Das Buch Als dem Vorsitzenden Basil Wenzeslas die Macht Stück für Stück entgleitet, greift er zu immer kriminelleren Ma...
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Das Buch Als dem Vorsitzenden Basil Wenzeslas die Macht Stück für Stück entgleitet, greift er zu immer kriminelleren Maßnahmen. Nachdem er den Weisen Imperator der Ildiraner als Geisel genommen hat, will er sich erneut das Ekti der Roamer unter den Nagel reißen. Und als Maureen Fitzpatrick, die ehemalige Vorsitzende der Hanse, sich auf die Seite der Konföderation schlagen will, lässt er sie kaltblütig abschießen. Währenddessen spielt sich unter den Klikiss-Schwärmen ein nie dagewesener Machtkampf ab. Von dem dominierenden Schwärm wird auch das Gen-Material des ehemaligen Geheimagenten Davlin Lotze assimiliert. Aber die XenoArchäologin Margaret Colicos, die nach wie vor von dem Schwärm gefangen gehalten wird, entdeckt, dass es Lotze gelungen ist, die Kontrolle über das Schwarmbewusstsein zu gewinnen. Ohne Verbindung zu ihrem Weisen Imperator bleiben die Ildiraner verängstigt und orientierungslos. Die Faero-Inkarnation Rusa'h will ihre Herrschaft über das ganze Reich ausdehnen, doch die Faeros verwüsten das ehemals blühende Mijistra. In einer verzweifelten Kommandoaktion befreit die Solare Marine Imperator Jora'h aus der TVF-Basis auf dem terranischen Mond. Und Jora'hs Tochter Osira'h entwickelt einen waghalsigen Plan, um die Faeros zu besiegen: Sie will die verhassten, in die Tiefen der Gasriesen verbannten Hydroger als Verbündete gewinnen ... Kevin J. Andersons DIE SIEBEN SONNEN:
Bd. 1: Das Imperium Bd. 2: Der Sternenwald Bd. 3: Sonnenstürme Bd. 4: Gefallene Sonnen Bd. 5: Von Feuer und Nacht Bd. 6: Der Metallschwarm Bd. 7: Die Asche der Welten Der Autor Der Autor Kevin J. Anderson ist einer der meistgelesenen SF-Autoren unserer Zeit. Die Auflage seiner Bücher, darunter zahlreiche »Star Wars«- und »Akte X«Romane, beträgt weltweit über 15 Millionen Exemplare. Gemeinsam mit Brian Herbert schrieb Anderson auch die »Frühen Wüstenplanet-Chroniken« sowie die »Legenden des Wüstenplaneten«, die faszinierende Vorgeschichte zu Frank Herberts großem Epos »Der Wüstenplanet«. Weitere Informationen zum Autor und seiner SAGA DER SIEBEN SONNEN finden Sie
KEVIN J. ANDERSON
Die
Asche der Welten Roman
Titel der amerikanischen Originalausgabe THE ASHES OF WORLDS
Für REBECCA MOESTA. Nicht nur für diesen Roman, sondern für alle Bücher der Sieben Sonnen und alle Romane, die ich je geschrieben habe. Sie hat mir geholfen, meinen Leitstern zu finden, nicht nur beim Schreiben, sondern auch im Leben.
WAS BISHER GESCHAH
Der Hydroger-Krieg ging mit einer verheerenden Schlacht bei der Erde zu Ende. Adar Zan'nh opferte den größten Teil der ildiranischen Solaren Marine, um den schrecklichen Feind zu besiegen. Jess Tamblyn und Cesca Peroni ermöglichten es den Wentals und Verdani, im Innern der Gasriesen gegen die Hydroger zu kämpfen. Der Roamer-Techniker Kotto Okiah entwickelte eine neue Waffe, mit der es gelang, die Kugelschiffe des Feindes aufzubrechen. Schließlich saßen die besiegten Hydroger inmitten ihrer Gasplaneten fest, wo sie keinen weiteren Schaden anrichten konnten. Die von General Lanyan kommandierte Terranische Verteidigungsflotte war durch eine von den Klikiss-Robotern vorbereitete Revolte der Soldaten-Kompis geschwächt, und der Entscheidungsschlacht bei der Erde fielen zahlreiche weitere TVF-Schiff zum Opfer. Sirix und seine schwarzen Roboter hofften, mit der übernommenen Flotte den Hydrogern zum Sieg verhelfen zu können, aber das Kriegsglück wendete sich gegen sie; Sirix und seine Gefährten mussten die Flucht ergreifen. Das Durcheinander der Schlacht gab König Peter und1 Königin Estarra Gelegenheit, dem immer irrationaler werdenden Vorsitzenden Wenzeslas zu entkommen. Mit der Hilfe von Estarras Schwester Sarein, dem stellvertretenden Vorsitzenden Cain und Captain McCammon von der königlichen Wache verließen sie den Flüsterpalast. Der Lehrer-Kompi OX löschte seine kostbaren Erinnerungen, um die für den Flug eines kleinen Hydroger-Schiffes notwendige mentale Kapazität zu erreichen, und brachte sie sicher nach Theroc. Dort erklärten Peter und Estarra eine neue geeinte Regierung für die ge 3
samte Menschheit, die Konföderation. Alle grünen Priester verweigerten die Arbeit für die Hanse und forderten den Rücktritt von Basil Wenzeslas, doch der Vorsitzende lehnte ab. Er glaubte immer weniger Personen vertrauen zu können, was ihn veranlasste, zu reaktionären Methoden zu greifen. Die Isolation der Erde wuchs, als sich Theronen, Roamer-Clans und im Stich gelassene Hanse-Kolonien der Konföderation anschlossen. Auf Llaro hatte die TVF viele Flüchtlinge interniert, unter ihnen Orli Covitz, Hud Steinman, Davlin Lotze und viele Roamer-Kriegsgefangene. Während die TVFWächter darauf warteten, nach dem Ende des Krieges abgelöst zu werden und nach Hause zurückkehren zu können, wurde Llaros Transportal aktiv, und ganze Horden monströser Insektenwesen kamen hindurch: Klikiss, von denen man geglaubt hatte, dass sie seit Jahrtausenden ausgestorben waren. Nun erhoben sie Anspruch auf ihre alten Kolonialwelten. Die seit vielen Jahren vermisste Xeno-Archäologin Margaret Colicos und ihr Kompi DD begleiteten die Klikiss. Mit ihrem Einfallsreichtum und der Melodie einer Spieldose war es Margaret gelungen, all die Jahre bei den Klikiss zu überleben. Sie wurde für die Llaro-Kolonisten zur Dolmetscherin, als die Klikiss die Menschen in ihrer Siedlung zu Gefangenen machten. Sirix und seine Gefährten wussten nichts von der Rückkehr ihrer verhassten Schöpfer und griffen die früheren Klikiss-Welten an, auf denen Menschen Kolonien gegründet hatten. Als Ersatz für DD, den er umzuprogrammieren versucht hatte, löschte Sirix die Erinnerungen von zwei anderen Kompis, PD und QT, und brachte ihnen bei, Menschen ohne irgendwelche Skrupel umzubringen. Die schwarzen Roboter glaubten, dass die früheren Klikiss-Welten ihnen gehörten, und sie schlugen erbarmungslos zu, zerstörten eine Siedlung nach der anderen. Im Lauf der Jahre reaktivierte Sirix Tausende 4
von schwarzen Robotern, und sie alle waren bereit, eine vereinte Roboterstreitmacht zu bilden, um die Menschheit zu vernichten. Dann öffneten sich die Transportale auf den von Sirix eroberten Welten, und zahlreiche Klikiss marschierten hindurch, griffen die Roboter sofort an. In Begleitung von PD und QT entkam Sirix dieser unerwarteten Schlacht mit knapper Not. Die Umstände zwangen ihn, sich nach Maratha zurückzuziehen, einer ildiranischen Welt, auf der die Roboter einen großen Stützpunkt einrichteten. Auf Ildira wies der Weise Imperator Adar Zan'nh an, mit einem Programm zum Neuaufbau der Solaren Marine zu beginnen - Werften sollten im Orbit eingerichtet und wichtige Ressourcen des Reiches für dieses Projekt abgezweigt werden. Zan'nh griff auf die Kreativität der Menschen zurück, die gezwungen gewesen waren, auf Ildira zu bleiben, unter ihnen Sullivan Gold und Tabitha Huck. Golds Verwaltungsgeschick und Hucks innovative technische Ideen sorgten dafür, dass das Projekt schnelle Fortschritte machte. Sullivans grüner Priester Kolker fühlte sich isoliert und verwirrt. Schon seit langer Zeit war er vom Telkontakt mit anderen grünen Priestern abgeschnitten,
und ihm fehlte selbst dann etwas, als er schließlich Zugang zu einem Schössling bekam. Als er sah, wie die Ildiraner - alle Ildiraner - durch das Thism miteinander verbunden waren, wollte er verstehen, wie es funktionierte. Angehörige des ildiranischen Linsen-Geschlechts wiesen ihn mit dem Hinweis zurück, er könnte die Bedeutung des Thism nie begreifen, doch Niras fünf Halbblut-Kinder zeigten ihm den Schlüssel. Schließlich begriff Kolker das Thism auf eine Weise, die er sich nie erträumt hatte. Ganz neue mentale Welten erschlossen sich ihm, und besser noch: Er wusste, wie er seine neue Fähigkeit auf andere Personen übertragen konnte. Er bekehrte Tabitha Huck und viele Arbeiter in den Werften, aber Sullivan 5
lehnte ab. Mit der neuen einzigartigen Synchronizität, die Tabitha und ihren Mitarbeitern nun zur Verfügung stand, konnten sie ihre Produktivität enorm steigern. Als die Solare Marine wieder erstarkte, entwickelten Jora'hs Tochter Yazra'h und Adar Zan'nh den Plan, verlorene ildira-nische Welten zurückzugewinnen, angefangen mit Maratha, dem von den schwarzen Robotern übernommenen Planeten. Yazra'h überredete den terranischen Historiker Anton Cólicos und Erinnerer Vao'sh, die Kampfgruppe zu begleiten. Die Entscheidung fiel ihnen alles andere als leicht, denn Anton und Vao'sh wären auf Maratha fast ums Leben gekommen, als dort die Roboter die Macht ergriffen, und bei der Rückkehr nach Ildira hatte die Isolation Vao'sh an den Rand des Wahnsinns getrieben. Trotzdem erklärten sie sich bereit, die Ereignisse zu beobachten, um sie in der Saga der Sieben Sonnen aufzuzeichnen. Als die Solare Marine Maratha erreichte, bombardierte sie die Basis der Roboter, und anschließend griffen Bodentruppen an, um auch den letzten schwarzen Maschinen den Garaus zu machen. Während der Kämpfe traf ein großes Schwarm-schiff der Klikiss ein und setzte Tausende von Kriegern ab, ebenfalls mit der Absicht, die Roboter auszumerzen. Dem Sieg folgte ein problematischer Moment, als die Klikiss darauf bestanden, alle ihre früheren Welten neu zu besiedeln. Doch Zan'nh ließ sich nicht einschüchtern und machte geltend, dass Maratha nie ein Planet der Klikiss gewesen war. Daraufhin brach das Schwarmschiff wieder auf. Kurze Zeit später erreichten Sirix und die mit ihm geflohenen schwarzen Roboter Maratha, in der Hoffnung, dort einen starken Stützpunkt vorzufinden. Stattdessen fanden sie völlige Zerstörung. Sirix sah sich mit dem Scheitern aller seiner Pläne konfrontiert und musste erneut die Flucht ergreifen. Die schwarzen Roboter und die Klikiss stellten nicht die einzigen Gefahren für das Ildiranische Reich dar. Nachdem der verrückte Designierte Rusa'h während eines Angriffs der
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Hydroger auf Hyrillka eine schwere Kopfverletzung erlitten hatte, inszenierte er einen verheerenden, aber letztendlich erfolglosen Aufstand gegen den Weisen Imperator und gründete sein eigenes Thism-Netz. Rusa'h wollte sich nicht mit der
Niederlage abfinden und steuerte sein Schiff in eine von Hyrillkas Sonnen. Doch dort verbrannte er nicht, sondern wurde von den Faeros empfangen, feurigen Entitäten, die im Innern von Sonnen lebten. Während man ihn im Ildiranischen Reich für tot hielt, setzte der zu einer FaeroInkarnation gewordene Rusa'h sein Werk fort. Bei ihrem Krieg gegen die Hydroger hatten die Faeros schwere Verluste erlitten. Millionen ihrer Feuerkugeln waren vernichtet und ganze Sonnen ausgelöscht worden. Rusa'h zeigte ihnen neue Möglichkeiten des Kampfes, und es dauerte nicht lange, bis die Faeros bei den Hydrogern großen Schaden anrichteten und sie vor der entscheidenden Schlacht bei der Erde schwächten. Rusa'hs Macht wuchs, und er führte die Faeros zuerst zur Splitter-Kolonie Dobro, wo er den früheren Designierten Udru'h für seinen Verrat zur Rechenschaft zog. Die Faeros mussten ihre Zahl vergrößern, verbrannten Udru'h und stahlen sein Seelenfeuer, um neue feurige Entitäten zu schaffen. Jora'hs ältester adliger Sohn Daro'h, dazu bestimmt, der neue Erstdesignierte zu werden, empfing von Rusa'h eine Warnung für den Weisen Imperator. Rusa'h erklärte, dass das ganze Ildiranische Reich brennen würde, sollte das notwendig sein, um den »falschen« Weisen Imperator vom Thron zu stürzen. Daro'h kehrte rasch nach Ildira zurück, um seinen Vater auf die Gefahr hinzuweisen. Als Hydroger und Faeros in Hyrillkas Sonne gekämpft hatten, war der junge und unerfahrene Designierte Ridek'h damit beschäftigt gewesen, die Evakuierung von Hyrillka zu leiten. Die Flüchtlinge wurden nach Ildira gebracht. Ridek'h hatte nie erwartet, zu einem Designierten zu werden und somit für einen ganzen Planeten verantwortlich zu sein. Aber sein
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Mentor Tal O'nh, ein alter einäugiger Veteran der Solaren Marine, bereitete ihn darauf vor, ein starkes Oberhaupt zu sein. Auf den Befehl des Weisen Imperators hin flogen Ridek'h und Tal O'nh zu allen verwüsteten Welten des HorizontClusters, um den Ildiranern, die während der Revolte gelitten hatten, neuen Mut zu geben. Rusa'h war ebenfalls im Horizont-Cluster unterwegs, und seine Faeros verbrannten eine Welt nach der anderen. Während dieser Reise begegnete er dem Designierten Ridek'h und Tal O'nh. Sie versuchten zu fliehen, doch die Faeros machten Jagd auf sie, kreisten ihre Kriegsschiffe ein und verbrannten die Besatzungen. Rusa'h ließ Tal O'nh erblinden und den jungen Ridek'h mit dem Hinweis am Leben, dass sie sich noch einmal begegnen würden. Zusammen mit den Faeros brach er nach Ildira auf; im All blieben leere Kriegsschiffe zurück. Basil Wenzeslas musste beobachten, wie die Hanse immer mehr auseinanderbrach. Er fühlte sich isoliert, denn sein gefangener grüner Priester Nahton weigerte sich, Berichte zu senden oder zu empfangen. Basil beauftragte General Lanyan und Admiral Willis, die abtrünnigen Welten zurückzuerobern. Lanyan brach mit Kampfschiffen zu den Kolonien auf, die vor kurzer Zeit auf ehemaligen Klikiss-Welten gegründet worden waren. Auf den betreffenden Planeten gab es nur wenige Bewohner und keine Verteidigungssysteme, und des-
halb hielt man sie für leichte Ziele. Admiral Willis bekam den Befehl, mit einer Kampfgruppe der TVF nach Theroc zu fliegen, König Peters neue Regierung zu stürzen und ihn gefangen zu nehmen. Willis war mit diesen Anweisungen alles andere als glücklich, aber sie hielt es für ihre Pflicht, sie auszuführen. Sarein, Captain McCammon und der stellvertretende Vorsitzende Cain beschlossen, König Peter vor dem bevorstehenden Angriff zu warnen. Sie befreiten Nahton, damit er den 7
Schössling im Gewächshaus erreichen und anderen grünen Priestern eine Telkontakt-Nachricht übermitteln konnte. Ihre Rolle bei diesem Plan blieb geheim, aber Nahton wurde gefasst, doch erst nachdem er die Warnung durchgegeben hatte. Nahton wollte sich ergeben, doch die Wächter schössen ihn nieder, was dem Vorsitzenden Wenzeslas eine gewisse Genugtuung bereitete. Die Konföderation wusste nun vom bevorstehenden Angriff der TVF und suchte nach Möglichkeiten der Verteidigung. Tasia Tamblyn und Robb Brindle hatten sich der Konföderation angeschlossen und wollten ihr beim Aufbau einer Streitmacht helfen, sehr zum Verdruss von Robbs Vater Conrad Brindle, der sich verpflichtet fühlte, der Hanse treu zu bleiben. Unter ihre Leitung und mit der Hilfe von Kotto Okiah wurden neue militärische Schiffe gebaut, aber die kleine Flotte genügte nicht, um eine Kampfgruppe der TVF abzuwehren. Estarra und ihre Schwester Celli riefen die riesigen Schlachtschiffe der Verdani und ihren Bruder Beneto, der mit einem der gewaltigen Baumschiffe verschmolzen war. Als Admiral Willis' Schiffe eintrafen, fanden sie sich nicht nur einer überraschend großen Streitmacht der Konföderation gegenüber, sondern auch Jess Tamblyns und Cesca Peronis Wentals und den riesigen, dornigen Baumschiffen. Willis wusste, dass sie nicht den Sieg erringen konnte; außerdem hatte sie den Angriff ohnehin für eine schlechte Idee gehalten - sie kehrte zur Hanse zurück. Unterdessen erging es General Lanyan bei den fernen Kolonien nicht besser. Er flog nach Rheindic Co, dem Zentrum des Transportalnetzes, und schickte die Soldaten von dort aus zum ersten Ziel auf seiner Liste: Pym. Als sie dort durchs Portal kamen, mussten sie feststellen, dass die ganze Kolonie einem großen Subschwarm der Klikiss zum Opfer gefallen war. Bei der ersten Begegnung mit den Insektenwesen eröffneten sie das Feuer. Auf einen so schlimmen Kampf war General Lanyan nicht vorbereitet, und er verlor viele seiner 7
Soldaten, bevor er schließlich den Befehl zum Rückzug von Rheindic Co gab. Die Klikiss folgten ihnen durchs Transportal, und der Kampf ging weiter. Lanyan konnte gerade noch entkommen und war gezwungen, das Transportalzentrum der Hanse zu vernichten, um Schlimmeres zu verhüten. Er machte sich sofort auf den Rückweg zur Erde, um dem Vorsitzenden Wenzeslas von der neuen Gefahr zu berichten. Die Misserfolge von Admiral Willis und General Lanyan machten Wenzeslas noch zorniger. Der Hanse fehlte ein König (obwohl Basil einen geheimnisvollen neuen Kandidaten hatte, der gerade ausgebildet wurde), und so benutzte er den Erzvater des Unisono als neue Gallionsfigur, um die Bevölkerung zu einen. Er stellte
die monströsen Klikiss als Dämonen dar und verfluchte König Peter. Der stellvertretende Vorsitzende Cain war zwar sehr skeptisch, doch bei den leichtgläubigen Bürgern der Erde ging die Saat des Fanatismus auf. Wenzeslas beauftragte Lanyan und den Erzvater, auf dem schwachen, aber rebellischen Kolonialplaneten Usk ein Ex-empel zu statuieren. Die Oberhäupter von Usk hatten die Charta der Hanse zerrissen und sich der Konföderation angeschlossen, verfügten aber weder über eine Verteidigung noch über echte politische Ambitionen. Als Lanyan und der Erzvater eintrafen, begannen sie mit einem blutigen Pogrom. Sie zerstörten Bauernhöfe, metzelten Vieh nieder, verbrannten Dörfer und kreuzigten schließlich die Oberhäupter, die es gewagt hatten, den Vorsitzenden herauszufordern. Da das Pogrom von Usk so erfolgreich gewesen war (in den Augen des Vorsitzenden), schickte Wenzeslas Admiral Willis und ihren Ersten Offizier Conrad Brindle (Robbs Vater) mit der Einsatzorder los, bei einer weiteren aufsässigen Kolonie hart durchzugreifen. Diesmal sollte es Rhejak treffen, eine paradiesische Meereswelt. Trotz der heftigen Proteste der dortigen Bewohner richtete Willis eine Basis ein und versuchte, Rhejak zu regieren. Dabei ging sie mit leichter Hand vor und ließ den Leuten die Freiheit, ihr tägliches Leben wie 8
bisher zu führen. Als es zu Sabotage kam, musste sie härtere Maßnahmen ergreifen. Bei einem Treffen mit den Repräsentanten der Kolonisten erreichte sie einen Kompromiss, mit dem alle leben konnten, und Willis glaubte, der Hanse das zu geben, was sie brauchte. Doch der Vorsitzende war nicht erfreut. Er entsandte General Lanyan mit dem Auftrag, alles richtig zu erledigen. Seine Absicht war ein weiteres Pogrom auf Rhejak: Die Oberhäupter der Kolonie sollten ermordet und die Bevölkerung bestraft werden. Als Lanyans Kampfgruppe eintraf, hatte Willis Rhejak und die Bewohner der Meereswelt bereits zu schätzen gelernt und wollte ein Massaker verhindern. Immer wieder hatte sie mit ansehen müssen, wie sich die Regierung der Hanse über Recht und Gesetz hinwegsetzte, und sie war nicht bereit, weiterhin daran beteiligt zu sein. Willis überlistete General Lanyan, betäubte ihn und übernahm seine Schiffe, bevor er mit dem Angriff auf Rhejak beginnen konnte. Es lief auf Meuterei hinaus, aber die meisten ihrer Offiziere und Besatzungsmitglieder teilten ihre Bedenken und schlossen sich ihr an. Conrad Brindle hingegen lehnte es ab, seinen Treueschwur der Hanse gegenüber zu brechen. Zusammen mit einigen anderen begleitete er General Lanyan zurück zur Erde. Auf der von Klikiss heimgesuchten Kolonialwelt Llaro versuchten Orli Covitz und Hud Steinman zu überleben, als die Insektenwesen ihre Schwarmstadt um den Ort der Menschen herum errichteten. Margaret Colicos und DD waren bei den Klikiss akzeptiert und konnten nach Belieben kommen und gehen. Margaret erklärte den Siedlern, wie sie all die Jahre bei den Klikiss überlebt hatte. Sie zeigte ihnen eine Spieldose, ein Geschenk ihres Sohns Anton. Auch Orli musizierte, mit ihren Synthesizerstreifen, und das Schwarmbewusstsein der
Klikiss, die Brüterin, rief sie zu sich und forderte das Mädchen auf, für sie zu spielen. Margaret war in großer Sorge um Orli und half ihr dabei, diese ganz besondere Er 9
fahrung zu überleben. Orli spielte ihre Musik, und die Brüterin ließ sie gehen. Margaret teilte den Kolonisten schließlich mit, was die Klikiss mit ihnen vorhatten. Die Brüterin von Llaro zog gegen andere Subschwärme in den Krieg und hatte damit begonnen, entdeckte Enklaven der schwarzen Roboter zu zerstören. Um den Schwärm zu vergrößern, musste sie sich fortpflanzen und teilen, und dafür brauchte sie neues genetisches Material. Die Klikiss planten, alle Kolonisten zu töten und mit deren Genmaterial eine größere und schlagkräftigere Streitmacht zu schaffen. Die entsetzten Kolonisten begannen sofort damit, verzweifelte Pläne zu schmieden und ihre Verteidigung vorzubereiten. Davlin Lotze verließ den ummauerten Ort und richtete ein geheimes Versteck ein. Kleine Gruppen von Llaro-Kolo-nisten machten sich heimlich auf den Weg zu den Höhlen, doch die meisten Siedler befanden sich noch in der Stadt, als die Klikiss zuschlugen. Hunderte von Insektenkriegern stapften zur Mauer, um die Menschen umzubringen, aber die Männer und Frauen wollten sich ihrem Schicksal nicht kampflos fügen. Mit Sprengstoff und Schusswaffen setzten sie sich zur Wehr und töteten viele Klikiss. Mitten in diesem Durcheinander griffen Sirix und seine schwarzen Roboter den Subschwarm von Llaro an - nach all den Niederlagen wollte Sirix jede Brüterin vernichten, die er finden konnte. Der wilde Angriff der schwarzen Roboter und die Entschlossenheit, mit der sich die Menschen zur Wehr setzten, richteten bei den Klikiss großen Schaden an. In dem Chaos gelang es Orli, DD, Hud Steinman und vielen anderen zu entkommen. Als sie schließlich Davlins fernes Versteck erreichten, waren sie zwar vorerst in Sicherheit, saßen aber noch immer auf Llaro fest. Margaret Colicos war zurückgeblieben und beobachtete, wie die siegreichen Klikiss überlebende Menschen verschlangen, dabei ihre Erinnerungen und ihr genetisches Material 9
aufnahmen. Anschließend begann die verletzte Brüterin mit der Teilung, um den Schwärm zu erweitern und die erlittenen Verluste auszugleichen. Sirix war erneut gezwungen, den Rückzug anzutreten, und zusammen mit seinen schwarzen Robotern versuchte er, einen neuen Plan zu entwickeln. Während des Angriffs auf den Schwärm von Llaro hatte er viele unersetzliche Gefährten verloren. Die Klikiss konnten sich von solchen Verlusten erholen, aber jeder schwarze Roboter war mit seinen individuellen Erfahrungen und Erinnerungen einzigartig. PD und QT schlugen eine ungewöhnliche Lösung dieses Problems vor, indem sie Sirix aufforderten, eine geeignete Produktionsanlage zu finden und neue schwarze Roboter zu bauen. Diese sollten nicht nur über die Erinnerungen der verlorenen Roboter verfügen, sondern auch zu einem wichtigen Bestandteil
von Sirix' Streitmacht werden. Die schwarzen Roboter machten sich auf die Suche nach einer Fabrik, die sie übernehmen konnten. Viele der Kolonisten von Llaro waren Roamer-Gefangene, und man hatte sie nicht vergessen. Tasia Tamblyn, Robb Brindle und Nikko Chan Tylar (deren Eltern zu den Internierten auf Llaro zählten) flogen mit einem Rettungsschiff nach Llaro und erwarteten, dort nur einige gelangweilte TVF-Wächter vorzufinden. Doch bei ihrer Ankunft trafen sie auf die Klikiss. Tasias Schiff wurde abgeschossen, und die Notlandung fand in einer fernen Schlucht statt. An einen Start war erst nach umfangreichen Reparaturen zu denken. Davlin Lotze fand Tasia und ihre Begleiter und brachte sie zum Versteck, wo sie beschlossen, das Schiff zu reparieren und Llaro damit zu verlassen. Das Schiff war gerade instand gesetzt, als die Klikiss Tasia, Robb, Orli, Nikko und Davlin gefangen nahmen. Sie wurden zur Schwarmstadt gebracht und sollten dort als Rohmaterial für die bevorstehende neue Teilung der Brüterin dienen. Margaret Colicos und DD nahmen sich vor, sie zu befreien. Als 10
ein weiterer mächtiger Subschwarm die Brüterin von Llaro angriff und Klikiss gegen Klikiss kämpften, bekamen die Gefangenen die erhoffte Chance. Sie mussten nur Tasias Schiff erreichen, die anderen Flüchtlinge an Bord nehmen und starten. Davlin blieb zurück und spielte mit Orlis Synthesizerstreifen eine Melodie, die das Schwarmbewusstsein betäubte. Nachdem er den anderen zur Flucht verholfen hatte, saß er selbst in der Falle. Verfolgt von den Klikiss, schafften es Orli und ihre Freunde zum Schiff. Als Margaret sich den Flüchtlingen anschließen und Llaro ebenfalls verlassen wollte, hatten es die Klikiss-Krieger vor allem auf sie abgesehen und hinderten sie an der Flucht. Sie zerstörten auch ihre Spieldose und nahmen ihr damit die einzige Waffe, die sie hatte. Tasia flog mit den restlichen Überlebenden fort, voller Kummer darüber, dass sie Davlin und Margaret zurücklassen musste. Davlin gelang es fast, den Klikiss zu entkommen. Er erreichte ein Transportal und versuchte, es zu passieren, wurde aber gefasst. Schwer verletzt brachte man ihn zur Brüterin, die kurz vor einer weiteren Teilung stand. Die Larve der neuen Brüterin näherte sich ihm und zeigte Interesse an dem unabhängigen, lästigen Menschen. Davlin warf sich auf die Larve, um sie unter sich zu zerquetschen, doch das Schwarmbewusstsein verschlang ihn. Nachdem Adar Zan'nh die schwarzen Roboter auf Maratha vernichtet und die überraschende Nachricht von den Klikiss gebracht hatte, drängte Nira den Weisen Imperator, anderen in Bedrängnis geratenen menschlichen Kolonien auf früheren Klikiss-Welten mit Schiffen der Solaren Marine zu helfen. Zan'nh widerstrebte dies, denn er war der Ansicht, dass die Menschen sich mit der Besiedelung von Welten, die ihnen nicht gehörten, selbst in Schwierigkeiten gebracht hatten. Doch als er sah, wie viele unschuldige Menschen auf verschiedenen Kolonialplaneten massakriert worden waren, 10
regte sich Mitgefühl in ihm. Bei einem anderen Planeten, auf dem Menschen und Klikiss aufeinandertrafen, nutzte Zan'nh ein altes Übersetzungsprogramm und brachte die Brüterin dazu, die gefangenen Kolonisten freizulassen. Nach ihrer Rückkehr von Maratha bekamen Anton Colicos und Erinnerer Vao'sh eine ungewöhnliche Aufgabe: Sie sollten aus der angeblich unfehlbaren Saga der Sieben Sonnen Lügen entfernen und Fehler korrigieren. Dies führte zu Unruhe bei den anderen Erinnerern, insbesondere beim konservativen Obersten Schreiber Ko'sh, aber niemand wagte es, sich dem Befehl des Weisen Imperators zu widersetzen.
Von Ildira aus verbreitete der grüne Priester Kolker seine Telkontakt/r/zismPhilosophie wie eine neue Religion und bekehrte sogar grüne Priester auf Theroc. Sullivan Gold, der trotz des Drängens von Kolker und Tabitha Huck einen Übertritt ablehnte, kehrte zu seiner Familie auf der Erde zurück. Unterdessen zog Kolker auch den Roamer-Händler Denn Pe-roni, Cescas Vater, auf seine Seite, der daraufhin zu einem großen Fürsprecher der wundervollen neuen Philosophie wurde. Nachdem Patrick Fitzpatrick III. General Lanyan und die TVF verlassen und sich die Raumjacht seiner Großmutter »ausgeliehen« hatte, suchte er bei den Roamern nach seiner verlorenen Liebe Zhett Kellum. Er fand sie schließlich beim Gasriesen Golgen, wo die Roamer Himmelsminen eingerichtet hatten. Doch das Wiedersehen mit Zhett verlief nicht wie erwartet - sie weigerte sich, mit ihm zu reden. Patrick beschloss, die Wahrheit zu sagen, und er wies auf seine Schuld hin: Er hatte ein Schiff der Roamer vernichtet, um einen Zeugen zu eliminieren. Zwar stammte der Befehl dafür von General Lanyan, aber Patrick hatte das Feuer eröffnen lassen. Bei einem Gerichtsverfahren wurde er dazu verurteilt, »über die Planke zu gehen« und ins tiefe Wolkenmeer von Golgen zu stürzen. Tapfer fand er sich mit seinem Schicksal ab, doch im letzten Moment sprach Zhett für ihn und brachte ihren Vater dazu, ihn zu begnadigen. Anschließend wurde Patrick 11
zu einem leidenschaftlichen Anhänger der Konföderation und schickte eine Botschaft, in der er erklärte, dass General Lanyan und Basil Wenzeslas für die gegenwärtigen Probleme der Hanse verantwortlich waren. Als Basil davon hörte, rügte er Patricks Großmutter, die frühere Vorsitzende Maureen Fitzpatrick, für die Taten ihres Enkels. König Peter und Königin Estarra bemühten sich, die Konföderation weiter zu stärken. Der Weise Imperator Jora'h sah in ihnen potenzielle Verbündete gegen Klikiss und Faeros und gab bekannt, dass er nach Theroc reisen und ein Bündnis zwischen dem Ildiranischen Reich und der Konföderation schließen würde. Nira, Anton Colicos und Erinnerer Vao'sh begleiteten ihn. Als sie auf Theroc unter den Wipfeln der Weltbäume standen, verkündeten der Weise Imperator und König Peter ihre Allianz. Für die kümmerlichen Reste der einst so mächtigen Hanse lief dies praktisch auf das Ende hinaus. Als der Vorsitzende von dem Bündnis erfuhr, griff er zu drastischen Maßnahmen. Er befahl Admiral Esteban Diente, mit einer großen Kampfgruppe aufzubrechen
und den Weisen Imperator auf dem Rückweg zum Ildiranischen Reich abzufangen. Die Einsatzorder entsetzte Admiral Diente, aber er konnte den Befehl nicht verweigern, denn der Vorsitzende hatte seine Familie als Geiseln genommen. Der Weise Imperator glaubte, durch die Vereinbarungen mit König Peter das Ildiranische Reich gestärkt zu haben. Doch Rusa'h und die Faeros hatten gerade erst mit ihrem Vernichtungswerk begonnen. Sie fanden Denn Peroni und Caleb Tamblyn, die einen mit Wentals gefüllten Wassertanker flogen, und zerstörten das Schiff in der Nähe des Eisplanetoiden Jonah 12. Denn starb, aber Caleb entkam mit einer Rettungskapsel. Die Faeros gelangten auch zum primären Wental-Planeten Charybdis und griffen die lebenden Meere mit ihren Flammen an. Jess und Cesca fühlten den Schmerz der sterbenden Wentals, aber als sie Charybdis erreichten,
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existierten die Meere nicht mehr - der ganze Planet war verbrannt. Die Faeros hatten den Wentals den Krieg erklärt. Eine Armada aus Feuerkugeln kam aus der toten ildiranischen Sonne Durris-B, entzündete neues nukleares Feuer in dem Stern und zog durchs All. Als Tabitha Huck mit einem neu gebauten ildiranischen Kriegsschiff zu einem Testflug aufbrach, konnten die Faeros durch die Telkontakt-T/u'sm-Verbindung ihre Präsenz wahrnehmen. Sie zerstörten das neue Kriegsschiff und flogen dann nach Ildira, wo sie Kolker und alle seine Konvertiten aufspürten. Mijistra ging in Flammen auf. Der Erstdesignierte Daro'h, der die Verantwortung für den Prismapalast hatte, musste fliehen, als die Faero-Inkarnation Rusa'h zu ihm kam und Antwort auf die Frage verlangte, wo sich der Weise Imperator befand. Osira'h und ihre Geschwister nutzten ihre einzigartigen Fähigkeiten und schützten den Erstdesignierten und Yazra'h. Sie alle entkamen durch Wasserkanäle unter dem Palast. Adar Zan'nh kehrte von seinen Rettungseinsätzen bei menschlichen Kolonien auf Klikiss-Welten zurück und fand die verbrannten Kriegsschiffe von Tal O'nhs Septa. Als O'nh und der Designierte Ridek'h ihn auf die Gefahr für Ildira hinwiesen, machte sich Zan'nh sofort mit seinen Schiffen auf den Weg. Über der Zentralwelt des Ildiranischen Reiches versuchte der Adar, die Faeros zurückzudrängen, fand aber keine Möglichkeit, wirkungsvoll gegen das lebende Feuer zu kämpfen. Allerdings gelang es ihm, Daro'h, Yazra'h, Osira'h und die anderen Halbblut-Kinder zu retten. Doch die Ildiraner brauchten die Führung des Weisen Imperators. An Bord seines Flaggschiffs spürte Jora'h die schrecklichen Ereignisse auf Ildira. Durch ihren Schössling empfing Nira die Nachricht, dass die Faeros Mijistra verbrannten -der Telkontakt brach plötzlich ab, als der kleine Weltbaum im Prismapalast zu Asche zerfiel. Jora'h wollte so schnell wie möglich heimkehren und gab den Befehl, die Geschwin 12
digkeit zu erhöhen, doch dann traf er auf Admiral Dientes Kampfgruppe. Diente feuerte auf das Flaggschiff, beschädigte den Antrieb und nahm den Weisen Imperator gefangen. Jora'h wies darauf hin, dass sich auf Ildira eine Katastrophe anbahnte, aber Diente ließ sich nicht erweichen und brachte ihn und alle anderen Ildiraner zur TVF-Basis auf dem Mond der Erde. Erfreut über diesen leichten Sieg, stattete der Vorsitzende Wenzeslas den Gefangenen dort einen Besuch ab und teilte dem Weisen Imperator mit, dass er »Gast« der Hanse bleiben würde, bis er in aller Öffentlichkeit das Bündnis mit König Peter und der Konföderation für null und nichtig erklärte. Die Faeros eroberten Ildira, und Rusa'h richtete sich im Flüsterpalast ein. Er hatte die Telkontakt/TTusm-Verbindungen in seinen anderen Opfern entdeckt und konnte sie bis zum Weltwald verfolgen. Plötzlich gingen konvertierte grüne Priester auf Theroc in Flammen auf. Von ihnen breitete sich das hungrige Feuer unter den Bäumen aus - der Wald auf Theroc begann zu brennen.
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DIE ASCHE DER WELTEN 1
ADMIRAL SHEILA WILLIS
Zehn Mantas und ein großer Moloch pflügten durchs leere All und ließen die Erde hinter sich zurück - vielleicht für immer, soweit es Admiral Willis betraf. Zwar trugen ihre Schiffe noch immer die Insignien der Terranischen Verteidigungsflotte, aber ihre Besatzungen dienten nicht mehr der Hanse. Nicht mehr nach all dem, was sie gesehen hatten. Der Vorsitzende Wenzeslas hätte sie Meuterer genannt. Wie konnte man in diesem Zusammenhang nicht verbittert sein? Früher, als Willis jung und naiv gewesen war (oder vielleicht noch nicht abgestumpft genug), hatte sie alle Entscheidungen für klar gehalten und Fragen wie Antworten nach einem Schwarz-Weiß-Muster abgehandelt. Sie hatte geglaubt, dass sich die Guten grundsätzlich von den Bösen unterschieden. Diesen Glauben hatte sie auf Rhejak verloren, als General Lanyans Brutalität sie gezwungen hatte, eine bis dahin undenkbare Entscheidung zu treffen. Indem sie eine ganze Kampfgruppe unter ihre Kontrolle brachte und der geliebten TVF den Rücken kehrte, setzte sie Räder in Bewegung, die sie irgendwann vielleicht überrollten. Nachdem sie Lanyan, Conrad Brindle und einige unverbesserliche Loyalisten am Rande des terranischen Sonnensystems abgesetzt hatte, brachte sie ihre Schiffe nun nach Theroc, um sich König Peter und der Konföderation anzuschließen. Wie oft sie auch versuchte, ihre Entscheidung mit Vernunft zu rechtfertigen: Es fühlte sich wie Desertion an. Ihr Gehirn war einfach auf diese Weise
programmiert. Sie beobachtete die Offiziere im Kontrollraum und hielt nach Anzei 14
chen von Unbehagen Ausschau. Es überraschte Willis, wie viele von ihnen sich bereit erklärt hatten, alle Brücken hinter sich abzubrechen und sie zu begleiten. Das Zuhause aufzugeben, Familie und Freunde . . . So etwas fiel schwer. Ganz offensichtlich ging die gegenwärtige Politik der Hanse auch anderen ganz gehörig gegen den Strich. Als sie mit diesen Mantas zum letzten Mal nach Theroc geflogen war, hatte sie den Befehl gehabt, König Peter zu verhaften . . . »Wir nähern uns dem Ziel, Admiral«, sagte der Navigator. »Geben Sie unsere Ankunft höflich bekannt. Wir möchten vermeiden, dass sich die Theronen in die Hose machen, wenn plötzlich so viele Kriegsschiffe an ihrem Himmel erscheinen.« Willis strich ihre Uniform glatt, straffte die Schultern und machte sich bereit, ihrem neuen Oberbefehlshaber ins Gesicht zu sehen. Doch als die elf Schiffe in eine Umlaufbahn schwenkten, bemerkte Willis, dass etwas nicht stimmte. Zahlreiche wie zusammengeflickt wirkende Roamer-Schiffe waren mit unterschiedlichen Orbitalvektoren gestartet. Frachter, schnelle Scouts und große Transporter stiegen von dem bewaldeten Kontinent auf und verließen den Planeten in verschiedene Richtungen. Zwei der größten Roamer-Schiffe kollidierten fast miteinander. Aufregung zeigte sich im Gesicht des jungen Kommunikationsoffiziers. »Admiral, dort unten herrscht völliges Chaos! Wir empfangen Dutzende von Notrufen . . . Theroc wird erneut angegriffen, aber ich weiß nicht, von wem.« Die sehr eindrucksvoll wirkenden Baumschiffe der Verdani, die den Waldplaneten wie eine Dornenkrone umgaben, waren ganz offensichtlich in Schwierigkeiten. Sie schlugen mit ihren Ästen und Zweigen, reagierten aber nicht auf die sich nähernden TVF-Schiffe. Allem Anschein nach kämpften sie gegen einen unsichtbaren Feind. »Fragen Sie, wie wir helfen können«, wies Willis ihren 14
Kommunikationsoffizier an. Sie hielt nach möglichen Gefahren Ausschau, nach Hydroger-Kugeln oder einem von General Lanyans Schiffen. »Bringen Sie uns so nahe heran, dass wir eingreifen können. Wir werden hier die Kavallerie spielen ich möchte einen guten Eindruck machen.« Aus den Kom-Lautsprechern kamen heulende Feedbacksignale, die schlimmer waren als über eine Schiefertafel kratzende Fingernägel. Direkt vor ihnen wanden sich die Äste eines gewaltigen Baumschiffs wie unter großen Schmerzen hin und her, und plötzlich ging der Riese in Flammen auf. Trotz der kalten Leere des Alls kam Feuer aus dem Kern des Schiffes, breitete sich über die Äste und Zweige aus und verbrannte das von Energie durchsetzte Holz. Die hochauflösenden Aufnahmen vom Planeten zeigten Feuersbrünste, die sich im dichten Weltwald des Planeten ausbreiteten - genau dort, wo König Peter das Verwaltungszentrum der neuen Konföderation eingerichtet hatte.
2 # KÖNIG PETER
Ein weiterer Weltbaum erbebte und ging in Flammen auf, als die Faeros von seinem Kernholz Besitz ergriffen. Es knallte wie von Kanonenschüssen, als sich das bösartige Feuer durch die Blattwedel zum Wipfel fraß und es verbrannte, ohne das Kernholz vollständig zu verzehren. Hoch oben in der Pilzriff-Stadt ordnete König Peter die Evakuierung an. Der Rauch brannte in seinem Hals. Durch eine Öffnung in den organischen Wänden beobachteten Estarra und er, wie hungrige Flammen einen Baumstamm nach dem anderen erfassten, doch keiner der lebenden Verdani verwandelte sich in Asche. Noch nicht. 15
Die in der Stadt verbliebenen grünen Priester pressten sich die Hände an die Schläfen, als ihnen die Verbindung mit dem Bewusstsein des Weltwalds heiße Qualen bescherte. Die Gefolgsleute von Yarrod und Kolker, untereinander im Thism/ Telkontakt-Netz miteinander verbunden, hatten bereits mehr gelitten als alle anderen. Ein grüner Priester blieb stehen und hob voller Qual die Arme. Er krümmte den Rücken und ging plötzlich in Flammen auf. Ein anderer grüner Priester starrte auf den Haufen aus Asche und glühenden Kohlen, der von dem Mann übrig geblieben war. Einige weinten; andere sanken auf die Knie. Königin Estarra zog am Ärmel ihres Mannes, als sie aus dem Thronsaal liefen. »Peter, wir müssen Reynald holen und weg von hier!« Die mit Perlen geschmückten Zöpfe tanzten und klickten hinter ihrem Kopf. In ihren privaten Gemächern nahm Estarra ihren kleinen Sohn aus den Armen des Lehrer-Kompi OX, der sich gerade mit dem Kind auf den Weg machen wollte. Der Rauch und das allgemeine Durcheinander hatten den kleinen Reynald so erschreckt, dass er weinte. OX blieb ruhig. »Bevor wir zu den Liftplattformen eilen, sollten wir eine Decke in Wasser tauchen. Ich wickle sie um den Jungen, damit er geschützt ist, während ich ihn trage.« Als Estarra zögerte, ihm das Kind zu überlassen, fügte er hinzu: »Ich bin körperlich stärker als Sie beide, und Feuer und Rauch können mir nichts anhaben.« »Er hat recht«, sagte Peter. Er zog eine Decke vom Bett und lief zum Wasserbecken, das Techniker der Roamer installiert hatten. »So hat er eine bessere Chance.« Draußen breitete sich das Feuer weiter aus. Die Faeros benutzten einige grüne Priester als Übertragungskanäle; dadurch war eine parasitäre Verbindung mit den Verdani entstanden, die die Weltbäume in Fackeln verwandelten. Sekundäre Feuer gingen von ihnen aus, erfassten das Unterholz und verbrannten Büsche und Sträucher. 15
Peter und Estarra hüllten ihren Sohn in die nasse Decke und banden das schreiende Bündel dem Lehrer-Kompi an die Brust. OX hielt es fest und begleitete
König und Königin, als sie über die kurvenreichen Wege der Pilzriff-Stadt zu den peripheren Baikonen liefen. Peter atmete schwer, trat in die heiße, raucherfüllte Luft und beobachtete, wie Faeros von einem Baum zum nächsten sprangen. Gewöhnliches Feuer loderte am Rand der Lichtung, wo Menschen sich in größter Eile von der Pilzriff-Stadt entfernten. Theronen drängten sich auf den kleinen Plattformen zusammen und hangelten sich an den Kabeln entlang zum Boden. Die Aufzüge konnten nur eine gewisse Anzahl von Personen tragen und waren nicht für eine solche Evakuierung vorgesehen. Auf einer Plattform standen sechzehn Personen, als der überlastete Aufzug plötzlich nachgab und alle in den Tod stürzten. Peter beobachtete den Vorgang entsetzt und schrie, konnte aber nicht helfen. Für einen Moment stockte ihm der Atem angesichts des Ausmaßes der Katastrophe. Selbst wenn es alle Bewohner der Stadt bis zum Boden schafften wie sollten sie den überall züngelnden Flammen entrinnen? Doch ihm blieb keine Zeit, sich in Panik und Kummer zu verlieren oder sich zu fragen, wie dies alles möglich war. Peter musste einen kühlen Kopf bewahren, sein Volk und seine Familie irgendwie in Sicherheit bringen. Estarra sah das schreckliche Geschehen ebenfalls und traf eine rasche Entscheidung. »Wir müssen klettern.« Sie bemerkte die Sorge in Peters Gesicht und nickte. »Es spielt keine Rolle, dass ich gerade ein Kind bekommen habe. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, in den Weltbäumen zu klettern. Wir kommen zurecht, wenn OX Rey-nald tragen kann.« Peter lächelte entschlossen und rief den verzweifelten Theronen zu: »Wer dazu in der Lage ist, soll klettern! Baum 16
tänzer, helft den anderen. Benutzt die Plattformen nur, wenn ihr nicht klettern könnt.« Einige der überladenen Plattformen erreichten den Boden; die Leute rannten über die Wiese, der Feuerwand entgegen. Funken von den zuerst in Flammen aufgegangenen Weltbäumen hatten den Baum mit der Pilzriff-Stadt erreicht und ihn ebenfalls in Brand gesetzt. Flammenzungen rasten über die goldene Rinde, verbrannten kleine Blattwedel und verkohlten die Borkenplatten. Schließlich stieg auch Rauch von der Stadt auf. Dutzende von Theronen kamen der Aufforderung des Königs nach und begannen damit, am Stamm in die Tiefe zu klettern. Peter sah, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. »Also los.« Mit dem auf der Brust festgebundenen Kind hatte OX die Arme frei. Er zögerte nicht, schwang sich über den Rand und kletterte hinab. Peter hatte den LehrerKompi nie zuvor so flink und behände gesehen - seine Bewegungen ließen keinen Zweifel daran, dass er mit dem Klettern gut zurechtkam. Estarra folgte ihm und rief den anderen Theronen, die aus der Stadt kamen, ermutigende Worte zu. Peter machte sich ebenfalls an den Abstieg. Rauch und
Dampf quollen zwischen den Rindenplatten hervor und verbrannten ihm die Hände, aber er ließ nicht los. Der Kompi erreichte den Boden, drehte sich um und wartete auf König und Königin. Er rückte das Bündel mit dem Säugling auf seiner Brust zurecht und vergewisserte sich, dass es dem Kind gut ging. Inzwischen hatte der Brand auch das hohe Gras und die Blumen erreicht. Büsche schienen regelrecht zu explodieren. Über ihnen brannte die Pilzriff-Stadt. Orangefarbene Flammenzungen leckten von den oberen Baikonen und aus den Fenstern. Peter ließ sich das letzte Stück fallen und landete auf dem Boden. »Zum Rand der Lichtung!« 17
An Sonneneruptionen erinnernde Feuerbogen spannten sich zwischen den Bäumen. Eine gewaltige Peitsche schien zu knallen, als ein weiterer majestätischer Weltbaum den feurigen Elementarwesen zum Opfer fiel. Der grüne Wipfel leuchtete orangerot, und Funken stoben, trugen das Feuer zu anderen Ästen und Zweigen. OX hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt, und Estarra lief mit gesenktem Kopf los. Doch Flammen schnitten ihnen den Weg ab, bevor sie anderen Theronen in den dichten Wald folgen konnten. Die letzten Lücken in der Feuerwand am Rand der Lichtung schlossen sich, und OX war gezwungen, stehen zu bleiben. Mit einem donnernden Krachen löste sich oben ein dicker Ast, und brennende Blattwedel fielen Funken sprühend auf den Kompi. Estarra dachte an das Kind und schrie. Peter schirmte die Augen ab und stürmte los, begriff aber, dass er nicht rechtzeitig zur Stelle sein konnte, um seinen Sohn zu retten. Der kleine Kompi stieß die brennenden Blattwedel beiseite und hielt seinen künstlichen Körper vorgebeugt, die Arme um Reynald geschlungen. OX' Polymerhaut war beschädigt, und Asche und Ruß klebten wie Schminke in seinem Gesicht, doch seine Systeme funktionierten nach wie vor. Die entsetzte Estarra lief zu ihm. Peter zog die dampfende Decke beiseite und vergewisserte sich, dass der Säugling keine Verbrennungen erlitten hatte. Der kleine Junge weinte, schien aber unverletzt zu sein. Um sie herum schwelte grünes Gras, und der Rauch brannte wie Säure in ihren Lungen. Estarra deutete verzweifelt über die Wiese zum kleinen Kugelschiff der Hydroger, das OX während der Flucht von der Erde geflogen hatte. »Dort! Das Schiff ist unsere einzige Möglichkeit.« Sie liefen an brennenden Büschen vorbei zu dem kleinen Kugelraumer, dessen Luke zum Glück offen stand. Flammenzungen leckten wie hungrig nach ihnen, als Peter, Estarra 17
und OX mit dem Kind an Bord kletterten. Peter schloss die Luke hinter ihnen, und in der plötzlichen Stille knackte es in seinen Ohren. Sie schlugen auf die schwelenden Stellen ihrer Kleidung, keuchten und husteten. Die Anstrengung ließ sie zittern, aber wenigstens waren sie in Sicherheit.
Durch die transparente gewölbte Wand beobachteten sie, wie sich zornige Flammen über die ganze Lichtung ausbreiteten und auch das Kugelschiff erreichten.
3 # VORSITZENDER BASIL WENZESLAS
Draußen auf dem großen Platz des Palastdistrikts hob der Erzvater des Unisono einen verzierten Hirtenstab. Er trug einen goldenen Damastumhang, geschmückt mit Rüschen und Brokat, und mit seinem buschigen weißen Bart sah er aus wie ein freundlicher alter Onkel. Der religiöse Sprecher hielt eine weitere mitreißende Rede, die der Vorsitzende Wenzeslas für ihn vorbereitet hatte. Die Menschen brauchten eine feste führende Hand, die ihnen den rechten Weg zeigte. Mit der richtigen Motivation gelang es dem Erzvater, der früher Schauspieler gewesen war, das Herz seines Publikums zu rühren. Unglücklicherweise hatte er bei den letzten Besprechungen Zweifel an den Absichten des Vorsitzenden geäußert. Der Erzvater schien zu viel Zeit damit verbracht zu haben, sich Bilder vom blutigen Usk-Pogrom anzusehen. Zunächst war er begeistert davon gewesen, der aufsässigen Kolonie eine strenge Botschaft zu übermitteln Zerstörung der Siedlung und Kreuzigung der Kolonie-Oberhäupter -, doch inzwischen stellte er die Notwendigkeit solcher Maßnahmen infrage. 18
In Zeiten wie diesen erwartete Basil von seinen Untertanen, dass sie seine Anweisungen befolgten, zum Wohl der Hanse und damit auch zum Wohl der Menschheit. Sie sollten sich keinen Zweifeln hingeben. Mit scharfen Worten und unverhüllten Drohungen hatte er den Erzvater zurechtgewiesen und beobachtet, wie er erbleicht war. Um sich zu vergewissern, dass der Mann seine Lektion gelernt hatte, sah Basil dem Geschehen von der Beobachtungsgalerie aus zu. Eine recht besorgt wirkende Sarein und der nachdenkliche stellvertretende Vorsitzende Eldred Cain leisteten ihm dabei Gesellschaft. »Der Erzvater spricht gut«, sagte Sarein. »Du hast ihm ins Gewissen geredet, nicht wahr?« »Ich musste sein Feuer der Begeisterung ein wenig schüren. Diesmal scheint er begriffen zu haben, worum es geht.« Auf dem Platz weiter unten donnerte der Bärtige: »Ja, die Klikiss sind Dämonen, aber Dämonen können nur das sein, was sie sind. Sie mögen böse und destruktiv sein, das liegt in ihrem Wesen. Weitaus schlimmer sind jene, die das Böse wählen: Leute, die sich mit den Klikiss verbünden, mit den Dämonen, mit unseren Feinden. Damit meine ich den verräterischen König Peter und seine rebellische Konföderation.« Die Predigt wurde natürlich auf der ganzen Erde übertragen. Frachter und schnelle Handelsschiffe brachten Aufzeichnungen der Ansprache zu den wenigen Kolonien und Industriewelten, die noch zur Hanse gehörten.
Der stellvertretende Vorsitzende Cain schien sich immer unbehaglicher zu fühlen, und Basil wusste, dass er etwas sagen wollte. Er seufzte. »Was ist, Mr. Cain?« »Mehrere Einrichtungen der öffentlichen Sicherheit haben Beschwerden an mich weitergeleitet, Sir«, sagte Cain sofort. »Die Polizei scheint nicht zu wissen, was sie mit ihnen anfangen soll.« Basil zog die Brauen zusammen. »Beschwerden? Die gibt es immer.« 19
»Diese sind offenbar nicht ganz unbegründet. Allem Anschein nach haben einige gut organisierte Vigilantengruppen beschlossen, gewisse Diskussionen in der Öffentlichkeit zu unterdrücken.« Cain holte einen Bericht hervor. »Zum Beispiel diese beiden Zwischenfälle. Eine Gruppe demolierte Geschäfte und verprügelte Leute. Ziel der Gewalt sind alle, die gegen die Hanse Stellung beziehen. Die Vigilanten versuchen nicht einmal, ihre Identität zu verbergen.« Der stellvertretende Vorsitzende präsentierte Bilder von Überwachungskameras und deutete auf eine junge Frau in schwarzer Uniform. »Die Kleidung scheint früheren TVF-Uniformen nachempfunden zu sein. Ich habe einen der Rädelsführer identifiziert, die für die Übergriffe verantwortlich sind. Es handelt sich um eine Frau namens Sheila Andez, eine Offizierin der Terranischen Verteidigungsflotte.« »Ja, ich weiß«, erwiderte Basil. »Ich habe sie selbst beauftragt. Andez leitet eine Elitetruppe, die Ordnung und Loyalität auf der Erde gewährleisten soll. Ich nenne sie >Aufräum-truppe<, was zugegebenermaßen kein besonders guter Name ist.« »Sie wissen davon? Die Aktivitäten dieser Vigilanten verstoßen gegen zahlreiche Gesetze.« »Andez erledigt die Aufgabe, die ich ihr übertragen habe. Was Sie >Übergriffe< nennen, halte ich für den notwendigen Versuch, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Derzeit befindet sich die Hanse in einer sehr schwierigen Lage.« Die Menschen auf dem Platz jubelten, und der Vorsitzende wandte sich ihnen zu, schob die Bedenken seines Stellvertreters einfach beiseite. Der Erzvater verbeugte sich. Basil fragte sich, mit welchen Worten er diese Wirkung erzielt hatte - er beschloss, sich später die Aufzeichnungen anzusehen, auch um den gesamten Auftritt einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Der Erzvater sprach nun leiser, als vertraue er Milliarden von Zuhörern ein Geheimnis an. »König Peter und die ande 19
ren Verräter der Konföderation arbeiten den Klikiss in die Hände beziehungsweise in die Klauen, und die Clans der Roamer helfen den dämonischen Geschöpfen bei ihren Eroberungen. Es ist eine heimtückische Verschwörung mit dem Ziel, unsere geliebte Hanse zu vernichten. Die Rebellen der Konföderation und die Klikiss haben vereinbart, den Spiralarm unter sich aufzuteilen.« Das Publikum schnappte nach Luft. »Wie absurd«, sagte Sarein. »Sei vorsichtig, Basil. Wenn Vorwürfe so extrem werden, könnten die Leute den Unsinn tatsächlich glauben.«
Wenzeslas warf ihr einen kurzen Blick zu. »Der Vorwurf ist nicht absurd, sondern durchaus vernünftig, wenn man bedenkt, was die Bürger bisher gehört haben. Derzeit können wir es uns nicht leisten, die Unterstützung der Öffentlichkeit zu verlieren. Das versuchte Pogrom auf Rhejak war ein Fiasko.« Er spürte, wie ihm vor Zorn und Verlegenheit das Blut ins Gesicht schoss. »Admiral Willis hat uns mit einem Moloch und zehn Mantas verlassen, und General Lanyan kehrte wie ein getretener Hund heim, in Schimpf und Schande.« »Sie haben seine schmachvolle Niederlage nicht an die große Glocke gehängt.« Cain sah den Vorsitzenden an. »Wo ist der General jetzt?« »Er muss hinter den Kulissen bleiben, bis er eine Lösung für das von ihm geschaffene Problem findet.« »Wie soll er das fertigbringen?« Sarein schien die Antwort gar nicht hören zu wollen. »Ich dachte, du würdest dies mit uns besprechen . . . « »Es lag auf der Hand. Ich habe ihm Gelegenheit gegeben, einen klaren Sieg zu erringen.« Basil faltete die Hände hinterm Kopf, wobei er darauf achtete, sein stahlgraues Haar nicht durcheinanderzubringen. »König Peters Rebellenkonföderation ist unser Gegner, und wir müssen sie als solchen behandeln. Sie hat Ressourcen, die wir benötigen, vor allem 20
Ekti. Deshalb greifen wir Stützpunkte der Roamer an und nehmen uns, was wir brauchen. Immerhin sind wir im Krieg.« Seine Lippen formten ein Lächeln, und den entsetzten Mienen seiner Begleiter schenkte er keine Beachtung. »General Lanyans Kampfgruppe ist unterwegs zu einem bekannten Himmelsminenzentrum der Roamer. Nach unseren Informationen gibt es dort keine Verteidigungseinrichtungen. Ich hoffe sehr, dass er seine Chance nutzt, endlich einen Erfolg zu erzielen.«
4 # GENERAL KURT LANYAN
Der Moloch Goliath, fünf Manta-Kreuzer, eine Thunderhead-Waffenplattform und mehr als zweitausend Remoras, jeder von ihnen mit Jazern und explosiven Projektilen ausgestattet . . . Das sollte genügen, um auch die widerspenstigsten Clans in ihre Schranken zu weisen. General Lanyan war sicher, dass die TVF bei Golgen triumphieren würde. Er war froh, wieder auf der Brücke seines Moloch zu sein. Bei den Kämpfen am Ende des Hydroger-Kriegs war die Goliath schwer beschädigt worden, aber man hatte sie instand gesetzt und wieder in Dienst gestellt - ein kleiner Schritt hin zu einer wieder voll einsatzfähigen Terranischen Verteidigungsflotte. Der nächste Schritt bestand darin, möglichst viel Treibstoff für den Sternenantrieb zu beschaffen. Als der Gasriese in Sicht kam, stellte Lanyan eine Kom-Verbindung mit dem ersten Manta der Angriffsgruppe her. »Admiral Brindle, vergewissern Sie sich, dass alle Gefechtsstationen besetzt und die Remora-Piloten startbereit sind. Laden Sie die Waffensysteme mit Energie. Ich möchte hier nichts dem Zufall überlassen.« 20
Der ältere, dunkelhaarige Offizier bestätigte. Conrad Brindle war vor kurzer Zeit befördert worden und nahm einen der vielen Plätze ein, die durch die Dezimierung der Terranischen Verteidigungsflotte frei geworden waren. Er nutzte jede Gelegenheit, um Kompetenz und Diensteifer zu zeigen. Bei der Meuterei der Rhejak-Kampfgruppe hatte Brindle zu den wenigen Offizieren und Soldaten gehört, die der TVF treu geblieben waren. Seine Beförderung und dieser neue Einsatz stellten den Lohn dafür dar. Lanyan saß im Kommandosessel, straffte die Schultern, räusperte sich und sprach zu seinen Leuten. »Nach den von Erkundungssonden übermittelten Daten gibt es in der Atmosphäre von Golgen mehr als ein Dutzend Himmelsminen, aber es sind Industrieanlagen, keine militärischen Basen. Nachdem wir eventuellen Widerstand zerschlagen haben, übernehmen wir die dortigen Treibstofflager.« Warnend fügte er hinzu: »Richten Sie möglichst wenig Schaden an. Wir möchten, dass die Anlagen in einem funktionstüchtigen Zustand bleiben. Der Vorsitzende will den Betrieb der Himmelsminen unter Aufsicht der Hanse fortsetzen. Aber zunächst braucht die TVF nur das Ekti.« An Bord der Kriegsschiffe wurde Gefechtsalarm ausgelöst, als sie sich dem buttergelben Gasriesen näherten. Die Langstreckensensoren orteten hoch aufragende Städte in den oberen Schichten der Atmosphäre - dort wurde Wasserstoff zu Ekti verarbeitet. Die Kampfgruppe schwärmte aus, und jeder Manta hielt auf eine andere Himmelsmine zu. Die Thunderhead-Waffenplattform blieb in einer stationären Position, wie eine Zitadelle, die alles andere überragte. »Denkt daran: Roamer sind im Grunde feige«, sagte Lanyan. »Sie ergreifen gern die Flucht und verkriechen sich irgendwo. Sie schleichen in Schiffen ohne Hoheitszeichen umher und halten ihre Stützpunkte geheim. Der Kampf widerspricht ihrem Wesen.« Die Goliath näherte sich der größten Himmelsmine, einem Komplex aus 21
zahlreichen fliegenden Plattformen; hier herrschte reger Verkehr von Frachtern und kleinen Transportschiffen. Voller Abscheu schüttelte er den Kopf. »Seht sie euch nur an!« Als Kind hatte er einmal einen halb verfaulten Holzklotz umgekippt und darunter zahlreiche schwarze Käfer vorgefunden. Plötzlich dem Licht ausgesetzt, waren die Insekten hin und her gelaufen, auf der Suche nach dunklen Stellen, wo sie sich verstecken konnten. Er hatte einen Stock genommen und eine ganze Stunde damit verbracht, die Käfer aufzustöbern und zu zerquetschen. Die Roamer-Schiffe reagierten wie damals die Käfer. Anstatt sich zur Verteidigung zu formieren, stoben sie auseinander - jeder dachte nur an sich. Wie armselig, fand der General und gab seinen Waffenoffizieren den Befehl, nach Belieben das Feuer zu eröffnen. Auf dem großen Hauptschirm sah Lanyan einige spinnenartige Frachter mit EktiTanks. Er zeigte darauf und hob die Stimme. »Das sind die Schiffe, von denen ich gesprochen habe. Denken Sie an meine Befehle.«
Die Waffenoffiziere feuerten auf die Frachter und verfehlten sie knapp - mit Absicht. Die Schüsse dienten der Ablenkung: Die Roamer-Piloten durften nichts von den Peilsendern bemerken, die sich an den Außenhüllen ihrer Schiffe befestigten. Sie sollten später aktiv werden und Lanyan Gelegenheit geben, die Frachtschiffe zu anderen Treibstofflagern zu verfolgen. Wenn die TVF genug Suchschiffe einsetzte, konnte sie das gesamte Netzwerk der Roamer entdecken und alle geheimen Basen finden. Lanyan beobachtete den Angriff und hörte die entrüsteten Stimmen der Himmelsminenverwalter aus den Kom-Laut-sprechern. »Treffen Sie Vorbereitungen, unsere Soldaten zu empfangen«, teilte er der nächsten Himmelsmine mit. »Wenn Sie bedingungslos kapitulieren, können wir die Verluste in Grenzen halten.« 22
Eine schroffe Stimme antwortete ihm. »Hier spricht Del Kellum, der Leiter dieser Himmelsmine. Ich betone hiermit ausdrücklich, dass ich Ihnen keine Landeerlaubnis erteile.« Lanyan lachte leise. »Und wie wollen Sie mich daran hindern, Ihnen einen Besuch abzustatten? Mit scharfen Worten und einem missbilligenden Blick?« Er unterbrach die Verbindung, stand auf und streckte sich. Eine Stunde später befand sich Lanyan zusammen mit schwer bewaffneten TVFSoldaten an Bord eines Truppentransporters, sah aus dem Fenster und beobachtete die riesige fliegende Stadt mit ihren vielen Decks und Docks, ihren Antennen, Sensortrauben und Aussichtsbaikonen. Die Goliath schwebte in der Nähe, gewaltig und drohend. Admiral Brindle hatte bei seiner Himmelsmine bereits einen schnellen Sieg vermeldet, wie auch die anderen Mantas. Der Vorsitzende Wenzeslas würde sehr zufrieden sein, wenn er hörte, wie viel Treibstoff bei diesem Einsatz erbeutet worden war. Bevor er von Bord ging, strich der General die Uniform glatt, kämmte sein dunkles Haar und musterte die Wachen, die den Transporter mit ihm zusammen verlassen würden. Er dachte an die erfolgreichen Kommandeure, von denen er an der Militärakademie gehört hatte, an ihre stolzen Reden nach dem Sieg. Er wollte einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wenn er die eroberte Himmelsmine betrat. Alle sollten wissen, dass mit ihm nicht zu scherzen war. Die Luke schwang auf, und Lanyan trat entschlossen nach draußen auf die Rampe. »Hiermit übernehme ich im Namen der Hanse die Kontrolle über diese Produktionsanlage.« Einige erregte Roamer warteten auf ihn. Er erkannte den bärtigen Del Kellum mit zornesrotem Gesicht. Neben ihm stand ein junger Mann, den Lanyan hier ganz sicher nicht erwartet hatte und der in einer Uniform der TVF vertrauter gewirkt hätte. »General Lanyan«, sagte Patrick Fitzpatrick III., »wie ich sehe, hatte ich genau die richtige Meinung von Ihnen.« 22
5 # JESS TAMBLYN
Einmal war Charybdis eine unberührte Wasserwelt gewesen, mit zahlreichen Wentals in den ausgedehnten Ozeanen. Doch dann waren die Faeros gekommen. Jess und Cesca hatten nicht miterleben müssen, wie Feuer vom Himmel geregnet war und die Meere verdampft hatte, aber jetzt standen sie auf der qualmenden Ruine des Planeten. Schweflige Schwaden zogen dahin, der Leichengeruch der Wentals. Jess atmete tief durch und fühlte in seinem Innern ein eigenes Feuer, das des Zorns. Dies ist Krieg. »Die Roamer können uns helfen«, sagte Cesca. Empörung vibrierte in ihrer Stimme, als sie über rußgeschwärzte, glasige Felsen blickte, wo einst ein Ozean gewesen war. »Wir sollten die Clans bei unserem Kampf um Hilfe bitten.« Jess ging in die Hocke und tauchte die Finger in eine warme, schlammige Pfütze. Das Wasser fühlte sich ölig und tot an. Er schüttelte den Kopf und fragte sich, ob es irgendwo auf Charybdis eine Wasserfläche gab, in der einige Wentals überlebt hatten. »Mit welchen Waffen sollten die Roamer gegen die Faeros kämpfen?« Cesca hob die Brauen. »Jess Tamblyn, zweifelst du etwa an dem Einfallsreichtum der Roamer?« Diese Worte gaben ihm neue Hoffnung. Mit nassen Fingern richtete er sich auf und schritt über die verwüstete Landschaft. Er verstand die Wentals gut und wusste, wo das größte Problem lag. »Wentals und Verdani sind die Kräfte des Lebens und der Stabilität. Hydroger und Faeros verkörpern Zerstörung. Wenn sie aufeinandertreffen, kommt es zu Chaos und Aggression. Die Wentals wissen nicht, wie sie wirkungsvoll gegen einen solchen Feind kämpfen sollen.« Cesca folgte ihm. »Und wenn wir die Regeln dieses Kampfes ändern?« 23
Eine kleine Spalte öffnete sich vor ihnen im Boden, und Dampf zischte daraus hervor. Es klang wie der letzte Atemzug eines Wentals, der sich seinem Schicksal ergeben hatte. Vor zehntausend Jahren waren Wentals und Verdani beim großen Krieg fast ausgelöscht worden. Nach schweren Niederlagen mussten sich die Hydroger ins Innere von Gasriesen zurückziehen, und die Faeros ließen sich in ihren Sonnen nieder. Als es zu neuen Feindseligkeiten gekommen war, lebte der ungelöste Konflikt wieder auf. Doch inzwischen herrschte im Spiralarm eine ganz neue Situation. Durch seinen Kontakt mit den Wentals wusste Jess, dass die Faeros diesmal fast von den Hydrogern besiegt worden wären, wenn die feurigen Wesen nicht ihre alte chaotische Taktik geändert hätten. Der frühere Hyrillka-Designierte Rusa'h hatte diese Veränderung bewirkt. Er war ins Feuer einer Sonne geflohen und dort von den Faeros aufgenommen worden. Dadurch war zwischen ihm und den Feuerentitäten eine ähnliche Verbindung entstanden wie zwischen den Wentals und Jess und Cesca. Als lebende Inkarnation der feurigen Kreaturen hatte Rusa'h ihnen neue Arten des Kampfes gezeigt, und daraufhin war es ihnen gelungen, den Hydrogern eine Niederlage nach der anderen beizubringen. Ihren letztendlichen Sieg verdankten sie Rusa'hs Führung.
Jess blieb stehen, als ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen. Als die Wentals schwach gewesen waren, hatten sie das Gewebe seines Körpers durchdrungen und ihn damit vor der Explosion seines Schiffes gerettet. Aus Dankbarkeit hatte Jess »Wasserträger« damit beauftragt, die Wentals zu verschiedenen Meereswelten zu bringen, wo sie sich ausbreiten konnten. Jetzt standen Cesca und er vor einer noch größeren Herausforderung. Wie Rusa'h mussten sie die Führung übernehmen und die Wentals in einen wirkungsvollen Kampf führen. Sie mussten den Wasserwesen zeigen, wie man aggressive Maßnahmen ergriff. 24
Er wandte sich an Cesca, und seine Augen schienen sich mit Dampf zu füllen, als er über die verbrannte Landschaft blickte. »Es wird Zeit für die Wentals, zornig zu sein und zu Kriegern zu werden, auf eine Weise zu kämpfen, die nicht nur der Verteidigung dient.« Kraft brodelte durch seinen Blutkreislauf, und er verspürte den Wunsch, auf etwas einzuschlagen. Normalerweise war Jess nicht aggressiv, aber jetzt ballte er die Fäuste und hieb damit auf die glasartige Schicht, die den Boden bedeckte. Sie splitterte, und er schlug erneut zu. Ja, er fühlte etwas in der Tiefe! Die Ozeane von Charybdis waren verdampft, aber es gab noch immer Wasser, noch immer Leben. Ein dritter Schlag durchbrach die Kruste. Wasser füllte das Loch, das er geschaffen hatte, eine Flüssigkeit, die aus der Tiefe kam. Sie war heiß, kochte fast. Dampf stieg auf, kein schwefliger Rauch, sondern Wasserdampf. Wentalwas-ser. Mehr und mehr davon kam nach oben, als suchte es nach Freiheit. Cesca tauchte ihre Hände in die Lache. Blubberndes Wasser sprudelte aus der heißen Quelle und floss über den verbrannten Boden. Nicht weit entfernt entstand noch ein Geysir, als ein weiterer Wental aus der Tiefe kam. Cesca richtete sich auf und ballte die Fäuste. »Während wir diese Wentals berühren und wieder im Spiralarm verbreiten, wird unser gerechter Zorn ihnen neue Entschlossenheit geben. Zusammen finden wir eine Möglichkeit, es den Faeros heimzuzahlen.« Neben ihr fühlte Jess das Prickeln von Energie in seinem Körper. Es sagte ihm, dass die Wentals erwachten und ihnen folgen würden. »Wir haben einen neuen Leitstern.« 24
6 * TASIA TA MB LYN
Nach der Flucht vor den Klikiss auf Llaro kehrte das beschädigte Schiff zu den Roamer-Werften zurück. Tasia blieb im Pilotenraum und fürchtete eine neue Katastrophe, wenn sie in ihrer Wachsamkeit nachließ. »Wir sind fast da, Tamblyn«, sagte Robb Brindle, der im Sessel des Kopiloten saß und sich nicht zu entspannen wagte, solange Tasia angespannt blieb. »Fast da.« »Das sagst du schon seit Tagen.« »Und jedes Mal sind wir dem Ziel näher, oder?«
Das Schiff war aufgebrochen, um die in einem kleinen TVF-Lager internierten Roamer zu befreien, doch einen Planeten voller Klikiss hatte die Crew gewiss nicht erwartet. Verdammte Käfer! »Wir sind fast da«, sagte Robb erneut. »Genug mit fast.« Die Ringe von Osquivel bildeten eine breite, funkelnde Scheibe, papierdünn im Vergleich mit dem Gasriesen, den sie umgaben. Klare infrarote Signaturen kennzeichneten die größten Industrieanlagen: Raumdocks und Werften, Verwaltungsasteroiden, Lagerbunker, auf Schiffskonstruktionen oder Komponentenfabrikation spezialisierte unabhängige Produktionsanlagen und Abgasfahnen wie Hahnenschweife. Tasia sendete ihr ID-Signal und bat um Zuweisung eines Anflugvektors. Im großen Passagierabteil breitete sich Unruhe bei den Flüchtlingen aus. Sie sahen durch die Fenster und beobachteten, wie der Gasriese immer größer wurde. »Ist das eine Roamer-Basis?« Orli Covitz kam in den Pilotenraum, und ihr interessierter Blick galt den vorderen Schirmen. »Wunderschön, nicht wahr? Ich wette, so etwas hast du noch nie gesehen.« Hud Steinman - ein dürrer alter Mann, der immer unor 25
dentlich und zerzaust war - erschien neben dem fünfzehnjährigen Mädchen. »Sieht aus, als ginge es dort ziemlich eng zu. Wie viele Habitatkuppeln und Industrieanlagen haben Sie?« »Gerade genug«, antwortete Tasia. »Nein, das stimmt nicht. Wir könnten ein paar mehr gebrauchen. Wir sind dabei, die Verteidigung der Konföderation gegen die Große Gans aufzubauen . . . und jetzt müssen wir uns auch noch wegen der Käfer Sorgen machen.« »Wahrscheinlich geht's dort recht laut zu«, brummte Stein-man. »Wenn Ihnen Llaro lieber ist . . . «, sagte Robb. »Wir könnten Sie zurückschicken.« »In einer knappen Stunde docken wir an«, sagte Tasia. »Bestimmt freuen sich einige Roamer-Familien sehr, uns willkommen zu heißen. Gebt den anderen Bescheid.« »Wir haben nur die Kleidung, die wir am Leib tragen«, sagte Orli. »Und selbst dabei können wir noch von Glück sagen«, fügte Steinman hinzu. Als sie sich dem Zentrum des Komplexes näherten, kamen zahlreiche Schiffe bei der größten Station zusammen. Kleine Frachtkapseln und größere Transporter eilten von anderen Bereichen herbei, um die heimkehrenden Flüchtlinge zu begrüßen. Tasia rechnete damit, dass ihr Bericht für große Unruhe in der ganzen Konföderation sorgen würde. Während sie andockte und alle Systeme überprüfte, warteten die Passagiere ungeduldig an den Luken. Schließlich leuchteten die Anzeigen für den Druckausgleich grün auf; Tasia öffnete alle vier Ausgänge gleichzeitig und fuhr die Rampen aus. Sofort drängten die Überlebenden von Llaro nach draußen. Viele von ihnen standen noch immer unter Schock und weinten. Andere lachten fast hysterisch.
Tasia und Robb standen nebeneinander und beobachteten, wie die Heimkehrer von ihren Familien in Empfang genom 26
men wurden. Ohne sich auch nur anzusehen, streckten sie beide im gleichen Moment die Hand aus. »Ich bin stolz auf das, was wir getan haben, Robb, und gleichzeitig bin ich verdammt sauer. In Hinsicht auf die Klikiss müssen wir etwas unternehmen, und zwar schnell.« Robb verstand. »Willst du in den Krieg ziehen, Tamblyn?« »Ich möchte nach Llaro zurück und den Käfern eine Lektion erteilen.« Zu viele Menschen - unter ihnen Davlin Lotze -hatten ihr Leben geopfert, damit die anderen entkommen konnten. »Lass mich wenigstens duschen, bevor du dich Hals über Kopf in eine weitere Schlacht stürzt.« »Dies ist ein Roamer-Komplex mit den üblichen Protokollen der Ressourcenverwaltung.« Tasia blickte ihm in die bernsteinfarbenen Augen. »Wir sollten besser zusammen duschen, um Wasser zu sparen.« Kotto Okiah, der amtierende Verwalter der Werften, kratzte sich am Kopf und blinzelte, als er die vielen plötzlich aufgetauchten Leute sah. Er erkannte Tasia und Robb und eilte zu ihnen. »Offenbar haben Sie für diese Leute die Verantwortung«, sagte er. Tasia vermutete, dass er nicht einmal mehr wusste, warum sie überhaupt nach Llaro geflogen waren. »Es gibt eine weitere Gefahr, auf die sich die ganze Konföderation vorbereiten muss, Kotto«, erwiderte sie. »Wir brauchen ganz neue Waffen und Verteidigungseinrichtungen.« »Ach? Wunderbar.« Der Ingenieur hob die Brauen. »Von welchem Feind reden wir hier? Die Hydroger habe ich für besiegt gehalten. Natürlich gibt es da noch die Hanse, aber neu dürfte sie wohl kaum sein. Übersehe ich irgendetwas?« »Dies ist schlimmer als die Große Gans und vielleicht noch schlimmer als die Droger.« Tasia ergriff Kottos Arm. »Es gibt hier doch noch einen grünen Priester, oder?« »Ja. Liona dürfte auf dem Weg hierher sein. Ich, äh, habe sie gerufen, damit sie anderen Clans Neuigkeiten über ihre Verwandten übermitteln kann. Vörausplanung . . . « 26
Tasia unterbrach ihn. »Wir müssen Nachrichten schicken und alle Kämpfer der Konföderation zusammenrufen. König Peter weiß, dass die Klikiss zurückgekehrt sind, aber er weiß bestimmt nicht, dass sie Kolonien angreifen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Die Flüchtlinge tauschten sich mit den Clanmitgliedern aus und sorgten dafür, dass es im Empfangshangar fast ohrenbetäubend laut zuging. Als schließlich die grüne Priesterin vom Verwaltungskomplex eintraf, drängten ihr viele Roamer in der Hoffnung entgegen, Freunden und Familienangehörigen Mitteilungen schicken zu können. Aber mit Liona stimmte etwas nicht. Tasia spürte es sofort. Die grüne Priesterin wirkte entgeistert, als sie den Hangar betrat. Sie umklammerte ihren kleinen
Schössling, dessen zarte Blattwedel zu zittern schienen. Und dann rief Liona etwas, das alle im Hangar verstummen ließ. »Die Faeros verbrennen den Weltwald!«
7
CELLI
Eine sengende, lebendige Hitze umhüllte die Weltbäume und bahnte sich einen Weg in ihr Innerstes. Doch das Kernholz der Verdani verbrannte nicht, und so sahen die großen Bäume wie Fackeln aus - sie konnten das Feuer nicht von sich abschütteln. Unterdessen breitete sich im Wald ein normales Feuer aus, das Büsche und Sträucher verbrannte und ungeschütztes Holz verschlang. Am Rand der Wiese ballte Celli die Fäuste. »Was können wir für die Weltbäume tun, Solimar? Wie können wir ihnen helfen, sich zur Wehr zu setzen?« »Die Faeros quälen die Bäume, von denen sie Besitz ergriffen haben.« Solimar presste die Finger an die Schläfen, 27
schnitt eine Grimasse und öffnete dann die Augen. »Der Schmerz . . . Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.« Celli war erst seit kurzer Zeit grüne Priesterin, spürte aber die Pein der Bäume. Wenn das Feuer einen von ihnen angriff, fühlten sie alle den Schmerz. Viele grüne Priester im Wald waren von der Tragödie schier überwältigt und konnten sich nicht mehr aus der Verbindung lösen. Andere kämpften gegen Leid und Entsetzen an und vermieden es, sich dem Telkontakt zu öffnen. Die meisten Bäume am Rand der Lichtung waren vom elementaren Feuer erfasst, aber Celli begriff, dass die größten von ihnen versuchten, die Faeros festzuhalten, damit sie nicht auf kleinere Weltbäume übersprangen. Sie spürte, wie die Verdani kämpften, doch sie verloren den Kampf. Einer der Bäume erzitterte, und Celli empfing eine mentale Woge des Kummers. Er konnte seine Gegner nicht länger an sich binden, und die Faeros sprangen hämisch zu einem anderen großen Baum. Flammen rasten über die goldenen Schuppen der Rinde zu den empfindlichen Blattwedeln, und innerhalb von Sekunden verwandelte sich auch dieser Weltbaum in eine lebende Fackel. Solimar wandte sich Celli zu. Er wirkte ausgezehrt, aber auch entschlossen. »Die Faeros kamen durch den Telkontakt hierher, über mentale Wege, die ihnen von Yarrod und seinen grünen Priestern geöffnet wurden. Aber sie sind anders als die anderen Faeros, die wir gesehen haben.« Celli rief sich die Einzelheiten ins Gedächtnis zurück. Die Verbindung aus Telkontakt und Thism hatte eine Art Tunnel geschaffen, durch den Faero-Funken Theroc erreichen konnten. Sie verbrannten die grünen Priester, die ihnen den Weg geöffnet hatten, ergriffen dann von den nächsten Bäumen Besitz. Yarrod selbst war als einer der Ersten ums Leben gekommen - mit schrecklicher Deutlichkeit erinnerte sich Celli an die Flammen, die ihn plötzlich umhüllt und verbrannt hatten. Er hatte das Beste gewollt und das Feuer des Unheils nach Theroc gebracht. 27
»Dies sind neue Faeros, und sie sind nicht so stark wie die anderen«, sagte Celli. »Wir können gegen sie kämpfen, wenn sich alle grünen Priester zusammenschließen. Wir können den Bäumen Kraft und neue Hoffnung geben, so wie wir beide das mit unserem Baumtanz getan haben.« Plötzlicher Optimismus erfüllte sie. Nach dem ersten Hyd-roger-Angriff, als der Weltwald nahe daran gewesen war aufzugeben, hatten Celli und Solimar für die Bäume getanzt. Mit Überschwang und Lebensfreude war es ihnen gelungen, im Weltwald neue Kraft zu wecken, ihm die Möglichkeit zu geben, mit seinen Wurzeln etwas anzuzapfen, das den Ver-dani bis dahin verborgen gewesen war. Menschliches Temperament hatte den Weltwald aus seiner Apathie gerissen. Das musste ihnen noch einmal gelingen. »Geben wir den anderen grünen Priestern Bescheid!« Celli legte die Hände auf die Borke eines nahen Baums und öffnete ihr Bewusstsein dem Telkontakt. Solimar versuchte erschrocken, sie daran zu hindern. Celli begriff ihren Fehler zu spät. Kaum hatte sie die Verbindung hergestellt, traf sie das mentale Getöse wie ein wuchtiger Schlag. Sie konnte die überwältigende Kakophonie nicht von sich fernhalten. Solimar sprang zum Baum neben ihr, hielt Celli mit einem Arm und berührte die Rinde mit der freien Hand. Anstatt sie wegzuziehen und den Kontakt zu unterbrechen, fügte er seine eigene Kraft hinzu und half Celli, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Sie schloss die Augen und kämpfte gegen das Tosen an. Ihre schmalen Schultern bebten, aber sie zwang sich, die Hände am Stamm zu lassen. Für den Weltwald. Durch den Telkontakt rief sie: Wir sind hier für dich. Nutze unsere Kraft. Plötzlich fiel ihr ein, wer sonst noch helfen konnte, so wie sie den Verdani geholfen hatte, die Kraft hinter dem Baumtanz zu verstehen. Beneto war mit einem der riesigen Baumschiffe im Orbit von Theroc verschmolzen. Das kalte, dunkle 28
All gewährte den gewaltigen Schlachtschiffen der Verdani keinen Schutz - die neuen Faeros auf Theroc versuchten, sie durch die Kanäle des Telkontakts zu erreichen. Zwei der Schiffe hatten bereits Feuer gefangen und waren von einem sonderbaren Glühen umgeben. Celli tastete nach dem fernen Selbst, das ihr so sehr fehlte, und es gelang Beneto, eine kurze Verbindung zu ihr herzustellen. Die brennenden Bäume müssen sich isolieren. Verhindert die weitere Ausbreitung des Feuers, bevor ihm der ganze Weltwald zum Opfer fällt. Jäher Schmerz flutete ihr entgegen und klang im geistigen Äther wie splitternder Kristall. Den Faeros war es gelungen, durch die Kanäle des Telkontakts zu springen und Beneto zu erreichen - sein riesiges Baumschiff verwandelte sich hoch über Theroc in eine Fackel. Celli konnte ihm nicht helfen und fühlte, wie er brannte, ohne zu sterben.
8 # KÖNIGIN ESTARRA
Im kleinen Kugelschiff der Hydroger hielt Estarra ihren Sohn umklammert. Während der panischen Flucht aus der Pilz-riff-Stadt hatte sie nicht die Brandblasen an ihren Armen bemerkt. Peters Gesicht war rot und seine Stimme rau vom vielen Rauch. Außerhalb der transparenten Wand loderten die Flammen so hell, dass sie sich die Augen abschirmen musste. Überall brannten die Bäume, und sie beobachtete, wie ein weiterer großer Ast herabfiel. »Ich kann dieses Schiff noch immer fliegen«, sagte der Leh-rer-Kompi. »Seine Systeme sind funktionstüchtig. Ich bin in der Lage, uns aus dem Feuer zu bringen.« Erleichterung durchströmte Estarra. »Dann los, OX!« 29
Der Kompi legte seine Polymerhände auf die kristallenen Kontrollen und griff auf die Bordsysteme des kleinen Kugelschiffes zu. Der Hydroger-Antrieb arbeitete völlig geräuschlos. Es donnerten keine Raketendüsen oder dergleichen -lautlos hob die Kugel ab. OX ließ sie aufsteigen, über das Feuer und die brennenden Bäume. Estarra blickte übers Blätterdach von Theroc und sah weitere Stellen, wo die Faeros Bäume in Brand gesetzt hatten, vielleicht schwache Punkte im TelkontaktNetz oder Orte, wo Yarrods grüne Priester unabsichtlich Schwächen geschaffen hatten. Doch der größte Teil des Weltwalds hatte dem Feind noch nicht nachgegeben. Die Lage war schlimm, aber sie hätte noch weitaus schlimmer sein können. Außerhalb des Feuerkreises, in dem sie gefangen gewesen waren, liefen Theronen zu Transportern der Roamer. »Lande dort, OX«, sagte Peter. Er beobachtete das Geschehen auf dem Planeten und dachte daran, welche Maßnahmen es zu ergreifen galt. »Vielleicht brauchen wir jene Schiffe, um Menschen in Sicherheit zu bringen.« »Elf große militärische Raumschiffe sind gerade im Orbit eingetroffen, König Peter«, sagte der Lehrer-Kompi. »Sie gehören zur Terranischen Verteidigungsflotte.« Estarra fühlte sich elend, als sie den auf der Hand liegenden Schluss zog. »Die TVF greift uns ausgerechnet jetzt an?« Peters linke Hand ballte sich zur Faust. »Zum Teufel mit dem Vorsitzenden! Schick den Neuankömmlingen eine Nachricht, OX. Teil ihnen mit, dass wir jeder Aggression der Hanse erbitterten Widerstand leisten werden. Sie sollen nicht glauben, dass wir wehrlos sind.« Kurz darauf erklang die Stimme einer älteren Frau. Estarra erkannte sie: Es war die Stimme von Admiral Willis. »König Peter, ich bin nicht gekommen, um Ihnen Ärger zu machen. Ganz im Gegenteil: Ich möchte Ihnen helfen. Und es sieht ganz so aus, als könnten Sie Hilfe gebrauchen. Meine Schiffe 29
und ich stehen nicht mehr in Diensten des Vorsitzenden Wenzeslas.« »Das höre ich gern, Admiral. Aber wie Sie sehen, befinden wir uns mitten in einer kritischen Situation. Ich habe keine Zeit für Förmlichkeiten.«
»Dann bin ich froh, dass wir gerade jetzt eintreffen. Ich komme in einem Shuttle zu Ihnen, wenn Sie mir versprechen, mich nicht vom Himmel zu schießen.« »Versprochen.« OX steuerte das Kugelschiff in den offenen Bereich zwischen einigen vom Feuer nicht betroffenen Weltbäumen, wo sich Theronen versammelt hatten. Peter und Estarra traten durch die Luke nach draußen und versuchten, Ordnung in das Durcheinander zu bringen. Es dauerte nicht lange, bis ein TVF-Shuttle zur Landung ansetzte und viele der Anwesenden erschreckte, insbesondere die Roamer. Peter wies sie darauf hin, dass keine Gefahr drohte. Willis stieg aus und richtete einen abschätzenden Blick auf das königliche Paar. Sie straffte die Schultern, salutierte und verbeugte sich dann - offenbar wusste sie nicht genau, welche Geste angemessen war. »Ich habe gehofft, etwas diplomatischer vorgehen zu können, König Peter, aber die Umstände sind ungewöhnlich. Die elf großen Schiffe unter meinem Kommando wollen sich der Konföderation anschließen. Können Sie einige Schlachtschiffe gebrauchen?« Das Angebot verblüffte Estarra. »Wir weisen sie bestimmt nicht zurück, Admiral, aber derzeit haben wir mit anderen Problemen zu kämpfen. Können Sie uns helfen?« »Sie haben nicht zufällig Erfahrung mit Flächenbränden?«, fügte Peter hinzu. Willis zuckte die Schultern und gab sich cool. »Wie wär's, wenn wir daraus die erste Mission in Ihren Diensten machen?« 30
9 # NIRA
Nira war zusammen mit den verschleppten Ildiranern auf dem Mond der Erde gefangen und fühlte sich abgeschnitten von den Ereignissen im Spiralarm. Der Stützpunktkommandant hielt sie »aus Sicherheitsgründen« in einzelnen, willkürlich zusammengestellten Gruppen voneinander getrennt: Angehörige des Wächter-Geschlechts, Soldaten der Solaren Marine, Bedienstete, Beamte, auch Erinnerer Vao'sh und Anton Colicos. Transparenter Kunststoff versiegelte die kalten, trockenen Wände der Mondbasis, aber Nira glaubte, bei jedem Atemzug Staub zu schmecken. Das Licht war schrecklich künstlich, zu hell und zu weiß. Sie sehnte sich nach etwas Grünem, Lebendigem. Doch ihre Sorge galt vor allem dem Weisen Imperator. Seine roten Augen, gehetzten Blicke und ruckartigen Bewegungen deuteten darauf hin, dass er verzweifelt war. Er tat Nira schrecklich leid. Ihr Herz war voller Liebe und Anteilnahme für ihn - und voller Zorn auf den Vorsitzenden Wenzeslas, der ihm dies antat. Der Schmerz, den sie empfand . . . Er konnte nur ein vager Schatten der Qual sein, die Jora'h durchs Thism empfing. Sein Volk brauchte ihn! Der Weise Imperator wusste, dass Rusa'h und die Faeros Ildira angriffen, Mijistra in ein flammendes Inferno verwandelt und den Erstdesignierten Daro'h gezwungen hatten, den Prismapalast zu verlassen, von der Zerstörung vieler Schiffe der Solaren Marine ganz zu schweigen. An Bord des ildiranischen Kriegsschiffs hatte Nira eine kurze Nachricht durch den Telkontakt erhalten. Der
Weise Imperator hatte die Angst und den Tod vieler Ildiraner im Thism gefühlt. Und als das ildiranische Volk sein Oberhaupt dringender brauchte als jemals zuvor, hatte der Vorsitzende Wenzeslas Jora'hs Kriegsschiff aufgebracht und alle an Bord gefangen genommen. Als Geiseln. 31
»Ich fühle es noch immer«, sagte Jora'h zu Nira. In seinen saphirgrünen Augen flackerte ein unstetes Licht. Die Hände zitterten, und der lange Zopf löste sich allmählich. »Ildira ist verletzt.« Der Vorsitzende lehnte es ab, ihn freizulassen. Zwar wusste er, dass die Faeros Ildira angriffen, aber es war ihm gleichgültig. Oder vielleicht versuchte er, die Tragödie im Ildiranischen Reich für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Die animalisch aussehenden Angehörigen des Wächter-Geschlechts knurrten, als sie an den Wänden des früheren Speisesaals entlangstapften, in dem sich die Gefangenen versammeln durften. Man hatte ihnen die kristallenen Katanas abgenommen, aber sie waren trotzdem bereit, auf ein Zeichen des Weisen Imperators hin die Menschen zu packen und zu zerreißen. Nira versuchte, Jora'h zu beruhigen, und nachdem er sich entspannte, ließ auch die Anspannung der Wächter nach. Als sich Schritte näherten, wandte sich Jora'h zum Eingang um und zeigte eine strenge Miene. Selbst unter diesen Bedingungen hielt er an Stolz und Würde fest, und Nira bewunderte ihn dafür. Sie trat an seine Seite und bot ihm damit ihre moralische Unterstützung an. Fünf TVF-Soldaten mit geschulterten Gewehren marschierten zur Tür und blieben dort stehen. Basiskommandant Til-ton - ein Mann mit großen, leicht vorstehenden Augen - trat ein und sah sich in dem großen Raum um. Sein fliehendes Kinn schien einen Bart zu verlangen, trotz der TVF-Vorschriften, die so etwas verboten. Mit näselnder Stimme sprach er zu jemandem weiter hinten im Korridor. »Der Raum ist sicher, Vorsitzender.« Basil Wenzeslas kam allein herein, gekleidet in einen Anzug, der ihn vom militärischen Personal unterschied. Die Angehörigen des Wächter-Geschlechts näherten sich dem Weisen Imperator, und Jora'h forderte sie nicht auf zurückzuweichen. Er richtete einen kühlen Blick auf den Vorsitzenden 31
und verzichtete ganz bewusst darauf, ihn mit einem Titel anzusprechen. »Mein Reich wird angegriffen. Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Ildiranern sterben, weil Sie mich hier festhalten. Lassen Sie mich frei.« »Gern - wenn Sie auf einige bestimmte Bedingungen eingehen. Ich dachte, ich hätte klar genug gemacht, was ich von Ihnen erwarte.« Der Vorsitzende zeigte ein falsches Lächeln. »Erklären Sie Ihre Vereinbarung mit Peter und der sogenannten Konföderation für null und nichtig. Bezeichnen Sie ihn als Rebellen, und weisen Sie in aller Deutlichkeit darauf hin, dass Sie mich unterstützen. All das können Sie mit einer einzigen Ansprache erledigen.« »Ich bin der Weise Imperator«, erwiderte Jora'h mit rauer Stimme. »Meine Worte haben Gewicht, und ich fühle mich an meine Versprechen gebunden. Sie halten mich hier gegen meinen Willen fest und erklären dem Ildiranischen Reich damit
den Krieg. Die Solare Marine wird Sie für jeden einzelnen Ildiraner zur Rechenschaft ziehen, der stirbt, während ich hier . . . «! Der Vorsitzende unterbrach ihn und winkte ab. »Ihre Solare Marine ist in einem erbärmlichen Zustand. So sehr Sie sich auch aufplustern: Ihre Schlachtschiffe kämpfen gegen die Faeros, und deshalb haben wir sie noch weniger zu fürchten als vorher.« Jora'hs Reise nach Theroc mit dem Ziel, ein Bündnis mit der Konföderation zu schaffen, war eine sehr schwere Entscheidung gewesen. Er hatte die Fehler der Weisen Imperatoren vor ihm eingestanden, und König Peter hatte darauf hingewiesen, dass beide Völker in die Zukunft schauen mussten. Doch jetzt hatten sich die Beziehungen zwischen Ildiranern und Menschen zumindest zu diesen Menschen - für immer verändert. Nira dachte daran, dass Jora'hs Vater wie der Vorsitzende Wenzeslas bereit gewesen wäre, jeden zu verraten, um die 32
eigenen Ziele zu erreichen und das Reich zu schützen. Er hätte nicht die geringsten Skrupel gehabt, das Bündnis mit der Konföderation aufzukündigen und einen Pakt mit der Hanse zu schließen, wenn das mit seinen eigenen Interessen vereinbar gewesen wäre. Der Weise Imperator Cyroc'h hatte viele Geheimnisse vor dem ildiranischen Volk gehabt und sogar seine eigenen Erinnerer umgebracht, als sie zu viel herausfanden. Doch Jora'h war nicht wie sein Vater. Er würde sich dem Druck der Hanse auf keinen Fall beugen. Der Vorsitzende Wenzeslas setzte ihn weiter unter Druck. »Wo ist die Konföderation jetzt? Ist sie gekommen, um Ihnen zu helfen? Hat sie auf die Notsituation in Ihrem Reich reagiert und Hilfe entsandt? Warum solchen Schönwetterfreunden treu bleiben? Warum dies nicht beenden? Sie könnten sich noch heute auf den Weg nach Ildira machen.« »Ich bezweifle, ob er die Absicht hat, dich freizulassen, Jora'h«, sagte Nira. »Seine Taten sprechen eine deutliche Sprache.« »Ich bin ganz deiner Meinung. Wodurch mir meine Entscheidung noch leichter fällt.« Der Vorsitzende ließ sich davon nicht beeindrucken. »Wir haben inzwischen eine Analyse Ihres Flaggschiffs beendet. Oder sollte ich sagen: eine Analyse des neuesten Schiffes unserer Flotte? Nach den hohen Verlusten bei der letzten Schlacht gegen die Hydroger brauchen wir jedes Schiff, das wir bekommen können. Es gibt zu viele Feinde - überall.« »Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sie sich nicht so viele Feinde gemacht hätten«, erwiderte Jora'h kühl. »Ich werde Ihnen nicht gestatten, einen Teil der Solaren Marine in Ihr Militär aufzunehmen.« Der Vorsitzende zuckte die Schultern. »Es ist ein voll einsatzfähiges Schiff. Warum es vergeuden?« Er wandte sich an Commander Tilton. »Geben Sie Admiral Diente Bescheid. Er soll einen gründlichen Testflug vorbereiten.« 32
Nira verzog das Gesicht, als sie den Namen des Mannes hörte, der Jora'hs Schiff auf dem Weg nach Theroc abgefangen hatte. Der Vorsitzende sah den Weisen Imperator an und zeigte erneut sein abscheuliches Lächeln. »Admiral Diente wird Ihr Schiff weit aus unserem Sonnensystem bringen und feststellen, wozu es fähig ist. Und da Sie immer noch zu Vernunft kommen müssen, werden Sie ihn begleiten - ganz allein, damit Sie Gelegenheit haben, in aller Ruhe nachzudenken.« »Wenn Sie ihn von allen Ildiranern isolieren, wird er verrückt!«, entfuhr es Nira. »Das kann nicht einmal der Weise Imperator ertragen.« »Oh, daran habe ich gar nicht gedacht«, entgegnete der Vorsitzende voller Sarkasmus. »Er kann es sich jederzeit anders überlegen.« Wenzeslas wartete, aber Jora'h antwortete nicht. Verärgert schüttelte der Vorsitzende den Kopf. »Ich habe genug von Leuten, die stur und eigensinnig sind, anstatt dabei zu helfen, eine uns alle betreffende Krise zu überwinden.« Er winkte den Wächtern an der Tür zu. »Mehr Zeit kann ich für diese Angelegenheit nicht erübrigen. Ich muss zur Erde zurück. Admiral Diente hat seine Befehle. Viel Spaß bei Ihrer einsamen Reise, Weiser Imperator. Ich bin sicher, sie hilft Ihnen dabei, klarer zu denken.«
10 # ERSTDESIGNIERTER DARO'H
Mijistra brannte, und die Faeros genossen es. Zahlreiche Angehörige des Wächter-Geschlechts hatten sich geopfert, um dem Erstdesignierten Daro'h, seiner Schwester Yazra'h und Niras fünf HalbblutKindern die Flucht aus dem Prismapalast zu ermöglichen. Unmittelbar nach ihrem Entkommen war Rusa'hs lodernder Avatar durch die kristal 33
lenen Korridore gerast und hatte alles in seinem Weg zerstört. Auf einem kahlen Hügel außerhalb von Mijistra blickte Daro'h über die einst so prächtige ildiranische Hauptstadt. Voller Kummer musste er zusehen, wie die Faeros damit fortfuhren, Mijistra zu bombardieren. Um so viele Ildiraner wie möglich zu retten, hatte der Erstdesignierte die Evakuierung angeordnet und allen Geschlechtern befohlen, aufs Land zu fliehen, während Feuerkugeln über der Stadt flogen. Tausende von Flüchtlingen strömten ins offene Hügelland, folgten dem Verlauf von Flüssen und hielten nach Orten Ausschau, wo sie sich verstecken konnten. Mehrere Kriegsschiffe der Solaren Marine schwebten dicht über dem Boden, setzten Überlebende und Proviant ab. Die neben Daro'h stehende Yazra'h sah ebenfalls zur Stadt, mit steinernem Gesicht. Das lange kupferfarbene Haar der Kriegerin wehte im Wind. »Die Leute bringen sich in Gefahr, wenn sie große Gruppen bilden. Sie können sich nicht schützen, wenn die Faeros sie angreifen. Sie können nicht kämpfen.« Eine ihrer Isix-Katzen war während Rusa'hs Eroberungen verbrannt; die anderen beiden strichen ihr um die Beine. »Bisher greifen die Faeros nicht an«, erwiderte Daro'h. »Ich kann nur hoffen, dass sie nicht beabsichtigen, das ildiranische Volk auszulöschen. Rusa'h scheint sie zu kontrollieren. Er will mehr - vielleicht den Weisen Imperator.« Doch ihr Vater weilte nicht auf Ildira. Niemand wusste, wo er sich befand.
Yazra'h verschränkte die Arme. »Wie dem auch sei . . . Ich werde nicht zulassen, dass du in einem der offenen Lager oder ungeschützten Dörfer bleibst, Erstdesignierter.« »Willst du mich verstecken?« Seine Schwester bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick. »Ich will, dass du überlebst. Ich habe geschworen, dich 34
zu beschützen.« Solange der Weise Imperator fehlte, war Daro'h das Oberhaupt der Ildiraner; er durfte nicht sterben. Yazra'h hatte in den Bergen nicht weit von Mfjistra entfernt einige tiefe Höhlen und alte Stollen entdeckt. »Ich habe einen guten Ort für dich gefunden. Adar Zan'nh wird dich dorthin bringen.« Sie sah zum Himmel hoch. »Er ist wie ich der Meinung, dass du hier viel zu verwundbar bist.« Daro'h bemühte sich, seine aufgewühlten Emotionen unter Kontrolle zu halten, damit sie nicht Eingang ins Thism fanden. »Es bereitet mir großen Schmerz, unsere Stadt den Faeros zu überlassen, aber offenbar bleibt mir keine Wahl.« Er warf einen letzten Blick auf die Truppentransporter und Angriffsjäger am Himmel. »Ich beuge mich deinem Rat. Ruf den Adar.« Daro'h saß am Fenster eines kleinen, schnellen Kampfboots und beobachtete die Landschaft, schockiert von den Veränderungen. Osira'h und ihre Halbblut-Kinder leisteten ihm Gesellschaft. Ihre Kleidung war angesengt und schmutzig, aber abgesehen davon schienen sie in Ordnung zu sein. »Wir richten so viele Flüchtlingslager wie möglich ein«, berichtete Zan'nh, der das Kampfboot selbst flog. »Die Solare Marine liefert Proviant, medizinische Ausrüstungen, Werkzeuge und Bauteile für die Unterkünfte.« Der Adar wusste bereits, dass seine Schiffe nicht direkt gegen die Feuerkugeln kämpfen konnten. Um eins von ihnen zu zerstören, hatte er zwei große Kriegsschiffe mitsamt ihrer Besatzung geopfert. Ihm blieben nur noch fünf Schiffe von der Septa, mit der er nach Ildira gekommen war. Der Rest der Solaren Marine - die Überbleibsel der Kohorten, die den kolossalen Kampf gegen die Hydroger überstanden hatten -waren im Ildiranischen Reich verstreut und wachten über die einzelnen Splitter-Kolonien. Tabitha Huck und ihre menschlichen Mitarbeiter hatten in der Umlaufbahn von Ildira neue Kriegsschiffe gebaut, als 34
Rusa'h eingetroffen war. Die Kommandanten dieser neuen Schiffe hatte Zan'nh angewiesen, sich nicht auf einen direkten Kampf gegen die Faeros einzulassen. Von Patrouillen heimkehrende Einheiten der Solaren Marine erhielten den Befehl, am Rand des Sonnensystems zu warten. Sie konnten keinen Sieg erringen, und Zan'nh wollte nicht noch mehr Schiffe verlieren. Daro'h wusste, wie sehr es Adar Zan'nh widerstrebte, so »feige« Befehle zu erteilen. Aber die Kommandanten der Kriegsschiffe gehorchten und hielten ihre großen Schiffe bereit in Sicherheit. »Mit deiner Erlaubnis, Erstdesignierter: Einer meiner Kommandanten hat darum gebeten, Flüchtlinge in sein Kriegsschiff aufzunehmen und den Planeten zu
verlassen.« Zan'nh wandte sich von den Navigationskontrollen ab. »Wir können zehntausend aus den am meisten gefährdeten Lagern holen und an einen sicheren Ort bringen.« Daro'h überlegte. »Das betreffende Kriegsschiff wäre nicht zur Rückkehr imstande. Können wir uns seinen Verlust leisten?« »Meine Kriegsschiffe sind nicht in der Lage, gegen die Faeros zu kämpfen, Erstdesignierter. Wir hätten wenigstens die Möglichkeit, zehntausend Leben zu retten.« »Einverstanden. Teil dem Kommandanten mit, dass er meinen Segen für einen entsprechenden Versuch hat.« Das Kampfboot flog zu den kahlen Bergen, und Daro'h bemerkte kleine Löcher in den steilen Hängen: Höhlenzugänge, zu erreichen über Schotterstraßen, die vor Jahrhunderten von Angehörigen des Gräber-Geschlechts angelegt worden waren. Sie landeten auf einem breiten Felsvorsprung. »Tal O'nh und der HyrillkaDesignierte Ridek'h sind bereits in den Stollen«, sagte Zan'nh. »Sie haben damit begonnen, die notwendigen Geräte für dein neues Kommandozentrum aufzubauen.« Daro'h stieg aus und sah voller Kummer zum runden Tunnel, der sein neues Zuhause sein sollte. Yazra'h warf ihm 35
einen missbilligenden Blick zu, bevor er etwas sagen konnte. »Der Prismapalast ist trotz seiner Pracht nur ein Gebäude. Denk daran, dass du der Erstdesignierte bist. Du bist derzeit das Oberhaupt unseres Volkes. Du bist wichtiger als Mijistra.« Daro'h versuchte, sich davon zu überzeugen, dass es stimmte. Und er wusste, dass große Anstrengungen nötig waren, um dem Vertrauen gerecht zu werden, das Yazra'h und alle anderen in ihn setzten.
11 # FAERO-INKARNATION RUSA'H
Rusa'h nahm den ihm gebührenden Platz ein, wie eine glühende Kohle in der Mitte eines lodernden Feuers. Der Prismapalast mit seinen Türmen, Minaretten und kristallenen Decken war ihm bestimmt. Dabei ging es nicht um seine eigenen Ambitionen, sondern um das ildiranische Volk - und um die Wiederauferstehung der Faeros und das Entzünden des ganzen Universums. Rusa'h war für sein Volk aktiv geworden, für Ildira und all jene, die sich auf dem Weg zur Lichtquelle verirrt hatten. Als er sich in den Resten der Himmelssphäre niederließ, hätte sich seine Macht wie ein gewaltiger Flächenbrand ausbreiten sollen. Er hatte versucht, ein neues Thism-Netz zu weben, einige Ildiraner vor der notwendigen Reinigung und Opferung anderer zu retten. Doch dieser neue Sieg war nicht so, wie Rusa'h es erwartet hatte. Zwar verbanden ihn helle Seelenfäden mit den Faeros und dem ildiranischen Volk unter seiner Obhut, doch er fühlte sich noch immer einsam. Die Faeros hatten ihm geholfen und wollten mehr . . . immer mehr. Alle brennbaren Objekte im Palast waren bereits den Flammen zum Opfer gefallen. Hätte er den Faeros freie Bahn gelassen, wären sie übers Land geflogen, um alles zu
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verbrennen und alle ildiranischen Seelenfeuer aufzunehmen, die sie finden konnten, damit daraus neue Faeros entstanden. Rusa'h gab sich alle Mühe, eine solche Katastrophe zu verhindern. Er hatte den feurigen Elementarwesen dabei geholfen, die Hydroger zu besiegen. Er war eine Faero-Inkarnation, aber auch der Retter des Ildiranischen Reichs. Derzeit flogen die Faeros durch den Spiralarm und kehrten zu ihren kalten, toten Sternen zurück. Sie hatten bereits eine große Ansammlung von Wentals auf Charybdis ausgelöscht, und über die neuen Verbindungen, die Rusa'h ihnen gezeigt hatte, waren junge Faeros durch die Seelenfäden des Thism/ Telkontakts nach Theroc gelangt. Der Kampf gegen die Weltbäume fand in diesem Moment statt; Faero-Feuer breitete sich im Weltwald aus. Doch Rusa'h musste dafür sorgen, dass Ildira intakt blieb. Es galt, die Faeros an diesem Ort unter Kontrolle zu halten. Voller Genuss lauschte er dem Knacken und Zischen des Feuers im Prismapalast. Außerhalb davon schien Mijistra still und leer zu sein - die meisten Ildiraner waren ins hügelige Land außerhalb der Stadt geflohen. Es enttäuschte Rusa'h, dass wahre Ildiraner ihre heilige Hauptstadt verließen, doch sie setzten ihre Flucht fort, als sei das neue Licht zu hell für sie. Sie versteckten sich in improvisierten Lagern, drängten sich dort zusammen und glaubten, einigermaßen sicher zu sein. Trotz der Enttäuschung, die sie ihm bereiteten, wollte Rusa'h sie vor den Faeros schützen, wenn er konnte. Immerhin gehörte Ildira ihm. Viele der Ildiraner in den Lagern stammten von seiner geliebten Heimatwelt Hyrillka, und sie waren in der Hoffnung gekommen, auf der Zentralwelt des Ildiranischen Reichs Zuflucht zu finden. Rusa'h fühlte Anteilnahme und Verzweiflung, denn zahlreiche Flüchtlinge hatten nicht gefunden, was sie suchten, und es war ihnen auch nicht möglich gewesen, nach Hyrillka zurückzukehren. Die Schuld lag bei Jora'h. 36
Wenn die Hyrillkaner doch nur auf ihrem eigenen Planeten geblieben wären. Rusa'h konnte sie retten - oder sie den Faeros überlassen, auf dass sie verbrannten. Nach dem Sieg über die Hydroger mussten sich die Faeros ausbreiten. Die strahlenden, pulsierenden Flammenwesen wollten mehr Seelenfeuer. Unersättlich verlangten sie, weitere Flüchtlingslager zu verbrennen und ganze Splitter-Kolonien zu vernichten. Rusa'hs Stimme und Gedanken donnerten aus der gleißenden Himmelssphäre und erreichten die Faeros. »Ihr werdet den Bewohnern von Hyrillka kein Leid zufügen.« Die Faeros erzitterten und summten protestierend. Er spürte, wie sie noch heller leuchteten, aber er blieb bei seiner Entscheidung. »Ihr werdet sie in Ruhe lassen.« Ein jähes Aufblitzen verdeutlichte den Standpunkt der Faeros. Sie waren hungrig. Die feurigen Elementarwesen wollten mehr, und es war Rusa'hs Pflicht, ihnen zu geben, was sie verlangten. Irgendwie musste er sie zufriedenstellen.
Oben in der Umlaufbahn entdeckte er ein einzelnes Kriegsschiff, das sich von den leeren Werften entfernte. Rusa'h wusste, dass die wenigen Schiffe von Adar Zan'nhs Solarer Marine den Flüchtlingen Proviant brachten, doch dieses spezielle Schiff transportierte zehntausend Ildiraner, und sie alle wollten zu einer fernen Kolonie im Ildiranischen Reich. Der Pilot hatte so viele Flüchtlinge aufgenommen, wie er konnte, und dann war er aufgebrochen, um sie wegzubringen und Rusa'hs Einfluss zu entziehen. Das durfte er nicht zulassen. Rusa'h hielt die zehntausend für ein akzeptables Opfer, einen guten Kompromiss. Er stöhnte innerlich, lenkte dann die Aufmerksamkeit der Faeros in die entsprechende Richtung und beobachtete, wie sie dem neuen Ziel entgegenrasten. Vom Prismapalast aus sah er mit flammenden Augen, wie sich die Feuerbälle dem Schiff näherten. Durchs Thism fühlte 37
er erst Hoffnung und dann Schrecken bei den Flüchtlingen an Bord. Zehntausend . . . und sie alle wollten sich auf einem anderen ildiranischen Planeten niederlassen. Wenigstens stammten sie nicht von Hyrillka. Das war Rusa'h ein kleiner Trost. Die Faeros flackerten und pulsierten gierig, nahmen die Verfolgung auf. Als das Kriegsschiff die herankommenden Feuerbälle bemerkte, änderte es den Kurs und kehrte in Richtung der Orbitalwerften zurück, als wollte es sich dort verstecken. Der Pilot flog gewagte Manöver, musste immer wieder Produktionsanlagen und den Gerüsten im Bau befindlicher Schiffe ausweichen. Als er das große Kriegsschiff ganz dicht an einer Ansammlung von Panzerplatten vorbeisteuerte, schoss der Waffenoffizier auf die Sicherungsklammern. Es kam zu einer kleinen Explosion, und die Platten gerieten in Bewegung, breiteten sich wolkenartig aus. Hinter dem Kriegsschiff rasten die Faeros in diese Wolke hinein. Metall verdampfte erst und kondensierte dann in der kalten Leere zu kleinen Kugeln, die eine Art Schweif bildeten. Die Faeros wurden kaum langsamer. Nach einem kurzen, vergeblichen Versuch, inmitten der orbitalen Industrieanlagen ein Versteck zu finden, entfernte sich das Kriegsschiff mit maximaler Beschleunigung von den Werften - der Pilot wollte offenbar genug Distanz zum Planeten schaffen, um den ildiranischen Sternenantrieb zu aktivieren. Drei Feuerbälle erreichten das Triebwerk im Heck und schmolzen es. Sofort geriet das Kriegsschiff außer Kontrolle, und seine Solarsegel flatterten wie lose, zerrissene Kleidung. Mit letztem Trotz feuerte der Kommandant alle Waffen auf die herankommenden Faeros ab. Flammen umgaben das Schiff der Solaren Marine, fraßen sich durch die Außenhülle und verbrannten sie. Zehntausend ildiranische Flüchtlinge und Soldaten der Solaren Marine blitzten auf. Jedes Seelenfeuer an Bord wurde absorbiert. 37
Die Faeros glühten heller.
Im Prismapalast seufzte Rusa'h. Er hoffte, dass die feurigen Elementarwesen jetzt zufrieden waren - für eine Weile.
12 # BENETO
Sein Körper war eine Erweiterung des Baumes, dessen Äste ins All reichten; hinzu kamen Wurzeln, die ihn mit dem Bewusstsein des Weltwalds verbanden. Doch jetzt brannte dieser Körper. Beneto und die anderen Schlachtschiffe der Verdani kreisten als Wächter im Orbit von Theroc. Die Faeros mussten irgendeine schwache Stelle entdeckt haben, denn plötzlich sprangen sie durch den Telkontakt und griffen die WentalVerdani-Verschmelzung an, die Beneto geschaffen hatte. Hoch über Theroc fühlte er, wie das Feuer im Wald auf ihn selbst übergriff, und er hörte die mentalen Schreie der anderen Baumschiffe. Er rief seine Gedanken allen grünen Priestern zu und dachte dabei in erster Linie an den Weltwald, nicht an sich selbst. Gebt den Bäumen eure Kraft! Verzweifelt nicht! Celli hatte ihn zu Recht daran erinnert, und er versuchte ihr zu helfen, indem er sich auf seine Hoffnung konzentrierte, aus der Menschen selbst dann Kraft schöpften, wenn ein Kampf aussichtslos erschien. Mit ihrem Baumtanz hatten seine Schwester und Solimar einst die Saat des Lebens im Weltwald geweckt. Den Verdani und Wentals fehlte die sture Entschlossenheit, eine sicher scheinende Niederlage doch noch in einen Sieg zu verwandeln, wie es Menschen konnten. Als das Faero-Feuer jetzt seinen riesigen Körper erfasste und sich tiefer in ihn hineinfraß, wandte sich Beneto an die Reste der grünen Priester in 38
den anderen Verdani-Schlachtschiffen und appellierte an sie, nicht aufzugeben. Mit trotziger Entschlossenheit setzte sich Beneto gegen die jungen Faeros zur Wehr, als Flammen über die dornigen Enden der äußersten Zweige strichen. Funken tanzten über die Borkenplatten des dicken Stamms, doch es gelang ihm, sie zu ersticken und damit den ersten Angriff abzuwehren. Es gab Hoffnung! Um ihn herum glommen die Schlachtschiffe der Verdani und standen kurz davor, in Flammen aufzugehen. Tief unten litt der Weltwald, als Faeros von Baum zu Baum sprangen. Die Feuerwesen führten einen wütenden Kampf und errangen einen Sieg nach dem anderen, aber die Bäume konnten sie abwehren. Es war möglich! Beneto hatte es gerade bewiesen, und er war nicht allein in diesem Kampf. Die anderen Verdani-Schlachtschiffe und die grünen Priester auf dem Planeten vereinten ihre Kraft. Benetos Schwester Celli zählte zu den stärksten Kämpfern. Sie und Solimar machten von ihrem mentalen Geschick Gebrauch, um den Wald zu verteidigen. Benetos Gedanken hallten durch den Telkontakt. Wir können die Faeros auslöschen, bevor ihr Feuer uns überwältigt. Die Schlachtschiffe der Verdani erbebten, als sie Kraft aus dem Bewusstsein des Weltwalds und dem eigenen Kernholz bezogen. Sie zwangen sich, den Schmerz zu ertragen.
In Benetos Körper wurden die Flammen heißer, und er versuchte vergeblich, sie zu ersticken. Solche Mühe gab er sich, dass sich im dicksten Ast ein langer Riss bildete, durch den sein goldenes Blut ins All strömte. Die Flammen fraßen sich tiefer und sprangen zur geschwächten Stelle. In der Nähe verloren zwei Baumschiffe ihren Kampf gegen die Feuerwesen. Anstatt zu Fackeln im All zu werden, ließen sich die beiden Verdani-Riesen zu Asche zerfallen. Funken sprühten und verblassten dann in der Leere. 39
Beneto setzte den Kampf fort, doch die Flammen brannten sich einen Weg durch die Borkenplatten, und es gelang ihm nicht, sie aufzuhalten.
13 # ADMIRAL SHEILA WILLIS
Mit Hunderten von kleinen TVF-Schiffen ihrer Kampfgruppe -Remoras, Treibstofftanker, Transporter und Erkundungseinheiten - konnte Willis eine recht lange Eimer kette bilden. Dies war nicht unbedingt etwas, das sie bei ihrer Ausbildung gelernt hatte, aber ihre Leute informierten sich mithilfe der Datenbanken über Methoden der Feuerbekämpfung. Den Rest würden sie in der Praxis lernen. Admiral Willis benutzte ihren auf der Lichtung gelandeten Shuttle als Kommandostand, sah auf die Schirme und fluchte, als die Erkundungseinheiten Bilder übertrugen. Sie aktivierte die Kom-Systeme und rief: »Wenn ich nicht in den nächsten fünf Minuten sehe, wie Wasser auf die Bäume fällt, werden Sie den Dienst unter dem Kommando von General Lanyan für ein Sonntagspicknick halten.« »Wir sind unterwegs, Admiral«, kam eine von Störungsknistern begleitete Stimme aus dem Lautsprecher. »Geschätzte Ankunftszeit erste Staffel: viereinhalb Minuten.« Die ersten Remoras und Transporter kamen dicht über dem Wald heran und öffneten ihre Luken - Wasser strömte in einem künstlichen Regen auf die Weltbäume. Auch kleinere Schiffe öffneten ihre Tanks und setzten Wasser frei, das aus Therocs Seen stammte. Dampf stieg durchs dichte Blätterdach des Walds. Seltsamerweise leuchteten die Faeros noch heller, als sie den Weltbäumen Energie stahlen, um gegen das Wasser zu bestehen. 39
Willis hörte ein Stöhnen, drehte sich halb um und sah, wie sich Celli und Solimar über ihre Schösslinge beugten, beide mit dem Telkontakt verbunden. Die grünen Priester waren als Mittler an Bord gekommen. Sie hatten die Augen geschlossen, und ihre Gesichter bildeten Grimassen, während sie ihren mentalen Kampf führten. Celli ächzte schmerzerfüllt und griff nach dem Schössling. Sie öffnete die Augen, doch ihr Blick ging ins Leere. Ihre Stimme klang hohl, als sie sagte: »Das hat ihnen wehgetan, aber nicht genug. Die Faeros sind gefräßig.« Nachdem die kleinen Schiffe ihre Tanks geleert hatten, kehrten sie zum nächsten See zurück, um sie wieder zu füllen. »Zweite Staffel im Anflug, Admiral.«
»Von jetzt an wird ständig Wasser vom Himmel kommen«, sagte Willis. »Wie hartnäckig die Feuer auch sein mögen: Wir lassen es darauf regnen, bis sie gelöscht sind.« Ein weiterer künstlicher Schauer verhinderte die Ausbreitung des Feuers. Die zu Fackeln gewordenen Bäume schüttelten sich so heftig, als fände in ihrem Innern ein heftiger Kampf statt, den Willis nicht verstand. »Vier weitere grüne Priester sind gestorben«, sagte Solimar. »Sie konnten sich nicht rechtzeitig von den Bäumen trennen, denen sie im Telkontakt halfen.« »Grüne Priester haben andere Planeten alarmiert«, fügte Celli hinzu. »Was uns derzeit nicht viel nützt«, kommentierte Willis. »Die Wentals wissen ebenfalls Bescheid«, sagte Celli. »Jess Tamblyn und Cesca Peroni haben Osquivel erreicht. Liona hat ihnen gesagt, was hier geschieht.« »Was können sie tun?« »Sie können die Wentals hierher bringen.« Als die dritte Tanker-Staffel kam, schienen die brennenden Bäume zu erstarren, und in ihren Wipfeln wurden die Flammen größer. Celli schrie plötzlich, und Solimar zuckte zurück. Ranken aus Feuer gingen von den Fackelbäumen aus, 40
schössen wie Protuberanzen nach oben und verbrannten zwei von Willis' Schiffen, bevor sie ihre Wasserladung freisetzen konnten. Ein dritter Feuerstrahl gleißte nach oben und erfasste einen großen Tanker. »Auseinander!«, rief Willis ins Mikrofon. »Ausschwärmen! Ausweichmanöver!« Ihre Leute reagierten sofort. Eine dicke Feuersäule setzte einen Remora außer Gefecht, aber die übrigen Schiffe stoben auseinander und waren nicht mehr so leicht zu treffen. Allerdings konnten sie dadurch ihr Wasser auch nicht mehr so wirkungsvoll einsetzen wie vorher. »Halten Sie sich bereit«, knurrte Willis ins Mikro. »Wir müssen den verdammten Faeros ordentlich auf den Fuß getreten sein, wenn sie sich so zur Wehr setzen. Lasst das Wasser aus größerer Höhe ab. Es beeinträchtigt die Zielgenauigkeit, aber wenigstens seid ihr dann außerhalb der Reichweite ihrer Flammen.« Die meisten TVF-Piloten empfanden mehr Zorn als Furcht. Immer mehr Schiffe näherten sich, öffneten die Ladeluken in größerer Höhe und kehrten dann zu nahen Seen zurück, um erneut Wasser aufzunehmen. Es regnete praktisch ständig auf den Weltwald hinab. Schließlich beobachtete Willis, wie in all dem Dampf das Feuer an einigen Fackelbäumen flackerte und ausging. Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Noch ein paar tausend Flüge, und wir haben die Brände unter Kontrolle.« 40
14 # PATRICK FITZPATRICK III.
In der Himmelsmine über Golgen schrien TVF-Soldaten und protestierten Roamer - es herrschte unglaublicher Lärm. Männer ließen ihre Werkzeuge zu Boden fallen. Ekti-Tanks wurden herangerollt und für den Abtransport vorbereitet. Draußen heulte und zischte der Wind in einem immerwährenden Sturm.
Die Goliath schwebte in der Nähe. Niemand schaffte es, für Ruhe zu sorgen - die Empörung der Roamer war einfach zu groß. Patrick stand neben Del Kellum und beobachtete, wie Soldaten in perfekt sitzenden Uniformen ihre Befehle befolgten. »Ich bin einer von ihnen gewesen.« »Kein Wunder, dass Zhett immer auf dir herumgehackt hat.« Früher einmal hatte Patrick General Lanyan jedes Wort geglaubt. Die Hanse war im Krieg gegen die Hydroger gewesen, und die Terranische Verteidigungsflotte hatte dringend Treibstoff für den Sternenantrieb benötigt, den die Roamer »grundlos« zurückhielten. Damals war es ihm richtig erschienen, einen RoamerTanker aufzubringen, die Ladung zu beschlagnahmen und das Schiff anschließend zu zerstören, um Zeugen und Beweise zu beseitigen. Patrick hatte die entsprechenden Anweisungen nicht hinterfragt - die Hanse nahm sich, was sie brauchte. So wie jetzt. In Patricks Magengrube entstand ein flaues Gefühl. Ja, er verstand, was diese Soldaten antrieb, und jetzt schämte er sich deswegen. Immer wieder landeten TVF-Schiffe im offenen Hangar der Himmelsmine, nahmen Ekti-Tanks auf und flogen damit zum nahen Moloch. General Lanyan folgte einer Gruppe von Verwaltungsadjutanten. Er trug keinen Kampfanzug, sondern eine Paradeuniform, schien damit seine Verachtung in Hin 41
sieht auf möglichen Widerstand der Roamer verdeutlichen zu wollen. Ein junger Lieutenant mit großen, unschuldigen Augen trat zu Lanyan und meldete mit klarer Stimme: »Wir haben Berichte von den anderen Übernahmegruppen, General. Alle Himmelsminen der Roamer befinden sich jetzt unter der Jurisdiktion der TVF.« »Unter Ihrer Jurisdiktion?«, donnerte Kellum. »Ihnen dürfte klar sein, dass die Hanse kein Recht auf diese Minen hat. Oder ist Ihr Kopf so weit vom Arsch entfernt, dass er an Sauerstoffmangel leidet?« Patrick sprach ruhig und leise, aber laut genug, damit ihn der General hörte. »Schwachsinn und Bockmist sind die üblichen Zutaten bei den Rationen der TVF, Del. Habe ich dir vom Motto der Terranischen Verteidigungsflotte erzählt? Es lautet >Ehre und Tapferkeit im Dienst der Erde<.« Er sah Lanyan an und fügte hinzu: »Es gibt eine passende Bezeichnung für den Angriff auf unbewaffnete, unabhängige Stationen mit dem Ziel, ihr Eigentum zu stehlen: Piraterie. Warum nicht noch ein bisschen Vergewaltigung und Plünderung hinzufügen?« »Sie plündern bereits genug, verdammt«, brummte Kellum. Der General ging nicht darauf ein und überflog den Bericht, der ihm mitteilte, wie viel Ekti seine Soldaten erbeutet hatten. »Ihr Roamer seid recht fleißig gewesen.« »Im Gegensatz zu gewissen Leuten haben wir für das, was wir besitzen, hart gearbeitet.« Lanyan blickte weiterhin auf die Liste und zeigte kein Interesse an Kellums Worten. »Hm, Orangenschnaps. Woher kommt der denn?« »Ich mache ihn selbst«, erwiderte das Clanoberhaupt voller Stolz. »Taugt er was?«
»Für Sie ist er zu gut.« »Das ist mir Empfehlung genug. Lassen Sie ihn an Bord 42
meines persönlichen Shuttles bringen.« Schließlich richtete der General seine Aufmerksamkeit auf Patrick. »Sie haben mich enttäuscht, Mr. Fitzpatrick. Sie hatten eine große Zukunft in der TVF, aber Sie haben alles weggeworfen - hierfür?« Er machte eine Geste, die der Himmelsmine galt. Dann beugte er sich näher, und Patrick nahm seinen Geruch wahr, eine Mischung aus Duftwasser und Schweiß. »Ich bringe Sie zur Erde zurück und lasse Sie dort vor ein Kriegsgericht stellen. Die Hanse hat bereits Hunderte von Personen für das illegale Senden Ihrer dummen Beichte und Anklage verhaftet. Diese törichte Aufzeichnung können wir jetzt gegen Sie verwenden.« Patrick lächelte voller Genugtuung. »Hunderte sind verhaftet worden? Dann muss meine Mitteilung für ziemlichen Wirbel gesorgt haben.« Er bemerkte Lanyans Ärger und beschloss, ihn Farbe bekennen zu lassen. »Ich freue mich schon auf die Gelegenheit, in aller Öffentlichkeit erklären zu können, wie sich die Hanse über Vereinbarungen hinwegsetzt, Unschuldige tötet, Feindseligkeiten provoziert und das Regierungszentrum eines friedlichen Volkes zerstörte. Meine Großmutter wird bestimmt dafür sorgen, dass ich ein großes Publikum bekomme. Bringen Sie mich zur Erde, wenn Sie unbedingt wollen. Was Sie hier machen, ist vollkommen illegal.« »Roamer haben keinen gesetzlichen Status in der Hanse.« »Das stimmt nicht. Meine Großmutter hat eine Abmachung mit dem Kellum-Clan getroffen und dabei als frühere Vorsitzende der Hanse gesprochen. Sie versprach den Roamern ihre Freiheit und versicherte ihnen, dass keine ihrer Einrichtungen von der TVF belästigt würde. Als Gegenleistung bekam sie von ihnen das wertvolle kleine Kugelschiff der Hydroger. Die Roamer haben sich an ihren Teil der Abmachung gehalten. Sie verleugnen den Ihren.« Lanyan zuckte mit den Schultern. »König Peter hat das Kugelschiff gestohlen und zu den Roamern gebracht. Damit hat er die Abmachung über den Haufen geworfen.« 42
Diese Information überraschte Patrick - er hatte nicht gewusst, dass sich die kleine Kugel der Hydroger wieder in den Händen der Konföderation befand. Es erstaunte ihn, dass Lanyan überhaupt von dieser Sache wusste. Der General winkte. »Begleiten Sie mich zur Kommandozentrale, Fitzpatrick. Helfen Sie mir, die Datenbanken durchzugehen und festzustellen, ob wir irgendetwas übersehen haben.« »Von mir können Sie keine Hilfe erwarten.« »Dann können Sie mich dabei beobachten, wie ich in Ihren Computersystemen herumsuche. Wer weiß, welchen Schaden ich dabei anrichte?« Patrick folgte dem General widerstrebend zu einem Lift. Kellum blieb hinter ihm zurück und richtete finstere Blicke auf die Soldaten, die einen Ekti-Tank nach dem anderen abtransportierten.
In der Kommandozentrale ganz oben in der Himmelsmine gewährten breite Fenster einen Blick in den endlosen gelblichen Himmel. Zhett versuchte ganz allein, die Soldaten von den Kontrollen der Datenbanken fernzuhalten, aber sie schenkten ihr kaum Beachtung, was ihre Stimmung nicht gerade verbesserte. »Euch Dummköpfen kann man nicht einmal eine Rechentafel überlassen!« Einer der Techniker hantierte mit einem Touchpad und runzelte die Stirn, als das System einfror. »General Lanyan auf der Brücke!«, rief ein Soldat. »Es ist keine Brücke, sondern eine Betriebszentrale«, sagte Patrick.« In der Ferne sah er eine andere Himmelsmine. Sie gehörte Boris Goff und war ebenfalls von TVF-Schiffen umgeben. »Statusbericht«, sagte Lanyan. »Haben Sie die Bestandsaufnahme vollständig?« »So weit uns das möglich war, Sir«, antwortete einer der Techniker. »Das System ist sehr unorganisiert und entspricht keineswegs unseren militärischen Standards.« 43
Zhett trat neben Patrick und ließ ihre Fäuste auf seine Schultern sinken, als wollte sie auf etwas einschlagen. Er schlang ihr den Arm um die Taille und zog sie noch etwas näher. Der General schien sehr amüsiert zu sein, als er sah, wie Patrick die junge Frau hielt. »Der gut erzogene Patrick Fitzpatrick III. hat also eine kleine RoamerFreundin gefunden. Wie süß.« »Sie ist nicht meine Freundin, sondern meine Frau.« Lanyan lachte. »Und könnten Sie noch immer mit der Unterstützung Ihrer Großmutter rechnen, wenn sie davon wüsste?« Patrick blieb ruhig. »Ihr Hochzeitsgeschenk ist vermutlich schon unterwegs.« Er erwähnte nicht, dass er darauf verzichtet hatte, der alten Streitaxt eine Einladung zu schicken. Der Techniker schaffte es schließlich, Zahlenkolonnen auf den Schirm zu rufen. »Allem Anschein nach haben wir alles, General. Abgesehen von einigen kleinen Tankern und Frachtern, die entkommen konnten, als wir hier eintrafen, ist es uns offenbar gelungen, die gesamten Ekti-Vorräte zu beschlagnahmen.« »Dann ist unsere Arbeit erledigt.« General Lanyan ließ einen zufriedenen Blick über die anwesenden Roamer streichen. »Wir kehren zurück, wenn die Zeit reif ist. Ich bin sicher, dass der Vorsitzende Wenzeslas dies auf seine eigene, spezielle Weise regeln will.« Der Lieutenant mit den unschuldig blickenden Augen platzte aufgeregt herein. »Es ist so weit, General! Wir empfangen das Signal eines der mit Peilsendern ausgestatteten Frachter und können ihm zu einem anderen Stützpunkt der Roamer folgen, wenn Sie möchten.« »Ausgezeichnet. Setzen Sie sich mit der Goliath in Verbindung; dort soll man alles für den Start vorbereiten.« Lanyan wies seine Leute an, die Himmelsmine zu verlassen. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von Fitzpatrick und Zhett ab. 43
Kurze Zeit später machte sich die Kampfgruppe mit dem erbeuteten Ekti auf den Weg.
15 # MARGARET COLICOS
Von Klikiss umgeben, saß Margaret auf Llaro fest und fragte sich, ob die Flucht all der Kolonisten nur ein Traum gewesen war. Orli Covitz, Hud Steinman, Tasia Tamblyn, Robb Brindle . . . Sie hatte nicht einmal mehr ihren treuen DD. Ja, die anderen waren entkommen, und das bedeutete für Margaret, dass sie mit den grässlichen Insektenwesen allein war. Sie hatte jenen Leuten bei der Flucht geholfen und versuchte, Befriedigung mit diesem Gedanken zu verbinden. Das Alleinsein schreckte sie nicht - daran war sie gewöhnt. Viele Jahre hatte sie mit großer Mühe überlebt und gewusst, dass das Schwarmbewusstsein jederzeit entscheiden konnte, sie umzubringen. Mit ihrem besonderen Wissen über das Verhalten der Klikiss hatte sie einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die Kolonisten fliehen konnten, bevor die Insektenwesen Gelegenheit bekamen, sie abzuschlachten. Fast hundert Personen waren von Llaro geflohen, darunter auch ihr lieber DD. Die Brüterin lehnte es ab, Margaret gehen zu lassen. Während die anderen entkommen waren, hatten Klikiss-Krieger sie von den übrigen Flüchtlingen getrennt und wieder gefangen genommen. Das Schwarmbewusstsein wollte sie, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht als Botschafterin? Als eine Art Sprachrohr? Oder als das menschliche Äquivalent eines Schoßtiers? »Warum habt ihr mich zurückgebracht, wenn ihr nichts von mir wollt?«, rief sie den Insekten zu, die jedoch nicht reagierten. 44
Margaret warf einen Stein nach einem Klikiss, doch er prallte am Chitinpanzer ab, ohne Schaden anzurichten. Die Insektenwesen gingen ihren blutigen Angelegenheiten nach, griffen andere Subschwärme an und massakrierten zahlreiche rivalisierende Klikiss. Ohne auf Margaret zu achten. Das ständige Gezwitscher der Insekten bereitete ihr Kopfschmerzen. Der Geruch von beißendem Staub, Zerfall und bitteren Klikiss-Pheromonen kratzte ihr in Nase und Hals. Die braunen Töne der öden Landschaft unter dem pastellfarbenen Himmel erschienen ihr jetzt schärfer. Margarets Augen brannten, und ihr Herz war schwer. Sie saß hier fest. Erneut verfluchte sie die Klikiss. Es hatte sich so gut angefühlt, wieder unter Menschen zu sein. Sie vermisste DD. Und Orli. Sie vermisste ihren Sohn Anton, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Und sie fragte sich, was aus Davlin Lotze geworden war. Vermutlich hatten die Klikiss ihn umgebracht. Die Brüterin kommunizierte nicht mehr mit ihr, und deshalb bekam sie keine Antworten auf ihre Fragen. Margaret ging zwischen den Klikiss, doch sie schenkten ihr nicht mehr Beachtung als Felsen oder anderen Hindernissen, denen es auszuweichen galt. »Sagt mir endlich, was ihr von mir wollt.« In dem ständigen Zwitschern und Summen war keine verständliche Antwort auszumachen.
Margaret wanderte zum Rand der einstigen menschlichen Kolonie, die nun in Trümmern lag. Klikiss-Gebäude standen dort, wo sich Getreidefelder erstreckt hatten. Insektenkrieger stapften umher und gingen Aufgaben nach, von denen Margaret nichts wusste. Konstrukteure schmierten Polymerharz auf Gerüste und errichteten neue Türme für noch mehr Klikiss - sie erweiterten den Subschwarm in Erwartung neuer Eroberungen. Die Insekten waren ständig in Bewegung und legten nie 45
eine Pause ein. Seit ihrer Rückkehr vom Großen Schwärmen wollten die gegeneinander Krieg führenden Subschwärme alles vernichten: alle anderen Brüterinnen, die verhassten schwarzen Roboter und menschliche Kolonien, die ihnen zufälligerweise in den Weg gerieten. Die Klikiss würden erst innehalten, wenn alle Feinde besiegt waren und es nur noch eine Brüterin gab. Kurz nach der Flucht der Llaro-Kolonisten und der Teilung der Brüterin hatte das neue Schwarmbewusstsein die Krieger in einen Angriff nach dem anderen geschickt. Mehrere rivalisierende Subschwärme waren bereits besiegt. In ihrem Streben nach Dominanz hatten die Brüterinnen schon immer gegeneinander gekämpft, die Rivalen assimiliert und damit die eigene Streitmacht vergrößert. Es lag in der Natur ihrer Spezies. Doch die neue Brüterin von Llaro zeigte sich von Gewalt und Kampf geradezu besessen. Sie beauftragte die Subspezies der Techniker mit der Entwicklung von Waffen, die andere Klikiss vernichteten, wodurch eine Assimilation gar nicht mehr möglich war. Nur einige repräsentative Angehörige des besiegten Subschwarms wurden in den Saal der Brüterin gebracht, damit ihr genetisches Material bei der nächsten Teilung berücksichtigt werden konnte. Die restlichen Überlebenden zogen, ihrer Brüterin beraubt, als entbehrliche Stoßtruppen gegen den nächsten Subschwarm in den Kampf. Mit jedem Sieg über eine andere Brüterin kam der Subschwarm vom Llaro dem Ziel, das einzige Schwarmbewusstsein der Spezies zu werden, einen Schritt näher. Margaret schaute hoch, als sie eine Veränderung spürte. Die Klikiss folgten einem Ruf, den nur sie hörten, und versammelten sich bei der trapezförmigen Wand im Zentrum ihrer Stadt. Der Stein erschimmerte, und Gestalten gewannen darin Konturen. Eine ganze Armee von Llaro-Kriegern marschierte durch das Portal. Viele von ihnen wirkten recht mitgenommen - Risse durchzogen ihre Panzer, und Schleim 45
quoll aus Wunden -, aber sie trugen die stachelbesetzten Köpfe der Domaten des rivalisierenden Subschwarms. Ganz offensichtlich hatten sie einen weiteren Sieg errungen. Wieder war ein Subschwarm ausgelöscht worden. Margaret fühlte sich elend bei dem Gedanken, dass das monströse Schwarmbewusstsein von Llaro den Kampf um die Vorherrschaft tatsächlich gewinnen und alle Klikiss unter seine Kontrolle bringen konnte.
16 # CA PTA IN BRANSON ROBERTS
Als BeBob sein neues Schiff von den Osquivel-Werften erhielt, erwartete er ein gewisses Trara. Er hätte sich gefreut, wenn wenigstens einige Leute zusammengekommen wären, um die neue Blinder Glaube zu bewundern, ihm alles Gute zu wünschen und einen Toast auf das alte Schiff auszubringen, das von der TVF zerstört worden war. Doch niemand erschien zur Taufe. In diesem verdammten, nicht enden wollenden Krieg schien es jeden Tag zu einer neuen Krise zu kommen. Tasia Tamblyn und ihre Gruppe waren von Llaro zurückgekehrt und hatten von einer Kli-kiss-Invasion berichtet. Anschließend war der grüne Priester außer sich geraten und hatte von einem Angriff der Faeros auf Theroc gefaselt. Am Morgen dieses Tages waren Jess Tamblyn und Cesca Peroni mit ihrem Wental-Schiff bei den Werften eingetroffen, hatten um Hilfe im Kampf gegen die feurigen Elementarwesen gebeten und sich dann sofort wieder auf den Weg gemacht. Immer kam es zu irgendeinem Notfall. BeBob fühlte sich ausgeschlossen. Wie ein stolzer Vater wanderte er durch sein neues Schiff. Die Farbe war überall perfekt, ohne irgendeinen Kratzer, von 46
der komischen Strahlung verursachte Korrosionsflecken oder winzige Dellen von Mikrometeoriten. Und die Roamer hatten das Schiff sogar noch früher als vorgesehen fertiggestellt! Während der Montage war er jeden Tag in der Werft gewesen und hatte beobachtet, wie die Hüllenplatten zusammengenietet und mit einer speziellen Legierung ausgestattet worden waren, die als zusätzliche Panzerung diente. Manövrierdüsen, das interplanetare Triebwerk und der Sternenantrieb waren auf Testbänken überprüft, dann eingebaut und noch einmal gecheckt worden. Die modifizierten Computer-und Waffensysteme hatten ebenfalls gründliche Kontrollen hinter sich. Die alte Glaube war nie mit Projektilwerfern und Jazern ausgestattet gewesen, doch in Zeiten wie diesen konnte kein Schiff darauf verzichten. Die neue Blinder Glaube war sieben Meter länger als die alte, hatte einen größeren Frachtraum und einen kompakteren Triebwerkskern, was bedeutete: Sie konnte zwanzig Prozent mehr Nutzlast aufnehmen. Nach den technischen Spezifikationen zu urteilen, war sie auch schneller. BeBob konnte es gar nicht abwarten, sie in Aktion zu erleben. Es hätte ihn riesig gefreut, in der Begleitung von Rlinda Kett zum Jungfernflug aufzubrechen, wollte aber nicht ihre Rückkehr von der Erde abwarten. Vor vielen Jahren hatte sie ihm dabei geholfen, die erste Blinder Glaube zu inspizieren, damals, als er ihr Partner geworden war, erst in ihrer Transportfirma und dann auch im Leben. Etwas später waren sie so dumm gewesen zu heiraten . . . aber seitdem war viel interstellares Gas ins Schwarze Loch geströmt. Inzwischen wartete in der Hanse ein Todesurteil auf ihn und wahrscheinlich auch auf Rlinda. Der Gedanke daran, dass sie allein zur Hanse geflogen war, erfüllte BeBob noch immer mit Unruhe. Er hatte mitkommen wollen, aber Rlinda hatte gelacht. »Ich bin die Handelsministerin der Konföderation und kann gut auf mich 46
achtgeben. Dich lasse ich auf keinen Fall in die Nähe der Erde. Es war schwer genug, dich aus dem TVF-Gefängnis zu befreien.« Er hatte sein Schiff verloren, und bei ihrer Flucht hatten sie auch Davlin Lotze verloren. BeBob vertraute Rlinda und wusste, dass sie gut allein zurechtkam. Er wünschte nur, sie hätte zum Mittagessen da sein können. Den ersten Transportauftrag hatte er bereits, und er konnte jederzeit starten. BeBob spielte an den externen Kontrollen herum und öffnete die Hauptluke. Die Rampe fuhr wie geschmiert aus, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Schienen waren gut geölt. Saubere, nagelneue Leuchtflächen erhellten das Schiff. Er roch den Kunststoff des Kontrolldecks, die frisch zusammengeschweißten Abteile, polierte Türen und weiche Polsterungen. Ein Roamer mit krausem Haar trat durch die Luke. »Tut mir leid, dass ich so spät komme, Captain Roberts«, sagte Kotto Okiah. »Wie ich sehe, haben Sie bereits mit der Inspektion begonnen.« »Es ist alles in bester Ordnung.« BeBob strich mit der Hand über die Innenfläche der Hülle. »Geben Sie mir den Schlüssel; dann können wir mit dem Testflug beginnen.« »Schlüssel? Wir verwenden keine Schlüssel mehr. Ich habe Ihren Zugangskode und die Starterlaubnis mitgebracht. .. « BeBob hob die Hand. »War nur ein kleiner Scherz mit archaischem Hintergrund.« »Hätte ich mir denken können.« Kotto sah sich um. »Möchten Sie, dass wir später eine offizielle Zeremonie abhalten, wenn sich die Dinge ein wenig beruhigt haben? Derzeit ist einfach zu viel los.« »Oh, das muss nicht sein«, erwiderte BeBob, obwohl er es bedauerte. »Wenn Sie warten wollen, bis sich die Dinge beruhigt haben, können Sie meinen Enkeln Einladungen schicken.« »Sie wissen von den Llaro-Flüchtlingen, die gerade einge 47
troffen sind, nicht wahr? Jemand von ihnen möchte Sie sprechen. Offenbar haben Sie Freunde bei den Llaro-Kolonisten.« »Ich erinnere mich an niemanden von . . . « BeBob drehte sich um, als weitere Besucher durch die offene Luke kamen. Er erkannte einen dürren alten Mann mit grauweißem Haar und zerknitterter Kleidung, an seiner Seite ein Mädchen mit kurzem braunem Haar und großen Augen. Ein Freundlich-Kompi begleitete sie. »Orli! Orli Covitz - und Hud Stein-man!« Er hatte sie beide von Corribus gerettet, die einzigen Überlebenden nach dem Angriff der schwarzen Roboter. »Was haben Sie auf Llaro gemacht?« »Hauptsächlich haben wir uns dort die Zeit damit vertrieben, vor großen Käfern zu fliehen«, sagte Orli. »Ist dies ein neues Schiff? Sieht gar nicht wie das alte aus.« »Vergiss den verbeulten alten Kasten. Hier ist alles funkelnagelneu. Triebwerke und Energiesysteme rasseln nicht mehr, sondern schnurren.« BeBob lächelte und machte eine einladende Geste. »Sieh dich an Bord der neuen Blinder Glaube um.«
Orli betrat das Kontrolldreck und warf einen faszinierten Blick auf die Instrumente. »Vielleicht kann ich eines Tages als Ihr Kopilot oder Erster Offizier arbeiten.« BeBob sah, dass sie es ernst meinte, und er begriff, dass ihm Schlimmeres passieren konnte. »Ich werde darüber nachdenken. He, ich wollte gerade zu einem Testflug aufbrechen, mit einer Ladung für Relleker, und ich hätte nichts gegen Gesellschaft einzuwenden. Möchtet ihr mitkommen?« »Was meinst du, DD?«, fragte Orli. Der Freundlich-Kompi wirkte sehr zugänglich und schien sich darüber zu freuen, nicht mehr bei den Klikiss zu sein. »Wir nehmen Ihre Einladung gern an«, sagte Steinman. »Wir haben nichts Besseres zu tun, und vielleicht können wir uns ein wenig nützlich machen.« 48
17 # RLINDA KETT
Zwar hatte Rlinda ihr ID-Signal geändert und den Namen ihres Schiffes unter einem an der richtigen Stelle platzierten Brandfleck am Rumpf verborgen, aber sie nannte es noch immer Unersättliche Neugier. Allerdings achtete sie darauf, Verwicklungen mit der TVF zu vermeiden. Die Fracht ihres Schiffs bestand aus Luxusartikeln, die sich angesichts des allgemeinen Mangels und der Rationierung besonderer Beliebtheit erfreuten: konservierte Lebensmittel, Dschungeldelikatessen von Theroc, seltene Kokonfaser-Stoffe und thermoresistente Ausrüstungen von Constantine III. Solche Dinge konnte die Hanse einfach nicht mehr beschaffen. Doch da der Vorsitzende Wenzeslas mit Hinweis auf den Krieg exorbitant hohe Einfuhrzölle festgelegt hatte, konnte Rlinda auf der Erde keine offiziellen Vereinbarungen treffen. Sie musste ihre Kunden durch inoffizielle Kanäle finden. Zum Glück hatte sie noch immer ihre Schwarzmarktkontakte; es sollte ihr also nicht allzu schwerfallen, ihre Waren in die Hände von Kunden zu bringen, die sie brauchten und zu schätzen wussten. Als die Neugier auf dem Weg zur Erde den Mond passierte, beobachtete Rlinda überrascht, wie über der TVF-Mondbasis ein ildiranisches Kriegsschiff in Position geschleppt wurde. »Was zum Teufel macht die TVF mit einem intakten ildiranischen Kriegsschiff?« Vielleicht war es besser, wenn sie keine Antwort auf diese Frage bekam. Sie steuerte die Neugier in eine Umlaufbahn um die Erde und versuchte, dabei so wenig wie möglich aufzufallen. Ihr Schiff flog im Tarnmodus. Rlinda deaktivierte die Kommunikationssysteme, verkleinerte ihre energetische Signatur und mischte sich unter die lokalen Schiffe. In einer niedrigen Umlaufbahn sendete sie ein komprimiertes Signal, das ihren 48
Kontaktleuten mitteilte, was sie geladen hatte und welchen Preis sie für ihre Waren verlangte. »Wie ein illegaler Schmuggler herumzuschleichen . . . «, brummte sie. »Ach, das ist das glamouröse Leben der Handelsministerin der Konföderation.«
Am Nachmittag nach der Landung saß Rlinda auf einem unbequemen Stuhl aus geschmiedetem Metall im Sonnenschein. Sie trank eine Tasse Kaffee und genoss Duft und Geschmack, während sie sich gleichzeitig darüber ärgerte, so viel dafür bezahlt zu haben. In der Kombüse der Neugier standen ihr alle Möglichkeiten zur Verfügung, einen noch besseren Kaffee zu kochen. Draußen auf dem Platz hatten einige weiß geschminkte Pantomimen ausgerechnet! - mit einer Vorstellung begonnen. Sie trugen kunterbunte Kostüme und bewegten sich mit übertriebenen Gesten. Ihre stummen Darstellungen brachten einige Leute zum Lachen, die stehen geblieben waren und zusahen. Die Pantomimen spielten verschiedene Rollen, und plötzlich begriff Rlinda, dass sie König Peter, den Erzvater des Unisono und den Vorsitzenden der Hanse darstellten. Sie bezweifelte, ob viele andere erkannten, was es mit dem Spiel der Pantomimen auf sich hatte, aber für sie gab es keinen Zweifel: Das würdevolle Gebaren stellte den König dar, unbeholfene Clownerei den Erzvater und das Böse den Vorsitzenden. Rlinda war beeindruckt und fragte sich, wie viele andere subtile Zeichen des Protestes es auf der Erde gab. Plötzlich hörte sie die überraschte, aber gedämpfte Stimme einer Frau. »Was machen Sie hier?« Rlinda drehte sich um. Ihre Kontaktperson war gekommen. »Hallo, Sarein. Ich war mir nicht sicher, ob Sie meiner Einladung folgen würden.« Die theronische Botschafterin trug schlichte irdische Kleidung ohne irgendwelche Zeichen, die auf ihren politischen 49
Status hinwiesen. »Dürfen Sie hier sein? Haben Sie eine Genehmigung?« »Natürlich nicht, aber davon konnte ich mich wohl kaum an einem Besuch hindern lassen. Setzen Sie sich.« Rlinda senkte die Stimme und fügte in einem gespielt entrüsteten Ton hinzu: »Ich hoffe, die Hanse hat Ihnen ein großzügiges Budget eingeräumt. Der Kaffee kostet hier ein Vermögen.« Sarein blieb stehen, blickte sich um und argwöhnte eine Falle. »Es gibt vermutlich einen Haftbefehl für Sie. Basil hat ihn sicher nicht rückgängig gemacht.« »Entspannen Sie sich, Sarein.« Rlinda trommelte mit den Fingern auf den Rand des Tisches. »Ich bin's, und außer mir ist niemand hier. Wir kennen uns seit langer Zeit. Setzen Sie sich. Die Leute werden aufmerksam, wenn Sie weiterhin so dastehen.« Diese Worte genügten. Mit einer fließenden Bewegung nahm Sarein auf der anderen Seite des Tisches Platz. Nachdem sie einen Eistee bestellt hatte, beugte sie sich vor und flüsterte: »Wie haben Sie mir die Nachricht geschickt? Sie konnte nicht zurückverfolgt werden.« »Sie klang auch nicht bedrohlich, und deshalb hoffte ich, Sie würden interessiert genug sein, hierherzukommen.« »Basil überwacht mich ständig, obwohl ich zu den wenigen Personen zähle, denen er noch vertraut.«
»Warum verlassen Sie ihn nicht?« Rlinda stützte ihre fleischigen Ellenbogen auf den Tisch. »Wenn Sie sich vor einem Mann fürchten, ist er es nicht wert, dass Sie bei ihm bleiben.« »Ich bleibe nicht bei ihm, aber ich kann nicht weg. Nicht jetzt. Es wäre nicht richtig.« »Ah, eine von diesen Beziehungen.« Sarein presste die blassen Lippen aufeinander. »Von einer Beziehung kann kaum mehr die Rede sein, jedenfalls nicht von einer romantischen. Ich mache Ihnen nichts vor - die Dinge stehen sehr schlecht, Rlinda. Sie sollten nicht hier 50
sein. Es ist gefährlich. Als Sie und Captain Roberts das letzte Mal entkamen, haben Sie das ganze Sicherheitsnetz kompromittiert.« »Sicherheitsnetz?« Rlinda lachte leise. »Ein passender Ausdruck. Es ist so voller Löcher, dass ich jederzeit hindurchschlüpfen kann, und zwar in beiden Richtungen.« »Ich kann's nicht«, sagte Sarein. »Basil hat sich fast ganz isoliert. Ich gehöre zu seinen letzten Beratern, wozu auch immer das gut sein mag. Wenn ich ihn verlasse . . . « »Dann sitzt er erst richtig in der Scheiße, ich verstehe.« Rlinda musterte Sarein ernst. »Jedes Mal, wenn ich Sie besuche, scheint Ihre Situation noch scheußlicher zu sein. Sind Sie sicher, dass es nicht an der Zeit ist, die Erde zu verlassen? Ich könnte Sie nach Theroc zurückbringen.« Sarein schloss die Hände um das Glas mit dem Eistee und schaute nach rechts und links. Rlinda fragte sich, ob sie diese Begegnung vielleicht für einen vom Vorsitzenden Wenzeslas arrangierten Test ihrer Loyalität hielt. »Ich . . . kann nicht.« »Glauben Sie? Sind Sie nicht die theronische Botschafterin? Bedeutet das nicht, dass Theroc Ihre Heimat ist? Welche Rolle spielen Sie eigentlich auf der Erde, nachdem die Hanse alle Beziehungen zu König Peter und Königin Estarra abgebrochen hat?« »Ich bin vielleicht der letzte stabilisierende Einfluss, den Basil noch hat.« Sarein sprach schnell, als wollte sie sich selbst überzeugen. »Das ist meine wichtigste Rolle. Ich kann noch immer mit ihm reden. Manchmal.« »Dann bringen Sie ihn zur Vernunft«, sagte Rlinda laut und mit Nachdruck. Sarein sah sich sofort um und fürchtete offenbar, dass jemand die Worte gehört hatte. »Deshalb muss ich bleiben«, beharrte sie. »Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich Einfluss auf seine Politik nehmen und dafür sorgen kann, dass er nicht so heftig reagiert . . . Auf diese Weise könnte ich viele Leben retten.« 50
Rlinda seufzte voller Anteilnahme. »Na schön. Da Sie in einer so schwierigen, Mitleid erweckenden Situation sind, bezahle ich Ihren Tee.« Sie schniefte. »Wie dem auch sei.. . Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie beim Vorsitzenden große Fortschritte erzielen.« Sarein trank einen Schluck. »Vielleicht nicht, aber ich muss es weiter versuchen. Noch gebe ich nicht auf.«
Rlinda zuckte mit den Schultern. »Wie Sie meinen. Falls Sie es sich anders überlegen: Ich bin noch einige Zeit hier, und mein Angebot gilt.« Sarein stand so schnell auf, dass der Tisch wackelte. Sie ließ den Rest ihres Eistees stehen und eilte fort.
18 # CELLI
Während die Löschschiffe immer wieder Wasser auf die brennenden Bäume regnen ließen und die Faeros schwächten, gaben die grünen Priester, angeführt von Celli und Solimar, dem Weltwald Kraft und Hoffnung. Doch die jungen Faeros wollten die Weltbäume nicht aufgeben. In einem Teil des Waldes, zu dem auch der Baum mit der Pilzriff-Stadt gehörte, dauerte ihr trotziges Feuer an. Das Fauchen der Flammen und das Zischen des Dampfes hallten durch den sonst stillen Wald. Admiral Willis leitete den Löscheinsatz noch immer von Bord ihres gelandeten Shuttles aus. Celli und Solimar standen wieder draußen zwischen den Bäumen, berührten goldene Borke und grüne Blattwedel und ließen ihre ganze Kraft in den Kampf fließen. Cellis Gedanken riefen Benetos Baumschiff weit oben, doch sie empfing nur den Schmerz ihres Bruders, verursacht von dem in ihm lodernden Feuer. 51
Grüne Priester schrien und taumelten, als ein lebender Feuerball vom Wipfel eines Fackelbaums zu einem alten Weltbaum auf der anderen Seite der Barrikade sprang. Der uralte Riese des Weltwalds erbebte, als seine Blattwedel Feuer fingen. Celli und Solimar liefen zu dem alten Baum, schlangen die Arme um seinen Stamm und ließen Kraft und Entschlossenheit in den Telkontakt strömen. Doch es genügte nicht. Das Feuer der Faeros schickte sich an, andere geschwächte Bäume zu erfassen - Celli fühlte es. Tränen liefen über ihre aschebedeckten Wangen, als sie sich mit allen gefährdeten Verdani in der Nähe verband. Die Gruppe bedrohter Weltbäume begriff, dass sie handeln musste, bevor das Feuer weitersprang. Es galt, eine eigene Verteidigungslinie zu bilden. Die betreffenden Bäume gaben freiwillig ihren Halt im the-ronischen Boden auf, in dem sie seit Jahrhunderten wurzelten. Celli und Solimar stöhnten, als sich die zum Selbstopfer bereiten Weltbäume den Flammen entgegenneigten, stürzten und eine Brandschneise schufen. Funkengeysire sprühten empor, aber die Faeros waren nicht imstande, sich über den verbrannten Boden hinweg auszubreiten. Es war nur ein kleiner Sieg. Die grünen Priester ließen in ihren Anstrengungen nicht nach und unterstützten den Wald in seinem Widerstandswillen. Celli versuchte erneut, Beneto zu erreichen, und dann sah sie plötzlich, dass die Verdani noch andere Verbündete hatten. »Sieh nur die Wolken, Solimar.« Riesige, unnatürliche Gewitterwolken zogen heran, schneller als irgendein Wind sie tragen konnte, und sie nahmen mehr und mehr Feuchtigkeit aus der Atmosphäre auf. Statische Elektrizität erfüllte die Luft, und Cellis Haut prickelte.
Die Feuer schienen zu schaudern, als sie sich mit einem Gegner konfrontiert sahen, der für sie weitaus mehr Gefahr bedeutete als Admiral Willis' Löschschiffe. 52
Celli blinzelte und hielt am Rand der Wolken Ausschau, bis sie eine silberblaue Kugel entdeckte, die dicht über den brennenden Bäumen flog. Die Verdani spürten, dass die Wasserwesen gekommen waren, und aufgeregte Rufe kamen von den grünen Priestern. Celli erinnerte sich daran, dass Jess Tamblyn das Wental-Wasser benutzt hatte, um die Baumschiffe zu erschaffen. Jetzt kehrte er zurück. Jess' und Cescas Wental-Schiff glitt hin und her, und die Regenwolken verdichteten sich. Die dunklen, wogenden Massen schwollen an, wurden noch größer und näherten sich dem brennenden Teil des Waldes. Mit einem lauten Krachen, das über den ganzen Himmel hallte, platzten die Wolken, und WentalWasser flutete auf die Faeros herab, jeder Tropfen wie ein Projektil. Die jungen Faeros klammerten sich an den von ihnen besetzten Bäumen fest und ließen Flammen nach oben züngeln. Es donnerte erneut, als die Wentals ihren Zorn zum Ausdruck brachten. Ein zorniger Laut - von den Wentals! Und Celli lachte voller Freude, als sie ihn hörte. Die Wolken sammelten sich über den letzten sich noch zur Wehr setzenden jungen Faeros, und es kam zu einem sintflutartigen Regen. Die grünen Priester schüttelten letzte Reste von Furcht ab, umarmten die Stämme, schenkten den Verdani ihre Kraft und drängten sie zum Kampf. Celli und Solimar blickten nach oben, und das Wental-Wasser wusch die Asche aus ihren Gesichtern. 52
19 # BENETO
Hoch über dem Planeten kämpfte Benetos Baumschiff gegen das invasive Feuer an, das sich in ihm ausbreitete und seinen Saft verdampfte, sein Blut. Die gerade eingetroffenen Wentals ließen starken Regen auf den Planeten niedergehen, der die Flammen löschte, das Wurzelwerk der Weltbäume erreichte und ihre Kraft erneuerte. Durch die eigene ungewollte Verbindung mit den lebenden Flammen fühlte Beneto die Agonie der jungen Faeros, als sie, einer nach dem anderen, im wahrsten Sinne des Wortes ausgelöscht wurden. Er konnte das tödliche Feuer nicht aus sich vertreiben, hatte aber nach wie vor Kontrolle über seinen großen, dornigen Körper. Er war der Lenker; das Schiff flog dorthin, wohin er wollte. Beneto spürte, wie er wieder die Oberhand gewann. Wir kommen, teilte er Celli durch den Telkontakt mit. Die Baumschiffe zogen einen Schweif aus Feuer und Rauch hinter sich her, als sie die Umlaufbahn verließen und sich der Oberfläche des Planeten näherten. Die in Beneto gefangenen feurigen Wesen zitterten und versuchten, ihn dazu zu bringen, den Kurs zu ändern, aber Beneto war jetzt stärker geworden. Er lenkte sein Schlachtschiff in die dichten grauschwarzen Wolken, und Feuchtigkeit umgab ihn. Der Wental-Regen fraß sich säureartig ins lebende Feuer, und die
Faeros wichen zurück. Durch den Telkontakt hörte Beneto die Rufe der anderen Verdani-Pilo-ten, als sie ihre Baumschiffe durch die Wental-Wolken flogen. Dampf zischte an und in Benetos Schiff, als er sich einigen Faero-Konzentrationen näherte, die dem Wental-Regen noch immer standhielten. Er schickte den sterbenden Fackelbäumen weiter unten seine summende Stimme. Wir können die Bäume in eurer Nähe retten. Zieht eure Wurzeln aus dem 53
Boden. Wir bringen euch fort, damit sich die Faeros nicht weiter ausbreiten. Die Verdani hatten keine Individualität wie die Menschen. Jeder einzelne Baum war eine Manifestation des kollektiven Bewusstseins und mit allen anderen verbunden. Beneto wollte die von Faeros befallenen Bäume aus dem Weltwald entfernen, genau wie sich selbst und die anderen Baumschiffe. Während es um sie herum in Strömen regnete, begannen die Baumschiffe mit ihrer Arbeit. Im Waldbewusstsein hörte Beneto Celli weinen. Er versuchte, sie zu trösten, aber es gab kaum Worte, die er an sie richten konnte. Die Baumschiffe ergriffen die brennenden Stämme mit dornigen Zweigen und stiegen dann auf, bis sich die Wurzeln ganz aus dem Boden gelöst hatten. Im Verdani-Holz gleißten die neugeborenen Faeros und setzten sich zur Wehr, wussten aber, dass sie nicht gewinnen und nicht entkommen konnten. Beneto und die anderen Verdani-Schlachtschiffe stiegen weit übers Blätterdach des Weltwalds und zogen die geopferten Bäume in die dünneren Schichten der Atmosphäre. Auf dem Weg nach oben flogen sie durch eine Wental-Regenwolke. Beneto trug die sterbenden Bäume noch höher, in den Himmel weit über Theroc. Nach dem Sieg über die Hydroger hatten die Baumschiffe der Verdani Theroc verlassen, um mit einer langen Saatmission zu beginnen. Beneto und seine Gefährten waren zurückgerufen worden, um dem Weltwald zu helfen, aber sie erinnerten sich daran, was sie unterwegs gesehen hatten - Beneto kannte einen Ort, der sich perfekt dafür eignete, die heimtückischen jungen Faeros zu beseitigen. Die brennenden Verdani-Schlachtschiffe flogen mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, als könnten sie auf diese Weise den Schmerzen entkommen, die ihnen die feurigen Elementarwesen bereiteten. Bald näherten sie sich einem ehemali 53
gen Doppelsternsystem. Eine der beiden Sonnen, ein blauer Riese, war als Supernova explodiert und hatte eine extrem dichte stellare Leiche hinterlassen: ein schwarzes Loch. Der zweite Stern war angeschwollen und zu einem Roten Riesen geworden. Die enorme Schwerkraft des schwarzen Lochs zerrte Gas aus den äußeren Schichten des Roten Riesen und beschleunigte es durch eine immer enger werdende Spirale, bis es jenseits des Ereignishorizonts verschwand. Die Baumschiffe zogen die brennenden Stämme hinter sich her und folgten dem heißen Gas, das der rote Gigant ständig an seinen dunklen Begleiter verlor. Der Griff der Gravitation wurde immer stärker, und es würde nicht mehr lange dauern, bis sich nichts mehr daraus lösen konnte. Die lebenden Flammen im
Innern der Baumschiffkörper gerieten außer sich, brannten heller und versuchten zu entkommen. Es kam zu einer neuen Welle aus heißem Schmerz. Auf dem fernen Planeten Theroc fühlte Celli ein Echo davon und schrie. Zwar flog Benetos Baumschiff zusammen mit den anderen von Faeros heimgesuchten Verdani-Schiffen, aber die Verbindung zu seiner Schwester blieb bestehen. Die flammenden Schiffe konnten den Schmerz kaum mehr ertragen, doch sie hielten die jungen, glühenden Faeros in sich fest. Gierige Flammenzungen leckten noch immer nach den Zweigen, und Beneto wusste, dass sie sich beeilen mussten, bevor das Feuer sie verschlang. Sie durften die Faeros jetzt nicht loslassen. Durch den Telkontakt sah er Celli auf einer verbrannten Wiese; vom Weltwald tropfte die Nässe des Wental-Regens. Sie blinzelte einmal und blickte gen Himmel, und nach einem neuerlichen Blinzeln war sie bei ihm in der Unendlichkeit des Alls. Beneto wusste, dass sie die sengende Hitze in seinem Kernholz fühlte, seinen kochenden Blutsaft und die brennenden Zweige. Er konnte nicht verbergen, wie es um ihn stand. 54
Viele grüne Priester ertrugen die Pein durch den Telkontakt nicht, aber Cellis Liebe für ihren Bruder war so groß, dass sie die Schmerzen hinnahm. Sie brach den Kontakt nicht ab, und als Beneto durch die Leere raste, fühlte er die heißen Tränen auf den Wangen seiner Schwester, heißer als das Faero-Feuer in ihm. Die riesigen, dornigen Schiffe näherten sich dem schwarzen Loch. Beneto und seine Gefährten ließen die entwurzelten Bäume los, und nacheinander stürzten sie dem dunklen Schlund entgegen, übertrugen dabei im Telkontakt eine Mischung aus Kummer und Triumph. Die sterbenden Bäume folgten dem Gas des Roten Riesen durch die fatale Spirale und verschwanden dann hinter dem Ereignishorizont. Als die von den Faeros befallenen Bäume ins schwarze Loch fielen, spürte Beneto Cellis Gefühl des Verlustes. Sie schnappte immer wieder nach Luft und vergaß die Wiese um sich herum. »Beneto . . . « Er hörte sie, und ihre Präsenz gab ihm Kraft. Beneto hatte getan, was nötig war. Er hatte die Faeros von Theroc fortgebracht und die anderen Bäume gerettet. Wenn die feurigen Wesen jetzt überhaupt noch existierten, so befanden sie sich an einem Ort, von dem sie nicht zurückkehren konnten. Er fühlte Cellis Zittern, als sie auf den von Asche bedeckten Boden der Wiese sank. Seine Schwester würde trauern, aber sie wusste, dass er das Richtige getan hatte. Sie liebte ihn, und er erwiderte ihre Liebe. Liebe und Hoffnung daraus erwuchs die Kraft zu heilen. Darauf hatten Celli und Solimar die Verdani hingewiesen. Beneto war froh darüber. Celli wandte sich an Solimar, vergrub ihr Gesicht an seiner muskulösen Brust und schluchzte. Sie begriff, dass es vorbei war. Im letzten Moment vor dem Überqueren des Ereignishorizonts, des Punkts ohne Wiederkehr, umarmte Beneto den 54
fernen Weltwald mit seinem Geist und strömte in ihn zurück. Der Schmerz löste sich auf, als sein Baumkörper zu Asche zerfiel, die sich mit kosmischem Staub und Gasen vermischte - und dann im schwarzen Loch verschwand.
20 # HYRILLKA-DESIGNIERTER RIDEK'H
Die Bevölkerung von Ildira konnte sich nicht vor den Faeros verbergen, aber alle Ildiraner versuchten, irgendwo Schutz zu finden. Der junge Ridek'h, Designierter von Hyrillka, zog sich zusammen mit dem Erstdesignierten Daro'h in die Stollen des alten Bergwerks zurück. Angehörige des Gräber-Geschlechts arbeiteten daran, die Tunnel zu erweitern und tief in den Bergen große Höhlen und auch neue Fluchtwege zu schaffen, für den Notfall. Draußen an den Zugängen bezogen Wächter Position und hielten nach Feuerbällen der Faeros Ausschau. Ridek'h saß unter einem Überhang, blickte über das im Sonnenschein liegende Land und versuchte, eine Lösung zu finden, die er dem Erstdesignierten anbieten konnte. Auf Hyrillka - dem Planeten, den er angeblich regierte - waren die weiten Ebenen für die Landwirtschaft genutzt worden. Ridek'h eignete sich nicht dafür, in Tunneln zu leben. Kein Ildiraner war für so etwas bestimmt. Techniker hatten Glänzer in die Stollen und Höhlen gebracht, aber es war Ridek'h zur Angewohnheit geworden, heimlich nach draußen zu gehen, Holz zu sammeln und ein kleines, sicheres Feuer zu entzünden. Er saß bei den Flammen vor dem Stolleneingang, blickte ins immerwährende, von mehreren Sonnen geschaffene Tageslicht und dachte nach. Er mochte nicht mehr sein als ein junger Mann mit 55
wenig Erfahrung - reiner Zufall hatte ihn zum Designierten erhoben -, aber er war entschlossen, Hilfe zu leisten. Als die zehntausend Ildiraner, die an Bord des Kriegsschiffs zu entkommen versucht hatten, den Faeros zum Opfer gefallen waren, hatte er ihren Tod als überaus schmerzhafte Stiche im Thism wahrgenommen. Für einen Moment hatte Ridek'h erwogen, ebenfalls zu sterben, sich dann aber dagegen entschieden. Mehr als eine Million Heimatlose befanden sich auf Ildira, und er fühlte sich dazu verpflichtet, eine Möglichkeit zu finden, sie zu retten. Während er tief in Gedanken versunken war, trat Tal O'nh zu ihm. Oft saßen der Blinde und er stundenlang ohne zu sprechen beisammen und fanden einfach nur Ruhe in der Präsenz des anderen. Noch immer erinnerten Verbrennungen im Gesicht des Veteranen an die Konfrontation mit den Faeros. Eine Augenhöhle war leer, das andere Auge trüb und blicklos, teilweise von einem verschrumpelten Lid bedeckt. Nachdem er zum neuen Hyrillka-Designierten geworden war, hatte sich Ridek'h auf den Weg zu seinem Planeten und den anderen Splitter-Kolonien im HorizontCluster gemacht, begleitet von Tal O'nh und einer Septa aus Kriegsschiffen. Ihre Begegnung mit dem zornigen Rusa'h und seinen lebenden Feuerbällen hatte alle Besatzungsmitglieder das Leben gekostet, zwei Kriegsschiffe vernichtet und den Tal das Augenlicht gekostet.
Blindheit hätte die meisten Ildiraner in den Wahnsinn getrieben, aber O'nh war stark. Vor dem Stollenzugang huschte der orangefarbene Schein des kleinen Feuers über sein Gesicht, aber er konnte es natürlich nicht sehen. »Ich halte es aus«, sagte er zu Ridek'h. »Vor langer Zeit habe ich mich darauf vorbereitet, vielleicht auch das zweite Auge zu verlieren. Ich beschloss, nie in Angst oder Furcht zu leben. Menschen können die Dunkelheit ertragen, wenn sie wollen, und wenn Menschen dazu in der Lage sind, kann ich es auch.« »Sie sind tapfer, Tal O'nh.« 56
Der Veteran winkte ab. »Ich habe nur Übung. Sie werden Ihre eigene Tapferkeit finden, wenn die Umstände es verlangen.« »Wir brauchen mehr als nur Tapferkeit, um Rusa'h und seine Faeros zu vertreiben.« »Sie haben, was Sie brauchen. Sie sind der wahre Hyrillka-Designierte, und Jora'h ist der wahre Weise Imperator -beides Titel, die Rusa'h jetzt für sich beansprucht. Zu Unrecht.« Der junge Mann nickte, bevor ihm einfiel, dass der Tal es nicht sehen konnte. »Ich werde an Hoffnung festhalten, wenn Sie das für richtig halten.« Der blinde Tal beugte sich näher zum Feuer und streckte die Hände danach aus, als wollte er mit der Haut Licht aufsaugen. »Es gibt guten Grund für Zuversicht, Designierter. Wir wissen, dass der Weise Imperator zwar verschwunden, aber nicht tot ist. Wir fühlen ihn noch, in der Ferne. Jora'h lebt.« Ridek'h dachte darüber nach. Als sich der frühere Weise Imperator vergiftet hatte, war das ganze ildiranische Volk schockiert und von Schmerz erfüllt gewesen. Jora'hs Tod hätten die Ildiraner als Schrei im Thism gehört. Da das nicht der Fall war, lebte Jora'h noch - aber wo befand er sich? »Hat er uns verlassen?« »Das glaube ich nicht. Ich gehe davon aus, dass ihn etwas an der Rückkehr hindert.« Der Weise Imperator wurde vermisst, Mijistra war verloren, und die Faeros hatten den Prismapalast übernommen -dies war die schlimmste Krise, die das Reich je erlebt hatte. Ridek'h wusste, dass es an der Zeit war, dem alten Tal O'nh seine Zuversicht zu zeigen. »Wir werden Gelegenheit bekommen, die Lage unseres Volkes zu verbessern, Tal. Ich bin ganz sicher, dass bald alles besser wird.« 56
21 # WEISER IMPERATOR JORA'H
Jora'h sah Nira an und berührte ein letztes Mal ihre Wange, drehte sich dann um und folgte Admiral Diente und seiner militärischen Eskorte. Diente. Der Mann, der sein Flaggschiff aufgebracht hatte. Die Behauptung des Admirals, nur die Befehle des Vorsitzenden ausgeführt zu haben, befreite ihn nicht von Schuld. Mit der Entführung des Weisen Imperators hatte Diente vielleicht das ganze Ildiranische Reich zum Untergang verurteilt und alle Ildiraner dem Feuer der Faeros ausgeliefert.
Der dunkelhaarige Offizier wahrte einen neutralen Gesichtsausdruck, als er einen Fuß vor den anderen setzte. »Wir haben die Untersuchungen und Analysen Ihres Kriegsschiffs beendet, Weiser Imperator. Alles scheint in bester Ordnung zu sein, und wir sind für den Start bereit.« »Sie haben also die Schäden repariert, die von Ihren eigenen TVF-Schiffen angerichtet wurden?«, fragte Jora'h und blickte geradeaus. »Sind Sie sicher, dass Sie die Systeme der Solaren Marine richtig verstehen?« »Unsere Techniker erwarben genug Kenntnisse über ildiranische Kriegsschiffe, als wir nach dem Kampf gegen die Hy-droger hier bei der Erde dabei halfen, viele Ihrer Schiffe instand zu setzen«, antwortete Diente. »Dieses Wissen haben wir gut genutzt.« Er zögerte kurz und fügte dann entschuldigend hinzu: »Unsere Schüsse waren genau gezielt, als wir Ihr Schiff aufbrachten. Wir haben nicht mehr Schaden angerichtet als unbedingt nötig.« »Sie ahnen nicht einmal, wie viel Schaden Sie angerichtet haben, Admiral.« Diente deutete steif eine Verbeugung an, als er Jora'h an Bord des Kriegsschiffes brachte, mied aber seinen Blick. »Ich zeige Ihnen Ihre Kabine. Meine Befehle sehen vor, den Kontakt zwischen Ihnen und der Crew und mir nach dem Start 57
auf ein Minimum zu reduzieren. Sie werden die ganze Zeit über allein sein.« Jora'h erschauerte im Kern seines Selbst. Er vermisste Nira bereits und versuchte, sich innerlich so gut es ging auf die vor ihm liegende schwere Prüfung vorzubereiten. »Ist Ihnen klar, was es für mich bedeutet, die anderen Ildiraner hier auf dem Mond zurückzulassen?« Subtile Hinweise in Dientes Körpersprache zeigten, dass er die Anweisungen des Vorsitzenden nicht guthieß. Was für den Vorsitzenden natürlich keine Rolle spielte. »Mir bleibt in dieser Hinsicht keine Wahl.« Jora'h schüttelte bitter den Kopf. »Ich dachte, Menschen hätten immer eine Wahl.« »Dann fehlen Ihnen einige wichtige Informationen. Folgen Sie mir.« Diente führte Jora'h die Rampe hoch und durch die primären Korridore, zeigte ihm dabei die vielen Soldaten an Bord des Schiffes. »Zwar ist dies nur ein Testflug, aber es sind fünfhundert TVF-Soldaten an Bord. Zwingen Sie mich also nicht, Maßnahmen zu ergreifen, die ich bedauern müsste.« »Ich bin nicht dumm, Admiral Diente. Ich muss am Leben bleiben, damit ich meinem Volk dienen kann. Wie lange das auch dauern mag.« »Dann sind wir uns ja einig.« Diente führte ihn in die luxuriösen Gemächer, die er während des Flugs nach Theroc mit Nira geteilt hatte. Ohne sie und die Crew wirkte das ganze Schiff kalt und öde. Der Admiral schloss die Tür hinter ihm. Jora'h stellte nicht fest, ob sie verriegelt war. Er kannte die Antwort bereits. Der Vorsitzende Wenzeslas hatte ihn nicht verabschiedet, aber zweifellos wurde jeder einzelne Moment für ihn aufgezeichnet. Wahrscheinlich war er wegen dieser neuen Strategie sehr zufrieden mit sich selbst.
Derzeit befand sich das Kriegsschiff noch über der Mondbasis, und Jora'h fühlte das Thism durch die Nähe der ildira 58
nischen Gefangenen. Später aber, als das Schiff Fahrt aufnahm, wurde die Verbindung immer dünner, als die Ildiraner und mit ihnen das Thism hinter ihm zurückblieben. Jora'h saß allein in seinem hell erleuchteten Quartier, ballte die Fäuste und konzentrierte sich. Er war der Weise Imperator. Er musste seiner Furcht Herr werden. Zwar wurde die Verbindung mit jeder verstreichenden Sekunde fragiler, aber er durfte nicht zulassen, dass die anderen Ildiraner seine wachsende Unruhe im Thism bemerkten. Sie mussten jetzt stark sein, stärker als jemals zuvor. Als Admiral Diente den Sternenantrieb aktivierte und das Kriegsschiff mit vielfacher Überlichtgeschwindigkeit durchs All sprang, spürte Jora'h, wie die letzten dünnen Verbindungsstränge rissen, und plötzlich herrschte dort Leere, wo er immer, von Geburt an, die Präsenz seines Volkes gefühlt hatte. Er sank aufs Bett, auf dem er seine Gedanken und Hoffnung mit Nira geteilt hatte, auf dem sie in Frieden und Harmonie geruht hatten. Plötzlich fehlte ihm die Luft zum Atmen -sie schien von einem Moment zum anderen ins Vakuum des Weltraums entwichen zu sein. Nie zuvor hatte er eine solche Leere gespürt. Jora'h schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. Er breitete die Arme aus, konzentrierte sich erneut und warf seine Gedanken ins All, ließ sie dort nach Kontakten suchen, berührte aber nur kaltes Nichts. »Ich bin der Weise Imperator!«, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Suche nach anderen, freundlichen Gedanken lenkte ihn ein wenig ab, doch das Universum war ein kalter, leerer Ort. Entsetzt musste Jora'h feststellen, dass erst einige wenige Sekunden vergangen waren. 58
22 # SIRIX
In den Ruinen des Roamer-Stützpunkts von Forreys Torheit stapften Sirix und seine schwarzen Roboter durch steinerne Tunnel und drangen tiefer in den Festungsasteroiden vor. Die schwachen menschlichen Bewohner waren tot, und überall lagen Leichen. Eine schützende Wolke aus Felsen umgab den von Tunneln durchzogenen Asteroiden, aber Sirix' Robotern war es leichtgefallen, den Angriff zu planen und durchzuführen. Bei einem raschen Vorstoß hatten sie die unter Druck stehenden Kuppeln zerstört, Luken der Leere des Alls geöffnet und die Schotten von Hangars gesprengt. Einige Roamer hatten versucht zu fliehen; andere waren bemüht gewesen, ihre Basis zu verteidigen. Sie alle hatten den Tod gefunden. Sirix' Anweisungen sahen vor, dass es keine Überlebenden geben durfte. Seine beiden Kompi-Proteges PD und QT folgten ihm mit forschen Schritten. An einem Port des Zentralcomputers versuchte QT, eine Verbindung mit den Stationssystemen herzustellen. »Roamer schützen ihre Computer mit besonderen Sicherheitsmaßnahmen. Wir müssen vorsichtig sein.« Er zögerte. »Hier sind
Programme installiert, die im Fall einer Sicherheitsverletzung eine elektrische Überladung auslösen und alle gespeicherten Daten löschen sollen.« Sirix drehte seine flache Kopfplatte. »Kannst du diese Programme deaktivieren, damit wir Zugriff auf die Datenbanken haben?« »Ja.« Die beiden Kompis schienen gern zu Diensten zu sein. »Dann los.« PD und QT kannten die Roamer-Systeme von früheren Eroberungen, arbeiteten zusammen und machten die Sicherheitssysteme unschädlich. »Wir haben jetzt Zugang zu den 59
Daten, und dazu gehören auch Listen aller bekannten Stützpunkte.« Während Robotergruppen die Tunnel des Asteroiden erforschten, die letzten Überlebenden fanden und sie töteten, wechselten sich die beiden Kompis damit ab, Sirix statistische Informationen zu übermitteln: wie viele Schiffe die Asteroidenbasis anflogen, wie viele Tonnen Erz pro Jahr verschifft worden waren und wie viel Rohmetall die Anlagen produziert hatten. »Ist dieser Ort akzeptabel, Sirix?«, fragte PD munter. »Nein, das ist er nicht.« Sirix war sehr enttäuscht. Seine scharlachroten optischen Sensoren glühten rubinrot im hellroten Licht der Notbeleuchtung. »Die hiesigen Produktionsanlagen stellen nur Rohmaterialien her, die an anderen Orten weiterverarbeitet werden. Hier gibt es nicht die technischen Voraussetzungen, die wir brauchen.« Mit jedem enttäuschenden Ergebnis wuchs seine Unruhe. Umstände, die sich Sirix' Kontrolle entzogen, hatten zu einer Niederlage nach der anderen geführt, und viele der ursprünglichen schwarzen Roboter waren bei den letzten Kämpfen zerstört worden. Von seiner großen Armee waren nur noch kleine Reste übrig, und was die mithilfe der modifizierten Soldaten-Kompis übernommene Flotte des terranischen Militärs betraf: Nur einige Dutzend Schiffe verfügten noch über ihr volles Funktionspotenzial. Sirix' Möglichkeiten waren sehr beschränkt gewesen, bis die beiden naiven Kompis vorgeschlagen hatten, neue Roboter zu bauen - ein bis dahin undenkbarer Plan. Doch um neue Roboter zu konstruieren und die breiten Lücken in Sirix' Streitmacht zu schließen, brauchten sie geeignete Produktionsanlagen. Die neuen Roboter würden zwar nicht die unersetzlichen Erinnerungen und Erfahrungen der alten haben, aber sie konnten die Schlagkraft seiner Truppen erhöhen und ihm helfen, seine Pläne zu verwirklichen. 59
Allerdings war die Konstruktion neuer Klikiss-Roboter nicht so einfach wie der Bau von Raumschiffen oder Habitatkup-peln. Der Fabrikationsprozess erforderte hochentwickelte Technik. Die Anlagen von Forreys Torheit kamen dafür nicht infrage. Dieser Einsatz war reine Zeitvergeudung gewesen. Sirix streckte die fingerartigen Beine und trat über die im Weg liegenden Leichen von zwei Menschen hinweg. Dann wandte er sich wieder an die beiden Kompis. »Analysiert die Informationen in den Datenbanken und schätzt die Produktionskapazitäten der anderen Roamer-Basen ein. Findet eine, wo wir Roboter herstellen können.«
»Ja, Sirix«, bestätigten PD und QT wie aus einem Mund. »Die Roamer werden uns selbst das nächste Ziel zeigen.« Die beiden Kompis wirkten zufrieden, als sie die Brücke des Schiffes betraten, um Bericht zu erstatten. »Habt ihr eine akzeptable Alternative gefunden?« PD reichte ihm einen Datenschirm, und QT sagte: »Wir schlagen Relleker vor. Das ist eine frühere Hanse-Welt mit einem für Menschen sehr angenehmen Klima. Hydroger haben die Siedlung zerstört und alle Kolonisten getötet. Nachdem die Hydroger keine Gefahr mehr darstellen, sind die Roamer dorthin zurückgekehrt und haben einen großen Stützpunkt eingerichtet.« »Vor den Hydrogern mögen sie sicher sein, aber nicht vor meinen Robotern«, sagte Sirix. »Warum glaubt ihr, dass sich jener Ort für unsere Zwecke eignet?« »Die Roamer haben auf Relleker Industrieanlagen mit moderner Technik«, sagte PD. »Die Informationen der Datenbanken weisen auf ausgezeichnete Produktionsstätten hin.« »Das glauben die Roamer«, sagte Sirix. »Sehen wir uns Relleker an. Wenn sich der dortige Stützpunkt als adäquat erweist, übernehmen wir ihn und beginnen mit unserer Arbeit.« Er sah sich den Bericht an und stellte fest, dass auf dem betreffenden Planeten tatsächlich alles für die Produk 60
tion von Robotern Notwendige existierte. Die Industrieanlagen konnten ohne größere Schwierigkeiten umgerüstet werden. Hinzu kam: Relleker schien über keine nennenswerte Verteidigung zu verfügen und ließ sich daher leicht erobern. »Wenn die menschlichen Kolonisten sachkundig sind, könnten sie uns bei der Produktion von Robotern helfen«, sagte QT. »Immerhin ist die gegenwärtige Fließbandproduktion für menschliche Hände konzipiert.« »Und wir könnten Hilfe gebrauchen«, fügte PD hinzu. »Wir sollten die Menschen am Leben lassen.« »Vielleicht einige von ihnen«, erwiderte Sirix widerstrebend. »Falls es unseren Zwecken dient.« Er setzte sich mit den anderen Schiffen in Verbindung und erläuterte die Prioritäten der neuen Mission. Anschließend änderte die Roboterflotte den Kurs und flog einem neuen Ziel entgegen.
23 # GENERAL KURTLANYAN
Lanyan fühlte echte Zufriedenheit, als seine Kampfgruppe dem Peilsignal des fliehenden Roamer-Frachters folgte. Bei Golgen hatte er alle Himmelsminen unter Kontrolle gebracht und den Clans demonstriert, dass sie zum Wohle der Menschheit die Hanse unterstützen mussten. Darüber hinaus hatten seine Soldaten viel Treibstoff für den Sternenantrieb erbeutet - er reichte, um die ganze Terranische Verteidigungsflotte für sechs Monate zu versorgen. Da war eindeutig gute Arbeit geleistet worden. Als Lanyan auf der Brücke der Goliath eine Tasse schwarzen Kaffee trank, dachte er daran, dass der Vorsitzende diesmal allen Grund hatte, sich über einen Erfolg zu freuen. Die Ekti-Knappheit hatte die TVF über Jahre behindert. Wie konnte eine Raumflotte ihren Aufgaben gerecht werden,
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wenn sie mit jedem Liter Treibstoff sparsam umgehen und sich jeden einzelnen Patrouillenflug genau überlegen musste? Jetzt verfolgten Lanyans Schiffe einen »fliehenden« Frachter, und er war sicher, dass er bald einen weiteren Erfolg erzielen würde. Ja, er hatte allen Grund, mit seiner Crew und sich selbst zufrieden zu sein. »Das war eine üble Sache bei Golgen, General.« Conrad Brindle war an Bord des Flaggschiffs gekommen, um sich mit dem General zu beraten. Er klang alles andere als begeistert. »Eine üble Sache? Unser Einsatz war ein voller Erfolg.« »Es handelte sich um ein ziviles Ziel, Sir. Ohne eine gerichtliche Anordnung hatten wir nicht das Recht, dort irgendetwas zu beschlagnahmen . . . « »Die dortigen Roamer sind Sympathisanten des Feindes, wenn nicht gar aktive Kämpfer.« Lanyan ärgerte sich darüber, dass Brindle seine dumme Kritik nicht im Bereitschaftsraum äußerte, sondern hier auf der Brücke, wo ihn alle hören konnten. »An der Akademie habe ich den Studenten die Charta der Hanse und die Vorschriften der TVF nahegebracht«, sagte Brindle. »Während unseres Einsatzes über Golgen haben wir uns nicht an die in Charta und Vorschriften zum Ausdruck kommenden Prinzipien gehalten. Unser Verhalten den Roamern gegenüber läuft auf Piraterie hinaus.« Lanyan winkte ab, als sein Ärger wuchs. Musste ihm dieser Mann unbedingt die Stimmung verderben? Vor Jahren hatte Lanyan den Roamer-Piraten Rand Sorengaard gejagt und hingerichtet; dies war etwas ganz anderes. »Mr. Brindle, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen, als Sie sich auf Rhejak weigerten, an Willis' Meuterei teilzunehmen. Auf Theroc haben Sie bewundernswerte Charakterstärke gezeigt, als Sie Ihren eigenen Sohn verließen und der Terranischen Verteidigungsflotte treu blieben. Enttäuschen Sie mich nicht ausgerechnet jetzt, da alles so gut läuft.« 61
»General!«, rief der taktische Offizier. »Das Signal des Peilsenders ist jetzt stationär! Der Frachter hat sein Ziel in dem Sonnensystem vor uns erreicht.« Lanyan stellte den Kaffee beiseite und hoffte, dass es Brindle dabei bewenden ließ. »Erzählen Sie mir mehr von dem System. Was befindet sich dort?« »Offenbar nichts Besonderes, Sir. Metallhaltige Felsen in exzentrischen Umlaufbahnen, kaum einen Eintrag in unseren Sternkarten wert. Der einzige Name, den ich in den Aufzeichnungen finden konnte, lautet Forreys Torheit. Ich weiß nicht, ob sich das auf einen speziellen Asteroiden bezieht.« Lanyan nickte langsam und lächelte. »Hässlich, nutzlos und abgelegen - genau der Ort, den Roamer lieben.« Er sah auf einen der Bildschirme, der ihm ein Gewirr aus Ellipsen zeigte: die Umlaufbahnen von Planetoiden, im Zentrum eine kleine, blasse Sonne. Der Frachter war offenbar zu einem der Asteroiden geflogen. »Den Flug vorsichtig fortsetzen. Wahrscheinlich finden wir hier ein weiteres Clan-Versteck.«
Der Mann an den Ortungskontrollen schickte Sondierungssignale ins All. »Die Präsenz von verarbeitetem Metall und geometrischen Strukturen deutet auf Konstruktionen hin.« »Wir nähern uns mit einsatzbereiten Waffen, aber feuern Sie erst auf meinen Befehl hin. Wenn es dort Ekti gibt, so möchte ich den Treibstoff nicht verlieren oder Einrichtungen beschädigen, die sich als nützlich erweisen könnten.« »Wir sollten auch unnötige Verluste vermeiden«, fügte Brindle hinzu und sprach so laut, dass ihn alle auf der Brücke hörten. Der Ortungsspezialist empfing die Daten der Langstreckensondierung. »Es lassen sich keine energetischen Signaturen, Kommunikationssignale oder Wärmequellen feststellen. Unsere Sensoren orten nur den Frachter. Er sendet, bekommt aber keine Antwort.« Lanyan beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien. Die 62
Kampfgruppe flog noch immer mit hoher Geschwindigkeit und kam dem Außenposten schnell näher. Einst hatten Habi-tatkuppeln, Tanks und Andockgerüste den Asteroiden bedeckt, aber jetzt war alles zerstört. Explosionen hatten den natürlich entstandenen Kratern in der Oberfläche weitere hinzugefügt. Von den meisten Anlagen der Station waren nur noch rußgeschwärzte Löcher und glasige Gräben übrig. »TVF-Jazer haben diesen Schaden angerichtet«, sagte der Ortungsspezialist. »Jazer? Ich habe nicht befohlen, diese Basis anzugreifen. Meine Güte, ich wusste überhaupt nichts von ihr.« Bevor Lanyans Schiffe bis auf Gefechtsreichweite heran waren, drehte der Frachter und öffnete einen Kom-Kanal. Flüche und Verwünschungen drangen aus den Lautsprechern. Der Roamer-Pilot hatte einen langen, dünnen Bart und einen über die Schulter reichenden Zopf. Zorn ließ seine Wangen rot glühen, und die großen Augen waren blutunterlaufen. »Ihr verdammten TVF-Mistkerle! Ihr habt hier alle getötet. Warum? Genügt euch Piraterie nicht mehr? Muss es auch noch Massenmord sein?« Lanyan sah zu Brindle, als erwarte er Antworten von seinem Stellvertreter. »Sind Sie sicher, dass hier keine militärischen Operationen geplant waren?« »Ganz sicher, Sir.« »Eine Verbindung mit dem Roamer-Piloten herstellen. Sagen Sie ihm, dass wir nicht für das Massaker verantwortlich sind.« »Er glaubt uns nicht, General«, sagte der Kommunikationsoffizier kurz darauf. »Seine Antwort lautet, ich zitiere: Quatsch.« Beim Triebwerk des Frachters leuchtete es auf, als das Schiff beschleunigte. Lanyan seufzte. »Wohin will er jetzt? Glaubt er vielleicht, er könnte uns weglaufen?« Aber das Roamer-Schiff kam direkt auf den Moloch zu. »Was soll das denn? Will er uns rammen? Das ist doch lächerlich.« 62
»Die Schilde der Goliath sind stark genug, um einer Kollision standzuhalten«, sagte Brindle.
»Und wenn schon - das Feuer eröffnen.« Lanyan fügte hastig hinzu: »Wenn möglich, nur das Triebwerk beschädigen.« Der Frachter jagte ihnen wie ein Projektil entgegen, doch im letzten Moment löste der Pilot die Verankerungen seiner Ekti-Tanks und setzte sie wie Raumminen frei. Dann änderte er den Kurs, flog auf einer komplizierten Bahn durch die Kampfgruppe der TVF und wich immer wieder Jazer-Strah-len aus. Zwei Ekti-Tanks schmetterten an den Bug von Lan-yans Moloch, und die Explosionen ließen den Kontrollraum erbeben. »Keine nennenswerten Schäden, General, und keine Verletzten«, meldete Brindle. »Einer unserer Mantas wurde von einem explodierenden Ekti-Tank getroffen. Reparaturgruppen sind bereits an der Arbeit.« Lanyans Interesse galt vor allem dem fliehenden Frachter. »Verdammt, wohin ist er?« »Wir haben ihn noch immer in der Sensorerfassung, Sir -er verlässt das System.« Der Roamer-Pilot aktivierte den Sternenantrieb und raste davon, bevor Lanyan seine Flotte anweisen konnte, die Verfolgung aufzunehmen. Der General stand auf und trat näher zum Hauptschirm. »Empfangen wir noch die Peilsignale? Der Sender funktioniert doch noch, oder?« »Wir sind auf Empfang, Sir.« »Dann folgen wir dem Schiff. Die Jagd ist erst dann vorbei, wenn ich es sage.« 63
24 # ERSTDESIGNIERTER DARO'H
Der Erstdesignierte Daro'h fühlte sich im Höhlenlager noch immer eingeengt und versuchte, die plötzliche Leere im Thism zu verstehen, wo eben noch der Weise Imperator gewesen war. Bis vor einem Moment hatten sie seine ferne Präsenz gespürt, aber jetzt schien er nicht mehr zu existieren. Alle Ildiraner konnten es fühlen. Angehörige des Bediensteten-Geschlechts klammerten sich verzweifelt an der Illusion einer normalen Routine fest, indem sie sich um den Erstdesignierten kümmerten. Sie bereiteten Speisen und warme, gewürzte Getränke zu, brachten Kissen, auf denen Daro'h sitzen konnte, rückten die Glänzer in den Tunneln zurecht und sorgten damit für besseres Licht. Aber so diensteifrig sie sich auch gaben, sie konnten dieses staubige primitive Lager nicht in den Prismapalast verwandeln. Während ernste, stille Wächter nach Feuerkugeln Ausschau hielten, traf sich Daro'h mit Adar Zan'nh, Yazra'h und Tal O'nh. Der Oberste Schreiber Ko'sh, Oberhaupt der Erinnerer, saß bei ihnen, dazu bereit, aus alten und neueren Aufzeichnungen zu zitieren. Die Fingerknöchel von Yazra'hs rechter Hand waren blutig - sie hatte voller Frust über die Situation gegen die Felswand geschlagen. Zan'nh berichtete von den letzten Erkundungen. Sein Haar war ungekämmt, die Uniform zerknittert. Seit Beginn dieser Krise vergeudete er keine Zeit damit, auf seine Kleidung zu achten.
»Der Prismapalast glüht die ganze Zeit über, und viele andere Gebäude sind niedergebrannt. Soweit ich das feststellen kann, ist Mijistra leer.« Das Gesicht des Adars machte deutlich, wie schwer es ihm fiel, diese Feststellung zu treffen. »Die Faeros haben völlige Kontrolle über den Himmel. Zehn weitere für den Patrouillendienst eingeteilte Kampf 64 boote sind nicht zurückgekehrt. Wenn ein Schiff versucht, von Ildira zu fliehen, wird es von den Feuerbällen verfolgt und zerstört.« Mit zusammengekniffenen Augen sah er sich um. »Die Feuerwesen erlauben uns nicht, den Planeten zu verlassen.« Daro'h dachte an all die Splitter-Kolonien, denen Gefahr drohte, an die vielen verlorenen Siedlungen im Spiralarm. Alle Ildiraner waren verzweifelt gewesen, weil der Weise Imperator in einer so angespannten Situation fehlte, und jetzt wurde alles noch schlimmer. Jora'h war ganz aus dem Thism-Netz verschwunden, und die von ihm hinterlassene Stille im kollektiven ildiranischen Bewusstsein wirkte wie ein lauter, nicht enden wollender Schrei. Jetzt lag die Verantwortung beim Erstdesignierten, aber Daro'h wusste nicht, wie er sein Volk führen sollte. Von einer Höhle aus schien ihm das kaum möglich zu sein. »Wir sind in einer Art Schwebezustand«, warf Ko'sh ein. Die Hautlappen im Gesicht des Erinnerers veränderten ihre Farben und wiesen darauf hin, wie beunruhigt er war. »Niemand fühlt den Weisen Imperator!« »Das ist uns inzwischen klar«, erwiderte Yazra'h mit einem Knurren. »Aber daran können wir nichts ändern.« »Sie wissen, was getan werden muss, Erstdesignierter«, sagte der Oberste Schreiber und sah Daro'h an. »Wir brauchen ein Oberhaupt für unser Volk. Es gibt einen Präzedenzfall. Sie müssen sich der Aufstiegszeremonie unterziehen und unser neuer Weiser Imperator werden.« Yazra'h übertönte die überraschten Ausrufe der anderen. »Meinen Sie den vom Designierten Rusa'h geschaffenen Präzedenzfall? Nur ein Dummkopf kann so etwas vorschlagen, wenn wir noch gar nicht wissen, ob unser Vater tot ist!« »Der Hinweis des Erinnerers ist gerechtfertigt«, sagte Tal O'nh ruhig. »Sie geben den Ildiranern so viel Führung, wie Sie können, Erstdesignierter, aber nur mit der vollen Kontrolle über das Thism können Sie die Verantwortung des 64
Oberhaupts unseres Volkes wahrnehmen. Und dazu ist die Zeremonie notwendig.« Daro'h war nach dem Tod des Weisen Imperators Cyroc'h dabei gewesen, als sich Jora'h dem Kastrationsritual unterzogen hatte, der schmerzhaften Zeremonie, die ihn vom Erstdesignierten zum Weisen Imperator gemacht hatte. Er erinnerte sich an die plötzliche Flut von Wärme und Vertrauen, als das Bewusstsein des neuen Weisen Imperators die Stränge des Thism aufnahm und miteinander verknüpfte. Sein Vater hatte den desorientierten, verängstigten Ildiranern sofort Kraft und Hoffnung gegeben, ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.
Kraft und Hoffnung . . . Das brauchte sein Volk jetzt. Wenn Jora'h wirklich tot war, so musste der Erstdesignierte zum neuen Weisen Imperator werden. Aber wenn sein Vater noch lebte, konnte Daro'h nicht einfach seine Nachfolge antreten. Das hätte zu großer Verwirrung geführt und das Reich vielleicht endgültig auseinandergerissen. Die von Rusa'h ausgelöste Krise bot einen deutlichen Hinweis darauf. Daro'h schloss die Augen. Er brauchte mehr Informationen, um eine Entscheidung zu treffen. Wenn der Weise Imperator tot war, so gab es an dem Weg, den er beschreiten musste, keinen Zweifel. Aber das Ende seines Vaters hätte ihn wie ein schwerer Schlag treffen müssen, in Herz und Seele. Stattdessen vernahm er nur Stille: kein Thism, keine Gedanken, kein Flüstern in der Ferne. Man hätte tatsächlich meinen können, dass Jora'h nicht mehr existierte. Daro'h schüttelte den Kopf. »Es wäre eine unwiderrufliche Maßnahme und ein Zeichen dafür, dass wir die Hoffnung aufgeben. Ich glaube nicht, dass der Weise Imperator tot ist, und deshalb entscheide ich mich dagegen.« »Manche Leute sagen, Sie wären ein Feigling, wenn Sie sich weigern, Erstdesignierter«, gab Ko'sh zu bedenken. »Manche Leute reden viel dummes Zeug«, zischte Yazra'h. 65
Der Erstdesignierte straffte die Schultern, atmete tief durch und wandte sich an sie alle. Er musste stark sein. »Der Weise Imperator ist nicht hier, aber er erwartet von mir, dass ich ihn vertrete. Ich bin nicht als Erstdesignierter geboren; ich musste diese Rolle übernehmen. Sie sind meine besten Berater; das ist die Rolle, die Sie übernehmen müssen.« Daro'h musterte sie ernst. »Es fällt Ildiranern schwer, neue Lösungen für Probleme zu finden. Mein Väter sagte einmal: Wenn wir nicht lernen, uns zu ändern, könnte es unser Untergang sein. Ich übertrage Ihnen diese Aufgabe: Finden Sie eine Lösung. Wir sind das Ildiranische Reich! Es ist mir gleich, wie verzweifelt oder ungewöhnlich der Plan sein mag - machen Sie mir einen Vorschlag, wie wir gegen die Faeros kämpfen können.«
25 # FAERO-INKARNATION RUSA'H
In den glühenden, vom Feuer gereinigten Resten des Prismapalastes schuf Rusa'h die Linien des neuen Thism, um dem ildiranischen Volk Anleitung zu geben. Die Seelenfäden waren hell und heiß wie die Leuchtfasern eines Glänzers. Er musste aufbrechen und sehen, was er bisher geleistet hatte. Rusa'h ließ Flammen aus dem Boden und den Wänden wachsen und formte daraus feurige Vorhänge um sich herum, bis sie ihn kugelförmig umschlossen. Im Innern dieser Kugel flog er durch verbrannte Korridore, zerbrach eine in der Hitze spröde gewordene Tür und gelangte nach draußen. Sein strahlender Körper schwebte über den in sich zusammengesunkenen Türmen und Minaretten des Palastes, und von dort aus schaute er über seine Domäne. Er ließ seinen blitzenden Blick über Mijistra streichen, einst das Juwel im Herzen des Ildiranischen Reichs.
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Rusa'h fühlte sich zwischen zwei widerstreitenden Verpflichtungen hin- und hergerissen: Er wollte das ildiranische Volk führen und kontrollieren, und gleichzeitig drängte es ihn, den Faeros zu neuer Größe zu verhelfen. Die feurigen Elementarwesen in ihm scherten sich nicht um das Reich; ihr Kampf hatte eine weitaus größere Bedeutung. Aber er wollte sein Volk retten. Er hatte enttäuscht zur Kenntnis nehmen müssen, dass die jungen Faero-Funken auf Theroc ausgelöscht worden waren. Die Verdani hatten sich mit unerwarteter Stärke zur Wehr gesetzt, unterstützt von den Wentals, grünen Priestern und sogar Schiffen des menschlichen Militärs. Es war ein Rückschlag für die Faeros, nicht aber für Rusa'h. Hier auf Ildira hatte er alles, was er brauchte - abgesehen vom Weisen Imperator Jora'h, der trotz der vielen verzweifelten Rufe im Thism nicht heimkehrte. Früher oder später würde Rusa'h seinen Bruder finden. Es war nur eine Frage der Zeit. In seinem Feuerschiff flog er über die Dächer von Mijistra, blickte auf Monumente, Museen und längst trockene Springbrunnen hinab. Der Saal der Erinnerer war leer und verkohlt. Die meisten Quartiere der Handwerker, Metallarbeiter, Techniker und Chemiker waren niedergebrannt. Rusa'hs Flug führte über ein medizinisches Zentrum hinweg, ein Landefeld, über Lagerhäuser mit Lebensmitteln für eine Bevölkerung, die gar nicht mehr da war. Das Ausmaß der Leere stimmte ihn traurig. Jetzt, da die Hydroger in ihren Gasriesen festsaßen, konnten die Faeros ganz nach Belieben schalten und walten. Sie konnten zerstören, was sie wollten, und ungestört wachsen, bis sie zur dominanten Kraft im Spiralarm und darüber hinaus wurden. Rusa'h dehnte sein Bewusstsein bis in weite Ferne, und ein Teil davon begleitete die Faeros, als sie durch ihre Transtore von Stern zu Stern sprangen. Sie tanzten in der wieder zum Leben erwachten Sonne Durris-B, in der jetzt erneut 66
das Feuer der Kernfusion brannte. Auch andere Sterne hatten die Faeros neu entzündet und erhoben so Anspruch auf ein stellares Territorium, das ihnen die Hydroger genommen hatten. Doch Ildira gehörte ihm. Das ildiranische Volk war seines. Erneut erinnerte er die Faeros mit allem Nachdruck daran. Unter seinem flammenden Schiff sah Rusa'h einige verzweifelte Flüchtlinge, die gerade ein Lebensmittellager verließen - dort hatten sie Proviant für eins der nur unzulänglich verborgenen Flüchtlingslager abgeholt. Rusa'h hätte sich nähern und ihnen ihr Seelenfeuer stehlen können, um es den Faeros zu schenken, aber er entschied sich dagegen. Zwar fühlte er die Unruhe der Feuerwesen, doch er hielt sie zurück. Er durfte ihnen nicht erlauben, völlig zügellos zu werden. Er hatte die feurigen Elementarwesen für seine eigenen Zwecke einsetzen wollen, doch sein Einfluss auf sie hatte Grenzen. Ihr Chaos konnte recht mächtig sein. Sein feuriges Schiff flog in einem weiten Bogen über Mijistra und kehrte zum Prismapalast zurück. Ein Dutzend großer Feuerkugeln erschien am Himmel
darüber und glitt umher, wirkte dabei gierig, unersättlich und launisch. Die Faeros wollten irgendetwas zerstören. Vielleicht konnten sie ihm dabei helfen, Jora'h zu finden . . .
26 # WEISER IMPERATOR JORA'H
Allein an Bord des Kriegsschiffs - weit von der Erde und Ildira entfernt, fernab von allen -, bemühte sich Jora'h, bei Verstand zu bleiben. Zusammengekauert saß er in seinem Quartier und wusste nicht, wie viele Tage vergangen waren. Er fühlte nur die schreckliche Leere, die sich endlos um ihn erstreckte. 67
Während des größten Teils seines Lebens hatte er das Ildi-ranische Reich für allmächtig und allumfassend gehalten. Überall im Spiralarm gab es SplitterKolonnen, und deshalb erstreckte sich das Thism überallhin. In Wirklichkeit aber existierte weitaus mehr außerhalb des Thism als innerhalb. Er war falsch informiert worden. So geschwächt Jora'h auch war, er zwang sich aufzustehen. Als Weiser Imperator durfte er sich nicht geschlagen geben. Er machte drei unsichere Schritte in Richtung der in die Kabinenwand integrierten Glänzer, blickte in ihr helles Licht und benutzte es als eine Art Anker. Wenigstens war es nicht dunkel. Dieser besonderen Folter hatte ihn der Vorsitzende Wenzeslas nicht unterzogen - noch nicht. Wenn er schrie, wenn er dem Schmerz erlag und versprach, den Forderungen des Vorsitzenden nachzukommen . .. würde ihn der TVF-Admiral dann zu den anderen Ildiranern zurückbringen? Aber wenn er sich erst wieder auf der Mondbasis befand . .. Vermutlich würde ihn Basil Wenzeslas dort weiter festhalten. Jora'h bezweifelte, dass ihm der Vorsitzende einfach so die Möglichkeit gab, nach Ildira heimzukehren. Plötzlich ertönte ein akustisches Signal an der Tür, und Admiral Diente trat ein, ohne eine Aufforderung abzuwarten. Jora'h versuchte, nicht zu zittern, trotz der Kälte der Einsamkeit, die ihm durch die Adern strömte. »Was .. . wollen Sie?« Diente sprach so emotionslos, als gäbe er einen routinemäßigen Bericht. »Meine Software-Experten haben die Datenbanken dieses Schiffes untersucht und dabei etwas gefunden, das ein Übersetzungsprogramm für die Kommunikation mit den Klikiss zu sein scheint. Stimmt das?« Jora'h schloss die Augen und versuchte, in den Strudeln der Einsamkeit nicht die Orientierung zu verlieren. »Vor langer Zeit haben wir mit den Klikiss kommuniziert.« 67 »Funktioniert das Programm noch?« »Seit Tausenden von Jahren haben wir es nicht mehr benutzt.« Jora'h zögerte, als sich andere Erinnerungen in ihm regten. »Einen Augenblick. Adar Zan'nh hat es benutzt. Ja, er hat mit den Klikiss gesprochen . . . bei Maratha.« Diente nickte. »Dann können wir das Problem vielleicht für Verhandlungen verwenden.«
»Verhandlungen . . . « Jora'h holte tief Luft und wollte lachen, fand aber nicht genug Kraft. »Ich fürchte, dafür ist es zu spät. Sie haben den Zorn der Klikiss geweckt. Die Faeros mögen Ildiras größter Gegner sein, aber die Klikiss sind Ihre Feinde, Admiral. Sie haben es nur noch nicht begriffen.« Diente wirkte müde und sehr traurig. »Wir selbst sind unser größter Feind.« Seine Stimme war so leise, dass Jora'h ihn kaum hörte. »Ich befolge ausdrückliche Befehle, Weiser Imperator. Ich würde Sie lieber nicht auf diese Weise behandeln. Es ist . . . erniedrigend für das Oberhaupt eines großen Reiches. Ich habe Ihre Solare Marine immer bewundert.« Ärger regte sich in Jora'h und erlaubte ihm klarere Gedanken. »Wie können Sie dies dann zulassen? Wenn Sie wissen, dass es falsch ist. .. Wieso befolgen Sie trotzdem die Anweisungen des Vorsitzenden?« Diente blickte ins Leere, und es verstrichen einige Sekunden, bevor er antwortete: »Weil der Vorsitzende meine Frau, meinen Sohn und meine beiden Töchter als Geiseln genommen hat, Weiser Imperator. Er hat gedroht, sie umzubringen, wenn ich nicht gehorche.« Er ballte die Fäuste. »Er hat meine Familie.« Jora'h litt so sehr unter der Einsamkeit, dass er nicht die volle Bedeutung der Worte des Admirals erfasste. Diente griff in eine Tasche seiner Uniform und holte ein kleines Display hervor, nicht größer als seine Handfläche. Er aktivierte es und zeigte Jora'h einige Bilder: eine schöne Frau, eine Teenager-Tochter, einen attraktiven jungen Mann 68
und ein Mädchen. Das letzte Bild zeigte den Admiral inmitten einer glücklichen Familie. »Vielleicht habe ich schon zu viel gesagt. Danke für die Informationen über das Klikiss-Übersetzungsprogramm.« Diente schaltete das Display aus und steckte es verlegen ein. Bevor er ging, fügte er in einem tröstenden Tonfall hinzu: »In einigen Tagen kehren wir zurück. Es dauert nicht mehr lange.« »Nicht mehr lange . .. ? «, brachte Jora'h zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Zeit hatte sich bereits bis in die kalte Unendlichkeit ausgedehnt. Als Diente gegangen war, gaben Jora'hs Knie nach, und er sank aufs Bett. Noch einige Tage. Er wusste nicht, wie er es ertragen sollte. Ta g e. . .
27 # MARGARET COLICOS
Als die neue Brüterin sie schließlich in die Schwarmfestung rief, beschloss Margaret, Antworten auf ihre Fragen zu verlangen. Viel zu lange hatte sie die Insektenwesen dabei beobachtet, wie sie rivalisierende Domate niedermetzelten und andere Subschwärme vernichteten, anstatt sie zu assimilieren. Jetzt schienen die Klikiss endlich damit aufzuhören, ihr keine Beachtung zu schenken, und Margaret hoffte zu erfahren, was diesen besonderen Subschwarm so sehr von allen anderen unterschied, warum er so brutal und bösartig war.
Margaret überlegte, ob sie zur Wand mit dem trapezförmigen Transportal laufen sollte. Vielleicht gelang es ihr dort, ein Ziel zu wählen und sich zu transferieren, bevor das Schwarmbewusstsein eingreifen konnte. Doch die TransportalVerbindungen führten zu anderen Klikiss-Planeten; sie 69 wäre vom Regen in die Traufe geraten. Die hiesigen Insektenwesen kannten sie wenigstens. Nein, sie würde auf diesem Planeten bleiben und ihr Glück bei der Llaro-Brüterin versuchen. Zwar schien sie blutrünstiger zu sein als die anderen, aber bisher hatte sie Margaret in Ruhe gelassen. Vielleicht wollte sie etwas von ihr -aber was? Eigentlich gab es für Margaret keinen Grund, sich zu fürchten, denn immerhin hatten die Klikiss sie bisher am Leben gelassen. Von außen gesehen war der Saal der Brüterin groß und klumpig, mit zwei Türmen wie aus Kerzenwachs zu beiden Seiten. Dornenbesetzte Krieger führten Margaret durch die dunkle Öffnung ins Innere des Gebäudes, und Margaret widersetzte sich ihnen nicht. Mit den rasiermesserscharfen Kanten ihrer Gliedmaßen hätten die Klikiss sie in nur ein oder zwei Sekunden in Stücke schneiden können. In den vergangenen Jahren war Margaret nie in Gefahr geraten, auf eine solche Weise zu enden, und bestimmt würden ihr die Klikiss auch diesmal nichts tun - zumindest noch nicht. Margaret war noch immer Wissenschaftlerin und hatte viele Jahre zusammen mit Louis die uralten Ruinen eines vermeintlich ausgestorbenen Volkes untersucht. Sie kannte die Klikiss so gut, wie es für einen Menschen möglich war. Entschlossen ging sie weiter, folgte den gepanzerten Geschöpfen durch kurvenreiche Korridore und kam sich vor wie jemand, der durchs Innere einer spiralförmigen Muschel wanderte. Die Nähe zahlreicher Klikiss intensivierte den Geruch von Galle, verfaulten Eiern, vergammeltem Fisch und altem Schweiß eine Symphonie aus Pheromonen und chemischen Signalen. Die Krieger führten sie in einen zentralen Saal voller Schrecken. Die Köpfe von mehr als hundert besiegten Domaten lagen dort, als Trophäen aufeinandergestapelt. In der Mitte des Saals, neben diesen grässlichen Trophäen, erhob sich ein Haufen aus Millionen von kleinen, sich windenden Körpern. 69
Margaret sah die Brüterin nicht zum ersten Mal, aber sie fühlte sich erneut von Ekel erfasst. Sie blieb stehen. Der Gestank machte ihr das Atmen schwer, als das Schwarmbewusstsein von Llaro seine Struktur veränderte. Der große Haufen geriet in Bewegung - Hunderttausende von Komponenten ordneten sich neu an, wie die Pixel eines breiten, komplexen Bilds. Als sich deutlichere Konturen formten, begriff Margaret, dass es einen Unterschied zu den früheren Inkarnationen dieses Schwarmbewusstseins gab. Nicht nur Krieger standen im Saal, sondern auch Hunderte von Arbeitern, Gräbern und Angehörigen anderer Subspezies, wie Andächtige in einer Kirche. Die Hintergrundgeräusche bestanden nicht allein aus dem dumpfen Knarren von
Gliedmaßen, Flügeln und Panzerungselementen. Margaret hörte auch das Klacken von Kiefern und ein Summen, das von aneinanderschabenden Chitinplatten stammte. Sie erzeugten einzelne Töne, die sich zu einer Sprache vereinten. Während ihrer Jahre bei den Klikiss hatte Margaret eine gewisse Art der Verständigung mit den Klikiss gelernt. Sie verstand einige der zwitschernden, klickenden Laute und konnte sie wiederholen. Doch jetzt kam es zu einem Summen und Brummen, das etwas Vertrautes gewann und . . . wie ein Wort klang. »Margaret.« Die Krieger und Arbeiter sprachen mit vereinter Stimme in einem gespenstischen Chor. »Margaret Colicos.« Nie zuvor hatten die Klikiss versucht, menschliche Worte nachzubilden. Soweit Margaret wusste, waren sie nicht einmal mit dem Konzept von Worten vertraut gewesen. Überrascht wich sie einen Schritt zurück und stieß gegen den dornigen Leib eines Kriegers, doch der Klikiss bewegte sich nicht. Sie sah zur Brüterin, die noch immer ständig ihre Struktur veränderte. 70
»Du unterscheidest dich von der letzten Brüterin«, sagte Margaret. Die Bewegungen der neuen Brüterin hörten auf, als sie vage Ähnlichkeit mit einem großen menschlichen Kopf hatte, wie von einem unbeholfenen Kind aus Ton geformt. Der Mund öffnete sich, und Geräusche drangen hervor, eine Mischung aus Zischen und Klacken. »Margaret Colicos . . . ich kenne Sie.« Es war eindeutig zu einer Veränderung gekommen. »Wer sind Sie?«, fragte Margaret. »Ich bin . . . zum Teil. . . ein Mensch.« Das Gesicht des großen Kopfes bekam zusätzliche Details. »Ein Mensch namens Davlin Lotze.« Margaret riss die Augen auf. »Davlin?« Sie hatte nie erfahren, was mit ihm geschehen war. Offenbar hatten die Klikiss nicht nur seine Gene assimiliert, sondern auch seine Erinnerungen. Aber Davlin musste irgendetwas mit der neu entstehenden Brüterin angestellt, irgendwie einen Teil von sich selbst bewahrt haben, und dieser Teil machte sich jetzt bemerkbar. »Nach mehreren Teilungen hat mein Subschwarm so viel menschliche DNS aufgenommen, dass wir menschlicher geworden sind.« Die einzelnen Komponenten bewegten sich wie bei einem Bild, das an Klarheit gewann, und in dem Gesicht wurden Davlins Züge erkennbar. Margaret sah es immer deutlicher. »Ich habe gegen die Larve der Brüterin angekämpft und bin jetzt Teil davon.« »Ihr Bewusstsein ist das Selbst des Subschwarms?« »Ein Teil davon. Wir werden stärker, und ich ringe um Dominanz.« Die Worte kamen schneller, als die Davlin-Brüterin lernte, auf diese Weise zu kommunizieren. »Ich lasse nicht zu, dass die schwachen Spuren der Kolonisten sich noch weiter verlieren.« Margaret bemerkte eine seltsame Veränderung in der Mimik und auch im Tonfall der Stimme. Das Gesicht schien zu ver 70
schwimmen, gewann dann neue Deutlichkeit. »Wir haben jetzt einen . . . instabilen Frieden, die Klikiss und ich.« Margaret trat näher zu der schrecklichen Masse. »Warum sind Sie dann so blutrünstig? Können Sie die Schwarm-kriege nicht beenden und für Frieden sorgen? Der Llaro-Sub-schwarm ist bösartiger als die anderen.« Es ergab keinen Sinn für sie. »Weil wir bösartiger sein müssen. Ich . . . wir löschen alle anderen aus.« »Warum?« »Um die Menschheit zu retten. Die Subschwärme greifen an, dominieren und zerstören. Zum Schluss bleibt nur eine Brüterin übrig. Eine Brüterin kontrolliert alles. Eine Brüterin wird die Brüterin sein.« Davlin legte eine Pause ein, und Margaret versuchte zu verstehen, was seine Worte bedeuteten. »Ich muss als Brüterin übrig bleiben. Die Menschheit hat nur dann eine Chance, wenn ich alle anderen Subschwärme bezwinge.« Margaret hielt unwillkürlich den Atem an, den Kopf voller Fragen. War sie deshalb bisher mit dem Leben davongekommen? Um eine Art Mittlerin zu werden? »Sie möchten, dass es die Menschheit mit Ihnen zu tun bekommt und nicht mit einer anderen Brüterin?« »Ja.« »Und dann wird es Frieden zwischen Menschen und Klikiss geben? Brauchen wir Sie nicht länger zu fürchten?« »Ich bin stark, aber nicht das einzige Bewusstsein in diesem Subschwarm. Selbst wenn ich Erfolg habe - es gibt keine Garantien. Ein Teil von mir bleibt Klikiss.« Margaret starrte auf den großen Haufen und schauderte innerlich. »Wie viele Subschwärme müssen Sie noch besiegen?« »Fünf Subschwärme kämpfen auf Klikiss-Welten und breiten sich aus. Zwei ringen bei Relleker um die Vorherrschaft.« Das Gesicht veränderte sich und bekam einen neuen Aus 71
druck. »Ich erinnere mich an Relleker aus jener Zeit, als ich . . . nur Davlin war. Mein Subschwarm wird warten und dann über die Brüterin herfallen, die sich dort durchsetzt.« »Wie kann ich helfen?« »Bleiben Sie hier. Sorgen Sie dafür, dass ich nicht meine Menschlichkeit vergesse.«
28 # ORLI COVITZ
Als die letzten Kisten im Frachtraum der Blinder Glaube verladen waren, kletterten Orli, DD und Steinman an Bord, und das Schiff brach nach Relleker auf. Captain Roberts freute sich darüber, wieder mit normalen Handelsflügen beginnen zu können, noch dazu in so angenehmer Gesellschaft. Die Blinder Glaube glitt ruhig durchs All. Auf dem Tischdisplay kontrollierte Roberts die Frachtliste. Zusammen mit seinen beiden menschlichen Passagieren hatte er Fertiggerichte erwärmt und aß etwas, das als »nahrhafter Eintopf« bezeichnet wurde.
»Wenn wir Relleker erreichen, werden sich die dortigen Bewohner so freuen, dass sie ein Festmahl zu unseren Ehren veranstalten«, sagte Roberts. »Früher war es mal ein Urlaubsplanet, wisst ihr.« »Relleker war eine sehr geachtete und wohlhabende Kolonie der Hanse«, warf DD ein und zitierte aus seiner Datenbank. »Bekannt vor allem für die WellnessEinrichtungen, das angenehme Klima und die Weingüter. Nur die Reichen ließen sich dort nieder.« »Und die Großkotzigen«, fügte Roberts hinzu. »Die Gouverneurin der Kolonie war nicht gerade mit besonderer Freundlichkeit gesegnet. Sie lehnte es ab, uns bei der Rettung der Crenna-Flüchtlinge zu helfen. Sie brachte es sogar 72 fertig, Dockgebühren von uns zu verlangen, als wir eine Notausrüstung an Bord nahmen.« Er runzelte die Stirn. »Ich bin nicht nachtragend, aber vielleicht war es Schicksal oder dergleichen. Die Droger vernichteten die Kolonie auf Relleker und brachten alle Siedler um.« Er nahm drei schnelle Löffel vom »Eintopf«. »Aber jetzt gibt es dort wieder Kolonisten, die einen Neuanfang machen.« »Ich bin sehr gespannt«, sagte Steinman. Als die Glaube ihr Ziel erreichte, sahen Orli und die anderen eine wunderschöne blaugrüne Welt, hier und dort mit weißen Wolkentupfern - ein Paradies für Menschen. Roberts schaltete das Kommunikationssystem ein. »He, ihr da unten! Schickt das Begrüßungskomitee. Wir bringen Nachschub, falls jemand Interesse daran hat.« Es kam keine Antwort aus den Lautsprechern, und daraufhin verschwand das Lächeln von Roberts' Lippen. Er sah kurz Orli an und ging erneut auf Sendung. »Hier spricht Captain Branson Roberts von der Blinder Glaube. Wir bringen eine Schiffsladung für die Siedlung. Bitte übermitteln Sie Landekoordinaten.« »Ich dachte, die Leute würden sich über uns freuen«, sagte Steinman. »Seit Wochen wird hier ein Schiff der Konföderation erwartet. Ich weiß nicht, warum wir keine Antwort bekommen.« Roberts wartete mit zunehmender Sorge. »Vielleicht benutzen sie andere Frequenzen«, spekulierte DD. »Wir könnten nach Signalen suchen.« Roberts betätigte die Kontrollen des Kom-Systems, bekam jedoch eine Fehlermeldung. Orli beugte sich vor und gab die Anweisungen neu ein, mit dem Ergebnis, dass plötzlich ein Kreischen aus den Lautsprechern kam, begleitet von klickenden Geräuschen und Pfiffen. Steinman hielt sich die Ohren zu. »Was für ein Lärm!« »Vielleicht sind es Rückkopplungen oder Störungen.« Roberts schlug auf die Kontrollen, als könnte er das Problem 72 damit beheben. »Offenbar haben die Roamer ein fehlerhaftes Kommunikationssystem eingebaut.« »Es ist nicht fehlerhaft«, sagte DD. »Wir hören die Sprache der Klikiss.« Als die Glaube hinter der Tagseite des Planeten hervorkam, kollidierte sie fast mit zwei riesigen Schwarmschiffen, die hoch über der Atmosphäre gegeneinander
kämpften. Die gewaltigen Gebilde bestanden aus zahlreichen kleineren Schiffen, und Energieblitze zuckten zwischen ihnen hin und her, als sie versuchten, sich gegenseitig zu vernichten. »Das gefällt mir ganz und gar nicht«, sagte Steinman. Roberts' Finger huschten über die Tasten des Kom-Systems. »Relleker! Hier ist das Konföderationsschiff Blinder Glaube. Hört mich jemand?« Leeres Rauschen drang aus den Lautsprechern, gefolgt von mehr Klikiss-Gekreische. »Ich habe zusammen mit Margaret Colicos viel Zeit bei den Klikiss verbracht und kann übersetzen«, sagte DD und trat zum nächsten Lautsprecher. »Zwei rivalisierende Subschwärme kämpfen um die Kontrolle über Relleker. Sie sind fast gleichzeitig eingetroffen und versuchen nun, den jeweiligen Konkurrenten auszuschalten.« Gruppen kleinerer Klikiss-Schiffe griffen den Gegner auf eine desorganisierte, wie trunkene Weise an. Die gewaltigen Schwarmschiffe schienen sich aufzulösen, als sie den Kampf gegeneinander fortsetzten. Die Glaube flog über der Nachtseite von Relleker, und Orli sah tief unten glühende Flecken - Brände auf dem Planeten. Sie schauderte und dachte an die vielen Menschen, die auf Llaro von den Insektenwesen umgebracht worden waren. Vermutlich blieben auch auf Relleker keine Überlebenden zurück. Zwei mächtige Subschwärme, die um den Planeten kämpften, hatten den Kolonisten sicher keine Chance gelassen. Während die beiden Klikiss-Giganten den Kampf gegeneinander fortsetzten, löste sich ein fladenartiger Teil von einem 73 Schwarmschiff. Die Gruppe aus kleinen, miteinander verbundenen Schiffen hielt auf die Blinder Glaube zu. »Sie haben uns entdeckt«, sagte Orli. »Und wir sind kaum in der Lage, einen Angriff abzuwehren, Roberts«, ächzte Steinman. »Lassen Sie uns von hier verschwinden.« Captain Roberts nickte. »Mal sehen, wie gut das Roamer-Triebwerk ist.« Er gab den Kurs für einen raschen Rückzug ein. Die jähe Beschleunigung belastete die Gravitationsgeneratoren bis an ihre Kapazitätsgrenze. Mehrere Strahlblitze rasten an der Blinder Glaube vorbei, und dann waren sie außer Reichweite. Roberts sah auf die Heckschirme und beobachtete die schnell kleiner werdenden Komponentenschiffe der Klikiss. »Zurück nach Osquivel. Wir müssen jemandem erzählen, was hier geschehen ist.«
29 * SIRIX
Als sie schließlich Relleker erreichten, um die dortigen Produktionsanlagen zu übernehmen, stellten Sirix und seine Roboter überrascht fest, dass Klikiss vor ihnen eingetroffen waren. Die Kampfgruppe der Roboter deaktivierte ihre Triebwerke, um nicht geortet zu werden, und beobachtete, wie zwei Schwarmschiffe versuchten, sich gegenseitig zu vernichten. Und wenn die beiden Brüterinnen noch so erbittert gegeneinander kämpften: Sirix zweifelte nicht
daran, dass sie ihre Feindschaft sofort vergessen würden, wenn sie die schwarzen Roboter bemerkten. Er folgte dem Geschehen über dem Planeten zusammen mit PD und QT, die neben ihm auf der Brücke standen. Ein Teil von ihm wollte dem verhassten Volk der Schöpfer möglichst großen Schaden zufügen, doch die Vernunft setzte sich 74 durch. Sirix beschloss zu warten, bis der primäre Kampf vorüber war. Wenn beide Subschwärme geschwächt waren, konnte er seine Schiffe losschicken und die überlebenden Klikiss töten. »Was ist mit den Kolonisten unten auf Relleker?«, fragte QT. »Wir sollten versuchen, sie zu schützen.« »Vielleicht brauchen wir sie in den Produktionsanlagen«, fügte PD hinzu. Sirix kannte bereits das Ergebnis der Fernsondierungen. »Für die Fabriken und Menschen kommt jede Hilfe zu spät.« Er hatte große Hoffnungen in Relleker gesetzt, und der Verlust der dortigen Produktionsanlagen verdross ihn sehr. Auf keinen Fall wollte er die ihm verbliebenen Roboter beim Versuch in Gefahr bringen, die menschlichen Kolonisten zu schützen - falls überhaupt welche überlebt hatten. Es befanden sich bereits Klikiss-Krieger in den besiedelten Bereichen auf dem Planeten. Die beiden Schwarmschiffe verloren immer mehr ihrer Komponenten, aber keines gab sich geschlagen. Als Sirix schließlich glaubte, stark genug zu sein und nicht verlieren zu können, hielt er den richtigen Zeitpunkt für gekommen. »Wir haben jetzt überlegene Feuerkraft und können beide Brüterinnen vernichten.« Auf seinen Befehl hin besetzten Roboter die Gefechtsstationen der übernommenen TVF-Schiffe. PD und QT hatten an Übungen teilgenommen und hielten sich an den Waffenkonsolen bereit. Sirix wies seine kleine Flotte an, die Triebwerke zu reaktivieren, sich mit voller Geschwindigkeit Relleker zu nähern und das Feuer zu eröffnen. Bevor die Klikiss auf den unerwarteten Angriff der schwarzen Roboter reagieren konnten, schlugen Jazer-Strahlen und explosive Projektile in die Schwarmschiffe. Dutzende von Explosionen rissen die Schiffe auseinander, und es blieben nur glühende Trümmer übrig. Energetische Druckwellen schleuderten einzelne Komponenten hinaus ins All. 74
»Es befinden sich zahlreiche Klikiss-Krieger auf dem Planeten, Sirix«, sagte QT. »Sie haben die Kolonie zerstört und setzen den Kampf fort.« »Sie sind hierhergekommen, um zu erobern.« Sirix rief Inventarlisten in sein kybernetisches Bewusstsein und stellte fest, dass ihm noch vier Nuklearsprengköpfe zur Verfügung standen, mit denen er die Region des Planeten, in der sich die Kolonie der Menschen befunden hatte, völlig vernichten konnte. Er durfte es nicht riskieren, Teile der beiden aufgeriebenen Subschwärme zurückzulassen. Relleker sollte nicht den Klikiss überlassen bleiben, obwohl der Planet für seine eigenen Zwecke ungeeignet war.
Die Sprengköpfe fielen genau an den richtigen Stellen, und atomares Feuer verschlang alles, brachte den Klikiss sofortigen Tod . . . und auch den Menschen, die sich vielleicht versteckt und bisher überlebt hatten. Als die übernommenen TVF-Schiffe das Sonnensystem verließen, war Relleker steril. »Endlich haben wir einen Sieg errungen«, sagte Sirix trotz der Enttäuschung darüber, dass ihnen noch immer die Möglichkeit fehlte, neue Roboter zu bauen. Die beiden Kompis sahen auf die Schirme, als der Planet schrumpfte. »Unsere Probleme bleiben ungelöst, Sirix«, sagte PD.
30 * KÖNIG PETER
Es roch nach feuchter Asche. Die Pilzriff-Stadt war verbrannt, was für Peter bedeutete, dass er einen neuen Regierungssitz brauchte. Admiral Willis' Soldaten fällten die verkohlten Bäume, rodeten den Boden und errichteten Behelfsunterkünfte. 75
Sie erstattete Peter Bericht. »Mit Ihrer Erlaubnis, Sir . . . Ich möchte unsere Techniker anweisen, sich an die Arbeit zu machen, damit wir sauberes Wasser und genug zu essen haben. Die Nahrungsrationen sind nicht unbedingt für Gourmets bestimmt, helfen aber gegen den Hunger. Außerdem essen die Theronen Insekten. Ich nehme also an, dass sie nicht besonders wählerisch sind.« Peter ging nicht auf den Scherz ein. »Sie hätten mit Ihren Schiffen zu keinem besseren Zeitpunkt eintreffen können, Admiral.« »Besser spät als nie. Bedeutet das, Sie akzeptieren uns als Teil des Konföderationsmilitärs?« »Sie sind sogar der größte Teil davon. Melden Sie sich bei den Werften von Osquivel, wenn Sie hier mit dem Gröbsten fertig sind. Dort entsteht unsere neue Flotte. Die Einzelheiten können Sie mit meinen gegenwärtigen . . . befehlshabenden Offizieren besprechen - ich glaube, so könnte man sie nennen. Ich meine Robb Brindle und Tasia Tamblyn.« Willis lachte leise. »Brindle und Tamblyn? Ich hätte mir denken können, dass ich sie im dicksten Getümmel wiederfinde. Brindles Vater war mein Erster Offizier, aber er . . . hat es vorgezogen, unsere Zusammenarbeit nicht fortzusetzen.« »Sie haben ihn zurückgelassen, als Ihre Schiffe meuterten?«, fragte Estarra. Willis versuchte, sich nicht zu sehr über die Wortwahl der Königin zu ärgern. »Manche Leute brauchen mehr Zeit als andere, um die richtige Entscheidung zu treffen.« Estarra rückte das Baby an ihrer Seite zurecht und achtete darauf, es nicht zu wecken. Mit Salbe auf den Brandwunden war der Kleine endlich eingeschlafen. »Peter, wenn Admiral Willis zu den Werften von Osquivel fliegt, könnte sie das kleine Kugelschiff der Hydroger mitnehmen. Es muss zu Kotto Okiah gebracht werden.« Peter nickte. »Ja, es wird Zeit. Allerdings bin ich froh, dass es hier war, als wir es brauchten.«
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Das silbrige Wental-Schiff landete mitten auf der Wiese, an deren Rand noch immer Wasser von den Zweigen und Ästen der großen Bäume tropfte. Jess Tamblyn und Cesca Peroni traten durch die flexible Membran ihres Schiffes und blieben stehen, erfüllt von Wental-Energie und auf der Haut eine dünne Schicht aus lebendem Wasser. Ihre Gesichter zeigten grimmige Zufriedenheit. »Zum Glück haben wir die Nachricht rechtzeitig erhalten«, sagte Cesca. »Die grünen Priester haben uns über den Angriff der Faeros informiert.« »Wir mussten den Wentals beibringen, richtig zu kämpfen«, fügte Jess hinzu. »Die Faeros haben bereits genug Schaden angerichtet. Es wird Zeit für uns, dass wir in die Offensive gehen.« Ein Schatten fiel auf Cescas Züge. »Die Faeros werden überall dort zuschlagen und alles verbrennen, wo sich ihnen eine Möglichkeit bietet: in der Konföderation, in der Hanse, bei den Wentals und Verdani - überall. Deshalb müssen wir gegen sie kämpfen.« »Wie Sie hier gesehen haben, sind die Wentals richtig erwacht, und wir werden sie führen.« Jess sah zum Himmel hoch; die untergehende Sonne verlieh dem Firmament besonders intensive Farben. »Ich habe bereits meine Wasserträger aufgefordert, dabei zu helfen, die Wentals erneut zu verbreiten. In den Werften von Osquivel sind wir Nikko Chan Tyler und seinem Vater begegnet; sie sind mit der Aquarius zu neuen Missionen aufgebrochen.« Der Kummer in Cescas Gesicht wich Genugtuung. »Die Faeros wissen es noch nicht, aber die Regeln haben sich geändert. Sie werden sich wundern . . . « 76
31 # CALEB TAMBLYN
Kälte. Einsamkeit. Keine Hoffnung. Während der endlos scheinenden Tage hatte Caleb immer wieder nach Worten gesucht, die seine missliche Lage angemessen beschrieben. Rettungskapseln boten keinen besonderen Luxus, aber wenigstens lebte er. Noch . . . Gestrandet. Isoliert. Mit dem Latein am Ende. Als sich die Faeros dem Tamblyn-Tanker genähert hatten, waren Denn Peroni und Caleb am Rand des Jonah-Systems gewesen, mit einer Ladung Wentals an Bord. Wer hatte ahnen können, dass Denns bizarre neue Religion Verwunderbarkeit den Faeros gegenüber zur Folge hatte? Denn hatte gewusst, dass er selbst nicht entkommen konnte, und deshalb hatte er Caleb gezwungen, in die Rettungskapsel zu klettern. Das Triebwerk hatte sofort gezündet, und kurze Zeit später war der Tanker hinter ihm explodiert. Caleb erinnerte sich daran, wie die Feuerwesen die Wentals in die Sonne gezogen hatten . . . Einen ganzen Tag lang war er im All unterwegs gewesen, und dann erfolgte der Absturz auf den eisigen Planetoiden Jonah 12. Vor nicht allzu langer Zeit hatte es dort einen Stützpunkt der Roamer gegeben, eine von Kotto Okiah konzipierte
Wasserstoff verarbeitende Anlage. Aber sie war zerstört worden . . . von wiedererwachten Klikiss-Robotern, wenn sich Caleb recht entsann. Jetzt gab es auf Jonah 12 nichts mehr: keine Transportmittel, keine Gebäude, keine Möglichkeit, ein Notsignal zu senden - es gab auch niemanden in Reichweite, der einen Notruf hätte empfangen können. Die von den Roamern gebaute Rettungskapsel verfügte über ein Lebenserhaltungssystem, das seine Betriebsenergie aus Batterien bezog und höchstens eine Woche funktionierte. Selbst wenn er Wasser und Proviant rationierte und die kör 77 perlichen Anstrengungen auf ein Minimum reduzierte: Wenn ihn jemand vermisste, würde Caleb längst tot sein. Allerdings hatte er einen Schutzanzug, einen einfachen chemischen Generator und einige Werkzeuge. Die ersten anderthalb Tage verbrachte er damit, einen simplen Extraktor zusammenzubasteln, ein Gerät, das jedes zehnjährige Roamer-Kind bauen konnte. Damit gewann er Wasser, Sauerstoff und Wasserstoff aus dem Eis des Planetoiden. Mit seinem Roamer-Know-how konnte Caleb bis zu mehreren Wochen überleben - eine erstaunliche Leistung, die eine Rettung allerdings nicht wahrscheinlicher machte. Auf halbem Weg zwischen Langeweile und Verzweiflung streifte er den Schutzanzug über, brachte die kleine Luftschleuse hinter sich und trat nach draußen ins »Tageslicht«. Die ferne Sonne zeigte sich nur als ein heller Stern unter vielen. Jonah 12 war eine öde kleine Welt, düster und kalt. Caleb nahm seine Werkzeugtasche und einen Probenbehälter, stapfte damit über die felsige, hier und dort von Eis bedeckte Oberfläche. Die geringe Schwerkraft erlaubte ihm große, mühelose Schritte, und er brauchte weniger als eine Stunde, um den Krater mit den Resten von Kottos Verarbeitungsanlage zu erreichen. Er hoffte, die Überbleibsel von Unterkünften zu finden, vielleicht einige Dinge, aus denen er ein Basislager improvisieren konnte. Auf dem Weg zum Krater träumte Caleb davon, einen funktionsfähigen Generator zu entdecken, ein intaktes Lebensmittellager oder vielleicht ein unbeschädigtes Kommunikationssystem. Doch er fand nur Trümmer, einige Metallreste und Klumpen geschmolzener und dann wieder erstarrter Legierung, nichts, das er irgendwie verwenden konnte. Trotzdem setzte er die Suche fort. Der größte Teil des Stützpunkts war bei der Reaktorexplosion einfach verdampft, und geschmolzenes Eis hatte den zerstörten Rest verschlungen. Das Wasser war kurze Zeit später zu einer eisenharten grauen Masse erstarrt, 77
in der es hier und dort Pfützen gab, wo radioaktiver Zerfall für genug Wärme sorgte. Caleb blickte in den Krater und musste sich der Realität stellen: Er würde noch eine ganze Weile hierbleiben, und die letzten Tage ohne Nahrung würden bestimmt ziemlich unangenehm.
32 # NIRA
Nira wusste, dass Jora'h mit seiner ganzen Kraft gegen den Wahnsinn ankämpfte - sie dachte kaum an etwas anderes. Als Sarein und Captain McCammon in der Mondbasis eintrafen und um ein Gespräch mit ihr baten, rechnete sie mit schlimmen Nachrichten. »Kommen Sie mit uns in den Flüsterpalast, Nira.« In Sareins Stimme erklang fast so etwas wie Anteilnahme. »Der Vorsitzende braucht Ihre Fähigkeiten als grüne Priesterin.« Nira rang mit ihrem Zorn. Sarein trug ihre theronische Botschafterkleidung, verhielt sich aber wie eine Marionette des Vorsitzenden. Botschafterin Otema hatte einst dieses aus Kokonfasern bestehende Gewand getragen; Nira beschmutzte es, fand Nira. »Kein grüner Priester wird der Hanse Telkontakt-Dienste leisten«, sagte Nira. »Ich ganz bestimmt nicht.« »Selbst wenn es den Weisen Imperator sicher hierher zurückbringen würde?«, fragte McCammon. Er schien dichter neben Sarein zu stehen, als es eigentlich nötig war. »Sie brauchen uns nur zu begleiten«, fügte er etwas leiser hinzu. »Ich kann den Vorsitzenden dazu bringen, Diente die Rückkehr zu befehlen«, sagte Sarein. Sie wirkte sehr ernst. »Sie bekommen den Weisen Imperator zurück. Aber zuerst müssen Sie ein wenig Kooperation zeigen.« 78
Niras Herz schlug schneller. Jora'h wollte bestimmt nicht, dass sie sich Druck beugte, aber sie konnte ihm damit praktisch das Leben retten. Wenn er starb oder den Verstand verlor . . . die Konsequenzen für das Ildiranische Reich wären schrecklich gewesen. »Ich möchte unsere Vereinbarung schriftlich fixiert wissen und im Beisein von Zeugen unterschrieben.« Nira verschränkte die Arme. »Innerhalb von einer Stunde.« »Ich fürchte, Sie sind nicht in der Position, irgendetwas zu verlangen.« McCammons Worte klangen kühl, aber seine Augen zeigten ein Mitgefühl, das Nira überraschte. »Und wir sind nicht in der Lage, auf solche Forderungen einzugehen.« »Ich bin einverstanden.« Sarein legte McCammon sanft die Hand auf den Arm. »Ich schreibe einige entsprechende Zeilen.« Sie spielte ihren letzten Trumpf aus. »Und der Vorsitzende wird Ihnen Zugang zu einem Schössling gestatten, zumindest für eine Weile. Das sollten Sie bedenken.« Nira dachte an die Vorteile eines kurzen Kontakts mit dem Weltwald. Dann konnte sie den König und alle grünen Priester im Spiralarm auf ihre Gefangenschaft hinweisen. Und vielleicht erfuhr sie, wie es nach dem Angriff der Faeros um Ildira stand. Was auch immer der Vorsitzende beabsichtigte: Es musste wichtig genug sein, ein derartiges Risiko zu rechtfertigen. Ein solches Angebot machte er nur, weil er sie, Nira, dringend brauchte. Die im Weltwald präsenten Erinnerungen von grünen Priestern hatten Nira auf die Pracht des Flüsterpalastes vorbereitet, aber als sie ihn tatsächlich sah, achtete
sie gar nicht darauf. Hinter all der fantastischen Architektur und den jubelnden Mengen sah Nira die Fäulnis in der Terranischen Hanse. Sarein führte sie zu einem hübschen orangefarbenen Pavillon an einer Ecke des Palastplatzes - er war extra für die 79
»geschätzte theronische Botschafterin« geschmückt worden. Vermutlich hatte sich Sarein selbst darum gekümmert, denn Nira bezweifelte, dass Basil Wenzeslas der Zentralwelt der neuen Konföderation besonderen Respekt entgegenbrachte. Vom Pavillon aus konnten sie das zentrale Rednerpodium sehen, die hingerissene Menge und die vielen Wächter. Als das Zwielicht allmählich Dunkelheit wich, wurden zahlreiche Fackeln an den Türmen des Flüsterpalastes entzündet. Der ganze Distrikt erstrahlte in hellem Licht wie zu einem Fest. Zweifel regten sich in Nira. »Was erwartet man von mir?« »Der Vorsitzende möchte sicher sein, dass König Peter seine Bekanntgabe hört sofort«, erwiderte Sarein. »Berichten Sie, was Sie sehen und hören. Geben Sie die Nachricht weiter und überlassen Sie es Peter, zu entscheiden, was er damit anfängt. Seien Sie eine grüne Priesterin!« Sie senkte die Stimme, und die nächsten Worte überraschten Nira. »Anschließend muss ich Ihnen den Schössling wegnehmen. Nutzen Sie die Gelegenheit so gut es geht.« Der Vorsitzende Wenzeslas näherte sich, begleitet von einem Wächter, der einen kleinen Schössling trug, so vorsichtig, als wäre er eine Zeitbombe. Nira merkte plötzlich, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, wieder einen Weltbaum berühren zu können. Über Jahre hinweg war sie auf Dobro vollkommen vom Weltwald isoliert gewesen, und diese Erfahrung hatte sich auf der Mondbasis wiederholt. Sie konnte ihre Sehnsucht nicht verbergen. Der Vorsitzende bedachte sie mit einem strengen Blick. »Ich weiß, dass ich nicht kontrollieren kann, was Sie während Ihres Kontakts mit dem Weltwald senden, und ich will es auch gar nicht versuchen. Mir genügt, dass Sie weitergeben, was hier geschieht. Damit dürfte Peter alle Hände voll zu tun haben.« Nira blieb stehen und zwang sich, nicht die Arme nach dem Schössling auszustrecken. »Und der Weise Imperator? Wann holen Sie ihn zurück? Ich verlange, dass Sie . .. « 79
»Erdreisten Sie sich nicht, die Bedingungen dieser Übereinkunft zu diktieren. Sarein hat mich bereits dazu überredet, Admiral Dientes Schiff zurückzurufen, wenn Sie hier kooperieren, obwohl ich nach wie vor Bedenken habe. Ein wenig Kooperationsbereitschaft des Weisen Imperators hätte alles viel einfacher gemacht. Wenn er in einigen Tagen zurückkehrt, stellt er vielleicht fest, dass sich die öffentliche Meinung in Bezug auf ihn ein wenig verändert hat.« Der Blick des Vorsitzenden schweifte über die Menge. Er lächelte, als Nira auf den Bildschirmen am Rand des großen Platzes erschien. Es war keine aktuelle Aufnahme, sondern eine alte - sie zeigte eine hohlwangige, vom Leid gezeichnete grüne Priesterin. Unbehagen breitete sich bei den Zuschauern aus.
»Was . .. was haben Sie vor?« Nira sah sich um und stellte fest, dass Sarein ihrem Blick auswich. »Ich habe beschlossen, den Weisen Imperator ins rechte Licht zu rücken«, erklärte der Vorsitzende. »Meine Presseabteilung gibt die volle Geschichte darüber bekannt, was Ildiraner Ihnen angetan haben: die Ermordung von Botschafterin Otema, der Umstand, dass Sie im Rahmen eines abscheulichen Zuchtprogramms immer wieder vergewaltigt wurden, und so weiter. Diese grässlichen, unmenschlichen Ildiraner . . . Es passt perfekt zu der religiösen Begeisterung, die der Erzvater in unseren Bürgern weckt. Und das Beste von allem: Es entspricht der Wahrheit. Von jetzt an werden die Menschen nichts mehr von den Versprechungen der Ildiraner halten. Ihre Geschichte beweist, dass der Weise Imperator jederzeit zu Verrat bereit ist.« »Für die von Ihnen erwähnten Verbrechen ist der frühere Weise Imperator verantwortlich«, sagte Nira. »Jora'h hat alles in seiner Macht Stehende getan, um Abbitte zu leisten. Und ich bin nicht Ihre Marionette.« »Sie werden tun, was ich von Ihnen erwarte, es sei denn, Sie wollen das Leid des Weisen Imperators verlängern. Also 80 los. Vergeuden wir keine Zeit.« Basil Wenzeslas nickte, und der Wächter reichte Nira den Schössling. Sie nahm ihn entgegen und war mehr an seinen zarten Blattwedeln und dem Telkontakt-Potenzial interessiert als am Geschehen auf dem Platz. Basil wandte sich an Sarein. »Cain und ich haben drinnen einige Dinge zu besprechen. Du kannst leider nicht mitkommen, denn ich vertraue dir die grüne Priesterin an. Sorg dafür, dass Peter von unserem neuen König erfährt - insbesondere seinen Namen.« »Ja, Basil.« Der Vorsitzende ging fort, nachdem er Sarein übers kurze Haar gestrichen hatte - eine mechanische Geste. Nira entdeckte nicht das geringste Gefühl darin, aber sie sah, wie Sarein kurz erschauerte. Als sie im Beobachtungspavillon allein waren, berührte Nira den Schössling, projizierte ihre Gedanken ins Netzwerk des Weltwalds und nahm die wartenden Informationen in sich auf. Sie strömten ihr entgegen, und innerhalb weniger Sekunden erfuhr sie, was seit Jora'hs Gefangennahme passiert war. Sie wusste plötzlich, dass die Faeros über Ildira hergefallen waren. In deutlichen Bildern sah sie junge Faeros, die Theroc angriffen, von Weltbäumen Besitz ergriffen und sich als lebendes Feuer ausbreiteten. Die Katastrophe war zwar überstanden, aber noch immer erinnerte Schmerz daran. Nira schickte ihre eigenen Informationen, berichtete von der Entführung des Weisen Imperators und vom Plan des Vorsitzenden, ihn zum Verrat an König Peter zu zwingen. Wollte Basil Wenzeslas, dass die Konföderation darüber Bescheid wusste? Es spielte keine Rolle. Nira dachte daran, dass man ihr den Schössling wegnehmen würde, wenn dies hier vorbei war. Sie beschloss, Sarein nicht zu sagen, was sich auf Theroc ereignet hatte. Warum auch?
Im Telkontakt versunken, nahm sie kaum zur Kenntnis, dass auf dem Platz die Zeremonie begann. Der Erzvater trat 81
prächtig gekleidet aufs Rednerpodium und hob seinen Hirtenstab. Er ging mit langsamen, bedächtigen Schritten, und sein Erscheinen schuf erwartungsvolle Stille auf dem Platz. Sarein merkte, wie sehr Nira auf den Schössling konzentriert war. »Sehen Sie sich dies an. Bitte.« Nira kehrte aus dem Informationsmeer zurück und sah den Erzvater auf dem Podium, in Begleitung eines jungen Mannes, der hinter ihm wartete. Er hatte dunkles Haar und dunkle Augen, und auf Nira machte er den Eindruck von jemandem, der überfordert war, aber versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er trug erlesene bunte Kleidung, die ein wenig an die des Alten Königs Frederick erinnerte. Das bärtige religiöse Oberhaupt begann mit einer weiteren Rede über die Klikiss-Dämonen und König Peters angebliche Verschwörung mit ihnen, doch die Worte klangen zögernd; ihnen fehlte Nachdruck. »Bevor wir errettet werden können«, intonierte der Erzvater, »bevor die Menschheit auf den rechten Pfad zurückkehren kann, brauchen wir jemanden, der uns mit Weitblick führt. Wir brauchen einen König, der mehr ist als nur ein König, jemanden, der den von König Peter angerichteten schrecklichen Schaden beheben kann.« Nira übertrug die Worte in den Telkontakt, obwohl sie nicht ganz verstand, warum dem Vorsitzenden so viel daran lag. Die grünen Priester gaben sie weiter; Nira hörte, wie Celli in diesem Augenblick König Peter Bericht erstattete. »Heute stelle ich Ihnen den neuen König der Hanse vor, einen jungen Mann, der dazu ausersehen ist, uns alle zu retten. Heil dir, König Roryl« Der junge Mann trat vor und blieb dann so gerade und würdevoll stehen, als hätte er diesen Auftritt oft geübt. Er wirkte recht sympathisch, die perfekte Galionsfigur. Aber ein Erretter? Nira bezweifelte es. Peter wusste jetzt, dass die Hanse ihn ganz offiziell ersetzt hatte, womit früher oder später natürlich zu rechnen gewe 81
sen war. Erneut fragte sich Nira, welche besondere Bedeutung diese Proklamation für den Vorsitzenden hatte.
33 # STELLVERTRETENDER
VORSITZENDER ELDRED CAIN
Während der Krönungszeremonie stand Basil neben seinem Stellvertreter Cain auf dem hohen, verborgenen Balkon. Der Vorsitzende schien recht guter Stimmung zu sein. »Heute Abend liegt eindeutig etwas Besonderes in der Luft.« Cain war nicht sicher, ob er wissen wollte, was der Vorsitzende plante. Basil Wenzeslas war stolz darauf, zahllose Eisen im Feuer zu haben. Angeblich dienten sie alle dem Wohl der Hanse, aber oft handelte es sich um kleinliche
Dinge, wie zum Beispiel die falsche Darstellung der Erlebnisse der grünen Priesterin Nira bei den Ildiranern. General Lanyan hatte vor kurzer Zeit einen Bericht von seinem großen Erfolg bei den Himmelsminen der Roamer geschickt. Darin war die Rede von »enorm viel« erbeutetem Ekti. Der General setzte seine »Mission« fort, aber der Vorsitzende Wenzeslas musste die besiegten Roamer jetzt irgendwie dazu bringen, weiterhin Ekti für die Hanse zu produzieren. Cain bezweifelte, dass das eine leichte Aufgabe war .. . Bevor der Erzvater mit der eigentlichen Krönungszeremonie begann, traten hinter Wenzeslas und Cain zwei lächelnde Personen auf den Balkon: ein kleiner Mann mit breitem Gesicht und einem Oberkörper, der länger zu sein schien als die Beine, und eine große, dunkelhäutige Frau. Die statuenhafte Frau hatte hohe Wangenknochen, große braune Augen und einen ungewöhnlich langen Hals. 82
»Alles ist bereit, Vorsitzender«, sagte der Mann mit tiefer, rauer Stimme. Er hatte Kommunikationsgeräte mitgebracht. Die große Frau nickte und verneigte sich dabei. Es sah fast aus, als mache sich eine Giraffe zum Trinken bereit. »Der Metallstaub ist gleichmäßig in der Luft über dem Platz verteilt. Bei der gegenwärtigen Wetterlage werden die Impedanzpfade noch fünfzehn oder zwanzig Minuten von Bestand bleiben. Die Zeit ist knapp, aber wir sind bereit.« Der Vorsitzende stellte seinem Stellvertreter die Neuankömmlinge mit einem zuversichtlichen Lächeln vor. »Das sind meine wissenschaftlichen Berater Dr. Tito Andropolis und Dr. Jane Kulu.« »Wir sind hier, um mit technischen Wundern zu zeigen, dass Gott auf unserer Seite ist«, sagte die Frau, und sie schien ihre Worte ernst zu meinen. »Technische Wunder?«, wiederholte Cain. Was hatte Wenzeslas vor? »Lug und Trug«, murmelte Basil. »Manchmal braucht der Glaube einen kleinen Anstoß, damit er die gewünschte Richtung einschlägt«, sagte Andropolis und lachte leise. »Die Wahrheit ist die Wahrheit. Warum sollte es eine Rolle spielen, wenn wir ein bisschen dabei nachhelfen, die Bürger auf den rechten Weg zu bringen?« Unten auf dem hell erleuchteten Platz rief der Erzvater König Rory zu sich. Die Menge jubelte und klatschte; sie hätte dem Erzvater alles geglaubt. Andropolis wippte auf den Zehen und genoss die gute Aussicht vom Balkon. »Nach dem Schauspiel des heutigen Abends werden die Leute Rory als von Gott geschickt verehren.« »Das ist der Sinn der Sache«, sagte Basil. Auf dem Rednerpodium sprach der Erzvater: »Gott hat diesen jungen Mann dazu bestimmt, unser König zu sein. Rory wird uns retten vor den Dämonen, vor den Verrätern, und 82
uns zurück zum Wohlstand führen.« Klug positionierte Scheinwerfer verpassten dem gerade gekrönten Rory eine Art Heiligenschein.
Kulu hob einen Kommunikator. »Die Ladungen vorbereiten« sagte sie mit selbstsicher klingender Stimme. »Auf meine Anweisung warten.« Oben am Himmel explodierten Feuerwerkskörper, und das ganze Firmament schien in Flammen zu stehen. Die Menge auf dem Platz applaudierte begeistert. Basil lächelte hintergründig. »Das ist nur der Anfang.« Die feurigen Muster am dunklen Himmel verblassten, und Rory sprach mit zittriger Stimme, die schnell fester wurde: »Ich bin euer König. Ich werde euch führen, mein erwähltes Volk, und ich werde allen anderen die wahre Macht der Gerechten zeigen.« Andropolis war fast außer sich vor Aufregung. Kulu hob erneut ihren Kommunikator vor die Lippen. »Mit den Entladungen beginnen.« Unten auf dem Podium hob Rory die Arme und rief: »Ich rufe die Blitze vom Himmel!« Mit perfekter Choreografie flackerten Blitze in der Dunkelheit über dem Platz. Einer nach dem anderen trafen sie wie glühende himmlische Peitschen die höchsten Gebäude des Palastdistrikts und schienen sich dann am höchsten Turm des Flüsterpalastes und an der Spitze der Hanse-Pyramide festzufressen. Vier blendende Sekunden lang gleißten die Blitze dort und woben ein Spinnennetz aus Elektrizität am Himmel. Nie zuvor hatte Cain so etwas gesehen. Die Nahaufnahmen zeigten, wie Rory zählte, und dann ließ er genau im richtigen Moment die Arme sinken - wie auf seinen Befehl hin verschwanden die Blitze. Ehrfürchtige Stille herrschte auf dem Platz. Der stellvertretende Vorsitzende blinzelte und rechnete damit, zerstörte Türme und in Flammen stehende Dächer zu sehen. Aber ihm wurde schnell klar, dass kein Schaden an 83 gerichtet worden war. König Rory hatte nicht nur Blitze vom Himmel gerufen, sondern auch sein Volk geschützt. Perfekt. »Gut platzierte Blitzableiter«, erklärte Basil. »Sie sollten entfernt werden, bevor jemand auf den Gedanken kommt, sich umzusehen. Bitte kümmern Sie sich darum.« Cain nickte voller Unbehagen. Basil blickte zufrieden auf die zutiefst beeindruckte Menge hinab. »Das sollte die lästigen Anti-Hanse-Protestler für eine Weile zum Schweigen bringen. Ist es zu weiteren Zwischenfällen gekommen?« Cain musste seine Gedanken in die Gegenwart zurückholen. »Es kommt ständig zu irgendwelchen Zwischenfällen, Vorsitzender. Die Widerstandsgruppen werden immer aktiver.« »Machen Sie sie unschädlich.« Kulu und Andropolis beglückwünschten sich gegenseitig. »Heute Abend hat Gott seinen Willen gezeigt«, sagte Andropolis und seufzte zufrieden. »Wer könnte daran zweifeln?«
34 # KÖNIG PETER
Peter erbleichte, als ihm Celli von den Ereignissen auf der Erde berichtete. »König Rory? Das kann doch nicht sein . .. « Estarra sah ihn an und teilte seine Verwirrung und sein Unbehagen. Peter wusste, dass nur seine Frau verstand -und Basil. Zum Teufel mit ihm! Eine solche Gemeinheit hätte Peter nicht einmal vom immer labiler werdenden Vorsitzenden erwartet. Rory . . . Wie konnte er noch am Leben sein? Von Nira wussten sie, dass Basil den Weisen Imperator entführt hatte und ihn zwingen wollte, sein Bündnis mit der Konföderation zu lösen - Isolation sollte seinen Willen bre 84 chen. Und jetzt hatte der Vorsitzende Rory der Öffentlichkeit präsentiert, den seit Langem toten Rory. Wie war das möglich? »Oh, Basil ist noch durchtriebener, als ich dachte«, sagte Peter. »Beschreib es mir erneut, Celli. Jede Einzelheit. Und beschreib mir den jungen Mann.« Erstaunt von seiner Reaktion, wiederholte sie Niras Nachricht, und Peter nickte langsam und kummervoll. »Entschuldige bitte. Ich möchte mit Estarra allein sein, wir müssen miteinander reden.« Die Königin war bereits auf den Beinen, und Peter folgte ihr ins gemeinsame provisorische Quartier. Dort nahm er Platz, stützte die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf auf die Hände. »Alle anderen glauben, dass es nur eine politische Proklamation war, mit der ein neuer König vorgestellt werden sollte, aber Basil kennt natürlich den persönlichen Aspekt - vor allem darum ging es ihm. Er wollte das Messer in der Wunde drehen. Dies ist ganz klar eine gegen mich gerichtete Drohung.« Estarra setzte sich, hielt den kleinen Reynald in den Armen und lehnte sich zurück, damit sie ihn stillen konnte. »Glaubst du wirklich, dass es dein Bruder ist? Oder könnte es ein Trick sein?« Peter überlegte. Vor fast zehn Jahren war seine Familie beim Brand ihres Wohnhauses ums Leben gekommen - das Ergebnis von Sabotage, mit der die Schergen des Vorsitzenden alle Verbindungen zu Peter/Raymond beseitigen wollten. Niemand sollte die Identität des neuen Königs durch genetische Untersuchungen in Zweifel ziehen können. Aber König Rory konnte kein Zufall sein. Darauf wies Basil in aller Deutlichkeit hin, indem er Nira veranlasst hatte, die Nachricht zu übermitteln. »Es ist doch absurd, anzunehmen, dass dein kleiner Bruder nach all den Jahren noch lebt«, sagte Estarra und versuchte, vernünftig zu klingen. 84
Peter atmete tief durch. »Wenn jemand so heimtückisch sein könnte, dann Basil.« »Aber wenn er wirklich die ganze Zeit über eine Geheimwaffe hatte, mit der er dich unter Druck setzen konnte -warum macht er erst jetzt Gebrauch davon? Du könntest König Rory entlarven und auf seine gefälschte Identität hinweisen. Dann hätte der Vorsitzende nichts mehr gegen dich in der Hand.«
Peter schüttelte den Kopf. »Wenn ich den Weg einschlage, müsste ich meine eigene Herrschaft infrage stellen. Ich müsste zugeben, dass ich nur ein Straßenjunge bin, dem man eine neue Identität gab, um ihn auf den Thron zu setzen. Ob Rory mein Bruder ist oder nicht - ich bin ebenso ein Hochstapler wie er.« Peter stand auf und begann mit einer unruhigen Wanderung durch den Raum. »Basil wird versuchen, ihn als Geisel zu verwenden. Solange Rory seine Anweisungen befolgt, hat er genau das, was er will: die willfährige Marionette, die ich für ihn sein sollte. Und wenn es in mir auch nur einen Hauch von Hoffnung gibt, dass Rory mein kleiner Bruder ist . . . In dem Fall glaubt Basil, mich unter Kontrolle zu haben.« Als Estarra den Säugling gestillt hatte, nahm Peter ihn entgegen. Er hielt ihn in den Armen und blickte in das kleine Gesicht hinab. Er dachte an seine Brüder: Carlos, Michael. . . und Rory. Ja, Rory. Das Gefühl des Verlustes kehrte zurück, die Sehnsucht nach der Familie und dem einfachen Leben, das sie damals geführt hatten - alles von Basils Plänen zerstört. War es möglich, dass der Vorsitzende einen kleinen Teil von Peters Vergangenheit bewahrt hatte, gewissermaßen als Rückversicherung? »Basils Plan wird nicht funktionieren, oder, Peter?« »Nein«, antwortete er schnell und fügte dann leiser hinzu: »Zumindest glaube ich das nicht.« 85
35 # TASIA TAMBLYN
Als die elf TVF-Kampfschiffe Osquivel erreichten, sagte Tasia zu Robb: »Sie können von Glück reden, dass wir eine grüne Priesterin haben, die uns vorgewarnt hat. Andernfalls hätte ich vielleicht sofort das Feuer eröffnet.« »Gib es zu, Tamblyn - du freust dich, sie zu sehen. Und auch Admiral Willis.« Die Strenge wich aus Tasias Gesicht. »Ja, das stimmt. Und wir können jemanden gebrauchen, der mehr vom Kommando versteht als wir beide.« »Du hast also die ganze Zeit über nur so getan, als ob?« Sie klopfte ihm auf die Schulter. »Dir gegenüber nie, Brindle. Lassen wir das Begrüßungskomitee aufmarschieren. Mit all den Waffen und Schiffen könnten wir auf Käferjagd gehen.« Als sie sich ganz offiziell an Bord der Jupiter präsentierten, sah sich Tasia voller Nostalgie auf der Brücke um. Willis trug ihre beste Uniform und hatte Offiziere und Crew aufgefordert, sich herauszuputzen: auf Hochglanz polierte Schuhe, präzise gebügelte Uniformen, sorgfältig gekämmtes Haar. Tasia wusste nicht, warum es die Admiralin für notwendig hielt, einen guten Eindruck zu machen, denn immerhin war die Konföderation kaum in der Lage, das Angebot einsatzfähiger Kriegsschiffe zurückzuweisen. Willis erwiderte Tasias militärischen Gruß. »Ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, Sie beide lebend wiederzusehen.« Tasia gab alle Förmlichkeit auf und umarmte Willis kurz. »Mir ist der Kampfdienst lieber als die Gefangenschaft bei den Hydrogern, Ma'am.«
»Ich habe das kleine Kugelschiff der Hydroger für Kotto Okiah mitgebracht, falls Sie weitere verrückte Ideen haben«, sagte Willis. »Nein, danke, Ma'am. Ein Ausflug in die Tiefen eines Gasriesen genügt mir.« 86 Die Admiralin führte sie in ihren Bereitschaftsraum; dort musterte sie ihre beiden Besucher von Kopf bis Fuß und schien die Flecken an ihren Overalls zu zählen. »Ihre Uniformen könnten etwas mehr Aufmerksamkeit vertragen. Sieht so das Militär der Konföderation aus?« »Roamer und die Freiwilligen von den Kolonien brauchen keine Kostüme, um zu wissen, auf welcher Seite sie kämpfen«, sagte Tasia und fühlte sich in die Defensive gedrängt. »Wir hatten noch keine Zeit, uns neue Uniformen zuzulegen«, fügte Robb hinzu. »Ich weiß nicht einmal, welchen Rang wir haben.« »Klingt so, als könnten Sie ein Organisationsdiagramm gebrauchen«, kommentierte Willis. »Obwohl mir bei der Vorstellung graut, der RoamerGesellschaft eine solche Struktur aufzuzwingen.« Nachdem Willis in der Bordkombüse Kaffee und Plätzchen bestellt hatte, sagte Tasia: »In der TVF mangelte es nicht an idiotischen Kommandeuren, aber Sie gehörten nicht dazu, Admiral. Sie haben sich die Dinge durch den Kopf gehen lassen, selbst damals, als die Tivvis es auf die Roamer-Clans abgesehen hatten.« Willis hob die Brauen. »Ich mag schwer von Begriff sein, aber irgendwann fällt der Groschen.« Sie nahm ein drittes Zuckerplätzchen vom Teller und erzählte, wie sie den Dienst in der Terranischen Verteidigungsflotte nach General Lanyans Vorgehen auf Usk und Rhejak quittiert hatte. Es stimmte Robb traurig, zu hören, dass sein Vater nicht die Seiten gewechselt hatte. »Offenbar bleibt er bei der TVF, was auch immer geschieht.« Tasia räusperte sich. »Ich weiß nicht, was der beste Weg ist, Ihre Schiffe und Soldaten ins Militär der Konföderation zu integrieren, Ma'am. Unser Setup unterscheidet sich von dem, an das Sie gewöhnt sind.« »Sosehr es Sie auch erstaunen mag, aber ich bin durchaus imstande, zu lernen und mich anzupassen«, sagte Willis. 86
»Alle meine Soldaten wussten, worauf sie sich einließen, und sie sind bereit. Sie können sich gern bei der Crew umhören.« Tasia schnaubte. »Glauben Sie vielleicht, ich hätte nichts Besseres zu tun, als mit Tausenden von Soldaten zu quatschen? Es genügt mir, wenn Sie für sie bürgen.« Willis' Schiffe flogen zur anderen Seite der Ringe, dorthin, wo Kotto Okiah eine nagelneue Raumwerft eingerichtet hatte, die genug Platz für die ganze Kampfgruppe bot. »Dies sind eindrucksvolle Anlagen, Tamblyn«, sagte die Admiralin. »Ganz und gar nicht das, was wir vorgefunden haben, als wir hier gegen die Hydroger antraten. Wurde all das in nur einigen wenigen Jahren gebaut?« Tasia verzog das Gesicht. »Oh, es war schon vorher hier. Wir haben es nur vor Ihnen verborgen. Damals hielten es die Roamer für besser, sich versteckt zu
halten und zu warten, bis alles vorbei war, aber inzwischen haben wir unsere Philosophie geändert. Nach den Verfolgungen, denen wir ausgesetzt waren, können wir nicht mehr einfach nur Händler und Kuriere sein. Wir müssen auch in die Rolle von Kriegern schlüpfen. Dafür können Sie sich beim Vorsitzenden Wenzeslas bedanken.« Der Moloch glitt in die große Raumwerft hinein. Helles Scheinwerferlicht fiel auf den Rumpf, und Andockklammern hielten das große Schiff fest, damit die Arbeit beginnen konnte. In Schutzanzüge gekleidete Roamer-Techniker schwärmten aus und sahen sich die Jupiter aus der Nähe an. Tasia wandte sich mit Anweisungen an das Personal der Werft. »Jedes Schiff muss untersucht und generalüberholt werden.« Während der nächsten Stunden änderten die Werftmanager ihre Arbeitspläne, damit Willis' zehn Mantas Platz im Werftkomplex fanden. Konnektoren, Teleskopbrücken und Treibstoffschläuche reichten über die Schiffsrümpfe hinweg. 87 Als die eigentliche Arbeit beginnen konnte, schauten Tasia und Willis durch das breite Beobachtungsfenster im Verwaltungszentrum. Tasia lächelte, aktivierte ihren Kommunikator und wandte sich an die Techniker. »Das Wichtigste zuerst. Nehmt euch Abrasionsstrahler und entfernt die TVF-Sym-bole! Ich möchte Hoheitszeichen der Konföderation an jeder Außenhülle.«
36
ORLI COVITZ
Die Blinder Glaube eilte mit der Nachricht über die Kämpfe der Klikiss bei Relleker nach Osquivel zurück. Als Captain Roberts in der Verwaltungskuppel den Roamern die aufgezeichneten Bilder zeigte, war Robb Brindle ziemlich erstaunt. »Aber was machten die Käfer dort? Relleker gehörte nie zu ihren Welten. Es handelt sich um einen legitimen Außenposten der Konföderation.« Tasia war ziemlich sauer. »Die verdammten Insekten wollen alles erobern. Wir sollten losschlagen! Wenn Admiral Willis' Schiffe die Werft verlassen, haben wir genug Feuerkraft, um die Mistviecher zu erledigen.« »Auf Relleker gibt es keine Überlebenden, die man retten könnte«, sagte Orli. »Und es ist alles zerstört.« Die Roamer murrten, insbesondere jene, die bisher noch nichts mit den Klikiss zu tun bekommen hatten. »Wir mussten oft genug weglaufen und uns verstecken«, sagte eine ältere Pilotin mit ledrigem Gesicht. »Jemand sollte den Käfern eine Lektion erteilen.« »Aber was ist mit den Faeros?«, fragte die grüne Priesterin Liona. »Sie haben gerade Theroc angegriffen.« »Und die Tivvis sind über Golgen hergefallen«, warf Robb ein. 87
»Wie wundervoll, so viele Feinde zu haben, dass man unter ihnen wählen kann«, sagte Hud Steinman.
Trotz seines Geredes, er wolle sich entspannen und zur Ruhe setzen, verbrachte Steinman den größten Teil seiner Tage in den Laboratorien, wo Kotto Okiah mit neuen Konzepten herumspielte. In früheren Jahren war er immer wieder Risiken eingegangen und hatte das Transportal-Netz der Klikiss erforscht. Jetzt wünschte er sich ein ruhigeres Leben, doch die Ereignisse hinderten ihn daran, und deshalb versuchte er, eine neue Aufgabe zu finden. Mit DD an ihrer Seite fand Orli die beiden Männer in Kottos Laboratorium. Sie hatte kein Zuhause und war alt genug, allein zurechtzukommen und Verantwortung zu tragen. Bei den Roamern wussten Mädchen in ihrem Alter bereits einen eigenen Beitrag zu leisten, und Kotto schien sich gern von ihr und Steinman helfen zu lassen. Die kleine Forschungsstation war eine Aushöhlung im Felsgestein, über der man eine Kuppel aus transparenten Segmenten errichtet hatte. Reflektiertes Licht vom Gasriesen fiel in den Raum. Kotto und Steinman untersuchten das kleine Hydroger-Schiff, das Admiral Willis vor kurzer Zeit gebracht hatte. Zwar hatte es einiges hinter sich, aber die kristallene Außenfläche glänzte noch immer makellos. Kotto summte leise vor sich hin, als er durch die offene Luke sah. Seine beiden For-schungskompis KR und GU arbeiteten in seiner Nähe, fertigten Aufzeichnungen an, analysierten Proben und brachten die zahlreichen von Kotto begonnenen Dinge zu Ende. Als Orli mit DD hereinkam, sah Steinman von seinem Arbeitstisch auf. Kotto warf einen geistesabwesenden Blick über die Schulter. »Ich hoffe, du kommst nicht mit einem Verwaltungsproblem, um das ich mich kümmern muss.« »Ich wollte mich nur vergewissern, dass Mr. Steinman keine Probleme schafft«, erwiderte sie scherzhaft. 88
Steinman verzog das Gesicht. »Ich bin alt, Mädchen, aber mein Kopf funktioniert noch immer bestens.« Kotto hob einen kleinen Datenschirm auf, den er auf dem transparenten Boden des Kugelschiffs liegen gelassen hatte. »Ich muss die von den Technikern der Hanse zusammengestellten Berichte durchgehen. Ein gewisser Dr. Swendsen hat einige interessante Untersuchungen durchgeführt, aber er ist tot. Ich glaube, Kompis haben ihn umgebracht. Wie dem auch sei, König Peter und OX haben die meisten Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt.« »Kann ich helfen?«, fragte Orli. »Auch ich bin ein ausgezeichneter Assistent«, warf DD ein. »Meine ersten Eigentüme