus’ eigenem „Netztrick”. Der Samojede fesselt den bedauernswerten „weltbeobachtenden Mann” mit einem Eisendraht von 30 Faden Länge an seinen Schlitten. Wir wissen noch nicht, was genau damit gemeint ist. Wir wissen aber, daß siegreiche Persönlichkeiten den Besiegten als dieses oder jenes Fortbewegungsmittel benutzen, als Reitpferd usw. Marduk benutzt Tiamat als „Schiff“, so wie es auch Osiris mit Seth handhabt; Ninurtas 36
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all seine Peiniger. Diese Rache, die er übt, verschafft ihm selbst Genugtuung. Sein Vater, der den geliebten Sohn in einer Wiege vom Himmel heruntergelassen hatte, war hoch oben in sicherer Höhe geblieben. Diese Hinweise sollen im Moment genügen. Es spielt keine Rolle, ob Teile oder die Gesamtheit der kosmologischen Überlieferung erst spat zu der ural-altaischen Bevölkerung gelangten oder nicht, das heißt: ob der Manichäismus seinen Anteil an ihrer Verbreitung hatte oder nicht. Die Manichäer nahmen das ganze Paket alter Überlieferungen in ihren Besitz und änderten nur die Vorzeichen, wie es bei jedem gnostischen System geschieht. Gnostiker gehören nie zu den Erneuerern. Schon ihr Name, der von ihrem Schlüsselbegriff hergeleitet ist, spricht für sich: gnōsis tēs hodous = Kenntnis des Weges. Bei dem „Weg”, der auswendig gelernt werden mußte, handelt es sich um jenen, der quer durch die Planetensphären führt, über die furchteinflößenden „Wachttürme” des Zodiaks hinaus zu dem ersehnten zeitlosen Licht jenseits der Sphäre der Fixsterne und oberhalb des Polarsterns: jenseits und oberhalb von allem, dorthin, wo der unbekannte Gott (agnostos theos) auf ewig residiert.37 „elamischer Wagen, der den Leichnam des Enmescharra trägt”, wird von Pferden gezogen, „die der Todes-Dämon des Zu sind” [Erich Ebeling, Tod und Leben nach den Vorstellungen der Babylonier (1931), 33]; Taehma Rupa reitet auf Ahriman 30 Jahre lang rund um die beiden Weltenden (Yasht 19.29; Yasht 19, der Zamyad-Yasht ist derjenige, welcher dem Hvarna gewidmet ist) – aber diese Codeformeln sind noch nicht geknackt worden. 37 So absurd es klingt, haben die vielen gnostischen Sekten niemals die Gültigkeit der „üblen” Lehren der Philosophen und Mathematiker abgestritten oder angezweifelt, obwohl ihnen niemand mehr verhaßt war als diese Gelehrten. Krank vor Ekel, lernten sie die Routen des Aufstiegs, die durch (oder quer über) jene widerwärtigen Sphären führten, die von Zahlen beherrscht wurden, welche die finsteren Mächte geschaffen hatten. Mit Sicherheit hatte ihr „Erhabener Vater” nicht so ein Ding wie einen Kosmos geschaffen. Aber die Überliefe-
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Dieser „Weg” ist nicht für jeden derselbe, und selbst die längsten Hauptstraßen halten nicht für immer; aber das Prinzip bleibt unverändert. Der Schamane reist durch die Himmel auf dieselbe Art, wie es der Pharao tat – wohl ausgerüstet wie er war mit seinem Pyramiden- oder Sargtext, der seinen unerläßlichen Terminplan darstellte und die vorgeschriebenen Adressen jedes himmlischen Einzelwesens enthielt, das er erwartungsgemäß treffen würde.38 Der Pharao vertraute seinem speziellen Text, so wie sich auch der weniger vornehme Tote auf seine Kopie der Kapitel aus dem Totenbuch verließ; und er war (wie der Schamane) darauf vorbereitet, sich in die Sata-Schlange zu verwandeln, in einen Tausendfüßler oder in die Gestalt gleichwelcher himmlischer „Stationen”, die passiert werden mußten, sowie die passenden Formeln zu rezitieren, um feindliche Wesen überwinden zu können.39 rung benutzt die eigentümlichsten Vehikel für ihre Fortbewegung durch die geschichtliche Zeit. Oder sollte man sagen, die Überlieferung benutzte? Denn angesichts der ausbrechenden Revolte „einfacher Seelen” gegen jedwedes rationale Denken, gibt es wenig Anlaß zur Hoffnung, daß unsere zeitgenössischen Gnostiker überhaupt irgendeine Überlieferung weitergeben. 38 Die Ephemeriden auf der Innenseite der Sargdeckel im Mittleren Reich, die astronomischen Deckenbilder in den Gräbern des Neuen Reichs und die „ramessidischen Stern-Uhren” erleichterten der königlichen Seele die Navigation. 39 Viele der Himmelskreaturen richten all den Schaden an, den sie nur anrichten können. Zum Beispiel versuchen sie, dem Toten seinen Text, ohne den er hilflos wäre, zu rauben; und im allgemeinen ist ihr Benehmen „unheimlich”, wie es heißt. So wird im 32. Kapitel des Totenbuchs dem Krokodil des Westens vorgeworfen, gewisse Sterne zu fressen. Die richtig ausgerüstete Seele jedoch weiß, wie man mit den Himmelsmonstern fertig wird. Der Reisende muß dem nördlichen Krokodil zum Beispiel mit den Worten begegnen: „Weich du zurück, denn ich trage die Göttin Serqet in meinem Inneren und habe sie noch nicht geboren.” Die Göttin Serqet ist das Sternbild des Skorpions.
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Rekapitulieren wir: Ob es sich bei dem Schamanismus um einen alten oder relativ jungen Sprößling einer altehrwürdigen Zivilisation handelt, ist irrelevant. Auf keinen Fall ist er primitiv; jedoch gehört er – so wie alle unsere Zivilisationen – in die große Gesellschaft undankbarer Erben eines beinahe unglaublichen nahöstlichen Vorfahren, der als erster wagte, die Welt als eine nach Zahl, Maß und Gewicht geschaffene zu begreifen. Wenn schon die finnischen Runen und altaischen Legenden harmlos klingen, so tun es erst recht die populären Überlieferungen der meisten europäischen Länder, einschließlich der Griechenlands; jene Art von Mythologie also, die man durch Bulfinch* kennt. Es gibt aber auch, quasi als Ergänzung, weniger populäre Überlieferungen, die sich mehr von dem ernsten Geist und Stil alter Zeit bewahrt haben. So wendet sich die 13. Orphische Hymne auf Kronos mit folgenden Worten an den Gott: „Feurig Flammender, Vater der seligen Götter und Menschen, Fleckenloser, schillernd vom Rate, gewaltiger, wehrhafter Titan; alles verschlingst du, um selbst es zu mehren, Du hältst die unzerreißbare Fessel um das unermeßliche All [apeíron kósmon]. Kronos, Allerzeuger des Zeitraums [aiônos paggenêtor], Kronos, buntschillernd von List, der Erde Sproß, des Sternenhimmels Keimstoff … ehrwürdiger Prometheus.“40 Der „ehrwürdige Prometheus” (semnè Promêtheu) der 7. Zeile des Hymnos wird sowohl in der englischen als auch in der deutschen Übersetzung einmütig unterschlagen und durch nichtssagende Floskeln ersetzt, obgleich die erstere, da zweisprachige Ausgabe notgedrungen die griechischen Worte bringt.41 Gleichviel: Solche AusA.d.Ü.: Der Amerikaner Thomas Bulfinch (1796-1867) war Schriftsteller und Mythologe. 40 Orphei Hymni, ed. Wilhelm Quandt (1962), 14; The Orphic Hymns, Text, Übersetzung und Anmerkungen von Apostolos Athanasakis (1988), 22f; Orpheus. Altgriechische Mysterien, übersetzt von Joseph Otto Plassmann (1982), 41. 41 Zeile 7: „génna, phyê, meiíôsi, Rhéas pósi, semnè Promêtheu / In *
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sagen lassen plötzlich Informationen aus dem üblichen Schema hervortreten und zeigen die professionellen Köpfe der alten Mythologie am Werk. Das einzige konventionelle Attribut ist „Sohn von Gaia und Uranos“. Kronos wird zu Recht als Titan bezeichnet, weil der Begriff „Gott” strenggenommen zum Geschlecht der Olympier gehört, wohingegen Saturns „Reich” nicht von „dieser Welt” ist – genausowenig wie das des indischen Asura und Königs des goldenen Krita-Yuga, Varuna. Dieses Schema findet sich auch noch in der mittelalterlichen Kaiser-Sage wieder. Am Ende von Dietrichs Herrschaft, als nur noch Leichen übriggeblieben sind, erscheint ein Zwerg und bittet den König, ihm zu folgen, denn „dein Reich ist nicht mehr von dieser Welt”.42 Und Kronos wird, wie gesagt, ohne Umstände als Prometheus angesprochen, jener andere titanische Gegner der „Götter”, der Feuerbringer Er „ist“ außerdem noch viele weitere Charaktere; aber es wird einige Zeit beanspruchen, um das aufzuklären. Wir befinden uns am Kern eines „Implex”. „Du hältst die unzerreißbare Fessel …“ Auch der assyrische Ninurta hält das „Band zwischen Himmel und Erde”. Wir werden außerdem von einer magischen Invokation erfahren (vgl. Seite 135), die Kronos als „Gründer der ganzen bewohnten Welt” anruft. Diese Wörter sind jedoch unzureichend und zweideutig. Nicht nur, daß Übersetzungen generell unpräzise sind; aber in unserer Zeit des beschleunigten Verfalls der Sprache neigt selbst der motivierteste Leser dazu, Wörter wie „Band” oder „gründen” zu übersehen. Wenn er statt dessen „Zollstock“ oder „vermessen” zu lesen hätte – bei einer göttlichen Gründung handelt you there is birth and decline, august and prudent lord of Rhea“ (= „Gatte der Rhea, Vordenker der Zukunft”). 42 Wilhelm Grimm, Die Deutsche Heldensage (1957), 338: „Du solt mit mir gan. dyn reich ist nit me in dieser welt.“ Das entsprechende und populärste Märchen schildert, wie Theoderich von Verona von einem Geisterpferd entführt und kopfüber in den Krater des Ätna gestürzt wird.
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es sich immer um ein „Temenos” –, würde er sofort anders reagieren. Kronos-Saturn war und ist jener, der im Besitz des „Zollstocks” ist und der kontinuierlich die Maße bestimmt, denn er ist der „Urheber der Zeiten”, wie Macrobius sagt, obwohl der arme Mann ihn aus eben diesem Grund fälschlicherweise für die Sonne hält.43 Aber „Helios der Titan” ist ganz ausdrücklich nicht identisch mit Apollon. Abgesehen davon und ebenso abgesehen von Plutarchs Bericht, demzufolge Kronos in jener goldenen Höhle in Ogygia schläft und das träumt, was Zeus plant,44 existiert ein Orphisches Fragment von großer Bedeutung, das in Proklos’ Kommentar zu Platons Kratylos45 erhalten ist. Da der orphische Text zu den besonders heiklen zählt, wagen wir uns nur an ein paar wenige Sätze: Der größte Kronos überreicht dem Demiurg [Zeus] von oben herab die Prinzipien der durch den Intellekt wahrnehmbaren Welt, und er steht der ganzen „Schöpfung” vor [demiourgia]. Aus diesem Grund nennt Zeus ihn laut Orpheus „Dämon”, indem er sagt: „Setze in Bewegung unsere Gattung, vorzüglicher Dämon!” Und Kronos scheint die höchsten Ursachen für Vereinigungen und Trennungen mit sich zu tragen … , er ist zum Verursacher der Kontinuität von Zeugung und Ausbreitung und zum Oberhaupt der gesamten Gattung der Titanen geworden, von dem die Teilung der Seienden ausgeht [diairēsis tōn ontōn].
Der Absatz endet so: „Auch Nyx weissagt ihm [das heißt: gelegentlich], aber der Vater tut es kontinuierlich [prosechōs], und er gibt ihm die Maße der gesamten Schöpfung.”46 Macrobius, Conviviorum Saturnaliorum (o.J.), I 22.8: „Saturnus ipse, qui auetor est temporum.” 44 Plutarch, De facie in orbe lunae (1968). 941: „Hosa gar ho Zeus prodianoeitai, taut’ oneiropolein ton Kronon.” 45 Fr. 155, Kern, 194. 46 „Kai panta ta metra tēs hōles demiourgias endidōsin.” Wir könnten sogar sagen, Kronos „gewährt“ ihm all die Maße. 43
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Dieselben Phänomene, die einfach platt und kindisch oder bloß „etymologisierend” anmuten, wenn sie von anderen gehandhabt werden, klingen im Wortlaut des Proklos extrem schwierig – was sie auch tatsächlich sind. So wollen wir kurz vergleichen, wie Macrobius mit der Verantwortung des Kronos für die „Teilung der Seienden” umgeht (Sat. 1.8.6-7). Nachdem er die geläufige, aber von Philologen häufig bestrittene Gleichsetzung von Kronos (Saturn) und Chronos (Zeit) erwähnt hat, stellt er fest: Sie sagen, daß Saturn die Genitalien seines Vaters Caelus [Uranos] abgeschnitten und ins Meer geworfen hat und daß aus ihnen Venus geboren wurde, die nach dem Schaum [aphros], aus dem sie geformt wurde, den Namen Aphrodite erhielt. Daraus schließen sie, daß, als das Chaos herrschte, keine Zeit existierte insofern, als Zeit ein festes Maß darstellt, welches von der Revolution des Himmels hergeleitet wird. Dort beginnt die Zeit; und aus dieser, so glaubt man, wurde Kronos geboren, der, wie bereits gesagt, mit Chronos identisch ist.47
Tatsache ist, daß die „Trennung der Welteltern“, die mittels der Entmannung des Uranos vollzogen wurde, für die Etablierung der Schiefe der Ekliptik steht: für den Anfang der meßbaren Zeit.48 Und Saturn war deshalb dazu „berufen”, derjenige zu sein, sie zu etablieren, weil er der äußerste Planet und damit der Sphäre der Fixsterne am nächsten ist.49 „Dieser Planet wurde als „Ex quo intellegi volunt, cum chaos esset, tempora non fuisse, siquidem tempus est certa dimensio quae ex caeli conversione colligitur. Tempus coepit inde; ab ipso natus putatur Kronos qui, ut diximus, Chronos est.” Siehe Appendix 12. 48 Genau dasselbe „Ereignis” wurde von John Milton als Vertreibung aus dem Paradies verstanden (Appendix 13). 49 Es ist uns nicht verborgen geblieben, daß die unantastbaren Gesetze der Philologie es nicht gestalten, Kronos mit Chronos zu identifizieren, obwohl es in Griechenland „zu allen Zeiten gebräuchlich war”, es zu tun (Max Pohlenz, „Kronos”, RE II, 177). Wir haben in der Tat keinen akuten Anlaß, auf dieser verallgemeinernden Gleichsetzung zu behar47
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derjenige angesehen, welcher dem Universum Bewegung vermittelte und sozusagen sein König war”, wie Gustave Schlegel aus China berichtet.50 Saturn gibt die Maße: Das ist der entscheidende Punkt. Wie sollen wir das mit Saturn als dem Ersten König in Einklang bringen, dem Herrscher des Goldenen Zeitalters, der jetzt am Rande der Welt schläft? Das Problem ist nur ein scheinbares, wie sich herausstellen wird. In diesem Moment ist es wichtig zu erkennen, daß er – ob man es nun mit dem mesopotamischen Saturn, Enki/Ea, oder mit dem Ptah der Ägypter zu tun hat – der „Herr der Maße” ist, sprich mē auf Sumerisch, parshu auf Akkadisch, maat auf Ägyptisch. Und dasselbe gilt für Seine Majestät, den Gelben Kaiser von China (gelb ist er deshalb, weil das Element Erde dem Saturn zugeordnet wird): „Huang-ti etablierte überall die Ordnung für Sonne, Mond und Sterne.”51 Die Melodie bleibt dieselbe. Um die generelle Idee – und insbesondere die gelehrte Schrift von Proklos – zu verstehen, mag es hilfreich sein, einen Blick auf die von Kepler angefertigte Zeichnung zu werfen, die das sich bewegende Dreieck darstellt, welches von den „Großen Konjunktionen” von Saturn und Jupiter hervorgerufen wird ren – der „Name” eines Planeten ist eine Funktion der Zeit sowie der Konstellation –, doch scheint es einerseits ratsam hervorzuheben, daß Fachterminologie ihre eigenen Gesetze hat und nicht der Jurisdiktion der Linguisten unterliegt; andererseits ist es angebracht, auf einen Sanskrit-Namen für Saturn aufmerksam zu machen: „Kala”, was „Zeit“ und „Tod” sowie „blau-schwarz” bedeutet [Adolf Scherer, Gestirnnamen bei den indogermanischen Völkern (1953), 84f] – eine Farbe, die dem Planeten überall in der Welt ausgezeichnet steht; und desweiteren wollen wir auf einen Abschnitt des persischen Minokheird [in der Übersetzung von West, zitiert nach Robert Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt (1910), 410] verweisen: „Der Schöpfer Auharmazd (Jupiter) fertigte seine Schöpfung … mit dem Segen der Unendlichen Zeit (Zurvan akarana) an.” 50 G. Schlegel, L’Uranographie Chinoise (1875), 628ff. 51 M. Granet, Chinese Civilization (1961), 12.
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(Abbildung 11). Einer dieser Eckpunkte benötigt schätzungsweise 2400 Jahre, um sich durch den gesamten Zodiak zu bewegen. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, warum dies von Bedeutung ist; an dieser Stelle genügt es, auf eine mögliche Art hinzuweisen, wie Maße „kontinuierlich“ gegeben werden. Saturn, der Spender der Maße für den Kosmos, bleibt in Babylon der „Stern des Gesetzes und der Gerechtigkeit”52 und in Ägypten ebenfalls der „Stern der Nemesis”,53 der Herrscher über Notwendigkeit und Vergeltung, kurzum: der Kaiser.54 Als Gott, der den Mittelpunkt beaufsichtigt, trägt Saturn in China den Titel „Génie du pivot”, das ist derselbe Titel, der dem Polarstern verliehen wird.55 Das ist zunächst verwirrend, und das gleiche gilt für die lakonische Feststellung, die aus Mexiko stammt: „Im Jahre 2-Rohr verwandelte sich Tezcatlipoca in Mixcoatl und erzeugte das erste Feuer mit dem Quirlbohrer, weil Mixcoatl am Himmelspol seinen Sitz hat, um den sich das ganze Firmament im Kreise dreht, wie der Holzquirl im Loch des Bohrbretts, wenn man Feuer bohrt.”56 Es ist in der heutigen Astronomie nicht üblich, Planeten mit dem Polarstern zu verknüpfen oder mit irgendeinem anderen Stern außerhalb der Reichweite der „Tierkreis-Familie”. Aber solche Sprachbilder waren ein wesentlicher Peter Jensen, Die Kosmologie der Babylonier (1890), 115; B. Meissner, Babylonien und Assyrien (1925), 2, 145, 410; Felix Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 230. 53 Achilles Tatius, siehe Auguste Bouché-Leclerq, L’Astrologie Grecque (1899), 94; Wilhelm Gundel, Neue Astrologische Texte des Hermes Trismegistos (1936), 260, 316. 54 „Der Tilel basileus ist stereotyp für Kronos” [M. Mayer in Roscher II, 1458; siehe auch Francis M. Cornford in Jane Ellen Harrisons Themis (1962), 254], Für China siehe G Schlegel, L’Uranograhie Chinoise (1875), 361, 630ff. Sogar der tahitische Text „Birth of the Heavenly Bodies” weiß ihn: „Saturn war König” [Teuira Henry, Ancient Tahiti (1928), 359ff]. 55 G. Schlegel, L’Uranographie Chinoise (1875), 525, 628ff. 56 Walter Krickeberg, Altmexikanische Kulturen (1975), 194. 52
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Bestandteil des Fachidioms archaischer Astronomie; und jene Experten in den Kulturen der alten Zeit, die solche Idiome nicht verstehen konnten, waren völlig hilflos, wenn sie mit der Theorie konfrontiert wurden. Aber was hat Saturn, der äußerste Planet, mit dem Pol zu tun? Wenn er allerdings nicht als „Genius des Drehpunkts“ anerkannt wird, wie ließe sich dann Amlodhis Anspruch rechtfertigen, der rechtmäßige Eigentümer der Mühle zu sein?
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Kreisel der verschiedensten Art und Gliederpuppen und leuchtend goldene Äpfel von den hell tönenden Hesperiden … Orpheus der Thrakier Denn ob ich schon nicht jäh und heftig bin. So ist doch was Gefährliches in mir. Das ich zu scheun dir rate. Hamlet
Es sind triftige Argumente für das hohe Alter und die Kontinuität gewisser den Himmel betreffender Traditionen vorgebracht worden. Selbst wenn Amlodhis Mühle, Grotti und Sampo als individuelle Mythen nicht über das Mittelalter hinaus verfolgt werden können, sind sie doch auf verschiedenen Wegen von dem Schatzhaus astronomischer Überlieferung abzuleiten: dem alten Vorderen Orient. Es ist jetzt an der Zeit, den Ursprung des Bilds von der Mühle zu lokalisieren und herauszufinden, was der ihr nachgesagte Zusammenbruch und die Entstehung des Strudels möglicherweise bedeuten können. Ausgangspunkt ist Griechenland. Kleomedes (um 150 n.Chr.) sagt: „Die Welt dreht sich für diese Breiten in der Nähe des Pols nach Art eines Mühlsteins.“1 Die islamischen Astronomen greiKleomedes, Die Kreisbewegung der Gestirne I.7, übersetzt von Czwalina (1927), 23.
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fen das Bild auf.2 Sie nennen den Stern Kochab (beta Ursae minoris) „Mühlzapfen” und die Sterne des Kleinen Bären, die den Nordpol umgeben, Fas el-rahha (das Loch des Mühlzapfens), „weil sie gleichsam das Loch (die Pfanne) vorstellen, worin der Mühlzapfen umläuft, indem sich der Zapfen des Taggleichers (Pol des Äquators) in dieser Gegend, dem Stern El-dschedi3 ziemlich nahe, befindet.” So lauten die Worte des arabischen Kosmographen al-Kazwini. Dazu Idelers Kommentar:4 Kothb, der gewöhnliche Name des Pols, heißt eigentlich die durch den unbeweglichen untern Mühlstein gehende Achse des beweglichen übern, das sogenannte „Mühleisen” … Auf dieser Zweydeutigkeit beruht die Vergleichung, von der Kazwini spricht. Man dachte sich nämlich die Himmelskugel als das Mühleisen, und den Nordpol als die Pfanne, worin der Zapfen des Mühleisens umläuft … Fâs erklärt Giggeo … durch „rima, scissura” … Das Fâs el-rahhâ unseres Textes, welches auch auf dem Dresdner Globus neben dem Nordpol des Aequators steht, wird also das „Mühlzapfenloch” bedeuten sollen.
Noch weiter im Osten, in Indien, erzählt uns das Bhagavata Purana, wie der tugendhafte Prinz Dhruva zum Polarstern erhoben wurde. Die spezielle „Tugend” des Prinzen, die sogar die Götter in Unruhe versetzte, ist es wert, erwähnt zu werden: Fastend stand er reglos über einen Monat lang auf einem Bein.5 Nachdem er „zum erhabenen Sitz des Vishnu” aufgestiegen war – der Gott betont (IV.8), Dhruva sei „mit mir vereinigt, der ich mit der Seele des Universums identifiziert worden bin” –, wird er wie folgt angeredet: „Die ewigen Sterne und die Bilder alle, Vgl. O.S. Reuter, Germanische Himmelskunde (1934), 239. El-dschedi ist der Ziegenbock, Polarstem: alpha Ursae minoris, auch Al-jadi geschrieben. 4 L. Ideler, Untersuchungen über den Ursprung und die Bedeutung der Sternnamen (1809), 4, 17. 5 Bhagavata Purana IV.8, in der Übersetzung Sanyal II.47; vgl. Vishnu Purana I.12 (Wilson, 16). 2 3
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auch die Planeten werden um dich kreisen. Du aber wirst so unbeweglich stehen als wie der Mühle Pfahl, um den die Ochsen körnerdreschend gehen.”6 So liest es sich bei Friedrich Normann, Mythen der Sterne (1925), 208, mit Berufung auf die französische Übersetzung des Bhagavata Purana von Eugêne Burnouf. Diese Version wurde übernommen von Reuter (Himmelskunde, 240), von Scherer (Gestirnnamen, 136) und evidenterweise von uns. Allerdings „stimmt” das Bild nicht so recht: Man sollte doch das Dreschen auf einer Tenne und das Mahlen des gedroschenen Korns zwischen Mühlsteinen auseinanderhalten, zumal der Tenne in der griechischen Mythologie ihre eigene Bedeutung zukommt. In der Bhagavata-Übersetzung von Sanyal (Kalkutta 1965, Band II, 52, 57, 248 = BhP IV c.8-10; V c.23) ist von einem Mühlenpfahl nicht die Rede. In V.23 (II, 248) heißt es: „Just as oxen fastened to a post fixed in the center of a threshing floor … go round.” In IV.9 (II, 52) sind es „bulls ever circling round a pivot”. Im Vishnu Purana (I.12, Wilson 80f) wird überhaupt kein Apparate-Gleichnis benutzt. Dem braven Dhruva wird zugewiesen „a station above those of the sun, the moon, Mars, the son of Soma (Mercury), Venus, the son of Sûrya (Saturn), and all the other constellations: above the region of the seven Rishis”. „Rishis” sind die Wagensterne. Laut al-Bīrūnī (India, 241) heißt es im Vayu Purana: „The wind drives the stars round the pole, which are bound to it by ties invisible to man. They move round like the beam in the olivepress, for its bottom is, as it were, standing still, whilst its end is moving around.” Kurz zuvor (239) gibt al-Bīrūnī an; „According to the Vayu Purana, heaven revolves round the pole like a potter’s wheel …” Und Julius von Negelein [OLZ 29 (1926), 903ff] konstatiert; „Somapresse, Ölmühle, Wasserschöpfrad, Töpferscheibe – das waren die alten Prototypen des sterngeschmückten, rotierenden Universums.” Ehe man sieh technischer Gleichnisse bedient, muß man (wie sich von selbst versteht) hienieden über die entsprechende technische Apparatur verfügen; und in unserem Sinne „echte“, d.h. stetig in derselben Richtung bewegte Mühlen, lassen sich nicht weiter zurück verfolgen als bis zum „etwa achten vorchristlichen Jahrhundert” [Lynn White, Medieval Technology and Social Change (1962), 107f; in der deutschen Übersetzung (1968), 89; für den ersten bekannten Mühlstein aus 6
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Das Gleichnis von den im Kreise getriebenen Ochsen ist dem Westen nicht fremd. Es ist unserer Sprache erhalten geblieben, dank den lateinischen Septemtriones, den sieben dreschenden 127 Ochsen von Ursa Maior, „die wir gewöhnlich die Sieben Ochsen nennen”, wie es in Ciceros Übersetzung von Aratos heißt.7 Auf einer vertrauteren Ebene gibt es eine Bemerkung des Trimalchio bei Petronius: „Also dreht sich das Himmelsgewölbe wie ein Mühlstein und richtet immer Schaden an.”8 Den Alten war die Idee nicht fremd, daß die Mühlen der Götter langsam mahlen und daß das Ergebnis üblicherweise Schmerz bedeutet. Somit verbreitet sich das Bild über viele Kanäle überall hin,9 Urartu, siehe John Storck und Walter Dorwin Teague, Flour for Man’s Bread (1952), 77f: „… cannot be later than the 8th Century B.C.”]. Vgl. zu der technischen Problematik Appendix 14. Das höchstwahrscheinlich ältere und das am weitesten verbreitete „Ersatz”-Instrument zur Produktion von Weltaltern war der Feuerdrill. 7 Cicero, De natura deorum II, 105; „… quas nostri Septem soliti vocitare Triones.” Das tri kommt von dem Verbum terere = zerreiben, mahlen, dreschen. 8 Petronius, Satyrica (1983). 39: „Sic orbis vertitur tamquam mola, et semper aliquid mali facit.” 9 Es sollte wenigstens erwähnt werden, daß das Mühlenmodell, neben anderen, gelegentlich auch dazu herhalten mußte, die (dem Fixsternhimmel scheinbar gegenläufigen) Planetenbewegungen zu erklären. J. Needham [Science and Civilization in China (1959), III, 214] weist auf die beiden folgenden Beispiele hin: Wang Ch’ung (83 n. Chr.) sagt in seinem Lun-Hêng [Alfred Forke (1962) I, 265]: „Their movements may he compared to that of ants crawling on a rolling mill-stone. The movements of the sun and moon are slow, whereas heaven moves fast. Heaven carries the sun and the moon along with it, therefore they really move eastward, but are turned westward.” Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts hat Vitruvius [IX.1.15, in der Übersetzung von Fensterbusch (1964), 422f] einen anderen Apparat gewählt, aber auch er hält es mit Ameisen: „Wenn man auf einer Scheibe, wie Töpfer sie verwenden (si in rota, qua figuli utuntur) sieben Ameisen setzt …,
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erreicht den Norden mittels keltisch-skandinavischer Übertragung und taucht in Snaebjörns Bericht über seine Entdeckungsreise in die Arktis wieder auf. Seinen enigmatischen Zeilen sollte das hinzugefügt werden, was inzwischen über den Hintergrund überlieferter Kunde in Skandinavien bekannt ist. Die neun grimmigen Göttinnen, die „einst Amlodhis Mehl mahlten” und heute „die sehr verderbliche Felsenmühle“ jenseits des Randes der Welt betätigen, sind ihrerseits nur Agentinnen einer nebulösen Kontrollinstanz, die Mundilföri oder Mundilfari genannt wird, was wörtlich „der Beweger des Handgriffs” bedeutet (Appendix 15). Das Wort mundil, sagt Rydberg, „wird im alten nordischen Schrifttum nie für etwas anderes gebraucht als für die Drehstange …, mit welcher der bewegliche Mühlstein gedreht wird”10; und er wird bestätigt durch Cleasby-Vigfussons Wörterbuch, in dem es heißt, daß sich das „mundil” in „Mundilföri” eindeutig auf „das Drehen oder die Umdrehung des Himmelsgewölbes” bezieht. Das Plädoyer steht also. Aber es gibt hier eine Doppeldeutigkeit, die einen tieferen Sinn der Idee offenbart. „‚Möndull’ stammt von dem Sanskrit-Wort ,Manthati’ ab”, sagt Rydberg, „es bedeutet schwingen, winden, bohren (von der Wurzel manth-, und wenn man die Ameisen zwingt, … im Kreise herumzulaufen, und die Scheibe in entgegengesetzter Richtung dreht, so müssen die Ameisen trotzdem entgegen der Drehung der Seheibe in der Gegenrichtung ihren Weg bis ans Ende zurücklegen.” Cornford [Plato’s Cosmology (1937), 82 Anm. 2] verweist auf ein weiteres Modell, dessen sich Hyginus (64 v.Chr bis 17 n.Chr., Astr. IV. 13, ed. Bunte, 114) und der PlatonÜbersetzer C(h)alcidius (kurz nach 400 n.Chr.) bedienen: „Der Gleiche – das ist der Fixsternhimmel – wurde repräsentiert durch die Bewegung eines nach Westen segelnden Schiffes, die Bewegung der Planeten durch Passagiere, die auf dem Deck zum Heck spazieren.“ 10 V. Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 581ff. Webster’s New International Dictionary, 2. Ed., bemerkt zu dem Wort mundle: „Ein Stock zum Rühren. Obsolet außer für mundartlichen Gebrauch.” (Diesen Hinweis verdanken wir Jean Whitnack.)
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woraus später lateinisch mentula) und findet sich in mehreren Passagen des Rigveda. Seine direkte Anwendung bezieht sich immer auf die Herstellung von Feuer durch Reibung.”11 So ist es in der Tat. Aber nachdem für ihn die etymologische Herleitung geklärt war, hat sich Rydberg um die Bedeutung nicht weiter gekümmert. Die Lokomotivführer und Flugzeugpiloten von heute, die den Terminus „joy stick” prägten, mögen eine Ahnung davon gehabt haben. Denn das Sanskritwort Pramantha steht für das männliche Feuer- oder Butterholz, das dazu dient, Feuer zu machen. Und Pramantha hat sich in den Prometheus der Griechen verwandelt, auf dessen Persönlichkeit wir in kürze zurückkommen müssen. Was nach einer heillosen Konfusion aussieht, sind in Wirklichkeit nur zwei verschiedene Aspekte ein und derselben komplexen Idee. Das Entfachen von Feuer am Pol ist Teil dieser Idee. Aber der Leser dieses Buches ist nicht der erste, der von einer Bildersprache verwirrt wird, welche die Anwesenheit von Planeten am Pol gestattet – und sei es, daß sie nur dem Zweck diene, jenes „Feuer” zu entfachen, welches für ein neues Weltalter ausreichen sollte, und zwar für jenes Weltalter, über das der jeweilige „Pramantha” zu herrschen bestimmt war. Der Drehstock, „möndull”, und das Reibholz sind komplementär: Beide haben sie große Entwicklungen hinter sich, die sich überlagerten und eine Vielfalt von Mythen nach sich zogen. Die Hindernisse, welche die Imagination zu überwinden hat, beruhen auf Assoziationen, die spontan mit dem Wort „Feuer” entstehen, also auf Vorstellungen von dem real brennenden FeuDer Terminus „Reibung“ ist eine neue Art, gefährliche Begriffe zu umgehen: Tatsächlich meint die Sanskritwurzel math, manth bohren im strengen Sinne, das heißt, sie bezieht sich auf eine alternierende Bewegung [siehe Hermann Grassmann, Wörterbuch zum Rig-Veda, (1955). 976f], so wie sie in dem berühmten Amritamanthana vorkommt, dem Buttern dos Milchmeeres; und genau diese Eigenart von Indiens Butterfaß und Reibholz hat einen weitreichenden Einfluß auf kosmologische Konzeptionen gehabt. Näheres dazu im Appendix 14.
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er in einem Kamin oder Herd und von jenem „Feuer“, das mit dem erwähnten „joy stick” assoziiert wird. Hinsichtlich der kosmologischen Terminologie sind beide irrelevant; aber sie lieferten die linguistischen Vehikel zum Transport astronomischer und alchimistischer Ideen. Es sollte festgehalten werden, daß „Feuer” ein großer Kreis ist, der vom Himmelsnordpol bis zum Südpol reicht, weshalb der Atharva Veda die beiden Feuerhölzer dem Skambha zuordnet,12 eben jenem Skambha, von dem der Sampo abgeleitet ist.13 Die Gleichsetzung der Mühle mit dem Himmel wird also generell verstanden und akzeptiert. Aber bis hierher scheint sich niemand über den zweiten Teil der Geschichte gewundert zu haben, der ebenfalls in den vielen Versionen vorkommt. Wieso und warum passiert es immer wieder, daß diese Mühle, deren Zapfen der Polarstern ist, ruiniert oder aus den Angeln gehoben wird? Nachdem der archaische Verstand die immerwährende Umdrehung erst einmal begriffen hatte, was bewog ihn dann zu der Annahme, die Achse werde aus ihrer Fassung springen? Warum sollte Väinämöinen ausdrücklich erklären, es müsse eine andere Mühle gebaut werden (siehe Seite 101)? Warum war Dhruva dazu bestimmt, den Polarstern zu mimen – und das für einen gegebenen Zyklus?14 Denn die Geschichte hat nicht das Geringste mit der Weltschöpfung zu tun. Man könnte sogar AV X.8.20(AV X.7 und 8 sind die Skambha-Hymnen, auf die wir zurückkommen werden). In seinen Erläuterungen zu RV X.24.4 vermerkt Geldner zu den goldenen Feuerhölzern der Ashvins (Dioskuren): „Im AV 10.8.20 werden sie als großes Geheimnis behandelt und dem Skambha beigelegt. Aus ihnen werden Schätze ausgerieben.“ Siehe oben, Seite 123 (Tezcatlipoca reibt Feuer am Nordpol). 13 Siehe oben, Seite 111. 14 Das Vishnu Purana 1.12 (cf. 2.8, Seite 187 der Wilson-Übersetzung) verrat die Vorliebe der Inder für riesige und unrealistische Zahlen und Zeitabschnitte: Dhruva soll für die Dauer eines Kalpa leben. Das sind 4.320.000 Jahre. 12
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fragen – als Alternativvorschlag zu Rydbergs provozierendem „Knochenschrot” –, ob Bergelmir nicht auf dieselbe Weise „auf den Mühlstein“ gehoben wurde, das heißt, ob er nicht ebenfalls dazu berufen war, den Polarstern zu spielen (siehe oben, Seite 85). Die simple Antwort liegt in folgender Tatsache: Der Polarstern bewegt sich tatsächlich von der Stelle, und alle paar tausend Jahre muß man sich nach einem neuen Stern umsehen, der zur Übernahme der Funktion eines Polarsterns am besten geeignet ist;15 und tatsächlich standen nicht immer passende Sterne zur Verfügung. Es ist wohlbekannt, daß die so sorgfältig ausgerichtete Große Pyramide nicht nach unserem Polarstern, sondern nach Bzgl. China siehe J. Needham, Science and Civilization in China (1959) III, 259 (sowie Karte auf 260): „The effect of the precession on the position of the pole is considerable, causing it to describe a large circle having the pole of the ecliptic for its centre. It is now, of course, extremely close to alpha Ursae minoris, the pole star of contemporary astronomy (Polaris) … , but some 11,000 years hence it will be at the other extremity of its ,orbit’ about 45° north declination, in Lyra not far from Vega. Hence in –3000 it was to be found at about 64° north declination … It is therefore a fact of the greatest interest that we find, along the whole length of the path which it has traversed since that date, stars which have preserved Chinese names indicating that they were at various times pole Stars, but later ceased to be so … unless there had really been a succession of pole stars in the Chinese sky, one would hardly expect to find a string of abandoned ones along the polar trajectory and nowhere else in the circumpolar area. It does not, of course, follow that the Chinese observations themselves go back to –3000, since there might have been a direct taking-over of Babylonian star names – but this has not been demonstrated.” Für die Namen siehe 238, 260f: z.B. iota Draconis = „Celestial Unity” oder „the Heavenly first one”; 3067 i Draconis = „Celestial Unique”; „the ,Great Unique’ is probably 42 or 184 Draconis”; beta Ursae minoris = „Star of the heavenly emperor” oder „Sovereign Star.” Siehe auch erneut Abbildungen 3 und 4 in diesem Buch.
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alpha Draconis orientiert ist, welcher vor 5000 Jahren die Position am Pol innehatte. Aber es ist, wie bereits im Intermezzo erwähnt, für unsere Zeitgenossen um so schwieriger sich vorzustellen, daß Menschen so früher Zeit einer derart minimalen Verschiebung auf den Fersen hätten bleiben können, als ihnen selbst die baren Fakten nicht geläufig sind. Entsprechend frustriert hat Alexander Pogo, Astronom in Palomar, geschrieben: „Ich verzichte auf das Anführen von weiteren Beispielen des zähen Glaubens der Ägyptologen an die Unbeweglichkeit des Himmelspols.“16 Doch einer Reihe von Mythen ist zu entnehmen, daß man früh realisierte, der Fixsternhimmel müsse sich nicht immer und ewig um denselben Zapfen drehen. Mehrere Mythen berichten, wie der Polarstern abgeschossen oder auf andere Weise beseitigt wurde. Mehr darüber in Appendix 16. Die meisten dieser Mythen laufen jedoch unter einem irreführenden Namen. Es wurde angenommen, sie handelten vom Ende der Welt. Aber es gibt extrem wenige „eschatologische” Mythen, die dieses Etikett zu Recht tragen. Zum Beispiel wird die Götterdämmerung als das Weltende schlechthin begriffen; jedoch gibt es in der Völuspa und anderen Kapiteln der Edda unzweideutige Zeugnisse für das Gegenteil. Was zu Ende geht, ist eine Welt im Sinne eines Weltalters. Die Katastrophe räumt mit dem abgelaufenen auf, das ersetzt wird durch „einen neuen Himmel und eine neue Erde”, regiert von einem „neuen” Polarstern. Auch die biblische Sintflut war das Ende einer Welt; und Noahs Abenteuer wird rund um unseren Planeten in vielen Überlieferungen und auf vielfältige Weise erzählt. Den Griechen waren drei aufeinanderfolgende Zerstörungen bekannt. Kohärenz in diesem Wirrwarr von Überlieferungen läßt sich wiederherstellen, sobald man realisiert, daß es sich um das – jedenfalls aus archaischer Sicht – bedeutendste HimmelsphänoA. Pogo, „Zum Problem der Identifikation der nördlichen Sternbilder der alten Ägypter”, ISIS 16 (1931), 103.
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men handelt: die Präzession der Äquinoktien. Wir haben uns bereits im Intermezzo mit diesem Phänomen beschäftigt, aber es ist essentiell genug, um noch einmal aufgegriffen zu werden. Weil sie so langsam und im Leben eines Menschen nicht wahrnehmbar ist, wurde als selbstverständlich vorausgesetzt,17 niemand habe der Präzession gewahr werden können vor deren angeblicher Entdeckung durch Hipparchos im Jahre 127 v.Chr.. Hipparchos entdeckte und bewies, daß sich die Präzession um die Pole der Ekliptik dreht.18 Es wird gesagt, man hätte diese Bewegung im Verlauf eines Jahrhunderts kaum ohne moderne Instrumente entdecken können. Und das ist sicherlich richtig. Es hat ja aber niemand behauptet, die Entdeckung beruhe auf Beobachtungen während eines Jahrhunderts. Und eine Verschiebung von 1 Grad in 72 Jahren zeitigt nach Jahrhunderten der Akkumulation merkliche Verschiebungen, wenn nur die Beobachter beharrlich und zielstrebig sind und sich auf Buchführung verstehen. Die Beobachtungstechnik war relativ einfach. Sie basierte auf dem heliakischen Aufgang der Sterne, der ein fundamentales Requisit der babylonischen Astronomie blieb. Als Teleskop der Frühzeit fungierte, wie Norman Lockyer sagt, die Linie des Ho- 131 rizonts. Wenn aufgefallen war, daß ein bestimmter Stern, der kurz vor der Sonne der Tagundnachtgleiche aufzugehen pflegte, an diesem Tag nicht mehr zu sehen war, so war klar, daß sich die Zahnräder des Himmels verschoben hatten. War dieser Stern der Das heißt, zumindest während der letzten hundert Jahre. In früheren Zeiten, als die Geisteswissenschaften noch nicht von dem biologischen Evolutionsschema „infiziert” waren, zeigten die Gelehrten mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Begründer von Hochkulturen. 18 Die einschlägigen Original Schriften von Hipparchos sind nicht erhalten, so daß wir auf den Bericht von Ptolemaios angewiesen sind. Es scheint ratsam, den nicht sonderlich zugänglichen Text von Ptolemaios auszugsweise wiederzugeben [Syntaxis (= Almagest) 7.2 und 3]; siehe Appendix 17. Der von Hipparchos berechnete und von Ptolemaios bestätigte Wert betrug 1 Grad in 100 Jahren. 17
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letzte eines gegebenen Tierkreiszeichens, bedeutete dies, daß sich das Äquinoktium in ein anderes Zeichen bewegte. Es besteht auch keinerlei Zweifel – wie wir bereits sagten –, daß man sich schon im Altertum der Verschiebung des Polarsterns bewußt war. Aber war man in der Lage, beide Bewegungen miteinander zu verbinden? An diesem Punkt haben die Spezialisten unserer Zeit lange mit einer Antwort gezögert, und zwar jeder aus seinem eigenen Blickwinkel heraus. Was ist die Präzession? Nur wenige haben sich die Mühe gemacht, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Jedoch wird sich bei jedem Zeitgenossen, dem bekannt ist, daß die Erde um ihre eigene Achse rotiert, der Gedanke an einen Kreisel einstellen, der mit seiner geneigten Achse langsam einen Kreis beschreibt. Wer einmal mit einem Kreisel gespielt hat, weiß eigentlich alles über die Präzession. Sobald seine Achse von der Senkrechten abweicht, nimmt der Kreisel seine ihm eigene langsame Bewegung auf, wobei der Neigungswinkel konstant bleibt. Die Erde – ein Kreisel mit einer in Bezug auf die Anziehungskraft der Sonne geneigten Achse – benimmt sich wie ein Riesenkreisel, der in 25.920 Jahren eine komplette Umdrehung vollendet (Abbildung 1). In der Antike wird man das wohl nicht so begriffen haben, da es die Dynamik erst seit Galilei gibt. Hipparchos und Ptolemaios konnten den Mechanismus nicht verstehen. Sie konnten nur die Bewegung beschreiben. Wir müssen versuchen, mit ihren Augen zu sehen und nur in der Terminologie der Kinematik zu denken. Über eine Periode von tausend Jahren konnten die alten Beobachter einen Bogen von mehr als 10 Grad erkennen, der durch das säkulare Kreiseln entstand. Einmal auf die säkulare Bewegung eingestimmt, vermochten sie – inmitten der täglichen Revolution des Fixsternhimmels um den Pol, der jährlichen Runde der Jahreszeiten sowie der aufreizend langsamen Bewegung des Pols – einen Punkt auszumachen, der stabiler zu sein schien als
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der Pol selbst. Das war der Pol der Ekliptik,19 der möglicherweise als das Zentrum eines Lochs im Himmel angesehen worden ist, denn in jener Region gibt es keinen Stern, der den Ekliptikpol markieren könnte (siehe Appendix 18). Die Symmetrie der Maschine nahm in ihren Köpfen Gestalt an. Und es war wirklich die Zeitmaschine, wie Platon sie versteht: das „bewegte Abbild der Ewigkeit”. Sie beschrieb die Generationen der Zeit selbst, das zyklische Symbol für Ewigkeit; Zyklus um Zyklus, bis in kleinste, eben noch wahrnehmbare Verschiebungen. Doch konnte die gleichförmig arbeitende Zeitmaschine mit 132 wichtigen Stationen ausgestattet werden. Das Kreiseln der Erdachse bewirkt eine kontinuierliche Verschiebung des Himmelsäquators, der den geneigten Kreis der Ekliptik in den beiden Äquinoktialpunkten schneidet. Die Sonne, die im Verlauf eines Jahres die Ekliptik durchmißt, trifft daher den Äquator nie an genau derselben Stelle, sondern an einem Punkt, der sich stetig entlang dem Ring der Tierkreiszeichen verschiebt. Das ist mit der Präzession der Äquinoktien gemeint. Die Tagundnachtgleichen „rücken vor”, weil sie sich entgegen der Reihenfolge der Tierkreiszeichen bewegen, welche die Sonne in ihrem Jahreslauf einhält. Das Frühlingsäquinoktium – wir haben es weiter oben den „entscheidenden Punkt” genannt –, das traditionell für den Frühlingsanfang und den Beginn des neuen Jahres stand, wandert also von einem Zeichen zum anderen. Das verleiht dem Wechsel der Sternzeichen, in denen die Äquinoktialsonne jeweils aufgeht, eine große Bedeutung. An dieser Stelle mögen zur Orientierung einige ergänzende Worte zu den „Zeichen” angebracht sein – und zwar zu den ZeiVgl. A. Bouché-Leclerq, L’Astrologie Grecque (1899), 122: „On sait que le Pôle par excellence était pour les Chaldéens le pôle de l’écliptique, lequel est dans la constellation du Dragon.” Cf. auch Athanasius Kircher, Oedipus Aegyptiacus (1653), 2, Teil 2, 205: „Ponebant Aegyptii non Aequatorem, sed Zodiacum basis loco; ita ut centrum hemispherii utriusque non polum Mundi. sed polum Zodiaci referret.” 19
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chen, „in” denen die Sonne aufgeht. Seit ungefähr 2000 Jahren benutzt die offizielle Terminologie nur Tierkreis„zeichen”, von denen jedes einzelne 30 Grad der insgesamt 360 Grad des Tierkreises beansprucht. Diese Zeichen tragen die Namen der Konstellationen des Zodiaks; aber Sternbilder und -zeichen stimmen nicht miteinander überein: Zum Beispiel wird das Äquinoktialzeichen (= 0 bis 30 Grad) „Widder” genannt, ohne die Konstellation zu berücksichtigen, die tatsächlich vor der Äquinoktialsonne aufgeht. In unserer Zeit ist es die Konstellation der „Fische”, die heliakisch am 21. März aufgeht; aber das „Zeichen” trägt nach wie vor den Namen Widder – und wird es auch weiterhin tun, selbst wenn in der Zukunft der Wassermann das Frühlingsäquinoktium regiert. Soviel über Zeichen versus Konstellationen.20 Was den zweiten doppeldeutigen Ausdruck angeht, nämlich den des Sonnenaufgangs „in” einer Konstellation (oder einem Zeichen), so bedeutet dies, daß die Sonne gemeinsam mit dem Sternbild aufgeht und es dadurch unsichtbar macht. Es gibt mehrere Gründe anzunehmen, daß eine Konstellation (und ein Planet, der sich zufällig in ihr aufhielt), „in” der die Äquinoktialsonne aufging, als „geopfert”, „an den Opferpfahl gebunden” und dergleichen betrachtet wurde; und das mag beiläufig auch erklären, warum Christus – der jenes Weltalter einläutete, in dem die Fische heliakisch im Frühling aufgehen – als das Opferlamm begriffen wurde. Wenn die Fische im Osten die letzte sichtbare Konstellation vor Sonnenaufgang sind, dann geht Wir lassen hier die vieldiskutierte Frage außer acht, wann genau Zeichen gleicher Große eingeführt wurden; angeblich geschah das sehr spät (siehe unten, Seite 422, Fn. 1). Die tatsächlichen Konstellationen unterscheiden sich in ihrer Größe sehr voneinander; zum Beispiel bedeckt der riesige Skorpion weit mehr als 30 Grad, während der Widder bescheidene Ausmaße hat. Es ist vorstellbar, daß dieser Mangel an Einheitlichkeit die alten Astronomen bei ihren Berechnungen dermaßen verwirrt hat, daß sie aus purer Selbsterhaltung ein angenehmeres Koordinatensystem ausgetüftelt haben. 20
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die Sonne gemeinsam mit, also „in” der darauffolgenden Konstellation auf; im Widder. Seit Beginn der Geschichte hat sich das Frühlingsäquinoktium 133 vom Stier durch den Widder in die Fische bewegt. Das ist alles, was die historische Erfahrung der Menschheit zu bieten hat: ein Ausschnitt von ungefähr einem Viertel des gesamten Hauptkreises der Maschine. Daß sich der Kreis einmal schließen würde, war bestenfalls eine Schlußfolgerung, Es konnte sich auch um den Ausschnitt einer vor- und rückwärts laufenden Pendelbewegung handeln; und tatsächlich gab es diesbezüglich verschiedene Lehrmeinungen. Allerdings scheint die Oszillationstheorie, wie wir noch sehen werden, eine größere Anziehungskraft auf die alten Mythographen ausgeübt zu haben. Für uns hat das copernikanische Weltbild der Präzession ihre Bedrohlichkeit genommen und sie zu einer ausschließlich irdischen Angelegenheit gemacht, nämlich zu bloßen Kursabweichungen irgendwelcher Durchschnittsplaneten. Aber falls es sich doch um das geheimnisvoll vorgeschriebene Verhalten der Himmelskugel oder des gesamten Kosmos handelte – und so sah es einmal aus –, wer konnte sich dann astrologischen Emotionen entziehen? Die Präzession gewann eine übermächtige Bedeutung. Sic wurde zum Modell des Schicksals selbst, dem gemäß ein Weltalter auf das andere folgte, während der unsichtbare Zeiger des Äquinoktiums die Zeichen entlangglitt; und jedes Zeitalter brachte den Aufstieg und Absturz astraler Konfigurationen und Regentschaften mit sich, einschließlich ihrer irdischen Konsequenzen. Dem Volk mußten Geschichten erzählt werden über den Ursprung von einander ablösenden Herrscherdynastien und über die Schöpfung der Welt. Aber für jene, die Bescheid wußten, war der Ursprung nur ein Punkt auf dem Präzessionskreis, wie das 0 = 24 unserer Ziffernblätter. Unsere heutigen Uhren haben nur zwei Zeiger – der kleine spielt Sonne, der große Mond; aber die Geschichtenerzähler von damals mußten sieben planetarische Zeiger im Auge behalten sowie ein sich
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langsam gegenläufig bewegendes Ziffernblatt. Alle diese Bewegungen waren Bestandteile der Zeit und des Schicksals. Daß die Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren; daß sich die Welt vom Schlechten ins Schlimmere bewegt, scheint über alle Zeitalter hinweg eine feste Vorstellung gewesen zu sein. Der Einsturz der Mühle wird durch die Verschiebung der Weltachse verursacht. Bewegung ist auch das Medium, mit dessen Hilfe der Schiffbruch hervorgerufen wird. Die Mühle wird „transportiert“, ob es sich dabei nun um Grotti oder Sampo handelt. Das Grottilied sagt ausdrücklich, daß die Riesinnen zuerst einen feindlichen Überfall herbeimahlten, in dessen Verlauf die Mühle weggetragen wurde, um dann kurz darauf Salz zu mahlen und die Maschine Schiffbruch erleiden zu lassen. Das war das Ende von „Frodis Frieden” – dem Goldenen Zeitalter. Sogar in Snaebjörns berühmten Zeilen sind die grimmigen Göttinnen „jenseits des Randes der Welt“ diejenigen, „welche in vergangenen Zeiten Amlodhis Mehl mahlten”. Inzwischen werden sie das wohl kaum noch tun, denn der ruinierte Mühlstein befindet sich auf dem Meeresgrund, und sein Loch ist zum Trichter des Strudels geworden. Somit ist diese Mühle den Wassern überantwortet worden, und es ist jetzt das Meer selbst, das zu „Amlodhis Mühle“ geworden ist. Im Zweifelsfall führt eine neue Mühle in einem neuen Weltalter die Arbeit der alten fort; aber davon erzählen die nordischen Mythographen nichts.21 Selbst Hesiod liefert uns kein klares Bild von den frühen Kämpfen und Kataklysmen. Einstweilen genügt es jedoch zu wissen, daß er in seiner jüngeren Dichtung Werke und Tage fünf Weltalter unterscheidet. Ein kohärentes Bild wird sich allenfalls aus dem Vergleich unterschiedlicher Überlieferungen gewinnen lassen; und das soll in den folgenden Kapiteln versucht werden. Immerhin: Über ein Weltalter herrscht Einmütigkeit, nämlich über das erste, in dem die Mühle Frieden und Reichtum mahlte. Bei Jacob Grimm (DM, 853) lesen wir vom Teufel: „Auf Bergen baut er Mühlen und zerstört sie wieder.”
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Es ist das Goldene Zeitalter, in der lateinischen Überlieferung Saturnia regna: die Herrschaft des Saturn, des griechischen Kronos. Über diese Gestalt herrscht in den Mythen eine außergewöhnliche Übereinstimmung. In Indien hieß sie Yama; im Altpersischen Avesta hieß sie Yinia xsaēta,22 ein Name, aus dem in Neupersien Jamshyd wurde; im Lateinischen hieß sie Saeturnus. dann Saturnus. Saturn beziehungsweise Kronos war unter vielen Namen als der Herrscher des Goldenen Zeitalters bekannt – jener Zeit, in der die Menschen weder Krieg noch Blutopfer kannten, noch die Ungleichheit der Klassen –, als Herr der Gerechtigkeit und der Maße, als Enki bei den Sumerern und in China als der Gelbe Kaiser und Gesetzgeber. Wenn man nach Spuren dieser gesunkenen Mühle in der klassischen Mythologie suchen will, wird man nicht enttäuscht.23 Siehe Hermann Collitz, „König Yima und Saturn”, Festschrift Pavry (1933), 86-108. Siehe auch A. Scherer, Gestirnnamen bei den indogermanischen Völkern (1953), 87. 23 Obwohl die Telchinen eingehende Behandlung verdienten, können sie hier nur gestreift werden: Diese seltsame Gattung „magischer Unterwassergeister” und der „Dämonen der Tiefe des Meeres” – sie sind Gefolgsleute des Poseidon auf Rhodos – hat die Mühle erfunden, das heißt, ihr Anführer tat es: Mylas, „der Müller”. Im voraus von der prädestinierten Flut wissend, die Rhodos zerstören sollte, zogen sich diese ehemaligen Bewohner der Insel nach Lykia, Zypern und Kreta zurück, zumal sie außerdem wußten, daß Helios die Insel nach der Überschwemmung übernehmen sollte. Diesen Kreaturen wird außerdem vorgeworfen, den „bösen Blick“ zu besitzen und die gesamte Vegetation auf Rhodos vernichtet zu haben, indem sie die Pflanzen mit StyxWasser gossen. Wie sich später noch zeigen wird (siehe „Über Zeit und die Flüsse”, Seiten 184f), ist an das Wasser des Styx nicht so leicht heranzukommen. Daß die Telchinen, die „Mühlengötter“ (theoi mylantioi), Zugang zum Styx hatten, beweist einwandfrei, daß sich diese frühesten Entlauber tatsächlich in Bewohner des tiefen Meeres verwandelt hatten. Siehe Ludwig Preller und Carl Robert, Griechische Mythologie (1964), 1, 650ff; Maximilian Mayer, Giganten und Titanen in der 22
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Man stößt auf sie, wo man sie am allerwenigsten vermutet, nämlich in dem Großen Magischen Papyrus aus Paris, der etwa auf die erste Hälfte des vierten Jahrhunderts datiert wird.24 Zu seinen Rezepturen gehört das „begehrte Orakel des Kronos, das sogenannte Mühlchen”: 134
Nimm zwei Maß Meersalz und mahl es mit der Handmühle, das Gebet oftmals dabei sprechend, bis der Gott dir erscheint. Nimm die Handlung nachts vor an einem Orte, wo Gras wächst. Und hörst du beim Sprechen eines (Mannes) schweren Schritt und Zusammenschlagen von Eisen, dann kommt der Gott mit Ketten gefesselt, eine Sichel tragend. Du aber erschrick nicht; bist du doch geschützt durch das Schutzmittel, das dir noch zur Kenntnis gebracht wird. Sei gehüllt in ein reines Linnen, wie es die Isispriester haben. Räuchere dem Gotte Salbei mit einem Katzenherzen und Stutenmist. Das Gebet, das du beim Mahlen sprichst, lautet so: „Dich rufe ich, den großen, heiligen, den Gründer der ganzen bewohnten Welt, dem die Unbill zustieß durch den eigenen Sohn, den Helios mit stählernen Fesseln band, auf daß das All nicht in Verwirrung käme, Mannweiblicher, des Donners und Blitzes Vater, der du auch die unter der Erde beherrschest.” … [Es folgen weitere Schutzriten, dann die Entlassungsformel:] „Geh weg, Herr der Welt, Vorvater, und weiche an deine eignen Orte, damit das All behütet bleibe. Sei uns gnädig, Herr.”
Zauberer und Geisterbeschwörer sind die konservativsten Menschen auf Erden. Es ist nicht ihre Sache, logisch nach dem Warum zu forschen. Statt dessen berufen sie sich auf die Macht in Worten, die sie schon lange nicht mehr verstehen – aber sie müssen eine genaue Liste der archaischen Attribute des gestürzten Gottes hersagen und sogar Meersalz mit dem Mühlchen mahlen, jenem Modell des Strudels, welches den Sturz des Gottes kennzeichnet. Was einmal Wissenschaft gewesen war, wurde antiken Sage und Kunst (1887), 45, 98, 101; Hermann Usener, Götternamen (1948), 198f. 24 Karl Preisendanz, Papyri Graecae Magicae (1928), IV, 173ff.
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für sie bloße Technik. Alfons A. Barb prägte einmal folgendes Gleichnis – dabei hatte er allerdings Offenbarungsreligion im Sinn, nicht Wissenschaft: Sich mit der Beziehung zwischen magischen Praktiken und der Religion beschäftigend, verwies er auf Matthäus XXIV.28, Lukas XVII.37: „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler”, und monierte: „Zu viele kritische Gelehrte waren bereit anzunehmen, daß der Kadaver demzufolge eine Schöpfung der Adler ist. Aber Adler schöpfen nicht; sie entstellen, zerstören und verteilen, was das Leben übriggelassen hat; und wir dürfen die farbenprächtige Entfaltung der Verwesung nicht mit den Blüten und Früchten des Lebens verwechseln.”25 So treffend dieses Bild ist, weil es die richtige consecutio temporum herstellt, läßt es doch die konservierende Funktion der Magie und des Aberglaubens außer acht: Wo wären die Kulturhistoriker ohne solche „Adler”? Für all die Titel und Attribute, die hier aufgeführt sind, gibt es im archaischen Mythos eine Rechtfertigung. Aber an dieser Stelle ist nur ein Punkt von Bedeutung. Als Herr der Mühle wird Saturn/Kronos namhaft gemacht, er, der von seinem Sohn entthront wurde, indem dieser ihn von seinem Wagen warf und in „Ketten” auf eine glückselige Insel verbannte, wo er, Kronos, schläft. Und weil er unsterblich ist, wird angenommen, er führe ein Leben-im-Tod, in Leichentücher gehüllt, bis seine Zeit gekommen ist, wie einige sagen, um wieder aufzuwachen und uns als ein Kind neugeboren zu werden.
A.A. Barb, „St. Zacharias”, Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 11 (1948), 92. Es ist übrigens Barbs Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß es Geier sein müßten. 25
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Es gab also einmal ein Goldenes Zeitalter. Aber warum und wie ging es zu Ende? Diese Frage ist über alle Zeiten hinweg von tiefgreifender Bedeutung für die Menschheit gewesen. In zahlreichen Mythen wurde sie gestellt und auf unterschiedliche Weise beantwortet. Warum verlor der Mensch den Garten Eden? Die Antwort ist immer in irgendeiner Ursünde gesucht worden. Aber die Vorstellung, daß nur der Mensch in der Lage sei, eine Sünde zu begehen, daß Adam und Eva die Schuldigen seien, diese Vorstellung ist nicht sonderlich alt. Die Autoren des Alten Testaments hatten einen gewissen Eigendünkel entwickelt. Und so mußte das Christentum kommen und die kosmischen Proportionen retten und wiederherstellen, indem es darauf bestand, daß Gott allein sich als Sühneopfer anbieten kann. In archaischen Zeiten schien dieses selbstverständlich gewesen zu sein. Allein die Götter konnten das Universum in Gang halten beziehungsweise zugrunde richten. Und genau dort sollten wir auch nach dem Ursprung des Bösen suchen. Denn das Böse bleibt ein Mysterium. Es ist nicht Teil der Natur. Die fehlerfreie und allmächtige Himmelsmaschine war dazu gedacht, nur Harmonie und Perfektion hervorzubringen, die Herrschaft von Gerechtigkeit und Unschuld, Flüsse, in denen Milch und Honig fließen. Und das tat sie auch; aber diese Zeit währte nicht auf
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ewig. Was war der Grund für den Beginn der Geschichte? Geschichte ist immer schrecklich. Philosophen von Platon bis Hegel haben ihre eigenen hochfliegenden Antworten offeriert: Das reine Sein stand einer Notwendigkeit gegenüber, die das NichtSeiende enthält; und das Resultat war das Werden – ein riskantes, nicht versicherbares Unternehmen. Das war im wesentlichen die ursprüngliche Antwort archaischer Zeilen. Aber weil die Abstraktion fehlte, mußte diese Antwort der Terminologie der Himmelsbewegungen entlehnt werden. Aristoteles hat diese Sache in einem äußerst wichtigen, doch wenig beachteten Absatz des Buches Lambda der Metaphysik (1074b) erhellt, wo er über Kronos, Zeus, Aphrodite und andere spricht: Von den Alten aber und den Urahnen [archaioi kai panpalaioi] ist in Gestalt [schema] des Mythos den Späteren überliefert worden, daß diese Himmelskörper Götter seien und das Göttliche die ganze Na- 137 tur umfasse. Das Übrige ist dann in mythischer Weise … hinzugefügt worden. Sie meinen nämlich, diese Götter seien menschengestaltig und anderen Lebewesen ähnlich … Wenn man davon absieht und nur das Erste nimmt, daß sie nämlich die ersten Wesen für Götter hielten, so könnte man wohl glauben, dies sei göttlich gesprochen, und da wahrscheinlich jede Kunst und jede Philosophie nach Möglichkeit oftmals erfunden und wieder verloren wurde, so können diese Ansichten gleichsam deren Reste [leipsana] sein, die sich bis heute erhalten haben. Nur insoweit also ist uns die Ansicht der Väter und die der Urahnen klar.1
Als wahrer Grieche kann sich Aristoteles Fortschritt in unserem Sinn nicht vorstellen. Für ihn schreitet die Zeit in Zyklen des Gedeihens und Verderbens voran. Aber das Nichtvorhandensein moderner Vorurteile bewahrte seinem Verstand die Offenheit für eine antike Gewissheit. Und es ist diese Gewißheit, die durch den Dunst der Zeitalter hindurchschimmert und in einer nur unAristoteles, Metaphysik (1970, 1984), 319. Die Einfügungen in eckigen Klammern sind von uns. 1
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klar verstandenen Sprache aufscheint. Es war die Aufmerksamkeit für die Ereignisse am Himmel, die den Geist der Menschen formte, ehe Geschichtsschreibung existierte. Aber weil es noch keine Schrift gab, sind diese Gedanken über den „Ereignishorizont” entschwunden, wie Astrophysiker sagen würden. Sie können nur als Fragmente von Erzählungen und Mythen überleben, weil diese in jenen Zeiten die einzige Fachsprache darstellten. Diese Organisation des Himmels setzte beträchtliche intellektuelle Leistungen voraus, wie das Prägen und Benennen von Sternbildern sowie das Aufspüren von Planetenbahnen. Hochfliegende und komplizierte Theorien wurden entwickelt, um die Bewegungen des Kosmos zu erklären. Mau würde sich über diese obsessive Beschäftigung mit den Sternen und ihren Bewegungen wundern, wäre es nicht an dem, daß diese alten Denker überzeugt waren, sie hätten die Götter ausfindig gemacht, die über das Universum herrschen – und damit auch über das Schicksal der Seelen auf Erden und nach dem Tod. Mit unseren Worten gesagt, hatten sie die wesentlichen Invarianten gefunden, in denen sich das Sein ausdrückt. Indem er diesen Vorvätern Respekt erweist, ist sich Aristoteles völlig bewußt, daß seine eigene philosophische Suche mit ihnen begann. Man sollte den kosmologischen Informationen, die in alten Mythen enthalten sind, Beachtung schenken – Informationen über Chaos, Kampf und Gewalt. Das sind keine bloßen Projektionen eines gestörten Bewußtseins: Es sind Versuche, jene Kräfte zu portraitieren, die allem Anschein nach an der Gestaltung des Kosmos beteiligt waren. Die Ungeheuer, Titanen und Riesen, die sich mit den Göttern eine Schlacht liefern und versuchen, den Olymp zu stürmen, sind Funktionen und Komponenten jener Ordnung, die schließlich errichtet wurde. Dabei wird auf Anhieb eine Unterscheidung deutlich. Die Fixsterne sind das Wesen des Seins; ihre Körperschaft steht für die verborgenen Pläne und unausgesprochenen Gesetze, die das Ganze regieren. Die Planeten repräsentieren, als Götter verstan-
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den, die Kräfte und den Willen: alle Kräfte, die es gibt. Und jede Kraft wird als ein Aspekt der Himmelsmacht, als ein Aspekt der unbarmherzigen Notwendigen und Präzision, die der Himmel verkörpert, angesehen. Man könnte auch sagen, daß die Fixsterne in ihrer Ruhe und Unbeweglichkeit die Krongewalt darstellen, während die Planeten die Exekutive versinnbildlichen. Sind sie in vollkommener Harmonie? Das ist der Traum, den der kontemplative Geist immer wieder formuliert hat und den Kepler festzuhalten versuchte, als er die Noten seiner „Sphärenharmonie“ niederschrieb. In ihm wurzelt der Glaube an das Große Jahr, an dessen Ende alle Planeten zu ihrem Ausgangspunkt an demselben Tierkreisort zurückkehren sollen. Aber schon sehr früh ließen die Berechnungen Zweifel aufkommen – und mit ihm die Angst. Nur selten stößt man auf deutliche diesbezügliche Äußerungen. Hier ist eine aus dem ägyptischen Totenbuch, in dem Osiris sagt: Hail, Thot! What is it that hath happened to the divine children of Nut? They have done battle, they have upheld strive, they have made slaughter, they have caused trouble: in truth, in all their doing the mighty have worked against the weak. Grant, O might of Thot, that that which the God Atum hath decreed (may be accomplished)! And thou regardest not evil nor art thou provoked to anger when they bring their years to confusion and throng in and push to disturb their months; for in all that they have done unto thee, they have worked iniquity in secret!2 Kapitel 175, 1-8, übersetzt von W. Budge (1956), 596f. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift stammen von uns. Annähernd ins Deutsche übertragen lautet der Text: „Gepriesen seist du, Thot! Was ist den göttlichen Kindern der Nut widerfahren? Sie haben Kriege angezettelt, sie haben Zwietracht gesät, sie haben Blutbade angerichtet, sie haben Unruhe gestiftet: Wahrlich, in all ihrem Tun sind die Mächtigen gegen die Schwachen vorgegangen. Gib, O mächtiger Thot, daß das, was der Gott Atum verfügt hat (in Erfüllung gehe)! Und du nimmst es nicht übel und läßt dich nicht erzürnen, wenn sie ihre Jahre durcheinander
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Thot ist der Gott der Wissenschaft und der Weisheit. Und Atum geht sozusagen der göttlichen Hierarchie voran. Nur in metaphysischen Begriffen umschrieben, verkörpert er die geheimnisvolle Entität, der das Weltall entsprang; sein Name könnte Anfang-und-Ende lauten. Er ist somit die Gegenwart und der geheime Rat, den man gerne mit dem Himmel gleichsetzt. Sein Ratschluß muß von unveränderlicher Perfektion sein. Aber hier scheint es so, als ob es Kräfte gebe, die insgeheim Frevel begingen. Diese Kräfte kommen überall vor, und regelmäßig werden sie als „an-maßend“ oder „über-heblich” sowie als „frevelhaft” – im Sinn von lateinisch iniquus, d.h. „ungleich“, zu groß oder zu klein – beziehungsweise als beides angeprangert. Doch sind diese „Kräfte” nicht von Anfang an frevelhaft: Sie stellen sich als solche heraus, sie werden erst im Lauf der Zeit anmaßend. Es ist allein die „Zeit”, welche die Titanen, die einst das Goldene Zeitalter regierten, in „Frevler” verwandelt – also in solche, die Ungleichheit betreiben. Mit anderen Worten: Sie verfrühen oder verspäten sich (vergleiche Appendix 12). Das hauptsächliche Vergehen dieser „Sünder” erklärt sich aus der Idee des Maßes, das festgelegt oder stillschweigend vorausgesetzt wird: es ist das Überragen, das Überschreiten des zugemessenen Grades – und das ist wörtlich gemeint.3 Über die indischen Titanen, die Asuwerfen und herbeiströmen und die Reihenfolge ihrer Monate in Unordnung bringen; denn in allem, was sie dir angetan haben, betrieben sie insgeheim Frevel!“ 3 Es ist allein die sorglose Art und Weise, in der wir gewöhnlich mit präzisen Begriffen umgehen, die unser Verstehen blockiert: Zum Beispiel wird das griechische Wort moira, auch moros geschrieben, mit „Los”, „Schicksal”, manchmal auch mit „Geschick/Verhängnis” übersetzt; moira ist ein Grad der 360 Grade des Kreises. Wenn wir das im Hinterkopf behalten, verstehen wir solche Zeilen wie Odyssee 1.34-35 besser, in denen Aigisthos zweimal vorgeworfen wird, Taten „hyper moron”, also über den Grad hinaus, verübt zu haben. Wie könnte man ein Schicksal übertreten? Wie könnte man maßlos gegenüber seinem
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ras, sagt das Mahābhārata: „Ganz gewiß waren die Asuras ursprünglich gerecht, gut und wohltätig, kannten das Dharma und opferten und waren im Besitz vieler anderer Tugenden … Aber nachdem sie sich zahlenmäßig vermehrt hatten, wurden sie stolz, eitel und streitsüchtig … Sie brachten alles durcheinander. Hierauf, im Lauf der Zeit …” wurden sie verdammt.4 Demzufolge muß mit ernsthaften Konsequenzen gerechnet werden, wenn die Genesis VI.I mit folgenden Worten beginnt: „Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden …“ Und richtig ist zwölf Verse später, Genesis VI. 13, der entscheidende Moment gekommen: „Da sprach Gott zu Noah: ,Das Ende alles Fleisches ist bei mir beschlossen …’” Noch unverblümter ist das 18. Kapitel des Buches Henoch, in dem ein Engel Henoch durch die Himmelslandschaft führt. Während er ihm die Quartiere zeigt, die für frevelhafte Personen vorgesehen sind, sagt der Engel zu Henoch: „Dies ist der Ort, wo Himmel und Erde zu Ende sind; ein Gefängnis ist dies für die Sterne und für das Heer des Himmels. Die Sterne, die über dem Feuer dahinrollen, das sind die, welche beim Beginn ihres Aufgangs die Befehle Gottes übertreten haben, denn sie kamen nicht zu ihrer Zeit hervor. Da wurde er zornig über sie und band sie 10.000 Jahre, bis zu der Zeit, da ihre Sünde vollendet ist.”5 Doch sollte man sich vor Vereinfachungen hüten. Die Formulierung „Ganz gewiß waren die Asuras ursprünglich gerecht, gut und wohltätig” gilt ebenso für die Titanen, die Mächte des ersten Weltalters. Vom „Blickpunkt” des vorausgegangenen Stands der Dinge aus betrachtet, hatten die Titanen, Asuras und dergleichen allerdings zuerst Greueltaten begangen. Wie zum Beispiel Saturn, Los sein? Das würde ja den ganzen Begriff des „Schicksals” außer Kraft setzen. 4 V. Fausböll, Indian Mythology according to the Mahābhārata (1902), 40f. 5 Emil Kautzsch (Hrsg.), Die Apokryphen und Pseudoepigraphen des Alten Testaments (1900), 2, 249f.
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der „Urheber der Zeit”, der auf drastische Weise jene „Trennung der Welteltern” vollzieht, die für das Auseinanderfallen der Achsen des Äquators und der Ekliptik steht. Vor dieser Teilung existierte die Zeit nicht. Die „vereinten Eltern” – von Macrobius herzlos „Chaos” genannt – ärgerten sich über das Aufbrechen der ursprünglichen Einheit durch jene Mächte, die insgeheim Frevel begingen.6 Im Enuma elisch, dem sogenannten babylonischen Schöpfungsmythos, treten diese Mächte als Kinder von Apsu und Tiamat auf und drängen sich zwischen ihre Eltern. „Sie störten Tiamat durch ihr Hin- und Herlaufen; jawohl, sie verdarben Tiamat die Stimmung. Apsu konnte ihr Lärmen nicht mäßigen … Anstößig war ihr Benehmen, sie waren überheblich.“7 Als sie sich noch nicht „vermehrt” hatte, errichtete diese Generation unter der Herrschaft von Ihm, der viele Namen hat – Enki, Yima, Freyr und noch viele mehr – das Goldene Zeitalter. Die Söhne, die er selbst erzeugte, nannte der große Uranos tadelnd Titanen (= Strecker, Dehner) wie wir von Hesiod wissen (Theogonie 207-219): „Er sagte, sie hätten streckend durch Übermut ein großes Werk getan, für das später Buße zu entrichten sein werde.“8 Und so geschieht es auch – nach ihrer „VerDarüber herrscht allerdings keine volle Übereinstimmung zwischen den Mythographen: In Hesiods Theogonie „freute sich (Gaia) aber sehr im Herzen” als Kronos versprach, Vater Uranos entsprechend Gaias eigenem Plan und Ratschlag zu beseitigen. 7 EE Tafel 1,22-28 (E. Speiser-Übersetzung), ANET, 61. 8 „pháske dè, titaínontas atasthalíĉ méga réxai / érgon, toio d’épeita tísin metópisthen ésesthai.” Hesiod benutzt hier nebeneinander die beiden Wurzeln, von denen Etymologen den Namen „Titanen“ ableiteten. Titaínô = spannen (z.B. einen Bogen), ausspannen, ausstrecken, dehnen; tísis = Entschädigung, Buße, Vergeltung, Rache. Tísis ist uns schon begegnet (siehe oben, Seite 75) in dem Anaximander-Fragment über das Zahlen von Buße „katà tou chrónou táxin / gemäß der Ordnung der Zeit.” Die Titanen verrichteten ihr „großes Werk” durch oder mit atasthalía, und das meint (laut Pape): „freveltat, besonders die aus 6
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mehrung”, als sie das Maß überzogen. Und es mußte zwangsläufig erneut geschehen, als spätere Generationen „verbotene Wege in den Himmel” konstruierten9 oder einen Turm bauten, der sich als zu hoch erwies. Das einzig sichere Maß, das „Goldene Seil” des Sonnenjahres,10 ist irreparabel überdehnt. Die Äquinoktialsonne war Stück für Stück aus ihrem Goldenen-Zeitalter-Zeichen gestoßen worden; sie hatte sich auf den Weg zu neuen Konditionen, neuen Konfigurationen gemacht. Dies ist das entsetzliche Ereignis, das nicht wiedergutzumachende Verbrechen, das den Kindern des Himmels zugeschrieben wurde. Sie hatten die Sonne von ihrem Platz gestoßen, und jetzt war sie in Bewegung; das Universum war demoliert, und nichts – weder Tage, Monate oder Jahre noch das Aufgehen oder Untergehen von Sternen –, nichts würde jemals wieder an seinen rechtmäßigen Platz zurückkehren. Herumstupsend und umherstöbernd hatte sich der Äquinoktialpunkt seinen Weg gebahnt, in derselben Art und Weise, wie ein Auto mit automatischer Gangschaltung sich seinen Weg bahnt, bis wir den Gang herausnehmen – nur gab es keine Möglichkeit, das Äquinoktium zum Stehen zu bringen. Das infernalische Stoßen und Pressen der Himmelskinder hatte 141 die Eltern getrennt; die Zeitmaschine war für immer ins Rollen gebracht worden, und seitdem bringt sie mit jedem neuen Zeitalter „einen neuen Himmel und eine neue Erde” hervor, wie es in der Heiligen Schrift heißt. In den Worten Hesiods war die Welt in ihr zweites Stadium getreten, das der Riesen, die sich mit den Unbesonnenheit oder Übermut hervorgehende.” Lukianos (Astrologie 15) verwendet das Wort, um das Unternehmen des Ikaros zu charakterisieren. 9 Siehe Claudianus 26 (= De Bello Gotico) 69-71, LCL ed. II, 130, wo er über die Aloaden spricht, die den Berg Ossa auf den Berg Olympos türmten. 10 Siehe zum Beispiel RV 5.85.5: „Dieses große Kunststück des berühmten asurischen Varuna will ich fein verkünden, der in der Luft stehend wie mit dem Meßstabe die Erde mit der Sonne abgemessen hat.”
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unterdrückenden Kräften eine entscheidende Schlacht liefern sollten, ehe ihr eigener Sturz fällig sein würde. Die Vision vom Untergang eines ganzen Weltalters wird in der Edda geschildert. Sie erscheint gleich im ersten Gedicht, dem Lied der Seherin (Völuspa), in dem die Prophetin Völva Vergangenheit und Zukunft in einer angemessen reservierten und dunklen Sprache zusammenführt. Zu Beginn des Zeitalters der Asen versammeln sich die Götter, halten Rat und wählen Namen für Sonne und Mond, Tage und Nächte sowie für die Jahreszeiten. Sie ordnen die Jahre und weisen den Sternen ihre Plätze zu. Ihren Sitz errichten sie im „Goldenen Zeitalter” auf dem Idavöllr11 und vergnügen sich beim Brettspiel mit goldenen Figuren; und überall herrscht Glückseligkeit – bis „drei gewaltige Weiber kamen.“12 Aber es hatte zuvor schon einmal, so wird angedeutet, einen „Weltkrieg“ zwischen Asen und Wanen gegeben, bis sich beide auf eine – wie wir heute sagen würden – Koalitionsregierung einigten. In einer Vision, in der Vergangenheit und Zukunft blitzartig verschmelzen, sieht Völva die Folgen und verkündet sie den „Heimdalls Kindern …, den hohen und niederen“, das heißt den Menschen. Sie bittet sie, die Augen zu öffnen, damit sie sehen, was den Göttern bekannt sein mußte; der Bruch des Friedens, die Tötung von Thjassi, dessen Augen Odin als Sterne an den Himmel warf.13 Damit wird für einen kurzen MoIdavöllr (das „Idafeld”) ist der „Wohnsitz der Götter”; ida = Gegenströmung, Sturmwirbel, im Englischen eddy = Wirbel, Strudel. 12 Die drei Weiber von Jötunheimr sind ein weiteres Rätsel. Es handelt sich bei ihnen nicht um die Nornen – soviel kann mit Sicherheit gesagt werden –, sondern wohl eher um Gullweig, die „dreifach Geborene”, die von den Asen getötet wurde, indem sie sie „dreimal verbrannten … doch ist sie am Leben“ (Völuspa 8): ein weiterer „Frevel”, der nach Rache schreit. Jötumn bedeutet übrigens „Riese”, heimr = Welt, Heimat. 13 So Snorri (Bragaroedur 2, Gering 353f = Skaldskap. 1, Neckel und Niedner 117-120). Jm eddischen Harbardslied 19 rühmt sich Thor, 11
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ment der Vorhang gelüftet, der eine Phase der Vergangenheit verdeckt. Denn Thjassi gehört zu jenen Mächten, die den Asen vorangingen. In griechischer Terminologie heißt das, daß die Titanen vor den Göttern kamen. Die Hauptkräfte bei den Wanen beziehungsweise Titanen waren (gemäß Rydbergs sorgfältiger Rekonstruktion) die drei Brüder Thjassi/Wolund, Orwendel/Eigil und Slagfin: der Faber, der Bogenschütze und der Musiker. Das ordnet endlich auch den Bogenschützen Orwendel ein, den Vater von Amlethus. Er ist einer der drei „Söhne von Iwaldi” wie auch ihre Entsprechungen im finnischen Epos „Söhne von Kaleva” sind.14 Und Iwaldi wird, wie Kaleva, kaum erwähnt und niemals beschrieben, zumindest nicht unter dem Namen Iwaldi: Ein flüchtiger Blick wird auf ihn unter seinem anderen Namen, Wate, geworfen. Wie Kaleva, ist auch Iwaldi eine bedeutungsvolle Leere. Aber all dies gehört zur Vergangenheit. Die Vision der Seherin ist auf das herannahende Ende ausgerichtet. Gewiß, Loki ist in der Unterwelt angekettet, seitdem er Balder den Tod gebracht hat; der große Fenrirwolf liegt noch in Fesseln, die aus solch immateriellen Dingen wie dem Lärm eines Katzengangs, den Wurzeln eines Berges, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels gefertigt sind.15 Thjassi erschlagen und die „Augen von Allwaldis Sohn zum heitern Himmel hinauf“ geworfen zu haben (auch in Griechenland ist Zeus/Jupiter für beinahe alle Katasterismen/Verstirnungen verantwortlich); und er fährt fort: „… von meinen Werken sind sie der Merkzeichen größtes, / noch sehn’s die Söhne der Menschen all.“ Reuter [Himmelskunde (1934), 383] schlägt die Identifizierung mit Castor und Pollux, alpha beta Geminorum, vor; er könnte, trotz seiner unzureichenden Begründung, Recht haben. 14 Seltsamerweise werden die drei Bruder Wolund, Eigil und Slagfin „synir Finnakonungs” genannt, also „Söhne eines finnischen Königs (J. Grimm, DM, 315). 15 Wiederum seltsamerweise mußte diese Art von „Nicht-Substanzen“ – einschließlich der Milch von Mutter Adler und der Tränen eines eben flügge gewordenen Vogels – von dem tibetischen Bogda Gesser Khan
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Doch nun beginnen die Mächte des Abgrunds aufzusteigen, die Welt bricht auseinander. An dieser Stelle tut sich Heimdall hervor. Er ist der Wächter von Asgard, der Führer über die Brücke zwischen Himmel und Erde, der „Weißeste aller Asen”; aber seine Rolle, seine Handlungsfreiheit, ist streng limitiert. Er verfügt über viele Gaben – er kann das Gras wachsen hören, er kann hundert Meilen weit sehen –, aber diese Kräfte scheinen ohne Wirkung zu bleiben. Ihm gehört das Gjallarhorn, das große Kriegshorn der Götter. Er ist der einzige, der es ertönen lassen kann; aber er wird es nur ein einziges Mal blasen, nämlich wenn er die Götter und Helden von Asgard zu ihrem letzten Kampf zusammenruft. Bis hin zu Richard Wagner verweilt nordische Spekulation mit düsterer Genugtuung bei dem Ragnarök, der Götterdämmerung, das die Weit vernichten wird.16 Im Lied der Seherin und ebenso besorgt werden, der auch die Sonne in einer Schlinge fing. 16 Für die Etymologie von ragnarök siehe Richard Cleasby und Gudbrand Vigfusson, An Icelandic-English Dictionary (1962), in dem regin (woraus ragna hergeleitet ist) als „die Götter als Erzeuger und Herrscher des Universums” definiert wird, rök als „Grund, Boden, Ursprung” oder „ein Wunder, Zeichen, etwas Wunderbares“ und ragna rök als „die Geschichte der Götter und der Welt, aber insbesondere in Bezug auf den letzten Akt, das Jüngste Gericht”. Das Wort rökr, eine mögliche Alternative von rök, wird als das „Zwielicht … selten der Morgendämmerung“ beschrieben, und „die mythologische Wortverbindung ragna rökr, die Götterdämmerung, die in der Prosa-Edda (von Snorri) vorkommt und seitdem in heutige Werke übernommen wurde, ist ohne Zweifel eine bloße Verfälschung von rök, einem Wort, das sich von rökr deutlich unterscheidet”. Wenn wir in Betracht ziehen, daß der ganze Krieg zwischen den Pandavas und den Kauravas, wie er im Mahābhārata geschildert wird, in der „Dämmerung” zwischen dem Dvapara- und dem Kali-Yuga stattfindet, so gibt es keinen triftigen Grund, Snorris ragna rökr als „Verfälschung” abzutun. Aber die Experten haben ja auch Snorris Vergleich von Ragnarök und dem Fall von Troja verworfen – als logisches Resultat der Überzeugung, „Poesie“ sei eine
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in Snorris Gylfaginning gibt es folgende Prophezeiung: Wenn der große Hund Garm vor der Gnipa-Höhle bellt und wenn der große Fenrirwolf seine Fesseln sprengt und von der „Flußmündung” herbeieilt,17 seinen Rachen vom Himmel bis zur Erde aufreißend und begleitet von der Midgardschlange, dann wird Heimdall sein Gjallarhorn blasen, dessen Ruf in allen Welten gehört wird: die Schlacht hat begonnen. Aber es steht geschrieben, daß die Mächte der Ordnung kämpfend untergehen werden, um das anfängliche Unrecht wiedergutzumachen, das von den Göttern verübt worden ist. Die Welt wird verloren sein, und mit ihr alles Gute und Böse. Naglfar, das aus den Nägeln der Verstorbenen erbaute Totenschiff, wird durch die dunklen Wasser segeln und die Feinde zum Schlachtfeld bringen. Snorri fährt fort: In diesem Getöse klafft der Himmel auseinander, und von da oben kommen die Muspellssöhne geritten. Surt reitet voran, vor sich und hinter sich Feuer. Sein Schwert ein Wunderwerk, es strahlt heller als die Sonne. Und wenn sie über die Bifröst reiten, so zerbricht sie.18
Art creatio ex nihilo, weswegen es ihnen nicht in den Sinn kommt zu fragen, ob nicht vielleicht die alten Poeten es mit harten Fakten hätten zu tun haben können. Nun sind in der Tat Snorris Vergleiche im Detail nicht ernst zu nehmen; dennoch scheint er, ungeachtet euhemeristischer Tendenzen, wahrgenommen zu haben, daß es sich bei Ilions Fall ebenso wie bei dem Ragnarök um das Ende eines Wehalters handelt – aber eben nicht um das Ende desselben Weltalters. Die Experten nehmen dies leider nicht wahr, obgleich Hesiod die Zeit der Kriege um Troja und Theben unmißverständlich als viertes Weltalter einführt. Vielleicht hätte er diese Periode besser als „Dämmerung” zwischen dem dritten und vierten (seinem „fünften“) ansprechen sollen; aber woher sollte er das Mahābhārata kennen? Viele Momente sprechen dafür, den Fall Trojas als das Ende des Plejadenalters zu verstehen. 17 Lokasenna 41; siehe auch V, Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 563. 18 Gylfaginning 51, Neckel und Niedner 111, Gering 349; Edda Snorra I, 195.
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Gemäß Völuspa 52 kommt Surt, „der Schwarze”, von Süden.19 Er tötet Freyr, den Herrn der Mühle, mit dessen eigenem Schwert – Freyr hatte es hergegeben, als er Skirnir um die Riesentochter Gerd werben ließ (Skirnismål 8, 23, 25) – und setzt die Welt in Brand. Soweit ist alles geheimnisvoll, düster und reichlich verworren, wie es sich gehört. Die ebenfalls Vergangenheit und Zukunft umfassenden Verkündigungen der Kassandra, wie sie Lykophron uns anbietet, sind auch nicht durchsichtiger.20 Wir werden auf Surt zurückkommen müssen (siehe Appendix 19). Er scheint der entscheidende Gegner der Asen gewesen zu sein, denn im Vafthrudnismål 17-19 heißt es: „Wie heißt das Feld, / wo sich finden zum Kampfe / die seligen Götter und Surt?”; und 50; „Welche Asen walten des Erbes der Götter, / wenn die Lohe Surts (Surtar logi) verlischt?” Vgl. Sigurdur Nordal, Völuspa (1923/1980), l00f. 20 Für die vielfältigen Interpretationen der Völuspa siehe S. Nordal, Völuspa (1923/1980); Bernhard Kummer, Die Lieder des Codex Regius I, Teil 1: „Die Schau der Seherin” (1961); Åke V. Ström, „Indogermanisches in der Völuspa41 in Numen 14 (1967), 167-208 sowie die ersten fünf Kapitel von Axels Olriks Ragnarök. Die Sagen vom Weltuntergang (1922). Das Verständnis der eddischen Tradition wäre vermutlich viel weiter gediehen – obwohl der Autor mit Astronomie rein gar nichts im Sinn hatte, so wenig wie der ebenfalls höchst zu verehrende Dumézil –, hätten die Zuständigen das Werk von Viktor Rydberg nicht einmütig verworfen und totgeschwiegen. Åke Ohlmarks [Heimdalls Horn und Odins Auge (1937), 206] erklärt es zu einem „ziemlich verfehlten Werk”; an anderer, im Moment unauffindbarer Stelle begründet er dieses Urteil mit „weil er Sinn und System dort gesucht hat, wo es solches nie gegeben hat”, Åke V. Ström (op.cit., 169) meint bedauernd: „Professor Rydberg konnte sich aber bei den damaligen Gelehrten nicht Gehör verschaffen. Der einflußreiche Vertreter der nordischen Philologie Adolf Noreen … schrieb: ‚Rydberg hat in seiner großen Arbeit den chronologischen Zusammenhang in den Mythen hergestellt, den es früher nicht gab, allerwenigst in heidnischer Zeit.’ Danach wurde Rydberg totgeschwiegen.” Von Rydbergs Undersökningar i germa19
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Die Figur des Heimdall aber wirft eine Reihe von konkreten 144 Fragen auf. Er ist als „Sohn von neun Müttern” in Erscheinung getreten. Der Sohn mehrerer Mütter zu sein ist – sogar in der Mythologie – eine rare Auszeichnung; Heimdall teilt sie nur mit dem rigvedischen Agni21 und mit Agnis Sohn Skanda im Mahābhārata. Skanda (wörtlich der „Springende” oder „Hüpfende”) ist der Planet Mars, auch Kartikeya genannt, weil er von den Krittika, den Plejaden, geboren wurde. Das Mahābhārata22 besteht auf der Sechs als Anzahl der Plejaden wie auch der Mütter von Skanda, und es liefert eine sehr breite und abenteuerliche Schilderung von der Geburt und der Amtseinführung von Kartikeya „durch die versammelten Götter … als ihr oberster Befehlshaber“ – was irgendwie verwirrend ist und wieder einmal zeigt, wie wenig man bislang versteht.23 Heimdalls neun Mütter lassen unwillkürlich an die neun Göttinnen denken, welche die Mühle drehen. Der Verdacht ist nicht nisk Mythoiogi (2 Bände, Stockholm 1886–1889) ist nur der erste Band ins Englische übersetzt worden (London 1889, nachgedruckt 1907). 21 RV I.141.2 erwähnt sieben Mütter bei Agnis zweiter Geburt; siehe auch V. Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 590. In RV III.56.5 ist er dreier Mütter Kind; in RV III.17.3 sind drei Ushas seine Mütter – aber damit hat es seine eigene Bewandtnis. 22 Mahābhārata IX.44-46 (Roy-Übersetzung, VII, , 130-143). Es muß laut und deutlich hervorgehoben werden, daß in der babylonischen Astronomie der Mars der einzige Repräsentant der Plejaden ist. Siehe P.F. Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 279: „In der Planetenvertretung kommt für die Plejaden nur Mars in Frage.“ 23 Zumindest läßt sich mit Sicherheit folgendes sagen: Mars wurde während einer mehr oder weniger engen Konjunktion aller Planeten „in sein Amt eingeführt”; in Mbh. IX.45 (133) wird betont, daß die mächtigen Götter, die sich versammelt hatten, „alle Wasser auf Skanda schütteten – so wie die Götter Wasser auf das Haupt Varunas, des Herrn der Wasser, gegossen hatten, um ihn in die Herrschaft einzusetzen.“ Und diese „Amtseinsetzung” Varunas fand zu Beginn des KritaYuga, des Goldenen Zeitalters, statt.
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unbegründet. Zwei dieser „Mütter”, Gjalp und Greip, scheinen unter anderen Namen oder in einer anderen Generation als Fenja und Menja aufzutreten.24 Rydberg macht geltend, Heimdall sei der Sohn von Mundilföri. Demnach ist die Geschichte astronomisch. Aber wo führt sie hin? Zwei Momente sind hier von Bedeutung. Zum einen wird Heimdall auch Hallinskidhi geheißen, was soviel wie „geneigtes Holz” oder „geneigter Pfahl“ bedeutet;25 zum anderen sind sowohl Heimdall als auch Hallinskidhi Für die Namen dieser Mütter siehe Hyndluljod 38: für Gjalp und Greip, Töchter des Riesen Geirröd, siehe Snorris Skaldskaparmål 2 sowie Thorsdrapa, ausführlich diskutiert von Rydberg (op.cit., 932-952), der Greip als die Mutter der „Söhne von Iwaldi” einführt. Rudolf Much behauptet eine Identität von Geirröd mit Surt [„Der germanische Himmelsgott”, in Abhandlungen zur germanischen Philologie (1898), 221]. Das Auftauchen einer Mehrzahl von Müttern im alten Norden und in Indien [siehe auch Julius Pokorny, ,,Ein neun-monatiges Jahr im Keltischen”, OLZ 21 (1918), 130–133J mag die Experten vielleicht dazu verleiten, den Streit um jene absolut unsinnigen sieben oder neun oder sogar vierzehn „Mutterleiber” wieder aufzugreifen, die durch den babylonischen Bericht über die Schöpfung des Menschen geistern. Cf. E. Ebcling, Tod und Leben (1931), 172–177; E.A. Speiser, „Akkadian Myths und Epics”, ANET, 99f; W. von Soden, Or. 26, 309ff. 25 Vgl. Jan de Vries, Altnordisches Etymologisches Wörterbuch (1961), 205; „Der erste Teil ist hallin, ‚geneigt’“ und 491: „… skidh, ‚Scheit, Schneeschuh’”. Aus der mythologischen Gattung geneigter Pfähle oder Bäume sei hier der altindische Opferpfosten erwähnt. Dieser muß „eine gewisse Neigung nach Westen haben“ und auch aus dem Holz eines Baumes angefertigt sein, der „eine gewisse Neigung nach Westen haben sollte”, wie wir von Hermann Lommel erfahren („Baumsymbolik beim altindischen Opfer” in Paideuma VI, 497). Der Bär hingegen, den die kanadischen Munsee-Mohican für ihre große Bären Zeremonie benötigen, muß aufgestöbert werden in einem „elm tree leaning toward the east” [Frank B. Speck und Jesse Moses, The Celestial Bear comes down to Earth (1945), 61]. Der indische Opferpfosten, yūpa, repräsentiert die Weltachse, genauer gesagt: „The yūpa is essentially identical with the skambha described in AV X.7 … being the frame of crea24
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Kenningar für „Widder” – ein Umstand, den Jacob Grimm „bemerkenswert” und Jan de Vries „merkwürdig” fand,26 Jan de Vries unterrichtet uns in seiner Altgermanischen Religionsgeschichte27 von einer „in mancher Hinsicht befriedigenden Lösung” durch H. Pipping: „Er knüpft an die auch bei den germanischen Völkern bekannte Vorstellung der Himmelsaxe … an, die Uno Holmberg eingehend bei den asiatischen Stämmen studiert hat. Diese Axe wird unter der Gestalt eines schräg gestellten Baumes oder Pfahles verehrt; darauf deutet der Name Hallinskidhi, ,vornüberneigender Stab’ … Obgleich diese Erklärung tion”, wie Jan Gonda feststellt [Aspects of Early Vishnuism (1969), 8lf]. Als solcher gehört er entweder zu Vishnu oder ist Vishnu (TS VI.3.3.1; ŚB III.6.41.9: Gonda loc.cit.). Das ist aber noch nicht alles: Von dem einmal aufgestellten Opferpfosten wird gesagt, er sei ein geschleuderter Vajra/Donnerkeil, und, noch allgemeiner: „… das Jahr ist ein Vajra/Donnerkeil und yūpa/Opferpfosten ist ein Vajra” (ŚB III.6.4.19. +23f: J. Gonda, Prajāpati and the Year, 56, 70). Besagter DonnerkeilSanskrit vajra (griechisch: keraunós) hat schlechterdings nichts mit Blitz und Donner zu schaffen, sondern ist sozusagen ein Instrument zur Regulierung des Kalenders. Der von Zeus’ oder Indras oder Vishnus Keil getroffene Topos ist der Punkt Null, von dem aus die himmlischen Bewegungen von Stund an gezählt werden; siehe Hertha von Dechend, „Bemerkungen zum Donnerkeil” in Prismata. Festschrift Willy Hartner (1977). Ein Opferpfosten repräsentiert also nicht schlechthin „den” Skamhha, sondern das während einer bestimmten Ära gültige Kolurengerüst. 26 J. Grimm, DM, 194; J. de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte (1935), II, § 248, S. 297. Vgl. Rydberg, op.cit, 593: „In der altnordischen Dichtung sind Vedr (Hammel, Widder), Heimdall und das HeimdallEpitheton Hallinskidhi synonym.” Cleasby-Vigfusson verzeichnen: „Hallinskidhi, poet., a ram”; siehe auch de Vries, Wb., 205 und Ohlmarks, op.cit., 146. 27 II, § 249, S. 297. Siehe auch Altnordisches Wörterbuch, 205: „Heimdall als Gott der Himmelsaxe, der als schräggestellter Stab dargestellt wurde?”
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nur den Wert einer geistvollen Hypothese beanspruchen darf …“ Diese „geistvolle Hypothese” hat viel für sich – zumal dann, wenn man zu „Widder” nicht beharrlich Opfertiere und Fruchtbarkeitsriten assoziiert,28 sondern Aries. Heimdall der Widder, Wächter der stark frequentierten Brücke der Götter, die in der Götterdämmerung zusammenbricht,29 steht für die Weltachse, den Skambha. Er selbst erscheint als Kopf30 oder aber sein Kopf scheint der „Maßgeber” zu sein (vgl. Appendix 20), verantwortlich für eben jene Maße, welche die Seherin vorgibt zu verstehen: „… weiß Wie etwa Wilhelm Grönbech, Kultur und Religion der Germanen (1909-1912), II, 257, 325. 29 Es sollte angemerkt werden, daß Snorris Gleichsetzung (Gylf. 13) der Brücke Bifröst (= „schwankender Weg”) mit dem Regenbogen einige Gelehrte auf Trab brachte, um ein definitiv regelmäßiges Phänomen vor der unsicheren Existenz zu retten, die nun einmal meteorologischen Erscheinungen wie dem Regenbogen zukommt; anstelle dessen plädierten sie für die Milchstraße. Damit können wir uns nicht einverstanden erklären. Siehe Å. Ohlmarks: „Stellt die mythische Bifröst den Regenbogen oder die Milchstraße dar?” in Medd Lunds Astronom. Observ. (1941), Ser. 77, Nr. 110 sowie O.S. Reuter, Germanische Himmelskunde (1934), 282 (mit ergänzender Literatur). Siehe auch O.S. Reuter, Rätsel der Edda I (1922), 33f; sein Vergleich mit der persischen CinvatBrücke überzeugt nicht. 30 Zu „mjotudhr Heimdallar” siehe Appendix 20. Für Aries als „Kopf des Tierkreises siehe Arat-Scholien zu Vers 545 [Ernst Maass, op.cit (1898), 446: „Kriòn kephalên einaí phasin”, wie die Ägypter sagen, womit die ägyptischen Astrologen Nechepso und Petosiris gemeint sind; siehe Appendix 21]; August Engelrecht, Hephaistion (1887), 47, 8: „Kephalên tou Kósmon”; vgl. F. Boll, Offenbarung Joh. (1914), 44, A,3; Viktor Stegemann, Astrologie und Universalgeschichte (1930), 57. Zahlreiche astromedizinische Illustrationen (sog. „Aderlaß-Männchen”) zeigen den Widder als Herrscher des Kopfes (die Fische regieren die Füße). Nonnos hingegen (Dionysiaca 38.268) bezeichnet Aries als „kéntron hólou kosmoio, mesómphalon ástron Olympou”, das Zentrum des ganzen Kosmos, das Mitt-Nabelgestirn des Olympos. 28
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neun Welten, weiß neun Wurzeln, den herrlichen Maßbaum (mjotvidhr) unter der Erde.”31 Er mißt (und bewacht) den Schnittpunkt von Ekliptik und Äquator am Frühlingsäquinoktium in Aries. Entsprechend kann man vielleicht sagen, die Seherin wende sieh an „die hohen und niederen Kinder des Widders”. Sich den rigvedischen Agni in Erinnerung rufend sowie das, was über „Feuer“ gesagt worden ist – und Agni ist „Feuer” (lateinisch: ignis) –, nämlich daß damit ein großer Kreis gemeint ist, der die Himmelspole miteinander verbindet, wird das Schema verständlicher: Heimdall steht für den Äquinoktialkolur, der auf der Kugeloberfläche die Weltachse „begleitet”; abstrakt und unsichtbar sind sie beide: Achse und Koluren.32 Es wird sich bald mjot, n.pl. = Maß, Für den mjotvidhr, den Maßbaum, und mjotudhr sowie die Verbindung mit Sanskrit matar, lateinisch meter, mensor etc. siehe Grimm, DM, 18f; Reuter, 236; siehe auch Nordal, 29; Kummer, 110; Ohlmarks, 316. De Vries, Altnordisches Wörterbuch, 391: „mjotudhr, Schicksalsbeherrscher … ae. metod ,Schicksal, Gott’, ae. metod ‚Messer, Ordner, Schicksal’.“ 32 Bei Geminos (1. Jahrhundert v. Chr.) klingt das zwar anders, aber man versteht doch, wie er es meint. Er sagt [V, 49f; Manitius (1898), 61]: „Durch die Pole gehen die Kolurkreise (kóluroi), wie sie von einigen genannt werden. Sie besitzen die Eigenschaft, auf ihren Peripherien die Weltpole liegen zu haben. Kolure (d.h. verstümmelt) heißen sie, weil bestimmte Teile von ihnen unsichtbar (atheôrêta) sind. Während nämlich die übrigen Kreise bei der Umdrehung des Weltalls in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar werden (hóloi theôrountai), bleiben von den Kolurkreisen bestimmte Kreise, welche von dem antarktischen Kreise (antarktikou) unter dem Horizonte abgeschnitten werden, unsichtbar. Diese Kreise gehen durch die Wendepunkte und die Nachtgleichenpunkte und teilen die Ekliptik in vier gleiche Teile.” Macrobius (Somnium Scipions I.15,14) meint, sie heißen Koluren, weil sie keine vollständigen Kreise machen, und denkt, sie reichten nicht bis zum Südpol („colun quibus nomen dedit imperfecta conversio … sed at australem verticem non pervenire creduntur“). 31
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herausstellen, daß mit „Achse” immer das gesamte „Gerüst” gemeint ist, das durch die Achse und die Koluren gegeben ist. Jedes Weltalter hat sein eigenes „Gerüst”. Demnach würde man Skambha am besten mit „Kolurengerüst” wiedergeben.33 Zu einem weiteren Namen von Heimdall, Vindler, bemerkt Rydberg: „Der Name ist eine Unterform von vindill und stammt von vinda, schrauben oder drehen, irgendetwas schnell herumdrehen. Weil das Epitheton ,der Dreher’ jenem Gott verliehen wird, der den Menschen das Reibungsfeuer (Bohr-Feuer) brachte und der selbst die Personifikation dieses Feuers ist, muß er also synonym mit dem ,Bohrer’ sein.”34 Im zweiten Satz ist der mit Heimdall Kólouros bedeutet „stutzschwänzig“, von koloúô = verstümmeln, abschneiden und hê ourá – der Schwanz oder Schweif (nautisch: das Heck, militärisch: die Nachhut); dieses Wort steckt auch in dem nach wie vor rätselhaften griechischen Namen von Ursa Minor: Kynósoura = Hundeschwanz. Der Äquinoktialkolur verläuft durch die Äquinoktialpunkte und die beiden Pole; der Solstitialkolur durch die Wendepunkte, die beiden Pole und die beiden Ekliptikpole. 33 Å. v. Ström [Germanische und Baltische Religion (1975), 159f] macht auf zwei Arbeiten von Dumézil aufmerksam; da aber Dumézil im Literaturverzeichnis zur Gänze fehlt, läßt sich das nicht so schnell verifizieren. In der ersten (1952) soll Dumézil Heimdall mit dem römischen Ianus und dem altindischen Vayu verglichen haben. In der zweiten (1959 a, 263-283) soll laut Ström stehen: „Statt als einen Gott des Anfangs will er jetzt Heimdall als einen ‚Rahmengott’ (dieu cadre) interpretieren, der die Entwicklung nicht nur einleitet, sondern auch abschließt, wie der altindische Dyauh, ,der Himmel’, und sein irdischer Repräsentant Bishma im Mahâbhârata … Heimdall ist z.B. der letzte Lebendige in der Ragnarök (Gylf. 51) und auch ‚le plus céleste des dieux scandinaves’.“ 34 V. Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 595, Vgl. Cleasby-Vigfusson [An Icelandic-English Dictionary (1962), 707] zu vinda: „to wind … wring, twist … – reflex. to turn around … to make a quick movement, turn quickly.” Ohlmarks [Heimdalls Horn (1937), 142] bemerkt zu dem
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identifizierte Agni gemeint; „Reibungsfeuer” und „Bohrer” sind unpräzise, weil die Apparatur unberücksichtigt bleibt: Es handelt sich um den Feuerdrill und den Drillstab. Die Prophezeiung der Seherin endet nicht mit Katastrophen, sondern wechselt vom tragischen in den lyrischen Modus, um von dem Heraufdämmern eines neuen Zeitalters zu singen: Aufsteigen seh’ ich zum zweiten Male aus Fluten die Erde, die neu sich begrünt … Unbesät werden hochwachsen die Äcker, es heilt alles Unheil. Selbst wenn diese Generation von Göttern verschwunden ist, bleiben die jüngeren übrig: Balder und Höd, auch die beiden Söhne von Thor sowie Widar, der Sohn Odins. Das Haus der weisen Wanen ist nicht als Ganzes in Mitleidenschaft gezogen, auch wenn Freyr im Kampf gefallen ist. Da die Wanen zu einem vergangenen Zeitalter gehören, bleiben sie anscheinend von der Krise verschont. Der ganzen Tragödie haftet in der Tat eine gewisse wunderlich beklemmende oder neurotische Unwirklichkeit an. Die Fesseln des Wolfs waren aus nichts gemacht, aber er 148 konnte sich nur aus ihnen befreien, als die Zeit dafür reif war: als er Odin und die Sonne verschlingen mußte. „Aber sogleich”, erfahren wir von Snorri (Gylf. 51), „erscheint Widar und tritt mit einem Fuß in den Unterkiefer des Wolfs; an diesem Fuß hatte er einen Schuh, zu dem von jeher gesammelt worden ist35 … Mit Namen: „Bis auf weiteres kann keine Etymologie mit Sicherheit vorgelegt werden … Der Name muß mit dem Wind zu tun haben.” 35 So Neckel und Niedner (112); bei Gering heißt es: „… er besitzt nämlich den Schuh.” Die lateinische Übersetzung in der Edda Snorra I, 19.1, sagt: „Sed extemplo post Vidar progressus, altero pede insistit inferiori rostro lupi; eo pede calceum gestat …“ Die Frage ist, hatte Widar defi-
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der einen Hand greift Widar den Oberkiefer des Wolfs und reißt so seinen Schlund auf, wodurch der Wolf verendet.” Mehr als tatsächliche Gewalt sind es Schuld und sich daraus ergebendes Chaos, welche das Establishment stürzen, sobald der festgesetzte Zeitpunkt gekommen ist – wie vom Schicksal angeordnet und vom Gjallarhorn signalisiert.36 Was danach geschieht (oder geschah beziehungsweise einmal geschehen wird, denn der Mythos ist im Futur geschrieben), wird zwar in der Völuspa erzählt, aber breiter ausgeführt wird es in Snorris Gylfaginning (53), der Geschichte eines seltsamen Gesprächs zwischen König Gylfi und den Asen selbst, die als Menschen verkleidet sind und ihre wahre Identität nicht zu erkennen geben, aber bereit sind, Fragen zu beantworten: „Was geschieht danach, wenn die ganze Welt verbrannt ist, alle Götter tot und alles Menschenvolk? Ihr habt doch früher gesagt, jeder Mensch solle in einer der Welten ewig leben.” So ist es, lautet die Antwort, es gebe mehrere Welten für die Guten und die Schlechten (siehe Appendix 18). Darauf fragt Gylfi: „Leben denn noch irgendwelche Götter? Und gibt es noch etwas von Erde oder Himmel?” Und die Antwort ist: „Die Erde steigt aus dem Meere empor und ist grün und schön; auf den Feldern wächst es ohne Aussaat. Widar und Wali sind am Leben, da weder die See noch Surts Lohe ihnen etwas angehabt hat, und sie wohnen auf dem Idafelde, wo früher Asgard stand. Dahin kommen dann auch Thors Söhne, Modi und Magni, und bringen den Mjölnir37 mit. Dann kommen dorthin auch Balder und Höd aus der Hel. Alle setzen sich zusammen und unterhalten sich, erinnern nitiv nur einen Schuh, d.h.: gehörte er, wie der Argonautenführer Jason, zu den „Ein-Schuhern“? Vgl. zu diesem Thema L. Vajda, Der Monosandalos-Formenkreis. Baessler Archiv, N.F 37 (1989), 131-170, Claudius Müller, Das Monosandalos-Motiv in Ostasien, NA, NF 37 (1989), 171-200. 36 A. Olrik [Ragnarök (1922), 117ff] vergleicht die Funktion mehrerer alt- und neutestamentlicher Posaunen. Siehe aber Appendix 22. 37 Mjölnir ist der Name für Thors Hammer.
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sich an ihre Runen und sprechen über die Ereignisse in alten Tagen, von der Midgardschlange und dem Fenriswolf. Sie finden im Gras die goldenen Tafeln, welche die Asen einst benutzten. Und dort verstecken sich beim Rasen vor Surts Lohe zwei Menschenkinder, Lif und Lifthrasur, und nähren sich vom Morgentau, und von diesem Menschenpaar stammt eine so große Nachkommenschaft, daß die ganze Welt bevölkert wird. Das aber wird dich wundern, daß die Sonne, bevor sie von dem Fenriswolf verschlungen wurde, eine Tochter geboren hat, die nicht weniger schön ist als sie selbst und den Weg ihrer Mutter geht.”
Mit einem Mal war ein lautes Krachen von allen Seiten zu hören, und als der König wieder aufschaute, fand er sich auf flachem Felde wieder; und die große Halle war verschwunden. So lautet das bittere Ende von „Gylfis Betörung”. Die Zeiten und Zeitformen werden absichtlich durcheinandergeworfen; aber die Verlautbarungen sind angefüllt mit alten Bedeutungen. Die Wiederentdeckung der im Gras herumliegenden Spielsteine, von der bereits die Völuspa (8) berichtet, wird klarer, wenn man sich den Rigveda vor Augen hält, in dem von den Göttern gesagt wird, daß sie wie ayas herumgehen, das heißt: wie die „Würfe (im Spiele)”.38 Sie wird noch verständlicher, wenn man bedenkt, daß die Bezeichnung für die indischen Weltalter dem Idiom für würfeln entlehnt wurde.39 Aber beide Angaben könnten als unergiebig abgetan werden, wenn man vergäße, daß bei manchen Arten von „Proto-Schach” – um einen Ausdruck von Joseph Needham zu benutzen – Brettspiele mit Würfeln kombiniert wurden: die Anzahl der gewürfelten Augen
RV 10.116.9; in 10.34.8 werden die Würfel vrata genannt, das heißt; eine organisierte „Gang” unter der Führung eines Königs; der König ist Rudra. 39 Krita, Trete, Dvapara, Kali – wobei letzterer der schlechteste Wurf ist (bei den Griechen „Hund”). Siehe Heinrich Lüders, Das Würfelspiel im Alten Indien (1907), 41, 63f. 38
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bestimmte die Figur, die als nächste zu bewegen war.40 Daß genau diese Regel auch für Tafl galt, dem in der Völuspa erwähnten Brettspiel, ist von J.G. van Hamel gezeigt worden.41 Auf diese Weise zwang also der Würfelwurf den Schachspieler zum Handeln – ein Spiel, das von den Indern „Planetenkämpfe” genannt wurde und noch im Europa des 16. Jahrhunderts als „Himmelskrieg oder Astrologenspiel”42 bezeichnet wurde, während das chinesische Schachbrett die Milchstraße als Trennlinie zwischen den beiden Parteien zeigt. Was heißt, daß die Isländer wußten, wovon sie sprachen. Zu guter Letzt kommt aus derselben Richtung eine bemerkenswerte und beunruhigende Übereinstimmung. Es ist bekannt, daß in der letzten Schlacht der Götter die Legionen auf der Seite der „Ordnung” aus jenen toten Kriegern bestehen, den „Einheriern“ die einst auf der Erde im Kampf gefallen und von den Walküren nach Walhalla geleitet worden waren, um dort mit Odin zu residieren. Am letzten Tag stürmen sie heraus zur Schlacht. Im Grimnismål (23) heißt es: „Fünfhundert Türen und viermal zehn / Wähn ich in Walhall. / Achthundert Einherier gehn aus je einer, / Wenn es dem Wolf zu wehren gilt.”43 Das macht zusammen 432.000, eine seit alters bedeutsame Zahl, denn sie deckt sich mit der Anzahl der Silben im Rigveda. Sie geht allerdings zurück auf die Grundzahl 10.800, die Anzahl der Strophen des Rigveda, die, zusammen mit der Zahl 108, ständig in der indischen Überlieferung auftaucht. 10.800 ist auch H. Lüders, Würfelspiel (1907), 69; siehe auch Stewart Culin, Chess and Playing Cards (1898), 857. 41 J.G. van Hamel, „The Game of the Gods”, Arkiv für Nordisk Filologi 50 (1934), 230. 42 Anna Bernhardi, „Vier Könige”, BA 19 (1936), 171f. Siehe Needham, IV, Teil 1, 325, zu einem Buch über Schach, das 1571 unter dem Titel Uranomachia seu Astrologorum Ludus herausgegeben wurde. 43 Für eine gründliche Diskussion siehe O.S. Reuter, Himmelskunde (1934), 552-571. 40
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jene Zahl, welche laut Censorinus (De die natali XVIII.11) von 150 Heraklit für die Zeitdauer eines Großen Jahres angegeben wird. Außerdem ist 10.800 die Anzahl der Ziegelsteine des indischen Feueraltars (Agnicayana).44 „Diese Übereinstimmung irgendwie wegdisputieren oder für Zufall erklären zu wollen”, bemerkt Franz Schröder, „heißt meines Erachtens, unfruchtbaren Skeptizismus auf die Spitze treiben.”45 Sollte man Angkor der Liste hinzufügen? Es hat fünf Tore, zu denen jeweils eine Straße führt, die jenen Wassergraben überbrückt, welcher den ganzen Ort umgibt. Jede dieser Straßen wird von einer Reihe gewaltiger Steinfiguren gesäumt: 108 pro Zugang, 54 auf jeder Seite, insgesamt 540 Statuen von Deva und Asura. Und jede Reihe trägt eine riesige Naga-Schlange mit neun Köpfen. Nur daß sie diese Schlange nicht „tragen”, sondern daß dargestellt ist, wie sie die Schlange „ziehen” – was anzeigt daß diese 540 Statuen das Milchmeer buttern (wobei der eher kümmerliche Wassergraben das Milchmeer repräsentiert45), indem sie den Berg Mandara als Drillstab und Vasuki, den Prinzen der Nagas, als Drillseil benutzen. (Nur um Mißverständnissen vorzubeugen; Vasuki war vorher gefragt worden und hatte bereitwillig zugestimmt, und dasselbe gilt für Vishnus SchildkrötenAvatara, der als feste Grundlage für dieses „unvergleichlich mächtige Buttern” dienen sollte; und sogar das Milchmeer selbst hatte sein Einverständnis gegeben, sich buttern zu lassen.) Das ganze Angkor erweist sich folglich als ein kolossales Modell für „alternative Bewegung”, ein mit echt hinduistischer Phantasie gestaltetes Gegenmodell zu der Idee von der kontinuierlichen Siehe Jean Filliozat, „L’Inde et les échanges scientifiques dans l’antiquité”, Cahiers d’histoire mondiale 1 (1953), 358f. 45 F.R. Schröder, Altgermanische Kulturprobleme (1929), 80f. 45 Robert von Heine-Geldern, „Weltbild und Bauform in Südostasien”, in Wiener Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte 4 (1930), 41 f. Für Abbildungen siehe Martin Hürlimann, Ceylon und Indochina (1929): Orbis Terrarum, 200f, 226. 44
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Einbahn-Präzession von Westen nach Osten (Abbildung 12). Nun gibt es allerdings einen letzten Absatz in der Gylfaginning, der üblicherweise als Nachwort betrachtet wird. Über seinen Autor bestehen Zweifel, denn es wird angenommen, daß Snorris Edda von Olaf Hvitaskald (gestorben 1259), Snorris Neffen, vollendet wurde. Wie dem auch sei: Diese Ergänzung fällt zwar etwas aus dem bisherigen Kontext, aber sie bekräftigt ihn auch: Die Asen aber nahmen Platz zu einer Besprechung, beratschlagten, erinnerten sich der Geschichten, die ihnen erzählt worden waren, und gaben dieselben Namen, die dann vorkamen, den Personen und Stätten dort bei ihnen, damit, wenn die Zeit verginge, die Leute nicht daran irre würden, daß es dieselben Asen wären, jene, von denen erzählt war, und diese, die nun dieselben Namen erhielten. Da wurde zum Beispiel der Name Thor verliehen, und das ist eben der alte Asen-Thor. Er ist Oeku-Thor (Wagen-Thor), und ihm werden die großen Taten zugeschrieben, die Hektor in Troja begangen hat.47
Was die Wiedergeburt der Welt angeht, so fällt einem eine andere „Götterdämmerung” ein. Sie findet sich im Kumulipo, einem polynesischen kosmogonischen Mythos aus Hawaii, zu dem Roland B. Dixon feststellt: „Obwohl wir den Ursprung aller Dinge im Chaos haben, so handelt es sich doch um ein Chaos, das nur das Wrack und die Ruine einer früheren Welt ist.“48 Dixon berief sich auf die hier folgende Übersetzung von Adolf Bastian: Hin dreht der Zeitumschwung zum Ausgebrannten der Welt, Zurück der Zeitumschwung nach aufwärts wieder. Noch sonnenlos die Zeit verhüllten Lichtes, Und schwankend nur im matten Mondgeschimmer Aus Makalii’s mächt’gem Wolkenschleier Der letzte Satz findet sich nur bei Anderson (150); er fehlt bei Neckel und Niedner; Gering läßt das ganze „Nachwort” weg. 48 R.B. Dixon, Oceanic Mythology (1910), 70. 47
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Durchzittert schattenhaft das Grundbild künftiger Welt.49 Auf diese Weise sang vor langer Zeit ein ozeanischer Empedokles. Das Gedicht war nach einer sehr alten königlichen Überlieferung entworfen – so wie auch Vergil das seinige nach der Geschichte des Gens Julia schuf –, denn es wurde angenommen, daß die wirkliche Abstammungslinie hawaiischer Könige auf Kane (in anderen Inselgruppen Tane) zurückgeht, den Deus Faber des Pazifik. ⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯
Adolf Bastian, Die heilige Sage der Polynesier (1881), 69-121. Wir haben uns auf die deutsche Übersetzung von Bastian verlassen, der eine hervorragende Autorität in polynesischer Kultur und Sprache war. Heutige Experten gehen ihre eigenen Wege. Martha Warren Beckwith [Hawaiian Mythology (1940), 58] übersetzt die letzten drei Zeilen wie folgt; „Zu der Zeit, da die Erde heiß wurde / Zu der Zeit, da sich das Firmament herumdrehte / Zu der Zeit, da sich die Erde verdunkelte / Um den Mond scheinen zu lassen / Zur Zeit des Aufgangs der Plejaden.” Für die Diskussion weiterer Übersetzungen und Deutungen dieser Stelle siehe Martha Warren Beckwith, The Kumulipo (1972), 42-49. Was Makalii (Maori; Matariki; mikronesische und melanesische Dialekte buchstabieren das Wort Makarika und dergleichen) betrifft, so handelt es sich um den Namen der Plejaden, obgleich wir viel häufiger auf die Wortverbindung „das Netz von Makalii” stoßen (in korrekter Form: Huihui-o-Matariki, das heißt: das Büschel von Matariki). Die „Person” Makalii, der dieses Netz – wie auch ein zweites, das wir aus gutem Grund für die Hyaden halten – gehört, bleibt im dunkeln. Siehe Edward Tregear, The Maori-Polynesian Comparative Dictionary (1891) s.v. Matariki; Nathaniel B. Emerson, Unwritten Literature of Hawaii (1909), 17; Maud W. Makemson, The Morning Star Rises: An Account of Polynesian Astronomy (1941), Nr. 327, 380; Beckwith (op. cit.), 368; Kenneth P. Emory, Tuamotuan Religious Structures and Ceremonies (1947), 61. Für die Hyaden und Plejaden als „himmlische Fangnetze” in der chinesischen Sphäre siehe G. Schiegel, L’Uranographie Chinoise (1875/1967), 365-370. 49
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Warum schrieb er des Knaben Werk und Weise Als des Verlobten Gottes vor, bestimmt Zu großen Dingen, wenn ich hier, verraten, Blind und gefangen … enden muß? … O Nacht, Nacht, Nacht, im vollen Mittagsglanz, Unrettbare, vollständ’ge Finsternis Ohn’ alle Tageshoffnung! O erstgeschaffener Strahl, du großes Wort: „Es werde Licht, und Licht ward über allem“, Warum entbehre ich dein erst Gebot? MILTON
Die biblische Geschichte von Samson nimmt sich aus wie ein Gespinst aus Absurditäten. Lange müssen sich die Sonntagsschüler ihren Kopf über die Waffe zerbrochen haben, mit der er die Philister tötet. Aber es gibt noch mehr, über das man verdutzt sein kann (Buch der Richter XV): 15. Und er fand einen frischen Eselskinnbacken. Da streckte er seine Hand aus und nahm ihn und erschlug damit tausend Mann. 16. Und Simson sprach: Mit eines Esels Kinnbacken habe ich sie geschunden; mit eines Esels Kinnbacken habe ich tausend Mann erschlagen. 17. Und als er das gesagt hatte, warf er den Kinnbacken aus seiner Hand, und man nannte die Stätte Ramath-Lehi (das heißt: Kinnbackenhöhe).
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18. Als ihn aber sehr dürstete, rief er den HERRN an und sprach: Du hast solch großes Heil gegeben durch die Hand deines Knechts; nun aber muß ich vor Durst sterben und in die Hände der Unbeschnittenen fallen, 19. Da spaltete Gott die Höhlung im Kinnbacken, daß Wasser herausfloß. Und als er trank, kehrte sein Geist zurück, und er lebte wieder auf. Darum heißt der Ort „Quell des Rufenden”; die ist in Lehi bis auf den heutigen Tag. 20. Und er richtete Israel zu den Zeiten der Philister zwanzig Jahre.1
In der Revised Standard Version wurde die Passage von anstö- 153 ßigen Stellen bereinigt, um sie plausibler zu machen; dennoch ist Vers 18 eine unübersehbare Erinnerung daran, daß es kein gewöhnlicher Knochen war, denn jener Kinnbacken befindet sich im Himmel. Die Babylonier bezeichneten mit ihm die Hyaden, die im Sternbild des Taurus den „Kinnbacken des Stiers” darstellten.2 Wenn wir den klassischen Beinamen „die regnerischen Hyaden” in Erinnerung haben, so deshalb, weil Hyaden „wässrig” bedeutete. Im babylonischen Schöpfungsepos, das Samson vorwegnimmt, verwendet Marduk die Hyaden als eine dem Bumerang ähnliche Waffe, um die Brut der Himmelsungeheuer zu vernichten. Die ganze Geschichte spielt sich nur unter Göttern ab. Es ist außerdem bekannt, daß Indras mächtige Waffe Vajra – der Donnerkeil, der aus dem pferdeköpfigen Dadhyank gemacht worden war – nicht von dieser Welt war (Appendix 23). In Südamerika, wo Stiere noch unbekannt waren, sprachen die Arawaks, die Tupi und die Quechua von Ecuador vom „Kieferknochen des Tapirs”,3 der mit dem großen Gott Hunrakan (woHier wie im folgenden wird aus der 1964 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland genehmigten Fassung des im selben Jahr revidierten Texts der Luther-Bibel zitiert. 2 Der babylonische Name ist gisDA; siehe P.F. Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 96. 3 Robert Lehmann-Nitsche, Das Sternbild des Kinnbackens (1936), 8; er konstatiert einen „Orion gnatophoros/Kinnbacken träger“ [siehe auch 1
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von Hurrikan) in Verbindung gebracht wurde. An unserem Firmament lautet der Name des himmlischen Samson Orion, der mächtige Jäger alias Nimrod. Als solcher wird er sogar in China angesehen, wo er als „Kriegsherr Tsan”4 auftritt, unter dessen Regentschaft die großen Herbstjagden stattfanden. Die Hyaden fungierten als Handnetz für Hasen und anderes Kleinwild, die Plejaden als Standnetz für Großwild.5 In Kambodscha wurde Orion zu einer Tigerfalle,6 bei den Dajak auf Borneo zur „Falle für Schweine und wilde Tiere”; die Hyaden bezeichneten die Dajak mit „Rahang/Kinnbacken”.7 Und in Polynesien, das ohne Großwild auskommen muß, findet sich Orion in Gestalt einer großen Vogelfalle wieder,8 mittels derer Maui, der Kulturheros und Trickster die Sonne fing. Als ihm dies geglückt war, verprügelte er sie. Und womit? Mit dem Kieferknochen von Muri Ranga Whenua, seiner eigenen hochgeschätzten Großmutter. Wenn man Samson wieder auf die Erde zurückholt, wird er zu einem grotesken Charakter, oder vielmehr: zu einer Person, die überhaupt keinen Charakter hat – mit Ausnahme seiner manischen Gewalttätigkeit und seinen Leidenschaftsausbrüchen. Nachdem man sein chaotisches und launenhaftes Leben kennengelernt hat, überfällt es einen wie ein Schock, wenn man liest; „Und er richtete Israel über zwanzig Jahre.” Denn wenn irgend jemand jeglicher Urteilskraft beraubt war, so war es dieser Berserker. Wie Frazer bemerkt, hat man seine Zweifel, ob er der
R. Lehmann-Nitsche in Res. Mus. de la Plata 26 (1921), 17-69J; für Peru siehe A. Bastian, Die Culturländer des Alten Amerika I (1878), 603. 4 G. Schlegel, Uranographie Chinoise (1875), 333f: „Tsan, Dux, grand chef militaire”. 5 G. Schlegel, op.cit., 366-368. 6 A. Bastian. Zschr. Ges.f. Erdkunde / (1866), 40f. 7 Alfred Maass, Tijdschr, 64 (1924/25), 403 mit Anm. 36 und 37. 8 Maude Makemson, The Morning Star Rises (1941), Nrs. 650, 655, 692, 693; Elsdon Best, Astronomical Knowledge (1922), 38.
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Richterbank zur besonderen Zierde gereichte.9 Dennoch haftet dieser Person eine mysteriöse Wichtigkeit an. Eine Reihe klassischer „Märchen-Motive” sind mit ihm verbunden, etwa das von der „Außenseele“ und deren Verrat durch eine Frau.10 Samson ist eine ungereimte Montage nichtmenschlicher Funktionen, die nicht länger auf verständliche Weise in Einklang gebracht werden konnten. Selbst das an die Taten des jungen Herakles gemahnende Zerreißen eines Löwen schaltet blitzartig zur Erzeugung von Bienen aus einem Kadaver – ein „Motiv”, das wir aus dem vierten Buch von Vergils Georgica kennen; dort allerdings handelt es sich um den Kadaver eines Stiers. Unter den vielen unsinnigen Taten gibt es einige, die aus dem Rahmen fallen. Samson war verstimmt (Buch der Richter XIVXV), weil die Frau seines Herzens, eine Philisterin, den Söhnen ihres Volkes die Lösung seines Rätsels über den Löwen verraten hatte – „Speise ging aus vom Fresser / und Süßigkeit vom Starken” –, so daß er für seine letzte Wette einen Pfand zu zahlen hatte. XIV.19. Und der Geist des HERRN geriet über ihn, und er ging hinab nach Askalon und erschlug dreißig Mann unter ihnen und nahm ihre Gewänder und gab Feierkleider denen, die das Rätsel erraten hatten. Und sein Zorn entbrannte, und er ging hinauf in seines Vaters Haus. 20. Aber Simsons Frau wurde seinem Gesellen gegeben, der sein Brautführer gewesen war. XV. I. Es begab sich aber nach einigen Tagen, um die Weizenernte, daß Simson seine Frau besuchte mit einem Ziegenböcklein. Und als er dachte: Ich will zu meiner Frau in die Kammer gehen, da wollte ihn ihr Vater nicht hinein lassen 2. und sprach: Ich meinte, du bist ihrer ganz überdrüssig geworden, und ich habe sie deinem Gesellen gegeben. Sie hat aber eine jüngere Schwester, die ist schöner als sie; die nimm statt ihrer. 9 10
J.G. Frazer, Folklore of the Old Testament II (1911), 480. J.G. Frazer, op.cit, 483-502.
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3. Da sprach Simson zu ihnen: Diesmal bin ich frei von Schuld, wenn ich den Philistern Böses tue. 4. Und Simson ging hin und fing dreihundert Füchse, nahm Fackeln und kehrte je einen Schwanz zum andern und tat eine Fackel je zwischen zwei Schwänze 5. und zündete die Fackeln an und ließ die Füchse in das Korn der Philister laufen und zündete so die Garben samt dem stehenden Korn an und Weinberge und Ölbäume. 6. Da sprachen die Philister: Wer hat das getan? Da sagte man: Simson, der Schwiegersohn des Timniters, weil er ihm seine Frau genommen und seinem Gesellen gegeben hat. Da zogen die Philister hin und verbrannten sie samt ihrer Familie mit Feuer. 7. Simson aber sprach zu ihnen: Wenn ihr das tut, so will ich nicht ruhen, bis ich mich an euch gerächt habe. 8. Und er schlug sie zusammen mit mächtigen Schlägen und zog hinab und wohnte in der Felsenkluft von Etam. 155
Wir lassen den großen Simson in seiner Felsenkluft sitzen – ein kurzes Intermezzo, bevor er sich wieder auf seine eigene unberechenbare, unbesonnene und griesgrämige Weise daran macht, seine Feinde zu provozieren – und nutzen die Zeit zur Reflexion. Dreihundert Füchse zu fangen, sie einzupferchen und paarweise an den Schwänzen festzubinden, nur um einen Groll abzureagieren – das sieht mehr nach dem Tagtraum eines jugendlichen Delinquenten oder eines Paul Bunyan beziehungsweise „Starken Hans“ aus denn nach der Heldentat eines Kriegers. Es ist, als ob sich die Heilige Schrift daran erinnert hätte, daß er ja eigentlich als großer Jäger dastehen muß, aber seine Jagdchance verpaßt hat. Schließlich sind Löwen nicht hinter jeder Gartenhecke anzutreffen, wohingegen das bei Füchsen schon eher der Fall sein kann – und sei es nur als Plagegeisten. Wir wissen allerdings von Ovid, daß während des Ceres-Festes am 19. April Füchse mit brennendem Fell durch den Zirkus gejagt wurden.11 11
Ovid, Fasti. Festkalender Roms (i960), IV, 679ff: „Tertia post Hyades
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Das mag der eigentliche Zusammenhang sein. Die heutigen Erläuterungen zu den „Fruchtbarkeitsriten” sind so unzulänglich, daß es in der Sache vermutlich weiterbringt, sich der dreihundert „Elite”-Hunde zu erinnern, die Gideon für seine Bande rekrutierte und für die es noch immer keine Erklärung gibt. Man sollte außerdem einer noch wichtigeren Angelegenheit Beachtung schenken, auf die Felix Liebrecht aufmerksam gemacht hat: das „Sada-Fest”, aus dessen Anlaß in allen iranischen Landstrichen Tiere angezündet und – brennend! – gejagt wurden.12 Aber das Hauptthema der Geschichte wird klarer hervortreten, wenn es in eine völlig andere Erzähltradition transponiert wird, nämlich in die Abenteuer des japanischen Gottes Susa-noWo. Sie finden sich in den „Heiligen Schriften” Japans, dem Kojiki (= „Geschichte der Begebenheiten im Altertum”) und dem Nihongi (oder Nihonshoki = „Japanische Annalen”), die im achten Jahrhundert n. Chr. aufgezeichnet wurden, aber in unbekannte Zeit zurückreichen. Der Nihongi ist das volle Äquivalent dessen, was die Bibel in jüngerer Vergangenheit für uns war. Und er ist sogar noch mehr, denn „dieses System von Sagen, das für uns Folklore, für die Menschen des Archipels hingegen glaubwürdige Geschichte darstellt, ist mit den Wurzeln all dessen verwoben, was japanisch ist.” Das Zitat stammt von Post Wheeler, dem wir die jüngste Übersetzung des Corpus japanischer Mythen verdanken. An anderer Stelle sagt er: „In keinem anderen Land fincum lux erit orta remotas / carcere partitos Circus habebit equos. / cur igitur missae vinetis ardentia taedis / terga ferant volpes, causa docenda mihi est (Naht sich der dritte Morgen, nachdem die Hyaden entschwanden, / stellen im Zirkus getrennt dann die Gespanne sich auf, / Aber warum man mit aufgebundenen brennenden Fackeln / Füchse heut hetzt – der Grund steht zur Erklärung noch aus.)”. Ovids begründende Erklärung allerdings klingt wenig überzeugend. Vgl. auch J.G. Frazer, Ovid’s Fasti III, 330-333. 12 F. Liebrecht, Zur Volkskunde (1879), 261f. Der von ihm zitierte Hyde (1760, 2550 gibt an, das Fest heiße auf Arabisch „nox incendii”.
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den wir die heilige Sage eines Volkes so verknüpft mit den täglichen Gedanken und dem alltäglichen Leben. Ihre Episoden starren uns aus jedem Winkel und jeder Seitenstraße an. Der uranfängliche Mythos vom Abschlachten der achtfach gegabelten Schlange durch die Gottheit Mutig-Schnell-Ungestüm-Männlich, dem Bruder der Sonnengöttin Leuchtend-Scheinende, ist auf japanischem Papiergeld abgebildet. Ich habe ihn au grand sérieux in Tokios Kaisertheater produziert gesehen, in derselben Woche wie eine von Ibsens Tragödien und eine Wiener Operette.”13 Der größte Teil der hebräischen Mythologie kommt im Gewand des groben Hanfgewebes der Bauern und Patriarchen Palästinas daher. Der japanische Mythos hingegen zeigt die Merkmale eines verfeinerten Feudalismus, hinter dem die barocke Eleganz und Phantasie spätchinesischer Kultur stehen. Unter dieser Prämisse wird hier die Geschichte des japanischen Samson, Susa-no-Wo, wiedergegeben, dessen Name Mutig-SchnellUngestüm-Männlich bedeutet. Eine bessere Serie von Attributen kann es für Mars nicht geben. Auch Susa-no-Wo ist offiziell ein Gott, zumal seine Schwester Amaterasu, die Sonnengöttin, noch heute als Ahne der kaiserlichen Dynastie verehrt wird. Die höfischen Vorrechte sind säuberlich eingefädelt; der Held muß sich nicht länger als ein ungehobelter Kerl vom Stamme Dan maskieren, der in Askalon wütete und sich in Gaza selbst vernichtete. Nun hatte man Susa-no-Wo aus dem Himmel verbannt, weil er das Hinterteil seines rückwärts-geschundenen scheckigen Zuchthengstes in die Webhalle seiner Schwester Amaterasu geworfen hatte. Die plötzlichen unhöfischen Gesten scheinen Teil des Codes zu sein: So hatte Enkidu die Hinterpartie des Himmelsstiers in Ischtars Gesicht geworfen; aber hier gibt es das ergänzende Codemerkmal des rückwärtsgeschundenen Tiers. Susa-no-Wos Geste veranlaßte die Sonnenherrin, sich verärgert in eine Höhle zurückzuziehen: Die Welt war in Finsternis getaucht. 13
V. Wheeler, The Sacred Scriptures of the Japanese (1952), Vf.
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Daraufhin versammelten sich die 80.000 Götter in der Milchstraße, um Rat zu halten. Schließlich verfielen sie auf eine List, mit deren Hilfe sie die Sonne aus der Höhle locken und damit der Finsternis ein Ende bereiten konnten. Es war ein billiger Trick, Teil der üblichen Masche, mit der Rā in Ägypten, Demeter in Griechenland (die sogenannte Demeter Agelastos: die Nichtlachende Demeter) und Skadi im Norden beschwatzt wurden – offensichtlich eine weitere Code-Formel.14 Jetzt war das Licht der Welt wiederhergestellt; aber aus der Finsternis tretend, fand der Held-Gott auf der Erde keinen Platz, um sein Haupt zu betten. So wanderte er umher und schaffte es, die achtgabelige Schlange zu töten, wodurch er ein schönes Fräulein rettete. Anschließend arrangierte er „die Ziehung der Länder” sowie die Aussaat weiterer Länder, wobei er den Inseln jene Gestalt gab, die sie noch heute haben. Nachdem Mutig-SchnellUngestüm-Männlich den Himmel und die Erde bis zu ihren 157 Grenzen bereist hatte und sogar an der Die-den-Himmelsenkrecht-begrenzende-Mauer gewesen war, lebte er zunächst auf dem Berg Bären-Ödland und begab sich schließlich in die Untere Welt, die auch das Untere-entlegene-Land genannt wird. Zu diesem seinen Sitz gelangte ein Jason, nämlich der Kami (Göttlicher Prinz) Großer-Land-Gebieter, der auf der Suche nach einem hilfreichen Trick gegen seine Brüder war, „die 80 Kami”, die es schon mehrmals fertiggebracht hatten, ihn umzubringen (Himmel-Erschaffer hatte ihn immer wieder zu neuem Leben erweckt). Bevor er das Haus erreichte, hatte er Susa-no-Wos Tochter, Prinzessin Vorwärts, geheiratet; und diese Prinzessin sollte ihm treu ergeben sein, so daß er die verschiedenen „Stationen” überleben konnte,15 die Susa-no-Wo ihm als gebührende Der obszöne Tanz der alten Baubo, die im Eleusis auch Jambe genannt wird, entspricht den gleichermaßen anstößigen Scherzen, die Loki in der Edda treibt. Der entscheidende Punkt ist in allen Fällen, daß die Götter zum Lachen gebracht werden müssen (siehe Appendix 42). 15 Zum Vergleich der Abfolge beschwerlicher Höhlen, Löcher oder 14
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Gästezimmer vorbereitet hatte: das Feuer, das Schlangen-Haus, das Tausendfüßler-und-Wespen-Haus (Dostojewskis Swidrigailow muß ein großartiger Hellseher gewesen sein): Dann schoß Mutig-Schnell-Ungestüm-Männlich einen Brumm-Pfeil in die Mitte eines großen Gras-Ödlandes und schickte den Kami aus, um ihn zu holen; und just als dieser das Ödland betreten hatte., setzte er es von allen Seiten in Brand. Aber als Großer-LandGebieter keinen Weg aus dem Feuer heraus fand, kam eine Maus angelaufen und sagte: „Das Innere ist hohl-hohl; das Äußere ist schmal-schmal.“ Infolge dieser Worte stampfte er mit dem Fuß auf der betreffenden Stelle – und fiel in die Höhle, worin er sich versteckte, bis das Feuer über ihn hinweggegangen war. Da brachte ihm die Maus den Brumm-Pfeil in der Schnauze; und ihre Jungen brachten ihm die Federn des Pfeils auf dieselbe Weise. Derweil traf seine Gemahlin Prinzessin Vorwärts weinend ihre Vorbereitungen für sein Begräbnis, und ihr Vater bezog in dem Glauben auf dem Ödland Stellung, er sei tot; aber er fand seinen Gast dort stehend, der ihm den Pfeil brachte und überreichte. Darauf nahm Susa-no-Wo ihn mit in sein Haus und führte ihn in ein weiträumiges Zimmer, wo er Großer-Land-Gebieter aufforderte, ihm die Läuse vom Kopf zu lesen, unter denen viele Tausenfüßler hervorkamen. Seine Gemahlin gab ihm jedoch Beeren vom MukuBaum [Aphanante ospera, PlauchJ und roten Lehm; und er zerkaute die Beeren und spuckte sie mit dem roten Lehm aus, den er im Mund behielt, so daß der große Kami glaubte, er zerkaue die Tausendfüßler und spucke sie aus, worüber er in seinem Herzen ihm gewogen wurde und einschlief. Da band Großer-Land-Gebieter die Haare von Mutig-SchnellUngestüm-Männlich an die Dachbalken des Palastes. Und nachdem er die Tür mit einem von-fünfhundert-Mann-zu-schleppenden Felsen blockiert hatte, lud er sich seine Gemahlin Prinzessin Vorwärts auf die Schultern, ergriff Besitz von des großen Karnis Lebenbeschützendem Schwert, seinem Pfeil-und-Bogen sowie seiner „Häuser“, durch die Helden der Alten Well wie auch der Neuen Welt hindurch müssen, siehe L. Frobenius, Das Zeitalter des Sonnengottes (1904), 371f.
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himmlischen Verkündungs-Laute und floh. Aber die VerkündungsLaute schlug gegen einen Baum, so daß die Erde widerhallte. Der große Kami [Susa-no-WoJ erwachte von diesem Getön und riß den Palast nieder. Während er seine Haare vom Dachbalken löste, kam Großer- 158 Land-Gebieter auf seiner Flucht allerdings ein gutes Stück voran. Als er ihn bis zum Höhenpaß-des-Landes-der-Nacht verfolgt hatte und ihn von weitem erblickte, rief Mutig-Schnell-UngestümMännlich ihn an und sagte: „Mit dem großen Leben-beschützenden Schwert und dem Pfeil-und-Bogen, die du trägst, jage deinen Halbbrüdern nach, bis sie auf den erlauchten Abhängen der Hügel liegen und in die Strömungen der Flüsse gespült werden! Du aber, Kerl!, mache deinem Titel als Großer-Land-Gebieter sowie deinem Namen Geist-des-sichtbaren-Landes alle Ehre und meine Tochter Prinzessin Vorwärts zu deiner Hauptfrau, errichte starke Pfeiler für deinen Palast am Fuße des Berges Untersuchung, im tiefsten Felsengrund, und errichte die Querbalken hoch bis zum Gefilde des HohenHimmels – und dort wohne!” Darauf setzte Großer-Land-Gebieter, das große Lebenbeschützende Schwert und das Buch mit sich tragend, den achtzig Kami nach, zersprengte sie und sagte: „Der Zutritt zu dem Kreis, den der blaue Zaun der Berge bildet, soll ihnen verboten sein.“ Er verfolgte sie, bis sie auf dem erlauchten Abhang jeden Hügels lagen; er verfolgte sie, bis sie in jede Flußströmung gespült waren. Und dann begann er, das Land zu regieren. (Demzufolge wurde der Ort, an dem er sie überholte, Komm-Überhole genannt.)16
Im späteren Verlauf wird der „Genesis”-Teil des Nihongi die Bedingungen archaischer Theorie sehr exakt erfüllen. Selbst Nebensachen, die wie minderwertige Ausschmückungen anmuten – zum Beispiel die kleine Maus in ihrem Erdloch –, sind in Wirklichkeit wiederkehrende Elemente dieser altehrwürdigen Fuge. Weil wir uns hier nur mit einer Thematik auf einmal beschäftiÜbersetzt nach P. Wheeler, The Sacred Scriptures of the Japanese (1952), 44f. Vgl. auch Karl Florenz, Die historischen Quellen der ShintoReligion (1919), 49ff. 16
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gen können, erscheint ein Großteil der Sage von Susa-no-Wo weitgehend beliebig, obgleich das bei Samson nicht weniger der Fall ist. Die Erzählung ist zudem auf verwirrende Weise mit anderen klassischen Themen verwoben, etwa mit den Sagen von Theseus und den Argonauten. Und doch ist da dieser Susa-noWo, jemand, der es zur Mittagszeit finster werden läßt und wie Samson mit „wunderbarer Kraft in den Locken” ausgerüstet ist, der „mit dem Zapfen des Balkens und dem Netz davonging”, der Dachsparren, Felsen und Tore sowie Masten mit sich gehen läßt als er einen Palast niederreißt (zur Abwechslung seinen eigenen) und der niedrig-geborene Frevler, die „innerhalb des Kreises, den der blaue Zaun bildet” unerwünscht sind, schlägt und in alle Himmelsrichtungen zersprengt. Aber der Nihongi zeigt das umfassendere Schema auf, innerhalb dessen die alte Ordnung zerschlagen wird und die Fundamente einer neuen Ordnung errichtet werden: „… errichte starke Pfeiler für deinen Palast am Fuße des Berges Untersuchung, im tiefsten Felsengrund, und errichte die Querbalken hoch bis zum Gefilde des Hohen-Himmels – und dort wohne!” Der Gott hat nicht nur gerichtet und gerecht verteilt, in seiner Eigenschaft als neuer König der Unterwelt hat er auch die Zukunft etabliert17 und für sie vorgesorgt: Er hat sich in seinem Ogygia schlafen gelegt und seinen Nachfolger zum Herrscher des neuen Zeitalters ernannt. GroßerLand-Gebieter mußte außerdem etwas in dem Unterenentlegenen-Land besorgen (dorthin gehen in Japan die Verstorbenen durch zahllose Windungen über Land, wohingegen der Sollte es eine ähnliche Bewandtnis haben mit Samsons einziger Tätigkeit – abgesehen von einem Zwischenspiel mit einer Buhlerin – während seines Aufenthalts in Gaza, von der Richter XVI.3 uns Kunde gibt? „Vor Mitternacht aber stand er auf, faßte die beiden Flügel des Stadttores samt den beiden Pfosten und hob sie zugleich mit dem Riegel aus. Sodann legte er sie auf seine Schultern und trug sie auf den Gipfel des Berges, der Hebron gegenüberliegt.” 17
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Strudel im Meer nur dazu gut ist, die „mit Sünde Beschmutzten” ins Reich der Toten zu befördern): Er war dorthin geschickt worden, um sich von Susa-no-Wo (der ihn auf den ersten Blick wie folgt identifizierte: „Dies ist der Kami Häßlich-Männlich-vonden-Schilf-Ebenen.“) „Rat” zu holen, den er schließlich auch bekam – und dem er das wertvolle Leben-beschützende Schwert hinzufügte, das Susa-no-Wo im Schwanz der achtgabeligen Schlange gefunden hatte, sowie den „Pfeil-und-Bogen” und seine Himmel-sprechende-Laute, nicht zu vergessen Prinzessin Vorwärts. Eine komplizierte Angelegenheit. Aber der Große-LandGebieter tritt unzweifelhaft in der Rolle des Jupiter gegen Susano-Wos Mars an – dies um so mehr, als sich seine geliebte Prinzessin Vorwärts als extrem eifersüchtig entpuppt. Nach diesem fernöstlichen Zwischenspiel läßt sich Samsons eigene Tragödie nunmehr in einem klareren Licht betrachten (Buch der Richter XVI): 19. Und sie [Delila] ließ ihn einschlafen in ihrem Schoß und rief einen, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschnitt. Und sie fing an, ihn zu bezwingen – da war seine Kraft von ihm gewichen. 20. Und sie sprach zu ihm: Philister über dir, Simson! Als er nun von seinem Schlaf erwachte, dachte er: Ich will frei ausgehen, wie ich früher getan habe, und will mich losreißen. Aber er wußte nicht, daß der HERR von ihm gewichen war. 21. Da ergriffen ihn die Philister und stachen ihm die Augen aus; führten ihn hinab nach Gaza und legten ihn in Ketten; und er mußte die Mühle drehen im Gefängnis.18 22. Aber das Haar seines Hauptes fing wieder an zu wachsen, nachdem es geschoren war. 23. Als aber die Fürsten der Philister sich versammelten, um ihrem Gott Dagon ein großes Opfer darzubringen und ein Freudenfest zu feiern, sprachen sie: Laßt Simson holen, daß er vor uns seine Späße treibe. Da holten sie Simson aus dem Gefängnis, und er trieb seine Späße vor ihnen, und sie stellten ihn zwischen die Säulen. 18
Siehe hierzu erneut Appendix 14.
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24. Als das Volk ihn sah, lobten sie ihren Gott, denn sie sprachen: Unser Gott hat uns unsern Feind in unsere Hände gegeben, der unser Land verwüstete und viele von uns erschlug. 26. Simson aber sprach zu dem Knaben, der ihn an der Hand führte: Laß mich los, daß ich nach den Säulen taste, auf denen das Haus steht, damit ich mich daran lehne. 27. Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. 28. Simson aber rief den HERRN an und sprach: Herr HERR, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern! 29. Und er umfaßte die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie 30. und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, so daß es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.
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Das ist die ganze große Geschichte, die zahllose Variationen erfahren hat. Die allgemeine Konstruktion der Tragödie ist offensichtlich fehlerhaft, und zwar noch mehr als die meisten biblischen Erzählungen, die sich gegenüber solchen Überlegungen völlig gleichgültig verhalten. Auch wenn Samson tatsächlich als „Gottgeweihter geboren” sein sollte (Richter XVI.17)19 – dank der Vorsehung Gottes, „der nach einer günstigen Gelegenheit suchte, um mit den Philistern abzurechnen” (Richter XIV.4) –, so ist er doch nicht vergleichbar mit Oberhäuptern wie Josua oder Gideon. Er bleibt – in den Worten des Mythos gesprochen – eine fehlgelenkte Rakete. Die meisten großen Heldentaten der mythistorischen So übersetzt K. Lautzsch; Luther: „Verlobter Gottes”: LXX: hágios theou. Siehe für diese Nasiräer (von hebr. nāzîr = Gott geweiht) Numeri VI, Kautzsch-Über Setzung 193f.
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Vergangenheit wären der Aufmerksamkeit der Nachrichtenmedien ohnehin entgangen; aber Samsons Leistungen ergeben – selbst auf der Mikroebene palästinensischer Machtpolitik – so wenig Sinn, daß Milton sich schwer tut, die Art zu rechtfertigen, in der Gott mit den Menschen umgeht. Gewisse „zentrale” Ereignisse – wie der Sturz des Königshauses, ob nun in Griechenland, Babylonien oder Dänemark – haben einen wahrheitsgetreueren und tieferen Nachhall. Das ist der Grund, warum sich große Motive wie „Finsternis am Mittag” oder „das Niederreißen des Gebäudes“ zu einem umfangreichen Thema vereinen, welches offensichtlich kosmischer Natur ist, hier allerdings verschleiert wurde. Kojiki und Nihongi sind diesem Niveau treuer geblieben. In der Arabeske aus ineinander verschlungenen Motiven lassen sich jene markieren, in denen die Thematik des „Niederreißens des Bauwerks” deutlich sichtbar ist. Der mächtige Held Whakatau der Maori hatte das Ende des Seils fest im Griff, das um die Stützen des Hauses geschlungen war; und während er hinauslief, zog er es mit seiner ganzen Kraft hinter sich her, und auf der Stelle fiel das Haus zusammen, alles, das in ihm war, zermalmend, so daß der ganze Stamm umkam; und Whakatau setzte es in Brand.20
Das klingt vertraut. Aus der Geschichte taucht mindestens ein Ereignis dieser Art auf. Es kam über das erste Versammlungshaus der pythagoreischen Sekte und ist als nüchterner Bericht über das Resultat eines politischen Konflikts abgefaßt; doch war die Legende um Pythagoras in frühen Zeiten so kunstvoll aus vorgefertigten Materialien konstruiert, daß Zweifel erlaubt sind. 161 Das Wesen des wahren Mythos besteht darin, sich hinter der Maske scheinbar objektiver und alltäglicher Einzelheiten, die bekannten Tatsachen entliehen sind, zu verbergen. Aber wie auch immer es sein mag, in vielen Geschichten ist die Zerstörung des Gebäudes mit einem Netz verbunden. Saxos Amlethus reißt 20
George Grey, Polynesian Mythology (1956, 1. Ausgabe 1855), 97f.
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keine Säulen ein; er erscheint wieder – wie Großer-Land-Gebieter persönlich – bei jenem Festmahl, welches der König anläßlich des vermeintlichen Begräbnisses von Amlethus gibt. Er wirft das von seiner Mutter vorbereitete Netz aus geknüpften Teppichen über die betrunkene Menge und brennt die Halle nieder. Die japanische Parallele geht über diesen Punkt nicht hinaus, aber dennoch hat sie ihre eigene Relevanz. Sie suggeriert den Sturz des Hauses von Atreus. Das Netz, das Klytaimnestra über den im Bad kämpfenden König wirft, kann nicht zufällig mit hineinspielen. Aber noch ist das ein ungewisser Anhaltspunkt. Das Heilige Buch der alten Maya-Quiché, das Popol Vuh (Das Buch des Rates), erzählt von Zipacna, dem Sohn des VucubCaquix (= Sieben Arara). Er sieht 400 junge Leute, die einen riesigen Baumstamm hinter sich her ziehen, den sie als Firstbalken für ihr Haus verwenden wollen. Mühelos trägt Zipacna den Stamm ganz alleine zu der Stelle, wo ein Loch für den Pfeiler gegraben wurde, der den Firstbalken stützen soll. Die neidischen und verängstigten Jugendlichen versuchen, Zipacna zu töten, indem sie ihn in dem Loch zerquetschen. Aber er entkommt und läßt das Haus über ihren Köpfen einstürzen. Sie werden als „Gruppe“ in den Himmel versetzt; und nach ihnen sind die Plejaden benannt (Appendix 24). Dann tritt ein wahrer Rächer-seines-Vaters auf, der tuamotuanische Tahaki, der nach langen Reisen bei Dunkelheit das Haus der Kobold-Bande erreicht, die seinen Vater quälte. Er läßt durch einen Zauber „die starke Kälte von Havaiki” (der anderen Welt) über sie kommen, die sie einschläfert. Dann sammelte Tahaki das Netz auf, das ihm Kuhi gegeben hatte, und trug es zur Tür des langen Hauses. Daraufhin setzte er das Haus in Brand. Als die Myriaden von Kobolden gemeinsam schrien: „Wo ist die Tür?”, rief Tahaki ihnen zu: „Hier ist sie.” Sie glaubten, es sei einer aus ihrer Bande, der so gerufen hatte, und so liefen sie kopfüber in das Netz. Und Tahaki verbrannte sie im Feuer.21 21
J. Frank Stimson, The Legends of Maui and Tahaki (1934), 51, 66.
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Wofür das Netz stehen könnte, ist aus der Geschichte von Kaulu bekannt. Dieser abenteuerliche Held, der eine Kannibalin umbringen wollte, floh zuerst zu dem großen Gott Makalii und bat ihn um seine Netze, die Plejaden und Hyaden, in welche er die Böse einwickelte, bevor er ihr Haus niederbrannte.22 Es ist klar, wem die Netze dort oben gehören. Auf dem FarneseGlobus befinden sich die Plejaden in der rechten Hand Orions,23 und für gewöhnlich wurden sie „Lagôbólon” (Hasen-Schläger) 162 genannt. In China waren die Plejaden, wie bereits erwähnt, das Netz für die Jagd auf Großwild, die Hyaden für die Jagd auf Hasen und anderes Kleinwild.24 Am Ende dieser weitreichenden Erkundung ist es nunmehr angebracht zu fragen, wer Samson gewesen sein könnte. Auf jeden Fall war er ein Gott und damit eine planetarische Macht, denn nichts anderes waren die Götter damals. Als Mutig-SchnellUngestüm-Männlich, als der starke Nasiräer, trägt er alle Wesensmerkmale, die zu keinem anderen als zu Mars gehören. Während wir noch versuchen, die Abschlußphase der Untersuchung von Amlethus-Kronos, dem König der Kosmischen Mühle, nachzuzeichnen, ist zweifellos etwas anderes in unser Blickfeld getreten, nämlich die neue und furchterregende Persönlichkeit des Mars – beziehungsweise Ares, wie die Griechen ihn nannten. Er wird mehr als einmal eine Rolle spielen. Es steht jedoch außer Frage, daß der Name Samsons ziemlich unvermittelt mit dem Sampo, der ursprünglichen Mühle, in Verbindung gebracht wird. Er war klar und unmißverständlich ein Teil des Amlethus-Musters. An diesem Punkt muß die Einmischung dieser neuen planetarischen Macht auffallen. Susa-no-Wo ersetzt Kronos sogar in der diesem eigenen Herrschaft über die Unterwelt. Es wäre wünschenswert gewesen, die beiden Mächte getrennt voneinander und jede in ihrer eigenen Gestalt vorzustellen, wie Abraham Fornander, Hawaiian Antiquities (1916-1920), 4, 350f; 5, 368. Robert Eisler, Orpheus the Fisher (1921). 25f. 24 G. Schlegel, L’Uranographie Chinoise (1967), 351-358, 365-370. 22 23
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es später geschehen wird. Aber mit ihren vielen Fäden folgt die Sage ihren eigenen Regeln. Es gibt keine divergierenderen Kräfte als Saturn und Mars; doch ist dies nicht das einzige Mal, daß die beiden als verwirrende und ungeklärte Dublette auftreten. Das Motiv der Zerstörung wird oft mit der Amlethus-Figur assoziiert. Das andere Motiv ist spezifischer für Mars. Es gibt einen bestimmten Aspekt der Blindheit bezüglich Mars, auf den sowohl der harranische als auch der mexikanische Mythos beharren. Er findet sogar bei Vergil seinen Niederschlag: „caeco Marte”.25 Aber er steht nicht nur für blinde Wut; wir treffen hier zum erstenmal auf die Doppelfigur von Mars und Saturn, die uns in Mexiko in den Gestalten des Schwarzen und des Roten Tezcatlipoca wiederbegegnet. Innerhalb der Großen Sage gibt es offenkundig eine bestimmte Phase, in der die zerstörerischen Kräfte des entfesselten Mars ein schicksalhaftes Bündnis mit der rächenden, unversöhnlichen Veranlagung des Saturn eingehen. Mit seinem außergewöhnlichen Scharfblick hat Shakespeare auf beide angespielt, als er Hamlet den wütenden Laertes vor ihrem letzten Treffen warnen läßt: Denn obschon ich nicht jäh und heftig bin, So ist doch was Gefährliches in mir. Das ich zu scheun dir rate … 163
Aber augenscheinlich geht es um mehr, und was hier zutage tritt, lüftet den Schleier von einer fundamentalen archaischen Regel. Tatsächlich treten auf der Bühne des Universums nur wenige Schauspieler auf, auch wenn ihre Abenteuer zahlreich sind. Der größte „altehrwürdige Schatz” – wie Aristoteles sich ausdrückte –, der uns von unseren Vorfahren vor Urzeiten hinterlassen wurde, ist der Gedanke, daß die Götter in Wirklichkeit SterVergil, Aeneis II, 335; siehe auch IX; vgl. Georg Rabuse, Der kosmische Aufbau der Jenseitsreiche Dantes (1958), 59. Die Blindheit des Mars wird jedoch in einem anderen Zusammenhang behandelt werden müssen.
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ne sind und daß es neben ihnen keine anderen Götter gibt. Die Mächte haben ihren Wohnsitz im Sternenhimmel, und all die Geschichten, Charaktere und Abenteuer, von denen die Mythologie erzählt, konzentrieren sich auf die aktiven Kräfte unter den Sternen – also auf die Planeten. Es mag sich wie eine ungeheuerliche Aufgabe für die wenigen Planeten ausnehmen, für all diese beinahe zahllosen Abenteuer verantwortlich zeichnen zu sollen. Aber was für den modernen Menschen bestenfalls die unterschiedlichen Bewegungen jener Uhrzeiger entlang dem Zifferblatt sein mögen, wurde – in Zeiten ohne Schrift, in denen alles Bildern und dem Gedächtnis anvertraut wurde – zum Großen Spiel, das über Äonen gespielt wurde, eine niemals endende Erzählung über Positionen und Relationen, die zu einer festgesetzten Stunde Null beginnt, ein komplexes Gewebe aus Begegnungen, Dramen, Paarungen und Konflikten. Lukian von Samosata – jener höchst erquickliche Schriftsteller der Antike und Efinder der heutigen „Science-fiction”, der wußte, wie man mit ernsten Themen leicht und ironisch umgeht, ohne frivol zu werden, und der sich des „altehrwürdigen Schatzes“ voll bewußt war – bemerkte einmal, daß die lächerliche Geschichte von Hephaistos dem Lahmen, der seine Gemahlin Aphrodite mit Mars im Bett erwischt und daraufhin das Paar unter einem Netz festnagelt, um ihre Schandtat den anderen Göttern vorzuführen, daß diese Geschichte nicht bloße Einbildung war, sondern sich auf eine Konjunktion zwischen Mars und Venus bezogen haben muß.26 Lukian sagte nichts über den Ort; aber man darf vermuten, daß es sich um eine Konjunktion in den Plejaden handelte. Diese kleine Komödie mag hilfreich sein, das immer wiederkehrende Muster deutlich zu machen; Von ihrem dominierenden Einfluß einmal abgesehen, fungierten die Konstellationen als Kulissen, Kostüme und Masken – selbstredend auch als Häuser, 26
Lukian, Astrologia 22.
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Fahrzeuge, Waffen, Instrumente usw. –, deren sich die Mächte im Verlauf ihrer himmlischen Abenteuer zu festgesetzten Zeiten bedienten. Im Falle der Amlethus-Samson-Epiphanie könnte keiner bestreiten, daß diese heftige Macht beziehungsweise zeitweilige Kombination von Mächten die Figur des blinden Orion abgibt, auch Nimrod der Jäger genannt, der drohend die Hyaden schwingt und wie Talos, der bronzene Riese von Kreta, die Sternenmühle antreibt. Denn jenes Indiz, welches den Fall entscheidet, ist genannt worden: Orion war blind, die einzige blinde Konstellationsfigur im Mythos. Es wird gesagt, er habe sein Augenlicht schließlich wiedergewonnen, wie es einem Unsterblichen gebührt. Aber die Sage porträtiert ihn auf diese Weise: durch das Meer watend, geführt von den Augen des Däumlings, der auf seiner Schulter sitzt und dessen Name Kedalion [kêdalon = aidoion, Penis) ein Rollenfach der Vulgärkomödie suggeriert. Aber was bilden wir uns ein, der himmlischen Versammlung Knigges Benimmregeln aufzudrängen?
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Al suo aspetto tal dentro mi fei Qual si fe’ Glauco nel gustar dell’erba Che il fe’ consorto in mar degli altri dei. DANTE
Was ein Mensch in den letzten Stunden seines Lebens zu sagen hat, verdient Aufmerksamkeit. Ganz besonders dann, wenn dieser Mensch Sokrates ist, der im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet und sich derweil mit seinen pythagoreischen Freunden unterhält. Er hat die Welt bereits hinter sich gelassen, hat sein philosophisches Testament gemacht und tauscht sich jetzt in aller Gelassenheit mit seiner eigenen Wahrheit aus. Das ist das Schlußwort des Phaidon (107D-115A), und es wird in der Form eines Mythos wiedergegeben. Merkwürdigerweise haben sich unzählige Kommentatoren nicht der Mühe unterzogen, es genauer unter die Lupe zu nehmen. Statt dessen haben sie sich damit zufriedengegeben, aus ihm einige fromme Allgemeinplätze über die Belohnungen der Seele zu extrahieren. Doch ist dieses Schlußwort eine nachdenkliche und bis ins einzelne ausgearbeitete Aussage, die einer Autorität gewidmet ist, welche Sokrates (beziehungsweise Platon) vorzugsweise nicht beim Namen nennt. Sie ist in ein seltsames physikalisches Gewand gekleidet. Es lohnt sich, Platons Vorschlag mit der ihm gebührenden Aufmerksamkeit anzunehmen. Sokrates begibt sich ruhig in die andere Welt; er gehört bereits zu ihren Bewohnern, und seine Worte stehen gewissermaßen für ein Übergangsritual:
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Denn man sagt ja, daß jeden Gestorbenen sein Dämon, der ihn schon lebend zu besorgen hatte, dieser ihn auch dann an einen Ort zu führen sucht, von wo aus mehrere zusammen, nachdem sie gerichtet sind, in die Unterwelt gehen mit jenem Führer, dem es aufgetragen ist, die von hier dorthin zu führen. Nachdem ihnen dann dort geworden ist, was ihnen gebührt, und sie die gehörige Zeit dageblieben, bringt ein anderer Führer sie wieder von dort hierher zurück nach vielen und großen Zeitabschnitten. Und diese Reise ist wohl nicht so, wie der Telephos des Aischylos sie beschreibt. Denn jener sagt, es führe nur ein einfacher Fußsteig in die Unterwelt; ich aber glaube, daß es weder einer ist noch ein einfacher. Sonst würde es ja keines Führers bedürfen, denn nirgendshin kann man ja fehlen, wo nur ein Weg geht. Nun aber mag er sich wohl oftmals teilen und winden. Dies schließe ich aus dem, was bei uns als heilige Feier eingeführt und gebräuchlich ist. Die sittsame und vernünftige Seele nun folgt und verkennt nicht, was ihr widerfährt; die aber begehrlich an dem Leibe sich hält, wie ich auch vorher sagte, drängt sich lange Zeit immer um ihn herum und um den sichtbaren Ort, und nach vielem Sträuben und vielen Versuchen wird sie endlich mit Mühe und gewaltsam von dem angeordneten Dämon abgeführt. Sie nun, die dahin kommt, wo auch die andern sich befinden, die unreine und die etwas dergleichen verübt hat, habe sie sich nun mit ungerechtem Morde befaßt oder anderes dergleichen begangen, was dem verschwistert und verschwisterter Seelen Werk ist, diese meidet jeder und weicht ihr aus und will weder ihr Reisegefährte noch ihr Führer werden; sie aber irrt in gänzlicher Unsicherheit befangen, bis gewisse Zeiten um sind, nach deren Verlauf die Notwendigkeit sie in die ihr angemessene Wohnung bringt. Die aber rein und mäßig ihr Leben verbracht und Götter zu Reisegefährten und Führern bekommen hat, bewohnt jede den ihr gebührenden Ort. Es hat aber die Erde viele und wunderbare Orte und ist weder an Größe noch Beschaffenheit so, wie von denen, die über die Erde zu reden pflegen, geglaubt wird, nach dem, was mir einer glaublich gemacht hat.” Darauf sagte Simmias: „Wie meinst du das, o Sokrates? Denn über die Erde habe auch ich schon vielerlei gehört, aber wohl nicht das, was dich befriedigt; darum möchte ich es gern hören.”
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„Das ist ja wohl keine große Kunst, o Simmias“, sagte er, „zu erzählen, was das ist; aber freilich, daß es so wahr ist, das möchte wieder schwerer sein als schwer; und teils möchte ich es vielleicht nicht können, teils auch, wenn ich es verstände, möchte doch mein Leben wenigstens, o Simmias, für die Größe der Sache nicht mehr hinreichen. Doch die Gestalt der Erde, wie ich belehrt bin daß sie sei, und ihre verschiedenen Orte hindert mich nichts zu beschreiben.” „Auch das”, sprach Simmias, „soll uns genug sein.” „Zuerst also bin ich belehrt worden, daß, wenn sie als runde inmitten des Himmels steht, sie weder Luft brauche, um nicht zu fallen, noch irgendeinen andern solchen Grund, sondern, um sie zu halten, sei hinreichend die durchgängige Einerleiheit des Himmels und das Gleichgewicht der Erde selbst. Denn ein im Gleichgewicht befindliches Ding in die Mitte eines anderen solchen gesetzt wird keinen Grund haben, sich irgendwohin mehr oder weniger zu neigen, und daher, auf gleiche Weise zu allem sich verhallend, wird es ohne Neigung bleiben. Dieses”, sagte er, „habe ich zuerst angenommen.“1 „Und sehr mit Recht”, sprach Simmias. „Dann auch, daß sie sehr groß sei und daß wir, die vom Phasis bis an die Säulen des Herakles reichen, nur an einem sehr kleinen Teile, wie Ameisen oder Frösche um einen Sumpf, so wir um das Meer herum wohnen, viele andere aber anderwärts an vielen solchen Orten. Denn es gebe überall um die Erde her viele Höhlungen und mannigfaltige von Gestalt und Größe, in welchen Wasser und Nebel und Luft zusammengeflossen sind; die Erde selbst aber liege rein in dem reinen Himmel, an welchem auch die Sterne sind und den die meisten, welche über dergleichem zu reden pflegen, Äther nennen, dessen Bodensatz nun eben dieses ist und immer in den Höhlungen der Erde zusammenfließt. Wir nun merkten es nicht, Bis jetzt geht es um Anaximander und sein Prinzip des Hinreichenden Urgrundes- Jedoch können wir keine weiteren Schlüsse ziehen: Sokrates befindet sich hier bereits tief in seinem eigenen Mythos und jenseits ionischer Physik, die seiner Meinung nach nicht emstgenommen werden sollte.
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daß wir nur in diesen Höhlungen der Erde wohnten, und glaubten, oben auf der Erde zu wohnen, wie wenn ein mitten im Grunde der See Wohnender glaubte, oben an dem Meere zu wohnen, und. weil er durch das Wasser die Sonne und die anderen Sterne sähe, das Meer für den Himmel hielte, aus Trägheit aber und Schwachheit niemals bis an den Saum des Meeres gekommen wäre, noch über das Meer aufgetaucht und hervorgekrochen, um diesen Ort zu schauen, wieviel reiner und schöner er ist als der bei ihm, noch auch von einem andern, der ihn gesehen, dies gehört hätte; geradeso erginge es auch uns. Denn wir wohnten in irgendeiner Höhlung der Erde und glaubten, oben darauf zu wohnen, und nennten die Luft Himmel, als ob diese der Himmel wäre, durch welchen die Sterne wandeln. Damit aber sei es gerade so, daß wir aus Trägheit und Schwachheit nicht vermöchten hervorzukommen bis an den äußersten Saum der Luft. Denn wenn jemand zur Grenze der Luft gelangte oder Flügel bekäme und hinaufflöge: so würde er dann hervortauchen und sehen, wie hier die Fische, wenn sie einmal aus dem Meere herauftauchen, was hier ist, sehen, so würde dann ein solcher auch das Dortige sehen, und wenn seine Natur die Betrachtung auszuhalten vermöchte, dann erkennen, daß jenes der wahre Himmel ist und das wahre Licht und die wahre Erde. Denn die Erde hier bei uns und die Steine und der ganze Ort hier ist zerfressen und verwittert, wie was im Meere liegt, vom Salz angefressen ist und nichts der Rede Wertes im Meere wächst, noch es irgend etwas Vollkommenes darin gibt, sondern nur Klüfte und Sand und unendlichen Kot und Schlamm, wo es noch Erde gibt, und nichts, was irgend mit unsern Schönheiten könnte verglichen werden; jenes aber würde wiederum noch weit vorzüglicher sich zeigen vor dem unsrigen. Und darf man wohl eine schöne Erzählung vorbringen, Simmias, so lohnt es wohl zu hören, wie das auf der Erde unter dem Himmel beschaffen ist.” „Gewiß”, sprach Simmias, „werden wir diese Erzählung gern hören, o Sokrates,” „Man sagt also zuerst, o Freund, diese Erde sei so anzusehen, wenn sie jemand von oben herab betrachtete, wie die zwölfteiligen ledernen Bälle, in so bunte Farben geteilt, von denen unsere Farben hier gleichsam Proben sind, alle die, deren sich die Maler bedienen.
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Dort aber bestehe die ganze Erde aus solchen und noch weit glänzenderen und reineren als diese. Denn ein Teil sei purpurrot und wunderbar schön, ein anderer goldfarbig, ein anderer weiß, aber viel weißer als Alabaster oder Schnee, und ebenso aus jeder anderen Farbe bestehe einer, und aus noch mehreren und schöneren, als wir gesehen haben. Denn selbst diese Höhlungen der Erde, welche mit Wasser und Luft angefüllt sind, bilden eine eigne Art von Farbe, welche in der Vermischung aller anderen Farben glänzt, so daß sie ganz und gar als ein ununterbrochenes Bunt erscheint. Auf dieser nun, die so beschaffen ist. wachsen verhältnismäßig ebensolche Gewächse, Bäume, Blumen und Früchte. Ebenso haben auch die Gebirge und Steine nach demselben Verhältnis ihre Vollendung und Durchsichtigkeit und schönere Farben, von denen aber auch unsere so sehr gesuchten Steinchen hier Teile sind, die Karneole und Jaspisse und Smaragden und alle dergleichen; dort aber sei nichts, was nicht so wäre und noch schöner als diese. Die Ursache hiervon aber sei, daß jene Steine rein sind und nicht angefressen noch verwittert wie die hiesigen von Fäulnis und Salzwasser, von dem, was hier zusammenfließt und Steinen und Erden und allen Gewächsen und Tieren Entstellungen und Krankheiten verursacht. Die Erde also sei mit all diesem geschmückt, und außerdem noch mit Gold und Silber und dem übrigen der Art, welches glänzend dort zu finden sei und in großer Menge wachse und überall auf der Erde, so daß sie zu schauen ein beseligendes Schauspiel sei. Tiere aber gebe es auf ihr vielerlei und auch Menschen, welche teils mitten im Lande wohnen, teils so um die Luft herum wie wir um das Meer, teils auch auf luftumflossenen Inseln um das feste Land her. Und mit einem Worte, was uns Wasser und Meer ist für unsere Be- 168 dürfnisse, das sei jenen dort die Luft, und was uns die Luft, das sei jenen der Äther. Und die Witterung habe eine solche Mischung bei ihnen, daß sie ohne Krankheit wären und weit längere Zeit lebten als die hiesigen, und ihr Gesicht, ihr Gehör und ihre Einsicht, und was sonst dahin gehört, ständen von dem unsrigen in demselben Maße ab, wie die Luft vom Wasser absteht und der Äther von der Luft in Hinsicht auf Reinheit. Auch hätten sie weiter Tempel und Heiligtümer für die Götter, in denen aber die Götter wahrhaft wohnen, und Stimmen, Weissagungen und Erscheinungen der Götter,
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und solcherart sei ihr Verkehr mit ihnen, von Angesicht zu Angesicht; und Sonne, Mond und Sterne sähen sie, wie sie wirklich sind, und dem sei auch ihre übrige Glückseligkeit gemäß, „So demnach sei die ganze Erde geartet und was sie umgibt; rund umher auf ihr aber gebe es nach Maßgabe ihrer Höhlung viele Orte, einige tiefer und weiter geöffnet als der, in welchem wir wohnen, andere wiederum tiefer, aber mit einer engeren Öffnung, als die unser Ort hat; und welche sind wohl auch flacher und dabei doch breiter als der hiesige. Alle diese wären nun unter der Erde gegeneinander durchgebohrt, enger und weiter, so daß sie Durchgänge haben unter sich, durch welche dann vieles Wasser aus einem in den andern fließt, wie in Becher, und daß es unversiegliche Ströme von unübersehbarer Größe unter der Erde gebe von warmen Wassern und kalten, und vieles Feuer und große Ströme von Feuer, viele auch von feuchtem Schlamm, teils reinerem, teils schmutzigerem, wie in Sizilien die vor dem Feuerstrome sich ergießenden Ströme von Schlamm und der Feuerstrom selbst, von denen dann alle Örter erfüllt werden, je nachdem jedesmal jeder seinen Umlauf nimmt. Und dieses alles bewege hinauf und hinunter gleichsam eine in der Erde befindliche Schaukel; diese Schaukel aber bestehe durch folgende Einrichtung ungefähr. Einer nämlich von diesen Erdspalten ist auch sonst der größte und quer durch die ganze Erde gebohrt. Dieser ist nun, wie Homeros davon singt, ‚Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde’, derselbe, den anderwärts er und auch sonst viele andere Dichter den Tartaros genannt haben. In diesen Spalt nun strömen alle diese Flüsse zusammen und strömen auch wieder von ihm aus; und alle werden so wie der Boden, durch welchen sie strömen. Die Ursache aber, warum alle Ströme von hier ausfließen und auch wieder hinein, ist, daß diese Flüssigkeit keinen Boden hat und keinen Grund. Daher schwebt sie und wogt immer auf und ab, und die Luft und der Hauch um sie her tut dasselbe. Denn dieser begleitet sie, sowohl wenn sie in die jenseitigen Gegenden der Erde strömt als wenn in die diesseitigen. Und so wie der Hauch der Atmenden in beständiger Bewegung immer einströmt und ausströmt: so auch dort bildet der mit der Flüssigkeit wogende Hauch heftige und gewaltige Winde sowohl im Hineingehen als im Herausgehen. Wenn nun strömend das Wasser nach der
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Gegend hin ausweicht, welche unten genannt wird: so fließt es in das Gebiet der dortigen Ströme und füllt es an wie beim Pumpen. Wenn es aber von dort sich wiederum wegzieht und hierher strömt, so erfüllt es dann die hiesigen. Diese, wenn sie erfüllt sind, strömen durch die Kanäle und durch die Erde; und wenn sie jeder in die Gegenden kommen, wohin sie jedesmal geleitet werden, so bilden sie Meere und Seen und Flüsse und Quellen. Von da tauchen sie nun wieder unter die Erde und, teils längere und mehrere Gegenden durchziehend, teils wenigere und kürzere, ergießen sie sich alle wieder in den Tartaros, einige viel weiter unten, als wo sie ausgepumpt wurden, andere nicht soviel, aber unterhalb ihres Ausflusses fließen sie alle ein; und einige strömen wieder ein gerade gegenüber der Stelle, wo sie ausgeflossen sind, andere auf der nämlichen Seite. Ja es gibt auch welche, die im Kreise herumziehen, ein oder mehrere 169 Male sich um die Erde winden wie Schlangen und dann, möglichst tief gesenkt, sich wieder hineinergießen. „Möglich ist aber von beiden Seiten nur, sich bis zur Mitte herabzusenken, weiter nicht. Denn für beiderlei Ströme geht das jenseitige wiederum aufwärts. „So gibt es nun gar viele andere große und verschiedenartige Strome, unter diesen vielen aber gibt es vorzüglich vier, von denen der größte und der am äußersten rund herum fließende der sogenannte Okeanos ist; diesem gegenüber und in entgegengesetzter Richtung fließend ist der Acheron, welcher durch viele andere wüste Gegenden fließt, vorzüglich aber auch unter der Erde fortfließend in den Acherusischen See kommt, wohin auch der meisten Verstorbenen Seelen gelangen, und nachdem sie gewisse bestimmte Zeiten dort geblieben, einige länger, andere kürzer, dann wieder ausgesendet werden zu den Erzeugungen der Lebendigen. Der dritte Fluß strömt aus zwischen diesen beiden und ergießt sich unweit seiner Quelle in eine weite, mit einem gewaltigen Feuer brennende Gegend, wo er einen See bildet, größer als unser Meer und siedend von Wasser und Schlamm. Von hier aus bewegt er sich dann im Kreise herum, trübe und schlammig, und indem er sich um die Erde herumwälzt, kommt er nächst anderen Orten auch an die Grenzen des Acherusischen Sees, jedoch ohne daß sich ihre Gewässer vermischten. Und nachdem er sich oftmals unter der Erde umherge-
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wälzt, ergießt er sich weiter unten in den Tartaros. Dies ist der, den man Pyriphlegethon nennt, von welchem auch die feuerspeienden Berge, wo sich deren auf der Erde finden, kleine Teilchen heraufblasen. Diesem wiederum gegenüber strömt der vierte aus, zuerst in eine furchtbare und wilde Gegend, wie man sagt, die von Farbe ganz und gar dunkelblau ist, welche sie die stygische nennen, und den See, welchen der Fluß bildet, den Styx. Nachdem sich dieser nun hier hineinbegeben und gewaltige Kräfte aufgenommen in sein Wasser, geht er unter die Erde, wälzt sich herum, kommt dem Pyriphlegethon gegenüber wieder hervor und trifft auf den Acherusische See an der gegenüberliegenden Seite. Und auch dieser vermischt sein Wasser mit keinem andern, sondern geht ebenfalls im Kreise herum und ergießt sich wieder in den Tartaros gegenüber dem Pyriphlegethon. Sein Name aber heißt, wie die Dichter sagen, Kokytos. „Da nun dieses so ist, so werden, sobald die Verstorbenen an dem Ort angelangt sind, wohin der Dämon jeden bringt, zuerst diejenigen gerichtet, welche schön und heilig gelebt haben und welche nicht. Die nun dafür erkannt werden, einen mittelmäßigen Wandel geführt zu haben, begeben sich zum Acheron, besteigen die Fahrzeuge, die es da für sie gibt, und gelangen auf diesen zu dem See. Hier wohnen sie und reinigen sich, büßen ihre Vergehungen ab, wenn einer sich irgendwie vergangen hat, und werden losgesprochen, wie sie auch ebenso für ihre guten Taten den Lohn erlangen, jeglicher nach Verdienst. Deren Zustand aber für unheilbar erkannt wird wegen der Größe ihrer Vergehungen, weil sie häufigen und bedeutenden Raub an den Heiligtümern begangen oder viele ungerechte und gesetzwidrige Mordtaten vollbracht oder anderes, was dem verwandt ist, diese wirft ihr gebührendes Geschick in den Tartaros, aus dem sie nie wieder heraussteigen. Die hingegen zwar heilbare, aber doch große Vergehungen begangen zu haben befunden werden, wie die gegen Vater oder Mutter im Zorn etwas Gewalttätiges ausgeübt oder die auf diese oder andere Weise Mörder geworden sind, diese müssen zwar auch in den Tartaros stürzen, aber wenn sie hineingestürzt und ein Jahr darin gewesen sind, wirft die Welle sie wieder aus, die Mörder auf der Seite des Kokytos, die aber gegen Vater und Mutter sieh versündigt, auf der des Pyriphle-
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gethon. Wenn sie nun, auf diesen fortgetrieben, an den Acherusi- 170 schen See kommen; so schreien sie da und rufen die, welche von ihnen getötet worden sind oder frevelhaft behandelt. Haben sie sie nun herbeigerufen, so flehen sie und bitten, sie möchten sie in den See aussteigen lassen und sie dort aufnehmen. Wenn sie sie nun überreden, so steigen sie aus, und ihre Übel sind am Ende; wo nicht, so werden sie wieder in den Tartaros getrieben und aus diesem wieder in die Flüsse, und so hört es nicht auf, ihnen zu ergehen, bis sie diejenigen überreden, welchen sie unrecht getan haben; denn diese Strafe ist ihnen von den Richtern angeordnet. Die aber ausgezeichnete Fortschritte in heiligem Leben gemacht zu haben befunden werden, dies endlich sind diejenigen, welche, von allen diesen Orten im Innern der Erde befreit und losgesprochen von allem Gefängnis, hinauf in die reine Behausung gelangen und auf der Erde wohnhaft werden. Welche nun unter diesen durch Weisheitsliebe sich schon gehörig gereinigt haben, diese leben für alle künftigen Zeiten gänzlich ohne Leiber und kommen in noch schönere Wohnungen als diese, welche weder leicht wären zu beschreiben, noch würde die Zeit für diesmal zureichen. Aber schon um dessentwillen, was wir jetzt auseinandergesetzt haben, o Simmias, muß man ja wohl alles tun, um der Tugend und Vernunft im Leben teilhaftig zu werden. Denn schön ist der Preis und die Hoffnung groß. „Daß sich nun dies alles gerade so verhalte, wie ich es auseinandergesetzt, das ziemt wohl einem vernünftigen Mann nicht zu behaupten; daß es jedoch sei es nun diese oder eine ähnliche Bewandtnis haben muß mit unseren Seelen und ihren Wohnungen, wenn doch die Seele offenbar etwas Unsterbliches sei, dies, dünkt mich, zieme sich gar wohl und lohne auch, es darauf zu wagen, daß man glaube, es verhalte sich so. Denn es ist ein schönes Wagnis, und man muß mit solcherlei gleichsam sich selbst besprechen. Darum spinne ich auch schon so lange an der Erzählung. „Also um dessentwillen muß ein Mann guten Mutes sein seiner Seele wegen, der im Leben die andern Lüste, die es mit dem Leibe zu tun haben, und dessen Schmuck und Pflege hat fahren lassen als etwas ihn selbst nicht Angehendes und wodurch er nur Übel ärger zu machen befürchtete, jener Lust hingegen an der Forschung nachgestrebt und seine Seele geschmückt hat nicht mit fremden, sondern
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mit dem ihr eigentümlichen Schmuck, Besonnenheit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit, so seine Fahrt nach der Unterwelt erwartend, um sie anzutreten, sobald das Schicksal rufen wird, Ihr nun“, setzte er hinzu, „o Simmias und Kebes und ihr übrigen, werdet ein andermal jeder zu seiner Zeit abgehen; mich aber ruft jetzt schon, würde ein tragischer Mann sagen, das Geschick, und es ist wohl beinahe Zeit, sich nach dem Bade umzusehen. Denn es dünkt mich doch besser zu baden, ehe ich den Trank nehme, und nicht hernach den Weibern Mühe zu machen mit dem Waschen des Leichnams.”2
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Dem Ende haftet eine unerschütterliche Schönheit an: ruhig und gelassen, bereits Unsterblichkeit ausstrahlend und sich dennoch die leicht skeptische Ironie bewahrend, die „einem vernünftigen Mann” in dieser Welt geziemt. Es besiegelt das mit Vertrauen, was ansonsten wahrhaftig einer Zauberformel gleichkäme, die sich jemand in den letzten Augenblicken seines Lebens wiederholt. Jene Leser, welche für diese Magie nicht empfänglich sind, werden dazu neigen, die Geschichte als poetischen Nonsens abzutun. Sollte Sokrates beziehungsweise Platon tatsächlich von einem Flußsystem innerhalb der Erde sprechen, dann hat er offensichtlich nicht die geringste Ahnung von Hydraulik und nur seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Wenn man sich aber den Hintergrund erneut anschaut, beginnt man sich zu fragen, ob er sich überhaupt auf die Erde, wie wir sie begreifen, bezieht. Er erwähnt einen bestimmten Ort, an dem wir leben, und dieser gleicht einem Morast in einer Höhlung oder vielleicht dem Grund eines Sees, der voll ist mit Steinen und Höhlen und Sand „und unendlichem Kot und Schlamm“. Die „wahre Erde“, die wie ein Ball mit zwölf farbigen Teilen aussieht, befindet sich über uns, und instinktiv mag man glauben, Platon beziehe sich auf die Übersetzung von Friedrich Schleiermacher (1826; zweite Überarbeitung 1987), 81-91. [A.d.Ü.: Die Aufteilung in Abschnitte wurde entsprechend der von den Autoren zitierten englischen Übersetzung von R.S. Bluck (1955, 128-139) vorgenommen.
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oberen Grenzen der Stratosphäre – nur hatte er darüber nie etwas gehört. Sein Augenmerk gilt einer „anderen” Welt über uns. Und obgleich es einige Phantasien über hübsche Landschaften, Tiere und Edelsteine gibt, ist diese andere Welt in jenem „Äther” angesiedelt, wie die Griechen ihn verstanden. Sie konzentriert sich wie „unser” Ort – was immer das sein mag – auf den Mittelpunkt des Universums. Dort kann man die Himmelskörper in ihrer Wirklichkeit begreifen, und die Götter sind sichtbar und bereits gegenwärtig. Wenn sie „Tempel und Heiligtümer” haben, „in denen die Götter aber wahrhaft wohnen”, so ähneln diese sehr stark den Häusern des Zodiaks. Obwohl einige Wesensmerkmale miteinander vermengt werden, um den Eindruck des Wundersamen aufrechtzuerhalten, hat man zunächst den Verdacht, daß es hier um den Himmel in seiner reinen und einfachen Gestalt geht. Doch dann folgt das unmißverständliche geometrische Losungswort. Jene Welt ist ein Dodekaeder. Das ist es, wofür die Kugel aus zwölf Teilen steht. Es begegnet uns auch im Timaios (55C). Dort benutzt der Demiurg – nachdem er die vier Elemente aus den vier regelmäßigen Polyedern gebildet hat3 – das fünfte Element, also das Dodekaeder, zur Bildung des „Ganzen” (epì tò pan)4 und verziert es mit Figuren; aber dieser eine Satz ist tückisch und hat nicht nur modernen Interpreten Kopfschmerzen verursacht.5 Tetraeder: Feuer, Oktaeder: Luft. Ikosaeder: Wasser, Kubus: Erde. Stobaios (Piels, Doxographi, 334f) schreibt diese Zuordnung der vier Elemente zu den Polyedern und die des Dodekaeders zu „tên tou pantòs sphairan“ dem Pythagoras zu. 4 In „De E apud Delphos” (330 A) sagt Plutarch zu der fünften „Welt”, dem Himmel, andere nennten sie „Licht” (phôs), noch andere „aither” und wieder andere „pémptên ousían”, die fünfte Wesenheit, das fünfte Element (quinta essentia), weil einzig diesem Körper von Natur aus (katà phýsin) kreisförmige Bewegung zukomme. Siehe dazu Aristoteles, De caelo, 269a30-269b 15λ. 5 Timaios 55C 4-6: „éti dè oúsês systáseôs mias pémptês, epì tò pan ho 3
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In Plutarchs Platonicae quaestiones (V)6 lesen wir: 172
Teilte Platon, wie manche meinen, das Dodekaeder dem Sphärischen zu (tô sphairoeidê), als er behauptete, daß der Gott es zum Ausmalen des Weltalls verwandte (pròs tên tou pantòs … phýsin ekeino diazôgraphôn)?7 Denn es ist aufgrund der Vielheit seiner Elemente und der Stumpfheit seiner Winkel am weitesten von der Geraden entfernt, dehnbar, und wenn voll ausgedehnt, rund und allumfassend wie aus zwölf Lederstücken hergestellte Bälle. Denn es enthält 20 dreidimensionale Winkel, deren jeder aus 3 stumpfen zweidimensionalen Winkeln und einer Winkelgröße von einem rechten Winkel und 1/5 davon besteht [d.h. 18°, also zusammen 90° + 18° = 108°, H.v.D.]. Und das Dodekaeder ist zusammengefügt und gebaut (synêrmostai dè kaì sympépêgen) aus 12 gleichwinkligen und gleichseitigen Fünfecken, deren jedes wiederum aus 30 der ursprünglichen ungleichschenkligen Dreiecken besteht. Und dies ist der Grund, weshalb das Dodekaeder gleichzeitig den Tierkreis und das Sonnenjahr abzubilden scheint (apomimeisthai), da ja die Untertheòs autê katechrêsato ekeino diazôgraphôn.” Franz Susemihl übersetzt: „Da es aber noch eine fünfte Art der Zusammensetzung von entsprechender Eigenschaft gibt, so bediente sich Gott dieser vielmehr für das Weltganze, als er diesem seinen Bilderschmuck gab.” Bei Alfred Edward Taylor [A Commentary an Plato’s Timaeus (1928), 377] liest man: Platon „says God used it ,for the whole, embellishing it with designs’.” (Er erläutert: „zôa is the regulqr word for the figures in a picture … no matter what they represent.”) Bei Francis Macdonald Cornford [The Timaeus of Pluto (1937), 218] heißt es: „There still remained one construction, the fifth, and the god used it for the whole, making a pattern of animal figures theron.” 6 1003C, LCL Plutarch Band XII. I, 52ff. Die hier zitierte Übersetzung stammt von Harald A.T. Reiche. 7 Harald Cherniss übersetzt: „… that god employed the former [das Dodekaeder] for the nature of the sum of things in tracing the design of this?” In De defectu oraculorum (430B) formuliert Plutarch: ,,hóti tê pémptê sýstási ho theòs epì tò pan katechrêsato ekeino diazôgraphôn”, was Frank Cole Babbitt wiedergibt mit: „God used up the fifth construction on the universe in completing its embellishment.”
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teilungen zahlenmäßig gleich sind.8
Mit anderen Worten: Das Dodekaeder ist gebildet aus zwölf Fünfecken, von denen jedes aus 30 ungleichschenkligen Dreiecken besteht – was laut Cherniss zur Stelle nicht stimmt9 –, der Tierkreis aus zwölf Zeichen zu je 30° und das Sonnenjahr aus zwölf Monaten zu 30 Tagen – was ja leider auch nicht stimmt. Es ist von jeher als eher verdrießlich empfunden worden, daß das Jahr nicht 360 Tage zählt, sondern fünf (und ¼) „überschüssige” Tage aufweist, die sogenannten Epagomena, und daß zwölf Lunationen 354 Tage ausmachen, nicht aber 360. Taylor10 erklärt Plutarchs „Anspielungen auf den Zodiakos” für völlig unangebracht („out of the question”) und vermutet, Plutarch habe das Dodekaeder mit dem in den Kreis eingeschriebenen Zwölfeck verwechselt. Nun, für die Pythagoreer waren einzig Zahlen maßgebend, was Aristoteles11 deutlich genug hervorgehoben hat; und so hatte denn auch der spätere große Pythagoreer Kepler keine Schwierigkeiten mit dem Plutarch. In der Harmonice Mundi schreibt er: Das Dodekaeder wird dem himmlischen Körper überlassen, wie es 173 ja auch die gleiche Anzahl Seitenflächen besitzt wie der himmlische Tierkreis Zeichen. Es läßt sich beweisen, daß es unter allen übrigen Figuren das größte Fassungsvermögen hat, wie auch der Himmel alles umfaßt.12
H. Cherniss: „… and that is why it seems to represent at once the zodiac and the year in that the divisions into parts are equal in number.” 9 op.cit. 54. mit Verweis auf Plutarchs De defectu oraculorum 428a sowie Thomas Heath, A Manual of Greek Mathematics (1931), 177. 10 A.E. Taylor, Commentary on Plato’s Timaeus (1928). 377. 11 Aristoteles, Metaphysik 985B.25 bis 986A.7. 12 J. Kepler, Weltharmonik (übersetzt von Max Caspar), Buch II: „Über die Kongruenz der regelmäßigen Figuren”, 25. Satz, Seite 75. Siehe auch Abbildungen 13 und 14 in diesem Buch. 8
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Platon kümmerte sich nicht viel um zukünftige Berufskritiker. Er stellte nur ein delektierliches Bildnis zur Verfügung und überließ es ihnen, es zu enträtseln. Die Terminologie jedoch ist eindeutig. Nachdem der Demiurg die ersten vier vollkommenen Körper für die Elemente verwendet hatte, war das Dodekaeder übrig; und dieses benutzte er für das Gerüst des Ganzen. Es ist nicht nötig, sich eingehender mit den geometrischen und numerologischen Überlegungen zu befassen, welche die „Sphäre der zwölf Pentagons“, wie sie genannt wurde, für die ihr zugedachte Rolle tauglich machten. Platon stand in der ursprünglichen pythagoreischen Tradition, die mit kosmos die Ordnung der Sonne, des Mondes und der Planeten sowie von allem, was ihnen einbegriffen war, bezeichnete. Als eine frei umherwandernde Seele kann man sich das „von oben“ beschauen. (In seinem SandRechner benutzt Archimedes den Begriff kosmos noch lose in diesem Sinn, zumindest als Konzession an seinen alten Gebrauch.) Um einen Schluß zu ziehen: Die „wahre Erde” war nichts anderes als der pythagoreische Kosmos. Und die Flüsse, die von seiner Oberfläche zum Mittelpunkt und wieder zurück strömten, sind kaum im streng terrestrischen Sinne vorzustellen – obgleich es bei jener kuriosen archaischen Verwirrung von Erde und Himmel, die vertraut geworden ist und große Flüsse vom Himmel zur Erde strömen läßt, nicht weiter überrascht, sich mit „wirklichen” feurigen Strömungen konfrontiert zu sehen, wie etwa dem Pyriphlegethon, der mit vulkanischem Feuer in Verbindung steht. Aber wo ist die Styx? Mit ihrer blauen Landschaft dürfte sie sich wohl kaum hier unten befinden. Auch handelt es sich bei dem immensen, vom Sturm umtobten Abgrund des Tartaros nicht um eine unterirdische Höhle; er gehört irgendwo in die „äußere“ Sphäre, Dies alles ist die Welt der Verstorbenen, die sich über den gesamten Bereich unterhalb der Oberfläche erstreckt. Sie ist ebenso wenig lokalisierbar wie die untere Welt in Platons Republik. Die sich windenden Flüsse, welche die Toten befördern und auf ihrer
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Bahn wieder zurückfließen, erinnern mehr an Astronomie denn an Hydraulik. Das „Schaukeln” der Erde kann sehr gut das Schwingen der Ekliptik und des Himmels mit den Jahreszeiten darstellen. Es ist an dieser Stelle nicht erforderlich, auf die verwirrenden irdischen oder infernalen Einzelheiten der Beschreibung einzugehen – mit Ausnahme der Anmerkung, daß Numenius von Apamea, ein bedeutender Exeget Platons, kategorisch die Behauptung aufstellt, die Flüsse der anderen Welt sowie der Tartaros selbst seien die „Region der Planeten“. Aber Proklos, ein noch bedeutenderer und gebildeterer Exeget Platons, tritt 174 ebenso kategorisch gegen Numenius an.13 Wir wissen genug – um nicht zu sagen: mehr als genug – über den Wirrwarr orientalischer Überlieferungen über die Himmelsflüsse mit ihrer verblüffenden Mischung aus astronomischer und biologischer Vorstellungskraft, um zu erkennen, woher das frühe Griechenland sein Wissen bezog. Es kann hier sich selbst überlassen bleiben. Sokrates zitiert jedoch eine orphische Version, weshalb seine Zurückhaltung bezüglich der Benennung seiner Autoritäten wie auch deren Entitäten – zum Beispiel Okeanos und Chronos – unsere Aufmerksamkeit verdient. Hier ist nicht Kronos/Saturn, sondern wirklich Chronos gemeint: die Zeit. Was Okeanos betrifft, so mußte selbst Jane Ellen Harrison, die man schwerlich der Tendenz bezichtigen kann, nach den Göttern woanders als auf der Oberfläche oder im Innern der Erde zu suchen, eingestehen: „Okeanos ist weitaus mehr als nur der Ozean und von anderer Herkunft.“14 In ihren Augen ist er „ein Dämon der oberen Luft”. Das ist ein wichtiges Eingeständnis, das uns sehr viel weiterbringen kann. Für den Moment lassen wir das beeindruckende Werk von Eisler Weltenmantel und Himmelszelt beiseite. Es ist eine unerschöpfliche Quelle, aber eine, die mehr Informationen denn AnSiehe Felix Buffière, Les Mythes d’Homère et la Pensée Grecque (1956), 444. 14 J.E. Harrison, Themis (1960), 456f. 13
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leitung bereithält. Richard Broxton Onians’ Origins of European Thought bietet hingegen eine Einschätzung jüngeren Datums an.15 Er vergleicht Okeanos mit Acheloos, dem uranfänglichen Wasserfluß, den man sich „als eine Schlange mit einem menschlichen Kopf und Hörnern vorstellte”. Er fährt fort: Das Zeugungselement in jedem Körper war die Seele, die in Form einer Schlange erschien. Okeanos war, wie man es heute betrachten kann, die uranfängliche Seele: und diese wurde gedacht als eine Schlange in Beziehung zu einer erzeugenden Flüssigkeit … Folglich können wir sehen, daß das Universum gemäß Homer, der sich voller Anspielungen auf die von seinen Zeitgenossen geteilte Vorstellung bezieht, die Form eines Eies hatte, umgürtet von „Okeanos, der die Erzeugung des Alls ist“. Vielleicht können wir jetzt auch besser verstehen … , warum in dieser orphischen Version [Fragmente 54, 57, 58 Kern] die Schlange Chronos genannt wurde und warum Pythagoras auf die Frage, wer Chronos sei. antwortete, daß es die Seele des Universums sei. Laut Pherekydes wurden das Feuer, die Luft und das Wasser aus dem Samen von Chronos erzeugt.
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Die große orphische Entität war Chronos Aiōn (der iranische Zurvan akarana), im allgemeinen verstanden als „ungebundene Zeit”. Unter dem Begriff „Aiōn” versteht Onians „die erzeugende Flüssigkeit, mit der die Seele identifiziert wurde, das Rückenmark, von dem man glaubte, es nehme die Gestalt einer Schlange an”. Und das mag sehr wohl der Fall sein, zumal es zeitlose Ideen gibt, die noch heute in Schlangenkulten und im „Kundalini” des indischen Yoga fortleben. Aber mit Sicherheit bedeutete Aiōn „eine Zeitperiode” und ein Alter, woraus sich „Weltalter”und später „Ewigkeit“ entwickelte; und es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß die biologische Bedeutung früher und vorherrschend gewesen sein muß. Es ist bekannt, daß für die Orphiker Chronos mit Ananke, der Notwendigkeit, die nach der Vorstellung der Pythagoreer ebenfalls das Universum R.B. Onians, The Origins of European Thought about the Body, the Mind, the Soul, the World, Time, and Fate (2. Auflage 1953), 249ff. 15
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umgibt, ein Paar bildete. Zeit und Notwendigkeit umkreisen das Universum – das ist ein recht klares und fundamentales Konzept. Es ist, unabhängig von der Biologie, mit den Himmelsbewegungen verknüpft, und es führt geradewegs zu Platons Idee von der Zeit als dem „sich bewegenden Abbild der Ewigkeit”. Es wäre hilfreich, wenn Historiker bei ihrer Analyse archaischen Denkens zuerst zuverlässige Daten präsentierten, ohne ihr Material in eine Form zu pressen und zu quetschen, welche ihre voreingenommene Schlußfolgerung widerspiegeln, daß es in „primitiver” Seelenkunde in erster Linie um biologische Vorstellungen geht, wie bei allem, was mit Zeugung zusammenhängt. Wenn es jemandem nach Psychologie verlangt, so kann er sich zu einem ganz anderen Lebensabschnitt zurückbegeben, indem Sokrates im Theätet (152E) wirklich Seelenkunde betreibt: »Wenn Homer das Wunder des «Ozeans, dem die Götter und Mutter Tethys entspringen' besingt, meint er dann nicht, daß alle Dinge die Nachkommen von Fließen und Bewegung sind?” Es erhebt sich die Frage, ob der Ozean als Bildnis des Fließens die Gezeiten unberücksichtigt lassen kann? Tatsächlich aber hatte Sokrates’ Ägäis keine Gezeiten. Er entlehnt das Bildnis Hesiods Beschreibung des Okeanos (Theogonie 790ff): „Neun (Teile) fließen um die Erde und um den breiten Rücken des Meeres, in silbernen Wirbeln gewunden ins Meer herabfallend. Der zehnte aber fließt aus einem Felsen als große Not für die Unsterblichen.“ Dieser grauenvolle Zehnte ist der Fluß Styx. Jane Ellen Harrison hatte recht. Okeanos „ist von anderer Herkunft” als unser Ozean. Die Autorität Hugo Bergers vermag das Bild zu rekonstruieren.16 In der Literatur lauten die Attribute für Okeanos „tieffließend”, „in sich selbst zurückfließend”, „unermüdlich”, „friedlich dahinfließend^, „ohne Wogen”. Diese Bilder, bemerkt Berger, suggerieren Ruhe, Regelmäßigkeit, Tiefe, Stille, Umdrehung – Eigenschaften, die typisch für den Sternenhimmel sind. Später 16
H. Berger, Mythische Kosmographie der Griechen (1904), lff.
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wurde der Name auf einen erdgebundenen Begriff übertragen: auf die tatsächliche See, von der man annahm, sie umgebe das Land auf allen Seiten. Aber die ausdrückliche und oft wiederholte Unterscheidung von der „offenen See” zeigt, daß dies niemals die ursprüngliche Idee war. Wenn Okeanos ein Fluß mit „silbernen Wirbeln” und vielen Verzweigungen ist, die sich offensichtlich niemals auf der See oder dem Land befunden haben, dann ist die „offene See” auch nicht das Meer, pontos oder thalassa, es müssen die Oberen Wasser sein. Der Okeanos des Mythos bewahrt diese beeindruckenden Charakteristika der Regungslosigkeit und Stille. Er war derjenige, welcher für sich bleiben konnte. wenn Zeus auf dem Olymp alle Götter in seinen Dienst befahl. Er war es, der seine Tochter ausschickte, um über den angeketteten Prometheus zu wehklagen, und der sich anbot, mit Hilfe seines mächtigen Einflusses für Prometheus zu vermitteln. Er ist der Vater der Flüsse; tatsächlich taucht er in der Überlieferung als der in der Vergangenheit ursprüngliche Gott des Himmels auf. In einer Orphischen Hymne17 wird er als „freundlicher Umkreiser der Erde, feuchtwegiger Anfang des Pols” angeredet, und im Etymologicurn magnum heißt es, sein Name sei von „Himmel” hergeleitet.
83.7 (Quandt-Ausgabe in der Übersetzung von Plessmann, 55): terma philon gaiēs, archē polou.
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Di, quibus imperium est animarum, umbraeque silentes Et Chaos et Phlegethon, loca tacentia late Sit mihi fas audita loqui … VERGIL
Sokrates’ unnachahmliche Angewohnheit, über ernsthafte Dinge zu diskutieren, indem er eine unwahrscheinliche Geschichte erzählt, ist es der Mühe wert, sich sein seltsames Flußsystem näher anzuschauen. Beinahe wie eine Kulisse taucht es wieder bei Vergil auf. Die Aeneis ist eine höfische Dichtung und nicht dazu bestimmt, nähere Auskünfte über das Schicksal der Seelen zu geben; man darf von ihr nicht solch ernste, explizit pythagoreische Aussagen erwarten, wie wir sie in Ciceros Traum des Scipio finden. Aber obgleich die konventionelle Bildersprache beibehalten wurde und trotz des offiziellen literarischen großen Stils, wie er einer Glorifizierung des Römischen Imperiums gebührte, lohnt es sich, den Anspielungen volle Aufmerksamkeit zu schenken, denn Vergil war nicht nur ein subtiler, sondern auch ein überaus gelehrter Dichter. So findet sich Aeneas bald, nachdem sein Eintritt in den Hades mit einer Ouvertüre aus dunklem Dickicht, Gespenstern, düsteren Höhlen und furchterregenden nächtlichen Riten begonnen hat, die einen wirklichen Abstieg in den Erebos unter der Erde anzeigen, in einer eher vagen Landschaft wieder. Ibant obscuri sola sub nocte per umbram … „Beide, von einsamer Nacht verborgen, wandern im Dunkel / Durch die verödeten Sitze des
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Dis, die leblosen Reiche: / Wie beim spärlichen Schein des matten Mondes die Straße / Durch die Wälder zieht … ”1 Die Schönheit dieser Zeilen verschleiert die Tatsache, daß die Reise in Wirklichkeit nicht durch unterirdische Höhlen führt, die von unzählbaren Toten bevölkert werden, sondern durch große Strecken der Leere, die den Raum der Nacht suggerieren; und sobald die Gesellschaft die Flüsse überquert und die Tore des Elysiums passiert hat – dank der Magie des Goldenen Zweiges –, befindet sie sich in einem heiteren Land, „wo droben / Niederfließt durch den Wald des Eridanus mächtige Strömung.”2 Nun ist und war Eridanus im Himmel – und sicherlich nicht, in diesem Zusammenhang, in der lombardischen Ebene. Und auch hier „kleidet der Äther mit purpurnem Licht die Gefilde / Rings, wo sie eigene Sonne und eigene Sterne erblicken“.3 Die „bleichen Ebenen der Narzissen” der homerischen Tradition werden hier nicht erwähnt. Jene schwebenden Seelen – „Völker und Stämme ohne Zahl” –befinden sich eindeutig auf der „wahren Erde im Himmel“, denn es wird auch gesagt, daß viele von ihnen in echter pythagoreischer Manier auf die Zeit warten, da sie auf der Erde geboren beziehungsweise wiedergeboren werden. Und in den Worten von Vater Anchises ist mehr als ein orphischer Hinweis enthalten: „Feurige Lebenskraft und himmlischer Ursprung sind allen / Keimen eigen, soweit nicht schädliche Körper sie lähmen … ” Aber wenn ihr Leben zu Ende geht und sie gestorben sind, „… verläßt die Armen nicht alles Übel, nicht willig / Jede Vergiftung des Leibes; unfehlbar mußte ja vieles / Wunderlich tief im Laufe der Zeit mit ihnen verwachsen. / Darum werden sie so durch Strafen geläutert und müssen / Alle Vergehungen büßen. Die einen schweben den Winden / Ausgespannt entgegen, und andre läutern in tiefem / Strudel oder im Feuer sich Vergil, Aeneis VI 268-271, in der deutschen Übertragung von Thassilo von Scheffer (1985), 122. 2 Vergil, op.cit., 132. 3 Vergil, op.cit., 132. 1
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von den haftenden Sünden. / Jeder von uns muß büßen nach seinem Innern … ”4 Einige bleiben im Jenseits und werden zu reinen Seelen; andere werden nach tausend Jahren (das ist Platon entlehnt) in der Lethe gewaschen und danach zurück ins Leben mit neuen Prüfungen geschickt. Das entspricht den Vorstellungen des Sokrates. Die Wörter „oben” und „unten” sind – hier wie dort – aus Respekt vor volkstümlichen Atavismen beziehungsweise der Staatsreligion mit Absicht zweideutig, dennoch ist dies Platons andere Welt. Als Dante Vergils Weisheit aufgriff, nötigten ihn seine starken christlichen Voreingenommenheiten, die Welt der Höchststrafe „physikalisch unten” anzusiedeln. Jedoch befindet sich sein Purgatorium wiederum oben, unter freiem Himmel; und es steht außer Frage, daß auch Vergils Welt ein Purgatorium ist und sich ebenfalls eindeutig „oben” befindet. Sokrates’ seltsame Beschreibungen sind lebendig geblieben. Aber Vergil hat sogar noch mehr zu bieten. In den Georgica heißt es: „Dieser Pol ist immer über uns sichtbar; jenen aber unter unseren Füßen sehen die schwarze Styx und die Manen tief unten (Hic vertex nobis semper sublimis; at illum sub pedibus Styx atra videt Manesque profundi).”5 Was kann das anderes bedeuten, als daß die Styx in Sichtweite des anderen Pols fließt? Der Kreis, der mit Hesiod begann, hat sich nunmehr geschlossen.6 Vergil, op.cit., 134. Vergil, Georgica I.242f (übersetzt von Hertha von Dechend). Johannes und Maria Götte (1977), 75, machen aus den Manen „Geister der Tiefe”: „Stets ragt hier uns zu Häuptern der Pol. Den Südpol indessen schauen da drunten die düstere Styx und die Geister der Tiefe.” 6 Die Symmetrie beider Polarzonen ist offensichtlich von dem Dichter beabsichtigt, „Fünffach umschlingen die Zonen das Himmelsgewölbe. Die eine flammt unter blitzender Sonne, gedörrt von ewigem Feuer. Rechts und links von ihr die äußersten Pole umziehen bläuliche Zonen, starr von Eis, von Regen umdüstert. Doch zwischen Hitze und Frost 4 5
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Große Dichter scheinen sich gegenseitig zu verstehen und über Informationen zu verfügen, die dem Publikum für gewöhnlich vorenthalten werden; Dante setzt dort ein. wo die Aeneis aufhört. Wie die Jenseitswanderer, die ihren Weg durch die inneren Kreise der Hölle gehen (Inferno VII. 102), gelangen Dante und Vergils Schatten als sein Führer an einen kleinen Fluß, der aus dem Felsen sprudelt. „Sein Wasser war düsterer als graublau ist” – das ist die Styx. Und indem sie ihn entlanggehen, erreichen sie den schwarzen stygischen Sumpf, in den die Seelen jener eingetaucht werden, welche das Leben „in milden, sonnendurchglänzten Lüften droben” gehaßt und es voll Gram und Boshaftigkeit verbracht haben. Dann müssen sie sich den Zinnen der Feuerstadt des Dis stellen, dem Festungswall der Unteren Hölle, der von Teufelslegionen und von den Furien mit der schrecklichen Gorgo höchstpersönlich bewacht wird. Erst nachdem ein Himmelsbote interveniert hat springen die verriegelten Tore durch die Berührung mit dem Stab (eine Spielart von Aeneas’ Goldenem Zweig) auf, um den Wanderern den Zutritt in die Stadt der ewigen Verdammnis zu gewähren. Als sie im inneren Kreis weitergehen, kommen sie an einen Fluß aus kochendem roten Wasser, der später in einen Wasserfall übergeht und sich in die Tiefe des Abyssus (baratro – Tartaros) stürzt. An dieser Stelle bemerkt Vergil (XIV.85): „Von allem, was ich bisher dir gezeigt, seit wir das Tor durchschritten, das für jeden, der an die Schwelle kommt, schon offen steht, hat nichts sich deinem Auge dargeboten, bemerkenswert wie dieser schmale Bach, an dem die Flammenflocken all zergehen.” Das sind gewichtige Worte nach alldem, was sie bereits durchgemacht haben. Es folgt ihnen eine Erklärung, die ziemlich weit hergeholt klingt; „Ein verwüstetes Land liegt mitten in dem Meer”, beginnt Vergil, „und Kreta heißt gewährten der leidenden Menschheit zwei Bereiche die Götter. Ein Weg durchschneidet die beiden, daß dort schräg hindurch der Tierkreis wende den Reigen.“ (Georgica I.233-38, Götte-Übersetzung) Mit dem durchschneidenden Weg ist die Ekliptik gemeint.
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das Land; dort war ein Reich [mit Saturn als König, H.v.D.], und Unschuld herrschte einst.” Dort, im Schoße des Berges Ida, wo Zeus von Rhea geboren wurde, befinde sich eine riesige Höhle, in der eine Statue sitze. Dante folgt hier einer alten Überlieferung, die man bei Plinius finden kann und nach der ein Erdbeben eine Höhle in den Berg riß, in welcher man eine gewaltige Statue fand, über die nicht viel gesagt wird, außer daß sie 46 Ellen hoch war. Dante scheint für seine Beschreibung jedoch eine berühmte Vision des Propheten Daniel heranzuziehen. Nachdem König Nebukadnezar den Propheten gebeten hatte, ihm einen bösen Traum zu deuten, den er vergessen hatte, betete Daniel zu Gott, damit dieser ihm den Traum offenbare: „Du, König, hattest einen Traum, und siehe, ein großes und hohes und hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen. Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen und teils von Ton. Das sahst du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschen- 180 händen; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie … Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg, so daß er die ganze Welt füllte.“7
An diesem Punkt verabschiedet sich Dante von Daniel, und mit jener Unbekümmertheit, die ihn selbst dann auszeichnet, wenn er von Heiligen Propheten spricht, die er als seinesgleichen behandelt, entläßt er den königlichen „Mumpitz” in Babylon. Sein Instinkt sagt ihm, daß die Vision in Wirklichkeit mit älteren und erhabeneren Subjekten zu tun haben muß, nämlich mit dem Kosmos selbst. Entsprechend führt er die Vision auf seine eigene Weise zu Ende: Die vier Metalle stehen für die vier Zeitalter des Menschen, und außer dem Gold (Symbol des Zeitalters der Unschuld) wird jedes von einem Riß, aus dem Tränen fließen, gespalten. Aus diesen Tränen entstehen die Flüsse, welche die 7
Der Prophet Daniel 2. 31-35, zitiert nach o.g. Bibelausgabe.
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Sünden der Menschheit in die Unterwelt tragen. Es sind die Flüsse Acheron, Styx und Phlegethon. Wir haben erwähnt, daß Dante die ursprünglichen Wasser der Styx als graublau oder stahlblau (perso) beschreibt – genauso, wie es bei Hesiod und Sokrates geschrieben steht, die er nie gelesen hat. Er mag es Servius oder Macrobius entnommen haben, aber das ist unerheblich. Bemerkenswert ist hingegen die peinliche Genauigkeit, mit der er die nur vage verstandene Überlieferung der LapislazuliLandschaft der Styx konserviert, eine Landschaft, von der sich herausstellen wird, daß sie sich über die ganze Welt ausdehnt. Soweit es den Phlegethon betrifft, folgt der Verlauf des Stroms ziemlich genau der Route, die Sokrates für den Pyriphlegethon, den „flammenden Fluß”, anzugeben wußte. Wir haben im Phaidon eine weit unten angesiedelte, feurige Region gesehen, die von einem Lavastrom durchquert wird, der sogar richtiges Feuer an die Erdoberfläche spuckt. Während manche Interpreten glaubten, er fließe durch das Erdinnere, verlegten andere den Pyriphlegethon, wie auch die anderen Flüsse, in die menschliche Seele.8 Allerdings gibt es kaum Zweifel, daß es sich bei ihm, wie Albrecht Dieterich geltend gemacht hat,9 ursprünglich um einen Strom feurigen Lichts am Himmel handelte, vergleichbar dem Eridanus. Auf alle Fälle windet sich der flammende Sturzbach, wie er in der Aeneis genannt wird, in Spiralen nach unten, deren Weg in Dantes Topographie sorgfältig nachgezeichnet wird, bis er sich mit den anderen Flüssen vereint und sie gemeinsam kasSiehe Macrobius, Commentary on the Dream of Scipio 1.10.11 [übersetzt von Stahl (1952), 128J: „Entsprechend nahmen sie an, daß der Phlegethon nichts weiter als das Feuer unseres Zorns und unserer Leidenschaft ist, daß der Acheron den Verdruß darstellt, den wir über etwas Gesagtes oder eine Tal empfinden … , daß der Kokytos irgend etwas symbolisiert, was uns zum Wehklagen bringt oder zu Tränen rührt, und daß die Styx alles das verkörpert, was den menschlichen Geist in den Abgrund gegenseitigen Hasses stürzt.” 9 A. Dieterich, Nekyia (1893), 27. 8
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kadenartig in den eisigen See des Kokytos stürzen – „zur letzten Tiefe”, denn hier ist das Zentrum, der Tartaros, wo Luzifer selbst im Eis gefroren ist. (Dante ist der christlichen Tradition respektvoll begegnet, nach der das Universum sozusagen diabolo- 181 zentrisch ist.) Aber warum behauptet er, der Feuerfluß sei so extrem „bemerkenswert”? Georg Rabuse10 hat dieses Rätsel in einer sorgfältigen Analyse von Dantes drei Welten gelöst. Zunächst hat er anhand eines wenig bekannten Manuskripts der Spätantike, dem sogenannten „Dritten Vatikanischen Mythographen”, herausgefunden, daß das kreisförmige Territorium der Hölle, welches von dem Roten Fluß besetzt wird, „von bestimmten Schreibern” als das genaue Gegenstück zum Kreis des Mars am Himmel gedacht war, „denn sie lassen die Himmel in der Unterwelt beginnen” (3.6.4.).11 Somit hatte Numenius zu guter Letzt doch recht: Die Flüsse sind planetarisch. Dante pflichtete dieser Lehrmeinung bei und verfeinerte sie mit einer Fülle paralleler Charakterzüge. Der zentral im Planetensystem plazierte Mars war für ihn deshalb wichtig, weil dieser die stärksten Kräfte des Guten und Bösen in Gang hielt. Als zentrale Note in der Tonleiter kann er allerdings auch zur harmonisierenden Kraft werden. Darauf legt die hermetische Tradition, wie auch Dante selbst, ausdrücklich Wert. Ist Mars jene planetare Macht, welche für Apollon steht? Das muß künftigen Nachforschungen überlassen bleiben. In seinem Paradies plazierte Dante in den Himmel des Mars das Symbol des Kreuzes („Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern ein Schwert”), ein Symbol rücksichtslosen G. Rabuse, Der kosmische Aufbau der Jenseitsreiche Dantes (1958), 5866, 88-95. 11 Siehe Scriptores Rerum Mythicarum Latini, herausgegeben von Georgius Heuricus Bode (1968: 1. Aurlage 1834), I, 176: „Eundem Phlegethontem nonnulli, qui a caelo infernum incipere autumant, Martis circulum dicunt sicut et Campus Elysios … circulum Jovis esse contendunt.” 10
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Heldenmuts und höchster Opferbereitschaft, für das als Beispiel sein eigener Vorfahr diente, ein Kreuzritter, mit dem sich Dante leidenschaftlich identifizierte. In den Mars-Kreis der Hölle setzte er, wenn auch widerwillig, die meisten der großen Persönlichkeiten, die er eigentlich verehrte – von Farinata, Kaiser Friedrich II und dessen Kanzler Pier della Vigna bis hin zu Brunetto, Capaneus und vielen stolzen Eroberern. Sogar Ulixes (= Ulysses, Odysseus) gehört dorthin, gekleidet in die „altehrwürdige Flamme”, die mehr ein Symbol seiner „Wut“ denn seiner Hinterlist ist. Tugenden sind dort unten mit dem Minus-Zeichen versehen; sie werden als feurige Verweigerung, „blinde Gier und Jähzorn“ angesehen, die sich selbst ahnden. Aber ihre Träger sind nichtsdestoweniger im großen und ganzen edel: so wie im Nihongi Mutig-Schnell-Ungestüm-Männlich, die Macht des Handelns par excellence. Die Sanftmütigen mögen die Erde erben; aber über das Königreich des Himmels heißt es: violenti rapiunt illud. Christus steht bei Dante für den Heliand, den erobernden Helden, den Richter der Lebendigen und der Toten: rex tremendae majestatis. Wie dem auch sein mag – das Gleichgewicht zwischen oben und unten, der Flüsse mit den Planeten, bleibt erhalten. Mit einem Kunstgriff führt Dante an dieser Stelle den Koloß von Kreta ein, der aus archaisch-mythischem Material beschaffen ist. Die Flüsse mit den Weltaltern gleichsetzend hebt Dante die Identität der Flüsse mit der Zeit hervor: hier nicht als jene Zeit gemeint, die werden läßt, sondern als jene, die vergehen läßt – jene Zeit also, welche den „sündhaften Schmutz” mit sich trägt, die Bürde der gelebten Lebensirrtümer. In den Köpfen der Menschen des 13. Jahrhunderts war die archaische Struktur noch sehr lebendig. Darüber hinaus wird jedoch – über den Kreis des Mars – eine überraschende Einsicht erkennbar: Durch die feierlich-christliche Architektur des Gedichts, durch den subtil-logischen Aufbau sowie jenseits des „Schleiers seltsamer Verse” und der Absicht, welche sie bemän-
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teln, schimmert eine Ahnung dessen hindurch, wofür der Autor mehr Sorge trug als er zugeben würde: die eigene existentielle Wahl des Menschen Alighieri. Dichter können ihre eigene Wahrheit nicht verbergen. Ein Ulixes, der in einem letzten verzweifelten Versuch, welcher durch die Ordnung der Dinge von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, gen Südwesten aufbricht, um „jene Welt, die den Sterblichen versagt ist”, zu erreichen, der angesichts seines Ziels von dem Strudel verschlungen wird – das ist das Symbol. Es wird von dem Dichter nicht bewußt enthüllt, sondern durch die Kraft der Zeilen selbst, und es schimmert aus so weiter Entfernung wie das Licht, das von einem quasistellaren Objekt zu uns dringt. Gewiß, der Grieche blieb ebenso wegen seiner rücksichtslosen Findigkeit in der Hölle verloren wie wegen seiner Gottlosigkeit: Vergil hatte ihn als „schrecklich und wild” gebrandmarkt. Dieses Urteil wurde angenommen. Doch war es Ulixes, der bis zum letzten – und sogar gegen Gott – ging, um sich Erfahrung und Wissen zu erkämpfen. Sein luziferischer Hochmut bleibt unserer Erinnerung besser erhalten als die Harmonie der Himmelschöre. Die erste Quelle, die uns bei dieser riskanten Recherche weiterhilft, ist Homer, „der Lehrer von Hellas”. Die Reise des Odysseus in den Hades ist die erste Expedition dieser Art in der griechischen Literatur. Sie wird von dem müden Helden unternommen, um den Schatten von Teiresias über die Zukunft zu befragen. Der Rat, den er schließlich bekommt, fällt auf verblüffende Weise aus dem Rahmen seiner Abenteuer sowie der Odyssee selbst heraus. Es wird notwendig sein, auf diese merkwürdige Prophezeiung zurückzukommen. Aber was die Reise an sich betrifft, gibt Kirke dem Helden folgende Segelanweisung: „Hast du den Mast gestellt und die hellen Segel gebreitet, Setze dich hin und des Bóreas Hauch wird treiben dein Fahrzeug. Aber sobald mit dem Schiff den Okéanos du überquert hast, Wo das flache Gestade und Haine der Persophoneia, Hoch gewachsene Pappeln und fruchtabwerfende Weiden,
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Lasse sodann dein Schiff dort an des Okéanos Strudeln Landen, und geh selbst hin zum modrigen Hause des Hades. Dort wo zum Acheron der Pyriphlégethon und der Kokytos Strömen, welcher ein Abfluß ist des stygischen Wassers, Ist ein Fels, wo die beiden brausenden Ströme sich einen. Dort, o Heros, dränge dich heran, so wie ich dich heiße, Grabe du dort ein Loch, eine Elle nach hierhin und dorthin, Gieße drauf ringsumher die Spende für alte die Toten … ”12
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Viele Jahrhunderte später verfaßte Krates von Pergamon, ein Mathematiker und Mythograph zur Zeit Alexanders, einen bemerkenswerten Kommentar zu dieser Textpassage. Er ist uns durch Strabon13 erhalten geblieben: Odysseus, der von Kirkes Insel kommend zum Hades segelt und wieder zurück, muß jene „Ausbuchtung des Okeanos benutzt haben, die vom WinterWendekreis (des Steinbocks) bis zum Südpol reicht”; und Kirke half nach, indem sie den Nordwind schickte. Das ist eine rätselhafte Geographie. Aber aus astronomischer Sicht ergibt sie einen Sinn, und Krates scheint gute Gründe gehabt zu haben, den Südpol zum Ziel zu machen. Die nächste Information gibt Hesiod in seiner Theogonie (775814), und sie ist sehr obskur. Nachdem er von den „hallenden Wohnungen” des Hades und von Persephone gehört hat, sagt er: Dort wohnt die den Unsterblichen verhaßte Göttin, die furchtbare Styx, die älteste Tochter des (in sich selbst) zurückfließenden Okeanos. Entfernt von den Göttern bewohnt sie ein berühmtes Haus, überdeckt mit großen Steinen. Rundum reckt es sich ganz mit silbernen Säulen zum Himmel empor. Nicht oft kommt die schnellfüßige Tochter des Thaumas, Iris, als Botin auf dem breiten Rücken des Meeres. Wenn Streit oder Kampf unter den Unsterblichen sich erhebt und Homer, Odyssee 10.508-518, übersetzt von R. Hampe (1979), 169f. The Geography of Strabo (LCL) I.1.7; zu Odyssee 11.639ff (kólpon epì tòn nótion pólon epò tou cheimerinou tropikou diêkonta) siehe Hans Joachim Mette, Sphairopoita (1936}, 75, 250.
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wenn einer von denen lügt, die die olympischen Wohnungen innehaben, dann schickt Zeus die Iris, den großen Schwur der Götter zu besorgen: aus der Ferne das vielgenannte Wasser im goldnen Gefäß, das kalte, das aus steilem, hochgelegenem Felsen herabfließt (zu holen). Tief strömt es unter der weitwegigen Erde aus dem heiligen Strom durch die schwarze Nacht, eine Abzweigung des Okeanos. Der zehnte Teil (davon) aber ist (der Styx) zugeteilt. Neun (Teile) fließen um die Erde und um den breiten Rücken des Meeres, in silbernen Wirbeln gewunden ins Meer herabfallend. Der zehnte aber fließt aus einem Felsen als große Not für die Unsterblichen. Wer, nachdem er (beim Schwören) das (Wasser des Styx) ausgegossen hat, einen Meineid schwört von den Unsterblichen, die das Haupt des schneebedeckten Olymps bewohnen, der liegt da atemlos für ein volles Jahr. Niemals kommt er der Speise von Ambrosia und Nektar näher, sondern er liegt atemlos und sprachlos auf dem ausgebreiteten Lager, und ein tiefer Schlaf [= coma, H.v.D.] umfängt ihn. Aber wenn er diese Krankheit beendet hat, dann wird von ihm für ein großes Jahr (d. h. acht Jahre lang) eine um die andere (immer) schwerere Arbeit erwartet. Neun Jahre lang ist er ausgeschlossen von den Göttern, den ewig seienden, weder hat er Gemeinschaft mit ihnen bei Beratungen noch bei den Mahlzeiten, Neun volle Jahre. Im zehnten aber hat er wieder Gemeinschaft (mit den Göttern) auf den Versammlungen der Unsterblichen, die die olympischen 184 Wohnungen innehaben. Für einen solchen Schwur setzten die Götter das unaussprechliche Wasser des Styx, das uralte. Es strömt dahin durch felsiges Gelände. Dort sind von der dunklen Erde und dem nebligen Tartaros und dem immerwogenden Meer [= pontos, H.v.D] und dem sternenreichen Himmel nebeneinander von allem die Ursprünge und Grenzen, schmerzlich dumpf. Die Götter sogar hassen es. Dort sind schimmernde Tore und eine eherne unerschütterliche Schwelle, aus unendlich langen Wurzeln gefügt, von selbst gewachsen. Draußen aber, entfernt von allen Göttern, wohnen die Titanen, jenseits des finsteren Chaos.14 14
Hesiod, Theogonie, übersetzt von K. Albert (1983, 4. Auflage 1990), 109f.
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Dies ist Hesiods Version vom „Fundament des Abyssus”. Ihre speziellen Details machen die Verwirrung noch perfekter, wie es dem Gegenstand gebührt. Das schwierige Wort ogygion, das oft mit „uranfänglich” übersetzt wird, scheint unbestimmt Dinge jenseits von Zeit und Raum zu bezeichnen, man könnte sagen: den verborgenen Schatz am Ende des Regenbogens. So wurde auch die Ruhestätte genannt, in der Kronos die Zeit seiner Wiederkehr abwartet. Aber das paradoxe Anhäufen von Ursprüngen, Grenzen, „unendlich langen Wurzeln” der Erde, des Meeres und des Himmels wie auch der Tartaros selbst beseitigen jeden Gedanken an einen Standort im Innersten der Erde, wie der Sinn dieser kryptischen Wörter im allgemeinen empfunden wurde. Mit „zur letzten Tiefe” muß „jenseits der anderen Seite der Erde” gemeint gewesen sein, und aus Gründen der Symmetrie muß es auf eine Region gegenüber unserem Pol verwiesen haben. Über die schimmernden Tore und die eherne unerschütterliche Schwelle wird an einer anderen Stelle im Text gesagt, daß sie die Pforten der Nacht und des Tages darstellen. Zwei Jahrhunderte später spricht Parmenides, die allegorische Sprache Hesiods aufgreifend, wieder von diesen Pforten der Nacht und des Tages.15 Aber sein Bildnis fällt deutlicher aus, wie es sich für seine unbeirrbare geometrische Vorstellungskraft gehört. Die Tore befinden sich „hoch oben im Äther” und führen zum Wohnsitz der Göttin der Wahrheit und Notwendigkeit; und auch für ihn müssen sie sich aus explizit symmetrischen Gründen am Pol befinden. Wir haben einmal versuchsweise den Nordpol vorgeschlagen. Aber viele gleichwertige Anhaltspunkte deuten nunmehr auf den anderen Pol hin, den unbekannten: den völlig Unzugänglichen. Hesiod sagt, die Styx sei eine Abzweigung des Himmels-Okeanos „unter der weitwegigen Erde”; seine schreckliche Göttin lebt in einem Haus, das „sich ganz mit silbernen Säulen zum Himmel G. de Santillana, Prologue to Parmenides, University of Cincinnati, Semple Lecture, 1964. Abgedruckt in G. de Santillana, Reflections an Man and Ideas (1968), 82. 15
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empor” reckt; das Wasser fließt von einem hochgelegenen Fels herab. Es kann von Iris erreicht werden, die mit ihrem Regenbogen vom „Haupt des schneebedeckten Olymps” herbeieilt. Diese ogygische Region, die den Göttern verhaßt ist, muß sich sowohl unter als auch jenseits der Erde befinden; das könnte soviel bedeuten wie „auf der anderen Seite des Himmels”. Homer benutzte nie die Wörter „oben” und „unten” im engeren Sinne; Er ließ Odysseus einfach auf einer weit entfernten flachen Küste an 185 Land gehen. Aber was hat es mit der fürchterlichen Styx auf sich, die der Kern des Mysteriums zu sein scheint? Er ist ein Fluß des Todes – selbst für die Götter, die wenigstens damit rechnen können, nach der vorgegebenen Zeit aus ihrem Koma zu erwachen. StyxWasser ist jeder Materie feindlich gesonnen: Es zerbricht Glas, Metall, Stein und jeden Behälter. Nur einem Pferdehuf kann es nichts anhaben, sagt die Legende.16 Sie fügt hinzu, daß für Menschen das Wasser unweigerlich zum Tode führt – außer an einem bestimmten Tag des Jahres, wenn es sich in das Wasser der Unsterblichkeit verwandelt. Doch weiß niemand diesen Tag. Dies führt letzten Endes zu jener Ambivalenz, welche die Erzählungen von Gilgamesch und Alexander so dramatisch macht. Inzwischen dürfte klar sein, daß die Flüsse als Zeit begriffen werden – als die Zeit des Himmels. Aber Metaphern haben ihre eigene Logik. Wo sind die Quellen? Der Koloß von Kreta ist Dantes eigene Erfindung. Vor ihm haben bereits viele andere über die Spalten berichtet, aus denen die Weltalter fließen. Kai Chosrau, der iranische Amlethus, wurde von einem mörderischen Onkel verfolgt, errichtete das Goldene Zeitalter und begab sich dann in tiefer Melancholie in das Große Jenseits. Der böse Onkel, Afrasiab, hatte sich in seinem verzweifelten Bemühen, in den Pausanias S.18.4-6 zitiert nach J.G. Frazer, Pausanias’ Description of Greece 4 (1913). 248-256; siehe auch Otto Waser, Roscher 4. Spalten 1574, 1576. Pausanias läßt offen, ob Alexander mit Hilfe des stygischen Wassers umgebracht wurde – wie es die Sage behauptet – oder nicht. 16
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Besitz der heiligen Legitimation – des „Glücksglanzes” (Hvarna) – zu gelangen, in eine Kreatur der tiefen Wasser verwandelt und stürzte sich in den geheimnisvollen See Vurukascha, um dort nach dem „Glücksglanz” zu tauchen. Dreimal tauchte er unter – aber „dieser Glücksglanz entkam, dieser Glücksglanz ging von dannen”: Und bei jedem Versuch entwich er durch die Öffnung eines Abflusses, durch die er zu einem Fluß gelangte, der ins Jenseits führte. Die erste Öffnung hieß Haosravah. Das ist der ursprüngliche avestische Name von Kai Chosrau. Damit sollten die Epoche und das Schema leidlich klar sein. Eine ebenso alte Geschichte über drei Ausflüsse stammt aus Hawaii. Sie ist in Abraham Fornanders unschätzbarem Account enthalten, den er vor hundert Jahren zusammenstellte, als die Überlieferung noch lebendig war. Das „Lebenswasser” gehört zu Kane, dem welterschaffenden Demiurg beziehungsweise Deus Faber. Es befindet sich in dem unsichtbaren göttlichen Land Paliuli (= blauer Berg), wo Kane, Ku und Lono den ersten Menschen, Kumu honua („erdverwurzelt”), schufen; oder es befindet sich alternativ auf der „fliegenden Insel des Kane” (der griechische Hephaistos lebte ebenfalls auf einer treibenden Insel). Fornander beschreibt die Quelle dieses „Lebenswassers” als wunderschön transparent und klar. Ihre Sandbänke sind herrlich, Sie hatte drei Ausflüsse: einen für Kane, einen für Ku und einen für Lono; und durch die Öffnungen dieser Ausflüsse gelangten die Fische in den Teich. Wenn die Fische dieses Teiches auf den Boden oder ins Feuer geworten wurden, starben sie nicht; und wenn ein Mensch getötet worden war und anschließend mit diesem Wasser benetzt wurde, war er bald wieder am Leben.17
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Eine ungewöhnliche Thematik ist hier angesprochen worden, nämlich die der „wiederbelebten Fische”, die sich später als ein A. Fomander, An Account of the Polynesian Race, Its Origin and Migrations (1878), I, 72f. Siehe auch Fornander Collection of Hawaiian Antiquities and Folk-Lore. Mem. BPB Mus. 6 (1920). 77f. 17
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zentrales Thema im nahöstlichen Mythos erweisen wird – von Gilgamesch über Glaukos bis hin zu Alexander persönlich. Und dann gibt es auch hier wieder die drei Öffnungen. Sie sind nützlich, um die Idee hinter Kanes „Quelle des Lebens” zu spezifizieren, die Volkskundlern sonst wie ein Allgemeinplatz nach Art des Jungbrunnens vorkommen mag. Aber etwas wirklich Überraschendes kann man in solider pythagoreischer Überlieferung finden: Plutarch erzählt uns in seinem Essay „Warum die Orakel keine Antwort mehr geben” (422E), daß Petron – ein Pythagoreer der frühen italischen Schule sowie Zeitgenosse und Freund des großen Arztes Alkmaion (ca. 550 v.Chr.) – eine Theorie entwickelte, nach der es viele Welten geben muß: insgesamt 183. Kleombrotos, eine jener Personen, welche an dem Gespräch über die Obsoletheit von Orakeln teilnahmen, wußte mehr über diese Weiten zu berichten. Er hatte seine Informationen von einem mysteriösen „Mann” bezogen, der nur einmal pro Jahr menschliche Wesen zu treffen pflegte! und zwar in der Nähe des Persischen Golfs, „sonst aber … mit herumziehenden Nymphen und Dämonen lebt” (421A). Laut Kleombrotos brachte dieser „Mann” die 183 Welten in einem gleichseitigen Dreieck unter, jeweils sechzig an einer Seite und eine ExtraweJt pro Ecke. Ein näherer Grund wird dafür nicht angegeben; aber die Anordnung wird genau beschrieben: … die einander benachbarten berührten sich, während sie sich sacht wie im Reigentanz herumbewegten; die innerhalb des Dreiecks befindliche Fläche sei der gemeinschaftliche Herd aller Welten und heiße das Feld der Wahrheit, in dem die Begriffe, die Ideen und die Urbilder alles dessen, was geworden sei und was werden werde, unbeweglich ruhten, und um sie sei die Ewigkeit, und die Zeit, gleichsam ein Ausfluß der Ewigkeit, bewege sich zu den Welten hin. Das Sehen und Schauen von dem allen sei den menschlichen Seelen nur einmal in zehntausend Jahren verstattet, doch nur, wenn sie ihre Leben gut geführt hätten, und die edelsten der Mysterien hier auf der Erde seien nur ein Traum von jener Schau und Weihe.18 18
Plutarch, De defectu oraculorum, übersetzt von K. Ziegler (1952). Ka-
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Was soll das heißen? Eine mythische Präfiguration von Platons Metaphysik? Und warum dieses dreieckige „Feld der Wahrheit”, das sich wiederum als ein See mit Lebenswasser herausstellt? Pythagoreer kümmerten sich nicht um Erklärungen. Das gilt auch für Plutarch.19 Aber hier tut sich wenigstens ein ursprünglicher Weg auf, die Ewigkeit mit dem Fluß der Zeit zu verknüpfen. Wenn es um geometrische Vorstellungskraft ging, waren die Pythagoreer nicht zu überbieten.
pitel 22, 422BC. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift sind von uns. 19 Proklos (Kommentar zu Platons Timaios 138B, herausgegeben von Ernst Diehl. BT. I, 454) machte geltend, daß es sich hier um eine „barbarische Ansicht” (doxe barbarikē) handelt. Er hat kein besonderes Interesse an dem dreieckigen Feld der Wahrheit alias unserem „See“ mit seinen Ausflüssen; er weiß jedoch näheres über die 180 „untergeordneten” und 3 „führenden“ Welten (hēgemonas) an den Winkeln zu sagen und wie sie zu deuten seien. Dazu bemerkt André Jean Festugière in seiner Übersetzung von Proklos’ Kommentar (2, 336, Fußnote 1): „On notera que Proclus donnec à la fois moins et plus que Plutarque. A-t-il lu ces élucubrations pythagoriciennes elles-mêmes?”
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Tre volte il fe’ girar con tutte l’acque alla quarta voltar la poppa in suso e la prora ire in giu, com’altrui piacque Infin che’l mar fu sopra noi richiuso. DANTE
Dante hielt an der Tradition des Strudels als signifikantes Ende großer Gestalten fest, auch wenn es in seinem Werk durch die göttliche Fügung vorbestimmt war. Bei seinem „wahnsinnigen Unternehmen” ist Ulixes über die Grenzen der Welt hinausgesegelt; und nachdem er den Ozean erst einmal überquert hat, sieht er von weitem einen Berg drohend sichtbar werden, „dunkel in dem fernen Dunst … , so hoch, wie ich noch nichts gesehen hatte”. Es ist der Berg des Purgatoriums, zu dem Sterbliche keinen Zutritt haben. „Wir jubelten. – Die Lust ward bald zunichte, denn von dem fernen Lande kam ein Wirbel, der faßte an der Spitze gleich das Schiff und dreht es dreimal um im Strudelkreise, beim vierten hob er’s hinten auf – und köpflings, wie fremde Macht es wollte, fuhr’s hinab. Dann schloß sich langsam über uns das Wasser.”1 Der „gedankenreiche” Ulixes ist auf seinem Weg zur Unsterblichkeit – selbst wenn es die Hölle sein muß. Der verschlingende Strudel gehört zum Repertoire uralter Sagen. In der Odyssee kommt er als Charybdis in der Meeresenge von Messina vor, in anderen Kulturen taucht er im indischen Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie in der Übersetzung von Karl Vossler (1969» Neuausgabe 1989), 151.
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Ozean und im Pazifik auf. Kurioserweise steht auch dort ein überhängender Baum bereit, an dessen Zweigen sich der Held festklammern kann – ob es sich dabei in Indien um Satyavrata oder auf Tonga um Kae handelt –, während sein Schiff untergeht. Wie Sindbads magnetischer Berg lebt der Strudel über die Jahrhunderte im Seemannsgarn fort. Das hartnäckige Überleben von Einzelheiten schließt jedoch aus, daß es sich hier um freie Erfindungen handelt. Solche Geschichten haben seit der Antike zum kosmographischen Schrifttum gehört. Mittelalterliche Schriftsteller, und nach ihnen Athanasius Kircher, brachten den gurges mirabilis, den wundersamen Wasserwirbel, irgendwo abseits der Küste Norwegens oder Großbritanniens unter. Es war der Maelström, und außerdem vermutlich eine Reminiszenz an Pentland Firth.2 Im allgemeinen lag er in nord-nordwestlicher Richtung, genauso wie Saturns Insel Ogygia von den Griechen „jenseits” der Britischen Inseln angesiedelt wurde (siehe erneut Abbildungen 8 und 9 sowie 15 und 16). Weitere Recherchen ergeben, daß dieses Nebeneinanderstellen ein Ergebnis der üblichen Verwechslung zwischen Uranographie und Geographie zu sein scheint. Es ist immer wieder die Rede von einem „Loch” im Nordwesten (für die Chinesen „NeunYin”) des Himmels (siehe Seite 377); und insofern, als die schematische Karte der Erde von derjenigen des Himmels abgeleitet wurde, wurde das Loch von oben als Maelström oder Ogygia auf die Erde herabgeholt. Beide Vorstellungen sind keinesfalls naheliegend. Für die Skandinavier (siehe Kapitel 6) bildete sich der Strudel dadurch, daß die Grotti-Mühle aus den Angeln gehoben wurde: Siehe für Irland W. Stokes, „The Prose Tales in the Rennes Dindsenchas”, RC 16 (1895), Nr. 145: „In nördlicher Richtung gibt es einen großen Strudel zwischen Irland und Schottland. In ihm treffen viele Meere zusammen [aus NSOW] – er ähnelt einem großen Kessel, der die Fischzüge nach oben [und] unten schleudert, und sein Brüllen hört sich wie entferntes Donnergrollen an …”
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Der Maelström strudelt durch das Loch des gesunkenen Mühlsteins. So erzählt es Snorri. Die älteren Strophen von Snaebjörn, in denen Hamlets Mühle beschrieben wird, besagen, daß die neun Jungfrauen der Mühl-Insel, die in vergangenen Zeiten Amlodhis Mehl mahlten, inzwischen eine „verderbliche Felsenmühle” betreiben. Daß mit dieser Felsenmühle der Strudel und nicht einfach der nördliche Ozean gemeint ist, wird durch einige weitere Zeilen unterstützt, die Gollancz Snaebjörn zuschreibt; nicht daß sie von kristallener Klarheit waren, aber erneut werden die Mühle und der Strudel in einen Zusammenhang gebracht: The island-mill pours out the blood of the flood goddess’ sisters [i.e., the waves of the sea], so that [it] bursts from the feller of the land: whirlpool begins strong.3
Hier wird auf keinen Standort verwiesen, wohingegen die Finnen in Richtungen deuten, die weniger verschwommen sind als sie klingen. Ihre Feststellung, daß der Sampo drei Wurzeln hat – eine im Himmel, eine in der Erde und die dritte in dem Wasserwirbel –, hat eine eindeutige Bedeutung, wie sich herausstellen wird. Außerdem wird von Väinämöinen, der mit seinem kupfernen Schiff in den „Magen des Maelströms” fährt, gesagt, er segele zu „den Tiefen des Meeres”, zu den „untersten Gedärmen der Erde”, zu den „untersten Regionen des Himmels”. Was den Standort des Strudels betrifft, so liest man: Vor des fernen Nordlands Toren, Unter der Schwelle Pojohlas mit buntem Deckel, Sich die Kiefern wälzen mit ihren Wurzeln, Mit ihren Kronen stürzen in des Wirbels Schlund.4 Gollancz, Hamlet in Iceland (1898), xvii. Annähernd ins Deutsche übertragen lauten die Zeilen: Die Insel-Mühle gießt das Blut der Schwestern der Flutgöttin aus [das heißt: die Wellen der See], so daß [es] aus dem Fäller des Landes hervorbricht: Stark beginnt der Strudel. 4 M. Haavio, Väinämöinen, Eternal Sage (1952), 191-198. 3
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In der germanischen Überlieferung findet man dann bei Adam von Bremen (11. Jahrhundert), daß gewisse friesische Edelleute eine Schiffreise über Norwegen hinaus machten, bis hin zu den entferntesten Grenzen des arktischen Meeres: … da verfielen sie plötzlich in jene schwarze Finsternis des starrenden Ozeans, welche mit den Augen kaum zu durchdringen war. Und siehe, da zog der Sund des wechselvollen Ozeans, zurückeilend zu gewissen geheimnisvollen Anfängen seiner Quelle, die unglücklichen Seefahrer, die bereits verzweifelten, ja an nichts als nur an den Tod dachten, mit der heftigsten Gewalt zu jenem tiefen Chaos hin [dies soll der Schlund des Abgrunds sein, H.v.D], von welchem, wie die Sage geht, alle Rückströmungen des Meeres, die abzunehmen scheinen, verschlungen und wieder ausgespien werden … Und als sie nun der gefahrdrohenden Finsternis und dem Land der Kälte entrannen, da landeten sie unverhofft auf einer Insel, welche mit sehr hohen Klippen wie eine Stadt mit Mauern umgeben war. Wie sie darauf, sich das Land zu besehen, ausstiegen, fanden sie dort Menschen, die in unterirdischen Höhlen zur Mittagszeit verborgen lagen, vor deren Türen eine unermeßliche Menge von goldenen Gefäßen und von solchen Metallen lagen, welche von den Sterblichen für selten und kostbar gehalten werden. Daher nahmen denn die erfreuten Ruderer von diesen Schätzen, soviel sie fortbringen konnten, und kehrten eilig zu den Schiffen zurück, als sie plötzlich zurückblickend Menschen von wunderbarer Größe hinter sich herkommen sahen, welche die Unseren Zyklopen nennen. Vor denselben liefen Hunde her, die auch die gewöhnliche Größe dieser Vierfüßer überschritten. Diese stürzten heran und rissen einen von den Genossen weg, der augenblicklich vor ihren Augen zerfleischt wurde; die anderen aber wurden in die Schiffe aufgenommen und entrannen so der Gefahr, indem die Riesen sie … beinahe bis auf die hohe See hinaus schreiend verfolgten. Von solchem Glück begleitet gelangten die Friesen nach Bremen, wo sie … dem frommen Christ und seinem Bekenner Willehad für ihre Heimkehr und Rettung Opfer des Dankes darbrachten.5 Adam von Bremen, Hamburgische Kirchengeschichte, übersetzt von J.C.M. Laurent und W. Wattenbach (1986), 292ff. Siehe auch V. Ryd-
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Der lateinische Text (Rydberg, 422) benutzt den vertrauten klassischen Namen Euripos. Jener Euripos, welcher bereits im Phaidon eine Rolle gespielt hat, war in Wirklichkeit ein Kanal zwischen Euböa und dem Festland, in dem das Aufeinanderprallen der Gezeiten die Strömung nicht weniger als siebenmal pro Tag in ihre Gegenrichtung umkehrte und auf diese Weise gefährliche Wasserwirbel entstehen ließ – tatsächlich handelt es sich hier mehr um stehende Wellen als um einen wirklichen Wirbel.6 Und hier zerrte der unstete Euripos des Ozeans, der zu den Anfän- 191 gen seiner geheimnisvollen Quelle zurückfließt, mit unwiderstehlicher Kraft die unglücklichen Seeleute, die in dem Augenblick an nichts anderes als den Tod dachten, hinab zum Chaos. Von diesem wird behauptet, es sei der Magen des Abyssus, jener unbekannten Tiefe, in welche – so heißt es – die Ebbe und die Flut des gesamten berg, Teutonic Mythology (1907), 320. 6 Wir treffen diesen Namen an einem ziemlich unerwarteten Ort wieder, nämlich im römischen Zirkus beziehungsweise Hippodrom, wie wir von J. Laurentius Lydus (De Mensibus I.12.) erfahren, der sagt, daß das Zentrum des Zirkus Euripos genannt wurde; daß in der Mitte des Stadions eine Pyramide stand, die der Sonne geweiht war; daß sich dicht bei der Sonnenpyramide drei Altäre befanden für Saturn, Jupiter und Mars sowie unterhalb der Pyramide Altäre für Venus, Merkur und den Mond und daß es nicht mehr als sieben Rennbahnen (kykloi) rund um die Pyramide gab, denn das war die Anzahl der damals bekannten Planeten. Siehe auch F.M Cornfords Kapitel über den Ursprung der Olympischen Spiele in J. Harrisons Themis (1962), 228, sowie Godfrey Higgins’ Anacalypsis (1927), 2, 377ff. Das erinnert an den mittelamerikanischen Ballspielplatz (obgleich augenscheinlich nicht Euripos, sondern „die Schädelstätte des Gottes” genannt), in dessen Mitte sich ein rundes Loch befand, das von Tezozomoc die Bezeichnung „die enigmatische Signifikanz des Ballspielplatzes” erhielt; und bevor Uitzilopochtli geboren wurde, ergoß sich ein See aus diesem Loch. Siehe W. Krickeberg, „Der mittel amerikanische Ballspielplatz und seine religiöse Symbolik”, Paideuma 3 (1948), 135ff, 155, 162.
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Meeres gesaugt und dann wieder ausgespuckt werden, worin die Ursache der Gezeiten liegt.
Dies ist eine Widerspiegelung dessen, was in der Antike eine populäre Vorstellung gewesen ist. Doch hier folgt eine nordamerikanische Version derselben Geschichte.7 Sie betrifft die KanuAbenteuer zweier Cherokesen an der Mündung des Suck Creek. Einer von ihnen wurde von einem Fisch ergriffen und nie mehr wiedergesehen. Der andere wurde immer rundherum geschleppt, bis zum allerniedrigsten Zentrum des Strudels, als ihn ein anderer Kreis erwischte und nach draußen spülte. Er erzählte später, daß sich das Wasser, als er den engsten Kreis des Strudels erreicht hatte, nach unten zu öffnen schien und er hinabschauen konnte wie durch den Dachbalken eines Hauses. Und dort unten, auf dem Grund des Flusses, habe er eine große Gesellschaft gesehen, die nach oben schaute und ihm Zeichen gab, sich ihr anzuschließen; aber als sie ihre Hände ausstreckten, um ihn nach unten zu ziehen, ergriff ihn die rasche Strömung und brachte ihn außerhalb ihrer Reichweite.
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Es ist beinahe so, als hätten sich die Cherokesen die bessere Erinnerung bewahrt, wenn sie von fremden Regionen sprechen, die dort von einer „großen Gesellschaft“ – wobei es sich gleichermaßen um die Toten wie auch um die Riesen mit ihren Hunden handeln kann – bewohnt werden, wo sich im „engsten Kreis des Strudels das Wasser nach unten zu öffnen schien“. Es wird interessant sein, herauszufinden, ob dieser Eindruck berechtigt ist oder nicht. Snorri, der das Grotti-Lied für uns aufbewahrt hat, sagt uns nicht, wo der Strudel zu finden sei, doch steht nur einer zur Verfügung, nämlich jener „Hwergelmir“ in Hels Wohnsitz der Toten, ans und zu dem „alle Wasser ihren Weg finden”.8 Rydberg sagt: 7 8
James Mooney, Myths of the Ckerokee (1900), 340. Grimnismål 26; siehe auch Snorri. Gylfaginning 15.
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Es zeigt sich, daß sich die Mythologie Hwergelmir als ein riesiges Reservoir dachte, als die Ursprungsquelle aller Wasser der Welt. In vorderster Reihe wird eine Anzahl unterirdischer Flüsse genannt, die im Hwergelmir entspringen und sich von dort ihren Verlauf in verschiedenen Richtungen bahnen. Aber die Wasser der Erde und des Himmels kommen ebenfalls aus diesem enormen Brunnen, und nachdem sie ihre Runden gedreht haben, kehren sie dorthin zurück. Der Mythos über Hwergelmir und seine unterirdischen Verbindungen mit dem Ozean erklärte unseren Vorfahren das Entstehen der Gezeiten von Ebbe und Flut. Hoch oben in den nördlichen Kanälen öffnete sich der Meeresgrund selbst zu einem Hohltunnel, der zu dem „Kessel-Brüller” hinabführte, zu dem, „der in seinem Wasserbecken brüllt” (hverr = Kessel; galm = auf Angelsächsisch „gealm” = ein Brüllen). Wenn die Wasser des Ozeans durch diesen Tunnel hinab in den Hades-Brunnen strömten, so war Ebbe; wenn dieser sich seines Überflusses an Wasser entledigte, so war Flut. Zwischen dem Königreich des Todes und dem Ozean gab es demzufolge ein verbindendes Glied, vielleicht mehrere. Die meisten Menschen, die ertranken, blieben nicht bei Ran. Ägirs Frau, Ran, empfing sie gastfreundlich, wie es in den isländischen Sagen des Mittelalters heißt. Sie besaß eine Halle auf dem Meeresgrund, wo die Ertrunkenen willkommen geheißen und ihnen … ein Sitzplatz und ein Bett angeboten wurden. Ihr Reich war nur ein Vorzimmer zu den Reichen des Todes.9
Es gibt hier mehrere Grundzüge des Phaidon, aber sie werden bei Gilgamesch erneut auftauchen. Damit soll nicht bestritten werden, daß der Hwergelmir und andere Strudel eine Erklärung für die Gezeiten liefern. (Vielleicht ist es möglich herauszuV. Rydberg, Teutonic Mythology (1907), 414, 421f. Siehe auch die Vorstellungen über die Nonne St. Gertrud. Schutzherrin der Reisenden, insbesondere bei Seereisen, die auch als Schutzheilige der Gaststätten tätig war: “… und schließlich wurde angenommen, daß sie die Wirtin eines Gasthauses war, in dem die Seelen die erste Nacht nach dem Tod verbrachten.” [Matti Hako, Das Wiesel in der europäischen Volksüberlieferung, FFC 167(1956). 119.] 9
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finden, was Gezeiten auf der Ebene des Himmels bedeuten.) Aber es ist klar, daß der Maelström als Ursache der Gezeiten nicht für die ihn umgebenden Merkmale verantwortlich ist – nicht einmal für die wenigen von Rydberg erwähnten, wie die Frau des Meeresgottes Ägir, welche die Seelen ertrunkener Seefahrer freundlich in ihrem Vorzimmer auf dem Meeresgrund empfängt – noch für den Umstand, daß sich die friesischen Abenteurer, vom Strudel in die Tiefe gerissen, plötzlich auf einer leuchtenden Insel wiederfinden, die mit Gold angefüllt ist und wo sich Riesen in den Gebirgshöhlen versteckt halten. Die Insel beginnt sehr nach Ogygia auszusehen, auf der Kronos/Satum in einer goldenen Gebirgshöhle schläft, wohingegen die Empfangshalle von Ran – ihr Ehemann Agir war berühmt für seine Bierbrauerei, und es geschah in seiner Halle, daß Loki seinen Mitgöttern zu nahe trat, wie in der Lokasenna geschildert wird – eher an Ogygia II denken läßt, die Insel von Kalypso (Schwester von Prometheus), die Omphalos Thalasses, der Nabel der See, genannt wird. Kalypso war die Tochter von Atlas, „der die Tiefen des ganzen Meeres kannte”. Sie ist autoritativ mit der göttlichen Bardame Siduri verglichen worden,10 die nahe am tiefen Meer wohnt und der wir später, in der Erzählung von Gilgamesch, begegnen werden. In ihrer Bedeutung als echte poetische Sage ist die Mythologie eine große Hilfe gewesen, aber an dieser Stelle bringt sie uns nicht weiter. Die goldene Insel des Kronos und die von Bäumen umsäumte der Kalypso bleiben unlokalisierbar, unbeschadet der Bemühungen homerischer Gelehrter. Mittels sorgfältiger Analyse navigatorischer Daten hat einer von ihnen (Victor Bérard) Kalypso auf der Insel Perejil nahe Gibraltar untergebracht, ein anderer (Ernle Bradford) auf Malta, andere sogar weit von Afrika entfernt. Vermutlich liegt sie nicht allzu weit von Sizilien, zumal Odysseus sie reitend auf dem Mast seines Schiffes erreicht, kurz 10
Siehe Kapitel 22, „Das Abenteuer und die Suche”.
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nachdem er der Charybdis in der Meeresenge von Messina entkommen ist. Im Lauf der Zeit ist die Insel mit vielen Plätzen identifiziert worden.11 Einige Angaben bei Homer vermitteln den Anschein exakter Geographie, etwa Kirkes Insel mit ihrem Tempel von Feronia oder das Land der Laistrygonen, welches die Bucht von Bonifacio sein könnte. Aber die meisten Elemente des vergangenen Mythos, wie die Charybdis oder die Plankten, sind illusionistisch. Sie werfen die gesamte Geographie über den Haufen – was ja auch für die Argonauten selbst zutrifft. Ohne zu versuchen, Ogygia beziehungsweise Ogygos ausfindig zu machen, hat das Adjektiv „ogygisch” – das als ein Markenzeichen für die Wasser der Styx benutzt worden ist – auch die Konnotation von „vorsintflutlich” angenommen. Bezüglich des Hwergelmir, „brüllender Kessel”, ist es „der Nabel der Wasser”; aber der befindet sich mit Sicherheit „tief unten” – was auch für die merkwürdige „Bierstube” des Ägir gilt. Und wenn sich herausstellt – was bald der Fall sein wird –, daß Utnapischtim (der Erbauer jener Arche, welche nur über die Straße erreicht werden kann, die durch die Bar der göttlichen Siduri führt und somit auch, könnte man sagen, durch das Wirtshaus des Bierbrauers Ägir) für immer am „Zusammenfluß der Ströme“ lebt, so mag dies Sokrates zwar zu seiner Idee von Zusammenflüssen verleitet haben, doch würde das die Sache nicht sonderlich erhellen. Allerdings gibt es einige Steigeisen, mit deren Hilfe man aus dem Abyssus heraufklettern kann. Es ist bekannt (Kapitel 12), daß sich Sokrates und die Dichter wirklich auf den Himmel bezogen, wie er „von der anderen Seite gesehen” wird. Es ist dargestellt worden, daß Väinämöinen den Weg durch 194 Alle Vorschläge wurden ausführlich besprochen von Armin und Hans-Helmut Wolf, Der Weg des Odysseus (1968, 2. Auflage 1983). Sie selbst verlegen Ogygia auf die Liparische Insel Panarea (1983, 83). Für Victor Bérard [Les Navigations d’Ulysse (1927-1929), 4 Bände] siehe A. und H.-H, Wolf, op.cit. (1983), 173; für Ernle Bradford [Ulysses found (1963)] siehe A. und H.-H. Wolf, op.cit. (1983), 183.
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den „Nabel der Wasser” benutzte, und wir werden sehen (Kapitel 19), daß dasselbe für Kronos/Phaethon gilt sowie auch für andere mächtige Persönlichkeiten, die das Land des Schlafs erreichten, wo die Zeit aufgehört hat zu existieren. Man kann schon jetzt davon ausgehen, daß die Bedeutung letzten Endes astronomischer Natur sein wird. Somit kann man sich, indem man sich rückwärts aus der Sage herausbegibt, erneut mit der Bitte um Hilfe an die Königliche Wissenschaft wenden. Daß es am Himmel einen Wasserstrudel gibt, ist wohlbekannt; höchstwahrscheinlich ist er der eigentliche Strudel, und er ist präzise plaziert. Es handelt sich um eine entsprechend genannte Sternengruppe (zalos) am Fuß des Orion, nahe dem Rigel (beta Orionis, wobei Rigel das arabische Wort für „Fuß” ist), dessen Längengrad laut Hermes Trismegistos „Tod” genannt wurde,12 während die Maori glaubten, Rigel markiere den Weg zum Hades (Castor hingegen den zur „Urheimat” Havaiki13). Der Astrologe Antiochos zählte den Strudel zu den mit Taurus aufgehenden Sternbildern. Franz Boll erklärte zwar die Beschreibung des Antiochos für unangemessen, kommt aber zu dem Schluß, daß es sich bei dem zalos in der Tat um Eridanus handeln muß, „der aus dem Fuß des Orion fließt”.14 Nun wurde Eridanus, das Wassergrab des Phaethon – auf der Sternenkarte der südlichen Hemisphäre von Athanasius Kircher ist noch zu sehen, wie Phaethons sterbliche Hülle in dem Strom liegt –, als ein Sternenfluß betrachtet, der zu der anderen Welt führt. Das Anfangsgerüst steht, diesmal am Himmel ausfindig gemacht. Und hier folgt eine entscheidende Bestätigung: Jener geheimnisvolle Ort pī nārāti – was wörtlich „Mündung der Flüsse” bedeutet, allerdings das „Zusammenströmen” der Flüsse meint – wurde von den Babyloniern traditionellerweise mit Eridu identifiziert. Aber „Vocatur mors“, siehe W. Gundel, Neue Astrologische Texte des Hermes Trismegistos (1936), 196f, 216f. 13 Siehe Percy Smith, The Lore of the Whare-wānanga I (1913), 101. 14 F. Boll, Sphaera (1903), 57, 164-167. 12
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die archäologische Ausgrabungsstätte von Eridu befindet sich keineswegs irgendwo in der Nähe des Zusammenflusses der zwei Ströme Mesopotamiens. Vielmehr liegt sie zwischen dem Tigris und dem Euphrat, die getrennt voneinander im Persischen Golf münden, und sie ist ziemlich hoch gelegen. Die vorgeschlagene Erklärung, daß Eridu durch die Ausbreitung des Schwemmlands von der gemeinsamen „Mündung” entfernt wurde, hat nicht viel zum Verständnis des mythischen Topos pī nārāti beigetragen. Und entsprechend wurde von einem der perplexen Philologen vorgeschlagen, die alten Mesopotamier – eben jene, welche kunstvolle Bewässerungssysteme ersannen! – hätten nicht gewußt, in welche Richtung Wasser zu fließen pflegt; vielmehr hätten sie geglaubt, die beiden Flüsse entsprängen dem Persischen Golf. Diese spezielle mißliche Lage wurde von William Faxwell Albright geklärt, indem er „Mündung” und „Quelle” austauschte;15 er ließ uns „hoch und trocken“ gestrandet zurück – was übrigens 195 eine sehr typische mythische Situation ist –, rund um die „Quelle“ in den armenischen Bergen. Und obwohl er, zu Recht, mit Nachdruck hervorhob, daß Eridu-pī nārāti nicht geographisch gemeint sein könne, verbannte er diesen Ort geradewegs in das Innere unseres Planeten. Die „Quelle” trägt also genausowenig zur Klärung bei wie die „Mündung” – und wie jede andere geographische Lokalisierung. Eridu, auf Sumerisch mulNUNki, ist Canopus, alpha Carinae, der helle Stern nahe dem Südpol, wie von Bartel Leendert van der Waerden,16 einem hervorragenden zeitgenössischen Historiker der Astronomie, bewiesen wurde. Daß dieser oder jener Teil der Argo damit gemeint sein mußte, war schon vorher berechnet worden.17 Und das gab schließlich auf der einen Seite der impoW.F. Albright, „The Mouth of the Rivers”, AJSL 35 (1919), 161-195. B.L. von der Waerden, „The Thirty-Six Stars”, JNES 8 (1949), 14: „Der helle südliche Stern Canopus war Eas Stadt Eridu (NUNki deE-a).” 17 Siehe P.F. Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 306. 15 16
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santen Konfiguration von Mythen um Canopus einen Sinn, wie auch auf der anderen Seite dem Übergewicht des „Zusammenflusses der Ströme”. Mit diesem einzigartigen Topos werden wir uns später beschäftigen. Ein Punkt bleibt nach wie vor problematisch. Die Milchstraße galt als der Weg der Toten, und das seit den ältesten Tagen der Hochkultur. Diese Vorstellung war noch bei den Pythagoreern (und Orphikern) lebendig. Warum und wieso kam der Eridanus ins Spiel? Es steht zu vermuten, daß dies mit der präzessionalen Verschiebung des Äquinoktialkolurs zu tun hat. Aber das verzwickte Problem des Flusses wird im Kapitel über die Milchstraße analysiert werden. Eines steht mittlerweile fest: Der wirkliche, der ursprüngliche Weg aus dem Strudel befindet sich am Himmel. Mit dieser Erkenntnis sollte man erneut in den verwirrenden Dschungel jener „irdischen” Mythen eintauchen, welche sich auf die Wasser aus der Tiefe beziehen.
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The glacier knocks in the cupboard, The desert sighs in the bed. And the trade in the tea cup opens A lane to the land of the dead. AUDEN
Es gibt eine Überlieferung aus Borneo über eine „WasserstrudelInsel” mit einem Baum, der es einem Menschen gestattet, in den Himmel hinaufzuklettern und nützliche Samen aus dem „Land der Plejaden” zu holen.1 Die Polynesier haben sich offenbar keine Mühe gegeben, was den genauen Standort ihres Strudels anbelangt, der in den meisten Fällen als Eingang zum Wohnsitz der Verstorbenen gilt; es wird vermutet, er befinde sich „am Ende des Himmels” und „am Rande der Milchstraße”.2 Auf dieser Seite des Atlantiks* war das Grundschema den Cuna-Indianern ebenfalls bekannt,3 obgleich sie darauf verzichteten, die allgemein bekannte örtliche Bestimmung anzugeben: Alfred Maass, „Sternkunde und Sterndeuterei im Malaiischen Archipel” (1924), in Tijdschrift Indische Taal-, Land- en Volkenkunde 64, 388. 2 M.W. Makemson [The Morning Star Rises: An Account of Polynesian Astronomy (1941), Fußnote 160] schlägt Sagittarius vor. Für Samoa siehe Augustin Krämer, Die Somoa-Inseln (1902), 1, 369. Für Mangaia siehe Peter Blick, Mangaian Society (1934), 198, und Robert W. Williamson, Religious and Cosmic Beliefs of Central Polynesia (1924), II, 251. * A.d.Ü.: Von den USA aus gesehen. 3 Clyde E. Keeler, Secrets of the Cuna Earthmother (1960), 67ff, 78f. 1
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„Gottes ganz eigener Wasser Strudel” (tiolele piria) lag direkt unter dem Palluwalla-Baum, dem „Salzwasser-Baum”, und als der Sonnengott beziehungsweise der Tapir – ein nur schlecht verkleideter Quetzalcoatl – den Baum fällte, schoß das Wasser hervor, um die Weltmeere zu bilden. Hier sind drei Elemente vertreten, die sich zu einem kuriosen Knäuel vereinen: (a) Der Strudel repräsentiert beziehungsweise ist die Verbindung der Welt der Lebenden mit der Welt der Toten; (b) in seiner Nähe wächst ein Baum, häufig ein lebensspendender oder -rettender; (c) der Wasserwirbel entstand, weil ein Baum gefällt oder entwurzelt oder eine Mühlachse aus den Angeln gehoben wurde und dergleichen. Dieses Grundschema ist in mannigfaltigen Variationen und Gestaltungen in vielen Weltlegenden verbreitet worden und stellt ein paradoxes Rätsel dar: Es ist, als ob dieses spezielle Gewässer, das sich unter dem Baum, der Säule oder Mühlachse verbirgt, nur darauf wartete, daß jemand den Pfropfen entfernt – den Baum, die Säule oder Mühlachse –, um einen Streich zu spielen. Das ist kein neumodischer Gedanke. Alfred Jeremias bemerkt beiläufig: „Das Öffnen des Nabels bringt die Sintflut. Als David den Nabelstein in Jerusalem entfernen wollte, erhob sich die Flut. In Hierapolis in Syrien wurde der Xisuthros-Altar gezeigt in der Höhle, in der die Sintflut versiegte.”4 Das Muster läßt sich sogar in dem indonesischen Rama-Epos erkennen.5 Während Rama den riesigen Deich nach Lanka (Ceylon) baut, werfen die hilfsbereiten Affen einen Berg nach dem anderen ins Meer, aber plötzlich verschwinden sie alle. Wutentbrannt schickt sich Rama gerade an, seinen magischen Pfeil in das undankbare Meer zu schießen, als eine weibliche Gestalt aus dem Wasser emporsteigt und ihn warnt, daß sich an genau der Stelle ein Loch im Ozean befinde, das zur Unterwelt führe. Sie A. Jeremias, HAOG, 156, Fußnote 7. William Stutterheim, Rama-Legenden und Rama-Reliefs in Indonesien (1925), 54. 4 5
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gibt ihm außerdem die Auskunft, daß das Wasser in jenem Loch Lebenswasser genannt werde. Rama wird sich mit seiner Drohung durchgesetzt haben, da der Deich gebaut wurde. Aber dieselbe Geschichte wiederholt sich in Griechenland, als Herakles das Meer überquert, um die Rinder des Geryon zu stehlen. Okeanos, hier als Gott auftretend, erzeugt eine Sturmflut. Herakles droht mit seinem gezückten Bogen – und es kehrt wieder Ruhe ein. In diesen Fällen werden weder der Strudel noch der Zusammenfluß erwähnt, aber sie gehören eindeutig in diesen Zusammenhang. Dies verleiht der Catlo’ltq-Geschichte aus dem amerikanischen Nordwesten große Bedeutung, denn sie steht beispielhaft (siehe Kapitel 22) für das Mädchen, das seinen Pfeil in den „Nabel des Wassers schießt, der ein unermeßlicher Strudel war“, und auf diese Weise Feuer gewinnt. Hinter der Geschichte muß sich eine sehr fundamentale Idee verbergen und eine recht alte obendrein, wurde doch von Ischtar gesagt, daß sie es sei, „die den Apsu vor Ea aufrührt”.6 Das ist ein merkwürdiger Zeitvertreib für eine Göttin, aber es scheint eine recht himmlische Sportart gewesen zu sein. Der achte Yasht des Avesta,7 der Sirius/Tishtriya gewidmet ist, sagt über diesen Stern: „Den prächtigen glänzenden Stern Tistriya verehren wir, der ebenso geschwind zum See Vurukarta fährt wie der gedankenschnelle Pfeil, den der Pfeilschütze Urxša, der beste Pfeilschütze unter den Aryern, vom Berg Ariyoxšuta bis zum Berg Huvanvant schoß.”8 Und was macht Sirius mit diesem See? 198 „Descent of Ishtar to the Nether World”. Bildseite I. 27. ANET, 107; siehe auch W.R Albright, „The Mouth of the Rivers”, AJSL 35 (1919), 184. 7 Yasht 8.6 und 8.37, siehe Hermann Lommel, Die Yäšts des Awesta (1927), 50, 54. 8 Siehe für die Heldentaten des Bogenschützen, den Hermann Lommel Urxšsa transkribiert [in Ferdinand Justis Iranisches Namenbuch (1985), 8 8: Erexša], den Bericht von al-Bīriūnī über Arish [The Chronology of 6
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Er läßt den See Vurukarta aufwogen, auseinanderwogen, aufwallen, auseinanderwallen, auffluten, auseinanderfluten: „… allen Ufern wogt der See Vurukarta, die ganze Mitte wogt auf“ (Yt. 8.31; siehe auch 5.4). Wohingegen Plinius9 uns überzeugen will, daß „das ganze Meer um das Aufgehen dieses Sterns weiß, was am deutlichsten in den Dardanellen zu sehen ist, denn Seegras und Fische treiben auf der Oberfläche, und altes ist vom Grund nach oben gespült“. Er bemerkt außerdem, daß beim Aufgehen des Hundssterns der Wein in den Kellern sich zu regen beginnt und daß sich die stehenden Gewässer bewegen Ancient Nations, übersetzt von E. Sachau (1879), 205]. Der Hintergrund der Geschichte: Afrasiab hatte versprochen, dem Minôcihr jenen Teil von Erânschar (das von ihm erobert worden war) zurückzugeben, welcher so lang und so breit wie der Flug eines Pfeils war. Arish schoß den Pfeil am 13. Tag des Monats Tîr-Mâh ab, nachdem er verkündet hatte: „Ich weiß, daß ich, wenn ich mit diesem Pfeil und Bogen schieße, in Stücke zerfallen werde, und mein Leben wird dahin sein.” Und so geschah es: Als er den Pfeil abschoß, „zerfiel [er] in Stücke. Auf Befehl Gottes trug der Wind den Pfeil vom Berg Rûyân und brachte ihn zur äußersten Grenze von Khurâsân zwischen Farghâna und Tabaristân; dort traf er den Stamm eines Nußbaumes, der so hoch war, daß es noch nie einen Baum wie diesen in der Welt gegeben hatte. Die Entfernung zwischen dem Ort, von wo der Pfeil abgeschossen worden war und wo er auftraf, betrug 1000 Farsakh.” [Siehe auch Sayyid H. Taqizadeh, Old Iranian Calendars (1938), 44.] Tîr beziehungsweise Tîra ist der Name für Merkuv [siehe Thomas Hyde, Veterum Persarum et Parthorum Religionis historia (1760), 24: „Tîr, i.e., Sagitta … , quo etiam nomine appellatur Mercurius Planeta propter velociorem motum”], aber es ist auch, ebenso wie Tishtriya, der Name für Sirius [siehe A. Scherer, Gestirnnamen bei den indogermanischen Völkern (1953), 113f], und der 13. Tag eines jeden Monats ist Sirius/Tishtriya gewidmet (siehe Lommel, op.cit., 5). Dabei müssen wir es belassen; Sirius-der-Pfeil hat mehr mythischen „Lärm” verursacht als irgendein anderer Stern: auch scheinen die Iraner auf seine Verbindung mit der ominösen Zahl 13 kein Monopol zu haben. 9 Plinius 9.58. Cf. Aristoteles, Historia Animalium 8.15.599B-600.
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(2.107) – und das Avesta liefert als Erklärung (Yt. 8.41), daß es in der Tat Tishtriya ist, „durch den die Gewässer zählen, die stehenden und die fließenden, jene in den Quellen und Flüssen, jene in den Kanälen und Teichen”.10 Das ist allerdings keine iranische Erfindung: Der Ritualtext des babylonischen Neujahrs redet Sirius mit „mulKAK.SI.DI., der die Tiefe des Meeres mißt” an. mul ist jene Vorsilbe, welche den Stern ankündigt, KAK.SI.DI. bedeutet „Pfeil”; und es ist dieser Pfeil, der hinter den meisten Geschichten über das Bogenschießen steht. Der Bogen, von dem aus er auf seinen Weg geschickt wird, ist eine Konstellation, die aus den Sternen von Argo und Canis Maior gebildet wird und den Sphären von Mesopotamien, Ägypten und China gemeinsam ist (Abbildungen 17 bis 20).11 Und da sich Venus und Sirius den Namen Ischtar teilen, läßt sich denken, wer „den Apsu vor Ea aufrührt”. Und hier folgt, was das „Feuer” gemäß einer finnischen Ursprungsrune zustande brachte, nachdem es „geschaukelt [worden war] … dort oben, auf dem Nabel des Himmels, auf dem 199 Gipfel des berühmten Berges”, als es geradewegs durch sieben oder neun Himmel raste und ins Meer fiel: „Der Funken … rollte … auf den Grund des Sees Aloe, brüllend stürzte er auf den Grund des Sees, hinab in die enge Grube (?). Dann stieg dieser See Aloe dreimal in der Sommernacht schäumend bis zur Höhe seiner Föhren an, vom Zorn über seine Dämme getrieben. Daraufhin ließ der See Aloe wiederum dreimal in der Sommernacht seine Wasser bis auf den Grund versiegen, seine Flußbarsche auf den Felsen, seine Kaulbarsche auf den kleinen Felseninseln.”12 Ein gewaltiger Funke scheint dies gewesen zu sein; doch heißt Nach der englischen Übersetzung von Ernst Herzfeld, Zoroaster and His World (1947), 587. 11 Für diesen Pfeil und Bogen gibt es auch starke Indizien in Mexiko; der Bogen der Chichimeca, der Hunde- Menschen. 12 K. Krohn, Magische Ursprungsrunen der Finnen (1924), 115ff. Siehe auch Ferdinand Ohrt, The Spark in the Water (1926), 3f. 10
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es nicht auch in der alten Sage: „Väinämöinen kocht im Rachen des Strudels wie Feuer im Wasser”?13 Was nichts anderes bedeutet, als daß mit dem mythischen „Feuer” mehr gemeint sein muß als man auf den ersten Blick vermutet. Tatsächlich können die enigmatischen Ereignisse im „See Aloe” nicht von dem Vorfall im See Vurukascha getrennt werden, und auch nicht von der Entstehung der „drei Ausflüsse”, von denen der erste den Namen Haosravah/Kai Chosrau trug (siehe Kapitel 13, „Über Zeit und die Flüsse”, Seite 185). Bevor wir zu den vielen Motiven kommen, von denen sich herausstellen wird, daß sie zu dem nämlichen „Wirbel-Feld” oder Strudel in Beziehung stehen, ist es angemessen, in voller Länge eine Version der Feuer- und Wassergeschichte der Indianer aus Guyana zu zitieren. Sie wartet nicht nur mit reizvollen Variationen auf, sondern präsentiert die seltenste aller Gottheiten: eine Schöpferkraft, die weder selbstgefällig noch leicht zu kränken noch eifersüchtig oder streitsüchtig ist. Auch ist sie nicht darauf aus, Unglücklichen eine „Erbsünde” aufzubürden. Statt dessen ist sich dieser Gott der Grenzen seiner Macht bewußt. Er tritt bescheiden auf, ist sensibel und nachdenklich und wird von seinen Geschöpfen mit aufrichtiger Kooperationsbereitschaft belohnt – abgesehen von der üblichen berühmten Ausnahme. Die Ackawois aus Britisch-Guyana sagen, daß arn Anfang der Welt der große Geist Makonaima (oder Makunaima; er ist ein ZwillingsHeld, der andere heißt Pia) Vögel und Raubtiere schuf und seinen Sohn Sigu einsetzte, über sie zu herrschen. Darüber hinaus ließ er einen großen und sehr schönen Baum aus der Erde wachsen, der an jedem Ast eine andere Frucht trug, während um seinen Stamm Bananen. Paradiesfeigen, Pisang, Maniok und Korn aller Art im Überfluß wuchsen, auch Süßkartoffeln rankten um seine Wurzeln: und in Kürze gediehen alle Pflanzen, die nun auf der Erde kultiviert wurden, in größter Fülle auf oder unter oder rund um diesen wunderbaren Baum. 13
M. Haavio, Väinämöinen, Eternal Sage (1952), 196.
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Um den Nutzen dieses Baumes über die ganze Welt zu verteilen, beschloß Sigu, ihn zu fällen und überall Ableger und Samenkörner von ihm zu pflanzen; und er tat dies mit Hilfe aller Raubtiere und Vögel, mit Ausnahme des braunen Affen, der sowohl faul als auch boshaft war und sich weigerte, bei diesem großen Werk der Verpflanzung mitzuhelfen. Damit es keinen Schaden anrichten 200 könne, schickte Sigu das Tier aus, in einem durchbrochenen Korb Wasser aus dem Strom zu holen, darauf bauend, daß diese Aufgabe seine fehlgelenkten Energien für die nächste Zeit beschäftigen werde. Während er seine Arbeil, den Wunderbaum zu fällen, fortsetzte, entdeckte er, daß der Baumstumpf hohl und mit Wasser angefüllt war und der Rogen aller möglichen Süßwasserfische darin umherschwamm. Der wohltätige Sigu bestimmte, daß alle Flüsse und Seen so freizügig mit dem Rogen versorgt werden sollten, daß eine jegliche Fischsorte in alle Gewässer ausschwärmen konnte. Aber dieses großzügige Vorhaben wurde auf unerwartete Weise vereitelt. Denn das Wasser in dem Hohlraum, das mit dem großen Reservoir irgendwo in den Eingeweiden der Erde verbunden war, begann überzufluten: und um die steigende Flut zu bannen, bedeckte Sigu den Baumstumpf mit einem dicht geflochtenen Korb. Das hatte den erwünschten Effekt. Aber unglücklicherweise kehrte der braune Affe, seiner fruchtlosen Arbeit müde geworden, heimlich zurück, und in seiner Neugierde, die beim Anblick des umgestülpten Korbes geweckt wurde, nahm er an, unter dem Korb verberge sich etwas Gutes zu essen. Also hob er ihn vorsichtig ein Stückchen hoch und blickte verstohlen unter ihn – und heraus strömte die Flut, den Affen selbst mit sich reißend und das ganze Land überschwemmend. Den Rest der Tiere einsammelnd, führte Sigu sie auf den höchsten Punkt des Landes, wo einige hohe Kokospalmen wuchsen. Er wies alle Vögel und Klettertiere an, sich auf den höchsten Baum zu retten; und die Tiere, die weder klettern noch schwimmen konnten, sperrte er in einer Höhle mit einer sehr engen Öffnung ein, und nachdem er den Eingang der Höhle mit Wachs verschlossen hatte, gab er den Tieren in der Höhle einen langen Dorn, mit dem sie das Wachs durchbohren konnten um festzustellen, wann das Wasser abflauen
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würde. Nachdem er diese Maßnahmen zum Schutz der hilfloseren Spezies getroffen hatte, kletterten er und die restlichen Tiere auf die Palme und machten es sich zwischen den Ästen bequem. Während der Dunkelheit und des Sturms, die der Flut folgten, litten sie alle sehr stark unter Hunger und Kälte. Sie ertrugen ihre Leiden mit stoischer Gelassenheit – bis auf den roten Brüllaffen, der seiner Angst mit fürchterlichem Geschrei Luft machte, so daß seine Kehle anschwoll und seitdem aufgebläht geblieben ist; das ist auch der Grund, warum er bis auf den heutigen Tag eine Art knöcherne Trommel in der Kehle hat. Inzwischen ließ Sigu von Zeit zu Zeit Samenkörner von der Palme ins Wasser fallen, um von ihrem Aufschlagen auf den Wasserstand schließen zu können. Als das Wasser sank, wurde der Abstand zwischen dem Herunterfallen der Samenkörner und ihrem Aufprall auf das Wasser größer: und am Ende vernahm der lauschende Sigu statt des Aufklatschens das dumpfe Aufprallen der Samenkörner, die auf die weiche Erde aufschlugen. Da wußte er, daß die Flut zurückgewichen war, und er und die Tiere bereiteten sich auf ihren Abstieg vor. Aber der Trompetervogel drängelte so sehr, den Baum endlich zu verlassen, daß er geradewegs in den Bau einer Ameise flatterte; und das hungrige Insekt hielt seine Beine fest und nagte sie bis auf die Knochen ab. Das ist der Grund, warum der Trompetervogel noch immer solche spindeldürren Beine hat. Die anderen Geschöpfe zogen ihre Lehre aus diesem abschreckenden Beispiel und kletterten vorsichtig und sicher den Baum hinunter, Sigu rieb nun zwei Holzstöckchen aneinander, um Feuer zu machen: aber just als er den. ersten Funken zustande gebracht hatte, schaute er zufällig beiseite, und der Buschtruthahn, der den Funken mit einem Leuchtkäfer verwechselte, pickte ihn auf und flog damit weg. Der Funken verbrannte die Speiseröhre des gierigen Vogels. Und das ist der Grund, warum Truthähne bis auf den heutigen Tag rote Kehllappen haben. Der Alligator war die ganze Zeit dabei gewesen, ohne jemandem ein Leid zuzufügen: aber weil er aus bestimmten Gründen keinen guten Ruf hatte, warten ihm alle anderen Tiere vor, er habe den Funken gestohlen und verschluckt. Um den Funken aus dem Ra-
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chen des Alligators zu befreien, riß Sigu dem Tier die Zunge heraus. Und das ist der Grund, warum Alligatoren bis auf den heutigen Tag keine Zunge haben, die der Rede wert wäre.14
Weltweit gibt es noch viel mehr Geschichten über einen Pfropfen, dessen Entfernung die Flut hervorruft: Bei den Agaria, einem Eisenschmiede-Stamm in Zentralindien, ist es das Abbrechen eines Eisennagels, wodurch ihre Stadt des Goldenen Zeitalters, Lohripur, überflutet wird.15 Nach Ansicht der Mongolen ist der Polarstern „ein Pfeiler, von dessem sicheren Stand die richtige Umdrehung der Welt abhängt oder ein Stein, der eine Öffnung verschließt: Wenn der Stein herausgezogen wird, strömt das Wasser aus der Öffnung und überschwemmt die Erde.”16 Im babylonischen Mythos von Utnapischtim reißt Nergal „den Schiffspfahl heraus, Ninurta geht, läßt das Wasserbecken ausströmen“ (GE II.101f). Der neue Gegenstand, mit dem wir konfrontiert werden, ist jedoch die Arche in der Flut – ob nun Noahs oder die eines anderen. Die erste Arche wurde von Utnapischtim im sumerischen Mythos gebaut. Auf verschiedene Weise erfahren wir, daß sie ein Würfel war – ein bescheidener, dessen Maße von 60x60x60 Klafter im Sexagesimalsystem, in dem 60 als 1 geschrieben wird, die Einheit verkörpert. In einer anderen Version gibt es keine Arche, sondern nur einen kubischen Stein, auf dem ein Pfeiler ruht, der von der Erde bis zum Himmel reicht. Der Stein – ob nun würfelförmig oder nicht – liegt unter einer Zeder oder Eiche, bereit, ohne ersichtlichen Grund eine Flut ausbrechen zu lassen. So verwirrend das ist, scheint es doch das neue Thema zu lieW.H. Brett, The Indian Tribes of Guiana (186S), 378-384; Sir Everard F. im Thurn, Among the Indians of Guiana (1883), 379-381 [zitiert in J.G. Frazer, Folklore in the Old Testament (1918). I, 265]. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift sind von uns. 15 Verrier Elwin, The Agaria (1942), 96ff. 16 Grigorij Nikolaevič Potanin, zitiert bei W. Lüdtke, „Die Verehrung Tschingis-Chans bei den Ordos-Mongolen”. ARW 25 (1927), 115. 14
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fern. In jüdischen Legenden wird erzählt, daß „seitdem die Arche verschwunden war, ein Stein an ihrer Stelle lag …, der Grundstein genannt wurde”. Er wurde deshalb Grundstein genannt, „weil aus ihm die Welt gegründet (oder begonnen) wurde.“ Und es wird gesagt, er liege über dem Gewässer, das sich unter dem Allerheiligsten befindet. Das mag wie eine Traumsequenz anmuten, aber es wird durch eine sehr substantielle Überlieferung gestützt, die von den Juden aufgegriffen wurde, jedoch auch in der finno-ugrischen Überlieferung vorkommt.17 Die jüdische Geschichte geht dann wie folgt weiter: Als David den Eckstein für den Tempel legen wollte, wurde in 1.500 Ellen Tiefe eine Tonscherbe gefunden. David wollte sie gerade hochheben, als die Tonscherbe ausrief: „Das darfst du nicht tun.” „Warum nicht?” fragte David. „Weil ich über der grundlosen Tiefe ruhe.” „Seit wann?” „Seit jener Stunde, da die Stimme Gottes vernommen wurde, um die Worte vom Sinai zu verkünden: ,Ich bin der Herr, dein Gott.’ Woraufhin er die Welt erzittern und in den Abgrund versinken ließ. Ich liege hier, um den Abgrund zu verschließen.“ Trotzdem hob David die Tonscherbe hoch, und die Wasser des Abyssus erhoben sich und drohten, die Erde zu überfluten. In der Nähe stand Ahithophel und dachte bei sich: „Jetzt wird David seinen Tod finden, und ich werde König sein.” In dem Moment sagte David: „Sollte hier einer unter uns sein, der weiß wie man die Flut des Wassers eindämmen kann und es nicht tut, der soll durch Erwürgen seinen Tod finden.” Daraufhin ließ Ahithophel den Namen Gottes in die Tonscherbe einschreiben und sie in den Abgrund werfen. Sofort begann das Wasser zu sinken; aber es sank in eine so große Tiefe, daß David beL. Ginzberg, The Legends of the Jews (3954), 4, 96; cf. auch 1, 12; 5, 14. Für dieses Zitat, wie auch für die folgenden von Morris Jastrow [Sun and Saturn (1909)], sind wir Irvin N. Asher zu Dank verpflichtet. Siehe V.J. Mansikka, „Der blaue Stein”, HUF II (1911), 2, sowie B. Gorion, Die Sagen der Juden (1969), 617f.
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fürchtete, die Erde könne ihre Feuchtigkeit verlieren. Und so begann er, die fünfzehn „Lieder des Aufstiegs” zu singen, damit das Wasser wieder steige.
Hier hat sich der Grundstein in eine Tonscherbe verwandelt, die in der Überlieferung Eben Schetija heißt. Dieser Name ist von einem Verb abgeleitet, das viele Bedeutungen hat:18 „gesetzt, zufrieden sein”, „trinken”, „die Kettfäden aufziehen“, „den Grundstock für etwas legen“. Von diesen Bedeutungen scheint uns „die Kettfäden aufziehen” am aufschlußreichsten zu sein, zumal sie an die anhaltende Wichtigkeit von „Rahmen” erinnert. Innerhalb dieses Rahmens geschieht das Auf- und Absteigen der unteren Wasser (wie im Phaidon-Mythos), womit Katastrophen suggeriert werden, die von der Geschichte unerwähnt bleiben und auf die nur in der höchst schillernden Terminologie der Kosmologen hingewiesen wird. Hätten sie nur eine Ahnung von der kardanischen Aufhängung gehabt, dann hätten sie sich die Welt vielleicht stabiler vorgestellt. Hildegard Lewys Nachforschungen19 über Eben Schetija förderten eine Textstelle in den Annalen von Assur-nasir-apli zutage, in der beschrieben wird, daß die Fundamente des neuen Tempels von Ninurta in Kalhu bis in die Tiefe von 120 Ziegelsteinlagen „zur Ebene der Wasser” hinabreichten, also in Höhe des Grundwasserspiegels lagen. Das befördert die Wasser der Tiefe in ihren naturgegebenen Zustand zurück. Jedoch weist die Bedeutung, welche die Menschen diesem Umstand beimaßen, 203 auf etwas anderes hin: Nicht nur David und der assyrische König schürften bis auf die Höhe des Grundwasserspiegels, sondern ebenso die Erbauer der Ka’aba in Mekka. Im Inneren dieses heiligsten aller Schreine gibt es einen Brunnen, über dessen ÖffDas Verb lautet schatan; die Bedeutungen werden in Jastrows Wörterbuch angegeben. 19 H. Lewy, „Origin and Significance of the Mâgên Dâwîd”. Archiv Orientalni 18 (1950), Teil 3, 344ff. 18
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nung in vorislamischer Zeit die Statue des Gottes Hubal aufgestellt worden war. Al-Bīrūnī sagt, in der frühen islamischen Periode sei es ein richtiger Brunnen gewesen, an dem die Pilger, zumindest während der arabischen Wallfahrt, ihren Durst stillen konnten. Die Statue Hubals hatte dazu gedient, das Ansteigen des Wassers zu verhindern. Den Legenden zufolge ist derselbe Glaube einst auch in Jerusalem geläufig gewesen. Von daher auch die heilige Tonscherbe. Mekka weiß allerdings noch mehr zu berichten. Hildegard Lewy betont, daß in vorislamischen Tagen der Gott Hubal mit Saturn gleichgesetzt wurde und daß der Heilige Stein der Ka’aba dieselbe Rolle innehatte, denn der Stein war ein Würfel und verkörperte von daher ursprünglich Saturn. Keplers Polyeder, das der Sphäre des Saturns einbeschrieben ist, ist nur das letzte Zeugnis einer Tradition hohen Alters (siehe erneut Abbildung 13). Die dürftige kleine Tonscherbe wurde durch fromme Legende ins Spiel gebracht. Sie sollte besagen, daß es allein die Macht des Heiligen Namens sei, worauf es ankommt. Aber die eigentliche Sache war der Würfel: entweder als Utnapischtims Arche oder, in einer anderen Version, als ein Stein, auf dem ein Pfeiler ruht, der von der Erde bis zum Himmel reicht. Selbst Christus wird mit einem „Berg in Gestalt eines Kubus, auf dem ein Turm errichtet ist” verglichen.20 Arthur Maurice Hocart schreibt, daß „die Singalesen in ihren Pagoden häufig einen Quaderstein aufstellten, der Meru verkörperte. Wenn sie in die Mitte einer Pagode einen Stein legten, der das Zentrum der Welt symbolisierte, so muß dies bedeutet haben, daß sie die Pagode als Versinnbildlichung der Welt betrachteten.”21 Was selbstredend der Fall war. Anderweitig wird allerdings gesagt, daß dieser Stein – der Grundstein –unter einem großen Baum liegt und daß von unterLaut Franz Kampers [Vom Werdegang der abendländischen Kaisermystik (1924), 53] im neunten Gleichnis des „Hirten des Hermas”. 21 A.M. Hocart, Kingship, 179, zitiert nach Paul Mus, Barabudur (1935), 108, Fußnote I. 20
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halb des Steins „eine Welle bis zum Himmel emporstieg”. Dies klingt nach einer späten Vermischung, deren Grund nicht ersichtlich ist; um die verstreuten Ursprungsmotive zu entwirren, muß man sie getrennt behandeln. Zunächst aber ist an dieser Stelle eine Bestandsaufnahme vonnöten. Eine Menge Figuren müssen zusammengebracht werden. Der braune Affe, der Vater der Zwietracht in Sigus idyllischer Schöpfung, erscheint in vielen Verkleidungen, Er ist die Schlange des Gartens Eden, der einzige Abtrünnige. Er ist Loki, der den Mistelzweig überredete, nicht über Balders Tod zu weinen und damit die Einmütigkeit der Geschöpfe zu brechen. Sigu selbst, der gütige König des Goldenen Zeitalters, ist unmißverständlich eine saturnische Figur, die unter ihren Geschöpfen weilte; und dasselbe gilt für Jahwe – zumindest als er noch „mit 204 Adam im Garten wandelte“. Ein Herrscher, der „es gut meint”, ist ein saturnischer Charakter. Kein anderer außer Saturn lebte unter den Menschen. In einem orphischen Fragment heißt es: „Orpheus erinnert uns daran, daß Saturn in aller Öffentlichkeit auf der Erde und unter den Menschen weilte.“22 Dionysos von Halikarnassos (I.36,1) schreibt: „Vor der Herrschaft des Zeus regierte Kronos hier auf dieser Erde.“23 Gleichermaßen konstatiert Maj Sandmann Holmberg hinsichtlich Ptah, dem ägyptischen Saturn: „Die Vorstellung von Ptah als irdischem König taucht immer wieder in ägyptischen Schriften auf.“ Und sie verweise außerdem auf „die bemerkenswerte Tatsache, daß Ptah der einzige unter den ägyptischen Göttern ist, der mit einem geraden königlichen Bart dargestellt wird anstatt mit einem gebogenen Bart”.24 Von Rom bis Mexiko wurde mit den Saturnalien – ihren Generalamnestien und Herren, die ihre Sklaven bedienten, usw. – geOtto Kern, Orphicorum Fragmenta (1963). Fragment 139. 186, aus Lactantius. 23 Maximilian Mayer, in Roscher s.v. Kronos, 1458f. 24 M. Sandmann Holmberg, The God Ptah (1946), 83, 85. 22
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nau dieses Aspekts der Herrschaft Saturns gedacht, auch wenn Saturn nicht immer direkt erwähnt wurde. Wenn dieses Fest zu Ehren Saturns in China anstand, sozusagen „sub delta Geminorum” – genauer gesagt; die Gemini-Sterne Delta, 61 und 56 Flamsteed –, „gab es ein Festessen, bei dem alle hierarchischen Unterschiede außer Kraft gesetzt wurden … Der Souverän lud seine Untertanen mit dem ,Lied der Hirsche’ ein.”25 Der Kubus war die Figur Saturns, wie Kepler in seinem Mysterium Cosmographicum zeigte; und das ist der Grund für das Beharren auf würfelförmigen Steinen und kubischen Archen. Überall ist es die Kraft des Saturn, die „Noah” warnt und ihn drängt, seine Arche zu bauen – als Enki, als Tane usw. Sigus Korbstöpsel war augenscheinlich eine inadäquate Version des Würfels, die der Phantasie eingeborener Korbflechter entsprang. Das führt zu dem Schluß, daß Noahs Arche ursprünglich die eindeutige Rolle hatte, die Flut zu stoppen – eine interessante und unerwartete Schlußfolgerung für die Bibelexperten. Eines der großen Motive des Mythos ist der Wunderbaum, der so oft als bis zum Himmel reichend beschrieben wird. Es gibt viele Bäume dieser Art – die Esche Yggdrasil in der Edda, die weltverdunkelnde Eiche im Kalevala, Pherekydes’ mit dem Sternenmantel drapierte Welteiche und der Lebensbaum im Garten Eden. Ebenso häufig wird dieser Baum gefällt. Das andere Motiv ist der Grundstein, aus dem manchmal eine würfelförmige Arche wird. Diesen Motiven muß zuerst auf den Grund gegangen werden. Nachdem man die hübsche Geschichte über Sigus Wunderbaum gelesen hat, in dessen Baumstumpf sich alle Fischsorten tummeln, um die Welt zu bevölkern, erfordert es viel Geduld, mit dem Würfel zu Rande zu kommen, der sich in der Mitte des Meeres befindet und unter dem ein mystisches Wesen haust, dessen Erscheinungsform von einem übernatürlichen Fisch – 25
G. Schlegel, L’Uranographie Chinoise (1875), 424.
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einem Wal sogar – über das „grüne Feuer”, den „König der Feuer”, das „zentrale Feuer” bis hin zum Teufel selbst variiert. Die Hauptquelle für dieses Wesen sind russische26 und finnische Zauberformeln, und diese „Superstitious” („Über-Reste”) bestehen aus Fragmenten von kieselharter Widerstandsfähigkeit, eingebettet in die sanftere Struktur geschichtlicher Überlagerung. Magisches Material widersetzt sich dem Wandel – und zwar gerade wegen seiner Resistenz gegenüber der Erosion durch den gesunden Menschenverstand. Was die Zauberformeln anbelangt, so wurden sie in dem Maße in einen christlichen Kontext eingebettet, in dem auch die jeweiligen Bevölkerungen konvertierten. Aber sie bleiben als Zeugnis eines völlig anderen kosmischen Verständnisses erhalten. Zum Beispiel sagen finnische Runen über den Ursprung des Wassers aus, daß „alle Flüsse aus dem Jordan kommen, in den alle Flüsse strömen”, daß „das Wasser seinen Ursprung in dem Wirbel des heiligen Flusses hat – es ist das Badewasser von Jesus, die Tränen Gottes.”27 Andererseits heben skandinavische Formeln den Punkt hervor, daß Christus „den Jordan verstopfte” beziehungsweise „das Meer des Noah”,28 was wiederum zum Hirten des Hermas paßt, wo Christus mit einem „Berg in Gestalt eines Kubus” verglichen wird (siehe oben, Seite 203). Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht verwunderlich, wenn das Kreuz zum „neuen Baum” wird, der neue Kreuzwege markiert. Um das zu erkennen, muß man nicht bis nach Rußland gehen. Auf dem berühmten Fresko von Piero della Francesca in Arezzo wird „die Entdeckung des Wahren Kreuzes” dargestellt. Sie beginnt mit dem Tod von Adam, der am Fuß des Baums liegt. Das Holz des Baums wird später das Material für das Kreuz liefern. Noch später erscheint es der Heiligen Helena, der Mutter von Konstantin, in einem Traum. Sie veranlaßt daraufhin, daß das Holz ausgegraben und als heiligste Reliquie verV.J. Mansikka, Über russische Zauberformeln (1909)5 184-187, 189, 192. K. Krohn, Ursprungsrunen (1924), 106f. 28 V.J. Mansikka, op.cit., 244f, 297: Fußnote 1 26 27
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ehrt wird. Piero stellt nichts dar, was nicht auf dem Boden guter mittelalterlicher Tradition gestanden hätte. Wir befinden uns hier auf empfindlichem Terrain.
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In Xanadu did Kubla Khan A stately pleasure dome decree Where Alph, the sacred river, ran Through caverns measureless to man Down to a sunless sea. COLERIDGE
Der Boden ist in der Tat nicht nur empfindlich, sondern auch schwierig und schwankend. Wenn der Wasserwirbel in der Theorie vom Kreuz auftaucht, so geschieht dies mit Sicherheit ohne das Einverständnis der Theologen. Die bisher angeführten Beispiele stehen allerdings nicht isoliert da. Es ist notwendig, sich mit Material auseinanderzusetzen, das dem geschichtlich geschulten Leser, der dazu angehalten wird, omne ignotum pro magnifico mit Argwohn zu begegnen, verdächtig erscheinen mag. Man sollte deshalb dieses Kapitel mit einer kleinen Fallgeschichte einleiten, die das zähe Weiterleben und verblüffende Auftauchen gewisser Formeln illustrieren mag. Im Markus-Evangelium III. 17 gibt Jesus den „Zwillingen” Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, den Namen Boanerges (bei Luther: Bnehargem), dessen Bedeutung der Evangelist mit „Söhne des Donners“ erklärt.1 Das hatte man lange übersehen; aber schließlich wurde es der Titel einer Arbeit des hervorragenden Gelehrten Rendel Harris, der allzu schnell in Vergessenheit geraten ist. Er wies in seinem Werk nach, daß die Donner-Zwillinge in so unterschiedlichen Kulturen wie Grie1
Kai epethēken auiois onoma Boanērges, ho estin hyioi brontēs.
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chenland, Skandinavien und Peru vorkommen. Man fühlt sich an Thors Söhne Magni und Modi erinnert, die nach der Götterdämmerung das Erbe ihres Vaters antreten; allerdings werden sie nicht direkt Zwillinge genannt. Doch zurück zu Harris:
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Wir haben gezeigt, daß aus der festgestellten Elternschaft des Donners nicht notwendigerweise folgt, daß sie sich zwangsläufig auf beide Zwillinge erstreckt. Die Dioskuren mögen zwar einheitlich Söhne des Zeus genannt werden, eine nähere Untersuchung führt jedoch zu dem Schluß, daß es in den frühen griechischen Kulten eine Tendenz gab, den einen Zwilling als das Kind eines göttlichen Vaters und den anderen als Kind eines menschlichen Vaters zu betrachten. So wird Castor dem Tyndareos und Pollux dem Zeus zugeschrieben … Das Problem war das zusätzliche Kind, deshalb wurde ihm eine andere Herkunft unterstellt. Erst später wird die Frage der Diskriminierung dazu führen, daß beide als Himmelsknaben oder Donnerknaben anerkannt werden. Ein Beispiel aus einer weit entfernten Zivilisation wird deutlich machen, daß dies die richtige Betrachtungsweise ist. Zum Beispiel erzählt uns Arriaga in seiner „Ausrottung der Götzenanbetung in Peru”: „Wenn bei einer Geburt zwei Kinder zur Welt kommen – die sie Chuchos oder Curi und in el Cuzco Taqui Hua-hua nennen –, halten sie dies für einen gottlosen oder verabscheuungswürdigen Vorfall, und sie sagen, daß eines der Kinder der Sohn des Blitzes ist und fordern eine strenge Buße, als hätten sie eine große Sünde begangen.” Es ist außerdem interessant anzumerken, daß die Peruaner, von denen Arriaga spricht, nach ihrem Übertritt zum Christentum die Bezeichnung Donnersohn, die einem der Zwillinge verliehen wurde, durch den Namen Santiago ersetzten, da sie von ihren spanischen Missionslehrern gelernt hatten, daß St. Jakobus (Santiago) und St. Johannes von unserem Herrn Söhne des Donners genannt worden waren – eine Redewendung, welche die peruanischen Indianer sehr wohl verstanden zu haben scheinen, wohingegen die großen Kommentatoren der christlichen Kirche die Bedeutung nicht begriffen hatten … Ein anderer kurioser und irgendwie ähnlicher Transfer der Spra-
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che der Markus-Geschichte in das Volkstum eines Stammes, der sowohl zeitlich wie räumlich weit entfernt ist, … läßt sich bei den Dänen ausfindig machen, und dies sogar noch in unserer Zeit … Außer den üblichen Steinäxten und Faustkeilen, die beide weltweit als Donner-Geschosse angesehen werden, betrachten die Dänen den fossilen Seeigel als Donnerkeil und geben ihm einen besonderen Namen. In Salling werden solche Steine Sebedaei-Stein oder S’bedaei genannt; in Nord-Salling heißen sie Sepadeje-Steine. In Norbäk, im Distrikt Viborg, nannten die Bauern sie Zebedäus-Steine! Um Jebjerg herum, in der Gemeinde Kerum im Distrikt Randers. gaben sie ihnen den Namen Sebedei-Steine … Der Name dieser Steine ist also fest etabliert, und es scheint sicher, daß er von den im Evangelium als Donnersöhne erwähnten Söhnen des Zebedäus hergeleitet ist. Wie die peruanischen Eingeborenen erkannten auch die dänischen Bauern sofort, was mit Boanerges gemeint war und gaben ihrem Donnerkeil den Namen seines Schutzpatrons.2
Das hätte spätere Hypergelehrte wie den evangelischen Theologen Rudolf Karl Bultmann zum Innehalten veranlassen können, bevor sie fortfuhren, die Bibel zu „entmythologisieren”. Man kann nie wissen, worauf man mit den Füßen tritt. Umgekehrt zeigt es sich, daß einige Mißverständnisse, die über die Kenntnisse der Experten hinausgehen, erst aufgeklärt sein müssen, ehe man sich mit der ganzen Information befassen kann. Folglich haben wir nicht die Absicht, die reichlich vorhandenen Sagen und Runen, die sich mit dem Holz des Kreuzes beschäftigen, als unerheblich abzutun. Dach läßt der Zeitmangel keine gründliche Untersuchung zu,3 sondern erlaubt nur einige Bemerkungen über finnische und russische Vorstellungen von der 208 „großen Eiche“, die nächste „Verwandte” der sumerischen Bäume. In einer der finnischen Runen heißt es: „Lange Eiche, dicke Eiche. / Was ist das Wurzelholz der Eiche? / Gold ist das WurR. Harris, Boanerges (1913), 9ff. Für eine reiche Materialsammlung siehe Franz Kampers, Mittelalterliche Sagen vom Paradiese und vom Holze des Kreuzes Christi (1897). Siehe auch Oskar Dähnhardt, Natursagen (1907-1912 II. 207-214.
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zelholz der Eiche. – / Der Himmel ist das Wipfelholz der Eiche. – / Ein Gehege im Himmel drinnen. – / Ein Hammel in dem Gehege. – / Ein Speicher auf dem Horn des Hammels.”4 Dreist wird in der nächsten Version „der Speicher auf die Spitze des Kreuzes“ gepackt. Einer anderen Version zufolge befindet sich in der Krone der Eiche eine Wiege mit einem kleinen Jungen, der eine Axt auf seiner Schulter trägt. Weitere verblüffende Vorstellungen tauchen in einem russischen Apokryphon auf, in dem Satanael den Baum im Paradies pflanzte, um aus ihm eine Waffe gegen Christus zu fertigen: „Sein Laubwerk verbreitete sich über das ganze Paradies, und es bedrohte auch die Sonne. Sein Wipfel berührte den Himmel, und aus seiner Wurzel rauschten Milchund Honigquellen.”5 Diese letztgenannte Idee paßt wiederum zu der mittelalterlichen Überlieferung, nach der die Flüsse des Paradieses unterhalb des Kreuzes hervorströmten. Im Kapitel über Gilgamesch wird es noch andere verwirrende „Bäume“ geben, aber auch dort werden wir nicht versuchen, das umfangreiche und zweideutige Beweismaterial vollends auszuschöpfen. Aber mit den Vorbehalten, die wir aus den Donnersöhnen und ähnlichen Beispielen destilliert haben, können wir uns weiteren befremdlichen Angaben stellen. Da ist zunächst im Atharva Veda eine komplette Hymne, die dem gewidmet ist, was man die Weltsäule nennen könnte (eine höchst multivalente Säule), deren Name Skambha ist, wovon sich der finnische Sampo ableitet. An dieser Stelle wird eine Strophe (AV 10.7.38) genügen, in der das Feuermonster aus der Tiefe erwähnt wird:6 K. Krohn, Magische Ursprungsrunen der Finnen (1924), 192. K. Krohn, op.cit., 197. 6 Um unbarmherzige Experten davor zu bewahren, auf „grundlegende” Untersuchungen zu verweisen, von denen uns zweifellos einige unbekannt sind: Das Kapitel über yaksa in R. Pischels und K.F. Geldners Vedischen Studien (1889-1901) ist uns nicht unbekannt; es gibt verschiedene gewichtige Gründe, warum wir es vorziehen, an dem „obso4 5
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A great monster [yaksa] in the midst of the creation, strode in penance on the back of the sea – in it are set whatever gods there are, like the branches of a tree roundabout the trunk.7
Oder, um „späte” astrologische Quellen zu zitieren, die folgenden Angaben aus dem im Mittelalter berühmten Liber Hermetis Trismegisti über die Grade von Taurus:8 18–20° 21–23°
oritur Navis et desuper Draco mortuus, vocatur Terra geht das Schiff auf, und auf ihm der tote Drachen, Erde genannt oritur qui detinet navem, Deus disponens universum mundum geht derjenige auf, welcher das Schiff hält (oder aufhält), der Gott, der das ganze Universum ordnet, [Disponere korrespondiert mit griechisch kōsmeo, H.v.D]
Was immer es sein mag, das „unten” herrscht – es scheint sich in der Tat um eine wahrhaft omnipotente Entität zu handeln: Wenn überhaupt, gibt es schließlich nur sehr wenige Charaktere, denen nachgesagt wird, sie „ordneten das ganze Universum”. Mit diesem bemerkenswerten „Kosmokrator” werden wir uns noch beschäftigen; das feurige Geschöpf tief unten im Meer muß jedoch in einen Appendix verbannt werden (Appendix 23). Seine Relevanz für das gesamte Schema ergibt sich aus der Tatsache, daß „Väinämöinen im Rachen des Strudels wie Feuer im Wasser kocht”.9 Die Worte von Hermes-dem-dreimal-Großen sind, so krypleten” Unterwasser-„Monster“ festzuhaken. 7 Atharva Veda Sanhita, übersetzt von William Dwight Whitney (1905). Annähernd ins Deutsche übertragen heißt es: „Inmitten der Schöpfung schritt ein großes Ungeheuer [yaksa] auf dem Rücken des Meeres – auf ihm sind alle nur möglichen Götter untergebracht, wie die Äste eines Baumes rund um den Stamm.” 8 W. Gundel, Neue Astrologische Texte des Hermes Trismegistos (1936), 54f, 217ff. 9 M. Haavio, Väinämöinen, Eternal Sage (1952), 196
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tisch sie klingen, ein Teil der hochorganisierten Fachsprache der Astrologen. Damit meinen wir nicht jene Sterndeuter, die den Leuten gegen Bezahlung Horoskope liefern, sondern ausschließlich jene, die über das überlieferte System der Welt nachgrübelten und von allem Gebrauch machten, was ihnen in Form von Astronomie, Geographie, Mythologie oder heiligen Schriften über die Gesetze der Zeit und des Wandels zur Verfügung stand, um ein ehrgeiziges System aufzubauen. Abu Ma’shar und Michael Scotus wurden später als falsche Propheten und Zauberer abgetan; aber noch Tycho Brahe und Johannes Kepler hatten große Achtung vor ihnen: Sie verkörperten alles, was es an wirklicher Wissenschaft im 13. Jahrhundert gab, und sie machten sich verwegene Gedanken. Das ignotum kann sich durchaus als magnificum erweisen. Den wenigen unzusammenhängenden Zitaten mag man einen Mangel an Sinn und Methode vorhalten. Sie werden durch weiteres Material gestützt werden. Tatsächlich mußten wir diesem Kapitel – nachdem es erst einmal so „dick” geworden war, daß es jede Naht zum Platzen gebracht hätte – die kalorienärmste Diät verschreiben, bis es auf seinen jetzigen Zustand der Abmagerung und des offensichtlichen Mangels an Kohärenz zusammengeschrumpft war. Aber es ging zunächst darum, daß man versteht, was das latente geometrische Konzept, das sich in den letzten Kapiteln immer wieder seinen Durchbruch verschaffte, alles implizieren kann.
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La mythologie, dans son origine, est l’ouvrage de la science; la science seule l’expliquera. DUPUIS
Das Grundgerüst der Welt wird im griechischen Mythos in der berühmten Vision des Er im zehnten Buch von Platons Der Staat beschrieben. In diesem Mythos treffen wir auf Er, Sohn des Armenios, dem auf dem Begräbnis-Scheiterhaufen das Leben wiedergegeben wird, kurz bevor man das Feuer entfacht, und der seine Reise durch die andere Welt schildert (10.615ff), bei der er eine Gruppe von Seelen begleitet, die für die Wiedergeburt vorgesehen sind. Sie kommen an einen Ort, „von wo sie ein Licht erblickten, das sich von oben durch den ganzen Himmel und die Erde spannte, ganz gerade wie eine Säule, ganz ähnlich einem Regenbogen, nur prächtiger und klarer; nach einem weiteren Tag kamen sie zu ihm, und dort, in der Mitte des Lichtes, sahen sie die Enden seiner Bänder an den Himmel gebunden. Dieses Licht ist nämlich das Band des Himmels, ähnlich den Gurten der Kriegsschiffe, und hält das ganze schwingende Gewölbe zusammen. An diesen Enden ist die Spindel der Notwendigkeit befestigt, durch die alle Umdrehungen geschehen.”1 Platon, Der Staat, übersetzt von Karl Vretska (1958, Neuausgabe 1982), 461f. Wilhelm Wienand [Platon, Sämtliche Werke (o.J.). 2, 401] übersetzt die „Gurte der Kriegsschiffe” mit „verbindende Querbänke an den Dreiruderern“, wobei mit Dreiruderer (griechisch: triērēs) laut W. Pape (Griechisch-Deutsches Handwörterbuch) ein leichtes, schnelles Kriegsschiff mit drei Reihen Ruderbänken gemeint ist. 1
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In seiner englischen Übersetzung fügt Cornford in einer Fußnote hinzu: „Es ist umstritten, ob es sich bei dem Band, welches das Universum zusammenhält, einfach nur um einen geraden Axialschaft oder um ein kreisförmiges Lichtband handelt – suggeriert durch die Milchstraße –,2 das den Fixsternhimmel umgürtet.“3 Eisler sah darin seltsamerweise den Zodiak.4 Da solche Gurte eines Kriegsschiffs nicht horizontal um das Schiff herumgingen, sondern dazu dienten, den Mast zu sichern (den „Baum” des Schiffes), der nach oben zeigt, plädieren wir prinzipiell für die Milchstraße, die jedoch in späteren Zeiten durch die unsichtbaren Koluren „ersetzt” werden mußte.5 Aber Er berichtet auch über die Abenteuer der Seelen zwischen den Inkarnationen, und in diesem Zusammenhang können wir auf die Milchstraße bauen. Sicherlich ist das „Modell” weit davon entfernt, eindeutig zu sein – und das ist nach Cornfords Zugeständnis offensichtlich auch so beabsichtigt. Und tatsächlich wird einige wenige Abschnitte später das komplette Planetarium mit seinen „Wirteln” entfaltet, mit der „Spindel der Notwendigkeit”, die von der Göttin gehalten wird, neben der die Parzen sitzen und die Fäden der Menschenleben aufspulen. Die Seelen können dem Lied der Lachesis lauschen, sofern sie sich noch auf der „Wiese” befinden; aber die Ketten und der Schaft beziehungsweise das Band sind nicht länger mit im Bild. Platon weigert sich, ein korrekter Geometer für die Andere Welt zu sein, so wie er sich auch Vgl. Otto Gruppe, Griechische Mythologie und Religionsgeschichte (1906), 1036, Fußnote 1: „Vermutlich die Milchstraße.“ 3 F.M. Cornford, The Republic of Plato (1952), 353 4 R. Eisler, Wettenmantel und Himmelszelt (1910), 97ff. 5 Vgl. auch die Diskussion in John Louis Emil Dreyer, A History of Astronomy from Thales to Kepler (1953), 56ff. Bzgl. der „Bänder”, die er mit „Ligaturen” übersetzt, stellt Dreyer fest: „Die Ligaturen (desrnoi) des Himmels sind die Solstitial- und Äquinoktialkoluren, die sich in den Pulen schneiden und deren Punkte demzufolge ihre Extremitäten (akra) genannt werden können.” 2
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nicht auf vernünftige Weise über deren Hydraulik auseinandersetzen möchte. Doch hat sich Sokrates kurz zuvor, im Phaidon, ironisch über die „Wahrheiten” der Wissenschaft geäußert: Er bestand darauf, daß die Wahrheiten des Mythos eine andere Ordnung haben und gegen die gewöhnliche Folgerichtigkeit rebellieren. Es hat den Anschein, als ob Platon hier eine Reihe von altehrwürdigen mythischen Überlieferungen (einschließlich der Planetenharmonie) nebeneinander gestellt hätte, ohne sie einer angemessenen Ordnung einzupassen. Und so ist sein Bild vom „Gerüst” des Kosmos nicht besonders überzeugend ausgefallen. Aber irgendwie gehören die Achse und das Band und die Ketten zusammen. Das führt uns zurück zu einer pythagoreischen Autorität, auf die sich Platon berufen haben soll6 – Timon behauptete boshafterweise, er habe von ihr abgeschrieben. Gemeint ist Philolaos, mit Sicherheit ein Astronom (und Akustiker), den Copernicus einen „nicht alltäglichen Mathematiker (mathematicus non vulgaris)” nannte.7 Von seinem Werk haben nur wenige Fragmente überlebt, deren Echtheit von vielen Philologen in Frage gestellt wird.8 Unter den offiziell als unecht verworfenen ist das Fragment Nummer 12,9 aber in unserem Zusammenhang ist es unwichtig, ob der Autor Philolaos war oder ein anderer Pythagoreer. In dem Fragment heißt es: „Und zwar sind die Körper (Elemente) der Weltkugel fünf: die in der Kugel: Feuer, Wasser, Erde und Luft, und was der Kugel Lastschiff (?) ist, das fünfte
Siehe Diogenes Laertios VIII. 15 und 84f. Copernicus, Über die Kreisbewegungen 1.5; G. Kraus (1959), 38. 8 G. de Santillana und Walter Pitts, „Philolaos in Limbo”, ISIS 42 (1951), 112-120; auch in Reflections on Men and Ideas (1968), 190-201. Siehe auch Kurt von Fritz, ”Philolaos”, RE, Supl XIII, 453-484. 9 G.S. Kirk und J.E. Raven haben das Fragment gar nicht erst aufgenommen, und B.L. van der Waerden [Die Pythagoräer (1979), 387f] behandelt nur die Fragmente 1-7 und 17, weil Walter Burkert (Weisheit und Wissenschaft) alle anderen für unecht erklärt habe. 6 7
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(kaì hò tas sphairas holkás (?), pempton).”10 So rätselhaft das „Lastschiff” auch bleibt11 – immerhin wäre es angemessener als Platons schlanke Triere –, es scheint mehrere „Bilder“ oder Gleichnisse für das „Umschließende” gegeben zu haben: die Fixstemkugel oder den Aithêr und eben auch ein Schiff. Robert Eisler12 schaltete schnell von einem „Bild” zum nächsten: „,Und was der Kugel Schiffskörper bildet’, d.h. das Dodekaeder”. Von dem hatten wir schon kurz gehört (siehe oben, Seiten 171f.): Es steht, wie holkás, für die Fixsternkugel, die „Sphäre des Alls”.13 Hermann Diels und Walther Kranz, FVS 6, 412f. hê holkás wird von hélkô abgeleitet, d.h. „ziehen, schleppen”, und zu holkás verzeichnet Pape: „ein Zugschiff, ein schweres Lastschiff, denn diese wurden gezogen”; und bei Liddell-Scott [A Greek-Engiish Lexicon (1960)] heißt es: „ship which is towed, hence, trading vessel”. Laut Anmerkungen von Diels/Kranz 6 (I, 413) las Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf holkós, aber auch das deutete er mit „wie ein Lastschiff die Ware im Bauch trägt, so der Äther den Kosmos“. (Ebenda auch ein Verweis auf Orph. Hymn. 87 auf den Tod, der die Seele zerschmettert und „sômatos holkón” – Apostolos Athanassakis: „the body’s hold”, Joseph Otto Plassmann: „des Leibes Last“.) In der vierten Auflage (I, 314) hatte Diels auf das annähernd gleiches bedeutende Wort óchêma verwiesen, wie es uns in den Troerinnen des Euripides (884) begegnet, wo Zeus als „gês ochêma” angeredet wird: der die Erde „hält” oder „trägt”. Diels bemerkte dazu: „Die Vergleichung bezieht sich auf die Struktur, nicht die Bewegung.” To óchêma ist „alles, was trägt oder stützt … gewöhnlich Fuhrwerk, Fahrzeug” (Pape). Es ist uns auch schon begegnet, nämlich in Platons Bericht (Timaios 41e) von der Verpflanzung der Seelen vom Fixsternhimmel auf die Planeten; ehe er diese vornahm, setzte der Demiurg jede Seele auf ihren Fixstern, „wie auf ein Fahrzeug (hôs es óchêma)”, und belehrte sie dann über das Funktionieren der Zeitmaschine. 12 R. Eisler, Weltenmantel (1910), 725, Anmerkung 3. 13 Aëtiuos, De placitis II.6.5 über Pythagoras (Diels, Doxographi, 335): „ek dè tou dôdekaédrou tên tou pantòs sphairan.” Die Frage, seit wann mit einer weiteren, von keiner Bewegung betroffenen und mithin „seligen” Region jenseits der Fixsternkugel gerechnet wurde, die den Gnostikern 10 11
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Die abstrakte Idee einer simplen Erdachse, die uns heute so selbstverständlich vorkommt, war für die Alten mitnichten so logisch, hatten sie doch immer die gesamte Maschinerie des Himmels im Kopf die sich für sie um die stabil in der Mitte ruhende Erde drehte. Innerhalb einer Struktur implizierte eine Linie immer viele andere Linien. So muß man die Idee von der Weltstruktur offenbar als einen Implex14 anerkennen, für den Grotti und Sampo mit ihren sich schwerfällig bewegenden Teilen ein rudimentäres Modell darstellten. Wie die Mühlachse repräsentiert auch der Baum, der Skambha, die Weltachse. Das läßt instinktiv an einen geraden, aufrechten Pfosten denken, aber das Wort Achse ist eine Vereinfachung des eigentlichen Begriffs. Natürlich gibt es die unsichtbare Achse, die von dem Nordnagel gekrönt wird; aber dieses Bild muß um zwei weitere Dimensionen bereichert werden. Der Terminus Weltachse ist eine sprachliche Kurzform, vergleichbar der visuellen Kurz- 213 form, wie sie die Projizierung des Himmels auf eine Sternkarte darstellt. Es ist am besten, an die Achse nicht in geradlinigen, analytischen Termini zu denken – nur eine Linie auf einmal –, sondern sie und die Struktur, mit der sie verbunden ist, als ein Ganzes zu betrachten. So wie man bei dem Wort Radius automatisch an Kreis denkt, so muß man zu dem Begriff Achse die beiden determinierenden großen Kreise auf der Kugel-Oberfläche der Sphäre assoziieren: die Aquinoktial- und Solstitialkoluren. Auf diese Weise dargestellt, ähnelt die Achse einer kompletten Armillarsphäre. Sie steht für das Koordinatensystem der Sphäre und repräsentiert das Geso geläufig war, kann hier nicht verfolgt werden; in Platons Phaidros (247c) kommt jedenfalls schon „hyperouránios tópos“ vor. Vgl. Gregor Maurach, Coelum Empyreum. Versuch einer Begriffsgeschichte (1968). 14 Das Wort Implex bezieht, so wie es hier und später gebraucht wird, die notwendigen Attribute mit ein, die zu einem Begriff assoziiert werden: zum Beispiel zu einem Kreis die Mitte und die Peripherie, zu einer Sphäre die Meridiane.
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rüst eines Weltalters. Tatsächlich definiert dieses Gerüst ein Weltalter. Weil die Polarachse und die Koluren ein unsichtbares Ganzes bilden, bricht das gesamte Gerüst auseinander, wenn ein Teil bewegt wird. Wenn das geschieht, muß ein neuer Polarstern mit entsprechend eigenen Koluren den obsolet gewordenen Apparat ersetzen. Somit erweist sich der altindische Skambha, die Weltsäule, der Vorfahr des finnischen Sampo, als ein integrales Element des gesamten Schemas. Die Hymne 10.7 des Atharva Veda ist dem Skambha gewidmet, und Whitney, der Übersetzer und Kommentator,15 klingt in seiner Fußnote zu 10.7.2. irritiert: „Skambha, wörtlich ,Pfahl, Stütze, Säule’, wird in dieser Hymne merkwürdigerweise als Gerüst des Universums benutzt oder für seine personifizierte Seele gehalten.” Hier sind zwei Verse: 12. In dem Erde, Atmosphäre, in dem Himmel eingerichtet sind, wo Feuer, Mond, Sonne, Wind einen festen Stand haben, jener Skambha … 35. Der Skambha trägt hier beides, Himmel-und-Erde; der Skambha stützt die weite Atmosphäre, der Skambha trägt die sechs weiten Richtungen; in den Skambha floß diese ganze Existenz.
Der gute alte Sampo klingt weniger prätentiös, doch hat er immerhin seine drei „Wurzeln”, „eine im Himmel, eine in der Erde, eine im Wasserwirbel”.16 Es wäre ein recht kompliziertes Unterfangen, eine Zeichnung von einem säulenähnlichen Baum anzufertigen (und erst recht einer solchen Mühle), der seine Wurzeln in der angegebenen Weise ausrichtet. Bemerkenswerterweise bedarf es des „kräftigen Stiers von Pohja” – offensichtlich ein kosmischer Stier –, um diese seltsamen Wurzeln umzupflügen; die finnischen Helden waren selbst nicht in der Lage gewesen, den Sampo zu entwurzeln. 15 16
Harvard Oriental Series 8, 590. K. Krohn, Kalevalastudien 4. Sampo (1927), 13.
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Im Fall von Yggdrasil, der Weltesche, versuchte Rydberg sein Bestes, um die drei Wurzeln zu lokalisieren, sie sich vorzustellen und zu zeichnen. Da er jedoch mit unbeirrbarer Entschiedenheit in das Innere unseres Globus starrte, war das Ergebnis nicht gerade überzeugend. Von der einen Wurzel heißt es, sie gehöre den Asen im Himmel und darunter sei der heilige Brunnen der Urd. Die zweite befinde sich im Quartier der Reifriesen, „wo früher 214 Ginnungagap war” und heute der Mimirbrunnen steht. Die dritte Wurzel gehöre zu Niflheim, dem Totenreich: und unter dieser Wurzel befinde sieh Hwergelmir, der Strudel (Gylfaginning 15).17 Damit wird jegliches terrestrische Diagramm ausgeschlossen. Statt dessen sieht es so aus, als ob die „Achse“ – die Äquinoktialund Solstitialkoluren implizierend – durch jene „drei Welten” läuft, welche sich grob und höchst ungenau wie folgt skizzieren lassen: (a) (b) (c)
der Himmel nördlich des Wendekreises des Krebses, das heißt: der eigentliche Himmel, die Domäne der Götter die „bewohnte Welt” des Zodiaks zwischen den Wendekreisen, die Domäne der „Lebenden“ der Himmel südlich des Wendekreises des Steinbocks alias der Süßwasserozean, das Totenreich.
Die Demarkationslinie zwischen der festen Erde und dem Meer wird durch den Himmelsäquator verkörpert. Folglich befindet sich die Hälfte des Zodiaks unter „Wasser”, also die südliche Ekliptik, die von den Äquinoktialpunkten begrenzt wird. Mit Sicherheit gibt es noch weitere ausgeklügelte Aufgliederungen – Wir sind uns darüber im klaren, daß entweder der Grotti drei Wurzeln haben „sollte” oder daß Yggdrasil entwurzelt werden sollte und daß die Finnen nicht berichten, wie der Maelström entstand. Für all dies gibt es eine Erklärung; wir möchten jedoch vermeiden, immer mehr Material in dieser Sache herbeizuzitieren. Mehrere Weltalter sind vergangen, und sie gehen nicht alle auf dieselbe Art unter; die Finnen wissen zum Beispiel von der Zerstörung des Sampo und dem Fällen der riesigen Eiche.
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„Zonen” oder „Gürtel” oder „Klimata” –, welche die Sphäre von Nord nach Süd unterteilen. Am wichtigsten ist, daß sowohl der „Himmel” als auch die Gewässer des Südens einen ihnen zugewiesenen Anteil an der „bewohnten Welt” haben.18 Diese Zusammenfassung ist eine nahezu frivole Vereinfachung, aber für den Moment mag sie ausreichend sein. Mittlerweile ist es notwendig geworden, erneut zu erklären, was diese „Erde” ist, die heutige Interpreten gerne für einen Pfannkuchen halten. Die mythische Erde ist in der Tat eine Fläche; aber diese Fläche ist mitnichten unsere „Erde”: weder unser Globus noch eine im voraus angenommene homozentrische Erde. „Erde” ist die gedachte Ebene durch die Jahrespunkte, markiert durch die Äquinoktien und Solstitien, mit anderen Worten: die Ekliptik. Und das ist der Grund, warum von dieser Erde sehr häufig gesagt wird, sie sei viereckig. Die vier „Ecken44, also jene Konstellationen des Zodiaks, welche sowohl in den Äquinoktien als auch in den Solstitien heliakisch aufgehen – Bestandteile des „Gerüsts” Skambha –, sind jene Punkte, welche eine „Erde” bestimmen. Jedes Weltalter hat seine eigene „Erde”. Aus eben diesem Grund spricht der Mythos von „Weltuntergängen“: Nicht die Welt geht unter, sondern eine Welt im Sinn von „Weltalter”. Und eine neue „Erde” steigt auf, sobald (zufolge der Präzession) eine andere Garnitur von Tierkreisbildern die Jahrespunkte besetzt (Abbildungen 21 und 22). Wenn der Leser sich erst einmal daran gewöhnt hat, an das Gerüst anstatt an die „Säule” zu denken, so wird es ihm auch leicht fallen, viele sonderbare Szenen zu verstehen, die den NaUm die genaue Reichweite der drei Welten deutlich zu machen, wäre es erforderlich, die komplette Geschichte der babylonischen „Wege von Anu, Enlil und Ea” herauszuarbeiten und herauszufinden, wie diese „Wege” von den vielen Erben alter orientalischer Astronomie adaptiert, verändert und neu definiert wurden. Und dann wüßten wir noch immer nicht über die präzisen Zonen von Luft. Salzwasser und anderen mehrdeutigen Faktoren Bescheid. 18
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turgesetzen zuwiderlaufen – Vorstellungen über Planeten, die an Orten Taten vollbringen, die außerhalb ihrer Reichweite liegen, was ja für beide Pole zutrifft. Er wird verstehen, warum eine Kraft, die plant, einen Baum zu entwurzeln (oder zu fällen) oder eine Mühle aus den Angeln zu heben oder auch nur einen Pfropfen beziehungsweise Nagel herauszuziehen, warum diese Kraft nicht den ganzen Weg „nach oben” – beziehungsweise „nach unten” – zum Pol zurücklegen muß, um ihr Vorhaben auszuführen: Jene Kraft verursacht denselben Effekt, wenn sie innerhalb der bewohnten Welt den nächstbesten Teil des „Gerüsts” herauszieht. Hier sind einige Beispiele für die Manipulation des Gerüsts, beginnend mit einem höchst bedeutungslosen Überbleibsel. (Tatsächlich aber ist dies eine nützliche Form der Annäherung, denn je sinnloser ein solches Überbleibsel ausschaut, desto erstaunlicher ist die Tatsache seines Überlebens.) Turkmenische Stämme des südlichen Turkestan berichten über eine Kupfersäule, die den „Nabel der Erde” markiert; und sie konstatieren, daß „nur der neunjährige Held Kara Pār in der Lage ist, [sie] anzuheben und herauszuziehen.”19 Selbstverständlich hält es niemand für nötig, die seltsame Idee zu kommentieren, daß jemand darauf erpicht sein sollte, „den Nabel der Erde herauszuziehen”. Als der junge Artus das gleiche mit Excalibur macht, finden die Ereignisse bereits innerhalb eines eher vertrauten Rahmens statt und provozieren keine Fragen. In seinem grandiosen Stil präsentiert das Mahāhhārata ein ähnliches Wunderkind: Es war Vishvāmitra, der im Zorn eine zweite Welt schuf sowie zahlreiche Sterne, beginnend mit Sravana … Mit seinem Glanz vermag er die drei Welten zu verbrennen, indem er mit (seinem Fuß) aufW. Radloff, zitiert nach W.E. Roscher, Der Omphalosgedanke (1918), 1f. Da der von Roscher zitierte Text Radloffs schwer zugänglich ist, bringen wir ihn auszugweise in Appendix 25.
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stampft, kann er die Erde erzittern lassen. Er kann den großen Meru von der Erde trennen und ihn so weit schleudern, wie er will. Er kann in einem Moment um die 10 Punkte der Erde herumgehen.20
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Vishvāmitra ist einer der sieben Sterne des Großen Wagens, soviel hat man zumindest herausfinden können. Aber jeder Planet wird durch einen Stern des Wagens repräsentiert – und umgekehrt,21 so daß uns diese Tatsache nicht sonderlich weiterbringt.22 Mahābhārata 1.71, Roy-Übersetzung, I, 171. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift sind von uns. 21 Das gilt allgemein, auch für China und Griechenland; auf Zypern wird der Große Wagen noch heute „hephta planētais”. die sieben Planeten, genannt [A. Scherer, Gestirnnamen (1953), 121]. 22 Die Vorstellung von „zahlreichen [neu ernannten] Sternen, beginnend mit Sravana” sollte uns erleuchten. Sravana, „der Lahme”, ist in der allgemein akzeptierten Reihenfolge die 21. Mondstation, alpha beta gamma Aquilae, auch Ashvatta genannt; und das ist der heilige Feigenbaum. Aber das Wort bedeutet »unter dem die Pferde stehen” (A.S. Scherer, op.cit., 158), Und das wiederum lädt zu einem Vergleich mit dem altnordischen Yggdrasil ein, dessen Name wörtlich „der Baum, unter dem Odins Pferd grast“ bedeutet [O.S. Reuter, Germanische Himmelskunde (1934), 236]. Tatsächlich lief der Solstitialkolur um 300 v.Chr, durch alpha beta gamma Aquilae zu einer Zeit also, als er längst die Sterne des Großen Wagens einen nach dem anderen passiert hatte. Der Äquinoktialkolur reicht allerdings sehr nahe an eta Ursae maioris heran. In Anbetracht der Tatsache, daß Eta in der okzidentalen Astrologie die herzlichsten Beziehungen zu Mars unterhält, könnte Vishvāmitra Eta sein und den Mars verkörpern; und das würde auch gut zu dem gewalttätigen Charakter dieses Rishis passen. Aber selbst wenn wir dieses als Arbeitshypothese akzeptieren, so bleibt das Rätsel der „zweiten Welt”, das heißt: „zweite“ hinsichtlich welcher „ersten Welt”? Obwohl wir eine vage Ahnung haben, planen wir nicht, das Rätsel hier und jetzt zu lösen. Zwei kleine Informationen sollten allerdings nicht unerwähnt bleiben: (1) Im Mahāhhārata 14.44 (RoyÜbersetzung, 12, 83) heißt es: „Die Konstellationen [= Mondstationen, 20
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Ein kosmisches Ereignis ersten Ranges kann leicht übersehen werden, wenn es sich bescheiden in einem Märchen versteckt. Das folgende ist dem indischen „Ozean von Geschichten” entnommen und erzählt von Shiva: „Als Shiva seinen Dreizack in das Herz von Andhaka, des Königs der Asura, stieß, obwohl er alleine war, wurde der Pfeil, den dieser Monarch in das Herz der drei Welten getrieben hatte, seltsamerweise herausgezogen.”23 Eine Handlung kann auch zur völligen Bedeutungslosigkeit verkommen, wenn sie als Historie verkleidet daherkommt. Aber die nächste Geschichte orientiert sich wenigstens an dem richtigen historischen Charakter und wurde sogar von einem so ernsthaften Kriegshistoriker wie Arrian überprüft, der uns folgendes berichtet: Als Alexander in Gordion eintraf, ergriff ihn der heftige Wunsch, den Berg zu besteigen, auf dem sich die Königsburg des Gordios und auch seines Sohnes Midas befand, um den berühmten Wagen des Gordios sowie den Knoten zu sehen, der das Joch des Wagens mit der Deichsel verband. Über diesen Wagen war bei den Bewohnern der Gegend eine Geschichte in aller Munde: Gordios sei unter den alten Phrygern ein armer Mann mit wenig Land gewesen, das er mit Hilfe von zwei Ochsengespannen bebaute. Mit dem einen von beiden habe er gepflügt, mit dem anderen sei er gefahren. Einmal beim Pflügen aber sei auf das Joch seines Pfluges ein Adler geflogen und dort bis zum Abend sitzengeblieben. Über diese Erscheinung erschreckt, habe er sich aufgemacht, um das göttliche Zeichen den Sehern in Telmessos zu berichten, die von besonderer Weisheit in der Auslegung göttlicher Zeichen waren und ihre Senakshatras, H.v.D] haben Sravana als ihre erste”; (2) Sengupta (in der Burgess-Übersetzung des Surya Siddhanta, xxxiv) behauptet, daß „die Zeit der vorliegenden Herausgabe des Mahāhhārata Sravanadi Kala” genannt wurde, „also die Zeit, in welcher der Winter-Solstitialkolur durch die Mondstation Sravana lief.” Zu den Sieben Rishis und den indischen Mondstationen siehe Abbildungen 23 und 24. 23 Charles Henry Tawney, The Kathū Sarīt Sāgara, or, Ocean of the Streams of Story (1880/1986) I, 2.
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herkunst von Generation zu Generation auch an Weiber und Kinder weitergaben. Als er aber auf dem Wege an eine telmessische Ortschaft kam, begegnete er einer Jungfrau an einem Brunnen und erzählte dieser, wie sich die Sache mit dem Adler zugetragen hatte. Diese nun – auch sie stammte nämlich aus dem Sehergeschlecht – hieß ihn wieder genau an den Platz zurückkehren und dort Zeus Basileus opfern. Gordios nun bat sie, ihm zu folgen und ihm persönlich das Opfer zu deuten; er opferte, wie sie’s ihm riet, heiratete die Jungfrau und zeugte mit ihr einen Sohn namens Midas. Als dieser Midas zu einem vornehmen schönen Jüngling herangewachsen war, setzten politische Unstimmigkeiten untereinander den Phrygern zu. Da wurde ihnen ein Spruch zuteil, ein Wagen werde ihnen einen König bringen, und dieser werde ihrer Zwietracht ein Ende bereiten. Während sie noch darüber berieten, kam Midas mit Vater und Mutter herbeigefahren und stand auf seinem Wagen vor der Versammlung. Man legte nun den Spruch dahingehend aus, daß man in ihm den König zu erkennen habe, von dem die Gottheit meine, er werde auf einem Wagen daherkommen. So machten sie Midas zum König, und dieser beendete in der Tat ihre Zwietracht. Den Wagen seines Vaters aber weihte er auf der Burg als Dankesgeschenk Zeus Basileus dafür, daß er durch den Adler ein Zeichen geschickt hatte. Dazu erzählte man sich auch noch von dem Wagen, daß der, der den Knoten des Joches zu lösen vermöge, zum Herrscher über Asien vorbestimmt sei. Es war dieser Knoten aus dem Bast des Kornelkirschbaumes hergestellt und an ihm weder Anfang noch Ende der Verknüpfung zu sehen. Auch Alexander wußte nicht, wie er die Auflösung finden sollte; ungelöst jedoch wollte er den Knoten nicht beiseite lassen, damit nicht auch dies bei der Mehrzahl der Menschen falsche Gemütsbewegungen erwecke. So berichten denn die einen, er habe den Knoten mit dem Schwert durchhauen und dabei bemerkt, nun sei er gelöst; Aristobulus erzählt, er habe den Befestigungsnagel herausgezogen, einen Holzpflock, der durch die Deichsel ging, diese mit dem Wagen verband und zugleich auch den Knoten zusammenhielt. Auf diese Weise habe er das Joch von der Deichsel gezogen. Wie sich bei der Lösung dieses Knotens alles wirklich zutrug, kann ich nicht genau sagen, Alexander auf jeden Fall
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entfernte sich danach von dem Gefährt zusammen mit seiner Umgebung in der Ansicht, der Spruch bezüglich der Lösung des Knotens habe sich nunmehr erfüllt. Denn überdies geschahen in der folgenden Nacht am Himmel Zeichen durch Donner und Blitz. Alexander brachte daraufhin den Göttern für die deutliche Bekundung ihres Willens und die Lösung des Knotens Opfer dar.”24
Ohne sich jetzt in die relevanten vergleichenden Studien zu vertiefen, sollte hervorgehoben werden, daß es sich in solchen Fällen, in denen „Könige” in einem Wagen (auf Griechisch hamaxa) – d.h. in einem vierrädrigen Lastwagen – sitzen, meistens um den Großen Wagen handelt. Alexander war ein wahrer Mythenbilder oder vielmehr: ein wahrer Magnet der Mythen anzog. Er hatte das Talent, mit seiner sagenhaften Persönlichkeit jene mannigfaltige Überlieferung auf sich zu ziehen, welche einst für Gilgamesch geprägt worden war. Aber noch ist die Zeit weder für Alexander oder Gilgamesch 218 reif, noch für weitere Aussagen über Gottheiten oder Helden, die Zapfen, Pfropfen und Säulen herausziehen konnten. Als nächstes richtet sich das Interesse auf die maßgebenden Merkmale der mythischen Landschaft und ihrer möglichen Lokalisierung beziehungsweise ihrer zeitlichen Festlegung. Es ist wichtig zu wissen, wo und wann der erste Strudel entstand, nachdem Grotti, Amlodhis Mühle, erst einmal zerstört worden war. Dies ist allerdings ein irreführender Ausdruck, da unsere Terminologie noch immer viel zu unpräzise ist. Es wäre besser, zu sagen: der erste Ausgang der aus dem Strudel hinaus- beziehungsweise der erste Eingang,. der in den Strudel hineinführte. Es erscheint ratsam, die Informationshäppchen zu rekapitulieren, die bisher über den Strudel an sich zusammengetragen worden sind: (1) Der Maelström – das Resultat einer zerbrochenen Mühle, eines gefällten Baumes und dergleichen – geht nach Meinung der Finnen „durch den ganzen Erdball”. Dasselbe gilt, laut Sokrates, Arrian, Der Alexanderzug (1967, griechisch-deutsche Lizenzausgabe 1985), Teil 1, 109-113. 24
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für den Tartaros. Um es mit William Keith Chambers Guthries Worten zu wiederholen: „Die Erde ist in diesem Mythos des Sokrates eine Kugel, und Tartaros, der bodenlose Abgrund, wird in dieser mythischen Geographie durch eine Schlucht repräsentiert, welche die Sphäre von einer Seite zur anderen durchbohrt.”25 (2) Er ist die Quelle und die Mündung aller Gewässer. (3) Er ist der Weg, oder einer unter vielen, zum Reich der Toten. (4) Mittelalterliche Geographen nennen ihn „Umbilicus Maris”, Nabel des Meeres, oder „Euripos”. (5) Der Astrologe Antiochos bezeichnet Eridanus. beziehungsweise irgendeinen abstrakten Topos unweit von Sirius, als „zalos”, also Strudel. (6) M.W. Makemson sucht nach dem polynesischcn Strudel, von dem gesagt wird, er befinde sich „am Ende des Himmels” oder „am Rand der Galaxis”, im Schützen. (7) Ein dajakischer Held klettert auf der „Wasserwirbel-Insel” auf einen Baum und findet sich in den Plejaden wieder. (8) Aber im allgemeinen sucht man nach „ihm” in mehr oder weniger nordwestlicher bis nordnordwestlicher Richtung – einer Richtung, in der (ebenso vage) Kronos/Saturn angeblich in seiner goldenen Höhle schläft, ungeachtet der bündigen Feststellung (von Homer), Kronos sei in den tiefsten Tartaros hinabgestürzt worden. (9) Und von diesen „höllischen” Quartieren aus, insbesondere von der (ogygischen) stygischen Landschaft aus, sieht „man” – wer sonst als die Seelen? – den südlichen Himmelspol, der für uns unsichtbar ist. Der Leser wird zustimmen, daß diese Zusammenfassung deutlich die Unzulänglichkeit jener allgemeinen Terminologie aufzeigt, welche von der Mehrheit akzeptiert wird. Die sprachliche Verwirrung reizt zur Sympathie mit Numenius (siehe oben, 25
W.K.C. Guthrie, Orpheus and Greek Religion (1952), 168.
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Seite 173) und dem Dritten Vatikanischen Mythographen, welche 219 die Flüsse für Planeten hielten, respektive für deren Umlaufbahnen. Wir nehmen an, daß der Strudel für die „ekliptische Welt” steht, die von den wirbelnden Planeten markiert wird und alles einbezieht, was im Hinblick auf die Polarachse und den Äquator schiefwinkelig kreist – geneigt um mehr oder weniger 23 ½ Grad, wobei jeder Planet in Bezug auf die anderen Planeten seine eigene Schiefe hat, wie auch hinsichtlich der Sonnenbahn, das heißt: im Hinblick auf die eigentliche Ekliptik. Es ist bereits früher erwähnt worden (Seite 190, Fußnote 6), daß sich in der Achse des römischen Zirkus ein „Euripos” befand, daß zu beiden Seiten der Sonnenpyramide die Altäre der drei äußeren Planeten (Saturn, Jupiter, Mars) sowie der drei inneren Planeten (Venus, Merkur, Mond) aufgestellt waren und daß es dort nicht mehr als sieben Rennbahnen gab, denn der „Planeten sind nur sieben“. Die Ekliptik als Wirbel ist nur ein Aspekt des berühmten „Implex”. Man muß im Hinterkopf behalten, daß sie als Sitz aller planetarischen Mächte sozusagen das „Establishment“ selbst repräsentierte. Es gibt kein besseres Symbol für jene von den Planeten besessene Zivilisation Mesopotamiens als ihre die Planetensphären repräsentierenden Tempeltürme (Zikkurats) oder die von Herodot (Geschichte I.98) beschriebene Stadtanlage von Ekbatana mit ihren sieben Ringmauern, deren fünf äußere mit den planetarischen Farben bemalt waren. Der planetarische Symbolismus breitete sich nach Indien aus, wie wir in Kapitel 8 gesehen haben, und kulminierte in dem großartigen kosmologischen Diagramm, das der Tempel von Borobudur auf Java darstellt.26 Er ist noch immer offenkundig in den zahllosen Stupas, mit denen die indischen Landstriche übersät sind und deren aufgesetzte Kronen für die Planetenhimmel stehen. Hier stoßen wir auf das „Establishment” in seiner Interpretation als ein Aufstieg und Abstieg, wie Numenius sofort erkannt hätte, als Abfolge der 26
P. Mus, Barabudur (1935).
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Kapitel 17
Übergangsbereiche für die Seelen – eine stille Hoffnung auf Transzendenz, die das gnostische und hinduistische System auszeichnet. Auf der schematischen Karte wird immer die eine oder die andere Dimension fehlen. Ist der Wirbel nun ein Weg nach oben oder ein Weg nach unten? Heraklit würde sagen, beide Wege sind ein und derselbe. Man kann nicht alles auf einmal in ein Schema packen. Dieser allgemeine Begriff des Strudels hilft natürlich nicht, auch nur ein einzelnes Detail zu verstehen. Ausgehend von der Idee des Strudels als eines Wegs zur anderen Welt, muß man die Situation mit den Augen einer Seele betrachten, die sich auf den Weg dorthin machen soll. Sie muß sich aus dem Inneren hinausbegeben, um von der geozentrischen Erde durch die Planetensphären hindurch „nach oben aufzusteigen” zur Fixsternsphäre. Das heißt, sie muß mitten durch den ganzen Strudel, durch die ekliptische Welt, hindurch. Aber um den ekliptischen Rahmen verlassen zu können, muß es am Äquator eine Art Bahnhof geben, an dem man den Zug wechseln kann. Man könnte erwarten, dieser Umsteigebahnhof befinde sich an den Schnittpunkten von Ekliptik und Äquator, also an den Äquinoktien. Aber offensichtlich war das nicht so gedacht. Es wurde eine weitaus ältere Route befolgt. Es ist zwar richtig, daß es manchmal den Anschein hat, als habe der „Grenzübertritt” an den Äquinoktien stattgefunden. Die astrologische Tradition, die sich auf Teukros stützte,27 hielt zum Beispiel ein reichhaltiges Angebot an himmlischen Standorten für den Hades, den Acherusischcn See, den Fährmann Charon usw. parat – alle unter der Überschrift Waage. Aber das ist eine Falle, und man kann nur hoffen, daß die vielen unglücklichen Seelen sich nicht haben täuschen lassen. Denn diese astrologischen Texte meinen das Zeichen Waage, nicht die Konstellation. Alle „Umsteigestationen” befinden sich ausnahmslos in zwei Regionen: eine im Süden zwischen Scorpius F. Boll, Sphaera (1903), 19, 28, 47, 246-151. Antiochos erwähnt keine einzige dieser Sterngruppen.
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und Sagittarius, die andere im Norden zwischen Gemini und Taurus; und dies gilt über Zeit und Raum hinweg, von Babylon bis Nikaragua.28 Warum wurde das überhaupt jemals so festgelegt? Wegen der Milchstraße, die ihre Schnittpunkte mit der Ekliptik im Süden zwischen Schützen und Skorpion sowie im Norden zwischen Zwillingen und Stier hat.
Die Vorstellung ist nicht einmal den vergnügten Abenteuern von Sun, dem chinesischen Affen, fremd [Wou Tch’eng Ngen, Si yeou Ki, ins Französische übersetzt von Louis Avenol (1957)]. Eines Tages erwischen ihn zwei „harponneurs des morts” und behaupten, der Termin für sein Schicksal sei gekommen und er sei reif für die Unterwelt. Natürlich kann er entkommen. Der Übersetzer bemerkt (1, iii), daß es die Konstellation Nan Tcou, der Südliche Scheffel, sei, die über den Tod eines jeden Menschen entscheidet, und die Befehle werden von diesen „harponneurs des morts” ausgeführt. Der Südliche Scheffel besteht aus den Sternen my lambda phi sigma tau zeta Sagittarii [siehe G. Schlegel, L’Uranographie Chinoise (1930), 452f].
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Kapitel 18
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Voie Lactée, soeur lumineuse des blanches rivières de Canaan. et des corps blancs de nos amoureuses, nageurs morts suivrons nous d’ahan ton cours vers d’autrc nébuleuses. APOLLINAIRE
Man dachte, daß die Seelen der Menschen zwischen ihren Inkarnationen in der Milchstraße verweilen. Diese Idee ist als orphische und pythagoreische Überlieferung1 weitergegeben worden und fügte sich in die Vorstellung von der Seelenwanderung. Macrobius, der den ausführlichsten Bericht bringt, sieht es so, daß die Seelen auf dem Weg über den Steinbock aufsteigen und dann durch das „Tor des Krebses” wieder herabsteigen, um wiedergeboren zu werden.2 Macrobius spricht von Zeichen; die Konstellationen, die zu seiner Zeit (und auch noch in der unsrigen) an den Solstitien aufgingen, waren Gemini und Sagittarius: Das „Tor des Krebses” meint also die Zwillinge. Tatsächlich stellt Macrobius ausdrücklich fest (1,12.5), daß sich dieses „Tor” dort befindet, „wo sich der Tierkreis und die Milchstraße kreuzen”. Weit weg, auf einer der Austral-Inseln in Polynesien, behaupten Siehe F. Boll, Aus der Offenbarung Johannes (1914), 32, 72 (die erste anerkannte Autorität ist Herakleides von Pontos gewesen); W. Gundel, RE s.v. Galaxias: A. Bouché-Leclerq, L’Astrologie Grecque (1899), 22f: Franz Cumont, After Life in Roman Paganism (1959). 94, 104, 152f. 2 Macrobius, Commentary on the Dream of Scipio 1,12.1-8. 1
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die Mangaier, daß die Seelen nur an den Abenden der Solstitialtage in den Himmel gelangen können – die Bewohner des nördlichen Teils der Insel zur Zeit des einen Solstitiums, die Bewohner im Süden zur Zeit des anderen.3 Diese Information, die mit präzise terminierten Tagen aufwartet, ist wertvoller als die allgemeinen Aussagen über den Umstand, daß die Polynesier die Milchstraße als den „Weg der Seelen in die Geisterwelt” betrachteten.4 Auch im polynesischen Mythos ist es den Seelen nicht gestattet zu bleiben, solange sie nicht ein Stadium makelloser Vollkommenheit erreicht haben – was vermutlich nicht allzu 222 häufig geschieht. Früher oder später müssen die polynesischen Seelen in Körper zurückkehren.5 Zwei Beispiele einschlägiger Vorstellungen von nordamerikanischen Indianern seien hier erwähnt, wenn auch nicht weiter diskutiert – wichtig ist, daß die Tradition überhaupt, mehr oder weniger intakt, erhalten ist. Die Sumo in Honduras und Nikaragua betrachten ihre „Mutter Skorpion … als am Ende der Milchstraße wohnend, wo sie die Seelen der Toten empfängt; und von ihr, die als Mutter mit vielen Brüsten, an denen Kinder saugen, dargestellt wird, kommen die Seelen der Neugeborenen.“6 Die Pawnee und Cherokesen sagen hingegen:7 „Die Seelen William Wyatt Gill, Myths and Songs from the South Pacific (1876), 156ff. 185ff. 4 Elsdon Best, The Astronomreal Knowledge of the Maori (1955), 45. 5 Da es so viele frühere und neuere Berichterstatter unterlassen, uns über Traditionen hinsichtlich der Reinkarnation zu unterrichten, möchten wir erwähnen, daß laut den Bewohnern der Marquesainseln „alle Seelen der Toten, nachdem sie eine sehr lange Zeit an dem einen oder anderen Ort gelebt haben (das heißt im Paradies oder in der Hölle), zurückkehren, um andere Körper zu beseelen.“ [R.W. Williamson, Religious and Cosmic Beliefs of Central Polynesia (1924). 7, 208], was die Schilderung aus dem 10. Buch von Platons Der Staat in Erinnerung ruft. 6 Hartley Burr Alexander, Latin American Mythology (1920), 185. 7 S. Hagar, „Cherokee Star-Lore”, in Festschrift Boas (1906), 363; H.B. 3
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der Toten werden von einem Stern am nördlichen Ende der Milchstraße – dort, wo sie sich gabelt – in Empfang genommen; und er schickt die Krieger auf den dunklen und schwierigen Arm, die Frauen und jene, die vor Alter gestorben sind, auf den heiteren und leichteren Pfad. Die Seelen reisen dann gen Süden. Am Ende des Himmelspfades werden sie von dem ,Spirit Star’ empfangen, und dort richten sie sich ein.“ Man kann ruhig hinzufügen „für eine Weile” oder die Worte umwandeln in: „… und dort schlagen sie ihre Campingzelte auf.“ Stansbury Hagar hält den Geist-Stern für Antares (alpha Scorpii). Ob es nun tatsächlich Antares ist oder nicht, auf jeden Fall handelt es sich um einen Stern im Schützen oder Skorpion8 an der breiten südlichen Kreuzung von Milchstraße und Ekliptik. Das paßt gut zur „Mutter Skorpion” aus Nikaragua und zur „Alten Göttin mit dem Skorpionschwanz” der Maya, und ebenso stimmt es mit der Skorpion-Göttin Selqet-Serket im alten Ägypten sowie der Ischara tam.tim der Babylonier überein. Ischara des Meeres, Göttin des Sternbilds Scorpius, wurde auch „Herrin der Flüsse” genannt (siehe Abbildungen 25 bis 27, vergleiche Appendix 36). In Anbetracht der Tatsache, daß die Schnittpunkte von Ekliptik und Galaxis krisensicher sind, weil sie von der Präzession nicht betroffen sind, wird der Leser wissen wollen, warum die Mangaier überzeugt waren, sie könnten nur an einem der beiden Solstitialtage den Himmel erreichen. Der Grund ist, daß die Konstellationen, die als „Tore” zur Milchstraße dienen, „auf der Erde stehen” müssen, damit man auf bequeme Weise „die Züge Alexander, North American Mythology, 117. 8 Der Sagittarius mesopotamischer Grenzsteine zeigt tatsächlich einen Skorpionschwanz. Aber es ist ratsam, sich an dieser Stelle nicht auf Details vergleichender Sternbilderkunde einzulassen, am wenigsten auf diesen Bogenschützen – doppelgesichtig, wie er ist, halb König (bzw. Königin), halb Hund, mit Pferdeleib und einem Schiffchen unter den Vorderhufen, und obendrein in die „falsche” Richtung galoppierend.
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wechseln” kann. Das bedeutet, daß die beiden Konstellationen entweder an den Äquinoktien oder an den Solstitien „zugänglich” sein mußten. Die Galaxis ist gewiß eine ansehnlich breite Verkehrsstraße, gleichwohl muß es ein paar Jahrtausende gegeben haben, in denen keines der Tore verfügbar war, weil das eine mitten in der „Luft” hing und sich das andere in einen Unterwassereingang verwandelt hatte. In unserem ausklingenden Zeitalter der Fische werden die Solstitien noch von den Sternbildern des Schützen und der Zwillinge markiert. Als nächstes ist der Wassermann an der Reihe. Zweifellos hätten die Alten die Probleme unserer heutigen Zeit – etwa die Überbevölkerung, die Umweltverschmutzung, die zunehmende Gewalttätigkeit usw. – als ein unvermeidliches Vorspiel für ein neues Kippen, für ein neues Weltalter angesehen. Das Zeitalter der Fische war schon länger erwartet worden, versprach man sich doch nur Gutes von seinem Anbruch. Eingeleitet wurde es im Jahre 6 v.Chr. durch die dreimalige Wiederholung der Großen Konjunktion von Saturn und Jupiter in den Fischen, dem Stern von Bethlehem. In seiner berühmten vierten Ekloge kündete Vergil die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters unter der Herrschaft des Saturn an: „Schon kehrt die Jungfrau zurück, Saturns Regierung kehrt wieder, schon wird ein neuer Sproß entsandt aus himmlischen Höhen. Dieses Knaben Geburt beschirme, reine Lucina! Er macht ein Ende der eisernen Zeit; eine goldene Menschheit wird die Erde dann füllen … ”9 Obwohl er aufgrund dieses Gedichtes zum „Christen honoris causa” befördert wurde, war Vergil weder ein „Prophet” noch der einzige, der mit der Rückkehr von Kronos/Saturn rechnete.10 „Iam redit et Virgo, redeunt Saturnia regna.” Was heißt das? Wo war die Vergil, Hirtengedichte (Eklogen), übersetzt von Harry C. Schnur (1968), 16. 10 Siehe zum Beispiel A.A. Barb, „St. Zacharias the Prophet and Martyr”, Journal of the Warburg and Courtauld Institutes II (1948). 54f, sowie „Der Heilige und die Schlangen”, MAGW 82 (1953), 20. 9
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Jungfrau denn abgeblieben, daß man die Konstellation „zurück” erwartete? Aratos berichtete in seinem berühmten astronomischen Gedicht (96-136), wie sich Themis/Virgo, die friedlich unter den Menschen gelebt hatte, am Ende des Goldenen Zeitalters ins „Gebirge” zurückzog, weil sie sich nicht länger mit der silbernen Menschenmenge abgeben wollte, die begonnen hatte, die Erde zu bevölkern; zu Beginn der Bronzezeit zog sie sich noch weiter himmelwärts zurück:11 … auf Erden habe Voreinst gelebt mit uns, sie habe denn auch nie In jener Urzeit sich versagt der Menschenschar – Sie saß bei Mann und Weib, sie, die unsterblich war. Als Dike wohlbekannt berief sie oft die Alten, Auf Markt und breitem Weg des Rates recht zu walten, … Dann in der Silberzeit blieb Dike noch hienieden. Doch schmerzlich mißte sie die echte Treu, den Frieden Der Urzeit. Immerhin – zur Silbermenschheit kam Sie noch; des abends nur aus Bergesrauschen nahm Den Weg zum Menschenvolk sie einsam und verdrossen. Als sich talauf talab der Siedler Zahl ergossen, Da drohte Dike sehr erzürnt, dem bösen Treiben, Taub jedem Menschenruf für immer fernzubleiben. … Sie sprach’s und wandte heim sich ins Gebirg. … Auch diese Zeit verging; geboren wurde nun Ein ehernes Geschlecht. Viel übler war sein Tun Denn je. Man schmiedet nun des Straßenräubers Schwert Aus kaltem Erz; des Pflugstiers Fleisch wird frech verzehrt. Da faßte Dike Grimm ob all dem Meuchelmord; Zum Himmel flog sie auf, um ihren Wohnsitz dort
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Aratos, Sternbilder und Wetterzeichen (1958), Zeilen 101-106, 115-123, 127 und 129-136 in der Übersetzung von A. Schott. Vgl. al-Bīrūnī, India (1900). 383ff, der Aratos und ein Scholion zitiert.
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Zu nehmen, wo als Jungfrau sie jetzt manche Nacht Den Menschen scheint, nicht fern von des Bootes Pracht. Und dann kommt Vergil und verkündet die Rückkehr der Jungfrau. Das macht es leicht, die Zeit und den „Ort” des Goldenen Zeitalters herauszufinden. Man braucht die Uhr nur um eine Viertel„stunde” der Präzession (von Vergil aus um ungefähr 6.000 Jahre) zurückzudrehen, um die Jungfrau sicher in der Sommer-Solstitialecke der abstrakten flachen „Erde” stehen zu sehen. „Zurückkommen” heißt voranschreiten: Die Jungfrau werde demnach zu dem Zeitpunkt das Herbstäquinoktium markieren, wenn die Fische an der neuen Kreuzung von Äquator und Ekliptik die Herrschaft über das Frühlingsäquinoktium antreten. Mit der Entdeckung der Präzession erhielt die Milchstraße eine neue und entscheidende Bedeutung. Denn sie war nicht nur das spektakulärste Band am Himmel, sie war auch ein Bezugspunkt, von dem aus die Präzession ihren Anfang genommen haben mochte. Das wäre zu dem Zeitpunkt gewesen, als die Frühlingsäquinoktialsonne ihr Quartier in Gemini verließ. Als man erkannt hatte, daß die Sonne dort früher einmal gewesen war, tauchte die Idee auf, die Milchstraße könne jene Spur sein, welche die Sonne hinterlassen hatte – ein ausgebranntes Areal, eine Narbe am Himmel. Hier sollten wir indessen sorgfältiger definieren: Der Kreuzweg Milchstraße-Ekliptik als Startrampe der Präzession ist Terminologie, und zwar im nachhinein geprägte Terminologie: „Nullpunkte” oder Epochen und Jahre sind immer (mehr oder weniger präzise) zurückberechnet, wie etwa das „13 Baktun” der Maya oder unser „1 n.Chr.“. Und die an diese Terminologie geknüpfte „Idee” war nicht, daß die Milchstraße der von der Sonne verlassene Weg war oder hätte sein können, sondern daß die Galaxis ein taugliches Bild abgab für einen verlassenen Weg oder eine obsolete Rennbahn – eine Bild-Formel, die 225 sich trefflich benutzen ließ, um komplizierte Veränderungen am Himmel erzählbar zu machen.
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Während die Präzession als die große Uhr des Universums angesehen wurde, blieb die Sonne mit ihrem Positionswechsel am Äquinoktium das Maß aller Maße, das „goldene Seil“, wie Sokrates in Platons Theätet (153C) sagt. In der Tat war die Sonne, abgesehen von den harmonischen Intervallen, das einzige von der Natur zur Verfügung gestellte Maß. Die Sonne muß als die Instanz verstanden werden, die in jedem gegebenen. Moment die Planeten-Fuge dirigiert. Wenn sich daher, entsprechend dieser Terminologie, die Sonne in der entscheidenden Zeit die Milchstraße entlang bewegt, so mußten auch die Planeten als diesen Weg entlang jagend oder rennend definiert werden. Geometrisch macht das wenig Sinn, aber es zeigt, wie ein Bild die Köpfe der Menschen beherrschen und ein Eigenleben entwickeln kann.12 Doch sollte der technische Charakter dieser Bilder nicht vergessen werden. Um eben diesem Vergessen vorzubeugen, benutzen wir möglichst häufig die Verben „formulieren” und „definieren“ anstelle des gebräuchlichen Ausdrucks „glauben”. Für die amerikanischen Prärie-Indianer war die Milchstraße der staubige Pfad, auf dem sich Büffel und Pferd einst ein Wettrennen quer über den Himmel geliefert hatten.13 Für die Fiote der afrikanischen Loango-Küste wurde das Wettrennen zwischen Sonne und Mond ausgetragen.14 Gemäß den ostafrikanischen Turu trieb einst der Bruder des Schöpfers eine RinderherHier sei wiederhol auf Ernst Schrödinger hingewiesen, der einmal seine Physiker-Kollegen vor „easy pictures taken literally” warnte und dabei auf die vorbildliche Sprache von Archimedes verwies [„Are there quantum jumps?“, British Journal for the Philosophy of Science 3 (1952), 112ff.]. Leicht eingängliche Bilder sind zu allen Zeilen beim Wort genommen worden; zum Glück aber haben nur wenige Populationen kosmologische Sprachbilder so energisch in Taten umgesetzt wie die Azteken. 13 J. Mooney, Myths of the Cherokee, 19th ARBAE 1S97-98 (1900), 443. 14 Eduard Peehuël-Lösche, Volkskunde von Loango (1907), 135. 12
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de diesen Weg entlang,15 so wie in der griechischen Sage Herakles die Rinder des Geryon.16 Die Arawak von Guyana nennen die Galaxis „den Weg des Tapirs“. Dies wird in einer Erzählung der Chiriguano und einiger Gruppen der Tupi-Guarani in Südamerika bestätigt. Nach Robert Lehmann-Nitsche formulieren diese Menschen die Milchstraße als den „Weg des wahren Vaters des Tapirs”, einer Tapir-Gottheit, die selbst unsichtbar ist.17 Wenn sich diese verborgene Gottheit nunmehr als Quetzalcoatl, der Herrscher von Tollan, der Stadt des Goldenen Zeitalters, herausstellt – das ist kein anderer als „Tixli cumatz“, die in der „Mitte des Meeresbauches” lebende Tapir-Schlange, wie ihn die Maya-Stämme in Yukatan beschreiben18 –, dann beginnt die Andeutung schärfer zu werden. Und schließlich ist das eigentliche 226 Schema in der bereits zuvor geschilderten Cuna-Überlieferung auffindbar: Der Tapir fällte den „Salzwasser-Baum”, an dessen Wurzeln sich Gottes Wasserstrudel befindet; und als der Baum umstürzte, strömte Salzwasser aus und bildete die Weltmeere. Wenn es dem Tapir noch immer an der gebotenen Würde fehlen sollte, so können einige asiatische Zeugnisse diesen Mangel beheben. Im persischen Bundahishn wird die Galaxis „Pfad des Kay-us” genannt, nach dem Großvater und Mitregenten von Kai Chosrau, dem iranischen Hamlet.19 Unter den altaischen Völkern bezeichnen die Jakuten die Milchstraße als „Gottes Fußspuren“, und sie sagen, daß Gott, während er die Welt schuf, über den Himmel wanderte; allgemeiner scheint der Terminus „Schneeschuhspuren des Gottessohns” in Gebrauch zu sein. Die Wogulen hingegen nennen die Milchstraße die „Schneeschuhspuren Sture Lagercrantz, „The Milky Way in Africa”, Ethnos (1952), 68. Siehe W. Gundel, RE s.v. Galaxias. 17 Otto Zerries, „Sternbilder als Ausdruck jägerischer Geisteshatung in Südamerika”, Paideuma 5 (1951), 220f. 18 Eduard Seler, Gesammelte Abhandlungen (1961), IV, 56. 19 Bdh. V B 22, Behramgore Tehmuras Anklesaria, Zand-Akâsîh. Iranian or Greater Bundahishn (1956),69,71. 15 16
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des Waldmenschen“. Und damit verlieren sich die menschlichen Spuren, obwohl die Schneestapfen übrigbleiben: Die Tungusen nennen die Galaxis die „Schneeschuhspuren des Bären”. Aber ob die Figur nun der Sohn Gottes, der Waldmensch oder der Bär ist, auf jeden Fall hetzte er einen Hirsch die Milchstraße entlang, zerriß ihn in Stücke und verstreute die Gliedmaßen rechts und links des weißen Pfades am Himmel; und so wurden Orion und Ursa Maior getrennt.20 Der „Fuß des Hirsches” erinnerte Holmberg sofort an den „Stierschenkel” im alten Ägypten – Ursa Maior. Mit seinem durchdringenden Scharfblick hätte er in dem mächtigen Schenkel außerdem leicht das abgetrennte „Ein-Bein” von Tezcatlipoca (wiederum Ursa Maior) in Mexiko erkennen können, den großen Hunrakān (= 1 Bein) der Maya-Quiche. Das Tageszeichen „Krokodil” (Cipactli) hatte ihm das eine Bein abgebissen.21 U. Holmberg, Die religiösen Vorstellungen der altaischen Völker (1938), 201f. 21 Weiter im Süden wäre er wiederum auf das Nebeneinanderstellen von Ursa und Orion gestoßen, und auf das gewaltsame Zerstückeln himmlischer Figuren. So sagt Walter E. Roth [„An Inquiry into the Animism and Folk-lore of the Guiana Indians“, 30th ARBAE 1908-1909 (1915), 262; siehe O. Zerries, op.cit., 220f] über die Indianer in Guyana: „Alle Sagen, die sich auf die Konstellationen Taurus und Orion beziehen, haben das Detail eines amputierten Arms oder Beins gemeinsam.” Und das gilt zum Teil auch für Indonesien. Nun sind die Wagensterne ein Stierschenkel und zeigt sich Taurus so gründlich amputiert, daß nur knapp die Hälfte von ihm übriggeblieben ist. Noch bemerkenswerter ist, daß Ursa in spätägyptischer Zeit, wenngleich selten, in Gestalt eines Widderschenkels erscheint [siehe G.A. Wainwright, „A Pair of Constellations”, in Studies Presented to F.L. Griffith (1932), 3731; und auf dem runden Zodiak von Dendera (römische Periode) sehen wir einen Widder, der auf jenem Himmelsbein sitzt, das Ursa verkörpert; und der Widder blickt sogar zurück, wie es traditionell erweise für den zodiakalen Widder typisch ist. Dabei müssen wir es vorerst belassen. Zu amputierten Sternbildern siehe auch Appendix 33. 20
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Hier wird knapp unter der Oberfläche eine dauerhafte Assoziation greifbar, wie sie auch der alte holländische Name für die Milchstraße, „Brunelstraat”, verrät. Brunel, Bruns, Bruin (der Braune) ist in dem Corpus von Tierfabeln rund um Reineke Fuchs die geläufige Bezeichnung für den Bären, und dieser Name kann auf ein ansehnliches Alter zurückblicken.22 Ein seltsa- 227 mer Haufe von Charakteren wird da für die Milchstraße verantwortlich gemacht: Götter und Tiere, die den Weg verlassen, der zur Zeit der „Schöpfung” benutzt worden war.23 Aber wohin sind sie gegangen, sowohl diejenigen, die wir erwähnt haben, als auch die vielen, die unerwähnt geblieben sind? Das läßt sich oft schwer bestimmen; aber mit der Frage des „Abstürzens” werden wir uns als nächstes beschäftigen. Was Virgo, die Jungfrau, betrifft, die die „Erde” am Ende des Goldenen Zeitalters verlassen hatte, so könnte ihr Aufenthaltsort Die Vorstellung von der Milchstraße als „Brunelstraat” scheint auch im alten Indien gegenwärtig zu sein: Der Atharva Veda 18.2.31 erwähnt einen gewissen Pfad beziehungsweise eine Straße, die rikshaka genannt wird. Riksha ist der Bär im doppelten Sinn, also das Tier und Ursa Maior [siehe H. Grassmann, Wörterbuch zum Rig-Veda (1915) s.v. Riksha], W.D. Whitney (in seiner Übersetzung des AV. 840) vermutete rikshaka als eine ,,von Bären heimgesuchte?” Straße. Albrecht Weber schlägt jedoch vor, rikshaka mit der Milchstraße gleichzusetzen [„Miszellen aus dem indogermanischen Familienleben”, in Festgruß Roth (1893), 138]. Da die ganze Hymne AV 18.2 „Begräbnis-Strophen” enthält und sich mit der Reise der Seele beschäftigt, wäre auch dieser Zusammenhang passend. (Daß die Seelen zuerst einen Fluß überqueren müssen, der „reich an Pferden” ist, ist eine andere Sache.) 23 Die knappste Kurzform: Die Inka nannten Gemini „Schöpfungs-Zeit“ (siehe Stansbury Hagar, in 14. Internationaler Amerikanisten-Kongreß (1904), 599f]. Auf genau dieselbe Vorstellung wird angespielt, wenn Castor und Pollux (alpha beta Geminorum) von den Azteken und seltsamerweise auch von den Tasmaniern für die ersten Feuerhölzer verantwortlich gemacht werden (siehe unten, Kapitel 23: „Gilgamesch und Prometheus”). 22
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während des Silbernen Zeitalters als „mitten in der Luft” beschrieben werden. Viele frevelhafte Charaktere wurden an diesen Topos verbannt; entweder wurden sie hinabgeworfen oder nach oben geschickt – Lilith hielt sich zeitweise dort auf, auch König David24 und Adonis,25 selbst der Turm zu Babel und natürlich der Wilde Jäger (Appendix 26). Diese Ansammlung von Gestalten „mitten in der Luft“ wirft ein Licht auf eine eher nichtssagende Geschichte. Es handelt sich um ein echtes Fossil, das in der westfälischen Volkskunde ausfindig gemacht wurde: „Die Riesen baten Hackelberg [= Odin als der Wilde Jäger, H.v.D.] um Hilfe. Er ließ einen Sturm aufkommen und versetzte eine Mühle in die Milchstraße, die seitdem Mühlenweg genannt wird.”26 Es gibt noch andere Fossilien, wobei das abenteuerlichste vielleicht jenes der Cherokesen ist, die der Galaxis den Namen „Wo der Hund lief” gaben. Es muß ein sehr ungewöhnlicher Hund gewesen sein, der die Angewohnheit hatte, Mehl aus einer Kornmühle zu stehlen, die den „Menschen im Süden” gehörte, und mit seiner Beute gen Norden zu rennen; während er lief, ließ er Mehl fallen – und das ist die Milchstraße.27 Es ist schwierig, in diesem Beispiel Isis wiederzuerkennen, die auf ihrer Flucht vor Typhon Weizenähren verstreute.28 Und doch hätte die Vorliebe so vieler mythischer Hunde, Füchse oder Koyoten – und sogar des „Weg-Öffnenden” Fennek in Westsudan – für Mehl und alle möglichen Getreidesorten (genauer gesagt: für „die acht Getreidesorten”) die Experten davor warnen sollen, sich mit hundeartigen Charakteren einzulassen, zumal dieser Zug – nämlich der Siehe Johann Andreas Eisenmenger, Entdecktes Judenthum (1711), I, 165; II, 417ff. 25 „Es ton ēera”, siehe Franz Karl Movers, Die Phönizier (1967), I, 205. 26 Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1876), III, 280; Teutonic Mythology (1966), 1587f. 27 J. Mooney, „Myths of the Cherokee”, 19th ARBAE (1990], 253, 443. 28 Siehe Richard Hinkley Allen, Star Names (1963), 481: William T. Olcott, Star Lore of All Ages (1911), 393. 24
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Appetit auf Mehl – schwerlich der Mutter Natur abgelauscht sein kann. Mythische Caniden dürfen nicht beim Wort genommen, nicht nach ihrem pseudo-zoologischen Erscheinungsbild beurteilt werden.29 Somit war alles und jeder von seinem Kurs abgekommen: der Wilde Jäger, der Hund und die Mühle – zumindest ihre obere Hälfte, da ja durch das Loch im unteren Mühlstein der Wasserstrudel auf- und niederbraust.
Ebensowenig natürlich jene auf Mehl erpichten Widder und Schafe in den zentralafrikanischen (Kasai-) Mythen vom Sonnenschlingenfang, die anderwärts zu besprechen sein werden. 29
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Kapitel 19
19 Der Sturz des Phaethon Quel del so, che suiando, fu combusto Per l’orazion della terra devota Quando fu Giove arcanamente giusto. DANTE
Der offizielle Milchstraßen-Mythos ist der von Phaethon. Manilius erzählt ihn in seinem astrologischen Gedicht:1 Oder hat eher der Glaube Bestand, in uralten Zeiten seien die Rosse der Sonne dort andere Bahnen gelaufen, hätten ein anderes Wegband zerstampft und in langen Äonen sei ihre Heimstatt verbrannt und die Sterne, verdampft durch die Flammen, hätten den blauschwarzen Schimmer durch Wechsel der Farbe verändert und am Ort sei Asche verstreut und der Kosmos bestattet? Auch eine Sage verflossener Zeiten erreicht uns, Phaethon, Tierkreisbilder auf väterlichem Wagen durchfliegend, indessen fremde Wunder des Kosmos der Junge näher bestaunte, hoch in der Wölbung sein Spiel trieb, auf glänzendem Wagen voll Hochmut protzte und Größeres gar als der Vater zu machen begehrte, sei vom gewohnten Kurs gewichen, habe mit schwankem Viergespann die gewiesenen Wege verlassen, ein neues Kreisband dem Himmel gesetzt, und die fremden Gestirne hätten zielverfehlende Glut und verfahrnes Gefährt nicht ertragen. Marcus Manilius, Astronomicon 1.730-749. A.d.Ü.: In Hamlet’s Mill beziehen sich die Autoren auf eine anonyme Übersetzung ins Englische (T.C.), London 1953; 1967 wieder aufgelegt durch die National Astrological Library, Washington, D.C., 44. Hier wird die deutsche Übersetzung von Wolfgang Fels zitiert, Astronomica. Astrologie (1990), 77f.
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Der Sturz des Phaeton
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Weshalb beklagen wir, daß auf dem ganzen Erdkreis die Flammen rasten und Feuer in allen Städten der Erde gebrannt hat? Als die Späne des splitternden Wagens nach sämtlichen Seiten flogen, ward auch der Himmel entflammt: selbst der Kosmos entbrannte, und beim Nahen der Flammen verglühten die fernen Gestirne, welche noch heute die Spur des vergangenen Unheils bezeugen.
Die Mythe von Phaethon ist ausführlich und mit großartiger 230 Phantasie von Ovid und Nonnos2 (Dionysiaka Buch 38) geschildert worden. Während er sich im hohen Alter seine eigene Jugendzeit in Erinnerung ruft, spricht der englische Geschichtsschreiber Edward Gibbon hingerissenen von seiner Entdeckung der Schönheit lateinischer Dichtung, als er Ovids Beschreibung von Phaethons tragischem Unternehmen las. Die Geschichte geht so, daß Helios bei den Wassern der Styx schwor, seinem unbesonnenen jungen Sohn Phaethon, der ihn zum erstenmal besuchte, jeden Wunsch zu erfüllen. Dem Jungen verlangte nur danach, ein einziges Mal den Sonnenwagen zu lenken; und selbst die verzweifeltsten Bitten seines Vaters konnten ihn nicht umstimmen. Obwohl er genau wußte, daß nichts den fatalen Ausgang dieses Abenteuers würde aufhalten können, tat Helios sein Bestes, Phaethon über all die Gefahren zu unterrichten, die bei jedem Schritt auf diesem Weg lauern – eine für Ovid wie auch Nonnos willkommene Gelegenheit die väterlichen Ermahnungen zu einer Art wohldurchdachten „Einführung in die Astronomie” auszuarbeiten. Wie der Vater befürchtet hatte, war Phaethon nicht in der Lage, die Pferde in den Griff zu bekommen und kam vom rechten Weg ab. Ovid stellt es so dar, daß er beim Anblick des Skorpions die Zügel fallen ließ. Die Folge ist eine unglaubliche Konfusion: Keine Konstellation bleibt an ihrem Platz, und die Erde wird auf schreckliche Weise verbrannt. In ihrer Verzweiflung ruft sie nach Jupiter, damit dieser unverzüglich zur Tat schreite: „Siehst du sie rauchen, die Pole? O schau die Qualen Siehe Ovid, Metamorphosen 1.141 2.400 und Nonnos, Dionysiaca Buch 38. 2
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des Atlas! Kaum vermögen die Schultern die glühende Achse zu tragen.”3 Und Nonnos konstatiert: „Und es herrschte Verwirrung im Äther. Des stetigen Weltalls Fügung erschütterte er, daß sich am Ende die Achse krümmte, die mitten durch des Äthers Umschwung hindurchging. Mühsam das Sterngewölbe, das selbst sich drehende, hebend, stand mil gebogenen Knien gekrümmt der libysche Atlas.“4 Zeus muß einschreiten und schleudert seinen Donnerkeil gegen den Jungen. Phaethon stürzt in den Fluß Eridanus, wo laut Apollonios Rhodios der Gestank seines halbverbrannten Körpers die Argonauten für mehrere Tage krank werden ließ, als sie auf ihrer Reise mit ihm konfrontiert wurden.5 Die Phaethon-Geschichte ist oft so verstanden worden, als sollte sie an irgendein sensationelles Himmelsereignis erinnern, etwa an einen Kometen. Jeder ist instinktiv – genauer gesagt: gewohnheitsmäßig – auf der Jagd nach einer sogenannten natürlichen Erklärung. Bei genauerer Überprüfung stellt sich allerdings heraus, daß die Sache so einfach nicht ist. Die Schilderung der „Katastrophe” mag phantasievoll und impressionistisch sein – als hätten die Dichter solche Unterbrechung der Regelmäßigkeit himmlischer Umläufe erleichtert begrüßt –, aber ihr Bericht ergibt auch einen formalen Sinn, was keinen überraschen dürfte, der Viktor Stegemanns6 gründliche Untersuchung über Nonnos als Erben der Astrologie des Dorotheos von Sidon gelesen hat. Was Ovid anbelangt, so ist sein Ansehen als Gelehrter mittlerOvid, Metamorphosen 2.294-297: „Circumspice utrumque: / fumat uterque polus quos si vitiaverit ignis / atria vestra ruent Atlas en ipse lnborat / vixque suis umeris candentem sustinet axem.” Zitiert wird hier die deutsche Übersetzung von Hermann Breitenbach (2. Auflage 1964), 65. 4 Nonnos, Dionysiaca 38.350ff. übersetzt von Thassilo von Scheffer (o.J.), 605f. 5 Apollonios Rhodios, Argonautica 4.619-623 (1921). 6 V. Stegemann, Astrologie und Universalgeschichte (1930). 3
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weile unangefochten, und in der Tat verweist er mit überraschendem Sachverstand auf streng kosmologische Formeln. Man denke nur an seine Beschreibung, wie die „versteckten Berge” aus dem Wasser emportauchen, als die Meere zu Sand schrumpfen (2.260ff): Sie erheben sich als „neue Inseln”. Um wieviel treffender illustriert doch dieses Bild von „Berggipfeln” und „Inseln“ die am Frühlingsäquinoktium einer nach dem anderen aufgehenden Sterne einer Konstellation als beispielsweise die isländische Formulierung vom Auftauchen einer „neuen Erde” es vermag! Wie dem auch sei: Eine unabhängige Bestätigung ergibt sich aus Platons Version der Krise, wie er sie im Timaios schildert. Der ägyptische Gesprächspartner Solons stellt fest, daß sich die Sage von Phaethon „zwar wie ein Märchen [anhört], in Wahrheit aber handelt es sich um eine Abweichung [= parallaxis, H.v.D.] der die Erde umkreisenden Himmelskörper und um eine in langen Zeiträumen sich wiederholende Verheerung der Erdoberfläche durch massenhaftes Feuer.“7 Das ist eine klare Aussage. Und außerdem ist es eine Aussage, die mit Ovid und Nonnos konform geht – wie es sich gehört, hat doch das Ganze mit pythagoreischer Überlieferung zu tun, wie uns Aristoteles klarmacht.8 Weder waren die Pythagoreer müßige Geschichtenerzähler Platon, Timaios 22 CE, übersetzt von Otto Apelt, Sämtliche Dialoge VI (1988), 37. Die Hervorhebungen durch Kursivschrift sind von uns. 8 Aristoteles, Meteorologica I.8.345A, Gohlke-Übersetzung: „Von den sogenannten Pythagoreern meinen manche, sie bedeute eine Bahn, sei es von Sternen, die irgendwo herausgefallen seien bei dem sagenhaften Weltuntergang zur Zeit des Phaeton, sei es, daß die Sonne einstmals diese Bahn gelaufen sei. Jedenfalls sei es eine Gegend, die unter der Einwirkung ihrer Bahn ausgebrannt sei. Aber wie töricht, dabei nicht zu bedenken, daß dann ja auch der Tierkreis so aussehen müßte, ja, noch viel mehr als die Milchstraße, da in ihm sich alle Irrsterne bewegen, nicht nur die Sonne.” Siehe auch H. Diels, Doxographie (1965). 364f = Aetius III.I. (In früheren Zeiten war dies Plutarch, De placitis III.1.) 7
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noch hatten sie das geringste Interesse an ungewöhnlichen, sensationellen „Katastrophen”, die durch Meteore und dergleichen verursacht werden. Tatsächlich sprach der ägyptische Priester zu Solon hinsichtlich der Sage von Phaethon als von „einer Geschichte, die auch bei euch erzählt wird”. Wo aber hat sich der ägyptische Phaethon versteckt? Da in Ägypten die kosmologische Sprache im alten Sinn formaler war als die der Griechen, wird es einige Zeit beanspruchen, bis man die korrekte Parallele gefunden hat. Jedenfalls hätte man den abgestürzten Phaethon „das verlorene Auge” genannt oder zumindest als eines der „verlorenen Augen” definiert. Das Auge ging in der sogenannten „mythischen Quelle des Nils”, der Quelle aller Wasser, „verloren”. Insofern ist es überraschend, daß Ovid wußte (Metamorphosen 2.254ff.) daß aufgrund von Phaethons Sturz der Nil „voll Entsetzen … an das Ende der Erde [entfloh] und sein Haupt, das noch immer versteckte, [verhüllte] … ”9 Den ägyptischen Fall für diesen Moment auf sich beruhen lassend, ist es an dieser Stelle angemessen, zwei sehr unterschiedliche Überlebsel zu zitieren, die mit dem Phaethon-Thema in einem Zusammenhang stehen. Sie sind deshalb zweckdienlich, weil sie aus Gegenden stammen, die weit weg von der griechischen Landschaft liegen und konsequenterweise mit keiner der lokalen Katastrophen in Verbindung gebracht werden können, von denen vermutet wird, daß sie solch einen gewaltigen Eindruck in den Köpfen der Griechen hinterlassen haben. Die bereits erwähnten Fiote der afrikanischen Loango-Küste sagen: „Der lulômbe lu mbôta [- die Sternstraße, Galaxis. Rv.D.] ist der Weg für den Leichenzug eines ungeheuren Sterns, der einst größer als die Sonne am Himmel leuchtete.”10 Das ist angenehm knapp und ohne formale Spitzfindigkeiten formuliert. Die Version aus dem amerikanischen Nordwesten fällt etwas großzügiger aus. Weil es im präkolumbi„Nilus in extremum fugit perterritus orbem / occuluitque caput, quod adhuc latet.” 10 E. Pechuel-Lösche, Volkskunde von Loango (1907), 35. 9
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anischen Amerika keine Streitwagen gab,11 stattet die PhaethonFigur der Bella-Coola-Indianer ihren Besuch beim Vater mittels einer Pfeil-Kette ab und wünscht, an dessen Stelle die Fackel der Sonne zu tragen. Helios willigt ein, aber er ermahnt seinen Sohn, kein Unheil anzurichten und keine Menschen zu verbrennen. „Am Morgen”, sagt er, „zünde ich eine Fackel an, dann erhöhe ich langsam die Anzahl bis zur Mittagsstunde. Am Nachmittag mache ich sie wieder Stück für Stück aus.” Am nächsten Morgen erklimmt „Phaethon” die Sonnenbahn und entzündet nicht nur alle Fackeln auf einmal, sondern tut dies außerdem viel zu früh, so daß die Erde glühend rot wird: Die Wälder beginnen zu brennen, die Felsen zerbersten und viele Tiere springen ins Wasser, doch haben auch die Gewässer schon angefangen zu kochen. „Junge Frau”, die Mutter des Bella-Coola-Phaethon, bedeckt die Menschen mit ihrem Mantel und schafft es, sie zu retten. Aber Vater Sonne schleudert seinen Sprößling hinab auf die Erde und gibt ihm zu verstehen: „Von nun an sollst du der Nerz sein!“12 Es ist notwendig, einige andere sehr alte Ideen, die unserer Zeit verlorengegangen sind, neu zum Leben zu erwecken. Daß es sich bei Eridanus um den Po in Norditalien handelt, war im Griechenland des Euripides eine allgemeine und einfache Vorstellung. In einer seiner großen Tragödien (Hippolytos) sehnt sich der Chor danach, von der Welt der Schuld fortzufliegen, hinauf 233 Siehe für dieses „Requisit” Harold S. Gladwin, Men out of Asia (1947), 356-359. 12 W. Krickeberg, Indianermärchen aus Nordamerika (1924), 224f, 396; Franz Boas, Indianische Sagen (1895), 234, siehe auch 157, 173, 215, 246, 338f. Vgl. R. Seler, Gesammelte Abhandlungen (1902-1922) V, 19. Ein simpler Nerz mag uns heute unbedeutend erscheinen, wie der Tapir oder der „Maus-Apollon” – wir lassen uns zu schnell von bloßen „Wörtern” oder „Namen” beeindrucken. Dieser spezielle Nerz führt die Gezeiten ein, stiehlt das Feuer und kämpft mit den „Winden”, indem er die Rollen von Adapa, Prometheus und Phaethon gleichzeitig übernimmt. 11
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zu den Bergen und Wolken, in weit entfernte Länder: Zu Eridanus’ Küste wollt ich mich schwingen. Wo in die purpurnen Wellen des Flusses Phaethons Schwestern, sein Los Ihm klagend, das Gold ihrer Tränen, Des Bernsteins glänzenden Schimmer träufeln.13 Jeder Zuhörer hätte verstanden, daß Phaethons traurige Schwestern die Pappeln sind, die das Ufer des Flusses säumen, und daß „des Bernsteins glänzender Schimmer” eine Anspielung auf die Reichtümer der „Bernstein-Straße” ist, die von der Ostsee bis zu den vertrauten Gestaden der Adria führte. So weit, so gut. Aber was läßt sich mit Strabon, einem noch späteren Autor anfangen, der Eridanus als „nirgendwo auf der Erde existierend” bezeichnete und demzufolge eindeutig auf die Konstellation Eridanus am Himmel verwies;14 und was meint Aratos, wenn er von „jenen ärmlichen Überresten des Eridanus“ spricht, weil der Fluß „durch Phaethons Sturz ausbrannte”?15 Ist das derselbe Fluß – stattlich und mit Pappeln umsäumt –, der in das Po-Delta mündet? Apollonios von Rhodos behielt die doppeldeutige Ebene der Abenteuer sorgfältig bei, als er die heroischen Reisen der Argonauten beschrieb, denn die Abenteuer sind zwar in einen irdischen Zusammenhang gestellt, doch ergeben sie geographisch gesehen nicht den geringsten Sinn. Die Forschungsreisenden segeln den Po hinauf, wo sie, wie erwähnt, mit dem Gestank von Phaethons Überresten konfrontiert werden; doch konnten diese auch weiter oben, in den Alpen, lokalisiert werden, in einem Wasserfall nahe dem Dammastock, wie Strabon vorzuschlagen Euripides, Hippolytos 737-41 in der deutschen Übersetzung von E. Buschor. Siehe Euripides, Sämtliche Tragödien und Fragmente (1972), I, 232f. 14 Strabon, Geography V.215. 15 Aratos, Phaenomena, Vers 360. 13
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beliebte. Denn die Argo bewegt sich vom Po in den Genfer See und in die Rhône, macht eine Kehrtwende zurück zum See und segelt dann weiter, immer demselben Längengrad folgend. Dann – ein Meisterwerk der Transportkunst! – überquert das Schiff die Sahara geradewegs bis zur westafrikanischen Küste und erreicht schließlich die vulkanische Insel Fernando Póo im Golf von Guinea. So zumindest liest sich der Text für jene, die ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, für Geographie halten. Sicherlich liegt es dem gesunden Menschenverstand näher, Eridanus als ein Requisit des Himmels zu behandeln, wo er, gemeinsam mit Argo, bereits deutlich gekennzeichnet ist; und wenn man die anderen Requisiten entsprechend behandelt, erhält man wenigstens eine signifikante Geschichte, obwohl sie das Rätsel um die Argonauten nicht lösen wird. Die Überlieferung hat folglich zum Inhalt daß nach dem 234 fürchterlichen Sturz des Phaethon, und nachdem die Ordnung wiederhergestellt worden war, Jupiter Phaelhon „verstirnte” oder katasterisierte. Das heißt: Er versetzte ihn als Auriga, den Fuhrmann (griechisch Heniochos oder Erichthonios) unter die Sterne; und zur selben Zeit wurde auch Eridanus katasterisiert. Nonnos gab einen detaillierten Bericht: Vater Zeus verstirnte den Phaethon droben am Himmel gleich einem Fuhrmann und auch mit diesem Namen; den hellen Himmelswagen haltend mit seinen schimmernden Armen, sieht er aus wie ein im Lauf hinstürmender Fuhrmann, gleichsam noch unter Sternen des Vaters Wagen begehrend. Auch der versengte Fluß kam hoch zum Pol der Gestirne durch Gewährung des Zeus, und auf der sternigen Rundbahn dreht sich Eridanus nun mit feurig geschlängeltem Wasser.16
Nun wurden in jenen Zeiten, in denen der Mythos noch eine Nonnos, Dionysiaca 38.424-431, übersetzt von Th. von Scheffer (o.J.), 609; siehe auch Franz Xaver Kugler, Sibyllinischer Sternkampf und Phaethon (1924), 44, 49. 16
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ernstzunehmende Denkweise darstellte, keine Objekte am Himmel identifiziert, die nicht auch ursprünglich dorthin gehörten. Das Problem, das später auftauchte, wurde zum einen von Richard H. Allen formuliert, der bemerkte, daß „die Milchstraße lange als Eridanus, der Strom des Ozeans, bekannt war”;17 zum anderen von dem Nonnos-Übersetzer William Henry Penham Rouse,* der in einer Fußnote zu Eridanus anmerkte: „die Milchstraße”. Es bedarf einer gewissen Unverfrorenheit, über die Galaxis zu sagen, daß sie sich schlängelt – im griechischen Text steht eigentlich, daß sie sich schraubenförmig bewegt (helíssetai, von Helix). Aber abgesehen von diesem inkongruenten Bild der „helixierenden” Milchstraße, diente die Mythe von Phaethon den Pythagoreern dazu, darüber zu berichten, wie die Sonne und die Planeten ihre frühere Bahn verließen und wie Eridanus inthronisiert wurde, der gemeinsam mit Auriga die Funktion der Milchstraße zu übernehmen hatte. Das ist der Grund, warum sie gemeinsam „katasterisiert” wurden. Zugegebenermaßen sieht man sich einer beängstigenden Konfusion zwischen den Flüssen des Himmels und jenen der Erde gegenüber, einer Verwirrung, die durch die Namen, die beiden Flußarten gegeben werden, nur noch verschlimmert wird. Aber mit Geduld lassen sich die Fäden entwirren. Wenn wir uns zunächst den Flüssen unseres Erdballs zuwenden, so erhielt nicht nur der Po den Namen Eridanus, sondern ebenso die Rhône,18 der Nil und der Ganges. Schließlich bringt Godfrey Higgins die folgende Angabe, ohne indessen die antike Quelle anzugeben: „Der Ganges, welcher auch Po genannt wird.”19 Es ist folglich nicht überraschend, daß sich viel später, R.H. Allen, Star Names (1963). 474. A.d.Ü.: Die Autoren beziehen sich hier auf die englische Übersetzung von Nonnos’ Dionysiaca (1955-1956) in 3 Bänden LCL 18 Für den Po und die Rhône sowie ihr Zusammenfließen siehe A. Dieterich, Nekyia (1893), 27, der Piinius und Pausanias zitiert. 19 G. Higgins, Anacalypsis (Reprint 1927), 357: „Ganges qui et Padus 17 *
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im Mittelalter, in mehreren Ausgaben des Alexanderromans verschiedene Meinungen über jenen Fluß wiederfinden, welcher 235 von dem König benutzt wurde, um ins Paradies zu reisen und die Unsterblichkeit zu erlangen. In einer französischen Prosanovelle aus dem 14, Jahrhundert segelt Alexander den Nil stromaufwärts, wohingegen er in einer lateinischen Version aus dem 12. Jahrhundert den Ganges benutzt. Wie die Inder ihm gesagt hatten, befindet sich die Quelle des Ganges im Paradies.20 Und in der Tat gilt das für alle großen Flüsse des Mythos. Am Himmel stehen drei Kandidaten zur Auswahl. Außer der Milchstraße bezeichneten die Katasterismen des Eratosthenes die Konstellation Eridanus als Nil oder Ozean.21 Die Astrologen Teukros und Valens führten Eridanus jedoch unter den paranatellonta des Wassermanns auf. Paranatellonta sind jene Konstellationen, welche „zur selben Zeit aufgehen” wie ein gegebenes Sternbild. Das heißt in diesem Fall: zur selben Zeit wie der Wassermann. Mit anderen Worten nannten sie das Wasser, das sich aus dem Krug des Wassermanns ergießt, Eridanus. Noch merkwürdiger ist, daß man von diesem Guß aus dem Gefäß des Wassermanns annahm, daß er sich unterhalb des Südlichen Fisches (Piscis Austrinus) mit unserer Konstellation Eridanus verbindet.22 Manilius sagt: Dann erhebt sich der Südliche Fisch aus der Richtung des Südwinds, dessen Namen er trägt. An diesen gebunden durcheilen rasch die gewundenen Flüsse die riesigen Bahnen der Sterne. Mit der Mündung des einen verbindet der Wassermann seine dicitur.” Was die Vorstellung im allgemeinen betrifft, das sich der Eridanus in Indien befindet, siehe O. Gruppe, Griechische Mythologie (1906), 394, der sieh auf Ktesias bezieht. 20 F. Kampers, Mittelalterliche Sagen vom Paradiese (1897), 72f. 21 Eratosthenes, Catasterismorum Reliquiae. Rec. Carolus Robert (1878), 176ff. 22 F. Boll, Sphaera (1903), 135-138.
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Flut. In der Mitte sammeln sie sich und vermischen die Sterne.23
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Die Katasterismen des Eratosthenes bringen eine weitere Komplikation ins Bild; allerdings handelt es sich um eine Komplikation, die zu der entscheidenden Einsicht führt. Im Unterschied zu Aratos (360f) und Ptolemaios wird Canopus anstelle zur Argo zur Konstellation Eridanus gerechnet, was dem Fluß einen entsprechend anderen Verlauf gibt.24 Der ganze „Gordische Knoten” von Mißverständnissen knüpft sich an dem Namen Eridanus auf, und es bleibt einem nichts anderes übrig, als dem guten Beispiel Alexanders zu folgen und „den Deichselnagel herauszuziehen”. Eridanus, für den es keine befriedigende griechische Etymologie gibt, findet eine vernünftige Herleitung von Eridu, wie von Kugler vorgeschlagen wurde. Eridu ist der Sitz von Enki/Ea und heißt auf Sumerisch mulNUNki = Canopus (alpha Carinae = Sternbild des Schiffskiels).25 Eridu markierte und bedeutete den „Zusammenfluß der Ströme” – ein Topos von höchster Wichtigkeit, zu dem die großen „Heroen”, angefangen mit Gilgamesch, in ihrem vergeblichen Bemühen pilgerten, die Unsterblichkeit zu erlangen. Laut der 18. Sure des Korans gilt das auch für Moses. Anstelle dieses unerreichbaren Gutes gewinnen sie „die Maße”, wie noch zu sehen sein wird. Da „Eridu” als der „Zusammenfluß der Ströme” bekannt war, hatte sich Eridanus sozusagen per definitionem irgendwo im Süden mit irgendeinem „Fluß” zu vereinen, oder er mußte, wie die Katasterismen behaupteten, mitten in den Eridu/Canopus hineinfließen. Es hat noch radikalere „Lösungen” gegeben. Die erste liefert SerManilius, Astronomicon I.438ff, Fels-Übersetzung (1990), 49. Siehe L. Ideler, Sternnamen (1809), 231; siehe auch E. Maass, Commentariorum in Aratum Reliquiae (1898), 259. 25 B.L. van der Waerdcn. JNHS 8 (1949), 13; siehe auch P.F. Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 306; Johann Schaumberger, 3. Ergänzungsheft von Franz Xaver Kugler (1935), 334f. 23 24
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vius, der so tut, als seien Eridanus und Phaethon ein und derselbe gewesen.26 Die zweite, von Michael Scotus präsentiert, summt nicht nur hinsichtlich der Gleichsetzung von Phaethon und Eridanus überein, sondern geht noch weiter. Scotus plaziert in das „Zeichen” Eridanus die „Figura sonantis Canoni”, die aus siebzehn Sternen besteht und die er Canopus nennt, wobei er geltend macht, daß Canopus Argo berührt. Und über diesen rätselhaften Herrn sagt Scotus, daß er „die Arbeit der Sonne durch den Klang seiner Laute behinderte, weil die Pferde ihm lauschten; und der zornige Jupiter durchbohrte ihn mit seinem Donnerkeil.”27 Wie gezeigt worden ist, wurde Eridanus von den Astrologen als jener Wasserstande! (zalos) aufgefaßt, welcher durch die Unterwelt mit ihren vielen Reichen fließt, einschließlich jenen Reichen, von denen aus man den südlichen Himmelspol sieht. Vergil schrieb in den Georgica (I.242f): „Dieser Pol ist immer über uns sichtbar; jenen aber unter unseren Füßen sehen die schwarze Styx und die Manen tief unten.“ Aber warum wurde Auriga zur selben Zeit wie Eridanus katasterisiert, und welche „Funktionen” mußten diese beiden Konstellationen von der Milchstraße übernehmen? Die Galaxis war und ist der Gürtel, der den Norden mit dem Süden verbindet –oben wie unten. Im Goldenen Zeitalter jedoch, als das Frühlingsäquinoktium in den Zwillingen stand und das Herbstäquinoktium im Schützen, hatte die Milchstraße einen sichtbaren Äquinoktialkolur verkörpert – einen ziemlich Servius, Grammatici VI.659 (1884) zu Vergils Aeneis: „Fabula namque haec est: Eridanus Solis filius fuit. hic a patre inpetrato curru agitare non potuit, et cum eius errore mundus arderet. fulminatus in Italiac fluvium cecidit: et tunc a luce ardoris sui Phaethon appellatus est. et pristinum nomen fluvio dedit: unde mixta haec duo nomina inter Solis filium et fluvium invenimus.” 27 Michael Scotus, zitiert bei F. Boll, Sphaera (1903), 273-275.540-542: „Alii dicunt quodeum impediret opus solis sono canoni, quia equi attendebant dulcedini sonorum, iratus Jupiter cum percussit fulmine.” Siehe auch Appendix 10, Väinämoinens Kantele. 26
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verschwommenen, um ehrlich zu sein, doch waren Norden und Süden des Himmels durch diesen ununterbrochenen breiten Bogen, der die Ekliptik an ihren Schnittpunkten mit dem Äquator kreuzte, miteinander verbunden gewesen. Die großen drei Achsen waren vereint gewesen; die galaktische Prachtstraße hatte die „drei Welten“ der Götter, der Lebenden und der Toten umfaßt. Diese „goldene“ Situation war vorbei, und Eridanus war die galaktische Funktion vermacht worden, die „bewohnte Welt” mit dem Wohnsitz der Toten im (teilweise) unsichtbaren Süden zu verknüpfen. Auriga mußte die nördlichen Verpflichtungen der Galaxis übernehmen, so gut wie möglich eine Verbindung zwischen der bewohnten Welt und der Region der Götter herzustellen. Es gab kein sichtbares, kontinuierliches Band mehr, das Unsterbliche, Lebende und Tote aneinander gebunden hätte: Nur Kronos hatte in glorreichem Frieden unter den Menschen gelebt. An dieser Stelle haben wir einen Vorschlag zu unterbreiten. Um ihn abwägen zu können, muß man die Tatsache berücksichtigen, daß alpha Aurigae gleich Capella, die Ziege, ist. Diese bemerkenswerte Figur war in der Diktäischen Höhle die Amme des kleinen Zeus, und aus ihrem Fell sollte Hephaistos später die Aigis anfertigen. Die Rede ist von Amaltheia. Das Horn der Capella/Amaltheia diente den Unsterblichen als Füllhorn sowie als Quelle für Nektar und Ambrosia. Sterbliche nannten es den „zweiten Tisch”, also Nachtisch sozusagen.28 Aber es gibt zwei Bröckchen orphischer Überlieferung, die aufschlußreich zu sein scheinen und die uns von Proklos weitergegeben wurden. Das erste besagt, daß Demeter die Speise der Götter trennte, indem sie sie in einen flüssigen und einen festen Teil zerlegte, das heißt: in Ambrosia und Nektar.29 Das zweite verkündet, daß Rhea zu Siehe Athenaios, Deipnosophistai 643a; ebenso 783c und 542a. Orphicorum Fragmenta, herausgegeben von O. Kern (1963), Fragment 189, Seite 216 (Proklos in Kratylos 404b, 92, 14 Pasqu.); vgl. Georges Dumézil, Le Festin d’Immortalité (1924), 104. Siehe auch Roscher, in
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Demeter wurde, nachdem sie Zeus geboren hatte.30 Und Eleusis, das für uns nicht mehr als ein bloßer „Ortsname” ist, galt für die Griechen als „Advent” – das Neue Testament benutzt dieses Wort für die Ankunft Christi. Demeter – einst Rhea und Frau des Kronos – zerteilte bei ihrer „Ankunft“ die beiden Arten der Götterspeise, die ihre Quelle in alpha Aurigae hatten. Mit anderen Worten: Es ist möglich, daß sich diese Überlieferungen betreffs Demeter auf die entscheidende Verschiebung des Äquinoktialkolurs hin zu alpha Aurigae beziehen. Aber man sollte auch einige andere Überlieferungen in Betracht ziehen. Im Hinblick auf Indien, das in seiner Fülle oft hilfreich ist, ist es beinahe selbstverständlich, daß der Ganges für die Galaxis stand.31 Aber das Mahāhhārata und die Puranas sagen uns wenigstens, wie diese Verknüpfung gedacht war; Ganga wurde von der Milchstraße geboren. Im Vishnu Purāna heißt es:32 Seine Quelle im Nagel des großen Zehs von Vishnus linkem Fuß 238 habend, empfängt ihn Dhruva (der Polarstern) und trägt ihn Tag und Nacht andächtig auf seinem Kopf; und seit jener Zeit praktizieren die sieben Rishis die Übung der Askese in seinem Gewässer und umwinden ihre geflochtenen Locken mit seinen Wellen. Der Mond, umflutet von seiner angewachsenen Strömung, gewinnt vermehrten Glanz aus diesem Kontakt. Von hoch oben herabfallend, aus dem Mond herausströmend, läßt er sich auf dem Gipfel des Berges Meru (der Weltberg im Norden) nieder und fließt von dort in die vier Gegenden der Erde, um sie zu läutern … Der Ort, von dem aus der Fluß zur Läuterung der drei Welten antritt, ist die dritte Zone der Himmelsregionen, der Sitz von Vishnu. Roscher, Lexikon (1884-1937), s.v. Ambrosia: „sitos kai methy, sithos kai oinos.” 30 Orphicorum Fragmenta, op.cit., Fragment 145, Seite 188. 31 Dasselbe gilt für den Jaxartes und Ardvī Surā Anāhitā in der iranischen Überlieferung; siehe Henrik Samuel Nyberg, Die Religionen des Alten Iran (1966), 260f. 32 Vishnu Purāna 2.8, übersetzt von Horace Hayman Wilson (1840), 188.
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Es war in der Tat ein kolossales Ereignis, den „Strom LuftGanges vom Himmel herabfallen” zu lassen, und seiner Gewalt wurde nur dadurch Einhalt geboten, daß Shiva ihn in seinen Haarlocken auffing. Man sollte hinzufügen, daß er ihn dort „für mehr als 100 Jahre [trug], um ihn daran zu hindern, zu plötzlich auf den Berg zu fallen”. Hätte es nicht Shivas Haar gegeben, das als ein Auffangbehälter fungierte, wäre die Erde von den Oberen Wassern überflutet worden. Sie kommen, wie wir soeben zitierten, aus der dritten Himmelszone, der „Bahn des Vishnu” zwischen Ursa Maior und dem Polarstern. Wilson konstatierte 1840: „Die Lage der Quelle des Ganges im Himmel identifiziert ihn mit der Milchstraße.”33 Aber auch wenn die Flut unaufhörlich ist, hat sie dennoch einen „Anfangs”punkt, und diesen findet man im Bhagavata Purāna: „Der Strom floß über den großen Zeh von Vishnus linkem Fuß, welcher zuvor, als er ihn hochgehoben hatte, einen Sprung in die Schale des Welteis gemacht hatte und somit dem Himmelsstrom Einlaß gewährte.”34 Wie kann die Milchstraße ihr Wasser über den Polarstern ergießen? Und wie kann es in die vier Gegenden der Erde fließen? Indische Diagramme blieben Der Bericht über China, wie er von Gustave Schlegel L’Uranographie Chinoise (1967). 201 gegeben wird, ist zwar kürzer, deutet aber auf dasselbe phantasievolle Konzept hin. „La fleuve céleste se divise en deux bras près du pôle Nord et va de là jusqu’au pôle Sud. Un de ses bras passe par l’astérisme Nan-teou (lambda Sagittarii), et l’autre par l’astérisme Toung-tsing (Gémeaux). Le fleuve est l’eau céleste, coulant à travers les cieux et se précipitant sous la terre” Nan-teou ist der „Südliche Scheffel”: my lamhda phi sigma tau zeta Sagittarii: der nördliche Scheffel ist der Große Wagen. Obwohl wir mit Phyllis Ackermanns Standpunkt [in Forgotten Religions (1950), 6]: „Der Nil ist jedoch (wie ursprünglich viele, wenn nicht gar alle heiligen Flüsse – siehe den Ganges) die irdische Fortsetzung der Milchstraße” übereinstimmen, halten wir daran fest, daß das bloße Wiedererkennen nicht ausreicht, dem Mythos wieder Sinn und Bedeutung zu verleihen. 34 Vishnu-Purāna, Wilson-Übersetzung, 138, Fußnote 11. 33
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auf dieselbe Weise phantastisch wie im Westen die mittelalterlichen. Es braucht seine Zeit, sich das große Tympanon in Vézelay anzuschauen und zu erkennen, daß man vor einem Raum-ZeitDiagramm der auf die Figur Christi ausgerichteten Weltgeschichte steht. Es war in der archaischen Kosmologie nicht völlig absurd, Doppelstandpunkte zu haben. Wenn Tezcatlipoca am Nordpol Feuer drillte und der chinesische Saturn ebenfalls seinen Sitz dort oben hatte, dann könnte auch Vishnus Zeh über zwei Ansatzpunkte verfügen: den einen in der dritten Himmelszone – zwischen Wagensternen und Polarstern —, den anderen 239 in beta Orionis/Rigel (– das arabische Wort für „Fuß”), die „Quelle” des Eridanus. (Und könnte Rigel-die-Quelle nicht auch für Orwendels Zeh stehen, den Thor katasterisiert hatte?) Denn sowohl in der Überlieferung der Maori von Neuseeland als auch im Buch des Hermes Trismegistos kennzeichnete Rigel den Weg zum Hades. Das alles ist gewiß sehr phantasievoll, doch lieferten weder die reale Milchstraße noch der terrestrische Ganges irgendeine Grundlage für die Vorstellungen von einem Fluß, der zu den vier Gegenden der Erde fließt, „um die drei Welten zu läutern”. Man kann von dem „Implex” nicht loskommen, und daher ist es jetzt notwendig, über die Erzählung eines neuen Koordinatennetzes alias Skambha nachzudenken: Der Äquinoktialkolur war in eine Position übergewechselt, in der er durch Sterne von Auriga und durch Rigel lief. Skambha war, wie gesagt, der Weltbaum, der sich überwiegend aus Himmelskoordinaten zusammensetzte: eine Art imaginativer Armillarsphäre. Wenn sich eine Koordinate verschob, mußte sich alles verschieben. Es gibt andere Stilmittel als die der „Katasterisation”, um veränderte Sachlagen zu beschreiben. So besagt eine babylonische Keilschrift-Tafel: „Der Ziegen-Stern wird auch Hexen-Stern genannt; die göttliche Funktion von Tiamat hält er in seinen Händen.” Der Ziegen-Stern (mulUZA = enzu) repräsentiert die Venus; außerdem geht er „zusammen mit dem Skorpion auf“ und ist als
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Wega identifiziert worden.35 Sofern man dieser Gleichsetzung Vertrauen schenken kann, scheint sie die Situation zu beschreiben, wie man sie von jenseits des Himmels aus sieht: der Wechsel vom Schützen zum Skorpion, wobei die Wega den nördlichen Teil der „Funktion” der Galaxis übernimmt. Dafür, daß Tiamat die Milchstraße sei, spricht einiges.36 Und das gleiche könnte für die ägyptische Nūt gelten; aber hier weist die Geschichte andere Termini auf: Mutter Nūt wird in eine Kuh verwandelt und damit beauftragt, „Rā zu tragen”. (Es handelt sich übrigens um einen „neuen” Rā; der ältere Rā hatte recht deutlich zu verstehen gegeben, daß er ein für allemal zurücktreten und irgendwohin gehen wollte, „wo [ihn] niemand erreichen konnte”; siehe Appendix 27.) Zweifel sind indessen nicht nur erlaubt, sondern angebracht. Sowohl zahlreichen bildlichen Darstellungen als auch spätägyptischen Texten nach zu schließen, steht Nūt für die Ekliptik.37 Hier bleibt noch viel zu klären.
35 P.F. Gössmann, Planetarium (1950). 145; B.L. van der Waerden, JNES 8, 20. 36 Der arabische Name für die Milchstraße lautet „Mutter des Himmels” (um as-sama), und in Nordäthiopien wird sie „Em-hola” genannt, das heißt: „Mutter der Krümmung”. Siehe Enno Littmann, „Sternensagen und Astrologisches aus Nordabessinien”, ARW 11 (1908), 307; L. Ideler, op.cit. 78. 37 Vgl. Hans Ostenfeldt Lange und Otto Neugebauer, Papyrus Carlsberg (1940), 28f, 66. 35
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Kapitel 20
20 Die Tiefe des Meeres Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen, und auf dem Grund der Tiefe gewandelt? HIOB
Es wird nunmehr weiterhelfen, einen schnellen vergleichenden Blick auf die unterschiedlichen „Dialekte” der mythischen Sprache zu werfen, wie sie in Griechenland und Indien für „Phaethon” verwendet werden. Die Pythagoreer lassen Phaethon in den Eridanus stürzen, wodurch ein Teil des Wassers verdampft, und die Argonauten finden seine noch glühenden Reste. Ovid stellt fest, daß der Nil seit diesem Sturz seine Quellen verbirgt. Im Rigveda 9.73.3 heißt es, der Große Varuna habe den Ozean versteckt. In seinem eigenen Stil berichtet das Mahābhārata, warum der „himmlische Ganga” auf die Erde geholt werden mußte.1 Am Ende des Goldenen Zeitalters (Krita-Yuga) versteckte sich eine Gruppe von Asuras, die gegen die „Götter” (die Deva) gekämpft hatte, im Ozean, wo die Götter sie nicht erwischen konnten. Von dort aus planten diese Asuras, die Macht zu übernehmen. Also baten die Götter Agastya (Canopus, alpha Carinae = Eridu) inständig um Hilfe. Der große Rishi erhörte ihr Flehen, trank das Wasser des Ozeans aus und legte somit die Feinde bloß, die dann von den Göttern erschlagen wurden. Aber jetzt gab es keinen Ozean mehr! Von den Göttern angefleht, das Mbh. 3.104-105 (Roy-Übersetzung, 2; Teil 2. 230f); siehe auch Hermann Jacobi, ERE, I. 181A; Sören Sörensen, An Index to the Names of the Mahāhhārata (1963), 18A.
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Meer wieder aufzufüllen, entgegnete der Rishi: „Dieses Wasser ist fürwahr von mir verdaut worden. Folglich müßt ihr euch ein anderes Hilfsmittel ausdenken, wenn ihr danach trachtet, den Ozean wieder aufzufüllen.” Es war dieser traurige Stand der Dinge, der es erforderlich machte, die Galaxis „nach unten“ zu holen. Das ruft die Erinnerung an jenes Detail in der jüdischen Überlieferung über Eben Schetija wach, in welchem das Wasser so tief sank, daß David die „fünfzehn Lieder des Aufsteigens” rezitieren mußte, damit es wieder anstieg. Nun hatte Agastya, der große Rishi, einen „gemeinen“ Ursprung, ähnlich dem des Erichthonios (Auriga), der von Gaia, der „Erde”, geboren worden war – und zwar aus dem Samen des Hephaistos, der ihn hatte fallen lassen, während er Athene anschaute.2 Im Falle des Rishi heißt es: Er stammte vom Samen des Mitra und des Varuna ab, den sie in ei- 241 nen Wasserkrug tropfen ließen, als sie die himmlische Urvashi erblickten. Wegen dieser doppelten Vaterschaft wird er Maitrāvaruni genannt, und weil er von einem Wasserkrug geboren wurde, erhielt er den Namen Khumbasambhava.”3 Außer in Griechenland und Indien taucht das Motiv von dem herab getropften Samen auch in kaukasischen Mythen auf, insbesondere in jenen, die sieh mit dem Helden Soszryko beschäftigen. Die „Erde” wird durch einen Stein ersetzt, Hephaistos durch einen Hirten und Athene durch die „schöne Satana”, die sorgfältig über den schwangeren Stein wacht und, als die Zeit gekommen ist, den Schmied herbeiruft, der dem „sterngeborenen“ Helden als Hebamme dient. Soszrykos Körper besteht von Kopf bis Fuß aus blauschimmerndem Stahl — mit Ausnahme der Knie (oder der Hüften), die von den Zangen des Schmieds verletzt wurden. Dieser Soszryko verführt einen feindlichen Riesen, die Tiefe des Meeres zu messen, und zwar auf dieselbe Art und Weise, wie Michael beziehungsweise Elias den Teufel zum Tauchen bringt und in der Zwischenzeit das Meer zufrieren läßt. 3 RV 7.33.13-14; Brihad-Devata 5.152ff; S. Sörensen, 18B. Wir sollten erwähnen, daß der ägyptische Canopus selbst ein Krug-Gott ist; tatsächlich wird er von einer griechischen hydria repräsentiert (siehe RE 2
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Zu genau derselben Zeit und bei genau derselben Gelegenheit wurde auch der Rishi Vasishtha als Sohn von Mitra und Varuna „geboren” – nur daß der Samen auf den Boden und nicht in ein Gefäß fiel. Zweifellos ist dies zeta Ursae maioris; und die Verbindung von Canopus mit Zeta – häufiger mit Alkor, dem Zwergstern nahe Zeta (der Däumling, in Babylon der ,,Fuchs”Stern) – ist ein recht konstantes Merkmal, auf Arabisch Suhayl und as-Suha. Es handelt sich hier um die „Geburt” der eigentlichen Repräsentanten der beiden Pole, den Söhnen von Mitra und Varuna, wie auch ihrer Nachfolger. Den langen und mühsamen Weg zu verfolgen, der vom rigvedischen Mitrāvaruna (Dualis) zu den letzten Tagen des Römischen Imperiums führt – wo wir noch die Glosse mit dem Inhalt „mithra funis, quo navis media vincitur” finden können: „Mitra ist das Seil, das die Mitte des Schiffs zusammenhält” –, würde den Rahmen dieses Essays bei weitem überschreiten. Robert Eisler4 vertraute seinem unermeßlichen Material und brachte diese „Seil”-Fessel Mitra geradewegs mit dem „Schiffsgurt” aus dem zehnten Buch von Platons Staat in Verbindung. Von dem unzertrennlichen Dualis Mitrāvaruna ist Varuna von noch größerer Relevanz, insbesondere weil er es ist, der „die erste Schöpfung ausgemessen hat” (RV 8.41.10), er, der den Ozean versteckte – Ovid drückte es so aus, daß die Quellen des Nils verborgen wurden –, und er, der selbst „der verborgene Ozean” genannt wird (RV 8.41.8). Varuna sagt über sich selbst: „Ich befestigte den Himmel am Sitz des Rita” (RV 4.42,2). Und an diesem „Sitz des Rita” treffen wir Svarnara an, von dem gesagt wird, es sei „der Name der Himmelsquelle … welche Soma als seine Wohnung auserwählte“.5 Dabei handelt es sich um kein s.v. Kanopos). In Indien und Indonesien ist Khumba der Name für den Wassermann, was angeblich auf einen späten griechischen Einfluß zurückzuführen ist. 4 R. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt (1910), 175f. 5 Siehe H. Lüders, Varuna II: Varua und das Rita (1959), 396-401 (RV
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anderes „Ding” als um das Hvarna (auf Babylonisch melammu), 242 das der „böse Onkel” Afrasiab zu stehlen versuchte, indem er auf den Grund des Sees Vurukascha tauchte, obwohl das Hvarna Kai Chosrau gehörte (siehe oben, Seite 36). Aber in welchem Dialekt auch immer: Der gefallene Herrscher des Goldenen Zeitalters hat seinen Sitz im tiefsten Süden, und zwar im Canopus – ob dieser nun den Südpol oder, was wahrscheinlicher ist, den Südpol der Ekliptik vertritt –, der das Steuerruder der Argo markiert; Canopus am „Zusammenfluß der Ströme“. Das trifft zu, ob nun Varuna den Himmel am Sitz des Rita (und seinem eigenen) festband, ob Enki/Ea/Enmescharra in Eridu alle Normen und Maße (sumerisch me, akkadisch parsu, Sanskrit rita) in Händen hielt –Thorkild Jacobsen nannte ihn sehr passend den „Lord modus operandi” – oder ob Kronos/Saturn weiterhin „alle Maße der gesamten Schöpfung“ an Zeus weitergab, während er selbst in Ur-Ogygia schlief. Es besteht zudem wenig Zweifel – in der Tat gar keiner –, daß Phaethon als Saturn verstanden wurde. Gemäß den Katasterismen des Eratosthenes wurde der Planet Saturn mit Phaethon gleichgesetzt,6 der aus dem Wagen in den Eridanus stürzte; und 4.21.3; 8,6.39; 8.65,2f; 9.70.6). Soma wird als „Herr der Pole” angeredet, und Agni wird dreimal mit dem Epitheton svarnaram versehen (RV 2.2.1; 6.15.4; 8.19.1; vgl. H, Lüders, 400). RV 5.16.6 stellt fest: „Agni, wie die Felge die Radspeichen, so umgibst du all die Götter.” Außerdem ergänzen Soma und Agni einander, wie sieh gelegentlich herausstellten wird – allerdings nicht in diesem Essay: Die Verhältnisse Mitra : Varuna, Agni : Soma, Ambrosia : Nektar sind nicht so einfach berechnet, wie das Wunschdenken es gerne hätte. 6 Erat. Katast. Nr. 43; K. Robert (1963), 194f. Zum Beispiel beschäftigt sich Hyginius II 42 mit den Planeten, beginnend mit Jupiter: „Secunda Stella dicitur Solis, quam alii Saturni dixerunt; hane Eratosthenes a Solis filio Phaethonta adpellatam dicit, de quo complures dixerunt, ut patris inscienter curru vectus incenderit terras; quo facto ab Iove fulmine percussus in Eridanum deciderit et al Sole inter sidera sit perlatus.”
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Stephanus von Byzanz7 nennt Phaethon einen Titanen. Es gibt überdies den orphischen Wortlaut dieses Falls: „Nachdem Kronos Ouranos entmannt hatte, warf Zeus seinen Vater [= Kronos, H.v.D.] vom Wagen und ,intartarosierte’ ihn”, wenn wir das Verb wörtlich übersetzen.8 Essentielle Schlüsselwörter werden leicht als Bagatellen mißverstanden, wie in diesem Fall der „Wagen”, von dem Kronos/Phaethon in den „Tartaros” geworfen wurde. Das fragliche Vehikel ist ein zweirädriger Rennwagen, auf Griechisch harma, auf Latein currus und auf Babylonisch narkabtu. In Babylon ist es der Wagen des Auriga, der in der „Sphaera barbarica” der Astrologen überlebte,9 wohingegen in unserer Sphäre, will sagen, auf unseren Sternkarten und Himmelsgloben, der Fuhrmann jeglichen Gefährts beraubt ist. Und tatsächlich wird Erichthonios (neben Hēniochos der griechische Name von Auriga) nachgesagt, er habe den von vier Pferden gezogenen, zweirädrigen Rennwagen erfunden.10 Dieser Wagen muß sorgfältig von dem sogar noch wichtigeren vierrädrigen Gefährt, dem Großen Wagen, unterschieden werden: auf Griechisch hamaxa, auf Latein plaustrum und auf Sumerisch mulMAR.GID.DA. Leicht verwirrende Überlieferungen sind in Keilschrift-Texten übermittelt worden, aber auch sie spielen eindeutig auf dasselbe „Ereignis” an. Zum Beispiel: „Der elamitische Wagen, ohne Stuhl, den Leichnam des Enmescharra trägt er darauf. Die Pferde, die daran angespannt sind, sind der Totendämon des Zu. Der König, der in dem Wagen steht, ist der Heldenkönig der Herr Ninurta.” Wenn wir die letzten beiden Sätze beiseite lassen – die S.v. Eretria (Eretrios, „Sohn des Phaethon, und dieser war einer der Titanen”). Siehe Maximilian Mayer, Giganten und Titanen (1887), 70, 124. 8 Hieronymi et Hellanici theogonia (Athenagoras), siehe Kern Fragment 58, 138; vgl. auch R. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt (1910), 338. 9 Vgl. F. Boll, Sphaera, 108ff (Teukros und Valens). 10 Erat. Katast. Nr. 13; K. Robert (1963), 98-101. 7
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in Wirklichkeit nicht so pechschwarz sind, wie sie auf den ersten Blick anmuten –, dann läßt der Übersetzer Erich Ebeling11 keinen Zweifel daran, daß der „elamitische Wagen” mit der Konstellation „Wagen des Enmescharra” gleichzusetzen sei, den die Autoritäten in babylonischer Astronomie mit beta und zeta Tauri identifiziert haben.12 Nun hat dieser Enmescharra einen „vielsagenden” Namen: En.ME.SARRA heißt „Herr aller me”, was bedeutet, daß er der Herr der ,,Normen und Maße” ist, auch „Herr der Ordnung der Welt”, „Herr des Universums = Ea” genannt und, das ist wichtig: „der Gewichtige in der Unterwelt”.13 Die „Unterwelt” ist allerdings irreführend; das entsprechende Wort ist Arallu. Im allgemeinen ziehen es die Experten – und nicht nur die Assyriologen – vor, von Namen (also Plural) zu reden, die der einen „Unterwelt” gegeben werden, anstatt zu versuchen, den präzisen Standort der verschiedenen Provinzen dieses riesigen Reichs herauszufinden und festzulegen, welcher Name genau zu welchem Bereich passen könnte. Als ob man über die Pluralität von „Höllen” und „Himmeln” nicht Bescheid wüßte! Allerdings ist es hier nicht erforderlich, Ordnung in die Quartiere des mesopotamischen Hades zu bringen; im Moment reicht es aus zu wissen, daß der Herr der Weltordnung, Enmescharra, gleich Enki/Ea ist, zumal es ohnehin bekannt ist, daß er „am Sitz des Rita” zu Hause ist: Eridu/Canopus. Und da „Enmescharras Wagen” das Fahrzeug von Auriga ist, beta zeta Tauri, gibt es kaum einen Zweifel daran, daß die Überlieferung von Phaethons Sturz bereits in Sumer vorhanden war (Appendix 28). E. Ebeling, Tod und Liben nach den Vorstellungen der Babylonier (1931). 29, 33f. 12 P.F. Gössmann, 89; J. Schaumberger, 3 Erg., 327; E.F. Weidner, in RLA 3, 77. 13 Dietz Otto Edzard, „Die Mythologie der Sumerer und Akkader”. Wb. Myth., I, 62: Paul Michatz, Die Götterliste der Serie Anu ilu A-nu-um (Phil. Diss., 1909). 12; Knut Tallqvist, Sumerische Namen der Totenwelt (1934), 6, Anm. 2, sowie Akkadische Götterepitheta (1938), 304, 437. 11
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Und wie in Griechenland, wo die drastische Version der Orphiker, Hesiods und anderer Seite an Seite mit jenen Plutarchs und Proklos’ gefunden werden – nach denen Kronos mit väterlicher Güte seinem Sohn Zeus „all die Maße der gesamten Schöpfung*' gibt14 –, so haben wir auch in Mesopotamien grausam klingende Variationen neben „vernünftigen”. Als zum Beispiel Marduk seine „Welt” erbaut und fünfzig neue Namen erhält, gibt ihm sein Vater Ea seinen eigenen Namen, indem er sagt (EE 7.141f): „Er, dessen Namen seine Väter herrlich gemacht haben. Er, wie ich, heiße Ea! Die Gesamtheit meines Kultus insgesamt beherrsche er. Alle meine Orakelweisungen gebe er.”15 Und bezüglich Ea unter dem Namen Enmescharra konstatiert Edzard: „Eine Beschwörung aus neuassyrischen Zeiten … spielt mit dem Epithet Enmešarras ,der An und Enlil Szepter und Herrschaft übergeben hat’ möglicherweise auf einen freiwilligen Rücktritt des Gottes vor seinen Nachfolgern an.”16 Eine der Fragen, die nach einer Antwort verlangen, lautet: Welche Maße sind gemeint, und wie erfüllt Saturn seine Aufgabe, sie „kontinuierlich” an Jupiter „weiterzugeben”? Und selbst wenn Canopus als sein „Sitz” akzeptiert wird, wie kann er von dort aus die Maße geben? Ohne vorgeben zu wollen, wir hätten das Schema schon wirklich verstanden, kommen hier einige Erklärungen, die die plausibelsten zu sein scheinen. Weiteroben (Seile 123) wurde auf die Bedeutung des Umlaufs jenes aus „Großen Konjunktionen” von Saturn und Jupiter gebildeten Trigons aufmerksam gemacht, die Kepler noch verstanden hat (siehe Abbildung 28). Nun wird jeder, der sich die Schwierigkeiten der ältesten „Mythographen” vorzustellen versucht, realisieren, wie willkommen ihnen Perioden gewesen sein müsSiehe auch Lukian (Sat. 6), der Kronos sagen lässt: „Nein, es gab keinen Kampf, noch regiert Zeus sein Imperium durch Gewalt; ich übergab es ihm und dankte recht freiwillig ab.” 15 E. Ebeling, AOTAT, 128. 16 D.O. Edzard, op.cit., 62. 14
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sen, die wenigstens annähernd ineinander aufgingen – insonderheit, wenn sie mit sehr großen Perioden zu tun hatten, wie eben der Präzession mit ihrem kaum wahrnehmbaren Tempo. Übertragen wir das auf das vertraute „Schrumpfmodell” unserer Uhren: Der langsame Stundenzeiger gibt die Zeit nur „verschwommen” an, der Minutenzeiger unterrichtet uns schon präziser; aber die nächste Stunde bricht erst an, wenn der Sekundenzeiger vorgerückt ist. Der Umlauf eines Trigonwinkels erfüllte in etwa die Aufgabe des Minutenzeigers der Präzessionsuhr. Um den gesamten Zodiak zu durchwandern, benötigt ein Winkel ungefähr 3 x 794 1/3 = 2.383 Jahre. Das kommt einer Doppelstunde des „Tages” der Präzession von 25.900 Jahren einigermaßen nahe (Appendix 29). Ein neues Tierkreiszeichen galt erst dann als „angebrochen” – der Frühlingspunkt war natürlich bereits an der Grenze –, wenn eine Große Konjunktion im neuen Tierkreiszeichen stattgefunden hatte. Der Marginalpunkt in der griechischen Zeitrechnung war das Datum der ersten Olympischen Spiele: Sie waren zur Erinnerung an das Ringen von Kronos und Zeus gegründet worden, sagt Pausanias (V.7.10). Die himmlische Situation in den unterschiedlichen überlieferten Daten für die ersten Olympischen Spiele rechtfertigen diese Behauptung jedoch nicht. Mit anderen Worten: Es ist noch nicht bekannt, welche spezielle Große Konjunktion es war, zu deren Gedenken die Spiele eingeführt worden sein sollen. Unsere eigene Ära, das Zeitalter der Fische, wurde eingeläutet durch eine (dreimalige) Große Konjunktion bei zeta Piscium im Jahr 6 v. Chr. Mit Hilfe dieses Trigons gibt Saturn seinem „Sohn” Zeus kontinuierlich panta ta metra; und es ist dasselbe Trigon, welches in 245 dem bereits zitierten Orphischen Fragment (155 Kern) „Gattung” genannt wird, als sich Zeus mit den Worten an Kronos wendet: „Setze in Bewegung unsere Gattung, vorzüglicher Dämon.” Und darauf spielt auch Proklos in seiner Feststellung an: „Und Kronos scheint die höchsten Ursachen für Verbindungen und Trennungen mit sich zu tragen (synagôgôn kaì diairéseôn).” Und
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noch für Macrobius war er der „Verursacher” der Zeit.17 Soviel zu Saturn, diesem unveränderlichen Planeten, der seine Bahn entlanggleitet. Saturn als gestürzter Herrscher des Goldenen Zeitalters., der sich nach Eridu zurückgezogen hat, ist eine weitaus härtere Nuß. Diverse Hinweise lassen den Schluß zu, daß Canopus für statisch, für von der Präzession nicht betroffen gehalten wurde.18 Und dies würde bedeuten – zumindest könnte Macrobius, Saturnalien 1.22.P: „Saturnus ipse qui auctor est temporum.” Siehe Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl, Saturn and Melancholy (1964), 154f. Vgl. Seite 333f mit Zitaten aus der lateinischen Übersetzung des Abu Ma’shar, wo Saturn „significat … quantitates sive mensuras rerum” und wo „eius est … rerum dimensio et pondus”. 18 Wir haben hier weder die Zeit noch den Raum, uns ausgiebig mit der relevanten und umfangreichen Information über den „erfreulichen” Südpol zu beschäftigen [siehe L. Ideler, Sternnamen (1809), 265f], dem „Kotb Suhayl“ der Araber, so genannt nach Canopus, der bei Fezzan als „l’étoile primordiale Sahel, identifié au premier ciel contenant les constellations à venir” [Viviana Pâques, L’arbre cosmique (1964), 36] erkannt wurde – als der uranfängliche Stern, „vorgestellt in Gestalt eines Eies, das all jene Dinge enthielt, welche geboren werden sollten” (Pâques. 47). Um die Diskussion über den statischen Südpol zu eröffnen, kann man sehr gut mit den „Sieben Schläfern von Ephesus” beginnen, von denen man annahm, sie befänden sich an Bord der Argo – auch wenn dies explizit nur in sehr später türkischer Überlieferung (16. Jahrhundert) gesagt wird –, insbesondere aufgrund von Louis Massignons Artikel „Notes sur les Nuages de Magellan et leur utilisation par les pilotes arabes dans l’Océan Indien: sous le signe des VII Dormants” [Revue des Études Islamiques (1961), 1-18 = Teil VII von Massignons Artikelserie über die Sieben Schläfer in islamischer und christlicher Tradition; Teil I erschien 1955 in derselben Revue, Teil VIII im Jahre 1963] sowie aufgrund der sehr substantiellen Rezension von Théodore Monod „Le ciel austral et l’orientation (autour d’un article de Louis Massignon)” [Bulletin de l’Institut Français d’Afrique Noire (1963), 25. Ser. B. 415—426]. In beiden Artikeln findet man außer der überraschenden Vorstellung vom fröhlichen Süden bemerkenswerte 17
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es das bedeuten, denn es fügt sich so gut in jene Überlegungen über „Zeit und die Flüsse” –, daß abgelaufene Perioden „nach Hause“ in die Zeitlosigkeit zurückkehren, daß sie in die Ewigkeit zurückfließen, aus der sie gekommen sind. Noch nie hatte irgendein Aspekt der Zeit als „Abbild der Ewigkeit” Zugang zum Zusammenfluß der Ströme, der Mündung und Quelle von ÄoInformationen über Migrationen, die in verschiedenen Kontinenten Menschen Richtung Süden unternahmen. Massignon leitete die „glückliche” Bedeutung des Kotb Suhayl und der Magellanschen Wolken von historischen Ereignissen ab, zum Beispiel von den Erwartungen ausgewanderter und verarmter Völker, die vor den andauernden Kriegen und Überfällen in den nördlichen Ländern flohen: „Nomades ou marins, ces primitifs expatriés n’eurent pour guides, dans leur migrations et leur regards désespérés, que les ’étoiles nouvelles du ciel austral” (1961, 12). Monod (422) machte jedoch auf das entscheidende Schlüsselwort aufmerksam, das Ragnar Numelin [Les Migrations Humaines (1939), 270. Fußnote] in seiner Bemerkung geliefert hatte: „Il est possible que beaucoup de ces mystérieuses pérégrinations se proposaient comme but de trouver ‚l’étoile immobile’ dont parle la tradition. Le culte de l’Étoile Polaire peut avoit provoqué de tels voyages.” Doch mit dem zweiten Satz vernichtete er den Schatz, den er kurz zuvor ausfindig gemacht hatte. Aber auch Massignon und Monod verpaßten den springenden Punkt, nämlich daß der Südpol der Ekliptik von der Großen Wolke markiert wird und daß sich Canopus ziemlich nahe bei diesem ekliptischen Südpol befindet, wohingegen das unbewegliche Zentrum im Norden des Universums von keinem einzigen Stern kenntlich gemacht wird, wie bereits gesagt worden ist. Spaßeshalber zitieren wir hier eine Fußnote von Monod (421); „Quand Voltaire nous dit que Zadig ,dirigeait sa route sur les étoiles’ et que ‚la constellation d’Orion, el le brillant astre de Sirius le guidaient vers le pôle de Canope’, nous retrouvons dans cette dernière expression un témoignage du rôle joué par Canopus dans l’orientation astronomique. Il n’y a pas lieu, bien entendu, de vouloir la corriger en ,port de Canope’: cf. Voltaire, Romans et contes, éd. Garnier 1960, note 49, p. 621.” Wo können wir uns nur vor den „Verbesserungen” der Philologen in Sicherheit bringen?
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nen und Aren, dem wahren Sitz der Unsterblichkeit. Denn Ewigkeit schließt Bewegung aus. Doch muß sich der Weltherrscher aus diesem begehrten, bewegungslosen Heim, der Quelle und der Mündung der Zeiten, die normierten Maße verschaffen, die für sein Zeitalter gültig sind. Wie schon gesagt wurde, basierten diese Maße immer auf dem Zeitmaß. Und dabei spielt es wiederum keine Rolle, ob es Marduk war, der als erster die Himmel durchquerte und die Regionen vermaß: „Er ging über den Himmel, besah die Stätten. Er stellte ein Gegenstück dem Apsû gegenüber, der Wohnung Nudimuds [= Enki/Ea. H.v.D.]. Es maß der Herr des Apsû Gestalt, Einen Palast, so wie diesen, errichtete er, Esarra. Den Palast Esarra, den er gebaut hatte als Himmel, Ließ er von Anu, Enlil und Ea als ihre Städt(e) bewohnen.”19 Es mag auch Sun, der chinesische Affe gewesen sein, der vom „Nabel der Tiefe” seine unwiderstehliche Waffe holte – eine enorme Eisensäule, mit deren Hilfe einst Yü der Große die tiefste Tiefe des Meeres ausgelotet hatte. Ob die Schilderung nun sublim oder auf bezaubernde Weise ungereimt ist: In jedem Fall ist es die im wahrsten Sinne des Wortes „fundamentale” Aufgabe des Herrschers, zu jenem Topos zu „tauchen”, wo die Zeit beginnt und endet, um einen neuen „ersten Tag” zu ergreifen: Um über den Raum herrschen zu können, sagen die Chinesen, muß man Meister der Zeit sein (vergleiche Abbildung 29). Beim Leser mag inzwischen der Verdacht aufgekommen sein, Hamlet sei für immer in Vergessenheit geraten. Der Weg ist lang und gewunden gewesen, aber die Verbindung ist noch vorhanden. Selbst in einer so späten und beschädigten Überlieferung EE IV, 141 ff; E, Ebeling, AOTAT, 120. E.A. Speisers Übersetzung (ANET 67) ist der Ebelings vorzuziehen: „He crossed the heavens and surveyed the regions. He squared Apsu’s quarter, the abode of Nudimud. As the lord measured the dimensions of Apsu. The Great Abode, its likeness, he fixed as Esharra. The Great Abode, Esharra, which he made as the firmament. Anu, Enlil, and Ea he made occupy their places.”
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wie der des Saxo Grammaticus, ergab vor Urzeiten jedes Motiv einen Sinn. Wenn es schon schwierig ist, die zentrale Bedeutung des „Ruders” von Odysseus zu erkennen,20 um wieviel schwieriger muß es dann sein, das „Steuerruder der Argo” = Canopus/ 247 Eridu in dem kindischen Rätsel des Amlethus zu entdecken? Und doch ist das „Messen der Tiefe des Meeres” immer gegenwärtig. Der Knabe Kullervo traute sich, es mit einer Kupferangel samt seidener Angelschnur zu tun, und kam zu dem erstaunlichen Ergebnis von „zwei Kellen und ein bißchen mehr”. Es gibt sogar ein noch weniger geeignetes Meßgerät, wie wir von Jacob Grimm erfahren: Das mittelalterliche flämische „Gedicht von Brandaen, keine andere Bearbeitung, enthält einen sehr merkwürdigen Zug. Brandaen begegnete in der See einem daumlangen Mann, der auf einem Blatt schwamm, mit der rechten ein Näpfchen, mit der linken Hand einen Griffel haltend: den Griffel steckte er in die See und ließ davon Wasser in den Napf triefen, war der Napf voll, so goß er ihn aus und füllte dann von neuem; ihm sei auferlegt, die See zu messen bis an den Jüngsten Tag.“21 Früher oder später wird ein weiteres Objekt in die Gesellschall kaiserlicher Meß-Ruder beziehungsweise gubernacula aufgenommen werden müssen: das rätselhafte ägyptische hpt, das sogenannte „Schiffsgerät”, das der Pharao während der Zeremonie des „RuderRennens14 einer Gottheit im Laufschritt überbrachte. Es gab auch ein „Krug-Rennen” und ein „Vogel-Rennen'*, bei dem der Pharao einen Wasserkrug respektive einen Vogel trug. In verschiedenen PyramidenTexten nimmt die Seele des toten Herrschers dieses Schiffsgerät und bringt es in einen anderen Himmelsbezirk, während das eigentliche Rudern des Schiffes von den Sternen übernommen wird (Pyr. 2173A. D; siehe auch 2S4A, S73D, U46B). Siehe Acg. Wb., 3, 67-71; Allen Gardiner, Egyptian Grammar (1957), 581; Margarete Riemschneider, Augengott und Heilige Hochzeit (1953). 255f. Für die verschiedenen kaiserlichen Rennen siehe die (nicht zufriedenstellende) Untersuchung von Hermann Kees, Der Opfertanz des Ägyptischen Königs (1912), 74-90. das „Ruder-Rennen“. 21 J. Grimm, Deutsche Mythologie (1953), 373. In der englischen Über20
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In diesem Fall scheint das spezielle „Instrument” den verantwortlichen Vermesser zu verraten. Merkur war der Himmels Schreiber sowie Hüter der Akten und Berichte. Und laut Platon hat er „zuerst Zahl und Rechnung erfunden, und Meßkunst und Sternkunde, dann Brettspiel und Würfelspiel und schließlich auch die Buchstaben.“22 Hs wird sich noch herausstellen, ob all die messenden Planeten an ihren speziellen Meßmethoden erkennbar sind oder nicht. Saturns und Jupiters Methoden sind bekannt: Jupiter „wirft” und Saturn „fällt“. Aber wie schon früher gesagt wurde, ist es nur schwer vorstellbar, wie Saturn die Maße gibt, während er auf Canopus residiert. Kann es sein, daß nicht alle verfügbaren Schlüssel zu dieser Tür ausprobiert worden sind? Während man so vielen Charakteren zuschaut, wie sie mit dem Messen der Meerestiefe beschäftigt sind, stolpert man über den seltsamen Namen, den die Araber Canopus gegeben haben: Sie nennen ihn „das Gewicht”, und die Tafeln des Alphonsus von Kastilien schreiben ihn „Suhel ponderosus”, den schwergewichtigen Canopus.“23 Dieses „Gewicht” ist das Lot am Ende der Senkschnur, mit deren Hilfe diese Tiefe gemessen wurde. So weit, so gut. Aber was hat Saturn damit zu tun? Er kann als die „lebende“ Senkschnur aufgefaßt werden. Das wäre kaum glaubhaft, wenn die Geschichte dieses Vermessens nicht von der Senkschnur setzung (TM, 451) heißt es „pointer” anstatt, wie bei Grimm, „Griffel“, Vgl. Karl Simrock, Handbuch der Deutschen Mythologie (1869), 125, 415. 22 Platon. Phaidros 274, in der deutschen Übertragung von K. Hildebrandt (1957; 1979), 86. 23 „Suhail al wazn.” Das Epitheton „wazn” ist auch anderen Steinen des südlichen Himmels verliehen worden. Für eine ausführliche Diskussion dieses Namens siehe L. Ideler, Sternnamen (1898). 249-252, 263; R.H. Allen, Star Names (1963), 68f; J. Norman Lockyer, The Dawn of Astronomy (1964), 294; William T. Olcott, Star Lore of All Ages (1911). 133.
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höchst persönlich erzählt würde: Phaethon. Als er sie erzählte, führte er allerdings einen anderen Namen, wie das in himmlischen Kreisen der Brauch war: Hephaistos.24 Im ersten Buch der Ilias versucht Hephaistos, seine Mutter Hera zu besänftigen, die sehr böse auf ihren Ehemann Zeus ist. Er sagt zu ihr; „… denn dem Olympier entgegenzutreten ist schwierig. Denn schon ein anderes Mal, als ich ihm zu wehren versuchte, warf er, am Fuß mich gepackt, mich herab von der göttlichen Schwelle, und ich stürzte den ganzen Tag; mit der sinkenden Sonne fiel ich in Lemnos herab; noch wenig Leben war in mir.”25
Hephaistos erwähnt dieses Ereignis noch einmal, nämlich als Thetis ihn bittet, den Schild für ihren Sohn Achilles zu schmieden (18.395ff): „Wirklich, da ist die verehrte und würdige Göttin im Hause, die mich errettete, als ich litt bei dem Sturz in die Tiefe nach meiner Mutter Willen, der hündischen,26 die mich verstecken wollte, den Um Mißverständnisse zu vermeiden: Wir möchten nicht auf der strikten Identität des Phaethonsturzes mit dem im ersten Gesang der Ilias beschriebenen Fall des Hephaistos bestehen. Wir vermuten, daß das Sprachbild „Jupiter-schleudert-Saturn-herab” die Bildung des Konjunktionstrigons umschreiben soll; allerdings nicht die irgendeines Trigons, sondern die des neuen Trigons, dessen erster Winkel durch eine Konjunktion der Großen Zwei zu Beginn des neuen Weltalters errichtet wurde. Andererseits könnte sich hinter dieser bildhaften Formel auch der Positionswechsel des Trigons von Konjunktionen von einer Triplizität in die nächste verbergen (vgl. Appendix 29); diese höchst formalen Probleme konnten noch nicht geklärt werden. 25 Homer, llias 1.589ff, übersetzt von R. Hampe (1979), 20. (háma d’êelíô katadýnti/káppesson en Lêmnô) 26 Homer sagt nicht „hündisch”, sondern kynopis = hundsäugig. Weitaus häufiger wird Hera allerdings „kuhäugig” (boopis) geheißen. In diesem Fall könnte sich Hera, wer immer sie sei, in der Nähe von Siri24
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Lahmen. Da hätte ich Qualen erlebt im Gemüte, hätte Eurynome nicht, des erdumkreisenden Stromes, des Okeanos, Tochter, und Thetis im Bausch mich geborgen. Neun Jahre blieb ich bei ihnen und bildete vielerlei Zierat …“27
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Wieder ein verknechteter Schmied, wie Kullervo. Krates von Pergamon28 erklärt diese Besonderheit in dem Sinne, daß Zeus die Messung der ganzen Welt anstrebte (anametrēsin tou pantos). Es gelang ihm, die Maße des Kosmos durch „zwei Fackeln, die sich mit derselben Geschwindigkeit bewegen”, festzulegen: Hephaistos und die Sonne. Den erstgenannten schleuderte Zeus just in dem Moment von der „göttlichen Schwelle” auf die Erde herab, als letztere sich vom östlichen Punkt auf ihren Weg gen Westen machte. Beide erreichten ihr Ziel zur selben Zeit: Die Sonne ging unter als Hephaistos auf Lemnos aufschlug. Krates war überzeugt, daß Homer von einer Sphäre sprach; und da er selbst an dem Koordinatensystem der Sphäre höchst interessiert war, war es für ihn keine Frage, den Schild des Agamemnon (llias 11.32f) und des Achilles (18.468ff) in seinem eigenen Sinn zu interpretieren.29 Außerdem betrachtete er Odysseus’ Schiffsreise von Kirkes Insel zum Hades als eine Reise vom Wendekreis des Steinbocks zum Südpol, wie wir von Strabon erfahren.30 Diese Idee ist nicht so merkwürdig wie es scheint. us aufgehalten haben. 27 Homer, Ilias 18.395ff, Hampe-Übersetzung, op.cit., 389. 28 Wir verdanken Hans Joachim Mette und seiner Arbeit Sphairopoiia, Untersuchungen zur Kosmologie des Krates von Pergamon (1936) die Sammlung und Kommentierung aller relevanten Zeugnisse und Fragmente. 29 Siehe H.J. Mette, Sphairopoiia (1936). 30-42, sowie seine Einleitung. 30 Strabon 1.1.7: Odysseus benutzt einen „Meeresarm und eine Ausbuchtung des Okeanos, die vom Winterwendekreis zum Südpol reicht (anáchysín tina kaì kólpon epì tòn nótion pólon apò tou cheimerinou tropikou diêkonta).” Vgl. Mette, op.cit., 75f. 250. (Siehe auch 88f für
Die Tiefe des Meeres
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Zeus, der den Aquinoktialkolur etablierte, indem er den fiktiven „Phaethon” herabschleuderte, führte einen neuen Skambha ein – man erinnere in diesem Zusammenhang Platon: „Das hört sich zwar wie ein Märchen an …“31 Aber es gibt auch Cornfords Vorstellung über die Vision des Er,32 nach der Platons „Seelen in ihrer Vision eigentlich nicht das Universum an sich sehen, sondern ein Modell, ein primitives Planetarium, das der Form nach einer Spindel ähnelt … ” Es ist traurig und mit Sicherheit sonderbar, zu beobachten, wie wenig Gelehrte ihren eigenen Augen und Worten trauen – den Eingang zum Tartaros am Südpol, eventuell auch an beiden Polen. Daß die Inder den Eingang zum Totenreich am Südpol lokalisieren, wurde bereits erwähnt.) 31 Wir können hier nicht die homerische Fassung des Topos diskutieren, von dem aus Zeus Hephaistos herabwarf; „göttliche Schwelle” ist jedoch nichtssagend (apo bēlou thespesioio). In der Antike gab es Gelehrte, die behaupteten, Krates verbinde dieses „bēlos” mit dem chaldäischen „Bel“/Baal = Marduk. Wir belassen es bei Aurigas Wagen, auf Babylonisch narkabtu, und zwar um so mehr, als auch Marduk ihn benutzte, als er Tiamat angriff. Die „babylonische Genesis” berichtet nicht, daß Marduk Menschen durch die Gegend schleuderte. Aber es gibt einen Keilschrift-Text (VAT 9947). der von Ebcling [Tod und Leben (1931), 37f] als „eine Art Festkalender” bezeichnet wird und in dem es heißt: „Den 17. nennt man (Tag) des Einzugs, da Bel seine Feinde bezwungen hat. Den 18. nennt man (Tag) der Klage, an dem man Kingu nebst seinen 40 Söhnen vom Dach wirft.” Kingu wurde auch Enmescharra genannt, der „Herr der Maße und Normen” (Tallqvist, 437). Dieser Kingu war Tiamats Ehemann (so wie Geb der von Nūt): sie hatte ihm die „Schicksalstafeln” übergeben, die Marduk nach seinem Sieg über dieses Paar an sich nahm. Und 40 ist die Zahl von Enki/Ea (siehe unten, Seite 263). Den Rest kann man sich ausrechnen. Wir sind durch unsere unangemessenen Vorstellungen über „Namen“ behindert sowie durch die irreführenden Etiketten, mit denen Übersetzer die Himmelsgestalten versehen und dabei aus Tiamat, Kingu und ihrer ganzen Sippe „Unholde” machen. 32 F.M. Comford, The Republic of Plato (1952), 350.
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etwa im Falle von Jane Harrison, die über die Titanen bemerkte: „Sie werden ständig unter die Erde in den tiefsten Tartaros getrieben und tauchen immer wieder auf. Es sind die Gewalt und die Beständigkeit, mit der sie herabgeschickt werden, die uns zeigen, daß sie eigentlich nach oben gehören. Sie prallen zurück wie göttliche Gummibälle.“33 Es ist ziemlich offenkundig, daß diese göttlichen Gummibälle nicht wirklich nach unten geschickt werden: Was niedergeworfen wurde, waren die abgelaufenen Zeitalter nebst den Namen ihrer entsprechenden Herrscher. Aber jetzt ist die galaktische Bühne leer; und es ist beinahe an der Zeit, den nächsten Skambha bei der Arbeit zu beobachten, wie er das „Schicksal” der ersten postdiluvialen Generation mahlt. Doch bevor wir dem Held des ältesten, des schwierigsten und in jeder Hinsicht sonderbarsten aller Epen gegenübertreten, gibt es ein Intervall. Wir ergreifen diese Gelegenheit, anhand einer wohlbekannten Episode Bemerkungen zur Methodik einzufügen.
J.E. Harrison, Themis (1962), 453f. Vgl für eine ähnliche Art des Mißtrauens gegenüber der eigenen Wahrnehmung M. Mayer, Giganten und Titanen, 97. 33
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Da er sehr häufig in der Literatur vorkommt, hat sicher jeder schon einmal von dem Steuermann unter der Regierung des Tiberius gehört, der, als er an einem ruhigen Abend in der Ägäis segelte, eine laute Stimme vernahm, welche verkündete: „Der Große Pan ist tot.” Diese einnehmende Mythe wurde in zweierlei Richtungen interpretiert. Einerseits kündige sie das Ende des Heidentums an: Pan mit seinen Flöten, der Dämon des stillen, sonnendurchtränkten Mittags, der heidnische Gott der Lichtung, des Weidelands und der ländlichen Idylle ist dem Übernatürlichen gewichen. Andererseits ist diese Mythe als Mitteilung über den Tod Christi im 19. Jahr des Tiberius verstanden worden: Der Sohn Gottes, der von Alpha bis Omega alles verkörperte, wurde mit Pan – „All” identifiziert.1 Otto Weinreich [„Zum Tode des Großen Pan“, ARW 13 (1910), 467473] hat den Nachweis solcher seltsamen Vorstellungen gesammelt, die zuerst 1549 (Guillaume Bigot), dann drei Jahre später in Rabelais’ Pantagruel gefunden und in späteren Zeiten verspottet wurden, zum Beispiel zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Fontenelle: „Ce grand Pan qui meurt sous Tibère, aussi bien que Jésus-Christ, est le Maistre des Demons. dont l’Empire est ruiné par cette mort d’un Dieu si salutaire à l’Universe: ou si cette explication ne vous plaist pas, car enfin on peut sans impieté donner des sens contraires à une mesme chose, quoy qu’elle regarde la Religion: ce grand Pan est Jésus-Christ luv-mesme, dont la mort cause une douleur et une consternation générale parmy les Demons. qui ne peuvent plus exercer leur tirannie sur les hommes. C’est ainsi qu’on a trouvé moyen de donner à ce grand Pan deux faces bien differentes.“ (Weinreich. 472f.) 1
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Hier ist die Geschichte, wie sie von Philippos in Plutarchs Dialog „Warum die Orakel keine Antwort mehr geben“ erzählt wird:
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Der Vater des Redners Aemilianus. den auch einige von euch gehört haben, war Epitherses, mein Landsmann und Lehrer der Grammatik. Dieser erzählte, er habe einmal auf der Reise nach Italien ein Schiff bestiegen, das Handelswaren und viele Fahrgäste an Bord hatte. Eines Abends, als sie schon auf der Höhe der EchinadenInseln waren, sei der Wind eingeschlafen und das Schiff sei treibend in die Nähe der Paxos-lnseln gelangt. Die meisten seien noch wach, einige nach beendigtem Mahl beim Trinken gewesen. Plötzlich habe man von der Paxos-Insel her eine Stimme gehört, die laut „Thamus!” rief, so daß man sich verwunderte. Thamus war aber ein Ägypter und Steuermann des Schiffes, doch nicht vielen der Fahrgäste mit Namen bekannt. Beim ersten und zweiten Anruf habe er geschwiegen, beim dritten Mal aber dem Rufer geantwortet. Dieser habe nun seine Stimme noch mehr erhoben und gerufen: „Wenn du auf die Höhe von Palodes kommst, dann melde, daß der große Pan tot ist!” Als sie das gehört hätten, so erzählte Epitherses, seien sie alle erschrocken und hätten sich darüber unterhalten, ob es besser sei, den Auftrag auszuführen, oder sich nicht darum zu kümmern, sondern es auf sich beruhen zu lassen, und Thamus habe sich dahin entschieden, wenn Wind wäre, stillschweigend vorbeizufahren, wenn aber Windstille und glatte See in dieser Gegend wäre, das Gehörte auszurichten. Als sie auf der Höhe von Palodes angelangt waren und weder Wind noch Wellengang war, habe Thamus, vom Heck nach dem Land hin blickend, gerufen, wie ihm gesagt worden war: „Der große Pan ist tot!” Kaum aber habe er diese Worte geendigt, so habe sich, nicht von einer, sondern von vielen Stimmen, ein lautes Wehklagen, vermischt mit Ausdrücken der Verwunderung, erhoben. Da nun viele Menschen dabeigewesen seien, so habe sich die Geschichte schnell in Rom herumgesprochen, und Thamus sei vom Kaiser Tiberius zur Audienz befohlen worden. Tiberius habe daraufhin der Geschichte solchen Glauben beigemessen, daß er Erkundungen und Untersuchungen über diesen Pan anstellen ließ, und die zahlreichen Gelehrten an seinem Hofe hätten
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die Vermutung geäußert, es handle sich um den Sohn des Hermes und der Penelope.”2
Plutarch wurde nicht akzeptiert; statt dessen schlug man eine „einfache” Erklärung vor: Als das Schiff an den Ufern eines Küstendorfs entlangtrieb, wurden die Passagiere von den rituellen Ausrufen und Wehklagen über den Tod von Tammuz/Adonis, dem sogenannten Getreide-Gott, aufgeschreckt, die im Mittleren Osten im Hochsommer üblich waren. Andere konfuse Rufe wurden von dem Steuermann Thamus so verstanden, als seien sie an ihn gerichtet.3 Das sei der Nährboden für eine einfältige Phantasie gewesen, welche die Geschichte ausschmückte und zum Ruhme des jeweiligen Erzählers viele Details hinzudichtete. Diese Erklärung klang überzeugend genug. Die Geschichte war normalisiert worden, das heißt: als unbedeutend abgetan. Noch heute ist es erlaubt, sich darüber zu wundern, warum damals soviel Wirbel um Ausrufe gemacht wurde, die den Zeitgenossen doch vertraut gewesen sein müssen, und warum der gebildetste Mythologe, nämlich Kaiser Tiberius höchst persönlich, die Angelegenheit für so wichtig hielt, daß ihr nachgegangen wurde – es sei denn, Plutarch habe gelogen. Bei allem gebotenen Respekt für die involvierten Gelehrten lohnt es sich also, eine andere Fährte auszuprobieren. Man kann davon ausgehen, daß nicht alles nur Hintergrundgeräusch war, wie wir heute sagen, sondern daß mit den Worten „Der Große Pan ist tot” (Pan ho megas tethnēke) tatsächlich eine richtige Nachricht durchsickerte und daß Thamus sie verkünden mußte. Dem Expertenkomitee von Tiberius (philologoi) war die Geschichte insofern Botschaft genug, als es zu dem Schluß kam, daß sie sich auf Pan, den Sohn von Penelope und Hermes bezog, 253 Plutarch, De defectu Oraculorum 419 B-E, übersetzt von Konrad Ziegler. Siehe F. Liebrecht, Des Gervasius von Tilbury Otia Imperialia (1856), 179f; J.G. Frazer, The Dying God (Golden Bough 3), 7f.
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Nummer 3 in Ciceros Liste.4 Nach den Ereignissen, die in der Odyssee berichtet werden, muß Penelope, wer auch immer sie wirklich gewesen sein mag, ein aufregendes Leben geführt haben.5 Wenn man sich dafür entschieden hat, der Botschaft Glauben zu schenken, muß man automatisch eine Menge ähnlicher Geschichten in Betracht ziehen, von denen einige von Jacob Grimm, der Großteil jedoch von Wilhelm Mannhardt gesammelt wurden.6 Im Tirol gibt es einen ganzen Geschichtenzyklus über die „Fanggen”, einer Art „Kleine Menschen” (oder Riesen), über Waldnymphen beziehungsweise Baumgeister, deren Existenz so sehr an Bäume gebunden ist, daß das Fällen eines solchen Baums eine Fangga vernichten würde. Früher einmal hatten sie bereitwillig als Dienstmägde bei den Bauern gelebt und dem Hof Segen gebracht,7 aber völlig unvorhersehbar verschwanden sie auch. Eine Lieblingsgeschichte ist die eines Hausherrn, der Cicero, De natura deorum 3.56: „Tertius Jove tertio natus et Maia, ex quo et Penelopa Pana natum ferunt.” Vgl. auch Herodot, Geschichte 2.145. 5 Was die Version betrifft, derzufolge Pari der Sohn von Penelope und all ihrer gemeinsam Freier war, bemerkt Preller [Griechische Mythologie (1964), 1, 745]: „die widerliche Sage.“ 6 J. Grimm. DM, 375. Anm. l; vgl. 845: „Der Teufel sei todt, nun könne jeder ungehindert ins Himmelreich kommen”; III, 129; W. Mannhardt, Wald- und Feldkulte,1 (1875), 89-93; 2 (1877), 148ff. 7 Im allgemeinen wird von ihnen allerdings behauptet, ziemlich empörende Angewohnheiten an den Tag gelegt zu haben – zum Beispiel aßen sie Kinder oder beseitigten sie auf andere typische Weise, indem sie sie etwa zu Schnupftabak pulverisierten. Folglich heißt es über eine Fangga: „Wenn sie kleine Buben zu fassen bekam, so schnupfte sie dieselben wie Schnupftabak in ihre Nase oder rieb sie an alten dürren Bäumen, die von stechenden Ästen starrten, bis sie zu Staub geraspelt waren.“ Es scheint ein sehr tief sitzendes Bedürfnis „höherer Mächte“ zu sein, göttliche oder menschliche Lebewesen in Puder und Staub zu verwandeln. 4
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heimkehrt und seiner Familie von einer seltsamen Botschaft erzählt, die er von einer Stimme vernommen hat und sich in etwa so anhört; „Jochträger, Jochträger, sag der Ruchrinde, daß GikiGäki auf dem Hurgerhorn tot ist.” Oder: „Jochträger, Jochträger, sag der Stutzkatze (auch Stutzamutza), daß Hochrinde tot ist.” An dieser Stelle bricht das Hausmädchen in lautes Wehklagen aus und läuft für immer davon. Oder es konnte geschehen, daß, während die Familie beim Essen sitzt, eine Stimme dreimal durch das Fenster rief: „Salome, komm!“ Woraufhin die Magd verschwand. Diese Geschichte hat ein Nachspiel: Einige Jahre später war ein Metzger gegen Mitternacht auf seinem Nachhauseweg von Saalfelden durch eine Schlucht, als ihm von der Felswand her eine Stimme zurief: „Schlachter, wenn du zur langen Unkener Wand kommst, dann ruf in den Felsspalt: ,Salome ist tot.’“ Noch vor Morgengrauen hatte der Mann besagten Ort erreicht und rief seine Botschaft dreimal in den Felsspalt. Und auf einmal drang aus der Tiefe des Berges viel Geheul und Gejammer, so daß der Mann von Angst gepackt nach Hause lief. Manchmal folgt auf die überbrachte Nachricht der Auszug ganzer Stämme von Kleinen Menschen: Es 254 war ihr „König”, dessen Tod verkündet worden war.8 Es ist bemerkenswert, daß in den meisten notierten Fällen der Herr mit „Jochträger” angeredet wurde. Keiner weiß warum. Aber die wilde Waldmaid verschwand allemal. Adalbert Stifter hat diesem geheimnisvollen „Motiv” in der Novelle „Katzengold” im Rahmen seiner Bunten Steine neues Leben verliehen.9 „No is Pippe Kong dod” (Schleswig); anderweitig „König Knoblauch”, „König Urban”; „Hipelpipel ist tot“ (Lausitz); „Mutter Pumpe is tot” (Hessen). Siehe Grimm, 375 Anm. 1; K. Simrock, Handbuch der Deutschen Mythologie (1869), f 125, S. 416f; F. Liebrecht, Zur Volkskunde (1879), 257 Anmerkung. Siehe auch Paul Herrmann, Deutsche Mythologie (1898), 89f. 9 Siehe zu diesem Thema, seiner Verbreitung und der einschlägigen Literatur auch Martti Haavio, „Der Tod des großen Pan, mit Berück8
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Felix Liebrecht berichtet von der Art bestimmter GeisterWerwölfe, den „Lubins”, die im Mittelalter in der Normandie ihr Unwesen trieben. Diese schüchternen Gespenster jagten im Rudel, aber mit nur wenig Erfolg, denn anstatt den Eindringling anzugreifen, liefen sie beim leisesten Geräusch auseinander und heulten dabei: „Robert est mort. Robert est mort.“10 Diese jeder Pointe entbehrende Geschichte gewinnt an Perspektive, wenn man ihre Spur zum „Wolfsberg” in Arkadien zurückverfolgt und zu den dort abgehaltenen „Wolfsspielen”, von denen die römischen Laupercalia herstammen. Pan soll auf diesem Berg namens Lykaios geboren worden sein;11 und er hatte dort ein Heiligtum, Hier ist es auch, wo Zeus einen „Tisch” umkippte – weshalb der Ort den Namen Trapezous erhielt –, weil der arkadische Herrscher Lykaon ihm ein Mahl aus Menschenfleisch vorgesetzt hatte, das aus dem Fleisch seines eigenes Sohns Nyktimos zubereitet worden war. Zeus verwandelte Lykaon für eine bestimmte Frist in einen Werwolf; und indem er den „Tisch” umkippte, verursachte er die Deukalionische Flut. Der Tisch repräsentiert die gedachte Ebene durch die Jahrespunkte: die „Erde”. Das ist das signifikante Ereignis in der Erzählung, und sie ist insgesamt so lang, daß kein vernünftiger Mensch versuchen würde, sie zusammenzufassen. Als nächstes steht das einschlägige Beispiel jenes Robert an, bekannt als Robert le Diable, der angeblich eine historische Figur war, von der angenommen wurde, sich von Zeit zu Zeit in einen Werwolf zu verwandeln und dann Buße zu tun, indem er „in der Verkleidung eines Hundes unter der Leiter lag”. Und daran knüpft sich das Rätsel um die Dynastie der Scaligeri in Verona sichtigung neuen finnischen Materials”, in Studia Fennica 3 (1938), 115136. 10 F. Liebrecht, Zur Volkskunde (1879), 257, Anmerkung. 11 Pindar Fragment 100 (68): Rhea hatte dort Zeus geboren (Pausanias 8.38.2f), und auf der Spitze des Berges befand sich ein temenos des Zeus, in dem nichts und niemand einen Schatten warf.
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(wir alle erinnern uns an Prinz Escalus in Romeo und Julia), deren mächtiger Begründer Can Grande della Scala, „Großer Hund der Leiter”, war. Er wurde zum Gastgeber Dantes, als dieser ins Exil ging, und entwickelte sich zum Mäzen der Göttlichen Komödie. Auch seine Nachfolger Mastino und Cansignorio trugen Hundenamen.12 Hier brechen wir tunlichst ab, nicht ohne zwei eventuell brauchbare Hinweise zu geben; Erstens nannte Pythagoras die Planeten die „Hunde der Persephone”; zweitens gibt es nur 255 eine einzige riesige Leiter, nämlich die Galaxis, und nur einen Caniden, der unter dieser Leiter liegt, nämlich Sirius. Noch aber fügen sich uns diese Töne nicht zu einer sinnvollen Melodie. Was hier zählt, ist das hartnäckige Überleben von Motiven in einfacher Umgebung. Wenn man sich einen Schritt weiter in die Folklore hineinbegibt, trifft man auf eine in ganz Nordeuropa verbreitete Geschichte, von der die folgende die englische Version ist: Eine Schar Katzen hat sich in einem verlassenen, zerfallenen Haus getroffen, wo ein Mann sie beobachtet, ohne daß er bemerkt wird. Eine Katze springt auf die Mauer und schreit: „Sag Dildrum, daß Doldrum tot ist.” Der Mann geht nach Hause und berichtet seiner Frau, was er erlebt hat. Die Hauskatze springt auf und jault: „Dann bin ich der König der Katzen!” – und verschwindet durch den Kamin.13 Auf diese Weise überlebt der „Körper” der Überlieferung den Tod ihrer „Seele”, gebrochen, von allen Ideen verlassen, konserviert wie Fliegen in Bernstein. Griechische Götter sind zu Katzen und Hausmädchen unter ungebildeten Leuten geworden; die Mächte vergehen, aber die Information bleibt. Wenn man die Wiederholungen durchgeht, erhalt man die Botschaft einer Stimme in kanonischer Form: „Wanderer, gehe und sage Dildrum, da/3 der Große Doldrum tot ist.” Der Überbringer dieser Nachricht kann ein unbekannter Steuermann sein, ein PasSiehe Otto Höfler, „Cangrande von Verona und das Hundesymbol der Langobarden”, in Festschrift Fehrle (1940), 107-137. 13 Siehe W. Mannhardt, Wald- und Feldkulte I (1875), 93. 12
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sant, ein Tier, ein Beobachter. Das Wesentliche ist, daß eine Macht verstorben und die Nachfolge offen ist. Auf seine eigene Weise hat der Kosmos von irgendeinem Schlüsselereignis Notiz genommen. Von einem anderen Beispiel kaum glaubhaften Überlebens zeugen auch die Erkenntnisse von Leopold Schmidt über „Pelops und die Haselhexe”,14 eine Sagensammlung aus den Alpendörfern Südtirols. Auch sie handelt von Hausmägden bei Bauern. Die Geschichte geht so, daß ein Knecht zufällig das Festessen einiger Hexen beobachtet, bei dem ein Hausmädchen gekocht und von ihren Mithexen verspeist wird. Eine Rippe wird in die Richtung des jungen Mannes geworfen, und als die Hexen das Mädchen nach dem Mahl wieder zusammensetzen und zum Leben erwecken, fehlt diese Rippe und muß durch einen Haselzweig ersetzt werden. Just in dem Moment, als der Landarbeiter seinem Herrn erzählt, daß sein Hausmädchen eine Haselhexe ist, stirbt dieses Hausmädchen. Das ist kein Haselstreich einer Hexe – es ist ganz einfach eine Wiederholung der archaischen Geschichte von Pelops, Sohn des Titanen Tantalos, der von seinem Vater gekocht und am Tisch der Götter als Mahl serviert worden war. Die Götter, heißt es, hielten sich von der Speise fern, weil sie ihnen verdächtig erschien – außer Demeter, die durch ihren Gram über den Tod ihrer Tochter Persephone so geistesabwesend war, daß sie ein Schulterblatt in dem Glauben aß, es sei Hammelfleisch. Die Götter erweckten das Kind wieder zum Leben. Aber ein Schulterblatt fehlte und wurde durch Elfenbein ersetzt. Im weiteren Verlauf wurde Pelops ein berühmter Held, nach dem der Peloponnes benannt ist. Und in Olympia gewann er den Wettlauf mit König Oinomaos und weihte auf diese Weise die Olympischen Spiele ein. Aber Olympia wurde deshalb heilig, weil es der Schauplatz war, wo Zeus seinen Vater Kronos überwältigte15 und ihn aus dem königlichen Wagen herabwarf. In der 14 15
L. Schmidt, „Pelops und die Haselhexe”, Laos 1 (1951), 67-78. Pausanias V.7.10. Es geschah nicht aus bloßen „religiösen” Gründen,
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Nähe von Olympia kann man den Kronos-Hügel sehen, der noch immer den Abdruck des himmlischen Hinterteils trägt. Die offiziellen Figuren traten ab. Nur die großen Olympischen Spiele blieben ein „internationales ” Ereignis, das alle vier Jahre stattfand und zur griechischen Methode avancierte, die Zeit zu zählen. Was hat all dies mit einem kleinen, märchenhaften Hausmädchen Tausende von Jahren später in den Österreichischen Alpen zu tun? Auf den ersten Blick nichts; aber wer weiß, was möglicherweise herauskommen würde, wenn man dem Stichwort „Schulterblatt” auf den Fersen bliebe?16 Die Überlieferung daß „in dem Hippodrom die Säule, die den Startpunkt markierte, an ihrer Seite einen Altar der Himmlischen Zwillinge hatte“ (Pind. Olympian Odes III.36; Paus. V.15.6): vgl. F.M. Cornford in Harrison [Themis (1962). 228]: für den Circus Maximus in Rom siehe auch oben, Seite 190f. Fußnote 6. 16 Es gibt nicht nur „moskhou omon chryseion”, die goldene Schulter des Ochsen in den Händen von Mithras (Ägyptisch Maskheti, der Stierschenkel, Ursa Maior), und Ilumeri, ein antiquiert lateinischer Name für Orion, wie wir von Varro wissen; Amma, der höchste Gott der westsudanesischen Dogon (beziehungsweise der Clarias senegalensis, der Wels, ein Avatara des „Moniteur Faro” der Dogom der dasselbe Emblem trägt wie der ityphallische Min, der ägyptische Pan), trägt in seinem humeri die ersten „acht Körner”, und diese 8 Getreide Sorten (stereotyperweise einschließlich Bohnen) spielen ihre kosmogonische Rolle von den Dogon bis zu den Chinesen (siehe für eine andere verblüffende Ähnlichkeit zwischen Westsudan und China den Abschnitt über die „schamanistischen” Trommeln, aber es existieren noch mehr Beispiele). Es gibt auch die Erzählung aus dem modernen Griechenland [siehe Johann Georg von Hahn, Griechische und Albanische Märchen (1918), I. 181-184] über den „Sohn des Schulterblattes”, einer jener „Starken Knaben”, der nach seinen Abenteuern im Land der Geister seine Mutter mit einer Handmühle zu Haferbrei mahlt. Wie diese und andere Überlieferungen mit dem Schulterblatt-Orakel zusammenhängen, sofern sie überhaupt etwas damit zu tun haben, kann bislang nicht gesagt werden.
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setzt sich hartnäckig fort, selbst durch Zeitalter verschütteten Wissens hindurch. Aber immerhin ist inzwischen eine gewisse Distanz zu den Fruchtbarkeitsriten Frazers und anderer gewonnen worden Um auf Plutarchs Text zurückzukommen, so erweckt der redselige Stil des Dialogs den Eindruck des Beiläufigen; aber für gewöhnlich wußte Plutarch in solchen Sachen weitaus mehr als er zu diskutieren geneigt war. Es gab also einen Steuermann, einen kybernêtês, der vom Heck (prymnê) seines Schiffs eine Ankündung machte. Diese Einzelheilen scheinen mitnichten beliebig zu sein. Denn es gibt ein Heck und einen Steuermann, die in der Mythologie nicht zu übersehen sind. Das Heck ist jenes der Konstellation Argo, ein Schiff, das fast nur aus dem Heck besteht. Es wird als das Totenschiff mit Osiris an Bord verstanden,17 und der Steuermann ist Canopus selbst, der Sitz des großen babylonischen Gottes Ea (in Sumer Enki), dessen Name auf Sumerisch mulNUNki lautet; und Enki ist der Vater von Tammuz, was uns die Spur wiederaufnehmen läßt. Das Überraschende aber ist, daß der mesopotamische Canopus den Namen „Joch-Gestirn des Meeres” trägt18 – das „JochGestirn des Himmels” ist Draco. Wir treffen hier also auf ein Todesschicksal, einen Steuermann und einen Jochträger in einer unerwarteten, jedoch vielsagenden Verknüpfung. Wenn man sich mit derart profunden Experten des archaischen Mythos wie Platon und Plutarch beschäftigt, wird man voraussichtlich nicht den „ägyptischen König Thamus” im Phaidros (274C-275B) übersehen, der dem Thot/Hermes, welcher so stolz darauf ist, soeben die Schrift erfunden zu haben, klar macht, daß diese neue Kunst Laut Plutarchs Isis und Osiris 359 EF ist Osiris der stratêgos des Schiffs. 18 Siehe P.F. Gössmann, Planetarium Babylonicum (1950), 281; J. Schaumberger in Kuglers 3. Ergänzungsheft (1935), 325 mit Fußnote 2 (eine Version: das „Joch des Ea”); P. Jensen, Die Kosmologie der Babylonier (1890), 16ff, 25; F. Boll und C. Bezold, Farbige Sterne (1916), 121. 17
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ein zweifelhafter Gewinn sei. Es muß ein mächtiger „König” gewesen sein, der es wagte, Merkurs Verdienste zu kritisieren. Aber die Kapitel über die Milchstraße und den Sturz des Phaethon werden deutlich gemacht haben, daß geographische Termini nicht beim Wort genommen werden dürfen, am allerwenigsten „Ägypten”, das ein Synonym für den zweideutigen Nil ist. Um ein wenig mehr über den eigentlichen Inhalt der Botschaft zu erfahren, wenden wir uns an einen undatierten Text: die sogenannte „Nabatäische Landwirtschaft”, die zwar sehr wenig mit Ackerbau zu tun hat, dafür aber sehr viel mit Agrarzeremonien. Der Autor Ibn Wa’shijja machte geltend, sein Buch aus einer fast uranfänglichen chaldäischen Quelle hergeleitet zu haben.19 Moderne Kritiker sind zu dem Schluß gekommen, daß es ein Machwerk ungewisser Herkunft sei, eine sogenannte Fälschung. Was auch immer es sein mag: Es ist kein Original. Solche Dinge werden aus überliefertem Material zusammengebastelt. Maimonides hielt es für wertvoll genug, um es ausführlich zu zitieren; Chwolson und Liebrecht analysierten es, indem sie es mit an-Nadims Bericht Über das Tammuz-Fest der Harranier verglichen, das im Juli abgehalten und el-Bûqat genannt wurde, Tatsächlich behauptete er (und andere), das Buch sei von drei (oder sogar noch mehr) Autoren geschrieben worden, nämlich von Ssagrît, Janbûschâd und Qutârnâ. Der erste lebte im siebten Jahrtausend der 7.000 Jahre des Saturn – die dieser gemeinsam mit dem Mond beherrschte –, der zweite am Ende desselben Jahrtausends, der dritte tauchte auf, nachdem 4.000 des 7.000-Jahre-Zyklus der Sonne vorbei waren, so daß zwischen dem Anfang und dem Ende des Buches 18.000 Sonnenjahre vergangen sind (laut Maqrîzî). Siehe Daniel Chwolson, Die Ssabier und der Ssabismus (1856), 1, 705f (vgl. Seite 822 für das besondere Alphabet, das Janbûschâd benutzte). Somit haben wir es mit einem weiteren „Trismegistos“ zu tun: drei Male der größte, nicht einfach „dreimal”. [A.d.Ü.: Im Original schreiben die Autoren: „… ihree times great, not just ‚thrice’.“ Dieses „Wortspiel“ mit der Zeit läßt sich leider nicht ins Deutsche übertragen.] 19
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die „weinenden Frauen”.20 Hier ist zunächst eine Textstelle, die von Liebrecht untersucht wurde:21 Die Zeitgenossen Janbûschâds … behaupten, daß alle Sakâïn (eine gewisse Art von Engeln) der Götter und die Götterbilder über Janbûschâd nach dessen Tode trauerten, ebenso wie die Engel und alle Sakâïn über Tammûzì getrauert hatten. Die Götterbilder, meinen sie, hätten sich aus allen Gegenden der Erde in dem Tempel elAskûl in Babel versammelt, und begaben sich darauf alle in den Sonnentempel, nämlich zum großen goldenen Götterbilde, welches zwischen dem Himmel und der Erde (d.h. in der Luft) hing. Das Sonnenbild stand mitten im Tempel umgeben von allen Götterbildern der Erde, und zwar standen ihm zunächst die Sonnenbilder aller Länder, dann die Bilder des Mondes, darauf die des Mars, dann die des Mercur, die des Jupiter, die der Venus, und zuletzt die des Saturn.22
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Weiter heißt es bei Chwolson: Das Sonnenbild fing an über Tammûzì zu wehklagen, die Götterbilder weinten, und das Sonnenbild stellte eine feierliche Todtenklage über Tammûz an und erzählte die Geschichte desselben. Alle Götterbilder weinten vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang am Schlusse dieser Nacht, worauf sie nach ihren Ländern zurückkehrend davonflogen.
So lautet die Geschichte, die, wie Chwolson sagt, in den Tempeln nach den Gebeten aufgesagt wurde, worauf es noch mehr Weinen und Wehklagen gab. Das ist also die archaische Fassung. Sie bezieht sich auf Planetengötter, den großen Kult von Harrän. Zwei dieser Götter ragen, fast ex aequo, hervor: Tammuz und D. Chwolson, Ssabier (1886), II, 27f, 207, 209. F. Liebrecht, Zur Volkskunde (1879), 251 f. 22 Wir sollten anmerken, daß die Planeten nicht in der astronomischen Reihenfolge ihrer Perioden genannt werden, sondern in der durch das Heptagramm, das die Wochentage beschreibt, vorgegebenen Reihenfolge (vgl. Dio Cassius XXXVII.18.4-19.3). 20 21
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Janbûschâd. Nun ist letzterer kein anderer als Firdausis Jamschyd.23 Es ist bereits bekannt (Seite 134), daß Jamschyd auf Avestisch Yima xsaēta heißt, das ist der Name, aus dem im Lateinischen Saturnus wurde. Es besteht also kein Zweifel, daß es hier um Saturn/Kronos, den Gott des Anfangs, Yima (auf Indisch Yama), den Herrn des Goldenen Zeitalters geht. Ein Klagelied über das Ableben von Kronos wäre selbst in Griechenland angebracht gewesen,24 da er von Zeus entthront und abgelöst worden war. Aber wer war Tammuz? Der Getreidegott, der mit der Jahres- 259 zeit starb, der ländliche Adonis würde kaum in solch eine erhabene Gesellschaft passen. Mittlerweile ist klar, daß er zuallererst astronomischer Natur war. Es ist soviel über seine Fruchtbarkeitsriten geschrieben worden, daß es lange Zeit brauchte, um das wirkliche Datum ausfindig zu machen, das von Franz Cumont angegeben wird.25 Die Totenklage über Tammuz/Adonis Siehe F. Liebrecht, op.cit., 251, Fußnote: „Der babylonische Izdubar [= Gilgamesch] heisst in Ibn Wakschis (Wa’hschijjas) Buch über die nabathäische Landwirtschaft ,Janla-Schad’ (Janbûschâd) d.i. Dschemschid … So Rawlison im Athenaeum vom 7. December 1872.” 24 Vgl. den Bericht von Plutarch (Isis und Osiris 363E) über Ägypten: „Es gibt auch ein religiöses Klagelied, das über Kronos gesungen wird. Das Klagelied gilt ihm, welcher in der linken Region geboren ist und in der rechten Region unter Auflösung leidet, denn die Ägypter glauben, daß die östlichen Regionen das Antlitz der Welt sind, die nördlichen zur Rechten und die südlichen zur Linken. Folglich wird vom Nil, der aus dem Süden kommt und im Norden vom Meer verschluckt wird, natürlich gesagt, seine Geburt auf der linken und seine Auflösung auf der rechten Seite zu haben.“ Kronos als einstiger Herrscher über „galaktische Zeiten” (Geb „in” Nūt): Das ergibt mehr Sinn als es den Anschein hat. Vgl. die Sternliste der Dogon in M. Griaule und G. Dieterlen, Le Renard Pâle (1965), 515, s.v. „yalu ulo tolo: ,étoile de la Voie Lactée’, Saturne (?)”. Siehe auch Kapitel 13, „Über Zeit und die Flüsse”. 25 F. Cumont, „Adonis et Sirius”, Extrait des Mélanges Glotz (1932), 1, 257-264. Aber siehe für die unterschiedlichen Daten der Adonia Franz 23
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wurde nicht einfach im „Spätsommer“ angestimmt: Sie fand in der Nacht vom 19. auf den 20. Juli statt, genau an jenem Datum, das den Beginn des ägyptischen Jahres kennzeichnete und beibehalten blieb, um den Julianischen Kalender festzulegen. 3.000 Jahre lang hatte es den heliakischen Aufgang des Sirius markiert. Tammuz war extrem langlebig, denn er ist bereits in Sumer unter dem Namen Dumuzi als das Objekt der HochsommerLamentationen zu finden. Es ist gezeigt worden, daß er als Sohn des Enki, des sumerischen Kronos, verehrt wurde. Dieser Kult wurde in Harrân bis in das späte 13. Jahrhundert beibehalten, lange nachdem der Islam die ssabische Bevölkerung überflutet hatte. Trotz des ernsthaften Mißfallens seitens des Kalifen von Bagdad, blühte er in einem Gebiet, das sich von Armenien bis nach Chusistan (Südwestiran) erstreckte, immer wieder auf – zwar nur sporadisch, dafür aber um so intensiver.26 Wie bereits erwähnt, wurde die Zeremonie el-Bûqat genannt, die „weinenden Frauen”. Und die Klage galt hauptsächlich dem Gott, der auf grausame Weise getötet wurde, indem man ihn zwischen Mühlsteinen zermahlte – genau wie Hans Gerstenkorn in dem schon früher zitierten Reim:27 Man sott ihm auf der Flamme Rost Das Mark aus dem Gebein; Ein Müller quetscht’ – das ist zu arg! Ihn zwischen Stein und Stein.
Karl Movers, Die Phönizier (1841), 1, 195-218, insb. 205. Siehe auch Marcel Detienne, Les Jardins d’Adonis (1972) und Gerhardt J. Baudy, Adonisgärten (1986). 26 Siehe F. Liebrecht, Gervasius von Tilbury (1856), 180-182; Zur Volkskunde (1879), 253ff; W. Robertson Smith, The Religion of the Semites (1957), 412 (Klagelieder über „den König der Dschinns” und über „Uncûd, Sohn der Weintraube”). 27 Es war Felix Liebrecht, der sich als erster an Hans Gerstenkorn erinnert fühlte.
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Welche Art des Mahlens könnte es gewesen sein? Sicherlich bezog sich das Klagelied im Allgemeinbewußtsein auf den Tod eines Getreidegottes, auch Adonis (der Herr) genannt, der von einem wilden Eber getötet worden war. Aber verglichen mit dem landwirtschaftlichen überwiegt der überdies himmlische Aspekt; das gilt um so mehr, als es sich bei dem „wilden Eber” um Mars handelt.28 Eine vertrackte Geschichte bleibt hier zu entwirren – eine 260 Aufgabe, die erheblich erschwert wird durch die zahlreichen als erwiesen akzeptierten „Identifikationen” seitens der Gelehrten, die zuvor mit großem Eifer die Dimension der Zeit aus der ganzen Mythologie herausoperiert haben. In Wirklichkeit weiß man nach wie vor nicht, „wer“ Tammuz sei.29 Es sieht beinahe so aus, als handle es sich um einen Titel, so wie auch „Horus” ein Titel war. Es gibt Zweifel über seine „Identität” – im üblichen Sinne verstanden – mit Adonis oder mit Osiris,30 Attis, Balder31 und Siehe Nonnos 41.208ff über Aphrodite: „Als Seherin wußte sie, daß Ares, in Gestalt eines Ebers mit gezacktem Hauer und tödliches Gift ausspeiend, dazu bestimmt war, in eifersüchtigem Wahn Adonis zum Verhängnis zu werden.” Vgl. für die anderen Quellen F.K. Movers, Die Phönizier (1841) I, 222ff. 29 Um wenigstens ein Minimum an Beispielen zu geben: Tammuz = Saturn (Jeremias in Roscher s.v. Sterne, Spalte 1443); Tammuz = Mars [Wolf Wilhelm Graf Baudissin, Adonis und Esmun (1911), 117, die Chronik des Barhebräus zitierend]. Für die ungeheure Anzahl von Namen, die „Tammuz“ in Mesopotamien gegeben wurde, siehe Maurus Witzel, Tammuz-Liturgien (1935). Für seinen Namen „Himmelsdrachen“ (Ušungal-an-na) = Sin (der Mond) siehe K. Tallqvist, Akkadische Götterepitheta (1938), 482; siehe auch 464, wo Tammuz = „Mutterschafbild“. 30 Es ist beachtenswert, daß der Tod von Osiris seinerseits von den „Pans und Satyrn” verkündet wurde, „die in der Region um Chemmis (= Panopolis) lebten; und so wird bis auf den heutigen Tag die plötzliche Verwirrung und Bestürzung einer Menschenmenge Panik genannt.” (Plutarch: Isis und Osiris, Kap, 14, 356D) 28
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anderen. Die „Nabatäische Landwirtschaft“ läßt keinen Zweifel daran, daß es Totenklagen für Tammuz und Janbûschâd/Jamschyd gab. Die Ägypter beklagten Kronos und Maneros32 (Herodot II.79). Tammuz war schließlich nicht der einzige Stern, der im Verlauf der Präzession zu Fall kam. (Und war nicht König Frodi eine Wiederholung von Freyr, Kai Chosrau eine Wiederholung von Jamschyd, wie auch Apis eine Wiederholung von Ptah, dem ägyptischen Saturn/Hephaistos, und Mnevis die von Rā war?) Dies ist ein langer Weg vom Großen Pan, und es ist noch nicht klar, von wem oder was zur Zeit des Tiberius angenommen wurde, daß es oder er vergangen war, das heißt; welcher „Pan” dahinging. Friedrich Creuzer33 erklärte ohne Umschweife, Pan sei Sirius – und noch hat jeder Vorschlag von Creuzer großes Gewicht –, der erste Stern des Himmels sowie der Dreh- und Angelpunkt archaischer Astronomie. Und Aristoteles34 sagt, es sei gestattet, zur Umschreibung von „Hund” die Begriffe „Hundsstern” (Sirius) oder Pan zu verwenden, weil Pindar ihn als „Gestaltwechselnden Hund der Großen Göttin” bezeichne (Ô mákar, hón te megálas theou kýna pantodapón kaléousin Olýmpioi.)35 Das ist im Moment mehr als genug. Die einzigartige Bedeutsamkeit von Sirius als dem Führer der Planeten, als sozusagen dem achten Planeten,36 sowie von Pan, dem Tanzmeister Alle Götter des Nordens kamen in bester „nabatäischer“ Manier herbei, um Balders Tod zu beweinen. 32 Die Fälle Linos, Maneros, Memnon, Bormos usw. lassen wir jedoch beiseite. Siehe Movers, op.cit., 244. 33 F. Creuzer, Symbolik und Mythologie der Alten Völker (1842), 4, 65ff. 34 Aristoteles, Rhetorik 2.24. 1401 a 15. 35 Frg. 77 Tusculum-Ausgabe mit irreführender Übersetzung (Frg, 96, Snell). Siehe auch Platons Kratylos 408B: „ton Pana tou Hermou einai hyon diphyē echei to eikos.“ 36 Creuzer hält Pan/Sirius für Eshmun/Shinun, „den achten” großen Gott von Chemmis. 31
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(choreutes) und wahren kosmokrator, der über die „drei Welten” herrscht,37 würde einen kompletten Band füllen. Der wesentliche Punkt ist, daß die außergewöhnliche Rolle von Sirius nicht das Phantasieprodukt alberner Hohepriester ist, sondern eine astronomische Tatsache. Während der gesamten dreitausendjährigen Geschichte Altägyptens ging der Sirius (in Memphis) alle vier Jahre am 20. Juli des Julianischen Kalenders auf. Mit anderen Worten: Sirius war von der Präzession nicht betroffen; und das muß zu der Überzeugung geführt haben, Sirius sei mehr als nur ein Fixstern unter vielen. Wir hegen den stillen Verdacht, daß der Vgl. die Orphische Hymne au Pan (Nr. 11; siehe auch Hymne 34.25): „Pana kalō krateron, nomion, kosmoio to sympan / ouranon ēde thalassan ide chthona pambasileian / kai pyr athanaton … Echous phile … ” pantophyēs, genetōr pantōn, polyōnyme daimon / kosmokratōr … Plassmann übersetzt: „Pan den Starken rufe ich an, / Den Hirtengott, die Gesamtheit des Alls – / Himmel. Meer. Allkönigin Erde / Und das unsterbliche Feuer, / Denn alle sind Glieder des Pan. / Komm, Seliger, Springender, laufend im Kreise, / Der mit den Horen herrscht, / Ziegenfüßiger Gott; / Freund der gottbegeisterten Seelen, / Verzückter, wohnend in Höhlen – / Du spielst die Weltharmonie / Mit scherzendem Flötengesang …“ Was seine Liebe zu Echo betrifft, so erklärt Macrobius (Sat. I.22.7) diese als eine Harmonie der Sphären: „quod significat harmoniam caeli, quac soli amica est, quasi sphaerarum onmium de quibus nascitur moderatori, nec tamen potest nostris umquam sensibus deprehendi.“ Aber Macrobius gehörte zu den Mythologen mit einem „Sonnenstich“, d.h. er identifizierte ohne weitere Umstände Jupiter, Saturn und alle anderen – einschließlich Pan – mit der Sonne. Nicht das Echo selbst ist die Sphärenharmonie, sondern die Syrinx (Pan fertigt sie aus den Schilfrohren an, in die sich seine geliebte Echo verwandelt hatte); und die sieben Schilfrohre von Pans Flöte sind in der Tat die sieben Planeten, wobei das kürzeste den Mond und das längste Saturn verkörpert. Es scheint erwähnenswert, daß in China das Echo als akustisches Pendant zum Schatten verstanden wurde; folglich gab es unter dem Kien-mu, dem Baum im Zentrum der Welt, weder Echo noch Schatten. 37
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Tod des Pan den Beginn der präzessionalen „Betroffenheit” des Sirius bedeutet, obgleich dieses Phänomen erst 139 n.Chr. allgemein aktenkundig wurde, nämlich beim Anbruch einer neuen Sothisperiode.38 Nun hatte Creuzer kein Monopol darauf, die mit Pan verbundenen Vorstellungen von den Ägyptern abzuleiten, noch ist diese Herleitung hier „unabhängig erfunden“ worden. Wilhelm Heinrich Roscher unternahm diese Aufgabe in seinem Artikel über „Die Legende vom Tode des Großen Pan”39 und war überzeugt, daß diese Mythe nicht mit Hilfe griechischer Vorstellungen und Meinungen verstanden werden könne, um so weniger, als uns Herodot (II.145) über das Folgende informiert: Die Griechen halten den Herkules, Dionysius und Pan für die jüngsten Götter, bei den Ägyptern hingegen ist Pan der älteste und gehört zu den acht, welche zuerst für Götter erkannt worden waren, Herkules in die zweite Ordnung der zwölf, Dionysius aber in die dritte oder unter diejenigen, welche von den zwölf geboren wurden. Wieviel Jahre von dem Herkules bis auf den König Amasis nach der Meinung der Ägypter abgelaufen sind, habe ich schon zuvor berichtet. Von dem Pan sollen noch viel mehr Jahre, von dem Dionysius aber die wenigsten gezählt werden, und von diesem an rechnen sie doch fünfzehntausend Jahre bis auf den König Amasis. Dieses wollen die Ägypter sicher wissen, indem sie die Jahre beständig gerechnet und aufgeschrieben haben. Aber von Dionysius an, welchen Semele, die Tochter des Kadmus, geboren haben soll, sind bis auf meine Zeit höchstens tausendsechshundert Jahre vergangen und
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Von diesen heiklen Problemen wird außerhalb dieses Essays die Rede sein. Bemerkt sei hier nur, daß der Ausdruck „Julianisches Jahr” in diesem Zusammenhang irreführend ist: Das ägyptische Jahr von 365 ¼ Tagen war kein fehlerhaftes tropisches, sondern ein ausschließlich auf Sirius ausgerichtetes Jahr. 39 W.H. Roscher, „Die Legende vom Tode des Großen Pan” in Fleckeisens Jahrbücher für klassische Philologie (1892), 465-477. In Bezug auf das „panische” Element in Mannhardts Geschichten über die Fanggen erklärt Roscher es zu „einem zufällig ähnlichen Motiv“. 38
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von Herkules, der Alkmene Sohn, nur neunhundert Jahre, ja von Pan, welcher nach dem Vorgeben der Griechen die Penelope von Merkur geboren hat, noch weniger Jahre als von dem Trojanischen Krieg, nämlich bis auf meine Zeit nur achthundert.40
Wer glaubt, diese abgelaufenen Jahre seien historischer Natur,41 setzt eine besondere ägyptische (babylonische, indische usw.) Geistesverfassung, in der Tat eine menschliche Natur voraus, die sich von der unseren grundlegend unterscheidet – und vergißt, daß wir alle Angehörige ein und derselben Spezies Homo sapiens sind.
A. Wiedemann, Herodots zweites Buch (1890), 515-518. (Wiedemann bezeichnet Kapitel 145 fälschlicherweise als Kapitel 137.) 41 Siehe John Marsham, Canon chronicus Aegipticus, Ebraicus, Graecus (1672), 9: „Immensa Aegyptiorum chronologia astronomica est, neque res gestas sed motus coelestes designat!” Siehe auch L. Ideler, Historische Untersuchungen (1806), 93. 40
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In seiner ersten niedergeschriebenen Version geht das Gilgamesch-Epos auf sumerische Zeiten zurück.1 Mit Variationen wurde es von Hurri und Hethitern, von Babyloniern und Assyrern nacherzählt. Selbst in den am besten erhaltenen Rezensionen gibt es große Lücken, denn viele Tafeln sind irreparabel beschädigt. Gleichviel: Die Geschichte ist über lange Zeiten wieder und wieder erzählt worden und scheint in ihren Grundzügen einigermaßen gesichert zu sein – ein Erbstück der Weltliteratur. So irreführend dieser Anschein gesicherter Grundzüge auch sein mag – der Weg durch solche Texte ist unglaublich schlüpfrig –, ist es doch geraten, ihn erst einmal anzunehmen und einen knappen Umriß des akzeptierten Handlungsschemas in Alexander Heidels Version wiederzugeben. Danach wird es möglich sein, bestimmte Punkte, die eventuell das gesamte Schema ins Wanken bringen, unter die Lupe zu nehmen. Von Gilgamesch wird angenommen, er sei einer der ersten Könige von Uruk (beziehungsweise Erech) gewesen. Die Umstände seiner sagenhaften Geburt machen ihn zu zwei Dritteln zum Gott und zu einem Drittel zum Menschen. Das bedeutet im mesopotamischen Sexagesimalsystem, sein „göttlicher” Anteil betrug 2/3 von 60 = 40; Siehe zum Beispiel Samuel Noah Kramer, „The Epic of Gilgamesh and Its Sumerian Sources”, JAOS 64 (1944), 11: „Im wesentlichen war das Gedicht in jener Fassung» in welcher wir es kennen, schon in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. geläufig.” 1
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und 40 war die zu Enki/Ea gehörige Zahl, weswegen dieser auch „Shanabi” (= 2/3 , d.h. von 60) und „Nimin” (Sumerisch = 40) genannt wurde.2 Wie dem auch sei: Es wird erzählt, daß er ausschweifend und in Prunk lebt und anderen Leuten solange auf die Nerven geht, bis die Götter seinem Volk Erleichterung verschaffen, indem sie einen Menschen großziehen – entweder einen Zwilling oder ein Ebenbild3 –, der es mit ihm aufnehmen kann. Es ist Enkidu, der Wildmensch; eine Art Wolfskind, das so unbedarft wie die Raubtiere ist, mit denen es spielt; ein glückli- 264 cher Naturbursche, der am ganzen Körper behaart und zu enormer Stärke herangewachsen ist. Eine Dirne wird zu ihm geschickt, um ihn zu verführen. Und durch sie lernt er die Liebe sowie die Lebensweise der Menschen kennen und wird in die Stadt gelockt (Appendix 30), Sein erstes Zusammentreffen mit Gilgamesch besteht aus einem heftigen Kampf, der das Versammlungshaus erzittern läßt und bei dem anscheinend der Türpfosten beschädigt wird (Appendix 31), bis es dem König gelingt, Enkidu zu Boden zu zwingen; und er entscheidet, daß Enkidu es wert sei, sein Freund und Spielkamerad zu werden. Gemeinsam planen sie eine Expedition in den großen Wald, um den schrecklichen Oger Huwawa oder Humbaba4 zu überwältigen, den der Gott Enlil, der sogenannte „Sturmgott” oder „Luftgott”, zum Wächter des Waldes bestimmt hatte. In der Tat Ernst Weidner, RLA, II, 379. Anu stand für 1, für 60 und für Potenzen von 60, Enlil/Marduk für 50. Siehe auch Wolfgang Röhlig, „Götterzahlen” in RLA III, 499f. 3 Tatsächlich erschafft ihn die Göttin Aruru „als Abbild von Anu”. wörtlich „ein zikru von Anu, das sie in ihrem Herzen erdachte”. Allerdings heißt es von Enkidu auch, daß er „bis aufs Haar“ wie Gilgamesch aussieht. Siehe Adolf Leo Oppenheim, „Mesopotamian Mythology”, Orientalia 7 (1948), 24, 28. 4 Huwawa in der altbabylonischen und hethitischen Version, Humbaba in der assyrischen Version. 2
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heißt es: „Enlil hat ihn zum siebenfachen Schrecken für die Sterblichen ernannt … sein Brüllen ist (wie das von) einer Sturmflut, sein Rachen ist Feuer, sein Atem ist Tod!”5 Selbst wenn erwiesen ist, daß Kämpfe mit Drachen oder Riesen früher einmal eine populäre Angelegenheit waren, können einige nüchterne Daten über dieses „Ungeheuer” nicht schaden. Er „wird in den Texten ausnahmslos als ein Gott bezeichnet”6 und scheint dem elamitischen Gott Humba oder Humban zu entsprechen, der den Titel „der Herrschende, der Starke” mit den Planeten Merkur und Jupiter sowie mit Prokyon (alpha Canis minoris) teilt. Darüber hinaus taucht er in einer Sternliste auf, versehen mit dem Stern-Determinativ mul (babylonisch kakkab): mulHumba (Appendix 32). Die Gleichsetzung mit Prokyon könnte sich schließlich als der entscheidende Anhaltspunkt herausstellen, der die sumerische Version mit den vielen anderen in Einklang bringt. Antike Texte werden nicht dadurch klarer, daß jedem fremd anmutenden Aspekt stillschweigend aus dem Weg gegangen wird, und so ist es angebracht zu erwähnen, daß Humbaba eine Art „Gott der Eingeweide” ist. Sein Kopf beziehungsweise Gesicht besteht sogar aus Eingeweiden, und Langdon (MAR 5.254) lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß „das Gesicht dieses Ungeheuers … mit einer einzigen gewundenen Linie gezeichnet wird, mit Ausnahme der Augen”. In seiner Untersuchung des babylonischen Ursprungs des Labyrinths betonte Böhl7 überdies die babylonische Vorstellung von den Eingeweiden als ein „labyrinthisches Bollwerk aus Gedärmen”. Tafel III.136f, 109-111, Heidel-Übersetzung, 35. S. Langdon, Semitic Mythology (1931), 253. Siehe auch F. Hommel, Ethnologie und Geographie des Alten Orients (1926), 35, 42, der geltend macht, daß hum „Schöpfer” bedeutet und von Humbaba (= Hum-istder-Vater) als von dem „Wächter der Zeder des Paradieses” spricht. 7 Franz Marius Theodor de Liagre Bohl, „Zum babylonischen Ursprung des Labyrinths“, in Festschrift Deimel (1935),6-23. 5 6
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Soviel über die „Person” Humbaba, bei der es sich keineswegs 265 um ein primitives Monster handelt, und dies um so weniger, als sein unattraktives Gesicht verblüffende Ähnlichkeit mit den Charakterzügen von Tlaloc hat, dem sogenannten „Regengott” der Azteken, dessen Gesicht von zwei Schlangen geformt wird (Abbildungen 30 und 31). Voreilige Identifikationen richten nur Schaden an,8 und trotz vieler Bemühungen ist der „Fall Humbaba” nicht einmal teilweise geklärt. Die einzigen unzweifelhaften Züge der Geschichte scheinen die zu sein, daß die Helden den Zedernwald erreichen, von dem gesagt wird, daß er sich über „zehntausend Doppelstunden” (etwa 70.000 Meilen) erstrecke, und daß sie Humbaba den Kopf abschlagen, nachdem sie offenbar die größte der Zedern gefällt haben, die Enlil Humbaba zum Schutz anvertraut hatte. Aber die Tat kann nicht ohne die mächtige Hilfe von Schamasch/Helios vollführt werden, „der große Sturmwinde gegen Humbaba erweckte”, um das Monster zu blenden und es den beiden auszuliefern. Zurück in Uruk wäscht Gilgamensch sein Haar und kleidet sich in ein festliches Gewand. Als er sich seine Tiara aufsetzt, ist die Göttin der Liebe, Ischtar (in Sumer Inanna), so von seinem Aussehen hingerissen, daß sie ihn bittet, sie zu heiraten. Gilgamesch weist sie zurück und erinnert sie mit verächtlichen Worten daran, was ihren vorherigen Gatten widerfahren war, einschließWährend er sich mit einer elamitischen Sternenliste beschäftigt, macht Fritz Hommel in Ethnologie und Geographie (1926), 35, die Gleichsetzung „Amman-ka-sibar (abgeleitet von Chumban-uk-sinarra … also Chumban, König des Riegels? …) = Ninib-Mars”. Wir würden eine vorzeitige Wette darüber abschließen, daß außer Prokyon Merkur der sicherste Tipp und Jupiter der zweitbeste ist; aber der letztgenannte würde niemals einen überzeugenden Eingeweidegott abgeben, noch würde das irgendein anderer äußerer Planet tun: Ihre Umlaufbahnen lassen solche Vorstellungen nicht zu – und Venus ist viel zu regelmäßig für diese Rolle (vergleiche Abbildungen 32 und 33).
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lich dem unglücklichen Tammuz, später bekannt als Adonis. Es ist nicht ungewöhnlich für einen Helden, die Liebe und die beispiellosen Geschenke zu verweigern, die ihm eine Göttin anbietet. In all diesen Fällen kommen nur zwei Himmelspersönlichkeiten als mögliche Kandidatinnen für diese Rolle in Frage: Venus und Sirius alias Sothis, der etwas von dem Ruf einer Dirne anhaftet. Es gibt die Geschichte des ugaritischen Aqht, der Anat mit spöttischem Hochmut begegnet,9 oder von Pikos, der das Angebot Kirkes kategorisch ablehnt und demzufolge von der verärgerten Göttin in einen Specht verwandelt wird. Da ist Arjuna – eine „Portion von Indra” –, der die himmlische Urvashi zurückweist, die er als „Mutter meiner Rasse” betrachtet und für ihn „Objekt meiner Verehrung ist … Und es gehört sich für dich, mich als einen Sohn zu beschützen.“10 Da ist auch Tafa’i von Tahiti (Maori: Tawhaki), der mit seinen fünf Brüdern auszieht, um einer Unterweltprinzessin den Hof zu machen. Als Prüfung wird den Verehrern aufgetragen, „einen Ava-Baum mitsamt den Wurzeln herauszureißen, der einem Dämon gehörte, welcher all jenen den Tod gebracht hatte, die versucht hatten, den Baum zu zerstören”. Drei der Bruder werSiehe Cyrus H. Gordon, Ugaritic Literature (1949), 84-103. Diese „Legende von Aqht” ist insofern relevanter, als die Göttin nichts weiter als „den Bogen” haben will, der vom Deus Faber angefertigt wurde und in Aqhts Besitz ist. Und sie verspricht ihm alles, einschließlich der Unsterblichkeit, falls der junge Mann ihr mulBAN, so der schicksalhafte Name des Bogens, überläßt. Für diesen Bogen vgl. oben, Seite 197f. 10 Mbh. 3.45-46. „Vor Wut zitternd“ verurteilte die Göttin Urvashi den Helden dazu, seine Zeit „unbeachtet unter Frauen” zu verbringen „und als Tänzer und bar der Männlichkeit und verhöhnt als Eunuch”. Sie war um so zorniger, als sie sich in Vorfreude, also bevor sie Arjuna tatsächlich aufgesucht hatte, „im Geiste mit ihm auf einem großen und vortrefflichen Bett, das mit Himmelslaken bezogen war, getummelt hatte”. Arjuna wurde von Urvashis Fluch im dreizehnten Jahr des Exils der Pandavas getroffen, aber gegen Jahresende erlangte er seine Manneskraft zurück. 9
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den von dem Dämon verschlungen; Tafa’i erweckt sie wieder zum Leben und verzichtete daraufhin freudig auf die Hand der Prinzessin.11 (Ava = Kawa und steht für den „nächstbesten Ersatz” für Amrita, das Unsterblichkeitsgetränk, welches Eigentum der Götter ist; mythologisch entspricht die polynesische Kawa in etwa dem Soma der vedischen Literatur; sogar die Rolle des „Kawa-Filters” ist eine uralte indische Reminiszenz. Und wie es sich für ein Pseudogetränk-der-Unsterblichkeit gehört, wird es von Maui oder von Kaulu gestohlen, genauso, wie es in Indien geschieht, in der Edda und sonstwo.) Inzwischen steigt die verschmähte Ischtar zornig zum Himmel empor und ringt Anu das Versprechen ab, den Himmelsstier herabzuschicken, um sie zu rächen.12 Der Stier steigt herab und ist gar fürchterlich anzusehen. Mit seinem ersten Schnauben legt er hundert Krieger flach. Aber die beiden Helden packen ihn. Enkidu hält ihn am Schwanz fest, so daß Gilgamesch, quasi als Espada, zum Todesstoß zwischen den Hörnern ausholen kann. Die Kunsthandwerker der Stadt bewundern den Umfang der Hörner: „Aus dreißig Pfund Lasurstein sind sie gebildet.“ (Lapislazuli ist die der Styx geweihte Farbe. In Mexiko ist es Türkis.) Ischtar erscheint auf den Mauern von Uruk und verflucht die beiden Helden, die sie beschämt haben; aber Enkidu reißt dem Himmelsstier die rechte Keule aus und wirft sie ihr unter scheußlichen Verhöhnungen ins Gesicht (Appendix 33). Das scheint in solchen Kreisen zu den eingefahrenen Verhaltensweisen zu gehören. Susa-no-wo machte dasselbe mit der Sonnengöttin Amaterasu, und auch Odin der Wide Jäger verfuhr auf diese Weise mit jenem Mann, der seinen Plan vereitelt hatte. T. Henry, Ancieni Tahiti (1928), 516ff. Auch die ugaritische Anat geht, nachdem sie von Aqht zurechtgewiesen worden ist, zu ihrem Vater und bittet um Rache.Und sie geht „zu ’Il am Lauf der Zwei Flüsse (in der Mitte der Ströme) der Zwei Tiefen” (Gordon, 91). Ginsberg-Übersetzung (ANET, 152): „Zu El von der Quelle der Fluten (in der Mitte der Hauptwasser) der Zwei Meere.”
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Es folgt eine Szene allgemeinen Triumphierens und Frohlockens. Aber die Götter haben beschlossen, daß Enkidu sterben muß, und er wird durch einen düsteren Traum vorgewarnt, nach dem er krank wird.13 Bis hierher ist die Komposition des Epos plump und redundant gewesen; an dieser Stelle wird sie poetisch, obwohl sie redundant bleibt. Die Verzweiflung und das Entsetzen Gilgameschs beim Anblick des Todes seines Freundes ist eine ergreifendere Szene als Prinz Gautamas „Entdeckung” der Sterblichkeit.14 „Hört mich, ihr Ältesten von Uruk, ihr Männer hört mich an! Um Enkidu weine ich, um meinen Freund, Wie ein Klageweib bitterlich klagend! Enkidu, mein Freund, mein [jüngererBrud]er (?),15 Du flüchtiger Maulesel, Wildesel des Gebirges, Panther der Steppe! Nachdem wir, alles gemeinsam verrichtend, den Berg erstiegen, Den Himmelsstier packten und töteten, Auch den Chumbaba umbrachten, der da wohnte im Zedernwald –! Hier wird regelmäßig Genesis XLIX.5-7 ins Spiel gebracht: die „Zwillinge” Simeon und Lewi, wie sie den Stier zerstümmeln; aber wir lassen dieses ganze Kapitel XLIX beiseite, das vor Anspielungen auf verlorenes Wissen nur so strotzt. 14 Die Anführungszeichen, die das Wort „Entdeckung” einschließen, sind eine Vorsichtsmaßnahme, die in unseren, vom Euhemerismus beherrschten Zeiten ratsam erscheint; das erbaulichste unter den Paradebeispielen finden wir in Diakonoffs Rezension von Böhls Übersetzung des GE: „F.M.Th. de Liagre Böhl teilt die Meinung von A. Schott, daß die Frage nach der menschlichen Sterblichkeit ursprünglich unter der Herrschaft von Schulgi erhoben wurde” [= Dritte Ur-Periode, zwischen 2400 und 2350 v. Chr., laut T. Jacobsen, The Sumerian King List (1939), Tafel 11]. Dieses „ursprünglich” reicht aus, um zu demonstrieren, was Orientalisten widerfährt, wenn evolutionistische Platitüden erst einmal Besitz von ihnen ergriffen haben. 15 Siehe Appendix 34. 13
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Was ist das nun für ein Schlaf, der dich gepackt hat? Du wurdest umdüstert und hörst mich nicht mehr!” Der aber schlägt die Augen nicht auf, Und da er nach seinem Herzen faßte, schlug es nicht mehr! Nun, da er dem Freund gleich einer Braut das Gesicht verhüllt hat, Springt er über ihm umher wie ein Adler, Wie eine Löwin, die ihrer Jungen beraubt ist … „Werd ich nicht, sterbe ich, ebenso sein wie Enkidu? Harm hielt Einzug in meinem Gemüte, Todesfurcht überkam mich, nun lauf ich herum in der Steppe; … Es hat ihn ereilt die Bestimmung der Menschheit Um ihn weint’ ich sechs Tage und sieben Nächte, Ich gab nicht zu, daß man ihn begrübe, Bis daß der Wurm sein Gesicht befiel. … Ach, wie soll ich stumm bleiben? Ach, wie schweigen? Mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!“16 Gilgamesch hat kein metaphysisches Naturell wie Buddha. Er 268 begibt sich auf seine große Reise, um Utnapischtim den Fernen zu finden, der an der „Mündung der Flüsse” lebt und der ihm wahrscheinlich sagen kann, wie man die Unsterblichkeit erlangt. Er kommt auf dem Paß des Berges Maschu („Zwillinge”) an, über dessen Gipfeln „nur die Himmelshalde hinwegragt, / Denen unten die Brust an den Höllengrund stößt – / Skorpionmenschen halten am Bergtor wacht, / Deren Furchtbarkeit ungeheuer ist, deren Anblick Tod ist, / Deren großer Schreckensglanz Berge überhüllt, / Die beim Auszug und Einzug der Sonne die Sonne bewachen.”17 Schott: Taf. IX, Col. 11, 4-9. Heidel: Tabl. VIII, Col. II; Tabl. IX, Col. I, 1.3-5 (62ff); Tabl. X Col. II, 1.11-12 (73). Schott: Taf. VIII, Col. II, 13, 8-19 (680; Taf. X, Col. V, 14-16, 20-21 (84). 17 Schott: Taf. IX, Col. II, 4-9. Daß der Maschu-Berg (oder die MaschuBerge) dieses „jeden Tag” tut, wie von Alexander Heidel, Ephraim Avigdor Speiser und anderen übersetzt wurde, ist offensichtlich falsch. Selbst wenn wir uns, um des lieben Friedens willen, auf einen terrestri16
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Der Held wird zwar von Angst und Schrecken ergriffen, aber als er sie inständig anfleht, erkennen die Skorpionmenschen seine zum Teil göttliche Natur. Sie warnen ihn, daß er durch eine Finsternis reisen werde, durch die noch nie jemand gereist sei, aber sie öffnen ihm das Tor. „Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da! / Zum Sonnenaufgang lenkt sich der Weg, / Zum Sonnenaufgang …”18 Während der aufeinanderfolgenden Wegstrecken von erst 1, dann 2, dann 3 und so weiter bis zu 12 Doppelstunden reist er in völliger Dunkelheit. Am Ende gibt es Licht, und er findet sich in einem Garten mit Edelsteinen, Karneol und Lapislazuli wieder, wo er Siduri trifft, die göttliche Bardame, „die da wohnt am Rande des Meeres”. Unter den Augen strenger Philologen – diesen Sklaven der exakten „Wahrheit” – traut man sich kaum, diese vermeintlich „geographische” Einzelheit mit ihrem leicht surrealistischen Beigeschmack näher zu beleuchten. Hier ist eine ausgemacht göttliche Bardame am Rande des Meeres, die in vielen Sprachen einen Namen hat. Ihre Bar muß so lang wie jene berühmt-berüchtigte in Shanghai sein, denn sie hat in ihren Regalen nicht nur Wein und Bier, sondern allerlei fremdländische und antiquierte Getränke vieler Kulturen – wie Honigmet, Soma, Sura (eine Art Weinbrand), Kawa, Pulque (ein berauschendes mexikanisches Agaven-Getränk), Peyote-Cocktail oder Ginseng-Sud. Kurzum: Aus aller Weit bietet sie Rauschgetränke an, welche jenen trübseligen Seelen Trost spenden, denen der Unsterblichkeitstrunk verweigert wird. Alles in allem könnte man diese Getränke Lethe nennen (Appendix 35). Gewissenhafte Übersetzer sind allen Ernstes zu dem Schluß schen Berg einigen sollten, hat die Sonne nicht die Angewohnheit, jeden Tag an derselben Stelle aufzugehen, und es bedarf keiner profunden astronomischen Kenntnisse, um dieser Tatsache gewahr zu werden. 18 Schott: Taf. IX, Col. III, 11-13.
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gekommen, daß es sich bei dem „Meer”, in dessen Abgeschiedenheit die Bardame wohnt, um das Mittelmeer handeln muß; aber es wurde auch für das Armenische Gebirge votiert. Die Reisebeschreibung des Helden läßt jedoch eher an die Himmelslandschaft denken, und die Skorpionmenschen sollten um den Skorpion herum gesucht werden. Dies gilt um so mehr, als lambda epsilon Scorpii zu den babylonischen MaschuKonstellationen gerechnet werden; und diese Zwillinge Lambda- 269 Epsilon spielen als Marduks Waffen auch in dem sogenannten babylonischen Schöpfungsmythos eine wichtige Rolle. Jedenfalls hat Siduri, die in enger Beziehung zu Ägir und Ran der Edda mit ihrer seltsamen „Bierstube” gesehen werden muß – und zu der Nonne Gertrude, in deren Gasthaus die Seelen ihre erste Nacht nach dem Tod verbringen (siehe oben, Seite 192) –, Mitleid mit Gilgamesch in seinem abgerissenen Zustand und hört sich seine Klagegeschichte an. Sie rät ihm jedoch, wieder nach Hause zu gehen und das Beste aus seinem Leben zu machen. Sogar Schamasch kommt zu ihm und sagt ihm: „Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden!” Aber Gilgamesch hat nach wie vor Angst vor dem ewigen Schlaf: „Mögen meine Augen die Sonne erblicken, ich am Licht mich ersättigen.”19 Und er besteht darauf, daß man ihm den Weg zu Utnapischtim zeigt. Siduri warnt ihn: „Nicht gab es, Gilgamesch, je eine Übergangsstelle, / Und niemand, der seit vergangenen Zeiten herkommt, geht übers Meer. / Meerüberschreiter ist nur Schamasch, der Held; / Wer geht außer Schamasch hinüber? / Mühe schafft der Übergangsort, mühselig ist der Weg dahin, / Und dazwischen liegt das Gewässer des Todes, das unzugänglich ist!“ Außerdem warnt sie ihn, daß sich bei den Gewässern des Todes Urschanabi aufhält, „Utnapischtims Schiffer! … Geh hin, daß er dein Angesicht schaue!“20 Altbabylonische Version, Schott: Taf. X, Col. I, 8, 13. Assyrische Version, Schott: Taf. X, Col. II, 21-25, 28, 30, Schanabi bedeutet 40, Ur-schanabi so etwas wie „er von 40”; Hummel übersetzt
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Siduri/Sabitu sitzt „auf dem Thron des Meeres” (kussu tamtim), und indem William Faxwell Albright21 einen Gedanken von Peter Jensen aufgreift, vergleicht er Siduri eingehend mit Kalypso, deren Insel Ogygia von Homer „der Nabel des Meeres” (omphalos thalassēs) genannt wird. Ferner weist Albright auf „die gleichartige Gestalt der Ischara tam.tim” hin, Ischara des Meeres, wobei letztere die Göttin von Scorpius ist22 und mit der ägyptischen Skorpion-Göttin Selket korrespondiert, wie auch mit „Mutter Skorpion … die am Ende der Milchstraße wohnt, wo sie die Seelen der Toten empfängt; und von ihr, die als Mutter mit vielen Brüsten, an denen Kinder saugen, vorgestellt wird, kommen die Seelen der Neugeborenen.” Diese „Mutter Skorpion” ist eine rechtmäßige Bürgerin des antiken Nikaragua und Honduras,23 ein Ableger der „Alten Göttin mit dem Skorpionschwanz” der Maya.24 An diesem Punkt tritt noch eine weitere Variante des entmutigenden Zusammenbruchs der Kommunikation zwischen Gelehrten auf Die Geschichte des Gilgamesch für ein „normales Epos” haltend, suchen die Orientalisten nach Spuren des Helden in der physischen Landschaft des Nahen Ostens und ignorieren dabei die Arbeit gleichermaßen gebildeter Gelehrter, deren wohlpräpa„Priester von 40”. 21 W.F. Albright, „The Goddess of Life and Wisdom”, AJSL 36 (19191920), 258-294. 22 Siehe Appendix 36 sowie Abb. 25 bis 27. Der Name der Göttin wird Isch-chara ausgesprochen. 23 H.B. Alexander, Latin American Mythology (1920), 185. 24 Die vielbrüstige Mutter Skorpion Zentralamerikas paßt gut zu dem Bauernkalender im alten Rom, der den Skorpion Diana zuschreibt [siehe F. Boll, Sphaera (1903), 473; W. Gundel, RE s.v. Scorpius, 602]. Es bleibt allerdings noch im Dunkeln, was Athanasius Kircher dazu veranlaßte, die vielbrüstige Diana der Epheser im Wassermann unterzubringen und diesen Himmelsbezirk überdies „Regnum Canubicum” zu nennen.
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rierte und -sortierte Werkzeugkästen seit langem für die Suche zur Verfügung stehen. Man fragt sich, ob die Orientalisten in ihrem festen Entschluß, den Text zu rekonstruieren, überhaupt jemals etwas von Boll und Gundel oder Männern wie ihnen gehört haben. Vielleicht nicht, denn sie gehen wortlos an ihnen vorbei. Auf alle Fälle ist es angebracht, hier zum wiederholten Mal zwei wertvolle Werkzeugkästen zu erwähnen, die von Franz Boll25 zusammengestellt wurden, der die gesamte Überlieferung über die Sternbilder „Hades”, „Acherusischer See” und „Fährmann” zusammenträgt und dabei weitaus mehr Details nennt, die in der astrologischen Überlieferung überlebt haben, als wir im Moment benötigen. Diese Topoi sind gemeinsam in der Nähe der südlichen Kreuzung von Galaxis und Ekliptik auffindbar, also zwischen Scorpius und Sagittarius. Boll hebt hervor, daß Vergil und Dante anstelle der Skorpionmenschen26 Kentauren vor den Eingang der Unterwelt postieren, die den Schützen verkörpern. Zurück aber zu der Suche: Gilgamesch erblickt Urschanabi und rechnet damit, über die Todesgewässer geschifft zu werden. Der Bootsmann gibt sich jedoch zurückhaltend, denn Gilgamesch habe die „Steinbilder” zerbrochen (Appendix 37). Aber nach langem Hin und Her weist er den Pilger schließlich F. Boll, Sphaera, 19f, 28, 48, 173, 246-161; Aus der Offenbarung Johannis (1914), 71ff, 143. Siehe auch W. Gundel, Neue Texte des Hermes Trismegistos (1936), insb. 235ff (auf Seite 207 plädiert er anstelle des Schützen für Centaurus als Wächter der Unterwelt). 26 Der Königsmantel Heinrichs II zeigt die eingewebte Verlautbarung Scorpio dum oritur, mortalitas gimnitur (= gignitur). E. Maass, Commentariorum in Aratum Reliquiae (1898), 602; R. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt (1910), 13; F. Boll, Aus der Offenbarung, op.cit., 72. Wir können zudem auf Ovids Schilderung des Sturzes von Phaethon verweisen, derzufolge der Sohn von Helios die Nerven verlor und die Zügel losließ, als der Skorpion sich näherte; sowie auf den Tod von Osiris am 17. Athyr, dem Monat, in dem die Sonne durch Scorpius ging (Plutarch, De Isis et Osiris, c. 13, 356c). 25
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an, „120 Stangen zu fünfmal zwölf Ellen” zu schneiden. Mit diesen muß er das Boot so staken, daß seine Hände nicht mit dem Gewässer des Todes in Berührung kommen können. Endlich erreichen sie das weit entfernte Ufer; und dort ist Utnapischtim der Ferne. Der Held ist verwirrt: „Schau ich auf dich, Utnapischtim, / So sind deine Maße nicht anders – wie ich bist du, / Ja, du bist nicht anders – wie ich bist du! / Mein Herz ist ganz darauf gerichtet, mit dir zu kämpfen, / Und doch ist mein Arm untätig gegen dich! / Daher sage mir: wie tratst du in die Schar der Götter und gingst dem [immerwährenden] Leben nach?”27 Utnapischtim ist munter genug, in allen Einzelheiten die Geschichte der Sintflut zu erzählen. Er schildert, wie ihn Enki/Ea vor Enlils Beschluß warnte, die Menschheit auszulöschen, und ihn anwies, die Arche zu bauen, ohne anderen etwas von der drohenden Gefahr zu sagen. „Du Mann, zu ihnen sollst also du reden: … So will ich steigen hinab zum Apsu. Dann wohn ich bei meinem Herrn Ea.” Mit großer Sorgfalt beschreibt er den Bau und das Kalfatern des Schiffs: sechs Decks, ein iku (Acre = 4.047qm) die Bodenfläche, dasselbe Maß für jede Seitenwand, so daß es ein perfekter Würfel war, genau wie Ea ihn zu tun beauftragt hatte. Dieses Maß „1-iku” ist der Name des Pegasus-Vierecks (Abbildungen 34 bis 41) sowie auch des Marduk-Tempels in Babylon, wie aus dem Neujahrs-Ritual in Babylon hervorgeht, wo es heißt: „Iku-Stern Esagil, Bild von Himmel und Erde.“28 Schamasch hatte Utnapischtim wissen lassen, wann er das Schiff betreten und die Tür schließen solle. Dann öffnen sich die Schleusen des Himmels: „Eragal [= Nergal] reißt den Schiffspfahl heraus [ApSchott: Taf. XI, 2-7. Übersetzt von Abraham Sachs, ANET, 332, II. 275ff. Bezüglich des Rechtecks von Pegasus siehe B.L. van der Waerden, „The Thirty-Six Stars”, JNES 8 (1949), 13-15; C. Bezold, A. Kopff und F. Boll, Zenit- und Äquatorialgestirne am babylonischen Fixsternhimmel (1913), 11. Vgl. auch Willy Hartner, Die Goldhörner von Gallehus (1969), 54ff, 61f, 65, 98, l00ff.
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pendix 38], Ninurta geht, läßt das Wasserbecken ausströmen, / Die Annunaki29 hoben Fackeln empor, / Mit ihrem grausen Glanz das Land zu entflammen. / Die Himmel überfiel wegen Adad Beklommenheit,30 / Jegliches Helle in Düster verwandelnd … / Vor dieser Sintflut erschraken die Götter, / Sie entwichen hinauf zum Himmel des Anu – / Die Götter kauern wie Hunde, sie lagern draußen (?)!31 /Es schreit Ischtar wie eine Gebärende, /Es jammert die Herrin der Götter, die schönstimmige: / ,… Wie konnte in der Schar der Götter ich Schlimmes gebieten, / Den Kampf zur Vernichtung meiner Menschen gebieten! / Erst gebäDiese göttlichen Wesen der „Unterwelt” (ihre Äquivalente „oben” sind die Igigi) wurden auch A-nun-na-nunki (Deimel, PB, 57f) geschrieben, das heißt, daß sie zu NUNki = Eridu (Canopus) gehören, dem Sitz von Enki/Ea. Der sumerische Name Anunna wird laut Adam Falkenstein [„Die Anunna in der sumerischen Überlieferung”, in Festschrift Landsberger (1965), 128ff] als „(Götter, die) der Samen des ,Prinzen’ (sind)” interpretiert. Siehe auch D.O. Edzard, „Die Mythologie der Sumerer und Akkader”, in Wörterbuch der Mythologie, I, 42: „Die ‚fürstlichen’ Samens [sind]”, wobei der „Prinz” (NUN) Enki/Ea von Eridu ist. Bezüglich NUN = „Prinz”, von Thorkild Jacobsen definiert als „jemand mit einer Autorität, die nur auf Respekt beruht und Dispute auslöst, ohne auf Gewalt zurückzugreifen”, erwähnt Falkenstein höflich: „Ganz abweichend K. Oberhuber: Der numinose Begriff ME im Sumerischen, S. 6f.” Der Titel dieses Werks (Innsbruck 1963. Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Sonderheft 19) drückt zu genüge die Vorschläge zu ME, NUN und anderen Termini aus, die in ihm enthalten sind. 30 E.A. Speiser, ANET, 94, Fußnote 207, bemerkt: „Der Terminus šuharratu … bedeutet nicht ‚Zorn’, sondern ‚Erstarrung, Verwirrung, Bestürzung’”, und er übersetzt 11.106-106: „Bestürzung über Adad erreicht das Himmelsgewölbe, / Der all das in Schwärze verwandelte, was Licht gewesen war.” [A.d.Ü.: Diese letzte Anmerkung bezieht sich auf die Heidel-Übersetzung des GE, in der es heißt: „The raging of Adad reached unto heaven …”] 31 E.A. Speiser (11.115): „Die Götter kauern wie Hunde, gegen die Außenwand geduckt.” 29
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re ich meine lieben Menschen, / Dann erfüllen sie wie Fischbrut das Meer.’/ Die Anunnaki-Götter klagen mit ihr, / Die Götter (…) sitzen da und weinen.”32 Das Ende der Geschichte ähnelt fast haargenau Noahs Landung auf dem Berg, nur daß Noah einen Raben und zweimal die Taube ausschickt, während Utnapischtim Taube, Schwalbe und Raben fliegen läßt.33 Als Enlil noch immer erzürnt war, weil eine Familie hatte entfliehen können, stellte ihn Enki/Ea zur Rede, er, der allein „sich auf alles versteht” (XI.176), um ihn zu fragen: „Ach, wie machtest unüberlegt du die Sintflut?” In aller Schärfe fügte er hinzu, Enlil hätte nur die Sünder bestrafen und die Unschuldigen verschonen können. Diese Bemerkung gehört zu denen, über die fromme Bibelexegeten noch immer nachgrübeln. Enlil ging daraufhin zur Arche, bat um Verzeihung und gewährte Utnapischtim und dessen Frau die Unsterblichkeit: „Uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein Weib! Wohnen soll Utnapischtim fern an der Ströme Mündung!” (XI.194-195) „Wer aber”, beschließt der alte Mann seine Erzählung (XI.197ff), „wird nun zu dir die Götter versammeln, daß du findest das Leben, welches du suchst? Auf, begib des Schlafs dich sechs Tage und sieben Nächte!” An dieser Stelle erhalten wir einen freundlichen Hinweis vom Alten-der-Tage (Sumerisch: Ziusudra, bei Berossos: Xisuthros), auch Atrahasis genannt, „der Außerordentlich Weise”. Er läuft auf folgende Aussage hinaus: „Junger Mann, du bist in das Land Schott: Taf. XI, 101-106, 113-117, 120-126. Die Quellenangaben im Text beziehen sich ebenfalls auf die Übersetzung von Albert Schott. 33 Gewöhnlich neigt man dazu, Motive wie das Aussenden von Vögeln – ganz zu schweigen von der speziellen Gattung – für untergeordnet zu halten, aber mit ihrer gründlichen Untersuchung The Raven and the Carcass: An Investigation of a Motif in the Deluge Myth in Europe, Asia, and North America (1962) kann uns Anna B. Rooth eine bemerkenswerte Lektion erteilen. 32
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gekommen, wo die Zeit zu ihrem Ende gelangt ist; und die uns gewährte Unsterblichkeit besteht darin, bei Bewußtsein zu bleiben und an der Wahrheit teilzunehmen, während wir nicht völlig wach sind. Versuch das mal.” Aber Gilgamesch schafft es nicht: „Als er sich nun zu Boden setzt – Wie ein Nebel haucht der Schlaf ihn an.” (XI.200ff) Man kann sich vorstellen, wie Atrahasis/Utnapischtim während Gilgameschs Schlaf einige wesentliche Dinge erklären würde: Der Außerordentlich Weise würde auf „seinesgleichen” verweisen, auf Kronos, der auf Ogygia in einer goldenen Höhle schläft, wie von Plutarch geschildert wird,34 und dennoch kontinuierlich „all die Maße der gesamten Schöpfung” an seinen geliebten Sohn Zeus weitergibt, wie von Proklos geschildert wird.35 Unbefangen würde sich der Außerordentlich Weise auf Gestalten berufen, die sowohl zeitlich36 als auch geographisch weit entfernt sind, wie allein er berechtigt ist, es zu tun – zum Beispiel auf Kiho-tumu, den Schöpfergott der Tuamotu-Inseln, Kiho- 273 Plutarch, De facie in orbe lunae 941A. Siehe Fragment Nr. 55, Orphicorum Fragmenta hrsg. von O. Kern (1963). 36 Die ältesten und präzisesten Merkmale haben ein überraschendes Talent zum Überleben und zum Auftauchen an unerwarteten Orten. Roger Sherman Loomis [Arthurian Literature in the Middle Ages (1959), 70f] sagt: „Wir haben eine einzigartige Version über Arturs Überleben, auf die um (190 Gottfried von Viterbo, Sekretär von Friedrich Barbarossa, anspielt. Merlin prophezeit, daß der König, obwohl er seinen Wunden erliegt, nicht ganz sterben wird, sondern in den Tiefen des Meeres aufbewahrt und, wie zuvor, für immer herrschen wird.“ Wie konnte der Sekretär von Friedrich Barbarossa – ein Kaiser, der selbst an den Ort gebunden war, wo abgelaufene Zeitalter und ihre Herrscher schlafen – in den Besitz der „richtigen” Version gelangen? [Überdies wären wir froh, zu erfahren, wo der Archäologe Pierre Plantard – zitiert von Gerard de Séde, Les Templiers sont parmis nous (1962), 280 – in den Besitz der Information gelangte über „Canopus, l’oeuil sublime de l’architecte, qui s’ouvre tous les 70 ans pour contempler l’Univers”.] 34 35
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tumu die „All-Quelle” (All-Source), der mit dem Gesicht nach unten in „Groß-Havaiki-dem-Unerreichbaren” schläft und doch in Aktion tritt, wenn die „Administration” die von ihm aufgestellten „Gesetze” und Maße überschreitet. Mit den liebenswürdigsten Worten würde Utnapischtim die Kinder unseres Jahrhunderts ermahnen, die Göttermumien von Ptah und Osiris – Osiris der „stratêgos” des Schiffs Argo – zu begreifen und zu beginnen, über die Mumien von Göttern im allgemeinen nachzudenken, über die Idee von den Sieben Schläfern von Ephesus an Bord der Argo, über die Angaben im Liber Hermes Trismegistos über die relevanten Grade (im Stier, sich mit Breiten südlich des Schiffs beschäftigend), die zu Saturn gehören und „continua vero delectatio, diminutio substantiae, remissio malorum” bedeuten. Atrahasis würde von dem „Alten Unsterblichen des südlichen Himmelspols” der Chinesen erzählen, von den zahlreichen schlafenden Kaisern in Berghöhlen (Appendix 39) – und die Stunden würden wie Sekunden vergehen; aber man weiß, daß Utnapischtim, halb träumend und halb lehrend, dennoch die ganze Zeit ein Auge auf den schlafenden „Helden” hätte. Er sagt zu seiner Frau; „Ist dies der starke Mann, der möchte, daß das Leben ewig währt?” Und dann weckt er jenen Mann am siebten Tag auf, und der erschreckte Gilgamesch reagiert folgenderweise: „Sowie der Schlaf auf mich niederquoll, / Hast du alsbald mich angerührt und mich aufgestört!” Les jeux sont faits. Man gibt ihm Kleider zum Wechseln und bedeutet ihm, nach Hause zu gehen. Dem Bootsmann Urschanabi wird aufgetragen, ihn zu begleiten; und offensichtlich gibt es für Gilgamesch keine Rückkehr zur pī nārāti, zur Mündung der Flüsse. In letzter Minute sagt jedoch Utnapischtims Ehefrau zu ihrem Mann: „Gilgamesch kam, hat sich abgemüht, abgeschleppt – Was solltest du ihm geben, daß er kehrt in die Heimat?” Utnapischtim hat Erbarmen und wendet sich an den Helden:
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„Ein Verborgenes, Gilgamesch, will ich dir enthüllen, und ein Unbekanntes will ich dir sagen: Es ist ein Gewächs, dem Stechdorn ähnlich. Wie die Rose sticht dich sein Dorn in die Hand. Wenn dieses Gewächs deine Hände erlangen, findest du [neues] Leben!” (XI.264-270)
„Neues Leben” klingt irreführend, und Speiser bemerkt: „Man beachte, daß es sich um einen Prozeß der Verjüngung und nicht um einen der Unsterblichkeit handelt.”37 Um in den Besitz dieser Pflanze zu gelangen, die offenbar in einem Schacht wächst, der zum Apsu führt und den der Held öffnen muß, taucht Gilgamesch tief hinab und beschwert sich dabei mit Steinen. Aber dann, als er mit dem Schiffer bereits auf dem Heimweg ist und anhält, um in einem Brunnen zu baden, kriecht eine Schlange (wörtlich: Erdlöwe) aus dem Wasser, schnappt sich die Pflanze – und häutet sich, während sie ins 274 Wasser zurückkehrt. Die letzte Hoffnung ist dahin – zumindest hat es so den Anschein in der Übersetzung. Da dies kein Handbuch über das Gilgamesch-Epos ist, muß diese ganze Geschichte mit der Pflanze, dem Tauchen und dem schicksalhaften Bad im Brunnen so stehen bleiben, wie sie ist – obgleich jedes Wort wie eine Fußangel ist (Appendix 40) –, um zu dem Punkt zu kommen, auf den es jetzt ankommt. Das Boot an der Küste zurücklassend, müssen Gilgamesch und der Bootsmann weitere 50 Doppelstunden zurücklegen, bis sie zu Hause ankommen. Als sie hinein nach Uruk-Gart kamen, sprach Gilgamesch zu ihm, zum Schiffer Urschanabi: „Steig einmal, Urschanabi, auf die Mauer von Uruk, geh fürbaß, prüfe die Gründung, besieh das Ziegelwerk, ob ihr Ziegelwer