Keith Roberts
Die Kreide-Riesen Science Fiction-Roman
BASTEI-LÜBBE
BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Science Fiction-Bestsel...
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Keith Roberts
Die Kreide-Riesen Science Fiction-Roman
BASTEI-LÜBBE
BASTEI-LÜBBE-TASCHENBUCH Science Fiction-Bestseller Band 22 038 © Copyright 1974 by Keith Roberts All rights reserved Deutsche Lizenzausgabe 1981 Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach
Originaltitel: THE CHALK GIANTS Ins Deutsche übertragen von Maike Blinde Titelillustration: David Semic Umschlaggestaltung: Quadro-Grafik, Bensberg Druck und Verarbeitung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh Printed in Western Germany ISBN 3-404-22038-2
Nach dem nuklearen Holocaust bricht ein neues heroisches Zeitalter an – mit Königen, Prinzen und machiavellistischen Hofintrigen. Eine Fruchtbarkeitsgöttin wird zum Mittelpunkt der neuen Kultur. Doch Wissenschaft und Technik sind bald wiederentdeckt. Die Mythen der Vergangenheit bestimmen den Menschen auch in einer noch so fremdartigen Zukunft… „Was auf den ersten Blick wie eine Fabel über die Unbezwingbarkeit des menschlichen Geistes erscheint, entpuppt sich als eine Erforschung all dessen, aus dem unsere Mythen geschaffen sind.“ New York Times
Der Streifenwagen hat sich wieder in Bewegung gesetzt, schiebt sich vorbei an der nach Süden kriechenden Autoschlange. Aus seinem Lautsprecher kommen die Worte krächzend und flach, verzerrt durch die Augusthitze der Salisbury Ebene. Stan Potts beobachtet das blaue Signallicht und schwitzt und kratzt sich und flucht. Er will pinkeln, verspürt dm Druck schon seit mehr als einer Stunde, und der dumpfe Schmerz ist immer schärfer und schließlich zu einem alles beherrschenden Bedürfnis geworden. Er bewegt den Schaltknüppel vor und zurück und starrt durch die fleckige Windschutzscheibe des Champ und versucht, an nichts, gar nichts, zu denken. Der Aufsichtsbeamte hat den Wolseley verlassen; Wagen für Wagen arbeitet er sich an dem Stau entlang. Irgendwo in der Ferne bricht ein Aufruhr aus, Autohupen und Geschrei. »Niemand wird in die Sperrgebiete hineingelassen«, tönt es aus dem Lautsprecher. »Wenn Ihre Reise nicht absolut notwendig ist, kehren Sie bitte nach Hause zurück. Niemand wird in die Sperrgebiete hineingelassen.« Stan wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht und greift hinter sich. Irgendwo muß eine alte Köderdose herumfliegen. Er findet sie und stellt sie zwischen seine Füße. Der Aufsichtsbeamte lehnt sich ins Fenster. Seine Arme sind mit kurzen goldenen Haaren bedeckt. »Wohin, Sir?« fragt er. »Wareham«, antwortet Stan. Der Polizist schüttelt den Kopf. Er sieht sehr jung aus. Er sagt: »Das ist ein Sperrgebiet, sie werden Sie nicht reinlassen. Es ist besser, wenn Sie umkehren.« Stan Potts’ Stimme sagt: »Ich muß es versuchen. Mein Vater ist sehr alt.« Es sind nur Wörter, völlig bedeutungslos. Aber der Polizist ist sowieso schon weitergegangen; er ist nicht interessiert.
Der Wolseley rückt neben ihm auf und hält. Der Fahrer spricht in ein Mikrophon. »Vier Meilen nördlich von Amesbury«, sagt er. »Ja, in Ordnung.« Der Wagen bewegt sich vorwärts. Stan klemmt sich die Dose zwischen die Knie, zerrt an seinen Hosenknöpfen. Das Gefühl der Erleichterung macht ihn richtig schwindelig. Der Mann am Fenster sagt: »Ich brauche Benzin.« Stan zuckt zusammen und versucht, sich zu bedecken. »Niemand hat welches«, sagt er und lehnt sich schmerzerfüllt zurück. »Neunzig Meilen bin ich gefahren«, sagt der Mann. »Ich muß Benzin haben. Was ist da drin?« »Wasser«, sagt Stan. »Wasser ist drin.« »Sie dreckiges Schwein«, sagt der Mann. »Sie haben in die Dose da gemacht.« Der Escort vor ihm ist ein Stück weitergefahren. Stan dreht am Zündschlüssel. Der Wagen springt an. »Tut mir leid«, sagt er. »Ich habe kein Benzin.« »Sie Schweinehund«, sagt der Mann. »Ich habe Frau und Kinder da hinten.« Der Ford setzt sich erneut in Bewegung. Die Autos hinter dem Champ beginnen zu hupen. Der Mann versucht, die Wagentür zu öffnen. »Steigen Sie aus!« sagt er. Stan legt den Gang ein. Irgend etwas schlägt gegen die Seite des Champ. Er schaut zurück. Der Mann, der das Benzin wollte, ringt mit zwei hemdsärmeligen Polizisten. Eine Uniformkappe fällt auf die Straße. Weiter hinten bahnt sich ein Kabriolett einen Weg. Der Fahrer schlägt mit der offenen Hand gegen die Türfüllung und schreit. Eins der Räder hebt sich und rollt über ein Hindernis. Jemand kreischt. Stan fährt 50 Meter, bremst. Es sieht so aus, als ob der Kampf weitergeht, aber der überholende Verkehr verhüllt weitere
Einzelheiten. Die Dose kippt um, ihr Inhalt verteilt sich über den Boden. Er greift erneut nach ihr und stöhnt.
EINS DIE SONNE ÜBER EINEM FLACHEN HÜGEL
I Es war immer dasselbe bei einer langen Fahrt. Zuerst horchte er ständig besorgt auf das Summen des Motors und die Geräusche des Getriebes, und irgendwann begann er, Entfernungen und Geschwindigkeit auszurechnen; schließlich wurde das Fahren automatisch, und dann kamen ihm Erinnerungen in den Sinn; Szenen, die manchmal Jahre zurücklagen, an die er sich nicht erinnern wollte, die er aber nicht vergessen konnte. Dinge ohne jeden Sinn und Zusammenhang; wie Gesichter, die man angeblich in flackerndem Feuer sieht, die er aber nie gesehen hatte, nicht mal, als er ein Kind war. Der Champ rollte gleichmäßig dahin. Er war mittlerweile südlich von Salisbury, hatte die verwinkelten Gassen mit ihrem Lärm und Gestank hinter sich. Die Stadt hatte schlimm ausgesehen – überall zerbrochene Fensterscheiben, und an einer Stelle hatte er Aufruhrtruppen mit Gewehren und Schutzschilden gesehen. Irgendwo hatte ein Gebäude gebrannt; die dicke, schwarze, stinkende Rauchwolke hatte den Turm der Kathedrale eingehüllt und wälzte sich auf die Schlangen von hupenden, ungeduldigen Wagen nieder. Er mußte sich seinen Weg Zentimeter für Zentimeter durch das Meer von Autohupen und Geschrei bahnen. Nah am Stadtrand rammte ihn ein Vauxhall, prallte gegen eine Mauer und blieb Wasser spuckend und dampfend am Straßenrand liegen. Obwohl
bewaffnete Truppen in der Nähe waren, hatte er Glück und konnte ungehindert weiterfahren. Er packte das Lenkrad fester und versuchte, nicht mehr nachzudenken. Weniger als fünf Meilen von hier lag die Küstenstraße, die an Bournemouth vorbeiführte. Früher wäre er innerhalb einer Stunde am Ziel gewesen, aber der Verkehr begann bereits wieder zu stocken und kam bald ganz zum Stillstand. Zu beiden Seiten der Straße streckten sich die Waldschneisen des New Forest hin. Er schluckte – er hatte sich bei dem Gedanken ertappt, ob die Ponys wohl überleben würden. Wenn er einen Armaturenkompaß hätte, sagte er sich zum soundsovielten Mal, würde er eine Fahrt durchs Gelände riskieren. Letzte Woche hatte er versucht, einen aufzutreiben, aber er war zu spät gekommen. Vielleicht waren sie verboten worden. Er schaute sich um und befeuchtete seine Lippen. Er hatte das richtige Fahrzeug, er hatte die nötigen Landkarten; aber er wußte, er würde es nicht tun. Er hatte nicht den Mut. Die Angst wallte wieder in ihm auf und schnürte ihm die Kehle zu. Er zwang sich zur Ruhe. Er fand ein Taschentuch, wischte sich die Stirn und trocknete anschließend das Lenkrad. Er horchte auf das Klopfen des kraftvollen Motors. Nach einer Weile schaltete er den Wagen wieder aus, um Benzin zu sparen. Wann und wie ihm der Gedanke gekommen war, konnte er nicht mehr sagen. Zuerst hatte er ihn weggeschoben, wie gewöhnlich; aber er tauchte immer wieder auf. Die Idee verfolgte ihn bei der Arbeit, wie eine Melodie, die man nicht loswird, und er lag nächtelang schlaflos da, während er die Uhr ticken und seine Mutter im anderen Zimmer husten hörte. Er sagte sich, daß es nutzlos war, vollkommen nutzlos, bis er das Wort nicht mehr hören konnte; es half nichts.
Seine ersten Einkäufe waren planlos gewesen – Dosen und Packungen, die er hier und da mitnahm und nach Hause schmuggelte, um sie später zu der Garage zu bringen, in der der Champ stand. Er breitete sie auf dem Boden aus, während er zu sich sagte: »Du wirst es niemals wagen. Du traust dich nicht; und wenn du’s versuchen würdest, würde es todsicher schiefgehen.« Schließlich setzte er sich mit Stift und Papier in den Wagen. Er brauchte ein genaues Konzept, so viel war klar. Er merkte ziemlich schnell, wie wahllos und unsinnig seine Käufe gewesen waren. Die meisten Lebensmittel, gekauft in einer Art Hysteriestimmung, waren zu sperrig für seine Zwecke und außerdem nicht auf längere Zeit haltbar. In Gedanken ging er die Regale seines Supermarktes durch. Irgendwo hatte er gelesen, daß Reis mehr Menschen am Leben erhielt als irgendein anderer Rohstoff; bis jetzt war er noch gar nicht auf seinen Listen erschienen. Mehl war klar; um es zu transportieren und aufzubewahren, würde er Feuchtigkeit abhaltende Behälter brauchen, entweder aus Plastik oder aus Metall. Butter war wohl unumgänglich; sie konnte auch als Bratfett dienen, Öl war gut in Dosen zu kriegen. Salz war lebenswichtig; auch dafür würde er einen luftdichten Behälter benötigen. Die meisten Fleischkonserven waren unbrauchbar – zu wenig feste Masse, zu viel Flüssigkeit. Corned Beef war allerdings ideal. Er riskierte es, in größeren Mengen einzukaufen. Suppen reizten ihn; er entschied sich für Pulverpackungen. Später schrieb er auf seine Reserveliste noch gebackene Bohnen. Und ständig fragte er sich: »Warum machst du das alles? Was hast du eigentlich vor?« Aber der Kofferraum des Champ begann sich zu füllen. Er packte mit unendlicher Sorgfalt und ärgerte sich über jeden ungenutzten Zentimeter. Er fügte seine Angel, eine Dose mit Haken sowie mehrere starke Schnüre hinzu. Danach folgte
die Camping-Ausrüstung: ein zweiflammiger Kocher, Tassen und Teller aus Plastik. Die Stuhlkante stieß in seine Kniekehlen. Er klammerte sich an die Tischplatte und stammelte, während die Bilder vor seinen Augen verschwammen. »Sir, ich,…« »Noch fünfzig drauf, Potts!« »Ich… ich…« »Und noch hundertundfünfzig, Potts! Es geht aufwärts!« »Sir, ich…« »Und nochmal fünfzig. Punktzahl notiert, Chapman?« »Jawohl, Sir!« »Setzen!« Die Stimme donnerte, zerschmetterte ihn. »Sir…« »Potts! Setzen!« Seine Beine gaben nach. Er hielt den Kopf gesenkt, am ganzen Körper zitternd, und das Übungsheft flimmerte vor seinen Augen. »Zweihundertfünfzig«, sagte Bates. »Fünfzig für Glück, der Rest für Frechheit. Wischt das nicht aus.« Die Kreide kratzte über die Tafel; das Klassenbuch knallte auf den Tisch. »Du mußt verrückt sein, Potts«, sagte Bates. »Du mußt verrückt sein. Schlagt Seite 123 auf.« Seine Hände schmerzten vom Umklammern des Lenkrads. Er bewegte die Finger. Es wurde langsam dämmerig, die Rücklichter der stehenden Fahrzeuge vor ihm blinkten wie Juwelen. Er schloß die Augen und versuchte auszurechnen, wie lange er schon im Auto saß. Ein Hupkonzert hinter ihm schreckte ihn auf. Die Schlange hatte sich bewegt; er legte den Gang ein, fuhr vorwärts. Das Hupen verstummte. Er zündete eine weitere Zigarette an. Sie begann ihm zu schmecken. Er erinnerte sich daran, wie man ins Sonnenlicht fuhr, wenn man an der Burg vorbei und aus dem Tal herauskam. In der letzten Kurve kriegte man es direkt in die
Augen; dann schlängelte sich die Straße von niedrigen Mauern gesäumt bis zu der Kneipe und dem roten und gelben Wohnwagen davor und dem grellbeleuchteten Schild vor dem dunklen Himmel. Manchmal lag auch der Maidunst über den Hügeln und bewegte sich in länglichen gezackten Schwaden hinunter auf das Dorf zu. Es war, als würde man durch Wolken fahren, und durch das Sonnenlicht von oben sah alles wie eine Märchenwelt aus. Der Champ bewältigte die Steigung im zweiten Gang; mit quietschenden Reifen bog er in den Parkplatz vor der Kneipe ein und saß und lauschte dem Ticken des sich abkühlenden Motors. Die Wiese war da und die grasenden Esel – nichts hatte sich verändert; die Umrisse der Hügel verschwammen, die Burg schien zu schweben im Licht der Dämmerung; Häuserlichter und Scheinwerfer blitzten auf und glitzerten; am Horizont konnte man Poole erahnen; die Luft war klar und rein. Er hörte die Gabeln und Küchenmesser, eine Handlaterne, Gasbehälter. Die Flaschen nahmen Platz weg, so daß er den für Bettzeug und Decken reservierten Raum reduzieren mußte. Er sagte zu sich: »Du wirst niemals den Zündschlüssel umdrehen. Du wirst niemals da runter fahren, und du wirst niemals tun, was du zu tun gedenkst, weil es Wahnsinn ist.« Und trotzdem hörte er nicht auf. Bei einem Gebrauchtwarenhändler trieb er ein Dutzend zwanzig Liter Benzinkanister auf; sie nahmen fast den gesamten restlichen Raum ein. Dann stellte er fest, daß er das Wichtigste vergessen hatte – einen Vorrat an Trinkwasser. Er mußte praktisch wieder von vorn anfangen, seine Liste umstellen, aussortieren und reduzieren. Er fuhr den leeren Champ in die Werkstatt, schmierte ihn ab und überprüfte alles. Das versiegelte Energie-Aggregat rührte er nicht an, aber es würde noch für hunderttausend Meilen reichen. Er stellte ein Ersatzteillager zusammen: Sicherungen, Lampen und
Glühbirnen, Kühlventilator und Verteilerkappe, Kondensatoren, Zündkerzen, Keilriemen, Schläuche. In einer Eisenhalterung, die er hastig unter das Fahrgestell geschweißt hatte, befestigte er eine zweite versiegelte Batterie; zum Schluß nahm er den verschlossenen Kasten aus der Schublade in seinem Schlafzimmer und verstaute ihn hinter dem Fahrersitz. Mantel, Stiefel, Werkzeug und das Reserverad mußten vorne untergebracht werden. Der Champ war jetzt voll. Der Verkehr kam wieder in Bewegung. Weiter vorn auf der Hauptstraße blinkten blaue und gelbe Lichter; von irgendwo tönte die durchdringende Sirene eines Unfallwagens. Er sah eine Limousine, die auf der Seite lag, und einen verkeilten Lastwagen. Die Straße war ein einziger Wust hupender Autos. Für den Moment hatte er Heizungsmöglichkeiten außer acht gelassen. Im Notfall würden die Gasbrenner herhalten müssen. Er hatte jahrelang keine einzige Zigarette geraucht; trotzdem hatte er fünfhundert mitgenommen, in fünfziger Packungen. Weitere fünfzig Stück lagen griffbereit im Handschuhfach. Er zündete sich eine Zigarette an. Nach dem ersten Zug mußte er husten; er inhalierte wieder und lehnte sich im Sitz zurück. Er konnte das Zittern seiner Hände nicht abstellen. Die Erinnerungen kamen wieder hoch, wie immer. Er rieb sich müde das Gesicht; aber die Klasse 30 lachte weiter, und Sledger Bates stand da mit dem Klassenbuch unter dem Arm und seinen hellblauen Augen unter den buschigen, rötlichen Augenbrauen. »Warum?« sagte er. »Warum? Wenn ich etwas anordne, dann wird nicht gefragt warum. Was du gerade machtest, bevor ich hereinkam…«
Stille und dann seine eigenen Füße auf dem Schotter, als er auf die Tür zuging; drinnen waren Ray und der Rest – John mit seiner betont vornehmen Stimme, der bärtige Künstler, der
immer aus einem Zinnbecher mit Deckel trank, und das Mädchen mit den furchterregend wilden Augen, das Gitarre spielte und dazu das Lied über Arbeit sang, all die beschissene Arbeit und keine Bezahlung – sie gefiel ihm nicht schlecht. Und der ausgestopfte Fisch in der Glasvitrine an der Wand, die Bierkrüge über der Bar und die Leuchtreklame für Bier vom Faß und die Zigarren und Zigaretten und die Plakate für englischen Landwein. Für eine Sekunde stockte ihm der Atem, denn sie war auch da. Sie trug eine karierte Bluse in Gelb- und Grüntönen, einen kurzen leinenfarbenen Rock und Sandalen mit nur einem sehr sexy wirkenden Riemen zwischen den Zehen. Ihr Haar und ihre Augen waren dunkel, ihre Haut goldbraun im Lampenlicht und ihre Hände leicht und gewandt wie Schmetterlinge. Sie war makellos, von Kopf bis Fuß. Manchmal fragte er sich, wie irgend etwas so makellos sein konnte, irgendwie wirkte es schon wieder falsch. Er schluckte und überlegte, was er sagen sollte, aber das erwies sich als überflüssig, weil Ray von der Bar herüberrief: »Derselbe Raum wie immer!« dabei grinste und mit einer Kopfbewegung nach oben wies. Also brachte er sein Gepäck hoch und begann auszupacken; er kannte die Möbel in dem Zimmer und das Bett mit seinen tadellosen, straff gespannten Laken. Durch das halboffene Fenster konnte er in der Ferne die Burg sehen, eine eindrucksvolle Ruine im bläulichen Dämmerlicht. Er beeilte sich beim Auspacken, verschloß die Kamera und den Belichtungsmesser in einer der Schubladen, ging hinunter zum Essen und setzte sich anschließend in die Bar. Für ganze zehn Minuten unterhielt sie sich mit ihm – fragte nach seinem Beruf und ob er eine gute Fahrt gehabt und wie lange er gebraucht hatte. Danach ging es ihm prächtig, obwohl sie nicht noch einmal mit ihm sprach; statt dessen erfuhr er, daß Johns Boß die falsche Getreideart angepflanzt und der Wind alles umgeweht hatte, und daß der
Wohnwagen beim Karnevalsumzug den ersten Preis bekommen hatte. Die Rückfahrt verging wie im Flug; es war, als wäre sie bei ihm. Er lächelte im Dunkeln; und der Champ glitt sanft um eine Kurve, so als wollte er Martine nicht wecken, die hundert Meilen von hier lag und schlief. Er hatte den Champ von Chalky für einen glatten Tausender bekommen – der Himmel wußte, wo er ihn aufgegabelt hatte; aber als er von dem Wagen die Nase voll hatte und über den zu hohen Benzinverbrauch fluchte und sich einen alten Magnette zulegte, übernahm Stan den Champ und polierte ihn auf, ließ eine neue Windschutzscheibe und eine Motorhaube einsetzen und mietete eine Garage. Danach war er glücklich, weil er in dem Wagen sitzen und träumen konnte; als er ihn allerdings zum ersten Mal nach Purbeck mitbrachte, vermieste ihm Ray Seddon die ganze Freude mit der Bemerkung, er hätte im ersten Moment gedacht, der Kohlenwagen wäre vorgefahren. Alle seine Bekannten lachten, und er mußte mitlachen, aber dann war alles nicht so schlimm, weil sie herauskam, um den Wagen zu begutachten. Sie trug eine weiße Bluse und den leinenfarbenen Rock, und ihr Haar war kürzer geschnitten – er mochte es eigentlich lieber lang. Der Champ stand auf dem Parkplatz hinter der Kneipe; das Sonnenlicht schimmerte auf dem dunkelgrünen Lack, und er sah groß, kraftvoll und elegant aus. Martine hatte sich die Jacke über ihre Schultern gelegt und die Arme verschränkt. Mit ihrer spröden Stimme fragt sie: »Was bedeuten die ganzen Knöpfe?« und er antwortete: »Vierradantrieb« und dann blieb ihm die Zunge im Hals stecken, weil jetzt der Moment da war, in dem jeder andere einfach gesagt hätte: »Steig’ ein, ich fahr’ dich ‘ne Runde.« – Er brachte keinen Ton heraus. Die Zeit blieb für eine Weile stehen; dann kehrte sie wieder zu ihrer Arbeit zurück, und er fummelte am Verschluß des Benzinkanisters herum, als wäre ihm alles gleichgültig; der Nachmittag war still und warm, und
er fühlte sich sterbenselend. Danach war Northerton schwer zu ertragen – das Haus seiner Mutter, der Besuch des Arztes, die Imbißbude an der Ecke, die Miezen im Fernsehen und in den Zeitungen, die ihn alle nur an sie erinnerten. Der Winter stand vor der Tür; alles war schwer zu ertragen – Chalky, die Sonntagsspaziergänge durch die Gärten und am neuen Gymnasium vorbei, der graue Himmel, die aufgewühlten braunen Felder, die Stille und die blattlosen Bäume – all das schien ihm kaum erträglich, und doch konnte er mit niemandem über das sprechen, was in ihm vorging, am wenigsten mit Chalky. Obwohl er im Grunde gerade ihm die Burg und das Tal und Martine verdankte – ihm und der Urlaubswoche vor ein paar Jahren. Chalky hatte sich, im Gegensatz zu Stan, pudelwohl gefühlt. Das Bier war gut, hatte er verkündet, die Burg ganz nett, wenn man sich für so was interessierte; und Martine war auch nicht übel, obwohl sie nicht so wirkte, als wäre sie besonders gut im Bett. Stan dachte nach und runzelte die Stirn, während Chalky fluchte und sein Jagdhund Hasen aufspürte, die er nie fing. Manchmal tat es richtig gut, danach wieder im Champ zu sitzen und an den Gaswerken vorbei nach Hause zu fahren, die Gardinen zuzuziehen, das Fernsehen anzuschalten und für seine Mutter das Abendbrot zu machen. Der Verkehr stockte wieder; blaue und gelbe Lichter flackerten; es sah nach einer Straßensperre aus, und er war unfähig zu überlegen, was er tun sollte.
Sämtliche Lichter in der Uni brannten, so daß das Gebäude von der Seite wie ein leuchtender gelber Felsen aussah. Die Kantine war kalt und fast leer, und es stank nach den Speckrollen vom Mittag. Sie hatten zwei Tische zusammengeschoben, obwohl die fettleibige Frau durch die
Essensluke geschrien hatte, sie sollten das lassen. Tasker war dabei, der einzige Rocker, mit dem sie zurechtkamen, und Quatermain und Briant und Tony Sidgwick und noch ein halbes Dutzend Leute. Der Nebel verdichtete sich zusehends, und da und dort gingen schon ein paar Leuchtraketen los, und alle machten einen Heidenspektakel – es war Guy-FawkesNacht. Er saß mit den anderen zusammen und spürte die Gegenwart der Mädchen von der Kunstakademie an einem der Tische hinter ihm. Die große Blonde war da, Annette Clitheroe, 8857-90, und die kleine Irin, die sich mit den Pakistanis herumtrieb, und die andere, Helena, die, der sie damals im Korridor fast den Pulli ausgezogen hatten, und sie hatte kein Fädchen darunter angehabt. Tony Sidgwick neckte sie laufend und versuchte sie dazu zu bewegen, zum Uni-Stammtisch rüberzukommen, und dann pickte er sich Annette Clitheroe heraus – ihren Eltern gehörte der große Möbelladen im Zentrum. Sie trug das Haar zu einem Dutt hochgesteckt, und Tony wollte wissen, was um Himmels willen sie da auf dem Kopf hatte, bis sie schnippisch entgegnete, das sei ja wohl ihre Sache. Etwas später zündete Sidgwick unter dem Tisch einen Knallkörper an – sie bemerkten es erst, als das Ding schon sprühte und gleich darauf losging; Stan Potts Gehirn arbeitete blitzschnell, so daß er es packte, über seinen Kopf wegschleuderte und in Deckung ging. Die fette Frau schrie gellend nach dem Direktor, und Sidgwick erstickte beinahe vor Lachen. Laut und deutlich waren ihre Absätze auf dem Betonfußboden zu hören. Sie kam quer durch die Kantine und setzte den Teller direkt vor ihm auf den Tisch. Er war gezwungen aufzusehen, obwohl er nicht aufhören konnte zu lachen; ihre Augen blinkten und blitzten hinter den Brillengläsern, und ihre Wangen waren rot vor Wut. In der
Mitte der zermatschten Teilchen, eingebettet in Baisermasse, lagen die Reste des Knallkörpers; ihr Pullover war übersät von kleinen weißen Sahnespritzern, und einen hatte sie am Kinn. Sie sagte: »Mein Cousin hat sein Auge verloren durch so ein Ding, du verdammter Scheißkerl. Du mußt verrückt geworden sein…«
Er hatte die Straßensperre passiert, aber er hatte lügen müssen – er hatte gesagt, er sei auf dem Weg nach Dorchester. Der Verkehr war jetzt flüssiger und die Wagen fuhren vierzig, manchmal fünfundvierzig. Aber fast überhaupt kein Verkehr kam von Westen. Sein Gehirn war blank; um die unliebsamen Erinnerungen fernzuhalten, versuchte er sich auf die Strecke vor ihm zu konzentrieren. Wimborne, die Linksabbiegung kurz darauf, die kleine Brücke, das Schild mit der Aufschrift »Willkommen in Poole« obwohl die Straße gar nicht direkt durchführte; und die neue Kreuzung weiter unten mit der Tankstelle – er konnte sich erinnern, wie sie gebaut wurde. Dann kam die nächste Kreuzung mit dem »Weißen Hirsch« und der Forschungsstation, angeblich Marine, mit dem meilenlangen, hohen Stacheldrahtzaun. Dann die Abfahrt nach Wareham; und jenseits der Brücke… aber sein Herz klopfte wieder, hämmerte geradezu schmerzhaft gegen seine Rippen, und er unterbrach den erst halb formulierten Gedanken. Nach seiner ersten Reise nach Purbeck war er des öfteren wieder hingefahren, obwohl die Fahrt von den Midlands herunter ziemlich lange dauerte, mehr als fünf Stunden bei schlechtem Wetter. Dann blieb vom Wochenende wenig übrig, nicht mehr als eine Nacht und der folgende Vormittag. Den Abend verbrachte er in der Bar; sonntagsmorgens stand er dann früh auf und fuhr entweder zur Burg oder in die Heide
hinaus. Die Burg zog ihn magisch an, diese gewaltige Ruine oben auf dem Berg, und das Dorf dagegen klein und geduckt unten im Tal. Fest und unerschütterlich lag die Festung da, umgeben von Kreidefelsen. Einmal erkletterte er einen der näherliegenden Felsen, saß dort mehr als eine Stunde lang und starrte hinunter auf die verfallenen Mauern und auf das Pförtnerhaus mit seinen schiefen Türmchen. Ein Bach floß in der Nähe vorbei, mit dichtbewachsenen Ufern und überschattet von hohen Bäumen; und hierher kamen im Herbst die Glühwürmchen; wie klare grüne Sterne schimmerten sie im Gras. Er hätte sie gern eingefangen und zu ihr gebracht, um ihre Finger und ihr dichtes, dunkles Haar zu schmücken. Manchmal fuhr er in die Berge, über die Landstraße, die so häufig gesperrt war. Dort gab es versteckte Buchten und verlassene, längst vergessene Dörfer; einmal sah er in ungefähr einer Meile Entfernung einen Reiter über die verbotenen Klippen galoppieren; seine Silhouette hob sich dunkel gegen den silbrigen Dunstschleier des Meeres ab. Er entdeckte Kimmeridge mit seinem fast schwarzen Strand und dem riesigen, vornehmen Haus, das die Bucht überblickte; auch Worth, dessen winzige Häuser im Seedunst verschwanden, und Dancing Ledge mit seinem bezaubernden, von Felsen umrahmten See. Zudem lernte er die Stammgäste der Kneipe kennen – John, der jedes noch so entfernte Land zu kennen schien und dabei seltsamerweise von Beruf Traktorfahrer war; den Hippie Martin Jones mit seinen Blumenhemden und den zerzausten, schulterlangen Haaren; Maggie, die manchmal für Touristen in der »Barn-Bar« Gitarre spielte und in einem weißen Bungalow lebte, und Richard Jones, der Maler war und nebenbei ein ganz nettes Privatvermögen haben mußte. Er kannte sie, auch wenn er nicht mit ihnen reden konnte; und sie selbst schienen ihn ein wenig mißtrauisch zu beobachten, diesen fetten Mann in der
Ecke mit seinem gequälten Lächeln und den ewig ausweichenden Augen. Diese Leute bildeten so etwas wie einen näheren Bekanntenkreis. Aber da waren noch viele andere; Andy, der mit John zusammenarbeitete, mit seinem braunen, attraktiven Farmergesicht, Andy, der mit Penny ging, die manchmal in der Bar aushalf; Ted und Arthur und die Dorfbewohner und die große blonde Vicky, die eine Militäruniform trug und angeblich Krankenschwester war; sie kannte Richard – er hatte die beiden ein paarmal zusammen gesehen. Und dann die Touristen, die braunen, langbeinigen Mädchen, die mit ihren Männern auf dem Heuboden saßen und lachten und Cidre und Bier und manchmal Wein tranken. Er mochte die Barn Bar am liebsten, mit ihren hohen kühlen Wänden, an denen Ackergeräte und Pferdegeschirre hingen, und dem riedgedeckten Dach über der Theke und der offenstehenden Tür und den Mücken, die um die gelben Lichter kreisten. Der Raum erschien in seinen Träumen; und immer war Martine da, Martine mit ihren großen dunklen Augen. Manchmal sah er sie auch in den Bergen, in den versteckten Dörfern und am Ufers des Sees. Dann wachte er gewöhnlich auf und erkannte, daß er mal wieder nur zu Hause war, daß er allein gewesen war, daß er immer allein sein würde; er starrte sich im Spiegel an, den kahlwerdenden Kopf, die blassen, schwerlidrigen Augen, und dann wußte er, daß er nie wieder zu diesem goldenen Ort zurückkehren würde, daß er nach Northerton gehörte und dort bleiben mußte. Aber die simple Wahrheit ist am schwersten zu akzeptieren; und so packte er erneut, nur noch ein einziges Mal, hörte sich die Vorwürfe seiner Mutter an und ruhte nicht eher, als bis er die Berge wiedersah, eingehüllt in den Dunst vom Meer. Er bog in den vertrauten Hof ein; und jedesmal, wenn er die Hoteltür aufstieß, wußte er, daß sie fort war, fort für immer. Und trotzdem war sie immer da.
In den Zeiten, die zwischen seinen Reisen lagen, studierte er. Er informierte sich über die Geologie, die Geschichte, die Urgeschichte und die Architektur der Region. Jede Einzelheit schien mit ihr direkt verbunden zu sein, und er fühlte sich weniger einsam. Mehr und mehr beherrschte sie seine Gedanken. Er entdeckte die Romane von Hardy und etwas später den Maler Nash; manchmal war er wie benebelt; doch dann kam ihm alles wieder zu Bewußtsein – Northerton, die Werkstatt, Ölwechsel und TÜV-Prüfungen, Chalky und die Hunde, das Fernsehen und die trübseligen Sonntagabende. Seine kreisenden Gedanken scheuten wieder einmal vor der unausweichlichen und gleichzeitig so unerträglichen Tatsache zurück – der Tatsache, daß er fett war und glatzköpfig und vierzig, und daß sein Leben vorbei war. Dieser innere Schmerz war so intensiv, daß er Vorgänge um sich herum kaum wahrnahm; so daß er überrascht war, als er eines abends im Sommer die Bam Bar betrat und ihm eine ungewöhnliche Stille entgegenschlug; ein paar Stammgäste und Besucher hatten sich tun ein Transistorradio gruppiert, das auf der Theke stand. Die Worte, die er hörte, sagten ihm nicht mehr und nicht weniger als sonst, aber die Stille, die darauf folgte, war gespannt. Martin Jones brach sie. Er saß da, hatte seine Knie umspannt und den Kopf zurückgelehnt. »Nun«, sagte er mit seiner ruhigen, modulierten Stimme, »es geht los. Das ist es, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben.« Ray, der hinter der Theke stand, runzelte die Stirn; die eine Hand hatte er wie zum Schutz um Martines Schulter gelegt. »Entzückend«, sagte er. »Dieses Lied kennen wir schon, Martin.« Der Hippie schüttelte den Kopf. »Diesmal ist es anders.« Er schaute gleichmütig um sich und sagte: »Ich freu’ mich drauf.
Vicky genauso. Aus diesem Grund ist sie ja auch zur Armee gegangen.« Die blonde Frau drehte sich um und starrte Joyce an, sprach jedoch nicht. Jones schien immer außergewöhnlich gut informiert zu sein. »Dies wird das Hauptvergeltungsgebiet sein«, sagte er. »Ich nehme an, wir werden über kurz oder lang verschifft werden. Einen von den Campingplätzen bei Sandbanks haben sie schon als Verladeplatz hergerichtet. Natürlich versuchen sie das alles geheim zu halten. Wird leider kein besonders günstiger Platz sein – viel zu flach.« »Wo wäre es denn deiner Meinung nach besser?« fragte jemand. »Da gäb’s ‘ne ganze Menge Möglichkeiten«, sagte Martin. »Eins ist sicher; ich werde nicht in Poole bleiben.« Er gähnte. »Ich würde ein Gebiet irgendwo zwischen den Bergen und dem Meer aussuchen«, sagte er. »Man würde dort von den Purbecks gut vor Explosionen geschützt; ich kann mir nicht vorstellen, daß was im Kanal landet. Dafür sind sie heute zu treffsicher.« Maggie sagte: »Trotzdem würde es noch radioaktiven Niederschlag geben.« Martin antwortete: »Ich glaube nicht, daß man sich darüber zu viele Sorgen machen müßte. Radioaktiven Niederschlag gibt es nur in Zusammenhang mit Bodendetonationen. Wenn wir mit überhaupt irgendwas rechnen müssen, dann sind es Luftstöße; die sind sowieso viel schlimmer.« Maggie sagte bitter: »Vielleicht wird es ihnen Spaß machen, uns ein paar davon zu verpassen.« »Möglich«, sagte Jones höflich, »aber strategisch unwahrscheinlich.« Er strich sich das helle Haar aus der Stirn. »Schließlich wollen sie – und vergiß nicht, sie könnten die
Amerikaner sein – schließlich wollen sie das Gebiet hinterher besetzen. Sonst wäre das Ganze ja sinnlos.« Richard sagte: »Es ist gut zu wissen, daß es einen Sinn für Luftstöße gibt. Dann ist das alles hier gleich viel eher der Mühe wert.« Er wandte sich um. Wie zur Bestätigung ertönte von draußen ein ratterndes Geräusch, das immer intensiver wurde; dann konnte man durch die offene Tür gelbe Scheinwerfer und dunkelgrüne Militärfahrzeuge sehen. Die Spitze einer riesigen Kolonne bewegte sich in Richtung Worth und Meer. Sie sahen zu, wie die ersten Fahrzeuge passierten; dann zuckte Ray die Schultern. »Da haben wir’s«, sagte er. Mit ausdrucksloser Miene nahm er ein Tuch und hängte es über die Zapfhähne. Schockiertes Schweigen; jemand lachte. »Noch ist es nicht soweit«, sagten sie. »Nein«, sagte Martin. »Noch nicht. Aber bald…« Stan Potts hatte nichts gesagt. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft; er kannte eine Stelle, genau wie Martin sie beschrieben hatte. Er erinnerte sich an die Landstraße, die sie nur einmal im Jahr für den Verkehr öffneten, im Sommer, dann, wenn die Schießschule geschlossen war. Das tote Dorf hinter seinem Lattenzaun, verfallene Scheunengiebel; und das große verlassene Farmhaus am Meer, direkt unter den schwebenden Klippen. Der Hippie hatte, wie gewöhnlich, mit ruhiger Überzeugung gesprochen, und das Undenkbare sah, zumindest für einen Augenblick, wie praktikable Wirklichkeit aus. Verstohlen sah er zu Ray hinüber; zu Joyce, dem Maler; zu Martin Jones. Ganz zum Schluß sah er Martine; ihm stockte der Atem, und sein Herz begann zu pochen, obwohl der Gedanke, der später kam, noch nicht ausgeformt war.
Die Rücklichter vor ihm blinkten auf. Er bremste automatisch und starrte um sich. Einen Moment lang wußte er nicht, wo er war. Er war mit seinen Gedanken weit weg gewesen und nahm jetzt fast erschreckt die Eisenbahnlinien zu seiner Linken wahr, und die lange Reihe von Tankschiffen. Weiter vorn sah er die Kurve, die die Straße nach Wareham hineinführte; und genau dort hatten sie die Sperre errichtet. Die Armee diesmal; er sah die geparkten Lastwagen, Gestalten, die sich zielbewußt hinter dem rot-weiß-gestreiften Schlagbaum hin- und herbewegten. Taschenlampen leuchteten auf und reflektierten in den Stahlhelmen. Ein Wagen wurde an die Seite gewunken, ein anderer mußte direkt umdrehen. Er würde es also doch nicht schaffen; aber das hatte er von Anfang an gewußt. Noch war er etwa eine Viertelmeile von der Sperre entfernt. Die Fahrzeuge vor ihm fuhren an, stoppten wieder. Einer der Wagen wurde zu der Nebenstraße dirigiert, die durch die Heide landeinwärts nach Wool führte. Ein weiteres Auto folgte; irgend etwas klickte in seinem Gehirn. »Dies ist ein Militärfahrzeug«, schoß es ihm durch den Kopf. Er hatte das Gefühl, als ob seine Hände und Füße sich selbständig gemacht hätten. Er scherte aus, fuhr mit gellender Hupe an der Schlange vorbei. Ein Mann wandte sich um, überrascht; ein anderer nahm sein Gewehr von der Schulter. Er bremste mit quietschenden Reifen, präsentierte seinen Führerschein und sagte: »Landwehr.« Der Mann trat zurück; und er drückte erneut auf die Hupe. Eine Lampe blendete ihn. »Steigen Sie aus«, sagte jemand. »Nehmen Sie die Hände hoch.« Er ließ die Kupplung kommen, preßte den Fuß auf das Gaspedal. Der Champ heulte auf, durchbrach den Schlagbaum. Er sah einen Mann wild gestikulierend hinter ihm herlaufen. Dann war die Straße ein einziges Getöse. Die Lastwagen wurden gestartet, Zivilisten in einen Bus getrieben; und ein
hämmerndes metallenes Geräusch hinter ihm. Sein Blick verschwamm, er schleuderte, klammerte sich ans Lenkrad. Weiße Mauern und Häuserfronten flitzten vorbei; vor ihm erschien eine Brücke. Danach gabelte eine Seitenstraße nach rechts ab. Er trat auf die Bremse, beschleunigte wieder, schwenkte in die unebene Straße ein. Er klammerte sich an das Armaturenbrett und fuhr blind weiter. Die Räder drehten sich, faßten wieder. Die Scheinwerfer tanzten auf und ab; dann raste er einen langen Abhang hinunter, und hinter ihm blieb alles dunkel. Zehn Minuten später hielt er an, machte den Motor aus, öffnete die Fahrertür. Irgendwo in der Nähe tropfte Wasser, ansonsten war es totenstill. Plötzlich begann er zu zittern. Er wollte sich übergeben. Nach einer Weile war der Anfall vorüber. Er hob den Kopf und sah sich um. Der Champ zeichnete sich undeutlich gegen den Nachthimmel ab. Im Osten reflektierte ein orangefarbener Schimmer die Lichter von Poole; und vor ihm, kaum erkennbar, lagen die Berge. Es war nicht Wasser, das da tropfte; er konnte auf einmal deutlich den starken Benzingestank riechen. Er suchte nach der Taschenlampe, leerte den Reservekanister in den Tank und warf den Blechbehälter in die Büsche. Dann untersuchte er den Champ; über die Windschutzscheibe liefen strahlenförmige Risse; in einer Ecke war ein rundes kleines Loch zu sehen. Er berührte es mit zittrigen Fingern. »Oh Gott«, murmelte er. Ihm war noch immer schwindlig, und seine Kehle und sein Mund waren ausgetrocknet. Er kletterte wieder auf den Fahrersitz, drehte den Zündschlüssel um, hörte den Motor anspringen. Die Hauptstraße lag irgendwo links von ihm; aber er wollte das Risiko nicht noch einmal auf sich nehmen. Er fuhr langsam an, während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Um ihn herum erstreckte sich der unebene
Heideboden; in den Vertiefungen sammelte sich ein nebliger Dunst. Die Berge wurden größer, hoben sich gegen den Himmel ab; schließlich spürte er, wie die Räder über Kies rollten. Er war auf eine Landstraße oder so etwas gestoßen. Er zündete sich eine Zigarette an. Die Angst war vorüber; statt dessen fühlte er etwas Ähnliches wie Stolz. Er hatte das Unmögliche erreicht; er hatte ein überfülltes, hysterisches Land durchquert, um zu ihr zu gelangen. Nun war er fast am Ziel; und plötzlich wußte er, wie lange sie schon in seiner Vorstellung lebte. Er hatte sie in Cafes und Restaurants und Supermärkten und Kneipen, an Stränden, auf Bergen und auf Straßen gesehen; sie hatte ihn von Reklamewänden angelacht, ihm ihren Bauch in Sonntagsmagazinen entgegengestreckt und auf dem Bildschirm ihre Beine gezeigt. All die Jahre, in denen er in den Schrebergärten arbeitete, mit Chalky und den Hunden Wanderungen machte und samstagsabends seine halben Liter herunterkippte. Jetzt war er an einem Wendepunkt angekommen, die Welt brach auseinander, Sledger und Annette Clitheroe und die Schule und die Uni verschwanden in der Dunkelheit. Nun fuhr er zu ihr in eine ländliche Kneipe mit gelblichen Lampen über der Bar und einem ausgestopften Fisch an der Wand; und wenn sie sich weigerte, mit ihm zu kommen, würde er sie schlagen, weil er lang genug gewartet hatte und müde war. Wenn sie sich wehrte, würde er sie fesseln; dafür hatte er das Seil mitgebracht, und vielleicht wäre es sowieso besser so. Der Mond ging auf und tauchte den Horizont in ein goldenes Licht. Die Dunstschwaden glänzten; der Champ bahnte sich seinen Weg durch sie hindurch, ein riesiger, vorsichtiger Schatten in der Nacht.
II Wenn Sie die folgende Szene mit den Augen von Stanley Potts sehen wollen, müssen Sie sich eigentümliche Dinge vorstellen; wogende und schillernde Farben, rollende und sich neigende Berge, umgeben von einem Lichtkranz unter einem rauchigmilchigen Himmel. Sie müssen die Rufe der Nachtvögel in der weiten, verwunschenen Landschaft und das Rauschen der See hören, das wie Blut in den Ohren pocht; dazu müssen Sie alle Himmelschöre hören. Können sie den Champ sehen, wie er von Dunstwolke zu Dunstwolke schwebt? Jetzt hält er an, am Fuße einer steil aufsteigenden kleinen Straße; und Stan Potts winkt durch das Fenster dem nachfolgenden Wagen zu. Der Wohnwagen, gefahren von Richard Joyce, setzt zurück; der Champ durchbricht das klapprige Tor, das den Weg versperrt; dahinter beginnt der Pfad, der sich zwischen Stacheldrahtzäunen dahinschlängelt; das verlassene Dorf mit den leeren Scheunen, der Kirchturm von Baumkronen überragt, das efeubewachsene Versammlungshaus mit seinen leeren Fenstern im bräunlichen Mondlicht. Er zeigt ihr alles, ohne Worte; und sie lächelt und nickt, ihre großen Augen schimmern. Er erinnert sich an die Parties in der Uni, eine ganz genauso wie die andere; und er erinnert sich, daß er es nie geschehen sah, aber daß überall plötzlich Paare waren; er hatte nie erfahren, wie das eigentlich vor sich ging, aber es war jedesmal dasselbe gewesen; und er hatte immer dagesessen und an seinem Bier genippt, ganz allein in der Mitte des Raumes und er hatte versucht, das Geflüster und das Kichern um ihn herum zu überhören und sich nichts daraus zu machen, daß ihn niemand wollte. Er erinnert sich aber auch, daß das nun nicht mehr geschehen kann, daß sie nun zu viert sind, zu viert in einem verlassenen
Land. Er erinnert sich, daß sie bei ihm ist und daß Richard Joyce ihnen folgt mit Maggie, die in längst vergangenen Zeiten Gitarre spielte. Vor ihnen taucht nun die Bucht auf, eingerahmt von Klippen, die in der Dämmerung fahl und unheimlich schimmern. Und am Rand der Klippen steht fest und unerschütterlich das Farmhaus mit seinen dunklen Fenstern und den Schornsteinen aus dicken Steinklötzen. Er würde am liebsten laut schreien vor Freude, aber er sagt nur: »Wir sind fast da«, und sie lacht und sagt: »Es ist wunderschön.« Er nimmt ihren Geruch wahr. Vor der verriegelten Tür des Hauses bringt er den Champ zum Stehen. Seine Sinne erscheinen ihm unnatürlich geschärft. Der Cambridge hält neben ihm; er vernimmt das Knirschen der Reifen auf dem groben Kies. Er eilt zur Beifahrertür; und Martin Jones sagt: »Guten Abend!« Haben Sie sich in seine Stimmung versetzt? Haben Sie die Engel singen hören und das Zittern gespürt, das ihn erfüllte wie sprudelnder Wein, bis es ihm schien, als würde er schweben? Nun müssen Sie sich eine weitere Veränderung vorstellen – die totale Vernichtung seines Glücks! Alles dreht sich in seinem Kopf; Himmel und Klippen verschwimmen. Er sieht sie auf ihn zulaufen; er sieht den Arm, der sich um ihre Schultern legt; er hört sie sagen: »Ich wußte nicht, wie ich hier herkommen sollte. Aber er brachte mich.« Nun sind sie zu fünft, und die Welt ist wieder verständlich; das Lächeln hat sich bereits wieder schützend auf seine Lippen gelegt. Er hat das Gefühl, er sollte eine leichte Melodie summen. Dah-dah di-di-di dah-di-dah, während er den Wagen ausräumt und die Schlafsäcke, den Kocher, die Dosen und Büchsen und Kästen schleppt. Jones hat das mitgebracht, was er nicht hatte, hat Decken vor die Fenster der so lange nicht benutzten Räume gehängt, Stühle und einen Klapptisch aufgestellt. Und ein Feuer aus Treibholz knistert im Kamin;
Petroleumlampen hängen von der Decke herab, sogar der Boden ist geschrubbt und sauber. Es ist ein richtiges kleines Zuhause! Er erkennt, wie sorgfältig alles geplant worden ist; er beobachtet, wie sie sich an ihn hängt, während er sie von einem Zimmer ins andere führt. Er ist froh, daß er so viel Übung darin hat, das Lächeln um seinen Mund spielen zu lassen, seine Augen niederzuschlagen und auf den Boden zu starren; denn niemand hat sein Geheimnis erraten. Es war ganz allein sein Fehler, von Anfang an. Er muß verrückt gewesen sein; Männer mit fetten Hintern sollten sich nicht verlieben! Es gibt sogar ein Tischtuch, munter blau-weiß kariert. Sie kochen auf seinem Ofen; es besteht kein Zweifel, daß sie ihn bleiben lassen werden. Er errötet und starrt auf das Tischtuch, als sie ihm danken für das, was er für sie getan hat; alle sind sehr fröhlich. Später werden die Autos versteckt, in einen verfallenen Schuppen gefahren und mit Gestrüpp getarnt, damit man sie aus der Luft nicht erkennen kann. Stan kramt seine Taschenlampe raus, weil es nur zwei Petroleumlampen gibt, und sie werden ja schließlich drei Räume benutzen. Es existiert tatsächlich noch ein drittes Zimmer, am Ende eines langen, kalten Flures. Martin führt ihn hin, und das Licht der Lampe schimmert auf seinem weichen blonden Haar. Er tauft den Raum ›Junggesellen-Suite‹, und alle lachen, und Stan stimmt mit ein. Wasser gibt es nicht, erklärt der Gastgeber; aber er hat eine Schüssel und einen Krug aufgetrieben und eine alte Lattenkiste als Waschtisch aufgestellt. Er erzählt ihm, daß er mit mehr Besuchern gerechnet hat, mehr als schließlich gekommen sind. Er hofft, daß er sich wohl fühlen wird und läßt ihn allein. Einen Moment lang bleibt sie im Türrahmen stehen und lächelt, als ob sie es wirklich meint, und sagt »danke«, und fast sieht es so aus, als wollte sie ihm einen Kuß auf die Wange geben. Aber Martin ruft vom Flur herüber und fügt noch etwas
hinzu, das Stan nicht versteht; er kann den Künstler lediglich lachen hören. Sie dreht sich um und geht, und er schiebt die Tür zu und hängt die Lampe an einen Haken. Dann legt er seinen Schlafsack zurecht und beginnt sich auszuziehen. Er hat keine Lust, sich noch zu rasieren.
Eine Weile lang lag er schlaflos da; der Champ und er hatten nun ihren Teil getan. Draußen wisperte die See; die stickige, feuchte Luft des Raumes stach ihm in die Wangen. Eine Zeitlang dröhnte der Verkehrslärm noch in seinen Ohren; das Geschrei und die Hupen, die laufenden Motoren, das Geblöke der zahlreichen Lautsprecher. Dann wünschte er sich, richtig wütend werden zu können, aber seine Hemmungen waren zu groß. Männer mit dicken Hintern wirken lächerlich, wenn sie wütend werden. Seine Gedanken wanderten weiter zu anderen Dingen. Er erinnerte sich, wie Chapman eines Tages im Biologieunterricht seine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Schnabeltier entdeckte und dies per Zettel Smythe mitteilte; von da an hieß er Potts, das Schnabeltier. Der Spitzname verfestigte sich jedoch erst, als Sledge eines Tages eine Zeichnung auf der Tafel fand, durch das Kichern der anderen die Anspielung erkannte und fragte: »Wie selten kommt das Schnabeltier vor, Potts?«; die Klasse brüllte vor Lachen. Und er mußte aufstehen, ›auf die Hinterbeine‹, wie Sledge es formulierte, und alles herausstottern, was er über das Tier wußte; danach war der Name gesichert. Kurz darauf kriegten ihn auch die anderen Klassen mit, und in jeder Pause und jeden Nachmittag tönte es ›Schnabeltier, Schnabeltier‹ von überall, in singendem Rhythmus, während er angerempelt und umhergestoßen wurde, um ihn herum ein Ring von Gesichtern; und es gab kein Entrinnen, er konnte nur warten, bis ihn die Pausenglocke erlöste. Zu dieser Zeit war das Lächeln
entstanden, das nun schon seit 25 Jahren um seinen Mund spielte. Schnabeltier, Schnabeltier. Potty, das Schna…
Der Mond versank hinter den Klippen. Gleichzeitig zogen Wolken auf, und die Sommernacht wurde stockfinster. In der Dunkelheit bildeten sich Dunstschwaden, die immer dichter wurden und vom Wasser in Schwaden aufstiegen. Die Bucht begann sich zu füllen. Dann stieg der Dunst höher, umhüllte die Felsen und das Land darüber. Der Nebel blieb und verschwand auch in den folgenden Tagen nicht. Die kleine Gemeinschaft, wenn man sie so nennen konnte, funktionierte gut. Latrinengruben wurden ausgehoben, das Haus wohnlicher gestaltet. Joyce, der Künstler, bastelte bewegliche Jalousien für die Fenster zusammen; die Frauen kochten und brachten das Vorratslager in Ordnung, während Martin Jones die Küste auskundschaftete und mit dem kleinen Boot zurückkehrte. Sie hörten sein Rufen durch den Nebel und eilten hinunter an den Strand, um die Errungenschaft zu bewundern. Er schien sich gut auszukennen mit Booten; geschickt manövrierte er das Gefährt zum Strand und befestigte es mit einem Seil an einem Bolzen, der aus einer Felsspalte hervorragte. Stan begab sich mit seiner Angelrute zu einer kleinen Landzunge, weit draußen im Nebel, wo er von den anderen weit entfernt sein konnte; von Maggie mit ihren glänzenden Augen und den dunklen Wimpern, und von Martine in ihrem weiten Pullover und den eng anliegenden Jeans. Er hatte überhaupt keine Übung im Angeln, aber beim zweiten Versuch fing er vier prächtige, silbrige Fische. Jones zeigte ihnen, wie man sie abschuppen und ausnehmen mußte. Sie aßen sie am Abend, gegrillt und frisch, und lauschten den
immer schlimmer werdenden Nachrichten aus dem Transistorradio. Immer mehr sah es so aus, als ob Jones die Führung der Gruppe übernommen hätte. Er war es, der ihren Tagesablauf organisierte, Dienstpläne für Arbeiten wie Holzsammeln entwarf. Das, was um das Farmhaus herum lag, war schnell verbraucht; also trieb er irgendwo einen alten Handkarren auf, mit dem er loszog in Richtung Westen, wo sich das Festland an die Bucht anschloß, und jedesmal kam er mit einer Ladung trockener Planken zurück. Darüber hinaus entdeckte er eine Quelle mit frischem Wasser, ungefähr eine halbe Meile vom Farmhaus entfernt. Kalt und kristallklar sprudelte sie aus den Klippen hervor; es wurde Stans Aufgabe, jeden Morgen hin und zurück zu stapfen, bis die Behälter gefüllt waren. Ein Teil von ihm war nahezu glücklich mit dem Verlauf der Dinge. Die andere Sache war ja nur voller Schwierigkeiten gewesen. Er hatte keinerlei praktische Erfahrung mit Sex, aber als Techniker bezweifelte er, daß zwei Körper so reibungslos und automatisch zusammenpassen konnten, wie er es in Romanen gelesen hatte. Außerdem, was sagte man? Was konnte man zu ihnen sagen? Mit den eigenen Händen den Körper des anderen zu berühren, erschien ihm plötzlich abscheulich; deswegen war er irgendwie froh, daß es nicht sein Problem war; er erledigte seine Pflichten, ohne sich zu beklagen und sprach wenig. Besonders Martine mied er; er schlug die Augen nieder, wenn sie sich ihm näherte. Er erkannte, wie knapp er entkommen war. Er erinnerte sich an das Seil und was er damit zu tun geplant hatte, und er errötete vor Scham in der Dunkelheit. Aber der problemlose, gleichmäßige Ablauf seiner Tage sollte nicht andauern. Es war Martin Jones, der, an einem friedlichen Nachmittag, alles ins Wanken brachte. Sie waren mit dem Boot in den Nebel hinausgefahren, um im tieferen
Wasser zu fischen; Himmel und Strand waren gleichermaßen verborgen, das Boot klatschte und trieb in der Leere, während Stan geduldig dasaß, den Kopf über den Bootsrand gebeugt. Jones rekelte sich im Bug; er trug eine Öljacke und eine uralte, verbeulte Mütze; er starrte eine Weile vor sich hin; dann schnippte er einen Zigarettenstummel ins Wasser und sagte: »Wissen Sie, Potts, ich habe mal nachgedacht. Die Nahrungsmittel werden langsam knapp; und es gibt massenhaft andere Plätze in dieser Gegend. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß einer von uns geht.« Ein wilder und absurder Gedanke schoß Stan durch den Kopf. »Was wollen Sie damit sagen?« fragte er. »Nun, betrachten Sie’s mal von meinem Standpunkt«, sagte Jones. »Sie haben den richtigen Wagen dafür, und wir werden ihnen Verpflegung für mehrere Tage mitgeben. In Kimmeridge müßte man dann mehr kriegen können. Da gab’s einen großen Laden.« Stan sagte mit dumpfer Stimme: »Vielleicht könnte ich mal hinfahren und nachsehen, was zu finden ist.« Jones schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »das meine ich nicht.« Er beugte sich vor. »Hauen Sie ab, Potts«, sagte er. »Niemand will Sie hier.« Stan lächelte und hielt die Augen gesenkt. »Ich werde es mir überlegen«, sagte er. Jones zündete sich eine neue Zigarette an. Sein feminines Gesicht war nachdenklich. »Wahrscheinlich«, sagte er. »Aber Sie werden nicht gehen.« Er schwieg. »Sie sind eine seltsame Figur, Potts«, sagte er dann. »Warum sind Sie eigentlich hergekommen? Was haben Sie sich davon versprochen?« Stan spürte, wie er zu erröten begann. Mit verzweifelter Gleichmütigkeit starrte er auf das Wasser und hoffte, der andere würde aufhören.
»Ich glaube nicht, daß Sie schwul sind«, sagte Martin. »Also kann es nicht Richard gewesen sein. Und ich war es mit Sicherheit nicht. Sie mögen mich nicht sonderlich, oder?« »So würde ich das nicht sagen«, antwortete Stan. »Na gut«, sagte Jones. »Jedenfalls mag ich Sie nicht.« Er zog an seiner Zigarette. »Ich hoffe, es war nicht Maggie. Sie würden mit ihr nicht viel anfangen können. Soll ich Ihnen verraten warum?« Stan antwortete nicht; der andere begann zu lachen. »Nein«, sagte er. »Ich kann es nicht glauben. Aber es stimmt, es muß stimmen. Sie lassen ja nie die Augen von ihr.« Stan sagte: »Halten Sie den Mund…« Gleich darauf hätte er sich ohrfeigen können; aber es war zu spät, die kindische Bemerkung war draußen. Jones lachte schallend. »Potts«, sagte er, »Sie werden mein Ruin sein…« dann wurde er schlagartig ernst. »Stanislaus«, sagte er, »haben Sie jemals mit einer Frau geschlafen?« Keine Antwort. »Noch nie, nicht wahr?« sagte Martin. »Und ich werde Ihnen was sagen. Ich glaube nicht, daß Sie es jemals tun werden.« Er schüttelte den Kopf. »Armer alter Potts«, sagte er. »Sie müssen verrückt sein…«
Er hörte die Stimme seiner Mutter auf der Treppe, und die Tür schlug zu, während er dastand, puterrot und zitternd vor Scham. Sein Leben war nicht einfach gewesen. Er erinnerte sich, daß es vor Jahren, noch bevor er die Schule verließ, schon dasselbe gewesen war. Da hatte ihn sein Vater manchmal ins Variete mitgenommen; sein Vater kannte sich im Variete aus; er behauptete, daß er die Cleverneß der Programmnummern schätzte, aber jedesmal, wenn sie nackt auftraten, lehnte er sich
ein wenig vor. Und Stan saß da und tat so, als wäre er mit seinem Eis beschäftigt, und beobachtete heimlich die Frauen, die dort in ihren kleinen Höschen herumliefen, und manchmal konnte er sich tagelang nicht von der Erinnerung lösen. Er überlegte sich, daß es nicht so schlimm wäre, wenn er nur eine dieser Frauen haben könnte, nur eine, ein einziges Mal, nur, um zu wissen, wie es war. Später, als er wußte, daß das nicht geschehen würde, fand er sich damit ab. Erst als er älter wurde, wurde es wieder schlimmer; man sah es jetzt überall, auch auf der Straße; einige waren noch Kinder, aber man konnte ihre Brustwarzen und alles genau sehen, wenn man wollte. Er wurde noch verstohlener, und er setzte sein Lächeln fast ständig auf. Wenn die Mädchen im Büro vom Lager hochkamen, konnte man alles sehen, selbst ohne es zu wollen. Und so kam der Trieb wieder hoch, stärker als zuvor, und er onanierte, obwohl er sich dabei verfluchte. Dann lernte er Martine kennen, und eine Zeitlang blieb seine Vorstellung von ihr rein. Aber schließlich kamen die Phantasien doch; und eines Tages überlegte er, wie wunderbar es wäre, wenn er sie sein könnte, wenn er in ihrem Körper leben und ihn für sich haben könnte. Er wußte, daß es nicht richtig war, aber er konnte sich von dem Gedanken nicht mehr lösen. Dann, eines Morgens fand er etwas auf der kleinen Mauer vor dem Haus. Sein Herz schien stillzustehen, einfach stillzustehen. Er wollte es nicht sehen, er versuchte, es nicht zu sehen, aber es war da, sie waren da. Er konnte sie nicht dort liegenlassen; er mußte sie an sich reißen, das Knäuel aus Spitze tief unten in seiner Jackentasche verschwinden lassen. Ihn überfiel eine panische Angst, daß ihn jemand beobachtet haben könnte; aber es war erst zwanzig vor acht, und die Straße war menschenleer. Er eilte davon, mit hochgezogenen Schultern und brennendem Gesicht. Er wickelte seine Fund in ein Taschentuch; und es war, als würde er sie halten, sie selbst. Es war wie ein Wunder,
das erste, das er erlebt hatte. Sein Herz hämmerte den ganzen Tag’ hindurch. Er versteckte die furchterregende Entdeckung in seinem Kleiderschrank, ganz hinten im obersten Fach. Er versuchte zu vergessen, was dort lag, aber es nützte nichts. Er mußte es tun, das Experiment durchführen. Sie waren kleiner als er gedacht hatte. Er zog sie hoch, über seine weißen Schenkel; sein Gesicht brannte; dann war es soweit, die Verwandlung war komplett. Er keuchte, konnte kaum atmen, verstellte den Spiegel, um besser sehen zu können. Er war der Feind geworden, das, was er gefürchtet hatte; und die Furcht war gebannt. Genau in dem Augenblick öffnete sich die Tür; er versuchte, sich zu bedecken, seinen Bauch, den Fetzen durchsichtiger Spitze um seine Lenden. Ein Schrei gellte – sein eigener Schrei aus Angst und Scham; und er sah seine Mutter zurückweichen und hörte ihre Stimme auf der Treppe. »Du mußt verrückt sein…«
Ein blasser Lichtstrahl, der durch eine Ritze in der Fensterlade drang, sagte ihm, daß es bald Morgen sein mußte. Sein Blick wanderte im Raum umher. Er hatte geträumt; er hätte schwören können, daß er gerade eben mit Chalky gesprochen hatte, und Chalky hatte ihm einen ausgezeichneten Rat gegeben, aber er konnte sich nicht mehr an den Inhalt erinnern. Er war auch wieder in der Schule gewesen. Er sah den Klassenraum noch lebhaft vor sich; er hatte gestanden, und Sledge hatte Fragen gebrüllt und er hatte Antworten zurückgebrüllt, zuversichtlich und selbstsicher; und der Gesichtsausdruck des Lehrers begann sich zu verändern, er konnte Erstaunen und Entzücken darin lesen, und Chapman und alle anderen saßen verstummt da. Er seufzte, weil so etwas niemals geschehen würde.
Er erhob sich und zog sich an. Vorsichtig öffnete er die Tür und lugte hinaus. Der Flur lag still und grau da, niemand rührte sich. Es konnte kaum später als sechs Uhr sein. Auf Zehenspitzen schlich er an Martines Zimmer vorbei und lauschte wieder. Nun war er an der Haustür angelangt. Im Halbdunkel ertastete er die Klinke, drückte sie hinunter. Immer noch auf Zehenspitzen überquerte er den Hof auf die Scheune zu. Er öffnete die Fahrertür des Champ und griff hinter den Sitz. Eine Sekunde lang fürchtete er, das Ding wäre nicht mehr da; aber dann fand er es. Er hob den Kasten heraus und schlich wieder in sein Zimmer zurück. Dort saß er dann in dem schwachen Licht und ließ seine Hände auf dem Deckel ruhen; und alles wurde wieder lebendig, der kleine Schießstand neben der Masonic-Halle, die Zielscheiben, die riesigen Schränke, in denen die Gewehre aufbewahrt wurden. Er und die anderen Pistolenschützen hatten immer vorgegeben, auf die Gewehrgruppe herunterzublicken. Da auf dem Boden zu liegen und sich alles mögliche abzuschnüren, das war doch kein Schießen. Pistolen hatten etwas Besonderes an sich. Er war lange Jahre Mitglied im Club gewesen und war mit der Zeit immer besser geworden; irgendwann war er ein bißchen übergeschnappt und hatte sich eine Browning gekauft. Er begann, sich für Waffen zu interessieren, und bald kannte er jedes einzelne Modell. Am meisten faszinierte ihn das PKK-Gewehr, aber das durfte er mit seiner Lizenz nicht besitzen. Wieder schien ihm das Schicksal einen Schlag versetzt zu haben, denn eine andere Lizenz konnte er sich nicht leisten. Und so mußte er sich damit begnügen, mit Chalky über das Spielzeug zu reden; bis sein Freund eines Abends ganz geheimnisvoll ankam und ihn fragte, ob er mal was ganz Besonderes sehen wolle. Als er das Gewehr dann in den Händen hielt, konnte er es nicht mehr
weggeben. Also kaufte er es, für fünfunddreißig Pfund. Danach verkaufte er die Browning und trat aus dem Club aus. Zum ersten Mal in seinem Leben stand er jenseits des Gesetzes; eine neue, nicht uneingeschränkt angenehme Erfahrung. Bisher hatte er nur ein einziges Mal mit dem Ding geschossen, in einer Sylvesternacht. Später hatte er sich deswegen verachtet; er hatte nie zuvor eine schwere Pistole gehandhabt und einen ziemlich schlechten Schuß abgegeben. Er schloß den Deckel auf und öffnete ihn, starrte auf die Pistole hinunter. Er runzelte die Stirn, als er daran dachte, was er über die Schlagkraft der schweren Kugeln gelesen hatte, und der Raum verschwamm vor seinen Augen. Der Anfall ging vorüber. Er öffnete die Büchse mit den Patronen, lud die Pistole. Nachdem er noch einmal alles kontrolliert und das Ding gesichert hatte, legte er es zur Seite und wartete. Als die anderen endlich aufstanden, zitterte er; aber sein Kopf war klar. Sie wirkten verdrossen, wenig gesprächig; er fragte sich, ob sie wohl seine Abreise diskutiert hatten. Als er sich seinen Kaffee brühte, stellte er fest, daß sie bei der letzten Gasflasche angelangt waren. Er trank, wärmte seine Hände an der heißen Tasse und hörte, wie der Holzkarren draußen vorbeiholperte. Er wartete noch einen Augenblick und trat auf den Hof hinaus. Der Nebel war immer noch genauso dicht wie zuvor, das Licht seltsam gelblich und trübe. Er folgte dem Pfad, der durch die Wiesen auf die Klippen zulief, und bewahrte sorgfältig den Abstand, den er nach dem Knirschen des Karrens ausrichtete. Der Pfad war nicht so steil, wie er vermutet hatte. Er führte durch eine Wasserrinne im Felsen, mit feuchtem Stein zu beiden Seiten.
Oben auf dem Kamm wurde das Licht heller; durch den Nebel hindurch konnte er den sich bewegenden Schatten von Jones sehen. Sein Herz schlug schneller; aber seine Ruhe blieb. Er nahm die Pistole aus der Tasche, entsicherte sie und legte seinen Zeigefinger an den Auslöser. Der Pfad bog nach links ab, aufs Meer zu. Er rannte die letzten Meter und sah, daß der andere sich umgedreht hatte und angestrengt in seine Richtung starrte. Er rief unsicher und fragend; als er jedoch Stan erkannte, war er beruhigt. »Potty Potts«, sagte er. »Was machen Sie denn hier, Potty Potts?« Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. Diesmal hielt er die Pistole gut; er drückte ab. Echos hallten. Die zweite Kugel traf nicht. Denn Jones war nicht mehr da. Er bewegte sich langsam vorwärts, stoppte. Das Paradox war geklärt – Jones hatte am Rande der Klippe gestanden. Er starrte in die Leere zu seinen Füßen und hörte das Rauschen der See. Eine Möwe kreiste über ihn und krächzte; ansonsten herrschte Stille. Er setzte sich ins Gras und blickte auf die Pistole hinunter. Seltsam, wie einfach es am Ende gewesen war. Er stand auf und ging zu dem Handkarren hinüber. Ein Ruck, und auch der war verschwunden. Er konnte ihn undeutlich aufschlagen hören. Es dauerte eine Stunde, bis er einen Weg zum Strand gefunden hatte. Er kam nur langsam voran, kletterte über verstreut umherliegende Felsbrocken. Er sang dabei sein Lieblingslied: »Du, Gott, unsere Hilfe.« Schließlich fand er den zertrümmerten Handkarren neben einem großen, flachen Felsblock. Nicht weit davon entfernt entdeckte er etwas roten Schmier auf dem Stein, aber von der
Leiche war nichts zu sehen. Die See wisperte, der schmale dunkle Sandstrand war glatt und leer. Er saß eine Weile mit geschlossenen Augen da. Er fühlte sich sehr müde. Er lauschte dem Rauschen der See und dem Geschrei der Möwen. Dann hörte das Geschrei plötzlich auf. Er öffnete die Augen. Der Dunst um ihn herum schimmerte. Die Helligkeit nahm zu, bis die See aussah wie ein silberner Spiegel, der eine versteckte Sonne reflektiert. Dann kam das Geräusch; zuerst ein entferntes Rumpeln, als wenn riesige Räder über den Himmel rollten. Das Rumpeln verstärkte sich zu einem lauten Brummen. Die Klippen vibrierten; Felsbrocken und Steine regneten herunter, und irgendwo schlug etwas Größeres auf. Er rannte ins Meer hinaus, sah, wie der Nebel wie von riesigen Luftmassen auseinandergetrieben aufriß. Dann verstummte das Geräusch. Er wandte sich nach Osten und machte sich auf den Heimweg. Eine Stunde später lag die Bucht vor ihm, und er sah das Farmhaus und die Scheune, in der die Autos standen. Er hatte den Pistolengriff fest umklammert gehalten. Er zwang sich zu entspannen und betrat den Hof. Es war still ringsherum; vor der Tür saß Richard Joyce. Er ging an ihm vorbei in das Gebäude hinein, aber er wußte bereits, was er finden würde. Die Räume waren leer. Er kehrte zu Joyce zurück. »Wo sind sie?« fragte er. Der Künstler sah ihn müde an, den Kopf gegen die Mauer gelehnt. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. »Sie sind weg«, sagte er. »Was heißt das?« sagte Stan. »Wohin?« »Weg«, sagte Joyce. »Einfach weg.« Er erhob sich schwerfällig und ging. In der Nacht kam das Geräusch wieder. Danach döste er ein. Gegen Morgen hatte er einen Traum. Zuerst war es, als würde sie ihn rufen; ihre Stimme vermischte sich mit dem Pfeifen des
Windes. Dann schien er auf einer Anhöhe über einer weiten Ebene zu stehen. Er sah die Heide und die Berge, dann das ganze Land; das blaugraue Meer, die Klippen. Er sah die Burg und das Dorf, klein wie Kinderspielzeug; und er sah andere Dörfer und Städte. Dann wurde alles von einer weißen Flamme verschlungen; und als er wieder sehen konnte, waren die Dörfer und Städte weg. Ausradiert. Und das Meer schlug gegen leere Strände, der Wind pfiff durch das hohe Gras. Ihr Stimme ertönte wieder, hoch und klagend wie die eines Seevogels. Und über einem kleinen Hügel ging die Sonne auf und brachte einen leeren Morgen.
ZWEI BRUCHSTÜCKE
Maggie Jemand hat mir geschrieben, ich hätte meine Eltern getötet. Wenn das wahr ist, dann habe ich ihnen nur einen Gefallen getan, glaube ich. Ich habe ihnen die jetzige Situation erspart. Habe ich sie getötet? Eigentlich nicht. Man stirbt nicht durch Kummer. Man stirbt ausschließlich dadurch, daß das Herz stillsteht. Aber das ist ja der Ärger mit den Gefühlen – niemand versteht sie. Alle übersehen das, was sie tun könnten, und machen ein Heidentheater um das, was sie nicht tun können. Ich bin sicher, daß mich niemand verstanden hat. Nach dem, was ich getan hatte, hätte ich nach ihrer Ansicht verwirrt oder bestürzt oder durcheinander sein müssen. Sie konnten es einfach nicht begreifen, daß ich überhaupt nichts fühlte, daß es mir nicht mal leid tat. Ich würde es sofort wieder tun. Ich nehme an, ich bin ganz gut davongekommen. Natürlich darf ich nie wieder unterrichten, aber wer zum Teufel will das schon? Wenn Sie die Schule gesehen hätten… Stellen Sie sich einen riesigen, hallenden Kasten aus Glas und Beton vor. Oder einen Haufen von Kaninchenställen, fünfzehn oder zwanzig Meter hoch. Und rundherum, soweit das Auge reicht, die Dächer des neuen Modell-Wohngebiets. Hier und da ein bißchen Gras, das noch übriggeblieben ist. Und kleine, säuberlich angepflanzte Bäume. Ich hatte das Gefühl, ich müßte ersticken. Wie ein Goldfisch in einem Glas.
Ich kann noch immer die Kinder hören, wenn ich will. Hunderte von Kindern, deren Schritte und Geplapper das ganze Gebäude füllen. Ich kann die langen, verglasten Korridore sehen, die geometrisch angeordneten Blumenkästen mit Pfingstrosen und Geranien. Es war eine Modellschule. Modellschule und Modellsiedlung. Das war der Fehler. Sie haben behauptet, ich hätte kein Gefühl für Kinder. Das war der Gipfel des Lächerlichen. Ich war die beliebteste Lehrerin im ganzen Kollegium, und das konnten die natürlich nicht gut haben. Dann haben sie gesagt, ich hätte keine Moral. Das hat gesessen. Moral ist ein Produkt des Geistes, nicht des Körpers. Ich würde gern wissen, was mit der Schule passiert ist. Zertrümmert wahrscheinlich. Diese Geräusche… Was habe ich dem Mädchen eigentlich wirklich getan? Zumindest das weiß ich noch genau. Ihre Zukunft war klar. Sie würde von der Siedlung vereinnahmt werden, wie alle anderen. Sie würde heiraten, wie alle anderen. Und Kinder kriegen; diskret, im Dunkeln, wie alle anderen. Und sie würde ihrem Mann das Leben verkürzen durch ihr Bestreben nach einem modernen Kühlschrank oder einem größeren Wagen oder neuen Vorhängen oder einem Farbfernseher. Statt dessen öffnete ich ihr für eine kleine Weile die Augen. Ich lehrte sie, in der dunklen See zu schwimmen. Sie saß Sappho zu Füßen; sie hörte das Donnern vom Olymp, und sie kannte Pan und alle seine Faune. Die anderen haben das allerdings anders gesehen. Ich glaube, es kommt für jeden irgendwann der Moment, in dem die Gefühle aufhören, die Tränen einfach versiegen. Das war eine weitere Theorie von mir, etwas, das mich rasend machte: daß Gefühle nicht unendlich vorhanden sind, sondern daß wir alle mit einem bestimmten Quantum geboren werden, und wenn wir dieses Quantum aufgebraucht haben, dann
kommt nichts mehr. Wenn wir es also auf wertlose Dinge verschwenden, verschwenden wir das einzige in uns, das einen Wert hat, das uns von Bäumen und Tieren unterscheidet. Holmes hat behauptet, das Gehirn sei wie eine Dachkammer, die nur eine begrenzte Menge von Gerümpel fassen kann. Deswegen hat er nie versucht, sich zu merken, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt. Es war für ihn einfach unwichtig. Ich glaubte, das gleiche trifft für das Herz zu. Als ich hierher zurückkam, konnte ich keine Gefühle entwickeln. Weder Wut noch Freude. Sie sagten, ich sei kalt, das, was ich getan hätte, würde beweisen, daß ich keine Gefühle hätte. Aber so war das nicht, überhaupt nicht. Wenigstens nahm mich meine Mutter auf. Ich nehme an, ich sollte ihr dafür dankbar sein. Ich glaube, ich war es auch. Sie ließ mich zu Hause herumsitzen, sprach mit den Nachbarn, und nach einer gewissen Zeit hörte das Getratsche auf. Ich habe mich isoliert, weil niemand verstand, was mich verletzte. Niemand wird das verstehen in dieser Epoche. Jetzt nicht mehr. Vielleicht später einmal, wenn die Menschheit wieder von vorn anfängt, in tausend Jahren, wenn die Asche verflogen ist; vielleicht wird’s dann eine neue Gesellschaft geben, eine, die sich Gedanken macht. Und vielleicht wird’s dann keine Kriege mehr geben, weil sie nicht mehr nötig sind. Sappho wird zurückkehren. Ganz schön viele Gedanken um einen Skandal in einer Schule! Ich glaube, wenn ich sie jemandem darlegen würde, dann würden sie nur denken, daß ich mich verzweifelt bemühe, mich zu rechtfertigen. Eins ist sicher – sie würden nicht zuhören. Ich glaube, Richard hat mich verstanden. Aber Männer sind seltsam. Die meisten werden mit ihrer eigenen Homosexualität nicht fertig, aber unsere erregt sie. Ich habe mal mit ihm darüber gesprochen. Er meinte, wahrscheinlich wäre das
Ästhetische ausschlaggebend, daß es der praktische Ablauf bei Männern sei, der ihn abstieße, nicht die Moral. Aber ich weiß nicht. Ich glaube, da steckt noch mehr dahinter. Er war gut zu mir. Er erwartete nichts… Er hat nie versucht, mich rumzukriegen. Ich glaube, er verstand mich. Manchmal malte er, wenn es mir dreckig ging und ich mit zugezogenen Gardinen in meinem Bett lag. Oder er saß einfach da und las oder kochte Tee. Aber ich wußte, er würde dasein, wenn ich ihn rief… Sie hätten diese Beziehung nicht verstanden. Sie hätten gedacht, ich wäre endlich »normal« geworden. Die Kneipe hat mir auch sehr geholfen. Ich habe oft überlegt, ob Ray es wußte. Jedenfalls hat er es nie gezeigt. Für das Singen hat er mich nie bezahlt. Das hätte ich auch nicht gewollt. Aber ich konnte immer dort essen. Das half auch schon was. Im Grunde ging’s mir gar nicht schlecht. Ich konnte zu Richard gehen, wenn ich ihn brauchte, und ich hatte genug Geld, um mich durchzubeißen. Konnte sogar den Cambridge weiter halten. Ich glaube, ich war auf dem besten Wege, das ereignislose Leben einer alten Jungfer anzutreten. Hört sich komisch an. Ist ganz und gar Einstellungssache. Ich kenne Jungfrauen, die seit Jahren verheiratet sind, die Kinder großgezogen haben. Nur eins machte mir Angst, ganz tief drinnen. Ich fürchtete, daß meine Gefühle tot waren, daß ich am Ende meines Quantums angekommen war. Es reichte mir völlig, einfach vor mich hinzuleben, in der Kneipe zu sein und die Leute ein- und ausgehen zu sehen. Manchmal überlegte ich, ob ich mich nicht hätte umbringen sollen, damals, als die Sache rauskam. Habe darüber auch mal mit Richard gesprochen. Er meint, daß niemand, der geistig gesund ist, wirklich sterben will. Er sagte, daß es für ihn eine Zeit gegeben hätte, in
der er sich nichts aus dem Leben gemacht hätte, aber das wäre etwas anderes. Schade, daß Vicky herkam. Ich weiß nicht, wie er dazu stand. Zog sich ein bißchen zurück. Schade, daß das passieren mußte. Fast könnte man an personalisiertes Schicksal glauben. Ich habe ihm erzählt, daß ich Angst habe, gefühlsmäßig tot zu sein. Eine eigenartige Situation war das. Ich weiß nicht, wie ich jetzt darüber denke, was ich überhaupt will. Vielleicht haben mich die Bomben stärker aufgerüttelt, als ich wahrgenommen habe. Ich wußte, was ich wollte, damals, als Marty kam. Aber ich wollte es nicht zugeben; zuerst jedenfalls nicht. Das war dumm. Wenn man aufhört, sich selbst gegenüber offen zu sein, dann ist der Zeitpunkt des Altwerdens gekommen. Ich weiß überhaupt nichts über ihre Familie. Sie hat eine Tante irgendwo in Bournemouth, aber sie besucht sie fast nie. Sie lebt zurückgezogener als die meisten anderen Mädchen in ihrem Alter. Dreiundzwanzig inzwischen, fast vierundzwanzig. Sie war neunzehn, als ich sie kennenlernte. Ob sie es wußte? Von Anfang an? Es wird so viel Blödsinn geredet über weibliche Eingebung. Entschuldigung für leere Köpfe. Trotzdem, einige haben sowas. Die hübschen. Oder vielleicht auch alle. Ich habe nie versucht, es bei den anderen rauszukriegen. Sie mochte mich, das weiß ich. Oft saß ich nachts mit ihr zusammen. In ihrem Raum. Wir tranken Kaffee. Einmal schlief ich dort. Das war fürchterlich. Von da an hat sie es bestimmt gewußt… Sie ist wundervoll. Zuerst glaubte ich, sie müßte spanische Vorfahren haben, aber ich habe meine Meinung geändert. Nun glaube ich, daß sie eine reinrassige Keltin ist. Sie paßt hierher. Eine Göttin, in einem kurzen Röckchen und einer bernsteinfarbenen Bluse.
Ich versuche, Trauer zu empfinden. Es geht nicht, es ist einfach zu viel auf einmal. Vielleicht stehe ich noch immer unter Schock. Ob der blöde Nebel noch da ist? Ich würde was drum geben, die Sonne zu sehen. Der Wind ist stärker geworden. Ob er recht hatte mit dem radioaktiven Niederschlag? Lieber nicht weiter drüber nachdenken… Er war das Schlimmste, was passieren konnte. Zumindest von meiner Warte aus. Habe gehört, daß er eine Frau in Poole hat. Ich habe den Mund gehalten. Hätte sowieso nur wie eine Moralpredigt ausgesehen. Und ich dürfte kaum die richtige sein, um damit anzufangen. Ich mochte ihn nicht. Eine wandelnde Fassade, EliteBürgertum. Mit den zarten Gefühlen einer Klapperschlange. Aber es ist nun vorbei; das und vieles Andere auch. Ob die Kneipe noch steht…? Blöder Gedanke. Natürlich steht sie noch. Alles ist noch da, draußen im Nebel. Diese… Erdbebenherde waren Meilen entfernt. Oben in den Midlands vielleicht. Ob es jetzt alles vorbei ist…?
Ich kann mich gut an die Fahrten zum Strand erinnern. Einfältig von mir, aber ich hatte nicht erwartet, daß sie so viel zeigen würde. Werde wohl altmodisch. Einmal habe ich sie eingecremt. Sie war braun. Ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das so braun wird. Als sie sich dann zum Duschen auszog, konnte man deutlich den schmalen weißen Streifen auf ihrer Haut sehen… Ich hatte geglaubt, ich wäre darüber hinweg. Einmal fuhr Richard nach London, um eine Ausstellung aufzubauen. Ich hätte ihn begleiten können. Aber ich konnte
nicht weg von ihr. Es hatte mich erwischt, schlimmer als je zuvor. Eine halbe Meile von der Kneipe entfernt liegt ein kleines Wäldchen an der Straße. Ein paar Mal bin ich dorthin gewandert und habe mich irgendwo niedergelassen, wo ich die Dächer und Schornsteine sehen konnte. Dann überlegte ich, was sie wohl gerade tun mochte; ob sie sich ausruhte oder umzog oder die Regale in der Bar auffüllte. Oder ob sie vielleicht gar nicht da war, sondern im Dorf oder in Poole. Ich glaubte, ich müßte es erahnen können. Einmal passierte etwas Seltsames. Dieser Stan Potts tauchte auf, parkte seinen dicken Wagen am Straßenrand und saß da und sah zurück. Mehr als eine Stunde lang. Aber er hat mich nicht gesehen. Ob er auch in sie verschossen war? Wundern würde es mich nicht. Seltsamer Mensch. Kommt irgendwoher aus den Midlands, glaube ich. Habe nie mit ihm geredet. Hatte nie den Wunsch danach. Eines weiß ich allerdings sicher. Wenn jemals jemand unglücklich war, dann ist er es… Ich träumte regelmäßig von ihr. Einmal fand ich sie in einem Bach. Sie lag einfach da, im goldenen Schilf. Ein wenig wie Ophelia. Ihr Kleid war offen; ihre Haut leuchtete braun im Kontrast zu dem weißen BH. Sie hatte keine Wunde, und ihre Augen waren geschlossen, als würde sie schlafen. Aber ich wußte, daß sie tot war. Ein anderes Mal war es sehr viel schlimmer. Sie lag auf der Straße. Es war nicht mehr viel von ihr übrig; aber man konnte erkennen, daß sie ihre karierte Bluse getragen hatte. Ein Haarbüschel bewegte sich im Wind; der Rest von ihr war… flach, als wenn Wagen um Wagen sie überrollt hätte, wie sie Katzen überrollen. Als wenn eine fürchterliche Panik sie daran gehindert hätte anzuhalten. Träume? Eher wie Vorhersehungen jetzt…
Ich hatte an dem Abend gar nicht zur Kneipe gehen wollen. Aber ich mußte hin, um zu sehen, daß… Ich weiß, daß es lächerlich war. Natürlich war sie da, unterhielt sich mit Arthur und Teddy King. Ich wollte ihr sagen… was uns bevorstand, wenn wir uns nicht alle in acht nahmen. Aber natürlich konnte ich es nicht; ich kriegte keinen Ton raus. Statt dessen ging ich aufs Klo und heulte ungefähr eine halbe Stunde lang. Sie war besorgt um mich, als ich wiederkam. Wollte wissen, was los war. Ich sagte, es wäre nichts von Bedeutung, ein verdorbener Magen. Kurz darauf begann ich zu phantasieren. Konnte nicht anders. Ich stellte mir vor, sie würde mit mir im Bungalow leben. Ich zog sie an und aus, gerade so wie ich wollte; und wir waren zusammen, die ganze Zeit, und ich hatte sie für mich allein. Es war nicht einfach, mit der Wirklichkeit klarzukommen. Jeden Tag konnte sie nun verschwinden wie die anderen auch, um Kinder zu kriegen und einen Mann zu versorgen, der seine Abende entweder in der Kneipe oder treu und brav mit ihr vor dem Fernseher verbrachte. Ich hätte es fast besser gefunden, wenn sie – na ja, wenn sie wie Ophelia in dem Bach gestorben wäre. Das kommt dabei raus, wenn man jemand derartig liebt. Es gibt Leute, die behaupten, Kreaturen wie wir könnten nicht lieben. Sie haben Unrecht. Seltsam, daß Potts mitkam. Je mehr ich darüber nachdenke… aber das ist ja egal. Ich glaube, ich hätte das gleiche versucht. Besser als nach Poole verschifft zu werden. Schwer war es auch nicht, in dem ganzen Durcheinander… Es scheint absurd, aber irgendwie tut es mir um Ray am meisten leid. Und um die Kneipe. Ich frage mich, ob… aber das werden wir nie erfahren. Diese Schüsse… Es waren Schüsse, das habe ich genau gehört. Und sie waren beide draußen im Nebel. Eigenartig, wie sie reagierte. Als ob sie es gewußt hätte.
Ich wußte, was sie tun würde. Vorhersehung… Ich bin sicher, daß sie nichts mitgenommen hätte, nicht mal einen Mantel… Seltsam auch, daß wir überhaupt nicht miteinander sprachen. Wir wanderten einfach nebeneinander durch den Nebel. Ich habe Schuldgefühle wegen Richard. Vielleicht ist das, was ich vermute, gar nicht passiert. Doch, es ist passiert, ich spüre es genau. Martin Jones wird nicht zurückkehren. Also ist Richard jetzt allein da, allein mit diesem unheimlichen Mann. Aber sie wußte nicht, was sie tat. Sie war so… eigenartig, ich mußte einfach mit ihr gehen. Er wird es verstehen… Der Weg war nicht sehr weit. Einmal begann sie zu weinen, kurz nachdem die Blitze aufgehört hatten. Ich hielt sie fest, bis der Lärm verstummte; ich hatte sie noch nie zuvor festgehalten. Sie wäre wahrscheinlich verrückt geworden, wenn sie allein gewesen wäre. Man konnte das Haus gar nicht verfehlen. Ich dachte, es wären vielleicht Leute drin, die uns ein Nachtlager und etwas zu essen geben würden. Wir brauchten eine ganze Stunde, um reinzukommen. Drinnen herrschte eine seltsame Atmosphäre; der Nebel, der von draußen gegen die Scheiben preßte, das unheimliche Licht, die leblosen Möbel, die sich in den polierten Fußböden spiegelten. Wenn man rief, hallte es in allen Räumen wider, aber es war niemand da, der antwortete. Wir kletterten die große Treppe hinauf, wanderten durch die Schlafzimmer und über den Dachboden. Es wirkt sonderbar, so ein großes weißes Haus im Nebel, mit allem, was man braucht, und trotzdem leer. Ganz anders als beim letzten Mal… An einem normalen Tag kann man auf die Bucht hinausblicken. Im Westen des Hauses steht ein Wald. Jemand muß mal eine Bresche geschlagen haben – man kann durch sie das Meer sehen, wie ein blasses blaues Auge.
Der Vorratsschrank ist vollgestopft mit Lebensmitteln. Holz und Kohle gibt es ebenfalls; und Gewehre. Nach der Munition mußte ich eine weitere Stunde lang suchen. Vorerst sind wir hier gut aufgehoben. Ich kann noch immer keine Angst empfinden… Ich begreife langsam, daß sie vor ihm davongelaufen ist. Warum, weiß ich nicht; noch nicht. Ich machte Feuer in einem der Schlafräume. Wir fanden ein paar Kerzen, und ich zündete sie an. Dann brachte ich sie zu Bett. Sie sah erschöpft aus. Ich sagte ihr, daß ich die Nacht in der Küche unten verbringen würde. Ich hatte mir eins der Gewehre und eine Tasche voll Munition geholt. Fühlte mich sehr stark und mutig. War das nicht das Beste, was ich tun konnte? Jemand mußte Wache halten, wegen Herumtreibern und so. Und ich wollte ihr nicht zu nahe sein, ich konnte es nicht riskieren, ihr nahe zu sein. Ich hatte die besten Vorsätze.
Ich kann nicht sagen, wann der Lärm losging. Ich war eingedöst. Ich weiß auch nicht, was es war. Irgendwas im Zusammenhang mit… heute nachmittag. Ich setzte mich auf. Das Feuer war heruntergebrannt. Ich lauschte und konnte es wieder hören. Weich und dröhnend. Ähnlich wie die merkwürdigen Geräusche, die man an einem warmen, stillen Sommertag in der Ferne hört. Dann ein anderes Geräusch, näher; und noch eins. Und dann… Ich kann nicht beschreiben, wie es war. Wie ein riesiges Pferd vielleicht, das auf das Haus zugaloppierte. Die Fensterscheiben klirrten, die Türen schwangen auf und zu; dann verlor es sich in Richtung Meer. Erst als es vorüber war, hörte ich sie schreien.
Ich hatte noch nie jemanden so schreien hören. Ich fand eine Taschenlampe und jagte die Treppe hinauf, nahm drei Stufen auf einmal. Auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen. Sie war… nun ja, außer sich. Zuerst war sie nicht dazu zu bewegen, in den Schlafraum zurückzugehen. Schließlich ging sie dann doch, und ich erklärte ihr, daß es nun vorbei war. Ich glaube, sie hatte geträumt. Er war aus dem Meer gekommen, um sie zu holen. Sie weiß also auch, daß er tot ist. Die Kerzen waren heruntergebrannt; ich zündete neue an. Sie wollte mich nicht mehr gehen lassen. Ich hielt sie in den Armen, bis sie ruhiger wurde; vielleicht stimmt es, daß Angst übertragbar ist, denn ich spürte zum ersten Mal richtige Angst, ich verriegelte die Tür, setzte mich mit dem Gewehr im Schoß auf einen Stuhl und wartete; worauf, das weiß ich nicht. Natürlich passierte nichts; schließlich legte ich das Gewehr zur Seite. Ich sagte: »Wenn er getötet worden „ist, dann kann er auch noch mal getötet werden.« Dann sah ich zu ihr hin. Sie beobachtete mich im Kerzenlicht; und plötzlich, glaube ich, wußten wir beide Bescheid.
Martine Ich weiß nicht, warum ich überhaupt mit ihm ging. Vielleicht weiß ich es doch; aber man gibt so etwas nicht gern zu, nicht einmal sich selbst. Irgendwie wünschte ich, er wäre niemals aufgetaucht. Aber ich wünsche mir so viel; ich wünschte, das Leben hatte einfach so weitergehen können wie bisher. Ich liebte die Kneipe; die Arbeitszeit war recht lang, aber es war immer was los. Und Ray war gut zu uns allen. Wo er wohl sein mag; ich hoffe, er hat nicht…
Ich darf nicht an so was denken, ich darf nicht wieder durchdrehen. Ich bin hier sicher, es geht mir gut, nichts wird heute nacht mehr passieren. Das Geräusch ist weg, es war ja nur ein Geräusch. Immer wieder überlegte ich, wo sie wohl alle sein mögen. Keine Ahnung, was geschehen ist… Ich habe Maggie schon immer gemocht. Jeder mochte sie, besonders Ray, und der kannte sie seit Jahren. Viel länger als ich. Und Richard war auch dauernd bei ihr. Sie hatten nichts miteinander, hat sie mir mal gesagt. Ich erinnere mich, daß mir die Situation peinlich war, weil sie einfach so damit herauskam. Manchmal blieb Richard abends noch länger. Ich glaube, er war ein sehr guter Maler. Ray hatte ihm eins seiner Bilder abgekauft, eins von der Bürg. Wir wollten es in der Bar aufhängen… Irgendwas war da zwischen ihm und Vicky. Habe nie rausgekriegt, was. Ich glaube, sie waren mal zusammen, früher… Ich weiß nicht, wie alt Maggie ist. Irgendwo in den Dreißigern. Sie ist älter als sie aussieht, und sie hat eine blendende Figur. Und sie ist so… lebendig. Besser kann ich es nicht erklären. Es war herrlich, sie spielen zu hören. Sie hatte so eine heisere, dunkle Singstimme. Und sie spielte ausgezeichnet Gitarre, auch wenn sie das immer abstritt. Sie mochte das, was sie für die Touristen spielte, nicht sonderlich, aber es brachte ihr Geld ein. Vielleicht ist es jetzt vorbei. Die…Bomben. Bitte, bitte, lieber Gott, laß es vorbei sein. Vielleicht lassen sie uns alle einfach zurückkehren. Es kümmert mich nicht, ob das Land… eingenommen wird oder so was. Hat mich nie gekümmert… Ich glaube, im Grunde war es meine Schuld. Was geschehen ist. Wenigstens teilweise…
Ich wußte schon immer, daß sie mich mochte. Keine Ahnung, warum ich das so sicher sagen konnte. Ich wußte auch immer, ob sie in der Kneipe war; ich konnte ihre Gegenwart förmlich spüren, wie einen Windhauch oder ein Prickeln. Ich fragte mich oft, ob ich mich in sie verknallt hatte. Aber das war Blödsinn. Man verknallt sich nicht so einfach, jedenfalls nicht, wenn man erwachsen ist. Der Tag unten am Strand war am schlimmsten. Das war der Tag, an dem ich meinen neuen Bikini zum ersten Mal trug. Ich brauchte einen neuen Bikini, und dieser hatte so einen herrlich bräunlichen Farbton. Die Verkäuferin meinte, sie wären alle so winzig in diesem Jahr. Und ich kaufte ihn dann, weil er der einzige in der Farbe war… Nein, ich will nicht lügen. Ich wollte, daß sie mich sah, wollte… angeben, nehme ich an. Es war wie… bewundert werden. Als sie später hochkam, hatte ich nichts an. Sie sollte an dem Abend in der Bar arbeiten; Ray war in Bournemouth zum Kricketspielen, und Penny kam erst um sieben. Ich sagte, sie könne reinkommen. Es machte ja nichts. Nicht bei einer Frau. Ich fühlte mich… irgendwie weich in den Knien. Sie tat überhaupt nichts, saß bloß da und redete, rauchte eine Zigarette. Abends in der Bar mußte sie sich einmal über mich beugen, um an eine Flasche zu kommen, und da legte sie ihre Hand auf meine Hüfte. Ganz leicht nur, um sich abzustützen. Ich dachte, ich würde ohnmächtig, ich weiß nicht, was mit mir los war. Ich hätte am liebsten… einen Striptease getanzt oder irgendwas anderes Verrücktes getan, nur um mich ihr noch einmal zu zeigen. Sie ging, als Ray zurückkam, sagte, sie kriegte noch Besuch. Ich fühlte mich elend. Ich wollte… etwas, aber es ging nicht. Ich dachte, wenn sie vielleicht ein Mann wäre… Aber das ging
auch nicht. Sie sollte nicht anders sein. Sie sollte genauso bleiben, wie sie war… Ich mochte Martin nie sonderlich. Er war zu… glatt. Dieser affektierte Akzent; dabei hat er nie eine Privatschule von innen gesehen. Es war mir ein Rätsel, wo er sein Geld herkriegte, er rührte nie auch nur einen Finger. Er behauptete, man würde bis ans Ende seiner Tage nur noch arbeiten, wenn man erst einmal anfing. Er war oft in Bournemouth; er sagte immer, wenn man sich lang genug nah an der Geldquelle aufhalten würde, dann würde schon was für einen abfallen. Er war Steward auf einem Passagierschiff gewesen und hatte noch tausend andere Dinge getan. Ich konnte mich nie entscheiden, wieviel davon stimmte. Er sagte, er kenne sich mit Frauen aus. Das tat er wohl auch wirklich. Auf jeden Fall kriegte er von mir das, was er wollte. Beim ersten Mal hatten wir noch nicht mal fünf Minuten im Auto gesessen… Einmal hat er mich richtig wütend gemacht. Fragte mich, ob ich… Kondome dabeihätte. Gerade heraus, einfach so. Ich fragte ihn, was er dächte, wer ich wäre; schließlich läuft man nicht mit solchen Dingern in der Handtasche durch die Weltgeschichte, das wäre ja, als ob man ein geladenes Gewehr herumtrüge. Von da an hatte er sie jedenfalls immer selbst dabei. Keine Ahnung, wo er sie herkriegte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er in eine Apotheke ging und danach fragte. Aber so muß er es wohl gemacht haben. Ich ging nur mit ihm, weil – ich glaube, ich wollte beweisen, daß ich… normal war, daß ich nicht war, was ich dachte. Aber hinterher, ihr Gesicht an dem Abend… Ich hätte nicht gedacht, daß sie es so schwer nehmen würde. Sie sagte, sie hätte eine Infektion, aber das stimmte nicht, sie hatte geweint. Ich wollte ihr doch nicht wehtun, ich… ich glaube, ich liebte sie.
Normalerweise wäre ich nicht dort runtergefahren. Zu diesem Farmhaus. Und dann noch mit ihm. Aber Maggie wollte hin. Sie sagte… oh, tausende von Gründen, die ganz offensichtlich und klar dafür sprachen. Damals jedenfalls. Ich wußte nicht, was ich wollte, ich fürchtete mich so, schon seit Tagen. Ich dachte, bei ihr würde ich sicher sein. Und dann war Martin auch da. Ich hatte nicht gedacht, daß ich ihn jemals wiedersehen würde, ich wollte ihn nicht wiedersehen. Und in der ersten Nacht sagte er etwas Abscheuliches über sie. Ich wurde ungeheuer wütend und versuchte, aus dem Bett herauszukommen, aber er hielt mich fest, und je wütender ich wurde, desto mehr lachte er. Er fand das alles furchtbar lustig, den Krieg, mich, alles. Dann die Schüsse; ich weiß, daß es Schüsse waren. Sie waren laut und gleichzeitig weit entfernt. Ich fürchtete, er würde blutüberströmt zurückkommen, und den Gedanken konnte ich nicht aushalten. Ich lief einfach weg. Ich wußte nicht, wohin ich wollte, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Dann kam sie hinter mir her und überredete mich, wenigstens zu warten, bis sie mir einen Mantel geholt hatte. Sie sagte, sie würde mit mir kommen, falls ich… ihr vertrauen könnte. Ich dachte, sie würde mich hassen, wegen Martin. Aber ich… wollte bei ihr sein, ich wollte, daß sie mitkam, ich hatte keine Angst mehr. Jedenfalls nicht, bis die Bomben… Ich konnte nicht aufhören zu zittern danach. Aber sie war wunderbar. Sie erklärte mir, sie wüßte, wo wir hingehen könnten, wir würden dort sicher aufgehoben sein. Dann nahm sie meine Hand. Ich fühlte mich, als wäre ich ungefähr sechs Jahre alt. Ich mußte immer wieder an die Bomben denken, und wie das Meer geglüht hatte. Es hatte sich angehört, als würde das Land entzweibrechen. Sie hatte gesagt, es würden Leute in dem Haus sein. Aber da waren keine. Wir wanderten einmal ganz um das Gebäude
herum. Es war riesig, mit weißen Türmen an jedem Ende und langen Fensterreihen… Dann sagte sie, wir müßten versuchen hineinzukommen, weil mir kalt sei, und sie würde mich aufwärmen. Mit einer Brechstange ging sie auf ein paar Fensterläden los, und als sie sie offen hatte, mußten wir die Glasscheibe dahinter einschlagen. Ich bekam Angst. Ich fürchtete, es würde jemand kommen und uns ins Gefängnis werfen. Sie sagte, es sei niemand da, sonst hätten wir wenigstens den Hund hören müssen. Aber es blieb alles ruhig. Schließlich war das Fenster offen, und sie kletterte hinein und zog mich hinterher. Dann… es klingt verrückt, aber wir fingen beide an zu lachen. Wir standen nämlich in einem riesigen Badezimmer. Es war wirklich riesig, ein hoher Raum von ungefähr zwölf Meter Länge, mit einem einzigen Klo in der Mitte; sie sagte etwas von Rittern, die da gesessen und Schießen geübt hätten, und ich konnte mich plötzlich nicht mehr halten vor Lachen. Dann plötzlich war es überhaupt nicht mehr lustig, weil wir in diesem großen leeren Haus standen und die Stille förmlich hören konnten. Sie nahm wieder meine Hand, öffnete die Tür, und wir erkundeten das Haus, jeden einzelnen Raum. Sie war einmalig. Sie muß auch Angst gehabt haben, aber sie zeigte es nicht. Sie hielt die Brechstange und wiederholte dauernd: »Es ist alles in Ordnung, hier ist niemand. Du siehst, daß niemand hier ist.« Es war ein wundervolles Haus, mit hohen Räumen voller herrlicher Möbel. In der Küche fanden wir einen Schrank voller Lebensmittel und einen Gaskocher. Das Gas war nicht abgestellt und das Wasser auch nicht; nur der Strom funktionierte nicht. Sie meinte, sie müßten das Gas wohl vergessen haben. Wir zündeten ein Feuer an, und dann fand sie eine große Schachtel mit Kerzen, und sie sagte, daß wir von Glück reden konnten, weil es so viele Streiks gegeben hatte.
Es ging mir besser, als mir wärmer wurde. Sie kochte eine Suppe; ich dachte, ich würde nichts runterkriegen, weil ich mich auf dem Weg übergeben hatte, aber dann ging es doch. Nach dem Essen gingen wir wieder nach oben; sie sagte, sie würde mir eins der Schlafzimmer herrichten. Ich wollte unten in der Küche schlafen, aber sie meinte, es gäbe keinen Grund, warum ich nicht in einem richtigen Bett liegen sollte. Sie wählte einen Raum am Ende eines langen Flures, im anderen Teil des Hauses, weil er als einziger Vorhänge zum Zuziehen hatte. Sie zündete ein Feuer an und stellte Kerzen auf. Sie lüftete sogar ein paar Decken. Als wir endlich fertig waren, war es dunkel draußen. Ich fragte, ob sie nicht auch hierbleiben würde, aber sie antwortete, sie würde nach unten gehen und Wache halten. Sie hatte eine Schrotflinte gefunden. Sie sagte, die Türen wären alle verschlossen, und es könnte niemand hereinkommen. Und sie meinte, ich sei ein… großes Mädchen, und die Bomben hätten jetzt aufgehört, und es würden auch keine mehr kommen. Sie wartete, bis ich im Bett lag, gab mir einen Kuß und wünschte mir eine gute Nacht. Dann ging sie nach unten. Nach allem, was passiert war, war ich richtiggehend müde. Ich lag eine Weile da und beobachtete die Kerzen. Es war so gemütlich und so wunderbar, hier liegen zu können. Ich überlegte, was sie wohl jetzt da unten machte, ob sie schlief oder nicht. Dann kam der Wind auf, man konnte ihn um das Haus pfeifen hören. Die Kerzenflammen bewegten sich leicht im Luftzug. Sie war vorher schon einmal hier gewesen; manchmal wurde das Haus zur Besichtigung geöffnet. Deswegen wußte sie auch von dem Spalt in den Bäumen, durch den man das Meer sehen konnte. Ich wünschte, sie hätte mir nicht davon erzählt, obwohl ich natürlich weiß, daß sie es nicht böse meinte.
Ich hatte einen Traum. Ich weiß nicht, wo ich stand, aber ich konnte die Baumbresche sehen und das Meer dahinter. Das Wasser war leuchtend blau; ich hatte noch nie ein so intensives Blau gesehen. Eine Zeitlang stand ich nur da und guckte. Dann entdeckte ich plötzlich einen Pfad, der vom Meer den Berg hinaufführte, und jemand war dabei, ihn zu erklimmen. Mir wurde angst. Ich weiß nicht, warum, aber ich wußte, daß ich ihn nicht sehen wollte, daß ich ihn nicht sehen durfte. Ich versuchte, wegzulaufen, aber ich konnte meine Beine nicht bewegen. Ich sah mich um, sah ihn durch die Schneise auf mich zukommen. Dann war er direkt hinter mir. Sein Gesicht war ganz zerfressen, man konnte alle Löcher und die Adern sehen, die sich öffneten und wieder schlossen, wenn er atmete. Ich wußte, daß er hinter mir her war, er war wütend, weil ich ihn hatte töten lassen. Ich schrie. Plötzlich war da dieses fürchterliche Klopfen und Poltern. Ich wußte, daß er im Haus war. Dann hörte ich Maggie rufen, ich mußte zu ihr und sie warnen, ihr sagen, daß er da war. Ich rüttelte an der Tür, aber sie ging nicht auf. Dann wußte ich plötzlich nicht mehr, wo ich war, ich glaubte, er sei mit mir in dem Zimmer, und ich konnte nicht weg. Ich kann nicht mehr sagen, was danach geschah. Ich glaube, sie hat mich geschlagen, aber ich erinnere mich nicht. Sie zwang mich, das Zimmer wieder zu betreten, sie durchsuchte mit dem Gewehr in der Hand den ganzen Raum, aber wir fanden nichts. Sie sagte, der Lärm hätte nichts Schlimmes zu bedeuten gehabt, sie hätte so was schon früher einmal gehört, wenn auch noch nie so nah. Sie meinte, es hätte mit den Bomben zu tun, irgend etwas Meteorologisches, wie Donner oder so. Merkwürdig, aber das machte mir wieder Angst. Ich wußte, daß ich nur geträumt hatte, aber ich wollte sie nicht gehen lassen. Sie sagte, sie würde bei mir bleiben. Sie
verriegelte die Tür und setzte sich neben mich, immer noch das Gewehr im Schoß.
Warm und sicher… Es war, als hätte ein Teil meines Gehirns ausgesetzt. Etwas in mir sagte »richtig« und »falsch«, aber ich konnte es nicht mehr verstehen. Ich begriff nicht mehr, was die Worte bedeuteten. Dann war es, als ob Martin und ich uns lieben würden, aber schöner als früher, viel schöner als je zuvor. Dann kam es mir vor, als ob sie verwandelt wäre, oder vielleicht auch ich – ich konnte ihren Mund küssen, alle Träume wurden wahr. In meinem Kopf drehte sich alles – der Bungalow, Boote auf dem Meer, die Bar, die weißen Klippen in der Sonne. Und ich schmiegte mich an sie, ich konnte ihr nicht nah genug sein. Ich wollte mit ihr alles auf einmal tun, zur Burg hinaufklettern und wandern und rennen und schwimmen und tauchen; alles zur gleichen Zeit. Und nie wieder Angst haben.
Ich hatte gedacht, der Morgen danach müßte furchtbar werden. Aber er war es nicht. Sie war unten und machte das Frühstück. Sie hatte eine Dose mit Würstchen gefunden, und auf dem Hof liefen ein paar Hennen umher – sie war hinausgegangen und hatte Eier gesammelt. Ich ging einfach auf sie zu und küßte sie. Es war überhaupt nicht seltsam. Sie ging zur Spüle hinüber und fing an, Teller abzuwaschen. Als sie sich umdrehte, sah ich, daß sie geweint hatte. Aber sie sprach nicht darüber. Wir erwähnten es beide nicht mehr für den Rest des Tages. Der Nebel war noch immer da. Ich glaubte langsam, er würde ewig bleiben.
Als das Holz knapp wurde, begannen wir wieder Treibholz in der Bucht zu sammeln. Es lag genug davon herum. Ich dachte nicht an Martin. Nicht mehr. Später gingen wir den Berg hinauf ins Dorf. Da gab es eine Post, die zugleich ein Lebensmittelladen gewesen war. Inzwischen waren wir daran gewöhnt einzubrechen. Wir nahmen solche Mengen mit, daß wir für den Rückweg unheimlich lange brauchten. Ich würde was drum geben, in einem solchen Haus zu leben. Ich weiß nicht, wie alt es ist. Achtzehntes Jahrhundert ungefähr. Ich konnte mir Maggie gut als eine Dame des achtzehnten Jahrhunderts vorstellen. Manchmal dachte ich auch, wir könnten Fischermädchen sein. Ganz arm und zerlumpt. Ich glaube, wir durchlebten so ziemlich alle Epochen zusammen. Auf einem der Felder hinter dem Haus gab es einige Kühe. Eines morgens brüllten sie plötzlich alle, und ich dachte, sie seien krank, aber sie meinte, sie müßten nur gemolken werden. Ich weiß nicht, ob sie es schon jemals vorher getan hatte, aber sie machte es sehr gut. Wir hatten schließlich so viel Milch, daß wir nicht wußten, was wir damit machen sollten. Zuerst kochten wir sie ab, wegen TB-Gefahr. Später scherten wir uns nicht mehr darum. Dann zeigte sie mir, wie man mit einem Gewehr umgeht. Es ist ganz einfach, man muß es nur laden und dann ist es schußbereit. Und man hat immer noch einen zweiten Schuß, wenn der erste danebengeht. In der Bucht steht ein kleiner Betonbunker, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus dem Krieg. Wir liebten uns einmal darin. Ganz in der Nähe fanden wir einen Haufen Hummerkörbe und ein Boot. Wir ruderten aufs Wasser hinaus und versenkten die Körbe. Obwohl wir in der ersten Woche nichts fingen, gaben wir nicht auf. Ich erinnere mich genau an den ersten Hummer,
den wir im Korb hatten. Er war riesig; sie sind ganz dunkel in dieser Gegend, wegen der schwarzen Felsen. Ich wollte ihn nicht töten, und ich glaube, sie wollte es auch nicht. Aber sie meinte, entweder er oder wir, und es sei schließlich genau dasselbe, als wenn man Fleisch äße. Er schmeckte wunderbar. Ich konnte es überhaupt nicht fassen. Im Garten fanden wir Salat, und sie machte eine herrliche Soße aus Ketchup und Sahne; und sie fütterte mich mit Hummerfleisch. Es war das erotischste Essen, das ich jemals erlebt habe. Nur einmal passierte etwas Unangenehmes. Ich sah diesen Stan Potts wieder. Ich traute meinen Augen nicht. Ich war auf dem Weg zum Strand hinunter, ohne mich groß vorzusehen. Und plötzlich stand er da, im Nebel, in diesem fürchterlichen alten Regenmantel. Er starrte zum Haus hoch, und ich fürchtete, er könnte mich gesehen oder gehört haben. Ich schlich vorsichtig hinter einen Felsen und entsicherte das Gewehr. »Wenn er hochkommt…«, dachte ich nur. Ich glaube, ich hätte ihn erschossen. Was wir hatten, war so schön, und niemand sollte es uns nehmen. Er kam nicht. Stand nur da und guckte traurig, als ob er etwas verloren hätte und danach suchte. Schließlich ging er fort. Ich folgte ihm eine Weile. Er ging um die Bucht herum. Ich nehme an, er wollte zum Farmhaus zurück. Ich hatte nicht daran gedacht, daß er noch immer dort sein könnte. Ich erzählte Maggie nichts davon. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Ich wollte unser Glück durch nichts stören. Eines nachts hörten wir Gewehre, ziemlich nah. Wir blieben die ganze Nacht auf und lauschten, aber es kam niemand. Sie befahl mir, immer ein Gewehr mitzunehmen, bei jedem kleinsten Schritt.
Ich hätte es tun sollen. Aber es kam nie wieder jemand. Es schien, als ob es außer uns keine anderen Menschen mehr gäbe. Ich war zum Strand hinuntergegangen, um nach den Körben zu sehen. Sie schlief noch, und ich wollte sie nicht wecken. Ich vergaß das Gewehr einfach. Ich erinnerte mich, als ich über den Hof ging. Aber ich wollte ja nur kurz weg; es dauerte nur ein paar Minuten, um hinauszurudern. Es lohnte sich nicht, noch einmal umzukehren. Der Nebel war immer noch dicht. Ich war gerade in das Boot geklettert, als ich plötzlich Kies knirschen hörte. Ich sah auf. Ich konnte ihn nur undeutlich erkennen. Für eine Sekunde dachte ich, es sei wieder Stan Potts. Aber er war zu groß. Ich geriet in Panik. Wenn ich einfach im Boot geblieben wäre, hätte er mich sicher nicht verfolgt. Ich hätte irgendwo landen und von da aus zum Haus zurücklaufen können. Statt dessen wich ich über den Strand zurück. Ich sagte keinen Ton. Mein einziger Gedanke war, daß ich kein Gewehr dabei hatte. »Keine Angst«, sagte er. »Laufen Sie nicht weg…« Ich lief trotzdem. Und er folgte mir. Er war zwischen mir und dem Haus. Ich konnte nicht an ihm vorbei. Dann stolperte ich, fiel hin. Ich dachte, jetzt hätte er mich; aber ich kam gerade noch hoch. Er folgte mir immer noch. Ich konnte nicht schreien, es hätte sowieso nichts genutzt. Sie konnte mich nicht hören, sie war zu weit weg. Ich weiß nicht, was er wollte. Er rief ständig, aber ich antwortete nicht. Ich kletterte so leise, wie ich konnte. Aber er wußte trotzdem, wo ich war. Es gibt noch einen zweiten Weg nach oben. Er führt über einen Bach. Ich glaube, er hatte mich verloren, aber dann rutschte ich aus und verriet mich dadurch. Ich dachte, daß er
durch die Bomben vielleicht verrückt geworden war. Ich war mir absolut sicher, daß er verrückt war, ich weiß nicht, warum. Ich dachte daran, wie erschrocken sie sein würde. Ich fing an zu weinen, weil ich nicht wollte, daß sie sich erschrak. Es war alles meine Schuld, weil ich das Gewehr nicht mitgenommen hatte. Er rief zu mir hoch: »Ich bin der Besitzer dieses Hauses. Wer sind Sie?« Aber ich glaubte ihm nicht. Der Weg führte zwischen zwei Felsbrocken hindurch. Bevor ich denken konnte, war ich auf einen von ihnen hinaufgeklettert und lag keuchend da. Ich nahm einen großen Stein in die Hand. Er würde mich nicht sehen können. Ich wartete. Wenn er käme, würde ich den Stein auf ihn werfen. Dann hörte ich unter mir auf dem Weg seine Schritte. Er war näher, als ich gedacht hatte.
Richard Erinnerung an Nachmittage im Bungalow. Verdorrter Rasen unter der Zypresse, rote und gelbe Blumen. Vogelbassin, steinernes Kaninchen, mit Flechten bewachsen. Schatten des Sockels fällt auf den Rasen. Könnte das in meiner Malerei verarbeiten. Erinnere mich an die Serie, die nur aus Flechten gestand. Gedämpftes Orange über Olivgrün. Die Burg sichtbar vom Wohnzimmerfenster. Ruine über dem Tal, offen für Luft und Licht. Nest der Sonne. Ausblick von glänzendem weißen Rahmen begrenzt. Weißes Haus, riecht nach neunzehnhundertfünfunddreißig. Läßt mich ihm näherkommen. Mittlere Periode vor Junkers, glühende Sonnen.
Schade um Maggie. Sie hat dort nicht gelebt. Weiß nicht, ob sie jemals irgendwo gelebt hat. Sprach viel von der Schule. Wespennest. Vorbei. Bin froh, daß die Burg noch da ist. Wie lange noch? Kann mir ihren Verfall nicht vorstellen. Kann mir überhaupt Verfall nicht vorstellen. Habe mir Platten angehört. Reger, Buxtehude. Der Rest des Raumes. Wollig-weicher Teppich vor dem Kamin, Matten auf dem Holzfußboden. Silber auf der Kommode, ein weißer Porzellanschwan. Gerahmtes Pastellbild. Whisky im Schrank, Konzentrationshilfe. Erinnere mich, wie sie auf dem Bett lag. Nachmittagssonne auf den Jalousien. Grüngoldenes Licht. Zerwühlte Decken, zusammengeknüllte Laken zwischen den Schenkeln. Lorelei, oder Jennifer. Hätte sie malen sollen. Aber ich bin nicht Picasso. Kann keine Tränen malen. Hätte sie haben können, aber das hätte nur unsere Beziehung zerstört. Erinnere mich an die Wohnung in Cheltenham. Versuchte dort zu arbeiten, aber war wie gelähmt. Beziehung zwischen Kreativität und Bumsen. Vicky verstand das Letztere, das andere überhaupt nicht. Vielleicht ist Zeugung eine höhere Stufe von Kunst. Dann wäre Malerei Ausdruck von frustriertem Sex. Definition von Philosophie. Unpassender Zeitvertreib für erwachsene Männer. War wütend, weil sie sich nicht scheiden lassen wollte. Glaube, sie ging regelmäßig in die Stadt, um sich mit Ihrem Ehegatten zu treffen. Beachtliche finanzielle Unterstützung; macht ihr Zögern verständlich. Pech für uns beide, daß sie herkam. Aber ebenfalls verständlich. Versuchte, eigene Philosophie zu entwickeln. Habgier, Gleichgültigkeit etc. alles bewundernswert; Rechtschaffenheit das einzige Verbrechen. Aber die neue Ordnung würde eigene Rechtschaffenheit beinhalten, und deswegen versagen.
Potts ist ein kreativer Künstler. Schießen ist ein surrealistischer Akt. Es wäre leiser und billiger gewesen, ihn einfach die Klippen hinabzustürzen. Habe die Pistole gesehen. Hat sie in seinem Schlafsack versteckt. Verbringt Stunden um Stunden mit Säubern etc. Deutlicher Geruch von Öl. Kann kein Mitleid empfinden für Jones. Kann kaum ein Gefühl für irgendwas entwickeln. Erinnere mich an Diskussion mit Maggie. Überfüllte Dachkammern etc. Vielleicht was dran. Eine interessante Frau, Maggie. Hat auf sozialem Gebiet versagt, mußte deswegen auf Intelligenz umsteigen. Fand ihre Gedanken über Moral gut. Leider hier nicht zu verwirklichen. Vielleicht in hundert Jahren mal. Keine grundsätzlichen Einwände gegen lesbische Liebe. Nur bei häßlichen Frauen abstoßend. Koitus zwischen Schönheitsköniginnen. Hoffe, sie kriegte Martine rum. Hätte gern Mäuschen gespielt und hurra geschrien. Ein sehr appetitliches Mädchen, Martine. Hätte selbst nichts gegen eine gelegentliche Runde gehabt. Habe es aber nie versucht. Es muß an der Seeluft liegen. Habe die Festung als indisches Motiv identifiziert. Sonnendurchtränkter Pokal auf einer männlichen Säule. Hatte gerade das Programm zu Parzival gelesen. Versuchte ein Bild zu malen, aber es wurde nicht besonders. Schenkte es Maggie fürs Wohnzimmer. Sie mochte es. Bin kein Symbolist. Miro und Munch sind eine unfruchtbare Kombination. Vermisse diese Nachmittage. Hätte nichts gegen Äußerungen über die gegenwärtige Beziehung zu Vicky. Zum dritten Mal von vorne das Ganze – ist schon fast lächerlich. Still und ruhig, die Woche nach den Bomben. Fischen, Holzsammeln am Strand. Schade, daß er den Handkarren auch
runtergestoßen hat. Hörten einmal ein Flugzeug, über dem Nebel. Flog den halben Tag über uns herum. Fragte mich, was die Erkundung sollte; erfuhr es später. Wachte durch Motorenlärm auf. Das ganze Haus bebte; fragte mich, was zum Teufel los war. Landemanöver dauerte drei Stunden. Dichter Nebel, konnte kaum die Lichter des Landeflugzeugs erkennen; Schwere Panzer, dicke Geschütze. Kennzeichnungen brachten eine Überraschung. Jeder einzelne drehte sich donnernd auf dem Strand unterhalb des Farmhauses und verschwand im Nebel. Müssen das Haus gesehen haben; ein Glück, daß es verlassen wirkt. Schienen keine Infanterieunterstützung zu haben. Gut für uns, schlecht für sie. Beschießung begann in der Morgendämmerung, zuerst vereinzelt, dann kontinuierliches Donnern im Nebel. Letzte Schlacht im Westen. Keine Ahnung, wohin Potts gegangen ist. Unsere Leute gingen an der Straßengabelung in Stellung. Ein Panzer in Flammen. Vier Panzer auf der Wiese hinter der Landstraße; andere bewegten sich durch das Gestrüpp. Beobachtete das Ganze für eine Weile. Gestank von Kordit, Beben der Erde im Rhythmus der Kanonen. Plötzlich landeten Geschosse ganz in meiner Nähe. Ging in Deckung und machte mich davon, sobald ich konnte. Zurück zum Haus. Den ganzen Tag lang Stimmen vom Strand her. Aber niemand kam. Verfluchte den Nebel, pries ihn. Nach Mittag kein Schießen mehr auf dem Berg. Gefechte weiter westlich, im Heidegebiet. Ging jeden Abend noch mal hin. Ein Panzer im Drahtzaun vor dem Haus verkeilt. Ewas wie ein dunkelroter Fetzen neben der Luke. Untersuchte es nicht näher. Andere Panzer auf dem
Feld. Eiserne Skelette, endlich schweigend. Alle tot. Sah zum Himmel hinauf – nichts als Nebel. Wäre gern Schlachtenmaler. Hätte aber keinen Sinn diesmal. Keine Verkaufsmöglichkeit der Ergebnisse. Riesiger Blutflecken auf ihrem Ärmel. Nicht von ihr. Aschfahles Gesicht, teilnahmsloser Gang. Schien ihr egal zu sein, wo sie hinging. Sie sagte: »Wir konnten nichts tun.« War überhaupt nicht überrascht, sie zu sehen. Vom Gestank der ausgebrannten Panzer wurde mir übel. Zog sie weg, zum Haus. Sagte, Birmingham und Glasgow seien zerstört. Zwang sie dazu, die Uniformjacke auszuziehen. Ihre Bluse ebenfalls durchnäßt. Starrte verwundert auf das Blut, als bemerkte sie es jetzt zum ersten Mal. Kann Blut nicht vertragen. Konnte ich noch nie. Wenn es grün wäre, würde es mir nichts ausmachen. Sie fing an zu zittern. Gab ihr Whisky und heißes Wasser. Wie früher in der Wohnung. An schlimmen Tagen. Sie nahm den Grog, saß da und hielt das Glas. Ich verschloß die Fensterläden, zündete ein Feuer an. Sie wollte nichts essen. Fragte sie, was sie jetzt tun wollte. Keine Antwort. Sie war noch nie sehr entschlossen. Ihr Haar hatte noch die gleiche Länge. So, wie ich es in Erinnerung hatte: verschiedenfarbige Haarsträhnen, gold, braun, rot, weiß. Machte mir noch einen Grog. Sagte, sie wolle nach draußen gehen. Glaubte nicht, daß sie zurückkommen würde. Aber sie kam. Potts kehrte zurück. Sagte nicht viel. Schaute sie nur mit einem seltsamen, verschämten kleinen Lächeln an. Fragte mich, was in ihm wohl vorging. Spricht nicht viel. Nicht mehr. Breitete den Schlafsack für sie aus. Sie saß eine Zeitlang da und starrte ihn an. Fragte mich, ob sie an Maggie dachte. Aber sie fragte nicht.
Legte mich zu ihr, um sie zu wärmen. Legte meine Arme um sie. Komisch, sie wieder zu spüren. Aber meine Hände brauchten ihre Brüste nicht. Wir hatten das alles schon mal durchgemacht. Fühlte körperliche Schmerzen, wenn wir nicht Zusammensein konnten. Sie sagte, es ginge ihr ebenso. Nahm mir immer das Versprechen ab, auf der linken Seite zu schlafen. Sie schlief dann auf der rechten Seite und tat so, als wäre ich bei ihr. Vielleicht war das der Fehler. Einfach so zurückzukommen und die Erinnerung zu verderben. Ich pflegte immer einen Arm unter das Kissen zu schieben, so daß ich sie an mich drücken konnte, ohne ihr Haar durcheinanderzubringen. Tat es jetzt genauso. Gewohnheit. Erwachte später. Sie fühlte sich warm an. Wir schliefen miteinander. Fast so gut wie in alten Zeiten. Am Morgen fragte sie mich, ob ich noch malte. Das war ebenfalls wie in alten Zeiten. Antwortete, ich würde mich so durchschlagen. Wußte, daß sie keine näheren Einzelheiten wollte. Sie mochte meine Bilder immer, wenn sie an der Wand hingen. Der Rest interessierte sie nicht. Ich träumte viel. Sah sie ihr Haar kämmen. Sie riß es sich büschelweise aus. Brüllte sie an, aufzuhören, aber sie hörte nicht. Sagte immer wieder, es wäre besser, wenn es weg wäre. War wütend auf sie, als ich aufwachte. Sie war fähig, so was zu tun. Ähnlich wie mit dem Blut. Es schien sie nicht zu kümmern, ob sie davon durchnäßt war oder nicht. Sie hatte sich also nicht verändert. Erinnere mich, als sie damals die Glasschüssel fallenließ. Sie hat immer noch die Narbe am Handgelenk. Stand da und ließ das Blut zum Fenster hinausspritzen. Wollte den Fußboden nicht damit versauen. Sagte: »Ich hätte nicht versuchen sollen, das Ding zu retten. Die nächste werde ich fallenlassen.« Ich
brachte sie zum Nähen ins Krankenhaus. Sie schien das Ganze sehr lustig zu finden. Nehme an, es war das ewige Nichtstun, das die ersten Streitereien heraufbeschwor. Tag für Tag im Nebel sitzen und abwarten, was wohl als nächstes kommen würde. Konnten den Strand nicht verlassen. Sie sagte, sie hätten an der Küste entlang eine Absperrkette errichtet und würden auf alles schießen, was vom Meer herkam. Es gab keine Möglichkeit herauszufinden, ob die Truppen noch immer in Stellung lagen. Hatte keine Lust, es auszuprobieren. Wanderte statt dessen zum Dorf rüber, ohne viel Erfolg. Nur ein Laden, und der war total geplündert. Mußten also irgendwo noch Leute stecken. Manchmal war ich fast sicher, daß da oben keiner mehr war. Tote Panzer, tote Häuser, tote Berge. Dann wieder kam es mir vor, als wäre ich selbst auch getötet worden an dem Tag, als sie Birmingham zerstörten. Fragte mich, wo Potts immer hinging. Wanderte oft in den Nebel hinaus, in seinem verschmutzten alten Regenmantel. Manchmal blieb er den ganzen Tag lang weg. Nahm nie wieder seine Pistole mit. Sie sagte, sie hielte viel von ihm. Auch wieder das alte Lied. Wie mit den Landstreichern. Konnte ihnen nicht widerstehen. Gab ihnen was zu essen, brachte sie mit in die Wohnung. Behauptete, es sei eine Folge ihrer Krankenhausausbildung. Sie hat meine Malerei nie verstanden. Und ich stand ihr näher als jeder anderen Frau, die ich bisher getroffen habe. Nicht viele solche Enttäuschungen in einem einzigen Leben. Sie sagte mal, ich täte ihr leid, weil Männer keine Kinder kriegen können. Vielleicht war sie von mir genauso enttäuscht.
Potts war die Ursache für unseren letzten großen Streit. Sagte, er täte ihr leid, er wäre so einsam, hätte nie jemanden gehabt, den er lieben konnte. Liebe wäre die wichtigste und schönste Erfahrung überhaupt etc. Ich meinte, ich hätte immer genug damit zu tun, mir selbst leid zu tun. Hätte ihre Anteilnahme ein oder zwei Mal gespürt. Ein Wort ergab das andere, weiß der Teufel, warum. Waren wahrscheinlich beide hundemüde. Zum Schluß sagte ich, ich wollte sie nicht, hätte sie nie gewollt. Sie sagte, sie würde bei ihm schlafen, zumindest würde er sich dankbar zeigen. Okay, sagte ich, prima, sie solle sich keinen Zwang antun; und dann mußte ich sie zurückhalten, als sie sich tatsächlich anschickte, aufzustehen. War immer ihr Problem. Kein Gefühl für das Groteske. Am nächsten Morgen sah sie schlecht aus, meinte, es ginge ihr nicht besonders. Riet ihr, sie solle sich ein wenig schonen, aber das paßte ihr auch wieder nicht. Schließlich hatte ich die Nase voll und ging zum Boot hinunter. Während ich ablegte, hörte ich sie Holz hacken, um sich abzureagieren.
Blieb fast den ganzen Tag draußen. Fing ein halbes Dutzend Fische, mehr, als wir brauchen konnten. Hatte keine Lust zurückzukehren und ruderte weiter in Richtung Westen. Dachte, ich würde vielleicht brauchbares Holz finden. Machte ein Feuer in einer Felsspalte, kochte mir mein eigenes Mittagessen. Genoß es nicht sonderlich. Machte alle Stimmungen durch, die ich von früher noch kannte. Jedesmal, wenn ich sie verließ, war ich furchtbar wütend zuerst, sagte mir, daß ich mich nur kaputtmachte, daß es besser wäre, wenn wir die Finger voneinander ließen. Dazu noch der Gedanke, daß ich als Liebhaber gut genug war, nicht aber als Ehemann. Dann sah ich ihr Gesicht vor mir, den ruhigen, erstarrten Blick, den sie jedesmal aufsetzte, wenn sie verletzt war. Wollte
zu ihr laufen wie ein blöder Idiot, oder ein Telefon finden. Mir kamen Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. Wie die erste Woche im Zeltlager; weißer Wein im Mondschein. Und alles ging wieder von vorne los. Es wurde bereits dunkel, als ich das Boot an den Strand zog. Ging zum Farmhaus hinauf, überzeugt, daß was nicht stimmte. Die Lampe war angezündet, und sie hatte ein gutes Essen aus unseren Resten zusammengekocht. Sie saß am Feuer, in eine Decke gehüllt. Sah blaß aus. Meinte, es ginge ihr prächtig. Scharfer Geruch im Raum, wie im Krankenhaus. Trug die Teiler zur Spüle hinüber. Mußte mich fast übergeben. Der Boden des Beckens war eine einzige Blutlache. Rannte zu ihr, packte ihre Hand. Sie hatte sie versteckt gehalten. Der Verband, den sie sich angelegt hatte, war blutdurchtränkt. Ich war noch nie so wütend. War natürlich auch geschockt, als ich erkannte, was sie getan hatte. Jetzt hatte ich eine Göttin, der ein Finger fehlte. War nicht wütend auf sie, eher wegen ihr. Wie ein Idiot fragte ich sie, ob es noch immer blutete, und ob ich etwas für sie tun könne. Sie fing an, an dem Verband zu zerren, sagte, sie nähme an, ich wollte den Stumpf sehen. Ich gab ihr eine schallende Ohrfeige. Sie stand auf und starrte mich an. Meine Fingerabdrücke weiß auf ihrer Wange. Sagte, wenn das alles sei, würde sie jetzt ins Bett gehen. Fragte, ob ich was dagegen hätte. Ich deckte sie mit Decken zu. Sie ließ es geschehen, lag nur da und hielt ihre verletzte Hand. Fragte sie, ob sie etwas Whisky wolle. Keine Antwort. Ich säuberte die Spüle, kramte eine Reservelampe vor, ging in Martines Zimmer. Schlafsack noch da. Luft wie in einer Grabkammer. Brauchte lange, um einzuschlafen. Magenkrämpfe. Schüttelfrost. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Schien zuerst unfaßbar, aber ich hätte wohl damit rechnen sollen. Versuchte
gar nicht erst, nach ihr zu suchen. Hielt mich statt dessen an den Whisky. Keine Ahnung, was ich feierte. Vielleicht, daß Tod König ist. Weiß nicht, was danach mit mir passierte. Hatte meine Gefühle restlos aufgebraucht. Verstehe deshalb nicht, warum ich auf den Knien vor der Tür lag, während mir die Tränen übers Gesicht liefen. Suchte Zentimeter für Zentimeter den Boden ab. Bis mir klar wurde, daß ich am falschen Ort suchte. Glaube, der Whisky hatte mich erwischt. Ging zum Schuppen hinüber. Blut auf dem Boden und auf Maggies Wagen. Konnte aber noch immer nicht finden, wonach ich Ausschau hielt. Konnte es nicht glauben, als ich ihn schließlich fand. Eingewickelt in ein Taschentuch. Mir wurde schwindelig. Plötzlich wurde mir klar, daß sie mir alles gegeben hatte, was sie geben konnte, und ich hatte noch mehr verlangt. Also fing sie an, mir Teile ihres Körpers zu geben. Potts kam im Laufe des Vormittags zurück. Streunte umher, schnüffelte im Schuppen herum. Fragte, was geschehen sei und sagte dann: »Es tut mir leid.« Der Blödmann hörte sich an, als meinte er es tatsächlich. Ich fing an zu lachen, konnte nicht mehr aufhören. Rannte in den Nebel hinaus. Sah ihr Gesicht vor mir, die großen, dunklen, ruhigen Augen. Mußte sie finden und ihr alles erklären. War mir sicher, daß alles in Ordnung gehen würde, wenn ich sie fände. Nie wieder Einsamkeit und Schmerz spüren. Erreichte das Dorf. Tot und leer. Panzerruinen und Baumstümpfe ringsherum. Konnte es nicht glauben. Bemerkte plötzlich, daß der Nebel verschwand, helles Licht um mich herum. Rannte weiter, die Straße entlang. Blaßblauer Himmel; Sonnenlicht, Berg vor mir eingetaucht in Gold.
War überzeugt, daß das Land total verlassen war. Rannte trotzdem weiter, auf den Berg zu.
Die Abenddämmerung ist eingebrochen, die lange, blaue Dämmerung des Sommers; und Potts ist allein. Er liegt in seinem Raum am Ende des Flures. Er trägt seinen alten Regenmantel; er sitzt mit dem Rücken gegen die kalte Steinwand gelehnt, sein Kopf ist nach vorn gesunken. Er fühlt sich innerlich leer, leer wie das Haus. Er ist müde. Von irgendwo vernimmt er ein Geräusch, ein Knacken oder Knirschen. Wie das Schlurfen von Füßen. Er versucht, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sich die Tür langsam öffnete und sie dastände. Nur sie, ganz allein. Aber das Bild vor seinen Augen entsteht nicht. Es klappt nicht, weil er weiß, daß so was nicht passieren kann. Niemand kommt zurück. Da war überhaupt kein Geräusch. Er hat sich getäuscht. Oder vielleicht war es eine Ratte. Irgendwie scheint es unwirklich, daß das Leben so leer sein kann. Er greift nach der Pistole. Er will sich den Lauf in den Mund schieben und abdrücken, die Leere ein für allemal beenden. Aber er wagt es nicht. Trotz allem hat er noch zuviel Angst. Das ist fast das Schlimmste. Inzwischen ist es beinah dunkel; bestimmt war sie es, die da gerade auf dem Kies draußen herumläuft; er hat es genau gehört. Er ruft so laut er kann; aber es kommt keine Antwort. Er lehnt sich zurück; diesmal bleiben seine Augen geschlossen. Er runzelt die Stirn. Jetzt hört er wirklich Geräusche, die Geräusche, auf die er gewartet hat; ein Klappern und Trappeln von Füßen, und noch etwas anderes. Ein schrilles Quietschen; wie… das Rad eines Planwagens! Er ist sicher, daß er nicht träumt; er setzt sich auf, und plötzlich sieht er ein merkwürdiges Gefährt. Einen Moment
lang ist er enttäuscht. Er hatte fast gedacht… Aber es ist unwichtig, was er gedacht hat. Er beobachtet angestrengt. Er kann nicht sagen, auf welche Weise sich seine Sichtweise plötzlich verändert hat; aber das ist auch unwichtig. Schließlich sind Sichtweisen subjektiv…
DREI MONKEY UND PRU UND SAL
In Monkeys Weltbild bewegte sich die Sonne seitwärts. Diese mehr instinktive als verstandesmäßig begründete Vorstellung unterstützte ihn bei seinen ersten Versuchen, Landkarten zu lesen. Jahrelang waren die Karten, die er besaß, für ihn völlig bedeutungslos geblieben. Von Zeit zu Zeit hatte er sie aus der Ecke geholt, in dem schlingernden Planwagen auseinandergefaltet und das leuchtende Hellblau an den Rändern und die grünen und braunen Flächen bewundert, alles überzogen mit zarten Liniennetzen. Und er hatte die Stirn in Falten gelegt und sie resignierend wieder zusammengefaltet. Das Meer gab ihm den ersten Anhaltspunkt; diese glänzende, unendliche blaue Fläche. Man wird nie erfahren, wie der Planwagen dorthin gelangte; aber Monkey kreischte vor Entzücken, streckte seine schwarzen, klebrigen Finger in die Helligkeit hinaus. Dann wurde er auf einmal ganz still. Er blieb still für einen Tag, eine Nacht, und einen Teil des darauffolgenden Tages. Während dieser Zeit rumpelte und schwankte der Planwagen immer am Meer entlang. Dann zwang ein umgestürzter Baum Pru und Sal, von der Küstenstraße abzubiegen. Tief in Gedanken versunken lag Monkey da und saugte an seinen Fingern. Schließlich begann er zu dösen. Als er seine Augen wieder öffnete, befand sich der Planwagen auf einer engen Landstraße, auf beiden Seiten gesäumt von rötlichbraunen Felsen und leuchtendgrünen Farnpflanzen. Monkey nahm das Grün und Braun und Blau wahr; und plötzlich drängte sich ein Gedanke in sein Bewußtsein, der sich
schon irgendwo in seinem Gehirn vorgeformt hatte. Er hörte auf, an seinem Daumen zu saugen, kramte die kostbaren Karten erneut hervor; und plötzlich war ihm alles klar. Sein lautes Brüllen brachte den Planwagen jäh zum Stillstand; er setzte sich auf, eine der Karten in der großen Faust. Er schwenkte die Arme und rüttelte damit Pru und Sal aus ihrer ehernen Gleichgültigkeit; und der Planwagen drehte um, von nun an unter seiner Kontrolle. Monkey, erfüllt mit völlig neuen Gedankengängen, ließ den Wagen anhalten, sobald das Blau wieder in Sicht kam. Lange Zeit saß er grübelnd da und starrte auf den meilenweiten Glanz hinaus; schließlich winkte er, noch etwas unsicher, nach rechts. »Rechts« war zu dieser Zeit allerdings noch ein Begriff, der für ihn nicht existierte; vielmehr dirigierte er sein Schicksal fünffingerwärts. Links von ihm, also drei-fingerwärts, befand sich das Wasser; die Karte hielt er weiterhin fest in der Hand. Sein Plan war ebenso unwiderruflich wie seltsam. Er würde an der Küste entlangfahren. Den ganzen Tag hindurch und bis in die Nacht hinein trabten Pru und Sal gleichmäßig vor sich hin. Eine Zeitlang lag Monkey rastlos da; schließlich aber schläferte ihn der eintönige Rhythmus doch ein. Beim ersten Licht der Dämmerung erwachte er, und sein Gehirn war sofort wieder mit seinem großartigen Vorhaben beschäftigt. Die Gucklöcher vorn im Planwagen und an den Seiten boten ihm zu wenig Ausblick. Unsicher erhob er sich zu seiner vollen Größe und blickte über den Wagenrand; und noch einmal kreischte er vor Verwunderung und Entzücken über das, was sich seinen Augen bot. Vor ihm lag die zerfurchte und von Unkraut überwucherte Straße. In der Ferne schien das Land zu schwellen und wieder abzufallen, um sich erneut zu erheben, bis es schließlich im Wasser verschwand. Unter ihm, aber weit entfernt, lag ein
breiter Sandstrand. Der Schaum auf den Wellen war ebenso weiß wie die Vögel, die über dem Wasser kreisten. Das Rauschen des Meeres erreichte ihn nur schwach, wie das Atmen eines Riesen. Monkey ließ sich in die Dunkelheit und schützende Wärme des Planwagens zurücksinken. Mit dem Finger folgte er den Linien auf der Karte. Das Kinn in die Hand gestützt, saß er stolz da, Herrscher über alles, was er überblickte. Auch am Mittag erstreckte sich der Strand noch unter ihm. Lagunen tauchten auf, die er auf der Karte identifizieren konnte. Eine beispiellose Erregung breitete sich in Monkey aus. Seine gute Stimmung verlor sich jedoch im Laufe der darauffolgenden Tage. Erbarmungslos trieb er den Planwagen voran, in Richtung Sonnenuntergang; sobald die Dämmerung anbrach, hielt er erwartungsvoll Ausschau nach dem blauen Glanz des Meeres fünf-fingerwärts. Aber das Land ging endlos weiter; und sein Glaube wurde auf eine harte Probe gestellt. Noch war ihm der Begriff des Maßstabes ebenso fremd wie die Vorstellung von Gott. Zum ersten Mal spürte er ein Gefühl der Hilflosigkeit. Verzweifelt versuchte er, Pru und Sal anzutreiben, aber sie ignorierten seine Schreie und trotteten unbeirrt weiter. Es war ein trüber, naßkalter Morgen, an dem Monkey das Ende der Welt erreichte. Die aufgewühlte See trug weiße Schaumkronen; Hagel prasselte gegen die Planen. Verschlafen kroch Monkey zum vorderen Guckloch – und stieß einen triumphierenden Schrei aus. Das Land vor ihm verschwand ins Meer, und das Wasser erstreckte sich nun endlich auch fünffingerwärts. Monkey kreischte und schrie und hopste auf und nieder, bis der Planwagen schaukelte. Die Theorie stimmte also doch! Er hatte das Geheimnis durchschaut.
Der Planwagen schwenkte nach Norden, dann fünffingerwärts der Sonne entgegen und schließlich wieder dreifingerwärts. Während seiner ersten großen Reise waren Monkey Höhenlinien zum Begriff geworden; er studierte die Landkarten genau und war deswegen nicht erstaunt, als er, mitten im Winter, plötzlich Berge erblickte, die größer und massiver waren als alle, die er je zuvor gesehen hatte. Pru und Sal stoppten abrupt bei ihrem Anblick und stampften angsterfüllt mit den Füßen. Er zwang sie nicht, sich weiter vorzuwagen, und eine Zeitlang bewegte sich der Planwagen ziellos durch die Gegend, wie früher; Monkey war zufrieden. Schnee fiel, und ein heulender Wind fegte über das Land. Dann verschwand der Schnee, der Himmel wurde wieder blau, grüne Knospen zeigten sich an den Bäumen. Die Landkarten wurden erneut herausgeholt, und der Planwagen ging von neuem auf Expedition. Auf diese Weise lernte Monkey das Land, in dem er lebte, verstehen. Die Bedeutung des Begriffs ›Insel‹ war sehr viel schwerer nachzuvollziehen. Die immense Ausweitung des Landes nach Norden erschreckte ihn. Zuerst drehte sich alles in seinem Kopf, wenn er die einzelnen Karten aneinanderlegte und studierte, aber mit der Zeit wurde er sicherer. Er begann, die Anzahl der Tage sorgfältig in das Holz des Planwagens zu ritzen. Bald konnte er fast automatisch die Zeit bestimmen, die er benötigen würde, um von einem Punkt der Karte zu einem anderen zu gelangen. Darüber hinaus bereicherte er nun die Karten mit eigenen Zeichen, die Getreideland und gute Jagdgebiete markierten; und Pru und Sal bekamen ein glänzendes Fell und waren gut genährt. Der Vorratsschrank im Planwagen war zum Bersten gefüllt. Und Monkey hielt Ausschau nach neuen Welten, die er erobern konnte. Das Abenteuer, für das er sich schließlich entschied, wurde ihm fast zum Verhängnis. Er lenkte den Planwagen in
Richtung Norden mit dem Vorhaben, so weit wie möglich in dieses noch nicht von ihm erforschte Gebiet vorzudringen; er machte sich dabei keine Illusionen mehr über das Ausmaß der Entfernungen. Pru und Sal trotteten gleichmäßig wie eh und je vor sich hin; und Tag für Tag hockte Monkey am vorderen Guckloch und wartete atemlos auf das, was da kommen würde. Wie erwartet erschienen zu beiden Seiten Berge, jeder an der richtigen Stelle. Monkey erkannte sie sofort – er konnte die braunen Flecken auf der Karte ohne Schwierigkeiten übertragen. Eine Zeitlang ging alles glatt; dann taten sich Probleme auf. Das erste hing mit gewissen Gebieten auf den Landkarten zusammen, in denen sich die Straßenlinien zu regelrechten Dschungeln verdichteten. Monkey steuerte auf einen von ihnen zu, um herauszufinden, was dieses seltsame Gewirr bedeuten mochte; aber bereits einen ganzen Tag, bevor sie das Ziel erreichen konnten, blieben Pru und Sal plötzlich ängstlich stampfend und zitternd stehen. Verärgert trieb Monkey sie vorwärts, aber seine Versuche blieben ohne Erfolg. Pru und Sal tänzelten unruhig umher, schüttelten die Mähnen und schnaubten; und ohne Vorankündigung gingen sie dann plötzlich durch. Der Planwagen wurde herumgerissen, holperte und schwankte, während Monkey sich verzweifelt festzuklammern versuchte. Die Dämmerung brach herein, bevor die kopflose Flucht langsam abklang; Monkey hatte die Orientierung verloren. Er brauchte einen oder mehrere Tage, bis seine blinde Wut abnahm und er sich erneut an die Landkarten heranwagte. Der seitliche Stand der Sonne ermutigte ihn. Der Planwagen rumpelte gemächlich durch eine hügelige, bewaldete Landschaft. Dann gab ihm ein höherer Berg, der sich dunkel gegen den Sonnenuntergang abhob, einen Anhaltspunkt. Seine Zuversicht kehrte wieder; Pru und Sal trabten gehorsam voran.
Er wußte nun, wo er war und konnte den Planwagen in die gewünschte Richtung lenken. Noch zwei weitere Male scheuten Pru und Sal vor einem der merkwürdigen Straßendschungel zurück; Monkey war jedoch nun auf ihre Abwehr vorbereitet und konnte den Kurs problemlos korrigieren. Was auch immer dort lag, mußte scheinbar vermieden werden; vorerst beugte er sich dieser Tatsache. In den folgenden fünf Tagen ging die Reise gut voran; dann kam der Schock. Viel zu früh für seine Berechnungen fand Monkey seinen Weg versperrt – vor ihm und zu beiden Seiten erstreckte sich das Meer. Der Schock beeinträchtigte seine überreizten Nerven erheblich. Eine Weile trieb er den Wagen stumpfsinnig vorwärts, so als wolle er sich weigern, die Tatsache anzuerkennen; das Wasser spülte um die Achsen und Pru und Sal zitterten vor Entsetzen und Angst, bevor er zur Vernunft kam. Er saß einen halben Tag lang da und brütete über der Landkarte. Dann lenkte er den Planwagen drei-fingerwärts. Zwei Tage vergingen, bis ihm die See erneut den Weg versperrte; die richtige See dieses Mal, genau am richtigen Platz. Monkey kehrte um, und seine Panik verstärkte sich mit jeder Stunde. Das Grün und Braun auf der Karte setzte sich fort; und trotzdem fiel das treulose, betrügerische Land ins Wasser ab und verschwand unter den Wellen. Monkey heulte und schluchzte vor Wut; aber die Tränen brachten keinen Trost. Er war verzweifelt. Seine leuchtende neue Welt war zerstört. Er spürte, wie er allmählich die Kontrolle über sich verlor. Seine Hände und Beine gehorchten ihm nicht mehr. Nachts hatte er Alpträume; er konnte das Wasser nicht bei sich behalten, so daß der Planwagen bald von einem scharfen Gestank erfüllt war. Wahnsinn hätte für ihn eine gnädige
Erlösung bedeutet; aber schließlich rettete ihn ein unerwarteter Anblick. Seit einiger Zeit war das Land ständig angestiegen; nun sah Monkey in der Dämmerung vor sich plötzlich die Kuppe einer gewaltigen Klippe. Das Land fiel steil zum Meer ab; das Wasser brodelte und schäumte gegen die Felsbrocken. Monkey wich erschreckt zurück und trieb den Wagen voran, um möglichst schnell wegzukommen; auf der Höhe der Klippe angekommen, begann er jedoch zu hüpfen und zu kreischen. Pru und Sal blieben gleichmütig stehen. Gras bog sich im Wind; kleine Wolken hingen am Morgenhimmel; aber Monkey hatte nur Augen für die Straße. Es war einmal eine prächtige Straße gewesen, die größte und schönste, die er jemals gesehen hatte. Stolz und breit kam sie aus der Ferne und führte zu der Klippe. Dort hörte sie abrupt auf. Monkey erhob sich vorsichtig, trieb Pru und Sal vorwärts, die nur langsam und widerwillig gehorchten und vor dem Rand der Klippe zurückscheuten; aber Monkeys Furcht war vergessen. Er starrte auf das jähe, zerrissene Ende der Straße. Weit unten ließen sich weiße Vögel vom Aufwind tragen. Die See schäumte und kochte; und auf einmal sah Monkey, was ihm zuvor entgangen war. Undeutlich, aber unverkennbar begannen das Grün und das Braun in der Ferne, jenseits des Wassers. Er ließ sich zurückfallen; die Erleichterung wirkte wie Balsam. Wieder einmal hatte er etwas durchschaut; das zweite Geheimnis war seltsamer als das erste. Das Land war verändert worden, nachdem die Landkarten gemacht wurden.
Auf der rechten Seite des Planwagens wurden die Landkarten aufbewahrt. Jeder kleinste Teil des Innenraumes war genau
eingeteilt. Auf der linken Seite befand sich das, was Monkey ›Werkstatt-Zubehör‹ nannte. Viel gab es davon allerdings nicht. Da war eine rote, glänzend polierte Ölkanne; daneben der Lappen, mit dem Monkey das Metall blankputzte. Dann war da noch eine Dose mit dickem, braunen Fett, mit dem Monkey die Achsen des Planwagens einschmierte, wenn sie mal wieder zu quietschen begannen. Das übrige Zubehör war noch weniger luxuriös. So zum Beispiel der verzinkte Nagel, mit dem Monkey den Dosendeckel öffnete und der ihm seit einiger Zeit zusätzlich beim Markieren der Reiseroute half; oder ein kleiner verrosteter Schraubenschlüssel, der zu keiner Schraube im ganzen Wagen paßte, den Monkey aber trotzdem sorgfältig aufbewahrte; und schließlich ein besonders merkwürdiges Ding – ein kleines gelbes Rad aus leicht biegsamem, elastischen Material, das sich angenehm anfühlte. Ebensowenig wie der Schraubenschlüssel hatte dieses Ding irgendeine Funktion; aber ebensowenig war Monkey auch geneigt, es wegzuwerfen. »Man kann nie wissen, wozu es noch mal gut sein könnte«, murmelte er von Zeit zu Zeit. Zu Monkeys Füßen stand ein Kasten, der mit einer rostigen Metallspange zu verschließen war – der Vorratsschrank. Hier bewahrte er die flachen grauen Weizenfladen auf, von denen er sich ernährte, sowie seine Flaschen und Krüge mit frischem Wasser. Zwischen die Behälter hatte er alte Lumpen gestopft, um nicht durch das Klappern um seinen Schlaf gebracht zu werden. In der Ecke neben der Vorratskiste lagen weitere Lumpenfetzen, Decken und ein vergilbter Kissenbezug; außerdem noch das Stück eines Spiegels, sorgfältig eingewickelt und weggesteckt. Monkey hatte sich einmal an der scharfen Kante geschnitten und die Scherbe seitdem nicht mehr benutzt. Wenn er lag, befand sich zur einen Seite seines Kopfes der Werkzeugkasten, zur anderen die Bibliothek. Der
Werkzeugkasten beinhaltete einen Bohrer, eine kleine Säge, drei leere Pappröhren und eine Rolle mit kräftiger grüner Schnur. Die Bibliothek war brechend voll, so voll, daß man den Deckel mit Gewalt zupressen mußte. Manchmal nahm Monkey die obersten Bücher heraus, blätterte darin herum und bestaunte die endlose Reihe zarter schwarzer Zeichen. Die Zeichen sagten ihm nichts, aber die Bücher waren schon immer dagewesen, und deswegen wurden sie akzeptiert und respektiert. Sie gehörten zu seinem Leben wie der Planwagen. In den Wänden und im Boden gab es verschiedene Löcher, die ganz bestimmte Funktionen erfüllten. Die Gucklöcher, die mit Lederlappen bedeckt waren, wenn sie nicht benutzt wurden, boten Monkey Ausblick zu den Seiten und nach vorn. Im Boden, unter einem Holzdeckel versteckt, war das Latrinenloch; die kleineren Öffnungen an den Seiten ermöglichten es ihm, das Innere des Planwagens von Zeit zu Zeit von seinem Dreck zu befreien. Mehr als eine Stunde verbrachte er manchmal damit, Brotkrumen, Zweige und Wollflusen zusammenzukratzen und nacheinander durch die Löcher zu schieben. Diese Tätigkeit hatte ihm schon manchen langweiligen, grauen Nachmittag vertrieben; sie gab ihm ein Gefühl von Befriedigung. Pru und Sal bildeten die Hauptbestandteile in Monkeys mobiler Welt. Wie sie zu ihm gekommen waren, oder er zu ihnen, konnte er nicht mehr sagen. Er war sicher, daß es eine Zeit gegeben hatte – von Zeit zu Zeit erinnerte er sich in vagen, traumähnlichen Bruchstücken daran –, in der Pru und Sal noch nicht dagewesen waren. Und der Planwagen wohl auch nicht. Er erinnerte sich an Flammenlicht und Wärme, an ein Bett, das nicht von hohen Holzwänden umrahmt war. Er erinnerte sich an Hände, die ihn berührten, an eine Stimme, die leise sang. Außerdem erinnerte er sich an eine trübe Zeit, voll von Klagen und Verzweiflung. Gestalten türmten sich um ihn
herum auf wie riesige Bäume; da waren andere tiefere Stimmen und härtere Hände. Eins dieser Händepaare mußte ihn in den Planwagen gesetzt haben. Er erinnerte sich an Worte, obwohl sie ihm nicht viel sagten. »Bleib da liegen, Monkey. Nun bist du bei mir. Verdammter, armer kleiner Monkey. Du bist bei mir…« Er mochte den Traum nicht. Er wachte dann immer allein im Planwagen auf, fühlte sich elend und kalt und weinte den Händen und den Stimmen nach. Vielleicht hatten Pru und Sal ihn geraubt, als er in dem neuen hellen Planwagen lag. Er würde es nie erfahren; und sie hatten es vielleicht längst vergessen. Auch sie waren zu einem Bestandteil seines Lebens geworden. Immer wenn er dalag und nachdachte oder einfach nur vor sich hindöste, konnte er ihre Schultern und Köpfe sehen, die sich dunkel gegen den Himmel abzeichneten; und ihre regen Füße stampften die Jahre hinweg. Pru und Sal waren sich im Aussehen ziemlich ähnlich. Ihr langes, ausgefranstes und von der Sonne gebleichtes Haar hing struppig von den kleinen runden Schädeln herab. Die vom Wind gebräunte Haut hatte die Farbe alten Holzes angenommen. Ihre Augen waren klein, schlitzartig und leer, ihre nicht alternden Gesichter glatt, unbehelligt von Gedanken. Auch die Stimmen glichen einander; sie waren hart und rauh wie die Stimmen von Vögeln. Monkey war wohlbehütet in seinem endlos umherschweifenden Heim. Pru und Sal umsorgten ihn gut. An Regentagen und im Winter zogen sie eine steife graue Plane über den offenen Wagen. Dann konnte sich Monkey in dem warmen Dunkel verkriechen, während Pru und Sal unbeirrt vorantrabten. Die Winterzeit gefiel ihm am besten; wenn der Schnee draußen wirbelte, sich am Planwagen Eiszapfen bildeten und Wölfe verloren und undeutlich in der Ferne heulten.
Der Frühling war allerdings auch gut. Dann wehte ein leichter, milder Wind, angefüllt mit neuen Düften; der Himmel wurde heller, und die Vögel sangen. Pru und Sal zogen die Plane wieder zurück, und Monkey setzte sich auf und konnte die Wärme auf seinem fleckigen, unbehaarten Gesicht spüren. Im Sommer pflegte er nackt dazuliegen, und manchmal fiel ein warmer Regen, und er beobachtete, wie die Wassertropfen auf seiner erhitzten Haut verdunsteten. Das Lesenlernen der Landkarten veränderte sein Leben unwiderruflich. Als das große Abenteuer vorüber war, blieb eine Leere in ihm zurück. Natürlich war er zufrieden über die Eroberung seiner Insel; und die Entdeckung ihres verstümmelten Zustands ließ ihn nicht ungerührt. Jeder Tag brachte neue Anblicke und Geräusche; ein Wasserfall, ein Wald, ein Vogel, ein See. Aber auch ständige Neuheit kann langweilig werden. Monkey wurde reizbar, sehnte sich nach etwas, von dem er nicht wußte, was es war und begann schließlich, mißgelaunt den Planwagen in Ordnung zu bringen. Jedes vertraute, ehemals so hochgeschätzte Ding, auf das er stieß, schien seine Frustration nur noch zu vertiefen. Sein Rad, der Nagel, der Schraubenschlüssel lagen unbeachtet da. Die Achsen des Planwagens fingen an zu quietschen, aber auch das ignorierte Monkey. Er säuberte die Vorratskiste und die Ecke, in der die Decken lagen, räumte planlos seine Werkzeuge hin und her. Nichts machte ihm Spaß. Schließlich wandte er sich der Bibliothek zu. Gleich zu Anfang entdeckte er etwas Seltsames. Die Kiste war tiefer, als er gedacht hatte. Er holte alle Bücher heraus und lehnte sich zurück, umgeben von Büchern, die er nie zuvor gesehen hatte. Wahllos öffnete er eins und stutzte; zum ersten Mal seit Wochen spürte er ein Gefühl der Erregung. Das Buch unterschied sich in einem ganz wichtigen Punkt von den anderen. Monkey kroch näher zum Licht und blätterte
mit Sorgfalt die Seiten um. Außer den schwarzen Zeichen sah er Zeichnungen. Sie waren sehr detailliert und vielfach farbig; ohne Schwierigkeiten konnte er Blumen und Bäume erkennen. Monkey, der doch selbst das Zeichnen erfunden hatte, fühlte sich beschämt; aber ein völlig neuer Gedanke ließ dieses Gefühl schnell wieder verschwinden. Er starrte von den Zeichnungen zu den kleinen Zeichen und wieder zurück. Er legte das Buch zur Seite, nahm es wieder in die Hand, öffnete es. Dann saß er lange da und brütete vor sich hin, während der Planwagen über steinigen Boden holperte. Schließlich hatte sich der Gedanke verfestigt. Er schlug das neue Buch wieder auf, studierte die Blumen und die Bäume. Nach einer Weile öffnete er ein zweites Buch. Er entdeckte nun gewisse Ähnlichkeiten zwischen den kleinen schwarzen Zeichen. Einige von ihnen waren größer als die übrigen. Etwas in seinem Gehirn sagte »Norden«. Dies war der erste Schlüssel zu einem brandneuen Geheimnis. Monkey hatte erkannt, wie herum man eine gedruckte Seite hält. Monat um Monat rumpelte der Planwagen ziellos umher, während Monkey von anderen Dingen völlig in Anspruch genommen dalag. Das Gefährt wäre total vom Weg abgekommen, wären nicht Pru und Sal automatisch und stumpfsinnig der Route der vergangenen Jahre gefolgt. Sie ernteten Weizen, stampften und schälten das Korn, backten die harten Fladen; sie jagten Kaninchen und Rehwild, aßen, tranken und schliefen. Schließlich erreichten sie wieder die Neue See und die zerstörte Straße; und dort mischten sich Monkeys triumphierend herausgebrüllte Worte mit dem Geschrei der Vögel und verloren sich im Rauschen des Meeres. ›Obwohl wir selbst und unsere Kinder die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die unserem Lande zugute kommen sollten, außer Acht gelassen haben…‹
Wie das Wunder geschehen war, wird sich niemals vollends ergründen lassen. Die Leistung war vergleichbar mit dem ersten Gebrauch des Feuers oder der Erfindung des Rades; aber das erfuhr Monkey nie. Mit Sicherheit half ihm die Fähigkeit, Landkarten zu lesen bei seinen ersten Schritten. Daß die Bücher eine besondere Art von Karten darstellten, war ihm immer klar gewesen; nur was sie bedeuteten, konnte er sich nicht erklären. Es war ein sehr mühsamer, langwieriger Prozeß. »Baum«, zum Beispiel, war nicht allzu schwer, aber »Eiche«, »Esche« und »Weißdorn« verwirrten ihn über mehrere Monate. Die Kombination »grüner Baum« bereitete ihm ebenfalls lange Zeit große Schwierigkeiten, die er aber schließlich bewältigte. Die Geräusche, die er zuerst herausbrachte, wenn er versuchte, die Buchstaben auszusprechen, waren weniger verständlich als die Äußerungen von Pru und Sal. Er mußte Geduld haben; Geduld und einen unverwüstlichen, zähen Arbeitswillen. Das, was er im Laufe der Zeit las und verstand, verwirrte ihn sehr; denn trotz Shakespeare traf er keine großen Könige, trotz Kipling sah er keine Schiffe. Es war nicht auszuschließen, daß Gott am Anfang den Himmel und die Erde erschaffen hatte; aber Gott schien nicht mehr länger aktiv zu sein. Keine Geister auf Distelzweigen wie bei Tennyson; und obwohl Keats’ Nachtigallen noch sangen, stand es außer Zweifel, daß Ruth nicht mehr umherwanderte. Monkey befiel erneut Mutlosigkeit. Alle seine Bücher hatte er mittlerweile von vorn bis hinten durchgelesen; und trotzdem schien ihm die Einsicht, das wirkliche Verstehen, so weit entfernt wie eh und je. Pru und Sal trabten wie gewohnt voran; die Sonne ging auf und unter, es gab Regen, Wind, Nebel und Schnee. Das Meer schäumte und brodelte; aber Monkeys Geist blieb eingeengt. In keinem der Bücher hatte er eine Beschreibung gefunden, die auch nur entfernt dem Planwagen
oder ihm oder Pru und Sal glich. Die Dinge jedoch, mit denen sich die Bücher mit Vorliebe zu beschäftigen schienen – Armeen und Legionen, Maler und Dichter, Königinnen und Könige –, existierten nicht mehr. Monkey lag da und grübelte. Irgend etwas sehr Wichtiges mußte ihm bisher entgangen sein. Die Bücher präsentierten eine unerreichbare, aber sehr verlockende Welt. Auch die Landkarten hatten ihm zunächst eine Welt gezeigt, die er nicht verstand, und die jetzt vor ihm lag. Er runzelte die Stirn und dachte nach. Dann holte er, zum ersten Mal seit Monaten, die Karten hervor und betrachtete die Punkte, an denen die Straßen zusammenliefen, die eigenartigen Dschungel, die er bisher nicht hatte erforschen können. Nun war ihm klar, was sie bedeuteten. Es waren Städte; ihre Namen waren klar und deutlich zu lesen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Vielleicht existierten all die wunderbaren Dinge, von denen er gelesen hatte – die Schiffe und Könige, die Burgen und Schlösser und Menschen – doch noch? Vielleicht hatten sie die ganze Zeit in den nie von ihm besuchten Städten auf ihn gewartet? In dieser Nacht konnte er vor Unruhe und Erregung nicht einschlafen. Wunderbare Vorstellungen taten sich vor ihm auf; und als er schließlich eindöste, hatte er einen herrlichen Traum. Er konnte sich selbst beobachten, wie er in dem Planwagen eine große breite Prachtstraße entlangfuhr. Zu beiden Seiten erhoben sich Türme und Dächer, die in ein goldenes Licht getaucht schienen. Und überall war die Straße von rufenden und winkenden Menschen gesäumt; es war, als ob all die Menschen aus den Büchern zusammengekommen wären, um ihn zu begrüßen; er war umgeben von Händen und Augen, von Lachen und Trubel, von Stimmen und der Wärme, die er bisher so selten gespürt hatte. Er richtete sich auf und spähte durch eins der Gucklöcher nach draußen. Es begann gerade zu dämmern; über ihm
zwitscherte ein Vogel. Monkeys Triumphschrei verjagte ihn von dem Ast, auf dem er gesessen hatte. »Auf nach Salisbury!« rief er dem schlafenden Land zu. Das einmal gefaßte Vorhaben war für ihn unwiderruflich; zunächst jedoch sah es so aus, als wären die praktischen Schwierigkeiten nicht zu überwinden. Bei all ihrem sonstigen Gehorsam streikten Pru und Sal an einem bestimmten Punkt; weder Drohungen noch gutes Zureden konnten sie dazu bewegen, sich einer Stadt zu nähern. Monkey versuchte es noch mehrere Male – stets mit dem gleichen Ergebnis. Je näher sie einer Stadt kamen, desto langsamer bewegten sie sich vorwärts, bis sie ganz stehenblieben oder sich aufbäumten wie erschrecktes Wild. Monkey sah sich am Ende gezwungen, den Tatsachen ins Auge zu sehen; er mußte es auf eigene Faust versuchen. Mehrere Tage lang lag er da und brütete über dem Problem. Dann endlich kam er zu einer Entscheidung, und er begann zu arbeiten. Sein Vorhaben – eine Veränderung am Planwagen – kam ihm zuerst frevelhaft vor. Aber nach einer Weile überwand er seine Skrupel. Heimlich im Dunkeln ausgeführte Messungen versicherten ihn der Praktikabilität seines Planes. Mit großer Sorgfalt malte er zwei Kreise auf die Seitenwände des Wagens. Dann bohrte er ein halbes Dutzend Löcher nebeneinander in eine der Kreislinien, bis er schließlich seine kleine Säge in dem so entstandenen Schlitz ansetzen konnte. Das Ganze erwies sich als sehr langwierig und aufreibend; er bekam Blasen an den Händen, aber er ertrug den Schmerz und arbeitete verbissen weiter. Dann endlich hatte er es geschafft. Die ausgesägte Holzscheibe fiel heraus, und dahinter, nur wenige Zentimeter entfernt, drehte sich das eine der Räder des Planwagens.
Er starrte eine Zeitlang, fasziniert von dem ungewohnten Anblick; dann machte er sich auf der anderen Seite ans Werk. Diesmal ging es schneller als beim ersten Mal, weil hier das Holz schon teilweise morsch war und sich deshalb leichter sägen ließ. Durch die neuen Löcher wurde es im Planwagen zugiger und feuchter, aber Monkey war zufrieden. Diesen kleinen Nachteil nahm er gern auf sich. Die nun folgende Phase des Plans war noch schwieriger. Unter Einsatz all seiner Überredungskunst lenkte er Pru und Sal auf die Stadt seiner Wahl zu. Er hatte sie hauptsächlich wegen ihrer Lage in einer flachen Umgebung ausgesucht; dies erschien ihm wichtig für das Gelingen seines Vorhabens. Die letzte Phase der Annäherung war am riskantesten. Pru und Sal stampften unruhig und zitterten; der kleinste Fehler konnte sie wieder durchgehen lassen, und dann wäre alles vergebens gewesen. Als es offensichtlich wurde, daß sie sich nicht mehr weiter vorwagen würden, ließ Monkey sie in einem Dickicht an der Straße Rast machen für die Nacht. Er lag mit klopfendem Herzen da und wartete auf die Dunkelheit und auf den Beginn seines größten Abenteuers. Das Warten kam ihm endlos vor, aber schließlich verblaßte das Licht am Himmel. Nach einer weiteren Stunde ging der Mond auf und erleuchtete die Landschaft wieder. Sehr vorsichtig richtete Monkey sich auf. Er hatte am Tag zuvor die Federn und Achsen eingefettet, so daß er sich nicht durch ihr Quietschen verraten konnte. Er tastete sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Ganz aufgerichtet war er kaum größer als dreißig Zentimeter, aber seine Arme hatten eine geradezu unnatürliche Länge. Wenn er sich vorn in dem Planwagen hinhockte, konnte er ohne Schwierigkeiten mit seinen großen rauhen Händen durch die neuen Löcher hindurch die Radfelgen fassen.
Er schob ein wenig. Zu seinem Entzücken bewegte sich der Planwagen ein Stück vorwärts. Pru und Sal schliefen fest. Ein weiterer Stoß, und der Wagen war auf die Straße gerollt. Ohne einen Blick zurück, machte sich Monkey daran, sein klobiges Gefährt auf die Stadt zuzulenken. Eine Stunde später war er schweißgebadet und keuchte, und seine Muskeln schienen zu brennen. Seine Hände bluteten; er mußte anhalten und seine Fäuste mit Lumpen verbinden. Aber er war gut vorangekommen. Durch das Guckloch sah er das Gebüsch, in dem Pru und Sal noch immer lagen, nur noch als einen undeutlichen Fleck am Horizont. Von ihm nicht mehr weit entfernt, lag das Ziel seiner Träume. Gegen Morgen rollte der Planwagen auf einer ebenen, gepflasterten Straße dahin. Zu beiden Seiten erhoben sich, grau und staubig, die Überreste von Gebäuden. Dazwischen wuchsen Gras und Büsche, und hier und dort verkrüppelte, krank aussehende Bäume. Der Anblick erschreckte und faszinierte Monkey gleichzeitig. Ängstlich hielt er nach Lebenszeichen Ausschau, aber über der riesigen verwüsteten Fläche lag ein tiefes Schweigen; nicht einmal ein Vogel sang. Die aufgehende Sonne blendete Monkeys ohnehin schwache Augen, und so erkannte er das zunehmende Gefälle der Straße nicht. Der Planwagen ließ sich ohne große Anstrengung vorwärts bewegen und wurde allmählich immer schneller. Als er die Situation endlich durchschaute, war es zu spät. Monkey schrie verzweifelt auf, versuchte die Felgen zu umklammern; aber die Stoffetzen lösten sich von seinen Händen – er kreischte vor Schmerz, ließ los, und der Planwagen geriet außer Kontrolle. Das Rattern der Räder schwoll zu einem Dröhnen an; Monkey wurde hin- und hergeschleudert; und mit einem jähen Ruck kam der Wagen plötzlich zum Stillstand. Monkey flog in einem hohen Bogen durch die Luft, prallte
krachend auf dem Boden auf, und dann wurde es Nacht um ihn. Nach einer geraumen Weile kam er langsam wieder zu sich. Zunächst wußte er nicht, wo er war; dann erinnerte er sich und war von panischem Schrecken erfüllt. Die Sonne brannte auf ihn nieder; hinter ihm, weit entfernt, steckte der Planwagen in einem Geröllhaufen, wie ein gestrandetes Schiff. Blinde Panik brachte Monkey auf die Beine. Er schwankte, tat die ersten drei Schritte seines Lebens, stolperte und fiel. Er kroch den Rest des Weges, zerkratzte sich an der rauhen Oberfläche der Straße die Knie; als er endlich den Planwagen erreichte, kam er langsam wieder zur Besinnung. Ein Schwindelanfall kam und verging. Monkey lag da und keuchte, während er die bedrohliche Verlassenheit um sich herum wahrnahm. Von seinem niedrigen Standpunkt aus konnte er nicht viel mehr sehen als den unteren Teil der verfallenen Mauern. Er hob den Kopf, kniff die Augen zusammen; aber in seinem Schädel drehte sich wieder alles, und er konnte nichts genau erkennen. Er lag still und versuchte, seine Kräfte zu sammeln; unter großer Anstrengung erhob er sich schließlich. Der Planwagen schien unversehrt zu sein; der Aufprall hatte lediglich die Kästen und ihren Inhalt durcheinandergeworfen. Überall lagen Bücher, Decken und Lebensmittel herum. Monkey fand ein paar Lumpen und eine unzerbrochene Wasserflasche, zog sie heraus und ließ sich keuchend in den Schatten zurückfallen. Obwohl das Wasser lauwarm war, belebte es ihn. Er band die Stoffetzen so fest wie möglich um seine zerrissenen Hände. Nachdem er sich eine Stunde lang ausgeruht hatte, begann er schmerzerfüllt und langsam von dem Planwagen weg auf die verwüstete Stadt zuzukriechen.
Mehrere Stunden später hätte ein Beobachter an der Straße einen merkwürdigen Anblick gehabt. Die Nacht war stockfinster; weder Mond noch Sterne waren zu sehen; trotzdem war die Straße nicht dunkel. Ein bläulicher Schimmer erhellte sie, der aus den verfallenen Gebäuden zu kommen schien. Auf der Straße bewegte sich ein kleiner hölzerner Planwagen langsam und auf seltsame Weise vorwärts. Aus einem Loch in der hinteren Wand des Fahrzeugs kamen zwei lange, glatte Stangen. Abwechselnd stießen sie sich gegen den Boden ab, während von drinnen ein angestrengtes Schnaufen und Keuchen zu vernehmen war. Von Zeit zu Zeit blieb der Wagen eine Weile stehen, als ob sein Insasse sehr, sehr müde wäre. Aber die Arbeit wurde immer wieder aufgenommen, und schließlich wurde die Steigung allmählich schwächer. Pru und Sal warteten am Rande der Straße. Zuerst standen sie fluchtbereit da, während der Planwagen sich auf sie zubewegte. Monkeys Zurufe jedoch beruhigten sie. Sein Gesicht war geschwärzt, und seine Arme endeten in dunkelroten Stoffklumpen; aber es war eindeutig und unwiderruflich Monkey, der sie begrüßte. Sie eilten dem Planwagen entgegen, spannten sich davor und flohen, bergauf und bergab, weg von der bedrohlichen, schimmernden Stadt; und während sie trabten, ergötzte sie Monkey mit den Nachrichten, die er mitgebracht hatte. ,Von den Teilnehmern direkt gewählte Ferngespräche werden in der Zentrale mit denselben Zählern registriert wie Ortsgespräche’, las er triumphierend vor. ,Diese Zähler sind absolut zuverlässig und werden regelmäßig überprüft.’ Er ließ die Broschüre fallen, ergriff eine zweite. ,So kümmern Sie sich richtig um Ihr neues Haus’, rief er. Hähne, Ventile, Abflußrinnen…’ Pru und Sal stießen schrille Schreie aus, aber Monkeys donnernde Stimme übertönte sie. ,Was bedeutet
Schrumpfung?’ grölte er. ,Ist Unvollkommenheit eine Schwäche?’ Der Planwagen neigte sich zur Seite, streifte einen Stein, richtete sich wieder auf. Monkey blätterte fieberhaft. ,Dies sind Ihre Dienstleistungsbetriebe’, trug er vor. ,Wasserwerk, Gaswerk, Elektrizitätswerk!’ Er nahm ein weiteres Papier zur Hand. ,Ich wollte ein Star sein’, brüllte er. Der Planwagen fuhr langsamer, als er zu einer grasbewachsenen Straße kam, die durch einen buntgefleckten Wald führte. Monkey fühlte sich plötzlich nicht mehr gut. Er würgte und versuchte, den anschwellenden Schmerz zu bekämpfen. ,Ein Lebewohl dem Bikinimädchen von 1975’, sagte er traurig. ,Im nächsten Jahr wird Verhüllung das Motto sein.’ Der Schmerz zentrierte sich in seiner Kehle; Monkey würgte. Der Schleim war rot und hell, lief ihm am Kinn herunter. Er stöhnte. Der zweite Anfall war schlimmer als der erste. Er spuckte in seine Hände und begann zu kreischen. Nun wurden Pru und Sal aufmerksam. Sie beugten sich über den Rand, starrten ihn an und murmelten besorgt. Und Monkeys Wangen fielen ihm aus dem Gesicht und lagen wie helle Blütenblätter auf dem Boden. Plötzlich war das rote Wesen, das sich dort wand und krümmte, für Pru und Sal nicht mehr Monkey, sondern ein Fremder, der an Monkeys Stelle getreten war. Sie packten ihn, brüllend vor Wut, und schleuderten ihn zu Boden. Immer noch stöhnte und schrie das Wesen. Pru und Sal stampften und bäumten sich auf. Schließlich verstummten die Geräusche, und das Ding lag still. Kopflos flohen Pru und Sal, den leeren Planwagen hinter sich herziehend. Als sie fort waren, herrschte Stille auf der Straße. Der Tag war warm und ruhig. Fliegen summten in der Nachmittagsluft. Gegen Abend fand ein wildes Tier auf dem Weg etwas zu fressen. Nachdem es eine Weile dagesessen und
gekaut hatte, zog es sich in seine Höhle zurück; dort säuberte es sein Fell, wusch sich die Schnauze und die Pfoten, und starb. Wolken zogen am gelblich-grauen Abendhimmel auf. Die ersten Regentropfen fielen dick und schwer durch das Blattwerk der Bäume; dann brach der Sturm los. Nach einiger Zeit zog er weiter nach Osten und ließ auf der saubergewaschenen Straße den Duft von nasser Erde und grünen Blättern zurück.
Stan ist verzweifelt. Er weiß nun sicher, daß das Land leer ist; er hat es selbst gesehen; und sie ist für immer fort. Er hat das Gefühl, an allem schuld zu sein. Wenn er nie hinuntergefahren wäre, nie gedacht hätte… was er dachte, dann wäre vielleicht gar nichts passiert. Keine Bomben, überhaupt nichts. Wenn er das doch nur gewußt hätte, wenn er es rechtzeitig erkannt hätte! Er hätte alles dafür gegeben, die Pistole, den Champ, alles; er hätte mit sich zufrieden sein können und glücklich, daß sie glücklich war, wenn auch nicht mit ihm. Er möchte gern weinen, aber seine Augen sind so verklebt, daß er sie kaum öffnen kann. Er reibt sie sich mit den Fingern. Der Raum ist noch immer der gleiche; auf dem großen Packkorb stehen Plastiktassen und -teller und der Kocher, und seine Sachen liegen verstreut herum. Alles ist in ein bläuliches, trübes Licht getaucht; es muß entweder Morgen- oder Abenddämmerung sein. Aber das Schauen strengt ihn an; nach kurzer Zeit schließen sich seine Augen von selbst. Aber was ist das? Ist es möglich? Plötzlich vernimmt er neue Geräusche. Viele Geräusche. Die Dunkelheit verschwindet, und er ist erstaunt. Plötzlich sieht er ganze Wälder vor sich; und auch Menschen. Reale Menschen, Männer und Frauen.
Von Palisaden geschützte Dörfer; Getreidefelder, grasendes Vieh, Karren auf weißen, staubigen Straßen. Er denkt an all das, was er verpaßt hat; er kann sich solche Unaufmerksamkeit, solche Undankbarkeit, nicht mehr leisten. Er bereut, jemals an Selbstmord gedacht zu haben. Sein Blick ändert sich. Er sieht einen Berg, einen besonderen Berg, auf dem ein Mädchen liegt. Er scheint näher heranzugehen. Er erkennt einzelne Büsche, sogar Grashalme; dann stockt ihm der Atem. Er kann es nicht glauben, aber er kann sie auch nicht verwechseln. Sein Gebet ist erhört worden. Es gibt einen Gott; und er ist weise und gerecht!
VIER DAS HAUS DES GOTTES
I Wenn Sie ausgestreckt auf dem Gras gelegen hätten wie Mata, und Ihr Ohr an den Boden gepreßt hätten, dann hätten auch Sie, weit entfernt, das rhythmische Stampfen vieler Füße hören können. Wenn Sie den Kopf erhoben hätten, wie sie nun den ihren hob, dann hätten Sie das Rollen und Schlagen von Trommeln im Frühlingswind vernommen. Seit dem Morgengrauen bewegte sich die Große Prozession langsam auf dem Weg vom Meer entlang; jetzt war sie fast hier. Sie richtete sich auf und strich sich die schwarze Haarsträhne aus den Augen; ein dunkeläugiges, braunhäutiges Mädchen von ungefähr dreizehn Sommern. Ihr einziges Kleidungsstück, eine weiche Rehhaut, ließ ihre Arme und Beine unbedeckt; um die Taille trug sie einen Lederriemen, an dem ein kleines Messer in einer bemalten hölzernen Scheide hing. Um den Hals trug sie ein Amulett aus glänzenden roten und schwarzen Steinen; denn Mata war die Tochter eines Häuptlings. Das Tal, über dem sie lag, öffnete seine grünen Flächen zur See hin. Hinter ihr, auf einer Anhöhe, lag ein Dorf mit schilfbedeckten Lehmhütten, umgeben von einer Palisade aus spitz zulaufenden Baumstämmen. Vor ihr zeichnete sich der Heilige Berg scharfkantig gegen den Himmel ab; er war das Ziel der Prozession. Dort hatten die Riesen einst gelebt, lange bevor es Menschen gab; und dort hatten sie eine große Halle errichtet. Um die Spitze des Berges lag noch immer ein Kreis von Steinklötzen, halb begraben unter den Büschen und
Gräsern, die sich im Laufe der Jahre dort angesiedelt hatten; niemand außer den Dorfpriestern wagte sich zur Bergspitze hinauf. Die Riesen waren allmächtig gewesen, und auch ihre Geister waren stark und gefährlich. Als kleines Kind hatte Mata einmal begonnen, den steilen Hang des Berges hinaufzuklettern zu der Stelle, wo Cha’Acta, der Oberpriester, seine Ziegen züchtete; aber der Wind hatte das lange gelbe Gras umgebogen, die Büsche hatten ihre ringerartigen Zweige nach ihr ausgestreckt, und sie war in panischem Schrecken geflohen. Sie hatte niemandem davon erzählt, sich seit diesem Tag aber auch der verbotenen Bergspitze nie wieder genähert. Das Schlagen der Trommeln wurde plötzlich sehr laut. Die Spitze der Prozession war beinahe an der großen Kreidespalte angelangt; jeden Moment mußte sie nun in Sicht kommen. Mata sah zum Dorf hinüber und biß sich auf die Lippe. Die Kinder, die man unter ihre Obhut gestellt hatte, waren in der Familienhütte sich selbst überlassen; Häuptlingstochter oder nicht, sie würde sicher Schläge ernten, wenn man sie hier entdeckte. Ein Brombeerstrauch in der Nähe bot ihr Schutz. Vorsichtig kroch sie zu ihm hin; ihre Augen wanderten unwillentlich zum Heiligen Berg zurück. An seiner höchsten Stelle erhob sich klar und deutlich im gleißenden Sonnenlicht das längliche Dach des Gotteshauses; es war schilfgedeckt, hatte kahle, weiße Wände und einen niedrigen Türeingang, der wie ein wachendes dunkles Auge aussah. Über dem Eingang, auf den Giebelspitzen, steckten fantastische Gebilde aus Binsengeflecht – die Feldgeister, die das Haus des Gottes schützen sollten. Mata zitterte, teils aus Furcht und teils aus einem anderen, weniger einfach bestimmbaren Gefühl heraus. Ihr Blick wanderte wieder über das Gras zurück.
Ihr Herz klopfte plötzlich schneller. Soeben war die Prozession in Sicht gekommen. Sie sah die gelben Hörner und die schwingenden Peitschen der Korngeister, die von allen Geistern am meisten gefürchtet waren; hinter ihnen erschienen die leuchtenden, prächtigen Kleider der Priester, unter ihnen auch Cha’Acta mit seiner grünen, fantastischen Maske. Es folgten die Zimbelspieler und Trommler und die Hornmänner in ihren Narrenkleidern; und schließlich die singende und stampfende Masse des Volkes, die aussah wie ein braunschwarzer Tausendfüßler. Aber diesem Teil des Zuges schenkte sie kaum Beachtung; ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Spitze der Prozession. Sie kroch wieder etwas vor. Jetzt konnte sie Choele genau erkennen. Wie schlank sie aussah, wie weiß sich ihr Körper gegen das Gras abhob! Wie steif sie einherschritt! Ihr langes, wallendes Haar war so golden wie das von Mata dunkel war; man hatte es mit Kränzen aus Blättern und den ersten Blumen geschmückt. Sie hielt den Kopf hoch erhoben, die Arme vor der Brust gekreuzt; und sie war nackt, vollkommen nackt. Die Prozession kam näher. Die Korngeister rannten und sprangen von einer Seite zur anderen, schlugen mit ihren Peitschen auf die Büsche und das tote Gras ein; die Tiertänzer stolzierten einher, und ihre Geweihe glitzerten in der Sonne. Mata kroch hastig in den Schutz der Büsche zurück und beobachtete durch die Zweige, wie Choele die Menschenmasse anführte, ohne irgend etwas um sich herum wahrzunehmen. Ihre stolze Gestalt verschwand zwischen den Büschen und den niedrigen Bäumen am Fuße des Heiligen Berges. Das Volk folgte ihr übermütig; die Trommeln schlugen immer lauter; dann fiel plötzlich eine eisige und vollkommene Stille über das Gras. Mata kniff die Augen zusammen und sah die kleine Figur ihrer Freundin an dem Fußweg haltmachen, der zum Berg hinaufführte. Einen Moment lang sah es so aus, als ob
Choele umkehren wollte; aber dann schritt sie entschlossen weiter und verschwand zwischen den Felsbrocken. Schon begannen die ersten Leute, sich vom Zug zu lösen und sich auf den Rückweg zu machen. Mata erhob sich widerwillig. Ihr Vater würde hungrig sein; ebenso wie das ganze Dorf hatte auch er seit dem Morgengrauen gefastet. Sie erinnerte sich an die vernachlässigten Töpfe über dem Feuer, in denen die Suppe brodelte, und ging schneller. Am Palisadentor blieb sie stehen und blickte zurück. Einige Leute kamen bereits den Abhang hinauf; andere standen noch immer unten und starrten auf den Heiligen Berg. Die Priester in ihren prächtigen Kleidern drängten sich auf dem Fußweg. Von ihrem erhöhten Standpunkt konnte Mata das Gotteshaus mit seinem langgezogenen graugrünen Dach deutlich erkennen; sie sah die kleine Gestalt vor dem Eingang haltmachen und dann, schnell und still wie eine Motte, hineinschlüpfen. Einen Herzschlag später vernahm sie den jubelnden Schrei des Volkes. Wieder einmal hatte die Gottesbraut das Haus des Herrn betreten. Mata rannte zu ihrer Hütte, ohne die harte Oberfläche der Straße unter ihren Füßen zu spüren. Das Feuer war heruntergebrannt; sie blies und keuchte, legte getrocknetes Gras und Zweige auf die glühende Asche; und für eine kürze Zeit vergaß sie, was sie gesehen hatte. Spät in der Nacht begann das Schlagen der Trommeln wieder. Große Feuer brannten auf dem Platz vor der Versammlungshütte; Jungen und Männer liefen buntbemalt und maskiert durch das Dorf; Mädchen bewegten sich zum schleppenden, einschläfernden Rhythmus eines Tanzes. Auf den Palisaden und den Wachtürmen brannten flackernde Fackeln. Alte Männer und Frauen schleppten ununterbrochen Fässer mit dunklem Getreidebier heran. Die Kinder schliefen schon, trotz des Lärms; nur Mata lag mit weit geöffneten
Augen wach und starrte gedankenverloren durch die Türöffnung der Hütte auf das Treiben. Jedes Jahr, seit die Berge jung waren und die Riesen dort gelebt hatten, hatte ihr Volk auf diese Weise den Beginn des Frühlings gefeiert. Sie warteten geduldig darauf, daß die eisigen Winterwinde aufhörten zu wehen, daß der Schnee schmolz, daß die Erde sich wieder zeigte. Im Laufe der ersten Monate des Jahres wurde die Sonne ganz allmählich stärker; und allmählich wurden die Bäume und Felder wieder lebendig, die ersten Knospen sprangen auf. Und schließlich – nur Cha’Acta und seine Priester konnten den genauen Zeitpunkt erkennen – war der lange Kampf vorüber, und der Getreidegott, der höchste der Götter, war auferstanden in all seiner Schönheit und Männlichkeit. Dann sagte das Bergvolk ihm Dank, der sowohl Samen als auch Sonnenlicht war, und der auch diesmal zu ihnen gekommen war, um unter ihnen zu leben. Eine Braut wurde für ihn ausgewählt, die mit ihm in dem Gotteshaus leben sollte, solange er wollte. Choele, einen Sommer älter als Mata, war ihre engste Freundin gewesen. Ihre Glieder waren schlank und gerade wie Weideruten, ihr Haar eine duftige Wolke, gelb wie die Sonne. Mehr als ein halbes Jahr zuvor hatte sie dem jüngeren Mädchen anvertraut, daß sie im kommenden Frühling die Braut sein würde. Mata hatte mit den Schultern gezuckt und ihr dunkles Haar zurückgeworfen. Es war nicht gut, leichtsinnig über einen Gott zu sprechen; und besonders nicht über den großen Getreidegott, dessen Augen die Bewegungen von Käfern und Mäusen sehen und dessen Ohren das Wispern jedes einzelnen Grashalms hören. Aber Choele war hartnäckig geblieben. »Komm, Mata, und setz’ dich zu mir in den Schatten, und ich werde dir zeigen, woher ich es weiß.«
Mata starrte eine Weile trotzig vor sich hin; aber schließlich besiegte sie die Neugier. Sie kroch neben ihre Freundin, lag schläfrig da und roch den süßen Duft des langen Grases in der Sonne. Die Ziegen, die sie hüten mußten, grasten friedlich auf der Weide vor ihnen. Mata sagte: »Es ist nicht klug, solche Dinge zu sagen, Choele, nicht einmal zu mir. Der Gott könnte dich hören und dich bestrafen.« Choele lachte. »Er wird mich nicht bestrafen«, sagte sie. Sie hatte die Bänder gelöst, die ihr Kleid oben zusammenhielten; geheimnisvoll lächelnd lag sie da und schob den dünnen Stoff vor und zurück. »Schau, Mata, ich bin gewachsen«, sagte sie. »Leg’ deine Finger hierher und fühle mich. Ich bin fast schon eine Frau.« Mata sagte abweisend: »Ich will nicht.« Sie ließ sich auf den Rücken rollen und spürte die Sonne heiß auf ihren geschlossenen Lidern; aber Choele gab nicht auf, bis sie die Augen öffnete und sah, wie voll und rund ihre Brüste geworden waren. Sie streichelte die Brustwarzen und wunderte sich über ihre Härte; dann zeigte Choele ihr noch etwas anderes, und obwohl sie im Dunkeln spielte, bis sie schweißüberströmt war, konnte sie es nicht nachmachen. Zum Schluß weinte sie verzweifelt, weil Choele die Wahrheit gesprochen hatte; bald würde sie von ihr fortgehen, und sie würde allein zurückbleiben. Ein Jahr lang lebte die Braut mit dem Gott; aber keine von ihnen hatte jemals hinterher über das Geheimnis gesprochen, und alle mieden ihre früheren Freundinnen, wenn sie zurückkehrten, und gingen mit niedergeschlagenen Augen umher. »Bei uns wird es nicht so sein«, sagte Choele am nächsten Tag. »Ich werde für eine Weile in dem Gotteshaus leben, aber danach werden wir wieder Freundinnen sein, Mata, und ich werde dir erzählen, wie es ist, von einem Gott geliebt zu
werden. Aber nun komm’ und laß uns spielen; denn ich bin jetzt eine Frau und kenne mehr Wege als zuvor, um dich glücklich zu machen.« Die Trommeln dröhnten immer noch; die Feuer waren mittlerweile heruntergebrannt. Die Getreidegeister waren tot; Cha’Acta hatte sie mit seiner Magie von den Feldern vertrieben; ihre trockenen Hüllen waren schon gemäß dem Ritual verbrannt worden. Im kommenden Winter würden die alten Frauen, die schon viele Prozessionen erlebt hatten, neue Figuren flechten; denn auch im nächsten Jahr würde der Gott eine Braut benötigen. Mata schluckte und verdrängte einen nur halb geformten Gedanken. Sie schlich sich vorsichtig aus der Hütte, um die Kleinen nicht zu wecken. Von dem Platz vor dem Versammlungshaus am anderen Ende des Dorfes ertönten immer noch die Geräusche der Feier; für eine Weile war sie sicher. Sie bewegte sich im Schatten der Hütten voran und vermied sorgfältig den Schein des Feuers. An den Palisaden wurde die Luft merklich kühler. Sie kletterte die rauhen Holzstufen zu einem der Wachtürme hinauf. Es war niemand dort, wie sie erwartet hatte. Sie stand leicht zitternd da und starrte in die Nacht hinaus. Der Mond stand über den Bergen. Darunter, weit entfernt und klein, lag der Heilige Berg in ein silbriges Licht getaucht. Auf seiner Spitze stand das Gotteshaus. Es lag still und scheinbar verlassen da; aber Mata wußte, daß der Eindruck falsch war. Ihr Geist verließ ihren Körper und schwebte schwerelos über der mondbeschienenen Landschaft. Dann schien er sich für einen Moment lang mit Choele zu vereinen, die wartend auf dem großen Reisigbett lag. Sie hörte eine Maus über den Boden huschen und dachte, es sei das Kratzen des Gottes; ihr wurde schwindelig, so daß sie schwankte und sich am
Geländer des Wachturmes festhalten mußte. Nun war sie wieder zurück in ihrem Körper; und die Angst vor dem Gott ließ sie noch stärker zittern als zuvor. Sie hüllte sich fester in ihr Gewand und schaute schuldbewußt um sich; aber es hatte sie niemand gesehen, weil niemand da war, um Wache zu halten. Sie kauerte noch sehr lange auf ihrem Aussichtspunkt, während die Feuer im Dorf zu Asche niederbrannten und der Mond hinter den Bergen versank. Schließlich verschwand das Gotteshaus in der Dunkelheit, und sie machte sich auf den Heimweg. Der Gott war auch in diesem Jahr mit seiner Braut zufrieden. Cha’Acta verkündete das vor dem versammelten Volk; und wieder tönten die Hörner, die Trommeln dröhnten, und die Bierfässer wurden angestochen und geleert. Die Sonne wurde jetzt mit jedem Tag merklich stärker, die Tage länger. Eine Welle von grünen Knospen überschwemmte das Land. Die Boote wagten sich weiter aufs Meer hinaus und brachten volle Netze zurück. Die Dorfbewohner, vom Häuptling und den Priestern bis hinunter zu den Holzfällern, sahen wohlgenährt und zufrieden aus. Der Hochsommer kam mit seinen langen blauen Tagen und seiner betäubenden Hitze; und nur Mata trauerte. Manchmal, wenn sie die Ziegen ihres Vaters hütete, flocht sie sich Rosenkränze für ihr Haar; manchmal nahm sie am Spielen und Lachen der anderen Kinder teil; aber immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Haus auf dem Berg zurück, zu Choele und ihrem Herrn. Sie wachte morgens beim ersten Piepen der Vögel auf, noch bevor es hell wurde. Ständig zog sie der Heilige Berg magisch an. Oft saß sie in einer Mulde des grasbewachsenen Hügels und blickte grübelnd auf das lange Dach des Gotteshauses hinab; oder sie lief allein und unbeobachtet zu dem Bach hinunter, der am Fuße des Berges dahinplätscherte. Er war von Bäumen überragt, die das Licht zurückhielten; das Wasser war
klar und kühl. Ihre Füße wühlten gräuliche Wölkchen aus Treibsand auf, die mit der Strömung davontrieben. Die Kälte des Wassers durchdrang zuerst die Unterschenkel und die Knie, dann die Oberschenkel; und wenn sie dann ganz untertauchte, spürte sie sie überall. Manchmal schaute sie, ohne es zu wollen, zu dem bedrohlichen Berg hinauf, und dann zog sie sich hastig ihre noch nassen Kleidungsstücke an und hörte nicht auf zu rennen, bis sie den Hügel erreicht hatte, auf dem das Dorf lag; erst dort wagte sie, sich umzudrehen und auf den Heiligen Berg und das Gotteshaus zu blicken, die nun in sicherer Entfernung lagen. Einmal, als sie dort stand, berührte ein kühler Windhauch ihre heiße Stirn, und sie war sicher, daß es der Gott gewesen war, der an ihr vorbeiging. Ein Glücksgefühl durchströmte sie, und sie breitete überschwenglich die Arme aus. Denn der Gott spricht nur zu den Erwählten. Erfüllt von noch immer nicht akzeptierten Gedanken lief sie ins Dorf zurück.
Wenig später sollte sie ein noch überzeugenderes Zeichen erhalten. Gegen Ende des Sommers wurde sie damit beauftragt, Schilf zu sammeln; die Dorfbewohner brauchten es für die Dächer ihrer eigenen Hütten und für das des Gotteshauses. Das heilige Gebäude war das einzige, das jedes Jahr renoviert wurde. Für sein riesiges Dach waren nur die schönsten und längsten Schilfrohre zu gebrauchen; und so wanderte Mata auf ihrer Suche immer weiter hinaus in der geheimen Hoffnung, daß ihre Ernte das Heim des Gottes schmücken würde, und daß er davon erfahren und erfreut sein würde. Es war ein stiller, heißer Nachmittag. Sie arbeitete im knietiefen Wasser, umgeben von den starken hohen Rohren; was sie mit ihrem scharfen, sichelförmigen Messer abgeschnitten hatte, warf sie
auf das Ufer, damit die Bündel in den Karren abtransportiert werden konnten. Mit der Zeit versetzte sie das leuchtende Grün, das sie von allen Seiten umgab, in eine seltsame Stimmung. Es war, als stünde ihr eine bedeutsame Erfahrung bevor, als durchdränge etwas Überirdisches die Hitze des Nachmittags. Die Schilfrohre rieben und scheuerten, das Wasser gurgelte und zischte bei jeder ihrer Bewegungen. Sie ertappte sich dabei, daß sie in ihrer Arbeit innehielt, dastand und wartete, jedoch nicht wußte, worauf. Unbewußt, in einer Art Verzückung, drang sie immer tiefer in den Sumpf vor. Das säuerlich riechende Wasser kühlte ihre Beine; Schlamm umspülte ihre Knöchel. Der Schlamm selbst fühlte sich warm und weich an; sie verspürte den Wunsch, ganz darin zu versinken. Bald schon mußte sie ihren Rock höher ziehen, bis sie ihn schließlich um ihre Taille wand. Sie hatte eigenartige Empfindungen; um sie herum wisperte und rief das magische Schilf; und immer noch zog es sie weiter voran. Ein Windstoß ließ das Schilf um sie herum rauschen; ihre freie Hand war nun unter der Wasseroberfläche; und in ihrer Trance erfuhr sie eine große Wahrheit. Die zahllosen grünen Gräser waren der Körper des Getreidegottes; und sein Körper waren die Gräser. Sie schrie auf; dann schien sich ihr eigener Körper zu öffnen, und sie wußte, daß das große Wunder endlich geschehen war. Sie preßte sich wild gegen die Schilfrohre, und das Leben endete in einem wundervollen Schweben. Die Wirklichkeit kam zurück. Sie öffnete den Mund, um Luft zu holen, und schluckte Wasser. Sie schlug um sich, verspürte einen undeutlichen Schmerz; dann ließ sie ihr Messer fallen und erreichte schließlich das Ufer. Sie taumelte und wankte, klammerte sich fest, rollte auf den Rücken und lag still. Die Sonne stand tief, als sie die Augen öffnete. Zuerst wußte sie nicht, wo sie war, aber dann kam die Erinnerung zurück.
Sie versuchte sich aufzurichten und mußte gegen eine Welle von Übelkeit ankämpfen. Irgendwo waren Stimmen zu hören. Am Flußufer bewegte sich ein Karren entlang, gezogen von einem Ochsen. Ein Mann sammelte die Schilfbündel auf und türmte sie auf den beladenen Karren. Ihre Brust fühlte sich wund an und schmerzte. Sie sah an sich herunter. Das Kleid klebte an ihr, dunkelrot gefärbt; der Rest ihres Körpers war von Schlamm überzogen, und unbedeckt. Die Schilfsammler hatten sie gesehen. Eine Weile standen sie wie erstarrt da, dann kamen sie vorsichtig heran. Einer von ihnen sagte mit leiser Stimme: »Es ist die Tochter des Häuptlings. Sie sollte Schilf schneiden.« Sie lachte höhnisch und sagte: »Ich habe mehr geerntet als Schilf. Der Gott ist zu mir gekommen, und er war sehr leidenschaftlich.« Erschöpft ließ sie sich zurücksinken und beobachtete, wie die Männer näherkamen. Sie zupften unbeholfen an ihrem Kleid herum, bis sich der Stoff endlich löste. Und die Dorfbewohner wichen erschreckt zurück. Über ihre Brust liefen tiefe, gebogene Schnitte; das Mal, das ihr der Korngott mit seinen Fingernägeln gegeben hatte. Die Wunden heilten schnell; aber die geistige Verwirrung, die der Besuch des Gottes ausgelöst hatte, hielt länger an. Viele Tage lang lag Mata in der Familienhütte, ohne sich zu bewegen; sie aß und trank kaum. Draußen schien währenddessen das gesamte Dorf zu warten. Gleichzeitig wurden von überall Wunder berichtet. Magan, Matas Vater, sah mit eigenen Augen, wie sich eine riesige Wolke über dem Gotteshaus bildete, eine Wolke, die die unheilvolle Form einer Klaue annahm; die Sümpfe erglühten nachts in einem gespenstischen Licht, und ein Rascheln und Seufzen in der Luft deutete die Gegenwart von Geistern an. Schließlich kam Cha’Acta, begleitet von drei Priestern; er trug seine Amtskleider, die mit dem grünen Speer des
Getreidegottes verziert waren. Mata kroch in die äußerste Ecke des Bettes, als sie ihn eintreten sah. Nie zuvor hatte Cha’Acta ihr Beachtung geschenkt; jetzt wirkte er sehr groß und furchterregend. Lampen wurden herbeigebracht, die anderen Kinder verscheucht; und der Hohe Priester begann mit seinem Verhör. Die Wunden wurden eingehend untersucht; dann berichtete Mata ihr Erlebnis mit aufgerissenen Augen und zitternder Stimme. Cha’Actas hageres Gesicht blieb unbewegt; die dunklen Augen beobachteten sie, während sie sprach. Aber als er ging, konnte niemand sagen, zu welchem Ergebnis er gekommen war oder was er gedacht hatte. Später sandte er Geschenke zu der Hütte; frische Milch und Eier und Früchte, ein Gewand, das das von dem Gott verdorbene ersetzen sollte. Wahrscheinlich wußten alle, was das Zeichen bedeutete; nur Mata schien es nicht glauben zu können. Sie lag lange wach und starrte in die Dunkelheit, den weichen Stoff an die Brust gepreßt; aber noch immer wehrte sie sich innerlich gegen den Gedanken. Der Herbst war vergangen, bevor sie ihre Kräfte wiedererlangte; die Ernte war eingebracht, das Vieh in die Verschläge getrieben. Viele Augen folgten ihr, als sie die Dorfstraße entlangschritt, fest in den Mantel gehüllt, um sich gegen den eisigen Wind zu schützen. Sie hielt den Kopf hoch erhoben, ohne nach links oder rechts zu sehen. Sie kletterte zu einem der Wachtürme hinauf und starrte auf das Gotteshaus hinunter. Wolkenfetzen jagten über den Himmel, und die Berge warteten verlassen und öde auf den nahenden Winter. Normalerweise war das Gotteshaus lange vor dieser Zeit leer. Aber Cha’Acta schwieg, und Choele erschien nicht. Das Dorf wurde allmählich unruhig, bis eines Tages die Nachricht kam, daß der Getreidegott sein Heim für dieses Jahr verlassen hatte. Die Männer des Dorfes hasteten den Heiligen Berg hinauf,
beladen mit langen, grauen Schilfbündeln. Sie erneuerten das Dach, besserten die Wände des Gotteshauses aus und strichen sie weiß an, stampften den Boden fest und fegten ihn. Mata, die nur noch selten Hausarbeit tun mußte, beobachtete die Vorgänge vom Schutzwall des Dorfes aus. Sie sah, wie die Feldgeister durch die Straßen getragen und auf den Giebel gehoben wurden; zwei Tage später schritt Choele durch das Dorf. Freudig lief sie ihr entgegen; aber zehn Schritte entfernt stockte sie. Das Gesicht ihrer Freundin war weiß und alt, die Augen von dunklen Rändern umgeben und leblos. Und Mata wußte, daß trotz Choeles Versprechen das Geheimnis zwischen sie getreten war, undurchdringlich wie eine Wand. Verzweifelt lief sie zur Hütte ihres Vaters. Dort lag sie lange Zeit auf ihrem Lager und weinte bitterlich; dann erhob sie sich, trocknete ihr Gesicht und machte sich an die Hausarbeit. Sie hatte eine Entscheidung getroffen. Im nächsten Jahr würde sie, Mata, die Getreidekönigin sein. Danach, wenn auch sie das Geheimnis kannte, würde sie zu Choele gehen, und alles würde wieder so sein wie früher. In den folgenden Tagen wurde sie sehr häufig im Dorf gesehen. Bewußt oder unbewußt legte sie es darauf an, Cha’Acta zu begegnen. Immer bewegte sie sich mit schicklicher Bescheidenheit; aber ihre niedergeschlagenen Augen verpaßten nichts. Manchmal war der Oberpriester in ein Gespräch vertieft und schien sie nicht zu bemerken; manchmal drehte er sich nach ihr um, und Mata fühlte den starren, undurchdringlichen Blick in ihrem Nacken. Eines Nachts ließ sie ihr Vater holen. Er saß in dem Versammlungshaus, einen Krug Getreidebier vor sich. Cha’Acta, die Dorfältesten und die Priester waren ebenfalls anwesend. Mata stand mit gesenktem Kopf im trüben Schein der Fackeln, während ihr Vater, scheinbar traurig, die
unglaublichen Worte aussprach; als sie das Haus verließ, war es, als hätte sie keinen Boden unter den Füßen. Sie, die Auserwählte, schien bereits weit entfernt zu sein von der normalen Welt. Die ganze Nacht hindurch lag sie schlaflos da, starrte in die glühende Asche, hörte dem Atmen ihrer Schwestern und dem Schnarchen ihrer Mutter zu. Jedesmal, wenn sie daran dachte, was ihr bevorstand, begann ihr Herz wild zu pochen. Endlich brach trübe und grau der Morgen an; sie erhob sich, zog sich an und ging zu einer Hütte am Rand des Dorfes. Hier lebte Meril, die alte Frau, die die Bräute des Gottes unterwies. Einen Monat lang blieb Mata bei der Alten, und sie lernte viele, keinesfalls ausschließlich angenehme Dinge. Choele hatte damals in den Bergen oft Ähnliches mit ihr getan. Aber Choeles Finger waren braun gewesen, und süß wie Honig; die von Meril dagegen waren alt und knorpelig und rochen säuerlich. Mata zitterte und versteifte sich und schwitzte; aber sie ließ es über sich ergehen, Choele und dem Gott zuliebe. Cha’Acta sah sie nun selten. Es war noch viel zu tun; die Saat mußte vorbereitet, Bier gebraut, der Schutzwall ausgebessert werden, und man mußte die Gotteszelte und all das Zubehör für die Große Prozession zusammenstellen. An fast allen Vorbereitungen nahm der Oberpriester regen Anteil. Währenddessen schwollen die Knospen merklich an. Regen fiel und weckte das neue Gras; und schließlich brach die Sonne hervor. Der Himmel war übersät von kleinen weißen Wölkchen; ein warmer Wind wehte, und Mata wußte, daß ihr Warten bald beendet sein würde. Dann ereignete sich das Unglück, völlig unerwartet. Choele wurde vermißt. Mehrere Tage lang durchforschten Gruppen von Männern planlos die Berge und das umliegende Land; dann keuchte eines Morgens ein alter Mann den Hang hinauf und schrie den verschlafenen Wachen unzusammenhängende
Worte zu. In dem Bach am Fuße des Heiligen Berges – der Bach, in dem Mata einst gebadet hatte – trieb ein Bündel von Stoff und Haar; das war alles, was von der Braut des Getreidegottes übriggeblieben war. Das böse Omen löste im Dorf Aufruhr aus. Trommeln dröhnten vor dem Versammlungshaus, in dem Cha’Acta und seine Priester Opfer brachten und beteten, um den offenkundigen Zorn des Gottes zu besänftigen. Jeden Morgen blickten die Männer besorgt zum Himmel hinauf, aber seltsamerweise blieb das Wetter gut. Und so war das Ganze fast schon vergessen, als die Woche der Großen Prozession kam; nur Mata fühlte innerlich eine Leere, die nie wieder gefüllt werden würde. Sie kannte ihre Pflichten bereits, ebenso wie die vielen verschiedenen Wege, einen Gott zufriedenzustellen. Nach Merils rauher Unterweisung hatte Cha’Acta ihr den Rest in seiner monotonen Stimme mitgeteilt. Zwei Tage vor dem großen Ereignis begann sie zu fasten; sie trank nichts als klares Quellwasser, um ihren Körper von aller Schlacke zu befreien. Am Tag vor der Feierlichkeit nahm sie offiziell von ihrer Familie Abschied. Ein mit Bändern geschmückter Wagen wartete auf sie; sie stieg auf und stand hoch aufgerichtet da, während das Gefährt, gezogen von Cha’Actas weißen Ochsen, das Dorf verließ. Die Wächter erhoben ihre Speere und salutierten; und dann lag das Dorf hinter ihr. Jedes Jahr, so lehrte die Litanei, kam der Gott aus dem Süden über das endlose, blaue Meer. In dem kleinen Lager, das die Priester an der Küste errichtet hatten, herrschte bereits ein reges Treiben. Über dem größten der Zelte prangte das lange grüne Wahrzeichen des Gottes. Hier würde Mata die Nacht verbringen. Eine Welle von erregenden Gefühlen durchwogte sie.
Das Zelt war für sie hergerichtet, die Lampen angezündet, der Grasboden mit heiligem Wasser gesprengt. Sie wurde wieder und wieder gebadet; dann lag sie eine Stunde lang geduldig still, während der gerade erst gewachsene Haarflaum an ihrem Körper mit geschärften Muscheln abrasiert wurde. Ihre Brustwarzen wurden leuchtend gefärbt, ihr Haar sorgfältig gekämmt; danach durfte sie endlich allein sein und schlafen. Durch die Vorbereitungen und das Fasten erschöpft, schlief sie tief und fest; am Morgen wurde sie von Meril geweckt. Man reichte ihr ein Gewand, und sie kroch aus dem Zelt. Es dämmerte gerade; das Meer lag kalt und glatt da; ein frischer Wind brachte den rauhen Salzgeruch mit. Die Götterzelte waren dreieckig und schwarz, aus undurchlässigem Filz gemacht. Sie kroch in das erste von ihnen und zitterte, denn wie wußte, was sie erwartete. Auf dem Boden stand eine große Kupferschüssel, in der Holzkohle und die magischen Pflanzensamen schwelten. Der kleine Raum war erfüllt von beißendem, stechendem Qualm; sie hustete, hielt die Luft an und beugte sich über die Schüssel, wie man es sie gelehrt hatte. Im gleichen Moment hörte sie das Zischen des Blasebalgs, mit dem einer der Priester von außen Luft über die Glut blies. Der Rauch versengte ihre Lunge; sie würgte und hätte sich übergeben, wenn ihr Magen nicht leer gewesen wäre. Gehorsam atmete sie ein, schloß ihre tränenden Augen; und nach einer Weile schien der Rauch weniger scharf zu werden. Dann begannen seltsame Dinge zu geschehen; ihr Körper schwebte über dem Boden; die Schüssel und ihr Inhalt schienen sich auszudehnen, bis sie das Gefühl hatte, kopfüber in eine ganze Welt von Feuer zu fallen. Der kleine Innenraum des Zeltes erweiterte sich zu einer endlosen schwarzen Leere, in der Lichter aufblitzten; sie sah Sterne und Mond und Sonnen, Kometen und goldene Früchte. Schließlich wuchs sie
selbst zu einer riesigen Statue. Sie erhob sich langsam und schwankend; sie war bereit. Draußen war es inzwischen heller geworden. Undeutlich spürte sie die Gegenwart von Menschen um sich herum, vernahm den Schrei, als das Gewand von ihr genommen wurde. Ihr Haar wurde mit grünen Kränzen geschmückt; und dann schritt sie auch schon den steinigen Pfad von der Bucht hinauf. Hinter ihr formierte sich die Prozession; Hörner ertönten, die Trommeln begannen zu schlagen. Ihre Ohren registrierten die Geräusche wie durch eine Schicht von Watte. Der warme Wind umhüllte ihren Körper, und sie hatte das Gefühl, schwerelos über dem Boden dahinzuschweben. Die Korngeister knallten mit den Peitschen, die Priester sangen; Cha’Acta, mit der leuchtend grünen Maske vor dem Gesicht, segnete das Land und verstreute Getreidekörner zu beiden Seiten des Weges. Und schon sah sie vor sich die Berge. Zu ihrer Rechten lag das Dorf mit seinem Schutzwall; zu ihrer Linken ragte der Heilige Berg auf. Der Pfad wurde steiler, führte an Choeles Bach vorbei; und dann lag der steinerne Fußweg vor ihr. Sie war noch nie so hoch oben gewesen. Unterbewußt hatte sie sich vorgestellt, daß hier, so nahe dem Haus Gottes, das Gras und die Büsche, ja sogar die Steine anders sein müßten; aber auch in ihrem ekstatischen Zustand schienen sie ihr gleich. Am Ende des Fußweges drehte sie sich um und zeigte sich noch einmal dem Volk. Sie hörte die Schreie, fühlte die Blicke auf ihrem Körper; dann war sie allein und bahnte sich ihren Weg durch die Felsbrocken. Schließlich stand das Gotteshaus nah und ehrfurchterregend vor ihr. Sie zögerte und wich zurück, die Hände an die Kehle gepreßt; für einen Moment lang wünschte sie sich an den Herd ihres Vaters zurück. Dann war es vorüber; sie blieb noch ein
letztes Mal stehen, um zu winken, hörte die vereinzelten Schreie und trat in die Stille und die Dunkelheit des Hauses. Es war die Stille, die sie zuerst am meisten belastete; eine singende Stille, verstärkt durch das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Das langgestreckte Haus war kahl und leer. Der sorgfältig gefegte Fußboden glänzte graubraun; die rauhen Wände waren schulterhoch; hoch über ihr erstreckte sich der Giebel. Das Schilf erfüllte das Haus mit dem Geruch von Gras und Seen. Sie ging langsam vorwärts. Als ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, erkannte sie am anderen Ende des Raumes eine geflochtene Wand mit einem engen Durchgang. Sie schritt hindurch. Gleich dahinter befand sich eine zweite geflochtene Wand mit einem Durchgang, der versetzt war, so daß man die Eingangstür nicht mehr sehen konnte. Hinter der zweiten Wand befand sich ein kleiner, quadratischer dunkler Schlafraum. Sie sah ein Lager aus dickgeschichtetem Farnkraut, daneben auf dem gestampften Boden einen Wasserkrug und einen Schöpflöffel. Das war alles. Plötzlich zitterten ihr die Knie. Sie wand sich unbeholfen die Girlanden aus dem Haar und ließ sie achtlos zu Boden fallen. Sie kniete neben dem Krug nieder und schöpfte Wasser. Es war klar, süßlich und sehr kalt. Sie trank in großen Zügen, um ihren Durst zu stillen, und legte sich danach auf das Bett. Sie spürte nun ihre Erschöpfung. Als sie erwachte, war es dunkel. Der kleine Schlafraum selbst war stockfinster; sie drehte den Kopf und sah die Flechtwände in ein silbergraues Licht getaucht. Zuerst war sie verwirrt, doch dann wurde ihr klar, wieviele Stunden sie geschlafen haben mußte. Das kalte, metallische Licht war der Mond.
Die Wirkung des Kräuterrauches hatte sie nun verlassen. Sie zitterte und suchte nach einer Decke, jedoch vergebens. Dann erinnerte sie sich, daß sie nicht hier war, um zu schlafen. Sie schluckte. Irgend etwas mußte sie geweckt haben. Sie lauschte konzentriert. Der Wind wehte über den Berg und bewegte das Gras und die Büsche. Irgendwo in der großen Hütte knackte ein Zweig. Ihr Herz stand still; aber es passierte nichts weiter. Das Gotteshaus war so ruhig wie zuvor. Sie runzelte die Stirn und dachte nach. Waren all die Erzählungen und Geschichten erfunden? Kam vielleicht überhaupt niemals ein Gott, um in dem Haus auf dem Berg zu leben? Oder hatte der Korngott sie verschmäht? War er vielleicht schon hier gewesen in der Dunkelheit, hatte sie als Braut nicht schön genug gefunden und war weitergezogen? Dann würde er das Tal für immer verlassen, und die Getreidesamen würden im Boden verfaulen, das Volk würde verhungern. Man würde sie steinigen… Sie zwang sich zur Ruhe. Er würde kommen, wenn es ihm gefiel; denn wer konnte einem Gott befehlen? Einmal war er schon zu ihr gekommen, damals im Schilf; welchen Beweis brauchte sie noch? Es war ein Zeichen der Gunst gewesen, das vor ihr noch keine andere empfangen hatte. Er würde kommen, weil er immer kam und weil er sie erwählt hatte. Der Gedanke brachte neue Angst mit sich. Wie würde er sein, wenn er kam? Vielleicht war er glühend heiß oder fürchterlich anzusehen. Vielleicht hatte er die Augen eine wilden Tieres… Sie schob die Gedanken fort. Das Warten war hart. Sie wünschte die Wirkung des magischen Rauches zurück. Dann schlummerte sie gegen ihren Willen wieder ein. Als sie erwachte, stand der Mond bereits höher; diesmal, dessen war sie sich sicher, hatte sie etwas anderes geweckt als der Wind. Sie lag still und zitternd da und lauschte angestrengt.
Dann hörte sie die gleichmäßigen, schweren Schritte, die sich ihr näherten. Ihr wurde schwindelig. Eine Gestalt betrat den Raum. Sie blieb zusammengekauert und still liegen und schaute hinauf. Der Mond verbreitete ein trübes Licht. Aber ihre inzwischen an die Dunkelheit gewöhnten Augen konnten jede Einzelheit erkennen. Das Wesen vor ihr war nackt und schien größer zu sein als ein Mann. Die Beine waren mit zarten Linienmustern tätowiert; über den Schenkeln schwang der Penis, eine große vorstehende Säule. Auch die Brust war tätowiert, und in der einen Hand hielt die Gestalt einen Stab der Macht mit dem Wahrzeichen des Korngottes auf der Spitze. Der Kopf war hinter einer fantastischen Maske verborgen, die in diesem Licht schwarz aussah, jedoch, wie sie wußte, grün war wie das sprießende Korn. Sie schrie hoch und schrill auf; und das Wesen sagte ungeduldig: »Sei still, kleiner Dummkopf. Der Gott ist hier.« Die Gestalt war die eines Gottes, aber die Stimme kannte sie nur zu gut. Es war die Stimme Cha’Actas. Blitzschnell versuchte sie, zur Tür zu gelangen; aber der Oberpriester griff sie bei den Haaren und warf sie auf das Lager zurück. Keuchend lag sie da, versuchte, zur Seite zu rollen. Er beugte sich über sie; die Maske verletzte ihre Wange. Sie wehrte sich verzweifelt, biß und kratzte; die Maske fiel herunter und enthüllte Cha’Actas verzerrtes Gesicht. Sie stürzte sich auf ihn, trommelte und schlug mit den Fäusten; aber er packte ihre Handgelenke; Schläge prasselten auf ihren Körper nieder. Sie wand sich wimmernd; Lichter drehten sich vor ihren Augen, wie die magischen Lichter des Kräuterrauches. Als das Schlagen aufhörte, konnte sie nichts mehr sehen; sie lag reglos da, unfähig, sich noch länger zu wehren, und fühlte das Gewicht Cha’Actas auf sich. Der
Alptraum danach wiederholte sich viele Male, bis die Mitte ihres Körpers sich anfühlte wie ein einziger brennender Schmerz; gegen Morgen verließ sie der Oberpriester schließlich.
II Der Schlafraum war in ein kaltes graues Licht getaucht. Sie bewegte sich langsam, drehte sich herum und setzte die Füße auf den harten Erdboden. Die Bewegung machte sie schwindelig; sie versuchte, sich zu übergeben, aber es ging nicht. Nach einer Weile flaute die Übelkeit ein wenig ab. Sie öffnete die Augen und schaute an sich hinunter. Ihr ehemals glatter weißer Körper war mit blauen Flecken und Blutkrusten übersät. Sie keuchte, blickte auf ihre Hände; auch sie trugen dunkle Striemen. Sie biß die Zähne zusammen, kniete sich vor den Krug und schüttete sich Wasser über den Kopf und die Schultern. Schwerfällig und langsam rieb sie sich sauber. Zum Schluß spülte sie den metallenen Geschmack aus ihrem Mund. Auf dem Bett lag ein Gewand aus feinem, gebleichten Leinen, vorne verziert mit dem Zeichen des Gottes. Sie starrte es eine Zeitlang an, stand dann auf und zog es sich unter Schmerzen über den Kopf. Vorsichtig lugte sie durch die Türöffnung. Im Licht der Dämmerung erkannte sie eine zusammengekauerte Gestalt neben dem Eingang. Sie begann darauf zuzuschleichen. Ein sechster Sinn weckte Cha’Acta. Er richtete sich auf, streckte den einen Arm aus; und die prachtvolle Maske des Gottes traf krachend auf seinem Schädel auf. Er stöhnte, packte die Fußgelenke der Braut. Mata schlug noch einmal mit
aller Kraft. Cha’Acta verdrehte die Augen, wand sich, atmete rasselnd; aber seine Hände hielten sie noch immer fest umklammert. Der dritte Schlag öffnete die Kopfhaut; Blut strömte; er fiel gegen die blasse rauhe Wand; und Mata floh. Die Angst verlieh ihr Schnelligkeit. Erst am Fuße des Berges machte sie halt, schaute voller Furcht um sich, sicher, daß sie gesehen worden war. Aber das Dorf und das Gras ringsherum lagen verlassen da. Sie floh weiter, abwechselnd gehend und laufend. Eine Weile folgte sie automatisch dem Weg der Großen Prozession. Als der Heilige Berg außer Sichtweite war, bog sie instinktiv zur Seite ab. In der Ebene, zwischen den Bergen und dem Meer, erstreckte sich ein dunkler, dichter Wald in dem frühen Licht. Niemals wagte sich ihr Volk dorthin; denn in dem Wald gab es Wölfe und Bären, Wildkatzen und Geister. Gegen Mittag war sie bereits tief in das Gebiet vorgedrungen. Hier war sie vor Entdeckung sicher. Ihr Fasten und die Schrecken der Nacht forderten nun ihren Preis. Sie fiel häufig hin, stolperte über Äste und Baumstümpfe. Jedes Mal brauchte sie länger, um sich wieder zu erheben. Schließlich blieb sie stehen und blickte angsterfüllt um sich. Die riesigen Bäume ließen nur ein spärliches Licht durch. Zwischen den knorrigen Stämmen war der Boden rauh und zerrissen und mit Dornsträuchern bedeckt; kein Lufthauch bewegte die Äste, und nirgendwo ertönte die Stimme eines Vogels. Sie stolperte blind weiter, sah den Felsvorsprung zu spät; sie stürzte drei Meter tief in das schlammige Wasser. Sie schlug schwer auf, aber der weiche Boden bewahrte sie vor Knochenbrüchen; sie kroch einen halben Meter und blieb liegen mit dem Gedanken, daß sie sich nie wieder erheben würde.
Plötzlich wehte ein Wind, der die Baumspitzen bewegte und durch das verworrene Unterholz raschelte. Sie hob den Kopf, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Wieder spürte sie den Windhauch; und sie glaubte, ganz deutlich die gelben Berghänge erkennen zu können, die sie für immer verlassen hatte. Stöhnend erhob sie sich. Hier, wohin sich nur Teufel wagten, würde niemals ein Gott nach ihr suchen. Ihre Gliedmaßen zuckten; Tränen flossen ihr über die Wangen; aber ihr Mund flüsterte ein Gebet. An den Getreidegott, den Erwecker des Korns. Taumelnd und stolpernd durchquerte sie einen seichten Sumpf. Die Sonne stand inzwischen höher am Himmel; fast unbewußt registrierte sie die Hitze auf dem Rücken und den Armen. Am anderen Ufer ruhte sie sich wieder aus. Weiter vorn stieg der Boden allmählich an; und sie glaubte, ihren Herrn rufen zu hören, lauter und klarer als je zuvor. Sie stolperte weiter. Die Bäume standen immer weniger dicht zusammen, bis vor ihr plötzlich ein langgestreckter, glatter Bergkamm im gleißenden Sonnenlicht lag, über den ein zerfurchter Pfad führte; am äußersten Ende des Kammes befand sich ein Dorf, umgeben von einem Schutzwall und Wachtürmen. In einem solchen Ort war sie geboren und aufgezogen worden; aber dies war nicht ihre Heimat. Sie hatte das Dorf dort vor ihr noch nie gesehen. Sie rastete eine Weile; dann vernahm sie das Geräusch von Rädern. Dankbar richtete sie sich auf. Auf dem Pfad näherte sich ein zweirädriger Karren, der mit Reisigbündeln beladen war. Der Fahrer hielt neben ihr, und sie versuchte, mit ihren verquollenen Lippen Worte zu formen. »Bring’ mich zu deinem Häuptling«, sagte sie. »Gott wird dich dafür belohnen und dir Glück schenken.«
Der Fahrer näherte sich ihr vorsichtig und beugte sich über sie. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und versuchte zu lächeln; und zum ersten Mal sah sie seine Augen. Gohm, der Holzfäller, war noch nie besonders intelligent gewesen; er kaute an einem abgebrochenen Fingernagel und sagte mit seiner trägen Stimme: »Wer bist du? Ein Waldgeist vielleicht, der vom Baum gefallen ist?« Er packte ihr besudeltes Gewand; der Stoff gab nach und zerriß; er starrte auf das, was sich ihm enthüllt hatte, und kicherte. »Kein Geist«, sagte er. »Auf jeden Fall ohne Zauberkraft.« Er schob zwei schwielige Finger unter ihren Kilt, und als sie aufschrie, schlug er sie auf den Mund. Danach tat er noch einige andere Dinge, bevor er sie auf den Karren lud und mit ein paar Reisigbündeln zudeckte. »Die Götter sind Gohm freundlich gesonnen«, murmelte er. Er knallte mit den Zügeln, und der Karren bewegte sich holpernd auf das Dorf zu. Am Ende der schlammigen Straße hielt der Holzfäller an. »Frau«, brüllte er, »sieh mal, was die Götter uns gesandt haben. Eine Sklavin, um deine Töpfe zu scheuern und das Feuer in Gang zu halten; und noch nützlicher für mich.« Die Frau, die in dem niedrigen Eingang zur Hütte erschien, war so grau, faltig, dünn und flink wie er tapsig und langsam. »Was brabbelst du da, du alter Dummkopf?« brummte sie, während sie auf den Karren stieg und die Reisigbündel beiseiteschob; dann erstarrte sie, mit weit aufgerissenen Augen und die Hand vor den Mund gepreßt. Auch Gohm stockte erschreckt; denn aus dem Klumpen von Knochen und Blut starrten zwei weiße, leuchtende Augen ihn mit einem fürchterlichen Blick an. »Dies ist dein schwarzer Tag, Gohm«, wisperte das Wesen. »Deine Finger, die mich geschändet haben, werden kein Holz mehr fällen, und sie werden kein Wasser mehr holen.«
Für Mata war das Leben eine dumpfe Leere, die von Zeit zu Zeit durch noch größere Schmerzen durchbrochen wurde. Sie war in einer frisch ausgefegten Hütte untergebracht, und mehrere Frauen hatten die Aufgabe, sie zu waschen und sich um sie zu kümmern; aber das drang lange Zeit gar nicht bis in ihr Bewußtsein vor. Inzwischen erfüllte sich die Verwünschung gegen Gohm. Eine Woche später verletzte er sich beim Holzhacken am Waldrand zwei Finger. Die Wunden heilten nicht, sondern öffneten sich noch weiter, wurden gelblich und begannen zu stinken; die Schmerzen machten ihn wahnsinnig. Schließlich nahm er die Axt, ging hinter die Hütte und hackte sich die Finger ab; aber dadurch verbesserte sich sein Zustand nicht. Er begann allein umherzuwandern, mit einem grauen Gesicht und murmelnder Stimme; und niemand war überrascht, als seine Leiche eines Tages aus dem Wald gebracht wurde. Der Körper war schrecklich entstellt, wie von Bären zerrissen, und das Gesicht war fast vollständig weggefressen. Das geschah ungefähr einen Monat, nachdem Mata aus dem Wald gekommen war; und die Dorfbewohner wurden schweigsam und ängstlich. Die Männer schlichen zu der Hütte, in der sie lag, und brachten reiche Geschenke, so daß sie in beachtlichem Wohlstand wieder zu Bewußtsein kam. Aber diese Tatsache bedeutete ihr zunächst nicht viel. Sie lag in der Hütte, umgeben von ihren Frauen, aß wenig und beobachtete die Wolken am Himmel, das leuchtendgrüne Blattwerk der Bäume. Der Sommer war wieder hereingebrochen; der Getreidegott hatte seine Versprechungen eingehalten, obwohl er seiner Braut beraubt worden war. Sie dachte lange darüber nach; schließlich erhob sie sich von ihrem Lager und bat um eine Audienz beim Häuptling. Er empfing sie in der Versammlungshütte, die der ihres Vaters sehr ähnlich war. Neben ihm stand der Oberpriester; Mata starrte ihn lange Zeit unbehaglich an. Schließlich wandte
sie sich dem Häuptling zu. »Was willst du von mir?« fragte sie. Der Häuptling streckte erschreckt die Hände aus. Gohms Schicksal hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen; dieses blasse Kind mit den blitzenden Augen beunruhigte ihn. »Es ist der Wunsch meines ganzen Volkes«, sagte er demütig, »daß du bei uns bleibst und dich von uns verehren läßt. Und wenn du für uns bei deinem Herrn ein gutes Wort einlegst, wird unser Getreide üppig wachsen.« Der Oberpriester wurde unruhig; Mata wandte ihm ihren furchterregenden Blick zu und sagte: »Es ist gut, das zu hören, und es gefällt dem Gott. Aber ich habe schon von anderen Dörfern gehört, in denen solche großen Worte gesprochen und dann nicht eingehalten wurden.« Der Häuptling brach in einen wortreichen Protest aus, und Mata sah mit Genugtuung die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn bildeten. »Dann sorge dafür, daß es nicht so sein wird«, sagte sie. »Denn mein Herr liebt mich sehr und verleiht mir viel Kraft. Meine Berührung bringt Tod oder Schlimmeres; oder aber Glück und große Freude.« Sie streckte ihre Hand aus und war im stillen belustigt darüber, daß der andere zurückzuckte. »Nun höre den Wunsch des Gottes«, sagte sie. »Ihr sollt ein großes Haus bauen, dort auf dem Berg neben dem Dorf. Es soll dreißig Schritte lang, fünf breit und…« Aus dem Gedächtnis gab sie eine möglichst genaue Beschreibung des Gotteshauses von Cha’Acta. »Dort werde ich mit meinem Herrn leben«, sagte sie, »und ich werde Frauen wählen, die ich unterrichten werde.« Sie warf einen Blick auf das immer dunkler werdende Gesicht des Oberpriesters und sprach schnell weiter. »Auch dein höchster Priester wird dort hinkommen, und viele schöne Dinge werden ihm widerfahren. Er muß den Bau segnen und die Arbeiten überwachen; denn er steht in der Gunst des Gottes, und er ist ein wichtiger Mann in
deinem Land.« Sie kniete vor dem Priester nieder und sah, wie der Ausdruck des Hasses sich in nachdenkliches Mißtrauen verwandelte. Und so wurde ein neues Gotteshaus errichtet, und Mata lebte darin in großem Luxus. Zur Bettgespielin wählte sie ein schlankes braunes Kind mit dem Namen Alissa; sie unterrichtete Alissa und lehrte sie die Geheimnisse, Göttern und anderen zu gefallen. Wenn es ihr danach war, befahl sie Cha’Ilgo, den Oberpriester zu sich; und mit der Zeit machte sie sich ihm sehr gefällig. Es war ein schönes Leben dort in dem Haus auf der Spitze des Berges; aber alle Sommer gehen einmal zu Ende. Die Blätter des Waldes hatten rote und goldene Farbtöne angenommen, als Mata den Priester und den Häuptling erneut zu sich rief. »Ich muß Euch verlassen«, sagte sie ohne Umschweife. »In der letzten Nacht ist mein Gott zu mir gekommen in der Dunkelheit, als das Dorf schlief. Sein Haar war so golden wie die Sonne, und es berührte die Dachsparren, als er an meinem Bett stand; seine Haut war so grün wie das junge Getreide und sein Penis größer als der eines Bullen und wunderbar anzusehen. Er vertraute mir viele Geheimnisse an, unter anderem auch dies: aus meiner Liebe zu Euch muß ich Alissa, die mir mehr bedeutet als mein Leben, bei Euch zurücklassen als Eure neue Getreidekönigin. Auf diese Weise werdet ihr dann noch glücklich sein, wenn ich nicht mehr da bin; der Weizen wird sprießen und Eure Bierfässer füllen, und es wird Euch an nichts fehlen.« Sie vernahmen ihre Worte mit gemischten Gefühlen. Cha’Ilgo zumindest hatte ihre Gegenwart sehr zu schätzen gelernt; trotzdem verspürte er auch Erleichterung, als ihre Sänfte zum letzten Mal durch die Stadttore getragen wurde. Sie war einsam und ohne Freunde gekommen; sie ging mit einem prachtvollen Gefolge mit Flötenspielern und einer Truppe von
Speerwerfern an der Spitze. Ihr Gewand war so weiß wie Schnee; um den Hals trug sie Ketten aus Perlen und Bernstein, um die schlanken Fußgelenke Reifen aus glänzendem schwarzen Stein. Ihr folgten weitere Sänften mit ihren Schätzen und Abschiedsgeschenken; Saatgut und Waffen, Krüge mit Honig und Bier. Am Schluß folgten Schafe und Ochsen und eine bedeutende Anzahl von Dorfbewohnern. Die Hörner und Trommeln verkündeten Cha’Acta schon von weitem ihre Ankunft. Er begab sich zum Dorfeingang, um alles mit eigenen Augen zu sehen; Matas Volk hatte sich auf dem Schutzwall versammelt und wartete unsicher mit Speeren bewaffnet. Es war Magan, der Häuptling, der seine Tochter als erster erkannte; überglücklich eilte er ihr entgegen, voll von Staunen über ihre Rückkehr von den Toten. Die Tore wurden weit geöffnet, und es brach eine Zeit der Freude an. Denn die Getreidebraut war auferstanden; von nun an würden die Götter dem Dorf wieder wohlgesonnen sein. Zunächst hielten sich Cha’Acta und seine Priester abseits und berieten sich untereinander in der Versammlungshütte; aber schließlich zwangen sie die Blicke der Dorfbewohner und eine deutliche Bemerkung Magans, der Sache ins Auge zu sehen. Der Oberpriester betrat die für Mata hergerichtete Hütte, erfüllt von Mißtrauen, aber sie kam ihm unter Freudenrufen entgegen. Sie brachte ihm Bier, bediente ihn mit den eigenen Händen; dann kniete sie vor ihm nieder, bat ihn um Vergebung und redete ihn als ihren Herrn an. »Meine Augen waren blind, und so konnte ich die Wahrheit nicht erkennen«, sagte sie. »Ich sah Cha’Acta, aber ich konnte den Gott nicht sehen.« Sie goß Bier nach, und immer mehr Bier, bis seine zusammengekniffenen Augen etwas weiter wurden. Über seine Stirn verlief eine tiefe, diagonale Narbe von der Wunde, die sie ihm mit der Maske zugefügt hatte; sie berührte sie zärtlich und lächelte. »Dafür bin ich bestraft worden, und zu Recht«, sagte sie. Sie zeigte
ihm die Narbe auf ihrem Kinn, wo Gohms Stiefel ihre Lippe weggerissen hatte, und die Striemen auf ihren Beinen, die von ihrer wilden Flucht durch den Wald zurückgeblieben waren. »Außerdem«, sagte sie und zog das Gewand noch weiter nach oben, »schau, wie ich gewachsen bin, Cha’Acta, mein Priester. Der Gott hat mir befohlen, zu dir zurückzukehren, um dich nun besser zu lieben als zuvor.« Diese Worte erregten Cha’Acta gegen seinen Willen, und er nahm sie mehrere Male in dieser Nacht, und es war süßer als alles, was er bisher erlebt hatte. »Der Gott ist zum ersten Mal damals im Schilf zu mir gekommen«, sagte sie später. »Nun kommt er wieder zu mir durch dich. Laß es für immer so sein, Herr.« Allmählich verloren die Bäume ihre Blätter. Eine Zeitlang blieb die Luft noch warm; aber als der erste Frost sich über die Felder legte, störten unheilvolle Nachrichten die Ruhe des Stammes. Fremde tauchten im Dorf auf, Flüchtlinge aus dem unbekannten Gebiet jenseits der großen Heide. Sie berichteten von einem neuen Volk, einer Rasse von Kriegern, die nicht vom friedlichen Ackerbau lebte, sondern von Plünderungen, Brandstiftung und Kampf. Manche sagten, sie kämen vom Mittelmeer, andere meinten, sie stammten aus der Hölle und könnten mit ihren schnellen, langen Schiffen die wildeste See bezwingen. Jeder der Krieger schien den Rang eines Königs zu haben und mit bestimmten Göttern verwandt zu sein, deren Namen allein die Berichterstatter schon erzittern ließen. Man erzählte von der Zerstörung ganzer Dörfer, von der Ausrottung der Stämme. Die Eindringlinge fielen über das Land her wie ein Insektenschwarm und ließen es kahl und zerstört zurück. Die Dorfältesten schüttelten ratlos die Köpfe; nie zuvor hatten sie etwas Ähnliches gehört. Mit dem ersten Schneefall versiegte der Strom der Flüchtlinge, und lange Zeit kamen keine weiteren Nachrichten.
Mata kümmerte sich wenig um diese Geschichten. Ihre Macht über das Volk war stetig gewachsen, denn die Erfahrungen ihrer Flucht hatten sie sehr gut gelehrt, wie man Respekt gewinnt. Ständig war sie an Cha’Actas Seite; und immer stand der große Getreidegott hinter ihr. Man brachte ihr Kinder und Säuglinge, denn ihre Berührung hatte Zauberkraft, so daß die von ihr gesegneten Kinder gesund und stark werden würden. Gleichzeitig schien sie jedoch immer darauf bedacht, sich Cha’Actas Wünschen zu fügen, und der Oberpriester hatte keinen Grund zur Klage. Jede Nacht besuchte er sie in dem Gotteshaus; die einst so gelehrige Schülerin war zu einer willigen Geliebten geworden. Er war so zufrieden mit ihr, daß, als der Frühling bereits wieder vor der Tür stand, die Frage nach einer neuen Getreidebraut noch immer nicht erhoben worden war. Eines Abends brachte Cha’Acta die Sache dann doch zur Sprache. Mata hörte ihm eine Weile schweigend zu, erhob sich dann, warf sich einen warmen Schal um die Schultern und ging auf die Tür zu. Dort blieb sie stehen und starrte in die Dunkelheit hinaus. Schließlich sprach sie. »Wo wird der Gott eine Braut finden, die der jetzigen gleichkommt?« fragte sie. »Gibt es eine andere, die so liebevoll, warm und dem Priester gefällig sein kann wie ich, eine, für die das Getreide besser wachsen würde?« Cha’Acta wartete; er war sich ihrer Macht bewußt. Darüber hinaus wollte er sie nicht verlieren. Er antwortete nicht; und sie drehte sich zu ihm um, mit großen, dunklen Augen. »Was würde aus mir werden?« sagte sie. »Würde auch ich eines Tages im Bach gefunden werden?« Er machte eine ungeduldige Handbewegung. »Laß uns nicht weiter darüber reden«, sagte er. »Trotz all deiner Schönheit bist du noch ein Kind, Mata. Du kannst noch nicht alle Geheimnisse verstehen.«
Sie spürte den Gott in sich, der ihr Kraft gab. Wütend sagte sie: »Ich verstehe jedenfalls so viel, daß es Geheimnisse gibt, die besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen, Cha’Acta; denn sonst würden sich Speere erheben, und heiliges Blut würde sie besudeln.« Cha’Acta erhob sich mit vor Wut blitzenden Augen. Er näherte sich ihr, erhob die Hände; aber sie wich nicht zurück, sondern warf ihren Schal zurück und lachte. »Schau mich an, bevor du zuschlägst, Cha’Acta«, sagte sie. Er starrte sie lange an. Es wäre so einfach, sie jetzt zu erwürgen und den Rest den wilden Tieren zu überlassen… Schweiß stand auf seiner Stirn, dann wich er zurück und stöhnte. »Quäle mich nicht, Mata«, sagte er heiser. »Ich will dir nichts Böses.« Seine Chance war verspielt, und sie wußten es beide. Sie stand noch eine Weile lächelnd da, dann beugte sie sich zu ihm. Er packte sie keuchend, und sie war sehr zärtlich. Die ganze Nacht ließ Mata ihm keine Ruhe, bis er gegen Morgen vor Erschöpfung einschlief. Sie weckte ihn später, brachte ihm heiße Suppe und Bier; dann kleidete sie sich an und setzte sich zu seinen Füßen. »Herr«, sagte sie, »erzähle mir nun von deinen Plänen, daß ich gehen muß und eine andere meinen Platz einnimmt.« Er schüttelte den Kopf mit niedergeschlagenen Augen. »Niemand wird deinen Platz einnehmen, Mata«, sagte er. »Das weißt du ganz genau.« »Aber das Volk wird es wünschen«, bohrte sie weiter. »Das Volk kann beeinflußt werden«, sagte er. »Ich will meinem Herrn Cha’Acta keinen Kummer bringen.« Resigniert sagte er: »Du könntest sie überreden, Mata. Du bestimmt.« Sie sah ihn aufmerksam an. »Du gibst mir also die Erlaubnis dazu?«
Er trommelte mit den Fäusten auf seine Knie, preßte sie gegen die Stirn. »Tu, was du willst«, sagte er. »Nimm alles, was du willst, sprich, wie der Gott es dir befiehlt; aber bleibe seine Braut, um meinetwillen.« Sie lehnte sich zurück und klatschte in die Hände. »Dann laß nun auch Cha’Acta seine Treue schwören, beim großen Gott, der ihm ebenso zur Seite steht wie mir.« Er stöhnte auf und sagte dann: »Ich schwöre. Hier im Haus des Gottes, wo er es sicher hören wird.« Und so wurde ein Pakt zwischen ihnen geschlossen; sie hatte ihn mit unsichtbaren Fesseln umgeben, die er nicht zu durchbrechen in der Lage war. Als der Sommer immer näher kam, begann das Volk öffentlich zu murren; denn noch immer war die Prozession nicht angekündigt und auch keine neue Braut für den Gott erwählt worden. Mata sprach zu ihnen von der Versammlungshütte aus – so etwas hatte noch nie zuvor ein Mädchen oder eine Frau getan. »Die Prozession wird stattfinden«, verkündete sie. »Der Gott hat Cha’Acta seine Wahl kundgetan: Ich werde es sein, die die Priester führen wird; ich werde für einen zweiten Sommer seine Braut sein.« Ein erschrecktes Murmeln wurde bei diesen Worten laut, und einige schüttelten die Fäuste. Sie erstickte die Unruhe sofort. »Hört mir zu«, sagte sie. »In einem anderen Dorf hat ein Mann einmal die Hand gegen mich erhoben; sehr bald danach fiel das Fleisch von seinen Knochen. Mein Herr ist freizügig im Segenspenden, aber er ist noch freizügiger im Bestrafen; seine Stimme ist der Donner des Himmels und sein Zorn der Blitz, der die stärksten Bäume zersplittert.« Noch immer murmelten die Dorfbewohner unsicher. Die Männer sahen einander fragend an und legten die Hände an ihre Dolchgriffe.
»Ich habe euch noch etwas anderes zu sagen«, rief Mata. Allmählich wurde es wieder still in der Menge. »Euer Korn wird höher und stärker wachsen als zuvor«, sagte sie. »Euer Vieh wird gedeihen, und ihr werdet wohlhabend werden. Kein Unglück wird sich ereignen, solange ich in dem Gotteshaus regiere. Und wenn ich gelogen habe, dann werft mich vom Berg hinunter und tötet mich.« Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, bahnte sie sich einen Weg durch die Menge, die ihr ehrfürchtig Platz machte; und keiner der Männer erhob seine Stimme, als sie gegangen war. Ihre Worte waren sehr gewagt gewesen, aber als Cha’Acta ihr das vorhielt, lächelte sie nur. »Der Gott hat durch mich gesprochen«, sagte sie. »Du wirst es ja sehen.« Es folgte ein Sommer, wie ihn das Tal noch nie zuvor erlebt hatte. Das wogende, goldene Getreide stand höher denn je. Weder Wind noch Regen zerstörten die Ernte, so daß die Vorratsgruben bis oben hin gefüllt waren und weitere ausgehoben werden mußten. Die Kühe und Schafe wurden fett, und das Dorf feierte das größte Erntedankfest seiner Geschichte; und danach machten alle Mata stets ehrfürchtig Platz, wenn sie ihr begegneten. Cha’Acta schien es, als sei sie besessen. Sie hatte wieder angefangen, die magischen Kräuter zu inhalieren; sie tat es ständig, mit der Begründung, sie könne auf diese Weise die Visionen ihres Gottes deutlicher wahrnehmen. Er kam nun öfter zu ihr; und einmal nahm er sie im Beisein des ganzen Dorfes, und sie lag auf dem Boden und krümmte sich und schrie, und Speichel lief aus ihrem Mund. Dann begannen sich die Anzeichen der Eindringlinge wieder zu häufen. Erneut setzte ein gleichmäßiger Strom von Flüchtlingen ein. Alle waren zerlumpt, viele verwundet. Die Dorfbewohner versorgten sie aus ihren eigenen Vorräten und schauten besorgt
nach Norden. Manchmal glühte der Horizont nachts tiefrot, so als ob ganze Städte in Brand stünden, dort in der Ferne. Einmal machte sich eine Gruppe unter Magans Führung in diese Richtung auf; als sie einige Tage später zurückkehrten, berichteten sie von verwüsteten Feldern und von schwarzen Ruinen, wo einst friedliche Hütten gestanden hatten. Cha’Acta rief seine Priester und die Dorfältesten zur Beratung zusammen; die Versammlung dauerte einen ganzen Tag und eine Nacht. Auch Mata wohnte ihr eine Zeitlang bei; aber der Rauch, der den großen Raum erfüllte, machte sie wütend, weil er ihr in die Augen stach, und das Stimmengewirr brachte sie durcheinander. Sie kehrte zu ihrem Haus auf dem Berg zurück und lag die ganze Nacht da und betrachtete verträumt die Sterne. Gegen Morgen inhalierte sie wieder den Kräuterrauch, und sie hatte eine so wundervolle Vision, daß sie in der aufgehenden Sonne schreiend ins Dorf rannte. Die Nachricht, die sie verkündete, trieb die Männer zum Heiligen Berg. Heute, so erklärte sie, hatte der Gott dem Volk sein Haus geöffnet; und die Dorfbewohner folgten ihr. Als Cha’Acta mit seinen Gefolgsleuten das Versammlungshaus verließ, fand er die Wachtürme verlassen und die Straßen leer; die Spitze des Heiligen Berges dagegen war schwarz von Menschen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wutschnaubend zu folgen. Oben angelangt, vernahm er gerade noch die letzten Worte, die Mata an das Volk richtete. »Und auf diese Weise werden wir gerettet werden; denn niemand wird es wagen, die Hand gegen uns zu erheben, während der Gott selbst uns vom Berg aus bewacht. Es wird ein Kunstwerk ohnegleichen werden. Ihr werdet großen Ruhm erlangen und noch viel reicher werden; denn die Männer von anderen Stämmen werden von weither kommen, um euer Werk zu sehen.«
Cha’Acta hatte mehr als genug gehört. Er bahnte sich einen Weg zu der Mauer, auf der Mata stand. In seinen prächtigen Amtskleidern machte er einen respektgebietenden Eindruck. Als er die Arme hob, verstummte das Stimmengemurmel um ihn herum; Mata stand lächelnd da, die Hände in die Hüften gestemmt, und schaute gleichmütig herunter. »Komm’ da runter«, sagte der Oberpriester mit scharfer Stimme. »Und hört mich an, Leute. Ihr habt eine schlimme Tat begangen.« Die Dorfbewohner murrten ärgerlich; aber er zeigte nach Norden. »Es ist jetzt keine Zeit für Spielereien«, sagte er. »Dort, im Norden, keine fünf Tage von hier, befinden sich viele Krieger; mehr Krieger, als ihr oder ich oder sonst irgendwer jemals gesehen haben. Niemand weiß, woher sie kommen; aber sie bringen Tod und Feuer mit sich, und das wißt ihr bereits, ebenso wie ich. Einen Tag und eine Nacht hindurch haben wir nun im Versammlungshaus gesessen und beraten, immer in dem Gedanken an die Sicherheit des Volkes. Eine Zeitlang waren wir ratlos; dann jedoch erschien uns ein Gott, grün und sehr groß…« »Das ist seltsam«, unterbrach ihn ein alter Mann. »Denn der Gott war bei seiner Braut, bei Mata hier. Sie selbst hat es uns gesagt.« Noch nie hatte ein gewöhnlicher Dorfbewohner Cha’Acta widersprochen; er wurde rot vor Zorn und verspürte den Wunsch, den Alten niederzuschlagen. Aber er schluckte und zwang sich zur Ruhe. »Ich bin der Oberpriester des Gottes«, sagte er mit eisiger Stimme. »Du vergißt deinen Rang; danke dem Gott, daß er so gnädig ist und dir deine Zunge läßt.« Erneut gebot er mit den Armen Ruhe. »Ich bin euer Priester«, sagte er. »Habe ich euch nicht gut beraten und euch Wohlstand gebracht?« Ein Raunen ging durch die Menge. Stimmen wurden laut.
»Mata… Mata hat uns geführt…« Cha’Acta fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach. »Hört mich an«, rief er. »Hört mich an, wenn euch euer Leben lieb ist. Die Flüchtlinge aus dem Norden haben uns gesagt, daß ein Schutzwall keine Verteidigung ist gegen diese Krieger. Was wir zu tun haben, ist folgendes. Rund um das Dorf müssen wir einen Graben ausheben. Am Ufer werden wir Kreidefelsen auftürmen, die glatt und schwer zu erklettern sind; und in den Graben werden wir dicht nebeneinandergesetzte spitze Holzpfähle setzen. Und den Schutzwall müssen wir mit unseren besten Bogenschützen besetzen. Dies hat der Gott mir kundgetan. Wir müssen sofort anfangen.« »Und dies hat der Gott mir kundgetan«, rief Mata. Sie bückte sich und hielt für alle sichtbar eine gegerbte Ziegenhaut in die Höhe, auf die mit breiten Kohlestrichen die Gestalt eines Mannes gezeichnet war; er schwang drohend einen Knüppel über dem Kopf; seine Augen glühten; sein Penis stand hoch aufgerichtet. »Seht das Abbild des Gottes«, sagte Mata. »So ist er mir vor weniger als zwei Stunden erschienen, als ich hier im Gras saß. Während du, Cha’Acta, und deine Greise im Versammlungshaus die dummen Köpfe geschüttelt und Unsinn geredet habt.« Cha’Acta wurde leichenblaß. »Mata, Götterbraut«, sagte er. »Du lügst…« Matas Augen blitzten vor Haß. »Und du lügst, Oberpriester«, rief sie. »Vor dem Volk, und vor dem Gott.« Sie zerrte an ihrem Gewand. »Im Schilf hat mich der Getreidegott gekennzeichnet, bevor er mich zur Frau nahm«, sagte sie. »Das ist ein großes Wunder; größer als das Cha’Actas…« Die Menge brüllte; und der Oberpriester rief mit heiserer Stimme: »Mata, wenn du mich liebst…« »Wenn ich dich liebe?« schrie sie. »Auf diesen Augenblick habe ich gewartet, Cha’Acta, viele Monde lang, und ich habe
unter dir gelegen und dein Gewicht auf mir ertragen…« Anklagend streckte sie einen Arm aus. »Cha’Acta nahm mich gegen meinen Willen; er zwang mich in dem Heiligen Haus, dort, wo ich dem Gott versprochen war. Und Cha’Acta hat auch die Braut Choele genommen und sie hinterher getötet, um ihre Lippen für immer zu versiegeln…« Cha’Acta wartete nicht länger. Blitzschnell rannte er auf die Mauer zu. In seiner Hand blitzte ein kurzes gebogenes Messer auf. Mata rührte sich nicht; mit verächtlichem Blick stand sie da; zehn Schritte war er von ihr entfernt, fünf, drei; und etwas flackerte in dem grellen Licht. Nur wenige sahen den Flug des Speeres, aber alle hörten den Aufschlag, als er den Oberpriester zwischen den Schulterblättern traf. Cha’Acta stand einen Moment lang ganz still, die Augen weit geöffnet, das aschgraue Gesicht dem Mädchen zugewandt. Unsicher hob er das Messer; dann gaben seine Beine unter ihm nach, und sein Körper rollte schnell und immer schneller den Berghang hinab, bis er aufklatschend in dem Bach landete und davongeschwemmt wurde. Einen Moment lang starrte das Volk ihm geschockt nach und wich langsam vor Magan zurück, der mit aufgerissenen Augen seine Finger betrachtete, die den Wurf getan harten. Dann erhob Mata ihre Arme. »Errichtet dem Gott…« Der Schrei verbreitete sich; sie wurde gepackt und von der jubelnden Menge den Berg hinabgetragen. Noch am gleichen Tag begannen die Dorfbewohner, auf dem Berghang aus Seilen ein Gitternetz von fast 100 Schritten Länge und 150 Schritten Breite zu spannen. Als die Dunkelheit hereinbrach, wurden ringsherum Feuer angezündet. Die Arbeit dauerte bis weit in die Nacht hinein an. Schon im Morgengrauen des darauffolgenden Tages begann Mata, die die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, mit ihrer Aufgabe. Sie
trug die Zeichnung bei sich, in die sie ebenfalls ein Gitternetz eingetragen hatte. Nach dieser Vorlage steckte sie Linien aus weißen Pflöcken in die Erde; gegen Mittag war bereits die Hälfte des Riesen erkennbar, und die Männer waren dabei, den Kopf auszustechen. Im Dorf gingen die Feuer aus, hungrige Babies schrien, während die Frauen damit beschäftigt waren, die Arbeiter mit Essen und Getränken zu versorgen. Am Abend kontrollierte Mata das Ausstechen der Schultern. Die Gräben waren zu eng, erklärte sie und befahl, sie auf Armeslänge zu erweitern und um einen halben Meter zu vertiefen. Sofort machte sich eine neue Schicht von Arbeitern an die Aufgabe, und am zweiten Morgen waren Kopf und Schultern fertiggestellt. Um diese Zeit tauchte eine Gruppe von Fremden auf. Sie standen weit entfernt unterhalb des Heiligen Berges und starrten hinauf. Magan betrachtete sie mit Sorge; sie waren zu weit weg, als daß er Einzelheiten erkennen konnte, aber sie waren nicht wie Kreidefelsenbewohner gekleidet. Auf ihren Köpfen konnte er Stahl blitzen sehen. Jeder von ihnen war beritten; er konnte die Pferde etwas weiter unten grasen sehen. Er schickte einen Spähtrupp aus; aber lange, bevor die Männer in Rufweite kamen, bestiegen die Fremden ihre Pferde und ritten davon. Mit vor Müdigkeit dunkel umrandeten Augen dirigierte Mata noch immer die Arbeiten bis in jede Einzelheit; und ständig wuchs der leuchtend-weiße Riese. Gegen Mittag tauchten erneut Flüchtlinge im Dorf auf. Verwundert betrachteten sie das emsige Treiben auf dem Berghang. »Was macht ihr da, ihr Irren, die ihr auf der Kreide wohnt?« rief einer von ihnen hinüber. »Meint ihr etwa, die Pferdekrieger werden sich vor eurem kleinen Bildchen fürchten?« Magan antwortete hochmütig: »Mach, daß du zum Meer kommst, Alter, und störe uns nicht mit deinem Geschwätz.
Dies ist ein Werk Gottes und es hat Zauberkraft.« Aber gleichzeitig warf der Häuptling wiederholt besorgte und forschende Blicke auf die leeren Bergrücken im Norden. Am dritten Abend ebbte der Flüchtlingsstrom erneut ab; aber überall in der Umgebung brannten Feuer, und der Wind trug das dumpfe Dröhnen von Trommeln heran; und zum erstenmal unterbrachen die Dorfbewohner ihre Arbeit und blickten einander fragend an. Magan suchte seine Tochter auf, aber sie wies ihn unwirsch zurück. »Sei still, Vater«, sagte sie. »Du hast den Oberpriester getötet; halte dich zurück, oder der Gott wird dich töten.« Am vierten Morgen war der riesige Penis des Riesen fertiggestellt, und die Männer arbeiteten an seinen Unterschenkeln und den Füßen. Die Trommeln hatten die ganze Nacht hindurch geschlagen; nun waren sie plötzlich still. Ein Späher, den Magan in der Heide postiert hatte, schwor, bewaffnete Männer marschieren gesehen zu haben; die restlichen Späher kehrten nicht zurück. Magan erkannte nun, wohin sie der Glaube geführt hatte, aber es blieb ihm keine Zeit mehr für weitere Überlegungen. Am Horizont erschien plötzlich eine Truppe von galoppierenden Reitern, die sich mit flatternden Bannern und Fahnen und unter lautem Kriegsgeschrei rasend schnell näherte. Magan rannte den Berghang hinunter, das Schwert über seinem Kopf schwingend. Überall ließen die Männer ihre Hacken fallen und griffen zu ihren Waffen. Sie formierten sich zu einer Front, die den Angriff der Reiter, wenn auch unter beträchtlichen Verlusten, abwehren konnte. Aber die Krieger griffen erneut an, und es begann ein verzweifelter Rückzug, den Abhang hinauf auf das Dorf zu. Währenddessen flohen die Frauen und die Alten den Heiligen Berg hinunter. Mata, die fieberhaft in ihre Arbeit vertieft gewesen war, fand sich plötzlich allein auf dem Hang. Der Riese war fast fertig, es
fehlte nur noch ein Teil des Fußes; aber ihre schrille Stimme verhallte ungehört. Magan, der zäh und verbissen kämpfte, vernahm auf einmal ein neues unheilvolles Geräusch. Er drehte sich um und stöhnte entsetzt auf. Über den Palisaden stand schwarzer Rauch; der Angriff war also von zwei Seiten gekommen; eine zweite Truppe von Reitern hatte unbemerkt das fast verlassene Dorf erreicht und die Hütten in Brand gesteckt. Alle Hoffnung war dahin; nun blieb nur noch eins. Der Häuptling hob seine Stimme zu einem gellenden Schrei: »Der Riese… kämpft euch zum Riesen durch und haltet die Stellung…« Die Reihen der Dorfbewohner taumelten und wichen vor den immer und immer wieder angreifenden, unermüdlichen Kriegern zurück. Überall lagen Tote und Verletzte. Magan öffnete seinen Mund zu einem neuen Schrei, als eine Lanze seine Kehle durchbohrte. Hinter den kämpfenden Männern arbeitete Mata noch immer wie besessen. Schweiß rann ihr in die Augen; das Haar hing ihr ins Gesicht. Und plötzlich trafen sich zwei Gräben – der Gott war fertig. Sie rannte den Berg hinauf; der Boden unter ihr schwankte; in ihrer Ekstase nahm sie nichts anderes wahr. Als sie am Kopf des Riesen angelangt war, schrie sie triumphierend auf und blickte auf das großartige Werk, das Cha’Acta nun nicht mehr sehen konnte; und unter ihr fielen die letzten Männer des Dorfes unter den Waffen der Angreifer. Etwas surrte an ihrem Kopf vorbei. Sie begann zu laufen. Dann sah sie ein dunkel glänzendes Geschoß auf sich zukommen. Eine Sekunde lang fragte sie sich, wie der Himmel eine Faust machen und sie so schmerzhaft auf den Mund schlagen konnte; dann gaben ihre Beine nach, und sie rollte
den Abhang hinunter. An der Ferse des Riesen blieb sie schließlich liegen. Aus Schmerz und Dunkelheit schwebte er auf sie zu, leuchtender und schöner als je zuvor. Er beugte sich über sie, und seine großen goldenen Augen glänzten mitleidig. Ein Zucken durchlief ihren verstümmelten Körper. Sie glaubte, ihre Arme zu heben; und sein Eindringen war zuerst der größte Schmerz, den sie je empfunden hatte, und danach der größte Frieden. Und der Korngott hob sie auf und schwebte mit ihr in das Land des Glücks. Die Eindringlinge waren sehr zufrieden. Die Vorratslager des Dorfes waren vom Feuer verschont geblieben und konnten für ein ganzes Jahr Getreide liefern; das Tal war geschützt und öffnete sich gen Süden; und im ganzen Land gab es keinen einzigen Feind mehr.
Potts hat einen sehr unangenehmen Traum gehabt. Da war dieses Rad. Ein riesiges goldenes Rad, daß über die Berge rollte und blitzende Strahlen aussandte. Es sah großartig aus, wie es sich so dahinbewegte, leuchtend abgehoben von dem blauen Himmel. Dann plötzlich drehte es sich und kam auf ihn zu, mit all seinem Gewicht und seiner Größe; und als die goldene Flamme endlich verschwunden war, lag sie da, blutig und zerbrochen wie eine Puppe; er konnte es nicht fassen, als er sie sah. Es ist dunkel, als er erwacht. Er hört das Meer rauschen. Irgendwo scheint ein Vogel klagend zu singen. Aber das kann nicht sein; das Geräusch muß in seinem Kopf sein. Er will sich bewegen, aber er kann nicht. Seine Arme sind schwer wie Blei; ein scharfer Schmerz in seiner Brust macht das Atmen beschwerlich. Wenn er hustet, wird der Schmerz noch schlimmer. Wenn er sich doch nur aufsetzen könnte,
dann würde ihm das Atmen vielleicht leichter fallen. Er versucht, sich mit den Hacken und den Handballen gegen den Boden zu stemmen und sich emporzuschieben. Es ist schwierig, aber es wird sich lohnen, wenn dafür der Schmerz nachläßt. Da, er hat es geschafft. Und das Atmen ist leichter, viel leichter; es war klug von ihm, sich das auszudenken. Die Mauer, an die er die Schultern und den Hinterkopf gelehnt hat, ist allerdings sehr unbequem. Es wäre gut, ein Kissen dazwischen zu stecken. Eine aufgerollte Decke würde auch genügen. Aber nicht jetzt sofort. Erst muß er wieder richtig zu Atem kommen. Er bekommt plötzlich Schuldgefühle; der Schmerz hat ihn das Rad vergessen lassen und das, was mit ihr geschehen ist. Er fühlt sich schlecht wegen der Sache, aber auch verwirrt. Diesmal ist er sicher, daß es nicht seine Schuld war. Es hatte nichts mit ihm zu tun; es ist einfach passiert, aus heiterem Himmel. Niemand hätte was dagegen tun können. Gleich wird er sich das Kissen heranziehen. Im Moment hat er gerade einen Schweißausbruch. Komisch, als er wach wurde, hat er noch gezittert. Er öffnet den Mund und atmet tief ein; aber die Luft fühlt sich heiß an. Und es dröhnt in seinen Ohren. Wie Donner.
FÜNF DER HERRLICHE
Seit Wochen dauerte die Hitze schon an. Tag für Tag brannte die Sonne unerbittlich auf die abgerundeten Kreidefelsen nieder; die Blätter hingen schlaff und vertrocknet an den Bäumen, das junge Korn verdorrte. Die Nächte waren nur unbedeutend kühler. Die Menschen in den von Schutzwällen umgebenen Städten und Dörfern bewegten sich nur schwerfällig, und die Launen der Pferdekrieger waren noch unberechenbarer als sonst. Gegen Ende eines solchen Tages bewegte sich eine Kolonne von Wagen und Reitern durch die hügelige Landschaft. An ihrer Spitze ritt eine Gruppe von braunhäutigen, dunkelhaarigen Kriegern. Sie trugen Pfeil und Bogen bei sich und hatten glänzend polierte Stahlhelme auf dem Kopf. Eine weitere Anzahl von Kriegern trieb am Ende des Zuges einen Haufen klagender Frauen vor sich her. Im Laufe des Tages hatten sich die Wolken immer mehr verdichtet und auf diese Weise die Hitze noch unerträglicher gemacht. Donner grollte in der Ferne; von Zeit zu Zeit blickten die Männer unruhig nach oben oder zurück, wo sich gegen den Horizont der Schutzwall und die zerstörten Wachtürme eines Dorfes abhoben. Immer noch züngelten die Flammen, und eine purpurfarbene Rauchwolke trieb langsam gen Süden. Hinter dem letzten Wagen stolperte ein halbes Dutzend Männer einher. Sie waren praktisch unbekleidet und mit Staub und Blut besudelt. Ihre Handgelenke waren zusammengebunden; Stricke um den Hals fesselten sie an den
Wagen. Zwei von ihnen hatten den Kampf aufgegeben; ihre Körper schleiften leblos über den holprigen Pfad. Rufe von vorn brachte die Kolonne zum Stillstand. Der fahle aufgewirbelte Staub ließ sich auf Männern und Pferden nieder; die Gefangenen sanken stöhnend auf die Knie. Eine Gruppe von Männern galoppierte die Wagenreihe entlang, hielt an. Alle waren prachtvoll gekleidet in Hosen und Gewänder aus bedruckter Seide; und jeder trug eine Maske aus geflochtenem Gras. Der Anführer hatte einen vergoldeten Herrscherstab in der Hand; auf seiner Brust war der große Stab des Getreidegottes eingestickt. Er nickte dem Reiter an seiner Seite zu. »Das hast du gut gemacht«, sagte er. »Der Inhalt des ersten Wagens, das Korn und die Stoffe, ist das Bußgeld für meinen Gott, ebenso wie jedes zehnte Zugtier und die Schafe und Ziegen, die ihr von den Hügeln treiben könnt. Den Rest gibt dir der Gott zurück, und du kannst damit tun, was dir beliebt. Dies hat mir die Auferstandene aufgetragen; bist du einverstanden?« Der andere zeigte seine Zähne. »Cha’Ensil«, sagte er, »es soll so sein, wie deine Herrin es wünscht. Auch die Pferdekrieger können großzügig sein.« Plötzlich begannen die Augen hinter der Maske jedoch zu blitzen. »Was haben wir denn hier?« fragte er. Der Reiter zuckte die Schultern. »Gefangene, für das Opfer«, sagte er. Er blickte zum Himmel hinauf. »Unser Gott ist mißgelaunt, wenn die Nächte schwül sind. Hast du nicht seine Hufe in den Wolken gehört?« »Ich habe den Getreidegott im Schlaf lachen hören«, sagte der Priester überheblich. Er streckte seinen Stab aus. »Zeige mir den da«, verlangte er. »Ich will sein Gesicht sehen.« Der Krieger murrte und machte ein Handzeichen. Einer der Männer stieg vom Pferd, ging auf den Gefangenen zu und riß seinen Kopf an den Haaren hoch.
Der Priester hielt den Atem an. »Näher«, sagte er. »Bring ihn hierher.« Das Opfer wurde zu ihm hingeschleift. Cha’Ensil sah hohe Wangenknochen, eine Stupsnase und graugrüne Augen mit langen schwarzen Wimpern. Getrocknetes Blut klebte am Mund und am Hals; durch die geöffneten Lippen schimmerten gleichmäßige weiße Zähne. Der Priester wandte sich um. »Er ist fast noch ein Kind«, sagte er. »Er wird euren Gott nicht besonders erfreuen.« Er machte eine Pause. »Der Getreidegott verlangt ihn«, sagte er dann. »Ladet ihn auf den Wagen.« Der Reiter blickte ihn wütend an, die Hand am Schwert. Cha’Ensil jedoch hielt ihm den blitzenden Stab vor die Augen. »Es ist der Wille des Gottes«, sagte er. »Ein geringer Preis – für einen großen Segen.« Der andere zögerte, zupfte an seinem Bart. Es hätte ihm nichts ausgemacht, den Priester zurückzuweisen; aber hinter ihm stand jemand, dessen Zorn man nicht so ohne weiteres auf sich zog. Wieder ertönte ein grollender Donner; er zuckte die Schultern und wendete sein Pferd. »Nimm ihn«, sagte er zynisch, »wenn dein Gott solches Gefallen findet an Grünschnäbeln.« Der Priester schaute ihm erbost nach; dann wandte er sich um, und auf ein Zeichen mit seinem Stab wurde der Strick durchtrennt. Der befreite Gefangene wurde in den vordersten Wagen verladen, und Cha’Ensil gab den Befehl zum Aufbruch. Peitschen knallten, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Es war fast dunkel, als die Gruppe einen Paß erreichte, der zwischen hohen Kreidefelsen hindurchführte. Auf einem der Berge konnte man die Überreste eines Dorfes erkennen; am Hang prangte eine riesige Kreidefigur. Auf der Spitze eines steilen, grasbewachsenen Hügels war ein langgestrecktes Dach zu sehen; darum herum gruppierten sich kleinere Gebäude.
Das Ganze war von einem Schutzwall umgeben; vor dem Tor befand sich ein tiefer Graben. Als die Gruppe herangaloppierte, wurden gerade die Fackeln angezündet und die Wachablösung vollzogen. Mit flatterndem Gewand schritt Cha’Ensil durch die Straßen bergan.
In dem kleinen, fensterlosen Raum war es heiß und stickig. Das Licht der Fackel glänzte auf den weißen Wänden und dem grauen Schilf und tanzte auf dem Gesicht des Oberpriesters, der mit ausdrucksloser Miene nach unten schaute. Schließlich nickte er. »Gut«, sagte er. »Macht ihn zurecht. Befreit ihn vom Schmutz.« Röcke raschelten, Füße huschten über den nackten Erdboden. Der Körper des schlafenden Jungen wurde gewaschen; die Finger- und Fußnägel wurden mit gespitzten Holzstäben gesäubert, das Haar unter seinen Armen wegrasiert. Sein Kopfhaar wurde gewaschen, gekämmt und noch einmal ausgespült. Es donnerte direkt über dem Dach; Cha’Ensil umklammerte den Stab, so daß die Fingerknöchel weiß hervortraten. »Macht sein Gesicht zurecht«, befahl er. »Setzt all eure Kunst ein.« Feingeschliffene Kristallgläser wurden geöffnet; die Frauen schminkten die Augenlider mit einem dunklen Grün, zupften die Brauen, schwärzten die samtenen Wimpern. Der Schlafende seufzte und lächelte. »Nun die Körperteile, die ihn zum Gott machen«, ordnete Cha’Ensil an. Die Brustwarzen des Jungen wurden leuchtend gefärbt; und der Priester selbst preßte und massierte die Leiste, bis der Penis steif wurde und sich hob. Bauch und Schenkel wurden mit einem feinen roten Pulver bedeckt; dann trat Cha’Ensil
zurück. »Legt ihm die große Kette und die Armreifen an«, sagte er. Der Junge wurde aufgesetzt, und man legte ihm ein Gewand aus feiner Wolle um die Schultern. Cha’Ensil faßte ihn am Kinn und drehte sein Gesicht, bis die von Drogen verschleierten Augen in die seinen blickten. »Du warst tot«, murmelte er, »und du wurdest aufgeweckt. Dein Blut wurde gestillt, der Dreck an deinem Körper fortgewaschen. Nun bist du ein Gott. Der Segen des Getreidegottes sei mit dir.« Er wandte sich abrupt ab. »Bringt ihn zum Langen Haus«, sagte er. »Dann kommt zurück. Wir müssen beten.« Das Donnern wurde immer stärker. Blitze erleuchteten Berge, Gras und Bäume in einem grauen Licht. Dann brach der Sturm los. Und mit ihm kam Regen. Aber er fiel nicht wie gewöhnlicher Regen in Tropfen, sondern in Blöcken, so daß die Menschen von dem Lärm auf ihren Dächern geweckt wurden. Es sah aus, als würden silberne Lanzen in die Erde getrieben; Blätter und Äste wurden von den Bäumen geschlagen. Der Bach am Fuß des Heiligen Berges schwoll an. Gegen Morgen ebbte der Sturm ab. Ein kalter, scharfer Wind fegte über die Berge und brachte den süßen Duft von Blättern und nasser Erde mit. Im ersten Licht des Tages bewegten sich zwei Gestalten über den Berg. Beide trugen Mäntel und Masken. Einmal blieben sie stehen und blickten zu der Dorfruine und dem Kreidegiganten hinüber, der im Gras glänzte; der größere der beiden neigte den Kopf. »Herrin«, sagte er mit einer tiefen, klangvollen Stimme, »wann habe ich dich verletzt oder dich betrogen? Wann sind meine Worte nicht wahr geworden?« Die Stimme der Frau war härter und schärfer. »Cha’Ensil«, antwortete sie, »wir sind beide erwachsen; behalte deine Geschichten für deine kleinen, jungen Priesterinnen; ihre Lippen sind süßer, wenn sie Angst haben. Oder erzähle sie den
Pferdemännern, die genauso kleine Kinder sind. Vielleicht gab es tatsächlich einmal einen Gott hier, vor langer Zeit; aber er hat uns verlassen, und er wird nicht wiederkehren. Es ist nicht gut, sich darüber lustig zu machen, besonders nicht in meiner Gegenwart.« Sie waren an der Tür des Langen Hauses angelangt. Zu beiden Seiten standen mannshohe Schilfbündel; die Zeichen des Gottes. »Herrin«, sagte der Priester mit einem ernsten Lächeln, »du bist weise, in vielen Dingen weiser als alle Männer. Trotzdem laß mich dies sagen: Der Gott hat viele Gestalten, und er lebt in gewisser Weise in jedem von uns. Bei den meisten Menschen ist er verborgen; aber nun habe ich ihn gefunden, festgebunden an den Wagen eines Pferdemannes. Ich erkannte ihn an dem Blut, das er vergoß, noch bevor ich sein Gesicht sah; denn alle Götter bluten, als Buße für ihr Volk. Ich erhob ihn mit diesen meinen Händen und brachte ihn dorthin, wo er jetzt wartet. Du wirst es selbst sehen.« Sie blickte ihn a