Paul C. Roud
Diagnose: Unheilbar, Therapie: Weiterleben
Zwölf Geschichten von Menschen, die als unheilbar galten. Die ...
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Paul C. Roud
Diagnose: Unheilbar, Therapie: Weiterleben
Zwölf Geschichten von Menschen, die als unheilbar galten. Die Geschichte ihrer Heilung zeigt: Wunder sind kein Zufall.
Kreuz Verlag
Die amerikanische Originalausgabe ist 1990 unter dem Titel »Making Miracles. An Exploration Into The Dynamics Of Self-Healing« bei Warner Books, Inc., New York, erschienen. Paul C. Roud ist Psychologe. In seiner Praxis hat er sich auf die Betreuung von Patienten spezialisiert, die an tödlichen Krankheiten leiden. Zusammen mit seiner Familie lebt er in Conway in Massachusetts, USA. Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt überprüft. Sie bieten keinesfalls Ersatz für kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser sollte für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich sein. Daher erfolgen Angaben in diesem Buch ohne jegliche Gewährleistung oder Garantie des Verlags oder des Autors. Eine Haftung des Verlags oder des Autors für etwaige Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausgeschlossen, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit.
Die Deutsche Bibliothek — Cip-Einheitsaufnahme Roud, Paul C: Diagnose: unheilbar, Therapie: weiterleben / Paul C. Roud. Aus dem Amerikan. übers, von Olga Rinne. — 1. Aufl. — Stuttgard : Kreuz-Verl., 1992 (Die neue Gesundheit) Einheitssacht.: Making miracles
ISBN 3-7831-1142-0 1. Auflage © 1992 by Kreuz Verlag Stuttgart Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Christine Paxmann, München Satz: DIGITAL Satz und Druck GmbH, Schrobenhausen Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm ISBN 3 7831 1142 0
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Inhalt 5 -> 6 -> 9 ->
Danksagung Vorwort von Bernie S. Siegel Einleitung
19 -> Raymond Berté 41 -> Phina Dacri 59 -> Norman Cousins 69 -> Joe Godinski 88 -> Lindsey Reynolds 120 -> Walter Purington 135 -> Kurt Metzler 155 -> Leo Perras 178 -> Barbara Dawson 198 -> Carole Matthews und Betty Preston
212 -> Schlußbetrachtungen 225 -> Anhang I Muster des Fragebogens, den die Ärzte der Befragten ausfüllten. 226 -> Anhang II Die Antworten der Ärzte 238 -> Literatur
In manchen Fällen wurden identifizierende Einzelheiten, Personen- und Ortsnamen eingeschlossen, verändert, weil einige meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner den Wunsch hatten, anonym zu bleiben.
Meiner Mutter, Bernice Roud, die mich als erste lehrte, was es bedeutet, mutig zu sein und zu lieben.
Danksagung
Ellen Grobmans Intelligenz, Sensibilität und Liebe machten dieses Projekt möglich. Professor Jack Widemans Vertrauen, daß ich meinen eigenen Weg finden würde, war die eigentliche Quelle dieser Arbeit. Die Botschaft der Professoren Ted Slovin und Don Banks, daß das Streben nach vorzüglichen akademischen Leistungen mit der spirituellen Suche glücklich koexistieren könne, erfüllte meine Reise mit Sinn und Freude. Einige freundliche und sehr fürsorgliche Ärzte unterstützten mich mit ihrem fachlichen Wissen: Paul Flandreau, Sid Baher, Dave Sherman, Bernie Siegel, Paul Berman, Wayne Gavryck, Steve Eipper und Kit French. Ich danke meinen Freundinnen und Freunden Michael Shandler, Gail Shufrin, Steve Berman, Barbara Levy, Eva Gumprecht, Nina Shandler, Steve Orlov, Sebern Fisher, Margaret Gosselin, Debbie Abrams und vielen anderen. Jahrelang hörten sie sich meine Gedanken und Fragen über Menschen mit außergewöhnlichen Heilungs- und Überlebenserfahrungen an. Ihre Überzeugung, daß die Arbeit an diesem Thema wertvoll sei, hielt mich und hielt das Projekt während einiger sehr schwieriger Momente aufrecht. Ohne Agnes Birnbaums zähe Beharrlichkeit wäre dieses Buch nicht geschrieben worden. Und ohne Fredda Isaacsons editorische Anleitung wäre es nicht so gut oder nicht so leicht lesbar geworden. Ich finde kaum Worte, um den Menschen, die mir ihre Heilungs- und Überlebenserfahrungen mitteilten, zu danken. In vieler Hinsicht war meine Rolle, wenn ich sie gut erfüllte, nur die eines Zwischenträgers, der anderen ihre Erfahrungsberichte zugänglich zu machen bestrebt war. Diese Menschen vermittelten mir eine Vision der Möglichkeiten, die wir potentiell alle in uns tragen. Der Versuch, diesen Einblick weiterzugeben, hat mein Leben zutiefst verändert.
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Vorwort Ich glaube nicht, daß Heilung ein Zufall ist. Ich habe herausgefunden, daß ein Mensch, der eine nach allgemeinen Maßstäben an ein Wunder grenzende Heilung erlebt, fast immer eine drastische Wandlung in Richtung eines mit mehr Liebe und Akzeptanz erfüllten Lebens vollzogen hat. Wunder geschehen auf der unbewußten, der archetypischen Ebene; sie entstammen nicht dem kühlen Intellekt. Das ist einer der Gründe, warum Ärzte Schwierigkeiten haben, Wunder zu »sehen«. Um sehend zu werden, muß man glauben können. Im Medizinstudium wird einem beigebracht, jeden Menschen wie eine statistische Zahl zu behandeln. Wenn etwas geschieht, was nicht in das statistische Profil hineinpaßt, wird es nicht gesehen. In Fällen, in denen ein Patient oder eine Patientin sich erstaunlich gut erholt, erweist niemand der Person Achtung und sagt, daß sie oder er etwas Einzigartiges erreicht hat. Statt dessen fragen die Ärzte sich, ob hier ein Fehler in der Diagnose vorlag. Wenn der Fall nicht als Fehldiagnose abgetan werden kann, wird die außergewöhnliche Heilung als »spontane Remission« etikettiert, eine Floskel, die Ärzten nichts über den Heilungsvorgang sagt und die nicht dazu anregt, seine Hintergründe zu erkunden. Ein Mount Everest wertvollen Wissens bleibt unerforscht, weil das medizinische Establishment sagt, er sei nicht vorhanden. Erfolg wurde nie studiert. Durch das Schreiben und Sprechen über außergewöhnliche Patienten hatte ich Gelegenheit, viele Menschen kennenzulernen, die von vermeintlich unheilbaren Krankheiten geheilt wurden. Ich halte die Auseinandersetzung mit diesen Menschen und ihren Erfahrungen für eine wichtige Arbeit, die uns allen zugute kommen kann. Es ist dringend notwendig, bei den Menschen, die sich von der Schwelle des Todes zurückgerissen haben, anzuklopfen und zu fragen: »Was taten Sie? Wie fühlten Sie sich? Wie erklären Sie sich, daß Sie es so gut schafften? Warum blieben Sie am Leben, als die Ärzte annahmen, daß Sie sterben würden?« Das ist die Schönheit dieses Buches; Paul Roud hörte konzentriert zu, als Überlebende ihm ihre Geschichten erzählten. Die zentralen Erfahrungen dieser Menschen sind in ihren eigenen Worten wiedergegeben, gefolgt von einer verständnisvollen und sinnreichen Interpretation ihrer Erlebnisse. Ich unterstütze Rouds Forderung, bei der bloßen Lektüre nicht stehenzubleiben. Nehmen Sie die Geschichten in sich auf und finden Sie heraus, welche Bedeutung für Sie selbst darin liegt, denn es steckt immer eine Lektion hinter der Geschichte derer, die wider alle Erwartungen am Leben blieben. Es ist kein Zufall, keine glückliche Fügung, keine »spontane Remission«. Diese Menschen erzählen uns, daß sie unglaublich hart daran arbeiteten, nicht zu sterben. Sie trafen Entscheidungen, veränderten ihr Leben in psychischer und spiritueller Hinsicht und lernten, sich der Angst zu stellen. Sie fanden einen Grund, weiterzuleben, und sie wollen weiterhin lieben und ihrem Leben einen Sinn verleihen. Ich möchte daran erinnern, daß die Sterblichkeitsrate für unser aller Leben hundert Prozent ausmacht. Manche Leute setzen sich unter einen unvorstellbaren Druck, indem sie denken: »Wenn ich in der Therapie hart genug arbeite, mich selbst genug liebe oder genug meditiere, werde ich ewig leben.« Das ist eine Absurdität, die nur zum Scheitern führen kann. Man kann nicht alles heilen. Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen, 6
wenn es um das Unbewußte und seine Beziehung zum Heilen geht. Man kann lieben, joggen, Gemüse essen - und trotzdem sterben. Die Botschaft lautet: Heile dein Leben, und als Nebenprodukt wird sich auch auf der physischen Ebene etwas verändern. Die Frage ist nicht: »Warum ich?«; statt dessen sollte die Einstellung lauten: »Ich nehme die Herausforderung an!« Paul Rouds Interviews bestätigen das, was ich in meiner eigenen Praxis beobachtet habe. Das grundlegende Problem, mit dem die meisten Patienten konfrontiert sind, mit dem wir alle konfrontiert sind, ist die Unfähigkeit, uns selbst zu lieben, weil wir in irgendeiner entscheidenden Phase unseres Lebens von anderen nicht genug geliebt worden sind. Wenn ein anderer Mensch uns bedingungslos liebt, kann uns das helfen, zu erkennen, daß wir es wert sind, geliebt zu werden. Daher ist es ein grundlegendes Element meiner Beziehung zu meinen Patienten, sie bedingungslos zu lieben, denn ich weiß, wenn mir das gelingt, können sie vielleicht ihren eigenen Selbstwert, ihre Liebe zu sich selbst entdecken. Positive Gefühle verändern die Biochemie des Körpers, und das kann, als Nebenprodukt, zu einer physischen Heilung führen. Für einen Chirurgen ist das Leiden keine Abstraktion; es liegt direkt vor ihm, im Krankenhausbett oder auf dem Operationstisch. Wenn man sehen kann, wird man Zeuge, mit welcher Würde und Schönheit Menschen durch ihr Leiden gehen. Ihre Versehrtheit und ihre Behinderungen liegen offen zutage; vielleicht fehlen ihnen Körperteile oder sie hängen an Dutzenden von Schläuchen, und trotzdem, wenn man sie anschaut, sind ihre Augen immer noch voller Leben. Man sieht ihre Ganzheit, nicht ihre Versehrtheit, und in ihrem Gebrochensein sind sie stark. Sie sind heil, auch wenn sie nicht kuriert sind. Es ist möglich, spontan Liebe für Menschen zu empfinden, weil sie uns so stark berühren. Ich glaube, daß dies die eigentliche Substanz der Heilungsbeziehung zwischen Arzt und Patient ist. Wie ich aus »The Velveteen Rabbit« (Das Plüschkaninchen) lernte: Wenn du einmal zu deiner eigentlichen Wirklichkeit gefunden hast, kannst du nicht mehr häßlich sein, außer für jene, die nichts verstehen. Einer der wichtigsten Beiträge dieses Buches liegt darin, daß es bestätigt, was wir in unserem tiefsten Herzen bereits wissen: Es gibt immer Grund zur Hoffnung. Glaube heilt, und die Menschen in diesem Buch demonstrieren, wie machtvoll er wirken kann. Sie glauben an Möglichkeiten, nicht an Wahrscheinlichkeiten. Es ist wichtig, auf die gewählte Behandlung zu vertrauen und dann mit einer positiven Einstellung weiterzugehen. Es ist der innere Konflikt, der die Kräfte verbraucht. Wenn Sie Ihre Form des Heilungsprozesses wählen, wenn Sie mit Ihrem Arzt und Ihrer Behandlung einverstanden sind, reagiert Ihr Körper ganz anders, als wenn Sie sich im Konflikt befinden. Wenn Patienten mir vertrauen und die Beziehung als eine Heilerfahrung betrachten, überstehen sie ihre Operation ohne Schmerzen. Ihr Glaube heilt sie, aber ich bekomme die Anerkennung, daß ich ein großartiger Chirurg bin. Vielleicht lesen Sie dieses Buch, um Antworten für sich selbst zu finden, vielleicht, um einem anderen Menschen zu helfen. Ich denke, Sie werden im einen wie im anderen Fall eine grundlegende Wahrheit entdecken, die für die kranken und die Gesunden gleichermaßen gilt: Liebe macht das Leben lebenswert, ganz gleich, wie lange das Leben dauert. Ich meine auch, daß Liebe die Wahrscheinlichkeit einer physischen Heilung erhöht, aber das ist eine Dreingabe. Das Entscheidende ist, zu lieben, weil Liebe wohltut, nicht weil sie uns ermöglicht, ewig zu leben. Aber bitte, warten Sie nicht, bis eine Katastrophe Ihnen die Augen öffnet. 7
Das Problem ist nicht, daß wir den Weg nicht wüßten; das Problem ist, wie wir auf diesen Weg kommen: Spiritualität, bedingungslose Liebe und die Fähigkeit, zu erkennen, daß Schmerzen und Probleme Möglichkeiten zum Persönlichkeitswachstum und zur Neuorientierung eröffnen, — diese Elemente erlauben uns, aus der Zeit, die uns zur Verfügung steht, das Beste zu machen. Dann erkennen wir, daß der gegenwärtige Augenblick alles ist, was wir haben, aber er ist unendlich. Ein altes indisches Sprichwort sagt: »Als du geboren wurdest, weintest du, und die ganze Welt war voller Freude. Lebe dein Leben so, daß, wenn du stirbst, die ganze Welt weint und du voller Freude bist.« Bernie S. Siegel
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Ich erlangte mein Verständnis der fundamentalen Gesetze des Universums nicht durch den rationalen Verstand. ALBERT EINSTEIN
Einleitung Vor fünf Jahren sagten die Ärzte meinem Vater, daß sein Prostatakrebs, eine Krankheit, die beinahe ein Jahrzehnt lang unter Kontrolle geblieben war, sich ausbreitete. Der Krebs hatte Metastasen in seinen Nieren, seiner Leber und - das Schrecklichste - in seinem Schädel gebildet. Die Ärzte erklärten, sie könnten nichts für ihn tun - er werde in Kürze sterben. Zweifellos, auch darin stimmten sie überein, gäbe es nichts, was der Patient selbst oder seine Familie tun könne. Allem Anschein nach bestand die Aufgabe darin, ihm das Sterben zu erleichtern. Meine Familie beratschlagte voller Unsicherheit, ob man meinen Vater ermutigen solle, einen anderen Spezialisten aufzusuchen, oder ob es sinnvoll sei, einen »alternativen« Ansatz zu erproben. Wir dachten über Ernährungsprogramme nach, über Akupunktur und Imagination. Aber die Experten, die viel erfahrener waren, was unheilbare Krankheiten anging, blieben unbeirrbar. Es gäbe keine Hoffnung, sagten sie. Im wesentlichen warteten wir also einfach ab. Nach dem Tod meines Vaters blieb eine bohrende Frage in mir zurück: Gibt es Menschen, die eine »unheilbare« Krankheit überleben? Die Antwort, die ich fand, lautet Ja. Eine kleine Zahl der Patientinnen und Patienten, die an unheilbaren Krankheiten leiden, überlebt dennoch; manche führen sogar ihr normales Leben weiter. Es gibt in der Tat einige wenige Patienten, die ihre Krankheit vollständig überwinden. Die Leute, die in diesem Buch zu Wort kommen, sind der lebende Beweis. Manchen Menschen erscheinen die hier dokumentierten Fälle wie ein Wunder. Für die mehr wissenschaftlich orientierten repräsentieren sie eine »signifikante Abweichung von den allgemein anerkannten medizinischen Normen«. Diese unterschiedlichen Benennungen sind jedoch unwichtig, gemessen an dem Konsensus, zu dem die meisten Leserinnen und Leser nach der Lektüre dieses Buches gelangen werden. Bloßer Zufall oder Glück sind offenbar nicht der Grund für so sensationelle Genesungsprozesse. Es scheint, daß die Patienten selbst ihre Wunder geschehen ließen. Bevor wir etwas Großes zu erreichen versuchen, orientieren wir uns üblicherweise an Menschen, die den Weg vorher erfolgreich zurückgelegt haben. Nachdem wir ihre Lehren verinnerlicht und zu einer persönlich sinnvollen Form gewandelt haben, mobilisieren wir alle Kräfte, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Aber um ernste Erkrankungen zu überwinden, verhalten wir uns im allgemeinen so, als sei es — vom Arztbesuch einmal abgesehen - das Beste, passiv zu bleiben und abzuwarten, was geschehen wird. Selbst wenn uns gesagt wird, daß die westliche Medizin nichts mehr tun kann, wird kaum jemand andere Menschen aufsuchen, die von derselben Krankheit geheilt wurden. Natürlich gibt es keine Garantie, daß Leute, die 9
außergewöhnliche Genesungsprozesse erlebten, etwas Wertvolles mitteilen werden. Aber wenn man bedenkt, wie wenig wir zu verlieren haben, - warum machen wir nicht wenigstens den Versuch, von ihnen zu lernen? In einer Hinsicht gibt es dafür eine simple Erklärung. Viele Leute wissen gar nicht, daß außergewöhnliche Heilungsprozesse tatsächlich vorkommen. Das Hauptziel dieses Buches ist, diese Informationslücke zu schließen. Auf den folgenden Seiten werden Sie die Geschichten von Frauen und Männern finden, die überwältigende medizinische Hindernisse überwanden. Bei vielen wurden letale Krebserkrankungen diagnostiziert, und man gab ihnen höchstens noch ein paar Jahre zu leben. Der Lungenkrebs einer Frau hatte metastasiert und machte es ihr praktisch unmöglich, zu atmen. Der Familie wurde mitgeteilt, man müsse mit ihrem baldigen Tod rechnen. Heute führt diese Frau ein normales Leben als Hausfrau und Mutter. Ein Mann erlangte die Fähigkeit, seine Beine zu gebrauchen, nachdem er zwanzig Jahre gelähmt in einem Rollstuhl verbracht hatte. Norman Cousins, berühmt durch seine Selbstheilung einer degenerativen Bindegewebserkrankung (über die er in »Anatomie einer Krankheit« schrieb), schildert die Überwindung einer noch aussichtsloseren Situation. Cousins Hausarzt schrieb: »Ich muß gestehen, ich selbst habe Schwierigkeiten zu glauben, daß jemand, der einen Myokardinfarkt mit kongestivem Herzversagen erlitten hat, diese Erfahrung überstehen kann, wie es bei ihm der Fall war.« Alle Menschen, die in diesem Buch zu Wort kommen, machten weitaus bessere Fortschritte, als die anerkannten medizinischen Auffassungen voraussagten, obwohl der Kampf mit der Krankheit nicht bei allen beendet ist. Zwei Menschen berichten von ihrem immer noch andauernden bewundernswerten Überlebenskampf. Die völlige Heilung einer Frau von einer gravierenden psychischen Erkrankung bezeugt auf anrührende Weise die heilende Kraft der Liebe und der Hoffnung. Trotz ihrer zahlreichen Selbstmordversuche, die oft in letzter Sekunde vereitelt wurden, trotz des lebensbedrohlichen Gewichtsverlusts durch Anorexia nervosa und einer sehr schlechten Prognose ist diese Frau jetzt körperlich und seelisch völlig gesund. Die medizinische Wissenschaft untertreibt maßlos, wenn es um das Vorkommen außergewöhnlicher Heilungen geht. In medizinischen Texten wird zum Beispiel behauptet, daß der spontane Rückgang von Krebserkrankungen außerordentlich selten sei; angeblich ereignet er sich nur in einem von 60000 bis 100000 Fällen. (Von Spontanheilung oder spontanem Rückgang spricht man, wenn ein bösartiger Tumor verschwindet oder sich bedeutend verkleinert und die medizinische Behandlung keine adäquate Erklärung für den Besserungszustand bieten kann). Die Zahl der Menschen mit medizinisch unerklärbarem Rückgang von Krebserkrankungen, die ich auffinden konnte, weist jedoch darauf hin, daß dieses Phänomen weitaus häufiger in Erscheinung tritt, als gemeinhin angenommen wird. Zwei Wissenschaftler aus den Niederlanden, Marc J. de Vries und Daan C. van Baalen, bestätigten diesen Eindruck. Gestützt auf gerade veröffentlichte Untersuchungen äußern diese beiden Mediziner, daß Spontanheilungen sehr viel häufiger vorkommen, als die Literatur behauptet, da sie mit »relativer Leichtigkeit« sieben Fälle für ihre eigene Studie fanden. Die meisten außergewöhnlichen Geschichten werden jedoch in der Öffentlichkeit nicht bekannt, da sie - anders als die von de Vries und Baalen studierten oder die hier aufgezeichneten Fälle — nie in medizinischen Journalen oder an irgendeinem anderen Ort dokumentiert werden. 10
Ein weiterer Faktor hält die statistischen Zahlen niedrig. Wenn bei einer Person eine schwerwiegende Krankheit diagnostiziert wird und die Krankheit dann verschwindet, ohne medizinische Intervention, die zur Eliminierung dieser Krankheit als ausreichend betrachtet wird, schließen die Experten oft daraus, daß eine Fehldiagnose vorlag. Da die medizinische Wissenschaft weiß, daß es Fälle außergewöhnlicher Heilungen gibtwie hoch die exakte Zahl auch sein mag -, warum wurde nie der Versuch gemacht, von dieser Patientengruppe zu lernen? Allein die Regierung der Vereinigten Staaten gibt jedes Jahr mehr als zwei Billionen Dollar für die Krebsforschung aus, mehr als fünfhundert Millionen für die Erforschung von Herzkrankheiten und mehr als zweihundertfünfzig Millionen für die Erforschung psychischer Krankheiten - mit relativ geringem Erfolg. Es existiert jedoch eine kleine Gruppe von Menschen, die ihre Krankheiten weitaus besser bewältigten oder überwanden, als die Experten je erwarteten, und niemand denkt daran, sie zu fragen, wie sie es schafften. Das heutige medizinische Denken betrachtet Körper und Geist als zwei unabhängige, klar voneinander geschiedene Bereiche, und es liegt auf der Hand, wohin eine so monströse Fehleinschätzung führt. Dieser konventionellen Auffassung nach kann der Geist das physische Wohlbefinden nicht entscheidend beeinflussen. Patienten müssen folglich machtlos sein und unfähig, ihre Heilung willentlich zu beeinflussen. Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die der Intuition eines Patienten entstammen, was seinen - oder ihren - Körper heilen wird, betrachtet man auf den Krankheitsverlauf bezogen als irrelevant. Die Erfolge der außergewöhnlichen Patienten werden als statistische Merkwürdigkeiten gesehen, als Zufallsereignisse, auf die das Individuum keinen Einfluß hat. Folglich gibt es keinen Grund, anzunehmen, daß diese Leute Forschern, Ärzten oder anderen Patientinnen und Patienten etwas Wertvolles mitzuteilen haben. Sie hatten einfach Glück. Norman Mages, ein Professor der Psychologie, und Gerald Mendelsohn, ein Professor der Psychiatrie, gaben, als sie vor einem professionellen Publikum über Krebs sprachen, der vorherrschenden Einstellung gegenüber schwerwiegenden Erkrankungen im allgemeinen Ausdruck: »Die Krankheit ist zwar im eigenen Körper lokalisiert, aber im psychologischen Sinn liegt Krebs außerhalb des Selbst. Er kann durch Selbstbeobachtung nicht verstanden oder beeinflußt werden; vielmehr erhält ein Patient durch die medizinisch-diagnostischen Prozesse und das Fachwissen anderer Informationen über die Art, das Ausmaß und die wahrscheinliche Entwicklung der anstehenden Probleme. Außerdem, da die physischen Veränderungen im Gefolge der Krebserkrankung kein Produkt der eigenen Gedanken oder Gefühle sind, können sie durch innerpsychische Vorgänge wie Verdrängung oder Sublimation weder beseitigt noch kontrolliert werden. Das bedeutet nicht, daß Patienten völlig passiv bleiben müßten, aber es bedeutet, daß sie durch andere handeln müssen, nämlich durch die entsprechend geschulten medizinischen Fachleute.« Es ist bemerkenswert, daß solche Äußerungen, die das konventionelle medizinische Denken widerspiegeln, ausgerechnet von Wissenschaftlern kommen, deren Spezialgebiet die geistig-seelischen Prozesse sind, denn niemand hat signifikante Daten erhoben, die beweisen, daß Gedanken und Gefühle mit der Entwicklung von Krebs uns einem Fortschreiten nicht in Beziehung stehen. Tatsächlich gibt es bei den meisten schweren Krankheiten wenig Anzeichen und überhaupt keine Beweise, daß sie von Emotionen unabhängig sind. 11
Experten, die dogmatisch darauf beharren, daß psychische Faktoren auf schwerwiegende Krankheiten keinen Einfluß haben, ohne ihren Anspruch auf etwas anderes stützen zu können als historische Präzedenzfälle, zeigen, wie bedrohlich dieser Bereich für das medizinische Establishment ist. Die Möglichkeit, daß manche Patientinnen und Patienten ihre außergewöhnlichen Heilungen selbst in die Wege leiten, ist die äußerste Bedrohung. Eine Frau, die eine akute monozytische und myelozytische Leukämie überlebte, weiß aus persönlicher Erfahrung, wie desorientierend eine Heilung wie die ihre auf medizinische Experten wirken kann. Sie berichtet: »Mein Vater ist Wissenschaftler. Er kann mit meiner Genesung nicht umgehen. Da steht es doch, in den medizinischen Lehrbüchern, in den Fachzeitschriften: Niemand überlebt die Krankheitserfahrungen, die ich machte. Er liebt mich sehr. Ich bin seine Tochter. Aber meine Genesung bringt sein gesamtes wissenschaftliches Weltbild ins Wanken.« Viele Menschen, die außergewöhnliche Heilungen erlebten, können es kaum fassen, daß sie nicht zum Mittelpunkt medizinischer Neugier werden. Oftmals stellten ihre Ärzte -dieselben, die ihnen vorher gesagt hatten, daß sie bald sterben würden — ihnen nicht einmal eine einzige Frage darüber, was mit ihnen geschah. Eine Frau, deren Überlebenschancen von einem Onkologen auf 1:1000 geschätzt wurden, beschrieb die Reaktion ihres Arztes auf ihren Krankheitsverlauf: »Er scheint mich mit Argwohn zu betrachten, obwohl der Krebs sich längst nicht so schnell ausbreitete, wie er gedacht hatte. Aber anstatt sich für mich zu freuen, schien er darüber verstimmt zu sein. Es war sehr unangenehm für mich, die Ärzte aufzusuchen. Ich wollte mit jemandem reden, der in bezug auf meine Gesundheit in einer Autoritätsposition war, der sich für alles engagierte, was vielleicht helfen könnte. Ich wollte über die Dinge sprechen, die ich ausprobierte. Statt dessen hatte ich das Gefühl, gegen die medizinischen Autoritäten ankämpfen zu müssen. Ich hatte nie das Gefühl, daß sie wirklich auf meiner Seite waren oder mit mir zusammenarbeiten wollten. Ich glaube, an diesem Punkt wurde mir klar, daß ich alternative Wege suchen mußte.« Nachdem sie eine Unmenge alternativer Behandlungsansätze erprobt hatte, fand sie, es sei das Beste, einen Onkologen zu finden, der ihren Fall beobachtete und begleitete. Ihre Erfahrungen mit dem neuen Arzt unterschieden sich jedoch nicht sehr von denen, die sie mit dem letzten machte: »Dieser Onkologe war sehr aggressiv, als ich zuerst zu ihm kam. Er hielt mich für eine Irre. Er erzählt mir dauernd, daß ich irgendwie anders bin. Bei mir verläuft die Krebserkrankung völlig anders als in allen anderen Fällen, die er kennengelernt hat. Es ist eine sehr langsam wachsende Form von Krebs - bis jetzt. Er kann es nicht lassen, mir das immer wieder zu sagen. Ich mag das überhaupt nicht. Er sagt: >Sie müssen das und das jetzt nehmen. Es ist das einzige Mittel, das hilft. Sie haben sich einfach auf Ihre Verweigerungshaltung versteift.< Ich habe das Gefühl, er ist wütend auf mich. Er macht mir ganz schön Angst. Jedesmal, wenn ich zu ihm gehe, sagt er: >Sind Sie jetzt bereit, das Tamoxifen zu nehmen?< Und ich sage: >Nein.< Ich weiß, wenn ich sein Sprechzimmer verlassen habe, fühlt er sich nicht allzu toll. Er will mir etwas geben. Wenn er mir nichts geben kann, macht ihn das hilflos, glaube ich. Es ist beinahe so, als täte ich ihm etwas Schlimmes an — ein furchtbares Gefühl. Hin und wieder sage ich mir: >Ich werde nie wieder zu ihm gehen.< Aber dann lache ich und denke: >Na ja, vielleicht wird dieser Mann schließlich etwas daraus lernen.<« 12
Als diese Frau versuchte, ihren Arzt mit ihren Gedanken und Gefühlen zu konfrontieren, überwies er sie sofort an einen Kollegen. Die Bedrohung, die einen Arzt daran hindert, sich am unerwarteten Erfolg einer Patientin mitzufreuen, oder die einen Vater und Wissenschaftler davon abhielt, ungeteiltes Glück über die Genesung seiner Tochter zu empfinden, sitzt sehr tief. Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte hilft verstehen, warum die Vorstellung, daß Körper und Geist getrennte Bereiche seien, sich zu einem so machtvollen medizinischen Modell entwickeln konnte. Letzten Endes ist dieses Modell der Wahrheit vielleicht nicht näher als der archaische Glaube, daß Krankheit auf den Einfluß böser Geister zurückzuführen sei. Aber die Vorstellung der Getrenntheit von Geist und Körper setzte sich aus guten Gründen durch. Sie beruhte auf einer Art der Naturbetrachtung, die den Weg für spektakuläre medizinische Erfolge ebnete. Unsere Vorfahren verfügten über ein — wie primitiv auch immer geartetes - Verständnis der holistischen Natur von Krankheiten. Heiler berücksichtigten die Gesamtheit der Einflüsse, insbesondere die Überzeugungen, Einstellungen und persönlichen Beziehungen des Patienten, um Genesung zu bewirken. Aber etwa vom sechzehnten Jahrhundert an begannen medizinische Forscher mehr und mehr über die autonomen Funktionen des Blutkreislaufs, der Atmung und des Verdauungssystems in Erfahrung zu bringen. Unabhängig von der wissenschaftlichen Exaktheit ihrer Entdeckungen bedeutete allein das Bemühen, herauszufinden, wie spezifische Komponenten des Körpers arbeiteten, daß der Körper nicht mehr als unteilbares Ganzes betrachtet werden konnte. Im siebzehnten Jahrhundert erklärte Rene Descartes, eine Krankheit sei am besten dadurch zu verstehen, daß man sie in ihrer elementaren Form studiere, unabhängig von anderen Einflüssen. Mit dem Aufkommen der Chirurgie gewann die Vorstellung, daß eine Krankheit ein lokale Fehlfunktion sei, das Versagen eines spezifischen Teils des Körpers, weiter an Boden. Als sich um 1850 der Gebrauch von Betäubungsmitteln durchsetzte, wurde es zunehmend üblich, daß Ärzte Körperteile, die nicht richtig arbeiteten, entfernten oder »reparierten«. Weniger als vierzig Jahre später wurde entdeckt, daß bestimmte Infektionskrankheiten durch Mikroorganismen übertragen werden. Steven Locke und Douglas Colligan schildern, was sich in der Folge ereignete: »Krankheiten, die Geißeln der Menschheit gewesen waren, fielen in Scharen, durch eine magische Kugel nach der anderen. Im Jahr 1911 entwickelten Wissenschaftler ein spezielles Arsenpräparat, Salvarsan, das erfolgreich gegen viele Formen der Syphilis eingesetzt werden konnte. In den zwanziger Jahren wurde Insulin isoliert, und Insulinspritzen verlängerten fortan das Leben von Diabetespatienten. In den dreißiger Jahren erschienen die Sulfonamide und damit ein Heilmittel für bakterielle Lungenentzündung, Meningitis, Gonorrhöe und Blaseninfektionen. Um 1940 wurden die Sulfonamide weitgehend durch noch wirkungsvollere Medikamente ersetzt, die Antibiotika, eine Entwicklung, die durch die Entdeckung des Penicillins möglich geworden war. Es schien, als gäbe es keine Krankheit mehr, mit der die medizinische Wissenschaft nicht fertig werden könne.« Darin lag nicht nur das Versprechen, daß es für alles, was uns plagt, ein Heilmittel gibt. Die Verführung für die Konsumenten lag in der Vorstellung von einer Heilung, die keinerlei persönliches Engagement oder seelischen Kraftaufwand erforderte. Alles, 13
was man tun mußte, war, eine Pille zu schlucken oder sich einer Operation zu unterziehen. Im Austausch gegen die Garantie auf Gesundheit gaben wir unser Verantwortungsgefühl uns selbst gegenüber und unsere individuelle Kraft bereitwillig auf. Aber das Versprechen konnte nicht gehalten werden. Die medizinische Wissenschaft hat wenig Erfolg, wenn es um die Beseitigung oder auch nur Beeinflussung von Krankheiten geht, die heute die Hauptursachen von Tod und Behinderung sind. Krebs, Herzkrankheiten, Arthritis, Alkoholismus, schwere psychische Störungen und chronische Erkrankungen der Atemwege wüten weiter, und es besteht wenig Hoffnung, daß in naher Zukunft bedeutsame Fortschritte gemacht werden. Da das konventionelle medizinische Denken unsere modernen Heimsuchungen nicht erklären, geschweige denn heilen kann, sieht es sich mit zunehmender Ernüchterung konfrontiert. Ein neues medizinisches Modell, eines, das den Menschen als Ganzheit respektiert, ist notwendig, um unsere größten medizinischen Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Wir können die bedrohlichsten Krankheiten nicht besiegen, ohne die psychischen und spirituellen Dimensionen des menschlichen Lebens mit einzubeziehen, zugleich mit den physischen Dimensionen. Faktoren wie Lebensstil, Ernährung, zwischenmenschliche Beziehungen und sogar unsere Fähigkeit zu lieben und uns lieben zu lassen müssen erkundet werden, bevor wir im Bereich des Heilens eine neue Morgenröte erblicken. Die konventionelle Medizin denkt jedoch nicht daran, schnell und taktvoll von der Bühne abzutreten. Das sollten wir auch nicht erwarten, denn die medizinische Wissenschaft hat in der Vergangenheit große Leistungen hervorgebracht, und jene, die dank dieser vergangenen Erfolge Macht und Prestige genießen, bemühen sich, den Status quo aufrechtzuerhalten. Manchen Ärzten, die sich hervorragend auf ihr Handwerk verstehen, fehlen aber vielleicht die notwendigen menschlichen Fähigkeiten, um in Kranken heilende psychische und spirituelle Kräfte zu mobilisieren. Um diese immateriellen, aber wirklich heilenden Kräfte wirksam zu machen, muß der Arzt sich auf eine sinnerfüllte und liebevolle Beziehung zu der oder dem Kranken einlassen. Leider werden Bewerberinnen und Bewerber um Studienplätze in Medizin nicht aufgrund ihrer psychologischen Reife oder ihrer Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, ausgewählt, oder weil sie spirituell hochentwickelte Menschen sind. Medizinstudenten werden nicht in heilsam wirkenden Kommunikationskünsten ausgebildet und erhalten keine Anleitung, wie sie die innere Weisheit ihrer Patienten am besten fördern können. Die weitaus meisten Ärzte können aus einem großen Fundus medizinischen Wissens schöpfen, die meisten können die objektiven physiologischen Faktoren kompetent analysieren und deuten. Aber außergewöhnliche Heilungsprozesse erfordern die Mitwirkung von Faktoren, die jenseits der rationalen Vernunft liegen. Große und einflußreiche Institutionen wie medizinische Ausbildungsstätten, Pharmakonzerne, staatliche Gesundheitsorgane und Krankenhäuser haben ebenfalls starkes Interesse daran, das System der Gesundheitsfürsorge im wesentlichen unverändert zu erhalten. Ausgefallene Forschungsvorhaben durchzuführen oder Medizin in einer Weise zu praktizieren, die angesichts gewisser festverwurzelter Prinzipien - wie der Geist-Körper-Spaltung - eine Häresie darstellen, beinhaltet ein professionelles Risiko. Aufgrund solcher Zwänge glauben manche Mediziner, daß psychologische Methoden, die Heilungsprozesse günstig beeinflussen, nur verdeckt eingesetzt werden können. 14
Charles Weinstock führte eines der seltenen Forschungs-Projekte über Spontanheilungen bei Krebserkrankungen durch. Er kam zu dem Schluß, daß Psychotherapie in hohem Maße lebensverlängernd wirken kann, aber, so gibt er offen zu, der Psychiater muß gewarnt werden, daß er mit starken Vorurteilen von seiten der Ärzteschaft zu rechnen hat und daß er gut daran tut, die lindernde Natur seines Engagements zu betonen und dem Arzt gegenüber die Hoffnung auf tiefergreifende Veränderungen nicht zu erwähnen. Weinstock veröffentlichte seine Arbeit in einer seriösen medizinischen Zeitschrift, die jedoch der esoterischen Richtung angehört. Herausgeberische Kontrolle über die wichtigsten medizinischen Journale ist das Mittel, dessen sich die konventionelle Medizin bedient, um sicherzugehen, daß nur Ideen, die mit der gegenwärtigen Ideologie übereinstimmen, zu weiter Verbreitung gelangen. Letztendlich ist die Macht eines anerkannten medizinischen Fachjournals, wissenschaftliche Studien zur Veröffentlichung anzunehmen oder sie abzulehnen, der Weg, über den die etablierte Medizin manche Forschungsergebnisse als wissenschaftliche Tatsachen heiligt und andere Ideen in den Status der Folklore verweist. Sehen wir uns als Beispiel an, wie das New England Journal of Medicine (NEJM), eine medizinische Fachzeitschrift, die angeblich weltweit das höchste Prestige genießt, das Thema außergewöhnlicher Heilungen behandelt oder, genauer gesagt, nicht behandelt. Im Juni 1985 berichtete die amerikanische Presse, wie sie es häufig tut, über Forschungsergebnisse, die im NEJM veröffentlicht worden waren. Viele der größten Zeitungen des Landes brachten Schlagzeilen wie »Wissenschaftler stellen fest: Psychische Faktoren haben keinen Einfluß auf Krebs«. Die Autoren dieser Studie, die 359 Patientinnen und Patienten mit Krebs in fortgeschrittenem Stadium untersucht hatten, kamen zu der Schlußfolgerung: »Die der Krankheit inhärente biologische Dynamik allein bestimmt die Prognose; sie hat Vorrang vor dem potentiell mildernden Einfluß psychosozialer Faktoren.« Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch einmal an einer gravierenden Form von Krebs erkrankt ist, hat er oder sie nicht die Möglichkeit, den Verlauf der Krankheit zu beeinflussen. Falls Sie zu diesem Zeitpunkt an einer Krebserkrankung litten, werden Sie sich vermutlich an diese Studie erinnern. In meiner eigenen psychotherapeutischen Arbeit mit Krebspatienten konnte ich feststellen, daß die Berichterstattung der Presse über diese Forschungsergebnisse auf einige Menschen geradezu vernichtend wirkte. Die Wissenschaft hatte »bewiesen«, daß sie machtlos waren und ihre Krankheit nicht beeinflussen konnten. Die »wissenschaftlich erwiesenen« Ergebnisse der Studie lösten in diesen Menschen Hilflosigkeitsgefühle und tiefe Depressionen aus. Der Nimbus der Unangreifbarkeit, der dem Fachjournal NEJM anhaftet, sorgt dafür, daß der Wert seiner Forschungsberichte selten in Frage gestellt wird. Tatsächlich muß man in diesem Fall jedoch nicht sehr tief graben, um festzustellen, daß die Ergebnisse dieser Studie genauerer Überprüfung nicht standhalten. Die Wissenschaftler führten die Interviews mit Menschen durch, bei denen kurz zuvor Krebs in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert worden war. Dann prüften sie, ob es zwischen der Lebensdauer der Patienten (oder der Zeit bis zur Verschlimmerung der Krankheit) und der Art, wie die Befragten auf die Fragebögen reagierten, irgendwelche Korrelationen gäbe. Da sie keine Korrelationen fanden, kamen die Wissenschaftler zu dem Schluß, daß psychische und soziale Faktoren keinen Einfluß auf die Krankheit hätten. 15
Um das Experiment zu verstehen, stellen Sie sich vor, man hätte Sie gerade davon in Kenntnis gesetzt, daß Sie an Krebs in fortgeschrittenem Stadium leiden und daß Sie bald sterben werden. Während Sie noch unter dem Schock dieser Nachricht stehen, fordern Wissenschaftler Sie auf, einige Fragebögen auszufüllen. Sie werden nach Ihrer Zufriedenheit im Beruf gefragt, nach der Qualität ihrer sozialen Beziehungen, nach Ihren Hilflosigkeits- und Hoffnungslosigkeitsgefühlen und nach Ihrer Einstellung zum Leben im allgemeinen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, sie hätten durch diese Frage ein psychologisches Profil Ihrer Persönlichkeit ermittelt, obwohl Sie im Verlauf der vorangegangenen drei Wochen den schrecklichsten Schock Ihres Lebens erlitten haben. Vor allem aber räumen sie nicht die Möglichkeit ein, daß Ihre Gefühle sich in den kommenden Monaten wandeln könnten. Vielleicht finden Sie bald zu Ihren persönlichen Kraftquellen, entdecken die Schönheiten Ihres Lebens neu, werden sich Ihrer eigenen Stärken bewußt und finden Gründe, um am Leben zu bleiben. Aber die Wissenschaftler werden davon nie etwas erfahren. Sie führen weder mit Ihnen noch mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen weitere Interviews durch. Auf der Basis ihrer ersten, einmaligen Befragung stellen sie die Behauptung auf, daß Lebenseinstellungen keinen Einfluß auf Krankheiten haben. Sie müssen kein Psychologe oder Psychiater sein, um zu erkennen, daß ein Mensch, bei dem gerade eine tödliche Krankheit entdeckt worden ist, in den Wochen nach dieser Diagnose einen wilden Gefühlsaufruhr durchmacht. Offenbar kam es den Autoren der Studie und den Herausgebern von NEJM nie in den Sinn, daß Interviews mit Menschen, die gerade erfahren haben, daß sie bald sterben müssen, eine psychologisch einzigartige Extremsituation spiegeln, die bald dramatische Lebensveränderungen nach sich ziehen wird. Das Konzept der Studie basierte auf der Prämisse, daß menschliche Wesen im Grunde statische, unveränderliche Organismen sind. In den folgenden Erfahrungsberichten schildern Betroffene die Entwicklung ihrer psychischen Befindlichkeit. Zuerst, nachdem sie die Prognose erfahren hatten, waren die meisten in großer Verzweiflung. Aber diese erste Reaktion unterschied sich von dem emotionalen Zustand, in dem sie einige Monate später waren. Als diese Menschen mit lebensbedrohenden Krankheiten konfrontiert waren, wurden die tiefsten und folgenreichsten seelischen Veränderungen möglich. Ein Mann von über siebzig Jahren, der erfolgreich gegen seinen Lungenkrebs ankämpfte, sagte: »Zuerst hatte ich das Gefühl, daß meine Stunde gekommen sei und daß ich mich damit abfinden müsse. Ich brauchte eine ganze Weile, um zu dem Schluß zu kommen, daß ich eigentlich noch leben wollte.« Er glaubte, seine Krankheit weise ihn darauf hin, daß er in seinem Leben einige bedeutsame Veränderungen vornehmen müsse. Um am Leben zu bleiben - so wußte er nun -, mußte er lernen, sich selbst zu mögen, seine Familienbeziehungen anders zu gestalten und eine Arbeit zu finden, die ihm Freude bereitete. Dieser alte Mann setzte seine Veränderungsvorstellungen sehr schnell in die Tat um; er vollzog in wenigen Monaten eine Wandlung, die gewöhnlich Jahre, manchmal eine ganze Lebensspanne voll intensiven Bemühens erfordert. Als ich ihn fragte, wie ihm das möglich gewesen sei, antwortete er: »Ich hatte die Wahl, mich entweder zu verändern oder zu sterben. Mit dieser Art von Stimulus lerne ich wirklich schnell.« Aber die traditionelle medizinische Vorstellung, daß Menschen wenig Einfluß auf ihr seelisches und körperliches Wohlergehen haben, drückte der Konzeption - und in vieler Hinsicht auch den Ergebnissen - der in NEJM veröffentlichten Studie von vornherein ihren Stempel auf. Diese Konzeption bot tatsächlich keine Möglichkeit, die Dinge 16
herauszufinden, die die Menschen in diesem Buch zu sagen haben: Es gibt keine Garantie für das Überleben, aber es gibt vielleicht einen Faktor, der die Überlebenden auszeichnet: ihre Fähigkeit zur Wandlung und zur Persönlichkeitsentfaltung.
Die Suche nach Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen Um die Menschen aufzufinden, die in diesem Buch über ihre außergewöhnlichen Erfahrungen berichten, waren viele Ansätze nötig. Ärzte in fünf Bundesstaaten wurden kontaktiert. Die meisten dieser Ärzte waren höflich und drückten ihr Interesse an dem Projekt aus, erklärten aber, daß sie keine entsprechenden Patientinnen oder Patienten benennen könnten. Einige Ärzte reagierten mit offener Feindseligkeit und bezeichneten das Projekt als unmöglich oder unseriös. Schließlich sagten sechs Ärzte, die unterschiedlichen Fachrichtungen angehören, dem Projekt ihre Unterstützung zu. Sie nannten die Namen potentieller Interviewpartnerinnen und -partner, baten Kolleginnen und Kollegen um entsprechende Vorschläge, teilten medizinische Hintergrundinformationen mit, stellten, wenn nötig, Verbindungen zu Kollegen oder medizinischen Institutionen her und gaben sogar praktische Unterstützung bei der Durchführung der Interviews. Hinweise kamen auch von persönlichen Bekannten, aus Zeitungsberichten und Zeitschriftenartikeln. Aber aus den unterschiedlichsten Gründen war es manchmal unmöglich, die außergewöhnlichen Heilungsprozesse von Menschen zu dokumentieren, die nicht von Ärzten benannt worden waren. Daher konnten ihre Geschichten nicht in dieses Buch aufgenommen werden. Für die Interviews wurde keine zeitliche Begrenzung festgelegt. Da über diese Gruppe von Menschen so wenig bekannt ist, war das Ziel, soviel wie möglich in Erfahrung zu bringen und herauszufinden, wie sie sich selbst ihre bemerkenswerten Heilerfolge erklärten. Nach dem Abschluß der Interviews wurde jede Person gebeten, den Arzt zu benennen, der mit ihrem Fall am besten vertraut war. Diese Ärzte wurden dann angesprochen und gefragt, ob der Krankheitsverlauf der Patientin oder des Patienten in ihrer Sicht außergewöhnlich gewesen sei oder nicht. Wenn möglich, wurden sie aufgefordert, mit Hilfe einer Skala zu bestimmen, wie ungewöhnlich die Zustandsveränderung der Patientin oder des Patienten war. Zur Dokumentation der Außergewöhnlichkeit dieser Fälle verwendete ich im wesentlichen dieselbe Methode, die von einem wissenschaftlichen Gutachterteam gebilligt worden war, als ich für meine Dissertation zu diesem Thema recherchierte. In jedem einzelnen Fall wurde von einer medizinischen Autorität bestätigt, daß die Überlebensdauer der Person außergewöhnlich war. In fünf Fällen nannten Ärzte die Heilungsgeschichte des Patienten oder der Patientin ausdrücklich »ein Wunder« oder eine Chance von 1:1000. Detaillierte medizinische Informationen wurden nicht verlangt, da das Urteil des Arztes als Kriterium benutzt wurde, um festzustellen, was als außergewöhnlich zu betrachten sei. Die Ergebnisse der Befragung der Ärzte werden im Anhang wiedergegeben. Ich möchte noch einmal besonders hervorheben, daß die Ärzte um ihre Meinung gebeten wurden. Aussagen über die Wahrscheinlichkeit von Krankheitsentwicklungen 17
beziehungsweise Überlebenschancen haftet immer etwas Willkürliches an, und die Schätzungen der Ärzte haben keinen absoluten Wert. Ein anderer Arzt könnte die Wahrscheinlichkeit einer Heilung in einem bestimmten Fall höher oder geringer einschätzen. Es ging vor allem darum, zu zeigen, daß die Genesungsfortschritte einer Patientin oder eines Patienten aus der Sicht eines medizinischen Experten außergewöhnlich waren.
Ein Wort der Warnung Meine größte Angst bei der Veröffentlichung dieses Buches ist die, daß es dazu benutzt werden könnte, die emotionale Distanz zwischen den Schwerkranken und den physisch Gesunden zu vergrößern. In aller Regel betrachten diejenigen unter uns, die gesund sind, die Kranken und insbesondere die Sterbenden als »anders als wir«. Wir gehen davon aus, daß wir verschont bleiben, daß wir uns nie eine gefürchtete Krankheit zuziehen werden oder, falls doch, daß es etwas geben wird, was wir tun können, um sie zu überwinden. Die Distanzierung von den Kranken dient uns dazu, vor der Gewißheit unseres eigenen Todes die Augen zu verschließen. Es wäre jedoch eine absolute Verzerrung der von den Überlebenden in diesem Buch geäußerten Überzeugungen, anzunehmen, daß jede schwerkranke Person notwendigerweise gesund werden müsse, wenn sie - oder er - sich nur mehr bemühte, vernünftigere Diät hielte, perfekter visualisierte, mehr Schönheit im Leben entdeckte oder sich spirituell weiterentwickelte. Die Begrenzungen dieses Buches sind vielfältig. Da der Hauptakzent auf Heilungserfahrungen liegt, mag es so scheinen, als wäre das »Besiegen« der Krankheit die einzige würdevolle Lösung. Norman Cousins erinnert uns daran, daß »nicht der Tod das Tragische im Leben ist, sondern das, was in uns stirbt, während wir noch am Leben sind«. Viele Menschen sterben oder bleiben krank, obwohl sie die Qualitäten, die von den Geheilten als lebensspendend beschrieben werden, vollkommen verwirklicht haben. Da ich mit vielen der Überlebenden und Geheilten sehr vertrauten Kontakt habe, sind die medizinischen Erfolge für mich nicht der wichtigste und erstaunlichste Aspekt ihrer Erfahrungen. Weitaus tiefer beeindruckt mich ihre Entscheidung, die Krankheit als Möglichkeit zur Erkenntnis ihres innersten Seins zu nutzen und dadurch neuen Lebenssinn, Freude und Liebe zum Leben zu entdecken. Leserinnen und Leser, die nach einfachen Antworten suchen, werden enttäuscht sein. Weder die individuellen Erfahrungsberichte noch das Buch als Ganzes haben schematische Heilrezepte zu bieten. Ich fragte alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner, welchen Rat sie Menschen geben könnten, die mit schweren Krankheiten konfrontiert sind. Ihre Erfahrungen haben ihnen gezeigt, daß im Umgang mit der Krankheit, wie im Leben, jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muß. Jedem Erfahrungsbericht schließt sich eine Analyse an. Als Leitfaden kann diese Analyse nützlich sein, aber sie ist nur ein Weg, die Erfahrung zu verstehen. Als Leserin oder Leser sollten Sie sich nicht scheuen, Ihre eigene Interpretation zu versuchen. Letztlich liegt der einzige Wert der hier vorgelegten Berichte in dem Sinn, den Sie selbst ihnen entnehmen.
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RAYMOND BERTÉ »Lebenseinstellungen als solche haben eine außerordentlich starke Wirkung auf das Immunsystem. Du veränderst dich und bist nicht mehr dieselbe Person, die sich die Krebserkrankung zuzog. Wenn du dich zu einer anderen Persönlichkeit entwickelst, verändert sich vielleicht das Umfeld, in dem der Krebs wuchs; es kann so unempfänglich werden, daß der Krebs sich zurückbildet.« MICHAEL LERNER An Krebs zu erkranken ist eine Zerreißprobe, die für ein Leben ausreicht. Im Lauf seines Lebens an fünf verschiedenen Arten von Krebs zu erkranken scheint den Rahmen der menschlichen Leidensfähigkeit zu sprengen. Raymond Berté hat fünf voneinander unabhängige Krebserkrankungen durchlitten - und überwunden. Drei seiner Krankheitserfahrungen werden hier diskutiert. Das vielleicht Bemerkenswerteste ist, daß er jetzt, ohne seine Schmerzen zu verleugnen oder zu verharmlosen, sagen kann: »Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen.« Vor achtzehn Jahren entdeckte ein Team von Spezialisten, daß Berté an einer sehr seltenen Form von Kehlkopfkrebs litt. Die Behandlung der Wahl war die chirurgische Entfernung des Kehlkopfes. Es wurde erwartet, daß Berté, der Professor für Rehabilitationsberatung war, seiner permanenten Behinderung wegen in den Ruhestand gehen würde. Weder die College-Leitung noch die Ärzte konnten sich vorstellen, daß er je wieder Vorlesungen halten könnte. Unterstützt durch seine langjährigen Erfahrungen mit Gesangs- und Stimmbildungsunterricht lernte er schnell, sich der ösophagealen Sprechweise zu bedienen. Bald kehrte er in seine frühere Position zurück und war einer der renommiertesten Professoren seines Colleges. Sein Kampf mit dem Krebs war jedoch noch lange nicht überstanden. Drei Jahre später, 1976, wurde zwischen seinen Schulterblättern ein bösartiger Tumor entdeckt. Ein tiefes Loch wurde in seinen Rücken geschnitten, als man den Tumor operativ entfernte. Da es sich um einen primären Tumor handelte, versicherten die Ärzte Berté erneut, weitere Probleme im Zusammenhang mit dieser Erkrankung seien nicht zu erwarten. Ein Jahr später stellte Berté fest, daß sich seitlich an seinem Hals ein Knoten gebildet hatte. Innerhalb weniger Tage stand die Diagnose fest: Er hatte zum dritten Mal Krebs. Aber diesmal war das Lymphsystem betroffen. Ein chirurgischer Eingriff konnte die bösartige Entwicklung nicht beenden. Wie Bertés Onkologe, mit dem ich Kontakt aufnahm, bestätigte, war der medizinische Konsensus, daß Raymond an dieser Krebserkrankung sterben werde. Man sagte Raymond, daß er nur noch sechs bis achtzehn Monate zu leben habe. Aber jetzt, zehn Jahre später, ist er vollkommen frei von Krebs und wahrhaft lebendig. Ray trug nur eine Badehose, als er mich an der Tür seines hypermodernen Landhauses begrüßte. Da ich wußte, daß er Psychotherapeut und College-Professor war, überraschte mich dieser völlige Mangel an Formalität. »Ich bin gerade beim 19
Frühstück«, erklärte er. »Kommen Sie doch mit mir auf die Terrasse. Wir können uns unterhalten und dabei die Sonne genießen.« Ray war dunkel und attraktiv. Sein Körper wirkte eher wie der eines muskulösen Fünfunddreißigjährigen; sein tatsächliches Alter von zweiundfünfzig sah man ihm nicht an. Bevor ich ihn traf, befürchtete ich, daß ich Schwierigkeiten haben könnte, seine Sprechweise zu verstehen. Aber obwohl seine Stimme sehr tief war und einen ausgesprochen rauhen Klang hatte, war seine Artikulation perfekt. Die Sonnenterrasse bot einen weiten Blick über die Landschaft. In der Ferne sah man einen Traktor über eine gemähte Wiese fahren. Ray zeigte auf ein angeschlossenes Studio, in dem seine Frau, eine Künstlerin, arbeitete. Die beiden Kinder der Bertes sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Ray ließ sich in einem Segeltuchstuhl nieder und griff nach den Getreideflocken, von denen er gerade gegessen hatte. »Darf ich Ihnen etwas anbieten?« fragte er. »Obst, oder vielleicht Orangensaft?« Ich sagte ihm, daß ein Glas Orangensaft nach meiner langen Reise genau das Richtige sei. Zu meinem Entsetzen beugte Ray sich vor und reichte mir das Glas herüber, aus dem er gerade selbst getrunken hatte. Als ich vor fast acht Jahren mit meiner Suche nach Menschen mit außergewöhnlichen Heilungsverfahren begann, hatte ich keine Ahnung, welche Dämonen aus meinem eigenen Inneren mir dabei gegenübertreten würden. Aber in diesem Augenblick, zwei Minuten nachdem ich meinen ersten Gesprächspartner kennengelernt hatte, war ich mit meinen schlimmsten Ängsten in bezug auf Krebspatienten — selbst solchen, die als geheilt galten - konfrontiert. Intellektuell wußte ich natürlich, daß Krebs nicht ansteckend ist. Aber auf einer tiefen unbewußten Ebene hatte ich Angst, wenn ich einem solchen Menschen zu nahe käme, könnte ich mich irgendwie mit seinem Krebs infizieren. Ich nahm das Glas ohne sichtbares Zögern entgegen und zwang mich, den Inhalt hinunterzuschütten. Ich glaube, daß Ray mich unbewußt einem Test unterwarf. Bevor er mir seine Geschichte erzählte, mußte er wissen, ob er mir vertrauen konnte, denn im Lauf der nächsten Stunden würde er sein innerstes menschliches Sein vor mir offenlegen. Ray begann: »1972 bat mich mein engster Freund, der an der Universität von New Hampshire als Professor lehrt, in einem seiner Seminare einen Gastvortrag zu halten. Etwa nach der Hälfte der Zeit begann ich plötzlich, einen exzessiven Speichelfluß zu entwickeln. Ich konnte mir nicht erklären, warum das passierte. Dann wurde ich heiser, und die Heiserkeit hielt mehrere Wochen lang an. Da ließ ich schließlich meinen Hals untersuchen. Ich erinnere mich genau an das erste Mal, als der HNO-Spezialist sich meinen Hals ansah. Das erste, was er sagte, war: >Na ja, zumindest ist es kein Krebs.< Ich sprang vom Stuhl auf wie von der Tarantel gestochen; dieser Gedanke war mir nie gekommen. Ich hatte nie an Krebs als Möglichkeit gedacht, weil ich Nichtraucher bin, und ich trinke auch keinen Alkohol, und das waren angeblich die beiden wichtigsten Risikofaktoren. Der Arzt meinte, vielleicht sei eine Virusinfektion auf die Stimmbänder geschlagen. Also setzte er mich auf Antibiotika. 20
Mehr als einen Monat später war das Problem immer noch da. Ich hatte keine Schmerzen, aber die Heiserkeit ging nicht weg. Ich ging wieder in die HNO-Klinik und ließ meinen Hals von einem anderen Arzt untersuchen. Er geriet total in Panik, aber er wollte nicht sagen, was seine Befürchtungen waren. Dann sagte er: >Doktor Soundso muß Sie unbedingt noch ansehen, aber er ist im Augenblick nicht da.< Wie kann man mit einem Patienten solchen Mist machen — Angst und Panik vermitteln und ihm dann sagen, er müsse später wiederkommen! Da sitzt man dann und versucht, mit der Höllenangst fertig zu werden. Schließlich untersuchte ein dritter Arzt meinen Hals. Er sagte mir: >Da ist eine Verdickung. Wir müssen eine Biopsie machen.< Also wurde ich ins Krankenhaus eingewiesen, und die Biopsie wurde vorgenommen. Das Resultat war negativ. Nichts Bösartiges. Man sagte mir, ich solle weiterhin die Medikamente nehmen, aber die Heiserkeit wurde immer schlimmer. Nach einer Weile gab mein Arzt auf: >Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich schlage vor, Sie gehen nach Boston und suchen einen Spezialisten auf, den Mann, der mich ausgebildet hat.< Also ging ich nach Boston. Der Spezialist, ich nenne seinen Namen nicht, sagte, er wolle selbst eine Biopsie vornehmen. Wieder war das Resultat negativ. Sechs Monate waren vergangen, - keine definitive Antwort, keine klare Richtung. Also gehe ich ins Mass-General-Krankenhaus, und sie machen einen Test nach dem anderen. Schließlich rücken sie damit heraus. Der Arzt dort sagte mir: >Es ist bösartig - Kehlkopfkrebs.< Es gibt eine Menge schwer zugängliche Bereiche im Hals, die man nicht wirklich sehen kann. Durch die Biopsien waren diese Bereiche nicht erfaßt worden. Aber irgendwie hatten die Ärzte herausgefunden, daß es Krebs war. Nachdem ich drei oder vier Tage im Krankenhaus war, fing es an, daß fast täglich Teams von Ärzten und medizinischem Personal hereinkamen. Ich hatte das Gefühl, wie ein Stück Protoplasma behandelt zu werden. Gruppen von Weißkitteln kamen in mein Zimmer, guckten mir in den Hals, versammelten sich am Fußende meines Bettes und diskutierten über mich, als wäre ich nicht anwesend, als wäre ich nicht einmal ein Mensch. An einem bestimmten Punkt hatte ich schließlich die Schnauze voll und sagte: >Hey, jetzt guckt mir hier keiner mehr in den Hals! Und wenn Sie über mich reden wollen, machen Sie, daß sie rauskommen, oder sprechen Sie mich direkt an!< Jetzt kommt ein sehr wichtiger Teil der Geschichte, obwohl ich das damals nicht wußte. Man sagte mir, eine radikale Laryngektomie sei >die Methode der Wahl<. >Wir werden Ihnen den gesamten Kehlkopf und das umliegende Gewebe herausschneiden, und Sie müssen sich darüber im klaren sein, daß Sie für den Rest Ihres Lebens sprachbehindert und ein Halsatmer sein werden.< Ich finde diese unsensible Art, mit Begriffen um sich zu werfen, einfach ungeheuerlich. Darüber könnte ich mich stundenlang aufregen. Ich nahm die Diagnose und den Behandlungsvorschlag auf eine sehr duckmäuserische und gefügige Art an. Mein Kehlkopf wurde entfernt. Nach diesem chirurgischen Eingriff wurde mir gesagt: >Operation gelungen, Prognose prima, keine Metastasen, alles in Ordnung.< Weiter erfuhr ich noch, daß es in der medizinischen Literatur nur vier dokumentierte Fälle gab, in denen diese spezifische Art von Krebs sich, wie bei mir, am Kehlkopf entwickelt hatte. Mein Fall war der erste dieser Art seit dreißig Jahren. Daher bekam der Chirurg, der mich operiert hatte, Anrufe aus allen Teilen der Welt. Er hielt 21
Vorträge über meinen Fall in Europa und an verschiedenen Orten in Amerika. Ich sage das ohne jeden Stolz. Es bedeutet mir überhaupt nichts. Ich erinnere mich an den Tag, als der Verband entfernt wurde. Ich zitterte vor Angst. Der Chirurg sagt mir: >Es sieht gut aus.< Als er gegangen ist, trete ich vor den Spiegel, um selbst nachzusehen. Was ich sehe, ist abstoßend. Mein Adamsapfel ist weg, und da, wo er war, ist ein Loch. Ich kann nicht aufhören zu zittern und denke: >Was wird June wohl empfinden? Sie liebt das Ästhetische so sehr, und ich bin häßlich wie die Sünde.< Als ich schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hielten June und ich unterwegs an einem Restaurant am Massachusetts Turnpike an, um zu Mittag zu essen. Ich bestellte eine Muschelsuppe, die sehr heiß war. Automatisch versuchte ich, sie durch Pusten auf den Löffel abzukühlen, und hatte dann einen langen, lautlosen Lachanfall, der in einen Weinkrampf überging. June fragte mich, was ich hätte. Ich schrieb auf einen Zettel: >Ich bin jetzt ein Halsatmer. Meinst du, es wäre unfein, wenn ich meinen Löffel an meine künstliche Halsöffnung hielte, um auf meine Suppe zu pusten?< Dann lachten wir beide. Die Zeit, in der ich zu Haus war und darauf wartete, daß die Sprechtherapie anfing, war sehr schwierig. Eines Tages fuhr ich unsere achtjährige Tochter mit einigen unserer engsten Freunde an einen See. Sie wollte eigentlich das Wochenende dort verbringen. Aber sie wurde krank und blieb im Ferienhaus, während die anderen schwimmen gingen. Es ging ihr immer schlechter, und sie rief zu Haus an, weil sie Hilfe brauchte. Ich war allein zu Haus. Das Telefon hörte nicht auf zu läuten. Da ich die Dringlichkeit spürte, nahm ich schließlich den Hörer ab, aber ich konnte natürlich nicht sprechen. Sie weinte kläglich: >Bist du das, Daddy? Ich bin krank, Daddy, es tut so weh! Ich will nach Haus, Dad, bitte!< Ich hängte auf, sprang ins Auto, holte June unterwegs in der Stadt ab und fuhr dann an den See, um unsere Tochter nach Haus zu holen. Ich habe so geweint wie noch nie zuvor in meinem Leben. In >guter Absicht< hatte mein Arzt mir die Information vorenthalten, daß es für Menschen, denen der Kehlkopf entfernt wurde, elektronische Sprechhilfen gibt. Ich wußte nicht, daß solche Geräte existierten. Er dachte, wenn ich eins benutzte, wäre ich nicht mehr so stark motiviert, das ösophageale Sprechen zu erlernen. Als ich zu meiner nächsten Untersuchung ging, hatte ich ein brandneues Sprechgerät an einer Schnur um den Hals hängen. Mein Arzt kam herein, warf einen Blick auf das Servox-Gerät und fragte: >Was ist das?<, obwohl er sehr wohl wußte, was das war. Als Antwort drückte ich das Gerät an meinen Hals und sprach die ersten Worte mit meiner elektronischen Stimme aus: >Sie gottverdammter Mistkerl! Warum haben Sie mir nichts über diese Geräte gesagt?< Es war wirklich nicht seine Sache, diese Entscheidung zu treffen. Hätte ich von Anfang an von diesen Geräten gewußt, wären mir eine Menge Leid und Schwierigkeiten erspart geblieben. Kurz nach der Operation fragte mich einer der Ärzte aus dem Team, was ich vorhätte, wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde. Ich schrieb: >Ich verstehe 22
die Frage nicht.< Er sagte: >Es ist doch klar, daß Sie Ihre Lehrtätigkeit nicht wieder aufnehmen können. Selbst wenn Sie es schaffen, das ösophageale Sprechen zu lernen, dauert es zwei Jahre, bis Sie es beherrschen. Und dann können Sie höchstens zehn oder fünfzehn Minuten lang sprechen, weil es so anstrengend ist.< Ich begreife einfach nicht, welchen Nutzen es für Patienten haben soll, ständig zu hören: >Sie können dies nicht mehr, Sie können das nicht mehr, Sie werden jenes nie mehr können.. .< Ich meine, Ärzte müssen erkennen, welche hypnotische Wirkung ihre Worte auf Patienten haben. Statt zu sagen >Selbst wenn Sie es schaffen.. .< hätte er sagen können >Wenn Sie das ösophageale Sprechen lernen.. .<. Na ja, jedenfalls brauchte ich drei Monate, um die ösophageale Sprechweise zu meistern. Jetzt halte ich regelmäßig Lehrveranstaltungen von drei Stunden ab, mit nur fünfzehn Minuten Pause dazwischen. Aber als ich ans Springfield College zurückkehrte, benutzte ich zuerst die elektronische Sprechhilfe. Ich war voller Angst. Würden meine Studentinnen und Studenten sich auf irgendetwas anderes konzentrieren können als auf den merkwürdigen Klang der künstlichen, elektronischen Stimme? Ich bin sicher, daß sie meine Nervosität bemerkten, und ich bat sie, mir zu sagen, ob sie mich verstehen könnten. Daraufhin kam ein Zuruf nach dem anderen aus dem Auditorium: >Machen Sie weiter, Professor!<; >Sie hören sich gut an, Doc.<; >Wir hören Sie laut und deutlich, Ray! < Der Raum war mit Liebe erfüllt. Als ich meine Vorlesung beendete, standen meine Studenten auf und applaudierten. Elisabeth Kübler-Ross nennt es die erste bedeutsame Erkenntnis ihres Lebens, daß ein einziger Mensch, der uns wirkliche Liebe entgegenbringt, den ganzen Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann. An diesem Tag hatte ich einen ganzen Hörsaal voller solcher Menschen. Ungefähr drei Jahre nach meiner Kehlkopfoperation saß ich mit meiner Frau am Strand. Sie sah mich an und sagte: >Du, hör mal, Raymond, du hast da eine Schwellung zwischen deinen Schulterblättern. Was mag das wohl sein?< Es gibt eine Redewendung, die Krebspatienten benutzen, und ich glaube, sie trifft zu: Einmal Krebspatient, immer Krebspatient. Man macht sich Sorgen bei jedem Magenknurren, fragt sich bei jedem kleinen Schmerz: Könnte es Krebs sein? Meiner Meinung nach wissen Krebspatienten fast grundsätzlich, daß sie Krebs haben, bevor sie die Diagnose erhalten. Irgend etwas ist da in der menschlichen Seele, das einem die Botschaft vermittelt. Aber natürlich sagte ich zu meiner Frau, um ihre Ängste zu beschwichtigen: >Ach, weißt du, das ist wahrscheinlich nur eine Fettgewebegeschwulst. Die kommen sehr häufig vor. Mach‘ dir deshalb keine Sorgen.< Als ich vom Strand zurückkam, ging ich zu Michael, einem Freund in Springfield, der Chirurg ist. Er sah es sich an, tastete es ab und sagte selbst auch: >Ach, vermutlich ist es nichts Ernstes. Aber vielleicht solltest du nach Boston gehen und es von einem Spezialisten untersuchen lassen.< Ich ging also zu einem Chirurgen in Boston, der mir sagte: >Wir werden erstmal drei Monate abwarten und dann sehen, ob irgendwelche Veränderungen eingetreten sind< — das typische Gerede, man kennt das ja. Ich kam aus Boston zurück und 23
fragte mich: >Was zum Teufel sollst du jetzt machen, Ray? Wie sollst du drei Monate lang mit der Angst leben, daß es ein Tumor ist, der immer weiter wächst?< Also ging ich zurück zu meinem Chirurgen in Springfield. Er ist ein guter Freund. Ich sagte: Michael, nimm eine Gewebeprobe von dem verdammten Ding. Laß es uns unter dem Mikroskop ansehen. Er schnitt also etwas heraus, sah es sich an und sagte mir, es sei ein bösartiger Tumor. Ein paar Tage vergingen, und er rief mich zu sich. Er sagte: >Also, Ray, ich habe mit meinen Kollegen darüber gesprochen, wir haben es auf der Tumor-Konferenz diskutiert.< In den größeren medizinischen Einrichtungen haben sie jede Woche diese Tumor-Konferenzen; die Ärzte kommen zusammen, um ihre Fälle und die Wahlmöglichkeiten für die Behandlung zu diskutieren. Er fuhr fort: >Die Methode der Wahl ist, das Gewebe zwischen deinen Schulterblättern herauszuschneiden, etwa in diesem Umfang und soundso tief, und das Ding herauszuholen.< Hier, Sie können es sehen... (Ray drehte sich um und zeigte mir ein tiefes, vernarbtes Loch zwischen seinen Schulterblättern, das jetzt von stark ausgebildeten Muskeln umgeben war). Zum zweiten Mal akzeptierte ich nun die >Methode der Wahl<, ohne nachzufragen. Der Hohepriester hatte gesprochen. Ich nahm die Diagnose an und unterwarf mich der Operation. Nach dem chirurgischen Eingriff sagten sie mir, es sei alles in Ordnung. Es war ein weiterer Primärtumor. Sie stellten fest, daß es nicht mein Kehlkopfkrebs war, der nun etwa Metastasen im Rücken gebildet hatte. Na, wunderbar, denke ich, sie haben alles herausgeholt. Es vergeht etwa ein Jahr, da entdecke ich seitlich an meinem Hals einen Knoten. Ich fühle das verdammte Ding. Innerlich weiß ich sofort: >Verflucht nochmal, der Krebs hat sich ausgebreitet.< Ich gehe zu meinem Chirurgen und sage ihm: >Schneid es heraus. Sehen wir es uns an.< Also lasse ich es ambulant entfernen; es ist ein Lymphknoten. Er schneidet etwa drei davon heraus. Natürlich bin ich dabei nur örtlich betäubt und bekomme alles mit. Er hält sie in der Hand und sagt: >Sie sehen harmlos aus, Ray.< Ich sage: >Abwarten!< und denke mir: >Zur Hölle damit!< Ein paar Tage später wird mir mitgeteilt, daß diese Lymphknoten von Krebs befallen sind. Jetzt habe ich also Krebs im lymphatischen System. Michael schlägt vor, daß ich einen anderen Onkologen konsultiere, um weitere Tests vornehmen zu lassen und blah, blah, blah. Ich gehe also zu diesem anderen Onkologen, zufällig arbeitet meine Nichte in seiner Praxis. Er macht einige weitere Tests. Er läßt eine Knochenmarksbiopsie machen und teilt mir dann die Diagnose mit. Ich hatte Knochenmarkskrebs im vierten Stadium. Bei der Krebsdiagnose teilen sie den Körper in Felder und Sektionen ein, - oberer linker Quadrant, unterer rechter Quadrant, und so fort. Dann wird der entdeckte Krebs nach Stadien klassifiziert: Erstes Stadium - gute Prognose. Zweites Stadium ist natürlich schon ernster. Drittes Stadium ist tödlich. Viertes Stadium: Aus - weg von der Platte. Tatsächlich war es das, was sie mir sagten. Krebs im Endstadium. Sie rieten mir, meinen Frieden mit Gott zu machen, da ich nicht mehr lange leben würde. Ich fragte meinen Onkologen: >Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?< Er sagte: >Massive Chemotherapie und massive Bestrahlung.< Ich sah ihn an und fragte: 24
>Woher kommen diese Vorschläge?< Er antwortete: »Nun, in der Diskussion mit Kollegen.. .<, und dann kam es zum dritten Mal: >Die Therapie der Wahl.. .< Das war der Augenblick, in dem ich die Arme hochwarf und sagte: >Ach, leckt mich doch alle... !< >Was ist denn los mit Ihnen ?< wollte er wissen. Ich sagte: >Wissen Sie, ich bin in einer kulturellen Umgebung aufgewachsen, die den Wissenschaften im allgemeinen und den medizinischen Berufen im besonderen hohe Wertschätzung entgegenbringt. Ich habe diese Einstellung auch nicht aufgegeben. Es ist nur, daß ich von Ärzten ständig höre: >Die Therapie der Wahl ist das und das. Niemand hat mir je gesagt: >Dies sind einige der Wahlmöglichkeiten — wir glauben, daß diese Dinge helfen könnten. Was meinen Sie dazu, Ray? Ich wurde nie in irgendeinen der Entscheidungsprozesse einbezogen.< Ich sagte zu meinem Onkologen: >Steve, von jetzt an will ich die genauesten medizinischen Informationen, die ich bekommen kann. Und ich werde die Entscheidungen treffen!< Ich war sehr kritisch geworden. Ich kam zu dem Schluß - und das ist nicht wissenschaftlich-, daß ich auf irgendeine Weise selbst meinen Krebs verursachte. Für mich war das wirklich eine weise Erkenntnis. Die Schwierigkeit, die Außenstehende oft mit dieser Aussage haben, ist die, daß sie das Übernehmen von Verantwortung mit Scham, Selbstvorwürfen oder Schuldgefühlen gleichsetzen. Das ist aber nicht mein Ansatzpunkt. Ich glaube, daß man sich entscheiden kann, ob man in dieser Welt und im eigenen Leben auf der Ursachen- oder auf der Wirkungsseite stehen will. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur angenommen, ich sei dem Wirken höherer Mächte unterworfen, - dem Schicksal, Gott oder Jahwe. Nun, ich hörte auf, das zu glauben, und sagte mir: >Auf irgendeine Weise bin ich selbst die Ursache dafür. Und wenn ich selbst die Ursache bin, dann kann ich auch etwas daran ändern.< Ich sagte mir: >Verdammt noch mal, Ray, du hast es verursacht. Wenn das so ist und wenn du es wirklich glaubst, dann kannst du auch damit fertig werden. Was du hervorgerufen hast, kannst du auch wieder zurücknehmen. Du kannst das ändern.< An diesem Punkt kam die entscheidende Wende. Da fing ich an, mich mit alternativen Methoden der Krebsbehandlung zu beschäftigen. Ich ging allen möglichen Themen nach, die mit Streß zu tun hatten, Streßbewältigung, Ernährung, das ganze Paket. Ich fing an, mein Leben grundlegend zu verändern. Zu diesem Zeitpunkt dachten meine Frau und ich daran, diese Farm hier zu kaufen. Wir wollten aus der Stadt heraus. Bevor ich diese Erkenntnis gewonnen hatte, sagte ich mir: >Was für eine Verschwendung! Ich sterbe an Krebs. Was für ein Unfug, einen Hauskauf zu planen und June und die Kinder mit einer Hypothek und einer großen Farm zurückzulassen.< Aber als meine Einstellung und mein Glaubenssystem sich geändert hatten — das eigene Glaubenssystem ist ausschlaggebend, wenn man den festen Glauben hat, klappt es; wenn man den Glauben nicht hat, wird es einfach nichts -, da sagte ich: >Wir müssen unser Leben so weiterleben, als würde ich hundert Jahre alt. Wir werden die Farm kaufen.< Und wie Sie sehen, taten wir das auch, wir kauften die Farm. Das alles hier gehört uns, so weit Sie sehen können. Der Diagnose nach wurden meine Lebenschancen an der unteren Grenze auf sechs Monate geschätzt; die obere Grenze waren achtzehn Monate. Jedesmal, wenn ich mich untersuchen ließ, - ich ging alle drei Monate zur Krebsuntersuchung - saß mein 25
Onkologe da, schüttelte immer nur den Kopf und sagte: >Das verstehe ich nicht. Ich verstehe das nicht!< Anfangs bekam ich von seiten der Ärzte keine Unterstützung für das, was ich machte. Tatsächlich hatte ich in meiner gesamten Umgebung wenig Unterstützung, abgesehen von einem sehr lieben Freund, einigen guten Freunden und meiner Frau, die sagten: >Hör mal, wie du dich entscheidest, was immer deiner Meinung nach das Beste für dich ist, du weißt, daß wir voll hinter dir stehen!< Und ich brauchte das. Aber alle anderen fanden das, was ich tat, völlig absurd. >Mein Gott, Ray!<, sagten sie. Die Krankenschwester, die in der Praxis des Onkologen arbeitete, war meine Nichte. Nach jeder Untersuchung sah sie sich die Ergebnisse an. Sie weinte immer, wenn sie mich anrief. Ich sprach mit meinem Onkologen, und er sagte immer wieder: >Sehen Sie, wenn Sie die Chemotherapie akzeptieren, können wir Sie vielleicht drei oder vier Jahre länger am Leben erhalten.< Sie begriffen es nicht. Ich sagte: >Verdammt nochmal, Sie reden davon, mir drei oder vier Jahre Aufschub zu geben. Das interessiert mich nicht. Drei oder vier Jahre mehr sind nicht mein Ding! Ich will aus der Sache rauskommen.« Ray hob die Arme und stieß einen Kampfschrei aus. »Ich setze auf Sieg!« Diese Einstellung half mir, am Leben zu bleiben. Aus der Perspektive der Transaktionsanalyse ist es das ungestüme, trotzige kleine Kind in uns, das sich da äußert. Es ist dieses Drängen zum Leben, dieser Lebenswille. Es ist dieses Suchen nach Wegen zum Überleben. Steh es durch! Geh mitten durch oder spring drüber weg! Aber du kannst es schaffen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Da war dieser Typ, der eine Treppe hinunterstürzte und sich schwer verletzte. Man sagte ihm, er werde sich nie wieder bewegen können. Nachdem er die Meinung der Ärzte gehört hatte, sagte er etwas Interessantes: >Wie zum Teufel kann man einen Kampf gewinnen, wenn man ihn schon mit der Erwartung der Niederlage beginnt?< Er tat etwas Unglaubliches. Er stellte sich vor, er könnte lernen, einen Zeh zu bewegen, das sollte der Anfang sein. Er konzentrierte sich ständig auf seinen großen Zeh. Er lenkte seine gesamte Energie in seinen großen Zeh. Seine Mutter kam ihn eines Tages besuchen. Er sagte: >Mutter, schau auf meinen großen Zeh!< Immer wieder sagte er: >Schau ihn dir an, beobachte ihn.< Und sie beobachtete ihn. Und er sagte: >Siehst du etwas?< >Nein<, sagte sie, >ich sehe nichts.< >Bist du sicher?« Sie sagte: >Ich sehe wirklich nichts.< Er sagte: >Schau ihn weiter an, beobachte ihn!< Sie sagte: >Ich sehe keine Bewegung.< Aber dann, plötzlich, bemerkte sie etwas anderes. Einer seiner Finger, ich glaube, es war sein Daumen, hatte angefangen, sich zu bewegen. Das war der Durchbruch. Er schaffte das scheinbar Unmögliche. Heute ist dieser Mann, der an allen vier Extremitäten vollständig gelähmt war, frei beweglich und kann seine Arme und Beine wieder gebrauchen. Die Geschichte hat einen vertrauten Klang. Sie sehen, ich wollte wirklich gesund werden. Mein größtes Liebesabenteuer ist die Liebe zum Leben. Im Leben 26
liegen alle Hoffnungen. Im Tod liegt wirklich gar keine Hoffnung. Das ist keine Verleugnung des Lebens nach dem Tod oder wie immer man es nennen will. Ich glaube tatsächlich daran, daß wir in irgendeiner Form weiterexistieren, wenn wir diese Welt verlassen, und das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber ich möchte so lange hierbleiben, wie ich kann. Ich liebe das Leben. Ich habe noch zuviel zu tun, um jetzt schon abzutreten. Ich habe immer so unheimlich viel vor - Projekte, die ich verwirklichen will, Orte, die ich aufsuchen, und Leute, die ich sehen will. Ich glaube, wenn die Zeit zum Sterben kommt, werde ich ein Gefühl der Vollständigkeit oder der Vollendung haben, eine fertige Gestalt, oder wie immer man es nennen will. Aber vorerst habe ich immer noch das Gefühl: Teufel nochmal, da ist noch so viel zu tun.« Ohne Vorwarnung sprang Ray plötzlich auf und raste in die angrenzenden Felder hinein. Nach sekundenlangem Zögern rannte ich ihm nach, obwohl ich nicht wußte, was er vorhatte. Ray war etwa zwanzig Meter vor mir, als ich sah, daß er hinter seiner Katze her war und versuchte, sie einzufangen. Er machte einen Sprung nach vorn und stürzte bäuchlings zu Boden, die Arme weit vorgestreckt, aber er hatte die Katze knapp erwischt. Als ich näher kam, wurde mir der Sinn der Aktion klar: Die Katze hatte eine Feldmaus im Maul. Ray war schnell, aber sanft. Er öffnete die Kiefer der Katze und ließ die Maus frei. Wir gingen schweigend zur Terrasse zurück. »Da es in meiner Familie keine Vorgeschichte von Krebserkrankungen gab, weder in der Elterngeneration noch in der Generation davor, nicht einmal in der Zeit vor der Einwanderung, dachte ich viel darüber nach, wie es möglich war, daß ich mir Krebs zugezogen hatte. Lawrence LeShan sagt in seinem Buch >Psychotherapie gegen den Krebs<, daß er bei Leuten aus der Generation, die in die Vereinigten Staaten einwanderte, viele übereinstimmende Merkmale fand. Er meint, daß es vermutlich bestimmte kulturelle Einflüsse waren, die es in den alten Ländern nicht gegeben hatte, und die hier, in diesem Land, zu Krebs führten. Einer dieser Faktoren ist Streß. Ernährung ist ein weiterer Faktor. Wir stehen sehr viel stärker unter Streß, und wir essen auch anders als die Leute auf einem Bauernhof in Italien. Aber ich rede nicht von Meinungen. Es ist eine Tatsache, daß die Ernährung eine sehr wichtige Rolle spielt bei der Entstehung von Krebs und auch bei der Genesung, bei der Heilung von Krebserkrankungen. Ich bin davon überzeugt, daß diese Faktoren entscheidend zu meiner Krebserkrankung beitrugen. Erstens konnte ich nicht gut mit Streß umgehen; ich ließ mich von meinen Belastungen zerreißen. Zweitens hatte ich grauenvolle Ernährungsgewohnheiten. Kaffee und ein gefüllter Krapfen waren mein Frühstück. Mein Mittagessen bestand aus einem Hot Dog und einer Cola - und jedermann weiß, daß Cola ja so munter und lebendig macht.« Wir lachen beide. »Wenn ich klüger gewesen wäre, hätte ich die Anzeichen schon viel früher bemerkt. Als Kind hatte ich eine Erkältung nach der anderen. Und ich hatte so oft Hautausschlag, — es war mir furchtbar unangenehm. In meinem Fall kam das von ernährungsbedingten Mangelzuständen. Ich finde es geradezu faszinierend, daß viele Leute mich jetzt als Sonderling betrachten, weil ich so esse, wie ihre Großeltern aßen. Sie aßen frisches Obst und frisches Gemüse damals, keine vorbehandelten Lebensmittel. Ich las einen Artikel von Albert Schweitzer, der mich sehr beeindruckte. Bei seinem Studium afrikanischer Stämme beobachtete er, daß generative Krankheiten sich unter ihnen auszubreiten begannen, je mehr sie mit der westlichen Zivilisation in Berührung 27
kamen. Bei den Stämmen, die an der primitivsten Lebensweise festhielten, war Krebs nahezu unbekannt, aber unter denjenigen, die sich der modernen westlichen Lebensweise angepaßt hatten, breiteten Krankheiten sich in einem enormen Ausmaß aus. Statt hinauszugehen und auf Bäume zu klettern, um sich ihre Nahrung zu holen, fingen sie an, Konserven und vorbehandelte Lebensmittel zu verwenden. Außerdem waren sie vermutlich größerem Streß ausgesetzt. Für mich hieß es, anders mit Streß umzugehen, wenn ich leben wollte. Ich entdeckte das Kind in mir. Dieses Kind in einem selbst braucht Freiräume und Zeit für Spaß, Zeit für Entspannung. Jeder muß für sich selbst herausfinden, was das Richtige ist. Für mich ist es Musik, meine Liebe zur Musik, und Lesen und Körpertraining. Mann, beim Training lege ich richtig los. Die Jungs in meinem Fitneßclub können immer noch nicht glauben, daß dieser Körper zweiundfünfzig Jahre alt ist. Nachdem ich Krebs bekommen hatte, gab ich mir selbst die Erlaubnis, die Dinge zu tun, die ich tun wollte. Vorher erlaubte ich vielen Dingen, mich an der Befriedigung meiner wahren Bedürfnisse zu hindern. Meine Beziehungen zu allen Menschen, an denen mir liegt, verbesserten sich. Meine Sensibilität, mein Bewußtseinsniveau, meine Fähigkeit, mit anderen Menschen zusammenzusein, steigerten sich enorm. In dieser Hinsicht habe ich eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht. Ich bin sicher, das hatte eine heilende Wirkung auf mich. Ich hatte immer die Gabe - das hört sich jetzt vielleicht hochtrabend an -, mich in Menschen einzufühlen und mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich habe viel Mitgefühl mit anderen Menschen. Ich weiß, das klingt furchtbar schmalzig oder kitschig. Das wird auf meinem Grabstein stehen - nein, das nehme ich zurück, ich werde keinen Grabstein haben. Ich habe beschlossen, einen Beitrag zur Ökologie zu leisten und mich verbrennen zu lassen. Die Asche wird verstreut. Aber wenn ich einen Grabstein hätte, sollte das Wort >mitfühlend< darauf einen Platz haben. Ich glaube, jede Tugend wird zu einem Fehler, wenn sie ins Extrem getrieben wird. Ich ging mit meinem Mitgefühl so weit, daß es für mich destruktiv wurde. Bei meinen Krebserkrankungen fand ich es notwendig - fälschlicherweise -, allen anderen ihre Angst um mich zu nehmen und sie zu beschwichtigen. Statt dessen hätte ich mich mehr um meine eigenen Gefühle kümmern sollen. Eine Sache, die mir geradezu entgegensprang, bei Freunden und auch bei Familienmitgliedern, war, daß meine Krebskrankheit ihnen plötzlich ihre eigene Sterblichkeit bewußtmachte. Sie kamen fast um vor Angst. Niemand hätte das laut ausgesprochen, aber ich fühlte es. In den Beratungsgesprächen bei der Rehabilitation nennen wir das die Notwendigkeit zu trauern. Menschen haben ein Bedürfnis, Kranke in ihrer Umgebung elender und tragischer zu machen, als sie es in Wirklichkeit sind, um ihr eigenes Gefühl von physischer Unversehrtheit zu stärken. Wenn ich den anderen als krank und tragisch ausmache, mehr als er tatsächlich ist, dann geht es mir besser. Ein Zwischenfall brachte das wirklich klar zutage. Kurz nachdem ich zum ersten Mal aus dem Krankenhaus kam, nach meiner Kehlkopf Operation, stand ich da mit meiner Frau, meiner Schwester und ihrem Mann. Es war beim Geburtstag meiner Schwester. Aus dem Augenwinkel sah ich eine meiner Tanten. Die Szene steht so lebendig vor mir — o Gott, es war furchtbar. Sie beugte sich vor, guckte, und schlängelte sich an mich heran. Sie starrte mich an, so« — Ray verzieht sein Gesicht zu einer jammervollen 28
Miene - »sah mir in die Augen und sagte: >Bist du das, Ray?< Ich hätte ihr am liebsten mitten ins Gesicht gekotzt, wenn ich das auf Abruf gekonnt hätte. Es war diese >Achdu-armes-Schwein<-Szene -, abwertendes Mitleid. Sie hatte das Bedürfnis, mich als armes Schwein auszumachen, damit sie sich besser fühlen und sich ihrer eigenen Gesundheit versichern konnte. Merkwürdig ist das, aber ich habe es einige Male erlebt. Genau wie diese negativen Gefühle die Gesundheit beeinträchtigen, wirken positive Gefühle heilend. Humor war sehr wichtig für mich. Das ist nicht nur meine persönliche Vorstellung, es gibt Untersuchungen darüber, und es ist keine Frage, daß Humor heilende Wirkungen hat. Ich sehe jetzt viel Witziges, was mir vorher entgangen ist. Ich sehe in vielen Dingen den komischen Aspekt. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als sie mich aus dem Bett holten, nachdem ich am Kehlkopf operiert worden war. Ich sollte mich bewegen, aber da ich noch am Tropf hing, mußten die Schläuche und das ganze Drum und Dran mitgenommen werden. Also mußten zwei Krankenschwestern mich von beiden Seiten stützen. Im Mass General Krankenhaus haben sie diesen riesigen Korridor, und er erinnerte mich an die Aschenbahn in einem Sportstadion. Ich dachte, was für ein toller Platz für einen Hundert-Meter-Lauf. Natürlich konnte ich nicht sprechen, aber ich dachte es. Die Schwestern gingen mit mir bis zum anderen Ende des Korridors und wollten mich dann zurückbringen. Aber ich hatte noch etwas anderes vor. Ich ging in die Startposition wie ein Läufer und gab ihnen durch Gesten zu verstehen: >Zurück laufen wir um die Wette.< Wenn jemand, den ich liebe - ein Familienmitglied, ein Freund, einer meiner Studenten - Krebs bekäme, würde ich in jedem Fall Hoffnung vermitteln und die Vorstellung weitergeben, daß Krebs, im Gegensatz zur populären Mythologie, kein Todesurteil ist. Sie müssen ihre eigenen Ressourcen mobilisieren, im Zusammenhang mit den besten medizinischen Informationen, die sie bekommen können. Ich denke, für Krebspatienten ist es von ausschlaggebender Bedeutung, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihren Lebensstil zu überprüfen, insbesondere ihren Umgang mit Streß. Es ist absolut wichtig, daß sie ergänzende Vitamin- und Mineralgaben erhalten. Nach allem, was ich mir an Wissen über diese Dinge angeeignet habe, gibt es bestimmte, sehr wichtige Spurenelemente, Vitamine und Mineralien, die von grundlegender Bedeutung sind, insbesondere für Krebspatienten. Ich glaube nicht, daß die traditionelle Medizin allein etwas ausrichten kann, wenn man diese anderen Dinge nicht beachtet. Der größte Teil der konventionellen Krebstherapie ist reine Symptombehandlung. Man hat einen Tumor, und sie schneiden ihn heraus. Die Ursachen der Krankheit - warum der Tumor sich überhaupt bilden konnte — bleiben im Dunklen. Für jede Art von Krebs gibt es gute medizinische Therapien. Aber es ist dennoch ein Kurieren an Symptomen. Ich denke, man muß sich mit den Ursachen befassen. Es ist sehr wichtig, einen Arzt zu finden, mit dem man sich gut versteht. Was meine eigene Behandlung angeht, muß der Arzt im Hinblick auf Offenheit und Flexibilität so sein wie ich. Wenn ich mit einem Arzt zusammenarbeiten müßte, der sich in verschiedenen Fragen unkooperativ verhielte, würde ich mir einen anderen suchen. Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, ich wäre generell gegen die Schulmedizin, denn das bin ich nicht. Es gibt einige wirklich gute Leute im medizinischen Bereich, denen ihr Ego nicht im Weg steht. Diese Ärzte lernen etwas von ihren Patienten.« 29
Ray hob plötzlich seinen Arm, fing eine Fliege aus der Luft und zerschmetterte sie klatschend auf dem Tisch. Er hielt einen Augenblick inne. »Das ist der kleine Hitler in mir.« Wieder schwieg er. »Nein, ich bin nicht ohne Widersprüche, aber ich nehme mir meine Widersprüchlichkeit nicht mehr so übel wie früher. Die Krankheit war sehr wichtig für mich. Ich mag mich jetzt mehr. Ich möchte die Erfahrung nicht missen, aber es wäre eine Lüge, zu behaupten, ich würde sie nicht wieder rückgängig machen, wenn ich meine Stimme wiederhaben könnte. Beim Singen konnte ich früher wirklich abheben. O Gott, es wäre mir völlig egal, ob es anderen gefällt oder nicht. Ich konnte mich selbst in Begeisterung versetzen; es lief mir heiß und kalt den Rücken herunter. Ich habe zwanzig Jahre lang meine Stimme ausgebildet. Ich war auch objektiv gut. Man sagt, daß ein Licht am hellsten brennt, kurz bevor es ausgeht. Die beste Gesangsleistung meines Lebens erreichte ich kurz bevor ich den Kehlkopfkrebs bekam, und manchmal kann ich nicht anders, — ich muß einfach daran denken, was ich auf dem Gebiet hätte erreichen können, wenn ich nicht an Krebs erkrankt wäre. Dem trauere ich vielleicht am meisten nach. Aber ich kann mich daran nicht festhalten. Es gibt einen Grund, warum ich Kehlkopfkrebs bekommen habe, und darüber wird in keinem Medizinstudium etwas vermittelt. Es hat etwas mit meinem Vater zu tun. Das klingt jetzt vielleicht, als ginge ich in sehr tiefe unbewußte Bereiche hinein, aber ich bin überzeugt, daß es da eine Verbindung gibt. Wir können andere wirklich auf den Trip schicken. Wir legen Samen, die sich sehr destruktiv auswirken können, insbesondere wenn wir anderen zu Zeiten, in denen sie am verletzlichsten sind, bestimmte Dinge sagen oder sie in einer bestimmten Weise behandeln. Es gibt Studien über die besondere Anfälligkeit bestimmter Organe oder Körperteile für Krankheiten. Wenn jemand von Kindheit an gesagt bekommt, er habe kein Rückgrat, wird er irgendwann Rückenmarkskrebs bekommen. Wenn man jemandem ständig sagt, er sei ein Arschloch, kriegt er Krebs am Darmausgang. Mein Bruder hat sich nie mit seinen schlechten Stimmungen oder negativen Gefühlen konfrontiert. Er sprach immer davon, daß ihm Probleme auf den Magen schlagen. Er starb an Magen-Darm-Krebs. Mein Vater ging immer auf mich los, wenn ich mit den anderen Kindern spielte. Er schimpfte wie ein Wilder, vor allen anderen: >Warum höre ich immer nur dich? Wie kommt es, daß du von allen Kindern hier in der Straße das größte Maul hast?< Wenn er mich aus der Ferne zu sich rufen wollte, stieß er einen schrillen Pfiff aus. Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff so laut, daß man es eine halbe Meile weit hören konnte. Ich blieb wie angewurzelt stehen — von wegen Konditionierung! Ich erstarrte förmlich zur Salzsäule. Ich drehte mich um, und dann hob er die Hand und griff an seine Kehle, so: (Ray umfaßte seine Kehle mit der Hand). Die Botschaft war: >Ich erwürge dich! Setz deinen Hintern in Bewegung und komm sofort hierher!< Und als ich in den Operationssaal gefahren wurde...« Rays Augen füllten sich mit Tränen. Einige Minuten vergingen, bevor er weitersprechen konnte. »... Als ich in den Operationssaal gefahren wurde, hörte ich tief in meinem Inneren eine kleine, verängstigte Stimme sagen: >Jetzt wirst du meine Stimme nicht mehr hören müssen, Dad.<« Ray weinte. Er schwieg lange, bevor er weitererzählte. »Ich war bei Elisabeth Kübler-Ross, und sie sagte, daß es keine Zufälle im Leben gibt. Das ist etwas, woran ich glaube und was mir sehr wichtig ist. Es war kein Zufall, daß ich Krebs bekam. Ich glaube nicht, daß ich auf der intellektuellen Ebene einen Sinn 30
daraus entnehmen kann, es sei denn, man sagt, hinter allem steht irgendeine Absicht, irgendeine Ursache. Vielleicht verfolgt eine über dem Menschen stehende Macht eine Absicht mit meiner Krebserkrankung. Ich meine damit nicht, daß Gott mit dem Finger auf mich zeigte und sagte: >Du sollst Krebs bekommen!< Aber vielleicht liegt der Sinn darin, daß ich einen wichtigen Beitrag leisten kann. Ich glaube, das ist zumindest teilweise der Grund, warum ich noch hier bin. Ich habe anderen Menschen eine Menge zu geben, eine Menge mitzuteilen. Also sage ich mir: >Tu es!< Meine Gefühle liegen offen zutage. Es gibt keine Verstellung mehr. Wenn ich wütend bin, werden Sie es merken. Wenn ich einfach nur schlechte Laune habe, werden Sie es merken. Und wenn ich liebevolle Gefühle habe, werden Sie es auch sofort wissen. Was ich empfinde, zeige ich. Vor Jahren hätte ich mich bedeckt gehalten, auch was diese Gefühle für meinen Vater betrifft. Ich verberge meine Gefühle nicht mehr. Was andere Menschen von mir mitbekommen, alles, was sie sehen, das bin ich - gut, schlecht oder alles, was dazwischen liegt.«
Beobachtungen Raymond Berté veränderte sich, nachdem bei ihm »Krebs im Endstadium« diagnostiziert worden war. Er veränderte seine konkreten Lebensbedingungen. Er verließ die Großstadt und zog aufs Land - ein Schritt, den er schon lange tun wollte. Aber noch wichtiger waren die inneren Veränderungen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten Menschen unter dem Eindruck, die Kontrolle über ihren Körper verloren zu haben, ins Taumeln geraten würden, entdeckte Raymond neue individuelle Kraft und neue Freiräume. Die Haltung, die er seinem Leben gegenüber einnahm, daß er für alles, was mit ihm geschah, selbst die Verantwortung übernahm, motivierte ihn, seine persönlichen Beziehungen neu zu gestalten, seine Ernährungsgewohnheiten zu ändern, sich eingehend über seine Krebserkrankung zu informieren und seine Behandlung selbst zu bestimmen. Statt schwer auf ihm zu lasten wie ein Kreuz, das er zu tragen hatte, versetzte dieses Gefühl des Verantwortlichseins ihn in die Lage, ein »Liebesabenteuer mit dem Leben« einzugehen. Wie der Psychologe Albert Ellis sagt, sind »die besten Jahre deines Lebens diejenigen, in denen du entscheidest, daß deine Probleme deine eigene Sache sind. Du machst nicht deine Mutter, die Umwelt oder die Regierung dafür verantwortlich. Du erkennst, daß du selbst dein Schicksal bestimmst.« Ich hatte von Raymond Berté schon ein Jahr bevor ich ihn kennenlernte gehört. Aber was ich über ihn wußte, hatte nichts mit Krebs oder seiner außergewöhnlichen Heilungserfahrung zu tun. Ich arbeitete in einem psychiatrischen Zentrum, etwa hundert Kilometer von Raymonds Wohnsitz entfernt, und gehörte einem Team an, das graduierte Bewerberinnen und Bewerber für das Medizinalpraktikum im folgenden Jahr auswählte. Drei Studenten, die sich für das praktische Jahr beworben hatten, kamen aus dem College, an dem Raymond lehrte. Eine der Standardfragen der Auswahlinterviews lautete: »Welche Person hat Sie während Ihrer Ausbildung am stärksten beeinflußt? Beschreiben Sie diese Person als Helfer.« Alle drei Studenten nannten Raymond Berte. Das Auswahlkomitee hatte nie erlebt, daß derselbe Hochschullehrer mehr als einmal benannt wurde, und hörte aufmerksam zu, als die Studenten schilderten, wie Raymonds 31
Ansprüche an ihr Niveau ihr Leben beeinflußt hatte. Er wurde als mitfühlend und ehrlich beschrieben, als kritisch und streitlustig, aber dennoch sehr liebevoll. Sie sagten, daß Raymond sie bis an ihre Grenzen getrieben habe, damit sie sich selbst und ihre Motive, anderen zu helfen, besser verstehen lernten. Raymond ist charismatisch, sowohl in seinem Wesen als auch in seinem Persönlichkeitsstil. In alles, was er tut, bringt er sich mit Leib und Seele ein, ob er eine Lehrveranstaltung abhält, mit einem Krebspatienten ein Beratungsgespräch führt oder einen Waldlauf macht. Sein Selbstvertrauen und seine kraftvolle Ausstrahlung machen ihn zu einem eindrucksvollen Gegenüber. Dennoch scheut er sich nicht, seine offensichtliche Sehnsucht nach Nähe zu demonstrieren. Wie seine Studenten war ich von diesem Mann, der so viel von sich selbst zeigte, angerührt und beeindruckt. Zweifellos haben sich diese Persönlichkeitsmerkmale nicht alle erst nach seiner Krebserkrankung herausgebildet. Aber wie viele andere Menschen, die tödliche Krankheiten überlebten, vollzog Raymond Veränderungen, die so tief gehen, daß sie eine existentielle Wandlung darstellen. Der Persönlichkeitszug, der mich am tiefsten an ihm beeindruckte, scheint sich als Folge seiner Heimsuchung durch Krebs entwickelt zu haben: Mehr als alle anderen Menschen, die ich kenne, spricht und handelt Raymond aus seinem Herzen heraus. Raymond hat einen glühenden Lebenswillen. Seine Entscheidung, die empfohlene Behandlung nicht passiv hinzunehmen, demonstriert seinen Wunsch zu leben und gleichzeitig auch seine Eigenwilligkeit. Raymond weigerte sich, in einen Plan einzuwilligen, dem letztlich die Erwartung zugrunde lag, daß er sterben werde. Er war überzeugt, daß der Glaube an die Heilung ausschlaggebend ist: »Wenn man daran glaubt, klappt es; wenn man nicht daran glaubt, wird es einfach nichts.« Um seine Hoffnung aufrechtzuerhalten, mußte er jedem widersprechen, der ihm sagte, er werde es nicht schaffen, - insbesondere einem »erfahrenen Spezialisten«. Das »Ach, leckt mich doch alle...« an seinen Arzt war kein Akt trotzigen Widerstandes und kein Ausdruck unreflektierter Verweigerung. Er bekräftigte damit seinen Willen, am Leben zu bleiben, und seine Energie. »Als man meine Krebserkrankung als letal diagnostizierte, akzeptierte ich es einfach nicht. Das ist keine Verleugnung der Realität. Es bedeutet, daß ich keinem Experten gestatte, das Todesurteil über mich zu sprechen. Wenn ich mich darauf einlasse, ist es der Anfang vom Ende.« Mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit Raymond zu dem Schluß kam, daß er für sein Leben und seine Krankheit selbst verantwortlich sei und daß er folglich auch die Entscheidungen über seine Behandlung selbst treffen werde. Damals wurde eine solche Haltung als bizarr und sogar selbstmörderisch betrachtet. Inzwischen wächst jedoch die Erkenntnis, daß eine Lebenshaltung, die davon ausgeht, daß man große Macht über das eigene Leben hat, tatsächlich sehr viel Kraft verleiht. Raymond hat inzwischen ein Buch über seine Laryngektomie veröffentlicht: To Speak Again: Victory over Cancer (»Die Sprache wiederfinden - Sieg über den Krebs«). Raymonds Position wird auch von einigen führenden Managementberatern vertreten. Michael Shandler sagt seinen Klienten aus der Unternehmenswelt: »Sie sind zu hundert Prozent für alles verantwortlich, was sich in Ihrem Leben ereignet. Andere Menschen und die Umwelt tragen Null Prozent dieser Verantwortung. Es kommt nicht darauf an, ob diese Aussage objektiv richtig ist oder nicht. Die Frage ist: Wird es Ihre Kräfte und 32
Fähigkeiten steigern, dieses Hundert-Prozent/Null-Prozent-Konzept der Verantwortung als innere Haltung anzunehmen?« Auf die Frage, ob und wie dieses Konzept auf Krebspatienten angewandt werden könne, antwortete Shandler: »Es ist durchaus nicht einfach, es unter normalen Bedingungen anzuwenden, zum Beispiel während eines Streits mit Ihrer Frau, geschweige denn unter der Belastung durch eine schwere Krankheit. Und natürlich wird es Augenblicke des Zweifels geben, ob Ihr Handeln wirklich richtig ist. Aber alles, was in Ihrer praktischen Lebensphilosophie unter hundert Prozent Verantwortung liegt, kann Sie dahin führen, anderen die Schuld zuzuweisen oder Ihr Verhalten durch >Sachzwänge< zu rechtfertigen. Wenn Sie denken, daß andere verantwortlich sind oder daß Sie nicht handeln können, solange diese furchtbare Situation andauert, bleibt der Status quo bestehen.« Wenn Patienten zum ersten Mal mit dem Konzept der hundertprozentigen Verantwortung für das eigene Leben konfrontiert werden, protestieren einige: »Aber es liegt doch gar nicht in meiner Macht!« Wenn man in Raymonds Situation ist, wie kann man da hundertprozentige Verantwortung übernehmen, ohne über hundert Prozent Einflußmöglichkeiten zu verfügen? Sheldon Kopp, der Autor des Buches If You Meet Buddha on the Road, Kill Him! (»Triffst du Buddha unterwegs ...«), gibt eine unbequeme Antwort: »Es mag ungerecht erscheinen, daß ein Mensch die vollständige Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen muß, ohne die vollständige Macht darüber zu haben, aber für wie gut oder schlecht man das nun auch halten mag, - mir scheint, es ist einfach so.« Das Bemühen um die beste medizinische Beratung und Versorgung ist ein wesentlicher Aspekt der Eigenverantwortung. Raymond benutzte seine Ärzte als Berater. Er holte die Meinungen und den Rat von Experten ein, wog ihre Empfehlung sorgfältig ab und traf dann seine eigenen Entscheidungen. Da er nicht willens war, der geduldige Patient zu sein, stieß er auf erheblichen Widerstand, nicht nur von Seiten der Ärzteschaft, sondern auch von Freunden und Familienmitgliedern, die fürchteten, daß er selbstdestruktiv handelte. »Es reicht nicht, daß Ihr Arzt aufhört, Gott zu spielen. Sie selbst müssen sich von Ihren Knien erheben«, sagt Marvin Belsky in seinem Buch How to Choose and Use Your Doctor (»Über die Wahl von und den Umgang mit Ärzten«). Das Problem des entmachteten Patienten ist eine Frage des Systems, und die Patienten sind dafür nicht weniger verantwortlich als die Ärzte. Kranke wünschen sich, ihr Arzt möge allmächtig und allwissend sein, und Ärzte reagieren darauf. Offenbar wollen Menschen glauben, daß da irgend jemand ist, der die existentiellen Fragen beantworten kann, daß es jemanden gibt, der wirklich klüger und stärker ist als wir selbst. Was Sheldon Kopp über die Dynamik zwischen Psychotherapeuten und ihren Patienten sagt, gilt auch für Die Arzt-Patient-Dynamik allgemein: »Zu Beginn der Behandlung denken die Patienten auch nicht im entferntesten daran, daß jede und jeder von uns sich selbst retten muß. Wenn wir nach den Ursachen dieser routinemäßig auftretenden Unebenbürtigkeit zwischen Wahrheitssucher und 33
Guru fragen, ist das Wie ebenso bedeutsam wie das Warum. Daß ich als Therapeut immer stärker und weiser erscheine, ist eine Funktion der Selbstenteignung des Patienten, der die Verantwortung für seine eigene Stärke und Weisheit abgibt und diese Qualitäten per Projektion meinen gar nicht so breiten Schultern auferlegt. ... Ich bin in Versuchung, auf den Handel einzugehen, aber letztlich kommt nie etwas Gutes dabei heraus. ... Ich kann mich so leicht täuschen, daß es die Pflicht des Patienten ist, diese Möglichkeit im Auge zu behalten.« Die Art, wie Menschen in helfenden Berufen, besonders Mediziner, ausgebildet werden, fördert autoritäre Verhaltensweisen. Studierende lernen die »angemessenen Interaktionsformen«, indem sie die Haltung imitieren, die ihre Professoren und Mentoren ihnen gegenüber einnehmen. Ein System, das Studierende wie Kinder behandelt und sie als Personen kaum respektiert, vermittelt die Botschaft, daß dies die richtige Art sei, mit anderen Menschen umzugehen. Die Ausbildung von Psychologinnen und Psychologen, die allgemein als weniger entwürdigend gilt als das, was Medizinstudentinnen und -studenten durchmachen, kann die natürliche Einfühlungsfähigkeit von Menschen nachhaltig schädigen. Eine Studie demonstrierte, daß die empathischen Fähigkeiten von Studierenden in der Zeit, in der sie zu Diplompsychologinnen und -psychologen ausgebildet wurden, tatsächlich nachließen. In meiner eigenen Ausbildung erlebte ich einen Augenblick erniedrigender Abhängigkeit, nachdem ich meine Assistententätigkeit und mein praktisches Jahr beendet hatte. Ich ging durch das Abschlußexamen, das der Zulassung als Psychologe vorausgeht, ein Ritus, der legal und symbolisch das Ende meines Ausbildungsstatus markierte. Im Lauf dieses vierstündigen Examens durfte man die Toilette nur in Begleitung eines aufsichtsführenden Beamten aufsuchen. Nach drei Stunden Prüfung bildete sich eine lange Warteschlange angehender Psychologen, die darauf warteten, ihre Blase entleeren zu dürfen. Als ich schließlich an die Reihe kam, beschloß der Beamte, die Sache zu beschleunigen und zwei Leute gleichzeitig mitzunehmen. Mein Mitstudent ging zuerst in die Kabine. Als er herauskam, ging ich hinein. Aber als ich wieder in den Vorraum hinaustrat, war der Beamte verschwunden. Er hatte den anderen Kandidaten in den Examensraum zurückbegleitet. Ich war in der Herrentoilette gestrandet und war mir nicht sicher, wie die Mitglieder der Prüfungskommission reagieren würden, wenn sie mich beim unbeaufsichtigten Verlassen des Örtchens erwischten. Ich überlegte noch, was ich tun sollte, als plötzlich der Vorsitzende des Prüfungsausschusses hereinkam. Bis zum heutigen Tag blieb mein Kontakt mit diesem distinguierten Herrn, der für alle Psychologen dieses Bundesstaates die übergeordnete Instanz darstellt, auf die Frage beschränkt: »Darf ich die Toilette jetzt verlassen?« Raymond machte sich keine Sorgen, daß er unter Schuld- und Schamgefühlen oder Selbstvorwürfen leiden könnte, wenn er die Verantwortung für seinen Zustand übernahm, aber dennoch nicht gesund würde. Diese Haltung stimmt mit der alltäglichen Erfahrung überein. Wir empfinden tiefe Reue über Herausforderungen, denen wir uns nicht gestellt haben. Dagegen leiden Menschen - unabhängig von den Resultaten — selten unter Schuldgefühlen, wenn sie überzeugt sind, alles getan zu haben, was in ihren Kräften steht. Merkwürdigerweise neigen manche professionellen Helfer dazu, Patienten von der Übernahme der Eigenverantwortung abzuraten, aus Angst, der oder die Betroffene werde sich schuldig fühlen, wenn die Heilung nicht gelingt. Aber würde man einem Sportler 34
raten, an einem Wettkampf nicht teilzunehmen, weil er sich schlecht fühlen könnte, wenn er verliert? Welcher Ehepartner würde dem anderen raten, sich um eine Beförderung nicht zu bemühen, weil es zu schwierig werden könnte, eine eventuelle Zurückweisung zu ertragen? Würden Sie einem Freund nahelegen, sich in einer neuen Beziehung nicht zu engagieren, weil es sein könnte, daß nichts Rechtes daraus wird? Ein Mann, der an einer akuten monozytischen und myelozytischen Leukämie litt, erzählt von einem Gespräch mit seinem Arzt. Er hatte dem Arzt gesagt, er sei ganz und gar bereit, sich der empfohlenen Behandlung zu unterziehen. Zusätzlich werde er eine strenge Diät einhalten, täglich meditieren und einmal wöchentlich zur Psychotherapie gehen. Sein Arzt, ein freundlicher und wohlmeinender Mensch, sagte, daß er sich Sorgen mache. »Wenn Sie all diese Dinge tun und selbst die Verantwortung für Ihre Krankheit übernehmen, - werden Sie sich dann nicht schuldig fühlen, wenn Ihnen der Erfolg versagt bleibt?« Der Kranke versicherte seinem Arzt: »Wenn mir der Erfolg versagt bleibt, werde ich mich nicht schuldig fühlen. Ich werde mich tot fühlen!« Durch das Engagement für sich selbst hat man nichts zu verlieren. Durch das Übernehmen der Verantwortung für das eigene Leben wird die Qualität dieses Lebens sich in aller Regel steigern. Und das kann zu Erkenntnisprozessen und Handlungsweisen führen, die sich heilend auswirken. Das Konzept der Eigenverantwortung kann jedoch auch schädigend sein, wenn in unangemessener Weise davon Gebrauch gemacht wird. Familienmitglieder und Freunde sind oft tief betrübt und verängstigt, weil ein Mensch, den sie lieben, möglicherweise sterben wird. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sie auf die kranke Person, die diese Gefühle auslöst, wütend sind. Aber Angehörige und Freunde erhalten in der Regel weitaus weniger emotionale Unterstützung, als sie brauchen, und anstatt ihre Angst und ihre Trauer direkt zu äußern, drücken sie ihre Wut vielleicht durch eine Haltung aus, die dem oder der Kranken die Schuld zuweist: »Sie will nicht gesund werden, sonst würde es ihr jetzt schon besser gehen.« Natürlich ist diese Einstellung absurd, aber sie erlaubt den Gesunden, die Illusion aufrechtzuerhalten, daß die menschlichen Möglichkeiten unbegrenzt sind. Wenn unsere Gesellschaft den Tod als einen natürlichen Bestandteil des Lebens sähe, würde man weder Kranken die Schuld für ihre Krankheit zuweisen, noch würden die Kranken selbst sich ihrer Krankheit wegen schuldig fühlen; diese Probleme träten gar nicht auf. Ähnlich wie viele andere Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen, mit denen ich sprach, ging Ray so weit, zu sagen, daß er für die Entstehung seiner Krankheit selbst verantwortlich war. Diese Überzeugung — die gleichzeitig die Voraussetzung für seinen ungeheuren Kräftezuwachs war - führte nicht zu Schuldgefühlen oder Selbstvorwürfen. Carl Simonton erklärt, woran das liegt. Er sagt: »Wir entwickeln unsere Krankheit aus akzeptablen, ehrenwerten Gründen. Auf diesem Weg sagt uns der Körper, daß unsere Bedürfnisse, nicht nur unsere physischen, sondern auch unsere emotionalen Bedürfnisse, nicht befriedigt werden, und die Bedürfnisse, die wir uns durch unsere Krankheit erfüllen, sind außerordentlich wichtig.« Andere widersprechen dieser Auffassung. Harold Benjamin von der Wellness Community, einer Organisation, deren erstes Ziel es ist, Krebskranke bei der Mobilisierung ihrer Lebensenergien zu unterstützen, hält eine solche Haltung für problematisch, da sie mit dem Potential für Selbstanklagen und Schuldgefühle befrachtet sei. Meiner 35
Auffassung nach ist die Frage, ob die individuellen Gewohnheiten oder die emotionale Haltung eines Menschen zu seiner Krebserkrankung beitrugen, nur soweit relevant, wie sie als Leitlinie für künftige Veränderungen genutzt werden kann. Unglücklicherweise werden manche Menschen ihre Krebserkrankung nur als ein weiteres Zeichen dafür betrachten, daß sie wertlos oder schlecht sind. Wenn keine Besserung eintritt, wird das als Beweis dafür gewertet, daß die schlimmsten Gefühle, die sie sich selbst gegenüber hegen, gerechtfertigt sind. Um die psychologischen Voraussetzungen für eine Heilung zu schaffen, muß man diesen Menschen helfen, zu begreifen, daß ihre Krankheit keinen wie auch immer gearteten Defekt ihres Wesens darstellt. Als er krank wurde, kümmerte Ray sich mehr um seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse kollidierte nicht mit den Ansprüchen und Wünschen anderer. Im Gegenteil: Seine Umwelt profitierte davon. Die zentralen Qualitäten, die er sich in seinen Beziehungen wünschte - Authentizität, Achtung, Ehrlichkeit und Wärme -, sind die fundamentalen Elemente jeder bedeutungsvollen zwischenmenschlichen Interaktion. Die lebendige Herausforderung und die Freude, die er bei seinem Bemühen um liebeerfüllte Beziehungen erfuhr, teilte sich den ihm nahestehenden Menschen, die daran beteiligt waren, mit. Raymond war nicht zimperlich, wenn er seine Wut auf Menschen äußerte, deren vorgebliches Mitgefühl eigentlich der Versuch war, sich selbst zu schützen. Er ärgerte sich über die Reaktion seiner Tante, weil das, was sie ausdrückte, gönnerhaftes Mitleid war, und keine echte Besorgnis. In ihrem Buch »Wie kann ich helfen?« treffen Paul Gorman und Ram Dass eine wichtige Unterscheidung. Sie sagen: »Mitleid und Mitgefühl sind durchaus nicht dasselbe. Während sich im Mitgefühl die Sehnsucht des Herzens spiegelt, nahezukommen und einen Teil des Leidens mitzutragen, ist Mitleid ein Komplex kontrollierter Gedanken, die dazu dienen, den Abstand zu sichern. Mitgefühl ist der spontane Ausdruck der Liebe, Mitleid der unwillkürliche Reflex der Angst.« Anders als die meisten Menschen verfügte Raymond über die intellektuelle Einsicht, daß bestimmte Formen zwischenmenschlicher Dynamik, wie die Reaktion seiner Tante, destruktiv wirken. Aber er muß nicht alles durch seinen Intellekt filtern, bevor er sich zu einem Schritt entschließt. Er vertraut seinen Instinkten und macht sie zur Basis seines Handelns. Raymond weiß, daß er Menschen braucht, die wirklich präsent sein können. Ram Dass und Paul Gorman schildern treffend, warum das für den außenstehenden Besucher kranker Menschen oft so schwierig ist: »Statt auf die Situation zu reagieren, so wie sie ist, kommen wir mit unseren festgelegten Reaktionsmustern herein und suchen nur nach Möglichkeiten, uns zu schützen. Wir stellen uns vor, daß Menschen in einer bestimmten Weise leiden, die so vielleicht gar nicht zutrifft: Ach, du Armes, das muß ja schrecklich für dich sein! Soll ich nicht lieber jemanden rufen? Nimm doch etwas gegen die Schmerzen! Wir zucken zusammen, wenn jemand eine Injektion bekommt. Wir projizieren unser Unbehagen auf Menschen, die uns hilflos erscheinen, obwohl sie es nicht notwendigerweise sind, oder wir sind nicht fähig, den Charakter des Leidens, das tatsächlich da ist, wahrzunehmen.« Wir verfallen leicht der allgemein menschlichen Neigung, uns in die Situation des anderen zu versetzen, uns vorzustellen, wie wir uns darin fühlen würden, und dann 36
anzunehmen, daß es auch für den anderen genauso sein müsse. Aber die Realität ist anders. Wir wissen nicht wirklich, wie wir auf eine Situation reagieren würden, bevor wir sie am eigenen Leib erleben, und außerdem müssen andere Menschen nicht genauso reagieren wie wir. Im letzten Sommer hatte ich eine Begegnung mit einem vierzehnjährigen Jungen, der an einer unheilbaren Form von Muskeldystrophie leidet. Seine physische Mobilität verkümmert immer mehr. Er konnte nur noch einige Finger bewegen, mit denen er seinen elektrisch angetriebenen Rollstuhl steuerte. Er tat mir unendlich leid, weil er mir so hilflos erschien, so machtlos und ausgeliefert. Auf der Schwelle der Adoleszenz, wo eigentlich seine volle Kraft in Erscheinung treten sollte, entglitten ihm die letzten Reste seiner vitalen Energie. Es war ein warmer Sommertag, und wir saßen im Freien. Ich fühlte, wie mich etwas am Nacken kitzelte, und schnippte reflexhaft mit den Fingern danach. Wie sich herausstellte, war es eine Hornisse, die nicht bereit war, ihren Platz widerstandslos aufzugeben. Während ich den anschwellenden Stich mit doppeltkohlensaurem Natron behandelte, vermittelte dieser »hilflose« Patient mir einen Einblick in seine Sichtweise der Dinge. Er fragte: »Wollen Sie wissen, warum ich nie gestochen werde?« Ich sagte: »Ja.« Er erklärte mir: »Wenn eine Wespe oder Hornisse auf mir landet, sitze ich einfach ganz ruhig da.«
Wissenschaftliche Anmerkungen Dorothy Smith, eine Professorin des Rutgers Universitätsinstituts für Krankenpflegeausbildung führte unter Patientinnen und Patienten, die gerade schwere Krankheiten überstanden hatten, eine Umfrage durch. Eine der Fragen lautete: »Was tun Sie, um Ihre Genesung zu fördern?« Die Tatsache, daß die Befragten dazu kaum etwas zu sagen hatten, ist das vielleicht bedeutsamste Ergebnis der Studie. Die Umfrage ergab, daß neunundachtzig Prozent der schwerkranken medizinisch-chirurgischen Patienten auf diese Frage überrascht reagierten und mit der Antwort zögerten. Die häufigste Antwort war: »Ich tue das, was die Ärzte und Krankenschwestern mir sagen.« Ist die Bereitschaft der Patienten, ihre eigene Autorität aufzugeben, eine Folge der Krankheit, oder handelt es sich um ein allgemeines Phänomen? Stanley Milgram, Professor an der Universität Yale, führte eine Serie von Experimenten durch, die beunruhigende Schlüsse nahelegen. Vierzig Versuchspersonen aus einem breiten Spektrum von Berufsfeldern meldeten sich freiwillig zur Teilnahme an einem Experiment. Man sagte ihnen, der Versuch diene der Lernforschung; man wolle feststellen, welche Wirkung Strafen auf die Gedächtnisleistung haben. Der wirkliche Gegenstand der Studie war jedoch die Frage, wie weit Gehorsam gegenüber Autoritäten geht. Die Versuchspersonen erhielten den Auftrag, die Bestrafungen zu vollziehen. In einem angrenzenden Raum saß ein anderer »Versuchsteilnehmer«, in Wahrheit ein Mitglied des Forschungsteams, der angeblich Lernmaterial memorierte. Jedesmal, wenn der »Lernende« eine falsche Antwort gab, wurde die Versuchsperson aufgefordert, ihn mit einem Elektroschock zu bestrafen, dessen Intensität bei jeder erneuten falschen Antwort erhöht werden sollte. Es wurde ein simulierter Generator benutzt, mit einer Skala, die von fünfzehn bis vierhundertfünfzig Volt 37
ging. Jede Stufe der Skala trug eine schriftliche Kennzeichnung, von »leichter Schock« bis zu »Gefahr! Schwerer Schock«. Das Forschungsteam berichtete über die ersten Resultate: »Nachdem die Versuchspersonen den Befehl erhalten hatten, gingen sie unbekümmert bis zum Ende der Skala; die Kennzeichnungen >extremer Schock< oder >Gefahr! Schwerer Schock« ließen sie offenbar völlig kalt. Für eine graduelle Einstufung von Gehorsamstendenzen hatten wir somit keine adäquate Basis.« Die Wissenschaftler entschlossen sich also, Proteste von seiten der »Opfer«, die hinter einer Glasscheibe sichtbar waren, in das Experiment einzuführen, um zu sehen, unter welchen Bedingungen die Versuchspersonen sich weigern würden, die Elektroschocks zu verabreichen: »Bei fünfundsiebzig Volt beginnt der >Lernende< zu ächzen und zu stöhnen. Bei hundertfünfzig Volt verlangt er, aus dem Experiment entlassen zu werden. Bei hundertachtzig Volt schreit er auf, er könne die Schmerzen nicht mehr ertragen. Bei dreihundert Volt weigert er sich, weitere Antworten auf den Gedächtnistest zu geben, besteht darauf, daß er an dem Experiment nicht weiter teilnehmen werde, und verlangt verzweifelt, man solle ihn befreien. Als Reaktion auf diese letzte Taktik weist das Mitglied des Forschungsteams, das den leitenden Wissenschaftler« spielt, die unwissende Versuchsperson an, eine fehlende Antwort wie eine falsche Antwort zu behandeln und mit der Schockprozedur weiterzumachen. Der »leitende Wissenschaftler« verleiht diesem Befehl mit den Worten Nachdruck: >Sie haben keine andere Wahl. Sie müssen weitermachen!« Wenn die Versuchsperson sich weigert, den nächsthöheren Grad des Schocks anzuwenden, wird das Experiment als beendet betrachtet.« Milgram schildert den Verlauf des Experiments: »Zu unserer Bestürzung ließ ein großer Teil der Versuchspersonen sich nicht einmal durch die heftigsten Proteste der >Opfer< daran hindern, die härtesten Bestrafungsmaßnahmen auszuführen.« Der Wissenschaftler, der über die Resultate seines Experiments selbst zutiefst erschüttert war, kam zu dem Schluß: »Eine beträchtliche Zahl von Menschen tut, was ihnen gesagt wird, unabhängig davon, was aus ihrem Handeln folgt, und ohne Beschränkungen durch ihr Gewissen, solange der Befehl von einer in ihrer Sicht legitimen Autorität ausgeht.« Diese klassische Studie demonstriert, wie bereitwillig Menschen sich der Autorität unterwerfen, selbst wenn sie wissen, daß diese Autorität sie auffordert, schweres Unrecht zu begehen. Damit soll nicht gesagt werden, daß in der traditionellen Medizin autoritäre Persönlichkeiten dominieren, die von ihren Patienten völlige Unterwerfung verlangen. Unter alternativen Heilern trifft man diese Haltung ebenso häufig an. Es ist auch nicht gemeint, daß man sich nicht auf seinen Arzt verlassen solle. In aller Regel ist Vertrauen in den Arzt der Heilung förderlich. Ein vernünftiges und erstrebenswertes Ziel wäre aber, jeden Schritt, den wir unternehmen, bewußt und aus eigener, freier Willensentscheidung zu tun. In einer Broschüre der American Cancer Society (»Amerikanische Gesellschaft für Krebsforschung«) ist zu lesen, daß ein Mensch, an dem eine Laryngektomie vorgenommen wurde, »keine schweren Lasten heben oder ähnliche physische Anstrengungen bewältigen kann, da er nicht mehr in der Lage ist, wie früher den Atem anzuhalten«. Einer der Ärzte, die Raymond Berté behandelten, nannte noch einen weiteren Grund, 38
warum er bestimmte Formen des Krafttrainings meiden müsse: »Wenn Sie Gewichte über Ihren Kopf heben, werden die Schlüsselbeinknochen nach vorn gepreßt und drücken Ihre künstliche Halsöffnung zu.« Aber Raymond akzeptierte die Aussagen von Experten nicht mehr, ohne sie selbst zu überprüfen. Er machte sich den Bewegungsablauf klar und stellte fest, daß ein Gewichtheber die Gewichte nur sekundenlang über seinen Kopf hält. Obwohl Raymond sich vor seiner Operation nie mit Gewichtheben befaßt hatte, wurde diese Trainingsform danach sehr wichtig für ihn. Abgesehen von der muskelaufbauenden Wirkung der Übung war das Gewichtheben für Raymond der sichtbare Beweis, daß er wirklich eine gewisse Macht über seinen Körper und dessen Kraft und Erscheinungsbild hatte. Generell findet man bei Menschen, die regelmäßig Körpertraining betreiben, oft ein ausgeglicheneres Persönlichkeitsprofil. Körpertraining ist ein wirkungsvolles Mittel gegen Streß und Depressionen - beides Formen der psychischen Belastung, die mit einer Schwächung des Immunsystems einhergehen. Intensives Training, wie Raymond es betreibt, kann die Körpertemperatur bis zu drei Grad über normal erhöhen. Die Wirkung ähnelt der Immunreaktion in einer akuten Phase (das heißt der Art, wie der Körper reagiert, wenn er eine Infektion abwehrt). Wissenschaftler, die das Phänomen untersuchten, sind der Meinung, daß diese Reaktion die Vermehrung von Bakterien und Viren hemmt. In Experimenten wurde Ratten das Blut von Menschen injiziert, die über einen langen Zeitraum Körpertraining praktiziert hatten. Diese Ratten zeigten alle Anzeichen einer akuten Immunreaktion: Sie bekamen Fieber, im Blutbild wurden niedrige Zinkund Eisenwerte und eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen festgestellt. Forschungsergebnisse weisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Bewegungsmangel und Krebserkrankungen hin. 1921 verglichen zwei Wissenschaftler, Silvertsen und Dahlstrom, die Todesursachen und die Art der Berufstätigkeit bei 86 000 Menschen. Krebs als Todesursache tauchte am seltensten bei Menschen auf, deren Berufstätigkeit mit der höchsten physischen Beanspruchung verbunden war. Wie Raymond erwähnte, sind Krebserkrankungen in »primitiven« Kulturen wenig verbreitet. Manche Wissenschaftler vertreten die Auffassung, daß die generelle Abnahme physischer Aktivitäten in »zivilisierten« Gesellschaften ein Faktor ist, der zur Krebsentwicklung beiträgt. In einem von Hoffman, Paschkis und Cantarow durchgeführten Experiment wurden lebenden Mäusen Krebszellen implantiert. Einer Gruppe der Versuchstiere wurde ein Extrakt von gut durchtrainiertem Muskelgewebe injiziert. Die andere Gruppe erhielt eine Injektion mit dem Extrakt untrainierten Muskelgewebes. Bei der ersten Gruppe verlief die Krebsentwicklung bedeutend langsamer, und bei einigen Mäusen verschwand der Krebs tatsächlich völlig. Carl und Stephanie Simonton, Pioniere des holistischen Ansatzes der Krebsbehandlung, sind davon überzeugt, daß - im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Auffassung - viele, wenn nicht die meisten Krebspatienten ein normales Niveau von physischen Aktivitäten aufrechterhalten können. Ihre Studie kam zu dem Ergebnis, daß die Mehrzahl der Befragten, die in medizinischer Sicht als »unheilbar« galten, physisch in demselben Maß aktiv blieben, wie sie es vor der Diagnose gewesen waren. Nach Absprache mit dem behandelnden Arzt ist für nahezu alle Patienten Körpertraining in irgendeiner Form möglich. 39
Manche Patienten der Simontons erzielten bemerkenswerte physische Leistungen; ein Patient mit Lungenkrebs in fortgeschrittenem Stadium nahm erfolgreich an einem Sechsundzwanzig-Meilen-Marathon teil.
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PHINA DACRI »Was mich nicht umbringt. macht mich stärker« FRIEDRICH NIETZSCHE
Mein erstes Gespräch mit Phina Dacri fand an einem erinnerungsschweren Jahrestag statt. Genau fünf Jahre zuvor hatte ihr Arzt ihr mitgeteilt, daß sie ein Adenokarzinom der Lunge habe. In seinem Brief an mich schrieb der Onkologe: »Ihr Karzinom war inoperabel, weil es überall in der Brust Metastasen gebildet hatte. Der Patientin wurde mitgeteilt, daß die Krankheit unheilbar sei.« Der Onkologe schätzte die Chancen, daß Phina die nächsten drei Jahre, vom Datum der Diagnose an, überleben werde, mit 5 : 100 ein. Gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit blieb Phina dennoch am Leben, aber statistische Zahlen allein können ihre Einzigartigkeit nicht vermitteln. Phina war zum Zeitpunkt unseres ersten Gesprächs siebenundfünfzig Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben in Worcester in Massachusetts verbracht. Ihr Vater war fünf Monate vor ihrer Geburt gestorben. Obwohl die Familie auf Sozialhilfe angewiesen war, beschrieb sie ihre Kindheit als glücklich: »Wir waren arm, aber jeder konnte hereinkommen und ein Stück Brot mit Butter haben oder was immer im Haus war. Meine Schwester sagte immer: >Ich möchte meinen Kindern all das geben, was ich nicht hatte.< Aber ich sehe das anders. Ich wollte meinen Kindern immer genau das geben, was wir hatten, nämlich Wärme und Verbundenheit.« Phina ging mit sechzehn von der Schule ab, um zu heiraten. Mit achtzehn bekam sie ihr erstes Kind und wenige Jahre später ein zweites. Sie arbeitete dreizehn Jahre lang in einer Spinnerei am Ort als Garnspulerin. In den darauffolgenden fünfundzwanzig Jahren war sie als Kassiererin in Kaufhäusern beschäftigt, erst bei Woolworth und dann bei Grant. Bevor sie aufhörte, hatte sie sich zur Hauptkassiererin hochgearbeitet, der zwanzig andere Angestellte unterstanden. In Jogginganzug und Turnschuhen vermittelte Phina das Bild permanenter Beweglichkeit. Das Tempo ihrer Sprache paßte zu diesem Bild. Tatsächlich ergab das Transskript eines sechsstündigen Interviews mit ihr mehr getippte Seiten als andere Interviews, die doppelt so lange dauerten. Ihre Worte schienen von einer besonderen Vitalität und einem Gefühl großer Dringlichkeit erfüllt zu sein. Sie war eine Frau, die sich entschlossen hatte, jeden Augenblick ihres Daseins bewußt zu erleben. Ihr Gesprächsstil grenzte an den »stream of consciousness«, den assoziativen Bewußtseinsstrom; offenbar zensierte sie ihre Äußerungen nicht und hatte auch gar nicht das Bedürfnis, sie zu zensieren, ganz gleich, wie intim und enthüllend sie waren. Als wir das Interview beendeten, dankte sie mir, daß ich ihr Gelegenheit gegeben hatte, endlich ihre ganze Geschichte zu erzählen, und freute sich, anderen Kranken damit vielleicht helfen zu können. In emotionaler Hinsicht war Phina offen und ohne Hemmungen. Sie weinte, als sie über ihre enttäuschende Ehe sprach, und lächelte, als sie von ihren Enkelkindern erzählte, die so sehr wünschten, daß sie gesund würde. Obwohl wir unser Gespräch in einem 41
freien Raum in der onkologischen Abteilung des städtischen Krankenhauses führten, war Phina so entspannt, als säße sie mit einem Freund an ihrem eigenen Küchentisch. »Soll ich Ihnen sagen, was mir neulich nachts passiert ist? Ich hab‘ es dem Doktor erzählt, und er sagte: >Ach Phina, Sie sind verrückt!< Ich gehe schlafen, keuche furchtbar, krak, krak, krak, wie ein Gackern, und ich sage mir, das ist das Todesrasseln. Ich stehe auf und schreibe einen Brief an meinen Sohn. Ich sage: >Ich war glücklich, mehr als je zuvor. Niemand ist an irgendwas schuld. Du warst immer ein guter Junge, und ich liebe dich.« Am nächsten Morgen war ich immer noch am Leben. Also zerriß ich den Brief.« Phina lacht. »Ich möchte nicht, daß irgend jemand sich schuldig fühlt, wenn ich nicht mehr da bin; sie sollen sich wegen der Dinge, die sie mit mir gemacht haben, nicht schlecht fühlen. Vorbei ist vorbei. Na ja, für meinen Schwiegersohn gilt das vielleicht nicht, - aber egal, trotzdem: Vergeben und vergessen. Meine Tochter und ihr Mann boten uns an, in ihr Haus einzuziehen, in eine Wohnung die ihnen gehörte. Mein Mann sagte, wir sollten es nicht tun, und wir hätten es auch nicht tun sollen. Als wir eingezogen waren, sagt mein Schwiegersohn: >Ihr werdet wie Mieter behandelt< und es ging sofort los mit Mieterhöhungen von zehn Dollar, dann zwanzig Dollar jedes Jahr. Ich war eines Tages da, als meine Tochter mit dem Baby nach Haus kommt. Meine Tochter war irgendwie unglücklich und weinte, und ich sagte: >Hey, Ken, siehst du nicht, daß es ihr schlecht geht?< Und er sagt: >Raus!< Einfach so. Und ich ging. Er hat mich rausgeworfen. Ich ging nach Haus und weinte die ganze Zeit. Es war hart. Mein Mann sagte, er würde nie wieder hingehen, aber ich ging immer wieder hin und ließ mich so behandeln. Jetzt ist es anders. Ich kann ich selbst sein, während ich vorher immer alles zurückhalten mußte und mich fragte: >Wird es sie auch nicht verletzen? Mache ich auch keine Schwierigkeiten?< Das ganze Leben bestand aus Regeln: >Du kannst dies nicht machen, du kannst das nicht machen...< Jetzt tue ich, was ich will und wann ich will. Wenn mich jetzt jemand verletzt, sage ich klipp und klar, was ich davon halte. Vor Jahren, wenn mein Schwiegersohn oder meine Schwiegertochter mich verletzten, sagte ich gar nichts. Heute sage ich es ihnen, ob es ihnen paßt oder nicht. Ja, und plötzlich haben sie mehr Respekt vor mir! Ich glaube, anfangs gefiel meiner Familie diese Unabhängigkeit gar nicht. Neulich sagte meine Tochter zu mir: >Du bist wirklich verdammt stark.< Ich bin nicht sicher, ob sie damit sagen wollte >das ist gut< oder ob es ein Verbrechen ist. Ich bin ein unabhängiger Mensch. Vielleicht steckt da auch ein bißchen Trotz drin: >Ich werd‘s euch schon zeigen, daß ich es schaffe!< Ich denke, diese Einstellung hilft einem wirklich bei jeder Krankheit. Ich war immer stolz. Ich sagte meiner Schwester, wenn sie ins Krankenhaus kommt und sieht, daß ich sterbe, soll sie mir die Haare am Kinn auszupfen, wenn sie anfangen zu wachsen.« Phina lacht. »Und zu meinem Sohn sagte ich: >Wenn du mich besuchst und ich liege im Sterben, dann bleibst du draußen sitzen! Komm einmal in der Stunde zu mir rein und sag >hallo<, aber sitz nicht da und sieh mir zu, wie ich abtrete. Ich 42
habe sogar ein Testament aufgesetzt, denn ich will nicht, daß irgend jemand mit Chris herumschreit, wenn ich weg bin. Er braucht nur das Testament zu zeigen. Ich habe ihm gesagt, wo er dies und das findet. Zuerst wurde er wütend auf mich, aber jetzt versteht er es. Ich habe keine Angst zu sterben, aber ich bin noch nicht bereit. Ich habe so vieles, wofür es sich zu leben lohnt. Ich will keine Weltreise machen; es sind die kleinen Dinge, für die ich leben will, meine Familie, meine Enkelkinder. Manchmal muß ich lachen: Erst wollte ich meine Enkelkinder aufwachsen sehen; jetzt sind sie groß; der Älteste ist achtzehn. Und nun möchte ich miterleben, wie sie heiraten. Wenn sie geheiratet haben, möchte ich sehen, wie sie das erste Kind bekommen. Wissen Sie, mich wird man einfach nicht los! Jedes Jahr wird es irgend etwas geben, was ich miterleben möchte. Ich möchte meinen ersten Urenkel sehen. Ich will Urgroßmutter werden und dann Ururgroßmutter. Ich klammere mich an diese Dinge, und eines Tages ist es soweit, daß ich abtreten muß, aber ich werde nicht an Krebs sterben. Ich werde so sterben wie andere Leute auch, an... ja, an Lungenentzündung. Das ist es. Meine Tochter lacht; ich habe ein Zeitschriftenabonnement für fünf Jahre verlängert, weil das billiger ist. Sie sagt: >Donnerwetter, du bist optimistisch!< Es ist wahr. Ich glaube, tief in meinem Inneren wußte ich, daß es mir wieder besser gehen würde, obwohl ich alle diese Vorbereitungen getroffen habe für den Fall meines Todes. Aber das war nicht immer so. Ich erinnere mich, wie es war, als sie es mir sagten. Ich war im Krankenhaus, mit Angina. Im Jahr davor war ich auch schon mal da. Ich war als neue Patientin bei Dr. Russell, und da sagt er mir ganz freundlich: >Phina, würden Sie aufhören zu rauchen?< Wenn er gesagt hätte >du mußt<, hätte ich es nie getan. Aber er traf genau den richtigen Ton. Ich rauchte nicht einmal eine letzte Zigarette. Ich gab es auf. Dann sagte ich zu ihm: >Wissen Sie was, vielleicht wird es mit meinen Bronchien besser, und dann kommt garantiert etwas anderes!< Also, im nächsten Jahr fangen diese Schmerzen in der Brust an, und ich denke, ich habe einen Herzanfall. Mein Mann fährt mich zur Notaufnahme und setzt mich da ab; er macht sich Sorgen um sein Auto, ein altes Ding, Baujahr 73. Er sagt: >Macht es dir was aus, wenn ich das Auto erstmal abstelle?< Ich sage: >Ist das dein Ernst? Du willst mich allein hineingehen lassen?< So ist er mit seinem Auto. Es ist nur Metall, man kann ein neues kaufen, aber einen Menschen kann man nicht so leicht ersetzen. So war das am Anfang; diese Dinge helfen einem nicht gerade, aber ich ließ mich davon nicht unterkriegen. Ich sagte mir, daß ich doch wohl noch ein bißchen was Besseres bin als ein Auto. Dies ist das erste Mal, daß ich mich überhaupt darüber aufrege, weil es wirklich bitter war. Er ist also draußen und parkt das Auto, während sie mich einweisen und mit der Behandlung auf Herzanfall anfangen. Ich sehe ihn nicht mehr, bis ich in meinem Zimmer liege. Dr. Russell kommt herein. Sie hatten mich im fünften Stock untergebracht, und ich hasse diesen Raum, weil ich es dort erfahren mußte. Ich glaube, es war fünfundzwanzig Minuten nach fünf. Ich habe immer gesagt, wenn ich Krebs hätte, wollte ich es nicht 43
wissen, aber meinem Arzt gegenüber hatte ich das nie erwähnt. Er sagt: >Phina, Sie haben etwas an der Lunge, und wir glauben, daß es bösartig ist.< Er sagte es geradeheraus. Ich sah, wie ihm die Tränen über die Wangen rollten, er weinte. Ich nahm mich zusammen, solange er da war. Es war der schlimmste Tag meines Lebens. Als er gegangen war, fing ich furchtbar an zu weinen, und das Mädchen, mit dem ich zusammenlag - wir wurden später gute Freundinnen -, weinte mit mir. Ich weinte und weinte, den ganzen Tag. Sie wollten eine Biopsie machen, und das taten sie auch, und es war Krebs. Ich glaube, danach weinte ich nochmal, aber das war es dann. Ich wurde nie depressiv, und ich verstehe selbst nicht, warum. Mein berühmter Ausspruch ist: >Ich war zu dumm, um Angst zu haben.< Gott hat mich in eine Art Schockzustand versetzt, und ich hoffe wirklich, dabei bleibt es auch für den Rest meines Lebens, weil es schön ist. Ich glaube, ich fühlte mich so gut, weil meine Kinder schon eigene Wege gingen; sie waren verheiratet, ich mußte mir keine Sorgen machen. Wenn ich kleine Kinder zu Haus gehabt hätte, wäre es vermutlich anders gewesen. Mein Sohn ist sechsunddreißig, meine Tochter vierzig. Es ist komisch, daß in meiner Familie niemand zusammenbrach, als sie es erfuhren. Ich weiß, daß sie wirklich traurig waren, aber ich glaube nicht, daß sie sich vorstellen können, was Krebs eigentlich ist, vielleicht weil ich nie bettlägerig war. Ich hatte auch nie Schmerzen, das kam erst nach der Bestrahlung. Mit den Kindern und Großkindern spreche ich über Krebs wie über Bonbons; ich sage >Krebs< so, wie ich sage >ich gehe spazieren<. Ich gehe ganz offen damit um, und das ist gut so. Nur mein Mann ... - ich meine, er ist nicht herzlos, aber er ist nicht der Typ, der viel geben kann. Ich hatte nie das Gefühl, mich zu Haus aussprechen zu können. Wenn ich über meine Krankheit sprach, wurde er ganz unruhig, als wenn er Krebs hätte oder so. Also, wenn ich irgend etwas darüber sagte, sah er mich an, als redete ich über nichts anderes und er könnte es nicht mehr hören. Aber ich lasse mich von ihm nicht herunterziehen, und er weiß es. Ganz gleich, was er tut. Ich habe eine Rückenverletzung, Krebs, Arthritis, Gallenprobleme und meine kaputte Halswirbelsäule; - ich muß mich an die Tür hängen, um Erleichterung zu kriegen, und er denkt, nach all dem kann er mir noch was anhaben. Nee, tut mir leid! Wenn ich zugelassen hätte, daß er mich herunterzieht, wäre ich am Ende gewesen. Früher habe ich oft darüber geweint, aber jetzt weine ich vielleicht einmal im Monat. Und Sie würden es nicht glauben - ich weine, und dann sage ich mir: >Wozu soll das gut sein? Morgen hast du nur geschwollene Augen<, also höre ich auf. Ehrlich. Alles hat sich so sehr verändert. Wenn er sauer wird, tut‘s mir irgendwie leid, Sie wissen, was ich meine, aber das Leben ist zu kurz. Stellen Sie sich vor, wie ich mich fühlen würde, wenn ich eine wirklich tolle Beziehung hätte.« Phina kichert. »Mein Gott, ich wäre im siebenten Himmel. Halb bin ich schon da, aber mit einer guten Beziehung würde es mir viel besser gehen. Am Anfang legte ich mich auf die Couch, mit Kissen um mich herum, und wenn ich etwas wollte, sagte ich nie, bitte bring mir dies oder das. Ich wälzte mich von der Couch und holte es mir selbst. Zum Teil war das mein Eigensinn, und zum Teil wollte ich mir auch sein Blah Blah Blah nicht anhören. Ich habe immer das Abendessen gekocht. Wenn es sein muß, findet man einen Weg. 44
Ich wollte gesund werden; ich wollte nicht bettlägerig sein. Es war genauso, als ich meine Rückenverletzung hatte. Ich war in einem Riesenstreckverband, bis hier (Schulterhöhe). Damit kann man sich nicht bücken, aber ich bin hartnäckig. Ich ließ mich auf Hände und Knie nieder, um das Bett zu machen, und zog die Laken glatt, während ich um das Bett herumkroch. Der Unterschied zwischen meinem Mann und mir ist der: Er hat etwas im Rücken, und er ist zu nichts mehr fähig. Nun habe ich den schlimmsten Rücken, den man sich vorstellen kann. Wenn ich herumsitze und grübele, bringt mich das auch nicht weiter. Jetzt behauptet er, daß er nicht essen kann. Er hat siebzehn Pfund abgenommen, weil er sich ständig den Kopf darüber zerbrochen hat. Es war nichts. Ich sage ja auch nicht: >O Gott, was wird wohl morgen passieren?< Wenn der nächste Tag kommt und es ist noch da, kann ich immer noch weinen. Wenn ich anfange zu weinen, sage ich: >Laß mich nicht weinen, sonst brennen mir morgen früh die Augen.< Ich sage: >Gott, bitte, ich will jetzt schlafen. Morgen früh soll geschehen, was du willst.< Ich überlasse Gott die ganze Verantwortung; glauben Sie mir, das ist wundervoll; - wenn die Menschen doch einfach so leben könnten! Also schlafe ich ein statt zu weinen. Die Krankheit hat mein Leben völlig verwandelt, mehr als andere Dinge es je verändert haben könnten. Wenn man dem Tod nahekommt, zählt jede Minute. Solange ich atme, habe ich alles, worauf es ankommt. Ich tue jetzt alles, was ich will. Wenn jeder so leben könnte...; - es ist wunderschön. Vorher war ich ein sehr nervöser Typ. Es war furchtbar. Ich machte mir um alles Sorgen, um jede Kleinigkeit. Wenn meine Tochter schlechte Laune hatte, machte mich das nervös. Damit ist jetzt Schluß, ich mache das nicht mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht völlig weg; ein bißchen davon bleibt immer, aber ich verschwende meine Zeit nicht mehr damit, so wie früher. Ich finde etwas anderes, woran ich denken kann. Jetzt vertraue ich alle meine Sorgen Gott an. Es ist ein wundervoller Ausweg. Ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen. Er nimmt mir alles ab. Ich wurde eine wiedergeborene Christin nach dem Krebs. Ich denke, der Glaube ist entscheidend. Als ich durch meine Krankheit ging, fing ich an zu glauben. Ich knie einfach nieder und sage: >Ich lege es in deine Hände<, und das ist es. Ich kann Ihnen versichern: Wenn Sie nicht glauben, wird nichts daraus. Ich bin sicher, Gott hat meine Gebete erhört, immer wieder. Sie wissen ja, wie sie einen berühren bei den Gottesdiensten, die Prediger, und die Leute fallen einfach zu Boden. Na ja, ich habe das im Fernsehen gesehen, und ich mußte lachen, weil ich dachte, der Prediger hat ihnen einen Schubs gegeben. Aber eines Tages saß ich da, und der Prediger ging vorbei und berührte mich, und ich wurde ohnmächtig auf dem Stuhl. Es kam über mich. Sicher lag es daran, daß ich so sehr wollte, daß es geschieht. Es ist der Glaube. Wenn mir jetzt etwas Sorgen macht, lege ich alles in Gottes Hand, oder ich überlasse es dem Arzt. Ich stelle meinen Ärzten nie Fragen. Ich habe mein ganzes Vertrauen in sie gesetzt, und ich denke, das ist ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Ich werde nie wieder Fragen stellen. Das habe ich einmal getan, zwei Monate nachdem ich von meinem Krebs wußte. Alle sagten mir, ich sollte Fragen stellen. Also sagte ich 45
zu Dr. Sherman: >Warum wird Lungenkrebs die Killerkrankheit genannt?< Und er sagt: >Lungenkrebs ist das Schlimmste. Neunzig Prozent sterben daran.< Und ich sagte mir: >Ich wäre mit meinem Leben ganz gut zurechtgekommen, ohne das zu wissen.< Dann sagte ich: >Also, meine Freundin hat auch Lungenkrebs gehabt, und sie wurde operiert. Warum haben Sie mich nicht operiert?< Er sagt: >Weil Sie es auch überall im Brustkorb haben.< Ich sage: >Auch das hätte ich nicht unbedingt wissen müssen.< Aber dann denke ich mir, na ja, meine Freundin ist jetzt tot; vielleicht macht es doch nicht soviel aus, daß sie nicht operieren können. Ich wußte nicht, daß es die schlimmste Form ist, als sie mir sagten, daß ich Krebs habe. Ich habe es innerlich abgeblockt; damals wollte ich es nicht wissen. Manche Dinge muß man nicht unbedingt wissen, also stelle ich keine Fragen mehr. Ich mache das, was sie mir sagen. Zuerst war ich darauf vorbereitet, daß ich sterben würde, und ich dachte, in sechs bis acht Monaten bin ich tot. In den ersten zwei oder drei Monaten war ich sicher, ich würde sterben. Ich habe keinem Menschen etwas davon gesagt. Aber ich sage es Ihnen. Jedesmal, wenn ich zu Dr. Sherman kam, gab er mir Hoffnung. Wenn ich in die Klinik ging, machten sie die Tür auf, und es war nicht so, als ob man zur Krebsbehandlung ginge. Es war, als wenn ich nette Leute besuchte. Sie sind sehr, sehr nett hier. Es ist keine trübselige Atmosphäre. Man wird als Person gesehen, wissen Sie, was ich meine? Sie lassen mich hier nie links liegen. Ich komme herein, und hier bin ich Mrs. Dacri. Alle sind Freunde hier. Es ist, als wären wir gute Nachbarn. Ich habe zwei wundervolle Ärzte, Dr. Sherman und Dr. Russell. Meine beiden Ärzte sind die Welt für mich. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, aber sie sind freundlich dabei. Sie machen mir keine falschen Hoffnungen und sagen nicht: >Sie werden gesund.< Aber Dr. Sherman hat mir immer wieder gesagt: >Es sieht erstaunlich gut aus, aber ich kann Ihnen nichts versprechen<, was ja auch stimmt. Er gab mir Hoffnung, denn am Anfang, als er mir die Behandlung erklärte, stellte er einen Zwei- oder Dreijahresplan auf. Also dachte ich mir, vielleicht habe ich doch noch ein bißchen Zeit. Er gab mir das Startzeichen, und das war das Entscheidende. Er hat mir nie das Gefühl gegeben, daß ich bald sterben müßte. Wenn wir miteinander sprachen, planten wir immer voraus. Wir unterhielten uns nie über den Tod, wir sprachen das Wort nie aus, und das half mir sehr. Zuerst sagte er immer: >Kommen Sie im nächsten Monat wieder<, und ich dachte mir: >Hey, ich habe noch einen Monat. Toll! Ich packe es beim Schopf und nehme, was ich kriegen kann.< Dann waren es drei Monate. Jetzt ist es jedes Jahr, einfach zur Vorsorge. Glaube ist das Wichtigste. Wie ich schon sagte, sie brachten mich auf den Weg. Da unten in der Universitätsklinik gibt es eine Station, wo sie die Leute auf den Tod vorbereiten. Wenn sie mich damals auf diese Station gelegt hätten, dann hätte ich gewußt, daß ich sterben muß. Ich glaube, das kann einen umbringen. Ich bin wirklich nie in Panik geraten. Ich war beunruhigt, glauben Sie mir, ich war beunruhigt! Aber wenn man es genau nimmt, wußte ich wahrscheinlich immer, daß ich damit fertig werden konnte. Ich wußte, daß es meine Verantwortung war. 46
Dr. Sherman nimmt mir die Angst. Man kommt rein, er schüttelt einem erstmal die Hand. >Na, wie ist es Ihnen ergangen?< Ich erzähle von meiner Familie, er erzählt von seiner Familie, und nach einer Weile vergesse ich, warum ich überhaupt gekommen bin. Genauso eine Beziehung zwischen Arzt und Patientin habe ich mir immer gewünscht. Im Lauf der Jahre sind wir gute Freunde geworden, und ich bin sicher, daß er mit allen so umgeht. Ich kenne eine Menge Leute, die zu ihm gegangen sind, und sie lieben ihn. Als ich zuerst zu ihm kam, waren wir dreizehn oder vierzehn. Jetzt sind die anderen alle nicht mehr am Leben. Der arme Doktor! Manchmal tut mir Dr. Sherman so leid, weil er so viele sterben sieht. Es muß sehr befriedigend für ihn sein, einige zu sehen, die noch auf den Beinen sind. Wunder kommen nicht so häufig vor. Und ich bin wahrscheinlich eins. Ein wandelndes Wunder. Als ich das letzte Mal bei Dr. Sherman war, alberte er mit Dr. Russell herum, und sie sagten: >Wissen Sie, Phina, eigentlich dürften Sie ja gar nicht mehr da sein.< Unter all den Leuten da hatten sie wirklich unheimlich viel Mitgefühl. Dr. Russell und Dr. Sherman nehmen sich diese Krebsgeschichte wirklich zu Herzen. Ich nenne Dr. Russell immer einen richtigen Schnüffler - liebevoll natürlich -, weil er alles findet. Er arbeitet jetzt an dem Gallenproblem mit mir. Er ist ein junger Mann, der seinen Beruf wirklich ernst nimmt. Man findet nicht viele wie ihn. Wissen Sie, was Dr. Russell eines Tages getan hat? Ich bin fast umgefallen. Ich hatte ihm erzählt, daß Dr. Sherman etwas entdeckt hatte, was er sich genauer ansehen wollte. Also, zwei Tage später klingelt das Telefon. Es war Dr. Russell. Er wollte wissen, wie ich zurechtkomme. Ich sagte: >Ach, wenn Sie wüßten, wie ich mich freue! Kein Arzt hat mich je angerufen und sich Sorgen um mich gemacht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Anruf von einem Arzt bekommen!< Sie sind unglaublich stolz auf mich. Zum Beispiel als Dr. Sherman mich anrief und sagte, daß Sie mit mir sprechen wollten, da sagte ich zu meiner Tochter: >Dr. Sherman hat mich wahrscheinlich vorgeschlagen, weil seine anderen Krebspatienten alle gestorben sind. Er nimmt mich, weil ich die letzte bin, die noch lebt.< Es gibt sicher einen Grund, warum ich noch am Leben bin. Gott hat mich hierbehalten, weil er irgend etwas mit mir vorhat. Als Dr. Sherman anrief wegen des Interviews, sagte ich mir: >Vielleicht ist das der Grund.< Wenn ich mit Menschen sprechen könnte, die Krebs haben, würde ich ihnen sagen: >Macht euch nicht zu viele Sorgen.< Das ist wahnsinnig schwierig, aber wirklich, die ständige Angst kann einen umbringen. Ich würde ihnen sagen: >Seht die Krankheit nicht als Tod an, - schaut auf das Leben!< Gott hat mich in irgendeiner Absicht hiergelassen, und eines Tages finde ich heraus, was es ist.« Das zweite Interview mit Phina fand fünf Jahre nach dem ersten statt. Ich traf sie in ihrer neuen Wohnung, einem subventionierten Hochhausappartement für ältere Menschen. Wir begrüßten einander, nicht wie alte Freunde, aber mit dem Bewußtsein, daß wir einmal ein Gespräch geführt hatten, wie es offener und intimer nicht denkbar ist. Die Tatsache, daß wir uns wiedersehen konnten, bekräftigte die Überzeugung, daß diese erste Begegnung einen Sinn gehabt hatte.
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Obwohl es Dienstag war und kein Feiertag in Sicht, war Phinas Wohnung vom Duft eines brutzelnden Truthahns erfüllt. In ihrer Küche fanden sich die üblichen Beilagen, die zu einem traditionellen Thanksgiving- (Erntedank-) Mahl gehören, in verschiedenen Stadien der Vorbereitung. Sie erklärte, sie habe den Truthahn billig bekommen, und sie habe sich gedacht, es würde Spaß machen, fünf oder sechs ihrer älteren Nachbarn zum Essen einzuladen, da sie schon einmal dabei war. Bevor das eigentliche Interview begann, hatten wir beide noch einige unerledigte Fragen zu klären. Ich war neugierig, ob andere Wissenschaftler seit meinem letzten Besuch Kontakt mit ihr aufgenommen hatten. Es war jetzt zehn Jahre her, seit bei Phina Krebs in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert worden war, und es konnte kein Zweifel bestehen, daß sie eine außergewöhnliche Patientin war, deren Fall zu studieren sich lohnte. Als sie verneinte, fragte ich sie, ob sie über dieses mangelnde Interesse nicht erstaunt sei. »Nein«, sagte sie. »Es ist dasselbe wie mit den Nachrichten. Sie zeigen lieber das Schreckliche.« Ihre Frage an mich bestätigte, wie nahe ihr das erste Interview gegangen war, wie sehr sie darum gekämpft hatte, ihre Erfahrung für sich selbst zu deuten. Sie wollte wissen, ob ich mich erinnerte, ihr die Frage gestellt zu haben: »Glauben Sie, die Krankheit überwinden zu können?« Dann sagte sie mir: »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich glaube, ich wußte immer, daß ich es schaffen könnte.« Da ich mich an den genauen Zusammenhang nicht erinnern konnte, holte ich die alte Aufnahme und hörte sie mir noch einmal an. Im Unterschied zu ihren sonst schnellen Reaktionen während dieses Interviews hatte Phina an dieser Stelle gezögert, bevor sie die Frage beantwortete: »Wissen Sie, tief in meinem Inneren habe ich das Gefühl, das ist es, was mich am Leben erhält. Darüber habe ich vorher noch nie nachgedacht. Irgendwo in meinem Hinterkopf muß ich mir vorgestellt haben, verdammt nochmal, ja, ich werde es schaffen!« Dann erzählte Phina mir von den wichtigsten Veränderungen in ihrem Leben, die sich seit unserer letzten Begegnung ereignet hatten: »Eines Tages stand ich auf und sagte mir: >Da Gott dich am Leben gelassen hat, wollte er sicher nicht, daß du ein Packesel bist. Er kann nicht gewollt haben, daß du so lebst.< Also machte ich eine ganz neue Wendung. Ich nahm dieses Appartement hier auf gut Glück. Die Vermieterin fragte: >Wollen Sie es sich nicht erst einmal ansehen?< Ich sagte: >Ich nehme es auf jeden Fall.< Jetzt ist es, als wäre ich hier geboren. Hier kann ich ich selbst sein. Mein Mann hat nicht geglaubt, daß ich Ernst machen würde. Der Rechtsanwalt sagte mir: >Sind Sie sicher, daß Sie das tun wollen, nach einundvierzig Jahren?< Ich sage: >Ich bin fest entschlossen. Ich kann es verkraften.< Ich glaube nicht, daß Gott mich durch diese Krankheit gebracht hat, damit ich mich hier wie ein Trottel aufführe. Er läßt mich nicht hier, um diesen ganzen Quatsch mitzumachen. So ist Gott nicht. Mit anderen Worten: Ich mußte Ihm zurückzahlen, was Er für mich getan hat. Oh, es war schlimm. Ich mußte es tun, und ich hatte Angst, aber die Krankheit konnte mich nicht zurückhalten. Mit meinem Mann konnte ich kaum darüber sprechen. Als ich mir den Rückenwirbel gebrochen hatte, stöhnte ich nachts vor Schmerzen, aber er 48
kam nie zu mir und sagte: >Was ist mit dir, - bist du ok?< Ungefähr zwei Wochen bevor ich zum Rechtsanwalt ging, war es sehr kalt. Die Leute konnten alle ihre Autos nicht starten. Und mein Mann auch nicht. Also sage ich zu ihm: >Vielleicht ist es die Batterien Aber er rief die Werkstatt an und sagte ihnen: >Holen Sie das Auto ab und erneuern Sie alles, was gemacht werden muß.< Wir reden hier aber über einen alten Schlitten Baujahr 73, nicht über einen Rolls Royce. Meine Tochter erzählte mir, daß er das Haushaltsgeld genommen hat, um die Reparatur zu bezahlen. Das hat mich derartig auf die Palme gebracht, daß ich meine Sachen packte und ging. Ich blieb vier Nächte im Holiday Inn. In den Wochen, in denen ich zu entscheiden versuchte, was ich tun sollte, sprach mein Mann kein Wort mit mir. An dem Tag vor meinem Scheidungstermin kniete ich nieder und sagte: >Gott, gib mir einen Wink, ob ich das Richtige tue.< Am nächsten Morgen stehe ich auf und sage etwas zu meinem Mann, und Yak, Yak, Yak, Yak, meckerte er mich an. >Danke, Gott, - ich gehe!< Am ersten April, es war Karfreitag, wurden wir geschieden. Manche Leute denken, die Ehe ist eine Sache von fünfzig zu fünfzig. Ich glaube das nicht, weil manche Menschen besser geben können als andere. Mir macht es Spaß, mich um andere zu kümmern. Also würde ich mit Vergnügen neunzig Prozent geben, wenn ich zehn bekäme. Aber die kriegte ich nicht. Ich würde nur dann wieder heiraten, wenn ich jemanden träfe, der mein Herz schneller schlagen läßt. Aber ich werde nicht bügeln, ich werde nicht nähen, und ich werde nicht kochen; - wer sollte mich also heiraten? Ich gehe keinen Schritt zurück; das Leben, das ich jetzt führe, ist zu gut. Ich liebe es, ich finde es toll! Ich bin nie so glücklich gewesen. Oh, ich habe eine Menge Probleme, aber ich halte mich nicht daran fest. Ich habe versucht, mich als Freiwillige anzubieten, also rief ich die Gesellschaft für Krebsforschung an und sagte, daß ich mit zwei Fingern tippen kann. Ich dachte, sie könnten mir ein paar Sachen geben, die ich hier zu Haus tippen kann, aber sie sagten nein. Ich kann keiner regulären Arbeit nachgehen, weil ich seit einiger Zeit Epstein-Barr (virusbedingte Lymphknotenschwellungen) habe. An manchen Tagen liege ich flach und schlafe die ganze Zeit. Ich glaube, ich kann alles ertragen, solange man mir nicht die Zunge herausschneidet, weil ich dann nichts mehr hätte, wofür ich leben könnte. Dann würde ich sterben wollen. Jetzt bin ich ein richtiges Großmaul, aber früher war ich furchtbar unsicher. Als ich Krebs bekam, wollte ich in eine Gruppe gehen, weil ich zu Haus nicht über meine Krankheit sprechen konnte. Aber es gab keine Gruppe für Krebspatienten, also ging ich zu den Weight Watchers. Ich brauchte Leute, mit denen ich reden konnte, und ich mußte auch abnehmen. Also sagte ich mir: >Was soll‘s.< Ich habe mein Leben lang neunundfünfzig Kilo gewogen, aber mit dem Krebs kam ich plötzlich auf über neunzig. Alle anderen nehmen ab, wenn sie Krebs haben - ich nicht. Ich habe mit Leuten gesprochen, die Epstein-Barr-infiziert sind. Sie wußten alle, daß sie es haben, weil sie Gewicht verloren. Aber ich nehme durch nichts ab. 49
Ich esse wahnsinnig gern. Als ich im Krankenhaus mit diesem Mädchen zusammenlag, bestellten wir uns immer doppelte Portionen zum Abendessen und hoben die Hälfte für nachts auf. Man merkt gar nicht, wieviel man zunimmt, bis man wieder zu Haus ist. Mein Arzt wurde wütend auf mich, weil ich mir Sorgen über mein Gewicht machte. Es ist komisch, wenn man so nahe am Tod ist, sollte man sich eigentlich sagen: >Was soll‘s, ich esse, soviel ich will.< Aber ich machte mir dauernd Gedanken. Wenn es für mich irgendeine Chance gab, gesund zu werden, was sollte ich machen? Erstmal nach Hause gehen und fünfzig Kilo abnehmen? Damals wurde ein Foto gemacht von Dr. Sherman und mir. Vor ein paar Jahren sagte ich ihm: >Kann ich das Foto haben, auf dem ich so fett bin?< Er sagte: >Nur, wenn ich ein anderes kriege.< Ich brauchte eineinhalb Jahre, um sechsundzwanzig Kilo abzunehmen, aber wir haben uns köstlich amüsiert in der Gruppe. Ich gewöhnte mir alle meine Lieblingssüßigkeiten ab und ließ bei allem das Fett weg. Aber das war, um abzunehmen; es hatte nichts mit dem Krebs zu tun. Ich finde, diese Gruppen sind etwas Tolles. Bevor ich Krebs hatte, war ich sehr schüchtern. Ich kann jetzt sehr viel besser sagen, was ich denke. Wie neulich -, da ging ich mit meiner Freundin zu >Honey Farms<. Ich hatte sechs leere >Slice<-Flaschen, die ich zurückgeben wollte. Die Frau dort sagt: >Diese Sorte >Slice< verkaufen wir nicht.< Ich sage: >Die Firma ist sicher froh, die Flaschen zurückzubekommen, egal welche Sorte.< Sie fängt an, Blah, Blah, Blah, und macht ein Riesentheater, aber schließlich nimmt sie die Flaschen. Dann sage ich: >Ich hätte gern ein Lotterielos.< Sie wird ganz sarkastisch: >Bitte, - welche Art wäre denn genehm?< Schließlich sage ich zu ihr: >Mein Gott, wie kann man Sie bloß auf die Kunden loslassen !< Meine Freundin sagt: >Arbeiten Sie allein hier?< Ich sage: >Klar, - wer hält es mit ihr aus?< Sie sagt zu mir: >Auf Sie kann ich jedenfalls verzichten!< Und ich sage: >Keine Sorge, mich werden Sie hier als Kundin nicht wiedersehen.< Ich kann das nicht leiden. Wenn man mit Kunden zu tun hat, kann man sich nicht so aufführen. Ich weiß noch, als ich bei Woolworth und bei Grants arbeitete, konnte ich manche Kunden nicht ausstehen, aber ich mußte trotzdem freundlich sein. Seit ich offen sage, was ich denke, haben meine Beziehungen sich verändert. Zwischen meiner Tochter und mir fliegen manchmal kurz die Fetzen, aber dann merken wir plötzlich, was wir machen; wir sprechen uns aus, und dann sind die Dinge wieder klar zwischen uns. Vorher gingen wir uns wochenlang aus dem Weg, und in mir gärte es. Das würde ich jetzt nicht mehr ertragen. Für solche Dinge habe ich keine Zeit mehr. Oh, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe meine schlechten Tage. Meine Schwägerin ist gerade an Krebs gestorben. Ich habe furchtbar viele Menschen verloren dieses Jahr. Mein Bruder ist gestorben. Es ging mir sehr nahe, aber er war zum Skelett abgemagert; das Herzversagen war wirklich eine Erlösung, weil er gar keine Kraft mehr hatte und nicht mehr aufstehen wollte. 50
Ich habe meinen besten Freund verloren, meinen Neffen. Das war der härteste Schlag. Als ich mich scheiden ließ, war er der erste, der sagte: >Ich bin immer für dich da.< Wir waren zusammen auf dem Friedhof, und kurz danach, als er wieder zu Haus war, fällt er plötzlich um und ist tot. Wir gingen jedes Jahr zusammen auf den Friedhof und besuchten alle Gräber. Einmal dachten wir, wir ständen am Grab seines Vaters, und wir pflanzten Blumen und beteten für ihn. Haben wir gelacht, als wir merkten, daß wir am falschen Grab standen! Wir hatten immer viel Spaß miteinander. Als wir auf dem Rückweg vom Friedhof in seiner Wohnung ankamen, muß er sich schon schlecht gefühlt haben, denn er sagte: >Hey, mein Herz wummert ja so! Das liegt an dir, Tante Phina, du jagst mir solche Angst ein.< Wir lachten. Ich erinnere mich, daß er sich vorbeugte, seinen Bauch ansah und sagte: >Donnerwetter, Rick, hast du eine Wampe!< Das zeigt, wie er die Dinge nahm. Als ich nach Haus kam, riefen sie mich an und sagten mir, daß Ricky einen schweren Herzinfarkt hatte. Er starb direkt vor den Augen seines neunjährigen Jungen. Die Ärzte sagten, er war schon tot, bevor er zu Boden fiel. Ich meine, jetzt ist alles vorbei, aber irgendwie ergeben die Dinge einen Sinn. Ich habe eine Schwester, die mich mag, und eine, die mich nicht mag. Jetzt ist die, die mich nicht mochte, gestorben. Das war Rickys Mutter. An dem Tag, an dem sie starb, rief sie mich an. Ich kam gerade aus der Dusche und war tropfnaß. Ich hatte mir nur ein Handtuch übergeworfen, aber sie sprach so lieb mit mir, daß ich nicht auflegen konnte. Ich wußte, daß wir uns sehr nahe kamen. Sie ging normalerweise nie mit, wenn ich mit Ricky auf den Friedhof ging, Blumen zu pflanzen. Aber an dem Tag, als Ricky starb, rief sie ihn an. Er sagte: >Wenn du nett zu Tante Phina bist, kannst du mitkommen.< So war sie mit ihrem Sohn noch einmal zusammen, an seinem letzten Tag. Ich habe so ein Gefühl, daß da oben etwas Schönes auf mich wartet, wenn ich sterbe, ein großer, schöner Ort, wo alle Freunde sind. Ich werde meine Mutter wiedersehen, aber sie wird Helen sein, nicht meine Mutter, und Ricky wird Ricky sein, wir werden nicht als Neffe und Tante zusammenkommen. Alle sind Freunde da oben, und alle sind glücklich miteinander. Aber man wird nicht seine eigene Familie sehen, denn Gott wird keinesfalls wollen, daß meine Schwester von da oben mit ansehen muß, wie Rickys Frau sich hier unten benimmt, sich herumtreibt und die Kinder vernachlässigt. Glauben Sie, Gott würde zulassen, daß sie das sieht? Gott würde niemanden so strafen, auf keinen Fall! Wenn man stirbt, soll man Frieden finden. Was mich angeht, - ich habe keine Angst vor dem Sterben, aber ich bin noch nicht bereit. Ich liebe das Leben, ich liebe es, ich liebe alles, was dazu gehört. Seit diese Krebsgeschichte passierte, habe ich zu mir selbst gefunden. Jetzt mag ich mich wirklich. Ich liebe mich. Und wenn man sich nicht selbst liebt, kann man auch andere nicht lieben. Ich bin verdammt stolz auf mich, ja, das bin ich. Ich bin stolz auf mich. Jedes Jahr finden sie etwas Neues; dieses Jahr war es das Epstein-Barr-Virus. Und wenn sie nächstes Jahr nichts finden, werde ich wahrscheinlich enttäuscht sein. 51
Jedesmal, wenn sie etwas Neues finden, macht mich das nur stärker. Mein Leben ist jetzt schön. Früher wachte ich auf und sagte: >Ach je, schon wieder ein Tag.< Jetzt wache ich auf und sage: >Danke, Gott.<«
Beobachtungen Als Albert Einstein gefragt wurde: »Was ist die wichtigste Frage, mit der die Menschheit konfrontiert ist?«, antwortete er: »Ist das Universum freundlich?« Phina Dacris Universum ist freundlich. Die Macht, die ihr irdisches Dasein beherrscht, Gott, ist liebevoll und gütig. Selbst der Tod ist für Phina nicht furchterregend, da das Leben nach dem Tod, das Gott ihr bereiten wird, nur durch sein unendliches Mitgefühl bestimmt sein kann. Für Phina ist es Gottes Wille, daß Menschen ein sinnerfülltes Leben, Glück und Gesundheit finden. Wenn es ihr gelingt, mit dem Willen Gottes in Übereinstimmung zu sein, kann sie loslassen und alles in seine Hände geben; sie wird ihre Erfüllung finden. Phinas Hingabe an einen Gott, der im Himmel wohnt, der wünscht, daß sie ihr gesamtes Potential verwirklicht, ist eine Hingabe an ihr eigenes Selbst. Ihr Wunsch, alles in Gottes Hände zu legen, wirkt auf den ersten Blick vielleicht passiv und wie ein Verzicht auf jede Eigenverantwortung, aber in Wahrheit ist ihr Bemühen, diesem Credo gemäß zu leben, ein schwieriger und disziplinierter Prozeß. Das eigene Ego für etwas loszulassen, das man als höhere Wahrheit anerkennt, erfordert innere Überzeugung und Glauben. In Phinas Situation liegt ein Paradox: Um zu erreichen, was sie erreichen will, muß sie das Abgeben der Eigenverantwortung vor sich selbst verantworten. Sie drückte das einmal so aus: »Ich strenge mich mehr an als je zuvor. Früher zum Beispiel, wenn ich in einen Laden gegangen wäre, und sie hätten mir fünf Dollar zuviel herausgegeben, hätte ich mir gesagt: >Toll, mein Vorteil!< Aber heute würde ich sie nicht nehmen. Ich sagte, ich strenge mich mehr an, aber andererseits tue ich das Gegenteil. Ich lege alles in Gottes Hand. Gleichzeitig erfülle ich meinen Teil.« Bevor Phina an Krebs erkrankte, war sie bereit, in einer unbefriedigenden Ehe zu leben, unter der sie litt und an der sie verzweifelte. Aber als sie krank war, sah sie es als ihre Verpflichtung Gott gegenüber an, sich selbst zu respektieren und das Geschenk des Lebens zu würdigen. Daher entschloß sie sich zur Trennung und schließlich zur Scheidung, nach vierzig Jahren Ehe, trotz finanzieller Schwierigkeiten, schwerer Beeinträchtigung durch verschiedene Krankheiten und der Ungewißheit, ob sie sterben oder am Leben bleiben würde - zu einem Zeitpunkt also, an dem die meisten Menschen sich mehr denn je an eine Beziehung klammern würden. Am Tag vor dem Scheidungstermin bat sie Gott, ihr ein Zeichen zu geben, ob die Auflösung ihrer Ehe notwendig sei. Psychologisch kann man das so interpretieren, daß sie ihre eigenen unbewußten Wünsche auf ein anderes, allwissendes Wesen projizierte. »Gott« wirkte also als vermittelnde Instanz, die ihr den direkten Zugang zu ihren inneren Bedürfnissen und Wünschen eröffnete. Die Antwort, die sie erhielt, kam also im Grunde aus ihrem eigenen tiefsten Wesenskern. Das innerste Selbst (unser aller innerstes Selbst) ist unendlich liebend und allwissend. Macht es da etwas aus, ob die 52
Botschaft aus ihrem eigenen göttlichen Kern oder von einem außerhalb ihres Wesens existierenden Gott kam? Anders als die meisten Menschen, die sich zu einer Scheidung entschließen, war Phina nicht zusätzlich zu ihrer Trauer von Selbstzweifeln gequält. Was sie tun mußte, stimmte sie traurig, aber sie litt weder unter Unentschlossenheit mit ihrer üblichen Begleiterscheinung, der Depression, noch unter Schuldgefühlen wegen ihres Handelns. Ihre direkte Kommunikation mit Gott erlaubte ihr, oder mehr noch, bestärkte sie darin, eine Beziehung zu beenden, die sich auf ihr seelisches und körperliches Gleichgewicht destruktiv auswirkte. »Ich glaube nicht, daß Gott mich durch diese Krankheit gebracht hat, damit ich mich wie ein Trottel aufführe.« Obwohl sie ihre Ehe als heilige Pflicht betrachtete, erhielt ihre Hingabe an Gott und Gottes Willen schließlich Vorrang vor allen anderen Gelübden, die sie abgelegt hatte. Es gibt viele Ärzte, Philosophen und geistige Lehrer, die - ebenso wie Menschen mit außergewöhnlichen Heilungserfahrungen - davon überzeugt sind, daß die Kraft des Glaubens, wie sie sich in Phina äußerte, wirklich Berge versetzen kann. Placebo-Studien demonstrieren, wie außerordentlich wirkungsvoll der Glaube an die eigene Heilung sein kann. In seinem Buch »Prognose Hoffnung« erzählt Bernie Siegel von einer Patientin mit Pankreaskrebs in fortgeschrittenem Stadium, die aus dem Krankenhaus entlassen wurde und nach Haus zurückkehrte, um zu sterben. Als sie Monate später wieder in der Praxis auftauchte - völlig geheilt -, wurde sie gefragt, was geschehen sei. Ihre Antwort hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Phinas Erklärungen. Sie sagte: »Ich beschloß, hundert Jahre alt zu werden und meine Sorgen Gott zu überlassen.« Durch seine Erfahrungen mit Krebspatienten ist Siegel davon überzeugt, daß diese seelische Sicherheit so gut wie alles heilen kann. Der Glaube ist offenbar das Ausschlaggebende: »Eine einfache Lösung und doch für die meisten Menschen zu schwer, um sie zu praktizieren.« Eine Krebsstation, in der Strahlentherapie durchgeführt wird, mit dem Himmel zu vergleichen scheint beinahe unvorstellbar, und dennoch gebrauchte Phina für die Beschreibung beider Orte auffällig ähnliche Worte und Bilder. Sie schilderte den Himmel als einen »großen, schönen Ort«, wo alle Freunde sind und alle miteinander glücklich sind. Manchen mag diese Vision ein wenig zu pragmatisch erscheinen, aber die Auflösung trennender Barrieren zwischen den Menschen stellt zweifellos ein universelles Ideal dar. In ihrer Strahlentherapiestation sind - wie im Himmel - die Barrieren, die Menschen sonst voneinander trennen, ohne Bedeutung. »Alle sind Freunde«, »es ist, als wären wir gute Nachbarn«. Der Arzt erzählt von seiner Familie, sie erzählt von ihrer Familie. Sie hat das Gefühl, daß die Fürsorge ihr als Person gilt und nicht nur ihrer Krankheit. In einigen entscheidenden Punkten glichen Phinas Gefühle für ihre Ärzte ihren Gefühlen für Gott. Mehr als einmal nannte sie Gott und ihre Ärzte in einem Atemzug und ließ keine Zweifel an der großen Bedeutung ihrer Beziehung zu ihnen: »Meine beiden Ärzte sind die Welt für mich.« Unbekümmert teilt sie uns mit, daß sie ihr »ganzes Vertrauen« in die Ärzte setzt. Daß sie ihnen überhaupt Fragen stellte, lag offenbar nur daran, daß die Umwelt Druck auf sie ausübte. Und da sie nicht aus eigener Initiative nachfragte, ist es nicht überraschend, daß sie es vorgezogen hätte, die Antworten nicht hören zu müssen. Ihre Orientierung scheint der aufkommenden neuen Auffassung vom »eigenverantwortlichen Patienten« also diametral entgegenzustehen. Phinas Geschichte ist ein 53
wundervolles Beispiel für die Erkenntnis, daß es keinen alleinseligmachenden Weg gibt, der für alle Menschen richtig ist. Außerdem sollte nicht übersehen werden, daß Phinas Vertrauen angesichts der offensichtlichen Qualitäten ihrer beiden Ärzte weder naiv noch unangemessen war. Es waren kompetente und gut ausgebildete Praktiker. Darüber hinaus waren sie reife Menschen, die sich wirklich um ihren Zustand sorgten, sich an ihren Erfolgen mitfreuten und an ihrem Lebensschicksal Anteil nahmen. Norman Cousins sagt: »Die zentrale Frage, die man stellen muß, wenn es um Krankenhäuser geht — oder auch um Ärzte -, ist, ob sie dem Patienten das sichere Gefühl geben, daß er in guten Händen ist, ob sie dem Patienten ermöglichen, denjenigen, die ihn heilen wollen, zu vertrauen; kurz: ob man die Erwartung hegt, daß etwas Gutes geschehen wird.« Phinas Erfahrungen mit Dr. Sherman waren ausschließlich positiv: »Jedesmal, wenn ich zu Dr. Sherman ging, gab er mir Hoffnung.« Sein persönlicher Stil und seine Art, mit Menschen umzugehen, trugen dazu bei, daß ihre Zuversicht wuchs. An einer anderen Stelle hebt Cousins den emotionalen und medizinischen Wert der »Krankenbett-Umgangsformen« eines Arztes hervor: »Die Fähigkeit, eine korrekte Diagnose zu stellen, ist ein guter Gradmesser für die medizinische Kompetenz. Die Fähigkeit, Patienten zu sagen, was sie wissen müssen, ist ein guter Maßstab für ärztliche Kunst. ... Ist es möglich, eine negative Information so zu vermitteln, daß sie von der oder dem Betroffenen nicht als Todesurteil, sondern als Herausforderung verstanden wird? Hier ist nicht die Frage, ob man die Wahrheit sagen soll, sondern wie man die Wahrheit sagt. Die Wahrheit kann in einer Weise gesagt werden, die der Person Kraft verleiht oder sie vernichtet. Sie kann dazu führen, daß alle Kräfte mobilisiert werden oder daß die Szenerie für eine vernichtende Niederlage geschaffen wird.« Im Lauf der Jahre habe ich eine Reihe von Krebspatienten interviewt, die bei Dr. Sherman in Behandlung waren. Ihre Aussagen stimmen überein. Er hat die bemerkenswerte Gabe, die Karten offen auf den Tisch zu legen, ohne die Krankheit, so ernst sie auch sein mag, hoffnungslos erscheinen zu lassen. Phina zum Beispiel gab er zu verstehen, daß sie ihre Angelegenheiten regeln solle, und dennoch vermittelte er durch seine detaillierte Erläuterung eines langfristigen Behandlungsplans die Botschaft, daß er sie keinesfalls aufgegeben habe und noch lange mit ihrer Anwesenheit rechne. Da ich neugierig geworden war und diese lebensstärkende Kraft besser verstehen wollte, interviewte ich Dr. Sherman. Ich wollte wissen, woher seine Fähigkeit kam, in Patienten Hoffnung zu erwecken, obwohl er ihnen die statistische Trostlosigkeit ihrer Prognose mit völliger Offenheit enthüllte. Ich fragte ihn, ob er diese Weisheit einem Mentor oder einem besonderen, herausragenden Teil seiner Universitätsausbildung verdanke. Aber ihm fiel kein solches Beispiel ein. Einige Wochen nach diesem Interview plauderten wir miteinander und erzählten uns Kindheitsgeschichten. Er erzählte mir, daß er als Kind ein schwerer Legastheniker war (und es im formalen Sinn immer noch ist). In den letzten Grundschuljahren sagten die Pädagogen ihm und seinen Eltern immer wieder, daß diese Lernstörung eine ernstzunehmende Behinderung darstelle. Er könne nie ein Studium absolvieren, erklärten sie. Allenfalls könne er einmal einen handwerklichen Beruf erlernen. Seit er an der McGill-Universität den Magister machte, an der Universität Boston sein Medizinstudium abschloß und seine Assistenzzeit an der 54
Harvard Medical School absolvierte, stellt die Macht der Hoffnung für diesen Arzt weitaus mehr dar als eine Abstraktion. In der Vergangenheit hatte Phina für ihre Umwelt eine Fassade errichtet, die zu ihren wahren Gefühlen im Widerspruch stand. Während der Jahre, in denen sie als Kassiererin bei Woolworth und Grant arbeitete, trug sie ständig ein Lächeln auf den Lippen, auch wenn sie mit Kunden zu tun hatte, die sie nicht ausstehen konnte. Phinas eigene Metapher »es gärte in mir« könnte eine präzise Beschreibung dafür sein, wie ihre aufgestauten Emotionen ihre physische Gesundheit unterminierten. In vielen populären Filmen wird diese Art des Selbstverrats und ihre Wirkung auf die Gesundheit angesprochen. Woody Allen sagt an einer Stelle in seinem Film Manhattan: »Ich werde nicht wütend - ich lasse mir einen Tumor wachsen.« In Doktor Schiwago sagt eine der handelnden Personen: »Die Gesundheit leidet unweigerlich darunter, wenn du Tag für Tag das Gegenteil von dem sagst, was du fühlst, wenn du vor dem, was du verabscheust, zu Kreuze kriechst und Freude über Dinge heuchelst, die dich ins Unglück bringen. Unser Nervensystem ist keine Fiktion; es ist ein Teil unseres physischen Körpers, und unsere Seele existiert und ist in uns wie die Zähne in unserem Mund. Wir können sie nicht ständig ungestraft vergewaltigen.« Nachdem Phina an Krebs erkrankt war, veränderte sie ihr Leben in einer Weise, die ihr erlaubte, mehr sie selbst zu sein. Manche dieser Veränderungen waren sehr konkreter Natur und betrafen ihre äußere Lebenssituation. Aber ebenso wichtig waren die inneren Veränderungen, die sie vollzog und die ihr Selbstgefühl betrafen. Zum ersten Mal konnte sie Liebe zu sich selbst empfinden. Es fiel ihr leichter, anderen ihre wahren Gefühle zu zeigen, als sie mehr Zutrauen zu ihrem eigenen Wert als Person gewann. Da sie sich mochte, sich liebend annehmen konnte, hatte sie weniger Grund, auf der Hut zu sein. Sie öffnete sich den Schönheiten und Freuden ihres Daseins. Sie war für alles, was das Leben zu bieten hatte, empfänglicher geworden und hatte mehr Grund, am Leben zu bleiben. Vermutlich könnte niemand mit Gewißheit sagen, wie weit Phinas veränderte Lebenseinstellung ihre Genesung beeinflußte. Aber sie linderte zweifellos ihre physischen Schmerzen. Die verschiedenen Krankheiten und Komplikationen, die sie durchmachte, sind für gewöhnlich mit erheblichen Schmerzen und körperlichen Beschwerden verbunden. Oft sind Menschen dadurch bis zur Handlungsunfähigkeit geschwächt. Aber Phina bewältigte ihr Leben mit einer Energie, die selbst bei Gesunden ungewöhnlich ist. Martin Buber erzählt die Geschichte eines chassidischen Rabbi, der zeit seines Lebens starke Schmerzen erdulden mußte: »Rabbi Jizchak Eisik war von der Jugend bis ins Alter von einem schweren Übel geplagt, von dem bekannt war, daß es mit maßlosen Schmerzen verbunden war. Einst fragte ihn der Arzt, wie es ihm möglich sei, daß er ohne zu stöhnen und zu klagen die Schmerzen ertrage. Er antwortete: >Das könnt Ihr leicht verstehen, wenn Ihr nur darauf achtet, daß die Schmerzen die Seele durchscheuern und durchlaugen. Da kann es doch gar nicht anders sein, als daß der Mensch sie mit Liebe empfängt und nicht wider sie murrt. Ist aber erst eine Zeit vergangen, dann hilft ihm noch die so gewonnene Lebenskraft, die Schmerzen des gegenwärtigen Augenblicks ertragen. Und es ist ja immer nur ein Augenblick, denn die vergangenen sind doch nicht mehr vorhanden, und wer wird sich mit künftigen Schmerzen befassen!<« 55
Auch Phina griff dem Leiden nicht vor: »Ich sage nicht: O Gott, was wird wohl morgen passieren? Wenn der nächste Tag kommt und es ist noch da, kann ich immer noch weinen.« Ihr Kontrakt mit Gott schloß klugerweise eine Regelung ein, die sie davon befreite, sich Sorgen um künftige Schmerzen zu machen: »Ich sage: Gott, bitte, ich will jetzt schlafen. Morgen früh soll alles geschehen, was du willst... Also schlafe ich ein, statt zu weinen.« Phinas Umgang mit ihren Schmerzen führte zu denselben Resultaten wie die Techniken, die von der Schmerzforschung und den Experten für Schmerzbewältigung empfohlen werden. Der Arzt und Wissenschaftler John Kabat-Zinn zum Beispiel ermutigt Schmerzpatienten, die Schmerzempfindung leidenschaftslos zu beobachten. Die Patienten lernen, ihren Schmerzen gegenüber eine andere Haltung einzunehmen, ähnlich der, zu der Phina von sich aus fand: die Schmerzempfindungen als das zu akzeptieren, was sie sind, ohne sich Sorgen um eine mögliche Verschlimmerung zu machen und ohne ihnen eine symbolische Bedeutung beizulegen. Der oder die Kranke sagt sich zum Beispiel nicht mehr: »Vielleicht werden die Schmerzen bald unerträglich«, oder: »Ich habe schweres Unrecht begangen, diese Schmerzen sind die Strafe«, sondern nimmt den Zustand so an, wie er ist. Menschen, die diese Veränderung des Bewußtseins an sich vollziehen können, leiden in aller Regel weniger unter ihren Schmerzen.
Wissenschaftliche Anmerkungen Nach der Theorie der »Krebspersönlichkeit« verfügen Menschen, die an Krebs erkranken, im allgemeinen nicht über adäquate Möglichkeiten, ihre Gefühle, insbesondere ihre aggressiven Gefühle auszudrücken. Wenn an dieser Theorie etwas Wahres ist, wirft sie eine wichtige Frage auf: Kann der offene Ausdruck von Emotionen die Krankheitsentwicklung positiv beeinflussen? Lydia Temshok von der University of California führte eine Untersuchung mit Patienten durch, die an Melanomen leiden. Sie verglich die Raten des Tumorwachstums bei Patienten, die ihre Gefühle offener ausdrückten, mit den Raten von Patienten, die im Ausdruck ihrer Gefühle gehemmter waren. Im Rahmen der Studie wurden die Patientinnen und Patienten gebeten, von einem Ereignis in ihrer jüngsten Vergangenheit zu berichten, das sie wütend machte. Die Versuchspersonen reagierten sehr unterschiedlich: »Manche sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je wütend gewesen zu sein, während andere sich regelrecht hineinsteigerten und sogar mit den Zähnen knirschten und mit den Fäusten auf den Tisch schlugen.« Die Studie, die im Journal of Psychosomatic Research veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, daß bei denjenigen unter den Versuchspersonen, die ihre Gefühle offener ausdrückten, die Zellteilungsrate geringer und die Anzahl der Lymphozyten höher war. Beides waren objektiv meßbare Faktoren, die darauf hinwiesen, daß der Krankheitsverlauf bei der emotional expressiveren Gruppe günstiger sein würde. Andere Wissenschaftler berichten über ähnliche Ergebnisse. Leonard Derogatis und Martin Abeloff kamen zu dem Schluß, daß Frauen mit metastatischem Brustkrebs, die ihre aggressiven und feindseligen Gefühle offen ausdrückten, länger lebten als sanfte und fügsame, weniger selbstbewußte Frauen. Intuitiv kommen wir vielleicht zu dem Schluß, daß Phinas Lebensfreude nicht nur zu einer höheren Lebensqualität, sondern auch zu einem längeren Leben führte. Neuere wissenschaftliche Entdeckungen bestätigen diese Intuition. Sieben Jahre lang 56
studierte Sandra Levy eine Gruppe von Frauen mit Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Sie fand heraus, daß man anhand des Maßes an Lebensfreude, das die Patientinnen zeigten, tatsächlich voraussagen konnte, wie lange sie leben würden. Die Anzahl der Metastasenorte war ein weniger zuverlässiger Voraussagefaktor für das Überleben einer Patientin. Es muß ausdrücklich betont werden, daß wir hier nur von authentischen Gefühlen sprechen. Wenn die kranke Person versucht, vor der Umwelt einen glücklichen Eindruck zu machen, obwohl sie sich nicht so fühlt, wirkt das destruktiv; sie schneidet sich damit von ihren wahren Empfindungen ab und fühlt sich isoliert. Ähnlich negativ wirken unerbetene Ratschläge von Freunden und Verwandten, die dem Kranken sagen, wie er zu fühlen habe und daß er glücklich sein müsse; sie erweisen ihm damit einen schlechten Dienst. In seiner an der Universität von Florida als Dissertation vorgelegten Studie über Lungenkrebspatienten fand Mark Raymond Otis heraus, daß die Vortäuschung positiver Gefühle in negativer Beziehung zu den Überlebensschancen der von ihm befragten Patienten stand. In meiner eigenen Beratungsarbeit mit Krebspatienten fange ich an, mir ernsthaft Sorgen zu machen, wenn eine Patientin oder ein Patient einen schweren Verlust erleidet, insbesondere durch eine Scheidung oder den Tod einer nahestehenden, geliebten Person. Was die neuere Forschung zeigt, fand ich durch meine eigenen Beobachtungen bestätigt: Verlusterfahrungen beeinträchtigen das Immunsystem. Den Durchbruch auf diesem Gebiet brachte eine Studie, die 1977 von R.W. Bartrop und Mitarbeitern in Australien erstellt wurde. Bartrop und seine Mitarbeiter führten bei Männern und Frauen, deren Ehepartner kurz zuvor gestorben waren, Blutuntersuchungen durch. Die Ergebnisse der ersten Bluttests, die zwei Wochen nach dem Tod des Partners vorgenommen wurden, wichen nicht wesentlich von den Normalwerten ab. Aber schon vier Wochen später zeigten die Kontrolluntersuchungen bei den Versuchspersonen Anzeichen einer Schwächung des Immunsystems. In dem Bericht, der in der Zeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, heißt es: »Hier konnte zum ersten Mal nachgewiesen werden, daß psychischer Streß meßbare Anomalien in den Funktionen des Immunsystems hervorruft, die offensichtlich nicht auf hormonellen Veränderungen beruhen.« In einer Nachfolgestudie untersuchten Steven Schleifer und Mitarbeiter von der Mount Sinai Medical School in New York die Auswirkungen von Trauer auf Männer. Die Gruppe, die sie studierten, bestand aus Männern, deren Ehefrauen an unheilbaren Erkrankungen im letzten Stadium litten. Die Wissenschaftler testeten die Funktionsfähigkeit des Immunsystems der Ehemänner vor und nach dem Tod ihrer Partnerinnen. Zwei Monate nach dem Verlusterlebnis war die Immunabwehr der Männer deutlich geschwächt. Im Lauf der Zeit normalisierten sich die Funktionen des Immunsystems, aber selbst ein Jahr später war die Abwehrkraft bei einigen Männern noch geringer als in der Zeit vor dem Tod ihrer Ehefrauen. Phina machte in den fünf Jahren, die zwischen dem ersten und dem zweiten Interview lagen - in einer Zeit also, in der die Rückfallgefahr besonders groß war -, mehrere schwere Verlusterfahrungen durch. Ihr Bruder und ihre Schwester starben, sie verlor einen Neffen, der gleichzeitig ihr bester Freund war, und sie wurde geschieden. Obwohl es sich um gravierende Verluste handelte, erlitt sie in bezug auf ihre Krebserkrankung keinen Rückfall, und sie war auch nicht von Trauer überwältigt, wie es die den zitierten Studien zugrundeliegende Theorie eigentlich nahelegen würde. Aber die Forschung beschäftigt sich mit typischen Reaktionen auf Verluste. Wir können bei menschlichen Erfahrungen nicht immer von der statistischen »Normalität« ausgehen, denn dann unterschätzen wir die sehr realen individuellen Unterschiede. 57
Manche Verluste, wie die Auflösung einer unglücklichen Ehe oder das Ende einer konflikthaften Geschwisterbeziehung, können tatsächlich als Erleichterung empfunden werden und heilend wirken. Um Phinas Erfahrungen zu verstehen, muß man sich deutlich machen, wie ungemein freundlich ihr Universum ist. Die fraglose Anerkennung der großen Zusammenhänge ist die treibende Kraft in ihrem Leben. Von diesem Standort aus betrachtet, haben schwierige Lebensumstände - und sogar der Tod - nichts Furchterregendes. Denn in allem, was geschieht, liegt ein Sinn und ein Ziel.
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NORMAN COUSINS Dies ist das wahre Lebensglück: Für ein Ziel verwendet werden, das du selbst als das richtige erkennst, dich vollkommen ausgeben, bevor du auf den Abfallhaufen geworfen wirst, eine Naturgewalt sein statt eines fiebrigen, selbstsüchtigen kleinen Klumpens von Gebrechen und Kümmernissen, der sich beklagt, daß die Welt sich nicht der Aufgabe weiht, ihn glücklich zu machen. GEORGE BERNHARD SHAW 1964 erkrankte Norman Cousins an der Bechterewschen Krankheit, einer chronischen Entzündung der Rückenwirbel, die zu einer fortschreitenden Versteifung der Wirbelsäule führt. Nach der Meinung von Spezialisten standen die Chancen für eine Heilung 1: 500. Nachdem er sich den medizinischen Standardprozeduren für kurze Zeit unterzogen hatte, entwarf Cousins seinen eigenen Behandlungsplan. Gegen den Rat der Spezialisten verließ er das Krankenhaus und zog in ein Hotel. Lachen war seine Therapie der Wahl. Er stellte eine Krankenschwester ein, die ihm Marx-Brothers-Filme und Ausschnitte aus Candid Camera vorführte und ihm aus verschiedenen humoristischen Büchern vorlas. Zusätzlich ließ er sich hohe Dosen Vitamin C intravenös verabreichen. Er hatte die Bedeutung und die heilenden Wirkungen des Vitamins studiert. Entgegen den Voraussagen der medizinischen Experten war seine Heilung praktisch vollkommen. Cousins ist der amerikanischen Öffentlichkeit vor allem dadurch bekannt, daß er seit vierzig Jahren bei der Zeitung Saturday Review das Ruder führt. Außerdem setzte er sich im Auftrag der amerikanischen Regierung und anderer internationaler Institutionen mehrfach für Friedensmissionen ein. Unter anderem gewann ihn Papst Johannes XXIII dafür, sich an der Befreiung katholischer Kardinäle aus osteuropäischen Gefängnissen zu beteiligen. Heute ist Cousins der führende Sprecher der holistischen Bewegung in der Medizin, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Kluft zwischen »wissenschaftlichen« und »alternativen« Heilmethoden zu überbrücken. Norman Cousins war mit seiner Handlungsfähigkeit und seiner Kraft, etwas in der Welt zu bewirken, in Berührung gekommen, lange bevor er je schwer erkrankte. Anders als die meisten Patienten konnte er als Kranker sein Gefühl persönlicher Macht aufrechterhalten und es sogar stärken. Jetzt stärkt er andere, indem er ihnen das Bewußtsein vermittelt, etwas bewirken zu können: »Wenn ich mit Patienten arbeite, beweise ich ihnen, daß sie über weitaus größere Kräfte verfügen, als ihnen bewußt ist. Ich demonstriere das, indem ich ihnen zeige, daß sie die Fähigkeit haben, die Durchblutung ihres Körpers zu beeinflussen. Ich führe sie Schritt für Schritt durch ihren Körper, während sie sich vorstellen, wie das Blut sie durchströmt, und lasse sie zum Schluß das Blut in ihre Hände leiten. Wenn sie sehen, daß sie die Macht haben, die Oberflächentemperatur ihrer Haut um zehn Grad und mehr zu steigern, verändert sich ihr Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihrer Krankheit. 59
Sobald es gelungen ist, Patienten vom Gefühl der Hilflosigkeit zu befreien, ist die Befreiung von der durch Hilflosigkeit hervorgerufenen Depression nur noch ein kleiner Schritt. Unter den Faktoren, die zur Schwächung der Immunabwehr führen, spielt die Depression eine sehr wesentliche Rolle. Wie wir bei unseren Patienten nachweisen konnten, führt die Befreiung von der Depression zu einem beinahe automatischen Aufschwung in der Produktion krankheitsabwehrender Zellen.« In dem folgenden Interview berichtet Norman Cousins von seinen außergewöhnlichen Genesungsfortschritten nach einem schweren Herzinfarkt. Auf dem Hintergrund seines erfolgreichen Kampfes gegen die Bechterewsche Krankheit und seines umfangreichen medizinischen Wissens kreierte Cousins eine neue, unorthodoxe Behandlungsmethode. Ein zweites Mal stand der bemerkenswerte Verlauf seiner Genesung in krassem Gegensatz zu den Voraussagen der kompetentesten Spezialisten. Bill Hitzig, Cousins Arzt, verglich den Genesungsprozeß seines Patienten mit der Heilung von der Bechterewschen Krankheit, die dieser in »Anatomy of an Illness« (Anatomie einer Krankheit) so eindringlich schilderte. Hitzig sagt: »Sein Herzinfarkt 1980 war bedenklicher als die Krankheit, die er 1964 überwand, und der Genesungsprozeß, den er jetzt durchläuft, ist meiner Meinung nach sogar noch erstaunlicher als der letzte.« Norman Cousins beginnt seine Geschichte mit der Schilderung seines Lebensstils vor der Krankheit: »Ich habe den Herzinfarkt wirklich heraufbeschworen. Ich reiste in der ganzen Welt umher und kämpfte mit den Zeitverschiebungen und mit der Schlaflosigkeit. Es war ein permanenter Streß, von einem Ort zum anderen zu hetzen, kreuz und quer durch das ganze Land zu rasen, um Termine wahrzunehmen, die ich dann doch nicht immer einhalten konnte. Ich hatte mir ein Arbeitspensum aufgebürdet, das jenseits des menschlichen Durchhaltevermögens lag. Der Herzinfarkt war sehr gravierend. Ein Enzymtest, durch den man das Ausmaß der Zerstörung von Herzmuskelgewebe feststellen kann, demonstrierte, daß die Schwere des Infarkts weit über dem Durchschnitt lag. Glücklicherweise hatte ich genügend Vorerfahrungen, um der schlimmsten Bedrohung meines Lebens entgegenzutreten. Ich war immer der Meinung, daß die meisten Infarktpatienten das Krankenhaus deshalb nicht mehr lebend erreichen, weil die Panik, die der Herzinfarkt auslöst, genauso gefährlich sein kann wie die Krankheit selbst. Panik ist häufig der Faktor, der das Herz über sein Toleranzniveau hinaus belastet. Panik ruft eine Art von hormonaler Überflutung hervor, die das Herz weiter destabilisiert und die Blutgefäße zusammenzieht. Also muß das Herz, das ohnehin in einem prekären Zustand ist, Blut durch die verengten ten Gefäße pumpen, was zu einer zusätzlichen, untragbaren Belastung führt. Ich hatte meinen Studenten (an der UCLA School of Medicine) immer wieder eingeschärft, daß beim Herzinfarkt zwei Probleme, zwei Bedrohungen auftreten. Die eine liegt in der Krankheit selbst, die andere in der Panik, die sie auslöst. Wenn man die Panik in den Griff bekommt, sind die Chancen, ein Infarktgeschehen zu überstehen, wesentlich höher. Generell ist die Gefahr einer Kettenreaktion, bei der die Panik den Schmerz intensiviert und der stärkere Schmerz größere Panik erzeugt, einer der unseligsten Aspekte schwerer Erkrankungen. 60
Zuerst muß man den Patienten von der Panik befreien. Nachdem ich meinen Studenten und mir selbst das immer wieder eingehämmert hatte, wußte ich, als der Herzinfarkt kam, daß ich meine Überlebenschancen erhöhen würde, wenn es mir gelänge, aus der Panik herauszukommen. In unserem Haushalt gibt es ein kleines Sauerstoffgerät, aus demselben Grund, aus dem es auch einen Feuerlöscher gibt: Es ist gut, solche Dinge im Notfall bei der Hand zu haben. Also konnte ich, als der Anfall kam, meiner Frau sagen, sie solle mich daran anschließen, und ich wußte, daß mein Herz mit dem nötigen Sauerstoff versorgt wurde. Als die Ambulanz kam, konnte ich die Sanitäter im Zaum halten und mir ihr Heldentum ersparen. Auf der Fahrt zum Krankenhaus sagte ich ihnen, sie sollten die Sirene und das Blaulicht ausschalten und langsamer fahren, denn in einem solchen schwankenden Vehikel herumgeschüttelt zu werden, mit heulenden Sirenen, erzeugt mehr Panik als alles andere in der Welt. Als ich im Krankenhaus ankam, erwarteten der Dekan der medizinischen Fakultät und einige andere Ärzte mich bereits. Sie waren nervös, denn ich hatte auch noch kongestives Herzversagen, ich spuckte Blut, und ich hatte eine schwere Dysfunktion des linken Ventrikels. Trotz all dieser Komplikationen war ich absolut zuversichtlich. Ich konnte sie beruhigen und ihnen sagen, daß sie es hier mit dem verdammt größten Genesungswunder zu tun hätten, das je auf ihre Intensivstation gerollt wurde. Nachdem ich mir dieses Ziel gesetzt hatte, wollte ich es auch beweisen. Die Ärzte nannten meine absolute Zuversicht Verweigerung, aber es kann nützlich sein, sich zu verweigern, das Verdikt zurückzuweisen, das dem eigenen Gefühl nach mit einer Diagnose verbunden ist. Wenn man erkennt, daß die Diagnose eine Herausforderung ist und kein Verdikt und daß es Hilfsquellen gibt, mit denen man arbeiten kann und die nicht alle außerhalb des eigenen Selbst liegen, dann kann man den Körper von den komplizierenden Faktoren, die durch Angst hervorgerufen werden, befreien. Mir scheint, daß dadurch das körpereigene Heilpotential - was immer das sein mag - freigesetzt und aktiviert wird und daß man so die Voraussetzungen schafft, unter denen eine medizinische Behandlung am besten anschlagen kann. Ich denke, für Ärzte ist es wichtig, ein bißchen bescheiden zu sein und zu sagen, daß sie nicht genug wissen, um Voraussagen zu machen, die für jeden einzelnen Fall zutreffen. Sie sollten auch keine Sprache gebrauchen, die alle Hoffnungen abwürgt, und den Patienten die Chance lassen, geistig durchzuatmen. Meine innere Zuversicht versetzte mich in die Lage, auf das Lysin und das Morphin zu verzichten, die gewöhnlich notwendig sind, um das schlimmste Stadium zu überbrücken, aber man bezahlt einen hohen Preis dafür. Ich weiß, daß die Krankheit einen Zusammenbruch des körpereigenen Heilsystems darstellt. Medikamente sind nur ein grober Ersatz für das, was der Körper eigentlich selbst leisten sollte. Panik, Angst und Depressionen hindern den körpereigenen Apotheker daran, seine Aufgaben richtig zu erfüllen. Ich versuchte, mich an den realen, fundamentalen Gesetzen der Medizin zu orientieren. Die Behandlungsmodalitäten in der Medizin verändern sich ständig. Vor fünf Jahren wurden Magengeschwüre völlig anders behandelt als heute. Und dennoch wird von den Leuten erwartet, daß sie sich mit der neuen Methodik einverstanden erklären. Das einzig Konstante ist das, was im Körper selbst vor sich geht. 61
Ich lehnte die Behandlung ab, die von den Ärzten als äußerst dringlich und absolut notwendig betrachtet wurde. Sie hatten eine Herzoperation vorgesehen. Sie sagten, ohne diesen chirurgischen Eingriff würde ich nicht am Leben bleiben. Es sei soviel Herzmuskulatur zerstört, daß die normalen Herzfunktionen nicht mehr gewährleistet seien. Es könne jeden Augenblick mit mir zu Ende gehen. Hilflosigkeit ist ein Produkt unserer Erziehung. Wir sind offenbar davon überzeugt, daß eine schwere Erkrankung in einer festgelegten Richtung verläuft und immer weitergeht, bis sie durch irgendwelche äußeren Mittel unterbrochen wird. Diese Art von Erziehung bereitet uns eher auf Schwäche vor als auf Kraft. Wir werden nicht im Bewußtsein der grundlegenden Widerstandskraft des Körpers erzogen. Folglich erscheint der Sieg über die Krankheit als eine sehr fernliegende Möglichkeit. Ich kann mich genau an den Augenblick erinnern, in dem ich wußte, daß ich es schaffen würde. Das war während eines Gesprächs mit meinem Kardiologen. Er sagte mir, ich müsse mich der Operation unterziehen, weil meine Arterien blockiert seien. Ich fragte: >Ist das irreversibel?< Er sagte: >Auf jeden Fall ist die Situation als solche irreversibel.< In dem Augenblick, als ich das hörte, fühlte ich eine Welle von Energie in mir aufsteigen. Ich konnte es einfach nicht verhindern, daß sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Er fragte: >Habe ich etwas Komisches gesagt?< Ich sagte: >Nein, Stuart, ich habe nur gerade gedacht: Jetzt geht‘s wieder rund!< Der Begriff irreversibel brachte mich innerlich zum Glühen. Ich kann diese unglaubliche Energieaufwallung immer noch spüren. Es war ein gewisses Maß an Freude damit verbunden, die aus dem Wissen kommt, daß du gewinnen wirst, ganz gleich, was dir dafür abverlangt wird. Ich muß gestehen, daß mich die ganze Erfahrung faszinierte. Die Faszination begann mit der Vorstellung der Irreversibilität. Ich wußte, daß ich vielleicht nicht in der Lage sein würde, meine Arterien wieder durchlässig zu machen, aber ich konnte kompensatorisch verstärkte Zirkulation innerhalb des Herzens entwickeln. Dennoch hatte ich das Gefühl, daß die Behandlung und der Rat meines Kardiologen von großer Bedeutung waren. Er klärte mich darüber auf, mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte. Ich wollte über alle Fakten informiert sein, um auf dieser Basis meine Entscheidungen zu treffen, und ich wollte nicht, daß diese Fakten beschönigt wurden. Ich erkenne auch an, daß mein Kardiologe nicht versuchte, mich als dumm hinzustellen. Er wurde nicht wütend. Vielleicht war er nicht meiner Meinung, aber er respektierte, was ich zu sagen hatte. Im Krankenhaus bestärkten mich nicht alle darin, so aktiv zu sein, wie ich war. Mein Hausarzt war furchtbar besorgt. Er hatte selbst einen Herzinfarkt gehabt, der nicht so schwer war wie der meine, aber schwer genug. Er machte mir Vorschriften. Ich sollte nicht schreiben - ich schrieb in der Zeit an einem Theaterstück —; ich sollte mich nicht so aufregen, nicht so ermüden. Ich sollte nicht lesen. Ich sollte mir nicht einmal selbst die Zähne putzen. Als er seinen Herzinfarkt hatte, mußte er fast sechs Wochen lang unbeweglich im Bett liegen. Aber ich war mit dieser Therapie nie einverstanden. Nach meinem Herzinfarkt kam er mich im Krankenhaus besuchen. Als er das Zimmer betrat, richtete ich mich im Bett auf. Er drohte mir mit dem Finger: >Das dürfen Sie 62
nicht tun!< Er riet mir auch, nicht zu lachen. Offenbar fand er, daß ich recht hatte, als ich in »Anatomie einer Krankheit« sagte, daß Lachen eine Art inneres Jogging ist. Am Tag nach meinem Infarkt rief er mich an und warnte mich vor den Dingen, die ich vorher getan hatte, vor allem vor dem Lachen. Nach diesem Gespräch kam meine Frau herein, und ich bat sie, mir aus der Morgenzeitung vorzulesen. Sie stieß zufällig auf die Geschichte eines Zeitungsredakteurs aus der Umgebung von Los Angeles, der mit einem Stadtverordneten in Fehde lag. Er hatte den Stadtverordneten als »griechischen Demagogen« bezeichnet. Der Stadtverordnete protestierte und sagte, er betrachte das als eine ethnische Verunglimpfung. Ein Reporter der »Los Angeles Times« rief den Redakteur an und fragte ihn: >Werden Sie sich entschuldigen?< >Auf gar keinen Fall<, antwortete der Redakteur. >Ich habe mich nur etwas undeutlich ausgedrückt. Eigentlich hätte ich schreiben sollen, daß er ein redseliges Arschloch ist.< Ich brach in lautes Gelächter aus und wußte in diesem Augenblick, daß das Lachen immer noch mein Freund war. Von da an habe ich dauernd gelacht. Humor wirkt heilend auf mich, aber ich würde das, was ich tat, nicht jedem empfehlen. Ich glaube nicht, daß es bei jedem funktioniert. Das bringt mich auf ein Grundprinzip, nämlich, daß die statistische Betrachtungsweise von Krankheiten keine absolute Geltung hat. Bis zu einem gewissen Grad drückt jedes Individuum der Krankheit seinen eigenen Stempel auf. Der kluge Arzt erkennt, in welchem Maß das der Fall ist, und handelt danach. Der Arzt muß zuhören. Der Arzt muß reden. Der Arzt muß sich engagieren. Heutzutage gibt es zu viele Ärzte, die nur reden. Fürs Zuhören werden sie nicht bezahlt. Die Kassen zahlen die höchsten Sätze für den Einsatz der medizinischen Technologie und für die Durchführung von Labortests; also wird der Arzt zu einer Haltung gedrängt, die dem Wohlergehen des Patienten abträglich ist. In den ersten sechs Monaten nach meinem Herzinfarkt arbeitete ich nicht. Ich machte zweimal am Tag einen kurzen Spaziergang. Zuerst mußte ich mich setzen, wenn ich fünfzig Meter gegangen war. Nachts hatte ich oft etwas Atemnot, und bei der geringsten Anstrengung bekam ich Herzrhythmusstörungen. Ich wußte, daß die Gesundung des Herzens ein langer, kontinuierlicher Prozeß ist. Es dauert seine Zeit, und ich war bereit, die erforderliche Zeit zu investieren. Ich dehnte meine Spaziergänge allmählich bis zu sechs Kilometer pro Tag aus. Ich mußte auch meinen Cholesterinspiegel senken. Meine Frau legt großen Wert auf gesunde Ernährung, und sie ergriff die Gelegenheit, unsere Lebensgewohnheiten in dieser Hinsicht auf eine andere Basis zu stellen. Ich brachte meine Cholesterinwerte von zweihundertfünfundachtzig auf hundertsiebzig herunter, durch Diät und durch die Dinge, die mir Spaß machten. Meine Frau war die ganze Zeit sicher, daß ich mich wieder erholen würde. Sie ist für Katastrophenstimmungen absolut unempfänglich. Zum Beispiel: Als wir an der Ostküste lebten, fuhr ich täglich mit der Bahn ins Büro, und sie brachte mich mit dem Auto zum Zug. Wenn wir zu spät dran waren, sagte sie: >Wir kriegen ihn an der nächsten Station<, und drückte aufs Gaspedal, um den Zug einzuholen. Wenn wir am nächsten Bahnhof ankamen und der Zug war schon abgefahren, sagte sie: >Aber an der nächsten Station kriegen wir ihn bestimmt<, und wir brausten wieder los. Natürlich fuhren wir auf diese Weise oft den ganzen Weg bis nach New York. Sie gibt nicht auf. Und es wäre ihr gar nicht möglich, zu glauben, daß irgend etwas mit mir geschieht, was irreversibel ist. 63
Ich hatte Glück. Niemand lag mir mit Argumenten in den Ohren, um mich in eine andere Richtung zu drängen. Ich hätte ja auch leicht eine Frau haben können, die zu hysterischen Weinkrämpfen neigt: >Oh, Norman, der Arzt sagt, du schaffst es nicht, wenn du das und das nicht tust. Du mußt es tun, Norman, bitte, du mußt es tun! Bitte Norman, tu, was der Doktor sagt!< Statt dessen sagte meine Frau: >Mach, was du für richtig hältst.< Es war nicht nur der Versuch, mich aufzurichten. Sie hatte schon lange genug mit mir gelebt und wußte, daß ich recht hatte. Das Wissen, daß Menschen um mich waren, denen mein Wohl am Herzen liegt - meine Frau, meine Familie, meine Freunde -, bedeutete mir sehr viel. Es war sehr wichtig für meine Genesung. Auf einer Skala von eins bis hundert läge dieser Faktor für mich bei hunderteins. Ich muß sagen, daß die Flut von Karten und Briefen, die bei mir anrollte, enorm aufbauend war. Aber ich hatte nicht oft Lust, Leute zu sehen. Nicht weil ich ungesellig war, sondern weil Zeit für mich das größte Kapital im Leben ist. Es ist eine Frage des Abwägens von Prioritäten — ich wollte das Beste aus dieser Erfahrung machen. Meine Krankheit festigte die Beziehungen, die für mich bedeutungsvoll sind, und weniger wichtige Beziehungen rückten noch weiter an den Rand. Ich glaube, die Krankheit brachte mich meinen Freunden näher, weil ich mehr Zeit mit ihnen verbringen konnte. Ich hatte auch mehr Zeit, Golf zu spielen. Im Jahr nach meinem Herzinfarkt wurde ich in unserem Golfclub zum Spieler mit dem größten Leistungszuwachs des Jahres erklärt. Dadurch konnte ich wieder einiges von meiner Behinderung abstreichen. Ich spiele wieder Golf, jetzt spiele ich auch wieder Tennis, und ich reise wieder. Mein Herz macht all die Dinge mit, zu denen es eigentlich nicht fähig sein sollte. In manchen Bereichen, in denen es sein muß, habe ich mich gebremst, und dort, wo ich es mir leisten konnte, habe ich an Tempo zugelegt. Vor drei Wochen zum Beispiel sah ich meinen Terminkalender bis Ende Juli durch. Es standen einige Termin an, die ich sehr gern wahrnehmen wollte. Ich war eingeladen, auf der Sondersitzung der Vereinten Nationen zur Frage der Abrüstung eine Ansprache zu halten. Ich war zum Vorsitzenden der Delegation amerikanischer Schriftsteller, die zu einem Treffen mit führenden russischen Schriftstellern nach Moskau reisen sollte, gewählt worden. Ich hatte Vorstandssitzungen bei der Kettering Foundation und der Mott Foundation. Ich strich das einfach alles. Vor dem Herzinfarkt wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen. Der Grund, warum ich es jetzt tat, war nicht, daß ich fürchtete, es nicht zu schaffen, sondern ich hatte das Gefühl, daß ich auch ohne all diese Verpflichtungen leben kann. Die Krankheit war eine Schwellenerfahrung; sie veränderte mein Bewußtsein. Vorher hätte ich mir nicht jeden Donnerstagnachmittag freigenommen, um Golf zu spielen, wie ich es jetzt tue. Und ich tue es mit dem größten Wohlbehagen, ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. Ich lebe mein Leben nicht mehr so, daß ich mir Dinge versage, die mir Freude machen. Meine Krankheitserfahrungen tun mir nicht leid. Ich habe nicht das Gefühl, daß Gott mich lieblos behandelt hat. Ich habe auch nicht das Gefühl, daß mir etwas genommen 64
wurde. Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn mir beide Krankheiten erspart geblieben wären, aber da ich sie nun einmal durchmachen mußte, habe ich etwas daraus gelernt. Ich habe durch meine Krankheitserfahrungen sehr viel Kraft gewonnen, und ich glaube, dadurch war es mir möglich, eine neue Lebensstufe zu erreichen. Wir leben in einem riesigen Universum. Bisher hat niemand herausgefunden, wieviel Lichtjahre es braucht, um von einem Ende zum anderen zu gelangen, oder ob es so etwas wie einen Anfang und ein Ende gibt, oder ob überhaupt eine Begrenzung existiert. Unendlichkeit ist eine wahrhaft eindrucksvolle Vorstellung. Wenn ich über das Unendliche meditiere, dämmert mir eine letzte Wahrheit: Menschliches Leben ist der höchste Preis, den das Universum zu vergeben hat. Da ich dieses Geschenk des Lebens empfangen habe, werde ich es nicht preisgeben, bis meine Zeit wirklich abgelaufen ist.«
Beobachtungen Nachdem ich Norman Cousins bei zwei verschiedenen Gelegenheiten interviewt hatte, wußte ich, daß er über ein bemerkenswertes Maß an Selbstbeherrschung verfügte und daß seine Integrität über jeden Zweifel erhaben war. Dennoch konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, ob seine Erinnerungen an die Ereignisse während der Krise den tatsächlichen Gegebenheiten entsprachen. Schließlich hatte er einen Herzinfarkt mit kongestivem Herzversagen erlitten; der plötzliche Herztod war eine drohende Gefahr, und bei seinem umfangreichen medizinischen Wissen war er sich dieser Gefahr zweifellos bewußt. Die Literatur, die sich mit der Psychologie der Angst befaßt, ist eindeutig in ihren Aussagen: Die »Kampf-oder-Flucht«-Reaktion (die - abgesehen von einigen anderen physiologischen Veränderungen - das Herz stark belastet), ist die natürliche menschliche Reaktion auf Bedrohung und Gefahr. Drei Ärzte bestätigten, daß Cousins völlig anders reagierte als die meisten Menschen, die sich auf dem Höhepunkt einer lebensbedrohenden gesundheitlichen Krise befinden: Er blieb ruhig und schaffte es sogar, die Situation selbst im Griff zu behalten. Omar Fareed schildert das: »Man stelle sich folgende Szene in der Notaufnahme des UCLA-Krankenhauses vor: Professor Sherman Mellinkoff, Dekan der medizinischen Fakultät der UCLA, und mehrere Spitzenkardiologen der Abteilung erwarten die Ankunft der Ambulanz mit einem Patienten, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat. Der über Funktelefon durchgegebene Bericht der Sanitäter ist alarmierend: Der Patient hustet Blut, ein verhängnisvoller Hinweis auf kongestives Herzversagen. Die Schwingtüren des Notaufnahmeraums öffnen sich; eine fahrbare Trage wird hereingeschoben. Der Patient richtet sich auf, hebt grüßend die Hand, grinst und sagt: >Meine Herren, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie es hier mit dem verdammt größten Genesungswunder zu tun haben, das je auf Ihre Intensivstation gerollt wurde.<« Cousins erstaunliche Haltung auf dem Höhepunkt der Krise setzte sich während des Rehabilitationsprozesses fort. Er tat alles, was in seinen Kräften stand, um seine Überlebenschancen zu erhöhen. Opfer waren dabei natürlich unvermeidlich, aber sein Bemühen um Genesung bedeutete nie, daß er sein Interesse an einem aktiven und sinnerfüllten Leben aufgab. Im Gegenteil, das Genießen der guten Dinge des Lebens war für das Behandlungsprogramm, das er für sich selbst entwarf, von ebenso 65
fundamentaler Bedeutung wie Körperübungen und Diät. Sein Vorgehen war unorthodox, aber nie leichtsinnig. Er wog alle verfügbaren Informationen sorgfältig ab, bevor er eine wichtige Entscheidung traf. Manche seiner Entscheidungen hätten ihn in gesundheitlicher Hinsicht in Gefahr bringen können, denn seine Interpretation der medizinischen Fakten war nicht das einzige Kriterium für die Entscheidungsfindung. Sein Handeln mußte mit seinen grundlegenden Wertvorstellungen übereinstimmen. Die Ärzte baten Cousins, vorsichtiger zu sein, aber selbst wenn sie mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden waren, respektierten sie seine Entschlossenheit, der Qualität seines Lebens Priorität einzuräumen. Als Cousins‘ Kollege David Cameron, ein Kardiologe, erfuhr, daß Cousins sein anstrengendes Tennistraining wieder aufgenommen hatte, sagte er: »Es ist wahrscheinlich ebenso gut, daß ich nicht dort bin und es nicht mit ansehen muß, denn wahrscheinlich würde ich selbst einen Herzinfarkt bekommen, wenn ich sehen müßte, wie jemand, der vor kurzem ein kongestives Herzversagen hatte, aus Leibeskräften über den Tennisplatz rennt.« Und weiter sagte dieser Arzt: »In Anbetracht der Schwere seines Herzinfarkts könnte kein Kardiologe sagen, daß er nicht mehr in Gefahr ist, einen weiteren Infarkt oder sogar den plötzlichen Herztod zu erleiden. Das einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, daß er in allen Bereichen, die für ihn von vitaler Bedeutung sind, hervorragend zurechtkommt und daß er aus allem, was ihm möglich ist, das meiste und Beste herausholt.« Norman Cousins konnte in seiner Krankheit auf weitaus größere persönliche und institutionelle Ressourcen zurückgreifen als der durchschnittliche Patient. Er verfügte über ein umfangreiches Wissen in bezug auf den menschlichen Körper im allgemeinen und auf Herzkrankheiten im besonderen. Sein Vertrauen in die grundlegende Widerstandsfähigkeit des menschlichen Körpers - eine Überzeugung, die sich bei jeder schweren Erkrankung als wirksame Gegenwehr erweist -, war Jahre zuvor durch seinen Kampf gegen die Bechterewsche Krankheit auf die Probe gestellt und durch seinen Erfolg bestätigt worden. Durch sein berufliches Netzwerk stand er mit einigen weltweit anerkannten Herzspezialisten in Verbindung. Diese persönlichen Beziehungen waren die Garantie für eine hervorragende medizinische Versorgung. Sein Status als prominente Persönlichkeit und der Respekt, den seine Ärzte ihm entgegenbrachten, ließen ihm die denkbar größte Freiheit, er selbst zu sein, ohne daß er befürchten mußte, herablassend behandelt oder lächerlich gemacht zu werden. Ein anderer Patient, der sich kerzengerade aufrichtet und den Ärzten verkündet, er sei »das verdammt größte Genesungswunder«, das sie je erblickt hätten, würde vermutlich als psychotisch bezeichnet. Ein Arzt führte Cousins Entscheidung, die Bypass-Operation abzulehnen, auf sein »ausgeprägtes Gefühl für seine körperliche Integrität« zurück; bei einem anderen Patienten wäre diese Entscheidung vielleicht als massive Realitätsverleugnung abgetan worden. Obwohl Cousins‘ Hilfsquellen und Erfahrungen alles andere als alltäglich waren, läßt sich doch etwas für die alltägliche Erfahrung daraus ableiten. Seine gelassene Haltung und sein Sinn für Humor in einer Situation, in der er um das nackte Überleben kämpfte, mögen heroisch erscheinen, aber durch ein wenig Planung kann man die traumatische Wirkung der meisten medizinischen Notfälle mildern. Wenn alle Familienmitglieder darüber unterrichtet sind, wie eine etablierte Notfallmaßnahme abläuft, und wenn die wichtigsten Telefonnummern in der Nähe des Telefons bereitliegen, ist die gefährdete Person durch das Wissen beruhigt, daß für die wichtigsten, lebensnotwendigen Dinge vorgesorgt ist. Der Gedanke an ein Sauerstoffgerät mag vielen fernliegend erscheinen, aber jene, die Gefahr laufen, in eine gesundheitliche Notlage zu kommen, 66
die Sauerstoffgaben erfordert, können mit der Hilfe eines Arztes und ein wenig Anleitung leicht lernen, ein solches Gerät zu bedienen. Und obwohl es zweifellos selten vorkommt, daß ein Patient sich mit einer Krankheit konfrontiert sieht, über die er vor Medizinstudenten Vorträge gehalten hat, kann jede Leserin und jeder Leser dieses Buches sich das medizinische Grundwissen über ihre oder seine Krankheit und die Grundprinzipien der Behandlung aneignen. Aus Cousins‘ Erfahrungen läßt sich sehr viel lernen, aber die Botschaft ist nicht, sein Verhalten einfach nachzuahmen. Vermutlich war er der erste aus einer wissenschaftlichen Tradition hervorgegangene einflußreiche Wortführer, der sagte, daß »jedes Individuum der Krankheit seinen eigenen Stempel aufdrückt«. Als Cousins in »Anatomie einer Krankheit« über das Lachen schrieb, ging es ihm um eine metaphorische Interpretation. Lachen war die Metapher für den therapeutischen Wert aller positiven Emotionen. Manche Leute nahmen seine Geschichte jedoch wörtlich und leiteten daraus eine simple Formel ab: Lachen als Patentrezept, das auf jede denkbare Situation anwendbar ist. Ein Kollege erzählte mir von einem jungen Mann, der in Therapie kam, weil er emotional tief verzweifelt und physisch krank war. Er hatte kurz zuvor geheiratet, und seine Frau war in den ersten Ehewochen plötzlich erkrankt und gestorben. Einige Monate nach dem Tod seiner Frau beschloß er, daß es an der Zeit sei, seine Trauer zu beenden. Ständiges Trauern, sagte er sich, sei Energieverschwendung und nutzloses Selbstmitleid; er müsse sich wieder dem Leben zuwenden. Nachdem er Norman Cousins‘ »Lach-Kur« entdeckt hatte, verbrachte er Stunden damit, Witzbücher zu lesen und sich komische Filme anzuschauen. Genau nach Cousins‘ »Rezept« besorgte er sich Marx-Brothers-Filme und Szenenausschnitte aus Candid Camera. Nach mehreren Monaten »Lach-Therapie« entwickelte der junge Mann ein Magengeschwür, schwere Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Seine Bemühungen, die eigenen Gefühle in die Richtung zu zwingen, die er für angemessen hielt, forderten ihren Tribut. Im Fall dieses Mannes wäre Weinen weitaus wichtiger gewesen als Lachen. Er wurde erst wieder gesund, als er den Mut fand, Gefühle auszudrücken, die zwar sehr leidvoll, aber authentisch waren. »Anatomie einer Krankheit« war das erste Buch dieser Art, das in medizinischen Fachkreisen auf ernsthaftes Interesse stieß und auch eine breite Schicht von Laien erreichte. Cousins‘ anekdotenhafter Bericht, untermauert von Forschungsergebnissen, die zu diesem Zeitpunkt (1979) vorlagen, liefert eindringliche wissenschaftliche Argumente für den Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Befindlichkeit. Seither wurde die unbezweifelbare Existenz dieser Verbindung durch Tausende von Nachfolgestudien bewiesen. Heute beschäftigt die Forschung sich mit dem Ausmaß, in dem diese Zusammenhänge wirken, und mit den spezifischen Variablen, die damit verbunden sind. Eine Forschungsrichtung befaßt sich mit dem Problem der multiplen Persönlichkeitsspaltung, einer sehr seltenen psychiatrischen Störung. Im Fall der multiplen Persönlichkeitsspaltung existieren zwei oder mehr klar voneinander geschiedene Persönlichkeiten innerhalb desselben Individuums, und das Verhalten des oder der von der Störung Betroffenen kann sich dramatisch verändern, je nachdem, welche der Persönlichkeiten gerade die Führung übernommen hat. Untersuchungen ergaben, daß ein einziges 67
Individuum mit multiplen Persönlichkeiten tatsächlich unterschiedliche physische Charakteristika aufweisen kann, die der jeweils dominierenden Persönlichkeit zugeordnet sind. Selbst objektiv meßbare Faktoren wie Hirnwellenmuster oder die Krümmung der Hornhaut des Auges können sich verändern. In einem Artikel, der in der Zeitschrift American Journal of Clinical Hypnosis veröffentlicht wurde, schildert Bennett Braun den Fall eines Patienten, der eine heftige allergische Reaktion auf den Saft von Citrusfrüchten hatte, mit Juckreiz, Bläschenbildung und Hautausschlag, wenn eine seiner Persönlichkeiten in den Vordergrund trat, aber keinerlei Reaktion zeigte, wenn eine andere Persönlichkeit dominierte. In einer zweiten Fallstudie beschreibt Braun eine Frau, die unter einer schweren Katzenallergie litt, wenn sie von einer ihrer Persönlichkeiten beherrscht war. Trat eine andere Persönlichkeit in den Vordergrund, konnte dieselbe Frau dasitzen und geraume Zeit mit einer Katze spielen, sogar von der Katze gekratzt und geleckt werden, ohne daß die mindeste allergische Reaktion sichtbar wurde. Eine weitere Studie der multiplen Persönlichkeitsstörung dokumentiert den Fall einer Frau, deren Diabetes sehr schwer zu behandeln war. Die Krankheit selbst und der Insulinbedarf der Patientin waren einer starken Fluktuation unterworfen, je nachdem, welche ihrer Persönlichkeiten dominierte. In einer dritten Untersuchung wird der Fall eines Mannes dargestellt, der in einer Persönlichkeit farbenblind war und in der anderen eine völlig normale Farbenwahrnehmung hatte. Forschungsergebnisse wie diese bieten zwar keinen eindeutigen Beweis dafür, ob Emotionen den Heilungsprozeß eines bestimmten Individuums beeinflussen können oder nicht, aber sie bestätigen, wie Cousins Erfahrungen, die Existenz der machtvollen Verbindung zwischen Körper und Geist.
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JOE GODINSKI Kreativität ist mein Leben. Wenn ich das in irgendeiner Weise verleugne, töte ich einen Teil meiner selbst. JOE GODINSKY Als man bei Joe Godinski eine besonders bösartige Form von Lungenkrebs feststellte, sagten die Spezialisten, daß er bald sterben werde. Diese Prognose stützte sich auf statistische Erkenntnisse, die aus der Beobachtung von Tausenden ähnlicher Fälle gewonnen worden waren. Ein Arzt schrieb über Joes Krankheitsverlauf: »Nachdem wir bei dem Patienten Lungenkrebs (Haferzellkarzinom) festgestellt hatten, wurde ein Lobus seines linken Lungenflügels operativ entfernt; er stimmte der Strahlenbehandlung zu, lehnte die Chemotherapie jedoch ab. Ein Jahr später bildete sich eine Gehirnmetastase, die durch Bestrahlung behandelt wurde. Als sich hinter seinem rechte Auge ein Tumor entwickelte, unterzog er sich erneut einer Strahlentherapie. Die Wahrscheinlichkeit, daß Joe auch nur ein weiteres Jahr lang überleben würde, lag bei 1:1000.« Seit mehr als zehn Jahren ist bei Joe Godinski keine Spur von Krebs mehr zu finden; seine vollständige Heilung ist medizinisch nachgewiesen. Sein Arzt erklärte: »Seine Heilung kann man nur als ein Wunder bezeichnen.« Joe Godinski und ich hatten ausgemacht, daß wir uns vor dem Washington-Denkmal treffen würden. Ich hatte mir sein Äußeres nicht beschreiben lassen, aber da wir beide erwartungsvoll dastanden, erkannten wir einander leicht. Aus den medizinischen Berichten wußte ich, daß er fünfundvierzig war, und in Anbetracht seiner Krankheitsgeschichte rechnete ich mit einem alt aussehenden Fünfundvierzigjährigen. Ich weiß nicht, ob es sein weicher, elastischer Gang war oder sein faltenloses Gesicht, aber auf mich wirkte Joe weitaus jünger als ein Mann in den mittleren Jahren. Nachdem wir uns begrüßt hatten, fragte er mich, ob ich schon gefrühstückt hätte, obwohl es etwa ein Uhr mittags war. Während wir uns in Bewegung setzten, erklärte Joe, daß sein Auftritt in der letzten Nacht sich sehr lange hingezogen habe und daß er gerade erst aufgestanden sei. Als er mich in ein großes Delikatessengeschäft mit angeschlossener Cafeteria führte, war ich gespannt, was er bestellen würde. Er war erst die vierte Person, die ich interviewte, aber in den Gesprächen mit meinen anderen Interviewpartnern hatte ich bereits einige gemeinsame Muster entdeckt. Das auffälligste war, daß sie alle radikale Veränderungen vollzogen und unter anderem ihre Ernährung vorwiegend auf »Naturkost« umgestellt hatten. Wir gingen zum Tresen, wo Joe sein Frühstück orderte: Eier mit Schinken, Toast mit Butter und Konfitüre, Kaffee mit zwei Stücken Zucker. Ein weiterer Kaffee und ein Schokoladenkeks bildeten das Dessert. Als ich in dem vollen und sehr lauten Cafe meinen Kassettenrecorder hervorholte und das Mikrophon auf dem Tisch aufstellte, war ich mir nicht sicher, ob unter diesen Umständen überhaupt ein brauchbares Interview zustande kommen würde. Aber die übereifrige Serviererin, der Geräuschpegel im Hintergrund und selbst das junge Paar, das sich am Nebentisch stritt, waren letztlich nur unwesentliche Ablenkungen.
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Daß ich so völlig gebannt zuhörte, hatte ebensoviel mit Joes Art zu erzählen zu tun wie mit dem Drama, das sich vor mir entfaltete. Es war eindeutig, daß Joe seine Geschichte nicht einstudiert hatte. Ich fragte mich tatsächlich, ob er sie je zuvor einem Menschen vollständig erzählt hatte, denn die meiste Zeit schien er selbst nicht zu wissen, was als nächstes kommen würde. Aber er war offensichtlich bereit, über sich selbst und das Kindheitsschicksal, das ihn begleitete, zu sprechen, ohne etwas zu verleugnen oder zu beschönigen. Joe begann: »Wenn ich an diese Erfahrung zurückdenke, läuft es mir selbst jetzt noch heiß und kalt den Rücken herunter. Ich war oben im Haus und spielte Klavier. Meine Mutter saß mit einer Freundin unten im Wohnzimmer. Plötzlich fing ich aus irgendeinem Grund an zu lachen. Ich sage Ihnen, dieses Lachen kam direkt aus meinen Eingeweiden, aus dem tiefsten Inneren, und als ich einmal damit angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich rollte mich am Boden vor Lachen. Nach einigen Minuten kamen meine Mutter und ihre Freundin die Treppe heraufgerannt. Sie dachten, mir wäre etwas passiert. Als sie feststellten, daß ich lachte, fanden sie mein Benehmen wahrscheinlich etwas merkwürdig, aber sie gingen einfach wieder hinunter. Ich lachte und lachte. Es war eine enorme, wilde, befreiende Lacherfahrung. Ich weiß bis heute nicht, worüber ich eigentlich lachte, aber mir ging dabei der Gedanke durch den Kopf: >Was ist das alles für ein grandioser Witz!< Alles. Plötzlich wurde mir klar: Ich bin völlig in Ordnung, so wie ich bin, - und das war wirklich das erste Mal, daß ich so empfand. Das ist die Art von Erlebnissen, die bei mir etwas bewirkten, die mich heilten. Ich habe immer geglaubt, daß bei mir eine Menge nicht in Ordnung war. Das hat man mir als Kind beigebracht. Manchmal trifft man Leute, die so viel Glück hatten. Man sieht, daß sie ihr Leben lang geliebt wurden. Sie hörten von klein auf, daß sie großartig sind, und sie wurden ermutigt, Wagnisse einzugehen und etwas aus sich zu machen. Da sie geliebt wurden, wissen sie, was Liebe ist. Schön ist das. Ich beneide diese Menschen. Ich wünschte, so wäre es bei mir auch gewesen, aber es war nicht so. Ich glaube nicht, daß ich wirklich verstehe, was Liebe ist. Intellektuell verstehe ich es schon, aber ich kenne das Gefühl nicht. Und trotzdem habe ich diese Heilungserfahrung, die in einer sehr intimen, persönlichen Weise wirklich viel mit Liebe zu tun hat. Ich bin von der Liebe also sehr tief berührt worden, aber in einem allgemeinen Sinn. Ich habe diese höchste Gefühlsintensität in der Beziehung zu einem einzelnen anderen Menschen nie kennengelernt. Ich meine, ich liebe die Erde, auf der wir leben, ich liebe die Menschheit. Ich bin mir nur nicht sicher, was ich für andere Leute empfinde.« Joe lacht. »Meine Eltern wurden geschieden, als ich noch ein kleines Kind war. Mein Bruder blieb bei meinem Vater. Meine Mutter kam mit meiner Schwester und mir hierher nach New York. Sie hatte keinen Job oder irgend etwas in der Art. Ich war drei Jahre alt, und meine Schwester war zehn. Wir kamen in ein katholisches Internat, und es war der reinste Alptraum. Die Nonne, die das Internat leitete, war ein widerliches Biest. Sie liebte es, anderen Schmerzen zuzufügen und Befehle zu erteilen. Sie verprügelte uns, daß die Fetzen flogen. Das ist keine Übertreibung. Als ich sechs war, wurde ich in die Gruppe der »großen Jungen« befördert. In dieser Zeit wurde es noch schlimmer mit den Mißhandlungen. Ich war sehr rebellisch als Kind. Ich kriegte das meiste ab, weil ich mich weigerte, klein beizugeben. Aber je mehr ich 70
versuchte, mich zur Wehr zu setzen, desto schlimmer verletzte sie mich. Diese Nonne stieß mich ständig herum und prügelte mir die Seele aus dem Leib und versetzte mir Tritte, wenn ich am Boden lag. Ihr Lieblingstrick war, hier in die Muskeln zu greifen« — Joe hob den Unterarm hoch - »ihre Fingernägel hineinzugraben und fest zuzudrücken. Das war Mißhandlung. Ich wurde wirklich mißhandelt, das können Sie mir glauben! Ich habe später vier oder fünf andere Leute wiedergetroffen, die als Kinder auch auf diesem Internat waren. Sie hatten allesamt ihren Schaden davongetragen. Es war niemand da, der dem ein Ende gemacht hätte. Als Kind hat man einfach Angst. Ich sagte meiner Mutter nie etwas darüber. Jetzt, als Erwachsener, kann ich sagen, daß es wirklich lächerlich war, das alles zu verschweigen, aber was weiß man als Kind schon? Ich glaubte, ich hätte es verdient, daß ich so behandelt wurde. Erwachsene, und Nonnen insbesondere, würden nicht so auf einem herumprügeln, wenn man es nicht verdient hätte.« Joe lacht. »Ich kam zu dem Schluß, daß bei mir etwas falsch ist, daß ich ein öffentliches Ärgernis bin - alle lassen mich im Stich. Mein Vater ist weggegangen, meine Mutter kommt mich fast nie besuchen, und ich werde ständig von dieser Nonne verdroschen. Das war die Wurzel meiner Krebskrankheit. Ich kam in dieses Internat, als ich etwa vier Jahre alt war, und blieb dort, bis ich sieben oder acht war. Dann kam ich für ein Jahr heraus, aber meine Mutter schickte mich zurück, weil ich mich schlecht benahm. Sie sagte, ich könne mich zu Haus nicht einordnen. Ich glaube, ich war neun, als ich das Internat verließ. So wurde also der Rahmen geschaffen, in dem mein weiteres Leben verlief. Ich glaubte all das Zeug über mich, was man mir eingetrichtert hatte, und viele, viele Jahre lang konnte ich mich selbst nicht ausstehen. So, wie ich aufgewachsen war, haßte ich alles und jeden. In all diesen Jahren speichert der Körper die negativen Botschaften, die man eingesogen hat, und der Körper läßt nicht ohne weiteres wieder los. Ich meine, man muß ein Übermensch sein, um dieses Zeug loszuwerden, sich völlig davon zu befreien. Es ist eine so monumentale Aufgabe, daß vielleicht einer unter zwölf Millionen es schaffen kann. Therapie ist eine Möglichkeit, aber oft scheint sie so wenig zu bewirken. Selbst jetzt habe ich noch eine Menge Arbeit zu leisten. Ich bin immer noch nicht bereit, anderen Menschen mit wirklicher Offenheit zu begegnen. Ich bin geheilt, aber ich bin kein Guru. Ich habe Angst. Ich bin unruhig. Letzten Endes weiß ich, daß es sich lohnt, aber es ist ein verdammt hartes Stück Arbeit, sich zu verändern, wirklich.« Joe hatte sein Frühstück beendet und fragte mich: »Stört es Sie, wenn ich rauche?« Ich lachte, weil ich glaubte, das sollte ein Witz über die jungen Leute am Nebentisch sein, die beide nach dem Essen rauchten. Da er aber weiterhin auf meine Antwort wartete, wurde mir klar, daß er es ernst meinte. Ich gab meiner Verwunderung Ausdruck. Joe erklärte: »Mein Krebs war nicht durch äußere Einflüsse bedingt. Rauchen hatte nichts damit zu tun, daß ich Krebs bekam; die Ursachen waren seelischer Art. Wenn äußere Einflüsse 71
zu meiner Krankheit geführt hätten, wäre die Lösung völlig anders gewesen. Es gibt gewisse Dinge, die ich in Angriff nehmen muß. Das Rauchen gehört sicherlich dazu. Andere Leute, von denen ich hörte, haben durch ihre Krankheit mehr Sensibilität für ihren Körper entwickelt, aber bei mir war das nicht der Fall. Ich habe wirklich überhaupt nichts getan. Keine Diät, keine Körperübungen. Ich kaue mein Essen gründlicher, das ist wirklich der einzige Unterschied. Ich esse langsamer und kaue besser. Aber ich halte keine besondere Diät. Wie Sie sehen, könnte ich ein paar Kilo weniger haben, aber ich esse wahnsinnig gern. Meine Mutter ist eine phantastische Köchin. Es ist wundervoll. Ich liebe gutes Essen. Als ich klein war, habe ich meinen Vater einmal besucht; ich muß sieben oder acht gewesen sein. Danach sah ich ihn sehr lange nicht. Später, als ich studierte, war ich in den Semesterferien oft bei ihm. Ich half ihm im Geschäft. Aber das waren keine sehr angenehmen Zeiten. Er hatte viel Sinn für Humor, aber mit seinen Kindern konnte er wirklich nicht umgehen. Mein Bruder hatte es nicht sehr gut bei meinem Vater. Er hatte immer wieder furchtbare Schwierigkeiten mit ihm. Mein Bruder und ich konnten früher nie miteinander reden; jetzt plötzlich, nach meiner Krankheit, sind wir uns sehr nahe gekommen. Wir sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ich könnte Ihnen erzählen, was er macht, vielleicht sagt Ihnen das etwas: Er war achtzehn Jahre lang beim Militär. Er weiß nicht, wer ich bin und was ich will. Er ist nicht künstlerisch begabt oder sensibel für solche Dinge. Aber er ist ein großzügiger und warmherziger Mensch. In meiner Familie scheine ich der einzige zu sein, der künstlerische Ambitionen und Sinn für Ästhetik hat und der sich Fragen über das Leben stellt. Es war niemand da, kein Onkel oder Cousin, mit dem ich hätte reden können. Oder wenn es sie gab, haben sie sich zweifellos gut versteckt gehalten. In meiner Kindheit fühlte ich mich immer von allen anderen isoliert. Weil mich alles so tief berührte und weil ich geschlagen und seelisch mißhandelt wurde, konnte ich keine innere Stabilität entwickeln und war unfähig, mit anderen in Kontakt zu treten. Ich konnte mein Anderssein nicht annehmen, meine Kreativität, mein Interesse an Musik und Malerei nicht genießen. Ich litt darunter. Ich haßte es, anders zu sein. Mein ganzes Leben lang, bis ich Krebs bekam, habe ich gegen dieses Anderssein angekämpft. In meiner Kindheit, als ich mich durchkämpfen mußte, und sogar noch als Erwachsener war ich in meiner Musik nie diszipliniert. Ich wollte spielen, sabotierte mich aber immer selbst. Ich nahm ein Jahr Klavierunterricht, gab es dann für zwei Jahre auf, übte wieder ein halbes Jahr und hörte wieder ein Jahr auf. Ich war nie konsequent. Seit drei Jahren übe ich jeden Tag. Es macht mir Spaß, also bleibe ich dran. Ich ziehe jetzt wesentlich mehr Befriedigung aus dem Spielen als früher. Ich liebe Musik. Das ist es, was mich trägt. Bevor ich krank wurde, war ich mir nicht darüber im klaren, welche ungeheure Bedeutung Kreativität für mich hat. Aber jetzt weiß ich, daß Kreativität mein Leben ist. Wenn ich das in irgendeiner Weise verleugne, töte ich einen Teil meiner selbst. Meine Bereitschaft, mich darauf einzulassen und sie zu nutzen, spielte für den Heilungsprozeß wahrscheinlich eine wesentliche Rolle. Es hilft mir immer noch. 72
Mit zweiunddreißig, nach vielen, vielen Gelegenheitsjobs und dem Militärdienst, versuchte ich, ernsthaft mit meiner Musik voranzukommen. Ich verließ New York und ging nach Valencia in Kalifornien. Ich wollte an der Disney School elektronische Musik studieren. Um das Studium zu finanzieren, beantragte ich die Auszahlung meiner Sozialversicherungsbeiträge aus der Militärzeit. Ich hatte Anspruch auf mehrere tausend Dollar. Aber aus irgendeinem Grund bekam ich das Geld nie, also blieb ich nur durch das Wohlwollen eines Professors an der Musikhochschule. Andere Studenten beschwerten sich, als sie erfuhren, daß ich gratis studierte. Ich mußte gehen. Nachdem ich die Hochschule verlassen hatte, mußte ich meinen Lebensunterhalt verdienen. Also verkaufte ich Enzyklopädien. Im ersten Jahr ging es ganz gut, im zweiten und dritten Jahr wurde es immer schlechter. Ich meine, von Haustür zu Haustür zu gehen und Enzyklopädien zu verkaufen ist nicht meine Sache. Es ist hart, sich in Kalifornien auf diese Art über Wasser zu halten, und nicht nur dort - es ist überall schwer. Während dieser Zeit rauchte ich eine Menge Marihuana. Als ich damit anfing, konnte ich gar nicht fassen, daß das Leben so ganz anders aussehen konnte. Es war eine unglaublich aufregende Erfahrung - so befreiend! Was machte ich also in den nächsten sieben Jahren? Ich kiffte jeden Tag. Das ist typisch für mich, ich habe eine ausgeprägte Suchtstruktur. Ich staune selbst, daß ich nie versucht habe, mich umzubringen. Aber wenn ich Gras geraucht hatte, war es absolut toll; ich spielte Klavier, konnte alles spielen, was ich wollte, und fühlte mich gut dabei. Es war eine sehr heilsame Erfahrung; ich konnte mich in vielen Bereichen wirklich öffnen. Leider überspannte ich den Bogen, wie mit vielen Dingen dieser Art. Wenn ich es ein paar Monate oder sogar zwei oder drei Jahre betrieben hätte, wäre es gut gewesen, aber ich konnte nicht damit aufhören und trieb es wirklich zu weit. Ich wurde depressiv und konnte nicht mehr losgehen und Bücher verkaufen. Ich war nicht mehr fähig, wieder an eine Tür zu gehen, anzuklopfen, guten Tag zu sagen und auf die Leute einzureden. Ich konnte es einfach nicht mehr. Also verdiente ich kein Geld mehr. Ich verlor mein Auto - gepfändet. Ich verlor mein Klavier, mein Aufnahmegerät, Teile meiner musikalischen Ausrüstung - gepfändet. Es ging rapide bergab. Ich machte keine Musik mehr. Ich war extrem einsam und hatte große Schwierigkeiten, irgendwelche freundschaftlichen Kontakte zu knüpfen. Ich war die ganze Zeit allein. Ich hustete viel und fühlte mich hundeelend. Ich glaubte, ich hätte Tuberkulose; meine Lunge war nicht in Ordnung, und ich hustete Blut. Ich dachte immer öfter an den Tod und konnte mich gar nicht mehr von dieser Vorstellung lösen. Ich hatte Angst. Es war die finsterste Zeit meines Lebens. Nichts klappte. Ich war todunglücklich. Ich entschloß mich, nach New York zurückzugehen. Zu Haus suchte ich einen Arzt auf und ließ einen Monat lang alle möglichen Untersuchungen über mich ergehen. Es waren unglaublich schmerzhafte Prozeduren. Ich war im Krankenhaus. Sie hatten meinen Brustkorb geöffnet, um zu sehen, ob sie irgend etwas finden. Meine Mutter war im Zimmer, als der Arzt hereinkam. Er sagte mir, daß sie einen Teil meiner Lunge entfernt hätten. Er erklärte die Einzelheiten und sagte, daß ich Strahlenbehandlung brauchte. Dann teilte er mir die Prognose mit: Er sagte, 73
ich hätte noch etwa fünf Jahre zu leben. Ich kämpfte mit den Tränen. Ich hatte furchtbare Angst um mein Leben und fragte mich, warum mir das passieren mußte. Wie konnte das geschehen? Es waren viele widersprüchliche Gefühle, die auf mich einstürzten. Ich fing an zu weinen, und ich weiß noch, daß ich mich deswegen sehr schämte. Als der Arzt gegangen war, sagten meine Eltern mir, daß er schon vorher mit ihnen gesprochen hätte. Der Arzt hatte ihnen gesagt, ich hätte nur noch ein halbes Jahr zu leben. Zuerst, als die Ärzte mir sagten, daß ich bald sterben würde, wehrte ich mich nicht dagegen. Ich weinte viel. Ich ging durch die »Warum ich?« und »O Gott, das darf doch nicht wahr sein«-Phase. Ich erholte mich aber ziemlich schnell von der anfänglichen Depression. Obwohl die Krankheit gerade erst begann, erlebte ich einen magischen Sommer. Ich war meistens allein; es war sehr friedlich. Ich meditierte viel. Ich saß einfach da und lauschte. Ich mag das, still dasitzen und auf die Töne und Geräusche der Umgebung horchen. Es war in einem Haus auf dem Land, das meiner Mutter und meinem Stiefvater gehört, - ein sehr schönes Haus. Die Landschaft war wundervoll, üppige grüne Wiesen und Bäume und wunderschöne Blumen. Bald nach meiner Ankunft dort hatte ich ein erstaunliches Meditationserlebnis. Ich meditierte erst seit einigen Monaten. Es war spät abends; meine Eltern waren schon schlafen gegangen, aber ich war noch nicht müde. Ich entschloß mich, noch einmal in die Meditation hineinzugehen, bevor ich mich schlafen legte. Nach zwei oder drei Minuten hatte ich eine unglaubliche körperliche Empfindung: ein intensives Glücksgefühl. Ich hatte das nie zuvor in meinem Leben erfahren, und es dauerte vielleicht eine Sekunde, aber es erschien mir sehr viel länger. Ich war so erfüllt davon, und es war so intensiv -von einer fast sexuellen Intensität -; es war einfach überwältigend. Vielleicht war das der Augenblick, in dem die Heilung geschah. Aber ich bin skeptisch, was >plötzliche Heilungen< angeht, ich meine solche Augenblicke der Einsicht, von denen man glaubt, daß sie einen für immer verändern. Sie tun es nicht wirklich. Aber ich nehme an, daß sie auf lange Sicht akkumulieren. Vielleicht ernte ich die Früchte, wenn ich neunzig bin. In diesem Sommer bekam ich viel Unterstützung von meiner Familie, von meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen Cousins. Meine Familie ist merkwürdig, aber als ich sie brauchte, waren sie da. Durch meine Krankheit kriegte ich eine Menge Streicheleinheiten. Es war das erste Mal, soweit ich mich erinnern kann, daß sie mich unterstützten. Es gab einen Swimmingpool hinter dem Haus; meine Cousins kamen jeden Tag, und wir gingen schwimmen. Etwa um diese Zeit nahm der holistische Arzt, bei dem ich in Behandlung war, ein Tonband für mich auf. Es hatte eine ungeheure Wirkung auf mich. Liebe und Vergebung waren die zentralen Themen, und die Musik ging mir unglaublich nahe, was bei mir natürlich nicht allzu schwer zu erreichen ist. Ich fing an zu weinen, und ich weinte und weinte, - einen ganzen Monat lang. Ich war so dünnhäutig in diesem Monat, ich weinte bei jedem Anlaß. Etwa eine Woche nachdem er mir das Tonband gegeben hatte, war mir nachts sehr kalt, und ich zitterte, zitterte am ganzen Körper vor Kälte und Nervosität. Ich konnte einfach nicht warm werden. 74
Schließlich weckte ich meine Eltern. Mein Stiefvater, zu dem ich nicht immer die beste Beziehung hatte - und er auch nicht zu mir -, kam in Unterhosen in mein Zimmer. Er setzte sich zu mir aufs Bett, sagte kein Wort und legte seinen Arm um mich, und ich fing an zu weinen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Drei geschlagene Stunden lang weinte ich ununterbrochen. Meine Mutter war natürlich fassungslos. Sie saß auf der anderen Seite des Bettes. Ich glaube nicht, daß sie wirklich verstand, was da vor sich ging, und sie konnte auch nicht damit umgehen, aber Roy konnte es. Was er in dieser Nacht für mich tat, hätte ich nie von ihm erwartet. Er ist sonst ein sehr schroffer Mensch. Er hat viel Gefühl, aber er zeigt es nicht. Er saß einfach da, sagte kein Wort und hielt mich im Arm, und dann wurde mir allmählich warm, und alles war in Ordnung. Es war eine wirklich heilende Erfahrung für mich - für uns beide. Danach waren wir nicht mehr dieselben Menschen wie zuvor. Wir waren uns viel näher, viel stärker bereit, einander etwas zu geben. Es sind diese Erfahrungen, die mich heilen, diese emotionalen Erlebnisse, bei denen ich alles herauslassen kann. Seit ich Kind war, habe ich alles in mir aufgestaut, und ich meine, Krebs ist wirklich die Selbstzerstörung des Körpers. Und das ist es genau, was passiert - es ist selbstzerstörerisch, wenn man den ganzen Mist in sich behält; man muß es herauskommen lassen. Aber wie ich schon sagte, etwa einen Monat lang weinte ich ständig, bei der geringsten Kleinigkeit. Ich wußte nie, daß ich so viele Tränen in mir hatte. So wie in dem Song, wissen Sie ->Cry me a River<. Ich las viel. Ein Freund lieh mir >Seth Speaks< (Gespräch mit Seth). Das Buch gab meinem Denken eine völlig andere Richtung. Ich fing an, mich mit dem Gedanken zu beschäftigen, daß ich in irgendeiner Weise für meine Gesundheit verantwortlich bin. So hatte ich die Dinge nie gesehen. Als ich über mich nachdachte, fing ich an zu begreifen, welche Rolle ich dabei wahrscheinlich gespielt hatte. Ich machte mir Gedanken über die Ursachen der Krebserkrankung. Es gab da gewisse Dinge, die mein Vater und ich gemeinsam hatten, in emotionaler Hinsicht, die weder für ihn noch für mich sehr gut waren. Er starb an derselben Art von Krebs, die ich dann auch bekam. Ich weiß, es hört sich kindisch an, aber vielleicht war der Krebs meine Art zu sagen: >Daddy, schau, ich habe dieselbe Krankheit bekommen wie du. Vielleicht wirst du mich jetzt lieben?< Ein Denken in der Art von >New Age<, wissen Sie? Ich weiß nicht, ob etwas daran ist, aber es ist eine Möglichkeit. Na ja, jedenfalls wurde während dieser Zeit der obere linke Lappen meiner Lunge entfernt, und ich bekam Strahlenbehandlung. Danach schien die Lunge ok zu sein. Nach dieser ersten Serie von Strahlenbehandlungen rieten die Ärzte mir zu Chemotherapie. Ich konnte mir nicht mal den Namen des verdammten Medikaments merken. Methotrexate ist jetzt ein bekanntes Mittel, das überall eingesetzt wird, aber damals war es noch in der Erprobungsphase. Das wenige, was ich darüber wußte, machte mir angst. Ich erfuhr, daß es Leberschäden und Nierenschäden und alles mögliche andere hervorrufen konnte. Als ich dalag und das Zeug in mich hineingepumpt wurde, graute mir davor. Ich sagte zu dem Arzt: >Ich will keine Leber- oder Nierenschäden. Ich kann es einfach nicht mehr mitmachen.< Also stieg ich nach vierundzwanzig Stunden aus und weigerte mich, die Chemotherapie fortzusetzen. Diese Entscheidung mußte ich 75
selbst treffen; es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich selbst die Verantwortung für meine Gesundheit übernahm. Als das alles anfing, war ich in medizinischer Hinsicht sehr naiv. Ich meine, ich kann mich nicht erinnern, daß ich vorher jemals in ärztlicher Behandlung war. Also verstand ich nicht wirklich, wie das medizinische Establishment funktioniert. Nach drei Jahren lernte ich es. Ich kam auf eine sehr einfache Sache. Es hört sich vielleicht komisch an, aber es ist ganz simpel: Ärzte sind Menschen. Wir statten sie in unserer Phantasie mit soviel Macht und magischen Kräften aus. Wir geben uns in ihre Hände und vertrauen darauf, daß sie uns heilen. Und wenn sie es nicht tun, müssen wir selbst entscheiden, wieviel Macht wir ihnen geben wollen. Ich war im VA-Krankenhaus. Es ist eine Ausbildungseinrichtung, und das bedeutet, daß junge Ärzte direkt nach dem Abschluß ihres Studiums dort eingesetzt werden, um Erfahrungen zu sammeln. Sie kommen und gehen alle drei Monate. Es gibt keine Möglichkeit, sich jemanden herauszupicken und zu fragen: >Wie schätzen Sie meine Situation ein?< Man kriegt niemanden richtig zu fassen. Die Beziehungen zu den Ärzten und dem medizinischen Personal hatten emotional keine heilende Wirkung. Es sind einfach zu viele Patienten da. Ich meine, lieber Himmel, die Krankenhäuser sind total überfüllt. So ist es nun mal in unserem Gesundheitssystem. Die Ärzte glauben, daß sie sich selbst schützen müssen: >Man darf sich nicht zu sehr engagieren. Man kann sich nicht völlig verausgaben.< Der Krebs dehnte sich auf mein Gehirn aus, was bei Männern, die Lungenkrebs haben, häufig vorkommt, - vorausgesetzt, sie leben lange genug. Die Ärzte entschlossen sich, wieder mit Strahlentherapie heranzugehen, - eine ziemlich starke Dosis. Dahinter stand die Vorstellung: Man kann ohnehin nicht erwarten, daß er überlebt, und beim letzten Mal hat er es gut verkraftet, also geben wir ihm eine ordentliche Ladung! Als ich dann ein Jahr später den Tumor hinter dem Auge bekam, sagte ich mir: >Das ist einfach absurd. Das kann doch nicht mein Leben sein, einmal im Jahr Krebs zu kriegen. Mir reicht‘s, Schluß mit dem Mist!< Ich dachte an die Ordnung des Universums und sagte mir, daß ein Sinn in den Dingen liegt, daß es Gesetzmäßigkeiten gibt, ein gewisses Maß an Stabilität. Als ich also Krebs hatte und hörte, wie schlimm es um mich stand, ergab es für mich einfach keinen Sinn, daß ich mein Leben lang gelitten haben sollte, um dann einfach zu sterben. Es ergab überhaupt keinen Sinn. Also sagte ich mir: >Das ist völlig absurd, das mache ich nicht mit! Ich werde jetzt gesund!< Ich dachte ernsthaft daran, nach Mexico zu gehen, um an Laetril heranzukommen. Ein Freund hatte mir Tonbänder mit Entspannungs- und Visualisierungsübungen von den Simontons gegeben. Ich mußte mich entscheiden. Aus irgendeinem Grund wählte ich die Simontons. Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich nahm den Amtrak nach Fort Worth. Die Bahnfahrt war einfach toll. Ich lernte ein paar Typen kennen, und wir freundeten uns schnell an. Sie waren auf dem Weg nach Las Vegas, sie wollten ein bißchen spielen. Es war phantastisch. Wir redeten die ganze 76
Zeit und spielten Karten. Es war ein Riesenspaß. Jetzt ist mir klar, daß wir alle Glücksspieler waren, - nur für mich ging es um ganz andere Einsätze. Die Simontons waren wundervoll zu mir. Es war eine sehr liebevolle Umgebung; sie gaben mir ein enormes Maß an Unterstützung und Bestätigung. Zu Menschen in Beziehung zu treten war eins meiner größten Probleme - und ist es vermutlich immer noch. Die Welt und die Menschen machten mir buchstäblich Todesangst. Also blieb ich immer allein. Ich war einsam. Ich leistete ein schweres Stück Arbeit dort in Texas. Gruppentherapie war eine der Grundlagen des Behandlungsprogramms. Ich konnte sagen, was ich wollte und worum es mir ging, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben. Zuerst verunsicherte mich das sehr, aber schließlich tat ich es doch. Ich hatte immer geglaubt, ich wäre einfach ein Sonderling, aber dann stellte ich fest, daß es auch noch andere Leute gab, die sich genauso fühlten wie ich. Ich hielt mich auch nicht mehr für total bescheuert oder einfach ein Arschloch. Jetzt kann ich mich sehr viel besser annehmen als früher und fühle mich stärker. Einer meiner Mitpatienten, ein Mann von Ende Vierzig oder Anfang Fünfzig, erzählte von seinen leidvollen und schwierigen Erfahrungen mit seiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, daß er es nicht schaffen würde. Er konnte sich aus seinem Haß und seiner Wut auf sie einfach nicht lösen. Für mich war es lehrreich, weil ich meiner Mutter gegenüber so viele negative Gefühle hatte. Es half mir, meinen Frieden mit ihr zu machen. Sie ist ihren Weg gegangen, ich bin meinen Weg gegangen. Sie versteht mich nicht, ich verstehe sie nicht, aber das ist ok. Ich sah, daß sie ihre eigenen Probleme hatte; die Art, wie sie mich behandelte, hatte mit mir als Person nichts zu tun. Es war nicht ihre Absicht, mich zu verletzen. Sie konnte es einfach nicht besser machen. Bei den Simontons lernte ich die Technik der aktiven Imagination. Das Bild, das ich benutzte, waren schwarze und weiße Punkte - nicht sehr phantasievoll, nicht sehr farbenfreudig, aber damit arbeitete ich. Ich visualisierte mein Auge, denn das war die Stelle, wo der Tumor saß. Ich konnte eine Menge schwarzer Punkte sehen, das waren die Krebszellen, und sie waren von weißen Punkten umgeben, den Immunzellen, und ich sah, wie sie die Krebszellen überwältigten, töteten und durch den Blutkreislauf aus dem Körper herausspülten. Es ist ein sehr natürlicher Prozeß, sehr einfach. Mir wurde auch durch die anderen Krebspatienten etwas Interessantes klar. Es gibt offenbar einen gemeinsamen Nenner bei Krebskranken: Sie tun nicht das, was sie um ihrer selbst willen eigentlich tun müßten. Sie tun Dinge für Geld oder für andere Leute, aber sie machen nicht das, was sie wirklich wollen. Ich glaube, daß Leute gesund werden, weil sie schließlich anfangen, das zu tun, was für sie selbst richtig ist - und nicht was sie nach der Meinung anderer Leute tun sollten oder was Mami oder Papi von ihnen wollten. Aber wenn man sich selbst nicht so toll findet und das Leben nicht so toll findet, dann schiebt man dieses Eigentliche, was man wirklich tun will, immer wieder vor sich her. Für die Art von Arbeit, die ich früher machte, konnte ich nie Energie aufbringen; ich langweilte mich zu Tode. Ich hatte nicht dieselbe Arbeitsethik wie mein Stiefvater, und er haßte mich dafür. Leider hat er nicht mehr erfahren, daß ich den ganzen Tag mit 77
ungeheurer Intensität arbeiten kann, wenn es um meine Musik und meine anderen künstlerischen Aktivitäten geht. Ich liebe diese Arbeit, und deshalb bin ich mit Leib und Seele dabei. Sie erfüllt mich mit Stolz und Befriedigung. Nach der Stechuhr zu arbeiten oder Enzyklopädien zu verkaufen ist der Tod für mich. Andere können es und machen sich nichts daraus, aber für mich ist es tödlich. Das Simonton-Programm war ein großartiges Experiment für mich. Es war wirklich der Wendepunkt. Aber wenn ich darauf zurückblicke, denke ich, daß es bei der Heilung vor allem auf den Glauben ankommt. Ob man ein Jahr lang Makrobiotik betreibt oder Körner ißt, oder zu den Simontons geht, — es läuft im wesentlichen immer auf das gleiche hinaus: Alles, was erforderlich ist, ist der Glaube, daß es funktioniert, und dann wird es auch funktionieren. Du kannst zu den Simontons gehen, und wenn du nicht daran glaubst, nützt es überhaupt nichts. Wenn du dann zurückkommst und dich mit voller Überzeugung der Makrobiotik zuwendest, bis du vielleicht plötzlich geheilt. Ich danke Gott für den Krebs. Wenn ich die Krankheit nicht bekommen hätte, wäre ich jetzt wahrscheinlich tot. Ich war so völlig verschlossen - es war eine enorm wichtige Lektion, die ich lernen mußte. In mancher Hinsicht finde ich sogar, ich hatte großes Glück, daß es mir passierte. Ich glaube, ich bin dadurch aufgewacht. Die Krankheit hat mir gezeigt, wie verletzlich ich als Mensch bin, wie verletzlich wir alle sind. Das Gefühl der Verletzlichkeit ist ein motivierender Faktor, denn es gibt bestimmte Dinge, die ich erreichen möchte, und wenn ich morgen sterben muß, komme ich nicht mehr dazu. Als ich jünger war, glaubte ich immer, ich hätte unendlich viel Zeit zur Verfügung. Vielleicht habe ich noch viel Zeit - vielleicht auch nicht. Niemand kann das für sich voraussagen. Ich denke, es ist gut für mich, so zu handeln, als ob meine Zeit begrenzt ist. Wir haben immer nur den nächsten Augenblick. Was haben wir sonst wirklich?« Im Lauf der nächsten fünf Jahre hörte ich mir die Bandaufnahme dieses ersten Interviews mit Joe sehr oft an und hatte das Gefühl, ihn immer besser kennenzulernen. Tatsächlich hatten wir in diesen Jahren keinerlei persönlichen Kontakt. Als ich Joe anrief und ihn um ein zweites Interview bat, hoffte ich, wir könnten unser Gespräch telefonisch führen, denn wir waren zu diesem Zeitpunkt nahezu fünfhundert Kilometer voneinander entfernt, und ich glaubte damals, das Wesentliche seiner Geschichte verstanden zu haben. Joe ließ mich wissen, daß er sehr gern bereit sei, mit mir zu reden, aber persönlich. Am Telefon wollte er über diese Dinge nicht sprechen. Er lud mich in seine Wohnung ein. Joe lebte in einem Arbeiter- und Studentenviertel. Er bewohnte das oberste Stockwerk eines alten dreistöckigen Mietshauses. Er hatte mir gesagt, ich solle von der Straße aus hochrufen, da die Türklingel nicht funktionierte. Aber als ich ankam, erwartete er mich an der Haustür. Die Wohnung war bescheiden und zu sparsam eingerichtet, um unordentlich zu wirken. Als ich ihm durch sein Schlafzimmer in seinen Arbeitsraum folgte, blieb mir der Mund offenstehen; der Anblick eines Elefanten hätte mich nicht mehr überraschen können. Das Haus war baufällig, die Treppe zum dritten Stock war eng und zugig, und das Zimmer war winzig. Aber mitten darin stand ein Konzertflügel. Joe lachte, als er meine Reaktion sah. Er erzählte, daß er einen Kran gemietet und ein Fenster samt den Rahmen 78
herausgenommen hatte, um seinen alten Freund heraufzuholen. Ehe ich das Tonband anstellte, hatte Joe mir noch etwas zu sagen. Er hatte vor einigen Jahren das Rauchen aufgegeben. Halsschmerzen und eine schwere Bronchitis hatten ihn drei Wochen lang am Rauchen gehindert, und nach dieser Entwöhnungsphase hatte er nicht wieder angefangen. »Ich danke Gott für diese Bronchitis«, sagte er, als er seine Geschichte beendete. Das Dominierende in Joes Wohnung waren seine Musikinstrumente und seine Gemälde. Wir gingen in die Küche und setzten uns an einen Tisch, auf dem sich Kohlezeichnungen stapelten. Wir kamen leicht ins Gespräch, denn wir hatten bereits ein kleines Stück gemeinsamer Geschichte. Ich kämpfte ein bißchen mit mir, aber dann ließ ich mein Interviewprogramm beiseite und konzentrierte mich auf Joes Musik und Malerei. In dem Augenblick, als ich seine Wohnung kennenlernte, verstand ich in einer Weise, die mir vorher nicht möglich war, welche ungeheure Bedeutung Kunst und Ästhetik in seinem Leben hatten. Wenn ich wirklich wissen wollte, wer Joe war und wie er sich seine Heilung erklärte, hörte ich mir am besten an, was er über Kreativität zu sagen hatte. Joe begann mit der Schilderung seines Alltags: »Ich liebe es wirklich, morgens aufzustehen, mich an den Flügel zu setzen und zu üben. Es ist wundervoll. Nachmittags gebe ich Unterricht und übe auch noch, wenn mir genug Zeit bleibt. Seit wir uns zum letztenmal gesehen haben, übe ich jeden Tag, außer in den Ferien. Und in den Ferien spiele ich auch, wenn ich kann. Seit acht Jahren praktiziere ich das jetzt. Und ich denke, ich werde es bis an mein Lebensende tun. Durch meine Heilung bekam ich Zugang zu meinen Gefühlen, und das drückt sich auch in meiner Musik aus. Oder vielleicht wurde ich auch geheilt, weil ich mich meinen Gefühlen öffnete. Wie habe ich es Ihnen beim letzten Mal erzählt?« Joe lacht: »Ich habe sehr intensive Gefühle, und sie finden ihren Ausdruck in meiner Musik und in meiner Malerei. Und das steigert sich immer mehr. Ich habe einen neuen Klavierlehrer. Mein erster Lehrer war ein Techniker. Er brachte mir bei, wie man es macht, was man tun und was man lassen muß; diese Grundlagen brauchte ich. Im sechsten Jahr fing ich an, bei diesem anderen Mann zu studieren, der von seinen eigenen Gefühlen ausgeht, wenn er lehrt. Ich bin jetzt viel mehr bereit, meine Gefühle über das Instrument auszudrücken, als ich es vorher war. Es fällt mir nicht leicht, aber es entwickelt sich allmählich. Man hat mich talentiert genannt, aber talentiert sind wir alle. Es kommt darauf an, die eigene Form zu finden. Wenn ich wirklich meine ganz ureigenen Dinge ausdrücke, ist es mir im nachhinein immer peinlich. Sehr sogar. Ich habe das Gefühl, mich vor anderen entblößt zu haben. Ich halte dann meine Umgebung nicht mehr aus. Ich muß den Raum verlassen. Wenn ich mein Ego hineinlege, macht es mir nichts aus, dazubleiben und den Applaus entgegenzunehmen und all diesen Kram. Und wenn ich mit irgendeiner Art von Emotion gespielt habe, wenn ich mein Bestes getan habe, Gefühl hineinzulegen, ist es mir peinlich. Aber gleichzeitig ist das der Augenblick, in dem Musik wirklich schön wird. Nichts macht mir soviel Angst, aber andererseits kenne ich auch nichts, was mir mehr 79
Befriedigung gibt. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als zu spielen - nichts. Nur darum geht es. In solchen Augenblicken sehe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben vor mir selbst enthüllt, wie ich wirklich bin. Dabei fällt mir ein Konzert von Keith Jarrett in der Symphony Hall ein, das ich miterlebte. Er spielte zum Schluß als Zugabe ein Stück, das mich zu Tränen rührte. Ich hatte nie etwas so Schönes, so Sensibles, so Lebendiges gehört. Es war ein absolut unglaubliches Erlebnis. Ob er in dem Augenblick so empfunden hat, weiß ich nicht, und es ist auch nicht wirklich wichtig. Aber ich nehme an, daß es so war. Man kann diese Art von Intensität nicht empfinden, wenn der Spielende sie nicht aussendet. Das ist die höchste und unmittelbarste Form der Kommunikation, die überhaupt denkbar ist. Sie ist sehr schwer zu erreichen, und nicht jedes Stück war so. Ich glaube, das ist auch gar nicht möglich. Es gibt nichts Schöneres als so zu arbeiten, so zu kommunizieren. Das ist es, worum es beim Menschsein geht. Seit meiner Krankheit bin ich meinem natürlichen menschlichen Selbst sehr viel näher gekommen. Das Selbst ist voller Kreativität, voller Intellig