MYTHOR Die Kundschafter von Hans Kneifel Band 09
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MYTHOR Die Kundschafter von Hans Kneifel Band 09
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Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, der vorliegende Band dürfte der düsterste sein, der bisher in der MYTHOR-Buchreihe erschienen ist. Düster deshalb, weil sich das Verhängnis über die nördlichen Länder der Lichtwelt auszubreiten scheint. Die Dämonenpriester der Caer rüsten sich zur Endschlacht, ebenso die Krieger der Lichtwelt, und die große Schlacht zwischen Zigtausenden von Männern ist nur eine Frage der Zeit. Schwarze Magie und eisige Kälte, ein blinder alter Mann mit wirren Träumen und Mythors Sehnsucht nach der geheimnisvollen Fronja – das sind wichtige Bestandteile der Romane, die diesem Buch zugrunde liegen. Nach der manchmal durchaus heiteren Grundstimmung des letzten Buches ist dies eine Abwechslung, die nicht unbedingt jedem liegen mag. Hans Kneifel steuerte zum vorliegenden Buch die Romane »Die Kundschafter« und »Im Niemandsland« bei. Ernst Vlceks Roman »Kämpfer der Lichtwelt« bildet den Abschluß der Abenteuer im Vorfeld der Schlacht im Hochmoor von Dhuannin. Klaus N. Frick
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Der Schatten des gleißenden Ringes aus kosmischen Trümmern, der die Welt in zwei Hälften teilt, beherbergt die Mächte der Finsternis. Aus dieser Dunkelzone greifen die gierigen Finger des Bösen nach der Welt der Menschen. Unter dem Befehl von Dämonenpriestern machen sie sich daran, den Norden der Welt zu erobern. Zu lange schon ist es her, daß der Bote des Lichts mit seinem strahlenden Kometentier den Menschen den Frieden brachte. Und der »Sohn des Kometen«, der möglicherweise dem Bösen standhalten kann, ist noch immer nicht aufgetaucht. Die uralte Nomadenstadt Churkuuhl, die auf dem Rücken gewaltiger Tiere über die nördliche Welt getragen wird, geht an der Küste des Meeres der Spinnen in einer furchtbaren Katastrophe unter. Aus ihren Trümmern retten sich nur wenige, darunter ein junger Mann namens Mythor, dessen Herkunft unbekannt ist. Nyala, die Tochter des Herzogs von Elvinon, bewahrt Mythors Leben, denn sie glaubt daran, daß er jener Sohn des Kometen sei, dessen Kommen vorausgesagt wurde. In einem unterirdischen Tempel erfährt er, daß er sich diesen Titel erst erkämpfen muß. Nachdem Mythor vor einer Invasion durch das von Dämonenpriestern geführte Kriegervolk der Caer fliehen konnte, erfüllt er die erste der Aufgaben, die ihm gestellt wurden: In Xanadas Lichtburg kann er das Gläserne Schwert Alton für sich gewinnen. Durch lange unterirdische Gänge entkommt er mit seinen Gefährten, ohne zu wissen, wohin ihr Weg führt. Die Freunde erreichen in Nyrngor das Tageslicht. Die Stadt wird von den Caer belagert. Obwohl Mythor der jungen Königin Elivara zur Seite steht, läßt sich der Sieg der Caer nicht verhindern. Mythor macht sich auf den Weg zu Althars Wolkenhort, wo der Helm der Gerechten auf ihn wartet. Über einen Weg, der vor langer Zeit von den mittlerweile 4
ausgestorbenen Titanen angelegt wurde, gelangt Mythor zum Wolkenhort, der von zauberischen Pflanzen beschützt wird. In diesem himmelhohen Turm muß sich Mythor mit den Geistern früherer Eindringlinge auseinandersetzen, bis er schließlich Althar selbst antrifft und von diesem den Helm der Gerechten erhält. Dieser soll ihn künftig schützen und ihm den Weg zu anderen Stützpunkten des Lichtboten weisen. Auf dem weiteren Weg zu der Piratenstadt Thormain wird Mythor mit seinen Freunden von dem mächtigen Ritter Coerl O’Marn gefangengenommen, dem Oberbefehlshaber der CaerTruppen. Der Sohn des Kometen merkt bald, daß er keinen dämonischen Feind vor sich hat, sondern einen klugen und tapferen Menschen, der sich unter Mythors Einfluß von den Dämonenpriestern abwendet und zu seinem Freund wird. Der Ritter zeigt auf der Ebene der Krieger Mythor die geballte Macht der Caer, um ihn davon abzubringen, gegen dieses Reich anzukämpfen. Dabei gerät Coerl O’Marn selbst unter den zauberischen Einfluß der Dämonenpriester und wird zu Mythors Feind. So muß sich der Sohn des Kometen auf die Suche nach weiteren Verbündeten machen, die er im Bereich der Zaubertiere zu finden hofft: ein Einhorn, einen Schneefalken und den Bitterwolf, der angeblich bei seiner Geburt geheult haben soll. Doch zuerst scheint sich das Schicksal gegen ihn verschworen zu haben. Hester, der Bruder Elivaras von Nyrngor, gewinnt die Zaubertiere für sich. Erst nachdem Hester und Mythor erkannt haben, daß sie Verbündete und keine Gegner sind, überläßt der junge Prinz die Zaubertiere dem Kometensohn. Gemeinsam mit den Tieren erreicht Mythor schließlich das Land Ugalien, das von schweren Unruhen erschüttert wird. Ein Großangriff der Caer steht auch hier bevor, und die Verantwortlichen des bedrohten Gebietes können sich nicht auf 5
eine gemeinsame Strategie einigen. Jetzt also ist nicht der junge Kämpfer Mythor gefordert, sondern sein politisches Geschick… Das jedoch fällt ihm nicht leicht, denn er lernt schnell, die aufgeputzten, selbstgefälligen Adligen mit ihren Ränkespielen zu verachten, deren ehrlichster noch ein hinterhältiger Attentäter ist. Dazu kommt die Erkenntnis, daß die Dämonenpriester unter den Magiern am Hof seines Gastgebers einen mächtigen Verbündeten haben, der im Auftrag des obersten der schwarzen Priester handelt. Es gelingt Mythor immerhin, diesen mit Hilfe des ehrlichen Lichtmagiers Thonensen zu besiegen, und er erlebt sogar die Einigung der Politiker auf einen gemeinsamen Kriegszug gegen die Caer…
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Hans Kneifel
DIE KUNDSCHAFTER Jener Wanderer, der das Landschiff sah, fragte: »Warum drehen sich die Räder? Warum erzeugen sie nutzlose Wellen und Geräusche?« Der Mautner hob seine schwieligen Hände und sagte: »Es sind Sinnbilder des Wachsens und Vergehens. Es ist viel Sinn in diesem Rhythmus.« Der Wanderer war verwirrt: »Was sagt dir jenes Klappern und Rauschen?« Die Antwort des Mautners klang sicher. Seine Stimme war voll Sorge und der Kenntnis kommenden Elends. Er sagte: »Die Mächte des Bösen wachsen in der Schwärze. Bald bläst das Große Schaurige Horn. Dann geht alles unter.« Der Wanderer erschrak und fragte mit zitternden Knien: »Alles geht unter? Warum flüchtest du nicht?« Der Mautner raufte seinen Bart und sprach: »Ich bin hilflos wie alle, die guten Willens sind und die Mächte der Schattenzone hassen und fürchten.« Der Wanderer hielt sein scheuendes Pferd fest und schwang sich in den Sattel. Obwohl der Mann kraftvoll und mutig zu sein schien, stieß er hervor: »Ich jedenfalls werde flüchten! Ich will nicht Sklave der Dunklen Mächte werden!« Dem Davongaloppierenden rief der Mautner prophetisch nach: »Kein Weg ist lang genug, keine Entfernung so groß! Du wirst ihnen nicht entkommen. Niemand entkommt ihnen! Nicht einmal ich, der die Zeichen deuten kann.« (Legende im Land Darain) * 7
Mythors Blicke verfolgten einen Reiter, der auf ihn und die Gruppe seiner Begleiter zuzukommen schien. Es war eine groteske Gestalt. Hoch über dem Geschehen kreiste Horus. Der Schneefalke zeigte keine Unruhe, und auch Hark ließ sich nicht sehen. Also bestand wohl keine ernsthafte Gefahr. Der Reiter kam näher. Buruna hob die Hand über die Augen und sagte verwundert: »Alles ist weiß, Mythor! Das Pferd, die Kleidung oder Rüstung und auch die Haut des Reiters!« Der Reiter kauerte auf einer schneeweißen Mähre. Er schwenkte auffordernd seine weiße Lanze, an der ein zerrissener weißer Wimpel flatterte. In holprigem Galopp stob er auf Buruna und Mythor zu, die den kleinen Zug anführten. Hinter ihnen, nicht sehr weit entfernt, lag die Grenze zwischen Ugalien und Tainnia. Mythor legte die Hand an den Griff des Gläsernen Schwertes, beruhigte das Einhorn mit einem leisen Zuruf und einem schwachen Schenkeldruck. Fünfzehn Schritt vor ihnen parierte der weiße Reiter sein keuchendes Tier durch. »Wohin des Weges, Fremder?« rief der Reiter. Seine Stimme klang seltsam hell, als habe er sie seinem Aussehen angleichen wollen. Er war ein großer, hagerer Mann, in weißes Leinen gekleidet. Viele Risse und Löcher ließen unter der Kleidung die Haut eines Albinos erkennen. »Ein Verrückter!« knurrte Gapolo ze Chianez hinter Mythor. Der Reiter drängte seinen klapprigen Gaul weiter heran. Mythor sagte ruhig, aber einigermaßen verwundert: »Nach Süden. Wir sind eine kleine, harmlose Gruppe, die sich wohl zu wehren vermag.« An Knien und Ellbogen des weißen Reiters saßen kugelige Panzerteile mit langen Stacheln. Auch dieses Metall war weiß, ebenso wie ein zerbeulter Brustpanzer und ein Helm, dessen Aussehen den phantastischen Eindruck verstärkte. 8
»Nicht nach der Stadt Darain? Ich weiß, daß ein gigantisches Heer der Caer die Stadt belagert.« Buruna bestätigte: »Wir haben Flüchtlinge gesehen. Große und kleine Gruppen ziehen kreuz und quer durch das Land.« Der weiße Helm des Reiters umschloß das kalkige Gesicht und endete über bleichen Augenbrauen. In Stirnhöhe zog sich ein ausladendes Gestrüpp metallener Haken, Dornen und Winkel um den Helm, eine Art weißer Strahlenkranz, in dem sich Geschosse oder Waffen des Gegners verfangen und verhaken mochten. Selbst die Haare seines buschigen Schnurrbarts waren schlohweiß. Der Reiter trug Stiefel aus weißem Leder mit Metallbeschlägen derselben Färbung. »Das Land ist in Aufruhr«, bekräftigte der Reiter. Als er seine stechenden Augen auf Burunas Hemd richtete, das über den Brüsten weit geöffnet war, bekam sein Blick etwas Träumerisches. »Ich ritt tagelang. Überall sah ich, wie sich unbeschreibliche Dinge abspielten. Es sind Vorboten eines unfaßbaren Geschehens. Geht ihr nicht nach Darain? Ich reite, um die Caer zu vertreiben!« Mythor beabsichtigte nicht, dem Fremden zu erzählen, daß er sich in zwei Monden mit Sadagar und dem bemitleidenswerten Nottr beim Koloß von Tillorn verabredet hatte. Auch von seinem Versuch, das Orakel von Theran zu besuchen, würde er nichts sagen. So antwortete er unverbindlich: »Das Hochmoor von Dhuannin wollen wir sehen. Und wohin reitest du, schwer bewaffnet, entschlossen und auf einem kräftigen Hengst?« Der Weiße schien wenig Spaß zu verstehen, denn er sagte säuerlich: »Ich reite einen Schimmelwallach, Fremder. Meine Waffen mögen schwach erscheinen, aber ich nutze sie mit Erfahrung. Wo du einen dürren Mann zu sehen glaubst, sind Muskeln, Sehnen und Knochen. Ich bin von Mut und Haß gegen die Caer erfüllt, denn ihre Gegenwart ruiniert die Men9
schen und das Land. Schmeckt ihr den Rauch verbrennender Bauernhöfe? Habt ihr die Not der belagerten Städte geschaut?« Cesano winkte ab und rief: »Das alles kennen wir zur Genüge. Wer sind wir, daß wir es ändern könnten? Aber wir wünschen dir bei deinem Kampf viel Glück – du wirst es brauchen.« »Nicht weniger als ihr alle!« rief der Schimmelreiter. »Ich warne euch! Das Land ist in chaotischem Zustand. Den Fluß werdet ihr nicht überqueren können. Ihr reitet zwischen den Fronten!« Raimor hob den Arm mit dem Schild und sagte beschwichtigend: »Danke für die Warnung, Fremder. Wir werden uns vorsehen!« Mit altersschwachem Wiehern hob sich der Schimmel auf die Hinterbeine, warf sich herum und galoppierte an. Noch einige Augenblicke lang geisterte er als weißer Schatten zwischen den Baumstämmen. Dann war er verschwunden, und die Salamiter blickten sich und Mythor etwas verwundert an. Mit einem knappen Lächeln bemerkte Mythor: »Er mag ein wenig irre sein. Aber was er sagte, war richtig. Reiten wir weiter?« »So schnell wie möglich!« stimmte Buruna zu. Irgendwo vor ihnen lagen das Hoch-Moor, der breite Pfad der Yarl-Linie und der Fluß, von dem der Reiter gesprochen hatte. In etwa einem halben Mond würde die Schlacht zwischen den Caer und den Verteidigern stattfinden. Deren Truppen, Verbündete der Lichtwelt und Söldner, strömten aus allen Richtungen der Windrose auf das Hochmoor zu, und ihre Züge verwüsteten das Land nicht weniger, als die Heerscharen der Caer dies taten. Die acht Personen ritten hintereinander weiter und dachten schweigend darüber nach, was sie eben erfahren hatten. Sie wußten, daß sie von zahllosen Gefahren umgeben waren. Aber 10
während der letzten Tage seit dem Verlassen von Burg Anbur hatten sie jeder größeren Gefährdung ausweichen können. Noch hatten Mythor und die fünf salamitischen Stammesangehörigen denselben Weg. Mythors Gedanken kreisten immer wieder um dieselben Dinge. Obwohl er keinen Augenblick lang aufhörte, wachsam die Umgebung zu durchforschen, dachte er an den Rat des Sterndeuters Thonensen und an den fünften Fixpunkt des Lichtboten, das Theransche Orakel. Immer wieder flüsterte er lautlos den Namen Fronja und sah die Gesichtszüge der wunderschönen Frau vor sich, dachte an das Pergament mit Fronjas Bild, das er im Wams trug und das Burunas Eifersucht schürte. Sein Schweigen schien die freigelassene Liebessklavin unruhig zu machen. Sie ritt an Mythor heran und packte ihn am Unterarm. Zornig stieß Buruna hervor: »Du denkst schon wieder an diese Fronja? Ich verlasse dich, wenn du nichts anderes mehr im Sinn hast!« Mythor lachte sie kopfschüttelnd an. »Sicher, Graf Corian hat dir die Freiheit gegeben, aber wenn du uns hier verläßt, werden dich die Söldner schnell wieder gefangen und versklavt haben.« Sie senkte den Kopf, blitzte Mythor aber mit ihren großen Augen an. »Du hast recht. Leider!« rief sie. »Ich reite zum nächsten Bauerngehöft. Dort habe ich es bestimmt besser.« »Ab und zu überforderst du meinen Sinn für Humor«, sagte er zu ihr. Burunas Pferd und Pandor, das Einhorn, trabten auf einem schmalen Pfad. Tief eingeschnittene Räderspuren waren zu sehen. Rechts und links lagen schweigende Waldstücke, zwischen denen sich bearbeitete Äcker und Felder erstreckten. In unterschiedlichen Abständen waren Bauernhöfe in diese Landschaft verteilt. Ihre Kamine rauchten, wenige Tiere befanden sich auf den Weiden. 11
Immer wieder sahen die acht Reiter lange Elendszüge, die von West nach Ost krochen. Hauptsächlich Kinder, Frauen und Greise bildeten diese Karawanen; die kampffähigen Männer mußten sich freiwillig oder unter Zwang am Feldzug gegen die Caer beteiligen. »Du und Humor? Dafür lachst du viel zuwenig«, sagte Buruna. »Seit unserer ersten Nacht in der Burg weiß ich das.« »Für mich gibt es nicht allzuviel zu lachen«, sagte Mythor. »Aber ich lächle, wenn ich dich ansehe.« Sie schien halbwegs versöhnt. Dann zeigte sie auf den Schneefalken, der rüttelnd über einer Stelle stand und etwas Auffallendes zu sehen schien. »Rauch!« stieß sie hervor. »Dort vorn brennt es!« Im gleichen Moment roch auch Mythor, daß der Wind dünne Schwaden Rauch herbeitrug. Der Barde Lamir schrie: »Ich sehe hinter den Findlingen vermummte Gestalten.« Sofort fiel Pandor in schnellen Galopp. Die Pferde der sieben Reiter folgten augenblicklich. Die kleine Kavalkade bewegte sich die letzten Windungen des Pfades entlang, umrundete eine Handvoll großer, weißlicher Steine und etliche knorrige Bäume, dann befanden sie sich am Rand einer größeren Feldzone. Gestalten kauerten, Dreschwerkzeuge und Knüppel in den Händen, hinter einer dichten Buschreihe. Sie wandten Mythor und dessen Freunden den Rücken zu und merkten noch nicht, daß sich ihnen die Reiter näherten. Die ersten Vermummten tauchten gerade in der Menge der Büsche, Bäumchen und Rankengewächse unter. Die Teilnehmer der Prozession, die sich ziemlich schnell bewegte, summten und sangen in einem schauerlichen Chor. In ihren Händen befanden sich Peitschen mit kurzen Griffen. Einer der Bauern schwenkte eine Fackel. Gegenüber, aber hinter einem Wall halb grüner, halb welker Pflanzen, brannten die trockenen Blätter und erzeugten einen dünnen, hellen Rauch. Die ver12
mummten Gestalten sangen und schlugen sich gegenseitig mit den Geißeln. Sie waren derart tief in ihre makabre Tätigkeit versunken, daß sie weder die Bauern noch das Feuer sahen. Auch nicht die Reiter, die jetzt auf die Männer in den groben Kitteln losritten. Buruna schrie gellend: »Die vermummten Geißler! Sie werden in die Falle gelockt!« Keiner der kapuzentragenden Geißler bemerkte etwas anderes als den eigenen Schmerz. Die Bauern sprangen auf und sahen erschrocken den herandonnernden Reitern entgegen. Mythor zog das Schwert und schrie einen Bauern an: »Ihr wollt den Wald anzünden?« Mit allen Zeichen des Schreckens und Abscheus rief der Landmann zurück: »Sie sind ansteckend. Sie müssen brennen!« Mythor ritt scharf an ihn heran und holte mit dem Schwert aus. Der Bauer duckte sich. Das Schwert traf die in Abwehr hochgerissene Fackel und schleuderte sie in die Furchen eines frisch aufgebrochenen Ackers. Auf der gegenüberliegenden Seite des Feldweges steckte ein anderer Bauer rennend dürre Sträucher an. Flammen züngelten knatternd hoch. Rauch kam auf und bewegte sich den Reitern entgegen. Gapolo sprengte schreiend mitten durch den Zug der Geißler, die ihn sahen, erschraken und stehenblieben. »Zurück! Ihr verbrennt im Wald!« schrie er und trieb sie mit dem Pferd, das er im Kreis drehen ließ, auseinander. Die anderen Reiter bildeten in scharfem Galopp ein Spalier zwischen den Bauern und Büschen und den seltsamen Pilgern. Der Barde zwang sein Reittier durch den dichter und schwärzer werdenden Rauch auf den Bauern zu, der seine knisternde Fackel schwang. Zwischen zwei brennenden Büschen sprengte Lamir auf den einzelnen Mann los, der zwischen Angst und Wut schwankte, aber noch immer die Flammen an dürre Äste 13
hielt. »Sie tragen das gelbe Fieber!« brüllte einer der Bauern mit sich überschlagender Stimme. Aus dem Wald schoß Hark hervor und schnappte heulend nach der Peitsche des Anführers. Der Pilger drehte sich um und rannte zwischen den verkrüppelten, knotigen Baumstämmen hervor und in die Richtung, aus der er gekommen war. Mythor lenkte das Einhorn zwischen Rauch und Flammen hindurch und trieb mit geschwungenem Schwert Bauern und Pilger gleichermaßen aus dem Bereich des Feuers. Engor und Raimor hackten mit ihren Beilen den einzelnen Busch nieder, der sich vor den ersten Ästen des Waldes befand und an einer Seite bereits hellauf brannte. »Zurück! Sonst gebrauche ich mein Schwert!« tobte Mythor. Die Reiter trieben die Bauern und die Geißler in die Flucht. Aber nach hundert Schritten blieben beide Parteien stehen. Die Bauern scharten sich in einer Gruppe zusammen, die großen Abstand von den Geißlern hielt. Neben dem Mann, der offenbar der Anführer war, sprang Mythor von Pandors Rücken. Die Kapuze war vom Nacken des Pilgers gefallen. Mythor starrte in ein schweißbedecktes, blutverkrustetes und bärtiges Gesicht. Viele kleine Geschwüre und Eiterbeulen zeichneten die Wangen und die Stirn des Fremden. »Wer seid ihr? Warum geißelt ihr euch?« fragte Mythor streng. Die dunkelhäutige Frau mit der üppigen Figur hielt ihr Pferd neben Mythor an. Der Geißelschwinger ließ die schmutzigen, geröteten Schnüre gedankenlos aus seiner Hand herunterhängen und warf einen, wie es schien, angsterfüllten Blick auf Buruna. »Wir kommen aus Ugalos. Wir sind Bußgänger«, sagte der Mann fast trotzig. »Noch lange kein Grund, sich gegenseitig blutig zu schla14
gen«, bemerkte Mythor finster. »Wir geißeln uns, um das Böse zu vertreiben. Wir gehen zu den Caer-Priestern. Ich bin Anid Levere, und meine Schwären schmerzen.« »Mich schmerzt, wenn ich daran denke, daß ihr jetzt beinahe in einem brennenden Wald umgekommen wäret«, sagte Buruna vorwurfsvoll. »Könnt ihr mit den Peitschen auch noch etwas anderes bewirken als blutige Striemen?« »Wir haben das gelbe Fieber. Es kam über uns. Die Bauern…«, begann Levere. Mythor schnitt ihm mit einer Handbewegung die Rede ab. »Die Bauern fürchten sich vor euch. Vor dem Fieber und vor eurem selbstquälerischen Aufzug. Wir kamen noch rechtzeitig. Ist Ugalos vom gelben Fieber betroffen?« Anid stieß hervor: »Wir warteten nicht, bis alle gestorben waren. Wir sind schon lange unterwegs. Wir hungern und haben lange nicht geschlafen.« »Ihr werdet die Caer nicht erreichen«, sagte Mythor und erkannte, daß sich die Bauern abermals drohend zusammenrotteten. Es waren etwa zwei Dutzend, mit abenteuerlichen Geräten bewaffnet. Der junge Mann wies auf die Bauern und sagte entschieden: »Sie werden euch etwas zu essen geben. Sicher nicht gern. Ihr werdet versprechen müssen, daß ihr euch dem Vieh und den Höfen nicht nähert.« Mit dem Wolf an seiner Seite ritt er auf die Bauern zu und an der Kette seiner Freunde vorbei, die sich schützend zwischen den beiden Gruppen aufgestellt hatten. Hinter ihm galoppierte die Frau mit den wippenden dünnen Zöpfen. Die Bauern starrten die Ankommenden schweigend an. »Hört zu, Landleute«, sagte Mythor schroff, »es ist nicht gut, wenn besonnene Männer arme Kreaturen töten. Sie sind krank. Sie haben versprochen, sich euch nicht zu nähern. Gebt ihnen etwas zu essen! Legt es weit von ihnen entfernt nieder, 15
dann steckt ihr euch nicht an.« »Herr«, sagte der Bauer trotzig mit rauher Stimme. »Wir wissen nicht, wer du bist. Deine Worte klingen, als wüßtest du etwas. Wir alle sterben, wenn wir einen solchen Aussätzigen anfassen.« »Sie ziehen nach Darain, den Caer entgegen«, sagte Mythor. »Vermutlich werden sie die Caer eher anstecken als euch! Sie haben versprochen, nichts zu berühren, was euch gehört. Gebt ihnen Brot, etwas Milch und ein paar Früchte! Einer von euch soll es irgendwo dort hinlegen. Einverstanden?« Ein jüngerer Mann im Fellwams knurrte halblaut: »Gut. Ich sammle etwas und bringe es ihnen. Hinter den Wald. Aber sie sollen von der Quelle wegbleiben. Waschen kann sich das Gesindel am Bach.« Mythor setzte ein dankbares Lachen auf und versicherte: »Du bist ein Edelmann, mein Freund. Ich danke dir im Namen von denen dort, die übler dran sind als ihr und wir zusammen.« Die anderen Bauern nickten sich zu, warfen immer wieder verstohlene Blicke auf Buruna, dann musterten sie das Gläserne Schwert und gingen langsam davon. Mythor ritt zu den wartenden Pilgern zurück und berichtete, was er erreicht hatte. Anid Levere blickte ihn an, als sei ihm eine rettende Fee erschienen. »Wie ist dein Name? Ich werde dich und euch alle niemals vergessen können!« »Ich bin Mythor. Ich hoffe, daß ihr geheilt seid, wenn wir uns wieder treffen«, sagte der junge Krieger. »Setzt euren Marsch unauffällig fort und meidet die Gehöfte! Dann gelangt ihr lebend zu den Caer. Und, wer weiß, vielleicht vergeht das Fieber, wenn ihr in einem sauberen Bach badet? Nötig hätte es jeder von euch.« Anid tat etwas Seltsames. Er packte seine Geißelschnüre und 16
schlang sie sich wie einen Gurt um die Hüften. »Ich werde dir ewig dankbar sein!« versicherte er. »Herr Mythor!« Mythor winkte ab. »Zieht weiter! Und hört auf, euch zu geißeln. Der Blutverlust und die Erschöpfung töten euch eher als die gelbe Pest.« Levere winkte. Die anderen hinkten hinter ihrem Anführer her. Im Acker schwelten die verlöschenden Fackeln. Langsam und nachdenklich ritt Mythor zu seinen Freunden zurück. »Wir werden keinen leichten Weg haben«, sagte er zu den Salamitern. »Das Land ist tatsächlich vom Krieg überzogen.« »Es wird noch viel schlimmer kommen«, warf Lamir ein. »Diesmal darfst du die Spitze übernehmen, ze Chianez!« schlug Mythor vor. »Deine Augen sind schärfer als die des Schneefalken!« Sie ritten in der gewählten Richtung weiter. Immer wieder sahen sie in der Entfernung einzelne Bauernhöfe. Noch waren die meisten Äcker und Felder gut bewirtschaftet und teilweise abgeerntet. Wenn erst die Mehrzahl der Krieger und Söldner Corians auf ihrem Marsch zum Hochmoor hier vorbeigekommen waren, würde es anders aussehen. Einmal sagte der Barde: »Mir fällt kein Lied ein. Und schon gar kein fröhliches.« »Es ist die verdammte Stimmung«, meinte Cesano grämlich. »Nun, vielleicht gibt uns heute ein Bauer etwas von seinem Bier.« Mythor sah weit voraus, anscheinend an einem dreieckigen, hellen Felsen angelehnt, eine geduckte Gruppe strohgedeckter Häuser. Aus einigen Kaminen stiegen dünne Rauchsäulen auf. »Der Hof liegt auf unserem Weg!« meinte Buruna. »Endlich einmal wieder ruhig schlafen.« Wenn es ein größerer Bauernhof war, würde es dort mehr Männer geben. Also würden sie vor den acht Wanderern keine 17
Angst haben. Dieser Umstand und die Tatsache, daß sie mit Silber und Gold zahlen konnten, waren hilfreich und versprachen tatsächlich eine ruhige Nacht. Auch die Tiere hatten Ruhe nötig. »Sieht gut aus!« bemerkte Lamir. »Sehr friedlich!« »Hoffen wir’s!« Die Pferde und selbst das schwarze Einhorn schienen den Stall, das Heu und die Nähe friedlicher Menschen zu wittern. Sie wurden ohne Zutun der Reiter schneller und streckten die Hälse. Die Reiter sahen hinter Zäunen, Gattern und dichten Reihen beschnittener Büsche hektische Bewegungen. Einige Frauen trieben Getier in die Ställe. Männer spähten in die Richtung der kleinen Gruppe. Undeutliche Schreie ertönten. Viele schmale Pfade vereinigten sich und bildeten schließlich einen breiten, schlammigen Weg, der über die schmale Bohlenbrücke bis zu dem Viereck zwischen den Hausfronten führte. Die Hufe erzeugten einen harten, dröhnenden Wirbel auf den Holzbalken. Mythor sprang ab und ging auf die drei Männer zu, die sich vor dem breitesten Eingang mit Äxten in den Händen aufgestellt hatten. Die Bauern starrten ihn finster an. Mythor breitete die Arme aus, zeigte den Männern die Handflächen und sagte höflich: »Wir bitten um ein Nachtlager, und vielleicht dürfen wir an euren Tischen essen. Wir bezahlen mit Silbermünzen, und zwar vorher. Und wenn euch Söldner überfallen, kämpfen wir mit euch gegen sie. Wir…« »Ihr seid keine Söldner? Woher kommt ihr?« »Von Burg Anbur, von Graf Corian. Wir hassen die Caer und ihre Dämonenpriester nicht weniger als ihr. Wir kämpfen auch gegen sie. Aber wir kämpfen für uns selbst, nicht im Lohn anderer.« Der älteste Bauer trug einen weißen Bart, in den er schwarze Steine eingeflochten hatte. Er stellte die blitzende Axt mit ei18
nem krachenden Geräusch auf die Steinschwelle des Hauses, hielt Mythor die geöffnete Hand entgegen und sagte: »Wenn eure Worte die Wahrheit sind, so waren sie gut gesprochen. Drei kleine Silbermünzen, und ihr könnt alles haben, was ihr braucht.« In dem Augenblick, als Mythor die Münzen in die Hand des Ältesten legte, veränderte sich die Szene vor den Gehöften. Knechte und Mägde erschienen und kümmerten sich um die Tiere, ebenso wie um die Gäste. Mythor schnippte mit den Fingern und schrie zum Schneefalken hinauf: »Laß die Tauben in Ruhe! Und du…«, er wandte sich an Hark, der seinen Hinterlauf an einem Zaunpfahl hob, »… erschreckst weder die Menschen noch die Hunde. Nur wenn Söldner kommen, heulst du. Verstanden?« Hark hob den Kopf, stieß ein schauerliches Heulen aus und verschwand im Gebüsch. Die Knechte schirrten die Pferde aus, aber beim Anblick des Einhorns wußten sie nicht, was zu tun war. Mythor führte Pandor in die große Scheune, in der letzte Sonnenstrahlen die tanzenden Staubkörner auffunkeln ließen. * Daren, so hieß der Älteste der Bauernsippe, war auf seine Weise ein Mann voller Erfahrung und Klugheit. Er stützte die Ellbogen schwer auf den mächtigen, weißgescheuerten Tisch und sagte: »Es ist so bei allen Bauern seit Anbeginn der Geschichte. Wir wären reich wie die Fürsten und wohlgenährt wie die Herrscher, wenn…« »Wenn?« fragte Gapolo ruhig. Jeder von ihnen hatte einen großen Becher bitteres, fast schwarzes Bier vor sich stehen. In den Holzschalen dampfte eine braune Suppe, die nach geschmortem Fleisch und zahlreichen frischen Würzkräutern 19
roch. Lamir zog seinen spitzen Dolch und rammte ihn vor sich in die Tischplatte. »Wenn nicht ein einzelner Mann, ein einfacher Bauer, immer das Spielzeug wäre. Für jeden anderen: Krieger, Söldner, Caer, Räuber, für die Fürsten und sogar für das Schicksal. Waldbrand, früher Frost, Regen, Mißernten.« »Was ich hier gesehen habe, Freund Daren«, schränkte Mythor ein, »zeugt von gewissem Wohlstand.« An dem langen Tisch saßen sechsundzwanzig Personen. Die Gruppe Mythors, sieben Kinder verschiedenen Alters, die Frauen der beiden Söhne, Mägde und Knechte. Nur die Söhne waren in dem Alter, in dem sie noch kämpfen konnten, so schien es. »Wir werden arm sein«, seufzte eine Frau und riß ihren Blick von Burunas Zöpfen los, die die junge Frau zu einem Turm über ihrem Kopf hochgebunden hatte, »wenn die Heere kommen. Und die Sieger werden nach der Schlacht sengen und brandschatzen.« Cesano hob seinen Becher und machte einen Vorschlag: »Warum versteckt ihr nicht euren Besitz? Das Korn, einen Teil des Viehs, die Früchte?« Daren grinste breit. »Das haben wir! Es gibt versteckte Gänge und Höhlen in den Felsen. Und ein paar Löcher unter den Steinen. Dort haben wir solche Sachen wie geräucherten Schinken, Wurst und Mehl. Und Säcke mit Fressen für das Vieh. Aber das heißt nicht, daß wir alles überstehen.« Sein Sohn bekräftigte die Worte seines Vaters: »Die Söldner waren zweimal hier. Sie haben gesagt, sie kommen im Namen der Verbündeten der Lichtwelt. Wir glauben es ihnen sogar!« »Aber sie sind schlimmer als die Truppen der Caer!« stieß eine Frau aus. »Bisher haben wir stets flüchten können.« Daren hielt seiner Frau den leeren Becher hin und brummte: »Leer. Weißt du, Mythor, jeder von uns Bauern bewirtet die 20
Söldner. Nicht gern, aber sie bekommen etwas. Auch ihre Tiere. Sie können saufen und auf den Feldern fressen. Sie kriegen auch Heu und Stroh. Die Söldner sagen immer, daß sie einen Befehl von Graf Corian hätten.« »Welchen Befehl?« wollte Buruna wissen. Sie genoß die Szene am Tisch. Unschlittkerzen und kleine Öllampen mit langen, tönernen Hälsen brannten und verbreiteten ein beruhigendes Licht. Nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen blickten immer wieder bewundernd auf den exotischen Gast. »Corian soll gesagt haben, daß seine Krieger und Söldner alles haben können, was sie brauchen. Es ist Krieg, soll er gesagt haben. Und Krieg rechtfertigt seinen Befehl.« »Auch darin liegt eine bestimmte Wahrheit und Richtigkeit«, bestätigte Mythor. »Ihr solltet trotzdem bis nach der Sonnenwende alles tun, um euren Besitz und euch zu verstecken. Niemand weiß, wie der verdammte Krieg zwischen den Mächten der Schattenzone und den Kriegern der Lichtwelt ausgeht. Aber eines ist sicher: Das Land hier wird nach der Schlacht leer sein. So oder so.« Die Frauen brachten krustenreichen Braten, eine Art Salat aus heißen Fruchtstücken und eine fette, mit Mehl gebundene Soße und teilten sie aus. Der Älteste wandte sich an Mythor und fragte: »Deine Worte verraten Klugheit, Mythor. Und was ist euer Ziel?« Gapolo, auf den Mythor mit der Spitze seines Dolches deutete, sagte es den Bauern. Sie hörten schweigend zu und nickten immer wieder. Alle, die am Tisch saßen, zeigten deutlich, daß ihnen das Essen schmeckte. Schließlich, als die Erwachsenen aus der dunklen Stube ins Freie hinaustraten und am frühlingshaft klaren Himmel die Sterne und die haardünne Sichel des neuen Mondes betrachteten, murmelte der Anführer der Wüstenkrieger: »Dies war ein feiner Abend. Trotzdem bin ich müde.« 21
Der Barde, der in der Bauernstube einige Takte geträllert und bei den Kindern Kichern hervorgerufen hatte, breitete die Arme aus und flüsterte Mythor ins Ohr: »Ich weiß nicht, wo und wann ich Valida wieder treffen werde. Aber ich bin höllisch froh, ihrer brodelnden Leidenschaft entronnen zu sein. Nicht zuletzt dank dir, Freund.« Mythor nickte und genoß die Stille des Landes zwischen der kalten und warmen Jahreszeit. »Erinnere dich an alles, was du erlebst. Lerne daraus.« »Um diese Zeit«, entgegnete der Barde, »bin ich lediglich müde und irgendwelchen guten Ratschlägen nur bedingt zugänglich. Sei nicht böse.« Er gähnte. »Ich werfe mich ins Heu und versuche zu schlafen.« Mythor legte einen Arm um Burunas Hüfte und sagte: »Ich glaube oder ahne, daß auch diese Nacht nicht ohne schlimme Überraschung vergehen wird. Behaltet die Waffen in eurer Nähe! Seid wachsam! Horus und Hark werden uns vielleicht warnen. Ich weiß, was ich zu tun habe.« »Ich auch!« dröhnte Daren und schlug Mythor schwer zwischen die Schulterblätter. »Wie schön«, knurrte der braunhaarige junge Mann. »Dann weiß ja jeder von uns, daß unsere Ruhe fraglich ist. Wo dürfen wir schlafen, Großvater der Bauern?« Daren deutete nach rechts. »Dort drüben. Es ist ein Teil des Stalles. Die anderen sollen in den Höhlen des Felsens schlafen. Einverstanden?« Binnen einer halben Stunde sahen die Fremden nach ihren Pferden, holten ihre Waffen, verteilten sich nach den Anweisungen des Ältesten, und mit einer gewissen Fröhlichkeit bemerkte Mythor, daß Buruna und er das beste Quartier bekommen hatten. Felle und dicke Decken lagen über einem Strohpolster. Mythor holte einen Leuchter mit einer heruntergebrannten und einer neuen Kerze, dankte Daren und ging 22
mit Buruna hinüber in die Scheune. Vor Wohlbehagen brummend, streckte er sich neben der dunkelhäutigen Frau aus. »Rechne nicht damit«, sagte er ein wenig später und achtete darauf, daß der Helm der Gerechten und das Gläserne Schwert griffbereit an seiner rechten Seite lagen, »daß diese Nacht ruhig bleiben wird.« »Ich rechne damit«, sagte sie und schmiegte sich an seine breite Brust, »daß du mich in dieser Nacht in den Armen hältst.« »Damit kannst du allerdings rechnen«, versicherte er, rutschte auf den Knien bis zu einer Luke und stieß sie auf. Frische Nachtluft flutete herein. Die Tiere im Stall erzeugten beruhigende Geräusche. Die Zärtlichkeiten und die Leidenschaft Burunas schwemmten seine Gedanken hinweg. Die Stille der Nacht half ihm, einzuschlafen und seine Sorgen zu vergessen. Aber in einem Winkel seines Verstandes nistete der Gedanke an die Gefahren und die zu erwartenden Überfälle. * Mitten in der Nacht wachte er auf. Er drehte seinen Kopf und blickte im letzten Zucken der Kerzenflamme Buruna an. Einer ihrer Zöpfe hatten sich in der Stunde der Leidenschaft gelöst, und das schwarze Haar ringelte sich über den Hals und eine Schulter. Langsam und leise richtete sich Mythor auf und ahnte, daß ihn das Heulen des Bitterwolfs geweckt hatte. Er rollte sich zur Seite, griff nach dem Schwert und schlüpfte, noch immer im zitternden Kerzenlicht, in die Stiefel. Wieder heulte Hark irgendwo draußen in den Büschen. Mythor huschte, während er sich den Helm aufsetzte, durch die dunkle Scheune und zum schmalen Eingang hinaus. Die Dunkelheit war vom Leuchten der Sterne, der schmalen 23
Sichel des Mondes und einem fernen, undeutlichen Geräusch erfüllt. Als sich Mythor zu Boden gleiten ließ und sein Ohr auf eine harte Stelle preßte, glitt Gapolo ze Chianez aus einem anderen Teil der Scheune hervor und flüsterte: »Dein Wolf hat geheult. Eine Warnung?« »Durchaus möglich«, antwortete Mythor. Der Boden übertrug das dumpfe Poltern von Pferdehufen und das Trappen von schweren Kampfstiefeln. Söldner oder Krieger waren in der Nähe. Ein Hund begann hinter den Felsen zu kläffen. »Es muß eine große Gruppe sein«, sagte Mythor. »Wenn wir uns ihnen entgegenstellen, schlagen sie uns mühelos in Stücke.« »Also in die Verstecke? Zusammen mit den Bauern?« »Vermutlich die beste Lösung, Gapolo. Weck deine Leute! Ich warne Daren.« Es war nicht mehr nötig. Daren stürzte aus der aufspringenden Tür des Wohnhauses. Rasch verständigten sich die drei Männer, und augenblicklich begannen sie mit den Vorbereitungen. Daren weckte seine Leute. Sie trieben das Vieh aus dem Stall in mehrere Felshöhlen und tarnten die Eingänge. Die Kinder und die Frauen rannten in andere, kleinere Höhlen. Falltüren öffneten sich, und als die Mitglieder von Mythors Gruppe wach, bewaffnet und ebenfalls in großer Eile die eigenen Tiere wegtrieben, standen nur noch der Älteste, Gapolo und Mythor auf dem dunklen Hof. »Hoffentlich geht dein Plan auf«, wandte sich Mythor an den Bauern, der grimmig ein riesiges Beil festhielt. »Nunmehr ist es auch unser Plan.« »Wir haben uns in den letzten Jahren viermal versteckt«, gab Daren zurück. »Es war jedesmal richtig. Sie zerstörten immer Teile der Häuser und…« 24
»Still!« sagte Gapolo und packte Mythor und Daren an den Armen. »Ich höre sie!« murmelte der Bauer. Zahllose Hufe trampelten. Undeutliche Flüche und Gesprächsfetzten hallten durch die stille Nacht. Pferde wieherten grell. Hinter den Baumstämmen loderten schwach einzelne Fackeln auf. »Und wenn sie die Eingänge zu den Höhlen finden, was dann?« wollte Mythor wissen. »Dann müssen wir kämpfen«, antwortete Daren mit Entschiedenheit. Sie hofften, während sie zum Haus zurückliefen, die große Kammer durchquerten und hinter sich die Falltür zuklappen ließen, daß sie nicht würden kämpfen müssen. In einem kleinen, feuchten Kellergelaß brannte eine Öllampe. Daren nahm sie auf, deutete auf ein Loch dicht über dem festgestampften Lehm des Bodens und nahm ein Stück Seil in die Hand. Die Krieger krochen durch den Durchlaß im Fels, und als sie sich umdrehten, sahen sie, daß der Bauer eine Art Holzregal vor den Eingang zog. Er wälzte von innen einen Steinblock vor das Loch, der genau hineinpaßte. Dann eilten sie weiter, kamen durch die größere Höhle voller Kühe, Hühner und anderer Tiere, zwischen denen sich die übrigen Angehörigen drängten, um das Vieh zu beruhigen. Mythor begriff, daß Daren tatsächlich voll kluger Voraussicht gehandelt hatte. »Sehr gut!« knurrte er, aber er folgte zusammen mit Gapolo dem Sippenältesten. Sie kletterten an der Wand über zackige Trittsteine hoch und robbten in einem schmalen und niedrigen Gang wieder zurück zur Vorderseite des Felsens. Schließlich warfen sie sich vor einem schmalen Schlitz im Felsen auf ein Polster aus trockenem Moos hin. Sie sahen schräg über die Dächer hinweg auf die Brücke und das Wasser des Baches, das im Sternenlicht schwach funkelte 25
und blitzte. Die ersten Reiter bogen auf den Hof ein. Das Donnern der Hufe war so laut wie ein Signal. Knisternde Fackeln versprühten lange Funkenregen. Hinter den etwa drei Dutzend Reitern rannten Söldner zu Fuß auf die Bauernhäuser zu und vollführten eine Menge Lärm. »Noch sieht es so aus, als hätten wir Glück!« wisperte Mythor und horchte nach hinten. Aber weder die Menschen noch das Vieh gaben verräterische Laute von sich. Noch mehr Reiter, noch mehr Soldaten zu Fuß kamen über die Brücke und schwärmten aus. Sie rannten in die Scheune, polterten durch den großen Raum des Wohnhauses, warfen Teller hinunter und fluchten, als sie merkten, daß der Hof verlassen und leer war. Mythor fühlte beinahe körperlich das breite, zufriedene Grinsen Darens, aber dahinter spürte er auch die Unsicherheit des Bauern. Einige Zeit später flüsterte Gapolo: »Ich habe ungefähr zweihundertfünfzig Männer gezählt. Davon rund hundert Reiter.« »Sie werden morgen wohl weiterziehen«, sagte Mythor leise. Daren hob die Schultern und bemerkte wütend: »Nachdem sie alles verwüstet haben. Gut, daß mich das Heulen deines Wolfes geweckt hat.« »Er ist recht zuverlässig«, sagte Mythor. »Er treibt sich wohl irgendwo draußen herum.« »Vielleicht beißt er das Pferd des Anführers«, versuchte Gapolo zu scherzen. Sie schwiegen und warteten. Die Soldaten waren hungrig, müde und durstig. Trotzdem sorgten ihre Anführer dafür, daß sie wenigstens in geringem Maß Disziplin hielten. Nacheinander führte man Gruppen von Pferden zum Trog und an den Bach. Die Männer rissen Heu aus der Scheune und entdeckten die Leuchter und die Felle 26
und Decken. Geschrei hub an, Männer rannten hin und her und fanden Milchkrüge und trockene Brote. Jemand brüllte voller Wut: »Sie sind geflüchtet!« »Schickt Gruppen mit Pferden und Fackeln aus. Sie sollen die Bauern suchen.« Ein Anführer schrie: »Nichts da! Wir sind nicht zum Plündern hier!« Die Pferde soffen und fraßen, dann wurden sie rund um den Hof angeleint. Die Männer durchsuchten mit Fackeln und den brennenden Öllampen Darens die Stallungen, Scheunen und das Wohnhaus. Sie fanden viel, aber nichts, was sich mitzunehmen lohnte. Binnen weniger Stunden war alles Eßbare gegessen, waren alle Krüge geleert. Überall lagen schnarchende Männer. Ein Krieger wurde, als er den Stall betreten wollte, von einem Hund angefallen. Er erschlug ihn mit dem Streitkolben. Im nahen Wald heulte schaurig ein Wolf. Einige Pferde rissen sich los und wurden mit viel Geschrei wieder eingefangen, ehe sie über die Balkenbrücke davongaloppieren konnten. »Noch eine Stunde, dann sind sie unschädlich. Sie schlafen. Wenn sie das Bier finden, sind einige von ihnen betrunken!« sagte Daren und versuchte, seinen Kopf durch den Felsenschlitz zu schieben. Es mißlang. Die Flut der Geräusche, die ihren Höhepunkt überschritten hatte, nahm ab. Viele Männer waren so müde, daß sie sich irgendwo hinwarfen und schliefen. Jeder Raum des Hofes war durchsucht. Die Dunkelheit schützte die Verstecke, denn es war unmöglich, Falltüren zu sehen oder Unterschiede in den Steinen oder der Felswand zu entdecken. Eine Gruppe von Söldnern entdeckte zwei Bierkrüge. Sofort rissen die Männer die Verschlüsse auf, aber ehe sie mehr als zwei Schluck daraus getrunken hatten, wurden ihnen die Krüge aus den Händen gerissen. Jeder versuchte, einen Schluck zu 27
ergattern. »Und diese Hundesöhne«, sagte Gapolo, »sollen gegen die Caer eine Schlacht gewinnen? Undenkbar!« »In diesen Zeiten ist alles möglich«, gab Mythor zu bedenken. Es dauerte ungefähr zwei Stunden, bis alles ruhig war. Daren brummte: »Sie schlafen.« »Noch«, schränkte Mythor ein. »Wenn sie aufwachen, geht alles wieder von vorn los!« Kurz darauf herrschte trügerische Ruhe. Mythor, der wußte, daß seine Freunde in scheinbarer Sicherheit waren, drehte sich um und schloß die Augen. Er murmelte: »Weckt mich, wenn es Streit gibt!« »Ja«, knurrte Daren. Mythor wußte, daß er vielleicht zwei Stunden Schlaf vor sich hatte. Der Bauer und der Krieger schienen zu warten. Nach einiger Zeit sank auch Daren in Schlummer. Immer wenn er zu laut schnarchte, hielt ihm Gapolo die Nase zu. Die Stunden vergingen. Das erste Grau am Himmel, das die Sterne verblassen ließ, färbte sich rosarot und schließlich gelb; längst war die schimmernde Barke des nächtlichen Gestirns hinter dem Horizont versunken. Die ersten Sonnenstrahlen glitten über das Land. Gapolo hob den Dolch, packte ihn an der Spitze der Schneide und ließ den Knauf auf Mythors Schienbein herunterfallen. Als der braunhaarige Krieger hochfuhr, hielt Gapolo ihm die Hand auf die Lippen. »Seht!« machte er. »Keine Aufregung. Noch ist alles ruhig.« »Mmm!« Unruhe und Aufregung kamen in kleinen Schritten. Zuerst heulte der Wolf, dann fingen einige Hunde zu kläffen an, schließlich wachten einige Söldner auf und schossen mit Pfeil und Bogen auf die Tauben, die aus ihrem Schlag aufflatterten. 28
Einige torkelten getroffen zu Boden. Die Pferde fingen zu scharren und unruhig zu wiehern an. Die Hauptleute schrien Kommandos und jagten ihre Männer mit Flüchen und Fußtritten in die Höhe. An zwei Stellen brannten die Krieger Feuer an und zerrten aus Satteltaschen Fleischbrocken. Immer wieder ertönten polternde und klirrende Geräusche aus dem Inneren der Häuser. Die Söldner schienen eher zu verschmerzen, daß es hier kein Essen gab, als daß sie in dieser Nacht keine Frauen gefunden hatten. Eine erste Gruppe sattelte und zäumte ihre Pferde und schwang sich auf deren Rücken. Ein Befehl gellte über den Hof: »Los! Weiter! Zum Hochmoor!« An anderen Stellen, in anderen Bauernhöfen mochte es Mädchen oder Frauen geben, die den Kriegern mehr oder weniger freiwillig ihre Gunst schenkten. Nicht so hier. Kleine Gruppen von Söldnern streiften zum zweiten- oder drittenmal durch jeden Teil der Gebäude. Bei ihrer Suche nach Gold, Essen, Bier und Wein oder nach irgendwelchen anderen Habseligkeiten warfen sie Möbel um, zerschlugen Näpfe und Krüge, stopften Heu in Säcke und luden sie den Pferden auf. Die drei Männer blickten schweigend und starr aus dem winzigen Schlitz im gewachsenen Fels. Eine zweite Gruppe Reiter stob aus dem Hof. Etwa fünfzig Männer schulterten ihre Waffen und machten sich in leidlicher Ordnung hinter den Reitern auf den Weg. »Die Krieger der Lichtwelt«, murmelte der Bauer spöttisch. »Sie sind zum Kampf unterwegs.« »Krieg und Kampf sind eine Sache«, sagte Mythor und sah zu, wie einige Männer die Feuer austraten. »Und eine andere ist der Versuch, zu essen und ruhig zu schlafen. Dein Schaden, Daren, ist nicht groß.« »Du hast recht, Mythor!« brummte der Sippenälteste. 29
Krachend flogen die Trümmer eines Fensters in den Hof. Einige Fäuste rissen die Spieße mit halbgar gebratenen Tauben von den Feuern. Eine dritte Gruppe verließ den Bauernhof. Ihnen schloß sich der Rest der berittenen Söldner an. Schließlich befanden sich nur noch ein Dutzend Bewaffnete mit ihren Pferden vor den Mauern. »Der Schaden ist nicht sehr groß«, bestätigte Daren und wartete, bis auch der letzte Reiter seinen Besitz verlassen hatte. Eine Stunde später wagten es die Versteckten, die Höhlen und Gänge zu verlassen. * Lamir von der Lerchenkehle wies senkrecht in den Himmel. Über dem Bauernhof zog der Schneefalke seine Kreise. Mythor hob den Kopf und versuchte, das Verhalten des Vogels zu deuten. Schließlich sagte er: »Die Söldner sind weitergezogen und in sicherer Entfernung.« Die Familie des Bauern versuchte, unterstützt von den Gästen, ein wenig Ordnung zu schaffen. Das Vieh wurde in die Ställe zurückgetrieben. In der großen Stube kehrte eine junge Frau die Scherben zusammen. Der Rauch eines neu angefachten Feuers zog über den Hof. »Nach einem guten Essen reitet ihr weiter? Wohin?« fragte Daren, der mit einer Kanne frischer Milch aus dem Stall kam. »Zum Kampfplatz im Hochmoor. Und dann vielleicht weiter nach Süden.« »Du mußt überall bekannt sein mit deinem Einhorn!« sagte der Bauer. »So ist es leider«, bekannte Mythor. »Dafür entschädigt mich Pandor durch Kraft und Schnelligkeit.« Während sich Gapolo Arm- und Beinschienen anlegte, rüste30
ten die anderen ihre ausgeruhten Reittiere aus. Die Bauernfamilie brachte Becher mit warmer Milch, dicke Brotscheiben mit Butter und Wurst und sah zu, wie sich die Reiter fertigmachten. Die schwarze Lilie ze Chianez’ glänzte im ersten Sonnenlicht. »Iß und trink, Lamir!« forderte die Bäuerin den Sänger auf. »Dann wirst du groß und verlierst deine bleiche Gesichtsfarbe. Und deine Stimme wird mächtig wie der Sturm.« Sie gab ihm ein Paket mit Nahrungsmitteln, die er in einer Satteltasche verstaute. Er dankte und wies auf seine Laute. »Soll ich euch…?« fragte er. Fast gleichzeitig schrien seine Kameraden entsetzt auf: »Nein! Verdirb uns nicht den Morgen! Willst du Darens Familie verärgern… schon wieder?« Überrascht hörten die Bauern die Rufe und das Lachen. Schließlich, als sie Lamirs beleidigtes Gesicht sahen, stimmten sie in das herzhafte Gelächter ein. Der gekränkte Barde stieg in den Sattel und schwieg. Nur die Glöckchen an seiner Kleidung bimmelten leise. Mythor und Gapolo traten auf den weißbärtigen Bauern zu. »Wir danken dir, Daren«, sagte Mythor. »Du hast gesehen, daß es in dieser schlimmen Zeit noch einige Männer und Frauen gibt, die sich nicht wie wilde Tiere benehmen.« »Der Name Mythor und der seiner Freunde wird bei uns geachtet werden. Wenn euch der Ritt wieder hierherführt…« »… kehren wir gern wieder ein!« bekräftigte Gapolo. »Wenn dann noch einer von uns lebt!« meinte die Bäuerin leise. Mythor schüttelte ihre Hände und half Buruna in den Sattel. Dann ritten sie über die aufdröhnende Brücke und verließen diese kleine Oase der Ruhe und Geborgenheit. In leichtem Trab ritten sie nach Südwest. Zunächst folgten 31
sie den Spuren der nächtlichen Krieger, die aus dem Osten Ugaliens gekommen sein mußten. Dann verließen sie den Weg, der durch zertrampelte Äcker und am Wald vorbeiführte. Der Wolf stieß zu ihnen und rannte vor den Pferden her. Stundenlang ritten sie schweigend dahin, ohne jemanden zu sehen oder zu treffen. Die Bauernhöfe schienen verwaist zu sein. Es gab keine Rauchsäulen, die in den kühlen Morgen stiegen. Das Land änderte unmerklich langsam sein Aussehen. Immer mehr Hügel tauchten auf, von dunklen Waldresten bedeckt. Mehr und mehr Spuren von kleineren und größeren Heeresgruppen kreuzten den Weg der acht Reiter. Mythor zog den Mantel enger an seinen Körper, und plötzlich, kurz nachdem die Sonne ihren höchsten Stand durchlaufen hatte, entdeckte er Horus wieder. Der Falke stand, fast nicht mehr sichtbar, über einem Hügel und schlug mit den Flügeln, als habe er unter sich eine Beute entdeckt. Dies konnte zutreffen, aber Mythor sah in dem Verhalten eine Warnung. Er hielt Pandor an und hob den Arm. Die Reiter versammelten sich um ihn. Nervös legte Lamir die Hand auf den Griff seines Kurzschwerts. »Wir müssen damit rechnen«, sagte Mythor, »daß wir bald Kriegerhaufen und Söldnergruppen treffen. Es werden mehr und mehr, je näher wir dem Moor kommen. Vermutlich zieht dort eine Gruppe durch.« Er zeigte auf den Falken. Weit vor ihnen, am Eingang eines Hohlwegs, stand der Wolf und äugte zu ihnen zurück. »Wir kämpfen alle für eine gemeinsame Sache«, bestätigte Cesano. »Warum sollten wir die Heere fürchten?« »Nur deswegen, weil sie unsere Pläne stören«, beschied ihm Raimor finster. »Das ist der einzige Grund«, sagte Mythor. »Versuchen wir, ihnen aus dem Weg zu gehen? Dann treffen wir sicher ein an32
deres Heer an anderer Stelle.« »Geradeaus weiter!« brummte Gapolo und spannte bedächtig seine kleine ugalische Armbrust, die er im Ärmel verborgen trug. »Los!« Obwohl sie nicht die geringste Lust verspürten, am Entscheidungskampf mitzuwirken, wußten sie, daß sie der großen Auseinandersetzung nicht entkommen konnten. Sie ritten im Galopp in den Hohlweg hinein. Die Krieger, auf die sie unzweifelhaft stoßen würden, waren die letzte Hoffnung der Lichtwelt. An dieser Gewißheit änderte auch ihr Versuch, eigene Wege zu gehen, nicht das geringste. Büsche und Schneereste, angehäuftes Laub vom letzten Herbst, die schwarzen Unterseiten der Nadeln und Blätter und die ineinander verflochtenen Kronen der Bäume machten den Hohlweg zu einem fast nachtdunklen Tunnel. Unwillkürlich beschleunigten die Reiter ihr Tempo. Die Pferde keuchten und spürten die Unruhe der Reiter. Hinter jedem Busch oder Stamm konnte sich ein Feind verbergen. Die Reiter duckten sich tief neben die Hälse der Pferde. Das lange Horn Pandors bohrte sich in das Dunkel wie ein schimmernder Speer. Schräg hinter Mythor ritt der Salamiter. Die Hufe seines Pferdes warfen dicke Brocken Lehm und Erde in die Höhe. Buruna stieß einen wimmernden Schrei aus. »Ich habe Angst, Mythor! Es ist dunkel wie die Nacht!« Mythor wandte sich halb um und rief nach hinten: »Keine Furcht, Liebste! Ich sehe vor uns schon das Ende des Weges.« Auch er wurde von der Verlassenheit des Landes, von der schwarzen Stille des Durchstichs und von der allgemeinen Unsicherheit angesteckt. Aber tatsächlich erblickte er vor sich eine Öffnung in der feuchten Mauer des Waldes. Pandors Hufe schlugen einen schnellen, dumpfen Wirbel. Mythor unterdrückte seine Gefühle und ritt schweigend weiter, eine Hand 33
am Schwertgriff, die andere in der Mähne des Einhorns. Die Lücke in der dunklen Wand wurde größer, und endlich ritt Mythor als erster durch den jenseitigen Bogen des Hohlweges hindurch und ins Freie. Der Sonnenschein traf ihn wie ein Faustschlag. Er richtete sich auf und ließ Pandor durch Schenkeldruck langsamer werden. Hinter ihm donnerte der Rest seiner Gruppe aus dem Tunnel im Wald. Und vor ihm ritt eine riesige Schar von Kriegern von rechts nach links. Es waren kaum weniger als tausend Männer. Während die Spitze des Heerwurms bereits wieder zwischen den Büschen einer waldigen Zone verschwand und das Ende der Reiterschar noch nicht zu sehen war, wandten die Krieger direkt vor Mythor und seinen sieben Freunden die Köpfe, hielten ihre Pferde an und galoppierten plötzlich in breiter Front auf das Waldende zu. Gapolo rief unterdrückt von hinten: »Sie haben uns entdeckt.« Noch einhundertfünfzig Schritt trennten die Linie der Reiter von den Ankömmlingen. Engor stieß aufgeregt hervor: »Ihre Wimpel zeigen, daß sie zu Corian gehören.« »Wir haben nichts anderes erwartet«, rief Buruna. »Aber sie werden uns zu etwas zwingen, was wir nicht wollten.« »Zweifellos!« stimmte Jesson zu. Die Krieger Corians bildeten zunächst eine lang auseinandergezogene Reihe. Sie spornten ihre Pferde und galoppierten scharf auf die acht Reiter zu, wobei sich die beiden Enden der Linie nach vorn krümmten und eine Zangenbewegung einleiteten. Noch schienen sie die Fremden als mögliche Feinde anzusehen. Aber in der Mitte der breiten Linie sammelten sich um Mythor herum die anderen Reiter und hielten an. Sie warteten und zeigten durch die erhobenen Arme an, daß sie keine Gegner waren. Ein Anführer ritt scharf auf sie zu, parierte sein Pferd vor 34
Mythor und Gapolo durch und stieß heiser hervor: »Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Wo liegt euer Ziel?« Gapolo gab nicht sofort Antwort. Die Männer hinter dem Anführer waren nervös und hielten die Hände an den Griffen der Waffen. Mythor rief: »Ihr seid ugalische Krieger? Wir sind Freunde von Graf Corian!« »Und warum seid ihr nicht bei ihm auf dem Eulenberg?« Mythor und Gapolo versuchten dem Anführer laut zu erklären, warum sie hier und nirgendwo anders waren. Nachdem sie es geschafft hatten, das erste Mißtrauen der Krieger zu zerstreuen, sagte der Anführer schroff: »Ich habe dich nie gesehen, Mythor. Aber deinen Namen kenne ich. Jeder weiß, daß du ein schwarzes Einhorn reitest! Du mußt mit uns zum Eulenberg kommen. Corian entscheidet, wer an welcher Front kämpfen wird.« »Wir sträuben uns nicht dagegen«, schränkte Mythor ein. »Dann kommt mit!« begehrte der Anführer. »Wir sind auf dem Weg zum Eulenberg. Dort hat Graf Corian sein Hauptquartier eingerichtet.« Es war sinnlos, einen Ausbruchsversuch wagen zu wollen. Die Anzahl der Krieger war zu groß, als daß eine Flucht auch nur die geringste Chance gehabt hätte. »Kommt mit uns!« forderte sie der Anführer erneut auf und wußte, daß seine Leute seiner Aufforderung Nachdruck verleihen konnten. Lamir flüsterte erschrocken: »Graf Corian! Er wird mich vierteilen lassen! Seine Töchter… Valida… sie hat ihm sicher alles gesagt.« »Unfug!« brummte Mythor. Der Anführer winkte und deutete zur Spitze des Heerwurms, der im Wald verschwand. Er riß sein Pferd herum und rief: »Folgt mir zum Eulenberg! Es ist nicht weit. Vor Anbruch 35
der Nacht sind wir dort.« Mythor blickte seine Freunde schweigend an. Sie begriffen, was er ihnen wortlos sagen wollte. Sie folgten widerwillig und wichen der Gewalt. Vermutlich würde Corian mehr als erstaunt sein, sie so bald wiederzusehen. Der Eulenberg schien etwa in halber Entfernung zwischen ihrem jetzigen Standort und dem Fluß Lorana zu liegen, nicht weit entfernt von Darain. * Hinter langgezogenen Wolken versank die Sonne. Sie zeigte sich als riesengroße, flachgedrückte Scheibe von blutroter Farbe. Ihr Licht übergoß die Landschaft mit einem gespenstisch gefärbten Licht. Der Eulenberg stellte sich als runde Hügelkuppe dar, nicht sonderlich hoch, gekrönt von den Ruinen uralter Türme und halb zerfallenen Steinen einer alten Kultstätte. Rund um den Hügel befanden sich Zelte und Fahnenmasten. Es waren wohl hundert Feuer, die überall brannten. Pferde weideten in großen Herden inmitten der Pferche. Ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Überall waren Krieger zu sehen. Das Land unterhalb des Hügels summte förmlich vor Geschäftigkeit. Einzelne Gruppen fochten Scheinkämpfe gegeneinander aus. In den Ohren der Ankömmlinge waren das unablässige Klirren von Schwertern und die aufgeregten Schreie der Kämpfenden. Ein stechender Geruch nach Schweiß und den Ausdünstungen der Tiere erfüllte die träge Luft des Abends. Riesige Bäume mit kahlen Ästen, die sich wie verdorrte Knochenfinger gegen den feuerroten Himmel reckten, umgaben die Ruinen der Eulenberg-Bauwerke. Neun Zehntel der Reiter verteilten sich zu den einzelnen Zelten und Feldzeichen, ehe 36
sie den Fuß des Hügels erreichten. Lamir von der Lerchenkehle stieß hervor: »Leichenfresser! Überall sind die schwarzen Vrod-Krähen!« Tatsächlich kreisten Schwärme von Krähen über den gezackten schwarzen Mauern und Turmstümpfen. Und auf jedem Ast der Bäume hockten sie schwarz und schweigend nebeneinander, Tausende dieser gräßlichen Aasvögel. »Es sind Werkzeuge des Bösen!« brummte Cesano. »Noch haben sie uns nicht angegriffen!« schränkte Jesson ein. »Trotzdem. Welch ein unappetitlicher Eindruck.« Ein Teil der Reiter stob in hartem Galopp den Hügel aufwärts und sprang vor der ersten Barriere aus den Sätteln. Mythor und seine Freunde stiegen ebenfalls ab, aber sie übergaben die Zügel ihrer Tiere dem jungen Barden, der sich aus gutem Grund zu verstecken versuchte. Die Ruinen, durch Fackeln, Feuer, Lampen und Kerzen halbwegs erhellt, waren das Zentrum einer auffallenden Betriebsamkeit. Hölzerne Abdeckungen waren aufgeschlagen worden. Leinen, Speere und Segeltuch bildeten zeltartige Dächer. Glattgehobelte Scheunentore, auf Böcke und Steinquadern aufgestellt, wurden als Tische benutzt. Pergamentene Karten, deren Enden mit Steinen beschwert oder mit Dolchen im Holz festgehalten wurden, breiteten sich aus. Über andere Quader hatte man Felle und Decken geworfen. Anführer kamen und gingen, schnarrten Meldungen und rannten den Hügel wieder abwärts. Schnauzbärtige Krieger schleppten Krüge und Becher hin und her. Es roch durchdringend nach stark gewürztem, heißem Rotwein. Ein Krähenschwarm taumelte in wirren Kurven über der Kante eines halb zusammengestürzten Turmes hin und her. Hinter einer Palisadenwand lachte kreischend eine junge Frau. Ein kräftiger Fluch erscholl aus einer anderen Ecke. 37
Graf Corian saß hinter einem Tisch. Dicke schwarze Felle bedeckten seinen Feldstuhl. Rechts und links von ihm standen schwere eiserne Becken voller dunkelroter Holzkohlen, die durchdringende Hitze verbreiteten. In der Hand hielt Corian einen mächtigen Becher, halb gefüllt mit dem heißen Würzwein. Seine Augen weiteten sich, sein Mund stand offen, als er Mythor und Gapolo entdeckte. Er sprang auf und verschüttete Wein auf das Pergament. Sein wehender Mantel brachte die Flammen der Kerzen zum Flackern. »Du, Mythor?« rief er verwundert aus. »Kein anderer«, bestätigte Mythor. »Meine Freunde und ich. Deine Leute bestanden darauf, uns herzubringen.« Heerführer und Abgesandte aller Völker im weiten Umkreis waren gekommen und gegangen. Auch jetzt umstanden mindestens zwei Dutzend Männer den Tisch. Man sah ihnen auf den ersten Blick an, daß sie zum Kampf entschlossen waren. Jeder von ihnen war der Anführer von Hunderten oder Tausenden von Kriegern. »Woher kommt ihr?« begehrte Corian zu wissen. Sein Gesichtsausdruck ließ erkennen, daß er nicht nur überrascht, sondern auch betroffen oder wütend war. »Wir waren auf dem Weg zum Hochmoor«, sagte Gapolo. Corian warf ihm einen durchdringenden Blick zu. Es war, als sehe er ihn zum erstenmal in seinem Leben. Langsam und fassungslos schüttelte Graf Corian den Kopf. »Zum Hochmoor?« »So ist es«, sagte Mythor. »Wir versuchten, das Land und die Bedingungen zu erkunden, die uns erwarten, bevor uns deine Krieger anhielten und mitnahmen.« »Du… ihr… wolltet der Schlacht aus dem Wege gehen, wie?« Alle anderen Anwesenden, die auf Quadern saßen oder die Landkarten umstanden, warteten schweigend den Ausgang 38
dieses Gesprächs ab. Gapolo trat vor. Corian kannte ihn als ehrlichen und stolzen Mann, der zu seinem Wort stand. Mit der Faust im eisernen Kettenhandschuh schlug ze Chianez gegen seinen Brustpanzer und sagte hart: »Nein, Graf Corian! Wir wollten einen Weg finden, der uns allen hilft. Wir wollten wie gute Späher die Möglichkeiten erkunden, die das Hochmoor den Kriegern der Lichtwelt bietet. Du weißt, daß ein Heer von salamitischen Kriegern, mehr als achttausend Männer, hierher unterwegs ist? Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, daß wir in keine Falle laufen und keine Überraschungen erleben.« Corians Gesichtsausdruck verlor etwas von seiner Schärfe. In versöhnlicherem Ton sagte er: »Ihr könnt nicht so handeln, als wärt ihr allein auf der Welt. Natürlich weiß ich, daß ihr auf unserer Seite kämpfen werdet. Aber ihr müßt euch wie alle meiner Befehlsgewalt unterordnen!« Mythor hob die Hand und bekräftigte in festem Ton: »Gut. Also denn: Wie können wir dir helfen?« Seine Enttäuschung, nicht mehr länger unabhängig zu sein, war nicht sonderlich groß. Während der letzten Stunden hatte er sich an diese Gedanken und Überlegungen gewöhnen können. Schweigend und voller Spannung wohnten die Heerführer und Späher, die Abgeordneten und Abgesandten der Auseinandersetzung bei. »Überschreitet die Yarl-Linie!« sagte Corian. Gapolo und Mythor blickten sich überrascht an. Corian fuhr scheinbar ungerührt fort: »Kundschaftet aus, wie die Lage bei den Caer am Vorabend der schweren Auseinandersetzung ist!« »Du weißt also im Grunde nichts über die Caer, ihre Kampfstärke und ihre Pläne. Ist es so?« fragte Gapolo. Corian nickte mehrmals. »Du hast recht, ze Chianez!« 39
Ein schwarzhaariger Mann, breitschultrig und in rostiges Eisen gekleidet, stand schräg hinter Corian. Zum erstenmal öffnete er seinen Mund, um zu sagen: »Es gibt Gerüchte. Der Großteil des Caer-Heeres soll bei den Städten gebunden sein.« »Also bei Darain, Akinlay und Aspira?« schaltete sich Cesano ein. »Das sagt man. Aber nichts ist gewiß«, antwortete der Riese und zupfte an den Enden seines Schnurrbarts. »Das würde bedeuten«, sagte Mythor nach kurzem Überlegen, »daß wir beim Hochmoor von Dhuannin nur auf geringen Widerstand stoßen würden?« Corian lachte kurz und voller Sarkasmus. »Wenn es stimmt, Mythor. Allerdings gibt es Gerüchte, und auch diese sind nicht von der Hand zu weisen, daß es jenseits der Yarl-Linie von diesen verdammten Caer-Priestern nur so wimmelt. Auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist, stimmt es mich mehr als nachdenklich. Deswegen sollst du mit einigen wenigen Mutigen dorthin aufbrechen und uns Gewißheit bringen.« Hinter dem breitschultrigen Heerführer stand ein dünner Mann in roter Kleidung. Er flüsterte: »Es wird sich Unheimliches dort tun!« Er war einer der vielen Magier, mit denen sich der abergläubische Graf umgab. Mythor zog die Schultern hoch und wartete darauf, daß Corian weitersprach. »Ich will genau wissen, was hinter der Linie, jenseits des Flusses und am Hochmoor vor sich geht!« sagte Corian entschlossen. »Wir müssen es wissen! Wie sollten wir uns vorbereiten, wenn wir kein klares Bild haben?« »Du hast keine Kundschafter ausgeschickt?« wollte Gapolo wissen. »Viele sind ausgeschickt worden!« sagte Corian wütend. »Bisher ist nicht einer zurückgekommen.« »Die Priester haben sie gefangen und dämonisiert!« rief der 40
Magier beschwörend. Gapolo machte eine wegwerfende Handbewegung, aber er schwieg. »Finde du heraus, Mythor«, sagte Corian ernst, »was dort geschieht.« Mythor nickte. Ze Chianez kündigte spontan an: »Ich komme mit dir!« »Auch gut«, brummte der Graf. »Vier Augen sehen mehr als zwei.« Gapolo sagte leise zu Mythor: »Ich werde meine vier Begleiter dem Heer entgegenschicken. Sie können die Krieger in meinem Namen ins Kampfgebiet führen. Ich stoße dann zu ihnen, wenn wir unseren Auftrag erledigt haben.« Irgendwo außerhalb der feuchten, dunklen Mauern entstand Aufregung. Männer sprangen zur Seite, laute Stimmen ertönten. Dann schleppten zwei Krieger einen Mann heran und trugen ihn die letzten Schritte bis zu einem Sessel direkt vor Corians Tisch. Als die Umstehenden den Ankömmling genau sahen, erschraken sie. Er war von Helm bis zu den Stiefeln von dicken Schmutzspritzern bedeckt. Überall waren die Kleidungsstücke von geronnenem Blut getränkt. Blut sickerte auch unter den Platten der zerbeulten Rüstung hervor. Das Gesicht des Spähers, der röchelnd Luft holte und gierig den Wein aus einem Becher trank, war verfallen. Er stieß gurgelnd hervor: »… konnte mich durchschlagen… Es ist furchtbar, Graf Corian… hinter der Yarl-Linie… mehr Priester als Krieger.« Die Hälfte des tiefroten, dampfenden Weines lief über seinen Brustharnisch und auf die Knie, die vor Schwäche zitterten. »Woher kommst du?« fragte Corian den schwerverletzten Kurier. »Von Elvinon… sind mehr als fünftausend Widerstands41
kämpfer dort.« Der Späher schwieg und griff mit zitternden Fingern nach dem Becher, den man ihm hinhielt. Mythor erkannte, daß der Mann zu Tode verwundet war. Trotzdem sprach er, stockend und von tiefem Stöhnen unterbrochen, weiter. »Die Widerstandskämpfer… sie warten auf Herzog Krude. Er soll der Gefangenschaft der Caer entronnen sein, sagen sie. Sie warten, daß er sein Volk in den letzten Kampf führt. Es tut sich Unheimliches hinter der Yarl-Linie… viele Priester, wenige Krieger…« Er ließ den Becher fallen, griff mit beiden Händen an seinen Hals. Dann hustete er lange und qualvoll. Er stieß einen Schrei aus, versuchte sich an dem Tischbrett festzuhalten und zerrte, als er sterbend umfiel, die Karten von der Platte. Graf Corian sprang auf und versuchte den Kurier zu stützen. Es war zu spät. Ein letztes Zucken durchlief den verkrampften Körper. »Er ist tot«, sagte der Mann im rostigen Harnisch und richtete sich wieder auf. Corian starrte schweigend Mythor in die Augen. Dann wandte er sich ab und sagte mit hohler Stimme: »Tot. Wieder ein Späher, den sie umgebracht haben. Fünftausend Krieger bei Elvinon warten auf Krude. Mythor! Du mußt auskundschaften, wie es in Wahrheit um das alles steht. Nur du kannst es schaffen!« Gapolo knurrte: »Ich sage meinen Freunden, was zu tun ist. Morgen bei Sonnenaufgang brechen wir alle auf, ja?« Er und Gapolo, Buruna und der krächzende Barde: die beste Gruppe von Spionen und Kundschaftern, sagte sich Mythor, die Graf Corian finden konnte. »Ja, morgen bei Sonnenaufgang!« stimmte er zu. Sie fanden in einem leeren Winkel der Eulenberg-Ruinen Platz für die Tiere und für sich. Mit Hilfe der Fackeln und ei42
nes Busches, den sie in Flammen setzten, vertrieben sie die Vrod-Krähen. Lamir klimperte leise auf seinem Instrument, während Gapolo seine vier Begleiter genau unterwies. Mythor und Buruna versuchten, mit Hilfe der Sättel, Decken und trockenem Laub einigermaßen bequeme Lagerstätten herzurichten. Raimor und Engor schleppten ein Becken voll glühender Holzkohle heran. Ständig kamen und gingen Melder und Kuriere. Unterhalb des Hügels wurde das Lärmen im Lager der vielen Krieger bis spät nach Mitternacht nicht leiser. Bevor sie einschliefen, verabschiedeten sich die vier salamitischen Krieger von Mythor. Sie drückten in leisen Worten die Hoffnung aus, daß sie zu den Siegern gehören und irgendwann nach der Schlacht wieder Mythor treffen würden. Als Mythor von Buruna geweckt wurde, waren die vier stolzen, kühnen Männer mit den scharfgeschnittenen Gesichtern bereits unterwegs zu ihren Stammesgenossen. Gapolo ze Chianez sagte: »Freund Mythor! Ich weiß, daß wir nur eine Handvoll Männer«, er lächelte Buruna entschuldigend an, »inmitten eines riesigen Heeres sind. Trotzdem sagt mir dieser Ort nicht zu. Verlassen wir ihn so schnell wie nur möglich.« Lamir fütterte die Pferde mit den letzten Resten von Heu und Hafer, die sie von Daren geschenkt bekommen hatten. »Ich fühle dasselbe wie du«, meinte Buruna. »Die Magier um Corian, die vielen polternden Männer in ihren Rüstungen… es ist, als seien sie alle krank, als gehe ein Fieber um.« »Ich verstehe euch«, fügte Mythor hinzu. Hark war nicht in ihrer Nähe, und auch die Krähenschwärme schienen zuviel für Horus zu sein. Er zog nicht wie gewöhnlich im ersten Morgengrauen seine Kreise. »Mir ist nicht anders zumute. He, Lamir, finden sich noch einige Brösel in deinen Satteltaschen?« »Es wird gerade für uns vier reichen!« sagte der junge Mann 43
und nickte eifrig. »Ich bringe es euch sofort.« Er schwatzte einem Diener Graf Corians auch einen Krug Würzwein ab. Sie aßen und tranken in Eile. Als sich im Osten ein breiter, schwefliggelber Streifen Licht abzeichnete, saßen sie auf und ritten nach Südwest, dem Fluß Lorana entgegen. Sie waren froh, den Eulenberg hinter sich zu wissen. * Das leichte und trügerische Gefühl der Trunkenheit – der heiße, starke Wein hatte sie zuversichtlich gestimmt – ließ nach. Buruna zügelte ihr Pferd und wartete darauf, daß Gapolo und Mythor aufholten. »Irgendwo vor uns ist der Fluß. Dort. Hinter dem Wall«, sagte sie und zeigte auf einen langgezogenen Hügel, der mit schwärzlichen Nadelgewächsen bestanden war. »Du bist noch immer der Meinung, daß die Schlacht im Hochmoor nicht geschlagen werden sollte?« Ferner Lärm war zu hören, es schienen menschliche Stimmen zu sein. Der Bitterwolf stand witternd da. Von Horus war jetzt nichts zu sehen. Pandor kam neben Burunas Pferd zum Stehen und warf den Kopf mit dem langen Horn wiehernd in die Höhe. »Noch immer!« bekräftigte Mythor. Auch er spürte noch ein wenig die Wirkung des Weines, des einzigen Getränks, das die Heerführer und Unterführer auf ihrem Befehlshügel zu sich zu nehmen schienen. »Vielleicht finden wir etwas heraus. Damit könnten wir Corian möglicherweise umstimmen. Sehen wir weiter… Ich rieche Flußwasser.« »Ich höre Stimmen«, meinte Buruna. »Dort muß der Fluß sein.« »Gleich werden wir ihn sehen«, bestätigte Gapolo. »Jedenfalls stimmt die Richtung. Die Lorana läuft von Ost nach West 44
und führt an Elvinon vorbei. Weiter, Freunde.« Dreimal hatten sie bisher mittelgroße Heeresteile getroffen, sich rasch mit den Anführern verständigt und ihnen aufgetragen, Graf Corian zu berichten. Aber keiner der Männer, die in ein undurchschaubares Abenteuer zogen, hatte etwas von den Caer-Priestern oder anderen Merkwürdigkeiten gesehen oder gehört. Die vier Reiter galoppierten über ein Stück flaches Land, den Hang des Hügels zwischen dichter stehenden Bäumen hinauf und standen dann übergangslos auf dem Kamm des Ufers. Hier war die Lorana nicht breiter als einen knappen Bogenschuß. Mythor beugte sich überrascht nach vorn, als er die Wasseroberfläche in größerer Länge sehen konnte, dann lachte er kurz auf. »Betrunkene Ugalier auf Flößen. Sie singen Kampflieder.« »Du hast recht«, rief Gapolo neben ihm aus. »Es tut wohl, fröhliche Kämpfer zu sehen und vor allem zu hören!« Etwa hundert Schritt unter ihnen trieben hastig und grob zusammengefügte Flöße nach rechts. Die Strömung des Flusses war kräftig, aber nicht reißend schnell. Auf den Holzstämmen saßen, lagen und kauerten Männer in allen Stadien der Bewaffnung. Einige schienen zu schlafen, andere grölten Lieder, in denen die Worte »Kampf, Sieg, Schwerter, Blut und Rache« immer wieder, gereimt oder nicht, vorkamen. Andere Männer stachen mit Speeren ins Wasser und zogen tatsächlich den einen oder anderen Fisch heraus. Wieder andere versuchten, mit langen Paddeln die Flöße in einer bestimmten Richtung zu halten. Der Klang der Lieder aus rauhen Kehlen schallte durch die Bäume und machte die Reittiere unruhig. Schläuche voller Wein gingen auf den Flößen von Mund zu Mund. Die Stimmung war geradezu ausgelassen, obwohl vom Wasser leichter Nebel aufstieg. Es mußte bitter kalt dicht über der Wasseroberfläche sein. 45
Buruna sagte, halb staunend und halb unsicher: »Ihr habt recht. Der Kleidung und den Rüstungen nach sind es Leute aus Ugalien. Sie ziehen tatsächlich in den Kampf und trinken sich Mut an.« Langsam ritten die Kundschafter Graf Corians am rechten Ufer des Flusses neben den Flößen flußabwärts. Immer wieder schoben sich Baumstämme und die Büsche des Uferbewuchses zwischen sie und die Männer auf den dahinschaukelnden Flößen. »Sie singen zu laut. Sie fürchten sich also«, bemerkte zutreffenderweise der Barde. Der Schneefalke erschien plötzlich in der Luft, raste flügelschlagend zwischen den Baumwipfeln hindurch und jagte über den etwa zehn Flößen hin und her. Der Wolf lief einige Schritte vor Mythors Reittier. Einen Augenblick lang dachte Mythor daran, daß sie sich als vier Silhouetten scharf gegen den hellen Himmel abheben mußten, als auch schon einer der halb trunkenen Männer schrie: »Dort oben sind Caer! Zeigt es ihnen, Brüder!« »Wo sind die unfehlbaren Bogenschützen?« grölte ein anderer. Die Echos hallten schaurig zwischen den Ufern. Der Gesang riß bis auf wenige Fetzen ab. »Hier!« Einige Männer, wohl noch einigermaßen nüchtern, zogen Pfeile aus den Köchern und legten sie auf die Sehnen ihrer Bogen. Sie visierten die vier Kundschafter an, konnten sie aber nur undeutlich wahrnehmen, weil sich immer wieder Stämme zwischen die Reiter und den Fluß schoben. Dann pfiffen die ersten Pfeile von den Flößen herauf. Anfeuernde Rufe und Schreie begleiteten jeden Schuß. Die Pfeile heulten durch die Luft und bohrten sich mit trockenem Krachen in Baumstämme, jaulten zwischen den Ästen hindurch und verloren sich irgendwo. 46
Mythor, der angesichts der Betrunkenen keine sonderlich große Angst empfand, wandte sich an Gapolo. »Natürlich ist Pandor bekannt. Ich bin der Einhornreiter. Wir hätten die Tiere bei Corian lassen sollen!« »Wo sie sehr schnell«, bemerkte Gapolo in berechtigtem Spott, »den Besitzer gewechselt hätten, Mythor. Bist du von Sinnen?« »Noch nicht«, scherzte der Krieger und duckte sich unwillkürlich, als ein Pfeil bedrohlich nahe an ihm vorbeiheulte. »Du hast recht. Noch sind wir hier sicherer als an sonst einer Stelle.« Etwa zwei Dutzend Pfeile waren auf die Reiter abgefeuert worden. Inzwischen hatte die Geschwindigkeit der Reiter zugenommen. Sie bewegten sich gleichmäßig schnell und parallel zu den Männern auf den Flößen. Ab und zu schoben sich mächtige Felsbrocken zwischen die Bogenschützen und die Reiter. Aber wenn sich der Wald wieder lichtete, bildeten erneut Mythor und sein pechschwarzes Einhorn die Zielscheibe für die übermütigen Schützen. »Kampflieder singen sie!« entsetzte sich Lamir. »Ist es vorstellbar, daß die Floßfahrt zum Kampfplatz sie fröhlich macht?« »Es wird der reichlich getrunkene Wein gewesen sein«, schwächte Mythor ab. Der Fluß machte jetzt eine weite Schleife. Die Ufer wurden flacher, und die vier Reiter folgten dem Bitterwolf. Er trabte geradeaus auf einen langen, gewundenen Waldstreifen zu. Die Gewächse schienen das Ufer eines Baches zu kennzeichnen. Ein letzter Pfeil flog in hohem Bogen zwischen den Baumwipfeln hindurch und bohrte sich matt in eine Ackerfurche. Buruna setzte sich im Sattel zurecht und rief: »Es wird leichter sein, den Bach zu durchqueren als die Lorana.« Hinter den dürren Zweigen der Bäume sahen die Reiter 47
Wasser aufblinken und undeutlich die Umrisse und Wände eines Hauses. Sie galoppierten bis an den erhöhten Rand des Zuflusses, wichen nach rechts aus und erblickten auf der rechten Uferseite der Lorana, aber jenseits des seichten Baches, tatsächlich ein Haus. »Es scheint eine Mühle zu sein!« stellte Mythor fest. »Vielleicht bekommen wir eine warme Mahlzeit.« In der Lorana drehten sich zwei mächtige Mühlräder. Das Wasser des Baches, der durch ein hölzernes Wehr aufgestaut war, trieb ein drittes unterschlächtiges Wasserrad an. Auf ein Zeichen Gapolos trieben die Freunde ihre Pferde durch den Bach. Das Wasser reichte den Tieren an dieser Stelle nicht einmal bis an den Bauch. Auf dem gegenüberliegenden Ufer brachte sie ein Pfad bis knapp an das auffallend lang gebaute Holzhaus. »Das Haus wirkt auf mich wie ein gestrandetes Schiff«, murmelte Mythor. »Ich kann erkennen, daß auch die Planken und Bretter mit Harz oder Pech versiegelt sind wie bei einem Schiff oder Boot«, stimmte Buruna zu. »Sehen wir doch nach!« »Nur zu.« Gapolo sprang aus dem Sattel, packte sein Pferd am Zügel und führte es auf eine Art große Kanzel zu. Auch dieser Vorsprung war ungewöhnlich und wirkte nicht wie die Verzierung eines Gebäudes. Eine breite Planke führte schräg aufwärts. »Dort treiben sie vorbei, unsere singenden und bogenschießenden Freunde«, sagte Lamir und deutete an der Hausecke vorbei auf den schnell dahinströmenden Fluß. Die Flöße schossen vorbei, ohne ihre Richtung zu ändern. Diesmal beschossen die Ugalier die Mühlenräder mit den Pfeilen und freuten sich über jeden Treffer, als ob sie einen Caer-Priester gespickt hätten. 48
Die Mühle entpuppte sich aus der Nähe als ein riesiges Langhaus. Es stand auf dicken Bohlen, die ihrerseits wieder auf wuchtigen Steinquadern ruhten. Die Wände wölbten sich teilweise wie die einer Barke nach außen. Überall sickerte Pech durch die Planken. Im Inneren dieser merkwürdigen Konstruktion ertönte ein andauerndes Rumpeln und Knacken, Knistern und Surren, das plötzlich lauter wurde, als sich die Tür vor Gapolo öffnete. »Wer seid ihr?« fragte ein alter Mann, der sich mit der linken Hand am Holzrahmen festhielt. Er blickte an Gapolo vorbei, und als sich der Salamiter umdrehte, erkannte er, daß der Alte seine Augen auf einen Punkt richtete, an dem keiner der anderen Reiter stand. »Wir sind vier friedliche Reiter. Aber wo sind wir hier in Wirklichkeit? Deine Mühle sieht aus wie ein Schiff, das auf der Lorana gestrandet ist.« »Ich bin Vercin, der blinde Mautner«, sagte der Alte mit seltsam flacher Stimme. »Ich nehme Maut von jeder Welle. Braucht ihr meine Hilfe?« Mythor rief von hinten: »Vielleicht eine Mahlzeit? Und ich möchte mein Tier in deine Obhut geben!« »Kommt näher! Hier herein; es wird für euch keine Heldentat sein, einen blinden Greis zu erschlagen und die Mühle zu plündern.« Buruna antwortete mit weicher Stimme: »Wir plündern nicht. Meine Kameraden und ich reiten zum Hochmoor. Wir wollen deine Wasserräder nicht anhalten.« »Meine Mühlen mahlen langsam«, sagte der Alte und gab den Weg frei, ohne die Wand und das Geländer loszulassen, »aber kommt nur näher. Lorana wird euch führen.« Sie stiegen ab und führten Pandor und die Pferde die Schrägfläche hinauf. Der Schneefalke ließ sich auf dem Giebel des Mühlenschiffs nieder, der Wolf blieb wachsam am Ufer 49
des Baches. Was hatte er gesagt? »Lorana wird euch führen.« Der Fluß? »Eine merkwürdige Umgebung«, brummte Lamir. »Ich werde die Szenerie durch ein paar muntere Lieder auflockern.« Gapolo antwortete in grimmigem Spott: »Wir sollten unser Gastrecht nicht zu sehr strapazieren. Warte, Lamir, bis der alte Mann deine Lerchenstimme zu hören begehrt.« Beleidigt senkte Lamir den Kopf. Aber seine Augen leuchteten auf, als er ein blutjunges Mädchen aus der Dämmerung der überraschend leeren Räume auftauchen sah. Sie musterte die Reiter und sagte dann: »Vercin ist blind. Ich bin seine Augen. Beschädigt nichts! Es ist sein Lebenswerk.« Die schräge Rampe führte in eine würfelförmige Kanzel und von dort durch einen breiten Korridor in den flußabwärts gelegenen Bereich der Mühle. Hier kam durch schmale Schlitze unter der pechgetränkten Holzdecke das Tageslicht und zeigte Ställe und abgeteilte Käfige in allen Größen. Lautlos war Vercin herangekommen, hielt sich an einem Stück Geländer fest und sagte: »Mein Lebenswerk ist die Mühle. Das Böse wird das Übergewicht erringen. Die Schattenzone breitet sich täglich mehr und mehr aus. Dann wird das Große Schaurige Horn ertönen. Meere und Flüsse treten über ihre Ufer. Ich bin gerüstet.« »Ich verstehe«, sagte Mythor langsam und dachte daran, daß die Beobachtungen plötzlich einen Sinn bekamen. Die Ställe und Käfige der Mühlenarche waren fast alle leer, aber rund um die Mühle hatten die Reiter auffallend viele Tiere gesehen. »Und dann wirst du dich retten können, Vercin.« »Meine Mühlen mahlen langsam, aber seit ich Lorana aus dem Fluß gezogen habe, ist viel Leben in der Arche. Ich spüre, daß das Reittier des Mannes, der eben spricht, etwas ganz Besonderes ist.« Das Mädchen Lorana sagte halblaut: »Es ist ein schwarzes 50
Einhorn, Vercin. Es sieht dich an.« »Ich fühle es. Wollt ihr einen Imbiß mit uns nehmen? Es ist spät nach Mittag«, fragte der Alte. Er schien auf gutartige Weise ein wenig wirr im Kopf zu sein, aber seine Fähigkeit, irgendwie auf Tiere zu wirken, war offenbar geworden. »Ja, gern!« antwortete Buruna und warf Lorana einen Blick voller Eifersucht zu. »Dann laßt eure Tiere hier und kommt mit uns!« Trotz der fast unheimlichen Geräusche, die aus dem unteren Teil der Mühlenarche kamen, blieben die drei Pferde und Pandor ruhig. Vercin drängte sich zwischen sie, murmelte beschwichtigend und streichelte ihr Fell. Pandor ließ es sich gefallen, als der Alte immer wieder über das Horn strich und rätselhafte Bemerkungen machte. Die Reiter hoben die Packtaschen von den Sätteln und folgten Lorana und Vercin, der sich an der Schulter des Mädchens festhielt und führen ließ. »Meine Mühlen drehen sich so lange, wie die Lichtwelt besteht!« sagte Vercin übergangslos. »Auch wenn sie in Bedrängnis gerät.« »Was in kurzer Zeit der Fall sein wird«, bekräftigte Mythor, »denn wir sind Kundschafter für das große Heer gegen die Caer und deren Priester.« In der eindringlichen Art eines eifernden Propheten fuhr der Blinde fort, beängstigende Dinge zu sagen. »Zu mir kommt nächtens El Saut, das ist die Stimme«, verkündete er, und das Echo seiner schauerlichen Visionen wurde vom Holz eines verwinkelten Ganges verschluckt. »Sie sagt mir alles, was ich wissen muß. Eines Tages ertönt das Horn, dann wird das Meer zu Land, und das Land hebt sich aus dem Wasser. Dann hole ich meine Tiere in die Käfige; willig werden sie mir folgen. Ich und meine Ziehtochter bleiben allein übrig, mit all den gehorsamen Tieren. Wer ist dieser Mann, der auf dem Rücken des Einhorns reitet?« 51
»Das bin ich«, sagte der Angesprochene. »Mein Name ist Mythor.« »Es wartet Bier auf euch. Wundert ihr euch nicht, daß es in der Mühlenarche Bier gibt? Nein? Aber ich heile die Tiere der Bauern, und dafür bringen sie mir von weit her Essen und Bier, Wein und Gemüse.« Buruna, Gapolo und Mythor sahen sich lange an. Ihre Gesichter drückten Einverständnis aus. Vercin war harmlos, aber alles, was er trotz seiner Blindheit hier geschaffen hatte, ergab in seinem skurrilen Universum einen Sinn. Der Mautner, der Maut vom Wasser verlangte, El Saut, die Stimme, die langsam mahlenden Mühlen, der besessene Bau dieser Arche, irgendwelche Visionen und die Erzählungen der Bauern, dies alles ergab sein Bild der Wirklichkeit. In dieses Bild paßten sogar die geräuschvollen Tiere in dem Dreieck zwischen den Wasserläufen. Die Fremden wurden in einer vergleichsweise winzigen Stube an den Tisch gebeten. Neben ihren Köpfen befand sich in der Außenwand ein schmaler, aber über zwei Wände laufender Schlitz, der einen hervorragend abgeschirmten Blick über den Fluß Lorana und den Bach mit dem Stauwehr gestattete. Bäume und Büsche und Uferböschung begrenzten das Blickfeld. Als habe Vercin die Gedanken der Fremden erraten, begann er wieder: »Ihr müßt wissen, ich war nicht immer blind. Als ich Lorana aus dem Fluß fischte, hatte ich noch mein Augenlicht. Nun ist mein Tag dunkler als eure Nacht. Dankt der Lichtwelt, daß ihr die Dinge so erkennt, wie sie sind. Lorana, beste Ziehtochter, holst du uns etwas zum Essen und ein paar Becher dunkles, schäumendes Bier? Wir haben nur Platz für Lorana und mich. Aber eben hat mit großer Klarheit El Saut zu mir gesprochen!« Buruna schoß immer wieder blitzende Blicke auf Lorana ab. 52
Diese lächelte freundlich und fröhlich zurück und ahnte nichts von den schwarzen Empfindungen der Eifersucht, die in der dunkelhäutigen Schönheit tobten. »Was sagt die Stimme?« fragte Lamir und strich mit der Hand über die Saiten der Laute. Ein überraschend wohlklingender Akkord unterbrach das Hämmern, Rauschen und Klappern der unsichtbaren Geräte. »Zwei Dinge sagt sie«, sagte der Blinde. Er hatte einen runden Kopf mit wenig Haupthaar und einem kantigen Bart. Die Haut war braun und wettergegerbt. Die Augen wirkten wie die eines Sehenden und lagen in einem Netz tiefer Falten. Nur der ständig abirrende Blick ließ erkennen, daß der Alte wirklich blind war. Andere Sinne und Empfindungen aber hatten sich seit dem Verlust des Augenlichts geschärft. »Ja? Wir sind gespannt!« meinte Gapolo nervös und entsicherte die Armbrust, als das Mädchen lächelnd die vollen Becher abstellte. »Dieser Mythor, der Einhornreiter, hat noch andere magische Tiere. Ein räuberischer Wolf bringt Unruhe in meine Zöglinge dort draußen. Und auch ein Falke oder Adler kreist über dem Dach der Mühlenarche.« »Stimmt. Mir stehen Hark, der Bitterwolf, und Horus, der Schneefalke, zur Seite«, gab Mythor zu. »Aber es sind kräftige, schnelle Tiere, keine Fabelwesen. Vermutlich reißt der Wolf einen deiner Hasen, und Horus macht sich über Mäuse oder junge Enten her.« »Ich habe genug davon«, sagte Vercin mit wegwerfender Handbewegung. »Aber du, Mythor, würdest mit Lorana ein gutes Gespann abgeben. Ihr beide! Du, der Stammvater von Menschen, die sich nach der Flut über die Welt ausbreiten und das Land besiedeln, das nicht mehr in Schattenzone und Lichtwelt geteilt ist. Sieh dir Lorana an! Ihre Hüften sind noch schmal, und doch wird sie dir viele Söhne gebären!« 53
Mythor legte eine Hand auf Burunas Arm und drückte ihn auf die Tischplatte. Die Finger der Frau spielten mit dem Messer. Ihr Gesicht drückte aus, daß sie Mythor bereits als Vater vieler Söhne in dieser Arche sah. »Ich werde ihr die Augen…«, flüsterte Buruna zischend. Mythor unterbrach sie: »Du wirst gar nichts! Vercin, Mautner des Flusses, ich glaube, ich passe nicht in deinen Plan. Lorana ist noch ein Kind. Und ich reite sofort weiter, weil ich für die Heere der Lichtwelt kundschaften muß.« »Ihre Eltern, die keiner kennt, haben sie ertränken wollen«, sagte Vercin unbeirrbar und versuchte seine Augen auf Mythor zu richten. »Du wirst dich entscheiden, wenn du die Räder und die sich drehenden Gestalten siehst!« »Dürfen wir das Einhorn hierlassen?« fragte Lamir. »Und es gegen ein gutes Pferd eintauschen?« fügte Mythor hinzu. Der Alte kicherte. »Auch der Wolf und der Raubvogel werden sich hier wohl fühlen. Euch sind die Tiere hinderlich beim Kundschaften?« »So ist es.« »Weil nämlich«, stieß Vercin hervor, als das Mädchen mit einem Brett voller lecker aussehender Speisen hereinkam, »Mythor zurückkommen wird wegen der Tiere, habe ich diese seltsamen Tiere gern in meinen Stallungen. Sie sind ein willkommenes Pfand.« »Ich habe nur das Einhorn gesehen«, sagte Lorana. Buruna wurde unsicher, als sie sah, daß Lorana gleichermaßen Gapolo und Lamir ihr Lächeln schenkte. Abermals versuchte Mythor sie zu beruhigen, indem er sagte: »Dein Bier ist kalt und gut, Vercin. Aber schlage dir die Idee aus dem Kopf, mich mit Lorana zusammenzubringen.« Der Blinde winkte ab. Er hatte breite Hände mit kurzen, ungewöhnlich kräftigen Fingern. Dicke Hornhaut bedeckte die 54
Ballen des Handtellers. »Was heute nicht geht, wird sich später zusammenfügen. Wenn wir drei die letzten Überlebenden sind, Mythor… Glaub mir!« »Es fällt mir schwer.« »Geh ruhig deinem Vorhaben nach und komm zurück! Deine Tiere sind gut aufgehoben. In einem Gatter habe ich drei Pferde. Ich weiß, daß es gute Tiere sind. Nimm dir eines von ihnen!« »Danke«, antwortete Mythor und kaute mit vollen Backen. Unablässig rauschte der Fluß vorbei. Ununterbrochen drehten sich die drei Wasserräder um ihre Achsen aus wuchtigen Balken. Die Enden der Holzgestelle liefen in bronzene Achsen aus, deren Lager vor Fett troffen. Die Achsen verschwanden durch eckige Löcher an drei Stellen im Gebäude, so daß das Langhaus aussah wie ein Schiff, das durch drei sich drehende Wasserräder angetrieben wurde. Die Reiter aßen sich satt und bekamen noch einen Becher Bier. Dann sprang der Alte auf, klammerte sich am Geländer fest und winkte den Fremden. »Ich zeige euch die Räder der Ewigkeit«, sagte er und humpelte hinaus. Neugierig sahen die Kundschafter zu, wie er eine Tür aufriß. Augenblicklich drang der Lärm in den hölzernen Korridor heraus. Das Licht in diesem Raum kam aus einer Doppelreihe kleiner Dachgauben. Eine atemberaubende Konstruktion bewegte sich im Inneren eines Raumes, der fast so lang und breit war wie die Arche. Drei riesige Doppelräder drehten sich. Zwischen ihren hölzernen Felgen befanden sich Stäbe, in die viele andere Stäbe von anderen, kleineren Rädern eingriffen. Um eine Achse gekippt, drehten sich wiederum andere, kleinere und größere Räder, deren Zähne in die Speichen anderer Kreise griffen. Mindestens fünf Dutzend Räder waren es, deren Achsen an allen nur denkbaren Stellen in Boden, Decke und Wände 55
mündeten und sich dort in fettigen Bronzelagern drehten, knarrend schnurrten, in diese oder die entgegengesetzte Richtung. »Es ist geheimnisvoll und mitreißend«, sagte Gapolo, aber nicht einmal Mythor wußte, ob er es ehrlich meinte. »Ich werde davon ganz verwirrt«, bekannte Buruna. »Was soll das, Alter?« »Alles ist in ständiger Drehung«, erläuterte Vercin. »Solange es sich dreht, herrscht die Lichtwelt.« Quer durch die Achsen waren kürzere und längere Stämme getrieben worden. An einigen hingen Steine als Ausgleichsgewichte. An anderen waren geschnitzte und bemalte Gestalten festgemacht oder drehbar gelagert. Sie versinnbildlichten schwarze und weiße Krieger, Tiere und Fabelwesen. Da sie sich senkrecht oder waagrecht im Kreis bewegten und von kleinen Stößeln angehalten oder beschleunigt wurden, sah es so aus, als kämpfe jeder gegen jeden. Ihre Waffen glitten stets haarscharf aneinander vorbei. Die schnell beweglichen Gestalten an den Armen der kleinen Räder zuckten hin und her. Majestätisch langsam drehten sich die schwereren Tiere oder Krieger, die an den langsamer laufenden Teilen der Anlage befestigt waren. Das Sonnenlicht, das in vielen schrägen Bahnen durch die Luken einfiel, ließ die gleichförmigen Bewegungen der Gestalten zu ruckartigen Aktionen werden, wenn die Figuren das Licht kreuzten. »Wie lange hast du gebraucht, dies alles zu ersinnen und zu schaffen?« erkundigte sich Mythor und erschrak über das Maß der Besessenheit dieses Mannes. »Es waren viele Sommer und Winter. Allein an den Figuren schnitzte ich viele Monde. Und das Fällen der Bäume dauerte lange. Aber jetzt drehen sich die Räder wie die Sterne am Himmel.« »Die Räder der Welt!« murmelte Buruna. »Und was ge56
schieht, wenn ein Teil bricht?« »Dann brechen auch andere Teile«, versuchte Lamir zu scherzen, »und wenn alles zerbrochen ist, geht die Lichtwelt unter.« »Nichts kann brechen. Alles ist solide und schwer. Ich kontrolliere jeden Tag die Räder und Zähne!« beschwor ihn Vercin. Eines Tages würde es durch das Dach regnen, dann quoll das Holz an verschiedenen Stellen auf, und die Zerstörung begann schrittweise, sagte sich Mythor. Sicherlich nicht, solange dieser alte Eiferer lebte, denn seine Ohren würden die winzigste Veränderung der Geräusche hören. Und dann würde ihn Lorana, das Flußkind, zum Schaden führen und ihm die Werkzeuge in die Finger drücken. Mit einem leichten Schauder warf Mythor einen letzten Blick auf das kreiselnde und rotierende Universum eines kranken Verstandes und verließ die kleine Plattform. »Wohin gehst du?« wollte der Blinde wissen. »Ich trinke mein Bier aus. Dann gehe ich zu den Pferden auf die Koppel«, entgegnete Mythor. »Wie nanntest du deine Tiere? Bitterwolf und Schneefalke?« »Ja. Hark und Horus.« »Ich werde sie behüten wie meine Augäpfel… nein, besser«, kicherte der Greis. »Ich denke, daß sie mich lieben werden. Ich komme mit, aber du mußt mich führen.« »Sie können gut für sich selbst sorgen«, schwächte Mythor ab und gab Buruna mit dem Kopf ein Zeichen. Sie gingen durch das Holzlabyrinth bis zur Ausstiegskanzel und hinaus vor die Arche. Einerseits war Mythor froh, das auffallende Einhorn in guter Obhut zu wissen, andererseits traute er Vercin nicht sehr. Als Mythor, Buruna und Vercin den Pfad verließen und auf den flußabwärts gelegenen Wald zugingen, mischten sich aber57
mals andere Geräusche in das Plätschern des Wassers und das Rumpeln der geheimnisvollen Räder: dumpfe Schritte, ein chaotisch brummender Gesang und unregelmäßig klatschende Geräusche, ab und zu tiefe, stöhnende Schreie. Zuerst dachten sie, es seien Flöße mit Kriegern. Aber je mehr die drei Personen den Grund des Tales verließen und zum Waldrand hochkletterten, desto deutlicher wurden die beängstigenden Laute. Eine Vogelschar flog aus den Zweigen und zwitscherte aufgeregt. Vercins Kopf fuhr in die Höhe, er lauschte und flüsterte dann: »Unruhe, Angst und Flucht! Noch schärfer als meine sind die Sinne meiner gefiederten Freunde.« Die Geräusche kamen Mythor nur wenige Augenblicke lang unbekannt vor. Dann wußte er genau, von wem sie stammten. »Es sind Bußgänger und Geißler. Leute aus Ugalos, die von der gelben Pest befallen sind.« »Viele? Und jetzt flüchten auch die Hasen und Schlangen!« rief der Blinde anklagend. »Bei Erain!« sagte Mythor. »Du hast recht. Rings um uns flüchten die Tiere.« Rehe und Hasen rotteten sich zusammen und sprangen dann in langen Fluchten oder hakenschlagend davon. Der dumpfe Gesang und das Klatschen der Peitschen wurden lauter. Gleichzeitig merkten Buruna und Mythor, daß über dem Land eine merkwürdige Luft hing. Sie war gleichermaßen warm und feucht, ihre Stimmung drückte nieder und ließ die Herzen schneller schlagen. Aber es war kein Regenwind, der mit dem schwachen Südwind kam. Ein warmer, ungesunder Wind, der viele böse Ahnungen weckte und den Kopf schmerzen ließ. Wieder sprang eine Gruppe rotbrauner Tiere durch das Gestrüpp. Unmittelbar vor den Kundschaftern wieherten grell mehrere Pferde. »Kannst du etwas sehen, Mythor? Woher kommen sie? Sind 58
es viele?« Mythor kletterte auf die Querbalken der Umfriedung und spähte langsam zwischen den Baumstämmen hindurch. Nach einem langen Rundblick sah er die Bußgänger. Sie kamen aus derselben Richtung, in der er sie – oder jedenfalls einen Zug aus der beklagenswerten Stadt – vor Tagen zuletzt gesehen hatte. »Es sind etwa drei Dutzend«, sagte er. »Sie kommen auf die Arche zu.« »Sie sind auf ihre Art gefährlich«, erinnerte ihn Buruna. »Vielleicht solltest du versuchen…« »Ich bin schon auf dem Weg.« Mythor zog das Gläserne Schwert, rannte zum Langhaus zurück und über Steinplatten an den Rand des Dammes. Im selben Augenblick kamen die Bußgänger auf der anderen Seite der schmalen Brücke an, die über das strudelnde und rauschende Wehr führte. Mythor eilte an dem riesigen Wasserrad vorbei, das ihn mit einem Tropfenschauer übersprühte, und blieb drei Schritt vor dem Ende des Steges stehen. »Halt! Nicht weiter!« rief er scharf. Der finstere Gesang der Geißler hörte nicht abrupt auf. Die ausgemergelten Gestalten unter den dunklen Mänteln und Kapuzen prallten gegeneinander, als sie anhielten. Langsam hob der erste Mann in der langen Reihe der schwankenden Elendsfiguren den Kopf und schob mit einer matten Bewegung die schmutzstarrende Kapuze in den Nacken. Ein schmerzlicher Blick traf Mythor. Mythor starrte in das von Schwären bedeckte Gesicht und rief: »Anid Levere! Haltet an!« Die Geißler schienen zu erschöpft, als daß sie sich an eine Auseinandersetzung mit dem dunkelhaarigen Krieger gewagt hätten. »Herr Mythor«, stammelte Anid. Er sah furchtbar aus. An 59
seinem Gesicht war fast nichts Menschenähnliches mehr. Er ließ seine Stricke mit den verkrusteten Knoten sinken und sagte krächzend: »Warum stellst du dich gegen uns?« »Der Wald und das Gebüsch sind voller Tiere. Sie gehören dem Herrn dieser Mühle. Ihr jagt die Tiere in alle Richtungen davon. Macht einen Bogen um die Mühle!« »Wir sind erschöpft!« gab Anid zurück. Hinter ihm schwankte ein Ugalier und kippte zur Seite. Ein anderer Geißler streckte schlaff einen Arm aus und versuchte zu helfen, aber er erhaschte nur den Saum eines Ärmels, der knirschend abriß. Der Geißler schlug schwer in den schlammigen Boden. »Das sehe ich. Würdet ihr euch weniger geißeln, wäret ihr besser bei Kräften«, gab Mythor zurück. »Bei Erain! Krankheit bekämpft man nicht mit Auspeitschung.« »Was sollen wir tun?« »Dasselbe wie bei den Bauern, die euch verbrennen wollten«, rief Mythor durch das Rauschen des Wassers. »Geht dort entlang, durchquert den Bach, und dann bringt euch jemand etwas Essen. Aber hört mit eurem schauerlichen Singen auf.« Anid Levere starrte ihn an, als sei er der einzige, der ihn vor der gelben Pest retten könne. »Das werden wir tun. Du hast uns schon einmal geholfen, Mythor!« »Ich helfe euch auch jetzt, wenn ich kann!« Anid drehte sich schwankend um und rief einige Anordnungen. Die anderen Männer schwiegen und gehorchten langsam, als seien sie halb erstarrt. Die Karawane des Elends setzte sich wieder in Bewegung, diesmal noch langsamer und fast lautlos. Und wieder schaute ihr Mythor kopfschüttelnd und ein wenig ratlos nach. Als er sich umdrehte und zu Vercin und Buruna zurückgehen wollte, merkte er, daß noch mehr Tiere flüchteten. Schwarmweise rasten kreischende Vögel flußabwärts. Aus 60
dem dürren Uferschilf flüchteten weiße und farbige Schwimmvögel. Im Gebüsch krachten splitternde Äste, wenn größere Tiere davonsprangen. Die Pferde in der Koppel keilten aus und wieherten, als ob sie in panischer Furcht wären. Mythor begann zu rennen und sagte atemlos, nachdem er Buruna und Vercin erreicht hatte: »Es sind die Leute aus Ugalos. Wir haben sie schon einmal getroffen. Anid Levere ist ihr Anführer.« Buruna bewies wieder einmal, daß sie schnell denken und richtig handeln konnte. Sie wandte sich an Vercin und sagte ihm, daß er sich mit einigen einfachen Nahrungsmitteln sozusagen freikaufen konnte. »Wie viele sind es?« fragte er verzweifelt, denn er hörte und fühlte die Panik, die seine Tiere ergriffen hatte. »Über dreißig!« sagte Mythor. »Aber trockenes Brot und etwas zu trinken genügt ihnen!« »Ich hole es«, entgegnete Vercin. »Hilfst du mir, schöne Frau?« Buruna lief mit ihm zurück ins Haus. Mythor wandte sich nach rechts und rannte den Bachlauf aufwärts, bis er an die Furt kam. Der Zug der Bußgänger schwankte und torkelte näher. Mythor deutete den Bach weiter hinauf und schrie: »Anid! Geht noch etwas weiter! Die Tiere flüchten noch immer vor euch!« »Es geht nicht schneller! Wir sind erschöpft!« »Es ist schon Essen unterwegs.« Was es war, das die Tiere zu solch panischer Flucht trieb, wußte Mythor nicht. Aber er verstand jetzt die Furcht der Bauern, als die Geißler an deren Höfen vorbeigezogen waren. Auch die Tiere der Bauern waren geflüchtet und hatten Schaden genommen. Jene krankhafte Inbrunst, die Besessenheit und die Ausweglosigkeit ihres blinden und falschen Glaubens, 61
die Caer würden ihnen helfen – das umgab die pilgernden Geißler wie eine abstoßende Aura. Davor flüchteten die Wesen des Waldes instinktiv. Mythor hätte nicht erwartet, daß Vercin so sehr um seine Tiere besorgt war; er schleppte einige Brote mit sich. Lorana hielt zwei Krüge an den Henkeln. Auch Gapolo und Buruna trugen Bratenstücke und Würste. Sie liefen auf Mythor zu, der mit gezogenem Schwert das Land um die Mühle verteidigte, als stünde er in einem Burgtor. Die Pilger stapften durch das Wasser und schienen nicht einmal zu merken, wie kalt es war: Einige schöpften Wasser mit den hohlen Händen hoch, wuschen sich flüchtig die Lippen und die Gesichter und tranken Bachwasser. Jeder Blick zeigte Mythor mehr und mehr den fast hoffnungslosen Zustand der Bußgänger. »Schauerlich!« brummte Gapolo, als er neben Mythor stehenblieb. »Zu allen Verrücktheiten, zu allem Elend, das über das Land kam, auch noch diese Gestalten! Sie sind alle auf besondere Weise krank!« Mythor antwortete so leise, daß es außer Gapolo niemand hören konnte: »Aber in ihrem Schutz könnten wir ungesehen die Yarl-Linie überqueren. Vielleicht gefällt dir mein Plan?« »Darüber denke ich erst nach, wenn das Chaos vorbei ist. Sogar die Fische im Wasser verhalten sich wie verrückt!« Die Abendsonne überschüttete das Land mit ihrem blutroten, staubigen Licht. Die Bäume warfen lange Schatten. Anid Levere blieb stehen, bevor er aus dem Wasser ans Ufer watete. Er blickte die Gruppe um Vercin und Mythor lange an, dann wusch er sein verunstaltetes Gesicht. Die Bewegungen wirkten wie eine rituelle Handlung. Danach kam er langsam auf die Wartenden zu. Seine Augen leuchteten förmlich auf, als er Brote, Fleisch und Krüge erblickte. Auch in die schleppenden Schritte seiner Geißler und Büßer strömte neue Kraft. 62
Mythor deutete auf einige Baumstämme, die kreuz und quer in einer Senke neben dem Ufer lagen. »Dort, meine armen Freunde, sollt ihr euer Lager aufschlagen. Wie viele Männer sind unterwegs gestorben?« Mit sichtlicher Vorsicht und immer bemüht, nicht in die Nähe eines Pestkranken zu kommen, stellten Buruna und Lorana das Essen ab. Wortlos stürzten sich die Geißler darauf. »Niemand ist gestorben!« sagte Anid stöhnend und riß einen Brocken aus einem Brot. Gierig kaute er darauf. »Niemand.« »Dann ist euer Fieber nicht tödlich!« sagte Vercin. »Hoffentlich«, meinte ein offensichtlich jüngerer Mann, dessen Haut unter der Einwirkung des Wassers unnatürlich weiß wirkte. Die Bartstoppeln und die zahlreichen Geschwüre ergaben ein unbeschreibliches Bild. Lorana wandte sich ab und klammerte sich an Burunas Schulter. »Aber wir glauben es nicht. Das gelbe Fieber ist in uns. Die Pest wird uns umbringen.« »Geht und seht nach, ob die Tiere noch unruhig sind«, wandte sich Mythor an Lorana und Vercin. »Die Geißler werden nicht näher herankommen. Nicht wahr, Anid?« Lamir kam Vercin und Lorana entgegen und brachte sie zurück zur Mühle. »Hör zu, Anid«, sagte Mythor plötzlich. »Hör gut zu! Wir werden mit euch gehen. Wir kundschaften für die Lichtwelt aus, wie es am Hochmoor und jenseits der Yarl-Linie aussieht. Ihr werdet gemieden wegen eurer Krankheit. Ihr könnt euch, wenn auch langsamer, ungehinderter bewegen als vier Reiter. Wir gehen mit euch, aber wir werden uns nicht geißeln.« Anid hörte zu kauen auf und starrte Mythor verblüfft an. Dann nickte er schweigend. Endlich sprach er: »Du hast uns zweimal gerettet. Vor den Flammen und vor dem Verhungern. Wie könnte ich dir einen Wunsch abschlagen?« »Richtig. Wie könntest du?« brummte Gapolo. Er konnte sich 63
mit Mythors Einfall noch nicht anfreunden. »Hast du schon einmal daran gedacht, daß die gelbe Pest so tödlich nicht sein kann? Ich weiß, daß die Pest die Menschen binnen eines Viertelmondes tötet, und zwar unter solch gräßlichen Qualen, daß sie schwerlich noch Tagesmärsche weit gehen, singen und sich halb bewußtlos geißeln können! Ihr seid meiner Meinung nach vom Schrecken verrückt gemacht worden. Also, wir gehen mit euch, morgen beim ersten Licht, bis zu den Caer. Aber…« Er machte eine Pause und fuhr in schneidender Schärfe fort: »Keiner von euch berührt einen von uns!« Anid schlang die Hälfte einer Wurst in sich hinein und versprach schwer verständlich: »Wir tun, was ihr wollt. Wir fühlen uns beschützt, wenn ihr mit uns reitet.« »Wer spricht von Reiten, du Narr!« schrie Lamir wütend. Es war die Aussicht, zu Fuß gehen zu müssen, die ihn zu diesem Ausbruch trieb. »Wir gehen mit euch. Langsam und unerkannt.« Bei seinen Worten zuckten die Geißler zusammen wie unter Peitschenhieben. Mythor schob das Schwert in den Gürtel und sagte zu Anid: »Wir werden uns Mäntel beschaffen und brechen zusammen mit euch auf. Einverstanden, Brüder der Pest?« »Wir tun, was du willst, Herr Mythor!« bekräftigte Anid. Von den Nahrungsmitteln waren nur noch wenige Reste zu sehen. Als die Kundschafter zur Mühle zurückgingen, konnten sie feststellen, daß die Panik unter den Tieren aufgehört hatte. Vielleicht war der Umstand, daß sie in alle Himmelsrichtungen geflohen waren, der Grund dafür. Die Pferde hinter den Bretterverschlägen jedenfalls hatten sich beruhigt. »Und zu unserer Freude kommt noch eine Nacht in der knarrenden, rumpelnden Mühlenarche«, sagte Gapolo. Mythor lachte kurz und schlug ihm kameradschaftlich auf 64
die Schulter. »Vercin wird dir reichlich Bier einschenken. Bier macht müde.« »Immerhin ein besseres Nachtlager als in der Ruine des Eulenbergs«, sagte Lamir. »Ich werde unseren Marsch mit Liedern verschönern.« »Welch eine Aussicht!« stöhnte Buruna. »Alles geht vorüber. Auch dieser Marsch. Wir können nicht mehr weit von der Yarl-Linie entfernt sein«, sagte Mythor. Buruna legte ihren Arm um seine Hüften und zischte in sein Ohr: »Und wenn du Lorana noch ein einziges Mal so verliebt ansiehst wie in der Arche, kratze ich ihr und dir die Augen aus!« Mythor entgegnete mit einem letzten Anflug von guter Stimmung: »Was nützt ein blinder Liebhaber? Ich könnte deine Schönheit nur ertasten aber nicht mehr sehen, Geliebte!« Sie flüsterte: »Dann würdest du mir ganz gehören. Ich müßte dich führen. Du würdest gehen, wohin ich will.« »Deine Gutmütigkeit«, schloß Mythor, »wird nur noch von deiner Leidenschaft übertroffen.« Sie fanden den Weg in das kleine Zimmer der Mühlenarche allein. Die untergehende Sonne tauchte das Wasser des Flusses und die Hänge in geheimnisvolles Licht und tiefe Schatten. Noch einige Bissen, einige Becher Bier, und die Menschen legten sich schlafen. Lorana versuchte, für jeden von ihnen einen ruhigen und bequemen Platz zu finden. Die lauten, aber eintönigen Geräusche der Wasserräder und der endlos miteinander kämpfenden Gestalten des verblüffenden Mechanismus schläferten die Kundschafter bald ein. * Lamir sprang über einen verfaulenden Baumstamm, blieb stehen und betrachtete seine drei Freunde halb lachend, halb ver65
zweifelt. »Ihr seht wirklich wie Geißler aus!« staunte er. »Wenigstens bei Nacht oder aus zwei Bogenschuß Entfernung.« Buruna lachte hell auf. Eine leidenschaftliche Nacht an der Seite Mythors und die Tatsache, daß Lorana im Langhaus zurückgeblieben war, hatten ihren launenhaften Unmut vertrieben. Aus ihrem Reitermantel hatte sie mit wenigen Griffen und Stichen ein Gewand gemacht, das den Mänteln und Kapuzen der Geißler täuschend ähnlich war. »Ein Tag im Schmutz, ein Regen und die Dunkelheit werden uns in echte Bußgänger verwandeln«, knurrte Gapolo. Er fand sich mit seiner Rolle nicht ab. Trotzdem sah er ein, daß sie weniger gefährdet sein würden. Die Pilger waren schon wach. Einige versuchten, sich mit Sand und Bachwasser zu säubern. Sie sahen noch hungriger und müder aus als gestern; ihre Gesichter waren vom Schlaf auf dem feuchten Laub geschwollen. »Los, Anid!« schrie Lamir. »Ich werde singen! Ein heiterer Pilgerzug wird die Caer zu Tode erschrecken!« Mythor, Buruna, Gapolo und Lamir hatten ein Seil zerschnitten, Knoten hineingeschlagen und die Tauenden beschmutzt. Auch die Köpfe waren unter großen Kapuzen verborgen. Etwas dunkle Erde im Gesicht machte sie den Bußgängern ähnlich. Lamir zog unter dem Mantel die Laute hervor, griff ein paar schrille Akkorde und sang: »Wir wandern durch totes Land… Die gelbe Pest zerfrißt uns… nicht zittert unsre blut’ge Hand… zu leiden und sterben ist unser Wunsch…«
Zusammen mit den Akkorden erweckte der Text seines Stegreifliedes einen schauerlichen Eindruck. Die echten Bußgänger formierten sich hinter dem Rücken Anid Leveres, der bei der 66
zweiten Zeile stehenblieb und sich ängstlich umsah. Gapolo knirschte mit den Zähnen und ächzte: »Dein Krächzen wird uns tatsächlich krank machen, Lamir von der Krähenkehle.« Lamir gab gekränkt, aber heiter zurück: »Du verstehst etwas vom Reiten und Kämpfen, aber nichts von der Kunst ätherischen Gesanges.« Mythor vergewisserte sich, daß der Helm der Gerechten und das Gläserne Schwert sicher an seinem Gürtel befestigt waren, und deutete auf Anid. »Geh nach vorn, Lamir!« rief er. »Sing und spiel laut! Dann sind die Pfade leer, denn Schlangen und Raubvögel werden geflüchtet sein.« Lamir wartete keine zweite Aufforderung ab und griff jedesmal, wenn sich Anid oder einer seiner Gefolgsleute die klatschenden Stricke über die gekrümmten Rücken zogen, in die Saiten. Sein Lied hallte schauerlich durch den unschuldigen Morgen. Immerhin, fand Mythor, wurden sie abgelenkt. Er konnte nur hoffen, daß Hark und Horus seine Zeichen verstanden hatten; sie sollten auf ihn warten und bis zu seiner Rückkehr Vercin gehorchen. »Die Geißel schindet unsre Rücken…«, sang Lamir weit vor ihnen. Von den Gewändern und den Körpern der Bußpilger ging ein stechender Geruch aus. Falls sie angehalten wurden, mußten sich die Kundschafter unter die Pestkranken mischen, denn man würde sie schon allein am fehlenden Gestank erkennen. »… das Leid bereitet uns Entzücken…« »Dieser Pestbarde!« knirschte Buruna empört. »Ich werde Alpträume bekommen.« Gapolo murmelte einen unverständlichen, aber langen salamitischen Fluch und meinte dann: »Ich weiß nicht, was ich tun soll. Lachen, vor Wut in den Schwertgriff beißen oder nach vorn rennen und Lamir so lange treten, bis sein furchtbares 67
Instrument in Trümmer geht?« Mythor lachte laut auf. »Nimm’s nicht allzu schwer, Gapolo. Wer immer diesen Gesang hört, wird davon Abstand nehmen, uns anzugreifen.« »Auch wieder wahr!« knurrte ze Chianez und schwieg die nächsten Stunden. Anid Levere schien Richtung und Wege genau zu kennen, denn relativ geradlinig näherten sie sich der Yarl-Linie, ohne jemanden zu sehen. »Siechtum und Fieber, nichts ist uns lieber…«, hallten abgehackt die Zeilen des ungewöhnlichen Gesanges über die leeren Äcker und die verwaisten Weiden. Inzwischen hatten sich die Pilger gefaßt und sangen mit, ohne zu wissen, wie die nächsten Worte lauteten. Es herrschte Verwirrung, aber ununterbrochen schlugen die Geißeln und Knotenschnüre einen falschen Takt. Summend, knurrend und stöhnend begleiteten die Bußgänger Lamirs Gesang auf ihre Weise. Die Prozession der Narren, Todmüden, Hungrigen und abenteuerlich gewandeten Kundschafter kam gut voran. Das Land war wie ausgestorben. Der erste Bauernhof tauchte links auf, zwischen zwei Hügel geduckt. »… und hoffnungslos setzt Schritt um Schritt und Hieb um Schlag…« »Eines Tages, und dieser schreckliche Tag«, versicherte Gapolo grimmig, »ist nicht fern, werde ich Lamir für diesen Gesang die Zunge abschneiden. Oder ihn erwürgen. Warum hat er sich nicht in Lorana vergafft und ist in der Mühle geblieben?« »Valida hat ihm die Liebe ausgetrieben!« sagte Buruna kichernd. »Habt ihr gesehen«, fragte Mythor plötzlich, »daß es unter den Figuren, Zahnrädern und Stangen schwere Steine und Kegel gibt, in denen tatsächlich Korn gemahlen werden kann? 68
Oder etwas anderes?« »Ich habe die runden Mühlsteine gesehen. Ich hielt sie für Ballast für das Mühlenarche-Schiff!« sagte Gapolo voller Spott. »Denkbar«, murmelte Mythor. »Aber ich bin sicher, daß Vercin auch Korn von den Bauern bekommt und zu Mehl vermahlt.« »Meinetwegen.« Wieder erschallten Wortfetzen einer neuen Zeile Lamirs, dessen Kehle mehr die eines Ochsenfrosches denn die einer Lerche war: »… Pestilenz packt unser Leben, die bald’ge Heilung wir erstreben…« Mythor und Gapolo sahen sich an und hoben die Schultern. Gegen Lamir waren sie machtlos. So zynisch dies auch klang, aber angesichts der leeren, ausgestorbenen Landschaft war die unfreiwillige Komik des Gesanges ein willkommenes Mittel der Ablenkung. Stunden um Stunden vergingen. Die Sonne kletterte höher. Der warme, triefendfeuchte Wind aus dem Süden hielt an und erzeugte hinter den Schläfen stechenden Schmerz. Für die herrschende Jahreszeit war es ungewöhnlich mild. Ein Scheinfrühling ließ erste Blüten aus dem welken Gras sprießen. Mythor ignorierte hartnäckig den Gesang oder besser das ächzende Stöhnen der Geißler und die nur selten melodiösen musikalischen Untermalungen, die Lamir von der Lerchenkehle verursachte. Das Land, durch das sich der Geißlerzug bewegte, war Mythor einigermaßen vertraut, aber nun sah es leer aus. Ausgestorben lagen die Häuser da, nicht einmal Vögel oder kleine Tiere zwitscherten oder raschelten im trockenen Laub. »Der Hauch des Todes liegt über allem«, sagte Buruna und schauderte. Sie zog das Gewand vor der Brust zusammen. »Wie kann ein Land so trostlos aussehen?« bekräftigte Gapo69
lo. »Ich hätte nicht gedacht, daß sich Tainnia so verändern kann.« Seit Stunden hatten sie keine lebende Seele getroffen, obwohl große Teile der Landschaft Bauern gehörten. Vor etwa vierundzwanzig Monden, entsann sich Mythor, hatte Churkuuhl, die Nomadenstadt, irgendwo dort vorn die Lorana überquert. Fast ein ganzes Jahr lang lagerten die Yarls damals am Hochmoor von Dhuannin. Er selbst hatte versucht, das Umland kennenzulernen. Aber die berittenen Streifen der Tainnianer hatten ihn immer wieder zur Nomadenstadt zurückgetrieben. Aus dieser Zeit besaß er deutliche Erinnerungen an das Land. Aber diese Erinnerungen stimmten nicht mehr mit der Wirklichkeit überein! Zwar rief er sich die Lage einzelner Berge oder Waldgebiete ins Gedächtnis zurück, und er fand sie wieder, ebenso wie die Ausläufer des festen Bodens, die tief in das Moorgebiet hineinreichten. »Es ist wie ein Alptraum!« murmelte Mythor. Gapolo blickte ihn fragend an, und der Kundschafter sagte dem Freund, woran er dachte. Ze Chianez rückte den Schild zurecht, den er unter dem Mantel auf dem Rücken trug, und hörte schweigend zu. »Dazu kommt dieser Wind, diese Schwüle«, sagte Gapolo. »Sie macht uns krank und läßt unsere Kräfte erlahmen.« Vor ihnen, am Horizont, breitete sich ein dunkler Streifen aus. Es war, als habe eine riesige Egge quer durch das sumpfige Gelände eine breite Spur gezogen. Nach einem weiteren Stück Wanderung tauchten die ersten typischen Sumpfgewächse auf; kleine Inseln aus Rohrgewächsen und schwarzen Bäumen, die ihre langen Zweige traurig herunterhängen ließen. Auch der Boden wurde schwarz. Das Gras machte faulig riechendem Moos Platz. Und über allem wölbte sich ein makellos blauer Frühlingshimmel. Unfruchtba70
res Land umgab die Wanderer. Der Eindruck paßte zu dem schauerlichen Gesang, den schwarzen Kutten und den schwirrenden und klatschenden Peitschen und Schnüren. Selbst Lamirs Gesang klang bedrückter. »Die Schwüle hätte die Geißler schon längst umbringen müssen«, meinte Buruna erbittert. »Ich bin sicher, daß die gelbe Pest eine lästige und schlimme, aber keine tödliche Krankheit ist.« »Wir werden es erfahren«, versprach Mythor. Seit dem Durchmarsch der Nomadenstadt hatte sich das Gesicht des Landes verändert. Dürre und Mißwuchs breiteten sich langsam aus. Die Yarls hatten eine Spur der Verwüstung gezogen. Die Spitze der Prozession hatte den Rand einer langgestreckten Zone erreicht, die etwa zweihundert Schritt breit war. »Das ist, sagst du, die Spur der Yarls?« fragte Buruna. Die Elendskarawane war stehengeblieben. Einige Bußgänger ließen sich einfach in den Morast fallen. »Ja. Ich erkenne erst jetzt, was die Nomadenstadt wirklich angerichtet hat.« Schweigend betrachteten sie die Spur der Yarls. In der schwarzen Straße wuchs nicht einmal mehr Moos. Der Boden war aufgerissen und umgeackert, das Unterste war nach oben gerissen, tiefe Furchen zogen sich kreuz und quer durch die aufgebrochene Fläche. An einigen Stellen breiteten sich Flecken aus, die wie verbrannt oder von großer Hitze in glasartige Substanz verwandelt schienen. Mythor deutete auf kleine Würmer, Schlangen und dunkle, echsenartige Tiere in allen Größen, die in den Löchern und Furchen umherkrabbelten und miteinander um rätselhafte Beute kämpften. »Was immer die Yarls der Stadt Churkuuhl auf ihrem Weg durch Tainnia lenkte, war nicht das Leben«, murmelte Mythor 71
und fuhr nach einer Weile fort: »Sie kamen aus der Düsterzone. Sie waren Schattengeschöpfe. Wie die Marn auch…« Gapolo fragte scharf: »Die Marn auch? Das würde heißen, daß du von den Schattenmächten erzogen worden bist?« »Ja, vielleicht… Aber sie wußten es nicht. Sie wußten nicht, was sie waren. Doch wir hatten Erinnerungen…« Er seufzte. »Vielleicht waren es auch nur Träume.« »Glaubst du jetzt, was wir so oft gehört haben? Daß die Marn mit ihrer Stadt verhaßt waren, wohin immer sie kamen?« Nun sahen sie deutlich, was die Yarls wirklich angerichtet hatten. Die Landschaft schien für alle Zeiten Wunden zu haben. »Vermutlich«, meinte er mehr zu sich selbst, »ziehen sich solche Spuren von hier bis zurück zur Düsterzone. He, Anid! Halt! Nicht weitergehen! Halte sie zurück, Lamir!« Anid machte Anstalten, einen kleinen Erdwall zu überklettern, der die breite Spur vom feuchten Moorland trennte. »Wie? Warum?« Mythor deutete nach links und rief: »Wir warten ab, bis es dunkel wird. Wenn wir jetzt den Streifen durchqueren, werden uns die kleinen Bestien binnen weniger Schritte töten. Seht genau hin!« »Wir verstecken uns zwischen den Stämmen!« schlug Gapolo vor. »Meinetwegen«, gab der Anführer der Geißler zurück und führte seine Männer bis zu einer inselartigen Ansammlung von traurigen Bäumen und düster aussehenden Büschen. Hier war es einigermaßen trocken. Als Mythor und Gapolo mit Buruna den Pilgern folgten, packte Gapolo den jungen Mann am Arm und stieß hervor: »Dort! Leute arbeiten. Sie bringen etwas von der Lorana heran.« Mythor warf einen langen Blick nach Südosten und nickte. 72
»Verschwinden wir. Es sind Caer-Krieger!« Auch Mythor und Gapolo kauerten sich in die Deckung. Von hier aus beobachteten sie das Gewimmel der kleinen schwarzen Tiere in den Rissen und Furchen der Yarl-Linie. Und schräg dahinter, dem Ufer der Lorana zu, konnten sie einzelne Bewaffnete erkennen, in der typischen Rüstung der düsteren Caer-Soldaten, die einzelne Gruppen von Arbeitern beaufsichtigten. »Kannst du erkennen, was sie tun?« erkundigte sich Anid Levere und blinzelte mit müden und rot unterlaufenen Augen. Mythor und Gapolo starrten schweigend über die verwüstete Furche hinweg und versuchten das, was sie sehen konnten, auch zu verstehen. Zwei Priester in dem typischen Aufzug stapften durch das niedrige Gebüsch am Uferrand. Hinter ihnen zerrten und zogen andere Gestalten irgendwelche hölzernen Geräte, die wie Schlitten aussahen. Im schwindenden Licht des Tages erkannten die Kundschafter, daß auf den Gestellen große, lange Steine lagen, mit dicken Stricken festgebunden. Die Männer, vermutlich die Bauern der Umgebung und Sklaven der Caer, hatten die Zugseile in den Händen, stemmten ihre Schultern gegen die Taue und schleppten die hellen, frisch gebrochenen Steine an den jenseitigen Rand der YarlSpur. Es war eindeutig, daß die langen, säulenähnlichen, mehr als eineinhalb Mannslängen hohen Steine auf irgendeine Weise auf dem Wasser der Lorana herangeschafft worden waren. Von dort aus zerrten die Arbeiter der Caer sie über die Böschung hinauf und hierher an die breite Fläche der zerstörten Erdschicht. »Ich kann mir nicht helfen«, sagte Mythor nach einer Weile. »Alles, was die Caer dort drüben treiben, sieht gefährlich und bedrohlich aus. Sicher haben sie vor, etwas mit ihrer verdammten Magie zu bewirken.« 73
»Es paßt nicht zusammen«, murmelte Gapolo. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Die Caer und ihre Priester…« »Die Caer und ihre Priester werden uns helfen müssen«, keuchte Anid Levere. »Sie müssen uns von der gelben Pest heilen. Sie haben die Krankheit über uns gebracht.« »Ausgerechnet du mit deinen hinfälligen Geißlern!« sagte Lamir aufgeregt. »Du willst die Priester dazu zwingen! Wenn es nicht so lachhaft wäre, müßte ich weinen.« Die Caer, ihre Dämonenpriester und die Sklaven rissen die Schlitten am jenseitigen Graben entlang und hielten einige Schritt vom höchsten Punkt des Hanges an. Sie stellten drei dicke Balken hochkant auf und banden sie, zeltförmig an der Spitze zusammengefaßt, aneinander fest. Dann wirbelten Seile durch die Luft, und der schwere Stein wurde von dem Gestell hochgehoben. Andere Männer benutzten Hacken und Schaufeln und hoben ein tiefes Loch aus. Der lange, unregelmäßig geschlagene Stein wurde hochgehoben, in das Loch gesenkt und mit dem ausgehobenen Erdreich und den Steinen festgestampft. Ein erster Pfahl, eine Art Säule, sicherlich die erste in einer langen Reihe, stand da. Buruna flüsterte: »Ich verstehe es jetzt besser. Die Caer ziehen einen Zaun entlang der Yarl-Linie. Einen magischen Zaun.« Gleichzeitig glaubten die Geißler und die vier Kundschafter zu erkennen, daß die kleinen, häßlichen Tiere sich schneller bewegten. War es der erste Stein, in großer Entfernung in die Erde gerammt, der sie rasend werden ließ? »Es hängt alles zusammen!« meinte Mythor schließlich, als der dritte Steinpfahl aus dem Boden ragte. Die Entfernung zwischen den Steinen war nicht sonderlich groß, schätzungsweise dreißig Schritt. Tatsächlich hatte sich der kleinen Wesen, die wie Käfer mit großen Zangen, wie Skorpione und Schlan74
gen aussahen, eine Art Irrsinn bemächtigt. Sie krabbelten übereinander, summten böse und griffen einander an. Mythor sagte: »Anid! Befiehl deinen Männern, ihre Beine bis zu den Knien dick mit Stoff oder Leder oder euren dicken Geißelstricken zu umwickeln. Sonst ist jeder von uns nach einigen Schritten tot.« Levere schüttelte den Kopf. Er war offensichtlich zu müde, um zu begreifen, in welcher Gefahr er und seine Geißler sich befanden. Mythor packte ihn an der Schulter, drehte ihn halb herum und zeigte auf das durcheinanderwirbelnde Leben in den Spalten und auf den Brocken und Steinen der Spur. Die Sonne war zu drei Vierteln hinter dem Fluß versunken. Die Caer schafften von irgendwoher Fackeln herbei und zündeten sie an. In ihren Lichtstrahlen glänzten die Schuppen, Panzer und Scheren der Biester. Je dunkler es wurde, desto schneller und bösartiger bewegten sie sich. Selbst die Geißler mit ihrem von Auszehrung und Müdigkeit verwirrten Verstand begriffen jetzt, daß sie in Todesgefahr schwebten. »Du… du hast recht«, keuchte Levere überrascht. »Leider habe ich recht«, knurrte Mythor. »Ich habe immer recht, wenn ich deine Leute und dich retten will. Macht jetzt, was ich euch sage! Sonst bleiben wir bis in alle Ewigkeit hier zwischen den Trauerweiden.« »Ich spüre, abgesehen von dem krankmachenden Südwind, noch etwas anderes. Es ist«, sagte Buruna und schüttelte sich, »als entdecke ich tief in mir eine Besessenheit.« Mythor war mißtrauisch genug, und solche Erklärungen ließen ihn hellwach werden. Er wußte, daß in diesem Land fast alles möglich und wahrscheinlich war. Er blickte Buruna lange in die Augen und erwiderte: »Ich fühle nichts. Noch nicht. Aber ich bin sicher, daß sich hier mehr tut, als wir mit unseren 75
Augen sehen können.« »Du willst im Schutz der Dunkelheit den Streifen überqueren?« erkundigte sich Lamir. Er hatte mit dem Dolch breite Streifen seines Umhangs abgetrennt und wickelte sie sich um die Knöchel und die Waden. »Genau das habe ich vor!« bestätigte Mythor. »Ich denke gerade an meine Jugend. Damals befand ich mich in der Stadt auf dem Rücken der Yarls. Hier sind wir mit Churkuuhl vor langer Zeit hindurchgezogen.« »Wann brechen wir auf?« fragte einer der Männer aus Leveres Begleitung. »Sobald wir uns alle gegen die Tiere geschützt haben. Oder ist einer von euch aus Schwäche liegengeblieben?« »Niemand, bis jetzt.« Auch Mythor und Gapolo versuchten, ihre Stiefel so gut wie möglich zu schützen. Sie wußten es nicht genau, aber sie ahnten es: Diese winzigen Tiere waren ebenfalls Werkzeuge der Mächte der Düsterzone. Schließlich, als die Caer und ihre Hilfsmannschaften den zehnten Stein aufgerichtet hatten, stand Mythor auf. Ein Impuls, dessen Grund und Herkunft er nicht ahnte, bewog ihn, den Helm der Gerechten aufzusetzen und festzubinden. Die Arbeit der Caer und der Dämonenpriester verlief fast völlig lautlos. Man hörte nur knappe Kommandos und einige knallende Peitschenhiebe, das Knirschen der hölzernen Gerätschaften und das Klirren von Metall auf Stein. »Seid ihr bereit?« wollte Mythor wissen. »Bereit!« bestätigten Gapolo und der junge Lamir. Buruna schob ihre Finger in Mythors Hand. »Wir sollten so schnell wie möglich hinüberrennen. Es ist ein furchtbares Stück Land!« »Dein Rat ist sicher gut«, murmelte Anid, »aber meine erschöpften Männer werden nicht mehr rennen können.« 76
Mythor rief wütend aus: »Dann benütze die Peitschen, um sie anzutreiben! Es geht nicht mehr um die Geschwüre, sondern ums nackte Leben!« »Ich versuche es.« Nacheinander standen die Teilnehmer an diesem verrückten Zug auf. Mythor zog Alton und berührte mit der nadelfeinen Spitze den Boden. Wo sich das Material der Waffe in die Schollen senkte, krabbelten und schlichen die Tiere auseinander. Der Sohn des Kometen hob das Schwert und zischte durch die Zähne: »Seht ihr alle den Baum dort drüben?« Zustimmende Äußerungen kamen aus allen Richtungen. »Das ist unser Ziel. Los! Bleibt dicht hinter mir und Buruna! Rennt, was die Beine hergeben!« Er packte Burunas Hand und rannte los. Schon nach drei Schritten merkte er, daß die Männer hinter ihm unruhig wurden, aufstöhnten und merkwürdige Schreie ausstießen. Mythor und die junge Frau rannten etwa zwanzig Schritt geradeaus, dann drehten sie sich um und versuchten, hinter sich etwas zu erkennen. Lamir und Gapolo stolperten neben ihnen her, rissen die Knie auffallend hoch und griffen sich mit beiden Händen an die Köpfe. Sie stießen ein langgezogenes Stöhnen und Wimmern aus. Auch Mythor spürte unter dem Material des gehörnten Helmes einen stechenden Druck, der nicht nur seinen Schädel und seine Schläfen schmerzen ließ, sondern sich auch in den Verstand zu bohren schien. »Schwarze Magie! Ich spüre sie deutlich. Aber ich leide nicht darunter«, stieß Buruna hervor. Mythor blieb stehen, während Lamir und Gapolo herbeistolperten, und packte Gapolo am Gürtel. Er riß ihn mit sich, als er weiterrannte. Da sich Lamir seinerseits an dem Salamiter festklammerte, schleppte Mythor beide Männer hinter sich her. »Ihr Götter seid gnädig! Geister und Spukgestalten überall! Sie fassen mich an…«, ächzte Gapolo. Der Barde wimmerte 77
nur leise vor sich hin, aber er lief tapfer weiter. Die Geißler und Bußgänger folgten schweigend, aber ihre Hände und Arme, mit denen sie seltsame Bewegungen vollführten, ließen deutlich erkennen, daß auch sie unter der Ausstrahlung des verwüsteten Geländestreifens litten. Immer wieder stocherte Mythor mit der Schwertspitze rund um die Gruppe, die er zusammen mit Lamir, Buruna und Gapolo bildete. Immer wieder schüttelten sie die Schlangen, Würmer und Skorpione ab, die an den Stiefeln und an den Stoff- und Lederstreifen hochzuklettern versuchten. Eine wilde Raserei ergriff nicht nur die winzigen Tiere. Zwei Geißler schrien leise auf und kippten aus der langen Reihe. Sie zuckten ein paarmal, dann lagen sie still. Die anderen hasteten mit allen Zeichen des Wahnsinns in ihren verwüsteten Gesichtern weiter. Mythor war durch den Helm der Gerechten vor den Visionen geschützt. Er wußte nicht, was Buruna schützte. Noch fünfzig Schritte, dann hatten sie den gegenüberliegenden Wall erreicht. Aber in der Aufregung achteten sie nicht auf die Caer. Die Soldaten hatten die Bußgänger in dem schwachen Licht der Fackeln gesehen und erwarteten sie. Wieder starb ein Geißler, der sich nicht entschlossen genug bewegte, durch den Biß einer winzigen Natter. Ein anderer fühlte, wie sich zwei Skorpionstacheln wie weißglühende Nadeln in seine Waden bohrten. Mit einem gurgelnden Schrei, gemartert von tödlichen Visionen und einer gräßlichen Angst, brach er zusammen und starb. Von seinen eigenen Furien gepeitscht, rannte Anid Levere weiter. Mythor knirschte: »Noch zehn Schritte!« Sie sprangen und stolperten auf schwankende Fackeln zu. Hinter ihnen starben ein fünfter und ein sechster Geißler unter unmenschlichen Schreien. Dann berührten die Sohlen der 78
Kundschafter den nachgiebigen weichen Erdwall, und mit einem letzten Schwung zerrte Mythor seine beiden Freunde über die Steine und die schwarze Erde. In einem letzten Reflex zog er sich selbst die Kapuze über den Helm und riß das dicke, feuchte Tuch auch tief ins Gesicht Burunas. Ein Halbkreis aus Caer-Soldaten erwartete die Bußgänger. Mythor bemerkte erleichtert, daß auch Lamir und Gapolo ihre Gesichter im Schatten der Kapuzenränder verborgen hatten. Anid stolperte an ihnen vorbei und schwang drohend seine Hand gegen einen der Caer-Soldaten. Hinter einigen Felsen und Baumstämmen kamen noch mehr Bewaffnete in den Lichtkreis der Fackeln. Der Geißler bog die Hand und ballte sie zur Faust. »Ihr seid schuld an unserem Unglück!« schrie er, während die letzten Überlebenden der Prozession auf das rettende Stück Land hinausstolperten, keuchend und wirre Schreie ausstoßend. Die Caer traten näher heran und musterten die Ankommenden schweigend. Der Geißler aus Ugalos schrie weiter: »Ihr Caer habt die gelbe Pest über uns gebracht! Ihr seid die Urheber des Elends. Meine Männer sterben, und ihr steht da und grinst. Ich fordere euch auf, ich rufe eure dämonischen Priester auf…!« Ein Soldat trat vor und hob seine Axt. Mit einem blitzschnellen Hieb schlug er Anid Levere nieder und wandte sich an die Bußgänger: »Ihr seid Spione! Ihr seid festgenommen und werdet den Arbeitsgruppen zugeteilt. Dort, in diese Richtung!« Die Caer schienen nicht gewillt, mit den Fremden zu diskutieren, erkannte Mythor. Sie waren nichts anderes als Soldaten mit festumrissenem Auftrag. Sie taten, finster und entschlossen, was man ihnen befohlen hatte. Mythor wußte jetzt genauer, warum keiner der Kundschafter von Graf Corian zurückgekommen war. Entweder hatte man sie erschlagen oder in die Knechtschaft verschleppt. Oder sie 79
waren direkt auf der Yarl-Linie gestorben, von den bissigen Kreaturen umgebracht. Er sagte in einem Tonfall, der die Caer aufhorchen ließ: »Wir kommen aus dem verwüsteten, verfluchten Land. Unsere Körper sind mit Schwären bedeckt. Wir schwitzen Blut und Eiter aus. Wer uns anrührt, hat sich angesteckt!« »Ugalos ist von den Dämonenpriestern vernichtet worden. Wir sind durch das Land gepilgert und haben uns gegeißelt. Wir sind unberührbar!« rief einer der schwankenden und stöhnenden Geißler. Die Caer hoben die Schwerter und die Fackeln. Ein Soldat streckte die Hand aus und riß die Kapuze vom Gesicht eines Geißlers. Buruna schob sich unmerklich hinter Mythor. Ein Schrei des Entsetzens und lästerliche Flüche erschollen. Den Caer zeigte sich ein verwüstetes Gesicht, voller Blutgerinnsel, offener Geschwüre, Schmutz und verfilzten Barthaars. Die Augen glühten im Fieber. »Die gelbe Pest!« schrie ein Soldat und rannte davon. Ein anderer schob vorsichtig und mit zitternder Schwertspitze drei weitere Kapuzen aus den Gesichtern der Bußgänger. Der Alpdruck war von den Kundschaftern gewichen, aber Mythor hoffte, daß die Caer nicht gerade seine Kameraden und ihn demaskieren würden. Wieder beleuchteten die knisternden Fackeln mit zitternden roten Flammen die entstellten Gesichter der Bußgänger. »Wir werden alle Heere der Caer mit dem gelben Fieber und der Pest anstecken!« sagte Lamir mit verstellter Stimme. »Die Pest ist mitten unter euch!« röchelte ein anderer. »Nehmt die Pest von uns, und wir werden euch gern helfen und dienen!« versprach ein anderer. Die Caer standen wie erstarrt da. Sie blickten auf die Zeichen der gelben Pest und erkannten, daß sie in höchster Gefahr waren. Von den aufgerichteten Steinen kam ein Dämonenpriester 80
mit schnellen Schritten heran. Sein langer, mit Silberornamenten bestickter Umhang bauschte sich bei jeder Bewegung. Die Soldaten rissen wie in Abwehr vor dem Fieber die Schilde hoch und wichen entsetzt Schritt um Schritt zurück. Ein langgezogener, trompetender Schrei hallte zwischen den Ufern der Lorana auf und setzte sich als rollendes Echo über das verdammte Land hinweg fort. Der Priester breitete die Arme aus und wollte die Soldaten aufhalten. Die gläserne Haut unter der Maske und den Knochenfortsätzen des Helmes schimmerte. Seine Stimme war dumpf und schneidend: »Feiglinge!« schrie er. Das Schimpfwort wirkte wie ein Signal. Die Soldaten drehten sich um und fingen zu rennen an. Die Bußgänger rafften ihre letzten Kräfte zusammen und folgten ihnen etwas langsamer. Der Priester sprang zwischen die Krieger und schrie: »Das ist nicht die gelbe Pest, ihr feigen Narren. Es ist eine schlimme, wenn auch harmlose Krankheit. Sie steckt nicht an.« »Die gelbe Pest!« schrien gurgelnd die Bußgänger und schwangen ihre Geißeln. Die Soldaten flüchteten in heilloser Panik. Der Priester blieb stehen, schrie ihnen Befehle und Verwünschungen nach, aber die Bußgänger und Mythor und seine Begleiter rannten an der schauerlichen Gestalt vorbei und folgten dem Licht der Fackeln. Mythor flüsterte Buruna zu: »Ich meine, der Dämonenpriester spricht die Wahrheit.« »Daß die gelbe Pest in Wirklichkeit eine nicht ansteckende Geschwürkrankheit ist?« »Er sollte es am besten wissen!« Sie liefen hinter den Fackeln und hinter der Masse der schwarzgekleideten Körper her, wandten sich langsam nach 81
rechts und vergrößerten bei jedem Schritt die Distanz zwischen sich und den Bußgängern. »Ausgezeichnet«, brummte Gapolo und stolperte über einen knorrigen Ast. »Wir hatten Glück. Jetzt brauchen wir nur noch ein gemütliches Plätzchen für die Nacht.« Wieder ertönte vom Wasser her dieser furchtbare Schrei. Keiner von ihnen hatte jemals einen solchen Schrei gehört. War es das Große Horn, von dem Vercin gesprochen hatte? Oder ein riesiges Raubtier, das die Caer gegen ihren Gegner einsetzen wollten? Keiner wußte es. Das Licht der Fackeln zog sich weit auseinander. Winzige Leuchtpünktchen schwankten und taumelten in westlicher Richtung davon. Die Bußgänger waren nicht mehr zu sehen. Ihre dunklen Gewänder verschmolzen mit der Dunkelheit. Nur noch die Schreie der Angst, der Wut und die Geräusche der hastenden Schritte waren zu hören. Aber auch sie wurden immer schwächer und verloren sich schließlich. Am Rand einer kargen Weide blieben Mythor und seine drei keuchenden Freunde stehen. »Nach Nordwesten!« sagte Mythor und versuchte die Richtung gut zu schätzen. Die Mondsichel war zu einer schmalen Barke geworden, die zwischen den ersten flackernden Sternen schwebte. Noch lange würde das Mondlicht nicht stark genug sein, um die Landschaft und ihre Hindernisse gut erkennen zu lassen. »Ja. Nach Nordwesten«, stimmte Gapolo zu. »Schließlich haben wir einen Auftrag.« »Den wir nicht erfüllen können. Noch nicht«, meinte Lamir. »Wir wissen im Grunde nicht viel.« »Doch. Eines wissen wir«, sagte Mythor. »Die Caer errichten eine magische Sperre. Noch sind es nur zehn Steinpfähle. Aber alles, was die Dämonenpriester tun, endet schließlich in 82
Schwarzer Magie. Soviel können wir Corian berichten. Dies ist sicher.« »Aber da wir nur einzelne Teile des Ganzen kennen, müssen wir noch weiter durch dieses tote Land wandern.« Sie wickelten die Lederriemen und die Lumpen von ihren Beinen und schüttelten sich vor Ekel, als sie undeutlich die schleimigen Spuren der kleinen Bestien aus der Yarl-Furche bemerkten. »Das wird uns nicht erspart bleiben!« »Gehen wir weiter?« fragte Buruna und hielt sich an Mythors Schultern fest. »Ja, natürlich.« »Also…« Gapolo stieß ein heiseres Lachen voller Sarkasmus aus und sagte: »Ab morgen früh gelten wir als Geißler und Bußgänger. Falls wir diese an sich wirksame Verkleidung beibehalten wollen.« »Wir müssen sie beibehalten«, unterstrich Lamir das Gesagte. »Denn inzwischen wird sich das Gerücht von den Trägern der gelben Pest unter den Caer-Kriegern herumgesprochen haben. Ein perfekte Tarnung, Freunde.« Der Salamiter lachte noch immer und meinte: »Bisher sind wir in der Menge der verrückten Geißler nicht aufgefallen. Aber ab dem ersten Sonnenstrahl werden wir uns geißeln und dumpfe Gesänge anstimmen müssen.« »Für die Gesänge bin ich zuständig!« kicherte Lamir. »Ich könnte schon jetzt, nur zur Kurzweil…« »Eher bitte ich Mythor, dich an einen Baumstamm zu binden!« begehrte Buruna auf. »Du magst mich nicht!« tat Lamir beleidigt. Buruna beugte sich zu ihm hinüber und küßte ihn schmatzend auf die Wange. »Ich mag dich, Kleiner«, sagte sie lachend, »aber dein schauerlicher Gesang vertreibt die Wölfe. 83
Ich habe in der Burg schönere Gesänge gehört. Ich kann es beurteilen. Wenn du noch zehn Jahre übst und lernst, wirst du einen passablen Barden abgeben.« »Gut«, versprach der Künstler. »Ich schweige vorübergehend. Aber man wird mich irgendwo zum Hofsänger berufen. Dann werde ich euch zeigen, was in meinen Fingern und meiner Kehle steckt.« Mythor warf angewidert den letzten Lappen ins Gebüsch und knurrte: »Zeig uns lieber den Braten, der in deinen Taschen steckt.« »Kein Braten«, trällerte Lamir halbwegs vergnügt. »Nur ein paar Kanten Brot und drei faulende, saure Früchte von der Ernte des letzten Herbstes. Besser als gar nichts, aber nicht gut genug für unsere fürstlichen Zähne.« »Das würgen wir morgen hinunter«, bestimmte Gapolo. »Heute stolpern wir mit knurrenden Mägen weiter.« »Nach Nordwesten!« Sie gingen weiter und bewegten sich entlang dem Rand eines dürftigen Waldes. Mehr und mehr Sterne erschienen am wolkenarmen Himmel. Noch immer herrschte dieser feuchte, schwer lastende Südwind mit seiner trügerischen Wärme. Schweigend, Buruna neben Mythor und Lamir neben Gapolo, tappten sie vorwärts. Sie suchten nach einzelnen Lichtern oder nach der roten Glut eines Lagerfeuers. Ihre Ohren fingen zahllose Geräusche auf. Aber es waren nicht die Laute, die in einem nächtlichen Wald herrschten. Nur hin und wieder rief schauerlich eine Eule. Keine Hasen oder Laufvögel huschten durch das Gebüsch. Kein hungriges Vieh brüllte auf den Weiden, die das erste Grün zeigten. In der Luft kreisten keine nachtjagenden Vögel. Es war tatsächlich ein totes, verfluchtes Stück Land, das sich beiderseits der Yarl-Linie ausbreitete. Nach etwa zwei Stunden sagte Mythor: »Ich fange an, mich 84
zu fürchten. Die schlimmsten Ahnungen scheinen gerechtfertigt zu sein. Die Caer als Vertreter der Mächte der Dunkelheit verhalten sich, als wüßten sie genau, daß sie wichtige Figuren in einem gigantischen Spiel sind. Es wird tatsächlich zu einer Entscheidung von größter Tragweite werden.« Zwei Stunden weiter durch feuchtes Gras und zähe, abgestorbene Ranken zog Gapolo ze Chianez die Luft scharf ein. »Noch ist alles voller Geheimnisse. Aber spätestens nach der großen Schlacht werden wir wissen, woran wir sind. Die Menge der Menschen wird leiden, einzelne werden sich retten können. Ich rechne fest damit, daß wir zu denen gehören, die sich retten können, denn wir haben die größte Erfahrung. Was geschieht dann mit uns, Mythor?« Mythor ließ die vielen Bilder der Kämpfe, der Schlachten und der Abenteuer an sich vorüberziehen, die er hinter sich gebracht hatte, seit Churkuuhl jenes fürchterliche Ende genommen hatte. »Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich kann es mir nicht einmal in groben Umrissen vorstellen. Ich weiß nur, daß ich unablässig weiterhin versuchen werde, meine Aufgaben zu erfüllen und zunächst das Orakel von Theran zu finden.« Daß er noch immer trotz der sinnenbetörenden Gegenwart Burunas an Fronja dachte, an die bezaubernde Frau, deren Bild er unter dem Wams auf dem zusammengefalteten Pergament bei sich trug, sagte er nicht. Buruna flüsterte: »Jemand wie ihr kann das Schwert gebrauchen und kann sich durchschlagen. Aber was wird aus mir?« Unter dem Mantel schlug Lamir einige wohlklingende Akkorde und sagte stockend: »Niemand kann dir auf diese Frage eine Antwort geben, Schwester.« »Ich ahnte es, Bruder«, sagte sie, schwach spottend. »Ich weiß, daß es so ist.« Abermals eine Weile später hatten sie nasse Weiden über85
quert, waren entlang einer unregelmäßigen Reihe von Bäumen einem unsichtbaren Pfad durch das beginnende Moorgebiet gefolgt, hatten mehrere kleine Waldinseln durchquert und befanden sich jetzt auf einer weiten, leicht hügeligen Lichtung. Gapolo sagte: »Keine Frage kann jetzt wirklich beantwortet werden. Alles ist unsicher. Alles ist offen. Eines hingegen erscheint mir sicher: Es wird ein großes Sterben geben. Welch ein grauenvoller Ausblick.« Mythor gähnte, schüttelte sich und entgegnete: »Wahrscheinlich hast du recht, Gapolo. Trotzdem sollten wir hier nicht Wurzeln schlagen.« Sie setzten ihre Wanderung fort. Das Land blieb einsam und leer. Nirgendwo war ein Licht oder ein Feuer zu sehen. Nur das Schwert Alton leuchtete in Mythors Hand. * Auf seinen zerschundenen Lippen spürte er feuchte, bitter schmeckende Erde. Jeder Nerv und jeder Muskel seines Körpers schmerzte. In seinem Nacken fühlte er warm das Blut aus einer Kopfwunde. In seinem Schädel dröhnte es; jeder Herzschlag ließ eine neue, stechende Schmerzwelle über ihm zusammenschlagen. Er öffnete die Augen und sah nichts. Dunkelheit. Die Stille tat ihm wohl, aber er spürte, wie er hungerte, daß der Durst ihn halb umbrachte und daß er Glück hatte, noch am Leben zu sein. »Verfluchte Caer«, stöhnte er, zog die Hände und die Unterarme unter dem Körper hervor und versuchte, sich aufzustützen. Dreimal glitt er im weichen Erdreich ab, dann erhob er sich auf die Knie und die Hände. Er schüttelte den Kopf und blinzelte. Dann sah er weit vor sich verschwimmende, schaukelnde Lichtpunkte. Anid Levere versuchte sich zu erinnern. Da war ein gräßlicher Schrei gewesen. Dann entsann er sich eines Caer86
Soldaten, der ihm eine Axt auf den Schädel geschmettert hatte. Stöhnend richtete er seine Augen auf die Lichter und versuchte sie zu fixieren, aber sie schwankten und taumelten noch immer. Eine zweite Erinnerung. Er glaubte gehört zu haben, daß eine Stimme gesagt hatte: »Die gelbe Pest ist eigentlich keine tödliche Krankheit.« Er stemmte sich auf die Knie hoch. Jetzt schwankten die Lichter etwas weniger. Er sah genauer hin. Wieder kam ein Schwung Erinnerungen zurück. Dort drüben waren Menschen. Sie arbeiteten. Inzwischen hörte er außer dem Rauschen und Dröhnen auch dünne Stimmen. Kommandos ertönten, Holz knirschte, und Metall schlug klirrend grell auf Stein. Anid versuchte zu zählen. Er kam bis zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig hohe, schlanke Steine waren in gleichmäßigem Abstand in den Boden gerammt worden. Gerade errichteten undeutliche Gestalten einen dreiundzwanzigsten Stein. Er kam auf die Beine und erkannte, daß er richtig beobachtet hatte. Und er erkannte, daß er völlig allein war. Mythor war verschwunden, die Bußgänger hatte ebenfalls die Nacht verschluckt. Er setzte einen Fuß vor den anderen und schwankte in irgendeine Richtung davon. Anid war völlig ratlos. Er wußte nicht, wo er war. Irgendwo westlich der Yarl-Linie, das war einigermaßen klar. Er wußte noch nicht, wohin er gehen sollte, was er tun konnte… er wußte gar nichts. Beim zweiten Schrei des riesigen Tieres sprang Vercin auf, klammerte sich an der Tischplatte fest und stieß hervor: »Das Große Schaurige Horn, Lorana!« Zwischen dem jungen Mädchen und seinem Ziehvater stand auf dem Tisch eine winzige Öllampe. Aus dem Inneren der 87
Mühle ertönten die gewohnten schnarrenden und rasselnden Geräusche der Räder und Gestalten. »Es ist irgendein Tier, Vercin!« rief Lorana. »Nicht das Horn!« »Es ist das Horn!« beharrte er. »Es ist das letzte Signal.« »Ziehvater!« rief Lorana. »Nein! Es ist nicht das Horn. Ich habe es deutlich gehört. Es muß ein Tier gewesen sein. Vielleicht schreit es noch einmal. Hör genau hin.« »Ich warte.« Vercin setzte sich wieder. Seine blinden Augen irrten durch den Raum. Er tastete nach der Hand des Mädchens und murmelte undeutliche Worte. Dann, ganz plötzlich, sagte er hart: »Du hast recht, Lorana. Es war doch nicht das Horn. Hast du in den Ställen nachgesehen? Ist das Einhorn noch da?« »Ich habe es gefüttert. Es ist ruhig.« »Und Bitterwolf Hark? Schneefalke Horus?« Das Mädchen antwortete: »Ich habe den Schneefalken am Nachmittag gesehen. Und einige Male hat der Bitterwolf im Uferwald geheult.« »Gut, gut. Meinst du, daß wir ruhig schlafen können? Ich spüre, daß sich etwas auf dem Fluß abspielt. Düstere, böse Dinge!« »Nicht mehr in dieser Nacht, Ziehvater Vercin«, sagte das Mädchen eindringlich. »Du magst ruhig schlafen.« Unverändert strömte das Wasser des namenlosen Baches und der Lorana. Die mächtigen Räder drehten sich und bewegten die kämpfenden, einander umschwirrenden Rätselgestalten. Hunderte von hölzernen Zähnen griffen ineinander, die Lager knirschten, und der alte Mann wußte, daß erst nach dem Zerfall seiner alptraumhaften Mechanismen die Lichtwelt zugrunde gehen würde. * 88
Es mochte eine Stunde nach Mitternacht sein oder vielleicht auch zwei Stunden. Die Schritte der vier Wanderer wurden langsamer; die Kundschafter im toten Land waren müde geworden. Immer wieder stolperten sie und schlugen sich Arme und Knie an Steinen und Ästen wund. »Entweder fange ich zu träumen an«, sagte Mythor, als sie sich einen Weg durch dürres Gebüsch gebahnt hatten, »oder dort vorn ist Licht.« Gapolo, Buruna und Lamir schoben sich zwischen den zurückschnellenden Zweigen durch und blieben schwer atmend neben Mythor stehen. »Tatsächlich. Licht und Flammen. Es sieht wie ein Feuer hinter einer Mauer oder einem Felsen aus!« gab Gapolo zurück. »Ein Lager der Caer?« murmelte Lamir und gähnte. »Wenn es ein Caer-Lager ist«, meinte Buruna, »dann werden die Soldaten vor uns und der ansteckenden gelben Pest ebenso davonrennen wie die anderen. Vielleicht lassen sie uns dabei etwas von dem Braten zurück, der sich über der Glut dreht.« Mythor schob das leuchtende Schwert Alton wieder unter seinen Mantel und sagte sarkastisch: »Darauf würde ich nicht hoffen. Aber es ist durchaus denkbar, daß wir dort etwas Eßbares finden. Wenn es zu viele sind, können wir noch immer flüchten!« Er ging weiter auf die Lichtung hinaus. Nach einer endlos erscheinenden Reihe von Schritten sahen sie deutlicher, was vor ihnen lag. Sie hatten teilweise bearbeitete Felder und frisch gepflügte Äcker durchquert. An ihren Stiefeln hingen dicke Klumpen aus Lehm und Erde. Einige Grenzpfähle waren aufgebraucht, in den Furchen steckten seltsam verloren Ackergeräte. Aus der Finsternis schälte sich der Umriß eines kleineren Bauernhauses. Zwischen dem Haus und einer niedrigen Scheune mit geducktem Dach brannte das Feuer. Drei oder 89
vier Gestalten bewegten sich vor und hinter den Flammen. »Ich sehe drei Pferde ohne Sättel!« flüsterte Gapolo, während sie versuchten, näher heranzukommen. »Wagen wir es?« »Ich meine, wir sollten es riskieren!« knurrte Mythor. Sie zogen sich die Kapuzen über die Köpfe und schlossen die Mäntel. In ihre Hände nahmen sie die Stricke und die Peitschen. Lamir griff ein paar leise Akkorde, und je näher die vier Pilger an den Bauernhof herankamen, desto lauter stöhnten und summten sie. Die Täuschung schien zu glücken. Auf diese Weise entstand der Eindruck, daß sie aus größerer Entfernung kämen. Immer wieder hielten sie an und starrten unter den Rändern der Kapuzen hervor auf die Männer am Feuer. Helme, Rüstungen und Bewaffnung schienen darauf hinzudeuten, daß es sich um Caer handelte. Schließlich kamen die Kundschafter, sich sehr vorsichtig geißelnd, aber um so lauter stöhnend, in den Bereich des roten, flackernden Lichtes. Drei Soldaten waren aufgestanden und schauten ihnen mit den Fäusten an den Schwertgriffen schweigend entgegen. Ihre Rücken waren dem Feuer zugewandt. Die Kundschafter konnten die Gesichter ebensowenig sehen wie die Soldaten die Waffen und die Gesichter der Bußgänger. »Wer seid ihr?« fragte eine barsche Stimme. Der vierte Mann stand voll im Licht des Feuers, über dem sich tatsächlich ein Braten gedreht hatte. Die Flammen ließen ein bärtiges Antlitz erkennen. »Wir kommen von der vernichteten Stadt Ugalos, zwischen deren Mauern die gelbe Pest gewütet hat!« röchelte Mythor und machte, während er sich die Stricke um die Schultern schlagen ließ, wirkungsvolle Pausen der Erschöpfung zwischen den Worten. »Wir sind von der Pest befallen. Gebt uns Platz an eurem 90
Feuer, Caer! Seid barmherzig!« wimmerte Lamir und hörte auf, die Saiten zu zupfen. »Oder sollen wir euch berühren und anstecken?« fragte Gapolo stöhnend und schüttelte sich unwillig, als Buruna seine Schultern verfehlte und das Ende der Peitsche seine Oberarme traf. »Kommt näher!« forderte einer der Caer sie auf. Sie gehorchten mit schleppenden Schritten. Wohlweislich hielten sie sich im Bereich der Schatten, die von den drei Soldaten geworfen wurden. Schließlich mußten sie stehenbleiben und streckten ihre zitternden Hände mit den Peitschen und Schnüren den Caer entgegen. Die Geste war halb flehend, halb drohend. »Rührt uns nicht an. Wir sind todkrank!« warnte Lamir mit zitternder Stimme. »Keine Sorge. Wir sind vorsichtig«, antwortete der Caer. Er trat zur Seite und streifte mit der Kampfaxt die Kapuze von Mythors Stirn. Noch bevor der Kundschafter zurückspringen konnte, hatte der daneben stehende Caer einen brennenden Ast aus dem Feuer gerissen und hielt ihn in die Höhe. Die Flammen beleuchteten Mythors geschwärztes, schweißnasses, erschöpftes Gesicht. Aber es war frei von den Spuren der Pest. »Ich sehe, daß dich die Pest fast umbringt!« sagte er mit einem kurzen Auflachen. »Du irrst«, fing Mythor an, aber da hörte er hinter sich Rascheln und das Knarren von Leder. Er drehte sich blitzschnell um. Mindestens zwei Dutzend Caer waren lautlos aus dem Hintergrund aufgetaucht und richteten die Waffen auf die überraschten Kundschafter. Mythor und seine Freunde waren vom Feuer ein wenig geblendet und von den vier Caer abgelenkt worden. Die Soldaten traten hinter sie und rissen ihnen die Kapuzen herunter, dann die 91
Mäntel, und deutlich sahen sie zweierlei: Die Bußgänger waren weder von der gelben Pest angesteckt, noch waren sie blutend und wehrlos. Ehe sich die Kundschafter wehren konnten, stürzten die Caer von allen Seiten auf sie zu und entwaffneten sie mit geübten Griffen. Den Fremden wurden die Hände auf den Rücken gefesselt. »Ihr seid also keine Geißler und Bußgänger. Ihr seht reichlich gesund aus«, sagte der Mann, der jetzt statt des Astes eine brennende Fackel in die Höhe hielt. »Wer seid ihr?« »Bußgänger aus Ugalos!« behauptete Gapolo. Die Caer stimmten ein rüdes Lachen an. Einer zerrte Buruna in den Bereich des Lichtes zwischen den Mauern und schrie: »Und eine schöne, dralle Bußgängerin! Ich habe derlei noch nie in Ugalien gesehen!« »Ihr seid Caer!« Buruna spuckte ins Feuer. »Was wollt ihr hier im Land? Ihr seid in Tainnia.« »Richtig. Wir sind hier. Bringt sie in die Scheune!« sagte der Anführer. »Später werden wir sie verhören!« Gapolo, auf dessen Brust die schwarze Lilie verräterisch leuchtete, sagte ärgerlich, aber scheinbar ohne Angst: »Bevor ihr uns in die Gefangenschaft führt, könntet ihr uns eigentlich einen Becher Wein geben. Wir sind am Verdursten!« Der Caer zerrte ihn zur Seite und knurrte: »Halt’s Maul! Gefangene haben bei uns nichts zu sagen.« Man brachte sie in die Scheune und stieß sie in der Nähe mehrerer angebundener Pferde in feuchtes Stroh. Ihre Waffen wurden außerhalb des schief in den Angeln hängenden Tores klirrend zu Boden geworfen. Schnell beruhigten sich die Pferde, und die Caer lagerten sich wieder um das Feuer. »Sie waren hinter den Häusern versteckt und haben auf uns gewartet«, sagte Gapolo mit deutlicher Wut in der Stimme. Mythor zerrte an den Lederriemen um seine Handgelenke. 92
Er keuchte: »Sie haben uns kommen sehen und erwartet.« »Zweifellos. Wir sind in ihre Falle gestolpert.« »Noch leben wir«, murmelte der Sohn des Kometen und fühlte sich ungewöhnlich schlecht. Ihre List war fehlgeschlagen; die Müdigkeit hatte sie zum Leichtsinn verleitet. Jetzt mußten sie versuchen, aus dieser Lage wieder herauszukommen. »Für Caer«, stieß Buruna hervor, »scheinen sie ungewöhnlich friedlich zu sein!« »Friedlich?« knirschte Lamir, der halb auf seiner Laute lag und sich herumwälzte. Er hatte modrig schmeckendes Stroh zwischen den Zähnen. »Du träumst!« »Sie haben uns nicht getreten, nicht mit flachen Schwertern geschlagen.« »Das reicht schon aus, um die Milde der Caer begreifen zu lassen«, murmelte Gapolo. »Kannst du meine Fesseln mit den Zähnen erreichen, Mythor?« »Es ist Leder«, sagte Mythor. »Ich müßte stundenlang beißen.« Gapolo spottete: »Der Geschmack des Leders würde den Hunger vertreiben, Mythor.« »Mir ist wenig nach Scherzen zumute«, schoß der Kundschafter zurück. »Aber die Nacht ist noch nicht vorbei. Es kann noch viel passieren. Versucht euch zu entspannen.« Sie warteten in steigender Unruhe. Die Caer teilten sich den Braten und tranken, unterhielten sich leise und klirrten ab und zu mit den Messern. Mythor lauschte und versuchte zu erkennen, wie viele Krieger es wirklich waren. Er schätzte ihre Anzahl auf mindestens zwanzig, aber es gab seiner Meinung nach nicht so viele Pferde hier. Und am meisten wunderte es ihn, daß bei der Truppe kein Dämonenpriester war. Sowohl das Gläserne Schwert als auch sein Helm hätten wohl bei einem Priester einiges Aufsehen erregt. Er war gerade bei diesen 93
Gedanken, als einige Soldaten mit Fackeln in die Scheune kamen. Wortlos näherten sie sich den Gefangenen, zogen sie hoch und schleppten sie hinaus. Mythor und seine Freunde wurden in einer Reihe an die Wand der Scheune gelehnt. Neues Holz war auf die Glut geworfen worden. Die Flammen schlugen hoch und gestatteten es den Caer, die Gefangenen genau zu sehen. »Es ist erwiesen«, begann ein Caer das Verhör, »daß ihr keine kranken Ugalier seid. Eure Haut ist rein.« »Das ist schwer zu leugnen«, antwortete Gapolo. Die anderen schwiegen. Die Caer hielten sich fast zwischen den Gefangenen und den Flammen auf, so daß ihre Gesichter schwer zu erkennen waren. Auch ein nicht erwartetes Verhalten, sagte sich Mythor, doch schon wurde die nächste Frage an sie gerichtet. »Ihr seid gut bewaffnet. Ihr habt eine Frau bei euch. Was wollt ihr hier?« Nur drei oder vier Caer schienen zu fragen. Die anderen verhielten sich ruhig, aber aus der Dunkelheit heraus durchbohrten ihre Blicke die Gefangenen. »Wir kommen aus der Stadt…«, begann Lamir. »Aus welcher Stadt?« »Aus der Stadt nahe der Eulenburg.« »Ihr lügt. Dort gibt es keine Stadt. Darain ist die nächste größere Siedlung. Und ich sage euch, ihr kommt nicht aus Ugalos. Denn sonst würdet ihr die Pest in euch tragen.« »Nicht alles, was man nicht sieht, ist nicht vorhanden!« gab Buruna diplomatisch zu bedenken. »Möglich. Nochmals: Woher kommt ihr?« »Aus dem Osten!« sagte Mythor. »Das ist die Wahrheit. Was wollt ihr von uns?« Der Caer sagte schlecht gelaunt: »Das wird davon abhängen, welche Antworten ihr gebt. Wie die Wahrheit ist.« »Die Wahrheit ist, daß wir Hunger haben, dürsten und die 94
Fesseln ins Fleisch schneiden. Die Wahrheit ist weiterhin«, brachte Lamir hervor, »daß wir versuchen, uns zurechtzufinden in diesem leeren, toten Land, das ihr Caer und eure Priester verdorben habt.« Sie waren alle verblüfft, daß sich aus den Reihen der Caer kein Widerspruch regte, daß keiner aufstand und sie schlug. »Wohin wollt ihr?« »Zum Hochmoor von Dhuannin!« sagte Mythor. »Was wollt ihr dort?« »Die Heere der Caer zählen und herausfinden, wie wir mit dem Leben davonkommen können, ohne unsere Ehre dabei zu verlieren.« »Wollt ihr gegen die Caer kämpfen? Vielleicht auch die halbnackte Frau?« erkundigte sich spöttisch der Sprecher. »Wir müssen gegen euch kämpfen«, sagte Gapolo. »Nicht, daß wir Todessehnsucht hätten! Ihr wollt die Wahrheit hören?« »Ja.« »Wir haben die Soldaten des Herzogtums Caer kennengelernt. Sie sind mutig und des Kriegshandwerks kundig. Es sind Kämpfer wie wir. Wir aber kämpfen gegen die Dämonenpriester, von denen ihr eure sinnlosen und grausamen Befehle bekommt.« »Kampf wird es zweifellos geben«, entgegnete einer der Angesprochenen. »Ganz sicher dann, wenn wir unsere Fesseln nicht mehr haben«, versicherte Mythor wütend. »Was soll diese Fragerei?« »Wenn jemand Fragen stellt, sind wir es. Habt ihr viele Widerstandskämpfer gesehen?« »Nein«, sagte Lamir verstockt. »Sie ziehen es vor, angenehmere Gegenden zu durchstreifen. Aber Caer sahen wir. Sie stellen Steine entlang der Yarl-Linie auf.« »Steine? Ja… es werden verschiedene Arbeiten durchge95
führt«, brummte einer der Caer. Mythor und Gapolo glaubten, Unsicherheit aus der Stimme heraushören zu können. »Ihr habt keine Spione und Widerständler gesehen?« Er hielt Mythor die Schwertspitze an die Kehle. »Nein. Nur die Geißler aus der vernichteten Stadt!« beharrte Gapolo. Die Caer fragten eine Weile lang nicht weiter. Auf einen Wink des Anführers brachten zwei Männer gefüllte Becher und hielten sie den Gefangenen an die Lippen. Die Kundschafter tranken voller Gier. Es war Wein, mit kaltem Wasser verdünnt. Er schmeckte abscheulich, aber er löschte den Durst. »Was würdet ihr tun, wenn ihr Widerständler trefft?« lautete die nächste Frage. Mythor zögerte mit der Antwort und meinte dann: »Das wissen wir nicht. Vermutlich würden wir ihnen berichten, was wir gesehen und erlebt haben. Mir scheint, daß sich mehr Truppen und Heere versammelt haben, als euch lieb sein kann.« Sicherlich hatten auch die Caer Spione und Kundschafter. »Tausende von Widerstandskämpfern sollen sich allein aus Elvinon sammeln und auf ihren Feldherrn warten«, sagte Gapolo. »Der Wein war herrlich. Gibt es auch noch etwas Fleisch an den heißen Knochen?« Er bewegte das Kinn und deutete auf die Bratspieße und die Reste des Essens. »Später. Vielleicht. Und, solltet ihr das Hochmoor erreichen, was wolltet ihr dort tun? Was nachher?« herrschte ein Caer die Gefangenen an. Mythor sah an ihm vorbei. Ein Mann hatte seinen Platz verlassen. Hinter ihm lehnte ein Wappenschild voller Kerben und mit glänzender Oberfläche an einigen aufrecht gestellten Speeren. Mythor betrachtete das Wappen so lange, bis ihm die Augen tränten und er sicher sein konnte. Er kannte diese Zeichen. Schließlich grinste er breit und hoff96
te, daß er sich nicht irren möge, denn ebenso konnte dieser Schild eine Kriegsbeute der Caer sein. Dann sagte er: »Gut also, die Wahrheit. Wir sind keine ugalischen Bußgänger und Geißler, und ihr seid alles andere, nur keine Caer-Soldaten. Ich bin sicher, daß ihr zu denen gehört, die sich gegen die Caer stellen. Löst uns die Fesseln! Wir sind Verbündete!« Erschrockene und verwunderte Ausrufe waren zu hören. Dann zog ein Krieger den Dolch und näherte sich vorsichtig Mythor und den Freunden.
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Hans Kneifel
IM NIEMANDSLAND Der Ugalier, der sich triefend naß ans Ufer gerettet hatte, spuckte Wasser und fragte dann: »Warum drehen sich die Räder? Warum erzeugen sie nutzlose Wellen und Geräusche?« Lorana lächelte den nassen Krieger an. Sie fürchtete ihn nicht und antwortete: »Mein Ziehvater Vercin, der mich aus der Lorana rettete, weiß es. Die Lichtwelt wird untergehen, wenn die Wasserräder der Mühlenarche stehenbleiben.« Der Mann blickte unschlüssig auf das Langhaus, das wie ein Schiff aussah, das am Ufer gestrandet war. Verwundert fragte er: »Ich weiß, daß eine große Schlacht bevorsteht zwischen den Mächten aus der Dunkelwelt und der Lichtwelt. Deswegen ziehen wir Ugalier mit Flößen zum Hochmoor. Wer bist du? Was tust du hier?« Lorana entgegnete: »Ich bin Lorana. Ich heiße wie der Fluß. Ich füttere das Einhorn meines späteren Geliebten.« Der Ugalier starrte Lorana an, als sei er überzeugt, eine Wahnsinnige vor sich zu haben. Vom Süden kam ein warmer Wind. Seine Feuchtigkeit schien jedes Lebewesen zu lähmen und verrückt zu machen. Wieder fragte er: »Späterer Geliebter? Einhorn? Ein Name für den Fluß und für dich? Und was ist dein Ziehvater, daß er mit drei Wasserrädern den Untergang der Lichtwelt verhindern kann?« Lorana sagte mit Nachdruck: »Mythor wird mich mit sich nehmen, wenn er aus der Großen Schlacht kommt. Er reitet das schwarze Einhorn mit den feurigen Augen. Ich heiße so, weil ich dort…«, sie deutete auf den schnell dahinströmenden Fluß, dessen Wasser rot wie Blut schien,»… geboren bin. Mein Ziehvater, der Mautner, ist ohne sehende Augen. Aber in seinem Verstand schaut er die Dinge und weiß mehr als alle anderen. Er sagt, daß niemand entkommt, wenn das Große Schaurige Horn ertönt. Willst du ein warmes Bier?« Der Ugalier stieß einen gurgelnden Laut des Schreckens aus, warf Lorana einen wirren Blick zu und wandte sich zum Fluß. Als ein Baum dahertrieb, dessen Stamm und Aststummel weiß und aller Rinde entkleidet wa98
ren, sprang er in die Lorana und klammerte sich an das Holz. Er schrie gellend, daß es über den Fluß hallte: »Lieber ertrunken als bei zwei Wahnsinnigen wie euch!« Noch hörte man das Große Schaurige Horn nicht. Lorana ging zurück ins Haus, streichelte das Fell des Bitterwolfs und fütterte das Einhorn.
(Geschehen im Land Darain) * Der Mann in der Rüstung eines Caer-Anführers beugte sich über Mythor. Die feingeschliffene Schneide des Dolches funkelte im Licht des Lagerfeuers. Die vier Gefangenen hielten den Atem an. Nur scheinbar ruhig fragte der Anführer: »Was macht dich so sicher, daß wir keine Caer sind?« »Das Wappen von Elvinon auf dem Schild dort hinten.« »Das kann nicht alles sein, Mann! Wie ist dein Name?« »Ich bin Mythor. Und…« »Halt! Wir sollen eure Verbündeten sein? Woher kommt ihr wirklich?« Mythor wagte das Äußerste und sagte die Wahrheit. Unruhig bewegten sich Lamir, Buruna und Gapolo ze Chianez. »Wir kommen von Graf Corian, aus seinem Hauptquartier auf dem Eulenberg. Er schickte uns, auszukundschaften, was die Caer planen und wie es am Hochmoor aussieht. Wir haben furchtbare Dinge gesehen und zweimal einen Zug von Geißlern und Bußgängern getroffen, die die Caer mit der gelben Pest in die Flucht jagten.« Noch immer drohte der Dolch. »Du hast uns jetzt die vierte Wahrheit erzählt, und alle sind sie verschieden, deine Wahrheiten. Wir wollen Beweise.« Buruna mischte sich ein und sagte herausfordernd: »Jeder, der Graf Corian kennt, kennt auch seine Burg. Dort war ich die 99
begehrteste Liebessklavin, ehe ich frei wurde und mich Mythor anschloß, den sie den Sohn des Kometen nennen und der auf einem schwarzen Einhorn reitet. Zufrieden? Schneide uns endlich los, Mann!« »Ich riskiere es. Vier gegen vierzig. Ihr habt keine Chance. Selbst wenn ihr nicht das seid, was ihr zu sein vorgebt.« »Wir geben nicht vor, hungrig zu sein, wir sind es!« rief Lamir. »Ich, Lamir von der Lerchenkehle, werde die Nacht für alle zum Dank mit Klängen und Gesängen würzen, wenn erst wieder das Blut durch meine Handgelenke strömt.« »Meinetwegen!« sagte der Mann und durchschnitt die Lederriemen an den gekreuzten Handgelenken. Die Gefangenen standen auf und massierten sich die Gelenke. Ein Krieger kam mit einem Krug in den Händen auf die Gefangenen zu. Der Krug enthielt starken, dunklen Wein. Seit sie die Mühle mit Vercin und Lorana verlassen hatten, war ihr Essen ungewöhnlich dürftig gewesen. Jeder von ihnen nahm mehrere tiefe Schlucke. Als Mythor den Krug absetzte, fragte er: »Wer seid ihr nun wirklich, ihr Männer in den Rüstungen der Caer?« »Wir sind Widerstandskämpfer aus Elvinon, nur einige von rund fünftausend, die einen Tagesritt entfernt warten.« »Es beruhigt mich, dies zu hören«, sagte Gapolo ze Chianez und stellte sich vor. »Ihr wußtet auch nicht, daß die Caer, zusammen mit Bauern und Kriegssklaven, entlang der Yarl-Linie Steine aufstellen. Es wird ein Zingel daraus, eine lange Reihe wie ein Zaun. Und da wir Dämonenpriester sahen, wissen wir, daß der Zingel eine schwarze, magische Bedeutung erlangen wird.« Er suchte sich aus den achtlos aufeinandergeworfenen Waffen die Teile seiner Ausrüstung hervor und legte sie an. Mythor band den Helm der Gerechten an seinen Gürtel und schob das Gläserne Schwert neben seinen Oberschenkel. 100
»Wir sind tatsächlich ebensowenig Caer wie ihr«, sagte er und grinste breit. »Schon allein aus diesem Grund bitten wir um die Reste des Bratens.« »Gern! Dort drüben!« Während die vier Kundschafter aßen und die vierzig Männer immer wieder die begehrenswerte Figur der Liebessklavin musterten, fragte Lamir: »Fünftausend Kämpfer? Worauf warten sie? Auf Vercins Schauriges Horn?« »Auf die Ankunft von Herzog Krude. Er wird uns alle in die Schlacht führen!« sagte ein Mann aus Elvinon. »Dein Helm ist unvergleichlich kostbar!« murmelte ein anderer, an Mythor gewandt. »Hast du keine Angst, daß man ihn dir stiehlt?« Mythor hob den Helm der Gerechten hoch und sagte: »Natürlich sind die Edelsteine echt. Selbstverständlich habe ich bisweilen die Angst, daß mir jemand den Helm stiehlt. Aber jeder andere, der ihn aufsetzt, leidet darunter. Meist wird er wahnsinnig.« Er hielt den Helm ins Licht des Feuers. »Ist jemand da, der ihn aufsetzen will? Wenn der Wahnsinn einsetzt, reiße ich den Helm von seinem Kopf.« Einige Männer lachten. »Auf diesen magischen Unsinn verzichten wir gern«, sagte einer. »Behalte dein kostbares Monstrum«, meinte ein anderer. »Gern«, sagte Mythor zufrieden. Gapolo deutete mit der Hand, die den Krug hielt, auf Mythor und sagte: »Dieser Mann hat mir mehrmals das Leben gerettet. Unterschätzt ihn nicht! Er ist ein gewaltiger Kämpfer.« »Dann kann er ja mit uns und Herzog Krude zusehen, wenn Graf Codgin unsere Kriegserklärung übergibt. Die Caer werden zittern, wenn wir ihnen gegenüberstehen.« Mythor mußte lachen. Das Selbstbewußtsein der elvinonischen Rebellen schien ungebrochen zu sein. 101
»Ich komme gern mit!« bestätigte er. »Ich weiß aber nicht recht, was ich von eurer Zuversicht zu halten habe. Der Tag des vollen Mondes ist nicht mehr sehr fern, auch nicht der Tag der Wintersonnenwende, an dem die große Schlacht geschlagen werden soll. Ich sage euch, daß es mehr als nur ein Gemetzel geben wird, denn die Caer und ihre Dämonenpriester werden alles tun, um mit Schwarzer Magie ihr Reich zu vergrößern. Ich fürchte den Kampf nicht. Ich fürchte diese Magie und ihre Folgen!« »Wahr gesprochen!« stimmte Gapolo zu. Wieder erhob sich lautes Gelächter in dem Kreis der Männer. Einer rief: »Wir gehen in den Lagern der Caer ungehindert ein und aus. Wir reiten hin, sehen alles und kommen ungeschoren zurück.« »Daher auch eure Verkleidung!« »Ja. Auch für euch hätten wir Rüstungen und Waffen und alles andere. Selbst Caer-Pferde haben wir!« »Das ist ein Wort. Eine bessere Tarnung könnten wir uns nicht wünschen«, antwortete Buruna. Der Anführer stierte ihre kaum verhüllte Brust an, dann murmelte er: »Du hättest große Schwierigkeiten, in einem Caer-Harnisch unterzukommen. Aber ganz Elvinon wartet auf die Zeichen. Das ganze Land wird sich gegen die Caer erheben, wenn es nötig ist.« »Drudin, ihr Oberster Dämonenpriester, ist auf der Insel geblieben und mischt sich nicht in den Kampf!« rief ein Mann und warf einen Kloben ins Feuer. Ein anderer lachte. »Wir fürchten die Schwarze Magie nicht. Sie kann nicht wirken, wenn sich Tausende und aber Tausende zum Kampf versammeln!« »Ohne Drudins Erscheinen haben wir nicht viel zu befürchten!« »Die Heere der Caer lagern vor den Städten!« 102
»Sie werden nicht rechtzeitig zum Hochmoor von Dhuannin kommen können!« Jeder rief etwas anderes. Aus der Menge der Antworten entnahmen die vier Kundschafter, daß zumindest die Männer aus Elvinon sich nicht fürchteten. Aber Mythors Meinung änderte sich dadurch nicht: Er hatte zuviel gesehen und wußte, über welche Kräfte die Dämonenpriester verfügten. Hatte er durch die magischen Linsen des Wahrsagers nicht glühende und schattenhafte Linien dort gesehen, wo sich die Düsterzone ausbreitete? Hatte nicht der Name Luxor, den ihm der hinterlistige Junge zugerufen hatte, in ihm düstere Empfindungen hervorgerufen? Waren nicht die nächsten Monde seines Lebens von merkwürdigen Aussagen und Prophezeiungen vorbestimmt? Die Tage, in denen der sichelförmige Mond sich füllte, würden nicht so leicht und angenehm sein, wie diese rauhen Männer glaubten. Und sein Weg zum Koloß von Tillorn? Würde er jemals seine Ziele erreichen? Er lehnte sich zurück und sagte müde: »Habt ihr Wachen aufgestellt, Männer?« »Hätten wir euch in der Maske der Geißler sonst so frühzeitig bemerkt?« »Gut. Dann können wir also sicher schlafen.« »Seid unbesorgt«, sagte der Anführer. »Schlaft euch jetzt aus! Sucht euch einen Platz! Morgen zeigen wir euch, wie die Widerstandskämpfer von Elvinon ein Dorf besuchen, das voller Caer steckt.« Mythor und die anderen waren mehr als müde. Sie fanden einige Decken, nahmen noch einen Schluck Wein und warfen sich in der Scheune auf das feuchte Stroh. * In den Tagen des zunehmenden Mondes änderte sich der 103
schwüle Südwind nicht. Aber am Himmel zogen schon bei Sonnenaufgang Wolken auf. Mythor und seine Freunde wuschen sich am Brunnen des Bauernhofs, der von seinen Besitzern verlassen war. Nach einem kurzen Imbiß brach rund um den Hof fieberhafte Tätigkeit aus. Pferde wurden gezäumt und gesattelt. Die Krieger vervollkommneten ihre Ausrüstung und sahen die Waffen nach. Ein erster Trupp brach auf, um den Weg zu erkunden. Mythor verpackte den Helm der Gerechten in eine Satteltasche. Gapolo ze Chianez kam gähnend herbei und führte ein Caer-Pferd hinter sich. »Glaubst du an das, was diese Männer denken? Daß die Caer nur ein riesengroßes Täuschungsmanöver aufbauen?« Gapolo war kaum noch zu erkennen unter dem Caer-Helm, dem Halbpanzer, der die schwarze Lilie auf weißem Grund verdeckte, mit seinen Schwertern, die in Caer-Schwertscheiden steckten. Er drehte die Spitzen des Bartes, seine grünen Augen funkelten zuversichtlich. »Es ist etwas Wahres dran. Sonst wären wir in der Nacht von Caer-Patrouillen belästigt worden. Es sind wenige Caer in diesem Teil des Landes.« »Warten wir ab!« sagte Mythor. »Ich habe kein gutes Gefühl. Die Krieger haben einen Hang zum Prahlen!« »Wir werden sehen, wenn wir an Ort und Stelle sind«, tröstete ihn Gapolo. »Kann ich dir helfen?« Der schwarzhaarige Mann aus dem Stamm Worsungen sah tatsächlich aus wie ein Caer. Die eigenen Waffen steckten in den schweren, ausgebeulten Satteltaschen. Mythor schnallte sich eine lederne Schwertscheide an und schob das leuchtende Gläserne Schwert hinein. Dann mußte er trotz seiner üblen Laune grinsen. Gapolo folgte dem Blick von Mythors Augen und lachte hell auf. »So tragen wir auch zur Unterhaltung vor der Schlacht bei. Deine Freundin, Mythor!« sagte er. 104
Buruna versuchte sich mit Lamirs Hilfe als Caer-Krieger zu verkleiden. Der Vorgang war sehenswert. Ihre hochgedrehten Zöpfe paßten in das Schwammfutter des Helmes, aber beim Versuch, ein Lederhemd, darüber ein leichtes Kettenhemd und darüber einen Brustharnisch anzuziehen, bildete sie den Mittelpunkt eines Kreises von zehn oder mehr Kriegern. Es herrschte ausgelassene Stimmung, und Burunas pralle Brust verschwand schließlich unter drei Schichten Kleidung und Rüstung. Sie schüttelte sich und schrie wütend: »Ihr braucht nicht zu lachen! Wenigstens sieht man, daß ich eine Frau bin!« »Welch eine Frau!« rief Mythor und unterdrückte ein Schmunzeln. »Aber du wirst einem Mann immer ähnlicher!« Buruna sprang auf ihn los und zischte ihn an: »Du mit deinem Pergament! Zuerst Lorana, und jetzt lachst du über mich! Ein schöner Liebhaber!« Mythor sprang zur Seite. Die Krieger stießen grölendes Gelächter aus. Mythors Lächeln besänftigte Buruna nur teilweise. Schließlich legte die junge Frau die restlichen Stücke der Ausrüstung an. Auch der Barde versuchte, mit Hilfe von Waffen und Ausrüstung einen Caer zu imitieren, aber er wirkte nicht überzeugend. Gapolo winkte ab und brummte: »Reiten wir. Schließlich wird es wohl nicht ernst werden.« »Und ich sage dir«, bekräftigte Mythor seine eigenen Überlegungen, »daß diese Männer eine grimmige Überraschung erleben werden… und wir mit ihnen.« Gapolo hob die Schultern und ritt an. Mythor folgte ihm, und sie waren fast die letzten von rund vier Dutzend Reitern mit einigen zusätzlichen Packpferden. Erst jetzt, nachdem sie den ausgestorbenen Bauernhof hinter sich gelassen hatten, sahen die Kundschafter genau, wie das Land aussah, durch das sie in der Nacht gekommen waren. An 105
vielen Stellen, wo keine Sonnenstrahlen hinfanden, lagen Verwehungen schmutzigen, körnigen Schnees. Die Pferde hatten es nicht leicht, voranzukommen, denn der Boden unter ihren Hufen war schwer und tief. Die Sonne stieg höher, aber immer wieder trieb der Südwind graues Gewölk nach Norden vor der leuchtenden Scheibe vorbei. Kein Vogel sang, kein Tier sprang aus den krummen Ackerfurchen auf. Schweigend schlossen Gapolo und Mythor auf und ritten neben Lamir und Buruna fast an der Spitze der zweiten Gruppe. »Wie weit ist es noch?« fragte Gapolo nach einer Weile. Der falsche Caer drehte sich halb um und antwortete knapp: »Morgen, gegen Mittag!« So erstaunlich es auch war, aber die Widerstandskämpfer sahen nicht einen einzigen Caer. Ohne Pause ritten sie weiter, bis die Sonne tief in den Nachmittag sank. Als Mythor den Kopf hob, erblickte er den ersten Wagen einer langen Kolonne. »Gapolo! Caer!« stieß er hervor. Die falschen Caer handelten völlig überlegt. Sie verhielten sich so, wie sich eine Patrouille echter Caer benehmen würde. Einige Arme hoben sich und deuteten einen Gruß an. Einige Bogenschüsse weit kreuzte eine breitere Straße den Weg der Männer aus Elvinon, auf der sich die vierrädrigen Wagen knarrend nach Südost bewegten. Sie wurden von stämmigen Pferden gezogen, und auf beiden Seiten der Kolonne ritten Caer in geringem Abstand. Etwa dreißig Gespanne wurden von schätzungsweise der doppelten Menge Caer bewacht. Auch die Vorhut der Kolonne grüßte uninteressiert zurück. »Ich sehe, was du meinst«, brummte Gapolo. Er wurde eine Spur unsicher, denn er mußte erkennen, daß hier Nachschub oder Ausrüstung transportiert wurde. »Vielleicht gibt es doch Heere der Caer in diesem Gebiet?« »Unsinn!« gab der Reiter neben ihm zurück. Die Gruppe 106
schwenkte nach rechts, um den Zug zu umgehen und die Ordnung nicht zu stören. Während sie einen Bogen ritten, zog die Wagenkarawane in guter Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Die Felgen der Räder, sah der Kundschafter, sanken nicht tief ein, und auch die Zugtiere machten keinen erschöpften Eindruck. Also waren die Lasten nicht sonderlich schwer. »Was wird dort transportiert?« fragte sich Mythor laut und dachte nichts Gutes. »Keine Ahnung!« knurrte sein Nebenmann. »Wird wohl nichts Wichtiges sein. Sonst hätten unsere Truppen es besser bewacht!« »Ich bin neugierig«, antwortete Mythor. An keinem Wagen flatterten die Planen, sie waren allesamt festgezurrt. Das Ende der Kolonne und die Spitze der Reiterei näherten sich einander bis auf kurze Entfernung. Als Mythor den Arm ausstreckte und Gapolo an der Schulter packte, gab es vor ihnen ein helles, knackendes Geräusch, dann ein Krachen. Zugtiere wieherten erschrocken, einige Männer stießen Flüche aus. »Es hätte nicht besser kommen können«, sagte Mythor voller Spannung. »Ein Rad ist gebrochen. Los, kommt! Wir wollen unseren Kriegskameraden helfen!« Er riß sein Pferd herum und sprengte quer über eine verwilderte Weide auf den Wagen zu. Die Tiere standen, der Wagenlenker war vom Bock gesprungen und stand da. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und überlegte, was er zuerst tun mußte. Der letzte Wächter der Kolonne, einige Steinwürfe weit entfernt, wendete sein Pferd und ritt langsam zurück. Hinter Mythor galoppierten Gapolo und fünf andere Reiter. Sie erreichten den Wagen, und Gapolo schrie freundlich: »Laßt euch helfen, Freunde! Wir haben es nicht eilig.« »Starke Männer werden immer gebraucht!« unterstützte ihn Mythor und näherte sich dem Wagen von hinten. Aber der Lenker griff zum Schwert, zog es und stellte sich zwischen das 107
zertrümmerte Rad und die Reiter. Es gelang Mythor, während ihn Gapolo abschirmte, seinen Dolch zu ziehen und blitzschnell ein Seil zu durchtrennen. Seine Hand riß die Plane an einer Stelle zur Seite. »Bei Erain!« entfuhr es ihm. Ein einziger langer Blick genügte, um ihn erkennen zu lassen, womit der Wagen beladen war. In seine überraschten Gedanken mischten sich Flüche, Schreie, das Klirren von Schwertern und das Hufgetrappel mehrerer näher kommender Caer. Ein bärtiges Gesicht tauchte neben Mythor auf. Der Mann aus Elvinon warf ebenfalls einen Blick auf die hölzernen Gerätschaften und knurrte: »Ich wußte es. Runengabeln!« sagte er abschätzig und zog sein Schwert, dann ritt er um das Heck des Wagens herum, um dem Lenker das Schwert aus der Hand zu schlagen. Mythor sah einen großen Haufen ineinander verkeilte Stangen, die in mehreren Spitzen endeten und entfernte Ähnlichkeit mit dürren Knochenfingern hatten. Dann riß er den Hals des Pferdes zur Seite und schrie aufgeregt: »He! Seid ihr von Sinnen? Warum wehrt ihr euch gegen unsere Hilfe?« Wieder preschten einige echte Caer-Reiter heran. Eine Stimme dröhnte und schrie hallend: »Weg von den Wagen! Ihr braucht nicht zu helfen. Niemand rührt die Ladung an!« Gapolo und Mythor verständigten sich mit einem raschen Blick, und der Salamiter schrie in grobem Tonfall zurück: »Dann helft euch selbst! Ihr seid aus dem Süden des Herzogtums. Dort leben die ungehobelten Bauernreiter! Kommt, Freunde, kümmert euch nicht um die Undankbaren.« Die Reiter schrien ein paar Beleidigungen und spornten ihre Pferde. Sie ritten in scharfem Galopp zurück zu ihrer Gruppe. Die anderen waren nur unmerklich langsamer geworden, hatten aber nicht eingegriffen, als ihre Kameraden und die fremden Kundschafter vertrieben wurden. Ihre Gesichter waren 108
jedoch angespannt und wachsam. Als sei nichts gewesen, ritten sie weiter. Mythor strich sein dunkelbraunes Haar in den Nacken und fragte den Reiter: »Was sind Runengabeln? Wozu braucht man sie? Ich habe noch nie etwas davon gehört.« Die Stangen sahen aus, als seien sie so gewachsen und man habe sie der Rinde beraubt und stellenweise mit Schnitzereien versehen. Sie waren mannslang oder sogar doppelt mannslang. Die Verzweigungen mochten bis zu drei Ellen Länge erreichen und waren unglaublich knorrig und häßlich. »Holz«, knurrte der Reiter und spuckte verächtlich aus. »Einen Krieg gewinnt man nicht damit. Oder kennst du einen Weg, mit kahlen Ästen zu kämpfen?« Mythor schüttelte den Kopf. Er vermochte sich nur vorzustellen, daß die sogenannten Runengabeln Zutaten für einen schwarzen Zauber darstellten. »Ich weiß zuwenig, um dir eine Antwort zu geben«, entgegnete er schließlich. »Aber ich ahne, daß sie mehr als nur totes, trockenes Holz sind.« Der andere lachte und rief spöttisch: »Der Geist erschlagener Caer ist in ihnen. Bei der Wintersonnenwende werden sie lebendig und stechen mit ihren Dornen.« Mythor verzichtete auf eine Antwort. Er war von der Harmlosigkeit der Gabeln nicht überzeugt. * Eine unübersehbar große Ebene erstreckte sich rund um ihn. Nebel oder Rauch stieg aus geheimnisvollen Öffnungen im Boden auf. Ein riesiger, schwefelgelber Mond hing über der Fläche. Das Bild strahlte grauenhafte Einsamkeit aus; das böse Licht des Mondes ließ den Dunst aufleuchten. Zwischen den Schwaden bewegten sich dunkle Gestalten völlig lautlos hin und her. Ab und zu glänzten metallene Rüstungen oder Hel109
me auf, hin und wieder schimmerte das Mondlicht auf einem blanken Schwert. Die Ebene war völlig still. Alles ging lautlos vor sich. Dürre, besenartige Gebilde standen zwischen den Kriegern. Es waren die kahlen, knorrigen Runengabeln. Tausende von Gabeln, die ihre Finger dem Mond entgegenstreckten, bildeten lange Reihen und kleine Anhäufungen. Ein wirres Muster zeichnete sich ab. Eine zweite Darstellung schob sich in dieses drohende Bild: die Ebene der Krieger, die unermeßlich großen Mengen von Zelten und Soldaten des Herzogtums. Furcht und Angst ergriffen ihn; die Nebel, die Runengabeln und das schweigende Heer zeigten ihm die ungeheuerliche Kraft der Schwarzen Magie, verbunden mit der kämpferischen Macht der Krieger. Er schrie vor Angst auf. Jemand ergriff und rüttelte ihn. Blinzelnd, stöhnend und schwitzend wachte er auf. Undeutlich sah er im roten Glanz des heruntergebrannten Feuers das dunkle Gesicht Burunas über sich. »Du hast geschrien und geknurrt wie Hark!« flüsterte sie. Mythor schüttelte sich und holte tief Luft. Die drohenden Fetzen des Traumes schwanden aus seinen Gedanken. »Ich habe gräßliche Dinge geträumt.« »Wovon hast du geträumt? Ich bin von deinen Schreien aufgewacht.« »Mein Traum war voll von schaurigem Mondlicht, von Runengabeln und schweigenden Kriegern.« »Wie gut, daß es nur ein Traum war. Schlaf weiter!« Ihre Hand strich über seine Stirn und seinen Nacken. Mythor wischte den Schweiß ab und stöhnte: »Ich weiß nicht, ob ich noch einschlafen kann. Ich spüre den Traum in jedem Nerv.« Er legte sich zurück. Er sah über sich ein paar Sterne. Immer wieder jagte der feuchte, warme Wind schwarze 110
Wolken über den Nachthimmel. Die falschen Caer rasteten unweit eines Dorfes, das vollständig von den echten CaerTruppen besetzt war. Unruhig wartete Mythor auf den Morgen. Er fühlte sich wie gerädert, als es endlich hell wurde und die Gruppe nach den notwendigen Vorbereitungen in den Sätteln saß. »Heute werdet ihr erleben, wie das große Zittern über die Caer kommt«, plärrte ein übermütiger Reiter in Mythors Richtung. Die Hufe der Pferde erzeugten ein gleichmäßig trommelndes Geräusch. Naß und schwer hing dunkelgrauer Nebel zwischen den Bäumen. Mythor fror; er war nicht ausgeschlafen, die Reste des Traumes zitterten in ihm nach, und das Gefühl kommenden Unheils verstärkte sich in seinem Inneren. Trotzdem rief er zurück: »Wie das?« »Heute wird den Caer die Kriegserklärung übergeben! Sie werden sich fürchten, weil sie wissen, daß das ganze Land gegen sie kämpfen wird!« Soweit Mythor und Gapolo feststellen konnten, war die Tarnung der etwa vierzig Reiter ziemlich perfekt. Sie wirkten tatsächlich wie eine starke Caer-Patrouille. Trotzdem fühlten sie sich alles andere als sicher. Mythors Meinung unterschied sich allerdings von derjenigen seines schwarzlockigen Freundes; er wußte genau, daß nach der Kriegserklärung das Unheil erst wirklich ausbrechen würde. »Hinter dem Hügel ist das Dorf. Es hat keinen Namen!« rief ein Reiter. Sie hielten darauf zu und folgten einer ausgetretenen Straße. Erste Zelte schoben sich aus dem dürren Gestrüpp. Es roch nach Abfällen und kaltem Rauch. Soldaten gingen hin und her und schärften Schwerter, besserten Schilde aus und arbeiteten mit einer mürrischen Gelassenheit. Überall standen Pferde, mit ihren Zügeln angebunden. Neben einem Feuer beschlug ein 111
Schmied die Hufe eines schwarzen Hengstes, und in der Mitte des kleinen Dorfes befanden sich besonders große und einigermaßen neue Zelte, deren Eingänge nicht zurückgeschlagen waren. Von den Reitern nahm niemand Notiz. Sie gehörten dazu, und nur wenige Blicke trafen sie, als die Pferde an den Brunnen geführt wurden. Gapolo sprang aus dem Sattel und sagte zu Mythor: »Ein wenig Kriegsstimmung scheint hier zu herrschen. Sie arbeiten an ihren Waffen.« »Ich werde mich umsehen«, versprach Mythor. »Sie warten wahrscheinlich auf Graf Codgin.« Ein Reiter band neben Mythor sein Pferd an einen Pfosten und raunte dem Sohn des Kometen zu: »Herzog Murdon von Caer erwartet die Kriegserklärung. Er ist hier.« Neben einigen Zelten standen lange Lanzen, an denen Feldzeichen angeheftet waren. Mythor und Gapolo gingen durch eine breite Zeltgasse auf das Zentrum des namenlosen Dorfes zu. An jeder Stelle entdeckten sie genau die Zeichen, die sie erwarteten: Eine Menge von mehr als tausend Soldaten bereitete sich ruhig und entschlossen auf einen bevorstehenden Kampf vor. Rüstungen und Waffen waren tadellos gepflegt. Wie auch in der Ebene der Krieger atmete das Bild eine stumme Drohung aus. Die zwei Kundschafter näherten sich den in mehreren Kreisen aufgestellten Zelten. Mythor stieß Gapolo mit dem Ellbogen an und raunte: »Da! Ein Dämonenpriester!« Mythor, einige Reiter und Gapolo warfen beunruhigte Blicke in die Richtung eines großen, geöffneten Zeltes. Dort hantierte ein maskierter Dämonenpriester an einem Tisch, auf dem sich unbekannte Gegenstände befanden. Sechs Helfer standen um ihn herum und starrten schweigend auf sein Tun. »Auch die Caer beobachten den Priester!« sagt Mythor schließlich. Fast körperlich fühlte er die Gefahr, die der Dä112
monenpriester verkörperte. Im Zelt standen schwere Kohlenbecken, aus denen wohlriechender Rauch aufstieg. Mythor und Gapolo gingen hin und her und gaben sich den Anschein, daß sie einen festen Auftrag hätten. Deuteten sie die Stimmung in dem kriegerischen Lager richtig, so schöpften die Caer ihr Selbstvertrauen weitaus weniger aus dem guten Zustand ihrer Ausrüstung als aus der Anwesenheit des Dämonenpriesters. Einige Schritte weiter wurde sie von einem ihrer eigenen Männer aufgehalten. »Habt ihr alles gesehen?« Am Rand des Dorfes stieß ein Posten in ein Horn. Ein langgezogener dumpfer Laut hallte durch die Zeltgassen. »Noch lange nicht«, entgegnete Gapolo. »Wo ist Herzog Murdon?« »In dem Zelt mit den Feldzeichen«, lautete die Antwort. »Die Caer sind ahnungslos! Sie werden von ihren Priestern ausgenutzt und belogen. Sie ahnen noch nichts von ihrem gräßlichen Schicksal.« Mythor schüttelte unter seinem Caer-Helm zweifelnd den Kopf und sagte verwundert: »Ihr seid die Verblendeten! Die Caer sind hervorragende Kämpfer. Sie werden auch ohne Dämonenpriester gut die Klingen kreuzen. Ich habe gegen sie gekämpft.« »Du hast einfach nicht recht, Mythor!« Einige Häusertüren flogen auf. Soldaten schleppten Tische, Stühle und Bänke herbei und stellten sie zwischen den Zelten im Viereck auf. Mythor beobachtete auch diese Vorbereitungen und, sagte, als sich ein Zelteingang öffnete: »Wir werden sehen müssen, wer recht behält. Leider erst dann, wenn alles zu ‘ spät sein wird.« »Schwarzseher!« fauchte der andere und ging schweigend weg. 113
Die Caer streiften Tücher über die Tische und zerrten Glutpfannen herbei. Die eisernen Körbe wurden mit Glut, Holz und Holzkohle gefüllt. Man warf Kräuter in die Glut. Becher und Krüge wurden gebracht. Ein Zelt wurde geöffnet, die Leinwand flog knatternd zur Seite. Gapolo murmelte voller Unruhe: »Das muß Herzog Murdon sein. Er wurde mir als ein Mann ohne Stärke geschildert. Er soll alt und meinungslos sein.« »Wo siehst du ihn?« »Er kommt aus dem offenen Zelt.« Falsche und echte Caer sahen zu, wie Murdon in die Mitte des Tischvierecks ging. Er trug schwere Stiefel mit hochgeschlagenen Stulpen und breiten, silberfarbenen Schnallen. Ein Kettenhemd mit feinen, glänzenden Maschen klirrte bei jedem Schritt. Ein auffallend breiter Gürtel mit einem glänzenden Schwertgehänge umspannte seinen Bauch, dessen Wulst sich über dem Leder wölbte. Ein hageres Gesicht mit tiefen Längsfalten blickte unsicher in die Runde. Er war vielleicht fünfzig Sommer alt, aber er wirkte wie ein Greis. Er stützte sich schwer auf eine Tischplatte und rief: »Wann wird der Graf erwartet?« Ein Caer schrie vom Dach eines Hauses herunter: »Der Posten gibt uns Nachricht. Die Wimpel sind schon gesichtet worden. Es dauert nicht mehr lange.« »Gut so.« Herzog Murdon erwartete Graf Codgin mit der Kriegserklärung, die er im Namen der Verbündeten der Lichtwelt überreichen würde. Der Herzog raffte mit fahrigen Bewegungen den schweren Mantel um seine Schultern und bewegte sich, als liege eine gewaltige Last auf seinen hängenden Schultern. Sein Gesicht strahlte Unzufriedenheit und Unschlüssigkeit aus. Mit einem überraschten Zwinkern nahm er die Krüge und Becher wahr. Er hob die Hand und zeigte auf einen Becher. 114
Ein Caer goß den Becher voll und reichte ihn dem Herzog. Nach einiger Zeit merkten Gapolo und Mythor, daß die Caer-Soldaten, die Gehilfen des Dämonenpriesters und der Herzog die Eckpunkte eines Dreiecks bildeten. Unsichtbare Kraftlinien spannten sich zwischen ihnen. »Fällt dir etwas auf?« fragte Mythor. Der Herzog schüttete den Wein wie klares Wasser hinunter. »Unnatürlich ist alles. Sie warten nicht nur auf die Kriegserklä…« Der nächste Hornruf unterbrach ihn. Aus der Ferne war dumpfes Hufgetrappel zu hören. Mythor gab Gapolo und einigen anderen Männern einen unauffälligen Wink. Sie zogen sich zu ihren Pferden zurück, die zwischen zwei Scheunen angepflockt waren. Ungeduldig ging Herzog Murdon zwischen den Tischen hin und her und trank schon den dritten Becher. Verglichen mit der ruhigen Sicherheit der einfachen Caer-Soldaten und deren Hauptleuten flatterte er vor Aufregung. »Graf Codgin und sein Gefolge!« riefen die Soldaten und stellten sich zögernd vor ihren Zelten auf. Eine merkwürdige Stimmung ergriff das Lager und auch die Kundschafter. Mythor sagte zu einem Anführer, der zufällig in seiner Nähe stand: »Wir sollten uns darauf vorbereiten, schnell von hier wegzukommen.« »Damit hast du sicher recht«, grinste der Verkleidete. Mythor hatte nicht die geringste Ahnung, woher seine Gedanken kamen, aber er ahnte in immer stärkerem Maß, daß die Kriegserklärung anders verlaufen würde, als es sich die Beteiligten vorstellten. Gapolo spannte unbemerkt die kleine Armbrust in seinem Ärmel und sah sich nach Buruna und den Pferden um. »Alles in Ordnung«, flüsterte er. Ein Novize kam aus dem Zelt des Dämonenpriesters, sah 115
sich aufmerksam um und schloß dann von innen den Eingang. Immer mehr Caer stellten sich in mehrfachen Reihen auf. Das Hufgetrappel wurde lauter, dann bog an der Spitze einer Kavalkade von etwa drei Dutzend lanzenbewehrter Reiter Graf Codgin um die Biegung der Straße. Er wirkte wie alle seine Krieger entschlossen und kalt. Seine Entschlossenheit war sicherlich gespielt; unter dem Puder auf seinem Gesicht wirkte Graf Codgin Poly Nerchond angespannt. Unter seinem prächtigen Helm ringelte sich eine auffallende Perücke hervor. Eitelkeit sprach aus jeder Geste, als er auf den Herzog der Caer zuritt und vor ihm das Pferd parierte. Mit gezierten Bewegungen stieg der Mann, der stets jünger auszusehen trachtete als seine fünfundsechzig Herbste, aus dem Sattel. »Welch ein Stutzer!« flüsterte Gapolo und verzog angewidert das Gesicht. Mythor bemerkte, daß in der Wand des Zeltes, in dem der Dämonenpriester seine seltsamen Handlungen vornahm, einige Klappen geöffnet worden waren. Wieder gab er Gapolo ein Zeichen und ging festen Schrittes, als habe er eine Botschaft zu überbringen, entlang den Häusern auf die gegenüberliegende Seite des Dorfplatzes. Er hörte, wie Graf Codgin mit näselnder Stimme fragte: »Ich stehe vor Herzog Murdon von… äh, Caer?« »So ist es«, antwortete Murdon. Seine Stimme war gepreßt. Codgin legte seine Hände, die in kostbaren Handschuhen steckten, an seinen Gürtel. Er berührte den Knauf des funkelnden Dolches und zog unter der bestickten Schärpe eine Pergamentrolle hervor. Seine Reiterei war nicht abgesessen. Mit ausdruckslosen Gesichtern beobachteten die Parlamentäre die Caer und die Tische. Mythor spähte zwischen zwei Zelten hindurch und sah ei116
nen Teil des Zeltinneren und den Rücken des Dämonenpriesters. Seine Arme vollführten schwungvolle Bewegungen. In der Hand blitzte ein schmales Stilett. »Ich bin der Abgesandte jener gewaltigen Mächte«, sagte Graf Codgin spitz, »die entschlossen sind, nicht mehr länger dem landnehmerischen und schändlichen Handeln der Caer zuzusehen!« Er hob geziert die Füße, als er durch die Pfützen und die tief eingedrückten Spuren auf Murdon zuging. Murdon hielt zwei Becher in den Händen und hielt einen davon dem Grafen entgegen. »Ich entnehme deinen Worten, Graf Codgin, daß du mir als Abgesandter die Kriegserklärung überbringst?« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Codgin legte den Kopf schräg und entgegnete: »In allen Ehren und kraft der Entschlossenheit aller Stämme, Herzogtümer und Länder, die zu den Verbündeten der Lichtwelt zählen«, sprach er. »Wann soll der Kampf beginnen?« Codgin ignorierte den Becher und warf das zusammengerollte Pergament auf den Tisch. »Bei Sonnenaufgang der winterlichen Sonnenwende, und der Kampfplatz sei das Hochmoor von Dhuannin!« »Darauf bereitet sich Caer vor!« kam die Stimme des Herzogs. Mythors Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er näher heranglitt und durch die Zeltöffnung sehen konnte, daß der Dämonenpriester einen Zauber vorbereitete. Die Novizen umstanden den Tisch, auf dem zwei einfache Figuren standen, aus Lehm geknetet und getrocknet. Jede der etwa eine Elle langen Lehmpuppen hatte ein Zeichen auf Brust und Rücken. Eines war das heraldische Zeichen Ugaliens, der feuerspeiende Drache, das andere entpuppte sich als das Hoheitszeichen des Herzogtums Caer. 117
Ein dumpfes Murmeln kam aus dem Zelt. Mythor sah sich lauernd um und glitt noch näher heran. Alle Caer achteten nur auf die beiden alten Männer, die sich gegenüberstanden und leise miteinander sprachen. Voll Unsicherheit der eine, voll Arroganz der andere. Jetzt war das Murmeln und Summen um den Tisch und die beiden Lehmklötze schärfer und konzentrierter geworden. Der Dämonenpriester senkte den Dolch und bestrich die Figur, die wohl Graf Codgin darstellen sollte, mit der Spitze und der Klinge seines Dolches. Dann beugte er sich hinunter und hob die Figur hoch. Seine Finger, die in den Handschuhen wie Knochen aussahen, führten mit dem Dolch und der Codgin-Lehmfigur seltsame Bewegungen aus. Sie schien die andere Gestalt angreifen zu sollen. Immer wieder zuckte der Dolch nach vorn und berührte die Brust der Murdon-Figur. Mythor sah diese Stoßbewegungen etwa fünfzehnmal. »Nein! Nicht dies!« sagte er zu sich selbst. Er hatte begriffen, was der Dämonenpriester wollte. Mythor drehte sich um und versuchte, nicht zu laufen. Dadurch hätte er sich vielleicht verraten. Aber er ging so schnell wie möglich auf die Tische und die Gruppe um Gapolo zu. Gerade als er zwischen den Zelten auftauchte, hörte er Graf Codgin mit seiner affektierten Stimme sagen: »Dies wird zweifellos der Kriegserklärung genügenden Nachdruck verleihen.« Seine Stimme war seltsam flach. Seine Bewegungen waren steif, aber schnell genug. Er stand unter dem Zauber des Dämonenpriesters. Mit einem heftigen Ruck riß Graf Codgin Poly Nerchond, während ringsherum alle Männer erstarrt waren, seinen Dolch aus der Hüftscheide. Er holte mit der rechten Hand aus und grub das aufblinkende Metall dicht unterhalb des Herzens in Herzog Murdons Körper. Die Spitze durchschnitt die Maschen des Kettenhemdes, als seien sie dünne Stricke. Murdon stieß 118
einen würgenden Seufzer aus und krümmte sich nach vorn. Der rote Wein aus seinem Becher überschüttete die Schenkel und die prächtigen Stiefel. Graf Codgin riß den Dolch mit Anstrengung aus der Wunde, machte drei schnelle Schritte und schwang sich in den Sattel seines Pferdes. Das Tier bäumte sich auf, und gleichzeitig rissen die Begleiter ihre Reittiere herum. Die Lanzen senkten sich, die weißen Wimpel flatterten, als die Kavalkade schnell aus dem Zentrum des Dorfes hinaussprengte. Keiner der Caer rührte sich! Niemand zog eine Waffe. Mythor blieb stehen und murmelte: »Die Caer lassen sie entkommen!« Als er wieder neben Gapolo stand, der alles mit schreckgeweiteten Augen mit angesehen hatte, öffnete sich die Stoffverkleidung des Zeltes, in dem der Dämonenpriester seinen Zauber ausgeführt hatte. Das Gesicht wie aus schwarzem Glas unter der Maske schien sich zu einem breiten, zufriedenen Lächeln zu verziehen. Dann rief der Priester mit hallender Stimme: »Ganz Caer hat diese furchtbare Bluttat gesehen! Herzog Murdon von Caer wurde von der feigen Hand eines Meuchelmörders getötet.« Der rasend schnelle Hufschlag der flüchtenden Abordnung verlor sich zwischen den Bäumen und Zeltreihen. Die Caer stießen vereinzelt Schreie der Wut aus. Der Priester fuhr fort, die Arme wie flehend erhoben: »Alle Sitten sind verletzt worden! Ruchloser Frevel traf unser Heer. Der Anführer der Caer ist einem feigen Attentat zum Opfer gefallen. Überall werden wir es verkünden. Landaufund landab soll es jeder erfahren, wie abgefeimt die Mittel derjenigen sind, die sich uns entgegenstellen. Uns, den tapferen Männern von Caer.« Wieder machte er eine Pause. Der Anführer hinter Mythor gab seinen Männern vorsichtige Zeichen. Sie zogen sich so ruhig und selbstverständlich zu119
rück, wie sie gekommen waren. »Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!« stammelte Gapolo ze Chianez völlig fassungslos. »Graf Codgin stach Murdon nieder.« Mythor sagte zwischen zusammengepreßten Zähnen: »Die Caer-Priester haben Herzog Murdon geopfert. Schon lange hatte er keine Macht mehr, und jetzt wurde er zum Instrument ihrer Pläne.« Gapolo sah zu, wie Buruna und Lamir in ihre Sättel kletterten. Der Dämonenpriester drehte sich langsam um und rief in alle Richtungen des Dorfes: »Berichtet von dieser Untat, wo immer ihr einen Menschen seht! Auf die Pferde! Setzt den Ruchlosen nach und fangt die Mörder, ehe sie von ihrem feigen Sieg berichten können.« »Los!« rief Mythor, der die beste Chance erkannte. »Wir verfolgen sie!« Die Elvinon-Rebellen saßen fast alle in den Sätteln. Auch Mythor und Gapolo schwangen sich auf ihre Pferde. Als sie losritten, konnten sie sehen, wie Caer den toten Herzog aufhoben und langsam in sein Zelt zurücktrugen. »So viele Zeugen! Was ist in Codgin gefahren?« fragte Buruna tonlos. Mythor ritt neben ihr aus dem Dorf hinaus. Sie wurden nicht aufgehalten, denn auch die echten Caer schleppten die Sättel aus den Zelten und machten sich fertig. »Die Schwarze Magie fuhr in ihn!« sagte Lamir der staunenden Buruna. »Nicht wahr, Mythor?« »Ja. Woran hast du es erkannt?« »Als der Priester aus dem Zelt kam, wußte er schon alles und hatte seine Rede fertig auf der Zunge«, sagte Lamir und zupfte an Mythors Arm. »Ich habe zugesehen«, sagte Mythor düster und wandte sich im Sattel um. Es sah so aus, als seien alle Elvinon-Rebellen hin120
ter ihm. Ein Anführer preschte an seine Seite und stieß hervor: »Wir reiten zum Sammelplatz. Kennst du den Weg?« Mythor deutete nach vorn. »Nein. Führ du den Zug an! Hast du begriffen, warum ich die Caer fürchte? Was du dort gesehen hast, war nichts anderes als ein kleines Beispiel ihrer Macht.« »Noch ist der Abend der großen Schlacht nicht da!« sagte der andere, aber seine Miene war nachdenklich. Ein anderer sagte: »Es ist Mittag. Unsere Pferde sind frisch. Wir werden im Morgengrauen bei dem Sammelplatz eintreffen.« Hinter ihnen stoben einzelne Gruppen berittener Caer aus dem Dorf und galoppierten mit verhängten Zügeln fächerförmig in alle Richtungen auseinander. Immerhin, sagte sich Mythor, war die Verkleidung nicht durchschaut worden. Eine rasche Zählung ergab, daß die Widerständler vollständig waren. Das Tempo nahm zu, je weiter sie vom Dorf der Caer entfernt waren. Die Männer um den Anführer Meystral wußten, daß Herzog Krude sie anführen würde und inmitten der fünftausend Rebellen auch Cannon Boll sein würde, der legendäre Kommandant einer Küstenfestung, ein wackerer Kämpfer und draufgängerischer Haudegen. * Zunächst sah es so aus, als stünden zwischen den vielen Feuern vierhundert bis fünfhundert Zelte. Aber als die Rebellen nahe genug herangekommen waren, veränderten sich die spitzen Konstruktionen. Es waren nur wenige Zelte. Die anderen Behausungen bestanden aus Stangen, Stoffetzen, Rinden und anderen geflochtenen Waldabfällen. Fünftausend Männer la121
gerten hier, und nicht viele waren so gut ausgerüstet wie Mythor, seine Freunde und deren Begleiter. Ein Mann mit einer hoch erhobenen Fackel rief ihnen zu: »Boll wartet auf euch! Er will mit euch reden. Das weiße Zelt in der Mitte!« Im Vergleich mit dem Dorf der Caer machte dieses Lager einen kläglichen Eindruck. Die Männer hier waren schlecht ausgerüstet und schliefen in überfüllten Notzelten. »Hierher, Wanderer!« dröhnte eine dunkle, fordernde Stimme. Hinter einem Lagerfeuer standen Bänke und Tische. Ein auffallend breitschultriger Mann, nicht größer als fünf Fuß und zwei Handspannen, stand auf und stellte einen Holzbecher krachend auf den Tisch. »Woher kommt ihr? Setzt euch und berichtet! Aber nur die Anführer! Die anderen sollen sich ausschlafen!« »Bist du Cannon Boll?« fragte Mythor und sah die schweren eisernen Bein- und Armschienen, deren Nieten und Ränder verrostet waren. »Du kennst mich nicht?« war die Gegenfrage. Der Anführer war ein Muskelpaket mit einem so breiten Brustkorb, wie ihn Mythor noch bei keinem Menschen gesehen hatte. Sein gerötetes Gesicht sprach von Kraft, Ausdauer und Jähzorn. »Ich kenne nur deinen berühmten Namen«, antwortete der Sohn des Kometen und nahm den Caer-Helm ab. »Ich traf mit meinen Freunden auf deine verkleideten Caer aus Elvinon. Wir sind Kundschafter von Graf Corian.« »Setzt euch. Berichtet! Wie sieht es aus?« Gapolo nahm ebenfalls die Caer-Rüstung und den Helm ab. Als Cannon Boll die verkleidete Buruna sah und merkte, daß sich eine dunkelhäutige Frau unter der kriegerischen Hülle befand, begann er schallend zu lachen. Etwas mürrisch, weil er kurz vor Morgengrauen müde war, sagte Mythor: »Du und deine fünftausend schlecht bewaffne122
ten Männer, ihr werdet es schwer haben. Die Caer haben Dämonenpriester bei sich. Ich habe zusehen müssen… alle haben zugesehen, wie Graf Codgin den Anführer der Caer, Herzog Murdon, mit seinem Dolch niederstach. Sie alle standen im Bann der Schwarzen Magie. Stimmt es, was ich sagte, Meystral?« »Wir haben es gesehen. Es sah so aus. Aber die Wahrheit ist, daß der Graf den Herzog ohne Kampf ermordet hat. Blitzschnell.« »Das ist eine schändliche Tat, fürwahr!« schrie Boll. »Das war der schlechteste Dienst, den dieser gepuderte Narr der Lichtwelt erweisen konnte!« »Zweifellos. Aber er tat es nicht aus freien Stücken. Er stand unter dem Bann des Dämonenpriesters.« »Unsinn! Priester oder nicht. Es ändert nichts an der schaurigen Tat. Ausgerechnet bei der Übergabe der Kriegserklärung!« Die Männer aus Elvinon sattelten die Pferde ab und verteilten sich über das Lager. Sie warfen sich neben den Zelten und Hütten für die letzten Stunden der Nacht auf Stroh und wickelten sich in Decken und Mäntel. »Also. Ich werde dir jetzt erzählen, was im Lager der Caer vorgefallen ist«, sagte Gapolo, nachdem er sich vorgestellt hatte. Als er erzählte, daß die Caer in alle Richtungen davongeritten waren, schrie Cannon wutentbrannt: »Ich, der ehemalige Kommandant von Drachennest, sage es euch allen: Das war ein Schlag, den die Lichtwelt nicht leicht wird verdauen können. Dieser Codgin! Jetzt werden die Caer verschlagen und heimtückisch kämpfen.« »Andere werden es bald erfahren!« gab Buruna zu bedenken. Dann gähnte sie und warf Mythor einen Blick zu. »Das ist es eben! Das ist die Folge. Alle werden unsicher. Und das ein paar Tage vor dem Kampf, der alles entscheiden 123
wird!« »Das war die Absicht der Dämonenpriester. Es ist ein Plan des Großen Drudin, zweifellos!« sagte Lamir, der einzuschlafen drohte. Boll deutete auf ein kleines Zelt zu seiner Rechten und rief: »Ihr mit eurer Angst vor Schwarzer Magie! Dieses Zelt ist leer. Für Gäste. Dort könnt ihr schlafen.« Noch standen die Sterne hell in der warmen Nacht des trügerischen Frühlings. Noch gab es keinen hellen Streifen am Horizont. Lamir und Buruna gingen zum Zelt und verschwanden darin. Mythor schien der einzige zu sein, der die drohenden Gefahren einigermaßen klar sah. Er stand auf, leerte den Becher und sah in die schmalen Augen des Rebellenführers. »Und angenommen, die Caer planen einen Schlag gegen Herzog Krude?« »Wie sollten sie das? Es gibt keine Caer in dem Gebiet, durch das Krude reitet«, grollte Boll. »Die Caer wollen Unsicherheit. Und sie wollen, daß die Herzen aller Krieger voller Furcht und böser Ahnungen sind, wenn der Kampf beginnt. Und dazu ist ihnen jedes Mittel recht. Ohne die Schwarze Magie sind Caer ebenso besiegbar wie jeder andere. Denk darüber nach, Cannon Boll! Und laß mich wecken, wenn du Nachricht von Herzog Krudes Kommen hast. Gehst du mit mir, Gapolo?« Sie schüttelten Bolls Hand. Der Mann hatte einen mörderisch harten Händedruck. Die Geschichte stimmte wohl: Meystral hatte erzählt, daß ein Heer von Caer erfolglos jene Küstenfestung belagert habe, die auf einer hohen Meeresklippe stand und heldenhaft Widerstand leistete. Erst als durch magische Vorkommnisse die Festung fiel, sprengte Cannon Boll auf seinem braunen Pferd mit weißer Mähne durch die Angreifer, tötete viele und entkam. 124
»Schlaft gut. Ich sorge dafür, daß ihr nicht gestört werdet!« schrie ihnen Boll nach. Mythor zog das Gläserne Schwert und legte es neben sich, ehe er sich in seinen Mantel einrollte und auf das dünne Lager warf. Er schlief augenblicklich ein. * Gegen Mittag war die Sonne durch die Nebelschichten gedrungen. Sie brannte verräterisch heiß. Reges Leben erfüllte das große Lager. Zwei Gespanne voller Heu waren angekommen und wurden abgeladen; zwischen den Heuballen steckten Schwerter und andere Waffen. Die Männer schlugen sich förmlich darum. Überall brannten heiße Feuer, an denen rußige Schmiede hantierten und Sensen, Pflugscharen und andere Gegenstände zu Waffen und Harnischen, Helmen und Schildverkleidungen hämmerten. Ein hinkender alter Mann kam heran und schleppte einen klapprigen Tisch und ein Bündel Essen heran. »Cannon Boll zeigt den anderen, wie man kämpft. Laßt es euch schmecken. Der Brunnen ist dort beim Zeichen!« Er ließ das Tuch mit dem Essen auf die Bretter fallen, grinste Buruna zahnlos an und hinkte davon. Lamir rieb sich den Schlaf aus den Augen, gähnte und murmelte verschlafen: »Dieser warme Wind! Der Boden ist ganz feucht. Gut geschlafen?« »Mäßig«, antwortete Gapolo. »Zu kurz.« »Ebenso«, brummte Mythor. »Aha. Essen. Cannon Boll bewirtet die Kundschafter immerhin.« »Ab und zu«, flüsterte Buruna und versenkte ihre Finger in Mythors Haar, »wünsche ich mir die Zeit in der Burg zurück. Dort waren die Betten weicher.« Mythor hob die Schultern und schaute sich prüfend um. 125
Aus jedem Winkel des großen Lagers kamen Geräusche. Die Männer wußten nichts von den magischen Kräften der Dämonenpriester und hatten keine Angst. Sie bereiteten sich auf die Schlacht am Hochmoor vor. Sie rüsteten sich aus, führten Scheinkämpfe gegeneinander, schliffen die Schneiden ihrer Schwerter. Dabei herrschte eine fast unnatürliche Entschlossenheit, sich in den Kampf zu stürzen. Selbst die einfachen Bauern, die zu diesem Heer gestoßen waren, wußten mit Gewißheit, daß dieser Kampf, diese Schlacht aller Schlachten, die Entscheidung für ihr Leben bringen würde. Lamir versuchte, das Essen in vier gleiche Stücke aufzuteilen, und strich das Tuch über dem Tischchen glatt. »Freut euch am Sonnenschein«, sagte Mythor grämlich. »Noch ist es hell und warm.« »Ich hätte mich lieber an der dunklen Nacht erfreut«, flüsterte Buruna in Mythors Ohr und zischte nach einer kleinen Pause: »Aber du hast ja die ganze Nacht an dieses fade Weib auf deinem Pergament gedacht! Du hast mich nicht angerührt!« »Ich habe zuviel mit den spitzen Steinen in meinem Rücken zu tun gehabt«, bekannte Mythor leise. Er zog seinen Dolch und spießte ein Stück gelben Käses auf. Die vier ungleichen Kundschafter hockten sich um den Tisch und aßen schweigend und grämlich trockenes Brot, fetten Käse, knorpeliges Bratenfleisch zweifelhafter Herkunft und verschrumpelte Früchte. Während sie aßen, erhob sich am anderen Ende des Lagers undeutlicher Lärm. Die Männer hörten auf zu kämpfen und warteten. Jemand schrie laut: »Der Bote! Er hat Kunde von Herzog Krude!« »Die Ereignisse werfen ihre Schatten voraus«, sagte Gapolo und schnitt die verkrustete Rinde vom letzten Stück Käse. »Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Vor dem Einschlafen habe ich nachgedacht. Hat Mythor recht mit seiner Furcht vor Dämo126
nenzauber? Oder hat Cannon Boll recht, wenn er ihn ablehnt? Jedenfalls sollten wir, schon der Gewißheit halber, Herzog Krude entgegenreiten.« »Natürlich zusammen mit einer gut bewaffneten Gruppe«, forderte Lamir. »Natürlich! Nicht anders, du Hasenfuß!« brummte Gapolo. »Hören wir, was der Bote zu sagen hat.« »Es wird kein Bericht sein, der uns und die andern fröhlich stimmt«, sagte Mythor unwillig. »Ich meine, daß es unmöglich ist, die Anführer zu überzeugen. Sie sind so verdammt sicher, daß die Magie nichts bewirkt oder jedenfalls die Schlacht nicht entscheidet. So wie du, Gapolo. Ich weiß, daß du klug, schnell und kampferprobt bist. Wir werden noch Dinge erleben, die wir uns nicht einmal erträumen können… Aber genug davon. Sehen wir nach dem Boten.« Sie wuschen sich flüchtig am Brunnen und ließen die Teile der Caer-Verkleidung in ihrem Zelt zurück. Als sie die breite Gasse zwischen den Zelten entlangschritten, stieg gerade der übermüdete Reiter von seinem dampfenden Pferd. Cannon Boll lief auf ihn zu und schob sein schartig geschlagenes Schwert in die Scheide. »Sprich!« befahl er. Der Schweiß rann in breiten Bahnen über seine Stirn und in den Nacken. »Was weißt du von Herzog Krude?« Der Bote lehnte sich an die Kuppe des zitternden Pferdes und sprudelte hervor: »Herzog Krude ist hierher unterwegs. Er soll nur drei Männer bei sich haben. Er kommt erst in drei Tagen. Er muß vorsichtig sein. Caer-Patrouillen sind überall.« Boll stemmte seine dicken Fäuste in die Seiten und brüllte: »Hast du sie gesehen?« »Ich bin ihnen ausgewichen«, keuchte der erschöpfte Bote. »Immer wieder. Ich wäre gestern abend schon hiergewesen. Kleine Gruppen, große Gruppen. Immer tauchen sie auf. Überraschend. Krude muß sich auf Schleichwegen hierherbe127
wegen.« »Sahst du Dämonenpriester?« »Nicht einen einzigen. Aber die Caer… Herr! Sie reiten, als würde das Land schon ihnen gehören.« »Wir werden das ändern. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zur winterlichen Sonnenwende. Dann fegen wir die Caer hinweg. Endlich sind alle Herzogtümer einig. Du, Bote, du sollst dich erholen. Kümmert euch um sein Pferd! Gebt ihm zu essen. Einen großen Becher Wein! Schlafe dich aus. Und wenn dir noch etwas einfällt… ich bin in der Mitte des Lagers zu finden.« Der Bote war so tief erschöpft, daß er kaum noch klar denken konnte. Er nickte und murmelte nur noch: »Ich bin froh, daß du hier bist, Boll. Jetzt kann ich ruhig schlafen.« Zwei Männer packten ihn unter den Achseln und schleppten ihn in ein nahes Zelt. Mythor sagte bitter und zweifelnd zu Gapolo ze Chianez: »Wie lange wird er ruhig schlafen können?« »Länger als die letzte Nacht«, knurrte der Salamiter. »Wolltest du nicht mit Cannon Boll sprechen?« »Ich wollte«, antwortete Mythor entschlossen. »Und ich werde.« Er ging hinüber zum Anführer und schlug ihm auf die Schulter. Es war, als habe er einen Felsen getroffen. Boll fuhr herum und starrte Mythor an. »Ja?« »Herzog Krude ist für das riesige Lager der LichtweltVerbündeten wichtiger als die Sonne am Tag. Er reitet mit nur drei Begleitern. Wir sollten ihm entgegenreiten und ihn hierher eskortieren. Gib uns einige gute Kämpfer mit. Wir bringen ihn hierher. Jeder wichtige Mann, der allein reitet, ist in Gefahr.« »Ihr seid Kundschafter!« meinte Cannon Boll. »Kundschafter sollen alles sehen und hören und darüber berichten. Wann erwartet Graf Corian euren Bericht?« 128
»Irgendwann vor der Entscheidung«, entgegnete Mythor unbestimmt. »Aber er will alles wissen.« »Dann solltet ihr soviel wie möglich sehen und hören«, brummte Boll ein wenig freundlicher. »Ich werde einige Männer aussuchen.« »Einige deiner besten nach Möglichkeit… mit Schwertern anstatt mit Sensen und Sicheln.« »Unbesorgt. Meystral reitet mit euch. Er ist einer meiner besten Männer.« »Ich weiß. Er erzählte uns, wie du aus der brennender Küstenfestung hinausgesprengt bist. Wir werden uns bemühen, so heldenhaft zu handeln wie du.« »Alles übertrieben«, lachte Cannon Boll geschmeichelt. »Nicht die Hälfte ist wahr davon. Nur, als ich wie ein Rasender zwischen den brennenden Mauern hindurchsprengte, als mein Schwert die Caer niedermähte wie reifes Korn, als ich…« »Es ist heldenhaft, was du getan hast«, lachte ihn Mythor an. »Deswegen führst du diese fünftausend Männer an. Wieviel Mann reiten mit uns?« Der Breitschultrige strahlte förmlich auf. »Zwei Dutzend reiten mit euch. Macht euch fertig! Nur Mut, ihr überlebt es, auch wenn ich nicht mit euch reite. Los! In den Sattel!« Gapolo, Lamir und Mythor sahen sich schweigend an. Buruna fing zu kichern an. Mythor winkte, und sie gingen durch die Gasse des Lagers, um ihre Pferde zu suchen. Eine Stunde später, gegen Mittag, saßen siebenundzwanzig Männer und eine Frau, die aus größerer Entfernung wie ein dunkelhäutiger Caer aussah, in den Sätteln und galoppierten auf frischen Pferden in jene Richtung, aus der sich Herzog Krude dem Lager näherte. *
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Die Kundschafter sahen die ersten Caer in der Zeit zwischen Mittag und Sonnenuntergang. Es war ein langer schweigender Zug von Fußsoldaten, Gespannen und wenigen Reitern, die dem Hochmoor zustrebten. Zumindest bewegten sie sich in zügigem Tempo nach Südwesten, der Lorana oder Dhuannin entgegen. »Nach links ausweichen!« ordnete Meystral an. Die Kavalkade änderte ohne Eile ihre Richtung und sprengte über eine Lichtung auf den Waldrand zu. Die Caer blickten aufmerksam herüber. Von dem langen Zug dunkel gekleideter, bewaffneter Männer ging eine deutliche Drohung aus. Selbst die Wagen wirkten unheimlich. Entschlossen, wie eine riesige Schlange, kroch das kleine Heer durch das Land. Die Wolken, die über den Himmel trieben, warfen tiefe Schatten auf die Helme, Schilde und Klingen der Soldaten. Die wenigen Reiter, die den Zug anführten und eskortierten, saßen wie Statuen auf den kräftigen Pferden. Einige undeutliche Rufe erschollen aus den dahinmarschierenden Reihen der Caer. Mythor und Meystral ignorierten die Schreie. Das Knarren der riesigen Räder mit den breiten Felgen und die unrhythmischen Geräusche von Tausenden Stiefeln verhallten langsam, als die Pferde zwischen den dunklen Bäumen wieder hervorkamen und die Reiter sich einem neuen, unbekannten Stück Gelände gegenübersahen. Mythor bohrte die Hacken in die Seite des Tieres und sprengte an die Seite des Anführers. »Was tun wir, wenn uns die Caer kontrollieren?« »Warum sollten sie?« »Weil wir in entgegengesetzter Richtung reiten. Sie alle kommen uns entgegen.« Meystral überlegte eine Weile, während sie weiterritten und sich als nächstes Ziel einen niedrigen Hügel aussuchten. Dann sagte er: »Wir haben einen festen Auftrag von Herzog Mur130
don. Sie werden uns nicht widersprechen, weil sie davon nichts wissen können.« »Möglicherweise glauben sie uns.« Die Pferde fielen in einen kräfteschonenden Trab, als die Kundschafter und die Begleiter die Flanke des Hügels in Angriff nahmen. Die Gefahr, daß sie entdeckt wurden, wuchs von Stunde zu Stunde. Schweigend versammelten sich die Reiter auf der Kuppe des Hügels und blickten sich um. »Unser nächstes Ziel? Bald setzt die Dunkelheit ein«, wollte Gapolo wissen. Der Anführer deutete auf den Rand eines fernen Waldes. Übergangslos wuchsen die schwarzen, bemoosten Stämme wie eine Palisadenfront in die Höhe. Die kleinen Wipfel schüttelten sich leicht hin und her. Zwischen dem Wald und dem jenseitigen Hang des Hügels war der Boden von Gräben, Böschungen und Kieszungen durchzogen. Ein schwarzer Vogel flatterte unruhig über die leere Zone. »Wenn wir den Wald vor Anbruch der Nacht erreichen, sollten wir in Sicherheit sein«, sagte Gapolo. »Vorwärts, Freunde.« Sie ritten den Hang abwärts, formierten sich zu einer langen Reihe und drangen in das seltsam aussehende Gelände vor. Als der erste Reiter eine Stelle zwischen Hügel und Wald erreicht hatte und durch rutschenden Kies schräg über eine Böschung hinaufritt, rief Gapolo von hinten: »Eine CaerPatrouille kommt rechts aus dem Wald!« Die Reiter aus Elvinon handelten schnell. Noch ehe die rund fünfzehn Caer-Reiter die Kundschafter sehen konnten, rissen sie ihre Pferde herum und sprengten im Schutz der Böschung nach rechts, auf eine Gruppe Felsen und blattloser Bäume zu. Die Reiter duckten sich tief auf die Rücken der Pferde und senkten die Lanzen. Mythor warf die Zügel Gapolo zu, nachdem er aus dem Sattel geglitten war, und kroch über den feuchten Lehm und das dürre Gras des Hanges, bis er über 131
den Rand blicken konnte. »Bei Erain!« stöhnte er auf, als die Caer ihre Richtung beibehielten und fast geradewegs auf das Versteck zuritten. »Sie haben uns gesehen.« Er hatte einen schlimmen Verdacht, der sich auf die Ereignisse der letzten Tage gründete. Waren die Caer-Reiter ausgeschickt worden, um Herzog Krudes Zusammentreffen mit den fünftausend Kämpfern aus Elvinon zu verhindern? Der Anführer der fremden Patrouille hielt sein Pferd an, keine fünf Bogenschußweiten vom Versteck entfernt. Die Rebellen hielten den Pferden die Mäuler zu und versuchten, die schwitzenden Tiere zu beruhigen. Dann wechselte der Caer mit seinen Reitern ein paar Worte, drehte das Pferd und ritt wieder an. Die Reiter folgten ihm und blickten immer wieder zurück zum Wald. »Es ist die Vorhut eines größeren Heeres«, sagte Meystral unterdrückt. »Beim Feueratem des Drachen! Sie reiten von uns fort!« »Diesmal haben wir noch Glück gehabt«, antwortete Mythor. »Wir sollten nicht damit rechnen, daß uns das Glück weiterhin treu bleibt.« »Bisweilen«, grollte Meystral, aber er meinte es wohl nicht ernst, »denke ich, du bist ein Freund der Caer.« »Ich wünschte, ich hätte niemals einen Caer gesehen«, versetzte Mythor voller Grimm. »Auch diese Reiter dort nicht.« Die Caer ritten etwa in jene Richtung, in der zuletzt der langgezogene Heerwurm verschwunden war. Wieder saßen die Rebellen auf, zwangen ihre Pferde den Hang hinauf und ritten entlang einem feuchten, von fast mannshohem Unkraut umwucherten Graben auf eine Art Loch im finsteren Wald zu. Eine Stunde lang trieben sie die Pferde, die immer größere Anzeichen der Erschöpfung erkennen ließen, auf verschlungenen Pfaden weiter. Ununterbrochen sicherten die Männer nach 132
allen Richtungen. Weit und breit zeigte sich kein anderer Reiter, aber auch kein Vogel, überhaupt kein Tier. Gerade diese Stille, dieses ausgestorbene Land war es, was Menschen und Reittiere gleichermaßen unruhig machte. Hinter einen dunklen Wolkenbank sank unsichtbar die Sonne. Einige Strahlenbündel schossen wie gigantische Blitze aus Öffnungen der dräuenden Wolkenfront, trafen auf andersfarbige Wolken und ließen am Himmel unwirkliche Farben aufblühen. Immer wieder drehten sich die Reiter im Sattel und warfen angstvolle Blicke auf das Schauspiel. Das unwirkliche Licht ließ die Stämme her* vortreten. Die Hufe der Pferde schlugen dumpfe, stolpernde Wirbel. Aus der Höhle zwischen den Bäumen kam ein fauchendes Brausen, untermalt vom Knacken trockener Zweige. »Wollen wir den Wald nicht umgehen?« rief Lamir. »Da hätten wir zwei Tage zu reiten!« gab Meystral zurück. »Wir müssen hindurch. Haltet eure Waffen bereit!« Das Keuchen der Pferde, das Knarren der Sättel und das schwere Atmen der müden Reiter wurden förmlich durchschnitten von den schleifenden, metallischen Geräuschen, mit denen die Schwerter aus den Scheiden glitten. Schilde wurden abgeschnallt und hochgerissen. Mythor und Gapolo, zwischen sich Meystral, ließen die ersten Bäume hinter sich. Quer über dem Sattel Mythors lag das Schwert Alton. Ein Pfad führte in wirren Windungen durch den Hochwald. Frische Spuren waren nicht zu sehen. Modernde Stämme, die sich unter den Tritten der Hufe in braunen Staub auflösten, lagen umgestürzt quer über dem Weg, der keiner war. Tödliches Schweigen herrschte rundum, nichts rührte sich. Die Pferde schnaubten, weil ihnen der Moderstaub in die Nüstern wehte. Mit einem kurzen Satz sprang ein Pferd über einen Haufen trockener Äste, zerstampfte einen Baumstumpf und schrammte sich die Kruppe an der Rinde auf. Es wieherte vol133
ler Schmerz, aber der Reiter zwang es geradeaus weiter. Das flammende Schauspiel des Sonnenuntergangs endete, die Düsternis griff wie mit qualligen Fingern zwischen den Stämmen hindurch. Mythors Schwert gab ein schwaches Leuchten von sich. »Weiter, Männer!« ächzte Meystral. »Habt keine Furcht!« Mythor verbiß sich ein kaltes Lächeln. Aus der Stimme des Anführers klang mehr als bloße Beklemmung. »Niemand hat Furcht!« rief Mythor und konnte sich eines ebenso düsteren Gefühls nicht erwehren. »Aber es wird dunkler und finsterer.« »Das ist«, versuchte Buruna zu scherzen, die ebenso ängstlich wie Lamir war und hinter Mythor ritt, »nachts meist nicht anders.« »Dieses Weib! Hast du sie unbedingt mitnehmen müssen?« knurrte der Anführer. »Sie ist mit ihren Fingernägeln fürchterlicher als einer deiner Männer mit dem Dolch! Glaub mir!« antwortete Mythor. Der Pfad, nichts anderes als ein etwas größerer Abstand zwischen den Baumriesen, wurde um einige Handbreit breiter. Jetzt fanden zwei Pferde nebeneinander Platz. Sofort drängten sich die Reiter aneinander. Sie fühlten in der Nähe der Kameraden mehr Schutz. Mythor ritt neben Buruna, Lamir sprach mit Gapolo und blickte unsicher in alle Richtungen. Eine Lichtung lag vor den Reitern. Obwohl sie von Bäumen umsäumt war, schien es dort mehr Helligkeit zu geben. Einige Bäume lagen kreuz und quer am Ende des Weges. Sie waren nicht vermodert, und die Reiter an der Spitze des Zuges ritten um sie herum. Mythor musterte jeden Winkel der Lichtung. Zwischen dem Holz am anderen Ende blinkte ein heller Schimmer. Augenblicklich erwachte sein Mißtrauen. Sein Pferd machte einen Satz, hob sich auf die Hinterläufe und galoppierte in die Mitte 134
der freien Fläche. Dort, woher das Blitzen gekommen war, erscholl ein leiser Fluch, gleichzeitig wieherte ein Pferd grell auf. Einer der Rebellen schrie wütend: »Dort sind Caer!« Hinter Mythor brachen Buruna, Gapolo, Lamir und Meystral durch die krachenden Büsche. Schwerter pfiffen durch die Luft. Plötzlich standen etwa zwanzig Männer wie hingezaubert zwischen den Stämmen. Auch sie waren bewaffnet und wachsam. Sie schienen die andere Gruppe erkannt zu haben. Caer standen gegen Caer. Eine Stimme schrie: »Wer seid ihr? Woher kommt ihr?« Geräusche und Bewegungen bewiesen, daß der Wald vor den Rebellen voller Krieger war. Nun roch Mythor auch schwach den Rauch eines Lagerfeuers. Die Rebellen drängten auf die Lichtung hinaus. Einige Pfeile heulten über die Sträucher und bohrten sich krachend in die Stämme. Jemand rief unterdrückt: »Diese verdammten Caer! Ich reite sie nieder.« Meystral drehte sich im Sattel um, versetzte dem Reiter einen Schlag und knurrte: »Maul halten! Du verrätst uns!« Mythor und seine drei Begleiter rissen ihre Pferde herum und galoppierten nach links. Dorthin, wo keine Gegner zu sehen waren. Schräg hinter ihnen prallten die ersten Schwertschläge auf die gegnerischen Schilde. Wilde Flüche erschollen. Die echten Caer waren mißtrauisch geworden. Mit einem harten Schlag traf ein Pfeil des unsichtbaren Schützen auf die Klinge des Gläsernen Schwertes und surrte davon. Die Pferde fanden eine schmale Lücke in dem eng stehenden Gehölz und warfen sich in panischer Flucht in den schmalen Korridor. Mythor bückte sich und wich einem Ast aus, der hart seinen Rücken streifte. Hinter ihm keuchte Lamir: »Wir fliehen? Warum kämpfen wir nicht?« »Weil wir nicht wissen, ob ein Dutzend oder fünfhundert 135
Caer im Wald versteckt sind«, gab Mythor zurück, blickte wild um sich und erkannte die Glut eines Feuers und einen Pfad, der dadurch entstanden war, daß die Caer Bäume und Sträucher geschlagen hatten. Er ritt darauf zu und hoffte, auf dem richtigen Weg zu sein. Vor dem Feuer taumelten zwei Soldaten auf die Beine und hoben die Schilde in die Höhe. Mythor zwang sein Reittier geradeaus. Das Schwert stieß klagende Laute aus, als er es nach rechts und links schwang und einen Schild zur Seite schlug. Die Hufe des Pferdes, das sich wiehernd aufstellte, schmetterten den zweiten Soldaten zu Boden. »Weiter!« Zwanzig, dreißig Sprünge ging es ungehindert geradeaus. Flammen und Funken stoben aus dem Feuer, als Mythors Begleiter folgten. Der Barde schlug wild mit seinem kurzen Schwert um sich, aber er traf nur Geäst und zerfetzte einige Schlingpflanzen. Hinter sich ließen sie die Geräusche eines wilden Kampfes in der beginnenden Dunkelheit zurück. Meystral und seine Leute beabsichtigten wohl, die Caer niederzukämpfen. Es schienen nicht mehr als drei Dutzend zu sein, denn entlang dem Weg standen nur wenige angepflockte Pferde. Seile waren gespannt worden, über die Zeltleinwand herunterhing. Gapolo und Mythor ritten nach rechts und links auseinander, lösten die Knoten an den Zügeln der Pferde und zerrten die auskeilenden Tiere hinter sich her. Schnüre und Tauwerk rissen. Eine Fackel fiel um und setzte ein Zelt in Brand. Mythor zügelte sein Pferd und schrie in die Richtung der kämpfenden Gruppen: »Feuer! Die Zelte verbrennen! Helft uns!« Sein Kampfgenosse verstand augenblicklich und handelte richtig. Mit umschlagender Stimme kreischte er: »Sie stehlen unsere Pferde! Die Vorräte! Hört auf zu kämpfen! Zurück zum 136
Lager! Schützt das Feuer!« Buruna riß die Zügel von vier Pferden aus Gapolos Hand und spornte ihr Pferd. Überall entlang dem Pfad führten breite Spuren frisch geschlagener, heller Späne die vier Kundschafter durch die immer dichter werdende Dunkelheit. Schließlich, zehn Pferde hinter sich, preschten sie in einem schnellen Trab zwischen den Stämmen hervor und entdeckten vor sich eine weite Fläche, die sich in ihrer Mitte absenkte und eine Art flachen Trichter ergab. Helles Mondlicht lag auf dem sandigen Boden. Die Spuren vieler Pferdehufe und Stiefel führten von dem Trichter bis hierher. Mythor sagte scharf: »Wir wechseln die Pferde. Durchsucht die Satteltaschen!« »Die Caer sind gut ausgerüstet. Wir werden Essen finden!« Nach einem kurzen Galopp im kalten Licht des Mondes hielten sie am Rand der Schlucht an. Sie sprangen aus den Sätteln und vertraten sich die Füße. »Keine allzu große Hast«, brummte Gapolo und löste die Schnallen der Satteltaschen. »Sie werden uns schwerlich folgen ohne Pferde!« »Trau keinem Caer!« trällerte Lamir in plötzlich ausbrechender Heiterkeit. Sie suchten die vier stärksten Pferde aus; braunfellige Tiere mit muskulösem Bug und breitem Rücken. Mythor wechselte die Satteltaschen, in denen sein kostbarer Helm untergebracht war, gegen die des unbekannten Caer aus. Sie fanden zwei volle Weinschläuche, große Beutel voll Haferkörnern für die Pferde, eine genügend große Menge Nahrungsmittel und allerlei anderes Nützliche. Aber auch sie hatten auf dem sandigen Boden deutliche Spuren hinterlassen. Rasch ließ Gapolo den Wein herumgehen. Jeder von ihnen 137
bekam zwei tiefe Schlucke, dann band der Salamiter die wertvolle Beute an seinen Sattel. Er schwang sich auf den Rücken eines starken, knochigen Hengstes, nachdem er Buruna in den Steigbügel geholfen hatte. »Nichts vergessen, Freunde?« fragte er. Mythor wußte, wie schnell eine ungenügende Ausrüstung über das Schicksal eines Kriegers entscheiden konnte. Er hatte vier Sättel geplündert und mit dem Proviant für Mensch und Tier und den Waffen ein Saumpferd beladen. »Ich bin bereit«, sagte er. »Aber noch immer überlege ich, ob wir nicht zurückreiten und Meystrals Leuten helfen sollen.« Lamirs Antwort war die eines erfahrenen Kämpfers, denn er sagte trocken: »In der Dunkelheit werden sie kaum kämpfen können. Und bis morgen früh hat sich vieles verändert. Seht dorthin!« Aus der Öffnung im Wald, die wie ein Felsentunnel wirkte, flackerte Helligkeit. Das brennende Zelt schien andere Vorräte und trockenes Holz in Brand gesetzt zu haben. Hastig überprüften die Reiter ihre Beute. Mythors Schwert steckte in der Caer-Scheide, der Helm war sicher am fremden Sattel versteckt. »Wir reiten weiter«, entschied er. »Herzog Krude entgegen. Schimpft mich meinethalben ein altes, geistergläubiges Weib. Aber ich ahne neue Teufeleien der Dämonenpriester. Warum sollten sie ausgerechnet Krude verschonen?« »Auch Meystral wird unsere Spuren deuten können!« pflichtete ihm Buruna bei. »Du hast recht. Dieser Hohlweg ist breit und ungefährlich! Hoffentlich.« Sie verließen die freie Fläche. Die Pferde rutschten und stolperten den Hang hinunter. Nach fünfzig Schritten trieben Gapolo und Lamir die erbeuteten und ausgetauschten Tiere in den Wald hinein. An dieser Stelle bestand das Gehölz aus 138
niedrigen Bäumen und verfilztem Gebüsch, und es wirkte keineswegs drohend wie der Hochwald in ihrem Rücken. Der Weg war gut zu reiten, obwohl er sich zu schlängeln begann, unter überhängenden Felsen verschwand und zwischen gewaltigen Formen wieder auftauchte, die wie versteinerte Wurzeln aussahen. Die Pferde gingen langsam und folgten mehr ihrem Instinkt, die Reiter hatten die Zügel ganz locker in den Händen. In der Finsternis der Nacht gab es nur einen etwas helleren Streifen vor den Kundschaftern und hin und wieder hellere Flecken aus Mondlicht. »Wir haben den Hohlweg bald hinter uns!« flüsterte jemand von ihnen. »Siehst du etwas?« »Es wird heller.« Noch zwanzig Schritt, dann ging es wieder aufwärts. Der Hohlweg führte durch eine winzige Schlucht mit Felswänden. Wasser rieselte entlang dem Stein, und die Hufe erzeugten platschende Laute. Unwillig schnaubten die Pferde, aber als das Tier Gapolos das Ende des Weges mehr witterte als sah, wurde es schneller und galoppierte schließlich wieder in die Helligkeit des Mondlichts hinaus. Die anderen Reiter folgten und versuchten, Einzelheiten des Geländes zu erkennen. Sie brauchten einen einigermaßen sicheren Platz für die Nacht. Vor ihnen erstreckten sich Felsen, zwischen denen einzelne Bäume in skurrilen Formen wuchsen. In der Nacht verwandelten sie sich in drohende Fabelwesen. Runde kleine Hügel, wie die Rücken eingegrabener Tiere, erstreckten sich zwischen den Steinbrocken. Wolken trieben darüber hinweg, ab und zu blinkte ein Stern, und die unvollkommene Scheibe des Mondes schien durch die schwarzen Wolkenfelder dahinzujagen wie der Nächtliche Schütze. »Ich meine, daß dort zwischen den Felsen ein guter Platz wäre«, entschied Gapolo nach einer Weile. »Wir werden wohl 139
nicht so leichtsinnig sein und ein Feuer machen?« »Ganz sicher nicht«, antwortete Mythor und lenkte < langsam sein Pferd an die bezeichnete Stelle. Die Hufe, knirschten auf fauligem Laub. »Hinter uns höre ich Hufschlag«, rief Lamir unterdrückt und drängte sich an Mythors Seite. Buruna stieß ein verzweifeltes Stöhnen aus und sagte ärgerlich: »Entweder ist es Meystral mit seinen Männern, oder es sind die Caer.« »Warten wir es im Versteck ab!« sagte der Sohn des Kometen, glitt zu Boden und führte sein Pferd am kurzgefaßten Zügel zwischen den Felsen hindurch auf einen freien Platz. Es war eine kleine, runde Fläche, umgeben von glatten Felswänden, mit nur einem Eingang. Die Pferde wurden hereingebracht, und Gapolo sagte, wobei er den Tieren die Trensen aus den Mäulern nahm und die Sattelgurte lockerte: »Der Hohlweg, den wir passierten, ist offensichtlich eine Art Paß. Jeder, der in die Richtung des Lagers von Cannon Boll will, reitet hier hindurch.« Er und Mythor gingen wieder ins Freie hinaus und horchten in die Richtung des Hohlweges. Tatsächlich! Durch den Trichter, der die Geräusche verstärkte wie der Schlund einer Fanfare, drangen eindeutige Laute an ihre Ohren. »Also wohl auch Herzog Krude«, murmelte Mythor. »Und jetzt ein Mann mit einer Fackel, gefolgt von anderen Reitern…« Sie kauerten sich hinter einen kleineren Felswall und spähten hinüber. Immer wieder wechselten Mondlicht und völlige Dunkelheit mit dem winzigen Lichtschein, den man indirekt erkennen konnte. Der erste Reiter, der mit einem holprigen Galopp ins Freie hinausstob, schwenkte die Fackel und rief mit dunkler Stimme: »Mythor! Gapolo ze Chianez! Ihr müßt irgendwo hier sein.« 140
Mythor sprang auf, schwenkte sein schwach leuchtendes Schwert und rief zurück: »Ich erkenne deine Stimme, Meystral. Wir sind hier versteckt, rechts von dir.« Einige Augenblicke später versammelten sich zehn Reiter um die Kundschafter. Der Anführer berichtete, daß sie die Caer überrumpelt hatten. Mit einiger Beute war es ihnen gelungen, den Zeichen zu folgen. Die andere Hälfte der Kundschaftertruppe befand sich am anderen Ende des Hohlweges und legte dort einen Hinterhalt für die Caer. »Aber wir sind sicher, daß sie uns in dieser Nacht nicht verfolgen. Habt ihr ein Feuer? Gibt es Wein?« Mythor lachte kurz und antwortete: »Wein gibt es nur wenig. Feuer zu machen wäre zu riskant. Aber unser Versteck ist gut.« Abermals hatten sie einen Tag überlebt. Nur einige Risse in der Kleidung, einige Prellungen und viel Schmutz waren die Zeichen des erschöpfenden Rittes. Als der Anführer den Kriegern bestätigte, daß weit und breit der Hohlweg und einige andere paßähnliche Unterbrechungen vor ihnen die einzigen Wege durch das Land seien, wußten sie, daß sie Herzog Krude treffen würden. Die Nacht verging ohne jeden Zwischenfall, und Mythor hatte die letzte Wache. Burunas Kopf lag in seinem Schoß. Mythor saß auf dem Schild und hatte sich in seinen Mantel gehüllt. Alton steckte nahe seiner Rechten im Boden. Obwohl das Licht des Morgengrauens die Schreckenslandschaft der Nacht verwandelte und harmlos erscheinen ließ, waren seine Gedanken finster und voller Sorgen. Er vermißte seine Tiere, er dachte an Fronja und seinen Auftrag, und er fürchtete, daß die Niederlage der Lichtwelt nicht fern sei. *
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»Caer! Überall sind Caer! Woher kommt diese Menge von Soldaten?« stöhnte Meystral und scheuchte seine Leute mit einer zornigen Handbewegung zurück in das Versteck. »Ihr wollt mir noch immer nicht glauben, wie?« brummte Mythor. »Caer ist mächtig und gefährlich.« »Ich und zwei Männer reiten mit euch. Ich kenne den Weg durch die Schlucht, den Krude nehmen muß.« »Einverstanden.« Das erste Tageslicht hatte ihnen abermals kleine, berittene Gruppen gezeigt, die jeden Winkel des Geländes zu untersuchen schienen. Am Horizont waren lange Marschkolonnen aufgetaucht. Sie verhinderten einen Rückweg nach Osten, falls sie nicht abrissen. »Ihr bleibt hier und wartet auf uns!« befahl der Anführer seinen Leuten. »Seid wachsam und zeigt euch nicht. Ich denke, wir sind in zwei Tagen wieder zurück.« Die Pferde waren ausgeruht, satt und waren abgerieben worden. Nacheinander saßen die sieben Reiter auf. Sie ritten nach Westen. Bis zur Dunkelheit wichen sie den Patrouillen aus, verbargen sich in Waldstücken, wenn ein caerischer Heerwurm vorbeimarschierte, und erreichten die Schlucht noch bei Tageslicht. Eine nicht sehr hohe, aber aus undurchdringlichem Wald und schroffen Felsen gebildete natürliche Barriere erstreckte sich vor ihnen weit nach rechts und links. »Zieht eure Waffen!« sagte Meystral unruhig. »Die Schlucht ist nicht lang, aber voller Verstecke. Wir müssen mit einem Hinterhalt rechnen.« Die Schwerter glitten aus den Scheiden. Buruna schwang ein leichtes Kampfbeil; die beste Waffe für eine Frau. Dünne Rinnsale und scharfkantige Steine, herunterhängende Wurzeln und Moospolster, ein gewundener Weg, zwei bis drei Ellen breit, Äste und vertrocknete Früchte der Bäume, deren Kronen über der Schlucht ineinander verflochten waren. Die tiefe Schlucht 142
endete, nachdem die Pferde den letzten Hang hinaufgekeucht waren, in einem Wald. Zwischen den beiden Waldrändern hier und in einem halben Tagesritt Entfernung lagen leere Felder, niedergebrannte Bauernhöfe und ein winziger See, mehr ein Tümpel. An einem Bachlauf, der quer durch die Schlucht rauschte, hatten die Reiter und die Pferde getrunken. Die Wassersäcke waren wieder aufgefüllt. »Hier warten wir!« entschied Meystral und drängte sein Reittier seitlich durch die Büsche. »Du kennst das Land sehr gut. Bist du hier zu Hause gewesen?« fragte Mythor. Der Anführer spuckte aus und knurrte: »Ich bin jahrelang für unsere Fürsten als Bote geritten. Ich kenne jeden größeren Baum.« »Und du bist sicher, daß Herzog Krude diese Schlucht passiert?« »Wie du gesehen hast, Frau, ist es der gerade Weg zu unserem Lager.« Der Tag ähnelte vielen anderen. Trügerische Wärme, leichter Wind, treibende Wolken und stechende Sonnenstrahlen. An einigen Sträuchern zeigten sich die ersten Knospen. Das Gras bekam eine Farbe, die nicht die des Frühlings war. Die Pferde waren schneller erschöpft, und die Menschen litten unter der unzeitgemäßen Wärme. In aller Ruhe suchten die Kundschafter ein Versteck, und ein Mann kletterte auf einen Felsen und von dort auf die starken Äste eines knarrenden Baumes. »Kannst du etwas sehen?« rief der Anführer hinauf. »Ich überblicke die Felder bis zum Wald.« Wieder wagten sie nicht, ein Feuer anzufachen. Ruhig fraßen die Pferde aus den umgehängten Beuteln. Die sieben Späher warteten und suchten immer wieder die Gegend nach einem einzelnen Reiter ab oder nach einer kleinen Gruppe, denn der Bote hatte berichtet, Krude habe einige Begleiter. 143
Irgendwann fragte Buruna ungeduldig: »Woher wissen wir, daß Krude heute diese Stelle passieren wird?« »Wir wissen es nicht. Aber es sollte bald sein«, antwortete Meystral. »Kommt er nicht bei Anbruch der Nacht, kommt er später. Er wird sich ebenso vor den Caer verstecken müssen.« »Also warten wir weiter!« meinte Gapolo und breitete die Satteldecke auf einem Lager von trockenem Laub aus. »Weckt mich, wenn die Caer angreifen.« Einige Atemzüge später ertönte aus der Ferne Hufgetrappel, das rasch näher kam. Die Köpfe der Kundschafter schoben sich aus der Deckung. Eine Gruppe Caer ritt in schärfstem Galopp in südliche Richtung und verschwand an einer Stelle, die nicht einzusehen war. Die Unruhe griff wieder nach den wartenden Kundschaftern. Jeder von ihnen war Gefahr gewohnt, aber hier ging es um weitaus mehr. Herzog Krude, das wußte Mythor aus eigener Erfahrung, ein mürrischer Mann von mehr als sechzig Sommern, galt unter seinen Leuten als fähiger und entschlossener Anführer. Beliebt war er nicht, aber geachtet und von seinen Vasallen geschätzt. Seine Sorgen waren ihre Sorgen und Ängste. Die Nacht kam. Wieder wechselten Schatten mit Mondlicht. Das narbige Antlitz des bleichen Gestirns war abermals angewachsen. Der Mann kletterte aus seinem Ausguck herunter. Gapolo wachte auf und fing an, Sättel, Gurte und Zaumzeug zu überprüfen. Der Wind zwischen den Felsen und das Knarren der Bäume waren die einzigen Geräusche ringsum. Doch die Nacht schien voller lauernder Gefahren und magischer Strömungen. Sie legten sich erstickend wie giftige Dämpfe um die Wartenden. Die Kundschafter vermeinten, ihren eigenen Herzschlag zu hören, als Lamir erschreckt aufsprang und flüsterte: »Hufschlag! Hört ihr es nicht?« Ohne Zweifel. Ein schweres, kräftiges Pferd galoppierte her144
an. Mythor vergegenwärtigte sich die Gestalt des untersetzten Mannes, der zur Fettleibigkeit neigte, zusammen mit einer schweren Rüstung und den Waffen. Herzog Krude war offensichtlich allein und mußte ein besonders kräftiges Pferd reiten. »Kannst du etwas sehen?« fragte Mythor und tastete sich zwischen den Felsen hervor. Vor dem dunklen Hintergrund sah er auf der helleren Fläche der Weide deutlicher einen langen Schatten als den Reiter selbst. »Nicht besonders gut.« »Macht euch fertig, Krude entgegenzureiten!« befahl Meystral unschlüssig. »Wahrscheinlich ist er es.« Im gleichen Augenblick tauchte der Mond zwischen den Wolken auf. Kalte Strahlen fluteten über das Land. Der Reiter galoppierte ins Licht hinein. Sein Helm, die Arm- und Beinschienen, der Schild und der Harnisch funkelten und blitzten. Er trug eine prunkvolle Kampfausrüstung, und einen kurzen Moment später fiel Mondlicht auch auf das Gesicht und zeigte den weißgrauen Vollbart, der ein Kennzeichen Herzog Krudes war. »Ich habe ihn erkannt!« sagte Meystral voller Erleichterung und griff nach dem Sattelhorn. »Männer! Wir reiten ihm entgegen!« »Wartet lieber noch ein wenig!« sagte Mythor. »Wartet, bis er am Eingang der Schlucht ist!« Eine Wolke schob sich vor den Mond. Die drei Rebellen saßen auf und trieben die Pferde zwischen den Bäumen hinaus auf die freie Fläche. Auch Mythors Freunde stiegen in die Sättel. Das Pferd, das den Herzog trug, wieherte dumpf. Oder kam das Wiehern aus einer anderen Richtung? »Hierher, Herzog Krude!« rief der Anführer, als er auf der Höhe des Schluchteingangs war. Nebeneinander sprengten er und seine beiden Männer auf den einsamen Reiter zu. Etwas warnte Mythor, und er legte seine Hand hart auf Ga145
polos Arm. »Halt! Warte!« sagte er drängend. Herzog Krude zügelte sein Pferd. Erneut rissen die Wolken auf. Die drei Reiter waren noch einen halben Bogenschuß weit von ihm entfernt. Sie galoppierten geradlinig auf ihn zu. Krude hob abwehrend den Schild, denn im ungewissen Licht sah er vor sich drei Männer in Caer-Rüstung. Meystral stellte sich in die Steigbügel und rief unterdrückt: »Wir sind von Elvinon, Herzog Krude. Wir sollen dich zu unserem Lager eskortieren!« Zwei Reiter drehten ihre Pferde herum und warteten auf Krude und den Anführer. Wieder wieherte ein Pferd, und Mythor, der eben die Sporen einsetzen wollte, um zu der Gruppe zu stoßen, hielt abermals an. Aus dem Gebüsch, das jenseits des Schluchteingangs wucherte, brachen drei vermummte Reiter hervor. Ihre Pferde galoppierten in einem rasenden Ansturm geradeaus. Mondlicht blinkte auf den Schneiden langer Schwerter. Die Hufe schlugen schnelle Wirbel. Die Reiter trugen dunkle, wallende Gewänder. Auch ihre Pferde waren dunkel. Zwei der Reiter rissen die Schwerter hoch und schlugen, als sie nahe genug heran waren, die überraschten Rebellen nieder. Klirrend traf Stahl auf Stahl. Ein Pferd schrie grell. Der dritte Vermummte galoppierte auf Meystral zu, das Schwert wie einen Speer ausgestreckt im waagrecht gehaltenen Arm. Noch ehe der Anführer sein Pferd gewendet, den Schild hochgerissen und das Schwert schlagbereit halten konnte, durchbohrte ihn das Schwert des Unbekannten. Röchelnd sank Meystral aus dem Sattel des hochsteigenden Pferdes. Herzog Krude senkte den Schildarm und spornte sein Pferd. Er schien im Dunkeln sehen zu können, denn er fand den Eingang zur Schlucht ohne Zögern. Die durchgehenden Pferde der drei Männer, die blitzschnell hingemetzelt worden waren, zerrten die Körper der Toten oder Sterbenden durch Gestrüpp 146
und über Felsen. Mythor fühlte eisigen Schrecken, als er zusehen mußte, wie die drei vermummten Boten des Todes ihre Pferde herumrissen und wieder in den Wald zurückritten. Herzog Krude, dessen Gesicht vom Widerschein des Mondlichts erhellt wurde, ritt nahe an Mythor vorbei. Bewegungslos wartete dieser im Sattel. Herzog Krudes Gesicht! Es glänzte und war maskenhaft unbewegt. Eine Schicht, gläsern-spröde wie der Spiegel eines geheimnisvollen Sees, überzog die Gesichtszüge. Herzog Krude war von einem Dämon besessen. »Nein«, stieß Mythor hervor und hielt Gapolo auf, der an ihm vorbei wollte. Im selben Moment sah auch Gapolo das Gesicht des Herzogs und schrie leise vor Schreck auf. Dann verschwand der Mond hinter Wolken, und die eindringliche Schwärze des Hohlwegs nahm den rasend schnell reitenden Herzog auf. »Haben wir geträumt, Mythor?« fragte der Salamiter tonlos und schüttelte sich. Mythors Gedanken waren bei Ritter Coerl O’Marn, der das Schicksal Krudes teilte. Der Sohn des Kometen schüttelte langsam den Kopf und entgegnete: »Wir haben nicht geträumt, mein Freund. Herzog Krude, der Anführer der fünftausend Rebellen, ist von einem Dämon besessen.« »Ein teuflischer Plan von Drudin«, knurrte Gapolo niedergeschlagen. »Das also ist der Grund, warum es hiervon CaerPatrouillen wimmelt.« »Herzog Krude wird erst im letzten Moment in Erscheinung treten, also kurz vor der Schlacht«, sagte Mythor. »Das Entsetzen wird die Rebellen packen«, sagte Buruna. »Sie werden kopflos durcheinanderrennen, wenn sie Krude sehen. So werden die Kämpfer der Lichtwelt leichte Gegner für die Caer sein.« 147
»Genauso ist es«, antwortete Mythor. »Und, Kundschafter oder nicht, wir haben eine neue Aufgabe.« »Zurück ins Lager von Cannon Boll?« fragte Lamir. »Wir müssen die Rebellen warnen und dafür sorgen, daß es jedermann erfährt. Sie werden es uns wieder nicht glauben«, Mythor hob die Schultern und sah nach dem Mondlicht, »aber wir werden sie diesmal überzeugen müssen. Wenn die Wahrheit sie unvorbereitet trifft, sinkt ihr Mut.« »Du hast recht, Mythor«, gab Buruna zu. »Reiten wir jetzt?« »Keiner von uns wird schlafen können. Die Pferde sind ausgeruht. Die Dunkelheit wird uns vor den Caer-Truppen, verbergen«, sagte Gapolo fast ein wenig mutlos. »Für dieses Land brauchten wir geflügelte Pferde oder fliegende Drachen.« »Für dieses Land brauchen wir die Kraft von vielen Männern und den Mut eines Verrückten«, bestätigte Mythor. »Eines weiß ich: Der Weg nach Osten zurück wird schwer sein. Wir wissen, daß es von Caer wimmelt.« »Wir versuchen es!« Langsam ritten sie in die Schlucht hinein, alle Sinne angespannt, die Waffen in den Händen. Ohne einen Zwischenfall gelangten sie in dieser Nacht durch die Schlucht, über das zerrissene Gelände und durch den Hohlweg. Im Morgengrauen versperrten ihnen berittene Caer und ein kleines, lagerndes Heer den Weg nach Osten. Sie wichen nach Süden aus und verbargen sich