A. C. CRISPIN
V DIE AUSSERIRDISCHEN BESUCHER KOMMEN
Deutsche Erstveröffentlichung
GOLDMANN VERLAG
Aus dem Amerikan...
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A. C. CRISPIN
V DIE AUSSERIRDISCHEN BESUCHER KOMMEN
Deutsche Erstveröffentlichung
GOLDMANN VERLAG
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helga August Originaltitel: V – The Visitors Originalverlag: Pinnacle Books, New York Made in Germany • 1/87 • 1. Auflage © der Originalausgabe 1984 by Warner Bros. Inc.
© der deutschsprachigen Ausgabe 1987 beim Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Warner Home Video, Hamburg Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin Druck: Elsnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 8612 Lektorat: Andreas Brandhorst Herstellung: Sebastian Strohmaier ISBN 3-442-8612-4
Von einem Tag auf den anderen sind sie da: die außerirdischen Besucher. Ihre riesigen Raumschiffe schweben über allen Großstädten der Welt. Ihre Führer nennen sich John und Diana. Sie versprechen der Menschheit Frieden, Freundschaft und die Lösung aller technischen Probleme. Aber hinter der Maske der friedlichen Besucher lauert das Grauen. Längst ist eine heimliche Invasion der Erde angelaufen. Alle Kritiker und Warner verschwinden auf unheimliche Weise. Politiker werden in Schutzhaft genommen. Doch dann gelingt es einer kleinen Widerstandsgruppe, die wahren Pläne der Außerirdischen zu enthüllen. Sie erkennen, daß den Menschen nur eine Wahl bleibt: Widerstand oder Vernichtung! Ann C. Crispin ist als Fantasy- und Sciencefiction-Autorin bekannt geworden. Sie ist u. a. die Verfasserin von Band 5 der Star-Trek-Serie und, zusammen mit André Norton, des Romans Das Erbe der Hexen. A. C. Crispin lebt zusammen mit ihrem Mann und einem Sohn in Maryland, USA.
ERSTES BUCH
1. Kapitel
Das Guerilla-Lager war inmitten der Ruinen eines alten Dorfes errichtet worden. Die schmutzigen, zerfallenen Gebäude – Hütten aus Schlackenstein, die Reste einer zerbombten Kirche, sogar eine Töpferei, wo jetzt noch das Steingut in der Sonne glühte – schienen sich in der Sommerhitze zusammenzudrängen und boten ein Bild der Verlassenheit und Verheerung. Tony Wab Chong Leonetti wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er seinen Jeep unter einem schief herunterhängenden, halb zerrissenen Strohdach parkte. »Genau wie die anderen. Warum sehen sie alle nur immer gleich aus?« murmelte er. »Wozu soll ich sie überhaupt filmen, wenn sie immer gleich aussehen?« Mike Donovan hievte seine Kamera auf die Schulter und schwenkte sie prüfend über das Lager auf der Suche nach dem besten, eindrucksvollsten Blickwinkel. »Guerilla-Verstecke. Sie sehen überall auf der Welt gleich aus, in Laos ebenso wie in Kambodscha oder Vietnam. Menschen auf der Flucht scheinen sich irgendwie zu ähneln. Da spielt die Nationalität keine Rolle.« Er machte sich auf dem Rücksitz zu schaffen und zog die Tasche mit dem TonAufnahmegerät hervor. Er murmelte etwas ins Mikrofon, lauschte auf das Playback im Kopfhörer und nickte schließlich zufrieden. Dann kletterte er aus dem Jeep und ging auf die dunkelhaarige Frau zu, die ihnen mit erhobenem Gewehr entgegenkam. Ihre Augen waren gerötet von Staub und Erschöpfung. »Sie sind Donovan, nicht wahr?« fragte sie in gebrochenem
Englisch. Ihre Stimme klang hart. »Juan sagte uns, daß Sie kommen würden.« Donovan nickte. »Carlos ist im Augenblick nicht da. Sie müssen warten.« Donovan warf einen skeptischen Blick auf das Lager. »Wie lange?« »Das weiß ich nicht. Warten Sie.« Damit drehte sie sich um und ging davon. »Ich hoffe, er kommt bald«, wandte sich Donovan an Tony. »Ich bin völlig ausgehungert, und die Aussichten, hier etwas zu essen zu bekommen, scheinen nicht allzu rosig zu sein.« Tony seufzte. »Zur Not können wir uns immer noch eins von den Küken da drüben schnappen.« Donovan grinste und sah plötzlich viel jünger aus. »Das wäre nicht das erste Mal, oder?« »Nein«, erwiderte Leonetti. »Habe ich da einen Motor gehört?« »Es scheint so«, entgegnete Donovan und begann, die Kameraeinstellung zu prüfen. Ein mit bewaffneten Guerillas voll beladener Lastwagen fuhr holpernd ins Lager. Begrüßungsrufe und das Stöhnen der Verwundeten erklangen in der brütenden Hitze; andere ebenfalls bewaffnete Männer kamen aus den zerfallenen Gebäuden und rannten auf den Wagen zu. Donovan und Leonetti, die ihnen gefolgt waren, traten zur Seite, als ein paar Bahren tragende Männer und Frauen an ihnen vorbeieilten. »Sie scheinen nicht allzuviel Glück gehabt zu haben, wo immer sie auch gewesen sind«, stellte Tony fest und lauschte den spanischen Wortfetzen und dem Stöhnen der Verwundeten, die vorsichtig aus dem Wagen gehoben wurden. Einige von ihnen rührten sich nicht mehr. Donovan richtete seine Kamera auf ein blutverschmiertes Gesicht und kam sich dabei, wie schon so manches Mal,
beinahe wie ein Leichenschänder vor, der vom Leiden und Tod anderer lebte. Dann jedoch sagte er sich, wie er es in solchen Fällen immer zu tun pflegte, daß der Tod dieser Menschen sinnlos war, wenn niemand davon erfuhr. Sein Job war es, dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von dem unterrichtet wurde, was geschehen war. Die lauten Befehle eines Mannes übertönten den Lärm. »Carlos?« fragte Tony. Mike Donovan nickte. »Das muß er sein.« Dann rief er mit erhobener Stimme: »Entschuldigen Sie, sind Sie Carlos? Juan sagte uns, daß Sie uns von dem Überfall von heute nacht berichten würden. Wie schlimm war es? Wie viele Verluste haben Sie?« Der Mann, den man ohne den Schweiß und das Blut in seinem Gesicht sicher als gutaussehend hätte bezeichnen können, schwang sich vom Lkw herunter. Nervös strich er über die Wunde an seinem linken Auge, woraufhin diese wieder zu bluten anfing. Auf Donovans Zuruf hin drehte er sich zu ihnen um und starrte sie an. »Natürlich hatten wir Verluste, Mann. Wenn man gegen eine derartige Übermacht antritt, kommt man nicht ohne Verluste davon.« Ärgerlich drehte er sich um und verschwand hinter dem Wagen. Das verschlafene Camp war jetzt von Hektik und Aktivität erfüllt, als die Männer und Frauen in aller Eile die Lastwagen und Jeeps mit Waffen beluden. Leonetti führte das Mikrofon langsam im Kreis herum, um die Geräusche des Lagers einzufangen – das Trappeln schneller Schritte, das Schreien verängstigter Kinder, das schwere Poltern, als die Wagen beladen wurden. Er sah zu Donovan hinüber. »Sieht so aus, als würden sie gleich aufbrechen, Mike. Ich glaube, wir sollten diesen Wink richtig verstehen.«
Donovan, der gerade auf den Auslöser drücken wollte, nickte unbestimmt. Er hielt die Kamera auf den Anführer gerichtet, der mit lauter Stimme Befehle erteilte. »Saguen primero los camiones de municiones!« Tony schüttelte den Kopf. »Was hat er gesagt?« »Zuerst die Munitionswagen«, antwortete Donovan, den Blick noch immer auf Carlos geheftet. »Mist!« schimpfte Tony. »Sie scheinen Ärger zu erwarten.« Doch Donovan war bereits außer Hörweite. »Wie hoch sind die Verluste?« schrie er Carlos zu. Der Mund des Mannes wurde zu einem häßlichen Strich. »Sieben Männer und Frauen sind tot, ein Dutzend verletzt.« Sich zu seinen Leuten umdrehend, schrie er: »Jesus – muebe el jeep! Lo esta tapundo todo!« Donovan drehte sich nach dem alten Vehikel um, das er und Tony sich erschwindelt hatten, um sich zu vergewissern, daß Carlos nicht ihren Jeep damit meinte. Nachdem er festgestellt hatte, daß es sich um einen anderen Wagen handelte, machte er eine Nahaufnahme vom Gesicht des Mannes, der die Evakuierung leitete. »Sie selbst sind auch verletzt.« Als würde ihm zum ersten Mal bewußt, daß er gefilmt wurde und seine Worte von Millionen von Fernsehzuschauern gehört wurden, blickte Carlos direkt in die Kamera und erklärte mit harter Stimme: »Diese Wunden sind nichts, verglichen mit denen, die sie meinem Land zugefügt haben.« Als einer der Ärzte an ihn herantrat und sein Auge berühren wollte, schob er ihn brüsk beiseite und fuhr fort: »Aber wir geben den Kampf nicht auf! So lange, bis wir siegen, Mann. Haben Sie das verstanden? Wir kämpfen, bis El Salvador frei ist! Nichts wird uns aufhalten! Haben Sie das verstanden?« »Ja«, erwiderte Donovan, »ich habe verstanden.« Ein plötzlicher Schrei zerriß die Luft. Donovan und der Anführer der Guerillas wirbelten herum und erstarrten. Ein
Militärhelikopter dröhnte auf sie zu und berührte beinahe die Wipfel der das Lager umgebenden Bäume. Wie tödliche Regentropfen prasselten die Kugeln aus den Maschinengewehren in das staubige Camp. Mehrere Personen gingen mit der ersten Salve zu Boden, ihre Schmerzensschreie gingen im donnernden Gebrüll des Helikopters und dem pausenlosen Stakkato der Gewehre unter. Ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war, fand Donovan sich bäuchlings hinter einer zerbrochenen Mauer liegend wieder; die Kamera lag noch immer auf seiner Schulter. Er schwenkte sie vorsichtig herum und folgte dem Flug des Helikopters, als der abdrehte, um den nächsten Angriff zu beginnen. Nur vage nahm er einen dunklen Fleck neben sich wahr – einen Fleck, der sich schließlich als schwitzender, staubbedeckter, noch immer das Aufnahmegerät festhaltender Tony entpuppte. »Es sieht nicht sehr gut aus, Mike.« Nur mit Mühe konnte er in dem Chaos die Stimme seines Partners hören. Wieder peitschten Schüsse, und ihr Widerhall rollte dröhnend durch das Dorf. Donovans Kamera surrte. Seine Stimme war heiser von dem Staub, den er geschluckt hatte, doch sie klang triumphierend: »Wieso? Es ist großartig!« Auf der anderen Seite des Lagers explodierte ein Lastwagen, dessen Benzintank getroffen worden war. Fast im gleichen Augenblick sah Donovan die Frau, mit der sie zuvor gesprochen hatten, vor Schmerz aufschreiend zu Boden sinken. Mehrere Leute eilten ihr zu Hilfe, andere begannen, auf den Helikopter zu feuern. Dicht neben Donovan schlugen Kugeln ein und wirbelten den Staub auf. Tony Leonetti ergriff Donovans Arm. »Komm, weg von hier! Zur Hölle mit den tollen Aufnahmen!« Ständig behindert durch ihre Ausrüstung, rannten sie, im Zickzack immer wieder in Deckung gehend, los. Doch ihre
Ausrüstung war so sehr ein Teil von ihnen, daß keiner der beiden Journalisten daran dachte, sie wegzuwerfen. Hinter einer Mauer gingen sie in Deckung, als der Helikopter zum erneuten Angriff anflog. Tony zuckte zusammen, als direkt hinter ihnen eine Kugel einschlug. »Verdammt, Donovan, diesmal wirst du mich umbringen!« Grinsend drehte sich Donovan nach ihm um, und die Zähne blitzten in seinem schmutzigen Gesicht auf. »Zum Teufel, Tony, du wirst eine neue Emmy bekommen!« »Ich werde eine Kugel in den Bauch kriegen!« schrie Leonetti zurück, ließ sein Aufnahmegerät jedoch weiterlaufen. »Sag meiner Frau, meine letzten Gedanken wären…« »Sieh dir ihn an!« unterbrach Donovan seine Worte. Gerade als der Hubschrauber wieder auf das Lager zuflog, rannte Carlos einem zu Boden gegangenen Kameraden zu Hilfe. Kugeln schlugen dicht vor ihnen in den Boden. Seine Automatikpistole in beiden Händen haltend, beobachtete der Anführer der Guerillas den anfliegenden Helikopter. Als er in Schußweite war, zielte er eiskalt auf den Piloten, der in der Glaskanzel deutlich zu erkennen war. Die nächste Salve aus dem Maschinengewehr drohte den Partisanen zu zerfetzen – und dann plötzlich sackte der Pilot in seinem Sitz leblos zusammen. Der Helikopter geriet ins Schlingern, glitt über die Wipfel der Bäume, verlor von Sekunde zu Sekunde an Höhe. Die Gewalt der Explosion erschütterte die Erde, und Donovan spürte selbst aus dieser Entfernung noch den Druck der Hitzewelle. »Unglaublich! Ich kann es nicht fassen! Hast du das gesehen?« Tony lächelte und umklammerte Donovans Arm. »Was wirklich unglaublich ist, ist die Tatsache, daß wir noch leben! Komm endlich!«
Donovan ließ die Kamera noch immer laufen, als sein Partner ihn zu ihrem Jeep zerrte, der erstaunlicherweise noch intakt war. Als Leonetti den Motor anspringen ließ, hörte er einen zweiten Helikopter herandonnern. Geschützfeuer dröhnte, und die Flammen explodierender Wagen züngelten in die Höhe. Langsam fuhren sie durch das Camp auf die Straße zu, über die sie zuvor gekommen waren. Ein kurzer Blick zu seinem Partner zwang Leonetti ein halb bewunderndes, halb verzweifeltes Grinsen ab. Donovan saß rücklings auf dem Beifahrersitz und hielt die Kamera auf den ihnen folgenden Helikopter gerichtet. »Ich wünschte, wir hätten ein Stativ dabei«, schrie er, als die Kamera auf seiner Schulter hin und her zitterte. Tony Leonetti seufzte. »Ich wünschte, wir hätten mehr Benzin.« Doch Donovan, der noch immer die Kamera laufen ließ, hörte ihn nicht. Der Jeep fuhr schwankend die Straße entlang, durchquerte wasserspritzend einen Bach. Plötzlich schleuderte er. Dicht neben ihnen explodierte eine Rakete, Wasserfontänen ergossen sich über den Wagen und seine Insassen. Obwohl Donovan aus vollem Halse schrie, konnte Tony seine Stimme kaum hören: »Bleib ruhig, Tony! Das ist auch nicht schlimmer als Kambodscha!« Der Asiat schüttelte lachend den Kopf. »Da magst du recht haben. Aber wo zum Teufel ist dieser Helikopter geblieben?« Die Frage beantwortete sich von selbst, als die Straße über eine Anhöhe führte. Der Hubschrauber schwebte nur wenige Meter über dem Boden. So schnell er konnte, riß Tony das Steuer herum, doch der Helikopter hatte bereits eine Salve abgefeuert. Leonetti griff keuchend nach seinem Arm, und der Jeep geriet erneut ins Schlingern. Donovan griff ins Steuer, um den Wagen unter Kontrolle zu bringen. Als er einen schnellen
Blick auf den Arm seines Partners warf, bemerkte er den Blutfleck, der sich auf Tonys gemustertem Hemd ausbreitete. »Bist du okay?« rief er, als Tony das Steuer wieder übernahm. »Aber natürlich!« Tonys von einem Schweißband aus der Stirn gehaltenes schwarzes Haar flatterte im Wind. »Ich genieße jede einzelne Minute!« Plötzlich explodierte direkt vor ihnen eine weitere Rakete. Der ohnehin aus dem Gleichgewicht geratene Jeep kippte zur Seite, überschlug sich und landete mit dem Dach nach unten im Straßengraben. Über sich konnten die beiden Männer das Knattern des wieder auf sie anfliegenden Helikopters hören. Sie wurden aus dem Wagen geschleudert, und Donovan landete auf seinem Partner, doch der weiche Boden neben der Straße milderte den Aufprall. Instinktiv wußte Donovan, daß es nur eine Rettung für sie gab: Sie mußten die schützenden Bäume erreichen. Die Kamera noch immer fest umklammernd, rappelte er sich hoch und zerrte Tony auf die Füße. Fast unbewußt registrierte er, daß die Benzinleitung einen Riß hatte und der Wagen zu explodieren drohte. Tonys bleiches Gesicht alarmierte ihn. »Kannst du laufen?« Tony blickte auf die Flammen. »Habe ich eine andere Wahl?« »Ich werde versuchen, sie abzulenken, während du zu den Bäumen hinüberrennst. Sie werden dir ein wenig Schutz bieten.« Ein schneller Blick zum Helikopter zeigte ihm, daß der nächste Angriff bevorstand. »Lauf, Tony!« drängte er. »Nein, Mike! Wir gehen zusammen…« Donovan war schon losgerannt. »Nun mach schon! Lauf los!« Erleichtert hörte er, wie Tony auf die Bäume zurannte. Donovan hetzte über den schlammigen Sand, und die einschlagenden Kugeln schienen beinahe seine Fersen zu
berühren. Er rannte schneller und schneller, doch er entdeckte nichts, was ihm hätte Schutz bieten können. Da war wieder der Bach – breit und flach, doch gleichzeitig fast unerreichbar fern. In der Mitte des Baches stand ein verrosteter, ehemals orangefarbener Lieferwagen, der aussah wie ein von Hunderten von Kugeln durchlöcherter Schweizer Käse. Sollte er sich darin verbergen? Er war sich klar darüber, daß der Wagen ihm nur wenig Schutz bieten würde, doch er wußte nicht, wo er sonst hinlaufen sollte. Als er sich, die Kamera noch immer fest im Arm haltend, umdrehte, sah er, wie der Hubschrauber dicht neben dem Wasser, behutsam wie eine brütende Henne, auf der Erde aufsetzte. Verdammter Mist, dachte er, das wär’s dann wohl! Dann kam ihm der wilde, verzweifelte Gedanke, daß der Pilot vielleicht nicht bemerkt haben könnte, daß er Reporter war, und er hob aus purem Trotz die Kamera und filmte die Gesichter der beiden Männer im Helikopter. Er blickte angestrengt durch den Bildsucher, als der Hubschrauber noch näher kam. Zum ersten Mal sah er sich den neben dem Piloten sitzenden Mann genauer an. Das konnte nicht sein! Ham Tyler – was zum Teufel hatte der hier zu suchen? Der frühere CIA-Agent gehörte jetzt zu einer Abteilung der höchsten Geheimstufe des Amerikanischen Sicherheitsdienstes. Schon in Laos war er Donovan auf den Fersen gewesen. Gerüchten zufolge, die Donovan zu Ohren gekommen waren, waren die rechtsstehenden »Patrioten« (Tylers Bezeichnung, nicht Donovans!) verantwortlich für einige der größtangelegten Säuberungsaktionen gegen die Guerillas hier in El Salvador, doch sie waren nicht dazu in der Lage gewesen, die Partisanen vernichtend zu schlagen. Kaum jedoch hatte Mike Donovan den Mann auf dem Sitz des Copiloten erkannt, als der Helikopter abhob, abdrehte und davonflog. Puh! Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?
Donovan drehte sich um, weil er glaubte, hinter ihm könnte durch irgendein Wunder einer der Jeeps heranrollen (Aber ohne irgendein Geräusch zu verursachen? Sei kein Narr, Mike…), und ließ fast seine kostbare Kamera fallen. Erst als er das leise, vibrierende Geräusch hörte, nahmen seine entsetzten Augen den riesigen Flugkörper wahr, der über die fernen Berge auf ihn zuglitt und sie zwergenhaft wirken ließ. Donovans Kinnlade sank herunter. Sein Verstand sagte ihm, daß er sich das alles nur einbilden müsse – er konnte unmöglich am Leben sein und das wirklich sehen. Automatisch drückte er auf den Auslöser der Kamera und hörte, wie sie die unglaubliche Erscheinung aufnahm. Das Gebilde sah aus wie eine abgeflachte Rotationsellipse – genauso, wie sie in den UFO-Geschichten, die er gehört hatte, beschrieben worden waren. Doch es war so ungeheuer groß! Sein verwirrter Geist versuchte, die unvorstellbar riesigen Ausmaße des Raumschiffes in sich aufzunehmen, doch während es näher und näher kam, verlor er jedes Gefühl für Proportionen. Hatte es einen Durchmesser von einer Meile? Nein, mehr. Zwei Meilen? Mehr – es war einfach riesengroß – Schließlich – wie in einem unglaublichen Traum – verharrte die gewaltige Scheibe über ihm. Als Donovan Tony hinter sich schreien hörte, drehte er sich um und winkte ihm beruhigend zu. Während er durch das Wasser auf seinen Freund zustolperte, drehten sich hinter seiner Stirn die Gedanken im Kreis: Das gibt es nicht, das kann nicht wahr sein! Ich träume, oder ich bin tot!
Die weiße Maus hockte sich auf die Hinterbeine, ihre Barthaare zitterten, als sie das Rasseln der Käfigtür hörte. Essenszeit? Doch ihr Magen sagte ihr, daß dem nicht so war. Sie fühlte, wie eine Hand sanft nach ihr griff, sie vorsichtig
hochhob und umdrehte. Sie erkannte den Geruch, die Stimme und sträubte sich nicht. »Komm, Algernon. Zeig Dr. Metz deinen Bauch.« »Bemerkenswert.« Dr. Rudolph Metz beugte sich über die weiße Maus, um ihren Bauch zu untersuchen. Dann ergriff er ein Vergrößerungsglas, um ihn näher zu betrachten. »Die Wunde ist fast verheilt.« Die blonde junge Frau im weißen Laborkittel lächelte erfreut. »Ja, in ein paar Tagen dürfte sie wieder ganz in Ordnung sein.« Sanft strich sie der Maus mit einem Finger über den Kopf und setzte sie dann behutsam wieder in den Käfig zurück. Dr. Metz hob die buschigen Augenbrauen und sah sie eindringlich an. »Sie wissen, wie lange mein Forschungsteam nach dieser Formel gesucht hat, Juliet?« Juliet Parrish schüttelte lächelnd den Kopf. »Es ist nicht allein mein Verdienst. Ruth hat mir sehr geholfen.« Ruth Barnes, die an der anderen Seite des Labors über ein Mikroskop gebeugt saß, blickte hoch. »Ich habe es gehört, aber glauben Sie ihr nicht, Rudolph. Sie hat es ganz allein gemacht.« »Nun gut, ich hatte sehr viel Glück.« Juliet, die im vierten Semester Medizin studierte, schloß sorgfältig den Mäusekäfig, vermied es jedoch, dem Blick des alten Mannes zu begegnen. Metz nickte. »Glück gehört natürlich auch in der Wissenschaft dazu, aber ohne harte Arbeit und Inspiration gelingt uns nichts. Die Wahrheit ist, daß Sie sehr begabt sind, Juliet.« Für Dr. Metz’ Verhältnisse war das ein faustdickes Kompliment, und Juliet konnte nicht verhindern, daß ihr Gesicht sich vor Freude rötete. Auch die schon etwas ältere Ruth machte ein beifälliges Handzeichen. Metz beobachtete die im Käfig herumrennende Maus. »Außerdem möchte ich Sie warnen. Ruth und ich werden Sie
von der Uni zu uns holen. Wenn Sie Ihre ganze Zeit der Biochemie widmen, könnten Sie…« Die Tür zum Laboratorium wurde so ungestüm aufgestoßen, daß sie gegen die Wand knallte. Erschrocken sprangen die drei hoch. In der Tür stand ein junger, völlig außer Atem geratener Schwarzer. »Haben Sie schon von ihnen gehört?« »Wovon sollen wir gehört haben?« fragte Dr. Metz erstaunt. Dr. Benjamin Taylor schaltete den Fernsehapparat ein, der hoch oben auf einem Regal stand. Die kleine Mattscheibe war ausgefüllt mit dem wohlbekannten Gesicht von Dan Rather – einem im Augenblick sehr ernsten Gesicht. »… doch woher auch immer die Berichte stammen – ob aus Paris, Rom, Genf, Buenos Aires oder Tokio –, die Beschreibungen der Luftschiffe sind alle identisch. Und – « Er brach ab und lauschte in seinen Kopfhörer. »Ich höre gerade, daß der uns angeschlossene Sender KXT in San Francisco es jetzt im Bild hat.« Auf dem Bildschirm erschien das Bild eines riesigen Raumschiffs, das über den Hafen von San Francisco glitt. Jetzt füllte es die ganze Bildfläche aus – es war so ungeheuer groß, daß die Golden Gate-Bridge dagegen wie ein Spielzeug wirkte. Das Entsetzen in der Stimme des Sprechers war nicht zu überhören, als er fortfuhr: »Das ist es also. Großer Gott, ist das groß! Meine Damen und Herren, das Bild kommt live aus San Francisco zu Ihnen.« Fast im gleichen Augenblick hörten die drei Wissenschaftler ein dunkles, vibrierendes Summen, das so leise war, daß menschliche Ohren es kaum wahrnehmen konnten. Die Mäuse jedoch fingen laut zu pfeifen an und rannten wie irr in ihren Käfigen herum. Juliet sah zu Ben hinüber. »Glauben Sie…«
Ihre Frage wurde durch Dan Rather beantwortet: »Mir liegen Informationen vor, denen zufolge ein zweites dieser riesigen Schiffe gerade über Los Angeles hereinschwebt.« »Oh, Gott!« sagte Ruth. Die drei Wissenschaftler starrten sich entsetzt an.
Der Anthropologe Robert Maxwell beugte sich näher über seinen Fund. Weit behutsamer, als er seine dreijährige Tochter zu baden pflegte, strich er mit einer Bürste über eine leere Augenhöhle. Trotzdem hob Arch Quinton warnend die Hand. »Vorsichtig, Robert. Sie ist eine ganz besondere Dame…« Wenn er aufgeregt war, kam sein schottischer Akzent sehr stark durch, und Maxwell mußte insgeheim lächeln, weil er den alten Mann noch nie so aufgeregt über einen Fund erlebt hatte. »Ihre Untersuchung des Hüftgelenks bestätigt also, daß sie weiblich ist?« fragte er. Als Quinton nickte, fuhr er in seiner Untersuchung fort und berührte vorsichtig die schwarzen Zahnstümpfe. »Ganz sicher späte Eiszeit, Arch. Also früher als alles andere, was wir hier je gefunden haben. Stimmen Sie mir da zu?« Quinton nickte. »Die Artefakte scheinen es zu bestätigen. Und sehen Sie sich ihre Stirn an. Hier – « Er hob die Hand, wollte gerade über die strähnigen Überreste der Haare streichen, als er innehielt und rief: »Robert, sehen Sie sich das an!« Noch bevor Robert Maxwell sich umdrehen konnte, hörte er das Geräusch – ein klopfendes, vibrierendes Beben, das seinen Körper und seine Ohren erfüllte. Dann sah er es – ein riesiges silberblaues Raumschiff, das so ruhig auf sie zuglitt, als bewegte es sich auf unsichtbaren Schienen. Seine Hand umklammerte die Bürste, und er preßte sich dichter an die
Wand, als wolle er sich selbst zwischen seinen Fund und den gewaltigen Diskus stellen.
Elias Taylor hockte auf der Feuerleiter und blickte hastig um sich. Er wollte sich vergewissern, daß niemand ihn beobachtete. Es war ziemlich unwahrscheinlich, daß jetzt um die Mittagszeit jemand zu Hause sein würde. Er war noch nie erwischt worden, und er hatte nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Mit schnellen, geübten Bewegungen klebte er einen Heftstreifen auf die kleine Fensterscheibe, dann ein schneller Schlag mit einem Stein und – fertig! In dem dunklen Gesicht des jungen Mannes wirkten seine Zähne um so weißer. Ein Kinderspiel, dachte er grinsend. Elias liebte Jobs, die so leicht waren. Auf der Suche nach Gegenständen, die leicht zu tragen und zu verstecken waren, durchkämmte er die winzigen Zimmer des Appartements. Ein Walkman fesselte seine Aufmerksamkeit. Er stellte ihn an und lauschte angestrengt, um sich zu vergewissern, daß der Empfang gut war. Unter der Matratze des ungemachten Bettes fand er einen Strumpf mit beinahe hundert Dollar. Während er es zählte, schüttelte Elias grinsend den Kopf. »Sie verstecken es immer an denselben Stellen. Die Leute haben alle keine Phantasie.« Das einzige, was ihn noch interessierte, war ein transportabler Fernsehapparat. Er stellte ihn an und verzog das Gesicht, als er sah, daß es nur ein Schwarzweißgerät war. Billiges Zeug, dachte er und wollte ihn schon ausschalten und sich davonmachen. An so etwas Billiges verschwendete er seine Energie nicht. Seine Finger berührten schon den Ausschaltknopf, als er innehielt und atemlos auf das Bild auf der Mattscheibe starrte. Was er da sah, sah aus wie eine Live-
Aufnahme von einem großen UFO (aber das konnte ja nicht sein!). Hastig stellte er den Ton an. »…an den Champs-Elysees. Wir wiederholen, dieses Bild kommt aus Paris, über dem ein weiteres dieser gigantischen UFOs schwebt.« Elias starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm, als die Kamera zu einem Schwadron von Düsenjägern hinüberschwenkte, die steil in die Luft hinaufschossen. Die Stimme fuhr fort: »Das Pentagon berichtet, daß von allen Taktischen Flugkommandostationen in der Nähe der Vereinigten Staaten Abfangjäger starten, um sich den monströsen UFOs zu nähern, doch alle Jets berichten von Störungen an den Bordinstrumenten und den elektronischen Systemen, die sie zur Umkehr zwangen.« Jetzt zeigte die Kamera eine Straße, auf der Menschenmassen in panischem Entsetzen durcheinanderrannten, wie verrückt hupende Autos die Fahrbahn blockierten – das totale Chaos. Sogar die Polizisten standen hilflos und konsterniert herum. Das ist ja auch kein Wunder, dachte Elias, als er ein zweites dieser Ungetüme über der Stadt hängen sah (wie zum Teufel machen sie das nur?). Die Szene erinnerte ihn auf quälende Weise an etwas, das er vor einiger Zeit im Kino gesehen hatte. Als das Bild wechselte und das Washington-Denkmal zeigte, pfiff Elias leise vor sich hin. »Mist!« murmelte er. »Diesmal kommen Kiaartu und Gort wirklich auf die Erde.« Der Sprecher fuhr fort: »…und es ist unmöglich, näher als eine Meile an die Raumschiffe heranzukommen. Auf die Schiffe abgefeuerte Fernlenkgeschosse gehen ganz einfach in die Irre, um außer Reichweite harmlos zu explodieren. Polizei und Militärs versuchen, eine geordnete Evakuierung der Bevölkerung durchzuführen.«
»Zum Teufel, nein!« knurrte Elias. »Das sieht alles andere als geordnet aus!« Er griff nach dem Walkman und fragte sich, inwieweit die aktuelle Lage die Preise beeinflussen würde, die Reggie ihm für die Waren geben würde. »…ebenso wie all die anderen Städte, die von diesen unvorhersehbaren Ereignissen bedroht werden, doch überall sind die Straßen und Highways hoffnungslos blockiert. Die meisten Hauptverkehrsstraßen sind durch Unfälle unpassierbar geworden. Weitere Raumschiffe nähern sich sieben anderen amerikanischen Hauptstädten oder haben sie bereits erreicht – Houston, New York, San Francisco, New Orleans – ja, und auch das ist jetzt bestätigt – Los Angeles.« »Los Angeles!« Elias ließ beinahe den Walkman fallen. Erst jetzt wurde ihm wieder bewußt, daß er sich in einer fremden Wohnung befand und der rechtmäßige Besitzer jeden Augenblick zurückkommen konnte. Hastig schwang er sich auf die Fensterbank und wagte kaum, nach oben zu sehen. Noch ehe er es erblickte, hörte er es. Er nahm den Walkman und beschloß, sich aus dem Staub zu machen.
Mike Donovan legte eine Decke über den leise schnarchenden Tony und ging nach vorne ins Cockpit des Learjets. Er ließ sich auf den Sitz des Copiloten sinken und warf einen Blick auf die Instrumente. »Wir liegen gut in der Zeit«, bemerkte er. Joe Harnell, der Pilot, nickte. »Wie geht es Ihrem Freund?« »Ganz gut. Der Scotch und das Codein haben ihn außer Gefecht gesetzt. Ich kann die Maschine für eine Weile übernehmen, falls Sie sich ein wenig ausruhen wollen.« »Haben Sie schon mal eine geflogen?« fragte der Pilot mit einem schnellen Seitenblick auf Donovan. »Außer Verkehrsflugzeugen habe ich schon so ziemlich alles geflogen. Haben Sie herausgefunden, wo wir landen können?«
Der Pilot erhob sich und sah zu, wie Donovan die Instrumente übernahm. Dann nickte er beifällig. »Nun, Dallas ist bis jetzt noch offen, und ich glaube, wir sollten es anfliegen. Sie machen überall alles dicht.« »Was halten Sie von New York? Von JFK?« fragte Donovan. »Geschlossen.« Donovan zuckte erbittert die Achseln. »Dann öffnen wir ihn eben. Sie können die Landebahn ja wohl nicht aufrollen.« »Das wäre Wahnsinn. Das FAA würde uns…« »Ich habe eine bessere Idee«, meinte Donovan und schnippte mit den Fingern. »La Guardia’s wäre viel besser.« Harnell starrte ihn entgeistert an. »Sie spinnen wohl, Mann? Das würde bedeuten, daß wir genau unter diesem verdammten Ding herfliegen müßten.« »Na und? Denken Sie bloß an die Aufnahmen, die ich dann machen könnte!« »Auf keinen Fall, Mike.« »Denken Sie nur an die Dollars, die dieser Film wert sein wird«, sagte Donovan grinsend. »Ich würde den Gewinn mit Ihnen teilen…« Harnell starrte ihn ungläubig an, als Donovan ihm ein Zeichen gab, die Maschine wieder zu übernehmen, und dann machte er sich auf, um die Kamera zu holen.
Am nächsten Morgen saß die Familie Bernstein – Stanley, Lynn, ihr Sohn Daniel und Stanleys Vater Abraham – vor dem Fernseher und sah sich staunend den Film an, den Mike Donovan von der Unterseite des riesigen Raumschiffs aufgenommen hatte, das über New York City schwebte. Ebenso wie das über Los Angeles – wo die Bernsteins wohnten – hängende Raumschiff hatte es die ganze lange und zumindest
für Lynn Bernstein schlaflose Nacht still und bewegungslos über der Stadt gestanden. Der achtzehnjährige Daniel war fasziniert von dem Raumschiff. Sein Leben lang hatte er darauf gewartet, daß einmal etwas Aufregendes passierte. Und jetzt erfüllte sich sein Wunsch. Da spielte es keine Rolle, daß die ganze Welt davon betroffen war – irgend etwas sagte ihm, daß es genau das war, worauf er gewartet hatte. Aufgeregt wandte er sich an seinen Vater, einen Mann mit schütteren Haaren, traurigen Hundeaugen und dem Ansatz zu einem Spitzbauch. »Es soll einen Durchmesser von mehr als fünf Meilen haben, Dad.« Seine Mutter Lynn, eine nervöse Frau, die man hätte hübsch nennen können, wenn sie nicht diesen ständigen bitteren Gesichtsausdruck zur Schau getragen hätte, rang die Hände und sagte wohl schon zum hundertsten Mal: »Wir sollten die Stadt verlassen, meint ihr nicht auch?« Stanley Bernstein sah seinen Sohn an. »Wo könnten wir hingehen, Lynn? Die Straßen sollen alle blockiert sein. Außerdem hat der Präsident erklärt, es bestünde kein Grund zur Panik. Sie haben bis jetzt nichts getan, was darauf schließen läßt, daß sie feindselige Absichten haben.« Der alte Abraham rutschte unbehaglich auf der Couch hin und her. »Ich frage mich, ob es überhaupt noch irgendeinen Platz auf der Welt gibt, wohin man flüchten könnte. Selbst die Deutschen verfügten während des Krieges nicht über solche Schiffe.« »Das hilft uns doch nicht weiter, Vater«, meinte Stanley mißbilligend. Abrupt wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm gelenkt. Mit leicht belegter Stimme, doch in immer noch berufsmäßig unbewegtem Ton sagte Dan Rather gerade: »…man berichtet jetzt von den gleichen Vorkommnissen in
Rom… und Rio de Janeiro… Moskau… Ja, überall auf der Welt soll dieses seltsame Geräusch der über unseren Städten hängenden Raumschiffe zu hören sein…« Gleichzeitig mit der Fernsehübertragung hörten die Bernsteins von draußen das unheimliche, klopfende Vibrieren. »21… 20… 19… 18…« Die seltsam widerhallende Stimme setzte den Countdown fort, während der Kommentator erklärte, daß überall auf der Welt die Menschen jetzt die gleiche Botschaft hörten – jeweils in der entsprechenden Landessprache. »… 5… 4… 3… 2… 1…« Nach einer kurzen Pause fuhr die Stimme fort: »Bewohner des Planeten Erde… wir grüßen Sie! Wir kommen in friedlicher Absicht. Dürfen wir den UNOGeneralsekretär in allen Ehren bitten, um 0100 Greenwich-Zeit oben auf das Dach des UNO-Gebäudes in New York zu kommen? Danke.« Stanley kniff die Augen zusammen. »Um wieviel Uhr ist das?« Seine Frage wurde von Dan Rather beantwortet. »Die Stimme, die wir gerade gehört haben, erbittet das Erscheinen des UNO-Generalsekretärs auf dem Dach des UNO-Gebäudes in New York um acht Uhr heute abend.« Lynn umklammerte ängstlich die Hand ihres Mannes. »Was hat das zu bedeuten, Sam?« Daniel grinste seine Mutter begeistert an. »Es bedeutet, daß etwas passieren wird, Mama… endlich! Ist das nicht toll?«
2. Kapitel
Mit fahlem, rötlichem Schein ging die Sonne über New York unter, als Mike Donovan seine Kamera über die Lichter von Manhattan schwenkte. Der Spätsommerwind zerzauste seine strähnigen Haare – hier oben wehte eine kräftige Brise. Er stand auf dem Dach des UNO-Gebäudes. Wieder sah er auf seine Uhr. 7.50 Uhr und 45 Sekunden. In knapp zehn Minuten war es so weit. Die Tür zum Dach wurde aufgestoßen, und einige Journalisten und Techniker eilten auf das Dach. Mike entdeckte einen vertrauten dunklen Haarschopf und lächelte grüßend hinüber. Tony Leonetti half seinem Freund, die Ausrüstung hinüber zum Absperrseil zu tragen. Donovan bemerkte, wie er schmerzlich das Gesicht verzog, als er die Schulter bewegte. »Bist du sicher, daß du es schaffst, Tony?« Tony grinste. »Das Ereignis des Jahrhunderts! Ich habe nicht vor, es zu verpassen, Mann!« »Mike!« Es war die Stimme einer Frau, und die beiden drehten sich um. Donovan hielt ihren Blick fest, als sie auf sie zukam – eine große, sehr gepflegt gekleidete Frau Anfang Dreißig. Alles an ihr, angefangen beim perfekten Make-up, der tadellosen Figur bis zu ihrem kühlen, gelassenen Blick, ließ die TopFernsehjournalistin erkennen. »Oh! Hallo, Kristine!« »Hallo, Mike, hi Tony!« Sie nickte Tony, der ihren Gruß erwiderte, erfreut zu. »Ich habe schon gehört, daß du zum Team gehörst. Ich auch.«
Donovan lächelte vielsagend. »Ich habe deine Karte unten gesehen. Hatte mir gedacht, daß du dir das hier nicht entgehen lassen würdest.« Sie lächelte ein wenig dümmlich. »Wo bauen wir auf?« Er wies auf die Absperrung, hinter der eine größere Anzahl von Militärpolizisten Aufstellung genommen hatte. Tony nickte ihr um Entschuldigung bittend zu und machte sich daran, seine Geräte zu montieren. Donovan zögerte, als er die vielen Kamerateams sah, die ebenfalls ihre Aufnahmegeräte aufbauten. Nervöse Anspannung, Angst oder hektisch zur Schau getragene Fröhlichkeit spiegelte sich in ihren Mienen. Von unten her drang der andauernde klagende Ton der Sirenen an sein Ohr. Kristine ergriff seinen Arm. »Komm, Mike, wir müssen aufbauen.« Er zuckte zusammen. »Ja – ich habe gerade nachgedacht.« Sie sah ihn ein wenig vorwurfsvoll an. »Ich auch. Du hättest wenigstens auf Wiedersehen sagen können, als du heute früh weggingst.« »Das habe ich. Du warst gerade am Telefon und hast mich nicht gehört.« »Das tut mir leid«, erwiderte sie nach einer Weile und sah ihn mit ihren grünen Augen um Verzeihung bittend an. »Mir auch«, entgegnete Donovan mit einem gequälten Lächeln. Eine Zeitlang sahen sie sich schweigend an, und dann wandte sie den Blick ab. »Wie spät ist es?« Donovan sah auf seine Uhr. »7.56 Uhr.« Kristine eilte davon, um letzte Vorbereitungen zu treffen, und Donovan prüfte die Kameraeinstellung. Die Minuten krochen dahin. Um 7.59 Uhr betrat ein vornehm aussehender, weißhaariger Mann, begleitet von einer bewaffneten Eskorte, das Dach.
Donovan erkannte ihn als den UNO-Generalsekretär und beobachtete, wie er die auf dem Dach postierten Truppen durch einen Wink anwies, ihre Waffen zu senken. Er stellte seine Kamera auf die gigantischen, vom Flutlicht angestrahlten Umrisse des fremden Raumschiffes hoch über ihnen ein. Es war so ungeheuer groß, daß selbst die höchsten Wolkenkratzer wie Spielzeuggebäude dagegen wirkten. Irgend jemand zählte leise die Sekunden. Einer der Journalisten sprach ins Mikrofon: »… Stille ist eingetreten, nicht nur hier… die ganze Welt hält den Atem an.« »9… 8… 7… 6…« »5«, dachte Donovan, »4, 3, 2, 1 – « »Die Uhr schlägt 8… 0100 Greenwich-Zeit.« Den Bildsucher seiner Kamera ans Auge gepreßt, starrte Donovan nach oben. Er starrte so angestrengt in den Sucher, daß ihm die Augen tränten. Da! In der silberblauen Weite nur schwer auszumachen – eine winzige, dunkle Öffnung! Einen Augenblick kniff Donovan die Augen zusammen, dann starrte er wieder zu dem Schiff hinauf. Die Kamera surrte; er hatte sie direkt auf die Öffnung gerichtet, die jetzt von etwas ausgefüllt wurde – von einem stromlinienförmigen Objekt, das schnell zu ihnen herunterglitt. Donovan konnte Kristines kühle, gelassene Stimme hören und bewunderte ihre Haltung. Er wußte, daß sie ebenso nervös wie die anderen war, doch es gehörte zu ihrem Beruf, sich unter Kontrolle zu halten. »Das kleinere Schiff gleitet im spitzen Winkel herunter – befindet sich jetzt über der 3. der 39. Avenue – kommt direkt auf das UNO-Gebäude zu.« Donovan folgte mit der Kamera dem Gefährt, das jetzt das Tempo verlangsamte, um zur Landung anzusetzen. Kleine dunkle Dreiecke – vielleicht in regelmäßigen Abständen
eingelassene Fenster – unterbrachen das strahlende Weiß der Raumfähre. Auf seinem Bug war irgendein rotes Symbol zu sehen, eine Kombination aus Punkten und Linien, wie der Kameramann sie noch nie zuvor gesehen hatte, der jedoch trotzdem eine geheimnisvolle Vertrautheit innewohnte. Fast geräuschlos und ohne einen spürbaren Luftdruck zu verursachen, sank die Raumfähre herab. Kristine setzte ihren Kommentar fort: »Jetzt kommt die Fähre zum Stillstand, etwa drei Meter über uns… Jetzt landet sie… Ein seltsames, vibrierendes Flirren erfüllt die Luft.« An der Unterseite des Fahrzeugs öffnete sich ein Schott, und im gleichen Augenblick hörten die Menschen auf dem Dach die Stimme – eine seltsam widerhallende Stimme: »Herr Generalsekretär…« Donovan schwenkte die Kamera auf den Generalsekretär, als dieser mit ernstem, entschlossenem Gesicht in sehr steifer Haltung vor die Menge trat. Die Stimme fuhr fort: »Var intre rada kom upp for trappan.« Im selben Augenblick wurde eine kleine Rampe aus der Raumfähre auf das Dach heruntergelassen. Kristines Stimme drang an Donovans Ohr. Sie klang noch immer ruhig und gefaßt, doch ein wenig beklommen: »Ich nehme an, die Stimme sprach Schwedisch – die Landessprache des Generalsekretärs…« Sie lauschte in den Knopf in ihrem Ohr. »Ja, jetzt habe ich die Übersetzung… Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Generalsekretär… Bitte, steigen Sie auf die Rampe.« Sehr gefaßt und in tadelloser Haltung schritt der alte Mann auf die Rampe zu. Dann stieg er Stufe für Stufe die Treppe hinauf, bis er oben angelangt war, und verschwand. Die bewaffneten Posten hoben die Gewehre. Donovan bemerkte, daß er unwillkürlich die Luft angehalten hatte. Jetzt atmete er langsam aus und wartete, das Auge fest auf den Bildsucher gepreßt.
Plötzlich begann sich oben auf der Rampe etwas zu rühren; Schatten bewegten sich in der Dunkelheit. Da – ein Gesicht! Die Bewegungen des Generalsekretärs wirkten erleichtert und energisch und standen in krassem Gegensatz zu der steifen Haltung, mit der er zuvor auf die Raumfähre zugegangen war. Allgemeines Gemurmel war zu hören, doch Kristines Stimme übertönte es: »Da ist er! Der Generalsekretär kommt zurück! Er ist ganz offensichtlich unverletzt, winkt den auf dem Dach des UNO-Gebäudes stehenden Menschen fröhlich zu… Einen Augenblick bitte. Es sieht so aus, als wolle er zu den Leuten sprechen…« Klar und deutlich drang die wohltönende, leicht akzentuierte Stimme des alten Mannes an Donovans Ohr, als dieser die Kamera scharf auf das Gesicht des Redners einstellte. »Meine lieben Mitbürger dieser Erde… diese Besucher versichern mir, daß sie in friedlicher Absicht kommen und die UN-Charta respektieren wollen. Wie Sie selbst sehen werden, sind sie uns sehr ähnlich… obwohl ihre Stimmen fremdartig klingen. Sie baten mich zunächst, an ihrer Stelle zu Ihnen zu sprechen, doch ich glaube, daß es Ihnen allen lieber ist, wenn ihr Oberster Kommandeur, der sich an Bord dieses Schiffes befindet, selbst zu Ihnen spricht. Seine Stimme wird überall auf der Welt, in allen Sprachen, zu hören sein.« Der Generalsekretär drehte sich um und blickte nach oben. Donovan stellte die Kamera auf die dunkle Öffnung im Bauch der Raumfähre ein. Etwas bewegte sich dort – dann sah er durch den Bildsucher in Stiefeln steckende Füße, Beine, einen normal aussehenden Körper, zwei Arme, einen Kopf – Donovan stockte der Atem, seine Finger umklammerten die Kamera. Er hatte erwartet, daß es Unterschiede im Aussehen geben würde, doch das war nicht der Fall! Auf den ersten Blick sah der Fremde wie ein normaler Mann mittleren Alters aus, mit dichten, grauen Haaren und scharfen, blauen Augen. Er
trug hohe, schwarze Stiefel, die wie ganz gewöhnliche englische Reitstiefel aussahen, und einen rötlichen Overall, der ähnlich wie ein Fliegeranzug geschnitten war. Über der Brust waren fünf schwarze Querstreifen zu sehen. Kristines Kommentar war sehr, genau und präzise: »Ungefähr 1,80 Meter groß, schätzungsweise 160 Pfund schwer… Es scheint ihm schwerzufallen, im grellen Licht der Scheinwerfer zu sehen… Auf halber Höhe der Treppe bleibt er stehen… Ich nehme an, daß er gleich sprechen wird…« Die Stimme des Mannes war klar und deutlich zu hören, doch ihr seltsamer Klang, dieses vibrierende Nachhallen, war live fast noch deutlicher zu erkennen. »Ich hoffe, Sie werden mir verzeihen… aber unsere Augen sind nicht an diese Art von Helligkeit gewöhnt…« Er griff in eine Tasche seines Overalls, zog eine überraschend normal aussehende Sonnenbrille heraus und setzte sie auf. »Wie der Generalsekretär Ihnen bereits gesagt hat, sind wir in friedlicher Absicht zu den Menschen auf der Erde gekommen… Unser Planet ist der vierte der Sonne, die Sie Sirus nennen. Sie ist ungefähr 8,7 Lichtjahre von der Erde entfernt. Es ist das erste Mal, daß wir unser Heimatsystem verlassen haben, und Sie sind die ersten intelligenten Lebewesen, auf die wir gestoßen sind.« Er legte eine Pause ein, und ein sehr warmes Lächeln erhellte sein Gesicht. »Wir freuen uns sehr, Sie kennenzulernen.« Ein allgemeines Raunen und Aufatmen ging durch die Menge der Journalisten und Würdenträger. Donovan filmte weiter und machte eine Großaufnahme von dem Mann, als er ein paar Schritte näher auf ihn zukam. »Unsere richtigen Namen würden fremdartig für Ihre Ohren klingen«, fuhr er fort. »So haben wir – meine Gefährten und ich – ganz einfache, bei Ihnen gebräuchliche Namen gewählt. Ich heiße John.«
Wieder lächelte der Fremde. »Der Generalsekretär bezeichnete mich als Obersten Kommandeur. Tatsächlich bin ich eine Art Admiral. Ich bin verantwortlich für dieses kleine Schiff hier.« Kleines Schiff? Donovan umklammerte die Kamera, er wurde sich plötzlich bewußt, daß seine Hände schweißnaß waren. »Wir haben vorher schon unbemannte Sonden entsandt, die Radio- und Fernsehsendungen aufgezeichnet haben und auf diese Weise ihre Sprachen gelernt – doch nicht alle von uns sind so erfahren. Wir hoffen daher, daß Sie Geduld mit uns haben werden. Wir sind im Namen unseres Großen Denkers hierhergekommen… unseres Denkers, der unseren Planeten mit Güte und Weisheit regiert… Wir sind gekommen, weil wir Ihre Hilfe brauchen.« Güte und Weisheit, dachte Donovan zynisch. Das klingt ganz nach heiler Welt. Wenn sie sich anstrengen, könnte John unser nächster Präsident werden… »Unser Planet hat ernste Umweltprobleme, viel, viel größere als die auf der Erde. Sie haben ein Stadium erreicht, in dem wir bald ohne Hilfe keine Überlebenschancen mehr haben. Es gibt da bestimmte Chemikalien und Präparate, die wir brauchen, wenn wir unsere vor der Zerrüttung stehende Zivilisation retten wollen. Sie können uns bei ihrer Herstellung helfen. Als Gegenleistung werden wir gern die Früchte unserer Wissenschaften mit Ihnen teilen.« Die Früchte unserer Wissenschaften… Wer hat bloß diese Rede aufgesetzt? »Jetzt, da der Kontakt hergestellt ist, würden wir gern mit den verschiedenen Regierungen sprechen, um gezielte Fragen über die Fabriken, die wir zur Herstellung dieser Präparate errichten müssen, stellen zu können.« Flüchtig dachte Donovan an die Fabrik seines Stiefvaters und konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine Mutter Eleanor den
armen Arthur dazu antrieb, einen Vertrag mit den Außerirdischen zu schließen. »Ich möchte wissen, um was für Präparate es sich handelt.« »Und wie ich schon sagte, werden wir uns für Ihr Entgegenkommen erkenntlich zeigen, indem wir Ihnen unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zugänglich machen, um auch Ihnen bei der Lösung Ihrer Umweltprobleme, Ihrer Schwierigkeiten in der Landwirtschaft und im Gesundheitswesen zu helfen. Dann werden wir Sie wieder, wie wir gekommen sind, in Frieden verlassen.« Offerieren uns den Himmel auf einem Silbertablett – was würden sie wohl tun, wenn wir ihnen sagten, daß sie sich zum Teufel scheren sollen! »Ich weiß, daß wir im umgekehrten Fall – wenn Sie zu uns gekommen wären – darauf brennen würden, Ihr Raumschiff von innen zu sehen. Wir bitten daher Ihren Generalsekretär und fünf der hier versammelten Journalisten, mit uns an Bord unseres Mutterschiffs zu kommen. Das wird eine von vielen Gelegenheiten sein, uns besser kennenzulernen.« Donovan spürte, wie ihm jemand auf die Schulter tippte, und blickte auf. Einer der Adjutanten des Generalsekretärs stand neben ihm. »Ihre Karte wurde gezogen, Mr. Donovan«, sagte er in akzentuiertem Englisch. »Himmel!« Hastig ergriff Donovan seine Filmausrüstung und schlüpfte auf ein Zeichen des Mannes hin unter dem Absperrseil hindurch. Als er auf die Rampe zuging, schlossen sich ihm Kristine und Tony an. »Was soll das heißen, meine Karte wurde gezogen?« fragte Donovan leise, als sie über das Dach gingen. »Sie haben die Journalisten durch das Los ausgewählt«, erklärte Kristine. »Auch Sam Egan und Jeri Taylor hat es getroffen.« »Wir haben wirklich das große Los gezogen.«
»Allerdings«, pflichtete Tony, der bereits die Rampe hinaufstieg, ihm trocken bei. Donovan eilte ihm nach. John, der Anführer der Außerirdischen, erwartete sie oben auf der Rampe. Donovan stieg als letzter die Treppe hoch, weil er noch eine gute Aufnahme von der Begrüßung der anderen Journalisten durch den Fremden machen wollte. Dann rannte er selbst nach oben; die Kamera trug er auf seiner linken Schulter, so daß er die rechte Hand frei hatte. Oh, Gott, dachte er, nun doch wider Willen beeindruckt, ich werde jemandem die Hand schütteln, der unter einer anderen Sonne geboren wurde… der zwar aussieht wie ein Mensch, aber keiner ist… Johns Hand war ausgesprochen kalt, die Haut glatt und fest. Er nickte Donovan freundlich zu. »Mr. Donovan, ich habe Ihre Aufnahmen von der Unterseite unseres Mutterschiffs gesehen. Sehr eindrucksvoll… und ziemlich gewagt.« Donovan kam sich vor wie ein Kind, dem ein Erwachsener ein Lächeln schenkt und ihm freundlich auf die Schulter klopft. »Das stimmt. Sie sagten, Sie hätten unsere Fernsehprogramme aufgenommen. Wie lange haben Sie das gemacht?« Hinter der dunklen Sonnenbrille konnte Donovan den abschätzenden Blick erkennen, mit dem der Fremde ihn musterte. »Ein paar Jahre lang«, erwiderte John freundlich. »Und jetzt verspreche ich Ihnen, daß Ihre Neugier befriedigt wird, Mike. Während unseres Aufenthaltes hier werden wir viel Zeit haben, miteinander zu reden.« »Es freut mich, das zu hören.« Damit ging Donovan weiter. Als er in die Raumfähre stieg, machte er noch eine Nahaufnahme von John, der Kristine freundlich zulächelte, ehe er neben ihr Platz nahm. Das Innere der Fähre war enttäuschend. Es sah aus wie ein Mittelding zwischen einem Düsenjäger und einem der Pendelbusse, die die Passagiere zu den Flugzeugen brachten. An den Wänden entlang waren Sitze angebracht, gepolsterte
Sitze aus einem Gewebe, das aussah (und es wahrscheinlich auch war) wie ganz gewöhnlicher dunkelbrauner Kunststoff – eine gute Farbwahl, dachte Donovan, der daran denken mußte, wie er im vorigen Jahr nach der Scheidung sein Appartement eingerichtet hatte. Er hatte braune Teppiche gewählt – weil man darauf den Schmutz weniger sah. Beim Gedanken an seine Scheidung fiel Donovan siedendheiß ein, daß er Sean seit beinahe drei Tagen nicht mehr angerufen hatte. Nicht mehr, nachdem diese Sache begonnen hatte. Das Ereignis des Jahrhunderts, und schon vergißt du, dich nach dem Befinden deines einzigen Kindes zu erkundigen! Insgeheim schwor er sich, gleich morgen früh anzurufen und ihn über das Wochenende zu besuchen. Er fragte sich, ob Sean wohl gesehen hatte, wie er auf die Rampe gestiegen war und die fremde Raumfähre betreten hatte. Dann mußte er lächeln – natürlich hatte er ihn gesehen! Sean war der größte Fan seines Vaters, daran konnte auch Majories Verbitterung nichts ändern. Kristine Walsh saß, noch immer in ein Gespräch mit John vertieft, ihm gegenüber. Donovan hätte gern gewußt, worüber sie sich unterhielten. Auf ihrem Gesicht lag dieses warme, offene Lächeln, das sie, das wußte Mike, nur Menschen, die sie wirklich mochte, entgegenbrachte. Er fühlte eine ganz und gar unsinnige Eifersucht in sich aufsteigen. Hör auf damit! Du bist wegen einer Story hier und nicht wegen eines romantischen Intermezzos! Schnell schwenkte er die Kamera herum und wünschte sich, mehr Licht zu haben. Die Fremden schienen eine schwache Beleuchtung zu lieben, ähnlich der, wie sie die meisten Menschen beim spätabendlichen Fernsehen bevorzugten. Donovan konnte zwar noch gut sehen, doch länger als fünf Minuten zu lesen, wäre ihm bei diesem Licht schon schwergefallen.
Ich dachte immer, Sirius sei ein sehr heller Stern… Das muß ich unbedingt nachprüfen, wenn ich zurück bin… Ich nehme an, ihr Planet hat eine sehr dichte Atmosphäre… Zwei andere Fremde, junge Männer in Donovans Alter, sahen in die Hauptkabine, und John nickte ihnen zu. Augenblicke später spürte Donovan eine leichte Bewegung, als die Raumfähre offenbar vom Boden abhob. Er wünschte sich, die Fenster wären nicht abgedunkelt gewesen – welch herrliche Aufnahme hätte er von dem sich entfernenden UNO-Gebäude und der immer näher kommenden riesigen Untertasse machen können! Die fremde Raumfähre glitt still und fast ohne spürbare Bewegung nach oben. Donovan fragte sich, was für Triebwerke die Raumschiffe haben mochten. Schlagworte aus »Cosmos«-Episoden und Science Fiction-Romanen fielen ihm ein. »Angst, Mike?« wandte sich Tony an ihn. »Du?« »Ja, ein bißchen vielleicht. Das ist ein großer Tag für den ganzen Planeten.« »Es ist komisch, daß du von unserer Erde als Planeten sprichst, jetzt, wo sie gekommen sind.« »Da hast du recht. So etwas fördert offensichtlich das kosmische Bewußtsein.« »Hm, aber um deine Frage zu beantworten – ja, ich habe auch etwas Angst.« Sie spürten einen kaum wahrnehmbaren Ruck, dann stand die Raumfähre still. Donovan hob seine Kamera auf und stellte sie auf das befürchtete schwache Licht ein. »Also, gehen wir.« Sie betraten eine große, offene Fläche. An beiden Seiten reihten sich kleine Raumfähren wie jene, die sie hergebracht hatte, entlang. Der riesige Landeplatz erinnerte Donovan an den, den er an Bord des größten Flugzeugträgers der Marine
gesehen hatte. Im schimmernden Weiß der Fähre spiegelte sich das trübe Blau der Beleuchtung und des gestrichenen Bodens wider. John erklärte, daß auf jedem Landedeck etwa drei Dutzend Raumfähren standen. Zusammen mit den mehr als zweihundert über das Mutterschiff verteilten weiteren Fähren bildeten sie eine Flotte von ungeheurem Ausmaß. Donovan hörte, wie Kristine diese Zahlen auf Band sprach, während er langsam die Kamera schwenkte. John berührte Kristines Arm. »Hier entlang. Ich werde Ihnen jetzt das Hauptkontrollzentrum zeigen.« Donovan ging in einiger Entfernung hinter ihnen her, so daß er die auf die zwischen den Maschinenteilen angebrachte Laufplanke kletternden Journalisten filmen konnte. Dann schloß er sich ihnen hastig wieder an. Als sie über das Landedeck gingen, kam ihnen aus einer Seitentür eine außergewöhnlich schöne Frau entgegen und blieb dann wartend stehen. Donovan richtete sofort seine Kamera auf sie. Selbst in diesem schwachen Licht war die Autorität in ihren Augen nicht zu übersehen, eine Autorität, die ebenso ein Teil von ihr zu sein schien wie ihre ausgeprägten Wangenknochen und der breite Mund. Während sie auf die fremde Frau zugingen, hörte Donovan Kristines Stimme: »Sie haben auch Frauen in Ihrer Mannschaft?« »Natürlich«, erwiderte John in leicht überraschtem Ton. »Das ist Diana – meine Stellvertreterin.« Die Brünette nickte ihnen freundlich zu, und Donovan machte eine Nahaufnahme von ihr. Dann gesellte sie sich zu ihnen, um sie auf ihrem Rundgang zu begleiten. Der Kontrollraum erinnerte entfernt an den Kommandoturm eines Atom-U-Bootes. Er war jedoch größer, und etwa ein Dutzend Männer und Frauen saßen an hellbeleuchteten Pulten vor Bildschirmen. Über einige Schirme flimmerten Bilder von Manhattan, die meisten jedoch zeigten Diagramme und
Datenkolonnen. Alle Mitglieder der Mannschaft trugen diese rötlichen Overalls, die sich nur durch leichte Abweichungen in den Mustern auf der Brust, die offenbar den Rang verdeutlichten, voneinander unterschieden. Mike mußte die Kamera schnell herumfahren, denn der Oberste Kommandeur blieb nicht stehen, sondern ging ständig weiter. »Als nächstes werden Sie den Raum sehen, den Sie wahrscheinlich als Maschinenraum bezeichnen würden.« »Haben Sie über den Bildschirm dort oben Kontakt zu den anderen Schiffen in Ihrer ›kleinen Flotte‹?« Johns Blick folgte Kristines ausgestrecktem Finger. »Ja, Kristine.« Auch Dianas dunkler Altstimme wohnte dieses seltsame Nachhallen inne. »Die anderen überwachen fast alle die Funktionen des Schiffes. Das ist alles Routine und wirklich nichts Besonderes.« Natürlich nicht, dachte Donovan, der gerade die beiden Frauen filmte. Wenn Sie zufällig von einem anderen Stern kommen… Sie gingen weiter über die Laufplanke, bis sie einen Tunnel erreichten. Der dunkle Gang erstreckte sich beinahe vierzig Schritte lang – Donovan zählte sie. Seine Haare schienen sich zu sträuben, und er wurde sich plötzlich bewußt, daß er sich benahm, als befände er sich in feindlichem Gebiet. Sei nicht albern, Mike. Denk daran, sie sind in friedlicher Absicht gekommen. Das einzige, was ihnen in dem Gang auffiel, waren mehrere leuchtendgelb gestrichene Türen. Donovan sah sie sich durch den Bildsucher näher an, entdeckte jedoch nichts Besonderes daran. »Und die Türen, an denen wir gerade vorbeigekommen sind?« wandte sich Kristine an Diana.
»Verbotenes Gelände – viel Radioaktivität. Unser Gravitationsantrieb ist sehr effektiv, wie Sie gesehen haben, doch er nimmt beinahe das ganze Schiff in Anspruch.« »Welche Geschwindigkeit kann dieses Baby erreichen?« fragte Donovan. Es war das erste Mal, daß er etwas sagte, und Diana blickte zu ihm herüber. »Wir erreichen Geschwindigkeiten, die der des Lichtes nahe kommen.« Donovan wollte schon fragen, ob sie Einsteins Theorie bestätigt oder widerlegt hätten, überlegte es sich dann jedoch anders, weil ihm einfiel, daß sie Einstein wahrscheinlich gar nicht kannten. Sie gingen weiter über eine Laufplanke, die in ziemlicher Höhe über eine beträchtliche Anzahl von glänzenden, goldfarbenen Zylindern führte. Der Ort mit dem umfangreichen Röhrensystem erinnerte vage an eine Raffinerie. Ein paar Techniker machten sich zwischen den riesigen Zylindern zu schaffen, kontrollierten die Informationen von den Skalen und Diagrammen und zeichneten sie auf. »In der anderen Hälfte des Schiffes befinden sich die Mannschaftsräume«, fuhr Diana fort, »ebenso Lagerflächen für die Chemikalien, die wir hier auf der Erde herstellen wollen. Wir werden sie in riesigen, kälteerzeugenden Tanks aufbewahren, um sie…« »Kälteerzeugend?« unterbrach sie Kristine. »Ja, auf diese Weise erreichen wir den höchstmöglichen Lagereffekt.« »Sie dürfen es Diana nicht übelnehmen, Kristine«, mischte sich John ein. »Wie alle Wissenschaftler neigt sie dazu, manchmal zu vergessen, daß wir nicht alle so viel technisches Verständnis besitzen wie sie.«
»Sie sprachen von den Mannschaftsräumen«, fuhr Kristine fort. »Wie viele Personen befinden sich an Bord dieses Raumschiffes?« Diana zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, doch Donovan entging ihr schneller Seitenblick zu ihrem Kommandeur nicht. »Das ist… unterschiedlich… Mehrere Tausend.« Allein auf diesem Schiff? Wie viele mögen es dann auf allen fünfzig Schiffen zusammen sein? Nachdenklich biß Donovan sich auf die Lippen und blickte zu Kristine hinüber, doch diese stellte bereits ihre nächste Frage. »Können wir mit einigen von ihnen reden?« »Natürlich«, antwortete John lächelnd. »Sie werden reichlich Gelegenheit dazu haben.« Wenige Minuten später endete ihr Rundgang wieder auf dem Landedeck. Dieses Mal war es Diana, die den Generalsekretär und die Journalisten zurück zum UNO-Gebäude begleitete. Wieder an Bord der kleinen Raumfähre (soweit Donovan es beurteilen konnte, war es die gleiche, die sie hinaufgebracht hatte – doch mit Sicherheit konnte er es nicht sagen) streckte Donovan sich erschöpft aus und massierte seine Nackenmuskeln. »Wie spät ist es?« fragte er Tony, als er bemerkte, daß dieser auf seine Uhr sah. Tony grinste. »Ungefähr halb zehn. Die Nacht ist noch jung, mein Freund.« Donovan unterdrückte ein Gähnen. »Mein Gott, warum bin ich nur so müde? Ich fühle mich, als hätte ich tagelang nicht geschlafen.« »Das hast du ja auch nicht. Es sei denn, du konntest auf dem Rückflug von El Salvador ein Nickerchen machen.« »Nein, da nicht. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, dein Kindermädchen zu spielen.«
»Quatsch! Ich habe die Nahaufnahmen von dem Mutterschiff gesehen. Du hast wieder einmal den waghalsigen fliegenden Kameramann gespielt.« »So bin ich nun mal«, grinste Donovan und tippte auf die Kamera. »Ich kann es kaum erwarten, das hier in den Äther zu jagen.« »Wieviel, glaubst du, sind die Bilder wert?« wollte Tony, der praktische Teil ihrer Partnerschaft, wissen. »Wir werden jeden Preis bekommen, den wir verlangen, alter Freund. Die Höhe überlasse ich dir als unserem Manager.« Tony nickte nachdenklich, dann zog er einen Taschenrechner hervor und machte sich an die angenehme Aufgabe auszurechnen, wieviel Geld ihnen dieses Abenteuer einbringen würde. Die fünf Journalisten und der Generalsekretär wurden von der Presse abgeschirmt, bis sie ihre Bänder und Filme an den Sender übergeben hatten. Dann sahen sich Donovan, Tony und Kristine ihre Sonder-Nachrichtensendung an, die über Satellit ausgestrahlt wurde. »Glaubst du, daß wir damit Platz eins in den Einschaltquoten übernehmen werden?« Mit breitem Grinsen sah sich Tony Donovans Aufnahmen vom Landedeck an. »Vielleicht«, meinte Kristine zufrieden lächelnd. »Was meinst du, Mike? Haben wir es geschafft, ›Dallas‹ zu schlagen?« »Ich weiß nicht.« Donovan nahm einen kräftigen Schluck von seinem dritten Coors. »Es handelt sich immerhin um starke Konkurrenz, meine Liebe. Und dies ist ja nur die Nachricht des Jahrhunderts.« Kaum war die Übertragung beendet, als jemand mehrere Flaschen Champagner brachte. Die Korken knallten beinahe ebenso oft wie gestern die Schüsse aus den Maschinengewehren. Gestern?
Wirklich erst gestern? Donovan hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er überlegte, wie es wohl sein würde, mit Lichtgeschwindigkeit durchs All zu rasen. Wie mochte es sein, eins dieser großen Mutterschiffe als Pilot zu fliegen? Wahrscheinlich würde man das erregende Gefühl, es allein zu führen, nicht erleben können, weil das nur mit einem Team möglich war. »Mike?« Wie durch einen Schleier sah er Kristine vor sich stehen; er war beinahe eingedöst. »Wie spät ist es?« Er blickte um sich. Die Party war in vollem Gang. »Fast Mitternacht. Magst du noch auf einen Drink zu mir kommen?« Er wollte ablehnen, wollte sagen, daß er es vorzog, sich ein Hotel zu suchen, daß er todmüde war. Statt dessen hörte er sich antworten: »Gern. Hast du einen Videorecorder?« »Natürlich. Du bringst die Kassetten mit?« »Klar.« Es war schon ein paar Monate her, seit er zum letzten Mal in Kristines Wohnung gewesen war. Der Blick von hier aus auf die obere East Side war atemberaubend. Er blickte auf das glitzernde Wasser, beobachtete das Spiel der Autoscheinwerfer. Und über allem stand das angestrahlte riesige Raumschiff der Fremden. Während Donovan emporstarrte, mochte er kaum glauben, daß er wenige Stunden zuvor wirklich selbst dort oben gewesen war. Kristine kam mit mehreren grünen Flaschen und zwei schön geschwungenen Gläsern aus der Küche zurück. Donovan grinste. »Wieder Champagner?« Der Korken knallte, und Sekt sprudelte heraus. Schnell hielt Donovan sein Glas unter die Flasche. Dann machten sie es sich auf ihrer teuren Velourgarnitur gemütlich.
Kristine lachte. »Natürlich. Wie oft können wir schon die Berichterstattung von dem Ereignis des Jahrhunderts feiern?« »Hm.« Donovan schüttelte den Kopf, nahm dann vorsichtig einen Schluck Champagner. »Ich kann immer noch nicht fassen, daß ausgerechnet wir drei das Glück hatten, hineinzukommen.« Kristine kicherte. Mike hatte noch nie erlebt, daß sie so viel Alkohol getrunken hatte. »Das hatte nichts mit Glück zu tun. Ich habe den Stapel, aus dem die Karten gezogen wurden, präpariert. Es mußte uns treffen.« »Ach, hör auf!« Er wußte nicht, ob er ihr glauben sollte oder nicht – ob er sie in den Arm nehmen oder mit ihr schimpfen sollte. »Doch, das habe ich wirklich getan.« Lachend schleuderte sie die Schuhe in die Ecke. Ihren braunen Blazer hatte sie bereits ausgezogen; ihre weiße Bluse ließ sie sehr weich und weiblich aussehen. Er bemerkte, daß sie die oberen Knöpfe geöffnet hatte. Er wandte sich ab und nippte an seinem Champagner. Sie setzte sich neben ihn und ergriff den Fernbedienungsschalter für den Fernseher. »Hast du die Kassette eingelegt, Mike?« »Aber du hast es doch vorhin erst gesehen…« »Ja. War es nicht entsetzlich? Spiel es noch einmal ab, Mike. Noch einmal!« Sie schaltete das Gerät ein und griff gleichzeitig nach der Flasche. Donovan fühlte etwas Kaltes auf seinem Bein und schrie: »Kris! Versuch bitte, den Sekt ins Glas zu schütten!« Sie schnitt eine Grimasse. »Sei still. – Einfach phantastisch!« Sie deutete auf den Fernsehschirm. Sie sahen sich ihren Rundgang durch das Mutterschiff an, so wie Donovan es mit seiner Kamera eingefangen hatte. Als Diana auf dem Bildschirm erschien, sagte Kristine mit
spöttischem Lächeln: »Da ist sie, deine Freundin! Du hast mehr Nahaufnahmen von ihr gemacht als von mir.« Donovan grinste sie an, machte jedoch keinen Versuch, es abzustreiten. »Sie hat eben alles… Schönheit… Verstand…« »Und auch die Figur läßt nichts zu wünschen übrig«, ergänzte Kristine ihn lachend, während sie Dianas Profil betrachtete. »Aber möchtest du, daß deine Schwester einen Mann vom Sirius heiratet?« Sie drückte wieder auf den Schnellvorlauf-Knopf. Jetzt schien Diana sie direkt anzusehen. »Schau!« Kristine drehte sich zu ihm um, das Glas dabei in beängstigender Höhe haltend. »Wieder eine Nahaufnahme.« Lachend streckte Donovan die Hand nach ihr, doch sie war schneller. Kalter Champagner lief seinen Hals herunter. Wieder griff er nach ihr, versuchte, dabei seinen eigenen Champagner nicht zu verschütten, und schließlich gelang es ihm, sie am Handgelenk festzuhalten. Ihr leeres Glas fiel auf den weichen Teppichboden. Beide mußten lachen, als sie um das zweite Glas rangelten. Irgendwie fand Mike sich schließlich auf der Couch liegend wieder. Kristine lag auf ihm, das Champagnerglas hielt er noch immer in der Hand. Auf wunderbare Weise war es noch immer gefüllt, doch Donovan hatte das Interesse am Champagner verloren. Zu sehr war er sich ihres Blickes bewußt. Ihre Augen waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Ihre Stimme war heiser und dunkel. »Mike… Warum hat es nicht schon früher geklappt?« Er schüttelte den Kopf, zuckte stumm die Achseln. Wenn er die Nacht nicht bei ihr verbringen wollte, mußte er sich jetzt zurückziehen. Sofort. Andererseits wäre das nicht fair Kristine gegenüber. Doch irgendwie fand er nicht die richtigen Worte. »Ich möchte es noch einmal versuchen.« Sie drängte sich ihm entgegen, und ihr Mund trug den Geschmack des süßen Weins.
Mike schloß die Augen und erwiderte ihren Kuß. Sehr lebendig und warm spürte er ihren Körper, als er sie neben sich zog. Mit der einen Hand griff er in ihr seidiges Haar, während die andere nach der Tischkante suchte. Und es gelang ihm, das Glas abzusetzen, ohne etwas zu verschütten.
3. Kapitel
Robert Maxwell sah seine Frau Kathleen ärgerlich an. »Ich dachte, Robin wollte längst hier sein.« Obwohl Kathleen selbst ziemlich nervös war, bemühte sie sich, sich ruhig und gelassen wie immer zu geben. »Reg dich nicht auf, Liebling. Sie wird jeden Augenblick kommen. Hast du den Wagen schon aus der Garage gefahren?« »Ja!« Robert wußte, daß er sehr ruppig war, konnte es jedoch nicht ändern. Da hatte er zum ersten Mal Gelegenheit, die Fremden aus der Nähe zu sehen, und seine Tochter hielt ihn davon ab. Teenager! »Warum ist sie nicht pünktlich, Kathleen?« »Sie entdeckte einen Fleck auf ihrer Uniform und versucht, ihn herauszubekommen. Beruhige dich doch, Liebling.« Mit ihrer dreijährigen Schwester Katie auf dem Arm kam ihre zwölfjährige Tochter die Treppe herunter. Maxwell nahm seine Jüngste auf den Arm und gab ihr einen zärtlichen Kuß. »Hm, du siehst hübsch aus, meine Süße, und riechst so frisch und sauber. Danke, daß du sie fertig gemacht hast, Polly.« »Ist schon in Ordnung, Dad. Obwohl es nicht ganz leicht war, weil sie auf keinen Fall dieses rosafarbene Kleid und die Rüschenhose anziehen wollte.« Polly grinste Katie verständnisvoll an; sie teilte die Vorliebe ihrer Schwester für lässige Kleidung. Kathleen schüttelte den Kopf, als Maxwell das kleine Mädchen auf den Boden setzen wollte. »Nein, nicht! Halt sie fest! Wenn du sie herunter läßt, macht sie sich sofort wieder schmutzig.«
Maxwell hob die zappelnde Katie wieder hoch. »Deine Mami ist vielleicht nett! Du sollst der größte Schmutzmagnet der Welt sein?« Katie grinste ihren Vater frech an und gab ihm einen feuchten Kuß auf den Mund. »Mutti, wo ist mein Hut?« In einer Wolke von Weiß und Blau stürzte die siebzehnjährige Robin die Treppe herunter. Polly hob die Flötenschachtel ihrer Schwester auf und reichte sie ihr. »Hier ist er, mein Liebes.« Kathleen ergriff die rote Pelzkappe. »Laßt uns gehen, Leute! Wir sollten schon vor fünf Minuten dasein!« Schnell und sicher fuhr Maxwell mit seinem Kombiwagen zu der von seinem Nachbarn, Arthur Dupres, geführten Fabrik. In den drei Wochen, die seit der Ankunft der Visitors verstrichen waren, hatten diese eine Reihe von Werken ausgesucht, nach deren Muster sie ihre Fabriken für die Herstellung der dringend benötigten chemikalischen Präparate ausrüsten wollten. Die Richland-Chemical-Corporation war von Diana, der Wissenschaftlichen Kommandeuse der Visitors, zum ersten Einsatzpunkt erklärt worden. Natürlich warteten jetzt eine riesige Menschenmenge und zahlreiche Presseleute auf die Landung der Raumfähre. Zum Glück gelang es Maxwell, einen Parkplatz neben den Schulbussen zu finden, die die Ausrüstung der Schülerkapelle hergefahren hatten. Während Kathleen die Pelzmütze auf dem dunklen Haar ihrer Tochter befestigte, reichte Maxwell ihr die Flötenschachtel. »Ist alles okay?« Robin blickte prüfend in den Außenspiegel des Kombiwagens. »Du siehst großartig aus, mein Kind«, sagte ihr Vater und dachte, daß diese gedankenlose Bemerkung von Tag zu Tag mehr der Wahrheit entsprach. Mit ihren blaugrünen Augen, dem seidigen, dunklen Haar und dem hübschen Gesicht war sie
eine kleine Schönheit, und die meisten ihrer Klassenkameraden an der Rosemont High School rissen sich um ihre Gunst. Leider war sich Robin dessen durchaus bewußt – ein Umstand, der Maxwell nicht gefiel. Seufzend blickte er ihr nach, als sie zu der Aufstellung nehmenden Kapelle hinüberrannte. Sie ist immer noch ein Kind, dachte er, aber nicht mehr lange. Mit Katie auf seinen Schultern ging Maxwell mit Polly und seiner Frau zu der Zuschauertribüne hinüber. Trotz ihrer Verspätung, was Robin anbelangte, waren sie noch relativ früh dran und bekamen gute Plätze. Maxwell nahm sein Fernglas aus dem Etui. »Bob!« Kathleen sah ihn vorwurfsvoll an und schob das dunkelblonde Haar aus der Stirn. »Du willst dieses Ding doch wohl nicht benutzen, oder?« Maxwell stellte das Fernglas auf die erhöhte Plattform ein, wo die Zeremonie beginnen sollte. »Aber natürlich werde ich es benutzen«, erwiderte er. »Kommt es dir nicht ziemlich unhöflich vor?« »Es wird niemandem auffallen. Außerdem sitzen wir viel zu weit von der Plattform entfernt, als daß uns jemand sehen könnte.« Kathleen war nicht überzeugt. »Ich glaube trotzdem…« Maxwell steckte das Fernglas wieder ins Etui zurück. »Niemand wird auf mich achten, Liebling. Alle werden sich den Hals verrenken, um einen Blick auf die Visitors werfen zu können. Arch Quinton erzählte mir vorige Woche, daß die Fernaufnahmen von einigen der Fremden einige ›interessante Anomalien‹ gezeigt hätten, wie er sich ausdrückte. Ich möchte selbst sehen, was das für Anomalien sind.« »Warum hast du ihn nicht gefragt?« »Du kennst doch Arch! Er ist so gesprächig wie der Stein von Scone.«
»Maxwell!« Auf den Zuruf hin drehten sich die beiden Maxwells um und entdeckten einen glatzköpfigen Mann in einem teuren Anzug, der ihnen von der anderen Seite der Tribüne her zuwinkte. Gerade gesellte sich eine sehr elegant gekleidete Dame zu ihm. Mit Polly und Katie im Schlepptau bahnten sich Robert und Kathleen ihren Weg die Tribüne herunter. »Hallo, Arthur. Herzlichen Glückwunsch zu diesem großen Tag! Die Augen der ganzen Welt werden heute auf Richland gerichtet sein«, sagte Maxwell und reichte dem Mann die Hand. »Davon bin ich überzeugt.« Stolz ergriff Eleanor Dupres den Arm ihres Mannes. »Ich war diejenige, die den Vorschlag machte. Als John zum ersten Mal davon sprach, daß sie Chemikalien brauchten, sagte ich zu Arthur, er solle den Visitors Richland für ihre Zwecke anbieten. Ich wies ihn darauf hin, daß das irgendwie Bürgerpflicht sei. So tat er es also, und nun geschieht all das – ich finde es wunderbar!« »Gewiß«, entgegnete Kathleen hastig und berührte warnend Roberts Arm, als dieser Eleanor begrüßte. Maxwell atmete tief durch, und es gelang ihm, das breite Grinsen, das Eleanors Gerede stets in ihm auslöste, mannhaft zu unterdrücken. »Oh, noch etwas«, fügte Eleanor hinzu. »Ich gebe heute abend eine kleine Party zu Ehren der Visitors. Einige von ihnen haben sich bereit erklärt, daran teilzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn Ihr auch kämt.« Maxwell bemühte sich, seine Erregung nicht zu zeigen. »Oh, gerne. Um wieviel Uhr?« »So gegen acht. Und nicht zu offiziell, bitte – Abendkleidung genügt. Bis dann also.« Eleanor und Arthur verschwanden in Richtung der Ehrentribüne. Maxwell wartete, bis sie außer Hörweite waren, dann rief er: »Wunderbar! Ich werde sie also aus nächster Nähe sehen.«
Kathleen bedachte ihn mit einem spöttischen Lächeln. »Du und deine großen Worte, Bob.« Sie ahmte Eleanors überschwenglichen Ton nach. »Abendkleidung genügt! Wie zum Teufel soll ich innerhalb von sechs Stunden etwas zum Anziehen auftreiben?« »Du wirst großartig aussehen wie immer, Liebling«, erwiderte Maxwell geistesabwesend. In Gedanken malte er sich bereits seine Gespräche mit den Fremden über ihre Ursprünge und Entwicklung aus. Seines Wissens waren keine wissenschaftlichen Beobachter an Bord des Raumschiffes gebeten worden – nur Journalisten und Politiker. Welch eine Chance für ihn! »Und selbst, wenn ich etwas für mich finde – ich kann mir nicht vorstellen, was du anziehen willst.« »Wie wäre es mit dem neuen Sportsakko, das wir letztes Frühjahr gekauft haben?« Kathleen sah ihn mißbilligend an. »Ist dir überhaupt aufgefallen, wie du deine Manschetten zugerichtet hast, als du mit Arch ›für ein paar Minuten‹ zu den Ausgrabungen gingst – und aus den paar Minuten drei Stunden wurden? Du zerstreuter Professor!« »Ja, ja«, meinte Maxwell ärgerlich. »Vielleicht sollte ich mir heute nachmittag nach der Eröffnungszeremonie noch ein neues kaufen.« Kathleen schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Liebling, aber das können wir uns nicht leisten. Aber mach dir keine Sorgen, ich glaube, die alte Marineuniform ist noch in Ordnung, und sie wird ausreichen.« Maxwell küßte sie impulsiv auf die Stirn. »Danke, Liebling. Ich verdiene dich gar nicht. Weißt du das?« Der Blick ihrer grünen Augen wurde weich. »Oh, doch. Ich liebe dich, Bob.«
»Ich dich auch.« Sie sahen sich liebevoll in die Augen, als Pollys laute Stimme sie unterbrach. »Mami! Kann Katie ein Sodawasser haben?« »Später, Polly.« Sie drehten sich um, um wieder zu ihrem Platz hinaufzugehen. »Aber ich habe Durst, Mami.« Kathleen seufzte. »Ich sagte, später, Katie, aber du kannst ein paar Weintrauben haben.« Die Band stimmte sich ein, und die Tribüne füllte sich jetzt sehr schnell. Maxwell sah einen weißen Lieferwagen vorfahren; mehrere Techniker begannen, Geräte aufzubauen. Verschiedene Leute stiegen aus dem Wagen, und Maxwell, der wieder sein Fernglas benutzte, erkannte zwei von ihnen sofort. »Sieh mal, Liebling, da sind Mike Donovan und Kristine Walsh!« »Laß mich sehen!« Kathleen nahm ihm eilig das Fernglas aus der Hand. »Hmmm… Sie sehen irgendwie kleiner aus als im Fernsehen.« »Sie ist eine sehr attraktive Frau«, meinte Maxwell. Kathleen sah ihn amüsiert an. »Wen würdest du lieber kennenlernen – Miss Walsh oder Diana?« »Diana«, erwiderte Maxwell grinsend. »Am liebsten mit einem Spezialglas auf dem Rücken.« Sie lachte. »Anthropologe bis zum letzten. Willst du etwa behaupten, daß dir nicht aufgefallen ist, wie toll sie aussieht?« »Das habe ich nicht gesagt«, meinte Maxwell lachend. Die Kapelle begann zu spielen – eine ziemlich wacklige, aber doch erkennbare Wiedergabe des »Krieg der Sterne«-Themas. Jemand aus der Zuschauermenge rief: »Da ist es!« Als Maxwell nach oben blickte, sah er eine der kleinen Raumfähren der Visitors von dem riesigen Luftschiff her zu ihnen herunterkommen. Das Mutterschiff war inzwischen
schon ein gewohnter Anblick geworden, ohne den das Panorama von Los Angeles beinahe fremd gewirkt haben würde. »Wissen Sie, woraus sie ihre Chemikalien herstellen?« wandte sich der neben ihm sitzende Mann, ein schwergewichtiger Neger Ende Fünfzig, an Maxwell. »Soviel ich weiß, aus Abfall und Ausschuß«, antwortete Maxwell. »Doch ich habe bisher noch nirgendwo gehört, was für eine Chemikalie es ist und wozu sie sie benutzen wollen.« »Kürzlich habe ich einen bösen Witz gehört, daß sie Abfall essen und Benzin pinkeln. Haben Sie sich darüber schon mal Gedanken gemacht?« Maxwell spähte angestrengt durch das Fernglas, als die Tür der Raumfähre sich öffnete, die fremden Techniker herauskamen und sich dem Rang nach aufzustellen begannen. Jeder von ihnen trug einen großen, plump aussehenden Behälter bei sich. Maxwell war so beschäftigt damit, ihre Gesichter zu studieren, daß er beinahe vergaß, die Frage des Mannes zu beantworten. »Gedanken gemacht? Warum? Sie haben ihre friedlichen Absichten gezeigt.« Der Schwarze strich nachdenklich über seinen Schnurrbart. »Ich weiß nicht. Was haben sie uns denn wirklich gezeigt? Wo sind all die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sie uns angeblich übermitteln wollen? Sie sind jetzt seit drei Wochen hier, und wir wissen kaum mehr von ihnen als am ersten Tag.« Maxwell blickte weiter angestrengt durch das Fernglas; gerade hatte er Diana in der Menge erkannt. Weiterhin strömten Techniker aus der Raumfähre und nahmen Aufstellung. Jetzt landete eine zweite Fähre und entließ weitere rotgekleidete Visitors. Polly knuffte ihren Vater verstohlen in die Seite. »Heh, Dad. Ich habe gerade einen Witz gehört.«
»Hm.« Maxwell versuchte, das Fernglas auf die Fremden einzustellen. Wie viele waren es jetzt? Die Schülerband quälte sich weiter durch den »Krieg der Sterne« – Maxwell zuckte zusammen, als er einige entsetzlich klingende, falsche Flöte hörte, und er hoffte, daß es nicht Robin war. »Wie viele Visitors braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?« Maxwell renkte sich den Hals aus. »Ich weiß es nicht. Wie viele?« Polly lachte mit der ganzen Begeisterungsfähigkeit einer Zwölfjährigen. »Gar keine! Sie lieben die Dunkelheit.« Maxwell lachte höflich, auch der Schwarze neben ihm kicherte. Immer mehr Außerirdische strömten aus der Fähre, die Band spielte und spielte. »Wie viele sind es jetzt, Robert?« fragte Kathleen. »Das würde ich auch gern wissen«, mischte sich der Farbige ein. »Wie viele haben Sie gezählt?« Maxwell starrte mit gerunzelter Stirn auf das ständig wachsende Meer roter Overalls. »Ich weiß es nicht. Eine Menge.« »Ja«, meinte der Schwarze, »eine verteufelt große Menge.«
Robin Maxwell bemühte sich nach Kräften, im Takt der Musik zu spielen, während sie sich ständig den Kopf verrenkte, um die sich hinter ihr aufstellenden Visitors sehen zu können. Sie hatte nicht vor, sich diese Gelegenheit, sie aus nächster Nähe sehen zu können, entgehen zu lassen. Sie blies einen falschen Ton und fuhr zusammen. Hoffentlich hatten die anderen Instrumente ihren Fehler überdeckt! Trotzdem brachte sie es nicht fertig, den Blick von den fremden Technikern hinter sich zu wenden.
Es waren sehr viele – Robin hätte gern gewußt, was die unterschiedlichen schwarzen Streifen und Embleme auf ihren Uniformen zu bedeuten hatten. Was hatte Daniel Bernstein gesagt? Daß die Zeichen etwas über den Rang und die Art der Aufgaben aussagten, oder so ähnlich. Beim Gedanken an Daniel zog sie ihr hübsches Näschen kraus. Seit die Visitors da waren, benahm er sich wirklich dämlich. Er konnte über nichts anderes mehr reden. Sonst hatte er immer nur wissen wollen, ob sie mit ihm ausging – nicht, daß Robin viel daran gelegen wäre. Daniel war ein netter, gutaussehender Junge, aber das war auch alles. Er war ein Kind! Sicher, er war beinahe neunzehn, fast achtzehn Monate älter als Robin selbst, doch er benahm sich wie ein Kind. Und als Daddy ihr vor sechs Monaten erlaubt hatte, sich allein mit Jungen zu treffen, hatte sie beschlossen, ihre Zeit nicht mit Kindern zu vergeuden. Immerhin hatten zwei wirklich hübsche Studenten versucht, sie anzusprechen, als sie das letzte Mal mit Daddy in der Universitätsbibliothek gewesen war. Bei der Erinnerung an dieses Erlebnis mußte Robin unwillkürlich lächeln. Um sie herum ertönte noch immer das »Krieg der Sterne«-Thema. Mr. Elderbaum, der Leiter der Band, schien jedoch nicht sonderlich zufrieden mit ihrer Darbietung zu sein. Aber schließlich hatten sie ja nicht einmal eine Woche Zeit zum Einüben gehabt! Hinter ihr marschierten immer mehr Visitors auf. Robin fragte sich, wie viele es wohl sein mochten. Dann blies sie wieder einen falschen Ton, ohne es jedoch überhaupt zu bemerken; eine Sekunde später ließ sie die Flöte herabsinken und stand nur noch da und starrte einen Mann an. Er war der wunderbarste Junge, den sie je gesehen hatte. Sein Haar leuchtete wie Bronze, und seine Augen – es war schwer, sie hinter der dunklen Brille zu erkennen, doch Robin sah ihn
so lange an, bis sie sicher war – sie waren blau! Ein wunderschönes Himmelblau. Er stand neben der Luke der Raumfähre und dirigierte die Visitor-Techniker an ihre Plätze. Lange starrte Robin zu ihm hinüber und war sich nicht bewußt, daß sie dabei lächelte. Gerade als er sich umdrehte und weitergehen wollte, trafen sich ihre Blicke für einen Sekundenbruchteil. Robin spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Dann ging er fort, und sie war wieder allein mit der Band und dem scheinbar endlosen »Krieg der Sterne«. Robin setzte die Flöte an die Lippen und nahm ihren Platz wieder ein, doch sie spielte ganz automatisch. Und sie hoffte, ihn irgendwie, irgendwann einmal wiederzusehen.
Auf der Laufplanke hoch über den Tribünen standen zwei Männer mit Helmen auf dem Kopf und beobachteten, wie die Visitors Aufstellung nahmen. Einer von ihnen, ein breitschultriger Schwarzer, schüttelte den Kopf: »Verdammt!« »Was ist los, Caleb?« fragte sein Begleiter, ein Weißer mit wuscheligen Haaren, dessen Bauch seine Vorliebe für Bier und Fernsehfußball anzusehen war. »Was los ist?« Caleb Taylor deutete aufgebracht nach unten. »Sieh sie dir an, Mann! Es sind so viele von diesen Schmarotzern, daß sie kaum noch auf den Parkplatz passen. Zuerst macht ihr uns unsere Arbeitsplätze streitig, dann die Mexikaner – und jetzt wollen diese Kriecher mit uns arbeiten, und sie stammen nicht einmal von diesem Planeten.« Bill Graham lachte. »Sei nicht albern, Caleb.« Taylor lachte bitter auf. »Wenn du so viel Angst um deinen Arbeitsplatz haben müßtest wie ich, würdest du auch so reagieren, Bill. Du weißt, daß wir Schwarzen meist als erste gehen müssen – versuch nicht, mir etwas anderes zu erzählen.
Als ich noch meine Frau und zwei Kinder ernähren mußte, geriet ich jedesmal ins Schwitzen, wenn die Geschäfte hier in Richland einmal etwas langsamer gingen.« »Heute ist das sicher anders«, entgegnete Bill. »Ben hat eine sehr gute Stellung im Krankenhaus, und du brauchst dich hier sicher nicht für deine Rente abzurackern, wenn du nicht wolltest.« »Ich weiß nicht«, erwiderte Caleb nachdenklich. »Ich habe noch nie auf Kosten anderer gelebt und habe das auch in Zukunft nicht vor. Auch dann nicht, wenn mein Sohn Arzt ist. Er könnte immerhin heiraten und nach Boston oder sonstwohin gehen. Und was würden Elias und ich dann tun?« »Hat Ben denn vor zu heiraten?« »Unsinn!« schnaubte Caleb Taylor. »Die Medizin nimmt ihn so sehr in Anspruch, daß er eine Frau nur ansieht, wenn sie vor ihm auf seinem Untersuchungstisch liegt.« Graham schnalzte mit der Zunge. »Nun, das ist ja immerhin auch eine Möglichkeit…« »Wage nicht, so etwas zu Ben zu sagen! Er nimmt den Eid des Hippokrates sehr ernst und versteht da gar keinen Spaß.« »Da wir gerade von Elias sprechen – wie geht es ihm?« wechselte Bill das Thema. Caleb Taylor wandte sich verdrießlich ab und starrte wieder auf die Reihen der Visitors hinunter. »Zum Teufel, Bill, ich weiß es nicht. Er schläft fast überhaupt nicht mehr zu Hause. Und obwohl er seit Monaten nicht mehr gearbeitet hat, zog er, als ich ihn kürzlich um Geld für den Zeitungsjungen bat, ein Geldbündel aus dem Stiefel, das so dick war, daß man damit einem Alligator hätte das Maul stopfen können.« »O je!« »Das macht mir entsetzliche Sorgen, glaub mir, Bill. Ich weiß nicht, wo er tagsüber ist, was er tut – und ich traue mich nicht,
ihn zu fragen, aus Angst, er könnte mir die Wahrheit sagen. Und was soll ich dann tun?« »Das tut mir leid für dich, Caleb. Das ist schon seltsam mit deinen beiden Jungen – Ben ist so erfolgreich, ein so guter Junge, und Elias – « »Als ob ich das nicht selbst wüßte!« Ein paar Minuten lang verfolgten sie schweigend die feierliche Zeremonie unter sich. Dann wechselte Graham das Thema. »Hast du auch davon gehört, daß die Hälfte der Fabriken, für die sie sich entschieden haben, dazu benutzt werden sollen, dem Meerwasser das Salz zu entziehen – und nicht zur Produktion der Chemikalien?« »Und was tun sie dann hier in Richland?« Er zuckte mit den Schultern. »Wie viele Fabriken haben sie ausgewählt?« »Ich weiß es nicht. Sie verhandeln noch immer. Auf jeden Fall sind es sehr viele. Soviel ich weiß, haben sie zu fast allen Fabriken an den Küsten der Welt Kontakt aufgenommen. Wie viele sie dann wirklich aussuchen, kann man nur raten.« Caleb starrte mit gerunzelter Stirn auf die roten Overalls unter sich, bewegte dabei lautlos seine Lippen. »Was tust du, Caleb?« fragte Graham, der dem Blick seines Freundes zu folgen versuchte. »Ich versuche, sie zu zählen, aber, zum Teufel, es sind entsetzlich viele!«
Über Denny Lowells sonnengebräunte, muskulöse Schulter hinweg blickte Juliet Parrish auf den Bildschirm, wo die bekannte Fernsehjournalistin Kristine Walsh gerade einen der Anführer der Visitors interviewte. Steven, so war sein Namen, erklärte, daß die meisten der Fabriken, die sie ausgewählt hatten, an der Küste lägen.
Während sie auf den Bildschirm blickte, fuhr Juliet Parrish fort, Lowells Rücken zu massieren. »Schau dir diese Menschenmassen an, Denny. Ich bin froh, daß wir uns entschlossen haben, uns das Ganze im Fernsehen anzuschauen. Wenn wir hingefahren wären, würden wir wahrscheinlich gar nichts sehen können.« Denny, der gerade in das »Wall-Street-Journal« vertieft war, brummte zustimmend. Juliet blickte lächelnd auf seinen dunklen Kopf herunter und setzte ihre Massage fort. Ihre Finger glitten auf- und abwärts, kneteten, walkten und rieben in kurzen, kreisenden Bewegungen über den Wirbelsäulenbereich. Plötzlich spürte sie das übermächtige Verlangen, seinen Hals zu küssen, doch sie widerstand dem Impuls. Denny mochte es nicht, wenn er beim Studium der Börsenkurse gestört wurde – und obwohl Aktien und Wertpapiere Juliet zu Tode langweilten, bemühte sie sich, es ihn nicht merken zu lassen. »Hmmm… das ist gut«, murmelte Denny. »Nun, nach fünf Jahren Anatomie sollte es das wohl auch sein«, meinte Juliet lächelnd. »Nein… ich meinte die Börse. Es geht wirklich bergauf. Die Visitors sind gut für die Wirtschaft. Ich glaube, uns stehen prächtige Zeiten bevor.« Juliet seufzte ein wenig enttäuscht. Denny liebte seine Arbeit als Börsenmakler ebensosehr wie sie die Medizin. Eines Tages würde er zweifellos sehr, sehr reich sein, denn er war sehr gut in seinem Beruf. Falls sie heirateten – falls –, würde sie all das mit ihm teilen. Obwohl sie sich noch nie etwas aus Geld gemacht hatte. Hätte sie nicht diese Arbeit im Labor bekommen, wäre sie gezwungen gewesen, noch mehr Schulden zu machen. Wenn es nur nach ihr gegangen wäre, würde sie nach dem Studium vielleicht »Vista« oder »Who« oder der
Friedensbewegung beitreten. Oder wieder nach China gehen, wo sie sechs Monate lang als Austauschstudentin gewesen war. Doch dann verlor sie Denny. Obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, wußte sie es. Denny war nicht der Typ Mann, der zwei oder drei Jahre lang auf eine Frau wartete. Sie verzog das Gesicht. Nur wenige Männer taten das heutzutage. Die meisten Jungen, die ihr etwas bedeutet hatten, hatten das Weite gesucht, wenn sie erfuhren, daß sie Medizin studierte und die Beste ihres Semesters war. Ihre Forschungsarbeit mit Dr. Metz hatte alles nur noch verschlimmert. Und dann traf sie Denny… Er war einer der wenigen Männer, die sie kannte, die gern mit einer Frau zusammen waren, von der sie wußten, daß sie wahrscheinlich klüger war als sie selbst. Und nach Monaten und Jahren intensiven Studiums hatte Juliet die Abwechslung, die er in ihr Leben brachte, schätzengelernt. Gemütliche Essen zu zweit, daheim oder in kleinen Restaurants, statt flüchtig heruntergeschlungene Mahlzeiten vor dem Fernseher und Lehrbüchern. Partys mit ausgewählten, zu ihnen passenden Freunden, Picknicks oder Camping an freien Wochenenden, alte Filme von Bogart und Gable auf seinem Videorekorder. Mit schmalen Augen studierte sie das Gesicht des Visitors auf dem Bildschirm und wünschte sich, einmal einem von ihnen persönlich zu begegnen, mit ihm oder ihr zu sprechen und sie um eine Blutprobe zu bitten. Wie würde ihr Blutbild wohl aussehen? Vorausgesetzt, daß sie überhaupt eins besaßen. Doch das ist anzunehmen, dachte sie, schließlich sehen sie uns sehr ähnlich. Einmal abgesehen von der Stimme, konnte man einen Visitor ohne weiteres in einen Anzug stecken und in der Wall-Street absetzen, und niemand würde ihm Beachtung schenken. Irgendwie wäre es mir lieber, wenn sie rote Tentakel oder so etwas hätten, dachte Juliet. Sie entdeckte ein schwarzes
Gesicht unter den unzähligen Visitors, die neben der Raumfähre Aufstellung genommen hatten. Das ist ja geradezu unheimlich. Sie haben die gleichen Rassenunterschiede wie wir. Ob Ben Taylor wohl zuschaut? Ihre Augen wanderten über die endlosen Reihen roter Overalls, suchten nach irgendwelchen Anomalien. Dabei fiel ihr das Fehlen jeglicher Narben oder anderer Makel in den Gesichtern auf. Es sind so viele, und jeder einzelne ist perfekt. Sie merkte gar nicht, daß sich ihre Finger in Dennys Rücken verkrampften, bis er zusammenzuckte und hervorstieß: »Heh, paß auf, Liebling! Das tut weh!« Sie küßte seinen Nacken und spürte voll Erleichterung die Vertrautheit und Wärme seiner Haut. »Tut mir leid, Den. Laß uns den Fernseher ausschalten, ja?« »Warum? Das ist ein historischer Augenblick.« Sie griff nach dem Fernbedienungsschalter und stellte den Apparat aus. Dann glitten ihre Finger sehr langsam über seinen Körper. »Weil ich etwas anderes im Sinn habe, als Geschichte zu machen.« »Und das wäre?« Und sie bemerkten nicht, daß sie das »Wall-Street-Journal« zerknüllten.
Die Abendluft war prickelnd kühl, so daß sogar Robert Maxwell seine Abneigung gegen Mantel und Schal vergaß. Arm in Arm ging er mit Kathleen die Straße hinauf und durch das Eingangstor des Hauses der Dupres, das fast völlig im Dunkeln lag. Aus dem hinter dem Haus liegenden Garten waren Gelächter und Stimmengewirr zu hören, und die beiden Maxwells gingen über den schmalen Weg um das Haus herum. Bunte Lichtergirlanden schmückten den von Menschen und Moskitos erfüllten Garten. Erwartungsvoll nahm Maxwell die
guten Düfte in sich auf – nachdem sie von der feierlichen Zeremonie am Nachmittag nach Hause gekommen waren, hatte er keine Zeit mehr gehabt, etwas zu essen. Als der Ober mit einem Tablett an ihnen vorbeiging, nahm er dankend zwei Gläser entgegen und reichte eins an Kathleen weiter. »Danke«, flüsterte sie, während ihre Blicke unter den Gästen umherwanderten und die Kleider der weiblichen Gäste taxierten. »Sehe ich gut aus?« »Großartig. Das Kleid steht dir wirklich ausgezeichnet, Liebling.« Und das war tatsächlich der Fall. Rot stand Kathleen besonders gut, und die glänzende Stola, die er ihr aus Pakistan mitgebracht hatte, paßte perfekt dazu. Scheinbar aus dem Nichts fühlten sie sich plötzlich von einer Wolke aus blauem Chiffon umgeben, die sich als Eleanor entpuppte, die mit ausgebreiteten Armen auf sie zukam. »Robert, Kathleen! Schön, daß ihr da seid! Kommt und begrüßt unsere Ehrengäste!« »Eine schöne Party, Eleanor«, sagte Maxwell. »Wirklich sehr schön«, murmelte Kathleen. »War die Feier heute nachmittag nicht wunderbar? Vor ein paar Minuten noch sagte Steven zu mir, daß die Feier und diese Party zu den schönsten Dingen gehörten, die sie je erlebt hätten. Ich habe Arthur schon gesagt, daß wir das wiederholen müssen.« »Mutter«, sagte eine männliche Stimme dicht neben Maxwells Ohr. Er drehte sich um und sah sich den Journalisten gegenüber, die er am Nachmittag im Fernsehen gesehen hatte – Mike Donovan, Kristine Walsh und einen Asiaten, neben dem eine schlanke, braunhaarige Frau stand. »Verzeihen Sie…«, begann Maxwell, doch Eleanor schnitt ihm ärgerlich das Wort ab. »Was ist los, Michael?«
»Kris, Tony und ich wollen noch ein Sonder-Interview mit Diana machen, und wir müssen uns deshalb verabschieden.« »Oh, ich hatte gehofft, dich unseren Gästen vorstellen zu können, Michael.« Eleanor war ganz offensichtlich verärgert. Und ebenso offensichtlich mißfiel Donovan ihr gereizter Tonfall. »Tut mir leid, aber wir müssen um neun Uhr drüben auf dem Parkplatz der Fabrik bei der Raumfähre sein.« Erst jetzt schien der Journalist den verlegen dastehenden Maxwell zu bemerken, und er streckte ihm die Hand entgegen. »Mein Name ist Mike Donovan. Kristine Walsh, Tony Leonetti und seine Frau. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Maxwell schüttelte ihm die Hand. »Robert Maxwell. Meine Frau Kathleen. Es ist uns ein Vergnügen.« Nach einigen kurzen Höflichkeitsfloskeln verabschiedeten sich die drei Journalisten. Maxwell blickte ihnen eine Zeitlang nach, dann wandte er sich wieder seiner Gastgeberin zu. »Ich hatte keine Ahnung, daß der Journalist Michael Donovan dein Sohn ist, Eleanor. Er ist ja wohl einer der bekanntesten Kameramänner der USA.« »Man sollte meinen, er würde sich genügend Zeit nehmen, um unsere Gäste zu begrüßen«, meinte Eleanor in beleidigtem Ton. »Nun ja…« Maxwell fühlte sich unbehaglich und blickte Kathleen hilfesuchend an, die geistesgegenwärtig die Situation rettete. »Da wir gerade von den Gästen sprechen, Eleanor – ist das dort drüben nicht einer der Ehrengäste? Robert und ich würden ihn gern kennenlernen.« Eleanor strahlte. »Das ist Steven. Er hat eine junge Frau mitgebracht – ein wirklich sehr attraktives Mädchen. Ich werde euch bekannt machen.«
Im blauen Kielwasser ihrer Gastgeberin bahnten sie sich ihren Weg durch die dichtgedrängt stehenden Gäste, bis sie den dunkelhaarigen, schlanken Mann im roten Overall erreichten. Im sanften Licht brauchte er keine Brille zu tragen. Mit freundlichem Kopfnicken begrüßte er die Gäste, die Arthur ihm vorstellte. Eleanor ergriff Stevens Arm. »Steven, mein Lieber, hier sind zwei Leute, die Sie unbedingt kennenlernen müssen. Robert Maxwell und seine Frau Kathleen. Robert ist ein sehr berühmter Anthropologe.« Maxwell streckte dem Visitor die Hand entgegen, spürte, wie sie von kalter, elastischer Haut fest umschlossen wurde. Bemerkenswert kalt, dachte er, während er Stevens Hand schüttelte. Körpertemperatur kaum 10° Celsius. Kathleen begrüßte Steven mit herzlichem Lächeln. Dieser erwiderte es und sprach dann mit dieser seltsam hallenden Stimme, die gerade deshalb so sonderbar klang, weil sie aus einem menschlich aussehenden Mund kam. »An-thro-po-loge? Was für ein Beruf ist das, Mr. Maxwell?« »Robert«, entgegnete Maxwell. »Bitte, nennen Sie mich Robert, Steven. Ein Anthropologe ist ein Wissenschaftler, der die Entwicklung des frühesten Menschen bis zum heutigen Homo sapiens studiert.« Bei Maxwells Worten verschwand Stevens Lächeln, sein Körper versteifte sich sichtlich. Was zum Teufel habe ich falsch gemacht? fragte sich Robert. Er warf Kathleen einen fragenden Blick zu und erkannte auch auf ihrem Gesicht einen ängstlichen Ausdruck. Auch ihr war also die Reaktion des Visitors nicht entgangen. Doch das dauerte nur eine Sekunde, dann trat das verbindliche Lächeln wieder auf das Gesicht des Visitors. »Bitte verzeihen Sie… wir haben zwar Ihre Sprache eingehend
studiert, doch es gibt natürlich immer wieder Worte, die wir nicht kennen.« »Natürlich«, erwiderte Maxwell und verscheuchte mit der Hand eins der unzähligen um seinen Kopf herumsummenden Moskitos. »Verdammte Moskitos!« Eleanor, die kurz zuvor verschwunden war, kam plötzlich mit einem Tablett mit Hors d’œuvres zurück. Maxwell dankte ihr und bemühte sich, sich nicht allzu gierig auf die Köstlichkeiten zu stürzen. Er wählte eine Wassernuß, Speck und Hühnerleberpastete, während Steven sich höflich lächelnd nur eine Karotte aussuchte und sie vorsichtig zerkaute. Als Eleanor ihm Fleischbällchen und Hühnerkeulen-Teriyaki und Wurst anbot, schüttelte er dankend den Kopf. Ißt kein Fleisch und keine gekochten Speisen, stellte Maxwell fest und verjagte ein weiteres lästiges Insekt. Und wir werden von Moskitos gestochen… er nicht. Maxwell räusperte sich. »Sind viele Wissenschaftler an Bord Ihres Raumschiffes?« Steven nickte. »Ja, hauptsächlich solche, die Sie als Ingenieure bezeichnen würden – Chemiker, Bautechniker, Cryogenic-Ingenieure und viele andere Spezialisten.« »Haben Sie auch den hiesigen Anthropologen vergleichbare Wissenschaftler?« »Ja, natürlich. Doch für diese Mission, die mehr technisches Geschick erfordert, wurden sie nicht gebraucht.« »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen einige Fragen zu Ihrer Kultur stelle?« Steven lächelte. »Aber nein.« »Wie sieht Ihr Planet aus?« »In vielem so wie der Ihre, nur größer. Er besteht im wesentlichen auch aus den gleichen Mineralien.«
»Und Ihre Ursprünge? Haben sich die Bewohner Ihres Planeten zusammen mit anderen Anthropoiden aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt?« »Oh, ich verstehe. Nun, ich bin kein Anthropologe, doch ich glaube, unsere Anthropologen sind zu dem Schluß gekommen, daß unsere Entwicklung der Ihren sehr ähnlich ist.« »Das ist ja toll!« Maxwell nickte begeistert. »Welche Regierungsform haben Sie?« »Bei uns gibt es keine verschiedenen Nationen wie bei Ihnen. Alle Menschen unseres Planeten sind unter der Regierung unseres Großen Denkers vereint.« »Wie regiert er?« »Er erahnt den Willen des Volkes und führt ihn zu unserer aller Nutzen aus.« »Ich verstehe. Und welche Gesellschaftsform haben Sie?« »Gesellschaftsform?« Steven sah ihn fragend an. »Nun, unser gesellschaftliches Fundament ist die Familie. Ein Mann und eine Frau geloben einander, miteinander zu leben und zu arbeiten, zum gegenseitigen Nutzen und dem der aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder.« »Und Verbindungen außerhalb der Familie sind unerwünscht?« »Ja. Monogamie.« Der Visitor nickte. »Das ist auch bei uns so. Ein Mann, eine Frau und ihre Kinder leben zusammen.« »Ich freue mich wirklich, mich mit Ihnen unterhalten zu können, Steven.« Der Blick des Visitors wanderte zu dem hinter Maxwell in der Mitte der Terrasse stehenden Tisch, an dem Kathleen und eine junge Frau mit langen, blonden Haaren im roten Overall saßen und sich unterhielten. »Ihre Frau?« fragte Robert, der die Schönheit der fremden Frau bewunderte.
»Nein«, antwortete Steven lächelnd. »Barbara gehört zu meiner Einheit, in der sie eine leitende Funktion innehat.« »Ich verstehe«, sagte Maxwell. Er versuchte, die sich in seinem Kopf überschlagenden Fragen zu ordnen. »Welche Art von…« »Hallo, Robert!« rief Arthur Dupres mit dröhnender Stimme und schüttelte seine Hand. »Ich sehe, du hast Steven schon kennengelernt. Hast du etwas dagegen, wenn ich ihn jetzt entführe?« Er wandte sich an den Visitor: »Da sind gerade ein paar Leute aus Richland angekommen, die darauf brennen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und wie ich Bob kenne, hat er Sie schon zur Genüge mit Fragen über Ihre Sitten und Gewohnheiten und Ihre Gesellschaftsstruktur behelligt.« Maxwell zwang sich zu einem Lächeln. »Du darfst mir meine Neugier nicht zum Vorwurf machen, Arthur. Es ist das erste Mal, daß ich einem Herrn begegnet bin, der zufällig von einem anderen Planeten kommt.« Arthur ergriff Stevens Arm und führte ihn zu einer Gruppe von Männern und Frauen, die wartend neben dem Gartentor standen. Als sie an dem Käfig mit Eleanors Sittichen vorbeikamen, begannen diese, wie verrückt im Käfig herumzuflattern und wie blind gegen die Gitterstäbe zu fliegen. Das ist ja unheimlich, dachte der Anthropologe, der die in Panik geratenen Vögel beobachtete. Was ist nur die Ursache dafür? Er ging zum Käfig hinüber, um sich die Vögel näher anzusehen. Vielleicht lauert eine Katze in den Büschen. Doch in den Büschen fand er nichts außer abgefallenen Blüten und Zigarettenkippen. Als Arthur mit Steven, der sich förmlich neben ihm zu verstecken schien, zurückkam, trat Maxwell schnell beiseite.
Dieses Mal behielt Robert Maxwell die Sittiche die ganze Zeit über im Auge, und es bestand kein Zweifel, was ihre Panik verursachte. Es war Steven, der Visitor.
4. Kapitel
Arch Quinton saß an seinem abgenutzten Schreibtisch in der Anthropologischen Abteilung der Universität und blickte nachdenklich auf eine Mappe. Dann griff er zum Telefon. Mit schnellen, nervösen Fingern wählte er eine Nummer und wartete ungeduldig auf die Verbindung. Gott sei Dank – ein Rufzeichen! Er grinste erleichtert – die Leitung war beinahe eine Stunde lang besetzt gewesen. Wahrscheinlich Robin. Teenager, dachte er verdrießlich. Nach viermaligem Läuten hörte er eine überraschte Stimme. »Hallo?« »Robin, hier ist Dr. Quinton. Bitte entschuldige, daß ich noch so spät anrufe. Ist Robert schon im Bett?« »Nein. Es tut mir leid, er und Mama sind heute abend ausgegangen. Sie sind auf einer Party bei den Dupres. Soll er Sie anrufen, wenn er nach Hause kommt?« »Nein, das ist nicht nötig. Ich gehe jetzt weg, es ist ja schon…« Er sah auf seine Uhr. Guter Gott, es ist schon nach Mitternacht! »Es ist spät«, sagte er. »Ich werde ihn morgen anrufen, falls er mich bis dahin noch nicht erreicht hat.« »Ja, Sir«, sagte Robin. »Ich hinterlasse eine Nachricht, daß Sie angerufen haben. Ist es wichtig?« »So könnte man es nennen«, antwortete Quinton, der sie nicht beunruhigen wollte, »aber nichts, was nicht bis morgen warten könnte. Ich habe etwas in den laufenden Vorgängen entdeckt, das ihn interessieren wird. Gute Nacht, Mädchen.« »Gute Nacht, Dr. Quinton.« Seufzend legte er den Hörer auf und wandte sich wieder der Mappe mit der Aufschrift »John« zu.
Er durchblätterte die vergrößerten Aufnahmen des Kommandeurs der Visitors, von denen einige mit einer Nummer gekennzeichnet waren, bis hin zu den InfrarotAufnahmen im hinteren Teil der Mappe. Ein Student, der als Fotograf für die Universitätszeitung arbeitete, hatte sie mit einem Teleobjektiv und einer Spezialausrüstung während einer der vielen Pressekonferenzen des Visitors aufgenommen und entwickelt. Während er prüfend die Aufnahmen von Johns Schädel betrachtete, schüttelte er nachdenklich den Kopf. Da stimmt etwas nicht, dachte er. Etwas am Schädel… Deformierungen… Knochen zu dick… besonders oben am Kopf… Wünschte, sie wäre schärfer, dann könnte ich vielleicht etwas damit anfangen… Maxwell wird mich vielleicht für verrückt halten. Er runzelte die Stirn, nahm ein Vergrößerungsglas und untersuchte die stark vergrößerte Aufnahme mit peinlicher Genauigkeit. Selbst diese Aufnahme zeigt die Schatten, die auf Anomalien am Knochen hinweisen… Ich brauche unbedingt eine Röntgenaufnahme. Dann würde es keinen Zweifel mehr geben. Er griff nach seiner uralten Pfeife. Während er sie stopfte und anzündete, starrte er nachdenklich auf die Mappe. Dann steckte er die Fotos wieder hinein, schloß die Mappe und legte sie in den Kasten für »Laufende Vorgänge«. Während er so dasaß, fühlte er eine bleierne Müdigkeit in sich hochsteigen. Am besten gehe ich jetzt ins Bett und schlafe mich aus. Über die Angelegenheit »John« kann ich morgen nachdenken. Er klopfte seine Pfeife im Aschenbecher aus, stand auf und reckte sich. Er spürte die lange Arbeit am Schreibtisch in seinen verspannten Nackenmuskeln. Sein knurrender Magen erinnerte ihn daran, daß er außer dem Cheeseburger, den sein Assistent ihm vor zwölf Stunden gebracht hatte, den ganzen Tag über nichts gegessen hatte.
Er überlegte, ob er zu müde war, um noch etwas zu essen. Dann warf er seinen Mantel über die Schulter und verließ das Büro. Sorgfältig verschloß er die Tür und trat hinaus. Der Parkplatz lag still und verlassen da. Quinton blieb einen Augenblick an der Hintertür stehen und blickte zu den Sternen hoch. Es war eine klare Nacht, und er konnte sogar die ganze Milchstraße über sich erkennen. Seine Augen wanderten über den östlichen Teil des Himmels, doch er wußte, daß der Große Hund für mindestens einen Monat nicht zu sehen sein würde – der Große Hund, zu dem Sirius, der hellste Stern mit einer Größe von -1.58 gehörte. Ein weißer, sehr heller Stern, ungefähr 8.7 Lichtjahre von der Erde entfernt. Sein Blick trübte sich, und er rieb sich müde die Augen. Sirius – bis vor einem Monat noch irgendein Stern. Und jetzt…? Was war er jetzt…? Als er am Türschloß seines Granadas herumfummelte, spürte er, wie kalt seine Hände waren. Er öffnete die Tür, ließ sich auf den Sitz fallen und startete den Motor. Dann drehte er sich um, um den Wagen rückwärts aus der Parklücke zu fahren. Auf dem Rücksitz saß ein Mann im roten Overall. In unheimlichem Grün spiegelten sich seine dunkle Brille im beleuchteten Armaturenbrett wider. Quinton öffnete den Mund und schrie…
5. Kapitel
Der Visitor hatte keinen guten Tag. Als er am Morgen aufgewacht war, erfuhr er, daß sein ursprünglicher Einsatzort, eine chemische Fabrik in Saudi-Arabien, geändert worden war; jetzt war er den Richland-Werken in Los Angeles zugeteilt worden. Selbst sein Name – Ahmed – war geändert worden: Er hieß nun William. Er trug den großen Eisbehälter wie ein riesiges Schild vor sich her. Er nahm neue Anweisungen entgegen, wankte aus der Raumfähre und blinzelte geblendet in das helle Licht. Man hatte ihn zwar davor gewarnt, doch er schien alles vergessen zu haben. Dies war das erste Mal, daß er diesen Planeten betrat. Unsicher in die Helligkeit blinzelnd, taumelte er weiter, bis er den grauen Behälter aufs Pflaster setzen und seine dunkle Brille aufsetzen konnte. Insgeheim dankte er dem Denker dafür, daß er sie bei sich hatte. Er setzte sie auf und konnte nun einigermaßen sehen. Als er den Eisbehälter wieder aufhob, um sich auf die Suche nach seinem Einsatzgebiet zu machen, spürte er seinen schmerzenden Rücken. In Gedanken rief er sich noch einmal die einzelnen Worte in Erinnerung, die er bei den Gesprächen der Offiziere aufgeschnappt hatte. John hatte die Anweisung gegeben, daß jedes Mitglied der Mannschaft sich bemühen müsse, die an seinem jeweiligen Einsatzort auf der Erde gesprochene Sprache so schnell wie möglich zu erlernen. Ahmed – nein, er hieß jetzt William, das durfte er nicht vergessen – hatte gelernt, in Arabisch zu denken. Und jetzt das! Er stieß auf eine Eisentreppe und begann, vorsichtig emporzuklettern. Die Schwerkraft der Erde war
geringer als die seines Heimatplaneten – auf geraden Strecken würde man das kaum wahrnehmen, doch auf Steigungen konnte man dadurch leicht ins Straucheln geraten. Wieder sah er sich die Karte mit den technischen und Personaldaten seines Einsatzgebietes an. Die Fabrik schien ein einziges Gewirr von Menschen und stahlgrauen und orangefarbenen Rohren zu sein. Er begriff, daß er sich allein nicht zurechtfinden würde und jemanden nach der Richtung würde fragen müssen… Plötzlich stieß er mit jemandem zusammen und wurde grob angefahren: »He! Passen Sie doch auf, wo Sie hingehen!« Beinahe wäre er auf der glatten Treppe ausgerutscht, und es gelang ihm nur mit Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Als er aufblickte, sah er sich einem dunkelhäutigen Mann gegenüber (die Menschen nannten diese Hautfarbe »Schwarz«, obwohl sie William wie ein warmes Braun vorkam), der einen gelben Helm mit der Aufschrift »Taylor« auf dem Kopf trug. Der Visitor suchte nach Worten. »Oh… oh, entschuldigen Sie bitte. Oh… bitte, helfen.« William war nicht sehr vertraut mit menschlichen Gesichtsausdrücken, doch an diesen glaubte er sich zu erinnern. Es wurde als »Stirnrunzeln« beschrieben und war – wenn er sich nicht irrte – ein Zeichen für offensichtliche Verärgerung. »Bitte«, sagte er und suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. »Ich bin gelaufen.« »Gelaufen? Wohin?« fragte der Mann mit noch immer finsterer Miene. »Ja«, nickte William nachdrücklich. »Gelaufen.« »Ach, gehen Sie aus dem Weg!« knurrte der Mann und stieß William grob zur Seite. »Verdammter, dämlicher Visitor!« Der Visitor blickte dem davoneilenden Mann nach und versuchte, dessen Worte zu übersetzen. War es der Weg zu der
Cryogenic-Einheit? Irgendwie war William sicher, daß es das nicht gewesen war. Er vermutete sogar, daß Taylor ein Schimpfwort oder einen Fluch ausgesprochen hatte. Seufzend blickte William sich um und hoffte, von der Treppe aus einen Hinweis auf sein Ziel erkennen zu können. Nichts. Ein Pfiff von einem in der Nähe stehenden Mann ließ ihn zusammenfahren. Er glaubte, den harten Ton in seinem Leib vibrieren zu spüren, und dieses Gefühl war noch viel unangenehmer als der Ton selbst. Er verließ die Treppe und wanderte unglücklich weiter. Hilfesuchend blickte er zu seiner Raumfähre hinüber, in der Hoffnung, dort jemanden zu entdecken, den er ansprechen konnte. Er dachte schon daran, entgegen den Befehlen in seiner eigenen Sprache nach dem Weg zu fragen (obwohl dies ausdrücklich nur als »letzte Möglichkeit« gestattet war), falls er jemand von seinen eigenen Leuten finden konnte. Er ging um eine Reihe von zylinderförmigen Containern herum, die offensichtlich als Behälter für Abfall benutzt wurden. (Eine Bezeichnung, die ihn irritierte – es war doch eine wertvolle Energiequelle.) Vor ihm sah er eine Reihe von größeren LKWs stehen, und er ging auf sie zu. Sein Rücken tat weh, und zu allem Übel spürte er auch noch, wie er hungrig zu werden begann. Er würde erst nach seiner Schicht, wenn er wieder in seinem Quartier war, etwas essen können. Das war Vorschrift. Mühsam schleppte er sich um das Führerhaus eines LKWs herum und spähte hinein. Niemand drinnen. Seine Niedergeschlagenheit wuchs, denn es war schon sehr spät für seine Arbeitsschicht. Es hieß, daß man Steven, der für die Arbeiten hier verantwortlich war, besser nicht verärgern sollte. Was sollte er jetzt tun?
Zögernd klopfte er an die dunkle Windschutzscheibe des LKWs in der Hoffnung, daß jemand hinten im Wagen sein könnte. »He, Sie da! Sind Sie okay?« rief ihn eine Stimme von hinten an. Er drehte sich um und sah einen Menschen hinter sich stehen. Das blaue Kleid und die Ausbuchtungen darunter sagten ihm, daß es eine Frau war. Ihr fülliges, seidenes Haar hatte die Farbe dunklen Goldes, und ihre Augen waren von strahlendem Blau. Sie lächelte – William war ganz sicher, daß sie das tat, und aus einem ungewissen Grund war er auch sicher, daß ihm dieses Lächeln viel angenehmer war als Taylors Gesichtsausdruck. »Ich bin gelaufen«, sagte er nur. »Wie bitte?« Sie legte fragend den Kopf zur Seite. »Was sind Sie?« »Gelaufen«, wiederholte William so klar und deutlich, wie er konnte. Ihr Lächeln verflüchtigte sich. »Gelaufen?… Gelaufen?« William hatte das untrügliche Gefühl, sich nicht richtig auszudrücken. »Ja, gelaufen.« Sie zog die Augenbrauen hoch, wenn auch in anderer Weise, als Taylor es getan hatte. »Gelaufen, wohin?« William war so sehr der Hoffnung gewesen, daß sie ihn verstanden hatte, daß er jetzt doppelt enttäuscht war. Er ließ langsam den angehaltenen Atem entweichen und drehte sich um. Sie hielt ihn am Ärmel fest – es war das erste Mal, daß er von einer Person aus einer anderen Welt berührt wurde. »Warten Sie doch«, sagte sie, und William gab sich alle Mühe, ihre schnell dahingesprochenen Worte zu verstehen. »Nun seien Sie nicht gleich entmutigt. Ich will Ihnen ja helfen.«
William stürzte sich dankbar auf das eine Wort, das er wiedererkannt hatte. »Ja, helfen. Helfen zu gehen zu diesem Platz.« Er zeigte ihr die englische Übersetzung des in seiner Sprache geschriebenen Textes auf seinem Notizblock. Sie überflog die Karte und wandte sich ihm dann wieder zu. »Sie wissen nicht, wohin Sie gehen sollen?« riet sie aufs Geratewohl. »Ja«, stimmte William ihr eifrig zu. »Ich bin gelaufen.« Plötzlich verstand sie, und die Freude darüber war auch für den Visitor deutlich auf ihrem Gesicht abzulesen. »Sie haben sich verlaufen.« Verlaufen! Jetzt fiel ihm das Wort wieder ein, und Erleichterung überflutete ihn. Er nickte eifrig und stellte den Eisbehälter ab. »Verlaufen! Ja, verlaufen.« Er betrachtete sie durch die dunkle Brille, um sie dann mutig abzunehmen, um sie deutlicher sehen zu können. »Danke.« Er suchte nach Worten. »Englisch… ich nicht sehr gut. Lernte Arabisch… um dorthin zu gehen.« Sie nickte freundlich. »Und sie haben alles über den Haufen geworfen und Sie nach Los Angeles geschickt.« »Ja«, erwiderte William und dachte wieder an diesen ganzen unglückseligen Morgen. »Über den Haufen geworfen«, wiederholte er und fragte sich, was dieses neue Wort wohl bedeutete. Er war ziemlich sicher, daß es ein Wort aus der Umgangssprache war. Er würde jemanden danach fragen müssen. »Nun, Los Angeles ist gar nicht so schlecht. Auf jeden Fall besser als San Francisco, das sage ich Ihnen. Wie heißen Sie?« »Ah…«, begann er und korrigierte sich dann: »William«. »Nun gut. Ich bin Harmy.« Sie lächelte. »Das ist die Abkürzung für Harmonie… Ich arbeite hier.« Sie schwenkte das Tablett, das sie bei sich trug und das mit leeren Pappbechern und -tellern beladen war. »Lebensmittel-Service.
Sie verstehen?« Sie blickte wieder auf die Karte. »Cry – Cryogenic-Transport-Gruppe. Also, kommen Sie, Willy. Wir wollen sie suchen.« William bemühte sich, ihr seine Dankbarkeit zu zeigen. Zu lächeln war gar nicht so schwer, wie er gedacht hatte. Sie bahnten sich ihren Weg durch das Labyrinth von Rohren und Vorratskesseln, bis sie über sich eine Reihe von Laufplanken entdeckten, die mehrere riesige Druckkessel überspannten. Vor der massiven Anlage stand Steven. Er rief gerade: »Nein, der Druckausgleich stimmt nicht! Da muß etwas am inneren Siphon nicht in Ordnung sein. Jemand muß hineingehen.« »Ist dies die Cryogenic-Transport-Gruppe?« rief Harmy. Steven sah zu ihr hinüber. »Ja…« Dann blieb sein Blick an William hängen, dem sofort voller Schuldbewußtsein seine Verspätung einfiel. »William! Wo waren Sie?« fauchte Steven. William warf Harmy, die ihm aufmunternd zunickte, einen hilfesuchenden Blick zu. »Oh… ich habe mich verlaufen.« Steven schüttelte unwillig den Kopf, verkniff sich jedoch in Gegenwart von Menschen weitere Bemerkungen. »Gehen Sie da hinauf.« Er deutete auf einen Steg. »Sie werden mit dem Mann dort zusammenarbeiten.« William blickte nach oben und erkannte ein ihm bekanntes dunkles Gesicht, auf dem auch jetzt wieder dieser ablehnende Ausdruck lag. Der Mann trug einen Helm und einen dunklen Straßenanzug. »Caleb Taylor ist einer unserer besten Männer. Caleb, das ist William.« Es wunderte William nicht, daß Caleb nichts darauf erwiderte, und auch ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können.
Juliet Parrish blickte auf, als Rudolph Metz, dicht gefolgt von Ruth, das Labor betrat. Beide sahen ziemlich aufgebracht aus, und Juliet ahnte sofort, weshalb. »Sagen Sie nicht, daß sie den Termin wieder verschoben haben.« Dr. Metz nickte. »Doch. Sie haben uns um Geduld gebeten. Ihre Wissenschaftler waren zu sehr mit der Arbeit in den Fabriken beschäftigt, als daß sie Zeit gefunden hätten, die Präsentation für uns vorzubereiten. Ich habe eben mit Vasily Andropov gesprochen, der für das sowjetische Team ausgewählt wurde. Er vertraute mir an, daß auch der Besuch seines Teams verschoben worden sei.« Juliet war sehr enttäuscht und versuchte auch nicht, das zu verbergen. »Aber das ist schon das zweite Mal! Haben sie einen neuen Termin genannt?« Ruth schüttelte ärgerlich den Kopf. »Nein. In ein, zwei Wochen – so lautete die Mitteilung des Visitors, der die Nachricht überbrachte. Sein Name war Martin, und es schien ihm aufrichtig leid zu tun, aber er sagte, Diana persönlich habe die Anweisung gegeben, den Termin zu verschieben.« »Verdammt!« Juliet starrte verdrießlich auf einen der Rattenkäfige. »Alle möglichen Leute gehen da hoch! Sogar Kinder können das Mutterschiff besuchen, vorausgesetzt, sie schließen sich dieser Jugendorganisation an, die sie unterstützen. Man nennt sie ›Sternenfreunde‹.« Dr. Metz nickte. »Ich habe vorhin Kristine Walshs Sendung gehört. Trotzdem dürfen wir nicht zu enttäuscht sein. Wir müssen uns daran erinnern, daß die Produktion der Chemikalien der Hauptgrund für den Besuch der Visitors auf der Erde ist. Das Veranstalten von Seminaren ist lediglich eine Geste der Höflichkeit.« Juliet verzog das Gesicht. »An jenem ersten Abend klang das aber ganz anders. Sie wollten die ›Früchte ihrer
Wissenschaften‹ mit uns teilen und sich für unsere Hilfe erkenntlich zeigen.« »Sie haben recht«, meinte Ruth. »Das genau waren ihre Worte.« Die drei Wissenschaftler drehten sich um, als Benjamin Taylor den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Dr. Metz… schön, daß ich Sie gefunden habe. Das Mutterschiff in Los Angeles fordert wieder Versuchstiere an.« »Aber sie haben doch erst vorige Woche eine Ladung bekommen!« rief Dr. Metz. »Sie brauchen noch mehr? Haben sie gesagt, wozu?« »Natürlich nicht«, sagte Ruth zynisch. »Nein«, gab Taylor zu. »Sie sagten jedoch, daß sie sie selbst züchten und glauben, in etwa einem Monat ihren Bestand selbst auffüllen zu können.« »Also schicken Sie ihnen in Gottes Namen, was sie haben wollen«, entgegnete Metz mit besorgter Miene. »Natürlich«, murmelte Juliet so leise, daß nur Ruth es hören konnte. »Ich bin mehr und mehr gespannt darauf, das Mutterschiff zu sehen.«
Robert Maxwell schloß die Tür zu Arch Quintons Büro auf. Dann blieb er einen Augenblick stehen und ließ seinen Blick über die vertrauten Gegenstände schweifen. Der Kasten für die laufenden Vorgänge war leer. Nachdenklich öffnete er mehrere Aktenschränke und durchsuchte sie mit schnellen, ungeduldigen Bewegungen, um sie schließlich enttäuscht wieder zuzuknallen. Er griff nach dem Telefon und wählte hastig eine Nummer. »Kathy? Gib mir bitte mal Robin.«
»Robin, hier ist Daddy«, sagte er nach kurzer Pause. »Bist du sicher, daß Dr. Quinton gestern sagte, die Sachen, die er mir zeigen wollte, seien im Kasten für laufende Vorgänge?« Der nachdenkliche Ausdruck auf seinem Gesicht vertiefte sich. »Gut. Danke, Liebling. Bis später.« Kaum hatte er aufgelegt, als das Telefon klingelte. Maxwell nahm den Hörer ab. »Hallo? Dr. Maxwell am Apparat. Ja, das ist das Büro von Dr. Quinton. Ich bin einer seiner Mitarbeiter.« Einen Augenblick lang lauschte er angespannt. »Nein, ich habe versucht, ihn zu erreichen. Niemand hat ihn heute gesehen. Ich habe auch seine Haushälterin angerufen, doch soviel sie weiß, ist er gestern nacht nicht nach Hause gekommen. Gegen Mitternacht hatte er mich angerufen und mit meiner Tochter gesprochen. Sagte, er habe bis in die Nacht gearbeitet.« Geistesabwesend begann er, die obere Schreibtischschublade zu durchsuchen, hob schließlich den Löscher hoch und besah sich die Unterseite. »Hören Sie, Officer – Robeson, sagten Sie? Haben Sie bei der Polizei von Los Angeles angefragt? Irgendeine Spur von seinem Wagen?« Er hielt inne. »Er fuhr…« Schnell verbesserte er sich: »… fährt einen grauen Granada. Einen 78er, glaube ich. Ja, er ist im Register des Schulparkplatzes verzeichnet.« Er zog scharf die Luft ein. »Ich treffe Sie dort. Der Parkplatz hinter dem Gebäude?« Nur widerstrebend näherte Robert Maxwell sich dem Wagen – irgendwie sah er verlassen und abweisend aus. Er schluckte, mußte sich zwingen, näher heranzugehen. Die Tür war unverschlossen. Er griff um das Steuer herum und hielt Quintons Wagenschlüssel in der Hand. Ein seltsamer Geruch, der Maxwell beinahe übel werden ließ, erfüllte das Auto und verstärkte noch das in Maxwell aufsteigende Gefühl der Angst.
Er schluckte wieder und versuchte, nicht zu tief einzuatmen, als er sich umdrehte, um ins Wageninnere zu sehen. Leer. Und sauber, so wie Quinton ihn immer gehalten hatte. Sein Blick wanderte zur Tür. Der Griff an der Fahrerseite hing herunter, ein schwarzer Ölfleck verunzierte das rote Vinyl. Maxwell zitterte am ganzen Körper, sein Herz schien direkt zwischen seinen Ohren zu pochen. Mit zitternden Händen berührte er den Fleck, hob dann die Finger an die Nase und roch daran. Würgende Übelkeit stieg in ihm hoch, und wenn sein Magen nicht leer gewesen wäre, würde er sich erbrochen haben. Er spuckte auf das Pflaster, spuckte noch einmal und lehnte sich benommen und ausgepumpt gegen die Hintertür des Granadas. Dann hörte er schwere Schritte schnell näher kommen. Es war Robeson, der Parkplatzwächter. »Sind Sie Maxwell?« fragte er. Robert schluckte wieder und versuchte, einen Ölfleck von seinen Jeans zu entfernen. »Ja, ich bin Dr. Maxwell.« »Dies ist Quintons Wagen?« »Ja. Der Schlüssel steckte im Zündschloß.« Mit einem vorwurfsvollen Ts-ts-ts nahm Robeson die Schlüssel entgegen. »Sie hätten sie nicht anfassen sollen, Doktor. Es könnten Fingerabdrücke darauf sein.« »Tut mir leid.« Maxwells Entsetzen wandelte sich in Schmerz; er war jetzt sicher, daß er Arch nicht wiedersehen würde. Er versuchte, logisch zu denken, sich einzureden, daß Quinton anrufen würde, sobald er wieder drinnen war. Doch es gelang ihm nicht. Der Polizist untersuchte das Innere des Wagens. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich glaube, ich sollte die Polizei von Los Angeles hinzuziehen.« Er sah Maxwell forschend an. »Sind Sie okay, Doktor?« »Danke, ja«, log Maxwell.
»Das ist wirklich unheimlich«, meinte Robeson. »Haben Sie eine Ahnung, was mit ihm passiert sein könnte?« »Nein.« Maxwell begann, am ganzen Körper zu zittern, als ihm wieder der Geruch in die Nase stieg. »Ich werde die Polizei anrufen«, erklärte Robeson und fügte dann besorgt hinzu: »Sie sollten sich ein wenig hinsetzen, Doktor.« Die Nachmittagssonne fiel in Kristine Walshs Dachstudio und tauchte dessen gräuliche Wände in ein gelbes, dunstiges Licht. Mike Donovan saß auf dem Sofa, prüfte seine Kameraausrüstung und packte sie ein. Kristine, die nur mit Slip und BH bekleidet war, saß im Zimmer nebenan und schminkte sich. Ihre Unterhaltung war daher sehr sporadisch und beschränkte sich auf die Augenblicke, in denen sie prüfend in den Spiegel sah. »… und dann sagte Diana, daß sie mit dem Fortgang der Arbeiten in den Richland-Werken sehr zufrieden sei. Sie sieht sie als Paradebeispiel für alle anderen Fabriken an.« Sie öffnete weit die Augen und strich mit schnellen, bürstenden Bewegungen schwarze Tusche auf ihre Wimpern. Aus dem Wohnzimmer drang Donovans Stimme zu ihr herüber. »Hat sie dir gesagt, daß sie das Seminar für die Wissenschaftler ein zweites Mal verschoben haben?« »Ja. Sie sagten, daß sie in Kürze damit anfangen würden.« Donovan gab einen verächtlichen Ton von sich. »Das haben sie beim ersten Mal auch schon gesagt.« »Das Beste habe ich dir noch gar nicht erzählt, Mike.« Kristine neigte den Kopf zur Seite und begutachtete das Rouge auf ihren Wangen. »Dann sagte Diana noch: ›Und mit Ihnen bin ich sehr zufrieden, Kristine.‹ Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, weil mir nicht klar war, wie sie das meinte. Dann erklärte sie, daß ich ihnen von allen Journalisten, die die Visitors bisher kennengelernt hätten, am meisten zusage. Sie
sagte: ›Unsere Nachforschungen haben ergeben, daß Ihr Publikum viel Vertrauen zu Ihnen hat und Sie respektiert… Sie sind attraktiv, beliebt und geachtet…‹« »Wie Lassie«, fauchte Donovan. »Wofür soll das denn von Bedeutung sein?« »Nun, sie sagte mir, daß diese Eigenschaften Voraussetzungen für denjenigen seien, den sie zum offiziellen Visitor-Wortführer wählen wollen – und dann bot sie mir diese Stellung an!« »Was du nicht sagst!« »Oder die des Pressechefs… Sie sagte, ich könne es nennen, wie ich wollte. Welche Bezeichnung würde dir gefallen?« Lange Zeit herrschte Schweigen, bis Donovan schließlich in gereiztem Ton antwortete: »Mir gefällt keine von beiden.« Kristine zupfte ein letztes Mal ihre Frisur zurecht, dann zog sie ihren gelblichbraunen Wollrock und eine dunkelbraune, gestreifte Bluse an. »Nun hör schon auf, Mike. Du bist eifersüchtig.« »Den Teufel bin ich! Sei kein Narr, Kris! Ich verstehe nicht, daß du so vertrauensselig bist.« »Sie suchen jemanden, dem das Volk vertraut… Und ich halte das für eine sehr aussichtsreiche Karriere.« Sie kam ins Wohnzimmer, nahm ihre Tasche und prüfte den Inhalt. Donovan sah zu ihr hinüber. »Und was ist mit deiner Objektivität?« »Wie bitte?« Notizbuch, dachte sie, Tonbandgerät… Lippenstift… Wo ist mein Füller? Mikes Stimme war hart, so wie sie sie nur sehr selten gehört hatte – meist dann, wenn jemand ihm Fragen über seine Scheidung stellte. »Glaubst du nicht, daß du deine Objektivität preisgibst, wenn du dich so anbiederst bei diesen…« Sie wirbelte herum. »Ich biedere mich bei niemandem an!«
Sein Blick war bekümmert. Kristine kam zu ihm herüber und kniete sich vor ihm hin, so daß sie ihm in die Augen sehen konnte. »Verstehst du denn nicht? Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Exklusives Material… Material, über das niemand sonst verfügt. Ich bin sogar sicher, genug Material für ein Buch zusammenzubekommen.« Sie ergriff seine Hände, doch sie blieben regungslos, unbeteiligt, erwiderten die liebevolle Geste nicht. Sein Gesicht trug noch immer einen konsternierten, verwirrten Ausdruck. »Ich werde objektiv bleiben, Mike«, versicherte sie noch einmal. »Schließlich stehe ich auf unserer Seite, nicht auf ihrer.« Er blickte zu Boden, mied eigensinnig ihren Blick. Kristine preßte seine Hände, schüttelte sie dann. »Nun komm schon, Mike! Kein guter Reporter wäre so verrückt, sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen.« Als sich ihre Blicke schließlich trafen und sie den drohenden Ausdruck in seinen grünen Augen sah, biß Kristine sich auf die Lippen. »Ich hätte mich sehr gefreut, deine Unterstützung zu haben, Mike. Du weißt, wie sehr ich dich schätze.« Ihre Hände streichelten sein Gesicht, verharrten einen Augenblick auf seinen frisch rasierten Wangen. »Nicht nur schätze…« Donovan blickte auf seine Hände, entzog sie schließlich ihrem Griff. »Du solltest die Steaks lieber wieder in die Tiefkühltruhe legen, Kris.« Kristine fiel ihr Gespräch mit Diana wieder ein. »Ach ja, da ist noch etwas… Diana sagte, daß sie mich heute abend von einer Raumfähre abholen lassen will, um sich mit mir zu treffen. Aber woher wußtest du das?« Er starrte sie nur wortlos an, bis Kristine begann, mit brennenden Augen und steifer Haltung planlos nach ihrem Füllfederhalter zu suchen. Schließlich schloß er seine
Kameratasche und ging ins Schlafzimmer. Sie hörte ihn packen. »Verdammt«, flüsterte sie und erschrak über den blechernen Klang ihrer Stimme. »Verdammt, verdammt, verdammt…« Reglos blieb sie stehen und drehte sich erst um, als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war.
6. Kapitel
Als William, der Visitor, über die Cryogenic-Anlage blickte, entdeckte er in der Mitte des eingezäunten Geländes einen vertrauten blonden Kopf. Ein spontanes Lächeln trat auf sein Gesicht. Seine Stiefelabsätze hallten auf dem stählernen Steg, als er zu ihr hinunterging. Harmy hatte ihn offenbar kommen sehen und war, ein Tablett in der Hand haltend, wartend stehengeblieben. William nickte verlegen. »Hallo!« »Hallo! Wie geht es Ihnen?« »Gut, gut.« Er lächelte. »Ich möchte Ihnen für Ihre Hilfe danken. Ohne Sie wäre ich for emmer gelaufen.« »Für immer, Willy«, verbesserte sie ihn kichernd. »Doch glauben Sie mir, es wird keine Woche vergehen, und Ihr Englisch ist besser als das meine. Ihr lernt wirklich sehr schnell.« William nickte. »Uns wurde befohlen, ständig zu üben. Wie geht es Ihnen heute?« »Danke… immer dasselbe. Wie kommen Sie mit dem Mann zurecht? Er schien gestern nicht allzu erfreut gewesen zu sein, Sie zu sehen.« William zuckte die Achseln – auch eine Gebärde, die er den Menschen abgesehen hatte. »Caleb Taylor ist ein guter Arbeiter, der große Fachkenntnisse besitzt. Aber ich glaube, es fällt ihm nicht, daß wir hier sind.« »Gefällt. Ist er nett zu Ihnen?« Wieder zuckte William die Achseln. »Das ist schlimm«, meinte Harmy bekümmert. »Ich weiß, was es bedeutet, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der einen nicht mag. Ich hatte einmal einen Chef, der…«
Eine Explosion zerriß die Luft und erschütterte den Boden unter ihnen. Eine Sirene schrillte. Instinktiv warf William sich schützend vor Harmy, doch sie waren zu weit vom Explosionsherd entfernt, um verletzt zu werden. Ein schneller Blick sagte William, daß es sein eigener Arbeitsplatz war. Er begann zu rennen und drängte dabei die in panischem Schrecken umherlaufenden Arbeiter und Visitors einfach zur Seite. Aufgeregte Rufe und Schreie vermischten sich mit dem Gebrüll der Sirene. Er hatte mit Caleb Taylor und Gus Jennings zusammengearbeitet – doch er konnte sie nirgends in der Menge entdecken! »Caleb!« rief er. Weiße Wolken gefrorenen Dampfes und überkalteten Gases strömten aus der Luke, als William an der zu der Laufplanke hinaufführenden Treppe ankam. Ein Schatten verdunkelte die Öffnung – Gus Jennings! Der stämmige Mann taumelte heraus, und sein Mund bewegte sich, als stöhne er. Doch die Gaswolke dämpfte sogar das Schrillen der Sirene. Jennings, der seinen Arm oberhalb des Handgelenks umklammerte, war über und über mit weißem Reif bedeckt. Gerade als William die Treppe herauflaufen wollte, begann Jennings stark zu schwanken und griff haltsuchend in eins der Stahlrohre. Entsetzt starrten die beiden Männer auf Jennings Arm, der wie Glas zersplitterte. Inzwischen war William nahe genug bei Jennings, um die Schmerzensschreie des Mannes zu hören, der jetzt nur noch einen blutigen Stumpf umklammerte. Als William, immer noch Calebs Namen rufend, bei Jennings ankam, brach dieser bewußtlos zusammen. »Caleb ist noch da drinnen!« rief ihm Bill Graham, einer der Arbeiter, zu. Dann beugte er sich über den zusammengebrochenen Jennings. »Um Gottes willen, holt die Ambulanz! Schnell!« rief er den unten stehenden Männern zu.
»Das flüssige Nitrogen blies durch den inneren Siphon – es gibt keine Möglichkeit, daran vorbeizukommen und Caleb zu erreichen«, wandte er sich dann wieder an William. William machte einen Schritt über den am Boden liegenden Jennings und ging auf die in dichten Wolken gefrorenen Gases liegende Luke zu. Hinter sich konnte er Bill rufen hören: »William! Um Gottes willen, bleiben Sie stehen!« William zögerte nur eine Sekunde. Dann pumpte er mit einem tiefen Atemzug seine Lungen voll und tauchte in die Wolke hinein. Hin- und hergerissen zwischen seiner Sorge um Jennings und dem Wunsch, den Visitor zurückzuhalten, starrte Bill William nach. Als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, drehte er sich um. »Was ist geschehen?« Es war Steven. »William ist da hineingegangen, um Caleb zu retten«, antwortete er mit einer hilflosen Gebärde. »Was?« Mit versteinertem Gesicht starrte Steven auf die gefrorene Dunkelheit der Luke. Graham zog seinen Mantel aus und legte ihn über den immer noch bewußtlosen, jetzt jedoch leise stöhnenden Jennings. »Da drinnen herrschen Temperaturen um 200 Grad minus – sie sind beide verloren. Kein Mensch kann…« Verwirrt brach Graham ab, als er Stevens Augen sah. Sie waren hart und kalt wie Eissplitter in dem sonst hübschen Gesicht. Beide drehten sich um, als um sie herum laute Rufe ertönten, und sie sahen William, Caleb auf den Schultern tragend, aus der Luke herauskommen. Der alte Mann, dessen Haar und dunkle Haut weiß gefroren waren, schien bewußtlos zu sein. Sein Körper zuckte in unkontrollierten Bewegungen, als immer neue Kältewellen ihn durchfuhren. Bill Graham lief schnell zu William, um ihm dabei zu helfen, Caleb auf die Laufplanke zu legen. Der Visitor schien unverletzt zu sein; lediglich sein Gesicht und seine Hände
waren von großen, pockenartigen weißlichen Blasen übersät. Dunkle Risse schienen die um die Blasen liegende Haut zu durchfurchen. Graham warf einen schnellen Blick auf Jennings – dann auf Caleb. Beide waren mit Reif überzogen, ihre Haut mit Frostbeulen bedeckt, doch keiner trug diese entstellenden Blasen. William, der Grahams Blick spürte, senkte schnell den Kopf und wandte sich ab. Steven beugte sich über seinen Techniker, so daß er Bills Blick entzogen war. »Die Ambulanz kommt!« rief jemand von unten. Unmittelbar darauf hielt mit kreischenden Bremsen ein mit schrillender Sirene herangeraster Ambulanzwagen unter der Laufplanke. Sanitäter stürzten heraus. »Wir brauchen drei Tragbahren!« rief Graham ihnen zu. »Sie sollten sich lieber hinsetzen, William«, sagte er zu dem Visitor. »Die Ambulanz ist da. Haben Sie starke Schmerzen?« Der Visitor hielt den Kopf weiterhin gesenkt. Seine Stimme klang jetzt noch seltsamer als sonst – ein nervöser, gedämpfter Ton schwang in dem üblichen nachhallenden Klang mit. »Nein, nein, ich bin in Ordnung.« »Ich bringe ihn zurück zur Fähre«, sagte Steven. »Unsere Ärzte werden sich um ihn kümmern.« »Meinen Sie nicht…«, setzte Graham an, hielt jedoch sofort inne, als er den Blick des Visitors bemerkte. Vielleicht war es auch nur der Luftdruck des aus der offenen Luke hinter ihnen ausströmenden gefrorenen Dampfes, der ihn plötzlich so heftig erschauern ließ… Dr. Benjamin Taylor saß über ein Mikroskop gebeugt und starrte konzentriert in das Okular. An der gegenüberliegenden Seite des Labors saß Ruth Barnes und beschriftete Probefläschchen. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, und Dr. Metz stürmte herein. »Wo sind diese Kulturen, Ruth? Ich komme ohne sie nicht weiter!«
Ben bemerkte, wie sich die Augen der älteren Frau bei dem brüsken Ton Dr. Metz’ verdunkelten. »Sie sind noch nicht aus der Pathologie zurück, Doktor.« Als er sah, wie Dr. Metz’ Gesicht sich noch mehr verfinsterte, mischte Ben sich hastig ein. »Die da hinten kommen heute überhaupt nicht mit der Arbeit nach, Dr. Metz.« Ruth nickte. »Zwei unserer wichtigsten Techniker sind bis jetzt noch nicht erschienen. Sie haben nicht einmal angerufen.« Ruth, die in all den Jahren, seit Ben sie kannte, der Arbeit nicht einen einzigen Tag ferngeblieben war, klang entrüstet. Dr. Metz zog nachdenklich die Augenbrauen hoch. »Das ist seltsam – um wen handelt es sich?« »Morrow und Prentiss.« »Bei ihrem sonst an den Tag gelegten Arbeitseifer hätte ich ein solches Verhalten nie erwartet«, meinte Dr. Metz kopfschüttelnd. »Möglicherweise haben sie ja gute Gründe…« Das Klingeln des Labor-Telefons unterbrach ihn, und Ben hob den Hörer ab. »Doktor Taylor.« Er erkannte Juliet Parrishs Stimme, doch er konnte sich nicht erinnern, sie je so aufgeregt und ängstlich gehört zu haben. »Ben – kommen Sie sofort in die Notaufnahme herunter! Sie haben eben Ihren Vater gebracht.« Als die drei unten ankamen, war Caleb kaum bei Bewußtsein. Während er dem Bericht des Sanitäters zuhörte, der das Unglück in Richland schilderte, ergriff Ben die Hand seines Vaters und war entsetzt darüber, wie kalt sie war. »Wie ist er da rausgekommen?« fragte Ruth. »Einer der Visitors hat ihn offenbar herausgetragen«, antwortete der Sanitäter. »Er hat verdammtes Glück gehabt. Diese extrem kalten Gase werden auf Temperaturen von rund 200 Grad minus gehalten. Ich weiß nicht, wie der Bursche es angestellt hat, da hineinzukommen und sich auch noch zu
bewegen – bei der Explosion des flüssigen Nitrogens hätte er in Sekundenschnelle zu Eis am Stiel werden müssen.« Ruth beugte sich über Caleb und betrachtete eingehend seine Jacke, an der weißliche Flocken hafteten – Rückstände von Chemikalien? fragte sie sich, als sie vorsichtig mit dem Fingernagel darüberkratzte. Einem Impuls folgend, ergriff sie ein Fläschchen und eine Pinzette und kratzte ein paar größere Flocken in das Gefäß. Sie würde sie später unter dem Mikroskop untersuchen. Sieht beinahe wie Haut aus, dachte sie, als sie zurücktrat, um den Ärzten Platz zu machen. Aber irgend etwas ist anders… Sie dachte an die Worte des Sanitäters, der gesagt hatte, daß einer der Visitors Caleb gerettet habe. Die Haut eines Visitors? dachte sie aufgeregt. Ich muß es Rudolph sagen. Sie drehte sich um, um ihm ihren Verdacht mitzuteilen, doch er war nicht mehr im Raum. Daraufhin beschloß sie spontan, die Untersuchung und Analyse der Proben allein durchzuführen und es ihm erst danach zu sagen. Wozu sollte sie ihn aufregen, bevor sie mit Sicherheit wußte, was es war… Caleb stöhnte, sprach dann: »Ben?« »Ich bin hier, Paps. Du bist bald wieder in Ordnung.« Ruth ließ das Fläschchen mit der Hautprobe in ihre Tasche gleiten, drehte sich leise um und verließ auf Zehenspitzen den Raum.
Abraham Bernstein schwitzte unter seinem abgetragenen, alten Pullover, als er in der warmen Nachmittagssonne langsam die Straße entlangschlenderte. Die Witwe Ruby Engels, die auf der anderen Straßenseite wohnte, begleitete ihn wie jeden Tag zu dem rund drei Kilometer entfernten Einkaufscenter. Sie kauften zwar immer nur sehr wenig, aber es war ein schöner Spaziergang.
Er blickte auf, als ein Truppenfahrzeug der Visitors über sie hinwegflog. »Es werden von Tag zu Tag mehr«, bemerkte er. Ruby nickte. »Man gewöhnt sich so sehr an sie, daß sie einem auf der Straße kaum noch auffallen. Es ist fast so wie damals, als mein Mann und ich von Deutschland hierherzogen. Ich hatte noch nie zuvor einen Farbigen gesehen und mußte mich anstrengen, um sie nicht pausenlos anzustarren. Nur wenige Monate später ging ich zusammen mit einigen Schwarzen zum Einkaufen, und es war mir schon ganz selbstverständlich geworden.« Abraham schüttelte den Kopf. »Es ist trotzdem nicht dasselbe. Diese Leute kommen aus einer ganz anderen Welt, von einem Planeten, den wir beide wahrscheinlich nie zu sehen bekommen werden. Sie sind keine menschlichen Wesen.« Er sah zu zwei Visitors hinüber, die gleichgültig an einer Straßenecke standen. »Und all diese Uniformen! Jeden Tag mehr! Ich kann Uniformen nicht ausstehen.« Ruby ergriff seine Hand und drückte sie leicht. »Abraham, es ist fast vierzig Jahre her.« Ihre Finger berührten die Innenseite seines Unterarms, wo sich, wie sie wußte, die inzwischen verblaßten eintätowierten Nummern befanden. »Das alles gehört der Vergangenheit an. Sie müssen es vergessen.« Bernstein zuckte die Achseln. »Vielleicht haben Sie recht, Ruby. Trotzdem – ich mag keine Uniformen. Und es werden von Tag zu Tag mehr.« Aufseufzend wechselte Ruby das Thema. »Was macht Ihr Enkel denn so?« »Nett von Ihnen, Miss Engels, aber da haben Sie wirklich das falsche Thema gewählt. Daniel… Daniel.« Er hielt inne, um nach einer Weile fortzufahren: »Er hat seine Stellung im Supermarkt verloren. Als Geld bei der Abrechnung fehlte, glaubte er, sie würden ihn verdächtigen, und ging, bevor sie
etwas sagen konnten. Ich kann die Jobs, die er bisher aufgegeben hat, kaum noch zählen.« »Abraham«, sagte Ruby mit abgewandtem Gesicht, »glauben Sie, daß Daniel schuldig ist?« Sie hatte erwartet, daß er diese Möglichkeit heftig abstreiten würde; statt dessen sagte er nur seufzend: »Ich weiß es nicht, Ruby. Er ist mein eigenes Fleisch und Blut, und natürlich glaube ich nicht, daß er stiehlt. Sein Vater und ich haben alles Menschenmögliche getan, um ihm beizubringen, was Recht und was Unrecht ist. Doch so ganz schien er das nie begriffen zu haben.« Sie berührte tröstend seine gebeugte Schulter. »Seien Sie nicht so streng mit ihm, Abraham. Er ist doch erst achtzehn.« »Aber er war immer so. War nicht gut in der Schule… hatte kaum Freunde… kann keinen Job behalten oder sich auf eine Aufgabe konzentrieren…« »Sagten Sie mir nicht, daß er sich der ›Gruppe der Sternenfreunde‹ angeschlossen hat?« »Ja.« Abraham schien ganz und gar nicht begeistert. »Nun, vielleicht ist das genau das, was er braucht. Vielleicht hat er jetzt ein Ziel gefunden. Sie müssen Geduld mit ihm haben.« Abraham schien nicht überzeugt. Wieder surrte über ihren Köpfen ein Truppenfahrzeug dahin und verdunkelte für einen Augenblick die Sonne.
Mike Donovan saß auf dem Passagiersitz der Visitor-Fähre und blickte auf die Straßen und Menschen unter sich herunter. Er sah einen älteren Mann und eine Frau eine Straße entlanggehen, sah ein großes, imposantes Haus mit einem wunderschönen, sehr gepflegten Garten. Eleanors Haus. Auf
dem Rasen vor dem Haus parkte ein weiteres VisitorFahrzeug. Auch der Pilot neben ihm, ein Offizier namens Martin, sah zu der Fähre hinunter. »Das ist Stevens Fahrzeug.« Ohne hinzusehen, justierte er die Steuerung. »Ich habe gehört, daß er sie oft besucht.« »Sie kann sehr charmant sein«, entgegnete Donovan mit vagem Lächeln. Er war nicht sicher, ob Martin wußte, daß Mrs. Dupres seine Mutter war. Möglich war es – nach den Emblemen auf seinem Overall zu schließen, schien Martin einen ziemlich hohen Rang zu besitzen. Und falls die Visitors wirklich menschenähnliche Eigenschaften besaßen, so würden sie sich sicher auch über andere Leute unterhalten. Er sah zu, wie Martin die Instrumente bediente. Die Fähre schien leicht zu fliegen zu sein. Ein mit einem Griff versehener Stab kontrollierte die Richtung, die Geschwindigkeit wurde durch einen in Kerben einrastenden Hebel reguliert. Die dem Piloten am nächsten liegende Kerbe war die für die niedrigste, die Dauergeschwindigkeit. Müde fragte sich Donovan, wie groß die Beschleunigung dieser Gefährte wohl sein mochte. Ein glänzender Gegenstand, der hinter dem Sitz des Piloten lag, erregte Donovans Aufmerksamkeit. Er bückte sich danach und hielt ein kleines Werkzeug in der Hand. Es war ungefähr 7,5 Zentimeter lang und vielleicht 1 Zentimeter dick und bestand aus einer kristallartigen Substanz. An dem einen Ende befand sich ein goldener Metallgriff, und die Schmalseite war mit kleinen Kerben versehen – Donovan hatte die plötzliche Idee, daß es ein Schlüssel war. Warum, hätte er nicht sagen können. Er setzte sich wieder auf und öffnete den Mund, um Martin zu sagen, was er gefunden hatte – dann jedoch steckte er den Gegenstand schweigend in die Tasche. Er dachte an Sean, seinen Sohn. Ihm wollte er ihn schenken.
»Wo lebt Ihr Sohn?« fragte Martin. »In einer kleinen Stadt bei Los Angeles«, erwiderte Donovan. »Wohnen Sie auch dort?« Mike preßte die Lippen zusammen, dann jedoch wurde ihm klar, daß Martin nur gefragt hatte, um höfliche Konversation zu machen. »Nicht mehr«, antwortete er und bemühte sich, nicht zu kurz angebunden zu klingen. »Meine Frau und ich sind geschieden. Mein Sohn lebt bei seiner Mutter.« »Wo wohnen Sie dann, Mike?« fragte Martin. Donovan blickte aus dem Fenster – auf seine Bitte hin hatte Martin die Verdunkelung entfernt. »Ich habe eigentlich keinen festen Wohnsitz. Ich wohne heute hier und morgen da, je nachdem, wo ich gerade hinter einer Story her bin. Bis vor kurzem habe ich bei… einer Freundin in Los Angeles gelebt.« »Ich verstehe. Ich habe gerade unsere Richtungskoordinaten im Bild. Wo wollen Sie abgesetzt werden? Beim Haus Ihres Sohnes?« »Nein. Ich möchte einen Wagen mieten und mit Sean für ein paar Tage zum Zelten fahren.« Er spähte hinaus. »Das dort unten sieht wie ein Parkplatz aus«, fuhr er fort und deutete hinunter. »Können Sie mich da absetzen?« »Natürlich.« Donovan sah aufmerksam zu, wie der Pilot die Fähre zur Landung ansetzte. Verglichen mit einem Flugzeug sind diese Dinger ganz schön wendig, dachte er. Sanft und weich setzte die Fähre auf der Erde auf. »Vielen Dank, Martin.« Hastig raffte Mike seine Sachen zusammen, und Martin, der ihm beim Raustragen half, warf einen neugierigen Blick auf Mikes Rucksack und den in einer Nylonhülle verpackten Schlafsack. »Es war mir ein Vergnügen, Mike. Ich wollte Sie unbedingt kennenlernen.« Sie schüttelten sich die Hände. Die Kälte von Martins Hand fiel Donovan kaum noch auf – er hatte sich inzwischen daran gewöhnt.
Einen Augenblick lang sah Donovan dem davonschwebenden Gefährt nach, dann drehte er sich zu dem Besitzer der Leihwagenfirma um, der der Fähre mit weit aufgerissenem Mund nachstarrte. Natürlich, dachte Mike, die meisten Leute haben sie ja noch nie aus nächster Nähe gesehen. Er hat bestimmt nicht viele Kunden, die sich von einer fremden Raumfähre bei ihm absetzen lassen. Wenige Minuten später lenkte Donovan den kleinen gelben Sportwagen in eine von Bäumen umsäumte Allee. Er war kaum um die Ecke gebogen, als er schon aufgeregtes Rufen hörte: »Papi! Heh, Papi!« Grinsend winkte er seinem Sohn zu: »Hallo, Sean!« Wartend stand Sean mit seinem besten Freund Josh Brooks am Straßenrand. »Hallo, Josh!« rief Donovan, als er neben den beiden Jungen am Bordstein anhielt. Er hatte kaum die Tür geöffnet, als Sean ihm schon um den Hals fiel. Liebevoll drückte Donovan seinen Sohn an sich, und erst in diesem Augenblick wurde ihm bewußt, wie sehr er ihn vermißt hatte. Und er spürte, daß Sean sich ebensosehr über ihr Wiedersehen freute. Lange hielten sie sich so umarmt, dann richtete Donovan sich auf und zupfte an Seans Kappe. »Na, mein Junge. Wer sind wir denn heute – Fernando Valenzuela oder Steve Garvey?« »Heute bin ich Sean Donovan!« rief Sean voll Stolz. Dann ergriff er Mikes Arm und zerrte ihn in Richtung Rasen. »Komm, sieh dir an, was Josh bekommen hat!« Fast übergangslos fuhr er fort: »Weißt du übrigens, wie viele Visitors man braucht, um eine Glühbirne auszuwechseln?« »Nein. Wie viele?« »Keinen. Sie mögen es lieber, wenn die Lampen aus sind.« Donovan verzog lachend das Gesicht. »Das stimmt. Wie geht es dir, Josh?«
»Danke, gut, Mr. Donovan.« Josh war dreizehn, ein Jahr älter als Sean und einen halben Kopf größer. Sie wurden oft für Brüder gehalten, weil sie beide dunkles Haar und Sommersprossen hatten. Stolz zeigte Sean auf ein Modell von einer Visitor-Fähre. »Sieh dir das an, Paps! Ein Truppenfahrzeug und die Mannschaft.« Er ergriff zwei winzige Figuren in rotem Overall und roten Kappen. »Hier ist der Oberste Kommandeur, zusammen mit Diana.« Nachdenklich schüttelte Mike den Kopf. »Ich frage mich, ob sie am Gewinn beteiligt sind.« Vorsichtig setzte Sean die kleinen Figuren auf die Pilotensitze der Fähre. »Zu Hause hat er ein Mutterschiff.« »Ich habe sie alle!« fügte Josh in kindlichem Stolz hinzu. Sean sah seinen Vater an. »Kann ich sie auch haben, Paps? Mami sagt, wir haben kein Geld dafür…« Donovan bemühte sich, den in ihm aufsteigenden Ärger zu verbergen. Er hatte nie wegen der Höhe des Unterhalts gestritten und war nie auch nur einen Tag mit der Zahlung im Verzug gewesen. Und wann immer Sean irgendwelche Sonderwünsche gehabt hatte, hatte er sie ihm erfüllt. Verdammte Margie, dachte er. Sie hätte es mir sagen können, dann hätte ich ihm ein Set mitgebracht. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Ich werde mit ihr reden«, versprach er. »Doch jetzt sieh dir erst einmal an, was ich dir mitgebracht habe.« Er zog den kleinen goldfarbenen Kristallschlüssel aus der Tasche. Sean betrachtete ihn neugierig. »Was ist das, Paps?« fragte er. Mike zuckte die Achseln. »Ich habe es in einer Raumfähre gefunden und mitgenommen.« Er hörte, wie die Eingangstür hinter ihm geöffnet und wieder geschlossen wurde und sah aus den Augenwinkeln heraus Marjorie auf der Treppe stehen. Er brauchte sich nicht
umzudrehen, um zu sehen, mit welcher Miene sie sie beobachtete – es war immer die gleiche. »In einer richtigen Raumfähre?« rief Sean mit weit aufgerissenen Augen. »Ja.« »Heißt das, es stammt von den Visitors selbst?« Donovan konnte nicht verhindern, daß ein wenig Stolz in seiner Stimme mitschwang. »So ist es.« »Da staunst du, was!« Ehrfurchtsvoll hielt Sean Josh das Werkzeug entgegen, der sich neugierig vorbeugte. »Meine Güte! Laß mich sehen, Sean!« Sean schob seine Hand zurück. »Gleich, Josh.« Marjories gereizte, ärgerliche Stimme unterbrach sie. »Eure Pizza ist fertig, Jungens! Kommt rein!« Sean stand auf. »Kommst du mit, Paps? Ich muß noch ein paar Sachen einpacken…« »Gleich, mein Junge. Geht schon mal vor!« Langsam folgte er den auf Marjorie zustürmenden beiden Jungen. Sie siebt gut aus, dachte er, als er bemerkte, daß sie ein paar Pfund abgenommen hatte. Ihr blondes Haar war etwas länger als beim letzten Mal, als er sie gesehen hatte, und umrahmte in weichen Locken ihr Gesicht. Sean hielt ihr den goldenen Schlüssel entgegen. »Schau, Mami! Es stammt aus einer Fähre…« Ihre Stimme klang wie zersplitterndes Eis. »Euer Essen wird kalt.« Seans Begeisterung verschwand, und er trottete hinter Marjorie her die Treppe hoch. Dann drehte er sich noch einmal fragend nach seinem Vater um, der ihm aufmunternd zunickte. Marjorie stand in der Tür und starrte ihn an, und selbst vom Bürgersteig aus glaubte Mike noch, ihre körperliche Nähe zu spüren. Er war wütend über die Art und Weise, wie sie Sean behandelte. Er hatte doch seinem Sohn lediglich ein Geschenk
mitgebracht, und sie führte sich auf, als hätte er es darauf abgesehen, sie zu verletzen. Doch er versuchte, ruhig zu bleiben. Sie durften sich in Seans Gegenwart nicht andauernd streiten – es wäre die Hölle für ihn. »Hallo«, sagte er betont fröhlich. Sie erwiderte nichts darauf, stand nur mit über der Brust gekreuzten Armen da und starrte ihn an. Plötzlich mußte Donovan daran denken, wie er diese Brust einmal berührt hatte, doch er schob die Erinnerung daran wütend zurück. Das war vorbei. Endgültig vorbei. Er seufzte. »Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?« Sie machte eine hilflose Geste und erwiderte mit gepreßter Stimme: »Ach, nichts! Es ist nur ziemlich schwer für mich, mit jemandem zu konkurrieren, der in Raumschiffen umherfliegt.« »Was soll ich also tun, Margie?« fragte Donovan resigniert. »Meinen Job aufgeben?« Tränen schimmerten in ihren Augen. »Und was soll ich tun? Mir Flügel wachsen lassen und mit ihm in ein Wunderland fliegen? Wie sonst soll ich mit dir konkurrieren können? Mit Pizzas vielleicht?« Wut stieg in Mike auf. Immer das gleiche alte Problem – würden sie denn nie damit fertig werden können? »Warum sollen wir miteinander konkurrieren, Margie?« Wie oft hatte er ihr diese Frage schon gestellt? Er bemerkte, daß er sich wieder schuldig zu fühlen begann, und seine Wut wuchs. »Das ist kindisch! Warum fühlst du dich immer herabgesetzt, wenn ich Erfolg habe? Warum tust du nicht selbst etwas? Irgend etwas, auf das du stolz sein kannst, und irgendwo, wo noch nie jemand etwas von mir gehört hat? Was ist aus deinen CollegePlänen geworden? Du weißt, ich würde dir das Geld leihen – ja, zum Teufel, ich würde es dir geben! Was ist mit…?«
Sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab, und ihre Stimme klang ebenso erschöpft, wie er sich fühlte. »Bitte, fang nicht wieder damit an, ja?« Donovan starrte sie nach Worten suchend an, doch er erkannte, daß es nichts mehr zu sagen gab. Und das war das Schmerzlichste von allem. Juliet Parrish brachte ihren weißen VW vor Ruth Barnes Haus zum Stehen. Über sich konnten die beiden Frauen das ferne Surren einer vorbeifliegenden Arbeitsfähre hören. Juliet zog abrupt die Handbremse an. »Sie machen Witze! Sie haben wirklich eine Hautprobe der Visitors? Woher?« Ruth lächelte über den Eifer ihrer jungen Kollegin. »Als sie Bens Vater herbrachten, entdeckte ich ein paar an seinem Hemd und seiner Jacke anhaftende weißliche Partikelchen. Ich habe sie eben an mich genommen.« »Konnten Sie sie schon untersuchen?« »Nur ganz kurz. Dann kam Dr. Metz mit einigen Kulturen herein, die ich auf Objektträger bringen sollte. Ich hatte heute schrecklich viel zu tun, weil zwei Leute nicht zur Arbeit erschienen sind.« »Und?« »Die Partikel sehen nicht wie Haut aus, Juliet, jedenfalls nicht wie menschliche Haut. Es schien überhaupt keine Zellen zu geben – alles war glatt. Zu glatt.« »Verdammt!« Juliets Hände umklammerten das Steuer. »Ich wünschte, ich hätte früher davon erfahren. Dann hätte ich sie mir ansehen können! Jetzt werde ich bis morgen warten müssen.« Sie sah Ruth lächelnd an. »Dr. Metz wird Sie dafür lieben, Ruth.« Ruths Gesicht schien zu erstarren. »Ich gehe jetzt lieber. Danke fürs Nachhausebringen, Julie.« Juliet streckte die Hand aus und hielt die ältere Frau am Ärmel fest. »Ruth… was ist los? Ich habe etwas Falsches
gesagt, nicht wahr?« Ruth schüttelte den Kopf und wandte das Gesicht ab. Juliet überdachte noch einmal ihre Worte, und plötzlich kam ihr die Erkenntnis. Warum war ihr das nicht schon früher aufgefallen? »Ruth, es ist Dr. Metz, nicht wahr? Sie… Sie lieben ihn?« Ruth biß sich auf die Lippen und brachte ein schwaches Lächeln zuwege. »Weiß er es?« fragte Juliet. Ruth schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebe. Ich bin für ihn nichts anderes als ein Teil der Laboreinrichtung.« Juliet strich sanft über Ruths Hand. »Nun, ab morgen früh machen wir uns an die Arbeit. Wir werden dafür sorgen, daß es außer dem Nobelpreis noch etwas anderes für ihn gibt.« Ruth lächelte sanft. Auch ich habe mir das viele Jahre lang so einfach vorgestellt, Julie, dachte sie bitter. Trotzdem erfüllten die Worte der jungen Frau sie mit einem bittersüßen Optimismus. Sie tätschelte Juliets Wange und mußte dabei unwillkürlich an die Zeit denken, als auch ihre Haut so glatt und weich gewesen war. »Sie sind ein Schatz, Julie. Danke. Danke für alles.« Ruth stieg aus und winkte Juliet noch einmal zu. Während sie nach ihrem Schlüssel suchte, ging sie langsam die Treppe zu ihrem Haus hoch. Es war ein langer Tag gewesen, und sie wünschte plötzlich, daß sie Juliet gesagt hätte, wo sie die Hautstückchen versteckt hatte. Ruth öffnete die Tür, trat ein und drehte sich um, um sie wieder zu schließen. In diesem Augenblick sah sie den Mann, der, hinter der Tür versteckt, gewartet hatte. Ruth hatte kaum eine Sekunde Zeit, um zu bemerken, daß er eine rote Uniform und eine rote Kappe trug. Ihr entsetzter Blick fiel auf die Waffe in seiner Hand. Sie hatte noch nie ein derartiges Gewehr gesehen – doch aus der Art, wie er die Waffe auf sie gerichtet hielt, erkannte sie, was es war.
Röchelnd rang sie nach Luft. Es war wie einer dieser Alpträume aus Kindertagen, wenn man versucht zu schreien und keinen Ton hervorbringt. Voll Entsetzen sah sie, wie sein Finger sich bewegte… Es gab einen gedämpften hohen Ton, ein blaues Aufflammen. Einen Augenblick lang glaubte Ruth, daß er sie verfehlt hatte, denn sie spürte keinen Schmerz. Dann merkte sie, daß sie fiel. Fiel und fiel, schwerelos und ohne Kontrolle… Sie spürte eine Explosion roter Dunkelheit, dann nichts mehr. Den Aufschlag ihres Körpers auf dem Boden fühlte sie nicht mehr.
7. Kapitel
Caleb Taylor stöhnte auf vor Schmerz, als er über die Schwelle seiner Wohnung trat und dabei mit seiner bandagierten Hand gegen den Türpfosten stieß. »Bist du okay, Papa? Noch ein bißchen wacklig, nicht wahr?« Ben Taylor streckte die Hand aus, um seinen Vater zu stützen. Caleb schüttelte ungeduldig die Hand seines Sohnes ab. »Es geht schon. Ich komme allein zurecht.« Ben Taylor verzog gequält das Gesicht, als er zusah, wie sein Vater langsam ins Schlafzimmer ging. Er mag ja ein großartiger Vater sein, dachte er, aber er ist ein entsetzlicher Patient. Den raschelnden Geräuschen, die aus dem Schlafzimmer zu ihm herüberdrangen, entnahm er, daß sein Vater ihm gehorchte und sich hinlegte. Ben drehte sich um und machte sich daran, die kleine Wohnung aufzuräumen. Für gewöhnlich hielt sein Vater sie peinlich sauber – ein Überbleibsel der Erziehung seiner verstorbenen Frau –, jetzt jedoch herrschte eine entsetzliche Unordnung. Das bedeutete, daß Elias hiergewesen war. Ben verzog das Gesicht, als er mit spitzen Fingern ein Paar schmutziger, verschwitzter Socken zwischen den Polstern der Couch hervorzog. Einen Augenblick später hörte er, wie ein Schlüssel ins Schloß gesteckt wurde. Er drehte sich um und sah seinen Bruder mit breitem Grinsen auf dem Gesicht ins Zimmer stürzen. »He, Mann! Sag mir, was geht hier vor?« Ben schüttelte den Kopf. »Hör endlich auf, Richard Pryor zu spielen, Elias.« Elias starrte seinen Bruder einen Augenblick lang stumm an, und sein Lächeln gefror zu einer Maske. »Was redest du da,
Mann? Dies hier ist kein Schauspiel. Das bin ich, der arme Elias!« Ben war wütend und zeigte es auch. »Oh, Elias, wann wirst du endlich erwachsen?« Elias lachte, ein kurzes, gezwungenes Lachen, das alles andere als lustig klang. Dann drehte er sich wütend um. »He, Paps!« Er ging ins Schlafzimmer. »Wie geht’s?« Ben sah ihm nach. Dann fuhr er fort sauberzumachen. Er war müde, müde von Elias, müde von der Arbeit – müde vor Kummer. Er hatte das Gefühl, als drohten ihm die Augen aus dem Kopf zu fallen – nach der morgendlichen Visite hatte er fast den ganzen Tag am Mikroskop verbracht. Seit Ruth verschwunden war, hatten sie im Labor alle die doppelte Arbeit zu erledigen. Der Gedanke daran, daß sie nun schon seit drei Tagen spurlos verschwunden war, legte sich wie eine schwere Eisenfaust auf seine Brust. Dr. Metz war untröstlich; er schloß sich stundenlang in seinem Büro ein, rauchte eine Zigarette nach der anderen (und das, obwohl er sich 1963 das Rauchen abgewöhnt hatte) und starrte mit versteinerter Miene ins Leere. Was ist aus ihr geworden? fragte sich Ben. Die Polizei führt zwar eine Untersuchung durch, aber ich habe schon erlebt, daß nach einem entlaufenen Hund mit mehr Einsatz gesucht wurde. So viele Menschen verschwinden in letzter Zeit – was zum Teufel geht da vor? Wütend warf er die Hälfte des riesigen Berges schmutzigen Geschirrs ins Spülbecken, ließ heißes Wasser darüberlaufen und krempelte die Ärmel hoch. Zum Teufel mit Elias, dachte er. Er dachte an Juliet Parrishs Worte, die ihm erzählt hatte, daß Ruth am Tage ihres Verschwindens Partikel von der Haut eines Visitors untersucht hatte. Während er die schmutzigen Teller mit der Bürste bearbeitete, blickte er zum Fenster hinaus und sah einen Teil
des am Himmel schwebenden Mutterschiffes. Wohin man sich auch wandte – es hing immer über einem. Die Visitors hatten inzwischen ein Einführungsseminar für ein paar Wissenschaftler abgehalten, und er war mit Juliet hingegangen. Dr. Metz, der als Repräsentant seines Campus’ hätte dabeisein sollen, hatte sich nicht einmal für die Einladung bedankt. In was für eine verdammte Lage sind wir da geraten, dachte Taylor und zuckte zusammen, als er sich an einem scharfen Gegenstand den Daumen aufritzte. Sie füttern uns einen halben Tag lang mit langen Vorträgen, deren wahrer Informationswert gerade zehn Minuten ausgefüllt hätte. Der Rest besteht aus leeren Phrasen – oder es geht dabei um Dinge, über die Kristine Walsh bereits Bescheid wußte. Ben hielt seinen blutenden Daumen unter kaltes Wasser und machte sich dann auf die Suche nach einem Heftpflaster.
Es war dunkel geworden, und dichter Bodennebel hatte sich über das Land gelegt. Robin Maxwell schritt im Hof ihres Elternhauses auf und ab und unterhielt sich über ihren Walkman mit ihrer Freundin Muffy (richtiger Name: Abigail). Von drinnen her konnte sie die Stimmen ihrer Eltern hören, die sich leise unterhielten, während sie die Spülmaschine einräumten. »Oh, es war entsetzlich, Muf, wirklich. Seit Professor Quinton verschwunden ist, ist mein Vater schrecklich niedergeschlagen. Vielleicht ist er ja gekidnappt worden, oder sonst was. Ich mußte sogar mit der Polizei reden, mußte ihr erzählen, was er gesagt hatte, als er in jener Nacht anrief. Das war alles schrecklich aufregend, wirklich.« Ihre Füße glitten durch das nasse Gras, während sie langsam auf und ab ging. »Aber das weißt du ja alles schon. Ich wollte von dir wissen, ob du ihn gesehen hast! Daniel sagte mir, daß er heute hier in der Gegend war… Was glaubst du wohl, von
wem ich spreche? Du weißt es doch! Von dem Jugendführer der Visitors natürlich!« »Daniel sagt, er war gestern abend da?« Sie lauschte angestrengt in den Apparat. »Mach keine Witze! Du hast ihn gesehen? Ist er nicht toll? Einfach ein irrer Typ, hundertprozentig!« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und lauschte so angestrengt auf die Worte ihrer Freundin, daß sie nicht bemerkte, wie eine uniformierte Gestalt sich ihr von hinten näherte. »Hast du seine Augen gesehen? Wahnsinn!« Sie nickte heftig. »Natürlich habe ich sie gesehen. Als ich in der Band spielte. Er sah mich einen langen Augenblick lang an, da bin ich ganz sicher. So richtig bedeutungsvoll, weißt du. Wie zwei Schiffe, die sich in der Nacht begegnen… Es war so romantisch…« Die stille Gestalt war jetzt dicht hinter ihr. »Ich glaube, er mag mich wirklich und hat nur Angst… Er ist so schüchtern, weißt du?« »Verzeihen Sie bitte.« Erschrocken wirbelte Robin herum und sah sich dem jungen Visitor, über den sie gerade gesprochen hatte, gegenüber. Sie stöhnte leise auf und hauchte verzweifelt in den Walkman: »Mein Leben ist zu Ende, Muf!« Dann stellte sie das Gerät ab; sie wußte nicht, ob sie davonlaufen oder auf der Stelle sterben sollte. Er lächelte sie unsicher an. »Verzeihen Sie. Habe ich Sie erschreckt?« »Nein!« rief sie mit schriller Stimme. Dann räusperte sie sich und wiederholte: »Nein.« »Ich bin Brian«, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. Als Robin sie ergriff, fühlte sie ihr Blut in den Ohren sausen. Einen Augenblick lang spürte sie seine kühle Haut, dann ließ sie zitternd die Hand sinken. »Ich heiße Robin«, erwiderte sie.
Auch er räusperte sich, doch bei ihm klang das aufgrund der seltsamen Nachhaller seiner Stimme ganz anders. »Oh… tut mir leid. Ich bin ein wenig nervös.« »Sie sind nervös?« platzte Robin heraus. »Nun… es geschieht nicht jeden Tag, daß ich jemanden von einem anderen Planeten treffe.« Die Anspannung in Robin ließ etwas nach. »Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich muß Ihnen ja ebenso unheimlich vorkommen. Nicht, daß Sie mir unheimlich wären, wissen Sie…« Brian lächelte wieder. »Wo wohnt Daniel?« Sichtlich enttäuscht deutete Robin auf ein Haus. »Das dort drüben auf der rechten Seite.« »Danke.« Er drehte sich um. Robin sah ihm nach. Er macht sich nichts aus mir, dachte sie. Mein Leben ist zu Ende. Er blieb stehen, zögerte und drehte sich noch einmal nach ihr um. »Äh… möchten Sie einen Spaziergang mit mir machen?« Robin zögerte, bemühte sich, die jäh in ihr aufsteigende Freude nicht zu zeigen. »Okay«, sagte sie dann und folgte ihm. William bahnte sich seinen Weg durch die Menge der Arbeiter, für die nun die Mittagspause begann. In einiger Entfernung sah er Harmy mit ihrem Imbißwagen stehen. Als er näher kam, blickte sie auf und winkte ihm zu. »Hallo, Willy, Sie Held!« William lächelte. »Hallo, Harmony!« »Alle schwärmen davon, wie Sie Caleb gerettet haben.« William senkte verlegen den Kopf. Ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können. »Haben Sie ihn schon gesehen? Caleb, meine ich?« »Ja«, antwortete William. »Ich habe ihn gesehen. Er sagt, es ginge ihm gut.«
»Gut«, korrigierte Harmy ihn automatisch. »Hat er sich bei Ihnen dafür bedankt, daß Sie ihm das Leben gerettet haben? Er sollte es, nachdem er so gemein zu Ihnen gewesen ist.« William nickte. »Heute morgen hat er zum ersten Mal mit mir geredet. Er schüttelte mir die Hand.« »Das gefällt mir schon besser.« Harmy wandte sich ihrem Imbißwagen zu. »Möchten Sie einen Hamburger oder so etwas? Es ist Essenszeit.« Als er den Kopf schüttelte, sah sie ihn prüfend an. »Sagen Sie, eßt ihr eigentlich nie etwas?« Sich sichtlich unbehaglich fühlend, nickte er und überlegte krampfhaft, wie er das Thema wechseln könnte. »Manchmal.« Sie biß in ein Sandwich. »Waren Sie schon mal im Kino?« »Nein, ich…« William überlegte, was ein Kino wohl sein mochte. Er glaubte, einmal gehört zu haben, daß es wie Fernsehen war, nur größer. »Doch«, sagte er dann mit schüchternem Lächeln. Sie lachte, und einen Augenblick später fiel er in ihr Lachen ein. Es war das erste Mal, daß er lachte.
Juliet Parrish fütterte gerade die Mäuse, als die Ankündigung im Fernsehen kam. »Wir unterbrechen das Programm für einen wichtigen Sonderbericht.« Was ist jetzt los? dachte sie. Laut sagte sie: »Ben? Dr. Metz? Im Fernsehen gibt es gleich eine Bekanntmachung.« Der Sprecher Howard K. Smith erklärte, daß dieser Bericht über Satellit aus Belgien käme. Dann erschien ein vornehm aussehender Mann, der von einer Vielzahl von Mikrofonen umgeben war, auf dem Bildschirm. »Das ist Leopold Jankowski!« rief Dr. Metz. »Was geht da vor?«
»Er arbeitet im Brüsseler Institut für Biomedizin, nicht wahr?« fragte Ben. Metz nickte gespannt, als der Mann zu sprechen begann. »Ich habe diese Pressekonferenz heute einberufen, um eine schockierende Entdeckung, die wir gemacht haben, bekanntzugeben. Auf dieser Welt gibt es eine organisierte Verschwörung unserer besten Wissenschaftler. Ziel dieser Verschwörung ist es, den Visitors zu schaden – ja, sie möglicherweise zu vernichten.« Julie und Ben hielten den Atem an; es kam zu großer Aufregung unter den im Raum anwesenden Journalisten. Auf Dr. Metz’ Gesicht lag ein ungläubiger Ausdruck. »Unmöglich!« knurrte er. »Das ist ja Wahnsinn – hat Leopold den Verstand verloren?« Jankowski fuhr fort: »Ich habe von diesen organisierten Bemühungen, den Visitors zu schaden, zum ersten Mal vor zwei Wochen gehört, als mich Dr. Rudolph Metz in Kalifornien anrief, um mit mir über eine ›dringende, vertrauliche Angelegenheit‹, wie er sich ausdrückte, zu sprechen.« »Was?« Julie griff nach Ben Taylors Arm. »Nichts dergleichen habe ich getan!« rief Dr. Metz entrüstet. »Ich habe Jankowski nicht mehr gesprochen seit…« »Auch an andere Kollegen von mir sind verschiedene Wissenschaftler herangetreten«, fuhr Jankowski fort. »Vor allem Wissenschaftler aus dem Bereich der Biomedizin und der Anthropologie scheinen in die Angelegenheit verwickelt zu sein. Doch wir wissen nicht genau, wie weit diese heimtückische Verschwörung unter unseren besten Leuten um sich gegriffen hat.« »Wie kann er nur so etwas sagen!« Dr. Metz zitterte vor Wut und Qual. »Jankowski war ein guter Mann – ich kenne ihn seit Jahren. Wovon redet er?«
Juliet berührte seinen Arm. »Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen, Doc. Vielleicht sollten Sie sich lieber setzen…« »Wissenschaftler vieler Nationen scheinen Teil dieser Verschwörung zu sein. Ihr Plan ist, kurz gefaßt, einige der Mutterschiffe der Visitors unter ihre Kontrolle zu bringen…« Rufe wie »Warum?« und »Zu welchem Zweck?« wurden unter den Reportern laut. Jankowski schüttelte ernst den Kopf. »Sie versuchten, mich davon zu überzeugen, daß sie damit die menschliche Rasse schützen und die Militärs davon abhalten wollten, technologische Geheimnisse der Visitors in Erfahrung zu bringen. Ich persönlich glaube jedoch, daß sie viel mehr aus persönlichen Interessen als aus den vorgegebenen Gründen handeln.« Feierlich hob Jankowski ein Stück Papier hoch. »Hier habe ich die Vorfälle genauso, wie sie sich ereignet haben, aufgelistet, und die Namen all derer, die versucht haben, mich für diese schreckliche, gegen jene gerichtete Verschwörung, die sich als unsere Freunde erwiesen haben, zu gewinnen. Ich bestätige diese Erklärung jetzt durch meine Unterschrift. Den zuständigen Behörden werden Kopien zugehen, so daß sie mit den Wissenschaftlern ihren Gesetzen entsprechend verfahren können.« Mit ernster Miene unterschrieb Jankowski das Dokument. Ben, Juliet und Dr. Metz starrten einander fassungslos an.
Innerhalb nur weniger Stunden meldete sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern aus aller Welt, die erklärten, Vertreter der Verschwörer seien an sie herangetreten. Einige von ihnen, wie Dr. Jacques Duvivier, ein Nobelpreisträger wie Dr. Metz, gaben sogar zu, der Verschwörung angehört zu haben.
Die ganze wissenschaftliche Welt war in Aufruhr. In den USA begann das FBI, Aufzeichnungen und andere Unterlagen derer zu untersuchen, die von Duvivier, Jankowski und anderen namentlich erwähnt worden waren. Die Ermittlungsbeamten versuchten, überhaupt erst einmal festzustellen, ob eine solche Verschwörung wirklich existierte. Sie wurden in ihren Bemühungen unterstützt von den Visitors, die sie hilfsbereit von Labor zu Labor chauffierten und ungerührt zusahen, wie ein Wissenschaftler nach dem anderen in die Sache verwickelt wurde. Dr. Metz’ Büro wurde einen Tag, nachdem Jankowski ihn in seiner Erklärung erwähnt hatte, durchsucht. Juliet Parrish und Ben Taylor standen hilflos dabei, als Dr. Metz die FBIBeamten wütend aufforderte, seine Akten zu untersuchen – er habe nichts, aber auch gar nichts zu verbergen. Und sie suchten – mit dem Ergebnis, daß einer der Männer in dem Schrank mit Dr. Metz persönlichen Akten eine Mappe fand, die Notizen von Versammlungen, Namenslisten, verschlüsselte Botschaften und Karten mit dem Standort der Mutterschiffe enthielt… Metz war sprachlos, beharrte darauf, daß das »Beweismaterial« manipuliert war. Die FBI-Beamten nahmen die Akten und noch einige andere Unterlagen, die sie im Büro fanden, an sich und sagten Dr. Metz, man habe bisher noch nicht entschieden, wie mit den mutmaßlichen Verschwörern zu verfahren sei, und er dürfe Los Angeles nicht verlassen, ohne sie davon in Kenntnis zu setzen. Julie und Ben wurden mehrmals mit forschenden Blicken bedacht, jedoch nicht direkt angesprochen. Die FBI-Beamten verließen das Gebäude in dem Truppenfahrzeug, mit dem die Visitors auf dem Dach gelandet waren. Kristine Walsh, die Pressechefin der Visitors, gab bekümmert die Erklärung ab, daß die Visitors aufgrund dieser
Verschwörung weitere wissenschaftliche Seminare verschoben hätten. Viele der Wissenschaftler, die in die Verschwörung verwickelt waren, verschwanden einfach und verliehen den gegen sie erhobenen Anschuldigungen dadurch nur mehr Glaubwürdigkeit. Die Polizeidienststellen wurden überflutet von Vermißtenmeldungen – ihre Zahl ging in die Tausende. Und Regierungsagenten waren nicht in der Lage zu erklären, was vor sich ging, geschweige denn, auch nur einen geringen Prozentsatz der Fälle zu untersuchen. Als das in den Akten der betroffenen Wissenschaftler gefundene Beweismaterial schließlich auch noch zeigte, daß einige Gruppen der Verschwörer sogar gewaltsame Übernahmen der Raumfähren der Visitors planten, forderte John, der Oberste Kommandeur der Visitors, die UNO offiziell auf, sich zusammen mit ihren Mitgliedsstaaten dafür einzusetzen, daß die Namen und Anschriften aller Wissenschaftler und ihrer Familien von den örtlichen Behörden erfaßt wurden. Die Angaben sollten von Computern überprüft und mit den örtlichen Adreßbüchern verglichen werden. Als diese Forderung zum ersten Mal von der UNO an sie herangetragen wurde, waren die meisten Staaten zurückhaltend – der Präsident der Vereinigten Staaten zeigte offen seine Skepsis und bezweifelte sogar die Existenz dieser Verschwörung. Doch angesichts des ständig wachsenden Beweismaterials über die geheimen Machenschaften der Wissenschaftler begann der Widerstand gegen die UNO und die Forderung der Visitors innerhalb nur weniger Wochen zu zerbröckeln. Die Männer in den Schlüsselpositionen begannen, einer nach dem anderen und in manchen Fällen fast über Nacht, ihre Meinung zu ändern.
Schließlich wurde aufgrund eines besonderen KongreßBeschlusses mit der Erfassung begonnen.
Als Abraham Bernstein aus dem Haus trat, um seinen täglichen Spaziergang zu machen, sah er seinen Nachbarn Robert Maxwell zu seinem Kombiwagen hinübergehen. Maxwell hielt ein Bündel von Papieren an sich gepreßt. »Einen schönen guten Morgen, Mr. Maxwell«, rief Abraham. »Für mich wird er das wohl kaum sein«, erwiderte Maxwell erbittert und stieg in seinen Wagen. »Ich muß diese verdammten Papiere wegen dieser idiotischen Registrierung zur Post bringen! Ich verstehe immer noch nicht, wie sie das im Kongreß verabschieden konnten! Und wissen Sie, was mir wirklich unheimlich vorkommt?« Abraham schüttelte den Kopf. »Die Russen machen es ebenso. Für sie wird es natürlich nicht so schwierig, weil sie ihre Wissenschaftler ohnehin offiziell beobachten lassen. Doch auch sie wollen den Visitors ihre Akten öffnen! Ich kann es nicht fassen!« Bernstein bemerkte, daß er zitterte, als er Maxwells davonfahrendem Wagen nachblickte. Ruby Engels, die das Ende der Unterhaltung mitbekommen hatte, kam von der anderen Straßenseite her auf ihn zu. Beruhigend legte sie ihm die Hand auf den Arm. »Regen Sie sich nicht auf, Abraham. Gar nichts wird geschehen. Das alles wird von allein vorübergehen, Sie werden sehen.« »Ja, ja«, preßte Abraham hervor. »Ich werde zusehen, wie sie alles, was mir lieb geworden ist, zerstören.« »Nichts wird geschehen«, beharrte Ruby. »Schließlich sind weder Sie noch sonst jemand aus Ihrer Familie Wissenschaftler. Sie werden also nichts damit zu tun haben, und außerdem geht es sowieso vorüber.«
Abraham sah sie einen langen Augenblick schweigend an. »Das habe ich 1938 in Berlin auch gesagt«, sagte er dann. Ruby starrte ihn empört an. »Aber das ist doch etwas ganz anderes!« »Wirklich?« Abraham blickte zu seinem Haus zurück, vor dem gerade ein Truppenfahrzeug der Visitors gelandet war. Brian, der Führer der Jugendgruppe der Visitors, stieg aus, gefolgt von Daniel. Sie schüttelten sich die Hände. Abrahams Enkel trug eine Mütze und einen braun-orangefarbenen und ähnlich wie die Uniformen der Visitors geschnittenen Overall. Er grinste breit. Langsam wandte sich Abraham wieder an Ruby: »Wirklich?« Sie hatte keine Antwort auf seine Frage. Angst flackerte in ihren Augen auf.
Denny Lowell versuchte zum vierten Mal, den Korken aus der Flasche Liebfrauenmilch herauszuziehen. Er spannte seine Muskeln an, und langsam… langsam… kam der Korkenzieher heraus – zusammen mit der Hälfte des Korkens. »Mist!« Lowell warf den Korkenzieher auf den Küchenschrank und sah dann auf die Uhr. 45 Minuten zu spät, dachte er wütend und schaltete den kleinen, transportablen Fernseher ein, der auf dem Küchenschrank stand. Während er zuhörte, zog er eine Schublade auf und nahm ein scharfes Messer mit dünner Schneide heraus. »Im Rahmen der polizeilichen Untersuchungen nach zusätzlichen Beweisen für die Verschwörung in den Akten der Wissenschaftler wurde eine weitere, bestürzende Tatsache aufgedeckt: Viele Wissenschaftler aus den Bereichen der Medizin und der Anthropologie haben offensichtlich wesentliche, umwälzende Forschungsergebnisse erzielt, die sie jedoch nicht
bekanntmachten. Raymond Burke, der Vorsitzende des Senatskomitees für Medizin, sagte dazu…« Das Bild wechselte zum Treppenaufgang des Senats, wo der Senator, umringt von der Presse, im Blitzlichtfeuer stand. Während er mit mürrischem Gesicht den Senator beobachtete, fummelte Denny ein weiteres Stückchen Korken aus der Flasche. »Ja, in der Tat«, sagte Raymond Burke, »ich habe Beweise dafür, daß neue, revolutionäre Mittel zur Krebsbehandlung existieren – ebenso wie viele andere umwälzende Erkenntnisse, die von größtem Nutzen für die Menschheit sein könnten. Unsere wissenschaftlichen Freunde haben es offensichtlich vorgezogen, sie zu verschweigen.« Rufe wie »Warum?« und »Wozu soll das gut sein?« wurden laut. Er hob erbittert die Schultern. »Nun, ich will jetzt keine Vermutungen anstellen, aber in der Forschung kann man viel Geld verdienen.« »Verdammt«, sagte Denny laut, ohne selbst zu wissen, worum es überhaupt ging. Er nestelte ein weiteres Stück Korken aus der Flasche und hatte dann das zweifelhafte Vergnügen, den Rest in viele winzige Stückchen zerbröckeln und in den Wein fallen zu sehen. Gerade als er Juliet die Tür aufschließen hörte, wechselte das Bild wieder in die Nachrichtenstation. Das Gesicht des Reporters trug einen ernsten Ausdruck. »In der ganzen Welt breitet sich eine Woge des Hasses und des Unmuts gegen die Wissenschaftler aus. In Stockholm, wo jedes Jahr die Nobelpreise verliehen werden, demonstriert eine wütende Menge…« »Es tut mir leid, daß ich so spät komme, Den. Alles geht drunter und drüber.« Juliet stürzte in die Küche und zog hastig ihren Laborkittel aus. »Dr. Metz leidet noch immer entsetzlich unter Ruths Verschwinden. Jetzt hat er auch noch erfahren, daß
ein weiterer Mitarbeiter von ihm, ebenso wie er selbst, in die Verschwörung verwickelt sein soll, und ich…« Denny stellte den Fernseher ab. »Laß dir Zeit. Sie haben angerufen und das Essen abgesagt.« Juliet sah ihn erschrocken an. »Oh, Den! Du mußt sehr enttäuscht sein.« »Ja«, erwiderte er kurz. »Und du glaubst nicht, daß du den Auftrag doch noch bekommst?« Ihre Stimme klang so, als hoffe sie, er würde ihr widersprechen. Denny goß sich einen Drink ein und stürzte ihn in einem Zug herunter. »Nein, das glaube ich nicht. Sie waren zu höflich, weißt du.« Juliet hängte ihren Kittel über die Lehne des Küchenstuhls. Einen Augenblick lang strich sie mit der Hand glättend darüber, dann hielt sie abrupt inne. »Denny… glaubst du, daß es wegen mir ist? Sie wissen, daß ich Biochemikerin und Medizinstudentin bin.« Denny wußte, daß seine Antwort einen Augenblick zu lange auf sich warten ließ. »Nein. Warum sollten sie?« Sie sah ihn eine Sekunde schweigend an. Er spürte, daß sie ihn ansah, vermied es jedoch, ihrem Blick zu begegnen. »Jetzt klingst du ein wenig zu höflich, Den.« Er wußte nicht, was er sagen sollte, schenkte sich noch ein Glas Wein ein und ging ins Schlafzimmer. Juliet blieb regungslos stehen und starrte auf ihren Laborkittel.
Mike Donovan beobachtete seinen Freund Tony Leonetti, der mit einem Tastendruck den Videorekorder einschaltete. Auf dem Bildschirm erschien Leopold Jankowski, der sich vorbeugte, um die verdammte Erklärung zu unterschreiben. »Nun, ich habe es gesehen«, wandte sich Donovan an seinen Partner. »Ich halte das alles für ganz verdammten Mist!«
»Ist dir nichts aufgefallen?« Tony schob eine andere Kassette ein. »Nachdem ich die Originalübertragung gesehen hatte, spukte der Gedanke mir tagelang im Kopf herum – irgend etwas stimmte nicht daran. Aber was? Gestern nacht kam mir schließlich die Erleuchtung. Schau. Dieses Band habe ich voriges Jahr beim Internationalen Wissenschaftler-Kongreß aufgenommen. Erinnerst du dich daran, wie ich ihn darum bat, das Buch für meinen Vater zu signieren?« Jetzt erschien ein zweites Bild neben dem ersten. Auf beiden war simultan zu sehen, wie Jankowski unterschrieb. Donovan starrte angespannt auf den Bildschirm, dann nickte er plötzlich: »Aha!« »Du hast es auch gesehen, nicht wahr, Mike? Letztes Jahr benutzte er die rechte Hand – doch als er diese Erklärung unterschrieb, war es die linke.« Donovan zuckte die Achseln und meinte dann gleichmütig: »Dann ist er eben Beidhänder.« »Nein, das ist er nicht. Und auch Duvivier nicht, ich habe es nachgeprüft. Beide unterschreiben jetzt mit der linken Hand, obwohl sie vorher Rechtshänder waren.« Donovan blickte Tony nachdenklich an. Tony nickte. »Da geht etwas sehr Seltsames vor, Mike. Und ich wette, daß es irgendwie mit den Visitors zusammenhängt. Seit diese Burschen aufgetaucht sind, ist alles so verdammt unheimlich geworden.« »Weiß Gott«, brummte Donovan. »Wir müssen uns unbedingt das Mutterschiff näher ansehen, und zwar bald. Und ohne Eskorte. Ich bin wirklich neugierig darauf. Ich möchte mir unbedingt ihre Lagerräume für die Chemikalien ansehen.« Leonetti nickte. »Wie in alten Zeiten, was?« »Ja«, entgegnete Donovan nachdenklich. »Aber Vietnam und Kambodscha schwebten nicht zwei Kilometer über uns in der Luft. Wir werden sehr vorsichtig sein müssen.«
Tony schlug sich mit der Hand gegen die Stirn und rollte mit den Augen. »Das ist ja nicht zu glauben! Der furchtlose Michael Donovan, der draufgängerischste Fotograf aller Zeiten, will vorsichtig werden! Haben dich diese Burschen so sehr erschreckt, Mike?« Donovans Lachen klang leicht gereizt – er mochte es nicht besonders, an seine abenteuerlichen, manchmal sehr leichtsinnigen Unternehmungen als Fotograf erinnert zu werden. Dann blickte er wieder auf den Bildschirm, wo Jankowski Nr. 1 und Nr. 2 noch immer zu sehen waren. »Ja, Tony«, murmelte er mit so leiser Stimme, daß Tony Mühe hatte, ihn zu verstehen, »ich muß zugeben, ich habe ein sehr seltsames Gefühl bei der Sache… Dieses Mal dürfen wir uns nicht den geringsten Fehler leisten.« Leonetti zwang sich zu einem Lächeln und knuffte seinen Partner in die Seite. »Du hast ganz einfach Hunger, Mike. Seit dem Mittag ist viel Zeit vergangen. Komm, alter Kumpel, die Steaks übernehme ich.« Froh darüber, daß Tony die angespannte Stimmung gelockert hatte, versetzte Donovan seinem Freund einen spielerischen Puff. »Ich bin bereit. Wann?« »Was? Essen? Jetzt gleich.« »Nein. Wann schleichen wir uns an Bord einer Fähre?« »Morgen?« »In Ordnung. Ich hoffe, Fran läßt dich gehen. Als wir das letzte Mal zusammen aus waren, hast du eine ganze Menge Geld in dem Kasino in Atlantik City gelassen…« »Ja, in dieser Beziehung werde ich vorsichtig sein müssen.«
8. Kapitel
Gleißendes Flutlicht tauchte den Parkplatz der Richland-Werke in hellen Glanz. Eine der größeren Visitor-Fähren stand mit geöffneter Ladeluke da, als Tony Leonetti und Mike Donovan vorsichtig durch das Gewirr von dicht über dem Boden verlaufenden Röhren krochen und sich hinter einem Abfallbehälter versteckten. Isolierte Rohre führten von den großen Cryogenic-Tanks über ihnen zu den kleineren Behältern an Bord der Raumfähre. Zwei Techniker der Visitors und zwei Helme tragende Männer standen daneben. »‘ne ganze Menge los hier, Mike«, flüsterte Tony. »Meinst du nicht, wir sollten uns wie gewohnt ganz offiziell von einer Raumfähre hochbringen lassen?« Donovan, der gerade die Entfernung bis zu der offenstehenden Ladeluke abschätzte, schüttelte den Kopf. Dann hob er seine Sony Betacam, seine kleinste und leichteste Kamera, hoch. »So werden sie bestimmt nicht wissen, daß wir an Bord sind, und wir haben eher die Möglichkeit, interessantes Material zu finden.« Er bedachte seinen Partner mit einem raschen Blick. »Ich hoffe, dieses Ding wird sendereife Filme liefern. Was ist mit dem Ton?« Tony zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich muß es eben versuchen.« Einige Visitors begannen, die Zuleitungen von den isolierten Rohren abzuschrauben. »Sie scheinen fertig zu sein«, preßte Donovan hervor. »Bist du soweit?« Tony schluckte hörbar, was ihm einen mißbilligenden Blick Donovans einbrachte. Die Fabrikarbeiter gingen weg, als die
Visitors in die Pilotenkanzel der Fähre kletterten. »Jetzt!« zischte Donovan. Er kletterte aus seinem Versteck heraus und lief los, wobei er über ein am Boden verlegtes Rohr hinwegsprang. Tony folgte ihm, übersah jedoch das Rohr und stolperte. Donovan, der die Ladeluke bereits erreicht hatte, hörte sein gedämpftes Stöhnen. »Verdammt!« Tony kroch auf die Ladeluke zu, als sich deren beide Hälften schon zu schließen begannen. Donovan streckte ihm die Hand entgegen und ergriff ihn am Arm. Tony versuchte hochzuspringen. »Ich… kriege… das Bein nicht hoch…« »Ich zieh dich rein«, zischte Donovan, mußte den Versuch jedoch eine Sekunde später aufgeben, als die Türen sich weiter schlossen. Er konnte gerade noch sehen, wie Tony weghumpelte, bevor das Schott ganz zugeklappt war. »Verdammter Mist!« Seine Kamera fest an sich gepreßt, hockte er sich hinter einen der im Laderaum herumstehenden Behälter. Es war stockdunkel. Er spürte das ihm nun schon vertraute Anrucken der Fähre und wußte, daß sie gestartet waren. Die Landung der Raumfähre auf dem Mutterschiff verlief genauso, wie er es bereits erlebt hatte. Als die Ladeluke sich öffnete, konnte er die Stimme einer Frau hören, die – in englischer Sprache – Landungen und Starts ankündigte. Sobald die Ladeluke weit genug geöffnet war, zwängte er sich hindurch, und ein paar Sekunden später hatte er sich hinter einigen Cryogenic-Behältern versteckt, die die Visitors im Hangar des Mutterschiffes aufgestapelt hatten. Er lauschte den Ankündigungen und wunderte sich, daß die Visitors nicht einmal hier, wo keine Menschen zugegen waren (außer Kristine wahrscheinlich, wie er sich voll Bitterkeit in Erinnerung rief), ihre eigene Sprache benutzten. »Fertigmachen zum Ausfluß!« verkündete die Stimme.
Ausfluß? Donovan hob nachdenklich die Augenbrauen. Was zum Teufel soll das? Er spähte vorsichtig aus seinem Versteck hervor und sah, wie zwei Techniker der Visitors einen isolierten Schlauch an den Vorratstank mit den Chemikalien im Laderaum der Fähre befestigten und dann das Ende des Schlauches auf einen Ausguß im Boden des Landedecks schraubten. Donovan war überrascht – er hatte sich bereits mehrmals an Bord des Mutterschiffes aufgehalten, dabei jedoch nie irgendwelche Rohre oder Vorratsbehälter an der Außenseite des riesigen Mutterschiffes bemerkt. Wenn der Ausguß also wirklich direkt durch den Boden des Landedecks reichte, würde das bedeuten, daß er nach draußen ins Leere führte. Donovan ergriff seine Kamera, um den mysteriösen Vorgang zu filmen, und sah zu, wie die beiden Techniker ein Ventil aufdrehten. Das Geräusch herausströmenden Gases war zu hören. »Die Menschen würden das maßlose Verschwendung nennen«, bemerkte einer der beiden Techniker, und seine Stimme hallte von den Wänden des kavernenartigen Landedecks wider. »Erst schleppen wir diesen Stoff zum Schiff hinauf, um ihn dann wieder abzulassen – welch sinnlose Vergeudung!« »Ja«, pflichtete sein Gefährte ihm bei. »Ich habe keine Ahnung, warum wir das Tag und Nacht machen.« »Wer von uns weiß schon, aus welchem Grund der Große Denker seine Anweisungen erteilt«, meinte der erste. »Aber ich habe nicht vor, Fragen zu stellen. Das ist ungesund.« »Da hast du recht«, bekräftigte sein Gefährte und blickte sich prüfend um, um sich zu vergewissern, daß niemand ihr Gespräch hören konnte. Donovan duckte sich tiefer hinter die Cryogenic-Behälter; dabei stieß er mit der Hand gegen ein akkordeonähnliches Gebilde, das ihn an einen altmodischen Heizkörper erinnerte.
Das silbergraue Metall erzitterte unter seinem Arm. Donovan sah es sich näher an und tippte leicht mit der Hand dagegen, worauf das Gitter aufschwang und eine Sprossenleiter zum Vorschein kam, die zu einer im Dunkeln liegenden Laufplanke führte. Von dieser wiederum reichte eine andere Treppe weiter nach unten. Eine Art Nebengang, vermutete Donovan, oder jener berühmte todsichere Notausgang für alle Spione und Abenteuerhelden – ein Belüftungsschacht. Er zog das seltsam aussehende Gitter so gut es ging hinter sich zu und kletterte, sich mit der freien Hand festhaltend, die Leiter herunter. Unten fand er sich in einem im Halbdunkel liegenden Gang wieder. Er konnte beinahe aufrecht stehen, mußte sich jedoch vorsehen, um nicht mit dem Kopf gegen eines der herunterhängenden Rohre zu stoßen. Aus in die Wände eingelassenen Gitterfenstern und winzigen, alle paar Meter im Gang angebrachten Leuchtplatten, filterte matte Helligkeit heran. Während Donovan langsam weiterzugehen begann, spürte er eine deutliche Kälte. Die Visitors hielten einige Teile ihres Schiffes offenbar kälter, als es menschlichen Wesen angenehm war. Zum Teil rührte die Kälte offensichtlich von der schnell zirkulierenden Luft her. Als der Luftstoß seine Haare berührte, verzog Donovan das Gesicht. Verdammt! Es ist tatsächlich ein Belüftungsschacht! Als er vorsichtig weiterging, knarrten seine weichen Sohlen leise über den Metallboden. Doch er fürchtete nicht, sich dadurch zu verraten; der Ventilator und das Hämmern der Maschinen übertönten jedes Geräusch. Als er eins der Gitter erreicht hatte und vorsichtig hindurchspähte, hörte er Stimmen. Zwei Visitors standen vor einer der gelb-gestrichenen Türen, die er schon bei seinem ersten Besuch hier oben gesehen hatte – denjenigen, die Diana wegen der radioaktiven Strahlen als verbotenes Gelände
bezeichnet hatte. Einer der beiden Visitors zog einen goldenen Kristallschlüssel hervor – ähnlich dem Schlüssel, den Donovan seinem Sohn gegeben hatte, und schob ihn in eine Aussparung. Helles Licht fiel durch die aufschwingende Tür und ließ den Schlüssel aufglänzen. Interessant, dachte Donovan. Sie tragen keinerlei Schutzanzüge… Wenn da drinnen wirklich so hohe Radioaktivität herrscht, wieso setzen sie sich ihr dann einfach so aus? Er ging weiter, jetzt leicht abwärts, als der Hauptgang schräg nach unten abfiel. Durch ein Gitterfenster auf der anderen Seite des Ganges konnte er einen Visitor – diesmal eine Frau – sehen, die sich auf einen Schrank stützte und in etwas las, das aussah wie ein Buch – falls es Bücher gab, die auf Aluminiumfolie gedruckt waren und die Größe von Manuskriptpapier besaßen. Sie trug ein gutsitzendes Kleidungsstück, das die nackten Arme und Beine freiließ und eher wie ein Badeanzug aussah. Donovan, der, nachdem er Kristine vor fast einem Monat verlassen hatte, nicht mehr in weiblicher Gesellschaft gewesen war, warf einen kritischen Blick auf ihre Beine. Nicht schlecht. Ein wenig stämmig vielleicht, aber hübsch… Leise schlich er weiter und bemühte sich, sich den zurückgelegten Weg genau einzuprägen – es wäre sicher nicht besonders gut, in diesen Gängen erwischt zu werden, ohne den Rückweg zu kennen. Wie eine Ratte in einem Labyrinth, dachte er und mußte selbst über diesen Vergleich lachen, als der Gang erneut einen Bogen machte und er sich duckte, um nicht gegen die Rohre zu stoßen. Vor sich hörte er Stimmen, die irgendwie vertraut klangen. Vorsichtig kroch Donovan auf ein größeres Gitterfenster zu und spähte hindurch. In diesem Augenblick ging Diana, gekleidet in ein langes rotes Kleid mit spitzem Ausschnitt, am Fenster vorbei. Mike bemerkte, wie sich ihre Brüste und
Schenkel unter dem Kleid abzeichneten, und sein Puls beschleunigte sich. Sie sprach mit Steven, dem VisitorOffizier, der seine Zeit zwischen den Richland-Werken und Eleanors Haus aufteilte. »Du mußt eigentlich zufrieden sein, Diana«, sagte Steven gerade. »Wir sind auf dem besten Wege, uns die meisten der Kontinente zu sichern.« Diana lächelte schelmisch. »Laß es uns so ausdrücken. Ich bin zufrieden, dem Denker mit meinen bescheidenen Fähigkeiten einen Dienst erweisen zu können.« Sie streifte Steven mit einem nach Donovans Meinung ganz und gar nicht zu ihr passenden verlegenen Seitenblick und ging quer durch den Raum auf ein aus einer Art Plexiglas bestehendes Regal zu, in dem in winzigen Fächern eine Vielzahl kleiner Tiere untergebracht waren – Versuchstiere, war Donovan sofort klar. Froh darüber, daß seine Kamera fast geräuschlos lief, begann er, die stellvertretende Kommandeuse zu filmen. Sie griff in eins der Fächer und holte eine weiße Maus heraus. Als sie nach dem kleinen Nager griff, quiekte er vor Angst. Dann verstummte er und starrte sie in wilder Panik aus seinen kleinen runden Augen an. »Der Denker muß sehr zufrieden mit der Entwicklung deiner Konvertierungsmethode sein, Diana«, meinte Steven. Die Maus noch immer in der Hand haltend, drehte Diana sich um und ging quer durch den Raum – und damit aus der Reichweite der Kamera. Doch Donovan konnte sie sprechen hören. »Ja, aber du weißt, wie ungeduldig unser Denker sein kann.« Sie verstummte. »Sogar mit dir, Diana?« Stevens Stimme klang leicht ironisch. »In Anbetracht eurer intimen Beziehung hätte ich gedacht…« Abrupt trat Diana wieder in den Bereich der Kamera, und selbst aus der Dunkelheit des Ganges heraus konnte Donovan
sehen, wie wütend sie war. Sie fuchtelte mit ihren wohlmanikürten Händen herum, und Donovan fragte sich flüchtig, wo sie die Maus gelassen hatte. »Ich rate dir, vorsichtig zu sein, Steven« zischte sie. In einer teils um Verzeihung bittenden und teils spöttischen Geste breitete Steven die Hände aus. »Es ist ja nur, weil ich es nicht ertragen kann, dich betrübt zu sehen.« Dianas Stimme klang resigniert. »Er versteht einfach nicht, daß die Konvertierung noch begrenzt ist. Jede einzelne menschliche Versuchsperson spricht anders darauf an.« »Das stimmt«, stimmte Steven ihr zu. »Wenn sie jedoch funktioniert – wie bei Duvivier, Jankowski und den anderen –, sind die Ergebnisse äußerst bemerkenswert.« »Ja, nicht wahr?« Dianas Stimme klang leicht überheblich. Sie griff wieder in eins der Fächer und holte einen Frosch hervor. Mit triumphierendem Lächeln ging sie an Steven vorbei und wieder aus der Reichweite der Kamera. »Sie glauben wahrhaftig, daß die Verschwörung existiert – einige von ihnen haben sich sogar davon überzeugen lassen, ihr anzugehören.« Jetzt erschien Steven, ebenfalls lächelnd, in Donovans Blickfeld. »Natürlich bekräftigt das Beweismittel, das wir manipuliert haben, sie in diesem Glauben«, erklärte Diana. Wir müssen das in den Äther bringen! dachte Donovan aufgeregt. Einen Augenblick lang dachte er daran wegzugehen, doch als er Steven auf die Käfige an der gegenüberliegenden Seite zugehen sah, entschied er sich zu bleiben, um zu sehen, was der Visitor-Offizier noch offenbaren würde. Er brauchte nicht lange zu warten. Steven blieb vor einem der Käfige stehen, und Donovan konnte jedes Wort verstehen. »Die Operation läuft ausgezeichnet. Die Wissenschaftler werden geächtet, ihre Verbände und Institutionen geschwächt. Sie sind in Angst und Schrecken versetzt. Wenn sie erst einmal
ausgemerzt oder konvertiert sind…« Er schnippte mit den Fingern. Dianas Stimme klang leicht betrübt: »Das Problem ist, daß der Denker sagt: ›Warum konvertieren wir nicht alle?‹ Er versteht nicht, daß der menschliche Wille wesentlich schwerer zu brechen ist, als wir dachten – alle Menschen zu konvertieren, würde Ewigkeiten dauern.« Steven, der Mike noch immer den Rücken zugedreht hatte, nickte, griff dann in einen der kleinen Käfige und holte eine Maus heraus. »Wir werden uns trotzdem weiter bemühen, das Verfahren zu verfeinern«, sagte Diana. »Gewiß«, meinte Steven, hielt die Maus hoch und betrachtete sie prüfend. Als Diana auf ihn zuging, drehte er sich um – und nur seine jahrelange Übung und Erfahrung verhinderten, daß Donovan die Kamera fallen ließ. Die Maus ragte aus dem Mund des Offiziers heraus, und Donovan sah voller Entsetzen, wie Steven den Kopf in einer bizarren, ruckartigen Bewegung hin- und herdrehte, bis die zappelnden Beine und der Schwanz mit einem hörbaren Schlucken in seinem Hals verschwunden waren. Dianas Stimme war unverändert sachlich. »Nun, es ist äußerst wichtig, daß wir die allerwirksamste Methode entwickeln, um sie gegen sie einzusetzen.« Die Frau griff in einen Käfig und holte ein großes Meerschweinchen mit dickem, weichem Fell heraus. Während das in Panik versetzte Tier quiekend in ihrer Hand zappelte, öffnete sie den Mund – weiter und weiter, bis ihr Kiefer völlig verrenkt zu sein schien, und schob sich das vor Angst rasende Tier in den Rachen. Donovan preßte die Lippen aufeinander, und in seiner Magengrube krampfte sich etwas zusammen, als er sah, wie Diana das lebende Tier ganz herunterwürgte. O Gott, was
geschieht da mit uns? Was für entsetzliche Dinge gehen da vor? Die Kehle der stellvertretenden Kommandeuse zeigte eine deutliche Wölbung, die schnell nach unten wanderte. »Ich glaube, unser Denker hätte keinen Besseren für diese Aufgabe finden können als dich, Diana«, sagte Steven. Donovan hatte endgültig genug. Am ganzen Leib zitternd ergriff er seine Kamera, drehte sich um und stolperte den dunklen Gang entlang. Vor seinen geistigen Augen sah er wieder das zappelnde Meerschweinchen – den Schwanz der Maus –, und Übelkeit überkam ihn. Er lehnte sich gegen die Wand und würgte. Nur jetzt nicht übergeben, sagte er sich in panischer Angst. Sie dürfen nicht wissen, daß du hier bist. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte, doch schließlich gelang es ihm, sich durch den dunklen Gang zurückzutasten. Als er an dem direkt neben Dianas Zimmer liegenden Gitterfenster vorbeikam, blieb er stehen und spähte hindurch. Ein Visitor stand vor einer Art Waschtisch und machte irgend etwas mit seinen Augen, was Donovan sehr vertraut vorkam. Dann erinnerte er sich. Kristine trug Kontaktlinsen, und von hinten zumindest schienen die Bewegungen des Visitors denen eines Menschen zu gleichen, der seine Kontaktlinsen einsetzte oder herausnahm. Trotz seiner Eile blieb Donovan zögernd stehen und beobachtete den Mann. Ein Kästchen oder dergleichen stand neben dem Fremden. Auf einer der gewölbten Erhöhungen im Inneren des Kästchens saß eine Halbkugel mit blauem Mittelpunkt. Während Donovan ihn beobachtete, setzte der Visitor eine zweite Halbkugel neben die erste. Mike begann wieder zu filmen. Sie sahen aus wie Augäpfel – als ob die Visitors sich, so wie Kristine ihre Kontaktlinsen, menschliche Augen einsetzten. Der Visitor drehte sich um, und obwohl Donovan
jetzt schon das Schlimmste erwartete, traf ihn der Schock unvorbereitet – die Augen des Mannes waren orangerot mit schwarzen, vertikal geschlitzten Pupillen. Und diese schrecklichen Augen sahen Donovan durch das Gitter hindurch an. Die Kreatur gab ein überraschtes Keuchen von sich, griff dann nach dem Gitter und zog es mit einer Hand auf, während die andere nach dem Kameramann griff. Donovan versuchte auszuweichen, doch die Kreatur bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die ebensowenig menschlich war wie seine Augen. Sie packte Mike, zerrte ihn durch die Öffnung und warf ihn quer durch die winzige Kabine auf den Waschtisch. Donovan suchte nach einem Halt und landete sehr unsanft auf dem Tisch. Mit zischendem Atem kam der Visitor auf ihn zu. Mike rappelte sich hoch und trat wild mit den Beinen um sich. Er traf den Fremden in der Körpermitte und schleuderte ihn zurück. Der Stoß hätte jeden Menschen außer Gefecht gesetzt, doch die Kreatur erholte sich im Bruchteil einer Sekunde und kam wieder auf Mike zu – ihre schrecklichen Augen glänzten in der Dunkelheit wie blutige, runde Tümpel. Es war lange her, seit Donovan das letzte Mal gekämpft hatte, doch seine frühere Ausbildung als Pilot eines Aufklärungsflugzeugs und Nachrichtenfotograf war gründlich gewesen. Als die Kreatur sich wieder auf ihn zu bewegte, gelang es ihm, seine Kamera auf die Koje zu werfen. Und er dankte allen Göttern der Welt, daß er ein Weitwinkel-Objektiv benutzt hatte, um Dianas Zimmer zu filmen. Vielleicht würde sie diese schrecklichen Augen aufnehmen. Der Visitor schlug zu und traf Mike an der Schulter, der sich jedoch geduckt hatte und dem Schlag so die schlimmste Kraft nehmen konnte. Er rammte dem Visitor die linke Faust ins Gesicht, doch der Schlag schien die Kreatur kaum zu beeindrucken. Sie rangen hart miteinander und prallten gegen
die Wände der kleinen Kabine. Es gelang Donovan schließlich, seine Hände um den Hals des Visitors zu legen. Gleichzeitig spürte er jedoch auch die Fäuste der Kreatur unter seinem Kinn. Mike preßte mit aller Kraft das Kinn an die Brust, um den Griff seines Gegners zu lockern, und zugleich verstärkte er den Druck seiner eigenen Hände. Der Visitor öffnete einen Spalt breit den Mund, und Donovan blieb nur eine Sekunde, um festzustellen, daß er zwei Reihen Zähne zu haben schien, als ihm irgend etwas entgegenschlug. Rot und trocken und etwa dreißig Zentimeter lang zuckte es aus dem Mund der Kreatur und versprühte Tropfen einer brennenden Flüssigkeit. Wieder stieß die gabelförmig gespaltene Zunge vor. Mike spürte einen starken Stoß, und das brachte seine Reflexe zurück. Er zog die Knie an und stieß sie mit aller Kraft hart und gezielt vor. Doch das Geschöpf blieb völlig ungerührt. Irgendwie wurde Donovan sich durch diese Tatsache – mehr als durch alles andere, was er bisher erlebt hatte – der Andersartigkeit der Kreatur voll bewußt. In aufwallendem Entsetzen griff er nach den Augen des Visitors, in der Hoffnung, ihn blenden zu können. Sein eigener Blick begann sich zu trüben, als die Finger seines Angreifers sich tiefer und tiefer in seinen Hals gruben. Seine Finger krallten sich in das Gesicht der Kreatur, und wie betäubt blickte Mike auf die Hautfetzen in seiner Hand, die er heruntergezerrt hatte und die nichts als einen großen grünschwarzen Fleck hinterließen. Während ihr Gesicht mehr und mehr aufgerissen wurde, lockerte sich der Griff der Kreatur. Sie wandte sich ab, als wolle sie ihr aufgeschlitztes Gesicht verbergen. Donovan verstärkte seine Anstrengungen, griff mit aller Kraft in die
zerfetzte Fratze und zerrte mit beiden Händen die übriggebliebene Haut herunter. Der Rest des Gesichts bestand aus klebrigen, elastischen Plastikstreifen, die Mike an die Mozzarella auf einer Pizza erinnerten. Er blickte in die Fratze eines Reptils – das falsche Haar fiel zur Seite und legte einen von einem Kamm gekrönten Kopf frei. Das Ding gab unverständliche, zischende Laute von sich; seine Zunge zuckte vor und zurück, und sogar jetzt, während des Kampfes, wurde Mike klar, daß das Wesen in seiner eigenen Sprache redete. Kein Wunder, daß diese Mistkerle Englisch sprechen! Wenn sie eine Maske tragen, können sie nicht in ihrer eigenen Sprache reden! Es gelang ihm, zwei wuchtige Hiebe auf dem Kopf des Visitors zu landen, die diesen zum Schwanken brachten. Donovan griff nach der Kamera, die er hinter sich auf die Koje geworfen hatte, und er hoffte, daß sie so belastbar war, wie Tony versprochen hatte. Dann holte er aus und hieb der Kreatur mit aller Gewalt die Kamera auf den Kopf und ins Gesicht. Das Geschöpf wankte und fiel. Mike nahm sich nicht die Zeit, sich umzudrehen. Er umklammerte seine Kamera und hatte sich im Nu durch das Gitter gezwängt. Während er zum Landedeck zurückeilte, spürte er, wie ihm von einem Riß über dem Auge her das Blut übers Gesicht lief. Viel schmerzhafter war jedoch die Stelle, an der das Zungengift des Visitors – was immer es auch gewesen war – ihn getroffen hatte. Es brannte wie Feuer, doch glücklicherweise schien es nur sein Haar, nicht aber seine Augen berührt zu haben. Als er durch das Gitter auf das Landedeck zurückkletterte, sah er, wie eine Fähre zum sofortigen Abflug klargemacht wurde. Ein paar Techniker der Visitors standen neben der
Ladeluke. Von irgendwoher über ihm ertönte ein pulsierendes, widerhallendes Geräusch. »Notfall«, sagte die Stimme. »Notfall auf Ebene 73. Notfall. Feind-Alarm auf Ebene 73.« Die Türen der Ladeluke begannen, sich nach oben zu schließen, als zwei der Visitors davoneilten. Mist! dachte Donovan, als er sah, wie sich die Tore zur Freiheit langsam schlossen. »Ich bin diese ewigen Übungen leid«, wandte sich einer der Piloten an seinen Nachbarn. »Laß uns gehen, ehe wir hier sitzenbleiben und auf die nächste warten müssen.« Sein Gefährte nickte, und sie kletterten in die Pilotenkanzel. In diesem Augenblick befand sich niemand mehr auf dem Landedeck. Nicht fähig, sein Glück zu begreifen, blieb Mike eine kostbare Sekunde lang hocken. Dann warf er sich vorwärts und rannte auf die Ladeluke zu. Etwa 75 Zentimeter – nicht mehr – trennten die beiden sich weiter aufeinander zubewegenden Metallsegmente voneinander. Donovan sprang und landete mit einem wagemutigen Hechtsprung vor der Fähre. Eine der Türen prallte mit betäubender Gewalt gegen Donovans Schienbein, dann war er drinnen. Er umklammerte das Bein und versuchte, ein schmerzhaftes Stöhnen zu unterdrücken. Er spürte das vertraute Anrucken der Fähre und kletterte hinter die Lagertanks. Er rieb sich das schmerzende Bein, kauerte sich in der Dunkelheit hin und versuchte, durch tiefes Einatmen zur Ruhe zu kommen. Der erhöhte Adrenalinspiegel ließ seinen ganzen Körper erzittern. Mach dir doch nichts vor, Mike, sagte er sich dann sarkastisch. Das hat nichts mit deinem Adrenalinspiegel zu tun. Da hast ganz einfach gottverdammte Angst, gib es doch zu.
»Gut, ich habe Angst«, murmelte er und legte seinen Kopf auf die kühle auf seinen angezogenen Knien liegende Kamera. Was zum Teufel wird hier gespielt? Auf was haben wir uns da eingelassen? Bei der Landung neigte sich die Raumfähre leicht zur Seite. Sein verletztes Knie vorsichtig nachziehend, kletterte Mike zur Tür. Er sah, wie sich die beiden Visitors von der Fähre entfernten, und er sprang hinaus, als die Luft rein zu sein schien. Kaum hatte er die andere Seite des Landeplatzes erreicht, als er einen dunklen Schatten hochspringen sah. Donovan spannte seine Muskeln an, bereit, wieder mit der Kamera zuzuschlagen. »Mike!« rief Tony entsetzt. »Was zum Teufel ist mit dir geschehen, Mann?« Hastig nahm er Donovan die Kamera ab. »Du siehst ja fürchterlich aus!« »Ich fühle mich auch so«, gab Donovan zu, der vor lauter Erleichterung hin- und herschwankte. »Ich bin froh, dich zu sehen, mein Freund. Laß uns zum Sender rüber gehen. Ich will sehen, was ich auf dem Film habe.« »Was…?« Mike schüttelte den Kopf. »Wenn ich es dir erzählen würde, hieltest du mich für verrückt. Oder für betrunken. Ich kann es ja selbst kaum glauben. Warten wir den Film ab.« Als sie in Tonys Wagen gestiegen waren, sah Donovan auf die erleuchtete Digitaluhr auf dem Armaturenbrett. Dann verglich er sie mit einem unterdrückten Ausruf des Erstaunens mit seiner Armbanduhr und wischte sich fluchend das Blut vom Auge. »Geht dieses Ding richtig? Das ist unmöglich!« Leonetti startete den Wagen. »Warum?« »Willst du damit sagen, daß ich nur fünfundzwanzig Minuten weg war?«
Tony warf einen prüfenden Blick auf die Uhr, ehe er losfuhr. »Ja. Kam es dir länger vor?« Donovan lehnte sich in die Polster zurück und stieß einen langen Seufzer aus. »Allerdings. Wie eine Ewigkeit.« Erstaunlicherweise fiel er während der kurzen Fahrt zum Sender von nur zwanzig Minuten in einen leichten Dämmerschlaf. Als Tony den Wagen auf dem Parkplatz zum Stehen brachte, fuhr er mit einem Satz hoch. »Was ist…« »Beruhige dich. Mike. Wir sind da.« Als Donovan aus dem Wagen kletterte, stöhnte er leise auf. Er spürte seine steifen, gequetschten Muskeln und einen dumpfen Schmerz im Rücken an der Stelle, wo er auf dem Waschtisch aufgeschlagen war. Andererseits waren ihm die Schmerzen beinahe willkommen als Beweis dafür, daß er das Ganze nicht nur geträumt hatte. Durch den Hintereingang gingen sie direkt zum Büro des Direktors der Rundfunkstation. Es war nach neun Uhr, und er hatte das Büro schon verlassen, doch der Leiter des Abendprogramms war da und bereitete die Elf-UhrNachrichten vor. Tony ging zu dem schwergewichtigen, glatzköpfigen Mann hinüber, den Mike bereits von ein paar anderen Gelegenheiten her kannte. Er setzte sich vorsichtig auf die Kante eines Schreibtisches und versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern. Martini? Gibson? Der Name irgendeines Getränkes, dachte er benommen. Der Schmerz in seinem Nacken war mörderisch. Leonetti kam mit dem glatzköpfigen Mann zu ihm zurück. »Mike, das ist Paul Madeira. Wenn dein Film es wert ist, will er eine Sondersendung bringen. Bist du bereit, ein LiveInterview als Kommentar dazu zu geben?« Donovan hatte zwar jahrelang hinter der Kamera gestanden, doch er war noch nie selbst Mittelpunkt einer Sendung gewesen, abgesehen von der Pressekonferenz, die nach seinem
ersten Besuch auf dem Mutterschiff gegeben worden war. Nach kurzem Zögern antwortete er jedoch: »Okay, solange sie nicht mit Barbara Walters spitzer Zunge auf mich losgehen.« Sie gingen in einen der hinteren Aufnahmeräume, während Tony den Film vorbereitete. Mit jagendem Puls saß Donovan in dem abgedunkelten Raum, während der Film abzulaufen begann. Da war zuerst das Landedeck. »Was bedeutet das, ›Ausfluß‹?« wollte Madeira wissen. »Sie transportieren die Chemikalien offenbar nur hoch, um die Gase dann in die Atmosphäre abzulassen«, erwiderte Donovan. »Die ganze Geschichte von den Chemikalien ist vielleicht nur ein Vorwand.« »Aber warum sollten sie das tun? Warum sollten sie ein so sorgfältig ausgearbeitetes Täuschungsmanöver inszenieren?« Mike hob die Schultern und zuckte zusammen, als sein schmerzender Rücken protestierte. »Ich weiß es nicht. Ich bezweifle jedoch, daß sie all diese Mühen sozialer Probleme wegen auf sich nehmen.« Als nächstes kam der dunkle Gang. »Schneiden Sie das heraus«, schlug Donovan vor. »Man sieht nicht viel, und dort ist auch nichts passiert.« Als entfernte Stimmen zu hören waren, hielt Donovan in höchster Spannung den Atem an. Auf dem Monitor erschienen Steven und Diana. Als Diana mit der Maus ins Bild kam, mußte er hörbar schlucken, weil ihm jetzt zum ersten Mal klar wurde, was mit diesen armen Kreaturen geschah. »Jetzt haltet die Luft an!« flüsterte er Leonetti und Madeira zu. »Die nächste Szene ist der reinste Horror. Ich hoffe, Ihr habt starke Nerven.« »Was…?« Die Worte blieben Madeira im Hals stecken, als er sah, wie Steven die Maus herunterschlang. »Großer Gott!« stieß Tony hervor.
Donovan schluckte. »Das Beste kommt erst noch, meine Damen und Herren.« Auf dem Monitor hob Diana das Meerschweinchen in die Höhe, riß den Mund auf… Dann – fast ohne sich selbst darüber bewußt geworden zu sein, sich bewegt zu haben – fand Donovan sich über den Abfalleimer gebeugt wieder und übergab sich. Tony hielt fluchend den Projektor an und knipste das Licht an. »Mike…« Donovan winkte ab, mußte sich noch einmal übergeben. »Nein, nein – ich bin schon okay.« Keuchend richtete er sich auf und spülte den Mund mit einem Glas Wasser aus, das Madeira ihm reichte. »Danke. Ich fühle mich völlig ausgepumpt – aber besser hier als dort, wo sie mich hätten hören können.« »Verstehe ich«, meinte Tony. »Ich hätte mich beinahe schon beim bloßen Anblick der Bilder übergeben müssen. Was hat das nur zu bedeuten?« Donovan sah ihn an. »Du wirst es noch verstehen – ich hoffe es jedenfalls.« »Laß ihn weiterlaufen, Tony«, sagte Madeira. Donovan hätte seine Betacam am liebsten geküßt, als er auf den Bildschirm sah. Die robuste, kleine Kamera war auf der Koje gelandet und war auf der Seite liegend weitergelaufen. Doch wenn sie den Kopf verdrehten, konnten sie den größten Teil des Kampfes sehen. Als sie sahen, wie die menschliche Maske vom Gesicht des Außerirdischen gerissen wurde, hielten Madeira und Tony keuchend den Atem an. Als das Licht wieder angestellt war, starrten sich die drei fassungslos an. »Sehen aus wie Reptilien«, sagte Madeira. »Man könnte diesen Streifen für einen SF-Film halten. Das war wirklich hart, Donovan. Sie können froh sein, daß Sie nicht schwerer verletzt sind.« »Allerdings«, pflichtete Tony ihm bei.
»Also, sehen wir zu, daß wir die Sondersendung schnellstens in den Äther kriegen«, sagte Donovan. Er setzte sich zu dem Sendeleiter für die Elf-Uhr-Nachrichten und lauschte den durch das Studio hallenden Rufen. »Licht! Gebt mir Licht, verdammt noch mal. Jetzt!« »Film und Ton ab!« Eine Technikerin kam zu ihnen und reichte ihnen kleine Mikrofone. Sie wollte Donovans mißhandeltes, zerschlagenes Gesicht mit einer antiseptischen Seife betupfen, doch dieser winkte ab, weil er sah, daß der Sendeleiter das Zeichen zum Anfangen gab. Zuerst kam die Durchsage: »Wir unterbrechen unser Programm für einen Sonderbericht, der live aus dem Studio in Los Angeles kommt.« Madeiras Stimme drang an Donovans Ohr. »Drei, zwei, eins, null – Stichwort, Charles.« Der Mike gegenüber sitzende Sprecher blickte auf. »An Bord des Mutterschiffes hat sich gerade etwas sehr Erstaunliches zugetragen. Studiogast ist heute abend…« »Heh! Was ist los, verdammt noch mal?« unterbrach ihn Madeiras Stimme. »Chuck, wir haben die Frequenz verloren – « Seine Assistentin, eine junge Farbige mit langem, schwarzem Haar, blickte verwirrt auf. »Wir haben die Frequenz verloren. Wir senden nicht mehr.« »Was?!« Madeiras Stimme klang erschöpft. »Das ganze verdammte Sendernetz ist durcheinander.« »Und jetzt ist auch die Verbindung mit New York unterbrochen«, erklärte die junge Frau in resigniertem Tonfall. Der Monitor über Mikes Kopf flimmerte. »Da ist etwas!« schrie Madeira. Auf dem Bildschirm erschien das Symbol der Visitors.
9. Kapitel
»Verdammt!« brummte Donovan, als er zu den Monitoren an den Studiowänden hochblickte. Die Bildschirme flimmerten, dann war Kristine Walshs vertrautes Gesicht zu sehen. »Hier spricht Kristine Walsh. John, der Oberste Kommandant der Visitors, möchte eine Erklärung abgeben.« Aufseufzend lehnte sich Mike gegen den Schreibtisch. Wir sind zu spät gekommen…zu spät. Er blickte nicht auf den Monitor, als John zu sprechen begann: »Meine lieben Freunde auf der ganzen Welt. Zunächst möchte ich den Regierungen all der Länder danken, die uns großzügigerweise und im Interesse des Friedens ihre Sendekapazitäten übertragen haben, um uns bei der Bewältigung dieser Krise zu helfen.« Ungläubiges Gemurmel und leise Ausrufe wachsender Wut wurden auf diese Lüge hin im Senderaum laut. »Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß die Verschwörung der Wissenschaftler einen sorgfältig vorbereiteten und äußerst gewalttätigen Versuch unternommen hat, an vielen Schlüsselstellen in der ganzen Welt unsere Anlagen unter ihre Kontrolle zu bekommen.« Auf dem Monitor erschienen die Bilder verschiedener in Flammen stehender Raffinerien. »Diese Bilder kommen aus Rio de Janeiro, Tokio und Kairo, wo unsere Werke erbitterten Angriffen ausgesetzt waren – auf mindestens zwei Dutzend andere wurden ähnliche Anschläge verübt, die jedoch zum Teil oder ganz abgewehrt werden konnten.« Jetzt waren vor dem Hintergrund brennender Tanks mit Chemikalien dahinjagende Ambulanzen und Bahren tragende
Sanitäter zu sehen. Unter den Opfern befanden sich, nach ihrer Kleidung zu schließen, Menschen ebenso wie Visitors. Johns Stimme kommentierte die Szene: »Sowohl für Ihr Volk als auch für uns gab es ungeheure Verluste. Die Zahl der Verwundeten geht in die Tausende – und wir befürchten, daß es noch weitere Anschläge geben wird.« Wieder erschien Johns Bild auf dem Monitor. »Die Überfälle sind so weit verbreitet und so gefährlich, daß die meisten zivilen Mitglieder Ihrer Regierungen uns um Schutz gebeten haben. Diesem Wunsch sind wir natürlich gern nachgekommen, und sie befinden sich jetzt an Bord unserer Schiffe in Sicherheit.« »Ich wette, du lügst, du Mistkerl!« fauchte die Assistentin. Donovan warf einen forschenden Blick zu Madeira hinüber, der offenbar völlig unter Schock stand. John seufzte; ein Ausdruck des Bedauerns lag auf seinem Gesicht. »Leider muß ich Ihnen auch mitteilen, daß ein Mann – ein Mann, dem wir besonders großes Vertrauen entgegenbracht haben – sich als größter Verräter am Frieden der Welt erwiesen hat.« Ein Foto erschien auf den Bildschirmen, und als Mike müde und resigniert hochsah, erkannte er sein eigenes Gesicht. »Michael Donovan aus den USA ist einer der Anführer der Verschwörung und verantwortlich für die gewalttätigen Übergriffe des heutigen Tages.« »Das war nicht gerade ein sehr schmeichelhaftes Foto, Mike«, sagte Tony, der sich neben Mike auf den Boden gehockt hatte, in angewidertem Ton. »Komm, du solltest hier lieber verschwinden. Hier werden sie zuallererst nach dir suchen.« Donovan folgte seinem Partner in ein anderes Studio. »Hattest du die Möglichkeit, eine Kopie von meinem Film zu machen?«
»Das wollte ich gerade tun. Mann, wir sind ganz schön in Schwierigkeiten.« »Wem sagst du das?« entgegnete Donovan grimmig, der gerade den Schluß von Johns Erklärung hörte. »Für Hinweise, die zu Donovans Ergreifung führen, ist von der UNO und der Regierung der USA eine ansehnliche Belohnung ausgesetzt worden.« »Falls Sie diesen Mann sehen, versuchen Sie nicht, ihn festzuhalten oder mit ihm zu sprechen. Ich wiederhole: Versuchen Sie es nicht. Er ist äußerst gefährlich und dürfte bewaffnet sein.« »Was!« rief Donovan. Er hätte nicht erwartet, daß sie so weit gehen würden. Das Ganze kam ihm wie ein Spuk aus dem Mittelalter vor. Ein Schrei gellte durch das Nachrichtenstudio, dann schien der ganze Platz von dem Dröhnen schwerer Stiefel und einem pulsierenden, seltsamen Hämmern widerzuhallen. »Sie sind da, Mike!« rief Tony. Die verschlossene Tür brach aus den Angeln, und Donovan sah eine Reihe von Visitors mit seltsamen Schutzhelmen und schweren Waffen hereinstürmen. Schnell riß er die Tür an der gegenüberliegenden Seite des Raumes auf, und Tony warf ihm seinen Film zu. »Hier!« rief Tony und schleuderte den Visitors ein paar Video-Teile in den Weg, womit er sich zugleich selbst den Fluchtweg abschnitt. Doch Donovan hatte keine Wahl – entweder er rannte davon, oder er wurde auf der Stelle niedergeschossen. Er hechtete durch die Tür, rannte über den Flur und stieß mit der Schulter die Tür zum Feuer-Notausgang auf. Dann stürzte er, begleitet vom Schrillen der Sirene, in die Nacht hinaus. Er stürmte blindlings drauflos und prallte mit dem Bauch gegen das Treppengeländer. Nicht in der Lage, rechtzeitig zum Stehen zu kommen, fiel er darüber hinweg und landete auf
dem Parkplatz. Obwohl er nicht sehr tief stürzte – höchstens einen bis eineinhalb Meter –, prallte er schwer auf und schnappte nach Luft. Doch gerade dieser Sturz rettete ihm das Leben, denn kaum war er auf der Erde aufgeschlagen, als ein greller Feuerstrahl über das Geländer zuckte. Donovan rappelte sich hoch, stopfte den kostbaren Film in die Jackentasche und eilte in der Richtung über die Straße, in der er den Parkplatz vermutete. Als er um eine Ecke bog, stieß er mit voller Wucht gegen einen patrouillierenden Polizisten. Der Mann wirbelte herum und griff, als er Donovans Gesicht sah, nach seinem Revolver. Donovan erkannte die Gefahr und trat mit voller Kraft gegen den Arm des Mannes, woraufhin die Waffe scheppernd zu Boden fiel und davonrutschte. Die Erkenntnis, daß seine eigenen Leute den Anschuldigungen der Visitors Glauben schenkten und ihn wie einen Verbrecher behandelten, versetzte Donovan in Panik. Er rannte weiter durch die Straße und stellte voller Entsetzen fest, daß er offenbar jegliches Gefühl für die Richtung verloren hatte, denn statt des Parkplatzes fand er sich plötzlich vor einer hohen Mauer wieder. Hinter sich hörte er das dröhnende Gepolter unzähliger Stiefel, dann wieder das seltsame, jagende Hämmern, als die Visitors ihre fremdartigen Waffen abfeuerten. Als Donovan erkannte, daß er keine andere Wahl hatte, raste er auf die Mauer zu und sprang, als er schon wie ein Insekt an den Ziegeln zerquetscht zu werden drohte, mit über den Kopf erhobenen Armen hoch. Seine Finger krallten sich um den Rand der Mauer, während die Füße wild, nach irgendeinem Halt suchend, gegen die Mauer schlugen. Ein Feuerstoß versengte die Mauer dicht neben ihm, und Donovan fühlte eine plötzliche Hitze. Als hätte der Schuß auf ihn die Wirkung wie ein Peitschenhieb auf ein störrisches
Pferd, zog Mike sich hoch und schwang die Beine über die Mauer. Als ein weiterer Feuerstoß ihm fast das Haar verbrannte, sprang er in die Dunkelheit unter sich.
Als John, der Oberste Kommandeur der Visitors, die Überfälle auf die chemischen Fabriken beschrieb, richtete Daniel Bernstein sich erregt in seinem Stuhl auf. »Ich würde gern wissen, ob sie Richland eingenommen haben«, murmelte Stanley Bernstein. Sein Vater Abraham saß sehr still auf der anderen Seite des Zimmers, nur seine Augen bewegten sich. »Oh, Gott, Stanley!« wimmerte Lynn. »Sieh doch nur all die verletzten Menschen! Was geht da nur vor?« »Nichts, Liebling, nichts.« Beruhigend berührte Bernstein sie an der Schulter. »Sei still, Vater!« unterbrach ihn Daniel. »Das ist wichtig.« John hatte gerade seinen Bericht über die Jagd auf den Fotografen Michael Donovan abgeschlossen. Nach allem, was diese Burschen für uns getan haben, versucht dieser Hurensohn, sie anzugreifen! dachte Daniel. Er soll mir lieber nicht über den Weg laufen… John lächelte gewinnend, und Daniel erwiderte dieses Lächeln. John würde das schon machen. »Ihre nationalen Regierungen haben vorgeschlagen, daß die Einführung des Kriegsrechts jetzt sehr hilfreich sein könnte, und wir stimmen dem zu. Die einzelnen Polizeistationen werden mit unseren Patrouillen zusammenarbeiten –, und wir werden auch alle Gruppen der Sternenfreunde um Hilfe bitten…« »Sehr gut.« Daniel richtete sich auf und strich glättend über seine Uniform.
»Wir hoffen, daß diese Krise bald vorübergehen wird. In der Zwischenzeit, meine Freunde, werden ich und meine Gefährten unser Bestes tun, um Ihnen zu helfen, die Krise zu überstehen und die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. In Kürze geben wir Ihnen genaue Verhaltensmaß regeln bekannt.« Der Bildschirm wurde schwarz, und Daniel stand mit stolz erhobenem Kopf auf. »Ich muß gehen. Ihr habt gehört, was der Oberste Kommandeur gesagt hat.« Im Hinausgehen hörte er seine Mutter jammern: »Oh, mein Gott, Stanley…« Dann die beruhigende Stimme seines Vaters. »Es wird vorübergehen – Ihr habt gehört, was John gesagt hat. Nicht wahr, Vater?« Aber Abraham blieb stumm.
10. Kapitel
Mike Donovan lag bäuchlings auf einem windigen Hügel und blickte durch das Teleobjektiv seiner 35-mm-Reflexkamera auf den unter ihm liegenden Davis-Luftwaffenstützpunkt – den Strategischen Luftwaffenkommandostab von Südkalifornien. Er machte mehrere Aufnahmen von den Wachtposten der Visitors, die vor den Eingängen und an der Einzäunung des Stützpunktes patrouillierten. Als er in der Ferne eine schnell größer werdende Staubwolke bemerkte, stellte er seine Kamera darauf ein und erkannte eine lange, schwarze Limousine. Als der Wagen näher kam, sah er darin mehrere hohe Militäroffiziere. Am Steuer saß, wie er aus den Streifen auf der Uniform ablesen konnte, ein Hauptmann. Er richtete die Kamera wieder auf den Stützpunkt, wo er etwas äußerst Interessantes sah. Die Stoßtrupps der Visitors liefen eilig in das Gebäude. Und plötzlich erschienen mehrere Militärpolizisten und nahmen am Eingangstor Stellung. Die Männer in dem Wagen waren noch zu weit vom Tor entfernt, um erkennen zu können, was dort vor sich ging. Der Lincoln fuhr vor dem Tor vor, und der Oberstleutnant stieg aus, während er sich noch mit jemandem in Wagen unterhielt. Mike sah sich den noch im Wagen sitzenden älteren Mann genauer an und stellte fest, daß es ein General war. In ohnmächtiger Wut verfolgte er die Szene. Machtlos mußten die Wachtposten zusehen, als die Stoßtrupps der Visitors mit schußbereiten, schweren Waffen aus dem Gebäude herauskamen. Sie befahlen den Männern im Wagen, auszusteigen, und als der Oberstleutnant nach seinem Revolver griff, wurde er einfach niedergeschossen. Man führte sowohl
den General als auch den Oberst und den Hauptmann ab, während die Militärpolizisten unter der Beaufsichtigung eines Visitors die Leiche des Oberstleutnants hochhoben und wegtrugen. Während Donovan den ganzen Vorfall filmte, fragte er sich wie schon so oft in den letzten beiden Wochen, ob wohl jemals irgend jemand seine Aufnahmen von der Besetzung durch die Visitors zu Gesicht bekommen würde. Er legte einen neuen Film ein und verstaute den mit den Bildern von dem Mord in seiner Jacke. Seine Taschen wölbten sich inzwischen mit Filmen und Tonbändern, die er bald entwickeln und von denen er Kopien machen lassen mußte. Doch er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Er tastete über seinen eine Woche alten Bart – nein, er reichte noch nicht aus, um sein Gesicht zu verdecken. Er wünschte, sein Bart würde schneller wachsen, und ärgerte sich, daß er sich in den ersten Wochen unter so viel Mühen rasiert hatte. Es war alles nicht einfach gewesen – das Schlafen in Herbergen und Nachtkinos. Er rollte sich auf den Rücken und genoß die wohltuende Wärme der Sonne auf seinem hager gewordenen Gesicht. An dem Abend, als er heimlich das Mutterschiff aufgesucht hatte, hatte er nur fünfzehn Dollar bei sich gehabt, und die waren schnell ausgegeben gewesen. In den letzten beiden Tagen hatte er in Missionen und Armenküchen gegessen – wenn er überhaupt Mahlzeiten zu sich genommen hatte. Manchmal konnte er vor Hunger keinen klaren Gedanken mehr fassen. Vor vier Tagen hatte er von einer Frau, die in einem in Eleanors Nähe liegenden Haus wohnte, zehn Dollar bekommen, als er an ihrer Tür geklopft und nach Arbeit gefragt hatte. Er verzog angewidert das Gesicht. Die einzige Arbeit, die sie für ihn gehabt hatte, war das Reinigen eines Stalles gewesen. Er hatte den Job angenommen – doch wenn er
seine Kleider nicht bald gewaschen bekam, mochte er ernste Probleme bekommen. Es gab zwar überall MünzWaschautomaten, doch wenn er keine Kleidung zum Wechseln hatte… Er malte sich aus, wie er – nackt auf einer Holzbank sitzend – seine in der Waschmaschine schleudernde Wäsche beobachtete, und er mußte lachen. Doch das Lachen klang verzweifelt und hoffnungslos. Er hätte gern gewußt, ob es Tony Leonetti gelungen war zu fliehen. Seit damals hatte er keinen Menschen mehr getroffen, den er kannte. Er mußte unbedingt versuchen, einige Verbindungen aufzunehmen, denn er wußte, daß er so nicht mehr lange weitermachen konnte. Plötzlich spürte er, wie ihn etwas in sein Bein zwickte. Er war schon einmal von Flöhen gebissen worden damals, als er in Laos gefangengenommen und für kurze Zeit ins Landesinnere geschickt worden war. Doch damals hatte ihm das nicht viel ausgemacht – im Vergleich zu Ruhr, Läusen und Folter verlor ein Floh an Bedeutung. Jetzt jedoch machten ihn die kleinen Kerle schier verrückt. Ich muß unbedingt versuchen, Tony anzurufen, beschloß er dann. Er hatte in letzter Zeit keinerlei Nachrichten mehr gehört, außer den von Kristine abgegebenen Erklärungen – er glaubte zwar ohnehin nicht, daß im Augenblick irgendein Sender völlig unbeeinflußt seine eigenen Nachrichten ausstrahlen konnte –, und die Lage war mehr als ernst und wurde von Tag zu Tag schlimmer. An fast jeder Straßenecke waren Visitor-Patrouillen stationiert. Wieder andere waren damit beschäftigt, zusammen mit Sternenfreunden überall Plakate anzubringen, die Visitors im friedlichen Gespräch mit alten Leuten oder kleine Kinder auf den Schultern tragend zeigten. Die Preise waren in astronomische Höhe geklettert, und das Ausgangsverbot war noch immer in Kraft. In der Herberge hatte Donovan gehört, daß die Polizei nur auf
schriftliche Anweisungen des Bürgermeisters hin handelte – doch tatsächlich war der Mann seit mehr als einer Woche nicht mehr gesehen worden. Resigniert fragte sich Donovan, mit welcher Hand der Bürgermeister wohl jene Anweisung geschrieben hatte, die den Polizeikräften befahl, in jeder Beziehung mit den Truppen der Visitors zusammenzuarbeiten. Erschöpft rappelte er sich hoch und verstaute seine Kamera in einer Plastiktüte. Die Kamera stellte seinen einzigen Aktivposten dar. Eines Abends hatte er sich heimlich in Eleanors Haus geschlichen, während sie und Arthur sich im Wohnzimmer mit Steven unterhielten. Er hatte die Kamera an jenem Abend, als die Visitors in den Richland-Werken mit der Produktion ihrer »Lebenserhaltungs«-Chemikalien begonnen hatten, dort gelassen. Sie und ein paar Filme – inzwischen alle belichtet – waren alles gewesen, was er in der Eile hatte mitnehmen können. Arthur, der ein Geräusch im Haus gehört hatte, war in dem Augenblick in das unbenutzte Schlafzimmer gekommen, als Mike gerade zum Fenster hinausklettern wollte. Eleanors Mann war in der Tür stehengeblieben, und sie hatten sich endlose Sekunden lang schweigend in die Augen gesehen. Dann hatte Donovan, der die ganze Zeit über auf den Schrei gewartet hatte, der Steven und die anderen Visitors herbeirufen würde, sich gezwungen, seine Flucht fortzusetzen. Doch Arthur hatte keinen Alarm ausgelöst. Tief aufseufzend machte sich Donovan auf den langen Weg zur Hauptstraße zurück. Wenn er Glück hatte – und er konnte schon von Glück sagen, überhaupt noch am Leben zu sein – so mochte sich ihm am späten Nachmittag eine Möglichkeit bieten, per Anhalter nach Los Angeles zu gelangen. Dort wollte er versuchen, sich ein paar Dollars zu erbetteln, und am Abend würde er es vielleicht riskieren können, Tony anzurufen.
Während er seinen Weg fortsetzte, überlegte er, wo er in der nächsten Nacht untertauchen könnte – Gedanken, die ihm, seit er auf der Flucht war, nie mehr aus dem Kopf gingen.
Mit zusammengepreßten Lippen faltete Juliet eine Bluse zusammen und warf sie in den Koffer, der offen auf dem Bett stand. Denny saß an der anderen Seite des Zimmers und fragte, ihren Blick meidend: »Willst du bei deinen Leuten in Manhattan bleiben?« Sie schluckte, bemühte sich, ihre Stimme unter Kontrolle zu behalten. »Nein. Zu ihnen kann ich nicht durchkommen. Für längere Fahrten braucht man jetzt eine Sondergenehmigung, und kein Mediziner hat auch nur die entfernteste Chance, eine zu bekommen. Am besten, man fragt gar nicht erst danach.« Sie ergriff ihre Haarbürste und warf sie achtlos in den Koffer. »Übrigens… es ist vielleicht besser, wenn du nicht weißt, wohin ich fahre. Den Rest meiner Sachen werde ich… irgendwann später holen.« Sie holte tief Luft und zwang sich, ohne daß Denny ihre Anstrengung bemerkte, langsam durch den Mund auszuatmen. Denny ergriff mit einer hilflosen Gebärde eine Tüte mit Hershey-Schokolade – Juliets Vorliebe für Schokolade war eines der ersten Dinge, die ihm nach seinem Einzug bei ihr aufgefallen waren – und reichte sie ihr. »Hier. Nimm sie mit. Ich esse sie doch nicht, und es heißt, daß man zur Zeit praktisch keine mehr kaufen kann.« Blind vor Tränen und bemüht, seine Hand nicht zu berühren, nahm sie die Plastiktüte in Empfang. »Ich glaube ja immer noch, daß du übertrieben reagierst«, meinte er und mied nach wie vor ihren Blick.
Juliet schüttelte den Kopf und faltete einen Rock zusammen. »Nein, ich möchte nicht, daß du meinetwegen noch mehr Opfer bringen mußt.« »Aber Julie, wir wissen doch gar nicht, ob das wirklich der Grund für die Absage war.« Sie hielt in der Bewegung inne und versuchte, das in ihr aufsteigende Schluchzen zu unterdrücken, als sie in sein dunkles, sympathisches Gesicht sah. »Nein, und gerade das ist ja das Gemeine. Sie sind immer so verdammt höflich.« Ohne hinzusehen, warf sie den Rock in den Koffer. »Aber wir wissen es, nicht wahr? Wir wissen es…« Er widersprach nicht, und Juliet, die in unsinniger Hoffnung darauf gewartet hatte, schüttelte einen Augenblick später den Kopf und trat an den Schrank heran, um ihre Jacke herauszuholen. Sie versuchte, das Thema zu wechseln, und sie berichtete ihm von einer Neuigkeit, die sie am Vormittag erfahren hatte. »Wieder ein Biochemiker – Phyllis, du erinnerst dich? Nun, sie ist heute nicht zur Arbeit erschienen, und niemand hat etwas von ihr gehört. Ebenso wie Ruth und all die anderen. Bis zur Lösung der augenblicklichen Krise sind alle medizinischen Vorlesungen ausgesetzt worden. Wenn ich fort will, darf ich nicht länger zögern.« »Vielleicht ist Phyllis verreist«, sagte Denny und hielt den Kopf gesenkt. Juliet beobachtete ihn. Das Verlangen, noch einmal sein weiches Haar zu berühren, wurde fast übermächtig. Kurioserweise hatte sie das Gefühl, ihn in seiner sich selbst auferlegten Gutgläubigkeit beschützen zu müssen. »Denny, ist dir je der Gedanke gekommen, daß man Phyllis und Ruth gewaltsam fortgebracht haben könnte?« Denny fühlte sich ganz offensichtlich unbehaglich, doch eigensinnig beharrte er: »Das sind doch nur Gerüchte, Julie.«
Sie ließ den Koffer zuschnappen. »Wirklich? Dann kann ich ja bleiben, oder?« Nach einer Weile zermürbenden Schweigens sagte er so leise, daß sie ihn kaum verstehen konnte: »Ich meine… du solltest tun… was dich glücklich macht…« Seine Stimme verklang. »Nein, Den«, widersprach sie und hob den Koffer auf. »Manchmal darf man das, was einen glücklich machen würde, nicht tun. Manchmal…« Sie biß sich auf die Lippen. »Manchmal muß man sich für Dinge entscheiden, die einen unglücklich machen.« Sie drehte sich um. »Wir sehen uns wieder, Denny«, flüsterte sie und ging. Voller Stolz polierte Daniel Bernstein seine Visitor-Waffe und trank, während er das Ergebnis seiner Bemühungen begutachtete, einen Schluck Burgunder. Die Flasche hatte er neben sich auf den Teppich gestellt. Als sein Vater den Fernsehapparat einschaltete und Kristine Walshs Stimme den Raum erfüllte, blickte er interessiert auf. »…heute gab es sogar noch weniger Fälle von Gewaltanwendung. Es ist ganz offensichtlich so, daß die Bevölkerung überall auf der Welt sofort die Behörden informiert, wenn sie irgendwo eine Verbindung zu den Verschwörern vermutet. Durch diese rechtzeitigen Warnungen werden unzählige Leben gerettet, und der Oberste Kommandeur drängt darauf…« »Zum Teufel mit ihr!« Wütend stellte Stanley den Fernsehapparat aus. »Ich kann ihr Gesicht nicht mehr sehen, und ich bin es leid, immer nur diese einseitigen Berichte zu hören!« Daniel verstand die Aufregung seines Vaters nicht. Vorsichtig steckte er die Pistole ins Halfter und goß sich noch ein Glas Wein ein. »Die Wahrheit bleibt die Wahrheit, oder?«
»Warum kann sie dann nicht einmal jemand anders sagen?« Sprachlos starrte Stanley auf die halbgeleerte Weinflasche. »Glaubst du nicht, daß du langsam genug hast, Daniel?« Daniel blickte auf die Flasche, so als erwarte er, sie würde für ihn antworten. »Nein«, erwiderte er schließlich. »Aber ich glaube es.« Hastig griff Stanley nach Flasche und Glas und nahm sie Daniel fort, der ihn daraufhin dümmlich anstarrte. »Es gibt ja immerhin noch Zeitungen, Stanley«, versuchte Lynn ihren Mann zu beschwichtigen. Stanley warf ihr einen verächtlichen Blick zu. »Oh, ja… sie drucken genau das, was sie sagt… manchmal sogar wortwörtlich! Und nicht nur das! Es ist doch bei allem so! Sieh dir nur diese Rechnungen an!« Er ergriff ein paar von den Rechnungen, die Lynn gerade bearbeitete, und hielt sie ihr entgegen. »Alles ist teurer geworden. Man kann kein Ferngespräch mehr ohne Erlaubnis führen – und wenn man die Erlaubnis hat, kommt man meistens nicht durch!« Wütend ging er im Zimmer auf und ab und bemerkte nicht, wie Daniel ihn aus plötzlich schmal gewordenen Augen beobachtete. »Man ist nicht einmal mehr in seinem eigenen Wohnblock sicher. Vater erzählte mir, daß Polly Maxwell in der Schule verprügelt wurde, als ihr Entwurf den wissenschaftlichen Preis gewonnen hatte. Das ist Wahnsinn! Und gestern nacht, diese Horde Betrunkener, die johlend vorbeikam! Sie haben drüben die Erkerfenster zertrümmert. Vater sagte mir, Kathleen sei zu Tode erschrocken gewesen. Das ist Wahnsinn! Nichts anderes!« »Aber Stanley, du weißt doch, Robert ist…« Ihre Stimme erstarb. »Wissenschaftler? Das wolltest du doch sagen, nicht wahr? Na und? Wir sind jetzt seit zehn Jahren Nachbarn, und ich
kann mir keinen netteren vorstellen. Der Gedanke, daß er in die Verschwörung verwickelt sein soll, ist geradezu lächerlich! Das Ganze ist Blödsinn!« Schwer atmend hielt Stanley inne. »Du hast immer gesagt, das alles würde vorbeigehen.« Lynn blickte ihn bekümmert über den Rand ihrer Brille hinweg an. »Ja, ja«, seufzte Stanley. »Und es muß schnell vorbeigehen, wenn sich unsere Probleme nicht noch verschärfen sollen. Ich wünschte, es wäre alles wieder so wie früher.« Lynn sah sich suchend um. »Wo ist Daniel?« Stanley verzog das Gesicht. »Nun, bestimmt nicht auf Stellungssuche.« »Du solltest in seiner Gegenwart vorsichtig sein mit dem, was du sagst, Stanley«, meinte Lynn mit gesenkter Stimme. »Was? In meinem eigenen Haus?« »Aber er lebt auch hier, und du weißt, wie… eng er mit… ihnen verbunden ist.« Mit einer sowohl ungeduldigen als auch beschwichtigenden Geste entgegnete Stanley: »Gut, gut… ich weiß. Doch er sollte nicht das Recht haben, hier…« Ein Lichtstrahl ließ Lynns Ehering aufblitzen, und sie unterbrach ihn mit sanfter Stimme: »Ich habe da schon Geschichten gehört…« »Gerüchte, wolltest du sagen.« »Nein, das waren wahre Begebenheiten, Stanley. Ein Mitglied seiner Gruppe hat tatsächlich…« Sie schluckte und drehte an ihrem Ring. »Was hat er? Sie informiert?« Sie nickte. »Seine eigenen Eltern denunziert – und daraufhin sind sie verschwunden.« Erschöpft rieb Stanley seinen Nacken und ließ sich in einen Sessel neben ihr fallen. »Mag sein, Lynn. Aber ich kann beim besten Willen nicht glauben, daß Daniel…« Sie erschauerte. »Ich auch nicht, aber…«
»Was könnte er über uns schon sagen?« Er versuchte, seiner Stimme einen sorglosen Klang zu geben, doch er merkte selbst, wie sehr ihm das mißlang. »Wir sind keine Wissenschaftler, und ich habe auch nichts gesagt…« Er runzelte die Stirn, versuchte sich zu erinnern, was er eben ausgesprochen hatte. Sein Mund war plötzlich trocken geworden. »Du warst sehr… kritisch. Zum Beispiel, was Kristine Walsh anbelangt. Und sie selbst. Und die Zeitungen. Und natürlich auch in bezug auf Daniel.« »Ich finde trotzdem, daß er nicht so viel trinken sollte. Der Alkohol ist schneller weg, als ich ihn nachkaufen kann. Und das bei den Preisen!« »Aber du hast noch mehr gesagt.« »Alles, was ich gesagt habe, war, daß ich es leid bin, immer nur…« »Einseitige Nachrichten zu hören. Ihre Version.« »Ja, ich will nicht immer nur ihre Meinung hören. Nein, ich meine…« Er hielt inne und blickte sich unsicher in ihrem gemütlichen Wohnzimmer um, das ihm plötzlich sehr fremd zu sein schien. »Du glaubst doch nicht, daß er sie angerufen hat?« Beide starrten auf das Telefon. Es gab noch drei weitere Apparate im Haus. Einen in Abrahams Zimmer, das nebenan lag. Das hätten sie hören müssen – doch die anderen beiden befanden sich in der Küche und im Schlafzimmer. An der anderen Seite des Hauses. Stanley versuchte, sich zu beruhigen, um klar und logisch denken zu können. In diesem Augenblick kam Daniel ins Zimmer zurück. Lynn bemühte sich krampfhaft, ihrer Stimme einen normalen Klang zu geben. »Danny, Liebling, wo bist du gewesen?« Ohne sie anzusehen, setzte Daniel sich auf die Couch. »Im Badezimmer.«
Stanley blickte seine Frau vielsagend an und flüsterte ihr zu: »Glaubst du, daß er lügt?« Sie sah einen Augenblick zu Daniel hinüber, wandte sich dann wieder ihrem Mann zu und zuckte die Achseln. Stanley lehnte sich in seinem Sessel zurück und versuchte, die aufsteigende Angst zu unterdrücken. Das ist entsetzlich! Was soll ich nur tun? Warum muß ausgerechnet mir das passieren?
Die Arme voller Bücher trottete Robin Maxwell die Straße hoch. Normalerweise machte sie ihre Hausaufgaben nur, um keinen Krach mit ihren Eltern zu bekommen. So wie die Dinge sich jetzt jedoch entwickelt hatten, waren ihr sogar ihre Schulbücher lieber als die Schule und die Nachbarn. Der einzige Junge in ihrem Bekanntenkreis, der sie nicht behandelte, als hätte sie die Pest, war Daniel. Beim Gedanken an ihn jedoch wurde ihr hübscher Mund schmal, denn sie war wütend auf ihn. Er hatte in Brians Gegenwart erwähnt, daß ihr Vater Anthropologe war. Und seitdem hatte sie Brian nicht mehr gesehen, und das war mehrere Wochen her. Robin warf ihr dunkles Haar zurück, und in ihren Augen blitzte es. Zum Teufel mit dir, Daniel Bernstein! Dieser gierige, kleine Wurm mußte gedacht haben, daß sie mit fliegenden Fahnen zu ihm überwechseln würde, wenn er dafür sorgte, daß sie Brian nicht mehr sah. Nun, sie würde ihn eines Besseren belehren, das war sicher… Die Situation in der Schule bedrückte sie sehr, doch der Schmerz, den sie empfand, wenn ihre alten Klassenkameraden sie jetzt wie ein Nichts behandelten, war nichts, verglichen mit den Qualen, die sie beim Gedanken an Brian erfüllten. Das Bild des gutaussehenden Visitors geisterte durch ihre Träume und stand tagsüber vor ihrem geistigen Auge. Wann immer sie
zu dem großen Mutterschiff hochsah – und man konnte nirgendwo hingehen, ohne es zu sehen –, mußte Robin an ihn denken. Sie war so sehr in ihre Träumereien versponnen, daß sie beinahe an ihrem Haus vorbeigegangen wäre. Die Stimme ihres Vaters riß sie schließlich aus ihren süßen Träumen von Brian heraus, in denen er sie in den Armen hielt und sie anlächelte. »Robin, steig ein!« Als sie aufblickte, sah sie ihren Kombiwagen, vollbeladen mit Kleidung, Campinggeräten und Wertsachen auf der Straße stehen. Ihr Vater warf gerade ein großes Bündel auf den Dachgepäckträger des Wagens. »Wohin fahren wir, Vati?« fragte Robin verblüfft. »Zur Berghütte, Liebling.« Maxwell prüfte noch einmal die Verschnürung und suchte dann in seiner Jacke nach dem Schlüssel. Hinter ihm konnte Robin das mit Pappe zugeklebte Erkerfenster ihres Elternhauses sehen. »Übers Wochenende?« fragte Robin, obwohl sie ahnte, daß die Antwort negativ ausfallen würde. »Vielleicht, Liebling. Aber wahrscheinlich werden wir eine ganze Weile dort bleiben. Wir haben deine Sachen schon eingepackt. Also, steig ein. Es sei denn, du mußt noch einmal auf die Toilette.« »Nein!« stieß Robin hervor. Sie spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Wenn ich weggehe, werde ich ihn nie wiedersehen. Ich werde sterben. Sie machte ein paar Schritte auf die Wagentür zu. »Aber ich will nicht in die Berge!« platzte sie dann heraus. »Bitte, Papi. Ich hasse unsere Hütte da oben. Es ist todlangweilig dort.« Der Mund ihres Vaters wurde zu einem schmalen Strich, und Robin wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Doch seine Stimme blieb ruhig: »Steig ein, Robin«, sagte er.
Ihre Mutter öffnete die Tür und kam um den Wagen herum. In ihren grünen Augen lag ein sanfter, aber unnachgiebiger Ausdruck. »Bitte, Robin, versuch doch zu verstehen. Zuviel ist geschehen. Ein Mitarbeiter deines Vaters wurde heute morgen verhaftet, weil er Mitglied der Verschwörung sein soll.« Polly steckte den Kopf zum offenen Wagenfenster heraus. »Ich finde, wir sollten hier bleiben und kämpfen, Vati! Du hast doch nichts Unrechtes getan!« Kathleen blickte zu ihrem Haus zurück und biß sich verzweifelt auf die Lippen. Dann hob sie entschlossen den Kopf. »So einfach ist das nicht, Polly