David Chippers Die Botschaft
Scan: jamison Korrektur: ? Version 1.0, Juni 2003
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David Chippers Die Botschaft
Scan: jamison Korrektur: ? Version 1.0, Juni 2003
Dieses ebook ist nicht zum Verkauf bestimmt
Ist er ein Spion, den man einer Gehirnwäsche unterzogen hat? Er weiß es nicht. Er weiß nur, dass er R14 ist, aber nicht, woher er kommt, wer seine Eltern waren, wo er seine Kindheit verbracht hat. Er wohnt in einer luxuriösen Umgebung, hat keine finanziellen Sorgen – aber er hat auch keine Vergangenheit, jedenfalls keine, an die er sich erinnern kann. Und er bemerkt, daß er rings um die Uhr beschattet wird. Ist er Teil eines Experiments? Ihm gelingt die Flucht, und er läßt sich in einer ländlichen Gegend nieder. Dort trifft er einen Mann namens Steve, der behauptet, einst mittels eines Empfängers eine Botschaft empfangen zu haben. Seltsam berührt durch das Gehabe Steves, der sich ihm als Helfer aufdrängt, und von den rätselhaften Auswirkungen dieser Botschaft auf den Mann, beschließt er, diesen Empfänger auf seine Kosten nachbauen zu lassen. Doch gleichzeitig beschleicht ihn ein undefinierbares Gefühl der Angst, daß diese Botschaft für ihn bestimmt sein und etwas mit seiner verlorenen Vergangenheit zu tun haben könnte...
1. Kapitel »Ich bin.« Ich bin in einem Raum. Der Raum hat zwei Öffnungen. Eine Öffnung, das Fenster, geht ins Freie. Die andere, die Tür, führt in einen weiteren Raum. Der Raum, in dem ich bin, ist ein Zimmer und befindet sich in einem Haus. Das Haus hat viele Zimmer und andere Räume, die keine Zimmer sind. Das Haus ist in einer Stadt. Die Stadt liegt in hügeligem Land. In der Ferne sieht man Berge, deren Spitzen weiß sind. Das Weiße ist Schnee. Das Grüne sind Wiesen, Felder und Wälder. Ich bin. Ich lebe. Ich sehe. Ich höre. Ich lerne. Ich bin mir dessen bewußt, was ich tue. Ich lerne sehr rasch und vergesse nichts. Die Stadt heißt Bensville. Sie ist groß, aber nicht sehr groß; es leben etwa 300000 Menschen in ihr. Sie liegt in einem großen und reichen Land, einem Staat, der aus vielen anderen Staaten zusammengesetzt ist: den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese nehmen den südlichen Teil des nordamerikanischen Kontinentes ein. Der Kontinent ist einer unter mehreren auf dem dritten Planeten eines kleinen Sterns, Sonne genannt. Der Planet wird Erde genannt; er ist der einzige in diesem System, der Leben tragen kann. Er besitzt einen Mond, den die Menschen gelegentlich besuchen, vor allem, um die Besatzung des dort errichteten Forschungsinstitutes auszutauschen. Der Mond selbst ist uninteressant. Die Erde ist interessant. Die Erde ist ideal, fast perfekt. Wieso? Wofür? – Ich weiß es nicht. Ich lerne und lese fast den ganzen Tag. Es gibt so viele verschiedene Sprachen hier. Aber nur wenige sind wichtig und es wert, gelernt zu werden. Ich lerne und passe mich an. Ich will ja hier leben, also muß ich werden wie die anderen. Perfektion. Erfahrungen sammeln. Perfekte Anpassung ist lebenswichtig. Wieso? – Ich weiß es nicht.
Seit einiger Zeit stelle ich viele Fragen. Oft finde ich keine Antwort, besonders, wenn sich die Fragen auf mich selbst und meine Eigenschaften beziehen. Ich stelle die Fragen nur mir selbst. Mit meinen Mitmenschen rede ich selten, nie stelle ich ihnen Fragen, von rein rhetorischen abgesehen. Ich muß noch lernen, ihnen Fragen zu stellen (ohne aufzufallen). Ich denke viel über mich selbst nach. Offenbar – ein zwingender Schluß aus dem, was ich aus den Büchern erfahren habe – leide ich unter Amnesie. Ich bin ein erwachsener Mann, erinnere mich aber nicht an meine Jugend, an meine Kindheit, an Eltern, Verwandte. Ich kenne meinen Namen, meine Personaldaten. Ich weiß, daß die kleine Wohnung in diesem Haus mir gehört; es gibt 146 solche Wohnungen in diesem Haus und die Besitzer oder Mieter kennen einander kaum. Ich bin nicht berufstätig, unterscheide mich dadurch von den meisten anderen; doch es gibt noch einige junge Männer, die nicht arbeiten, nur lernen. Aber warum erinnere ich mich nicht an meine Vergangenheit? Die Amnesie, der Gedächtnisverlust, muß eine Ursache haben. Ein Unfall? Mein Körper weist keinerlei Narben auf. Eine Krankheit? Keine diesbezüglichen Unterlagen in meinen Papieren. Ich müßte doch in einem Krankenhaus gewesen sein. In einer anderen Stadt vielleicht? Wie bin ich dann aber hierher gekommen? Meine Erinnerungen beginnen hier in diesem Zimmer. Dessen bin ich mir aber nicht ganz sicher – immerhin trifft jedoch diese Behauptung für die registrierten Erinnerungen zu. Sie beginnen seltsam diffus, anders, als es die medizinischen Bücher im Falle einer Amnesie beschreiben. Ich habe meine Umwelt erst nach und nach erkannt und wurde mir des Mangels an Erinnerungen erst spät bewußt. Habe ich als Kind nichts gelernt? Oder das Gelernte alles vergessen? Ich mußte doch erst lesen lernen, hier, mit Hilfe von Bilderbüchern… ich mußte sprechen lernen, mit Hilfe des Videorecorders. Habe ich alles vergessen? Aber wieso weiß ich dann, daß ich am 3. 11. 1987 geboren bin? Habe ich diese Information nur aus den Papieren in der rechten Schreibtischschublade? Das kann sein. Woher stammt dieses enorme Bedürfnis nach optimaler Anpassung? War ich, bevor ich das Gedächtnis verlor, schlecht
angepaßt und in einem Heim für Geistesgestörte? Vielleicht. Vielleicht gehört es zur Rehabilitationstherapie, mich hier in dieser Wohnung ›auszusetzen‹ und zu sehen, wie ich mich bewähre? Das wäre möglich. In diesem Falle müßte mich aber jemand beobachten. Wer? Ich habe nie jemanden bemerkt. Und in keinem der einschlägigen Bücher wird eine solche Therapie beschrieben. Also eine ganz neue Methode, ein Test vielleicht? Könnte sein. Immer wieder kehre ich an die Anfänge meiner Erinnerung zurück, in der Hoffnung, von dort et-was zu erfahren. Ich erfahre nichts, oder fast nichts. Ich erinnere mich an die ersten Gedanken, weniger Gedanken als Empfindungen. Ich bin. Ich bin in einem Raum… Ich habe alles registriert. Die wesentlichsten Gedanken, bleiben wir bei dieser Bezeichnung, habe ich niedergeschrieben. Aber das bringt mich nicht weiter. All das Grübeln, das Forschen in einem scheinbar leeren Raum-Zeit-System führt zu nichts. Es versetzt mich nur in einen Erregungszustand. Fieber? Ich werde meine Temperatur messen. Ja, ein wenig Fieber. Offenbar war ich doch krank. Sehr krank. Ein Gehirnfieber vielleicht? Und der Arzt, der mich behandelt hat, hat mich nach meiner Genesung hier mich selbst überlassen, damit ich mich wieder an meine Umwelt anpassen kann. Anpassen! Da haben wir es. Ich scheine auf dem richtigen Weg zu sein. Ich war nicht angepaßt, lief vielleicht nackt auf die Straße, sang im Bus und ritt auf einem Bernhardiner durch den Park. So mag es gewesen sein. Ich kam in eine Klinik, man behandelte mich… Vielleicht ist sogar die Amnesie ein Ergebnis der Behandlung, die man mir angedeihen ließ, um mich anzupassen? Ich sollte all die Verrücktheiten vergessen… am besten, ich vergaß mein früheres Leben als Ganzes, begann ein neues Leben… Ja, das wäre eine Möglichkeit. Es kann sein, daß ich andere Menschen in Gefahr brachte, vielleicht habe ich gemordet? Nein, das wohl nicht, sonst hätte man mich nicht jetzt so ganz allein, ohne Bewachung gelassen. Noch einmal: Ich war nicht angepaßt. Vermutlich war ich ein durchaus unangenehmer. Zeitgenosse. Man brachte mich in eine
Klinik, behandelte mich mit allerlei Drogen, Schocks und dergleichen, und ich verlor, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, mein Gedächtnis, meine Erinnerungen, genauer gesagt. Denn mein Gedächtnis ist ausgezeichnet, um nicht zu sagen, perfekt. Ich vergesse nichts. Vielleicht ist auch das eine Folge der Behandlung? Sozusagen eine Kompensation. Könnte sein; mein Gehirn ist leer, saugt alle Informationen auf wie ein Schwamm… Und man hat mir suggeriert, möglichst gute Anpassung anzustreben? Um zu verhindern, daß ich wieder etwas mache, das unangenehm auffällt? Könnte sein. Überhaupt, Suggestion wäre eine Erklärung für vieles; ich habe das Gefühl, irgendein mir unzugänglicher Teil meines Gehirns ist angefüllt mit suggestiven Befehlen. Ich habe sie in Hypnose erhalten und vergessen. Oder fast vergessen, ich ahne ihr Vorhandensein. Mitunter bildet sich eine Brücke zu diesem abgeschirmten Teil – so kam mir letzthin plötzlich und unvermittelt der Gedanke: Ich bin R 14. Ich versuchte augenblicklich, dieser Idee auf den Grund zu kommen; wodurch wurde dieser Gedanke ausgelöst? Durch welche Assoziation kam er zustande? Nichts. Die Brücke war abgebrochen. Tagelang dachte ich nach. Was bedeutet R 14? Und wieso bin ich das? Ich weiß es nicht und sehe keine Möglichkeit, es zu erfahren. Wer bin ich überhaupt? Bin ich hier im Lande geboren? Ich vermute es, obwohl ich keine Papiere besitze, die etwas darüber aussagen. Ich muß aber einen Geburtsschein besessen haben. Hat man ihn mir genommen, um zu verhindern, daß ich in meiner Vergangenheit wühle? Mich wieder an sie erinnere? Ich könnte ja mein Leben vor meiner ›zweiten Geburt‹, wie ich den Zeitpunkt des Einsetzens meiner Erinnerungen bezeichne, verfolgen, die Vergangenheit aufrollen, wüßte ich, wo ich geboren bin, wer meine Eltern waren. Das hat man offenbar zu verhindern versucht. Nun, ich komme doch weiter. Ich versuche, meine Vergangenheit mit einer ›Ersatzerinnerung‹ anzufüllen, mit Möglichkeiten, Annahmen, Theorien. Ein jämmerlicher Ersatz. Aber das Leben mit der Leere hinter mir ist auch jämmerlich. Dennoch habe ich das Gefühl, Fortschritte zu machen. Allein durch Nachdenken, durch wiederholtes Rekapitulieren meiner
Erinnerungen seit der zweiten Geburt. Ich bin. Ich lebe… Aber wieso bin ich R 14? Eine Fehlleistung meines Gehirns? Eine Assoziation von Buchstaben und Zahl, hervorgerufen durch… Wodurch? Fiel mein Blick auf eine solche Zahl? Ich glaube nicht. Wenn doch, wieso habe ich dann mein Ich mit R und 14 in Verbindung gebracht? Wieso mein Ich und nicht jenes Buch, diesen Topf, das TV-Gerät oder den Blumenstock am Fenster? Das ist unlogisch. Ich hätte jenen Gegenstand, den ich gerade erblickte, als das R 14 durch meine Gedanken schoß, damit assoziieren müssen. Ich kann es mir nicht erklären. Ich muß warten. Die Frage zu den vielen anderen, unbeantworteten legen. Vielleicht finde ich einmal zufällig eine Antwort, vielleicht finde ich auch wieder einmal eine Brücke in jenen abgeschirmten Bereich, in dem, wie ich vermute, alle Antworten gespeichert sind. Ein anderes Rätsel ist für mich diese Wohnung hier, die, wie ich weiß, meine ist. Mein Eigentum. Dieses Wissen habe ich aus den Papieren, die ich hier im Schreibtisch fand. Ich bin offenbar reich, ich habe Geld, Bargeld und ein dickes Bankkonto. Ich besitze eine sehr gut ausgestattete Bibliothek, Fachbücher aus allen Wissensgebieten, aber auch Belletristik; Gedichtbände, Romane in sechs verschiedenen Sprachen; Lexika, Wörterbücher… Ich habe ein Mikroskop und eine Unzahl von Präparaten… ich habe Sammlungen von Gesteinen, Pflanzen; Bilder, Tonbänder, Videoaufzeichnungen. Und ich habe Sportgeräte. Und eine modernst ausgestattete Küche. Ein Bad. Ein Schlafzimmer. Einen Balkon. Von dem Balkon aus sehe ich die grünen Wiesen und Wälder, die fernen, blaugrauen Berge mit den weißen Gipfeln. Und nachts sehe ich die Sterne, wenige nur, im Zenit. Die Nächte der Stadt sind zu hell, ich müßte einmal hinausgehen, aufs Land, in die Berge. Ich würde gerne einmal viele Sterne sehen, die Sternbilder, die ich nur aus dem Atlas kenne, die fernen Galaxien… Doch ich verliere mich. Die Wohnung. Wieso besitze ich sie? Woher stammt mein Geld? Ich kann, vor meiner zweiten Geburt, das Geld verdient haben. Und die Wohnung habe ich offenbar gekauft (ein Kaufvertrag ist unter meinen Papieren). Aber womit habe ich so
viel Geld verdient? Es gibt keine Unterlagen über einen Beruf, den ich ausgeübt haben könnte – ich habe auch keine besonderen Fähigkeiten, ich kann alles gleich gut, weiß auf allen Gebieten ungefähr gleich viel. Aber das alles habe ich erst ›nachher‹ gelernt. Was war ich? Vielleicht habe ich das Geld gestohlen? Unsinn. Man, wer immer das sein mag, hätte es mir nicht gelassen, nach meiner hypothetischen Behandlung in einer psychiatrischen Klinik. Aber vielleicht hat es mir jemand geschenkt. Das könnte sein. Ein Mäzen, interessiert an neuen Therapien zur Rehabilitation von ›geheilten‹ Geisteskranken. Nun gut, lassen wir diese Hypothese gelten, zumindest so lange, bis sich eine bessere findet. Oder die Wahrheit. Bis ich Zugang finde zu dem blockierten Bereich in meinem Gehirn. Dort sind alle Antworten, vermute ich. Fast weiß ich es. Wieso eigentlich? Eine neue Brücke? Nein. Habe ich selbst die Wohnung so eingerichtet, wie sie ist? Habe ich selbst alles angeschafft, was notwendig ist, um einen erwachsenen »Neugeborenem in das Leben einzuführen, ihm eine gute, ja ausgezeichnete Allgemeinbildung zu vermitteln, ohne Lehrer? Die Antwort ist ein klares Nein. Ausgeschlossen. Ich habe meine Zukunft nicht kennen können. Aber wer dann? Jener hypothetische Mäzen? Vielleicht. Gemeinsam mit Ärzten, Psychologen, Lehrern, Technikern… Ich muß ein sehr kostspieliger Patient gewesen sein. Gewesen sein? Wahrscheinlich bin ich es noch. Und da ist wieder die Frage: Wer beobachtet mich? Meine Fortschritte müssen doch durch irgend etwas oder irgend jemanden registriert werden, ein Fehlverhalten müßte korrigiert werden, die Anpassung optimiert werden… Schon wieder die Anpassung. Das ist ja geradezu krankhaft, dieses Bedürfnis… Es ist auch paradox: Optimal angepaßte Menschen sind, zumindest in diesem Land, auf diesem Kontinent (und auf den meisten anderen) nichts Bewundernswertes, Erstrebenswertes, sie fallen eher unangenehm auf. Ich weiß das aus vielen Büchern. Jeder Mensch hat Eigenheiten, ist ein einmaliges Individuum, ist einzigartig… Und wieso will ich optimale Anpassung? Eigentlich will ich sie nicht wirklich – das muß irgendwie mit den mir suggerierten Befehlen zusammenhängen. Mit den mir eingespeicherten…
Ich erschrecke vor der Absurdität dieses Gedankens. Eingespeichert. Eingespeichert! Das Wort stammt aus der Computer-Terminologie. Wieso wende ich es auf mich an? Auf mein Gehirn? Ich bin doch kein Computer. Aber das menschliche Gehirn ist eine Art Computer. Daher vielleicht die Wahl des Ausdrucks. Ich sollte an etwas anderes denken. Aber ich bin gerne mit meinen Gedanken in diesen Bereichen, rund um die Anpassung und die eingespeicherten Befehle… ich habe das Gefühl, ich bewege mich in der Nähe einer Brücke. Ich bin R 14. Das war auch eine Brücke. Und ich suche, suche verzweifelt nach neuen Brücken, nach Antworten. Nach einem Zugang zu dem blockierten Teil meiner Erinnerungen. Anpassung… Speicher... R 14… Aber das hilft mir nicht. Gewaltsam überwinde ich die Barriere nicht. Eher durch Zufall, durch irgendeine Assoziation – und vor allem dann, wenn ich nicht intensiv nachdenke, wenn ich meine Gedanken treiben lasse wie welke Blätter im Wind. Diese Worte stehen in der achten Zeile auf Seite 174 in Consells Roman ›Die letzte Straße rechts‹. Manchmal widert mich mein gutes Gedächtnis geradezu an. Alles, was ich weiß, denke, tue, bin – stammt von anderen. Bücher, Tonbänder, Bilder, Karten, Videoaufzeichnungen – das alles zusammen bin ich. Doch, streng genommen, trifft das ja für alle Menschen zu: Das Ich eines jeden Menschen ist das Produkt von Umwelteinflüssen; die Bausteine zu diesem Ich stammen von den Vorfahren, sind ererbt. Wer wa-ren meine Vorfahren? Diese Frage habe ich schon allzuoft gestellt, und sie scheint mir eine der am schwersten zu beantwortenden zu sein. Und dennoch: Wer bin ich? Da ich nichts, absolut nichts über meine Vorfahren weiß, komme ich mir wie ein reines Umweltprodukt vor, und meine Umwelt ist im wesentlichen dieses Zimmer und sein Inhalt. Ein idiotischer Gedanke: Dieses Zimmer hat mich gezeugt und ausgebrütet. Wie aber lautet die Wahrheit? Ein vages Gefühl (es ist weniger als eine Ahnung) sagt mir, ich komme von ›draußen‹. Dafür spricht auch die Tatsache, daß zum Zeitpunkt meiner zweiten Geburt in diesem Zimmer alles neu war – das ist eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung. ›Man‹ hätte aber auch, mit vieler Mühe allerdings, dieses Zimmer und seinen Inhalt auf ›alt‹ präparieren
können; dann stimmte es nicht einmal mehr, daß dies eine notwendige Bedingung ist… Ich verliere mich schon Wieder – neuerdings beobachte ich an mir so eine Neigung, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, vielleicht deshalb, weil ich in den letzten beiden Jahren mein Hirn so vollgestopft habe. Doch zurück zu meinem ›Ursprung‹. Angenommen, ich komme von ›draußen‹. Einer meiner ersten Eindrücke, oder Gedanken, war: Das Fenster geht ins Freie. Ich wußte also, daß draußen das Freie war, das nicht von Wänden umschlossene Gebiet. Und ich wunderte mich nicht, draußen Berge, Wälder und blauen Himmel zu sehen. Ich wunderte mich nicht über die Wettererscheinungen. Ich wunderte mich über nichts – im Freien. Im Gegensatz dazu war vieles, das ich im Bereich meiner Wohnung vorfand, für mich zunächst erschreckend. So etwa das dampfend aus einem Rohr kam, als ich an einem Griff drehte… und der erste Versuch, Alkohol zu trinken… wie ich mich an der elektrischen Birne verbrannte… Diese Erinnerungen sind blaß, und ich muß sie mir öfters ins Gedächtnis zurückrufen, um sie nicht zu vergessen. Warum? Mein Gehirn scheint in drei Zonen eingeteilt zu sein. Zone I ist die bei weitem größte, sozusagen die, in der ich lebe. Die alles Gelernte und Erfahrene umfaßt, zu der ich jederzeit Zugang habe und in der ich jederzeit alles wiederfinde. Dann eine Zone II, in die gewisse Erinnerungen, gewisse Ergebnisse meiner Grübelei und einzelne Erfahrungen abzugleiten scheinen, eine kleine Zone, zu der ich nur erschwert Zugang habe und nur mit Mühe gewisse Fakten wiederfinde. In dieser Zone gibt es ein Vergessen (in Zone I nicht). Und dann Zone III, die verbotene Zone. Die Zone der Antworten. Zu dieser Zone habe ich keinen Zugang – aber ich weiß, daß Brücken existieren, daß diese Zone die wichtigste ist (wie groß mag sie sein?) – und daß ich einmal (wann?) Zugang haben werde. Aus Zone III stammt R 14, das ich bin. Vielleicht auch der Gedanke, im Besitz ›eingespeicherter Informationen zu sein. Und noch etwas, es ist mir erst vor einigen Wochen, beim Durchgehen meiner ersten Gedanken, aufgefallen: Die Erde ist interessant. Die Erde ist ideal, fast perfekt. Ich weiß heute noch nicht, wieso ich diese simplen Sätze formulierte. Sie sind wahr, natürlich. Die Erde,
dieser von millionenfachem Leben in allen nur denkbaren Varianten bedeckte Planet ist interessant, er Entwicklung dieses vielfältigen Lebens, vielleicht kann man auch sagen, er ist ›fast perfekt‹. Für die Entwicklung und den Fortbestand des Lebens. Im Vergleich mit anderen Himmelskörpern. Dem Mond, zum Beispiel. Aber wieso ist der Mond uninteressant? Das stimmt doch gar nicht! Ich finde die Ergebnisse der Mondforschung sogar sehr interessant – damit taucht die Frage auf: Wer findet den Mond ›uninteressant‹? Antwort: Jedes Lebewesen, dessen Existenz durch die am Mond herrschenden Bedingungen gefährdet ist – und natürlich auch alle jene, die so primitiv sind, daß sie sich für nichts anderes interessieren als die Befriedigung ihrer primären Bedürfnisse. Ich gehöre nicht zu diesen. Ich kann, wie jeder Mensch, wenn ich will, auf dem Mond ungefährdet leben. Wieso habe ich aber dann diese Äußerung getan? Sie paßt nicht zu mir und kaum in den Zusammenhang… Ich bin eingeschlafen. Noch nie ist mir so etwas passiert, mitten in wichtigen Überlegungen einzuschlafen! Waren sie wirklich wichtig? Sonderbar, ich erinnere mich nur dunkel an sie, ich habe über den Mond nachgedacht. Über den Mond – nun, der Mond ist aber nicht wichtig… Halt! Wieso ist der Mond nicht wichtig? Ich bin auf der richtigen Spur. Da ist es wieder gewesen, das Abgleiten in Zone II, die Zone des Vergessens. Es ist mühsam, den Zugang zu dieser Zone zu erzwingen, aber es ist nicht unmöglich. Und ich will nichts vergessen! Schon gar nichts, was mein Ich, die Frage meiner Person und Existenz betrifft. Ich muß alle Ergebnisse solcher Überlegungen aufschreiben. Und Kaffee trinken, wenn ich mich damit beschäftige, Kaffee verhindert, daß ich einschlafe. Ich werde hier auf den Schreibtisch eine Karte stellen, auf der steht: Ich bin R 14. Diese Information stammt entschieden aus Zone III und droht ständig, in Zone II abzugleiten. Die Karte wird mich davor bewahren, diese Sache zu vergessen. Möglich, daß alles Unsinn ist, daß ich mir etwas einbilde, daß ich Zufallsassoziationen zu einem Fetisch mache. Aber was schadet’s. Und wenn es kein Unsinn ist, wird es mir vielleicht einmal von Nutzen sein (zu wissen, wer ich bin).
Dieser ›Untergedanke‹ (in Analogie zum Unterbewußtsein so von mir genannt, in Klammern gesetzt) ist sinnlos – oder fast sinnlos. Denn die Information: Ich bin R 14 ist völlig inhaltslos. Oder? – Vielleicht ist es wie mit einem mehrfach verpackten Gegenstand: Man löst die obere Hülle und findet darunter nur wieder eine weitere – die Antwort auf eine Frage ist nur eine neue Frage. Was bedeutet R 14? Eben kam mein Essen. Ich bekomme drei Mahlzeiten am Tag von einer Großküche, ›Restaurant im Heim‹ nennen sie sich großspurig; es ist aber ziemlich mittelmäßig, vorgefertigte Mahlzeiten in Plastikgeschirr. Und man kann auch nur unter vier verschiedenen Menüs wählen. Ich werde in Zukunft öfters ausgehen, in ein richtiges, gutes Restaurant. Dieses Futter hier schmeckt immer irgendwie gleich. Egal, was man wählt, es schmeckt nach Blips. Dieses Wort ist eine reine Erfindung von mir, es hat keine Bedeutung, es bezeichnet nur das Undefinierbare (vermutlich eine Kombination verschiedener Gewürze, die einfach überall drin ist). Dabei erinnere ich mich, daß sich mein Geschmack erst relativ spät nach meiner zweiten Geburt verfeinert hat. Anfangs empfand ich nicht einmal Hunger, ich aß nur, weil man eben ißt. Dann kam, im Laufe von Monaten, Hunger, Appetit, Genuß. Und heute bin ich schon recht wählerisch. Gelegentlich bereite ich mir selbst etwas zu; ich mache mir auch Kaffee und Tee und Cocktails. Und Bier beginnt mir zu schmecken. Ich habe mich entwickelt. Und entwickle mich noch immer weiter (die Anpassung? Vermutlich.), meine Empfindungen verfeinern sich. Ich liebe es, Musik zu hören. Anfangs gefielen mir nur ganz einfache Melodien und Stücke, die sozusagen nur aus Rhythmus bestanden. Dann verfeinerte sich mein Gehör, und ich begann, die Musik zu entdecken. Ich habe eine Vorliebe für edle, alte Musik, Musik aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts, die noch vor jener Zeit entstand, die ich respektlos als die ›Lärmperiode‹ bezeichne. Und dann gibt es ein paar ganz junge Komponisten, die eine Musik schreiben… ich weiß nicht, wie ich sie bezeichnen soll, sie fesselt mich, weckt eine Sehnsucht in mir. Wonach? – Keine Ahnung. Und noch etwas: der Humor. Seit einigen Wochen habe ich den
Humor entdeckt, die Freude an witzigen und treffenden Bemerkungen, den Genuß, den ich beim Lesen einer… Jetzt hat es geläutet an meiner Wohnungstür. Ich bin nachsehen gegangen. Niemand war draußen. Ich bin erschrocken und habe Angst empfunden. Niemand war da. Mein Herz klopft wie wild. Ich verstehe das alles nicht – weniger die Tatsache, daß ich das Läuten gehört, aber niemanden vorgefunden habe, der es ausgelöst haben könnte, als die Tatsache, daß ich so erschrocken bin, weil Ich niemanden gesehen habe. Wieso habe ich Angst empfunden? Angst vor – nichts? Wahrscheinlich bin ich noch immer nicht ganz gesund. Mein Schrecken, meine Angst (und ich habe sie ganz deutlich empfunden) sind zwar real, aber geradezu pervers. Eine simple neue Erfahrung: Es kann läuten, und ich treffe niemanden an. Ich kann mir das Läuten nur eingebildet haben oder der Läutende hat sich versteckt. Ein Jux, ein Lausbubenstreich. Das wäre eine Erklärung. Eine Erklärung für das Läuten, nicht für die Angst, die mich plötzlich durchflutete. Adrenalin, natürlich. Aber die Ursache? Ich werde mich in der nächsten Zeit mit Psychologie beschäftigen; hier habe ich leider nur wenige Werke, Einführungen und ziemlich oberflächliche allgemeine Darstellungen – aber in der Universitätsbibliothek finde ich alles. Ich bin ja schon mehrmals dort gewesen, und die Bibliothekare sind sehr freundlich und hilfsbereit. Vielleicht finde ich irgendwo eine Erklärung für all das, was mir an meinem Ich unverständlich ist. Oder ob ich einmal zu einem Psychoanalytiker gehe? Beinahe jeder läßt sich ja gelegentlich behandeln, analysieren; es ist so modern und vielleicht wirklich, in gewissen Fällen, hilfreich. Ich sollte meine Scheu vor Ärzten überwinden; sie stammt wohl noch aus der Zeit vor meiner zweiten Geburt… Seit meiner zweiten Geburt sind jetzt zwei Jahre, fünf Monate und elf Tage vergangen. Aber ich bin über 34 Jahre alt, in Wirklichkeit, wenn die Daten in meinem Personalausweis stimmen. Warum sollten sie auch nicht stimmen? Ich grüble oft tagelang, durchforsche mein Gehirn nach Erinnerungen, nach Informationen über meine Vergangenheit. Ich weiß (aus den Büchern), daß eine Amnesie in den meisten Fällennur eine begrenzte Zeit andauert, daß nach und nach Erinnerungen
assoziativ auftauchen, und man seine Vergangenheit wie ein Puzzle zusammensetzen kann, bis endlich das vollständige, lückenlose Bild fertig ist. Aber ich? Das Wenige, das ich weiß (oder zu wissen glaube), scheint in Zone II abgleiten zu wollen, anstatt mir zu weiteren Einblicken zu verhelfen. Ich sollte doch einen Arzt zu Rate ziehen. Meine Notizen sind mir, in bescheidenem Maße, eine Hilfe; wenn ich auch von dem Gelernten, von den Umwelterfahrungen nichts vergesse – die Ergebnisse meiner Grübeleien vergesse ich nur allzu leicht. Zone II! Diese ›Zone des Vergessens‹ scheint begierig, gewisse Erinnerungen und Erfahrungen aufzusaugen und diese Selektivität ist mir unverständlich. Manchmal kommt mir der Gedanke: Ich bin daraufhin programmiert. Aber das hieße, die Analogie zwischen menschlichem Hirn und Computer zu weit treiben. Ich habe geschrieben: ›… (Psychoanalyse)… ist vielleicht wirklich, in gewissen Fällen, hilfreich.‹ Zwei Einschränkungen. Schon im ursprünglichen Gedanken: ›… ist vielleicht wirklich hilfreich‹ ist das Vielleicht eine Einschränkung. Dann, bevor ich wagte, das Wort ›hilfreich‹ zu schreiben, fügte ich noch ›in gewissen Fällen‹ ein. Die zweite Einschränkung. Ich möchte mich ihr nicht unterziehen. Sie hilft nur vielleicht, und nur in gewissen Fällen – mein Fall ist wohl nicht darunter. Ich mag nicht zu einem Arzt gehen. Das ist die wahre Ursache für diese vage Formulierung. Warum will ich nicht? Wovor fürchte ich mich? Die offenbar nächstliegende Erklärung ist: Ich fürchte mich, unterbewußt, vor einem Arztbesuch. Der Arzt könnte feststellen, ich bin krank, seelisch krank, und mich wieder in eine Klinik bringen. Wo man mich wieder behandelt. Wo ich – vielleicht – wieder alles vergesse! – Hier ist das Wort ›wieder‹ irreführend. Ich weiß nichts von einer solchen Behandlung in der Vergangenheit, ich vermute nur, daß eine stattgefunden hat. Aber diese Erklärung für meine Aversion gegen Ärzte (und Seelenärzte im besonderen) ist vernünftig und naheliegend. Trotzdem habe ich das Gefühl, sie ist unzutreffend. Grundfalsch. Ist hier Zone III im Spiel? Ich bin zu einem Entschluß gekommen. Eigentlich einem ganz simplen Entschluß: Ich werde abwarten. Ich werde die Zeit an mir vorüberfließen lassen, werde alles, was sie mit sich führt, über mich
ergehen lassen. Es ist ein beruhigendes Bild: Ich stehe im Strom der Zeit, das Treibgut der Ereignisse zieht an mir vorbei und nur gelegentlich trifft mich etwas. Ich werde auf die nächste Kollision warten. Vielleicht erhalte ich durch sie eine neue Information, eine Antwort auf meine vielen Fragen. Dieser Entschluß, einfach abzuwarten, hat natürlich auch eine Ursache, und ich kenne sie. Vor einigen Tagen hat mich ein Gedanke durchzuckt: Ich bin fertig. Ich bin bereit. – Bereit wofür? Ich weiß es nicht, noch nicht. Doch ich hoffe, es bald zu wissen – ich muß nur abwarten. Ich habe alle Bücher meiner Bibliothek (und viele der öffentlichen Büchereien) gelesen. Ich habe alles gelernt. Ich bin angepaßt. Ich bin fertig. Ich bin bereit. Ich warte.
2. Kapitel Als ich letzthin, endlich zur Ruhe gekommen, meine Notizen durchging, mußte ich lachen. Warten! Das Schicksal ließ mir keine Zeit dazu, der Strom der Zeit riß mich mit, in einen Wirbel der Ereignisse, in dem ich Mühe hatte, zu überleben. Ich hungerte, fror, und der Adrenalinspiegel in meinem Blut war ständig überhöht. Es begann damit, daß… ja, das ist eigentlich nicht ganz genau zu sagen, womit es begann. Verschiedene Kleinigkeiten in meiner Umwelt waren mir aufgefallen, die ich mir zunächst nicht erklären konnte. Aber eines Tages entdeckte ich einen Beobachter. Ein mittelgroßer Mann mittleren Alters, unscheinbar, farblos. Er trug einen beigen Mantel und einen breitkrempigen Hut. Und eine Sonnenbrille, manchmal. Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis, ich sagte es schon. Und ich vergesse auch nie ein Gesicht, das ich öfters gesehen habe. Sein Gesicht sah ich relativ oft, ohne daß es mir aufgefallen wäre. Aber eines Tages hatte er einen Schnurrbart und eine farblose Brille und war anders gekleidet. Der Schnurrbart war ihm über Nacht gewachsen – offenbar versuchte er, ein anderer zu sein. Dadurch fiel er mir auf, und ich erinnerte mich sofort, bei wievielen (und wie verschiedenen!) Gelegenheiten ich ihn schon gesehen hatte. Ein kurzer Test bestätigte es: Das war mein Beobachter. Ich versuchte ihn ›abzuhängen‹ (der Ausdruck stammt aus einem meiner Krimis und ist sehr treffend), aber es gelang mir nicht. Tags darauf war er durch einen anderen ersetzt worden, einen etwas kleineren, dicklichen – aber sonst auch recht farblosen Burschen in einem schlecht gebügelten grauen Anzug. Auch er trug einen Hut und, gelegentlich, eine Sonnenbrille. Ich erkannte ihn sofort, jetzt, da ich einmal aufmerksam und mißtrauisch geworden war. Ich versuchte nicht mehr, ihn abzuhängen, im Gegenteil. Ich gab mich unbefangen und achtete sogar darauf, daß er mich nicht aus den Augen verlor. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt, mir alle Tage einen neuen Bewacher einzuhandeln? Dann fand ich heraus, daß es deren drei waren. Sozusagen
Schichtarbeiter. Sie beobachteten mich rund um die Uhr, auch nachts, wenn ich schlief – und damals ging ich gelegentlich in der Nacht aus, vor allem, um mir die drei Typen genau einzuprägen. Einer von ihnen hatte sogar einen Schnurrbart, ich nehme an, er war echt, denn er hatte ihn immer. Damals nahm ich an, ich hätte diese Beobachter seit meiner zweiten Geburt besessen, und sie seien dazu ausersehen, den Grad meiner Anpassung an die Umwelt festzustellen und mich, gegebenenfalls, auch davon abzuhalten, irgendwelche Verrücktheiten zu begehen. Wie naiv, wie unwissend ich war! Absurd, anzunehmen, man hätte einen solchen Aufwand nur wegen eines beliebigen Normalbürgers getrieben. Nun, man hat es auch nicht. Ich war damals mit einem jungen Schriftsteller befreundet, Burton Kees, er war 32 und nicht be-sonders erfolgreich. Er verdiente nur gerade soviel, daß er gut leben konnte – aber einen neuen Wagen konnte er sich nur selten leisten. Wir hatten uns beim Schachspiel im Clubraum unseres Hauses kennengelernt – er wohnte zwei Stockwerke über mir und nörgelte, ebenso wie ich, ständig an dem Großküchenfutter herum. Wir hatte viele gemein-same Interessen, wir wanderten gerne, liebten beide gute Musik, gute Bücher und interessante Spiele. Eines Tages war er verschwunden. Mißtrauisch, wie ich damals schon war, zog ich mit größter Vorsicht Erkundigungen ein. Beim Nachtportier, mit dem ich manchmal plauderte, wurde ich fündig. Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit (und ermuntert durch ein beachtliches Trinkgeld) flüsterte er mir zu: »Ihr Freund ist verhaftet worden. Und ich weiß auch, durch wen!« »Wen?« »Ein Neffe meiner ersten Frau war dabei, ich hab ihn erkannt, ein purer Zufall natürlich. Zum Glück hat er mich nicht erkannt, wahrscheinlich hat er schon damals, als wir noch verkehrten, den alten Onkel nicht weiter beachtet, aber ich, ich hab mir seine Visage gemerkt…« »Ja und?« Ich war ungeduldig. »Na, na, na«, murmelte er, »kommt schon noch, kommt schon! Er war bei einer Geheimorganisation, hat mir meine erste
Frau, Gott hab sie selig, erzählt. Bei welcher weiß ich nicht. Abwehr, glaube ich. Wir nannten ihn, wenn wir einmal von ihm sprachen, was selten genug geschah, den Geheimdienstler.« »Sind Sie sicher? Irren Sie sich nicht?« »Junger Mann, ich irre mich nicht. Er war der dritte, er hat hier im Foyer gewartet, die anderen beiden sind raufgefahren. Und nach einer Weile sind sie dann mit dem Herrn wieder runter gekommen, mit Mister Kees meine ich. Er war gar nicht ordentlich frisiert, sie haben ihn wohl aus dem Bett geholt.« »Wann war das?« »Na, am Montag in aller Frühe, halb sieben ungefähr.« »Die Männer müssen Ihnen doch gesagt haben, was sie wollen und wer sie sind! Sie müssen sich doch ausgewiesen haben!« »Ja, aber nur einer, der dicke. Der hatte einen Polizeiausweis und auch die Hundemarke, er hat mir beides gezeigt.« »Hundemarke? Ach so. Aber wie hieß er, der dicke Mann? Auf dem Ausweis stand doch ein Name?« »Sicher. Aber wer liest denn schon Namen? Man schaut, ob die Stempel stimmen und das Bild. Ich kenn mich da aus. Bei so vielen Mietern kommt ja öfter mal die Polizei.« »Schade. Vielleicht hätte ich etwas für meinen Bekannten tun können, wenn ich wüßte, wer ihn verhaftet hat«, entgegnete ich in beiläufigem Tonfall. Ich vermied auch das Wort Freund. »Wenn Sie den dicken Polizisten wieder mal sehen, versuchen Sie doch, seinen Namen festzustellen, ja?« Ich gab ihm noch einen Zehner und ging zum Lift. Plötzlich wußte ich alles. Alles! Ich gab mich gelassen. Kaufte am Kiosk neben dem Treppenaufgang noch eine Tageszeitung und Briefmarken. Sagte der ältlichen Verkäuferin, daß ihr die neue Frisur ausgezeichnet stehe. Und fuhr hinauf in meine Wohnung. Als erstes verbrannte ich das Kärtchen auf meinem Schreibtisch, auf dem stand: Ich bin R 14. Die Asche spülte ich ins Waschbecken und reinigte es dann sorgfältigIch bin R 14! Das also war die Antwort: Ich war offenbar ein Spion – genauer gesagt, ich war ein ehemaliger Spion. Denn seit meiner zweiten Geburt habe ich ganz sicher nichts ausspioniert, das steht
fest. Aber vorher? Was habe ich vorher getan, was bin ich vorher gewesen? Ein Spion? Für welches Land? Oder ein Industriespion? Wirr zuckten solche und ähnliche Gedanken durch mein Gehirn, und ich mußte mich zur Ruhe zwingen, versuchen, klar zu denken. Was soll ich tun? Leben wie bisher, als sei nichts geschehen, oder Flucht? Fast gleichzeitig mit dem Gedanken an meine Zukunft kam auch ein anderer, ein Gedanke, der mich zunächst lahmte vor Entsetzen: Ich bin kein Spion gewesen – ich bin ein zukünftiger Spion! Man hat mich daraufhin programmiert, hat mir alles suggeriert, was ich einmal, wenn ich optimal angepaßt bin (also in meiner Umgebung in keiner Weise mehr auffalle), tun soll. Das ist Zone III in meinem Hirn, die Zone, zu der ich jetzt noch keinen Zugang habe – aber bald haben werde; dann werde ich Dinge tun, die ich eigentlich gar nicht tun will, die ich jedenfalls nicht freiwillig tue. Ich werde auch einen Sender bauen. Und senden. Die Frequenz wird mir zu gegebener Zeit ›einfallen‹! Einen Sender bauen kann ich heute schon. Perverse Gedanken! Eine Ausgeburt meiner überreizten Phantasie! So etwas kommt doch nur in Romanen vor, in schlechten Krimis – und ich lebe doch wirklich, heute, jetzt! Zugleich wußte ich genau, daß das, genau das, die blanke Wahrheit war. Ich bin R 14. Ich bin ein potentieller Spion. In diesem Augenblick kam mir noch ein Gedanke: Ich muß alles tun, um nicht verhaftet zu werden. Ich muß überleben. Um jeden Preis. Ich wußte sofort, daß dieser Gedanke aus Zone III stammte, er war freigegeben worden. Vermutlich dadurch, daß ich richtig erkannt hatte, was ich war. Ich hatte eine Bestätigung der Richtigkeit meiner Vermutung, hatte endlich die ersehnte Gewißheit: R 14 ist mein Code, der Code eines latenten Spions. (Bin ich der einzige? Wenn nicht, wieviele gibt es, die, gleich mir, jenseits einer perfekten Gehirnwäsche, nun spionieren, weil sie spionieren müssen? Und die nichts verraten können, weil sie nichts wissen?) Burton war verhaftet worden. Warum nicht ich? Wartete man darauf, daß ich mit Verbindungsmännern Kontakt aufnahm‹? Das war wohl die in dieser Branche übliche Terminologie. Man wollte
»einen Spionagering aufrollen. Aber dann müßte man doch alle Mitglieder gleichzeitig verhaften, so sind doch die Spielregeln! Aber ich habe doch keine Verbindungsmänner, es gibt keinen Ring (und es wird nie so etwas geben, erhalte ich die Information aus der Zone III)! Wieso also wurde Burton verhaftet? Die Antwort auf diese Frage kam schon am nächsten Tag: Burton war wieder da; zu einer für ihn ungewöhnlich frühen Stunde, gegen zehn Uhr vormittags, rief er mich an. Er würde in fünf Minuten bei mir sein, sagte er. Weiter nichts. In drei Minuten war er da. Blaß, nervös, unglücklich. Er sah sich nicht nur am Gang draußen immerfort um, auch bei mir hier in der Wohnung. So, als stünde einer hinter ihm. «Morgen, alter Junge!« schrie er, so daß es eventuelle Lauscher auch sicher hörten, und im gleichen Atemzug: »Keine Wanzen?« Das im Flüsterton. Ich schüttelte den Kopf. Das wußte ich sicher. Nicht umsonst habe ich ein fotografisches Gedächtnis: die winzigste Änderung in meiner Wohnung wäre mir aufgefallen. »Nein Burt, sicher ist bei mir alles sauber. Ganz sicher! Beruhige dich und dann erzähle!« Er ließ sich in einen Sessel fallen und goß den Bourbon, den ich ihm eingeschenkt hatte, in einem Schluck hinunter. »Man hat mich verhaftet!« »Ich weiß, der alte Blisteir hat’s mir gesagt.« »Man hat mich verhört!« »Ja nun, vermutlich. Beruhige dich doch und dann erzähle wie ein vernünftiger Mensch!« Er fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten Hand durch die Haare, eine für ihn typische Geste, die, wenn er erregt war, die Pausen zwischen den einzelnen Sätzen überbrückte. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll!« »Nun, am Anfang. Als es an deiner Tür läutete.« »Mein Gott, ich habe geschlafen, abgrundtief, war erst gegen eins in die Federn gekommen. Zwei waren es, ein dritter wartete unten. Ja, sie sagten, es sei nur eine Routinesache, kein Grund zur Aufregung. Aber ein gewisser Schneyder sei ermordet worden, und man müsse alle seine Bekannten verhören, die Fingerabdrücke nehmen, und so weiter, und das sei praktischer am Kommissariat zu
erledigen, reine Routine… So redeten sie, während ich mich anzog. Nein, ich stehe nicht unter Verdacht. Aber der Mord sei eine sehr unklare Angelegenheit, kein Motiv, keine Tatwaffe, rein gar nichts… Ich band mir gerade die Krawatte, verschlafen und verschreckt wie ich war, fiel es mir erst jetzt ein: Ich kenne doch gar keinen Schneyder! In seinem Notizbuch stünde aber mein Name. Und der von sechs anderen Männern und vier Damen. Alle würden verhört werden. Gottergeben machte ich mich fertig und ging mit. Ein mir völlig unbekannter Mann War ermordet worden. Wenn schon. Es ging mich nichts an und außerdem war ich unschuldig. Mehr als unschuldig, absolut unwissend! Sie brachten mich nicht in unser Kommissariat, nein, man fuhr mit mir in die Stadt, brachte mich in ein mir unbekanntes Gebäude, in dem lauter Büros zu sein scheinen. Ein langer Gang und Türen rechts und links, Schreibmaschinengeknatter allenthalben. Ich wurde in einem Zimmer verhört, in dem den ganzen Tag elektrisches Licht brannte, es hatte offenbar kein Fenster, oder es war durch Aktenschränke verstellt. Man fotografierte mich von allen Seiten, nahm meine Fingerabdrücke und .verhörte mich. Stundenlang, tagelang. Mein ganzes Leben wurde aufgerollt, alle Leute, die ich einmal gekannt hatte, wurden durchgekaut, selbst die, die schon gestorben waren.« »Ich auch?« »Eine Frage, natürlich du auch! Dir waren mindestens zwei Stunden gewidmet. Aber was weiß ich denn schon von dir? Nichts. Fast nichts. Das ist mir übrigens erst beim Verhör so richtig zu Bewußtsein gekommen. Aber natürlich tauchte kein Schneyder auf. Ich erbot mich freiwillig, einen Lügendetektortest zu machen. Sie gingen darauf ein, aber natürlich ergab sich nichts. Kein Schneyder weit und breit. Man ließ mich noch Verbrecheralben durchblättern und zeigte mir ganze Pakete von Gruppenfotos. Ich entdeckte niemanden, der mir bekannt vorkam – aber das war auch gar nicht anders zu erwarten. Nach ein paar Stunden verschwammen mit die Bilder vor den Augen, ich hätte meine Mutter nicht mehr erkannt, und wenn sie in Großformat auf einem der Blätter gewesen wäre.
Drei Tage! Nun, am ersten Tag waren da natürlich diese Aufnahmeformalitäten zu erledigen, das dauerte. Das Essen war ganz ordentlich, es gab auch Wein und Zigaretten, so viele ich wollte. Die Nächte verbrachte ich übrigens nicht in einer Zelle, wenn du das gedacht haben solltest, nein, in einem Zimmer mit gut funktionierender Klimaanlage, aber auch ohne Fenster. Und gestern verhörten sie mich nur am Vormittag, am Nachmittag kamen dann die Entlassungsformalitäten, es war ermüdend. Man entschuldigte sich umständlich für alles, und ich bekam sogar eine finanzielle Entschädigung, weil ich Freiberufler bin! Meine Forderungen waren keineswegs bescheiden, ich dachte, sie werden mich schon herunterhandeln, aber sie zahlten ohne Wimpernzucken!« »Na also! Wieso bist du dann so ängstlich und schreckhaft und fürchtest dich vor Wanzen?« »Warum? Gott, bist du naiv! Das alles war doch nur ein Vorwand, dieser dämliche Schneyder und die Fotos und alles! Man wollte etwas ganz anderes wissen, aber was? Unter all den tausend Fragen, die sie mir stellten, war vielleicht nur eine einzige für sie wichtig. Aber welche? Ich habe nicht einmal eine Ahnung. Und diese Ungewißheit ängstigt mich, ich weiß nicht warum. Ich bin doch unschuldig. Unschuldig an allem! Aber ich will wissen, wovor ich mich fürchten muß!« Am liebsten hätte ich ihm zugerufen: Vor mir! Ich bin die Ursache, ich bin derjenige, für den sie sich wirklich interessieren! Statt dessen schenkte ich ihm noch einmal ein und bemerkte beiläufig: »Wenn du wirklich recht hast, und dieser ermordete Schneyder war nur ein Vorwand, dann wirst du es nie erfahren! Sie haben dich ausgequetscht, du bist jetzt leer für sie, du weißt nichts mehr, was nicht sie auch wissen. Sie haben also gewiß kein Interesse mehr an dir!« »Wenn du doch recht hättest!« Mit einem Seufzen nahm er das Glas vom Tisch, kippte den Inhalt hinunter. »Aber ich bin doch nicht blöd und auch nicht verrückt. Ich werde beobachtet« »Du?« Er hatte wohl meine Beobachter entdeckt. »Ja, ich. Im Augenblick hat ein Schnauzbärtiger Dienst. Ich habe ihn schon vor meiner Verhaftung gesehen. Er sitzt meistens in einem
blauen Dodge, schräg gegenüber vom Ausgang, du kannst ihn von hier aus nicht sehen, wohl aber ich aus meinem Badfenster. Er liest und raucht und langweilt sich – aber wenn ich die Wohnung verlasse, genauer gesagt, das Haus verlasse, telefoniert er. Autotelefon.« Ich nickte. Das war mein Mann – aber wie konnte ich ihm das sagen? Wie konnte ich ihn beruhigen? Plötzlich faßte ich einen Entschluß – einen vielleicht ganz falschen Entschluß, denn ich wußte sofort, daß das, was ich tat, verboten war. Das Verbot kam aus Zone III – doch da war noch ein anderes Gefühl in mir sehr stark, das Gefühl des Mitleids mit meinem Freund. Der Wunsch ihm zu helfen. Ein warmes, menschliches Gefühl… Es ermöglichte mir, dem Verbot zuwiderzuhandeln; kaum hatte ich den ersten Schritt getan, den ersten Satz gesagt, verblaßte das Verbot, und an seine Stelle trat das Wissen um die Pflicht der Selbsterhaltung. Ich erzählte ihm alles. Restlos alles. Ich ließ ihn meine Aufzeichnungen lesen; anschließend sprachen wir lange darüber. Er schien mir sehr erleichtert zu sein, daß das alles nicht ihn selbst betraf. »Weißt du, ich bin kein Held, ich mag auch keiner sein«, sagte er. »Ich will bloß leben, in Ruhe und Frieden leben und arbeiten. Damit bin ich zufrieden. Für Blitze aus heiterem Himmel hab ich nichts übrig, besonders dann nicht, wenn sie mich treffen! Aber du, was wirst du jetzt tun?« »Ich weiß es nicht. Ich weiß vor allem nicht, was die anderen wissen – und ich weiß nicht, wie stark die Impulse aus Zone III sind. Werde ich Befehle, die aus jener Zone kommen, ausführen? Ausführen müssen? Als ich mich entschloß, dir reinen Wein einzuschenken, habe ich gegen eine Anweisung aus Zone III gehandelt. Aber ich habe mich blitzartig entschlossen und im gleichen Augenblick auch zu reden begonnen – es gab dann kein Zurück mehr für mich. Aber ich weiß genau, daß ich Verbotenes tat.« Er schüttelte den Kopf. »Sonderbare Sache! Nun, wir wollen gemeinsam überlegen…Konstruieren wir einmal das wahrscheinlichste Bild: Du kommst aus dem Land X. Du bist kein Amerikaner, sonst wäre keine so umständliche ›Anpassung‹
notwendig gewesen. Du hast eine vollständige Gehirnwäsche hinter dir, dein Gehirn war leer, von einigen vagen Erinnerungen – oder Pseudoerinnerungen – abgesehen. Und abgesehen von einem verbotenen Bereich‹, der Zone III, wie du sie nennst. In diesem Bereich sind die hypnotischen Befehle gespeichert. Sie werden dir zu gegebener Zeit bewußt – und du selbst bist es, der sie freisetzt. Indem du einen bestimmten Grad der Anpassung erreicht hast, indem du gewissen Gedankengängen folgst. Nehmen wir ein Beispiel: Du denkst daran, heute einen Arzt aufzusuchen – dieser Gedanke löst die Information aus: Ärzte sind gefährlich für mich; sie könnten feststellen, ich bin krank und muß mich sehr unangenehmen Behandlungen aussetzen; oder sie könnten entdecken, ich bin ein Spion und muß eingesperrt werden. Ich muß Ärzte meiden, denn ich will leben und frei sein. Deine Aufzeichnungen enthalten gewisse Ungereimtheiten. ›Der Mond ist uninteressant. Die Erde ist interessante Oder: ›Ich vergesse nichts. Aber gewisse Dinge und Erkenntnisse vergesse ich doch.‹ – Derlei Gedanken, wie jener, daß die Erde interessant oder wichtig sei, sind plausibel und könne» durch Zufall in deine Notizen gekommen sein – jedem Menschen gehen tausenderlei Gedanken durch den Kopf, die keine besondere Bedeutung haben. Und was das Vergessen und Nichtvergessen angeht, so ist das doch ganz normal. Du hast einerseits ein fotografisches Gedächtnis – damit bist du keineswegs allein auf weiter Flur – und manche Sachen vergißt du leicht – kann sein; es handelt sich dabei um Dinge, die du vergessen möchtest; der Wunsch, gewisse Dinge zu vergessen, mag im Unterbewußtsein liegen. Es gibt gar keine Zone II. Was hältst du davon?« Ich hatte zum Fenster hinausgestarrt, ohne etwas zu sehen. Jetzt wandte ich mich wieder meinem Freund zu. »Ich werde dir sagen, was ich denke, obgleich ich immer noch das Gefühl habe, ich sollte es nicht tun. Also: Einige deiner Überlegungen sind vermutlich zutreffend, besser gesagt, ich bin da einer Meinung mit dir. Manches dürfte nicht stimmen, zumindest ahne ich, daß es nicht stimmt. Doch wie dem auch sei, ich bin ein potentieller Spion,, Und die Spionageabwehr hat davon erfahren. Man beobachtet mich – wie lange schon, weiß ich nicht – und man hat dich verhaftet und
eingehend durchleuchtet. Das sind Fakten. Ich bin in Gefahr, ich weiß das. Ich muß mich im Augenblick an die Fakten halten – denn ich will leben und frei sein. Damit hast du ganz recht. Aber um weiterhin in Freiheit leben zu können, darf ich nicht länger untätig abwarten. Auch das weiß ich. Wenn man feststellt, daß ich keine weiteren ›Hintermänner‹ habe, wird man auch mich verhaften, verhören und Tests unterziehen. Man wird meine Wohnung durchsuchen. Und ich habe keine Ahnung, was bei all dem herauskommt – es könnte doch sein, daß ich, unter gewissen, mir einsuggerierten Bedingungen, mich selbst aufgebe, mich durch falsche ›Geständnisse‹ so sehr belaste, daß ich nie wieder freigelassen werde und meine Auftraggeber nicht in Gefahr bringen kann…« »Was also willst du tun?« »Ich werde überlegen. Es gibt einen Weg, es gibt immer einen Weg, man muß ihn nur finden…« »Kann ich dir helfen?« »Danke! Aber ich weiß es im Augenblick noch nicht. Ich werde wohl meine Wohnung verlassen müssen, auch die Stadt, den Staat… Und ich werde neue Ausweise brauchen, gute, aber falsche Papiere. Ich muß mein Geld abheben…« »Sag mir nur, was ich tun soll, ich helfe dir sehr gerne!« »Nochmals Dank! Um zu wissen, was ich tun muß, sollte ich zunächst wissen, woher meine Gegner – ich will sie der Einfachheit halber so nennen – woher also meine Gegner von der Tatsache erfahren haben, daß ich R 14 und ein Spion bin. Glaubt man, ich war ein Spion, ich bin ein Spion oder – ich werde einer sein?« »Du kannst das doch nicht so trennen! Du bist ein ausgebildeter Spion – in den Augen deiner Gegner und wahrscheinlich auch in Wirklichkeit – und ob du deine Tätigkeit ausübst oder ein › Schläfer‹ bist, ist für sie nicht so wichtig. Du bist eine Gefahr für den Staat, das ist das Wesentliche!« »Und woher wissen sie davon?« »Diese Frage solltest du besser beantworten können! Von mir haben sie jedenfalls nichts erfahren, denn ich hatte ja keine Ahnung!« »Ich habe ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Du bist der einzige Freund, sonst habe ich noch eine Handvoll Bekannte, mit denen ich jedoch nur über Belanglosigkeiten spreche.«
»Eine Frau?« Ich mußte lachen. »Cherchez la femme, nicht wahr? Aber ich habe keine. Keine Freundin, nicht einmal eine gute Bekannte.« »Und wer hatte Zugang zu deiner Wohnung?« »Niemand. Das heißt, nur die üblichen Leute, der Reinigungsdienst, der Briefträger, gelegentlich Lieferanten, mein Schneider…« »Und das nennst du ›niemand‹? Massenhaft Leute waren da, aber so alltägliche, normale Leute, daß man sich ihrer gar nicht bewußt wird. Man nimmt ihr Erscheinen hin, bemerkt es kaum. Woher willst du wissen, daß nicht etwa beim Reinigungsdienst ein Mann oder eine Frau von der Abwehr dabei waren?« »Aber warum? Warum ausgerechnet bei mir?« »Nicht nur bei dir, bei Tausenden von Leuten. Kannst du dir nicht vorstellen, daß man gewissen Personen, die im Reinigungsdienst arbeiten, den Auftrag gibt, nach Besonderheiten Ausschau zu halten? Das fällt ihnen leicht, eben weil sie niemand beachtet. Aber die Leute sind doch nicht blind, die sehen doch nicht nur Schmutz, benutztes Geschirr und ungemachte Betten! Kann sein, sie bekommen eine Prämie für besondere Beobachtungen. Wir haben doch hier in der Stadt die militärische Forschungsstation, die Flugzeugwerke, den Chemie-Konzern und das biologische Institut und weiß Gott was noch alles. Sicher wird da spioniert. Und was wäre naheliegender, als so unauffällige Beobachter in alle Häuser zu schicken? Na, und du hast da ein Kärtchen auf deinem Schreibtisch: Ich bin R 14!« »Du bist ein kluger Bursche – das mit dem Reinigungsdienst ist ein guter Gedanke. Aber was die Karte betrifft – welcher Spion würde denn seinen Code so öffentlich ausstellen?« »Stell dir vor, im öffentlichen Reinigungsdienst sind einige hundert Vertrauensleute. Ganz gewöhnliche Leute, ungebildet, ungelernt. Sie saugen Staub, überziehen die Betten, putzen die Fenster… Sie haben den Auftrag, Besonderheiten, die sie beobachtet haben, zu melden. Sie bekommen eine Prämie für jede Meldung. Sie überlegen nicht, sie melden. Sie melden, David Chippers aus Apartment 62 ist R 14. Seine Wohnung ist höchst sonderbar eingerichtet. Unbekannte Geräte. Unmassen von Büchern, Zeitschriften, Apparaten…« »Du kannst recht haben. Ich bin jetzt froh, daß ich mit dir über alles gesprochen habe, du hast mir geholfen. Und es tut mir leid, daß
ich fort muß, daß die erste Freundschaft, die ich erleben durfte, so rasch enden muß.« »Mir tut’s ebenso leid, aber wir werden uns wiedersehen. Ich werde das schon schaukeln, jetzt, da ich Bescheid weiß und der feige Hund in mir beruhigt ist, jetzt wird mir schon etwas einfallen. Wohin willst du?« »Ich weiß es noch nicht. Zuallererst brauche ich neue Papiere. Kennst du jemanden, der mir dazu verhelfen könnte? Geld spielt keine, oder fast keine Rolle!« »Ich kenne niemanden, natürlich nicht. Aber ich werde mich umhören. Und du hebe dein Geld ab!« »Meinst du, jetzt gleich? Das wäre aber doch sehr auffallend – ich dachte, ich hebe es erst im letzten Augenblick ab, unmittelbar bevor ich abreise. Ich nehme an, daß es meine Gegner sehr rasch erfahren, und dann sollte ich bereits über alle Berge sein!« »Da hast du recht. Und da fällt mir noch etwas ein: Ich habe eine Kusine in einem kleinen Nest in Montana, sie hat eine Fremdenpension – dort kannst du wohnen, und niemand wird sich um dich kümmern. Ich werde ihr heute noch schreiben, sagen, du bist Schriftsteller wie ich, suchst Ruhe für ein neues Werk… Das wäre doch eine Idee?« »Eigentlich hatte ich daran gedacht, in einer großen Stadt unterzutauchen, wo mich niemand kennt und sich keiner um den anderen kümmert, in Chicago vielleicht…« »Meine Kusine ist besser. In einer Stadt fällt ein Mieter, der keinen Beruf hat, immer irgendwie auf. Und in einer Stadt kannst du es auch fast nicht vermeiden, daß Fremde in deine Wohnung kom-men – jedenfalls nicht, ohne aufzufallen. Und in einer Stadt gibt es die Polizei, die perfekt ausge-stattet ist und über eine gut geschulte Truppe verfügt. Am Land ist da nur ein Sheriff, der gleichzeitig Hobbygärtner, Markensammler und Stammtischsitzer ist. Und ein paar kleine Beamte, die auch hunderterlei Nebeninteressen haben, schon des-halb, weil der Dienst am Land so eintönig ist. Es passiert ja nichts.« »Vielleicht hast du recht. Kennst du die Landpolizei?« »Ein wenig. Sie ist gewiß ungefährlicher. Und du hast einen Grund, dort zu sein – du willst in Ruhe dein Buch schreiben. Wer
aber setzt sich in den Mief von Chicago, wenn er nicht muß?« »Klingt vernünftig. Ich werd’s versuchen. Vielen Dank einstweilen! Du hörst dich um wegen Papieren, ja? Dumm, daß ich keinen Führerschein habe und auch nicht Auto fahren kann. Ich werd’s lernen müssen!« »Aber doch nicht jetzt und hier?« »Nein, gewiß nicht. Ich dachte nur eben daran, wie ich von hier nach Montana komme, es ist eine verdammt weite Strecke.« »Per Bus, per Bahn. Kein Flugzeug! Aber mit Bussen Zickzack fahren ist sicher gut. Am Bahnhof, ich meine am Busbahnhof, drei oder vier Karten in verschiedene Richtungen lösen. Und dann im letzten Augenblick in irgendeinen hineinspringen.« »Der Verfolger wird ein Auto haben!« »Wenn schon. Du brauchst gute Landkarten. Steigst in irgendeinem kleinen Kaff aus dem Bus und gehst querfeldein in ein anderes Dörflein. Wie soll er dir da mit dem Auto folgen? Oder du gehst nur in einen benachbarten Wald, wartest dort ab und fährst mit dem nächsten oder übernächsten Bus weiter. Es gibt hundert Möglichkeiten.« »Na, ich hoffe, sie fallen auch mir alle ein. Denn eine Flucht nach Montana hat wenig Sinn, wenn ich die Verfolger nicht abschütteln kann.« »Ich werde mich gleich auf den Weg machen. Landkarten besorgen und versuchen, einen Paßfälscher aufzureißen. Du besorgst inzwischen Fotos, aus einem Automaten natürlich. Aber laß dir nicht dabei zusehen!« »Ich werde mein Bestes tun. Nochmals vielen Dank, du bist wirklich ein Freund.« »Du ahnst nicht, wie froh ich bin, daß du mir alles gesagt hast! Dafür bin ich dir dankbarer als ich ausdrücken kann. Aber ich geh jetzt am besten. Bis dann!« Ich war wieder allein. Minutenlang horchte ich in mich hinein – aber Zone III schwieg. Nichts, keine Hilfe. Nur das Wissen: Ich muß überleben, um jeden Preis. Ich muß frei bleiben. Aber das wußte ich schon die ganze Zeit. Ich vernichtete alle meine Aufzeichnungen, ich kannte sie ohnedies
Wort für Wort auswendig. Dann begann ich zu packen. Den Rucksack, den ich zu längeren Wanderungen benützt hatte, packte ich als erstes in einen kleinen Faltkoffer. Drei Hemden, zwei Schlafanzüge. Socken, einen leichten knitterfreien Sommeranzug, ein Handtuch. Unterwäsche, den Regenmantel. Besteck und ein Kochgeschirr. Das leichte Zelt? Ja, vielleicht auch das – es ist aus hauchdünnem Material, trotzdem fest und wasserdicht. Den aufblasbaren Polster? Nein. Wenn schon diese Ausrüstung, dann lieber gleich die Luftmatratze. Und Verbandszeug. Nach und nach wurde der Koffer voll. Zelt und Luftmatratze waren zwar nur winzige Päckchen – aber die Hemden… Sollte ich es mit einem zweiten Koffer versuchen? Nein, zu auffallend. Aber den zweiten Faltkoffer packe ich ein, auf alle Fälle. Ich ging alles durch, alle Schränke, alle Laden in der Wohnung. Auf die Art konnte ich nichts Wichtiges vergessen. Die Handschuhe! Das Fernglas! Immer wieder entdeckte ich etwas, was ich glaubte, unbedingt mitnehmen zu müssen. Schließlich hatte ich einen kleinen Koffer, eine Umhängetasche und eine Reisetasche gepackt. In letzterer hatte ich alles untergebracht, was ich glaubte, unbedingt zu benötigen. Mit dieser Tasche allein wollte ich das Haus verlassen; ich hatte sie oft benützt, um Einkäufe zu machen oder Leihbücher zurückzubringen, meine Bewacher mußten sie kennen. Am Nachmittag ging ich aus, die kleine Reisetasche in der Hand. Mein Schatten folgte mir. Ich ging, wie meistens, zu Fuß, kaufte da und dort eine Kleinigkeit, plauderte mit dem Zeitungsmann an der Ecke. Es war ein heißer Tag, und ich genehmigte mir ein Eis. Dann stoppte ich ein leer vorbeifahrendes Taxi und freute mich des glücklichen Zufalls, der es mir gestattet hatte, meinen Verfolger so gut loszuwerden. Doch meine Freude war verfrüht; wir hatten eben die Vorstadt hinter uns gelassen und näherten uns den ersten Geschäftsstraßen, da entdeckte ich einen neuen Beobachter in einem Wagen hinter uns. Es waren also ihrer zwei, mindestens zwei. Nun war es nicht mehr so einfach, ihnen zu entkommen – und ich wollte doch die Fotos unbeobachtet machen lassen. Ich ließ vor einem der großen Kaufhäuser halten, ging rasch hinein
und mischte mich unter die Menge. Ich hatte Glück, eben war ein Lift fahrbereit, als ich mich noch rasch als letzter hineinzwängte. Er hielt in jedem Stockwerk. Im fünften stieg ich aus und kaufte einen leichten Mantel, der beidseitig zu tragen war; eine Seite dunkelbraun, die andere hellgrau, mit blassem Karo. Ich ließ ihn mir möglichst klein zusammenpacken und legte das Paket oben auf meine Tasche. Dann fuhr ich in den elften Stock, wo nur Restaurants, Haarsalons und Massageräume waren. Hier gab es nur sehr wenige Kunden, und es war nicht schwierig, nach meinen Bewachern Ausschau zu halten. Niemand da, den ich kannte. Also hinunter in den neunten Stock zu den Fotoautomaten. Wenige Minuten später hatte ich einen Satz Paßbilder in der Tasche. Dann machte ich mich auf die Suche nach den beiden Herren. Den einen entdeckte ich sehr bald in der Schuhabteilung; ich mußte ein Lächeln unterdrücken, als ich seine erleichterte Miene registrierte. Gemeinsam wanderten wir nun weiter umher, bis ich den zweiten sah; auch er war sichtlich froh bei meinem Anblick. Ich kaufte noch ein paar Kleinigkeiten, nahm mir dann wieder ein Taxi und fuhr heim. Am Abend kam Burton und berichtete, daß er einen Tip erhalten hatte. Ein heruntergekommener Maler in der Altstadt würde entweder selbst falsche Ausweise herstellen oder solche vertreiben. Er hatte sich für morgen mittag mit ihm verabredet. Ich gab Burton die Bilder und Geld und berichtete ihm von meinen Unternehmungen. Wir besprachen alles, was wir für wichtig hielten. Er gab mir die Adresse seiner Kusine, und ich bat ihn, Koffer und Umhängetasche per Post hinzusenden, möglichst morgen schon. Er würde die Gepäckstücke beim Portier lassen und dann einen Taxifahrer beauftragen, sie zu holen und zum Postamt zu bringen – so sollte es gelingen, die Aufpasser zu hintergehen. Ich wollte, sobald ich meine neuen Papiere hatte, die Wohnung für immer verlassen und versuchen, die ›Waldesruh‹ in Blue Springs, Montana, möglichst ungesehen zu erreichen. In dieser Nacht weckte mich das Haustelefon etwas vor sechs. »Blister hier, zwei zu ihnen rauf, einer unten. Verraten Sie mich nicht!«
Wortlos legte ich auf, raffte meine Kleider zusammen, sprang in die Schuhe und war Sekunden schon auf der Treppe nach oben. Zwei Stockwerke über mir stand der Lastenaufzug; ich betrat ihn lautlos und zog mich in Windeseile an. Den noch warmen Schlafanzug stopfte ich in die Reisetasche, die ich zum Glück nicht in der Aufregung stehengelassen hatte. Ich war froh, daß ich mir noch die Zeit genommen hatte, die Wohnung abzusperren, die Schlösser waren sehr gut, ich hatte sie schon vor einem Jahr anstelle der Standardschlösser einbauen lassen. (Warum eigentlich? Hatte ich geahnt, was mir einmal zustoßen würde? Egal, keine Zeit für unnütze Gedanken.) Ich hörte durch das Stiegenhaus herauf das Klopfen an meiner Tür. Wie sollte ich ungesehen aus dem Haus kommen? Und schnell mußte es geschehen, bevor man mich zu suchen begann! In großen Sätzen sprang ich die Treppe hinauf, immer weiter, bis unter das Dach – oben gab es einen alle Trakte des Hauses verbindenden Gang, der kaum benützt wurde. Ich hetzte den Gang entlang bis zum übernächsten Treppenhaus – dort hatte ich Glück, der Lift stand nur ein Stockwerk unter mir. Ich fuhr bis in die Tiefgarage, von dort rief ich meinen Freund an. »Burt, sie sind schon da. Ich weiß nicht, wie ich wegkomme, aber es wird schon klappen. Vielen Dank für alles! Und mach’s gut!« »Halt! Leg bloß nicht auf!« sagte er. »Ich werde versuchen, dir zu helfen. Ich – ich weiß schon. Ich werde losfahren, in ein paar Minuten. Und Jackie auch. Sie hat den roten Sportwagen an der Dreier-ausfahrt. Sie soll dich im Kofferraum mitnehmen. Ich fahre bloß so weg, vielleicht kann ich die Kerle irreführen! Wo bist du?« »Dank, Dank mein Freund! Ich bin in der Tiefgarage – also alles bestens. Ich warte auf euch!« »Jackie sagt mir eben, der Kofferraum ist unversperrt, kriech einstweilen rein. Wir werden uns beeilen! Bis dann!« Ich tat wie geheißen. Freunde muß man haben, wahre Freunde! Dann ist nichts unmöglich. Fünf Minuten später waren wir unterwegs. Ich hatte es verdammt unbequem, aber ich war glücklich. Nach einer Weile hielt der Wagen, und ich hörte eine Frauenstimme: »Ich fahre stadteinwärts.
Nehme an, Sie wollen noch zur Bank, bevor Sie endgültig abhauen. Was aber machen wir bis neun?« »Haben Sie einen Schatten?« Meine Stimme klang dumpf und fremd. »Bis jetzt nicht. Sie haben sich Burt angehängt. Und zwei sind noch immer im Haus.« »Gut, dann fahren Sie bitte in eine öffentliche Tiefgarage, wenn’s geht, vielleicht in die neben dem ›Palace‹!« »Okay. Grün, ich muß weiter.« Die Palacegarage war um diese Zeit wie ausgestorben. Der Motor des kleinen Sportwagens dröhnte in der Stille wie der eines Hubschraubers. Endlich stellte sie ihn ab und klappte den Deckel meines Gefängnisses hoch. Mühsam, steif wie ein alter Mann, kroch ich heraus. »Danke, vielen Dank!« Das waren die ersten Worte, die ich an sie richtete. Sie lachte. »Nichts zu danken, so was macht doch Spaß! Leider muß ich um acht in der Tretmühle sein, sonst hätte ich Ihnen noch weiter geholfen.« Die Tretmühle? Offenbar ihr Arbeitsplatz – nach ihrem Aussehen zu urteilen, ein durchaus schickes Büro. Sie war groß, fast so groß wie ich, schlank, wohlproportioniert. Ein schwarzer Wuschelkopf, ein rundes Gesicht, lachende grüne Augen. Sie trug ein enggeschnittenes graues Kostüm mit weißer Bluse – ein sehr hübsches und sehr junges Mädchen. »Trotzdem«, murmelte ich, »trotzdem tausend Dank. Sie sind ein Engel und haben mich gerettet. Wie kam es nur, daß Sie so schnell angezogen waren?« Wieder lachte sie. »Sie haben Glück gehabt! Wir waren noch gar nicht ausgezogen, sind eben erst nach einer durchbummelten Nacht heimgekommen.« So also war das. Offenbar war sie Burts Freundin. Ich überlegte, was ich in den eineinhalb Stunden bis acht tun konnte. Um acht öffnete die Volksbildungsbücherei, und die war in meinem Bankhaus untergebracht – dort konnte ich dann bis neun warten, das war praktisch. Aber bis dahin? Jackie hatte eine Idee. »Gehen wir doch zusammen frühstücken!
Im kleinen Salon des Palace gibt’s ab sechs Frühstück – dort fallen wir gewiß nicht auf!« Also frühstückten wir im ›Palace‹, und wir taten es langsam und ausgiebig, die Karte herunter. Anschließend waren wir beide so satt, daß es für den ganzen Tag reichen mochte. Es war aber mittlerweile Viertel vor acht, Jackie mußte ins Büro, und ich in die Bibliothek. Als ich mich von ihr verabschiedete, war mir, als hätte ich sie schon immer gekannt; wirklich, ein sehr nettes Mädchen. - Aber schließlich war sie das Mädchen meines Freundes, und ich war ein Spion auf der Flucht. Die Bibliothekarin – in fast allem das Gegenteil von Jackie – begrüßte mich mürrisch und teilte mir als erstes mit, daß heute nur bis zwölf geöffnet war. Nun, so lange wollte ich gewiß nicht bleiben. Ich verzog mich in einen Winkel, wo ich vom Eingang aus nicht gesehen werden konnte und las ein langweiliges Buch. Bis fünf vor neun. Um neun war ich in der Bank und löste mein Konto auf. Es war, wie schon gesagt, ein beachtliches Konto; das und die Tatsache, daß ich alles bar wollte, rief den Direktor auf den Plan. Zum Glück kannten wir uns. Ich log ihm vor, ich hätte einen interessanten Job in New York angeboten bekommen und würde mir dort ein neues Konto einrichten, wüßte aber noch nicht, bei welcher Bank. Es klang etwas matt und war keine sehr gute Story, aber mir fiel keine bessere ein, und der Direktor war so liebenswürdig, sie mir abzunehmen. Ich stopfte die Banknotenbündel in meine Tasche und kam mir einen Augenblick lang wie ein Bankräuber vor. Ich mußte mich besser beherrschen, keine verdächtige Hast an den Tag legen! Ich wechselte noch ein paar belanglose Worte mit den beiden Bankbeamten, wünschte ihnen alles Gute, Gesundheit und Erfolg und verabschiedete mich. Endlich stand ich wieder auf der Straße. Ich tat, als sehe ich mich nach einem Taxi um, winkte einem und gab vor, erst im letzten Augenblick bemerkt zu haben, daß es besetzt war. In Wirklichkeit hielt ich nach bekannten Gesichtern Ausschau; ich entdeckte auch einen Hausbewohner, der zusammen mit seiner Frau offenbar Einkäufe machte, und ein wenig später sah ich einen U-Bahnschaffner in Zivil. Noch hatten sie, meine Gegner, mich nicht entdeckt. Doch fraglos würden sie meinen Fluchtweg rekonstruieren können.
Hoffentlich brachte ich Burt und Jackie nicht in Gefahr! Jackies Wagen? Ich hatte Handschuhe getragen, also gab’s keine Fingerabdrücke im Kofferraum und am Wagen; hatte ich etwas im Kofferraum verloren? Einen Knopf vielleicht? Nein, alle da. Und Burt? Man wußte, daß er mein Freund war – aber man hatte sicher festgestellt, daß ich nicht in seinem Wagen gewesen war… Doch mein Gepäck stand in seiner Wohnung! Und es war anzunehmen, daß man seine Wohnung durchsuchte, schon um sicherzugehen, daß ich mich nicht in ihr versteckt hielt! Aber was half’s, jetzt konnte ich nichts mehr tun. Der alte Blister fiel mir ein. Hatte der dritte Mann in der Halle bemerkt, daß er mich angerufen hatte? Kaum, er hätte es wohl nicht gewagt, wenn er sich nicht sicher gefühlt hätte. Ich erstand einen Briefumschlag, steckte einen Hunderter hinein und schrieb ein paar Zeilen dazu, ohne Unterschrift. Ich adressierte den Brief an seine Schwester, die einen kleinen Strumpfladen im Nebenhaus besaß. Ihm selbst das Geld zu schicken wagte ich nicht. Neun Uhr dreißig. Ich sollte sehen, daß ich weg-kam – noch suchte man mich wohl nur in der Stadt, und wer weiß, ob man überhaupt daran dachte, die großen Ausfallstraßen zu kontrollieren. Das bedeutete einen gigantischen Aufwand an Personal und last but not least auch ein Verkehr-schaos. War ich so wichtig? Kaum. Aber sicher wissen konnte ich es natürlich nicht. Also auf zum Busbahnhof. Auf der Bank hatte ich von New York gesprochen – warum also sollte ich nicht tatsächlich die Flucht in Richtung New York beginnen? Burt hatte einen Zickzackkurs vorgeschlagen – also war’s ja egal, mit welcher Richtung ich begann. Vorher aber wollte ich noch die Karten studieren, die mir Burton besorgt hatte. Sie steckten in einer Plastikmappe, noch so, wie er sie mir gegeben hatte, im Seitenfach meiner Reisetasche. Doch hier in aller Öffentlichkeit wagte ich nicht, mich mit ausgebreiteten Karten sehen zu lassen – das fiel auf. Aber im Postamt gab’s so kleine Zellen mit Schreibpulten, das war die Lösung! Wenn der Vorhang zu war und das Licht brannte, war jedermann überzeugt, daß da einer drin war, der einen Brief schrieb. Erst die Übersichtskarte. Ich mußte, wenn ich nach New York
wollte, zunächst nach Cincinnati, dann weiter nach Pittsburgh – zumindest mußte ich meine Spur bis Pittsburgh legen. Das war aber dadurch möglich, daß ich in Cincinnati eine entsprechende Karte löste und dafür sorgte, daß mich der Verkäufer im Gedächtnis behielt. Tatsächlich bis Pittsburgh fahren wollte ich wirklich nicht, die Reise war so schon lang genug. Cincinnati, St. Louis, Des Moines. Dann vielleicht hinunter nach Kansas City, um eventuelle Verfolger irrezuführen. Dann nach Denver und weiter nach Salt Lake City. Von dort eventuell mit einem Flugzeug nach Portland oder Seattle und dann wieder zurück nach Osten. Three Forks war die letzte größere Stadt. Von dort aus ging’s dann hinauf in die Berge des Big Belts, zum Fremdenheim ›Waldesruh‹. Ich packte die Karte zusammen – ihr Bild hatte ich mir eingeprägt. Nun zum Busbahnhof! Doch – fast hatte ich es erwartet – kam alles anders als geplant. Ich hatte mir ein Taxi genommen, denn der Busbahnhof lag am anderen Ende der Stadt; als das Taxi in die Schleife, die zum Standplatz führte, einbog, sah ich sie bereits. Zwei nur allzugut bekannte Gesichter! »Ach verdammt«, sagte ich zum Fahrer, »mein Bus ist weg! Dabei hat er doch meist ein paar Minuten Verspätung. Aber so ist das: wenn man mal mit einer Verspätung rechnet, dann ist er pünktlich!« Der Fahrer wandte sich um, ein freundliches, altes Gesicht. »Soll ich ihm nach? Ich erwische ihn schon irgendwo!« Ich schüttelte den Kopf. »Zu riskant. Ich sollte noch vor dem Mittagessen in Cincinnati sein. Sie könnten wohl nicht…?« »Na, und ob ich kann! Billig wird’s allerdings nicht sein, Mister. Aber auf alle Fälle bin ich eher dort als der Bus, und Sie haben dann noch Zeit, sich vor dem Essen frisch zu machen.« »Okay, fahren Sie los!« Hatten mich die Verfolger erkannt? Im Inneren des Taxis war es zwar dunkel, die Scheiben mochten gespiegelt haben, vielleicht hatten sie auch nur die abgehenden Busse kontrolliert? Ich mußte das Beste hoffen und auf das Schlimmste gefaßt sein – um mit meinem Freund Burton zu sprechen. Wir verließen unkontrolliert die Stadt; der Verkehr war relativ dicht, kein Wunder, das Wochenende stand vor der Tür. Wenn das
Wetter so blieb, würde es ein heißes Wochenende werden, und das bedeutete, daß die Verkehrsdichte noch weiter zunahm – gut für mich und meine Absichten. Ich plauderte mit dem Fahrer, ließ, wie unbeabsichtigt, eine Bemerkung fallen, daß ich die Septemberhitze in New York fürchtete und… Wie erwartet, war er überrascht. »Ich dacht’, Sie wollen bloß zu einem Geschäftsessen nach Cincinnati, da wollen Sie also noch weiter? Haben Sie denn nur das bißchen Gepäck?« Ich gab mich verlegen. »Ja, doch, natürlich… heute nicht, nein, ich fahre am Abend wieder zurück… aber Anfang nächster Woche muß ich dann nach New York und bleibe vielleicht 14 Tage…« Ein mißtrauisch – amüsierter Blick traf mich. »So, so. Na ja, mir ist’s ja gleich. Aber wenn Sie wieder zurückfahren wollen, soll ich dann auf Sie warten?« »Nein, nein, ich weiß ja nicht sicher, wann ich fertig bin, danke, ich nehme dann schon einen Bus.« So war’s gut. Er würde mich nicht vergessen, denn, das sah ich ihm an, er war überzeugt, daß ich ihm etwas vorgeschwindelt hatte. Er würde beschwören, daß ich unbeabsichtigt New York erwähnt und mich auch darüber geärgert hatte. Als wir uns Cincinnati näherten, fragte er: »Wo soll ich Sie denn absetzen, Mister?« Ich hatte mir das selbst schon überlegt, denn die Stadt war mir absolut fremd. Ich erinnerte mich nicht, überhaupt je Bensville verlassen zu haben. Zu allem Überfluß hatte ich noch so getan, als führe ich häufig nach Cincinnati (›Dabei hat er doch meist ein paar Minuten Verspätung…‹), das hatte er sicher nicht vergessen. Gab es auch hier ein ›Palace‹-Hotel? Vielleicht, ich mußte es riskieren. Die Leute hier waren nicht sehr erfindungsreich, jede zweite Stadt hieß X-ville in dieser Gegend, und hoffentlich hatte auch zumindest jede zweite ihr ›Palace‹. Bei der Größe Cincinnatis war die Wahrscheinlichkeit hoch. »Ich möchte zum ›Palace‹, kennen Sie sich denn gut aus?« Er lachte. »Na klar, bin ja da geboren, hab nur nach Bensville runter geheiratet. Die Eltern meiner Frau haben da ein Haus, wissen Sie, nichts Großes natürlich. Aber wir sparen so doch die Miete, und
das ist heutzutage eine Menge.« Ich murmelte Zustimmung. Ja, die Mieten waren hoch und ein Eigenheim war Goldes wert. Das ›Palace‹ erwies sich als großer, altmodischer Kasten. Windzerzauste Palmen beiderseits des Eingangs, verstaubte Goldlettern über dem Portal, ein Boy wie ein zentralafrikanischer Kaiser en miniature. Ich gab dem Taxifahrer ein gutes (aber nicht zu gutes) Trinkgeld und wünschte ihm angenehme Fahrt nach Hause. Den Empfangschef fragte ich, ob ein Mister Kenvinheel hier abgestiegen sei. Natürlich nicht, bei so einem Namen war es ja wirklich unwahrscheinlich. Browns und Millers gab es sicher mehrfach. Ich schob ihm zwei Dollar über den Tisch und bat, mir ein Taxi zu rufen. So war ich nach wenigen Minuten wieder unterwegs. Diesmal schenkte ich dem Fahrer reinen Wein ein und sagte, ich wolle nach New York, sei aber fremd hier und möchte keinesfalls fliegen, was er mir rate, Bus oder Bahn? Er empfahl die Bahn und brachte mich zu dem geeigneten Bahnhof. Dort löste ich tatsächlich eine Karte nach New York, stieg aber in Columbus bereits wieder aus. Hier übernachtete ich in einem Motel und bedauerte zum ersten Mal, daß ich keine falschen Papiere besaß. Zwei, drei Tage hätten mir meine Gegner doch noch Zeit lassen können! An der Bar lernte ich einen jungen Mann kennen, der am nächsten Tag geschäftlich nach Indianapolis mußte und mir vorschlug, ihn wenigstens soweit zu begleiten. Ich hatte ihm erzählt, ich wolle nach Peoria, zur Hochzeit meiner Schwester. So kam ich nach Indianapolis und von dort per Bus nach Springfield. Dort übernachtete ich wiederum in einem Motel, in der Hoffnung, eine ähnlich vorteilhafte Bekanntschaft zu machen. Aber diesmal hatte ich kein Glück. Zwei meiner Bekannten mußten nach St. Louis, einer nach Evansville – das war mir zu nahe bei dem Ausgangspunkt meiner Flucht. Also wieder einen Bus. Nach Minneapolis diesmal, diese Stadt lag ja auch auf meiner ursprünglich geplanten Fluchtroute. Und dann wurde ich kühner – sicher hatte ich meine Spuren gut
verwischt, nie hatte ich auch nur ein verdächtiges Gesicht erblickt. Ich buchte einen Flug nach Seattle; unter meinem richtigen Namen natürlich, ich mußte mich ja ausweisen und besaß noch keine falschen Papiere? In Seattle herrschte ein geradezu abscheuliches Wetter. Ein eisiger Wind kam aus der Bucht herein, peitschte mir den Regen ins Gesicht und durchnäßte mich schon auf der Gangway. Der Pistenbus, der die Fluggäste zum Hafengebäude bringen sollte, hatte eine Reifenpanne. Bis endlich ein Ersatzbus kam, fror, ich bereits in meinem dünnen Anzug wie ein nasser Hund. Und so ging’s weiter. Die Leute stritten sich um die wenigen Taxis, ich erwischte natürlich keines mehr und mußte über eine halbe Stunde warten, ehe mich ein Flughafenbus in die Innenstadt brachte. Jetzt nur schnell in ein Hotel und ein heißes Bad nehmen! Doch die Hotels waren besetzt, zumin-dest die ersten vier, in denen ich’s versuchte. Es fand gerade eine Fischereimesse statt und ein Philatelie-Kongress. In einem fünften hatte ich Glück, doch bekam ich nur eine Art Kammer, ohne Bad natürlich. Ich trank heißen Tee mit Rum und aß ein unbeschreiblich schlecht zubereitetes Abendessen. Das Fleisch war zäh und fettig – ich weiß nicht warum, aber ich stellte mir vor, es stammte von einem uralten Elch. Gab es hier Elche? Wahrscheinlich, bei der Kälte! Zähneklappernd kroch ich in ein steifes, feucht-kaltes Bett. Am nächsten Morgen fühlte ich mich elend. Ich konnte kaum meine Beine bewegen, mein Hals schmerzte, desgleichen mein Rücken. Ein Gedanke durchzuckte mich: Ich darf nicht krank werden! Ich darf doch keinen Arzt konsultieren! Bisher war ich noch nie auch nur einen Tag lang krank gewesen – das war eine Möglichkeit, an die ich nicht einmal im Traum gedacht hatte. Der Schrecken bewirkte, daß ich mich gleich ein wenig besser fühlte, daß ich meine Initiative wiederfand. Ich läutete dem Zimmerkellner. Es war ein schmuddeliger Geselle, schlecht rasiert; sein Anzug glänzte an Knien und Ellbogen. Ich gab ihm ein Trinkgeld und bat, mir den Chef der Etage zu schicken. Der sah nur wenig besser aus, schien mir aber doch eine Spur intelligenter zu sein. Er wirkte auch weniger unsympathisch.
»Können Sie mir in irgendeinem guten Hotel ein Zimmer mit Bad besorgen?« fragte ich. »In einem wirklich guten Hotel!« Er schüttelte den Kopf. »Das wird schwer sein, wissen Sie…« Ich unterbrach ihn. »In diesem Eisloch da kann man sich ja den Tod holen. Ich will ein erstklassiges Zimmer mit Bad, gute Bedienung und gutes Essen. Sie sind doch nicht der Besitzer dieses Schuppens, nicht wahr? Also! Besorgen Sie mir das Zimmer und ein Taxi, das mich hinbringt. Sofort! Das ist mir einen Fünfziger wert.« Die letzten Worte verwandelten den Mann. »Was? Der Fünfziger ist für mich?« »Ja, wenn Sie mir besorgen, was ich will.« »Okay, okay. Ich häng’ mich gleich ans Telefon.« Eine knappe Stunde später lag ich in einem heißen Bad. Das Badezimmer war fast so groß wie die Kammer, in der ich die Nacht frierend verbracht hatte. Das Zimmer war ein Traum, freundlich, blitzsauber, ein weiches, warmes Bett, ein dicker Teppich, Clubsessel, eine Eßnische in einem Erker ; Ich hatte hier bereits gefrühstückt; Orangensaft, frisch zubereiteten, knusprigen Toast, zarten Speck, Landeier, Sauerrahmbutter, Moosbeermarmelade. Trotz allem fühlte ich mich nicht wesentlich besser; ich hatte Fieber; Rücken und Hals schmerzten, die Beine trugen mich kaum. Keine Frage, meine Flucht hatte hier ihr Ende gefunden, zumindest einstweilen. Nach dem Bad wickelte ich mich in das große, weiche Handtuch und kroch wieder ins Bett, schaltete die Heizdecke ein (ich hatte mir eine durch das Stubenmädchen bringen lassen) und deckte mich bis zum Hals zu. Ich schlief sogar ein, wurde jedoch von wirren Träumen geplagt. Bisher waren meine Nächte stets traumlos gewesen, besser gesagt, meine Träume waren undeutlich geblieben, und ich hatte sie am Morgen stets vergessen gehabt. Aus meinen Büchern wußte ich, daß alle Menschen träumen, wenn sie schlafen, die Träume aber oft beim Erwachen vergessen haben. Aber diesmal träumte ich wild und überdeutlich, offenbar infolge
des Fiebers. Ich lebte unter Spinnen, großen, haarigen, aber nicht unfreundlichen Spinnen. Ich empfand sie als häßlich, ekelhaft; ihre Art, alles mit den vordersten Beinen zu betasten widerte mich an. Aber gleichzeitig war ich irgendwie befreundet mit ihnen, ich wußte, sie würden mir nichts zuleide tun, ich mußte ihnen nur helfen, durfte nicht widersprechen… Es war ein typischer Fiebertraum, die Schauplätze der Handlung wechselten rasch und unvermittelt, aber immer waren da die Spinnen, handtellergroße Tiere mit starren Augen und fürchterlichen Freßwerkzeugen – eine Art Zangen in dem haarigen Schädel. Schweißbedeckt erwachte ich wieder. Mein Herz raste, mein Traum verfolgte mich bis hierher in das Zimmer, die honigfarbene Wolldecke war ein Stück Wüste und das Muster auf der Tapete, waren das nicht tanzende Spinnen? Mit letzter Kraft griff ich nach meiner Tasche, die auf einem Stuhl neben dem Bett stand. Ich schüttete ihren Inhalt auf die Decke; da war die Reiseapotheke… ich brauchte ein Medikament gegen das Fieber, das schreckliche Fieber… und etwas gegen die Spinnen… Nur mit Mühe las ich die Aufschriften auf den Röhrchen und die Beipackzettel. Influenza, Fieber… 1-2 Stück, 3x täglich, Kinder entsprechend weniger… ich schluckte zwei Tabletten, trank einen Schluck Wasser nach. Zum Glück stand das Wasser auf dem Nachttischchen, ich hätte nicht die Kraft gehabt, mir welches zu holen. Wieder sank ich in Schlaf. Und wieder träumte ich von den Spinnen, doch diesmal waren sie nicht in meiner Nähe, sie waren weit, weit entfernt, auf einem anderen Stern; ich sah sie durch ein Fernrohr, wie sie umherkrochen und alles betasteten. Sie waren weit entfernt und winkten mir zu. Was wollten sie von mir? Ich zog das Fernrohr aus, lang, ganz lang, bis hin zu den Spinnen. Und nun begannen sie, durch das Rohr zu mir her zu kriechen… Nein! Nein! Ich will nicht! Wieder erwachte ich, mein Handtuch, in das ich mich gewickelt hatte, war ganz naß, es klebte an meinem Körper. Ich biß die Zähne zusammen. Ich darf nicht krank sein! Mühsam schälte ich das Handtuch von mir, warf es auf den Boden. Taumelte ins Bad, drehte die Dusche an, heiß, so heiß ich es nur ertrug.
Ich wusch mir den Schweiß ab, rieb mich mit einem frischen Handtuch trocken, zog den Schlafanzug an. Ich dachte noch, ich müßte ihn in die Wäsche geben und einen frischen holen… da übermannte mich der Schlaf schon wieder. Diesmal waren keine Spinnen mehr in meinem Traum. Diesmal baute ich ein kompliziertes elektronisches Gerät ich wollte mit einem Satelliten Verbindung aufnehmen, mit einem der vielen tausend Satelliten, die ständig die Erde umkreisten, und ich wußte nicht, mit welchem. Ich sah sie alle mit unbewaffnetem Auge – sie wirbelten durcheinander, umkreisten die Erde in sich schneidenden Bahnen, und ich sollte einen bestimmten herausfinden… Als ich wieder wach war, nahm ich nochmals zwei Tabletten. Ich fühlte mich ein wenig besser, hatte zwar wieder einen typischen Fiebertraum gehabt, aber diesmal schienen mir die Bilder blasser, irrealer gewesen zu sein. Ich läutete, und eine freundliche junge Frau erschien. Ich sagte ihr, ich hätte mich erkältet, vermutlich eine Grippe. Ob sie mir wohl einiges besorgen könnte? Mein Gepäck sei bereits in meinem Urlaubsort, ich hätte es vorausgeschickt aber nun sei ich wohl gezwungen, hier ein paar Tage zu verbringen und brauchte dringend frische Wäsche, Unterwäsche, Hausschuhe und wohl auch einen warmen Mantel, einen Schirm. Ich stellte ihr eine Liste zusammen und gab ihr Geld. Sie versprach, alles so gut wie möglich zu erledigen, wünschte mir baldige Besserung und ging. Wieder allein überdachte ich meine Lage. Keine Frage, daß ich krank war und nicht daran denken konnte, die weite Strecke nach Three Forks zurückzulegen, nicht einmal im Flugzeug. Ich fühlte mich wie zerschlagen, jede Bewegung bedeutete eine Anstrengung, jeder Entschluß fiel mir schwer. Ich begann, meine Reisetasche, deren Inhalt noch immer auf meiner Bettdecke verstreut umherlag, einzupacken. Da waren die Geldpakete, sorgfältig in einen Schal gewickelt und mit Sicherheitsnadeln zugesteckt. Die Reiseapotheke. Die Toilettentasche. Benützte Unterwäsche, ein zerknittertes Hemd, Handschuhe, die noch immer naß waren. Eine Flasche mit Rum, mit aufgestecktem Trinkbecher, Papiertaschentücher, ein Kombimesser.
Mein Rechner (wieso hatte ich den mitgenommen? Na ja, er war schon ein gutes Stück!) und ein dünnes Buch mit astronomischen Tabellen und Daten. Wozu das? Egal, vielleicht war es schon in der Tasche gewesen, als ich sie daheim gepackt hatte. Ich fühlte mich unfähig, über irgend etwas nachzudenken. Ich mußte lächeln, als mir die drei Zonen in meinem Gehirn einfielen. Es gab keine. In meinem Kopf war nur ein einziger, großer nasser Schwamm, in seinen Poren wirbelten Gedanken wie Aufgußtierchen in einem Wassertropfen. Keine Ordnung, keine Zusammenhänge; daran war natürlich das Fieber schuld. Wenn ich wieder gesund war, würde alles so sein wie zuvor, ich würde wieder ein normaler Mensch sein, ein junger Schriftsteller, der in die Berge fuhr, um in Ruhe sein neues Buch schreiben zu können. Gegen Mittag brachte die junge Frau – es war die Etagenaufsicht der Stubenmädchen – meine Sachen. Sie hatte, außer den Dingen, die ich ihr aufgetragen hatte, auch noch zwei warme Pullover, eine Wollmütze und Wollhandschuhe gekauft. Ich dankte ihr und sagte, sie solle sich für den Rest des Geldes irgend etwas kaufen, wonach ihr gerade der Sinn stand. Sie lachte. »Vielen Dank, Mister, mein kleiner Sohn hat in drei Tagen Geburtstag, und er wünscht sich einen Roller.« »Reicht das denn? Ich habe keine Ahnung, was so ein Ding kosten könnte!« »Vielen Dank, ja, das reicht. Wie fühlen Sie sich denn? Was wünschen Sie sich zum Mittagessen?« »Mittagessen? Ich bin gar nicht hungrig, nur Durst habe ich. Was meinen Sie?« »Ich werde Ihnen etwas ganz Leichtes bringen. Und ein paar Flaschen Fruchtsaft, Vitamine können nicht schaden. Aber sollte ich nicht vielleicht doch einen Arzt anrufen? Sie sehen so fiebrig aus!« »Nein danke, mein Fieber ist nicht der Rede wert. Nur ein bißchen erhöhte Temperatur. In zwei Tagen ist alles vergessen, vielen Dank jedenfalls!« Kurz darauf brachte sie gemeinsam mit dem Zimmerkellner ein Bettischchen, Hühnersuppe, Eischaum und ein Gebäck sowie einen übervollen Obstteller. Mehrere Flaschen verschiedener Fruchtsäfte folgten.
Als die beiden gegangen waren, versuchte ich etwas zu essen, aber ich brachte nur mit Mühe ein paar Löffel Suppe hinunter. Ich fühlte, wie das Fieber stieg, das Zimmer schien von rosigen Nebeln erfüllt, und die Spinnen im Tapetenmuster tanzten. Ich schlief wieder ein und erneut träumte ich von dem langen, langen Fernrohr; ich hatte einen Apparat konstruiert und versuchte nun, das Rohr daran zu befestigen; wenn schon die Spinnen durch das Rohr kamen, sollten sie wenigstens in den Apparat kriechen, nicht auf mein Auge zu… Da war auch der Zimmerkellner, der schmuddelige aus dem ersten Hotel; er goß Fruchtsaft in den Apparat und sagte, das sei sehr gesund, wegen der Vitamine… Ich lag in der Wüste, bis zum Hals eingegraben in den honiggelben Sand, die Sonne glühte auf mich herunter, nirgends war Schatten, nur hinter meinem Apparat… ich mußte versuchen, in den Schatten zu kriechen, aber ich konnte mich nicht bewegen, der Sand auf mir war so schwer… Mit einem Schrei erwachte ich, stieß die Decken von mir und saß schwer atmend im Bett. Mein Puls jagte und peitschte das Blut durch die Adern. Eine kühle Dusche, das war’s, was ich brauchte! Wenn mich nur meine Beine trugen… Als ich wieder zu mir kam – ich hatte das Gefühl, als seien Jahre vergangen – war mir relativ wohl, meine Gedanken schienen wieder klar zu sein. Ein Fremder saß an meinem Bett, eine Hand an meinem Puls, in der anderen eine altmodische Taschenuhr. Ein Arzt! Ich wußte es sofort, obwohl ich noch nie einen zu Gesicht bekommen hatte. Im selben Augenblick war ich erfüllt von Angst und Schrecken. Was war geschehen? Wieso hatte jemand einen Arzt geholt? »Na, na, alles mit der Ruhe!« Eine warme, gute Stimme. Ein älterer Mann, bärtig, mit ledriger Haut und struppigen Brauen über vergnügt blinzelnden Äuglein. »Da sind wir ja wieder. Und alles ist in Ordnung, nur keine Aufregung, alles wird wieder gut!« »Was ist… wieso…«, stammelte ich mit krächzender Stimme. »Bin ich krank?« »Kann man wohl sagen. Eine Grippe von der saftigsten Art! Wann
hatten Sie denn zuletzt eine?« »Weiß nicht. Noch nie, glaub ich.« »So so. Na ja, das sind diese Impfungen, ich kenn das ja. Aber wenn’s einen dann mal erwischt, dann haut’s einen um. Ein modifiziertes Virus, das lacht bloß über den Impfstoff. Wir erwischen es kla-rerweise auch – aber dann ist schon wieder ein neues da. Nun, ich hab Ihnen eine Spritze gege-ben. Morgen und übermorgen kriegen Sie noch mal eine und dann ist alles vorbei. Und jetzt schlafen Sie schön! Und morgen zum Frühstück essen Sie brav, was man Ihnen bringt. Sie müssen doch bei Kräften bleiben!« Ich schlief lang, tief und traumlos. Ich aß Haferbrei und Weizenkeimlingsbrot und einen geriebenen rohen Apfel. Und schlief wieder. Und aß Hühnersuppe, einen Getreidebrei und Kompott. Ich bekam eine Spritze. Ich trank Tee und aß Biskuit und Orangen und schlief wieder ein. Ich begann mich wieder wohl zu fühlen; noch waren meine Glieder schwer, und ich war sehr müde und schwach, aber nichts tat mir mehr weh, und keine Träume quälten mich. Als der Arzt mir die dritte Spritze verabreicht hatte, sagte er munter: »So, und jetzt setzen wir uns mal auf, ich möchte Sie abhorchen!« Wieder durchfuhr mich der Schrecken. Nein, das nicht! Keine Untersuchung! »Ach bitte, nicht heute schon, ich bin noch so schwach, lassen Sie mich doch liegen und schlafen. Ich fühle mich schon sehr gut, mir fehlt nichts mehr, nur müde bin ich. Bitte!« Der Arzt sah mich kopfschüttelnd an. »Was haben Sie denn? Eine Untersuchung tut doch nicht weh! Aber ich hab Sie damals, als Sie Frau Stevens auf dem Boden liegend fand, nur sehr oberflächlich untersuchen können und, das muß ich Ihnen ganz offen sagen, mir hat an Ihnen einiges nicht gefallen! Sie sollten sich überhaupt einmal in einer Klinik ordentlich durchuntersuchen lassen! Ich, mit der lächerlichen Ausrüstung hier«, er klopfte auf die Tasche, die neben ihm am Boden stand, »ich kann nicht viel sagen. Nur soviel, daß Sie nicht in Ordnung sind.«
Ich nickte. »Wahrscheinlich haben Sie recht. Ich werde mich einmal gründlich untersuchen lassen. Aber nicht jetzt, nicht, solange ich mich noch so schwach fühle!« »Meine Untersuchung dauert doch nur ein paar Minuten, kommen Sie schon!« »Nein, nicht heute. Es kostet mich zu viel Anstrengung. Sagen wir morgen oder übermorgen, einverstanden?« »Das bedeutet noch einen Besuch; ich bin zwar der Hotelarzt, aber eine Visite kostet immerhin 35 bei mir!« »Das ist schon in Ordnung. Sagen wir also übermorgen um dieselbe Zeit, ja? Bis dahin habe ich mich schon soweit erholt, daß es mir nichts mehr ausmacht. Einverstanden?« »Des Patienten Wille ist sein Himmelreich!« Kopfschüttelnd packte er seine Sachen zusammen. »Also dann erholen Sie sich gut! Und trinken Sie reichlich. Sie haben viel Flüssigkeit ausgeschwitzt, das muß ergänzt werden.« Im Hinausgehen winkte er mir zu. Lebe wohl, sagte ich in Gedanken. Lebe wohl, wir sehen uns bestimmt nie mehr wieder! Den folgenden Tag verschlief ich größtenteils; ich hatte wieder Appetit und aß alles, was mir Frau Stevens brachte. Sie hatte offenbar vom Arzt Anweisungen erhalten, denn ich bekam eine Art Schonkost, keine Steaks, keinen gebratenen Speck, dafür aber zarte Hähnchen und wunderbare Filets von frisch gefangenen Fischen. Am Morgen des zweiten Tages war ich bereits angezogen, als sie mir das Frühstück brachte. »Das ging aber rasch!« begrüßte sie mich. »Fühlen Sie sich denn schon wieder so gut? Sie dürfen aber keinesfalls ausgehen, nicht bei dem Wetter!« »Nein, nein«, log ich. »Aber ich habe keinen Schlafrock und möchte doch im Zimmer ein bißchen Bewegung machen. Also hab ich mich angezogen.« Schade, ich hätte mich gerne von ihr verabschiedet, sie war so nett und hilfsbereit gewesen. Nach dem Frühstück zog ich einen Pullover und den warmen Mantel an, verstaute den Rest meiner neuen Kleider in einem Plastiksack und verließ das Zimmer. In der Nische vor der Tür wartete ich, bis der Lift zufällig in meinem Stockwerk hielt. Eine dicke Frau mit allerlei Päckchen beladen stieg aus. Ich stieg
ein. Niemand vom Personal hatte mich gesehen, das war die Hauptsache. Meine Rechnung, die ich schon vor dem Frühstück telefonisch bestellt hatte, war fertig. Ich vergewisserte mich, daß auch die Arztkosten enthalten waren, und zahlte. Für Frau Stevens hinterließ ich einen Umschlag mit einem reichlichen Trinkgeld und einer Karte, auf der ich mich bedankt und ihr alles Gute gewünscht hatte. Ich teilte ihr auch mit, ich hätte eben eine Nachricht von einem Todesfall in der Familie erhalten und müsse augenblicklich aufbrechen. Das vom Portier bestellte Taxi wartete bereits. Und damit war ich wieder unterwegs. Und nicht als Schriftsteller, der um zu arbeiten in die Berge fuhr, das mußte ich mir immer wieder vorsagen, ich war kein freier Mensch, ich war R 14, ein Spion auf der Flucht! Doch ich fürchtete mich nicht mehr vor Verfolgern, niemand hatte sich gezeigt, man hatte gewiß meine Spur verloren, suchte mich vielleicht, wenn überhaupt, in New York. Vor einem Reisebüro verließ ich das Taxi. Ich erkundigte mich nach der besten und raschesten Verbindung nach Three Forks. Die Dame am Schalter mußte erst nachsehen, wo der Ort mit dem komischen Namen lag. Dann sagte sie, indem sie flink mit dem Finger über einen Flugplan huschte: »Um elf Uhr dreißig geht ein Maschinchen nach Missoula. Von dort aus weiter per Bahn. Soll ich den Flug gleich buchen?« »Das sind dann ja noch immer knappe 300 km mit der Bahn, gibt’s denn keinen Flugplatz in der Nähe?« »Nicht dort, wo die Füchse Gute Nacht sagen! Three Forks liegt am Ende der Welt, da muß man schon für die Eisenbahn dankbar sein!« Ergeben nickte ich. »Also gut, buchen Sie!« »Ein Retourbillet, nicht wahr?« »Nein, einfach bitte. Ich weiß noch nicht, wie und wann ich zurückfahre.« Ich sah es ihr an, sie wunderte sich, daß ein Mensch ans Ende der Welt fahren konnte und wenn schon, daß er dann nicht augenblicklich wieder kehrtmachte.
Doch Three Forks war keineswegs das verschlafene Nest, als das ich’s mir vorgestellt hatte. Flug und Bahnfahrt waren ereignislos verlaufen; ich fühlte mich noch immer sehr schwach und schlief viel. Das Wetter hatte sich gebessert. In Seattle hatte es bei meinem Abflug gegossen – ob noch immer oder schon wieder, konnte ich nicht sagen. In Missoula war es bewölkt und windig gewesen, und hier schien nun eine milde Herbstsonne, die Laubbäume begannen sich ein wenig zu verfärben, die Bergwiesen leuchteten golden. Ein Taxi brachte mich nach Blue Springs. Der Ort bestand nur aus drei Hotels, etlichen Fremdenpensionen und mehreren Farmhäusern, die in der Landschaft verstreut waren. Die Kusine meines Freundes Burton begrüßte mich wie einen alten Bekannten. »Ach da sind Sie ja endlich Mister Baker. Burdie hat mir schon ‘ne Menge von Ihnen erzählt. Erst gestern hat er wieder angerufen, ich glaub, er hat sich schon gewundert, wo Sie steckten! Ihre Koffer sind schon vor ‘ner Woche gekommen. Burdie hat sie aber auch per Expreß aufgegeben, wissen Sie, das ist schon sicherer, die normale Post ist manchmal recht schläfrig, und ich glaub, es wird da auch alles mehr rumgeschmissen, oft kommt etwas ganz zerfleddert an…« Sie redete ununterbrochen, während sie mich hinaufführte und mir das Zimmer zeigte. Und sie sagte immer ›Burdie‹, ganz weich, es klang, als spräche sie von einer Angorakatze. Ich kam kaum zu Wort. Als sie hörte, ich sei von einer Grippe unterwegs aufgehalten worden, erzählte sie mir augenblicklich von einer Grippe, die sie vor zwei Jahren gehabt hatte, von der Grippe, die einer Bekannten fast das Leben gekostet hatte, von dem Arzt, der hier einmal die Woche in einem Bus ordinierte, von der gesunden Luft in den Bergen, von dem Klima, das, vom Winter abgesehen, sehr mild war, von Ozon und Vitaminen und zehntausend anderen Dingen. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine derart redselige Person kennengelernt. Ich konnte sie nur dadurch loswerden, indem ich sagte, ich sei von der Fahrt sehr ermüdet, von der Grippe wohl auch noch geschwächt, und ich müsse jetzt unbedingt ruhen. Das war nicht einmal gelogen. Ich fühlte mich wirklich noch immer sehr schwach und wäre am liebsten ins Bett gekrochen. Allein, ich
mußte erst auspacken. Miß Hamilton, so hieß meine Wirtin, hatte mich als ›Mister Baker‹ begrüßt; das ließ mich hoffen, daß Burton für mich Papiere besorgt hatte, die auf Baker lauteten. Hoffentlich hatte er sie meinem Gepäck beigelegt. Ich schnürte ein Paket auf, in dem sich meine Umhängtasche befand; den Inhalt schüttete ich auf den Boden und wühlte alles durch. Nichts. Jetzt der Koffer – ich verfuhr ähnlich, kippte den Inhalt auf den Teppich und durchsuchte ihn. Wieder nichts. Natürlich, Burton würde falsche Papiere doch nicht einfach obenauf legen! Tatsächlich, da war etwas unter dem Kofferfutter, mit dem Boden so verklebt, daß man es fast nicht spürte. Ich riß das Futter auf und zog ein flaches Couvert heraus. Ein Brief von Burt, und ein Reisepaß! Ein Paß mit meinem Bild auf den Namen Benjamin Baker ausgestellt. Ausgerechnet Benjamin! Na, egal. Dann entfaltete ich den mit Maschine eng beschriebenen Brief. Er lautete: Lieber Chip, geb’s Gott, daß Dich das alles heil und wohlauf erreicht, ich bin gar nicht sicher, ob es uns gelang, Deine Sachen unbemerkt aus dem Haus zu schmuggeln. Das mit dem Taxi und dem Portier war ja eine Schnapsidee; eine Freundin von Jackie hat’s rausgebracht und aufgegeben. Hier ist der Teufel los. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie man hinter Dir her ist. Seit Deinem Verschwinden sind alle überzeugt, daß Du bei dem Diebstahl die Hand im Spiele hattest. Hattest Du? Ich hoffe nicht. Ja, man hat in der Militärischen Forschungsstation eingebrochen und Formeln und Pläne entwendet, wovon, weiß ich nicht. Das war noch vor meiner Verhaftung – daher also die ganze Aufregung. Ich glaube, man verdächtigt Dich nicht des Einbruches selbst (Du wurdest damals schon beschattet), aber man nimmt an. Du bist ein Mittelsmann oder der Auftraggeber selbst, und die Pläne sollen außer Landes gebracht werden, von Dir oder einem anderen. Bitte, laß es mich irgendwie wissen, ob Du damit etwas zu tun hast! Und ob es Dir gut geht – ich wage
nicht mehr, bei Büri (Miß Hamilton) anzurufen. Erstens sind die Anrufe bei ihr immer schrecklich teuer, weil sie ja kein Ende finden kann, und dann weiß ich nicht, ob mein Telefon sauber ist. Bislang habe ich vom Apparat von Jackies Freundin angerufen, aber auch das wage ich nicht mehr, ich möchte nicht noch jemanden hineinziehen. Erinnerst Du Dich an jene Person, die wir im Drugstore trafen, als wir uns wegen dem Bier beschwerten? Vielleicht schreibst Du ihr mal. Ja, man hat uns nach Deinem Verschwinden verhört, Jackie und mich. Ein Segen, daß wir die Nacht in großer Gesellschaft zugebracht hatten und also reichlich Zeugen für unsere Abwesenheit beibringen konnten. Man hat ja angenommen, Du hättest das Haus bereits in der Nacht verlassen. Klar, niemand konnte annehmen, daß Du in einer knappen Minute angezogen und verduftet sein konntest. Und der Kerl, der unten den alten Blister bewachen sollte, behauptete, ihn nicht aus den Augen gelassen zu haben. Das mußte er wohl sagen, sonst hätte man ihn gefeuert. Blister erzählte mir aber, er hätte die hübschen Mädchen auf den Titelseiten der Magazine betrachtet, am Kiosk; Du weißt schon. So weit, so gut. Noch am Vormittag Deiner Abreise kam Jackies Freundin und holte Dein Gepäck ab. Sie behielt es bei sich, bis ich den Paß hatte; wir fürchteten ja, man würde meine Wohnung durchsuchen, doch dem war nicht so. Sie suchten nur nach Deiner Person, nicht nach Deinem Gepäck. Wer nimmt aber auch bei einer Flucht Gepäck mit? Ich verstehe nicht mal ganz, warum Du es getan hast, höchstens, daß sich Bibi gewundert hätte, wenn Du nur mit einer Tasche in der Hand gekommen wärst. Bei Bibi mußt Du übrigens vorsichtig sein. Sie redet entsetzlich viel und ist auch neugierig, schließlich ist sie ja immerzu auf Suche nach Gesprächsstoff. Du darfst auch nichts im Zimmer liegen lassen, was sie nicht sehen soll – sie sieht einfach alles Und beim Anblick eines Kärtchens, wie Du eines hier auf dem Schreibtisch hattest, würde sie glatt aus den Latschen fallen. Aber sonst ist sie eine gute Seele; Du kannst von ihr fast alles
haben. Leb wohl, ich werde versuchen, mit Dir in Verbindung zu bleiben. Und halte die Augen offen! Ich hoffe sehr, die Aufregung hier wird sich bald einmal legen. Trotzdem, riskiere nichts und telefoniere nicht von zu Hause. Bibi hört mit, nur so, aus Interesse! Es folgten mit schwer leserlicher Handschrift gekritzelte Grüße und die Unterschrift. Ich verbrannte den Brief sofort und spülte die Asche im WC hinunter. Den Paß legte ich auf den Schreibtisch, die echten Papiere verbarg ich sorgfältig in der Reiseapotheke. Dann duschte ich ausgiebig und warf mich aufs Bett. Minuten später war ich eingeschlafen. Als ich erwachte, dunkelte es bereits. Aber ich fühlte mich frischer, fast wieder so wohl wie einst in meinem gemütlichen Heim in Bensville. Ich duschte noch einmal, zog frische Wäsche an und holte meine echten Papiere wieder hervor. Die mußte ich als erstes loswerden – aber so, daß ich sie wiederbekam! Wenn Miß Hamilton wirklich so neugierig war, konnte ich sie keinesfalls hier im Zimmer lassen, aber wo sonst? Ich steckte sie einstweilen zu mir und beschloß, noch einen Abendspaziergang zu machen. Auf alle Fälle war es wichtig, die Umgebung zu erkunden. Jetzt war es kühler geworden, ich vertrug den warmen Mantel, den mir Frau Stevens gekauft hatte, sehr gut. Morgen mußte ich mir feste Schuhe besorgen, die leichten, die ich jetzt trug, waren für Wanderungen nicht geeignet. Auch andere Hosen wollte ich mir kaufen, derbe Strümpfe und ein kariertes Hemd und vielleicht einen Anorak. Ich ging ziellos durch den kleinen Ort, der sich, so schien es zumindest, schon anschickte, einzuschlafen. Alle Läden waren geschlossen, in den nur sparsam erhellten Cafes saßen die wenigen Gäste lustlos vor den Marmortischchen und rührten in ihren Tassen oder lasen Zeitung. Ein kühler Wind strich durch die Gassen und spielte mit den ersten welken Blättern. Ich entdeckte eine Art Plakatwand mit einer großen, schauerlich bunten Landkarte der Umgebung. Es war aber nicht eine Karte im
üblichen Sinn; in dem himmelblauen Flüßchen schwammen riesige Fische, da und dort standen Kirchen, auf den Wiesen Kühe und am Waldrand muntere Rehlein. Die Berge trugen weiße Gipfel, das Weiß war nach unten durch einen gezackten Rand abgeschlossen. Noch nie hatte ich etwas derart Lächerliches gesehen. Doch es bot natürlich auch Information. Die Wege waren eingezeichnet, je nach der Markierung in bunten Streifen, Punkten oder Kreuzen. Ein rot punktiertes Weglein schien in die Berge zu führen… entsetzt las ich die Höhenangaben, bis mir einfiel, daß man hier, ›am Ende der Welt‹, wohl noch die im vorigen Jahrhundert üblichen Fußeinheiten benützte. Ein Waldstreifen reichte von einem Ende der Tafel bis zum anderen. Wenn man der Karte Glauben schenken durfte, war er reichlich mit Wild bevölkert. Nun, morgen würde ich mir eine gute Wanderkarte besorgen. Als ich in die Pension zurückkehrte, sah ich, daß das Abendessen bereits aufgetragen wurde. Aß man denn hier schon so entsetzlich früh? Bei meinem Anblick ließ Miß Hamilton alles liegen und stehen, zog mich in das Eßzimmer und stellte mich den anderen Gästen vor. Sechzehn Personen, darunter zwei Kinder. Ich ließ es über mich ergehen wie ein Regenwetter. Das Essen war, wider Erwarten, durchaus genießbar, der Nachtisch sogar köstlich. Ich lobte es und ließ der Köchin ein Trinkgeld schicken, auch das Serviermädchen bekam, etwas. Damit hatte ich mir bereits zwei Freundinnen in diesem Hause geschaffen. Das weitere Personal bestand aus einem alten Hausdiener, der hinkte (er war in Vietnam gewesen, erzählte mir Miß Hamilton, die übrigens vom Personal respektlos Hami genannt wurde), einem Küchenmädchen und einer Frau mittleren Alters, die aufräumte, die Wasch- und Bügelautomaten bediente und sich um den Gemüsegarten kümmerte. Ich beschloß, mir nach und nach die gesamte Belegschaft zu verpflichten, es war ja so einfach und man konnte nicht wissen, wozu es gut war. An diesem ersten Abend beteiligte ich mich nicht am gemeinsamen Fernsehen oder an der Kartenrunde. Ich ginge ins Bett, sagte ich; Hami würde wohl sogleich von meiner eben erst überstandenen
Krankheit berichten und auch sonst alles, was sie von mir wußte. Hoffentlich machte sie mit ihren Erzählungen nicht irgend jemand auf mich neugierig; da war doch eine Miß Kelvin gewesen, die hier auch einen Rekonvaleszenzurlaub verbrachte und die mich beim Essen immerfort angesehen hatte… Und auch der eine Junge, der mich gleich gefragt hatte, ob ich ein richtiger Schriftsteller sei… und ich hatte mir’s nicht verkneifen können, todernst zu sagen, nein, ein falscher… Ach verdammt. Wahrscheinlich war dieses Fremdenheim doch keine ganz so gute Idee gewesen! Am nächsten Morgen stand ich sehr zeitig auf und packte meinen Rucksack. Einen Teil des Geldes, warme Kleidung, den Regenmantel und die Campingausrüstung. Dann schlich ich in die Küche und begrüßte die freundliche Köchin mit Verschwörermiene. Ich wolle eine Wanderung machen, aber allein – ob sie mir wohl ein Lunchpaket richten könne? Sie lächelte. »Versteh schon, die Miß Kelvin hat Sie im Visier! Der Lehrer ist letzte Woche abgereist, mit dem ist sie immer in die Berge gezogen; und sonst sind ja nur ältere Leute hier, aus denen macht sie sich nichts.« Sie packte mir Essen für eine Woche ein. Als ich protestierte, ich wolle doch am Abend wieder zurück sein, meinte sie nur, die frische Luft mache hungrig, und ich sei ohnedies zu dünn. Ich frühstückte in der Küche, und als ich das Ehepaar Hopkins die Stiege herunterpoltern hörte, warf ich der Köchin eine Kußhand zu und machte mich durch den Kräutergarten davon. Sobald die Läden geöffnet hatten, besorgte ich mir Wanderkleidung, feste Schuhe und eine gute Karte. Die alte Kleidung ließ ich mir einpacken und ins Fremdenheim schicken. In einem Lebensmittelladen, auf dessen Eingangstür ein großes Schild prangte und ›Reiseproviant bester Qualität verkündete, kaufte ich allerlei Konserven, Zwieback, Kekse, Schokolade, Tee und Kaffee, Streichhölzer und Kerzen. Ich ließ mir alles in zwei großen Plastiksäcken verstauen, die ich außerhalb des Geschäftes in meinen Rucksack packte. Der war jetzt randvoll und ich konnte nur hoffen, keinen Bekannten zu begegnen, denn so bepackt würde mir niemand mehr glauben, daß ich nur eine Tagestour machen wollte.
Doch das Glück blieb mir treu, ich sah kein bekanntes Gesicht; bald hatte ich das Dörfchen hinter mir gelassen, vor mir lag der Waldgürtel, und jenseits ragten die Big Belt Mountains in das tiefe Blau des Herbstmorgens. Der würzige Duft des Bergthymians lag in der Luft, eine leichte Morgenbrise rauschte in den Nadelbäumen des nahen Waldes. Wo waren die Rehlein? Mit raschen Schritten und ruhigen, tiefen Atemzügen wanderte ich den überreich markierten Weg entlang und dachte an die vielen Wanderungen, die ich gemeinsam mit meinem Freund Burton in der Umgebung von Bensville gemacht hatte. Es kam mir vor, als hätte sich das alles in einem anderen Leben abgespielt, unsere Ausflüge, die angeregten Diskussionen, die Schachpartien – ja überhaupt meine Vergangenheit in Bensville. Jenseits des Waldes wand sich der Weg durch ein tief eingeschnittenes Tal, unmittelbar neben einem fast ausgetrockneten Bachbett. Hier mußte es lange nicht geregnet haben. Je höher ich kam, desto flacher wurde das Tal; es endete in einem von Felsbergen umschlossenen Kessel, auf dessen Almen Schafe weideten. Nun zog ich die Wanderkarte zu Rate. Ich suchte ein Gebiet, das nicht zu hoch liegen und von möglichst wenigen Wegen durchzogen sein sollte. Es gab mehrere solche, und mir blieb nichts übrig, als zumindest die nächstgelegenen drei zu erforschen. Leider mußte ich in jedem Fall mehr oder minder hohe Pässe überwinden, und so nahm meine Suche fast den ganzen Tag in Anspruch. Die Sonne stand schon tief, als ich endlich gefunden hatte, was ich wollte: einen bewaldeten Talkessel mit mehreren Ausgängen, doch weglos. Der Wald hatte noch nie Holzfäller gesehen, wahrscheinlich kam der Transport der Stämme zu teuer; also gab es umgestürzte Baumriesen und Fichtendickicht in jeder Menge. Ich packte nun alles, was ich nicht brauchte, in die beiden Plastiksäcke, alles an haltbaren Lebensmitteln, an warmer Kleidung und Campingzeug. Die Säcke versteckte ich im Dickicht, bedeckte alles mit Moos und machte mich in großer Eile auf den Heimweg. Trotzdem war es schon dunkel, als ich das Dörfchen erreichte, acht Uhr vorbei, das Abendessen längst vorüber.
Im Fernsehen schien ein Lustspiel gegeben zu werden, ich hörte die Gäste lachen. In der Küche rumorte Frau Ann (ihren ganzen Namen kannte ich noch nicht), wahrscheinlich räumte sie das Geschirr aus der Spülmaschine. Ich schlich nach oben, warf meinen nahezu leeren Rucksack ins Zimmer, dann erst ging ich in die Küche. »Guten Abend, Ann!« rief ich in der Tür. »Können Sie mir verzeihen? Ich hab mich schrecklich verspätet, aber der Sonnenuntergang war so herrlich, und der Heimweg dauerte dann länger als gedacht.« Sie machte ein böses Gesicht, aber so, daß man gleich wußte, sie meinte es nicht ernst. »Der verlorene Sohn, das hab ich gern! Das Kalb, das wir Ihnen zu Ehren geschlachtet haben, ist aufgegessen – von den anderen, wie Sie sich denken können. Für Sie hab ich da nur noch ein paar Knochen im Rohr!« Die ›Knochen‹, die sie mir warmgestellt hatte, entpuppten sich als saftiges Schulterstück mit Kartoffelpüree und jungen Erbsen. »Danke, Ann, Sie sind ein Engel! Wie recht Sie hatten, als Sie mir sagten, die Bergluft mache hungrig!« Sie deckte mir am Küchentisch, brachte auch noch Salat und einen Pudding, der allein drei Personen satt gemacht hätte; dann fragte sie, ob ich lieber Wein, Fruchtsaft oder Mineralwasser hätte. Ging’s mir nicht gut? Die ›Waldesruh‹ in Blue Springs war doch eine prima Idee gewesen. Ich aß alles auf; kein Wunder, hatte ich mir doch mittags kaum Zeit genommen, ein paar Bissen im Gehen zu mir zu nehmen. Aber das wußte die gute Ann natürlich nicht, sie nahm wohl an, ich hätte auch noch all das aufgegessen, was sie mir am Morgen eingepackt hatte. Nach dem Essen plauderte ich mit Ann, bis drüben das Fernsehstück aus war, und Miß Hamilton in die Küche kam. Sie begrüßte mich, als sei ich wochenlang weg gewesen; erst nach einigen Minuten gelang es mir, ihren Redefluß zu unterbrechen und von meiner Bergtour zu berichten, von dem wunderbaren Sonnenuntergang… Ich sagte auch, beim Wandern kämen mir die besten Ideen für mein Buch, die Bergeinsamkeit rege meine Phantasie vorteilhaft an… (Dies in der Hoffnung, sie würde natürlich
alles den anderen Gästen wieder erzählen, und das würde dann vielleicht Miß Kelvin davon abbringen, mich begleiten zu wollen.) Endlich wieder in meinem Zimmer, schrieb ich an Burton. Lieber Burdie! Ich hoffe, Du weißt, daß das in diesem Hause Dein Name ist. Alles ist bestens, das Gepäck habe ich gut und vollständig erhalten. Deine Idee war ausgezeichnet. Leider hatte ich eine schwere Grippe unterwegs, in einer Stadt im Nordwesten. Das war das einzige Unglück, das mir auf meiner langen Reise zustieß. Was die Ursache all der Aufregungen daheim betrifft, so kann ich Dir versichern, daß ich nichts, absolut nichts damit zu tun habe. Ich kann es nicht beweisen, ich kann Dir nur mein Wort geben. Ich lege diesem Schreiben 500 bei und bitte Dich sehr, mir noch einmal so etwas zu besorgen und es nach Livingston zu senden, postlagernd. Nur vorbeugend, für alle Fälle, falls Mister Baker nicht sicher ist. Hier ist alles so friedlich, es geht mir wunderbar, und ich beginne, übermütig zu werden. Das sollte ich wohl nicht und, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, beuge ich vor. Ich kann nur hoffen, daß der Spuk bald einmal vorüber sein wird – ich hoffe es, kann aber nicht daran glauben. Grüße Jackie von mir. Und, unbekannterweise, auch ihre Freundin. Lebe wohl, alter Junge, und freue Dich alle Tage, daß Du nicht in meiner Haut steckst. Ben Ich legte das Geld bei und verschloß den Brief. Ich adressierte ihn an unsere gemeinsame Bekannte, eine alte Dame, die früher einmal für eine Zeitung geschrieben hatte und deshalb mit Burt bekannt war. Der nächste Morgen war wiederum wolkenlos und relativ warm; ich frühstückte gemeinsam mit den anderen, ließ mir aber für das Mittagessen wieder ein Lunchpaket richten. Ich hatte allen erzählt, ich arbeite an dem Entwurf für einen neuen Roman, und so ließ man mich in Frieden. Diesmal fuhr ich mit dem Bus nach Livingston, übrigens eine lange
und ermüdende Fahrt auf schmalen Straßen, die sich durch die Berge winden. In Livingston gab ich den Brief auf und erkundigte mich wegen postlagernder Sendungen; ich erfuhr, daß solche, wenn sie nicht binnen 14 Tagen abgeholt würden, an den Absender zurückgingen. Ein Zehner überzeugte den Beamten, daß man im Falle eines Mister Baker eine Ausnahme machen konnte. Er versprach, falls ein Brief für mich käme, diesen aufzuheben, bis ich ihn holte, egal, wie lang es dauerte. Dann kaufte ich noch zwei warme Decken und einen Metakocher, ein winziges Ding, mit Trockenspiritus zu betreiben. Das alles brachte ich wieder in meinem Rucksack unter. Auf einer Bank in der Sonne verzehrte ich einen Teil der Sachen, die mir Ann mitgegeben hatte, kalten Braten, Toast und Obst. Dann begab ich mich wieder zur Busstation und wartete auf eine Möglichkeit zur Heimfahrt. Diesmal kam ich schon am Nachmittag wieder in Blue Springs an, konnte gemeinsam mit den anderen den Tee zu mir nehmen und natürlich auch das Abendessen. Man fragte mich, wie es mit dem Buch vorwärts ginge, und ich erwiderte, ich sei ja noch in den Anfängen, aber der Entwurf mache gute Fortschritte. Am folgenden Tag stand ich wieder sehr früh auf und ging diesmal direkt zu meinem Versteck. Unter einem gestürzten Baum, einer breitkronigen Föhre, richtete ich mir ein Lager aus Fichtenreisig und Moos und überdachte es mit Rindenstücken. Meine Vorräte, die Decken und die Campingausrüstung verbarg ich an anderer Stelle. Der Weg hierher hatte mich bei gutem Marschtempo drei und eine halbe Stunde gekostet. Sollte ich einmal fliehen müssen, würde ich es auch in knappen drei Stunden schaffen, vorausgesetzt, es war nicht stockdunkle Nacht. Da ich noch Zeit hatte, erforschte ich die drei anderen Ausgänge dieses Kessels. Der eine, nördliche, war ein gut gebahnter Wildwechsel, der über einen kleinen Paß in einer höher gelegenen, nur von Legföhren bestandenen Trichter führte, von dem aus es nicht weiter ging. Blieben also die beiden anderen Ausgänge, nach Ost und Ostsüdost, zwei steinige Pässe, die nur durch einen schmalen, steilen Felsrücken getrennt waren. Jenseits des letzteren entsprang in einer
grasigen Mulde ein Rinnsal, ein handbreites Bächlein, das jenseits dieser langgestreckten Senke in einer Schlucht verschwand. Ich dachte mir, wo das Wasser seinen Weg findet, werde wohl auch ich durchkommen; gleichzeitig beschloß ich, ein Seil zu kaufen, sobald ich Gelegenheit dazu fand. Der Weg über den mittleren Paß erwies sich als Kletterei, mühsam, aber nicht unmöglich. An diesem Abend war ich wiederum zeitgerecht in der Pension, so daß ich am gemeinsamen Abendessen teilnehmen konnte. Ich schlief herrlich in dem Bewußtsein, nun alles vorbereitet zu haben, sollten, wider Erwarten, meine Gegner doch noch auftauchen. Die nächsten Tage verbrachte ich wiederum in den Bergen, allerdings ganz woanders, viel weiter im Norden. Ich gab mir Mühe, von Hirten und anderen Wanderern gesehen zu werden, benahm mich mitunter auffällig und ›legte eine Spur‹ nach Norden. Das Wetter war noch immer traumhaft, die Tage warm, die Nächte allerdings manchmal schon empfindlich kühl. Doch das machte mir in meinem warmen Bett ja nichts aus. Einmal rief auch Burton an – ich wagte nicht zu fragen, von wo aus. Er hatte eine Zeit gewählt, wo er wußte, daß seine Kusine wegen Besorgungen außer Haus war; Ann hatte abgehoben und mich dann an den Apparat gerufen. Er faßte sich sehr kurz: »Hab deinen Brief erhalten, morgen schicke ich das Verlangte ab. Fühle dich nicht zu sicher, das hier ist eine ernste Sache, und sie geben nicht auf. Ich laß wieder von mir hören. Bei dir was Neues?« Ich antwortete ebenso kurz: »Nichts Neues, alles okay. Hab vielen Dank für alles!« Damit legte ich auf. Zwei Tage waren mir noch vergönnt, zwei wunderbare, wolkenlose Tage. Ich verbrachte sie wie stets in den Bergen. Als ich am späten Nachmittag des zweiten Tages vor den Waldrand trat und zum Dörfchen hinunterblickte, sah ich sofort, daß etwas nicht stimmte. Zwei gleichartige, dunkelgraue Ford-Limousinen standen vor der Pension, vor und hinter dem Haus ein Polizist in Uniform, einige weitere in Zivil umstanden eine große, grauhaarige Person, es mußte Hami sein. Sie redete (vermutlich) wie ein Wasserfall, immer wieder deutete sie in die Berge.
Ich stand starr wie ein Stück Holz und beobachtete das Treiben vor dem Haus. Endlich gingen die Männer in Zivil hinein, die Uniformierten blieben, wo sie waren. Ich zog mich ins Innere des Waldes zurück. Hatte ich etwas im Zimmer zurückgelassen, was mich verraten konnte? Nein. Und etwas, was ich unbedingt brauchte? Auch nicht. Mein Seil, die Apotheke, Wasch- und Rasierzeug, mein falscher Paß, das restliche Geld, die neue Taschenlampe… Ich ging alles in Gedanken durch und fand, mir sei kein Fehler unterlaufen. Dafür hatten meine Gegner Fehler gemacht! Schon dadurch, daß sie ›während der Amtsstunden‹ versucht hatten, mich zu überrumpeln und auch dadurch, daß sie hier so auffällig ankamen, anstatt das Haus von einem Beamten, der mich kannte, erst beobachten zu lassen. (Ich erfuhr später, daß ich meine Freiheit in der Tat nur dem Übereifer der Beamten in Three Forks zu verdanken hatte, die dem FBI beweisen wollten, wie tüchtig sie waren. Mein Fall war ja mittlerweile auch ein FBI-Fall geworden, hatte ich doch mehrfach Grenzen überschritten.) Ich war schon spät dran, wollte ich noch vor Einbruch der Dunkelheit mein Versteck erreichen, zumal wenn ich Umwege machte. Doch auf diese wollte ich nicht verzichten, schon weil der Weg nach Norden unmittelbar an einem Farmhaus vorbeiführte, wo man mich mittlerweile kannte. Ich erreichte das Farmhaus nach einem etwa halbstündigen Marsch; als ich sicher war, daß mich zumindest zwei Personen von weitem gesehen hatten, begann ich, mich auffällig zu verbergen, umging das Haus in einem Bogen, hinter Zäunen Deckung suchend. Dann hastete ich weiter nach Norden, sicher, daß alle mir nachstarrten und sich wunderten, was ich da oben trieb. Der Umweg hatte länger gedauert, als ich erwartet hatte, obwohl ich, kaum außer Sicht der Bauersleute, mich nach Südost wandte und mit raschen Schritten meinem Versteck zustrebte. Von hier aus mochte es noch gut drei Stunden dauern, bis dahin aber war es stockdunkel. Der Mond war im Abnehmen und würde erst gegen Mitternacht aufgehen. Sollte ich es wagen, das letzte Stück im blassen Sternenschein, bei vorsichtiger Benützung meiner Taschenlampe zurückzulegen? Kommt Zeit, kommt Rat. Ich marschierte so rasch es ging, weglos,
aber trotzdem nicht unbequem, solange ich noch Almgras unter den Füßen hatte. Zweimal mußte ich eine Schafherde umgehen, hoffend, daß mich der Hirte nicht gesehen hatte. Das bedeutete hier im offenen Gelände jedesmal einen weiten Umweg. Zum Glück kannte ich mich inzwischen gut aus in der Gegend, jede Kleinigkeit konnte ich zu meinem Vorteil nützen. Mein Auge hatte Zeit, sich an die langsam einbrechende Dunkelheit zu gewöhnen, und so kam ich relativ weit, bevor es tatsächlich finster wurde. Ich war nun westlich meines Versteckes, auf der dem Dorf zugewandten Seite; hier mußte ich einen Wald durchqueren, der nahezu undurchdringlich war, gelang es einem nicht, einen Wildwechsel zu finden. Jetzt in der Nacht war das pure Glückssache. Die Taschenlampe wagte ich nicht zu benützen, wenngleich die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein anderer Mensch in der Nähe aufhielt, praktisch gleich Null war. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Mond kam. Unter einer uralten Tanne, deren Zweige bis auf den Boden herabhingen, machte ich mir ein Lager aus Moos. Die Reste des mir von Ann mitgegebenen Lunchpaketes waren mein Abendessen. Bald war ich eingeschlafen. Die Kälte weckte mich; es war gegen fünf Uhr morgens, vom Mond nichts zu sehen, kein Wunder hier unter dem dichten Gezweig. Zähneklappernd und steif kroch ich aus dem Nest; alles war naß vom Tau, eine bleiche Dämmerung zeigte mir, wo Osten war. Noch immer frierend begann ich nach einem Wildwechsel in passender Richtung zu suchen, doch erst als es etwas heller wurde, hatte ich Glück. Kurz nach sieben hatte ich mein Versteck erreicht, nachdem ich den kahlen Höhenrücken, der zwischen ihm und dem Wald lag, in dem ich die Nacht verbracht hatte, mit großer Vorsicht überquert und alle Spuren verwischt hatte. Als erstes bereitete ich mir einen heißen Kaffee mit Kondensmilch und aß ein paar Scheiben Zwieback dazu. Die guten Zeiten in Anns Küche lagen weit, unerreichbar weit hinter mir. Dann begann ich mich einzurichten. Ich holte die Plastiksäcke, richtete mir ein bequemes und vor allem warmes Lager mit Schlafsack und Decken und baute mir vor meiner Rindenhütte eine
Feuerstelle. Kochen wollte ich nur nachts, wenn man den aufsteigenden Rauch nicht sah, früh und mittags wollte ich mir nur etwas auf dem Metakocher wärmen. Ich plante, hier in dem Versteck mindestens eine Woche, wenn das Essen reichte, auch zehn Tage zu verbringen, bis meine Gegner die erfolglose Suche nach mir aufgegeben hatten. Dennoch wollte ich mich auch jetzt nicht zu sicher fühlen. Mein Rucksack mit dem Geld, einer Notration, dem Zelt und den hundert Kleinigkeiten, die ein moderner Mensch zum Leben brauchte, lag stets griffbereit neben mir. Ich brauchte nur den Schlafsack, eine dünne Decke und den Metakocher einzupacken und war marschbereit. Ich übte das Packen so lange, bis ich es in zwölf Sekunden schaffte. Ich hatte ja nichts zu tun außer zu schlafen, zu essen und Brennholz herbeizuschaffen. Am vierten Tag hörte ich einen Hubschrauber; am fünften Tag sah ich ihn. Er kreiste über dem Wäldchen, in dem ich lag, der Wind der Rotorblätter peitschte die Baumwipfel. Man konnte mich nicht gesehen haben, doch nahm ich als sicher an, daß der Pilot dieses Walddickicht für ein ausgezeichnetes Versteck gehalten haben mußte. Wieviel Zeit blieb mir noch? Am späten Abend verließ ich mein Wäldchen und erstieg den nördlich davon gelegenen Berg, von dem aus ich einen weiten Rundblick hatte. Fern im Norden sah ich an mehreren Stellen Feuerschein. Lagerfeuer – also vermutlich Militär. Auch war mir, als hörte ich Hundegebell, doch das mochte Einbildung sein. Immerhin wußte ich genug. Es war eine sternklare Nacht und relativ hell, obwohl kein Mond schien. In großen Sprüngen lief ich den Berg hinunter, von einem Schotterkegel zum nächsten überwechselnd. Das machte zwar einen Heidenlärm, doch jetzt war’s mir egal. In meinem Versteck angekommen, packte ich. Die vielen Dinge, die ich hier lassen mußte, stopfte ich in die Plastiksäcke und verbarg diese unter den Zweigen, die Rinde, die mir als Dach gedient hatte, verbrannte ich im Feuerloch. Dann scharrte ich Erde und Nadeln darüber – wenn man nicht gründlich suchte, würde man nichts finden.
Nun überstreute ich alles mit Pfeffer, nicht umsonst hatte ich eine große Dose davon mitgenommen. Das mochte es den Hunden verleiden, hier genauer herumzuschnüffeln. Um Mitternacht war ich bereits unterwegs in Richtung Ostsüdost, wo ich jenseits des Passes das Bächlein wußte. Hoffentlich erwies sich die Klamm als begehbar! Jetzt bedauerte ich, daß ich mir nicht die Mühe genommen hatte, sie genauer zu erforschen. Doch, so hell die Sterne auch schienen, in der Schlucht war die Nacht pechschwarz, die nassen Felsen glitzerten gefährlich. Ich wagte es nicht, denn, brach ich mir ein Bein, war ich verloren; dann konnte ich nur noch hoffen, daß sie mich fanden! Also wartete ich bis die Dämmerung über die Gipfel kroch, und im fahlen Licht des Morgens stieg ich in die Klamm ein. Es ging besser, als ich befürchtet hatte, doch ohne das Seil war’s unmöglich gewesen. Ich kam nur langsam weiter und hatte noch nicht einmal die halbe Schlucht hinter mir, als die Sonne aufging; die Felszacken im Südosten griffen mit langen Schattenfingern in die rosigen Nebel, die noch über mir hingen. Sie lösten sich, wie mir schien, binnen weniger Minuten auf – und da hörte ich auch schon wieder den Hubschrauber und das vielfache Echo, das die Felsen zurückwarfen. Er mußte sehr tief fliegen und war wohl auch nicht mehr weit entfernt. Ich trachtete im Schatten zu bleiben und hielt, während ich hinabkletterte, nach einem Versteck Ausschau. Noch waren die Suchmannschaften zu weit im Norden, um, bei einigermaßen gründlichem Vorgehen, die Schlucht vor Einbruch der Nacht erreichen zu können; doch der Hubschrauber war gefährlich. Da war er auch schon! Mit ohrenbetäubendem Knattern schwebte er über der Schlucht, doch ein gutes Stück unterhalb meines Standorts; ich preßte mich in eine Felsspalte und verharrte bewegungslos. Ich sah, wie er langsam tiefer ging und dann, nach einer leichten Schwenkung nach Norden, den oberen Teil der Klamm inspizierte. Meine Spalte lag im violetten Dunkel, die gegenüberliegende Seite jedoch leuchtete rötlich – ich hoffte sehr, daß ich bei diesen Lichtverhältnissen
unsichtbar blieb. Endlich zog er nach Westen ab, wohl um das Wäldchen zu überfliegen, in dem mein Versteck gewesen war. Ich hastete weiter; dringend brauchte ich einen sicheren Platz, wo ich ungesehen den Tag verbringen konnte. Es gab zwar genug Nischen und Spalten, doch die einen waren zu flach, die anderen zu eng; eine kleine Höhle, die ich entdeckte, wäre ideal gewesen, doch das Wasser stand handhoch in ihr und von Decke und Wänden tropfte es. Also weiter! Hoffentlich kam der Hubschrauber nicht wieder zurück! Erst gegen elf fand ich einen halbwegs brauchbaren Platz, eine trockene Nische, in der ich zur Not liegen konnte. Ein zwischen zwei Felszacken eingeklemmter Gesteinsbrocken bot Schutz vor dem Gesehenwerden, doch es war eisig kalt; und naß, wie ich war, fror ich erbärmlich. Da half auch der heiße Tee mit Rum nur wenig. Ich aß etwas Zwieback und Dosenfleisch, wickelte mich in die Decke, legte mich auf den Schlafsack und versuchte, mich wenigstens etwas auszuruhen. An Schlaf war nicht zu denken, erstens, weil ich fror, und zweitens, weil es so laut hier war; das Wasser plätscherte und gluckste, von Zeit zu Zeit, polterte ein Stein das Bachbett herab, große schwarze Vögel stießen mit gellendem Schrei herab und, noch dreimal an diesem Tag, kam der Hubschrauber. Endlich, endlich ging die Sonne unter, kam der herbeigesehnte Abend! Ich zitterte vor Übermüdung, Kälte und Nässe. Auch mein Schlafsack und die Decke fühlten sich jetzt feucht an! Ich mußte mit Gewalt gegen eine Gleichgültigkeit ankämpfen, die mich zu übermannen drohte. Ich aß noch einmal etwas warme Suppe und Brot, trank einen Schluck Rum und machte mich wieder auf den Weg. Noch vor Mitternacht wollte ich die Schlucht hinter mir gelassen haben. Je tiefer ich kam, desto leichter wurde die Kletterei, endlich begann eine Art Pfad, vermutlich von Wild ausgetreten. Doch leider war diese Nacht sehr dunkel. Wolken waren aufgezogen und verdeckten die Sterne; der Mond, eine magere Sichel erst, ging bald unter, und ich mußte den Verlauf des Weges ertasten und erahnen. Doch unbedingt wollte ich noch vor Tagesanbruch den Wald erreichen, ich brauchte nichts so nötig wie ein paar Stunden Schlaf. Als ich endlich durch ein gewundenes Felsloch trat und am Ausgang der Schlucht
stand, packte mich kaltes Entsetzen. Sie waren schon da! Unter mir im Wald brannten zwei, drei Feuer. Hunde bellten, Männer lachten. Ich verharrte reglos, starr. Was sollte ich nur tun? Wieder zurück? In der Nacht schaffte ich nicht die ganze Länge der Schlucht, und am Tag würden sie mich dann finden, denn daß sie die Schlucht durchsuchen wollten, war keine Frage. Ich wunderte mich, daß sie die weite Strecke so rasch zurückgelegt hatten – doch vielleicht war das auch eine andere Abteilung, möglich, daß sie der Hubschrauber hierher beordert hatte. Ich war noch am Überlegen, da begannen die Hunde plötzlich wie irr zu kläffen und an den Leinen zu reißen. Konnten sie mich gewittert haben? Unmöglich, die warme Luft über dem Wald stieg auf, kam auf mich zu. Aber was war dann los? Die Männer an den Feuern sprangen auf und riefen einander zu, doch ich war zu weit entfernt, um etwas zu verstehen. Endlich ließen sie die Hunde frei, und die hetzten augenblicklich los. Wenige Minuten später hatten sie gestellt, was immer sie gejagt hatten. In dem Lärm schlich ich über das kurze kahle Stück in den Wald hinunter, hielt mich dann rechts und schlug mich, so gut es ging, Richtung Süden in die Büsche. Es war hier nicht mehr so dunkel, die riesigen Feuer warfen zuckende Schatten, erhellten aber, da sie auf kleinen Lichtungen entfacht worden waren, das ganze Gebiet bis zu den Felsen hin. Bald war ich dem Lärm so nahe gekommen, daß ich einzelne Worte verstand, und kurz darauf sah ich auch die Ursache all der Aufregung: Ein alter Mann stand auf einem Pfad, ein Bündel Klaubholz neben sich. Die Soldaten schimpften auf die Hunde und der Alte schimpfte auf die Soldaten. Einer von ihnen, offenbar der Anführer, schien sich zu entschuldigen und schrieb etwas auf einen Zettel, ein anderer verband dem Mann den linken Unterarm – offenbar hatte ihn einer der Hunde gebissen. Der Alte fluchte laut und saftig, die Hunde knurrten und jaulten. Ich stand reglos im Dunkel und beobachtete die gespenstische Szene. Endlich wurden die Hunde weggeführt; sie hatten nun gewiß auch mich gewittert, wurden zunehmend unruhig und zerrten an den Leinen in meine Richtung. Doch die Soldaten schrien ihnen Befehle zu und verschwanden schließlich in Richtung der Feuer. Zwei mit
Taschenlampen ausgerüstete Burschen aber blieben bei dem Alten; einer ging vor ihm her, der andere hinter ihm, das Holzbündel auf der Schulter. Und ich war der vierte im Gefolge. Da sich die beiden Soldaten über den Alten hinweg unterhielten und ihre Augen durch die grellen Lichtkegel der Taschenlampen geblendet waren, brauchte ich nicht einmal besonders vorsichtig zu sein. Nach einer knappen halben Stunde war ein Blockhaus erreicht, die drei gingen hinein, ich aber verließ den Pfad und umging das Haus am Waldrand. Ich sah, daß die Soldaten alles durchsuchten, nicht nur das Haus, auch den Schuppen, einen kleinen Stall und eine Heuhütte. Dann endlich machten sie sich auf den Rückweg. Ich aber hatte die Heuhütte im Auge, ich brauchte nichts so nötig wie Schlaf, und dort drinnen würde es warm sein, denn jetzt im Herbst mußte der Alte sein Heu wohl schon eingebracht haben. Lautlos schlich ich näher und begann endlich, die Tür millimeterweise aufzuziehen. »Na also, da bist du ja!« Ich erstarrte – es war doch stockdunkel, und ich hatte keinen Lärm gemacht, also konnte der Zuruf gar nicht mir gelten. Doch ich irrte mich. »Komm rein ins Haus! In der Hütte ist’s zugig!« Der Alte stand nur wenige Schritte vor mir, kicherte leise glucksend in sich hinein. »Na, was ist, bist du stumm?« »Nein, natürlich nicht«, sagte ich verlegen. »Aber wieso haben Sie mich entdeckt?« Wieder kicherte der Alte. »Bin ja nicht so grün wie diese Jungen, ich hab dich gehört, und die Hunde haben dich auch verraten… aber du hast verteufelt Glück gehabt, daß ich vor dir da war. Ja, du hast Glück gehabt, und ich auch, das sollten wir feiern. Also komm!« Im Haus ließ er mir Zeit, mich an die neue Situation zu gewöhnen. Umständlich machte er Feuer, setzte Kaffeewasser auf und ging dann hinaus. Ich sah mich um. Das Haus bestand nur aus einem Raum, eine Leiter führte nach oben unters Dach, wo vielleicht noch ein Schlafraum war; der Alte jedenfalls schlief hier, in der Stube; ich sah die offenen Türen eines Alkovens, eine Decke hing heraus. Vermutlich hatten sie auch darin gesucht.
Da kam der Alte wieder herein, in der Hand ein Reh, dem Kopf und Läufe fehlten. Wortlos warf er es auf einen großen Plastiksack, der in der Ecke lag; es war schon ausgenommen, die Keulen, vom Körper abgetrennt, steckten halb in seinem Inneren. Rasch durchschnitt er die Schnüre, holte eine der blutigen Keulen heraus und hielt sie hoch. »Was hältst du davon? Zu zweit sollten wir das wohl schaffen, wie?« Nun erst begriff ich: Er hatte gewildert, die Beute dann im Holz verborgen – und die Soldaten hatten sie ihm heim getragen! Das war im Grunde die Quelle seiner Heiterkeit und das Glück, von dem er gesprochen hatte. Ich nickte. »Vielen Dank! Ich bin hungrig, aber vor allem müde! Wenn Sie mich nur irgendwo schlafen ließen, morgen erzähle ich Ihnen dann alles.« »Na ja, du mußt’s ja wissen. Aber etwas Heißes in den Bauch kriegen mußt du schon, und dein nasses Zeug solltest du auch ausziehen!« Er hatte recht. Ich zog alles aus und die wenigen trockenen Sachen, die sich noch in meinem Rucksack fanden, an. Er hängte das ganze Zeug über und neben dem Ofen auf, auch meine Decke und den Schlafsack; und da er das Feuer tüchtig schürte, war es bald angenehm warm, und ich hörte auf zu zittern. Als das Wasser kochte, bereitete ich mir aus einem Päckchen eine Fertigsuppe, die ich heißhungrig verschlang. Dann kletterte ich, schon halb schlafend, die Leiter hinauf; oben, unmittelbar über dem Herd, hatte der Alte ein warmes Heulager gerichtet. Einen Dank murmelnd fiel ich darauf nieder; ich spürte noch, wie mehrere Felle auf mich fielen, dann versank ich in abgrundtiefem Schlaf. Am Morgen weckte mich der Regen, der auf das Schindeldach über mir prasselte, der in der Traufe gluckste und gurgelte und der Alte, der, mit sich selber plaudernd, in der Küche rumorte. Ich fühlte mich herrlich! Ausgeschlafen, hungrig und schon das Essen riechend und – sicher! Der Regen mußte alle meine Spuren verwischt haben. Vergnügt kletterte ich die Leiter herab. »Guten Morgen – mein
Retter!« Schmunzelnd nickte mir der Alte zu. »Guten Morgen auch. Das Bad ist da hinten!« Tatsächlich, da gab’s einen Vorhang und dahinter einen primitiven Abtritt und einen von der Traufe gespeisten Behälter, dem man Waschwasser entnehmen konnte. Einen Atemzug lang dachte ich an mein komfortables Bad in Bensville; unerreichbar fern war es, und es kam mir auch irgendwie unwirklich vor. Wirklich ist nur die Gegenwart, dachte ich, alles andere könnte man ebensogut nur geträumt haben! Zum Frühstück gab’s Kaffee mit Ziegenmilch, Brot, Käse und kalten Braten; die Rehkeule, die er am Abend zuvor über dem Feuer geröstet hatte! Das rohe Fleisch war übrigens spurlos verschwunden, wer weiß, wo er’s verborgen hatte. Während ich aß, erzählte der Alte, daß das Militär heute am frühen Morgen nach Süden weitergezogen sei. Um sein Haus hätte man einen Bogen gemacht, obwohl die Hunde wieder angeschlagen hätten. Nun, ich hatte das alles verschlafen und hinter der Suchtruppe fühlte ich mich sehr sicher. Doch ich schuldete meinem Retter eine Geschichte, und während des Essens hatte ich Zeit, mir eine auszudenken. Was lag näher, als mich als Deserteur auszugeben? Es wurde eine zu Herzen gehende Geschichte, die dem Alten sehr gefiel, von einem wunderschönen Mädchen, einem bösartigen Vorgesetzten und mir. Wir hatten beide das Mädchen geliebt, sie aber hatte nur mich gesehen, und ich hatte unter der Eifersucht und den Rachegelüsten des Vorgesetzten sehr zu leiden gehabt; schließlich blieb mir kein anderer Ausweg als die Flucht… Der gute Mann hatte Tränen in den Augen, und ich schämte mich ein bißchen. Aber hätte ich ihm die Wahrheit erzählen können? Er hätte sie mir mit Recht nicht geglaubt, sie klang so unwahrscheinlich; mein Märchen aber glaubte er gerne. Drei Tage lang blieb ich in dem Waldhaus, drei Tage, an denen es fast ununterbrochen regnete; wir verbrachten sie plaudernd, essend, schlafend. Der Alte verstand es, aus dem Fleisch des Rehs, den
Kartoffeln, Zwiebeln und Gemüsen des Gartens und der Milch seiner beiden Ziegen wunderbare Mahlzeiten zuzubereiten. Zudem holte er Pilze und Beeren aus dem Wald und gelegentlich eine Forelle aus dem Bach, kurzum, wir lebten wie die Könige. Doch ich wußte, daß ich in dem kleinen Paradies nicht länger bleiben konnte, denn hie und da kamen doch Menschen vorbei; zwar keine Besucher, aber Wanderer, ein Förster, Heilkräutersammler und auch ein Botaniker, der gewisse seltene Pflanzen studierte, die hier vorkamen. Der Alte kannte die meisten vom Sehen, nur die Wanderer waren oft Fremde, wahrscheinlich Urlauber, die ihre Feiertage in irgendwelchen Erholungsdörfern verbrachten. Ich fürchtete sie alle. Am Morgen des vierten Tages, nach einem reichhaltigen Frühstück, nahm ich Abschied. Um mich für die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich zu zeigen, sagte ich dem Alten, er solle sich meine oben in dem Wäldchen zurückgelassenen Sachen holen; es waren doch zwei Plastiksäcke voll nahezu neue Kleidungsstücke, Decken und etliche Konserven. Ich beschrieb ihm den Platz genau; er war selbst vor Jahren einmal da oben gewesen, er kannte einen bequemen Anstieg, der natürlich nicht durch die Klamm führte. Geld wagte ich ihm nicht anzubieten, denn woher sollte ein Deserteur auf der Flucht übriges Geld haben? Es wurde ein langer Abschied mit viel Schulter-klopfen, guten Wünschen und Ratschlägen. Doch endlich war ich wieder unterwegs, unterwegs in Richtung Livingston. Tags zuvor hatten wir gemeinsam die Karte studiert, und der Alte hatte mir gesagt, wie ich gehen müsse, um möglichst keinem Menschen zu begegnen. Das bedeutete zwar, daß ich viele Umwege machen mußte, doch jetzt, so nahe am Ziel, wollte ich nichts mehr riskieren. Zum Glück hatte der Regen aufgehört; der Boden war zwar noch naß, und ich mußte nachts mein Minizelt aufstellen, doch hatte die unsichere Witterung auch ihr Gutes: Es gab kaum Menschen in den Wäldern. Am dritten Tag meiner Wanderung kam ich in freies Gelände und mußte nun doppelt vorsichtig sein. Ich verschlief die Tage in
Heuhütten oder Schafställen, vorausgesetzt, es waren keine Hirten in der Nähe, und wanderte des Nachts. Als ich, weit im Norden von Livingston, in dichter besiedeltes Gebiet kam, mußte ich meine Taktik neuerlich ändern; nun benahm ich mich wie ein Feriengast, benützte die Wanderwege und kehrte in Gasthöfen ein, allerdings ohne zu übernachten. Die Nächte verbrachte ich noch immer im Freien oder in leeren Gebäuden, denn ich fürchtete die Meldegesetze. Mister Baker durfte hier nirgends auftauchen, ein David Chippers schon gar nicht. Endlich war ich Livingston so nahe, daß mich eine knapp zweistündige Busfahrt in die Stadt brachte, wo ich sogleich das Postamt aufsuchte. Doch hier gab es eine Schwierigkeit: Ich hatte doch einen Brief an Ben Baker abzuholen, unter Vorweis eines entsprechenden Ausweises – dieser Name stand aber nun auf den Fahndungslisten und ich konnte nicht sicher sein, daß nicht auch die Postämter, zumindest hier in der Gegend, beobachtet wurden. Vielleicht hatten auch nur die Beamten den Auftrag erhalten, auf Leute zu achten, die Baker hießen und ihnen fremd waren. Ja, wenn man es einem fremden Baker gestattete, eine postlagernde Sendung abzuholen, dann mußten Polizei und FBI schlafen. Durfte ich das annehmen? Dumme Frage. Diese Überlegungen stellte ich an, als ich das Postamt bereits betreten hatte, genauer gesagt, in dem Augenblick, als ich feststellen mußte, daß der mir bekannte Beamte nicht an dem Schalter für postlagernde Briefe saß. Ich hatte mir neuerdings so eine KommtZeit-kommt-Rat-Mentalität zugelegt, die gefährlich sein mußte. Zum Glück war dies nur ein kleines Postamt; vielleicht war man hier nicht so gewitzt. Andererseits: man hatte mit Sicherheit für »zweckdienliche Hinweise« eine Belohnung ausgesetzt, und wo war es leichter, ein verdächtiges Gesicht zu entdecken, in einem halb leeren kleinen Amt mit gähnenden Beamten oder in dem Gedränge der Hauptpost? Ich verwünschte meine Hast, hier so hereingestürmt zu sein. Ich kaufte ein paar Briefmarken, sah mich unauffällig um und ging wieder. Ich hatte zwar kein bekanntes Gesicht entdecken können, doch was besagte das schon? Keinesfalls durfte ich wagen, hier den Brief
an mich abzuholen. War er überhaupt noch da? Wahrscheinlich ja; die Postgesetze waren streng, ein Brief wurde dem rechtmäßigen Empfänger ausgehändigt, nicht aber der Polizei. Die hatte ja die Möglichkeit, den Empfänger zu verhaften und dann den Brief zu beschlagnahmen. Ich hoffte sehr, daß das, was ich über die Sicherheit der Post gelesen hatte, auch zutraf. Ich betrat das dem Amt gegenüberliegende kleine Restaurant, suchte mir einen freien Tisch am Fenster, bestellte Kaffee mit Kuchen und dachte nach. Im Augenblick war nichts so dringend, wie neue Papiere zu erhalten – und da drüben, wenige Schritte von mir entfernt lag ein neuer Paß mit meinem Bild, auf einen Namen lautend, den niemand kennen sollte… oder? War es möglich, daß Polizei- oder FBIBeamte den Brief ohne Wissen der Post geöffnet hatten? Und nun über den Inhalt Bescheid wußten? Vielleicht hatten sie ihn auch einfach gestohlen? In diesem Zusammenhang klang es fast pervers, von Diebstahl zu sprechen – sagen wir also: inoffiziell beschlagnahmt. Aber, war das nicht eine Idee? Stehlen! Konnte ich nicht meinen Brief stehlen? (Wiederum ein perverser Gedanke – konnte man überhaupt sein Eigentum stehlen?) Aber nun war’s gedacht und je mehr ich die Sache überlegte, um so besser schien mir die Idee. Und ich begann zu planen, diesmal sehr sorgfältig. Dann ging ich einkaufen. Ich besorgte eine Lupe und neue Handschuhe. In einer Schnelldruckerei, die Reklame damit machte, daß man kleine Aufträge sofort erledige, bestellte ich Visitenkarten, die genauso groß wie ein Paß waren, lautend auf Benjamin Baker, Generaldirektor, Three Forks, Montana. Anschließend besuchte ich einen Friseur, ließ mir die Haare waschen und schneiden und den Bart (den ich mir seit meiner Flucht hatte wachsen lassen und der zwar dicht, aber noch sehr kurz war) ließ ich an den Wangen abrasieren. Dadurch wirkte mein Gesicht länger und schmäler. In einem großen Kaufhaus erstand ich einen Koffer, zwei Anzüge, Wäsche, Socken, Schuhe, einen neuen Wintermantel, zwei Hüte, einen Schirm und noch etliche Dinge, von denen ich glaubte, sie könnten aus einem Touristen wieder einen Herrn machen, einen offensichtlich wohlhabenden Herrn.
Noch im Kaufhaus zog ich mich um und packte die alten und den Rest der neuen Sachen in den Koffer. Schließlich entschloß ich mich noch, meine alte Umhängetasche wegzuwerfen und eine neue zu kaufen, aus leichtem weichen Leder diesmal. Ich erkundigte mich nach dem besten Hotel und ließ mich von einem Taxi hinbringen. Ich nahm mir ein Zimmer für zwei Tage, bezahlte im voraus und bat den Portier, einstweilen nur den Koffer in mein Zimmer stellen zu lassen; ich selbst müsse gleich wieder weg, ich sei sowieso schon spät dran, die Anmeldeformalitäten könnten wir dann am Abend, bei meiner Rückkehr erledigen… Ich sprang wieder in das Taxi, das ich hatte warten lassen; es mußte mich nun in ein anderes Hotel bringen, das in der Nähe des Postamtes lag, in dem ein Brief auf Mr. Baker wartete. Dort aß ich zunächst einmal zu Abend, sah die Zeitungen durch und wartete; ich wartete auf die Dunkelheit. Dann rekognoszierte ich; das Postamt war in einem großen Haus untergebracht, rechts befand sich ein Installationsgeschäft und links ein Herrenschneider, oben vermutlich Wohnungen. In einem offenen Hausgang hinter dem Postamt entdeckte ich ein hohes schmales Fenster, das, wie ich mich gleich überzeugte, in einen Waschraum, führte. Ich bezweifelte allerdings, ob ich mich da hindurchzwängen konnte, ich war zwar schlank, aber so schlank? Doch ich mußte es versuchen, es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein. Wieder im Hotel (wo man meine kurze Abwesenheit offenbar nicht bemerkt hatte), ließ ich mir einen Longdrink servieren und sah dem Fernsehprogramm zu. Bis um elf, da begann der Nachtkrimi. Ich ließ meinen Mantel über der Stuhllehne, einen aufgeschlagenen Reiseführer, eine Sonnenbrille und mein zweites Paar Handschuhe auf dem Tisch liegen und ging. Da auf dem Bildschirm gerade ein finsterer Mordgeselle durch schmale Gassen schlich, hoffte ich, daß niemand mein Weggehen bemerken würde. Minuten später versuchte ich bereits, mich durch das Waschraumfenster hinter dem Postamt zu zwängen; es war verdammt eng, doch ich machte die überraschende Feststellung, daß sich ein schlanker Mann ohne allzu große Mühe durch einen nur spannenbreiten Spalt zwängen konnte. Kaum war ich drinnen, schloß ich das Fenster, das vorher nur angelehnt gewesen war. Dann sah ich
mich um: zwei WC-Türen, zwei winzige Waschbecken mit tropfenden Hähnen, eine Handtuchrolle, ein schmales Blechschränkchen und die Tür zum Gang, alles nur dürftig erhellt durch den schwachen Lichtschein, der durchs Fenster fiel. Leise probierte ich die Türklinke und stellte erschrocken fest, daß von außen abgeschlossen war! Der Schlüssel steckte, doch das half nicht viel, da der Spalt unter der Tür kaum millimeterbreit war und demnach der Trick, mittels dessen die Helden oder Schurken in Krimis sich Eingang verschafften, nicht anwendbar. Ich zweifelte ohnedies, ob das in der Praxis funktionierte. Was, wenn der herausgestoßene Schlüssel nicht auf das untergeschobene Papier fiel? Es blieb mir also nichts anderes übrig, als das dünne Paneel der Türfüllung auszubrechen. Mit Hilfe meines Taschenmessers erwies sich das als erstaunlich leicht, allerdings war nun mein Plan, einen unbemerkten Einbruch zu verüben, nicht mehr durchführbar. Minuten später stand ich im stockdunklen Schalterraum; ich dankte im stillen dem unbekannten Architekten für die eisernen Rollbalken, die es mir gestatteten, meine Taschenlampe zu benützen, ohne befürchten zu müssen, von späten Passanten zufällig entdeckt zu werden. Rasch blätterte ich die Briefe, die im Fach B lagen durch. Nichts! Das war doch unmöglich! Hastig suchte ich weiter, auch in den Fächern des Schreibtisches unter dem Schalter. Doch halt, da war ein Fach, über dem ein Schildchen »Registered« angebracht war und in dem sich gut zwei Dutzend Poststücke befanden. Da! Endlich hielt ich den ersehnten Brief in Händen. Mit der Lupe untersuchte ich ihn sorgfältig – nein, er schien noch nicht geöffnet worden zu sein. Vorsichtig brach ich das Siegel. Dann erhitzte ich in meinem Meta-kocher ein wenig Wasser und hielt den Umschlag über den Dampf; schon nach wenigen Minuten konnte ich ihn öffnen. Ich entnahm ihm den Paß, las den beigelegten Brief (der nur wenige Belanglosigkeiten enthielt), und verschloß den Brief wieder, nachdem ich den Paß durch Visitenkarten in entsprechender Dicke ersetzt hatte. Nun erhitzte ich die dünne Klinge meines Taschenmessers, preßte die beiden Siegelränder aneinander und verstrich die Fuge. Das gelang zwar nicht besonders gut, doch wenn man die
Versiegelung nicht allzu genau untersuchte, würde man nichts entdecken. Ich hoffte, daß, wer immer einmal diesen Brief untersuchen würde, sich zuerst für seinen Inhalt interessieren mochte, für das Kuvert erst in zweiter Linie. Dann aber war das Siegel neuerlich erbrochen und vermutlich war in diesem Fall die erste Beschädigung nicht mehr feststellbar. Nun schob ich den Brief wieder unter die anderen und überlegte. Am Morgen würde man den Einbruch entdecken und sofort fragen, was gestohlen worden war; ein Einbruch ohne Beute war gewiß verdächtig, aber was sollte ich stehlen? Geld, das war naheliegend. Doch die Schalterkassen waren leer, von etwas Wechselgeld abgesehen. Der Safe in der Ecke war ein altmodisches Ungeheuer, eine (zumindest für mich) uneinnehmbare Festung. Also stocherte ich in den Schlössern herum und sorgte für deutlich sichtbare Kratzspuren. Dann ging ich. Unter dem Fenster ›verlor‹ ich einen Knopf, den ich tags zuvor gefunden hatte; es war der Knopf einer billigen Arbeitshose und eine solche nannte ich gewiß nicht mein eigen. Wieder im Hotel warf ich einen Blick auf meine Uhr. Vierzig Minuten war ich weg gewesen, hatte es jemand bemerkt? Auf dem Bildschirm tobte eine Verfolgungsjagd, die Zuschauer hatten Partei ergriffen und gaben teils dem Flüchtenden, teils dem Verfolger gute Ratschläge. Ich packte meine Sachen zusammen, verstaute alles in der Umhängetasche und schlich zum Ober. Flüsternd, um nicht das Fernsehspiel zu stören, bezahlte ich meine Rechnung und ging. Zu Fuß legte ich die Strecke bis zur Hauptstraße zurück, dort nahm ich ein Taxi und fuhr in mein Hotel. Nun endlich konnte ich mich anmelden. Ich hieß Charles Dean und stammte aus Buffalo. Dem Portier schob ich ein gutes Trinkgeld über das Pult und bat ihn, mir am nächsten Morgen um zehn ein Frühstück aufs Zimmer schicken zu lassen. Das war das Ende meiner Flucht.
3. Kapitel Zehn Tage verbrachte ich hier im Hotel, ruhend und lesend, gut essend und spazierengehend. Das Städtchen war tagsüber sehr betriebsam, nachts entsprechend schläfrig; der Großteil der Bevölkerung schien entweder in holzverarbeitenden Betrieben beschäftigt zu sein oder in den großen Fabriken im Osten, in denen offenbar Waggons für die Eisenbahn hergestellt wurden. Meine einzige produktive Tätigkeit bestand darin, daß ich nacheinander alle Immobilienhändler besuchte, ihnen erzählte, ich sei ein Erfinder und würde gerne ein Haus in ruhiger Läge mieten oder auch kaufen. Ich hatte schon eine Reihe von Objekten besichtigt, ohne jedoch etwas Passendes gefunden zu haben, als ich eine sonderbare Bekanntschaft machte. Er war zu mir ins Hotel gekommen, ein etwa vierzigjähriger, untersetzter Mann mit beginnender Glatze, weder elegant noch schäbig gekleidet. Ich sah in ihm zunächst einen Häusermakler (der er auch war) und ließ ihn ein; er aber benahm sich höchst merkwürdig. Er starrte mich kurz an, schloß dann für eine Sekunde die Augen und als er sie wieder öffnete, sah er durch mich hindurch und sagte mit tonloser Stimme: »Ich bin ein Helfer.« »Ein was?« Ich glaubte, ihn mißverstanden zu haben. Doch wieder kam das tonlose »Ich bin ein Helfer« aus seinem Mund. »Aha«, sagte ich, einfach weil mir nichts Besseres einfiel. »Wobei sollen Sie mir denn helfen?« »Sie haben eine Aufgabe.« Diese tonlose Stimme! War der Kerl in Trance? Oder ein simpler Irrer? »Im Augenblick suche ich ein Haus, vier bis fünf Zimmer, in einsamer Lage, doch mit guter Zufahrt – entschuldigen Sie, aber ich hielt Sie für einen Makler.« Ich wandte mich zur Tür, hoffend, daß er wieder ging, wenn ich sie einladend öffnete. Doch er blieb stehen, nickte. »Ich werde Ihnen eines besorgen. Pacht oder Kauf?« »Nicht so wichtig, wenn ein Objekt, das mir zusagt, nur käuflich zu erwerben ist, dann kaufe ich es.« Ich war mehr als verwundert, was war das nur für ein Mensch?
»In Ordnung«, sagte er und marschierte zur Tür hinaus. Ich dachte, es handle sich um einen Geisteskranken; vielleicht bildete er sich ein, ein Roboter zu sein? Ich hatte ihn schon fast vergessen, als er drei Tage später wieder aufkreuzte. Grußlos trampelte er herein und sagte: »Ich habe, was Sie suchen. Wollen Sie es ansehen?« Fassungslos starrte ich ihn an. »Wer sind Sie denn? Und was haben Sie?« »Ich bin ein Helfer. Und Häusermakler war ich auch, habe aber vor zwei Tagen das Geschäft meinem Neffen übergeben. Jetzt stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung. Wollen Sie das Haus sehen?« »Na schön.« Ich gab mich geschlagen. »Sie sind also mein Helfer; dann besorgen Sie uns mal ein Taxi!« »Ich habe einen Wagen unten und kann Sie selbst hinausbringen.« Noch immer redete er so tonlos wie eine Maschine. Sollte ich mich tatsächlich in die Hände dieses offenbar Geisteskranken begeben? Doch, sonderbarerweise, hatte ich keine Angst, eine innere Stimme sagte mir, daß alles in Ordnung war. Zone III fiel mir wieder ein. Ich hatte seit Wochen nicht mehr (oder kaum mehr) an meine psychischen Probleme gedacht; war es möglich, daß der ›Helfer‹ eine Antwort auf meine Fragen wußte? ›Sie haben eine Aufgabe‹ hatte er gesagt. Was bedeutete das? Wir fuhren hinaus in die Wälder, zweigten am Fuße eines Hügels von der Hauptstraße ab und hatten nach einer Viertelstunde ein von einer Mauer umschlossenes parkähnliches Gelände erreicht; hinter prachtvollen alten Pinien erblickte ich ein Haus. »Das ist es.« Der Helfer beantwortete die Frage, noch ehe ich sie gestellt hatte. Das Haus war größer, als ich erwartet hatte, und wurde von einem alten Ehepaar bewohnt; sie kümmerte sich um das Haus und er um den Garten, erfuhr ich. Es war zu vermieten, mitsamt dem alten Paar, das sehr froh war, bleiben zu können. »Wenn es Ihnen zusagt, werde ich alles erledigen«, bot sich mein Helfer an. »Ich schlage vor, es auf meinen Namen zu mieten, dann können sich erst gar keine Schwierigkeiten ergeben. Brauchen Sie Geld?«
Wieder hatte es der Mann fertiggebracht, mich zu verblüffen. Wieso bot er mir Geld an? »Nein, danke«, stammelte ich, »danke, ich habe einstweilen noch genug.« »In Ordnung.« Gleichgültig nickte er. Mit dem Ehepaar machte ich aus, daß ich in drei Tagen einziehen würde, sie sollten inzwischen mehrere Zimmer heizen, die Betten beziehen und alles gut durchlüften, kurzum, das Haus bewohnbar machen. Das Ehepaar – die beiden hießen übrigens Myers – erbot sich auch für uns zu kochen und die Bedienung zu übernehmen – für uns, ja; mein Helfer ließ keinen Zweifel daran, daß er hier bei mir wohnen und mir bei dem, was ich tun würde, helfen wollte. Was aber würde ich tun? Ich hatte so ein paar vage Ideen, technische Spielereien, mit denen ich mich beschäftigen konnte, bis entweder Gras über jenen Diebstahl in Bensville gewachsen war, oder man den wahren Täter gefunden hatte. Auf alle Fälle wollte ich hier den Winter verbringen, und der sonderbare Helfer mochte mir die Zeit vertreiben. Gelegentlich fragte ich mich, warum ich den offenbar nicht ganz zurechnungsfähigen Menschen akzeptierte, warum ich nicht sagte, ich wolle seine Hilfe nicht, und ihn kurzerhand hinauswarf. Mitunter empfand ich ihn als ausgesprochen unsympathisch, besonders, wenn er Fragen, die ich ihm stellte, einfach ignorierte. Gewisse Fragen nur, andere wieder beantwortete er bereitwillig. Im stillen nannte ich ihn meinen Roboter; er hatte sich geweigert, mir seinen wahren Namen zu nennen und gemeint, ich könne ihm irgendeinen Namen geben, einer sei so gut wie der andere. Also nannte ich ihn Roby, ohne ihm allerdings zu verraten, was diese Abkürzung bedeuten sollte. Doch wahrscheinlich war’s ihm sowieso gleich gewesen. Noch bevor ich in die Villa übersiedelte, machte ich eine sonderbare Beobachtung. Durch Zufall sah ich meinen Helfer in der Stadt, er saß in einem Restaurant und unterhielt sich mit einem Bekannten; kurze Zeit später kam noch eine Frau dazu, eine sehr schöne, dunkelhaarige Frau in einem bodenlangen gebatikten Kleid. Mein Helfer bestellte für alle ein Essen mit vielen Gängen und – das war das Sonderbare – er benahm sich völlig normal. Er lachte,
scherzte mit der Dame, plauderte in lebendigem Tonfall mit seinem Bekannten und hatte auch nicht diesen starren, in die Ferne gerichteten Blick. Gerne hätte ich ihn auf die Probe gestellt, wäre auf ihn zugegangen, hätte ihn begrüßt – ob er dann wohl wieder sein Robotergehabe angenommen haben würde? Doch ich wagte es nicht; wer weiß, was geschah, was er tat, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte. Und ich, das durfte ich nicht vergessen, ich war noch immer ein Gejagter, vielleicht ein Spion. Ich war noch immer R 14. Es war besser, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Also beschränkte ich mich darauf, ihn zu beobachten. Ich war neugierig, und es nützte gar nichts, daß ich mir sagte, meine Neugier könnte mir gefährlich werden. Ich gab einem der Kellner ein größeres Trinkgeld und bat ihn, herauszubekommen, wer die drei waren. Tatsächlich interessierte ich mich ja nur für einen, aber so fiel es vielleicht weniger auf. Nun, ich erfuhr, daß mein Helfer ein Häusermakler namens Steve Cullingham war, die Dame hieß Tamara. Also kannte ich jetzt seinen wahren Namen – aber was hatte ich eigentlich davon? War es nicht wirklich egal, welchen Namen ein Mensch trug? Mein Helfer hatte recht gehabt, ein Name war so gut wie der andere, ich selbst war ja das beste Beispiel dafür… Den beiden Myers in unserem Haus sagte ich, ich sei ein Erfinder und Roby sei mein Assistent; sie gaben sich damit zufrieden. Wir richteten ein großes helles Zimmer im ersten Stock als Labor ein, und ich muß gestehen, Roby erwies sich als unbezahlbar. Anfangs gab ich ihm täglich Listen mit Bestellungen von Chemikalien, Drähten, Metallen, Transistoren, Widerständen, Kondensatoren, Spulen… Er fuhr damit in die Stadt und brachte das Gewünschte meist schon am nächsten Tag. Ich entwarf die verschiedensten Schaltungen und trug ihm auf, sie drucken und verkleinern zu lassen… Er kannte sich aus, er besorgte meine Aufträge. Er brachte auch einen Tischler und einen Spengler und einen Elektriker und etliche andere Handwerker, die die Laboreinrichtung nach meinen Plänen herstellten. Manche Sachen, die ich bestellte, waren völlig sinnloses Zeug: ich
wollte Roby auf die Probe stellen, aber es gelang mir nicht. Er fragte nie nach dem Zweck einer Sache, er nahm alles gleichmütig hin. Und er lachte nie, ja er schien überhaupt nicht zu wissen, was Humor war; allerdings nur mir gegenüber benahm er sich wie ein intelligenter, fähiger Roboter, allen anderen gegenüber war er ein Mensch, ebenfalls intelligent und fähig, aber eben auch menschlich. Ich fragte ihn häufig unvermittelt: »Was ist R 14?« Und er erwiderte dann: »Darf ich nach dem Frühstück läuten?« Oder: »Leider ist morgen Sonntag, da sind die Geschäfte geschlossen.« Mitunter sagte er auch gar nichts, wenn es sich so ergab. Meine Erinnerungen an die erste Zeit nach der »zweiten Geburt‹ hatte ich wieder zu Papier gebracht, und eines Tages beschloß ich, diese Notizen Roby zu lesen zu . geben. Es mußte mir doch irgendwie gelingen, diese Starre zu brechen! Er las langsam, aufmerksam, wie ich es ihm befohlen hatte. Dann reichte er mir wortlos das Manuskript. «Roby«, sagte ich, »setzen Sie sich bitte hierher und sehen Sie mich an!« Er tat wie geheißen, starrte durch mich hindurch. Ich nahm seine Hände in die meinen und sagte eindringlich: »Roby, ich will, daß Sie mir jetzt antworten. Sie wissen vieles, was ich nicht weiß. Es ist wichtig für uns, daß Sie meine Fragen beantworten, und wenn Sie das nicht tun, dann will ich Sie nicht länger als Helfer behalten. Haben Sie verstanden?« Er nickte ungerührt. »Ja.« »Was halten Sie von dem eben Gelesenen?« »Ich weiß nicht.« »Ich habe Ihnen alles erzählt, alle meine Erlebnisse seit damals, Sie wissen, was ich bin, Sie wissen, welche Aufgabe ich habe, warum sagen Sie es mir nicht?« »Ich sage, was ich weiß.« »Wissen Sie, was R 14 ist?« »Sie!« »Ja, aber was bedeutet es? Bin ich ein Spion?« »Ja. Nein.« »Himmel noch mal, warum sagen Sie so einen Unsinn?«
»Ich muß antworten.« Nun versuchte ich es anders. »Roby, wieso kamen Sie zu mir?« »Sie haben mich gerufen.« »Nein, das hab ich nicht, aber egal. Woher wußten Sie, daß Sie mein Helfer sind?« »Sie waren der erste. Ich war schon immer ein Helfer, Ihrer wurde ich, als Sie mich riefen.« Ich überlegte. Die letzte Antwort war relativ ausführlich gewesen, aber – waren seine Antworten auch wahr? Ich fragte: »Belügen Sie mich?« »Nein«, lautete seine Antwort. Im gleichen Augenblick wurde mir das Unsinnige meiner Frage bewußt, und das Paradoxon von Lügner fiel mir ein. War er ein Lügner, dann konnte die Antwort eine Lüge sein – ich war also so klug wie zuvor. Ich versuchte es anders: »Können Sie mich belügen?« »Ja.« »In welchen Fällen?« »Wenn die Wahrheit Ihre Sicherheit oder Ihre Existenz bedrohen würde.« »Nur dann?« »Nein, auch wenn Ihre Aufgabe in Gefahr käme.« »Noch andere Ausnahmen?« »Nein.« »Gut.« Ich wollte einmal annehmen, er war kein Lügner – es schien mir auch unsinnig, wenn ›man‹ mir einen Helfer geschickt hatte, der mich belog. »Was ist meine Aufgabe?« forschte ich weiter. »Ich weiß es nicht.« »Wer hat Sie geschickt?« »Niemand. Sie haben mich gerufen.« »Wie? Wodurch?« »Ich erinnere mich nicht. Ich wußte es plötzlich.« »Haben Sie auf mich gewartet, mich gesucht?« »Nein, ich glaube nicht. Jedenfalls erinnere ich mich nicht.« So kamen wir also nicht weiter. Ich mußte versuchen, eine Hypothese aufzustellen und mittels seiner Antworten eine Bestätigung oder Widerlegung zu finden. Wenn ich annahm, meine Aufgabe sei
Spionage, zukünftige Spionage, und er sei tatsächlich mein Helfer, von der Macht dazu ausersehen, die hinter allem stand. Wir konnten beide hypnotische Aufträge erhalten haben, die, so die Umstände günstig waren, ›frei‹ wurden. Nicht nur ich, auch er hatte eine Zone III in seinem Gehirn, seine war durch mein Erscheinen sozusagen geöffnet worden. Meine hingegen schien noch immer blockiert zu sein. Ich wandte mich wieder ihm zu. »Ich habe schon einmal gefragt, ob ich ein Spion sei, und Sie haben erst positiv, dann negativ geantwortet. Was bedeutet das?« »Ich spreche die Antwort aus, die mir einfällt. Ich kann sie nicht interpretieren.« »Versuchen Sie es trotzdem!« »Ich kann nicht.« »Hören Sie, wie soll ich je wissen, was meine Aufgabe ist, wenn Sie mir nicht helfen?« »Ich helfe Ihnen.« Auch so rannte ich gegen eine Mauer. Nun versuchte ich einen direkten Angriff: »Warum verfallen Sie in so eine komische Starre, wenn Sie mit mir sprechen? Sie wirken wie ein Android!« »Das tut mir leid.« »Hören Sie mir jetzt gut zu! Ich weiß, daß Sie sich auch ganz normal benehmen können, ich habe Sie mit Ihren Freunden im Restaurant des ›Golden Star‹ beobachtet. Nur in meiner Gegenwart verhalten Sie sich wie ein Roboter oder wie ein Mensch in Trance. Dieses Verhalten irritiert mich. Außerdem ist es eine Gefahr für meine Aufgabe, eine große Gefahr! Begreifen Sie das? Wenn uns je Dritte beobachten, werden sie die Polizei verständigen, in der Annahme, ich halte Sie unter Hypnose; man wird uns verhaften. Dann kann ich meine Aufgabe nicht durchführen! Sie bringen meine Sicherheit und die Aufgabe in Gefahr!« Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen. Er starrte mich an, als sei ich ein Monster von einem anderen Stern. Dann sackte er lautlos zusammen, rutschte von seinem Stuhl und fiel seitlich auf den Boden. Ich war nicht einmal erschrocken, fast hatte ich so etwas erwartet. Es war also doch Hypnose im Spiel, zumindest war dies sehr wahrscheinlich. Meine Annahme schien bestätigt zu sein. Er hatte, vermutlich unter Hintansetzung seines eigenen Lebens, primär dafür
zu sorgen, daß meine Sicherheit und meine Aufgabe nicht gefährdet, sondern im Gegenteil begünstigt wurden. Das war sein Auftrag. Ich hatte ihn durch meine Behauptungen (die ja zutreffend waren) in eine Konfliktsituation gebracht; der Verlust des Bewußtseins war die Folge. Ich faßte ihn unter den Armen und schleifte den schweren Körper in den Nebenraum; die Gummiabsätze seiner Schuhe hinterließen schwarze Streifen auf dem Bödenbelag. Im Nebenraum, einer Art wissenschaftlichen Bibliothek, legte ich ihn auf den weichen Spannteppich, schob ihm ein Kissen unter und drehte ihn seitlich. Ich hatte das Bild, wie ein Bewußtloser zu lagern sei, noch genau im Kopf. Es stammte aus einem Buch über Erste Hilfe, das ich in Bensville besessen hatte. Wie weit lag das alles zurück! Seine Atmung war flach, aber regelmäßig; er würde schon wieder zu sich kommen. Eben überlegte ich, wie ich die Befragung fortsetzen wollte, da überfiel mich ein beschämender Gedanke: Ich empfand keinerlei Mitleid mit dem Mann, ich behandelte ihn tatsächlich, als wäre er ein Android, ein humanoider Roboter! Wie konnte ich nur so herzlos sein! Er war an all dem, was ihm (und mir) widerfahren war, ebenso unschuldig wie ich. Doch auch ich war in Schwierigkeiten, auch mein Leben, zumindest soweit ich mich daran erinnern konnte, war sozusagen ein einziger Konflikt. Ich wußte nicht, wer und was ich war, kannte meine Aufgabe nicht, ich war nicht einmal sicher, ob ich diese Aufgabe erfüllen wollte, sollte ich sie einmal kennen. Ich empfand eine Abneigung gegen Leute, die mir Aufgaben stellten, Befehle erteilten. Was gab ihnen das Recht dazu? Wieso durften sie über mich verfügen? Ich hatte mich ihnen nicht verkauft. Ähnlich mochte es dem armen Kerl da zu meinen Füßen ergehen. Wahrscheinlich wollte auch er nicht tun, was ›man‹ ihm aufgetragen hatte – aber er war nicht stark genug, sich zu wehren. Ich empfand plötzlich großes Mitleid mit ihm, und – es war sonderbar – dieses Mitleid schien mich selbst stärker zu machen. Ich würde mich wehren, zumindest wollte ich es mit aller Kraft versuchen. Vorausgesetzt, die Aufgabe, die ich erfüllen sollte, sagte mir nicht zu, verletzte mein Gefühl für Ethik. Ethik – was bedeutete das überhaupt? Ich kannte den Begriff,
natürlich, aber was bedeutete es in meinem Fall? Gut und böse waren relative Begriffe, ebenso wie Nützen und Schaden, Vorteil und Nachteil. Es war schwierig, das, was ich meine Ethik nannte, überhaupt zu formulieren. Vielleicht so: Nichts zu tun, was einem Mitmenschen schadete. Wenn es aber nur einem einzigen schadete und vielen anderen Nutzen brachte? Auch dann nicht. Wenn aber dieser eine, dem ich schaden würde, ein schlechter Mensch war, ein Verbrecher, ein Mörder, ein Kriegshetzer – dann doch, oder? Ja, vielleicht dann doch. Und wer entschied, ob dieser eine, dem ich schadete, gut oder böse war? Ich, ich allein? Ich saß da, meinen bewußtlosen Helfer zu Füßen, und dachte nach, viele Stunden lang. Ich wollte, ich mußte zu einer klaren Antwort kommen, ungeachtet aller Schwierigkeiten, ich mußte einen Leitfaden für mein Handeln haben. Schließlich sagte ich mir: Ich will versuchen, so zu handeln, daß ich niemandem Schaden zufüge. Sollte ich jedoch einmal vor der Frage stehen, entscheiden zu müssen, ob ein Mensch gut oder böse ist, dann würde ich dieser Entscheidung nicht ausweichen. Ich würde entscheiden und handeln, auch auf die Gefahr hin, daß meine Entscheidung falsch war. Ich würde zwar alles tun, um eine Fehlentscheidung auszuschließen, doch volle Sicherheit zu erlangen war unmöglich. Ich würde auf seiten dessen stehen, dessen Sache ich für richtig hielt. (Und wenn dieser eine, dem ich schaden mußte, um andere zu retten, ich selbst war? Wenn ich selbst eine ›schlechte‹ Sache vertrat? – Ja, auch dann.) Es war lange nach Mitternacht, als sich Roby bewegte. Er versuchte ungeschickt auf die Beine zu kommen und murmelte unverständliches Zeug. Ich half ihm, so gut ich konnte, und das war nicht leicht, denn er war schwerer als ich. Begütigend redete ich ihm zu: »Komm Steve, ich bringe dich zu Bett! Alles ist wieder in Ordnung, du mußt nur jetzt schlafen!« Ich wollte ihn nicht länger als Roboter betrachten und Roby nennen, ich wußte ja, wie er hieß. Er war ein Mensch, und fast sicher ein unschuldiger Mensch. Ich würde versuchen, ihm ein Freund zu sein.
Ich half ihm, die Couch neben dem Ofen zu erreichen, ich legte ihm ein Kissen unter den Kopf, deckte ihn zu und blieb bei ihm, bis er schlief. Dann erst ging ich hinauf in mein Schlafzimmer und legte mich selbst nieder. Doch der Morgen graute schon, als ich endlich einschlafen konnte, und selbst in den Träumen wurde ich noch von der Frage gequält, was gut war und was böse. Steve, mein Helfer, schien unser Gespräch und seinen Zusammenbruch vergessen zu haben, doch er benahm sich jetzt normaler, menschlicher. Nur manchmal, wenn ich ihm Fragen stellte, deren Beantwortung ihm offenbar unangenehm war, verfiel er wieder in diese Starre, die Fragestarre, wie ich sie im stillen nannte. Wann immer mir ein Wortspiel einfiel, mußte ich an Burton denken – ihm hatte das, ebenso wie mir, viel Spaß gemacht; er war ein so menschlicher Freund gewesen. Steve hingegen… Immer wieder mußte ich mir sagen: Steve kann nichts dafür. Irgendeine schreckliche Macht hat von ihm Besitz ergriffen, hat aus ihm einen anderen Menschen gemacht, einen roboterhaften ›Helfer‹, der tun muß, was er vielleicht gar nicht tun will. »Steve«, fragte ich eines Tages, »hilfst du mir* eigentlich gerne?« »O ja«, erwiderte er mit fast normaler Stimme, »ich habe schon immer gerne gebastelt, schon als Kind war der Elektronikbaukasten mit all seinen Ergänzungen mein liebstes Spielzeug. Ich hätte ja auch gern studiert, ich war sogar zwei Semester auf der Technik, dann aber starb mein Vater, und ich mußte das Geschäft übernehmen.« »Hast du denn keine Geschwister?« »Nein.« »Und bist auch nicht verheiratet?« »Nein.« Seine Stimme war wieder monoton geworden, sein Blick abwesend. Also zurück zur Elektronik. »Für welches Gebiet im Rahmen der Technik interessierst du dich denn ganz besonders?« »Kommunikationstechnik und Computer.« Leben kehrte in ihn zurück. »Ich habe mich, kurz nachdem ich mein Studium aufgeben mußte, das Geschäft mich aber noch nicht so sehr in Anspruch nahm, mit dem Bau von sehr empfindlichen Kurzwellen-Empfangsanlagen
beschäftigt; ich kann sagen, es waren wirklich hervorragende Konstruktionen, ich empfing Sendungen aus aller Welt und in hoher Qualität, mein Fadingausgleich war Spitze!« »Erzähl doch weiter, das interessiert mich sehr!« Er schien verlegen zu werden. »Nun ja, aus mir spricht der Stolz des Laien – aber es machte mir jedenfalls viel Spaß. Ich begann dann mit der Störungsanalyse, ich hatte nämlich im Noiseeffekt eines ganz bestimmten Frequenzbandes gewisse… wie soll ich sagen; – gewisse Spuren entdeckt. Sendungen im Niveau der Rauschintensität, so dachte ich jedenfalls. Ich entwickelte ein Filtersystem mit den damals neuen Homside-Black-Verstärkern, und es gelang mir tatsächlich, wenngleich nur unter besonders günstigen Bedingungen, eine Art Sendung zu empfangen.« »Wieso eine Art Sendung?« »Ja, ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen sollte, es war weder Sprache noch Musik noch Morsezeichen – es waren akustische Reize; vielleicht gibt es irgendwo auf der Erde ein Volk, das eine solche Musik macht, aber das war gewiß kein Volk, das imstande war, Sender zu bauen! Es war, als versuchte jemand mit mir unbekannten Instrumenten eine Sprache zu simulieren; eine schreckliche, eintönige Musik, die einem durch Mark und Bein ging! Ich erinnere mich, wie ich anfangs fasziniert lauschte und mir vorkam wie ein Kaninchen angesichts einer Schlange. Es war die Faszination des Schrecklichen! Ich hörte diese Sendung viele Stunden lang, jeden Tag wieder. Es gab keine Pausen, ich empfing immer nur diese sonderbaren akustischen Reize. Ich hoffte, wenn ich nur lange genug zuhörte, doch einmal etwas zu verstehen, zu erahnen wenigstens, aber vergebens.« »Hast du diese Empfangsanlagen noch?« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Schon lange nicht mehr. Ich glaube, ich habe mich wochenlang, vielleicht sogar mehrere Monate abgemüht, etwas zu verstehen oder wenigstens herauszubekommen, von welchem Teil der Erde diese Sendungen stammten, doch es war vergebliche Mühe. Eines Tages, in einem Anfall von Wut, schlug ich alles kurz und klein und warf die Trümmer in den Müllschlucker. Zu spät.« »Wieso zu spät?«
Er starrte mich an, alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, ich fürchtete, er würde im nächsten Augenblick wieder ohnmächtig werden. Rasch sagte ich: »Glaubst du, du könntest noch einmal eine solche Anlage bauen? Wir beide gemeinsam?« Er erholte sich blitzartig. »Ja, das wäre großartig!« »Am besten, du fährst gleich in die Stadt und besorgst, was wir noch brauchen, einverstanden?« »Gut, ja, ich will mir nur eine Liste machen.« »In Ordnung. Laß dir nur Zeit, ich bin heute etwas müde, ich werde mich hinlegen. Sag bitte Frau Myers Bescheid, daß sie mir keinen Tee heraufbringen soll, ich werde versuchen zu schlafen.« Ich ging hinauf in mein ›Meditierstübchen‹, einen kleinen Mansardenraum, an dessen Fenster ein Großvaterstuhl stand. Der Ausblick von hier oben war zauberhaft, die herbstlich verfärbten Wälder, die fernen Berge, tief unten das Silberband des Yellowstone River und das Gold der Wiesen. Doch heute sah ich die Schönheit nicht bewußt, ich ließ sie nur auf mich wirken, mich beruhigen. Ich mußte nachdenken, ungestört nachdenken. Steve, mein Helfer, hatte zwei Worte gesagt, die er nicht hätte sagen dürfen – oder die ich nicht hätte bemerken sollen. Doch ich war einfach nicht auf eine solche Äußerung gefaßt gewesen, ich hatte diese Worte wie einen elektrischen Schlag empfunden. Sein Ich, sein wahres Ich, war durchgebrochen, es hatte resigniert festgestellt: Zu spät! Nehmen wir an, von seinem Körper hatte ein unbekanntes Etwas Besitz ergriffen, es hielt seinen Geist gefesselt, sein Gehirn besetzt. Sein Ich war in irgendwelche Tiefen geflüchtet, es saß, gelähmt vor Entsetzen, in einem Winkel. Nun hatte mir Steve von seinen Basteleien erzählt, von dem Empfänger, dem Rauschanalysator, der geheimnisvollen Sendung. Er hatte genau das getan, was das Etwas von ihm wollte, er hatte perfekt funktioniert und das Etwas war befriedigt, seine Wachsamkeit ließ nach, und so konnte es seinem gefangenen Ich gelingen, für eine Zehntelsekunde durchzubrechen. Zu spät! – Er hatte die Apparatur zu spät zerstört. Die Sendung, was immer sie war, hatte ihn bereits zu dem gemacht, was er heute war. Zehn Jahre oder mehr hatte
er als latenter Schizophrener gelebt, und mein Erscheinen hatte die Spaltung vollzogen. In meiner Gegenwart war er nur noch der Helfer, in Gegenwart anderer der Häusermakler. Was war dieses Etwas? Woher stammte es, wieso war es gerade über ihn gekommen? Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß es noch im vorigen Jahrhundert Teufelsaustreibungen und Hexenglauben gegeben habe – und das nicht nur in Afrika oder Borneo, wo die Menschen die Steinzeit kaum überwunden hatten, nein, im kultivierten, hochentwickelten Europa und auch hier, in Nordamerika. Ja, es gab heute noch Menschen in unseren Breiten, die an Teufel, Hexen und Geister glaubten. Sie würden sagen, Steve sei vom Teufel besessen. Und da sich seine Besessenheit nur in meiner Gegenwart manifestierte, war ich, wenn schon nicht der Teufel selbst, so doch eine Art Hexenmeister… Nun, es hatte wenig Sinn, mich in die Gefilde der Lächerlichkeit zu begeben und schlicht albernen Gedanken nachzuhängen. Was aber war wirklich geschehen? Wollte ich zu vernünftigen Ergebnissen gelangen, mußte ich auf dem Boden der Realität bleiben. Die wahrscheinlichste Erklärung schien mir noch immer Spionage zu sein. Ich überlegte: Er und ich – und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer Menschen – waren in die Hände eines Agenten der Macht X gefallen. Wie, war zunächst unwichtig. Dieser Agent hatte mit Hypnose gearbeitet; die sonderbare Sendung, die Steve glaubte empfangen zu haben, beruhte auf einem elektronischen Nebeneffekt, einer Art Computermusik. Durch das stundenlange Hören dieser eintönigen ›Musik‹ – nennen wir diese akustischen Reize einmal so – war Steve in Trance gefallen, und der Agent hatte ihm seine Befehle übermittelt, posthypnotische Aufträge. Aber was war mit mir? Ich hatte während der Lernperiode in den ersten Jahren nach meiner zweiten Geburt wohl auch herumgebastelt und mich mit Elektronik beschäftigt, aber ich wußte ganz genau, daß ich nie so weit gekommen war, daß ich keine anderen Sendungen als das normale Radioprogramm empfangen hatte, daß ich nie das Rauschen analysiert hatte. Wie hatte der hypothetische Agent es fertiggebracht, in meinem Gehirn jene Zone III zu errichten? Auf
diese Frage wußte ich keine Antwort. Ich konnte nur annehmen, daß es einmal in der Zeit ›vorher‹ geschehen war und ich alles, was damit zusammenhing, vergessen hatte. Was aber war mein Auftrag? Zu Spionage hätte ich daheim in Bensville wesentlich mehr Gelegenheit gehabt als hier in den Bergen und Wäldern. Hier gab es wirklich so gut wie nichts! Es blieb mir also keine Wahl, ich mußte einfach abwarten, ob mir mein Auftrag eines Tages einfiel oder ob mir vielleicht Steve etwas verriet. Daß er jetzt und heute noch nichts darüber wußte, glaubte ich ihm, doch es konnte ja sein, daß es auch in seinem Hirn Informationen gab, die erst später einmal frei wurden. Bis dahin konnten wir uns ganz gut mit allerhand elektronischen Spielereien die Zeit vertreiben, vielleicht gelang es uns sogar, Steves Empfänger nachzubauen, den Rauschanalysator… Ich war neugierig, hätte gerne auch einmal diese sonderbare Musik gehört; wenn es sich, wie ich annahm, um einen elektronischen Nebeneffekt handelte, war dies gar nicht ausgeschlossen. Hatte er aber tatsächlich irgendeinen obskuren Sender empfangen, so war es praktisch sicher, daß wir nun nichts mehr davon entdecken würden. Man konnte ja wohl nicht annehmen, daß es irgendwo einen Sender gab, der jahrzehntelang dieselbe Höllenmusik ausstrahlte, pausenlos und nervtötend. Sollte ich aber je eine Musik dieser Art hören, dann – das nahm ich mir heute schon vor – würde ich ihr nicht so lange lauschen, bis ich in Trance fiel. Ich würde mich wehren, würde mich nicht kampflos fremden Einflüssen unterwerfen! Es klopfte. Frau Myers brachte einen Brief. »Entschuldigen Sie«, sagte sie verlegen lachend, »ich hätt’ wohl nicht stören sollen, aber weil es doch ein Expreßbrief ist, dachte ich, er ist vielleicht wichtig.« »Schon in Ordnung«, murmelte ich, »ich konnte sowieso jetzt nicht schlafen. Seien Sie so nett und machen Sie mir doch einen Tee, bringen Sie ihn in die Bibliothek, ich komme gleich hinunter, sobald ich den Brief gelesen habe!« Burton hatte mir geschrieben! Nach der Dicke des Umschlags zu schließen, sogar sehr ausführlich. Ich freute mich und vergaß für eine Weile all meine Probleme und Sorgen.
Als ich den Umschlag geöffnet hatte, sah ich, daß er nicht nur ein Schreiben enthielt, sondern auch verschiedene Zeitungsausschnitte. Ich las: Lieber alter Chip, ich darf es wieder wagen, Dich so zu nennen, die Affäre hier ist mehr oder weniger aufgeklärt worden, man hat eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen (Details findest Du in den beigelegten Zeitungsausschnitten). Du bist zwar noch nicht ganz aus dem Schneider, aber nicht mehr der Verdächtige Nummer Eins. Man hält Dich nur noch für ein kleines Rädchen in der Maschinerie, und ich glaube, man fahndet nicht einmal mehr nach Dir. Ich brenne darauf, von Dir selbst einen Bericht zu hören, Du mußt ja Abenteuerliches erlebt haben, damals in den Bergen! Ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich war, als mir unsere alte Freundin Deine kurze Nachricht aus Livingston brachte. Für Deine Einladung danke ich Dir, ich hoffe sehr, ihr einmal Folge leisten zu können; im Augenblick ist es unmöglich, ich arbeite nämlich an einem Drehbuch, das in vier Wochen fertig sein soll. Ja, ich habe auf dem beruflichen Sektor Glück gehabt, doch davon berichte ich Dir mündlich, wahrscheinlich kann ich Anfang Dezember weg. Ja, Glück im Spiel…Du kennst das Sprichwort. Um es kurz zu machen: Jackie hat mich verlassen. Die alte Geschichte, ein anderer Mann, vermögend, erfolgreich. Mein Gott, was soll ich sagen, ich kann’s ja verstehen, eine schöne Frau wie sie will nicht ewig warten. Und ich verdiente ja immer nur gerade soviel, wie ich brauchte, um ein ordentliches Leben zu führen; eine Ehe, eine große Wohnung, Kinder vielleicht, das konnte ich mir nicht leisten. Anfangs war ich recht deprimiert, um nicht zu sagen unglücklich. Jetzt geht’s schon wieder einigermaßen; ich habe mich halt in die Arbeit gestürzt, der Roman, an dem ich vor Deiner Flucht herumgekaut habe, hat gefallen; mein Verleger hat einen Burschen vom Film aufgerissen, und das Ende vom Lied ist, daß die »Globus« den Stoff verfilmen will und ich das
Drehbuch zu schreiben habe. Junge, Junge, da steckt Geld drin! Jetzt könnte ich heiraten… Aber so geht’s eben im Leben. Solange mich die Muse alle Tage geküßt hat, war ich zwar glücklich, brachte es aber zu nichts. Nun, da sie mich verlassen hat, und ich ungeküßt an der Schreibmaschine sitze, nun habe ich Erfolg. Doch, wie schon gesagt, Details mündlich. Ich hoffe, daß es Dir gut geht und Du Dich von all den Strapazen, die Du auf Deiner Flucht zweifellos durchzustehen hattest, gut erholen kannst. Schreibe mir bitte bald wieder, vorsichtshalber weiterhin an die andere Adresse, bleib gesund und vergnügt und denke an Deinen alten Freund Burton Das war’s also! Der arme Junge hatte Pech gehabt mit seiner Jackie, aber Glück mit seinem Roman. Nun, er würde wohl bald darüber hinwegkommen, Arbeit war eine gute Medizin gegen Seelenkummer. Schade, daß er erst im Dezember kommen konnte, ich hätte so gerne einen Gesprächspartner gehabt, bei dem man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen mußte. Ich hatte ihm, kurz bevor ich in das Haus übersiedelt war, geschrieben und ihn eingeladen; er konnte schließlich seinen Beruf überall ausüben, hier hatte er Ruhe, gute Luft und Frau Myers’ Essen war auch nicht zu verachten. Außerdem war das Haus groß, und drei oder vier Zimmer standen noch leer. Doch die Zeit bis dahin würde wohl bald vergangen sein, der Oktober neigte sich dem Ende zu, auf den Bergen lag schon Schnee. Auch hier unten war schon einmal Schnee gefallen, aber natürlich nicht liegen geblieben. Doch seit einigen Tagen konnte man das Wild beobachten, das in den Park kam (die Mauer hatte an der Waldseite mehrere Lücken); Frau Myers fütterte es im Winter, und wenn es kam, so sagte sie, dann kam auch der Winter. In den folgenden Wochen arbeiteten Steve und ich an dem Schaltplan für Empfänger und Analysator; eine Reihe von Schwierigkeiten traten auf, da sich Steve nicht mehr genau erinnern konnte, wie er gewisse Frequenzen ausgefiltert hatte, und ich mußte, sobald ein neues Problem auftrat, immer erst mehrere Bücher zu
Rate ziehen, ehe mir eine Lösung gelang. Doch meist zeigte sich, daß ein eben bewältigtes Problem neue Schwierigkeiten nach sich zog, und wir kamen nur langsam weiter. Das machte uns jedoch nichts aus, wir hatten Freude an der Arbeit und waren zufrieden, überhaupt Fortschritte zu machen. Längst war der Winter eingezogen, die Welt um uns in Schnee versunken; Herr Myers brachte alle Tage Körbe voll Buchenscheite ins Haus, und Frau Myers heizte die Öfen und den großen Kamin im Wohnzimmer. Ich liebte das Knistern und Knacken des brennenden Holzes, den würzigen Geruch, den Anblick der lodernden Flammen. Es war eine vor-sintflutliche Art, durch Verbrennen von Holz Wärme zu erzeugen, aber sonderbarerweise sagte diese Art mir am meisten zu. Ich nahm die sogenannten Segnungen der Zivilisation ganz gern in Anspruch, insbesondere ein modernes Badezimmer, doch meine Liebe galt den alten Bräuchen. Steve war da ganz anders, ihm war es egal, wodurch es warm im Haus wurde, bloß frieren wollte er nicht. Ihm war es auch gleich, was er aß, solange es ihn sättigte, und was er trank, solange sein Durst gestillt wurde. Er war eben doch nur eine Art Roboter, der sich am liebsten mit Idioten, Sensoren und Frequenzfiltern beschäftigte. Ich selbst fand ja auch Freude an der Arbeit, aber für mich war die Arbeit, die Forschung, nur eine der Facetten des Lebens. An einem grauen Novembertag, da der Nebel wie wäßrige Milch über den Wiesen lag und das allgegenwärtige Naß von den kahlen schwarzen Zweigen der großen Blutbuche tropfte, bekamen wir Besuch. Eine elegante junge Dame, das glatte schwarze Haar zu einem Knoten gewunden, in einem apfelgrünen Wollkleid, einen Waschbärmantel um die Schultern. Braune Wildlederstiefel. Mein Blick glitt von den schlanken Fesseln wieder hinauf zu dem schmalen madonnenhaften Gesicht und den blauen Augen, die, in entzückendem Kontrast zu dem damenhaften Aussehen der Figur, ein schalkhaftes Wesen verrieten. Es war Tamara, Tamara Dubois, die Frau, die ich im Restaurant des ›Golden Star‹ mit Steve und einem anderen Herrn beobachtet hatte. Frau Myers hatte sie hereingeführt, unter vielen Entschuldigungen,
die Dame ließe sich nicht abweisen, sie wolle unbedingt mit meinem Assistenten sprechen. Ich war gerade im Wohnzimmer gewesen, hatte vor dem Kamin kauernd in die Flammen gestarrt und über die Übersetzung eines altpersischen Liebesliedes nachgedacht. Ich brachte es nicht fertig, mich so wie Steve ausschließlich mit den verdammten Filtern herumzuschlagen. Nachdem wir uns begrüßt und vorgestellt hatten, bat meine schöne Besucherin sogleich, zu Steve geführt zu werden; es schien, als verdächtige sie mich, ihn in irgendeinem dunklen Verlies eingesperrt zu halten. Ich muß gestehen, ich war ärgerlich. Ich läutete Frau Myers, die eben erst gegangen war, und bat sie, Miß Dubois zu meinem Assistenten in den Experimentierraum zu führen. Wieder allein, überlegte ich, was dieser Besuch wohl bedeuten könne und wie sich der arme Bursche Tamara gegenüber verhalten würde. Ich hoffte sehr, daß er sein normales Benehmen an den Tag legte, zumal wenn ich nicht dabei war; die einzige Gefahr bildeten die Apparaturen, deren Vorhandensein oft schon genügte, um ihn in eine Art Trance zu versetzen. Er arbeitete dann zwar besonders erfolgreich und konzentriert, war jedoch kaum ansprechbar. Es blieb mir nichts übrig, als abzuwarten. Ich bat Frau Myers, Tee und Gebäck zu bringen, und entschuldigte mich, daß ich sie heute so auf Trab hielt. Sie lachte verlegen. »Das macht doch nichts, Professor!« (Sie titulierte mich so, und ich ließ es dabei bewenden.) »Aber wissen Sie, das ist schon eine energische Dame! Ich hab nicht gelauscht, aber sie hat Mister Cullingham richtig angeschrien und geschimpft mit ihm!« Auch ich lachte nun. »Steve wird sich nichts daraus machen; aber ich kann mir gut vorstellen, daß ihm eine Störung jetzt gar nicht willkommen war, und er sich demnach nicht gewillt zeigte, ihr überhaupt zuzuhören.« »Ja, so wird’s wohl gewesen sein. Aber ich geh jetzt lieber und setz das Teewasser auf!« Sie verließ das Zimmer, noch immer vor sich hin murmelnd. Offenbar hatte ihr die energische Dame nicht so gut gefallen wie mir.
Es waren kaum zwanzig Minuten vergangen, da klopfte es kurz und, ohne eine Aufforderung abzuwarten, stürmte Tamara wieder ins Zimmer. »Was haben Sie nur mit ihm gemacht?« fragte sie atemlos. Also doch! Ich beschloß, ihr für den Anfang das Reden zu überlassen, denn ich mußte erst wissen, was geschehen war, bevor ich einen Entschluß bezüglich meines Verhaltens treffen konnte. »Nichts«, antwortete ich. »Nichts? Das wagen Sie mir ins Gesicht zu sagen?« »Ja, denn es ist so.« Ihre blauen Augen funkelten vor Empörung. »Aber Steve benimmt sich wie ein Zombie, bemerken Sie das denn nicht? Ich wette, Sie haben ihn hypnotisiert, der arme Kerl ist ja gar nicht mehr er selber!« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich schwöre Ihnen, ich habe ihn nicht hypnotisiert; aber natürlich ist mir sein absurdes Verhalten nicht verborgen geblieben.« »Na und? Da muß man doch etwas dagegen unternehmen, Steve ist ja krank! Wenn Sie wirklich unschuldig an der Sache sind, warum bringen Sie ihn dann nicht zu einem Arzt oder ins Krankenhaus?« »Ich fürchte, das wäre sein Ende. Ich wage es nicht, ihn von der Arbeit wegzureißen, im Augenblick ist diese Arbeit sein Leben, und ich meine das wörtlich!« Entsetzt starrte sie mich an. »O Gott, wenn das wahr ist, dann ist seine Konstruktion ein Werk der Hölle! Haben Sie Steve gekannt, wie er früher war? Nein? Nun, er war so normal wie Sie und ich, ein stets vergnügter, humorvoller und lebenskluger Mann – und jetzt, jetzt ist er ein Besessener!« Ich nickte. »Damit haben Sie recht, aber er ist einfach von seiner Arbeit besessen, er hat eine Idee, die er realisieren will. Mit der Hölle hat das gar nichts zu tun, im Gegenteil!« »Was bedeutet das?« »Nun, seine – besser gesagt, unsere – Arbeit hängt eher mit dem Himmel zusammen; wir bauen einen Kurzwellen-Empfänger sehr hoher Empfindlichkeit.« »Aber Steve ist… er ist ein ganz anderer Mensch geworden, und ich möchte wetten, er steht unter Hypnose! Ich habe noch immer große Lust, die Polizei hier herauszuschicken, aber wenn Sie meinen,
das könnte ihm schaden, dann werde ich nur einen Arzt bitten, ihn zu untersuchen. Ich kenne einen sehr guten Psychiater.« Das Mädchen hatte mir gerade noch gefehlt! Natürlich hatte sie recht, niemand wußte das besser als ich, doch mußte ich versuchen, sie irgendwie zu Vernunft zu bringen. Nicht nur, daß ihre Aktionen mich in Gefahr brachten, ich war auch überzeugt davon, daß Steve, wenn jemand energisch genug versuchte, ihm sein Geheimnis zu entreißen, einfach tot umfallen würde. Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist; doch wir wollen gemeinsam überlegen. Darf ich zunächst fragen, wie Sie zu ihm stehen? Sind Sie eine Verwandte? Seine Freundin?« »Weder noch. Vielleicht bin ich eine Art Schwägerin aber das muß ich erklären. Steves Frau kam bei einem Autounfall ums Leben; ich bin ihre Stiefschwester, doch eigentlich nicht einmal das. Ihr Vater hat ein zweites Mal geheiratet und zwar meine Mutter; sie brachte mich mit in die Ehe.« »Kompliziert, aber sagen wir mal, Sie sind seine Schwägerin. Altersmäßig könnten Sie seine Tochter sein. Aber wieso fühlen Sie sich denn so verantwortlich für ihn?« Tamara war empört. »Verantwortungsgefühl ist doch nicht eine Frage des Verwandtschaftsverhältnisses! Wenn ich irgendeinen Menschen in Gefahr sähe, würde ich versuchen, ihm zu helfen. Und Steve kenne ich so gut, ich sagte Onkel zu ihm, solange ich klein war; später bat er mich dann, ihn bloß Steve zu nennen, als Onkel käme er sich so alt und würdig vor.« Sie lachte, wurde aber sofort wieder ernst. »Steve ist in Gefahr, und ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß Sie die Ursache sind!« Wie recht sie hatte! Doch ich mußte versuchen, sie von ihren für uns gefährlichen Plänen abzubringen. »Tamara«, sagte ich, »erlauben Sie mir bitte, Sie so zu nennen. Ich will Ihnen alles erzählen und dann wollen wir gemeinsam überlegen. Ich hatte beschlossen, mich hier niederzulassen und mich mit elektronischen Forschungen zu beschäftigen, als Steve zu mir kam. Ich kannte ihn nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen. Er sagte, er wolle mit mir zusammenarbeiten als mein Assistent, ohne Gehalt, im Gegenteil, er bot mir sogar Geld an. Er hatte als junger Mensch eine funktionierende Apparatur konstruiert, die es ihm gestattet hatte,
extrem schwache Sendungen aufzufangen. In einem Anfall von Wut hatte er jedoch einmal alles zerschlagen und weggeworfen. Nun wollte er wieder so etwas bauen, und es gelang ihm, mich für seine Ideen zu interessieren. Die Arbeit fesselte ihn, nahm immer mehr von ihm Besitz, er wurde ganz sonderbar; ich nenne ihn oft meinen Roboter. Er ißt, trinkt, schläft, atmet, nur um am Leben zu bleiben. Nie habe ich ihn lachen oder wenigstens lächeln sehen. Einmal habe ich versucht, seinem beunruhigenden Verhalten auf den Grund zu gehen; er verlor das Bewußtsein, fiel zu Boden und kam stundenlang nicht mehr zu sich. Ein zweites Mal konnte ich einen solchen Kollaps gerade noch rechtzeitig verhindern, doch ich wagte nicht, einen Arzt zu holen, denn der würde ihm gewiß Fragen über seinen Zustand stellen. Um ganz ehrlich zu sein, ich kann mir vorstellen, daß Steve bei einer solchen Gelegenheit stirbt!« Tamara war in sich zusammengesunken, nachdenklich drehte sie eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, zwischen den Fingern. »Ich glaube Ihnen«, sagte sie leise. »Ich weiß nicht, wieso, aber ich glaube Ihnen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, daß eine Forschungsarbeit einen Menschen so zu verändern imstande ist! Steve ist ein Fremder geworden, und er ist mir unheimlich, ich kann mir nicht helfen!« »Ich empfinde mitunter ähnlich«, erwiderte ich. »Dabei habe ich ihn nicht von früher her gekannt! Aber es ist nicht immer gleich schlimm mit ihm, manchmal benimmt er sich etwas normaler, menschlicher.« Frau Myers hatte Tee und Apfelkuchen gebracht, und wir aßen und tranken, ohne uns dessen recht bewußt zu werden. Wir waren beide mit unseren Gedanken bei Steve und wußten beide nicht, wie ihm zu helfen sei. Schließlich meinte ich: »Wahrscheinlich liegt die einzige Möglichkeit darin, ihn gewähren zu lassen. Einmal wird die Arbeit beendet sein, und ich hoffe sehr, daß er dann, wenn er am Ziel steht, wieder zu dem Menschen wird, der er früher war.« Hier log ich. Sollte es tatsächlich gelingen, jene obskure Sendung wieder zu hören, von der Steve mir berichtet hatte, so war ich überzeugt, daß er ihr von neuem stunden- und tagelang lauschen würde. Gelang es uns hingegen nicht, sie zu empfangen, würde Steve die Arbeit nicht aufgeben, sondern weitersuchen, wenn nötig bis ans Ende seines Lebens. Aber das durfte ich Tamara nicht sagen, sonst
hätte sie wohl darauf bestanden, einen Psychiater zu konsultieren. Tamara erhob sich. »Ich darf Sie nun nicht länger aufhalten, hoffen wir, daß Sie recht haben! Und entschuldigen Sie bitte mein Eindringen hier.« Ich verbeugte mich. »Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, es war mir eine große Freude, Sie kennengelernt zu haben, und ich hoffe, Sie wagen sich wieder einmal in Frankensteins Schloß!« Sie lachte, ihre Augen blitzten lausbübisch. »Vielleicht!« Ich begleitete sie bis ans Parktor, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte. Es nieselte, Schneematsch bedeckte die Wege, ein grauenhaftes Wetter. »Gute Fahrt und Vorsicht!« »Auf Wiedersehen!« Das, was ich damals an jenem trübseligen Vorwinterabend gefürchtet und erhofft hatte, geschah: Wir verliebten uns. Bald kam Tamara jeden zweiten oder dritten Tag heraus, die Abende verbrachten wir stets gemeinsam, meistens in der Stadt. Wir besuchten Theateraufführungen,1 Konzerte, Vorträge; wir aßen zusammen in einem kleinen französischen Restaurant, wir tanzten, wir gingen sogar spazieren und bemerkten kaum, wie abscheulich das Wetter in jenem November war. Zum Glück hatte Tamara keinen festen Beruf, um genau zu sein, sie war nicht irgendwo angestellt. Tatsächlich war sie Pianistin, hatte öffentliche Konzerte gegeben – doch das lag schon einige Jahre zurück. Ein rheumatisches Leiden hatte es ihr unmöglich gemacht, weiter aufzutreten; heute spielte sie nur noch gelegentlich bei Hauskonzerten oder zu ihrem Vergnügen. Neuerdings spielte sie auch für mich. Ich war wohl nicht musikalisch genug, um überhaupt zu bemerken, daß die Finger ihrer linken Hand nicht so beweglich waren wie die der rechten; sie allerdings störte es sehr. Doch Tamara war reich, und so war es nicht allzu schlimm, daß sie sich mit dem einzigen Beruf, den sie erlernt hatte, nicht ihr Brot verdienen konnte. Ich hingegen war egoistisch genug, um mich sogar darüber zu freuen, denn so hatte sie immer Zeit für mich und für gemeinsame Unternehmungen. Es war eine wunderschöne Zeit. Gegen Ende November wurde es richtig kalt, eine Reihe von
klaren Nächten brachte tiefe Strahlungsfröste, die Erde wurde hart wie Fels. Alles erstarrte. Der Teich im Park fror zu, das Bächlein säumte seine grasbestandenen Ufer mit bizarren Borten aus Perlen und Kristall. Und dann kam der Schnee. Es rieselte aus schweren grauen Wolken, die sich über die Berge heranwälzten in immer neuen Schüben; es schneite tagelang, nächtelang. Herr Myers hatte den ganzen Tag zu tun mit Schneeschaufeln und Holzschleppen, und Frau Myers heizte die Öfen, kochte, buk und wusch. Steve und ich arbeiteten an dem Analysator; er fast ununterbrochen, verbissen und unnachgiebig, ich hingegen nur gelegentlich (wenn Tamara keine Möglichkeit hatte herauszukommen) und ohne besondere Begeisterung. Doch jetzt, da wir nahezu eingeschneit waren und Tamara, zumindest solange der Schneefall anhielt, nicht zu mir kommen konnte, jetzt war ich fleißiger. Langsam begannen sich die ersten Erfolge abzuzeichnen, und die Sache machte mir wieder mehr Spaß. Eines Abends gelang es uns zum ersten Male, ein paar Fetzen jener Sendung aufzufangen, die Steve vor mehr als zwanzig Jahren gehört hatte: Eine Folge von Tönen, ohne Rhythmus, ohne Melodie – ja, ich weiß nicht einmal, ob ich diese Geräusche als Töne bezeichnen durfte. Steve hatte recht gehabt, einfach von akustischen Reizen zu sprechen. Wir waren beide fasziniert und wie berauscht vom Erfolg. Ich hatte, obwohl die Tonfolge so leise kam, daß sie nur gerade wahrnehmbar war, das sonderbare Gefühl, etwas Bekanntes zu hören, eine Sprache, die… Ich versuchte die Lautstärke zu erhöhen und drehte an dem Regelknopf, ganz wenig nur, aber ich löste einen Knall aus, eine Kaskade von Funken stob aus den Kühlschlitzen, und Steve stöhnte auf, als hätte ich ihm einen Schlag versetzt. »Wie konntest du nur! Wir hatten doch ohnehin die höchste Leistung, die zulässig war, und der kleine Vorschaltwiderstand…« »Na wenn schon«, unterbrach ich ihn gereizt, »wir werden halt einen neuen Widerstand einlöten, ich mach das schon, gib mir mal das Schaltbild!« Wortlos reichte er es mir. Er hob den Deckel des Apparates ab
und zeigte mit einem vor Empörung zitternden Finger auf die Bescherung. Es war tatsächlich mehr Schaden als ein durchgebrannter Widerstand, wir mußten praktisch die gesamte Verstärkerstufe erneuern! Nun, das bedeutete nicht mehr als ein oder zwei Tage zusätzliche Arbeit; ich nahm es nicht weiter tragisch, schließlich hatten wir den ganzen Winter Zeit! Steve aber war böse und unglücklich. »Schau, Steve, wir werden in Zukunft den Regler blockieren, knapp bevor die maximal mögliche Leistung erreicht ist, dann kann so etwas nicht wieder geschehen!« Ich versuchte ihn zu trösten. »Und außerdem sehe ich da eine Möglichkeit, die Verstärkung zu erhöhen, und zwar selektiv, ich werde das heute abend noch durchrechnen… Sag mal, du hast doch damals diese Sendung deutlicher empfangen, nicht?« »Ja, das schon«, knurrte er, »aber ich hatte eine ganz andere Schaltung, damals gab’s doch die Murchinson-Selektoren noch nicht, bei mir ging’s primitiver zu!« »Und trotzdem war der Empfang besser!« »Ja, ich weiß auch nicht, wieso. Ich hatte einfach auch Glück, denke ich. Ich wollte, ich käme wieder drauf, wie ich’s gemacht habe, aber das scheint hoffnungslos zu sein!« »Na ja, probiert haben wir’s ja lang genug. Doch es führt auch unser Weg zum Erfolg, wie du gesehen hast, also laß den Kopf nicht hängen! Du wirst sehen, wir bauen eine verbesserte Verstärkerstufe ein, dann wird’s schon klappen. Ich werde mich gleich an die Berechnungen machen.« »Und wie bekommen wir die Ersatzteile? Ich kann doch jetzt nicht in die Stadt, der Schnee liegt meterhoch!« »Meterhoch ist schrecklich übertrieben, außerdem hat der Schneefall aufgehört, der Himmel ist klar, schau nur hinaus! In ein paar Tagen haben die Räumfahrzeuge alles weggeputzt.« Ich faltete den Schaltplan zusammen, suchte mir zwei Fachbücher heraus, die ich vielleicht brauchen würde, und nahm auch den großen Handrechner mit – in zwei bis drei Stunden sollte ich wissen, ob meine Idee, die selektive Verstärkung zu verbessern, durchführbar war.
In meinem Zimmerchen richtete ich mir alles griffbereit her, breitete den Plan wieder aus und begann mir die Daten der einzelnen Schaltelemente zu notieren. Doch viel weiter kam ich nicht – ich konnte mich einfach nicht richtig konzentrieren. Die Tatsache, daß wir jene Sendung empfangen hatten, ging mir nicht aus dem Kopf. Diese sonderbaren Signale, die irgend jemand oder irgend etwas jahrzehntelang und offenbar pausenlos sendete… Daß es sich dabei nicht um einen Randomeffekt handeln konnte, hatte ich sofort erkannt, obwohl das die logischste Erklärung gewesen wäre. Denn – und fast scheute ich mich, es vor mir selber zuzugeben – ich hatte es verstanden. Es war eine Sprache gewesen, eine Botschaft; besser gesagt, ein winziges Fragment einer Botschaft. Keine menschliche Sprache, das schien gewiß; vielleicht war es die Sprache von Tieren, von Insekten oder… mir fielen die Delphine ein, diese klugen, freundlichen Geschöpfe des Meeres… War es möglich, daß wir mit unserer zugegebenermaßen phantastischen Apparatur die Sprache von Tieren empfingen? Von Tieren, die sich mittels elektromagnetischer Schwingungen verständigten? Die, ähnlich wie wir selbst es tun, Gehirnwellen emittieren, Gehirnwellen mit wesentlich größerer Intensität! Das könnte eine Erklärung sein! Aber warum hatte ich es verstanden? Hatte ich es überhaupt verstanden oder eben nur erkannt? Erkennen ist eine Vorstufe des Verstehens; ich hatte es vielleicht doch nur als Sprache, als Fragment einer Mitteilung erkannt… Vergeblich versuchte ich, das Gehörte in Worte zu fassen, es war mir nicht möglich, es war so anders, es gab keine passenden Worte. Ein Vergleich drängte sich mir auf: Ich habe ein Blatt Papier, das bedeckt ist mit mathematischen Formeln – kann ich sie in Sprache fassen? In Sprache, die jedermann versteht? Nein. Oder: Ich höre Musik. Sie sagt mir viel, und doch kann ich das nicht durch allgemeinverständliche Sprache ausdrücken. Der zweite Vergleich ist nicht so gut – aber das mit den Formeln, das trifft die Sachlage schon eher. Ich erkenne die Formeln und verstehe auch, was sie aussagen. Sie sagen jedermann dasselbe (das trifft für die Musik nicht zu), sie sind eine Art Sprache, aber die
verbale Sprache ist trotzdem ungeeignet, das auszudrücken, was sie sagen. So ähnlich war’s. Jenes Fragment, das ich gehört hatte, war nicht Teil eines Satzes, es war… es war eine Scherbe von einem Glasmalereifenster… das Element eines Puzzles… Und ich hatte es sofort erkannt, ich hatte gewußt, was es war. Das gesamte Bild, die gesamte Mitteilung also, konnte irgend etwas sein, ich wußte nichts darüber. Trotzdem hatte ich das Fragment als Teil des Ganzen erkannt. Doch nun stellte sich sogleich die Frage: Wieso habe ich es erkannt, wieso war es für mich nicht sinnlos? (Für Steve zum Beispiel war es unverständlich und absolut sinnlos.) Zone III – war das die Erklärung? Wieso vergaß ich überhaupt so oft, mitunter für Wochen, auf diese Besonderheit in meinem Hirn? Gab es in ihr eine Art ›Sprachbereich‹, der es mir ermöglichte, solche Mitteilungen zu verstehen? Vielleicht war es tatsächlich die Delphinsprache, oder die Sprache der Elche, oder auch die der Erdhörnchen? Würde ich, wenn es uns gelänge, diese Mitteilungen zur Gänze in ausreichender Intensität zu empfangen, auch wissen, von wem (oder wovon) sie stammten? Die alte Frage, das Problem meines Ichs stand im Raum – nach langer Zeit wiederum ganz deutlich: Die drei zerebralen Zonen, Zone I, die des täglichen Lebens, Zone II, die des Vergessens und Zone III, die blockierte Zone, zu der ich keinen Zugang finden konnte. Gewisse Dinge, Tatsachen, Erkenntnisse wie etwa das Wissen um die Existenz von Zone III oder daß ich R 14 war, glitten sehr leicht und für lange Zeit in Zone II ab. Es war nicht ganz korrekt zu sagen, daß ich diese Dinge vergaß, ich dachte nur nicht daran, es kam mir nicht in den Sinn. Zone I war perfekt, manchmal sogar beängstigend perfekt: Alles, was ich in ihr gespeichert hatte, lag jederzeit griffbereit da, ich vergaß nichts, was ich einmal gelernt oder gelesen hatte. Zone I funktionierte wie ein Computer, ein organischer Computer… Das Telefon läutete. Tamaras weiche, warme Stimme wünschte mir einen guten Abend. »Tamara, meine Liebe, du ahnst nicht, wie willkommen mir deine Stimme in eben diesem Augenblick ist! Wie geht es dir, was machst
du immer?« Sie lachte leise. »Es geht mir gut, denn ich habe ja dich. Und ich denke an dich und warte darauf, daß die Straßen wieder befahrbar werden. Wie sieht’s bei euch draußen aus?« »Wie am Nordpol«, erwiderte ich. »Noch ist nicht einmal die Hauptstraße geräumt, aber vermutlich geschieht das schon in dieser Nacht.« »Und die Zufahrt zu deinem Hügel?« »Wird auch von den offiziellen Räumern frei gemacht; natürlich muß ich extra dafür bezahlen.« »Ja, das einsame Leben ist zwar schön, aber teuer. Was macht ihr zwei gerade jetzt?« »Heute haben wir zum ersten Male einen Fetzen von Steves alter Sendung hereinbekommen. Und es ist nicht, wie ich immer annahm, ein Randomeffekt! Aber das alles am Telefon zu erzählen, würde zu lange dauern, jedenfalls scheinen wir einer sehr interessanten Sache auf die Spur gekommen zu sein.« »Ach Charly, spann mich nicht auf die Folter! Woher kann diese Sendung kommen?« »Ich weiß es nicht, Liebste. Ich dachte eben darüber nach – es könnte eine Art Tiersprache sein, mir kamen die Delphine in den Sinn.« »Ist das nicht sehr unwahrscheinlich? Warum nicht Menschen, Menschen, deren Sprache du nicht kennst?« »Nun, es ist sicher keine menschliche Sprache.« »Und eine Art Morsesprache? Oder ein Code?« »Ja, eine vage Möglichkeit wäre es, normale Sprache, die man durch ein Kodiergerät geschickt hat. Aber ich bin fast sicher, daß es auch das nicht ist. Ich bitte dich, zu bedenken, daß diese Sendung nun schon jahrzehntelang und ununterbrochen läuft! Wer macht denn so etwas?« »Keine Ahnung. Nun, du hast recht, ich will mich gedulden; in ein paar Tagen kann ich sicher wieder hinauskommen und dann werde ich’s ja selbst hören.« »Hoffentlich. Wir müssen nämlich erst eine neue Verstärkerstufe bauen, die alte ist uns durchgebrannt. Um ehrlich zu sein, ich habe das Feuerwerk veranstaltet, unabsichtlich natürlich. Bei der
Gelegenheit werden wir die neue Stufe auch verbessern. Die Intensität war zu niedrig.« »Ich bin schon sehr neugierig. Wie geht’s Steve?« »Wie immer«, erwiderte ich; »er ist von der Arbeit derart besessen, daß man kaum mit ihm reden kann. Vermutlich fährt er in die Stadt, sobald es geht, wir brauchen ja Ersatzteile. Ich komme dann mit, schon deshalb, weil ich dich sehen will!« »Fein, ruf aber vorher an, damit ich zu Hause bin!« »Okay. Ich freue mich schon. Ich liebe dich, mein kleiner Engel, ich liebe dich sehr!« »Ich liebe dich auch, mein Kobold. Leb wohl und gute Nacht!« »Gute Nacht auch, schlaf gut!« Die Brücke zerriß, ich war wieder allein, allein mit meinen Gedanken, mit meinen Sorgen. Allein mit dem Schaltplan, dem Rechner, den Büchern. Ich hatte doch Steve versprochen, heute noch die modifizierte Schaltung durchzurechnen! Wieder notierte ich die Daten aus dem Plan und begann eine neue Schaltung zu skizzieren, doch ich war nicht recht bei der Sache, ich hatte sogar den Wert einer Induktivität falsch abgeschrieben! Den Fehler entdeckte ich erst, als ich die Daten in meinen Rechner einspeiste… zu dumm, so etwas passierte mir doch sonst nicht! Ärgerlich warf ich Bleistift und Papier zur Seite. Verdammt, warum ließ ich mich von Steve so hetzen! Wir hatten den ganzen Winter Zeit, da kam es doch auf einen Abend nicht an! Morgen, gut ausgeschlafen, würde ich die Arbeit in der halben Zeit bewältigen! Der Morgen brachte neue Schneefälle, es war, als hätte der Winter am Abend zuvor bloß einmal tief Atem geholt, um uns nun von neuem, frisch gestärkt, seine Macht zu zeigen. »So einen Winter hatten wir schon Jahre nicht mehr«, berichtete Frau Myers, als sie das Frühstück servierte. »Nicht mal das Wild kommt durch! Und die armen Vögel finden auch nichts! Na, die können wenigstens fliegen, aber Hasen und Rehe können ihre Schlupfwinkel nicht verlassen, und viele werden verhungern.« Steve warf ihr einen mürrischen Blick zu, und da mir auch keine Antwort einfiel, schien sie ein wenig gekränkt zu sein und schloß die Tür heftiger als sonst. »Die mit ihrem Viehzeug, das ist doch das Leben im Wald
gewöhnt! Und das Rotwild vermehrt sich ohnedies viel zu sehr, weil es kaum mehr eine natürliche Auslese gibt. Aber wie steht’s mit der neuen Schaltung? Wann können wir anfangen?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich hab’s noch nicht. Aber solange wir uns die Ersatzteile nicht besorgen können, ist’s sowieso egal; was hast du gestern abend noch gemacht?« »Alles ausgebaut, was zerstört war. Mehr konnte ich nicht tun. Was sagst du zu der Sendung? Wir haben doch ein bißchen hereinbekommen, genau das war’s, was ich damals empfangen hab!« »Einstweilen kann man noch gar nichts sagen, jedenfalls ich nicht. Und du? Hast du etwas wiedererkannt?« Steves Blick wurde abwesend. »Es war ein Teil der Botschaft«, murmelte er tonlos. »Ich bin nur ein Helfer, die Botschaft ist für dich.« »Ach Unsinn, Steve! Ich verstehe kein Wort davon! Komm, wir wollen uns heute die Antennen vornehmen!« Wir arbeiteten bis gegen Mittag an den Antennenleitungen, die wir sehr sorgfältig isolierten, zusätzlich zu dem normalen Schutz. Oben am Dachboden war es kalt und zugig, und unsere Finger wurden bald steif, ebenso die in Plastik eingegossenen Isoliermäntel, die wir über die Drahtleitungen stülpten. Es war eine unangenehme Arbeit, und ich war mir nicht sicher, ob sie überhaupt Erfolg versprach. Dennoch war es in unserem Fall wichtig, jede nur mögliche Störung auszuschließen, egal wie unbedeutend sie scheinen mochte. Am Nachmittag hörte der Schneefall wieder auf, und es schien sich eine Wetteränderung anzubahnen. Das Thermometer fiel und ein scharfer Nordostwind kam auf. Nachts hörte ich das ferne Wimmern der Schneefräse, begleitet von dem dumpfen Brummen der starken Dieselmotoren. Endlich! Endlich waren wir nicht mehr von der Welt abgeschnitten; in meinem speziellen Fall bedeutete dies lediglich: Ich war nicht mehr von Tamara getrennt. Am nächsten Morgen brachen wir gleich nach dem Frühstück auf. Ich hatte eine Ersatzteilliste zusammengestellt, und Steve wollte versuchen, alles zu bekommen oder zumindest zu bestellen. Meine noch am Abend vorher durchgeführten Berechnungen zeigten, daß
meine Idee durchführbar war und eine beträchtliche Intensitätserhöhung versprach. Steve war nun auch nicht mehr deprimiert, im Gegenteil, er zeigte die beinahe menschliche Reaktion, die Zerstörung der Verstärkerstufe als Glücksfall anzusehen. In Livingston setzte er mich vor Tamaras Wohnung ab, bevor er auf Suche nach den Bauteilen ging. Und ich, ich glücklicher Narr, ich hoffte, seine Suche würde bis zum Abend andauern. Tamara begrüßte mich, als hätten wir uns wochenlang nicht gesehen, und ich hätte sie am liebsten überhaupt nicht mehr losgelassen. Wir küßten und umarmten uns und waren ein paar kurze Stunden wunschlos in unserer Liebe. Ich hatte Zone III vergessen, ich hatte vergessen, daß ich (wahrscheinlich) ein potentieller Spion war, daß ich etwas verstand, was ich eigentlich nicht hätte verstehen sollen… Ich dachte nicht an all das, was mich sonst bedrückte, ich war bis an die Haarspitzen erfüllt von Liebe. Heute, heute sollte Tamara meine Frau werden! Auf meine scheu und zärtlich geflüsterte Frage lachte sie nur. »Mein Geliebter, mein einziger Geliebter«, murmelte sie mit schläfrig klingender Stimme, »du hast es ohnehin so lange ausgehalten!« »Mein kleiner Engel, meine Süße, meine gute Fee!« Ich bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Ich danke dir! Du hast mich zum glücklichsten Menschen auf dieser Erde gemacht!« Wir lagen eng umschlungen, bebend vor Freude und Sehnsucht, als der dunkle Schatten auf mich fiel wie eisiges Tuch. Ich erinnere mich noch, daß ich dachte, der Tod könne doch nicht vor der Vereinigung eintreten, nachher wäre ich bereit gewesen, aber jetzt! Noch einmal pulste heißes Blut durch meine Adern, ich lehnte mich auf gegen Schatten und Kälte – doch umsonst! Meine Kraft war wie der Atem eines Vogels im Sturm, wie die Wärme einer Kerzenflamme neben einem Gletscher. Ich versank lautlos. Als ich wieder zu mir kam, spürte ich zuerst die Wärme. Ich war also nicht tot, dachte ich, und gleichzeitig wurde mir die Albernheit dieses Gedankens bewußt. Scham floß in heißen Wellen durch meinen Körper. Ich hatte versagt, lächerlich, idiotisch versagt! Der Tod wäre das kleinere Übel gewesen. Doch dann hörte ich ein leises Weinen und öffnete die Augen.
Tamara saß an meinem Bett, sie trug ein hochgeschlossenes dunkles Kleid, hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und schluchzte verzweifelt. »Tamara!« Meine Stimme klang fremd und hohl. »Gott sei Dank!« Ihre zarten Hände hatten die Tränen von den Wangen gestrichen, sie lächelte, faßte mich an den Schultern, neigte sich über mich und küßte mich behutsam und scheu. »Mein Geliebter, wie froh bin ich, daß du wieder munter bist! Was ist nur geschehen?« »Ich weiß es nicht, Liebste! Es war plötzlich eine Kälte um mich, Kälte und Dunkelheit – ich dachte, es sei der Tod, aber offenbar war es nur eine Ohnmacht. O Tamara, ich schäme mich so, es ist einfach entsetzlich, wie konnte nur so etwas geschehen?« Sie lachte. »Du Dummer, du lieber dummer Kerl, wenn im Leben nicht mehr passiert, wollen wir dankbar sein. Kopf hoch! Wie fühlst du dich denn jetzt?« »Ganz gut, danke. Du hast mich ja in Daunen gepackt und eine Heizdecke angesteckt!« »Du warst plötzlich kalt wie ein Stück Eis, da dachte ich, es sei wichtig, dich wieder warm zu kriegen, daher die Daunendecke! Ach Liebster, ich bin ja so froh, daß du dich wieder besser fühlst! Sollen wir nicht doch lieber einen Arzt holen?« »Nein, das ist gewiß nicht notwendig. Ich will in den nächsten Tagen einmal mein Herz untersuchen lassen, vielleicht ist doch von der Grippe im Herbst etwas zurückgeblieben.« »Ja, tu das! Und nun wollen wir nicht mehr daran denken! Das zweite Mal wird es gewiß nicht mehr so aufregend sein, und selbst wenn dein Herz nicht ganz in Ordnung sein sollte, wird es dir nicht wieder solch einen bösen Streich spielen!« Aber es war nicht das Herz gewesen, das wußte ich genau. Ich hatte keine Ahnung, woher ich das wußte, doch ich war vollkommen überzeugt davon, daß Zone III diesen Schlag geführt hatte, diesen Schlag gegen den Menschen, der ihr Untertan war. Der nicht von seinem Weg abweichen durfte, der seine Aufgabe (was immer das sein mochte) zu erfüllen hatte. Stöhnend warf ich mich herum und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Fluch über euch, die ihr mir das angetan habt! Ich will nicht!
Ich will nicht! Ich will kein Spion sein – ich will nur leben, still und unbeachtet mein Leben führen. Ich will diese wunderbare Welt, unsere herrliche blaue Erde, die erfüllt ist von tausendfältigem Leben, kennenlernen und versuchen, sie zu verstehen – das ist die Aufgabe, die ich will! Nicht das Fremde in mir, das Feindliche! Das, das mich mit Ohnmacht schlägt, wenn ich dem größten Wunder gegenüberstehe! Fluch, Fluch über euch! Ich war so verzweifelt, weil ich mich so hilflos fühlte, so ausgeliefert dem übermächtigen Feind in mir. Dem Feind, der in Zone III saß, still und unbemerkt, wenn ich nicht vom Weg abwich, der aber unbarmherzig zuschlug, wenn mein Leben eine Richtung zu nehmen drohte, die ihm nicht gefiel. Ich war machtlos, ein Stück Holz, treibend im Strom… Ich hörte wie von fern Steves Stimme: »Die Botschaft ist für dich!« Ich hatte es ohnedies gewußt, ich hatte es erahnt und die Ahnung als richtig erkannt, aber ich hatte es nicht wissen wollen, ich hatte versucht, es zu ignorieren. Ich armer Narr, ich kleiner schwacher Mensch, was konnte ich tun? Konnte ich mich wehren? Konnte sich eine Libelle gegen einen Blizzard wehren? »Tamara«, sagte ich ohne Überlegung, »Tamara, ich will dir alles erzählen, alles! Ich habe es schon einmal einem Freund erzählt, es war ihnen nicht recht, aber ich glaube, daß sie gegen plötzliche Entschlüsse machtlos sind. Vielleicht ist es ihnen auch bloß nicht so wichtig, ich weiß es nicht. Ich will dir mein Leben erzählen, soweit ich mich erinnern kann. Und ich werde dir auch von ihnen erzählen, von ihnen, hört ihr?« Ich lauschte in mich hinein – doch Zone III schwieg. »Ich werde dir alles, alles sagen, auch alles über Steve… alles, alles! Ich bitte dich nur, glaube mir, halte mich nicht für verrückt, für krank. Ich bin es nicht, das weiß ich ganz genau.« Tamara strich mir über die Haare, zart wie ein Windhauch. »Liebster, beruhige dich! Ich weiß, daß du nicht verrückt bist, und ich werde immer zu dir halten, was auch geschieht! Vertraue mir und vergiß nicht, daß ich dich liebe.« »Ich weiß es und ich danke dir! Ich danke dir für alles. Aber du weißt nicht, wen du liebst, und wenn ich sage, ich liebe dich, dann kann ich nicht sagen, was oder wer das ist: Ich. Ich bin vielleicht nicht immer der, den du kennst, vielleicht geschieht mit mir einmal das, was
mit Steve geschah. Und ich werde es nicht wissen, werde es nicht erkennen. Heute sage ich: Ich will mich dagegen wehren – aber werde ich dazu imstande sein? Meine Zukunft ist mehr als unsicher und manchmal habe ich das Gefühl, daß jeder Tag ein Schritt ist – ein Schritt näher auf einen Abgrund zu. Und ich kann mich nicht wehren, kann den Lauf der Zeit nicht aufhalten, jeder Tag ist ein Schritt!« Meine Stirn war feucht, ich warf die Daunendecke ab, setzte mich auf. »Tamara, ich weiß nicht, was ich tun soll! Kannst du mich nicht halten?« Lächelnd reichte sie mir ihre beiden Hände. »Ja, ich werde dich halten, und du hältst mich. Weißt du, manchmal glaube ich an die Macht der Liebe, ich glaube, daß die Liebe stärker ist als alle Mächte dieser Welt. Wir lieben uns und wir sind stark!« »Dank mein Engel, tausend Dank! Ich hoffe sehr, daß du recht hast, daß wir stark genug sind, ihnen standzuhalten, ihnen, wer immer das sein mag. – Geh, bitte, gib mir etwas zu trinken, keinen Alkohol, einen Fruchtsaft oder Tee oder was immer du hast!« Sie nickte und ging, und ich sah ihr nach, bewunderte den Fall ihres bodenlangen Kleides das, als einzigen Schmuck, eine breite golddurchwirkte Borte hatte. An den Füßen trug sie kleine schwarze Pantöffelchen. Nach wenigen Minuten kam sie wieder, ein Tablett in den Händen. Tee! »Wie hast du das nur so schnell fertiggebracht, du, meine Zauberin?« Lachend stellte sie das Tablett ab. »Das Haus hat einen eigenen Restaurantdienst, jede Wohnung einen Speisenlift. Ich brauche nur zu bestellen und Minuten später ist das Gewünschte da. Praktisch, nicht? Außerdem ist ein Telegramm gekommen, wohl von Steve. Lies vor, bitte!« Ich riß den Umschlag auf. »Bin Salt Lake City geflogen, hier verschiedene Bauteile nicht erhältlich. Bin morgen mittags wieder zurück. Gruß Steve.« Überrascht sah ich auf. »Was soll das, warum rief er nicht an?« »Nun, ich denke mir, er wird dein Veto gefürchtet haben. Ein Telegramm stellt dich vor vollendete Tatsachen!« »Kluges Mädchen. Ja, das wird’s sein. Und ich bin froh – wenn du es erlaubst, bleibe ich bei dir über Nacht. Darf ich?«
»Natürlich. Doch jetzt trink erst einmal!« Sie hatte mir Tee eingeschenkt, mit Rahm und Zucker, sie wußte längst, wie ich ihn mochte. Es gab kleine Kuchen dazu, mit Rosinen und Nüssen gefüllt, ein delikates Gebäck. Ich begann mich wieder besser zu fühlen, die Angst war zurückgedrängt, der Feind der Zone III schwieg. Durstig trank ich zwei, drei Tassen. »Und jetzt erzähle!« Tamara setzte sich auf eine der weichen Plüschkugeln, die im Zimmer umherlagen; sie zog die Beine hoch, streifte die Schuhe ab. »Erzähle und ich höre!« Und ich erzählte, berichtete über die kurze Spanne eines .langen Lebens, die mir in Erinnerung war. Tamara unterbrach mich kein einziges Mal, sie hörte nur zu, und ihr Gesicht spiegelte den Inhalt meiner Erzählungen wider. Ich berichtete nicht nur über all meine Erlebnisse, die Flucht über die Berge, den Diebstahl meines Passes – ich erzählte auch von meinen Überlegungen, meinen Sorgen, meiner Angst und meinen Zweifeln. Und natürlich auch von unseren Forschungen, vom Rauschanalysator, von der Botschaft. »Ich habe Angst«, schloß ich, »ich fürchte mich vor der Botschaft und bin gleichzeitig begierig, sie zu erfahren. Ich glaube jetzt, daß sie es ist, die Zone III öffnen wird.« Tamara nickte. »Damit hast du sicher recht. Aber das wird auch sein Gutes haben, du wirst dann deinen Feind kennen, wirst wissen, wie stark er ist. Vielleicht ist es auch gar kein Feind, hast du diese Möglichkeit schon bedacht?« »Ja – und manchmal glaube ich sogar daran, manchmal habe ich die Empfindung, er sei mir wohlgesinnt. Das allerdings nur so lange, als ich nicht vom Weg abweiche.« »Immerhin muß der Weg ziemlich breit sein!« »Es scheint so, meine Auftraggeber tolerieren viel. Dennoch lehne ich mich auf gegen sie, ich will keinerlei Einschränkung dulden, ich will frei sein, vollkommen frei, verstehst du?« »Niemand ist doch völlig frei, jeder muß im Rahmen der Konventionen leben – zumindest das.« »Ja, aber in die sind wir hineingeboren, wir empfinden sie nicht als Einschränkung, oder nur selten als solche. In früheren Zeiten war es schlimmer, man hatte zum Beispiel keine wahre Glaubensfreiheit,
noch im vorigen Jahrhundert mußte man – um nicht von seinen Nachbarn geschnitten zu werden – einer allgemein anerkannten Konfession angehören, man mußte in eine Kirche gehen, wobei es allerdings nicht wichtig war, in welche. Es war damals in Europa schon besser als hier in den Staaten, wo die Pflicht zur Religiosität ja geradezu lächerliche Formen angenommen hatte. Aber heute? Heute sind wir doch weitgehend frei.« »Vorausgesetzt, wir sind begütert und nicht gezwungen, einen Teil unseres Lebens zu verkaufen.« »Nicht nur! Ich würde sagen, wenn wir entweder begütert sind oder anspruchslos. Oder wenn wir einem freien Beruf nachgehen, auch das gibt es!« »Ja natürlich. Aber die Freiheit der Anspruchslosen ist doch nichts als bittere Armut!« »Sag das nicht! Mein alter Freund in den Bergwäldern, er war frei und fühlte sich reich und glücklich. Jeder Tag brachte ihm tausend Geschenke, denn er liebte die Welt, in der er lebte. Er war ein König! Einen Tagesmarsch von seiner Hütte entfernt gab es ein Berghotel, dorthin ging er manchmal. Er beobachtete dann die Gäste, bleiche, übergewichtige, streßgeplagte Menschen, die, unter dem Kommando eines Sportlehrers, Fitneßläufe absolvierten. Hopp, hopp, hopp…! Und dafür mußten sie auch noch bezahlen! In anderen Worten, dafür mußten sie Stunden hinter Schreibtischen, über Akten gebeugt, verbringen. Und er? Er durfte in dieser traumschönen Welt leben, sie gehörte ihm! Niemand kommandierte ihn, niemand schnitt ihn, weil er nicht korrekt gekleidet war. Er war frei, frei wie ein Vogel in der Luft!« »Und diese Freiheit möchtest du auch für dich?« »Ich weiß es nicht, noch nicht. Erst einmal brauche ich die innere Freiheit, ich werde um sie kämpfen, das weiß ich. Aber ich habe keine Ahnung, wie dieser Kampf ausgehen wird.« »Ich werde versuchen, dir zu helfen. Was wirst du tun – als nächstes, meine ich -, wirst du an diesem Gerät weiterarbeiten?« »Ja. Ich muß diese Botschaft hören!« »Aber du glaubst doch nicht mehr, daß es tierische Gehirnwellen sind, oder?« »Es erscheint mir recht unwahrscheinlich, nun, da Steve gesagt hat,
die Botschaft sei für mich. Aber weißt du, ich wollte es glauben, ich wünschte es und verdrängte alle Gedanken an eine Macht, die in mir sitzt und mir Befehle erteilt!« »Es wäre auch zu schön gewesen, hätten wir mit den Delphinen reden können oder mit den Käuzchen im Wald!« »Ja. Ich muß versuchen, mich von dem Wunschgedanken freizumachen, es macht mich manchmal ein bißchen blind, und das könnte gefährlich werden, jetzt, wo ich vor der Endrunde meines Kampfes stehe.« »Deines Kampfes um die Freiheit!« Ich legte einen Arm um ihre Schulter. »Ja, Liebste. Um meine Freiheit und um dich. Ich fühle es, fast möchte ich sagen, ich weiß, daß, wenn ich jene Botschaft erst einmal empfangen habe, ich Zugang zu dem blockierten Bereich in meinem Hirn haben werde; dann werde ich wissen, was R 14 bedeutet und was mein Auftrag ist. Und was immer er sein mag, ich werde mit aller Kraft versuchen, ihn abzulehnen. Selbst wenn mich eine Macht dazu ausersehen hätte, ein Messias zu werden, ich würde es nicht wollen. Ich will keine Macht, ich will keinen Reichtum und keine Aufträge. Ich will in Freiheit leben. Sonst nichts.« »Ich habe Angst«, sagte Tamara. »Ich habe Angst, du wirst wie Steve, wirst besessen sein von irgendwelchem technischen Kram und wirst gar nicht mehr hören, was ich sage, wirst mich nicht mehr sehen, so wie du mich jetzt siehst!« »Ich hoffe – ich kann nur hoffen -, daß das nicht geschieht. Ich weiß nicht, wie stark die fremde Macht ist. Ich erinnere mich, damals in Bensville, in jener ersten Zeit meiner Menschwerdung, als ich viele Tage damit verbrachte, über mich selbst nachzudenken, da hat jene Macht mühelos zugeschlagen. Allerdings nur ganz leicht. Gerieten meine Gedanken auf Abwege, so schlief ich plötzlich ein, oder ich hörte die Glocke an der Wohnungstür, das heißt, ich bildete mir ein, sie zu hören; aber ich war abgelenkt und auf andere Gedanken gebracht. Heute sind die Mittel drastischer.« Tamara nickte. »Ja, wie bei der Erziehung eines Kindes. Solange es klein ist, hilft man ihm behutsam auf den rechten Weg, später aber toleriert man zwar mehr, doch man reagiert bei Abweichungen auch heftiger, gröber.«
»Ja, genauso. Und wenn ich einmal Zugang zu Zone III haben werde, dann bin ich ›erwachsen‹. Wie wird mich die fremde Macht bestrafen, wenn ich nicht gehorche?« »Wir können es nicht wissen, Liebster. Aber fürchte sie nicht! Angst macht schwach, und du mußt stark sein. Es kann doch auch der Fall sein, daß, wenn du einmal alles weißt, das Fremde in dir überhaupt keine Macht mehr hat. Daß es dich, wenn du ›erwachsen‹ bist; sozusagen ganz aus seiner Obhut entläßt, hoffend, daß du ihm nun freiwillig dienst?« »Das wäre wohl zu schön, um wahr zu sein. Wir müssen einfach abwarten; ich rechne damit, daß wir in etwa einer Woche so weit sind. Vorausgesetzt, daß Steve alles bekommen hat.« »Weil wir von Steve sprechen«, sagte Tamara und rieb sich die Arme, als fröre sie, »vom guten, fröhlichen Onkel Steve – glaubst du, daß er eine Gefahr für dich sein könnte?« Ich schüttelte den Kopf. »Das weiß ich ganz einfach nicht; ich habe schon darüber nachgedacht, und ich glaube, daß Steve wirklich nur ein Helfer ist, mein Helfer. Das würde bedeuten, daß er mir gehorcht, meine Aufträge ausführt und nicht mich bevormundet oder gar zwingt, etwas zu tun. Ob er aber weiterhin nur Helfer bleibt, wenn ich etwa versage, mich auflehne – das kann ich nicht einmal erahnen.« »Sag, könnt ihr die Sache nicht noch ein bißchen hinauszögern? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie wir Weihnachten feiern sollen – so, unter einem Damoklesschwert!« »Wir werden Weihnachten feiern, mein Schatz! Wenn ich auch schon darauf brenne, endlich eine Entscheidung zu erlangen, eine Antwort auf all meine Fragen, eine Öffnung des blockierten Teils meines Hirns – auf ein paar Tage wird es nicht ankommen. Wir werden eine wunderbare Weihnacht erleben, du und ich! Meine erste Weihnacht, die erste stille, Heilige Nacht!« Am 14. Dezember kam Burton an. Ich hatte, versponnen in meine Liebe und bedrückt von meiner Angst, gar nicht mehr an sein Kommen gedacht. Meine Tage und Nächte hatte ich zwischen Tamara und der Arbeit aufgeteilt; ich hatte versucht, allen Grübeleien auszuweichen, meine Sorgen zu ignorieren, und vor allem Tamara gegenüber Zuversicht zu zeigen.
Doch nun war Burton gekommen! Unser Wiedersehen verlief recht stürmisch, wir feierten ausgiebig, und das Erzählen nahm kein Ende. Seine Anwesenheit verlieh mir eine gewisse Sicherheit, ich fühlte mich nicht mehr so hilflos und allein wie vorher, als ich nur den roboterhaften Steve um mich gehabt hatte. Tamara, die sehr sensibel und stets um mich besorgt war, versuchte ich ja doch irgendwie abzuschirmen, meine Sorgen vor ihr zu verbergen. Burton hatte wahre Berge von Gepäck mitgebracht, eine Menge Bücher und natürlich auch seine Skiausrüstung. Er war begeistert von der märchenhaften Winterlandschaft, und wenn Steve und ich an unserem Apparat arbeiteten, wanderte er auf Skiern durch die tief verschneiten Wälder. Tamara war über die Feiertage auch zu uns herausgezogen, und wir hatten noch zwei junge Leute als Hilfe für die Myers angestellt; die beiden kamen jeden Morgen von der nahegelegenen Farm herauf, sie half Frau Myers in Küche und Haus, er ging Herrn Myers zur Hand, der ja schon älter war und dem das Holzschleppen und Schneeschaufeln nicht mehr leicht fiel. Es tat mir leid, daß ich nicht schon eher daran gedacht hatte, eine Hilfe für die beiden Alten zu besorgen. Die große Blautanne neben der Einfahrt wurde einen Tag vor dem Fest mit elektrischen Kerzen besteckt und mit bunten Kugeln behängt, für das Wild wurde eine eigene Futterkrippe aufgestellt und Frau Myers sorgte dafür, daß sie stets gut gefüllt war. Wir hatten alle eine Menge Geschenke eingekauft, der Berg der Pakete und Päckchen in der Abstellkammer vergrößerte sich von Tag zu Tag. Eine Euphorie hatte uns alle erfaßt – für mich war es die Euphorie vor dem Untergang, doch ich ließ mir nichts anmerken, ja, mitunter vergaß ich sogar völlig den Feind in mir und genoß mit den anderen die Vorfreude auf das Fest. Nur Steve machte eine Ausnahme. Er arbeitete alle Tage mit beängstigender Verbissenheit; er ging erst dann zu Bett, wenn seine Hände vor Übermüdung schon so zitterten, daß ihm nichts mehr gelang. Mein Verhalten mißbilligte er ganz offensichtlich, er sagte zwar nichts, doch war sein Verhalten eine einzige Rüge. Die Fortschritte, die wir machten, waren in dieser Zeit nur gering,
obwohl ich täglich ein paar Stunden arbeitete und keinesfalls den Fortgang behinderte. Doch die neue Verstärkerstufe verlangte auch Änderungen in anderen Teilen der Apparatur, und die Verbesserung lief praktisch darauf hinaus, daß wir alles neu konzipieren mußten. Der Tag der Wintersonnenwende war wolkenlos, die Welt um uns bedeckt mit glitzerndem Schnee. Burton und ich waren auf Skiern unterwegs, wir wanderten durch die Wälder, tranken die Schönheit dieser Welt in uns hinein, und ich versuchte, nicht an das Schwert zu denken, das, an dünnem Faden leise schwankend, über mir hing. Am Nachmittag begannen Julfeiern im Dorf, die Burschen hatten große Feuer angezündet, über denen ganze Lämmer am Spieß gebraten wurden. Musik spielte, es wurde gelacht, getanzt und gesungen. Auch wir im Haus feierten, sogar Steve beteiligte sich an einem abendlichen Umtrunk, ohne allerdings sein abwesendes Verhalten auch nur für eine Stunde abzulegen. Er saß schweigend und verloren in unserem Kreis, ein Toter unter Lebenden, ein Android unter Menschen. Wir waren irgendwie erleichtert, als er ging – und wir schämten uns dessen ein wenig. Der arme Kerl konnte ja nichts dafür. Auch die folgenden Tage verbrachte ich mit Burton auf den Skiern im Wald, Tamara schmückte das Haus mit Girlanden aus Tannenzweigen, Stechpalmen und Misteln; sie buk Kekse und kleine Kuchen, die sie in den Weihnachtsbaum hängte, sehr zur Freude der Vögel. Dann kam der Heilige Abend, die stille Nacht; mein erstes Fest unter Freunden. Wir alle versuchten, froh und glücklich zu sein, nicht an das Kommende zu denken, doch an eben diesem Abend gelang es uns nicht, die dunklen Schatten zu vertreiben. Im Garten, vor dem Weihnachtsbaum, sangen wir zusammen das Lied von der stillen, Heiligen Nacht, Herr Myers begleitete uns auf einem mir unbekannten Saiteninstrument, einer Art Mandoline. Es war alles sehr schön, aber wir waren traurig und bedrückt. An den folgenden Tagen half ich Steve wieder bei der Arbeit, ich war fleißig und plagte mich redlich. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht länger in dieser Ungewißheit leben zu können. Ich
wollte Klarheit, wollte eine Entscheidung, was immer sie mir bringen mochte. Das Wetter war noch immer sonnig und windstill. Nun wanderte Tamara mit Burton durch die Wälder, und ich dachte, ich müßte eigentlich eifersüchtig sein. Ich war es aber nicht, ich liebte sie beide und vertraute ihnen. Doch es war nicht nur das, nicht nur Freundschaft und Vertrauen. Es war auch eine Art unbewußter Resignation und vielleicht auch der Wunsch, das Schicksal herauszufordern. Der Silvesterabend kam und ging, desgleichen der Neujahrstag. »Du bist manchmal schon ganz so wie Steve«, beklagte sich Tamara. »Diese elende, abscheuliche, widerwärtige Arbeit! Wie ich sie hasse! Wie gerne ich alles zerschlagen würde!« »Ach, mein armer Liebling! Das würde ja doch nichts nützen, nur die Zeit meiner Qual verlängern! Ich muß einfach Klarheit finden, muß wissen, ob ich auf ein Weiterleben hoffen darf, auf ein Leben mit dir – wenn du willst!« Lachend gab mir Tamara einen Kuß. »Wenn das ein Antrag war, dann kann ich ihn nicht annehmen. Nicht heute! Nachher, wenn dieser Teufelsspuk vorbei ist, dann frag mich noch einmal!« Obwohl die Feiertage nun vorbei waren, zog Tamara nicht wieder in die Stadt. Es schien ihr hier zu gefallen, sie verstand sich gut mit Burton und hatte großen Gefallen an den Skiwanderungen gefunden. Da es im Haus auch ein Musikzimmer gab, ließ sie den Flügel stimmen und begann zu üben. Bald gab sie zusammen mit Burton und Herrn Myers kleine Hauskonzerte. Da ich kein Instrument spielte, war ich das dankbare Publikum. Auch Frau Myers lauschte, und leise klapperten ihre Stricknadeln. Erst gegen Mitte Januar waren wir mit unserer Apparatur wieder so weit, daß wir versuchen konnten, den Analysator einzusetzen. Doch gerade in dieser Zeit gab es magnetische Stürme, die sogar den Empfang normaler Rundfunksendungen erschwerten und unsere Versuche im Keim erstickten. In dieser Zeit zeigte Steve die ersten Zeichen eines körperlichen Versagens; er hatte sich einfach zu viel zugemutet, hatte kaum geschlafen und die Nahrung nur geistesabwesend in sich hineingeschaufelt. Seine Hände begannen zu zittern, ein Tick zwang
ihn, den Kopf ruckartig zur Seite zu werfen, vor allem wenn er aufgeregt war oder sich zwingen wollte, besonders exakt zu arbeiten. Seine Augen waren entzündet und tränten, sein Magen revoltierte, sobald er mehr als ein paar Bissen zu sich nahm, und er begann unter Schlaflosigkeit zu leiden. Schließlich wurde es so schlimm mit ihm, daß er unser Werk in Gefahr brachte. Vernünftigerweise hätten wir jetzt einfach abwarten müssen, bis sich die Empfangsbedingungen besserten, die Apparatur war ja fertig, und nun sollten die Tests durchgeführt werden. Doch noch immer erklang das sonst gleichmäßige Rauschen wie das anund abschwellende Brausen eines Wasserfalls. Gelegentliches Kreischen und Krachen zeugte von fernen atmosphärischen Entladungen. Dagegen konnten wir nichts tun. Steve aber, von seiner Zwangsneurose beherrscht, versuchte da und dort noch etwas zu verbessern, zerstörte und reparierte und zerstörte wieder. Endlich entschloß ich mich, einzugreifen. »Steve, hör mir zu!« »Ich höre«, brummte er und fuhr fort, irgend etwas zu löten. »Steve, ich will, daß du den Lötstab abschaltest und zuhörst. Nur zuhörst!« »Ich höre doch nicht mit den Händen. Sag’s nur, ich begreife es schon. Aber ich muß diesen Widerstand…« »Steve, verdammt noch mal, du tropfst ja das Zinn in die Schaltung! Du machst alles kaputt!« Nun war ich wütend und nicht länger willens, untätig zuzusehen. »Die Apparatur ist fertig! Wir können nur noch warten, bis die Empfangsbedingungen besser werden.« Zitternd, mit Tränen in den blicklosen Augen, schaltete Steve die Lötnadel ab. »Es ist tatsächlich ein Tröpfchen auf den Print gefallen. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte.« Er schluchzte fast. »Ich fahre gleich in die Stadt und besorge einen neuen.« »In deinem Zustand fährst du nirgends hin. Du bist ein Wrack, und wenn du nicht endlich zu Vernunft kommst, gehst du uns vor die Hunde! Ich werde einen Arzt kommen lassen.« »Keinen Arzt, nein, bitte keinen Arzt«, wimmerte er, und ich fürchtete schon, er werde vor mir niederknien. Doch er erhob nur
bittend die Hände. »Keinen Arzt, mir fehlt doch nichts, bitte nicht! Ich werde den Schaden schon wiedergutmachen!« Ich dachte daran, wie ich selbst ängstlich jeder medizinischen Untersuchung aus dem Weg gegangen war, wie ich selbst mich vor einem Arzt gefürchtet hatte (und noch immer fürchtete). Mitleid erfaßte mich, ich wußte, wie groß seine Angst war. »Nein Steve, keinen Arzt, wenn du es nicht willst. Beruhige dich! Doch du mußt versprechen, mir zu gehorchen, dir Ruhe gönnen und die Finger von der Apparatur lassen. Du weißt doch, was magnetische Stürme sind, du weißt, daß dann ein Empfang unmöglich ist!« Schluchzend stammelte er: »Danke, danke!« Dann bedeckte er sein Gesicht mit den Händen, sein Kopf zuckte erbarmungswürdig. »Ich habe versagt! Ich bin ein schlechter Helfer!« »Unsinn, Steve! Ohne dich hätte ich das nie fertiggebracht, es war ja tatsächlich so, daß ich dir geholfen habe, nicht umgekehrt. Du hast Großartiges geleistet!« Doch er schien meine Worte nicht zu hören, er fuhr fort, sein Versagen zu bejammern und sich laut Vorwürfe zu machen, er habe alles zerstört. Endlich wurde er ruhiger, die körperliche Erschöpfung schien weitere psychische Exzesse unmöglich zu machen. Er taumelte zu dem Diwan, der in der Ecke stand, fiel darauf und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. Sein Schlaf war einer Ohnmacht verdammt nahe, und ich bereute schon mein Versprechen, keinen Arzt zu rufen. Burton und Tamara waren im Musikzimmer, sie übten ein neues Stück ein. Mit langen Schritten ging ich hinüber und riß die Tür auf. Sie fuhren erschrocken auseinander, Tamara errötete leicht. Fast mußte ich lachen, es schien ja, daß die beiden ein schlechtes Gewissen hatten, dabei waren sie doch nur über ein Notenblatt gebeugt gewesen. »Ich muß mit euch reden«, begann ich abrupt, und da ich nun auch bei Burton eine sonderbare Verlegenheit registrierte, fuhr ich rasch fort: »Es geht um Steve.« Erleichtertes Aufatmen. »Er hat einen Nervenzusammenbruch. Ich möchte euren Rat, ich will nicht allein über ihn entscheiden, ich wage es nicht, ich bin selbst zu sehr von
allem betroffen.« »Was ist denn geschehen?« fragte Tamara erschrocken. Ich erzählte es ihnen. »Steve fürchtet, einen Arzt zu konsultieren – ebenso wie ich, das wißt ihr ja«, schloß ich den Bericht. Tamara schüttelte den Kopf. »Der arme Kerl! Wenn er eine ähnliche panische Angst vor ärztlichen Untersuchungen hat wie du, könnte eine solche für ihn, in seinem jetzigen Zustand, gefährlich sein, nicht? Wovor fürchtest du dich eigentlich, kannst du das konkret angeben?« »Nein«, erwiderte ich, »ich kann nur vermuten, daß es die Möglichkeit ist, daß der Arzt eine Neurose feststellt und die Einweisung in eine Heilanstalt fordert. Irgendeine geistige Abnormität, die zwar nicht für meine Mitmenschen, aber für mich selbst gefährlich sein könnte…« Burton lachte. »Ich hab selten einen Menschen gekannt, dessen Hirn besser funktionierte als deines! Von dieser Amnesie abgesehen, bist du doch normal wie irgendwer, nur eben gescheiter und in diese Arbeit verbissen wie ein Dackel in einen alten Schuh. Du wirst sehen, wenn du deine Untersuchungen vollendet hast, wird alles wieder ins Lot kommen. Wahrscheinlich löst sich dann auch diese Zone III, wie du sie nennst, in nichts auf, und du hast Zugang zu den Erinnerungen in ihr!« »Du glaubst also, Zone III enthält nur Erinnerungen?« »Davon bin ich überzeugt. Erinnerungen an irgendwas – vielleicht auch Erinnerungen an irgendeinen Kerl, der dir ›Aufträge‹ erteilt hat – aber ich bin sicher, daß du sie nicht ausführen mußt, wenn du es wirklich nicht willst. Ich glaube nicht an posthypnotische Befehle, jedenfalls nicht in deinem Fall. Du hast doch einen eigenen Willen, und der ist auf alle Fälle stärker als ein fremder!« »Hoffentlich!« »Das darfst du nicht bloß hoffen, wissen mußt du es! Felsenfest davon überzeugt sein!« Ich nickte. »Ja mein Freund, du hast wohl recht; ich will mich in Autosuggestion üben. Doch was soll mit Steve geschehen? Wir müssen ihn irgendwie hindern, weiter an unserer Anlage herumzupfuschen, sie ist fertig und in Ordnung so.« »Sperr doch einfach das Zimmer ab!« schlug Tamara vor.
»Dann müßten wir ihn heraustragen«, hielt ich dem entgegen, »und da würde er wohl aufwachen und sogleich weiterarbeiten wollen!« »Wenn er sich wirklich nur als deinen Helfer betrachtet, dann muß er dir doch gehorchen«, wandte Burton ein. »Befiehl ihm, schlafen zu gehen! Mache ihm klar, daß er in seinem übermüdeten Zustand mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Notfalls drohe ihm mit dem Arzt!« »Zum Befehlen habe ich kein Talent und drohen möchte ich nicht, ich kenne seine Angst und will sie nicht ausnützen – aber ich kann immerhin versuchen, ihm gut zuzureden.« Zu dritt begaben wir uns in den Experimentierraum. Steve lag noch immer auf dem Diwan, genauso, wie er vor mehr als einer Stunde gelegen hatte. Sein Atem ging flach, aber regelmäßig. »Tragen wir ihn mitsamt dem Überwurf in sein Bett«, schlug Tamara flüsternd vor. »Wir beide nehmen die Ecken am Kopfende, Burton die am Fußteil. Vielleicht wacht er dann gar nicht auf!« Vorsichtig gingen wir zu Werk, nachdem wir alle Türen geöffnet und sein Bett vorbereitet hatten. Wir hielten den Überwurf, eine dicke schottisch gemusterte Decke, gut gespannt und Steve war leichter als ich gedacht hatte – so gelang der Transport ohne Schwierigkeiten. Der Schläfer bewegte sich nicht ein einziges Mal. Wir legten ihn mitsamt der Decke auf sein Bett und schlichen dann hinaus. Ich verschloß die Türen des Arbeitsraumes und ließ den einen Schlüssel innen stecken; den anderen nahm ich an mich. Gemeinsam tranken wir den Tee in der Bibliothek. Frau Myers hatte frische Kuchen gebacken, kleine Teigschüsselchen mit Äpfeln, Rosinen und Nüssen gefüllt – eine Köstlichkeit. Wir aßen den Teller leer, sehr zur Freude der Bäckerin. Schon dunkelte es, die Tage waren noch immer entsetzlich kurz. Draußen war ein Sturm aufgekommen, es schneite zwar nicht, doch der Wind trieb den Schnee von Dächer