Jeppe Aakjær
Die Kinder des Zorns
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Als Vorlage diente: Jeppe Aakjær Die Kinder des Zorns Übertragen von Erich Holm, Pseudonym von Mathilde Prager Georg Merseburger, Leipzig, 1912
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Jeppe Aakjær Die Kinder des Zorns
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RATTEN Die Sonne stützte bereits ihr breites Kinn auf die Hügel im Westen und guckte müde und angestrengt zwischen das Laub im Garten des Sølsighofes hinein, wo der Gutsbesitzer Wollesen saß und Ratten fütterte. Dies war die Lieblingsbeschäftigung des alten Wollesen, die er bei gutem Wetter nie verabsäumte. Er saß auf einem dreibeinigen Stuhl an der Spalierwand. Zwischen den morschen Zahnstümpfen hielt er eine fettige Holzpfeife, und auf den Knien der bläulich schimmernden, verschlissenen Hose ruhte eine schwarze irdene Schüssel. Die Ratten kamen aus tiefen Löchern unter den grauen Grundsteinen hervor, dort, wo die Schweinekoben an das getünchte Hauptgebäude stießen; der üppige Klettenwald und die Dünste des Schweinestalls bildeten ein Paradies von Stank und
Dunkelheit für diese Geschöpfe, und sie betrugen sich denn auch so ungeniert, als wären sie die eigentlichen Herren auf Sølsig und alle anderen Wesen nur ihre aufwartenden Diener. Dreist wagten sie sich bis unter Wollesens gesprungene Holzschuhschnäbel und schnappten mit frecher Schnauze die Brotkrumen auf, die er ihnen aus der irdenen Schüssel zuschleuderte. Mit komischen Kapriolen erhoben sie sich auf den Hinterbeinen und klappsten einander auf das Ohr; wo eine Brotrinde ins Gras niederfiel, entstand ein wahres Getümmel von kleinen, geschmeidigen Tierkörpern, die mit erhobenen Schwänzen sich unter teuflischem Pfeifen herumbalgten, so daß die letzten linden Strahlen der sinkenden Sonne bald quer über die Rücken, bald über die weißen Bäuche hinstreiften. Der alte Wollesen saß schmunzelnd, den Geifer über die kurze Pfeife spritzend, und lachte über das Getümmel und Gehopse der besessenen Tiere. Sein Hauptspaß war, einen Brotbrocken an die Zwinge seines Eichenstockes zu stecken und ihn in Armhöhe von der Erde emporzuhalten. Da begann alsbald ein Schnappen nach dem Kloß, über das sich auch andere als Wollesen hätten kranklachen können. Die gefräßigen Geschöpfe sprangen immer aufs neue in die Höhe, um den lockenden Köder zu erhaschen, fielen aber stets wieder enttäuscht auf den Rücken ins Gras nieder; hier rächten sie sich, indem sie ihre
Nachbarn aufs Ohr schlugen oder sich gegenseitig Haarbüschel aus den Pelzen rissen. Auf einmal kommt ein alter dicker Staatsrat aus der Schar der Ratten hervorgewatschelt und nähert sich Wollesen. In einem Nu hat das Tier den Sessel erklettert; mit grünschillernden Augen und einem nervösen Zittern der Schnauzhaare duckt es sich über Wollesens Knie, setzt von da mit keckem Sprunge auf seinen Arm, läuft an dem vorgestreckten Stock dahin, nimmt das Brot in die Schnauze und läßt sich dann dumpf aufklatschend ins Gras zurückplumpsen. Die andern begrüßen diesen wohlgelungenen Versuch mit infernalischem Geheul. Plötzlich stürzt die ganze Rattenschar über Hals und Kopf unter die Kletten hinein … Wollesen dreht langsam und verdrießlich wie ein alter Uhu sein sonnvertrocknetes Runzelgesicht dem Eingangsgatter zu, wo gleich darauf ein ältlicher hagerer Mann mit großer Nase und rotem Backenbart hinter den Johannisbeersträuchern zum Vorschein kommt. Er tritt vor Wollesen, macht eine grüßende Bewegung mit dem gekrümmten Zeigefinger nach dem rechten Ohr und ruft mit lauter Stimme: »Guten Abend, Wollesen!« Es ist der Gemeindevorsteher und Armenrat Hans Nielsen aus Runge. Er stützt sich auf seinen dicken Rohrstock und fährt dann fort: »Wird wohl am besten sein, ich rück gleich mit meinem Geschäft heraus;
ich hab mir erlauben wollen, mit Euch wegen der verdammten Schusterleut bei uns drunten zu sprechen, für die sich die Gemeinde gewissermaßen bei Euch zu bedanken hat.« »He, he, he!« lacht Wollesen, schleudert die in der Schüssel noch übrigen Brotrinden unter die Kletten und wischt sich mit der Handwurzel einen großen hellen Tropfen unter den Nasenflügeln weg. »Ja, Ihr habt, meiner Seel, gut lachen, jetzt, wo Ihr draußen seid,« fuhr Hans Nielsen fort, »aber, wie ich sag, das verteufelte Schustervolk wird noch den ganzen Gemeinderat auseinander bringen. Und was einen am allermeisten fuchst, das ist das Gerede, das unter den Leuten jetzt umgeht, wir in Runge hätten uns von Euch hier in Skejby nur zum Narren halten lassen, und an der ganzen Bescherung war nur unsre dumme Gutmütigkeit schuld.« »He, he, he!« kicherte Wollesen und blinzelte, die Wange auf den Stockgriff gestützt, den Armenpfleger mit unverhohlenem Spott an. Das reizte diesen offenbar, und gewissermaßen um den andern zu entwaffnen, warf er hin: »Jetzt soll’s also zum Prozeß kommen. Da wird sich ja zeigen, was dann geschieht.« »Prozeß! mit wem?« fragte Wollesen, ernst geworden. »Mit dem Skejbyer Gemeinderat natürlich.« »Ih der Daus! So versucht nur Euer Glück! Gut, daß man draußen ist aus dem Spiel!«
»Na, gar zu stark braucht Ihr Euch nicht drauf zu verlassen, daß es an Eurer Tür vorbeigehen wird, Wollesen; denn – wenn ich mich recht entsinn – so wäret Ihrs doch, der in Skejby Gemeindevorsteher war, damals, wie der Handel geschlossen worden ist. Wenn’s also irgendwen gibt, der da Bescheid weiß, so müßt, sollt einer meinen, Ihr das sein!« »Ach, papperlapapp, Hans Nielsen! Wie soll ich alter Mann mich vorn und hinten an die ganze weitläufige Geschichte erinnern? Ich finde mich nicht einmal mehr in meinen eigenen Sachen zurecht, wie dann erst in andern? Ich weiß nur so viel, wir sind die Ann-Marie Kjærsgaard auf ehrliche Weise los worden und ihre Brut obendrein, und das war, meiner Treu, eine Wohltat für unsre Gemeinde.« »Na, Wollesen, gar so heilig tun, das steht einem so estimierten Mann, wie Ihr seid, wahrhaftig nicht an,« sagte nun Hans Nielsen und trat näher. »Übrigens, was ich zu wissen brauch, das weiß ich so ziemlich. Der tolle Küster hat mir alles gesagt.« »Sørensen? Der Tropf der?« erwiderte Wollesen und spuckte verächtlich ins Rhabarberbeet. »Ja, na ja! jetzt ist es freilich nicht mehr weit her mit ihm. Aber in früheren guten Tagen, wo er sich noch nicht um seinen Verstand gesoffen hatte, da hat einer früh aufstehen müssen, um es mit ihm aufzunehmen, da hat er sich nicht leicht ein X für ein U vormachen lassen. Auf dem Hund ist er jetzt wohl,
der Sørensen, aber laßt gut sein, ein Narr ist er noch lange nicht, und wenn er was sagt, so ist immer noch was Wahres dran.« »Na, was hat er denn also über die Schuhmacherfamilie gesagt?« fragte Wollesen, Hans Nielsen mit gesenkter Stirn fixierend. »Er hat gesagt, daß die Skejbyer Gemeinde dem Schuster eintausend Reichstaler aufgezählt hat, dafür, daß er die Ann-Marie Kjærsgaard heiratet.« »Das ist, kreuzschwerenot, eine Lüge!« rief Wollesen. »Kein Heller mehr ist ihm zu meiner Zeit ausgezahlt worden als siebenhundert.« »Also weniger war’s? Na ja, aber auf die Summe kommt’s eigentlich auch gar nicht an, sondern daß ihm überhaupt Geld gegeben worden ist; und darauf hab ich jetzt Euer eigenes Wort.« »Was ich über die Sache gesagt habe, dabei bleib ich auch!« rief Wollesen purpurrot. »Ja, ja! Ich estimiere Euch zuviel, als daß ich was andres glauben sollte. Und warum denn auch nicht? Da wir nun einmal dabei sind, sagt mir nur, wie ist denn das Ganze zugegangen?« »Wie’s zugegangen ist? Kreuzschwerenot, ganz einfach ist’s zugegangen. Aber wie ich sage, ich bin ein alter Mann.« »Ach, Unsinn! Ihr werdet mir doch nicht einreden wollen, daß Ihr schon kindisch zu werden anfangt.«
»Na ja, versteht sich, ich kann’s meinetwegen auch erzählen, denn es ist ja nichts, dessen man sich zu schämen braucht; was da geschehen ist, war eine wahre Wohltat für Skejby, und am End muß ein jedes auf das Seine schauen. – Seht, die Ann-Marie Kjærsgaard, von der die Rede ist, die ist ja ihr Lebtag ein rechter Ausbund gewesen. Selber ein Sündenkind, wie sie war, hat es ihr im Blut gelegen, und wo eine Spätzin ist, findet sich auch allemal ein Spatz. Keiner Verheirateten hat die Ann-Marie in dem Stück was nachgeben wollen. Wo eine andre ein Kind gekriegt hat, da hat sie’s nicht ruhen lassen, ist heimgegangen und hat zwei kriegen müssen. So ein Weibsbild ist doch, kreuzschwerenot, ’ne Last für eine Gemeinde. Sie hat den Jux gehabt, und die Gemeinde hat die Zeche zahlen können. Und wollte man dann einmal ein Wort mit ihr reden, kreuzschwerenot, was hat einem die für ein Maul angehängt! Der einzige, der noch imstande war, ihr das Wasser in die Augen zu treiben, war, meiner Treu, der alte Pastor.« »Und der Küster, der nicht?« schaltete Hans Nielsen ein. »Der Sørensen? O jemineh! Der war schon der Rechte gewesen! Weiß doch ein jedes Kind, daß er vom ersten der Vater ist. – Na, wie sie dann bei Nummer fünf angelangt war, da sag’ ich – ich war ja dazumal der Gemeindevorsteher –: das, sag’ ich, kann bei Gott nicht so fortgehen. Dies Jahr kommt
sie mit einem, das nächste Jahr können’s ihrer zwei sein; sie kostet die Gemeinde bald allein soviel wie ein halbes Armenhaus. Aber, sag’ ich, wenn ihr mich machen laßt, da wollen wir, kreuzschwerenot, doch einmal sehen, ob ich dem Spiel nicht ein Ende mache. Na, man hat mir natürlich freie Hand gelassen, das versteht sich, und schon die ganze Zeit hab ich ein Aug auf den lahmen Schuhmacher gehabt, der in die Ann-Marie bis über die Ohren verschossen war, und weil er auch nicht aus dem Sprengel, sondern drüben bei Euch daheim ist, denk ich mir, der könnt justament der Ann-Marie zu Gesicht stehen. Gehabt hat er nichts, natürlich, daß er sich einen Hausstand hätt’ gründen können, aber zuzeiten war er, weiß der Himmel, ein ganz tüchtiger Mensch, solang ihn noch der Branntwein nicht untergekriegt hat, und von der Gemeinde hat er damals auch noch nichts bekommen. Na also, kurz und gut, ich laß verlauten, daß ich mit dem Burschen unter vier Augen was zu sprechen hätt’. Da war ja weiter nichts dabei. Kommt er also, und wie er dann an meinem Tisch bei Schnaps und Brot gemütlich dasitzt, so sag ich zu ihm: Hör, Schuhmacher, sag ich, du solltest meiner Treu zum Heiraten schauen … Ja, das ist wahrhaftig meine Meinung, sag ich. Bist ja ein ganz schmucker, kapitaler Kerl. Und da hab ich auch nicht gelogen, er hat damals ganz reputierlich ausgesehen, wenn man sich
nur nicht grad an den Fußschaden hat halten wollen. Na, ich schenk ihm noch eins ein und sag noch einmal: Heiraten sollst, Schuhmacher! Die Ann-Marie Kjærsgaard sollst nehmen, gehst ihr ja schon lang nach. Ja, meint er, er tät’s nicht leugnen, daß er sie hin und wieder schon im Sinn gehabt hätt’, aber es wären, dächte er, doch hübsch viel Kinder da. gleich von vornherein. Unsinn, sag ich, was dir das nicht verschlägt! Aber sei’s drum, Schuhmacher, sag ich, nimmst du die Ann-Marie Kjærsgaard und nimmst du sie bald, so sollst, kreuzschwerenot, einhundert Reichstaler für jeden Bankert haben und zweihundert extra für deine eigene Person. Der Schuster macht große Augen und fragt, von wo er denn das Geld herkriegen soll. Das kann dir doch so ziemlich gleich sein, von wo es herkommt, sag ich, und schenk ihm noch eins ein. Bin dir für das Geld doch wohl noch gut? Kurzum, der Schuhmacher und ich sind schließlich über die Sache einig worden, und er und das Weibsbild auch; und den nächsten Sommer ist die Ann-Marie mitsamt ihrer Menage nach der Runger Gemeinde überführt worden. Und wie der letzte Balg auf den Wagen aufgeladen ist und die Pferde anziehen, sagt einer von den Vordersten aus der Gemeinde: Jetzt hätten wir uns bei Gott eine Bowle Punsch verdient. Und so haben wir uns dann alle miteinander einen recht fidelen Abend angetan.«
MENSCHENHANDEL »Morten! Komm runter vom Boden! Hau mir den Per durch!« scholl Ann-Marie Kjærsgaards schrille Stimme aus der offenen Halbtür der Armenkate der Gemeinde. Ann-Marie stand an der Bodenstiege, und ihre grünen Augen schauten zum Schuhmacher auf, der in die Höhe geklettert war, um ein Bund Heu für die Ziege herunterzulassen. Morten ließ sich nicht stören, sondern machte sich weiter mit seinem Heu zu schaffen. »Hörst nicht, was man dir sagt, du Schlafmütze du!« fuhr Ann-Marie fort, erregt mit den verschwollenen Händen fuchtelnd, die gleich ihrem zurückgeschlagenen Rock von Lauge und Seifenschaum trieften. »Halt’s Maul, Alte, und halt dir sie selber in Ordnung, deine Rangen, die mich nichts angehen,« antwortete der Schuhmacher.
»Da hör mal einer, wie er sich das Maul auswaschen kann, der hinkende Teufel,« gab Ann-Marie zurück. »Möcht deiner Ehre wohl nicht zu nahe gehen, wenn du dich des Großen dann und wann annehmen tätest; seine Unnützigkeit wächst einem schon rein über den Kopf. Da steht er und lernt und lernt und vergißt ganz, was er unter den Händen hat. Gestern schmeißt er die Wiege mit der Kleinsten um, und heut, wo man ihn hinstellt, den Brei umzurühren, läßt er’s ganze Essen anbrennen.« Der Urheber so vieler Schändlichkeiten, der elfjährige Per, stand indessen am offenen Herd und lauschte gespannt auf den Ausgang dieser Verhandlung. Als er nun den schweren Klumpfuß des Schusters die Bodentreppe herunterhumpeln hörte, verzog sich sein Gesicht, und die Schattenstriche, die sich hineinzeichneten, gingen, je näher die Gefahr kam, in tiefe Furchen über, die im Nu voll Wasser standen. Per hatte bisher nach besten Kräften den widerhaarigen Brei in dem großen Hafen umgerührt und dabei ab und zu einen Blick in etliche fettige Blätter eines zerrissenen Buches geworfen. Doch da die klumpfüßige Gerechtigkeit ihm näher auf den Leib rückte, erschien ihm die Situation so beunruhigend, daß er den Kochlöffel resolut fahren ließ und laut jammernd Deckung in der Torfecke unter dem Küchentisch suchte. Als der Schuhmacher über die Türschwelle humpelte, stieg die überkochende Grütze von allen
Seiten zum Hafenrand auf, von wo sie in siedenden Kaskaden über die Torfglut niederschoß. »Ach, Herr Jesu Christ, verdient er jetzt nicht die ärgste Tracht Prügel, die nur auf seinem Buckel Platz hat, der verdammte Nichtsnutz!« schrie AnnMarie, die dem Manne auf den Fersen folgte, und stürzte zum Herd hin, um die auf wallenden Reste der Grütze zu retten. Im Vorbeischießen versetzte sie dem Schuhmacher unversehens einen Tritt auf das Schienbein seines Klumpfußes, woraus sich ein heftiges Gezänk entspann, das mit einer regelrechten Schlägerei endete. Ann-Maries Gekreisch und Wutgeschrei erfüllten das Haus. Während die beiden erbosten Eheleute einander in den Haaren lagen und, umhüllt von den Dämpfen, die aus dem brodelnden Grützekessel aufstiegen, ihren Hexentanz aufführten, nahm der kleine Per die Gelegenheit wahr, sich aus dem Staub zu machen und durch die Waschhaustür hinauszuschlüpfen. Mit leichtem Herzklopfen stand er nun draußen an der Hausecke, halb von einer großen Klette gedeckt, und lauschte dem Schlachtgetümmel drinnen im Hause. Die Mutter sprang und kreischte, der Vater schlug den Takt mit dem Klumpfuß. Wenn ihr Getrampel sich dem Ausgang näherte, horchte Per mit weitgeöffneten Lippen, bereit, sich unter den schützenden Schild der Klette sinken zu lassen. Als der letzte Stuhl in der Hütte umgestürzt war, kehrten
die Geister des Friedens zögernd zurück. Per fand es jedoch für geratener und angemessener, noch eine Weile hinter dem Klettenversteck zu warten; er vertrieb sich die Zeit damit, den Kalk von der Wand zu kratzen oder kleine Käfer unter den hierher geworfenen Ziegelstücken zu suchen. Wie Per so dastand und halb widerstrebend den unter dem Vordach hintreibenden brenzligen Breiduft einsog, kam eine kräftige, breitschultrige Mannsperson, einen großen Kramkasten auf dem Rücken und einen kleinen, zottigen roten Hund auf den Fersen, des Wegs einhergetrabt. Als er an dem Knaben vorbeikam, blieb er stehen und sagte: »Du kleiner Taugenichts, sind deine Eltern daheim?« »Ja, sie sind drin.« »Was machen sie denn?« »Raufen.« »Raufen? So, raufen?« lachte der Ankömmling, »na, wird ihnen wenigstens warm dabei. Schauen wir aber doch einmal bei der Tür hinein, ob sie sich noch in der Arbeit haben.« »Guten Tag und Gottes Segen!« scholl unmittelbar darauf Kræn Lybskers Baß durch die niedere Haustür. »Kein Geschäft für den Krämer heut? Zwirn! Heftel! Waschseife! Litzen! Knopflochseide! Nähnadeln!«
Kresten schüttelte einen gewaltigen Haufen verlokkender Dinge auf den Tisch hin. »Und da wären dann auch noch verschiedene Schnurrpfeifereien!« Damit deutete er auf einige besonders verführerische Waren, wie Messer, Frisierkämme und farbige Taschentücher mit Bildern des Kronprinzen und der Schlacht bei Fredericia. »Nein, gar nichts brauchen wir,« sagte Ann-Marie unwirsch und schob mit der rechten Hand ihre zerzausten Haarbüschel unter das Kopftuch. »Laufst aber auch mit dem elendesten Kram herum. Von den letzten Nähnadeln, die man von dir gehabt, war eine jede hin, sowie man sie nur eingefädelt hat.« »Du hast gewiß deinen Zorn an ihnen ausgelassen, denn meine Nähnadeln, die halten sonst ein ganzes Menschenleben aus. Keine alten Fetzen oder Knochen da zum Weggeben?« setzte der Krämer hinzu. »O, Fetzen mehr als genug, wenn man sie nur so leicht entbehren könnt. Und die Knochen, die nagt der Per so fein ab, daß für ’n Krämer kaum was übrig bleibt.« »Aber einen Schluck Schnaps wird’s doch bei euch geben?« »Nein, bei Gott nicht,« beteuerte Ann-Marie Kjærsgaard. »Wo war denn bei uns je ein Tropfen Branntwein im Haus, der nicht dem Morten gleich
durch die Gurgel müßt? Schnaps, der ist gar rar bei uns.« Morten wetzte unruhig auf seiner Bankecke hin und her. »O, du sperrst dich grad auch nicht gegen einen Kümmel, wenn dir ihn nur einer spendieren mag,« warf er ein. »Also gar nichts Gebranntes habt ihr im Haus?« fuhr der Nadelkrämer fort. »Da ist’s freilich kein Wunder, daß ihr den Schnabel so hängen laßt. Na, gegen die Krankheit weiß ich noch ein Rezept.« Der Krämer spreizte den einen Rockschoß wie einen Adlerfittich aus und schielte in die fast ellentiefe Tasche hinab, aus der er triumphierend eine grüne Literflasche heraufholte. Mit einer großartigen, weitausholenden Gebärde setzte er sie dem Schuhmacher vor die Nase und sagte: »Da ist jetzt, alle Wetter, der Branntwein, rückt ihr dafür mit Bier heraus!« »Ja Bier, davon wird just ebensoviel da sein wie vom Schnaps. Aber das läßt sich am Ende doch eher beschaffen. Dem Nielsen sein Weib drunten hat uns einen Krug voll versprochen, wenn sie brauen. Wo er nur jetzt wieder hin ist, der verwünschte Nichtsnutz, der Per!« donnerte Ann-Marie Kjærsgaard zur Halbtüre hinaus. Per kam zögernden Schritts längs der Hausmauer dahergeschlichen. »Eigentlich hättest gedroschen werden sollen, daß du nimmer kriechen könntest. Aber nimm jetzt die Kruke und renn zu Nielsen hinüber, sie möchten so
gut sein und sie mit Bier anfüllen. Nimm aber deine Füße in die Hand und gib gut acht auf die Kruke, daß dir nicht die Gassenjungens drüber herfallen.« Per latschte die Straße hinab, in der Hand den gelben Krug, der an der verschlissenen Hose hin und her schlenkerte. Ann-Marie verschwand wieder in das Innere der Hütte. Während der Krämer aus der Flasche einschenkte, machte sie sich mit der Kleinsten in der Wiege zu schaffen. Auf einmal ließ sich das Trappen schwerer Stiefel draußen vor der Hütte vernehmen. Kaum daß die beiden, die sich bei der Flasche je an einer Seite des langen Tisches behaglich eingerichtet hatten, Zeit fanden, die Spuren des eben begonnenen Trinkgelages zu entfernen. Der Schuhmacher schlürfte das Glas aus und ließ es resolut in seine Hosentasche gleiten. Kræn Lybsker konnte in der Eile den Stöpsel nicht finden und ließ die beinah unberührte Flasche unverpfropft in die Innentasche hinabsinken. In diesem Augenblick sprang die Tür angelweit auf, und zwei Gestalten in zwillingsgleichen Friesröcken, der Gemeindevorsteher und Armenvater Hans Nielsen und Bertel, der reiche Eigentümer des Nørhofs, standen nebeneinander in der Türöffnung. Sie schritten in die Hütte mit jener stählernen Sicherheit der Haltung, mit der erbgesessener Besitz und festgegründeter Reichtum von alters her über die Schwelle des Armenhauses getreten sind. Sie grüßten kurz
und kühl und warfen einen hochmütigen Blick auf das Bankbrett, über das sie mit der Hand fegend hinstrichen, ehe sie sich niedersetzten. Als der Armenvorsteher seine Mütze abnahm und sie auf den Schemel legte, nahm der Schuhmacher in der Verwirrung auch die seine vom Kopf, während der Nadelkrämer nur ein wenig an dem Schirm seiner Kappe rückte, gleichsam um sich zu vergewissern, daß er sie noch aufhabe. Die beiden Neuangekommenen hatten scheinbar keine Eile. Mit großer Umständlichkeit holte der Armenvorsteher sein Pfeifengeschirr hervor und breitete es auf dem Tische aus. Als er mit dem Stopfen fertig war, warf er die Frage an den Schuhmacher hin: »Hast vielleicht ein Schwefelholz bei dir?« »Jesus ja!« sagte der Schuhmacher und fuhr mit großer Eilfertigkeit in die Hosentasche. Der Vorsteher wartete mit der Pfeife in der Hand, indes die Lippen erwartungsvoll eine Saugstellung einnahmen. Der Schuhmacher fingerte an seiner ganzen Person auf der Suche nach einem Zündholz herum. Erst holte er einen schlottrigen Lederbeutel hervor und legte ihn vor sich auf den Tisch, dann zog er aus der Hosentiefe ein altes Schnappmesser, schließlich erwischte er das Ende eines Schusterpechdrahtes, der sich immer weiter und weiter aufwikkelte.
»Na, was wird’s damit?« sagte der Vorsteher und sah ihn spöttisch an. Im selben Augenblick flog das Branntweinglas auf den Steinboden und zerschmetterte in tausend Stücke. »Na, bist schon so weit gekommen, daß du’s Branntweinglas bei dir im Sack trägst?« höhnte Hans Nielsen. »Da hast du’s wenigstens gleich zur Hand.« »Aber, Herr Jeses,« keifte die allzeit zankbereite AnnMarie Kjærsgaard, »jetzt schlägt er das einzige Glas entzwei, das noch im Haus war, der Schußbartel, der. Hättst mich nicht können die Schwefelhölzer suchen lassen?« Mit diesen Worten schleuderte Ann-Marie eine Schachtel dicht an der Nase des Schuhmachers vorbei dem Gemeindevorsteher hin. »Au, au!« schrie der Schuhmacher und bog den Kopf jäh zurück, um dem Projektil zu entgehen. Die drei andern lächelten sich hämisch zu. »Der gehört wohl auch zum Geschäft?« bemerkte nun der Nørhofer, einen Pfropfen in die Höhe haltend, auf den er sich in der Bankecke gesetzt hatte. »Ach, da ist er ja! Nur her damit, sonst könnt es schief gehen!« rief Kræn Lybsker, in die innere Rocktasche guckend. »Schau, daß du dem grünen Vogel da den Schnabel stopfst,« lachte Bertel, »sonst fängt er noch zu krähen an.«
Und da nun Kræn Lybsker die Aufmerksamkeit der beiden Bauern auf sich gezogen hatte, warf Bertel mit der ganzen Verachtung des solid Seßhaften vor dem armen Zugvogel die Bemerkung hin: »Ja, solche Leut wie du, Kresten, die haben’s gut, die können Spazierengehen und herumschlendern, wenn ein andrer bei seiner Arbeit sein muß.« »Ja, ja! schon wahr!« antwortete Kresten, »kann nicht klagen, geht mir ganz gut, bin immer wohlauf. Ein paar Heller im Beutel, einen Schnaps in der Flasche und nichts nicht, was einem zuwider war. Das ist auch eine Art Herrenleben. Aber ich möcht fast glauben, ich könnte meinen Humor auch bewahren, wenn der Nørhof mein wäre und ich alle Jahr von deinen Fünfzigtausend die Renten einstecken müßt. Aber wenn du meinst, Bertel, ich hab’s so viel besser als du, können ja tauschen? Da steht mein ganzes Hab und Gut, alles beieinander, was mein ist«; er deutete auf den Kramkasten hin: »Sollst alles haben bis auf den letzten Knopf und einen Schnaps als Leihkauf obendrein.« Er klopfte sich auf die Tasche mit der darin versenkten Buddel, an deren Hals die Bläschen perlten. »Geh zu mit dem Gerede,« schnauzte ihn Bertel an. »Du weißt viel, wie unsereins sich angreifen muß mit lauter Steuern und Abgaben.« »Ach, zahlst ja doch nur deine eignen, und so lang du nicht mehr tust, da brauchst du dich nicht groß
damit spreizen. Wie wir zwei mitsammen in der Schule waren, damaliger Zeit, kommt mir vor, warst du mir grad nicht über, wenn auch dein Vater drei Schornsteine auf seinem Hof gehabt hat. In dem Alter denkt einer nur wenig an den Geldsack, und wenn so dein Kopf hier zwischen meinen Beinen gesteckt hat, da warst bei Gott ganz klein. Da hast du manche warme Waffel erwischt! Dann ist aber die Zeit gekommen, wo es geheißen hat: ins Leben hinaus. Dein Vater hat dir einen Hof, einen schuldenfreien Hof präsentiert; der meinige aber – kaum daß er so viel gehabt hat, mir einen Stecken und ein Paar Holzschuhe mitzugeben. Na, und dann ist die Kriegszeit gekommen. Ich hab hinein und den Soldatenrock antun müssen; du hast dich losgekauft mit deines Vaters Geld. Ich hab den Schmiß da auf der einen Schulter davongetragen; sie haben dran herumgeschnitten, herumgebrannt, aber ’s ist immer gleich schlecht geblieben. Zu guter Letzt haben sie’s doch irgendwie zusammengeflickt und haben sogar – weiß der Teufel, wie das zugegangen ist – zu beweisen gewußt, daß mir der Schaden nicht weiter zu schaffen machen wird. Pension ist also keine abgefallen für den guten Kresten, aber vom Schaden – ja, davon ist noch mein Lebtag ein Erkleckliches übergeblieben. Wie ich heimgekommen bin, warst du schon ein gemachter Mann; wie hätt’s denn auch anders sein
sollen! Das Geld wachst ja unsinnig, derweil man schläft. Von einem zum andern bin ich dazumal gegangen, und förmlich gebettelt hab ich um Arbeit, um mir mein Brot zu verdienen. Hab auch bei dir vorgesprochen, zweimal noch dazu; aber wie du gehört hast, wie’s mit meiner Schulter ausschaut, da hat’s, meiner Seel, weitergehen geheißen. Für Dreschflegel und Sense war man ja nimmer solid genug mit dem Leibschaden. Na, so hab ich mich denn draußen außerm Ort eingemietet und den Kramkasten auf den Buckel genommen, und da hat man nach der Hand seinen knappen Unterhalt davon. Und jetzt sitz ich da mit meinem Karo,« schloß er und blickte sanft auf den kleinen roten zottigen Hund, der, während er sprach, zu ihm auf die Bank gesprungen war und, als er nun seinen Namen nennen hörte, ihm seine kleine feuchte Schnauze schnuppernd und lekkend in die Hand steckte. Noch einige spitzige Worte wurden zwischen den beiden Schulkameraden, die das Leben so ungleich behandelt hatte, gewechselt. Nach und nach aber ging das Gespräch doch unversehens auf das über, was die beiden Männer hergeführt hatte. »Ja also, der Prozeß da mit Skejby soll jetzt drankommen,« sagte Hans Nielsen, sich an den Schuhmacher wendend. »Du hast doch, hoffe ich, deine Kondovitten in Ordnung, Morten? Denn beim Gericht, da gibt’s
keine Ausflüchte nicht, da muß die Wahrheit heraus, ob man sie gleich bei den Rippen herausschneiden müßt. Dort steht das Wort des Gesetzes über uns allen, hoch und nieder, denn nicht vergebens traget die Obrigkeit das Schwert!« schloß er hochtrabend. »Mir ist’s, zum Teufel hinein, alles eins,« erwiderte der Schuhmacher nun plötzlich trotzig. »Was ich mich hab verlauten lassen, dabei bleib ich und stellt ihr mich vor wen ihr wollt. Siebenhundert Reichstaler, das ist, was man mir ausbezahlt hat, und der Sølsigbauer hat sie mir eingehändigt.« »Na, hör mal einer,« sagte Kræn Lybsker. »Von klein auf hat er schon mit Ochsen und jährigen Fohlen Handel getrieben, der Wollesen, aber daß er auch mit Menschen handelt, das ist, meiner Seel, das erste, was ich hör.« Der Vorsteher tat, als hätte er die beißende Bemerkung des Krämers überhört, und fuhr, zum Schuhmacher gewendet, fort: »Du sagst siebenhundert; mir kommt vor, du hättest früher tausend gesagt.« »Nein, Hans Nielsen, wie ich dir jetzt da sag: siebenhundert Reichstaler und vier Fuhren Torf vom besten, das hab ich dafür gekriegt, daß ich das Weibsbild da genommen hab.« Morten zeigte über die Schulter nach Ann-Marie hinüber.
»Ist das ’ne Lüge, was ich da sag, Ann-Marie?« – damit drehte er sich plötzlich zu seiner Frau um, die dasaß und dem Säugling die Brust gab. »Ach, laß du mich aus dem Spiel bei euren Schuftereien! Daß du dich nicht schämst, dich herzusetzen und so was zu erzählen,« erwiderte AnnMarie. Der Schuhmacher wiederholte mit einer Feierlichkeit, als stünde er bereits vor dem Angesicht des Richters: »Siebenhundert Reichstaler, das ist mein Wort; und bei meiner Seligkeit, nicht um einen roten Heller ist’s zuviel gewesen. Denn die da!« – er deutete wieder auf Ann-Marie Kjærsgaard – »war meiner Seel eine bittre Würz zum Anbeißen.« »Oh, gar so viele werden sich auch nicht drum gerissen haben, an so einen Krüppel da angehängt zu sein, daß ich nicht gut genug dazu gewesen war,« entgegnete Ann-Marie und riß der Kleinen die Brust aus dem Mund, daß sie geängstigt aufschaute. »Wenn sich eins nicht ordentlich zur Wehr setzen könnt, kein Glied möcht einem heil bleiben bei so einem Giftnickel, wie du bist.« »Na,« fuhr der Vorsteher fort, um dieser ehelichen Auseinandersetzung ein Ende zu machen, »das war doch nur das eine Anliegen, um deswillen wir hergekommen sind. Aber ich denk, wir werden auch mit dem andern ins Reine kommen. Um was sich’s handelt, ist, daß der Bertel da wen zum Viehhüten
braucht; und da hab ich mir denn gedacht, daß die Gemeinde – hm – daß die schon grad genug Ausgaben hätt für dich und die Deinigen, ob du ihm also nicht, hab ich g’meint, deinen Größten, den Per, zulassen könntest. In die letzte Klasse kommt er ohnehin, da könnt er doch schon sein Brot verdienen, der Lausbub; man muß doch in Bedacht haben, daß es aus fremder Leute Beutel geht, die Gemeindekasse also nicht auch noch für so einen Burschen herhalten kann.« »Wie ich da hör, ist der Wollesen der einzige nicht, der mit Menschen schachert,« warf Kræn Lybsker ein, der das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte. Nun drehte der Nørhof-Bertel sich rasch zum Krämer um und sagte giftig: »Heißt du das Menschenschacher, wenn ein Bursch was arbeiten soll?« »Heißt es, wie ihr Lust habt, aber wenn die Frage erlaubt ist, laßt ihr eure Kälber den Mistwagen ziehen oder die Fohlen vor den Pflug spannen? Nein, nicht einmal leiden möchtet ihr, daß sich ihnen ein Knecht auf den Rücken setzt. Weshalb verlangt ihr dann von einem Kind, was euch bei einem Vieh nicht ansteht? Und von den eignen Kindern, von denen ja auch beileib nicht; denn du, Hans Nielsen, hast ja selbst vier große Jungens, warum überläßt du dem Bertel nicht einen von ihnen?«
»Oh, meine Söhne, die werden doch wohl nicht in die Fremd dienen gehen,« versetzte der Vorsteher und drückte mit seinem Daumen die Asche heftig in den Pfeifenkopf hinunter. »Aha, da haben wir’s,« entgegnete der Krämer und schob sich mit einem raschen Ruck auf der Bank vor. »Über den Armen geht es her!« »Glaubst denn, unsre Kinder brauchen nichts zu tun?« fragte Hans Nielsen, aufgebracht über die Einmischung des Krämers. »Ja, vielleicht, für die Eltern. Aber der Arme – alle seine Arbeit muß der für andre verrichten. Ihr sagt, der kleine Bursch da kam in die oberste Klasse. Und was hat er davon? Nichts, als daß er aus der Schule herausgerissen und euch ausgeliefert wird, daß ihr mit ihm herumschaffen könnt früh und spät. Ja, wie ich sag, schandbar ist das, wie man umgeht mit so ’nem Kind.« »Du nimmst dich wahrhaftig so stark seiner an, daß man rein auf den Gedanken kommen könnt, es steckt was Extras dahinter. Aber so viel ich weiß, hat den Per der verrückte Küster auf dem Gewissen.« »Na, wenn du aus dem Loch pfeifst, mein lieber Bertel,« versetzte Kresten mit drohendem Ton, »da könntest du, dächt ich, bei dir selber anfangen. Was meinst du dazu?« fuhr er fort, sich an Ann-Marie wendend, die an der Wiege saß, den Männern zuge-
kehrt, und ungeniert bald die eine, bald die andre Brust entblößte, um das Kind trinken zu lassen. Um Ann-Marie, die ihre grünstechenden Augen aus ihrer Verschanzung hinter der Wiege auf ihn heftete, zu entwaffnen, beeilte sich Bertel zu sagen: »Ja, die Ann-Marie, die war einmal eine von den saubersten Dirnen.« »Freilich, hast mir’s damals, den Abend am Sjöruper Markt, ja auch oft genug versichert.« »Da hör nur!« rief Kresten Lybsker und klopfte Bertel herausfordernd mit dem Handrücken auf die Schulter. »Ach, zum Teufel mit dem dummen Zeug, Kresten! Ein andrer war auch nicht immer zehnlötig.« »Aber, um ein End zu machen,« wandte er sich, den Oberkörper vorbeugend, an den Schuhmacher, der während der letzten Wendung des Gesprächs mit einem seltsam einfältigen Statistenlächeln dagesessen hatte, »kann ich den Burschen von dir haben, am liebsten so bald als möglich?« »Jawohl, kannst ihn haben,« nahm Ann-Marie das Wort, »zu Haus, da verwahrlost er so noch ganz.« »Fragt sich also nur noch, was ausbedungen werden soll,« versetzte Bertel. »Die Ann-Kjestin wird’s nicht gar gern sehen, so einen Mitesser den Winter über ins Haus zu kriegen.«
»Oh, ein Mund mehr an so’nem langen Tisch,« bemerkte Ann-Marie Kjærsgaard, »der wird euch doch nicht arm essen, sollt man meinen.« »Ja, solche junge Kerls, die kommen wahrhaftig allzeit gehörig ausgehungert zum Essen, die verstehn sich, meiner Seel, aufs Einhauen.« »Möcht denn dem Jung nicht doch auch ein paar Pfennig Lohn gebühren?« meinte der Schuhmacher. »Ach, was kam dabei heraus,« wendete nun der Vorsteher ein, »wenn er gleich etliche Kronen nach Haus brächt? Die gingen bei dir an einem fidelen Abend auf.« Bei diesem Flankenangriff kehrte sich der Schuhmacher halb von der Gesellschaft ab, schneuzte lärmend über die Steinfliesen hin seine Nase und verhielt sich im übrigen schweigend. »Laßt mich einmal ein Wort dazu geben,« sagte der Nadelkrämer. »Er ist recht anstellig, der Kleine, wirst ihn in jeder Hinsicht gut brauchen können, Bertel. Gib ihm also einen Anzug zur Kirmes, ein Paar Holzschuh, wenn er seinen Platz antritt und einen Spezies zum Jahrmarkt.« »Ja freilich, was mir nicht alles aufgepelzt werden soll,« brummte Bertel. »Ist das auch der Rede wert? Laßt es ein Wort sein und schlagt ein!« »Na ja, meinetwegen, aber ausgreinen wird sie mich, die Ann-Kjestin.«
»Jetzt könnt man also den Leihkauf einschenken,« schloß der Krämer und zog wieder die Flasche hervor, »wenn ihr mein Traktement nicht verschmäht.« »Werden wir wohl besser bleiben lassen,« meinte der Vorsteher halb fragend. »Ach was, so ein kleiner Schnaps ist doch nie vom Übel,« erklärte Bertel. »Aber mit dem Glas ist’s jetzt schlimm bestellt,« sagte der Krämer, »wird nichts übrig bleiben, als aus einer Schale zu trinken; die wirst doch haben, AnnMarie?« »Ja, ’ne Schale war schon da, aber auf so noble Herren ist sie nicht berechnet.« Ann-Marie stellte eine farbige, henkellose Kaffeetasse vor Kresten hin, und er schenkte mit gesenkter Stirn vorsichtig ein. In diesem Augenblick ging die Tür des Vorhauses auf, und der kleine Per kam gerötet und abgehetzt, barfuß, den gefüllten Bierkrug hoch beim Ohr, in die Stube geschwankt. »Da haben wir’s ja, das kleine Kerlchen, auf das wir da grad eins trinken!« rief Kræn Lybsker. »Bist du aber geschickt! Wie er den großen Krug dahergeschleppt bringt! Hätt er dich denn nicht bald in den Straßengraben umgeschmissen? – Meiner Seel, sollst ein Fünförestück haben; da, kleiner Kerl, das ist Nadelgeld, ha, ha, ha! – Ja, ich seh dir’s an, es
wird noch ein tüchtiger Bursch aus dir! Geh nur hin zu deiner Mutter mit der Bierbuddel.« Per schaut verwundert diesen Mann an, der so freundlich zu ihm spricht. Der Krämer wendet sich wieder den Männern zu und sagt: »Man soll allemal ein gutes Wort für die Kinder haben. Ich kann mich’s noch aus der Zeit, wo ich selbst ein Knirps war, erinnern; durch glühendes Feuer hätt ich gehen mögen für den, der mir ein freundliches Wort gab.« Per machte immer größere Augen bei den Reden des Krämers. »Die Kleinen, die brauchen das zum Gedeihen. Freundlichkeit, daran tut’s not. Ist ganz wie mit den Blumen … Sonne! Sonne! Aber Gott bessers!« Während des Selbstgesprächs des Krämers ist des Schuhmachers kleines Mädchen auf den Boden gesetzt worden; es hat sich an die niedere Bank festgeklammert und krabbelt nun mit kleinen stoßweisen Rucken an dem Rücken des Vaters vorbei zum oberen Tischende hin. »Da – da – da!« sagt es und blickt mit geschwollenen skrofulösen Augen dem gestrengen Armenvorsteher gerade ins Gesicht. Er streift mit seinem kalten, gleichgültigen Blick den verfitzten Haarschopf und die ganze übrige ungepflegte kleine Person.
»Da – da – da!« sagt sie nochmals und patscht mit aller Kraft ihrer schmierigen Händchen auf die weiße Kappe des Armenpflegers los. »Aber, Herr Jeses … was treibst denn mit dem fremden Herrn seiner Mütze,« ruft Ann-Marie und stürzt zu dem Kinde hin. Hans Nielsen hat jedoch seine Kappe bereits gerettet; mit strammer, ärgerlicher Miene bürstet er eifrig mit seinem Rockärmel darüber hin und legt sie dann in die Ecke der Bank. Die Kleine schickt der Kappe einen mißvergnügten Blick ihrer skrofulösen Augen nach und schiebt sich weiter, die Zunge zwischen den Lippen. Die Schale hat schon ein paarmal die Runde gemacht; Hans Nielsen denkt stark an den Aufbruch. »Der da ist’s also, der zu mir kommen soll?« sagte Bertel und betrachtete abschätzend den kleinen Per. »Hast du schon von irgendwas einen Begriff?« Per zieht sich geängstigt zurück. »Beim Lernen ist er ganz brav,« sagt die Mutter. »Lernen!« schnaubt Bertel durch die Nasenlöcher, »zum Teufel mit der Lernerei! Das ist mehr zum Schaden als zum Nutzen. Nein, hat er eine Idee, wie er eine Arbeit anpacken soll?« »Weißt, ich hab dich jetzt dem Nørhof er Bertel verkauft,« wirft der Schuhmacher über seine Branntweinschale hin. Der kleine Bursche, der immer das Schlimmste gewärtig ist und den dieses kalte Wort eigentümlich
unheimlich berührt, blickt abwechselnd den gestrengen Armenpfleger und den sauertöpfischen, stierblikkenden Bertel an; es scheint ihm, daß etwas Böses über ihn beschlossen worden ist, und er bricht in hilfloses Weinen aus. Er steht mitten im Zimmer auf den Steinfliesen und läßt seine Tränen rinnen. Der Mutter wagt er sich nicht recht zu nahen, und der Vater hat ihn verkauft. »Aber was ist denn das, kleiner Per; brauchst dich nicht zu fürchten, Kindlieb!« tröstete der Krämer. »Komm her zu mir, Kleiner; will dir niemand was zuleid tun. Sollst ja nur nach dem Nørhof, das Vieh hüten! No! No!« »Was, so einen Flenner soll man da ins Haus kriegen?« sagt Bertel. »Bist du ein eigner Bub, kannst keinen Spaß verstehen?« schnauft der Schuhmacher, auf den der Branntwein des Krämers sichtlich gewirkt hat. »Ach, zu stark abgeschleppt hat er sich, und dann die fremden Leut; ist ja doch nur ein Kind,« entschuldigt der Krämer. Der kleine rote Hund leckt Pers tränenfeuchte Hände. Der Krämer fordert den Hund auf, ihm die Pfote zu geben. »Gebt euch nur die Pfoten, ihr zwei kleinen Leut, seid beide beinahe gleich struppig. Ach ja, Kinder und Tiere, die haben keinen andern Gott als Menschen; wollen die nicht gut gegen sie sein, so gnade ihnen Gott! – Wisch dir jetzt die Augen ab, Per!«
Die beiden Hofbauern haben sich nun von der Bank erhoben. Der rotbärtige Hans Nielsen fährt nochmals gleichsam automatisch mit dem Ärmel über die befleckte Sommerkappe hin. Der NørhofBertel greift nach seinem Rohrstock. Sie sind schon beinahe bei der Tür, als der Krämer sich an Bertel wendet: »In meiner Jugend war’s allemal der Brauch, dem Knecht beim Dingen ein Angeld zu geben. Ist das jetzt ganz aus der Mode?« »Na ja; das hätt ich bald vergessen!« sagte Bertel, indem er mit schiefem Mund, den Kopf zur Seite geneigt, seinen Lederbeutel hervorzog, der so tief wie ein kleiner Grützensack war. Mit komischem Nasenrümpfen und triefenden Mundwinkeln stand er lange Zeit mit beiden Daumen im Beutel herumklaubend da, ohne ein passendes Geldstück zu entdecken. »Sind lauter zu große Münzen,« murmelte er und machte Miene, die Schnur wieder um den Geldsack zu schlingen. »Kann dir ja eine wechseln; denn meine haben, bei Gott, die Krankheit nicht!« erwiderte Kresten. Bertel reichte zögernd ein Zweikronenstück hin, Kresten machte Miene, zwei Einkronenstücke hinzuschieben. »Ach, wechsle nur ordentlich!« sagte Bertel, worauf Kresten das eine Kronenstück zurück-
nahm und statt dessen ein Fünfzig- und zwei Fünfundzwanzigörestücke hinlegte. Einen Augenblick schien Bertel einen inneren Kampf mit seinem Geiz auszufechten. Seine fünf Finger tanzten wie Mücken über die vier Silbermünzen hin und her. Plötzlich griff er hastig nach einem Fünfundzwanzigörestück und reichte es Per, ohne ihn anzusehen. »Da hast du also was für dich.« Vor lauter Aufregung begann seine Nase zu tröpfeln.
DIE ARMENKATE Sobald Ann-Marie Kjærsgaard in der Kate allein geblieben war, ging sie emsig daran, Pers knappen Vorrat an Kleidern und Strümpfen nachzusehen; sie wollte doch, daß der Junge einigermaßen »rechtschaffen« in den Dienst komme. Ann-Marie war, ehe die Armut sie stumpf gemacht hatte, ein tüchtiges Frauenzimmer gewesen, das mit Nadel oder Spindel keiner nachstand. Ihr Unglück war, was der alte Pastor Rönsolt ihre bösen fleischlichen Lüste und Begierden nannte, welche Lüste eine Anzahl überschüssiger und für ihre Heimatsgemeinde äußerst unwillkommener Früchte gezeitigt hatten, von denen Per die älteste war. Den ganzen Nachmittag stand sie kaum vom Tische auf, die Schere schnitt scharf ein in die Fetzen, und die Nadel fuhr kreuz und quer durch zerrissene Fersen und Knopfösen. Gegen abend kamen zwei
kleine Mädchen aus der Schule heim und klagten über Hunger. Ann-Marie schmierte jeder ein Stück Fettbrot, nahm eine lederartig zähe, halb aufgeschnittene Rauchwurst von einem Nagel über dem Kachelofen und legte jeder der Kleinen eine einzige dünne Wurstscheibe – so groß wie ein Fünförestück – auf die äußerste Ecke des Brots. Dieser Wurstbissen war ein kleiner Appetiterreger, den es nur gab, wenn Ann-Marie ihre guten Augenblicke hatte; in der Schule nannte man diese Art belegten Brots »Armenhausfladen«; und es war immer ein köstlicher Anblick, die kleinen Finger die Wurstscheibe prüfend über das Fettbrot hin und her schieben zu sehen, während die Augen schielend gleichsam die Entfernung zwischen dem guten Bissen und den weißen Zähnen maßen. Es lag etwas vom Spiel der Katze in der Art, wie die Finger die Zähne zu verlocken suchten, doch stets damit endeten, den königlichen Himmelsbissen bis zuletzt aufzusparen. Als die beiden Kleinen das Fettbrot verzehrt hatten, kam Ann-Marie mit einer Tasse Kaffee daher; mit ihren Zähnen teilte sie ein Stück weißen Zuckers und gab jedem der kleinen Mädchen die Hälfte. Per, der unleugbar ebenfalls hungrig war – er erinnerte sich kaum eines Augenblicks in seinem Leben, wo er es nicht gewesen – bemühte sich, bei dieser Schwelgerei überlegen auszusehen. »Du kannst schon auch herkommen, Per, und dir dein Fettbrot holen,«
sagte Ann-Marie. »Man muß doch ein bißchen gut gegen dich sein, jetzt, wo man dich nur noch die kurze Zeit da hat; sonst schaust du am Ende gar nimmer heim zu uns ins Armenhaus,« fügte sie mit einer bei ihr ganz ungewohnten Milde des Tonfalls hinzu. Per sah hastig in das Gesicht der Mutter; auch die Augen schienen ihm etwas Warmes in ihrem Blick zu haben, so daß man lieber wo anders hinsah. Ann-Marie schnitt dem Per ein großes Stück Brot ab und legte zwei Wurstscheiben auf sein Stück; und wenn sie das Messer hier schon innehalten ließ, so geschah es sogar halb zögernd, um nicht der andern allergelbsten Neid zu wecken. Per bemerkte auch, daß die Mutter seinen Zucker nicht zerbiß, sondern ein ganzes unberührtes Stück auf seine Untertasse legte. Wieder nahm Ann-Marie mit großem Eifer ihr Gestichel vor, wobei sie dem Sohn, der dasaß und den warmen Kaffee aus der Untertasse schlürfte, eine lange Ermahnungsrede zu halten begann. »– – Jetzt schau nur, daß du dich so aufführst, daß man keine Klagen hört über dich, und tu immer schön, was man dich heißt. Daß du nicht das Vieh in der Hitzigkeit schlägst, sondern paß auf alles gut auf, was man dir aufträgt. – Du wirst gewiß ein gutes Essen kriegen, besser als daheim, aber vergiß nicht, immer nur auf deiner Seite zuzugreifen, und steck nicht die Finger in die Schüssel. – Wenn deine
Kleider naß geworden sind, so bitt die Frau, daß sie sie zum Trocknen hängt, und dann und wann kannst du auch einen Abstecher nach Haus machen, damit man dir die ärgsten Löcher zusammenheften kann; oft wird’s freilich kaum sein, denn die sind gar scharf auf die Arbeit auf dem Nørhof. – Und nimm nur alle deine Bücher mit und lern deine Aufgaben gut, selbst wenn du auch nicht in die Schule kommst; denn damit wird’s wohl nicht viel sein, solang das Vieh draußen auf der Weide sein kann. Und bet manchmal auch ein Vaterunser, wenn du Zeit dazu findst – – –« Per war nahe daran, im Strome der mütterlichen Ermahnungen zu ertrinken. So oft Ann-Marie die Nadel heraus zog, fiel ihr eine neue ein, die ihr ebenso unerläßlich wie die vorhergehenden dünkte. Einen Moment, da die Mutter, damit beschäftigt, bei dem schwindenden Tageslicht frischen Zwirn durch das Nadelöhr zu ziehen, zu einer kurzen Unterbrechung genötigt war, benutzte Per, um sich aus der Tür zu schleichen. Ann-Marie fuhr fort zu sticheln, selbst nachdem die Dämmerung bereits eingetreten war. Mitunter hob sie den Kopf und warf einen hastigen Blick über die Straße hin, ob der Schuhmacher nicht vor Nacht noch zurückkommen würde. – »Jetzt hat er wieder einmal Branntwein zu kosten gekriegt,« murmelte Ann-Marie Kjærsgaard, »das hat natürlich wieder
nach mehr geschmeckt. Mit so einem Menschen muß sich eins auch noch schleppen.« Die Nacht kam. Die Kinder wurden ins Bett gesteckt, Per ebenfalls. Die Mutter ging noch umher und wartete, ob der Mann nicht doch heimkäme, damit sie ihn aus den Kleidern brächte, ehe sie selbst zur Ruhe ging. Die Wartezeit wurde ihr jedoch zu lang, und sie kroch in Hemd und Unterrock ins Bett und schlief sofort ein. Per ließen die Ereignisse des Tags nicht schlafen. Mitternacht war vorüber, als der Schuhmacher, lästerlich besoffen, aber bei guter Laune, hereingetorkelt kam. Er blieb dicht an der Schwelle stehen, setzte den Klumpfuß so schwer auf die Steinfliesen, daß es klirrte, und sich mit der Hand vorwärts tastend, deklamierte er: »Da ist mein Tisch, da ist mein Schustersessel, da ist Ann-Marie, und da, glotz mich der Teufel an, bin ich! Diedel – diedel – diedeldum Diedel – diedel – diedeldum Wie ist es schön, tobt Sturm und Meer, Zu meinem Weiblein heim ich kehr!« Plötzlich vertauschte er die zärtliche Hirtenflöte mit der lärmenden Kriegsposaune, und mit furchtbarem Baß intonierte der Schuhmacher sein Lieblingslied:
»Fahr wohl, mein teures Vaterland! Nun muß ich Abschied nehmen – –« Erst jetzt wurde Ann-Marie auf die Heimkunft ihres Mannes aufmerksam. Erbittert setzte sie sich in ihrem Bette auf und sagte mit verbissenem Zorn: »Willst du die Kleine wecken, du Saufaus, daß man dann die ganze Nacht wieder wiegen kann?« Doch jetzt war der Schuhmacher taub gegen alles mit Ausnahme seiner eignen reizvollen Töne, und mannhaft legte er mit einer weiteren Strophe seines Liedes los: »Der König und Prinz Ferdinand Sind beide voller Freud seiband, So sie zum Kampf bereit Sehn unsre Tapferkeit!« Klatsch! Ann-Marie stand im Unterrock, auf nackten breiten Fußballen vor ihm und maß ihm sein volles Teil kräftiger, wohlgezielter Ohrfeigen zu. »Aber, Herr Gott, Ann-Marie, willst du einen Menschen darum schlagen, weil er lustig ist?« flennte der verkannte Sänger. »Lustig! Ja wahrhaftig, das ist die rechte Freud, die du einem ins Haus trägst! Mach lieber, daß du die Lumpen herunterkriegst.«
Es schollen keine Hirtenlieder mehr unter dem ärmlichen Dach, und die Kriegsposaune war bald von den Trompetentönen des schnarchenden Schuhmachers abgelöst. Per konnte noch immer nicht schlafen, sondern lag und erging sich in Phantasien, was ihm in seinem ersten Dienst begegnen würde. Der Nørhof lag in einer andern Gemeinde, in der Per noch nie gewesen war. Von einem Nachbarjungen hatte er gehört, daß sie auf dem Nørhof einen großen gelben Hund hätten, der schrecklich wild und bissig wäre; darauf beschränkte sich eigentlich alles, was er von seinem neuen Heim wußte. Er dachte nun daran, ob er auch dort wie hier daheim Prügel bekommen würde und auf welche Weise er sich ihnen dann entziehen könnte. Ein weiterer Gegenstand seiner Erwägungen war, ob es dort alle Tage in der Woche ein Mittagessen geben würde, wie manche behaupteten, daß es bei den Leuten auf den Bauernhöfen so der Brauch sei! Pers Ohren scholl das jedoch höchst unglaubwürdig; ob es vielleicht auch auf dem Nørhof Sitte wäre, wie bei Nielsen, wo er heute mit dem Krug gewesen, daß die Bierkufe immer gefüllt und unzugedeckt auf dem langen Tisch stand, so daß jeder frei und nach Belieben hingehen und so viel trinken konnte, als ihn gelüstete? Bei diesen und ähnlichen Vorstellungen, die alle aus Pers vernachlässigten und ausgehungerten
Organen ihre Nahrung sogen, schlichen die Stunden dahin, bis ein nächtlicher Regenschauer die Scheiben zu peitschen begann. Der Regen schlug mit solcher Heftigkeit an sie, daß Per ein Gewitter fürchtete. Aus Angst vor den Blitzen tauchte er einen Augenblick unter die übelriechende Federdecke, doch hier war nicht zu atmen. Seine zwei kleinen Schwestern lagen in einem Bette mit ihm und warfen in der starken Hitze ihre nackten schwitzenden Körperchen zwischen den Lumpen hin und her, wie Puppen, die im Begriffe sind, ihre Hüllen zu sprengen. Im Handumdrehen hatte der Regen das löchrige Dach der Hütte durchrieselt und fiel bereits an mehreren Stellen von der Decke auf sein Gesicht; bald tropfte es lebhaft in das Stroh beim Kopfkissen hinab; erst war es ein einzelner Tropfen, der sich in geziemender Entfernung von seinem Ohre hielt; aber dann kam es plötzlich auch von der anderen Seite her, und endlich zielte ein neckischer Tropfen geradeaus nach seiner Stirnlocke; da fand er es rätlich, seine Maßregeln zu treffen, er machte eine rasche Drehung und brachte seinen Kopf am Fußende des Bettes in Sicherheit. Wenn es nur nicht blitzen möchte, dachte er und bohrte sich zurecht. Allmählich wurde er ganz vertraut mit dem Regen, der auf die großen Klettenblätter jenseits der Lehmwand trommelte. Mit seinem nack-
ten Fuß suchte er im Finstern die auf das Kopfkissen fallenden Tropfen aufzufangen. Es glückte. Die kleinen Wasserbomben trafen schwer auf seinen Rist auf und zerplatzten. Ach, wie wohl tat das in dieser Hitze! Er ließ die Tropfen den ganzen Fuß besprengen und wurde von wohliger Kühle durchrieselt, so oft eine neue Hautstelle getroffen wurde. Die beiden Schwesterchen schraubten sich um und um in der schwülen Atmosphäre. Plötzlich flackerte ein Blitz über die fleckige Innenwand des Betts. In seinem blauen Schein traten aus einem rauchgeschwärzten Spiegelrahmen, der zwischen der rostigen Wollschere und einem Bündel Schusterleisten hing, die verblaßten Züge des berühmten Generals Rye hervor. Per vergaß mit eins sein Spiel mit den Tropfen und stürzte pardauz unter die Bettdecke, während ein schweres, erschreckendes Krachen sich über die geduckten Strohdächer des schlafenden Dorfes hinwälzte. Einen Augenblick später steckte Per wieder den Kopf hervor, um nach Luft zu schnappen. Er hatte die größte Lust, die Eltern zu rufen, aber den schnarchenden Schuhmacher würde keine Macht der Welt zum Bewußtsein erweckt haben, und die Mutter, die hätte ihn bloß gescholten. Plötzlich ließ sich das jämmerliche Miauen einer Katze vernehmen. Per spitzte die Ohren. Wahrscheinlich war es ihr eigner ausgehungerter
roter Kater, der zur Schlafenszeit immer sorgsam hinausgetrieben wurde, heute nacht aber vermutlich mit dem Schuhmacher wieder hereingeschlüpft war. Von Tür zu Tür schlich er und jammerte zum Steinerbarmen. Per fürchtete entsetzliche Dinge. Jetzt mußte es doch gestattet sein, um Hilfe zu rufen. »Mutter, Mutter!« rief er mit zitternder Stimme, »die Katz ist reingekommen.« Ann-Marie hörte nicht. Der Schuhmacher schnarchte wie ein Wildschwein. Die Klage der Katze wurde immer jämmerlicher. »Mutter! Mutter!« Aus lauter Eifer hatte Per sich aufgesetzt. Die Mutter stieß aus der Tiefe des Schlunds ein drohendes Knurren hervor, drehte sich halb um und ließ sich schwer wieder in die Betten fallen. Zugleich ging unter Pers Bett bei der Katze etwas los; ein erstickender Gestank schlug ihm vor die Stirn und betäubte fast seine Sinne. Wie ein Tauchentlein fuhr er abermals unter die Decke und kam nicht wieder an die Oberfläche hervor. Beim Tagesgrauen fand ihn die Mutter, den Kopf in das modrige Stroh am Fußende des Betts vergraben und die dünnen, zwei Leuchterdillen gleichenden Beine weit gespreizt zwischen den Lücken des hölzernen Bettgitters heraushängend.
DER ERSTE MEILENSTEIN Es war Hochsommerwetter an dem Tage, da Per sich aufmachte, um seinen Posten anzutreten. Schon früh am Morgen wurde er von der Mutter geweckt, die ein reines hanfleinenes Hemd auf seine Federdecke legte, daneben einen Fladen mit einer dicken Schicht Staubzucker bestreut. »Steh jetzt auf, Kind, und schau zu, daß du dich ordentlich hinter den Ohren wäschst.« Noch bevor sich Per recht aus den Federn gemacht hatte, holte Ann-Marie ein kleines Kohlenbecken hervor, das sie mit Glut anfüllte und auf den Kaminherd stellte. Per schielte finster auf diese Zurüstungen hinüber. »Komm dann daher, Per, daß man dir den Kopf nachsehen kann,« sagte Ann-Marie. Mit der größten Überwindung legte Per seinen Blondkopf in die erprobten Hände seiner Mutter.
Der schwere Staubkamm schleppte wie ein Grundnetz über den Haarboden hin. Jeder zoologischen Andeutung wurde kritisch nachgespürt, um sie dann unbarmherzig dem Flammentod auf der Glutpfanne zu überantworten. Pers Mund verzog sich nach innen und außen, je nach den wechselnden Kreuz- und Querzügen des Kamms; es schien ihm eine Ewigkeit, bis die Mutter den verfitzten Weichselzopf geglättet hatte; seine Tränen quollen zwischen Ann-Maries Fingern hervor. »Du wirst doch nicht flennen, daß man dir den Kopf rein macht? Wirst doch wie ein ordentlicher Mensch in deinen Dienst kommen wollen, mein ich?« Und als Kern ihrer Lebensweisheit fügte sie hinzu: »Denn so lang eins zu Haus ist, ist’s so ziemlich alles eins, wie dreckig es herumgeht. Aus der Armut und dem Schmutz kann man den Kopf doch nicht oben halten. Aber soll eins unter die fremden Leute hinaus, dann heißt’s aufpassen, daß sie nicht ’nen Narren aus einem machen.« Eine Stunde später stand Per reisefertig neben der Bank mit seinem kleinen Bündel Wäsche und Strümpfe im Knüpftuch. »Na, so leb also wohl, Jung, und unser Herrgott sei mit dir!« sagte Ann-Marie, doch ohne ihm die Hand zu reichen. Um ihren strengen Mund war etwas wie ein Beben, aber ihre Augen hatten sich in der Härte des Lebens des Weinens entwöhnt.
Per ließ einen umflorten Blick über die Mutter und die Stube hingleiten; hierauf kehrte er sich ohne ein Wort um und legte mit gesenktem Kopf die Hand auf die Türklinke. Er war kaum einige Schritte weit vom Hause, als er die Mutter aus dem Vorhaus rufen hörte. Höchst ungern kehrte er um; seine Tränen tropften nun in den Straßenstaub hinab. »Steck das da in deinen Sack!« sagte sie und steckte ihm ein großes Stück Gerstenzucker zu, »und schau manchmal nach Haus zu uns, wann du dich nicht damit versäumst.« Als Per den Gipfel des ersten Hügels erreicht hatte, stand Ann-Marie noch immer an der Ecke des Hauses. Bei dem Anblick der Mutter und des Giebels des ärmlichen Heims hinter ihr begannen seine Tränen aufs neue zu fließen. Er war indes nicht gar zu lange auf der Landstraße dahingewandert, als die Sonne die letzten Tränenspuren getrocknet hatte. Mit der Kindern eignen Schnellebigkeit dachte er nun nicht mehr an das Vergangene, sondern nur an das, was kommen würde. Er hatte ja jetzt die Grenzscheide überschritten zwischen den beiden Halbkugeln: Elternhaus und Fremde. Er hatte seinen Eintritt in die Welt mit einem kümmerlichen kleinen Bündel in der Hand und einem Stückchen Gerstenzucker in der Tasche bewerkstel-
ligt. Sein Blick zog weithin über Fluren, die er nie gesehen hatte, und streifte Leute und Viehherden, die er nicht kannte. Seine Aufmerksamkeit wurde insbesondere von einem Meilenstein gefesselt; er ging lange um ihn herum, um das Rätsel seines Wesens zu erforschen; ein Achter war in seine Vorderseite eingemeißelt, seine rauhe Oberfläche von Vogelschmutz bespritzt, sonst nichts. Vergebens grübelnd ging Per weiter. Seine Mutter hatte ihn gebeten, mit seinen neuen Strümpfen so viel als möglich zu sparen; er setzte sich also an dem Wegrande nieder und zog Strümpfe und Schuhe aus; beide in der Hand, trippelte er über Staub und Schmutz der Straße dahin. Eine Strecke weiter wurde er von einem Mehlwagen eingeholt, doch als dieser eben vorbei wollte, tummelte sich eine Koppel Schafe auf der Fahrbahn. Das eine der geängstigten Tiere wollte vorwärts, das andere zurück. Die Pferde waren in zu starkem Trabe, um auf der Stelle angehalten werden zu können, so daß die Schafe je auf eine Seite der Deichsel geworfen und gegen die Vorderbeine der Pferde geschleudert wurden; die mutigen Füllen bäumten sich in die Höhe. »Sakra, müssen auch grad da mitten auf der Straße die dummen Schöpsen angebunden sein,« rief der Kutscher, all seine Kraft aufbietend, um der erschreckten Fohlen Herr zu werden. Per, der
augenblicklich das Kritische der Lage erkannt hatte, warf seine Holzschuhe beiseite und ging keck unter den Bauch des nächsten Pferdes, dessen Brust bei der Berührung mit dem wolligen Kopf des Schafs bebte. Es glückte ihm durch einen kühnen Griff, bei dem die Fohlen wie auf glühenden Hufen dastanden, den Strick über die Ohren des einen Schafs herabzuziehen, wodurch auch das andere Tier aus der Verstrickung losgemacht wurde. Die Gefahr war überwunden, und Pferde und Kutscher gewannen wieder ihre frühere Gemütsruhe. »Das hab ich, meiner Seel, dir zu danken. Gut hast das gemacht, du Knirps. Die Gäule wären mit mir durchgegangen, wenn du nicht gewesen wärst. Komm, steig jetzt auf und fahr mit, daß die kleinen Füße sich eine Weile ausrasten können.« Per, der glücklich über das Lob des Mannes war, saß bald hoch oben auf einem der Kornsäcke. »Wie weit sollst denn hin, Gevatter?« »In Dienst soll ich gehn.« »Was du nicht sagst, du Kleiner!« sagte der Kutscher und drehte sich zu ihm um. »Bei wem sollst denn einstehen? Denn der ist, meiner Seel, nicht angeschmiert.« »Beim Nørhof-Bertel in Hvarre.« »Ei der Daus, nach dem Nørhof sollst? Da wärst beinah vom Wege abgekommen. Hast denn nicht dort die Schmiede liegen sehen?«
»Wohl!« Per machte schon Miene, vom Wagen abzuspringen. »Na, bleib nur auf deinem Platz, wenn du schon hier oben bist! Ich zeig dir einen andern Weg,« sagte der Kutscher. Eine Weile später fragte er: »Wo bist denn her?« »Aus der Gemeindehütte.« »Der Gemeindehütte drüben in Runge?« »Ja.« »So ist dein Vater der Schuhmacher?« »Das weiß ich nicht.« Der Kutscher sah Per mit einem unmerklichen Lächeln an: »Na, freilich nicht.« Als Per endlich vom Wagen herunter mußte, zog der Kutscher seinen Beutel hervor und sagte: »Mein Name ist Kild Pejrsen, und sollte der Nørhofer dir zu uneben werden, so könntest du ja bei mir anfragen; kann sein, ich brauch auch einen tüchtigen Hirten. Jetzt aber sollst du das dafür haben, daß du mir so gut geholfen hast, mit den Rackern fertig zu werden.« Per mußte zweimal zu dem Kutscher aufschauen, ehe er seinen eigenen Augen traute; ein ganzes rundes Zweikronenstück! So ein groß Stück Geld hätte er sich nicht träumen lassen, je zu besitzen. Glücklicher als ein Krösus schritt er nun aus. Ein leises Bedauern regte sich in ihm, daß es nicht dieser
Mann war, zu dem er in Dienst sollte, anstatt zu dem knauserigen Nørhofer. Es war etwas über die Mittagszeit, als Per das Ziel seiner Wanderung, ein wohlgebautes Gehöft inmitten eines umzäunten grünen Platzes, erreichte. Der große gelbe Hund lief ihm mit geiferndem Maul einige hundert Schritte weit vom Hause entgegen. Mit dem den Hunden eigenen Instinkt hatte die Bestie schon gewittert, daß es ein Kind armer Leute sei, das in den Nørhof eindringen wollte. Die Leute behaupteten steif und fest, daß Bertel das bissige Vieh nur halte, um Bettler und andres armes Volk vom Hofe zu verscheuchen, und nicht selten gelang es dem Hunde wirklich, einen Armen zur Umkehr zu bewegen. Jeden Schritt vorwärts mußte sich Per erkämpfen, indem er mit Stein und Stock die Bestie, der der Schaum der Wut und der gelbe Geifer durch das weiße Gebiß auf den Straßenstaub troff, zum Hof zurücktrieb. Der Nørhof lag hinter einer leichten Verschanzung von Strohschobern, Ackerwalzen, Heuwagen und aufgeworfenen Gräben. Per blieb, vom Hunde unaufhörlich angekläfft, einen Augenblick stehen, um seine Strümpfe anzuziehen. Als er damit fertig war, näherte er sich dem Tor, stark bedrückt von jenem Gefühl der Beklommenheit, das uns befällt, wenn wir das erstemal eine fremde Schwelle betreten. Noch hatte er kein andres leben-
des Wesen auf dem Hofe entdeckt als den Hund mit der schwarzen Schnauze und den blutunterlaufenen Augen, der hinter der Hausecke lauerte. Auf einmal scholl aus dem inneren Hofraum lautes Geschrei, gefolgt von wirrem Wagengerassel. »Hö! Prr! Hö! Prr! So steht’s doch, ihr Luder!« Darauf ließ sich des Nørhofers eigener unverkennbarer Brummbaß vernehmen: »So pack doch die Zügel an, wie sich’s gehört, du Saubengel, du! Wie unterstehst du dich, in drei Teufels Namen, deinen sudligen Sumpftorf mit dem Gaul zu fahren? Mußt denn ein jedes Stück, das man am Hof hat, kurz und klein schlagen? Eine Maulschelle verdienst du, daß dir die Zähne an die Scheunentür fliegen!« Per begann bei diesen Worten am ganzen Leibe zu zittern. Das war’s also, was ihm bevorstand; er dachte einen Augenblick daran, auf und davon zu rennen; aber was würde das wohl nützen? Höchstens würde er den Hund an den Fersen haben. Er wartete also, bis der ärgste Sturm sich etwas gelegt hatte, faßte sich ein Herz und trat durch das Tor. Nach wenigen Schritten auf dem Steinpflaster stieß er auf Bertel, der noch immer grimmig über den Unterknecht fluchte, weil dieser bei einem Versuche, beim Düngerhaufen mit der Mistfuhre zu wenden, die Deichsel an der Gabel gebrochen hatte. »Guten Tag!« grüßte Per sehr verzagt.
Bertel schob die Mütze aus der Stirn zurück und erwiderte: »Ja, könntest jetzt gleich auch guten Abend sagen! Kommt man um die Zeit? Haben dir deine Eltern gar soviel mitzugeben gehabt, daß sie dich nicht hätten ein paar Stunden früher weglassen können? Da stehen die Schafe schon tagelang auf dem Steinacker und warten, daß sie auf die Weide kommen; denn unsereins kann, weiß Gott, doch nicht auf allen Seiten zugleich sein, so not es auch tat bei den verdammten Tagdieben und Trampeln von Leuten, die man heutigen Tags hat.« Bei diesen Worten kehrte er sich nochmals drohend nach dem zweiten Knecht um, der drüben beim Dunghaufen sich abschwitzte und mit Mühe die Pferde an die neue Deichsel anschirrte. Wieder drehte er sich dem demütig wartenden Per zu und sagte: »Hast du vielleicht ein andres Zeug zum Anziehen, so geh und tummle dich.« »Ich hab kein andres,« versetzte Per. »Hat dir deine Mutter nichts andres mitgegeben als das eine Gewand?« »Nein.« »Was tust denn dann, wenn’s draufgeht? Bei uns trägt man seine alten Sachen zur Arbeit, denn hier heißt’s zugreifen, hier gibt’s wahrhaftig mehr als genug zu tun, mein Lieber! Willst du einen Schluck Bier haben, so geh hinein zur Ann-Kjestin; denn
Mittagessen gibt’s keins mehr für einen, der so spät nach Essenszeit daherkommt.« Darauf wendete sich Bertel wieder der Arbeit zu. Der Hund, der aus dem Benehmen seines Herrn geschlossen hatte, daß Per zu den Gästen gehörte, die einer kleinen Verwarnung bedürften, war hinter die Vorhaustür gekrochen. Als Per in den Hausflur trat und die Tür des Wohnzimmers zu öffnen versuchte, schnappte ihm Hektor mit seinen garstigen Zähnen nach der Wade, um dann scheelen Blicks, kriechend und schweifwedelnd, seinem Herrn zu nahen. Mit hellen Tränen in den Augen kam Per in die Stube. »Aber Jesses nein, ist das unser neuer Hirtenjung, der da weinend auf den Hof kommt? Was ist dir denn passiert, du?« »Der Hund hat mich ins Bein gebissen,« klagte Per mit noch heftigerem Schluchzen. »Der Hektor! Da mußt du, meiner Treu, nur selber schuld sein, Kind, denn der Hektor, der ist sonst fromm wie ein Lamm. Es muß eins nur frei auf ihn zugehen und keine Verzagtheit nicht zeigen. Du hast einen recht weiten Weg heut gemacht?« fuhr Ann-Kjestin fort. Per kam er nicht gar kurz vor; jedenfalls war es der weiteste in seinem Leben gewesen. »Da wird’s dir wohl an einem Bissen Essen nottun,« meinte Ann-Kjestin.
»Nein, nur was zu trinken soll ich kriegen, und tummeln soll ich mich, daß ich wieder hinaus zum Bauer komm.« »Ach, laß dir nur Zeit, kannst schon dein Vesperbrot essen.« Ann-Kjestin stellte eine große, dick bestrichene Brotschnitte und den Bierschoppen vor Per hin. Das linderte gar sehr die brennende Wunde am Bein. »Warst also bis jetzt noch nie in Dienst?« frug AnnKjestin. »Nein.« »Da wird’s so leicht nicht sein, wenn du noch nie eine Keule in der Hand gehabt hast. Laß dich jetzt auch nur gehörig weisen, sonst fährt unser Hausvater leicht in die Höh.« Draußen auf dem Steinpflaster begannen jetzt Berteis Holzschuhe ein unheilverkündendes Geklapper. Per warf sein Butterbrot auf den Tisch und sprang auf. »Nein, laß dir nur Zeit aufzuessen, Kind, er wird dir deswegen den Kopf nicht abreißen.« Per begann wieder aus Herzenslust zu kauen; ab und zu sprach er auch tüchtig dem gelben Bierkrug zu. Ann-Kjestin fuhr fort: »Na, von daheim – da wirst wohl auch nicht verwöhnt sein mit dem Liegen. Hier sollst du beim Großknecht schlafen, es ist besser, du legst dich nicht gar nah zu ihm hin, wenn du’s ausweichen kannst. Denn er – – – nein, nicht deswe-
gen – ich mein’ schon, er war ein reinlicher Mensch, aber er hat was zwischen den Fingern, so eine Art, die mir nicht zum besten gefallen will. Ich hab ihm grüne Seife gegeben, daß er sich damit schmiert, aber ob er’s tut, das fragt sich erst. Ich denk, es ist die gewisse Kratz, mit der so viele arg dran sind. Habt ihr bei euch zu Haus nie so was gehabt?« »Nein, ich hab nie was andres gehabt als Würmer und dann die Drüsen; in der Schule aber, da waren viele von den Jungens, die im Dienst sind, krätzig. Dann hat sie aber der Küster allemal so lang von der Schule ausbleiben heißen, bis sie’s wieder los wären; aber gut ist’s deswegen doch nicht worden,« erzählte Per, plötzlich sehr mitteilsam. »Schau, schau, haben sie deswegen aus der Schule zu Haus bleiben müssen?« sagte Ann-Kjestin gedankenvoll. »Ja, wenn du mit dem Essen soweit fertig bist, so wirst wohl zum Bertel hinaus müssen,« fügte sie hinzu, indem sie ihrer Gewohnheit nach die ausgespreizten Finger der Hand von dem einen hohen Zwillingsbusen zu dem andern hin und her bewegte. Per zog abermals seine Strümpfe aus und sah am Bein einen roten frischen Biß zweier spitzer Hundezähne. Mit den bloßen roten Füßen glitt er über die spitzen Pflastersteine, um sich bei Bertel seinen zukünftigen Wirkungskreis anweisen zu lassen.
AUF DEM NØRHOFE Pers Leben unter Bertels Dach gestaltete sich wie das aller Hirtenjungen seines Alters. Die Gründe des Hofs lagen sehr zerstreut, und da er das Hüten des Viehs so gut wie allein über hatte, so kam er niemals zur Ruhe. Von vier Uhr früh bis abends zehn, elf Uhr gab es kaum eine Sekunde – die knapp zugemessenen Essenszeiten abgerechnet – die er hätte sein nennen können. Woche und Feiertag floß für ihn in ein graues Einerlei zusammen. Selbst im stärksten Mittagssonnenbrande, wenn der Körper nach dem Essen schwer und matt war, mußte er, die schwere Tüderkeule von einer Achsel auf die andre werfend, mit den sonnverwitterten Füßen forttrippeln, während das erwachsene Gesinde des Hofs in der schattigen, kühlen Scheuneneinfahrt Siesta machte. Den letzten Bissen noch im Munde, mußte er auf und davon rennen, ja an den allerheißesten
Tagen, wenn alle die aneinandergeseilten Schafe von den dürren Weiden zu den fernen Tränken heruntergetrieben werden mußten und er todmüde von den Sümpfen heimkam, wo er Ordnung unter die von der Hitze wild gewordenen Rinder gebracht hatte, wurde ihm nur aus der Küchentür eine Brotschnitte herausgelangt mit der eindringlichen Ermahnung, doch ja endlich die Beine in die Hand zu nehmen, die Schafe auf den Steinäckern würden schon entsetzlich durstig sein. Daß auch er durstig sein dürfte nach achtstündigem unablässigem Hin- und Herrennen auf sonndurchglühten Wegen, wo der Sand und die weißen Flintsteine unter den Zehen förmlich brannten, kam nicht in Betracht. Sein Dienstherr duldete nicht, daß er auf gewöhnliche menschliche Weise gehe, er sollte immer laufen – sich womöglich die Seele aus dem Leibe laufen –, und dabei fehlte es nie an gestrenger Aufsicht aus den Fenstern oder sonstigen Gucklöchern des Hofs. »Wenn solche junge Kerls nicht sollten tüchtig umrennen können,« pflegte Bertel zu sagen, »so möcht ich wissen, wozu sie denn dann ihre dünnen Beine haben!« Bei der Heumahd mußte er mit den Erwachsenen auf die Wiesen, um hinter dem Heufuder herzurechen, und wenn die Sonne schon längst hinter den Himmelsrand gesunken war und alle andern zur Ruhe und zum Abendbrot zogen, mit seiner Keule
nochmals die Anhöhen hinauf, um die Schafe für die Nacht unterzubringen. »Hat sich eins losgerissen, so mußt du es wieder anbinden, eh du fortgehst, damit sie nicht am Ende hinausrennen und unterm Korn und den Kartoffeln Schaden machen, dieweil man schläft. Die zwei untersten Koppeln, die kannst du nach der oberen Trift hinübertreiben.« Das war wieder ein Stück Arbeit mehr am späten Abend. In Berteis Hof war nie Gesang oder muntere Rede zu hören. Berteis saure Miene genügte, um jeder noch so leisen Heiterkeit den Garaus zu machen. Es war, als stiege die Sonne niemals so recht über den First dieses Hofes empor. Viehstall und Hürde, Pferch und Koben lagen des Sommers mit halboffenen Türen und Luken da und strömten sämtlich einen erstickenden Dunst aus, der sich in der hochaufragenden, ihre Wälle anmaßend bis dicht unter den Brunnenschwengel vor der Brauerei vorschiebenden Dungstätte gleichsam verdichtete und sichtbare Form erhielt. Hier in dem dunstschwangeren Schatten der roten, langgestreckten Wirtschaftsgebäude standen Berteis schneeweiße Rinder um die Mittagsstunde, wenn sie erhitzt von den Sumpfwiesen heimgetrottet kamen. Manchmal stießen sie einander mit den glänzenden Hörnern, sahen sich aber sofort furchtsam um, um
nach Berteis breitem Rücken zu spähen. Selbst das Vieh war wie gezeichnet von dem mürrischen Wesen und der leblosen Schwere, die auf dem Hofe lastete. Bertel gehörte zu jenem Typus von Bauern, die beständig auf ihrem Hof mit einer Miene umhergehen, als wäre ihnen blutiges Unrecht zugefügt worden. Er war immer gleich verdrießlich und aufgebracht, ob ihn nun sein Weib um acht Schilling zu einem Pfund grüner Seife bat oder die Allmacht die beste seiner Mutterstuten erschlug. Seine Leute haßten ihn als den Töter ihres Glücks. Sie freuten sich innig, wenn es ihm recht schlecht erging. Als er einmal vom Heuboden herabgefallen war, drei Rippen gebrochen hatte und lange krank lag, herrschte nichts als Kichern und Befriedigung in der Kammer der Knechte. Berteis Blut floß dick und träge. Es war versauert und abgestanden wie bei Leuten, die immer daheimsitzen. Er rührte sich nie viel über den Umkreis hinaus, in dem er seinen heimischen Dunghaufen noch riechen konnte. Im täglichen Leben war es schwer, mit ihm auszukommen, er war ein Querkopf und Geizhals, dem Knauserei und Stalldunst aus allen Poren drang. Mit allen ihm nur zu Gebote stehenden Mitteln war Per anfangs bestrebt, seinem Dienstherrn zu Gefallen zu sein. Er lief unaufhörlich zwischen den zerstreut liegenden Weiden umher und richtete, so klein er war,
ebensoviel aus wie zwei andre; aber da er nie ein aufmunterndes Wort vom Hausvater zu hören bekam, im Gegenteil nicht selten Undank sein Lohn war, wurde er allmählich, wenn auch nicht gerade lässig, so doch stumpf und gleichgültig. Dazu trug einigermaßen bei, daß er eine Bekanntschaft gemacht hatte, die nicht von allergünstigstem Einfluß war. Es war das ein auf einem Nachbarhofe bediensteter Knecht – Jakob hieß er –, ein Armeleutkind wie er selbst, doch um ein paar Jahre älter, ein durch und durch abgefeimter Schelm, der sich längst zum geschworenen Feinde aller Arbeit und aller Dienstherren entwickelt hatte. Er begann damit, den jüngeren, pflichteifrigen und unerfahrenen Per ein wenig zum besten zuhaben. Einige Tage, nachdem sie sich kennengelernt hatten, kam er barhaupt auf den Acker zu Per hinüber und erzählte mit dem ernstesten Gesicht von der Welt, er habe eben einen merkwürdigen Vogel gefangen; er fürchte jedoch, seiner nicht allein habhaft werden zu können und möchte Per schön bitten, ihm zu helfen. Per, der sich keines Falschs versah und anderseits wie alle richtigen Burschen eine Portion neugierigen Entdeckerbluts in den Adern hatte, ging sofort mit zu der Stelle, wo Jakobs Kappe, mit einigen Steinen beschwert, am Boden lag. »Kann er fliegen?« frug Per.
»Ja, Herrgott, ob der fliegen kann und pfeifen auch,« sagte der durchtriebene Jakob. »Aber jetzt mußt du acht geben, daß du mit den Händen da bist, sowie ich die Mütze aufheb, und das ja gleich im selben Nu.« Pers Augen leuchteten vor Eifer und Anstelligkeit. »Bist du also auf der Hut?« rief Jakob, die Kappe in die Höhe reißend; im selben Augenblick griff Per mit den Händen bis zum Handgelenk in einen Kuhfladen. Jakob schlug Purzelbäume wie ein Wilder vor lauter Lachen. Per saß starr in bebender Wut da und schaute von Jakob auf seine besudelten Hände. Wäre ihm Jakob an Kraft nicht so überlegen gewesen, er hätte ihn mit den Händen, wie sie waren, an der Gurgel gepackt. Mehrere Tage lang mied er nun Jakobs Gesellschaft; der verschmitzte Verbrecherkandidat wußte sich indes bei dem unverdorbenen Per bald wieder einzuschmeicheln. Jakob band ihm die dicksten Lügengeschichten auf und betrog ihn beim Peitschenhandel. Insbesondere verhöhnte er ihn wegen seines allzu großen Pflichteifers gegenüber seinem Herrn. »Solche Halunken!« sagte er, »das fehlte noch, alleweil zu laufen und ihnen nach den Augen zu schauen. Sie sind nichts Bessres wert, als daß man sie hinten und vorn zum Narren hat.«
»Da schau, was ich da hab,« sagte er, zwei rohe Hühnereier aus der Jackentasche hervorziehend. »Die sind gut für den Durst.« »Wo hast du sie hergenommen?« fragte Per ernst. »Daheim, vom Gesims über der Tür. Verkaufen kann man nichts davon, sonst käm’s auf. Aber zum Essen sind sie recht gut. Willst eins davon haben?« Jakob zeigte, wie man durch einen kleinen Stich an jedem Ende des Eies dessen ganzen Inhalt mit einem Zug aussaugen konnte. Per sagte, er könne rohe Eier nicht leiden. So trank sie denn Jakob alle beide mit lautem Schmatzen und entzückten Gebärden aus und unterhielt unterdessen Per mit dem, was er daheim in der Kammer der Knechte gehört und gesehen hatte. Er verhehlte ihm nicht, was er selbst, so jung er noch war, von jenen Freuden kennen gelernt, die man in der Scheune oder auf einem Heuboden genießen kann, wenn die Sonne untergegangen ist und Finsternis die Taten der Menschen deckt. Als Jakob noch ein paar gelbe Rüben hervorzog und Per auch diese gestohlenen Leckerbissen nicht mit ihm teilen wollte, mußte er sich in einige wohlgezielte Hiebe von des erzürnten Jakobs Peitsche finden. So schieden sie auch diesmal in Zorn.
DES HÜTERJUNGEN TAGEWERK Wenn der Nørhofer des Sommers um vier Uhr morgens über das Steinpflaster zur Kammer der Knechte klapperte, um die Leute zu rufen, tat er es mit einem Gepolter, daß die Spatzen unter dem Vordach vor Schrecken auf und davon über den Dachfirst flogen. War er dann aus dem Hof in den Stall gelangt und hatte die Tür zu der Kammer der Knechte angelweit aufgerissen, hielt er täglich dieselbe Namensfolge ein: »Per! – Anders! – Laurenz!« Und mit verstärkter Stimme nochmals: »Peer!« Der kleine Per schlug seine schläfrigen Augen auf und sah den Tag mit überzeugendem Glanz durch die Stallkammerscheibe scheinen und die Tausende von baumelnden Spinngeweben vergolden, die die Gardinen und Tapeten des schmutzstarrenden Raums bildeten.
Per hätte die halbe Seligkeit dafür hingegeben, nur eine Stunde noch schlafen zu dürfen. Aber er wußte, wie vergeblich jede Bitte wäre; denn Bertel verließ nie die Türöffnung, bevor nicht Pers kupferbraune Füße auf dem Lehmboden standen. »Die Schafe auf den Weiden draußen stehen gar so kurz angebunden; es ist das beste, du gehst zuerst zu denen. Aber steck auch einen frischen Halfter ein fürs Kalb, das sich gestern mittag losgerissen hat, und schau nachher zum Sumpfboden hin, ob das Laufbrett nicht weggekommen ist – –« und noch ein halbes Dutzend ähnlicher Aufträge. »Das Frühstück kriegst du, wenn du beim Vieh überall zum Rechten geschaut hast –.« Das hieß so viel wie in drei bis vier Stunden. Den Kopf halbschlafend zwischen die schmalen Schultern gesenkt, trippelt Per bloßfüßig über Sümpfe und taubeglänzte Haferfelder. Eine regenbogenfarbige Glorie spielt im Tau um den Kopf seines langen Schattens, der vor ihm über den frischen Wiesengrund hineilt. – Welcher herrliche Morgen! würde jeder ausrufen, der von duftendem Morgenkaffee und gesundem, stärkendem Schlaf käme. Was aber bedeuten goldne Wolken und all die andre taugeborene Herrlichkeit für den, der von Schlafmangel und monatelanger Überanstrengung aufgerieben nicht einmal die Zeit findet, sein Gesicht in einem Kübel reinen Wassers zu netzen.
Per lief mit schlotternden Beinen und gewölbtem Rücken über den schwankenden Wiesengrund, wo die feinen geriffelten Grasspitzen des zweiten Schnitts ragten und ihre kleinen blanken Schwerter im Windhauch des erwachenden Morgens hin und her bewegten. Die Grauammer saß auf den Heckenpfählen und schmetterte ihre helle Reveille munterer Morgentriller in den neugeschaffenen Tag hinaus. Der niedere Porsch und die ellenlangen Sauerampferstengel schaukelten still auf der Wurzel und gössen säuerlichen Duft über die Moore hin, indes Scharen morgenhungriger Stare mit glänzenden Federn sich zwischen den Knollen tummelten. Per lief und lief mit geknickten Knien in leisen, schwanken Rucken und mit halboffenen, verklebten Augen. Erst als er über ein kleines Wasserrinnsal taumelte und der Wiesentau ihm ins Gesicht schlug, wachte er auf und sah eine weitgedehnte, mit weißen und bunten Rinderkörpern bedeckte Wiesenfläche vor sich. Ein heller Tautropfen hing funkelnd an jedem der gebogenen Hörner. Per trieb seine Rinder auf noch nicht abgeweidete Stellen und eilte dann wieder fort, die höher gelegenen Weideplätze hinan, wo die weißen Lämmer mit den gebogenen Rassenasen sich vom Pelz der’ Mutterschafe erhoben, die langen Beine streckten, den Rücken einzogen und in schlafgesättigtem Behagen den Hals zu einem Bogen spannten, um im nächsten Augenblick die Mäuler
tief in den taubesprengten Weißklee zu stecken, der mit seinen fetten Blättern und Honigkelchen lockte. Alles war hier draußen so rein und frisch und morgenfreudig, nur an ihm, dem Menschenkind, klebten Schmutz und Stallgeruch. Nur er trug den Kopf gebeugt in Verwahrlosung und Müdigkeit. Per hatte endlich die Runde gemacht und konnte von vorn beginnen; zuvor war ihm jedoch gegönnt, den Morgenimbiß zu verspeisen, den ganzen Sommer dasselbe Gericht: kalte Zentrifugalmilch und Roggenbrot. Später am Vormittag kam er zu den Kühen hin, die in langer Reihe am Saume eines reifenden Roggenfeldes standen. Sobald er den letzten Tüderpflock eingeschlagen hatte, sah er sich aufmerksam nach allen Seiten um. Nein, nirgends, weder auf den Feldern, noch auch daheim am Hof war ein Schatten von Bertel zu sehen. Ach, da möcht es für einen kleinen Jungen doch angehen, sich ein paar Minuten hier im Schatten des Roggens hinzustrekken; es war ja noch eine gute Stunde bis zu Mittag, und früher brauchten die Kühe nicht daheim zu sein; er legte sich auf den Rücken in einen Kleebusch hinein, der mitten unter dem geringelten Roggen stand. Er wollte beileibe nicht schlafen, davon war keine Rede; er wollte nur die Glieder strecken, ein klein wenig nur; denn die Schafe dort droben auf der Heide mußten ja gewässert und die drei Kuhkälber drunten am Südmoor ebenfalls weggetrieben wer-
den. – Wie wohl tat das, so frei ausgestreckt hier im duftenden Klee zu liegen; das war freilich was andres als das stinkende Lager neben dem Oberknecht. Das war aber auch ein gar grauslicher Kerl, mit dem man da zusammenliegen mußte. Oft fehlte nicht viel, daß er einen ganz über den Bettrand hinausgedrängt hätte, und wie er in der Nacht sich immer kratzte! Gott weiß, was einem selbst in der letzten Zeit zwischen die Finger gekommen war; jetzt juckte es schon wieder, merkwürdig, wie das immer juckte, wenn man dran dachte. Nein, wahrhaftig, hier war’s doch anders als zu Haus in der Stallkammer; warum man nur nicht auch in den Nächten draußen liegen konnte, wie die Ochsen, und früh mit dem Tau in den Augenwinkeln erwachen? Unten an der großen Zehe die Strippe des Wadenstutzens, die war wohl zu trocken geworden und schnitt ins Fleisch. Dem war abzuhelfen. Per bog sich hinab und zog die Strippe über die Zehe hinunter. So, das war gut. Jetzt war nur noch der kleine Kiesel da drin unter dem Schulterblatt. Er bog den Arm ein und schleuderte das Steinchen in einem großen Bogen über die nächste Kuh hinweg. Dann bohrte er sich tief hinein wie ein Häschen ins Haferlager. – Nein, die schönen, weißen Wolken, die da droben zogen. Wie langsam sie trieben, sie hatten wohl nicht viel zu tun; das sollte nur er sich unterstehen, so herumzuschlendern und die Zeit zu vergeuden, da bekäme er schön die Peitsche
des Bauers zu kosten. Schau, schau, da hatte sich die vorderste entzwei geteilt, es hätte nicht viel gefehlt und sie war ganz und gar zergangen in der Hitze; es war kein Wunder! Einen Riß hat sie bekommen von oben bis hinunter. Was jetzt wohl geschehen wird? Die kleine hat schon beinah einen Vorsprung, die größere tut sich förmlich besinnen. Hei! Marsch fort! Wirst dich rühren, du dicker Klotz! so plauderte Per mit der Wolke. Aber da sieh nur einer, jetzt schaut sie wieder ganz anders aus! Die dicke dort mit der langen geraden Nase, dem vorstehenden Kinn und dem Heuwisch am Backenbart, das ist ja der Bauer, der Bertel! Ja, wahrhaftig, wie er leibt und lebt, nicht einmal der Tropfen fehlt, der ihm immer von der Nase hängt, wenn ihm die Galle überläuft. Und die kleinere Wölke, die vorn, die – – – meiner Sixt! das ist ja der Hektor, der alle armen Leute in die Wade beißt. Schau, jetzt dreht er sich und wedelt den Bertel an, wie er einen Bettler in die Flucht gejagt hat. – Ja, dem Hektor, dem verfluchten Köter, dem hat er’s neulich doch einmal gegeben, tüchtig hat er ihm das Fell gegerbt, als er damals der armen Stine Bethlehem an die Röcke fuhr; das wird er sich wohl nicht so geschwind ablecken, was er da drüben hinterm Gartengraben erwischt hat. Nun fingen Pers Augen schon an zu ermatten; es war daher gefährlich, gerade zu diesem Zeitpunkt die Wolken fahren zu lassen und sich lauter
Gehörsempfindungen hinzugeben, die sicherer als alles andre den lieben Mann in Schlafes Arme führen. – Das war doch merkwürdig, daß die Lerchen so den ganzen lieben Tag singen konnten; Gott weiß, wie hoch droben so ein kleines Vieh sich eigentlich aufhalten mochte! Niemand sieht’s ja, wo sie singen, grad wie beim Küster, wenn er am Sonntag mit dem aufgeschlagenen Psalmbuch in den Mesnerstuhl kriecht. Den kann auch niemand sehen, aber hören tun ihn alle. Per mußte plötzlich eines Sonntags gedenken, an dem er in Runge in der Kirche war, während der zitterige Schullehrer Pallisen drinnen hinter dem hohen Mesnerstuhl saß und sang: »Auf blick ich zur Himmelsflur, folgend deiner Fußspur nur.« Per kicherte noch in der Erinnerung an den Schulmeister, der mit bloßem Kopf, eine Koppel blökender Schafe dicht auf den Fersen, die Landstraße einhertrabte und dabei aus Leibeskräften aus seinem Gesangbuch Lieder sang. Rings um Pers Ohren summten die Bienen in dem zuckersüßen Weißklee. – Nein, die dort mußte wahrhaftig eine Hummel sein, so stark wie die brummte. Jetzt war sie in der Nähe, jetzt weiter weg, jetzt wieder weiter! Und wie nur die Kühe herumwetzten. Die nächste da, die ihm gerade ins Ohr schnaubte, das war die Zugkuh, so eine gute Kuh war das, recht ein liebes Vieh, so fromm und folgsam. Und immer
streckt sie ihr schnoberndes Maul so hoch herauf, daß zwei warme Strahlen ihres Atems einem gradaus ins Gesicht blasen. So gern läßt sie sich an der Gurgel krauen, die Zugkuh. Sie kriegt immer den besten Platz auf der Weide. Horch, wie sie ins Gras schnauft. Ja, da gibt’s aber auch prächtigen Rotklee, wo sie steht, deshalb summen an der Stelle auch so viele Hummeln, da ist wieder eine. Die muß eine gehörig große sein, weil sie gar so surrt; jetzt fliegt sie auf, jetzt setzt sie sich wieder, fliegt wieder auf, setzt sich wieder. Sie wird einem doch nicht ans Ohr kommen; denn die haben einen gar argen Stachel, wenn sie zornig werden. Hei, da ist sie fortgeflogen! Horch! ganz fort, weit fort, im Zickzack hoch über den Roggen hin – – – den Roggen – – Roggen – – auf und nieder, langsam, langsam auf und nieder; auf schwingt sie sich, dort beim untern Weg, hoch im Bogen über die Ährenspitzen bis zur Höhe hinüber. Und das Klingeln da, wie von einer Schafglocke – – weit weg – – zwischen blauen Hügeln – – dingeling – dingeling – – ling – – ling – – Nun floß der Schall der kleinen Roggenschellen mit all den andern Sommerlauten in eins zusammen; das Summen der Bienen, das Rascheln der Kühe, der Gesang der Lerchen – alles verschmolz nun zu einem einzigen tiefen, summenden Ton, der ferner und fer-
ner scholl und zuletzt sich ganz hineinverkroch in die bläulichen Nebel der Hügel. Pers Augenlider zitterten ein paarmal schwach, dann sanken sie fest zu. Per schlief – das unbedeckte Gesicht geradeaus zu Gottes Sonne emporgewendet, die große Zehe unter den Fußballen hineingeschmiegt, wie die Katze, wenn sie sich’s hinter der Scheune bequem macht. Zwei Stunden mochten wohl vergangen sein, als Per im Schlafe auflachte; kurz darauf erhob er sich mit einem hastigen Ruck und sah sich verwirrt mit großen Augen nach allen Seiten um. Zu seinen Füßen stand die Zugkuh und streckte den Kopf vor, als erwartete sie wieder, am Halse gekraut zu werden; sein unwillkürliches Lachen war daher gekommen, daß sie seinen nackten Fußballen beschnuppert und ihn mit ihrem warmen, schnaubenden Atem gekitzelt hatte; er war erst erwacht, als sie auch mit ihrer langen rauhen Zunge über seine Zehen hinzulecken begann. Die Zugkuh meinte es immer gar zu gut. Pers Augen sahen sofort nach dem Hof und dem übrigen Dorfe aus, aber kein Mensch war zu sehen, weder oben noch unten. Offenbar mußte – wie auch der Schatten vermuten ließ – Mittag längst vorbei sein, und alles hielt nun den Mittagsschlaf. Das war in der Tat eine höchst unbehagliche Geschichte. Die Kühe hätten schon vor mehr als einer Stunde
gemolken werden sollen; jetzt hieß es, sich auf das Schlimmste gefaßt machen. In größter Hast koppelte Per die zwölf Kühe zusammen, die schwere Keule ans Horn der Zugkuh befestigend, und heimwärts ging es in einer deckenden Wolke dichten Staubs. Eine fürchterliche Stille herrschte drin und draußen um den Hof. Per wollte vor dem Tor ein wenig innehalten, um einen Überblick über die Situation zu gewinnen. Aber die durstigen Kühe schmachteten nach dem Wassertrog. Es war nichts mit ihnen anzufangen; sogar die Zugkuh weigerte sich, Order zu parieren, und machte gemeinsame Sache mit den übrigen zur Pforte mit einer Gewaltsamkeit Drängenden, die weder Peitsche noch Zurufe zu zähmen vermochte. Per mußte ihnen nach und bekam in der schmalen Toröffnung manchen tüchtigen Tritt auf seine nackten Füße ab, ja es war ein Wunder, daß er inmitten der unbändig vorwärtsstürmenden Tiere nicht ganz zerquetscht wurde. Sein Herz pochte wie ein kleines Hammerbeil wider die Rippen; mit der Hand das Horn der Zugkuh umklammernd, kam er zum Brunnenrand getaumelt. Es war leicht zu erkennen, wie drohend die Lage war. Per erwartete jeden Augenblick Bertel aus einer der offenen Tennenschlunde mit einem Schlägel in
der Hand heraustreten zu sehen; er verrichtete jedoch seine Arbeit, wenn auch unter Zittern und Beben. Die vordersten Kühe standen schon fest an dem Wassertrog und stürzten das Wasser durch den Schlund hinunter, daß es förmlich klatschte. Die hintersten drängten nach, um auch daran zu kommen. Per, der die Stimme nicht allzu laut zu erheben wagte, um die bösen Geister des Hauses nicht herbeizurufen, hatte die größte Mühe, die Ordnung in den Reihen aufrechtzuerhalten; jeden Augenblick waren die zwei kleinen Füße in Gefahr, unter den vielen wildtrampelnden Klauen zertreten zu werden. Noch hatte kein menschliches Wesen seine Ruhe gestört; er begann sich zu ängstigen, daß die Rache ihn im dunklen Kuhstall ereilen würde, wo nur geringe Möglichkeit zur Flucht vorhanden und der Kampf zwischen einem kleinen Buben und einem großen Knüppel besonders aussichtslos wäre. Auf einmal stand breitspurig und dickbäuchig AnnKjestin in der Waschhaustür. Ihre Hand war auf die schwellendste der Brüste aufgepflanzt und ihr Aussehen nichts weniger als vertrauenerweckend. Gleichwohl verlor Per beim Anblick der Hausmutter seine halbe Angst, denn nun wußte er, daß kein Bertel daheim sei. »Ist das eine Zeit, mit den Kühen daherzukommen, du Schlingel, jetzt um halb zwei?« begann AnnKjestin mit wütendem Blick.
»Was glaubst du denn, wann sollen die Mägde zum Melken kommen, jetzt, wo ein jedes wieder an seine Arbeit muß? Wirst du herkommen, daß ich dich tüchtig bei den Ohren nehm!« Ann-Kjestin hatte ihre zornigste Miene angenommen, hatte überdies ihre ausgespreizten Finger von einer Batterie zur andern wandern lassen und stand und trommelte mit den Fingern auf der Taille ihres Kleides. Per fühlte keinen Drang, irgend eine Annäherung einzuleiten, zog nur den Mund in die Länge und fing zu weinen an. »Zum Teufel, ich werd dir’s eintränken, du halsstarriger Bub du, wenn du nicht augenblicklich herkommst, wie ich dir’s schaff!« schrie sie mit immer stärker anschwellender Stimme. Pers Ohren hatten schon bei dem bloßen Gedanken, der Hausmutter in diesem Augenblick unter die Finger zu geraten, rote Flecke bekommen. Obendrein flüsterte etwas in seinem Innern: Komm du nur her und versuch’s, mit mir um die Wette rund um den Brunnentrog zu laufen, meine liebe dicke AnnKjestin! Er fuhr fort, sich mit den Kühen zu schaffen zu machen. Aber nun rief Ann-Kjestin Hilfstruppen herbei.
»Mette, komm heraus und schlepp mir den Burschen her, geschwind aber!« Mette, die Magd, der das als ein rechter Jux erschien, kam mit rauschenden Röcken über das Pflaster herbeigestürzt. Aber Per ergab sich nicht so ohne weiteres, solang er nur gegen Frauenzimmer zu kämpfen hatte. Es war nicht das erstemal, daß er sich auf einen Wettlauf mit einer Tracht Prügel als Einsatz eingelassen hatte. Resolut ließ er nun alle die Kuhstricke fahren und verschanzte sich hinter der Dungstätte. Hier war Per in geschützter Stellung. Mette bekam es hingegen zu fühlen, daß es durchaus nicht beneidenswert sei, zur Sommerszeit über eine Mistgrube zu navigieren. Per machte von der alten Kriegslist Gebrauch, den schweren feindlichen Train auf Stellen hinzulocken, wo er notgedrungen durchplumpsen mußte. Eine Anzahl Mistknollen ragten wie Inseln aus einem Sumpf von Jauche hervor. Per fuhr über diese wie eine Bachstelze hin und her; diensteifrig eilte die leichtfertige Mette desselben Weges nach. Aber kaum daß sie ein paar Schritte getan, verlor sie das Gleichgewicht, und schwups! saß die dicke Magd mit ihren neuen roten Strümpfen bis an die Knie im Dreck. Laut kreischend sank sie ein. Ohne sich eine Zehe zu netzen, rettete Per sich nach dem andern Ufer hinüber. Inzwischen hatten die Dinge vor dem Waschhaus eine unheilvolle Entwicklung genommen. Als die
Kühe merkten, daß sie niemand am Seil hielt, stürzten sie samt und sonders zum Brunnen hin. Die Hörner knallten, die Klauen zappelten und lärmten; die dicken aufgedunsenen Tierkörper schoben sich herein und heraus im wildesten Aufruhr, unter Gebrüll und Gestoße führten sie einen wahnwitzigen Tanz auf. »Ach, du himmlischer Vater, sei uns gnädig!« jammerte und wehklagte Ann-Kjestin von der Tür des Waschhauses aus. »Die zwölf Kühe werden uns noch kopfüber in den Brunnen stürzen. Komm rein, Mette, und laß den Lauskerl jetzt lieber hin zum Vieh, eine Ordnung schaffen.« Ann-Kjestin selbst hielt sich in so weiter Entfernung als nur möglich von den Vorgängen, voll Angst, in den Umkreis des dröhnenden Kampfes der Tiere mit hineingewirbelt zu werden. Fluchend und finsterblickend kam Mette dahergeschlürft. Bei jedem Schritt tropfte es auf die Pflastersteine von ihren kottriefenden Röcken, die ihr um die Waden klatschten. Sie hatte jetzt für nichts Sinn als für ihre besudelten Beine. »Was Teufel hast du mich denn auch dem Bengel nachrennen heißen?« greinte sie und goß das Wasser aus den Holzschuhen, bevor sie ins Haus ging. Mutig hatte sich Per mitten in den Wirbel der taumelnden Tiere gestürzt. Er sprang und hopste hin und her; bald taumelte er zwischen den zwei spitzen
Hörnern einer Kuh, bald langte er nach einem frech erhobenen Maul hinaus. Klitsch! Klatsch! Klitsch! Klatsch! Nach weniger als einer Minute hingen die achtundvierzig Zitzen wieder ruhig nach dem Gesetz der Schwere, und ihre leichtsinnigen Besitzerinnen standen ordentlich hintereinander, warteten geduldig ihre Reihe am Wassertrog ab und blickten großäugig und mit demütig gesenkten Ohren auf zu dem kleinen Zauberer mit den kupferbraunen Füßen. Als Ann-Kjestin gewahrte, daß nun für diesmal alle Gefahr vorüber sei, dünkte es sie, daß sie geziemenderweise sich das Maul noch etwas ausschütten könnte. »Ja, jetzt wird sich’s ja weisen, was unser Hausvater dazu sagen wird, wenn er nach Haus kommt. Aber ’s Mittagessen ist jedenfalls aufgegessen, und nicht einen Bissen kriegst du mehr davon, nach dem, wie du dich aufgeführt hast, drauf kannst du dich verlassen! Ach, Herr Gott im Himmel, daß man sich allemal mit andrer Leute ihren nichtsnutzigen Fratzen herunterärgern muß!« Mit diesem Stoßseufzer verschwand Ann-Kjestin in der Tür. »Soo, also kein Essen soll’s jetzt geben!« murmelte Per. Es war allerdings nicht das erstemal, daß die Strafe auf schmale Kost lautete: aber heute fühlte Per sich ungewöhnlich hungrig, wahrscheinlich infolge
des stärkenden Schlafs draußen auf dem Felde. Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht tunlich wäre, sich unten im Küchengarten eine Handvoll Rüben zu schnipsen; Jakob hatte ihm gesagt, daß ein Dienstherr nicht das Recht hätte, einem Knecht das Essen zu entziehen. Aber er besiegte diese Versuchung, trank einen Mund voll frischen Wassers aus dem Brunneneimer und eilte dann hinaus zu den Schafen auf den Steinäckern. Nachdem er mehrere Stunden mit dem leeren Magen in der sengenden Sonne umhergelaufen war, empfand er, auf den Hof zurückkommend, einen fürchterlichen Kopfschmerz, und eine drückende Übelkeit würgte ihn im Zwerchfell. Als er an dem Ostflügel vorbeiging, mußte er die Stirn an die unbeworfene Wand lehnen und sich übergeben. Das hatte Mette vom Waschhausfenster beobachtet, und sie erzählte es sofort der Bäuerin. Da wurde der Ann-Kjestin bange; wie, wenn der Bursch wirklich hinginge und ihnen erkrankte, so daß sie ohne Hirten dastünden! »Der nichtsnutzige Jung der!« sagte sie, langte ein mächtiges Stück Vesperbrot aus der Halbtür und befahl Per, es holen zu kommen. Per kam nicht. »Das ist doch ein Dickschädel sondergleichen! Wird er jetzt gleich herkommen und einem das Brot aus
der Hand nehmen, wenn man schon dasteht und es ihm hinhält!« Ann-Kjestin schob die freie Hand von Brust zu Brust unter steigender Entrüstung. »So komm doch jetzt her und hol dir den Fladen, hab dir eigens Rollwurst draufgelegt.« Per sah abwehrend zur Seite, als dächte er, es gebe im Menschenleben Augenblicke, wo selbst zu Rollwurst nein gesagt werden muß. »Ach, Herr Jesus Christ, sind das heutigentags Kinder! So störrisch! So störrisch! – Mette, geh hin und gib ihm ’s Vesperbrot, und nimmt er’s nicht, so hau ihm eine auf, daß ihm die Zähne wackeln! – Meiner Seel, daß ich’s ihm gut gerichtet hab!« Mette kam mit dem Bescheid zurück: »Er sagt, schlecht war ihm, er könnt nichts essen.« »Je, Kinder, das auch noch!« seufzte Ann-Kjestin. »Am End muß er gar noch liegen! Daß man dann dasteht, jetzt zu Johanni, mitten in der Zeit, und keine Aushilfe nicht kriegt und nirgends wen hat, nach irgend was zu rennen.« Ann-Kjestin verzog den Mund wie zum Weinen. Sie holte einen Napf voll fingerdick mit Rahm bedeckter saurer Milch, die sie mit geriebenem Brot und Staubzucker bestreute. Die hätte Bertel bekommen sollen, wenn er aus der Kreisstadt heimkam; aber im Augenblick sah AnnKjestin beinah das künftige Schicksal des Nørhofs von Pers Gesundheitszustand abhängen.
Aufs neue wurde Mette mit der Meldung zur Hausecke gesendet, und als Per vernahm, womit er diesmal verlockt werden sollte, gab er – ob auch zögernd – seinen Widerstand auf und setzte sich schweigend ans Tischende. »Aber verschluck dich nur jetzt nicht dran!« sagte Ann-Kjestin warnend, noch eh er die Hand an den Löffel gelegt. Im übrigen ließ sie ihn großmütig in Frieden, wahrend er seinen Hunger stillte. Das meiste von dem Inhalt der großen Schüssel verschwand hinter dem Wams des ausgehungerten Knaben. Als Per so ziemlich fertig war, kam Ann-Kjestin drall und versöhnlich aus der Speisekammer herein und sagte in altmoralisierendem Stil: »Siehst du jetzt nicht selber ein, daß du mit den Kühen zur Zeit hättst da sein können und der ganze Verdruß nicht hätt sein brauchen?« »Ich kann nicht dafür, daß ich einschlaf, wenn ich so müd bin,« sagte Per und begann aufs neue leise zu weinen bei dem Gedanken an das Unheil, dem er nur halb entgangen war, so lang noch Bertel als das große Rätsel drohte. »Na, für diesmal wollen wir die Sache gut sein lassen, bist ja sonst brav, mußt dir nur angewöhnen, die Augen offen zu halten – so werde ich dem Bertel also nichts sagen, mußt mir aber dann drunten im
Garten die Kartoffeln häufeln, wenn’s Vieh draußen versorgt ist.« So hielt Ann-Kjestin sich für den Rahm schadlos, indes Berteis drohende Trollgestalt in die Tiefe versank. »Jetzt verspürst keinen Kopfschmerz mehr?« fragte sie noch. »Nein, so stark nimmer,« sagte Per und rülpste hörbar. »Na also! So kannst du jetzt auch wieder zu der Arbeit schauen.«
SCHULPFLICHTIG »Soll der Junge heute wieder nicht in die Schule gehen?« frug Ann-Kjestin eines Morgens beim Frühimbiß, als Per schon den zweiten Monat keine Schule gesehen hatte. »Ich begreif nicht, wo du hindenkst!« erwiderte Bertel mit zornigem Blick und zog seinen Hornlöffel aus dem Mund, daß er förmlich zwischen den Zähnen knirschte. »Kann man ihn heute entbehren, wo man die Knechte auf der Heide hat und keins daheim ist, nach was zu schauen? Dir ist’s aber auch, zum Teufel, ganz gleich, ob was getan wird auf dem Hof oder nicht, wenn nur für deine Einsiedgläser und Vorräte gesorgt ist.« »Ach, du brauchst nicht gleich aufzubegehren,« gab Ann-Kjestin zurück. »Mir liegt viel dran, ob der Jung in die Schul kommt oder nicht! ’s ist nur, weil der
neue Mesner so streng mit den Geldbußen ist, du weißt es ja ohnehin.« »Das ist mir eine saubere Ware, diese Mesner, die eins jetziger Zeit herkriegt, machen sich so wichtig, oh je, so patzig und wichtig!« meinte Bertel, aufgebracht auf der Bank hin und her rückend. »Ja, da läßt sich weiter nichts sagen, wenn eins dem nachgeht, wie’s ihm obliegt.« »Na, so soll er meinetwegen Bußen einheben, der Saukerl! Da tu ich noch lieber – in Gottes Namen – etliche Kronen an Bußen hinlegen, wenn man dann den Burschen daheimbehalten kann, daß man doch so was wie einen Nutzen aus ihm herausschlägt.« »Ja, aber,« fuhr Ann-Kjestin fort und fegte etliche Brotkrumen in die hohle Hand, »’s heißt nur, daß sie so unsinnig hoch sind, die Geldstrafen, die er auferlegt, gar so riesig; eine ganze Krone jedesmal – wenn’s wahr ist, was die Leute sagen –, und wenn’s länger dauert, geht er noch mehr in die Höhe damit.« »Gott beschütze und bewahre uns!« rief Bertel verblüfft. »Da könnte man ja um ein halbes Roß kommen von wegen so eines Lausbuben, den man vielleicht vier oder sechs Wochen daheimbehalten hat. Aber sag ich’s nicht, daß es wahre Schandleute sind, die heutzutage in die Höhe kommen? Gehört sich das, daß so einer Mesner wird, der grad nur – das kann man wahrhaftig sagen – darauf aus ist, den Bauern zu rungenieren? Wenn sie sonst nichts kön-
nen, soll der Teufel die ganze Schullehrerei holen. Wenn sie noch was lernen täten, was einen Sinn hat, wo sie sich später einmal daran halten könnten; aber es hört einer bald nie mehr ein Gotteswort in der Schule. Das Ganze läuft jetzt nur noch auf die Vaterlandsgeschichte hinaus. Und da werden sie meiner Seel weit kommen damit, wenn’s hapert. Was lehrt er euch denn, der, – – der Schatten, der?« wendete sich Bertel, indem er offenbar nach einem möglichst ausdrucksvollen Kraftwort über den Schullehrer suchte, an Per. »Die Landkarten müssen wir anschauen lernen,« erwiderte dieser mit leiser Stimme. »Oh, da lernt lieber gleich schauen in meinen – alten Stiefel!« fuhr Bertel den Per wütend an, als ob er ihn für die neue Unterrichtsmethode verantwortlich machen wollte: »Euern Katechismus sollt ihr lernen – – und das Vaterunser – und nachher, wo ihr was zum Beißen herkriegt! – Landkarten! Pah! So einer wie du soll Landkarten lernen! Sollst du vielleicht hinaus und in der Fremde umherreisen? Hast du vielleicht was, womit du reisen tatst? Deine Arbeit sollst du machen, mein Lieber, und dir die Worte zu Gemüt führen, die ich hab lernen müssen in meiner Kinderlehre: ›Fürchte Gott, den König ehre, heißt des Heilands reine Lehre‹.«
»Geh, stellst dich mit dem Jungen her, als könnte er dafür, was die in den Schulen lernen; er muß doch tun, was ihn der Mesner heißt.« »Ja, ja!« brummte Bertel voll Wut, »es kommt mir grad in den Sinn, was der alte Pastor bei der Schulprüfung zu den Buben über seine Mutter gesagt hat; die Ann-Marie Kjærsgaard, die hat für gar so geschickt im Rechnen gelten wollen; und der Mesner hätte es gern gesehen, daß ihr der Vorzug vor uns andern gegeben worden war. Aber der alte Ronsolt, der hat zur Antwort gegeben – und er war, meiner Seel, einer, der sich darauf verstanden hat – ›Ach, so viel rechnen wird sie bald können, um die Würste zusammenzuzählen, die sie einmal auf ihrer Stange haben wird.‹ Und so ist’s auch zugetroffen!« schloß Bertel. Per senkte den Kopf bei dem Gelächter des Gesindes. Aber das Ende dieses Morgengesprächs war doch, daß Bertel, um seinen Geldsack besorgt, Per zur Schule schickte. Als Per gegen Mittag aus der Schule kam, brachte er einen Zettel mit heim. »Was ist das für ein Geschreibe?« Bertel hatte schon seine Brille hervorgezogen. »Der Mesner hat mir ihn mitgegeben,« sagte Per. Das Schreiben des Küsters teilte mit, daß Per die Schule nicht eher wieder besuchen dürfe, als bis er eine Kur gegen den Hautausschlag durchgemacht,
an dem er leide und demzufolge es unverantwortlich wäre, ihn mit andern Kindern auf einer Schulbank sitzen zu lassen. Der Lehrer riet Bertel, ihn baldmöglichst ärztlich behandeln zu lassen. Per stand in sich gesunken und verzagt da und betrachtete seinen lieblosen Herrn, während dieser den Brief durchbuchstabierte. Seine Wangen waren von getrockneten Tränen gestreift. Offenbar hatten die Kameraden ihn auf dem Heimweg gehänselt. »Hast du die Krätze an den Händen?« sagte Bertel und fixierte ihn mit seinen trüben, nichtssagenden Augen. »Zeig deine Pratzen her! Ach, die paar Schorfen da, die schaden wahrhaftig nichts, zum Misten sind sie gut genug,« setzte Bertel höhnisch hinzu, indem er Pers hingehaltene Hände zurückstieß, ohne sie genauer anzusehen. Innerlich frohlockte er über das empfangene Schreiben. Jedesmal würde es ihn gewurmt haben, so oft er den Knaben zur Schule hätte schicken müssen, und nun schrieb der Küster selber, daß er nicht kommen sollte. Bertel beeilte sich auch durchaus nicht, das Fest der Reinigung für den Hirtenjungen abzuhalten, der seinen Arbeiten wie gewöhnlich nachging, nur hin und wieder sich weidlich kratzte. Als etwa drei Wochen vergangen waren, sagte eines Tags Ann-Kjestin zu ihrem Manne: »Wir wer-
den wegen der Geschichte mit dem Per doch was tun müssen.« »Ja warum, fehlt ihm was?« versetzte Bertel. »Er darf nicht in die Schule; aber wir haben doch wahrhaftig auch bei uns daheim genug Arbeit für ihn.« »Schon recht, aber weißt du, der ist heut dagewesen, der Krämer, der Kræn Lybsker.« »Na, muß der seine Nase schon wieder in unsre Sachen stecken? Man sollte meinen, solche Bettelleute hätten genug mit ihren eignen zu schaffen.« »Er hat auch nichts andres gesagt, als daß die Mutter vom Per, die Ann-Marie Kjærsgaard, bei der Gemeinde gewesen war und uns verklagt hätt deshalb, daß der Jung sich angesteckt hat und nicht in die Schule darf. Und da wird sich jetzt wohl die Schulkommission der Sache annehmen.« »Die Schulkommission? Teufel, das ist was andres! Schau dazu, daß er rein gemacht wird.« »Ja, das ist, meiner Seel, leichter gesagt als getan, mein Lieber! Und etwas Unkosten wird’s wohl auch machen.« »Hat er nicht vielleicht selber Geld für die Medizinen?« schlug Bertel vor. »Ach, der und Geld haben? So ein Bursch!« erklärte Ann-Kjestin. »War nicht anders, als Federn vom Fisch rupfen wollen, bei ihm ein Geld suchen!«
BEIM DACHDECKEN Tags darauf waren die Leute auf dem Nørhof damit beschäftigt, auf dem Westflügel des Hauses, das eine frische Bedachung erhalten sollte, den First zu dekken. Vier waren an der Arbeit. Oben auf dem Dachfirst thronte Anders, der Großknecht. Seine mächtigen, grindigen Hände führten die Torfschaufel zum Eindecken mit solcher Kraft, daß das Haus unter den Schlägen erzitterte, die ein hohles Echo aus den andern Flügeln des Hofes wachriefen. »Merkwürdig, wie das hallt in dem Gebäu im Sommer, wenn nichts drin ist,« sagte Laurin, der zweite Knecht, der Anders mit den Torfstücken zur Hand gehen sollte. »Ja,« sagte Anders mit philosophischem Kopfnicken und ließ die Schaufel sinken, »das kann ich gar nicht verstehen, denn wenn einer auf einen vollen Bauch
schlägt, so macht das doch einen weit schlimmeren Krawall, als wenn man auf einen leeren haut.« Das gab den beiden »erhabenen« Philosophen Anlaß zu einer Reihe wohlerwogener Betrachtungen, die darauf hinausliefen, daß es Fragen gibt, die selbst Philosophen zwischen Himmel und Erde nicht zu lösen vermögen. Unten bei dem aufgestapelten Giebeltorf stand Per zusammen mit Jens Romler, dem Tagelöhner. Jens war ein Mann an die Fünfzig mit rötlichem Backenbart und groben, von Arbeit stumpf gewordenen Zügen. Seine Beine waren krumm, seine Arme krumm, sein Rücken gleichfalls krumm. Das einzige ganz Gerade an ihm war die Nase, auch so ziemlich der einzige Teil seines Körpers, der nicht von der Arbeit mit in Beschlag genommen war. Jens Romler wohnte in einem kleinen mit Ginster gedeckten Häuschen, eine Viertelstunde Wegs westlich am Rain des Moorlands, wo Schilf und Porsch üppig auf einer Unterschicht von kaltem saurem Bleisand wucherten. Das Moor und die Heide rings um das Haus boten ihm so viel Weide, daß er eine Kuh und ein paar Schafe halten konnte, die von Weib und Kindern gehütet wurden, denn er selbst war stets im Taglohn außer dem Hause. Sein Häuschen war mit der umgebenden Welt nur durch einen ungeheuer langen ausgetretenen Steig verbunden, den seine Holzschuhe durch die vielen
Jahre, in denen er in der Hütte wohnte, gebahnt hatten. Draußen an der Grenze zwischen der Heide und dem bebauten Boden teilte der Steig sich in drei Pfade, einen zu jedem der drei Höfe, wo Jens Romler ständiger Taglöhner war. Heute also war er nach dem Nørhof gekommen, und selbstverständlich wurde ihm gleich das schwerste Stück Arbeit, das Hinaufschleppen des Torfs, übertragen. Per mühte sich redlich an seiner Seite ab, aber seine Beine waren etwas zu kurz für die Arbeit, und es fehlte nicht viel, so hätten die ellenlangen, liespfundschweren Rasenflecke ihn hintenüber geworfen, wenn er sie auf den Arm hob und emporhielt wie ein gegorenes Roggenbrot, das in den Backofen geschoben werden soll. Auf alle erdenkliche Weise kam Jens Romler Pers zarten Kräften entgegen. Sobald er den groben schmierigen Sack als schirmende Unterlage über seinen Rücken gebreitet, ließ er sich bedächtig auf die Knie nieder, die Stirn an die Sprossen der Leiter gelehnt, und wartete geduldig wie ein Kamel, das seine Bürde entgegennimmt. Es knackte in den alten Knochen, so oft der kleine schwankende Per eine neue mächtige Torfladung auf des Taglöhners gekrümmten Rücken niedersinken ließ. Nun hält Per einen Augenblick inne, als schiene es ihm für diesmal genug zu sein.
»Noch eins, kleiner Per, sonst muß man ja nur um so öfter gehen.« Jens schiebt mit der Zunge seinen Priem im Mund hin und her und packt ihn zwischen die Zähne, ehe er sich selbst unter Knacken in die Höhe krabbelt. Bedächtig klimmt er die Sprossen hinauf. Per schaut den Sohlen der langsam steigenden Holzschuhe nach, die ganz rein gescheuert sind von dem morgendlichen Gang auf dem taufeuchten Steig. »Ah – ah!« seufzt der Taglöhner, wenn er die schwere Bürde auf dem Dachfirst abwälzt. »Ja, das ist wahrhaftig eine Arbeit, die eins bis ins Mark hinein verspüren muß,« bemerkte der Großknecht. »Ja, da hast du wohl recht; früher einmal, da war’s ein Kinderspiel, solange eins noch den Schmerz in der Hüfte nicht gehabt hat,« entgegnete Jens. »Ist aber auch schon der dritte Tag, daß ich hier bei der Dachdeckerei dabei bin. In der Jugend, da hat eins freilich so was für nichts gerechnet, aber jetzt, meiner Seel, spürt das Kreuz schon gehörig so eine Art Arbeit.« Jens fährt sich mit dem Handrücken über den schmerzenden Buckel. »Möchtest nicht du einmal probieren, den Packen statt meiner heraufzuschleppen, Laurin?« sagte er halb im Scherz zum zweiten Knecht. »Ja, der Daus, wohl!«
Der lange schlenkernde Laurin, dessen Nackenhaar von der Sonne so gelb gebrannt aussieht wie ein alter Maurerpinsel, glitt mit seinen dünnen Hampelbeinen wie eine Katze die Sprossen der Leiter hinab. »Ach geht das mit einem Feuer in dem Alter!« nickt der Tagelöhner, Laurin dankbar nachblickend, während er selbst sich auf den Dachfirst hinstreckt. »Frisch und gut ist’s da droben,« fährt er fort und läßt den Blick meilenweit über die offene Landschaft hinschweifen. Die Brise kommt, mit dem Duft von Moor und Jätgras geschwängert. Die Kirchtürme heben sich wie Bildsäulen von der blauen Himmelswand ab. »So verschnaufen wir also einen Augenblick,« sagt der Großknecht, als Laurin mit seiner Bürde hinaufgelangt ist. »Denn heut ist er ja nicht daheim, der Hundsfott, weswegen soll’s also so hart hergehen?« Anders klappert gleichwohl noch etwas mit der Torfschaufel, um womöglich die wachsame Ann-Kjestin über den Gang der Arbeit zu täuschen. Jetzt kommt auch Per die Leitersprossen hinauf. »Was willst denn du da oben?« ruft Anders scharf. Pers Augen wollten sich schon trüben. »Ach, laß dem Burschen das Pläsier!« wirft Jens Romler ein. »Ist ja so schön in die Höh klettern in dem Alter.« Je höher er auf den Sprossen emporkommt, desto mehr weiten sich Pers Augen.
»Gib acht, daß du nicht drehkrank wirst,« warnt beständig die Vorsehung Anders. Per stolzierte den Giebel entlang mit den Händen balanzierend und die Zunge zwischen den Lippen. Recht in acht mußte sich eins doch nehmen, dachte Per, ’s war grad, als wenn einem jemand inwendig mit einem Flederwisch über die Rippen streichen würde, so ein eignes Gefühl war’s in der Herzgrube. Aber wie weithin man sehen konnte! Pers Blicke begannen plötzlich nach etwas in der Nähe von Runge zu suchen. Das war doch auch merkwürdig, daß er nie auch nur einen einzigen Sonntag frei kriegen und heimgehen konnte, die Mutter und die kleinen Schwestern zu sehen. Per starrte unausgesetzt nach Runge hinüber. »Da seh ich, wie ich da lieg, grad auf die Kuh hin,« rief nun der Taglöhner, dessen erster Gedanke gleichfalls sein Heim war. »Kannst du nicht auch was Weißes sehen, Anders, grad dort vorbei an der Torfmiete ganz rechts? Ja, ganz gewiß, das ist unsre Kuh. Und könnt ihr nicht auch dort links von der nächsten Miete einen ganz kleinen Punkt sehen? Jetzt bewegt sich’s! Könnt ihr’s sehen? Ja, das ist die Dorre, das ist meine Tochter, ganz gewiß!« »Die Dorre, die mußt du doch kennen, Per, ihr zwei geht doch zusammen in die Schule, nicht?« fuhr Jens, zu Per gewendet, fort.
»Ja, die kenn ich wohl,« antwortete Per; er entsann sich eines grobgliedrigen, einsilbigen Schulmädchens seines eignen Alters, das in Sonne und Regen in ein paar klotzigen hausgemachten Zeugschuhen zur Schule kam. »Ist das aber eine kleine Hütte, in der du wohnst, Jens,« sagte der Großknecht. »Ja, gewiß, ein elendiglicher Rumpelkasten ist’s,« gab Jens zu. »Und verfallen! Frisch anwerfen sollte man sie schon lang und herrichten für den Winter, aber wann hätte eins denn die Zeit dazu?« »Ist sie dein eigen, die Kate?« fragte Anders weiter. »Ach, ich und ein eigen Anwesen! So gut geschieht unsereinem nicht. Nein, es gehört dem Bauer dort drunten.« Er deutete in die Richtung von Sølsig. »Ich haus nur zur Miete.« »Sollte er’s denn dann nicht herrichten lassen?« »Ja, prost Mahlzeit! Da könnt man lange warten,« sagte Jens. »Hast du je gehört, daß einem der was hätte herrichten lassen? Kann sich kaum selber erhalten auf seiner eignen Baracke, der alte Narr. Bei dem haperts ganz gewaltig, wie man hört. Seinerzeit ist ihm das große Gehöft mit den dreißig Tonnen Land ohne einen Schilling drauf zugefallen, das hätte unsereinem passieren sollen, Jeses! – Was hätt eins für gute Tage haben können, wenn man nur ein End von so einem Feld hätt kriegen können, nur einen ganz elendigen Streifen von dem
Boden, der da liegt, ohne daß irgendwer was davon hat. Wie die Brachfelder drunten liegen! Ich glaub, meiner Seel, seit vierzehn Jahren sind sie nimmer umgestochen worden. Rein eine Schand und ein Spott ist’s, denn der Boden, der tat weiß Gott was tragen. Das ist nicht so einer wie der, an dem wir armen Häusler uns draußen auf der Heide abrackern. Nein, mit Verlaub zu sagen, ein rechter Jammermensch ist er, der Wollesen; die einzigen, denen er was vergönnt, das sind, meiner Seel, die Ratten! Aber versteht sich, die Mütze nimmt eins doch vor ihm ab, wenn man ihn trifft; das ist schon einmal so der Brauch, aber meinen tut man, weiß Gott, nicht viel damit.« Jens Romler zeigte alle seine gelben Zähne. »Wie viele Stuben hast du denn?« fragte Anders. »Ich hab eine einzige, und die ist kleinwinzig; sie könnt schon gar nicht kleiner sein für unser sieben, die wir sind. Aber das war noch das wenigste, wenn einen nur die Flöhe in Ruh lassen wollten, aber in der Hitz ist’s, meiner Seel, bald nimmer auszuhalten. Was ich nicht versteh bei den Ludern, ist, warum sie sich nicht lieber an die Reichen halten, wo sie’s doch tausendmal besser hätten, möcht eins denken; da war doch ganz anders Platz zum Drauf springen. Aber ’s ist so, daß wir elenden Teufel zu aller großen Plage noch die kleinen auch dazu haben müssen.«
»An Flöhen, da ist wahrhaftig auch in unsrer Kammer keine Not,« bemerkte Laurin. »Oh,« erwidert Anders spitz, »selbige gehst du dir gewiß bei die Dirnen holen, denn in meinem Bett merkt man von so Zeugs nichts.« Der Taglöhner lacht aus vollem Halse. Laurin wird blutrot; denn es ist ein offenes Geheimnis, daß er und Mette mehr miteinander zu tun haben, als gut ist. Er kriecht rücklings die Leiter hinab und feuert von dort folgende Salve ab: »Oh, wenn sie dich auch beißen, spürst es ja doch nicht vor all der Räude und Krätze, mit der du herumgehst.« Diesmal, da es den Großknecht anging, wagte der Taglöhner nicht zu lachen. Anders versetzte drohend: »Jetzt rat ich dir aber, schau, daß du weiterkommst, sonst helf ich dir mit deinen krummen Spindelbeinen auf die Erde hinunter.« Ein frischer Wirbelwind erhebt sich. »Mußt dich hinwerfen, Per, wirf dich hin!« ruft Anders. Per schlägt die Pfoten in den Torf wie eine Katze, die man beim Schwanz vom Dache ziehen will. Der kleine Luftvagabund tanzt mutwillig über den Dachfirst hin, füllt die Jackenärmel mit Wind und bläst frech bei allen Taschen und Knopflöchern hinein.
»O je, da fliegt, meiner Sixt, die Mütze!« sagte der Taglöhner und folgte mit den Augen seiner zu Boden fallenden Kappe. »Mir scheint, es schaut grad so her, als ob die Perücke den selbigen Weg genommen hätt,« neckte Anders, auf Jens Romlers kahlen Scheitel deutend. Plötzlich wurden sie alle mit eins Ann-Kjestins strenger Gestalt in der Waschhaustüre gewahr. Sie sagte nichts, sah aber mit scheelem Blick zu der auf dem Dache ruhenden Gruppe hinauf, während die ausgespreizten Finger mit großer Hast über die gewölbten Höhen des Busens hin und her fuhren. »Na, machen wir uns jetzt wieder an die Arbeit,« sagte Anders, indes Ann-Kjestin sich ins Innere des Hauses zurückzog. »Sie war, meiner Seel, in heller Wut, sicher und gewiß,« flüsterte der Taglöhner und ging gebeugt die Sprossen hinab. Die Arbeit geht mechanisch ihren Gang weiter, während die Sonne herniederbrennt. Der hohle Schall der Schaufel hallt mit regelmäßigem Tonfall durch die Seitenflügel des Hauses, und so oft der erschöpfte Taglöhner die Bürde abwirft, klingt sein erleichtertes »Ahhh« über die grünbewachsenen Dächer hin. Auf einmal erhebt Hektor ein wildes, unsinniges Gebell. Jens Romler macht ein paar Schritte zur Seite, um nach dem Weg und dem offenen Tor blicken zu können.
»Du mein, jetzt kriegen wir gar den Roy her, das ist so gewiß wie was!« ruft Jens zu den Dachdeckern hinauf. Roy ist die merkwürdigste Figur der ganzen Gegend. Er wohnt in einer selbsterbauten Hütte oben an der Landstraße, ist ein Einwanderer aus einem weiter östlich gelegenen Bezirk und huldigt daher nicht den Sitten und Gebräuchen dieser Gegend. Er hatte in jüngeren Jahren Mechanik studiert, bekam es aber satt und wanderte nach Australien aus, wo er eine Zeitlang Schafe hütete. Nach jahrelangem Umherstreifen kehrte er in seine Heimat zurück und nahm Arbeit bei Seetrockenlegungen und dergleichen. Jetzt zog er zumeist als Händler umher und kaufte Wolle und Kalbfelle auf. Unter den Leuten wird er der Iltisjäger genannt nach seiner Lieblingsbeschäftigung, und da er als Fremder für die Bauernbevölkerung etwas Mystisches hat, hält man ihn in der Umgebung für heilkundig und eine Art Zauberkünstler. Er versteht sich ein wenig auf allerlei, übernimmt auch unbedenklich alles mögliche und ist ebenso unentbehrlich, wenn der Bauer einen Wurf Ferkel zu schneiden wie wenn die Hausmutter einen neuen Boden in ein Sieb einzulöten hat. Der Hund fährt ohne Unterlaß fort zu wüten; er schnappt mit gelbem Rachen fortwährend in die Luft und klappt die Kiefer wie eine Rattenfalle zusammen.
Kurz darauf tritt ein etwa vierzigjähriger Mann durch das Tor ein. Das erste, worauf der Blick fällt, ist der starke, rötliche, verwilderte Bart unter einem riesigen, zerfetzten Strohhut; seine Kleider sind fadenscheinig und schlottern an ihm – wie da und dort zusammengekauftes Zeug. Die Hosen bauschen sich über den Knien, und überall fehlen Knöpfe. Wenn der Wind den roten, flatternden Bart zur Seite weht, wird darunter eine schwarze Krawatte mit einem kleinen weißen Dreieck aus Zelluloid sichtbar. Über der linken Schulter trägt Roy einen schweren Sack, der von einer mächtigen Schnellwaage, deren schwere Bleigewichte ihm um die Knie klirren, im Gleichgewicht gehalten wird. »Guten Tag,« grüßt Roy in fremdem Dialekt, »ist der Bauer daheim?« »Nein,« antwortet der Taglöhner. »Weißt du nicht, ob er Kalbfelle zu verkaufen hat?« Nun ergreift aber der Großknecht, der aus seiner Höhe auf dem Dachgiebel zugehört hat, das Wort. »Ja, ich hab grad eins angenagelt drüben am andern Torflügel; aber trocken ist’s noch nicht.« Mit langsamen, bedächtigen Schritten macht Roy ohne viele Worte kehrt und begibt sich durch das Tor nach der andern Seite hinüber, um sich die Haut anzuschauen.
Kaum hat er sich entfernt, da sagt der zweite Knecht: »Ach, wir dürfen nicht vergessen, ihn in dem Bett nachschauen zu lassen, du weißt doch.« »Ja, du hast wahrhaftig recht! – Roy!« ruft der Großknecht dem Iltisjäger, der eben an die Außenseite des Hauses gelangt ist, nach. »Weil du grade da bist, möchtest du nicht so gut sein und nachschauen, was das für ein wunderliches Zeug ist, das zur Nachtzeit in unserm Bett umwühlt? Mitunter ist’s grad, als wenn’s das Federbett unter uns heben tat, und ich und der Dienstjung, wir kriegen ein jedes Stöße, als sollte man aus der Koje hinausfliegen.« »Ach geht, das ist gewiß nur was, das euch träumt, wenn ihr zu lang bei der Breischüssel gesessen seid,« versetzte Roy. »Nein, was dir nicht einfällt! Das hat bei Gott nichts mit dem Brei zu schaffen. Ich meine eher, es wäre irgend so ein giftiges Vieh, das es auf uns abgesehen hat.« Roy kam aufs neue im Hof zum Vorschein und ging schweigend in den Stall, der gewissermaßen die Vorstube zur Kammer der Knechte bildete. Bald darauf kam er aus der Stalltür heraus, drei piepsende Iltis junge in der Hand. »Das ist doch, hol mich der Gottseibeiuns, die sonderbarste Einquartierung, die mir seit langem in eines Christenmenschen Bett vorgekommen ist,«
äußerte Roy. »Ihr könnt von Glück sagen, daß sie nicht hinaufgekommen sind und an euch gesaugt haben; denn dabei hättet ihr wohl schwerlich schlafen können.« Nun kamen die Knechte eilends vom Dach herunter. »Ih, Gott beschütze und bewahre uns!« rief Anders, »’s war also die Alte, die unter uns im Stroh so umgewühlt hat.« Anders hätte der Schlag treffen mögen. Per kam zögernd herbei und beguckte die drei zottigen Raubtierjungen, die sich prustend in Roys Händen umherwarfen und in dem grellen Sonnenlicht am ganzen Leibe zitterten. »Ja, oben in der Magdkammer,« bemerkte Laurin, »da haben sie im Bett einen ganzen Klumpen Schlangen gefunden; aber das da ist fast noch ärger.« »Ja, meiner Seel, ich hab schon beides in einem Bett gesehen,« erklärte Jens Romler. »Aber da hat dann auch, versteht sich, das eine das andre aufgefressen; ja, sicher und gewiß!« »Guten Tag, Roy,« ließ sich nun plötzlich AnnKjestin von der Waschhaustür aus vernehmen. »Ei, was hast du denn da für abscheuliches Zeug?« »Ach, gnädige Ann-Kjestin,« erwiderte Roy, eins der Jungen so hoch emporhebend, daß ihm die Sonne geradeaus in den Magen schien, »bloß etliche Bagatellen, die ich in der Knechte ihrem Bettstroh gefunden hab. Das nächstemal wird sich wohl eine
Sau mit elf grunzenden Ferkeln dortselbst vorfinden.« »Das war, meiner Sixt, das ärgste nicht,« sagte AnnKjestin, »denn bei dieser Zeit sind die Ferkel teuer.« »Gewiß, aber die Arbeitskraft scheint dafür um so billiger zu sein, weil sie mit einem Lager zusammen mit Mardern und Iltissen vorlieb nimmt,« versetzte Roy. »Solltest aber doch bei Gelegenheit einen Blick hineintun in das Bett, Ann-Kjestin; das Stroh riecht gewissermaßen modrig, und das Bettzeug! – ja, ich möcht drauf schwören, daß, wenn du’s eurer alten Mutterstute hinlegen tatst, sie’s mit dem Fuß wegstößt und sich daneben in die Spreu legt. Jetzt hab ich doch die halbe Welt gesehen, vom Kap Horn bis zur Krusumhöhe, aber so soll mich der Teufel mit seinen Klauen packen, wenn ich wilde Raubtiere im Gesindebett anderswo getroffen habe, als dahier beim reichsten Bauern im Hvarre-Sprengel.« »Ja, ja,« sagte Ann-Kjestin, von Roys Spott unangenehm berührt, »aber steh jetzt nicht da und halt die Leute bei der Arbeit auf, komm lieber einen Augenblick in die Tür; ich hätt dich eine Kleinigkeit zu fragen.« Die Leute legten sich wieder ins Geschirr. Roy warf seinen Sack auf das Pflaster vor dem Hausflur hin und ging hinein.
»Bist du nicht durstig?« frug Ann-Kjestin und schob den mächtigen Bierhumpen über den knorrigen Tisch zu ihm hinüber. »Danke,« sagte Roy und senkte seinen wilden Rotbart in die Kanne. Er tat einen tiefen, langen Zug. Als er den Krug abgesetzt hatte, strich er mit der linken Hand über den struppigen Schnauzbart, der vom Bier dunkler geworden war. »Du verstehst dich ja so gut auf solche Sachen,« begann Ann-Kjestin; »und schau, da ist uns jetzt der arme Bursch, der Halterjung, den du draußen stehen siehst, krätzig worden.« »Ei sieh mal,« sagte Roy ironisch, »das wundert mich wirklich bei alledem, was für die Reinlichkeit geschieht, dort, wo er liegt.« »Ach, das hat jetzt keinen Zweck, dasitzen und sich einen Narren aus mir machen!« sagte Ann-Kjestin. »Ein klein wenig könnten sie recht wohl auch selber dazu tun und auf sich acht haben; ich glaub wohl, daß unsre Leute um nichts schlechter dran sind als sonstwo das Gesinde.« »Kannst schon recht haben, meine liebe AnnKjestin,« entgegnete Roy. Das Gespräch kam allmählich auf andre Gegenstände, bis Roy sich erhob und sagte: »Bei euch möcht’s wohl langen für einen Doktor; ihr braucht grad nicht mit meinen Hausmitteln vorlieb zu neh-
men, aber meinetwegen schickt den Burschen zu mir hinauf, so werde ich wohl was für ihn herausfinden. Aber ihr dürft nicht allzu gewaltsam schmieren, weil er ja noch klein ist, und was einen Schmied kuriert, das kann manchmal einem Schneider den Garaus machen.« Nachdem Roy noch eine Unmenge zerbrochenes Geschirr und andre unbrauchbare Gegenstände in seinem Sack mitbekommen, verließ er unter Hektors erneutem Gebell den Hof.
RIVALEN Roy hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als Per in die Stube gerufen wurde. Auch er griff vor allem nach dem Bierkrug; ehe er trank, blies er kräftig in das Bier hinab, auf dessen Oberfläche ein Dutzend Fliegen Schwimmbewegungen machten. Als er mit seinen dünnen Armen zum drittenmal den gewaltigen Humpen wie einen Helm über seinen Kopf stülpte, warnte Ann-Kjestin: »Na, trink nur nicht mehr als du verträgst! Aber hör zu, was ich dir sag; wenn du jetzt die Kühe hinausgetrieben hast, so kannst du – denn jetzt bleiben sie doch schon ruhig – vor dem Heimkommen zum Roy, der grad da war, hinaufgehen. Er wird dir was zum Einschmieren geben, daß du das schlimme Zeug einmal los wirst und dann und wann wieder in die Schule kannst. Denn der Mesner wird gewiß nach dir fragen. – Hast
du deine Aufgaben gar nicht angeschaut, derweil du nicht in der Schule gewesen bist?« »Ich hab nie Zeit dazu gehabt,« antwortete Per freimütig. »Oh, am Sonntag hätt sich schon Freizeit dazu gefunden; hättst du dann nicht dein Buch einen Augenblick vornehmen können?« fragte Ann-Kjestin. »In der Knechtekammer hab ich nicht lernen können, denn da sind die andern gewesen und haben Karten gespielt und Branntwein getrunken.« »Hättest dich aber ja irgendwohin an einen Graben setzen können. Soll denn ein reiner Heid aus dir werden?« Jetzt ging die Gangtür auf, und ein kleines dralles Mädchen in Pers Alter hüpfte lächelnd in die Stube. »Je, schau, guten Tag, Anni!« rief Ann-Kjestin. »Jetzt kriegt der Per eine Gesellschaft beim Kühehüten auf dem Feld. Denn sicher willst du lieber mit ihm, als daß du daheim um mich Alte herumtanzt, was, Anni?« Anni blickte mit zustimmendem Lächeln von Per zur Tante hin. »Geh du jetzt und koppel die Küh ab, derweil ich der Anni einen Tropfen Kaffee geb; dann bringt sie dir deinen Fladen mit, denn heute kommst du ja so nicht vor Abend heim.« Per warf noch von der Tür aus einen langen, eindringlichen Blick der kleinen Anna zu, die er
von der Schule her gut kannte. Ihr Vater war ein ärmerer Bruder der Ann-Kjestin, der auf einem kleinen Anwesen außerhalb des Orts saß; daß er seine älteste Tochter nach der kinderlosen Ann-Kjestin genannt hatte, war schwerlich so ganz ins Blaue hinein geschehen. Per war sehr glücklich, daß dieses liebe kleine Mädchen zu ihm aufs Feld kommen sollte. Eine Gnade des Himmels war es auch, daß Bertel, dieser herumspukende Poltergeist, heute nicht daheim war. Was für lustige Possen konnten die beiden da draußen auf dem Felde bei diesem herrlichen Wetter treiben! Das Abkoppeln der Kühe ging heute auffallend leicht von der Hand. Bei jeder neuen Kuh, die Per herauszog, schaute er lang und helläugig nach den Fenstern, hinter denen Anna saß und leckere Napfkuchen verspeiste, während sie, mit den Füßen baumelnd, auf die Fragen der Tante, wie es daheim gehe und stehe, die Zunge laufen ließ. Nun hatte Per alle seine zwölf Kühe aus dem Stall, und die gewaltige Tüderkeule saß an ihrem Platz zwischen den knorrigen Hörnern der Zugkuh. Er ergriff seine Sonntagspeitsche mit der neuen Seidenschnur und ließ sie über die blanken Hörner der Kühe hinschnalzen. Beim ersten Peitschenknall sprangen Annas kleine Schuhe auf den Boden. Beim zweiten schnappte sie
das Bündel mit dem Vesperbrot der Tante aus der Hand und verschwand mit einem anmutigen Lächeln aus der Stubentür. Ann-Kjestin schaute, ihrer Gewohnheit nach, eilends aus dem Fenster, ob die Kühe gut aus dem Hoftor kämen. Bald gingen die beiden Hüter behaglich schlendernd und plaudernd dicht nebeneinander. Das war der stolzeste Augenblick in Pers Leben. Bei der kleinsten Widersetzlichkeit der Kühe schnalzte es laut über all die erhobenen Kuhmäuler hin, daß sie sich demütig wieder zur Erde senkten. Anna äußerte sich bewundernd über die Zauberkraft der Peitschenschnur. »Sie ist aber auch aus acht Strähnen zusammengeflochten,« erklärte Per mit Nachdruck. »Acht Strähne!« Anna ließ ihren Blick fast liebkosend über die klafterlange Schnur gleiten, die über Pers Mütze fast wie ein Helmbusch hüpfte und wehte. »Und zu so einer kostet allein ein Gebind fünfzehn Öre.« Anna schaute mehr und mehr erstaunt darein. Sie kamen zum Anger. Die Kühe wurden angebunden, die Schafe anderwärts untergebracht. Und nun konnte Per darüber nachdenken, womit er Anni hier auf den grünen Fluren unterhalten könnte.
Das war wirklich nicht schwer. Es gab genug Sehenswürdigkeiten hier. Da waren vor allem die vier Zaunkönigeier droben auf dem alten Hünengrab, die mußte man zu allererst aufsuchen; denn die würden ganz sicher Beifall finden; freilich waren sie nichts weniger als leicht zugänglich, da sie mitten in der lotrechten Erdwand steckten, die dadurch entstanden war, daß man die Hälfte des Hügels abgetragen und in das aufgebrochene Moor hinausgeführt hatte. Per hätte selbst sehr wohl die Eier ausnehmen können, aber er war überzeugt, daß es Anni als eine schmeichelhafte Aufmerksamkeit von seiner Seite betrachten würde, wenn sie es tun dürfte. Darin irrte er auch nicht. Aber die Frage war, wie dazu gelangen? Per hatte sich zu seinem Privatgebrauch einige natürliche Stufen in den steilen Abhang angelegt, aber an diesen würde Anni bei ihrer mangelhaften Begabung im Klettern kaum sonderliche Freude gehabt haben. Doch es würde sich schon Rat schaffen lassen. »Jetzt mitten am Tag,« sagte Per, »ist gewiß die Alte selbst drin.« Annis Augen leuchteten bei dem Gedanken, das hübsche graue Vögelchen in die Hand zu bekommen. »Aber wie komm ich da hinauf?« fragte sie und sah forschend Per an, als käme es ihm zu, diese Angelegenheit ins Reine zu bringen.
»Ja, wenn du dich auf meine Schultern stellen wolltest, so könntest du ja hinauf langen,« meinte Per, der durch diese schlaue Antwort die Sache vollständig in Annis eigene Hände legte. Anni zog Pers Ritterlichkeit nicht im geringsten in Zweifel, sondern kroch, die Zungenspitze in den Mundwinkeln, behutsam übers Pers schmalen Rücken, der unter der ungewöhnlichen Bürde zitterte. Sie stand mit je einem Fuß auf seinen beiden Achseln; er mußte sie vorsichtig an den Knöcheln fassen, um sie festzuhalten, während sich ihre rechte Hand in den Abhang einbohrte. Obgleich ihre Schuhe sich tief in Pers Schultern eindrückten, wagte er nicht, auch nur ein Glied zu rühren. Der Stoß an ihrem Kleide roch noch schwach nach dem Plätteisen; unwillkürlich fielen ihm die hübschen, regelmäßigen, vierfarbigen Querstreifen ihrer Strümpfe in die Augen, und die Rundung ihrer Waden ließ seine demütigen Hände heiß werden. »Oh!« rief Anni, »sie ist drin; sie schlägt meine Hand mit ihren Flügeln, aber ich kann nicht bis auf den Boden kommen.« Per hatte gleich gedacht, daß es so gehen würde, und war es eigentlich zufrieden; seine Zuvorkommenheit hatte er ja jetzt gezeigt, und nun konnte er selbst das köstliche Vergnügen haben, den kleinen Vogel her-
vorzuziehen; aber es hieß nun verhindern, daß der Gefangene entschlüpfte. »Nimm meine Mütze und verstopf das Loch!« kommandierte er, »und komm dann herunter.« Zu Pers Mütze war es weiter herunter, als Anni berechnet hatte, so daß sie die Hand aus dem Neste ziehen mußte, um sich während des Herabbeugens zu stützen; bei dieser Bewegung flog der kluge kleine Zaunkönig aus der Falle. Mit einem raschen Schlag seiner behenden Flügel streifte er Annis Wange. »Oh je! jetzt ist er davon. Das ist aber doch jammerschade!« rief Anni, verdrossen von Pers Schultern herabsteigend. Trockener Hügelsand saß rings in den Grübchen von Annis Arm, und ihre reine Schürze war verdrückt. Geschmeidig wie ein Affe kletterte nun Per hinan und nahm vier bläuliche Eier aus, nicht größer als ein Fingernagel und mit kleinen bräunlichen Sommersprossen besät. Per nahm eins davon und legte es an Annis weiche Lippen, damit sie fühlen könnte, wie warm das Ei war, das noch den lau säuerlichen Duft vom Bauch des brütenden Vogels aushauchte. Anni jubelte auf nach ihrer Enttäuschung. »Nimm dir eins davon,« lud Per ein. »Ja, aber, wird sie’s nicht vielleicht suchen?« »Ach, eins wird nichts machen,« meinte Per.
Anni verwahrte das gefleckte Eichen sorgsam in ihrem Taschentuch. Von der hochgelegenen Flur stiegen sie ins kühle Moor hinab, wo sie Kränze aus Schilf und Krausemünze flochten. Nun schien es Per an der Zeit zu untersuchen, was Ann-Kjestin ihnen ins Tuch eingebunden hatte. Er band es in großer Spannung auf: Butterschnitten und Rahmküchen. Jawohl, AnnKjestin konnte zuzeiten gar vorsorglich sein! – Sie aßen, sie lachten und trockneten sich gesättigt die Mäulchen. Dann gingen sie zu einem klaren Wässerchen hinab, das ins Blaue hinein plaudernd über grüne Steine dahinlief. Es war ein beinahe völlig ausgetrockneter Fluß, der auf dem Grunde des breiten Grabens an ein kleines Kind in einem allzu großen Bett gemahnte. Er schlängelte sich sachte über den Sand von einer Seite zur andern, als ginge er nach dem Wege fragen. – Nie fühlen sich Kinder so wohl wie an solch einem lieben Wässerlein. In seinem hüpfenden Rieseln, seiner singenden Sorglosigkeit liegt etwas von ihrer eignen Art. Im Wasser lebt das Märchen! Man führe ein kleines Kind zu einem murmelnden Bach, und es wird sich die Augen aus dem Kopfe schauen. Per und Anni neigten sich über das rinnende Wasser, als suchten sie den Schalk im eignen Auge zu erhaschen; sie berührten seine gekräuselte Oberfläche mit ihrem Mäulchen und setzten das
kleine Ei zum Schwimmen darauf, um sich zu überzeugen, ob es auch sei, wie es sein sollte; denn war es faul, so wollte Anni es keine Sekunde mehr behalten. »Gott sei Dank,« dachte Per, als es die Wasserprobe bestanden hatte. Vom Bach liefen sie ins Torfmoor hinaus, wo ganze Büsche Preiselbeeren zwischen den weichen Moospolstern wuchsen. Per fand die meisten, nahm aber selbst nur einzelne und schüttete den Rest in Annis begehrlich geöffnete Hand hinüber. Des Nachbars Hüterbursch, der lange Jakob, hatte mit großem Neid beobachtet, was für eine herrliche Gesellschaft Per den ganzen Nachmittag gehabt, während er selbst sich drüben zwischen seinen Tümpeln und Erdschollen langweilte. Als sie sich nun seinem Grenzgraben genähert hatten, kam er mit seinen langen Beinen dahergeschlichen und machte sich drüben bei ihnen etwas zu schaffen. Bevor noch Per Zeit gefunden, Anni vor ihm zu warnen, hatte Jakob sich schon zwischen sie auf das Moos hingelagert, wo er seinen Kriegsplan bereits zu entfalten begann. »Das ist doch komisch, daß ihr den sauren Mist da essen mögt? Pfui Teufel!« begann Jakob. »Noch dazu so roh. Kommt einem ja das Wasser in die Augen, wenn man dran denkt.« Dabei warf er Anni mit kekker Miene eine prächtige reingewaschene gelbe Rübe in den Schoß. »Da iß doch lieber die,« sagte er.
Anni ließ still Pers letzte Handvoll Preiselbeeren zu Boden gleiten und versenkte mit einem seltsam langen Blick auf Jakob ihre weißen Mausezähne in die gelbe Rübe. Per schaute mit zerknirschter Miene nach ihr, setzte dann aber eifrig das Beerenpflücken fort, doch nunmehr ausschließlich für den eignen Mund. Alsbald hub Jakob mit Per über seine Peitsche, deren Schmitze er verächtlich mit seinem Hirtenstecken hin und her wippte, Händel an und behauptete, sie sei nichts als ein Ende morschen Kuhstricks. Doch das hieß Per an seiner empfindlichen Stelle treffen: »Du lügst in deinen Hals hinein, das sag ich dir!« rief er und riß mit zorniger Gebärde die Gerte an sich, so daß Jakobs große Zehe in der Schnelligkeit einen Hieb erhielt – »allein ein Gebind hat fünfzehn Öre gekostet.« Jakob wollte nun wissen, was Anni so sorgfältig in ihrem Taschentuch barg. Da zeigte sie ihm mit großem Stolz ihr kleines Zaunkönigei. Jakob spuckte höhnisch aus und fragte, ob sie jemals ein Wasserläuferei gesehen habe. Das hatte Anni noch nie. So würde er ihr welche zeigen, sofern sie nur zum Sumpfteich mit ihm gehen wolle; dort segelten sie auf der Oberfläche in einem wasserdichten kleinen Nest wie in einer Wiege. Er brauchte sich nur die Hosen aufzuschlagen, dann könne er sie im Nu holen. Vielleicht daß er den Wasserläufer mit erwischte, denn zuweilen
wären sie so keck, diese Vögel, daß sie einem geradeaus ins Haar flögen. Oder hätte sie nicht Lust, einen Strandläufer fangen zu sehen? Auch eine ausgebrütete Schar Steinschmätzerküchlein könnte er ihr zeigen, und später müßte er zu dem Loch im Altbach hinunter, um nach seinen Aalangeln zu schauen. Per war dem Weinen nahe, als er sah, wie Jakob ihm die Anni wegschnappte. In seiner Herzensangst stieß er hervor: »Anni, du darfst nicht mit ihm gehen. Denn die Rüben, die er dir gegeben hat, die hat er gestohlen.« Und zu Jakob gewendet: »Denn du bist ein Dieb! Du stiehlst auch Hühnereier.« Im Nu standen die beiden Kampfhähne aufrecht einander gegenüber mit erhobener Peitsche. Es gewann jedoch den Anschein, als ob Jakob jetzt mehr Respekt vor Pers knotiger Peitschen-Schmitze hatte, als er früher Wort haben wollte. Denn plötzlich ließ er seine Waffe sinken in der Hoffnung, seinen Gegner noch schwerer treffen zu können. »Brauchst dich nicht so aufblasen, du Schlingel, der du mit Krätze am ganzen Balg behaftet bist,« rief er. »Du hast ihn doch nicht angerührt?« wendete er sich an Anni. »Weißt doch gewiß, daß er nicht in die Schule kommen darf, weil er sonst die andern ansteckt; deswegen ist er ja den ganzen Sommer nicht dort gewesen.« Anni sah Per mit offenem Munde an. Das war also der Grund, weshalb sie eine ausweichende Antwort
erhalten hatte, als sie ihn gefragt, warum er nie mehr zur Schule käme. »Ja aber ich hab eine große Laus auf deiner Jacke gesehen,« schrie Per, seine Geißel wie einen Tomahawk schwingend. Jakob retirierte, höhnisch hinüberschielend, in der Gewißheit, daß sein Hieb fester sitze. Anni zog mit Jakob fort, um sich seine blauen Wunder vorweisen zu lassen. Per ging still weinend zu den Kühen hinauf, seine schöne Peitschenschnur im Staub hinter sich herziehend. Es schnitt ihm ins Herz, daß der Bösewicht ihm Anni geraubt hatte, noch dazu mit so lumpigen Mitteln. Freilich hatte er die Krätze, daß er oft die ganzen Nächte lag und sich bis aufs Blut gottsjämmerlich kratzte. Aber war das seine Schuld? Hatte seine arme Mutter ihn nicht hierher geschickt, so rein wie ein frischgelecktes Lamm, ohne auch nur eine Nuß im Haar? Und da hatten diese abscheulichen Menschen ihn in ein Bett mit dem Großknecht, dem Krätzklotz, treiben müssen, der ihn und alle die Burschen und Knechte, mit denen er in seiner Dienstzeit in Berührung gekommen war, angesteckt hatte. Es war wirklich kein Vergnügen, auf der Welt zu sein; man konnte tun, was man wollte, so hatte man doch nur Undank dafür. Bei jedem Keulenschlag auf die Pfosten die Reihe der Kühe entlang fiel eine bittere Träne aus Pers Augen.
Als er sich umkehrte, sah er über die Sumpfwiesen hin, wie Annis behende Beine elastisch über die Erdschollen hinter dem schlenkernden Jakob herhüpften. Per schmiß die Keule schwer neben den letzten Spannpflock hin und ging langsam über die Hügel zu Roy.
DER ILTISJÄGER Roys buckliges Haus mit seinem ginstergedeckten Giebel lag mitten auf einer offenen Ebene, auf drei Seiten von weißem, grobkörnigem Sand, auf der vierten von einem kahlen Heidefleck umgeben. Längs eines windschiefen Stakets gelangte man zum Eingang. Das erste, worauf das Auge fiel, war eine getünchte, an einer Stange hängende Holzplatte, auf der mit Teer geschrieben stand: Bist du ein Freund, willkommen hier, Bist du ein Schurk, hinaus mit dir! Über der Eingangstür leuchteten folgende Zeilen in Rotschrift: Diesen Wigwam nennt man mein, Gast, tritt ein, und er ist dein!
Im selben Stil war auch das Innere des Hauses gehalten, öffnete man die Wohnstubentür, so schob sich darüber die Gestalt eines Mohren halb hervor und ließ aus einem Horn einige schrille Willkommtöne erschallen. Ein zahmes Schwein bewegte sich grunzend zwischen dem Tischgestell. Auch das Schwein trug seinen Vers. Auf einem Bande am Nacken stand geschrieben: »Wenn ich auch nur ein armes Schweinchen bin, Mein Name steht in jeder Zeitung drin.« Das Schwein hieß nämlich Estrup! * Per sperrte die Augen auf, als wäre er über die Schwelle eines Zauberers getreten. Von der Wohnstube aus schob er sich vorsichtig in den nächsten Raum, aber mit Ausnahme des Schweins fand er keine Bewohner in den beiden Stuben. Auch das zweite Zimmer war mit den sonderbarsten Dingen angefüllt. In einer Ecke stand eine Drehbank, und an den Wänden hingen zwischen den gewöhnlichen Handwerksgeräten wie Säge und Bohrer die eigentümlichsten Waffen und Instrumente, vermutlich Sachen, die Roy von seinen Reisen heimgebracht hatte: ein riesengroßer Bumerang, eine Indianermaske, ein Skalp, ein paar schrecklich grinsende Fetischbilder. Dazwischen eine Menge echt heimischer Produkte. In einer Ecke Estrup, reaktionärer dänischer Minister in den achtziger Jahren. Anm. d. Übers.
*
der Stube ragten einige herrlich goldige Schößlinge in den Sand eingegrabener gelber Rüben über den Ziegelboden hinaus. Auf der entgegengesetzten Seite der Stube lag ein Haufen getrockneter Tierhäute und Wollsäcke; auf einer Hobelbank, die zugleich als Tisch diente, stand eine Riesenzuckerrübe, die, wie ein Teufelskopf hergerichtet, bemalte Hörner hatte und innen ausgehöhlt war, so daß man ein Licht hineinstecken konnte. Per hatte sich noch kaum in diesem schnurrigen Hause zurechtgefunden, als Roy durch eine Hintertür mit einem Melkkübel in der Hand eintrat. »Nun, bist du da, mein kleiner Freund? Grüß Gott! Grüß Gott! Gleich werde ich fertig sein,« sagte Roy und begann die warme Milch in ein schwarzes Tongeschirr zu seihen, nachdem er zuerst einen Leinenfleck über den Boden des Siebes gebreitet hatte. Sobald er den Lappen ausgewunden und seine Hände in einer Blechschüssel abgespült hatte, trat er zu Per hin, der in leisem Schauder vor den beiden Fetischen wartete. »Also du bist’s, der beim Bertel im Dienst ist? Einen ärgeren Knauser als den gibt’s in der ganzen Gegend nicht; war die Frau nicht doch um ein Kleines besser, bekäme keiner von euch einen Bissen zu essen. Und jetzt hast du also die verwünschte Bescherung mit deiner Krätze! Hast sie beim Bertel erwischt?«
»Nein, vom Großknecht hab ich sie kriegt,« sagte Per kleinlaut. »Ja, versteht sich, vom Großknecht; allright! Das Schwein! Obgleich, was kann man da sagen, solange das Gesind wie die Kälber in einen Stander zusammengepfercht wird. Aber ein Unsinn ist das, ein Unsinn, sag ich, daß sie das Recht dazu haben. Ihr Narren! Auflehnen sollt ihr euch! Revolution machen, soll mich der Teufel holen! Das hätte in Südamerika sein sollen; daß sich Gott erbarm! Ein paar Schurkenköpfe auf einer Forke aufgespießt, das tat weit mehr nützen als sieben Scheffel Reichstagsphrasen, soll mich der Teufel holen! Aber was verstehst denn du davon, du kleiner Tropf. Tut euch zusammen! Rottet euch zusammen, zum Teufel! Warum laßt ihr euch treten? – – No, no, no! Brauchst nicht so zu Tode zu erschrecken. Du hast ja keine Schuld. Du hast deine Krätze bekommen, und er, der andre, das Schwein, nun ja, er hat vermutlich die seine auf eben die Art bekommen: ist auch in eine Koje zu irgendeinem angesteckten Arbeitssklaven geschmissen worden. Hat ja auch all sein Lebtag dienen müssen. Und ist ein Lump worden dabei. Denn Lumpen werden sie beinah alle, Freundchen. Sich schinden und plagen jahraus, jahrein und nie eine Aussicht haben, vorwärts zu kommen – dabei muß der Mensch verlumpen! Und stumpf und blöd werden! Denn, Gott
steh uns bei, blöd ist es, sich so hunzen und sich den Rüssel anspeien lassen wie das Schwein dort!« Und Roy spuckte in weitem Bogen nachdrücklichst dem Schwein auf die rosigen Nüstern. »Und wenn eins einmal stumpf geworden ist, Freundchen, so schert es sich auch den Teufel mehr um die Reinlichkeit und all das. Ja, du meinst vielleicht, es war auch bei mir mit der Reinlichkeit nicht gar so weit her,« fügte er hinzu, mit einem entschuldigenden Blick all das aufgehäufte Gerumpel streifend. »Aber du kannst in drei Teufels Namen in jede Hand eine Laterne nehmen und wirst doch im ganzen Wigwam des Iltisjägers nichts von Grind oder Laus finden!« »Na, laß jetzt einmal die kleinen Hundepfoten nachschauen!« Per streckte die Hände hin. »Ja, das sitzt gehörig fest, das geht freilich nicht mit dem Kratzen weg. Schauen wir also, was sich da machen läßt. Obzwar, was zum Teufel kann das nutzen, wenn du weiter bei dem Krätzsack liegen mußt? Und wenn man seiner Hoheit dem Bertel auf Nørhof was sagen möchte, so war das grad so für die Katz, wie dem Ferkel da eine Arbeit zumuten. Wie lang schleppst du dich denn schon mit dem elendiglichen Zeug?« »O, so an drei Monat wird’s schon sein,« erwiderte Per.
»Und von der Schule haben sie dich nach Haus geschickt? Wie lang ist das her?« »Drei Wochen.« »Und da hat dein Herr noch immer nicht dazu geschaut, daß du wieder rein wirst? Ja freilich, vermutlich hat er sich in die Faust gelacht, daß er dich jetzt daheimhalten und den ganzen Tag für sich rakkern lassen kann, ohne mit der lästigen Schule schikaniert zu werden. Ja, wirklich und wahrhaftig, es ist wie ich sag: Ich war schon in aller Herren Ländern, hab in Australien die Schafe gehütet und war Viehtreiber ganz unten in Brasilien, aber, der Deibel soll mich in seine Hölle holen, wenn ich irgendwo auf der weiten runden Erde so ein herrisches, hartherziges Volk getroffen habe wie hierzulande bei diesen als »aufgeklärt« ausposaunten Bauersleuten in ihrem stimmungsduseligen Sahneland! – Aber davon reden wir später einmal. Jetzt bist ja noch zu klein, begreifst nicht, was ich mein. Aber stumpf sollst du nicht werden! Dich nicht gehen lassen wie alle die andern! Immer den Kopf hübsch hochhalten, Freundchen! Und wenn auf dir herumgetreten wird – und es wird tagtäglich auf dir herumgetreten –, so mach eine Faust im Sack so lange, bis der Tag kommt, wo du stark genug bist, sie dieser wurmzerfressenen, bauernstolzen Geldsackwirtschaft mitten ins Gefries sausen zu lassen. Und schau nur wieder herein zu mir, wenn dich der Weg hier vorbeiführt und du Lust dazu
hast! Aber richtig,« fügte er hinzu, »du bist natürlich durstig, du kleiner Schmierfink, warte nur.« Roy zog eine Tasse hervor und füllte sie halb mit Wasser, goß etwas Saft hinein und schüttelte ein Pulver aus einer Tüte dazu. Das Wasser gischtete über den Rand der Schale hinaus. »Trink, trink!« lachte Roy, indem er Per die Tasse reichte. Per trank. Die Kohlensäure stieg ihm prikkelnd in die Nase. Nie im Leben hatte er einen so köstlichen Trunk geschlürft. »Hast noch nie eine Limonade bekommen? Na, natürlich nicht; soviel ich weiß, werden solche Getränke bei Berteis nicht geschenkt. Geh jetzt heim, Kleiner, und ich hoffe, du schmierst dich brav ein mit dem Teufelszeug, das ich dir gegeben hab. Leb wohl, Bürschel. Willst du nicht den »Estrup« hinterm Ohr krauen?Weißt, er hält was drauf und ist gewöhnt, daß ihm die Leute die kleine Aufmerksamkeit erweisen.«
IN DER KNECHTEKAMMER Wenn einmal unser fortgeschrittener, humaner, mit einem Worte aufgeklärter Bauernstand sein eignes Landwirtschaftsmuseum erbauen wird, um der Welt eine Vorstellung von der hohen Kultur des Standes zu geben, möge er die Kammer der Knechte nicht vergessen; doch für den Fall, daß es zu jener Zeit einen solchen Raum nicht mehr geben sollte – was wir uns versucht fühlen könnten zu wünschen –, so soll hier eine Skizze der Knechtekammer entworfen werden, wie sie bei dem Großbauer Bertel auf Nørhof bestand und ohne sonderliche Abweichungen sich heutigen Tags in Tausenden von Höfen rings in unserm geliebten Vaterlande findet. Eigentlich bildete sie keinen Raum für sich, sondern floß – im buchstäblichen Sinne – mit dem Pferdestall zusammen, von dem sie nur durch eine an mehreren Punkten durchbrochene Lehmwand geschieden war.
Statt die Begriffe des Volkes durch die Bezeichnung »Kammer« zu verwirren, sollte man lieber von einem Stall oder Knechtepferch reden. Man gelangte zu demselben über einen stinkenden See flüssiger Tierexkremente, die Sommer und Winter sich vor der ungehobelten Eingangstür sammelten. Die rostigen Türeisen und ausgerissenen Angeln machten es fast immer unmöglich, die Türhaspe vorzulegen. Der Umstand, daß der Stall hier am Nørhof nach der Väter Sitte zu allen Jahreszeiten als Abtritt für die Leute diente, unterstrich gleichsam das Unflätige dieses Wohnraums. Wagte man sich nun in diesen selbst hinein, sah man vor allem vier nackte Wände, die vielleicht einmal in längst entschwundenen Tagen etwas Kalkverputz gesehen hatten, nun aber eine Fülle von Spalten und Rissen aufwiesen, wie benagt vom häßlichsten, längsten Zahn der Zeit. Über der Stalltür, wo zwei, drei Lagen Steine herausgefallen waren, hatte man, um den Schaden auszubessern, ein klotziges Brett von der Dungstatt hingenagelt. Der Boden aus schwarzem, nässendem Lehm war immer mit dem Kot der Holzschuhe und ausgespucktem Kautabak bedeckt. Die Decke bestand aus lose aneinandergereihten Latten, über denen das Dachstroh des Hofes aufbewahrt war. Ging jemand über das Stroh, so wippten die Latten auf und nieder und Wurmmehl und Mäusedreck rieselte herab auf die wenigen wackligen
Möbel, die sich verschämt in die Ecken der Kammer verkrochen. Den größten Teil des Raums nahmen zwei mächtige hochbeinige Doppelbetten ein, zwischen deren Brettern überall das Stroh die Zunge herausstreckte. Das Prachtstück der Kammer war ein Kleiderschrank mit gemalter Eichenmaserung und gekehlten Türen. Er strömte noch etwas frischen Tannenduft in all die sonstige Stickluft aus. All sein Licht erhielt das Loch durch ein einziges ellenhohes, auf den Hof hinausgehendes Gitterfenster. Die Fensterrahmen und alle Winkel des Raums waren gepolstert mit Spinnweben, die, vom leichtesten Windhauch bewegt, das in ihre Netze verfilzte Häcksel und Haferstroh leise schaukelten. Eine verstaubte Schmierkanne muffte ranzig in einer Ecke des Fensterbretts, und in einer unverpfropften Tranflasche schwammen eine Anzahl Fliegenleichen. »Jetzt darfst du aber, meiner Sixt, nicht sparen mit dem Schmieren,« erklärte Laurin, der zweite Knecht, der, um Pers Anstalten, die Einreibung vorzunehmen, besser verfolgen zu können, die rußige Stallaterne herüberdrehte, deren Qualm und derber Petroleumgeruch von dem mit Gerumpel angefüllten Tisch über die Betten hinzog. Das außerordentliche Ereignis, daß der Hirtenjunge »eingeschmiert« werden sollte, rief allmählich die gesamte mobile Besatzung des Hofes herbei. Sogar
Ann-Kjestin stattete diesem Anlaß zu Ehren der Knechtekammer, wo sie seit Menschengedenken niemand gesehen hatte, einen Besuch ab. Sie überschritt jedoch nicht die Schwelle, offenbar in der Sorge, irgend etwas von dort mit wegzutragen. Von einem trockenen Steine inmitten des Dreckpfuhls vor dem Eingange warf sie einen forschenden Blick in die Kammer und teilte zugleich einige Befehle aus. »Was hat er dir denn zum Einschmieren gegeben?« fragte Ann-Kjestin. »Ein Pulver, das ich mit grüner Seife verreiben soll,« sagte Per. »Na, so schau nur, daß du’s ja gut durcheinander rührst,« sagte sie zu Per, der auf einer zerbrochenen Untertasse in einer häßlichen, nach Schwefeldunst riechenden Masse mit einem Holzspan herumkratzte. Ann-Kjestin wendete sich nun an den Großknecht: »Du, Anders, möchtest du nicht deine Holzschäfte, die du am Balken aufgehängt hast, wo anders hintun, bis sie besser ausgetrocknet sind? Ich dächt, daß der Trangeruch gar so höllisch scharf ist, drin zu schlafen.« »Ah, der Tran, der gibt so einen frischen Geschmack zwischen all dem andern,« versetzte Anders. »Und du, Laurin,« fuhr Ann-Kjestin fort, indem sie zu einem der Schränke hinaufdeutete, aus dessen oberstem Fach ein Bündel schmutziger Wäsche her-
ausquoll, »könntest du deine Schmutzwäsche nicht besser zur Seite schieben? Es schaut gar so eigen her, wie das da hängt.« Laurin lief hin und gab den am tiefsten herabbaumelnden Hemdärmeln einen Schwung, daß sie über die Schranktür hinaufflogen. »Wo war es denn, daß er die Iltisjungen aufgestöbert hat, der Roy?« frug sie weiter. »Da, meiner Treu, in meinem und dem Per seinem Bett,« entgegnete Anders. »Pfui über die Geschöpfe! Wie sich so ein ekliges Zeug nur hat einschleichen und hereinlegen können?« »Ja,« sagte Anders, »daran ist der Laurin schuld; er muß allweil in der Nacht den Stein aus der Außenmauer nehmen, und da kommt’s dann natürlich hereingeschlüpft.« »Ja was, soll eins vielleicht daliegen und ersticken?« wendete Laurin ein. »Hab ich dir nicht oft genug gesagt,« antwortete Anders aufgebracht, »daß, wenn du frische Luft haben willst, du ja die Stalltür aufmachen kannst?« »Ja, meiner Seel, das war’ das Rechte! Das war’ eine schöne frische Luft, die von dort hereinkam.« »Ach, tut euch jetzt nicht veruneinigen deswegen,« sagte Ann-Kjestin versöhnlich. »Jetzt hat der Roy den Kram ja doch mitgenommen.
Schmier dich jetzt gut ein, Per, daß du’s wieder los wirst und unter die Leute kommen kannst.« Mit diesen Worten drehte die dicke Ann-Kjestin sich schwerfällig um und ging ihres Weges. »Rein waten muß eins hin und her zu euch! Tut die Mutterstute das alles anstellen? Pfui, förmlich versinken tut man drin.« In der Stalltür traf sie Mette. »Geh, schau drauf, Mette, daß der dumme Junge sich ordentlich einreiben tut, daß er nicht am End es wieder gut sein läßt und eins all die Ungelegenheit und Spesen für nichts hätt. Und gib auch Obacht, daß, solang die Schmiererei im Gang ist, das Bett nicht frisch überzogen wird. Sonst möcht das Bettzeug nur gleich wieder angeschmiert werden!« »Überzogen?« frug Mette. »Seit der Bub da ist, ist noch kein einzigsmal überzogen worden!« »Na, einstweilen hätt’s auch gar keinen Sinn; solche Burschen, die liegen, weiß Gott, kaum eine Nacht drin, so ist alles schon wieder dreckig.« Damit hatte Ann-Kjestin ihren Inspektionsgang in die Knechtekammer vollendet und wurde nun von der diensttuenden Mette abgelöst, deren Augen förmlich glänzten vor schamlosem Eifer, den entkleideten Knaben in Behandlung zu nehmen. Mette war ein liederliches Ding, das die Nächte entweder bei dem zweiten Knechte hier in der Knechtekammer zubrachte, ohne Rücksicht darauf,
daß Per und der Großknecht dicht nebenan schliefen, oder auch die Gegend nach noch schlechteren Mannsleuten durchjagte. Mehr als einmal hatte sie dem kleinen Per rohe Anträge gemacht, die nicht verfehlten, allerhand Vorstellungen in ihm zu wekken; er hegte eine instinktive Scheu vor dieser Mette mit den wilden Augen und dem großen, unschönen Mund, der wie geschaffen schien, Blut aus offenen, frischen Wunden zu saugen. »Na, wirst du dein Gewand bald ausgezogen haben?« sagte Mette, Per an der Jacke packend. Per fuhr zurück und sagte mit drohenden Augen: »Ich werde es schon selber herunterkriegen; du brauchst nicht dazustehen.« »Na, hört einmal den Lümmel!« rief Mette. »Als ob die Ann-Kjestin mir nicht aufgetragen hätt, ich soll darauf aufpassen, daß du gehörig eingeschmiert wirst. Wirst du herkommen, du Fratz,« rief sie und packte ihn von neuem an. Per haute um sich wie ein Wilder, um Mette abzuschütteln; besonders als sie ihren Angriff auf die letzten Kleidungsstücke richtete. Wie ein kleines rasendes und reißendes Tierjunges stand er nackt und hilflos zwischen den drei angekleideten, erwachsenen Menschen; die zwei Männer schlugen sich auf die Schenkel unter rohem Lachen, warfen sein kurzes Hemd übers Knie zurück, deuteten und schlugen eine noch lautere Lache auf, als die
zynische Mette an ihm zerrte, um die letzten schützenden Fetzen von seinem Leibe herunterzureißen. Es war ein Kind, das um seine Unschuld rang und endlich geschändet wurde.
PER IST KRANK Das war eine furchtbare Nacht für den kleinen Per. Das Hemd legte sich ihm so fest an die Haut, als wäre es mit Vogelleim angeklebt. Die Hitze des zerwühlten Bettzeugs verbrühte fast seinen Körper. Wie sehr er sich auch drehte und wendete, er konnte nicht liegen; es war ihm, als wälzte er sich in einem ungeheuren Pechpflaster, das durch die Körperwärme mürb und klebrig geworden. Er hatte kaum wie ein Vögelchen ein Weilchen gedämmert, als er mit heftigem Kopfschmerz erwachte. Seine Sinne waren krankhaft empfindlich; der stinkende Teich an der Tür, Andersens mit Tran eingeschmierte Holzschäfte und der Dunst des Wäschebündels – all das roch er nicht nur, es legte sich ihm wie ein Belag auf die Zunge. Und dabei war er so furchtbar durstig. Wenn er nur einen Tropfen Wasser hätte!
Er mußte unwillkürlich an Roys Limonade denken. Wie die geschmeckt hatte, und was das doch für ein seltsamer Mann war, dieser Roy; und so herzensgut! Sonst gab’s nicht viele gute Menschen. Ja, Kild Pejrsen; und Jens Romler, der Tagelöhner, der ein so armer Teufel war und sich so gebückt hatte, damit er ihm den Deckrasen auf den Rücken laden konnte; und dann die Anni – die war gewiß auch gut, aber zuletzt war sie doch mit dem Jakob davongegangen. Aber diese Mette! Oh, der hätte er mit seiner Keule eins vor die Stirn versetzen mögen, ja, mit dem oberen Ende der Keule, wo sie mit all den breiten Nägelköpfen gespickt war. Ach, aber dieser Durst! Er hielt das nicht aus! Vorsichtig schlug er die Federdecke zur Seite und ließ die nackten Füße auf den Lehmboden niedergleiten. Es schwindelte ihm vor Kopfschmerz und Übelkeit; er umschiffte mühsam den stinkenden See und kam zur Stalltür hinaus. Der Mond stand wie ein großes Gespenstergesicht niedrig über dem Westflügel. Eine Schar weißer Tauben schlief auf dem First. Barfuß und in bloßem Hemde, dessen verkleisterte Falten sich wie Egel an seinen Körper ansaugten, gelangte er zum Brunnenrand. Er wagte nicht, frisches Wasser heraufzupumpen, da der ungeölte Brunnenschwengel gequietscht und alle auf dem Hofe geweckt haben würde. Er bog sich denn zum
Wassertrog nieder und trank begierig wie ein Tier, das den ganzen Tag nicht bei der Tränke gewesen. Krank und taumelnd gelangte er zur Stalltür zurück. Der Mond jagte seinen dünnen Schatten über das mattbeleuchtete Gebälk. Als Bertel am nächsten Morgen wie gewöhnlich rief, scholl es Pers Ohren wie ein Ruf im Nebel. Bertel mußte zum Bette hin und ihn schütteln. »No, mach, daß du aus den Federn kommst! Die Ochsen sind unten auf den Wiesen aufgestanden, es ist schon höchste Zeit.« Per richtete sich automatisch auf. Er hatte grüne Ringe unter den Augen, wie ein Mühlstein schien ihm die Lebenslast am Hals zu hängen. Er taumelte aus dem Bett, während Berteis hohle Holzschuhe Funken aus dem Stallpflaster schlugen. Aus der Stalltür tretend, war er noch nicht zwei Schritte gegangen, als er sich so heftig erbrach, daß es in den Rippen knarrte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er konnte vor Schwindel kaum seine eigenen Füße sehen. »Ich bin krank,« sagte Per mit leiser Stimme zu seinem Dienstherrn, der bei der Düngergrube stand und an einem Pflock bastelte. »Ach, bist du des Teufels? Meinst du vielleicht, du kannst so mir nichts dir nichts den Kranken spielen, jetzt in der Früh, wo das Vieh dasteht und auf die Weide hinaus muß?«
Pers Antwort war ein neuerliches Erbrechen, unter dem sein Körper so stark erzitterte, daß er sich an die Mauer lehnen mußte. »Was, ist der Jung krank?« rief Ann-Kjestin aus ihrem Hinterhalt in der Brauhaustür. »Ja, ihr könnt was Rechtes anrichten, ja, das könnt ihr,« antwortete Bertel; »es ist natürlich das Satansgeschmier, auf das ihr euch gesteift habt; früher hat der Jung recht gut seiner Arbeit nachgehen können, aber es hat geschmiert werden müssen. Euch sollte man, hol’s der Teufel, schmieren! Wirst du jetzt dem Rindvieh nachrennen? Oder weißt du vielleicht wen dazu zu stellen? Da geht ja die Mette, die lange Stange. Aber kann man denn die dazu haben, daß sie auch nur eine einzige Kuh auf die Trift führen oder die Koppel Schafe vom Fleck bringen tat? Nein, wenn sie nur mit dir tratschen und ihr miteinander euren Kaffee trinken könnt, mit dem Vieh mag dann geschehen, was will!« »Jetzt möcht ich aber wirklich meinen, du könntest dir die viele Rederei sparen; es hat sich doch darum gedreht, daß der Junge, wieder rein werden soll, das weißt du ganz gut. Und daß er das Zeug nicht verträgt, der arme Kerl, das ist wieder eine Sache für sich. Ist er aber krank, so muß er ins Bett, da helfen keine langen Geschichten.« »Na, so geh in Teufels Namen ins Bett, das wirst du hoffentlich vertragen,« sagte Bertel. »Aber wenn
du mir nicht bald wieder gesund wirst, so kannst du, bei meiner Seligkeit, wenn in Sörupen Jahrmarkt ist, daheim sitzen, da steh’ ich dir gut vor.« Auf diesen Jahrmarkt, der nächsten Monat abgehalten werden sollte, hatte sich Per, als auf die fast einzige Zerstreuung des einförmigen Hirtenlebens, seit langem unendlich gefreut. Per hatte schon drei, vier Tage mit ziemlich hohem Puls gelegen, als seine Mutter auf Umwegen Nachricht über seinen Zustand erhielt. Eines Nachmittags nun stand Ann-Marie Kjærsgaard in der Wohnstube auf dem Nørhof. Ann-Kjestin bot ihr einen würdevollen Willkommgruß, indem sie zugleich in die Küchentür hinausrief: »Mette!« »Ja – a!« »Setz den Kaffeekessel ans Feuer.« »Was denn für einen?« »Den blauen.« Zur Erklärung dieser Wahl muß man wissen, daß auf dem Nørhof Geschmack und Güte des Kaffees sich nach Stand und Stellung richteten. Am besten war der Kaffee der braunen Kanne. Sie wurde nur in seltenen Fällen für Familienmitglieder und Honoratioren verwendet. Recht gut war auch der der weißen; sie war zu Ann-Kjestins eigenem täglichen Gebrauch. Aber geradezu schlecht war der der blauen, die ausschließlich für die kleinen Leute und
des Sonntags für das Gesinde gehörte. Diese wurde denn auch Ann-Marie Kjærsgaard zugedacht. »Ich hab gehört,« begann Ann-Marie, »daß der Per krank ist.« »Ja, wir haben ihn müssen niederlegen lassen,« sagte Ann-Kjestin. »Es ist aber wohl nichts Arges?« frug Ann-Marie. »Ih nei – in. Kopfweh hat er, sagt er, und dann –, selbiges Jucken, das er bekommen hat; aber das kann man doch nicht grad für eine Krankheit rechnen. Sonst war er ein recht flinker Jung, ich kann’s in Wahrheit nicht anders sagen. Er hat uns nie einen Schaden gemacht. Und dem Essen hat er auch alleweil gut zusprechen mögen, bis auf die letzten Tage. – Ja, geh nur jetzt hinein und schau zu ihm.« Ann-Marie Kjærsgaard ging zu ihrem Sohn hinein. Sein Wirrkopf mit dem struppigen, sonnverbrannten Haar und dem blassen Gesicht hob sich scharf von dem schmutzigen Bettzeug ab. »Schaust du aber elend her!« sagte Ann-Marie und strich ihm über die feuchte Stirn. Per blickte mit einem müden, unbestimmbaren Blicke auf. »Du kannst doch deine Mutter erkennen, Per?« Pers Mundwinkel begannen zu zucken. »Wo tut’s denn weh, Kindlieb?« Er legte die Hand auf das Zwerchfell und die Schläfen.
»Meinst du nicht, du könntest einen Bissen Kuchen essen?« fragte Ann-Marie und begann eifrig die Stecknadeln aus einem kleinen Bündel zu ziehen und an die Brust zu stecken. Per schüttelte schwach den Kopf. »Nur einen Bissen!« bat Ann-Marie inständig. »Ich hab Zucker drauf gestreut.« Pers Antwort war nur ein neuerliches Kopfschütteln. »Nein, bist du so danieder? Und wie stark du schwitzen tust!« Sie streichelte ihm die Wange, während zwei große Tränen, die ersten, die sie seit undenkbarer Zeit geweint, auf Pers Bettstelle niedertropften. »Und nicht ein einzigsmal bist du seither zu deiner armen Mutter gekommen, daß man doch ab und zu hätt sehen können, wie’s mit dir steht. Hast du dich denn nie nach daheim gesehnt?« »Ja – aa!« sagte Per unter heftigem Weinen. Ann-Marie wickelte langsam das Tuch um den verschmähten Kuchen, nahm die Stecknadeln, eine um die andre, von der Brust herab und befestigte die Tuchenden. Sie stand noch lange und streichelte dem Sohn die Wange, ging hierauf still über den Hof und ins Haus hinein. Sie blieb stumm, solange sie ihren Kaffee trank. Als ihr eine zweite Tasse angeboten wurde, schob sie diese fest und bestimmt von sich: »Nein, danke!« AnnMarie Kjærsgaard verstand sich auch auf Kaffee.
»Na, was sagst du zu dem Jungen?« fragte endlich Ann-Kjestin. »Krank ist er, sag ich, und arg krank! Und dann sag ich, daß der Doktor geholt werden muß, ohne langes Besinnen.« »Jeses nein, der Doktor! Wegen so einem Burschen! Da werden wir uns schön bedanken!« sagte AnnKjestin. »Das ist jetzt schon nicht anders, als wie ich sag; und laßt ihr ihn nicht holen, so werde ich dafür zu sorgen wissen, daß es geschieht, und wer dann dafür aufzukommen hat, das werdet ihr schon erfahren! – Bist du überhaupt drinnen gewesen und hast nach ihm geschaut?« fragte sie streng. »Nein, ich freilich nicht, aber die Mette ist ja öfter bei ihm draußen mit seinem Essen gewesen, und dann und wann hat er auch ein paar Bissen genommen,« beruhigte Ann-Kjestin. »Von meinem Essen hat er aber nichts nehmen wollen, und ich weiß doch sonst auch, was er mag. Aber, wie gesagt, der Doktor muß geholt werden, morgen in aller Früh.« »Na, da wird der Bertel nicht wenig aufbegehren!« »Mag der Bertel tun, was er will, aber das Kind muß eine Hilfe kriegen, und das bald. Er hat niemand anders auf der Welt, der nach ihm schaut, als seine Mutter. Das erstemal ist er in der Fremde, und,
grad heraus gesagt, es tut mir genug weh, wie er dran ist.« »Wie er dran ist,« versetzte Ann-Kjestin erstaunt, »wie du dich aufs hohe Roß setzt! Hat er’s vielleicht nicht ganz ebenso wie die andern Dienstjungens, ja eher noch um ein kleines besser? Ich weiß zum mindesten, daß ich ihm manchen Bissen zugesteckt hab, von dem der Bertel nichts hätt sehen dürfen und den die andern Knechte auch nicht gekriegt haben.« »Übers Essen, da klag ich auch nicht,« gab AnnMarie zurück, »das ist gewiß nicht schlechter als sonstwo. Aber daß der Junge hat herkommen müssen, die Krätze bei euch zu kriegen, das, mein ich, ist Sund und Schad um ihn. Ich schick ihn her, er war, meiner Seel, rein von innen und außen; selber bin ich gestanden und hab ihm’s Haar gekämmt. Nicht eine Laus, nicht eine Spur von einer Laus war auf ihm, wie er bei euch eingestanden ist, so soll ich nimmer selig werden, wenn’s nicht so ist, wie ich’s euch sag. Und jetzt soll der Bursch herumgehen in der Schand und in keine Schule gehen dürfen und nicht zu andrer Leute Kindern? Ich begreif’s wahrhaftig nicht, daß so reiche Leute wie ihr auf dem Nørhof sich nicht schämen, sich so was nachreden zu lassen.« Wenn einmal Ann-Marie dieses Roß tummelte, war nicht gut mit ihr zu spaßen. Und also geschah es, daß Bertel am nächsten Morgen, mürrisch und verdrossen, seinen breiten
Hintern in die Polster des neuen Wagens drückte und zum Doktor fuhr. Als der Wagen am späten Vormittag wieder angefahren kam, empfing ihn Ann-Kjestin mit dem Ausruf: »O Jeses, schon der Doktor da! Das war doch schlimm, wenn der die alte, grausliche Bettwäsche sehen tat, die schon so lange nicht gewechselt ist. Mette, schau, daß du insgeheim noch geschwind das Bett überziehst, derweil ich ihm hier eine Tasse Kaffee vorsetze.« Mette schoß in die Knechtekammer, indes AnnKjestin eiligst die braune Kanne ans Feuer setzte. Unterdes aber war der Arzt schon ausgestiegen. Er war ein untersetzter, fettleibiger Herr mit blondem Vollbart, kleinen Füßen und einem Panamahut auf dem Kopfe. Ein feiner Gordon-Setter stand mit der schwermütigsten Miene neben ihm und streckte die Zunge gegen die Radspeichen heraus. »Da drinnen liegt er!« wies Bertel mit der Peitsche nach der Stalltür. »Na –«, erwiderte der Arzt, »haben Sie Ihre Leute im Stall? Da wird wahrscheinlich das Vieh in den Stuben sein?« »Wa – as?« fragte Bertel; er konnte zuzeiten recht schwerhörig sein. »Du, Bertel, Bertel!« flüsterte Ann-Kjestin verwirrt, indem sie ihren Mann am Rockärmel zupfte. Dann sagte sie mit erhobener Stimme: »Ach möchte der
Herr Doktor nicht auf einen Augenblick bei uns eintreten und eine Tasse Kaffee trinken – zuerst?« »Ja, danke, Ann-Kjestin, nachher!« sagte der Arzt und trat in die Stallkammer, wo Mette eben hastig um den Kranken herumhantierte, um den Befehl der Hausmutter zu erfüllen. »Oh, lassen Sie sich nur Zeit mit dem BettwäscheWechseln,« bemerkte der Arzt mit verständnisvollem Lächeln, »Reinlichkeit ist etwas sehr Gutes, auch wenn sie nicht gerade am Weihnachtsabend kommt.« Mette war glühend rot, als sie am Doktor Koldkur mit all den schmierigen Bettlaken im Arm vorbeiglitt. Der Arzt trat nun zu dem kranken Kinde. Die ganze Sache war ihm sofort klar. Er guckte hinter die vom Schwefel stinkenden Ärmelleisten des Knaben, hob dessen matte Hand ein wenig in die Höhe und schaute zwischen die Finger. »Wo ist das, womit ihr ihn eingeschmiert habt?« fragte er. Bertel schob den Topf scherben über den Tisch hin. »Das ist ja der reine Mordversuch!« murmelte der Arzt. »Roys Kuren könnt ihr meinethalben anwenden für die Schweine oder bei Viehseuchen; von menschenähnlichen Patienten soll er zum Kuckuck die Finger lassen. Das könnt ihr ihm von mir aus-
richten. Bei einem Haar hättet ihr das Kind umgebracht – Quacksalber-Idioten! Wenn ihr auch eure Leute beinahe wie die Rosse leben laßt, so vertragen sie doch nicht alle solche Roßkuren. Der da zum Beispiel ist dazu nicht fest genug. Aber versteht sich, es ist ja so schön billig, was, Nørhofer? Drei Lot Sebedillsamen um fünfundzwanzig Öre! Das macht kein zu großes Loch in den lieben Geldsack. Nicht wahr, mein Lieber?« »Freilich, da drauf muß eins auch seinen Bedacht haben!« versetzte Bertel. »Ja, da drauf muß man auch bedacht sein, natürlich! Wenn auch das Kind krepiert, das hat nichts zu bedeuten; es kommt nur darauf an, daß es auf billige Art geschieht; alles ist gut, wenn nur die Operation an dem Geldbeutel leicht und schmerzlos verläuft; ja, ich kenne euch – ihr Beuteltiere! Bei wem schläft er?« »Er ist die ganze Zeit über beim Großknecht gelegen,« erklärte Bertel. »Kann ich den sehen?« Anders wurde hereingerufen. »Wollen Sie mir Ihre Hände zeigen?« Anders reichte die rechte Hand dar, die schwer und gebräunt wie eine gewaltige Hummerschere herabhing. »Wie lange gehen Sie schon damit herum?«
Anders verstand nicht, worauf sich die Frage des Arztes bezog. »Ich meine die Räude, die Krätze, das skrofulöse Ekzem, in das Sie wie in eine Kapsel eingesponnen zu sein scheinen.« Anders stand immer verblüffter glotzend da. »Sind Sie taub, Mann? Haben Sie die Sprache verloren, daß Sie nicht antworten?« »Ja wa –was meint der Herr Doktor?« stotterte Anders. »Ich meine, sind Sie von Geburt krätzig, oder wann sind Sie es geworden?« »Ach, das da! Ja freilich, das ist schon eine gute Weile, aber das tut nicht den geringsten Schaden von der Welt nicht.« »Aber Mensch, wollen Sie es denn nicht loswerden?« »Nein, wozu denn? Das scheniert mich gar nicht, und dann ist man wenigstens vor allen andern Krankheiten gefeit,« antwortete Anders. »Vor andern Krankheiten gefeit? O heilige Einfalt! Wer hat Ihnen denn diesen Kapitalblödsinn in den Kopf gesetzt?« »Das hört man doch alleweil, daß wer die Krankheit hat, von allem andern freibleibt; und da dran ist doch beileib nichts, ob man das hat oder nicht,« sagte Anders.
»Sie wollen sich also nicht einer höchst notwendigen Kur unterziehen?« »Hm, hm!« hustete Bertel, der schon Angst hatte, den Knecht in dieser Zeit, wo so viel zu tun war, entbehren zu müssen. »Eine Kur? Dessentwegen? Nein, Gott bewahre mich! Dazu hab ich keine Zeit und kein Geld nicht.« »Gar jetzt, wo die härteste Zeit ist,« warf Bertel ein. »Was für Menschen!« seufzte Koldkur. »Nun gut! Aber Sie haben dafür zu sorgen, daß der Knabe da nicht länger in einem Bett mit Ihnen liegt. Das muß ich auf das dringendste sowohl Ihnen als auch Ihrem Dienstherrn einschärfen. Sie können jetzt wieder gehen.« Koldkur wendete sich nunmehr an Bertel. »Ja, das Kind ist ernstlich erkrankt. Es muß sobald als möglich ins Spital.« »Ins Spital?« rief Bertel verblüfft. »Und wer soll denn das zahlen? Ich doch nicht? Und seine Eltern sind ja in der Gemeindeversorgung. Das muß also wohl der Gemeinde ihre Sache sein, ob sie was tun will.« »Hört, Bertel, ich will des Teufels sein, wenn Ihr jetzt nicht eine ordentliche Tracht Prügel verdient!« sagte der Arzt und trat, die Hände in den Hosentaschen, dicht vor Bertel hin.
»Der Knabe ist hier in Euerm Hause angesteckt worden, und zwar dadurch, daß Ihr ihn mit einem notorischen Krätzkranken das Bett habt teilen lassen, und wenn er nun durch Eure Fahrlässigkeit um seine Gesundheit gekommen ist, so fragt Ihr noch, ob Ihr das Spital zu zahlen habt? Nun, mir ist es übrigens gleichgültig, wer zahlt. Daß Ihr als des Knaben Dienstgeber Euren Teil werdet beitragen müssen, ist meiner Ansicht nach selbstverständlich. Die Hauptsache ist jetzt, daß er irgendwohin kommt, wo er ordentlich gepflegt wird und reine Luft hat. Denn in diesem Loch« – Koldkur ließ einen verabscheuenden Blick über all den Unflat der Knechtekammer gleiten – »ja, wenn mein vortrefflicher neuer GordonSetter hier eingesperrt würde, in einer Woche wäre er in einen Dackel verwandelt.«
IN DER SCHULE Rings um das Hwarrer Schulhaus tummelte sich lärmend und jauchzend ein Schwärm von Kindern, die Schüler der zweiten Klasse. Die Knaben stürzten zum Teich des Pastors hinunter, um die Zehen im Schlamm zu netzen und nach den Stichlingen zu schauen. Die Mädchen spielten in mehreren Gruppen Ball auf den grasbewachsenen Spielplätzen. In der Schule wie im Leben werden die Gruppierungen von der Schwere des Geldbeutels und der Zahl der Getreidesäcke bestimmt. Man kann auf den ersten Blick sehen, daß es die Töchter der Hof bauern sind, die den Spielplatz beherrschen; sie geben sich ganz und voll dem Spiele hin, in dem Gefühl der Sicherheit, daß niemand an ihnen etwas auszusetzen wagt. Sie fliegen dem Ball nach, mutwillig und elastisch – wie jährige Füllen, die nach guter Haferfütterung hinaus aufs Sommergras gelassen wur-
den. Ihre netten Schuhe federn und geben dem Fuß Leben und Sprungkraft; sie haben die Taschen voll Zuckerwerk und Zeitchen, die sie fleißig nach oben und minder fleißig nach unten austeilen; sie lachen und schnattern unaufhörlich, indes der Malzzucker sich zwischen den kleinen glänzenden Zähnen hin und her schiebt wie ein Zaum. Die herabfallenden Löckchen werfen sie mit rascher Nackenbewegung nach hinten, sie schieben keck das Kleid über das Knie hinauf, um das widerhaarige Strumpfband zu ordnen, denn einige beginnen schon zu ahnen, daß sie hübsche Beine, und ganz entschieden, daß sie hübsche Strümpfe haben. Inmitten dieser Schar fällt Dorre Romler, die Tagelöhnerstochter, das Kind der Moorheide mit den trüben Augen auf. Aus besonderer Gnade hat sie Erlaubnis erhalten mitzuspielen. Plump und aufgedunsen von allzuviel Brot und Kartoffeln, hält sie sich steif, wie eben befangene Menschen es tun, die stets darauf gefaßt sind, daß man mit Fingern auf sie weist. Die unverwüstlichen Flickenschuhe verbieten jede übermütige Bewegung, und ihr blonder Zopf, der dünn wie ein Rattenschwänzchen ist, bewegt sich gravitätisch wie der Perpendikel einer altmodischen Pendeluhr. Dorre spielt nicht, sie gebärdet sich als Repräsentantin der Häuslerklasse auf dem Spielplatze der Bauerntöchter. Fängt sie den Ball, was nicht oft geschieht, so schlägt sie ihn zu Boden
mit der unbeweglichsten Miene von der Welt. Fliegt er schmählich an ihr vorbei, so blickt sie finster und streng nach allen Seiten, ob niemand kichert. Mit Herzleid muß Dorre gewahr werden, wie schwer es ist, sich in Flickschuhen hier auf Erden zu behaupten. Die andern ärgern sich über ihr teilnahmsloses Spiel, und als Dorre ein paarmal danebengeschlagen hat und dafür jedesmal mit dem Zuruf »Klotztrine« belohnt worden ist, gibt sie endlich das Spiel auf und schleicht sich bitterlich weinend, die Zehen in ihren Lappenschuhen nach einwärts gezogen, hinweg. Per hat an einer Ecke gestanden und hat abwechselnd dem Treiben der Knaben und der Mädchen zugesehen, ohne selbst an dem Spiel irgendwie teilzunehmen. Er ist noch etwas bleich nach seinem Spitalaufenthalt, und seine abstehenden Ohren schälen sich. »Jetzt müssen wir hinein,« schreit plötzlich eine muntere Mädchenstimme; indem erhält Per einen leichten Klaps auf seinen Joppenärmel, er dreht sich um und sieht Annis enteilende Strumpfbeine. Mit genauer Not holt er sie beim Eingange ein. Sie hat nur noch knapp soviel Zeit, ihm ein paar Stückchen Brustzucker in die Hand zu stecken und zu flüstern: »Sollen wir beide mitsammen nach Haus gehen?« Per antwortet mit zustimmendem Kopfnicken; ihre langen Flechten, gelber als Haferstroh, schwingen
wie Glockenschwengel über ihren Schultern hin und her. Der Unterricht nimmt unter leisem Summen seinen Gang. Auf einmal entsteht ein Geräusch in der ersten Bank. Lehrer Gydesen wendet sich rasch um und sieht, daß Pers geballte Faust schwer auf den Schädel eines neben ihm sitzenden großen, wohlgekleideten Burschen niederfällt; zugleich brechen große Tränen aus Pers Augen. »Aber! Was ist denn das?« ruft Gydesen mit Strenge aus. Per stößt schluchzend heraus: »Er soll nicht mit mir anfangen und sagen, daß ich die Krätze hab. Denn das ist eine Lüge, ja das kann ich sagen! Ich hab gar keine Krätze mehr, ich hab sie nicht, das kann ich sagen. Und ich kann doch nichts dafür, daß ich die Krätze gekriegt hab, weil ich beim Knecht hab liegen müssen. Aber jetzt hat der Doktor gesagt, daß ich sie nimmer hab; ich bin kuriert worden, das bin ich, ich kann’s sagen; so soll er nicht wieder anfangen und sagen, daß ich sie noch hab; denn ich hab sie nicht, das ist nicht wahr! …« Pers Schläfen zitterten vor innerlicher Erregung. »Ja, das ist ganz in der Ordnung, was der Per sagt,« nahm nun Lehrer Gydesen Pers Partei. »Ich habe das ärztliche Zeugnis erhalten, daß er vollkommen ausgeheilt ist. Glaubt ihr, ich hätte ihm sonst erlaubt, in die Schule zu kommen? Schäme dich, Jörgen, ihn mit
etwas aufzuziehen, worüber du gar nicht Bescheid weißt. Wenn du glaubst, du darfst dir ein Recht dazu herausnehmen, weil dein Vater einen Hof hat, bist du auf dem Holzweg; in meiner Schule sind alle gleich; hier gilt jeder einzig nur nach dem, was er kann, und was das betrifft, so steht der Per keinem von euch andern nach, obwohl er diesen Sommer soviel hat versäumen müssen. Und euch Bauernsöhnen stünde es weit besser an, anstatt die armen Jungen, die in Dienst gehen müssen, zu hänseln, eure Eltern dazu zu bereden, daß sie daheim besser gehalten würden und es in der Knechtekammer und andern Orten, wohin sie aufs Geratewohl geschmissen werden, etwas menschlicher aussehen möchte. Ich habe selbst ein paar Jahre zubringen müssen in diesen Kammern –.« Die Kinder blickten erstaunt ihren Lehrer an. »Ja, ich bin auch Knecht gewesen,« fuhr Gydesen fort, »und ich weiß, wie das tut. Ihr hättet auch diese roten Wangen und hellen blauen Augen nicht, wenn ihr jahrelang in diesen schauerlichen Höhlen leben müßtet, in dem furchtbaren Schmutz und Unflat.« Gydesen hatte sich in große Heftigkeit hineingeredet. Die Kinder flüsterten verstohlen einander zu. Besonders steckten die kleinen Hüterjungen auf allen Bänken die Köpfe zusammen. Aus Pers Augen war jede Spur von Tränen weggewischt, und er schaute den Lehrer mit einer unsäglichen, wenn auch ein
wenig verlegenen Dankbarkeit an. Wie ein Märchen klang’s in seinen Ohren, daß ein Knecht Schullehrer werden konnte. Aber dann mußte man sicherlich erschrecklich gescheit sein. Sicher durfte er sich so etwas nicht träumen lassen. Das mußte doch auch entsetzlich viel Geld kosten? Wo sollte einer das hernehmen? Nein, wenn er nur wenigstens so reich würde, daß er sich ein spiegelblankes Federmesser kaufen könnte, so eins mit einem eingekratzten Schwan drauf, wie es der eklige Jörgen nebenan von seinem Vater bekommen hat und mit dem er immer so groß tut. Aber auf alle Fälle wollte er sich jetzt mit Eifer an die Rechenaufgaben machen, damit er noch vor November den ganzen zweiten Teil fertig brächte; dann war er dem Jörgen und den andern aufgeblasenen und ewig hänselnden Protzenbuben weit voran. Wieder nahm der Unterricht unter leisem Summen seinen Fortgang. Plötzlich glitt die Tür auf, und ein alter, vornehmer Herr in schwarzem Schößenrock trat in die Schulstube. Es war der Ortsgeistliche Pastor Selig, ein etwas gezwungen lebhafter Mann mit weißbärtigem Eichhörnchengesicht und einer altväterlichen Hornbrille, deren Stangen zwischen die zierlichen Haarbüschel hinter die Ohren gesteckt waren. »Setzt euch nur nieder, ihr kleinen Schelme!« sagte der Pastor mit einem eigentümlich prickelnden
Lachen und schwenkte den Spazierstock nach den Schulbänken hin, dem Lehrer zugleich die Hand reichend. »Nun, ich komme, um einen Blick in die Geldbußenliste der Schule zu werfen,« sagte der Geistliche, zu Gydesen gewendet. »Es hat sich nämlich ein großes Geschrei und Gezeter erhoben,« fuhr er halblaut fort, »über das neue Strafgeldersystem, auf das Sie mich bewogen haben einzugehen; die Leute geraten rein außer Rand und Band; und da sehe ich denn keinen andern Ausweg, als daß wir die Geschichte notgedrungen wieder rückgängig machen.« »Wer sind denn diese Mißvergnügten?« fragte der Lehrer. »Ja, zuvörderst natürlich alle, die schulpflichtige Hüterjungen bei sich im Dienst haben,« antwortete der Geistliche. »Nun, darauf waren wir ja vorbereitet, daß die klagen würden. Gerade deshalb haben wir ja in erster Linie die Strafgelder erhöht, um den Schulbesuch dieser Kinder zu heben und zu verhindern, daß sie von ihren geizigen oder indolenten Dienstgebern allzu herzlos mißbraucht werden. Ich finde also nicht, daß wir irgendwie Grund haben, nervös zu werden, weil sie sich einigermaßen auf die Hinterbeine stellen.« »Doch, doch, sie werden allzu ungebärdig, Herr Gydesen, es geht wahrhaftig nicht an! Es muß
eine Änderung eintreten. Sie wissen auch recht gut, daß ich in dieser ganzen Sache auf einem andern Standpunkte stehe als Sie, Herr Lehrer. Da geht ein ganzer Haufe armer Eltern herum, der kein Brot für sich, geschweige denn für die Kinder hat. Wenn wir da den Bauern nicht ein wenig durch die Finger sehen, sondern ihnen bei der kleinsten Versäumnis strenge Geldbußen auflegen, so wird wahrlich nichts andres dabei herauskommen, als daß die Kinder wieder zu den Eltern heimspazieren können; das hat man mir von mehr als einer Seite versichert,« bemerkte der Geistliche. »Herr Pastor haben zu Anfang sehr richtig bemerkt, daß ich in dieser Angelegenheit auf einem andern Standpunkt stehe. Ich bin der Ansicht, daß, solange das Kind in die Schule geht, sein Platz im Elternhause ist und nicht rings auf den Rübenäckern der Hofbauern. Aber das ist ja eine Sache für sich, die wir nicht auf eigene Faust regeln können. Was aber in unserer Macht steht, ist, dafür zu sorgen, daß die Kinder an den gesetzlichen Schultagen auch zur Schule kommen. Und wie Sie aus den Listen der verhängten Strafen entnehmen können, sind nicht halb so viele Versäumnisse unter dem neuen System vorgekommen als unter dem alten, bei dem es möglich war, die Kinder ganze Monate lang zu Hause zu behalten, ohne daß die Bauern, die sich solch herzlosen Handelns schuldig machten, es ordentlich am
Geldbeutel zu fühlen bekamen. Ich muß also auf das entschiedenste abraten, von einem System abzulassen, das sich so segenbringend für die als Knechte verdingten Jungen bewährt hat. Den Bauern ist wahrlich noch immer Spielraum genug gelassen, diese Kinder trotzdem zu mißbrauchen. Und ich verstehe nicht, wie eine Schulkommission die Verantwortung auf sich laden kann, die Kinder, die ohnehin aller Geldmittel entblößt sind, auch der Möglichkeit zu berauben, dieselben Kenntnisse zu erlangen wie die Kinder der Grundeigentümer, daß sie ins Leben hinausgetrieben werden, ohne auch nur ordentlich rechnen und schreiben zu können. Auf diese Weise wird ja geradezu eine Pariakaste zum Schaden und Verderben unsrer bürgerlichen Gesellschaft gezüchtet. Jedenfalls kann ich mich zu keiner andern Überzeugung bekennen, noch will es mir als eine würdige Aufgabe für eine Schulkommission erscheinen, das Kind des armen Mannes in Dummheit und Unwissenheit niederzudrücken, nur damit die erbgesessenen Bauern stets eine reiche Auswahl von Knechten haben. Ja, Sie müssen entschuldigen, Herr Pastor, daß ich mich so frei ausdrücke, aber so und nicht anders vermag ich diese Sache aufzufassen.« Pastor Selig hörte eigentlich gar nicht mehr zu. Es war nicht das erstemal, daß es zwischen ihm und dem Lehrer Gydesen wegen dieser schulpflichtigen Knechte zu einem Zusammenstoß kam, wiewohl die
Sache den Pastor nicht besonders interessierte. Die sozialen Fragen der Zeit hatten seine Aufmerksamkeit nie sehr zu fesseln vermocht. Erfand, sie entbehrten jenen Geisteshauch, der allein die Äolsharfe des Herzens zum Tönen bringt! Und was die in Rede stehende Sache betraf, so genügte es ihm, daß einige der Angesehensten in der Gemeinde, »sogar Leute von wirklich beträchtlichem Einkommen,« starken Widerstand dieser Reform entgegensetzten, die ihm Lehrer Gydesen in einer schwachen Stunde abgerungen hatte. Er bereute schon bitter, daß er sich jemals dazu hergegeben. Der Pastor hatte ein Buch vom Katheder genommen und schaukelte es auf den gekreuzten Beinen, indem er, in andre Gedanken vertieft, darin hin und her blätterte. Gydesen fuhr fort: »Ich weiß nicht recht, ob ich noch weiter auf die Aufmerksamkeit des Herrn Pastors für das, was ich zu sagen habe, rechnen kann, aber ich möchte darauf hinweisen, daß selbst bei den jetzigen hohen Bußen die Schulverhältnisse der jugendlichen Knechte keine günstigen sind. – So ein kleiner Knirps muß des Morgens schon um vier aus dem Bett, um alles Vieh auf die Triften zu treiben, dann wieder in rasender Eile nach Haus, etwas frühstücken, denn er kann doch nicht mit ganz leerem Magen in die Schule kommen; erst wenn all dies besorgt ist, kommt er her, immer zu spät, obgleich er sich abgehetzt und
abgelaufen; und wieviel Zeit, glauben Sie, bleibt zum Aufgabenlernen daheim bei einem sechzehn- bis achtzehnstündigen Arbeitstag? Und wie soll ich es übers Herz bringen, ihn auszuschelten? Ich weiß doch sehr wohl, woran eigentlich die Schuld von all dem liegt. Und da kommt nun ein solches Kind her und soll sechs bis sieben Stunden dem Unterricht im schwülen Schulzimmer folgen; gestern kroch es den ganzen Tag auf einem Rübenacker umher, heute hat es eine weite Runde über Trifften und Hochwiesen gemacht, zu einer Zeit, da Sie wie ich noch fest auf den Ohren lagen; ist das nicht selbstverständlich, daß solch ein Kind in Schlaf sinken muß, wenn es nun endlich in der Sonnenhitze ruhig dasitzt? ,Herr Lehrer! Jens schläft! Per schläft! Hans schläft!’ so melden die andern jeden Augenblick, auf die kleinen Verbrecher deutend; und – ja ich bekenne es geradezu, Herr Pastor, ich lasse regelmäßig die kleinen Knechte eine Stunde wenigstens schlafen und bitte die andern Kinder, sie unterdessen nicht zu stören. Ich kenne freilich auch Kollegen, die solche Jungen mit einem Buckel voll Schlägen traktieren, aber ich halte derartige Lehrer für wahre Büttel gegen die Kinder und gegen die gesunde Natur.« »Ja, ja, Herr Gydesen, ja, ja! Ihre humanen Betrachtungen mögen ja sehr richtig sein, aber wir dürfen es doch wahrhaftig nicht so weit treiben, daß es sich den Bauern nicht mehr lohnt, Hüter jungen zu
halten. Übrigens, wo haben Sie ein paar von diesen Kerlchen?« sagte plötzlich der Geistliche in seiner burschikosen Art und erhob sich von seinem Stuhl. »Oh, da ist zum Beispiel der dort, der beim Nørhofer Bertel dient; er ist fast der Tüchtigste in der Klasse, besonders im Rechnen. Aber er hat ja jetzt so außerordentlich viel versäumt, er hat nämlich im Spital gelegen.« »Wie, du warst krank, mein Junge?« fragte der Pastor. »Nein, krank war ich nicht, ich habe nur die Krätze gehabt. Aber ich bin sie wieder los,« fügte Per mit Nachdruck hinzu. »Na, du sollst ja ein kleiner Rechenkünstler sein! Aber kannst du nun auch einige Psalmen? Welche Psalmen haben Sie in letzter Zeit mit ihnen durchgenommen, Herr Gydesen?« »Die letzten waren Morgen- und Abendpsalmen!« antwortete der Lehrer. »Dann bin ich überzeugt, mein Junge, du kannst den herrlichen Psalm: Morgenstunde hat Gold im Munde!« Per sagte ein paar Verse ohne sonderliches Stocken her. »Richtig! Findest du nicht auch, mein Kind, daß solch ein Tag es wahrlich wert ist, Gott dafür zu danken, so daß wir ihn preisen mit unserm Munde, wenn wir die Sonne in all ihrem Glänze aufgehen
sehen, wenn der Tau auf dem Grase liegt und die Lerche von ihrer jungen Brut emporflattert! Nicht wahr, mein Kind, solch ein Tag ist wahrlich herrlich für einen Christenmenschen! Meinst du nicht auch, kleiner Per?« »Jaa, wenn man nur nicht unter den Rüben umkriechen müßt!« Der Pastor, der eine so prosaische Antwort nicht erwartet hatte, wendete sich rasch an einen andern Hüterjungen. »Nun kannst wohl du, mein Kleiner, mir ein paar Verse aus dem gewaltigen Psalme: Selig grüßet und preiset den Tag, sagen.« Das Bürschchen stotterte den Text her, offenbar ohne etwas davon zu verstehen. »Hast du nun auch mit all den Fühlern deines Kindergemüts diesen gewaltigen Psalm zu fassen vermocht?« Der kleine Kerl verstand immer weniger und weniger Pastor Seligs blumenreiche Sprache. Dieser fuhr fort: »Wenn du diese gewaltigen Zeilen liest: Wie Gold ist der frühe Morgenstrahl, wenn der Tag aufersteht vom Tode – – hast du da nichts von Lerchenlust sich in dir regen gefühlt, daß es vor deinem inneren Auge funkelte wie eitel Gold?« »Nein,« sagte der Knabe. »Wann stehst du denn des Morgens auf?« »In der Früh um halb vier gewöhn-
lich.« »Ja, aber dann mußt du das gewaltige Schauspiel doch oft gesehen haben?« »Zu der Tageszeit ist man allemal gar so schläfrig,« erwiderte der kleine Knirps. »Weißt du wohl, mein Kind, wer diesen herrlichen Psalm gedichtet hat?« – Schweigen. »Wa–as? Du kennst nicht die mächtigste Säule des dänischen Geisteslebens?« »Nein,« antwortete der Knabe. »Wer kann es mir sagen?« »Der Herr Pastor hat’s gedichtet!« rief ein kluges kleines Mädchen aus der zweitvordersten Bank. Die Großen steckten die Köpfe zusammen. »Du glaubst, ich hätte ihn gedichtet, meine Kleine?« sagte Selig geschmeichelt. »Weshalb glaubst du das?« »Weil dem Herrn Pastor sein Name in der ersten Zeile steht.« – Lachend ging der Pastor zu dem nächsten Knaben über. »Kannst also du mir einen Abendpsalm auf sagen?« wendete er sich an einen kleinen Zerzausten, der ganz hinten an der Wand saß. Schweigen. »Hast du nie von einem Psalm gehört, der beginnt: Friedlich ruhen Land und Stadt?« Unerschütterliches Schweigen. Nun tritt Gydesen hinzu und sagt: »Aber ja, den kannst du gewiß, Anders; ihr habt ihn ja für heute aufgehabt.«
Doch nun begannen düstere Wolken über Anders’ Stirn zu ziehen; man mußte gefaßt sein, daß es jeden Augenblick zu tröpfeln beginnen würde. Endlich bricht Anders sein Schweigen und stammelt: »Wie ich gestern vom Moor heimgekommen bin, hab ich mir die Latern angezündet und mich in die Knechtekammer hingesetzt um zu lernen; aber gerad wie ich mir die erste Zeile hersag: Friedlich ruhen Stadt und Land! – kommt der Großknecht mit einer von den Viehmägden, und dann packt er mich am Haar und sagt – – –« Anders blickt ratlos vom Lehrer auf den Pastor, als wollte er Klarheit erhalten, ob es auch anginge, die Äußerungen des Großknechts wortgetreu wiederzugeben. »Nun, was sagte er denn?« fragte der Pastor. »Er hat gesagt: Zum Teufel hinein, was sitzt du denn jetzt zu der Tageszeit da und plärrst! Du Saubub! Schau, daß du hinauskommst; jetzt gehört die Kammer uns! – Und dann haben sie mich hinausgefeuert. Aber draußen am Graben, da hat man nicht sehen können zum Lernen, es war kein Mond gestern.« Pastor Selig wendete sich in großer Enttäuschung ab. »Ja, ja, Herr Gydesen, wir müssen nichtsdestoweniger den Wünschen der Beschwerdeführer gerecht
werden,« schloß er und huschte aus der Schulstube hinaus.
AUF DEM HEIMWEGE »Rennen wir jetzt geschwind davon, bevor Dorre herauskommt!« sagte Anni mit glänzenden Augen zu Per, als die Schule für diesen Tag zu Ende war und die Schar der Kinder aus den Klassen herausströmte. Per konnte sich nicht ganz des Gefühls erwehren, daß dies nicht recht gegen Dorre sei, der er sich sonst anzuschließen pflegte, da sie so ziemlich denselben Weg hatten; aber Anni »Nein« zu sagen, das vermochte er nicht, und bald hatten die beiden einen so großen Vorsprung, daß die schwer bewegliche Dorre, die stets als eine der letzten aus der Gangtüre kam, nicht daran denken konnte, sie noch einzuholen. Anni bot Per neuerdings von ihrem Brustzucker an und fragte ihn eifrig über seinen Aufenthalt im Spitale aus. Per erzählte mit endloser Begeisterung von der wundersamen Welt, die ihn dort aufgenom-
men. In den ersten Tagen, als er die Kur durchmachte, war’s freilich recht schlimm gewesen, aber später, als er aufstehen durfte und der erklärte Liebling der Krankenwärterinnen geworden war, führte er zwei, drei Wochen lang ein wahres Schlaraffenleben, wie er es auf Erden gar nicht für möglich gehalten hätte. »Fast jeden Tag hab ich süße Suppe mit Zwetschken und Rosinen drin bekommen, und mein Hemd und meine Bettlaken, die waren meiner Seel so weiß, fast – wie soll ich nur sagen – wie dein Hals da!« Anni wurde ein klein wenig rot bei diesem merkwürdigen, wiewohl schmeichelhaften Vergleich. »Manchmal, versteht sich, ist einem auch wieder die Zeit lang worden!« fuhr Per fort. »Aber so gut waren die Leute. Ich hätt vielleicht um etliche Tage früher nach Haus können. Da hat aber der Doktor zur Krankenpflegerin gesagt, damit hätte es keine Eil. »Nimm dir nur Zeit, mein Junge, und schlaf dich gut aus,« sagte er zu mir und hat mich so auf die Backen geklopft. Und immer war er so aufgeräumt und hat Spaße gemacht. Einmal fragte er mich: »Kannst du mir sagen, mein Junge, wer der Vater von des Zebedäus Söhnen war?« Im Augenblick hat mir’s nicht einfallen wollen; wie er aber von den andern Kranken zurückkommt, hab ich’s gewußt. Da hat er gelacht und mir eine ganze Krone geschenkt. Und die geb ich, meiner Seel, so geschwind nicht aus.«
»Ja aber, wer war denn also – der Vater von den Kerls?« fragte Anni. »Kannst es nicht erraten? Der Vater von dem Zebedäus seinen Söhnen, das war natürlich der Zebedäus.« »Ha, ha, ha, ha!« lachten sie beide in schönem Verein. Per fuhr mit seinen Lobpreisungen fort: »Und jeden Tag haben wir mit Messer und Gabel gegessen und dann auch ein jedes extra so ein weißes Ding gekriegt, wie heißt’s nur?« »Ein Tischtuch!« half Anni. »Nein, na alles eins, ’s war was, woran man sich hat die Hände abwischen können.« »Ach ein Salvet!« rief Anna strahlend. »Nein, jetzt fällt’s mir ein: Serviette hat’s geheißen,« erklärte Per. »Die haben’s im Pfarrhof auch,« sagte Anni. »Nein, so fein ist ’s dort zugegangen? Das darfst du keck sagen, daß du dort gewesen bist!« »Ja, und dann, wie eins in den Betten geschlafen hat! Oh! – Und geträumt! Du kannst mir’s glauben, ’s war ein hartes Stück, dann wieder zurück in die Knechtekammer heim müssen! Eine Nacht hat mir geträumt – nein, das erzähl ich nicht, denn da warst du auch mit dabei!« »Ja, Per, du mußt’s erzählen!«
Per fuhr fort: »Mir war so, als wenn ich oben im Himmel war, und da war so eine lange weiße Stube; und ganz am obersten Tischende ist der Hausierer gesessen; du kennst ihn doch auch mit seinem Kramkasten aufm Buckel; und er war so schön balbiert und alle die andern auch. Und er sagt zu mir: Du bist aber ein geschickter kleiner Kerl, daß du da heraufgekommen bist; aber du hast ja, scheint mir, deine Keule aufm Nacken; schmeiß sie nur zur Tür hinaus, Freund, denn den Bertel und seine Küh, die findest du hier oben nicht. Da bin ich hinausgegangen und hab die Keule weit weg geschmissen, und es scheint mir, daß sie grade auf den Nørhof hingeflogen ist. – Wie ich dann aber wieder hineinkomm, ist der Hausierer weg, und du bist an seiner Stelle gesessen; und so ein weißes Kleid hast du angehabt und in der Hand mein kleines Zaunkönigsei getragen. Dann aber ist auf einmal der lange Jakob dagestanden, so dreckig, als hätt man ihn just aus dem Mist hervorgezogen.« »Uh, der eklige Junge! Der muß aber auch überall dabei sein! Mit dem darf ich nie mehr zusammenkommen, hat die Mutter gesagt!« schob Anni ein. »Aber was war dann?« »Ja,« fuhr Per fort, »mein kleines Ei hat er zerdrükken wollen und dich zu sich hinreißen, da ist aber so ein großer Mann gekommen; erst hab ich gemeint, ’s
ist der Teufel, aber es war der Polizist. – Und weiter dann erinnere ich mich an nichts mehr. Nein, wie schön war’s doch dort!« schloß Per wie in Ekstase. »Hast du es jetzt nicht um ein Kleines besser an deinem Platz?« fragte Anni. »Daheim? Beim Bertel? Bei dem Halunken? Gestern abend hat er mir eins gegeben, daß ich’s noch spür!« »Was hast du denn getan?« »Ich war oben auf dem Heuboden, Heu hinunterlassen. Da steht er grad unten. Im Heu war aber eine Brut Eier versteckt, das hab ich ja nicht wissen können, die waren faul. Auf einmal, da fliegen die ihm grad an die Ohren, daß sein Haar und Bart ausgeschaut haben – pfui Teufel – kannst dir denken, wie er hergerichtet war! Aber dafür hab ich ja nichts können. Wie ich dann hinunterkommen bin, da legt er sich aufs Fluchen und langt mir mit seinem Rechenstiel eins über den Rücken, daß ich gemeint hab, ich fall zusammen. Ja, war ich nur um ein wenig größer gewesen, ich hätt’s ihm gegeben, meiner Seel! Ich weiß wohl, du bist in der Verwandtschaft, aber du klatschst nicht wieder, nicht wahr?« »O nein, du kannst dich verlassen darauf! Bin auch gar nicht drauf aus hinzukommen, wenn er daheim ist; er zählt einem förmlich die Stücke Zucker nach, die man in den Kaffee tut. Aber die Tante, die ist doch eine recht gute Frau.«
»Ja – a!« antwortete Per gedehnt. Das Geplauder ging über Stock und Stein unbekümmert weiter, bis sie zum Scheideweg gelangten. Anni begleitete Per noch einige Schritte auf den von ihm einzuschlagenden Seitensteig weiter, wobei ihr offenbar der Schalk im Nacken saß. Denn plötzlich rief sie ausgelassen: »Maus, Maus, komm heraus!« versetzte Per einen Klaps auf den Arm und schoß, so rasch die Füße sie nur zu tragen vermochten, in die entgegengesetzte Richtung davon. Per entdeckt die Verräterin, dreht sich um und holt sie in gestrecktem Galopp ein. Lachend ringen sie einen Augenblick; Per faßt mit zärtlicher Behutsamkeit ihre weichen, weißen Arme an. Auf einmal wird Anni schauerlich ernst; sie läßt ihre Arme sinken und sagt mit leiser Stimme und einem aus tiefster Seele kommenden Blick: »Pe – er, ich muß heim!« Per läßt augenblicklich los. Mit geröteten Backen und leise vor sich hinsummend geht er über die Kleefelder hin. Als Per am selben Abend die Gänse heim in die Ecke des Torfschuppens getrieben und die Tür behutsam hinter sich zugezogen hatte, machte er sich daran, ein Schnurende, darin sich das Bein des grauen Gänserichs verwickelt hatte, zu entfernen.
Schon hatte der Nachttau die Fliesen des Hofes benetzt. Der Herbstmond stieg schwer und kalt über den östlichen First herauf; der Hofraum war öde und leer wie ein Kirchhof. Man konnte die Stille gleichsam rauschen hören, wie sie über die Gerüste hinschlich, auf denen die Hühner mit geducktem Kopf unter den von Spinngeweben überzogenen Holzlatten hockten. Der Iltis glitt auf schwarzen Pfoten durch den Wagenschuppen, machte plötzlich auf dem äußersten Balken halt, reckte den Hals und ließ eine Sekunde seine Augen mit Smaragdglanz über die dunkle Tenne leuchten. Per kauerte mit einem Knie auf der Erde und suchte den Gänserich von dem umschnürenden Strick zu befreien. Der schwefelartige Geruch der aufgeschichteten Torfstücke vermischte sich mit dem hitzigen Dunst, den die säuerliche Bodenschicht des Stalls ausströmte. Die Gänse drängten sich in ihrer Torfecke zusammen und erörterten die Lage mit jenem verstohlenen, ängstlichen Wispern, mit dem diese nachtblinden Tiere sich untereinander verständigen. Hwi–i, hwi–i, hwi–i, hwi–i! Hwæ–æ, hwæ–æ, hwæ–æ, hwæ–æ! Der Gänserich warf sich aufgeschreckt zwischen Pers tastenden Händen hin und her. Als er so mit dem warmen befiederten Tierkörper rang, kam Per auf einmal sein Liebeskampf mit Anni
in den Sinn. Und nun drückte er das fauchende Tier wild an sich, streichelte die weichen Flügel, den in der Erregung gekrümmten Hals; er küßte es auf den Schnabel und die nachtblinden Augen und mit steigender Inbrunst und Wildheit bis tief hinab auf die gurgelnde Kehle. Als der Gänserich endlich loskam, fiel es ihm schwer, seinen Zorn zu dem verstohlenen Wispern der andern abzudämpfen. Per sah sich vorsichtig um, als er auf die Steinfliesen hinaustrat. Im innersten Herzen schämte er sich nicht wenig des armseligen Vorschusses, den er hier auf seine glimmende Kinderliebe genommen hatte.
AUF DEM HEIDEWAGEN Die Ernte war eingefahren, und rings in den Dörfern war man emsig mit dem Einheimsen des Heidekrauts beschäftigt. Die Nørhofleute hatten – vier Mann hoch – zwei Tage und Nächte auf der Heide zugebracht. Die Sonne war längst am Horizont hinabgesunken, als die letzte Fuhre bedächtig heimwärtsschwankte. Noch waren nur erst Anders und Mette oben auf der Fuhre, während Laurin und Per mit langen Gabeln nebenher liefen, um den knarrenden Wagen zu stützen, wenn die berghohe Fuhre in eins der vielen Löcher und Gruben niederrumpelte, an denen diese mittelalterlichen Heidewege so reich sind. Schließlich saßen sie doch alle vier beisammen auf der Fuhre, die langsam dem heraufziehenden Monde entgegenkroch.
Die drei Erwachsenen saßen vorne und schäkerten und kicherten. Per, der vom Ausraufen des Heidekrauts große Blasen zwischen den Fingern bekommen, hatte sich auf den Rücken mitten zwischen den Eßkober und das Bierfäßchen hingeworfen. Die Heide lag weitgedehnt und träumend unter dem Mantel des Halbdunkels da. Die nächtliche Kühle strich über sie hin, geschwängert mit dem Schwefeldunst der offenen Torfgräben und den Rauchresten ferner Moorbrände. Der große Wagen spiegelte seine gebrochene Deichsel in den Heideteichen, wo der Goldregenpfeifer mit der Flöte unter der Schwinge saß, während die kleine braune Spitzmaus helläugig umherhuschte und den Tau von Hartriegel und Katzenbart schlürfte. Per ließ die großen Sterne des Zeniths sich auf dem Grunde seiner Augen spiegeln, indes er halb im Traume auf der Riesenschaukel der schwankenden, knarrenden Heidekrautfuhre durch die Nacht gewiegt wurde. Die drei Erwachsenen hatten vorne links einen unruhig hüpfenden Lichtschein bemerkt; sie erklärten ihn sofort für einen Irrwisch, und es überkam sie ein Gefühl von Unsicherheit und bedrohlicher Lage. Besonders Mette war sehr beunruhigt; sie behauptete, ein Irrwisch wär’s gewesen, der seinerzeit die
tolle Malen behext hätte, daß sie sich nachher im Graumoos ertränkte. »Wenn er uns nur jetzt nicht auch noch über’n Weg läuft, wenn wir vorbeifahren; denn dann muß eins von uns versterben, eh das Jahr um ist.« Zugleich hob der Wagenkorb bedenklich zu knarren an; das linke Vorderrad fuhr mit Gewalt in eine tiefe Schlammgrube. Mette kreischte auf und hatte die Handgelenke schon zum Abspringen gestrafft. In einem Nu war der Wagen wieder im Gleichgewicht, und als man sich nach dem Irrwisch umsah, war nichts mehr davon zu erblicken. Schritt für Schritt schaukelte man weiterauf dem breiten Sattel der Fuhre. Die Pferde prusteten, wenn sie sich über eine besonders schwierige Stelle hinübergearbeitet hatten, Schneideisen und Bierzuber gerieten hinten im Wagen kreischend und knirschend aneinander. Per schwankte willenlos wie ein Span im Weltmeer hin und her, das Antlitz vom Nachttau benetzt. Im Halbschlummer hörte er der andern Gespräch. Vom Irrlicht und allerlei Zauberwesen war die Unterhaltung auf irdische Dinge übergegangen. Anders war vor einigen Jahren mit dem Bauer in Streit gekommen, weil er beim Pflügen des Stoppelfelds die Pferde sich nicht genug hatte ins Geschirr legen lassen.
»Nicht was untern Nagel geht, kann man ihm mehr recht machen, dem Leuteschinder, dem elendigen,« schimpfte Anders. »Könnt’s euch vorstellen, wie ich runtergehunzt worden bin. Kein gutes Haar ist an mir geblieben. Aber was läßt sich bei so einem aufgeblasenen Hundsfott andres tun, als sich ihn das Maul ausschütten lassen? Da laß ich mich doch lieber verschimpfieren, als daß ich mit dem Roß wie ein Teufel umgehen tu. Denn wenn so Tiere einem anvertraut sind, so wird eins doch nicht hingehen und sie rackern lassen und so martern, daß sie’s nicht aushalten.« »So ein Lumpenkerl wie der Bertel ist, der ist doch, weiß Gott, nicht wert, daß ihm eins dient,« erklärte Laurin. »Ja, Quark! Glaubst du, anderswo ist’s besser? Hier kriegt man doch wenigstens sein ordentliches Essen und nicht so einen Fraß, wie wo man früher gedient hat. Nein, wenn eins schon Dienstmensch ist, so muß es froh sein, wenn’s mit einem tüchtigen Rüffel dann und wann abgeht und man die Glieder ganz behält. Habt ihr die Geschichte gehört von drüben in Runge?« Nein, davon hatten sie noch nichts erfahren. »Von der redet man ja fast im ganzen Land. Der Roy, der hat gesagt, er hätte sie sogar in der Zeitung gelesen, und der Knecht, dem sie passiert ist, der hat im Drenshof just in demselben Jahr gedient wie ich.
So wird wohl was dran sein. Ja, es hat sich eben so verhalten, daß der Knecht gegangen ist und gepflügt hat; da kommt der Bauer daher und fängt an aufzubegehren, daß nicht nach seinem Kopf gepflügt war. Jetzt freilich, das ist schon so, daß sie unsereins schimpfen dürfen über alles, was ihnen grad nicht paßt, aber sollt’s nur einer probieren und den Dienstherrn schimpfen! Na, aber der Knecht da, der bei sich gewußt hat, wie er sich, soviel er nur hat können, angestrengt hat, daß er es ja nach seinem Gusto macht, der wird fuchswild, daß er sich so soll hunzen lassen, was ja wahrhaftig nicht zum Verwundern ist. Und wild, wie er war, bückt er sich, hebt von der Erde ein Ortscheit auf, geht damit auf den Herrn los und schreit, ob er sich jetzt vom Acker scheren wollt, sonst könnt es noch geschehen, daß er ihm in die Haar fährt und was eins sonst eben in der Wut noch daherredet. Aber daß der Knecht ernstlich im Willen gehabt hätt, ihm was anzutun, davon kann gar nicht die Rede sein, nur weg hat er ihn haben wollen, damit er Ruh hätt bei seiner Arbeit. Greift da aber nicht der Bauer ganz ohne Verwarnen in seinen Sack? Und was hat er drin, meint ihr? Einen Revolver hat er bei sich, und im Nu jagt er dem Knecht eine Kugel in den Kinnbacken, daß ihm die Zähne aus dem Kiefer fliegen.« »Herr Jesus, steh uns bei!« rief Mette. »Aber der hat doch seine Strafe gekriegt, der Bauer?«
»Na, bist du eine Gans!« versetzte Anders. »Der und Strafe kriegen! Nein, der Knecht, der ist gestraft worden. Davongejagt haben sie ihn gleich, und dann hat er obendrein eine großmächtige Geldbuße zahlen müssen dafür, daß er aufsässig und ungehorsam gegen seinen Dienstherrn gewesen ist. Jetzt heißt es, er wird sein Lebtag ein Krüppel bleiben, weil sie nicht haben die Kugel herausziehen können; aber natürlich muß dann die Gemeinde ihn in die Versorgung nehmen.« »Möcht nur wissen, was solche Leut sich denken!« sagte Mette; »nicht einmal mit dem lieben Vieh wollt eins so umgehen!« »Nein, gäb’s wen, der ein Vieh so behandeln tat, da wollte ihn ein jeder einen bösen Menschen heißen,« versetzte Anders. »Aber unsereins, wahrhaftig, nicht so viel wie der Schmutz, den sie von ihren Holzschuhen streifen, ist man ihnen, und darin ist einer um nichts besser als der andre, wen eins auch nennen möcht.« Da erhob sich nun aber Per mit einem Ruck auf seinem Ellbogen und rief: »O ja, einen Bauer gibt’s hier in der Gegend, der ist ein rarer.« »Hab geglaubt, du hättest dich aufs Ohr gelegt?« sagte Anders. »Möchte wissen, wer das sein sollte, der Bauer?« »Das ist, meiner Seel, der Kild Pejrsen,« erklärte Per mit nachdrücklichem Kopfnicken.
»Ja, der Kild! Der freilich wohl, der ist immer ein rechtschaffener Mann gewesen, aber er hat ja selbst auch als Knecht gedient, und da wird es zum guten Teil auch da dran liegen,« erwiderte Anders. »Dort hören sie Schlag acht Uhr auf zu arbeiten, und nicht ein Finger wird den Tag mehr gerührt.« »Dort möcht ich furchtbar gern dienen,« versicherte Laurin. »Um solche Plätze ist nur immer ein großes Gereiß.« »Aber der Kild hat mir versprochen, daß ich kommen und bei ihm dienen darf,« rief Per stolz. »Du Fratz, du,« sagte Mette, ihm eins versetzend. »Glaubst du, auf dich käms an, wem oder wo du dienen magst? O nein, den Platz mußt du nehmen, an den sie dich hintun. Weißt du vielleicht nicht, daß du auf der Gemeinde liegst?« Der Ausdruck traf Per ins Herz. Er hatte die größte Lust, Mette die Antwort nicht schuldig zu bleiben, aber der Platz da oben auf der Heidekrautfuhre war allzu gefährlich für den Austrag tiefergehender sozialer Streitigkeiten. Er beschränkte sich darum auf die zahme Äußerung: »Aber wenn ich groß bin, dann kann mir niemand verbieten, mich bei wem ich will zu verdingen.« »Pah, du Knirps,« spottete Mette. »Ich könnt jetzt einen Dienst in Sølsig haben,« bemerkte Laurin und spie weithin über das
Schneideisen und den Zuber hinten im Wagen hinweg. »Wieso denn?« frug Anders, gleich etwas neidisch. Da Sølsig eine Art Herrschaftsgut war, so galt es immer für etwas Besseres, Vornehmeres, dort als anderswo zu dienen. »Der Verwalter hat vorgestern gemeint, zum November täten ihnen noch ein paar Knechte fehlen,« erwiderte Laurin. »Dort möcht ich für mein Leben gern Magd sein,« rief Mette. »Freilich wohl, müßtest dich nicht stark um Liebhaber strapazieren,« warf Anders ein. »Gewiß, das ist auch nicht zu verachten,« meinte Mette. »Man kriegt’s ordentlich satt mit der Zeit, immer nur euch zwei Gimpel anzuglotzen. Schließlich weiß eins kaum mehr, ob’s bei euch wettert oder die Sonne scheint.« Anders mußte auf die Zügel achten, aber Laurin riß Mette ins Kraut nieder und kitzelte sie mit dem Daumen an der Gurgel, bis sie ihm – im Scherz – eine Ohrfeige gab, so daß seine Mütze über den »wagen hinkollerte. »Könntest vielleicht obendrein den Verwalter selbst kriegen, er hat sich ja grad mit den andern Dirnen zertragen,« fügte Anders hinzu. Davon hatte Mette nichts gehört.
»Was, davon hast du nichts gehört?« sagte Anders. »Na ja, die Dirnen, die haben sich seiner gar nicht erwehren können. Wo sie gegangen und gestanden sind, war er hinter ihnen her. Zum Schluß sind sie wütend geworden über die ewige Nachstellerei, und vier von ihnen, die tun sich zusammen, ziehen den lieben Verwalter mitten in der Nacht aus dem Bett und schmieren ihn von Kopf bis Fuß mit Teer ein. Selbst der Schnauzbart, der gelbe, hat seinen Anstrich bekommen.« Mette warf sich der Länge nach hin und brüllte vor Lachen: »Da muß er ja ausgesehen haben rein wie ein Mohrian!« »Wohl, es hat nicht bald einer hernach erraten können, daß er je einem Christenmenschen gleich gesehen hat,« erklärte Anders. Auf einmal ruft er mit verändertem, ernstem Ton: »Heda, jetzt heißt’s euch zusammennehmen, jetzt müssen wir durchs Wasser.« »Ach, Jeses nein, sind wir schon da!« schrie Mette. »Ich furcht mich! Wirst nur auch recht aufpassen, wenn du die Ross’ durchführst?« »Weiß nicht! Willst vielleicht du herkommen und mich’s lehren?« antwortete Anders verletzt. »Prrrr!« Er riß die Pferde zurück und glitt auf die Erde hinab, um Koppel und Stränge zu untersuchen, bevor die nervenaufregende Durchfahrt ihren Anfang nahm.
Vor den Pferdemäulern lag ein breiter, mondbeglänzter Fluß, dessen jenseitiges Ufer von den Wiesendämpfen halb verborgen war. Die reißenden, fortschnellenden Wellen rollten mit eigenartig gedämpftem Gurgeln dahin, das drinnen unter den abschüssigen Ufern zu einem tiefsingenden Glockenklang anschwoll. Sie ließen ihre langen Silberfinger durch die grünen Locken der Algen und Wasserlilien gleiten, die in der Strömung sich langsam hoben und senkten, gleich reichem, wallendem Frauenhaar. Anders klopfte dem Sattelpferd beruhigend auf Kreuz und Brust, bevor er sich mit der Hand am Peitschenstiel wieder auf den Wagen hinaufschwang. »Sitzt ihr jetzt ordentlich? Und habt ihr den Zuber beim Henkel und alle Sachen sicher?« »Ja,« scholl es gedämpft. »In Gottes Namen also!« sagte Anders und zog die Seile an. Acht ausschlagende Pferdehufe splitterten das mondhelle Wasser und wickelten die langen Locken des Stroms um die starken Beine. Die Wellen schössen klagend unter dem Bauch der Pferde hin und leckten hoch über die Rädernabe hinauf. Per hatte noch nie etwas so Spannendes erlebt; es sah aus, als sollte die ganze Fuhre mit der Strömung forttreiben, die Pferde konnte er von da oben nicht sehen; er wagte kaum über die Wasserfläche hinzuschauen; aber er fühlte ein eigenes Prickeln unten
an den Kniekehlen, als gelte es vom Hahnenbalken hinunterzuspringen. Er mußte unwillkürlich an die Geschichte in seiner Bibel von dem feurigen Wagen, in dem der Prophet Elias zum Himmel fuhr, denken. War das nicht vielleicht ein brennender Heidewagen gewesen? Oha! da gab’s dem Wagen einen heftigen Ruck. Mette kreischte auf wie in Kindsnöten. »Halt’s Maul!« rief Anders, ohne sich umzusehen. Die Pferde, die mitten in der Flut gar klein geschienen, wuchsen nun wieder aus der Tiefe empor. Der Wagen knirschte über Geröll und grüne Feldsteine ans Land. Weiter schwankte er auf dem ausgefahrenen Heidewege. Einige hundert Schritt vom Wasser entfernt, wo die Heide allmählich in bebautes Land übergeht, begegneten sie einer seltsamen Gestalt. Ein Mann kam in Gedanken vertieft des Wegs daher, geradeaus auf den Wagen zu; doch plötzlich – wie eine Fledermaus, die im Fluge anprallt – machte er einen Bogen, um hinter dem Heidefuder wieder auf das Fahrgeleise zurückzutaumeln. Per hatte gleich den andern sich auf die Knie aufgerichtet und dem Wandernden nachgestarrt, der sich am Wege umkehrt, die Arme erhebt und den Refrain eines Liedes wiederholt, das er vor sich hingesummt:
Denn nieder, denn nieder, denn nieder treten wir uns in den Staub. Dann verschwindet er im Dunkel. »Ih, wer war denn das?« fragen wie aus einem Munde Anders und Laurin. »Der tolle Küster war’s aus Iggebjerg, der Sørensen,« sagt Mette. »Den kennt ihr doch auch?« Und mit leiserer Stimme, doch mit einem bedeutsamen Nicken nach Per hin, fügt sie hinzu: »Die Leute sagen, der sei der Vater von dem Jungen da.« »Geh, schweig!« flüstert Anders. Aber Per hat es schon gehört und starrt noch einmal mit eigentümlich suchendem Blick dem taumelnden Manne auf dem Fahrdamm nach.
DER TOLLE KÜSTER Der Herbst kam. Die Wolkenfetzen trieben über den grauen Stoppelfeldern, auf deren Boden noch die von den Zinken der Egge gezogenen Linien sichtbar waren. Den ganzen Tag hingen gelbe Tropfen den alten Strohdächern unter der Nase, und den Hirtenjungen sprudelte draußen auf den Wiesen, wo sie noch vor einem Monat bei den Nestern der wilden Bienen geschwelgt hatten, das Wasser zwischen den Zehen hinauf. Die Spatzen aßen sich krank an den vielen Haferschobern auf den Vorplätzen der Höfe, die in ihren glatten Strohkitteln mit den niederhängenden Ziegelsteinen Wämsern über strotzenden Bäuchlein, besetzt mit einer dichten Reihe von Knöpfen, glichen. Der Pelz der Schafe wurde Tag für Tag grauer von der vielen Nässe. Das Jungvieh scheuerte die in dem Herbstregen morsch gewordenen
Hanfstricke entzwei und niemand kümmerte sich mehr darum, die Enden wieder zusammenzufügen. Die Zeit der Weidefreiheit war für das Vieh gekommen, da der Regen alle Grenzmarken verwischt, wie zu Noahs Tagen, die Zeit, da der Schar der scheckigen Rinder und der Schafe die Halfter abgenommen wird, daß sie auf freien Klauen über die unbegrenzten Triften schreiten und ihre breiten Mäuler sich einwühlen können, wo es sie gelüstet. Da bekommt auch das Leben des Hirten einen freieren Schwung. Seine schmächtigen Schultern drückt nicht mehr die schwere Tüderkeule, die bis zum nächsten Jahr hinter dem Sparrenbaum im Holzschuppen verwahrt wird. Seine Welt muß nicht mehr auf die paar Rasenflecke zwischen Roggen und Kartoffeln eingeengt bleiben, seine abgehärteten kleinen Füße tragen ihn vielmehr bis in ferne Sprengel, das verlaufene Vieh zu suchen. Da ist er nicht mehr unter der peinlichen Aufsicht von bösen Augen, die hinter Schlafkammerfenstern hervorlugen, sondern trifft ältere Kameraden und erfahrenere Kollegen, die heimlich einen Priem kauen und frech und offen schlechten Tabak rauchen. Sein Auge blickt kekker, der keimende Eigenwille verrät sich, und wenn er heimkehrt und der Hausvater wie gewöhnlich brummt und querköpfig ist, so mault er nicht selten. Eines regnerischen Herbsttages kommt durch die Allee von gestutzten Weidenbäumen, die seitab von
der Landstraße zum Pfarrhof von Hvarre führt, ein Mann gestolpert. Er trägt einen bläulich verschossenen Friesrock mit langen Schößen, auf dem Kopfe hat er einen schäbigen, beuligen Filzhut aus des hochseligen Friedrich VII. Zeiten. Er redet im Gehen mit sich selbst, als wollte er sich zu etwas überreden. Manchmal bleibt er plötzlich stehen, stützt sich schwer auf seinen Stock und schaut zu den gestutzten Bäumen auf: »Ja, ’so ist’s. Ein Querhieb von rechts nach links! So haben sie’s auch bei dem alten Schullehrer Sørensen gemacht!« – Er geht unter neuerlichem Kopfschütteln wieder weiter. Unten am Ende der Allee gelangt er zu der von Kletten und Ampfer umwachsenen Pfarrhofscheune. Mitten an ihrer hölzernen Längswand gähnt ein niederes Tor. »Willkommen« – steht in gelben Buchstaben über dem geschwärzten Querbalken. Hier geht Sørensen hinein. Zwei Eingänge führen ins Vorhaus. Der eine hinter dem Brunnen mit der rostigen eisernen Pumpe ist für Dienstleute, Bettler und anderes einfaches Volk, ein zweiter mit zwei geriefelten Mühlsteinhälften an der Tür für die Honoratioren und »besseren Leute«; jene Worte über der Einfahrt gelten ausschließlich diesen letzteren. In seinen guten Tagen hatte Sørensen es als etwas Selbstverständliches betrachtet, zum Pastor die Haupttreppe hinaufzugehen; heute nimmt er den Bettlerweg nach dem Waschhaus.
Nun steht er hinter dem großen Gossenstein und dreht seinen merkwürdig alten, fuchsroten Hut in der Hand. Eine streng dreinschauende Dame mittleren Alters mit ergrauten Schmachtlocken und hervorgequollenen, eisengrauen Augen, wie taube Katzen sie haben, erscheint zwischen den Türpfosten der Speisekammer mit einem großen Brotmesser in der Hand. Der alte Küster macht seine Reverenz: »Sie erinnern sich wohl nicht mehr des vormaligen Schullehrers Jakob Christian Sørensen?« »Ih freilich!« Die Frau mißt ihn langsam von oben bis unten mit ihrem Blick. Er bitte recht sehr um Entschuldigung, aber er hätte so gern den Herrn Pastor gesprochen. Das sei wirklich sehr fatal, denn ihr Mann lasse sich am Samstag außerordentlich ungern stören. Aber sie wolle nachsehen, ob seine Studien eine Unterbrechung zuließen. »Sie können hineingehen,« sagte Frau Selig, als sie wieder zurückkehrte, warf aber zugleich einen vernichtenden Blick auf seine großen Holzschuhe. Sørensen verstand, was der Blick sagen wollte, und streifte sie eilig vor der Tür ab. Als diese hinter ihm ins Schloß fiel, rief die Frau: »Bolette, stell das elende Schuhzeug auf die Vortreppe hinaus; man spürt ordentlich den Branntweingeruch, der davon aufsteigt.«
Sørensen ging mit schlürfendem Schritt durch eine Flucht kalter Stuben mit geschnörkelten Sofas und alten Familienbildern. Die Bretter der Diele hallten dumpf unter seiner alten gehärteten Ferse. »Na, was wollen Sie von mir, Herr Sørensen?« fragte der Geistliche, ehe der alte Küster noch recht über die Schwelle des Studierzimmers getreten war. »Oh, ich wollte Sie, Herr Pastor, recht sehr bitten, daß Sie dieses Gesuch hier befürworten möchten. Es handelt sich um – eine kleine Unterstützung. Es läßt sich so schwer auskommen! Man ist alt geworden, Herr Pastor. Ja, wahrhaftig, man ist alt geworden.« Sørensen breitete ein großes Dokument auf dem Tisch aus. Es war in Schönschrift mit zierlichen großen Lettern niedergeschrieben und die Unterschrift mit einem gewaltigen, einem zerfransten Hanfstrick gleichenden Schnörkel versehen. »Frau Petersens Legat für alte verabschiedete Schullehrer!« sagte Selig, indem er das Blatt hastig überflog. »Ja, ich war seinerzeit der Frau Petersen behilflich, die Statuten abzufassen,« erklärte Sørensen. »Wieviel beträgt es?« frug der Prediger. »Oh, es sind wohl nur zehn Reichstaler das Vierteljahr,« gab Sørensen zurück, »wenn man, wie ich, unverheiratet ist. Für Verehelichte vierzehnein viertel Reichstaler. Hier können Sie die Bestimmungen sehen, Herr Pastor.«
Der Pastor stand eine Weile über das Heftchen gebeugt; plötzlich sagte er, die Papiere wegschiebend, als ob sie ihn brennen würden: »Nein, ich fürchte wahrhaftig sehr, daß ich Ihnen meine Empfehlung nicht geben kann.« »Wie meinen Herr Pastor das? Finden Sie denn nicht, daß ich die verlangten Qualifikationen besitze? Bin ich nicht verabschiedet und genügend alt und notleidend?« »Ja, Herr Sørensen, was das betrifft, wäre alles in Ordnung.« »Und Sie sehen ja, daß ich ein Vorzugszeugnis mit Ausgezeichnet in Rechnen, Religion und Pädagogik besitze.« »Alles recht schön, Herr Sørensen. Aber hier steht, daß der Bewerber ,ehrbar’ sein soll!« Der Pastor drückte den Finger so fest auf das Wort, daß das Blut unter dem Nagel zurücktrat. »Steht das da?« sagte Sørensen. Sein stark gerötetes Gesicht bekam einen eigentümlich hilflosen, weinerlichen Ausdruck. »Herr Pastor denken wahrscheinlich an das, was meiner Verabschiedung vorausging?« »Ja, an das und an Ihr späteres sündiges Leben, Herr Sørensen! Die Trunksucht richtet wahrlich viele Menschen zugrunde,« entgegnete der geistliche Herr.
»Wissen Sie, was ihrer noch mehr zugrunde richten dürfte, Herr Pastor? Das ist, wenn ich es offen sagen darf, die Sucht zu richten, die herzlose, böse Sucht, die wegen eines einzigen unbesonnenen Fehltritts Tausende und aber Tausende in die Verzweiflung treibt.« Sørensen hatte einen solchen Nachdruck auf die letzten Worte gelegt, daß er, von seinem alten Husten befallen, sich nach einem Spucknapf umsah. »Hier, Herr Sørensen, hier!« rief Selig und kam eifrig mit dem Spucknapf herbeigesprungen. »Sehen Sie, Herr Pastor, das hat ja weiter nichts auf sich, wenn es so einen armen Teufel von Schullehrer trifft, der, wie ich, vom graden Weg etwas abirrte. Sie wissen ja, wie’s mir ergangen ist.« »Sie wurden des Hurenlebens mit Ihrer Haushälterin überwiesen!« »So nennt man’s freilich nach den autorisierten Katechismen; mit ihr, ja, der Ann-Marie Kjærsgaard! Sie war damals gar ein säuberliches Frauenzimmer. Ich hatte mich in sie verliebt, das leugne ich nicht, und wer gern tanzt, dem ist ja leicht aufgespielt. – Ich lebte als Junggeselle und war eben auch nur ein Mensch. Aber, versteht sich, so was darf in meiner Stellung nicht vorkommen! Ich hätte den Versucher von mir fortweisen müssen.« Das wäre wahrlich nur Ihre Pflicht und Schuldigkeit gewesen; bedenken Sie, was für ein Beispiel Sie den
Kindern gaben, deren Erziehung Ihren Händen anvertraut war.« »Jawohl, Herr Pastor, ich werde stets der Gnade Gottes bedürfen, der der Menschen hätte ich jedoch in dieser Sache entraten zu können geglaubt. Aber freilich, das Richteramt liegt stets in ihren Händen. Als es offenkundig wurde, was ich und Ann-Marie miteinander gehabt hatten, erbot ich mich ehrlich und redlich, sie zu heiraten – wie es damals die ganze Zeit meine Absicht gewesen war –, aber nun wollte sie plötzlich nicht. Ich flehte sie an und weinte vor ihr, aber sie blieb unerbittlich. Sie war von meinen Feinden verlockt worden, vor allem von ihm, dem Jakob Nørhofer, Berteis ledigem Bruder, wie Sie wissen. Dieser Mensch hatte schon immer einen Pik auf mich gehabt, aus Gründen, die ich hier nicht erst weitläufig auseinandersetzen kann. Er hat also das Mädel herumgekriegt, daß sie sich’s in den Kopf gesetzt hat, er werde sie heiraten, denn sie soll ja früher einmal eine Liebschaft mit ihm gehabt haben. – Auf diese Weise haben sie die Sache in die Länge gezogen. Natürlich hat sich’s bald gezeigt, daß der Jakob die Ann-Marie nicht hat haben und nicht hat sein nennen wollen, aber inzwischen war man so tief in die Schande und den Skandal hineingeraten, daß die Behörde sich für bemüßigt gehalten hat einzuschreiten. Jakob Nørhofer hatte sich an die Spitze einer Klage beim Propst gestellt, so hat jetzt die Sache
ihren unerbittlichen Gang nehmen müssen. Ich erhielt meinen Abschied, acht Tage nachdem AnnMarie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Sie wissen’s ja, wie dann später die Ortsvorsteher mit ihr gehandelt und geschachert haben wie mit einem unvernünftigen Tier, und auch mit mir ist, wie Sie sehen, nicht glimpflich zu Werke gegangen worden.« »Nein, der Sünde Sold ist der Tod, Herr Sørensen!« »Ja, der Tod ist gleich für uns allesamt, aber darum handelt sich’s, was vorher kommt, vor der Auflösung!« »Ja, ja, Herr Sørensen, ich bedaure Ihr Schicksal sehr, aber ich sehe wahrhaftig keine Möglichkeit, etwas für Sie zu tun.« »Nein,« versetzte Sørensen und erhob sich, »weshalb auch sollten Sie mir helfen?« Und das draußen auf der Landstraße geführte Selbstgespräch gleichsam fortsetzend, sagte er: »Ich bin ja nichts andres als ein altes Wrack, das kaum das Geld fürs Zerhacken lohnt. Ich habe mein Leck davongetragen, einen Schuß unter die Wasserlinie, der in den Abgrund reißt. In die Tiefe! Plumps! Hinunter! Bitte gefälligst! Wünscht jemand dem alten Sørensen einen Fußtritt zu geben, bitte ganz nach Belieben, nur keine Umstände! Bitte näher zu treten. Und kehren Sie sich ja nicht daran, daß hier schon früher mit Fußtritten traktiert worden ist.
Nur ruhig zu! Unser Herrgott verstattet es. Der alte Sørensen ist ja überhaupt nur auf die Welt gekommen, um getreten zu werden.« Der alte Lehrer war in ein eigentümlich unbehilfliches Stammeln und Schluchzen geraten. Pastor Selig ging unruhig im Zimmer auf und nieder. »Sie müssen mich schon entschuldigen, Herr Sørensen, aber ich habe morgen einen Wöchnerinnenkirchgang und ein Begräbnis.« »Nun, da soll es wahrlich nicht heißen, daß der alte Schullehrer Sørensen jemand hinderlich gewesen, in Ehren unter die Erde zu kommen; leider, daß die Reihe noch nicht an mir ist, nicht an mir! – Sie geben also keine Empfehlung?« Er streckte nunmehr die Hand nach seinen Papieren aus. »Nein, das würde ich vor meinem Gewissen wahrhaftig nicht verantworten können,« erklärte Pastor Selig. »Richtig, Herr Pastor, da haben Sie den wunden Punkt der Zeit getroffen: das Gewissen! Sowie ein armer Teufel um eine kleine Verbesserung seiner Lage ansucht, wird das Gewissen auf der Stelle unglaublich empfindlich. Ich möchte fast meinen, es geht mit dem Gewissen wie mit dem Blinddarm: man spürt ihn nicht eher, als bis er entzündet ist. Was aber mich betrifft, Herr Pastor, bin ich vielleicht nicht ein alter, versoffener Schullehrer, entehrt, entlassen, zu allem
Kriegsdienst untauglich? Ist’s gefällig? Versetzen Sie ihm nur einen Tritt, dem alten Schullehrer Sørensen, den man auch ,den tollen Küster von Iggebjerg zu nennen pflegt.« Sørensen ging mit gesenktem Kopf aus der Stube des Geistlichen. Auf der ausgetretenen Steinstufe vor dem Hause fand er seine Holzpantoffeln, deren eingelegte Strohwische unter den fallenden Dachtropfen triefend naß geworden waren. Sørensen ging denselben Weg durch die Allee mit den gestutzten Weiden zurück, gestikulierend und nach Art einsamer Menschen mit sich selber sprechend. So kam er eine halbe Stunde später auf die zum Nørhof gehörigen Grundstücke. Er bog nun querfeldein und suchte die Trift, wo das meiste Vieh weidete. Hier hoffte er Per zu finden, den Sohn, der ihm sein Amt und all sein Lebensglück gekostet hatte. Er hatte nicht geirrt. Per saß hinter einem Erddamm, der ihm einigen Schutz vor den herbstlich kalten Regenschauern bot, indes die Rinderherde grasend über die Flur strich und ihre braunen, buschigen Schwänze im Winde flatterten. Es geschah zum erstenmal, daß Sørensen seinen Sohn aufsuchte. Die Mutter zu sehen, war ihm unerträglich gewesen seit jenem Tage, an dem sie ihn gewissermaßen seinen Feinden ausgeliefert hatte,
und zu der Zeit